LAGERGEMEINSCHAFT AUSCHWTZ FREUNDESKREIS DER AUSCFHWAZER —, — — „ ** „ nen — r. —,—* — „— „— m„— KMR Hermann Reineck(. Januar 1919- 29. Dezember 1993), Gründer der Lager- gemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e. v. Weranstaltung anlässlich seines 100. Geburtstages siche Rückseite) 38. Jahrgang Mitteilungsblatt, Dezember 2018 Vielen Dank für Ihre Unterstützung Liebe Mitglieder, liebe Freunde und Freundinnen, dank Ihrer großzügigen Spenden und auch der Mitgliedsbeitrãge konnte die Lagergemeinschaft- FrelundesKreis der Ausch witzer wieder beachtliche Beträge an unsere Freunde in Polen weiterleiten und Projekte fõördern sowie auch wei- ter durch Studienfahrten und andere Veranstaltungen im Bereich der politischen Bildung aktiv sein. Näheres siehe Seiten 1—8. Damit der Vorstand diesen Weg fortsetzen kann, bitten wir nun erneut um Ihre Mithilfe und Spendenbereitschaft. Dieser Ausgabe des Mitteilungsblattes liegt nur noch ein Restposten an Uberweisungsträgern bei. Da fast alle Banken mittlerweile eine Gebühr erheben für Uberweisungen, die mit einem Papierfor- mular beauftragt werden, werden Uberweisungen immer häufiger per Internet oder an den SB-Automaten getätigt. Wir bitten und empfehlen auch Ihnen die- se Verfahren. Die Kontonummer der Lagergemeinschaft finden Sie hier unten im Impressum. Herzlichen Pank, frohe Weihnachtstage und die besten Wünsche für das Jahr 2019. Der Vorstand der Lagergemeinschaft- Frelndeskreis der Aluschwitzer Impressum: Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer 35516 Münzenberg, Freiherr-vom-Stein-Str. 27 Vorsitzender: Uwe Hartwig, 61230 Ober-Mörlen, Usinger Str. 7 (Korresponden? bitte an diese Adresse) Internet: www. lagergemeinschaft-auschwitz. de Redaktion: Hans Hirschmann, Iel.(06101) 32010 Bankverbindung: Sparkasse Oberhessen IBAN DE43 5185 0079 0020 0005 03; BIC HELADEFIFRI Bei Spenden bitte Adresse deutlich schreiben, damit die Bescheinigung für die Steuererklärung zugeschickt werden kann. Bitte bei Umzügen neue Adresse und Anderungen der Bankverbindung mit- teilen. Es erspart Arger, Zeit und Geld bei Bankeinzügen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 Sieben Pakete für Lodz Brinnerung an Besuche in Polen in den Jahren 1982 und 1986 In den 1980er Jahren kaufte die Lagergemeinschaft mit den Einnahmen aus Spen- den und Mitgliedsbeiträgen Lebensmittel und organisierte Hilfstransporte nach Polen zu den ehemaligen KZ-Häftlingen und Kameraden von Vereinsgründer Hermann Reineck. 1982 begleitete Monika Held, Journalistin und Mitglied unse- res Freundeskreises, einen der Hansporte und berichete in einem der damaligen Mitteilungsblätter über eine Station in Lodz. Vier Jahre später folgte ein Bericht über einen weiteren Besuch in Lodz(in Schreib weise vor der Rechtschreibreform). Wir stellen die Lastwagen am Bahnhof ab, nehmen zwei Taxis und fahren die Lebensmittel und die Klei- dung direkt zu den Menschen, für die sie bestimmt sind. Zwei Pakete sind für Amsel Cymerman. Hermann kennt ihn nicht, weiß nur, daß es ihm schlecht geht. Wir halten in einer schmalen Straße vor einem alten Haus. Seinen Namen finden wir im Durchgang zum Hinterhof. Fin düste- res Treppenhaus, die Farbe blättert von der Wand, es ist feucht. Es wirkt unbewohnt. Finige Wohnungstüren sind mit groben Brettern vernagelt. Ob da einer wohnt? Auf unser Klop- fen hin hören wir schlurfende Schritte. Die Tür wird einen Spalt breit geöff- net. Wir stehen einem rundlichen, klei- nen Mann gegenüber, der auf dem Hinterkopf ein Käppchen trägt, das der orthodoxen Juden. Hermann stellt sich vor, erklärt un- seren Besuch, sagt, wir Auschwitzer müssen doch zusammenhalten. Der Mann guckt fassungslos auf die beiden Pakete. Für mich? Ihr habt dabei an mich gedacht? Er kann es nicht be— greifen, freut sich, schüttelt immer wieder ungläubig den Kopf. Das ist wirklich für mich? Kommt rein! Ich sehe, wie Hermann vor Schreck die Luft anhält. Diese Wohnung ist ein einziges Chaos! Aus den Schränken quillt Wãsche und Geschirr. Auf dem Fußboden, dem Bett, den Stühlen, dem Tisch, stapeln sich wild durcheinander Decken, Kissen, Teller, Tassen, Bücher, vergilbte Zeitschriften und eine Un- menge von Pantoffeln. Amsel Cymer- man ist Schuhmacher gewesen. Die Wohnung war seine Werkstatt. Freude, Scham und Narben Er fordert uns freundlich auf, Platz zu nehmen, aber wir wissen nicht, wo. Er schaufelt zwei Stühle frei und setzt sich auf sein Bett. Erstrahlt, und seine Freude beschämt uns. Was wir ihm bringen, ist wenig. Kaffee, Iee, Ol, ein bißchen Reis-Dinge, die wir jeden Tag übrighaben könnten. Und für das bißchen, was wir ihm bringen, will er uns beweisen, daß er wirklich gelitten hat. Möchten Sie meine Narben se- hen? Oh, nein, bitte nicht, Hermann winkt ab. Die tiefsten Wunden sind doch die, die man nicht sieht. Der alte Mann nickt. Man sieht es nicht, aber 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer sie bluten noch immer. Alle totge- macht im Lager, niemand übrig— geblieben, außer mir. Gottes Wille, und keiner weiß, warum. Wir schweigen, er ist weit weg mit seinen Gedanken. Wir müssen jetzt ge- hen, sagt Hermann leise, die Taxis war- ten. Amsel Cymerman steht auf, legt seine Hand auf die Thora, küßt uns auf᷑ die Stirn. Pann umarmt er uns und weint. Unser Aufbruch ist eine Fucht. Wir lassen den weinenden Mann al- lein. Er schiebt uns aus der Tür und sagt grüßt alle Kinder von mir, die Hoffnung sind die Kinder. Hermann reibt sich die Augen und gibt mir sein Taschentuch. Komm, wisch' die Tränen ab, wir fahren weiter. Mas war im Ohktober I962 Monihka Meld herichtete in einer Sendung des Nessischen RundfiunMs. Ostern 1986— wir sind wieder in Lodz, und wieder wollen wir Amsel Cymerman ein Paket bringen. Der Bus mit unseren Reiseteilnehmern hält bei der ul. Piotkonska Nr. 31. Eine Delegation mit Kie- Selotte aus Frank- furt, Erwin aus Gießen, Gerhard aus Hamburg und Hermann sollen das Paket überrei- chen. Die alten Zinskasernen aus der Zeit um die Jahrhundertwende schen alle gleich aus, auch die Hin- Hermann sagt, hier ist es. Hier auf Stie- ge 7 im 1. Stock muß er wohnen. Der muffige Geruch ist derselbe, das Stie- genhaus sieht noch immer so desolat aus. Wir fragen nach Cymerman, aber niemand kennt ihn.