LAGERGEMENSCHAFT ADSCHWTZ FREUNDESKREIS DER AUSCFHWTAZER 37. Jahrgang Mitteilungsblatt, September 2017 —— Polltische Verfolqung Krieg/Bürgerkrieg ove 44 verfolqung aufqgrund sexueller Orientierung G Folter ( Ethnische Verfolqung Existenzbedrohende Diskriminierung Weltweit sind über 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Wer alles verloren hat und vor Verfolgung error und Gewalt in einem ancieren Lancd Schutz sucht, hat ein Anrecht auf Hilfe unc Solicaritãt. Engagieren Sle sich mit uns für eine Weit in der Flüchtlinge ciie Chance auf ein menschenwürcdiqes Leben haben. Als selbstbestimmte und unsbhängige Organisstion braucht PRO ASVL lhre Unterstützung. Bitte Spenden Sie oder wercen Sie Mitglied! Speenkntet Berk Fr Sweie irtsehaft Ketln B[Z 37U 205 UU Kftcr. 073 SA LE BI. RF3 † facehak mſcsl lwittsrrrprcsy S vlus Umle rp wWww. proasyl.de PRO ASVI DER EiRzELFaLL zäR. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 Von Auschwitz lernen und Verantwortung übernehmen Bericht über eine Studienfahrt Von Fsther Nauth Ich bin 23 Jahre alt und studiere im sechsten Semester Deutsch und Geschichte auf Lehramt für Haupt- und Realschulen an der Goethe-Universität in Frank- furt am Main. Bei den Nachforschungen zum Thema Auschwitz, die ich für mei- ne Fxamensarbeit getätigt habe, bin ich auf die Internetseite der Lagergemein- schaft und das Angebot der Studienfahrt gestoßen. Da ich im Rahmen der Fxamensarbeit eine Exkursion für Schülerinnen und Schüler nach Auschwit? plane, war eine Fahrt dorthin unabdingbar. Für mich persõnlich war es der ers- te Besuch eines Konzentrationslagers überhaupt. Daher hatte ich gemischte Gefühle gegenüber der Reise: Finer- Seits ist mein Interesse für dieses The- ma so groß, dass ein Besuch eigentlich gar nicht vermieden werden konnte. Andererseits hatte ich Angst vor der Begegnung mit diesem Ort, an denen die Menschen des Landes, in dem ich lebe, die grausamsten Verbrechen ver- übt haben, die man sich vorstellen kann(eigentlich ist es unvorstellbar). Doch ich habe die Reise angetreten und der Vergangenheit der Deutschen ins Gesicht geblickt. Auschwitz— der deutsche Name der polnischen Stadt Oswiecim wird für alle Zeit im Gedächtnis der Welt bleiben. Auschwitz ist das Symbol für die Shoa, für Völkermord und Terror und für das unvorstellbare Grauen. Doch entstand das Konzentrations- und Vernichtungslager nicht einfach aus reinem Sadismus heraus— in Aus- chwitz waren die Täter, ganz normale? Menschen. Jeder konnte zum Täter werden.„Es ist geschehen, foiglich Kann es wieder geschehen“(Primo Levi). Daher ist es umso wichtiger, den Ort der Gedenkstätte zu besuchen und als Möglichkeit Zum Lernen zu nutzen. Wir sollten lernen, was dort passierte, wer handelte und aus wel- chen Gründen, um ein zweites Ausch- wit? Zu verhindern. „Milionen Menschen auf der Welt wisen, wus Auschwilz wan Aber weiler- hin muss im Bewusstsein und in der Er- innerung der Menschen hleiben, dass es nur von ihrer Entscheidung abhängt, ob vich so eine Vragödie wiedermolt. Mur 1 Primo Levi war ein italienischer Chemiker(19191987), der in Auschwitz-Monowit? als Zwangsarbeiter der BunaWerke des IG-Farben-Konzerns inhaftiert war. Er hielt seine Erfahrungen al Uberlebender des KZ in verschiedenen Werken fest, unter an- derem„ Pt das ein Mensch?“ oder„Die Untergegangenen und die Gereneten“. 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Menschen Konnten sie hervorrufen ind nur Menschen Können sie verhindern“ (Prof. Wladyslaw Bartosꝰewski).? Neben dem Besuch des Stammla- gers Auschwitz I war auch der Besuch des Vernichtungslagers Birkenau (Auschwit? Il) sowie der Besuch der Stadt Oswiecim geplant. Der Tag im Stammlager hat mir gezeigt, wie viele Menschen sich für dieses Thema inter- essieren— der Besucherandrang belief sich im Jahr 2015 auf über 1,5 Millio- nen Menschen, für das Jahr 2016 wird er sogar auf ca. 2 Millionen geschätzt. Ich finde es besonders wichtig, wenn in der Schule das Thema Natio- Die ⁊ynische Redewendung„Arbeit macht freiꝰ stand über den Tor zum Stammlager Auschwitz. nalsozialismus behandelt wird, dieses mit einem Besuch einer Gedenkstätte zu verbinden. Nur so haben die Schü— lerinnen und Schüler die Möglichkeit, ein KZ— als Ausformung des unbe- grenzten Terrors— selbst zu sehen. Auschwit?z als das größte in allen drei Bereichen(Konzentrationslager, Ver- nichtungslager und Arbeitslager) ist insofern gut geeignet, als dass sich ei- ne große Bandbreite an Lerngelegen- heiten bietet. Der Tag im Stammlager begann mit einer Führung durch das ehema- lige KZ-Gelände. Doch schon auf dem Fußweg dorthin waren die Spuren der 2Wladyslaw Bartos?ewski war ein polnischer Historiker(1922— 2015), der sich dem Widerstand gegen die Deutschen angeschlossen hatte. Er wurde 1940 in Auschwit? inhaftiert, 1941 schwer krank entlassen. Seine historischen Werke beschäftigen sich vor allem mit der Auseinandersetzung mit der Shoa aus polnischer Sicht, aber auch die Bezichungen zwischen Polen, Juden und Deutschen. Er veröffentlichte mehr als 40 Bücher und 1200 Artikel in unterschiedlichen Sprachen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 Vergangenheit zu sehen: Unsere Betreuerin von der Jugendbegeg- nungsstätte zeigte uns das ehemalige Wohnhaus von Gerhard Palitzschs, aber auch ein Massengrab mit den let?ten Opfern der Nazis vor der Be- freiung des Lagers. Die Führung im Stammlager war nicht nur sehr informativ, Ssondern un- ser Guide war sehr kompetent und freundlich und ist auf die individuellen Fragen ausdrücklich eingegangen. Er hat uns geschickt durch die Blocks ge- leitet und uns so vom großen Touris- tenandrang verschont. Nach einer kur- zen Mittagspause hat sich die Gruppe die verschiedenen Nationalausstellun- gen angeschaut. In Block ten Bilder aufgezeichnet haben. Doch die Ausstellung der UdSSR hat in der Gruppe kontroverse Gefühle aus- gelöst, vor allem die heroische Selbst- darstellung wurde kritisiert. In Block 15 steht Polen im Vorder- grund. Im Erdgeschoss von Block 16 ist das Schicksal der Slowaken, im Obergeschoss das der Böhmen und Mähren dargestellt. Vor allem die Aus- stellung über die let?te große Opfer- gruppe des NS, die ungarischen Juden, fand ich sehr gelungen und beein- druckend ins?zeniert. Block 20 ist eben- falls aufgeteilt: Im Erdgeschoss ist die Geschichte Frankreichs, im Oberge- Schoss die Belgiens nachzuverfolgen. 13 ist die Ausstellung über das Schicksal der Sinti und Roma zu sehen — eine Opfergruppe des NS, die lange Zeit leider kaum Beachtung erfah— ren hat. In Block 14 wird die%½ Geschichte der UdSSR dargestellt, die sich in ins- gesamt vier Ausstellun- gen aufgliedert. Hier hat mich vor allem der Teil der Befreiung beeindruckt, da hier un- ter anderem die Kameras zu sehen sind, welche die uns heute so bekann- . X— —. 1 — Das Schicksal der Holländer ist in Block 21 zu sehen. Ich habe alle Nationalausstellun- 3 Gerhard Arno Max Palitzsch(1913— 1944) war ein deutscher SS-Hauptscharfüh- rer, der als Rapport- und Lagerführer im KZ Auschwit? eingeset?t war. Palit?sch gehörte zu den SS-Leuten, die auch aus eigenem Antrieb heraus und ohne höheren Befehl Häftlingen erschossen. Er wurde Zzum Hauptexekutor von Todesurteilen. In Gegenwart eines Häftlings soll er behauptet haben, persönlich 25.000 Menschen er- Schossen Zzu haben. Palit?sch starb bei Kampfhandlungen in Budapest. . Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der LGA-Studienreise vom Frühjahr 2017 mit dem 90-jährigen Waclaw Dlugoborski- in Auschwitz war er politischer Häftling Nr. 138817. gen besucht, aber vor allem die neue Dauerausstellung in Block 27 hat mich am meisten berührt. Hier hat die Ge- denkstätte Vad Vashem die Geschich- te der Shoa dargestellt, auf eine Weise, die den Betrachter tief berührt. Neben dem„Book of Names“, das bisher über vier Millionen Namen beinhal- tet, ist vor allem der Raum mit Kin- derzeichnungen prägend. Diese Aus- stellung hat die Gruppe zusammen mit unserem Guide besucht= was ich per- sönlich sehr begrüße. Mir hat in den anderen Nationalausstellungen das ein oder andere Mal eine Ansprech- person gefehlt, die mir meine Fragen hätte beantworten können. Sehr beeindruckt hat mich die Aus- stellung über Kunst im Lager, die die Gruppen der Lagergemeinschaft exklusiv besuchen dürfen. Diese Thematik ist wenig bekannt und da- durch umso interessanter. Zu sehen, wie Hãftlinge ihre Erlebnisse während der Lagerzeit verarbeitet haben, aber auch nach der„Befreiung“, die zwar eine physische, aber keine psychische gewesen zu sein scheint, hat mich ge- troffen. Vor allem dieser Jeil ist auch pãdagogisch gesehen von Interesse, da das Unvorstellbare bildlich wird. Schülerinnen und Schüler können s0 einen ganz anderen, eventuell sogar intensiveren Zugang zur Geschichte des Lagers bekommen, der bei der Ausbildung des historischen Bewusst- Seins wichtig ist. Was mir persõnlich gefehlt hat, ist Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 8 das Unglück weiterer Opfergruppen des NS, die nicht unbedingt etwas mit einer Nationalität zu tun haben: Das Schicksal der Homosexuellen, aber auch das der Zeugen Jehovas(„Bibel- forscher“) bleibt in der ganzen Aus- stellung des Stammlagers leider außen vor. Wenig Informationen haben wir auch über die Opfer der“medizi- nischen Experimente“ der NS-Arzte erhalten oder den Zusammenhang des Vernichtungsprogramms mit der Futhanasie(Td) im„Reich“. Besonders bedeutsam finde ich die Möglichkeit des Gesprächs, welche die Gruppe am Abend nach dem Besuch hatte. Der Austausch über das Erlebte, das Erfahrene ist insofern relevant, als dass dies dadurch erst wirklich verar- An einem Abend stellte uns Mex- ander Wolf vom KGA-Vorstand den ViꝰZepräsidenten des Internationalen Auschwit? Komitees(IAK) Christoph Heubner vor und bat ihn, von seiner Arbeit Sowie über die bevorstehenden und bereits beendeten Prozesse (Demjanjuk/Gröning) der Täter, die ihren„Dienst“ in den Vernichtungsla- gern geleistet hatten, zu berichten. Auch zum Projekt des Volkswa- genkonzerns und zu den Auszubilden- den des VWWerkes, die gerade in Bir- kenau Sanierungsarbeiten und dergleichen durchführten, sollte er be- richten. Die Erfahrungsberichte von Heubner waren für mich sehr interes- Sant, insbesondere sein Ansatz der euben der eieugen der in beitet werden kann. Schülerinnen und Schüler sollten die- 8se Möglichkeit bei einem Besuch von Auschwit? unbe- dingt haben! Wich- tig sind auch Rück- zugsmöglichkeiten, um für sich zu sein. Jedem sollte die Entscheidung, wie mit der Erfahrung umgegangen wird, überlassen bleiben. — VERS — — E W— ½ 5 EN 0 S 8 SIEEERE Gedenkplatte am Memorial in Birkenau. Christoph Heubner wurde 1 949 geboren und ist neben seiner Funktion als Vzeprä- sident des IAK ein deutscher Schriftsteller. Er leistete selbst Friedensdienst im Rah- men der Aktion Sũhnezeichen Friedensdienste und engagiert sich seither für die Auf- arbeitung und Frinnerung an Auschwitz. Darüber hinaus betreut er seit 1900 die Aus- zubildenden der Volkswagen A6 während eines 14-tägigen Arbeits- und Seminarauf- enthaltes in der IVBS und praktischer Arbeit in der Gedenkstätte Auschwitz. 