LAGERGEMEINSCHAFT AUSCHWTZ FREUMDRSxREis DRR AUsctwrrzER VscMe Gefunden im Effektenlager des Kon?entrations- und Vernichtungslagers Auschwitz 31. Jahrgang, Heft 2 Mitteilungsblatt, Dezember 2011 Inhaltsverzeichnis Seite Puppen und Zitronen aus Kanada 1 Link der Rechts-Terroristen nach Auschwitz 5 Studienfahrt nach Auschwitz im April 2012 7 Miriam Magall: Ein Leben unter fünf Namen 8 Das Häkchen auf der Transportliste 11 Fran? Grossmanns Spurensuche in Auschwit? Jeder konnte es wissen 16 Zur Fdition von Friedrich Kellners Tagebüchern(1939 1945) „Vernebelt sind alle Hirne“ 17 Friedrich Kellner, ein unbestechlicher Chronist einer gnadenlosen Zeit Neugewählter Vorstand der LGA 24 „Die Seele der Dinge“ 27 Eva Fahidis Buch liegt nun auch in deutscher Ubersetzung vor Legalisierter Raub 30 Ausstellung in Butzbach(Wetteraukreis) 17. April-1. Juli 2012 Nachrufe 32 Impressum: Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer Freiherr-vom-Stein-Straße 27, 35516 Münzenberg Internet: www. lagergemeinschaft-auschwitz. de Redaktion: Hans Hirschmann, Iel.(06101) 32010 Bankverbindung: Sparkasse Oberhessen(BLZ 518 500 79) Kt.-Nr.: 20 000 3503 Bei Spenden bitte Adresse deutlich schreiben, damit die Bescheinigung für die Steuererklärung zugeschickt werden kann. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 Puppen und Zitronen aus Kanada Bitte um Weihnachtsspende für ehemalige KZHãäftlinge „Kanada“ nannten die Häftlinge in Auschwit? das Effektenlager.„Kana- da“ deshalb, weil sie das dort gelagerte wertvolle Raubgut als„Symbol für Reichtum“ mit ihrer Vorstellung mit dem nordamerikanischen Land ver- banden. In den Baracken von„Kana- da“ ließ die SS-Verwaltung alles sam- meln, was den hunderttausenden von Menschen bei der Ankunft abgenom- men wurde, nachdem es ihnen zuvor noch in trügerischer Absicht erlaubt worden war, es auf den Nransport in die Vernichtungslager mitzunehmen. Entledigt von allen Wertgegen- ständen, aller Kleidung, jeglicher son- stiger Habe, führte ihr Weg nackt in die Gaskammern. Zuvor hatte man ihnen auch die Haare Zwecks Weiter- verarbeitung in der Rüstungsindu- strie und anderen Wirtschafts?weigen abgeschnitten. Nach dem grausamen Tod wurde den Leichen noch Gold- zähne ausgebrochen und die Körper- öffnungen nach dort eventuell ver- stecktem Schmuck abgesucht. Bis zur Weiterverarbeitung und zum Weitertransport wurde die ge— stohlene Habe der Opfer in„Kanada“ zwischengelagert und sortiert. Neben Uhren und Schmuck, Kleidung, Kof— fern, Brillen, Gehhilfen, Bestecken und anderen Gebrauchsgegenständen befanden sich auch viele Spielsachen darunter: So auch die zu Bruch gegan- gene Puppe, die auf der Nitelseite die- ses Mitteilungsblattes zu sehen und die nun in einer Vitrine im Museum im Stammlager ausgestellt ist. Sie ging wohl erst in Auschwitz zu Bruch. Dem Kind, dem sie gehörte, dürfte die Puppe bis kurz vor seinem gewaltsa- men Tod ein kleiner Trost gewesen sein- vielleicht eine symbolhafte Er- innerung an friedlichere und un— bekümmerte Tage sowie gleichzeitig Korsetts, Krücken und andere Gehhilfen, die man den Opfern vor der Vernichtung abahm, wurden in„Kanada“ gelagert. Heute sind einige davon in einer Vitrine im Stammlager(Auschwitz I) ausgestellt. 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer ein unbewusstes, utopisches Verspre- chen, dass es noch einmal eine solche Zeit geben könnte. Wir wissen, dass es in Auschwitz und den anderen Konzentrationsla- gern für die wenigsten Kinder und auch die wenigsten erwachsenen Häftlinge eine solche bessere Zeit ge- ben sollte. Selbst die Wenigen, die die Befreiung der Lager und den Unter- gang des Dritten Deutschen Reiches überlebten, waren alptraumartig ge- prägt für ihr weiteres Leben und ge- plagt von Schuldgefühlen, warum ge- rade sie überlebten. Oder sie lebten mit einer irratio- nalen inneren Zerissenheit, die zum Beispiel unsere ungarische Freundin Fva Fahidi(Pus?tai) in ihrem Buch „Die Seele der Dinge“ eingestand: „Jn war flunfunsiebzig Jahre alt, als Dr. icja Klich-Raczka, die Leiterin des Ambulatoriums in Krakau(li.), und eine Mitarbeiterin mit LGA-Vorsitzen- dem Uwe Hartwig. In dem Ambulatorium werden bevor- zugt ehemalige Häftlinge der Konzentrationslager betreut. Die LGA unterstüzt die Finrichtung seit Jahren mit Spen- den ihrer Mitglieder und Freunde. Das Bild im Hintergrund stellt den Auschwitz-Hüftling Kazimier? Sowa dar, der bis Zu seinem Tod wichtiger Ansprechpartner der LGM war. Im Jahr 2011 konnte die Lagerge- meinschaft dank Ihrer Spenden wieder mehr als 12.000 Buro an die Hãftlingsorganisationen in Krakau, Warschau und Zgorzelec überwei- sen. Zudem weitere Beträge für Projekte des staatlichen Museums in Auschwitz. ich endlich mit meiner Mutter Frieden Schloss(..) Davor hdtte ich, wenn ich nur an meine Muter dachte, vor Wut Schreien Können Wozu hatte sie mich zur Welt gebracht, wozu geliebt, erzo— gen, verwöhnt, im mich dann im Stich zu lassen? Mich mutterseelenallein zurickzulassen?“ Erst mit 75 Jahren hat Eva ein Foto ihrer Mutter bei sich in der Wohnung an die Wand gehängt. Erst dann hat sie gefühlt und akzep- tiert, was offenkundig ist, dass nämlich ihre Mutter keine Schuld trifft an Auschwitz und allem, was dieses eine Wort aussagt Giehe Besprechung ihres Buches auf Seite 27 ft). Vertrauen Dass die Häftlinge trotz- dem ihre Menschen- freundlichkeit behielten oder wiedergewannen und uns, den Mitgliedern des Freundeskreises und allen Sympathisanten, ver- trauen, ist für uns ein großes Geschenk. Sie ge- denken mit uns ihrer er- mordeten Kameraden, be- richten über deren Schick- Sal, und wir können ge- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 Wilhelm Brasse, hier bei einem Gespräch mit einer Gruppe der Lagergemeinschaft, konnte nach seiner Befreiung nicht mehr als Fotograf arbeiten. meinsam trauern. Andererseits ge- schieht es auch oft, dass wir ihre Freu- de, Zum Beispiel über ihre Kinder und Enkel oder andere positive Erlebnisse, teilen, zusammen lachen und feiern können. Das können alle nachvollzie- hen, die bei einer unserer Studienfahr- tenꝰ? dabei waren und Veranstaltungen mit ihnen miterlebt haben. Litronen, die aus dem Effektenla- ger Kanada geschmuggelt wurden, halfen unserem Freund Stanislaw Hantz, wieder zu Kräften zu kom- men, als er 53 Tage in Bunkerhaft im Todesblock 11 überlebte und so wie- der zu seinem Arbeitskommando zurückkehren durfte. Was für Staszek die Zitronen aus Kanada waren, sind für uns- pathetisch formuliert- die Freundschaft mit ihm, seinen An- gehörigen und den anderen Uberle- benden der KZ und Gestapo-Gefäng- nisse.** Materielle Hilfe, die wir oft wegen des doch eher begrenzten Umfanges, als eine kleine Geste ansehen, wird von Seiten der Häftlinge, aber als weitaus mehr aufgefasst- nämlich als unser ehrliches Interesse an ihrem Schicksal und dem Gedenken an die ermordeten Kameraden. Deshalb bitten wir Sie, liebe Lese- rinnen und Leser, auch in diesem Jahr wieder um eine Weihnachtsspende, die wir an die Organisationen der ehema- ligen Häftlinge oder direkt an einzelne weiterleiten. Darüber hinaus laden wir alle ein, an unseren Studienfahrten und unseren Lesungen, Gedenk- und anderen Veranstaltungen teilzuneh- men. Dort können Sie noch den einen oder anderen der hochbetagten Uber- lebenden kennen lernen und von ih— nen hören, was es für sie heißt, ein Leben nach Auschwit? zu führen. Der Fotograf von Auschwitz Als ein Beispiel sei hier Wilhelm Brasse genannt, der am 3. Dezember 94 Jahre alt wurde und dem wir auch von dieser Stelle aus herzlich gratulie- ren. Der Sohn eines Osterreichers und einer Polin war in diesem Jahr wieder Gesprächspartner bei unseren Studienaufenthalten in Auschwitz. Er kommt im Rollstuhl und ihn plagen außer den grausamen Erinnerungen auch Gelenke und Knochen.„Ich ha- be immer Schmerzen, aber wenn ich Ihnen erzähle, dann vergesse ich sie“, antwortet er fast immer auf die Frage, * Die nächste Studienfahrt findet im April 2012 statt(Siche 8. 7) ** Stanislaw Hantz. Zitronen aus Kanada(12 Euro, erhältlich bei der KGA) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer wie es ihm gehe. Wir sollen aus seinem Schicksal und dem seiner toten wie überlebenden Kameraden lernen, für unser eigenes Leben Verantwortung zu übernehmen. Wir sollen uns nicht bequem und unkritisch Meinungen anschließen, die wir eigentlich nicht wollen und die im Grunde nicht unse- rem Verständnis von Menschlichkeit und Humanitãt entsprechen. Wilhelm Brasse war vier Jahre lang als Häftling Nummer 3444 einer der Lagerfotografen im Konzentrationsla- ger Auschwitz. Bis Mitte 1943 wurden alle ankommenden Häftlinge für die Lagerkartei fotografiert. Danach man- gelte es an Fotomaterial und es wurden nur noch von reichsdeutschen Gefan- genen Aufnahmen gemacht. Brasse musste auch Opfer fotografieren, die von Josef Mengele und anderen SS— Arzten für menschenverachtende Ex- perimente herangezogen wurden. Nach der Befreiung konnte Wil- helm Brasse nicht mehr als Fotograf M mmn 2 CR-S Kowtt L nn Wut— Wn 2n e nW* d S ro vnMrow. vMs Lagergemeinschaft Auschwit? Freundeskreis der Auschwitzer Sparkasse Oberhessen (RILZ 518 300 79) Kontonummer 20 000 3503 Vielen Dank für Ihre Spende: Bitte schreiben Sie deutlich ihren Namen und Adresse, damit wir Ihnen Spendenbescheinigungen für das Finanzamt schicken können. arbeiten, denn jedesmal wenn er durch ein Okular sah, sah er nackte, abgemagerte Menschen, die Mengele und die anderen SS Arzte bald darauf zur Vernichtung ins Gas schickten. Hauptsache die„Ergebnisse der Hx- perimente“ waren dokumentiert. Uber Auschwitz hat Wilhelm Brasse bis Zzum Jahr 2008 geschwie- gen. Er lernte seine Frau Stanislawa kennen, beide lebten von einem klei- nen Geschäft für Met?zgereibedarf und mit ihr war so etwas wie Alltag möglich, schlussfolgert die Journali- stin Kamilla Pfeffer, die ein Portrait von ihm in der vd- deutschen Zeitung veröffent- lichte. Erst nach dem Tod seiner Frau begann Wilhelm Bras- se, über Auschwitz zu spre- chen. Die Reporterin Sybille Korte zZitiert ihn in der Ber- liner Zeitung wie er deut— schen Jugendlichen erklärte: Vch erzdhle die schreckliche Wahrhei. Pas ist manchmal für euch sehr peinlich zu hören. Aber ich erzdhle auch von Deuschen, die vich * V N urx m n B Diese natuingfotos s Stammen mit einiger Wahrschein- ichkeit von Wilhelm Brasse damals als Menschen gezeigt ahen.“ Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 8 Link nach Auschwitz Erklärung des Internationalen Auschwitz-Komitees zu der jetzt erst den Neo-Nazis zugeordneten Mordserie Es wird noch Wochen dauern, bis alle Zusammenhänge und Verbindun- gen, die die Rechts-Terroristen aus Zwickau über lange Jahre genutzt ha- ben, offen gelegt worden sind. Schon heute lässt die Dimension der Verbre- chen und er eisige Hass, der aus ihnen spricht, die Uberlebenden der deut- schen Konzentrationslager alarmiert und entset?t zurück. Besonders be- troffen sind sie durch die Tatsache, dass in der Gedankenwelt der Ter- roristen offensichtlich Auschwitz wie- der einen zentralen Platz einnimmt. Hierzu betonte Christoph Heubner, der Exekutiv Vizepräsident des Inter- nationalen Auschwitz Komitees, bei ei- ſerror von Rechts KHach der mutmaktlen von k. 2 fordurm plitikr ein naues verlahren rum erbot der Kph E 4. 3 gen fel. MeA nem Aufenthalt in Zwickau:„Die End- vorstellung der Absichten der Terroris- ten und die Endstation ihres Denkens ist eindeutig mit dem Thema Auschwitz verbunden. Als bewusst gesetzte Bot- schaft an die deutsche Gesellschaft ist der Schrift?ug Nationalsozialistischer Untergrund' auf einem der Bekenner- videos in Anlehnung an den Schriftzug Arbeit Macht Frei' ũber dem Fingangs- tor von Auschwit? gestaltet worden. Die endgültigen Absichten der Rechts-Ter- roristen sind als Link so deutlich mar- kiert: Vernichtung ihrer Gegner. Wir hoffen, dass die Verantwortlichen in Staat, Polizei und Gesellschaft diese Herausforderung jetzt erkennen.“ Das Landeskriminalamt Berlin hat mitgeteilt, dass in den Listen der Ter- roristen„Nationalsozia- listischer Untergrund“ c. 2 auch das Internationale Alles umzi.. Auschwit?-Komitee auf- lun ilMnk r Rr geführt ist. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Fintrag im Gstebuch der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 Studienfahrt nach Auschwitz und Krakau 12. April-17. April 2012 Auf dem Programm stehen: geführter Rundgang durch das Stammlager Auschwit? geführter Rundgang durch das Vernichtungslager Birkenau Gespräche mit Uberlebenden Besuch im Archiv und der Kunstsammlung der Gedenkstätte Besuch in Krakau(u. a. Museum in Schindlers Fabrik) Kosten: 600 Furo(Hug, Unterkunft, Verpflegung, Fintritte, Honorare) Ermäßigung bis zu 50 Prozent für Studierende, Schüler und Schü- lerinnen sowie Menschen mit geringem Finkommen Informationen und Anmeldung bei Uwe Hartwig, Iel.(06002) 938033, E-Mail: hartwigGlagergemeinschaft-auschwitz. de 25 Jahre Internationale Jugendbegegnungsstätte Die Internationale Jugendbegeg- nungsstätte(I BS) in Oswiecim kann in diesem Jahr auf ihr 25jähriges Bestehen zurückblicken. Die Lagergemeinschaft gratulierte Zum Jubiläum, Vorsit?ender Uwe Hartwig schrieb dem IBS-Leiter Les?Zek S?Zuster: Zum 25. Jahrestag der IBS beglück- wünsche ich Sie, Ihre Kolleginnen und Kollegen und die Gremien der Interna- tionalen Jugendbegegnungsstätte gan?z herzlich. Dass die Jugendbegegnungsstätte in- zwischen ein Vierteljahrhundert erfolg- reich arbeitet, ist Ihr großes Verdienst. Ihnen allen ist es gelungen, Heimstätte und Begleiter zu werden für diejenigen, denen daran liegt, die Erinnerung an die Verbrechen des deutschen Faschismus' wach zu halten, Zu erfahren, was gesche- hen ist, daraus zu lernen und vor allem den Opfern Stimme und Platz im Ge- dãchtnis der Menschen zu geben. Die verschiedenen Gruppen, mit de- nen wir über viele Jahre Gast in der Ju- gendbegegnungsstätte waren, haben uns immer wieder einhellig versichert, wie wertvoll es ist, während der Studien- fahrten nach Auschwit? Gast in der Ju— gendbegegnungsstätte zu sein. Wir wünschen von ganzem Herzen, dass auch in den kommenden 25 Jahren die Internationale Jugendbegegnungs- stätte ihre erfolgreiche Arbeit wird fort- setZen können. Mit Ihren pädagogischen Program- men haben Sie den Weg gefunden und anderen gewiesen, wie aus der dunklen Vergangenheit Hoffnungen für eine hu- mane Zukunft geschöpft werden kön- nen- gegen Völkermord, Rassismus und Antisemitismus. Für Ihre weitere Arbeit die allerbesten Wünsche und großen Dank für Ihre großartige Arbeit. Mehr Informationen zur Begeg- nungsstätte im Internet unter www. mdsm. pl(deutschsprachig). 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Ein Leben unter fünf Namen Miriam Magall setzt ihren Eltern und ihrer Tante Rachel Grabsteine Pine Woche lang war die in Berlin lebende Miriam Magall im November auf Pinla- dung der Lagergemeinschaft Alschwitz- Hrelundeskreis der Auschwilzer sowie der mnst Chambré-Stiftung zu Besuch in Hessen. An sechs Schulen des Wetteraukreises Sowie bei einem Ireffen in Lich im Kulturzentrum Bezalel-Synagoge mit Jugend- lichen aus drei weiteren Schulen aus Wetzlar, Herborn und Lich berichtete sie über ihr Leben als verstecktes jũdisches Kind. Sie las dabei aus dem von ihr selbst als„halb- autobiografisch“ bezeichneten Roman„Mas Brot der Armt“ und erlãuterte aber auch immer wieder davon abschweifend Bpisoden, die dort nicht schriftlich festge- halten sind. Neben den Ireffen mit den Schülerinnen und Schülern war Miriam Magall Zudem Referentin bei Zwei õffentlichen Abendveranstaltungen: Am 9. No- vember in Butzbach im Museum der Stadt bei der Gedenkfeier anlässlich des Jah- restages der Reichspogromnacht von 1938 und einen Tag spãter in Ortenberg beim Kulturkreis Altes Rathaus Ortenberg., Mit der Pogromnacht vor 75 Mahren fand das Ziel der deutschen Fuschisten veinen unmiss verstndlich Sichthuren Ausdruck. Pie rest- lose Nrmordung der Juden. Der Prozess der Entrechtung wur Schon weil forigeschril- en nd wlirde nun verschrft und beschleunigt.“Mit diesen Worten leitete IGA-Vor- sit?ender Uwe Hartwig die Veranstaltung ein., Ichk erzdhle nun von der Horetzung dieses historischen Patums“, knüpfte die 1042 geborene Miriam Magall an. Miriam Magall, Rachel Kochawi, Keren Kowalski, Kriemhild Stach. Es ist ein Leben, das unter vier Namen geführt wurde bzw. wird. Bigentlich sind es fünf Namen, denn Kriemhild Stach steht in dem Buch, Pas Brot der Armit“ nur stellvertretend für einen anderen Namen, den die Autorin nie- mals mehr in den Mund nehmen oder lesen möchte. Miriam Magall ist der dritte ihrer Namen. Es ist ihr erster selbst gewähl- ter. Sie entschied sich in den 1960er Jahren dafür, als sie nach Israel ein- wanderte. Es sollte ein võlliger Neube-⸗ ginn ihres Kebens sein, deshalb machte sie von dem Recht des jüdischen Staa- tes Gebrauch, sich einen neuen Namen zu wählen. Und so steht Miriam Magall auch ganz offiziell in ihrem Pass. Geboren wurde sie 1942 in einem einsam gelegenen Jagdhaus eines deutschen Junkers an der Grenze zwi- schen Ostpreußen und Polen. Ihre El- tern, Zelda und Gabriel Kowalski, ga- ben ihr den Namen Keren und trugen ihn auf Hebräisch auf ihrer Hochzeits- urkunde ein. Zelda Kowalski starb we- nige Stunden nach der Geburt ihrer Tochter. Ihr Mann Dr. Gabriel Kowalski und seine Schwester Rachel konnten, obwohl er Arzt war und sie Krankenschwester, die Blutungen der jungen Mutter nicht stoppen. Das Ver- Steck wurde kur? darauf von deut-— Schen Soldaten entdeckt. Zuvor hatte Rachel Kowalski ihren Bruder über- zeugt, die kleine Keren dem vormali- gen Dienstmädchen der Familie zu übergeben. Diese junge Frau hatte den Kowalskis auf deren Bitte hin das Jagdhaus als Versteck empfohlen. Als Miriam Magall nach einer Rei- he von Sachbüchern anfing, literarische Werke zu schreiben, unter anderem den stark autobiografisch geprägten Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 Roman„Das Brot der Armut“, wählte sie als ihren vierten Namen das Pseu- donym Rachel Kochawi. Sie ehrt damit ihre Tante, deren Initiative sie ihr Leben verdankt. Der Name Kochawi ist eine hebräische Form von Kowalski, denn beide haben die gleichen Vokale und die gleiche Anzahl von Silben. Ihren zweiten Namen, den Miriam Magall in den Jahren trug, in denen sie heranwuchs und den sie damals für ihren ursprünglichen hielt, will sie nicht mehr in den Mund nehmen.„Er war ähnlich teutonisch wie der Name Kriemhild“, ist alles, was sie während ihrer Lesungen verriet. Kriemhild Stach ist der Name, den sie in dem „Brot der Aymuit“ für sich wählte. Der wahre Namen des ehemaligen Dienst- mädchens, das Miriam alias Kriemhild in ihrer Jugendzeit als ihre Mutter an- Sah, ist in dem Buch ersetzt durch Ella Stach. Die Wahrheit über ihre wahre Identität erfuhr Kriemhild òMiriam in der Nacht, als sie Ella verließ, um in Genf als Au-Pair zu arbeiten und Fran- Zösisch zu lernen. Da übergab ihr Ela auch die Heiratsurkunde ihrer tatsäch- lichen Eltern mit der Ergänzung von der Geburt im ostpreußischen Jagd-— haus. Dabei erfuhr sie auch von der Er- mordung ihrers Vaters und ihrer Tante durch deutsche Soldaten, die Rachel zuvor noch vergewaltigt hatten. Die Tä- ter hatten sich ihrer„Heldentaten“ bei Pllas Eltern selbst gerühmt. „Lichtstrahl“ im Keller Zunächst hat Hlla das ihr anvertraute Kind nicht als ihr eigenes ausgegeben. Sie versteckte es vor der Umwelt mit Zustimmung ihre Hltern im Keller des Hauses. Drei Jahre lang sah Keren das Tageslicht nur durch das Kellerfenster einer grausame Ironie, denn ihr Miriam Magall bei der Lesung in Butzbach Name leitet sich von„Keren Or“ ab, der hebräischen Bezeichnung für das deutsche„Lichtstrahl“. Gegen Ende des Krieges floh Ella mit dem Kind in Richtung Westen. Sie hatte die Adresse eines Wehrmachtsoldaten, mit dem sie einst angebändelt hatte und der inzwi- Schen„für Führer und Vaterland“ ge- fallen war. Dort in einem Städtchen im Har? angekommen, gab sie Keren als ihr eigenes Kind aus. Nach Streit mit der„Schwägerin“ floh Ella mit Kriem- hild weiter in die von den Westalliier- ten besetzte Zone, wo sie sich weiter- hin als Witwe von Siegfried Stach aus- gab. In einer Kleinstadt im Harz ging sie mit einem Mann eine sogenannte „Onkel-Ehe“ ein. So wurden damals die Bezichungen von„Kriegerwitwen“ genannt, die nicht wieder heirateten, um ihre Rente weiter erhalten zu kön- nen. Als Kriemhild lebte Miriam somit zusammen mit Ella, Onkel Heini und deren Kind, das Ella bald zur Welt brachte, in einem Flüchtlingslager, in 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer dem während des Krieges Zwangsar- beiter untergebracht waren. Auf der Suche nach der Identität Die nächtlichen Stunden, als Ella die wahre Geschichte von Miriam enthüll- te, waren die letzten, in denen die Bei- den sich sahen und sprachen. Noch als Miriam in Genf war, starb Ella überra- Schend. Miriam ging nach England, um Englisch zu lernen, und suchte den Kontakt zu einer jüdi— schen Familie und der jü- dischen Gemeinde. Nach einer Zwischenstation in Saarbrücken wanderte sie nach Israel aus, arbeitet Sseitdem als Ubersetzerin und Konferenzdolmet- scherin. 