LAGERGEMEINSCHAFT AUSCHWTZ AUDSCHMWTZ FREUNDESKREIS DER AUSCFHWTAZER — Auschwitz war das Ziel vieler Deportations?Zige. Sie brachten aus fast allen europã- ischen Ländern die zur Vernichtung bestimmten Menschen in das größte deutsche KZ. (Beim Bild handelt es sich um eine Fotografie von einer Karte im Stammlager.) 37. Jahrgang Mitteilungsblatt, Dezember 2017 Inhaltsverzeichnis Seite „Mein schönstes Weihnachten“- Lieselotte Thumser-Weil 1 Ein grauenvoller Tag unterm Weihnachtsbaum Hermann Reineck 4 Weihnachtsspende 2017 5 Das Bedauern nicht gefragt Zu haben-Agnes Grunwald- Spier 8 Wiedersehen nach 70 Jahren-Chana Weingarten trifft Irude Simonsohn 9 EFine Lüge rettet Chanas Leben 11 Als Siebenjährige im„Wartezimmer des Todes“- Pdith Erbrich 12 Sollte am am 9. Mai 1945 vergast werden Getarnt als Ferienkind cChristliche Tante beschützte Andrei Dorobantu 14 Jugendliche im Konzentrationslager 16 Maurice Cling-ein Kind in Auschwitz 17 vVW und die Ofen von Birkenau 20 Zwei Bauernhäuser in Birkenau 21 Entzifferung des„Unbeschreiblichen““ Marcel Nadjarys Brief 26 Der Auschwitz-Häftling Alberto Errera 29 Impressum: Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer 35516 Münzenberg, Freiherrvom-Stein-Str. 27 Vorsitzender: Uwe Hartwig, 61230 Ober-Mörlen, Usinger Str. 7 (Korresponden? bitte an diese Adresse) Internet: www. lagergemeinschaft-auschwitz. de Redaktion: Hans Hirschmann, Iel.(06101) 32010 Bankverbindung: Sparkasse Oberhessen IBAN DE43 5185 0079 0020 0005 03; BIC HELADEFIFRI Bei Spenden bitte Adresse deutlich schreiben, damit die Bescheinigung für die Steuererklärung zugeschickt werden kann. Bitte bei Umzũgen neue Adresse und Anderungen der Bankverbindung mit- teilen. Es erspart Arger, Zeit und Geld bei Bankeinzügen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 Heiligabend 1 944 im KZ Ravensbrück hat Lieselotte nie vergessen „Mein schönstes Weihnachten“ Am 20. November wäre Lieselotte Thumser-Weil hundert Jahre alt geworden. Ge- storben ist die Uberlebende des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück 1993. Die let?ten Jahre ihres Lebens war sie Vorstandsmitglied unserer Lagergemein- Schaft Alschwitz. Sie hat uns alle und besonders viele Jugendliche nachhaltig be- eindruckt, denen sie ihr Schicksal erzählte. Obwohl ihr dies alles andere als leicht gefallen ist, hat sie sich doch gefreut, dass wir ihre Geschichte hören wollten und unsere Lehren daraus für die Gegenwart und die Zukunft zu ziehen versprachen. Dass sie ihr schönstes Weihnachten ausgerechnet während ihrer KZ-Haft in Ravensbrück erlebt hat, hat sie in einem langen Interview Nutta von Freyberg und Ursula Krause-Schmitt vom Studienkreis Deutscher Widerstand in Frankfurt berichtet. Ausschnitte daraus sind in einer früheren Ausgabe unseres Mitteilungs- blattes schon einmal abgedruckt worden. Lieselottes hunderster Geburtstag ist nun Anlass für eine Wiederholung ihrer eindrucksvollen Schilderung. „Mein schönstes Weihnachten, mein allerschönstes Weihnachten, vom Klein- kindalter bis zum heutigen Tag, war Weihnachten 1944. Es gab schon nicht mehr genug zu essen. Die Fenster in der Baracke waren kaputt. An der Tür hing eine zerrissene Kolter, weil die Türfül- lung von irgendjemand eingetreten wor- den war. Wir hatten 44/45 in Ravens- brück chaotische Zustände. Es sind von allen Lagern Menschen zu uns gekom- men, sie wurden teilweise wieder in an- dere Lager weggebracht, aber sie kamen erst Zu uns nach Ravensbrück. In diesem heillosen Durcheinander hat man gelebt wie die Tiere. Wir lagen zu fünft oder sechst in einer Stellage, ich habe das Kartoffelhurte genannt: eine dreht sich um, die ganze Kolonne muß sich mit um- drehen, Kopf oben, Kopf unten, Füße oben, Füſe unten. In diesem Ding lagen wir und es war Heiliger Abend. Ich kann nicht mehr sagen, ob wir vorne am La- Lieselotte 1993 in Auschwitz bei einer Stu- dienfahrt mit Jugendlichen einer Dietzen- bacher Schule.(Foto: Barbara Kratz, Stu- dienkreis Deutscher Widerstand) * Das gesamte Interview ist nachzulesen in„Informationen'', Nr. 37/38, Nov. 1993, Hrsg. Studienkreis Deutscher Widerstand. Internet: www widerstand-19331943. de; dort kõnnen auch noch Kopien des Heftes bestellt werden. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer gerplat? einen Christbaum hatten oder nicht, das war für mich ohne Belang und ohne Findruck, sonst hätte ich es behalten. Plõtzlich, es war schon dunkle Nacht, kamen drei Frauen in Rupfensäcken und mit einer Kerze, die hat gebrannt, und sie sangen auf russisch Weihnachts- lieder mit so viel Kraft. Ich habe in meiner Baracke gekniet und nur nach den Gesichtern ge— guckt, die Hränen liefen mir übers Gesicht. Das dauerte zehn Minu— ten, mehr nicht. So heimlich, wie sie gekommen waren, gingen sie wieder. Ob sie noch zu weiteren Blocks gegangen sind, weiß ich nicht. Zehn Minuten herrliche Klänge, wunderschön. Uberall Zerstörung, alles kaputt, überall Elend, Du selber bist ausgehun- gert: Da stehen nun drei Men- schen und bringen Dir eine Freu- de-für mich war das das Licht des Lebens. Wenn die drei Frauen beim Klauen des Rupfensackes er— wischt worden wären, wären sie er- *— „— 2 1 — —— — . —— — V — Lieselotte bei der Auseinandersetzung um den Börne-Platz in Frankfurt am Main im Jahr 1987. (Foto: Studienkreis Deutscher Widerstand) schossen worden, wenn sie erwischt worden wären, wie sie sich die Kerzen beschafft haben, wären sie erschossen worden, wenn sie nach zehn Uhr auf der Lager- straße erwischt worden wären, wären sie erschossen worden oder mindestens in den Bunker gekommen. Und wenn Du all diese Dinge zusammenzählst: diese drei Frauen riskierten das, nur um anderen Hoffnung zu ge- ben und Freude. Gibt es etwas Schöneresꝰ? Ich habe später mit Lieselotte und Hermann Reineck, 1996 bei der Feier von Hermanns 75. Geburstag in Laubach. meinen Kindern Weihnachten gefeiert. Aber das ist Schablone Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 8 geblieben. Das war mein schönstes Weihnachten und ich träume heute noch davon. Und wenn ich vor dem Christbaum bei meiner Tochter stehe, dann sehe ich nicht den Baum, sondern meine drei Russinnen. Ich weiß bis heu- te nicht, wer sie waren. Kein Mensch weiß es. Ich spreche auch mit nieman- dem darũber. Es ist mein Heiligtum. Und alle diese Dinge haben Dir Hoffnung gegeben. Da hast Du Dir gesagt, die können Dir alle nichts an- haben. Du schaffst es. Du glaubst ja nicht, zu welchen Hilfsmitteln man greift. Ich persönlich habe mich ein— fach in Fräume eingesponnen. Da konnte um mich passieren, was wollte, das habe ich gar nicht wahrgenom- men. Finfach abschalten, den Weg zu sich selber suchen. Aber das Ganze hatte auch eine sehr negative Seite. Du hast es schwer mit dem Umfeld, mit Dir selber, Dich bei anderen wieder einzufinden.“„ Lieselotte Thumser-Weil hat sich gegen den Willen ihres Vaters, eines über- zeugten Nazis, als Krankenschwester ausbilden lassen. In einem Heim hat sie danach behinderte Kinder betreut. Als sie sich weigerte, diese für die Hrans- porte in die Euthanasie-Todesanstalten„versandfertig“ zu machen, wurde sie als Krankenschwester an die Ostfront dienstverpflichtet. Zuvor hatte sie in ihrem Geburtsort Schwäbisch Gmünd bereits jüdischen Nachbarn zur Fucht in die Schweiz geholfen. Während eines Heimaturlaubes half sie Zwei aus dem K?Z Dachau geflohenen Häftlingen, ein Versteck zu finden. Dies flog auf und Lieselotte wurde ins KZ Ravensbrück deportiert. In dem Interview mit Jutta von Freyberg und Ursula Krause-Schmitt(iehe Seite 1) berichtete Lieselotte sehr ausführlich über die Konflikte mit ihrem Na- zi-Vater und viele weitere Stationen ihres Lebens. Nun würdigte Ursula Krau- se-Schmitt erneut Hieselottes Widerständigkeit gegen die Euthanasie-Verbre- chen und das gesamte Nazi-Deutschland in einem Beitrag, der im aktuellen Heft der vom Sudienkreis Pelscher Widerstand 7053. 104 in Frankfurt herausge- bebenen„Informationen? zu finden ist; es ist die Nr. 86, November 2017. Die let?zten Jahre ihres Lebens wohnte Lieselotte in Frankfurt/ Main. 1992 hat ihr die Stadt die Johanna-Kirchner Medaille verliehen. Sie erzãhlte uns spã- ter, dass sie nur wenige Minuten vor der Ubergabefeier eine Begegnung hatte, die ihr mindestens ebenso wichtig war, wie die Aus?eichnung selbst: Lieselotte hatte sich verspãtet und musste ein Taxi nehmen. Als die junge Taxifahrerin das Ziel hörte, fragte sie, ob da nicht die Verleihung stattfindet, über die gerade im Radio eine Nachricht gebracht wurde. Lieselotte bejahte und beantwortete auch einige weitere Fragen. An der Paulskirche angekommen, stellte die Fah- rerin das Taxometer auf Null und sagte sich verabschiedend, sie würde sich schämen, wenn sie von Lieselotte Fahrgeld annehmen würde(iehe Nachruf im Mitteilungsblatt August 1995). Hans Hirschmann 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Für Hermann Reineck war Weihnachten kein Festtag mehr Ein grauenvoller Tag unterm Weihnachtsbaum Für Hermann Reineck, Auschwitz- Häftling Nr. 63.387 und Gründer un- serer Ldgergemeinschaft und des HrelundesKreises, war Weihnachten ein Greuel. Nur einmal sei es ihm gelun- gen, sich nach seiner Befreiung über das Fest zu freuen: Das war 1945, als er mit bescheidenen Mitteln,„mit So ei— nem Kleinen Bäumchen.., aber end- lich frei von allem Druckꝰ habe feiern können. Warum das in all den Jahren danach nicht mehr ging, hat er in ei- nem Interview beschrieben, das der Westdeltsche Rundfunk(dr) am 24. Dezember 1995 sendete. Passagen daraus hat er im Mitteilungsblatt Nr. 9 (Dezember 1986) abgedruckt, die hier nun wiederholt werden: „Wenn ich daran denke, dann kom- men immer diese Weihnachten 1 942 in meine Erinnerung an Auschwitz. Die SS hatte einen Weihnachtsbaum auf— gestellt vor dem Küchengebäude, und alle Häftlinge waren angetreten, es war Appell, und dann hat man- dieser Weihnachtsbaum war mit elektrischen Kerzen beleuchtet-Häftlinge, die ganz abgemagert waren, wir sagten zu ihnen Muselmänner, also so lebende Skelet- te, die brachte man dann herbei und hat sie unter diesen Weihnachtsbaum gelegt. Sie waren so schwach, daß sie nicht mehr gehen konnten. Und dort unter dem Weihnachtsbaum- es war bitterkalt, ich weiß das noch ganz ge- nau, wir haben damals 34“ Minus ge- habt, und dann hat die S8 befohlen, ei- ne Kette zu machen, und Häftlinge mußten Wassereimer herbeibringen. Und dieses Wasser wurde auf die dort am Boden unter dem Weihnachtsbaum Liegenden gegossen. Der Appell dau- erte etwa zweieinhalb Stunden. Und danach war das wie ein Fisblock, in dem die Häftlinge eingefroren waren .. Und außer diesem Weihnachten 1945, weil das eben diese Lösung von diesem ungeheuren Druck war, habe ich eigentlich Weihnachten nie mehr als schönen Feiertag empfunden. Ich kann seitdem Weihnachten nicht mehr feiern, wie das andere machen, das geht nicht mehr.