LAGERGEMEINSCHAFT ADSCHWTZ FREUNDESKREIS DER AUSCFHWTAZER d e ſri N — 3. 22 3 Duh f unuie Gedenkstätte Drancy: Ab 1941 nutzten die deutschen Besatzer in dem Pariser Vor- ort Drancy einen Gebäudekomplex zur Internierung französischer Juden. Mit dem Beginn systematischer Deportationen wurde das„ummellager Drancyꝰ ab 1942 zum„Vorzimmer des Todes“: 65.000 Juden aus Frankreich wurden von hier in die deutschen Vernichtungslager im besetzten Polen deportiert. Heute befindet sich auf dem Gelände unter anderem eine Denkmalanlage, zu der auch dieser als Museum genutzte Fisenbahnwaggon gehört. 38. Jahrgang Mitteilungsblatt, Oktober 2018 Inhaltsverzeichnis Seite „Eine von vielen, aber eine Besondere“ Margarete Oppenheimer-Krämer und ihre Familie 1 „Damit es nie wieder geschieht' Nachruf: Hanka(Chana) Weingarten starb am 21. Juni 2018 3 Abschiedsbrief aus dem Krematorium Zur Autorenschaft des ersten überlieferten Sonderkommando-Manuskripts Vortrãge yitz-Baluer-Institut, FrankfurMain, Campus Westend Mittwoch, 14. November 2018, 18.15 Uhr Kriegsverbrecherlobby Bundesdelutsche Hilfe für im Ausland inhaftierte No Titer Theodor-W.-Adorno-Platz 2, Casino-Gebäude, Raum 1.812 Mittwoch, 21. November 2018, 19 Uhr NSU: Terror von rechts und das Versagen des Staates Norbert-Wollheim-Platz 1, IG-Farben-Haus, Raum 311 Impressum: Herausgeber:Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer 35516 Münzenberg, Freiherr-vom-Stein-Str. 27 Vorsitzender: Uwe Hartwig, 61230 Ober-Mörlen, Usinger Str. 7 (Korresponden? bitte an diese Adresse) Internet: www. lagergemeinschaft-auschwitz. de Redaktion: Hans Hirschmann, Iel.(06101) 32010 Bankverbindung: Sparkasse Oberhessen IBAN DE43 5185 0079 0020 0005 03; BIC HEHLADEFIFRI Bei Spenden bitte Adresse deutlich schreiben, damit die Bescheinigung für die Steuererklärung zugeschickt werden kann. Bitte bei Umzũgen neue Adresse und Anderungen der Bankverbindung mit- teilen. Es erspart Arger, Zeit und Geld bei Bankeinzügen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 Fine von vielen, aber eine Besondere Margarete Oppenheimer-Krämer und ihre Familie Margarethe Oppenheimer-Krämer, geb. 1892 in Mannheim, war in mehrfacher Hinsicht eine außergewöhnliche Frau. 1942 wurde sie in Auschwit?-Birkenau ermordet. Die Autorin Barbara Linnenbrügger hat das Schicksal von Marga- rethe Oppenheimer-Krämer recherchiert und diese Recherchen in dem Buch „Lebenslinien z wischen Kaiserreich und Holocaust“ veröffentlicht. Nur noch wenige derjenigen leben, die berichten können, was ihnen als Verfolgte des nationalsozialistischen Jerrorregimes widerfahren ist oder wie sie als Juden dem Holocaust entkom- men konnten. So wird immer wich— tiger, dass sich in vielen Orten und Regionen Menschen der Aufgabe an- genommen haben, die Geschichte der jüdischen Gemeinden und das Schick- Sal der jüdischen Menschen zu erfor- schen. Barbara Linnenbrügger ist eine von ihnen. Sie las am 8. Mai in der Stadtbibliothek Bad Vilbel aus ihrem Buch„Lebenslinien zwischen Kaiser- veich und Holocaust“. Darin hat sie den Lebensweg von Margarete Oppen- heimer-Krämer nachgezeichnet. Die Lagergemeinschaft Aluschwitz und die Stadt Bad Vilbel haben das Datum 8. Mai für die Veranstaltung ge- Margaretes Judenkennkarte vom 30. Dez. 1939 wählt, weil dieser Tag Margaretes Geburtstag war. Im Alter von 50 Jahren wurde sie am 19. August 1942 in Auschwitz er— mordet. Nach dem Abi- tur in Frankfurt am Main studierte Margarete Krä- mer als eine der ersten Frauen in Deutschland Mathematik und Natur- wissenschaften an verschiedenen Uni- versitãten und erwarb die Lehrbefähi- gung für Gymnasien für beide Fächer. Nach dem Fxamen arbeitete sie für einige Zeit an einem zionistischen Gymnasium in Kaunas/Litauen. 1924 heiratet sie Morit? Oppen- heimer, einen Zigarrenfabrikanten in Fränkisch-Crumbach im Odenwald. Aus der Ehe gehen drei Töchter und ein Sohn hervor, die sie zusammen mit den drei Kindern aus der ersten Ehe ihres Mannes großzieht. Nach dem Schulausschluss der jüdischen Kinder 1935 arbeitet sie an der 1935 gegründeten jüdischen Schule in Höchst. Margarete und Morit? Oppenheimer erkennen die Gefahr, Margarete Krämer im Alter von 10 Jahren 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer die ihnen und allen jüdischen Men- schen droht. Es gelingt ihnen, den Kindern die Flucht in verschiedene Staaten zu ermöglichen: Die jüngeren Kinder können mit Kindertranspor- ten nach England entkommen und zwei ältere werden in Frankreich von Hilfsorganisationen versteckt. Mar- garete und ihr Mann finden keine Möglichkeit, in ein sicheres Land aus- zureisen. Sie werden im Oktober 1940 in verschiedene Lager in Frankreich deportiert und am 11. August 1942 von Drancy nach Auschwit? depor- tiert, wo acht Tage später ihr Leben ausgelõscht wird. Barbara Linnenbrügger hat für die Biographie der Margarete Krä- mer-Oppenheimer nicht nur in vielen Archiven nach Spuren gesucht, son- dern vor allem mit den durch Flucht geretteten Kindern und anderen er- reichbaren Angehörigen in verschie- denen Ländern Kontakt aufgenom- men. Diese steuerten viele Informa- tionen, Fotos und andere Familien- stücke bei, aus denen ein anschauli- ches und anrührendes Lebensbild entstand. Diese Forschungs- und Fundgeschichte wie auch die Berichte über die Begegnungen mit den An- gehörigen und ihren Familien runden das Bild jüdischen Lebens in Deutschland vor dem Holocaust ab und zeigen das jüdische Leben im er— zwungenen weltweiten Fxil. In seinem Grußwort hob Uwe Margarete Oppenheimer-Krämer wr Keine õffentliche Person, Keine von den Menschen, die in den Annalen einer großen Geschichts- Schreibung vermerit sind. Sie war eine von vielen, aber in ihrer Art eine besondere Frau, ind gerade deshalb wurde vie zum Vorhild für mich. Barbara Linnenbrügger Hartwig, Vorsit?ender der Lagerge- meinschdft Auschwitz— FreundesMreis der Auschwitzen die verdienstvolle Ar- beit solcher lokalhistorischen For- schungen hervor. Dadurch werde das Bild der deutschen Alltagsgeschichte vervollstãndigt und biete Orientierung gegenüber dem deutlich zunehmenden Antisemitismus— äußere er sich re- Spektlos bis gewalttätig in der deutsch- stämmigen Bevölkerung oder in den Millieus muslimischer Menschen. Barbara Linnenbrügger sind durch ihre Erforschung des Schick- Sals von Margarete Krämer-Oppen- heimer auch die Verstrickungen ihrer eigenen Familie im Nazi-Reich sehr bewusst geworden. Sie sei sehr dank- Barbara Hinnenbrügger,„Lehenslinien zwischen Kaiserreich und Holocaust- Marga- rethe Oppenheimer-Krämer und ihre Familie“, 96 Seiten, 200 Fotos und biografische Jexte, Ingrid Lessing Verlag, Dortmund 2018, ISBN 978-3929931-33-4, 25 Buro. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 2012 bei einem Besuch im Odenwald. bar, dass diese Arbeit sie wachgerüt- telt habe, sich erneut mit ihrem per- Ssönlichen Erbe des Nazi-Faschismus und— wie sie es nennt-„Gefühlserb- schaften“ auseinanderzusetzen. Des- halb habe sie in dem Buch auch einen Finblick„in meinen eigenen Weg gegeben. Hierzu gehöre übrigens auch die Teilnahme an einer von der Lagergemeinschaſt organsierten Stu— dienfahrt nach Auschwitz-Birkenau. Uwe Hartwig/Hans Hirschmann „Damit es nie wieder geschieht“ Hanka(Chana) Weingarten, geb. Wertheimer (2. Dezember 1920— 21. Juni 2018)— EFin Nachruf „Dds ist ein KZ, aber es ist nicht ſür uns. Wahyscheinlich ist dahinter et— ws anderes lind das ist flir lins.