LAGERGEMEINSCHAFT AUSCFHWTZ AUSCtMWↄ FREUNDESKREIS DER AUSCHWTAZER — Jetzt steht er nur in einer untergegan- genen Welt. Hier kann er nichts mehr tun. Fine Weile herrscht äußerste Stille. Dann weiß er, es ist noch nicht zuende. aus Peter Weiss UMeine Ortschaft) 3d. Jahrgang Mitteilungsblatt, Dezember 2014 Liebe Leserinnen, liebe Leser, Die Lagergemeinschaft hat in diesem Jahr wieder viele Projekte verwirklichen können. Mit mehr als 12.000 Euro haben wir die Häftlingsorganisationen in Polen unterstũtꝰt(iehe S. 1 ff). Zurzeit fõrdern wir zudem eine Freiwillige der Aktion Süh- neZeichen mit einem kleinen Stipendium für ihren Jahresaufenthalt in Theresien- Stadt. Recherche-Anfragen von Studierenden und Angehörigen haben wir an das Archiv der Gedenkstätte Auschwitz vermittelt. 2014 fanden wieder Zwei Studienfahrten nach Auschwit? statt. Uwe Hartwig hat als Vorsitꝰender auch die Konzeption einer weiteren für Studierende und Lehrende der Univeyity ofapplied Sciences in Fulda, Fachbereich soziale Arbeit, erstellt und die Fahrt begleitet. Auch gehören Veranstaltungen mit Uberlebenden des NSVerfolgungswahns und võlkermords zu unserer Bilanz. Uber Evelina Merovã und Eva SxZepesi ist in die- Ser Ausgabe des Mitteilungsblattes Zu lesen. Auch Fva Pus?tai aus Budapest war bei zwei Schulbesuchen und einer Abendveranstaltung unser Gast. Hein? Hesdörffer konnte seine Zusage Zu einem Gespräch im November in But?bach leider krankheitsbedingt nicht ein- halten, s0 dass der Hilm„Schritle ins Ungewisse* über sein Verfolgungsschicksal ohne ihn ge?eigt werden musste. Involviert waren wir im Herbst bei Veranstaltungen im Beiprogramm zur Aus- Stellung, Legalisierter Rauhꝰ in Bad Vilbel. Wir waren Mitveranstalter bei den Vor- trãgen von Noachim Meißner(Zuflucht am Bosporus) und Heiner Fhrbeck(Vntste- hung des Antisemitismus) sowie Mitorganisatoren beim musikalisch-literarischen Programm mit Lyrik und Prosa von Hilda Stern, das von Lilli Schwethelm und Georg Crostewit? prãsentiert wurde, und bei einer Lesung und einem Gespräch mit Rafael Zur, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Bad Vilbel.(Uber diese Themen wird im nächsten MB im Frühjahr 2015 Zu berichten sein.) In dieser Ausgabe finden Sie zudem drei längere Beiträge- einmal zum Thema „Raubkunst' von Mexander Wolf und zum anderen zwei Artikel von Andreas Kilian zum jüdischen Sonderkommando. Er würdigt die Bedeutung von Hilip Müller, der als Kronzeuge eine herausragende und tragische Rolle im Nachkriegsdeutschland spielte. Andreas war einer der wenigen, die Zu dem sehr Zurückgezogen lebenden Filip Müller noch bis Zu dessen Tod am 9. November 2013 Kontakt hatten. Im Zweiten Beitrag von Andreas Kilian wird die RezZeption des Aufstands des jũdischen Sonderkommandos am 7. Oktober 2014 anlässlich des 70. Jahrestages ausführlich beleuchtet.(Inhaltsangabe und Impressum sind auf der vorletꝰten Seite Zu finden.) Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern eine Lektüre mit nachhaltiger Wir- kung und Erkenntnissen. 27. Januar 2018: 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz Nd Zu diesem Gedenktag wird es eine VieNahl von Veranstaltungen und Berichten in den Medien geben. Auch wir als Lagergemeinschaft werden zumindest mit ei- ner Veranstaltung mit Irude Simonsohn(iehe Rückseite dieser Ausgabe des MB) dabei sein. Wahrscheinlich auch noch mit weiteren Terminen, die derzeit noch nicht fest vereinbart werden konnten. Bitte beachten Sie die Verõffentlichungen in der Presse und schauen Sie hin und wieder im Internet auf unsere Seite MM¶agergemeinschaft · auschwit. de„ Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 Liebe Grüße, herzlichen Dank und eine große Bitte „100 Jahre Gesundheit“ wünschen sich in Polen die Menschen mit demZuruf „Sto lat“ bei feierlichen Anlässen. Zu den bevorstehenden Weihnachtstagen und für das nicht mehr weit entfernte Jahr 2015 rufen wir den Uberlebenden von Auschwit? und anderen Konzentrationslagern sowie generell den Verfolgten des Dritten Deutschen Reiches ein herzliches„Sto lat“ zu. Dies gilt natürlich auch für die Mit- glieder und Unterstützer unserer Lager- gemeinschaft Auschwilz- Heundeskrei- es derAluschwitzer. Ohne Ihre Spenden und Ihr ehrenamtliches Engagement, könnten wir weder dieses Mitteilungs- blatt herausbringen noch der selbst auf- erlegten Aufgabe nachkommen, den Opfern des deutschen Menschheitsver- brechens von 1933— 1945 wenigstens in geringem Maße finanziell unter die Arme zu greifen. Auf diese Weise ehren wir auch das Schicksal der Ermordeten, über das die ũberlebenden Kameraden uns und der Nachwelt berichtet haben und noch immer berichten. Späte Nachfolger von Herodes Nun neigt sich auch das Jahr 2014 dem Ende entgegen und das Weihnachts- fest steht vor der Tür. In Europa ist es für die meisten Menschen(unabhän- gig von Religions?zugehörigkeit oder Gottesglaube) wahrscheinlich„der schönste Feiertag im Jahr“. So begann vor Jahren die Auschwitz-Uberleben de Fva Pus?tai die Schilderung ihres Schicksals bei einer Gedenkveranstal- tung, Zu der sie die Lagergemeinschaft in die Wetterau eingeladen hatte. Dies ist nun schon wieder sechs Jahre her. Im Mai dieses Jahres war sie erneut hier und hat vor Schülern und Jugend- lichen sowie bei einer Abendveran- staltung in Ortenberg gesprochen und sich den Fragen ihrer Zuhörer gestellt. Was Weihnachten betrifft, So erin- nerte Eva damals auch daran, dass be- reits der Ursprung des Festes- die bib- lische Geschichte von der Geburt Jesu vor mehr als zweitausend Jahren- für viele Menschen mit großem Unheil ver- bunden war. Der jüdische König Hero- des hatte„aus Angst um seine Macht“ alle Kleinkinder bis zum Alter von zwei Jahren töten lassen.„Ein Spdter Nach- ſolger von diesem Herodes“, Ss0 Eva Pusꝰtai weiter, Konnte vor 70 Jahren die rische' deusche Bevölkerung dazu hel- zen, dass alles, was mil Muden in Zusam- menhang gebracht werden Konnte, in Brand gesetzt, gepliindert in Viimmer geschlagen vurde, liherall in Deutch— land und Ooterreich“ und diese Pogro- me wurden dann noch triumphierend als„Kristallnacht“ bezeichnet. Grausamer„Weihnachtsspaß“ Leider war es s0, dass 1938 viele gar nicht dazu gehetzt werden mussten, sich an den Gewalttaten und Plünde- rungen zu beteiligen, sondern sehr be- 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer reitwillig zur Stelle waren.* Auch die Tä- ter haben damals und in den folgenden Kriegsjahren fröhlich Weihnachten gefei- ert. In Auschwit?z wurde das Fest von den Wachmannschaf- ten begangen mit zum Teil unglaubli- chen„Späßen“: 80 mussten 1942 die Häftlinge im Stamm- lager bei mehr als Mi- nus 30 Grad unter dem großen Weih- nachtsbaum z?um Apell antreten. Wer zu schwach war, um länger zu stehen, und umfiel, wurde mit Wasser begossen und 80 als Pisblock er— mordet. Unser Vereinsgründer Her- mann Reineck, der als Zeit?euge bei diesem grausamen„Spaß“ dabei war, konnte dann auch nach seiner Befrei- ung Weihnachten„nicht mehr als schö- nen Feiertag empfinden“. Konkrete Hilfe So wie Hermann erging es vielen an- deren überlebenden KZ-Häãftlingen. Wir wissen, dass gerade im Alter das Eva Pusꝰ?tai aus Budapest mit Jugendlichen. Im Mai 2014 wur- de Eva aufgrund ihrer großen Verdienste zur Ehrenbürgerin von Stadtallendorf ernannt. Dort hatte die Shoah-Uberleben- de im Zweiten Weltkrieg als Zwangsarbeiterin im Dynamit- Werk, einem Außenkommando des KZ Auschwitz, schuften müssen. Wegen ihres außerordentlichen Engagements, über die NS-Verbrechen aufzuklären, ist sie nun geehrt worden. Wir gratulieren von ganzem Herzen. Langzeitgedächtnis das Denken be- stimmt, und ehemalige Häftlinge, die an Altersdemenzerkranken, werden von ihren schrecklichen Brinnerung ganz besonders geplagt. Als Verein ha- ben wir deshalb unseren Freunden bei den Hãäftlingsorganisationen in Polen immer wieder mit Spenden geholfen, damit sie ihre kranken Kameraden be- suchen und unterstüt?en können. Er- innert sei in diesem Zusammenhang an einen Brief von Kazimiercz Bokus, * Darüber berichtet eindrucksvoll die Wanderausstellung„Legalisierter Rauh. Der Vis- Kus und die Ausplünderung der Juden 1933— T94.5“, die gerade bis Zzum 30. November in Bad Vilbel zu sehen war. Sie wird nun mit neuem regionalem Schwerpunkt vom 28. Ja- nuar bis April 2015 in Rüsselsheim und Hörsheim gezeigt. Weitere Informationen zur Ausstellung: wwwfritz-bauer-institut.deſlegalisierter-raub. html. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Vorsit?ender der Warschauer Sektion der Auschwitz-Häftlin- ge, der sich bei uns für die Spen- den bedankte. Er schrieb:„Wir besuchen diese Kranken, und sie freuen sich sehr, dass man an sie denkt und sich mit ihnen unter- Wenn Sie in diesem Fxemplar des Mittei- lungsblattes kein bereits vorgedrucktes Uberweisungsformular für Ihre Spende vorfinden, hier unsere Bankverbindung: Lagergemeinschaft Auschwit?- Freundes- hält.“ Seinen Dank und seine Bitte um weitere Unterstüt?ung beZeichnete er als„Hoffnungen, die von Scham und Schüchtern- heit begleitet werden“. Schämen müssen sich die Op- fer der deutschen NS-Herrschaft nun aber wirklich nicht. Viel- mehr gilt ihnen unser Dank für ihr Vertrauen, das sie uns als Nachgebo- rene der Mitläufer-, Zuschauer- und Tätergenerationen entgegenbringen. So ist es uns eine wirkliche Freude, dass wir von dem Spendenaufkommen und den Mitgliedsbeiträgen auch im Jahr 2014 den Organisationen der ehe- maligen KZ-Häftlinge in Warschau, Krakau, Zgorzelec und dem Ambula- torium in Krakau wieder insgesamt kreis der Auschwitzer IBAN DF43 5185 0079 0020 0005 03; BIC HEHLADEFIFRI Vielen Dank für Ihre Unterstützung: Bitte schreiben Sie deutlich Ihren Namen und Adresse, damit wir Ihnen Spendenbescheinigun- gen für das Finanzamt schicken können. fast 12.000 Furo weiterleiten konnten. Wir bitten alle Mitglieder und Förde- rer, bei den bevorstehenden Weih- nachtsfeiertagen, auch an die Uberle- benden des NS-Rassen- und Verfolgungswahns zu denken. Hans Hirschmann für den Vorstand der Lagergemeinschaft Auschwit?- Freundeskreis der Auschwitzer Im Ambulatorium in Krakau treffen sich die Gruppen unserer Studienfahrten immer Zzum Gespräch mit Uberlebenden der Konzentrationslager. 4 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Jährlich mindestens zwei Studienfahrten nach Auschwitz und Krakau Authentische Orte des Völkermords „Die positiven Rückmeldungen zeigen uns, dass die Studienfahrten nach Auschwitz und Krakau den Inte- ressen der Jeilnehmerinnen und Teil- nehmer gerecht werden.“ Dieses Resümee zog in einer Pres- Semitteilung Uwe Hartwig. Es war im Frühjahr seine zehnte Studienreise, die er als Vorsit?ender unserer Lager- Skulptur in der Kunstsammlung der Ge- denkstätte Auschwitz, die mit finanzieller Unterstützung der LGA restauriert wurde. gemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwilzer, Zu den Gedenkstätten der deutschen Verbrechen während des Dritten Reiches geleitet hatte. Als gemeinnütziger Verein bieten wir jäãhrlich zwei Bildungsreisen nach Auschwitz und Krakau an und organi- sieren Zudem für Gruppen geschlossene Fahrten. Bei der Fahrt im Frühjahr die- ses Jahres nahmen z. B. neben Teilneh- merlnnen aus Berlin auch Vorstands- mitglieder des Vereins„Grãtsche gegen Rechts“(Wetteraukreis in Hessen) teil. Archiv und Kunstsammlung Während der Fahrten werden an zwei Tagen das ehemalige Stamm- lager in Auschwitz und das damalige Vernichtungslager Auschwit?-Birke- nau besucht. Diese Besuche werden von Fxperten der Gedenkstätte be- gleitet. Großes Interesse finden die Besuche im Archiv und in der Kunst- sammlung der Gedenkstätte, die bei üblichen Rundgängen nicht obligato- risch sind. Im Archiv wird den Besuchern an ausgewählten Dokumenten gezeigt, wie der Massenmord und der Võlkermord in Auschwit? administrativ organisiert waren. Dabei wird deutlich, dass sich der Massenmord aus den von der 88 Selbst erstellten Akten belegen lässt. Besonders beeindruckend ist es, wenn Teilnehmer der Gruppen nach Unterlagen über das Schicksal von Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 8 Teilnehmer der Studiengruppe am Fingang des Stammlagers vor dem Rundgang durch das Konzentrationslager Auschwitz I. Foto: Michael Bruder Verwandten oder Bekannten fragen. Diese Recherchen sind heute ein we- sentlicher Bestandteil der Arbeit des Archivs. Viele Nachkommen der Opfer fragen bis heute nach Informationen über das Schicksal ihrer Familienange- hörigen oder Freunde. So ist das Archiv nicht nur historische Quelle sondern auch Hilfe für Hinterbliebene, das Schicksal von Angehörigen aufzuklä- ren und einen Anhaltspunkt für Brin- nerung und Gedenken zu finden. In der Kunstsammlung der Ge- denkstätte erhalten die Studiengrup- pen einen Finblick in das reiche künst- lerische Schaffen der Häftlinge heimlich als eigene künstlerische Aus- drucksform, er?wungen von der S8 für ihre Zwecke und geduldet für private Zwecke der SS-Mannschaften. Die Kunst war seelisches Uberlebensmittel die Auftragsarbeiten erhöhten die Uberlebenschancen wegen der besse- ren Arbeitsbedingungen. Die Lagerge- meinschaft Auschwitz- Freundeskreis derAuschwitzer unterstüt?zt regelmäßig die Kunstsammlung durch die Hnan- zierung von Restaurierungsarbeiten. Oswiecim und Krakau Beim Besuch der Stadt Oswiecim er- fahren die eilnehmerinnen und Teil- nehmer, dass bis zur Okkupation im September 1939 ein reiches Zusam- menleben von polnischen Juden und Nicht-Juden blühte, das brutal ausge- lõscht wurde. An den Besuch in Auschwitz Schließen sich zwei Tage in Krakau an, 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer . RR— Nach dem Gespräch mit Zeitzeugen fotografierte Michael Bruder die Gruppe zusammen mit den vier Uberlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz. in denen über das jũdische Leben Kra- kaus, über die Okkupation und das Schicksal Polens im Zweiten Welt- krieg informiert wird. Sowohl in Auschwitz als auch an- Schließend in Krakau wird den Grup- pen Möglichkeit geboten, mit vor dem Holocaust Geretteten und Uberleben- den der Lager zu sprechen. Neben der Beantwortung der vielen Fragen, drü- cken die Uberlebenden vor allen Din- gen die Hoffnung aus, dass kein Ge- Karol Tendera, Josef Paczynski, Tadeusz Smerczynski, Ste- fan Lipiak(von links) waren in Auschwitz inhaftiert und ste- hen nun als Zeitzeugen den Besuchern der heutigen Ge- ter denkstätte für Gespräche zur Verfügung.(Foto: M. Bruder) waltregime mehr entsteht, das Rassenhass und Völkermord als Staatsziel hat. Unsere Studienfahr- ten sind anerkannt als Bildungsurlaub und als Lehrerfortbildung für das Bundesland Hessen. Die nächste Studien- fahrt findet vom 21. bis 2. April 2015 statt. Nä- here Informationen un- vwwlagergemein- SChft-auschwitz. de. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 Broschüre(polnisch/ deutsch) mit Interviews für Jugendliche erstellt Zu Besuch beim Klub der ehemaligen KZ-Häfltinge in Zgorzelec Den Klub der ehemaligen Häftlinge deutscher Konzentrationslager in Zgorzelec, nur durch die Neiße vom deutschen Görlit? getrennt, gibt es seit Anfang der 1980er Jahre. Zur Zeit der Gründung hatte der Klub über 150 Mitglieder. Von Karin Graf Der Klub ist mächtig zusammen ge- schmolzen, viele ehemalige Häftlinge sind bereits verstorben. Die Klubräu- me, das Denkmal für die Opfer des Faschismus und der Friedhof oben über der Stadt sind die gemeinsamen Ortlichkeiten für die noch Lebenden und ihre Besucher. Der Klub war und ist immer Treffpunkt, Ort von Diskus- sionen und Debatten, und vor allem ein Ort von schnellem Verständnis füreinander, was die Erlebnisse im Konzentrationslager angeht. Das imposante Denkmal in einer kleinen Grünanlage ist an einer gut befahrenen Ausfallstraße in Richtung Friedhof gelegen. Es ist ein in Polen einmaliger Gedenkort für alle Opfer des Faschismus, der polnisches Marty- rium und Judenvernichtung gleicher- maßen behandelt. Freundliche Rosen- beete und Bänke laden seit 2006 die Passanten Zum Verweilen ein. Der Platz wurde von der Stadt den „Opfern des Faschismus“ gewidmet. Er ist auch Ort des Erinnerns und der Trauer bei Gedenktagen. Und leider auch ein Ort des Vandalismus für herz- lose Jugendliche. Ein Besuch des Klubs der ehemaligen Häftlinge in Zgorzelec führt schon seit Jahren auch zu den Gräbern der bereits Verstorbenen. Be- suchte man früher die Menschen, be- sucht man heute ihre Gräber. Heute leben noch neun ehemalige Hãäftlinge in Zgorzelec. Fünf von ih- nen sind krank und nicht mehr mobil. Fin lustiges, vergnügtes Trio älterer Frauen ist das Herzstück des Klubs: Zofia Zielezinska, 88 Jahre, Henryka Obidzinska, 91 Jahre, und Regina Hantz, 85 Jahre alt, sie ist die Witwe des Gründers und langjährigen Präsi- denten Stanislaw Hant?. Die drei sind die Sachwalterinnen des Klubs und der Klubräume in der Wars?zawskastraße in Zgorzelec. Sie sind regelmäßig dort anwesend, küm- mern sich um die Räume und die Besucher und Besucherinnen. Immer dienstags ist„Arzttag“ in den Klub- räumen. Dann ist der der„Klubarzt“ Tomasz Kotyla für die ehemaligen Häftlinge und ihre Angehörigen zu Sprechen. Sein vor zwei Jahren verstor- bener Vater hatte über zwanzig Jahre den gleichen Job gemacht. Die Ar?tbesuche sind ganz auf die Patienten abgestimmt: ohne lange Wartezeiten, mitten im Ort, an der Hauptstraße gelegen und nur eine Treppe hoch können sie in den Klub- 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Regina Hantz, LGA-Mitglied Manuela Achilles, Henryka Obidzinska, Klubartt Tomas? Kotyla und Zofia Zielezinska bei einem Treffen in den neuen Vereinsräumen in Zgorzelec. rãumen unbürokratisch Hilfe bekom- men. Die Stadt Zgorzelec hat dem Klub die Räume für wenig Geld vermietet, an Kosten fallen noch Strom und Hei- zung und hin und wieder Taxigeld an, und ein kleines Honorar für den Luxus eines eigenen und hoch ge- schätzten Arztes. Finanzielle Unterstüt?ung kommt von der 70 Metal Wolſhurg, der La— gergemeinschaft Auschwitz- Freundes- Kreis der Auschwilzer und dem Bif— dungs werk Stanislaw Hantz. Gewinn- bringender und sicherer kann man Geld nicht anlegen! Die Aktivistinnen des Klubs wachen nicht nur streng über das Budget, sondern haben einige Wünsche, was ihre Klubräume anbe- langt: neue Gardinen, Dokumenten- schrank, Safe, Staubsauger und eine Lampe für den Schreibtisch des Arztes. Ebenfalls im Haushaltsplan enthalten sind ausgewählte individuelle Hilfen für teure Medikamente. Und für das Denkmal gibt es auch einen Plan: Es Soll mit einer Tafel über die Entste- hungsgeschichte und die Symbolik in- formativer ausgestattet werden. Finmal im Jahr lädt die I6 Metall die Aktivistinnen des Klubs Zu den An- tifa- Wochen in Wolfsburg ein. Das Ma- vimilian-Kolbe- Werik aus Freiburg be- sucht jährlich die bettlägerigen Häft- linge zusammen mit der Präsidentin des Klubs Zofia Zielezinska. Hinanziel- le und persõnliche Kontakte gibt es zur Lagergemeinschaſt Ausch witz. Das Bil- dungs werk Slanisla Hantz in Kassel unterhält enge Kontakte zum Klub und lãdt seit vielen Jahren im Januar al- le Klubmitglieder und Angehörige zu einem gemeinsamen„Neujahrsessen“ ein. Sowohl der Bürgermeister als auch der Landrat in Zgorzelec unterstüt?en die Arbeit des Klubs und helfen bei Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 Problemen. Aktuell sind das Reparatur- arbeiten am Denk- ½ mal, einige Steine hatten sich gelo— ckert. Es gibt regelmãä- ßig Kontakt zum Sniadecki-Leum in Zgorzelec. Schu- le, Klub und das Biſ- dungswerk Stanis- jaw Haniz haben ei- ne Zusammenar- beit vereinbart. 2011 gab es einen gemeinsamen Be- such mit fünfzig Schülerinnen und Schülern in der Gedenkstätte Ravens- brück. 2010 und 2013 gab es Besuche mit ebenfalls großen Schülergruppen in Auschwitz. Immer mit dem Schwer- punkt der Biografie von Stanislaw Hantz, der fast fünfZig Jahre in Zgor- zelec gelebt hatte. Im vergangenen Jahr wurden im . Henryka Obidzinska und Zofia Zielezinska bei einer Pause während der Vorstellung einer Projektborschüre in der Sniadecld-Schule Mitglieder des Bildungswerkes Stanislaw Hantz in Zgorzelec vor dem Denkmal, das auf Initiative des Klubs errichtet wurde. — 1— — N 5—.—— Rahmen einer schulischen Projektar- beit eine Broschüre in Deutsch und Polnisch erstellt. Kernstück sind Schülerinterviews mit Zofia Ziele- zinska und Henryka Obidzinska. Ein Enkel berichtete über die Erzählun- gen seines Großvaters aus Buchen- wald; er war ebenfalls viele Jahre Mit- glied des Klubs. Die zehnte Klasse pflegt die Anlage und das Denkmal für die Opfer des Faschismus, das heißt, es werden zu offiziellen und inoffiziellen An- lässen Blumen und Kränze nie- dergelegt und zum Gedenken wird eingeladen. So lange sie können, wollen die Aktivistinnen den Klub und seit ne Räume wei- terführen.„ 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Prag-Theresienstadt-Auschwit?-Leningrad-Prag „Eine Schande, aber nicht meine“ Fvelina Merovã war eines der„Mädchen von Zimmer 28“ „Prinnerung hedeutet Zukunft“ lautete das Thema einer Gedenkveranstaltung, zu dem die Lagergemeinschaft Auschwitz- Prelindeskreis der Auschwitzer in Kooperation mit dem Kulturamt Bad Vilbel und dem Bad Vilbeler Geschichts- verein die Holocaust- Uberlebende Evelina Merovã aus Prag eingeladen hatte. Rund 130 Zuhörerinnen und Zuhörer waren ins Bad Vilbeler Kulturzentrum Alte Mühle gekommen, um knapp zwei Wochen nach dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz ihre Geschichte zu hören. Einige Tage später sprach sie im Georg-Büchner-Gymnasium auf Vermittlung der Lagergemeinschaft mit Jugendlichen zweier Tutoriengruppen. „JCh erzdhle das, was die Men- Schen, die nicht mehr da sind, nicht er- zdhlen Können“, Sagt Evelina Merovã. Und die 83-Jährige hat sehr viel zu er- zählen. Neben vielen Freunden wur- den auch ihre Eltern, Großeltern, die Schwester und die kleine Nichte in deutschen Konzentrationslagern er- mordert, sind verhungert oder an Entkräftung durch schwere Arbeit und unmenschliche hygienische Ver- hältnisse gestorben. Mit elff ins Ghetto Theresienstadt Fvelina Merovä spricht mit einer ruhigen Stimme ohne Groll, schein- bar emotionslos. Ihr Blick ist freund- lich. Wenn sie Vassily Dück zuhört, der auf dem Akkordeon Melodien der Kinderoper Brundibar und andere Werke spielt, die alle im Ghetto There- Sienstadt entstanden sind, Zeigt sich ab und an ein Lächeln in ihrem Gesicht. Im Gespräch stellt sie klar:„ Oft werde ich gefragt, ob ich vergessen oder gar enischuldigen Könne. Jch glauhe, das geht nicht. Es vind vsechs Millionen ver— nichtet worden, die wirden es nicht ver- Zeihen.“ Und weiter:„Vor 70 Jahren Konnte ich es mir Kaum vorstellen, dass ich im 27. Jahrhundert in Deutschland meine Geschichte erzdhlen werde.“ Fvelina Me- rovã kam 1930 in einer jüdi— schen Familie zur Welt.„Mei- ne Familie war nicht eligi6s, ind ich wussle nicht viel über das Judentum. Alles war in Ordnung, wir wohnten in ei— ner Schönen Wohnung in Prag. Jch dachte, dass das alles So bleiben wird.“ Doch nach der Beset?zung der Tsche- choslowakei durch die Deutsche Wehrmacht galten auch im Protekto- rat Böhmen und Mähren die Nürn- Vor Kriegsbeginn: Kindheitsfoto Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 Fvelina Merovã mit LGA-Vorsitzendem Uwe Hartwig, der die Veranstaltung in Bad Vilbel moderierte. berger Rassengesetze mit harten Fol- gen für Juden. Der erste Verlust: ein Vogel Chronologisch erzählt Merovã dem still und aufmerksam zuhörenden Pu— blikum aus ihrem Leben. Dabei be- richtet sie sachlich und in fließendem Deutsch, was ihr widerfahren ist. Den ersten Einschnitt in die bis dahin heile Welt eines Kindes erlebte Fvelina, als sie ihren Kanarienvogel abgeben musste, da Juden keine Haus- tiere halten durften.„Das war mein erster Verlust, Später kamen mehr hin- zu“, sagte Merovã ihre Stimme klingt nicht verbittert, aber gerade die Scheinbare Emotionslosigkeit, mit der sie diese Fpisode ihrer Kindheitstage erzählt, geht unter die Haut. Im Mlter von elf Jahren kam Eve- lina mit ihren Eltern in das Ghetto Theresienstadt.„Es war alles sehr eng. Vorher lebten dort 5000 Menschen, während der Ghettozeit waren es 55000.“ Die dortige Häftlingsselbst— verwaltung habe es aber gut mit den Kin- dern gemeint. Mero- vã wohnte mit 30 Mädchen in Zimmer 28 in einem„Kinder- heim“. Auch die Be- treuerinnen hätten alles getan, um den Kindern unter schwierigsten Um— ständen das Leben zu erleichtern,„S0 dass wir ns entwickeln lind gesund bleiben SollMen“. Sie unterrichteten die Kinder in Kunst und anderen Fächern- ob— wohl verboten.„ Wieso Sollen Kinden die Sowieso zum Jode verurteilt vind, nicht noch vorher etwas lernen Kön— nen“, s0 Merovä. Die etwa 4000 Zeichnungen, die sie und die anderen Kinder in Theresienstadt angefertigt haben, würden häufig in Ausstellun- gen gezeigt, erzählt die Uberlebende mit berechtigtem Stolz. Rotes Kreu? lisst sich belügen Um die Weltöffentlichkeit und die Kommission des Internationalen Ko- mitees vom Roten Kreuz bei einem Besuch zu täuschen, hat die NS-Ver- waltung Theresienstadt mit der Propa- ganda-Lüge, Der Hihrer Schenlkt den Juden eine Stadt“ als ein Vorzeige- Gettho darstellen wollen.„Dem Ro— ten Kreuz wlirde gesagt, dass es von Vheresienstadt Keine Vransporte nach Oten gebe. Das war eine Lüge“, be- richtet Merov. Die Menschen hätten 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer — N In dem Buch„Die Mädchen von Zimmer 28“ berichtet Evelina Merovã (S. 184 ff) über ihr Leben nach der Besetzung Prags durch die Wehrmacht: „Uns wlurde verhoten, die Kinos, Theaten Konzerte und Parks zu besuchen. Dann durſten wir in der Straßenbahn nur in den zweiten Wagen steigen und nur Platz nehmen, wenn alle Arier genug Platz hatten. Und schließ- ich durften wir gur nicht mehr Straßenbahn fahren. Wir durften nicht nach zwanzig Uhr auf die Straße gehen, nicht den Oyt an dem wir lehten, vey- lassen und Keine Pisenbahn henutzen.(..) Die Bankonten wurden ge- perrt. Man mlsste alle Wertachen- Schmuck, Musikinstrumente, SMien Radio- abgeben. Und die Haustiere mlussten abgeliefert werden. Ich hatte einen Kanarien vogel Phunta. Pas Fenster an der Straße, an dem ich iln ah⸗ geliefert habe, Kenne ich heute noch.“ Bei der Ankunft im Ghetto Theresienstadt erkannte Evelina ihren einstigen Nachbarn Herrn Reiser, der ganz mager und blass war und als Zeichen der Trauer ein schwarzes Band am Armel trug:„Die Vochter Evd, vieben Jahre alt war an Masern gestorhen. Ich hahe mit Eva oſjt gespielt(..) Jch wur erschlittert. Ich helcum Angst. Ich vagte mir damals Ich werde alles Punta und Spielkameradin Eva Reiser r um am Leben zu hleiben.“ — Angst vor den Fransporten gehabt. „Ale wollten bleiben. Es ist aher nur wenigen gelungen.“ Auch die junge Evelina und ihre EHltern wurden nach Auschwit? deportiert.„Andere haben ins nach unserer Ankunft erzdhlt, duss niemand rauskommt, außer liher die Schornsteine des Krematoriums. Wir wolllen es nicht glauben.“ Befreiung und Adoption Im Juli 1044 überstanden Merovã und ihre Mutter eine Selektion, der Vater war in?zwischen gestorben.„Das Deulsche Keich brauchte Arbeits— Krdſte“, s0 Merovã, die ins KZ Stutt- hof verlegt worden war, um Panzer- gräben auszuheben. Dort musste sie erleben, wie ihre Mutter entkräftet starb. Sie selbst überlebte wie durch ein Wunder eine„Impfung mit Phe- nol“, und wurde am 21. Januar 1945 von der Roten Armee befreit. Ein rus- sischer Sanitätsarzt nahm sich der da- mals schwer verwahrlosten 15Jähri- gen an. Sie wurde wieder gesund, der Arzt adoptierte sie und sie lebten in Leningrad. Nach erfolgreichem Schulab— schluss wurde Evelina das Slawistik- studium verwehrt. Sie habe an Stalin geschrieben und die Antwort erhal- ten, es gebe zu viele Bewerber, s0 Merovã, die die Ablehnung mit ihrer jüdischen Herkunft in Verbindung bringt. Alternativ studierte sie Spa- nisch, dann Germanistik und arbeite- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 te als Dozentin. Später heiratete sie, wurde Mutter von zwei Kindern und kehrte nach ihrer Pensionierung 1995 in ihre Geburtsstadt Prag zurück. Die Nummer auf dem Arm Nach dem bewegenden Vortrag von Fvelina Merovã spielte Vassily Dück auf dem Banjo wieder eindrucksvoll einige Stücke aus Theresienstadt. Da- nach beantwortete die Holocaust- Uberlebende Fragen aus dem Publi- kum. So erzählte sie, dass die nichtjü- dische Bevölkerung die Entrechtung der Juden überwiegend passiv aufge- nommen habe.„Es war strafhan mit Juden Kontakt zu haben.“ In Russ— land sei nicht über die Konzentrati- onslager gesprochen worden. Als sie einmal darauf angesprochen worden Sei, ob ihre Häftlingsnummer am Arm eine Schande bedeute, habe sie geant- wortet:„Es it eine Schande, aber nicht meine.“ Offentlich über ihr Schicksal als Verfolgte und Uberlebende des deut- schen Vernichtungswahns sprach Fvelina Merovã erstmals 1990.„Fin Lehrer aus Siegen überredete mich, veine Schliler durch Veresienstadt zu Kihren. Wir vind seitdem befreundet.“ Zu ihren Mitbewohnerinnen aus Zimmer Nr. 28 pflegt sie heute wieder Kontakt.„Wir halten in Weresienstadt vereinhart, uns am ersten Sonntag ndch Kriegsende in Prag zu treſfen. Mas Jat nicht geklappt.“ Als aber 1996 die jüdische Gemeinde Prag ein Tref- fen der Kinder aus Theresienstadt or- ganisierte,„da haben wir uns wieder Hannelore Brenner-Wonschick Die Mädchen vOn Zimmer 28 Freundschaft., Hoffnung und UOberleben in Theresienstadt Saufbau Restexemplare sind erhältlich über www. edition-room28.de. gesehen.