“ Lagergemeinschaft v7 AUSCLKVMWTZ KrrCtrt/eoltrrig r AUSCMMER e. —— —* ——— klr.9 kſtellungsblan bezemder 36 —-——————ꝛ ————„——— Nitel des MBs vom Dezember 1986. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 Vielen Dank für Ihr Interesse und Ihre Unterstützung Weihnachtsspende 2017 Während der Studienfahrt im Ok- tober dieses Jahres war es das erste Mal, dass wir nur für den Aufenthalt in Auschwit? einen ehemaligen Häft- ling(es war Prof. Waclaw Dlugobor- ski) für ein Gespräch gewinnen konn- ten. In Krakau ist, wie bereits im Mit- teilungsblatt vom September berich- tet, unser bisheriger Gesprächspart- ner Emanuel Elbinger im Sommer gestorben. Seine noch lebenden Ka- meraden sind schon seit längerem krank und nicht mehr in der Lage, bei einem Zusammentreffen mit unseren Fahrtteilnehmern zu berichten. Auch wenn es immer weniger Uberlebende der Konzentrationsla- ger gibt, haben wir wieder einen Ge- samtbetrag von rund 10.000 Buro nach Polen an die dortigen Vereini- gungen der NS-Opfer überwiesen. Denn trotz geringer werdender An- zahl der Uberlebenden ist der Bedarf für deren medizinische und pflegeri- sche Betreuung veständlicherweise gestiegen. Deshalb bitten wir auch in diesem Dezember um eine Weihnachtsspen- de, mit der wir dieser Aufgabe weiter- hin nachkommen können, solange es noch möglich ist. Dies ist sicher auch im Sinne der verstorbenen Hãftlinge, die uns allen, insbesondere den Teil- nehmern der Studienfahrten, über ihr Verfolgungsschicksal und das ihrer ermordeten Familien und Kameraden berichtet haben. Dieses uns entgegen- gebrachte Vertrauen war alles andere als selbstverständlich. Neben der direkten Unterstüt— zung ehemaliger KZ-Häftlinge hat unser Verein mit Ihren Mitglieds- beiträgen und Spendengeldern auch anderweitige Aufgaben finanziert oder beZuschusst. Die verschiedenen Finladungen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie von Autoren, die sich mit dem Holocaust und den Fol- gen bis in unsere heutige Zeit hinein beschäftigen, sprechen für sich(iehe die Seiten 8— 15). Auch sei erwähnt, dass wir hin und wieder Zuschüsse an Menschen verge- ben haben, die an„unseren Themen“ arbeiten. Dem Förderverein für die AM gendbegegnungsstätie in Oswiecim ha- ben wir eine Zweckgebundene Spende überwiesen für ein deutsch-polnisch- ukrainisches Seminar in der Gedenk- Stätte, für das die Mittel für die ukraini- Sche Seite fehlten. Im vorigen Jahr ha- ben wir einer Lehrerin einen Zuschuss gewährt, die eine Klassenfahrt nach Auschwit? mit der Erstellung einer 5f- fentlichen Ausstellung ausgewertet hat. Fin besonderes Freignis in diesem Jahr war die Teilnahme am Konvent des Internationalen Auschwitz-Komi- tees(VAXK) im August in Auschwit?z. Das IAK hatte als Thema gestellt, wie es weitergehen solle mit der Bewah- rung der Brinnerung an Auschwitz und wie die nachfolgenden Genera- tionen in diese Arbeit einzubeziehen 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Sie berichteten auf Finladung der LGA bei der Ta- 1 gung des Internutionulen Auschwitz-Komitees über ter auch einige hochbetagte ihre Projekte:(im Uhrzeigersinn) Rafi Vablonski, Lisa Gehrlein, Tobias Reckeweg und Andreas Kilian. seien. Wir haben deshalb vier jüngere Menschen von außerhalb des Vorstan- des Zu diesem Kongress eingeladen. Mit dabei war Andreas Kilian, ehe- maliger Freiwilliger in der Jugendbe- gegnungsstätte und durch seine fun- dierten Artikel u. a. in unserem Mit- teilungsblatt bekannt. Andreas lernte in den 1900er Jahren noch Uberleben- de des jüdischen Sonderkommandos kennen und begleitete sie bei ihrer Spurensuche in Auschwitz. Vor allem die Sonderkommandos sind noch heute sein Forschungsgebiet. Lisa Gehrlein beschäftigt sich als Psychologin mit der die Generatio- nen überschreitenden Weitergabe von Traumata der Uberlebenden. Sie hat dazu Interviews u. a. mit Anita Lasker-Wallfisch und de- ren Tochter geführt und darü— ber verõffentlicht. Tobias Reckeweg arbeitet zu den jüngsten Auschwit?z- Prozessen nach der juristi— schen Neubewertung der Tä— terschaft in Folge des Demjan- juk-ProZesses(siehe Mittei— lungsblatt vom Dezember 2016). Bei seinen Recherchen in Kanada traf er auf Rafi Vablonski, einen Enkel von Auschwitz- Uberlebenden. Alle vier haben beim Kon- vent des IAK ihre Arbeitsbe- reiche vorgestellt. Dies war nicht nur für sie selbst, sondern auch für ihr Publikum, darun- Uberlebende, ein sehr emotio- nales Erlebnis. In diesem Zusammenhang soll aus dem Pressebericht des IAK zur Tagung zitiert werden:“Bewlsst hatte vich das A K ſir diese Generalversummilung ne- hen den Berichten aus der Arheit der Migliedsldänder eine Pehatte des „Ubergangs“ vorgenommen, die die ZliMiinftigen Schwerpunlkte des Engage- menis des Komitees diskutieren und Weichen flir eine Ergdinzung des Prdsi- diums des IAK durch jngere Mitglie- der vtellen sollte Noah Klieger(ſydel), Pvd Hnhidi(Ungarn), Esther Bejarano (Deltschland), Prof Felir Kolmer (Vchechien) und Marian NursMi(Po- len) beschrieben in ihren Slellungnah- men und berichten als Uberlebende Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 vOn Ach wilz ehenso wie Henri Gold- heyrg(Briissel) nicht nur ihre Prfahnrungen aus 2ahlrei- chen Ge- prdichen mit jungen Men- chen in der ganzen Welt vondern vor allem ihre As- vozZiationen und Uberlegungen ange- Sichts des wuchsenden Populismuis in vielen Ldndern, der sich zunehmend in autoritũren Bewegungen widerspiegelt nd in eine Spruche des Hasses nd der ntolerunz miindet. Marian Vuli stell- le in diesem Zusummenhang die Hrage, die alle Uherlebenden umtreibt„Wie lange vind wir noch in der Lage zu ru ſen, einzuschreiten und uns gegen Ver- ſeilschungen und Hdss zu wehren?“ Pr hetonte. Never more- das meint helute vor allem die Auseinanderetzung lim das Penken der Menschen zu fihren, ind er ſiigie hinzu Es wur unsere Aluf⸗ gahe nach dem Holocaust, nach dem ſast vollstindigen Verlust unserer Humi- Marian Turski 5 w2. — Holocaust-Uberlebend e Eva Fahidi. Rechts: Christoph Heubner, Geschäftsführender Vizepräsident des IAK. lien nd unserer Welt, eine entsetzliche ind große Leere zu flillen. Diese Aſgd- he- die Leere zu heschreiben und sie mit Analysen lind Erinnerungen zu flil- len geht jelzt auf die ndchste Generuti- on üben Dieser Blick in die Zukunft hat auch unseren Vereinsgründer Herr- mann Reineck angetrieben, Mitstrei- ter unter den Nachgeborenen zu fin— den. Insofern fühlt sich die Lagerge- meinschaft der Aufforderung von Ma- rian Turski seit jeher verpflichtet. Noch vor Weihnachten treffen wir mit der Internationalen Mugendbegeg- nlngsstätte in Oswiecim eine Verein- barung, nach der wir zwei Uberleben- de der Konzentrationslager Ausch- wit? und Ravensbrück mit einer mo- natlichen Zuwendung im Jahr 2018 unterstützen werden, um deren not- wendige Betreuung abzusichern. Die korrekte Verwendung dieser Gelder wird vor Ort von uns bekannten Ver- trauten organisiert und garantiert. Solche unmittelbare persönliche Unterstüt?ung war immer auch Be— streben von Hermann Reineck. In diesem Sinne danken wir allen Mitgliedern, Freun- dinnen und Freunden sowie Unterstützerinnen und Unter- stützern für ihr Interesse und ihre Zuwendungen. Wir wünschen Ihnen allen friedvolle Weihnachtstage, Gesundheit, einen guten Jah- resausklang und viel Energie für das kommende Jahr 2018. Der Vorstand der LGA 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Bedauert nicht gefragt zu haben Agnes Grunwald-Spier ignorierte lange ihre Familiengeschichte Die Holocaust-Uberlebende war vom 3. bis 7. Oktober auf Einladung der I GA zu einer Vortragsreise in Hessen. Sie hat in der Ortenberger Gesamtschule Konradsdorf und an der Gießener Ostschule gesprochen und an der Universität Gießen bei einer õffentlichen Veranstaltung in Kooperation mit der Arbeitsstelle Holocaustliteratur. Agnes Grunwald-Spier und LGA Vorstandsmit- glied Wolfgang Gehrke in Gießen. Sie habe„durchaus Schldgefiihle, liherleht ⁊l haben Zitiert die Reporterin des Kreisanzeigers Büdingen, was Agnes Grunwald-Spier den Jugendlichen in Konradsdorf eingestand. Ihr gehe es dar- um, die einzigartige Schrecklichkeit während der NS-Zeit bewusst Zzu ma- chen. Deshalb berichte sie darũber und hat bisher zZwei Bücher geschrieben: The Omer Schindlem. Wh) some people Cho- ve 10 sdve ihe Jews in ine Holoculst han- delt von Menschen, die Juden das Leben gerettet haben und bei Who Betrayed e Jews Ve Reulities of Nazi Feecution in me Nolocuust geht es um Menschen, die Nuden verraten haben. Agnes Grunwald-Spier wurde im Juli 1944 in Budapest geboren. Im Ater von nur vier Monaten wurde sie mit ihrer Mutter Leona Grunwald in das Ghetto der ungarischen Hauptstadt deportiert. Dort wurden sie im Januar 1945 be- freit, nachdem sie zuvor nur knapp einem Nansport in die Ungewissheit entkommen waren. Ein ihr bis heute unbekannter Mann verhinderte, dass Mutter und Kind getrennt wurden. Ihr Vater war da bereits Zur Zwangs⸗ arbeit an die Ostfront deportiert worden, als Minensucher.„Meine Muller mlss damals sehr sturi gewe- Sen Sein, ob wohl sie eine Kleine Pemon wen Sie slillle mich, ob wohl es Kaum zl essen gah“, berichtet Grunwald-Spier. Zwei Jahre nach Kriegsende siedel- te die Familie nach England über, wo Agnes Grunwald-Spier heute noch lebt. Ihr Vater nahm sich 1955 das Leben, und die Tocher bedauert, dass sie ihn nie nach seinen Erlebnissen als Minen- sucher an der Front gefragt hatte. Sie Selbst habe mehrere Jahrzehnte ver- sucht, ihre eigene Geschichte und damit auch die der Eltern zu ignorieren. Erst mit 51 Jahren begann sie, sich mit die- sem Thema und auch ihrem eigenen Schicksal auseinanderzusetzen. Anlass hierzu war eine Ausstellung zu Anne Frank in England und das erwachende Bedürfnis, ihren drei Söhnen mehr er- zãhlen zu können. Sie nahm auch ein Stu- dium auf, um einen Master im Bereich Holocauststudien zu absolvieren. Hans Hirschmann Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 Hanitschka-jung, Schön und gesund Begegnung nach 70 Jahren: Trude Simonsohn-Chana Weingarten Was als am Rande ihres Besuchs lie- gend erschien, erwies sich für Chana Weingarten als Höhepunkt ihrer Vor- tragsreise in Hessen Anfang Juni. Sie hatte sich auf Vermittlung der Journali- stin und Autorin Hannelore Brenner- Wonschick bereit erklärt, für einige Ta- ge nach Bad Nauheim zu kommen, um in Schulen zu sprechen und während ei- ner Abendveranstaltung über ihr LKe- ben zu berichten. Auf der Fahrt vom Fughafen nach Bad Nauheim erwähn- te Sie, dass in Frankfurt wohl„die Frau Simonsohn“ lebe. Ihr habe sie viel zu verdanken und vielleicht sei es mõglich, Sie Zu treffen. Ein telefonischer Kontakt mit Frau Simonsohn war rasch herge- Stellt. Sie erinnerte sich sofort an Frau Weingartens Mädchennamen Hanka Wertheimer und sagte ein Teffen auf einen Kaffee nachmittags in zwei Tagen zu. So trafen sie, Irude Simonsohn(90) und Chana Weingarten(88), an einem —— R E— ꝛ ſ1+ N2. ——— W— Trude Simonsohn(rechts) mit Chana Weingarten und Uwe Hartwig. Juni-Nachmittag in Frankfurt zusam- men. Es begrüßten sich zwei fröhliche alte Damen, die sich nach Jahrzehnten Sofort erkannten und anfingen, von den „alten Zeiten“ zu sprechen. Erst von den guten, dann von den bõsen Zeiten. Chana Weingarten wurde 1929 als Hanka Wertheimer, Kind jüdischer Eltern in Znaim, Südmãähren, geboren. 