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Blick von den Bahngleisen Zum Tor des Fingangsgebäude des Vernichtungslagers Birkenau. naher Zukunft immer bedeutungsvol- ler werden wird. Nach der Reflexion am Abend ha- be ich dem Besuch in Birkenau offener entgegengeblickt, als noch dem Besuch des Stammlagers zuvor. In Birkenau war neben der unendlich erscheinen- den Weite der Lagerfläche auch das Wetter für das Empfinden ausschlag- gebend: Es wehte an diesem Tag ein eisiger Wind. Ich habe mich stets ge- fragt, wie es wohl den Häftlingen ge- hen musste, wenn ich schon mit einer dicken Jacke friere? Gerade in diesem Moment wurde mir erneut das Aus- maß der Unmenschlichkeit bewusst.... Dieses Gefühl hielt sich während der ganzen Führung durch Birkenau. Zu sehen, unter welchen Verhältnis- sen die Häftlinge beispielsweise auf die Toilette gehen mussten, oder wo sie schlafen mussten, war er- Schreckend= und das obwohl ich mich zuvor intensiv mit dem Thema ausein- andergesetzt hatte, viele Bücher und Berichte gelesen, viele Dokumentatio- nen gesehen hatte. Sich auf diese Er- fahrungen wirklich vorzubereiten, hal- te ich jetzt, nachdem ich selbst dort war, für unmõglich. Dies ist vor allem zu beachten, wenn die Reise mit Schü- lerinnen und Schülern angetreten wird! Umso wichtiger ist hier dann die Nachbereitung. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 Angefangen hat die Führung oben im Turm, der zum Symbol der Shoa wurde. Gerade aus dieser Perspektive war die Größe des Lagers gut zu se— hen. Auch konnte ich mir so einen Uberblick darüber verschaffen, wo welcher Lagerabschnitt gelegen hat. Anschließend sind wir in die Baracken des Quarantänelagers gegangen— die- Se sowie die Baracken im Frauenlager sind die einzigen, die übriggeblieben Sind. Dass das Frauenlager tatsächlich das schlimmste war, wie es selbst La- gerkommandant Höß in seinen Me- moiren beschreibt, ließ sich beim Be- treten der Baracken sehen. Sehr beeindruckend war das Mahnmal, das zwischen den gesprengten Krematori- en Nr. 2 und 3 errichtet wurde. Die Ge- denktafel ist in 24 Sprachen zu sehen— alle Sprachen, die im Lager gespro- chen wurden. Die Geschichte des Aufstandes des Sonderkommandos am Ort des Ge-— schehens noch einmal zu hören, hat mir gezeigt, dass selbst unter den grau- samsten Zuständen die Menschlich- keit bewahrt werden konnte. Zusam- menhalt, Loyalität und Nächstenliebe — all das, was die Nazis zerstören woll- ten, und was ihnen nicht gelungen ist. Was mich von allen Punkten der Studienreise sehr stark und auch emo- tional bewegt hat, waren die Ge-— spräche mit Emanuel Elbinger und Waclaw Dloguborski, die beide die Verfolgung der deutschen Besatzer überlebt haben. Den Menschen, denen das Unvorstellbare widerfahren ist, zuzuhören und zu sehen, dass sie kei- nen Hass oder Groll gegenüber den Deutschen heute verspüren, war wie eine Art Vergebung dessen, was ich mir selbst zugeschrieben habe, obwohl ich eigentlich gar nichts dafür kann. Dennoch will ich die Verantwor- tung, die ich alleine deswegen trage, weil ich Deutsche bin, nie abgeben und versuchen, dazu beizutragen, dass „Auschwitz“ und damit alle Verbre- chen gegen die Menschheit niemals vergessen werden. Der Zeitpunkt rückt näher, an dem keine Zeitzeugen mehr leben werdne. Deshalb ist es um- so wichtiger, dass sich Menschen fin- den, die ihre Botschaft weitertragen. Wie das geschehen kann, lässt sich dis- kutieren und es bieten sich verschie- dene Möglichkeiten. Eine davon kann eine Studienreise nach Auschwit? mit der Lagergemeinschaft sein. Für mich diese Studenfahr sicher nicht die letz- te gewesen sein.„ Waclaw Dlugoborski und FEsther Nauth 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer An der Studienreise der Lagergemeinschaft im Frühjahr dieses Jahres nahmen elf Frauen und Männer im Ater zwischen 20 und 70 Jahren teil. Wie immer stand neben dem Aufenthalt in Oswiecim und der Gedenkstätte Auschwit?-Birkenau auch ein zweitãgiger Abstecher nach Krakau auf dem Programm. Ein fast vergessenes Ghetto Zur Geschichte des Krakauer Stadtteils Podgorze Von Alexander Woff Zunächst wohnten wir in der Inter- nationalen Jugendbegegnungsstätte (IIB8) in Oswiecim. Sie entstand in den 1980er Jahren. Hier sollen sich Menschen aus der ganzen Welt ken- nenlernen, Angste und Vorurteile ab- bauen, die sich insbesondere aus der geschichtlichen Vergangenheit und Gegenwart ergaben und noch ergeben könnten. Fin Postulat der Begeg- nungsstätte ist, Gedanken offen aus— zusprechen. Sie sind dass prägende Element der pãdagogischen Arbeit in diesem Haus. Auch unserer kleinen gemischten Gruppe bot die IBS die Möglichkeit, nach dem Besuch der unterschiedli- chen Abteilungen der Gedenkstätte unsere Wahrnehmungen und Empfin- dungen intensiv und zeitnah zu reflek- tieren. Pann stand die Fahrt nach Kra- kau an. In Krakau Im ehemaligen jüdischen Viertel Kazi- mier? befindet sich unser Hotel. Nach dem Finchecken bleibt noch Zeit für Latte Macciato und Kuchen am Ryn- ek, Krakaus großem Platz mit seinen Tuchhallen, Cafes, Restaurants, Knei- pen und Geschäften. Pferdekutschen und Flektroautos drehen hier ihre Runden. Prachtvoll zeigen sich die Ge- bäude, und der Hrompeter im Turm der Marienbasilika lãsst sein Warnsignal erklingen, mit dem er vor Jahrhunder- ten vor dem Ansturm feindlicher Hee- re warnte. Hier auf diesem Platz schlägt das Herz von Krakau, das oftmals heimliche Hautpstadt Polens genannt wird. Abends trifft sich dann unsere Gruppe zu einem gemein- samen Abendesssen im Restaurant Galicia. Fine Verwechslung Nach dem weltweiten Erfolg des Filmes Schindlers Liste hat Krakau ei- nen gewaltigen Tourismusboom er- lebt. Regisseur Steven Spielberg hat in seinem Hilm das Ghetto in das jüdi- Sche Kazimierz verlegt, s0 dass man- che Touristen es gar nicht wahrhaben wollen, dass dieses sich nicht hier, Sson- dern auf der anderen Seite der Weich- sel in Podgorze befand. Allerdings wird auch in den Stadt- führern für Krakau der tatsächliche Ort des Ghettos kaum erwähnt. Dafür aber umso mehr Schindlers Fabrik. Dorthin zieht es die Touristenstrõme, das Ghet- to wird einfach links liegengelassen. Es ist auch erstaunlich, dass es über Oskar Schindler mehrere Bücher gibt, Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 Finige Uerreste der einstigen Ummauerung d des Cnettos Podgorze sind noch erhalten. über das Ghetto dagegen kaum Lite— ratur vorhanden ist. Ich frage mich manchmal, was gewesen wäre, wenn man nicht auf die Zeugenberichte von Tadeus? Pankiewicz, dem Apotheker im Ghetto, hätte zurückgreifen kön- nen. Ich werde daher meinen Blick auf das Ghetto richten und nicht auf Oskar Schindler eingehen. Das Ghetto Podgorze Das Ghetto wurde auf der gegenüber- liegenden Seite der Weichsel im Orts- teil Podgorze, bei dem es sich um ein besonders ãrmliches Wohngebiet han- delte, von den deutschen Besatzern eingerichtet. Am 20. März 1941 kam es zu der zwangsweisen großen Um- siedlungsaktion. Die jüdische Bevöl- kerung Krakaus musste das Ghetto— gebiet beziehen, während die Arier (Nichtjuden) in das bessere Viertel von Kazimier? einzogen. Offene Last- wagen und überladene Möbelwagen zogen in die eine Richtung, und in der Gegenrichtung waren nichtjüdische Polen unterwegs. Man kann sich leicht vorstellen, welche Szenen und Dra- men sich in einer solchen Situation ab- gespielt haben müssen. Vor dem Krieg lebten im Stadtteil Podgorze um die 3000 Menschen, nun Sollten dort 15.000 untergebracht wer- den. Bis zu 14 Menschen lebten in ei- nem Raum, die sich oft nicht kannten und auch zum Teil nicht dieselbe Spa- che sprachen. Etwas über 300 Häuser befanden sich innerhalb der Ghettos. Zuerst war es mit Stacheldraht um- zäunt, danach wurde es ummauert. Vier Tore führten ins Ghetto. Auf dem Gelände befanden sich auch Werk- Stätten /Fabriken, in denen die Insas- 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer — 5 In Krakau traf die Gruppe mit Emanuel Elbinger(S. von links) Zusamaen. Herr Elbinger ist im Juni leider verstorben(iehe Nachruf§. 29) sen Arbeiten für die Wehrmacht und Sonstige Produkte fürs Deutsche Reich fertigen mussten. Es gab ein jüdisches Krankenhaus und ein Waisenhaus. Außerhalb des Ghettos gab es dann noch die Emaillefabrik von Oskar Schindler und andere Fir- men, in denen Juden beschäftigt wa- ren. Die Not und der Hunger im Ghet- to waren groß. Wer keinen Passier- schein oder eine Arbeit hatte, konnte im Ghetto nicht überleben. Die Schwachen und Kranken hatte keine Per Mdenrat wur verantwortlich für die Verwaltung des Ghetlos und stund zwischen der nationalsozialistischen Besulzungsmacht und der Bevölkerung des Ohetios. Uhm nlerstund die jiidische Ordnungspolizei. Zahlreiche Judenrdte Sunden während und nach der hesutzungszeit im Zentrum der Kritik. Uher ilr Verhalten wurde äußerst Kon- trovers gestritten. S0 hatle Hannah Arendt(Panalitũt des Bösen*) diese beschuldigt hei der Planung und Durchfihrung der Endlésung milgewirkt zu haben. Die Muden- rdte missten die von den Deutschen angeforderte Anzahl von SMlavenarbeitern aus- wihlen und abstellen und auch bei den Deportationen in die Vernichtungslager helfen. Per jidische Ordnungsdienst ¶udenpolizei) wurde vom AMudenrat gebildet und die je weilige Peron auch von diesem ernannt. Sie hatten die Aufgabe', die Mauern und JVore zum Ghetto zu bewachen Sowie für die mõglichst reibungslose Vorbereitung und Durchfiihrung der Deportationen in die Zwangsarbeits- und Vernichtungslager z Sorgen. Wer im Polizeidienst tätig wan hatte öfter Gelegenheit Nahrungsmittel zu hekommen und blieb von der Zmungsarbeit verschont. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 Uberlebenschance. Ein Judenrat' sowie ein Ordnungsdienst*? wur- den auf Anordnung der Deutschen gegründet. Unsere Besichtigung Es ist ein regnerischer kalter Frühlingstag in Krakau. Alle ziehen ir- gendwie die Köpfe un- ter den aufgespannten Schirmen ein, sofern diese dem Wind stand- halten. Die Jacken sind bis obenhin geschlos- Sen. Teresa Ostrowska, fachkundige Kennerin Krakaus und seit Jahren P Guide der LGA-Besu— cher, holt uns um 9 Uhr ab. Wie gewohnt ge- winnt sie schnell das Vertrauen unse- rer Gruppe. Auf dem Weg nach Pod- gorze Zeigt sie uns die Brücke, auf der damals die Umsiedlungsaktion? Stattfand. Es regnet in Strömen. Wir halten durch. Ausgangspunkt unserer Besichti- gung ist der Podgorski Platz. Hier war auch ein Zugang zum Ghetto. Auf der rechten Seite befand sich das Gebäu- de des ehemaligen Judenrates. Inter- essant und fast schon zynisch war und ist der Verlauf der Straßenbahntrasse damals fuhr sie ohne Halt durch das Ghetto. Mir läuft es kalt den Rücken runter, wenn ich mir vorstelle, wie ma- kaber es für die Ghettoinsassen gewe- sen sein muss, so ständig an die Frei- heit erinnert zu werden. Emanuel Elbinger zeigte Teresa Ostrowska und der LGA- Gruppe ein Foto aus seiner Jugendzeit mit ihm und seinen Geschwistern. Heute gibt es keinerlei Hinweise, Schautafeln oder sonstige Wegweiser. Auch an dem Haus, in dem der heute berühmte Regisseur Roman Polanski im Ghetto wohnte, weist nichts auf ihn hin. Ich verteile an die Teilnehmer un- serer Gruppe Kopien eines Planes, auf dem die Umrisse, Straßen und die Ghettomauer eingezeichnet sind. Im weiteren Verlauf zeigt uns Teresa das jüdische Krankenhaus