LAGERGEMEINSCHAFT AUSCHWTZ FREUNDESKREIS DER AUSCHWTZER . . . — 5 30. Jahrgang, Heft 1 Mitteilungsblatt, Juli/August 2010 Liebe Mitglieder der Lagergemeinschaft und des Freundeskreises, Hebe Sym- pathisantinnen und Sympathisanten, liebe Leserinnen und Leser, vom Umfang her bilden Berichte und Bewertungen zu Studienfahrten nach Auschwit? den Schwerpunkt dieser Ausgabe unseres Mitteilungsblattes. Dies wird bereits mit dem Foto auf der Nitelseite deutlich: Der Eingangsbereich der Internatio- nalen Mugendbegegnungssttte in Oswiecim ist für viele der Ausgangspunkt zu Rund- gängen durch das nahe gelegene Gelände des heutigen Museums auf dem Areal des früheren deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager. Zu Beginn steht jedoch ein Bericht über einen Besuch beim ungarischen Auschwit?komitee. Es folgen Wür- digungen und Berichte über Ehrungen sowie Rezensionen. Die Neuerscheinung „Lass uns über Auschwitz Sprechen“ wird besprochen und an frühere Publikationen des Staatlichen Museums wird erinnert. Fin Jext von Halina Birenbaum über ihre Rückkehr nach Polen und Auschwitz nach mehrern Jahrzehnten ist neu abgedruckt. Zudem bleibt es auch nicht aus, über Jodesfälle aus der Mitgiedschaft und von Freun- den aus anderen Organisationen und Finrichtungen berichten zu müssen. Wir bedanken uns sehr für Ihr Interesse sowie die Spendenbereitschaft, ohne die wir bekanntlich unsere Arbeit nur in sehr reduziertem Umfang leisten kõnnten. Auch diesem Mitteilungsblatt liegt wieder ein Uberweisungsformular bei, unsere Bank- verbindung ist jedoch auch im Impressum auf der vorlet?ten Seite zZu finden. Herzliche Grüße Vorstand der IGA Inhaltsverzeichnis Seite Besuch beim ungarischen Auschwitzkomitee 1 „Schuhe am Donau-Ufer“ in Budapest 5 EFinblicke hinter die Kulissen der Gedenkstätte 8 Mit Wetterauer Kommunalpolitikern in Auschwit? „Fragt uns, wir geben FEuch Antwort“ 16 Rundgänge und Gespräche mit ehemaligen Häftlingen „Menschen sind Menschen“ 19 Der Brinnerung auf der Spur in Auschwit?, Oswiecim und Krakau Kazimierz Smolen: Fine Stimme aus Auschwitz 23 Zum 90. Geburtstag des langjährigen Gedenkstättenleiters Fin Tag der Genugtuung 25 Kazimierz Albin mit Bundesverdienstkreuz geehrt Erinnerungen, Monographien, Neuerscheinungen: 28 Lass uns über Auschwitz sprechen 28 Hinweise auf verschriftete Gedãchtnisse 31 Halina Birenbaum-„Eine trockene Aufzeichnung und doch so viel“ 33 Nachrufe Musch Steinschneider 39 Dr. Helena Slizowska 41 Dr. Barbara Mlynarski 41 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 Zu Gast bei Freunden in Budapest Besuch beim ungarischen Mschwitzkomitee(NUB) Im November 2008 hatte die Lagergemeinschaft Alschwit? zehn Tage lang Besuch von den ungarischen Holocaust- Vberlebenden Eva Pusztai und Andor Frankl. Die beiden Buda- pester waren in vielen Schulen und dort jeweils in mehreren Klassen und erzählten von dem schlimmsten Teil ihrer Lebensgeschichte von Auschwitz über Buchenwald bis zur Zwangs- arbeit im hessischen Stadtallendorf Giehe MB Nr. 2/2008 ab S. 3). Der Höhepunkt des Aufenthalts von Eva Pus?tai und Andor Frankl war die be- wegende Abendveranstaltung am 9. Novembr 2008- dem Jahrestag der Sog. Reichkristallnacht- im Museum der Stadt But?bach. Fva Pusꝰtai trafen wir Zum ersten Mal bei einer Sitzung des Internationa- — len Auschwilækomitees in Oswiecim. Uber sie lernten wir wiederum György Denes und seine Frau Csöpi kennen. Auch er ein Budapester mit ähnlichem Schicksal, der nicht nur den Naziterror in Bergen-Belsen erleben musste, son- dern auch noch kurz vor Kriegsende die Verlegung in Viehwaggons, die unter- wegs bombardiert wurden, nach The- resienstadt(Siehe MB Nr. 2/2009). Nach seiner Befreiung und Rück- kehr nach Ungarn unterstüt?te er 1956 den Aufstand gegen die kommunisti- sche Regierung. Dieses Fintreten für ein demokratisches Ungarn kostete ihn drei Monate Gefängnis und er ver- lor seine Stelle als Historiker an der Universitãt. 2000 waren György Denes und sei- ne Frau ebenfalls für zehn Tage auf Fin- Erzibet Szemes, Eva Pusztai, Czöpi und György Denes sowie Andor Frank(von links) hießen Diethardt Stamm und Elabieta(nicht im Bildh in Budapest herzlch willkommen. 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer ladung der Lagergemeinschaft und des Freundeskreises in der Wetterau. Sie besuchten für Gespräche mit Jugend- lichen mehrere Schulen. György refe- rierte bei der Gedenkveranstaltung in Butzbach am 9. November 2009 und in Friedberg bei einer Großdemonstra- tion für Demokratie und gegen die rechtsradikale NPD. Unsere ungarischen Freunde ha— ben uns- Deutsche der 1. und 2. Nach- kriegsgeneration im Vorstand- nun zu sich nach Budapest eingeladen. Man fühlt sich reich beschenkt und fragt sich, ob man das verdient hat. Diethardt Stamm kam im April 2010 mit seiner Frau Elzbieta der Ein- ladung nach. Empfangen wurde die beiden nicht nur von Eva Pusztai, Andor Frankl, György und Czöpi Denes, sondern auch von der Präsi- dentin des ungarischen Auschwit?-Ko- mitees(NUB) Erzibet Szemes. Dabei ging es freundschaftlich und herzlich zu. Unter anderem wurden die Gãäste von Fva und Czöpi mit Spezialitãten der ungarische Küche verwöhnt. Zudem hatten die Gastgeber ein Wochenprogramm für uns gestaltet. Fußmãärsche in der Budapester Innen- Stadt waren angesagt. Eva und György legten ein beachtliches Iempo vor und wollten in einer Wo- —— ₰ * — Die Große Synagoge in Budapest che möglichst jedes städtische Detail er— läutern. Natürlich landeten wir in der 1897 gebauten großen Markthalle, an der Matthiaskir- che, dem Krönungs- ort der ungarische Könige über mehre- re Jahrhunderte, und dem Parlamentsge- bäude von 1902 als dem Wahrzeichen der Hauptstadt. Aber besondere Aufmerk- samkeit erregte die Große Synagoge (qweitgrößte der Welt) mit Platz für 1402 Männer und 1472 Frauen. Im Innenhof be- findet sich seit 1990 das Mahnmal zum Gedenken an die Op- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 fer des Holocaust. Was wie ein Le- bensbaum aussieht, besteht aus vielen Asten mit tausenden von„Blättern“. AMuf diesen sind Namen von Menschen eingraviert, die von Nazis ermordeten wurden. Das Innere der Synagoge zeichnet sich durch eine Ahnlichkeit mit christ- lichen Kirchen aus. Das Lesepult ist nicht wie üblich in der Mitte, sondern dort wo in Kirchen der Altar steht, und die Frauenemporen über zZwei Stock- werke erwecken den Findruck einer christlichen Basilika. Geörgy Denes wies auch auf die vielen Elemente der maurischen Baukunst hin. Natürlich ließ er es sich nicht neh- men, die Gäste mit der Zahnradbahn auf den Berghügel des Stadtteils Buda zu begleiten, um dort u. a. die Details des Burgpalastes zu erläutern. In die- sem hatten sich die deutschen Besat- zer nach ihrem Finmarsch am 10. Mãrz 1944 breit gemacht. Mit Eva und Andor durften wir Gäste viele Kilometer marschieren. Die Märsche, bei den wir als 35 Jahre jüngere Personen kaum mithalten konnten, zeigen den Lebensmut und auch ein Stück Kampfgeist unsere Freunde. So liefen wir auch am Donau-Ufer entlang, vorbei an der FBlisabeth- brücke, der im Jahre 1903 entstande- nen längsten Kettenbrücke der Welt, und vorbei an der Lanchid-Brücke von 1849. Kurz danach ein überra- Schender und gleichzeitig ungewöhnli- cher Blick auf viele einzelne, direkt am Ufer stehende Schuhe, die sich bei näherem Betrachten als Nachbildun- gen aus Stahl erweisen. Etwas rätsel- haft, denn es gibt keine erläuternden Im Büro des ungarischen Auschwitz- Komitees begrüßten auch Vilmos Bond, Varadi Pal und Keresztes Tibor die Güste aus Deutschland. Hinweise. Fva deutet auf drei kleine im Boden eingelassene Tafeln hin. Dort findet man kurze Iexte in he- brãischer, englischer und ungarischer Sprache. Eva erlãutert sofort, dass die- 8e Texte das Wesentliche verschwei- gen, nämlich die Schandtaten der faschistischen Pfeilkreuzer. Deren An- hänger trieben nach ihrer„Macht- ergreifung“ im Oktober 1944 Buda- pester Juden am Ufer zusammen und erschossen sie so, dass die Leichen in die Donau fielen. Als Vertreter der Lagegemein- Schaft wurden wir gebeten, Finfluss zu nehmen, dass das Brinnerungsdenk- mal„Schuhe am Donau-Ufer“ besser erläutert wird. Eva sagt:„Hier haben Ungarn die Ungarn ermordet. Auf gut sichtbaren Tafeln sollte stehen, dass ungarische Faschisten ungarische Juden umgebracht haben.“ Wir sagten zu, dass die Lagergemeinschaft Ausch- wil? dies versuchen werde(Siehe MB- Beitrag„Brief an den ungarischen Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Botschafter in Berlin“ und dessen vor- läufige Antwort). Kurz nach dieser Stadtbesichtigug gab es einen Empfang durch das un- garische Auschwitzkomitee(NUB) in dessen Räumlichkeiten. EFin von der ungarischen Regierung finanziertes Stockwerk in einem Altbau steht hier- für zur Verfügung. Mehrere Büroräu- me, eine Bibliothek und ein Versamm- lungsraum gehören dazu. Port stellten wir die Lagergemeinschaft Auschwitz vor, verteilten einige Jahrgänge des MB und Bücher aus Hessen, die sich mit dem Holocaust beschäftigen. Um- gekehrt erfuhren wir von der Arbeit des ungarischen Verbandes, bei dem die Betreuung der Mitglieder im Vor- dergrund steht. Und man möchte ger- ne näher mit uns Zusammen arbeiten. Da unsere Partner weltoffen und von * 4 — dem Willen beseelt sind, die euro- pãische Gesellschaft noch lange zu be- einflussen, sind sie modern und wün- schen sich auch den Kontakt„auf elektronischem Weg“. Und so geht manche Kommentare, Sei es zum Aus- gang der ungarischen Parlamentswahl mit dem Erstarken der rechtsradika- len„Jobik“, sei es zum Agieren der bundesdeutschen rechtsradikalen NPD, Zwischen Budapest und der Wet- terau hin und her. Und wenn alles gut geht, wird im November 2010 aus Ungarn wieder ei- ne Uberlebende oder ein Uberleben- der des Holocaust in der Wetterau zu Besuch sein und über die Verfolgung im Nationalsozialismus an Schulen und bei Gedenkveranstaltungen spre- chen. Diethardt Stamm .