* Diese Worte sagte die Mutter von Hanka Weingarten zu ihrer damals 15— jährigen Tochter und der Großmutter, als sie Zu dritt im Mai 1944 von The- resienstadt noch Auschwitz deportiert wurden und sich einer Selektion auf der Rampe des Vernichtungslagers un- terziehen mussten. Hanka hing sehr Stark an ihrer Mutter. Für sie war sie immer ein Vorbild. In den Gesprächen, die ich mit Hanka führen konnte, er- wähnte sie immer wieder den starken Willen und das Durchsetzungsvermö- gen ihrer Mutter. Beide überlebten zu— nächst das Vernichtungslager. Die Großmutter wurde ermordet und die Mutter starb vier Wochen nach der Be- freiung in Bergen Belsen. Die Figen- schaften ihrer Mutter verkörperte Hanka im eigenen Leben. Ich lernte Hanka durch Hannelore Brenner(Buchautorin und Gründerin 4 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Hanka Weingarten bei ihrem Besuch im vorigen Jahr in Hessen. Bild rechts zeigt Hanna Q. v rechts) vor der Verfolgung(Foto: Room 28 Projects). des Vereins Room 28) kennen. Sie leb- te in Tel Aviv. Wir haben miteinander telefoniert und uns mehrmals ge— schrieben. Schließlich konnte ich sie für einen Zeitzeugenvortrag für die Lagergemeinschaſt gewinnen. Sie be- gann ihre Vortragsreise am 6. Juni 2017 und sprach an mehreren Schulen des Wetteraukreises mit Jugendlichen. Während ihres Besuches in Hes- sen erwähnte sie, dass in Frankfurt wohl Frau Trude Simonsohn lebe. Ihr habe sie einiges zu verdanken. Der Kontakt war schnell hergestellt. So trafen sich nach über 60 Jahren wie- der zwei Shoa-Uberlebende in Frank- furt und sprachen erst über die guten und dann von den schlimmen Zeiten, die sie beide erlebt hatten.* Hanka Weingarten machte auf mich den Findruck einer außerge- wöhnlichen Persönlichkeit, voller Vitalität und Entschlossenheit. Un- vergesslich sind meine Gespräche mit ihr. Ihr Charme, ihr Humor und ihre Herzlichkeit bereicherten nicht nur mich, sondern alle, die sie kennenler- nen konnten. Die Begegnung mit Hanka Weingarten wird uns für im- mer in Frinnerung bleiben, so wie auch ihre Worte:„Jch hin hier um Mnen meine Geschichte zu erzdhlen, damit es nie wieder pussiert.* Diese Worte sind für uns Verpflich- tung. Wir werden dafür sorgen und alle Kraft aufwenden gegen das Ver- gessen und gegen jede Art von Antise- mitismus und Rassismus. Ihr sowie auch allen verstorbenen und noch lebenden Zeitzeugen sind wir es Schuldig. Noch im Mai 2018 war Hanka in Hamburg zu einem Vortrag in Neuen- gamme, und im September 2018 war ein Besuch in Schwerin geplant. Auf Finladungen antwortete sie immer „Vol never Know what is happening“ und meinte damit„irgendwann gehen wir alle*. Nun ist sie wirklich gegan- gen. Alexander Woff *siche hierzu Mitteilungsblatt, Dezember 2017, Seite 9 f. Trude Simonsohn hat eben- S0 wie Hanka Weingarten die Lager Theresienstadt und Auschwitz überlebt. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 8 Abschiedsbrief aus dem Krematorium: das verschollene Original und sein anonymer Verfasser Zur Autorenschaft des ersten überlieferten Sonderkommando-Manuskripts Finige Zeitzeugenberichte und Briefe von Mitgliedern des jüdischen Sonder- kommandos, die an den Krematorien von Auschwitz„arbeiten“ mussten, sind der Zerstõrung auf unterschiedliche Art und Weise entgangen. Als Verfasser des ersten aufgefundenen Briefes wurde bisher Chaim Herman angesehen. Neue Recherchen deuten jedoch darauf hin, dass der wirkliche Verfasser mit großer Wahrscheinlich- keit Hers?z Strasfogel war. Im Folgenden ist die Spurensuche beschrieben. Von Andreas Kilian Nach der Befreiung des Vernichtungs- lagers Auschwit?-Birkenau am 27. Ja- nuar 1945 wurde rasch mit der Sicherstellung von Beweisen der Mas- senmorde und Verbrechen auf dem Lagergelände begonnen. Nur wenige Zeugen und Uberlebende kehrten an den Schauplat? der Verbrechen zurück, darunter auch ehemalige Son- derkommando-Hãäftlinge, die als„Ge- heimnisträger“ in den Vernichtungs- anlagen arbeiten mussten und zum Jeil Kenntnis von vergrabenen Hand- Schriften hatten, die das Geschehen auf dem Krematoriumsgelände akri- bisch dokumentierten. Die Verstecke dieser einzigartigen Zeugnisse konzentrierten sich auf den Hinterhof von Krematorium I(III) in Birkenau, dessen Gelände am besten durch Bäume geschützt und am schwierigsten zu überwachen war. Dies machte sich auch ein französi- Scher Sonderkommando-Hãäftling pol- nischer Herkunft zu Nutze, der in Erwartung seiner eigenen Liquidie- rung am 6. November 1944 in franzö- sischer Sprache einen bewegenden Abschiedsbrief und letzten Gruß an seine Frau und Tochter verfasste. Der anonyme Autor dieses Briefes wird im Folgenden einheitlich als„Verfasser“ beZeichnet. Ptwa?Zwei Wochen nach der Befreiung des Lagers entdeckte ein freiwilliger Helfer des Polnischen Roten Kreuzes den Brief, der schließ- lich nach Paris gelangte und zur Suche nach den Adressaten führte. Obwohl diese erfolglos war und der Verfasser Anmerkung: Mle aus dem Brief zitierten Passsagen stammen aus der deutschen Ubersetzung in der EFdition:„Inmitten des grauenvollen Verbrechens“, Oswiecim 1996,§. 250265. Eine neue Ubersetzung wird im November 2018 vorgelegt, in: Ru- dorff, Andrea(Hrsg.): Die Verfolgung und Ermordung der europãischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 19331945 Das KZ Auschwitz 1942—1 945 und die Zeit der Todesmärsche 1 044/45, München 2018, S. 505-509. 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer nicht eindeutig identifiziert werden konnte, wurde die Autorenschaft einem Herrm Hermann, Chaim Herman oder einmal einem gewissen Georges Bermann zugesprochen. Das Original des Briefs gilt als verschollen. Während der jahrelangen Suche nach dem Original und nach gründlicher Analyse des Briefinhalts ergaben sich Zweifel an diesen Interpretationen. Verbreitung einer Abschrift und erste Identifizierung eines Verfassers Die erste und größte Verbreitung des anonymen Briefs wurde 1980 durch seine vollständige Veröffentlichung in Vladimir Pozners Werk„Descente aux enfers“ er- reicht(dt. Fassung: „Abslieg in die nnnMe Berlin-Ost 1982). In der Ubersicht„Zitier- te Zeugnisse“ Schreibt Pozner, dass der Brief der „Vereinigung ehe— maliger Häftlinge von Auschwitz“ übergeben worden sei. In der Finlei- tung zum Brief wird als Verfasser „Chaim Hermann 706 773“ ſßsic] ge- nannt. Die Angaben zum Namen und zur Häftlingsnummer stammen offen- kundig aus der 1971 veröffentlichten polnischen Erstausgabe der Hand- schriften von Mitgliedern des Sonder- kommandos,„Wsréd Koszmarnej zhrodni. Kelcopis) czlonké Sonder- Kommando“, die auch den„Herman“- Brief enthält und in der ein„Schreiben 2RSZVTV OSw IXISKIE M S Polnische Erstausga- be des Briefs„Chaim Hermans“, 1971 des Ministers ehemaliger Komhattan- ten lind Kriegsopfer der Repuhlik rankreich an den Vorsitzenden des Vorhundes der Auschwitzer vom 10. Fe- hruar IMs erwähnt wird. Der in dem Schreiben als Verfasser benannte „Monsieur HERMANMMW wird in der polnischen Erstausgabe schließlich als Chaim Herman identifiziert(S. 175). In Fußnote 1 werden dem Autoren Name und Lebensdaten eines Depor- tierten aus dem im Brief erwãhnten 49. Transport aus Drancy zugeordnet. Fine Kopie von Seite 17 der Deporta- tionsliste vom 2. März 1943, der diese Informationen entnommen wurden, ist im Buch auf Seite 181 abgebildet. Par- über hinaus wird dem Namen die Hãäft- lingsnummer 106.113 zugeordnet, die im Archiv des Auschwitz-Museums, im Röntgenbuch des Häftlingskranken- baus Block 28, dokumentiert ist. In Ber Marks Sonderkommando- Publikation„Des voic dans la nuit“, Paris 1982, S. 325(allerdings nicht in den anderen Editionen seines Buchs), wird auf den Verwahrungsort des Briefs in einer Fußnote hingewiesen: Veròffentlicht mit Genehmigung der Amicale des deportẽs dꝰAuschwitz, wo das Original aufhewahrt wird.