LAGERGEMEIscrAfT AUschwWrrz- Ve FREUNMDESKREis DER AUsctwrrzER N S . 1 Die Sehnsucht Weihnachten zu feiern und auf Frieden in der Welt zu hoffen, bestand auch bei den Hãäftlingen in Auschwitz. 1944 erstellte Leokadia Szym- naska aus Holz und Papier diesen Keinen Weihnachtsbaum. Er befindet sich heute im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau. 32. Jahrgang Mitteilungsblatt/ Dezember 2012 Liebe Mitglieder. liebe Leserinnen und Leser kurz vor Jahesende erhalten Sie doch für 2012 eine Ausgabe des Mitteilungs- hlattes(MM). In den Vorjahren waren es immer Zwei Ausgaben pro und dies soll auch künftig wieder die Regel sein. Wenn in 2012 dieses Ziel nicht erreicht wur- de, so wurden jedoch in anderen Bereichen erfreulicherweise mehr Projekte ge- schultert als zunächst gedacht. Statt Zzwei Studienfahrten nach Polen waren es vier; õffentliche Veranstaltungen mit Zeitzeugen haben wir vier organisiert-im Januar in Bad Vilbel(Anna Mettbach), im Mai in Neu-Isenburg(Fugen Herman-Friede) und im November in Butzbach(Hugo Höllenreiner)- sowie eine Vortragsreihe mit Hugo Höllenreiner an Schulen auf den Weg gebracht. Darüber wird in diesem MB berichtet, das deutlich umfangreicher ausfällt als die Ausgaben Zuvor. Inhaltlicher Schwerpunkt ist der NS-Völkermord an den Sinti und Roma. Was wir ebenfalls nicht vernachlãssigt haben, ist die Weitergabe Ihrer Spen- den und Mitgliedsbeiträge an unsere Freunde in Polen. Insgesamt mehr als 13.000 Furo konnten wir an die Hãäftlingsvereine und ihre Finrichtungen über- weisen bzw. auch persõnlich übergeben. Wir bedanken uns sehr für Ihr Interesse sowie die Spendenbereitschaft, oh- ne die wir bekanntlich die Arbeit der Lagergemeinschaſt nur in sehr reduziertem Umfang leisten kõnnten. Auch diesem Mitteilungsblatt liegt wieder ein Uber- weis ungsformular bei, unsere Bankverbindung ist jedoch auch im Impressum zu finden. Wir hoffen auch künftig auf Ihre Unterstützung und Ihr Interesse. Wir wünschen Ihnen friedliche und erholsame Weihnachtstage sowie einen guten Start ins Jahr 2013. Herzliche Grüße Vorstand der ILGM Impressum: Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer Freiherr-vom-Stein-Straße 27, 35516 Münzenberg Internet: www. lagergemeinschaft-auschwitz. de Redaktion: Hans Hirschmann, Iel.(06101) 32010 Bankverbindung: Sparkasse Wetterau(BILZ 518 500 70) Konto-Nr.: 20 000 3503 Bei Spenden bitte Adresse deutlich schreiben, damit die Bescheinigung für die Steuererklärung zugeschickt werden kann. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 STUDIENFAHRTEN 2013 10. April-16. April 2013 15. Oktober-21. Oktober 2013 Rundgang im Stammlager Auschwitz Rundgang im Vernichtungslager Birkenau . Gesprãche mit Uberlebenden Besuch in Archiv und Kunstsammlung der Gedenkstätte Auschwit? Besuch in Krakau(u. a. ehemalige Fabrik von Oskar Schindler) Kosten: 600 HFuro(Flug, Unterkunft, Verpflegung, Fintritte, Honorare) Frmãäßigung bis zu 50 Prozent auf Antrag für Studierende, Schülerinnen und Schüler sowie Menschen mit geringem Finkommen Auskünfte und Anmeldungen bei Uwe Hartwig, Mail uwe. fv.hartwig Gweb. de, Iel.(U6002) 938033 Die Studienfahrten sind als Lehrerfortbildung anerkannt- als Bildungsurlaub ist die Anerkennung beantragt. Seit ihrer Gründung hat die Lagergemeinschaft Hunderte von Menschen aller tersgruppen zu den authentischen Orten des Võlkermords begleitet und Gesprãche mit Uberlebenden vermittelt. Gesprãchsrunden mit Auschwitz- Uberlebenden gehören seit jeher zum Standardprogramm unserer Studienfahrten. Auch wenn es ihnen aufgrund ihres Alters und von Krankheiten schwer fällt, so sind sie jedoch stets bereit, unserer Bitte nach einem Zusammentreffen nach zu kommen. Ihr Vertrauen ist unser wertvollstes Gut. Bei den Studienfahrten in diesem Jahr konnten die Teilnehmer unter anderem(von oben links) mit Josef Paczinski, Zofia Posmycz, Karol Tendera und Tadeusz Sobolewicz sprechen. Wir hoffen und freuen uns, sie auch im kommenden Jahr wieder zu sehen 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Drei Berichte über eine Studienfahrt Drei Teilnehmer der Studienfahrt nach Auschwitz im Frühjahr dieses Jahres schreiben in den folgenden Artikeln über ihre Beweggründe und welche Fin- drücke sie auch nach ihrer Rückkehr beschäftigen. Für Melanie Benz und Deniz Martin, beide Studierende an der Goethe Universität Frankfurt, war es jeweils die erste Reise nach Polen. Alexander Wolf, 2. Vorsitzender der Lagergemeinschaſt, war Zum wiederholten Mal dort. Ein Besuch mit Folgen Verstõrende Findrũcke: Fast wie in einem Vergnügungspark In der Ausstellung Frankfurt- Ausch witz?, die ich Anfang des Jahres 2011 be- suchte, lagen verschiedene Info-Materialien aus, u. a. auch das Programm der Studienfahrt der Lagergemeinschaft Auschwitz. Einige Monate spãter entschloss ich mich zur Teilnahme. Schon seit meiner Schulzeit hegte ich großes Interesse an der Holocaust- Thematik. Ich erinnere mich, dass ich schon in der Grundschule Kinder- bücher dazu las und unbedingt das Vngebhuch der Anne Hrank haben wollte. Später folgten eine Fahrt nach Bu- chenwald, der Besuch im Jüdischen Museum Berlin, der Gedenkstätte Vad Vashem in Israel und des Holocaust Museums in Washington. Doch all dies ergab für mich noch kein vollstãndiges Bild, und so blieb weiterhin der Wunsch bestehen, einmal nach Auschwitz zu fahren und den Ort kennen zu lernen, von dem ich zuvor nur gelesen hatte. Ich wollte noch die Chance nutzen, auf Zeitzeugen zu treffen, und dies mit einer Gruppe von Menschen, die sich ebenso für die Thematik interessieren. Das Programm der Fahrt war inten- siv. In Oswiecim informierte uns der Direktor der Internationalen Jugend- begegnungsstätte(I)B8) über die Ge- schichte und pãdagogische Arbeit der I BS. Es folgte ein Rundgang in Ausch- wit? I, dem ehemaligen Stammlager. Ne ben den nationalen Ausstellungen in den früheren Häftlingsblocks konnten wir auch das Archiv und die Kunst- sammlung der Gedenkstätte besichti- gen. Am Abend nahmen wir an der Ver- anstaltung„Gute Geister der IBS“ teil. Am zweiten Jag besuchten wir das Gelände des Vernichtungslagers Bir- kenau(Auschwit? II) und hatten ein Hreffen mit Zofia Posmysz, die von ihrer Verhaftung und Verschleppung 1042 ins KZ berichtete. Noch am selben Abend schauten wir uns den Hilm mit Aus- Schnitten über den KGA-Gründer Her- mann Reineck an. Am nächsten Mor- gen lernten wir einen weiteren Zeitzeugen kennen: den mittlerweile *Molcumenturisch-Kiinstlerische Ausstellung zur Vernichtung der Koma und Sinti. 27. Ja- nuur his 23. Hehruar 201 in der Paulskirche in Frankfurt am Main Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 Krüken und Prothesen. Wie alles den Häftlingen entwendete Figentum- sogar die abgeschorenen Haare- waren sie 7ur Wiederverwertung vorgesehen. Sie sind in der Dauerausstellung im Stammlager Auschwitz ausgestellt. verstorbenen August Kowalczyk. Auch er erzählte uns seine bewegende Ge- Schichte und von seiner Hucht 1942 aus Auschwitz. Bevor es nach Krakau ging, erhielten wir eine Führung durch die ehemalige Synagoge von Oswiecim. Die let?ten Tage der Fahrt in Kra- kau empfand ich als sehr wichtig und positiv, um einen Findruck von dem Land Polen zu erhalten. Dort besuch- ten wir die Fabrik Schindlers, das ehe- malige Ghetto-Gelände und das jũdi- sche Viertel Kazimierz. Ein sehr intensives und ergreifendes Treffen hatten wir in der Krakauer Ambulanz für ehemalige Häftlinge mit Joseph Paczynski und Freunden. Im Folgenden möchte ich von meinem ersten Besuch im Stammla- ger berichten: Schon die Ankunft dort wirkte auf mich leicht verstörend. In der kleinen Halle**, dem Vorbereich der eigent- lichen Gedenkstätte, war es unglaub- lich laut und voll. Ich hatte das Ge- fühl, in einer Bahnhofshalle zu ste- hen. Es wirkte einfach nicht, wie ich es erwartet hatte. Kein Schweigen, kein Besinnen; vielleicht auch kein Bewusstsein für den Ort, an dem man sich befindet? Vielleicht war es auch einfach ein tiefes Luftholen... Mit Kopfhörern ausgestattet, folg- ten wir unserem Guide Jacek Lech auf das Gelände. Schnell fiel der Blick auf den Torbogen mit der Aufschrift Arbeit macht frei und die Backsteinhäuser, die man von Bildern und Berichten kennt. Wegen der vielen Menschen und Besu- chergruppen glaubte ich mich zunächst in einem schlechten Vergnügungspark wiederzufinden. Ich brauchte lange um zu realisieren, wo ich mich eigentlich be- fand und was dieser Ort mit mir mach- te. Zunächst war ich enttäuscht von ** Piese wlirde 10 als Aufnahmestation der Häftlinge erbaut und eingerichtet. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Die Koffer der Ermordeten wurden im Fffektenlager gesammelt, bis sie zur Weiterver- wendung„ins Reich“ geschickt wurden. meiner Reaktion, da mir schlicht die Vorstellungskraft fehlte, das Geschehe- ne mit diesem Ort zu verknüpfen. Wir gingen die Lagerstraße ent- lang zu einem der Ausstellungsräume, die sich in den ehemaligen Blöcken befinden. In einem der oberen Stock- werke gelangten wir schließlich in den Raum, der mir schon im Vorfeld Sorgen bereitete. Durch eine Glas- Scheibe sah man Berge von menschli- chem Haar. Für einen kurzen Mo- ment erschien der Anblick unerträg- lich. Genauso wie die Kellerverliese und die Stehzellen im Block 11. Doch dort blieb nicht die Zeit darüber nachzudenken. Die nächsten Besu— cher drängten schon in den Keller und schoben sich gegenseitig von Zel- le Zzu Zelle. Die Luft war stickig, und ich war erleichtert, den Keller wieder verlassen zu können. Nach der Jour brauchte ich Zeit für mich und entschied mich gegen die weiteren Programmpunkte, den Be- such im Archiv und in der Kunstaus- stellung. Stattdessen sah ich mir die Sinti- und Roma-Ausstellung im Block 13 an. Durch den langen Flur gelangte man über eine Treppe in den ersten Stock, in dem sich die Ausstel- lung seit August 2001 befindet.*** Durch die vielen Fenster auf allen Seiten wirkte der Raum hell. Auf großen dunklen Tafeln wurden die drei Schwerpunkte der Ausstellung dokumentiert: 1.) Ausgrenzung und *** Pie Reulisierung des Projelts erfolgte auf Initiative und unter Hederfihrung des Poll- mentations- nd Kuluurzentrums in enger Zusammenarbeit mit der Gedenlstütte Auschwitz ind dem Verband der Roma in Polen vowie Sechs weiteren nutionalen Koma-Organisationen (vMM sintindroma. dezentrumasstellungenmiselm-auschwitz. huml. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 8 Entrechtung deutscher Sinti und Ro— ma, 2.) Võlkermord an Sinti und Roma im nationalsozialistisch beset?ten Eu- ropa und 3.) die Geschichte des„Zi- geunerlagers“ in Auschwitz-Birkenau. Zu sehen sind viele zeitgenössi- Sche Fotos, die das Alltags- und Pri- vatleben dokumentieren. Zudem gibt es etwa sieben Malereien und Skiz- zen, die während der Gefangenschaft im Lager entstanden sind. Es ist die ein?zige Ausstellung innerhalb des Stammlagers, deren Texte auch auf Deutsch zu lesen sind. Die Ausstel- lung wirkt durchdacht und bemüht. Vor allem den Aspekt, in dem die Be- sonderheiten der Verfolgungen in den einzelnen verbũndeten und besetzten Ländern Buropas wiedergegeben werden, finde ich interessant. Ver- schiedene Zeitzeugenberichte doku- mentieren die Zustände innerhalb des„Zigeunerlagers“ und dessen „Räumung“ im Jahr 1944 und schaf- fen einen Gegenpol zu der industriel- len Vernichtungsmaschinerie, wie sie in den historischen Behördendoku- menten und Tabellen aus der Per- spektive der Täter dargestellt wird. Da der Tod der letzten Zeitzeugen absehbar ist, wird es zukünftig immer mehr von Bedeutung sein, einzelne Opferschicksale aufzugreifen und vorzustellen. Im Gegensatz dazu erscheint mir die Länderausstellung Polen nicht gan?z so gut konzipiert. Die Ausstel- lung aus dem Jahr 1985 richtet ihren Fokus zunächst auf die Zivilbevölke- rung während der Besatzungszeit. Man bedient sich Bildmaterialien, die schockieren wollen. Finige Plakate Sollten wieder befestigt werden. Ein bekanntes Foto von einem Jungen aus dem Warschauer Ghetto wird leider in einem falschen Zusammenhang ge- bracht und als Beispiel für die Ver- elendung der polnischen Zivilbevöl- kerung dargestellt. Noch nie habe ich mir über die Problematik Gedanken gemacht, dass sich die großen Vernich- tungslager auf polnischem Boden be- fanden. Der Gedanke an ein mögli- ches Fehlen internationaler Aner- kennung der Leidensgeschichte der polnischen Bevölkerung während der Besatz ungszeit, lässt die Ausstellung in einem anderen Kicht erscheinen. Den- noch gehe ich mit einem leicht betrübten Ge- fühl aus dem Ge- bãude. Wie aber verhält es sich mit der besonde- ren Rolle Polens, und wie geht man damit um? Erst langsam spüre ich, wie mich der Besuch auch körperlich belastet. Nach einer kurzen Pause auf einer der Sitzbänke vor dem Fingang fange ich an zu zit- tern. Der Aufenthalt im ehemaligen KZ hat mich mitgenommen, und ich erinnere mich an etwas, das ich ein- mal von einem Besucher gelesen hat- te: Dieser sprach davon, dass man nach einem Besuch hier ein Stück Auschwitz in sich tragen würde. Ich glaube, ich weiß nun, was er damit meinte. Ich bin froh, diese Reise angetre- ten zu haben. Melanie Benz Melanie Benz 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Wozu Erinnerung? Uberlegungen zu Schuldanerkennung und Schuldentlastung Mein Name ist Deniz(sprich: Dennis) Martin, ich bin fast 22 Jahre alt, stu— diere im 3. Semester Soziologie und Japanologie an der Goethe Universität Frankfurt. Ich will zunächst schildern, wie und warum ich bei der Lagergemein- Schaft Auschwit?- Hreundeskreis der Auschwilzer(ILGA) gelandet bin. Ich bin in Wetzlar aufgewachsen. Als ich noch im Kindergarten war, wurde ein beinharter Neonazi in den Elternbeirat gewählt, der nicht nur in der heidnisch-germanischen Sekte der Goden? unterwegs, sondern s0 schön in seine Szene integriert war, dass der Pate seiner Kinder kein ge- ringerer als der bekannte, mittlerwei- le verstorbene NPD-Anwalt Jürgen Rieger war. Im Gegensat? zu meinen PEltern und einigen Gleichgesinnten schien das den Großteil der anderen Eltern nicht Zu stören. Ich erinnere mich, wie ich als da- mals Vierjähriger es sehr irritierend fand, dass dieser„Gode“ in unserem behindertengerecht ausgestatteten Raum mit Kreide eine Linie Zog, die „normale Kinder“ nicht übertreten durften, weil das irgendwie schlecht für sie sein sollte. Schlussendlich wur- de der„Gode“ zum Glück abgesägt, denn nicht immer stimmt das Motto, wonach eine schlechte Presse besser als gar keine Presse ist: Kindergarten und Ortschaft dachten an ihren Ruf als gute Deutsche. Mit 17 Jahren, das war 2008, kam mit meinem Schulwechsel auch ein Wechsel meines sozialen Umfelds. Ich Deniz Martin(inks) mit Johannes Dietzel, der ebenfalls an der Studienfahrt teilnahm. lernte Menschen kennen mit einer- seits ähnlichen absurden Erfahrun- gen, andererseits Abneigungen ge- genüber Nazis und einem im Ver- gleich zu anderen Gleichaltrigen kri- tischen Geist kennen. Durch viele Gesprãche sensibilisierte ich mich im- mer mehr für die mir bis dato nicht aufgefallenen neonazistischen Akti- vitäten in der Gegend. Ich nahm die vielen Schmierereien und Aufkleber der Autonomen Nationalisten Wetzlar wahr sowie die des Skinhead-„Pen- dants“- anscheinend gab es im klei- nen Wetzlar tatsächlich zwei aktive Neonazigruppierungen. Da ich bereits nur wegen der Schreibweise meines Vornamens ras- * Die Goden: Fine„ Vereinigung zur Pflege und Förderung der uns wesensgeprägten Religi- on und Kultur“ s0 die SelbstbeZeichnung., Wir Goden suchen Menschen, die ernsthuft duran milwinen mõchten, wieder in unsere umpriingliche und natirliche Religiosität zu Kommen, die Sinn und Ziel des Lebens nicht im Fremden Suchen, Sonderm in sich Selbst wisen.“ Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 Sistisch diskriminiert worden bin, war ich natürlich Feuer und Flamme für die antifaschistische Sache, die Trun- kenheit der Jugend, wie Goethe, der Wetzlar während seines Aufenthalts hassen lernte, es ausdrücken würde. Es wurden Flyer gedruckt, ein paar wenige Veranstaltungen kamen zu— stande, aber so wirklich interessierte man sich nicht für uns. Anders erging es dem Bindnis gegen Nazis Wetzlan Es war in dieser Hinsicht deutlich„publikumswirksa- mer“. Man erwartete dort allerdings nicht, dass die Neonazis, die sich eher sehr dumm anstellten, handgreiflich werden würden. Man meinte, dass sie es belassen würden bei Parolen, ledig- lichen Androhungen von körperli- cher Gewalt und Mahnwachen sowie Gummibootausflügen mit Banner und Bier auf der Lahn anlässlich des Todestages von Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß. Weit gefehlt. Es kam zu einem Brandanschlag auf das Haus des katholischen Diakons, der Ge- schehnisse um Wetzlar, so auch neo- nazistische Aktivitäten, filmisch do- kumentierte. Die Familie des Dia- kons entkam nur um Haaresbreite dem Feuertod. Die Reaktionen hat- ten einen lokalprotektionistischen Charakter: Wetzlar und Umland wur- den als„bunt“ bezeichnet, was mei- ner Meinung nach eine rassistische Implikation hat. Es wurde mit einem Schweige- marsch demonstriert, an dessen Ende der Landrat mit rotem Kopf ein kla- res Vorgehen gegen Nazis prokla- mierte. Im Endeffekt passierte aber nach den gerichtlichen Verurteilun- gen der Beteiligten gar nichts, man hatte ja alles richtig gemacht. Heute, im Oktober 2012, sind in Wetzlar er- neut Aufkleber zur finden mit der gan?z besonderen Botschaft:„Wir sind Feuer und Hamme für den Antifa— schismus.“ Die vielen ismen- wie Rassismus sind keine Randerscheinungen. Ge- rade weil sie in der Mitte der Gesell- schaft präsent sind, gehören sie auch zu Wetzlar. Ich betone das, weil ich als Betroffener dieses Gedankengutes Sensibilisierter bin für die Präsenz des gefühlt gemachten Andersseins als Leute, die diese Erfahrungen nicht gemacht haben. Ich erlebte das in der Schule oder bei den Fußballspielen meines Vaters. Er wurde nicht mit seinem Vornamen angesprochen; die„Volksdeutschen“ empfanden das Wort„Fürke“ als pas- sender, wahrscheinlich, ohne sich der Implikationen ihrer Wortwahl über- haupt bewusst zu sein oder sein zu können. Sagt man es ihnen, sind sie beleidigt. Absurd. Es ist mir also ein persönliches Anliegen, auf derartige Missstände hinzuweisen und darüber informiert zu sein. Dies ging auch mit politischer Bildung einher. Mehr und mehr konnte ich das Thema der Diskrimi- nierung umreißen. Es betraf nicht nur mich. Antisemitismus, Nationalismus, Rassismus, Sexismus, soziale Angste allgemein, verdrängende, abwehren- de Frinnerungspolitik, all dies schien einen Kanon zu bilden. Deshalb mus- ste meine erste Wahl auf das Studien- fach SozZiologie fallen. Uber einen guten Freund und Mit- studenten wurde ich auf die von der 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer — 1½ — 1 F— — — In Scharen drängen die Besucher sich vor dem Fingang auf das Museumsgeläinde des ehe- maligen Konzentrationslagers Auschwitz. Lagergemeinschaft angebotene Studi- enfahrt aufmerksam gemacht. 2010 verbrachte ich durch das Engagement eines Geschichtslehrers bereits drei Tage in Buchenwald. 2012 sollten es nun Auschwitz und Krakau werden. Wie sehr mich diese Fahrt berühren würde, konnte ich mir vorher kaum vorstellen. Ich bin mir auch jetzt noch sehr unsicher, wie ich mit dem mir Unbegreiflichen aber zugleich Deutli- chen umgehen soll. Ich bin ratlos, über welchen Teil der Fahrt ich etwas mit Konsistenz schreiben könnte, so wie es meine Intention ist. Verarbeitet habe ich sie jedenfalls noch nicht. Und Worte für die Augenzeugenberichte, die un- heimlich emotionale Spannung mit den überlebenden KZ-Hãftlingen in der Ambulanz in Krakau, wie ich sie erst einmal in meinem Leben in einer ganz anderen Situation erfahren habe, finde ich nicht. So etwas schreibt sich nicht auf die Schnelle mit Links und Sollte es auch nicht. Deshalb wähle ich eine alternative Herangehensweise und schreibe von dem, was für mich zunächst nicht zu Auschwitz gehörte, aber dort zu beobachten war, sowie danach über die Studiengruppe selbst. Der unheimliche Publikumsver- kehr im Stammlager machte mich stut- zig. Ständig kamen Busse mit Jouri- sten an und wurden durchs Museums- gelände geschleust, direkt neben der Kantine durch den neuen alten Haup- teingang. Wie reagierten all diese Leu- te, waren sie entsetzt, enttäuscht, wü- tend? Finige brachen in Tränen aus, mussten sich setzen, blickten ratlos umher, manche sprangen herum und freuten sich ihres Lebens. Auschwitz ist nicht der Europapark, dachte ich mir, während Besucher sich lächelnd vor dem Jor in Birkenau fotografieren ließen. Kurz zuvor hatte ich gesehen, wie drei Neonazis lachend am Denk- mal und den gesprengten Grundmau- ern der Gaskammer nebenan vorbei- liefen; ihre TShirts waren sehr eindeu- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 tig. Verkehrte Welt, oder nicht?! Bin ich übersensibilisiert? In Krakau hinterließ das Museum in Schindlers Fabrik bei mir ebenfalls schräge Findrücke: Mir offenbarte sich eine Touristenschleuse, geprägt von Attraktionen mit tollen Geräu— schen und etlichen bunten Bildern. Viele einfache Botschaften, die man beinahe wie eine Fernsehdokumenta- tion distanziert konsumieren konnte, wurden vermittelt und das, obwohl dieses Museum in Schindlers Fabrik untergebracht worden ist, in der Zwangsarbeiter sich vor gar nicht all- zu langer Zeit totarbeiten mussten. Am Mythos des einsichtigen Fabrik- herren, der gegen Ende des Krieges seine ihm zugewiesenen Zwangsar- beiter befreite, wurde bei mir gerade so genug gerüttelt. Wer sich zur eige- nen Bereicherung und überhaupt mit der S8 bewusst eingelassen hat, ver- dient meiner Meinung nach keinerlei Heroisierung, wie sie ihm oft zuteil wurde und wird. Die Fahrt hatte trot? alledem sehr viel Positives hinterlassen: An den Abenden saßen wir in der Gruppe zu- sammen und besprachen vieles von dem, was wir am Jag erlebt hatten. Während der verschiedenen und durchweg guten, aber für mich sehr anstrengenden Führungen im Stammlager Auschwit?z, in Birkenau und in Monowit? war dafür wenig Zeit geblieben. Krakau gestaltete sich dies betreffend als weniger problema- tisch, auch weil das Stadtbild eine ganz andere Atmosphäre hergibt. Im Unterschied zu meinem er- wähnten Besuch in Buchenwald, währenddem ich abends viel trank, nur um zurechtzukommen, fing einen nun die Gruppe auf. Wir kamen nicht nur über den Jag ins Gespräch, son- dern lernten uns besser kennen. Wir erfuhren die verschiedenen Beweg- gründe, an einer solchen Fahrt teilzu- nehmen. Die Zusammensetzung war heterogen, was mir persönlich sehr gut gefiel. Davor war ich immer nur von Gleichaltrigen umringt gewesen. Die Teilnehmerlnnen waren zwischen 21 und 67 Jahren alt, und es herrschte ein reger Austausch. Das machte die Fahrt zu einem wichtigen Punkt in meiner Biographie: Es Zzählt nicht nur, dort gewesen zu sein, es zählt vor allem der Umgang damit. Ptwas quält mich seitdem aber. Mir wurde klar, dass Erinnerungspoli- tik unheimlich wichtig ist, gerade weil ich deren Verkörperungen plastisch vor mir hatte. Ich musste an eine Auf— zeichnung des Richtfests des Holo— caust Memorials in Berlin denken, welches ganz unter dem Motto ablief, dass nun endlich die Schuld vom „deutschen Volk“ abfallen würde, und man getrost in die Zukunft gehen könnte, und im Ausland nicht mehr als „die Nazis“ bezeichnet zu werden und So weiter. Das war alles gestern und hat angeblich mit dem Heute nichts mehr zu tun. Zumindest in Deutsch- land wehrt man sich kaum noch gegen das Frinnern an die Shoah. Ganz im Gegenteil, neuere nazistische Strö— mungen verurteilen sie sogar. Führt die Schuldanerkennung zum Gefühl der Schuldentlastung? Verhält es sich s0, dass ein sich als Deutscher definierender Mensch auf die Dichter 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer und Denker positiv und auf die NS— Zeit negativ berufen muss, um zu zei- gen, dass doch angeblich sogar die Zeit des Postnazismus vorüber ist? Wird die Vergangenheitsbewältigung benutzt, um einem positiv konnotier- ten Nationalismus die Bahn frei zu machen, Nationalethos zu gewinnen? In Polen überkamen mich ähnliche Bedenken. Seien sie nun begründet oder nicht, ich will das nicht verheim- lichen. Man schien mir bemüht darum zu sein, unterm Strich möglichst wenig mit allem zu tun gehabt zu haben, heu- te aber darüber stehen zu können. Selbstverständlich ist die dortige Situa- tion anders zu bewerten, war Ausch- wit? doch ein ehemals reichsdeutsches Konzentrationslager und kein polni- sches, und haben doch Reichsdeutsche ihre ekelhafte Ideologie umgesetzt und weiterhin umsetzen wollen. Die Pogrome der 1990er Jahre, Rostock-Lichtenhagen beispielswei- se, Ssind nicht sehr fern, und die Exi- stenz der NU, national befreiter Zo- nen im Osten, die Lager der, wenn auch verbotenen, aber immer noch gut organisierten Wikingugend im Westerwald, die Geschehnisse in Wetzlar und in Echzell*, all das ist verdammt aktuell, nicht weit weg von uns allen und zeichnet ein ganz ande- res Bild, als manche Menschen es s0 gerne von ihrer tollen Heimat hätten. Ich halte Vereine wie die LOA für immens wichtig, um eine angemesse- ne Brinnerungspolitik zu ermögli- chen. Das ist etwas anderes, als wenn zum Beispiel Bundespräsident Gauck eine Erinnerungseiche- warum gera- de eine deutsche Biche!?-pflanzt, um an Pogrome zu erinnern und dieses Thema damit als Problem abgehakt ansehen zu können. Oder wenn der Autor Henryk M. Broder seinem neuem Buch den Titel Vergesst Akusch witz gibt, weil ihn dort die vielen Besucher stören. Er scheint nicht einmal zu verstehen, was FErin- nerungspolitik bewirken muss, dass ein Lager beispielsweise nicht einfach als Symbol, sondern Ort der Ausein- anderset?ung mit sich und dem Ge- schehenen dient. Das sind für mich Spielereien eines Menschen, der kei- nen Inhalt mehr produzieren muss, um seine coolen Mützen tragen zu dürfen. Laut Werbung kann man mit ei— nem Kasten Krombacher-Bier den Regenwald retten, ja. Aber in seiner Freizeit ein Konzentrationslager auf— zusuchen, so etwas zu sehen, freiwil- lig, das ist nochmal etwas ganz ande- res. Konsumcharakter hin oder her, was hat denn bitte heutzutage keinen Konsumcharakter? Es gilt, eine klare Position zu be- ziehen, die weniger mit einer politi- schen Finstellung als vielmehr mit moralischen Maßstäben zu tun hat, deren Grundzũge sich jedem offenba- ren sollten, der ein Konzentrationsla- ger besucht und sich mit dem Prleb- ten beschäftigt hat. Diese Maßstäbe wurden in der Zeit des Nationalsozia- * In Echzell(Wetteraukreis) betrieb der Neo-Nazi Patrick Wolf, der sich gerne„Schlit- zer“ nennen ließ, ein Tatoo-Studio. Für Partys wurde ein Raum mit Gaskammer-Ambiente hergerichtet. Wolf steht derzeit wegen verschiedener Delikte in Gießen vor Gericht. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 Die Teilnehmer der Studienfahrt auf dem Weg von der der ersten Judenrampe zum Ein- gangsgebäude in Birkenau. lismus relativiert, haben sich verän- dert, erlebten im letzten Jahrhundert einen rasanten Wandel- die gute alte Zeit gab es nicht. Finen Strich durch die Geschichte zu machen, etwa mit- tels der Entnazifizierung, ist nicht möglich; Werte werden weitergege- ben, alles hat immer Konsequenzen, Nachwirkungen. Eben daran sollte gedacht werden, wenn die„Reali- sten“ mal wieder zuschlagen. Deni? Martin Leichter Rückgang der deutschen Besucher Statistik für das Jahr 2011 Mehr als 1,4 Millionen Besucher haben im Jahr 2011 die Gedenkstätte Auschwitz- Birkenau besucht, berichtete Anfang dieses Jahres das Internationale Auschwitz Komitee. Damit ist die Zahl der Besucher im Vergleich zu 2010 erneut leicht ange- stiegen. Den größten Anteil der Besucher stellen Polen, gefolgt von Besuchern aus Großbritannien, Italien und Israel. Deutschland belegt Rang der Besucherstatistik, obwohl die Zahl der deutschen Besucher-58 000 wurden im Jahr 2011 gezählt-leicht zurũckgegangen ist. Auf Deutschland folgen Frankreich und die USAM. „Alischwitz ist ein Oyt der Erinnerungen und des Gedenlens aber auch ein Oyt der gerade Migendliche detuilliert vor Aligen fihren Kann, wo der Hass des Antisemitismuis, die Heindhilder und der Vernichtungswille der rechtsextremen Szene enden. Deshalh ist ſir die Vherlebenden von Auschwitz die wichtigste Botschaft dieser Statistik die Jatsuche, duss V Prozent aller Besucher aus der ganzen Welt junge Menschen unter 26 Jahren vind“, betonte Christoph Heubner, der VMepräsident des Internationalen Auschwitz Komilees in Berlin in einer Pressemitteilung Anfang dieses Jahres. 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Problematischer Lagertourismus Die Würde der Opfer achten statt in Schaulust zu verfallen Und dann Kamen die Vouristen!ꝰ Viele kennen diesen Hilm, der sich auch mit der Problematik auseinandersetzt, die Melanie und Deniz in ihren Berichten kritisch benannt haben. Auch ich, der schon oft die Gedenkstätte besucht hat, verfolge diese Entwicklung mit Sorge. Millionen von Besuchern hatte das Stammlager in 2011 zu verzeichnen, und es werden immer mehr. Mit verursacht haben diesen„Er- lebnistourismus“ sicherlich auch Reit Severanstalter, die bei Polenreisen für einen„Abstecher“ nach Auschwitz eine Stunde für das Stammlager ver- anschlagen und eine weitere halbe Stunde für Birkenau. Diese Schnell- durchläufe werden der Würde der Opfer bestimmt nicht gerecht. Fine erste Maßnahme, den Besu- chern s beim Aufenthalt auf dem La- gergelände die Ernsthaftigkeit des Gedenkens zu verdeutlichen, liegt meiner Meinung nach in einer besse- ren Schulung der Guides. Sie müssten zum Beispiel befähigt werden, Besu- chern, die Auschwitz nur als touristi- sches Gruselerlebnis verstehen, klar zu machen, dass dies unangemessen ist. Ich will dazu als Beispiel eine Situation schildern, die ich in der „Zentralsauna“? in Birkenau beob- achtete. Fine Gruppe Jugendlicher, die mit ihrer Guide hinter uns war, grölte bereits am Fingang lauthals herum. Jacek Lech, unser Guide, und ich sahen uns kurz an und gingen auf diese Gruppe zu. Deutlich erfolgten die Hinweise unseres Guides an seine Kollegin und die Jugendlichen. Von da an war Ruhe. Den Verantwortlichen der Ge— denkstätte ist dieser Trend zur touristi- schen Schaulust statt Würdigung der Opfer natürlich auch nicht entgangen. Ob man allerdings deshalb den Besu- cherstrom beschränken sollte? Dass Monowit? und die Nebenla- ger bei den Besichtigungen eine sol-— che untergeordnete Rolle spielen, halte ich nicht für gerechtfertigt. Port wurde ebenfalls massenhaft gemor- det-zwar nicht in Gaskammern, aber nach dem Konzept„Vernichtung durch Arbeit“. Ein Vorschlag von mir wäre, diesen Teil der Lager mehr in den Fokus bei den Besichtigungen zu stellen und gegebenenfalls den Besu- cherstrom nicht nur allein auf das Stammlager und Birkenau zu richten. Bei Studienfahrten der Lagerge- meinschaſt wird den Jeilnehmern trot? engem Programm immer auch genü- gend Zeit gelassen, nach den Rund- gängen mit den Guides allein oder in kleinen Gruppen noch einmal zu La- * DMie Sogenannte„Zentralsauna“ in Birenau, ein eingeschossiges Backsteingebäude, diente als„Entwesungs- und Pesinfektionsanlage“ bei der Aufnahme von deportierten Menschen. Dieses größte Objelkt im KZAlischwitz-Birkenau wurde nach neunmonatiger halzeit Mitte Dezember 1943 in Betrieb genommen. In dem helte relonstruierten Gebdude vind veit 2007 Alsstellungen untergehracht. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 — * ax 8 I9n n Sa* . L ſi — 1 — EELn E ae Rn FEEE NuE 4.6 In dem rekonstruierten Gebäude der„Sauna“ in Birkenau sind zwei Ausstellungen untergebracht. Zu sehen ist hier eine Fotowand mit Aufnahmen, die Häftlingen vor der Vernichtung in den Gaskammern abgenommen wurden. Sie sind Teil der Ausstellung „Vor der Auslöschung-Fotografien gefunden in Auschwitz“. Die Besucher gehen in der „Sauna“ nicht auf dem historischen Boden, sondern auf Glas, in dem sie sich selbst sowie die Ausstellungen spiegeln. gerbereichen zu gehen, die ihnen wich- tig sind. Abends sitzen die meisten un- serer Gruppen zusammen und reden über das Gesehene und Erlebte. Nummern statt Namen Bei der Studienreise im April 2012 hat mich wieder einmal die„Zentral- sauna“ emotional sehr betroffen ge- macht. Diese befindet sich in Bir— kenau im Lagerbereich BIIG. Hier setzte ein neuer Schritt der Ent— menschlichung der Häftlinge ein. Sie wurden nur noch als Nummern ge- führt und nicht mehr mit Namen. Im- mer wieder bin ich emotional tief be⸗ wegt, wenn ich den ersten Schritt in dieses Gebäude mache und über die Glasplatten gehe, die den Originalbo- den schützen. Die„Sauna“ befindet sich in un— mittelbarer Nähe des„Kanada“-Be- reichs, in dem das Eigentum der De- portierten in Pffektenkammern ge- sammelt wurde. Auch das Krematori- en IV und die Gaskammer waren gleich in der Nähe, s0 dass bei Selek- tionen in der„Sauna“ der letzte Weg zur Vernichtung kurz war. Man darf sich auch nicht von dem von der SS verwandten Wort„Sauna“ täuschen lassen. Die Hauptaufgabe dieser Anlage bestand darin, die Klei- dung der Hãäftlinge sowie deren ande- 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Ausschnitt der Ausstellung„Vor der Auslöschung-Fotografien gefunden in Auschwitz“ re geraubte Habe zu desinfizieren. SS-Arzte konnten in der„Sauna“ bei den nackten Frauen auch bisher noch unentdeckte Schwangerschaften feststellen und sie für die Gaskammer selektieren. Oft mussten sich die De- portierten bereits vor dem Warte- und Auskleideraum der„Sauna“ aus- ziehen- Männer, Frauen, Kinder- und stundenlang nackt in der Kälte warten. In der„Sauna“ selbst wurden sie registriert. Bei der Suche nach ver- steckten Wertsachen wurde jeder In- timbereich abgetastet. Es folgte dann eine Art Desinfek- tion in einem Waschraum(Raum mit 50 Duschen). Zwischendurch wurde den„Neuzugängen“ alle Körperhaare geschoren und am Schluss die Häft— lingskleidung ausgegeben. Im Haar- schneideraum gab es oft schwere Ver- let?ungen, da die Messer der Maschi- nen stumpf und beschädigt waren. Hier erfolgte dann auch die Tätowie- rung der Häftlingsnummern. In die„Sauna“ kamen nur die auf der Rampe selektierten Hãäftlinge, die nicht sofort für die Gaskammern vor- gesehen waren, sondern zunächst noch im Lager verbleiben sollten. Die Oberaufseherin Maria Mandel begab sich sehr gerne in die„Sauna“ und suchte für die SS-Arzte, insbesondere für den Massenmörder Mengele hüb— sche junge Mädchen, die als„Ver- suchskaninchen“ bei grausamen me- diZinischen Experimenten misshan- delt wurden. Erwähnenswert finde ich noch, dass die vier Desinfektionskammern ebenso wie die Ofen in den Kremato- rien von der Erfurter Firma Topf und Söhne entwickelt, hergestellt und re- gelmäßig gewartet wurden. Die Er- mordung der Hãäftlinge war für diese Firma ein gutes Geschãft. Mädchen mit Springseil Mir drängte sich eine Passage aus dem Buch Ich üherlebte Ausch witz Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 von Krystyna Zywulska in die Prin- nerung. Sie war mit viel Glück in das Kommando„Effektenkammer“ ge- kommen und überlebte dadurch. In der„Sauna“ hatte sie einmal folgende Situation beobachtet: „In Kleinen Gruppen Kamen Men- Schen herein. Mdnnen Frauen, Kinder- ermiidet ind erschöpft selzten sie vich aluf den Betonboden. Ich hemerkte ein leines Mddchen mit großen dunklen Aligen, vielleicht vieben Jahre all. Sie hlickte sich nelgierig im Kaum um, nolle dann ein Pringseil hervor und hiipſte ein paur Mal über die Schnur Sie hemerkte nicht die bedriickten, vor verz weiſelter Erwurtling gespannten Gesichter der anderen. Sie Kannte nicht die eigentiche Zweckhestimmlng die- ver Sltte, an der vie sich hefand. Sie glauhte oſfensichtlich, die Halle eigne sich zlm Spielen. Mit dem vollen Ver- trauen eines Kindes für das die Welt im- mer noch ein großer Pielplatz ist, Prung vie anmutig weiter ühber das Seil. Dann betrat ein SS-Mann den Raum. Unheilvolles Schweigen machte ich hreit und das Mädchen mit dem Springseil hielt ein, wandte sich um und Schaute dorthin, wohin alle blick- ten. Dieser S Mann begann zu velelc- tieren. Ofenbar von dieser Maßnahme etwus erschöpft Knöpfle er vogur seine Uniform auf Das Mädchen mit dem Springseil glaubte offenban dass wie- der der richtige Augenblick zum SPpie- len gelcommen sei. Angst Kannte vie nicht. Sie sprang über das geil und hlichkte diesen Mörder mit großen Kin- deraugen an. Der wur wohl etwas ver wlindert, Streckte dann aber die Hand alus lind deutete auf das Mddchen, wus den Vod in der Gaskummer hedeutete.“ Das alles erinnert mich an den ita- lienischen Chemiker, Schriftsteller und Holocaust-Uberlebenden Primo Levi(1919— 1987), der in Auschwitz- Monowit? als Zwangsarbeiter zu schuften hatte. Er hat in seinem letz- ten Buch Die Untergegangenen und die Geretteten, das ein halbes Jahr vor seinem Tod erschienen ist, unter an- derem über die„Scham“ derer, die das KZ durch Zufall und Glück über- lebt haben, reflektiert:„Nicht win die Vherlebenden, vind die virklichen Zelgen. Das ist eine unbequeme Ein- vicht, die mir langsaum bewußt gewor— den ist, während ich die Erinnerungen anderer las ind meine eigenen nach einem Abstund von Jahren wiedergele- sen habe. Wir Vherlebenden Sind nicht nur eine verchwin- dend Kleine, Sonderm auch eine anomale Minderheit wir Sind die, die aufgrund von Pÿflichtverlel- zlng, alſgrund inrer Geschiclk 2 ichkeit oder ih- Mexander Wolf res Oliichks den tiefsten Punkt des Ah- grunds nicht beriihrt haben. Wer ihn heriihrt hat Konnte nicht mehr zurichk- Kehren, um zu herichten, oder er ist umm geworden.“ Aber er betont auch die Notwendigkeit, zu erinnern und Zeugnis abzulegen über„das grõßte Verhrechen in der Geschichte der Menschheit“. — Alexander Woff 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer „Um zl erzdhlen, wus sle gesehen lind erlebt hatten, mussten die Leulte den höchsten Preis bezahlen. revivre- nochmals erlehen. Nochmals durchleben- und nicht nur erinnern. Dies i1 der Preis der Wahrhei. Und diese Wahrheit wollte ich ergriinden und weitergeben.“ Caude Lanzmann* „Es tut mir weh“ Aber Hugo Höllenreiner will, dass die Wahrheit nicht in Vergessenheit gerät Hugo Höllenreiter- Uberlebender der Konzentrationslager Auschwitz-Bir- kenau, Ravensbrück, Mauthausen und Bergen-Belsen- war am 9. November dieses Jahres Gastreferent einer gemeinsamen Veranstaltung der Lagergemein- Schaft Auschwit? und der Stadt Butzbach. Im Museum der Stadt berichtete er, wie er und seine Familie als Sinti verfolgt wurden und nur knapp der staatlich verordneten Vernichtung entgingen. Piner Vernichtung, der eine halbe Million Menschen der Roma, Sinti und kleinerer ziganistischer Gruppen zum Opfer fiel. Seine 79 Jahre sicht man Hugo Hõllenreiter nicht an. Er ist ein großer, kräftig gebauter Mann mit weißen Haaren und schwarzem Schnurrbart. Als Neunjähriger wurde er mit seiner Familie und anderen„Zigeunern“ nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Spãter wird er nach Ravensbrück und Mauthausen sowie schließlich nach Bergen-Belsen„verlegt“. Dort wird er im April 1945 von der Britischen Ar- mee befreit. Er hat überlebt und eine Familie gegründet.„Vergessen, wus man uns angetan hat?- Kann man nichtꝰ“, Sagt er, obwohl er über die er— lebten und erlittenen Grausamkeiten erst als Sechzigjähriger sprechen konnte. Und auch heute fãllt ihm das Spre- chen über dieses Grauenhafte schwer. Die Eckdaten seiner Geschichte liest er fast vollständig vom Blatt ab, ohne viel den Blick in die Zuhörerrunde schweifen zu lassen. Dann betont er jedoch, dass er auf alle Fragen einge- hen werde. Hugo Höllenreiter wächst in dem Münchener Stadtteil Giesing mit fünf Geschwistern auf. Sein Vater handelt mit Pferden und ist Inhaber eines klei- nen Fuhrunternehmens.„Mein zwei- ter Vorname ist Adolf. Ich heiße also Hugo Adolf Höllenreiter“, betont er. Seine Eltern hatten bei seiner Geburt im Herbst 1933 wohl schon eine Ah- nung, dass ihnen in der deutschen Ge- Sellschaft unter der Regierung Adolf Hitlers nichts Gutes bevorstand. Viel- leicht könnte der Vorname Adolf ei- nen gewissen Schutz bedeuten. Pass dies eine trũgerische Hoffnung war, wird spãtestens 1943 deutlich, als mitten in einer Nacht das Haus der Fa- milie umstellt wird. Alle werden zu ei- * Pas helkannteste Werk des franzõsischen Regissels Claude Lanzmann ist der neunstün- dige Dokumentarfilm Shoah(19685), in dem alusschließlich Zeitzeugen zu Wort Kommen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 nem Sammelpunkt in der Stadt gebracht.. Als der junge Hugo mitbe- kommt, dass bald eine Zugfahrt ansteht, freut er sich zunächst, denn Lokführer zu werden, das hat er sich Schon mal als Berufswunsch vor- stellen können. Dann wird er jedoch mit sei- ner Familie und rund 60 weiteren Menschen in einen fensterlosen Vieh- waggon hineingeprü- gelt. Zweieinhalb Tage Spãter sind sie in Ausch- witꝰ?. Bis dahin gab es kein EFssen, kein Wasser und Klos sind ebenfalls nicht vorhanden. Auch wenn der Zug für ei- nige Stunden anhält, um anderen die Gleise frei zu machen, werden die Türen nicht geöffnet.„Den Gestunk“, 8o Höllenreiter, ,habe ich heute noch in der Nase.“ Zum Sitzen ist kein Platz, alle müs- sen stehen. Wer umfiel oder sich hin- Setzte,„ist nicht mehr hochgehkom- men.“ Hugos Oma überlebt die HFahrt nicht. SS-Leute zerren den Leichnam aus dem Zug und werfen ihn die Bö- schung hinab.„Jch Kann gar nicht sa— gen, wie Schlimm das wan“ Erst in Auschwit? werden wieder die Waggontüren geöffnet, die Depor- tierten in das„Zigeunerlager“ auf dem Gelãnde in Birkenau(Auschwitz II) eingewiesen. Hygieneverhältnisse jen- Seits jeglicher zivilisatorischen Vorstel- lungen, tägliche Schikanen, körperliche Misshandlungen, Hunger und ständige Angst bestimmen den Alltag. Mehrfach klopft Hugo Höllenreiner bei seinen Hugo Höllenreiner bei der Veranstaltung im Museum der Stadt Butzbach am 9. November 2012. Antworten auf Fragen seiner Butzba- cher Zuhörer rhythmisch mit den Fäu- sten auf den Tisch:„Jack, fack, tac. Wenn wir die Stiefeltritte der SSLelte hörten, wur nur noch Angst unter uns.“ Auf ausgemergelte Menschen nie- dergehende Schläge und der Anblick von Leichen waren Alltag im„Zigeu- nerlager“. Nicht erzählen wird Hugo Hõllenreiner an diesem Abend in Butz- bach, wie er in einem Interview einem Reporter einmal seine nackten, mit lan- gen Furchen bedeckte Füße zeigte:, Mie Narben vind von den Leichen.“Von den Leichen, die er als Zehnjähriger weg- schleppen musste. Leichen, die schon halb verwest waren, deren Knochen im- mer wieder seine nackten Füße aufge- rissen haben. Was Hunger bedeute, könne kein Außenstehender nachvollziehen, kommt Hugo Höllenreiter auf ein wei- teres Grauen, das er zu überstehen hatte. Er schildert, wie er einmal unter Aufwendung all seiner Kraft, eines be- reits in Leichenstarre verfallenen To- 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Zu den aufmerksamen Zuhörern Hugo Höllenreiners zählten unter anderem der Vorsit- Zzende der jüdischen Gemeinde Bad Nauheim. Manfred de Vries(ganz rechts) und Butz- bachs Bürgermeister Michael Merle(Erste Reihe Mitte). ten dessen zusammengeballte Faust aufbrach, weil er wusste, dass darin et- was Essbares war. Er führt eine Faust an den Mund und deutet ein Saugen an:„Man zieht dann s0*, sagt er und blickt mit Zweifel in den Augen in die Runde, so als würde man ihm das be- stimmt nicht glauben wollen. Die Frage, ob ihm der berüchtigte SS-Arzt Josef Mengele begegnet sei, bejaht Hugo Höllenreiter- das sei ei- ner der Schlimmsten gewesen. Auf den Zuruf seiner Nichte Silvana Lauenbur- ger, die ihn nach Butzbach begleitete, doch zu erzählen, wie er selbst und sein Bruder durch Mengele bei Experi- menten gequält wurde, will er an die- sem Abend nicht weiter eingehen. „Man Kann es vich nicht vortellen“, be- merkt er hierzu und schweift ab. S0 auch bei einigen weiteren Fragen. Mitunter bricht es aus ihm dann aber doch heraus, was ihm so schwer fällt zu Sagen: 8S0 als er die Vergewaltigungen der Frauen und Mädchen anspricht. Willkürlich wurden Mütter und Ehe- frauen von SS-Leuten, denen eigent- lich eine solche„Rassenschande“ ver- boten war, in einen Raum mit ver- SchlieBbarer Tür gezerrt.„Die wurden , Sucht Höllenreiter nach Worten, „die wlirden genotzüichtigt. Wir hörten die Schreie Und wir mussten vuhig vein, mlsten aluch noch hraw sein. Konnten nichts tun.“ Es kostet Hugo Höllenreiter Uber- windung zu erzählen, was es heißt, Opfer von Rassenhass und Gewalt zu sein. Aber„ ich will, dass die Wahrheit nicht geleugnet wird. Pass das, wus lins Sinti, aber auch anderen angetun wur- de, nicht wieder passiert. Peshalh spre- che ich.“ Das damit einhergehende „noch mal Erleben“(Claude Lanz- mann) lässt er sich nicht nur körper- sprachlich anmerken, er spricht es auch aus:„Es ut mir wehn. Daran zu denlcen und dariber zu Sprechen“. Später- rund eine Stunde nach der Veranstaltung in kleiner Runde- sagt er dann plötzlich:„Es ut doch gkt, wenn die Menschen mir zuhören und Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 ich s0 Unterstiitzung vehe, dass die Wahrheit nicht vergessen wird.“ Für die Woche nach der Gedenkver- anstaltung im Butzbacher Museum hat die Lagergemeinschaft fünf weitere Ter- mine organisiert, an denen sich Hugo Hõllenreiner seiner selbst auferlegten Aufgabe stellt und mit jungen Leuten über seine Geschichte und damit die der Sinti und Roma im Allgemeinen spricht. Nach den Besuchen in zwei Schulen in But?bach sowie je einer in Gedern und in Nidda ist er Zum Abschluss dieser Iæ- se und Vortragsreise in Lich im Kultur- zentrum ehemalige Bezalel-Synagoge. Dorthin hat die Eymnst-Ludwig- Cham- hré-iftung Schüler aus Wetzlar einge- laden. Dort ging Hugo Höllenreiner auf Nachfrage von Jugendlichen auch aus- führlicher auf die Misshandlungen ein, Hugo Höllenreiner mit einem Foto seines Vaters und anderer Familienmitglieder. Die wenigsten überlebten den N-Völ- kermord an den Sinti und Roma. die ihm SS-Arzt Josef Mengele und sei- ne Gehilfen zufügten. Zusammen mit ei- nem seiner Brüder wurde er eines Tages zu der berüchtigten Baracke befohlen. Sie hatten große Angst, denn sie hatten gehört,,der Mengele mact Mdchen zu Mngs und Mungs zu Mädchen“. An Hän- den und Fũßen wurde er nackt im„Be- handlungsraum“ festgeschnallt: Jch seh nochn helile, wie Mengele durch die Tür Kam.“ EPin fürchterlicher Schmerz durchfuhr ihn, als ihm zwischen den Bei- nen in den Leib gestochen wurde.„Jch hatte das Gefiihl man dringt mit einem Sah his zu meinem Herzen von“ Dann sei aber Mengele aus irgendeinem Grund weggerufen und die Tortur abge- brochen worden. Auf dem Weg zurück zur Familie ist Hugo Höllenreiner we- gen dem großen Blutverlust Zusammen- gebrochen. Er hat überlebt und, was ihm ganz wichtig war, er konnte später als junger Mann Vater werden. Seinem Bruder war dies nicht vergönnt und auch eine Schwester war in Ausch- wit??wangssterilisiert worden. Hans Hirschmann Unter dem Titel„Denk nicht wir bleiben hier““ hat die Schriftstellerin Anja Tuckermann„die Lehensgeschichte des Sinto ugo Höllenreiner“ ver- öffentlicht(Hanser Ver- lag, München 2005, Preis: 16.900 Furo). Das Buch wurde 2006 mit dem Deutschen Jugendlitera- turpreis ausgezeichnet. 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Bevor bei der Gedenkveranstaltung in Butzbach(Siehe S. 16 ff) Hugo Höõllenreiner an seinem konkreten Schicksal die Verfolgung der Sinti und Roma und die Ver- nichtung von 500.000 Menschen dieser Volksgruppe sprach, stellte Uwe Hartwig, Vorsit?ender der Lagergemeinschaft einführend das Thema vor. Dabei ging er auch auf die aktuelle politische Diskussion um die Abschiebung von aus Sũdosteuropa gefiohenen Sinti und Roma aus Deutschland ein und verdeutlichte deren weitere Diskriminierung mit pauschalen Verdãchtigungen durch Politik und Gesellschaft. Er begann jedoch mit einem Zitat einer Uberlebenden der NSVernichtungspolitik. Sorgfältig organisierter Massenmord Späte Anerkennung der NS-Verbrechen an Sinti und Roma Als wir nach Auschwitz deportiert wlurden, blieh unser Zig als igendeinem Orund plõtzlich stehen. Als der Gegenrichtung Kam auch ein Zug, der genau neben uns gehalten hat. Da Konn- ten wir dem Lolkflihrer direlt ins Gesicht sehen, Und mein Vetter Fagte ihn. agen sie mal wo ist, wus ist denn dieses Ausch witz? Ich vergesse niemals die Augen dieses Lolkſfiihrers Er hat lins an- gesturrt ind Kein Wort herausgebracht. Der 9. November ist dieses Jahr der 74. Jahrestag des antisemitischen Pogroms im Deutschen Reich. Die Vernichtung der europãischen Juden, für die die verwaltungsmäßige Zu— ständigkeit auf der Wannsee-Konfe- renz festgelegt wurde, war beschlosse- ne Sache. In den Breignissen des 9. Novem- ber 1938 Zeigte sich das Gewaltpoten- tial der Bevölkerung gegenüber Ju— den, das auch andere Minderheiten treffen sollte. Die Sinti und Roma waren die andere Gruppe, die andere Minderheit, die der nationalsozialisti- Sche Staat vernichten wollte. Die an- deren Opfer des Völkermordes- der die Konsequen?z der nationalsoziali- stischen Rassenide ologie ist. Hierzu einige allgemeine Anmer- kungen: Am 29. Januar 1943 erging Elisabeth Schneck-Guttenberger vom Reichssicherheitshauptamt die Anweisung, alle Sinti und Roma zur Ermordung nach Auschwit? zu ver— Schleppen:„Aluf Befehl des Reichsflih- reys S vOm J6. 