LAGERGEMEINSCHAFT AUSCHWTZ FREUNDESKREIS DER AUSCHWTZER AUSCHWTZ „Meine Fltern“-Skulptur von Channa Loewenstein(geborene Markowicz) OAlwin Meyer 35. Jahrgang, Heft 2 Mitteilungsblatt, Dezember 2016 Furopas Außengrenzen: Stoppt das Sterben! nkormiaren, Mitoled werthen und zpendan unter PRO ASVI. www. proasyl.de pEh EizEtrnt1 2Rr. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 Herzliche Weihnachtsgrüße der ehemaligen Häftlinge und danke dass Sie an uns denken Liebe Mitglieder, liebe Freunde und Förderer unserer Lagergemeinschaft und des Freundeskreises, wir danken auch an diesem Jahresende für Fuer Interesse an unserer Vereins- arbeit und natürlich für die Unterstützung in jeglicher Hinsicht- sei es finanziel- ler oder organisatorischer Art oder einer Beteiligung bei Diskussionen. Nur s0 konnten wir die Arbeit fortsetzen, die uns die Vereinsgründer um Hermann Rein- eck als Auftrag hinterlassen haben. Wie aus dem Bericht von unserer Mitglieder- versammlung hervorgeht(Seite 3 ff), konnten wir wieder einiges erreichen. Zum Beispiel viele Menschen- insbesondere Jugendliche- mit Veranstaltugnen und Studienreisen ansprechen und deutlich machen, dass die Menschheitsverbrechen, die im Namen des deutschen Staates wãhrend des Dritten Reiches begangen wur- den, nach wie vor von Bedeutung für das gegenwärtige Leben sind. Auch konnten wir wieder im gewohnten Umfang die ehemaligen Häftlinge in Polen dank Furer Spenden und Mitgliedsbeiträge unterstützen. Sie danken es uns mit ihrem Vertrauen und sie rechnen auch künftig mit uns und mit Fuch, wie Karol Tendera es in seinem Brief beschreibt(Siche Seite 2). Wir wünschen allen Mitgliedern und Freunden ein hoffentlich unbeschwer- tes Weihnachtsfest, erholsame Feiertage und einen guten Start ins Jahr 2017. Der Vorstand der Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer v Neben dem oben erwähnten Brief von kiMwi. 111 1 Karol Iendera aus Krakau erreichte uns auch rx in een r*.. EE 4 11 ein Schreiben aus Warschau. Der Vorstand des dotigen Pirkels der ehemaligen Auschwit?z- Häftlinge bedankt sich für die Gahe des Nerzens lind dass Sie an uns denken*. Es wird versichert, dass die Spendengelder der Lager- gemeinschaft verteilt werden an die Bedirft tigen für mediz inische Hilfe, die das Leben der Kranken leichter macht, die aber nicht in vollem Umfang durch die Krankenkassen nanziert wirdꝰ. Die herzlichen und kameradschaftlichen Grüße aus Warschau sind an alle aus dem Um- feld? der Lagergemeinschaft gerichtet. 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer LGA-Spenden für KZ-Gefangene in Polen Hilfe zum Weihnachtsfest Aus den Mitgliedsbeiträge und Spenden konnte die Lagergemeinschaft im Jahr 2015 insgesamt 12.500 FEuro- im laufenden Jahr 2016 werden es 13.400 Euro sein nach Polen weiterleiten. Dies berichtete bei der Mitgliederversammlung am 19. November IGA-Kassierer Matthias Tissen. Zum Großteil wurden die Beträge an die Vereinigungen der ehemaligen Konzentrationslager-Häftlinge über— wiesen. LGA-Vorsitzender Uwe Hart- wig Zitierte bei der Versammlung aus einem Schreiben von Karol Tendera, dem 94 Jahre alten Vorsitzenden der ehemaligen KZHäftlinge in Krakau. Dort heißt es im Wortlaut:“ Wir bedan- Ken ns sehr für die ühermittelte finan- zielle Hilfe. Jch hereite eine Liste der noch lebenden ehemaligen Hftlinge von denen ich je 300 Zlot übergeben weyde, als Hilfe zum Weihnnachtsfest. Zudem wies Karol Tendera auch auf die Bedeutung der Ambulanz in Krakau hin. Tendera schrieb:“Frai Dn RaczKa, die Leiterin derAmbulanz, hat mir die Information übermittelt, dass auch dort Eure finanzielle Hilfe eingetroſfen ist... Wir Hftlinge der Nazi-Konzentrationslager sind sehr dankbar für Eure Hilfe, da die Ambu lanz uns die Nutzung von mediz ini- Schen Dienstleistungen ohne wochen- langes Warten auf Fachärzte ermõglicht, wie das oft in õfentlichen Gesndheitseinrichtungen der Hall ist. Cn grüße alle deutschen HFreunde, die zur Vertiefung der Freundschaft Zwischen unseren beiden Nationen hei- tragen.“ Auch 2016 fanden wieder zwei Studienfahrten nach Auschwitz und Krakau statt. Dabei gelingt es der Lagergemeinschaft aufgrund ihrer guten Kontakte, auch immer noch Tref- fen der Gruppe mit einem der hochbetagten Zeitzeugen zu vereinbaren-so wie im April mit Emanuel Elbinger(vorn 3. von links.), der in einem Versteck den Holocaust über- lebte, während Eltern und Geschwister ermordet wurden. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 Berichte von der Mitgliederversammlung Gute Kooperation mit der Landeszentrale Zur jährlichen Mitgiedervesammlung hat die Lagergemeinschaft Auschwitz Freundes Kreis der Auschwitzer(I GA) für Samstag, 19. November, nach Bad Vil- bel eingeladen. Da für dieses Jahr satzungsgemäß keine Vorstandswahlen an- standen und auch keine Anträge vorlagen, beschränkte sich die Tagesordnung auf die Berichte des Vorstandes über die Arbeit im Jahr 2016. Zunächst gedachte die Versamm- lung der verstorbenen Mitglieder Diet- lind Schmidt-Glever und Walter Bröker. Eng mit der LGA verbunden waren auch die ehemaligen KZHäft- linge Max Mannheimer(1920- 2016) und Siegmund Kalinski(1927— 2015). Vorsit?ender Uwe Hartwig ließ die Gespräche mit Zeitzeugen und ande- ren Referenten an Schulen und bei õffentlichen Auftritten Revue passie- ren. Auch fanden wieder zwei Studien- fahrten nach Auschwitz und Krakau Statt. Dank der Zuschüsse der Hessi- Schen Landeszentrale für politische Bil- dung konnten diese wieder für den Ver- ein kostenneutral durchgefhrt werden, obwohl jeweils etlichen Teilnehmenden Ermäßigungen gewährt wurden(Schü- lerinnen, Schülern, Studierenden, Aus- zubildenden und Bezichern von Trans- ferleistungen). Die Fahrten sind als Bildungsurlaub und in Hessen als Leh- rerfortbildung anerkannt. Die LGA hat in diesem Jahr zu- dem wieder kleinere Publikationspro- jekte und Vorhaben anderer Organi- Sationen unterstützt und gefördert. Vorsit?ender Uwe Hartwig berich- tete über die Kooperation mit dem Ge- denkstãttenreferat der Hessischen Lan- deszentrale für Politische Bildung. S0 Waclaw Dlugoborski(i.) und Emanuel Elbinger überlebten den Holocaust. Sie waren Gesprächspartner der Studienfahrt- Teilnehmer im Oktober 2016. fand unter seiner Leitung eine von dem Referat organisierte Studienfahrt nach Krakau, Auschwitz und Warschau statt. Noch vor Weihnachten hat er zudem während eines eintägigen Semiars zu Gedenkstättenbesuche für Lehrkräfte über Auschwitz referiert. Für ein Semi- nar im Mär?z 2017 steht Uwe Hartwig mit Anita Lasker-Wallfisch in Verhand- lung über einen Vortrag vor Mitarbei- tern von Gedenkstätten und Gedenki- nitiativen. Nach Uwe Hartwigs Bericht erläu— terte LGA-Kassierer Matthias Tiessen ausführlich die Einnahmen und Ausga- ben des Vereins. Gisela Meutzner und Diethardt Stamm bestäigten als Kas- senprüfer eine einwandfreie Führung der Kassenbücher und Konten. 4 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Die Strafverfahren gegen Demjanjuk, Gröning und Hanning Neue Rechtsprechung gegen SS-Täter Gast bei der Mitgliederversammlung war Tobias Reckeweg. Ihn hatte die Lagergemeinschaft mit einem Zuschuss zu einer Recherchereise nach Kanada unterstũtzt, wo er überlebende Auschwitz-Häftlinge interviewte. Tobias Reckeweg ist Student der Geschichtswissenschaft an der Uni— versitäãt Bielefeld. Während der Mit— gliederversammlung berichtete er un- ter dem Arbeitstitel Verbrechen des Holocaust- Mustiz, THter und Uher— lebende über die Grundideen seiner Magisterarbeit. Es geht dabei um Die Mele' Rechtprechung gegen S Täter in den Strafperfahren gegen Demjan- jM, Gröning und Hanning und ihr Pinfluuss auf die gesellschaftliche Wahr- nehmung von No Täterschaft. John Demjanjuk war 2011 wegen Beihilfe zum Mord in einem Vernichtungslager zu einer mehrjärigen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Ebenfalls Zzu meh- reren Jahren Freiheitsent?zug wurden 2015 und im Sommer 2016 Oskar Grö- ning und Reinhold Hanning verurteilt. Erst sehr spät und fast zu spät hat sich damit eine Rechtsprechung durchgesetzt, die die Verurteilung als Beihilfe zum Mord ohne Einzeltat- nachweis möglich machte. Dafür hat- ten bereits in den 1960er Jahren der hessische Generalstaatsanwalt Frit?z Bauer und seine Mitstreiter gekämpft leider ohne Erfolg. So wurden im großen Frankfurter Auschwit?-Prozeß(1963— 1965) nur Haftstrafen ausgesprochen für Ange- klagte, die besonders brutal und aus eigener Motivation gemordet hatten. Jahrzehntelang leitete die deutsche Justi? daraufhin kaum weitere Verfah- ren ein oder stellte diese ein. Tausende SS-Täter blieben ihr Leben lang juris— tisch unbehelligt. Dies änderte sich erst 2011 mit dem Münchener Prozeß ge- geg Demjanjuk und den Verfahren ge- gen Gröning und Hanning. Schlussstrich nach 70 Jahren? Tobias Reckeweg präsentierte der Versammlung per Video einige Aus- schnitte seiner in Toronto geführten Interviews vor. Einige der Gesprächs- partner waren als Zeugen in Detmold beim Prozeß gegen Hanning aufge- treten. Dann erläuterte der Referent Sein weiteres Vorgehen. Er will in sei- ner Magisterarbeit in einem ersten Schritt untersuchen, wie es zu der oben erwähnten veränderten Recht- sprechung kam, welche historische Bedeutung ihr zukommt und wie sich dadurch Strategien von Anklage und Verteidigung verändert und ent- wickelt haben. In einem zZweiten Schritt will er der Frage nachgehen, inwiefern die drei ProZesse und die jeweiligen Urteile das Bild der deutschen Bevölkerung von Schuld und Täterschaft in Bezug auf den Holocaust verãndert haben und wie Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 8 groß die Akzeptanz für ß Solche Strafprozesse heu- te ist- also mehr als 70 Jahre nach EFnde des Zweiten Weltkrieges. Oder wie es Tobias Reckeweg zusammenfas- send formuliert:“Pomi- niert in der BevölMerung eher die Ansicht dass die Angelklugien nicht anders handeln Konnten, mehr oder weniger Mitldufer wvren lind helle Sowieso zu alt flr ein Verfuhren vind lind dass ein Schlussstrich gezogen werden mlussꝰ Oder wird der Argumen- tution Hrilz Baues gefolgt dass jeder Be- teiligie in Auschwilz ein Zahnrad im Ge triebe einer Mordmaschinerie war und vichn deswegen für seine Jaten zu verant- worten hatꝰ“ Gerichtstag über uns selbst Ausgangspunkt von Reckewegs Arbeit ist die Intention, mit der der Hessische Generalstaatsanwalt Frit? Bauer vor mehr als 50 Jahren den großen Frank- furter Auschwit?