“ Bei dem„Original“ handelt es sich aller- dings nur um eine Abschrift des Briefs, wie eine Kopie des Anschreibens vom 10. Februar 1948 an den Präsidenten der„Amicale d'Auschwitz“ ſsic] be- legt. Finer Aussage des Präsidenten des Dachverbands„Union des déportés dAuschwilz“, Raphasl Esrail, vom 13. Oktober 2016 zufolge, sei eine Ab- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 schrift des Briefs jedoch nicht an die „Amicale des deportés d Ausch witz“ übergeben worden und würde auch nicht in deren Archiv verwahrt. Eine alte Kopie dieser Abschrift liegt tatsächlich im Archiv Roger Arnould SOwie erst Seit 1967 im Staatlichen Mu- seum Auschwitz-Birkenau. Die Ab- schrift könne Arnould der Historike- rin Glaudine Cardon-Hamet zufolge in den Archiven der, Fodération natio- nale des deportẽs et internéẽs vésistunts et patriotes* gefunden haben. Das Ori- ginal sei vermutlich im, Ministére de la Méſfense“ archiviert, was dort jedoch dementiert wurde. Als Absender des Begleitschrei- bens vom 10. Februar 1948 wurde die „Direction du Gontentieux, de Etat Civil et des Recherches, Missions de Re- cherches“ des„Ministere des Anciens CGombattants et Victimes de Guerre“ genannt. In der Kopie des Begleit- schreibens, die im Archiv Roger Arnould verwahrt wird, fällt auf, dass das Anschreiben weder unterschrie- ben noch mit einem Stempel versehen wurde. Auch die übliche Verwendung eines Datumsstempels fehlt. Fraglich ist insofern, ob die Kopie des Anschreibens nur vom Entwurf oder von einer Zweitfertigung des Schrei- bens Stammt, oder ob das Schreiben in dieser Form überhaupt verschickt worden ist. Jedenfalls ist das Anschreiben das einzige bekannte historische Poku- ment, das den Verfasser des Briefs aus Auschwitz,„Monsieur HERMANMMW“* sic), namentlich nennt und Zudem als „Unterzeichner des Jectes“ bezeichnet. US 3 XI 5 6 VLLTLRES n F —— apn1on U Urentr, in LRtn F o en Si — Sun1 1 10 F kntun EnER** 55, Avenus Fro, Tupin T— ahil, Sun, SAS PD S Eartri de Rei Per TR Lnrn vri e Penir e—juann, vupL5 d“re Lete be B orUTne 17 3*„———„— 3„ a e m1 dur. plF u 51 PEnn voe ache pntn in nn Oi U n 1 E [Konsteur ikRAahn, 10 821aare Begleitschreiben des„Hermann“-Briefs, O Archiv Roger Arnould, mit freundlicher Genehmigung von Claudine Cardon-Hamet Die Abschrift des Briefs gibt jedoch weder einen Hinweis auf den Namen eines Unterzeichners noch auf eine Unterschrift. Die Bezeichnung„ Mon- Sieur Hermann“ deutet im Franzõsi- schen aber nicht zwangsläufig auf ei- nen Familiennamen hin. Auch die Verwendung der Anrede„Monsieur“ in Verbindung mit dem Vornamen ist üblich. Fraglich ist jedoch, warum der Verfasser einen Brief an Frau und Tochter nur mit seinem Familienna- men unterschrieben haben sollte. Pol- nische Historiker gingen jedenfalls irr- tümlicherweise davon aus, was die Interpretation undAnalyse des Briefs fünf Jahrzehnte lang bestimmte. Der Verfasser gibt am Anfang sei- nes eigenen Briefs an, einen Brief von seiner Frau und Tochter erhalten zu 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer haben, der sicherlich mit einer Absen- der-Adresse versehen war. Aus dem Inhalt seines Briefs ergibt sich, dass die Tochter wahrscheinlich zum eigenen Schutz bei Bekannten oder Freunden untergetaucht war und dass er seine Frau und Tochter in Sicherheit wähn- te. Nach dem EFmpfang ihres Briefs hätte er Gewissheit gehabt, dass sie ge- rettet wären. Dies lässt auf ein Leben im Untergrund schließen und darauf, dass die Adresse, unter der seine Frau und Tochter erreichbar waren, nicht unter ihrem eigenen Familiennamen angeführt wurde oder überhaupt nur die Adresse eines Bekannten angege- ben worden war. Selbst der bekannte Sonderkom- mando-Hãäftling Hilip Müller wurde an einem Sonntag im Jahre 1942 dazu ge?wungen, eine Postkarte an Ver- wandte in Sered zu verschicken, die er allerdings nur an einen Nachbarn adressierte. Die Absender-Adresse lautete:„Arheitslager Birkenau bei Neu-Berun O/9, Haus N 7“. „Merman(n)“ könnte folglich nicht nur sehr wahrscheinlich der Vorname des Verfassers sein, sondern mögli- cherweise auch der Familienname des Adressaten, falls der Brief nicht unter- schrieben worden wäre. Die Zuordnung der personenbezo- genen Daten von Chaim Herman durch Historiker des Auschwit?-Mu- Seums ist folglich ungerechtfertigt. Sie 8 aintemretelon enn 2013 —— im Jahr 148 her Fundort des Briels. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 beruht offenbar ausschließlich auf der Namensnennung„Monsieur Her- mann in dem Brief des Ministeriums und ist reine Spekulation. So war Chaim der einzige verfügbare„Mon- vieur Herman“ auf der Deportations- liste des 49. Transports aus Drancy, auf der auch der Verfasser des Briefs ge- standen haben muss. Die Begründung Danuta Czechs, dass„ die in diesem Ah- Schiedshrief an seine Gattin und seine Vochter angesprochenen Jatsachen und Geschehnisse“ die Feststellung erlaub- ten, bei dem Verfasser handle es sich um Chaim Herman, ist kaum nachvoll- zichbar(„Uher die Handschrift von Chaim Herman“, in: Inmitten..., S. 257). Untermauert werden sollten die Personenzuordnung sowie die Feststel- lungen der Historiker des Auschwit?- Museums durch„neueste Informatio- nen“(Erstausg., S. 175, Anm. 1.), die kur? vor der Erstverõffentlichung des Briefs in polnischer Sprache, am 11. März 1971, von dem Hinder des Briefs, dem Chirurgen Andrzej Zaorski, ge- wonnen werden konnten(APMA-B, Sammlung Aussagen, Bd. 70, S. 212 213). Zaorski, der das Manuskript während seines Aufenthalts in Ausch- wit? Zwischen dem 6. und 20. Februar 1945 gefunden hatte, geht in seiner Aus- Sage gegenüber der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Dr. Jadwiga Bezwinska allerdings mit keinem Wort auf den Na- men dess Autors oder überhaupt aufei- nen Namen ein. Erst am Ende der Nie- derschrift seiner Aussage heißt es: „Nachdem mir der polnische Tert von Chaim Hermans Brief gezeigt wurde, Selle ich fest duss dies der Inhalt die- Ses Briefes is den ich im Fehruar 1945 in einer Flasche auf den Haufen menschlicher Asche in Birkenau fand, den ich in diesem Bericht ausfiihrlich heschrieh.