LAGERGEMEINSCHAFT AUSCHWTZ FREUNDESKREIS DER AUSCHWTZER AUSCHMWT2 4 35. Jahrgang Mitteilungsblatt, September 2016 Liebe Mitglieder, Hebe Leserinnen und Leser, diese Ausgabe des Mitteilungsblattes kann als Sonder-Nummer zum jüdischen Sonderkommando in Auschwitz-Birkenau gelten. Andreas Kilian berichtet über neue Forschungsergebnisse und Funde. Ein bestimmter Aspekt der Reden der Auschwitz-Uberlebenden Ruth Klüger und des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert anlässlich der Gedenkfeier am 27. Januar 2016 im Bundestag schien uns ebenfalls in besonderem Maße bemerkenswert. Die nächste Ausgabe des Mitteilungsblattes wird Anfang Dezember dieses Jahres erscheinen. Inhaltsverzeichnis Seite Hermann und Anni Reinecks Grab 1 Was es für uns auch heute noch bedeutet 2 Gedenkstunde im Deutschen Bundestag am 27. Januar 2016 Zeugin des Zeugen 4 Uber ein Familienleben mit Auschwitz nach der Befreiung Zur Autorenschaft der Sonderkommando-Fotografien 7 Geschichte einer Wiederentdeckung 18 Krematoriums-Archäologie in Auschwit? Impressum: Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer 35516 Münzenberg, Freiherr-vom-Stein-Str. 27 Vorsitzender: Uwe Hartwig, 61230 Ober- Mörlen, Usinger Str. 7 (Korresponden? bitte an diese Adresse) Internet: www. lagergemeinschaft-auschwitz. de Redaktion: Hans Hirschmann, Tel.(06101) 32010 Foto Titelseite: Geheime Aufnahme vom jüdischen Sonderkommando Birkenau; Postkarte M 3-19318, Museum Auschwitz 1952, Original im Archiv Kilian Bankverbindung: Sparkasse Oberhessen IBAN DE43 5185 0079 0020 0005 03; BIC HELADEFFRI Bei Spenden bitte Adresse deutlich schreiben, damit die Bescheinigung für die Steuererklärung zugeschickt werden kann. Bitte bei Umzũgen neue Adresse und Anderungen der Bankverbindung mit- teilen. Es erspart Arger, Zeit und Geld bei Bankeinzügen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 Was es für uns auch heute noch bedeutet Gedenkstunde am 27. Januar 2016 im Deutschen Bundestag Ruth Klüger, die als Elfjährige 1 942 mit ihrer Mutter von Wien aus zunächst ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurde, danach nach Auschwit?- Birkenau und schließlich nach Christianstadt, einem Außenlager von Groß-Ro- sen, war Gastrednerin bei der diesjährigen Feierstunde zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Der Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwit? durch die Armee der Sowjetunion ist Gedenktag für alle Opfer des Natio- nalsozialismus. Bundestagspräsident Norbert Lam- mert(CDU) dankte in seiner Anspra- che zur Eröffnung der Gedenkstunde ausdrücklich Ruth Klüger für deren Zusage, vor dem Bundestag zu spre-— chen. Er Sagte wörtlich: Verehrte Frai Kigen ich weiß m UMre SMepsis, Uhr Mistrauen gegeniber Kitualen õffentli chen Gedenkens. Umso höher rechnen wir UMnen an, dass Sie dieser Pinladung helte in den Deutschen Bundestag ge- Foigt lnd aus den Vereinigten Stuaten angereist vind im UMre Worte an uns 2 richten. Wir danken UMhnen für Uhre Be— reitschaft Zu herichten, was Se erfahren haben und zu deuten, wus das Gesche— hene für Sie und für lins noch helite, auch heute, wieder hedeitel.“ Der Schwerpunkt von Ruth Klü- gers beeindruckender Rede lag auf dem Thema Zwangsarbeit. Ausführ- lich erwähnte sie dabei die“sexuelle Zwangsarbeit? der weiblichen Häft- linge, die nach Heinrich Himmlers ver- achtenden Worten den fleißig arbei- tenden Gefangenen(..) in Bordellen zgefiihrt werden“. Diese Prostituion sei nicht eine Arbeit', die man sich freiwillig ausgesucht habe, wie den missbrauchten Frauen nach Kriegsen- de oft Zynisch vorgeworfen wurde. Und natürlich wurden sie nicht als Zwangsarbeiterinnen mit Anspruch auf Restitution angesehen und einge- stuft. Der Respelkt, den man den Uher- lebenden der Lagen wenn nicht immen S0 doch oft, enigegenbrachte, galt für vie nicht.* Am Ende griff Ruth Klüger Nor- bert Lammerts eingangs zitierten Wor- te auf und erklärte, warum sie der Ein- ladung des Bundestages gefolgt war. Die Schlusspassage ihrer Rede lautet: „Verehrtes Plhliklum, ich habe jetzt ei- ne ganze Weile iber moderne VersKla- vling ab Zwangsarbeit in Nazi- Europa gesProchen und Beispiele aus dem Ver- Die beiden sehr beindruckenden Reden von Norbert Lammert und Ruth Klüger sind auf der Internetseite des Deutschen Bundestages im Wortlaut zu lesen: www. bundestag. de/blob/404414/6781 bs1 965 fb7ScSfZbc21ded8c4273/Kw0O4. ge denkstunde protokol-data.ꝓdf 4 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer drdngungsprozess zitiert, wie er im Nachkriegsdeutschland stuufand. Aber eine neue Generation, nein, zwei oder Sogar drei Generationen vind veimer hier aufgewachsen, ind dieses Land, das vor achtzig Jahren für die Schlimm- ven Verbrechen des Jahrmunderts ver- antwortlich wan hat heute den Beifal der Welt gewonnen, dank seiner geöf⸗ neten Grenzen und der Großherzig- Keit, mit der Sie die Hut von syrischen ind anderen Hichtlingen auſgenom- men haben und noch aufnehmen. Jeh hin eine von den vielen Außen- ehenden, die von Verwunderung zu Bewinderung libergegangen sind. Das war der Haupigrund, warum ich mit Freude hre Pinladung angenommen ind die Gelegenheit wahrgenommen habe, in diesem Rahmen, in Mrer Nauptstadt, üher die friihneren Untuten Pprechen zu dirfen, hien wo ein ge- gensdtzliches Vorbild entstunden ist und trot⁊ Hindernissen, Argernissen, Riichk- Sœhldgen und Zweifeln noch weiter ent- Slehnt, mit dem Schlichten und dabei heroischen Sogan- Wir Schaſfen das.“ Krise des Flüchtlingsschutzes Es ist Zu wünschen, dass der Opti- mismus von Ruth Klüger sich weiter- hin aufrecht erhalten lässt, obwohl in den fast neun Monaten, die seitdem vergangen sind, sich nicht nur die Flũchtlingspolitik, sondern auch die gesellschaftliche Gesamtsituation Stark verändert hat. Hierzu konstatierte die Menschen- rechtsorganisation PRO ASVL, dass ein Jahr nachdem im September 2015 die Bundesregierung, den Hüchtlin- gen Aufnahme in Deutschland und die Ubernahme ihrer Asylanträge ge— währte, vom»Wir schaffen das« der Kanzlerin„Kdum etwas librig geblie- hen is1“.„Auf den»Sommer der Hichtlingssolidaritũt« folgte der lange Winter der Restriktionen, der bis heiite anhdlt. Jatächlich haben wir es weni— ger mit einer»Niichtlingskrise« als mit einer Krise des Fichtlingsschutzes 2 tun. Es ist oÿfen, oh die demokratischen Rechtsstuaten noch hereit Sind, europa- weit geltendes Recht zu achten.“ Der solidarischen Flüchtlingsauf- nahme folgte„eine Kehrtwende mit Asylrechtsverschdrfungen und neuer Anerkennungspraxis Die Schitzquoten vinken drastisch, der Fichtlingsschutz wird zisehends verweigert.