in der ul. Jose- finska sowie die Fabriken des Mad- ritsch und Optima. Die Fragmente der ehemaligen Ghettomauer sehen wir uns ebenfalls an. Es ist schon bezeichnend, welchen zynischen Binfallsreichtum die Deut- schen bei der Gestaltung entwickel- 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Die Stühle auf dem Krakauer Zgody-Platz erinnern an die von den deutschen Besatzern erzwungene“Umsiedlung“ der Juden ins Ghetto von Podgorze. ten. Die bogenförmige Gestaltung der Mauer hat natürlich einen verachten- den Hintergrund. Sie sollte wahr- scheinlich an jüdische Grabsteine er- innern, also an den bevorstehenden Tod. Es gibt laut Teresa allerdings noch eine andere Version, dass näm- lich eine Ehefrau eines Nazi-Oberen diese Bauweise gewünscht habe, weil es ihr so gut gefiel und der Herr SS- Oberführer, ihr Ehemann, dies dann so anordnete. Es ist sicher schwer, sich die ehe- maligen Abschnitte des damaligen Ghettogebietes vorzustellen, wenn bis auf diese Fragmente die das Ghetto umgebende Mauer und Zäune abge- rissen wurden. Dennoch sind die mei- sten Häuser auf dem einstigen Ghet- togelände, anders als in Warschau oder LoOdz, wo fast alle historischen Stätten völlig verschwunden sind, noch vor- handen. Eine Spurensuche ist daher sehr gut möglich. Leider wurde diese bis heute nicht ausreichend betrieben und dokumentiert. Ich finde es deshalb auch äußerst wichtig, dass wir als Lagergemein- schaft diese Besichtigung immer wie- der in unserem Programm anbieten. Damit tragen wir dazu bei, dass dieses grauenhafte Ghetto nicht in Verges- senheit gerãät. Die Liquidierung Im März 1943 erfolgte die Liquidie- rung des Lagers. Den Befehl dazu hat- te kein geringerer als der Massenmör- der Amon Göth, der Kommandant des Konzentrationslagers Plas?zow, be- kommen. Auch hier hat Steven Spiel- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 berg in*Schindlers Kiste? die tatsãch- lichen Orte verlegt. An diesem Jag rückten schwer be- waffnete S8 und Polizei in das Ghetto ein. Es kam zu einer Orgie der Ge- walt. Die Deutschen und ihre Helfers- helfer mordeten, wo sie nur konnten. Darunter kranke Menschen noch in ihren Betten. Säuglinge und Kleinkin- der wurden aus den Fenstern auf die Straße geworfen oder es wurde ihnen direkt die Köpfe an den Maueren ein- geschlagen. Die Mörder machten sich einen Spaß daraus, ältere Menschen zum schnellen Laufen aufzufordern und ihnen an dann anerkennend auf die Schulter zu klopfen, bevor sie sie erschossen. Tausende von Menschen wurden dabei ermordet und wieder- um Tausende in die Vernichtungslager deporitert. Die Apotheke“Zum Adler? Das alles konnte der Besitzer der Apotheke Tadeus? Pankiewicz beob- achten und in seinen Berichten fest- halten. Er und seine Mitarbeiterinnen sind die einzigen, die über die Verfol- gung und Vernichtung der Krakauer Juden Zeugnis ablegten. Die Apotheke Zum Adler befand sich am pl. Zgody 18 und damit ge-— genüber dem Jor, durch das die Arbei- ter das Ghetto verlassen haben. Von dort aus konnte man das Geschehen im Ghetto sehr gut beobachten. Ta- deus? Pankiewicz und seine Mitarbei- terinnen halfen vielen Ghettoinsassen unter Finsat? ihres Lebens. Pankie- wic? war Kontaktperson und übermit- telte Nachrichten von außerhalb des Ghettos und auch in die umgekehrte Richtung. Manchmal versteckte er auch Juden in seiner Apotheke, ver- Sorgte sie mit Lebensmitteln und Me- dikamenten. Es wurde geholfen, und zwar unabhängig davon, wie gut oder schlecht er die Jeweiligen kannte. Uber Tadeusz Pankiewicz gibt es keinen Film. Dafür aber eine Ausstel- lung in der noch heute am selben Platz vorhandenen Apotheke. Hier führt uns Teresa dann noch hin und erklärt uns die Bedeutung dieses Platzes. Hier fanden schon seit Juni 1942 Selektionen für die Depor- tationen in das Vernichtungslager nach Belzec statt. Auf dem pl. Zgody stehen heute mehrere Stühle aus Bisen als symboli- sche Brinnerung für die Plünderungen und Mordtaten an der jüdischen Be- võlkerung. Manch einer setzt sich dar- auf und sonnt sich. Ein anderer macht Kunsttücke auf den Stühlen und findet es lustig. Ein Dritter verzehrt seinen Imbiß. Offenbar auch ein FPrlebnis- und Abenteuerplat??. Von den insgesamt 60.000 Krakau- er Juden haben nur 4000 überlebt. Heute sollen wieder 150 bis 200 Juden in der Stadt leben. EFs gibt ein Zitat, dessen Verfasser ich nicht kenne, das mich aber sehr be- eindruckt hat:'Die Vergangenheit be— whren, vie mil vich zu flihren, um vie vchließlich an andere weiterzigehen, ist die einzige Fdhigkeit, die den Men- Schen zum Menschen macht“. Deshalb müssen wir das Gehörte, Erlebte und Vergangene weitertragen, um damit jegliche Art von Antisemitismus und Rassismus Zu bekämpfen.„ 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Am 10. Dezember 2016 fanden in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte (BS) Jubiläums-Feierlichkeiten mit einem umfangreichen Programm-Angebot und mehr als 350 Gästen statt. Gefeiert wurden drei Jahrzehnte erfolgreiche Bildungs- und deutsch-polnische Versöhnungsarbeit einer Finrichtung, die als Teffpunkt der Generationen und Nationen sowie als Raum des Dialogs zwischen Auschwitz-Uber- lebenden und Nachgeborenen sowie zwischen Jugendlichen und Erwachsenen ver- Schiedener Nationalitäten, Religions?ugehörigkeiten und Herkunft gilt. JNubilãumsveranstaltung in Oswiecim 30 Jahre Internationale Jugendbegegnungsstätte Von Andreas Kilian Die Fröffnung übernahmen als Gastgeber Christoph Heubner, Vor- stands vorsit?ender der Stiftung für die Internationale Jugendbegeg- nungsstätte und Geschäftsführender ViZepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, Ssowie Leszek S?Zuster, langjähriger Direktor der IBS. Die Auschwitz-Uberlebenden Anna S?alasna und Prof. Waclaw Dlugoborski wurden vonChristoph Heubner als Vertreter der Zeitzeu- gen-Generation gewürdigt: „(...) ganz besonders begrüßen und gedenlcen wir der Uberlebenden von Auschwilz. Sie haben diesem Mals die Legitimität gegeben und die Glaubwürdigkeit die Freude, die Viefe ind den Schmerz. Die Gedanken in dieser Stunde(...) gehen zu s0 vielen Menschen, die dieses Lager überleht hahen, als junge Menschen, dass wir vie gar nicht alle aufzdhlen Können. Aher. Jeden jede von ihnen ist in die- Sem Halis gerne Gdst gewesen.“ Anschließend ergriffen die Stifter des Hauses, als Vertreter der Stadt Oswiecim der Präsident Janus?z Chwierut und seitens Aktion Sihne- zeichen Friedensdienste(AsF) Dr. Stephan Reimers, das Wort. Reimers zitierte zwei der wichtigsten Wegbe- reiter der IIBS, den im Jahre 2002 verstorbenen Auschwitz-Uberleben- den Tadeus? Szymanski und den ehe- maligen Geschäftsführer der ASF, Volker von Törne, mit prägnanten Aussagen über Wirkung und Chancen der Auseinandersetzung mit Ausch- wit?. S?ymanski beobachtete einst treffend:„Am Anfang eines Aufent- halts in Ausch witz stenen für Mugend— liche viele Hragen im Ralum. Am Ende Christoph Heubner und Leszek S?uster eröffneten die Feier, O M. Kilian 2016 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 vind einige beurbeitet. Noch mehr Fra⸗ gen entstehen während des Aufenthalts ind hestimmen die folgende Zeit.“ Der mit nur 46 Jahren 1980 früh verstorbene von Törne proklamierte Seinerzeit:„Alfgahe wird es sein, jlun- ge Menschen aus aller Welt die Alsch— wit? hbesuchen, aufzunehmen und innen die Gelegenheit zu geben, auf dem HMintergrund von Geschichte die hrennenden Fragen nach Verständi- gung und Verhnung zwischen den VõMern zu disKutieren. Denn ohne Geschichtsbewisstsein, das auch das Wissen um Alsch witz einschließt, ist Dienst am Frieden nicht möglich.“ Reimers heendete sein Oruß wort Schließlich mit einer Mahnung.„Die Raumqualität, die Bildungsziele und der uns verbindende Geist sind die Grundlagen einer erfolgreichen Ar— heil. Die UVB ist ein Ort, an dem man — einander zuhört. Solches Zuhören aufeinander ist heute wichtiger als je. Wie notwendig das ist Zeigt die politi⸗ Sche Lage in EFuropd.(...) Wer die Ey- innerung zuriickdrdngt, der vetzt die Verhnung auſ Spiel und auf lange Sicht den Hrieden in Europa.“ Wertschätzende Worte für die bis- herige Arbeit und Wirkung der IBS fanden nach einfühlsamen Uberleitun- gen durch Christoph Heubner auch der stellvertretende Direktor des Staatlichen Museums Auschwitz-Bir- kenau, Andrzej Kacorzyk, der Staats- sekretär im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Dr. Ralf Kleindiek, der deutsche Gene- ralkonsul in Krakau, Dr. Michael Groß, Ssowie als Vertreterin eines der treuesten Partner der IIBS, der Volks- wagen A6, Ines Doberanzke. Die Red- ner stellten ausgewählte Aktivitäten Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer IDEA— KONCEPC)A—PLANMV [DEE— KONZEPT—PLAME 30 IV 1958 stzun VII 1965 OMMEcM n k L PlFR EL —— PIA pOU P — 2 FxT Sfren plkR2 S hhrn nnhnr S DElEũM AML I Tukl r PReEE 1 9 1 SN Pl.ERS Sirlalus pplhl Rnnl Pl. C zrt An n aitetif e ri R Ar Blunrn E D 5 f Sſ M Or Ro Al fM Wolheen NMHRLEM 1en7 hrti — grit elfit— fh aiti F itt t tn Erie Ertiett—— i W Er 2——— — 1 = iien Sc e Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 der IIBS, vor allem die engen Bezie- hungen zu ehemaligen Auschwit?z- Häftlingen, heraus und hoben die großen und kontinuierlichen Erfolge in Vergangenheitsbewältigung, Ge- Schichtsaufarbeitung und Frinnerungs- Sowie Friedensarbeit, insbesondere im Rahmen deutsch-polnischer Versöh- nung hervor. Der Uberlebende Wil- helm Brasse(1917- 2012) wurde mit den Worten Zitiert, die IBS repräsen- tiere„ein Europa ohne Grenzen, ohne Vorurteile“ Nach den Grußworten fand die Bröffnung von zwei Musstellungen statt, die eigens zum 30. Jahrestag von Mitarbeitern der Jugendbegegnungs- stätte in langer Vorbereitung konzi— piert wurden: die erste aus neun ein- seitigen Aufstellern bestehende zwei- sprachige Ausstellung„ Jch Kam, vah ind machte Erfahrungen. Freiwillige in der VBS“ wurde von der Heinrich Böl Stiftung Warschau finanziert und porträtiert die Tätigkeit der rund 100 Friedens- oder Gedenkdienstleisten- den in der IBsS in den Jahren 1986 bis 2017(bzw. bereits seit 1985 in Oswie- cim), die zwischen 12 und 24 Monate lang Studiengruppen und Zeitzeugln- nen betreuten sowie Stadtführungen und Workshops durchführten. 56 Freiwillige leisteten ihren Dienst über Aktion Sihnezeichen Frie- densdienste, 20 über den österreichi- schen Verein Gedenkdienst, 10 über den Internationalen Bund und zwei über den Puropean Voluntary Service Sowie einer über die dãnische Pichkoni Adret. 