“ Der ursprüngliche Wortlaut„dass dies derselbe Brief ist“ wurde hand- schriftlich korrigiert und in„ dass dies der Inhalt dieses Briefes ist“ geändert. Bislang gibt es weder einen unwi- derlegbaren Beweis dafür, dass Chaim Herman der Verfasser des Briefs ist, noch dass er ũberhaupt ein Hãäftling des Sonderkommandos war. Allerdings gibt es schlüssige Argumente für die Identifizierung eines anderen Hãftlings als Verfasser des Briefs, der nachweis- lich im Sonderkommando eingesetzt worden war. Aus der überlieferten Abschrift des Briefs lassen sich folgende personenbe- Zogenen Informationen entnehmen, die bei der Identifiierung des Verfassers ei- ner Uberprüfung standhalten müssen: Abfahrtsort und datum des Deportati- ons?zugs, Wohnort der Familie in Polen, ungefähres Alter und Aussehen des Verfassers, Name und ungefãhres Ater der Tochter, Namen von Bekannten und Freunden, die als Referenzen die- nen könnten. Darüber hinaus enthält der Brief wichtige Informationen über Frau und Tochter, aus denen Rück- Schlüsse geZogen werden können. Deportationsherkunft des Verfassers und Selektion Zzum Sonderkommando: Der Verfasser ist laut eigenen Anga- ben am 2. März 1943 aus Drancy deportiert worden und am Abend des 4. Mär? in Auschwit?z angekommen. 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Bekannt ist, dass von diesem Trans- port wahrscheinlich nur 100 Männer ins Lager als Häftlinge eingewiesen wurden und vermutlich die Nummern 106. 088 bis 106.187 erhalten haben. An drei Stellen im Brief schreibt der Ver- fasser, dass hundert Männer ins Lager und mõglicherweise auch ins Sonder- kommando kamen, an zwei Stellen er- wähnt er, dass er im November 1944 einer von nur zwei Uberlebenden sei (der zweite war David Olère). Dies konnte der Verfasser jedoch nur an- nehmen, wenn er davon ausgegangen war, dass alle 100 Mann dem Sonder- kommando einverleibt worden waren. Uber das Schicksal von in Neben- lager überstellte Häftlinge seines Transports hätte der Verfasser unmõg- lich Auskunft geben können. Offenbar irrt der Chronist in der Annahme, alle männlichen Zugänge aus seinem Fransport wären in das Sonderkom- mando eingewiesen worden und dass nur zwei Mann überlebt hätten. Serge Klarsfeld zufolge hätten sogar vier Männer das Kriegsende erlebt(Z. B. 106.090, 106. 144). Tatsächlich stammten aus der er— wähnten Nummernreihe offenbar nicht alle Häftlinge aus dem 49. RS- HA-Transport aus Drancy(106.092, 106.009). Andererseits könnten mög- licherweise mit diesem Transport Männer deportiert worden sein, die nur nicht auf der überlieferten Transportliste standen(106.099). Grundsätzlich bestand auch diese Möglichkeit, da in Binzelfällen sogar Personen auf der Transportliste nach Auschwitz standen, die zur Abfahrt offenbar nicht erschienen waren und später erneut auf eine Transportliste nach Sobibor gesetzt worden waren (Zum Beispiel Joseph Beraha und André Broun, die anscheinend drei Wochen spãter am 25.03.1943 mit dem 53. Transport nach Sobibor deportiert worden waren). Zudem erschließt sich aus der im Staatlichen Museum Auschwitz aufbe- wahrten Lagerverwaltungsdokumen- tation, dass nicht alle Männer unmit- telbar oder überhaupt in das Sonderkommando eingewiesen wor- den sein kõönnen, da sie in anderen Ar- beitskommandos eingeset?t waren (106.090, 106.092, 106.104, 106.115, 106.140, 106.169, 106.172, 106.178, 106. 179, 106. 186). Andere Männer aus diesem Transport, wie der bekannte Maler David Olére, wurden nachweis- lich erst später dem Sonderkomman- do zugewiesen. Für Chaim Herman (106. 113) gibt es keinen Nachweis, dass er im Sonderkommando gewesen ist. Im Archiv des Staatlichen Ausch- wit? Museums ist lediglich ein Fintrag des Namens mit der Nummer 106.113 im Röntgenbuch erhalten geblieben. Der anonyme Verfasser und dessen Namensbestimmung: In keiner bekannten Aussage von Son- derkommando-Uberlebenden oder Chronisten wird der Name Chaim Herman erwähnt. Offenbar wurde der Name von den Historikerinnen des Auschwit?- Museums Danuta Gzech oder Jadwiga BezZwinska zwischen den Jahren 1967 und 1971 aufgrund der Angabe des Begleitschreibens(„Mon- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 sieur Hermann“*) F— aus der Transportli- Ste ausgewählt und zugeordnet. Dieser war tatsächlich der einzige Herman(n) unter den Familien- namen auf der Liste, unter den drei gleichlautenden Vornamen auf der LKiste Kkam altersbe- dingt keine Person in Frage. Mit wel- cher Begründung der Name„Her- mann“ in das Begleitschreiben gelangte, kann vermutlich dann zwei- felsfrei geklärt werden, wenn das Ori- ginal des Briefs aufgefunden wird. In einer frühen französischen Ver- öffentlichung des Briefinhalts wurden jedoch auch voreilige Schlussfolgerun- gen geZogen und ein zZweiter, aber ähn- lich lautender Familienname zugeord- net: In der Publikation aus dem Jahre 1976 von Benoist Ady Brillé,„Tes tech- niciens de la mort“, wird der Brief un- vollstãändig und ohne Quellenangabe unter der Uberschrift n 1émoignage Poshume“ wiedergegeben. Als Autor des Briefs wird ein gewisser„Ber- mann“ genannt. Fingeleitet wird der Brief mit folgenden Worten(S. 184): „Mier ist ein weiteres ebenso ergreifen- des Zeugnis: das eines jungen Puriser Juden, den Marti und Coudert trufen und dessen letater Brief vom 6. Novem- her I9Ad, als er wusste, dass er zum Tode verurteilt wun weil er Miuglied des Sonderkommandos wun gefunden wur- de.(.) Der Brieß der einige Zeit nach der Befreiung gefunden vorden wan Josef Dorembus O Privatarchiv Mich- ael Dorembus wurde von den polnischen Behörden nach Frankreich geschickt. Der Depor- tierte Bermann ſic/ richtete ihn an gei- ne Frau und Tochten“ Der Herausgeber verweist bei dem Jext auf die Aussage des Deportierten Henri Marti, der am 8. Juli 1942 von Compiégne in Auschwitz eingeliefert worden war und die Hãftlingsnummer 45. 842 erhielt. Als„Installateur“ hätte er die Gelegenheit gehabt, das Unter- geschoss des Krematoriums einmalig zu betreten und dabei den Sonder- kommando-Häftling Georges Berman aus dem 12. Pariser † Arrondissement ſ kennengelernt, der ihm eine mit Lei- chen gefüllte Gas- kammer gezeigt— hätte. Erlebt hatten drei Hãftlinge das beschriebene EFr- eignis, Clément Coudert(48. 