“ PRO AsSVLI verweist auf die beiden in die- sem Jahr verabschiedeten Asylpakete, „Wie das Aslrecht ausgehöhlt haben lind ein Integrationsgesetz, das die Inte- gration von Nichtlingen erschweren wird sowie auf den„„chdäbigen Deal z Lasten der Hichtlingsrechte“, den die EU mit der Türkei vereinbart hat. Wenn heute wieder viel mehr Poli- tiker und Politikerinnen sowie“be- sorgte Bürgerinnen und Bürger? ihre Zweifel an Merkels Satz Wir schaffen das“ äußern, so klingt meistens der Unterton mit“Wir wollen es nicht Schaffen“. Generell werde die Situation im— mer mehr verkürzt als Füchtlings- krise“ definiert und wahrgenommen und so der Anschein erweckt, als sei diese plötzlich vom Himmel gefal- len“. Hans Hirschmann Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 8 Hermann und Anni Reinecks Grab Der letzte Ort des Gründers unserer Lagergemeinschft bedarf dringend der Pflege Das Grab von Hermann Reineck und Anni Roßmann-Reineck befindet sich auf dem Friedhof von Fronhausen bei Marburg, der Heimatgemeinde von Anni. Es wird derzeit von niemanden gepflegt. Die würdige Gestaltung des Grabes unse- res Vereinsgründers ist Teil der Erinnerung an die in unserer Satzung fest- geschriebene Aufgabe, das Gedenken an die Opfer der NSVerbrechen wach- zuhalten. Dringend notwendig ist es, den üppigen Wildwuchs zu beseitigen, die Grab- stelle fachmännisch völlig neu zu bepflanzen und eine Gãärtnerei mit einer kon- tinuierlichen Pflege zu beauftragen. Um diese Aufgabe zusammen mit unseren bisherigen Aktivitäten wahrnehmen zu können, bitten wir um Unterstützung. Sie können uns helfen durch ein zweckgebundene Spende auf unser Konto: Lagergemeinschaft Auschwitz— Freundeskreis der Auschwitzer IBAN: DE43 5185 0079 0020 0005 03 BIC HELADEFIFRI Stichwort: Hermanns Grab Geechrt wird damit auch Anni, die viel für die Lagergemeinschaft und den Freundeskreis getan hat. S0 hatten die beiden immer ein offenes gastfreund- liches Haus, wenn Hermanns polnische Kameraden aus der Lagerzeit oder an- dere Verfolgte des NS-Regimes in Deutschland zu Besuch waren, sei es privat oder als Zeitzeugen bei Veranstaltungen. Wãhrend der Diskussion über die Betreuung von Hermanns und Annis Grab machte Neithard Pahlen, stellvertretender Vorsitzender der Lagergemeinschaft, den Vorschlag, ein Frinnerungsmal für Hermann künstlerisch gestalten zu las- sen. Sein Standort könnte der Friedhof sein, ein besonderer Ort in seinem letz- ten Wohnort Münzenberg/Gambach oder ein anderer Ort, an dem Hermann ge- wirkt hat und der seiner Brinnerung würdig ist. Neithard hat dafür eine Künstlerin vorgeschlagen, die schon Erinnerungsmale an die NSVerbrechen ge- Staltet hat und selbst Kind von Holocaust-Opfern ist. Selbstverständlich braucht es für ein solches Vorhaben eine längere Diskus- sion und Vorbereitungszeit sowie Geld. Auch für dieses Vorhaben bitten wir um Spenden auf unser Vereinskonto. Wer seine Spende dafür zweckgebunden über⸗ weisen will, sollte die Uberweisung mit“Brinnerung Hermann' kennzeichnen. Lagergemeinschaft Auschwitz— Freundeskreis der Auschwitzer BAMN: DE43 5185 0079 0020 0005 03 BIC HELADEFIFRI Stichwort: Erinnerung Hermann 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Zeugin des Zeugen Uber ein Familienleben mit Auschwitz nach der Befreiung Vor 60 aufmerksamen Zuhörerin- nen fand am 29. Juni dieses Jahres im Kulturzentrum zakk Düsseldorf ein bewegendes Zeitzeuginnen-Gespräch Statt, das vom Bildungswerk Stanislaw Hantz(Kassel) organisiert und von Roland Vossebrecker einfühlsam mo- deriert wurde. Nach 19 Monaten reiste die 77— jährige Italienerin Marika Venezia zum zweiten Mal nach Deutschland, um öffentlich über ihr Leben mit Auschwit? als Witwe des ehemaligen Sonderkommando-Uberlebenden Shlomo Venezia zu berichten. Marika war regelrecht mit Ausch- wit? verheiratet. Sie bezeichnet sich Selbst als„Zeugin des Zeugen':„Jch hab gesehen, er wur immer ein bisschen traurig. Aber ich habe ihn nicht gefragt.“ Shlomo bezeichnete seinen Zustand im Dokumentarfilm SMlaven der Gas- ammer(SWR 2000) selbst als „Krankheit ohne Namen“. Doch man habe damals nicht darũber gesprochen, Sagt sie lakonisch. Eine Heilung für die Krankheit fanden sie auch nicht. 15 Jah- re lang habe sie nicht genau gewusst, was ihr Mann in Auschwit? gemacht habe. Erst später erfuhr sie langsam von seinen Aufgaben im Entkleidungs- raum des Krematoriums, den Räumun- gen der Gaskammer, vom Festhalten der Erschießungsopfer, Haareschnei- den der vergasten Frauen und Zer— stampfen der Knochenreste.„Jch Konnte das nicht einmal glauben. Jch Marika Venezia und Roland Vossebrecker in Düsseldorf. Foto: Kilian 2016 hatte noch nie S0 etwus gehört(..) ind Konnte das nicht vemtehen*, kommentiert sie das Gehörte heute noch fas- sungslos. Ihre ₰ drei Söhne er- fuhren von Shlo- mos Erlebnissen f 1 Sogar erst aus ei- ſitt nem 10-minüti- Shlomo Venezia(1923 gen TV-Beitrag. 2012) Aufnahme von Seine schreckli- 1997. Foto: A. Kilian chen Alpträume, die Folgen seiner aus dem Lager stammenden TBC-Erkran- kung, seine Freudlosigkeit und Zurũckgezogenheit ertrug Marika wie eine unveränderbare Gegebenheit, aber sie räumt auch ein:„Es war fir mich Schwer als junges Mädchen.(..) Nie sind wir tanzen gegangen, nichts Verriicktes haben wir gemacht.“ Aber Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 sie sagt auch:„Das habe ich mir ausge- vMcht. Er Sollle nur glüicklich vein.“ Die Geburt ihrer Kinder habe sie als eine Botschaft aufgefasst und ihren Mann mit den Worten„Di hdst gewonnen““ aufbauen wollen. Marikas Bericht handelt nicht nur von den Auswirkungen des Sonder- kommando-Traumas auf die Famili- enangehörigen, wie dies schon Karl Fruchtmann in seinem filmischen Meisterwerk Fin einfacher Mensch (D 1985) über die in Israel portrãtier- te Familie Vakov Zylberbergs getan hat, Ssondern insbesondere von der in- nigen Liebe zu Shlomo Venezia. Er war 30 Jahre alt und sie 15 als sie sich kennen- und lieben gelernt hatten. Bis zu seinem Tod waren sie 56 Jahre lang verheiratet und unzertrennlich. „JCn hätte alles für ihn gemacht, damit er zufrieden ist, damit er berl— higt vein Sollꝰ, Sagt sie, als wenn es das Selbstverständlichste auf der Welt wäre. Sie spricht für eine Generation Bhefrau, mit der sich gegenwärtig nur noch wenige identifizieren können. Marika, die selbst bei ihrer Großmut- ter aufwuchs, erinnert sich voller Be- wunderung und Verehrung:„Für mich war er alles. Mutten Vaten Br den“ Mit dem lebenserfahrenen und KZ traumatisierten Mann sei sie„alt geworden in einem Moment, aber ich wolle Keinen anderen“, Schwärmt sie. Shlomo sei ein„sehr guter Mann* ge⸗ wesen, fasst Marika zusammen.„Er hat ⁊wanzig Jahre fiir mich gekocht er war S0 Perfelktionistisch und ordentt lich, immer gut gekleidet und hat mir Sehnr viel geholfen.“ Sie gewährt dem ½ Hochzeitsfoto 1956.(Familienbesitz Venezia) Publikum Finblicke in ein Privatle- ben nach der Todesfabrik, wie das an- Satzweise bereits dem Hilm von And- rzej Gajewski über Henryk Mandel- baum(PI 1991) gelungen ist. Shlomo Venezia sei eine starke Persõnlichkeit gewesen, die ihre Kinder sehr streng aber lie bevoll erzogen habe. In sei— nem 2008 auch auf Deutsch erschie- nenen Buch Meine Arbeit im Sonder- Kommando Auschwitz dankt Shlomo seiner Frau für die Kindererziehung wiederum mit den Worten:„ Ich hatte das große Glick, eine sehr intelligente Frau zu haben, die das alles für mich ihernommen hat.