-Prozess(1963 1965) in die Wege geleitet hatte. Mit dem An- spruch Gerichtstag halten über uns velhst initiierte Frit? Bauer damals das bis dato größte und auch öffentlich Stark wahrgenommene Strafverfahren gegen deutsche NS-Täter der soge-— nannten Endiõsung der Mudenfrage vor einem deutschen Gericht, führte Reckeweg aus. Bauer war es wichtig, den gesell- schaftlichen Konsens aufzubrechen, nach dem nur wichtige nationalsozialis- — —, — 5— — „ „ Tobias Reckeweg beim Vortrag im WoO-Treff Bad Vilbel tische Parteikader und die Funktionse- lite verantwortlich gewesen für die Ver- brechen. Er wollte zeigen, dass der Ho- locaust erst mõglich wurde, weil ein großer Teil der Bevölkerung zu aktiven Mittãtern wurde. Der Prozess sei nicht nur' eine Frage der damals 22 Ange- klagten, sondern für alle 70 Millionen Deutsche, hatte es Fritz Bauer in einem Rundfunkbeitrag 1 964 pointiert zusam- mengefasst. Und Reckeweg zitiert in seinem Hx- posee weiter Frit? Bauer: Was wir den Leliten Sagen in diesen Prozessen und ws die tiefe Lehre dieser Prozesse it ind was die Leile nicht héren wollen, das ist, dass es in unserem Leben eine Grenze gibt, wo wir nicht mehr mitma- chen dürfen, also dass plõtzlich ein Pinkt Kommt, also wo es wirklich lim der Menschheit große Gegenstinde geht lim Leben uind Vod, wo von lins verlangt wird, etwus zi ln, wus lnmenschlich ist ind alle Wirde verletzt. Und was wir hier nn missen, ind was Seit, nicht nur Seit nelinzehnhundertvierundsechzig 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Jahren, Sondern in allen Religionen und in allen EFhiken verlangt wird, nmlich das Nein. Abo durauf beruht jede Ethik, darauf heruht jedes Recht.* (Zitat aus Bauers Auftritt im Hes- sischen Rundfunk am 8. Dez. 1964) Die Mär vom Befehlsnotstand Dieses Fritz-Bauer-Zitat betont nach Reckeweg dessen Ansicht, dass ein vermeintlicher Befehlsnotstand keine Entschuldigung oder Rechtfertigung der Taten sein kann und sich jeder, der in Auschwitz mitgewirkt hat, durch die Förderung der Haupttat mindestens der Beihilfe zum Mord und somit nicht nur moralisch, sondern auch juristisch mitschuldig gemacht hat an den Ver- brechen des Holocaust unabhägig da- von, ob er das Gas eingeworfen, an der Rampe selektiert oder Häftlingsklei- dung ausgegeben hat. Zum anderen wollte Fritz Bauer, dass der Prozess öffentlich wahrge- nommen wird und die deutsche Ge- Sellschaft sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt, Statt sie zu verdrän- gen. Fine weitere Intention war die ju— ristische Feststellung der Verbrechen, die in Auschwitz begangen wurden. Die Mitgliederversammlung dank— te Tobias Reckeweg für die eindrucks- volle Parstellung der Grundzüge sei- ner Arbeit und wünscht ihm einen erfolgreichen Abschluss. Hans Hirschmann In der Tageszeitung Der Tagesspiegel(Q. Mai 2015) kommentierte Claudia von Salen die Urteile in den Prozessen gegen Demjanjuk und Gröning wie folgt: Das skandalöse Verhalten der deutschen Justiz, das im besten Fall von Gleichgültigkeit zeugt, tritt durch das Lüneburger Verfahren deutlich hervor. Denn eine neue Rechtslage gibt es keineswegs, auch nicht nach dem Münch- ner Urteil gegen den früheren SS-Wachmann John Demjanjuk. Geändert hat sich nur die Bereitschaft, das Prinzip der Beihilfe auch auf die Wachleute in Vernichtungslagern anzuwenden. Nur weil die meisten Mittäter straflos da- vonkamen, kann man dieses Unrecht nicht fortsetzen, wenn man es endlich als Unrecht erkannt hat. Und Spiegel- Online(10.02.2016): In?wischen hat sich ein Satz des Kölner Strafrechtlers Cornelius Nestler durchgesetzt, der sich um die juristische Aufarbeitung des Menschheitsver- brechens Holocaust sehr verdient gemacht hat: n Auschwitz durfte man nicht mitmachen.“ Punkt. Und wenn man es doch tat, machte man sich schuldig. Zu den ProZessen gegen Oskar Gröning und Reinhold Hanning sind aus- führliche Informationen wie Erklärungen der Nebenklagevertreter, Zeugen- aussagen, Plädoyers, Presseerklärungen und Medien-Beiträge auf der Web— Seite hiips-nebenklage- auschwitz. de zu finden. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 Es geht mir nicht im die Strafe, es geht mir um das Urteil die Stellungnahem der Gesellbchaft?, hat die Auschwitz- Uberlebende Eva Pusztei-Fahidi im Verfahren in Lüneburg erklärt. BGFH: Urteil des Gröning-Prozesses ist rechtskräftig Auschwitz-ein Ort, an dem man nicht mitmachen durfte Der Bundesgerichtshof(BG H) hat die Revisionsanträge gegen die Verurteilung des einstmaligen SSMannes Oskar Gröning verworfen(Az: 3 StR 49/16). Dies hat das höchste deutsche Gericht für Zivil- und Strafverfahren am 28. November 2016 mitgeteilt. Damit sei Rechtsgeschichte geschrieben worden, urteilen übereinstim- mend die meisten Kommentatoren in den deutschen Medien. Denn es wurde erst- mals ein Urteil rechtskräftig, in dem ein Verhalten während des Dritten Reiches ohne direkten Einzeltatnachweis als Beihilfe zum Mord gewertet wurde. Die Schuld des Buchhalters auscnwm Alle Bediensteten des Vernichtungslagers können wegen Beihilfe zum Mord verurteilt werden. Das hat der Bundesgerichtshof entschieden 1969 hatte er in einem ahnlichen Fall keine Schuld erkannt. so entgingen Tausende NMazis einer Straſe smz Der 1921 geborene Oskar Gröning war im Sommer 2015 vom Landgericht Lüneburg zu einer vierjährigen Haftstraße wegen Beihilfe zum Mord an mindestens 300.000 ungari- schen Juden verurteilt worden. Die Opfer waren in der Zeit vom 16. Mai bis zum 11. Juli 1944 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau systema- tisch vergast worden. Mit dem Beschluss des BGKH wurde das Urteil rechtskräftig. Ob Gröning die Haft ver- büßen muss, entscheiden nun die ärztlichen Gutachten über seine Gesundheit. Der BGKH-Spruch ist über den Einzelfall hinaus von all- gemeiner Bedeutung: Er sei Nitelseite(Ausschnitt) der Berliner tageszeitung eIn Kich E ruch iber die deur (taz) vom 29. November 2016 Sche Mustiz“ und ihr Versagen 3 de W anM 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer bei der Verfolgung von NS- Verbrechen, wird es in der hrankfurter Allgemeinen Zei- nung(FA?Z) auf den Punkt ge- bracht.„Mit der Bestätigung des Urteils gegen Oskar Grö— nn. gehorsam, Schuldig varn Wer wie der frühere S5Mann Oskar Gröning als Rädchen in der Maschit durchgeführten staatlichen Massenmord mirirket racht sie hwnben Beihilfe v CMRSaM R t„ om2 29. 11.2016 En lelanr kn — ᷣuin u bis jull 1943 wurden rund 430 ——— IAn— n*n— lnr nur. ning rdumt der Bundesgerichtshof mit einer Kechtsauslegung auß die vielen No- Verhrechern Straflosigkeit vicher- te“, resümiert FAZ-Autor Alexander Haneke. Jahrzehntelang hatte sich die deutsche Justi? dagegen gesperrt, Wachleute und sonstige Helfer allein wegen ihrer Rolle als Kddchen im Getriebe* der Mordmaschinerie in den Vernichtungslagern der Nazis wegen Beihilfe zum Mord zu verurteilen. Ruhmreiche Elite-Kaste Oskar Gröning hatte sich— wie er Selbst in Lüneburg ausführte—„als überzeugter Nationalsozialist“ 1940 freiwillig zur S8 gemeldet, um dieser „ruhmreichen Elite-Kaste“(ebenfalls Grönings Formulierung) anzu-— gehören. Da er nicht an die Front ge- schickt werden wollte, war er seinem Wunsch entsprechend zunächst ver- schiedenen Besoldungsstellen der S8 als„FTahlmeister“ zugeordnet. Im September 1942 war er schließlich ins Konzentrationslager Auschwitz ver- Setzt worden. Dort war er als Buchhalter für die Verwaltung und Verwertung der von den Deportierten zurückgelassenen Wertsachen zuständig. Immer wieder hatte er dabei auch am Ankunftsort der Deportations?zũge an der Rampe von Birkenau das Gepäck der Neuankömmlinge bewacht, während nebenan über deren orlaußges Wei- terleben oder den Gang in die Gas- kammer entschieden wurde. Dass Gröning das Gepãck der Op- fer beaufsichtigte, um Diebstähle der SS-Männer zu verhindern, legte ihm der BGH als bewusste Täuschung aus. In dem Beschluss heißt es in diesem Zusammenhang:„Diebsthle von S— Angehörigen waren in Auschwitz zwar an der Tagesordnung, und die Jaten wviden zumeist auch nicht verfolgt, weil den Tätern ein Teil der»Beute“ Stillsch weigend zugestanden wurde, um die Moral der Vuppe aufrechtzuerhal- ten. An der Rampe sollte jedoch nbe— dingt verhindert werden, dass das Gepdck- vor den Augen der Pepor tierten- gebſfnet, durchsucht und ge— Pliindert wurde, m deren für den wei— teren Ablauf der gelektion und Vorgasung für unerldsslich gehaltene Ayglosigkeit nicht zu geführden und Unriuhe zu verhindern.“ Grõnings Handeln habe zwar nicht direkt die Ermordung der Opfer zur Folge gehabt, er habe aber mitgehol- fen, die Tõtungsmaschinerie zu betrei- ben. Dabei habe er gewusst, dass die Juden im industriellen Stil in den Gas- kammern ermordet wurden bzw. gemäß dem bekannten NS-Programm „Vernichtung durch Arbeit“ nur einen Aufschub erhielten, um als Zwangsar- beiter verfügbar zu sein. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 Keine neue Rechtssprechung Der BGH entwickelte in seiner Ent- scheidung keine neue Rechtspre-— chung, sondern wandte die„allgemei- nen Grundsätze“ an, wie Christian Rath in der Berliner tageszeitung(taz) betont. Danach ist jede Handlung als Beihilfe strafbar, die den Erfolg des Haupttäters fördert oder erleichtert. Bei einem hoch Dienstalisiibung“ in Auschwitz vorge- worfen. Dadurch habe er die Füh- rungspersonen in Staat und S8 unter- stüt?zt. Zwar hätten diese Gröning nicht persönlich gekannt, doch sie wussten,„dass alle im Rahmen der Tõtungsmaschinerie auszufillenden hlinktionen mit zuverlässigen, gehor- Samen Untergebenen besetzt waren“ arbeitsteilig Rich tspruch über die deutsche Justiz durchgeführten pauaerBestätgung des 2 FAZ vom 29. 11.2016 staatlichen Mas-.