1988 kehrte sie mit ihrem Sohn nach Rachel Kochamwi 5 , Das Brnt der Armut das ihr anvertraute Kind bestimmt wa- ren, behalten und somit gestohlen hat, ist ein Grund für Miriams Entschei- dung. Schwerer wiegt, dass Ella nach Kriegsende nicht ihr Versprechen gehalten hat, das Kind an jüdische Or- ganisationen zu geben, obwohl diese Emissäre ins Nachkriegsdeutschland geschickt haben, um überlebende Juden zu suchen. Miriam wirft Ella zudem vor, dass sie nie eine weiterführen- de Schule besuchen durf- te, Obwohl die Lehrer dies empfahlen und sich Mi- riam dies sehnlichst ge— wünscht hatte. Noch schwerer wiegt, dass Flla das Kind in den ersten drei Jahren vor der Umwelt im dunklen Kel- ler versteckt hielt. Schließ- Die Geschichte eines vorsteckten Deutschland zurück. Bis zum Jahr 2005 hat sie über ihr Schicksal als verstecktes jüdisches Kind nie gesprochen. Dann übersetzte sie für das Museum des Holocaustdenkmals in Berlin Doku— mente aus Polen, darunter auch solche aus der Stadt, aus der ihre Großeltern Stammten. Da fing sie an, ihrem Sohn alles zu erzählen. Der animierte sie schlieBlich dazu es aufzuschreiben. S0 entstand„Das Byot der Armuit“. Miriam Magall hat ihre Zichmutter, die sie im Buch Ella Stach geb. Schwin- tek nennt, nicht in der israelischen Ge- denkstätte Vad Vaschem eintragen las- sen als eine der„Gerechten unter den Võlkern“, die jüdischen Menschen vor dem Holocaust gerettet haben. Dass sich Flla für die Rettung von Keren Miriam von deren Eltern hat be- zahlen lassen und dass sie darũber hin- aus auch die Wertgegenstände, die für füdischen Kinds Verlag Edition M lich kam noch hinzu, dass EFlla nicht einschritt, als „Onkel“ Heini Miriam mehrfach miss- handelte und vergewaltigte. Dass Miriam Magall alias Rachel Kochawi mit der Geschichte ihres Lebens bei Lesungen auftritt und für das Buch wirbt, das sicht sie als die Er- richtung eines symbolischen Grabstei- nes für ihre Eltern Zelda und Gabriel Kowalski sowie ihre Tante Rachel. Ihre Lesungen in der Wetterau und im Land- kreis GieBen bilden somit weitere Mo- Saiksteine in diesem Grabstein. Hans Hirschmann Rachel Kochawi: Das Brot der Armut. Die Geschichte eines versteckten jüdi- schen Kindes. Lich/Hessen: Verlag Pdition W 2010. 333 Seiten. ISBN: 9783-86841-034-1. 18 Furo.(Im glei- chen Verlag sind weitere Bücher von Rachel Kochawi erschienen.) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 Das Häkchen auf der Transportliste Die Spurensuche des Fran? Grossmann Hinter den Namen von Gertrud Grossmann war ein Häkchen gesetzt. Damit war für ihren Enkel Fran? Grossmann traurige Gewissheit geworden, was bis dahin lediglich eine sehr wahrscheinliche Vermutung war: Seine Großmutter ist in Auschwit? ermordet worden. Bis dahin wusste der 75 jährige Friedrichsdorfer nur mit Bestimmtheit, dass Oma Gertrud und ihre Schwester Erna mit einem Transport aus Berlin im Sommer 1943 in Richtung Osten deportiert wurden und als verschollen galten. Die Häkchen hinter den Namen auf der Transportliste bedeuten, dass diese Personen in Auschwitz angekommen waren. Dies erläuter- te KTystyna Lesniak, die im heutigen Museum Auschwitz das Archiv leitet. Aufgrund der engen Beziehungen der Lagergemeinschaft Auschwitz relundesKreis der Alschwitzer(LOA) zur Museumsleitung können die Teil- nehmer von Studienfahrten sich auch in Abteilungen wie dem Archiv oder der Kunstsammlung umsehen, die für normale Besucher nicht ohne weiteres zugänglich sind. Franz Grossmann war im Frühjahr dieses Jahres mit ei— ner Gruppe bei einer Studienfahrt der TCA in Polen unterwegs, um den Ort zu sehen, an dem ein Teil seiner Fami- lie den Tod fand und an dem sein Gertrud Grossmann(irka 1934) in ihrer Woh- nung in der Berliner Fasanenstraße Vater Fran? Helmut Grossmann meh- rere Jahre inhaftiert war. Der Deportationszug mit Gertrud Grossmann und weiteren 296 Perso- nen kam am 29. Juni 1943 in Auschwitz an, wie die im Archiv befindliche Transportliste belegt. Gertrud Gross- mann wäre am 22. November des glei- chen Jahres 70 Jahre alt geworden. Aufgrund ihres Alters ist die Wahr- Scheinlichkeit groß, dass sie zu den 87 Personen gehörte, die gleich nach der Ankunft in den Gaskammern von Bir- kenau„Sonderbehandelt“, Sprich„ver- nichtet“ wurden. Die erste Selek- tion dieses„39. Osttransportes“ aus Berlin nach Auschwitz über- standen 93 Frauen und 117 Män- ner. Allerdings fehlen für die Mehrzahl von ihnen Unterlagen, wie die Archivleiterin der Studi- engruppe berichtete. Finige Monate vor Gertrud Grossmann, genau am 8. März 1943, war bereits ihr Sohn Franz Helmut in Auschwitz angekom- men. In den Archiv-Unterlagen von Auschwit? sowie auch in an- deren Gedenkbüchern galt er bei Ende des Krieges als in Maut- 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer hausen verschollen. Aber er hat die Odyssee durch mehrere Konzentra- tionslager überlebt und konnte nach 1945 zu seiner Familie zurückkehren, wie Fran? Grossmann richtigstellen konnte. Al- lerdings starb der Vater be- reits 1953 im Alter von nur 48 Jahren an einem Herz- infarkt, der als Spätfolge der KZ-Haft anerkannt wurde. Bis zu seinem Tod Franz Helmut Gross- war er hoch mann(Anfang der h 1950er Jahre) angese. ener Chefchirurg und ãrztlicher Direktor des Kreiskran- kenhauses Obertaunus in Bad Hom- burg. Am Todestag des Vaters erfuhr sein damals 17 Jahre alter Sohn Franz, der drittälteste seiner sechs Kinder, dass sein Vater, den er nur als sehr frommen Katholiken kannte, jüdi- scher Abstammung war. Später erin- nerte sich der 1936 geborene Junior an ein Erlebnis aus seinem ersten Schuljahr, das ihm nachträglich als ein Hinweis auf die Abstammung seines Vaters erschien. Er besuchte im Jahr 1942 die erste Klasse der Dahlmann- Schule und wohnte mit den Eltern und Geschwistern in Frankfurt am Main im Ostend in einer Dienstwoh- nung des Rothschild-Hospitals, dessen Leiter sein Vater war. Eines Tages er- schreckte der junge Franz seine Mut- ter mit der Frage, ob es wahr sei, was die Mitschüler sagten, dass sein Vater mit vollständigem Vornamen„Franz Helmut Israel“ heiße. Die Mutter tat dies etwas unwirsch als Unsinn ab. 1943 musste Franz jedoch erleben, dass sein Vater von der Gestapo ver- haftet und nach Auschwitz geschickt wurde. Die Mutter strengte beim Reichssippenamt in Berlin ein Verfah- ren an, das beweisen sollte, dass ihr Mann nicht der biologische Sohn von jüdischen Eltern sei. Ein verzweifelter und aberwitziger Versuch, ihren Mann zu retten. Zwar wurde im August 1944 ihr Antrag abschlägig beschieden, aber„mein Vater glaubte fest daran, dass ihm das Verfahren das Leben ge- rettet hat, denn er wurde in Auschwitz nicht ins Gas geschickt, sondern mus- ste als Häftlingsarzt arbeiten“, erin- nert sich der heute 75jährige Franz Grossmann. Als Beleg verweist er auf die Briefe aus Auschwitz, in denen sein Vater die Mutter inständig bittet, das Verfahren in Berlin weiterzube- treiben. Aber der Reihe nach: Franz Helmut Grossmann wurde am 23. De- zember 1904 in Berlin geboren. Er wurde Arzt, lernte seine spätere Frau Maria in Gera kennen, wo sie als Röntgen-Assistentin im Krankenhaus arbeitete. Beide wurden 1932 von ei- nem katholischen Geistlichen getraut, der später die junge Familie auch in Frankfurt öfters besuchte, wie sich Fran? junior erinnert. Ebenso erinnert er sich an Besuche bei der Großmutter in Berlin, zu der nach der Konversion des Vaters der Kontakt nicht abgebro- chen war. Großvater Fugen war be- reits 1931 gestorben. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 6 Archivleiterin Krystyna Lesniak und Franz Grossmann im Archiv von Auschwitz Da der Arzt Franz Grossmann zum Katholizismus übergetreten war, meldete er sich auch nicht bei der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt an, als ihm dort die Leitung des Roth- schild-Hospitals angetragen wurde. Als dies die Gestapo feststellte, wur- de er für den 20. Januar 1943 aufs Amt einbestellt. Das war für die nächsten nicht ganz zweieinhalb Jahre das letzte Mal, dass er seine Kinder sah. Er wurde im Polizeinot- gefängnis in der Gutleutstraße inhaf- tiert, verhört und misshandelt. Sein Sohn Franz kann sich erinnern, dass die Mutter von einem ihrer Besuche auch einmal einen blutverschmierten Schlafanzug zum Waschen mit nach Hause brachte. Am 8. März 1943 wurde Franz Helmut Grossmann mit einem Sam- meltransport nach Auschwit? ge- schickt. Laut einem von ihm später Selbst aufgestellten Lebenslauf arbei- tete er bis Zum 21. August im Stamm- lager Auschwit? I als Häftlingsarzt, danach in gleicher Funktion in Mono- wit?(Auschwitz III). Dort hatte die SS die Zwangsarbeiter untergebracht, die sie dem IG-Farben-Konzern für den Bau eines großen Buna-Werkes als Leiharbeiter vermietet hatte. Am 25. Oktober 1944 wurde Franz Gross- mann nach Bintrachthütte, einem Außenlager von Monowitz, versetzt. Von dort wurde er am 30. Januar 1943 ins Konzentrationslager Mauthausen im heutigen Osterreich deportiert. Befreit wurde er am 5. Mai 1945 im Konzentrationslager Gunskirchen. Er hatte Fleckthyphus und wurde bis Mitte Juli in einem amerikanischen Kriegslazarett behandelt. Danach machte er seine Familie ausfindig, die nach der Ausbombung in Frankfurt 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer bei der Familie der Schwägerin in Limburg Unterkunft gefunden hatte, und kehrte zurück. Das Reichssippenamt In Auchwit? war Franz Grossmann Häftling Nummer 107566 und in Mauthausen die Nummer 123861. Das Verfahren zur Klärung seiner Abstammung vor dem Reichssippen- amt, von dem er meinte, dass deshalb seine Verlegung nach Birkenau zur Vergasung immer wieder aufgescho- ben wurde, zog sich bis Mitte 1944 hin. Mit Abstammungsbescheid vom 15. August 1944 stellte das Amt je- doch fest:, Franz Helmlt ſrael Groß— mann(..) ist AMude.“ Franz junior hat den Bescheid sowie Briefe seines Va- ters aus Auschwit? und viele andere Unterlagen nach dem Tod seiner Mutter im Nachlass gefunden. Die abenteuerliche Argumentati- on, dass Franz Helmut Grossmann von arischer Geburt und nicht leib— licher Sohn seiner jüdischen Eltern sei, beruhte vor allem auf der wohl falschen Aussage einer vormaligen Haushälterin. Im Bescheid wird dies wie folgt dargelegt:„Im Abstam- mungsprüfverfahren wird von der deutschhltigen Ehefrau des Priiflings, gestlitzt auf eine eidesstattliche Prldrung der früiheren Wirtschafterin der Hheleute Eugen und Gertrud Sura Grosmann, Frl. Valerie Wirth in Berlin-Reinichendorf- Ust, Ep- Der Mirektor. ———* Kund des Notars Hugo Kelculé 5 von Stradoniß in Berlin-Prie- denau, Nn 97043), vorge- Abstammungsbescheid bracht dub der Priſting nich von veinen gesetzlichen jüdi- Schen Pitern abstamme, son— EVM ¶S 1/ CMVFILEMETV Plern sei. Die Eheleute Oroß— „ rantur uin, 1 mann hdtten ihr etwu im Jahre neboren u rin- orrerer 70 nte dem Siege der Ver Schwiegenheit anvertraut, daß vie das Kind hald nach veiner im Zinne der Ersten Verurinung zum Reichtbürgerpeset? vum Dieter Heucheid ist ein vollzültiger Machwcia uber dic rasslacht MEM haben, well ihnen domqdls 1938 RMRlIV.