1943 wird sie ins Ghetto Theresienstadt verschleppt, 1944 nach Auschwit? und von dort nach sechs Wochen nach Neu- engamme und im März 1945 nach Bergen Belsen, wo sie ihre Befreiung erlebt. Ihr Vater wird 1 942 in Pachau er- mordet, ihre Mutter stirbt vier Wochen nach der Befreiung in Bergen-Belsen an den Folgen der Lagerhaft. 1930 war Hankas Schwester nach Palästina aus- gereist. Völlig mittellos schlägt sich Hanka Wertheimer allein nach Prag durch. Hier bereitet sie ihre Ausreise nach Palästina vor. Eine Tuberkulose 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer er?wingt einen dreijãhrigen Aufenthalt in einem Sanatorium in Davos. Das Sa- natorium ist von den jüdischen Ge— meinden der Schweiz finanziert, um Mitglieder der zionistischen Jugendbe- wegung zu heilen, die in den Lagern er- krankt waren. Fine der Krankenschwe- Stern war Trude Simonsohn. Im Gespräch äußert Frau Simon- sohn immer wieder, wie glücklich sie sei, Frau Weingarten zu treffen. Man kann entnehmen, dass Frau Weingarten im Sanatorium sehr beliebt war. Mehr- fach wiederholt Frau Simonsohn das wohl damals geflügelte Wort„Hanil- vChnMca— jung, Schön und gesund“. die tauschen sich aus über die Zeit des Uberlebens in den Lagern. Mir als stil- lem Beobachter bleiben zwei Sätze in Brinnerung: Frau Simonsohn be— schreibt, wie sie und ihre Mitgefange- nen sich in den Lagern immer wieder vornahmen:„Wenn wir nicht reden, weyrden wirs üherhaupt nicht Schaffen.“ Frau Weingarten berichtet in anderem Zusammenhang:„Jch habe zehn Jahre immer wieder von meiner Mutter ge— traumt. Bald kommt das Gespräch auf grundsätzliche Fragen. Eine verhalten geführte Kontroverse über die Beurtei- lung der Judenãltesten kann die liebe- volle Zuneigung nicht beeintrãchtigen. Das Gespräch wäre lebhaft weiterge- gangen, wenn nicht der Vortrag in But?- bach den Abschied gefordert hätte. Nach dreijährigem Kuraufenthalt in Davos kehrt Hanka Wertheimer nach Prag zurück und betreibt ihre Ausreise nach Palästina. Ihre Schwe- ster und weitere Verwandte leben dort schon lange. In einem Kibbuz lernt Chana Weingarten war gerne der Fin- ladung der LGA gefolgt. Hanka ihren Mann Abraham kennen. Sie gehen zum Studium nach Amerika und arbeiten dann in der ganzen Welt — als Futtermittelfachmann und Ernährungswissenschaftlerin. Jeder ihrer drei Söhne wird in einem ande- ren Land geboren. Der mittlere lebt in Jel Aviv in ihrer Nähe. Am zweiten Jag ihres Besuchs in Bad Nauheim schick- te er mir eine mail: er fragte nach dem Befinden seiner Mutter und trug mir auf:„Send m) love 10 m) mother“. Er hat seinen Namen ins Hebräische übertragen. Durch Chana Weingartens Vorträ- ge z0g sich als Grundstimmung ein mehrmals ausgesprochener Satz: Die Menschen haben mir geholfen. Neben ihrer eigenen Stärke und— wie sie Selbst sagt— jugendlichen Unbeküm- mertheit hat ihr Uberleben gesichert die Hilfe vieler Menschen. Die gab es trot? Terror und Verbrechen. Uwe Hartwig Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 „Ihr Sollt davon wissen!“ Eine Lüge rettete Chana Weingarten das Leben Bei ihrem Be- such in der Karl- Weigand-Schule in Florstadt wurde Chana Weingarten auch vom Schulde- zernenten des Wet- teraukreises, Jan Weckler, begrüßt. Die Klasse war kurz zuvor von ei- ner Studienfahrt zu der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationsla- gers Buchenwald zurückgekommen. Weckler sprach die Jugendlichen darauf direkt an:„Vieles, von dem, was Jhr in den Geschichtsbichern lest, werdet Ihr liher Kurz oder lang vergessen. Das aben was Vhr hei volchen Gedenkstcttenfahrten erleht oder in dem direlkten Dialog mit ei nem Zeitzeugen, das hleibt bei vielen auf Dauer haften.“ Das Gleiche gelte für die Berichte von Uberlebenden wie Chana Weingarten. 1938, Chana war gerade neun Jahre alt, packte die Mutter die Koffer, um für ein paar Jage Zu einem Onkel Zu fahren, bis sich die Situation an der Grenze wie- der beruhigt haben würde.„Jch hahe meine Heimattudt nicht wiedergesehen. Wir waren Hchtlinge geworden. Wir hatten alles verloren.“ Sie flüchteten weiter nach Prag, aber als die deutsche Wehrmacht dort einmarschierte, änder- te sich das Leben noch mehr., Wir durft ten nicht mehr in die normale Schlile ge- hen. Kino, Theater und vieles andere wa- Weingarten, Uwe Hartwig und Jan Welcker, Schuldezer- nent des Wetteraukreises. ren tahlu. Väglich Kamen neue Gesetze mit Einschrdnkungen flr uns Muden.“ 1941 begannen die Transporte in die Konzentrationslager. Chana Weingarten wurde mit ihrer Mutter nach Theresien- Stadt deportiert und nach einigen Mona- ten weiter nach Auschwitz. Alle Jüdin- nen?Zwischen 16 und 40 Jahren sollten nach rechts, die anderen nach links tre- ten.„Jch hahe mich dlter und meine Mul- ter hat Sich jinger gemacht. S0 wirden wir Zur Arbeit eingeteilt während die an- deren sofort ermordet wlurden.“ Pin weiterer Jransport führte Chana und ihre Mutter ins KZ Neuengamme in Hamburg.„Hier haben wir in Fahriken gearbeitet nd Straßen gebauu. Manchmal hahen uns aluch Peutche heimlich etwus Zigesteckt eine Kartoffel, eine Karotte, deren Wert flir uns linglaublich wun“ Nächste Station war das Kornzentrati- onslager Bergen-Belsen, in das sie im Mär? 1945 sechs Wochen vor der Befreiung 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer durch die Briten kamen.„Uherall lagen Teichen.“ Chana Weingarten erkrankte Schwer an Tuberkulose. Ihre Mutter starb einen Monat nach der Befreiung noch in Bergen-Belsen an Typhus. Chana reiste weiter nach Prag, wo eine Lungentuberku- lose festgestellt wurde. Damals wog die fast 16Jährige nur noch 35 Kilogramm. 30 Jahre lang hat sie über ihre Er- lebnisse geschwiegen. Dann brach es aus ihr heraus.„Jch muss davon ert zdhlen“, sagte sie zu den Schülerinnen und Schülern.„Erzdhlt Euern Kindern ind Enkeln davon, dass Mr mit jeman- dem gesprochen habt, der das erlebt hat.“ Bei all dem, was Chana Weingar- ten erlebt hatte, war sie jünger als die jungen Leute, die ihr heute zuhörten. „IMr SOt davon wissen... Deshalb er- Zzdhle ich fremden Menschen von meit nem Lehen“, bekräftigt sie. Hans Hirschmann Als Siebenjährige im„Wartezimmer des Todes“ Am 9. Mai 1945 sollte Edith Bär vergast werden Edith Erbrich, als„Halbjüdin“ dem rassistischen Verfolgungswahn Nazi-Deutsch- lands nur knapp entkommen, war im Januar und Anfang Februar unsere erste Zeit- zeugin im Jahr 2017, die wir zu Vorträgen an Schulen und für õffentliche Veranstal- tungen vermittelt haben. Auch spãter hat sie in Begleitung unseres Vorstandsmitglied Wolfgang Gehrke solche Termine wahrgenommen, um zu berichten, worüber sie zu— vor mehr als 50 Jahre geschwiegen hat „Idos ist ein Schlechter Begleiter aber vergeben und vergessen Kann ich nicht“, Sagt Edith Erbrich während der Veran- Staltung in der Bad Vilbeler Stadtbiblio- thek. Sie wisse noch genau um ihre Angst, als sie ins Lager Theresienstadt deportiert wurde. Als sie bereits im Viehwaggon war, wurde die kleine Edith noch einmal hochgehoben, ihre Mutter wollte sie noch einmal sehen:„Da sah ich sie weinen.“ Edith Erbrich wurde 1937 in Frankfurt am Main als Edith Bär geboren. Susanna, ihre katholische Mutter, wurde in Beuge- haft genommen und sollte sich von ihrem jũdischen Mann scheiden lassen.„ Warium wird s0 viel Gedõns wegen der Muden ge- macht— die weyden doch alle vergast“ hat man ihr vorgehalten, wie ihre Tochter Pdith berichtet. Susanna Bär ließ sich nicht erpres- Sen und sagte Ssich nicht von ihrer Familie los. Warum und wer dafür Sorgte, dass Sie nach 21 Jagen Haft trotꝰdem freikam,„das ist his helte unMlar“, kom- mentiert ihre Hena Rär Kennlarte Jochter. Pdith und ihrer Schwester wurde je- doch das„J in den Ausweis gestempelt, und sie durften nicht mehr zZur Schule ge⸗ hen. Am 14. Februar 1945 wurden Nor- bert Bär und seine Töchter Edith und Hella(geb. 1933) ins Lager Theresien- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 Stadt deportiert, das als„Wartezimmer des Todes“ galt. Zu diesem Zeitpunkt waren die S8— Bewacher von Auschwit?z bereits geflo- hen, das Konzentrationsla- ger war am 27. Januar von der Roten Armee befreit worden. Die Organisatoren des Holocaust hatten jedoch zuvor schon festgelegt, dass die Bärs und die anderen mit dem Jransport NUMO von Frankfurt aus Depor- tierten am 9. Mai in Ausch- wit? hätten vergast werden Sollen. Dies hatte Norbert Bãär erfahren, als er nach der Befreiung von Theresien- stadt am 8. Mai bei der Erledigung der hbürokratischen Formalitäten wegen der Rückkehr nach Frankfurt in der Kom- mandantur die Gestapo-Akten einsehen konnte. Finen Tag, bevor sie eigentlich in Auschwit? in die Gaskammer geschickt werden sollten, konnten die Bärs die Rückkehr nach Frankfurt antreten. Von den Großeltern, die bereits 1942 nach Thersienstadt deportiert worden waren, überlebte nur Norbert Bärs Mutter die Lagerhaft. Die Täter hatten weder Rücksicht auf Kinder noch Senioren genommen, sie quãlten und schlugen tagsüber Menschen tot, und am Abend feierten sie oder er- holten? sich bei klassischer Musik. S0 wie eine Aufscherin in ihrer Baracke im K?Z Theresienstadt, die die kKleine EFdith zur Strafe einen Jag lang ohne Trinken und Esen den Holꝰfußboden schrubben ließ. „Man nahm lns jede Wirde. Wir durften noch nicht einmal die Vür vom WC Schließen. Ich werde nie veylehen, welche Menschen diese Alßeher wuren.“ Fdith Erbrich in Bad Vilbel In Thersienstadt bestimmten Angst, großes Heimweh, Stundenlanges strapa- ziqses Stehen in der Kälte, das Einteilen der Essensrationen und vor allem der „Mingen der immer da war“ das Leben von Edith und den anderen Mäd- chen.„ Es haben sich Dinge ereignet, die nimmt einem niemand ab“, kann es EFdith Erbrich noch heute kaum glauben. Und dies geschah nicht nur in The— resienstadt, sondern be— reits Zuvor in Frankfurt, wo Nachbarn als schadenfro- he Gaffer den Abtransport der Familie beobachteten. EFdith Erbrich schildert aber nicht nur die unvorstellbaren Schrecken, die sie durchlitt, Sondern berichtet auch von, Sillen Nelſern und Helden“ die dem Ierror unter Gefahr ihres eigenen Lebens Menschlich- keit und Wãrme entgegenset?ten. Mit ihrem Engagement als Zeitzeugin will sie die Perspektiven der Opfer und ihrer Nachkommen in den Mittelpunkt stellen und nicht die der Täter. Das An- liegen von Fdith Erbrich ist, dass sich Kinder und Jugendliche mit ihrer Hilfe ein Bild von diesem menschenverachten- den Teil der deutschen Geschichte ma- chen können. Deshalb begann 2001 nach ihrer Erwerbstätigkeit ihr Zweites Leben als Zeit?eugin. Am 4. Oktober 2007,„dm Gehlirtstug meines Papas“, erhielt Edith Erbrich das Bundesverdienstkreuz. Christine Fauerbach Pdith Erbrich hat ihre Lebensge- schichte dem Journalisten Peter Holle erzählt. Sie wurde 2014 veröffentlicht: „JCh hah' das Lachen nicht verlernt“, edi— tion monos, Neu-Isenburg. 