62 Freiwillige kamen aus Deutschland, 29 aus Osterreich, fünf aus der Ukraine sowie jeweils einer aus Frankreich und Dänemark. Grundlage der Freiwilligen-Ausstel- lung waren Interviews, die die Freiwil- ligen des Jahrgangs 2015/2016 mit eini- gen ihrer Vorgängerlnnen führten, so— wie bislang unverõffentlichte Erinne- rungsfotos ehemaliger Freiwilliger und Studienfahrten-Ieilnehmerſnnen. Die zweite aus vier einseitigen Aufstellern bestehende und von Les- zek SZuster konzipierte zweisprachi- ge Foto-Ausstellung„Von der Idee zur Reulisierung“ besticht durch ihre historischen Aufnahmen aus der Früh- und Gründungszeit der I)BS, u. a. von Alwin Meyer, Gerhart Kin- dermann und Helmut Morlok, und profitierte nicht zuletzt von der Mit— arbeit von Christoph Heubner, einem der Gründerväter der IBS. Die ver- wendeten architektonischen Pläne stammen von Helmut Morlok(1929 2017), Mitgestalter der IBS und ebenfalls einer ihrer Gründerväter. Höhepunkt der Veranstaltung war Schließlich das Konzert„Haus der Wer- le— Unsere Wegweiser“, das durch den bewegenden Gesang von Agata Sie- masꝰko und durch die Cymbalom- Be- gleitung von Miroslav Rajt nachhaltig beeindruckte. Der Nitel des Konzerts bezieht sich auf zwölf Werte, die als Wegweiser für die Arbeit der Jugend- begegnungsstätte ausgewählt, musika- lisch thematisiert und durch Videoclips mit treffenden Aussagen von jungen Teilnehmerlnnen, Zeitzeugen oder Prominenten eingeleitet wurden: FREHIHETI„ Freiheit ist die Akzep- tan? des allumfassenden Bewlisslseins, 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer dass wir linteschiedlich vind und jeder von ns interschiedlich sein Kann.“ (Parius? Maciborek, Journalist) HOFFNUNG:„Meine Hoffnung ist natürlich, dass meine Arheit in Schulen und Jugendverbänden eben Friichte trũgt.“(Esther Bejerano, Mu- sikerin, Uberlebende von Auschwitz) BARRIEREN UBERWINDEN: „Uherwindung von Barrieren bedeutet für mich, aus linserer Sphäre des Kom- ſforts rauszligehen, etwds Neles was wir vormher noch nicht Kannten, an sich runzulassen.“(Malgorzata Gwinner, Schauspie lerin) GERECHTIGKETI„Sie ist ei- gentlich immer dieselbe, vie wun ist und wird dieselbe sein. Wir Perativ das eigene HMandeln jederzeit s0 einzurichten, duss es aluch als Maßslah fir eine allgemeine Gesetagebung die- nen Könnte.“(Prof. Klaus Staeck, Eh- renprãsident der Akademie der Kün- Ste in Berlin) TOLERANZ:„Voleranz vollte durch den Begriff Respelct ersetzt wer⸗ den, weil im Pialog Kommt es darauf an, duss wir lins auf Augenhöhne heſin- den und nicht, dass die eine Leite die andere Seite toleriert.“(Romani Ro- se, Vorsitzender des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma) VERSTANDIGUNG:„ Verstdindi- gung ist die Fhigkeit in einer Welt an⸗ derer Menschen zu leben. Die Verstän- miisven das Recht von der Gerechtigkeit hnterschei- den, denn sie verdndert Sich nicht. Was vich verdindert ist das Recht.“(Roman Kent, Präsident des IAK, Uber- le bender von Auschwit?) GLEICHHEII„Die Gleichheit aller Menschen, vie vesliltiert direlct aus ei- ner angeborenen, inver— diußerlichen Würde jedes Menschen. Der Mensch Kommt als eine mit Wrde heschenkte Person auf die Welt und jeder Mensch Kommt mit dieser Eigen- Schaft auf die Wel.“(Prof. Andrzej Zoll, Jurist) VHFRANIWORIUNG: „Verantwortung ist ſür mich, nach mmanuel Kants Kategorischem Im- — —— 8 r 6 2. B 1 — 3 Stanislaw Ciencala(1919-1997) führt 1994 Freiwillige de IIBS durch das Dorf Monowice. 3. v. rechts: Andreas Kilian. O Thomas Hebler 1994 r 5 T Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 digung verlangt zundchst sich selbst zu veystehen ind dann ent die Andes- artigkeit der Menschen, im Kreis derer wir leben, zu hegreifen.“(Dr. Anna Maria Potocka, Mu- Sseumsleiterin MOCAK in Krakau) DIALOG:„Ein Haus des Mialoges ist ein Or an dem wir einander zuhören. Wir õjfnen unser Herz und lassen den oder die andere hinein. Dann wird veine oder inre Welt ein Jeil un- serer eigenen Welt.“(Dr. Manfred Deselaers, Zen- trum für Dialog und Ge- bet in Oswiecim) BEFGEGNUNG:„ Ei- ne Begegnung mit einer Person, die man lange nicht gesehen hat, nach der man sich vehnt ist ett— was anderes als eine Be— gegnung mil einer Schwierigen Aujga- he, mit der man sich auseinanderet- zen muss.“(Zofia Posmys?z, Schrift- stellerin, Uberlebende von Ausch- wit?) RESPEKT„Es erfordert Pemut ind Bescheidenheit, es erfordert Refle- vion, es erfoydert eine intellektuelle und geistige Anstrengung, um den Gegen- and meines Kespelts zu Rnden und anzuerkennen.“(Andrzej Seweryn, Leiter Polnisches Theater in Warschau) SOLIDARTTAT„Du hist nicht al- lein, jemand linterstiitzt Pich, jemand will v0 denken wie Du, jemand empfin- Das Konzert zum Jubiläum mit Agata Siemas?ko stand unter dem Motto:„Haus der Werte— Unsere Wegwei- ser“. Die IIBS selbst Steht unter dem Slogan“A House to Live- A Place to Learn“. O AM. Kilian 2016 det Empathie für Dich lind durum ver- hindet er vich mit Peinen Zielen— das ist Solidaritòt.“(Marian Turski, Vize- prãsident des IAK, Uberlebender von Auschwit?) Krönender und zugleich symboli- scher Abschluss des Abends war Schließlich die als„Generationsstaffel“ konzipierte Zeremonie„Der Auftrag der Prinnerung“. Zbigniew Herberts vorgetragenes und von Uberlebenden häufig zitiertes Gedicht„Herr Cogitos Vermchtmnis“(„gehe alufrecht wo ande- ve Knien“„ hleibe tapfer wenn der Ver⸗ and versagt“) wurde als zweisprachi- 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer ge Erklärung mit den Unterschriften der beiden Ehrengäste Anna S?Zalas- na und Waclaw Dlugoborski sowie von Zwei Freiwilligen als Stellvertre- terInnen der Jugend unterzeichnet. Die Videoclips waren zuschauer- freundlich auf Zwei Videoleinwãnden sowie mit Live-Ubertragung im In- ternet(Vou Tube Livestream) zu se- hen. Fin über dreieinhalbstündiger Zusammenschnitt der Veranstaltung ist weiterhin auf Vouube abrufbar (https:www.youtube.com/watch?v= 7esnps3 XnWV). Darin wird abschlie- ßend in einer leider unvollständigen Fotostrecke die langjährige Zusam- menarbeit mit folgenden ehemaligen Auschwitz-Häftlingen gewürdigt: Wil- helm Brasse, JoZef Paczynski, Stanis- law Gladys?Zek, Kazimierz Smolen, AleXx Deutsch, Hans Frankenthal, Maria Srpek, Paul Halter, Jerzy Hro- nowski, Maria und Adam König, Sta- nislaw Hantz, Noach und Dorotha Flug, Jozef Szajna, Raphael Esrail, Kurt-Julius Goldstein, Esther Bejera- no, Halina Birenbaum, Jacob Rothen- bach, Magdalena Nattan, Erszi S?e- mes, Stanislaw Ciencala, Janina Jan- cZyk, Robert Kent, Henryk Mandel- baum, Jozef Stos, Jer?y Bielecki, Tadeus? S?ymanski, Henri Kichka, Wladyslaw Bartos?Zewski, Tadeus? Sobolewicz, Kazimierz Albin, Zofia Posmys?z, August Kowalczyk und Marian Turski. Ohne deren vertrauensvolle Un- terstützung und freundliche Beglei- tung wãre die verbindende Arbeit der Internationalen Jugendbegegnungs- stätte in Auschwit? in den letzten Fünf von vielen Zeit- Zzeugen, die mit der IIBS zusammenar- beiteten. Im Uhrzei- gersinn: Adam Jur- kiewicz(1920- 1997), Hans Frankenthal (926-1999), Fugeni- u Mot(1924 1997), Alex Deutsch (1913- 2011), Kazi- mierz Smolen(1920 2012). O Andreas Ki- lian 1994/1995 dreißig Jahren unvollständig gewe- sen. Die Zukunft wird zeigen, wie ver- antwortungsvoll zukünftige Genera- tionen mit den Frinnerungen ehema- liger Auschwit?z-Häftlinge umgehen werden und welche Wirkung eine rein virtuelle und/oder literarische Aus- einandersetzung mit den Uberleben- denberichten hinterlässt.„ Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 Das Ghetto Theresienstadt Das Ghetto(Sammellager) Theresienstadt wurde im sogenannten Protelktoriat Böhmen und Mdhren Ende 1941 eingerichtet. Für das NS-Regime diente es als Vorzeige- und Altersghetto. Deshalb galt die Behandlung der Hãäftlinge im Ver- gleich zu anderen Lagern als vergleichsweise„milde“. Diese NS-Propaganda än- dert jedoch nichts an der Tatsache, dass das Ghetto Teil des Systems der Kon- zentrationslager und Teil des Vernichtungsfeldzuges gegen die jüdische Bevölkerung Buropas war. Die Bezeichnung Ghetto oder„jüdischer Wohnbe- zirk“ sollte dies verschleiern- einseits gegenüber Organisationen wie dem In- ternationalen Roten Kreuz und andererseits gegenüber den Häftlingen, denen ein dauerhafter Aufenthalt suggeriert werden sollte. Unter den Häftlingen be- fanden sich um die 15.000 Kinder. Für diese organiserte die Häftlingsselbstver- waltung geheimen Unterricht. Es sind Gedichte und Bilder erhalteni. Das Bildungsprojekt„Room 28* Zur Erforschung der Geschichte der„Mädchen von Zimmer 28* Von Alexander Woff In der Geschichte der Verfolgung jüdischer Menschen während des Dritten Reiches nahm Theresienstadt eine einzigartige Position ein. Einmal wurde es als Durchgangslager für böhmische Juden bezeichnet, dann als Siedlungsgebiet und schließlich als Internierungsort für„privilegierte“ Juden aus dem Deutschen Reich, den Niederlanden und Dänemark. Offen- bar haben die Nazis es bis in die heu— tige Zeit geschafft, diesen Mythos und die damit verbundenen Legen- den aufrechtzuerhalten. Dies hat meines Frachtens dafür gesorgt, dass Theresienstadt vor allem in Deutschland auch heute noch als ein bevorzugter Ort für inhaftierte Juden, Prominente, Künstler usw. wahrgenommen wird, und dass die Lebensbedingungen dort doch gar nicht so schlecht waren, zumindest im Vergleich zu den anderen Lagern. Tatsächlich kamen in diesem Ghetto die Existenzbedingungen und die hohe Mortalität einem Konzen- trationslager gleich. Es herrschten furchtbarer Hunger, unbeschreibli- ches Elend, eine hohe Sterblichkeits- rate, und viele Hãäftlinge wurden ge- foltert und ermordet. Die aus dem Konzentrationslager Theresienstadt bekannten kulturellen Leistungen und Ereignisse auf den Gebieten der Musik, des Theaters und Kabaretts, der Kunst(Kinderzeichnungen) und der Erziehung zeugen vom Uberle- benswillen und der Selbstbehauptung 1 Siche 7.B. Helga Weissovn: Zeichne, was du sichst-Zeichnungen eines Kindes aus Theresienstadt/lerezin: 1998, Wallstein-Verlag 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer der Hãftlinge. Es handel- te sich hierbei auch um ei- nen Widerstand gegen die SS-Bewacher. Seit Janus? Korczak? ist wohl bekannt, dass Kinder von Beginn ihres Lebens an Menschen sind. Sie haben wie die Erwachsenen oder sogar noch mehr gelitten. Mit ihren Uberlebenszeugnis- sen zählen sie für mich zu Aus der Präambel des Vereins“Room 28*: „Wesentliches Anliegen des Vereins ist es, delit- lich zu machen, welche existentielle Bedeutung Kulturellen Leistungen und die Orientierung an elementuren humanistischen Idealen gerade in Zeiten extremster Inhumanitét zukommen, den interulturellen Dialog üher Kunst, Kultur ind Prziehung zur Menschlichkeit zu hefruchten, Zivilcourage zu stärken und im Bewlsslbein der individuellen Verantwortung des Menschen, handelnd und gestaltend an ge— vellschaftlichen Prozessen mitzu wirken.* den glaubwürdigsten Zeugengruppen. Zwischen 1942 und 1944 lebte in dem rund dreißig Quadratmeter großen Zimmer 28 des Mädchenhei- mes K 410 im Ghetto Theresienstadt eine Gruppe von zumeist 30 jüdi- schen Mädchen. Sie wurde von er- wachsenen Häftlingen betreut. Im- mer wieder wurden einige aus ihren Reihen gerissen zum Transport nach Auschwit?-Birkenau und in andere Vernichtungslager. Neue Mädchen kamen, neue Freundschaften wurden geschlossen, bis der nächste Hansport diese Gemeinschaft wieder beendete. Im Herbst 1944 wurden mehr als 14.000 Kinder von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert, darunter auch viele von Zimmer 28. Die mei- sten wurden an der Rampe von Bir- kenau selektiert und sofort in den Gaskammern ermordet. Von etwa fünfzig bis sechzig Mädchen, die für eine Weile im Zimmer 28 lebten, ha- ben fünfzehn die Befreiung erlebt. Die Anfänge des“Room 28*“-Projekts 1906 lernte die Journalistin und Auto- rin Hannelore Brenner einige Uber- lebende von Auschwitz und The-— Janus? Korczak(1878— 1942) war ein jüdisch-polnischer Arzt, Pädagoge und Kinder- buchautor. Er begleitete die Kinder seines Waisenhauses beim Abtransport in die Ver- nichtungslager und wurde dabei selbst vermutlich in Treblinka ermordet. 