72. 7042.. vind Zigenu- nermischlinge, Rom-Zigehner und nicht deluschblitige Angehörige zigel- nerischer Sippen halkanischer Her- Kunft nach hestimmten Richtlinien auszuwhlen und in einer Aktion von wenigen Wochen in ein Konzentrati- onslager einzuweisen. Pieser Perso- nenkreis wird im nachslehenden Kurz al„Zigelnerische Personen“ hezeich— net. Die Finweisung erfolgt ohne Kiicksicht auf den Mischlingsgrad fa- milien weise in das Konzentrationsla- ger(Zigeunerlager) Auschwitz.“ Dieses„Zigeunerlager“ wurde im Schatten der Schornsteine der Kre- matorien an den Gaskammern im Fe- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 bruar 1943 eingerichtet: 40— mit Sta- cheldraht eingezäunte-Baracken in- nerhalb des Lagers Birkenau. Das La- ger bestand bis August 1944. Von den insgesamt mehr als 22 500 Gefange- nen wurden über 13 600 durch plan- mäßige Mangelernährung, Seuchen, Gewaltverbrechen der 88 und von SSArzten durchgeführte Körperver- let?ungen- als medizinische Versuche bezZeichnet- Zu Tode gebracht. 5.600 Insassen wurden im Gas ermordet. Insgesamt 500 000 Menschen-eine halbe Million- wurden Opfer des Ver- nichtungswillens gegenüber den Sinti und Roma. Dieser Massenmord war sorgfältig organisiert- wie auch die Er- mordung der europãischen Juden. Er- halten ist u. a. die Anweisung der Kri- minalpolizei Karlsruhe an den für Herbholzheim zuständigen Landrat. Pabei wird eine Zusammenstellung über die Zugverbindung übersandt mit folgendem Begleitschreiben: „JCn hitte für den nötigen Begleit- SChlz. Mnd piinktliche Einhaltung der Abfahrtszeit hesorgt zu sein. Un- mittelbar nach Abgang des Transports dort hitte ich m fernmindliche Mit- eilung üher die Zahl der Hſtlinge ge- rennt nach Männerm, Frauen und Kindern. Die Kommandantur des Konzentrationslagers Aluschwilz wird von hier vom Pintreſfen des Trans- Ports veyständigt. An Hand eines, am Fahrkarten- Schalter emltlichen Gulscheins ist an der Abgangsstation ein Beförderungs- Schein für den dortigen Vansport un— ter Slindung des Huhrgeldes zu lösen. In gleicher Weise ist ür die Kckreise des Begleipersonals zu verfahren.“ Der Transport ins Vernichtungsla- ger wurde genau abgerechnet mit der Reichsbahn- Fahrkarten für solche Fransporte sind erhalten. Der Massenmord an den Sinti und Roma hatte einen langen Vorlauf. Sinti und Roma waren immer Dis- kriminierung, Kriminalisierung und staatlicher Verfolgung ausgesetzt. Noch in den 1920er Jahren wurde vom damaligen hessischen Innenminister Wilhelm Leuschner das„Gesetz zur Belcdimpfung des Zigeunerun wesens“ auf den parlamentarischen Weg ge- bracht. Fine- wenn auch unbeabsich- tigte Vorarbeit für die Spãtere Rassegesetz- gebung der Nazis. Auch in der Weimarer Republik versuchte man, die Sinti und Roma aus der Gesell- schaft Zu verdrängen, sie in ihrer Exi- sten?weise einzuschränken und ihre Frei?ügigkeit Zu behindern. Im nationalsozialistischen Dritten Reich war Robert Ritter Keiter der Rds- vehygienischen lnd bevlcenungsbiologi- Schen Tchungsslelle des Reicksgeslind- heilsumies Berlin. Seine enge Mitarbeite- rin war Fva Justin. Sie promovierte mit einer Arbeit über das Lehensschicksal anemd erzogener Zigeuner. Dazu unter- suchte sie 30 Sinti-Kinder in einem Kin- derheim der Caritas in Muffingen bei Stuttgart. Nachdem sie ihre Untersu- chungen in Muffingen beendet hatte, wurden diese Kinder nach Auschwit? de- portiert. Sie starben im Gas einige vorher vom SS-Arzt Josef Mengele gequãlt. Manchen von ihnen wurde noch vor dem Abtransport die„Notkommmunion“ ver- abreicht. Als einige Kinder und Jugend- 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer liche ahnten, dass die als „Ausflug“ bezeichnete Busfahrt ein anderes Liel hatte, kam es zu hef- tigen Abwehrreaktio- nen. Die Oberin des Heimes und eine Lehre- rin begleiteten daraufhin die Kinder im Bus bis zur Bahnwerladestation. Wollten die beiden Frauen den ihnen an- vertrauten Kindern vor deren Tod noch einige Stunden ohne Gewal- terlebnisse bescheren oder leisteten sie Bei- hilfe zum Massenmord? Andererseits- ein Mädchen wollte gern an dem„Ausflug“ teilneh- men- nur Ohrfeigen ei- ner Schwester konnten verhindern, dass sich das Kind in den Bus drängte. Dieses Mäd- SM-UMD-ROMA-MARNM 70 Jahre daſi 8 3†. Auschwitz. Pingefallenes Gesicht erloschene Augen kalte Lippen Stille ein zerrissenes Herz ohne Atem ohne Worte keine Tränen. iSartin Spine Ausschnitt der Berliner„tageszeitung“(ta?) vom 24. Okto- ber 2012, dem Tag, an dem das zentrale Mahnmal für die in der NS-Zeit ermordeten Sinti und Roma eingeweiht wurde. Im Bild ist die neunjãhrige Sintezza Anna Maria Steinbach? zu sehen, die im Mai 1944 im niederländischen Westerbork aus dem Vichwoggon schaut, kurz bevor der Zug in Richtung Auschwitz abfährt. Das Gedicht„Auschwitz“ des italieni- schen Rom Santino Spinelli steht auf dem Rand des Brun- nens, der Bestandteil des neuen Berliner Denkmals ist. chen war nicht unter dem Familienna- men seines Vaters- eines Sinto- in den Listen des Kinderheimes erfasst, sondern unter dem Namen seiner Mutter, die Keine Sintezza war. Fine Schlussfolgerung aus Justins „Untersuchungen“ war die Empfeh- lung,„Zigeuner und Zigelmermischlin- ge ersten Grades. vollen daher in der Regel unfruchthar gemacht weden.“ Er- ziehungsmaßnahmen sollten einge- stellt werden, da sie keine Erfolgsaus- sicht hätten. Ritter und Justin erfassten akribisch über 20.000 Sinti und Roma im deutschen Reich. 32.000 insgesamt mit angeschlossenem Osterreich und Sudetengebiet waren Rechengrundla- ge des Massenmordes. Ritter und Ju- stin betrieben sogenannte Forschun- gen zur sogenannten Zigeunerfrage. Robert Ritter wurde 1947 in Frank- furt Stadtarzt und Leiter der Jugend- sichtungsstelle für Gemüts- und Ner- venkranke und der Jugendpsychiatrie. * Die Aufnahme summt von dem deutsch-idischen Kameramann Rudolf Breslauen der ehenfalls im Gas ermordet wurde Die Aufnahme ist Bestundteil von Alain Resnais' Hilm „Nacht nd Nebel“ Pas Bild von Anna Maria Steinbach wurde Monisch, ein immer wieder verwendetes Smbhol für die Moah. Pass vie als vintez ⁊a und nicht als Vidin in Auschwitz in der Gaskammer ermordet wurde ist ert in den JO0er Jahren recherchiert worden. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 Nustin folgte ihm auf seine Empfehlung als Jugend- und Kriminalpsychologin ins Stadtgesundheitsamt. Später arbei- tete sie in der Frankfurter Universitäts- klinik. Sogenannte Forschungen über umweltbedingte oder charakterliche AsoZialitãt(Ritter) oder über die Mõg- lichkeit, vom Aussehen eines Men- schen auf dessen kriminelles Wesen schließen zu können(Justin) waren im Nachkriegs-Frankfurt ihr Betätigungs- feld, das ihnen qua Amt eröffnet war. Solche„Fachleute“ konnten später in Entschädigungsprozessen schon ein- mal gutachten, dass das Leben in Bir- kenau- dem Vernichtungslager- ja nicht so schlimm gewesen sein könne, schließlich habe man ja diese Häft- lingsgruppe familienweise zusammen- gelassen. 1946 gab Baden-Württembergs Landeskriminalamt(LKA) einen Leitfuden zur Belcmpfung des Zigel- nerunwesens heraus, und der Bundes- gerichtshof beschloss noch 1956, die Deportation der Sinti und Roma sei keine Verfolgung aus rassistischen Gründen gewesen, sondern eine Kri- minalprũventine Maßnahme. Erst am 17. März 1982 ließ sich der damalige Bundespräsident Carstens herab, den Võlkermord an den Sinti und Roma als NS-Verbrechen anzuerkennen. Am 9. November erinnern wir wie auch an anderen Gedenktagen- an die Verbrechen des nationalsozia- listischen Staates. Damit ehren wir die Opfer der Verbrechen, helfen mit, ihnen eine Stimme zu geben. Damit erfüllen wir deren immer wieder vor- getragenen Wunsch: Helft mit die Er- innerung zu erhalten, damit so etwas nicht noch einmal passiert. Gerade bei Hugo Höllenreiner- unserem heutigen Gast- drängt sich die Pflicht auf, bei all dem die Gegen- wart Zu bedenken. Im Oktober wurde endlich das Mahnmal für die ermordeten Sinti und Roma in Berlin der Gffentlichkeit übergeben. Die Spitzen der Bundesre- publik Deutschland waren vertreten. Fingeladen war auch der ehemalige Minister und Bundestagsabgeordnete Schwarz-Schilling. Er hat aus Protest nicht teilgenommen und seine Absage begründet. Er empfinde„die Behand- lung der heute bei uns lebenden Roma seitens der Ausländerbehörden auf— grund der Asylgeset?gebung als skan- dalõs“, schreibt der in Büdingen(Wet- terau) erscheinende Kreisanzeiger in der Ausgabe vom 26. Oktober 2012. Weiter heißt es dort: Hier wlirden Menschen, die über Jahrzehnte hier ge- leht haben lnd deren Kinder zum Veil hier gehoren und augewachsen sind, zliriick in ihre, Heimat“ geschickt.„Kin- den die hier bei uns ordentlich zur Schu- le gegangen vind, werden dort wieder auf die Straße geschickt, zumal sie dem Schlhetrieh in einer fremden Sprache und Umgebng nicht folgen Können. Die iihergroße Mehrheit der Kinder geht nach dieser Verteiblung aus Peuchland gar nicht mehr in die Schule, wie ent- Prechende Studien hereits ſesigestell hahen“, s0 Schwurz-Schilling. Ohwohl vich die deutsche BevölMke— rlng in vielen Bereichen außerordent- lich hilfreich gezeigt hahe, diesen Hami- lien hei der Integration ⁊zu helfen, werde durch hehördiche Aktionen der Erfolg jahrelanger Integrationsbemiihungen 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer wieder zunichtege- macht. Die Menschen, die Schwarz-Schilling hier anonym be-— schreibt, haben auch Namen. In der Wet- terau waren betrof— fen mit Tahir, ein Kurde, mit Emra ein Rom aus dem Koso- vo und mit Mamikon ein Armenier. Einer bei Nacht mit der Fa- milie abschoben. Fi- ner mit dem Vater für ein Handgeld und das Versprechen, wieder kommen zu dürfen in eine vermutliche Bettele- Xisten? gereist. Einer als junger Mann bei Nacht ausgeflogen. Alle waren hoffnungsvolle junge Menschen, die sich integrieren wollten und in ihrem Sozialen Umfeld anerkannt waren. Manche Westeuropäer überstür- zen sich darin, z. B. von der Türkei die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern zu verlangen- es war ein Völkermord! Gern wird die Tür- kei vorgeführt wegen ihres Umgangs mit den Kurden- wenn es um den EU-Beitritt geht. Der Umgang der Türkei mit den Kurden ist zu verur- teilen. Gerne werden schnelle Urteile über die politische Situation im Bal-— kan gefällt. Aber man schickt Roma dorthin zurück. Die Glaubwürdigkeit „Die Asyl-Betrüger“ titelte die Berliner„tageszeitung“(taz) in ihrer Ausgabe vom 17. Oktober 2012 über einem Foto mit Bun- desinnenminister Hans-Peter Friedrich sowie den Innenmini- stern aus Bayern, Meckhenburg und Niedersachsen. Untertitel: „Populismus: Unionspolitiker wettern immer lauter gegen die Ankunft angeblicher Massen von Balkan-Roma. Doch die Zahl der Asylanträge ist weiter niedrig“.* deutscher Politik lässt an diesem Punkt sehr zu wünschen übrig. Zum Abschluss ein Zitat aus dem Abschiedsbrief des 1Ljährigen Robert Reinhardt, der aus einem katholischen Kinderheim in Pirmasens nach Ausch- wit? deportiert wurde: Vch hahe meine PMern und Geschwister wieder gefun- den. Wir vind auf dem Weg in das Kon- Zentralionslager Jch weiß, wus lins he- vOyleht, meine Eltern wissen es nicht. Jchn habe mich nun innerlich s0 weit durcgerngen, dass ich auch den Vod ertragen werde Jch danke noch einmal ſür alles Glite, das Sie mir erwiesen. Grüße an alle Kameraden. Auf Wieder- vehnen im Himmel Eluer Robert. Uwe Hartwig *Per Bundesinnenminister nd einige seiner Ldnderkollegen Sprechen im Zusammenhang mil den Hichtlingen aus Serbien und Mazedonien von, Zunehmendem Asylmissbrauch“. Die Zahlen Llingen weniger dramatisch Rund 1000 Asylsuchende hat z. B. die Millionen- Sudt Kõln dieses Jahr aufgenommen- 400 mehr als 2010. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25 Im Folgenden, wegen seiner Deutlichkeit Zur Abschiebepraxis von Bund und Län- dern, der Schluss des Artikels im Kreisunzeiger, aus dem auf S. 23 fzitiert wurde. Christian Schwarz-Schilling, ehemaliger Hoher Repräsentant für Bosnien und Herzegowina(UNSicherheitsrat), begründet damit seine Absage in Berlin an der Finweihung des Mahnmals für die ermordeten Sinti und Roma teizunehmen. „Im Widerspruch zu den Menschenrechten“ Vormaliger HoherRepräsentant des UNSicherheitsrates für Bosnien und Herzegowina kritisiert deutsche Abschiebepolitik Nicht Abschiebungen oder Androhungen, dass sie ihren Aufent- halt in Deutschland beenden müssten, seien hier angebracht, sondern es wären eher einige Lebenshilfen auf Seiten der Behörden vonnöten, um die Integrationsbemühungen nach einer Generation erfolgreich abzuschließen. Der FX-CDU-Bundespost- minister und ehema- lige Hohe Repräsentant für Bosnien und Heregowina übt weiter heftige Kritik: „Die juristischen Spitafindigkeiten, die diesen Menschen enigegengeschleudert weyden und die sich duruuf beziehen, dass einige Erfordernisse der Asylge- velgehlng von dieser Gruppe nicht ert illt werden, vind im Zusammenhang mit einem historischen Denkmal ſür die zu Mundertausenden in der Nazizeit ey- moyrdeten Sinti ind Roma geradezu Mundulòs. Sie stehen im Ubrigen auch im Gegensulz zlur eyst Kürzlich lnter- zeichneten Kinderkonvention und den Menschenrechten, die wvir manchmal vehr lalusturk anderen Suaten gegenii- her propagieren. So sehr ich es alch be- grüße, dass wir durch ein Penkmal der ermordeten Sinti und Komd gedenken ind ns damit unserer histori- Schen Verantworting wieder he— wllssl wer⸗ den, S0 sehr emport es mich, doss gerade vtuatliche Slel- len im tũglichen Leben keine Konse- quenzen daraus gezogen haben. Hier hal die Politik leider erneut veysagt.“ Und auch der Tatsache, dass in der aktuellen politischen Diskussion vom Asylmissbrauch von Sinti und Roma aus Serbien und Mazedonien geredet wird und die Wiedereinführung der Visumpflicht als Forderung im Raum steht, kann Schwarz-Schilling keinen positiven Aspekt abgewinnen:, Wegen 2000 oder 3000 Asylbewerbem sollen mehrere Millionen Menschen in Serhi— en und Mazedonien bestraft werden. Mas ist võllig nberlegt.“ 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Erbarmungslos und beschämend Witwe von KZHäftling sollte keine Hinterbliebenenrente bekommen Wie auch heute noch die deutsche Politik, Justiz und Verwaltungsbürokratie mit den NS-Verfolgten umgehen, verdeutlicht das erbarmungslose und beschämende Verfahren der Düsseldorfer Bezirksregierung im Fall des 2000 verstorbenen Auschwitz-Uberlebenden und Sinto Anton B. und seiner Witwe Eva. Das Land- gericht hatte im Sommer über die Klage von Fva B. gegen die Bezirksregierung auf Prhalt einer Hinterbliebenenrente zu entscheiden. Die Bezirksregierung wollte Anton B. posthum die 1957 attestierte Herzerkran- kung in Folge der KZHaft wieder aber- kennen. Bei dem damals als„verfol- gungsbedingt“ anerkanntem Herzleiden habe es sich im Rückblick um eine „Falschanerkenntnis“ gehandelt. Des- halb wurde der Antrag der Witwe auf Hinterbliebenenrente abgelehnt. Wäre Fva B. die Witwe eines ehemaligen Wehr- machtssoldaten oder eines SS-Angehöri- gen, hätte sie keine Probleme gehabt: Dann hätte für sie das Bundesversor- gungsgeset?