LAGERGEMEIMSchApr AUScHWrIz- v FREUNMDESKREis DER AUSctwrrzER Schatten eines SS-Arztes auf der Selektions- rampe in Bir- kenau. Der nach rechts Zeigende Daumen weist in Richtung der Gaskammern 31. Jahrgang, Heft 1 Mitteilungsblatt, Mai 2011 Inhaltsverzeichnis Seite Bescheidene Hilfe, große Wirkung 1 Lagergemeinschaft steht Holocaust-Uberlebenden bei Janus? Mynarski Zzum 89. Geburtstag 3 Gründungsmitglied und 1. Präsident der Lagergemeinschaft Verunsichernde Orte 4 Buchbesprechung zur Gedenkstättenpãdagogik Das Beispiel Dachau: KZ, Füchtlingsunterkunft, Gedenkstätte 7 „Gemeinsam statt Einsam“ 10 Deutsch-polnisches Fortbildungsseminar für Multiplikatoren von Gedenkstättenfahrten Besuch in Warschau 13 LGA-Vorstand beim Verband der ehemaligen politischen Häftlinge Wie gut, dass es diese jungen Leute gibt 14 Interview mit einem Freiwilligen der Aktion Sühnezeichen Studienfahrt nach Auschwitz und Krakau 13. Oktober-18. Oktober 2011 Inhalt:- geführter Rundgang durch das Stammlager Auschwit? geführter Rundgang durch das Vernichtungslager Birkenau Gespräche mit Uberlebenden Besuch im Archiv und der Kunstsammlung der Gedenkstätte Besuch in Krakau(u. a. Museum in Schindlers Fabrik) Kosten: 600 Euro(Hlug, Unterkunft, Verpflegung, Fintritte, Honorare) Ermãäßigung bis zu 350 Prozent auf Antrag für Studierende, Schüler und Schülerinnen sowie Menschen mit geringem Finkommen Informationen und Anmeldung bei Uwe Hartwig, Iel.(06002) 938033, E-Mail: hartwig Slagergemeinschaft-auschwitz. de Impressum: Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer Freiherr-vom-Stein-Straße 27, 35516 Münzenberg Internet: www. lagergemeinschaft-auschwitz. de Redaktion: Hans Hirschmann, Tel.(06101) 32010 Bankverbindung: Sparkasse Wetterau(BLZ 518 3500 79) Konto-Nr.: 20 000 3503 Bei Spenden bitte Adresse deutlich schreiben, damit die Bescheinigung für die Steuererklärung zugeschickt werden kann. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 Bescheidene Hilfe, große Wirkung Kurz vor Weihnachten 2070(nachdem die damals jüngste Ausgabe unseres Mitteilungsblattes erschienen wur) Konnten wir auf Anregung linseres Vereins- mitgliedes Wolſang Merten der Holocaust- Uberlebenden Rozalia AdamczM eine Soforthilfe von hescheidenen 300 Euro zuommen lassen. Wir hahen damit dazu heitragen, dass die helute 8Jhrige in Bytom ihre Wohnung richtig heizen Konnte und so der damaligen Kdlteperiode nicht in aller Hrte ausgeselzt wun Mit inrer Rente sowie zuslzlichen 300 Euro, die vie vierteljdhrlich von der„ Claims Conference“ helommt fnanziert KoZalia Adamcz)M ihren Lebensuntemalt und hezahlt drei Frauen, die svie in ihrer Wohnkng hetreuen. Wolfgang Merten hat vor Jahren bei einer Rucksackreise in Polen RoZalia Adamczyk kennengelernt und beide haben Freundschaft geschlossen. Die damalige Reise hat er unternommen, nachdem er bei einer noch von unse- rem Vereinsgründer Hermann Reineck organisierten Studienfahrt nach Ausch- wit? teilgenommen hatte. ROZalia Adamczyk, geb. Reinisch, wurde am 9. Septemberl 913 in Koby- linca Woloska geboren, einer damals polnischen Stadt, die heute zur Ukraine gehört. Sie lebte mit ihrer Familie in Kamionka Strumillowa im Kreis Lem- berg, Studierte bei den spãter ermorde- ten Professoren der Lemberger Uni- versitäãt. 1941 wurde RoZalias damals 73jähriger Vater erschossen, der Bru— der Nydor auf der Straße von Nazis und Ukrainern mit Knüppeln erschlagen. Die Mutter, die Schwester und die Sjährige Nichte Ania wurden im Ver- nichtungslager Belzec vergast. RoZalia bekam aus dem Unter- grund„arische Dokumente“ und konn- te als Stanislawa Kisilewicz aus dem Ghetto befreit werden. Im März 1943 wog vie 42 Kilogramm, wurde trot?dem zum Bahnhof Kleparow getrieben und im Güterwagen in die„Ostmark“ zur Rozalia Adamczyk überlebte dank„ari- scher Dokumente“ den Holocaust und die Verschleppung als Zwangsarbeiterin. Zwangsarbeit transportiert. Hier arbei- tete sie als sogenannte Ostarbeiterin in der Gemeinde Ritzengrub in der Land- wirtschaft. Nach der Befreiung und dem Ende des Krieges konnte sie nur kurzfristig mit der„Roten Armee“ in ihre alte Heimat zurück, danach wurde sie wie 100 tausende Polen vertrieben und lebte seit dieser Zeit in Bytom in Oberschlesien. Vor 25 Jahren war Wolfgang Merten nach Ostpolen und nach Belzec ge- fahren. Auf dem Gelände des ehemali- gen Vernichtungslagers, in dem auch ROZalias Angehörige ermordet wur- den, war kein Hinweis auf die Vernich- 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer tung von mehr als 434.000, zu- meist jüdischen Menschen so- wie Angehörige der Roma und Sinti Zu finden. Es gab nur ein Denkmal, das allgemein an die Opfer des Faschismus erinnert. Im Jahr 2004 wurde eine neue Gedenkstätte mit Spen- den des American Jewish ſ titc . —— — iß S B S Commitees und Geldern des polnischen Staates errichtet. „Ich habe sie mir angeschaut, doch war ich recht traurig“, be- richtet Wolfgang Merten. Es gab kaum Bilder von den Opfern„und leider auch keine Be- Schriftung in der Sprache der Mörder“. Daraufhin hat sich Wolfgang Merten mit Robert Kuwalek, dem damaligen Leiter der Gedenkstätte, in Verbin- dung gesetzt und hat ihm von Rozalia Adamczyk erzählt. Kuwalek besuchte sie in Bytom. Sie übergab ihm Fotos ihrer ermordeten Familienangehö- rigen, die nun in der Gedenkstätte zu Sehen sind. Belzec, Sobibor und Treblinka wa- ren die drei Vernichtungslager, in de- nen die„Aktion Reinhardt“ umge- Setzt wurde. Die„Aktion Reinhardt“ war der Codename der deutschen Be- Sat?er für die systematische und mil- lionenfache Ermordung der jüdischen Menschen, die während des 2. Welt- krieges in Polen lebten. Insgesamt fie- len der„Aktion Reinhardt“ mehr als 1,7 Millionen Menschen zum Opfer. In Lublin war die Zentrale dieser„Akti- on“ untergebracht. Belzec war histo- risch betrachtet