—— ———— Das Mahnmal im Hof der Synagoge in Budapest erinnert an die Opfer des Holocaust. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 8 Nach einem Besuch lnseres stellvertretenden Vorsitzenden Diemardt Stamm bei ungurischen Holocaust- Uberlebenden schrieb der Vorstund folgenden Brief an den Botschafter der Kepublik Ungar in Berlin. Schuhe am Donau-Ufer Offener Brief an den Botschafter der Republik Ungarn Seine Excellenz Herrn Botschafter der Republik Ungarn Dr. Sandor Peisch Unter den Linden 76 10117 Berlin EFxcellenz, wir sind ein bundesweit tätiger Verein der sich seit Jahrzehnten dem Andenken und der Brinnerung an die Opfer des Holocaust im Konzentrati- onslager Auschwitz und anderen Stãät- ten dieser Verbrechen widmet. Wir treten dafür ein, dass solche Un- menschlichkeiten nie wieder gesche- hen, und bekämpfen daraus resultie- rend den aktuellen Rechtsradika- lismus. Dieser nimmt leider in vielen Ländern Europas zu. Wir sind Mitglied im Internationa- len Auschwitzkomitee und arbeiten mit vergleichbaren Organisationen anderer Länder zusammen. Dement- sprechend bestehen auch langjährige Kontakte Zzur entsprechenden Organi- sation in Ungarn, und Uberlebende aus Budapest waren auf unsere Einla- dung schon mehrfach als Zeitzeugen in Deutschland. Im Zusammenhang mit dem Jah- restag des Kriegsendes am 8. Mai 1945 haben wir vor kurzem unseren ungari- schen Freunden einen Arbeitsbesuch abgestattet. Dabei wurden wir auch an 03.06.2010 das seit 2005 existierende Denkmal „Schuhe am Donau-Ufer“ geführt Giehe beiliegenden Fotoausdrucky). Auf dieses beeindruckende Denkmal wird leider in touristischen Prospek- ten nicht oder mangelhaft hingewie- sen. Vor Ort benennen drei auf dem Boden liegende und leicht zu überse- hende Tafeln in hebräischer, ungari- scher und englischer Sprache lediglich allgemein Verbrechen der Nazis in den Jahren 1044 und 1945.(Die englische Version fügen wir Ihnen ebenso als Fotoausdruck anbei). Das ist leider ei- ne absolut unzureichende Parstellung des historischen Geschehens. Ab 15. Oktober 1944 haben die ra- dikalfaschistischen Pfeilkreuzer- ob- wohl sie nur von 25% der Bevölke- rung gewählt waren- die Macht in der Nachfolge des hitlerfreundlichen Mik— los Horthy übernommen, haben sofort zu Zehntausenden jüdische Bürger und Bürgerinnen an das Donauufer getrieben und erschossen. Diese Mas- Saker richteten sich ausschliefllich ge- gen Juden, wovon heute am Ort des Geschehens nichts zu erfahren ist. Bis 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer März 1945 wurden so etwa 50 000 Budapester Juden ermordet und die Pfeilkreuzer tragen durch ihre Kolla- boration mit den deutschen Nazis und der Hilfe bei der Deportation der Ju- den die wesentliche Verantwortung für den Mord an insgesamt 500 000 un— garischen Juden. Hierũber ist am Denkmal„Schuhe am Donauufer“ nichts zu erfahren. Das kann als Geschichtsfälschung ge- sehen werden. Wir bitten Sie deshalb, Excellenz, bei den Zustãndigen Regierungsstellen in Absprache mit der Verwaltung der Stadt Budapest darauf hinzuwirken, dass die Gestaltung des Denkmals geändert wird. Oberstes Ziel Sollte da- bei die Erinnerung an die ermordeten Juden aus dem Budapester Getto und die klare Benennung der Pfeilkreuzer als verbrecherische Organisation und als Täter sein. Hilfreich wären sicher- lich auch aufrecht stehende Hinweis- tafeln in weiteren Sprachen. Mit unserem Brief wenden wir uns 3— Das Mahnmal der Schuhe am Budapester Ufer der Ponau vedare nne einer Er- weiterung durch genauere ErKürungen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 an Sie als Vertreter der Republik Un- garn, weil diese Vergangenheit unsere beiden Länder betrifft. Die Auf— klärung über die Gefahren des Fa- schismus und die Bekämpfung seiner gegenwärtigen Formen sind unsere ge- meinsamen europäischen Aufgaben. Deswegen hoffen wir, dass auch Sie sich für dieses Anliegen einsetzen. Un- ser Schreiben werden wir in unserem international vertriebenen Mittei- lungsblatt abdrucken. Wir sind natür- lich gerne bereit, Ihre Antwort auf un- Seren Brief im folgenden Mitteilungsblatt zu verõffentlichen. Fine Kopie unseres Briefes werden wir an das ungarische Auschwitz Ko- mitee(NUB) zur Information Schicken. Wir danken Ihnen für Ihre Auf— merksamkeit und sehen Ihrer Antwort mit Interesse entgegen. Mit freundlichen Grüflen Diethardt Stamm Vorstand der Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Ausch- witzer e.V. Die vorläãufige Antwort aus der Botschaft Schr gechrter Herr Vorstand Stamm, Mit freundlichen Grüssen (Im Auſtrag von Herrn Botschafter) Zsolt Böta Gesandter wir bedanken uns für Ihr Schreiben vom 03.06.2010, das wir erhalten haben. Ich kann Ihre Bemerkungen zum Mahnmal„Schuhe am Donauufer“ in Budapest tatsãchlich nachvollziehen. Aus diesem Grund haben wir Ihre Unterlagen mit vorschlag zur Prüfung an den Oberhürgermeister von Budapest und die zuständigen Regicrungsbehörden weitergeleitet Wir müssen jetzt abwarten, ob da sich etwas hewegen wird. Deshalb möchte ich Sie um Geduld bitten, hoffentlich können wir lhnen in abschbarer Zeit über gewisse Resonanz berichten. Berlin, den 10. Juni 2010 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Einblicke hinter die Kulissen der Gedenkstätte Mit Wetterauer Kommunalpolitikern in Auschwitz Schon mehrfach hat die Lagerge- meinschaft Alschwilz- FreundesKreis der Auschwitzer(IGA) besonders auf Politiker abgestimmte Besuchspro- gramme zusammen mit den Partnern vor Ort in Polen konzipiert und durchgeführt. Im Juni 2010 war es wieder so weit. Wie bei einer ähn- lichen Gruppierung vor 25 Jahren und bei mehreren Fahrten danach fuhren Repräsentanten aus vier demokrati- Schen im Wetterauer Kreisparlament vertretenen Parteien mit nach Ausch- witz. Den Anstoß gaben die jeweiligen Landräte oder ihre Vertreter. Diesmal war es der amtierende Wetterauer Landrat Joachim Arnold. Für die KLGA organisierte Diet- hardt Stamm ein auf dieses Klientel zugeschnittenes Programm. Klar ist immer, mn kann es nicht allen ganz recht machen. Die Ansprüche sind Maria Altmann, 1. Kanzlerin des deut- schen Generalkonsulates in Krakau, Sprach mit den Wetterauer Politikern über deutsch-polnische Politik. hoch und gleichzeitig ist die Zeit vor Ort mit dreieinhalb Tagen knapp. Hin- zu kommen auch die Erwartungen der LGM an eine solche Gruppe. Da geht es um spezifische Informationen, das Wecken von EFmotionen bei Perso- nen, die von der Mlltagspolitik etwas „erschlagen“ sind; es geht aber auch darum, ein Multiplikatorenpotential zu schen und dieses parteiübergrei- fend für die Auseinanderset?ung mit Rechtsradikalismus zu nutzen. Unter diesen Prämissen wurden nicht nur die Führungen im Stamm- lager und im Vernichtungslager Bir- kenau(Auschwitz I1) durchgeführt und die von ElꝰZbieta Stamm einfühlsam ge- dolmetschten Zeitzeugen Kazimier? Albin und JözZef Paczynski mit ihren Erlebnissen aus der Nazizeit angehört: Es wurden auch EFinblicke„hinter die Kulissen“ der heutigen Gedenkstätte, die sich als Museum bezeichnet, ge- währt, die Besuchergruppen nicht auto- matisch geboten werden. So wurden Arbeiten in Laborräumen begutachtet, wo Schriftliche Dokumente zur Konser- vierung bearbeitet, aber auch Gegen- Ständen aus dem Lager vor der Verrot- tung für die Nachwelt bewahrt werden, wie Zzum Beispiel Zahnbürsten und Besteck, also das Hab und Gut der Ermordeten. Zu Gesicht bekam die Gruppe unter anderem auch ein von ei- nem Häftling auf Bestellung eines SS— Offiziers angefertigtes Olgemälde, des- sen aktuelle Restaurierung die KGA finanziell unterstütↄt. Sicherlich interessant waren auch die Pinblicke in Teile der Gemälde- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 — 1 4 Der Anschwitz-Uberlebende Jõzef Paczynski(re.) bei der Diskussion mit der Wetterau- er Besuchergruppe-hier mit Dolmetscherin Elabieta Stamm und Landrat Arnold. sammlung mit Bildern und Zeichnun- gen, entstanden in AuschwitBir- kenau oder in der Erinnerungsarbeit nach der Befreiung. Hierzu zählen drei Bilder von Pablo Picasso, der sich am Kriegsende mit den Geschehnis- Sen in Auschwit? beschäftigte und sie dann bildhaft verarbeitete. Die Wetterauer Gruppe wurde aber auch mit den Anliegen der Inter- nationalen ugendbegegnungsstätte (IIB8) und des Zentrums für Pialog vertraut gemacht. Fin wichtiger Pro— grammpunkt war es, die Politiker und ihre Begleitung mit engagierten jun— gen Menschen vor Ort in Kontakt zu bringen. So kümmerte sich Mike Leh- ner vom õsterreichischen Verband für Gedenkarbeit um das organisatorische Gelingen in der Jugendbegegnungs- Stätte und Alex Hauschild vom Inter- nationulen Bund(IB) in Kassel erläu- terte die Arbeit mit Jugendgruppen. Nicole Freihoff vom Eutropdischen reiwilligendienst und entsandt von der Auslandsgesellschaft