§. 1111) Kurz vOyrher ein eigenes Kinq Der Lrüfting kurbe zu Berlin- Söhneberz an 23.12.1b0 ½ als sohn der jübiſcen äheteute dugen gestorben WU und Frau Ger- „eann laet. Kpftentp.8. 22. 4. 1860 trud Großmann sich liher des- als Sohh bes Sfſaak robnnn und bar Kofalte reAanh eb. Rin—etiker betr. vi⸗ Sen Jod Schwer aus Sehnsucht eslaubinunz vun Geburten der Juden bein untsgerict.. Ryflobih. 512,/1860—, ael⸗ Berlin- Sobneberg 3.1.1931) nach SMEmM Keinkind hahen ahb Bertrub Sarn geb. eNlh lgeb. Pertin 22.11.1873 trGen Können.* alt Tochter des Siaisnund Senip und er Kartanne.. . aft Laburthrehlner der juri⸗ Tatsächlich war dem Ehe- ſhen Beselnde— 217/1052—) gaboren fttanrsant 1/2956), die u Bertin an 20E. 1895 ble 6he zaſhtsſfen hahen Paar Grossmann 1M Jahr 1901 die dreijährige Tochter gestor- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 ben. Den Söhnen Walter, geboren 1896, und Hans, geboren 1902, war es gelungen, vor Beginn des Krieges aus Deutschland zu emigrieren. Als zwei- tes Argument für die waghalsige Behauptung, ihr Mann sei ein ange- nommenes Kind, hatte Maria Gros- Smann dem Antrag ein Foto von Hans Grossmann beigelegt,„mit dem Min- weis, daß der Priifling ein ganz anderer p vei als sein Bruden der tatichlich von den gesetzlichen jidischen Elern abstamme, und daß es sich um zwei ganz verschiedene Menschen handele, die unmõglich von den gleichen Plern abslammen Könnten“, s0 die Darstel- lung des Amtes in dem abschlägigen Bescheid. Fine von Maria Grossmann bean- tragte„Blutgruppen- bezw. Erb- und rassenkundliche Untersuchung“ wur- de abgelehnt, weil die Vorausset?un- gen fehlten. Das heißt, weil„die maß- gebenden Personen(insbesondere die angeblichen und die auszuschließen- den Pllerm des Priiflings- die Mutter ist nach dem Ooten ausgesiedelt)“* nicht für eine Untersuchung greifbar waren.„Berechtigte Zweifel an der ge- vetzmäßigen volljidischen Abstam- mlng des Priiflings hestehen nicht. So— nach eygiht sich die ohen fesigestellte russische Einordnung des Priiflings als Jude“, verfügt abschließend ein Dr. Kurt Maher in dem mit Stempel des Reichssippenamtes und der Unter- schrift einer Kanzleiangestellten be- glaubigten„Abstammungsbescheid“. Im Archiv in Auschwitz wurde Franz Gross- mann die Echtheit von drei Doku- menten mit dem Namen seines Vaters bestätigt, von denen er be- reits Kopien besaß: ein Röntgen- bucheintrag (ohne Be- fund), eine Noti? aus dem Häftlingskrankenbau in Monowitz und der Nachweis seiner Verlegung am 21. Oktober 1944 nach Fintrachthütte. Zudem hat der ehe- malige polnische KZHäftling Antoni Makowski in seiner 1972 in Krakau erstellten Dissertation mehrfach Dr. Franz Grossmann erwähnt. Die Dok- torarbeit erschien auf Deutsch 1973 in„Hefte von Alschwit? J5“, heraus- gegeben vom Staatlichen Museum Auschwitz unter dem Titel, Qrganisa- tion, Entwicklung und Tätigkeit des Viftlings-Krankenbaus in Monowilz (K Auschwitz II)“. Franz Grossmann hat auch Kon- takt zu Angehörigen seiner beiden in die USA ausgewanderten Onkel Wal- ter und Hans Siegesmund. Er tauscht die Ergebnisse seiner Nachforschun- gen über die Familie vor allem mit ei- ner Kusine aus, die an der Columbia- Universität als Historikerin arbeitet. Hans Hirschmann Fran? Helmut Gross- mann(um 1933/34) *„ausgesiedelt“ ist die euphemistische Bezeichnung der Nazi-Behörden für die Deportationen in die Vernichtungslager 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Jeder konnte es wissen Zur Edition von Friedrich Kellners Tagebüchern(1939 1943) Pin Herausgeberteam der Arheits- velle Holocuustliteratur an der Univer- sität Gießen edierte die Tagebücher (1930— 1945) des kleinen Gerichtsbe- amten Friedrich Kellner. Sie sind im Wallstein-Verlag unter dem Jitel„ Ver- nehelt, verdunkelt Sind alle Hirne“ er- Schienen. Sie wurden in s0 gut wie allen großen deutschsprachigen Zeitungen und Wochenmagazi- nen gerühmt. Kellner wird als„außerge- wöhnlicher Chronist“ gewürdigt, seine No- ti?en als„beachtliche Hinterlassenschaft“ (Siiddeusche Zeit ung), als„grandios“ (Der Spiegel) und „Jahrhundert-Doku— ment“(Die Zeic). „Die großartig edier- ten Bände(.. gehören in jede deut- Sche Bihliothel und mõglichst jede Bicherwund- nehen die ngeblicher von Klemperer“, apelliert Plke Schmitter im Spiegel. Auch in an- deren Besprechungen werden Kellners Pintragungen mit den Tagebüchern von Victor Klemperer verglichen. Kellners festgehaltene Beobachtun- gen Zeigen, wie viel der Normalbürger von den Verbrechen des damaligen deutschen Staates hätte mitbekommen können, wenn er dies denn gewollt hät- te. In einem Interview der Zeit sagte der Historiker Peter Longerich:„Kell- ners Jagehücher hestätigen, dass vehr viel mehr Informationen üher die Ver- hrechen verfighar wuren, als man lange Zeit angenommen haue Wobei man ln- FRIEDRICH KELLNER „Nernebelt, verdunlkelt sind alle Hirne“ terscheiden mliss ⁊wischen hloßer Infort mdtion lind utchlichem Wissen. Wis- ven vetzt vbrus, dass man sich Pinge in einem inter Umstdnden miihsumen Pro- Zess hewlsst machl. Kellner las zuum Bei- Piel Propagundameldungen gegen den Strich, indem er dliere Vageszeitungshe- richte heranzog oder auch Programm- Sœhriften wie Hitlers Mein Kampf“.“ Auf die Frage was andere Menschen da- von abhielt es Kellner gleich zu tun, antwor- tete Longerich:„ Un- ter anderem eine Art Psychischer Selhst- hlockade. Kellner glauhte, dass Hitler nur durch eine mi- ſitũrische Niederlage heseitigt werden Kön- ne. Hir die meisten Deltschen wur diese Votelluung wegen der damit verbundenen Schrecken Schwer zu akzeptieren. Viel einfacher war es, üher die Verbrechen hin wegzsehen.“ Hans Hirschmann Friedrich Kellner:„Vernebelt, verdun- kelt vind alle Hirne.“ Iagebücher 1939 1945. Herausgegeben von Sascha Feuchert, Robert Martin Scott Kellner, Prwin Leibfried, Jörg Riecke, Markus Roth. Wallstein-Verlag, Göttingen 2011. Zwei Bände, 1200 Seiten, 59,00 Euro. Die Fdition wurde von der Lager- gemeinschaft Auschwit?- Freundes- kreis der Auschwitzer mit einem Druckkostenzuschuss gefördert. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 Markus Roth ist einer der Herausgeber von Friedrich Kellners Tagebüchern. Die Erstverõffentlichung des folgenden Beitrages erschien am 22. Juni 2011 in der Wochenzeitung Die Zeit. „Vernebelt sind alle Hirne“ Ein unbestechlicher Chronist einer gnadenlosen Zeit Von Markus Roth Laubach, Oberhessen, Anfang Sep- tember 1939. In seiner Dienstwohnung im Amtsgericht der kleinen Stadt bei Gießen beginnt der Justi?inspektor Friedrich Kellner damit, ein Tagebuch — anzulegen. „PE i1 Meule S0“, schreibt er,„daß das Lehen liber- haupt nicht mehr lebens⸗ e i Pin drangalier- tes, geqltes, eingeschich- terles, heraus nfreies VoMk vol sich für einen Vyrannen totschießen lassen. Tert ror ohnegleichen! Die Bonzen als SPit- Zel. Der anstndige Peltsche hat Kaum mehr den Mut, üherhaupt zu denken, geschweige denn etwas zu Sprechen.“ Wovor SoZialdemokraten wie Kellner in den let?zten Jahren der Weimarer Republik immer gewarnt hatten, das war nun eingetreten- mit dem Uber- fall auf Polen brach das NS-Regime einen Krieg vom Zaun, der Millionen Menschen das Leben kosten sollte. Friedrich Kellners an die 900 Seiten zählendes Tagebuch aus den Jahren 1939 bis 1945 gehört zu den großen historischen Dokumenten des 20. Jahr- hunderts, von Stil und Anlage her Friedrich Kellner im Jahr 1934. Foto: R. S. Kellner allenfalls vergleichbar mit den Auf— zeichnungen des Celler Ingenieurs Karl Dürkefälden. Erst jetzt wird es, nachdem es lange in Familienbesit? ge⸗ blieben war, endlich veröffentlicht. Kein unmittelbar Verfolgter spricht hier, wie etwa Victor Klemperer in sei- nem berühmten Journal, sondern ein deutscher Normalbürger, ein stiller, aber kritischer Beobachter tief in der Provinz. Sein Tagebuch wirft erneut die Frage auf: Was konnte der Einzelne während der NS-Zeit wissen? Was las er in der Zeitung, hörte er im Radio (ohne heimlich den„Feindsendern“ zu lauschen)? Was war von den großen Verbrechen in Erfahrung zu bringen, wenn ihm jeder Zugang zu den inter- nen Kreisen des Regimes fehlte? Im Unterschied zu Klemperer war Kellner auch kein Intellektueller aus großbürgerlichem Haus. Geboren wur- de er 1885 in Vaihingen an der Enz, in der Nãhe von Stuttgart. Sein Vater ar- beitete als Bäcker, seine Mutter als Dienstmädchen. 1889 zogen die Kell- ners nach Mainz, wo Friedrich Volks- und Oberrealschule besuchte. 1903 be- gann er seine Ausbildung als Gerichts- Schreiber in Mainz. Nach dem obliga- torischen Vorbereitungsdienst von drei Jahren und der einjährigen Militärzeit fand er Anstellung am Mainzer Ge- richt. Hier arbeitete er bis 1932, zwi- Schenzeitlich befördert zum Justi?— inspektor. Ob bereits sein Vater Sym- pathien für die Arbeiterbewegung ge- hegt hatte, ist nicht bekannt, Friedrich 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer die Bereinigung Südoſteuropas von Zuden oMl⸗ 2 In der„Berliner Börſen⸗Zeitung“ Nr. 424 vom 8. 9. 1942 wird Bbet die planmäßige Entjudung Südoſteuropas folgendes 7 erichtet:,„ Vor fünf Jahren noch hätte es jedermann für unmöglich e gehalten, daß die Judendämmerung in eteſt e ſo raſch kommen könnte, wie es tatſächlich geſchehen iſt. Alle Staaten 5 v entlang der Donau haben nach dem Beiſpiel Großdeutſchlands begonnen, das paraſitäre Daſein der Juden einzudämmen, den 7 2. iſchen Einfluß auszuſchalten und die Juden gus de en 7. jüd— b Die Slowakei beſchrit als erſter, — — * Staat nach Froßdeutſchland zielſtrebig den Weg zur vollſtändigen Entjudung. Schrittweiſe drängte ſie ſeit 1939 iet— hinaus und begann im Frühjahr 1942 mit der Ausſiedlung der 2 Juden. Von 89 000 Inden wurden 65 000 in Transporten. ab⸗ ₰ 5 eſchoben, 6000 ſind nach unhãñ ſöflüchtẽt ſd 10 wäarten M⸗ dũf Sen Abtransport. Ungarn, das beſonders von Juden ge⸗ plagt iſt und allein 800 000 Konfeſſionsjuden zählt ungeachtet der Täuflinge iſiege hat einen komplizierten Weg zur allmählichen Ausſcheidung der Juden angetreten und bereits wertvolle Ergebniſſe erzielt. Die große Zahl und die tief⸗— greifende Einniſtung der Juden in alle Lebensgebiete macht die— Arbeit in Ungarn beſonders ſchwer, aber auch dringend. Das E Kulturleben iſt bereits weitgehend, im Bereich des Theaters, Films und Schrifttums vollſtändig entjudet. Krvatien hat ſeine annähernd 60 000 Juden aus dem nationalen Leben völlig aus⸗ geſchaltet und ſie zu nützlichen Arbeiten auf der Adriainſel Pag Mx und bei verſchiedenen Meliorationsarbeiten einaelet Serbien 2 und das Banat ſind judenrein und die erſten Landſchaften in Si⸗ Südoſteuropa, in denen es keinen Inden mehr giht. Bulgarien hat energiſch alle Einflußmöglichkeiten der etwa 80 000 Juden auf das bulgariſche Leben unterbunden und die Juden ſtreng 1. abgeſondert; ihre Kennzeichnung mit dem Judenſtern wird vor⸗ bereitet. Rumänien, das vor zwei Jahren noch faſt ebenſo viele. Inden beherbergte wie Ungarn, zählt ohne Transniſtrien, Beſſarabien und Buchenland heute noch 272 000 Inden, außer⸗— dem im Buchenland 16 000, während Beſſarabien judenrein iſt. Etwa 112 000 Juden befinden ſich in Lagern in Transniſtrien. Faz ein Drittel der Juden, 98 000, lebt in Bukareſt. Die Aus⸗. „- ſiedlung wird vorbereitet. Dieſer knappe überblick in einem i ind zeigt den bedeutſamen Fortſchritt: E Ei oatien in Serbie S S * 20 Diesen Ausschnitt aus dem Fachperiodikum„Deutsche Justiz, Nr. 38, 1942“ klebte Friedrich Kellner am 28. September 1942 in sein Tagebuch. Er notierte dazu am Rand: „Die Sogenannte Berein igung“ Furopas von Juden wird ein dunkles Kapitel in der Menschheitsgeschichte hleihen. Wenn wir in Nuropu vsoweit vind, daß wir Menschen einfach heseitigen, dunn ist Furopa rettungslos verloren. Heute vind es die Juden, morgen ist es ein anderer Schwacher VolMs- Summ, der ausgeròottet wird. Die Nazis vugen, die Juden hahen sich eingenistetꝰ Sind die Deutschen nicht gerade im Begriffe im Osten sich einen Ostruum zu schaffen und dort einzun isten*?