— Wir haben uns geirrt, er wohnt auf Nr. 33. Dieselbe Stiege 7 im 1. Stock. Es riecht genauso, wie im vorigen Haus. Es ist feucht, ei- ne dumpfe, stickige Luft. Wir stehen vor der Türe, klingeln, aber niemand õffnet. Wir warten und überlegen, was wir tun sollen. Nach ei- nigen Minuten kommt eine junge Frau. Wir fragen nach Amsel Cymer- man. Pr lebt nicht mehn er ist Schon jange tol. Ich hin veine Vochten wir ha— hen durch Zufall im Haus eine Woh— nng erhalten.“- Wir alle sind schockiert. Wir geben, nein, wir drän- gen das Paket der jungen Frau auf und verlassen fluchtartig das Haus. Als wir wieder im Bus sind, wird Hermann mit Fragen bestürmt, aber er kann kaum sprechen. Mühsam sagt er: Wir vind zu pdt gelcommen—Am- vel leht nicht mehr* terhöfe sind gleich. Hermann mit Staszek Hantz und einem weitern Kameraden Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 Worum es auch geht... Zwei Beispiele wie wir Freunde in Polen unterstützen Ja es ist längst nicht mehr sinnvoll, Lebensmittel, Krankenbetten, Rollstühle so- wie Hilfs- und Bedarfsmittel für die Pflege und medizinische Versorgung zu den Freunden nach Polen zu bringen. Die Spendengelder werden schon seit Jahr- zehnten direkt an die Organisationen der ehemaligen KZ-Hãäftlinge und Gefan- genen der Gestapo-Gefängnisse weitergegeben. Und ja, es leben nur noch weni- ge dieser Kameraden und Kameradinnen unseres Vereinsgründers Hermann Reineck. Aber einige gibt es doch noch. Zwei konkrete Fälle aus der heutigen Ar- beit unseres Fre undeskreises beschreibt Uwe Hartwig in dem folgenden Beitrag. Der Wochenzeitung Jdische All gemeine aus dem Januar 2018 ist zu entnehmen, dass 20 bis 30 Prozent der Patienten des Herzog-Hospitals in Je- rusalem Uberlebende der Shoa sind. Der Anteil der Shoa-Uberlebenden an der Altersgruppe der über 80- jährigen jüdischen Bevölkerung liegt in Jerusalem bei 50 Prozent. In dem Beitrag heißt es weiter, dass diese Menschen hohe psychologische und psychiatrische Bedürfnisse haben und auch eine überdurchschnittlich hohe medizinisch-physische Versorgung nötig ist. Die posttraumatischen Bela- Stungsstörungen und die körperlichen Strapazen in den Lagern erklären die- 8e Situation. Vergleichbar ist die Situation der Uberlebenden der Shoa und der Ge- waltverbrechen in den damals besetz- ten Gebieten in Europa. Dass diese Menschen mehr Hilfe und Zuwen- dung brauchen als die Versorgungs- systeme der jeweiligen Länder für den Regelfall vorsehen, liegt auf der Hand. Deshalb unterstüt?t unsere La- gergemeinschaft Auschwitz- Frelun— desKreis der Auschwitzer seit Jahren die Klubs der Uberlebenden in Kra- kKau, Warschau und in Zgorzelec(ge- genüber dem deutschen Görlitz) und die Ambulanz für die Opfer der deut- schen Okkupation Polens in Krakau. Ende vorigen Jahres trat die Inter- nationale Jugendbegegnungsstätte in Oswie cim an uns mit der Bitte heran, zwei Frauen zu unterstützen, die Auschwit? überlebt haben. Die Jugendbegegnungsstätte hat seit Be- ginn ihres Bestehens sehr engen Kon- takt Zu vielen Uberlebenden von Aus- chwitz. Sie haben all die Jahre mit den Besuchergruppen gesprochen, sie durch die Gedenkstätten von Stamm- lager und Birkenau geführt und auch selbst Nachforschungen im Gelände und im Archiv betrieben. Für viele ist die Jugendbegegnungsstätte zur Hei- mat oder zum Rückzugsort gewor- den. Leszek Szuster, der Direktor der Jugendbegegnungsstätte, sorgt mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitar- beitern für viele dieser Menschen mit Her? und Compassion. Die Lagergemeinschaft Alschwitz hat Anfang des Jahres 2018 mit der Jugendbegegnungsstätte vereinbart, . Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer dass sie jeden Monat an zwei Frauen jeweils 250 Furo überweist, mit denen diese Zusätzliche Hilfen und vor allem Begleitung durch den Altag organi- sieren können. Zunächst haben wir die Zuwendung auf ein Jahr befristet. Dann wird der Vorstand prüfen, ob und in welcher Höhe die Zuwendung weiter geleistet wird. Bereits im Früh— jahr erhielten wir aus Polen eine Mail von Les?Zek Szuster: Gestermn hat mich Frau L. infor— miert, dass die Uberweisung auf ihr Bankkonto angelcommen ist. Sie freut vich vehr üher diese finanzielle Unter- itzung und hedankt sich vom ganzen Herzen dafün Ich habe Frau J. geholfen, eine nette Hrau zu inden, die ihr einereis hei alluiglichen Tätig- Keiten helfen, andererseits Gesellschaft leisten Kann. Sie wird von diesem Geld hezahll. Die beiden HFrauen verstehen vich glit ind ich hoffe, sie werden sich mit der Zeit beßrelunden. Nur noch wenige Zeitzeugen Das Interesse für Studienfahrten und Veranstaltungen ist jedoch nach wie vor groß