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Getarnt als Ferienkind überlebt Andrei Dorobantu überlebte getrennt von seinen Eltern Nach Fdith Erbrich, Chana Weingarten und Agnes Grunwald-Spier war mit And- rei Porobantu ein weiterer Zeitzeuge Gast bei Veranstaltungen der Lagerge- meinschaft. Er berichtete vor Schülerinnen und Schülern des Johanneums in Herborn, war in der Karl-Weigand-Schule Florstadt Zu Gast ebenso wie in Fried- berg im Kreishaus, als der Wetteraukreis Jugendliche verschiedener Schulen Sowie Aus?ubildende der Kreisverwaltung eingeladen hatte. Zudem sprach er am 9. November im Museum der Stadt Butzbach bei einer Gedenkveranstaltung. Andrei Dorobantu wurde am 23. Juni 1933 in Oradea, einer Stadt im Norden Siebenbürgens, geboren. Sein Vater war Jude, seine Mutter Christin. Er überlebt die deutsche Besatzung, getarnt als Ferienkind bei der Tante seiner Mutter am anderen Ende der Stadt. In Oradea(deutsch: Großward- ein; ungarisch: Nagyvarad) lebten 29.000 Jüdinnen und Juden, 3.500 von ihnen überlebten den Holocaust. Im Friedberger Kreishaus erõffnete SozZialdeZernentin Stephanie Becker- Andrei Dorobantu mit zwei Jugendlichen der Karl- Weigand-Schule Horstadt. Bösch die Veranstaltung, zu der neben Schülerinnen und Schülern der Sing- bergschule Wölfersheim und der Ge- Samtschule Konradsdorf auch Auszubil- dende der Wetterauer Kreisverwaltung in den Plenarsaal gekommen waren. Frau Becker-Bösch erinnerte an die hi- Storischen Umstände der Pogromnacht, in der die Nationalsozialisten und ihre Helfershelfer„die Maske der Bürger- lichkeit fallen ließen und den Moh mit mõyderischer Offenheit auſforderten, Pogrome zu hegehen.“ In der Presseer- klärung der Kreisverwaltung wird erinnert, dass ab 1933 die deutsche Regierung sy- Stematisch gegen Minderhei- ten hetzte, sie diskriminierte und auch gesetzlich aus— grenzte.„Schdindich niedrig war die Zahl deren die alcti- ven Widerstund geleistet ha— hen.“ Auch heute gebe es wieder Politiker, die offen mit rassistischen und diskri- minierenden Parolen für sich Werbung machten.„Wer ge- gen Hremde agitiert weil vie nicht unsere Religion, nicht Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 Demokratie dee Gewalt unc Menschenfei Aktiv gegen Rechtsextremismus, Andrei Dorobantu bei der Eröffnung der Gedenkfeier in der Kreisverwaltung in Fried- berg mit Stephanie Becker-Bösch, Sozialdezernentin des Wetteraukreises. insere Hautfarbe haben, die Menschen geringer achten, weil sie nicht unsere Sprache vprechen, dem darf man nicht das Fold üherlassen“, warnte Becker- Bösch vor falscher Toleranz und warb dafür, sich für demokratische Grund- werte zu engagieren. Dies unterstrich auch Andrei Dorobantu.„Gerade Mnen“, sagte er an die jungen Zuhörer gewandt, „Kommt eine wichtige Rolle zu heim Afhali einer friedichen Wel.“ Er be- richtete, wie in seiner Heimatstadt mit der Besetzung Ungarns durch deut- sche Truppen die Juden enteignet und drangsaliert wurden. So durften Juden nur noch zwischen 9 und 10 Uhr ihre Wohnung verlassen. Als dann die De- portationen in die Vernichtungslager begannen, war es für die meisten un- möglich noch zu fliehen. Von den 29.000 Juden in Oradea wurden 19.000 in das Konzentrations- lager Auschwitz deportiert. Port wur- den auch die jüdischen Großeltern von Andrei Dorobantu ermordet. Von den 19.000 Deportierten kamen nur wenige zurück. So überlebte von den 5. 000 deportierten Kindern nur eines den Massenmord der Nazis. Uber den Holocaust zu sprechen, hält Andrei Dorobantu für wichtig und notwendig, denn es kõönne wieder geschehen und das müsse verhindert werden. Jch fordere Achtung und Re- Melct“, sagte er und empfahl seinen jungen Zuhörern, im Gespräch mit den Mitmenschen zu bleiben. Wie beeindruckt die Jugendlichen von dem Zusammentreffen mit And- rei Dorobantu waren, bestätigte ein Lehrer, der der Kreispressestelle mit- teilte, dass seine Schülerinnen und Schüler auch nach der Veranstaltung mit Andrei Dorobantu über das The- ma diskutierten. Dass diese sich durch Solche Veranstaltungen eingebunden fühlen in die Gedenkkultur an die Op- fer, Ssei von großer Bedeutung. Hans Hirschmann 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Jugendliche im Konzentrationslager Zur Besprechung von Maurice Clings Erinnerungsbericht Die Brinnerungen der ehemaligen Kinder von Auschwit? haben einen besonderen Stellenwert unter den Zeitzeugenberichten der Uberlebenden. Maurice Cling (1929 geboren) kam als 15Jähriger nach Auschwit? und hat seine Frinnerungen kur? nach der Befreiung 1945 aufgeschrieben, aber erst 1990 veröffentlicht- nach einer sprachlichen Uberarbeitung. Vergiss deinen Namen nicht, Alwin Meyers Standardwerk zum Thema „Kinder in Auschwitz“ wurde im Mittei- lungsblatt(Dez. 2016) eingehend be— sprochen und damit auf die besonders tragische Lebenswelt der jüngsten Op- fer von Auschwit? hingewiesen. Die eigene Lebensgeschichte, Iden- tität(im Sinne von Brik H. Eriksons Identitãtstheorie) und Lebenserfahrung VOR der traumatischen Erfahrung mit Auschwit? verkürzte sich bei den jungen und jũngsten Deportierten und Inhaftier- ten in Zahlreichen Fällen dem Lebensal- ter entsprechend erheblich. Das Leben von im Konzentrationslager Auschwit?z geborenen Säuglingen hatte überhaupt keine Geschichte VOR Auschwitz. Diese Problematik und ihre Auswir- kungen wurde während einer einmali- gen Gedenkstätten-Begehung zahlrei- cher ehemaliger Kinder von Auschwit? thematisiert, die im März 1905 von der Historikerin des Staatlichen Auschwit?- Museums, Helena Kubica, organisiert worden war. Kubica verõffentlichte in deutscher Sprache u.a. im Jahre 1997 im 20. Band der Hefte von Alschwitz den Beitrag„Dr Mengele und veine Verhre- chen im Konzentrationslager Auschwitz— Birkenau“, 1999 den Beitrag„Kinder ind Mugendliche im KL Alschwitz“ im 2. Band von„Achwitz 1A0-J4. Stl- dien zur Geschichte des Konzentrations- ind Vernichtungslagers Auschwitz“, 2002 den Gedenkband„Man darf vie nie vergessen“ sowie 2010 die Samm- lung der Zeitzeugen-Berichte„Voices of Memor) 5. Pregnant Women and Children Born in Auschwitz“. Die überwiegende Mehrzahl der ge- genwärtig let?ten von ehemals schät- zungsweise 80.000 Auschwitz-Uberle- benden erlebte das Grauen der Konzen- trations- oder Vernichtungslager als Kind und Jugendliche/r. Unter ihnen be- fand sich auch der im Ater von 15 Jah- ren deportierte Franzose Maurice Cling, der kurz nach seiner Befreiung einen be- eindruckenden Erinnerungsbericht ver- fasste, den er allerdings erst 1990 unter dem Jitel„Volus qui entrez ici..., Un en- fant d Aluschwitz“(„Mn die ihr hier ein- tretel..., Vin Kind in Auschwitz*) in fran- Zhᷓsischer Sprache verõffentlichte(2008 in einer überarbeiteten Neuauflage so- wie in polnischer Ubersetzung). Cling war zudem Mit-Herausgeber des mehrsprachigen Tagungs-Bands der Auschwit?-Stiftung„Ces visages qui nolis purienmese faces talk 10 ls“(„Die- e Gesichier vprechen zu uns*) über die internationale Konferen? zum Thema Erinnerungsberichte von Uherlebenden der nationulsozialistischen Konzentrati- ons- lind der Vernichtungslager vom 16. J8. September 704 sowie Verfasser des Vorworts von„Mémoires de vurvivants⸗ Des cumps de la mort nazis“(„Uberle- henden- Erinnerungen: die nationulsozia- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 listischen Vodeslager“, Paris 2004). Die- 8es Buch beschäftigt sich mit deportier- ten Widerstandskämpfern, die in Kon- zentrationslagern inhaftiert waren. Maurice Cling war Professor für Anglistik und von 1997 bis 2006 Präsi- dent der franzõsischen Vereinigung der Deportierten und internierten Wider- StandsKmpfer(„Fédération Nationale des Déportés et Internés Rébistunts et Pa⸗ triotes*) und damit auch über seine eige- ne Geschichte hinaus ein Bewahrer der Frinnerung an Auschwitz. Der folgende Bericht über Clings Zeugnis ist auch das Portrãt eines enga- gierten Menschen und Zeitzeugen, der sein Wissen vor allem an junge Men- schen seit vielen Jahren öffentlich und unermüdlich weitergibt.? Andreas Kilian Maurice Cling-ein Kind in Auschwitz Portrait und Buchbesprechungvon Maryvonne Braunschweig Zunächst handelt es sich um das Zeit- zeugnis eines sehr jungen Heranwachsen- den, am Anfang und am Ende des Buchs blickt dann aber auch mittels persönli- cher Reflexionen der reife Erwachsene auf sein Erleben als Jugendlicher Zurück. Maurice Qling war im achten Schul- jahr, als er in seiner Klasse der Fcole Lavoisier im 5. Arrondissement am Tag Seines 15. Geburtstags, dem 4. Mai 1944, von den Deutschen verhaftet wurde. Mit seinem älteren Bruder Willy, kaum 17, Sseiner Mutter Simone, 41, und sei- nem Vater Jacques, 50, vor Jahren aus Rumänien eingewandert, franzõsischer Staatsbürger, freiwillig in den Ersten Weltkrieg gezogen und mehrfach aus- gezeichnet, wird er in Drancy interniert und am 20. Mai 1944 mit dem Transport Nr. 74 nach Auschwit? deportiert. Maurice wurde im engen Familien- kreis großgezogen, besonders beschüt?t und verhätschelt von seiner Mutter. Die BesetZung und die antisemitischen Ge-— Setze zwingen seinen Vater, sein Kürsch- nergeschäft aufzugeben und„illegal“ zu Hause zu arbeiten. Die ganze Familie Maurice Cling berichtet anläßlich der Filmvorstellung zu„J faudru ruconten..“ (Regie: Daniel und Pascal Cling, 2004, 37 minutes, Iskra— Arte: Archiv Cling). muss ab Mai 1942 den gelben Stern tra- gen, aber Maurice leidet nicht wirklich darunter. Er ist noch ein Kind, dessen Le- benskreis sich auf die Familie, die Schule, die Lehrer beschränkt, und vor allem auf Seine Mitgliedschaft bei den israelitischen Pfadfindern, die ihm so viel bedeutet. So jst er wirklich võllig naiv als er in Auschwitz ankommt. Umso brutaler ist der Schock. Gleich bei der Ankunft auf „Pin Interview mit Maurice Cling ist online unter folgendem Pfad verfügbar: wwwsueddeutsche. de/politik/kKZ-ueberlebender-maurice-cling-kz-ueberlebender- maurice-cling-1. 