—— senmord genüge es für die Annahme einer Beihilfe, Sso der BGH, wenn zu- mindest einem der Täter geholfen wurde. Die Täter konnten dabei die Personen sein, die den Massenmord angeordnet und vorbereitet haben— aber auch diejenigen, die ihn dann in- nerhalb einer Hierarchie ausführten. EFin unmittelbarer Bezug zur Mordmaschinerie Grõning habe nach diesen Grundsät?en in doppelter Hinsicht Beihilfe geleistet. Zum einen habe er bei seinem„Dienst“ an der Rampe mit der Bewachung des Gepãcks der Deportierten beigetragen, deren Arglosigkeit aufrechtzuerhalten, um den Ablauf der Tõtungsmaschinerie nicht zu beeinträchtigen. Zum anderen Sei Gröning, der in Uniform und mit Pi- Stole an der Rampe stand, auch Jeil eit ner Drohkulisse gewesen, die jeden Ge- danken an Flucht und Widerstand im Keim erstickte. Auch damit habe er den SS-Wachmannschaften unmittelbar beim Morden geholfen. Neben den Rampendiensten wur- de Gröning zudem seine„allgemeine Der entscheidende Satz der BGH- Entscheidung, so Christian Rath, lau- te:„Nur weil ihnen eine derart Struktu- rierte und organisierte industrielle Tõtungsmaschinerie mit willigen und gehorsumen Untergebenen zur Ver- ſiigung stund, wuren die nationalsozia- listischen Machthaber überhaupt in der Lage, die Ungarn-Aktion anzu— ordnen und in der geschehenen Form auch durchfiihren zu lassen.“ Somit haben sich die SSMann- Schaften von Auschwitz-Birkenau ge- nerell der Beihilfe zum Mord schuldig gemacht. Für Gröning bedeutet dies, dass auch seine Handlungen einen, wie es im BGKH-Beschluss heißt, Mnmittel- haren Bezug zu dem organisierten Tningsgeschehen in Auschwitz hatten. Die juristischen Vertreter der Lüneburger Nebenklage, Thomas Walther und Cornelius Nestler, be- grüßten den Beschluss des BGH. End-— lich sei klar:„Auschwitz war ein Oyt, an dem man nicht mimachen durfte.“ Hans Hirschmann 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Cenugtuung für die Uberlebenden; K Schuldspruch gegen Verwaltungsangestellten in? Frankfurter Neue Presse om n29. 1. 2016 Erklärung des Internationalen Auschwitz-Komitees Ein lange wirkendes Signal Zur Revisionsentscheidung des Bundesgerichtshofes in Sachen Grö- ning/Auschwit?z-Prozess in Lüneburg betonte in Berlin der Exekutiv-Vize- präsident des Internationalen Ausch- wit?-Komitees Christoph Heubner: Für die Uberlebenden von Ausch— wit? ist dies ein wichtiger Tag in ihrem Verhältnis zu Deutschland: Der Bun- desgerichtshof bestätigt endlich die Realität der Todeslager und die immer wieder von den Uberlebenden õffent lich vorgetragenen Schilderungen des Mordsystems in Auschwitz. Die Ent- scheidung des Bundesgerichtshofes lässt auch endgültig deutlich werden: Jeder, der in Auschwit? mitgemacht hat, ist mitverantwortlich und mit- schuldig. Für zukünftige Prozesse im Blick auf Völkermord wird dies ein lange wirkendes Signal sein. Die Entscheidung des Bundesge- richtshofes ist aber auch eine Bestäti— gung dafür, dass in Deutschland die meisten Täter aus Auschwitz davonge- kommen sind, weil man über Jahr- zehnte die mörderische und perfide Gesamtstruktur des Lagersystems nicht sehen wollte. Weltdokumentenerbe Die Akten des 1. Frankfurter Ausch- wit?-ProZesses(1963— 1963) sollen von der UNESCO als Weltdokumentenerbe anerkannt werden. Nachdem das deut- Sche Nominierungskomitee die Akten für das„Memory of the World“-Pro- gramm eingereicht hat, entscheidet die Generaldirektion voraussichtlich 2017 über die Fintragung. Die Prozessunter- lagen umfassen 454 Aktenbände und werden im Hessischen Hauptstaatsar- chiv aufbewahrt. Eine Besonderheit sind die 103 Tonbänder mit Mitschnitten der Aussagen von 319 Zeugen aus der Hauptverhandlung. Die Tonbänder sind als Quelle von einmaligem dokumenta- rischen Wert, da die Opfer des Holo- caust aus vielen Staaten Furopas und aus Ubersee 20 Jahre nach Kriegsende zum ersten Mal wieder ihren Peinigern begegneten und die Zeugenaussagen die Offentlichkeit schonungslos mit dem Grauen in Auschwitz konfrontierten. Das UNESCO-Weltregister„Me- mory of the World“ ist ein weltweites di- gitales Net?zwerk. Ziel des Programms ist, dokumentarische Zeugnisse von außergewöhnlichem Wert in Archiven, Bibliotheken und Museen zu sichern und den Menschen zugänglich zu machen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 Holocaust-Gedenktag in Butzbach und Friedberg Beim Blick in ihre Augen sehe ich Auschwitz“ Den 71. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar dieses Jahres beging die Lagergemeinschaft mit Veranstaltungen in Butzbach(iche Foto mit Bild- legende auf Seite 8), Bad Vilbel und Friedberg. Mitveranstalter waren die Stadtregierungen bzw. in Friedberg die Wetterauer Kreisverwaltung. In Bad Vilbel las die Auschwitz- Uberlebende Eva Szepesi aus ihrem Buch Fin Mädchen allein auf der Hucht'. In Friedberg berichtete Neithard Dahlen über sein Zusammen- treffen mit Hermann Reineck(1919— 1995). Danach sprach Dina Kunze über ihre Eltern. Der folgende Beitrag von Petra Ihm-Fahle ist eine leicht gekürzte Fassung ihres Zeitungsberichts, der in der Wetterauer Wochenpost(30. Januar) erschien. Als Hermann Reineck 1981 beim Besuch in der Gedenkstätte Ausch- wit?Birkenau Erde hochhob, fragte, er:„Was ist das?“ Antwort von Nei- thard Dahlen:„Erde“ Aufgewühlt er— widerte der ehemalige KZ-Häftling: „Dds Sind Leichen“. Das Mikrofon quietscht, wenn Neithard Dahlen hineinspricht. Doch nicht nur die technische Störung tut in den Ohren weh, auch die Inhalte schmerzen, die der 70 jährige Butz- bacher vorträgt. Er erzählt von den schockierenden Erlebnissen ehema- liger Häftlinge im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Die innere Beteiligung ist Dahlen deutlich anzumerken, was sich auf die Zuhörer überträgt. Etwa wenn er aus den grauenhaften Brinnerungen des Adolf Gawalewicz' vorliest. Sechs Monate versteckte der sich auf der Isolierstation, wo es nachts vorkam, dass SS-Leute und Funktionshäftlinge betrunken eindrangen, die Schla- fenden weckten und ihnen buch— stäblich die Köpfe mit Knüppeln ein- Schlugen. Gawalewicz gehörte 1984 zu den Mitwirkenden der ersten Ausch- wit?- Gedenkveranstaltung im Wetter- aukreis. Auch Lagergemeinschaft- Gründer Hermann Reineck war darunter, der als politischer Hãftling in Auschwitz war, weil er im Widerstand gekämpft hatte. Die Künstlerin Dina Kunze (But?bach) kennt Auschwitz aus den Berichten ihrer Eltern, wie sie Schildert. Beide überlebten und wan- derten mit der 1946 geborenen Tochter nach Israel aus, wo die heute 69— Jährige zunächst aufwuchs. Mutter und Vater hätten ihr trotz ihrer schreck- lichen Erlebhisse mitgegeben, ein gücklicher Mensch zu sein. Doch als Dina zwölf war, ließen sie sich schei- den. Eine hdufige Situation, dass Pnare die gemeinsume Vergangenheit nicht er- * Fva S?epesi hat bereits mehrfach bei Veranstaltungen der Lagergemeinschaft gelesen und von ihrem sowie dem Schicksal ihrer Eltern und anderer Verwand- ten erzählt. Siehe Mitteilungsblatt vom Dezember 2014, Seite 14 ff. 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer „ 2 ⸗——— Neithard Dahlen, Stellvertretender Vorsitzender der Lagergemeinschaft, mit der Schriftstel- lerin Monika Held und Pfarrer Jörn-Erik Gutheil vor einem Foto des LGA-Gründers Hermann Reineck bei der Gedenkveranstaltung im Museum der Stadt Butzbach. Monika Held las aus ihrem Roman“Der Schrecken verliert sich vor Orf. Ihre Hauptperson Heiner ist Stark an die Biographie von Hermann Reineck angelehnt. Jörn-Erik Gutheil hatte 1984 mit jungen Leuten den Band Finer muss überlehen- Gesprächt mit Auschwitz-Hdftlingen 40 Jahre dunach? herausgegeben. Ihr Interview mit Hermann Reineck ist im Internet unter lagergemeinschaft-auschwitz. delnterviem Hermann o20Reineck J5d. pfzu finden. tragen haben. Meine Muuer hatte Sehr traurige Augen. Ich habe immer gesugt wenn ich in ihre Augen sehe, sehne ich Aischwilz“, erzählt Kunze, die mit 15 Jahren nach Deutschland zog. Sie gestaltete später diverse Mahnmale, das erste in Gelnhausen, wo sie ein Aha-Erlebnis hatte: Sie wurde als „idische Kiinstlerin“ bezeichnet. Das empfand sie als deplatziert, denn sie fühlte sich als Deutsche, nicht als Jüdin. „JCn hahe den Birgermeister gefragt, wie er es fände, wenn vor seinem Na- men die Religion viinde*, berichtet sie. Manfred de Vries(Jüdische Ge— meinde Bad Nauheim) nickt. Er ist ebenfalls Redner der Veranstaltung. Auch die Kreistagsvorsitzende Ste-— phanie Becker-Bösch und Landrat Joachim Arnold ergriffen das Wort. Der Tenor ihrer Reden ist, wie wichtig es sei, an die Vergangenheit zu erin— nern und die Demokratie zu schützen. Das gelte besonders angesichts „Mnerträglicher Vorkommnisse“ wie dem angekündigten Fackelzug der Rechtsradikalen in Büdingen.* Petra Ihm-Fahle * NPD-Anhänger hatten für den 30. Januar 2016 einen Fackelzug durch die Stadt Büdingen(Wetteraukreis) angemeldet. Am 30. Januar 1933 hatten bekanntlich in Berlin die Nazis mit einem Fackelzug die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichs- kanzler gefeiert. Das Gericht genehmigte schließlich den Umzug durch Büdingen, verbot jedoch das Tragen von brennenden Fackeln. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 Alwin Meyer verõffentlichte 2015 sein Buch Vergiss deinen Namen nicht- Die Kinder von Alschwitz. Bei Lese- und Vortragsveranstaltungen stellte er es nun auf Vermittlung und Einladung der Lagergemeinschaft an sechs Schulen und bei vier Abendterminen vor. Heidrun Helwigs folgender Bericht über Alwin Meyers Besuch in der Gießener Ostschule erschien zuerst am 9. November 2016 im Gießener Anzeiger. Wir danken für die Abdruckerlaubnis. Alwin Meyer berichtet Schülern über die Kinder von Auschwit? Seid still, Ssonst kommt ihr in den Ofen Wenn Lidia mit anderen Kindern Spielte, befahl sie ihnen manchmal, sich hinzuknien. Und sofort die Hände zu heben. Dann lief sie zwischen ihnen hin- durch und rief: Seid still Sonst Kommt ihr in den Ofen.“ Der kleine Kola hinge- gen kannte viele Verstecke in seinem neuen Zuhause. Dort glaubte er seine Schätze in Sicherheit. Denn obwohl er genug zu essen bekam, bunkerte er al- lerlei Speisereste. Im Lager konnte nãäm- lich jede Brotkruste das Uberleben Alwin Meyer DIE KINDER VON AUSCEHWTZ Das Buch ist 2018 im Freid Verlag, Göt- tingen, erschienen und kostet 38.80 Euro. sichern. Ewa wiederum sprach etliche Sprachen durcheinander- konnte deut- Sche, polnische, russische, tschechische, ungarische Worte. Mit Spielzeug aber wusste das Mãdchen gar nichts anzufan- gen. Sie schaute es an und warf es weg. Vor allem die kleinen Kinder, die lãnge- re Zeit im KZ eingesperrt waren, hatten meist nach der Befreiung keinerlei Ver- hältnis zu Dingen des tãglichen Lebens. „Alles Konnte vie ständig ans Lager erinnern“, beschreibt Alwin Meyer. Beim Ausziehen wurde etwa automa- tisch nach Läusen gesucht. Der An- blick von Uniformen dagegen löste Panik aus.