Uber gut ausgebuchte Studienfahrten und gut besuchte Veranstaltungen konnte Vorsit?ender Uwe Hartwig bei der Mitgliederversammlung der Lagergemein- SChft Auschwitz- Preundesreis der Alschwilzer im Oktober dieses Jahres be- richten, wie der folgenden Zusammenfassung zu entnehmen ist. Die beiden Studienfahrten nach Auschwitz und Krakau waren 2018 wieder gut ausgebucht und wurden von den Teilnehmenden übereinstim- Der 92 jährige Auschwitz-Uberlebende Waclaw Dlugoborski mit den Bänden seiner Dokumen- tens ammlung zu Geschichte des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau mend als sehr beeindruckend bezeich- net, berichtet LGA-Vorsitzender Uwe Hartwig. Als günstig hat sich auch erwiesen, erneut die Journalistin Gabriele Lesser nach Krakau zu ei- nem Vortrag über die aktuelle innen- politische Entwicklung in Polen einzu- laden. Gabriele Lesser lebt seit Jahren in Polen und berichtet für verschiede- ne deutschsprachige Zeitungen. Sie weiß, die derzeitigen innerpolnischen Entwicklungen pointiert darzustellen. Immer schwieriger wird es dagegen, Uberlebende für Zeitzeugengespräche engagieren zu können. Deren hohes Lebensalter fordert seinen Tribut. Der Vortrag in der Jugendbegegnungsstätte Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 8 Waclaw Dlugoborski(Mitte) mit Teilnehmern einer im Frühjahr 2017 von der Lagergemeinschaft organisierten Studienfahrt. Der 92-Jährige ist einer der nur noch wenigen Auschwitz-Häftlinge, die noch in der Lage sind, über ihr Schicksal zu berichten. während der Herbstfahrt 2018 war für die Gruppe sehr belastend, da der Vor- tragende deutlich überanstrengt war. Was blieb, war die Aura, einen Uber- lebenden von Auschwit? erlebt Zu ha- ben, der noch dazu Spãter die Geschich- te des Konzentrationslagers wissen- schaftlich erforscht und viele Fach- publikationen verantwortet hat. Für die Studienfahrten 2019 soll nun versucht werden, in Krakau über das JCC ewish Communit Center) oder die Bildungseinrichtung Galicia doch noch Uberlebende als Ge— sprächspartner zu erreichen. Im JCC hatte die Lagergemeinschaft vor eini gen Jahren Fmanuel Elbinger während des Sabbath-Mahls kennen- gelernt. Er war in den Jahren danach bis Zu seinem Tod 2017 für die jeweili- gen Gruppen immer wieder ein ver- ständnisvoller und wertvoller Ge- sprächspartner. Nun bleibt während dem Rundgang durch Krakaus Stadt- viertel Kazimierz lediglich der Be- such an seinem Grab auf dem großen jüdischen Friedhof. Der Stadtrundgang unter Führung von Teresa Ostrowska auf den Spuren früheren jüdischen Lebens in Krakau und dessen Vernichtung durch die deutschen Besatzer während des Krieges ist nach wie vor von beein- druckender Wirkung auf die Teilneh- menden unserer Studienfahrten. Für das Jahr 2019 sind die beiden offen ausgeschriebenen Fahrten im Frühjahr und im Herbst bereits aus- gebucht. Mit der Studiendekanin des Fachbereichs SozZialwesen der Hoch- schule Fulda und einer Gruppe von Studierenden der Gesamthochschule 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Kassel sind Zwei geschlossene Studi- enfahrten in Vorbereitung. In der Bundesrepublik, s0 Uwe Hartwig weiter in seinem Bericht, ste- hen immer wieder Edith Erbrich und Hein? Hessdörfer als Zeit?eugen zur Verfügung. LKGA-Vorstandsmitglied Wolfgang Gehrke begleitet dabei Fdith Erbrich und Gisela Meutzner aus Seligenstadt begleitet Heinz Hessdörfer zu den Veranstaltungen. Die gemeinsame Veranstaltung der Lagergemeinschaft mit der Stadt But?zbach anlässlich des Holocaust- Gedenktages am 27. Januar fand 2018 ebenfalls wieder statt. Unter an- derem verdeutlichte Manfred de Vries von der Jüdischen Gemeinde Bad Nauheim, warum dieser Gedenk- tag von Bedeutung ist— gerade jetzt wieder angesichts des vermehrt zum Ausdruck kommenden Antisemitis- mus in der Bevölkerung. Gedacht wurde bei dieser Veran- staltung auch der Ravensbrück-Uber- lebenden Lieselotte Thumser-Weil, die bis Zu ihrem Tod 1995 lange Jahre Mitglied unserer Lagergemeinschaft war. Ihr auch innerfamiliärer Wider- stand gegen den nationalsozialistisch eingestellten Vater hatte ihre Verfol- gung und die KZHaft zur Folge. Zu- dem berichtete Ingo Weidenbach an diesem Abend über seine Verwandte Auguste Godglück, die als gläubige Zeugin Jehovas der NS-Ideologie wi- derstand und deshalb verfolgt wurde. Im Februar 2018 war auch Alwin Meyer, Autor des Buches„Die Kin- der von Auschwitz“(siehe Mittei— lungsblatt Dezember 2016) wieder Liselotte TRE ei deuts *—,— Lieselotte Thumser-Weil war im Konzentrati- onslager Ravensbrück inhaftiert. Bei der Ge- denkveranstaltung im Januar 2018 in Butzbach wurde ein Interview mit ihr gezeigt. auf Finladung der Lagergemeinschaft zu Gast in der Wetterau. Er referierte bei einer gut besuchten Abendveran- staltung in Bad Vilbel und einer wei- teren in Seligenstadt sowie bei drei Terminen an Schulen in Bruchköbel und Seligenstadt. Des Weiteren gab es am 8. Mai ei- ne Veranstaltung der LGA mit der Autorin Barbara Linnenbrügger, die das Schicksal der Margarete Oppen- heimer-Krämer erforschte(Siche Mit- teilungsblatt vom Oktober 2018). „Der zunehmende Rechtsetremis- mls in Europa wie auch der õffentli- cher werdende Antisemitismus— al— tochton wie immigriert= machen nach meiner Finschätzung linsere Aybeit wellerhin wichtig. Außerdem hoſfe ich, dass unsere Reisen nach Polen helfen, die Verständigung und hoffentlich auch Verhnung zwischen der Bun- desrepublil nd Polen zl ſestigen.