das erste Lager der „Aktion Reinhardt“. Dort experimen- tierten die Deutschen an der Ermor- dung jüdischer Menschen in großem Stil in stationären Gaskammern. Innerhalb von zwölf Monaten tötete die S8 dort fast eine halbe Million Menschen mit den Abgasen von Pan- Zermotoren. Hans Hirschmann Die Hilfe für RozZalia Adamczyk und das weitere finanzielle Engage- ment für ehemalige KZ-Hãftlinge und Gefangene der Gestapo-Gefängnisse konnte nur aufgrund der Beiträge un- serer Vereinsmitglieder sowie Spen- den erfolgen. Um diese Arbeit fortzu- führen bitten wir auch hier wieder um Spenden für unseren gemeinnützigen Verein: Lagergemeinschaft Auschwitz: Sparkasse Wetterau(BLZ 518 500 79) Konto- Nr.: 20 000 803 Bitte Adresse deutlich schreiben, damit die Bescheinigung für die Steuer- erklärung Zugeschickt werden kann. An welche Adressaten die Spen- dengelder in 2010 weitergeleitet wur- den, werden wir in der näãchsten Ausga- be des Mitteilungsblattes berichten. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 Janus? Mlynarski zum 89. Geburtstag Gründungsmitglied und 1. Präsident der Lagergemeinschaft Fin„großer Bahnhof“ wurde am 21. Mai dem Gründungsmitglied der Lagergemeinschaft Auschwilz- Hreun- deskreis der Auschwitzer(LGA), Janus? Mlynarski, Auschwit?-Häftling Nr. 355, anlässlich seines 89. Geburts- tages zuteil. Nicht nur seine Verwand- ten aus Osterreich sowie Freunde und Bekannte aus der näheren Umgebung seines Wohnorts Monheim besuchten Janus?, auch Vertreter der Lagerge- meinschaft statteten einen Uber— raschungsbesuch ab. Elzbieta und Diethardt Stamm sowie Albrecht Werner-Cordt überbrachten Glück— wünsche der LGAM. Sie freuten sich über den Jubilar, der angesichts der vielen Gäste die Anstrengungen des Tages mit Bravour auf sich nahm und in polnischer und deutscher Sprache sowohl über Themen der Zeit als auch über historische Erlebnisse berichtete. Als vor mehr als 30 Jahren auf In- itiative von Hermann Reineck(1919 1995, Auschwitz-Häftling von Septem- ber 1942 bis November 1944, danach beim Sonderkommando Dirlewanger geflohen) und seine Frau Anni Ross- mann-Reineck(1910— 2004) mit ihrem kleinen Kreis von Gleichgesinnten die agergemeinschaſft Ausch wilz als gem- einnütziger Verein eingetragen wurde, war Janus? Mlynarski nicht nur als Gründungsmitglied dabei, vielmehr übernahm er auch Verantwortung als 1. Präsident der Lagergemeinschaft, wie der Vereinsvorsitzende lange Zeit genannt wurde. Hermann Reineck führte als Generalsekretär die Ge- Schäfte. Die LGA wünscht Janusz viel Gesundheit im neuen Lebensjahr und genauso viel Hlan beim„runden“ Ge- burtstag im nächsten Jahr. Diethardt Stamm Janus? Mlynarski (Bildmitte) an seinem Ehrentag mit(von links) seinem Freund Roger, dem LGA- Mitgied Brunhilde Weyel, die Janus? mit großem Engagement bei der Bewältigung seines Atages unter- stützt, sowie Diet- hardt und Elzbieta Stamm und Albrecht Werner-Cordt. 4 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Verunsichernde Orte Gedenkstättenpädagogik heute Zwischen 2007 und 2010 haben Fachkräfte aus Deutschland, Oster- reich und Polen im Projekt„Gedenk- vttenpòdagogi und Gegen wartsbe— zg— elhstverstdndnis und Konzeptt entwicklung“ intensiv über die Aus- wirkungen gesellschaftlicher und poli- tischer Entwicklungen auf ihre Arbeit und ihr Berufsbild diskutiert. Das Er- gebnis ihrer Uberlegungen liegt nun mit dem Buch„ Verunsichernde Orte“ vor. Auch wenn es sich vor allem an Pãdagoginnen und Pãdagogen richtet, die in Gedenkstätten arbeiten oder Besuchsgruppen begleiten, ist gerade sein umfassender Theorieteil auch für Nicht-Pädagogen sehr lesenswert. Wer von den Alteren unter uns er- innert sich nicht, wie lange es gedau- ert hat, bis ehemalige Schreckensorte der nationalsozialistischen Herrschaft zu Gedenkstätten wurden? Oft erst nach Jahrzehnten gelang es, die Widerstände in Politik und Bevölke- rung zu überwinden. Heute, Sso scheint es zumindest, sind Gedenkstätten allseits akzeptiert, gehören zum Selbstverständnis dieser Republik und ihr Besuch ist in vielen Schulen Jeil des Gurriculums. Sie sind geradezu„Staatstragend“ geworden, und nicht selten werden Staatsbesu- cher und besucherinnen dorthin ge- führt. Nicht zuletzt daran, dass jetzt ein Berufsbild für die pãdagogische Arbeit erarbeitet wurde, lässt sich der zurück- gelegte Weg seit den Anfängen der Ge- denkstättenarbeit ablesen. Allerdings zeigen z. B. die bisher erfolglosen Die PisMissionen dartihen was der Holocaust ab Mahnung und Aſtrag für nachommende Gene- rationen hinterlassen hat und an welchen Slellen er zur Legitimie- rung altueller politischer Interessen instrumentulisiert wird, missen(..) immer wieder neu geführt werden⸗ auchk und emt recht, wenn die letzten Uberlebenden der Lager gestorben vind.(Verena Haug,§ 360) Bemühungen um die Pinrichtung einer Gedenkstätte auf dem ehemaligen KZGelände„Katzbach“ in Frankfurt am Main, dass das Selbstverständnis nur bedingt ist und auch immer wieder in Frage gestellt werden kann. Standen bei den ursprünglichen Bemühungen um die Pinrichtung von Gedenkstätten das Gedenken und die Vermittlung von Wissen über einen konkreten Ort im Kontext der NS- Zeit im Zentrum, muss heute auch die Geschichte des Ortes als Gedenk- stätte vermittelt werden. An ihr las- sen sich nicht nur politische Bedin- gungen, sondern auch gesellschaftli- che Veränderungen ablesen(Die Ge- denkstätte Dachau kann als Beispiel dienen; S. 7 f). Die meisten Jugendlichen, die heu- te eine Gedenkstätte besuchen, haben keine persõnliche Verbindung zu Zeit- zeugen. Die Zahl der Uberlebenden, die ihre Erfahrungen und Erlebnisse mitteilen können, wird immer kleiner. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 8 Schon die Be- ½ richte von zwei Uberlebenden geben eine Ah- nung davon, wie unter- Schiedlich das Erleben des Terrors sein konnte trotz al- ler Uniformitãt der äußeren Bedingungen. f Heute werden 6 zunehmend—6 Dokumente 5 unterschied- lichster Art aus den Archiven eingeset?zt, die gewisserma- Ben zum Re- den gebracht werden und mit denen die Workshop- Teilnehmen- den einen Zu- gang zur The- matik erarbeiten können. Fin zentraler Punkt für die heuti- ge Gedenkstättenpadagogik ist die Vielfalt der Besucherinnen und Besu- cher. Die von den Nationalsozialisten angestrebte und weitgehend erreichte Monokultur musste der bunten Be- võlkerung einer Finwanderungsge- sellschaft weichen. Immer mehr Be- sucher kommen aus Familien, die kei- ne persönliche Verbindung zu dieser Geschichte haben. Was bedeutet das für die pãdagogische Arbeit, wenn da- bei vermieden werden soll, falsche e Orte innie und Weiterbildung in der Gedenk- Stöttenpädagogik nnemalige—— Sind Friedhöfe, Lernorte, Orte der Begegnung. Das Foto auf dem Umschlag des besprochenen Bandes Zeigt Frauen und Männer eines internationalen Workshops, die in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora die Umrisse und auch die Höhe von einer Unterkunftsbaracke markieren. „Wir“ zu bilden, die eine Ausgren- zung zwangsläufig mit sich bringen? Monique Fckmann weist darauf hin, dass„die Sozialisation der Teil- nehnmenden und der Mitarheiteminnen von Gedenksttten. immer noch weit- gehend auf die je nationalen Narrative zurick(gehen).“(S. 67) Dabei ist es heute, angesichts einer globalisierten Welt,„Aufgabe der Paidagogik, gerade in der Auseinandersetzung mit den Massenverbrechen, Zugänge zlum Kol— lelctiven Geddchtmnis jenseits nationaler dentitũten zu õffnen.“(Gottfried 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Kößler, S. 51) Aber Vielfalt heißt viel mehr. Sie bedeutet für die Pädagogin- nen und Pädagogen, ein Bewusstsein von den vielen möglichen Gruppen- zugehörigkeiten der Besucher/innen zu entwickeln. Sind vielleicht Menschen unter den Besuchern, die einer im Dritten Reich verfolgten Minderheit angehören? Uta George, pädagogische Mitarbeite- rin der Gedenkstätte Hadamar, be- Schreibt im Bildteil des Buches die un- terschiedlichen Blickwinkel, die sich daraus ergeben können, am Beispiel der Busgarage, in der 1941„mehr als 10.000 Menschen mit Behinderungen ind psychischen Krankheiten“ anka- men.„Wir Miarbeitende fotograßierten die Garage hauſig. immer mit der Per- Pektive von außen. Als Menschen mil Lernsch wierigkeiten während eines Workshops die Auſgabe erhielten, ei- nen Oyt hesonderer Bedeutung zu ſoto— graſieren, wihlten einige die Gaurage als Motiv allerdings zumeist von innen. Sie Schalten mit großer Empathie ſür die Opfen*(S. 102) Hier wird besonders deutlich, dass es nicht nur eine Wahrnehmung gibt, sondern die Wahrnehmung immer mitbestimmt wird von der Geschichte und den Erfahrungen, die die Einzel- nen mitbringen. Gedenkstätten heute Gedenkstätten sind heute Gedenk- orte, ikonographische Orte und Kern- orte, Funktionen, die sich aufeinander beziehen. Sie sind über die Jahre zu Lernorten geworden, was auch die Ge- denkstättenkonzeption des Bundes aus dem Jahr 2000 benennt. Und dies, obwohl„ein direkter Zusmmenhang zwischen einer imfassenden Kenntnis der Hkten üher die nalionalsoziulisti- Schne Wiliirhermschaft und der Bereit- SChdſt vich aktiv ſir Demohkratie einz— Setzen, hislang nicht nachzuweisen (ist).“(Susanne Urich, 8S. 34) Aber wer soll was lernen? Gottfried Kößler betont das„Orien- tierungsbedirfnis, aus dem heraus Fragen an die Geschichte formliert werden.“(S. 45) Die Herstellung ei- nes Gegenwartsbezugs ist dabei „Nicht etwa das Ziel pädagogischen Handelns, Sondern eine seiner Bedin- gungen.“(8. 47) Die Uberlegungen des Buches be- ziehen sich explizit nicht nur auf Nu— gendliche, auch wenn sie die Haupt- zielgruppe sein dürften. Gerade unter dem Aspekt der Vielfalt der Wahr- nehmungen, Erfahrungen und Reak- tionen sollte die Arbeit mit den El- tern und Großeltern als mögliche Adressaten nicht vernachlässigt wer- den. Sie sind Gesprächspartner ihrer Kinder und Enkel. Gelernt werden sollen an einem 8o genannten authentischen Ort Em- pathie, Menschenrechte, die Kenntnis der Kontexte der Verbrechen, Be- schäftigung mit heutigen Kriegen, Genozid usw. Kur?z: Es soll Demokra- tie gelernt werden(Susanne Ulrich). Hier drängt sich die Frage auf, ob nicht eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe an die Gedenkstätten dele- giert wird. Gedenkstättenpädagogik heute Barbara Thimm und Helmut Wetzel zitieren am Anfang ihres Aufsatzes „Professionelle Begleitung durch Su— Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 pervision“ eine Sozialpsychologin: „Fin unmöglicher Job“(S. 182). Wie- viele Institutionen und Personen stel- len eine Vielzahl von hohen Anfor- derungen an die Pädagog(inn)en! Wobei möglicherweise die eigenen Anforderungen am höchsten sind. Der Praxis-Jeil des Buches enthält Ubungen für pädagogische Mitarbei- ter/innen, die auch ohne den Rahmen einer Fortbildung durchgeführt wer- den können.„Vorrangiges Ziel der Uhungen ist es zentrule-. Fragen der Vermittlung an Gedenkstätten zu re— eltieren, und die eigene Haltung zu liherdenken hzw mit anderen zlu disku- tieren.