“(aus Band der edierten Jagebiichen§. 374) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 jedenfalls schloss sich bald nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, in dem er brav gedient hatte, der SPD an und en- gagierte sich aktiv für sie. Wenige Tage vor dem Machtantritt Hitlers versetꝰte ihn das Justi?ministeri- um nach Laubach im Kreis Schotten. Friedrich Kellner und seine Frau Pau- line Zogen in die Kleinstadt, wo die NSDAPschon in den Reichstagswahlen im Juli 1932 mehr als 70 Prozent der Stimmen bekommen hatte. Doch wuss- te man hier nichts von Kellners EFinsat? für die SPD oder veranschlagte ihn ge- ring, sodass er die nach 1933 rasch ein- set?enden Säuberungen in Verwaltung und Justi? unbeschadet überstand. Dass der neue Bürger der Stadt offenkundig kein gühender Anhänger der„Bewegung“ war, merkten seine Vorgeset?ten und die Parteigewaltigen in der Provinz freilich rasch, widersetzte sich Kellner doch beharrlich dem Drän- gen, in die Partei ein?zutreten. Lediglich dem wiederholten Druck, endlich der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) beizutreten, da, wie man ihm im Juli 1935 schrieb,„es nach Mnseren Prfahrungen helite Keinen Beamten, ins- hesondere Keinen Mittleren Beamten mehr gehen dirfte, der nicht der NV als Miglied angehört“, gab er schließ- lich nach, ohne sich jedoch jemals in ir- gendeiner Form zu engagieren. Obwohl sein Lebenslauf dem Hun- derttausender einfacher und mittlerer Beamter glich, die in Scharen in den er- sten Tagen und Wochen nach Hitlers Machtantritt in die NSDAP drängten und seiner Politik zujubelten, wider- stand Kellner den kleinen und großen Versuchungen; die Erfolge auf dem Arbeitsmarkt, in der Sozialpolitik oder in der Außenpolitik blendeten ihn nicht. Diese Haltung ließ er immer wie- der in Gesprãchen durchblicken, sodass den Gewaltigen in Laubach klar wer- den konnte, dass sie es mit einem Regi- megegner zu tun hatten. Sie bekamen ihn jedoch nicht richtig„Zu packen“, wie die Kreisleitung der NSDAP der Laubacher Ortsgruppe 1940 bedau— ernd auf deren Ansinnen mitteilte, Kellner in„Schutzhaft“ nehmen zu las- sen.„Menschen vom Iyp Kellner“ sei- en„viel Zu intelligent“, als dass sie„Sich greifbar schuldig machten“. S0 vertrõ- Stete man denn auf die Zeit nach dem Krieg:„Wenn wir Lelle vom Schlage Kellner fassen wollen, müssen wir vie aus inren Schlupfwinkeln herauslocken ind vchuidig werden lassen. Ein anderer Weg veht zur Zeit nicht offen. Zu einem Vorgehen dhnlich dem seinerzeit gegen die uden ist die Zeit noch nicht reif Pas Kann eyt nach dem Krieg erfolgen.“ Schreiben gegen die Lügen einer heroischen Zeit' Unterdessen machte sich Kellner dar- an, seine Chronik anzulegen: für den seit 1936 in den USA lebenden Sohn, aber auch für die Allgemeinheit.„Der Sinn meiner Niederschrift ist der augenblickliche Stimmungsbilder aus meiner Umgehung festzhalten, damit eine Spätere Zeit nicht in die Vers- chung Kommt ein Lgroßes Geschehen' herals zu Konstruieren(ſeine Meroische Zeit od. dergl).“ Zufällig Gehörtes, Gespräche und vor allem die jedermann zugänglichen Zeitungen waren Kellners Quellen. Er verfügte weder über Binblick in Geheimdokumente, noch konnte er wie die Fxil-SPD für ihre Deutschland- Berichte auf ein Netz von Zuträgern zurückgreifen. Der entscheidende Unterschied zu den meisten anderen „Volksgenossen“ war wohl, dass Kell- 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer ner mit wachem Verstand die NS-Pro- paganda las und nicht an der allgemein verbreiteten Amnesie litt. Im Gegenteil Die jeweils aktuelle Propagandawelle Set?te er in Bezichung zu dem, was oft nur wenige Wochen zuvor berichtet worden war oder was die NS-Funk- tionãre vor Jahren gesagt und geschrie- ben hatten. So konnte, gleichsam als Zeitungsphilologe, ein einfacher Mann ohne höhere Schulbildung den wahren Kern des Regimes erkennen. Stand zunächst die Haltung der Laubacher im Vordergrund, ging es ihm bald schon um das Ganze: die Ver- logenheit der Propaganda und die Verbrechen des NS-Staates. Und im- mer wieder auch um eine zukünftige Abrechnung mit dessen Vordenkern, Vollstreckern und Nutznießern. Ihm ist klar: Es geht um die „Ausrottung der Juden und Polen“ Pin stetig wiederkehrendes Thema ist der Kuftkrieg. Am 1. September 1940 schreibt Kellner dazu:„Wenn in den eeresherichten und in den Zeitungen der Fugwufe tiglich gedacht wird, s0 wird hierdurch der Versuch gemacht, Hindruck hervorzurufen. Unsere Fieger legen nach den Meldungen alles in Schltt und Asche Der Gegner trijft nur freies Held, Hriedhòfe oder Krankenhäu- ven“ Der immer aggressiveren Propa- ganda von den„englischen Luftpira- ten“ hält er Zwei Wochen spãter entge- gen:„Sohald ein Amtsträger oder Pur- teigenosse einem Hiegerangriff zum Oper faill, wird in den purteiamtichen Vodesanzeigen von englischen Luft— piraten' und ſeigen Bombhenangriſfen hritischer Nachtpiraten' gesprochen. Pas mag vielleicht auf den einen oder anderen harmlosen Peutschen noch ei— nen gewissen Hindruck machen, es wird aher wohl außerhalb der Grenzen des deuschen Keiches Kaum einen halbwegs verniinſtigen Menschen geben, der el zwischen einem Bombenangriſf auf London und einem solchen auf deut- vche Stidte einen Unterschied heruusſn- den Könnte. Es it albo einfũltig, auch nur ein Wort des Unmlutes liher die An- griſfe zu Sugen. Winscht man Keinen Wiegerangrifß dann darf man Keinen Krieg machen. Wer hat üihbrigens die Bewohner Polens mit Hugzeugen ange- griſfen?? Waren diese Hieger auch Pira- ten? Oder in Holland(Rotterdam)?“ Selbst als die Bombardements spã- ter Zunehmen und seine eigene Ver- wandtschaft in Mainz betroffen ist, hält Kellner an seiner Uberzeugung fest. Er verspottet all diejenigen, die über„Jer- rorangriffe“ lamentieren, aber vorher über die deutschen Luftschläge gegen die englischen Städte frohlockt haben. Methodisch raffiniert und erfinde- risch, mit einem feinen Gespür für die Sprache bedient sich Kellner un— scheinbarer Dinge bei seiner Analyse der Kriegswirklichkeit im Alltag und der Finstellung seiner Mitmenschen. PEr liest aufmerksam die Todesanzei- gen in der regionalen und überregio- nalen Presse und zicht daraus seine Schluss-folgerungen. Im Sommer 1941 Stellt er bei der Lektüre der Frauerfor- meln ein„buntes Gemisch“ in der „Geistesverfassung der Hinterbliebe- nen“ fest. Angewidert listet er die Wendungen auf:„Für veinen geliehten Hiihrer“,„Fir Sein telures Vaterland uu. den festen Olauben an den Sieg Meutschlands“ und sogar„Im Kampf gegen den Bolschewismis u. das Unter- menschentum“. Dass viele aus dem Tod der Hinterbliebenen„noch ein politisches Geschäft“ machen wollen, sagt ihm viel über die Geisteshaltung Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer ——„ Zu den deulschen Absstzbewagun- Fon aen der Ontfrrüt schreibt die führende portugiesische Zeitschrift„Accao“, es scheine sich um oin großartiges Manöver zu handein, dah trolz cer grohen Schwierigkeiten mit Mel- sterschalt durchgeführt wurce.„Ein Heer, das elne solche Operstion durchführen kann, ist auch jedstxvit in der Lage, zur Ofiensive über- zugehen. Die Initiative scheine in den Häncen des Auswelthenden und nicht in den anden des Vordringenden zu liegen. 1„„ . 5 „— Diesen Ausschnitt aus dem Völkischen Beobachter kommentiert Kellner wie folgt: „Oleiche Briden gleiche Kappen! Das portugiesische Nazischreiberlein muß natürlich getreu den gegebenen Richtinien- aus dem deutschen Rüchzug einen grandiosen deut- Schen Sieg machen. Was hdtten die Nazis für ein Geschrei erhohen, wenn jemand im Jah- re I94A hehauuptet hahen würde, hei den russischen Rückzuge his vor Moskau, da vei die Initiutive in den Hdnden der Kussen gewesen. Es ist immer dusselhe Bild. die tõrichsten Auslassungen werden gedruckt, wenn sie nur den Schimmer einer Hoffnung auf Besserung der Lage durchhlichen lassen.