“ Die in Berlin lebende Jour- nalistin Hannelore Brenner-Won- schick interviewte sie und recher- chierte. So entstand als Dokumentar- reportage das Buch Die Mädchen von Zimmer 26, in dem, wie es im Unter- titel heißt, über Freundschaft, Hoſf⸗ nung und Uherleben in Meresienstudt berichtet wird. 2008 erschien im Auf— bau-Verlag eine Neuauflage. Ihre eigene Geschichte hat Evelina Merovã unter dem Jitel Versptete Prinnerungen niedergeschrieben, sie ist auf Russisch und Tschechisch er— schienen, für eine deutsche Ausgabe sucht sie einen Verlag. Hans Hirschmann 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Als Elfjährige allein auf der Flucht(Ungarn-Slowakei-Auschwitz) „Ich tue es für meine Enkel 50 Jahre nach der Befreiung hat Fva SZepesi ihr Schweigen gebrochen Uber ihre Flucht als elfjähriges Mädchen, die sie getrennt von den Eltern und Verwandten immer auf der Suche nach Verstecken durch Ungarn und die Slowakei verschlug, und ihr Uberleben in Auschwitz, hat Eva Szepesi 50 Jahre lang geschwiegen und es fällt ihr auch heute nicht leicht, über ihre damalige Ein- samkeit und Lebensängste zu berichten. Die Erinnerung schmerzt noch immer, aber„ich tue es für meine Enkel“?, betonte sie in ihrem 2011 erschienen Buch und auch im Januar 2014 bei einer Veranstaltung im Museum der Stadt Butzbach. Auf Finladung der Lagergemein- Schaft Auschwitz- FrelindesKreis der Auschwilzer und der Stadt Butzbach (Wetteraukreis) war die seit Jahrzehn- ten in Frankfurt wohnhafte Jüdin mit ihrer Tochter Judith anlässlich des Ho- locaust-Gedenktages zur Lesung und zum Gespräch gekommen.„Jch Kann helite dariber Sprechen, weil ich weiß, wie wichtig es ist*, erklärte sie den rund 70 Zuhörerinnen und Zuhörern in Butzbach. Auch Manfred de Vries von der Jüdischen Gemeinde Bad Nauheim hob am Ende hervor, wie wertvoll und bedeutend die von Fva SZepesi und anderen Uberlebenden geleisteten Anstrengungen sind, über ihre trauma- tischen Schicksale zu berichten. Butzbachs Bürgermeister Michael Merle und Uwe Hartwig, Vorsit?ender der Lagergemeinschaft, schlossen sich diesen Dankesworten an. Dank ge- bührte an diesem Abend auch Vojislav Miller und Peter EFhm, die zu Beginn Sowie in einer Pause und am Ende mit Oboe und Akkordeon einfühlend mu- sikKalisch zu einem würdevollem Ge- denken beitrugen. Fin jüdisches Schicksal Als die Deutschen im Frühjahr 1944 Ungarn besetzten und mit der Verfol- gung und Ermordung der dort leben- den Juden begannen, ist Fva SZepesi, damals Eva Diamant, elf Jahre alt. Als am 27. Januar 1945 die Rote Armee Auschwitz erreichte, war sie eines der rund 400 Kinder unter 15 Jahren, die dadurch ihre Freiheit wiedererlangten. Uberlebt hat sie unter anderem, weil ihr im November 1944 eine slowaki- sche Aufseherin bei der Ankunft und Registrierung in Auschwit? drohend einflüsterte:„Sag du hist I6 und veysu- che ja nicht, dich jlinger zu stellen.* Fvas Leben stand zunächst unter einem glücklichen Stern. Geboren am 29. September 1932, erlebt sie eine un- beschwerte Kindheit in einem Buda- pester Vorort. Ihr Vater, Karoly Dia- mant, führte ein angesehenes Geschäft für Herrenausstattung. Die Wende Setzte zunächst allmählich ein, als Un- garns Regierung ab 1938 antisemiti- Sche GesetZe erließ. Auch Fva wird Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 von ihren früheren Spielkameraden ver- höhnt und als„Saujü— din? beschimpft. Am 27. Juni 1941 trat Un- garn als Verbündeter Deutschlands in den Krieg gegen die So— wjetunion ein. Viele jüdische Männer wur- den zum Arbeits- dienst in die Armee eingezogen. So auch Fvas Vater, der dann bereits im Januar 1 943 als in den besetz- ten russischen Gebie- ten verschollen galt. Mit dem Fin- marsch der Deut— schen in Ungarn im März 1944 spitzte sich die antisemiti- sche Hetze zu. Die Verfolgung der Ju- den gipfelte in den Deportationen in die Vernichtungslager. Valery Diamant, Fvas Mutter, will ihre Tochter in Sicherheit bringen und schickt sie, ausgestattet mit falschen Papieren im April 1 944 zu Verwandten in die Slowakei. Sie verspricht ihr, mit dem achtjährigen Bruder Tamas bald nachzukommen. Dass es dazu nie mehr kommen sollte, konnte Eva nicht ahnen. Sie war vielmehr wütend und eifersüchtig, weil die Mutter ihr Versprechen nachzukommen nicht einhielt und sie allein ließ. Auch ihre Tante Piri, die sie über die Grenze brachte, gab Eva weiter an Menschen, die ihr für gewisse Zeit Unterschlupf Eva Stepesi und Tochter Judith bei der Lesung aus ihrem Er- innerungsbuch im Museum Butzbach. gewährten. Erst lange Jahre nach Kriegsende kann Fva verstehen, dass Ssowohl ihre Mutter als auch Piri sie wegschickten im festen Glauben, sie nur so retten zu können. Dass Hva trot?dem das Konzentrationslager nicht erspart werden konnte, belastete die Tante schwer. Dies Konnte Fva beim unverhofften Wiedersehen in den 1960er Jahren erfahren, als Piri ge- stand:„Jch habe zwar überlebt, aber meine Seele ist Kapuligegangen.“ In Auschwitz Fva wird im Herbst 1 944 doch entdeckt und im Viehwaggon nach Auschwitz deportiert. Sie muss sich nackt aus?zie- hen. Die von der Mutter gestrickte, blaue Jacke, in die sie sich wãhrend der 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Fahrt noch kuscheln konnte, wird von einer Aufseherin mit dem Fuß wegge- Schleudert. Auch werden ihr die gelieb- ten Zöpfe abgeschnitten„FEs wan als hahe man mir den allerletzten Schulz weggenommen“, erinnert sich SZepesi mit Schaudern. Brutal wird sie am gesamten Körper geschoren. Nachdem sich die damals Zwölfjährige in ihrer Angst an den ihr zugeraunten Satz „dg du hist 76* bei der Registrierung gehalten hat, bekommt sie auf dem linken Arm die Nummer A 26877 eintätowiert.„Es waren fürchterliche Schmerzen*, erinnert sie sich. Fva muss im Konzentrationslager noch weitere Strapazen, Dreck, Hun- ger, Misshandlungen und Krankheiten erleiden. Sie berichtet vom Elend und Tod von Mithäftlingen, von ihren eige- nen Angsten und Hoffnungen. Als die deutschen Wachmannschaften beim Näherkommen der Roten Armee die Häftlinge auf den Todesmarsch zwin- gen, bleibt Fva, die vor Entkräftung bewusstlos geworden ist und Zwischen toten Frauen liegt, im Lager zurück. Als sich dann am 27. Januar ein freund- lich lächelnder Soldat mit rotem Stern an der Pelzmütze über sie beugt, ver- sucht sie Zzaghaft zurück zu lächeln. Nach der Befreiung Nach ihrer Rettung kommt Fva in ei- nem Sanatorium wieder zu Kräften und kann im September 1 945 endlich zurück nach Budapest. EFin Onkel und eine Tan- te nehmen sie auf. Eva erfährt vom Tod ihres Vater und der Ermordung ihrer Mutter und ihres Bruders in den Gas- kammern von Birkenau.„Jch Konnte mic dumals nicht einmal richtig verah Schieden, als ich in die Slowalei gefliich- el hin*, berichtet sie in Butzbach und ist froh, dass sie dabei die Hand ihrer neben ihr sit?enden Tochter halten kann. Ein Karton mit Familienbildern von EFva als Kind, dem Bruder Tamas sowie den Eltern Karoly und Valery Diamant haben Nachbarn für Eva retten können. Trotz ihres grauenhaften Schicksals ge⸗ lang es der damals gerade 13Jährigen wieder Fuß zu fassen. Sie macht ihren Schulabschluss, lernt Schneiderin, hei- ratet 1951 Andor S?Zepesi und wird 1933 Mutter von Tochter Judith. Als Andor 1954 aus beruflichen Gründen nach Frankfurt geschickt wird, können Frau und Tochter bald folgen. 1961 wird Tochter Anita geboren und die Familie bleibt in der Mainmetropole. Tor zur Vergangenheit Das Grauen der Vergangenheit hat Eva Sꝰepesi jahrZehntelang verdrängt. Ehe- mann Andor, der 1993 starb, und die Tõchter wussten zwar, dass sie in Ausch- wit? war und dass Eltern und Bruder im Holocaust ermordet wurden, aber man Sprach nicht darüber. Erst als kur? vor dem 30. Jahrestag der Befreiung von Auschwit? die Shoah Foundation von Steven Spielberg anrief und um ein Interview bat, das Eva zunächst zu— rũckwies, begann ein mühevoller Pro- Zess der Erinnerung. Er brachte keines- wegs nur Erleichterung mit sich. Mit der Teilnahme an den Feierlich- keiten in Auschwitz am 27. Januar 1993 (S0 Jahre Befreiung) wurden Wunden Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 Eva Sepesi in ihrer Wohnung in Frankfurt. aufgerissen.„Doch ein 7or war aufge- Moßen woyden. Jch Konnte meine Ge- Schichte nicht ldinger verdròngen und einfuch Schweigen“, fasste es Fva 8?e- pesi in Worte. Sie bereut heute, dass sie sich ihrer Familie so lange nicht anvertraut hat:„Hat es ihnen wirMklich glut getan, dass ich so lan- ge geschwiegen habe?“ Aber sie habe nicht anders gekonnt und stellt im Nachwort ihres Buches fest:„Meine Kinder ind Enlkelkcinder helfen mir helu— te ein wenig liber meine Jrauer hinweg, denn die Vergangenheit justet immer noch Schwer auf min (.) Und die Angst weicht nie.* Hans Hirschmann Fva SZepesi. Fin Mädchen allein aufder Hucht. Ungarn-Slowulei-Polen (7dd 7045), 2011 Berlin, Metropol- Verlag, ISBN 978-3-86331-0059 LAK Deutsche Justiz gegenüber Uberlebenden in der Pflicht Võlkermord verjährt nicht Mit seinem Urteil gegen den KZ- Wächter John Demjanjuk hat das Land- gericht München 2011 eine neue Recht- sprechung begründet. Wer Dienst in einem Vernichtungslager leistete, war Jeil der großen systematischen Mordmaschi- nerie und kann wegen Beteiligung Zum Mord verurteilt werden, auch wenn eine Fineltat nicht mehr nachweisbar ist. Par- aufhin hat die Zentralstelle zur Verfol- gung von NSVerbrechen in Ludwigsburg in mehreren Fällen wieder Ermittlungen aufgenommen und die Ergebnisse an die Generalstaatsanwaltschaft weitergeleitet. Das Internationale Auschwitz-Komi- tee(I[AK) begrüßte dies ausdrücklich. „VoMermord verjdhrt nicht? heißt es dazu in einer Erklärung im IAK-Newsletter 2014. Die Deutsche Justiz stehe gegenü- ber den Uberlebenden des Võlkermords in der Pflicht. Begründet wird dies wie folgt: Ledig- lich 6.665 NS-Täter wurden von deut- schen Gerichten seit 1945 wegen ihrer Verbrechen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern verurteilt. Fine ab- surd geringe Tahl angesichts der Hun- derttausende, die den Nazis dienten und im Namen des Jerror-Regimes unschul- dige Menschen in den Lagern quãlten und 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer umbrachten oder für ihre Peportation in den Tod verantwortlich waren.„Uher Jahrzehnte hat die bundesdeutsche Mustiz eine hartnckige und unerbittliche Huhn- dung nach den Vtern vermissen lassen. Uber die Gründe eines derart unfasslich laxen Umganges mit der Verfolgung von No-Vdtern durch die hundesdelusche Mistiz Kann nur speluliert werden“, stellt Noah Klieger(Iel Miv) fest, VMepräsident des niernutionulen Auschwitz Komitees. Nachdrücklich und mit großer inne- rer Anteilnahme begrüßen daher die Uberlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwit?-Birkenau im Internationalen Auschwitz Komitee die Verhaftung von SS-Wachleuten, die in Auschwit? Dienst getan haben. Hierzu betonte Christoph Heubner, Vepräsident des IAK:„Es ist richtig und wichtig, dass die Wachlelite von Auschwitz niun endlich doch noch mit der irdischen Gerechtigkeit, mit Polizei und Mustiz und inren Vulen in Auschwitz Konfrontiert wer- den. Allein die Vorstellung, dass vie ilx lan- ges Erwachsenenleben nach Auschwitz normal lingestõyt ind ohne Wachstellun- gen in der deutbchen Gesellschaft haben verbringen Lönnen, bleibt für die Uherle- henden hinter und unertrũglich. Auch die anderen hundesldnder vind jetzt dringend auſgefordert die ihnen angezeigten Fille Sœhnell zur Anklage zu bringen. Die deluschen Behörden und die deut- che ustiz vind den Uberlebenden gegenü- her in der Pflicht. Die Verfolgung und Er- greifiung dieser Vter ist auch ein beleg dafiin duss Võlermord nicht verjdhrt.“ Zum konkrten Fall des vormaligen SSRottenführers Oskar Gröning äußerte Sich das IAK am 16. September 2014 mit einer Presseerklärung. Demnach verfolgen die Uberleben- den von Auschwitz im ILAK„mit wenig oſfßnling auf Gerechtigkeit? die Staatsan- waltlichen Ermittlungen gegen den 88— Freiwilligen Oskar Gröning, dem wegen Beihilfe Zum Mord in mindestens 300.000 Fãllen in Lüneburg der Prozess gemacht werden Soll. „Das alles Kommt Jahrzehnte zu Spt, der Angellagte hat die wichtigsten Jahr- Zehnte veines Lebens in Hrieden und Fei- heit inmitten der Gesellschaft verbracht. Fin Wort der Reue, des Bedauerns oder der Entschldigung war von ihm- wie von den andern Vtern- nie zu hören. Auch an veinen Hdnden Klebt das Blit tausender nschuldiger jüidischer Menschen, deren Kofer er an der Rampe in Bircenau vor- tiert und deren Geld er gezdhlt und als Beite ſir Deschland weilergeleitet hat“, betonte Christoph Heubner, der Fxeku- tiv-Viepräsident des Internationalen Auschwit? Komitees während eines Auf- enthaltes in der Gedenkstätte Auschwitꝰ. Und in Budapest fügte die über 90— jährige Auschwitz-Uberlebende Eva Pusztai hinzu:„Jch hin eine der Nebenlklä- gerinnen in dem hoffentlich hald suufin- denden Prozess Wir sind in der Vergan- genheit im Plick auf die Gerechtigkeit, die uns Zeht, von Deuschland hitter ent- rõluscht worden. Allein die Vorstellung, dass derAngellagte die von meiner Mutter wei- nend gepuckten Koffer durchwiihlt und die Keider meiner am selben Jag ermordelen Kleinen Schwester Gilike in der Hand ge- haht hat lässt mich verz weifeln. EFinmal will ich in einem deuschen Gerichtssdal vehen nd sagen, wus ich gesehen habe.“ Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 Entdeckung des Falls Gurlitt entfacht Debatte um eine alte Diskussion Raubkunst Nicht nur NS-Größen waren an der Ausplünderung beteiligt Von Alexander Wolf Legitimierende Grundlagen zur Ausplünderung der Juden Am 12. November 1938 legte Hermann Göring in seiner Figenschaft als Verant- wortlicher für den Vierjahresplan“? des Nationalsozialistischen Reiches Folgen- des fest: Den Juden soll eine Milliarde Strafe auferlegt werden für von ihnen begangene Verbrechen. Die Juden sol- len die Kosten der Plünderungen in der Reichspogromnacht“s tragen, die sie durch ihre pure Anwesenheit verschul- det haben. Alle jüdischen Geschäfte, ins- besondere alle jũdischen Fabriken, müs- Sen bis Zum 1. Januar 1930 ihren Besitzer gewechselt haben. Die Juden müssen ih- ren Besit? den arischen Deutschen zu niedrigen Preisen verkaufen. Das jüdi- Sche Besit?bürgertum wird seiner sämt- lichen Einkommensquellen beraubt. Damit wurden auf nationaler Ebene Tür und Tor zur Bereicherung am jüdi- schen Besitz geöffnet. Der großße Aus- verkauf der persõnlichen Besit?tümer jũdischer Familien und Privatpersonen an Juwelen, Kunstwerken und anderen wertvollen Objekten konnte beginnen. NS-Funktionäre und andere Profiteure konnten ihre Sammlungen in Villen und Museen anlegen. Sie schmückten mit dem Raubgut ihre Wohnzimmer, Häu- Ser und Staatspalãste. Die Gier, sich s0 zu bereichern, ergriff nicht nur NS-An- hänger, sondern auch Mitläufer und Personen, die sich ansonsten zur „Schweigenden Mehrheit“ zählten. Wei- te Jeile der Bevölkerung nutzten be- denkenlos alle Vorteile, die sich aus der Ausgrenzung, Vertreibung und Vernich- tung ihre jũdischen Nachbarn ergaben. Adolf Hitler, Sseine Vasallen und ihre ausgeprägte Vorliebe für die Kunst Adolf Hitler, der in Wien als Postkarten- maler sein(Un)-Jalent bewiesen hat, hatte eine große Vorliebe für die Kunst. Dieses Interesse traf auch auf andere NS-Größen zu, auch wenn die meisten vor der„Machtergreifung“ keinerlei Kunstwerke besaßen. Eine Ausnahme war Goebbels, der Bilder besaß und da- runter, man mag es kaum glauben, auch * Tiel dieses Planes, der auf vier Jahre festgelegt war, war die Ausrichtung der Wirtschaft auf eine beschleunigte Rüstung. So war der Vierjahresplan“? auch im Weltkrieg von großer Bedeutung. ** Die Pogrome 1938 in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, verharmlosend „Reichskristallnacht“ genannt, waren von den Nazis, vielen Mitlãäufern und schaulustigen Bürgern gelenkte und geduldete Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung im gesamten Deutschen Reich. 