“ Inzwischen wurde das Buch in 23 Sprachen veröffent- 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer zu lassen, konnte sie sich nicht vorstellen, jemals nach Deutsch- land zu reisen. Die Lücke, die durch Shlomos Tod am 1. Okto- ber 2012 entstand Sowie ihre po- sitiven Erfahrungen mit Deut- Schen änderten ihre Vorbehalte in den letzten Jahren allerdings. „Jeden Jag gibt es etwas, wus mel- nen Mann an das Lager erinnert jeden Jag. Daher gehört es eben auch zu meinem Leben“, sagte sie seinerzeit. Die Erinnerungen Shlomo Venezia und Luigi Sagi, Begleiter seiner er- sten Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz und Sohn eines Opfers des Sonderkommando-Aufstandes. Foto: M. Kilian 1997 licht und damit zum am häufigsten übersetzten Sonderkommando-Be- richt. Mit 57 Gedenkstättenfahrten nach Auschwitz war Shlomo Venezia der zweite Sonderkommando-Uber— lebende, der nach seiner Befreiung s0 zahlreich an seinen Leidensort zurückgekehrt war und am Fatort über die Mordfabrik als direkter Au- genzeuge berichtete(Henryk Man- delbaum doppelt so häufig). Seit 1993 wurde er dabei meist von Marika be- gleitet, die über ihre erste Reise sagt, sie habe sich gefühlt„als wenn ich Schon da gewesen wäre“. Als Marika im März 2002 erstmals bereit war, ihre Geschichte für das Buch Zeugen aus der Vodeszone publizieren sind Marika geblieben. Seit Shlomos Tod begleitet sie vier Mal im Jahr italienische Gruppen nach Auschwitz. Dann wird sie Zu Shlomos Stimme und erfüllt damit seinen letzten Willen, im Gedenken an die Opfer authentisch darũber zu berichten, was in den Mord- stätten Auschwit?-Birkenaus geschah. Während weltweit nur noch drei ehemalige Sonderkommando-Häft- linge das Geschehen bezeugen kön- nen, ist Marika Venezias selbstlose Aufklärungsarbeit gegen Revisionis- mus, Auschwitz-Leugnung und Anti- semitismus ein ehrenwertes Vorbild im Engagement für Menschlichkeit, Toleranz und Versõhnung. Der viertletzte und jüngste der Uberlebenden, Morris Kesselmann, Starb S9 jährig am 11. Mai 2016. Andreas Kilian PS: Fin Kurzportrait Shlomo Venezias erschien kürzhch in dem beeindruckenden Bildband KZ iherlebt von Stefan Hanke(Hatj Cantz Verlag 20160). Die gleichnamige Ausstellung ist noch bis zum 6. Januar 2017 im Dokumentationszentrum Reichspartei- tagsgelände Nürnberg und von Januar bis März 2017 im Museum Auschwitz zu sehen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 Zur Autorenschaft der Sonderkommando-Fotografien Von Andreas Kilian Anfang August, wahrscheinlich aber noch Ende Juli 1944 entstanden auf dem Gelãnde des vierten Kremato- riums in Auschwitz-Birkenau mehrere illegale Fotografien vom Vernichtungs- proZess in der Todesfabrik. Zu sehen sind darauf Leichen vor einer Bin— äscherungsgrube auf der Nordseite des Krematoriums, entkleidete Frauen auf dem Hof südlich des Krematoriums und Baumzweige. Laut dem Mitarbei- ter des Auschwit?- Museums Henryk Swiebocki, der sich in den 1900er Jah- ren eingehend mit der Thematik be- schäftigt hat, seien insgesamt sieben Negative belichtet worden. Veröffent- licht wurden bislang nur zwei von drei Fotos von den Verbrennungsgruben, eines von zwei Entkleidungsfotos sowie eines von zwei misslungenen Baumfotos, was zu der verbreiteten Annahme führte, dass insgesamt nur vier Fotos gemacht worden seien. Dan Stone schrieb 2001 zur Bedeu- tung der Aufnahmen: Hinsichtlich der visuellen Aufxeichnung vind vie ⁊weifel- los die wichtigsten Dokumente, die wir haben.“ Tatsächlich sind die Aufnah- men auch die einzige bekannte und erhalten gebliebene fotografische Do— kumentation der Massenvernichtung auf dem Gelände der Mordfabrik in Auschwitz-Birkenau. Aus technischen Gründen konnten sie nur Motive im Freien dokumentieren. Die Fotografien entstanden nur wenige Wochen vor der Beseitigung der Verbrennungsgruben Anfang September 1 944. Seit Bekannt- werden dieser Quellen gehören sie zu den am häufigsten publizierten, inter- pretierten und kontrovers diskutierten Aufnahmen der Bildgeschichte von Auschwitz, Obwohl das schreckliche Beweismittel auch die Frage provozier- te, Ob und in welchem Kontext es ge- zeigt werden darf. Finzelne oder mehrere Sonder- kommando-Fotografien wurden seit Kriegsende in Buchveröffentlichun— gen, Bildbänden, Foto-Ausstellungen (Auschwilz. Bilder und Dolumente? in der Frankfurter Paulskirche Ende 1964 sowie in West-Berlin Anfang 1966), Präsenzausstellungen in Mu- seen(Z. B. in der ersten Ausstellung des 1947 gegründeten Auschwitz-Mu— seums), in der Presse, in Hilm und Fernsehen(Alain Resnais„Nacht und Nehel*, 1956, in„Holocalist*, 1978, als SS-Foto ausgegeben) und sogar im Comic(„Bearer of Secrets?“ von M. Galek und M. Pyteraf, 2013) gezeigt oder deren Entstehung rekonstruiert. Fin Foto wurde sogar seit 1952 im Mu— Seum Auschwitz als Postkarte verkauft (S. Pawel S?ypulskis Fotobuch„ Gree- tings from Auschwitz“, 2015). Vier Jahre zuvor war es bereits im vierspra- chigen 21 Fotos und Zeichnungen ent- haltenden Bildkartenband, Qwiecim- 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Przezinka enthalten, der in einer Auf- lage von 2500 Fxemplaren in Krakau herausgegeben wurde. Der französische Kunsthistoriker und Philosoph Georges Didi-Huber- man schrieb über die Sonderkomman- do-Fotografien 2003 ein umfangreiches Buch(dt.„Bilder trotz allem*, 2007). Sein darin enthaltener und schon 2001 erschienener Katalogbeitrag zur Aus- Stellung„Mémoire des cumps“ wurde Scharf angegriffen, unter anderem von dem„Bilderkritiker“ Claude Lanz- mann(art press No. 298, 2003), der die im Weiteren zu untersuchende Dar- stellung des ehemaligen Auschwitz- Häftlings David Szmulewski mit un- sinnigen Argumenten polemisch verteidigte. Im polnischen Hilm„Das Ende un- Serer Welt“ von Wanda Jakubowska (1964) sicht man einen Häftling der Widerstandsbewegung mit um den Bauch geschnallter Kamera an ver- OSWIECIM-BhZEZINRK AVIBMII-BHPKEHAV AUSGHMLLZ-BIRRKELAU schiedenen Stellen im Lager wie auch fälschlicherweise an Schei- terhaufen Geheimaufnahmen anfertigen. Die Sonderkomman- do-Fotos werden in diesem Zu— sammenhang sogar eingeblen- det. Im ungarischen Spielfilm „SOn Oj Sl“ von Lãszlõ Nemes (2015) tarnen zwei Sonderkom- mando-Häftlinge die Foto— Aktion durch die Reparatur ei— nes Türschlosses an der Gaskammertür, ein Schloss, das es gar nicht gab. Der Fotograf hockt im Film zwei Meter vom Türrahmen entfernt in einem dunklen Raum, während der zweite Häftling den Aufnahme- bereich versperrt. Bei allem Ver- ständnis für künstlerische Frei- heit sind dies nur zwei Bespiele für die unseriöse Auseinander- setzung mit einem der bedeu— tendsten Widerstandsakte im Vernichtungslager Auschwitz- Birkenau. Unbestritten ist jedoch, dass Postkarte M 3-19318, Museum Auschwitz 1982, Original im Archiv Kilian. die Aufnahmen unter Todesge- fahr nur zu dem Zweck angefer- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 tigt wurden, die Offentlichkeit über das grauenhafte Verbrechen zu infor— mieren. Fest steht auch, dass die Be- weise nur im Innern der Vernichtungs- einrichtungen von den iolierten Häftlingen des Sonderkommandos beschafft werden konnten. Trot?dem war jahrzehntelang die Frage nach der Urheberschaft dieser Fotografien un— geklärt- und die selbsternannten Au- toren waren umstritten, vielleicht auch deshalb, weil die überwiegende Mehr- heit des Sonderkommandos als Ge-— heimnisträger ermordet wurde und ein Mangel an Zeugen die Aufklärung erschwerte. Die Schwierigkeit in der Darstellung konspirativer Arbeit liegt zudem darin, dass deren Akteure grundsätzlich nur einen Ausschnitt beZeugen können und die Rekon- Struktion deshalb häufig auf der Basis von Vermutungen, im schlimmsten Fall sogar übertriebener Selbstdarstel- lung, beruht. Letzteres traf im Fall des Auschwitz-Häftlings und Mitglieds der jüdischen