“ Mit diesen Sätzen schloss Uwe Hart- wig während der Mitgliederversamm- lung seinen Rechenschaftsbericht. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 Mehr Gewissheit für Angehörige der Opfer Zuschüsse der KLGA u. a. für die Vernetzung der Datenbank des TTS in Bad Arolsen mit dem Archiv des Museums Auschwitz Auf den Seiten 3 und 4 dieser MB-Ausgabe ist ein Beispiel dafür beschrieben, wie die Lagergemeinschaft Uberlebende der NS-Verfolgung unterstützt. Wie in den Jahren Zuvor konnten auch wieder etwas mehr als 12000 Huro an die Orga- nisationen der ehemaligen KZ-Häftlinge in Krakau, Warschau und Zgorzelec weitergegeben werden. Dank der großzügigen Spenden unserer Mitglieder und Fhrderer konnten wir als Freundeskreis der Auschwitzer in diesem Jahr weitere Zuwendungen vergeben. Wir berichten. Fine Schulklasse aus Treuchten- burg wurde mit 50 Buro pro Schülerin und Schüler unterstützt, damit eine Studienfahrt nach Auschwitz durchge- führt werden konnte. Der Internationalen Mugendbegeg- nungsstditte in Osiecim(I)B8) ge- währten wir eine Unterstützung in Hõöhe von 300 Euro als Zuschuss für eine Fahrt der Belegschaft nach Lem- berg(Lwiw) zu einem Erfahrungs- austausch mit ähnlichen Finrichtungen in der Ukraine. Die I)BsS ist für uns ein wichtiger Partner- nicht nur als Unterkunft— und Tagungseinrichtung, sondern auch als Unter— stüt?ung bei der Organisa- tion und Durchführung der Studienfahrten. Ohne die engagierte Hilfe der Mitar- beiterinnen und Mitarbei- ter wäre manches schwie- riger. Außerdem förderten wir ein polnisches Dokumentar- filmprojekt über die Ausch- witz- Uberlebende Anna SZalasna. Bei einer der Filmaufnahmen mit ihr in der Jugendbegegnungsstätte konnte die Gruppe unserer damaligen Studi- enreise mit dabei sein. Am gleichen Abend stand Anna SZalasna noch lange als Gesprächspartnerin zur Ver- fügung. Alle waren von ihrer großen Freundlichkeit und ihrer Offenheit, mit uns zu sprechen, dankbar berührt. Finen Betrag in Höhe von 3000 Anna S?alasna bei einem Gespräch in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Oswiecim. 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Anna Szalasna mit Teilnehmern einer unserer Studienfahrten, Herbst 2017. Buro hat die Lagergemeinschaft im Dezember an das Archiv der Gedenk- stätte Auschwit? übergeben. EFine Wo- che vor der Ubergabe dieses Betrages hat das Archiv einen direkten Fernzu- griff auf die Datenbank des Interna- tionalen Suchdienstes(International Vracing Service TTS) in Bad Arolsen erhalten. Der KGA-Zuschuss fließt in die Hnanzierung der Daten-Auswer- tung, mit der bisher nicht bekannte Häftlinge des Konzentrationslagers Auschwit? identifiziert werden kön- nen. An dem Projekt arbeiten in der Gedenkstätte sechs Personen, es ist auf zwei Jahre angelegt. Krystyna Lesniak, die bei jeder unserer Studi- enfahrten unsere Gruppen in die Ar- beit des Archivs einführt, arbeitet ver- antwortlich in dem Projekt mit. Ziel des Projektes ist es, mehr In- formationen über die Arbeit der Hãäft- linge und die Fransporte zwischen ver- schiedenen Lagern zu ermitteln, sagte laut einer Meldung der Deutschen Presse Agentur Wojciech Plosa, Leiter des Museumsarchivs Auschwitz-Bir- kenau. Horiane Azoulay, Direktorin des Suchdienstes, gab ihrer Hoffnung Ausdruck, dass das Projekt Familien- angehörigen von Verfolgten mehr Wissen und Gewissheit geben könne. Von den mindestens 1,1 Millionen Menschen, die in Auschwitz-Birkenau ermordet wurden, hat die Gedenkstät- te Auschwit? nach eigenen Angaben derzeit Informationen Zu mehr als der Hãälfte der 400 000 Menschen, die bei ihrer Ankunft in dem größten deut- schen Konzentrations- und Vernich- tungslager registriert wurden. Der weitaus größte Teil jüdischer Männer, Frauen und Kinder wurde nicht regi- striert, sondern direkt von der Bahn- rampe in die Gaskammern geführt und industriell ermordet. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 Die Strategen des Hasses bekämpfen Rechtsextremismus wird im Sog der AfD eigenständige Kraft Die AfD ist nun im Bundestag und allen deutschen Länderparlamenten vertreten. Ihr Wirken dort und in der Gesellschaft macht den Uberlebenden des Holocausts im Interna- tionalen Auschwit?-Komitee (AK) große Sorge. In einer Presseerklärung vom 24. September wird kon- statiert, dass sich der Rechts- extremismus im Sog der AfD „ingst als eigensindige Kraft in der deutschen Gesellschaft Zuriickgemeldet“ hat. Es sei der AfD gelungen, vielen De- batten in Deutschland ihren Stempel der Aggressivität und der Verrohung aufzu- drücken und gleichzeitig mit der Propagandierung von Hass und Ge- walt noch extremere rechte und antise- mitische Kräfte heranzuzichen.„Dass vielerorts die Not von Hiichtlingen und die Angst vor innen gezielt genutzt wird eine gesellschaftliche Atmosphäre des Hasses und der Verſolgung aufauhuluen, erinnert die Auschwitz-Uherlebenden an eigene Schmerzliche Erfahrungen“, 80 das IAK nach einer Prãsidiumssit?ung in Budapest. Auch überrasche es nicht, dass der AfDVorsit?ende Alexander Gauland*in veinen politisch-gedanklichen Windungen tief in die Hitlersche Propagandaliste hin- einlangt“ Christoph Heubner, Exekutiv- Vepräsident des IAK: Auschwitz-Uher- lehende Kennen die GCaulandsche Strutegie aus der eigenen Lebenserfahrung wohrend der Naziahre Menschen z igmatisieren und sie als Artemde und Wurzellose innerhalb der heimischen Bei Kundgebung in Bad Vilbel einer Gesellschaft zu charalkterisieren und dann das gesunde Volksempfinden“ gegen sie Zu mohilisieren. Andere von ilnen vind als „wlirzellose Kosmopolilen? diffamiert und veyrfolgt worden. Deswegen ehen ihnen angesichts der Gaulandschen Außerungen Bider vor Algen, die für sie ind ihre Hamilien in Ausch- wil? geendet haben.