in Nord- rhein-Westfalen führte durch die wie— der hergestellte Synagoge und die Stadt Oswiecim. Alle diese hochmoti- vierten Leute sind freiwillig im Ein— Sat? und vermittelten der Politiker- gruppe das Bild einer positiven Jugend. Aber gerade auch die von den Politikern eingeladenen drei Vertreter des Kreisschülerrates aus der Wet- terau waren beeindruckt und fühlten sich angesprochen. Politiker brauchen aber auch politi- Sche Finblicke über den kommunalen Tellerrand hinaus. Deshalb war ein Spannender Programmteil das Finbin- den des Generalkonsulats der BRD in Krakau. Dessen Kanzlerin 1. Klasse, Maria Atmann, referierte zur aktuel- len deutsch-polnischen Politik insbe- Sondere aus dem Blickwinkel der Wirt- 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Schaft. Des Weiteren konnte mit ihr über ein zukünftiges spezifisches Ju- gendprogramm diskutiert werden (Bericht im nãchsten Mitteilungsblatth. Geprägt war diese Studienfahrt nach Auschwitz also durch ein dichtes Programm mit Reflexionsphasen in den Abendstunden. Aus Sicht der LGA wurden die Jeilnehmer„nur“ zu einem Minimum mit dem Kompley Auschwitz konfrontiert. Aus Sicht von einige Teilnehmer fiel der Programm- punkt Kultur, womit vor allem eine Zeitlich nicht mögliche Tagesfahrt nach Krakau gemeint war, zu Kknapp aus. Damit wurde da eine grundlegen- de Problematik gestreift: Es kKommen immer mehr Menschen nach Ausch- wit?, aber mit immer weniger Zeit. An dieser Stelle lassen sich auch die Un- terschiede zu der Politikerfahrt vor 25 Kazimiers Albin, ehemaliger Anschwitz-Hüfting, war extra aus Warschau angereist, um mit den Wetterauer Politikern zu disku- tieren. Rechts Diethardt Stamm, 2. Vorsitzender der LEGA und Or- ganisator der Studienfahrt. Jahren, die rund um die Uhr von dem Zeitzeugen und KGA-Gründer Her- mann Reineck begleitet wurde, fest- machen. Dass sich Politiker von heute aber dreieinhalb anstrengende Tage vor Ort aufhalten, diskutieren und fragen, fällt aber schon aus dem Rah- men und ist mit dem Zusammentref- fen und den Diskussionen mit jungen Leuten wie den erwähnten Mike Leh- ner, Alex Hauschild und Nicole Freihoff von besonderer Bedeutung. Und da es Hinweise auf ein Han- deln der Politiker im Mltag zu Hause gibt, z. B. bei der weiteren Unterstüt- zung von Klassenfahrten nach Ausch- wit? oder bei der Bekämpfung der rechtsradikalen SZene in der Kommu- ne Pchzell und anderen Wetterauer Städten und Gemeinden, zeitigt die Fahrt schon Erfolge. Dies knüpft auch an den Worten des heute 88- jährigen früheren Auschwitz-Häft- lings Kazimier? Albin an, der den Politikern ein- dringlich nahe legte, dass man ständig dafür ar— beiten müsse, da- mit sich die Gräu— el von Auschwitz nicht wiederholen und insgesamt den Gefahren von faschistischen und rassistischen Strö- mungen begegnet werden kann. Diethardt Stamm Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 Heute singen die Vögel wieder Berichte des Wetteraukreises nach der Studienfahrt nach Auschwitz „Brinnern ist wichtig, denn das Geschehene ist Zu schmerzlich, als dass wir es ver- gessen könnten“, Sagt Joachim Arnold, Landrat des Wetteraukreises. Der Verwal- tungschef hatte zusammen mit anderen Kommunalpolitikern des Kreises und drei Jugendlichen vom Kreisschülerrat im Juni 2010 an einer von Diethardt Stamm, 2. Vorsit?ender der Lagergemeinschaft Auschwitz- FreundesKreis, Organisierten Stu— dienfahrt nach Auschwit?z teilgenommen.„Wer hier war und mit eigenen Augen die Zeugnisse dessen gesehen hat, was Menschen einander antun, kann den Ho- locaust nicht leugnen. Der Blick in die Vergangenheit braucht aber auch den Blick in das Heute und das Morgen und unseren Einsatz, damit Gleiches oder Ahnli- ches nicht mehr geschieht“, so der Landrat nach der Rückkehr. In Mitteilungen des Presseamtes der Kreisverwaltung wird über die Studienfahrt be-⸗ richtet. Im Folgenden Zwei zusammenfassende Darstellungen: Sommerliche Wärme, zwischen den übrig gebliebenen Holzbaracken wächst Gras, die Võgel singen. An die 300 Baracken, die Birkenau, Ausch- wit? II, Zzur Zeit seiner größten Aus- dehnung zählte, erinnern nur noch Schornsteine. Je zwei von ihnen stehen für eine Baracke. Am Ende des dritten Bahngleises, das sich neben der Selek- tionsrampe längs durch das Lager zicht, Zeugen die Reste Zweier von der SS gesprengter Krematorien von dem, was hier geschah. Metallgerippe ragen in die schwüle Luft, die wegen des sumpfigen Bodens voll mit Mücken ist. Neben dem Krematorium ein klei- nes idyllisches Wäldchen, in dem sich vor mehr als sechs Jahrzehnten Men- schen nackt ausziehen mussten um anschließend nicht zur Dusche, son- dern in die Gaskammer zu gehen. Im- mer wieder Sschwarze Marmorstelen, die auf die Asche derer hinweisen, die hier verbrannt wurden. Asche, die als Dünger in die neben jedem Kremato- rium angelegten Hischteiche gekippt wurde. Der Rauch, der bis Ende 1944 beständig über Birkenau zog, hatte auch die Võgel vertrieben. Heute sin- gen sie wieder. Auf dem Programm standen Be- sichtigungen der Lager Auschwitz I und Birkenau, Gespräche mit Zeit-— zeugen und ein Besuch in der Stadt Oswiecim, die kleinstädtisches Leben in unmittelbarer Nachbarschaft zum ehemaligen Vernichtungslager ver- wirklicht. Oswiecim war dank seiner verkehrstechnisch günstigen Lage mitten im deutschen Industriegebiet des damaligen Deutsch-Oberschlesien ein geeigneter Standort für die Ziele der Nazis. Neun Dörfer rund um Oas- wiecim hatten die Nazis abreißen las- sen, um Platz für das Konzentrations- lager samt 40 Nebenlager zu haben. Beim deutschen Uberfall auf Polen am 1. September 1939 zählte die Klein- stadt rund 14.000 Einwohner, davon 7.000 jüdische Menschen. Heute lebt kein einziger Jude mehr in Oswiecim. Das Stammlager Auschwitz I bauten die Nazis auf dem Gelände einer ehe- 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer S 4—— — E. 2 Das Gelünde des Vernichtungslagers Birkenau scheint sich unendlich ausgedehnt zu ha- M ben. Auf dem Großteil des Areals stehen nur noch die Pfosten der Zäune. maligen polnischen Kaserne Anfang der 1940er Jahre. Die ersten Häftlinge wa- ren Angehörige des polnischen Wider- standes, ab 1941 sowjetische Kriegge- fangene, ab 1942 im Rahmen der „Endlösung“ Juden aus den von Nazi- Deutschland beset?ten Ländern Euro- pas und ab 1943 zunehmend Sinti und Roma. Juden, polnische und sowjetische Kriegsgefangene sowie Sinti und Roma Sind die wichtigsten Opfergruppen, die in Auschwitz ermordet wurden. Schizophrene Welt des Grauens Gespräch mit dem ehemaligen KZHãäftling Jözef Paczynski Die Wetterauer Reisegruppe un— terhielt sich mit Jözef Paczynski. Der heute 90 jährige war von Juni 1940 bis Januar 1945 Häftling im Stammlager Auschwitz. Er wurde im März 1940 an der Grenze von der slowakischen Po- liZei verhaftet und den Deutschen übergeben. Sein Weg führte ihn über drei Gefängnisse am 14. Juni 1940 nach Auschwitz. Von da an ist Paczynski nur mehr Häftling Nummer 121 und nimmt un- gläubig zur Kenntnis wo er ist.„Dies hätte ich einer Kulturnation wie der deutschen nicht zugetraut“, erinnert er sich.„Wir mussten viele Fragen beant- worten. Zum Beispiel wie viel Gold- zähne wir haben und welche Krank- heiten es in unserer Familie gibt. Wenn jemand starb, wurde als Todesursache Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 einfach die Krankheit seines Vaters angegeben.“ „Ich habe viel Glück gehabt“ Paczynski hatte Glück und sollte es noch õᷓfter haben. Im Stammlager gab es eine Apotheke, eine Ambulanz und einen eigenen Friseurladen für die S8. Hier wurde der junge Pole eingesetzt und einem Friseur zugeteilt, der ihn in die Kunst des Haareschneidens ein- wies. Zehn Friseure gab es im Lager, aber als eines Tages ein Unteroffizier einen Friseur für den Lagerkomman- danten Rudolf Höß suchte, fiel seine Wahl auf den jungen Paczynski.„Von da an war ich bis Ende 1 944 jede Wo- che in der Villa von Höß, auch seinen beiden Kindern musste ich die Haare schneiden. Er war ein wortkarger Mensch und solange ich bei ihm war, hat er nie ein Wort mit mir gewech- selt“, erinnert sich Paczynski. Höß, s0 erzählt er, sei als vorbildlicher Mann und vorbildlicher Vater aufgetreten, dem man seine Verbrechen nicht an- Sah. Den Gedanken an Hucht hat Jozef Paczynski sich angesichts der zu er— warteten Strafaktionen gegen Mit— häftlinge und seine Familie verboten. „Ebenso wie die Idee, beim Rasieren und Haareschneiden den nahen Kon- takt zu dem SS-Kommandanten zu nutzen und ihn zu ermorden.“ „Uberlebt habe ich letzten Endes nicht deshalb, weil ich Friseur von Hõß war, sondern weil ich ein Dach über dem Kopf hatte, wo es warm war und sauber“, Sagt Paczynski. 1942 erkrank- te er an Tphus und hatte wieder Glück. Im Krankenblock wird er nicht für die Gaskammer selektiert oder mit einer Phenolsprit?e ermordet, son- dern in letzter Minute von einem Sa- nitäter und Mithäftling in ein Bett ge— legt.„So wie ich war der Sanitäter schon lange im Lager, und die alten Häftlinge waren sehr geachtet, und wahrscheinlich kam ich deshalb nach — 12 41 Der 90-jührige Anschwitz-Uberlebende Jõzef Paczynski mit Natalie Pawik, Iim Wagner und Lena-Marie Nachtigall vom Wetterauer Kreisschülerrat. 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer — Im Stammlager(Auschwitz D informierten sich die Wetterauer Kommunalpolitiker bei . 