402), Cyrille Chaumette und Henri Marti. An den Namen erinnerte sich jedoch nur Marti, Chaumette verstarb bereits bei der Evakuierung von Nordhausen am 13. April 1945. Der einzige Zeuge, der eine Aus- sage darüber abgab, Henri Marti, gab jedoch nicht an, dass Georges Ber- mann der Verfasser des Briefs gewe- Sen sei. Diesen Zusammenhang stel- te offenbar erst der Zuarbeiter der Publikation, der Historiker Roger Arnould, der die Zeugenaussagen ge- sammelt hatte, in Kenntnis der For- schungsergebnisse des Auschwitz- Jankiel Handels- mann O APMO- B, Nr. Neg. 3166 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Museums aus dem Jahre 1971 her. Die einzigen fünf bekannten und gesicherten Namen aus den Berichten von(ehemaligen) Sonderkommando- Häftlingen, die auch auf der Trans- port-Kiste aus Drancy zu finden wa- ren, sind: Josef Dorembus(Wars?aws- ki), Jankiel Handelsmann, David Lahana, David Olèere und Hersz Strasfogel. Geburtsort des Verfassers: Der Verfasser schreibt von Familien- mitgliedern in Warschau, es ist Zu ver- muten, dass er ebenfalls aus Warschau Stammt oder dort sogar geboren wur- de. Laut Transportliste stammten 33 Männer direkt aus Warschau, darunter auch Chaim Herman. Unter den be- kannten Sonderkommando-Hãäftlin- —— David und Mexandre Oler, Le Havre, Juli 1938 S Privatarchiv A. Oler gen des 49. Drancy- Transports stammen lediglich Strasfogel und Olère aus War- schau, Dorembus al- lerdings aus der Umgebung(Zyrar- dow). Anfang No- vember 1944, zum Feitpunkt als der Brief verfasst wor- den war, waren nur noch zwei von ihnen nachweislich am Leben: Olère und Strasfogel. David Oler O Pri- vatarchiv A. Oler (1930-2010) Alter des Verfassers: Der erhaltenen Lagerdokumentation zufolge war der nachweisbar älteste Häftling dieses Transports bei An- kunft 60 Jahre alt(106.091), der jüng- Ste 17(106. 178). Auf der erwähnten Fransport-Liste sind nur 19 Männer verzeichnet, die zwischen 17 und 60 Jahre alt waren und aus Warschau stammten, darunter auch Strasfogel und Olère, Dorembus und Herman. Der Verfasser schreibt in seinem Brief, dass er„einer der Altesten“ Hãft- linge im Sonderkommando sei. Diese Angabe kann sich sowohl auf das Mter als auf den Umstand der Zugehörigkeit zum Sonderkommando beziehen. Un- ter den bekannten Sonderkommando- Häftlingen dieses Hransports war Hers? Strasfogel mit 49 Jahren(geb. 1895), auf das Lebensalter beZogen der Alteste. Im Jahre 1944 war sein Kamerad David Olére 42 Jahre alt(geb. am 14.01.1902), David Lahana(geb. am 10.01.1906) und Joseph Dorembus jeweils 38 Jahre(geb. am 27.07. 1906) sowie Jankiel Handels- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 mann 36 Jahre(geb. am 30.08. 1908) alt. Chaim Herman, von dem nicht be- kannt ist, ob er überhaupt im Sonder- kommando war, wurde am 3. Mai 1901 geboren. Weitere Hinweise auf die Fin- grenzung des Alters Hefert die Selbst- beschreibung des Verfassers:(. ich hin Sehr gut gekleidet untergehracht und erndhrt ich hin hei hester Gesund- heit, natürlich ohne Bauch, Sehr Schlank und Sportlich, ohne meinen weißen Kopf gähe man mir 30 Jahre.“ Obwohl unklar ist, ob mit„weißer Kopf“ tatsächlich weiße Haare, eine natürliche Glatze oder der geschorene Häftlingskopf gemeint war, kann in Verbindung mit der Altersangabe aus dem Zusammenhang geschlossen wer- den, dass der Verfasser sehr wahr- scheinlich über 40 Jahre alt gewesen sein dürfte. Wohnort Paris, Familienangehörige, berufliche und freundschaftliche Verbindungen: Der einzige Zeuge, der den Brief ge- funden, selbst gelesen und eine Aussage darüber vorgelegt hat, ist der Pole Andrzej Zaorski. Auf ihn geht die In- formation zurück, dass der Brief neben dem Roten Kreuz auch an eine Adres- 8se in Frankreich gerichtet war. Finen Ortsnamen nennt er hingegen nicht. Zaorskis Inhaltswiedergabe und Be- schreibung eines Briefes, den er 26 Jah- re Zuvor aufgefunden und zuletzt gele- sen sowie im Mär? 1945 der fran?zõsischen Mission in Warschau übergeben hatte, ist erstaunlich gut. Auch seine detaillierte Beschreibung der Fundsache ist bemerkenswert:„ Jch ffnete die Flasche und enmahm ihr ei- nige erstklassig er- haltene, Karierte Pn- hierbõgen. Sie wuren wie ein Brief zusammengefaltet. Aufß dem äußeren Pupierbogen, der zu Andrzej Zaorski einem provisori- 923„ 2014) O chen Umschlag ge- ahm 2009 Formt wun wur die Adresse des Polni- Schen Roten Kreuzes zu Sehen. Und erst im inneren Teil des Briefes befand sich eine zweite Adresse, die den eigentli- chen Adressuten in Frankreich hezeich- nete.(..) Es handelte Sich um einen Brief an die Guttin, die sich, wie sich aus der Adresse ergab, in Frankreich hefand.“(Inmitten, v 236) Die maschinenschriftliche Abschrift des Briefs beinhaltet jedoch weder eine Adresse, noch den Namen seiner Frau, lediglich der Vorname seiner Tochter wird mehrfach genannt. In dem Brief aus Birkenau werden allerdings Zahlrei- che Namen, Orte und eine andere Adresse angegeben. Die einzige Adres- se nennt der Verfasser im Zusammen- hang mit seinem ermordeten Kamera- den im Sonderkommando, David Lahana. Dieser war 1937 Schatzmeister (ein Schwager I. Babani Vize-Präsi- dent) der Israelitischen Kulturvereini- gung von Toulouse. Er wurde am 12. Dezember 1942 verhaftet. Zuvor be- trieb er den Pelzhandel„Au Palace- Fourrures?, den sein Vater Albert(Ab- raham) als Geschäft„Au Renard Blanc im Jahre 1903 gegründet und mit Seiner Frau Victoria-Sabatia(geb. Hay- 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer on) geführt hatte. David Lahanas Schwestern Rachel und Sara hatten die Brüder und Toulou- ser(nicht Pariser) Seidenhändler Isaac f und Israel Babani geheiratet. Israels Sohn Flie hatte die ein Jahr jüngere Josef, Pola und Marcel Dorembus (1939) S Privatar- chiv M. Dorembus Schwester von Da- vids Frau Rebecca (geb. Behar) gehei- ratet:„Schreiht einen Brief an diese si cherlich in Toulouse gut bekunnte Fu- milie oder auf anderem Wege an veine Schwäger BABAN(wenn ich nicht ir- re), die ein Geschdft mit Seiden und Chinaurtikeln auf dem Boulevard Ma- lesherbes füihren, um ihnen die hetref- ſfende Nachricht zu geben.“ In Toulouse gibt es keinen Boule- vard Malesherbes, allerdings in Paris. Die selbstverständliche Nennung der Adresse ohne Angabe des Stadt-— namens lãsst darauf schließen, dass der Verfasser mit seiner Familie in Paris gewohnt haben könnte. Für die mei- sten Personen, die auf der Deportati- onsliste aus Drancy standen, wurden Pariser Adressen angegeben. Unter den bereits erwähnten Sonderkom- mando-Häftlingen aus Warschau leb- ten folgende vier Männer in Paris und Umgebung: Josef Dorembus, Jankiel Handelsmann und Hers? Strasfogel, David Olére seit 1937 jedoch nur noch unweit von Paris, in Noisy-le-Grand. Allerdings sind die Familienanga- ben des Verfassers zu Frau und Kind nicht mit der Geschichte von Dorem- bus und Handelsmann in Finklang zu bringen: Beide Männer wurden ge- meinsam mit ihren Fhefrauen depor- tiert, die Frauen wurden in Auschwitz- Birkenau ermordet. Josef und Pola (Pesa) Dorembus hatten zudem nur ei- —— kattn us Frunlin Eapunrn irirra. E ai ———— Le p Qrt des Pelthartls u Renart Blare 1 ergröEert]) wwr Daid Lahan in der 1 helinhten ſoulduser tirkaufsstrafiæ kue Mlsate·Lurreine 54 Sder, unten: Blirk — DSellerretherche und nruske: kir nis jnr- F Pptharter um 130 eu Farent aur namun hren vetumenn Fankes R er „Au Palatce-rurrures? ben Bllek Rlchtung kichtunt IMordusten] trlen: Rrrhia n. Wlian]. arſo n rennari F rarr 7 mr— t Iern au Sren Vente Kee1nmne 4 E aliiüts pprtearten cier 193ber lun LERpres Uu nnr 2R. 10.20. 3. 4: Lahana rlltt vinen ieb unciuurde uprn inm Funchlagen: das Urtoil wurdt am 112.2 a. n Mriirtenthtilinks]: 2R. Ifi. 2B, 5. Warnr lhert Min un rĩnæm xunt ankæſahren: 13.D. 41. 