3 Die Kinderoper wurde 1938 von Hans Kräsa und Adolf Hoffmeister in Prag ge- Schaffen. Brundibar bedeutet im übertragenen Sinne Miesepeter. 1942 wurde Hans Kräsa nach Theresienstadt deportiert. Dort beschloss man, die Oper neu einzustu- dieren und im Lager auf dem Dachboden der Magdeburger Kaserne aufzuführen. Am 23. September 1943 war es dann so weit, Kinder spielten für Kinder. Dies ver- Schaffte vielen im Ghetto einen kurzen Moment von Freiheit und Normalität. Die Rollen mussten häufig neu besetzt werden, da viele der kleinen Darsteller in das Vernichtungslager Auschwit?Birkenau deportiert und ermordet wurden. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 resienstadt kennen, als sie ein Radio-Feature über die Kinde- roper Brundibärs vorbereitete. Es wurde die Idee geboren, die Erlebnisse und das Schicksal der„Kinder von Theresien- stadt“, von denen nur wenige die Vernichtungslager überleb- ten, weiterzuerzählen und für die Nachwelt zu erhalten. Es folgten danach Teffen mit den Uberlebenden, woraus sich ein umfassendes interaktives und internationales Projekt, Bücher, Theaterstücke, Vorträge und ei- ne(Wander)-Ausstellung ent- wickelten. 2004 erschien das Buch„Die Mddchen von Zimmer 26. Freundschaft, Hoffnng ind Vherleben in Theresienstadt“ (Neuauflage Aufbau-Verlag 2008). Dieses Buch ist eine ge- lungene Synthese aus Doku— mentenreportage und Erzäh- lungen vom Altag der Kinder im Lager, zugleich ein zutiefst berührendes Zeugnis der Menschlichkeit in einer un— menschlichen Zeit. 2007 kam es zur Gründung des Vereins Room 26 e. V in Berlin. Er unterstüt?zt das Anliegen, das Ver- mächtnis von Zimmer 28 lebendig zu erhalten. 2014 erschien in der von Hannelo- re Brenner herausgegebenen„Pditi- on KRoom 25“ Helga Pollak-Kinskys Buch„Mein Theresienstũdter Jage- huchn J943A und die Aufeichnun- gen meines Vaterm Ouo Pollak“(eben- Seite aus dem Poesialbum von Anna Flachovã. Ihre Freundin Fiska schrieb ihr zu dem Bild: So wie die- ser große Pilz den Kleinen Pilz Schützt, so schützt dich das Heim. Nach einiger Zeit wirst Du die an- deren schützen müssen.(..) erinnere dich auch spã- ter an die, die Du gerne gehabt hast.(Aus?ug aus Kompendium 2016 Room 28 Bildungsprojekt“). falls Häftling im Lager). Es ist bei- Spielhaft, wie das Schicksal der jüdi- schen Kinder in Erinnerung gehalten wird. 2013 lernte ich Evelina Merovã, eine Uberlebende von Zimmer 28, anlässlich eines Vortrages im Aktiven Museum Spiegelgasse in Wiesbaden kennen und lud sie zu einer Veran- staltung der Lagergemeinschaft AsCh witz PreundesKreis der Ausch- wilzer ein. Evelina Morevä war 11 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Jahre alt, als sie 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurde, wo sie bis zu ihrem Transport am 15. De- zember 1943 nach Auschwit?-Bir— kenau im Mädchenheim lebte. Im Februar 2014 berichtete sie bei Vortrãgen über ihre Schicksalsjahre in den Konzentrationslagern im Kul- tur?entrum Bad Vilbel und in mehre- ren Schulen. 2016 erschien ihr Buch „Lehenslauf auf einer Seite“(Editon Room 28/Herausgeberin Hannelore Brenner-Wonschick). In diesem Buch hat Evelina Moreva alle Erinnerun- gen und ihre Erfahrungen als Kind während der nationalsozialistischen Diktatur in erschütternder Art und Weise niedergeschrieben. Kompendium 2016 Room 28 Im Dezember 2016 veröffentlichte Hannelore Brenner das Kompendium „VMeresienstadt. Die Mädchen von Zimmer 25 4. Es hasiert auf den vorge- nannten Büchern und der gleichnami- gen Ausstellung. Diese und weitere Pu- blikationen sind EFlemente des Room 28 Bildungsprojektes. Die 113 seitige Broschüre umfasst einen allgemeinen Jeil, einen Brinne- rungsteil, einen Teil mit Lehrmateria- lien, einen aktuellen Teil sowie eine CD mit einem vom Südwestrundfunk produzierten Hörfunkfeature. Diese Broschüre ist reichhaltig an Informa- tionen, umfangreich bebildert und lie- fert einen hohen Erkenntnisgewinn. Sehr gut ist der Autorin auch die me- Hannelore Brenner Theresienstadt Die Mädchen von Zimmer 28 Kompendium 2 0 1 6 Room 28 Bildungsprojekt Das Kompendium mit der ISBN 978-3-00- 055268-6) kann direkt beim Verlag über die Internetseite www. verein-room2s. de bestellt werden. thodische Aufarbeitung gelungen (Vermittlung historischen Wissens, Geschichtsreflexionen, PBrinnern, Brundibar, Vergegenwärtigung des damaligen Unrechts, aktueller Be- zug). Außer den ehemaligen Häftlin- gen lässt Hannelore Brenner auch viele Persõnlichkeiten aus Politk und Kultur zu Wort kommen. Ich habe sel- ten eine solch überzeugende, in der 4 Die Lagergemeinschaft Auschwilz- Freundeskreis der Auschwitzer hat die Ver- õffentlichung finanziell bezuschusst und auch anderweitig unterstützt. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25 Argumentation kompetent geschrie- bene Arbeit zu dieser Thematik des Brinnerns an Theresienstadt gelesen. Dieses Kompendium gehört nicht nur in jede Schule, sondern auch in die Hände von interessierten Zeitge- nossen. Das Kompendium kommt zur rechten Zeit, denn nach einer empiri- schen Studie der Freien Universität (FU) in Berlin von 2016 wird nur an wenigen Hochschulen regelmäßig Wissen über den Holocaust vermit- telt. In der Hoffnung, dass die EFrinne- rungsarbeit der Autorin gegen den Antisemitismus in allen seinen For- men und gegen das Vergessen die ent- sprechende Anerkennung und Unter- stützung findet, möchte ich am Schluss noch auf die Worte des Auschwitzüberlebenden Primo Levi hinweisen: Es ist geschehen und ſoig- lich Kann es wieder geschehen. Darin liegt der Kern dessen, was wir zl sugen haben.“(Primo Levi: ſt das ein Mensch²) Kunst, Kultur und Menschlichkeit Zur Bedeutung des geheimen Unterrichts in Theresienstadt Uber 4000 Kinderzeichnungen sind in den Malstunden mit Friedl Dicker- Brandeis* Zwischen 1943 und 1944 in Theresienstadt entstanden. Es sind Zeugnisse des Lebens und des Lebenswillens aus Kinderhand, Zeug- nisse der Gegenwart und des Finflusses einer außergewöhnlichen und begnade- ten Künstlerin und Kunstpãdagogin. Malen und Zeichnen im Alter bis et- wa Zehn Jahren fasste Friedl Dicker- Brandeis primãär als ein Ausdrucksmit- tel der individueſlen Erlebniswelten der Kinder auf. Ihre Aufgabe sah sie darin, das schöpferische Potential ihrer Schü- lerinnen zZu erkennen und zu fördern. Für viele Kinder waren die Mal- stunden mit Friedl Dicker-Brandeis ein leuchtender Stern im Dunkel des „ 3„ 2 1. 7 t. Zeichnung von Evelina Merovã. * Die Malerin Friedl Dicker-Brandeis(geb. 1898 in Wien) war Absolventin der Bauhaus- Schule in Weimar. Sie wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie Zeichenkurse gab. 1944 wurde sie in einer Gaskammer in Auschwitz ermordet. 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Ghettos. Auch für die Mädchen von Zimmer 28. Hunderte von Kin- derzeichnungen sind im Zimmer 28 entstanden. Friedl Dicker-Bran- deis' Credo: Wo eine Kraft sich aluf sich hbe— Sinnt und versucht, durch Sich zu hestehen, ohne Angst vor Lächerlich— Keit, da springt auch eine nelle Quelle des Schöpſerichen auÿ ind dieses Ziel hat auch der Versuch inseres Zeichenunterrichts. (zitiert aus. Hannelore Brenner. Vheresienstadt- Die Mädchen von Zimmer 28 Kompendium 2016 Ps giht hier tiefe Verz weiflung, den Verlust der Kindheit aber auch das Wiedergewinnen der Kindheit und der Mgend durch die HFreundschaft dieser Gruppe von Mgendlichen, die Liebe der Betrelerinnen, die Hoffnung auf eine hessere Zukunft, das Wissen lim den irchterlichen Ausklang flir die meisten der Kinden von denen die fünfaehn Uberlebenden vom Zimmer 28 ja nur die Uhriggebliebenen sind. Ps ist eine vehr jiidische Geschichte nd gleichzeitig eine sehr niverselle. Sie ſordert auß auf Unrecht zu reagie- ren, ohne dass die Aufforderung plalkca- tiv wird. Sie fordert auß nicht die Hoff⸗ nng zu verlieren, ohne dass die Lebenslauf auf einer Seite Evelina Merovd prag- Theresienstadi Muschit? Birkenau leningrad Edition Room 23 Moffnung dabei zu einer platten Naivität wird. Sie zeigt auß was Frelindschaft, wenn vie wahr ist flir jeden einzelnen von uns lind flr die Gemeinschaft erreichen Kann, ohne zu einer Banalitdt zu weyrden. Man müsste etwas daraus lermen, nicht? Vehuda Bauer, Historiker, Jerusalem (Aus dem Geleitwort Zur Ausstellung des Bildungsprojektes Room 28*) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 Dem Rechtsruck entgegentreten Erklärung des Netzwerks der Lagergemeinschaften aus Anlass der Bundestagswahl am 24. September 2017 Mit überaus großer Besorgnis neh- men wir, die Vertreter der von den ehe- maligen Häftlingen der Konzentrati- onslager gegründeten Interessenver- bãnde, den weltweiten Rechtsruck und die Erfolge der Rechtspopulisten in Furopa und Peutschland zur Kenntnis. Vor dem Hintergrund des unge- bremsten globalen Kapitalismus ha- ben sich Armut und soziale Ungerech- tigkeit sowie die damit einhergehen- den gesellschaftlichen Konflikte in den let?ten Jahren erheblich verschärft. Armut, anhaltende Kriege und religiòs begründete Radikalisierung führen weltweit zu instabilen Verhältnissen und großen Füchtlingsbewegungen. Fine allgemeine Verunsicherung äußert sich momentan europaweit in dem Wiederaufleben nationalistischer und võlkischer Ideologien, die sich nicht nur gegen alles vermeintlich Fremde und Andersartige und ein ge- eintes Furopa richten, sondern auch gegen die über Jahrzehnte erkämpf- ten Errungenschaften der demokrati- schen Zivilgesellschaft. Diese Werte und Errungenschaften, Offenheit und AkZeptanz, Solidarität und Mitbe- stimmung, EFmanzipation und Schutz von Minderheiten, nicht zuletzt die Freiheit der Presse und von Wissen- schaft, Kunst und Kultur, gilt es mit allen Kräften zu verteidigen und den reaktionären lendenzen entgegenzu- treten. In einigen Ländern Furopas sind Rechtspopulisten schon an der Regie- rung, in anderen konnte dies nur durch den Zusammenschluss aller de- mokratischen, antifaschistischen Kräf- te verhindert werden. Besonders un- erträglich für uns ist der Erfolg der AfD in Deutschland, die mit Islam- und Fremdenfeindlichkeit sowie wei- teren rechten Positionen ein bedroh- lich großes Wählerpotential erreichen kann. Ihre Vertreter bezeichnen die Gedenkkultur an die nationalsoziali- stischen Verbrechen als Zeichen der Schande und fordern ein Ende der „Politischen Korrektheit“. Dies geschieht in einer Zeit, in der nur noch wenige Uberlebende der Konzentrationslager aus eigener An- schauung Auskunft über die Verbre- chen des Nationalsozialismus geben können. Im„Vermächtnis der Uherleben- den“ erklärten 2009 die Vertreter von zehn internationalen Häftlingsver- bãnden: „(...) Aber auch Europa hat seine Auſgahe Anstult unsere Ideale für De- moMkratie, Frieden, Toleranz, Selbsthe- immlng und Menschenrechte durch— zusetzen, wird Geschichte nicht selten henlitzt, lim Zwischen Menschen, Grup- hen uind Võlkern Zwietracht zu sen. (.) Die letzten Augenzeugen wenden vich an Delutschland, an alle europi- 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Schen Sten und die internationule Ge- meinschaft, die menschliche Gabe der Pinnerung und des Gedenkens auch in der Zukunft zu bewahren und zu wiydi- gen. Wir hitten die jungen Menschen, ln- veren Kampf gegen die Nazi-Ideologie ind für eine gerechie, Fiedliche und to— lerante Welt fortzuflihren, eine Welt in der Antisemilismus, Rassismus, Hrem- denfeindlichkeit und Rechtsextremis- mlis Keinen Plalz haben vollen.