Lagerwiderstandsbewe- gung, Dawid SZmulewski, zu, der sich als Autor der Aufnahmen ausgab. Anschauliches Heldentum (die S0er und 60er Jahre) Ein Jahr nach Entstehung der Foto- grafien waren nur drei Motive bekannt, zwei der Aufnahmen wurden schließ- lich in der polnischen Zeitschrift Prze- Kröj(Nr. 14, 1521 VII) mit der Anmer- kung veröffentlicht, dass„Dawid“, Mitglied einer geheimen Organisation von politischen Gefangenen, die Fotos im„Juni 1944“ unter der Jacke versteckt aus dem Lager geschmuggelt hätte. In den ersten Berichten nach der Befrei- ung, der 2. Ausgabe der Tageszeitung Diennilc Polski vom 5. Februar 1943 (in der ein Foto der Klãranlage mit den Worten„Becken zum Verbrennen der Leichen“ untertitelt wird), sowie dem kurz darauf entstandenen 22-minütigen Sowjetischen Propagandafilm„QOwie- cim? wurden die Fotos al- konlec nas?eto sniat — — — WELT lerdings noch nicht berücksichtigt. SzZmulewskis Version unserer folgte der Untersu— chungsrichter im War- Schauer HöB-Prozess, Dr. Jan Sehn, der zudem mit ihm im Nachkriegspolen zusammenarbeitete und auch befreundet war. Sehns Studie„Konzentra- tionslager Owiecim- Byzezinka“ erschien mit der falschen Behauptung, Poln. u. deut. Filmplakat zu Jakubowskas Film, 1964 SZmulewski habe als An- 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer gehöriger der Widerstandsbewegung die Aufnahmen„im August 1944“ Selbst gemacht, 1957 auch in deutscher Sprache. Zwei Jahre zuvor wurde diese Ver- sion bereits in der ersten systemati- schen Darstellung der Lagerhistorie in deutscher Sprache, herausgegeben von der„Zentralkommission fiir Unters- chung der Nazi- Verbrechen in Polen“ sic!], verbreitet. Darin wird allerdings fãlschlicherweise behauptet, S?Zmu— lewski habe„damals beim Sonderkom- mando“ gearbeitet. Ota Kraus' und Brich Kulkas frühe Darstellung„Die odes fabrik“, die 1957 erstmals in deut- scher Sprache veröffentlicht wurde, Schreibt S?mulewski die Urheberschaft der Fotografien zu, im selben Jahr auch das von Tadeus? Holuj herausgegebe- ne Buch„Achting“ Oswiecim“ sowie Israel Gutmans Werk„Anaschim Wa- Efer“(Dt.„Menschen und Asche*). Der 1939 dreisprachig in Warschau herausgegebene Bildband„Wir haben es nicht vergessen“ ordnet eine Foto- grafie namentlich Szmulewski zu(er wird ⁊Zudem im Fotonachweis genannth), 1960 der polnische Band„Matyrim der MMden in Polen“ zwei Fotos, die Schließlich in Gerhard Schoenberners Buch„Der gelbe Stem“ übernommen wurden. In der 1962 herausgegebenen Anthologie„Auschwitz— Zelignisse ind Berichte“ lautet die auf S?mu— lewski hinweisende Bildunterschrift: n 7 * *— 7½— * W GRUMWALDAK ROCAMlCE „ Kb . 8 L*—— Z—„ ————— —urs tra — —, 1— — —— — Mhn Karikhh. Misl K Raiklak — enbhr K r Erwähnung“Pawids? in der Zeitschrift PRZEKROJ, Juli 1943(Archiv Kilian) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 „Diese Auft— nahnme wrde Megal von eit nem Hftling gemacht, der als Dach- decker arbei- tete.“ Im Haupt- verfahren des 1. Frankfurter Auschwit?z⸗ Proꝰeses Sag ee am 29. Mai .. 1964 der Zeu- Dawid Szmulewski(1912 1900), Fotoarchiv Ghet. 2 Alfred to Fighters' House No. Woycicki aus, 35218 p dass er die Aufnahmen von den Verbrennungsgruben selbst entwickelt habe. Den geheimen Auf- trag habe er als im Erkennungsdienst eingesetzter Häftling bekommen. Die Fotos hätte SZmulewski gemacht. In den fast identischen Vorverneh- mungen des Zeugen vom 25. Novem- ber 19359 und 9. April 1963 findedn sich diese Angaben nicht. Dafür handelt die Hälfte des Vernehmungsprotokol- ls SZumlewskis vom 13. Juli 1961 von Seiner Autorenschaft. Die Angaben bestätigte er in seiner erneuten Ver- nehmung am 26. Februar 1962. In den Zeugenstand trat er letztlich aber nicht. In der Publikation des American Jewish Congress Gongress Bi- Weehkly vom 4. Januar 1965 schrieb der Jour- nalist und Poet S. L. Shneiderman in seinem Artikel Photos from me Alschwit? Hell' im Zusammenhang mit dem Auschwitz-Prozess ausführ- lich über den Fall Szmulewski. Er behauptete, dass dieser die Fotos mit einer Leica und„Teleobjektiv“ durch ein Loch im Dach der Gaskammer ge- macht hätte. Das Sonderkommando habe absichtlich das Dach des Krema- toriums beschädigt, um dem„Dach— decker“ Szmulewski zu erlauben, das Gelände zu betreten. Die Geschichte erregte Aufmerksamkeit und wurde schließlich in der Presse kolportiert, unter anderem in der National Jewish Post vom 13. Januar 1965. In Anlehnung an Shneiderman wid- met der Schriftsteller Vuri Suhl 1967 der abenteuerlichen Version in seinem Buch„Vhey fought bhack“ ein ganzes Kapitel. Grundlage dafür war Suhls Interview mit S?Zmulewski anlässlich der Verleihung seines im Januar 1960 empfangenen höchsten polnischen Militãrverdienstordens Virtuti Militari für„Mut und Heldentum“. Weiter heißt es: Er vergrößerte das mittlere Knopfloch seiner Hiftlings- jacke um das Objelctiv durch zu vchie⸗ hen, wdhrend der Rest der Kamera in- ter der Jacke verborgen blieb. Dann Kerterte er auf das Dach und machte vichn an die Arbeit. Er war in der Lage, nhemerikt drei Schnappschiisse zu ma⸗ chen.“ Ohne die Quelle zu benennen übernahm 1974 der Journalist Reuben Minsztein die Suhlsche Fassung in seit ner umfangreichen historiogra- phischen Studie„Midischer Widerstund im deutschhesetzten Oeuropa wihrend des zweiten Weltkriegs“. Im gleichen Zeitraum wurde die Version in Michael Darlows TV-Dokumentation 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Vne Worid a War“(GB 1973174) kol— portiert. Distanzierung (die 1970er Jahre) Hermann Langbein schreibt 1972 in seinem Werk„Menschen in Auschwitz“ differenziert, dass Szmulewski den Auf- trag erhalten hätte,, Hoiografien von der Vernichtung zu beschaffen“. Wer„vom Dach eines Krematorilums aus“ Aufnah- men gemacht habe, lässt Langbein offen. Er irrt aber in der Verortung des Fotografen. Zurückhaltend war auch die Darstellung in den Publikationen des Staatlichen Museums Auschwitz: Während in dem 1961 von Kazimierz Smolen herausgegebenen Büchlein „AMchwitz 7A0 noch auf den Abdruck der Fotos verzichtet wurde, aber, von einem Hftling gemachte Aluft nahnmen“ erwähnt werden, ist 1972 in der deutschen Ausgabe des Dokumen- tenbands„Inmitten des grauenvollen Vorhbrechens“ davon die Rede, dass die Aufnahme(n)„on Mitgliedern der Wi- derstandsbewegung im Lager“ erstellt worden seien. 1973 heißt es in dem Band„Auschwilz in den Augen der S“ Sowie 1978 in„Alschwitz— faschisti- Sches Vernichtungslager“ hingegen, dass die Fotos von„einem“ Mitglied der La- gerwiderstandsbewegung aufgenom- men worden wären. 1980 wird die Au- torenschaft in dem von Kazimierz Smolen herausgegebenen Bildband „KL. Alischwitz. Hotogrufie dokumental- ne als„unbekannt“ bezeichnet. Inzwischen war Szmulewski, trotz leitender Funktion in der Abteilung 7“ der Milicja ObywutelsMa(Seit 1956 Ver- einigung des polnischen Innen- geheimdienstes und der„Bürger- miliz“), nach Gerüchten über einen Skandal politisch untragbar geworden. Er wurde in Folge antisemitischer Maß- nahmen 1968 gezwungen, Polen zu ver- lassen, und bekam 1971 sogar den Offi- ziersrang aberkannt. Sein ehemaliger Auschwitz-Kamerad und Verbindungs- mann im Lagerwiderstand, Minister- prãsident JoZef Cyrankiewicz(1947— 1952, 1954-1970; verstorben 1989), dessen Sicherheitschef er zeitweise ge- wesen war, half ihm in dieser Lage nicht. Cyrankiewic?z war im September 1944 neben Stanislaw Klodzinski Ver- fasser des Kassibers, der die illegalen Aufnahmen kommentierte und derje- nige, der behauptet hatte, die Aufnah- men von S?Zmulewski erhalten zu ha- ben. Die Frage jedoch, wie die Fotos zustande kamen, konnte seinerzeit nicht aufgeklärt werden. In dem 1995 vom Auschwit?