1400 Synagogen wurden zerstört, Geschäfte, Wohnungen und Friedhöfe ebenso. 30.000 Juden wurden in Konzentrationlager deportiert. Viele wurden ermordet. 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Adolf Hitler Schenkt Hermann Göring 7u dessen 4S. Geburtstag am 12. Januar 1938 ein Gemülde.(Quelle: Bundesarchiv Bild 183-HO0455) moderne Werke. Sie passten eigentlich überhaupt nicht in das traditionelle Bil- dungskonzept der Nazi-Ideologie, nach der die Zeitgenössische und abstrakte Kunst zu verabscheuen und als„entar- tet“ zu stigmatisierten war. Durch die im Zuge der Arisierung ge- raubten Werke entstanden Kunstsamm- lungen von höchstem Range. Mit diesen Raub?Zügen und Ausplünderungen wa- ren s0 gut wie alle„Reichsdeutschen“ einverstanden, Zumindest verschloss man völlig unbesorgt die Augen davor. Man hielt den Raub(wie spãter auch den Võl- kermord an Juden, Roma und Sinti) für eine Notwendigkeit der Zeit, für eine Pflicht, die man aus Treue zum Reich und Vaterland Zu billigen hatte. Gehörte Bereicherung schon im so- genannten Atreich zu den Begleitum- Ständen der Vernichtungspolitik, so war sie nach Kriegsbeginn in den besetzten Gebieten noch weitaus stärker verbrei- tet. Auch die Wehrmacht hatte hieran ih- ren Anteil. EFinige aus der Nachkriegsge- neration werden sich bestimmt an solche Sãtze erinnern:„Dds hat der VatemOpa als Polen oder Russland milgehbracht.“ Im„Mtreich“ wurde jedenfalls das ge- raubte EFigentum ordentlich verteilt. Finfache Hausfrauen trugen plötzich teure Pelꝰmãntel und Schmuck und hin⸗ gen wertvolle Gemälde an die Wand. Hans Frank, Generalgouverneur im besetzten Polen*** Auf diesen Massenmörder und Parvenü muss eingegangen werden. Frank war Antisemit und Rassist, einer von der Schlimmsten Sorte unter den Nazi-Grõ- ßen. Als Generalgouverneur wurde er von Zeitgenossen der„Schlächter von Polen“ oder der„Judenschlächter von Krakau“ genannt. Sein Stellvertreter Jo- Sef Bühler bezeichnete ihn in seiner Aus- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 Sage beim Nürnberger ProZess 1 946 als „König von Polen“. Frank regierte im Generalgouverne- ment wie ein Potentat. Neben seinen Wohnsitzen in München und Berlin nut?te er das Königschloss in Krakau (Wawel) ebenso als Residenz wie das Belvedere-Palais in Warschau und das Potocki-Palais in Kreszowice, die er alle reichhaltig mit geplünderten Kunstwer- ken /Gemälden der jüdischen und polni- schen Bevölkerung ausstattete. Bei sei- nen Raubzügen hat sich Frank mitunter auch die Mithilfe der Judenräte in War- Schau und Krakau erzwungen. Vielleicht können sich einige Teil- nehmer unserer Studienreisen noch an einen Chanukkaleuchter erinnern, der neben der Thora in der alten Synagoge in Krakau steht. Diesen wunderschö- nen und goldenen Leuchter hatte Frank Sich auf seinen Schreibtisch gestellt, weil er ihm so gut gefiel. Nach Kriegsende konnte dieser Leuchter wieder in die alte Synagoge zurückgegeben werden. Der Kunsthändler Hildebrand Gurlitt Die Arisierung und Raubkunst wären ohne die Tätigkeit verschiedener Be- rufsgruppen nicht mõglich gewesen, die eine wichtige Mittlerfunktion einnah- men. Unter ihnen Rechtsanwälte, Mak- ler, Kunstsachverständige, Schätzer, de- nen sich vielfältige Möglichkeiten der Bereicherung boten. Dieses„Vermittler- gewerbe“ Zeichnete sich durch eine oft extreme Spezialisierung aus: s0 gab es Kunstsachverständige, die sich vor allem mit den Besit?tümern aus jüdischem Figentum, insbesondere Gemälden/Bil- dern, beschäftigten. Oft waren die Uber- gänge Zum kriminellen Milieu fließend, da hier die Notlage der Betroffenen in vollem Umfang ausgenutzt werden konnte. Diese Vermittler nannten sich zum Jeil auch gerne„die Aasgeier, die ei- nen Todgeweihten umkreisen“. Zu diesen Vermittlern zählte auch Hildebrand Gurlitt. Er wurde 1895 ge- boren und war spãter mit einer nicht- jüdischen Frau verheiratet. Aus der Ehe gingen eine Tochter und ein Sohn hervor. Seine Großmutter war Jüdin. Sein Vater war Rektor an einer Hoch- schule. Im Elternhaus gingen die Künstler ein und aus. Daher war Hilde- brand schon früh mit der Malerei in Kontakt gekommen. Als Primaner er- lebte er den Ersten Weltkrieg und dien- te dem deutschen Kaiserreich als Kriegsfreiwilliger, dabei brachte er es bis zum Maschinengewehroffizier. Aus dem Kriegsfreiwilligen entwickelte sich ein junger Mann, der die Kunst sehr wichtig nahm. Zu diesem Zeitpunkt konnte allerdings noch keiner erahnen, dass aus diesem jungen Mann einmal einer der skrupellosesten Kunsthändler und Kunstrãuber werden würde. Hildebrand Gurlitt studierte Kunst- geschichte in Frankfurt am Main. 1925 vFans Michael Frank, geb. 23. Mai 1900 in Karlsruhe, war Generalgouverneur des be- set?ten Polen. Wegen Verbrechen gegen die Menschheit in Nürnberg Zum Tode verurteilt und am 16. Oktober 1946 hingerichtet. Frank war Rechtsanwalt und Hitlers Hausjurist. Zu empfehlen ist das Buch seines Sohnes Niklas Frank:„Der Vater-eine Abrechnung“. 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Schickte ihn die Frankfurter Zeitung in die USAM. Im gleichen Jahr wurde er Museumsdirektor in Zwickau. Kurze Zeit spãter auch Direktor im Kunstver- ein Hamburg. Er erõffnete eine Kunst- handlung in seiner Wohnung an der Als- ter. Ab 1934 arbeitete Gurlitt als Galerist und Händler mit Hauptsit? in Hamburg und einer Dependance in Dresden. Ab 1937 arbeitete er dann eng mit dem NS-Regime zusammen und „Kaufte“ bekannte und wertvolle Wer- ke oft auch von jüdischen Sammlern, obwohl er um deren Schicksal und Not- lage genau Bescheid wusste. Dass er Selbst jüdischer Abstammung war, Scheint ihn dabei nicht gestõrt zu haben. Gurlitt erhielt von Nazi-Größen den Auftrag, Bilder aus geplünderten jüdi- le: Bundesarchiv Bild 183-H28988). Heinrich Himmler, Reichsführer SS, Schenkt Adolf Hitler zu dessen 50. Geburtstag(19. April 1939) ein Gemälde(Quel- schen Sammlungen für den Führer zu beschaffen, damit dieser sein geplantes Museum in Linz ausstatten konnte. Das Ganze wurde unter dem Namen„Son- derauftrag KEinz“ geführt. Merdings be- fanden sich an der Seite von Gurlitt auch andere namhafte Museumsdirek- toren, die ihm bei diesen Raubzügen be- hilflich waren, unter ihnen auch ein Direktor aus Wiesbaden namens Voss. Gurlitt war mit allen Vollmachten ausgestattet. So hatte er nicht nur freies Geleit, sondern auch Zugriff auf Trans- portmittel wie Lastwagen und Züge, s0 dass auf diese Weise Werke(Monet, van Gogh, Picasso, Dix, Beckmann, Lieber- mann) von fast unschãt?barem Wert ge- Stohlen und in die entsprechenden Fin- richtungen und Museen verteilt werden konnten. Ab 1943 arbei- tete Gurlitt nur noch für Hitler. Ende 1944 war es dann allerdings nicht mehr weit her mit den Geschäften. Nachdem durch die Bombenangriffe auch Gurlitt inzwischen wohl klar geworden war, dass es mit dem Pritten Reich zu Ende gehen würde, flüũchtete er in ein Porf bei Bamberg/Aschbach und Schaffte nach und nach Ssein Hab und Gut dorthin. Bereits ab 1 946 hielt er als Kunstpädagoge Vor- trãge, s0 als wäre nie et- was gewesen. Gegenüber den US-Amerikanern Stellte er sich als Opfer Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 der Nazis und als Retter der Kunst dar, der nie etwas Böses getan habe. Wie Sselbstverständlich berief er sich dabei auch auf seine jũdische Großmutter. Er hatte aber seine Bilder schon vorsichts- halber in einem Versteck untergebracht, und zwar in einer Wassermühle in der Nãhe des Dorfes. Dann war Gurlitt ein freier Mann und gehörte wieder zur gu- ten Gesellschaft. Industrielle wie Krupp und andere Reiche interessierten sich wieder für ihn und seinen Kunstverstand. Hildebrand Gurlitt Starb 1956 nach ei- nem Autounfall. In den Nachrufen wur- de er als wichtige Figur der bundesrepu- blikanischen Kunstwelt gefeiert. Welch ein Skandal! Und welche Aufarbeitung hat hier überhaupt stattgefunden? Der Erbe und Sohn Cornelius Gurlitt Cornelius Gurlitt wurde am 28. Dezem- ber 1932 geboren, besuchte die Volks- schule in Hamburg, das Gymmasium in Dresden. Nach der Kapitulation Nazi- Deutschlands kam er auf das Odenwald- Internat. Abitur machte er in Püsseldorf. Dann studierte er Kunstgeschichte an der Kölner Universität, brach aber sein Studium ab. Im Gegensat? Zu seinem Va- ter galt Cornelius als ein scheuer zurück- haltender Typ, was ihm bis ins hohe Alter nachgesagt wurde. Mit seiner Mutter zog er nach Mün- chen und sie kauften Zwei Wohnungen in bester Lage. Zu dieser Zeit war Cor- nelius 27 Jahre alt. Die Mutter starb 1967. Spätestens seit dem Tod der Mut- ter war er nun der eigentliche Hüter des Bilderschat?es. Bei Späteren Verkäufen der Bilder soll Cornelius Gurlitt Preise zwischen 80.000 und 400.000 Furo er— zielt haben. Weder Verkäufer noch Käu- fer legten offenbar Wert auf die Frage, woher die jeweiligen Bilder stammten. Dies alles wäre nicht ans Licht ge- kommen, wenn nicht Ende Februar 2012 einem aus der Schweiz einreisen- den älteren Herrn- nämlich Cornelius Gurlitt- Zollbeamte in der Bahn die Frage gestellt hätten, woher er denn die 9000 Furo Bargeld, die in einem Buch versteckt waren, habe. Nachdem der Herr nur vage Angaben machen konn- te, wurden weitere Ermittlungen einge- leitet. Gefunden wurden in seiner Mün- chener Wohnung 1280 Kunstwerke von großem Wert. Inzwischen beschäftigte dieser Fund die ganze Weltöffentlich- keit. Die Bilder wurden beschlagnahmt. Auf die ärmliche Rolle, die hierbei die Staatsanwaltschaft und die õffentlichen Medien spielten, will ich nicht eingehen. Vielmehr beschäftigt mich die Fra- ge, die im Ubrigen keinen interessierte, wiesO auch hier wieder einmal die Bun- desrepublik Deutschland, die Justiz und ihre Politiker nach 1 945 vdllig ver- Sagt haben. Es ist, gelinde ausgedrückt, nicht Zu fassen, wie mit den Opfern des Holocaust und ihren materiellen Rech- ten umgegangen wurde. Andererseits liegt die Antwort auf der Hand: Politik, Parteien, Bildung und Kunstbetrieb waren zu dieser Zeit, und das bis An- fang der 1970er Jahre, unterwandert von Altnazis. Diese sahen überhaupt keine Veranlassung, Gesetze, Verord- nungen oder Erlasse zu Gunsten der Holocaustopfer auszusprechen. Dagegen konnten die Gurlitts sehr gut mit dem Geraubten leben. Eine so- 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer genannte Stunde NULL hat es für die- se Herrschaften nicht gegeben. Uber Cornelius Gurlitt war zu lesen, dass er mit seinen Bildern sogar ge- Sprochen habe und dass sie seine Freun- de waren. Es wäre besser gewesen, er hätte mit den rechtmäßigen jüdischen Besitzern gesprochen und ihnen ihr Figentum zurückgegeben. Noch kurz vor seinem JTod am 6. Mai 2014 hatte er Sich gegenüber einem Journalisten dazu geäußert, dass er keines seiner Bilder freiwillig herausgeben würde, und ver- erbte dann die gesamte Sammlung dem Kunstmuseum in Bern. Damit haben die Schweizer kein leichtes Erbe be- kommen. Die Erbmasse wird auf viele Millionen Euro geschätzt. Versuch einer rechtlichen Würdigung Die wirtschaftliche Entrechtung sowie die physische Vernichtung der Juden wurden systematisch betrieben. Der Entzug von Kunstwerken war integra- ler Bestandteil des Verfolgungsge- schehens und der Vernichtung in den Todeslagern. Nach Kriegsende hatten die Alliierten ein Rückerstattungs- recht ab 1947 erlassen. Gegen dieses Gesetz hatte die deutsche Bevölke- rung erhebliche Finwände. Auch hier lässt sich wieder einmal konstatieren, welch Geistes Kind diese Wider- sprüchler gewesen sein müssen. Andererseits hatte dieses Geset?z auch rigide Ausschlussfristen, sie lie- fen bis Zum 30. Juni 1950. Es versteht Sich von selbst, dass diese Fristen von den Berechtigten gar nicht eingehal- ten werden konnten, zumal viele der Opfer drängendere Probleme hatten (Folgekrankheiten der Verfolgung, Emigration, Suche nach Angehörigen usw.) oder aufgrund ihres Aufenthal- tes außerhalb Deutschlands keine Kenntniss davon hatten. Die deutsche Rechtsprechung hat Sich wohlweislich auf diese Ausschluss- fristen berufen und so die Rückweisung der Ansprüche bewirkt. Die Diebe, Räu- ber und Verbrecher konnten wieder ein- mal jubeln. Zwar endete die westliche Besatzung am 5. Mai 1955, das Besat- zungsrecht blieb davon aber unberührt. Bis heute gibt es keine bundesdeutsche Anderung dieses alliierten Rückerstat- tungsgesetzes. Der Bundesgerichtshof (BGH) hat es weiterhin grundsätzlich nicht in Frage gestellt. Fehlte eine frist- gerechte Anmeldung, war der Rücker- Stattungsanspruch- jenseits aller mora- lischen Bewertungen- endgültig unter- gegangen. Im übrigen hatte sich auch die DDR noch unter Lothar de Maiziere bis zulet?t gegen eine Rückgabe von Kunst- werken Zur Wehr gesetzt. Ich könnte jetzt aus juristischer Sicht lang und breit über Herausgabe- ansprũche nach§ 985 BGB(Besit?ver- lust, gutgläubiger Erwerb) usw. schrei- ben, aber ich will es mir ersparen und nur ganz kurz erwähnen, dass sich für mich die Frage des gutgläubigen Er- werbs im Falle von Kunstraub an jüdi- schem Pigentum überhaupt nicht stellt. Dass die damalige Bundesregie- rung gegen dieses Unrecht nicht vor- gegangen ist, ist durch nichts, aber auch rein gar nichts zu entschuldigen und ein weiterer Schandfleck in der Geschichte der Nachkriegszeit. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25 Propaganda-Minister Josef Goebbels am 27. Febriar 1937 in München beim Besuch der Ausstellung“ Entartete Kunst“(Quelle: Bundesarchiv Bild 183-HO2648). Lediglich 1998 hatte man sich be- müht, eine Empfehlung auszusprechen in Bezug auf Kunstwerke, die im Prit- ten Reich beschlagnahmt worden wa- ren(Sogenannte Washingtoner Erklä- rung). Eine reine Alibi-Erklärung, denn erfolgversprechend war sie in keiner Weise, eben nur eine Empfehlung. Nach Jahrzehnten des Schweigens, Nichtstuns und Vergessens sollten jetzt endlich die Namen der Hehler, Räuber und Profiteure õffentlich genannt wer- den. Warum sollen die Opfer und Erben allein die Beweislast tragen, was ihren Familien gestohlen wurde? Hier muss ganz eindeutig eine Beweislastumkehr eingeführt werden. Es gibt zum Beispiel Versteigerungslisten, Geschäftsunterla- gen von Auktionshäusern, Unterlagen bei Hnanzämtern usw. Der Deutsche strõmte Zu den fast alltãglichen„Nuden- auktionen“ und deckte sich ordentlich mit dem ein, was zZu kriegen war. Und was die Bestände der Museen angeht: Wo sind deren Listen von ih- ren„Ankäufen“? Des Weiteren muss die Verjãhrungsfrist für Raubkunst ab- geschafft werden. Insgesamt finde ich es bis heute un- säglich, wie hier auf der Asche der er- mordeten jũdischen Besitzer über echte und falsche oder ersessene Rechte dis- kutiert wird. Wo bleibt der Aufschrei?! Den ermordeten Opfern in den Konzentrations- und Vernichtungsla- gern sind wir es schuldig, dass auch dieses mörderische Kapitel der deut- schen Geschichte nicht zugeschlagen wird. Schließen möchte ich mit dem Hinweis, dass heute etwa die Hãälfte der noch Uberlebenden des Holocaust unterhalb der Armutsgrenze lebt.„ 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Filip Müller war einer der bekanntesten Kronzeugen aus dem jüdischenSonderkommando von Auschwitz-Birkenau Ein leiser Abschied Vor einem Jahr starb Filip Müller an einem denkwürdigen Tag Von Andreas Kilian Wer Filip Müllers Stimme einmal ge- hört hat, vergisst sie nie. In den 2004 verõffentlichten Tondokumenten des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozes- ses und in CGlaude Lanzmanns 1985 uraufgeführtem Dokumentarfilm „SModn“ wurde sie verewigt. Der tra- gischen Ermordung von Frauen und Kindern des Theresienstädter Famili- enlagers in der Nacht vom 8. auf den 9. März 1044 setzte Müller in Lanz- manns Meisterwerk ein Denkmal. Sein berührender Weinkrampf und die vergebliche Bitte, die Kamera abzustellen, wurden zu einer der un- kilip üler SoRDrh vergesslichsten und eindrucksvollsten SꝰZenen des ganzen Films, einer Szene, die einige Menschen zur Beschäfti- gung mit der Todesfabrik Auschwitz bewegt hat. Mit ihr begann im Jahre 1992 meine Forschungstätigkeit zur Geschichte der jüdischen Sonderkom- mandos in Auschwit?-Birkenau und seit Juli 1995 ein freundschaftlicher Kontakt mit dem Mann, der das Bild der jüdischen Sonderkommandos in Auschwitz-Birkenau entscheidend geprägt hat. In Filip Müller habe ich meinen Lehrer gefunden. Filip Müller und insbesondere sein bewegender Bericht„Sonderbehandt- Filip Müller im 1. Frankfurter Auschwitz-Prozess, 1964, Fotos: Günter Schindler O Schindler-Foto-Report; Mitte: dt. Erstausgabe 1970 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 jung. Drei Jahre in den Krematorien nd Gaskammern von Auschwitz“ aus dem Jahr 1970 hat Generationen von Auschwitz-Forschern geprägt. Es han- delt sich hierbei um die erste in Deutschland veröffentlichte Erinne- rungsschrift eines Augenzeugen, der die Massenvernichtung in den Krema- torien und Gaskammern in Auschwitz- Birkenau als Häftling des jüdischen Sonderkommandos und Kremato- riumskommandos über einen Zeit- raum von 10 Monaten miterlebt hat. Zudem ist es der einzige Bericht eines überlebenden ehemaligen Sonder- kommando-Hãäftlings, der die Ereig- nisse über einen Zeitraum von 32 Mo- naten beschrieb, und der erste litera- rische Versuch einer Gesamtdarstel- lung der Sonderkommando-Geschich— te. Damit steht Müllers Werk den Zeugnissen der bekannten Chronisten des Sonderkommandos wie Salmen Gradowski, Salmen Lewenthal und Lejb Langfuss inhaltlich in nichts nach. Diese Leistung verdient größte Hochachtung und Wertschätzung, nicht nur, weil sich Müller für die Anfertigung seiner Erinnerungsschrift jahrelang erneut intensiv mit dem Grauen der Mordfabrik konfrontieren musste. Bescheiden wie er war, wollte er jedoch nie im Rampenlicht stehen, keinen literarischen oder historischen Erfolg, keinen Profit aus seinen Erin- nerungen erzielen. Der ruhige und Sanftmütige Mensch wollte aufklären und die Wahrheit ans Licht bringen, Selbst wenn er sich damit gegen vor- herrschende historische Darstellungen wandte, die politisch bestimmt waren. Das machte ihn unbequem, weshalb er auch nie die Aufmerksamkeit erhielt, die er verdient hãtte. Bereits in Prag hielt er Vorträge vor antifaschistischen Vereinigungen, die er in den ersten Jahren nach seiner Fmigration in Deutschland fortsetzte. Müller sprach weitaus früher öffent- lich über seine Erlebnisse als jeder andere Sonderkommando-Uberleben- de. Auch in diesem Fall war Hilip Mül- ler seiner Zeit voraus, aber die Offent- lichkeit war für seine Berichte noch nicht bereit. Das Wissen und Verständ- nis von Auschwit? war zu jener Zeit oberflächlich, die historische Darstel- lung sehr tendenziõs und der Wille zur Aufarbeitung und Auseinanderset- zung kaum vorhanden. Darum wurde Müllers Zeugenschaft anfangs häufig nicht ernst genommen, ging man doch davon aus, dass kein Häftling das Sonderkommando überlebt hätte. Dieses Schicksal begleitete Filip Müller bis zu seinem Lebensende. Vorausgesehen hatte er dies bereits im Jahr 1946:„Im Kremdtorium habe ich viel erlebt ind SZenen gesehen, von denen die Welt niemals etwas haite er- fahren Sollen. Man hatte nicht damit gerechnet, dass ich, ein Augenzelge, alles überleben würde, aber auch ich Selbst hatte niemals damit gerechnet, jemals die Freiheit wiederzusehen. Jch will nd Kann auch gar nicht alles his ins einzelne Schildern. Es ist viel zu viel ind s0 grauenhaft, dass es die meisten gar nicht glauben würden. Nicht einmal ich selbst Kann helte be— 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer greifen, wus ich alles habe miterleben miisven.“ In einer der ersten Frinnerungs- schriften eines Auschwitz-Uberleben- den schrieb Fredy Bauer, der Kontakt zum Sonderkommando hatte, bereits im September 1945 Ahnliches:„Ihr geehrte Lesen werdet niemals begrei— fen Lönnen, dass all dieses Grauen mõglich gewesen ist.(...) Die Welt wird es mir nicht glauben aber wissen miss vie dennoch alles.“ und„Es war immer unser Wunsch das Unrecht hinaus Schreien zu Können, das gegen Millionen wehrloser Menschen began- gen vurde.“(„Ich sing mich durch die Hölle“, Ubersetzung aus dem Schwe- dischen: Susanne Schramm) Als Müller meinte, Sseine selbst auf— erlegte Verpflichtung zur Aufklärung erfüllt Zu haben, Zzog er sich vor 30 Jah- ren aus der Offentlichkeit zurück. Zu diesem Zeitpunkt hatten andere Son- derkommando-Uberlebende bis auf zwei Ausnahmen(Dov Paisikovic 1964 und 1975 sowie Jakov Silberberg 1980) noch nicht einmal begonnen, über ihre schrecklichen Erlebnisse außerhalb von Gerichtsverfahren zu sprechen, geschweige denn ihre Prin- nerungen zu publizieren. Die frühen Berichte von Paul Ben- del, Andre Lettich und Miklos Nyiszli aus den Jahren 1946 und 1947 wurden von Uberlebenden verfasst, die alle nur vorübergehend als medizinisches Betreuungspersonal des Sonderkom- mandos tätig waren. Von den jüdi- schen Komitees im Nachkriegspolen oder in den Displaced Persons Camps Furopas gesammelte Aussagen ehe- maliger Sonderkommando-Häftlinge wurden nur vereinzelt und in unbe- deutenden kurzen Auszügen Jahr- zehnte später verõffentlicht, so z. B. 1975 im Fall von Avraham-Berl Sokol und Lemke Plis?zko, die sich jedoch darin nicht zu ihrer Sonderkomman- do-Tätigkeit bekannten. Die Hintergründe zu Müllers Rückzug Anfang der 1980er Jahre kennen die wenigsten. Im Gedenken an einen bewundernswert mutigen, willensstarken und standhaften Men- schen sollen sie im Folgenden be- leuchtet werden. Von Zufüllen und Wundern Filip Müller wurde am 3. Januar 1922 im slowakischen Sered an der Waag geboren und Mitte April 1942 mit dem fünften RSHA-Transport und dem ersten Transport mit jüdischen Männern aus der Slowakei in das Konzentrationslager Auschwit? de- portiert. Von seinem tausend Men- schen zählenden Transport übrlebten schätzungsweise nur zehn Menschen das Kriegsende. Kurze Zeit nach sei- ner Ankunft in Auschwit? wurde er strafweise dem berüchtigten Krema- toriumskommando im Stammlager zugeteilt. Finen Monat spãter entkam er die- sem Todeskommando durch Beste- chung, überstand die schwere Zwangs- arbeit beim Aufbau des IG-Farben- Werks und die kraftraubenden täg- lichen Transporte von Auschwitz-Bir- kenau nach Monowitz. Müller gehörte Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29 zu den ersten Häftlingen des Ende Oktober 1942 eröffneten Nebenlagers Monowitz und ũberlebte dort im Früh- jahr 1943 die Selektion als„Musel- mann“ und seine Uberstellung in das Vernichtungslager Birkenau. Dabei konnte er seine durch einen Arbeits- Unfall verursachte lebensgefährliche Verletzung verbergen und von Kame- raden durch eine illegale und geheime Operation im Birkenauer Krankenbau gerettet werden. Die von Freunden organisierte Uberstellung in das Kartoffelschäler- kommando rettete durch Schonung erneut sein Leben. Doch die vermeint- liche Sicherheit währte nur kurz: Im Juli 1943 wurde Müller vom Lagerfüh- rer wiedererkannt und strafweise in das Sonderkommando einverleibt. Auch in dieser Situation entging er einmal mehr nur knapp dem Tod, denn als Geheimnisträger erwartete ihn ohne Genehmigung grundsätzlich außerhalb des isolierten Kommandos „auf der Hucht“ der Tod. Als Heizer und Krematoriums-Facharbeiter war er jedoch in den Augen der S8 vorerst zu wertvoll, um liquidiert zu werden. Im Sonderkommando überlebte er nicht nur das alltägliche Grauen in der Todesfabrik, sondern auch gefährliche Situationen wie Widerstandshandlun- gen und Aufruhr von vor ihrer Ermor- dung stehenden Opfern, Fluchtaktio- nen von Mithäftlingen, Schmuggel- aktionen in andere Lagerteile, konspi- rative Treffen der Widerstandsgruppe im Sonderkommando sowie fünf Liquidierungen von eilen des Kre- matoriums- und Sonderkommandos und vor allem den mutigen aber ver- zweifelten Aufstand des Sonderkom- mandos am 7. Oktober 1944. Finzelne Selektionen im Sonder- kommando überlebte der umgängl- iche Hilip Müller aber auch, weil er vom Krematoriumsleiter Hubert Busch geschützt wurde. Als erfah- rener Häftling mit der niedrigen Registrierungsnummer 29236 wurde Müller im Kommando durch Funkti- onshäftlinge protegiert. Ihm wurde Ruinen der Hofmauern zwischen den Sonderkommando-Häftlingsblöcken 11 und 13 und der Sanitärbaracke des Sonderkommandos in Bauabschnitt B IId des KL Auschwitz-Birkenau, Fotoarchiv Kilian, O M. Kilian 1994 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer sogar ein Kapo-Posten angeboten, den der friedfertige Geiger jedoch ab- lehnte. Er unterhielt Kontakte zu ein- flussreichen Häftlingen in anderen Lagerteilen und war auch durch seine vorübergehende Vertrauensstellung als Kalfaktor im Lager privilegiert. Dadurch hatte er eine Bewegungs- freiheit, die Anderen vorenthalten blieb. Seine Stellung erlaubte es ihm Sogar, sich im Spätsommer 1944 von einem griechischen Mithäftling aus dem Sonderkommando, der Auftrags- arbeiten als Maler durchführte, por- traitieren zu lassen. Unter Lebensgefahr versorgte er Sogar drei Füchtlinge aus Auschwitz- Birkenau mit Hilfsmaterialien und Beweismitteln aus der Todeszone, um die Außenwelt über die Mordmaschi- nerie zu informieren. Doch die Opfer auf dem Krematoriumsgelände konn- te Müller nicht retten. Dies führte ihn in eine tiefe Krise, die während der Liquidierung des Theresienstädter Familienlagers ihren Höhepunkt fand. In einem Outtake des Claude Lanzmann-Films„Shoah“ schildert Müller seine Verzweiflung während dieses tragischen Ereignisses: „Nah ich mir gesagt, was wlrde ihermaupt mein Leben für einen Sinn haben, wenn ich mal Kommen wirnde, vielleicht als ein freier Mann, wenn ich niemandem begegnen würde von die- en Menschen. Da hah ich mich ent— Schlossen, in die Gaskammer mit de- Links: nach der Befreiung von Auschwitz 1945 aufgefundene Gaskammertür von Krematorium IV. Rechts: Einwurfluke für das Gas Zyklon B, gefunden in den Ruinen des Krematoriums IV. SO M. Kilian 2004, 2005. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 nen zu gehen.(..) Nach einigen Minu— ten Kamen einige Madchen vor mich, die waren nackt Schon, die waren aus— gezogen. Und da Kam eine und fragte mich, ein Schwurzes Mädchen, Sie vtell- te vich vor mit Namen Jana. Vch hin Ja- na nd ich frage Dich, was hat denn Dein Feitod wus Du machen willt für einen Sinn? Pas hat doch Keinen Sinn. Du Kannst lins nicht helfen, im Gegen- teil, Du musst leben und herichten, was für einen qualvollen Vod wir da eriuen hahen.(..) Und plõtzlich Kam zu mir der Kapo Kaminski und vagte mir Fi- lip, wus hast Du denn sowus gemacht, Du wiyst doch denen so einen Geſallen nicht machen, ind Dich denen selbst erlegen. Wir brauchen Dich noch. D hist jng, Du Kannst noch vieles ma- chen und vielleicht nochmal überle- hen In dem Moment ist mir viel Kraft in mich gelommen. Ich hatte wieder Sehnscht zum Leben. Ich Kann es nicht verslehen, wie es möglich wur Vormer wollte ich mir dus Leben neh- men und jetzt eine große Sehnsucht. Der Kapo Kaminski hat vo üherzelu— gend auf mich gesprochen, dass es s0 eine große Wirkung auf mich gemacht hat. Und s0 hah ich die Schreckliche Nacht dann überleht.“* Müller gelang es schließlich wäh- rend der Lager-Fvakuierung am 18. Ja- nuar 1945, mit etwa 90 anderen Hãäft- lingen aus dem letzten Sonderkom- mando Birkenau unerlaubt zu verlas- sen und somit einer restlosen Beseiti- gung der unvergleichlichen Augenzeu- gen zu entgehen. Nach einer Uber— nachtung im Stammlager Auschwit?, wo die SS vergeblich nach Hãäftlingen des Sonderkommandos suchte, wurden die unentdeckten Geheimnisträger in andere Lager überstelit. Filip Müller überlebte die Todes- märsche bis in das Mauthausener Ne- benlager Gusen, wo ihn der ehemali- ge Krematoriumsleiter Johann Gor- ges wiedererkannte, aber nicht an die Lagergestapo auslieferte, obwohl auch hier die S8 nach Sonderkom- mando-Uberlebenden suchte, und von dort Mitte April 1944 bis in das Auffanglager Gunskirchen. Dort er— lebte er völlig apathisch und schwer krank am 4. Mai 1945 die Befreiung durch die US Army. Ein Fünftel der auf dem Lagergelände befreiten kranken Häftlinge überlebte ihre Entkräftung nicht. Filip Müller litt noch sein Leben lang unter den Folgen der Lagerhaft, Seit Kriegsende überstand er insgesamt 13 Operationen. Unter den etwa 110 Uberlebenden der schätzungsweise 2200 jüdischen Sonderkommando- Hãäftlinge gehört Müller zu den weni- gen und insgesamt nur fünf Männern, die bereits im Jahre 1942 im Kremato- riumskommando des Stammlagers Auschwitz arbeiten mussten. Hilip Müller war ein bescheidener Uberlebenskünstler, der seine Fähig- keit, schwierigste Situationen zu überstehen, häufig herunterspielte: * Outtake des Lanzmann-Interviews mit Filip Müller, STORV RG-60.5012, FILM ID: 3206-3218, USHMM) 32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer „Dem Vod bin ich nur durch glüch— jiche Zufälle, eigentlich durch ein Wunder entronnen. Was ich erlebt ha— he, erscheint mir heute unglaublich, wie ein hõser Vaum.