“ Wir, die wir dieses Vermächtnis fortführen, wenden uns deutlich ge— gen jegliche Form rechter, menschen- und demokratiefeindlicher Ideologi- en und Tendenzen und stellen uns dieser wachsenden Bedrohung, ge- meinsam mit allen demokratisch Ge- sinnten, nach Kräften entgegen. Nach dem sich abzeichnenden En- de der Zeitzeugenschaft kommt den KZGedenkstätten und den Gedenk- stätten und Museen zum NS- Terror ei- ne noch größere Bedeutung in der Ver- mittlung der Geschichte zu. Daher for- dern wir von der Bundesregierung und den Landesregierungen eine intensi- vere Fhrderung dieser Gedenkstätten und Museen. Ebenso fordern wir alle Vertreter der demokratischen Parteien auf, dies zu unterstützen und sich für ei- ne bessere Ausstattung der Gedenk- Stätten einzusetzen, insbesondere im Bereich der pädagogischen Arbeit. Junge Menschen müssen die Möglich- keit erhalten, sich qualifiziert und diffe- renziert mit diesem Teil der Geschichte zu beschäftigen, um sich kritisch mit den Inhalten des Rechtspopulismus auseinandersetzen zu können. Unterzeichnende Verbãnde: Ldgergemeinschaft Auschwit?— relindeskreis der Auschwitzer Alischwit?-Komilee in der Bundes- repihlik Pelutschland Lagerarbeitsgemeinschaft Buchen- wld- Dora Ldgergemeinschaft Dachau der Blindesreplublil Delutschland Melitsches Mauthausenomitee Ost Ldgergemeinschaft und Gedenk- vitte KZ Woringen e. V Arheitsgemeinschaft Neuengamme Ldgergemeinschaft Ravensbrick relindesKreis Ldgerarbeitsgemeinschaft KA Sachsenbung Sachsenhausen-Komitee in der Blundesreplublil Delutschland Unterstützer: Vereinigung der Ver- ſfolgten des Naziregimes— Bund der Antifuschistinnen und Antifaschisten e. V(VVNBdA) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29 Gern sang er jiddische Lieder Wir trauen um Emanuel Elbinger Die E-Mail aus Kra- kau war kurz und stimm- te traurig.„Herr Elhin- ger ist gestern im Kran- Kenhdlis gestorben“, schrieb am 10. Juni 2017 Theresa Ostrowska. Sie hat unseren Gruppen fast alle Gespräche mit Emanuel Elbinger sehr einfühlsam übersetzt. Stets hat sie Kontakt zu Herrn Elbinger gehalten bei der Vorbereitung un- serer Studienfahrten. Getroffen hatten wir ihn beim traditionellen Sabbath-Mahl im Jüdischen Gemeindezentrum in Krakau. Fin freundlicher alter Herr sprach die Teilnehmer unserer Grup- pe deutsch an und war neugierig auf Woher und Warum. Danach gefragt sagte er zu, in Zukunft mit unseren Studiengruppen immer ein Gespräch zu führen. Im Laufe des Sabbath- Abends sang er zZwei jiddische Lieder, die wir später bei allen Treffen zum Abschied hören konnten. FEmanuel Elbinger durchlebte die deutsche Besat?ung Polens als Kind jiddisch sprechender Eltern zusam- men mit seinen zwei Schwestern in Verstecken bei Bauern der Umge- bung. Zeitweise lebten die Familien- mitglieder einzeln in verschiedenen Verstecken. In der Situation wurde seine kleine Schwester eines Tages von Im April dieses Jahres traf sich Emanuel Elbinger(hier mit Ubersetzerin Theresa Ostrowska) noch in Krakau mit ei- ner Studienreisegruppe der LGA. ihren Beherbergern auf den Markt- plat? des Ortes gebracht, weil die S8 die Polen mit dem Tod bedrohte, wenn sie Juden versteckten. S0 allein gelas- sen, bettelte sie an Haustüren um Ue— nterschlupf. Uberall wurde sie wegge- Schickt— bis die S8 sie ermordete. Die Mutter wurde beim Versuch, Geld für die Familie zu beschaffen, von Partisanen verschleppt und er- mordet. Bevor die Familie untertauch- te, hatte die Mutter die Stoffe und Kurzwaren ihres Geschäftes bei ver- schiedenen Kunden und Freunden un- tergestellt. Jet?zt versuchte sie, diese de- ponierten Waren gegen Geld oder Ke- bensmittel zu tauschen. Nicht alle gin- gen dabei redlich mit ihr um, manche leugneten sogar den Besitz der Waren. Fmanuel Elbinger schilderte wäh- rend unserer Heffen stets mit ruhiger 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Stimme— scheinbar ohne Emotionen— was er erlebt hatte. Er hatte Helfer ge- funden, mutige und ängstliche. Er hatte Zurückweisung erfahren, Bedrohung und Antisemitismus. Nach dem Krieg studierte er in Krakau und arbeitete als Ingenieur bei einem Energieversorgungsbetrieb. In den an den Vortrag anschließenden Gesprächen erfuhr man, dass er Ver- wandte in Rotterdam hatte. Auf die Frage, warum er in Polen geblieben sei, erzählte er, dass er seinen Vater und seine ältere Schwester nicht allein las- sen wollte. Beide waren von den Schrecken während der Okkupation Schwer traumatisiert und verbrachten viele Jahre in Kliniken und Heimen. Für Mundek— wie ihn die polni- schen Freunde liebevoll nannten— waren die letzten Lebensjahre sehr anstrengend. Seine Lunge konnte nicht mehr ausreichend leisten, was Sein zarter Körper brauchte. Dennoch war er immer bereit, unsere Gruppen zu treffen. Man merkte ihm die Mühe an, die die Teffen im Museum Galicia ihm bereiteten. Die Fröhlichkeit, mit der er uns begrüßte und verabschiede- te und immer geduldig fürs Gruppen- foto posierte, unterdrückte die Sorge und das schlechte Gewissen über die Anstrengung, die wir ihm zumuteten. Fmanuel Elbinger wird den Studi- engruppen in Zukunft fehlen. Sein Grab auf dem großen jüdischen Friedhof in Krakau wird ein Grund mehr sein, diesen Friedhof als Doku- ment jüdischer Kultur und Tradition zu besuchen. Uwe Hartwig Er baute ein„heilsames Haus“ Helmut Morlok, Architekt der IBS, starb im Alter von 87 Jahren Am 10. März 2017 ist Helmut Mor- Iok gestorben. Er hat die Internatio- nale Jugendbegegnungsstätte(I)B8) in Oswiecim als Architekt geplant und ihren Bau organisiert und geleitet. Pabei hatte er engen Kontakt zu pol- nischen Freunden und Kollegen. Er arbeitete seit 1987 im Kuratorium und Stiftungsrat der IBS mit und wurde 2007 zum Ehrenvorsit?enden ernannt. Von 1 994 bis 2006 war er Beauftragter der deutschen Bundesländer für de- ren Beitrag zur Brhaltung der Ge— denkstätte in Auschwit?-Birkenau. Als es Pläne gab, die geplante Ju- gendbegegnungsstätte in einer ehe- maligen Lagerbaracke unterzubrin- gen, intervenierte Helmut Morlok, der durch seine Mitgliedschaft bei Aktion Sihnezeichen- Friedensdienste mit der Gedenkstätte Auschwitz vertraut war. In einer Lagerbaracke, so Mor- lok,“da verschlägt es jedem die Spra- che“. Schließlich wurde sein Gegen- entwurf realisiert. Als Helmut Morlok 2013 von der Aktion Sihnezeichen den Lothar-Kreyssig-Friedenspreis verliehen wurde, beschrieb der Lau- dator Martin Kreyssig das Gebäude treffend: Pie offene Gestaltung der Begegnungsstätte bildet das dsthetische Gegengewicht zur Lagerarchitektur Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 Die Begeg- nngstte er— fillt in ihrer nktionalen Hinfuchheit den vinnlich fiihlhuren Zwec, Men- Schen zusum- menzufiihren, Alssprache zu ermõglichen ind Prinne- rlng zu be— wahren.“ Helmut Morlok habe mit der I)BsS ein mit Leben erfülltes heil- sames Haus' konzipiert und gebaut. Als Zwölfjähriger wurde Helmut Morlok als Adoſf- HitlerSchiler einge- Helmut Morlok (1929- 2017) bläut: Per Finzelne ist nichts, dein VolM ist alles“, und er wurde zu Zucht ind Ordnung“, Härte ind Opferbe- veitschaſt? gedrillt, wie er bei Besuchen vor Schulklassen erzählte. Zurück aus der Kriegsgefangenschaft überzeugte ihn Albert Schweitzers Credo Phr- urcht vor dem Leben“- und Zwar eines jeden Lebens unabhängig von Her- kunft und Volkszugehörigkeit, Krank- oder Gesundheit- vom Gegenteil der NS-Propaganda. Helmut Morlok wur- de Zzu einem Saren Motor deuisch- Polnischer und deutsch-jüdischer Ver- Shnung*, wie der Kõlner Studt-Anzei— ger 2010 nach einem Gespräch von Helmut Morlok mit Jugendlichen for- mulierte. Hans Hirschmann In einem Kondolenzschreiben der Lagergemeinschaft Aluschwitz an die Witwe Helmut Morloks schrieb Vorsit?ender Uwe Hartwig: Für die Studiengruppen, die Auschwitz besuchen, ist die Jugendbegeg- nungsstätte ein wunderbarer Aufenthaltsort. Immer wieder beschreiben die Jeilnehmerinnen und Teilnehmer, wie sehr ihnen der Ort gefällt und wie geeig- net er ist für den Aufenthalt während des Besuchs der Gedenkstätte. Während der vielen Aufenthalte in der Internationalen Jugendbegeg- nungsstätte in Oswiecim mit Studiengruppen habe ich immer von Neuem die Anlage der Jugendbegegnungsstätte bewundert und den Aufenthalt dar- in genossen. Dafür bin ich Herrn Morlok sehr dankbar. Am Beginn eines jeden dieser Aufenthalte stand immer ein Vortrag über die Jugendbegegnungsstätte und die Ideen, die hinter ihren Bauten stecken. Dabei wurden unseren Studiengruppen auch Helmut Morloks Person und seine Beweggründe nahegebracht. Sein Finsatz für die Errichtung der Nu— gendbegegnungsstätte und ihre Gestaltung Zusammen mit seinen polnischen Freunden ist ein großer Verdienst für die Aussöhnung zwischen Polen und Deutschen und für die aktive Erinnerung an den Holocaust. Helmut Morlok und sein Wirken müssen in Brinnerung bleiben! 32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Nationalsozialistischer Untergrund(NSU) Der ProzZess, der Judenhass und unser aller Verantwortung Rückblick: Mehrere Neonazis gehen in den Untergrund und bleiben fast 14 Jahre lang unentdeckt. Der sogenannte harte Kern besteht aus drei Personen: Uwe Mundlos (geb. 1973), Uwe Böhnhardt(geb. 1977) und Beate Zschäpe(geb. 1975). Die Anzahl der Unterstüt?er ist unklar, wird aber auf bis zu 200 Personen geschätzt. Nationalsoz iulistischer Untergrund(NS U) nannte sich diese rechtsextremistische, ter- roristische und mörderische Vereinigung in Deutschland. Diese Jerrorgruppe beging Seit dem Jahr 2000 deutschlandweit kaltblütig Zehn Morde und mindestens 15 Bank- überfãlle, die bis ins Jahr 2007 reichen. Mordopfer sind acht türkischstämmige Män- ner, ein griechischer Kleinunternehmer und eine Polizistin. Auf einem Bekennervideo verhöhnen diese Neonazis die Opfer, indem sie Bilder der Leichen Zeigen, die sie offenbar direkt nach den Morden aufgenommen haben. Mit Trickfilmversen und Musik unterlegt, werden die Joten in zynischer Comic-Form dargestellt. Die Aufdeckung der Morde Im Grunde ist es võllig unbegreiflich und unfassbar, wie es mõglich war, dass jahre- lang eine solche rassistische rechtsextre- me Jerrorbande in Peutschland s0 viele Morde und Anschläge verüben, Bomben bauen und werfen konnte. Die einzeige Schlussfolgerung, die man daraus zichen kann, ist, dass Polizei, Staatsschutz und die Staatsanwaltschaft wieder einmal ver- Sagt haben, wenn es sich um die Fin- Schätzung von rechtsextremen Straftaten handelt, die politisch motiviert sind. ypische Beispiele dafür aus der Ver- gangenheit sind der Mord an einem jũdischen Verleger und seiner Le- bensgefährtin 1981, das Bombenattentat des Rechtsextremisten Gun- dolf Kõhler 1980 auf dem Oktoberfest, die Bran- danschläge in Mölln mit drei Toten und die fünf odesopfer in Solingen. Jedes Mal hieß es, das wären Einzeltäter, die ohne politische Motivati- In Nürnberg wird gegenüber dem Kartäusertor mit einer Gedenktafel der Opfer der NSU-Gewalttaten