-Muse- um veröffentlichten fünfbändigen Standardwerk„Auschwitz JA0-4“ Geit 1999 auf Deutsch) kommentiert Henryk Swiebocki den Fall abschlie- Bend mit den Worten:„A Dawid SZmlewsMi nach dem Krieg in Polen wan verichten Mitarbeiter des Staatli chen Muselims Alschwitz mehrfach, die Fage der Autorenschaft der genannten otografien definitiv mit im zu Kldren, dies it innen jedoch nicht gelungen.“ Differenziert wird das Ereignis auch in Ber Marks Buch„Megillan Ausch- wit? dargestellt, das nach Marks Tod im Jahre 1966 von seiner Frau Esther fertiggestellt und in Israel erst 1977 ver- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 õffentlicht wurde. Mit Hinweis auf eine nicht datierte„Assage von Alter Fein- Slhben B. Mark Aychiv“ wird Szmulewski als Schmuggler der Aufnahmen be- Zeichnet, der Sonderkommando- Uber- lebende Fajnzylberg sei hingegen in al- le Phasen der Operation, die auf dem Krematoriumsgelände stattgefunden hätten, involviert gewesen. Der Name des Fotografen wird jedoch nicht kon- kretisiert. Kollektive Ehre (die 1980er und 1990er Jahre) In diesem Zusammenhang befrag- ten Historiker des Auschwit?z-Mu— Seums den ebenso wie SZmulewski in Paris lebenden Alter Fajnzylberg En- de Januar 1978 schriftlich zu der Cau- sa. Der neun Monate ältere Fajnzyl- berg war S?Zmulewskis Verbindungs- mann im Sonderkommando- beide waren ehemalige Spanien-Kämpfer, überzeugte Kommunisten und kamen mit demsel- ben Frans- Port aus Compiegne Ende März 1942 nach Auschwit? (H.-Nr. 27675 und 27849). In seinem Antwortbrief vom 12. Mai 1978 bezeich- Shlomo Dragon(1922 net Fain?yl- 2001, Foto: A. Kilian berg sich als 1993.„Co-Autor“ der Aufnahmen und schreibt, dass ei- ne Gruppe von vier bis fünf Personen, darunter„Alex aus Griechenland, Sz— jojme Dragon und sein Bruder Josel“ an der Erstellung der Fotos beteiligt gewesen seien:„Die Fotos wurden direkt von Alex aus Griechenland auft genommen(den Nachnamen erinnere ich nicht).“ Er habe schließlich im Männerlager B II d die Aufnahmen an SꝰZmulewski übergeben. Laut Fajnzyl- berg sei erwähnter Alex bei einem Fluchtversuch während der Spuren- beseitigung von Menschenasche an der Weichsel getötet worden. Erste konkrete Zweifel an S?mu- lewskis Darstellung wurden 1979 von der Auschwitz-Uberlebenden und Historikerin Fipora Hager Halivni (1929-2008) in den Jewish Social Stu- dies 41, no. 2, õöffentlich gemacht. Sie Stüt?zte ihre Behauptungen auf ein per- sönliches Gespräch mit Fajnzylberg und Tadeus? Holuj, einem führenden Mitglied der Kampfgruppe Auschwitz, Sowie auf Un- tersuchungs- ergebnisse von Foto- Analysten. In der überar- beiteten Edi- tion des von Peter Hell- mann heraus- gegebenen franzõsischen „AMSCMwitz A4AbLmS* (1983) wird angemerkt, . Abraham Dragon(1919 -2011, Foto: A. Kilian 1998. 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer dass das Staatliche Auschwit?- Muse- um seine Auffassung, wer der Autor der Aufnahmen sei, revidiert habe, „Mnd niimn wirklich niemand weiß, wer diese Bilder gemacht hat“. Nach Verõffentlichung von S?mu- lewskis PBrinnerungen in jiddischer Sprache(Erinnerungen an den Wider- Stand in Auschwitz-Birkenau“, 1984) bekräftigte Alter Fajnzylberg während eines Besuchs in der Gedenkstätte Auschwitz im September 1985 seine ei- gene Version. In seiner Aussage gibt er an, dass unter den Fingeweihten Mex der Finzige gewesen sei, der eine Foto- kamera bedienen konnte. Zugleich be- tont er, dass die anderen Beteiligten wãhrend der Aktion aufgepasst hätten: „S0 Können wir vugen, dass die Fotos Kollektiw gemacht wurden, obwohl der griechische Mude Alex ph)sisch den Alisõer der Kamera gedrückt hat.“ In dem den Besuch dokumentierenden 19-minütigen Filmbeitrag Pamiec? von E. KoZik und P Gibiec(PI 1986) wird Alex jedoch nicht erwähnt. Im selben Jahr erhielt das Ausch- wit?- Museum erstmals einen unbear- beiteten Satz der Fotografien aus dem Nachlass der Witwe des ehemaligen Widerstandsaktivisten Wladyslaw Pyt- lik(1922-1984), Danuta Pytlik(1922 1985, geb. Bystron). Der unter dem Pseudonym„Birkut“ bekannte Leiter der lokalen Widerstandsgruppe PPS BrZeszcze musste im September 1944 Selbst nach Krakau flüchten, um dort unterzutauchen. Er sorgte dafür, dass die Aufnahmen nach Krakau kamen. Anlässlich seiner Zeugenaussage vor Mitarbeitern des Auschwit?- Museums im Oktober 1960 legte er drei Abzüge der bereits bekannten Sonderkom- mando-Fotografien vor. Wesentlicher Unterschied zu den Abzügen von 1947 war, dass sie nicht retuschiert wurden. Im Gegensatz zu ihnen waren die 1985 vorgelegten Abzüge nicht beschnitten und sieben an der Zahl. Die neuen Ab- züge belegten zweifellos, dass SZmu- lewskis ursprüngliche Darstellung nicht der Wahrheit entsprechen konn- te, da sie den Standort des Fotografen am Boden durch sichtbare Türrahmen und in zwei Fällen durch Bäume im Bild viel deutlicher erkennen ließen. Bis dahin waren auf den bekannten Abzügen der Gruben-Fo- tos entweder nur das Ende eines Dach- balkens, ein Schmaler Teil des linken Türrahmens, oder schein- bar der Teil eines Kopfes am linken . Türrahmen Wadyslaw Pytlik ¶922- erxennen 1984). Foto: APMO r Drei Jah- re spãter schreibt der Auschwitz-Hi— Storiker Henryk Swiebocki im 1)9. Band der„Hefie von Auschwitz“(erst 1995 ins Deutsche übersetzt) erstmals die Fotos offiziell, den jiidischen Häft- lingen des Sonderkommandos“ zu. In Jean-CGlaude Pressacs Verõffent- lichung von„Auschwitz. Jechnique and Operation of ihe Gas Chambers“, die Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 erstmals eine unbearbeitete Fassung der Aufnahmen zeigte, wurde 1989 zunãchst SZmulewskis Version dahinge- hend relativiert, dass er die Fotos zwar nicht selbst gemacht habe, aber vor Ort dabei gewesen sei. Er habe die Kamera an einen Sonderkommando-Häftling übergeben, Wache gestanden und nach der Aktion die Kamera wieder an sich genommen. Diese konstruierte Version beruht auf einem nicht nãher belegten Gespräch Pressacs mit SZmulewski aus dem Jahre 1987, widerspricht seiner früheren Darstellung und berücksich- tigt weder die Gegendarstellung Fajn- zylbergs noch den Widerspruch Haliv- nis. Insbesondere ist zweifelhaft, dass ausgerechnet während einer Vernich- tungsaktion das Dach repariert werden Sollte und Außenstehenden Zutritt gewährt wurde. Zum Zeitpunkt der Ak- 5— ———— 3— — 5— 1 3 B tion Soll Szmulewski zudem als Schrei- ber und nicht als Dachdecker beschäf- tigt gewesen sein. In seinem zweiten Buch„Die Krematorien von Ausch- wil?“(1994) ordnet Pressac ein Foto „Einem inbekannten Miglied des Son- derkommandos“ zu. Seit Teresa Swiebockas Veröffent- lichung der polnischen Ausgabe von „Alischwilz4 Histor in Photographs“, 1990, und erst nach Szmulewskis Tod am 15. Januar 1990 gilt Fajnzylbergs Darstellung als anerkannte Sichtwei- Se, der zufolge ein Grieche aus dem Sonderkommando namens„Mlex“ den Auslõser der Kamera betätigt ha⸗ be. Fin Auszug seiner Aussage aus dem Jahre 1985 wird in diesem Bild- band erstmals zitiert. Diese Version findet sich zudem Sseit 20 Jahren im Sammelband 5„ .