1— ——— einem Rundgang unter anderem auch an Hand der Schautafeln mit Erliuterungen. oben ins Krankenbett“, erzählt Jözef Paczynski. „Auschwitz war eine seltsame Welt“ Paczynski beschreibt Auschwitz als eine schizophrene Welt voller Ge- gensätze:„Es gab ganz normale Dinge, wie die Apotheke, den Friseur oder das Schwimmbad für die SS, und un- mittelbar daneben das Grauen, den Todesblock, Hunger, Krankheit, Er- schießungen, die Strafkompanie und ein paar Kilometer weiter die Krema- torien.“ Man konnte den Rauch der Scheiterhaufen und Schornsteine der Krematorien von Birkenau sehen und riechen.„Als die russische Front Schon zu hören war, begann die S8 im Janu- ar 1945 damit, uns auf dem so genann- ten Todesmarsch zu evakuieren, denn Himmler hatte die Losung ausgege- ben, dass kein Häftling lebendig in Feindeshand fallen sollte.“ 7.000 Häft- linge, die zu schwach oder zu krank waren, wurden zurückgelassen.„Ich lief in der letzten Reihe, unmittelbar hinter uns die SS, und wer nicht mehr weiter konnte, wurde erschossen. Der Schnee war rot von Blut.“ Uber Mauthausen und das Außen- lager Melk kam er schließlich nach EFbensee:„Als ich dort am 6. Mai 1943 um 10.00 Uhr morgens am Fenster stand und die US-Soldaten auf uns zu— marschieren sah, habe ich nicht ge- weint, aber mir liefen die Fänen“, er- zählt Paczynski. Zurück in Polen wurde er Ingeni- eur und zum Ende seines Berufsle bens Direktor eines beruflichen Schulzen- trums.„Wir können die Toten nicht mehr lebendig machen, deshalb müs- sen wir auf die Menschen zugehen“, beschreibt Paczynski seine Motivati- on, wenn er als Zeitzeuge mit jungen Menschen spricht. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 Deutsch-polnische Jugendbegegnung fördern Schlussfolgerungen der Wetterauer Kreisverwaltung Landrat Joachim Arnold erinnerte daran, dass„der Wetteraukreis der ein- zige in Hessen ist, der seit 25 Jahren kontinuierlich und über alle Parteigrenzen hinweg, Fahrten von Schulklassen zu Gedenkstätten fördert.“ Gemeinsam mit den Wetterauer Kommunalpolitikern kann Arnold sich vorstellen, in Zusam- menarbeit mit dem Deutschen Generalkonsulat in Krakau jährlich deutsch-pol- nische Gruppen Zu fördern, die gemeinsam Auschwit? besuchen.„Polnische und Wetterauer junge Leute könnten eine Woche in Auschwitz verbringen. Dies würde den gegenseitigen Dialog fördern“, sagt der Wetterauer Landrat,„denn für Polen und Deutsche hat Auschwitz jeweils eine andere Bedeutung.“ Auschwitz: der zivilisatorische Niefpunkt der Menschheit Auschwitz ist ein Friedhof, der zivilisatorische Tiefpunkt der Menschheit und ein Ort des Lernens. Diejenigen, die für den Massenmord an Millionen Men- Schen verantwortlich sind, waren ganz normale Menschen. Dies zeigt: es kann immer wieder passieren. Gerade deshalb sei es so wichtig, jungen Menschen be- wusst Zu machen,„dass Rechtsextremismus kein Spiel ist“, betont Landrat Ar- nold., Wir miisven sie hierher bringen, denn jeden der hier wan ist ein Multipli- Kator Es gibt Keine Schluckimpfung gegen den Rechtsextremismis, aher ein Besuch in Aluschwitz Kunn eine Initialæiindung vein, wo Mematisch etwas hängen hleiht, man vich aber weiter dumit beschäftigen mluss.“ Finigkeit herrschte in der Reisegruppe darüber, dass nach einem Besuch von Auschwit? keiner ernsthaft den Holocaust leugnen kann.„ Im Gegenteil, ich Kann jetzt noch glauhhafter gegen Rechts argumentieren“, Sagte Jutta Heck, CDU-Abgeordnete des Kreistages. Für Peter Hartung, Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, ist„Auschwilz elwas, wus nie aus der Welt verschwinden wird. Hier wlirde alles genommen, was Menschsein ausmacht.“ An der Fahrt nahmen auch drei Vertreter des Kreisschülerrates teil. Lena- Marie Nachtigall, Fim Wagner und Natalie Pawlik. Lena-Marie Nachtigall verspürt unter Jugendlichen eine Jendenz nach Rechts,, do ist es gut, duss wir etwas dagegenhalten“, sagte sie. Für Tim Wagner ist die Internationale Ju- gendbegegnungsstätte ein Gegenpol und eine Antwort auf Auschwitz., Jch ha- he noch nicht alles voytiert, was ich hier gesehen habe, aher es hat mich sehr be— eindruckt. Besonders die haumahe begegnung mit der Reisegruppe israelischer Soldaten hat in mir ein Verstũndnis für die Politi der Iraelis wachsen lassen, die ich hislang kritisch gesehen habe.“ Wagner will auf jeden Fall noch einmal mit einer Gruppe herkommen und sich inhaltlich näher mit der Thematik be- schäftigen. Auch Natalie Pawlik will sich dafür einsetzen, dass noch mehr Schüler nach Auschwitz fahren, denn ein Besuch in Dachau oder Buchenwald sei kein Vergleich zu Auschwitz. Die Schülerin ist sich sicher:„ Jch war hier nicht zum letzten Mal hien“ 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer „Fragt uns, wir geben Euch Antwort“ Rundgänge und Gespräche mit ehemaligen Häftlingen Die Sudienfahrten der Lagergemeinschaft Auschwitz- FrelundesMreis der Alischwitzer (LCA) vind geprägt von einer Michlung als Information, authentischen Berichten von Zeilzeugen sowie von Mõglichleiten zur eigenen Erkundung der historischen Orie. Die Rundgänge in der Gedenk- stätte des ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz so- wie Zahlreiche Gespräche im Museum und der Internationalen Jugendbegeg- nungsstätte- im Besonderen mit ins— gesamt fünf ehemaligen Häftlingen- haben die Jeilnehmerinnen und Teil- nehmern einer Studienfahrt nach Polen in ihrer Uberzeugung bestärkt, dass die Erinnerung an die national- SoZialistischen Verbrechen wach ge- halten werden muss. Unser vor mehr als 30 Jahren von dem 1995 verstorbenen Auschwitz- Häftling Hermann Reineck ins Leben gerufene Verein(LGA) hat sich ne— ben der Unterstüt?ung überlebender Häftlinge zur Aufgabe gemacht, die Frinnerung an die Schrecken der Kon- zentrationslager und an den national- SoZialistischen Völkermord zu erhal- ten. An der in diesem Jahr ersten offen ausgeschriebene Studienfahrt nahmen 18 Personen- vorwiegend aus der Rhein-Main-Region-teil. Neben zwei mehrstündigen Füh— rungen durch die Lager Auschwitz I (Stammlager) und das rund drei Kilo- meter entfernte Auschwit? II(Bir— — Vor dem ehemaligen Hüftlingseingang mit der Schrift„Arbeit macht frei“ Dieser Tor- bogen wurde im vorigen Jahr von Dieben abmontiert, um ihn an„private Auftraggeber“ zu verkaufen. Die Polizei stellte die„Beute“ wieder sicher. Fotos: Wolfgang Gehrke Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 kenau) durch einen langjährigen wis- Senschaftlichen Mitarbeiter der Doku- mentations- und Forschungsstelle des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwit? hatte die Studiengruppe Gelegenheit, mit dem ehemaligen Häftling Tadeus?z Sobolewicz über sei- ne Gefangenschaft im Konzentrati- onslager zu sprechen und bei einem gemeinsamen Gang durch das Stamm- lager seine Brinnerungen und Erleb- nisse am Ort des Geschehens zu hören. Unser Freund Tadeus? schil- derte die Schikanen, Gemeinheiten, Sadistischen Exzesse und systemati- schen Menschenrechtsverlet?ungen, die er zusammen mit seinen Mithäft- lingen erleben musste. Oft endeten seine Detailberichte mit dem er- schöpft klingenden Satz„Das war furchtbar“. Im Archiv und der Kunstsammlung der Gedenkstätte erhielt die Studien- gruppe Finblick in die Forschungen über das Konzentrationslager. Sie er- fuhr Finzelheiten über die Arbeiten und Kunstwerke, die die Hãftlinge ent- weder im Auftrag der SS anfertigten oder heimlich gestalteten. Diese Ar- beiten dokumentieren teilweise das Leben im Lager, sind Ausdruck des Willens, als Mensch zu überleben und waren nach der Haft oft Mittel, den Schrecken zu verarbeiten. Ein Aus- schnitt für den Bereich der bildenden Kunst, der Zeigt, dass in den national- SoZialistischen Konzentrationslagern auch die europäische Plite aus Kunst und Wissenschaft eingekerkert war. Da die Lagergemeinschaft Alschwitz in der Vergangenheit namhafte Beträ- ge dem Museum Auschwitz für kon- servatorische Arbeiten zur Verfügung Kazimierz Smolen berichtete nicht nur von Seiner Gefangenschaft in Anschwitz, son- dern auch über seine Ttigkeit als langjähri- ger Leiter der heutigen Gedenkstütte. gestellt hatte, erhielt die Studiengrup- pe Gelegenheit, die Magazine zur Auf— bewahrung der Kunstwerke zu besu— chen. Im Zentrum dieser Vorstellung Standen sechs Bronzeplastiken, die die Situation von KZ-Häftlingen zeigen. Die Gipsmodelle für diese Arbeiten hatte eine Künstlerin nach ihrer La- gerhaft angefertigt. Da die Gipsmo- delle über die Jahre zu verfallen droh- ten, hat die Lagergemeinschaft Auschwitz die Kosten für den Bronze- 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Die Stellvertretende Leiterin des„Museum Auschwitz“ und Abteilungsdirektorin für die půdagogischen Programme Krystyna Oleksy mit den LGA-Vorstandsmitgliedern Mat- thias Tiessen, Wolfgang Gehrke und Uwe Hartwig(von links). guss der eindrucksvollen Plastiken übernommen. Während der Exkursion nach Kra- kau besichtigte die Studiengruppe das Gebiet des damaligen Gettos, in des- sen Nähe sich die Fabrik des Industri- ellen Schindler befand. Besonders be- eindruckt waren die Mitglieder der Studiengruppe vom Besuch im Klub der ehemaligen Auschwitz-Hãäftlinge in Krakau. Hier treffen sich noch heu— te regelmãflig Uberlebende des Holo— caust und ehemalige Häftlinge der Konzentrationslager sowie deren An- gehörige. Die Lagergemeinschaft un— terstützt den Klub jedes Jahr auch mit Spendenbeträgen. Josef Paczynski, der das Konzen- trationslager Auschwit? von dessen Anfang bis Ende durchlitten und überlebt hat, stand mit drei ehemali- gen Mithäftlingen der Studiengruppe zu einem mehrstündigen Gespräch zur Verfügung. Das Bedürfnis zu erzählen wechselt ab mit der Aufforderung an die Studiengruppe:„Fragt uns, wir möchten euch Antworten geben.