gedacht. Fo- to aus wikipedia, Autor: Aarp6S, April 2013 on gehandelt hätten. Ich frage mich, was wãre eigentlich noch pas⸗ siert, wenn sich die NS U- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 33 Verbrecher Mohnhaupt und Mundilos nicht selbst am 4. No- vember 2011 in Eisenach in ei- nem geparkten Wohnmobil er— schossen hätten. Kurz davor hatte die Dritte des Mördertrios, Beate Zschäpe, das Haus im 180 Kilometer von Eisenach ent- fernten Zwickau verlassen und war untergetaucht, s0 wie sie es 14 Jahre lang hatte machen kön- nen. Ihre Katze gab sie noch vorher bei den Nachbarn ab. Das Haus, in dem die drei wohnten, wurde zum großen Teil durch eine Brandbombe zerstört, um Spuren bzw. Be- weise Zu beseitigen. Dennoch gelang es nicht, alles zu zerstören. Neben einer Waffe, die bei den Morden benutzt wur- de, fanden die Ermittler noch Hilme, DVIdSs und weiteres rechtsextremes Material. Der Prozess Seit Mai 2013 müssen sich Beate Zschä- pe und vier mutmaßliche Terrorhelfer des rechtsextremen Nationdlsozialistischen Untergrundes vor dem Oberlandesge- richt München verantworten. Ihnen wird zur Last gelegt,?ehn Morde, Zwei Spreng- Stoffanschläge und mindestens 15 Bank- überfãlle ⁊wischen 2000 und 2007 began- gen zu haben. Zschäpe wird außerdem vorgeworfen, das Haus in Zwickau, in dem sie zuletzt gewohnt hatte, angezün- det Zu haben. Bisher gab es mehr als 350 Verhandlungstage. Weitere zusätzliche Verhandlungstermine sind bis 2018 ge- plant. Mehr als 500 Zeugen sind in diesem Verfahren vernommen worden. Die Staatsanwaltschaft hat die An- —— S 3 5 Hier in Nürnberg in der Gyulaer Straße wurde Ab- durrahim Ozüdogru erschossen. Foto aus wikipedia, Autor: Marp6S, März 2012 klage gegen Zschäpe auf Mittäterschaft gestüt?t, obwohl sie angeblich selbst nicht an den Jatorten gewesen sein soll. Käme es zu einer Verurteilung als Mit- täterin, droht Zschäpe eine lebenslange Haft. Sie sei für die Beschaffung von Waffen, Jatfahrzeugen, falschen Papie- ren sowie der Verwahrung der Beute aus Raubüberfãllen zuständig gewesen. Mit angeklagt ist der Neonazi Raff Wohleben(40). Ihm wird zur Last gelegt, die Mordwaffe für den NSU verschafft zu haben. Interessant ist, dass Wohlleben von Rechtsanwältin Nicole Schneiders vertreten wird, die als bevorzugte An- wältin der rechtsextremen SZene gilt und als Studentin der NPD angehörte. Die Strategie der Anwälte, ins— gesamt fünf, ist und war, dass sich Zschäpe nicht äußern solle. Fragen an die Angeklagte werden notiert und die Antworten später von den Anwälten im Saal verlesen. Ein Prozedere, das Sich an der Grenze des Erträglichen be- wegt, weil es das Gericht, die Bundes- 34 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Zentrale des Bundesamtes für Verfassungsschutz in Köln. Hier wurden am 11. November 2011 Akten zum NU vernichtet. Foto aus wikipedia: Autor:Stefan Kühn, Fotograf A. Kirch anwaltschaft und die Nebenkläger wie Bittsteller dastehen lässt. Am 9. DeZember 2015 ließ die Ange- klagte durch ihren Rechtsanwalt Mathias Grasel dem Gericht gegenüber eine Erklärung vortragen, in der sie sich als emotionales, naives und unselbststãndi- ges Mädchen vom Lande darstellte. Sie habe eine schwere Kindheit hinter sich und sei an die falschen Jungs geraten. Mit Politik habe sie nicht viel zu tun gehabt. Uber die in den Schränken der gemein- samen Wohnung liegenden Pistolen sei Ssie entsetzt gewesen. Von den Morden habe sie vorab nichts gewußt. Ich frage mich, wie Juristen eine sol- che Erklärung für ihre Mandantin abge- geben, die eindeutig gegen die bereits bekannten Sachverhalte und Aktenin- halte spricht. Dieses ganze Schmie- rentheater kommt einer Verhöhnung der Opfer gleich. Schon in den NS- Kriegsverbrecherprozessen mussten wir erleben, wie sich Verbrecher, vom S8— Rottenführer bis hin zum Obersturm- bannführer, als hilflose Personen und Durchschnittsmenschen präsentierten. Der aktuelle Stand des Strafprozes- Ses jst der, dass ein Sachverständiger die volle Schuldfähigkeit von Zschäpe be- scheinigte und, wen wundert es, sie un- ter bestimmten Vorausset?ungen im- mer noch als gefährlich einstuft. Natür- lich wurde das Gutachten durch die Anwälte von Zschäpe angefochten. Demzufolge sind weitere Verhand- lungstermine angeset?t worden. Der NSU-Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtages 2015 nahm dieser Ausschuss seine Arbeit auf. Geklärt werden sollten Ungereimt- heiten um den Mord an Halit voZgat in einem Internet-Cafe in Kassel. Fbenso die Rolle des Verfassungsschüt?ers And- reas Temme sowie die des damaligen Innenministers und heutigen Minister- prãsidenten Volker Bouffier((DU). Ich habe selbst dreimal die Gelegen- heit genutzt, an den Sit?ungen des Aus- schusses(u. a. Vernehmungen von V Leuten) teilzuncehmen. Der Findruck, den ich mitnehmen konnte, war enttäu- schend. Vieles verläuft im Sande und wird doppelt gefragt oder verhandelt. Hinzu kommt natürlich auch parteipoli- tisches Gezetere. Bei dem Vorsit?enden (Mitglied der DU) hat man den Ein- druck, er wolle die Sache so schnell wie möglich abwickeln. Die Grünen, mit Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 35 Bouffiers CDU in der Regierungsver- antwortung, lassen es meines Brachtens ebenfalls an dem notwendigen Nach- druck fehlen. Finzig die Opposition von SPD und Kinken legt eine gewisse Hart- näckigkeit bei den Fragen an den Jag. Viel Aufklärung verspreche ich mir durch diesen Ausschuss nicht. NSU und der Judenhass Was führte das Nazi-Verbrechertrio ge- gen die Juden im Schilde? Dass jüdi- sche Bürger Zielscheibe des NSU wa- ren, ist unstrittig. Bereits 1996 hatte Bönhardt in der Nähe von Jena am Geländer einer Brücke über die Autobahn A 4 eine Puppe mit einem Davidstern aufgehängt, die in einer Schlin- ge steckte und mit Zzwei Bom- benattrappen versehen war. Das Trio hatte auch ein Brettspiel entworfen, das sie Pogromlyꝰ nannten, eine Art Monopoly, bei dem das Fiel lautete,*Städte judenfrei? zu machen. In der 2011 verbrann- ten Wohnung in Zwickau wur- den unter anderem Listen mit tausen- den von Adressen gefunden, darunter die des jüdischen Friedhofes in Berlin. Bereits 1998 war dort das Grab von Hein? Galinski, dem ehemaligen Vor- Ssit?enden des Zentralrates der Juden in Meulschland, durch zwei Sprengsätze zerstört worden. 2002 wurde eine Bom- be in den Fingangsbereich der Trauer- halle geworfen. Davor, am 7. Mai 2000, wurden Beate Zschäpe und Uwe Mundlos vor der Synagoge in Berlin ge⸗ schen. Womöglich planten sie einen An- Schlag. Auf die heutige Frage des vorsit- zenden Richters Götzl, ob sich Zschäpe dort aufgehalten habe, kam die bereits bekannte Taktik, man äußere sich spä- ter zu diesem Sachverhalt. Ich bin ge- Spannt, ob diese Sachverhalte im spãte- ren Urteil ebenfalls Berücksichtigung finden. Unser aller Verantwortung Jahrzehntelang hat der deutsche Staat und dessen mehrheitliche Gesellschaft die braune Gewalt nicht ernst genom- men. Linksextreme galten als hochge- fährlich, währenddessen man bei Rechts- Titelseite der chinesischen Zeitung“Furope Times“ mit einem Bild Beate Zschäpes im Gerichtssaal. Foto aus wikipedia: Autor: Fuzre Fitrinete(Juni 2013) extremen einfach abgewunken und die Umtriebe von rechts als Kindereien und Blõdheit abgetan hat. Es war August 1992, als in Rostock- Lichtenhagen vor einem Ausländerheim fünf Nächte lang Hunderte Neonazis und Gleichgesinnte randalierten, ohne dass die Poliꝰei eingriff. Im Gegenteil, als das Haus angezündet wurde, z0g die Poliꝰei ab unter dem Beifall der begei- Sterten Zuschauermenge. In einer Bun- destagsrede vom November 1992 stellte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl((D U) die Jaten in eine Reihe mit 36 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer alltãglichem Raub und Piebstahl. Nach Rostock folgten Mölln(drei tote Frauen) und Solingen(Zwei tote Frauen und drei Mãdchen). Der dama- lige Bundesinnenminister Manfred Kanther(CDU) sagte 1994 anläßlich einer Debatte Zzum Asylrecht“Wir ha- hen hislang richtig gehandelt. Natürlich hat die Auseinanderetzung auch Hitze- grade erzeugt“. Er sagte tatsächlich Hit?egrade!! Der damalige Außen- minister und FDP-Vorsit?ende Klaus Kinkel sagte nach Solingen, man müsse lles vermeiden, wus Wasser auf die Miihlen der Rechtsradikulen leitet?. Wie müssen sich die Opfer bei sol- chen Aussagen unserer Politiker gefühlt haben? Solange es solche Politiker gibt und die Gesellschaft darüber weiterhin Schweigt, werden wir den Rechtsextre- mismus nicht bekämpfen können. Wir brauchen einfach mehr Zivilcourage, um dieser braunen Unkultur offensiv zu begegenen, s0 wie ich sie von Hermann Reineck, dem Gründer unserer Lager- gemeinschaft Auschwitz erleben durfte. EFin Mittel dafür ist, Aufklärungsar- beit bereits in den Schulen zu betreiben, Sind Projekte, Veranstaltungen und De- monstrationen. Man braucht viele Men- schen, die solidarisch gegen Fremden- hass und Antisemitismus aufstehen. Wir dürfen Neonazis und rechtsradikalen Politikern s0o ohne Weiteres keinen 5f- fentlichen Raum mehr bieten.* Volkhard Knigge, seit Jahren Direk- tor der Gedenkstätte Buchenwald, erhält Briefe von einer Gruppe, die sich Natio- naler Widerstund nennt. In denen be- dankt sich die Gruppe für die jahrelange Gedenktafel in München an der Trappen- treustraße mit den Namen der Mordopfer des NS U und einer gemeinsamen Erklärung der Städte Nürnberg, Hamburg, München, Rostock, Dortmund, Kassel, Heilbronn. Fo- to aus wikipedia: Autor: Cholo 3 Mai 2014) umsichtige Führung des KZ. Dank Knig- ges Weitsicht wäre alles erhalten geblie- ben und in einem guten Zustand. Man brauche dieses Lager wieder. Er solle die Kollegen in Auschwit? kontaktieren, auch dieses Lager biete sich an. Dies ist eine neue Qualität, die auch damit zu- Ssammenängt, dass Pegida und AFD das Land verãndern. Die Philosophin Hannah Arend hat einmal voller ironischem Pessimismus gesagt: Vor dem Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sichen“ Das gilt für Rassismus und Ausländer- feindlichkeit genauso. Wer sagt eigent- lich, dass sich Geschichte nicht wieder- holt? Die Wahrheit ist, sie wiederholt sich unablässig, wir wollen es nur nicht immer wahrhaben. Alexander Woff Siehe in diesem Zusammenhang: Harald Welzer: Wr vind die Mehrheit- Für eine offene Gesellschuft, Fischer- Iaschenbuch, 2017 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 38 Einzigartiges Mahnmal über die Verbrechen von Auschwitz Digitale Verfahrensakten des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses Die EFntscheidung der General- direktion für das UNESCO-Pro- gramm, Memory ofthe Worid“(MoW „Gedòchtnis der Welt“) über die Ein- tragung der Akten des ersten Frank- furter Auschwitz-Prozesses(Az. 4 Ks 2/63), der am 20. Dezember 1963 be- gann, in das Verzeichnis des Weltdoku- mentenerbes wird im September 2017 erwartet. Neben den 133 Hauptakten und weiteren Verfahrensunterlagen, insgesamt 456 Aktenbänden, sind auch die bereits vor über Zehn Jahren verõf- fentlichten Tonbandmitschnitte, insge- Samt 103 Bänder, nominiert worden. Die 133 Hauptakten dokumentie- ren die Ermittlungen und Voruntersu- chungen in den Jahren 1958 bis 1963, die Anklageerhebung im April 1963, den Ablauf des Schwurgerichtsverfahrens in den Jahren 1963 bis 1965 sowie die Urteilsverkündung im August 1965. Die Verfahrensakten wurden im Jahre 2001 von der Frankfurter Staats- anwaltschaft an das Hessische Haupt- staatsarchiv abgegeben, die 424 Stun- den umfassenden Tonmitschnitte der Aussagen von 319 Zeugen(darunter 181 Auschwitz- Uberlebende) bereits 1989 Zwecks Digitalisierung in Zusam- menarbeit mit dem Deutsche Rund- funkarchiv in Frankfurt. Dies vor al- lem weil sich deren Qualität über die Jahre verschlechtert hatte. Die digita- le Nutzung der Tonmitschnitte ist über das Digitale Archiv Hessen beim Hauptstaatsarchiv oder als Streaming über die Website www. auschwit?