——„— v *„ 3 3 L„ 8 3 - 3.* 1— m„. „ „ ⸗ S.———— —— Gedenktafeln mit Erwähnung der Autorenschaft von Mlex“, Foto: M. Kilian 1997. 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer „Achwitz. Nationaloz ialistisches Vernichtungslager“(Beitrag Barbara Jaros?z's über den Lagerwiderstand, Seit 1997 in dt. Sprache, jedoch noch unter Finbeziehung S?mulewskis), seit 1996 in der überarbeiteten deutschen Edition der Sonderkommando-Hand-— schriften„Inmitten des grauenvollen Vorbrechens“ und seit 1999 in Band IV von„Alschwitz 194094“(Henryk Swiebockis Beitrag zur„Sammlung von Beweisen“) wieder. Auf den Gedenktafeln in der Nähe des Originalschauplatzes ist diese Ver- sion seit 1993 festgeschrieben. Keine restlose Aufklärung (von der Jahrtausendwende bis in die Gegenwart) Fajnzylbergs Darstellung konnte je- doch bislang durch andere Augenzeu- gen-Berichte auch nicht bestätigt wer- den. Shlomo Dragon gab in Gideon Greifs Interview-Sammlung, Wir wein- len trãnenlos...“(1993) lediglich an, ei- ne Kamera von Fajnzylberg erhalten und diese versteckt zu haben. In seinen ersten Aussagen am 26. Februar und 11. Mai 1945 erwähnte er dies nicht, aller- dings gab Fajnzylberg am 16. April 1945 zu Protokoll, dass er es gewesen sei, der den Fotoapparat vergraben habe. Der wahrscheinlich Einzige, der den tat- Sächlichen Hergang der Aktion bezeu— gen konnte, der Fotograf„Alex“ Alberto Errera, wurde nachweislich am 9. August 1944 während eines Flucht- versuchs von der SS ermordet. So hatte es auch Fajnzelberg 1978 angegeben. Den unplausiblen Ablaufschilderun- gen von S?Zmulewski und Fajnzylberg oder der Interpretation von Stanislaw GwiꝰZdka(Siehe MB der IGA 2015, 8. 32 f.) konnte durch einen unmittelba- ren Augenzeugen daher nicht mehr widersprochen werden. Auch Fajnzylberg unternahm ei- nen Fluchtversuch. Im September 1944 wurde er jedoch aufgehalten und überlebte nur, weil die Flucht von der S8 nicht als solche erkannt wurde. Die Widerstandsaktionen auf dem Krematoriumsgelände waren vielfäl- tig und komplex, der konspirative Charakter der Tätigkeiten verhinderte jedoch in den meisten Fällen ihre lũckenlose Aufklärung. Häufig kann- ten Aktivisten nur ihren direkten Ver- bindungsmann, ihre Aufgaben waren begrenzt. Die Durchführung von ille- galen Aktionen war nicht zuletzt aus Sicherheitsgründen arbeitsteilig orga- nisiert. Selbst wenn mehrere Häftlin- ge in die Aktion involviert gewesen wären, ist Fajnzylbergs Behauptung ei- nes„Autorenkollektivs“ fragwürdig. Der ursprünglichen, längst nicht mehr haltbaren Version SZmulewskis folgen Zum Jeil bis in die Gegenwart ei- nige wenige Journalisten, Schriftsteller G. B. Claude Lanzmann und Christo- pher Hitchens) und Historiker, so auch Gideon Greif und Itamar Levin in ihrem im Oktober 2015 erschienenen Buch „Aſand in Auschwitz“. Die beiden renommierten Historiker datieren die Fotos fälschlicherweise auf Juni 1944, behaupten Zudem, dass Abzüge der Auf- nahmen 1944 in Birkenau vergraben worden seien. Sie verwechseln hier of- fenbar die Sonderkommando-Fotogra- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 fien mit den 1 946 ausgegrabenen Fotos der Zentralbauleitung des Lagers. In der im Frühjahr 2016 vorgeleg- ten Untersuchung„Matters of Testi- mon)“ ziehen die beiden Historiker Nicholas Chare und Dominic Williams die in der Sonderkommando-Mono— grafie„Zelugen aus der Jodeszone“ 2002 erfolgte Identifizierung von „AleX“ als Alberto Errera in Zweifel. Sie begründen dies mit der Annahme, dass es bei Fajnzvlberg im Hinblick auf Erreras Bekanntheitsgrad im Sonder- kommando unwahrscheinlich sei, des- sen Identität zu vergessen. Dabei berũcksichtigen sie jedoch nicht, dass Fajnzylberg Erreras Person eindeutig —— Alter Fajnzylberg(1911-1987) Museum Auschwitz 1985, Foto: APMO Nr. neg. 21202/22 identifiziert hatte, sich nur nicht mehr an dessen Nachnamen erin- nern konnte. Chare und Wil— liams betrachten AleX als„unbe- kannten griechi— schen Juden aus dem Sonderkom- mando“, obwohl am 13. Juni 2014 Alban Perrin auf dem internationalen Kolloquium „Pcritures de la destruction? in Paris die Identifizierung Erreras in seiner Präsentation der Memoiren Fajnzyl- bergs bestätigt hat. Die in vier Heften auf Polnisch verfassten undatierten Frinnerungen werden seit November 2014 unter dem Titel„Cahiens d'alter Ce que jai vu d Auschwitzꝰ angekün- digt und ihre Verõffentlichung seitdem (uletzt für Ende August) verschoben. Jeden einzelnen Schritt von der Be- schaffung der Fotokamera bis zum Schmuggeln der Aufnahmen aus dem Lager rekonstruieren zu wollen, ist utopisch. Die überlieferten Zeugen- berichte zu diesem Thema sind sehr widersprüchlich, eine kritische Prü— fung daher notwendig. Wahrscheinlich behält die 98 jährige Auschwitz-Uber- lebende Helen Tichauer(geb. Spitzer), die mit dem zweiten Transport slowa- kischer Jüdinnen im März 1942 nach Auschwitz deportiert wurde(H.-Nr. 2280), recht, wenn sie sagt:, Widerstund war volch ein geheimerAlkt dass man es nicht hezeugen Konnte. Die wahren Widerstndler wuren unsichtban“ Les cahiers d Ater fajnbem Cover der Erinne- rungen Fajnzyl- bergs. Rosiers 2016 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Krematoriums-Archäologie in Auschwitz Geschichte einer Wiederentdeckung Von Andreas Kilian In einer Pressemitteilung vom 7. Juni 2016 erklärte der Direktor des Museums Auschwitz, Piotr Cywinski, dass nach monatelanger Suche mehr als 16.000 verschollene Fundsachen, die im Sommer 1967 auf dem Gelände von Krematorium II ausgegraben wurden, in die Gedenkstätte zurück- geführt worden seien. Nach der Ent-— deckung eines Goldrings und einer Halskette im doppelten Boden eines EFmaille-Bechers im Mai, war dies be- reits der zweite spektakuläre Fund dieses Jahres. Beide Wertsachen wurden gefun- den, nachdem sich der Boden des Be- chers gelockert hatte und Spezialisten das Fxponat fachmännisch durch Röntgenaufnahmen untersuchten. 1967 seien lediglich 400 Fundstücke in der historischen Sammlung der Ge— denkstätte registriert worden.„Ein Paar Monate Später gab es 1966 eine Politische Wende und die Kommunisti- Schen Machthaber nahmen einen klar antisemitischen Kurs auf Vielleicht hat- ten sie deshalb mit der Durchfiihrung lind dem Ahchluss dieses Projekts Kei- ne Eile. Die Zeiten waren damals OOr brMr ZN ider der Dreharbeiten und aus dem Film von Andrꝛej Brzozowsk Foto: PhMnO 2016) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 K. in Betrieb Auskleideraurn — — „inAches E Retonds nmint irai Starnpf⸗ platz 1 S Bilcinterpretation: A. Kiſſan 2016 £ — — . 