“ Mit Kazimierz Smolen stand der Gruppe am letꝰten Jag ein Experte Zzum Gespräch zur Verfügung, der einerseits als Auschwit?-Häftling den Terror der Konzentrationslager überlebt hat, der im polnischen Widerstand aktiv war und der andererseits im Nachkriegspolen über viele Jahre als Direktor die Ge- denkstätte des Konzentrationslagers Auschwit? und deren Finrichtungen lei- tete. In diesem Gespräch wie auch in de- nen mit den anderen ehemaligen Häft- lingen wurde von ihnen immer wieder der Wunsch ausgesprochen, alles zu tun für Frieden, Völkerständigung und Ab- wehr von Rassismus und Vorurteilen. Uwe Hartwig Im Herbst dieses Jahres findet ei- ne besonders auf die Interessen von Lehrerinnen und Lehrern zugeschnit- tene Fahrt statt, die bereits ausgebucht ist. Für die Fahrt vom 17. bis 22. No- vember 2010 war bei Redaktions- Schluss nur noch ein Platz frei. Anmel- dung für geplanten Studienreisen im Jahr 2010 siehe Seite 77 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 „Menschen sind Menschen“ Der Frinnerung auf der Spur in Auschwit?, Oswiecim und Krakau 2000 wirde der Schriftzug„Arheit macht frei“ liher dem Fingangstor zum Slummlager Alischwilz gestohlen. Mein Unverständnis, wie Menschen so etwus tluin Kõnnen, beunt- wortete der ehemalige Auschwitz-Häftling Jadeusz Sobolewic? mit der Außerung „Menschen sind Menschen“ Es ist zwar Schwer voylellban dass die Verbrechen in Alischwilz von„ganz normalen“ Menschen veribt wurden, aber s0 wie damals sind es auch in der Gegenwart einfach nur Menschen, welche Verbrechen begehen. Soweit zl der Bemerkung von Vadeus? Soholewicz, die ich meinen Betrachtungen zu hisher drei Studienuufenthalten in Oswiecim vorunstellen mõchte. Im Frühjahr 2010 nahm ich zum zweiten Mal an einer Studienfahrt der Lagergemeinschaft Auschwit?(IGA) teil. Das Thema Shoah beschäftigt mich schon lange. Seit drei Jahren jedoch ziemlich intensiv, nachdem ich Gideon Greifs Buch Wir weinten mnenlos über das Jüdische Sonderkommando von Auschwit?z gelesen hatte. Seitdem hat mich das Thema nicht mehr losgelassen. Ich wusste zwar, dass schreckliche Men- schenverbrechen verübt und über eine Millionen Menschen ermordet wurden, allerdings war mir das schreckliche Schicksal dieses Sonderkommandos nicht bekannt. Ich hatte einfach das Be- dürfnis darüber mehr zu erfahren. Und so beschäftigte ich mich, neben und wãhrend meines Studiums der Ge- schichte und Katholischen Theologie, mehr mit dieser Thematik. An meiner Universität in Wuppertal kommt das Thema Nationalsozialismus bisher in kaum einer Veranstaltung vor und das Thema Auschwitz noch seltener. Mein Interesse ging s0 weit, dass meine erste Staatsexamensarbeit nun auch das The- ma Auschwitz behandelt. Darüber hinaus haben vor mehr als zehn Jahren polnische Bekannte mein Interesse für ihr Heimatland geweckt. 2002 besuchte ich das erste Mal War- Schau und lernte mehr über die Sprache, die Geschichte und die Kultur Polens. Meine erste Fahrt mit der LGA im Juni 2008 erfolgte, nachdem ich das Pro- gramm im Internet entdeckt hatte. Par- aus entnahm ich, dass ein Teffen mit Henryk Mandelbaum, einem ehema- ligen Mitglied des Jüdischen Sonder- kommandos, geplant war. Leider kam es nicht mehr dazu, da er in den Tagen un- Seres Aufenthaltes in Polen verstarb. Bevor ich mich nun im nächsten Jahr mit meiner Examensarbeit beschäftigen werde, wollte ich noch einmal neue Fin- drücke zu dem ehemaligen Lagerkom- plex Auschwit? sammeln. Dies war der Grund für meine Ieilnahme an der Stu- dienfahrt in diesem Jahr. Zwischen den beiden Fahrten habe ich im November 2009 auch an einem Seminar der Internationalen Jugendbe- gegnungsstätte(1B8) teilgenommen. Außerdem habe ich einige Studiernede der Universität Wuppertal motivieren können, sich zur Ieilnahme für die näch- Ste Studienfahrt der LGA im November 2010 anzumelden. Untergebracht waren wir während unseres Aufenthalts in Oswiecim in der IBS. Sie ist nach meinen Erfahrungen eine sehr gute Finrichtung, in der Grup- pen nicht nur übernachten, sondern auch Seminare abhalten können. Außerdem 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer finden Ausstellungen und interkulturelle Dialoge statt. IBS-Leiter Leszek SZuster und sein Jeam sind engagierte, kompe- tente und hilfsbereite Ansprechpartner. Pine sehr wichtige Erfahrung war die Pinführung und Recherche im Archiv des Museums Auschwit? mit Lucyna Filip als Gesprächspartnerin. Während meiner drei Besuche in Oswiecim habe ich ganz unterschiedliche PErfahrungen sammeln können und im- mer wieder neue Dinge erfahren. Beson- ders emotional bei dem Besuch im Stammlager waren für mich die in Vitri nen ausgestellten Haare und die Kinder- bekleidung. Während der Studienfahrt 2010 gab es eine Fxkursion nach Krakau. Wir ha- ben dort Zeitzeugen getroffen, was natür- lich eine unersetæliche Erfahrung ist. Aber nach dem Gespräch, welches für mich be- lastend war, eine Stadthesichtigung Zu ma⸗ chen, fand ich nicht passend. Ich benõtige nach solchen Gesprächen Zeit zur ge- danklichen und emotionalen Verarbei- tung. Natürlich verstehe ich, dass während einer Studienfahrt auch die schönen Seit ten von Polen gescehen werden sollen. Allerdings finde ich es besser, hier?u eine getrennte Fahrt Zu unternehmen. Es gab wesentliche Unterschiede zwischen den beiden Studienfahrten. Der persönliche Blickwinkel hat sich geändert, und die Lagerbe- Tadeusz Sobolewicz(rechts) begleitet die Gruppe im Stammlager. Im Hintergrund das Tor mit der Inschrift Fotos: abella Osenberg „Arbeit macht frei“. sichtigungen waren unter- schiedlich. Wichtig waren die Beschreibungen der äußeren Umstäde, unter denen die Häftlinge leben und vor allem um das Uberleben kämpfen mus- sten. Fin Beispiel dafür sind die Baracken, in de- nen die Häftlinge in Bir- kenau untergebracht wa— ren. Pigentlich waren sie als Pferdeställe entworfen worden, in denen ur— Sprünglich ca. 50 Pferde un- tergestellt werden sollten. In Birkenau waren bis zu tausend Menschen darin eingepfercht. Die Pisenrin- ge Zum Anbinden der Pfer- de sind in einigen Holꝰba- racken noch Zu sehen. Fine besonders ein- drucksvolle Erfahrung wa- ren die Witterungsverhält- nisse bei den Lagerbesichtigungen. Mls Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 kaum erträgliche Idylle er— Schien mir die Situation im ehemaligen Vernichtungsla- ger Birkenau im Jahre 2008. SO unwirklich und so unvor- Stellbar. Im Frühjahr dieses Jahres hingegen war das Ge- biet matschig und feucht. In ähnlichen Verhältnissen mussten wohl die Häftlinge vor über 65 Jahren um ihr Leben kämpfen. Pine ganz besondere Sit tuation hat mich Zum Nach- denken angeregt. Ich fragte, warum in den Latrinenba- racken Fisenstãbe an den Aborten be- festigt waren?-Die Antwort vom Guit de war, dass diese montiert wurden, damit die Häftlinge sich nicht in den Aborten verstecken konnten. EFin weiteres emotionales und võllig überraschendes Freignis war, als bei der Studienfahrt 2008 unsere Gruppe auf dem Gelãnde Birkenau von einem ãlte- ren griechischen Mann angesprochen wurde. Er fragte unseren Guide:„Wo wa⸗ ren die Selektionen? Hierꝰ Ich war auch hier. Aber ich bin nach kurzer Zeit nach Dachau gekommen. Heute bin ich das er- Ste Mal wieder hier und möchte meinem Sohn das hier zeigen.“ Sie gingen weiter in Richtung Krematorien und beteten ein jüdisches Totengebet. Im Jahre 2010 erlebte ich eine andere schr emotionale Situation, während wir eine andere Route gingen als bei meinen beiden Besuchen zuvor. Sie führte uns an dem Kõnigsgraben vorbei, an dem auch August Kowalczyk in der Strafkompanie arbeiten musste, dessen Buch? ich kurz vor der Studienfahrt gelesen hatte. Die Beschreibungen aus Sacheldraht- In den für 50 Pferde konzipierten Baracken wurden in Birkenau bis zu tausend Gefangene eingepfercht. Refrain klangen mir noch in den Ohren. Doch noch bewegender war für mich, als wir an den Ruinen der zweiten provisori- schen Gaskammer und der Auskleide- baracken vorbeikamen, von denen nur noch die Grundrisse vorhanden sind. Hier war meine Frinnerung an die Zeug- nisse von Mitgliedern des Jüdischen Son- derkommandos von Auschwitz sehr prã- sent. In unmittelbarer Nähe lag ein Ascheteich, in dem noch Knochenreste zu finden sind. Diese Situationen waren doch sehr belastend. Die vielen Berichte, die ich gelesen habe, bekamen am Ort des historischen und authentischen Ge— Schehens eine konkrete Bedeutung und gewannen an Intensität. Pine weitere seltsame und unange- nehme Situation erfuhr ich dieses Jahr kur? vor den Ruinen der Krematorien. Wir hatten eine Lagerbesichtigung mit unserem Guide. Er hat sehr laut gespro- chen. Als er uns etwas zu den Steinba- racken in Birkenau sagte, bemerkte ich eine israelische Gruppe. Gut Zu erkennen *August Kowalczyk. Stucheldraht-Nefrain, Qswiecim 2006(Besprechung MB 2/2000 Dez. 2000) 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Birkenau noch zu sehen. an den israelischen Flaggen, die sie mit- führten. Sie kamen geradewegs auf uns zu. Ich dachte bei mir, dass ich