1109860 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer der Rampe geschicht die Selektion, zu— erst die endgültige Trennung von seiner Mutter, dann von seinem Vater, die un- mittelbar in die Gaskammer geschickt werden(was er spãter erfãhrt). Er bleibt mit Willy Zusammen und kommt mit ei- ner Kolonne von etwa hundert Männern und Jungen ins Lager Auschwit? I. Dort erleiden sie in einem Block, iso- liert vom übrigen Lager, die brutale Dressur der Quarantäne und machen die Entdeckung, wie ein unverständlicher Planet funktioniert. Dann kommt die Ar- beit: Planierungskommando, Holzkom- mando, Schubkarren schieben, mit dem Spaten umgehen, Hol? spalten, Schläge, Blasen, Erschöpfung... Endlich eine Ver- besserung: Arbeit im Pffektenlager„Ka- nadaꝰ, wo die den Juden gestohlenen Sa- chen aufbereitet werden, und wo man „Organisieren“ und„Klauen' kann, was man zum Uberleben braucht. Das dauert aber nur eine Zeit, dann kommt das Kohlenkommando, dann wie- der Erdarbeiten, und das Müllkomman- do. Port wird mitten in Kohjffeldern und riesigen Haufen von Erde, Mist, Kalk und Konservendosen der Müll herangebracht, Sortiert und verbrannt, wobei auch hier ein paar Kohlköpfe und sogar Marmela- de abfallen. Port in der Nãhe trifft Mauri- ce auch seinen künftigen„Schut?engel?, Fva, eine deportierte Franzõsin, die für das Rajsko-Labor arbeitet und sowohl ei- ne relative Autonomie zu genießen als auch eine Autorität sogar für die Kapos zu sein scheint. Nach vier Monaten wird sein Bruder Willy seine Stütze, sein alter ego, Opfer einer Selektion im Innern des Lagers. Maurice, am Boden Zerstört, ist jet?t ganz allein. Das ist die Zeit, wo er ganz unten ist, er wird dem schlimmsten Kommando innerhalb des Müllkommandos Zugeteilt, dem„Scheißkommando'“! Das ist die tiefste Erniedrigung: von allen zurückge- wiesen, übel riechend, verlassen. Aber da lernt er auch die Solidaritãt kennen. Schnee kündigt sich an, er wird immer schwächer, ein Unterkapo weist ihn ins„Revier' ein, was für ihn die Ret- tung ist. Der Blockarzt„behandelt? ihn — Ssoweit das ohne Medikamente geht— und Eva übermittelt ihm ein Geschenk. Er nimmt an Kräften wieder zu. Und anstatt jet?zt mitten im Winter wieder zu den Außenkommandos hinausgeschickt zu werden, wird er als Stubendienst ge- braucht, und das bis Zur Evakuierung. Fin neues schreckliches Erlebnis, der Todesmarsch, beginnt am 17. Januar 1945. Bald kann er nicht mehr und will sich in den Schnee fallen lassen, als ein unbe- kannter belgischer Deportierter ihn wie- der in die Reihen zicht und ihm die Kraft zum Weitergehen vermittelt. Die Fvaku- ierten werden dann in offenen Güterwa- gons weitergebracht: Kadaver, Kälte, Hunger, Durst. Maurice kommt halb be- wusstlos im Lager Dachau an. Er lässt Sich auf einen Haufen toter Kõrper fallen, und wieder rettet ihn die Solidaritãt: ein Blockãltester ergreift ihn und führt ihn zu den anderen in die Kolonne zurück. Von da an vegetiert er hungernd und ohne Tätigkeit in einem Block. Die Zustände sind nicht so schlimm wie in Auschwitz, aber die Tage sind lang und leer. Am 19. April wird er wieder evaku- iert, Zzunächst in einem Personenzug, dann zu Fuß in Richtung Alpen, und Schließlich kommt nach vielem Hin und Her die Befreiung durch die US-Armee in Mittenwald in Oberbayern. Dann kehrt er endlich nach Paris zurück, kommt am 18. Mai ins Hotel Lutetia, genau ein Jahr nach seiner Ver- haftung. Maurice Cling wiegt in dieser Zeit höchstens 28 Kilogramm. In Paris kommt er wieder mit seinen Groß— Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 eltern, seiner Tante und seinem Vetter zusammen, die nicht deportiert worden waren. In der Folge bekommt Maurice vier Söhne, er wird Englischlehrer und Linguist an der Universitãt. Was Zeichnet dieses Zeit?eugnis ge- genüber anderen aus? Zunächst wurde es von einem Kind geschrieben, das nach Auschwit? depor- tiert wurde, wie das von Nadine Heftler oder Ana Novac. Tatsächlich beruht das Buch von Maurice im Wesentlichen auf Aufzeichnungen, die der Sechzehnjähri- ge kurz nach seiner Rückkehr verfasst hatte. Fünf?Zig Jahre später wurden sie in Buchform gebracht. Dieses Zeit?eugnis ist also auf mehre- ren Ebenen Zu lesen. Zunächst ist es das Zeugnis eines sehr jungen Heranwach- Senden, es ist aber auch, am Anfang und am Ende des Buchs, der Blick eines reifen Erwachsenen auf sein Erleben als junger Mensch. Besonders interessant und erhel- lend ist die beeindruckende Reihe von Anmerkungen mit Belegen am Ende des Buchs— das Ergebnis von minutiõsen und prãisen Nachforschungen—, die die er- lebten Fakten, die Maurice, als er sie er- lebte und nicht verstehen konnte, er— klären und ergänzen, oder sie immer sehr Sachlich in ihren Kontext stellen. Diese EFrZählung ist s0 etwas wie der Voltairesche Candide in der Hölle(vgl. Voltaires Novelle aus dem Jahre 1739 „Candide oder der Optimismus*)! Mauri- ce ist 15 und it extrem arglos, ja verblüf- fend naiv Maurice versucht immer wieder sich anzupassen, hat aber nicht wirklich die Fãhigkeit dazu. Uberleben im Lager verlangt, schlau und verschlagen zu sein oder es sehr schnell zu werden, Maurice ist das völlige Gegenteil. Selbst wenn er glaubt, verstanden Zu haben, wird er noch übers Ohr gehauen, aus nichts kann er et- was lernen. Wie er im Rückblick selbst Maurice Cling, Klassenfoto 1943-194 kurz vor seiner Verhaftung(mittlere Rei- he, Zzweiter von links; Archiv Cling) Sagt: Er war im Lager„ein Schwaches und weinerliches Kind“. Umgekehrt waren es vermutlich gerade diese Schwächen, die Mitleid erregten und ihm Hilfe brachten. Diese Erzählung ist die des Lebens und täglichen Uberlebens, sie widmet sich mit der Genauigkeit des Entomolo- gen den wahren kleinen Details des tãg- lichen Lebens sowohl während der Be- SetZung als auch wãhrend der Deportati- on, was sie fesselnd macht. Die Sprache ist von großer Klarheit, vermutlich weil der Text lange nach der Niederschrift von einem KHinguisten überarbeitet wur- de. Die Erzählung ist auch didaktisch wohl konstruiert, was sie selbstverständ- lich auch pãdagogisch interessant macht. Maryonne Braunaschweig CLIN6 Maurice, Vouus qui entrez ici..., Un enfant d Auschwitz, Graphein/FN- DIRP 1999, Neuausgabe Un enfant à Aus- chwitꝰ, Verlag de IAtelier/FNDIRP 2008 Für die Druckgenehmigung danken wir der Mutorin, dem Ubersetꝰer aus dem Franꝰsi- schen Uhich Hermann sowie für die freund- liche Vermittlung Nicole Mullier von„Cer- cle dõnude de la Peportution et de la Shoah Amicule d'Auschwitz“. Insbesondere dan- ken wir Maurice Cling dafür, seine Erfah- rungen und Erlebnisse mit uns zu teilen. 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer vW und die Ofen in den Birkenau-Baracken Zum Mltagswissen gehört, dass Archive und Sammlungen immer wieder Neues oder Erstaunliches zu Jage fördern. Dass an viel besuchten, durchsuchten und untersuchten Orten Uberraschen- des gefunden wird, ist erstaunlich. Wieslaw Swiderski, unser Guide in Auschwitz, von dem die Gruppen im- mer den Findruck haben, dass er je— des Detail kenne, erzählte uns während der Führung durch Bir— kenau, Zzwei Mal hätten ihn Jugendli- che in der Kinderbaracke im Frauen- lager gefragt, was es mit den Metall- teilen— vermutlich von Ofen— dahin- ten in der Ecke auf sich habe, auf de- nen doch das VW.Signet zu sehen sei. Die ersten Frager wimmelte er noch ab, das gebe es hier nicht. Zum zweiten Mal gefragt, reagierte er wie- der abweisend, ließ sich aber zu den bewussten Ecken hinführen. Tatsäch- lich zeigten ihm die Jugendlichen die unscheinbaren Teile. Sie waren viel- leicht nur deswegen auf sie aufmerk- Sam geworden, weil ihnen das VWSig- net aufgefallen war. Die Jugendlichen gehörten zu einer Gruppe von VW. Auszubildenden, wie sie der Konzern Seit Jahren in die Gedenkstätte Ausch- witz führt, wo sie über Auschwitz ler- nen und ihre berufliche Kompetenz einsetzen bei der Pflege, Reparatur, Si- cherung und Konservierung der Reste von Stammlager und Birkenau. Die Recherchen von Wieslaw Swie- derski ergaben: VW hat 1941/42 220.000 solcher Ofen für die Organisation Todt produziert. Sie sollten an die Ostfront EFiner der alten Ofen mit dem VWSignet. geliefert werden. Offensichtlich hat die Lieferfirma Ofen für Birkenau abge- zweigt. Für VW bedeutete diese Pro- duktion 6 Mio Bruttoeinnahmen und 2Mio Nettogewinn. In einer der zahlrei- chen Veröffentlichungen zur Zwangsar- beit bei VW finden sich Fotographien, auf denen die Ofen und Arbeiter bei de- ren Produktion zZu sehen sind. Immer wieder finden sich Belege— nicht nur für den Terror und die Ver- brechen des NS-Staates, sondern auch dafür, dass die Kiste der Profiteure des NSMord- und Kriegsregimes sich liest wie das„Who is Who“ der bun- desrepublikanischen Wirtschaft. Uwe Hartwig Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 Zwei Bauernhäuser in Birkenau Die Geschichte vom Roten und vom Weißen Haus Der industriell betriebene Massenmord in Auschwit?-Birkenau begann im Stamm- lager mit der Vergasung von sowjetischen Kriegsgefangenen und kranken polni- schen Häftlingen in den Kellern von Block 11 und dann in dem zur Gaskammer umgebauten Leichenkeller des Krematoriums I. Bevor dann in Birkenau die großen Krematorien II-V mit Gaskammern gebaut waren, wurden die zur Ver- nichtung bestimmten Menschen in provisorischen Gaskammern, den sogenannten Bunkern 1 und 2, ermordet. Das war eine weitere wichtige Phase bei der Perfektio- nierung des industriell und nach staatlicher Weisung vollzogenen Völkermordes. Von Alexander Woff Da ab Frühjahr 1942 die Zahl der Deportationen von Juden nach Ausch- wit? stãndig Zunahm, hatten die Deut- schen einige praktische Probleme zu lõsen. Das Krematorium im Stammla- ger mit nur einer einzigen Gaskammer hatte nicht genügend Kapazitäten (340 Leichen pro Tag), den Massen- mord in dem von den Dienststellen im Berliner Reichssicherheitshauptamt (RSHA) vorgege benem Tempo Zu be- wältigen. Lagerkommandant Rudoff Höß, der für die Deportationen zu— ständige Adolf Eichmann und SS-Ge- neral Hans Kammler, der als Archi- tekt für die Planung und den Aufbau Sowie die Oberaufsicht über alle La- gerbauvorhaben inklusive Gaskam- mern und Krematorien zuständig war, bestimmten deshalb als Standort für eine neue weitere Vernichtungsanlage das Dorf Brzezinka(Birkenau). Dort fiel die Wahl auf ein verlasse- nes Gehöft, das einem polnischen Bau- ern gehört hatte. Es war abgelegen, von Hecken und blühenden Bäumen um- geben und nicht weit von der Bahn ent- fernt. Das Innere dieses sogenannten kleinen roten Hauses wurde in wenigen Wochen Zu zwei Gaskammern umge- baut, die am 20. März 1942„in Betrieb gingen“. Die S8 bezeichnete diese Ver- nichtungsstätte als Bunker 1. Höß rechnete mit ungefähr 800 Menschen, die hier bei einer„Aktion“ durch Gas(Zyklon B) getötet werden könnten. Dazu wurden in dem Haus zwei Zwischenräume entfernt, die Fen- sterõöffnungen zugemauert und die Zu- gänge abgedichtet. Um das Zyklon B einzuwerfen, wurden an der Außen- wand für jede der Gaskammern zwei Offnungen angebracht. Zur Täuschung der Opfer waren auf den Türen