—“ Seiner Zeitgenossen, die wenigen aber, die bereits 1941 auf solche Formeln verzichten, sicht er auch. Dass den maßlos übertriebenen Verlusten der Gegner keine Fahlen der deutschen Verluste gegenüberge- stellt werden, verurteilt er immer wie- der. Schließlich behilft er sich mit ei— ner eigenen Berechnung. Im Oktober 1941 Zzählt er alle im Hamburger Frem- denblatt verõffentlichten Todesanzei- gen zusammen und kommt auf 281. Auf dieser Grundlage rechnet er hoch bei angenommenen 250 Zeitungen mit jeweils fünf Todesanzeigen pro Jag kommt er auf eine Zahl von mindes- tens 30.000 gefallenen deutschen Sol— (aus Band 2 der edierten Jagebüchen S 677) daten in einem Monat, vergisst aber nicht, anzumerken, dass die wahre Tahl noch deutlich höher liegen müs- Se, da es nicht für jeden eine Todesan- zeige gebe. So aufmerksam, wie FKellner während des Krieges die Zeitläufte mithilfe der Presse verfolgte, ist anzu- nehmen, dass er auch in den ersten Jah- ren nach 1933 die Verbrechen des Regi- mes genau beobachtet hatte: die Eta- blierung der Piktatur, die Ausschaltung der politischen Gegner, die Verfolgung und Entrechtung der Juden, die Errich- tung von Konzentrationslagern und vieles mehr. Unstrittig ist, dass hiervon alle Zeitgenossen wussten, wenn auch 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer die Zustände in den KZs nicht im De- tail bekannt waren. Die Massenverbrechen während der Kriegszeit aber, vor allem den Mord an den Behinderten und die Ver- nichtung der europäischen Juden, woll- te das Regime unbedingt geheim hal- ten. Selbst intern bedienten sich die Tä- ter einer Art Geheimsprache. Das machte es vielen Deutschen nach 1945 einfach, pauschal abzustreiten,„davon“ etwas gewusst Zu haben. Die Forschun- gen der let?ten zwei Jahrzehnte indes haben hinreichend gezeigt, dass jeder wissen konnte, der wissen wollte- mit- unter sehr detailliert. Fest steht auch: Die„Volksgemeinschaft“ hatte begrif- fen, dass den Juden„nichts Gutes“ widerfuhr. Friedrich Kellners Tage- bücher nun belegen eindrücklich, was man alles wann und wo in Erfahrung bringen konnte. Auf ganzer Linie gescheitert war der Versuch des Regimes, den Mord an den Behinderten und unheilbar Kranken zu vertuschen. Seit Herbst 1939 töteten Arzte und Pfleger in sechs über das ge⸗ Samte Reichsgebiet verteilten Mord- zentren bis Ende August 1941 minde- Stens 70.000 Menschen in Gaskammern und äscherten ihre Leichen anschlie- Bend ein. Nördlich von Wiesbaden, in der Heil- und Pflegeanstalt Hadamar, wurden innerhalb weniger Monate von DeZember 1940 bis zum Frühjahr 1941 rund 10.000 Patienten umgebracht, was die Menschen der Umgebung sehr bald wussten. Dieses Wissen verbreitete sich über die Region hinaus. Spätestens im Juni 1941 hörte Frie- drich Kellner davon. Am 10. Juni Schreibt er:„In lelzter Zeit mehren sich die Anzeigen liher Vodesfaille in der Heil- nd Pflegeanstalt in Hadamar Es Mat den Anschein, daß unheilbure Pflege- hefohlene in diese Anstalt gebracht wer den. Auch voll eine Anlage zur Eindsche- ning eingehulut worden vein.“ In den fol- genden Wochen erreichen Kellner wei- tere Informationen, die sich schließlich Ende Juli 1941 zur Gewissheit verdich- ten, dass in Hadamar und andernorts Ungeheuerliches vor sich geht:„Pie Heil- nd Pflegeanstalten' sind 2u Mordzentralen geworden. Wie ich erfah- re, halte eine Familie ihren geistig er— Krankten Sohn aus einer derartigen Anstult in inr Haus zurickgehol. Nach einiger Zeit erielt diese Hamilie von der Anslalt eine Nachricht des Inhalts, daß ir Sohn verslorben sei und die Asche ihnen zligestelltꝰ Pas Biro halte verges- ven, den Namen auf der Jodesliste zu treichen. Alf diese Weise ist die beah- vichtigte vordtzliche Tötung ans Jages- licht gelcommen.“ Zur selben Zeit, unmittelbar nach dem Uberfall auf die Sowjetunion, er- reicht die Verfolgung der Juden eine neue Fskalationsstufe. In Polen und den beset?ten sowjetischen Gebieten beginnt der Holocaust- Hunderttau- sende Menschen werden erschossen. Das Wissen von diesen Morden dringt bald schon ins Reich, bis in die Pro— vinz. So auch zu Kellner, der am 28. Oktober 1941 schreibt:„ Ein in Urlauh hefindlicher Soldat herichtet al Augen- zeuge fürchterliche Grausumkeiten in dem heselzten Gehiet in Polen. Er hat gesehen, wie naclte Juden u. Jidinnen, die vor einem langen, tiefen Grahen auſgestellt wurden, auf Befehl der S von Ukruinern in den Hinteropf geschossen wurden u. in den Grahen ſielen. Der Grahen wurde dann zuge- Schaufell. Als den Gräben drangen oft noch Schreie“““ Für Kellner gibt es da nur eins: die konsequente Verfolgung der Täter. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 Auch die breite Masse der Bevölke- rung will er nicht aus der Verantwor- tung entlassen:, Es gibt Keine Strafe, die hart genug wäre, bei diesen Nazi-Bestien angewendet zu werden. Natiirich müs- ven hei der Vergeltung auch wieder die Unchlildigen mitleiden. 90 Prozent der deuschen BevlMerung tragen mittelbar oder unmittelbar die Schuld an den helitigen Zuständen.“ In den folgenden Wochen und Mo- naten verfolgt er das Schicksal der Ju- den, etwa Deportationen aus Frankfurt und Kassel. Was im Herbst und Winter 1941 vielleicht noch eine Ahnung ge- wesen sein mag, ist im Mai 1942 für ihn Schreckliche Gewissheit: Die Maßnah- men und Massaker haben System und zielen auf die vollständige Ermordung der Juden ab. Die verordnete Strei- chung von Lebensmittelzulagen für schwangere Jüdinnen und Polinnen kommentiert er lakonisch:„Das Kann wohl linter das Kapitel Ausrottung der Vuden und Polen' gebracht werden.“ Die Abrechnung mit dem NS-Regime muss gründlich und unerbittlich sein Im September 1942 erfasst der Mord- apparat auch Kellners unmittelbare Umgebung. Aus Laubach werden zwei jüdische Familien deportiert. Seinem Entset?en und Zorn macht Kellner in Seinem Tagebuch Luft:„ In den letzten Vugen vind die Juden unseres Bezirks ahtransportiert woyrden. Von hier wuren es die Familien Stralß u. Heinemann. Von git unterrichteter Seite hörte ich, daß vmtliche Juden nach Polen ge— hracht u. dort von SFormationen er— mordet würden. Diese GruusumKeit ist furchthan Solche Schandtaten werden nie aus dem Buche der Menschheit ge- tilgt werden Können. Unsere Mörderre- gierung hat den Namen Meutschland' fiür alle Zeiten besudelt. Für einen an- tändigen Deuschen ist es unfaß han daß niemand dem Veihen der Hitler- Banditen Finhalt gebietel.“ Solche Verbrechen, das stand für Kellner unverrückbar fest, mussten geahndet werden, die Abrechnung mit dem NS-Regime musste gründlich und unerbittlich sein. Hiervon hatte er eine recht genaue Vorstellung. Wohl nicht zufällig stellte er im Sommer 1941, als ihn die Nachrichten der Massenver- brechen erreichten, einen ersten Kata- log an Maßnahmen dazu auf: Auflö- sung der NSDAP Anklage der NS— Verbrechen, Inhaftierung bezichungs- weise Uberwachung der Parteifunk- tionäre. Außerdem seien Sühnelei- stungen, sei die Wiedergutmachung „Sofort in Angriff zu nehmen“, und die Verwaltungsführung habe auf unbe— Scholtene Bürger überzugehen, vor- nehmlich rückkehrende Emigranten. Immerhin: Für ihn selber erfüllte sich dieser Wunsch. Er wurde nach Jahren der Kaltstellung befördert und bekam sogar eine„Wiedergut- machung“. Fine kurze Zeit lang war er der stellvertretende Bürgermeister von Laubach. 1970 starb Friedrich Kellner-ein ganz normaler Deutscher und unbestechlicher Chronist einer gnadenlosen Zeit. Markus Roth ist Nistoriker stellwer- metender Leiter der Arheitsslelle Holo- causiteratur an der Universitãt Gießen ind wissenschaft- jicher Mitarbeiter des Herder-Instituts in Marbung. 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Neugewählter Vorstand Alexander Wolf tritt Nachfolge von Diethardt Stamm an Uwe Hartwig aus Ober-Mörlen (Wetteraukreis/Hessen) wurde bei der Mitgliederversammlung der Lager- gemeinschaft Auschwit?- Freundes- kreis der Auschwitzer für zwei weitere Jahre in seinem Amt als Vorsit?ender bestätigt. Zum neuen stellvertreten- den Vorsitzenden wurde der Dipolm- Betriebswirt Alexander Wolf aus Wiesbaden gewähit. Er tritt die Nachfolge von Diethardt Stamm(Münzenberg) an, der„ein ge- fühltes halbes Jahrhundert“ zunächst als Beisitzer und ab 1999 als 2. Vorsit- zender amtierte. Stamm kandidierte nicht mehr, da er künftig immer wieder für mehrere Wochen und teilweise auch Monate im Ausland tãtig sein wird und deshalb nur sehr eingeschränkt im Vor- stand mitarbeiten könnte. Er werde aber weiterhin als Ansprechpartner für Vereinsangelegenheiten zur Verfügung stehen, bekräftigte er der Versammlung. Alexander Woff ist seit 1985 Mit- glied des Freundeskreises der Ausch- witꝰer, nachdem er den Vereinsgründer und ehemaligen Auschwit?-Häftling Hermann Reineck(1919— 1995) bei Diethardt Stamm 2007 mit Noach Hug, Vor- sitzender des Internat. Auschwitz-Komitees. Uve Hartwig mit dem Auschwitz-Häftling Joꝛef Paczynski, den Lagerkommandant Hõss als seinen Friseur bestimmte. einer Ausstellung kennengelernt hatte. Komplettiert wird der geschäfts- führenden Vorstand der Lagergemein- Schaft Auschwit?- Freundeskreis der Auschwitzer durch den wiedergewähl- ten Kassierer Matthias Tiessen(Frank- furt /Main). Neu als Beisit?er wurde Neithard Dahlen(Butzbach) gewählt. Wie Diethardt Stamm zählt er zwar nicht zum direkten Kreis der Vereinsgründer, wurde jedoch kurz nach Gründung En- de der 1970er Jahre Mitglied und war in den 1980er Jahren stark engagiert. Nachdem er die letzten Jahren lediglich passives Mitglied war, wird er sich nun wieder stãrker in die Vereinsarbeit ein- bringen. Als Beisit?er bestätigt wurden bei der Versammlung Angelika Berghofer- Sierra(Frankfurt Main), Wolfgang Gehrke(Gedern), Gerhard Herr(Wetz lar), Hans Hirschmann(Bad Vilbel), Martina Hörber(Mühlheim am Main) und Urich Vogel(Neu-Isenburg). Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25 Die ersten zehn Minuten mit Hermann Reineck Unsere neuen Vorstandsmitglieder stellen sich vor A 1 1 Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich an einem kalten aber sonni- gen Januartag im Jahre 1985 in Frankfurt am Main am Karmeliterkloster vor- beigegangen bin und den Hinweis auf eine Musstel- lung mit Fotos und Poku- menten über Auschwitz gelesen habe. Da ich schon viel über den deutschen Faschismus gelesen und mich auch während mei- nes Studiums damit befas- ste, war es für mich klar, die Ausstellung anzusehen. Es dauerte kei- ne Zehn Minuten und ich war Mitglied der Lagergemeinschaft Aussch witz HrendesKreis der Auschwilzer. Offenbar hatte mich jemand beob- achtet, als ich wieder einmal bei meiner Freundin mit all meinem Wissen glän- zen wollte, ihr von Büchern wie Wie- slav Kielars Anus Mundi, Danuta Gechs„Kalendarium“, FEugen Kogons „Der SS-Staat“ usw. usf. erzählte. Da stand er dann hinter mir und hörte mir zu, unser Gründer Hermann Reineck. Er sprach mich an:„Sie wissen aber schon viel über die Geschichte der Konzentrationslager, aber ich glaube, dass Sie von mir noch viel mehr erfah- ren können.“ Es dauerte auch hier nicht lange und Hermann Reineck zog uns in den Bann mit seinen Erzählun- gen über seine schlimmen Erfahrun- gen in Auschwit? als Häftling.„Ach ja“, sagte er dann zwischendurch,„be- Mexander Woff in Krakau im Gespräch mit dem ehemlaigen KZ-Gefangenen Karol Kowalski vor wir es vergessen, hier bitte noch unterschreiben. Wir brauchen infor- mierte junge Leute.