*(S 111) Ubungen wurden erar- beitet Zu den Themen: Zum Selbstver- ständnis, Umgang mit Jeilnehmenden und Gruppen, Umgang mit Vermitt- lungsmedien. Vervollständigt wird das Buch durch Orientierungshilfen, Uberlegungen und Erfahrungen zu „Begleitung und Beratung“. Angelika Berghofer-Sierra Barbara Thimm/Gottfried Kößler/ Susanne Ulrich(Hrsg.). Verunsi- chernde Orte. Selbstverständnis und Weiterbildung in der Gedenkstätten- pädagogik. Schriftenreihe des Frit? Bauer Instituts, Frankfurt am Main, Studien- und Dokumentationszen- trum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust, Band 26, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-860006300. Das Beispiel Dachau Konzentrationslager, Flüchtlingsunterkunft, Gedenkstätte Am 22. Mär?z 1933 wurde im bayri- schen Dachau eines der ersten Kon- zentrationslager für politische Häft- linge eröffnet. Es diente als Modell für alle Späteren KZ und war Ausbil- dungsstätte für SS-Personal. Schon bald wurden nicht mehr nur politi— sche Gegner dort gefangen gehalten, sondern Angehörige aller dem NS- Regime missliebigen Gruppierungen im Rahmen des Novemberpogroms 1938 allein mehr als 11.000 deutsche und õsterreichische Juden. Später ka- men Deportierte aus den besetzten europãischen Ländern dazu. 1942 be- gann man mit medizinischen Versu- chen, von denen vor allem die Höhen- und Kälteversuche für die deutsche Luftfahrtindustrie berüch- tigt sind. Von hier wurden tausende Häftlinge in so genannten Invaliden- transporten nach Schloss Hartheim bei Lin? gebracht und dort durch Giftgas ermordet. In Dachau waren ca. 200.000 Men- schen aus ganz Furopa inhaftiert, von denen etwa 4l. 500 ermordet wurden. Am 29. April 1945 befreite die UsS— Armee die Inhaftierten. Das Lager nach Kriegsende In der Folgezeit diente das ehemalige KZ-Gelände der US-Armee als Kriegsgefangenenlager, wo auch Kriegsgerichtsverfahren gegen Perso- nal verschiedener KZ stattfanden. Auf dem Hintergrund des virulenter werdenden Kalten Krieges beende- 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer ten die USA 1948 die„Entnazifizie- rung“ und übergaben fast den ganzen ehemaligen Häftlingsteil den bayeri- schen Behörden. Den ehemaligen „Bunker“, in dem die 88 Häftlinge eingesperrt und drangsaliert hatte, behielt die US-Armee für sich und benutzte ihn ebenfalls als Gefängnis. Im ehemaligen SS- Teil blieben weite- re Jahrzehnte US-Truppen. Jetzt nutzt ihn die bayerische Bereitschaftspoli- zei, was bedeutet, dass dieser Teil bis heute für die Offentlichkeit nicht zu— gänglich ist. Ab 1948 brachten die bayerischen Behörden ca. 2.000 deutsche Hücht-— linge aus der Tschechoslowakei im ehemaligen Häftlingsteil unter und schufen dafür in den Baracken Wohn- einheiten und Läden. Die Gedenkstätte Prst auf langjähriges Drängen des In- ternationalen Pachaukomitees und wegen der deutlich angestiegenen Be- sucherzahlen wurde die Gedenkstätte eingerichtet und 1965 eröffnet. Dafür wurden die ehemaligen Häftlingsba- racken und weitere Gebäude trotz Protests abgerissen. Man baute zwei „Musterbaracken“ und goss die Grundrisse der übrigen Baracken mit Beton aus. Jetzt hatte man ein ordent- liches, vorzeigbares Konzentrationsla- ger. Lange gehörte die Gedenkstätte zur Bdyerischen Schlösser- nd Seen- verwallung, deren großes Emblem weithin sichtbar an einem der rekon- struierten Wachtürme angebracht war. Seit 2002 gehört sie zusammen mit der Gedenkstätte Flossenbürg zur Siftung Baherische Gedenkstätten, die 2002 geschaffen wurde. 1964 wurde auf dem ehemaligen SSSchießplatz in Hebertshausen, ei- ner Nachbargemeinde von Dachau, ein Denkmal errichtet, das an schät- zungsweise 4. 000 sowjetische Solda- ten erinnern soll, die dort 1041/42 er- schossen wurden. Der Jext lautet: „Jalsende Kriegsgefangene vurden hier von der S ermordet.“ Der Kalte Krieg ließ es offensichtlich nicht zu, die Herkunft der Ermordeten deut- lich zu nennen. Vielleicht erklärt sich aus der Jat- sache, dass 1940 alle bereits in ande- ren KZ inhaftierten Geistlichen nach Dachau gebracht wurden, dass es in der KZ-Gedenkstätte fünf verschie- dene religiõse Gedenkorte gibt. Wahr- scheinlicher ist, dass der Einfluss von Bischof Johannes Neuhäusler, der selbst in Dachau inhaftiert war, aus- schlaggebend war, und die nicht-ka- tholischen religiõsen Institutionen so— zusagen in Zugzwang gerieten. 1960 wurde im hinteren Teil als erstes die katholische Todesangst-Christi-Ka- pelle errichtet. Nicht weit davon ent- fernt, allerdings außerhalb des Häft- lingsteils, wurde 1964 das Kloster Hei- lig Blut der Karmelitinnen in Betrieb genommen. 1067 kamen die evangeli- sche Versöhnungskirche links und die jüdische Gedenkstätte rechts der ka- tholischen Kapelle dazu, 1995 eine russisch-orthodoxe Kapelle. Seit 1968 gibt es für die„übrigen“ Hãftlinge das Internationale Mahnmal auf dem früheren Appellplatz. Bemer- kenswert ist der Unterschied Zwischen dem deutschen Text und dem der übri- gen Sprachen: Im Deutschen heißt es: „Möge das Vorbild deren die hier von 7033 his 7045 wegen ihres Kampfes ge- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 —*. — tung. Diese Zuordnung wie auch die Gestaltung der Gedenkstätten sind Dokumente jhrer Entstehungszeiten: Das 1968 eingeweihte Mahnmal soM an alle Opfergruppen der Konzentrationslager erinnern: Sie sind durch die künstlerische Darstellung der Hüft- lingswinkel symbolisch repräsentiert. Zugleich diskriminiert das Denkmal durch Aus- lassung: unter anderm fehlt der rosa Winkel- das Zwang?eichen der als homosexuell gekennzeichneten Männer. In den Jahren der Entstehung des Mahnmals sollte an die- se Gruppe der Verfolgten nicht erinnert werden. Der Paragraph 175, der seit dem Kai- Serreich homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte, wurde in der Bundesrepublik erst 1994 endgültig abgeschaft. gen den Nationalsozialismus ihr Leben ließen“, die Lebenden vereinen zur Vrteidigung des Friedens lind der Fei- heit und in Ehrfurcht vor der Würde des Menschen.“ In den anderen Spra- chen wird von denen gesprochen,„die vernichtet wurden“. Bei diesem Mahnmal werden die Häftlingsgruppen durch die ihnen von der 88 zugeteilten verschieden- farbigen Winkel symbolisiert. Es feh- len der schwarze(für die so genann- ten Asozialen), der grüne(für die so genannten Kriminellen) und der rosa Winkel(für die Homosexuellen). Das (Fotos aus dem besprochenen Band) Weglassen der„Kriminellen“ scheint folgerichtig zu sein; mit dem Weglas- sen der beiden anderen Gruppen wurde jedoch die NSStigmatisierung übernommen und weitergeführt. Erst 1994 erlaubte das Internationale Hachaukomitee nach jahrzehntelan- gem Druck die Anbringung eines Winkels aus rosafarbenem Granit. 