“ Sein bemerkenswerter Uberle- benswille beeindruckte viele Men- schen, so auch den Regisseur Claude Lanzmann: In einem ZETTInterview aus dem Jahre 2013 wurde der Regis- seur gefragt, ob der Mensch Claude Lanzmann beim Drehen manchmal an seine Grenzen gekommen sei. Lanzmann antwortete: Ja, beim Ge— Ppräch mit Hilip Miller der als Mit- glied des jüdischen Sonderkomman- dos in Alschwitz flinf Liquidations- wellen überlebt hat. Einmal, wdhrend der Dreharbeiten zu Shoah, vdgte er zu mir. Vch wollle leben, inbedingt leben, noch eine Minute, noch einen Jng, noch einen Monat ldngen Begrei- ſen Sie. lehen.““. Filip Müller bleibt in vielerlei Hin- sicht unvergessen. Wer ihn einmal er- lebt hat, wird die bleibenden Eindrü- cke bewahren. Die Zeugnisse, die Fi- lip Müller hinterlassen hat, machen ihn unsterblich. Der„Kronzeuge“ vor Gericht In Folge seiner Lagerhaft blieb Filip Müller bis 1953 arbeitsunfähig und musste in dieser Zeit meist in Sanato- rien behandelt werden. Auf Wunsch des ehemaligen Auschwitz-Uberle- benden und Freundes Erich Kulka gab er seinen ersten Bericht in einem Prager Sanatorium zu Protokoll. Die- ser wurde auf vier Seiten bereits 1946 in der frühen Auschwitz-Parstellung „Die Jodesfabrik“ von Ota Kraus und Frich Kulka(alias Schön) in tschechischer Sprache veröffentlicht. Trotz seiner sSchlechten gesundheit- lichen Verfassung nahm Müller die Last der Zeugenschaft auf sich und sagte in den Jahren 1958 bis 1973 in mehreren Beweisaufnahmen vor Ge- richt aus, zudem stellte er sich in Ge- richtsproZessen als Zeuge zur Verfü- gung, zuerst im Krakauer Auschwitz- ProZess 1947, wo er allerdings laut Links: Hof des Mten Krematoriums im Stammlager Auschwitz. Rechts: Muf- fel-Offnung eines Finäscherungsofens im Alten Krematorium. Fotoarchiv Kilian, O M. Kilian 2004. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 33 eigener Aussage aus Angst vor den polnischen Behörden nicht den polni- Schen Kapo Morawa belasten konnte, danach 1964 im ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess, schließlich im zweiten Frankfurter Auschwitz-Pro- Ze88 1966. Fin wesentlicher Beweggrund sei- ner Zeugenschaft war aber auch die Tatsache, dass viele Gerüchte über die Massenvernichtung in Auschwitz-Bir- kenau im Umlauf waren. In einem Ge- Spräch mit dem Verfasser sagte Müller im Jahr 2002 dazu folgendes.„Nach dem Zweilen Weltrieg wollie jeder von den Uherlebenden ein Alles wisser vein, ind das geheimnisvolle Sonderkom- mando hat sie s0 gereizt, dass sie viel- mls fantasiert hahen.(..) Meine Auft gahe war es zu Zeigen, was sich zwi— Schen den Wänden abgespielt hat und wie es möglich wun innerhalb von 24 Sunden ſast dreißigtuausend Menschen zl erledigen. Dieses Geheimnis zu Zei- gen, das war meine Aufgabe.“ Im Krakauer Auschwitz-ProzZess trug seine Aussage gegen die Ange- klagten Aumeier und Grabner zu de- ren Verurteilung maßgeblich bei. Im ersten Frankfurter Auschwit?-Prozess folgte das Gericht im Urteil des Hauptverfahrens Müllers Aussagen zur Rolle des Angeklagten Stark, in der mündlichen Urteilsbegründung des Vorsit?enden Richters bezog man sich Zudem auf Müllers Aussagen zum Angeklagten Dr. Frank. Auch Müllers Angaben im Fall des Angeklagten Dr. Lucas wurden berücksichtigt. Im Fall Stark ging das Gericht auf die Glaub- haftigkeit der von Müller geschilder- ten Vorfälle ein: Es spricht vogar für die Glaub wirdigkeit Millers, dass er die auf den ersten Blick n wahrt Scheinlich ercheinenden Pinge so ge— Schildert hat, wie er sie in Sseinem Ge- dãchtnis bewahyt hat.“ Die Außergewöhnlichkeit von Mül- lers Erlebnissen sowie sein enormes Detailwissen und seine gründlichen Beschreibungen machten den ehema- ligen Hinanzbeamten sowohl zum An- griffsziel der Verteidigung im ersten Auschwitz-Prozess, die ihn im Verfah- ren gegen den Angeklagten Stark als „Schlüsselfigur“ bezeichnete und mit allen Mitteln als unglaubwürdig hinzu- stellen versuchte, aber auch zum be- deutenden Feindbild für Relativierer, Zweifler und Auschwitz-Leugner. Grundsätzlich störte die ehemali- gen Täter und Revisionisten jedoch etwas anderes: Sie verziehen Filip Müller seine einzigartige Zeugen- schaft und die Besonderheit seines Uberlebens nicht. Der Angeklagte Kaduk kam so in Konfrontation mit der Aussage des Sonderkommando- Uberlebenden Buki im Jahre 1962 zu der Schlussfolgerung:„Es erscheint mir ausgeschlossen, dass der Zeuge als Angehöriger des Sonderommandos den Aufenthalt in Auschwitz überleht hdt. Jch weiß mit Bestimmtheit, dass die Angehörigen des Sonderkommandos von Zeit zu Zeit restlos heseitigt wort den vind. Von den Sondericommandos hlieb dann niemand übrig, auch die nktionshdftlinge fielen der Vernich— tung anheim. Ich hahe einmal beoh— achtet, wie ein Sonderommando von 34 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Birkenau in das Stammlager geführt wlurde, im dann in dem Kleinen Krematorium umgebracht zu werden.“ Müller musste sein Uberleben im Sonderkommando sogar vor dem Vor- sit?enden Richter rechtfertigen. Bis da- hin war man basierend auf Legenden davon ausgegangen, dass die Häftlinge des Sonderkommandos alle drei bis vier Monate liquidiert worden wãären. So waren alle Sonderkommando- Uberlebenden Ausnahmeerscheinun- gen, mit denen ihre Umwelt nur schwer umgehen konnte, und wurden dadurch erneut stigmatisiert und Zum Opfer der Nachkriegsgesellschaft. Nicht selten wurden sie deshalb von Besserwissern ignoriert, belächelt und von Zweiflern ausgelacht oder beschimpft. Müller aber konnte sich dem Alb- traum Auschwitz nach seiner Befrei- ung nicht entziehen, daran hinderten ihn nicht nur die inneren Zustände sondern auch die äußeren Umstände: die rasante und durch Emil Aretz 1970 eingeläutete Verbreitung der These von der Sogenannten Auschwitz-Lüge, das Erstarken des Rechtsextremismus in West-Buropa, die Kolportierung un- zutreffender und sensationslüsterner Darstellungen sowie irriger Interpreta- tionen über das Sonderkommando durch andere Auschwitz- Uberlebende insbesondere durch Miklos Nyiszli (in englischer Ubersetzung 1960), Alfred Fiderkiewicz(1965), Hermann Langbeins„Menschen in Auschwilz“ (1972 1995 einen Monat vor seinem Tod auf Betreiben des Verfassers Zum Teil revidiert) und das Sonderkom- mando-Bild der Philosophin Hannah Arendt(1963). Auch die juristische Verfolgung der Verbrechen von Auschwitz sowie Zwei Schicksalhafte Begegnungen mit ehe- maligen Peinigern zwangen Filip Mül- ler dazu, wieder- Ruinen des Sonderkommando-Waschraums in der Latrinen- baracke zwischen den Hüftlingsblöcken 11 und 13 in Bauab- schnitt B II d. Fotoarchiv Kilian, O A. Kilian 1994 holt Zeugnis abzu- legen. Auf dem Parkplat? einer Autobahnraststät- te erkannte Mül- eer 1 geschockt 6einen ehemaligen Krematoriumslei- ter Johann Gorges wieder und erstat- tete Anzeige ge- gen ihn, woraufhin ein Ermittlungs— verfahren einge- leitet wurde. Be-— reits 1962 ver- nommen, blieb 7 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 35 Gorges jedoch bis zu seinem Tod im Jahre 1971 nahezu unbehelligt. Mitte der 1970er Jahre erkannte Müller den ehemaligen Chef der Bir- kenauer Krematorien, Peter Voss, in einem deutschen Kurpark wieder, doch völlig paralysiert konnte er da- mals die Verfolgung nicht mehr auf— nehmen. Voss wurde für seine Verbre- chen in Auschwitz nie belangt, er starb ungefähr ein Jahr nach der zufälligen Begegnung mit Müller. Gelegenheit, seinen ehemals in den Krematorien eingesetzten SS-Peinigern vor Gericht gegenüberzutreten, hatte Müller jedoch nie. Er blieb Belastungszeuge für andere Repräsentanten des Ver- nichtungslagers. Die wenigen zwi- schen 1945 und 1950 überhaupt ange- klagten SS-Angehörigen des Krema- toriumspersonals wurden zum Teil wegen Verbrechen in anderen Lagern verurteilt, insgesamt wurden fünf Todesurteile gegen Führungspersonal der Auschwitzer Krematorien voll- Streckt, das letzte in der DDR am 4. 11.1950 gegen den ehemaligen Kre- matoriumsleiter Karl Fritz Steinberg. Das umfassende historische Zeugnis Nach seiner Emigration in die BRD im Jahr 1960 befasste Filip Müller sich erst- mals ernsthaft mit einer Veröffent- lichung seiner Frinnerungen und muss- te dort auch keine Zensur durch die polnisch-kommunistisch geprägte Ge- Schichtsdarstelung von Auschwitz, die den jüdischen Widerstand im Sonder- kommando herunterspielte und die Rolle der polnischen Funktionshäft- Eingangstor?um Hof von Block 13, Fotoarchiv Kilian, O A. Kilian 1994 linge beschönigte, fürchten. Das erste und Zweite Kapitel seines Berichts wur- de um das Jahr 1972 in Ischechisch nie- dergeschrieben und anschließend ins Deutsche übersetzt. Pabei seien Müller zufolge über hundert Seiten seines Er- innerungsberichts wieder gestrichen worden, weil er befürchtete, dass ihm die darin beschriebenen Freignisse nie- mand glauben würde. Nach Gideon Greifs Veröffent- lichung„Wir weinten tränenlos“ (19935) von Interviews mit sieben ehe- maligen Häftlingen des Sonderkom- mandos wãre dies sicherlich nicht ge— schehen. Doch für Müllers Zeugen- schaft schien die Leserschaft noch nicht bereit. 36 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Das dritte und vierte Kapitel von „Sonderbehandlung“ wurde gleich in deutscher Sprache verfasst und in den folgenden Jahren von dem Richter Dr. Helmut Freitag literarisch bear- beitet sowie emotional entschärft. Der deutschen Nachkriegsgesell- schaft wollte man offenbar nicht zu viel zumuten. Frinnerungsberichte anderer Uberlebender im gleichen Zeitraum, die im Ausland publiziert wurden, hatten da einen anderen, vor allem anklagenden Ton. Müllers Ab- sicht war dies hingegen nicht. Filip Müller brauchte insgesamt 15 Jahre für die Abfassung seiner außer- gewöhnlichen Erinnerungen und ar- beitete davon sieben Jahre intensiv an der deutschen HFassung. 34 Jahre nach seiner Befreiung wurde seine autobio- graphische Erinnerungsschrift„Son- derbehandlung“ erstmals in Großbri- tannien, den USA und Deutschland verõffentlicht und õffentlichkeitswirk- sam als„einzigartiges Dokument“ und als„Zeugnis des einzigen Man- nes, der das jüdische Volk sterben sah und ũberlebte, um zu berichten, was er gesehen hat“ vermarktet. Im Jahr 2006, Zwanzig Jahre nach- dem Müllers Buch bereits vergriffen war, erhob der ein Jahr vor Müller verstorbene Sonderkommando- Uberlebende Shlomo Venezia mit sei- nem aus Interviewteilen zusammen- geset?ten Zeugenbericht den An- spruch„das erste umfassende Zeug- nis eines Uberlebenden“ vorgelegt zu haben, als wenn Filip Müllers Hinter- lassenschaft bereits in Vergessenheit geraten wäre. So wird Altes immer wieder neu„erfunden“. Doch der Weg zur Veröffent- lichung von„Sonderbehandlung“ war steinig: Der Schriftsteller Gerhard Zwerenz machte bereits im April 1977 in verschiedenen Rundfunksendun- gen auf das 300 Schreibmaschinensei- ten umfassende Manuskript Müllers aufmerksam, jedoch ohne Resonanz. Er erinnert sich:„ Uherall, wo ich bis- her das Manuskript zum Drick emp- fahnl vtieß ich auf die gleiche Realction. Man veyspricht vich geschäftlich gar nichts von einer Auflage.“ Erst Zwei Jahre später hatten Zwe- ren? Bemühungen Erfolg, Anfang Juli 19790 wurden Filip Müllers Uberleben- denmemoiren im Münchner Verlag Steinhausen veröffentlicht und im April 1980 schließlich vom Bertels- mann-Verlag mit einer Gesamtauflage von etwa 100.000 Fxemplaren heraus- gegeben. Müllers Erinnerungsbericht erschien jedoch nicht etwa erstmals in der deutschen Originalausgabe, son- dern in englischer Ubersetzung. Die britische Ausgabe wurde Mitte Mai 1970 unter dem Titel„Auschwilz Infer- no. Vhe testimony ofa Sonderkomman- do“ im Londoner Verlag Routledge& Kegan Paul veröffentlicht, die UsS- amerikanische Ausgabe erschien Ende Mai 1970 unter dem Titel„Ehewitness Aischwitz. Three yeurs in ihe gas cham- heys at Alschwitz“ im New Vorker Ver- lag Stein& Day. 20 Jahre später wurde „Nye wilness Auschwitz* im September 1999 erneut im Ivan R. Dee-Verlag, Chicago, in englischer Sprache aufge- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 37 legt, jedoch ohne das Binverständnis des Autoren. Die erste französischsprachige Ausgabe wurde(unvollständig und unprãzise übersetzt) Ende April 1980 unter dem Titel„Jois ans dans une chambre a gaz“ im Pariser Verlag Pyg- malion-Gerard Watelet herausgege- ben, mit einem Vorwort von Claude Lan?mann; jenem Filmemacher und Journalisten, der ein Jahr zuvor den außergewöhnlichen Zeugen Filip Mül- ler drei Tage lang interviewt hatte und dessen Filmaufnahmen zu einem der Höhepunkte in dem neunstündigen Meisterwerk„Shoahn“(1985) wurden. Das ungewollte Vermächtnis und der Terror Nach Abschluss der Dreharbeiten bat Müller den intellektuellen französi- schen Dokumentarfilmer schriftlich darum, seine gefilmten emotionalen Zusammenbrüche nicht zu verõffentli- chen. Lanzmann ignorierte Müllers Wunsch und rechtfertigte sich 1985 in- direkt in einem Interview von„Cahiers du Cinéma“:„Das Interviem, das ich mit Vilip Miller drehte, der im ⁊weiten Veil des Films das Massalcer an den chechischen Hamilien im Lager schil- dert, gestaltete sich sehr schwierig, er wollte anfungs nicht duriber reden. Ich habe drei Jage miü ilm gedreht obwohl es Klar wun dauss das Gespräch s0 nicht zu gebrauchen wun Aber ich habe seine Worte veine Stimme über Landschaften von helte gelegt, Unauhörlich vom on ins off wechselnd.(..) Ich wur verpflich tel, den Hilm mit dem zu machen, was ich hatte. Es gah alußergewohnliche Se- nen, die vozusugen den Kern hildeten, im den herum ich dann den Hilm auft gehaut habe, 2 B. als Hilip Miller das Massdker im Familienlager schildert, zusammenbricht und weint. Pas ist eine ganz wesentliche Geschichte, die für FLP NE W prõtace de CLAE Larane IROs RMs DaMs U LhaMBRt à Ha? DASMWM Pypmalion Eur ſlher Links: Buchcover der franz. Ausgabe von„Sonderbehandlung“. Rechts: Rück- Seite der Hofmauern zwischen den Sonderkommando-Häftlingsblöcken 11 und 13 und der Sanitärbaracke des Kommandos, Fotoarchiv Kilian, O M. Kilian 1994 38 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer mich eine Keihe von grundlegenden Dingen verkcörpert· Wissen /Nichtwissen, Vuschling, Gewult, Widertund.“ Die Rücksichtslosigkeit Lanz- manns traf Müller schwer, insbeson- dere weil der Zeit?zeuge nach der Ver- öffentlichung seiner Brinnerungs- schrift„Sonderbehandlung“ zum Op- fer und Haupt-Angriffsziel von Auschwit?z-Leugnern und Revisionis- ten im In- und Ausland wurde. Von Schweden ausgehend richtete sich ei- ne antisemitische und obszöne Hetz- Kampagne gegen Müller, die ihn und seine Familie bedrohte und terrori- sierte. Niederträchtige diffamierende Flugblätter, auf denen seine vollstän- dige Adresse und Telefonnummer ab- gedruckt waren, forderten seine Ver- urteilung als Kollaborateur und Mör- der. Er wurde als Krimineller und Lügner verleumdet, erhielt Morddro- hungen und wurde von einem polizei- bekannten Psychopaten verfolgt, der ihm nachstellte und ihn auf offener Straße beschimpfte. Das, was Primo Levi bereits in„Die Untergegangenen und die Geretteten“ beschrieb, nämlich dass„Mit Hilfe die- ver Einrichtung(..) der Versuch inter- nommen(wlurde), das Gewicht der Schuld auf andere, ndmlich auf die Opfer velbst, abzuwlzen(..)