Schilder mit der Aufschrift„Zur Desinfektion? befestigt. Die Häftlinge bezeichneten das Haus wegen seiner roten Ziegel- Steine als„das kleine Rote Haus?. In den ersten Monaten wurden die Deportierten nach dem Ausstieg an der alten Judenrampe ohne Selektion di- rekt in das Rote Haus„geleitet“. Ab Nu- li 1942 wurden dann Selektionen durch- geführt. Von den Angekommenen wurden regelmäßig nur 25 bis 30 Pro- zent als Arbeitskräfte ins Lager einge- 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer wiesen. Die Kranken, Invaliden, Mütter mit Kindern, schwangere Frauen sowie Personen mit schwächerem Körperbau wurden mit Lastwagen in den Bunker1 (Rotes Haus) gefahren. Falls es an LKW fehlte, wurden die Deportierten zu Fuß querfeldein über Wiesen ge- führt, auf denen später Baracken des dritten Bauabschnitts(B III/ Mexiko) des Lagers Birkenau errichtet wurden. Angekommen am Roten Haus mus- sten sich die Opfer entkleiden und wur- den anschließend in die Gaskammer ge- führt. Nach der Mordaktion musste das jüdische Sonderkommando“ die Lei- chen auf eisernen Loren zu einem 100 bis 150 Meter entfernten Ort fahren, wo sie in tiefen Löchern(Massengräber) vergraben wurden. Zuvor waren den Frauen die Haare abgeschnitten und allen Leichen die Goldzähne ausgebro- chen worden. Gestank und wie Nebel Der Auschwitzhäftling Stanislaw Hant? Schildert in seinen biografischen Erzäh- lungen Zitronen aus Kanada folgende Beobachtung:„Anſang 7943 heobhach tete ich, wie ein Vransport von der alten Mdenrampe zum Koten Halus(Bunker J) geflihrt wurde. Ich wlurde damals von einem Oberapo befohlen beim Bd- rackenba in BIM vogen.- Mexikco Dacharbeiten vorznehmen. Vom Dach alus Konnte ich das ganz gut sehen. E waren vielleicht 200 Leute Frauen, Minner und Kinder Sie wurden mil LK W tansportiert. Bei einem Vansport wollen die Lelie nicht herunterspringen. Kirzemand machte der Hahrer die Kip- pe hoch, Schmeißt die Menschen herun- ten Da Kommt das Sondericommando nd reißt den Frauen die Kleider und den Minnern die Anziige ab Pann gehen al— le Lelite rein ins Halus. Einer drickt die Vr ↄu und verschraubt sie, S0wie hei ei- nem Rad zum Lenken. Danach Kommt ein SMann und Schiittet dus Gas(Z)- Klon B) hinein. Da vind allerdings Kinder lihrig geblieben, da die Gaskammern Schon voll waren. Vielleicht vechs his zehn Kinden ich weiß es nicht mehr s0 genal. Dann nimmt ein SSMann ein Kind an die Hand und das die Hand vom näch- ven Kind usw Da vind Eisenhahnschie- nen, Schmaler als normal dort gehen vie. Bis zu einem Graben, wo ein Feuer hrennt. Dann nimmt der ein Kind und Shnmeißt es v0 in das Heluen Pann eyst ein Schrei und dann wieder ruhig usw his al- le im Heuer verbrunnt vind. Vielleicht eine halbe Stunde päter Kommt dus Sonder- ommando und macht die Vür auf Pine Leiche nach der anderen wurde als der GaMmmer in die Rollwagen geschmis- ven lind zu den dortigen Oruben gefah- ren. Der Gestank verhreitete Ssich im ganzen Lager und nicht nur dort von- *PDas Sonderkommando(SK) bestand aus jüdischen Hãäftlingen. Sie wurden gezwun- gen, die Ermordung der Deportierten vorZubereiten und die Leichname anschließend in den Krematorien Zu verbrennen. Als es diese Krematorien noch nicht gab oder die Kapazitãten nicht ausreichten, erfolgten die Verbrennungen im Freien. Dazu wurden vom SK riesige Gräben ausgehoben. Als Zeit?eugen für die Verbrechen der Deut- Schen wurden die Häftlinge in bestimmten Zeitabständen ermordet und immer wie- der durch andere Häftlinge bei den Selektionen/Zugängen ersetzt. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25 der noch 75 Kilomeler in der Umge- hlng. Das wun wenn es dot brennt, wie Nehel, der Sich nach Birkenau und his nachn Auschwilz zog. Das war ſir uns im Lager nichts Neues.“ Das„Rote Haus“ war wegen der steigenden Zahl von Transporten nicht mehr leistungsfähig, und irgendwann im Juni 1 942 befahl Höß den Umbau ei- nes Zweiten Gehöfts in Birkenau zu ei- ner Gaskammer. Die Wahl fiel auf das Anwesen des Bauern Jozef Harmata. Da es weiß verputzt war, wurde es „Kleines Weißes Haus“ genannt. Es lag 800 Meter vom Roten Haus entfernt und nur ca. 100— 150 Meter von der so- genannten Zentralsauna in einem Bir- kenwäldchen, von Obstbäumen umge- ben, die im Frühjahr geblüht haben. Höß ließ Ende August zur gleichen Zeit wie bei Bunker 1(Rotes Haus) drei Fundament einer Pferdestallbaracke neben dem Asche-Teich bei Krematorium IV 1 L . Baracken errichten, in denen sich die Opfer auskleiden mussten. Die Um- bauten im Innern und Außeren des Weißen Hauses gingen ähnlich wie beim Roten Haus vonstatten. Aller- dings konnten jetzt aufgrund der größe- ren Räume bis bis zu 1200 Menschen gleichzeitig in die vier Gaskammern hineingetrieben und ermordet werden. Die Verbrennungsgruben Da die Krematorien(Vernichtungsan- lagen) II-V in Birkenau noch nicht fertiggestellt waren, wurden die er— mordeten Menschen in riesigen Mas- sengräbern in der Nähe der beiden Bunker verscharrt. Damit hatten aller- dings die Deutschen ein Problem. Der Sommer in Birkenau war 1942 sehr heiß. Der SS-Unterscharführer Pery Broad? erinnerte sich an folgende * Pery Broad meldete sich 1941 freiwillig zur S8 und wurde 1942 nach Auschwit? abkommandiert. Dort meldete er sich auch freiwillig Zur Politischen Abteilung(La- ger-Gestapo) und hat regelmäßig an Fxekutionen mitgewirkt(siehe: Ernst Klee: Das Peronenlexikon zuum Pritten Reich. Frankfurt/ Main, 2009). 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Situation:„Die Sommersonne hbrannte auf den Boden von Birkenau, die nicht verweslen, vondern nur faulenden Lei- chen begannen vich zu regen, und alus der aufhrechenden Erdruste brodelte eine Schwarzrote Masse, die einen mit Worten nicht zu beschreibenden Ge— vank verhreitete. Es mlisste also schlel— nigst etwus geschehen.“ Da der Tod ein Meister aus Deutschland ist“, hatten die Deut- schen auch dafür eine Lösung parat. Demzufolge wurde Ende 1942 in Bir- kenau mit der Verbrennung von frisch vergasten Menschen auf Scheiterhau- fen begonnen. Auf eine Schicht Holz wurde eine Schicht Leichen gelegt, dann wieder Holz und wieder Lei- chen, bis so schließlich 2000 ermorde- te Menschen in Brand gesetzt wurden. Gleichzeitig wurde mit der Ver- brennung ausgegrabener Leichen be- gonnen. Das Feuer wurde mit Abfall- produkten der Petroleumverarbeitung, Methanol sowie dem Fett, das die Lei- chen absonderten, in Gang gehalten. Bis Dezember 1942 waren vier Ver- brennungsgruben vorhanden. Sie wa- ren jeweils 30 Meter lang, 7 Meter breit und 3 Meter tief. Von Mai bis Ende 1042 wurden 120.000 Männer, Frauen und Kinder nur wenige Stunden nach ihrer Ankunft in den Bunkern 1 und 2 durch Gas ermordet. Welche Qualen die für die Durch- führung und spãtere Verbrennung der Leichen eingeset?ten Mitglieder des jü- dischen Sonderkommandos durchle- ben mussten, lãsst sich nicht in Worte fassen. Ieilweise mussten diese Männer dabei auch mit ansehen, wie ihre eige- nen Familienangehörigen, Freunde und Nachbarn vergast und würdelos ver- brannt wurden. Nur wenige der Son- derkommandohäftlinge haben über- lebt. Finige konnten sich durchringen, darũber zu sprechen; ihre Zeitzeugen- aussagen sind unschät?bare Dokumen- te. Die erschütternden Berichte finden sich wieder in den Büchern Wir weinten trnenlos von Gideon Greif, Zelgen aus der Jodeszone“ von Eric Friedler, Barbara Siebert und Andreas Kilian, Meine Ayheit im Sonderommando von Shlomo Venezia, Ich war Doktor Men- geles Assistent von Miklos Nyiszli und Nur die Steme wuren wie gesterm von Henryk Mandelbaum. Vergangenheit und Gegenwart Am 2. Juni 1947 erklärte der polnische Präsident Boleslaw Bierut anlässlich einer Gedenkfeier das Gelände des Lagers Auschwit? Zum staatlichen Mu- seum. Die polnische Regierung legte den Umfang fest, und zwar zwei Fin- heiten: Auschwitz 1, das Stammlager, und Auschwit? 2, das Vernichtungsla- ger Birkenau. Monowitz, das einstige Auschwitz III, wurde den Kommunen überlassen, Zu denen es gehörte. Die beiden Vernichtungsanlagen Rotes Haus und Weißes Haus mit den Massengräbern wurden zunächst ebenfalls nicht als authentische Orte des Völkermords ins Konzept des staatlichen Museums miteinbezogen. Auf das bereits 1943 von den Deut- *Formulierung nach dem Gedicht Vodesfuge von Paul Celan. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 S 23—— — 2.— 5 r.——— Vier Gedenksteine vor dem Aeche- Teich in Birkenau. Der englische Text lautet„Jo the memory of the men, women, and children who fell victim to the Nazi genocide. Here lie ther ashes. May ther souls rest in peace.? Auf den anderen Steinen steht der gleiche Text in Polnisch, Hebräisch und Jiddisch. Schen abgerissene Rote Haus wurde in der Nachkriegszeit von dem Figentü- mer des Grundstücks ein neues Haus errichtet, und zwar auf den Fundamen- ten der Gaskammern. Im Jahre 2002 wurde das Gelãnde vom Vorsitzenden des franzõsischen Vad-Vashem-Komi- tees, Richard Prasquier, dem Figentü- mer für 100.000 US-Pollar abgekauft. Die Leitung des Museums Auschwitz- Birkenau ließ das Haus abreissen und errichtete eine kleine Gedenkstätte mit Frinnerungssteinen. Am Rande dieser einstigen Ver- nichtungsanlagen entstand ein Wohn- viertel. Ich finde es beklemmend, dass nicht weit von dem Ort, an dem vor rund 75 Jahren etwa 100.000 Menschen ermordet und in Massengräbern ver- scharrt wurden, heute wieder Men- schen wohnen und leben. Auf alle Fälle sollten die Massen- gräber und der historische Ort des Roten Hauses bei Rundgängen auf dem Gelände der Gedenkstätte Bir- kenau nicht außen vor gelassen wer- den. Mit der Zerstörung der Vernich- tungsstätten wollten die Deutschen des Dritten Reiches ihre Menschheits- verbrechen vertuschen-— es sollte „Gras darüber wachsen“. Das darf nicht geschehen; insofern ist die Er- haltung der historischen Orte als Ge- denkstätten von wesentlicher Bedeu- tung. Die heutigen Generationen Sollen mit eigenen Augen sehen: Da waren die Massengräber, die Ba- racken und die Gaskammern.„ 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer „Die Dramen, die meine Augen gesehen haben, Sind unbeschreiblich“ Neuentzifferung des„Unbeschreiblichen'- die Verõffentlichung von Marcel Nadjarys Brief und seine Bedeutung für die Auschwit?-Forschung Von Andreas Kilian Im Oktober diesen Jahres erregte eine Veröffentlichung international großes Aufsehen: Pavel Polians Artikel „Dds Ungelesene lesen. Die Aufeich- nlingen von Marcel Nadjari, Mitglied des jidischen Sonderiommandos von Ausch witz-Birkenau, und ihre Er- Schließung“ in den Vierteljahrsheften für Zeigeschichte(VfZ 4/2017) be— schreibt den Neurekonstruktionspro- zess und die Bedeutung eines 12eiti- gen Briefs, der auf dem Hinterhof von Krematorium II(III) von dem griechi- schen Sonderkommando-Häftling Marcel Nadjary versteckt worden war und erst am 24. 