“ Es sei dringend notwendig die „Strategen des Hasses poli- tisch nd juristisch“ zu bekämpfen. Die Lagergemeinschaft Alischwit?— Frelundeskreis der Alschwitzer hat mehr— fach mit anderen Organisa- tionen Zur Teilnahme an Protestveran- Staltungen gegen die AfD und auch die NPD aufgerufen. So rief Neithard Pah- len, stellvertretender LGVorsitzen- der, im September in Altenstadt-Lind- heim(Wetteraukreis) in Frinnerung, wie Politiker von etablierten Parteien dem Rechtspopulismus und Rechtsextremis- mus das Wort geredet haben. Sie redeten von„Asylolurismus“ und von„Hiicht- lingswellen“ oder„Das Schlimmste ist ein fßhallspielender ministrierender Se negalese. Der ist drei Jahre in Delusch- jand— alb Wirtschaftsfüchtling— den Kriegen wir nie wieder Ios“. Diese zyni- schen Entgleisungen sind nicht zufällig, sondern haben ihren Ursprung in einer fremdenfeindlichen Gesamt-Haltung. Damit stärke man eine rechtsextreme Geisteshaltung, die auch ihren Ausdruck in der permanent rigider werdenden, die Anti-AfD- 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer gesellschaftlichen Rechte einschränken- den Geset?gebung findet., Wir alle vind also selbst gefordert unsere Stimme für die Menchlichkeit zu erheben“, appel- lierte Neithard Dahlen. Bei der Kundgebung gegen den NPD-Parteitag in Büdingen sprach LGA-Vorsit?ender Uwe Hartwig: FPin kurzer Gruß auch an die Da- men und Herren des Verfassungs- schutzes. Ihnen rate ich, genau zu- zuhören, da sie heute hier einiges Vernünftiges hören können. Wieder ein- mal müssen wir uns versammeln, um der NPD entgegenzutreten. Die ist in den vergangenen 50 Jahren- die ich aus ei- gener Anschauung überblicken kann mal brachial aufgetreten, begleitet von Springerstiefeln, Glat?en und unifor- miert mit Koppel und Schulterriemen, mal in der Maske des freundlichen alten Herren, dem die deutsche Jugend, die deutsche Frau und Mutter und deren Familie am Herzen liegen, mal als guter Nachbar, der die Kohlen hochholt und ein guter Stammtisch-Kumpel ist. Stets völkisch, nationalistisch, militaristisch, auslãnderfeindlich und antisemitisch. Gewalttätigkeit war immer ein Begleiter dieser Partei und ihres Umfel- des. Diese Gewalt richtet sich gegen Fremde, Ausländer, Linke, Juden und alle, die als volksfremd oder volksfeind- lich angesehen werden. Ihre Veröffentlichungen hetzen ge- gen das vereinte Europa. Dabei wird verschwiegen, dass die Reisefreiheit in Buropa und viele andere grenzüber- schreitende Freiheiten natürlich auch Kompromisse verlangen, um mit allen zur Finigkeit Zu kommen. Mir ist eine gerade grüne Gurke lieber als Schlag- bãume an den Landesgrenzen, an denen Protestkundgebung anlässlich des NPD-Par- teitages am 17. November 2018 in Büdingen. man angehalten wird, sich ausweisen muss und nach Weg, Ziel und Zweck ausgefragt wird. Lassen wir uns nicht irre machen von denjenigen, die Volk und Volkstum beschwören und dabei Aus- grenzung, Diskriminierung, Vorurteile und Hass befördern. Unsere polnischen Freunde, die wir regelmäßig in Auschwit? und Krakau treffen, sind darüber mit uns einig, dass võlkische Hetze, Abgrenzung und Pflege gegenseitiger Vorurteile Gift sind für den Frieden in Furopa. Diese Erfahrung ist deshalb beson- ders beeindruckend, weil Menschen ei- nes Staates mit uns Gemeinsamkeit be- schwören, die- wie deren Eltern vorgesehen waren als Sklavenvolk für den NS-Staat. Hier heute zu stehen ist ein Beitrag, die Verpflichtung zu erfül- len, die die Uberlebenden des Konzen- trationslagers Buchenwald nach ihrer Befreiung formuliert haben: Die Ver- nichtung des Nazismlus mit veinen Wur- Zeln ist nsere Losung. Der Aufhal einer nelen Welt des Friedens und der Freiheit ist nser Ziel.* Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 Die Sicht eines SS-Unterscharführers Ein Freignis während des Aufstandes des jüdischen Sonderkommandos im Vernichtungslager Birkenau Der folgende Augenzeugenbericht über den einzigen überlebenden Füchtling des Sonderkommando-Aufstands basiert auf den Brinnerungen des ehemaligen SS-Un- terscharführers F W. im Pffektenlager„Kanada“ in Birkenau. Er äußerte sich dazu in einem Gespräch mit Andreas Kilian. Bei dem Mufstand, das muss ein Samstag oder Sonntag gewesen sein, sind zufällig zwei von unserem Kom- mando gekommen, die wollten nach Kattowitz sich vergnügen fahren. Die sind gerade zum Tor gekommen, wie der mit der Maschinenpistole die in Schach gehalten hat, die siebzig oder achtzig Mann. Da wo der Fingang war, Stand der Posten und hat die nicht herausgelassen. Mit der Maschinenpistole bewaffnet hat der natürlich die ersten, die da hinge- kommen sind, erschossen und dann ha- ben sie sich nicht mehr getraut... Die zwei von unserem Kommando, die sind dann noch, glaube ich, belobigt worden, die haben sich dem angeschlos- sen und die haben die solange in Schach gehalten, bis die Finsatztruppe gekom- men it und dann war es schon zu Spãt... Wenn die zu uns rübergekommen wären, zu meinem Kommando, die hät- ten sich angeschlossen. Mich hätten sie auch umgebracht und diejenigen, die zu mir gehalten haben, die wären ja dann die Kollaborateure gewesen. Wenn da meine Häftlinge mitge- macht hätten, die waren ja alle gut genährt, dann hätte was daraus werden können. Ich hatte ja einige, die wollten gar nicht mehr antreten, und da hab ich meinen Karabiner vom Pepek bringen lassen. Ganz zum Schluss, wie der Auf— Stand war, da haben wir vielleicht einen Monat vorher jeder einen Karabiner be- kommen, dänische Karabiner, vielleicht „ 3 Ta— 12 *.