5 Shwierig flr Vhemen, die mit dem Ho- locaust zusummenhingen“, erklärt Cywinski die Versãumnisse. Die in beschrifteten Papierkuverts verstauten Hxponate, die kürzlich in einem Lagerraum der Polnischen Akademie der Wissenschaften ent-— deckt worden waren, wurden dem Museum Auschwitz am 3. Juni dieses Jahres in 48 Kartons übergeben. Es handelt sich primär um Gebrauchsge- genstände, die zur persönlichen Habe der nach Birkenau Deportierten gehörten, u. a. Thermometer, Behälter— glas, Lippenstifte, Besteck, Uhren, Bürsten, Rasierer, Kämme, Tabakpfei- fen, Feuerzeuge, Spielzeug, Fragmente von Geschirr und Schuhen, Knöpfe, Brillen, Taschenmesser und Schlüssel. Finige Gegenstände verraten durch Aufdrucke ihre Herkunft aus Lodz, Ungarn oder Holland, z. B. eine Brot- karte, Porzellan oder Bügelverschlüs- Se von Flaschen(„A. I. Bakker-Glas- fabrikant*). Die meisten Fundsachen waren entweder kaputt oder wertlos, was die Vermutung erhärtet, dass es sich um Gegenstände der Müllentsorgung ge- handelt hat, welche sich laut Sonder- kommando-Zeugenaussagen an der Ausgrabungsstelle befand, und die nicht im Müllverbrennungsofen inner- halb des Krematoriums vernichtet wurden. Es wurden aber auch verein- zelt Gegenstände geringen Werts wie Schmuck und Münzen gefunden, die mõglicherweise von Sonderkommando- 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer ** — 1. 1 3 —. 7„ — Henryk Tauber und Shlomo Dragon bei den Ermittlungen der sowj. Untersuchungs- kommission, Februar 1945, Originalabzug im Archiv Kilian Häftlingen als Akt des Widerstands unter dem Müll versteckt worden wa- ren, ebenso wie menschliche Zähne. Der konspirative Sonderkomman- do-Chronist Salmen Gradowski schrieb über die Zähne im Jahre 1944: „Win die Arheiter dieses Kommandos, hahen sie eigens über das gesamte Geldnde veystrelt, S0 viele wie wir Konnten, S0 dass die Wel lebende Zei- chen von Millionen ermordeter Men- Schen finden möge.* Versteckt wurden zudem Uberreste wie Knochenstücke und Haare, aber auch Beweismittel wie Tagebücher, Briefe und Fotos. Filip Müller vagte 1979 im Interview Claude Lanzmann gegenüber aus:„(..) viele Fotografien wuren vergraben, die mis- Sen noch his helute da in Auschwitz s0 z vein. Wir haben ja auch dafir ge— Soygt, dass die Welt mal vielleicht sich mal da in diesen Jerrain graben wirde.? Dies bestätigte auch der Sonderkom- mando-Uberlebende Henryk Tauber in seiner Aussage vom Mai 1943. Die Grabungsstelle von 10 X 10 Metern befand sich 1967 auf dem Gelände einer etwa 5 X 8 Meter großen Müllgrube, die auf alliierten Luftaufnahmen bereits seit dem 31. Mai 1 944 erkennbar ist und selbst nach der Verwischung von Spuren und Zu— schüttung anderer Gruben auf dem Gebiet von Krematorium II noch am 19. Februar 1945 als einzige Grube zu Schen war. Insofern kann nicht ausgeschlossen werden, dass kurz nach der Befreiung Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 von Auschwit?z durch die Sowjetarmee am 27. Ja- nuar 1945 bereits Gegen- stände aus der Grube entwendet oder durch— wühlt wurden. Der Hi- Storiker Pavel Polian geht in seinem Buch In mme midst ofhell(Moscow 2016) davon aus, dass im Februar das Lagergebiet marodierenden Schatz- suchern aus der lokalen Bevölkerung überlassen worden sei, bevor im März 19435 ein Internie- rungslager für Deutsche eingerichtet wurde und das Gelände überwacht war. Die ehe- maligen Sonderkommando-Häftlinge Shlomo Dragon, Henryk Tauber und Henryk Mandelbaum befanden sich nach ihrer Flucht bereits im Februar 1945 wieder auf dem Lagergelände und sagten vor einer Sowjetischen Un- tersuchungskommission aus. Anfang März fand Dragon geheime Aufzeich- nungen Salmen Gradowskis in einer Aschegrube bei Krematorium JI. Mandelbaum erinnerte sich an Schatzsucher in jener Zeit:„Jch sah Lelte den Erdboden durchsuchen und Umgraben, im Wäldchen nahe dem Kremdtorium.“ Tatsächlich wurde das Gelãnde bereits vor der Befreiung sy- stematisch durchsucht. Der Sonder- kommando-Uberlebende Shlomo Ve- nezia schrieb darüber in seinen Brinnerungen:, Ich hatte die Zdhne bei der Durchsuchung des Hofß des Kre- matorilims gefunden. Wir wlssten, duss Henryk Mandelbaum, Fe- bruar 1945(RGVA) die Mdnner des Sonder- Kommandos für gewöhn⸗ lich Wertobjelte veystecl- ten, indem„ie diese vergruben.(..) Alles wds wir fanden, teilten wir so⸗ fort unter uns auf Wdhnrend der eine Suchte, vand der andere Wache.* Auf dem Gelände befanden sich neben die- 6 ser Müllgrube vermut- lich ein Dutzend wei- tterer Gruben, in denen bis Sommer 1944 hauptsächlich die Asche der Ermordeten vergra- ben wurde. Im Herbst 1944 wurden die meisten alten Gru— ben wieder geöffnet und die Men- schenasche wurde in die Weichsel ge- schüttet. Die vom Sonderkommando ver- heimlichten Gruben sollten später als Beweise der Verbrechen dienen. Mög- licherweise steht die hohe Anzahl der Gruben auf dem Gelãnde von Krema- torium II in direktem Zusammenhang mit dem vermehrten Vergraben von geheimen Aufzeichnungen und Be— weismitteln auf diesem Gebiet. Offen- bar alle bekannten und nach Kriegs- ende aufgefundenen Handschriften, die vom Sonderkommando versteckt wurden, fanden sich dort. Von der Belegschaft des Kremato- riums I überlebte kein Häftling, der Hinweise zu Verstecken geben konnte. Polian zufolge seien aufgrund „Schwarzer Archäologie' viele ver- steckte Aufzeichnungen zerstört wor- 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer den. Im CIA-Be richt 4 Retrospec- S tive Analysis of ie ſ Aschwit? Bir- Kendu Exterminati- ₰ on Compler von f Brugioni und Poiri- † er wurde die Müll- grube im Februar . Erstes Buch über den 1979 noch als mõg ersten Lewenthal- liche Leichenver- Fund, Lodz 1965 brennungsgrube fehlinterpretiert. Zudem meinten sie irrtümlicherweise, auf einer Luftauf- nahme vom 21. Dezember 1944 zu er- kennen, dass die Grube zugeschüttet worden sei. Wann die Grube nach Februar 1945 mit Erde aufgefüllt wurde, kann nicht mehr rekonstruiert werden, aber ihre Offnung. Ania S?czepanska zufol- ge sei die Ausgrabung von dem polni— schen Filmregisseur und Drehbuchau— toren Andrzej Brzozowski(1932 2005) initiiert worden, nachdem er durch das polnische Buch SZMajcie w Popiolach(Suchet in der Asche, 1965; dt. Ubers. Briefe aus Litzmannstadt, 1967) über die vom Sonderkomman- do-Häftling Salmen Lewenthal ver- grabenen und am 28. Juli 1961 ent— deckten Schriften dazu inspiriert worden war. Dieser dreiteilige Fund, ein Bericht aus dem Ghetto Litzmannstadt, ein Kommentar Lewenthals sowie ein Armband, war dem beharrlichen En- gagement des ehemaligen Auschwitz- Häftlings Henryk Porebski zu verdan- ken, der das Versteck Lewenthals kannte und seit August 1943 eine offi— zielle Grabung zu erreichen suchte. Mit Unterstützung der Hauptkommis- vion zlur Erfoyschlng der Hitlerverbre— chen in Polen wurde allerdings erst im März 1961 eine Genehmigung erteilt. Im Zuge dessen wurden 1961 auf der Rückseite von Krematorium II über 80 Quadratmeter Erde umgegra- ben. Dabei„Kamen unter einen dicken Rdsenschicht diese Abfdlle zum Vor- Schein. Hunderte von Kleinen Arznei- Hschchen, Knöpfe, Purfiimflakons, Lõyÿfel ind Gabeln, zerbrochene Mani— Kiiregegenstdinde, zerschlagene Spiegel ind Pliderdosen, Schließlich ungari- Sches, chechisches, deutsches ind pol- nisches Kleingeld.“, informiert das Buch. BrZozowski hatte das Thema für seinen nächsten Kurzfilm gefunden und einen sicheren Fundort hatte er auch, denn außer den Lewenthal-Fun- den verblieben alle„Abfälle“ in der Erde. Bevor die Gruben-Offnung ge- filmt werden konnte, fanden jedoch noch weitere Untersuchungen auf dem Hinterhof von Krematorium II Statt. Nach erneuten Grabungen durch die bereits erwähnte Hauptkommis- vion wurde am 17. Oktober 1962 eine weitere Handschrift Lewenthals gefunden. Am 17. Oktober 1963 gab der ein- zige bekannte Sonderkommando- Uberlebende der sog. Ungarn-Trans- porte, Dov Paisikovic, in Wien zu Protokoll, er habe ein Tagebuch seines aus Frankreich deportierten polni— schen Kameraden Leon„am Mitt- woch vor dem Aufstand? des Sonder- kommandos im Hof von Krematorium II selbst vergraben. Zudem seien da- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 28 * Dokumentation der Suche in: REVUE, 13.09.1964, Foto: Jenö Kovacs bei„Dokumente, Pässe“ sowie auch „Haare von Leichen, Zähne, etc.