„Die Mingen und Mädchen missten lernen, wieder jung zu wer— den“, sagt der Journalist und Filmema- cher, der vor rund vier Jahrzehnten da- mit begonnen hat, weltweit nach den wenigen überlebenden Kindern von Auschwitz“ zu suchen. Ihre Schicksale hat er in dem berührenden und gleichzeitig erschüt— ternden Buch„Vergiss Deinen Namen nicht“ zusammengetragen. Auf Finla- dung des Freundes- und Fõrdervereins berichtet der 66-Jährige nun an der Gesamtschule Gießen-Ost über die 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer ersten schamvol- len FKontakte, seine aufwändi- gen Recherchen und die zahlrei- chen emotiona- len Begegnun- gen. Dabei freut ihn besonders, dass sich zahlrei- che Schüler im Medienraum eingefunden ha- ben. Mindestens 232 000 Säuglinge, Kin- der und Jugendliche im Alter bis zu 17 Jahren wurden von den Deutschen nach Auschwit? verschleppt. Mein 216 000 von ihnen waren Juden, rund 11 000 wurden als„Zigeuner“ oder„Zigeuner- mischlinge“ entrechtet, verfolgt und de- portiert. Als die Rote Armee Auschwit? am 27. Januar 1945 befreite, traf sie dort nur noch 417 Kinder unter 13 Jahren und 234 Jungen und Mädchen im Mter von 14 bis 17 Jahren an. Viele von ihnen kannten weder ihren Namen, noch ihr Alter oder ihre Herkunft. Fast alle wa- ren Waisen. Sie trauten keinem Men- schen mehr, mussten mit ihren Kräften haushalten, waren voller Angst. Und nicht wenige von ihnen starben noch nach der Befreiung an Unterernährung, Krankheiten und Erschöpfung. „AAs ich 2 Jahre alt wan habe ich mil einer Mgendgruppe die Gedenk- Sitte Auschwitz besucht“, Schildert der Buchautor. Dort habe ihm der ehema- lige KZ-Häftling Tadeus? S?Zymanski erstmals vom unvorstellbaren Leiden und Sterben der Mãdchen und Jungen ſethiss leinen Komon nien Me kindet von Useh erzählt. 1941 selbst ins Vernichtungsla- ger Auschwit?-Birkenau verschleppt, hatte der polnische Holocaust-Uberle- bende nach der Befreiung maßgeblich daran mitgewirkt, dass dort eine Ge- denkstätte entsteht. Obendrein hatte er in Filmaufnahmen der Roten Ar- mee vom Frühjahr 1945 eine Gruppe von Kindern hinter Stacheldraht gese-⸗ hen. Sie hielten Puppen in den Händen und gezeigt wurde ein Armchen mit eintätowierter Häftlingsnummer. Tadeus? S?Zymanski stellte Nach- forschungen an, knüpfte Kontakte und Stellte später dem jungen Mann aus Deutschland auch zwei Uberlebende vor.„Ich habe mehr gestammelt als ge- sprochen“, erinnert sich Alwin Meyer. Und fügt hinzu:, Jch war die ganze Zeit Plerrot vor Scham.“ Tatsächlich aber hat dieses Zusammentreffen„mein Lehen verdindert“. Rund 80 Kinder von Auschwitz konnte der Filmema- cher seitdem aufspüren. Nicht alle wollten mit„dem Deutschen“ spre-— chen, doch etliche haben gerade ihm zum ersten Mal überhaupt Details ih- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 rer Erlebnisse hinter Stacheldraht preisgegeben. „Das ist mein Lebensthema“, ge— Steht Alwin Meyer und die Leiden- schaft mit der er von Vehuda Bacon und Kola Klimczyk, Jürgen Loewen- stein oder den Zwillingsbrüdern Jiri und Zdenek Steiner berichtet, lässt daran auch keinerlei Zweifel. „Nichts war berechenbar“ Die älteren Kinder von Auschwitz ha- ben sich vor allem an die gückliche Kindheit in ihren Heimatorten erin- nert. Aber auch an die Schrecken der Deportation und die tausend Gesichter des Todes: Selektion, Hrennung von den Eltern und Geschwistern, Hunger, Gas. „In Auchwitz war nichts herechenbar Was hisher für, in Ordnung' befunden wlyde, Konnte im ndchsten Augenblick den friinen Vod bringen.“ Alwin Meyer schildert, dass Mädchen und Jungen bis sechs Jahren „ehend auf Scheiteraufen geworfen“, dass Zwangsabtreibungen selbst noch im neunten Monat der Schwanger- Schaft vorgenommen, dass Kindern Flüssigkeiten in die Augen gespritzt wurden, um die Farbe zu ändern. Auch davon berichtet er in seinem über 7350 Seiten starken Buch. Und vor allem den jungen Zuhörern gibt er mit auf den Weg:, Ldssen Sie vich Keine Schuld- gefiihle einreden, aber zeigen Sie Mut ind übernehmen Sie Ferantwortung, wenn andere ausgegrenzt werden.“ Heidrun Helwig Warum erinnern? Warum gedenken? Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen Fin weiterer Mitveranstalter, den Neithard Dahlen, stellvertretender Vorsit?ender der Lagergemeinschaft, für die Vortragsreihe von Alwin Meyer gewinnen konnte, war das Literarische Zentrum Gießen(LZ6O). Der Saal in der Kongreßhalle war mit rund hun— dert Besuchern voll besetzt. Die Gießener Stadträtin Astrid Fibelshäuser begann ihre ins Thema einleitenden Worte mit einem Zitat von Primo Levi:*Es ist geschehen, nd ſfolglich Kann es wieder gesche— hen. darin liegt der Kern dessen, was wir Zl vigen haben.“ Der Auschwitz- Häftling Levi hatte zwar das Ende des Dritten Reiches überlebt, aber dann doch nicht überlebt', wie die Stadträtin anmerkte, und dabei auf Levis selbst herbeigeführten Tod 1987 durch einen Sturz in den Treppen- schacht seines mehrstöckigen Wohn- hauses verwies. Primo Levi hatte bereits 1947 mit Vt das ein Mensch? seinen autobio- grafischen Bericht über Auschwit?z verõffentlicht. Darin schrieb er: Es ist nicht leicht oder angenehm, in die- 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer sem Abgrund des Bösen zu graben. Man ist versicht Sich erschaudert ah— zuwenden und vich zu weigern, zu se Alwin Meyer und Annika Welle von der Arbeits- stelle Holocaustliteratur, die im Literarischen hen und zu héren. Pas ist eine Versl— chung der man widerstehen miss.* Als weitere Antwort auf die Fragen Warum erinnern? und Welche Be- deutung kommt dem Gedenken zu? zitierte die Stadträtin aus Theodor W. Adornos Rundfunk— beitrag Frziehung nach Auschwilz von 1966: Die Forderung, dass Aichwitz nicht noch einmal vei ist die allerenie an Erziehnung. Sie geht S0 Sehr jeglicher anderen voran, dass ich weder glaube, vie hegrün- den zu missen noch zu Sollen... Sie ⁊lu hegriinden hätte etwas Unge- heuerliches angesichts des Unge- helerlichen, das sich zutnig.* Zentrum Gießen die Diskussion moderierte. Aufklärung, Vermächtnis und Denkmal in einem Das Primärgefühl der Fassungslosigkeit Pie hefreiten Kinder von Auschwitz Kannten die Vorstufen des Vodes ojt besser als das Leben. Unruhig und verz weifelt vind manche bis helute, weil sie nicht wirklich wissen., Wer hin ich?,„Hat meine Muitter überlebt?,, Wo ist meine Schwester?,, Wurde mein Vater tatsòchlich vergast?' Zeit ihres Lebens tragen sie die Spuren des Erlittenen auf dem Köper und in ihren Seelen. Am Unterarm, Schenkel oder Po eintũtowiert, wächst sie mit, die Häftlingsnummen“ Diese eben zitierten Sãtze hat Mwin Meyer als PFinstieg für seine Buchvor- Stellung gewählt. Sie kommt als gekonn- te Mischung aus Vortrag und Lesung daher und wird unterstützt durch ein⸗ prãgsame Fotos, die neben ihm auf eine Leinwand projitiert werden. Alwin Meyer kam 1972 mit der Freiwilligenorganisation Aktion Sihne- Zeichen Friedensdienste Zzum ersten Mal in die Gedenkstätte Auschwit?z-Bir- kenau. Als ihm Tadeus? Szymafiski dort von den Kindern von Auschwitz erzählte, hatte er- rückblickend gese- hen- sein Lebensthema' gefunden. Oder soll man sagen dieses Thema hat ihn gefunden.? Die meisten dieser Kinder wurden wie die Erwachsenen in den Gaskam- mern ermordet, erschlagen, starben vor Hunger und Entkräftung. Aber es gab auch einige, die überlebten. Deren Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 „eren! Mus isi dos!“ Die erwachsenen Häftlinge nannten ihn Kola(Mikolaj). Nach der Befreiung von Ausch- witz wurde er von Emilia und Adam Klimczyk aufgenommen und adoptiert. Zu Kolas Lebenserfahrungen gehörte, dass Menschen nicht sterben, sondern getötet werden. Als ein Verwandter der Adoptiveltern gestorben war, nahmen sie ihn mit und zeigten ihm den Leichnam: Er ist gestorben.* Wer hat ihn toigeschlagen?“ Pr ist gestorhen, nicht getò- tet woyden.* Kola durfte den toten Körper inspizieren und fand weder Stich- noch Schuss- verletzungen und auch keine blauen Flecken.“Fferben! Was ist dusꝰ* Der Junge konnte es nicht verstehen. Für ihn waren die Erwachsenen wie Kinder ohne Lebenserfahrung. Schicksal wie auch dem ihrer ermorde- ten Geschwister und Freunde nachzu— gehen, sollte den 1960 in Gloppenburg geborenen Deutschen über die Jahr- zehnte hinweg bis heute beschäftigen. Geduldig hat er in dieser Zeit die Kinder von Auschwitz in aller Welt gesucht, einfühlsam mit ihnen gespro— chen und ihr Vertrauen gewonnen. Als JOournalist, Autor und Filmema- cher und auch als Gestalter einer Ausstellung hat er die Ergebnisse sei- ner Spurensuche öffentlich gemacht- Sofern ihm die Betroffenen dafür zu— stimmten. Manche der Kinder von Auschwitz erzählten ihm zum ersten Mal vom Lagerleben, von einer Kind- heit, in der der Tod immer präsent und nie natrülich war. David Josefo- wic? Sagt stellvertretend für alle ande- ren: Egal wie weit Du weglälfst, Alis- ch wilz ldsst dich und deine Familie nie mehnr IOs.* Alwin Meyers Buch Vergiss deinen 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Namen nicht- Die Kinder von Alsch- wit? enthält zahlreiche Fotografien aus der Zeit vor dem Lager wie auch aus den Jahren nach der Befreiung. Es um- fasst voluminõse 760 Seiten. Aber man wird dieses Bich zu Ende lesen, denn das Leid der Kinden dessen Alis- maß hier zum eten Mal mfassend in den Blick genommen wird, ergreiſt und hewegt auf nachhaltige Weise*, Schreibt die ehemalige Leiterin der Gedenk— stätte Dachau, Barbara Distel, in einer Besprechung. Es ist für sie ein Werk, das 2igleich AufMldrung, Vermächt- nis nd Denkmal für die Pie Kinder von Alischwitz' ist.* Alttestamentarische Wucht Constanze Fiebig empfiehlt Meyers Buch mit dem Statement: Pie Kinder von Aischwilz' geben Einblick in ihr Privates Leben, in ihre EFrinnerung, in inre Seele. Und durch die Knapp 30 Sei- ten Fotos bekommen die vprechenden Stimmen ein Gesicht. Dieses Buch ist ein wertvolles Zelgnis dessen, wls trotↄdem in veiner ganzen Unfasshart Keit naussprechlich hleiben milss.