gerne wei- tergehen würde. Doch wir blieben stehen, und die Israelis gingen an uns vorbei. Un- ser Guide sprach im lauten deutlichen Jon. Nie Zuvor war mir die deutsche Spra- che so unangenehm erschienen. Ich dach- te daran, welches Schicksal diese Men- Schen haben, wie ihre Lebensgeschichte ist. Hatten sie vielleicht selber Opfer in der Familie Zu beklagen? Hatten auch sie gerade an den Krematorien gebetet? Und jetæt das eine deutsche Gruppe. Ich fühlte mich so beobachtet, und diese Si- tuation war mir doch recht unangenehm. BoZena Kaczmarczyk, die uns 2008 durch das Lager begleitete, hat mir von den Guides wãhrend meiner bisher drei Besuche am besten gefallen. Vielleicht ist das auch einfach nur eine persõnliche Empfindung. Aber sie hat alles mit so viel Gefühl vermittelt- die Lagerbe- sichtigungen und die Ubersetzungen während der Zeitzeugengespräche. In diesem Jahr nahm ich auch an ei- Vberreste der Fundamente von Baracken, die auf sumpfigem Boden gründeten, sind in ner Stadtbesichtigung in Oswiecim teil,. ein schr interessantes Angebot. Es ist meines Frachtens sehr wichtig, sich nicht nur das ehemalige deutsche Konzentrati- ons- und Vernichtungslager anzusehen, sondern auch die heutige polnische Kleinstadt in unmittelbarer Näãhe. Sehr beeindruckend bei allen Studi- enfahrten sind neben den Ortsbegehun- gen in den Lagerbereichen vor allem natürlich die Gesprãche mit ehemaligen Hãäftlingen, den Zeitzeugen. Wenn bei- Spielsweise Tadeus? Sobolewicz mit uns, den deutschen Besuchern, durch das ehemalige Stammlager geht, ist das natürlich noch etwas emotionaler. Er spricht immer von der Verantwortung der heutigen und nachfolgenden Gene- rationen, die Vergangenheit nicht zu vergessen. Durch seine freundschaftli- che Art hat er mich persõnlich sehr mo- tiviert, mich weiterhin mit dem Thema zu beschäftigen. Seine Worte im Stamm- lager liegen mir noch in den Ohren. „Die Frinnerung an Auschwit? muss wachgehalten werden.“ Isabella Osenberg Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 Kazimierz Smolen: Eine Stimme aus Auschwitz Zum 90. Geburtstag des langjährigen Gedenkstättenleiters In Oswiecim/Auschwit? beging am 19. April 2010 der polnische Auschwitz- Uberlebende und langjährige Direktor der Staatlichen Gedenkstätte des ehe- maligen deutschen Konzentrations- lagers Auschwitz-Birkenau, Kazimier? Smolen seinen 90. Geburtstag. Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwit? Komi- tees(IAK), betonte in einer Feierstun- de in der Internationalen Mugendhegeg- nungsstdtte(IBS) in Oswiecim: „Kazimierz Smolen ist zu einer welt- weit gehörten Stimme der Uberleben- den geworden. Er hat über die Jahre mit tausenden von Jugendlichen aus vielen Ländern über die Geschehnisse von Auschwit? gesprochen und bei Führungen durch die Gedenkstätte hunderte von Kilometern durch seine Geschichte und die Geschichte seiner Mitgefangenen zurückgelegt.“ ViZe- direktorin Krystyna Oleksy dankte Ka?imierz Smolen für die langen Jahre der Zusammenarbeit im Namen der Gedenkstätte Auschwit? und deren Direktor Piotr Cywinski. In seinem Dank betonte Kazimierz Smolen:„Ich empfinde mein Leben und meine Arbeit nach wie vor als eine Mission im Auftrag der vielen, die in Auschwit? geblieben sind. Besonders die vielen Gespräche und Begegnun- gen mit jungen Menschen halten mich am Leben.“ Seine Sätze wurden beson- ders von den jungen Teilnehmern des Empfangs, Aus?zubildende der Volks— wagen A6, polnische Berufsschüler und Freiwillige der IBS aus Deutsch- land, Osterreich und der Ukraine, mit großer Aufmerksamkeit aufgenom- men, berichtet das IAK auf seiner Internetseite(www. auschwitz. info/d news/100410 smolen. htmlh. Ka?imier? Smolen, ein enger Freund unseres Vereinsgründers Her- mann Reineck, war von Anfang an für die Lagergemeinschaft und den Freun- deskreis ein kompetenter und wichti- ger Ansprechpartner. Oft war er in Deutschland zu Gast und referierte auf unsere Finladung hin bei Gedenk- veranstaltungen oder diskutierte in Schulklassen sowie anderen Jugendein- richtungen über Auschwitz, den Natio- nalsozialismus und die deutsch-polni— schen Bezichungen. Natürlich hat er auch in Polen selbst mit vielen Men- Schen gesprochen, die mit den von uns organisierten Studienfahrten zu den hi- Storischen Orten der Konzentrations- und Vernichtungslager gekommen wa- ren. Er hat mit Jugendlichen, aber auch mit Menschen seiner Generation über das Sterben und Uberleben der Häft- linge, die menschenverachtenden Be- dingungen sowie über die Erhaltungs- arbeiten der heutigen Gedenkstätten berichtet und diskutiert. Dies ist auch heute noch der Fall- wie aus dem Be- richt über die Studienfahrt im Frühjahr 2010 Giche Seite 16— 18) hervorgeht. Auschwit? hat Kazimier? Smolen Sein gan?es Leben nicht losgelassen. Der 90Jährige wohnt immer noch auf dem ehemaligen Lagergelände. Von seinem Fenster aus sicht er die Villa des in der Nachkriegszeit hingerich- 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer teten Lagerkommandanten Rudolf Höß. Sein Leben nach dem Uberleben in Auschwitz ha- be der Gerechtigkeit gedient. Rache habe ihn nie interessiert, hat er uns oft verdeutlicht und auch in einem Interview der Sun⸗ day Vimes(2003) gesagt. Sein Va- ter, der in Mauthausen ermordet wurde, habe ihm immer vorge- lebt nicht zu hassen.„Ich hasse nicht, aber ich kann auch nicht vergessen“, ist sein Lebensmotto. Am 15. April 1940, kur? vor Seinem 20. Geburtstag, war Kazi- mier? Smolen von den Deut- Schen verhaftet worden. Am 6. Juli 1940 hat man ihm in Ausch- wit? die Häftlingsnummer 1327 tätowiert. Uberlebt habe er durch„Glück, Glück und nochmals Glück“. Zunächst musste er als Mitglied eines Häftlingskomman- dos beim Aufbau des Vernichtungsla- gers Birkenau(Auschwit? II) mitarbei- ten. Dann wurde er als Schreibkraft in der„Politischen Abteilung“ eingesetzt. Dort musste er mit anderen Kamera- den Zugangslisten der ankommenden Hãäftlinge erstellen und die Zahlen der zur Arbeit selektierten Menschen ebenso festhalten wie die der direkt in die Gaskammern geschickten. Rund 75 ProZent der Ankömmlinge seien dies gewesen, berichtet er. Die etwa 400.000 in Auschwitz registrierten Häftlinge Seien nur etwa 30 Prozent aller Men- schen gewesen, die in diesem größten Konzentrations- und Vernichtungs- lager des Deutschen Reiches inhaftiert waren. Diese Zahlen wurden aus dem Lager geschmuggelt,„um die Welt auf- merksam zu machen. Aber es passierte nichts.-Das war unser Schicksal.“ S0 Kazimierz Smolen an seinem 90. Geburtstag im Kreis von jungen Menschen in der IIBS. Foto:IAK wird Kazimier? Smolen einmal bei einem Treffen mit Jugendlichen der Weidig-Schule von der Butzhacher Zeitung(vom 21. Februar 2004) zitiert. Kazimier? Smolen studierte nach Seiner Befreiung in Polen Jura und lei- tete mehr als 30 Jahre bis in die 1900er Jahre die heutige Gedenkstätte auf dem Areal des früheren KZ Ausch- witz. Im Frankfurter Auschwitz-Pro- zess(1964/1 965) war er ein wichtiger Zeuge und Gutachter. Wir von der Lagergemeinschaft Alchwitz- Frelindeskreis der Ausch-— witzer haben bei unserer Arbeit viel von Kazimierz Smolen, von seinem Wissen und seiner Hilfe profitiert. Wir freuen uns auf das nächste Zusam- mentreffen mit ihm. Hans Hirschmann (Für den Vorstand der IGA) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25 Ein Tag der Genugtuung Kazimier? Albin mit Bundesverdienstkreuz geehrt Zwei Tage nach seinem 17. Ge- burtstag am 30. August 1939 war für Kazimier? Albin nichts mehr wie es bislang war. Im Morgengrauen des 1. September 1939 fielen die ersten Bomben auf seine Heimatstadt Kra- kow. Bestürzt nahm der Gymnasiast, Pfadfinder, Sohn eines Offiziers die Füchtlingsstrõme wahr, die aus Schle- sien durch Krakau zogen. Er wurde, wie er in seinem Buch„Steckbrieflich gesucht“ schreibt(Deutsche Ausgabe: Staatliches Museum Auschwit?-Bir- kenau, 2000), Zeuge grauenhafter Sze— nen:„Am zweiten Kriegstag fielen zwei Bomben in die dichte Menge, die sich auf der Chaussee in der Gegend von SwosZowice dahinwälzte. Als sich die Wolke aus Staub und Rauch lichte- te, bot sich den Unversehrten ein er- Schütterndes Bild. An den verkohlten Kazimierz Albin, Auschwitzhüftling mit der Nr 118, bei der Ordensverleihung in der deutschen Botschaft in Warschau mit dem Gesandten Andreas Meitzmer(rechts). an Stümpfen der Bäume baumelten bluti— ge Fetzen von Leichen und Kleidung. Toll vor Entsetzen liefen die Leute noch lange nach dem Angriff über die Felder.“ Wohlgemerkt: Dies ist kein Bericht von der Front. Es sind die Er- innerungen eines gerade 17-Jährigen, und die Opfer sind Zivilisten, Flücht- linge, hilflose Frauen, Männer, Kinder. Dem Uberfall folgten Mord und Totschlag, Verhaftungen, brutalste Verhöre, Versklavung der Zivilbevöl- kerung. Den Besiegten wurde alles ge- nommen: Hab und Gut, Bildungs- stätten und Kultureinrichtungen, Vaterland und Heimat, die Familie. Alsbald wurden auch alle Oberschu- len, Zunächst mit Ausnahme der Indu- strie- und Handelsschulen, von den deutschen Machthabern geschlossen. „Die Besatzer waren nicht an der Aus- bildung künftiger Ver- treter der Intelligen? in⸗ teressiert, sie brauchten gewöhnliche Arbeits— kräfte.“ Und:„Der Krieg ließ uns im Alter von siebZehn Jahren zu PErwachsenen werden“ (ebda.). Pin Menschenleben Später, 70 Jahre nach dem deutschen Uber— fall, verliceh die Bundes- republik Deutschland, der Rechtsnachfolger Nazideutschlands, das Verdienstkreuz 1. Klas- 8e des Verdienstordens jenen Kazimier? 