10. 1980 von einem Schüler der Bryneker Forstwirtschafts- schule in etwa 40 cm Niefe gefunden wurde. In Polians Artikel ist der Brief erstmals fast vollständig abgedruckt und mit nützichen Anmerkungen so— wie wertvollen Hinweisen des Uberset- Zers publiziert worden. Aufgrund der starken Beschädigung konnte das Manuskript erst am 31. Muli 1081 ins Polnische übersetzt werden, al- lerdings waren nur 10 o des Textes ent- Zifferbar. Bis dahin war(abgesehen von der dreisprachigen Adressierung auf der ersten Seite) völlig unbekannt, was in dem Brief überhaupt steht. Im Jahre 1906 wurden die wenigen entꝰifferbaren Brief-Fragmente im vom —2 3 X W Marcel Nadjary 1943, OM. Leon Coll. Centropa Verlag des Saatichen Museums Alsch- wilꝰ herausgegebenen Sammelband der Sonderkommando-Handschriften un- ter dem Jitel, Inmitten des grauenvollen Verbrechens“ auf Deutsch veröffent- licht. In dieser Publikation wurden auch Feststelungen über Nadjary auf Grund- lage erhaltener Lagerverwaltungsakten getroffen. Personenbezogene Angaben konnten so aus einem Zugangsbuch so- wie von einer Karte der Häftlings- schreibstube des KIL Mauthausen vom 25. Januar 1 945 gewonnen und dem Ver- fasser des Briefs Zugeordnet werden. Nicht bekannt war dem Ausch- wit?- Museum hingegen, dass das Do- kument mit den meisten Informatio- nen, der originale Häftlings-Personal- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29 bogen Nadjarys, im Archiv des VIVO Jüdisches Wissenschaftliches Institut) in New Vork verwahrt wird, ausge- rechnet in der Stadt, in der Nadjary die let?ten 20 Jahre bis zu seinem Tod im Jahre 1971 gelebt hatte. Das beson- dere Dokument wird in diesem Arti- kel erstmals publiziert. Obwohl Nadjarys Brief das letzte Zeugnis ist, das bislang auf dem Gelän- de der Krematorien in Auschwit?-Bir- kenau gefunden worden war und sich im Jahre 1980, 36 Jahre nach seiner Ent- stehung, in entsprechend schlechtem Zustand befand, konnte im Jahre 2016 der russische TIExperte Aleksandr N- kitjaev das Zeugnis- 36 Jahre nach sei- nem Auffinden- fast vollstãndig(90%) mittels Multispektralanalyse rekonstru- ieren. Darunter konnten vier Seiten erstmals lesbar gemacht werden. Das von Pavel Polian und Mek- sandr Nikitjaev angewandte Verfah- ren, das in Polians Artikel ausführlich erklärt wird, ist sicherlich nicht die ein- zige technische Methode, Unlesbares wieder sichtbar zu machen, aber offen- sichtlich eine sehr geeignete Lösung. Im Fall von Nadjarys Brief ist heute ein anderes Textverständnis als noch vor wenigen Jahren möglich und ein Zuwachs von bedeutenden Informatio- nen erkennbar: Die Beschreibung der Gaskammer(Blatt 4) und des vollstãn- digen Vernichtungsprozesses(Blatt 4 5) war Zuvor nicht entzifferbar, genauso wenig wie Zahlenangaben zum Sonder- kommando(Blatt 6), Informationen über dessen Aufstand mit Namensnen- nungen von Opfern(Blatt 6— 7) und Nadjarys Schätzung der Gesamtzahl —— en SM —— E e — F Sd 1 — 2 6 — ² —————.——— — S 3 F ——————— 2 2 „mn 0 Qn penruunrn 2 ebe Pehenen n ve 5 1 ———— * ₰———— lunntakter Lrkh 3 Anten kh r VIVO Archives, Reg. No.: R6 1400— 82— 87(microfilm MK 341, 00354) von in Auschwit?-Birkenau ermorde- ten Menschen:„Unsgesamt ungefdihr J. 400 000“(Blatt 12). Sogar eine Datie- rung von Nadjarys Brief ist durch die neu entzifferten Angaben möglich: „(...) Zllelzt trafen erstmals etwd 10 000 Juden aus Vheresienstudt in der Vchechoslowalkcei ein. Heute Kam ein Vansport aus Vheresienstudt aber Gott vei Danlk haben sie die nicht zu lns ge⸗ hracht, vie hehielten sie in Lagern, es hieß, dass der Befehl Kam, man solle Keine Juden mehr tõten, und das stimmt allem Anschein nach, da haben vie jetzt im lelzten Moment ire Meinung geän- dert— jetzt da allerdings Kein einziger ude mehr in Puropa lihrig geblieben ist doch flir uns liegt die Sache andens, wir miisven von der Erde verchwinden, 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer weil wir S0 Vieles wisen üher die unvor- Sellbaren Methoden ihrer Misshand- lungen und Vergeltungsalktionen.“ Der von Nadjary erwähnte Trans- port erreichte Auschwit?-Birkenau am 30. 10. 1944. Zwischen dem 29. 9. und 30. 10. 1944 trafen mindestens 18.400 Menschen aus dem Ghetto Theresien- Stadt in Auschwitz-Birkenau ein. Laut einer auf dem Krematoriums- gelände ausgegrabenen„Kremie- rungs-Liste“, die dem Sonderkomman- do-Hãäftling Lejb Langfuß zugeschrie- ben wird, sind im Oktober 1044 schät- zungsweise 15.500 Deportierte aus Theresienstadt in den Krematorien I und II, davon 7.000 Menschen in dem Krematorium(II), in dem Nadjary ein- geset?t wurde, vergast worden. Der letzte, am 30. 10. 1944 in Auschwitz ein- getroffene Transport aus Theresien- Stadt fehlt auf Langfuß“ Liste. Offenbar wurde ein Jeil der Deportierten in das Birkenauer Durchgangslager ohne Re- gistrierung verbracht und nicht vergast. Das„Kalendarium Auschwitz“ da- tiert die Finstellung der Vergasungen in Auschwit? auf den 2. 11. 1944. Ne- ben der Langfuß-Kiste belegt nun auch Nadjarys Brief als Zweites glaub- würdiges schriftliches Zeugnis aus dem Sonderkommando, dass die Ver- nichtungsaktionen bereits vor dem letzten Zugang aus Theresienstadt eingestellt worden waren. Aktuellen griechischen Untersu- chungen zufolge seien jüngst noch weitere Stellen in Nadjarys Brief ent- ziffert worden, darunter wohl auch das Datum 3. 11. 1944. Wenn dies zu- träfe, liegt der Schluss nahe, dass der pzorrTur] mMn n mnu EIEREH ETo ETPArTOnEAO-KOAAEIRHPI0 TOV AOR Fuei noð ð pusipòt ẽtõurte ——— Meb Eniherii S ßuan ank oxtöin voß Iltvruychww Knu n ru h nan LI lN*n R nM t M Erstveröffentlichung von Brief-Auszügen in der griech. Zeitung Rizospastis, 22. 4. 1982 ext nicht an einem Tag(30. 10. 1944) geschrieben und beendet worden ist. Der Fall Nadjary lässt auf die Er- langung noch weiterer neuer Er— kenntnisse hoffen. Finzigartig an Nad- jarys Jext ist auch, dass sein Verfasser als einziger Sonderkommando-Häftling, dessen vergrabene Schriften entdeckt worden sind, das Kriegsende überlebt hatte und im Jahre 1947 sogar seine Er- innerungen in einem 38seitigen Manu- Skript dokumentierte, das 1989 erstmals aus?ugsweise in der griechischen Erst- ausgabe von Berry Nahmias Buch„4 Cr) for Vomorrow 76...“ vund Schließlich 1991 vollständig in Nadjarys Buch, Chronico*(beides in Griechisch) verõffentlicht wurde. Die Erinnerungs- Schrift aus der Nachkriegszeit bestätigt einerseits in den meisten Fãllen die An- gaben im Krematoriums-Brief und er- gänzt sie auf der anderen Seite auf be- eindruckende Weise. Es bleibt zu hoffen, dass Nadjarys Gesamtwerk zukünftig auch in Deutschland verlegt wird. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 Hervorgehoben werden sollte auch, dass Nadjarys Brief ein wahr- haft vergessener Schat?z war. Sein Ver- fasser verriet weder während seiner Hãäftlingszeit noch danach Kamera- den, Freunden, Bekannten und noch nicht einmal Familienangehörigen, dass er einen Brief in der Erde des Krematoriumshofs vergraben hatte. Nadjary erlebte die Entdeckung sei- nes Briefs tragischerweise nicht mehr. Mit Polians Veröffentlichung in der VfZ liegt Nadjarys Brief nun auch erstmals in fast vollständiger deut- scher Ubersetzung vor. Im Gegensatz zu anderen Schriften von Sonder- kommando-Chronisten, die nach Kriegsende aufgefunden werden konnten, war Nadjarys Brief das am wenigsten beachtete Zeugnis. Zu Un- recht, wie der jetzt Zugängliche Text beweist.„ Zur Mythologisierung eines griechischen Helden des Widerstands Der Auschwitz-Flüchtling Alberto Errera Von Andreas Kilian Im Schatten des Rechtsrucks in Furopa erscheinen 2017/2018 in Grie- chenland drei bedeutende Werke über Auschwit?: Leon Cohens erstmals 1906 in englischer Sprache verõffentlichtes Buch„ From Greece 10 Birkenau“, Mar- cel Nadjarys erstmals 1991 publiiertes Buch„Chronico“, beide Werke von Uberlebenden des Sonderkommandos verfasst und in ergãn?ter und überarbei- teter Fassung editiert, sowie George Pilichos erste umfangreiche Gesamtdar- stellung des Schicksals griechischer Juden in Auschwitz mit dem Fitel „AUCWTE Greelcs, Mumbers Condemned 0 Peum“ als Späte Revisi- on des 2000 vom Hellenic Ministry of Freign Afninm herausgegebenen fehler- haften Buchs„Creelks in Auschwitz-Bir- Kenau“ von Photini Tomai. In allen drei Werken wird ein Mann namens Errera erwähnt, der im August 1944 als Sonder- kommando-Häftling für seine spekta- kuläre Hucht vom Ort der Asche-Be- Seitigung an der Weichsel berühmt geworden war, die er nicht überlebte. Zudem wurden im Internet mehre- re Beiträge über Errera veröffent- licht, die biografi- sche Angaben ent- halten, welche von Familienangehörigen Erreras nicht be- stätigt werden können. Sie folgen einer Tradition, die bis in die 1940er Jahre zurũckverfolgt werden kann. Im Folgen- den werden ausgewählte Beispiele des internationalen Heldengedenkens an Frrera(der auch mit den Vornamen Alekos oder Alex erwähnt wird) und Seiner Dynamik untersucht. Das Fucht-EFreignis konnte 1044 von vier überlebenden Augenzeugen be- Aberto Errera(o.J., mit freundl. Gench- migung seiner Nichte Matthildi Eskinatzi) 32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Stätigt und an ihre Kameraden berichtet werden. Ihren Aussagen zufolge habe Errera SS-Wachen niedergeschlagen und sei beim Durchschwimmen der Weichsel angeschossen worden. Dem Sonderkommando wurde der entstellte Leichnam zur Abschreckung zur Schau gestellt. Die Beschreibung wurde nach Weitergabe dann allerdings mehrfach verfãlscht, S0 dass in der Literatur zahl- reiche Varianten zu finden sind. Ein Be- leg der Hucht findet sich in den Lager- verwaltungs-Akten. Uberliefert wurde der Fintrag einer Fuchtmeldung an die Politische Abteilung K. K. Auschwit? durch den Poliei-Anwärter der Schut?- polizei der Reserve Julden am 9. 8. 1944 um 20:15 Uhr Mide Jerrara Alhert Fra- el geh. J. J. J3 z Ldrissd, dqm M. Unter- arm owiernt mit der Nn 76252.“(Der Anfangsbuchstabe war offenbar ein Schreibfehler, da die bei RSHA-Trans- porten verteilten Hãäftlingsnummern grundsätzlich alphabetisch der Reihen- folge nach vergeben worden waren und o.g. Nummer zwischen den Familienna- men mit„D“ und„G“ stand. Falsche An- gaben der Häftlinge gegenüber der La- gerverwaltung wie beim o.g. Geburtsort führen nicht selten zu Unplausibilitäten, denkbar wären auch Aufnahme- oder Ubertragungsfehler.) Laut eidesstattlicher Erklärung Seiner Witwe Matthildi Errera(geb. Fskinat?zi) vor Gericht in Larisa am 25.01.1983 wurde Alberto Errera 1912 in Thessaloniki geboren und hei- ratete 1937 in Larisa. Fünf Jahre zu- vor hatte sie in der Gedenkstätte Vad Vashem noch das Geburtsjahr 1913 angegeben. A nOMEMOVM E VW AMAMR v ry vuit ie En A FMn unnx S — —— 4— —— Nationale Auszeichnung für Alberto Errera, O Matthildi Eskinatzi 2017 Späte Ehrung Erreras Person und FHuchtversuch wurde in zahlreichen Publikationen weltweit seit 1946 ein Denkmal gesetzt. Anfangs in Frinnerungsmemoiren und Gedenkbüchern von Auschwitz-Uber- lebenden, Jahrzehnte später verstärkt in der Sekundãärliteratur. In seiner Hei- matstadt verfasste im Jahre 1997 Lina Folina von der Union der Poeten und SChriftsteller Larisas sogar eine Ode mit 100 Strophen zu Erreras Ehren. Von der Hellenischen Republik(amtlicher Staatsname Griechenlands) wurde Er- rera für Seinen Akt des Widerstands am 4. 