„ 8 — —„.— 3 6 weil die Front näher ge- kommen ist. Der Pepek ist gerannt und einige sind zu ihm hin und wollten ihm das Gewehr wegneh- men. Das hat er bis Zu mir hergebracht, weil, wenn ich weggehe, dann rebel- lieren sie, und ich wusste, da muss ich stehen blei- ben. Ich hab ein paar Mal gesagt sie sollen antreten, und hinterher haben alle gesagt, wir dachten, wir Im„Kanada“-Lager eingesetzte SS-Angehörige, 1943: Emanuel Glumbik, Gerhard Effinger, Karl Kühne, Franz Wunsch und Wal- demar Bedarf(von links nach rechts); aus dem Nachlass von Ger- hard Effinger, Foto-Archiv Andreas Kilian gehen dann drauf... Vom Krematorium ist einer Zu uns rüber ge- 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer kommen, durch den Draht, und hat sich in Baracke 14 versteckt, ein griechischer Ju- de. Als der Grieche unter den Draht gekrochen ist, stand † der nicht unter Strom, der hat sich aber am Stacheldraht verlet?t und hat geblutet. Ei- ner von meinen Häftlingen hat das gesehen, wie der da reingeht, und mich gerufen. Ich war ganz am Ende von unserem Lager gestanden, als der mich suchen kam. Da bin ich hin und habe den rausgerufen. Vor Gericht haben dann zwei Schwestern behauptet, dass ich den Griechen ge- schlagen habe, aber die haben das gar nicht gesehen, nur dass er blutet. Man- che haben dann gesagt, ich habe diesen griechischen Juden da erschossen, gese- hen hat es keiner. Die Suchkommandos waren mit Stahlhelm und Gewehr ausgerüstet, de- nen hab ich dann den Häftling überge- ben und noch gesagt, der hat nicht mitge- macht, bitte lasst den am Leben. Natür- lich werden sie den erschossen haben... (vowell eine Mitschrift nd ein Prinne- nungsprotokoll vom. April 10065) Historische Anmerkungen Im Gegensat? zum Aufstand beim Bir- kenauer Krematorium III fand in Kre- matorium I kurz darauf eine Massen- flucht statt, die kein Häftling überlebte. Hierüber liegen mehrere Augenzeugen- berichte sowohl von Uberlebenden als auch von ehemaligen SS-Angehörigen, die sich an der Suche beteiligten, vor: Zu- dem blieben zwei Fluchtmeldungen er- halten. Die Fluchtroute lässt sich daher annãhernd bestimmen. Laut Fernschrei- ben der Gestapo wurden am Folgetag noch vier Mann vermisst, darunter der SS-Freizeitaktivität am Wochenende an der Weichsel, 1943, Aufnahme von Emanuel Glumbik, Max Stumpfe, Gerhard Effinger, Karl Kühne und Waldemar Bedarf(von links nach rechts; Nachlass Effinger, Foto-Archiv Kilian) reichsdeutsche Oberkapo des Sonder- kommandos, der von den Häftlingen je- doch während des Aufstands verbrannt worden war, Ssowie ein Vorabeiter aus dem angrenzenden Kommando„Kläran- lage B I“, dessen Bruder Kapo im Kre- matorium Il gewesen war. Durch die zeit- genössische Dokumentation kann der Mythos von der erfolgreichen Flucht von 27 Häftlingen während des Aufstands, die bis nach Dachau gelangt sein sollen (Kraus/Kulka, Todesfabrik, 1991, S. 358— ohne Quellenangabe; tatsächlich stammt die Behauptung aus dem phantasierei- chen Bericht von Shaye Gertner, der be- hauptete, aus dem Sonderkommando am 18.01.1944 geflohen zu sein), jedenfalls zweifelsohne widerlegt werden. Der Aussage einzelner griechischer Sonderkommando-Uberlebenden zu— folge hat dieser einzige Füchtling von den Waldkrematorien III und IV den Aufstand allerdings überlebt. Laut Maurice Venezia, der von ihm kurz nach dem Preignis dessen Augenzeu- genbericht persönlich erzählt bekam, handelte es sich bei dem Hüchtling um Isaacquino Venezia(Interview mit Gi- deon Greif und Andreas Kilian vom 14. September 1997). Da er zur Belegschaft von Krematorium II gehörte und vor Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 dem Aufstand zu den Waldkrematorien überstellt worden war, konnte er vor- schriftsgemäß in Begleitung von 88— Wachen verlet?t zu seinem Kommando zurückgebracht werden. Isaacquino Venezia überlebte Auschwit? und ge- langte mit den letzten Uberlebenden des Sonderkommandos auf einem Eva- kuierungstransport in andere Lager. Auch Daniel Bennahmias sprach in Krematorium II mit dem Hüchtling, al- lerdings erinnerte er sich irrtümlicher- weise daran, dass Isaacquino Venezia die Flucht bis zu Krematorium II gelun- gen sei(möglicherweise auch einer der zahlreichen Interpretationsfehler in Rebecca Fromers Buch TVhe Holocaust Odh)ssey of Daniel Bennahmids, 1993, S. 70 f.). Bennahmias zufolge stammte Isaacquino aus Saloniki. In seinem 1996 veröffentlichten Buch From Greece 10 Birkenau ver- wechselt der Sonderkommando-Uber- lebende Leon Cohen Isaacquino Vene- zia mit„Albert Nadjary, if J am not mistalcen“(gemeint ist Marcel Nadjary, S. 88), der als Verbindungsmann der Wi- derstandsgruppe zu Krematorium IV gesandt worden sein soll, sich während des Aufstands ein Bein gebrochen hätte und noch am selben Tag von SS-Wa- chen zu Krematorium II zurück ge- bracht worden sei). Auch der Zeuge Shaul Chasan (Hãftl.-Nr. 182.527) irrt, wenn er mehre- re Breignisse vermengt und die Flucht dem Sonderkommando-Kameraden Raoul Jachon(Häftl.-Nr. 182.718) zu— Schreibt. Im Interview mit Gideon Greif in„Wir weinten tränenlos*, S. 322, gab er MULMASCHE ELUCHLROQULE EES SQNDERKQMMANDOS, LAGERNLERESSENGEBIELKL AUSCHMIIZ T QKOBER 1944 kor)“ — 2 een 2016 S 6 z 1 S T 38. 