1998 wurde endlich das Jugend- gästehaus Dachau eröffnet, was nur nach 17 jährigem Bemühen und Uberwindung vielfältiger Widerstän- de mõglich war. Angelika Berghofer-Sierra Hervomeblng von der Rezensentin 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer „Gemeinsam statt Einsam“ Deutsch-polnisches Fortbildungsseminar für Multiplikatoren von Gedenkstättenfahrten Aklion Slihnezeichenhriedensdien- le(AsSF) und die Internationale Ju— gendhegegnungssttte Oswiecim Als— chwilz(IIBS) wollten mit dem nun schon zweiten Seminar dieser Reihe (A1. bis 24. Oktober 2010) polnische und deutsche Multiplikator(inn)en von Gedenkstättenfahrten zusammenbrin- gen in der Hoffnung, dass sich aus dem Treffen Kontakte und gemeinsame Projekte entwickeln. Diese Projekte Sollen die Auseinandersetzung mit der gemeinsamen Geschichte ermöglichen und die wechselseitige AkZeptanz der Unterschiede fördern. Im Finladungs- text heißt es:„Pine deutsch-polnische Begegnlng Kann.. eine große Berei— cherung sein, da sie die Chance in sich birgt Außerungen, Positionen und Ver- haltensmlster vor dem HMntergrund der jewells anderen Sozialisation und Kul nur nachztvollkiehen, dies fördert eine Multiperspelctivitt nicht nur der Ge- Schichtsinterpretutionen.“ Mögliche gemeinsame deutsch- polnische Projekte sollen sich dabei nicht unbedingt auf Auschwitz bezie- hen, sondern könnten genauso in einer anderen Gedenkstätte in Polen oder Deutschland durchgeführt werden. Wie es häufig bei binationalen Se- minaren der IBS zu sein scheint, gab es deutlich mehr polnische als deutsche ſeilnehmende. Ein weiteres Problem ergab sich daraus, dass auf der polni- schen Seite überwiegend Lehrerinnen und Lehrer, auf der deutschen Vertre- terinnen und Vertreter außerschuli- scher Organisationen teilnahmen. Er- stere können mit festen Schulklassen planen, die außerschulischen Organisa- tionen, wie z. B. Gewerkschaften oder die Lagergemeinschaft Auschwitz FrelindesKreis der Auschwilzer, müssen eine entsprechende Gruppe erst auf— bauen und zusammenstellen. Liele des Seminars waren: Inhalt- liche Tipps, Hilfestellungen und neue Impulse für Gedenkstättenfahrten ge- ben(Ange bote der IIBS), die Herstel- lung persönlicher Kontakte zwischen Polen und Deutschen, Ideenaustausch und Beginn der Planung von Fahrten zu Gedenkstätten in Polen und Deutschland, Vorstellung von Förder- möglichkeiten und Hilfestellung bei der Antragstellung, Vorstellung der Gedenkstättenpãdagogik in Deutsch- land und Polen und ihre Herausforde- rungen. Zum ersten Punkt gehörte der ge- meinsame Besuch sowohl des Stamm- lagers als auch von Auschwit?-Bir- kenau im Rahmen einer Standard- führung. Die Kürze des Besuches war der Aufgabenstellung des Seminars geschuldet, machte aber deutlich, was es heißt, wenn der Besuch der Ge- denkstätte zu einem Punkt unter an- deren wird. Auch die an sich erfreulich große Zahl von Besuchern hat ihren Nachteil, da es kaum eine Möglichkeit gibt, inne zu halten und sich auf das Gesehene und Gehörte einzulassen. Deshalb war es interessant, von der IIBS Merkblätter zu Fahrten nach Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 Stutthof, Lublin-Majda- nek und Groß-Rosen zu erhalten. Alle drei Ge- denkstätten bieten gute Studienmõglichkeiten für Gruppen, vor allem auch die Möglichkeit der Archiveinsicht. So- wohl in Stutthof als auch in Groß-Rosen können Gruppen sich an prakti- schen Brhaltungsarbei- ten beteiligen. Zwischen 2009 bis 2013 führt die IIBS das Projekt„Auschwitz erin- nern- Menschenrechte in unserer Welt“ durch, in dem sich die neue Konzeption der Gedenk- Stättenarbeit bereits nie- dergeschlagen hat. Die dazu für Jugendliche er- arbeiteten Workshops beschäftigen sich mit den Themen Völkermord, Menschenrechtsverlet?ungen, ziviler Widerstand und Zivilcourage und wer- den von der Pãdagogischen Abteilung Besuchsgruppen angeboten. Weitere Angebote sind u. a. Workshops zu Länderausstellungen, Besuch der Sammlung der Häftlingskunstwerke, Beteiligung an Erhaltungsarbeiten auf dem Gelände, Besuch des Jüdischen Zentrums in Oswiecim sowie Referate und Vortrãge zu ausgewählten Aspek- ten der Geschichte des KK Auschwit?- Birkenau.* Für mich war es interessant, die in- nerpolnische Diskussion ansatzweise Zygmunt Feiler überlebte Auschwitz. Dieses Portrüt mit einem seiner Enkel ist Teil einer Ausstellung, die derzeit in dem heutigen jüdischen Zentrum, der früheren Syna- goge, in Oswiecim zu sehen ist. zu erleben, wobei die Seminarteilneh- menden sicherlich nicht repräsentativ für die polnische Gesellschaft waren. Dabei geht es darum, wie der vorherr- schende„Opferdiskurs“ ergänzt wer- den kann durch das, was Monique Eck- mann„Schuldgedächtnis“ nennt. Für die teilnehmenden polnischen Lehre- rinnen und Lehrer stellte sich vor al- lem das Problem, dass es auf der Fami- lienebene kaum entsprechende Ge- spräche gibt, was auch mit der großen zeitlichen Distanz zu tun haben dürfte. Als Fördermöglichkeiten wurde ei- ne große Liste von Institutionen vor- gestellt, an erster Stelle das Peltsch- Polnische Jugendwerk(DPW), das * Weitere Informationen und Kontalt über die(auch deutschsprachige) Internetseite der nternationalen JMgendbegegungssttte in Oswiecim ww. mdm. pl 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer —— — ₰ ..„——* 1— — 3. 7 „ 6 * —————— 38792 ut 7 8— S5 52 S T 7 tLassunen 12130 2324— —————== Meldung der Lagerverwaltung über die Zahl der Hüftinge im Frauenlager in Birkenau am 7. Oktober 1944: Am Abend war die Zahl der Frauen um 2.394 Inhaftierte gesun- ken. Davon waren 7 eines natürichen Todes gestorben, 8 waren entlassen und 1150 in andere Lagerbereiche oder andere Lager überstellt worden. 