5. d: das Cunlx Iici Luliuns? vuie hxi nem Unull wn ineimn Eeschſ schMrgt illnks untun. ltunsMussthriltt 1 Fxprrs vu mnirli“ vum Z 11.23, 5.7; DUsvit Vole UbErl lolaris, verolahmmit 5 Jelen m 1 Tocher ard vrr mit Irael Bahani. Kathel ix Ixaut Babani vErhräratrt rScht]. Karhel whrns im lanar 1nan jrechts untenz. L* ſ Se ke. 5 ſile ut 2 * 1 5 an 1 Faule unt Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 IAnu rI oln n Sinw L vnsuz a5 Sen in e F1e err e e e 1. rn 11 ARr nr ES- 4 18 Far „ Lpel Ee E 8.—§ va ah re 1 e urB r. F e 2 nu rt rn utræn 1. 13 Sbee 2 rar r nt Sut u d e 6 ½ SSutr 3 1 Brief-Transkription 1948, letzte Seite O Archiv Roger Arnould nen Sohn, der am 20. April 1938 in Pa- ris geboren wurde, die deutsche Besat- zung in Paris überlebte und in den 1960 er Jahren sich selbst tõtete. Hers? Strasfogel wurde mit dem vier Jahre äl- teren Bruder Hak Strasfogel nach Aus- chwit? deportiert, Qlère alleine, hatte jedoch keine Tochter, sondern nur sei- nen 1930 geborenen Sohn Alexandre zurücklassen müssen. Chaim Herman war kinderlos und unverheiratet. Der zweite ausführlich vom Ver- fasser erwähnte Kamerad im Sonder- kommando ist Leon Cohen, ein 34 Jahre alter griechischer Jude(geb. am 15.01.1910), der eine französische Schulbildung genossen hatte. Auf der let?ten Seite seines Briefs bezieht sich der Verfasser Zum Abschluss auf sei- nen griechischen Kameraden „Cofen“:„PS.- Nach Erhalt dieses Schreihens hitte ich Sie, Frau Ger- maine COFEN Union Bank in Salo- niki(Oriechenland, zu inform ieren, dass Leon mein Schicksal teilt wie er meine Leiden geteilt hat.“ Leon Cohen hatte jedoch überlebt und berichtete in seinem in franzõsi- Scher Sprache verfassten und 1986 erst- mals fragmentarisch und 1906 als Buch verõffentlichtem Uberlebendenbe- richt(„From Creece to Birkenau“, el Aviv 1996, S. 60) von einem Breignis aus dem Jahre 1945:„Nachdem ich nach Jaloniki zurüchgekehrt wan wurde mir hei einem Empfung, an dem der italienische Vaekonsul teilgenom- men hat, von diesem gegenüber mei- nem Schwiegervater und meiner Frau sein tiefstes Miigefiihl ausgedricht er hahe von meinem angeblichen Tod durch ein Bulletin erfahren, das mei- nen Abschiedshrief enthielt, das in Frankreich vom Uherlebenden-Komi- tee herausgegeben wurde. Stellen Sie sich das Gesicht dieses armen Keris von als mein Schwiegervuter ihm in meinem Namen dankte und sich für meine Ahwesenheit entschuldigte, da ich erwus Dringendes zu tun hatte!“ Das erwähnte Bulletin muss nach Cohens Parstellung im Zeitraum zwi- JrvER.FFEVRlFR 1ab Apres Auschwitz sULLRTIE PERIODUE DE L'AMlAlLE DES ARMEIERMs DEPRTES DAUSHvTZ fiiiaitn Ruinns vxs hꝛni rt hriis ꝰulnvsn et Rstithurtz, IU hus lumin. f TA klt. Ia1 — I Kx ihMM Nen frn — — — * —2 „** I . *. r *— ** . 8*— —— * Erete.he- ubi x er mn ka rkurM Er paur mon ae i. F bla duns ue. las ernanr 2 ra. „ n mentn ur, 1 umis qur I ne ubms pu pr Ft poib lilti ds plute st d n is mes durnisrs kdiet en bnmn 1 keur dinl vrue v r swurs innotemment kombes ur Ftcnu- „ 4Weu, viva en puim. „ HFLRLANM.„ „ F.-E.— 4 1n rzcepton ce rettt Je- lru, 2 vus prie daiser Mme Eer main? zphn, Banlk Unitn, a Sa. br. que eeine ut Leon perrtupe neon sbrr eowmnr a parlad es Zurnnn, 3 enr. e cuf., R ke Sprierltattt 3n fe ru. Dainl er Fli Font wioi'rS ausi depula longykemp l'Rvbrat VAol zar anbrt avet routs an fumtle, H„ a an mnbes.„ 1948 im Bulletin abgedruckter Brief„Her- manns, Archiv A. Kilian, Dank an N. Mullier 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer schen März/April 1945(nachdem der Originalbrief vom Finder über die fran- zsische Mission in Warschau seinen Weg nach Paris gefunden hatte) und Anfang 1 946 erschienen sein, als Cohen in Saloniki lebte, da er im Frühjahr 1946 mit seiner Frau und Schwiegermutter nach Frankreich zog und von dort aus Spãtestens im Januar 1947 in die USA auswanderte, wo er bis 1933 blieb. Der Schwiegervater V. Perahia starb am 1. Juni 1955. Ob der Empfang 1953-1955 stattgefunden haben könn- te, ist fraglich. Für den Zeitraum 1945 1046 konnte das Bulletin, auf das sich Cohen bezog, nicht ausfindig gemacht werden. Aerdings wurde der Briefet- wa Zwei Jahre später im Bulletin „Aprés Auschwitz“ No. 19(Ausgabe Januar-Februar 1948) der„Lamicale des anciens déportés dAuschwitz“ in einseitig gekürzter Fassung abge- druckt. In der Finleitung heisst es: „Wir verdffentlichen weiter unten ei- nen Briefß dessen Kopie uns gerade vom Ministerium für Veterunenange- legenheiten zugesandt wurde. Dieser Brief wurde in einer in der Nähe des Krematoriums Nn 2 von Birkenau vergrubenen Flasche gefunden. Er ist mi HERMANN unterschrieben und der Unterzeichner wurden am 2. März T94 aus Drancy deportieri.(..) Die Kecherchen, die das Ministerium durchgefihrt hat, um die Fumilie Her- mann Sowie die genannten Personen zu Rnden, hahen hisher Keine Ergeh- nisse erbrach. Wir würen denjenigen dankhban die uns hei unseren Recher- chen helfen Könnten, uns dies 80 Schnell wie mõglich wissen zu lassen.“ Der Brief lag— dieser Organisation f offenbar doch vor, ½ wie der Adressat ps des Begleitschrei- † bens von 10. Febru- ar 1948 bereits ver- muten ließ, aller- dings nur als Kopie eines Transkripts. Leon Cohen, ca. das am Ende kei- 1947 QJean Cohen nen„HEHRMANN“ als„Unterzeich- ner“ nennt. Auch in diesem Fall ver- ließen sich die Herausgeber des Bulletins auf die Verfasser-Angabe im Begleitschreiben. In seinen Frinnerungen und Inter- views erwähnt Cohen, der im Jahre 1972 schließlich nach Israel ausgewan- dert war, keinen Namen des Verfasser des aufgefundenen Briefs. Allerdings verwechselt er verschiedene Ereignis- 8se miteinander und zieht daraus falsche Schlüsse, wie das auch an zahl-— reichen anderen Stellen seines Buchs und seiner Aussagen der Fall ist. Im In- terview mit Frich Kulka am 7. März 1986(VVA, Record Group P2S, Frich Kulka Archive, File number 103,8. 280) schildert Cohen:„Ich erinnere mich, dass bei einem Transport der vom Ent- kleidungsraum in die Gaskammer be- fohlen wurde, war ein Arzt, welcher ge- nau wusste was ihm bevorsteht. Er verlangte ein Stück Papier und Blei- stift und versprach seine Gefühle bis Zum letzten Atemzug zu beschreiben. Nach der Vergasung wurde tatsächlich seine Leiche mit dem beschriebenen gefunden; der polnische Kapo Kot- Schak nahm das Papier zu sich.“ Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 8TRA3POOQRL Horar 1895 sKR SrRL Tzak 3„5. 91 VarsovlLe Varsovo polon. II7 boul. KHchard Leno1r . 8 pasn. 2t Pſerre Ano1ot Gebrüder Strasfogel-Adressen auf der Deportationsliste 49, Bd.S. Frankreich, 02.03. 