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Albin, den am 14. Juni 1940 mit dem 1. Transport nach Auschwit? Verschlepp- ten, den nach seinem Ausbruch aus dem Vernichtungslager im Frühjahr 1943 steckbrieflich Gesuchten, der sich nach Krakau durchgeschlagen hatte, um im Untergrund in der polnischen Landesarmee AK mit der Waffe in der Hand gegen die Okkupanten zu kämpfen. Mit seiner Vereidigung im III. Kom- mandoabschnitt des Wehrbereichs Kra- kau-Stadt war sein Wunschtraum in Erfüllung gegangen; am 1. Januar 1945 wenige Tage vor der Befreiung Krak- aus- bekam er schließlich den„ersehn- ten Offiziersrang“(ebda., s. O.). ——— X Kazimierz Albin, ehemaliger Auschwitz-Hüftling und Offizier der polnischen Landesarmee AK, in seinem Arbeitszimmer. Auf dem Tisch ein Ehren-Dolch der Nazis, den er im Widerstand 1944 einem„NSDAP⸗- Bonzen“ abgenommen hat. Sind dies die besonderen Verdiens- te, derentwegen die Bundesrepublik Deutschland einen polnischen Staats- bürger mit dem für Ausländer höch- sten deutschen Orden auszeichnet? Natürlich nicht. Denn„Verdienste aus der Zeit vor der Gründung der Bun- desrepublik Deutschland können mit der Verleihung des Verdienstordens nur in Verbindung mit Verdiensten ge- würdigt werden, die nach dem 23. Mai 1949 erworben wurden“, wie es im Amtsdeutsch in den entsprechenden Allgemeinen Grundsätzen für die Auszeichnung heißt. Dass an diesen Verdiensten bei Kazimierz Albin kein Mangel besteht, daran ließ der Ge— sandte der Botschaft der Bundesrepublik Deutsch- land, Andreas Meitzner, bei der Ordensverleihung am 14. Dezember 2009 in War- schau keinen Zweifel. Wo- durch dann auch die Frage, warum die Anerkennung dieser Verdienste so lange gedauert hat, in den Hinter- grund treten konnte. An diesem Tag der Ge- nugtuung für den großen polnischen Patrioten Kazi- mier? Albin würdigte der Gesandte den Beitrag des nunmehrigen Ordensträ- gers zur deutsch-polnischen Verständigung, seine Tätig— keit im Präsidium des In— ternationalen Auschwitz- Komitees und seine freund- Schaftliche Zusammenar- beit mit unserer Lagerge- meinschaft. Nicht zuletzt wurde in herzlicher persönlicher At-— Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 b ——— ——— SM W R Wn M MOU LOO OM tte OM Kazimierz Albin(Mitte) mit Matthias Tiessen(i.) und Albrecht Werner-Cordt vom Vorstand der Lagergemeinschaft im Jahr 2001 in Warschau vor dem Denkmal für die Landesarmee AK. mosphäre während des Empfangs von den Freunden und den ehemaligen Auschwit?-Häftlingen daran erinnert, was wir alle diesem Mann mit dem großen Kämpferherzen und dem aus— geprägten strategischen Blick verdan- ken: Den Aufbau und die Gestaltung starker Organisationen, die der Be— dienen, die Herausgabe wichtiger Prinnerungsliteratur, wie die Bücher des Gedenkens an die„Polentranspor- te“, die Biografie„Steckbrieflich ge- sucht“, die zugleich eine einzigartige Beschreibung des polnischen Wider- Stands ist. Albrecht Werner-Cordt wahrung des Gedenkens an Auschwit? Den Opfern ihre Namen zurückgeben Große Verdienste hat sich Kazimierz Albin unter anderem als Ideengeber und Mitherausgeber von Frinnerungsliteratur, die teilweise auch in deutscher Ubersetzung erschienen ist, erworben. Als jüngste Veröffentlichung konnte im Herbst des vorigen Jahres das„Buch des Gedenkens“ veröffentlicht werden, das über die Transporte von polnischen Bürgern aus der Stadt und der Region Lub- lin in das Konzentrationslager Auschwitz in den Jahren 1940 bis 1944 Auskunft gibt. Kazimierz Albin stellte es am 28. Oktober 2009 als polnischer Vizepräsi- dent des Internationalen Ausch wilz Komilees zusammen und der Direktor der Staatlichen Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, Dr. Piotr Cywinski, der Offent- lichkeit vor.„Es sind Bücher für die Menschen und gegen das Vergessen, weil sie den Opfern Namen geben“, betonte Kazimierz Albin zu seiner Mitarbeit. Das Projekt steht unter der Schirmherrschaft des polnischen Kulturministers. 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Erinnerungen, Monographien, Neuerscheinungen Uber Auschwitz sprechen-Ansichten aus vielerlei Blickwinkeln Es gibt mittlerweile viele Bücher über Auschwit?, meist Darstellungen aus wissenschaftlicher Sicht, zu spezi- ellen Themen, historische und politi- sche Betrachtungsweisen oder Be- richte von Uberlebenden. Nachgeborene, insbesondere die zweite Generation nach dem von den Nazis angezettelten Krieg wissen trot?dem zunehmend weniger über die Entstehung und die Folgen des Dritten Reiches. Auschwit? ist als Konzentrationslager noch bekannt, vertiefende Kenntnisse mit daraus re- sultierenden Ergebnissen für das aktuelle politische Zusammenleben sind jedoch seltener anzutreffen. Nun zu verlangen, dass sich viele Menschen mit der eingangs erwähn- — — — frieuhof Begegnungen mit dem Weltlulturerbe Austhit KHerausgegeben von Bettina Schaefer Vorwort von Micha Brumlik ten Literatur beschäftigen, ist unrea- listisch. Benötigt wird eine Veröffent- lichung, die möglichst aus verschie- denen Blickwinkeln heraus sagt: „Lass uns über Auschwitz sprechen“. Fxakt dies ist der Titel eines Buches, herausgegeben von Bettina Schaefer, in dem mehrere Personen in jeweils in sich abgeschlossenen Kapiteln un- terschiedliche Aspekte beleuchten. So können die Leserinnen und Leser auch mal einen Bericht überblättern, ohne gleich den Zusammenhang zu verlieren. Das Buch vermittelt somit dem Finsteiger kompakt und kompe- tent Zugänge Zzum Thema Auschwitz. Die Kompetenz ergibt sich aus der guten Zusammenstellung der Ge— sprächspartner, deren Berichte je— weils rund 15 Seiten umfassen. Es be- ginnt- natürlich- mit überlebenden KZHäftlingen, setzt sich aber fort mit Multiplikatoren wie zum Beispiel ElZbieta Pasternak, einer Pädagogin in der Internationalen Jugendbegeg- nungsstätte in Oswiecim, mit der auch die Lagergemeinschaft Auschwitz häufig die Gruppenprogramme ab— Stimmt, oder mit Reiseleitern für Fahrten nach Auschwitz bis hin zum Direktor des Jidischen Zentrums in Oswiecim. Es gibt weitere Berichte von Per- sonen, die im Museum, also der Ge- denkstätte Auschwitz, arbeiten. Da ist die Chef-Ftage genauso vertreten wie das dortige Bildungszentrum oder ein Museumsguide. Wieder eine andere Sichtweise Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29 vermitteln Frei- willige im Sozia- len Jahr, Prakti- kanten und Zivil- dienstleistende aus Deutschland und Hsterreich. Auch Besucher von heute aus Ländern mit un- terschiedlicher Geschichte stel— len sich dar. So sprechen ein Ju- ra-Student aus Israel, ein Schüler aus Deutschland und ein Student aus Frankreich darü- ber welche Gefühle das Thema Ausch- wit? bei ihnen auslõst. Nicht zu kurz kommen aber auch die Bürger der Stadt Oswiecim, die im Angesicht des Stammlagers und der ehemaligen Todesfabrik Birkenau leben müssen. Und da ergeben sich durch die Darstellungen des Bürger- meisters, von Studenten und Ange- stellten unterschiedliche Betrach- tungsperspektiven. Das Buch ist insgesamt nicht nur etwas für Finsteiger oder Leute mit zu wenig Zeit, die sich nicht mit ver- schiedenen Aspekten in mehreren Büchern beschäftigen wollen. Es ver- mittelt grundlegendes Wissen, vertieft die Betrachtung von Finzelaspekten und zeigt zu den jeweils selben Un- terthemen durch die gute Auswahl der Interviewpartner verschiede An- schauungsweisen. So ist es schon interessant zu le- sen, was der Präsident des Internatio- nalen Auschwitzkomitees(IAK) . Die Auschwitz-Uberlebenden Noach Hug(i.) und Petr Grunfeld. Noach Flug aus Israel, dazu meint, was passiert wäre, wenn die Deut- schen die Juden nicht verfolgt hätten und sie gemeinsam in den Zweiten Weltkrieg gezogen wären. Und dass dessen Ende im Zusammenhang mit dem Juden Finstein und seinen Mög- lichkeiten einer Atombombenent- wicklung vielleicht ein anderes gewe- sen wäre. Oder wenn er kritisch und gleichzeitig resignierend analysiert, dass die Demokratie als Staatsform nicht immer die Mittel habe,„um zu verhindern, dass eine diktatorische, faschistische Partei die Macht er— obert“. Da sprechen viele Erfahrun- gen, die für die Gegenwart zu denken geben und zum Handeln auffordern. In dem Buch werden häufig histo- rische Gegebenheiten mit heutiger Realität verknüpft, oder es werden für viele rational denkende Menschen Beispiele kur? und bündig genannt, die nicht nur einleuchten, sondern auch emotional betroffen machen. Zum Beispiel wenn der Uberlebende 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer des Jüdischen Sonderkommandos Henryk Mandelbaum nüchtern die Verbrennungsgrube für dicke Leute beschreibt oder feststellt, dass diese schneller brannten,„weil ihr Fett das Feuer im Gang hielt“. Oder wenn Mandelbaum das Uberleben in Bir— kenau als Lottospiel beschreibt und Sagt, dort war„der Gewinn hoch und gewinnen können nur ein paar“. Das erset?t manche wissenschaftliche Ab- handlung und führt sowohl zum Nachdenken über Uberlebenswahr- scheinlichkeiten als auch zur Ausein- anderset?ung mit der Todesfabrik, in der er zu arbeiten geZwungen war. Wenn der Zeitzeuge Petr Grun- feld im Buch berichtet, wie er im Archiv des Museums Auschwitz 1989 Dokumente zu seiner Familie gefun- den und dort erst sein richtiges Ge- burtsdatum erfahren hat, lernt der Leser die