(RVC) gegolten, nach dem eine einmal anerkannte Schädigung des Verstorbenen im Nachhinein nicht wie- der infrage gestellt werden kann. Die Lagergemeinschaft Auschwitz hat die nordrhein-westfälische Landes- regierung aufgefordert, bei der Bezirks- regierung zu intervenieren(Siche 8S. 27). Empört protestiert gegen die Entschei- dung der Bezirksregierung haben auch das Internationale Auschwitz-Komitee (iehne S. 28) und der Zentralrat Pelt- Scher vinti und Roma. Bei der Gerichtsverhandlung hat die Bezirksregierung auf Drängen des Ge-— richts einem Vergleich zugestimmt. Demnach erhält Eva B. Zwar weiterhin keine Hinterbliebenenrente, sie be— kommt jedoch eine im Bundesentschä- digungsgeset? ebenfalls vorgesehene Beihilfe. Allerdings statt der geforder- ten rund 900 Buro nur 600 Buro monat- lich. Mittlerweile habe auch die Uber- prüfung, ob die Behörde für die an Krebs erkrankte Fva B. künftige Kosten ihrer Krankenversorgung übernehmen könne,„zu einem guten Ergebnis ge— führt“, wie NRWMinisterpräsidentin Hannelore Kraft der Lagergemeinschaft in ihrem Antwortschreiben vom 15. Au- gust schrieb. Ansonsten habe das Verfahren ge- zeigt,„wie Schwierig es auf der Grundla- ge des geltenden Bundesrechts, an das die Bezirksregierung Düsseldorf hei ihren Pntscheidungen gehunden ist sein Kann, im Pinzelnen bei der Entschädigung für nationalso⁊ialistisches Unrecht zu ge— rechten Entscheidungen zu Kommen.“ Weiter schreibt die Ministerpräsi- dentin, dass sie die Ankündigung der Düsseldorfer Regierungspräsidentin Anna Lütkes begrüße,„das Bundesent- Schädigungsgesetz vor diesem HMinter- grlnd alf rechtspolitischen Handlungs- hedarf zu liberpriifen“. Auch sei NRW Innenminister Jäger gebeten worden, „gegenüber dem Bund auf gegebenen- falls erforderliche Rechtsänderungen hinzuwirken“. Das dürfte dann wohl dauern, bis auch die letzten NS-Verfolgten sowie ihre nächsten Angehörigen gestorben Sind. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 LAGERGEMENSCHAET AULSCLFHMWIT2 Asc prãsidentin, N der Vorstand der Lagergemeinschaſt Alschwitz Heundeskreis der Alschwitzer hält die Vorgehensweise der Bezirksregierung für gnadenloses Unrecht, erbarmungslos, be- Schämend und geschichtsvergessen. Wir bitten Sie dringend, schr gechrte Frau Kraft, Ihren Einfluss geltend zu machen, damit das Verfahren vor dem Landgericht Düsseldorf abgewendet und der Witwe Eva B. die Hinterbliebenenrente Zugesprochen wird. Als von Uberlebenden des Vernichtungslagers Auschwit? an erster Stelle Hermann Reineck und Janus?z Mlynarski gegründeter Verein zur Unterstũt?ung der Uberleben- den und Zur Bewahrung der Erinnerung kennen wir aus vielen Begegnungen das Schick- Sal der KZHäftlinge. Wir wissen von den demütigenden und Zermürbenden Erfahrun- gen, die sie in der Bundesrepublik beim Kampf um Anerkennung ihrer Leiden in den Lagern und Sklavenarbeitsstätten gemacht haben. Die Sinti und Roma sind wie Juden die- jenige Gruppe von Opfern, die aus niedrigster rassistischer Willkür dem nationalsoziali- Stischen Jerror und der beabsichtigten vollständigen Vernichtung ausgeliefert waren. Wir sind entsetzt, dass noch immer staatliches Verwaltungshandeln praktiziert wird, das võllig geschichtsvergessen den erduldeten Terror, das Leiden und die Demüti- gung dieser Menschen leugnet, negiert oder als nicht unter die einschlägigen Rechts- grundlagen subsumierbar einschätzt. Der Sinto Anton B. wurde 1 943 ins Vernichtungslager Auschwit?z verschleppt und war ab 1944 Häftling und Zwangsarbeiter im Konzentrationslager Buchenwald und Spãter in Mittelbau Dora. Aus dieser mörderischen Zeit resultierende Leiden bringen Anton B. eine lebenslange Opfer Rente und die Anerkennung einer„verfolgungsbe- dingten Minderung der Erwerbsfähigkeit“. Dass ausgerechtet im Jahr 2000— also 52 Jahre nach der staatlichen Anerkennung Anton B. als Opfer des NS- errors- in der Bundesrepublik Verwaltungsbeamte eine„Falschanerkenntnis“ der damaligen Ver- waltungsentscheidung feststellen und seiner Frau die Witwenrente verweigern, ist nicht Zu verstehen, gefühllos und Zeugnis schlechtester deutscher Verwaltungstraditi- on. Der Gedanke ist Schwer erträglich, dass sich in dieser Verwaltungsentscheidung die hergebrachten Grundsät?e des deutschen Berufsbeamtentums manifestieren. Wenn jetꝰt das Innenministerium verlautbart, die Behörden würden eine andere Bewertung des Landgerichts„Selbstverständlich akzeptieren“, überrascht dies und macht nachdenklich: Will uns das Ministerium sagen, dass seine nachgeordneten Behörden Gerichtsentscheide akzeptieren? Man fragt sich, ob anderes möglich ist. Oder will uns das Ministerium sagen, dass die Behörden das Urteil von vornherein ohne Finlegen von Rechtsmitteln akzeptieren werden? Pann würde das Ministerium Schon jetzt ein Verwerfen des Rentenverweigerungsbescheids als rechtmäßig ansehen. Warum setzt es nicht schon jetzt diese Finsicht um und gewährt Frau B. die Witwen- rente?- 600 Huro sollen es sein! Sehr geehrte Frau Kraft, wir bitten Sie eindringlich, sich des Vorgangs anzunehmen und schnel für eine menschliche und menschenwürdige Entscheidung zu sorgen. Mit freundlichen Grüßen Uvwe Hartwig, Vorsitzender Lagergemeinschaft Auschwitz FreundesKreis der Auschwitzer 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Warme Worte helfen nicht Sinti und Roma: Die Lebenden werden diskriminiert, die Toten geehrt Die Fhrung der ermordeten Sinti und Roma mit dem Denkmal in Berlin steht in großem Widerspruch mit der aktuellen Flüchtlingspolitik(iche S. 25). Die aus osteu- ropãischen Ländern gefiohenen Roma werden in Deutschland von Politik und Ge- Sellschaft pauschal des Aslymissbrauchs beschuldigt und gnadenlos abgeschoben. Selbst die grün-rote Landesregierung in Baden Württenberg gewährt kein Bleiberecht wenigstens für den Winter. Dieser Widerspruch wird auch in europãischen Zeitungen aufgegriffen und kommentiert. Zwei Beispiele seien hier angeführt. „Warten auf Würde“ überschrieb die tchechische Zeitung Lidove niviny ihren Kommentar Zur Finweihung des Berner Denkmals und hofft, dass damit in Deutschland die„Scham über den Roma- Holocaust ebenso Bestandteil des nationa- len Bewusstseins“ werde wie es die Scham über die Ermordung der europãischen Nu- den schon sei. Dass daran Zweifel beste- hen, habe Romani Rose, Vorsit?ender des Zentralrates der Sinti und Roma, zum Aus- druck gebracht, indem er erinnerte,„ddss es in der Bundesrepuhlik auch helile noch große Vorurteile und Gehässigkeiten ge- geniiber den Koma gebe Deuschland er- lebe eine neue Welle des Anti-Noma-Rasbis- mlus. Der richte sich nicht nur gegen die Minderheit sondern im Orunde gegen die demokratischen Werte an sich.“ Plihlico aus Portugal titelte„Warme Worie helfen nichkt“. Mit der Einweihung des Denkmals in Zeiten,„in denen die Armut wegen der Krise immer größer wird, wude der irmsten der europdischen Mindereiten hisorische Gerechtigkeit zuleil(.) Von den Nazis Zur Zwungsurbeit geschichkt zur Seri- liation gezmungen und zur Vernichtung in den Vdeslagern verdummt(..) wurde vie da- nach lange Zeit vergessen. Und jetzt da ihr opziell gedacht wird vind ihre Angehörigen nochn immer Opfer von Pikriminierung nd Rassismlis wie im heutigen Europa he⸗ vl ⁊u vehen ist. Deswegen Sugle Merhkel das ehnrende Gedenken heinhale auch das Ver- Vechen, Mindemeiten zu Schiitzen.(.) Wur Folgt die europische Praxis diesen Worten nic. Wird hier nlr wieder etwus alugetischt um das Gewiben zu heruhigen?“ Roman Kent zum Fall„Anton B.“ Zum Fall Anton B.(iehe S. 26 †) äußerte sich auch Roman Kent, der Präsident des Internationalen Auschwit? Komitees:, Die vinti und Roma waren gemeinsam mit ins Muden in Alschwitz die Gruppe, die vollstũndig vom Erdhoden ausgelòscht wer- den vollte. Auch ihr Leiden wan S0 wie das unsere, unbeschreiblich.(..) Für alle Uher- lebenden vind die Nachrichten aus Pelutschland beziglich des Schicksals von Anton B. empõrend und verletzend. Sie treſfen jeden einzelnen von lins. Sie slellen nicht nur unsere Glaubwirdigkeit infrage, vondern auch die entetzliche Kealität, die in Ausch- wit? alltglich war Unbestreithar haben die uns dort tũglich zugefiigten Qualen zu ernsthaften und lebenslangen Schädigungen unserer Gesundheit gefiihrt, deren Kon- Seqlienzen lins his helte qulen. Wer gurantiert ns, dass die Geschichte von Anton B. Kein Finzelfall bleibt und nicht ein Präzedenzfall für die Zukunft wird?“ Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29 „Wie ein gehetztes Tier“ Warum die Sintezza Anna Mettbach nicht mehr schweigen konnte Der Võlkermord an den Sinti und Roma stand bereits bei der Gedenkveranstal- tung der Lagergemeinschaft im Januar dieses Jahres anlässlich des 67. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz im Mittelpunkt. Sie fand zusammen mit dem Geschichtsverein und dem Kulturamt der Stadt Bad Vilbel am 24. Januar im Kul- turzentrum Ate Mühle statt. Als Ehrengast konnte Anna Mettbach begrüßt wer- den, aus deren Brinnerungsbuch Wer vird die nächste vein?? die Schauspielerin Carolin Weber las. Ein Trio des Philharmonischen Vereins der Sinti und Roma Frankfurt am Main gestaltete den musikalischen Jeil. Der gnadenlosen und systematisch durchgeführten Vernichtung fielen auch viele Familienangehörige von Anna Mettbach zum Opfer. Anna Mettbach wurde in dem Porf Ufa, ei- nem heutigen Stadtteil von Nidda im Wetteraukreis, geboren. Sie war Häft- ling in Auschwit? und Ravensbrück und Zwangsarbeiterin bei Siemens im sächsischen Wolkenburg. Ihr Bericht in dem 1998 erschienen Buch Wer wird die ndchste vein? be- ginnt mit folgenden Sätzen:„ Jch hin eine Sintezza. Geboren am 26. Januar 7926 in Ufa. Jahrzehntelang Konnte ich mich nlur im engsten Hamilienkreis oder hei Uberlebenden öffnen. Aber nach— dem Hdlser niedergebrannt wlurden ind Menschen darin verhbrannten, machte ich mir es zur Pflicht, vor allem vor jungen Menschen zu sprechen, denn die Mugend ist nsere Hoffnung. Die Begegnungen mit diesen Jugend— lichen helfen min und ich hoffe, daß ich auch ihnen etwus geben Kann. Doch wenn ich die Glatzen im Hernsehen oder Anna Mettbach und die Schauspielerin und Rezitatorin Carolin Weber auf der Straße vehe, lduſt es mir eisMalt den Riicken hinunten Oftmals lassen mich diese Begegnungen nachts nicht vchlafen, denn die Erinnerungen treten wieder hervon und wie ein gehetztes Nier versuche ich, vor den mich bedrdn- genden Bildern zu ichten.“ Das Publikum erlebte in Bad Vilbel einen emotional berührenden Abend, Schrieb die Bad Vilbeler Neue Presse. Bevor Carolin Weber mit warmherzi- ger Intensität beklemmende Passagen aus Anna Mettbachs Buch las, ergriff * Ps ist in 2. Auflage unter dem neuen Vel„Jch will doch nur Gerechtigkeit“ im Verlug I Verh de Marblurg, erschienen. Im zweiten Jeil hat Josef Behringer dolcumentiert, Wie den deut- Schen Sinti und Koma nach J94 der Rechtsanspruch auf Entschädigung vemagt wurde“ 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer die 86-Jährige selbst trotz ihres Schweren Asthma-Leidens das Wort:, Jch freue mich, duss Mhelite Sinti und Koma hier sind und dass vie gehört werden, denn vie weyrden zu selten gehört.“ Fin- dringlich appellierte sie dann an alle, deutlich Position zu bezie- hen, wenn Menschen stigmati- siert und diskriminiert werden. Der Besuch bei ihrem kran- ken Onkel im badischen Heine- heim wurde Anna Mettbach 1942 Zzum Verhängnis:, Ich wlur- de mit 6 zu einem Hftling, veil ich meinen Wohnort verlassen hatte. Zur Strafe wurde ich ohne Gerichis verhand- lung ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert.“ Port musste die Sintezza erleben, wie zwei ihrer Schwestern in den Gaskammern ermordet wurden. Sie selbst wurde kurz vor der Liquidierung des„Zigeunerlagers“ am 2. August 1944 ins KZ Ravensbrück „erlegt“ und musste spãter im sächsi- schen Wolkenburg bei Siemens Zwangsarbeit leisten. Schließlich mus- Ste sie noch die Torturen des Todes- marsches nach Dachau erleiden. Dort wurde sie Ende April 1945 von der US-Armee befreit. Anna Mettbach berichtet in ihrem Buch von den Demütigungen, die die Gefangenen in den Lagern erleiden mussten. So gab es junge Mütter, die das Weinen ihrer Kinder nicht aushalten konnten und sie erstickten, um dem qualvollen Hungertod zuvor zu kom- men. Ncht vergessen kann Anna Mett- bach auch den Mord an zwei Mädchen, den sie auf dem Iodesmarsch der KA- Anna Mettbach bei ihrem bewegenden Appel an das Bad Vilbeler Publikum. Dahinter Uwe Hartwig, vor- sitzender der Lugergemeinschaft Auschwitz. Häftlinge miterleben musste: SSMän- ner schossen auf die beiden Mädchen, die Zzuvor ihr eigenes Grab schaufeln mussten. Eines der Mãdchen war jedoch durch die Schüsse nicht getötet worden. Anna Mettbach und ihre Mithäftlinge wurden geZwungen, die Mädchen mit Sand Zu begraben, obwohl dieses eine von ihnen noch lebte., Besonden nachis vehe ich das Gesicht dieses Mdchens Es lcist mich nie mehr los“ Zitiert die Bad Vheler Neue Presse die 86Jährige Uberlebende.*? Anna Mettbach bekennt, dass sie sich immer wieder gefragt hat:, Warum hin ich nicht mil meinen Geschwisterm in Aishwilz vergast worden?“ Ihre Ret- tung war, dass die Nazis sie zunächst noch als„Arbeitskraft“ ausnutzen woll- ten. Als in Deutschland in den 1990er Jahren wieder Häuser von rassistischen „Normaldeutschen“ angezündet wur- den, in denen Zuwanderer und Flücht- linge lebten(Mölln, Rostock), hat Anna ** Sisanne Krejcik in der Ausgabe vom 27. Januar 2072 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 Mettbach ihr Schwei- gen gebrochen. Sie hat ihr Buch mit Un- terstũt?ung von Josef Behringer vom Hes- sischen Landesver- band Deutscher Sinti und Roma in Darm- Stadt geschrieben. Sie hat dem Landesver- band persõnliche Do- kumente für die Aus- stellung Mornhaut alf der Seele- Die Geschichte zur Ver- Folglng der Sinti und Roma in Hessen bereitgestelit. Sie hat dem Frit?-Bauer- Institut Interviews gegeben. Und sie hat jahrelang als Zeitzeugin in Schulen Nu- gendlichen erzählt, wozu Vorurteile und Hass führen. So hat Anna Mettbach nicht nur gegen das Vergessen gekämpft, son- dern auch für ein friedliches Zusam- menleben in der Gegenwart gewor- ben.„Sie Sollen es besser machen als inre Pltern und Großeltern“, hat sie den jungen Leuten ans Herz gelegt. Berichtet hat sie ihnen auch, dass sie ihren Fintrag im Telefonbuch hat streichen lassen, nachdem ihr öffent- liches Auftreten mit Schmäh- und Drohanrufen quittiert wurde. Doch ihren Entschluss, über ihr Schicksal und das der Sinti und Roma zu er- zählen, hat sie nie revidiert. Wenn es ihr gesundheitlich besser gehen wür- de, wäre sie auch heute noch vermehrt bei Veranstaltungen unterwegs. Radovan Kristich, Hona Schandor und Gyula Vadas? vom Phil- harmonischen Verein der Sinti und Roma Frankfurt bei der Ge- denkfeier im Bad Vilbeler Kulturzentrum Alte Mühle Pafür ist Anna Mettbach in diesem Jahr mehrfach geehrt worden: Sie gehörte Anfang Januar zu den rund 80 „engagierten Bürgerinnen und Bür— gern“, die der damalige Bundespräsi- dent Christian Wufff beim Neujahrs- empfang in seinem Amtssit? Schloss Bellevue eingeladen hatte. Im August bekam sie in Wiesbaden in der Hessi- schen Staatskanzlei das Bundesver- dienstkreuz verliehen.„Sie leisten ei- nen wichtigen Beitrag zur Aufklärung der Verfolgungsgeschichte“, hat ihr Ministerprãsident Volker Bouffier be- stätigt. Schließlich bekam Anna Mett- bach im Sommer die Hedwig-Burg- heim-Medaille? verliehen, die höchste Auszeichnung der Stadt Gießen. Sie hat all diese Fhrungen schon längst verdient. Wir freuen uns mit ihr und gratulieren von ganzem Herzen. Hans Hirschmann *Z Anna Metthuchs Ehrungen sind in den Vageszeitungen, Gießener Anzeiger“ und, Gieße- ner Aligemeine“ mehrere Atikel erchienen, die auch im Internet zu finden vind Bereits am2. Aiglst 207 hat Heidrun Helwig im„Anzeiger“ ein bewegendes Portruit verõffentlicht. 32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer War das Kriegsende vor 67 Jahren für die Peutschen ein Jag der Be- freiung oder ein Tag der Niederlage? 1905 bekundete der damalige polnische Außenminister und Auschwitz- Uberlebende Wladyslaw Bartoszewski in einer Rede im Deutschen Bundestag sein Ver- ständnis für persõnliche Schmerzgefühle„wegen des Verlustes von Angehörigen(..) jedoch schwer zu respektieren wäre ein Schmerz- gefühl wegen des verlorenen Krieges.