“ Das waren die zehn Minuten, die ich in meinem Le- ben nie vergessen werde. Wir blieben dann noch sehr lange in der Ausstel- lung während Hermann einer Gruppe die einzelnen Jafeln und Fxponate er- läuterte. Viele von uns, die ihn noch kennen lernen konnten, werden mir beipflich- ten, welch beeindruckende Persön- lichkeiten er und seine Frau gewesen sind. Sie hielten den anfangs kleinen Kreis von Gleichgesinnten zusam- men, gründeten den Verein und Hießen ihn als gemeinnützig anerkennen. Jetzt, nach vielen Jahren, bin ich Selbst im Vorstand der LGA um das Erbe von beiden weiterzugeben. Da- bei mõchte ich meinen Schwerpunkt auf die Studienfahrten und auf die Gewinnung jüngerer Menschen für 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer die Arbeit in der LCA legen. Intensiv will ich auch Kontakte mit früheren KZ und NS-Häftlingen auf— nehmen und pflegen. Hier ist es mir bei der Studienfahrt im Frühjahr dieses Jahres gelungen einen Zeitzeugen zu gewinnen, mit dem die LOA noch nicht nãhere in Kontakt war. Mit einem weiteren Uberlenden aus dem Ghetto Lod? bin ich ebenfalls in Verbindung. Für die nächste Studienreise im April 2012 können wir jedenfalls einen von beiden schon in der Internationalen Begegnungsstätte in Oswiecim zu sei- nen Erfahrungen in Auschwitz und Sachsenhausen hören. Große Freude bereitete mir auch die Gruppe der Studierenden, die bei der jüngsten Studienfahrt im Herbst mit dabei war und die sich insbeson- ders für das Thema Monowitz/IG- Farben interessiert. Während unserer Studienreise im Oktober 2011 gab es einen regen Austausch und auch ent- sprechende Besichtigungen vor Ort. Ich jedenfalls kann nach Auschwitz nicht mehr ohne Widerstand leben ge- gen Bestrebunen, nach denen endlich ein Schlussstrich zu diesen Verbrechen gegen die Menschheit gezogen werden Soll. Es ist auch die Verantwortung meiner Generation, dass nicht verges- sen wird und dass alles Wissen und Er- fahrene von uns der jüngeren Genera- tion weitgegeben und unsere Brinne- rungskultur wachgehalten und in die Zukunft weitergetragen werden. Alexander Wolf Meine Empfindungen zu Auschwitz Auschwit?- Fin Wort von unge- heur negativer Faszination. Fine Fas- zination des Schreckens, des wechsel- seitigen(nicht) Wissenwollens. Seit meiner Kindheit begleitete mich dieses Gefühl. Das Verstehenwol- len, was steckt dahinter, wie konnte es dazu kommen? Und das Wichtigste: Hätte ich selbst Täter sein können? Die Antworten darauf waren nie zufrieden stellend. 1979 auf einer der ersten Ausstellungen der Lagergemein- Shaft lernte ich Hermann Reineck und Anni Rossmann kennen und trat dem noch sehr jungen Verein bei. In der Fol- ge engagierte ich mich für einige Jahre intensiv für Auschwit? und war fast tãg- lich mit Hermann und Anni zusam- men. So erhielt ich viele Antworten, auch auf noch nicht gestellte Fragen. In den Jahren 1981 und 1982, während des Kriegsrechtes in Polen, organisierten wir Zwei große medizini- sche Hilfstransporte für das Gabriela- Narutowicza-S?Zpital. Dabei lernte ich auch das Konzentrations- und Vernich- tungslager Auschwit? unter der persön- lichen Führung von Hermann, also aus erster Hand, kennen. Ich ließ mich erschüttern.- Zum Beispiel im Steh- bunker. Ein Raum mit einer Grund- fläãche von weniger als einem Quadrat- meter und zum Hineinkrabbeln einer Offnung vom Boden bis zu einer Hõhe von rund 40 Zentimetern. In diesen Strafbunker wurden vier Hãäftlinge hineingezwungen, die nach drei Tagen tot waren. Würde ich das aushalten? Ich krab- belte in den Stehbunker, aber länger als eine Minute ging es nicht. Die persön- liche Erschütterung, das Schreckens- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 ausmaß ungefähr zu erkennen, machte nicht nur betroffen, sondern beantwor- tete mir selbst auch- in der Konse- quen? des Hinterfragens- die Frage, ob ich selbst hätte Täter sein können. TLei- der, leider muss ich das bejahen! Das Auseinanderfallen des östli- chen Machtblocks und die immer noch zukünftig-gewünschte, aber historisch notwendige- enge Freundschaft der Deutschen mit Polen und das allge- meine Interesse der Weltõffentlichkeit am Holocaust, haben eine Entwick- lung beg nstigt, dass die Deutschen mit Auschwit? nun doch mit der gebote- nen Aufmerksamkeit und Rücksicht- nahme und hoffentlich auch in der ge- botenen Würde umgehen werden. Hermann Reineck sagte einmal:„In Auschwitz starben die Besten“. Er meinte damit die Besten von uns Mllen. Die Besten von Deutschland, die Be- Neithard Dahlen, seit Herbst dieses Jahres wieder aktiv in der Vereinsarbeit. sten von Furopa, die Besten der Welt. Es waren also nicht irgendwelche AMN- DEREN, Ssondern es war unsere„Eli- te“ Und wir haben immer noch nicht den eigenen Verlust begriffen. Neithard Dahlen Die Seele der Dinge Eva Fahidis Buch liegt nun auch in deutscher Ubersetzung vor Zum Thema Auschwit? gibt es viel Literatur, Sowohl wissenschaftliche Ab- handlungen als auch Berichte über Ein- zelschicksale. Sie sind immer wieder wichtig, weil sie trot? des Unfassbaren, was einem Menschen widerfahren kann, die Chance bieten, die Abläufe der Mordmaschinerie des Dritten Rei- ches nachzuvollzicehen. Das einzelne Schicksal lässt auch den weniger infor- mierten Lesern und Leserinnen das ver- brecherische System deutlich werden, ohne dass sie mit der Summe der Ver- brechen verständnislos alleine gelassen werden. Auschwitz als Ganzes nachzu- volNichen oder gar im Detail Zu verste⸗ hen, ist fast unmõglich. Deshalb sind die Berichte von Menschen darüber, was sie persõnlich erfahren haben, wichtig für die Nachgeborenen. Pine solche persõnliche Darstellung liegt nun von der Ungarin Eva Pusztai vor, die auf Deutsch unter ihrem Ge- burtsnamen Eva Fahidi und dem Jitel „Die Seele der Dinge“ veröffentlicht wurde. Eva lernten wir bei einer Tagung des Internationalen Auschwit?-Komi- tees kennen. Da sie schon seit ihrer Kindheit sehr gut Deutsch spricht, lu— den wir sie 2008 ein und vermittelten in der Wetterau mehrere Gespräche mit Schulklassen. Des Weiteren sprach sie 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer n 1 1 inn Fva vor dem Eingangsgebäude von Birkenau. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 2002 am 9. November bei einer Gedenkver- anstaltung in But?zbach(Siche Mittei- lungsblatt 22000). Ihr Buch schafft nun erneut Betrof- fenheit und zeigt viele neue Gesichts- punkte. Da geht es nicht um eine An- einanderreihung von Berichten über Gräueltaten, die sind eher„beiläufig“ erwähnt; aber man bekommt einen Pinblick„in die Seele der Dinge“. Die „Dinge“ sind die mit wenig Dramatik dargestellten Erlebnisse. Zum Beispiel auf dem riesigen Appellplat?es in Aus- chwitz, wo man nicht nur„einfach so“ Stundenlang steht, sondern„splitter— nackt“. Und was das bedeutet, Stellt ein ganzer Absat? mit persönlichen Ge- fühlen dar. Der Leser ist schlagartig be- troffen, ein Stück erschlagen und-er versteht etwas. Diese„Kleinigkeiten“ in dem Buch sind es, die den Leser im- mer wieder denken lassen: Was wäre, wenn das mir passiert wãre? Da kommt Fva nach den Naziver- brechen und dem Kriegsende Zzurück in das Haus, in dem sie geboren wurde, und fliegt dort dank der nun kommunisti- Schen Macht raus. Jet?t kommen Nach- barn ins Spiel, die noch Bilder oder Ge- genstände haben, die die ermordeten Angehörigen von Evas Familie zumin- dest berührt haben. Die Beschreibung eines Ssolchen Gegenstandes, seiner Be- deutung und der„Seele“, die er nun hat, lässt mitfühlen, teilhaben und ein Stück wieder verstehen. Deshalb ist das Buch mit der VielZahl solcher Berichte etwas Besonderes und Finmaliges. Hinzu kommt, dass wichtige Statio- nen in Fvas Lebensweg vor, während und nach dem II. Weltkrieg in Ungarn, aber auch in Deutschland, aufgezeigt werden. Als von Auschwitz nach Stadt- allendorf in Nordhessen deportierte Zwangsarbeiterin berichtet sie auch über den Umgang der Deutschen mit „ihrem“ Schicksal in den1900er Jahren, als Fva aufgrund einer Einladung an Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29 den Ort ihrer Peiniger zurück- kehrte. Da kommt die Aufar- beitung der Nazi-Zeit in Deutschland gut weg-sehr im Unterschied Zu der in Ungarn. Fva berichtet von ihrer wunderschönen und unbe- schwerten Jugend, als sie so— wohl in der Stadt als auch in der Puszta lebte. Und dann folgt immer abrupt„S0 etwas“: „In der Morgendémmerung des 7. Muli 7d alf der Kampe . „ k„„— von Alischwilz-Birkenaut wur meine ugend vorhei. Alles wur de mit einer Handbeweglng zunichte ge- macht mit der Handhewegung, durch die Mengele mich auf die eine, meine Flern ind meine Schwester auf die andere Sei- le Schickte.“ Die vielen Brinnerungen an eine Schöne und behütete Kindheit werden immer wieder überlagert von den Taten der Nazis. Wenn sie von ihrem„Leben vor Auschwitz“ berichtet, erfährt man viele Details aus der Familiegeschichte, der Fahidis„väterlicherseits“- vom Onkel bis zum Großvater Abraham und sei— nen Brüdern, wie auch„mütterlicher- Seits“ von der Familie Weisz. Kiebe- volles mischt sich mit kritischen Personenbeschreibungen und parallel dazu Parstellungen mitten aus dem Le- ben im Porf und in der Kleinstadt. Man erfährt viel vom Leben der Juden in Ungarn. Man fühlt sich beim Lesen ein bisschen dabei, lernt viel über das Judentum in Ungarn und findet vieles idyllisch- wie aus dem„richtigen“ Le- ben. Und dann, mitten in der Idylle und cher kurz beschrieben, die Konfrontati- on mit dem Tod, dem Tod der gerade über das Buch kennen gelernten Perso- — 1990 beim ersten Nachkriegsbesuch in Allendorf nen und dem Tod in Auschwitz. Und dann gibt es noch eingeflochte- ne Frlebnisse aus der Gegenwart: Als ca. 50 Jahre nach dem Krieg für eine Entschädigung ein Totenschein benötigt wird, kann er nicht ausgestellt werden, weil der Todesfall- in Auschwitz- nicht amtlich registriert wurde. Aber wenig- Stens bescheinigt die Gemeinde, dass der Großvater„abtransportiert“ wurde und nicht mehr zurückkam. In diesem Buch ist Auschwitzein Thema neben anderen Themen aus dem Leben„der Auschwitzer“. Und dies macht das Buch zu etwas Besonderem, das durch seine unüblichen Perspekti- ven verstehen hilft. Es ist ein Buch, das viele Emotionen weckt und sowohl für Leute, die sich schon lange mit Ausch- wit? beschäftigen, als auch für junge Menschen, die sich erstmals für den Mas- senmord der Nazis an Stätten wie Aus- chwitz in Polen interessieren, geeignet ist. Diethardt Stamm Eva Fahidi: Die Seele der Dinge, Lukas Verlag Berlin 2011, ISBN 9783— 86732-098-6 16,90 Buro 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Ausstellung Museum der Stadt Butzbach Legalisierier (Wetteraukreis) 7 5 17. April-1. Juli 2012 Bei dieser regionalen Präsentation n q cſe AusplUnderung der Ausstellung des Fritz Bauer Insti- det ſud een tuts und des Hessischen Rundfunks 1933 945 ist unter anderem auch die Lagerge-* meinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Mitveranstalter. „Dd mein Sohn außerordentlich hegaht ist, wie auch sein Lehrer bestätigt, hil- te ich Sie, mir das Klavier des evaluierten Juden zu überlassen“ Mit dieser Bitte trat 1942 ein Offenbacher Bürger an sein Finanzamt heran. Zu dieser Zeit wa- ren die Finanzämter bereits mit der so genannten Verwertung des Figentums der Deportierten befasst, das seit der 1941 erlassenen 11. Verordnung zum Reichs- bürgergesetz dem„Reich verfiel“. Uberall kam es zu öffentlich angekündigten Auktionen aus jüdischem Besitz: Tischwäsche, Möbel, Kinderspielzeug, Geschirr, Lebensmittel