1229 Frauen sind unter „S⸗B.“ aufgelistet.„S.B.“ steht für„Sonderbehandlung“, was im Klartext bedeutet: „ermordet in den Gaskammern“. Jeilnehmer bis zum Alter von 27 Jah- ren und die dazugehörige Leitung för- dert.** Leider konnten keine konkreten Projekte initiiert werden. Alerdings wurden Kontakte geknüpft, aus de- nen Projekte entstehen können. Den Abschluss des Seminars bil- dete eine Fahrt nach Nova Huta, ei- nem Arbeiterstadtteil Krakaus, der 1949 als Standort eines Bisenhütten- kombinats gegründet worden war. Er Sollte ein Gegenmodell zum katho- lisch-konservativen Krakau sein. An diesem Stadtteil lässt sich nicht nur Architekturgeschichte ablesen, son- dern auch polnische Geschichte, an- gefangen von der Ansiedlung ehema- liger Landbevölkerung aus den von der UdSSR annektierten Gebieten, über den Widerstand gegen das kom- munistische Regime im Rahmen der Katholischen Kirche und bis zu den Kãmpfen von Solidarnoc. Angelika Berghofer-Sierra ** Pie zustindige Zentralstelle ist bei der Alktion Slihnezeichen/Hriedensdienste- nternet usf-ev. de, E- Mail mituta Gasfev de Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 Besuch in Warschau Anfang Juni waren Flzbieta und Diethardt Stamm beim polnischen Vorhand der ehemaligen politischen Niftlinge der Nazigefingnisse und Konzentrationslager- Untergliederung Auschwilz-Birkenau in Warschau zu deren Mitgliederversammlung einge- laden. Der Verband ist für gan?z Polen zuständig, aber in Warschau treffen sich meist die Mitglieder aus der Um- gebung der Hauptstadt. Der Verband kann im September dieses Jahres auf eine 65 jährige Geschichte zurück- blicken. Derzeit gehören ihm noch 195 Mitglieder an, davon sind rund 30 bett- lägerig. Die Vertreter der Lagergemein- Schaft wurden von den mehr als dreißig anwesenden Mitgliedern herzich emp- fangen. Man bedankte sich für die jah- relange finanzielle Unterstüt?ung, die allen Mitgliedern, aber auch Kranken und der Organisation zugute gekom- men sei. Der stellvertretende, 0 jãhrige Vorsit?ende Jan Kazimierz Bokus und Verbandssekretär Jerzy Kucharski(inks), Jan Kazimierz Bokus, Maria Stroinska, Diethardt Stamm das Vorstandsmitglied Maria Stroinska betonten wie wichtig es sei, mit der Lagergemeinschaft enger in Kontakt zu kommen.„Ohne die Hilfe der Lagerge- meinschaft könnten wir viele Projekte nicht bewältigen“, Sagte Bokus. Mehre- re Zeit?eugeninnen bekräftigten ihre Bereitschaft sich für Gespräche mit eilnehmern von Studienfahrten zur Verfügung zu stellen. ElZbieta und Diethardt Stamm konnten bei ihrem Aufent- halt in Warschau auch mit jungen Freiwilligen der AKtion Sihnezeichen spre-— chen, die ehemalige Ausch- witzhäftlinge betreuen. S0 erzählte Karolina Jablons- ka viel von ihrer Arbeit mit Maria Filipczynska, Häft- lingsnummer 62310. Diese wiederum berichtete, dass sie es ohne die Hilfe der jungen Leute sehr schwer hätte, ihren Alltag zu orga- der ehemaligen KZ-Hüäftlinge Mitgliederversammlung des Warschauer Verbandes Hisleren. Diethardt Stamm 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Wie gut, dass es diese jungen Leute gibt Interview mit einem Freiwilligen der Aktion Sühnezeichen Diethardt Stamm(Lagergemeinschaft Auschwitz- FreumdesKreis der Auschwitzer) sprach im Herbst 2010 mit Jannik Rösner in Warschau, kurz bevor dessen ein- jähriger Friedensdienst in Polen beendet war. Wann und wie hahen Sie die Aktion Sihnezeichen Friedensdienste(481) Kennen gelernt? Von Aktion Sihnezeichen Friedens- dienste erfuhr ich auf meiner Suche nach dem, was in der Zeit nach dem Abitur kommen sollte. In Gesprächen mit Be— kannten sowie bei Recherchen im Inter- net stieß ich auf diese Organisation, die mir mit ihren historisch-politischen Pro- grammen und Absichten von Anfang an zusagte. Das war im August 2008. Rich- tig kennen gelernt habe ich Aktion Sh- neZeichen Hriedensdienste aber erst auf dem Informations- und Auswahlseminar in Werftpfuhl bei Bernau in Branden- burg, Zu dem ich im Februar 2009 einge- laden wurde. Was wuren Ihre Motive, ein Jahr lang in Polen zu arbeiten? Wie schon erwähnt, machte ich mir vor dem Abitur in Deutschland Gedan- ken, wie ich wohl das darauf folgende Jahr verbringen werde. Meine Haupt- motivation bestand erst einmal darin, den Wehrdienst zu verweigern und ei- nen zivilen Dienst zu leisten. Dann fand ich heraus, dass das auch in anderen Lãn- dern mit ADIA- Anderer Pienst im Aus- land- funktionieren kann und bewarb mich daraufhin bei dem anerkannten räger Aktion Sühnezeichen Friedens- dienste. Es ist jedoch ein wenig anders verlaufen. Ich wurde ausgemustert und mir stand Zu diesem Zeitpunkt frei, umge- hend nach dem Abitur zu studieren. Da hatte ich mich mit dem Gedanken, einen Freiwilligendienst Zu absolvieren, aber Schon so gut angefreundet, dass ich der Finladung Zzum ASF-Informations- und Auswahlseminar nachging. Bei meiner Bewerbung gab ich an, dass im Vordergrund nicht direkt das Land, sondern die Tätigkeit im histo- risch-politischen sowie im sozialen Be- reich stehe- der Ort war zweitrangig. Zuerst Schwebte mir ein Jahr in Frank- reich vor, da ich in der Schule Franzö- sisch gelernt habe, bei dem Seminar al- lerdings gab ich als Präferenzen die Länder Russland, UkKraine für meinen Erstwunsch, Polen und sogar Israel als Zweitwunsch an, in Tschechien konnte ich mir einen Freiwilligendienst auch gut vorstellen. Polen nannte ich, wie die mei- sten anderen Länder auch, weil ich über dieses von Deutschland aus õstlich gele⸗ gene Land eigentlich nicht so viel wus- ste, und gerade weil für viele Menschen in Deutschland Polen weiter entfernt ist als Ibiza oder Mallorca, fand ich es total spannend. Vor allem gefielen mir aber die