“ Als U-Boot im Widerstand Bugen Herman-Friede und die Gemeinschaft für Frieden und Aufbau Im Mai 1945 kapitulierte die Peutsche Wehrmacht. Dies bedeutete das Ende des Zweiten Weltkrieges in Furopa. Wie der 1926 in Berlin geborene Eugen Her- man-Friede das Dritte Reich, den Krieg und das Kriegsende erlebte, berichtete er im Mai dieses Jahres bei einer Veranstaltung in Neu-senburg. Die Lagergemein- Schaft Auschwilz- Preundeskreis der Auschwitzer und die Stadt Neu-Isenburg hat- ten hierzu in die Seminam und Gedenkstdtte Bertha Puppenheim eingeladen. Er war„ein Herrenmensch his in die Nadpitzen“, beschreibt Eugen Her- man-Friede den SSMann der Gehei- men Sluatspolizei(Gestapo), der ihn am 23. April 1945, seinem 19. Geburts- tag,„wie ein Karnickel“ am Kragen ge- packt hatte und ihn mit einem kräfti- gen Schlag ins Kreuz aus der Hintertür eines Berliner Gefängnisses beförder- te und so in die Freiheit„entließ“. Ei- ne Minute Zuvor hatte Eugen vor dem „Herrenmenschen“ noch Todesangst verspürt:„Fr diesen Mann war ich Kein Mensch, ich war eine Ratte, eine Ldlis, elwas, das nicht lebenswert wun“ Auf der Straße kam dann erst eine „wilde Freude“ hoch:, Ich Konnte end- jich auftauchen. Mein Pasein als U. Boot halte ein Ende.“ Warum der Ge- stapo-Mann ihn im Chaos der letzten Kriegstage auf die Straße warf habe er nie erfahren; Bugen Friede wusste auf eine entsprechende Frage aus dem Pu- blikum keine Antwort. Vor der Dis kussion hatte der Refe- rent einige Passagen aus seinem Buch Abgelaucht“ 4bb UBoot im Wider- Mand? vorgelesen. So erfuhren die Be— sucher, wie er in einem nichtreligiõsen und assimilierten Umfeld aufwuchs und als Schuljunge lernen musste, dass ihn die Nazis„zlum Mden gemacht“ haben. Er sei„Volljude“, wurde ihm gesagt und„ ich iherlegte, oh ich Schon ml etwus von Vollchristen gehört hat- e Im Schulzeugnis von 1935 stand bei Religion der handschriftliche Ver- merk„nicht arisch.“ Dem„arischen“ Stiefvater Julius Herman gelang es lange, Fugen und Mutter Anja zu schützen. Als jedoch trot?dem die Deportation drohte, * PMas 2004 im Gemtenberg-Verlag erschienene Buch„Abgetaucht“ Als U Boot im Wider- Sundꝰ ist leider ebenso wie die anderen Büicher von EFugen Herman-Friede vergriffen und nur mit Gliick antiquurisch noch erhdltlich. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer musste sich der 16 jährige Anfang des Jahres 1943 von den Eltern trennen und ille- gale Bleiben suchen. So wur- de er zu einem„U-Boot“, i 1 11 k Mr uber Mube irh nun nirilirh gelem Nerlidusle der eh cler hruirr mer urMnkler mirunger nder unitiulen rer an arinem hl⸗ alr 4. Aruit nu an l thlen rine erlrt mihlich iut lum mir in fuenhur llar her Giuuke j in juem Knl un in jden lMtnkn unlaun un Hufr vrclen mglith ari letur Kir rr r Di i 1 dleri inl ii ven iine ſen kut n Mle⸗ ern Erilklerulent l Frliux Aknde k ulle wie die untergetauchten Ju- den in Berlin sich selbst nannten. Die Verstecke mus- ste Fugen mehrfach wech- seln. Hilfe erfuhr er vor al- lem von, wenig angesehenen Lellten, die Keineswegs als vo— genannte Sitzen der Gesell Shaft' galten. Sie wuren alle Sehnr mitig nd wlssten, Wls iinnen hliihte, wenn sie ent- decMt wuyden.“ Schließlich findet Eugen Aufnahme in der Kleinstadt Luckenwalde nahe Berlin in der Familie von Hans und Frida Winkler. Die Winklers waren mit Juden befreundet und zunächst unpolitische Menschen. Als Hans Winkler, der als Justizange- stellter im Amtsgericht als Schreiber beschäftigt war, Zeuge von Verhören und Folterungen wurde, wurden er und seine Frau zu Nazi-Gegnern. Zusam- men mit jũdischen und nicht-jũdischen Gleichgesinnten gründeten sie den „Sparverein hoher EFinsat?“ und sam- melten Geld und Lebensmittel für im Untergrund lebende Verfolgte. Zudem versteckten sie diese. So kam auch Eu- gen Friede zu ihnen. Im September 1 943 trafen mit Wer- ner Scharff und Francia Grün zwei aus dem KZ Thersienstadt geflohene Hãftlinge in Luckenwalde ein. Zusam- men mit ihnen und Winklers Freunden gründeten sie die Widerstandsgruppe Gemeinschaft flr Frieden und Aufhau. ſrurhr nder Frlu Mhnnd nu ein fen udhn — * — L *—— Eugen Herman-Friede in Neu-Isenburg bei der Veran- staltung am 24. Mai dieses Jahres in der Seminar- und Gedenkstätte Bertha Pappenheim Weiterhin wurden Verstecke und gefälschte Papiere für untergetauchte Juden und andere vom Regime verfolg- te Menschen organisiert. Auch Bugen war Ssofort mit dabei. Er vervielfäãltigte und schmuggelte Flugblätter. Darin wurde mit Hinweis auf den nicht mehr zu gewinnenden Krieg und die Verbre- chen Deutschlands zum Widerstand aufgerufen. Ebenso„Zum selbständigen Denken“, denn„sinnloses“ Nachplap- pern, was Regierung und NS-Parteige- nossen„vorerzählen“ verlängere nur den Krieg. In einem der Flugblätter hieß es: „Die Gemeinschaft für Frieden und Aufhau marschiert. Mutige Mdnner und Frauen Pelutschlands haben sich zuummengeschlossen, im Lige und Mord der Nazis ein Ende zu hereiten. 34 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer (..) Wir Kdimpfen fir den voſortigen Frieden. ¶..) Wir vufen ↄum passiven Wider- and auf Wir verlangen vOn Dir nichis anderes als daß Du denkcen sollst. Der Haschismus hat inzwi- Schen Schldge belcommen, daß es nlur noch gilt zu rel- len, wds Z rellen ist neim- lich vofort bedingungslos zu Kapitulieren. Wir ſfoy- derm Euch, deutsche Sol- daten, daher auß die Waf- ſen niederzulegen und Puch gegen Pure Unter- dricker zu emehen. Das deuche Vol ufen wir zum aktiven Widertund auf** Die Flugblätter wurden als Kettenbriefe verschickt. Im Dezember 1944 flog die Gruppe auf. „Wir wuren sehr lin voysichtig“, und heute wundert sich Eugen Friede, dass sie überhaupt so lange unentdeckt geblieben waren. Fast alle Mitglieder der Gemeinschaft wurden verhaftet. Während normalerweise die Juden de- portiert und ermordet wurden, blieb Bugen in Haft in Berlin. Man ver- schonte ihn zunächst, wohl in der Hoff- nung so seine Vermutung- mehr von ihm über die Widerstandsgruppe her- aus?ubekommen und ihn als Zeugen in dem für April 1945 angesetzten Prozess gegen die nicht-jüdischen Widerständ- ler benutzen Zu können. Als 17-Jähriger in einer ge- lichenen H-Uniform Sein Lebensschicksal hat Eugen Herman-Friede erstmals in den 1980er Jah- ren niedergeschrieben, nachdem er sich jahrzehn- telang nicht weiter damit beschäftigt hatte. Anlass war das Zusammentreffen mit Pensionãren und Rent- nern bei einem Kuraufent- halt. Das waren alles nelle, mgingliche Lelle“, erin- nert er sich. Dann stellte Sich heraus, dass einer Stolz war, eine Weinflasche mit Hitler-Bild auf dem Etikett zu besitzen. Ein anderer „witzelte“ beim Fernseh- abend und dem Auftritt des Quizmoderators Hans Rosenthal, der ebenfalls als„U-Boot“ überlebt hat: „Dd riecht man den Knoh- lauchgestank der Auden ja durch die Bildròhre.“EFugen beobachte- te nun die Kurgäste genauer und fand, dass die beiden keine Ausnahme waren. „Das wren alles noch die gleichen NMazis und Anlisemiten wie im Dritten Reich“, musste er feststellen.„Die Verhrechen wvden verharmlost lnd es vlirde ge- jammert, duss die eigentlichen Oper die Melilschen gewesen seien.“ Um für die Nachgeborenen diesem Gedankengut etwas entgegen zu set- zen, habe er sein erstes Buch geschrie- ben, erläuterte der Referent den Zuhörern. ** Wolfgang BenzWalter Pehle(Hsg) Lexilon des deluschen Widerstunds. Fischer- Ver- lag, FrankfurMain 2007, S. 273— 275, siehe auch. Amo Lkstiger. Zum Kampf alf Leben ind Vod. Kiepenheuer& Witsch, Köln, 1904.. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 35 Diese Publikation Fiir Freu denspriinge keine Zeit* führte da- zu, dass Wissenschaftler begannen, die Geschichte der Widerstands- gruppe Gemeinschaft für Frieden ind Aufhau zur erforschen. Das Besondere an dieser Gruppe ist nicht allein der Widerstand, son- dern dass hier Nichtjuden und Ju— den zusammenarbeiteten.„Hier in Wetdeluschland war dies zuvor ohne nteresse, well es die Lige widerlegte, Widetund vei nicht mõglich gewesen, ind in der DDR galt alles, was nicht Kommunistisch moliviert wan nicht als Widerstund“, sieht Eugen Friede den Grund, warum diese Gruppe so lange vergessen blieb. Im März 2004, nahezu 60 Jahre nach der„Kapitulation“ des Dritten Rei- ches, wurde auf dem Bahnhofsvorplatz in Luckenwalde eine Gedenktafel an- gebracht. Die Inschrift lautet: n Memoriam- 73 und 194 Krelizten vich am Luckcen walder Bahn- nof die Wege vieler Beteiligter der Wi- dertandsgruppe„GOemeinschaft für rieden ind Aufhalt“. Untergetuuchte Muden Kamen hier an, und tausende ghlätter wurden von hier aus in an- dere Städte gehracht. Hans und Frida Winklen Werner Schar Hancia Grün, Fritz Armndt, Georg Brachmillen Hilde Bromberg, Anju, Mulius und Eugen Friede, Ie und Gerhard Grün, Lucie und Paul Hilze, Gertrud undAhur oachim, Paul Krd- Die Gründer der Gemeinschaft für Frieden und Aufbau: Werner Scharff, Hans und Frida Winkler ge, Henr) Landes, Günter Naumann, Paul Rißmann, Paul und Ida Rosin, Michael Schedibauen Alfred Slein, Pau Thiele. Mit bei der Enthüllung der Ge— denktafel waren als Zeitzeugen Fugen Herman-Friede und Ruth Winkler- Kühne, die damals als Zwölfjährige ebenfalls Flugblätter schmuggelte. Fugen Friedes Mutter hat das Kon- zentrationslager Theresienstadt über- lebt. Ihr„arischer“ Mann Julius hat im Gefängnis Gift genommen.„Er hat mich so lange es ihm möglich war be- Schützt, deshalb habe ich auch seinen Familiennamen übernommen und mei- ne Bücher als Eugen Herman-Friede veröffentlicht“, Stellte der Uberleben- de des Holocaust zum Abschluss der Veranstaltung in Neu-Isenburg klar. Hans Hirschmann 2000 bekam Bugen Herman-Friede für seine Aufklärungsarbeit, vor allem Seine vielen Besuche in Schulen, das Bundesverdienstkreuz verliehen. *** Pugen Herman-Friede., Für Freudensprünge Keine Zeit. Erinnerungen an Megalität ind Aufhegehren 1 1948 ist 2002 im Metropol- Verlag, Berlin erschienen als 2. Band der vom Zentrum für Antisemitismus der Jechnischen Hochschule Berlin herausgegebe- nen Reihe„Dolumente, Jexte, Materialien“ In einem ausfihrichen Nachwort beschreibt Barbura Schieb-Samizadeh, Wissenschaftliche Miturbeiterin der Gedenlkstũitte Deutscher Widerstund(Berlin) die Geschichte der, GCemeinschaft für Frieden und Aufbal“. 36 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Wer Zeitzeugen zuhört, wird selbst zum Zeugen Interviews mit Uberlebenden der Konzentrationslager Mit Janus? Mlynarski konnte bei der Mitgliederversammlung unserer Lagergemeinschaft am 3. November in Bad Vilbel ein ganz besonderer und sehr lieber Gast begrüßt werden. Der 90Jährige hatte nicht die Mühe gescheut, den weiten Weg von seinem Wohnort in Monheim am Rhein auf sich zu nehmen. Seine Begleiterin Brunhilde Weyel war ihm dabei eine verlãssliche Stütze, sei- nen Wunsch, bei der Versammlung dabei zu sein, zu erfüllen. Erfreut und überrascht von diesem Besuch war auch Christian Steidle. Der Historiker und Kehrbeauftragte der Pãdagogischen Hochschule Freiburg hat den Auschwit?-Häftling vor einigen Monaten für sein Forschungsvorhaben interviewt. Auf Finladung des Vorstan- des referierte Steidle- selbst auch LGA-Mitglied- über das Thema„Häft- lingsgruppen unter dem Nazi-Diktat“. Er hat hierzu Interviews mit KZ-Uber- lebenden geführt. Seine Forschungsarbeit, die auch sein Promotionsthema ist, beschreibt Christian Steidle wie folgt: Das SS-La- gersystem war eine genuine und mon- ströse Instanz des Pritten Reiches. Bis 1945 waren hier insgesamt 18 Millionen Menschen unterschiedlichster Natio- nen und Häftlingsgruppen gefangen. Ptwa 11 Millionen wurden gezielt er- mordet oder fielen den katastrophalen Lebensbedingungen zum Opfer. Heute, knapp 70 Jahre danach, senkt sich lang- sam, dennoch spürbar ein Schatten über die kostbaren Frinnerungen der Uberlebenden, die noch Zeugnis über die Gräueltaten ablegen können. Da dem KZ Uberlebenden Elie Wiesel zu⸗ folge jeder, der einem Zeitzeugen zuhört, selbst zum Zeugen wird, ist es von besonderer Bedeutung, diesen letz⸗ ten Zeitzeugen Gehör zu schenken. In den Mittelpunkt seines Vortra- ges hat Christian Steidle Interviewse- quenzen aus den Biographien von KZ- Uberlebenden gerückt, die aufgrund ihrer Fthnie, als Mitglieder von Min- derheiten, als politisch Andersdenken- de, als überzeugte Christen oder ihrer Andersartigkeit wegen diskriminiert, verfolgt und in Konzentrationslager verschleppt wurden. Diese Ausschnitte verdeutlichten die Struktur seines hi- storisch-pädagogischen Themas. Seinen Ausführungen stellte Chri- stian Steidle ein Zitat Glaude Lanz- manns voran, das ihm Voraussetzung für seine Interviews war und ist: „Um zlt erzdhlen, was sie gesehen und erleht hatten, mussten die Leute den höchsten Preis hezahlen evivre— nochmals erleben. Nochmals durchle- hen und nicht nur erinnern. Pies ist der Preis der Wahrheit. Und diese Wahrheit wOlle ich ergriinden nd weitergehen.“* Wie Juden, der größten Opfergrup- pe, ihr Menschsein abgesprochen wur- de, brachte Christian Steidle mit einem * 2itiert auch auf Seite 6 dieser Ausgabe wegen seiner Bedeutung für den dortigen Artikel Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 37 Litat von Walter Buch, be- reits ab 1922 NSDAP- Mitglied, hoher Funk- tionär und oberster Parteirichter, zum Aus- druck. 1938 hatte Buch in der Zeitschrift Peuische Mustiz dekretiert:„Der ude ist Kein Mensch. Er ist eine Hulniserscheinung.“ Entsprechend dieser infamen Zuschreibung mussten bei den Depor- tationen die jüdischen Hãäftlinge tagelang in ge- schlossenen Güterwag- gons ohne sanitäre Ein- richtungen in ihren eigenen EFxkrementen verbringen. Wie dabei bereits viele Starben, be- richtete Hein? Kahn (Auschwitz-Hãäftling Nr. 105.110) im Interview mit Christian Steidle. Kahn wurde gleich nach der Ankunft in Ausch- wit? von seinem Vater getrennt. Dieser habe ihm noch den Auftrag“ zugerufen:„Du mlusst iherleben?“ Bei weiteren Interview-Ausschnit- ten kamen zu Wort Hugo Höllenreiner (Sinti), Leopold Engleitner(Zeuge Je- hova), ein katholischer Priester, der als Homosexueller verfolgte Rudolf Bra?da, die als Asoziale stigmatisierte Ilse H. sowie auch Janus? Mlynarski. Der sagte den hilflos klingenden Satz: „JChn hez weifle, dass es gelingen wird, das Unbegreifliche begreifbar zu ma-— chen.“ Janus? Mynarski, Gründungsmitglied der Lagergemein- Schaft und im Mai 90 Jahre alt geworden, mit Brunhilde Weyel und Referent Christian Steidle von der Pädagogi- Schen Hochschule Freiburg bei der Mitgliederversamm- lung in Bad Vilbel Dass es jedoch geschehen ist, wei- ter ergründet werden muss und nicht vergessen werden darf, dazu will auch Christian Steidle mit seiner Forschung beitragen. Schließlich bleibt das Ver- mächtnis der„Untergegangnen und der Gerenteten“(Primo Levi) beste- hen, sich dafür einzusetzen, damit die- ses„Unbegreifliche“ nicht doch wie- der geschieht. Hans Hirschmann 38 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Den„Herrenmenschen“ entkommen Zum 90. Geburtstag unseres„Gründervaters“ Janus? Mlynarski Zu den vielen Gratulanten, die am 21. Mai dieses Jahres, nach Monheim am Rhein gereist waren, um Janusz Mlynarski Zum 90. Geburtstag zu gratulierten, Zähl- ten natürlich auch eine ganze Reihe von vormaligen und aktuellen Vorstandsmit- gliedern der Lagergemeinschaft Auschwilz- PreundesKreis derAuschwitzer(LCA). Darüũber hat er sich ganz besonders gefreut, bestätigte er mehrfach und zuletzt bei Seinem Besuch bei der Mitgliederversammlung der LOA in Bad Vilbel(Siehe§. 34). Er ist der Lagergemeinschaft auf das Engste verbunden und umgekehrt sind Vor- stand wie Mitglieder der Lagergemeinschaſt und des Freundeskreises Janus? Mly- narski ebenfalls sehr verbunden. Als Ende der 1970er Jahre sein Freund und Auschwitz-Kamerad Her- mann Reineck(1919— 1995) Mitstrei- ter zur Gründung der Lagergemein- Schaft suchte, war es für Janusz eine Selbstverständlichkeit, wenn nicht so- gar eine Selbstverpflichtung, ihn dabei zu unterstützen. Er ist damit das wohl letzte noch unter uns weilende Grün- dungsmitglied. Janus? Mlynarski, der Auschwitz- Häftling Nr. 355, kam mit dem ersten polnischen Hãäftlingstransport am 14. Nu- ni 1940 mit 727 weiteren Gefangnen nach Auschwitz in das erst kurz zuvor eingerichtete Lager. Unter Aufsicht der deutschen Kapos aus Sachsenhausen mussten sie die ehemalige Kaserne als Konzentrationslager um- und ausbauen. „Gehnomdm war die höchste Tu— gend.