* ver- steckt worden,„aber grundsätzlich kein Wertgegenstand, damit nicht jemand, der später einmal diese Kiste findet, sie eben wegen solcher Wert- gegenstände plündert“. Die Beweis- mittel seien in einem großen Glas- behälter, der durch einen Betonkasten geschützt wurde, verschlossen worden. Die Aussage wurde im Frühjahr 1964 bereits in Leon Poliakovs Standard- werk Alisch witz publiziert und weckte Interesse. Im August 1964 reiste Paisikovic nach Polen, um im Zuge des Frankfur- ter Auschwitz-Prozesses, in dem er Schließlich am 8. Oktober 1964 als Zeuge aussagte, das Tagebuch als neu— es Beweismittel zu finden. Paisikovics Suche wurde durch einen israelischen und einen deutschen Journalisten so— wie durch einen Fotografen festgehal- ten. In der Zeitschrift REVUE vom 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13.09. 1 964 resümiert der Journalist Paul Trunk:„Paisikovic Kann das Vorsteck nicht mehr finden. Die ers- ten Grabungen bleiben ohne Er- gehnis. Schließlich steckt Paisikovic wenigstens das Geldnde ah, aufdem vich veiner Erinnerung nach das Ja⸗ gebuch etwa einen Meter tief nter der Erde hefinden muuss.* Die israe- lischen Zeitung Vediot Ahronot Schreibt am 28. August 1964, der damalige Direktor des staatlichen Auschwitz-Museums, Kazimierz Smolen, hätte nach dem Misserfolg versprochen:„Wir werden es ſin- den. Wir werden eine Gruppe Solt daten einsetzen und sie jeden Win- Kel des Erdhbodens durchsuchen lusven.? Realisiert wurde die Suche je- doch nicht. Stattdessen erstellten Mitarbeiter des spezialisierten Bergbau-Unternehmens Hdro— FMUMK n. n mmn nn nmn nn nrnmn n nnn nnn n ene mnn nenkann'nmn n du n'pnapa nnnn nnna dnann nnahua e nrrmm Mm n k nn ra ſpum u pnpa won 1 Fi r u S * 1 S*vbb nmnun 2— —„ 52 w—. 1— 1un v 1.** M*—. [—— J S—. pel ſ 2 MN l 2 b* 4% ₰ 4 3% 7 01 52 „ p%.— e— 3 3 47˙% ℳ b„40 pe t5 60— Jh rn 6 d 2. e— 17 6 u * Uv vrt) b. ,* ½ w nr—— F — Kop aus Krakau in den Jahren 1965-1 966 eine geologisch-techni— sche Dokumentation, die auch auf die Birkenauer Aschegruben eingeht. Gesucht und gefunden wurde bis zu Br?ZoZowskis Filmprojekt nichts mehr. Sein 14-minütiger und im Mai 1968 uraufgeführter Kurzfilm Archeologia, der als wissenschaftliche Dokumenta- tion konzipiert war, erhielt bis 1973 acht Filmpreise. Dank der im Film dokumentierten Funde wurde die Suche nach den verschollenen Hxpo- naten vor einigen Monaten ausgelõst. Salmen Lewenthal schrieb am 15. August 1944:„Suchet weiter? Mr wer— det noch mehr inden““ Diese Ermuti- gung sollte selbst nach 72 Jahren noch Berichterstattung in Vediot Ahronot, 28.08.1 964, Archiv Kilian beim Wort genommen werden. Neue technische Untersuchungsmethoden können inzwischen auch unleserliche Stellen rekonstruieren, wie die vor we- nigen Monaten erfolgte neue Entziffe- rung des 1980 von einer Gruppe pol— nischer Schüler gefundenen Briefs Marcel Nadjaris belegt. Unter der Direktion von Piotr Cywinski besteht Anlass zu der Hoff— nung, den letzten Willen der geheimen Chronisten von Auschwitz zu erfüllen, damit ihre mutigen Anstrengungen und ihr verschollenes Vermächtnis nicht ein zweites Mal oder endgültig vernichtet werden. Wohin sollen wir nach der Befreiung?“ Zwischenstationen: Displaced Persons nach 1945 Ausstellung im Hessischen Staatsarchiv 64289 Parmstadt, Karolinenplat? 3 1. September-24. Oktober 2016 Mo.: 9- 19.30 Uhr, Di.-Do.: 9— 17.30 Uhr, Fr.: 9— 15 Uhr Der Fintritt ist frei. Weitere Informationen unter www. landesarchiv. hessen. de Hat das Kan?zleramt etwas zu verbergen? Das Votum der Sachverständigen, die Anfang Juni vom Kulturausschuss des Bundestages angehört wurden, war einhellig: Alle geladenen Historikerin- nen und Historiker hatten sich dafür ausgesprochen, die Geschichte des Bun- deskanzleramts aufgrund seiner zentralen Bedeutung gerade in der Adenauer- Ara eigenständig erforschen zu lassen. Gerade dies soll nun aber nicht geschehen, wie aus einer Antwort von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) auf eine kleine Anfrage der Linkspartei hervorgeht. Es sind bisher siebzehn Bundesministerien und oberste Bundesbehörden, die durch unabhängige Kommissionen von Historikerinnen und Historikern ihre Geschichte während und nach dem Dritten Reich erforschen und aufarbeiten ließen. Selbst der Bundesnachrichtendienst hat sich durchleuchten lassen. Beim Bundeskanzleramt wird dies nun abgelehnt. Das Kanzleramt beab- sichtige lediglich, ein„ ressortibergreifendes Forschungsprogramm auszuschrei— hen“, teilte Ministerin Grütters mit, wie die Tageszeitung taz(30. August 2016) berichtete. Damit sollen, laut Grütters,„Forschlungsliicken zu bislang nicht ndher ntensichten zentralen deuuschen Behörden— einschließlich des Bundeskanzler— amts— geschlossen nd resvortiibergreifende Querschnittsprojelkte initiiert wer- den.“ Das Programm solle„als Ergänzung neben die bislang ibliche Forschung in ind ⁊u den einzelnen Kessorts“ treten. Brisant ist die Ablehnung des einhelligen Vorschlags der Sachverstingen vor allem, weil das Kanzleramt zwischen 1953 und 1963 von Hans Globke geleitet wurde. Adenauers mächtiger Staatssekretär ist eine der schillerndsten Persona- lien in den Anfängen der Bundesrepublik. Der Name des Kommentators der Nürnberger Rassegesetze, der bis 1943 in Hitlers Reichsinnenministerium gear- beitet hatte, steht wie kein anderer für die Kontinuität nationalsozialistischer Funktionseliten, die in der Bundesrepublik ihre Karrieren fortsetzen konnten. Die Rolle des Kanzleramtes müsse Mmfassend und nicht nur unter ferner liefen intersucht werden“, fordert der Bundestagsabgeordnete Jan Korte(Die Linke). Mitgliederversammlung Ldgergemeinschaft Auschwitz- FrelindesKreis der Alschwitzer Samstag, 19. Novmber 2016, 14.30 Uhr 61118 Bad Vilbel, WO-Ireff, Wiesengasse 2 Die Kinder von Auschwitz Alwin Meyer stellt sein Buch vor: Vergiss Deinen Namen nicht- Die Kinder von Auschwitz“ Dienstag, 8. Novmber 2016, 19.30 Uhr Literarisches Zentrum Gießen in der Kongresshalle, 35390 Gießen, Eingang Südanlage 3a Eine Veranstaltung der Ldgergemeinschaft Auschwitz- FrelindesKreis der Alschwitzer und der Arheitsstelle Holocautliteratur an der Justus-Lie big- Universität Gießen STUDIENFAHRTEN2017 Termin L 17.- 23. März 2017 Termin II: 12.- 18. Oktober 2017 Rundgang im Stammlager Auschwit? Rundgang im Vernichtungslager Birkenau Gespräche mit Uberlebenden Besuch in Archiv und Kunstsammlung der Gedenkstätte Auschwitz Besuch in Krakau(u. a. ehemalige Fabrik von Oskar Schindler) Kosten: 750 Furo(Hlug, Unterkunft, Verpflegung, Pintritte, Honorare) ermäßigt: 350 Huro(auf Antrag für Studierende, Schülerinnen und Schüler sowie Menschen mit geringem Einkommen) Auskünfte und Anmeldungen für alle Termine bei Uwe Hartwig, E-Mail uwe. fv.hartwig Qweb. de, Tel.(06002) 938033 Die Studienfahrten sind als Lehrerfortbildung und als Bildungsurlaub anerkannt.