1943, 1.1.9.1./ 11182671/0TS Digital Archive, Bad Arolsen In einem dreistündigen Video-In- terview mit Gideon Greif(Regie: Charles Tudor), nur wenige Monate vor seinem Tod im August 1989, gibt Cohen schließlich irrtümlich an, der Brief eines französischen Arztes aus dem Entkleidungsraum wäre begra- ben worden, Spãter von Franzosen aus- gegraben und seinem Schwiegervater in Griechenland übergeben worden. Von seinen Kameraden werden le- diglich zwei Franzosen polnischer Herkunft von Cohen erwähnt: der Ma- ler David Olère(„Holler“) sowie Hers? Strasfogel(„Hert?z“), mit dem er eng verbunden war. Strasfogel sei Cohen zufolge der September-Selek- tion 1944 im Sonderkommando zum Opfer gefallen, anderen Zeugen-Aus- Sagen jedoch erst im November. Olère überlebte, hinterließ jedoch keinen schriftlichen Bericht. In Leon Cohens Buch wird Stras- fogel als„Pariser“ und„Franzõsischer Industrieller“(S. 53 u. 60) bezeichnet. Der Transportliste zufolge wohnte Strasfogel im 11. Pariser Arrondisse- ment, Boulevard Richard Lenoir 117, in exklusiver Nähe des Place de la Ré- publique. Cohen berichtet auch darü- ber, dass er nach dem Krieg in Paris Strasfogels Frau und„Töchter“(der Plural offenbar ein Schreibfehler) be- sucht habe. Der Verfasser schreibt darüber, dass sich seine Frau an den Präsidenten der brüderlichen Sozialleistungsgesell- Schaft(„de notre sociétés de secours mutuel“) wenden solle, um Unterstüt- zung zu erhalten. Offenbar war der Ver- fasser gut vernetzt und mit einflussrei- chen Funktionären bekannt, was an einen engagierten Geschäftsmann wie Strasfogel denken ließe, der wie der im Brief erwähnte„Fabrikant und Fell- händler aus Toulouse“ David Lahana oder auch wie sein griechischer Freund Leon Cohen als angesehener Kauf- mann gute Verbindungen gehabt hatte. Der geschäftssinnige Rat des Verfassers an seine Ehefrau lautet:, Versucht Euch mit einem Stricker zusummenzutun, um alusschließlich aufseine Rechnung zu a- heilen.“ Chaim Herman hingegen war von Beruf Zahntechniker. Die Tochter des Verfassers Aus dem Zusammenhang geschlossen richtete der Verfasser seine Wünsche und Ratschläge an seine einzige Toch- ter, die bereits im heiratsfähigen aber noch nicht im hochschulreifen Alter gewesen sein dürfte:„Es ist mein Wunsch, vie mõge vich v0 friih wie mõg- lich mit einem uden verheiraten, mit der Bedingung, viele Kinder zu haben.“ Der offenbar weitaus jüngeren Ehe- frau(„Du bist noch jung und Du musst Dich wieder verheiraten*) rät er, die Tochter so frũh wie mõglich zu verhei- raten, damit sie auf ein höheres Studi- um verzichten und die Mutter dadurch 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer frei sein könne. Dar- über hinaus bringt der Vater den † Wunsch zum Aus- ½ druck, die Tochter „öge ihr Leben so⸗ Zial und polilisch s0 weiteyfiihren, wie vie ihren Vater gekannt hat“. Diese Formu- Portrait von Hersz lierung könnte auch Strasfogel⸗ ca. 1930, O C. D. J.C., Coll. Charles Figlarz, MXII 10219 als Hinweis auf ei- nen älteren Teena- ger verstanden wer- den, der bereits ein ausgeprägtes politisches Bewusstsein besaß. Mit dem israelischen Historiker Gideon Greif sprach Cohen über sei- ne Begegnung mit der Tochter Stras- fogels, einer jungen Frau, die den Freund ihres Vaters eigenständig durch Paris geführt habe(„Wir wein- len trũnenlos...*, S. 355): „JChn erinnere mich an einen Mann ndmens Strass vogel ſvic. Whrend wir in der Pause im Hof saßen, hat er mich, nach der Befreiung nach Puris zu fahren nd veine Hau zu vuchen. Nach der Be- Feilung war ich auf meinem Wege in die Vereinigten Suaten zu einem Aufenmal in Puris gezwungen. Es gah damals nicht geniigend Schiſfe, und es wur nicht leicht, dorthin zu gelangen. Auf jeden Iall Konnte ich seine Vochter außpüren. In ihnrer Wohnung suh ich das Porträt- ſolo ihres Vaters. Sie fragte mich, oh wir in Alusch witz Freunde gewesen seien. Jch vgte Ja. vie fihrte mich durch Puris und hal mich, bei innen zu hleiben.“ Die Begegnung in Paris fand etwa zwei Jahre nach der Entstehung des Briefs aus Birkenau statt. Die Tochter Strasfogels war offenbar noch nicht verheiratet. Sie dürfte aber in dem Al- ter gewesen sein, das der beschriebe- nen Jochter des Verfassers entsprach. Die Verbindung Figlarz- Strasfogel Der Verfasser macht in seinem Brief zahlreiche Angaben zu Bekannten und Freunden, aber auch zu Kameraden, die Verbindungen zu ihm herstellen lassen und eine namentliche Identifizierung ermöglicht:„Unter den Polen ist ein Piglary(oder Figlaaz), der ein Verter vom Vater linseres Figlarz ist(...)“ (wahrscheinlich einheitlich Figlarz). Figlar? ist der dritte im Brief namentlich benannte Sonderkommando-Kamerad des Verfassers. Die Namen der Kame- raden führen zur Lösung der wahren Urheberschaft des Briefs aus Birkenau. Vor etwa sieben Jahren stellte Char- les Figlar? ein Porträt Hers?z Strasfogels aus der Zeit Anfang der Dreißiger Jahre zur Verfügung. Diese Fotografie wird im Archiv des C. D. LC.(Zentrum für zeit- genössische jüdische Dokumentation in Paris) in der Sammlung Charles Figlarz verwahrt. Das Foto hatte er von seiner Mutter. Hers? Strasfogel war ihr Bruder. Auf die Frage, wie die Tochter seines Onkels hieß, antwortete Charles Figlarz in einem Telefonat prompt:„Simone“. Simone jst der im Brief sechs Mal er- wähnte Name der Tochter des anonym- en Verfassers. Simone Strasfogel wurde von Chlona(geb. Winicka) am 21. Janu- ar 1927 in Wilna geboren, heiratete 1949 und starb vor etwa einem Jahr. Als Todesdatum Strasfogels wird vom C. D. C. der 15.11.1944 angegeben. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 Namensliste Lager Drancy, Abfahrt 02. 03. 1943, Seite 49, 1. 1.9.1./ 11189489/ ITS Digi- tal Archive, Bad Arolsen Mit Beschluss des franzqsischen Staats- sekretärs für Veteranenangelegenhei- ten vom 28. Juli 2003 wurde als Todes- datum Strasfolgels„November 1944“ festgelegt. Das genaue Todesdatum ist jedoch unbekannt, Zzumal selbst nach einer Selektion am 26.11.1944 mit anschlie ßender Deportation nach Groß Rosen unklar jst, an welchem Jag die Sonderkommando-Hãäftlinge dort er- mordet worden waren. Als der Brief am 6. November 1944 zu schreiben begon- nen wurde, war Strasfogel Zeugen- berichten Zufolge noch am Leben. Die untrennbare Verbindung zwischen Leon Cohen und Hers? Strasfogel(der Schlüssel für die Bestimmung der Autorenschaft) Die abschließenden Worte des Verfas- Sers des auf dem Krematoriumsgelän- de ausgegrabenen Briefs in franzõsi- scher Sprache über seinen Freund „Leon Cofen“ ſsic),„dass Leon mein Schicksal teilt, S0 wie er auch meine Lei- den geteilt hat“, bestätigen die enge Ver- bindung, von der Leon Cohen in sei-— nem Buch schreibt(Cohen, Birkenau, S. 60 61):„Hertz ßic und ich wuren unzertrennlich und wir sprachen oft iher die Verguangenheit und üher eine hessere Zuhkunft. Wir hatten uns sogar versprochen, dass wir uns einmal im Jahr mit unseren Familien treßfen und einen Schönen Urlauh zusammen ver- hringen würden. Sollte jedoch nur einer von uns diese Jortur durchstehen, wür- de der Uherlebende die Familie seines Geſũhrten besuchen und ihnen alles er- zdhlen, was geschehen wan Nach dem Krieg hahe ich mein Wort gehalten und auf dem Weg nach Ameriha im Jahr T946 hielt ich in Paris an, um Hertzs ſic Frau und Tõchter ſvic zu Rnden. Sie luden mich zu vich nach Hause ein und vir weinten zusummen, als ich sein Foto auf dem Kaminsims Suh.