“ Dieses Prinzip, so berichtete Ja- nus? einmal bei einem Heffen der LGA, haben die Lagerführer und die deutschen Bewachungssoldaten den Häftlingen unmissverständlich klar gemacht., Unsere Bewucher waren vor dem Krieg zumeist biedere Bürger“, aber in Auschwit?z haben sie sich in ihren SS-Uniformen als„Herrenmen- schen“ aufgeführt. Ihren Machtgelüs- ten freien Lauf zu lassen, die Hãäftlin- ge Zu schikanieren und mit allen nur erdenklichen Arten zu demütigen bis hin zu Mord und Jotschlag, sei ihnen zur Alltagsroutine geworden. Die S8— Arzte ließen sich auch von ihrem hip- pokratischen Fid nicht davon abhal- ten, die wehrlosen Gefangenen für Fxperimente und Menschenversuche zu missbrauchen. Viele wurden mit ei- nem Prreger infiziert, anschließend getötet und seziert. Im Jahr 1039, kur? nach dem Uber- fall der Deutschen auf Polen, ist Janusz Mlynarski als 17Jähriger bei einem Treffen von Messdienern in Posen erst- mals verhaftet worden. Er stammte aus einer deutschen Familie und hieß Jo- hann Müller. Die Gestapo verdãchtig- te die jungen polnischen und deutschen Messdiener, eine anti-nationalsoziali- stische Versammlung abzuhalten. Die fünf Deutschen wurden nach einem Verhör wieder freigelassen, die Polen erst nach mehreren Jagen. Janus?, da- mals noch Johann, befürchtete eine er- neute Verhaftung und floh aus Posen ins Generalgouvernement. Port wur- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 39 den„phantastisch gut gefälschte Aus- weise“ besorgt, und damit begann eine „neue Ara“, schilderte er. Er hatte nur noch verdeckte Kontakte zu seiner Familie. Er habe damals„leider zu im- pulsiv“ gehandelt, beurteilt er rück- blickend diesen Schritt. Im Mai 1940 wurde Janusz in Kra- kow auf offener Straße erneut von der Gestapo verhaftet und ins Gefängnis nach Tarnow gebracht. Dort wurde er dem Transport zugeteilt, der ihn nach Auschwit? brachte. Mehr als vierein- halb Jahre musste er hier bleiben. Im Stammlager war er zuletzt als Pfleger im Häftlingskrankenbau eingesetzt. Im Januar 1945, nur wenige Tage vor der Befreiung durch die Rote Armee, wurde Janusz„evakuiert“, wie die NS- Bürokratie die Verlegung der Häftlinge in andere Lager bezeichnete. Diese Fvakuierungen gingen als„Jodesmär- sche“ in die Geschichte ein. Janus? hat- te das Glück auch diese zu überleben. Uber Mauthausen und Melk kam er schließlich in Ebensee in Osterreich an. Er erinnert sich, wie viele Gefangene nicht mehr weitergehen konnten und einfach erschossen wurden. Von rund 60.000 Häftlingen, die an diesen Mär- schen teilnahmen, verloren dabei mehr als 15.000 ihr Leben-sie verdursteten, verhungerten, erfroren, starben an Ent- kräftung oder wurden von SS-Leuten und Wehrmachtsangehörigen erschos- sen und erschlagen. Jeilweise erfolgte der Transport bei eisiger Kälte in offenen Viehwaggons. „Wie wir das alles liherlebt hahen, weiß ich his helte nicht. Wir befunden uns wie in einer Jrance“, kommentiert Janusz seine schweren Brinnerungen. In Ebensee erfuhren er und seine Lei-— densgenossen von der Befreiung von Auschwit? durch die Sowjetische Ar- mee und dass die wenigen dort verblie- benen Hãftlinge nicht Zuvor von der SS ermordet worden waren: Dem Maga- Zin Stern sagte Janus?z im Jahr 2005 bei einem Interview, wie er und seine Ka- meraden da bedauerten, dass sie sich vor der Fvakuierung nicht einfach ver- steckt hatten:, Wenn wir doch nur nicht S0 große Angst gehnaht htten““ Das Lager Fbensee wurde am 6. Mai 1945 von der US-Armee befreit. An diesem Jag sei niemand gestorben. „Ingendwie wollien alle diesen Moment, auſden wir vo lunge gewartel hatten, in- hedingt noch miterleben“, meint Janus?. Finen Tag spãter seien dann aber mehr als 200 Todesfälle gezählt worden. „Innerlich tief gedemitigt und diupßerlich als Muselmann“ beschrieb Janus? seinen eigenen Zustand nach der Befreiung. Er erinnert sich, dass „an diesem Jag Keine Freude in mir wn Vielleicht weil wir gegen jedes Ge- ſihl immun wuren.“ Nach der Befreiung habe er sich wenig bei den anderen ehemaligen Mithäftlingen aufgehalten. Mit vieler- lei Arbeiten habe er sich abgelenkt von den im Lager erlittenen Qualen. Das Vorbild des Hãftlingsarztes Wladyslaw Fejkiel, mit dem er in Auschwitz zu— sammengearbeitet hatte, veranlasste ihn, sich für ein Medizinstudium zu entscheiden; früher wollte er eigentlich einen technischen Beruf ergreifen. Als er bereits in Osterreich einen Studienplatz hatte, erreichte Janus? Mlynarski über das Rote Kreuz die Nachricht, dass seine Mutter noch lebte 40 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer und nach ihm suchte. So kehrte er nach Polen zurück, studierte dort Medizin, promovierte und arbeitete als Arzt. 1971 wurden ihm die Schikanen, die ihm als Deutschstämmigen das Leben Schwer machten, zu viel: Er siedelte mit Seiner Familie Zunãchst nach Osterreich über und dann nach Deutschland. Seit 1978 lebt er in Monheim. Mit seinen Kindern spreche er selten über Auschwitz, Sagte Janusz Mlynarski einmal bei einem TCOA-Teffen auf eine Nachfrage aus dem Publikum. Er habe sich nie als„Held“ darstellen wollen und seine Kinder nicht mit dem belasten wollen, was ihm in Auschwit? angetan worden war. Dass er sich dann doch entschlossen hat, darüber zu sprechen, dafür danken ihm nicht nur die Lagergemeinschaſt, sondern viele Andere, denen er berich- tet hat. Sein uns entgegengebrachtes Vertrauen ist uns allen Motivation, die Arbeit der LCA fortzusetzen. Hans Hirschmann Unermüdliches Engagement EFin Brief als Dank für Freundschaft Lieber Janusz, mit großer Dankbarkeit und Freude denke ich an den Tag Deines 90. Ge- hburtstags am 21. Mai im Sitzungssaal des Monheimer Rathauses, an die vielen Menschen, die diesen Tag mit Pir ver- bringen und Dich ehren wollten. Wir kennen uns nun schon fast 30 Jahre, und da kommt mir so manche Er- innerung in den Sinn. Unvergesslich ist mir ein Jag im Frühjahr 2005 am Johan- neum-Gymnasium in Herborn, der Stadt, in der Du viele Jahre im Kranken- haus als Chirurg gearbeitet hast. Ich hat- te Dich als Zeit?eugen eingeladen, und Du hast Dir einen ganzen Schultag für uns Zeit genommen, aus Deinem Leben zu erzählen und mit den Schülern zu sprechen. Sie waren tief ergriffen. Finige wollten unbedingt noch weiter mit Dir zusammensein, und so sind wir mit einem ganzen Irupp in einer Frei- Stunde ins Marktcafé gegangen und ha- ben weiterdiskutiert, obwohl ich Pir die Brolungspause sehr gegönnt hätte. Mit manchen von den damaligen Schülern treffe ich auch heute noch manchmalzu- sammen, und sie fragen immer wieder nach Dir und lassen Dich grüßen. So mõchte ich Pir nun an dieser Stelle noch einmal für Deine jahrelange, tiefe und liebevolle Freundschaft danken. Auch für Dein lebenslanges unermüdliches En- gagement für Versöhnung?Zwischen den Võlkern und den einzelnen Menschen und nicht Zuletꝰt für unsere Gespräche leider meist ja nur telefonisch. Mögen wir sie noch oft führen kömnen. Für Deinen weiteren Lebnsweg alles Gute, Lie be, Gesundheit und Gottes Se- gen. In Dankbarkeit Gerhard Herr Im November 2012 Gerhard Herr schloss sich friin HMer- mann Reineck, Anni Roßmann-Reineck, Jnusz Mlnamki und den anderen„V- tern und Mittern“ der LCA an. S0 Kennt er Janusz von vielen gemeinsamen Ahtio- nen nd ist zudem das dienstũltste Vor— Sundsmiiglied. In seinem Sehr perõnli chen Brief pricht er auch den„jingeren“ Vortundmigtiedern aus dem Herzen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 41 Ehrung für Freunde aus Ungarn Bundesverdienstkreuz für vier Uberlebende der Shoah Mit Fva Pusꝰtai-Fahidi, Blanka Pudler, Agnes Bartha und György Denes beka- men im Juni 2012 vier seit vielen Jahren in der Erinnerungsarbeit engagierte unga- rische Uberlebende der Shoa in der deutschen Botschaft in Budapest das Bundes- verdienstkreuz verliehen. Eva Pus?Ztai und György Denes waren auf Pinladung der Lagergemeinschaft Auschwitz zu Vortragsreisen in Deutschland(iehe Mitteilungs- hlau 202008 und 2/2009) und haben vorwiegend in Schulen über ihre Verfolgung und die ihrer Leidensgenossen berichtet. Blanka Pudler jst seit Jahren als Zeitzeugin in Nordhessen zu Besuch bei Jugendlichen und bei õffentlichen Veranstaltungen. Jürgen Jessen von der Geschichtswerkstatt Hessisch Lichtenau informiert uns immer dankenswerterweise. Botschafter Dr. Matei Ion Hoffmann und der Gesandte Klaus Peter Riedel übergaben die Aus?zeichnungen im Bei- sein von Freunden, Verwandten und Weggefährten der vier Geehrten. Dabei würdigten sie deren langjähriges Enga- gement gegen das Vergessen und für die Versõhnung von Ungarn und Deut- schen, von Juden und Nichtjuden nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holo— caust. Die vier Geechrten berichten in Ge- denkstätten und Schulen, bei Bürger- initiativen, vor Studierenden und Wis- Senschaftlern über ihr Schicksal. Hierbei entstanden ganz besondere Freund- und Partnerschaften sowie zahlreiche ge— meinsame Projekte. Diese reichen so in einer Mitteilung der deutsche Botschaft in Budapest-„von Gedenkveranstultun- gen, DisKissionsrunden, lebendigen Ge- Schichtstunden in den Schulen his hin zu Buchveròfentlichungen. Die vier Geehr- ten haben vich aluf diese Weise in herals- ragender Weise um die deluusch-unguri- Schen Beziehungen verdient gemacht.“ Fva Pusztai hat Auschwitz-Birkenau Sowie die Zwangsarbeit in der Muniti- onsfabrik Münchmühle, einem Außen- FEva Fahidi-Pusztai bei einem Besuch in Stadtallendorf lager des KZ Buchenwald, überlebt. 1900 nahm sie an einer Versõöhnungswo- che in Stadtallendorf teil. Auf Bitten die- Ser Stadt verfasste sie spãter eine Kurz- version ihrer Memoiren in deutscher Sprache(Anima rerum). Vor zwei Jahren erschien auf deutsch ihr Buch Die Seele der Dinge Giehe Mitteilungsblau 2/2010) unter ihrem Mädchennamen Fva Fahidi. Sie pflegt Kontakte zur Gedenkstät- te Buchenwald und zum Frinnerungsort „JTopf& Söhne“ in Erfurt, wo die Ge— Schichte jener Hirma aufgearbeitet wird, welche die Ofen in den Krematorien für 42 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Auschwitz und andere Konzentrations- lager produzierte. Agnes Bartha war Zwangsarbeiterin in einem Werk für Flugzeugmotoren in Genshagen, einem Außenlager des KZ Ravensbrück. 1992 lernte sie den Berli- ner Historiker, Autor und Hilmemacher Dr. Helmut Bauer kennen, der die Ge- Schichten der Frauen von Genshagen er- forscht und dokumentiert hat. Gemein- sam organisierten Dr. Bauer und Frau Bartha Ausstellungen mit Kunstwerken ihrer bereits verstorbenen„Lager- Schwester“ und Freundin Edit Kiss. Blanka Pudler überlebte die Zwangs- arbeit in einer Munitionsfabrik in Hes- Sisch-Lichtenau, einer Außenstelle des KZ Buchenwald. Ende der 1980er Jahre lern- te sie den Historiker Dr. Dieter Vaupel kennen und nahm an einer Geschichts- werkstatt in Hessen teil. Seither berichtet sie immer wieder in Deutschland wie in Ungarn õffentlich von ihren Prlebnissen, besucht Schulen und andere Einrichtun- gen. Die Künstlerin Elke Mark hat die Le- bensgeschichte von Blanka Pudler in einer Broschüre und einem Film dokumentiert. Beide sind unter dem Titel Kunarienvogel verõffentlicht worden- eine Anspielung auf das Außere der Häftlinge von Hes- sisch-Lichtenau, deren Haare und Haut sich unter dem EFinfluss giftiger Chemika- lien bunt verfärbt hatten. Professor György Denes ist Uberle- bender des KZ Bergen-Belsen. Kurz vor Kriegsende wurde er noch in das KZ The- resienstadt verlegt und dort befreit. Nach der ungarischen Revolution von 1956 durfte er nicht mehr als Hochschullehrer für Geschichte arbeiten und wurde statt- dessen ein international anerkannter Geowissenschaftler. Dennoch ist das Fach György Denes mit der Verleihungsurkun- de zum Orden mit dem deutschen Bot- schafter in Ungarn Dr. Matei Ion Hoff- mann im Garten der Botschaftsresidenz Geschichte immer seine heimliche Lei- denschaft geblieben. Es ist wichtig, Sagt er, dass die Uberlebenden und Zeitzeu- gen ihre Geschichte selbst erforschen und aufarbeiten. Er ist Mitglied im Beirat der Stiftung niedersãchsischer Gedenkstätten und nimmt regelmäßig an deren Veran- Staltungen in Deutschland teil. Besonders wichtig ist ihm die Wiederherstellung ei- nes eingeebneten Massengrabes seiner Kameraden, die wãhrend eines Fliegeran- griffs Zwischen Bergen-Belsen und The- resienstadt ums Leben kamen, zu einem würdigen Ort der Erinnerng. Diethardt Stamm, bis 2011 stellver- tretender Vorsitzender der Lagerge- meinschaft und gut bekannt mit György Denes und Bhefrau Csöpi Denes gratu- lierte auch im Namen der ILCA: „P war Schon lange an der Zeit, dass Du vo alsgezeichnet wirst. Nach Peinen jahrzehntelangen hemiihungen um In- formation, EUngagement und Finsatz für die helange der jüdischen Bürger und Bürgerinnen in Budapest und Ungarn nd fir die AuMlrungsarbeit in Deutsch- jand hast Du endlich auch die Anerken- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 45 nung der Bundesrepiiblik in Form des Bundes verdienstkreuzes erhalten. Noch gut habe ich Deine Worte vom 7. September 2009 in Friedherg anldßlich einer Pemonstration gegen einen NPD- Auftritt im Ohn Du vagtest unter ande- rem.· Wir dirfen nicht Schweigen, denn Schweigen ist gut für die Henken aber Schweigen ist nicht gut für die Opfer? Zi recht vind damals Schon alle Personen in der überfillten Stadtkirche aufgestan- den lind haben Dir lange applaudiert. Bleibe weiterhin gesund und erlebe gemeinsam mit Cõpi noch viele ange- nehme Jage uind Jahre.“ Die Lagergemeinschaft Alschwitz fühlt sich geehrt mit György Denes, Fva Pusztai sowie den anderen Uberleben- den der deutschen Konzentrationslager und Gestapo-Gefängnisse das Geden- ken an die Shoa und die millionenfachen Opfer wachzuhalten. Ebenfalls mit dem Bundesver- dienstkreuz ausgezeichnet wurde Zofia Posmycz. Wir werden sie in der nächsten Ausgabe des Mittei- lungsblattes würdigen. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag Joachim Proescholdt feierte seinen 85. Herzliche zu seinem 85. Geburtstag konnten wir am 4. November unserem vormaligen Vorsitzenden Joachim Proe- Scholdt gratulieren. Wir freuten uns auch schr, von ihm zu hören, dass er an diesen ſag von einem größeren Besucherkreis aus Familie und Freunden gefeiert wurde. Nach dem Tod unseres Vereinsgrün- ders Hermann Reineck 1905 hat Joachim den Vorsitꝰ ũbernommen und so mit den anderen Vorstandsmitgliedern dafür Sor- ge getragen, dass die Arbeit weitergehen konnte. Hermann und die LCA4 und da- durch auch andere ehemalige K?ZHäft- linge kannte er, da er bei Studienreisen mehrfach mit ihnen Auschwitz und ande- re Gedenkstätten besucht hat. Im Alter von zwei Jahren kam Joa- chim Proescholdt 1020 von Leipzig nach Frankfurt am Main. 1944 noch als Luft- waffenhelfer einge?ogen, erlebte er die Zerstörung der Stadt. Die Sinnlosigkeit des Krieges lernte er des Weiteren im Reichsarbeitsdienst wie auch im Kriegs- dienst kennen. Davon nachhaltig geprägt, wurde er evangelischer Pfarrer. Bhren- amtlich unterstüt?te er schon bald als Berater und Beistand Kriegsdienstver- weigerern. In den letzten 20 Jahren seiner Be- rufslaufbahn(1972 1992) amtierte er als Pfarrer an der Frankfurter St. Kathari- nenkirche. Er hat viele kirchengeschicht- liche Werke verõffentlicht und herausge- geben. Unter anderem im Jahr 2000 den Band Minderheiten in Hrankfirt am Main Vom Umgang mitAndersdenkenden, An- dersglaubenden, Andemlehenden. Wir wünschen Joachim Proescholdt und auch seiner Frau Ursula, die selbst jahrelang bei der Lagergemeinschaft- u.a. auch als Vorstandsmitglied- engagiert bei Projekten und Studienfahrten mitge- holfen hat, noch weitere gemeinsame Jahre in hoffentlich guter Gesundheit. Und wir freuen uns über ihr anhaltendes Interesse an der Arbeit der L64 und des Freundeskreises. 