Projekte, die Zzum einen in Gedenk- stätten oder in Institutionen mit histo- risch-politischer Arbeit, Zum anderen in der Arbeit mit älteren Menschen vorge- sehen waren. In Polen, Warschau hat es dann geklappt und ich habe mich riesig gefreut in der Stiftung Polnisch-Peut- Sche Aushnung meinen Freiwilligen- dienst Zu absolvieren. Welche Biroarbeiten haben Sie an wieviel Jagen in der Woche in Warschau in der deluuschpolnischen StiftungAkti- on Sihnezeichen verrichtet? Besonders gefielen mir während meines Freiwilligendienstes die ab- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 wechslungsreichen Wo- chen, in denen immer et- was Spannendes und meist Unerwartetes pas- sierte. Im Büro der Stif— tung Polnisch-Peltsche Alsvhnung habe ich zu— erst an einem vollen Jag und für ein paar Stunden an?Zwei weiteren Tagen gearbeitet. Zum Schluss wurden es dann zwei gan?ze Iage in der Woche. Neben dem Versen- den von FMails und Briefen in deutscher Sprache und dem Korri- gieren von Texten für ver- schiedene geschichtliche Publikationen der Stif— tung gab es auch Zeit für individuellere Projekte wie die Arbeit an einem Audioguide über das hi- Storische Warschau oder das Planen von Pro- grammpunkten für Ge— denkstättenfahrten von polnisch-deutschen Jugendgruppen in chemalige Konzentrationslager. Zu Beginn gab es aber auch die Auf— gabe, Listen über polnische Zwangsar- beiter mit vielen Daten abzutippen, die für das Straty-Programm benötigt wur- den. Im Büro war die Atmosphäre immer schr familiär, und mit den Mitarbeiten und den anderen Freiwilligen wurde lan- ge diskutiert, gelacht und in der Mittags- pause gut gegessen. Welche weiteren Tätigkeiten haben Sie an den weiteren Jagen in der Woche durchgefiihrt? Mit die beste Zeit hatte ich bei den älteren Menschen, die ich während der Woche besuchte. Am Montag war ich Jannik Rõösner in seiner Unterkunft in Warszawa-Ochota immer bei einer Frau, die für ihr Leben gern kocht. Wir haben zusammen einge- kauft, gekocht, gegessen und uns über alles Mögliche unterhalten. Ponnerstags fuhr ich zu einem lie bevollen Herrn, der nur sehr Schwer gehen und Dinge tragen kann. Auch er erfuhr eine unvorstellbar schreckliche Zeit im Konzentrationsla- ger Auschwitz und im Konzentrationsla- ger Neuengamme. Wie erledigten ge-— meinsam die Pinkäufe und diskutierten und redeten bei Tee und Kuchen über mehrere Stunden. Finem weiterem Herrn brachte ich an einem Tag das Mittagessen vorbei. Wo wir gerade beim Fssen sind: Zum Ende meines Jahres in Polen brachte ich dem Herrn Jozef K. das Mittagessen und besuchte ihn. Mit seinen 93 Jahren kann 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer man ihn als den ältesten Mitarbeiter der Stiftung bezeichnen. Traurigerweise hat- te er einen Unfall und sollte das Haus bis auf weiteres nicht verlassen. Zusätzlich arbeitete ich noch in zwei Seniorenheimen, wo ich im sozialen und künstlerischen Bereich tätig war. Was hat Sonst noch Vhren Alltug ge- Kennzeichnet? Schr viel hat meinen Alltag gekenn- zeichnet. Allein schon in der Stadt War- schau zu leben mit all den kulturellen Möglichkeiten wie Kinos, Konzerten, Ausstellungen, Cafés usw. Außerdem hat wieder das Essen mit den doch guten polnischen Märkten den Jag verfeinert. Wie Sahen Ihre Kontalte zur polni- Schen Bevölkerung aus? Nach dem vergangen Jahr kann ich feststellen, dass ich einige gute Freunde in Polen gewonnen habe. Die Menschen, die ich getroffen habe, waren sehr auf— geschlossen und freundlich. Hier und da machte es Spaß, sich mit der einen oder dem anderen zu unterhalten Und auch mit den Nachbarn haben wir uns gut ver- Standen. Wo haben Sie in Warchat gewolhnt, wer wuren Ihre Wohnungsmithewohnen wie Kamen Sie mit dem polnischen„ Um- feld“ Klar und wie wuren die Sprachbar- rieren? Die Wohnung befindet sich in einem typischen Block im Stadtteil Ochota, ca. 15 Minuten mit der Iram vom Zentral- bahnhof entfernt. Dort lebte ich das ganze Jahr mit anderen Freiwilligen zu- sammen. Aufgrund der Projektplanung von anderen Organisationen hat das Stãndig rotiert. Die Freiwilligen, die auch für die Stiftung Polnisch-Meutsche Alis- Shnung arbeiteten, kamen aus Island, Deutschland und zur Hälfte aus Polen. Mit der ASF-Freiwilligen, die in der jüdischen Gemeinde in Warschau ihren Dienst leistete, wohnte ich die ganze Zeit Zusammen. Sie kam aus der Ukra- ine. Alle waren s0 wie ich um die zwan- zig Jahre alt, vielleicht ein bisschen älter, aber wir haben uns immer gut verstan- den und wie eben berichtet auch mit den Nachbarn. In der Wohnung gab es keine Pro- bleme. Gesprochen wurde Englisch und ab und zu Polnisch. Das Polnische im Alltag war am Anfang sehr aufregend und ich erinnere mich an sehr lustige Situationen, in denen ich nichts ver- stand, zum Schluss aber trotzdem eine Kommunikation stattfand. Und auch mit den ãlteren Menschen, die ich besuchte, musste ich mich ja auf Polnisch verstän- digen. Jet?t kann ich mich ganz gut aus- drücken, flüssig schreiben ist dann aber wieder eine ganz andere Sache. Welche Konkreten begegnungen hat- ten Sie mit dlteren polnischen Peronen, die heute als Zeitzeugen anzusehen vind ind was hahen Sie von denen von „Hiher“ und alus der aktuellen Zeithe- wertung erfahren? Meine erste Begegnung mit polni- schen Menschen, die zum Beispiel in ei- nem Konzentrationslager waren, hatte ich im Juli 2009, also noch vor meinem Jahr in Polen. Auf der ASF-Gedenkstät- tenfahrt in Lublin lernte ich eine Frau kennen, die herzlich und lieb war. Einer- Sseits führten wir ein sogenanntes Zeit- zeugengespräch und andererseits, dann abends bei einem kalten Getränk, Spra- chen wir auch noch über ihre Enkel, Rei- sen, über alles Mögliche. Daran erinnere ich mich sehr gern, und ein halbes Jahr später habe ich sie dann bei der Inter- nationalen Begegnung in Oswiecim „65 Jahre nach Auschwit?