4 2 rEcut nshR r „ 1 ak 1343% uni hlaen 13. 13a1. 0 MR Rũ 373 X lakspenspcsrMntIt wtisei] en 1 — ₰. 5—22* ——. F,—— a *——————— 2wlð „— Bilcinterpretation A Kilian 2016 laRspPERRpcsEMRETE s] ——* ———— nma. Gebief— derScheine BE Fes 5 — S0rERsantor) sahnGkiEist) SranMnMa6kn) 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer zu Protokoll:„Vom Krematorium III war Raoul Jachun(...) geflohen und zu uns gekommen, zu seinem Bruder.(..) Er erzählte uns, dass im Krematorium III das Sonderkommando Matrat?en verbrannt und so das ganze Haus in Brand gesteckt hatte. Sie waren dann wohl alle umgebracht worden. Später kamen die Deutschen wie immer, um uns zu zählen. Sie merkten, dass einer zu viel war. Nachdem sie herausgekriegt hatten, dass es Raoul war, erschoss man ihn auf der Stelle.“ Der ein?ige Häftling, der auf dem Gelãnde von Krematorium II am 7. Ok- tober 1944 ermordet wurde, war kein Grieche und wurde getötet, weil er das Dienstfahrrad des SS-Kommandofüh- rers Ackermann beschädigt hatte. Dem Augenzeugen Maurice Vene- zia zufolge sei Isaacquino Venezia bei einem Fluchtversuch vom Bahntrans- port durch die SS erschossen worden. Vor seiner Befreiung in Gunskirchen (Außenlager Wels 1) traf Marcel Nad- jary seinem 1947 verfassten Uberleben- denbericht Zufolge im April 1945 im so— genannten Zeltlager von Mauthausen einen„Isaac“ Venezia wieder, den er mit dessen Bruder Dinos im Februar 1945 im Nebenlager Melk kennenge- lernt hatte(Marcel Nadjary, Manus- kripte 1944-1947— Von Vhessaloniki zlim Sonderkommando von Auschwitz, Athen 2018 ſin Griechisch]), S. 108). Offenbar handelte es sich hierbei je- doch um einen anderen Isaac Venezia. Jennie Adatto Tarabulus widmete Isaacquino Venezia in ihrem Gedicht O M) Brethren! zwei Zeilen:„and we have heard of the onl one to remain ali- ve ſom the hrave revolt of Auschwitz Ad.“(Levy, Isaac Jack(Fd.): And mme Worid Sood Silent. Sephurdic Poetyy of me Nolocuust, Urbana/Chicago 1989, S. 207.) Die Ver- fasserin gibt in der entspre- chenden An- merkung auf S. 219 an, dass der Name des „Pin?igen“ „It?hah“ Ve- nezia gewesen Sei, er italieni- Scher Staats- bürger gewe- sen sei un aus Saloniki gestammt habe. Des Weite- ren überliefert sie eine ausgeschmückte Version seiner Heldengeschichte(s. Molho, S. 360):„Als die Wände des Kre- matoriuums einstürzien, Schufle er es 2 einem Sacheldrahtzaun zu Kriechen, der das Gebiet umgab, fand eine Offnung, Kroch hindurch und in den Bereich des Krematoriums 3, w0 die Uherlebenden erschossen wurden. Doch ein Kapo alis dem hbenachhbarten Krematorium 4, der inn Kannte, bat die SS Wache, ihn Feizu jusven, da er zusitæliche Helſer bhrauchte.“ (ebenda) Venezia wäre später an Er- Schöpfung im Lager Ebensee gestorben. Laut Verstorbenen-Verzeichnis der Gedenkstätte Mauthausen starb ein am 27. November 1918 in Saloniki gebore- ner„Isacco“ Venezia am 27. April 1945 in Ebensee. Fraglich ist, ob es sich dabei um einen weiteren I. Venezia handelt. Das Schicksal des einzigen überle- benden Flüchtlings des Sonderkom- mando-Aufstands bleibt aufgrund wi- dersprüchlicher Aussagen und fehlen- der biografischer Daten ungeklärt. Die Behauptung Matsas, dass er das Kriegs- ende überlebte und nach Griechenland zurückkehrte, ist jedoch unglaubwürdig (Ilusion, S. 249). Maurice Venezia 1997 O M. Kilian Andreas Kilian Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 Ist das Gerechtigkeit? Wolfgang Lauinger und die Rehabilitation von Homosexuellen Im September dieses Jahres haben im Frankfurter Gallus-Theater Freunde von Wolfgang Lauinger dessen 100. Geburtstag gefeiert— mit Swing-Musik und nach- denklichen Reden. Wolfgang Lauinger selbst konnte nicht mehr dabei sein, er war ein dreiviertel Jahr zuvor(am 20. Dezember 2017) gestorben. Wolfgang Lauinger, Frankfurter Bub, war als„Halbjude“, als Swing-Kid und als Homosexueller im Pritten Reich verfolgt worden= und auch in der Bun- desrepublik saß er wegen seiner Ho-— mosexualitãt sieben Monate in Untersu- chungshaft. Nachdrücklich hatte er sich für die Rehabilitierung der wegen ihrer Homosexualität verfolgten und verur- teilten Menschen eingeset?t. Als„ge- witzter Kämpfer“, so die Frankfurter Rundschau in einer Uberschrift, ist er auch noch im hohen Alter öffentlich dafür eingetreten, hat sich in Schulen und bei Jugendgruppen als Zeitzeuge zur Verfügung gestellt. Die Lagerge- meinschaft war Mitveranstalter, als Wolfgang Lauinger und seine Biografin Bettina Leder das 2015 erschienene Buch„Laltingers. Fine Familien- geschichte aus Deutschland“ in Frank- furt und in Bad Vilbel vorstellten. Neben anderen Auszeichnungen be- kam Wolfgang Lauinger das Bundesver- dienstkreuz verliehen. Als 2017 im Bun- destag das Gesetz zur vtrafrechtlichen Rehabilitierung der nach dem 8. Mai 74 wegen ein vernehmlicher homosexl— eller Handlungen verurteilten Peronen (StrRehHam) beschlossen wurde, stellte auch Wolfgang Lauinger einen Antrag auf Entschädigung. Der wurde jedoch abgelehnt. In einem Brief an den damaligen Bun- desjusti?minister Heiko Maas(in Gãnze zu finden über Wolfgang Lauingers Wiki- Wolfgang Lauinger 2016 bei einem Interview. pedia-Pintrag unter den Einzelnachwei- 8en) brachte er seine Enttäuschung Zum Ausdruck und beschrieb seinen Fall Im Aigust 1950 bin ich= wie viele mei- ner Helunde— zlum zweilen Mal verhaftet woyrden ind zwur im Rahmen der he— Kannien Frankfurter Verhaftungswelle, da- mals