wechselten den Besitzer. Viele schrie ben an die Finanzämter, um sich das begehrte Klavier oder die schönere Wohnung zu sichern. Vorausgegangen waren ab 1933 zahlreiche Gesetze und Verordnungen, die auf die Ausplünderung jüdischer Bürger zielten. Umgesetzt wurden sie von Beamten der Finanzbehörden in Kooperation mit weiteren Institutionen. In der Folge ver- diente das„Deutsche Reich“ durch die Reichsfluchtsteuer an denen, die es in die Emigration trieb, wie an denen, die blieben, weil ihnen das Geld für die Auswan- derung fehlte oder weil sie ihre Heimat trotz allem nicht verlassen wollten. Die Ausstellung gibt einen Finblick in die Geschichte des legalisierten Raubs, in die Lebensgeschichten von Tätern und Opfern. Eröffnung: Dienstag, 17. April, 10 Uhr Für Schulen õffnet die Ausstellung auch Alte Iurnhalle, August-Storch-Str.7? außerhalb der Offnungszeiten Offnungs?eiten: Zur Ausstellung werden Gruppen- Dienstag bis Sonntag führungen zum Preis von 40 Huro an- von 10= 12 und 14— 17 Uhr geboten. Samstagvormittag und Anmelde- und Informationstelefon: Montag geschlossen(o6033) 994250(Museum der Stadt . Butzbach) wochentags: 8.30 Uhr- 12 Eintritt frei Uhr 14 Uhr17 Uhr Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 Begleitprogramm Dienstag, 24 April, 19 Uhr- Museum der Stadt Butzbach Bröffnung des Begleitprogramms: Es spricht Landrat Joachim Arnold „Zuflucht am Bosporus“. Der Friedberger Jurist Ernst Hirsch in Diensten Atatürks Vortrag von Dr. Joachim Meißner Fine Veranstaltung der Lagergemeinschaft Auschwitz und des Wetteraukreises Freitag, 4. Mai, 19 Uhr-Museum der Stadt Butzbach, Färbgasse 16 — als aus Nachbarn Juden wurden-Ausgrenzung, Flucht und Verfolgung der Juden aus Butzbach und Umgebung 1933-1943 Vortrag mit Lichtbildern von Dr. Dieter Wolf Fine Veranstaltung des Geschichtsvereins für Butzbach und Umgebung Dienstag, 15. Mai, 19 Uhr-Museum der Stadt But?bach Fugen Herman-Friede, Schriftsteller und Zeitzeuge, liest aus: Abgetaucht! Als U-Boot im Widerstand Freitag, 25. Mai, 19 Uhr-Kino Butzbach, Rossbrunnenstr. 3 „Der große Raub“(Hessischer Rundfunk, 2002) Filmvorführung in Anwesenheit der Filmemacher Henning Burk und Dietrich Wagner mit anschließender Diskussion Finführung: Karl Starzacher, Hessischer Finanzminister a. D. Samstag, 2. Juni, ab 19 Uhr-Treffpunkt Schlosssporthalle Butzbach Zweiter Stolpersteinlauf gegen das Vergessen Fine Veranstaltung des Butzbacher Bündnisses für Demokratie und Toleranz in Zusammenarbeit mit dem Lauftreff Butzbach und der Sportjugend Hessen. Mittwoch, 13. Juni, 19 Uhr-Museum der Stadt Butzbach Erlebniswelt Rechtsextremismus. Hintergründe/Strategien/Intervention Vortrag von Dr. Reiner Becker, wissenschaftl. Mitarbeiter am Institut für Erzie- hungswissenschaft an der Universität Marburg, Landeskoordinator des beratungsNet?werk hessen- Mobile Intervention gegen Rechtsextremismus Fine Veranstaltung der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung zu Lich Dienstag, 26. Juni, 19 Uhr-Chorraum der Evangelischen Markuskirche „Alles, was sie haben, haben sie uns gestolen und geraubt durch jren Wucher“ (Martin Luther, 1543): Zur Tradition und Wirkung eines Vorurteils Vortrag von Prof. Frey, Uni Frankfurt Fine Veranstaltung der Ernst-Kudwig-Chambré-Stiftung zu Lich und der Evan- gelischen Markus-Kirchengemeinde Butzbach 32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Noach Flug ist tot Präsident des Internationalen Auschwitz-Komitees gestorben Die Lagergemeinschaft Alschwitz elindesKreis der Auschwilzer und alle Mitgliedsorganisationen des Internatio- nalen Auschwitz-Komitees trauern um Noach Flug. Der Präsident des LAK er wurde 2002 in dieses Amt gewählt-starb am 11. August in Neru— Salem. Noach Flug war 1025 in Lod? geboren worden. Mit seiner jüdi- schen Familie wurde er nach der Beset?ung Po- lens durch die Wehr- macht ins Getto und Spã⸗ ter nach Muschwit? deportiert. Befreit wurde er am 6. Mai 1945 im Lager Ebensee in Osterreich. Er wog nur noch 32 Kilo. Er ging nach Warschau und studierte Oko- nomie, 1958 siedelte er mit seiner Fami- lie nach Jerusalem über und trat in den diplomatischen Pienst des Staates Israel. Noach Fug „In Seiner rastlosen Vdtigieit- auch als Präsident der Holocuust- Uherleben- den in Wrael- ging es ilm vor allem um die Erinnerung an die Ermordeten ind die Lebensumstũnde der Uherlebenden: die finanzielle Entschdädigung für alle iherlebenden SMlavenarbeiter des Drit- ten Reiches wur für ihn nicht in erster Tinie eine finanzielle Frage vondern ein Problem, das Sich aus der Würde und der Verletz lichkeit der hetroffenen Men- Schen vowie ihrem tiefen Wunsch nach Gerechtigkeit ergab“, würdigte ihn das Präsidium des IAK in einer Pressemit- teilung. Weiter heißt es dort:„Antise- mitismlis nd Rdussismuis ⁊Zu heldmpfen ind die Volerunz unter den Menschen zu fördern- das waren seine Triehfe- dern. Er Sprach- gemeinsam mit veiner rau Porotha, die ehenfalls Ausch witz iherleht hat- mit Mugendlichen in aller Welt ohne Aggression lind Bitternis..“ Zum Tod von Imo Moszkowicz und Franz von Hammerstein Mit dem Tod von Imo Mos?Zkowic? am 11. Januar dieses Jahres haben wir ei- nes der frühesten Mitglieder der Lager- gemeinschaft verloren. Er starb in Mün- chen im Alter von 85 Jahren. Er war Hãftling in Auschwit?-Buna, seine Mut- ter und seine sechs Geschwister wurden ermordet. In einer Mail schrieb er uns, dass die Schmerzen der Frinnerung „Vvon Gedanke zu Gedanken, von Herz- schlagzu Herzschlag, immer bitterer werden“. Er hat sich diesen Schmerzen zum Totz seinen Erinnerung gestellt und õffentlich darũber gesprochen und geschrieben(Siche Mitteilungsblalt vom August 2008). Die Jüdische Algemeine schrieb in ihrem Nachruf(13. Januar 2011)„Imo Moszkowicz wur ein delit- Scher Mude- vor lind nach Auschwitz.“ Nach der Befreiung machte er als Schauspieler und Regisseur auf der Bühne wie im Fernsehen Karriere. Zu betrauern hatten wir zudem den Tod unseres ebenfalls langjährigen Mit- glieds Fran? von Hammerstein. Er starb am 15. August im Alter von 90 Jahren. Der Buchenwald-Häftling gehörte 1957 zu den Gründungsvätern der„Aktion Sühnezeichen“. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 33 Wir trauern um Alffred Schulz Er war Mitinitator des Hãärtefonds für vergessene NS-Opfer Am 25. Juli dieses Jahres ist unser langjähriger Vereinskamerad und Freund Alfred Schulz aus Reinbek bei Hamburg verstorben. Er gehörte seit den Anfängen zur IGA und war wie s0 viele von uns durch Hermann und Anni Reineck dazu gekommen. Sie hatten ihn auch dazu bewogen in den Jahren 1988 bis 1090 im Vorstand mitzuarbei- ten. Port hat er sehr engagiert mitgear- beitet und in einer kritischen Phase der Vereinsgeschichte ganz entscheidend zum Erhalt und Fortbestand der LCA4 beigetragen. Immer wieder hat er die Strapazen der Reise von Kiel, wo er Landtagsabgeordneter und Vizepräsi- dent des Landesparlaments war, bzw. von seinem Wohnort zu den Vorstands- sit?ungen nach Frankfurt/ Main aufsich genommen. Ich selbst habe Alfred Mitte der 1980er Jahre kennen und schätzen ge- lernt; gerne denke ich an Besuche von ihm und seiner Frau bei mir in Wetzlar b?w. meinerseits in Reinbek zurück. Seine umfangreichen politischen Be- zichungen und sein gewinnendes und vermittelndes Wesen haben uns viele Türen geöffnet bis in die hõheren Krei- se der Bundespolitik. Dafür sei ihm nochmals herzlich gedankt. Gerne schließe ich mich der Würdi- gung des Vorsit?enden der schleswig- holsteinischen SPD-Landtagsfraktion Ralf Stegner und des kirchenpoliti— schen Sprechers derselben Fraktion Rolf Fischer an; sie sprechen mir aus dem Herzen: „Mit Alfred Schulz verlieren wir ei- nen aufrechten und knermidlichen Streiter für Mindermeitenrechte und einen Kdmpfer für eine gerechte Wel. Er hat vich immer dafir eingesetzt, duss ais remden Freunde werden und dass ichtlinge einen Platz in unserer Gesellschaft finden. Er gehörte zu de- nen, die mit dem damaligen Sozial- minister Giinther Jansen J980 den Här- tefonds für die vergessenen N-Opfer initiiert haben, dessen Beirat er jahre- lang voaß. Bis voyr Kurzem hat er vich hier für Wiedergutmachungsanspriche eingesetzt. Alfred Schilz wur Protestunt und veht als volcher in der Jradition von Kar Barth und den großen religiòsen Soxidlisten. Er war Griindungsmitglied des Arheitskreises Kirche und SPD' und dessen langjäriger Vorsitzender ein gesuchter Gesprächsparmer auch auf Bundesehene.“ Alfred Schul? war von Beruf Leh- rer; von 1971 bis 1902 war er Mitglied des sSchleswig-holsteinischen Landtags, 1988 bis 1902 dessen Viepräsident. Er war zudem lange Jahre in Reinbek und im Kreistag von Stormarn kommunal- politisch aktiv. Er war Mitglied der Synode der Nordelbischen Kirche so— wie Mitglied im Sprecherkreis„Chris- ten für die Abrüstung“. Für sein Enga- gement wurde er mit der Bugenhagen- Medaille, der höchsten Auszeichnung der Nordelbischen Evangelisch-Luthe- rischen Kirche ausgezeichnet. Er war zudem Träger der Freiherr-vom-Stein- Medaille. Die Mitglieder der FLCA trauern um ihn und werden ihn in guter Prin- nerung behalten. Unser Mitgefühl gilt Seiner Familie. Gerhard Herr „Wer wird die nächste sein?“ Zur Geschichte des Völkermords an den Roma und Sinti Veranstaltung der Lagergemeinschaft Auschwit?- Freundeskreis der Auschwitzer anlässlich des 67. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz Dienstag, 24. Januar 2012, 19.30 Uhr 61118 Bad Vilbel, Kulturzentrum Alte Mühle, Lohgasse Die Sintezza Anna Mettbach hat Auschwitz überlebt Die Schauspielerin Carolin Weber liest aus dem Buch „Wer wird die nächste sein?“ von Anna Mettbach/Josef Behringer Die Ausstellung Frankfurt-Auschwitz ist Zzu sehen vom 27. Januar-28. Februar 2012 in der Stadtbibliothek Bad Homburg, Dorotheenstraße 24 Offnungszeiten: dienstags bis freitags 11— 18 Uhr, samstags bis 14 Uhr Die Ausstellung des Fördervereins Roma(Frankfurt) und des Künstlers Bernd Rausch informiert exemplarisch am Beispiel von Frankfurt über die Vernichtung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus. Der mediale Bereich besteht aus vier Hilmbeiträgen. Begleitmaterialien und Begleit- veranstaltungen(Jermine stehen noch nicht fest) vertiefen die visuelle und dokumentarische Präsentation. Legalisierter Raub Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen Ausstellung des Hessischen Rundfunks und des Frit?-Bauer-Institus 17. April 2012—1. Juli 2012 Museum der Stadt Butzbach(Wetteraukreis), Färbgasse Mit einer Veranstaltung der Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis am Dienstag, 24. April, 10 Uhr(iehe 8. 30 u. 31) (www. legalisierter-raub. hronline. de oder wwwfritz-bauerinstitut. de)