“ wiederge- troffen. Die Freude war sehr groß. Insgesamt gab es während des Frei- willigendienstes viele Situationen, in Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 denen ich Kontakt zu Menschen hatte, die von einer unvorstellbar schreck- lichen Zeit erzählen können. Die auf der einen Seite grausame, unmenschliche Geschichten, auf der anderen Seite auch hoffnungsvolle oder sogar lustige Ge- schichten zu erzählen haben. Beispielsweise interviewten wir Frei- willigen für das Audioguide-Projekt einen Mann, der von seiner Zeit in der Widerstandsorganisation Armia Krajo- wa berichtete, aber auch von der Zeit vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Er erZãhlte von einer Stadt, die ganz anders ausgeschen hat, die von den Deutschen komplett Zerstört wurde und dann wie- der aufgebaut werden musste. Fin anderes mal, als mich meine Mutter und Verwandte besuchte, begeg- neten wir auf der Straße einer Frau, die uns etwas über Warschau erzãhlen woll- te. Sie sprach von den Angriffen und vom Warschauer Aufstand, wie ein Split- ter sich in ihr Bein bohrte. Zum Schluss zeigte sie uns, wo sie wohnt und ent- Schuldigte sich, dass ihre Wohnung gera- de nicht aufgeräumt sei und ihr ein Tee- Besuch unangenehm sei. Und mit dem Herrn Jozef K. sprach ich oft über diese Zeit. Fünf Jahre musste er im Konzentrationslager Sachsenhau- sen Zwangsarbeit unter grausamen Be- dingungen leisten. Zusammen verfassten wir eine deutschsprachige Rede, die in kürze seine Zeit während des Zweiten Weltkrieges schildert. Da ich in der Schu⸗ le eine Facharbeit Zu dem doch neueren Film„ Die Flscher? verfasst hatte, fragte ich ihn, ob er etwas darüber wisse. Und er Sagte, dass er die Maschinen sah, als sie ankamen, dass er und noch weitere Hãft- linge sie sãubern mussten. Wrden Sle velber helte noch einmal die gleiche Entscheidung für einen Po- lenaufenthalt treffen und wus wrden Sie evtl. anders machen? Ich kann nur betonen, dass ich in die- sem Jahr die beste und interessanteste Zeit meines Lebens hatte. Jederzeit wür- de ich diesen Aufenthalt wiederholen. Vielleicht bin ich dann auch ein wenig fleißiger, was das Lernen der Sprache betrifft. Denn erst bei der„leichten“ Verständigung macht es unheimlich Spaß, die Stadt Zu erkunden und mit an- deren Leuten zu reden oder einfach nur zu zuhören. Wie glauhen Sie wird Mhr einjdhriger Finbatz in Polen Finfluss auf Mhr weiteres Tehen haben? In Polen habe ich viele nette und in- teressante Menschen getroffen, die ich später auf jeden Fall wieder treffen möchte. Die Stadt ist mir ans Herz ge- wachsen und das Arbeitsumfeld gefiel mir auch. Demnächst werde ich dann al- ler Voraussicht nach ein Studium in Ge- schichte und slawischen Sprachen, Kul- turen, Literaturen- mit Polnisch beginnen. Das Jahr hat mich darin nur bestätigt und mein Interesse an der ost- europäischen Geschichte noch weiter gestärkt. Welche EFmpfehlungen würden Sie der deutschen Kegierung als Ihrer heuiti- gen Sicht in Bezlug auf die Polenpolitik mit auf den Weg geben? Es lãsst sich feststellen, dass sich in der let?ten Zeit echt viel verbessert hat. Der heutigen schwarz-gelben Regierung in Deutschland würde ich raten, ganz schnell eine klarere Position, zum(oder gegen!) den Bund der Vertriebenen und der Präsidentin Frika Steinbach zu be- zichen. Aber eine Empfehlung an eine Re- gierung Zu geben, halte ich für nicht so re- levant. Wenn Nationalstaaten in ihrem eigenen Interesse handeln, dann gibt es eben Differenzen, ob sie nun klein sind oder noch größer werden.. Studienfahrt nach Auschwitz und Krakau 13. Oktober-18. Oktober 2011 Inhalt:- geführter Rundgang durch das Stammlager Auschwit? geführter Rundgang durch das Vernichtungslager Birkenau Gespräche mit Uberlebenden Besuch im Archiv und der Kunstsammlung der Gedenkstätte Besuch in Krakau Kosten: 600 Euro(Hlug, Unterkunft, Verpflegung, Fintritte, Honorare) Ermãäßigung bis zu 350 Prozent auf Antrag für Studierende, Schüler und Schülerinnen sowie Menschen mit geringem Finkommen Informationen und Anmeldung bei Uwe Hartwig, Iel.(06002) 938033, FMail: hartwigSlagergemeinschaft-auschwitz. de Veranstaltungen der Lagergemeinschaft für das 2. Halbjahr 2011 sind in Planung, aber noch nicht terminiert. Bitte immer mal wieder im Internet nachschauen auf www. lagergemeinschaft-auschwitz. de. Neue Internet-Auftritte Die Jugendbegegnungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main hat ihren neue Internetauftritt online gestellt unter www.jbs-anne-frank.de. Das Pãdagogische Zentrum des Frit?-Bauer-Instituts und das Jüdische Muse- um Frankfurt am Main hat mit dem Web-Portal„Vor dem Holocaust- Fotos zum jüdischen Alltagsleben in Hessen“ einen riesigen Fundus an individuellen Ge- Schichten für jedermann zugänglich gemacht. Es wurden mehrere tausend Fotos zu- sammengetragen, die aus rund 300 hessischen Orten stammen. Vor 1933 existier- ten in Hessen 400 jüdischen Gemeinden, von denen weitere Fotos gesucht werden. Kontakt: Telefon(069) 21274238, E-Mail Monica. Kingreen Gstadt-frankfurt. de, www.vor-dem-holocaust.de. Es lebe die Freiheit! Die Jugend war ein wichtiger Pfeiler beim Ausbau der nationalsozialistischen Herrschaft. Hitlerjugend und Bund Peucher Mddel wurden zur Verpflichtung ei- ner ganzen Generation. Nur wenige fanden den Mut, sich zu widersetzen. Im Fe- bruar dieses Jahres hat der Studienkreis Deutscher Widerstand 1933— 1945 in Frankfurt seine neue Ausstellung„Es lebe die Freiheit!-Junge Menschen gegen den Nationalsozialismus“ einem breiten Publikum vorgestellt. Einen Katalog zur Ausstellung gibt es für 8 Buro. Die Ausstellung, die aus selbststehenden Roll-up- Bannern besteht kann ausgeliehen werden. Preis auf Anfrage beim Studienkreis, ſelefon(U69) 721575, www.studienkreis-widerstand-1933-45. de.