* Beide Männer legten füreinander Zeugnis ab und hielten sich an ihr Ver- sprechen, die Angehörigen des Freun- des zu verständigen: Der ermordete Verfasser des Briefs durch den glück- lichen Umstand, dass der Brief gefun- den und tatsächlich indirekt inhaltlich per Stiller Post weitergeleitet worden war, sowie Leon Cohen als einer der wenigen Sonderkommando-Uberle- benden durch seinen Besuch bei der Witwe und Jochter Strasfogels in Paris. Schlussfolgerung und Zusammenfassung Wenig überZeugend wäre es, wenn Co- hen seinen Pariser Freund und Schick- Salsgefährten, der ihn selbst in seinem berüũhmt gewordenen und hãufig zitier- 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Herman Strasfogel, ca. 1941,(c) Claude Richard(CC BV-NC-SM 2.0) ten testamentarischen Brief erwähnt hat, in keinem einzigen Augenzeugen- Bericht beim Namen genannt hätte. Die einzige Person, auf die alle Zuord- nungsmerkmale zutreffen, ist Hersz Strasfogel, der im Jahre 1895 in War- schau geboren worden und zum Zeit- punkt der Niederschrift seines Briefs 49 Jahre alt war. Er ist höchstwahr- Scheinlich der wahre Verfasser des im Februar 1945 auf dem Gelände von Krematorium II(III) aufgefundenen Manuskripts, das als Abschiedsbrief Chaim Hermans bekannt geworden ist. Unglücklicherweise konnte Leon Cohen nicht wissen, auf welchem Weg Ssein letzter Gruß in den Brief aus dem Krematorium gelangte und deshalb kei- ne Zuverlãssigen Aussagen darüber tref- fen. Sein franzõsischer Freund hatte ihn offenbar in Eile und streng geheim oh- ne dessen Kenntnis verfasst und in einer alten Aschegrube verscharrt:„Verzeiht mir meinen chaotischen Jext vowie mein Hramnzöisch. Wenn ihr wisstet, unter wel- chen Umständen ich Schreibe“ Weiter- führende biografische Recherchen zu Hers?z Strasfogel könnten zukünftig zu- Sätzliche Anhaltspunkte oder Indizien für seine Autorenschaft liefern.* An Chaim Herman erinnert sich kein Zeu- ge aus dem Sonderkommando und über seinen Arbeitseinsatz im Sonder- kommando ist nichts bekannt. Berücksicht werden sollte im Hin- blick auf Chaim Hermans Schicksal auch die Diagnose seiner Lungen- erkrankung, die aus dem Fintrag vom 3. Juli 1943 im Röntgen-Befund-Buch des Häftlingskrankenbaus Auschwitz hervorgeht. Weder ist die Diagnose mit dem Briefinhalt in Einklang zu bringen, noch ließ sie eine hohe Lebenserwar- tung unter den unmenschlichen Lager- bedingungen zu. Zudem war Chaim Herman bereits nach elf Wochen Inter- nierung am 4. November 1941 wegen Erforscht werden konnte bislang, dass Hersz Strasfogel offenbar mit seinen Fltern Hirsch(geb. 1845 in Warschau) und Rachel(geb. 1848, geb. Grosfater) und den meisten der in Warschau geborenen vermutlich neun Brüder und drei Schwes- tern im Jahre 1900 nach Paris kam. Die Eltern gründeten in der Rue des Rosiers 23 das erste jüdische Restaurant. Herszs fünf Jahre ãlterer Bruder Schmaya wurde mit seiner Frau Fraidla mit dem 48. Hansport aus Drancy bereits drei Wochen vor Hers? und Hak nach Auschwitz deportiert. Sein 14 Jhre älterer Bruder Jacob wurde mit seiner Frau Esther mit dem 67. Hansport aus Drancy am 3. Februar 1944 nach Auschwitz verschleppt. Die Ehefrau von Bruder IZak war bereits 1928 in Paris. verstorben. Hers? wurde gemeinsam mit Hak am 21. Februar 1943 in Prancy inhaftiert. In seinem Brief beschreibt er, wie er kur? vor der Verhaftung seine Tochter am 17. Februar 1943 mit seinem Bekannten Vanhems weggehen sah. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 —“—à——* 4½ ——— „— Der Museumsnaggon i in der Gedenkanlage des Sammellagers Draney- inmitten des Ge- bãudekomplexes, in dem die internierten Juden vor ihrer Deportation untergebracht waren. Odemen aus gesundheitlichen Grün- den aus Drancy entlassen worden. Fin weiterer Schlüssel zur Identifi- zierung des Verfassers kõönnte auf dem Grabstein eines Familienkreises auf dem Pariser Friedhof Bagneux zu fin- den sein. Darauf steht:„zum Geden- Ken an ihre Hamilienmitglieden die bei der Deportation 1424 starben*. Unter den zahlreichen darunter ste— henden Namen befindet sich folgende Angabe:„Strasfogel Herman 49 Jahre alt“ Daneben ist ein jüngeres Foto Strasfogels zu sehen, das der Person auf dem im C. D. NC. archivierten Foto Strasfogels sehr ähnelt. Auch Hers? wurde mit 49 Jahren ermordet. Auf ei- ner Namensliste aus Drancy wurde (offenbar irrtümlich) der Name „Meinz“ vermerkt, was das Führen ei- nes naturalisierten Namens belegt. Der in Auschwitz-Birkenau aufgefun- dene Brief könnte insofern tatsächlich mit Hers?s naturalisierten und auf dem Grabstein dokumentierten Na- men„Herman“ unterschrieben wor- den sein, was eine weiterer Hinweis auf Strasfogels Autorenschaft sein würde. Informationen der Enkeltoch- ter Zufolge sei die Familie im Besitz ei⸗ nes Briefs aus Auschwitz. Sollte es sich hierbei um den Brief vom 6. Novem- ber 1 94d handeln, was anzunehmen ist, könnte die Urheberschaft Hers? Strasfogels zweifelsfrei nachgewiesen und der Verbleib des bislang verschol- lenen Originals im Nachlass von Stras- fogels Witwe und JTochter restlos auf- geklärt werden. Zu klären bliebe jedoch noch, auf welchem Weg der Brief in den Besit? der Familie ge- kommen war. Hers?z Strasfogel sollte 74 Jahre nach seiner Ermordung als mutiger Chronist und Widerstandsaktivist im Sonderkommando Auschwit? aner- kannt sowie für seine Leistung, schrift- liches Zeugnis im Angesicht des Todes abgelegt zu haben, gewürdigt werden. Dies wãre eine lãngst überfãllige Geste, die für seine Familienangehörigen und Nachkommen keinen Trost, aber eine wertvolle Erinnerung und bedeutsame Anerkennung bedeuten könnten. STUDIENFAHRTEN 2019 Termin I: 23.- 29. April 2019 Termin II: 2.- 8. Oktober 2019 Rundgang im Stammlager Auschwitz Rundgang im Vernichtungslager Birkenau Gesprãche mit Uberlebenden Besuch in Archiv und Kunstsammlung der Gedenkstätte Auschwit? Besuch in Krakau(Führungen durch Kazimier? und das ehemalige Ghetto) Kosten: 750 Euro(Flug, Unterkunft, Mahlzeiten, Eintritte, Honorare) ermãäßigt: 350 Euro(auf Antrag für Studierende, Schülerinnen und Schüler Sowie Menschen mit geringem Finkommen) Auskünfte und Anmeldungen für alle Termine bei Uwe Hartwig, E-Mail uwe. fvhartwigSweb. de, Telefon(06002) 7403 Die Studienfahrten sind als Lehrerfortbildung und als Bildungsurlaub anerkannt. Das I6 Farben-Haus und das Norbert Wollheim Memorial Das I6 Farben-Haus, heute Sitz der Goethe-Universität Frankfurt/ Main, zeugt von den verschiedenen Ftappen des 20. Jahrhunderts: Hier war der einst weltgrößte Chemiekonzern ansässig, der in den 1930er und 1940er Jah- ren zunehmend mit dem Nationalsozialismus kooperierte und sogar ein fir- meneigenes Konzentrationslager in Auschwitz betrieb. Nach 1945 diente das I6 Farben-Haus fünf Jahrzehnte lang der US-Armee als europäisches Haup- tquartier. Offene Führungen finden am Samstag, 17. November, und am Samstag, 15. Dezember, statt. Treffpunkt ist jeweils um 15 Uhr am Norbert Wollheim Pavillon auf dem Campus Westend. Zugang zum Pavillon über die Fürsten- berger Straße und den Frit?-Neumark-Weg. Die Führung über das Gelãnde stellt neben der Konzerngeschichte der I6 Farbenindustrie auch die der ehe- maligen Zwangsarbeiter vor und zeigt, wie die Sichtweisen von Managern und Verfolgten in der Nachkriegsgeschichte im Prozess Norbert Wollheim gegen die I6 Farben aufeinandertrafen. Die Website www. wollheim-memorial. de beinhaltet u. a. Video-Interviews mit Uberlebenden des Konzentrationslagers Buna-Monowitz.