-pro- Zess. de des Fritz Bauer Instituts mõg- lich. Die Transkription der Tonmit-— schnitte sowie 100 Stunden ausgewähltes Audiomaterial wurden bereits Ende 2004 vom Fritz Bauer In- titut und dem Saatichen Muselum Aschwitz?-Birkenaut als DVD-ROM in der Digitalen Bibliothek herausge- geben. Das UNESCO-Weltregister wird Seit 1992 international mit ausgewähl- ten herausragenden Dokumenten(bis- lang 348, davon 22 aus Deutschland) ergänzt, darunter im Jahre 2013 durch die Originaldokumente im seit Januar 1946 bestehenden Archiv des Interna- tionalen Suchdienstes in Bad Arolsen (TTS), das primär Such- und Anlauf- stelle für Uberlebende und Angehöri- ge von Opfern der NS-Verfolgung war, Sowie dessen Zentrale Namenkartei mit Hinweisen zu 17,5 Millionen Per- sonen, die seit 1990 digitalisiert ist. 2011 wurde die etwa 14.500 Akten- ordner und Sammelmappen umfassende Dokumenten- Sammlung des Archivs des Warschauer Wiederaufbaubüros (BOS) aufgenommen, die u. a. die Zer- störung der Stadt in den Jahren 1939. 1945 und insbesondere die Folgen der beiden Warschauer Aufstände in den Jahren 1943 und 1944 dokumentiert. 1990 wurde das etwa 23.000 Seiten umfangreiche Untergrundarchiv des 38 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Warschauer Ghettos(„Oneg Schah— hat“- oder„ Emanel-Kingelblum-Ar⸗ chiv*) in das MoWVerzeichnis einge- tragen. Maßgeblich für oben genannte Entscheidungen war auch die Er— kenntnis, dass die Dokumente nach dem Ableben der let?ten Zeitzeugen zukünftig von noch größerer Bedeu- tung sein könnten. Auch die Archive der internationa- len Agentur für Kriegsgefangene des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz(ICRC) von 1914-1923(2007), ein Hilm über die Schlacht an der Som- me von 1916(2005), die Sammlung jü- discher Folkloremusik auf Fdison- Wachszylindern von 1912 1947(2005), die Radioũbertragung Charles de Gaul- les Zzum französischen Widerstand ge- gen die deutsche Invasion von 1940 (2005), das Jagebuch der Anne Frank von 19421944(2009), oder die 21 The- sen der Solidarnosc von 1980(2003) sind Bestandteil des Weltdokumenten- erbes. Insbesondere besteht nach der Aufnahme in das Weltverzeichnis eine Verpflichtung, die in Archiven, Mu— seen und Bibliotheken aufbewahrten bedeutenden Zeugnisse langfristig di- gital zu sichern und auf informations- technischen Wegen weltweit zugäng- lich zu machen. Im Jahre 2016 wurden die ein Jahr zuvor sicherungsverfilm- ten Verfahrensakten des ersten Frank- furter Auschwitz-ProZesses digital re- produziert, bevor die Sicherungsfilme an den Bund zwecks Finlagerung ab- gegeben werden mussten. Seit März 2017 werden die Digitalisate im hessi- schen Archivinformationssystem Ar- Ftsaianwalischatt ur/ain [ Frmitlungssache O.— k 1 t M. 1M. 7 5 Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHsSt W, 461, 37638/1, Hauptakten Bd. 1, Aktendeckel einsys in sehr guter Qualität bereitge- Stellt(https: arcinsys. hessen. de) und damit der Forschung ohne Wartezeit oder große Finschränkungen zugäng- lich gemacht. Lediglich die den Angeklagten Klaus Dylewski betreffenden Verfah- rensakten bleiben aufgrund der im Bundesarchivgeset?(BArch6§11 Abs. 2) geregelten Schutzfristen vorlãufig ge- sperrt. Der ehemalige SS-Oberschar- führer verstarb im April 2012 als letzter Angeklagter des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses im Alter von 96 Jahren, die Sperrfrist des seine Person betreffenden Archivguts endet nach dem am 16. März 2017 in Kraft getrete- nen neuen Bundesarchivgeset?z frühe- stens Zehn Jahre(davor: dreißig Jahre) nach seinem Tod. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 39 Bei den erst kürzlich bereitgestell- ten Dokumenten handelt es sich um ProZessunterlagen im Umfang von 103 Hauptaktenbänden mit rund 21.000 Blatt(entspricht über 23.500 digitali- sierten und abrufbaren Seiten), 19 Bãn- de Hauptverhandlungsprotokolle mit rund 1650 Blatt, 6 Urteilsbände mit 1275 Blatt sowie 328 weitere Verfah- rensakten wie Vollstreckungs- und Gnadenhefte, Kostenhefte, Hand- und Bei-Akten sowie Akten der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen Ludwigsburg, die im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden ver- wahrt werden(HHsSt W Abt. 461, Nr. 37638/1-456, Bestand Staatsanwalt- Schaft bei dem Landgericht Frankfurt am Main). Arcinsys enthãlt derzeit ins- gesamt 6 Millionen Archivalien aus verschiedenen hessischen Archiven. Laut Dr. Johann Zilien vom Hessi- Schen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden wird derzeit an einer mehrsprachigen innovativen Website Zum Auschwitz- abe 4 1 7 — ſi p deni„ara. ux— z1. Sn 5 SEe S Z 5 nu 4 r5 Ue Ln 3½ F⸗ S u u S 4* Ien F——— *— Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW d61, 37638/121, Bl. 1088 ProZess als zentrale weltweite Zu- gangsmöglichkeit zur Thematik mit Verlinkung zu den Ton- und Bilddo- kumenten sowie Transkriptionen ge- arbeitet. Der Launch des internatio- nalen Informationswebportals war für Juli 2017 geplant. Andreas Kilian Online-Datenbank zu den Tätern von Auschwitz Polnisches Institut veröffentliche Namen von mehr als 9600 Personen Die im Januar 2017 online gestellte Datenbank*SS-Mannschaft KI. Auschwit?z“ ist ein gemeinsames Pro- jekt von Professor Aleksander Lasik (Vniversitãt Bydgos?cz) und dem pol- nischen Institut für Nationales Geden- Ken(IPN) in Krakow. Sie setzt sich aus vier Jabellen zusammen. Die erste ent- hält Personalangaben, die Zweite Justiꝰ- volkug-Dokumente, die dritte Bilder der SSMänner und über die vierte las- Ssen sich Informationen über die Pien- ste im KK Auschwitz“ recherchieren. Dies geschieht auf Polnisch, Deutsch und Englisch. IPN-Vorsit?ender Jaros- law S?Zarek bezeichnet das Projekt als Antwort auf die falsche Bezeichnung polnische Todeslager“, die nahelegen, dass nicht Deutsche, sondern Polen die Gründer und Verwalter der Konzentra- tions- und Vernichtungslager waren. Hans Hirschmann 40 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Wohin bringt ihr uns?“ Das reisende Denkmal der Grauen Busse“ zum Gedenken an die Opfer der“Euthanasie“-Verbrechen macht Station in Frankfurt am Main auf dem Rathenauplatz Seit August 2017 und bis zum Mai 2018 Grau gestrichene ehemalige Postbusse beförderten 1941/42 im Zuge der Buthanasie“-Aktion Patientinnen und Patienten mit psychischen Krankheiten und geistigen Behinderungen in Tötungsanstalten wie dem hessischen Hadamar. Mit einem in Originalgröße aus Beton gegossenen Bus erinnern die Künstler Horst Hoheisel und Andreas Knitz nicht nur an die Opfer, sondern suchen mit der Nachbildung des Tatwerkzeugs auch die Auseinanderset?ung mit den Tätern. Weitere Informationen: ww. die-grauen-husse-franfurt. de Ich küsse Ihre Hand Madame“ Jüdische Künstler auf Schellack-Grammophon-Lesung mit Jo van Nelsen Frankfurt am Main im Hochbunker, Friedberger Anlage S-6 Sonntag, 10. September 2017, 17 Uhr Fine Veranstaltung der Initiative 9. November. Fintritt 12 Furo; Reservierung nur per EMail an initiative-9novemberGgmx. de Veranstaltungen des“Fritz Bauer Instituts? Mi., 13. Sept. 2017, 18.15 Uhr: Fvangelische Akademie Frankfurt, Römerberg 9 Authentischer und lebendiger? Zeilgenössische Aufeichnungen aus dem Pritten Keich“- CGrenzen und Potenziale Referent: Markus Roth(Arbeitsstelle Holocaustliteratur, Uni Gießen) Mo., 16. Okt. 2017, 18.15 Uhr: Goethe-Uni Frankfurt, Norbert-Wollheim-Platz 1 Warum? Fine Geschichte des Holocaust Referent: Prof. Peter Hayes(Northwestern University, Iinois) Mi., 8. Nov. 2017, 18.15 Uhr: Goethe-Uni Frankfurt, Norbert-Wollheim-Platz 1 Siegfried Kracauer, die Stadt Frankfurt und der Nationalsozialismus Referent: Jörg Spãäter(Universität Freiburg) Mi., 22. Nov. 2017, 18.15 Uhr: Goethe-Uni Frankfurt, Norbert-Wollheim-Platz 1 Die Rolle nichtdeutscher Länder bei der Judenvernichtung Referent: Prof. Christian Gerlach(Universität Bern) Weitere Veranstaltungshinweise und Infos unter vww. frit?-bauerinstitut. Inhaltsverzeichnis Seite Von Auschwitz lernen-Bericht über eine Studienfahrt 1 Ein fast vergessenes Ghetto-Der Krakauer Stadtteil Podgorze 8 30 Jahre Internationale Jugendbegegnungsstätte 14 Theresienstadt-Das Bildungsprojekt Room 28* 21 Dem Rechtsruck entgegentreten-Prklärung der Lagergemeinschaften 27 Nachrufe-Emanuel Elbinger, Helmut Morlok 29 Nationalsozialistischer Untergrund- Was uns der Prozess lehrt 32 Digitales Mahnmal über die Verbrechen von Auschwitz 37 Online-Datenbank zu den Tätern von Auschwitz 39 Das reisende Denkmal der Grauen Busse 40 Hinweise auf Veranstaltungen 40 Impressum: Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer 35516 Münzenberg, Freiherrvom-Stein-Str. 27 Vorsitzender: Uwe Hartwig, 61230 Ober-Mörlen, Usinger Str. 7 (Korresponden? bitte an diese Adresse) Internet: www. lagergemeinschaft-auschwitz. de Redaktion: Hans Hirschmann, Iel.(06101) 32010 Bankverbindung: Sparkasse Oberhessen IBAN DE43 5185 0079 0020 0005 03; BIC HEHLADEFIFRI Bei Spenden bitte Adresse deutlich schreiben, damit die Bescheinigung für die Steuererklärung zugeschickt werden kann. Bitte bei Umzũgen neue Adresse und Anderungen der Bankverbindung mit- teilen. Es erspart Arger, Zeit und Geld bei Bankeinzügen. Mitgliederversammlung Lagergemeinschaft Auschwitz- FreundesKreis der Auschwitzer Samstag, 28. Oktober 2017, 15 Uhr 61118 Bad Vilbel, AWO-Treff, Wiesengasse 2 STUDIENFAHRTEN 2018 Termin 8. März-14. März 2018 Termin II: 28. September-4. Oktober 2018 Rundgang im Stammlager Auschwitz Rundgang im Vernichtungslager Birkenau Gesprãche mit Uberlebenden Besuch in Archiv und Kunstsammlung der Gedenkstätte Auschwit? Besuch in Krakau(u. a. ehemalige Fabrik von Oskar Schindler) Kosten: 750 Huro(Flug, Unterkunft, Verpflegung, Fintritte, Honorare) ermäßigt: 350 Furo(auf Antrag für Studierende, Schülerinnen und Schüler Sowie Menschen mit geringem Finkommen) Auskünfte und Anmeldungen für alle Termine bei Uwe Hartwig, EMail uwe. fvhartwigQweb. de, Iel.(06002) 938033 Die Studienfahrten sind als Lehrerfortbildung und als Bildungsurlaub anerkannt. Gespräch mit dem Holocaust-Uberlebenden Andrei Dorobantu Der 84 jährige jüdische NS-Verfolgte aus der Slowakei, ist im November zu Gast bei der Lagergemeinschaft Auschwit?z. Er wird in Friedberg(Wetteraukreis) mit Schülerinnen und Schülern sprechen und wahrscheinlich am Freitag, 9. November, bei einer õffentlichen Veranstal- tung im Museum der Stadt Butzbach auftreten. Da genauere Vereinbarungen noch nicht getroffen sind, bitten wir um Beachtung unserer Internetseite ww lagergemeinschaft-auschwitz. de. Port werden sobald als mõglich genaue Angaben verõffentlicht.