* Für Christiane Liermann, die das Buch für die FAZ rezensierte, ist das Werk ein großes trauriges Gedächt- nishuch“. Die autobiographischen Passagen sind eingebaut in eine Uberblicksdarstellung der Vernich- tung des europäischen Judentums. Dadurch erhält das Werk nach Lier- mann jenen eigentüimlichen, mehr— deutigen Charakten der aller Memo riaMuhr innewohnt: Es is1 Denkmal, Wirdigung und Mahnung in einem. Es geht um Vermittlung von Kennmis- Sen nd zugleich um Eyschitterung, vor allem aber um den Widerstand ge- gen das Vergessen uind Vergessenwer- den. Der beschwörende Ruf im Vel des Buchs Vergiss Deinen Namen nichtꝰ ist das Programm dieses Wider- tands von beeindruckender alttesta- menturischer Wucht. Mit dem eigenen Namen gerufen und erinnert zu wer— den bedeutet, ein Mensch zu Sein. Dar- in liegt die radikale Antichese zur Ent- menschlichng des mechanischen Sprichns Hdftling 20034 meldet vich gehoam zur Stelle wie ihn die Kin- der lind alle anderen Gefungenen an- hand der ihnen jeweils eintätowierten Nummern Sdgen mussten.“ Nach ihrer Befreiung kannten manche der Kinder weder ihren Na— men, ihr Alter noch ihre Herkunft. Fast alle waren Waisen. Sie trauten lange Zeit keinem Menschen mehr, mussten mit ihren Kräften haushal— ten, waren voller Angst. Wie leben nach Auschwitz? Auch Sybille Steinbacher fand in ihrer Besprechung von Vergiss deinen Namen nicht(ebenfalls in der FAA) nur lobende Worte. Sie würdigt es als ein hedeutendes und trauriges Weri*. Für ihr Urteil zieht sie einen Ver- gleich zu Saul Friedländers großer Holocaust-Historiographie Das Pritte Reich und die Juden(1998 und 2000). Alwin Meyer gelinge auf beriihren- de, fesselnde und geradezu irritierend ruhige Weise, was Sail Friedldnder einfordert- das Primògefühl der Fasvlingslosigkeit zu bewahren.“ Hans Hirschmann Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 „Meine Eltern“ von Channa Loewenstein(geborene Markowicz): OAlwin Meyer Channa musste Zeit ihres Lebens an den Augenblick denken, als sie von ihrer Mutter an der Rampe von Auschwitz-Birkenau getrennt wurde:„Meine Brider gingen mit meinem Vaten ich ging mit meiner Mutten Als wir auf einer Art Kreuzung ankamen, Schichte SS-Arzt Mengele, den Namen hahe ich spter erfahren, meine Mutter auf die linke und mich auf die rechte Seite. Ich vugte zu ihr ,Komm zu mir'Aber sie wollte nicht. Ich sagte noch einmal:,Komm doch rüihen Mutti. Sie wollte nicht, weil man ihr, Nach links' gesagt hatte. Zum dritten Mal rief ich-,Komm doch schon rüber Muttiꝰ“ Der Mengele hatte das gehört. Er ging zu meiner Mutter und pachkte sie mit einem Krummen Gehstock am Hals und varf sie auf den Boden.“ Ich hdtte zu ihr gehen missen*“, Ssagt Channa. Davon lässt sie sich auch nicht abbringen, berichtet Alwin Meyer, wenn man ihr entgegnet, dass sie dann keine Familie hätte gründen und nicht drei Töchtern das Leben schenken können. 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Erklärung der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten Für die Achtung võlkischen Gedankengutes Wir— die Landesarbeitsgemeinschaft Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen zr NZeit in Hessen— setzt sich auf vielfältige Weise fachlich mit der Ideo- logie und den Ergebnissen der zwölf Jahre dauernden Herrschaft des National- SoZialismus auseinander. Auf Grundlage dieser Kompetenz ergriff sie im Sep- tember 2016 nachfolgende Initiative mit dem Aufruf, ihrer Erklärung zum »Völkischen« beizutreten. »Völkisch« ist nicht irgendein Adjektiv Wer das»Völkische« rehabilitieren will, dem muss unterstellt werden, faschistisches Gedankengut wieder salonfähig zu machen. Es ist die Anbiede- rung an die extreme Rechte. Es ist das Bemühen, mit jedem wiederbelebten Begriff aus der NS-Zeit auch ein Stück der Ideologie dieser Zeit in aktuellen Debatten zu verankern. Zuerst tauchte die»KLügenpresse« wieder auf, dann die »Umvolkung«. Auch„Volksverräter“ gibt es schon wieder. Und nun die Forde- rung nach der Rehabilitierung des»Völkischen«.* Damit wird unverhohlen versucht, Begriffe, die grundlegend für die NS- Ideologie stehen, im heutigen Sprachgebrauch zu etablieren. Das akzeptieren wir nicht! Wir brauchen: o ein gemeinsames Plädoyer für die demokratischen Grund- und Menschenrechte, o eine wehrhafte, für die Unantastbarkeit des Gleichheitsgrundsatzes und der Menschenwürde eintretende Gesellschaft. eine parteiübergreifende Achtung des võlkischen Menschen- und Gesellschaftsbildes. Lassen Sie uns gemeinsam dafür einstehen! *) Frauke Petry, Vorsitzende der AfD, in einem Interview mit der Welt am Sonn- tag am 10. September 2016 zu den Zielen ihrer Partei bei der Bundestagswahl 2017: Sie habe ein Problem damit, dass es bei der Achtung des Begriffes vblkisch' nicht hleiht Sondern der negative Beigeschmack auf das Wort Volk' ausgedehnt wird“. Der Begriff võMKisch* sei letztlich„ein zugehöriges Attribut“ zum Wort, VoM“. Die Lagergemeinschaft Auschwit?- Freundeskres der Auschwitzer ist Mitglied der LAG Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 Zum 30-jährigen Bestehen der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Auschwitz Am 7. Dezember 1986 wurde die mternationale Mgendbegegnungsstitte (IB8) in Oswiecim/Auschwitz eröffnet. Auf Initiative der Aktion Slihnezei- chen /Friedensdienste(AsF) mit Unter— Stützung der Stadt Oswiecim sowie vieler engagierter polnischer und deutscher Privatpersonen und Institutionen, insbe- Ssondere ehemaliger Häftlinge, entstand zeitgleich mit Gorbatschows Glasnost- Politik, aber noch in der letzten Phase des Ost-West-Konflikts, dieser bedeuten- de Ort interkulturellen, interreligiõsen und internationalen Austauschs. Mitten im„Kalten Krieg“ wurde ein Ort der Annäherung, des Aufbaus so— wie der deutsch-polnischen Versöhnung geschaffen, der in Zeiten politischer Anspannung fast unwirklich erscheinen konnte. Schwerpunkt der IBsS ist vor allem die politische, historische und hu- manistisch beeinflusste Aufklärungs- und Bildungsarbeit mit Jugendlichen, um Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit zu bekämpfen Sowie verstärkt für die Verteidigung von Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Demokratie, Toleranz und für die Wah- rung der Menschenrechte einzutreten. Von Beginn an war der Dialog mit cehemaligen Auschwitz- Häftlingen we- sentlicher Bestandteil der Arbeit. Die Studiengruppen der Lagergemeinschaft Alchnwitz sind seit Mitte der 1990er Jahre treuer Gast der IBS. Bis in die Gegenwart ist die Arbeit der IIBS keine Selbstverständlichkeit und stets abhängig von dem Wohlwollen und der AkZeptanz der politischen Ent- scheider sowie umfangreicher Förder- . März 1991: Andreas Kilian vor der IB8S. mittel. In Zeiten von Nationalismus, Chauvinismus, Populismus, politischem Radikalismus, religiösem Fanatismus, negativer Füchtlingspolitik und eines neuen„Kalten Kriegs“ bleibt zu hoffen, dass dieser Lern- und Verständigungsort auch weiterhin großzügig unterstützt und erhalten werden kann, war seine Entstehung doch selbst schon ein histo- risch bedeutendes Ereignis. Die Grund- lagen dafür sind Offenheit, Diplomatie und Vertrauen. Andreas Kilian 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Andreas Kilian war von September 1993 bis Februar 1995 freiwilliger pädagogi- Scher Mitarbeiter in der Internationalen Mugendbegegnungsstätte in Oswiecim. Im März und April 1995 unterstüt?te er vor seinem Studienaufenthalt in Israel weitere Veranstaltungen vor Ort. Seit 1991 gehört er zum Freundeskreis der Lagergemein- Schaft Alschwitz. Bis 2005 begleitete er zudem zahlreiche Studienfahrten nach Auschwitz, u. a. aus Norwegen und Israel. Rückblick eines ehemaligen Friedensdienstleistenden Eine Zeit bedeutender Veränderungen Das Gespräch wurde von den Frei- willigen Sophie Uhing und Lea Poralla (IIBS) geführt. Warum hast du deinen Freiwilligen- dienst in Oswiecim/Auschwitz geleistet? Nach Kurzbesuchen in den Gedenk- Stätten Neuengamme und Sachsenhau- Sen fuhr ich als 16Jähriger 1991 mit ei- ner Reise des Jugendamts Frankfurt am Main das erste Mal nach Auschwitz. Hier traf ich auf die damalige Frei- willige von Aktion Sihnezeichen, Anja Mittermaier, deren Tätigkeit mich sehr Stark beeindruckt und inspiriert hat. Fin Jahr später bin ich nach Besuchen in Mauthausen und Buchenwald noch- mal mit demselben Veranstalter nach Auschwit? mitgefahren und vertiefte meine Findrücke, wobei mich das Schicksal der Arbeitssklaven in den Mordeinrichtungen am meisten interes- sierte, nachdem ich Lanzmanns Film „SMOdn“ gesehen hatte. Seit 1992 erfor— Sche ich die Geschichte der jüdischen Sonderkommandos in Auschwitz. So Stand für mich nach dem Abitur 1993 nicht nur fest, den Kriegsdienst zu ver- weigern und mich im Friedensdienst zu engagieren, sondern auch, mich für den ASF-Freiwilligendienst gezielt nach Auschwitz zu bewerben. Das war je- doch nicht so einfach, denn man musste drei verschiedene Wunschprojekte an- geben. Zuerst wollte ASF mich ins da- mals sehr isolierte Stutthof schicken, doch letztlich hatte ich Glück, denn kurz zuvor war„Schindlers Liste“ in die Kinos gekommen und durch die erhöhte Besucherzahl von Studiengruppen brauchte die IIBS mehr Freiwillige. Was waren deine ersten Eindrücke in Oswiecim? Als ich ankam, war schon ein Freiwil- liger hier, zu dem ich ziehen sollte. Dieser wohnte in einem der Plattenbauten des Sozialen Brennpunkts in Zasole, nahe dem Bahnhof. Am Hauseingang prangte ein Skinhead-Symbol, und in der ersten Woche pinkelte ein Betrunkener im Treppenhaus neben unsere Wohnungstür Das erste, worüber mich mein Mit- bewohner informierte war, dass die Fenster nicht zugingen. Er riet mir, un— ter der Decke im Schlafsack und darin mit Socken zu schlafen, weil es nachts Schon bitter kalt wäre, aber die Heizpe- riode erst in zwei Wochen beginnen würde. Außerdem hatte mein Mitbe- wohner Angst, in der Wohnung vergast zu werden. Da die Fenster nicht richtig zu schließen waren, blies der Luftzug die Flamme der Gastherme im Bad aus. Deshalb mussten wir darauf achten, dass der Boiler ausgeschaltet war. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 — — — Freilegung einer Lagerstraße in Birkenau im Mai 1994 durch eine Besuchergruppe aus Hannover QJürgen Riechers Nachts hörten wir den Güterverkehr vom Bahnhof Oswiecim deutlich. Mein zweiter Kollege bekam davon Alpträu- me und wechselte die Wohnung schon bevor ich ankam. Unser Büro in der IIBS bestand aus zwei kleinen Gästezimmern, die durch ein Bad verbunden waren. Kinks ein Büro für alle Mitarbeiter aus Deutsch- land, rechts das Büro der polnischen Pro- grammabteilung. Mit drei Personen war unser Büro schon voll, wir waren aber vier Deutsche. Wegen der Probleme in unserer Wohnung mussten wir im Büro duschen. Die Begegnung fand dann manchmal bereits im Bad statt, das ja als Durchgang diente. Wir mussten damals Schr anpassungsfähig und flexibel sein. Bei der erstbesten Gelegenheit zogen wir aus dem Plattenbau aus und fanden eine neue Unterkunft im Porf Birkenau. Mein Zimmer lag direkt neben der Fin- gangstür des selbstgebauten Hauses und Schräg gegenüber dem Kohleheizungs- raum, trotzdem war der erste Winter hart. In einer stürmischen Winternacht war die Haustür nicht richtig verschlossen, und als ich morgens aufwachte, lag ein Schnechaufen vor meiner Zimmertür. Meist war ich bereits vor dem Frühstũck der von mir betreuten Gruppe im Dienst und nachts kam ich erst als Letzter ins Bett, weil ich noch ins 4 km entfernte Bir- kenau mit dem Fahrrad fahren musste. Auf meinem Nachhauseweg wurde ich im Dorf nachts auf unbeleuchteten Straßen oft von einer Meute bellender Hunde verfolgt. Das einzige Licht kam vom 300 m entfernt gelegenen Bahnhof von Oswiecim. Vor der Haustür erwarte- te mich dann unser blinder Kettenhund, ein alter Bernhardiner, der immer bellte, wenn er etwas hörte. Er zerrte s0 Stark an Seiner langen Kette, dass ich befürchtete, er würde eines Tages seine Hütte mit- reißen und mich erwischen. Was waren deine Aufgaben wäh- rend des Freiwilligendienstes? Die Arbeit mit den Besuchergrup- pen machte den wesentlichen Teil unse- rer Aufgaben aus. Dazu gehörte, sie vom Bahnhof abzuholen, nach Krakau zu be- gleiten, in der Gedenkstätte alle Termine zu organisieren und zu begleiten, Stadt- führungen durch Oswiecim zu machen Sowie Zeitzeugengespräche zu organi- sieren. Besonderen Gruppen bot ich zu- dem eine Führung durch Monowitz an. Die meisten der Gruppen führten bei gutem Wetter auch Erhaltungsarbei- ten in der Gedenkstätte durch, z. B. 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer — Als ehemalige Häftlinge waren sie der Internationalen Begegnungsstätte eng verbunden (v.links): Stanislaw Ciencala, Kazimierz Smolen, Zofia Pohorecka und Tadeus? S?ymanski auf Aufnahmen aus dem Jahr 1994. Unkraut jäten, die Lagerstraße kehren, Lampenschirme in Birkenau austau- Schen, Schuhe der Opfer vom Depot in den Ausstellungsbereich transportieren, Fxponate aus dem Pffektenlager ein- sammeln und Aufrãumarbeiten bei Kre- matorium IV. Meine Aufgabe war es, die Arbeitsanleitung zu übersetzen und die freiwilligen Hilfskräfte bei Bedarf zu un— terstüũtzen. Die körperliche Arbeit verur- Sachte bei den Teilnehmern stets einen tiefen Eindruck, insbesondere in der Sommerhitze auf freiem Gelände, aber auch die Arbeit mit Besitztümern der Ermordeten und Hãftlinge. Workshops gab es auch damals Schon, die aber nur von den Pãdagogen der Bildungsabteilung konzipiert wur- den und die wir unterstũt?end begleiten durften. Dafür betreuten wir auch pol- nische Gruppen bei Rückbegegnungen nach Deutschland und wurden ins „MAustausch“-Programm integriert. Von Anfang an entwickelte sich eine enge Verbindung zu den Gruppen, die insbe- Sondere in gemeinsamen einschneiden- den Erfahrungen begründet lag. Wenn ich heute noch vereinzelt mit ehemali- gen Teilnehmern Kontakt habe, er- scheint es mir, als sei die Zeit seit da- OAndreas Kilian mals stehen geblieben. Finige Jahre nach meinem Dienst besuchte ich sogar noch vereinzelt Gruppen-Nachtreffen in gan? Deutschland. Was war dir am wichtigsten? Wir Freiwillige besuchten auch Zeitzeugen privat. Mit der Zeit sah man dann, zu wem man eine engere Bezie- hung aufbauen und ihn dann auch häufi- ger besuchen konnte. Insgesamt besuch- ten wir vier Uberlebende. Manchmal ging ich zu Tadeus? Szymanski, wobei diese Gespräche eher fachlicher Natur waren, weil er langjähriger Mitarbeiter der Gedenkstätte war. Häufiger und re- gelmäßig besuchte ich Zofia Pohorecka und Stanislaw Ciencala, die Deutsch Sprachen, und selten Adam Jurkiewicz, der nur Polnisch sprach. Von Herrn Ciencala bin ich immer betrunken nach Hause gekommen. Er war sehr trinkfest und hat mir mit den Worten„einer geht noch“ einen Schnaps nach dem anderen eingeschenkt. Ich besorgte Gebäck und Süßes, er spendierte Tee und Schnaps. Außerdem baute ich einen regel- mäßigen Kontakt zu Kazimierz Smolen, der auch manchmal unsere Gruppen durch das Museum führte, und eine Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 28 Freundschaft mit Henryk Mandelbaum in Gliwice auf. Heniu besuchte mich in dieser Zeit mehrmals in meiner Woh- nung in Birkenau, um nach einer Tasse Tee mit mir in seinem Auto direkt auf das Gelände der Waldkrematorien zu fahren. Manchmal packte er auf dem Krematoriumsgelände Proviant aus. Er hatte seine festen Essenszeiten und im- mer etwas dabei. Bekam er nicht recht- zeitig zu essen, war er sehr schlecht ge- launt und sprach kein Wort. Schließlich lud ich ihn in der IBs nach der Ortsbe- Sichtigung zum Essen ein. Bis dahin war er für die IBS noch ein Unbekannter. Einige Male durfte ich zudem Uber- lebende und ihre Angehörigen durch Birkenau oder Monowitz begleiten. Sie wollten keine Führung. Alles was sie wollten, war an den Krematorien ihrer ermordeten Familienmitglieder zu ge- denken und jemanden dabeizuhaben, der ihnen bei Bedarf Fragen beantwor- tete. In Monowitz wollten Josef Markus, Alex Deutsch und Hans Frankenthal den Ort ihrer Leiden wiedersehen, aber Ssie erkannten nichts mehr. Zu keiner Zeit haben mir Uberleben- de als Deutschem Vorwürfe gemacht. In meiner Freizeit besuchte ich auch Uber- lebende in Krakau und Warschau, z. B. Fugenius? Motz. Mit der Zeit habe ich ein besonderes Verantwortungsgefühl für die mir ans Herz gewachsenen Menschen entwickelt. Ich war dann bei Gesprächen mit Gruppen immer sehr angespannt, ab- hängig von der Stimmung der Zeitzeugen und von der Sensibilitãt der Gruppe. Bei Zofia Pohorecka musste es immer nach einem bestimmten Muster ablaufen. Ich habe sie z. B. abgeholt, war stets an ihrer Seite und musste bei den Gesprãchen im- mer zu ihrer Rechten sitzen. Während meines ersten Gruppengesprächs mit ihr brachen einige Teilnehmerinnen in Trãnen aus, das wühlte damals— auch Zofia und k 6— mich sehr auf.. „— — Wir mussten es—„— dann abbrechen. 3 .* Tadeus? Szy- manski kam nur selten zum Ge- Spräch, auch weil Renrkeniu Mandel . enryk Heniu' Mandel- er fortschreitend baum. OA. Kilian 1004 erblindete. Des- halb hatte er einen besonders hohen Be- treuungsbedarf und benötigte uns auch an seiner Seite. In meiner Freizeit habe ich außer- dem die letzten Spuren des Nebenlagers in Monowit? systematisch fotografisch dokumentiert und kartiert. Vor Ort Sprach ich mit Einwohnern und machte wenn möglich Fotos, um dann später meinen Gruppen diese Geschichten näher bringen zu können. Dort gab es damals auch noch viele ältere Leute, die Schon vor der Besetzung Polens dort lebten, als Zwangsarbeiter verschleppt wurden und nach dem Krieg zurückka- men. Diese Zeugen hatten natürlich viel zu erzählen. Nach mehreren Besuchen wurde ich sogar in einzelne Häuser ein- geladen, eine alte Frau lebte noch in be- Scheidenen Verhältnissen in einer umge- bauten Häftlingsbaracke. Eine HFamilie lebte in der ehemaligen Lagerküche, wo noch der alte Kartoffelkeller aus der La- gerzeit zu sehen war. Wie wurde Kontakt mit den Eltern und Freunden zu Hause gehalten? Ich habe ja noch 18 Monate Freiwil- ligendienst geleistet, während dem ich auch heimgefahren bin. Ich war aber 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Andreas Kilian im April 1994 in Monowitz mit einer Be- wohnerin und Zeitzeugin OThomas Hebler nur zwei Mal zu Weihnachten zu Hause. Vor allem habe ich aber an gruppen- freien Wochenenden meine Oma in Wien, meine Verwandtschaft in Krakau und Warschau oder polnische Freunde z. B. in Przemysl, Lublin, Zabrze, Bytom oder Katowice besucht. Dafür besuch- ten mich deutsche Freunde zu meinem 20. Geburtstag und einmal meine Mut- ter mit ihrem Halbbruder. Meinen Urlaub nutzte ich, um meine ASF-Kollegen und Kolleginnen in Irael, der Normandie, Rotterdam, Prag und Lublin zu besuchen. In meiner Freiwilli- genzeit kam ich mir durch meine Kon- takte und Reisen wie ein echter Weltbür- ger vor, obwohl„Globalisierung“ längst nicht den Stellenwert wie heute hatte. Ganz altmodisch haben wir in der Welt verstreuten Freiwilligen uns untereinan- der auch Briefe geschrieben. Internet hatten wir noch nicht. Bis ein Brief end- lich ankam, verging eine gefühlte Fwig- keit. Das Warten war für mich besonders schlimm, wenn der Brief von meiner Freundin war. Die Post kam an der Re- zeption der IIBS an. Die Rezeptionistin- nen machten sich immer einen Spaß dar- aus, mich aufzuziehen, wenn ein parfümierter und mit Herzen bemalter Brief mei- ner Freundin ankam. Meine Mutter schickte mir im ersten Jahr regel- mäßig riesige Fresspakete, die ich an der Post abholen musste. Einerseits waren die Gold wert, weil das Angebot in den Läden noch nicht s0 groß war, anderseits war es mir aber auch vor den Kolle- gen peinlich, die jedoch im— mer sehr neugierig waren was ich für Leckereien ge- Schickt bekam. Telefonieren konnte man zwar auch, das war aber ziemlich teuer und die Verbindung nicht immer gut. Meiner Mutter schickte ich ein paar Mal ein Fax, aber bis die Fax-Verbindung endlich stand, dauerte es jeweils bis zu eine Stunde, in der ich die Nummer im- mer wieder eingeben musste, weil die Wahlwiederholung nicht lange anhielt. In der Kommunikation verbrachten wir damals viel Zeit mit Warten und man konnte die Zeit auch nicht anders nut- zen. Manchmal wartete man umsonst. Welche