“, wurde nun tatsächlich von Rechtsextremen auf abscheuliche Weise wiederholt. Doch das von Levi 1986 suggerier- te„infame Band der aufgez wungenen Mittäterschaft“ zwischen Sonderkom- mando und 8S8 war ein großes Miss- verständnis, das der Rolle der Son- derkommando-Häftlinge und der Grauzone ihres Handlungsraums nicht gerecht wurde. Terroristische Vereinigungen verübten gezielte An- schläge, darunter Anfang 1980 ein Sprengstoffattentat auf das Landrats- amt Fsslingen aus Protest gegen die dortige Auschwitz-Ausstellung. In dieser unerträglichen und er- Schreckenden Atmosphäre befürchtete Müller nun, dass er nach Lanzmanns Verõffentlichung von„Shoah“ welt-— weit im Fernsehen zu sehen sein würde und noch mehr drangsaliert werden könnte. Er zog sich schließlich ent- täuscht aus dem õffentlichen Leben zu- rück und verweigerte grundsätzlich Interviewanfragen. Seitdem gestattete Müller auch nicht mehr die Verõffentli- chung von Fotos seiner Person Zu Leb- zeiten oder von Angaben zu seinem Aufenthaltsort. Dabei sorgte er sich weniger um sein Leben als um das sei- ner Familie. Im Jahre 1997 schrieb er noch dem Verfasser:„Haben Sie hilte Verständnis dafiir wo ich lebe ind w0 noch einige Rachsüchtige auf ihre Chance wurten.“ Filip Müller war nur einer von zwei ehemaligen Sonderkommando- Hãftlingen, die dauerhaft in der BRD lebten. Finige Sonderkommando- Uberlebende lebten vor ihrer Aus— wanderung nach Israel oder den USA in Frankfurt am Main, Stuttgart oder München, doch auch ohne ihr Schick- Sal in Deutschland öffentlich gemacht zu haben, lebten sie nicht ungefähr- lich: Henryk Tauber, einer der wich— tigsten Zeugen der polnischen und Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 39 Sowjetischen Untersuchungskommis- sionen im Jahre 1945 und wie Müller ehemaliger Heizer im alten Kremato- rium des Stammlagers, entging 1946 nur knapp einem Mordanschlag, den sein deutscher Vermieter in Mün- chen-Steinhausen mit einer Bombe geplant hatte. Das Freignis fand sogar Erwähnung in der lokalen Presse. Die Gebrüder Dragon mussten sich im Frankfurter Bahnhofsviertel, wo sie einen Juwelier-Laden führten, Sogar mit Gewalt gegen Angreifer zur Wehr setzen. Der Judenhass war mit der deutschen Kapitulation nicht un- tergegangen, aber er war angepasst worden, oder um mit den Worten des israelischen Psychoanalytikers Zvi Rex Zu sprechen:„ Die Peutschen wer- den den Muden Auschwilz nie verzei- hen.“ Die Revisionisten und Verdrän- ger haben Müller seine Zeugenschaft nie verziehen. Der unbeugsame Mut Filip Müllers, Deutschland nicht den Rücken zu kehren, kann vor dem Hin- tergrund seiner Erfahrungen daher nicht hoch genug gewürdigt werden. In Memoriam Müller wünschte sich nichts sehnli- cher, als in Ruhe und Frieden zu le- ben, doch die Erinnerung an seine schrecklichen Erlebnisse verfolgte und belastete ihn gesundheitlich bis zuletzt. Frieden schenkte ihm seine wunderbare Familie, die sich aufopfe- rungsvoll um ihn kümmerte, insbe- Ssondere seine Frau, mit der er 56 Jah- re Zusammen lebte und die ihm nach seinen eigenen Worten die Kraft zum Weiterleben gab. Ruhe fand er in sei— nem trauten Heim und während der Arbeit in seinem großen Garten. Ab- lenkung suchte Hilip Müller durch sein Geigenspiel oder während er klassische Musik hörte. Die Mittei- lungsblätter der Lagergemeinschaft Auschwitz las Müller jahrelang mit großer Aufmerksamkeit. Sein Interes- se am politischen Zeitgeschehen und an der Beschäftigung mit Auschwitz erlosch bis Zuletzt nicht. Nachdem seine Freunde und Be- kannten aus Auschwit? im Laufe der Jahre an den Folgen ihrer Lagerhaft verstarben, den Freitod suchten oder aus anderen Gründen verschieden, verlor Filip Müller in den let?ten Jah- ren immer mehr den Kontakt zur Au- Bßenwelt. Die letzten acht Jahre seines Lebens, bettlägerig und von Schlag- anfällen zeitweise gelähmt, hielten ihn nur noch die hingebungsvolle Pflege seiner Frau und das enge Ver- hältnis zu seinem Sohn am Leben. Von Historikern und Feinden bereits Seit Jahren tot geglaubt, trotzte der bis zulet?zt geistig rege Müller dem Tod mit seinem unbändigen Willen, „Mnhedingt(zu) leben“. Einen Monat nach dem Umzug in ein Altenpflege- heim verstarb Filip Müller als dritt— ältester der let?ten neun Sonderkom- mando-Uberlebenden im Alter von fast 92 Jahren an einem in Deutsch- land gedenkwürdigen Jag, dem 9. No- vember 2013. Möge die Nachwelt sei- ner historischen Leistungen würdig gedenken. Wir werden sein Anden- ken und sein Vermächtnis in Ehren halten. 40 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Frinnerung an den Aufstand des jüdischen Sonderkommandos Zum 70. Jahrestag eines Symbols des Widerstands Von Andreas Kilian Die Erinnerung an den Aufstand des Sonderkommandos vom 7. Oktober 1944 hat in den letzten Jahren einen Wandel erfahren, jedoch weniger in- haltlich als in Form und Umfang. Sie ist nun auch bei der„Digital-Genera- tion? oder„Generation Internet? an- gekommen. Neben Meldungen bei Twitter(Sogar von dem ältesten Son- derkommando-Uberlebenden Dario Gabai), facebook(Auschwit? Memo- rial), diversen Blogger-Seiten und voulube(ein Beitrag sogar in Gebärdenspra- che und im Liveblogg) wur- den in geringem Umfang Berich- te und Kurz- Meldungen in— ternational in Internet-Zei- tungen publi- ziert. Insbesonde- re wurde in die- sem Jahr durch den irischen Journalisten Damian Mac Con Uladh der Rolle der grie- chischen Son- derkommando- Iosif Barouch(Archi- ves of M. Soussis and Erikos Sevillias) Häftlinge im Widerstand gedacht. Hintergrund der Berichterstattung war die Veröffentlichung des einsei- tigen Buches Greels in Auschwitz- Birkenau von Photini Tomai aus dem Jahre 2009, in dem erstmals eine Foto- grafie des Widerstandsaktivisten im Sonderkommando, Iosif Barouch, ab- gedruckt wurde, sowie der zeitgleich erschienene pathetische und unzu- treffende Dokumentarfilm von Nikos und Constantin Pilavios Vhe revolt of me Greel Jews mit Hein?z Kounio als Uberlebendenhistoriker, der auf Primo Levis problematischer Parstel- lung des Sonderkommandos basiert. Sowohl die darin genannte Anzahl der am Aufstand beteiligten grie- chischen Juden als auch deren ver- öffentlichte Namen können nicht be- stätigt werden. Von den griechischen Sonderkom- mando-Häftlingen, die Auschwitz überlebten, nahm tatsächlich keiner am Aufstand teil, niemand von ihnen war direkte Augenzeuge der Ereig- nisse. Von den aufständischen Grie- chen überlebte nur ein Mann die Re- volte: Isaac Venezia, der in das be- nachbarte Effektenlager flüchtete, dort ergriffen und in das Kremato- rium II gebracht wurde, bevor auch er ermordet wurde. Die nationalen Aspekte wurden in den letzten Jahren von griechischer Seite immer stärker polarisiert, was mit Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 41 dem Erstarken des Antisemitismus in Griechenland und daraus resultierender verstärkter Aufklä- rungsarbeit begrün- det wird. Dreharbei- ten zum geplanten Spielfilm von Dimitri Vorris über die grie- chische Widerstands- gruppe im Sonder- kommando wurden bereits für das Früh- jahr 2011 mit hochka- rãtiger Beset?ung an- gekündigt, konnten jedoch bisher aus fi- nanziellen Gründen nicht begonnen wer- den. Immerhin wurde das Drehbuch des Regisseurs im Jahre 2012 unter den 50 Viertel-Hnalisten der SMhore Scripts Screenwriting Compelition nominiert. Fin Artikel in der Tageszeitung Neues Deutschland von Christian Carlsen und Gideon Greif, zwei feh- lerhafte Radiobeiträge im Kalender- blatt des Deutschlandfunks von Frank Kempe sowie in der Sendung Reso- nanzen des WDR3 von Henryk Jarcyk und ein Abriss auf der Bloggerplatt- form von Jonas Dörge aus dem Biindt- nis gegen Antisemitismus Kassel um- fassten die wesentlichen Gedenkbei- träge in Deutschland, wobei letztere auf einem zwanzig Jahre alten For- Schungsstand basieren, was angesichts neuer zugänglicher Forschungsergeb- nisse nur verwundern kann. Venezia wurde vor Baracke 14 aufgegriffen, die hinter dem Baum zu sehen ist(Eweite von rechts; APMO) Fundierte Informationen erhält der Leser hingegen aus Polen: Uber den Aufstand und die konspirativen Kon- takte Zwischen den Hãftlingen schrieb in seinem aktuellen„historischen Blog“ der Auschwitz-Historiker Bohdan Pietka, über die Verbindung zu den Wider- standskämpferinnen Fster Wajchlum, ROZa Robota, Ala Gertner und Regina Safirs?tajn der Historiker Adam Cyra. Passend Zum Gedenktag veröffent- lichte der Verlag des Staatlichen Muse- ums Auschwitz-Birkenau das 30seitige Bildheft Bunt Sonderiommando(Son- derkommando-Aufstand) von Igor Bar- tosik, der die Freignisse vom 7. Oktober 1944 in Wort und Bild nachzeichnet. Die Publikation wird derzeit ins Englische übersetzt und besticht durch zeitgemã- e Fotoanalysen sowie durch die Verõf- fentlichung der wichtigsten Dokumente 42 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Aufstand des„Sonderkommandos, KL AuschMitz II, O7. 10.1944 Zentralsauna(dahinter„Ausweichbunker“ V) *8 d age Birkenwald Wachtürme „Postenkette“ Knochenstampfplätze/ Asche Siebe zugeschüttete Verbrennungs gruben Sichtblenden Ascheteich mit Stegen Wassergräben elektrische Stacheldrähte 1— LL 37 Tor!— ——— Fffektenlager (RA Ug)(170 Räflinge) Krematorium IM Krematorium IV (54 Häfilinge) S A. Kilian 2004/2014 BA UD Karte der Ereignisse vom 7. Oktober 1944 auf dem Krematoriumsgelände III und IV. zum Thema. Hierbei rücken erst kürz- lich entdeckte und erstmals am 24. Mai 2013 in Brüssel auf dem internationalen Sonderkommando-Symposium Vhe oyced laboureys of deut. Sondercom- mandos and Arbeitsjuden präsentierte Dokumente in den Mittelpunkt: das Fernschreiben der Gestapostelle Ziche- nau vom 8. Oktober 1944, aus dem die Namen der letzten drei vermissten Füchtlinge(Aleksander Schenkarenko, Mosze Sobotko und Meier Pliszko; Letzterer einer von mehreren Häftlin- gen des Kommandos Kläranlage) und des von Sonderkommando-Hãäftlingen ermordeten deutschen Oberkapos Karl Toepfer hervorgehen, außerdem die Fuchtmeldung aus dem Rapportbuch, deren Fintragung irrtümlicherweise auf den„7.9.4A' datiert wurde. Zudem wurde in Ausstellungsblock 12 des Museums für mehrere Wochen eine temporäre Ausstellung zum 70. Jahrestag geZeigt. Während vor 20 Jah- ren am Ort des Geschehens noch Zeit- zeugen wie der ehemalige Angehörige des Feuerwehr-Kommandos Tadeus? Sobolewski und das ehemalige Mitglied im Lagerwiderstand, Israel Gutman, Reden hielten, stand der diesjährige Gedenktag im Zeichen der Jugendbil- dung: Vortrãge im Rahmen des Interna- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 43 tionalen Bildungszentrums im an das Krematoriumsgelände angrenzenden Sauna-Gebäude sowie der Gedenkstät- ten-Besuch von 200 schottischen Schü- lernnen und Schülern rundeten die Ge- denkveranstaltung ab. Die Medien, in denen das Thema Sonderkommando-Aufstand präsent ist, werden seit einigen Jahren auch immer jugendgerechter: Nachdem in den Spielfilmen Die Passagierin von Andrzej Munk und Witold Lesiewicz (PL 1963), Jriumph des Geistes(USA 1989) von Robert M. Voung und Die Grauzone von Tim Blake Nelson (USM 2001) fälschlicherweise Krema- torien in die Luft fliegen, Häftlinge sich auf dem Krematoriumsgelände mit Schusswaffen und Granaten zur Wehr set?en und reihenweise SSMän- ner erschossen werden, fand das Er- eignis auch Fingang in die Welt der Kunst(David Oleres pathetisches Ge- mälde TVhe Smhol of ihe Sondercom- mundo revolt), des Theaters(das über- dramaturgisierte amerikanische Stück Vhe Orey Zone, Januar 1996), der PC- Spiele(die israelische mit dem 3D- Port WolfdMD Spielbare geschmack- lose Mod Sonderkommando Revolt, Januar 2011) oder des Comics(Episo- des from Auschwilz Beurers of Secrels, Nr. 4 der polnischen Reihe von Michal Galek und Michal Pyteraf, 2013). Im Gegensat? zu Comics wie Auschwitz von Pascal Croci oder Joe Kuberts Vossel 79. April 1943, in de- nen das Sonderkommando diffamiert wird, treten im Werk von Galek und Pyteraf historische Figuren wie Alter Feinsilber, Alex(Alberto) EFrrera, ———— 1* — — ——— Zeitzeugenbericht von Thadeus? Sobolewski auf den Stufen zur Gaskammer von Kre- matorium III(O M. Kilian, 7. 10.1994) 44 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Aufnahme von Jaacov Chaim Ka- minski, Schlüssel- figur in der Wider- Standsgruppe des Sonderkomman- dos und Vorden- ker des Aufstands (Ghetto Fighters House Archive, Reg. No. 31835 p) Jakub Kaminski, Abram und Shlomo Dragon,(Oberm)Kapo Karl und Krematoriumsleiter Otto Moll auf. Wesentliche Breignisse im Sonder- kommando, wie die Ermordung des bedeutenden Widerstandsführers Jaacov Chaim Kaminski werden darin eingebettet. Doch trot? der histori- schen Nähe und gelungener Detail- treue werden auch hier vereinzelt Er- eignisse überzeichnet. Nicht nur in einigen der inzwi-— schen zahlreichen Fernseh-Doku- mentationen über das Sonderkom- mando war der Aufstand ein Thema, sondern auch in verschiedenen Doku- mentarreihen über die Shoah: Der Beitrag Per Außtand des Sonder- Commandos in Die Wahrheit üher Asch witz von Jörg Müllner und Raff Piechowiak(D 1995) und Laurence Rees Fpisode Massenmord in der sechsteiligen Dokumentation Ausch- wil?(GB 2005) seien hier beispielhaft erwähnt, da sie als Unterrichtsmittel gut einset?bar sind. In den USA er- freuen sich hingegen e-learning-Sit- zungen großer Beliebtheit. Zum 70. Jahrestag vermischt die einmalige Performance-, Film- und Installati- ons-Arbeit Octoher 7, 10dd von Jonah Bokaer verschiedene Darstellungs- formen(New Vork, Oktober bis De- zember 2014), ist aber eher für ein kunstbegeistertes Publikum geeignet. Erstmals wurde mit Pavel Polians Buch Scrolls from the ashes. Jewish Sonderkommando in Auschwitz-Bir- Kenau and is chroniclers, Moskau/ Rostov am Don 2013, auch in Russ- land die Thematik ausführlicher bear- beitet. Das Thema ist somit auch in— ternational präsenter als noch vor zehn oder zwanzig Jahren, nicht nur auf Grund des Internets, Sondern ins- besondere wegen der Bedeutung, die inzwischen von zahlreichen Histori- kern anerkannt wird. In der Digitalen Bibliothek ist seit dem Jahre 2007 Per Auschwitz-Prozess in Wort, Jon und Bild-Dokumenten nachzuverfolgen, darunter auch Aussa- gen zum Aufstand und Berichte von Sonderkommando-Uberlebenden, die gezielt gesucht werden können. Die größte Video-Interview-Datenbank stellt die 20 Jahre alte UC SMoah ondation- Vhe Institute for Visual iory and Pducation zur Verfügung, eine wahre Fundgrube für Anhänger der„ Oral-* oder„ Visual- Historyꝰ, die auch Zahlreiche Aussagen zum Sonder- kommando-Aufstand beinhaltet und diese teilweise sogar auf youtube(. B. als online educational resource) zu se- hen sind. Insofern können Primär- Quellen von Interessierten leicht über das Internet recherchiert und teilweise auch abgerufen werden. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 45 Errera, eine der treibenden Kräfte in der griechischen Widerstandsgruppe(O The Jewish Museum of Greece) Die Verbreitung des Themas im worlid wide weh ist vorteilhaft, um das Geschehnis bekannter zu machen. Doch welche Nachteile sind damit verbunden? Leider beruhen viele Berichte auf unzuverlässigen Quellen oder fantasiereichen Ausschmückun- gen, die das Freignis auf sensations- lüsterne Weise instrumentalisieren und verzerren. Die Bedeutung des Aufstands würde jedoch durch eine differenzierte Betrachtung nicht ge-— schmälert, stattdessen könnte die Glaubwürdigkeit der Darstellung ge- stärkt werden. Ubertriebene Darstel- lungen schaden dem Gedenken an die Aktionen und an die Opfer mehr als dass sie ihm dienen könnten. Die Auschwitz-Forschung hat den Aufstand in den letzten Jahren teilweise näher beleuchtet und damit auch mehr gewürdigt. Neue Erkenntnisse sind da- bei kaum zum Vorschein gekommen. Die beiden oben genannten und von Historikern des Auschwitz- Museums neu entdeckten Dokumente bilden hierbei eine Ausnahme, wobei sie den bisher rekonstruierten Ablauf der Er- eignisse nicht beeinflussen. Eine dritte Ausnahme ist das konkrete Flucht- datum Alberto Erreras, des bekannten Widerstandsaktivisten im Sonderkom- mando und Fotografen der illegalen Aufnahmen einer Verbrennungsgrube im Hof von Krematorium IV, der auf der Flucht tõdlich verwundet wurde. In einer 2013 von Igor Bartosik präsentier- ten lagerinternen Fluchtmeldung vom 9. August 1944 kann das Freignis zwei- felsfrei nachgewiesen werden. Damit muss aber auch die Datierung der ille- galen Fotografien korrigiert werden. Fine umfangreiche und vollstãndige Parstellung in Form einer Monografie steht jedoch noch aus. Stattdessen be- herrschen weiterhin oftmals Mythen, die über das Internet kolportiert werden, die õffentliche Meinung. Vor dem Hinter- grund verschiedener Blickwinkel, Kenntnisstände und individueller Erin- nerungskulturen der Uberlebenden und Nachgeborenen werden die unterschied- lichen Darstellungen und Schwerpunkt- Set?ungen in der Thematik verständlich. Der erstmalige Einsat? von Hand- granaten auf dem Krematoriumsgelän- de durch die SS in Verbindung mit der Brandstiftung in der Unterkunft von 46 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Krematorium III durch Hãäftlinge führte beispielsweise Zu der irrigen Annahme, das Sonderkommando hätte das Kre- matorium gesprengt. Der massive Ein- Sat? von Schusswaffen führte ferner zu dem Missverstãndnis, das Sonderkom- mando habe selbst Pistolen und Maschi- nengewehre zur Verteidigung benutzt. Zeugenberichten zufolge wurden je- doch nur Messer, Steine, Axtè und ande- re Werkꝰeuge im Kampf eingesetzt. Die zwölf verwundeten und drei getteten SS-Angehörigen Rudolf Erler, Willi Freese und Josef Purke wurden wahr- scheinlich im mutigen Finzelkampf mit Hieb- und Stichwaffen angegriffen. Die Opfer unter der SS gehörten nicht Zzum Krematoriumspersonal, das sich recht- Zeitig in Sicherheit brachte, sondern wa- ren Angehörige der SS-Alarmeinheiten, die die Verfolgung der Füchtigen auf- nahmen und nicht mit einem bewaffne- ten Angriff gerechnet hatten. Die Geschichte des Aufstands ist auch deshalb differenziert zu betrach- ten, weil es sich letztlich um zwei ver- schiedene Aktionen handelte. Wäh- rend sich einzelne Hãäftlinge vor Kre- matorium III der Selektion widersetz- ten und keine Fluchtmöglichkeiten nach außen hatten, unternahmen ei- nige der Häftlinge in Krematorium I einen Massenausbruch, ohne eine Gegenwehr der Krematoriums-SS befürchten zu müssen. Die Verfol- gung durch SS-Alarmeinheiten verei- telte ihre Pläne jedoch schnell. Kein einziger Füchtling überlebte. Vielen hat der Aufstand das Le- ben verkürzt und damit ihre Befürch- tung bestätigt, die dafür verantwort- lich war, dass der Aufstandstermin immer wieder verschoben wurde. Der vernunftbestimmte Uberlebenswille und die Hoffnung, doch noch wie durch ein Wunder das Vernichtungs- lager zu überleben, waren für viele stärker als ihr Mut zu revoltieren. Selbst nach Beginn des Aufstands und dem Beschuss durch die S8 versuch- ten Häftlinge verzweifelt, sich durch Flucht vom Hof des Krematoriums II auf das gegenüberliegende Gelän- de von Krematorium IV zu retten und dadurch den Erschießungen zu entgehen. In wenigen Fällen glückte es, in den meisten nicht. Einerseits wurden Unbeteiligte strafweise von der S8 durch Genickschuss ermordet, andererseits wurden selbst ange- schossene Sonderkommando-Häft- linge von SS-Angehörigen gerettet und in das Krankenbaulager über- stellt. Im Chaos des Ausnahmezu- stands war Vieles möglich. Die Furcht vor einem aussichtslo- sen Kampf und Gemetzel war für vie- le let?tlich größer als der Wunsch, im Kampf als Held oder Rächer zu fallen, waren doch die Gelegenheit Zzu einem Kampf mit der 88 äußerst gering und das Kräfteverhältnis sehr ungleich. S0 blieb die Revolte auf dem Hof von Krematorium II auf die Aktion weni- ger Finzelkämpfer beschränkt. Der Historiker Prof. Bowman bezeichnete diese als„Selbstmord-Gefecht*. Fine Massenflucht bot keine Per- Spektive, und die Zerstörung der Ver- nichtungseinrichtungen, der Kremato- riumsanlagen, war ein hohes Ziel, das Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 47 „— 5 — 4 vX — 15 Israel Gutman, Auschwitz-Uberlebender und Historiker, vor 20 Jahren in Auschwitz beim Gedenken an den Aufstand des Son- derkommandos.(SA. Kilian, 7.10.1994) zwar geplant, aber tatsãchlich nicht um- gesetzt wurde. Krematorium III, das zu diesem Zeitpunkt lediglich als Sonder- kommando-Unterkunft für 200 Häft- linge diente, wurde immerhin durch Brandstiftung stark beschädigt. Einen Finfluss auf die Tötungsmaschinerie hatte dies indes nicht. Den Bestand des Sonderkommandos reduzierte der Auf- Stand allerdings um 451 Mann. Symbolisch hatte der Aufstand trotz alledem einen hohen Wert, insbe- Sondere für die demoralisierten Lager- häftlinge, aber auch für die scheinbar unverwundbare SS. Widerstandsaktio- nen mussten zwar grundsätzlich von der Lagerführung und den Bewachern erwartet werden, doch im System der gut funktionierenden Todesfabrik Auschwit? kam die Revolte letztlich doch überraschend. Zu diesem Zeit- punkt bestand das Sonderkommando bereits seit fast zwei Jahren. Die am längsten zugehörigen Häftlinge aus Polen, Weißrussland, Litauen, der Slo- wakei und Frankreich, aber auch jün- gere Zugänge anderer Nationalitäten, genossen das Vertrauen der Kremato- riums-SS, die sich die Protektion und Privilegierung der Häftlinge teuer be- zahlen ließ. In der isolierten Todeszo- ne entstand zwangsläufig ein unglei- ches Abhängigkeitsverhältnis. Tatsäch- lich waren Anfang Oktober 1944 nur insgesamt Zwölf SS-Posten in allen vier Krematorien und in zwei Schichten eingesetzt, in der Tagschicht jeweils so- gar nur ein Wachposten. Der Anlass des Aufstands bei Krematorium III, ei- ne Selektion im Sonderkommando, führte weder vor, noch nach dem 7. Oktober Zu ähnlichen Ausschreitun- gen und Kämpfen. Insofern ist der Aufstand des Sonderkommandos vom 7. Oktober 1944 einmalig in der Ge- schichte des Vernichtungslagers Auschwit?-Birkenau und war als Akt des Widerstands eines der wichtigsten Freignisse in der Lagerhistorie. In der Erinnerungspolitik der Uber- lebenden und Nachgeborenen hat er bis zum heutigen Tag wesentliche Bedeu- tung:„Jch glauhe nicht dass es s0 vehr mil Mu zu un haute wus wir getan haben, als mehr mit der Vorstellung, lns nicht entwiirdigen zu lassen.(¶..) Es gah da die- Sen Willen in ums der uns leitele umnd der lins vgte, duss wir Menschen vind und deshalb das Recht hauten, in Würde zu verben und nicht wie Vieh abgeschlachtel zu werden.“(Anna Heilmann, Schwester von Ester Wajchlum) 5 48 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Irritierende Erinnerungen und Beobachtungen Neuer Drang nach Osten Die Polin? habe die kranke Mutter des Bauern nicht nur sehr gut, sondern auch Schr aufopferungsvoll gepflegt. Das hätten eigene Kinder nicht besser machen kön- nen. Dies war eine der wenigen Erzählun- gen meiner im Jahr 1921 geborenen Mut- ter über das Leben in unserem Porf in der Südpfa wãhrend des Dritten Reiches. Daran erinnerte ich mich, als ich die Kolumne Weltmeister im Opa-Exports? von Mlan Posner in der Jages?Zeitung Die Welt las. Er berichtet aus dem polnischen Dorf Zabelkow bei Kattowitz,„w0 Schon das Zweite Heim ſir deutsche Alle ent- vehnt“, und bringt die Vergangenheit ins Spiel:„Dass die Deluschen nun als De- mente nach Oberschlesien zuriickkehren, das sie infolge eines Anfalls von Massen- demenz verloren haben, mag man aus welthistorischer Warte s0 bemerlenswert inden wie die Vatsuche, duss sich alsge- rechnet Polen der hinftilligen Angehörigen eines Volks annehmen, das vich einmal al Nerrenrasse halluzinierte Sie mun das in Zabelko ind andersmo allen Berichten zuſfolge mit einer Hingabe, die man allzu oft in deluchen EFinrichtungen vermisst.* Ausschlaggebend ist der Preis: 1300 Buro koste dort ein Einzelzimmer mit Vollpflege, unabhängig von der deutschen Pflegestufe.„Da Kann Kein deutsches Atersheim mithalten. Da muss man der Oma ihr Klein Hduschen nicht verkloppen, im der Oma ihre Pflege zu bezahlen. 45 nach Polen, nach Ungarn, Vchechien oder in die Sowulcei, und die Vemicherung deckt die Kosien.* Posner will dabei weder den Unter- nehmern, die dort„Akfhewahrungsunstal- ten flir delusche Alte hauen“, einen Vor- wurf machen noch den deutschen„An- gehörigen eines pflegebedirftigen Alen, die Keine Mõglichkeit sehen, die Diſferenz zwi- Schen Vewicherungsleistungen und Pflege- Kosten in einem deluschen Heim aufalu hringen.“ Und er fährt fort:„Wäre ich 60 weit, ich wirde vielleicht velbst meinen Ah- wunsport in den Obten hefiirworlen.? Posner schließt seine Kolumne mit ei- ner ebenso provokanten wie naheliegen- den Schlussfolgerung:„Dem Philosophen Michel Folucuult zufolge erkennt man das Selbstverstindnis einer Gesellschaft an dem anderen', das es aussondert, etwa Wahnsinnige und Verbrechen Hinzu Kom- men jetzt die Alten. S0 definiert sich Meluschlund al rational ordnungsliebend ind jung.? Und da kommt mir wieder die Erzäh- lung meiner Mutter von der polnischen Zwangsarbeiterin in unserem deutschen Dorf anno 1940 folgende in den Sinn. Und auch, dass seit Jahrzehnten Frauen aus Po- len und anderen osteuropäischen Län- dern für mehrere Monate abwechselnd nach Deutschland kommen, um für rela- tiv wenig Geld deutsche Alte in ihren Wohnungen zu versorgen und zu beauf- Sichtigen. Da kann auch schon mal vorkommen, was mir eine polnische Freundin erZãhlte: Als ihre Jochter, die sich so um einen Deutschen kümmerte, diesem erzählte, dass ihr Vater Häftling in Auschwit? war, wollte er sie nicht mehr um sich haben und Zwar gan?z eindeutig nicht aus Scham oder aufgrund von Schuldgefühlen. Hans Hirschmann *Die Bezeichnung“ Zwangsarbeiter' war damals nicht opportun. ** Kolumne: Naccuse. Alan Posner,“ Weltmeister im Oma-Fxport“?, Die Welt, 24. Oktober 2014 Inhaltsverzeichnis Grüße, Dank und eine Bitte Authentische Orte des Völkermords Studienfahrten der Lagergemeinschaft nach Polen Besuch bei ehemaligen KZ-Häftlingen in Zgorzelee „EFEine Schande, aber nicht meine“ Fvelina Merovã war Hãäftling in Thersienstadt und Auschwitz „Ich tue es für meine Enkel' Eva SZepesi: Ein Mädchen allein auf der Flucht(1944— 1943) Võlkermord verjährt nicht Internationales Auschwit?-Komitee zu neuen Klageverfahren Raubkunst Fall Gurlitt entfacht eine neue Debatte Ein leiser Abschied Zum Gedenken an Filip Müller. Seite 10 14 17 19 26 Der Hãäftling des jüdischen Sonderkommandos starb vor einem Jahr Zum 70. Jahrestag eines Symbols des Widerstands Brinnerung an den Aufstand des jüdischen Sonderkommandos Neuer Drang nach Osten Fine Irritation Impressum: 40 48 Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer 35516 Münzenberg, Freiherr-vom-Stein-Str. 27 Vorsitzender: Uwe Hartwig, 61230 OberMörlen, Usinger Str. 7(Briefadresse) Internet: www. lagergemeinschaft-auschwitz. de Redaktion: Hans Hirschmann, Iel.(06101) 32010 Foto Titelseite: Ruinen der Hofmauern zwischen den Sonderkommando- Hãftlingsblöcken 11 und 13, Fotoarchiv KilianO A. Kilian 1994 Bankverbindung: Sparkasse Oberhessen IBAN DE43 5185 0079 0020 0005 03; BIC HELADEHFIFRI Bei Spenden bitte Adresse deutlich schreiben, damit die Bescheinigung für die Steuererklärung zugeschickt werden kann. Ich hatte viele Chancen tot zu sein“ Trude Simonsohn berichtet über ihr Uberleben als Verfolgte des Holocaust' und das Leben nach der Befreiung Dienstag, 27. Januar 2015, 19 Uhr Butzbach(Wetteraukreis), Museum der Stadt, Färbgasse Mit Flis abeth Abendroth verõffentlichte Trude Simonsohn, geb. 1921, ihre Erinnerungen un- ter dem Jitel Noch ein Glück?(Wallstein-Verlag 2013). Seit 1975 berichtet sie in Schulen und Insitutionen bei Vortrãgen und Piskussionen über ihr Leben und ihre Erfahrungen. Veranstalter: Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis und Stadt Butzbach Studienfahrt nach Auschwitz und Krakau 21.- M. April 2018 Gedenkstãtte Auschwitz Birkenau, Gesprãche mit Uberlebenden, Besuch in Archiv und Kunstsammlung, in Krakau u.a. Besuch der Fabrik von Oskar Schindler Kosten: 750 Furo(Flug, Unterkunft, Verpflegung, Fintritte, Honorare) ermãßigt 3350 Euro(Studierende, Schülerlnnen usw.) Anmeldung: Uwe Hartwig, Mail uwe. fv. hartwig Gweb. de, Iel.(06002) 938033 Die Studienfahrt ist als Lehrerfortbildung und als Bildungsurlaub anerkannt Genagelt ist meine Zunge an eine Sprache, die mich verflucht Lilli Schwethelm liest Lyrik und Prosa von Hilda Stern-Cohen. Mit Gitarrenmusik von und mit Georg Crostewit?. Donnerstag, 29. Januar 2018, 19.30 Uhr Wies baden, Festsaal des Rathauses EFine Veranstaltung der Gesellschaft für christlich-jũdische Zusammenarbeit Wiesbaden Legalisierter Raub Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933— 1945. Fine Ausstellung des Frit?-Bauer-Instituts und des Hessischen Rundfunks Rüsselsheim und Försheim Stadt- und Industriemuseum Rüsselsheim, 27. Januar-19. April 2018 Offnungszeiten: Di.- Do. 9 13 Uhr und 14 17 Uhrt Sa. u. So.: 10 17 Uhr Kunstforum Mainturm, Flörsheim am Main Offnungszeiten: Do. 18— 22 Uhr, Sa., So. und an Feiertagen: 12— 18 Uhr Begleitprogramm mit lokalen Bezügen in beiden Städten(Stadtrundgänge, Konzerte, Lesungen, Hilme, Diskussionen).