42 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Die Kreuzelmacher vom Mönchberg Hadamar-Arzte und Pfleger ohne Gewissen Die ehemalige NS-Tötungsanstalt Hadamar ist zu Fuß in nur wenigen Minuten von der Ortsmitte des Stãdtchens zu erreichen. In der Gedenkstätte auf dem Mönchberg wird an die Opfer der Verbrechen erinnert. Zwischen Januar 1941 und März 1945 wurden hier auf dem Gelände der heutigen Psychiatrischen Klinik 15.000 Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen im Rahmen der sogenannten Aktion Td* ermordet- durch Vernichtung mit Gas, durch tõd- liche Injektionen und Medikationen sowie durch vorsãtziches Verhungernlassen. Die Klausurtagung des Vorstandes der Lagergemeinschaft und einiger neuer Mitgeder fand Anfang September in Ha- damar statt. Pin kleiner Fluss fließt durch Stadt mit heute rund 13.000 Finwohmern und mit pittoresken Fachwerkhäusern. Sie liegt am Südrand des Westerwaldes. Die Wahl für die Klausur war auf diesen Ort gefallen, weil wir auch die Gedenk- stätte auf dem Gelände der Klinik für Forensische Psychiatrie/Zentrum für so- ziale Psychiatrie besichtigen wollten. Am z?weiten Iag der Klausur sind wir Zu Fuß zur Gedenkstätte gegangen. Finiges hatte ich schon gelesen über die Systematischen Morde an den Menschen mit Behinderungen und„psychischen Erberkrankungen“ In sechs Tötungsan- stalten-Brandenburg/Havel, Bernburg an der Saale, Grafeneck(Württemberg), Hartheim(Linz), Sonnenschein(Pirna) und Hadamar- fanden sie statt. Zum ersten Mal werde ich nun die Gedenkstätte Hadamar besuchen. Wie wird mir zu Mute sein? Viele Fragen drãngen sich auf. Welchen Weg mussten die Patientinnen und Patienten gehen, bevor sie getötet wurden? Wie raffiniert sind die Täter dabei vorgegangen? War auch hier wie in Auschwit? die Gaskam- mern als Duschen getarnt? Wo wurden die Zwangssterilisationen durchge- führt? Welche„Kreuzelmacher“(Arzte, die durch ein rotes Kreuz den Jod in der Gaskammer bestätigten oder durch waagrechte Balken ein vorübergehen- des Weiterleben„genehmigten“) fun— gierten als sogenannte Gutachter? Die Besichtigung begann in der Pau- erausstellung, die einen chronologischen Abriss über die Geschichte der zur Tö— tungsanstalt umfunktionierten Klinik gibt. Sie ist mit Stelltafeln und Fxpona- ten ausgestattet und sehr informativ. Da- nach ging es nach draußen zu der ehe- maligen Busgarage. Der Bevölkerung war damals die Be- deutung der drei grauen Busse bekannt. Es gibt viele Zeugenaussagen, die be- stätigen, wie sich die Bewohner der um- liegenden Ortschaften zuriefen:„Da Kommen wieder die Mordbusse“ An den Fenstern waren Vorhänge oder sie wa- ren mit grauer Farbe überstrichen. S0 waren die„Passagiere“ nicht erkennbar, und diese selbst konnten nicht nach draußen schauen. In jedem Bus hatten etwa 25 Opfer Platz, und es waren mindestens zwei Krankenschwestern mit dabei. Uber das Schicksal der Opfer wurde bereits durch * V4 Steht für die Adresse, Tiergarten 4“ in Berlin, den Sitz der No Puthanasiezentrale Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 45 ——— Fine Tafel der Dauerausstellung in der Gedenkstätte mit Fotos von Opfern, die in der zweiten Phase der„Euthanasie“ in Hadamar ermordet wurden vorher ausgefertigte Akten nach deut- scher Gründlichkeit entschieden. In der Busgarage in Hadamar be- gann, ähnlich wie in Auschwit? auf der Rampe, der Vernichtungsprozess. Durch einen Schleusengang wurden die Patien- ten/ Opfer ins Erdgeschoss Zur Erfassung gebracht. Die Männer, Frauen und Kin- der mussten sich vollstãndig entkleiden und wurden dem„Kreuzelmacher“ vor- geführt, der nach ein bis zwei Minuten entschied:„rotes Kreuz“ oder Balken. Pin Kreuz führte zur Vernichtung in der Gaskammer. Die kreuzelmachenden „Mediziner“ bestimmten dann auch bereits anhand der mitgeschickten Pati- entenakten, welche angeblich„natür— liche“ Todesursache später in der Sterbeurkunde anzugeben war. Vom Balken wurde nur wenig Ge- brauch gemacht. Es sei denn, das Opfer war für die„Arzte“ für medizinische Versuche interessant. Dies hat dann das Leben unter Qualen etwas verlängert. Dr. Horst Schumann hat in der Tötungs- anstalt Grafeneck seine Erfahrungen er- worben, bevor er diese Mordtaten im Stammlager Auschwit? in Block 10 in größerem Umfang perfektionierte. In Hadamar führte nach der Erfas- Sung das Personal die zur Vernichtung be⸗ stimmten Menschen in den Keller. Diese Schmale Kellertreppe ist so noch im Ori- ginal erhalten. Unten angekommen wur- de den Zur Ermordung bestimmten Men- Schen gesagt:„hr geht jelzt ins Bad und werdet geduscht“. Durch den Flur wurden die Opfer in den Vorraum zur Gaskam- mer gebracht. Die Gaskammer sah aus wie ein Duschraum. Beide Zugänge wur- de mit Luftschut?türen hermetisch ver- Schlossen. Die Gasleitung wurde durch ein Loch in den Raum geführt, in den sie etwa 15 Zentimeter hineinragte. Das Gas- rohr lief um den gesamten Raum herum und war an einem Wandhaken befestigt. Da das Gas durch die schmalen Rohre nur allmählich in den Raum strömte, star- ben die Menschen langsam und qualvoll. Schauerliche Jubiläumsfeier Den Gashahn aufgedreht haben „Kreuzelmacher“ wie Dr. Gorgaß. Nach einer Stunde haben sie sich mit einen Blick durch das Sichtfenster davon über- zeugt, ob auch alle tot waren. Danach wurde die Gaskammer für die„Neuzu— gänge“ gelüftet und gereinigt. Die Heier, kein Sonderkommando oder Zwangsar- beiter, vondern ganz normale Angestellte, die in der Umgebung oder in der Anstalt wohnten, brachten die Leichen zu den Krematorien. Bevor dies geschah, musste aber noch für das Deutsche Reich und 46 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer deren„gesunde Bevölke- rung“ wirtschaftlich etwas herausspringen. Die Joten wurden seziert. Der Arzt entnahm den Ermordeten die Goldzähne und oft auch für Experimente das Gehirn. Erst danach wur- den die Leichen verbrannt. Dafür gab es in Hadamar zwei Ofen. EFiner ist noch vorhanden. Pin Schauerliches Spektakel spielte sich ei— nes lages bei einer„Jubiläumsfeier“ im Keller ab: Hierzu hatte bereits beim ge- meinschaftlichen Mittagstisch der T4- Arzt Dr. Berner eingeladen und am Abend versammelte sich das Personal im Keller, um den 10.000. Leichnam zu verbrennen. Jeder bekam im Angesicht eines aufgebahrten Mannes eine Flasche Bier, alle prosteten sich zu und die Hei- zer, auch als Brenner bezeichnet, scho- ben den toten Kõrper in den Ofen. Der Besichtigungsrundgang endete auf dem Friedhof oberhalb der Tötungs⸗ anstalt. Dort befinden sich Massengrä- ber aus den Jahren 1942 bis 1945, als die Toten nicht mehr verbrannt wurden. Die Leichen mussten Patienten der Anstalt über steile Treppenstufen hinauftragen. Erfahrung für Auschwitz Um alle diese Mordaktionen durch- führen und planen zu können, war es er- forderlich, dass sowohl Beamte, Wissen- schaftler, Arzte, Richter, Staatsanwälte, SoZialverbände als auch Vertreter beit der Kirchen zusammenarbeiteten, auch wenn später Proteste seitens der Kir- chen erhoben wurden.** Die rekonstruierte Busgarage ist Teil der Gedenkstätte Der Rauch aus den Verbrennungsõ- fen von Hadamar war bei Schönem Wet- ter bis nach Frankfurt zu schen. Die Er- fahrungen, die von den Tätern und ihren willigen Helfershelfer in den Futhana- sie-Tötungsanstalten gemacht wurden, sind später perfektioniert worden- in den Vernichtungslagern im besetzten Polen(Chelmno, Belzec, Sobibor, Ireb- linka, Majdanek, Auschwitz-Birkenau). Als die groß angelegten Gasmorde des Futhanasieprogramms in Deutsch- land aufgrund von Protesten von Fami- lienangehörigen und Vertretern der Kir- chen vorübergehend gestoppt wurden, ging das Morden an den Patienten trotꝰ⸗ dem weiter- durch Nahrungsentzug, die Uberdosierung von Medikamenten und mit Spritzen. Einer der Ofen in Hada- mar wurde in das Konzentrationslager Majdanek gebracht und kam dort zum Finsat?. Die andere Verbrennungsanla- ge wurde„zurückgebaut“. Den Futhanasie-Morden fielen kei— neswegs ausschließlich„Geisteskranke“ zum Opfer, sondern auch Arbeitslose, Alte, Nichtsesshafte, Alkoholiker, also Menschen, die der Ideologie entspre- ** Am helcanntesten vind die Predigten(I4) des Münsteruner Bischofß Graf von Gulen gegen die Futhanasie. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 47 chend keinen Nutzen ver- Sprachen. Was ist aus den Haupt- tätern von Hadamar ge- worden? Dr. Bodo Gorgaß wurde von einem US-Ge- richt Zzum Jode verurteilt. Dieses Strafmaß wurde 1949 von einem deutschen Gericht in lebenslange Haft und 1956 in 15 Jahre Haft umgewandelt. Im Fe- bruar 1958 wurde dieser Mörder entlassen. In Bielefeld fand er ei- ne Anstellung als wissenschaftlicher Mit- arbeiter eines Pharmaunternehmens. Dr. Adolf Wahlmann, Leiter der Ha- damer Tötungsanstalt wurde zu lebens- langer Haft verurteilt, 1953 begnadigt und entlassen. Er durfte in seinem Be- ruf mit allen seinen Erfahrungen aus der Vergangenheit im Dritten Reich weiter- arbeiten. Man könnte diese Liste über das Spãtere Schicksal dieser mordenden „Kreu?elmacher“ fortsetzen. Die ge— richtliche Verfolgung ging als Farce und weiterer Schandfleck in die deutsche Geschichte ein. Welch furchtbare Juri— sten und Politiker waren es, die solche milden Urteile fällten und Begnadigun- gen verfügten? Dagegen müssen die mit Glũck über- lebenden Opfer für ihre Anerkennung im Sinne des Bundesentschädigungsge- Set?es kämpfen, da sie nicht als rassisch, religiös oder politisch verfolgt aner- kannt wurden. Die mörderischen Quäle- reien fielen nicht unter das Gesetz. Da- gegen konnten die meisten der an der Futhanasie beteiligten Ordinarien wei- terhin lehren und als Arzte arbeiten. Selbst Mediziner, von denen bekannt war, dass sie tausende Opfer vergast hat- ten, durften weiterhin praktizieren, als Finer der Seziertische ist erhalten geblieben. wãre nie etwas geschehen. Dazu noch eine Aussage eines Chef- ar?ztes einer Stãdtischen Klinik, der selbst Tõtungsarzt war, von einem Landgericht als Zeuge geladen:„Die Autobahnen, Futhanasie und eugenische Bestrebun- gen waren das Beste, was Hitler geleistet hat“.*** Es dauerte bis September 2010, bis sich die Peutsche Gesellschaft für Kinder- und Mugendmedizin in einer Er- klärung„in Demut vor den Opfern“ verneigte, das heißt, vor den mehr als 10.000 Kindern und Jugendlichen, die im Dritten Reich als„lebensunwertes Le- ben“ vernichtet wurden. Von Entsetzen war in der Erklärung keine Rede. Ge- trauert um die Opfer wurde nicht, ledig- lich bedauert. Schließen möchte ich mit einer jũdi- Schen Weisheit: Nur das bewusste Frin- nern zur Menschlichkeit im Denken und Handeln befähigt Zur Menschlichkeit im Alltag gegenüber anderen, der Hilfe, AkZeptan? und Respekt brauchen. Alexander Wolf Weitere Informationen: www¶.gedenkstaette-hadamar. de und www.gedenkort- td.eu/de /Vergangenheit/Aktion-t4 48 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Kazimierz Smolen ist tot Vormaliger Leiter der Gedenkstätte Auschwitz starb 91jährig Am 27. Januar 2012, dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, ist in Oswiecim/Auschwit?z mit Kazimierz Smolen einer der weltweit bekanntesten Auschwitz- Uberlebenden gestorben. Von 1955 bis 1990 war er Leiter der Ge— denkstätte Auschwit?-Birkenau. Mit seinem Tod hat die Lagergemeinschaft Ausch witz- FreundesKreis der Auschwilzer einen guten Freund verloren und die deutsche Bevölkerung einen freundschaftlichen Vermittler zwischen Polen und Deutschland. Im Mitteilungsblatt 1/2010 hatten wir ihn anlãsslich seines 90. Ge- burtstags ausführlich gewürdigt. Viele Menschen, besonders viele Jugendliche, sind Kazimier? Smolen während Studienfahrten in Auschwit?z zu langen und eindrucksvollen Ge-— sprächen begegnet. Er war auch häufig auf Einladung der Lagergemeinschaft, mit dessen Gründer Hermann Rein- eck er befreundet war, zu Vortrãgen in Deutschland. Kazimier? Smolen wurde 1941 als jähriger polnischer Widerstands- kämpfer von deutschen Truppen ver- haftet und nach Auschwit? ver- schleppt. Nur wenige Tage vor der Befreiung des Vernichtungslager durch die Rote Armee wurde er„eva- kuiert“. Befreit wurde er am 6. Mai 1945 im österreichischen Ebensee. Im Nachkriegspolen studierte Kazimier? Smolen Rechtswissenschaf- ten. In vielen ProZessen gegen NS-Ver- brecher in Konzentrationslagern trat er in ganz Furopa als Gutachter oder Zeuge auf. Seine Berichte zeigten, dass ihm immer die juristische Bewältigung der Verbrechen wichtig war. Hass und Rache waren nicht Beweggründe sei- nes unermüdlichen Handelns. Noch im Oktober 2011 hatte ein Besuchergruppe der Lagergemein- 7 — 1 7 . Kaiemierz Smolen am 19. April 2010 bei der Feier seines 90. Geburtstages in der Interna- tionalen Jugendbegegnungstätte Oswiecim Schaft Gelegenheit, Kazimier? Smolen in der internationalen Jugendbegeg- nungsstätte in Oswiecim zu treffen. Wir betrauern auch den Tod von August Kowalczyk und Wilhelm Bras- Se. Auch sie standen oft Teilnehmern von Studienfahrten zu Zeitzeugen- Gesprächen zur Verfügung. Wir wer- den ihr Schicksal und ihre Frinne- rungsarbeit in der nächsten Ausgabe des Mitteilungsblattes würdigen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 49 Inhaltsverzeichnis Berichte über eine Studienfahrt Fin Besuch mit Folgen WoZu Frinnerung? Problematischer Lagertourismus „Es tut mir weh“ Der Sinto Hugo Höllenreiner kann nicht vergessen Sorgfältig organisierter Massenmord Späte Anerkennung der NS-Verbrechen an Sinti und Roma Im Widerspruch zu den Menschenrechten Kritik an Abschiebepolitik Erbarmungslos und beschämend Witwe von KZHäftling soll keine Hinterbliebenenrente bekommen Warme Worte helfen nicht Sinti und Roma: Die Lebenden werden diskriminiert, die Toten geehrt „Wie ein gehetztes Tier“ Warum die Sintezza Anna Mettbach nicht mehr schweigen kann Als U-Boot im Widerstand Fugen Herman-Friede und die Gemeinschaft für Frieden und Aufbau Wer Zeitzeugen 7uhört, wird selbst 7?um Zeugen Interviews mit Uberlebenden der Konzentrationslager Den„Herrenmenschen“ entkommen Zum 90. Geburtstag von Janusz Mlynarski Ehrungen für Freunde aus Ungarn Bundesverdienstkreuz für vier Uberlebende der Shoah Joachim Proescholdt Zum 88. Geburstag Die Kreuzelmacher vom Mönchberg Hadamar-Arzte und Pfleger ohne Gewissen Nachruf: Zum Tod von Kazimierz Smolen Seite 12 16 20 28 26 28 29 32 36 32 41 43 44 45 Aufgespießt: gremlizas express(konkret 11/2012 Weil der Innenminister Friedrich dũmmer ist, als seine Poliꝰei erlaubt, geschieht es ihm, daß er das unheimlichste deutsche Geheimnis preisgibt: Mich treibt Schon um, daß in einigen Landtrichen Qideuschlands Neonazis auft mumpſen. Allen muß Klar sein, daß wir lins als exportorientiertes Land Ausldnder- ſeindlichkeit ibemalupt nicht leisten Kõnnen. Ein Nazi Sein. wer wär's nicht gerne? Doch die Verhältnisse sie sind exportorientiert. 5 5 „Lebensunwert“ Als„erbkrank“ stigmatisiert und nur knapp der NS-Euthanasie entgangen Donnerstag, 31. Januar 2013, um 20 Uhr Bad Vilbel, Kulturzentrum Alte Mühle, Lohgasse 13 Vor 66 Jahren, am 27 Januar 14, wlirde das Vernich- nngslager Alschwitz-hirkenau von der Rolen Armee heßeit. Seit 006 wird mit einem gesetzlich verunkerten Gedenitag allen Opfergruppen des Nationalsoziulis- mlis Ehre hezeligt. Um Mittelpunlt der Veranstaltung in Bad Vilhel viehen in diesem Jahm die Menschen, denen wegen ihrer pschischen Erkrankung bz wegen ei- ner als„erbkrank“ zugewiesenen Stigmatisierung das: Recht auf Leben abgesprochen wurde. Dokumentarfilm(45 Minuten) Gespräch mit Paul Brune und Regisseur Robert Krieg Swing und Jazz(„entartete Musik“) gespielt von Georg Crostewit?(Gitarre) und Daniel Guggenheim(Saxofon) Paul Brune überlebte, obwohl er 1943 als Achtjähriger in die Provinzialheilanstalt Dortmund-Applerbeck, eine der Tõtungsstationen der„Kindereuthanasie“, eingewie- Sen wurde. Seine vom Fhemann misshandelte Mutter hatte versucht sich zu tõten. Sohn Paul wurde„ererbte Geisteskrankheit“ unterstellt. Der Film„Lebensunwert“ zeichnet am Schicksal von Paul Brune die Geschichte der Psychiatrie im Dritten Reich nach. Humanistische Werte wurden durch rassen- ideologische Vorstellungen völlig verdrängt. Die menschenverachtende Behandlung der Patienten geriet geradezu zu einem Dogma. Das Programm der Rassenhygieniker lautete„Ausmerzen durch Hunger und Arbeit“. Was 1934 mit massenhaften Zwangs- Sterilisationen begann, endete ab dem Jahr 1939 für mehrere hunderttausend Menschen mit der Ermordung im Sinne der„Rassenhygiene“ und der„Vernichtung unwerten Ke- bens“, der so genannten„Buthanasie“. Nach Ende des NS-Regimes wurde Paul Brune weiterhin aufgrund seiner„Kran- kengeschichte“ in der Psychiatrie festgehalten. An den strukturellen Verhältnissen wur- de wenig geändert, Misshandlungen der Patienten blieben an der Tagesordnung. Erst 1957 wurde die Entmündigung von Paul Brune gerichtlich aufgehoben. Er studierte, leg- te das Staatsexamen ab und wollte Lehrer werden. Doch weiterhin verfolgte ihn das Stigma,„ein Irrer“ zu sein. Gutachter, die ihre im Pritten Reich begonnenen Karrieren in der Bundesrepublik fortset?en konmnten, verweigerten ihm von Amts wegen die Aus- übung des gewünschten Berufes. Erst 2003 wird Paul Brune als Verfolgter des Natio- nalsoZialismus anerkannt. Fine Veranstaltung der Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer, des Geschichtsvereins und des Fachbereichs Kultur der Stadt Bad Vilbel