Beziehung hatte deine Familie zu Polen? Meine Mutter wurde während des Krieges in Krakau geboren, meine Oma war Polin und im Ubrigen auch die ein- zige die sich dagegen gewehrt hat, dass ich nach Auschwitz gehe. Meiner Mutter Sagte sie damals, dass sie sterben würde, wenn ich nach Auschwitz ginge. Was ich damals nämlich noch nicht wusste war, dass meine Oma seit Sommer 1941 häu- fig die Strecke von Krakau nach Bohu- min zu meiner Urgroßmutter mit der Bahn fuhr und diese führte durch Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 Auschwitz. Dort hatte sie auch Häft- linge in der Nähe des Bahnhofs gesehen und einmal 1944 im Zug ein Erlebnis mit einem deutschen Zivilisten, der vor einer Grenzkontrolle in Trzebinia ihrem Neffen ein Säckchen mit Diamanten zu- Steckte und spãter in Auschwitz aus dem Zug stieg. Das war natürlich lebens- gefährlich. Mein polnischer Onkel zwei- ten Grades, der damals neun Jahre alt war, ist Seitdem er den Hilm Schindlers Liste sah bis heute davon überzeugt, dass es sich bei dem Mann um Oskar Schindler gehandelt habe, was sich aller- dings nicht mehr nachweisen lãsst. Maßge blicher für meine Oma waren jedoch ihre Kriegserfahrungen und die Tatsache, dass sie im Untergrund mitge- wirkt hatte und ihre Jugendliebe als Widerstandskämpfer verhaftet und in Auschwit? ermordet worden war. Sie lebte auch deshalb gefährlich, weil sie ausländische Radiosendungen hörte. Meine Mutter wurde bei einer Razzia in Krakau aus ihrem Kinderwagen gewor- fen und musste in Folge ihrer Verletzun- gen jahrelang im Gipsbett schlafen. Meine Oma und ihre beste Freundin entgingen mit viel Glück nur kKnapp einer Erschießung, ihr jüngerer Bruder kam mit 19 Jahren nach Dachau. Mein Onkel erinnert sich noch gut an seine Straßenbahnfahrten durch das Krakau- er Ghetto, denn um seine Großeltern in Borek Falecki zu besuchen, musste er diesen Bezirk durchqueren. Der spätere Papst Karol Wojtyla ar- beitete in derselben Fabrik wie der Schwager meiner Oma und aß eine zeit- lang mit meinen Urgroßeltern in deren Wohnung zu Abend. Meine Oma hatte zu viele schlechte Erinnerungen an diese Zeit und konnte sich überhaupt nicht vorstellen, dass ich freiwillig nach Oswie- eim zichen wollte. Am Ende schimpfte Sie aber nicht mehr s0 viel, vor allem weil ich sie in der Zeit einige Male am Wo- chenende in Wien besuchen konnte. Als ich direkt nach unserem ASF- Abschluss-Seminar im März 1995 nach Auschwitz zurückkehrte, um bei zwei Veranstaltungen mitzuhelfen, starb meine Oma. Die Todesnachricht erhielt ich erst drei Tage später und eine Wo- che vor meiner Abreise nach Israel, weil das Telegramm nicht zugestellt wurde und ich an dem Tagungsort nicht er- reichbar war. Handys gab es damals noch nicht. So konnte ich meine Oma leider vieles nicht mehr fragen, aber vielleicht wollte sie das auch gar nicht. Was ist politisch während deiner Zeit in Polen passiert? Der Streit um das Karmeliter-Kloster und die Kreuze am Stammlager eskalier- te, nachdem der Vatikan eine Verlegung des Klosters angeordnet hatte. Das Zen- trum für Information, Begegnung, Dia- log, Erzichung und Gebet wurde seiner- zeit ausgebaut und anfangs jedenfalls ei- ne Konkurrenz zur IBS befürchtet, die aber unbegründet war. Ein japanischer buddhistischer Mönch wanderte im Win- ter nur mit seinem Mönchsgewand und Sandalen bekleidet nach Auschwitz, um für den Frieden zu beten und um für eine Friedenspagode in Auschwitz zu werben. Seine freundliche und friedliche Aus- Strahlung beeindruckte mich schr. Umso mehr schockierte es mich, dass dem Be- Sit?losen in Lublin sein treuer Begleiter, ein alter Wanderstock, von Betrunkenen zerbrochen wurde. Zehn Jahre später entstand der von Josef SZajna angeregte Plan zur Errich- tung eines„Friedenszentrums“, der sich zu einem Plan für einen Friedenshügel 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer entwickelte. Er stieß einerseits auf Unter- Stüt?ung, andererseits auch auf viel Wider- Stand und wurde bisher nicht verwirklicht. Außerdem gab es damals Aufruhr ums Haberfeld-Haus?, das sichtbar ver- fiel, aber noch als jüdisches Kulturzen- trum umgebaut und renoviert werden Sollte. Als ich in Auschwitz ankam, wur- de in einem Teil des Hauses noch Bier abgefüllt und im Hof stapelten sich die Kisten. Mit dem Haberfeld-Historiker Miroslaw Ganobis machte ich abenteu- erliche Haus-Erkundungen. Die jüdische Spurensuche von uns Freiwilligen und von Ganobis kam damals bei der Bevöl- kerung gar nicht gut an. Für die Gruppen war es aber eine interssante Station ihres Aufenthalts und für uns Freiwillige wich- tiger Bestandteil unserer Arbeit. Immerhin wurde schließlich als erster Schritt 19035 die Auschwitz Jewish Center Foundation gegründet. Bis zur Grün- dung des Jüdischen Zentrums in Oswie- cim(in einem anderen Gebãude) sollten allerdings fünf weitere Jahre vergehen. 1993 intensivierten sich die Bezie- hungen der Gedenkstätte Auschwitz zur israelischen Gedenkstätte Vad Vashem, und Museums-Mitarbeiter besuchten erstmals ein Seminar in Frael. Während meiner Freiwilligenzeit besuchte ich mit ASF-Kollegen und österreichischen „Gedenkdienst“-Kollegen im März 1904 das 3. Deutschsprachige Holo— caust-Seminar in Vad Vashem. Damals fing auch die intensive Kooperation mit der Deutschen Helga Arntzen und ihrer norwegischen Organisation„Huite Bus- Ser til Auschwitz“ an. Wir hatten so viele norwegische Gruppen mit ihren weißen Doppeldeckerbussen zu betreuen, dass wir im Bahnhofs-Hotel Glob bei Veran- Staltungen im großen Konferenzsaal über unseren Freiwilligendienst berich- teten, weil in der IIBS kein Platz mehr war. Vor 50 bis 80 Schülern durfte ich neben Auschwitz-Uberlebenden, die aus Norwegen mitgereist waren, und der Reiseleiterin über aktive Friedensarbeit referieren. In?zwischen kommen im Vergleich zu 1993 allerdings fast vier Mal s0 viele Besucher nach Auschwitz, das hat viel verändert. Durch den„Schindlers- Liste“ Filmtourismus rückte Auschwitz auch erstmals in den Blick der„Shoah- Business“-Kritik. Ich erlebte wichtige Gedenkveranstaltungen zum 50. Jahres- tag der Liquidierung des Zigeuner- lagers, des Sonderkommando-Aufstands und der Befreiung von Auschwitz. Zu diesen Anlässen kamen viele Uberlebende an den Ort ihres Leidens zurück. Die Veranstaltungen bewegten weltweit viel im politischen Gedenken. In Polen hatte das Thema Völkermord an den Sinti und Roma bis dahin noch keine große Aufmerksamkeit erfahren. Dies- mal wurde jedoch daran in Anwesenheit höchster polnischer Regierungsvertreter und wichtiger internationaler Gãste ge- dacht. Fine ständige Ausstellung in der *Die jüdische Familie Haberfeld hatte eine für die Okonomie von Oswiecim bedeutende Spirituosen-Fabrik. Im Sommer 1939 reisten Alfons und Felicia Haberfeld zur Weltausstel- lung nach New Vork, um ihre Kiköre zu präsentieren. Während ihres Aufenthaltes überfiel die Deutsche Wehrmacht Polen. Das Ehepaar brach die Rückreise ab. Seine kleine Tochter und die Großeltern, die in Polen geblieben waren, wurden im Holocaust von den Deutschen ermordet. Plãne in den 1990er Jahren, die Haberfeld-Villa in ein Kulturzentrum umzubau- en, Zerschlugen sich. Die Ruine wurde in den vergangenen Jahren abgetragen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29 . „ K 5 — „. 27. Januar 1995: Gedenkveranstaltung zum 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz- Birkenau. OAndreas Kilian Gedenkstätte Auschwit?z sollte aber erst Sieben Jahre später eröffnet werden. Die internationale Berichterstattung zu den drei Anlässen war enorm und schließlich wurde ein Jahr später der 27. Januar in Deutschland zum gesetzlich festgeschrie- benen„Jag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“. Die Gedenkveranstaltungen gaben aber auch Anlass zum Streit: Zum 50. Jahrestag der Befreiung gab es zwei ge- trennte Zeremonien, die internationale offizielle und einen Tag zuvor eine se- parate jüdische. Im Zigeunerlager strit- ten Roma aus verschiedenen Ländern, wie man sich auf dem Lagergelände angemessen zu verhalten habe. Die jün- gere Generation sah das offenbar ent- Spannter. Außerdem verlor während meiner Freiwilligenzeit der Solidar- nosc-Führer und damalige Staatspräsi- dent Lech Walesa an Sympathien. Die Präsidentschaftswahlen 1993 gingen zu seinen Ungunsten aus. Letztlich waren die Jahre 1993 bis 1995 in vielerlei Hinsicht im historischen Bewusstsein, in der Gedenkkultur und in der historischen Aufarbeitung von Ausch- witz ein Zeitraum bedeutender Verände- rungen. Sogar die bis heute zu sehenden Informationstafeln und Gedenksteine in Birkenau wurden seinerzeit errichtet. Was hast du aus deinem Freiwil- ligendienst mitnehmen können? Sehr viel! Ich habe auf jeden Fall ge- lernt zu improvisieren, anpassungsfähig, empathisch und tolerant zu sein, mich in Geduld und DPemut zu üben, diploma- tisch zu vermitteln, andere Sichtweisen anzuerkennen sowie schwierige Situatio- nen als Herausforderung anzunehmen. 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Flüchtlingsfrage“ statt Menschenfeindlichkeitsfrage Herbeifantasierter Notstand Trot? aller judenfeindlichen Aktionen im Deutschland der 1930er Jahre wurde damals in der õffentlichen Diskussion keine„Antisemitismusfrage“ als Problem gesehen, son- dern eine„Judenfrage“ ideologisch herbeifantasiert und im Denken der Mehrheitsge- Sellschaft verankert. So die Diagnose des damaligen Zeitzeugen Sebastian Haffner (1907— 1999). Analog dazu ist heute in Deutschland in der õffentlichen Debatte trot? vieler fremdenfeindlicher Straftaten und Hasstiraden nicht von einer„Menschen- feindlichkeitsfrage“ die Rede, sondern von einer„Flüchtlingsfrage“. Diese für die Demokratie gefährliche gesellschaftspolitische Entwicklung erläutert der Sozialpsy- chologe Harald Weker in einem Artikel, der erstmals im Magazin zeo2 wei(02/20160) erschien und dann im April dieses Jahres auch in der Berliner tageszeinung(taz) unter dem Jitel„Flüchtlinge in Deutschland— Herbeifantasierter Notstand“. Welzer zitiert die Teilnehmerin ein- er Konferenz:„Dazusitzen, in diesem winderbaren Saal, zuzihören, wie die Vortreter von 32 Staaten nacheinander erklärten, wie furchthar gern sie eine größere Zahnl Fichtlinge aufnehmen wiirden und wie Schrecklich leid es ihnen tue, dass vie das leider nicht nun Könnten, war eine erschütternde Erfahrung.