wirden HMunderte Homosexuelle fest- genommen. In den Vernehmungen heZogen sich die heumten einderutig auf den von den Nationalsozialisten gegen mich erhobenen Vorwurfder Homosexa- jic E war volMommen Klan dass ihnen entsprechende Unterlagen aus dieser Zeit vorlagen— und ich hahe vie als Nazis he- Schimpft. Jch vermute, dass darin der Grund lag, wehalh ich s0 sehr viel ldnger als alle anderen in Untersuchungshaft ge- Sessen habe. Eyst nach der Auflõsung der eziell eingerichteten Sonderkammer he- Kam ich Ende Januar eine Anklageschrift ind Kurz dunach Kam es Anfang Fehruar 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7957 zlm Prozess. ICch habe also vieben Monate in Untersuchungshaft gesessen— ind wlde dann eigesprochen, weil der Zelige Blankenstein, der mich und viele andere Homosexkelle angezeigt hutte, nicht mehr zur Alisuge bereit wur Als ichk aus der Haft entlassen wlurde, hatte ich auch meine Arheil verloren, es hat Sehr lan- ge gedaluert bis ich wieder ein„normules Leben“ fiihren Konnte. Sehr geehrter Herr Ministen ich Schrei- he Uhnen hier aus meinem Leben, weil ich glaube, dass meine Geschichte deutlich macht, was es hedeuiet, Menschen von der Rehabilitierung auszuschließen, die„nlur“ in U-Haft gesessen ind, nur“ ihre Ayheit verloren haben. Er habe einsehen müssen, s0 Lauin- ger, dass die Ablehnung seines Entschä- digungsantrages zwar gesetzeskonform war, aber, Iot das Gerechtigkeit?“*, fragte er den Minister. Und dem Internetportal Buzfeed gegenüber konstatiert er: „Man hat das Gesetz zu einer FHarce gemacht.“ Wäre er auch nur zu einem ſag Gefängnis oder einer Geldstrafe verurteilt worden, hätte er Entschädi- gung bekommen. Beim Gedenken an Wolfgang Lauin- ger anlässlich seines 100. Geburtstages wurden dessen persönlicher Mut, seine Ausdauer, sein feiner Humor und seine trotꝰ aller Verfolgung ausgeprägte Men- schenfreundlichkeit, mit denen er viele seiner Zuhörer immer wieder beein- druckt hat, betont. Genau so wird ihn auch die Lagergemeinschaft in Brinne- rung behalten. Hans Hirschmann Trauer um Eugen Herman-Friede Widerstandskämpfer und Auklärer starb mit 92 Jahren Mit dem am 6. Oktober dieses Jahres im Alter von 92 Jahren verstorbenen Fugen Herman-Friede, Iräger des Bun- desverdienstkreuzes, verliert die Lager- gemeinschaft einen guten Freund. Er war mehrfach Gastreferent bei unseren Ver- anstaltungen(zuletzt in Neu-Isenburg, siche MB Dez. 2012). Er hat mit seinen Brinnerungen und autobiografischen Büchern viele Menschen, vor allem auch Jugendliche, nachhaltig beeindruckt und politisiert. Er hat so wesentlich dazu beigetragen, dass die Geschichte der Berliner Widerstandsgruppe„Gemein- Shuft fir Hrieden und Aufhau“ erforscht werden konnte. Die aus nicht jũdischen und jũdischen Männern und Frauen be- stehende Vereinigung verhalf unterge- tauchten Juden zu Verstecken, versorgte KrMMh Neh kr Mie ſer n rh K Eugen Herman-Friede 2012 in Neu-Isenburg. sie mit Lebensmitteln und warb mit Hug- blãttern für Widerstand und die Beendi- gung des Krieges. Hans Hirschmann Esther Bejarano und Microphon Mafia Ein musikalisches Projekt Freitag, 22. Februar 2019, 20 Uhr Bad Vilbel, Stadtbibliothek am Niddaplatz Esther Bejarano überlebte das Konzentrationslager, weil sie Mitglied im Mädchen- orchester Auschwitz werden konnte. In dem Buch Wir lehen trotadem berichtet sie ihren Weg zur Künstlerin für den Frieden. Seit Jahren tritt die heute 93Jährige gemeinsam mit der aus Köln stammenden deutsch-türkisch-italienischen Rap- und HipHop-Band Microphon Maßia auf. Veranstalter: Naturfrelunde Bad Vilhbel Arbeiterwohlfahrt Bad Vilhel Studt Bad Vilhel, La- gergemeinschaft Aluschwit?- Frelindeskreis der Auschwitzer. Der Fintritt Kostet 12 Furo. Industrie und Holocaust Topf& Söhne— Die Ofenbauer von Auschwitz Wanderaussteſlung: noch bis Sonntag, 19. Januar 2019 Wiesbaden, Stadtmuseum am Markt Offnungszeiten: tãglich 11— 17 Uhr(montags geschlossen) Inhaltsverzeichnis Seite Sieben Pakete für Lodz Frinnering an Besuche in Polen in den Jahren 1982 und 1986 Worum es auch geht Nur noch wenige Zeitzeugen Mehr Gewissheit für Angehörige der Opfer S—+„— Den Strategen des Hasses widerstehen Die Sicht eines SS-Unterscharführers Fin Freignis während des Aufstandes des Sonderkommandos in Birkenau 11 Nachrufe Wolfgang Lauinger/ Bugen Herman-Friede 18 Kennen Sie Auschwitz? Hermann Reineck erzählt um sein Leben Mittwoch, 9. Januar 2019, 19 Uhr Butzbach, Museum der Stadt, Färbgasse 16 Anlässlich des 100. Geburtstages von Hermann Reineck erinnern wir mit einem Hörbild, das die Rundfunk-Journalistin Monika Held über und mit ihm produziert hat. Weitere Prãsentationen des Hörbildes Sonntag, 27. Januar 2019, 19 Uhr Münzenberg, Synagoge, Am Junkershof 14 und am Mittwoch, 13. Februar 2019, 19 Uhr Bielefeld, Am Zionswald 5, Mutterhaus Sarepta Bethel Frankfurt-Theresienstadt Edith Erbrich wurde als Achtjährige deportiert. Sie erzählt über die Zeit vor, während und nach ihrer Haft im Lager Sonntag, 27. Januar 2019, 19 Uhr Butzbach, Museum der Stadt, Färbgasse 14 Fragt uns, wir sind die Letzten Gespräch und Lesung mit Horst Selbiger Der 90-jährige Berliner ist Ehrenvorsitzender des Vereins Child Survivors Deutschlands-Uberlebende Kinder der Shoah“ Dienstag, 29. Januar 2019, 20 Uhr Bad Vilbel, Stadtbibliothek am Niddaplatz Fine gemeinsame Veranstaltung der Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundes- Kreis der Aluschwitzer und dem Kulturamt der Stadt Bad Vilbel