10.1980 posthum die„Prinnerungs- meduille des Nationalen Widerstands IAJ4(...) Kir veine direlcte Jeilnah- me als individueller Kdimpfer des Natio⸗ nalen Widerstunds des griechischen VoMkes gegen die Besatzungsarmee“ vom nationalen Verteidigungsminister Ioannis Varvitsiotis verliehen, aller- dings als sehr später Akt des Geden- kens an ein griechisches Opfer des Na- tionalsozialismus, das 1.600 km von sei- ner Heimat entfernt ermordet worden war. Erreras Witwe erlebte die Fhrung nicht mehr, sie verstarb ein Jahr zuvor. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 33 Obwohl seiner Witwe und Ver- wandten zufolge eine Widerstands- tãtigkeit Erreras in Griechenland nicht bekannt war, reichte seine spektakulã- re Flucht in Auschwitz offenbar aus, um mit Hilfe von Fürsprechern dafür gechrt zu werden. Der Fluchtversuch war nicht der erste und auch nicht der letzte, der von Sonderkommando- Hãäftlingen durchgeführt worden war, aber Sicherlich einer der berühmtesten, da sich das Ereignis rasch im Lager herum gesprochen hatte, nicht zulet?zt wegen der Verwundung oder behaup- teten Ermordung von SSAngehörigen durch den Griechen. Partisan oder Pechvogel Im Internet kursierende Behaup- tungen, dass Errera bereits in Grie- chenland im Widerstand aktiv gewesen Sei, sind unsubstantiiert. Möglicherwei- se beruhen sie auf Verwechslungen oder falschen Schlussfolgerungen: Tatsächlich soll ein Elias Errera dem Widerstand angehört haben, ein Mau- rice Errera wurde am 5. 4. 1943 bei ei- nem Fluchtversuch aus dem Baron Hirsch Ghetto erschossen. Er habe sich den Partisanen anschließen wollen. Al- berto Erreras Schwager Samuel Eski- natzi wurde eine Woche vor dem Ende der Kampfhandlungen am 6. 1. 1945 in Kaza Biotias als Anführer der 10. Kompanie des 54. ELAS—Regiments (Griechische Volksbefreiungsarmee) im Kampf getötet, allerdings nicht von den deutschen Besatzern(wie von Matsas in, The Wusion of Sufet)“ 1997 behauptet), die sich bereits im Oktober 1944 aus Griechenland zurückgezogen hatten, sondern von griechischen Re- gierungs- und britischen Truppen. Marcel Nadjary schrieb 1947 in sei- nen Frinnerungen über einen Hãftling, den er im März 1944 im Durchgangsla- ger Haidari kennengelernt hatte:„Pin anderer Mann war Alelcos Alexundridis Wir wuden beste Freunde Ey wurde he⸗ vhldigt der Lieferant der Gluerilla ge⸗ wesen zu sein. Spter enthiillte er min dass vein Name Alberto Errera wun“ Nadjari schreibt nicht, dass sein Freund für die Partisanen gearbeitet habe. Dem Univ-Prof. John Kalef-Ezra zufolge wã- re Seiner?eit als Verhaftungsgrund häu- fig eine Verbindung mit den Partisanen (FLAs) unterstellt worden; in Erreras Fall sei die Anzeige einer abgewiesenen verliebten Frau dafür verantwortlich ge⸗ wesen, dass Alberto unter falschem Vor- wand in Athen verhaftet worden sei. Tatsächlich sei Errera mit seiner Frau und Schwãgerin unter dem falschen Na- men Alekos Mexandridis in Farsala un- tergetaucht und habe von dort aus Le- bensmittel und andere Waren transpor- tiert, bevor er an die Gestapo ausgelie- fert wurde. Laut Prof. Kalef-Fzra hätten viele versteckte Juden Thessaliens sein- ereit von dieser Tätigkeit gelebt. Auf dem Weg nach Auschwit? habe der De- portationsꝰug am 2. 4. 1944 an der Stati- on Farsala gehalten, wo Errera einem zufällig vorbeigehenden Freund noch eine Nachricht an seine Frau habe zuru- fen können, die daraufhin mit ihrer Schwester in die Gebirgsregion von Pi- lio geflüchtet sei. Mit Joseph Nechamas 1940 erstmals veröffentlichter Darstel- lung im 2. Band von Michael Molhos unzuverlãssigem Werk, In Memoriam“ 34 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer (dt. Ubers. 1981, S. 355) verbreitete sich der Partisanen-Mythos bis in die Ge- genwart. Nechama schrieb seinerzeit: „Aher Alelcos ist tapfer Kiirzlich, hevor er den Wazis ins Nelz ging, hatte er in Vhessulien in der Késistunce gelcdmpft ind den Kerlen der Besatzungsarmee zligesetzi.“ Michael Matsas, der sich in „Vhe Wusion of Safely“ auf Necha- mas Molhos Darstellung bezieht(S. 240), erweitert fast 50 Jahre später ohne Beleg Frreras Referen?:„Alberto Mois Errera Kdmpfte in Albanien und er— hielt eine Heldbefõrderung ſir Vapericeit. Im Septem- her Ia ging er in die Ber ge nd Spler auf eine Wi derstundsmission nach Ahen.“ Offizier, Kapitän, Matrose oder Lebens- mittelhändler K. F. Fleming behaup- tet in ihrem Standard- werk„Creece— a Jewish History“(2008), Errera Sei ein„Armee Veteran“ gewesen, der während der Besat?ungszeit den christlichen Decknamen „Alekos Michaelides“ angenommen habe(8. 160). Vermutlich bezieht sie sich auf die Recher- chen von Nikos Stavrou- lakis, der 1983 den Anmer- kungsapparat in Errikos Sevillias Buch„Athens— ficer in the greek army“ bezeichnete. Einige Sonderkommando-Uberleben- de schrieben in ihren Brinnerungen, „Alex“ Errera sei Offizier in der grie- chischen Armee oder Marine gewesen, 8o Filip Müller 1979 in seinem Buch „Jonderbehamndlung“(S. 125), Shlomo Venezia in„Meine Arheit im Sonder- ommando Auschwilz“(2008, S. 138) und Daniel Bennahmias in dem von Rebecca Camhi Fromer verfassten Buch„ T)he Holocaust Odhssey“(1993, S. 32 allerdings gibt Bennahmias in ei- nem Video-Interview an, dass es nur einen einzigen griechischen Offizier im Sonderkommando gege- ben habe: Joseph Baruch). Diese Behauptung taucht erstmals in Albert Men- asches frühem Werk„Bir- Kenau“ aus dem Jahre 1947 auf(S. 89). Ohne Namens- und Rangnennung schrieben bereits ein Jahr zuvor die Auschwitz- Uberlebenden Erich Kulka und Ota Kraus in ihrem bekannten Werk„Die Jodesfahrik“ (dt. Ubers. 1957,§. 129) über die Fucht. MMerdings lassen sie das Schicksal des SSManns offen. Leon Co- hen behauptete in seinem Buch„From Greece 10 Birkenau“ zudem, Errera sei„professioneller Ma- trose“ gewesen(S. 32, 77). Auschwit?“ verfasst hatte Aufnahme von Mlberto und Errera als„career of- Errera in Saloniki(o. J.) Diese Angabe mach- te auch Henryk Mandel- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 335 baum(„Jch aus dem Krematorium Asch wit?“, 2017, S. 69). Erreras Ver- wandten war und ist davon allerdings nichts bekannt. GCohen behauptet zu— dem(wie Eduard de Wind bereits 1046 in seinem Buch„Endstation Aschwilz“, 8. 167), Errera habe während seines Fluchtversuchs einen SS-Mann mit der Schaufel getötet, was wiederum von dem Sonder- kommando-Uberlebenden Daniel Bennahmias und Augenzeugen be- stritten wurde. Lisa Pinhas teilt Cohens Parstellung in ihrem Buch„4 Narrative of Evil“ (2014, S. 109 f.). Darin ist Errera Leut- nant der griechischen Armee und Füh- rer der griechischen Widerstandsgrup- pe im Sonderkommando, wie auch schon Menasche behauptet hatte. Die Opferzahl steigt bei Sevillias: In seiner Schr ausführlichen und ausgeschmück- ten Darstellung(S. 4042) habe Errera gleich zwei SS-Männer getötet, indem er die Bewusstlosen in die Weichsel warf. Er schließt mit den pathetischen Worten:„Das war die Geschichte von Alhertos Errerus, von dessen Vapfericeit vie wochenlang im Lager sprachen. Er wlr der einzige Gefangene der versuchte zu entommen, der immerhin zwei Melutsche tõtete und etwus mit veinem Lehen Kaufte.“ Sevilias Version folgt auch Photini Tomais in der eingangs er- wähnten Publikation aus dem Jahre 2009, allerdings macht sie aus EFrrera ei- nen Reserve-Offizier. Der Auschwitz-Uberlebende Heinz Salvator Kounio lãsst in seinem Buch „Pin Liter Sippe lind 60 Grumm Brot“ (2016) den„griechischen Offizier“ E- rrera erst während des Aufstands am 7. 10. 1 944 flüchten und sterben(S. 92). Familienangehörigen Erreras ist ei- ne vermeintliche Partisanentätigkeit oder Militärkarriere nicht bekannt, al- lerdings hätte sein Schwager Samuel Fskinatzi den Rang eines Hauptmanns (Captain) geführt. So könnte die Be- zeichnung Albertos als„Officer“,„Cap- tain“ oder„Kapitän“(pei Shlomo Ve- nezia) ein Mythos sein. Helden werden aber nicht nur beim Militãr geboren. Uber einen griechischen„Ka- pitän“(gemeint ist auch hier offen- sichtlich der militärische Rang„Cap- tain“), der einen Freitodversuch un- ternommen hatte, schrieb bereits im Jahre 1946 der im Krematorium be- schäftigte Pathologe Miklos Nyiszli Folgendes:„Er ist nur unter diesem Namen belcannt. Zu Hause in Athen wr en ein altiver Offizien der Erzie- her der Kinder des griechischen Kö- nigs.“ Alberto Errera hingegen führte einen Lebensmittelladen in Larissa. Offenbar wurde ein anderer Hãäftling unter den schätzungsweise insgesamt 150 griechischen Männern im Son- derkommando„Kapitän“ genannt. Allerdings ist nur im Fall von Joseph Baruch zweifelsfrei belegt, dass er griechischer Offizier war. Die Herkunft zahlreicher Gerüchte, die sich um Alberto Erreras Person ran- ken, wird sich offenbar nicht mehr ermitteln lassen; aufhalten lassen wird sich ihre Verbreitung auch nicht. Er- reras Heldenmut würde aber auch dann nicht geschmälert, wenn zweifelsfrei erwiesen wäre, dass er in Seiner Heimat weder Offizier noch Partisan war.„ STUDIENFAHRTEN 2018 Termin: 8. März-14. März 2018 Termin II: 28. September-4. Oktober 2018 Rundgang im Stammlager Auschwitz Rundgang im Vernichtungslager Birkenau Gesprãche mit Uberlebenden Besuch in Archiv und Kunstsammlung der Gedenkstätte Auschwit? Besuch in Krakau(Führungen durch Kazimier? und das ehemalige Ghetto) Kosten: 750 Euro(Flug, Unterkunft, Mahlzeiten, Eintritte, Honorare) ermäßigt: 350 Furo(auf Antrag für Studierende, Schülerinnen und Schüler sowie Menschen mit geringem Finkommen) Auskünfte und Anmeldungen für alle Termine bei Uwe Hartwig, E-Mail uwe. fv. hartwig Qweb. de, Telefon(U6002) 7403 Die Studienfahrten sind als Lehrerfortbildung und als Bildungsurlaub anerkannt. Vergiss Deinen Namen nicht Die Kinder von Auschwitz Alwin Meyer, Autor des gleichnamigen Buches, berichtet mit Fotos von seinen Begegnungen mit Uberlebenden Dienstag, 6. Februar 2018, 20 Uhr b1118 Bad Vilbel, Stadtbibliothek, Niddaplatz Montag, S. Februar 2018* 63500 Seligenstadt, café K der evangelische Gemeinde, Aschaffenburger Straße 105 Genaue Uhrzeit noch nicht bekannt, wahrscheinlich 20 Uhr oder etwas früher. Fventuell gibt es noch einen Jermin mit Mwin Meyer am Mittwoch, 7. Februar: für aktuelle Informationen- auch über weitere Veranstaltungen- bitten wir um Beachtung unserer Internetseite wm. lagergemeinschaft-auschwitæ. de.