“ Bei dieser Konferenz handelt es sich nicht um eine der EUStaaten in heutiger Zeit, sondern um die Konferenz im schweizerischen Fvian von 1938. Damals ging es darum, welche Staaten bereit wãren, Kontingente deutscher Ju— den aufzunehmen, die im eigenen Land zunehmend entrechtet und ihres Hab und Guts beraubt wurden. Das Zitat Stammt von Golda Meir, der spãteren Ministerprãsidentin ISraels. „Fin Unterschied“, s0 Welzer, „besteht übrigens darin, dass sich heute viele der eigentlich zur Aufnahme verpflichteten Staaten nicht einmal dafür entschuldigen, dass sie der Genfer Füchtlingskonvention und meist auch der eigenen Verfassung zuwiderhan- deln, sondern merkwürdig stolz darauf zu sein scheinen, sich gegen geltendes Recht zu stellen. Die Nazis brachten es fertig, mit „den Mden“ eine Menschengruppe mit dem Tode zu bedrohen, sich anderseits selbst und ihre„arischen“ Mitläufer und die mehr oder weniger gleichgültigen Zuschauer als Opfer darzustellen. Nicht die Angreifer der Demokratie und des Rechts wurden so zum Problem erklärt, sondern deren potenzielle Opfer. „Nichts anderes erlehen wir ju gerade am Beispiel der Fichtlinge“, folgert Welzer. „Nicht diejenigen, die vie abwehren, ah— schiehen, ja vogar abschießen wollen, Sind das Prohlem, Sondern sie selbst, deren Zahl dringend verringert gehört. Die Maßnahmen, die vodann getroſfen werden, richten sich entsprechend auch nicht gegen die Menschenfeinde, ihre Rhetorik ind ihre Forderungen, Sondern gegen die Asybuchenden uind ſoilgen damit punkigenau den rechten Ausgren- zungsforderungen. Wir hahen mithin Keine Menschenfeindlichkeitsfrage, Son— dern eine Niichtlingsfrage.“ Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 PR-Agentur der AfD Wer nun die aus der Geschichte„hestens hekannte politische Mechanik“ befür- worte, den ideologischen„Drift' der Menschen nach rechts verhindern zu wollen, indem man selbst rechte Politik macht- wie insbesondere die GSU— mache sich zur„PR-Agentur der 4fD*, urteilt Welzer. Statt die Ursachen der weiltweiten Hüchtlingsbewegungen in Betracht zu ziehen— Ausbeutung der fos- silen Resourcen und Hofierung von dik- tatorischen Regimen usw.— gehe es nur um die Frage, wie Furopas Außengren- zen besser gegen Füchtlinge„geschiitzt“ werden können.?“ Mit der in Politik und Medien propagierten Meinung, die Füchtlinge sollen einfach bleiben, wo sie sind und das„Hichtlingsproblem“ sei gelöst, sei die Wirklichkeit dort ange- kommen, wo vor Jahren das Satire-Mag- azin fitanic die Lösung des Hungerprob- lems in Afrika bissig zu sehen empfahl: „Pinfuch mehr pachteln, Lelite““ Zustimmungsdiktatur Welzer beunruhigt die kollektive Ver- Schiebung der Wahrnehmungen und Deutungen:„Es geht nicht um das per- fide ostentative Versagen der meisten Staaten der EU bei der Aufnahme der Nichtlinge, nicht im die Bekämpfung des ersturkenden Rechtseutremismus mit den Mitteln des Rechts, nicht um die Schnwächen überregulierter Verwaltungen nd Kapitigesparter Sozialsysteme, nicht lm die moralische Verwahrlosling vieler Paurteipolitiker ind deren Demokratie- feindlichkeit. Nein, es geht um„die ichtlinge““ Welzer konstatiert eine hysterisierte Diskussion„alfälliger Real- und Fan- tasieprohleme“ mit'den Flüchtlingen', die ihm wie ein„gespenstisches Real- experiment“ anmute. An historischen Beispielfällen könne gesehen werden, „ie Sicn die Referenzrahmen der Wahrnehmung und Deutung von Preignissen und Situationen oft er— vtainlich Schnell verindern.(...) Alle halten vich auch dann noch für moralich integen wenn sie Schon ldngst der Gegenmenschlichkeit zustimmen.“ Statt von der„Verfihrung der Massen“ und der„inneren Emigration“ der Intellek- tuellen zu reden, sei anzuerkennen, „Uss die Nazis in einer Zustimmungs- diktatur eben alle vind die pralktisch, auf der Ehene ihres tatsichlichen Verhaltens zustimmen.“ Gewissermaßen paradox sei, dass dies im Moment zu geschehen droht,„ in einer wirtvchalfllichen, fisKalischen und admin- istrutiven Lage, die weit wie nur denkhur vom Notstand entfernt ist“. Dieser Not- Stand aber trotzdem herbeifantasiert wird., Kirz Warim herrscht ausgerechnet dann normative Ohbduchlosigkeit wenn zlim eysten Mal seit vielen Jahren moral- isches HMandeln gefordert is Klan eindeltig, dringend und leisthar?“ Weker Spricht von einer„Prifung unserer * Die Feststellung, dass Furopa einer auf dem Mittelmeer transportierten Ware mehr Schut? gewährt als Füchtlingen, sei einst als Zynisch kritisiert worden. Heute aber, Schreibt Doris Akrap(taz, 19. November,„Wer von Vrumps Mauer Spricht, Kann von der euro- piischen nicht Schweigen“) werde niemand, der halbwegs bei Irost sei, abstreiten, was die Goldenen Zitronen schon 2006 gesungen haben: Uher euer scheiß Mittelmeer Kdm ich, wenn ich ein Vurnschuh wän Oder als Hachhild-Scheiß— ich hätte wenigstens ein' Preis. 66 32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Konsumsedierten talkshowdemokrati- chen Wohlstandsgesellschaft“, die statt sich für eine offene Gesellschaft für den Autoritarismus zu entscheiden droht. Paradoxe Aufgabe Aber Welzer will am Schluss seiner Analyse nicht selbst in Hysterie verfall- en. Noch scheine es in Deutschland eine verantwortungs- und engagementbe- reite Mehrheit zu geben.„Als0 steht man voy der paradoxen Aufgabe, diese Mehnreit, die für die offene Gesellschaft eintritt, gegen die medial und politisch hefelerte Mindermeit der Ausgrenzer zu Schitzen. Das vollte möglich sein“, ap— pelliert er an die Leserinnen und Leser. Der vollstòindige Text ist im Inter- net inter ww.laz. de zu finden. Studienkreis Deutscher Widerstand Bilder im Kopf Nationalozialisms im Film lautet das Schwerpunktthe-— ma der gerade im November erschie- nen Nr. 84 der Informationen des Stu dienkreises Delutscher Widerstand 7933 7A. Wie prägen Hilme unser Bild der Geschichte? Welche Bedeutung haben Dokumentarfilme bei der Uberliefe- rung des historischen Geschehens? Wie lassen sich Hilme in die pãdagogi- sche Arbeit integrieren? Antworten auf diese Fragen werden in eindrucks- vollen Beitrãgen diskutiert. 2017 feiert der Studienkreis sein S5O jähriges Bestehen mit einem um— fangreichen Veranstaltungsprogramm. Weitere Informationen unter www. widerstand-1933-1943. de. Wegen Volksverhetzung verurteilt Das Urteil gegen den Pegida-Gründer Lut? Bachmann wegen Volksverhetzung ist rechtskräftig. Der Mitgründer des fremdenfeindlichen Bündnisses muss ei- ne Geldstrafe in Höhe von 9600 Euro zahlen. In der Berufungsverhandlung vor dem Landgericht Dresden zogen sowohl Verteidigung als auch Staatsanwaltschaft auf Vorschlag des Richters ihre Berufung zurück. Wie die Frankfurter Kundschau be- reits am 29. November berichtete, war Bachmann zwar am JTag der Montags- kundgebung von Pegida in Dresden aus seinem neuen Domizil Teneriffa einge- flogen, wolle aber am Mittwoch, 30. No- vember, nicht Zur Berufungsverhandlung Seines eigenen Prozesses erscheinen. Bachmann habe mittlerweile eingestan- den, im September 2014 auf Face book Ausländer als„Viehzeug“,„Gelumpe“ und„Dreckspack“ beleidigt zu haben. Anfang Mai war der 43-jãhrige Bach- mann- mehrfach vorbestraft wegen EFin- bruch, Drogenhandel und Körperverlet- zung wegen hetzerischer Beleidigungen von Füchtlingen zu 9600 Furo Geld- Strafe verurteilt worden. Die Staatsan- waltschaft hatte vor allem wegen Bach- manns Vorstrafenregister sieben Monate Gefängnis ohne Bewährung gefordert, die Verteidigung Freispruch. Inhaltsverzeichnis und danke, dass Sie an uns denken Berichte von der Mitgliederversammlung Neue Rechtsprechung gegen NS-Täter Auschwitz: Ein Ort, an dem man nicht mitmachen durfte Bundesgerichtshof bestätigt Urteil gegen SSMann Oskar Gröning Weltdokumentenerbe UNESCO nimmt Akten des Auschwitz-Prozesses in Register auf Beim Blick in ihre Augen sehe ich Auschwitz“ Die Kinder von Auschwitz Alwin Meyers Buch ist Aufklärung, Vermächtnis und Denkmal in einem Für die Achtung võlkischen Gedankenguts 30 Jahre Internationale Jugendbegegnungsstätte Auschwitz Rückblick eines ehemaligen Friedensdienstleistenden Herbeifantasierter Notstand Zur Füchtlingsfrage“, die eine Menschlichkeitsfrage ist Wegen Volksverhetzung verurteilt Impressum: Seite —+ D 11 13 20 21 30 32 Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer 35516 Münzenberg, Freiherr-vom-Stein-Str. 27 Vorsit?ender: Uwe Hartwig, 61230 Ober-Mörlen, Usinger Str. 7 (Korresponden? bitte an diese Adresse) Internet: www. lagergemeinschaft-auschwitz. de Redaktion: Hans Hirschmann, Tel.(06101) 32010 Foto Titelseite: Skulptur“ Meine Eltern? von Channa Loewenstein OAlwin Meyer(S. 19) Bankverbindung: Sparkasse Oberhessen IBAN DE43 5185 0079 0020 0005 03; BIC HELADEFEFIFRI Bei Spenden bitte Adresse deutlich schreiben, damit die Bescheinigung für die Steuererklärung zugeschickt werden kann. Bitte bei Umzügen neue Adresse und Anderungen der Bankverbindung mit- teilen. Es erspart Arger, Zeit und Geld bei Bankeinzügen. Frankfurt-Theresienstadt Veranstaltungen zum Holocaust-Gedenktag mit Edith Erbrich Donnerstag, 26. Januar 2017, 20 Uhr Stadtbibliothek Bad Vilbel, Nidda-Platz 2 Freitag, 27. Januar 2017, 19 Uhr Museum der Stadt Butzbach, Färbgasse 16 — e** Nn„ 5 — 3 L— 1 —— — ————— Z 3 — Edith Erbrich, geb. Bär, kam als siebenjährige Halbjüdin“ ins Lager. Am 8. Mai 1945 wurde sie befreit und konnte mit ihrer Schwester und ihrem Vater nach Frankfurt zurückkehren. STUDIENFAHRTEN 2017 Termin I: 17.- 23. März 2017 Termin II: 12.- 18. Oktober 2017 Rundgang im Stammlager Auschwit? Rundgang im Vernichtungslager Birkenau Gespräche mit Uberlebenden Besuch in Archiv und Kunstsammlung der Gedenkstätte Auschwit? Besuch in Krakau(u. a. ehemalige Fabrik von Oskar Schindler) Kosten: 750 Euro(Hlug, Unterkunft, Verpflegung, Pintritte, Honorare) ermäßigt: 350 Furo(auf Antrag für Studierende, Schülerinnen und Schüler sowie Menschen mit geringem Einkommen) Auskünfte und Anmeldungen für alle Termine bei Uwe Hartwig, E-Mail uwe. fv.hartwig Qweb. de, Tel.(U6002) 938033 Die Studienfahrten sind als Lehrerfortbildung und als Bildungsurlaub anerkannt