Grausamkeit der Nazis und gleichzeitig die heutige wichtige Ar- beit in der Gedenkstätte Auschwit? kennen. Und wenn Grunfeld gleich— zeitig auch noch die Schuldfrage an- schneidet und darstellt, dass Ausch- wit? wohl sein Leben geprägt hat, aber nicht„jeder Deutsche damals ein Nazi“ war und deshalb weiter sagt,„ich kann nur die Deutschen hassen, die Nazis waren“, dann hat der Leser wieder Vergangenheit und Gegenwart kompakt vor Augen. Für wen das hervorragende Buch- geeignet ist, ergibt sich aus dem Bei- trag der bereits erwähnten Pädagogin Ebieta Pasternak von der Internatio- nalen Mgendhegegnungsstätte. Sie be- richtet unter anderem, dass„die Zahl der Besucher immer größer wird“, und man bemerkt„immer mehr Irrita- tionen nach der Kon- frontation“ mit Ausch- Witz. Die Menschen, die hierher kommen „haben we- nig Zeit, sie finden keine Ruhe und keine Refle· Die Pãdagogin Fla Paster- XLOn“. nak arbeitet in der IBsS. Hier Set?t das Buch in ausgesprochen gut geeigneter Weise an. Uber Auschwitz wird gesprochen, vielseitig, informativ, Emotionen weckend, und die Mög- lichkeit, sich für weitere Informatio- nen„anstecken“ zu lassen, ist gege- ben. Wer nach diesem Minimum an Zeitaufwand nicht weiter an dem The- ma arbeitet, kann trotzdem die Not- wendigkeit erkennen, dass in der Ge- genwart Fremdenfeindlichkeit und Naziparolen entgegen zu treten ist. Ende Juni 2010 begleitete die La- gergemeinschaft Auschwit? eine Gruppe von Politikern aus vier Par- teien und einer Delegation des Kreis- schülerrates des Wetteraukreises nach Auschwitz; dabei fand das Buch in der Vor- und Nachbereitung Ver- wendung. Es kam hervorragend an. Diethardt Stamm „Lass uns über Auschwitz sprechen“. Merausgegeben von Bettina Schdefen Vorwoyt von Micha Brumlik. Brandes & Apel Verlag, Hrankfur Man 2009, IBN 97636600039070. 29. 90 Puro. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 Hinweise auf verschriftete Gedächtnisse Nicht nur die unmittelbare Brinne- rung verblasst. Auch die Frinnerung an Texte, an das geschriebene Wort, unter- liegt dem schleichenden Vergessen. Bücher, Hefte, Informationsbulletins, Mitteilungsblätter, sie alle geraten mehr noch als die Brinnerung an die Menschen, die wir kennen gelernt und von denen wir gehört haben- in Ver- gessenheit. Dabei bergen doch gerade Sie als verschriftetes Gedächtnis die Spuren der erlebten Geschehnisse. Deswegen soll hier erinnert werden an PRO MEMORIA, Informationsbul- letin des Staatlichen Museums Auschwitzt Birkenau und der Stiftung des Gedenkens an die Opfer des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau, Ssowie an die im Ver- lag Staatliches Museum AuschwitzBir- kenau erscheinenden HEHFIE VON AUSCKHWIIZ und nicht zulet?t an die Foto von Adam Bujak. Ans nen Band: Pro Memoria Nr. 7 dem im Text besproche- von TOnO Jowarzystwo Opieki nad Oswiecimiem(Deutsch: Gesellschaft zur Betreuung von Auschwitz) edierten Aus- gaben eines BIUIEHINVN. Welche Schätze sich dort auftun! Welche Menschen uns in den Texten ent- gegentreten und Jahre, Iage, Monate ih- res Lebens mit uns, den Lesern, teilen. Welche Gedanken zur Brinnerungskul- tur, Zu Erziehung und Bildung bereits vor Jahren Zu Papier gebracht worden sind! Die Hinweise auf einzelne Beiträge wollen Aufmerksamkeit auch für die weiteren Iexte wecken. Beispielsweise gilt dies für die Ausgabe 24 der HEFIE VON AlSCHWIIZ(2009): Das Fruu- enlager im KL Alschwitz-Birkenal (Ba, BJb) von Irena Strzelecka. Und in Heft 23(2008) für die von Jerzy Debski verfasste Untersuchung Mitglieder der Hauptommandatur der Heimatarmee ind ihrer Vorgdngerorganisatio— nen als Hftlinge im Konzentrati- onsluger Auschwitz. Ebenfalls in Heft 23 schreiben Adam Cyra und Sebastian Piatkowski über Per Vransport von Kadom ins KI. Alischwit? am 25. Fehruar 14. Piotr Setkiewic? ist der Autor der beiden Parstellungen zum Nehen- lager Bohrel sowie zum Halu des 70 Turben- Werks in Alschwitz als Mnheubsichtigter Imphls' zur Ein- richtung einer Vernichtungsstätte ſür Muden in Oswiecimꝰ. Das TOnO-Bulletin ist fast ausschließlich in polnischer Spra- che erschienen. Merdings hat sich der langjährige frühere TOnO- Präsident Kazimierz Albin für die deutsche Ubersetzung einiger Hefte eingesetzt, so der Reden zur Gedenkfeier anlässlich des 55. 32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Jahrestags zur Befreiung am 27. Januar 2000(Sonderbulletin 38). Als Bulletin Sonderausgabe Nr. 5253 wurde die erste Ausgabe der Studie zum Todesmarsch von Auschwitz nach Loslau, die 1980 von Mitarbeitern des TOnO-Regionalkreis Kattowicz besorgt worden war, unter demselben Jitel Der Vodesmarsch, Weg- weiser liher die Route Oswiecim Wod- zilw Slaski, von Andrzej Strzelecki er- weitert und überarbeitet. Das Buch konnte auch durch finanzielle Unter- Stüt?ung unserer Lagergemeinschaft herausgebracht werden. Wir haben aus- führlich im Mitteilungsblatt 1/2000 be- richtet. PRO MEMORIA, dessen Ausgaben 7(Juli 1997) bis 11(duni 1999) auch in deutscher Ubersetzung erschienen sind, wird mit Heft Nr. 28 Q010) eingestellt. In Nr. 7 erinnert der langjährige seinerzei- tige Museumsdirektor erzy Wroblewski an die ersten 50 Jahre des Staatlichen Mu⸗ Seums Auschwitz-Birkenau: Pas Geden- Ken fir alle Zeiten erhalten. Jozef Sajna Sicht das Gelände des ehemaligen KI. Auschwitz-Birkenau, auf dem es„alles“ gibt,„nur die Häftlinge fehlen“, als Welt einer Großen Stille, die„der Schrei unse- rer Zeit ist!“. Die historische Wahrheit vor allem nennt Krystyna Oleksy als vorrangige Aufgabe des Museums. Gute Ge- Schichtsschreibung und das Unterrich- len des Holocaust(Michael R. Marrus) Stehen im Mittelpunkt der Ausgabe 9 (Juni 1999) ebenso wie Sprechende Bil- der von Marian Kolodziej(Jolanta Ku- piec) sowie Anregung zur Reflexion (Stanislaw Krajewski) und Wider den eigenen Komfort denken(Jan Blonski). Nach dieser Durchsicht so vieler kluger, mutiger Gedanken wünschte ich, dass Die Lelktion von Auschwit?(Rafael F Scharf) aus Heft Nr. 7 verstanden wür- de. Und kein Mensch(um den unpassenden Be- griff„Besucher“ oder„HFahrt- teilnehmer“ nicht Zzu gebrau- chen), der sich auf den Weg nach Auschwitz macht, solte in das Staatliche Museum, in die Jugendbegegnungsstätte, auf das Gelãnde und in die er- haltenen Bauten geleitet wer- den(um den noch unpassen- deren Begriff„geführt“ ebenfalls nicht zu gebrauchen), ohne dass zumindest ei- nige dieser bedenkenswerten Uberle- gungen als Wegweiser dabei wären und Pingang in die Nachbearbeitung fänden. Allen- den Hörenden, den Sich- Frinnernden wie den Lesenden- wird Halina Birenbaum mit ihrem ab der folgenden Seite wiedergegebenen Beitrag EINE TROCKENE AUF- ZEICHNUNG6- UND DOCH 80 VIEI! aus dem Herzen gesprochen haben. Diese hesprechung Konnte erst nach einigen Recherchen geschrieben werden. Jch danke den Mitarbeiterinnen des Satlichen Muselms Aschwitz-Bir- Kenau und der Internationalen Jugend- hegegnungsstätte in Oswiecim, Guhriela Nikliborc, Lkucyna Hilip, Anna Meien Pa Pasternak, für Sachkundige und Sœhnelle AusKiinfte. Information: www. auschwitz. org. pl Altere Nummern können in der Bi- bliothek der Internationalen Jugendbe- gegnungsstätte(mail: mdsm Gmdsm. pl) eingesehen werden. Albrecht Werner-Cordt Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 33 Der folgende bericht in dem Halina Birenbaum beschreibt, wie sie nach Jahrzehnten erstmals wieder nach Polen und Auschwitz zuriickkehrte, erschien aufdelutsch in PRU MMORLA nformationsblulletin Nn 7, herausgegeben vom Suutlichen Museum Auschwitz-Birkenau, JMuli 190907, JN 4AZO-0AA. Hier ist der Text der neuen Recht- Schreiblng angepasst und leicht redigiert. Eine trockene Aufzeichnung, und doch so viel Halina Birenbaum Dokumente, Statistiken- trockene Aufzeichnungen, banal in ihrer amtli- chen Form. Im Algemeinen stütze ich mich nicht auf sie, wenn ich über meine Prfahrungen aus den Jahren der Verfol- gung spreche. Ich trage diese Jahre im Herzen, in der Seele, in meinem Be- wusstsein, und dort bleiben sie auch, bis mein Geist vom nahenden Ende ver- dunkelt wird. Aber vielleicht bleiben sie dann auch noch in den letzten bewuss- ten Momenten frisch. Und diese Auschwit?er Hãäftlingsnummer auf mei- nem Arm-dieser äußerliche Beweis für alles von dort, für die Ewigkeit. Pamit werde ich begraben. In den Jahren fern von den Orten jener tragischen Ereignisse, den Jahren des Wiederaufbaus des Lebens unter der strahlenden Sonne Israels- dachte RHalina Birenbaum in 2007 ich nicht, dass irgendwann noch einmal diese einstigen Brinnerun- gen zu mir zurückkehren würden. Schließlich gehörten sie der Ver- gangenheit an, der ich mich auf ir- gendeine Weise entziehen musste, um mit den Schwierigkeiten der realen Wirklichkeit fertig Zu wer- den, um ganz einfach leben zu können wie andere Menschen, die das nicht erlebt hatten. Auschwitz, Majdanek, überhaupt Polen, wo ich niemanden mehr kannte und niemand eine Ahnung von meit— ner Fxistenz hatte, weder von der damaligen, noch von der heuti- gen, wurden für mich zur Kegen- de, Zu einem Land der unsichtba- ren Geister. Nach der Befreiung aus den Nazi-Lagern, als ich als fünfZehn- jährige Greisin in das zerstörte Warschau zurückkehrte, um dort nach Leben zZwischen meinen To- ten Zu suchen, kam mir überhaupt nicht in den Sinn, erneut nach 44 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Auschwitz, Majdanek oder Treblinka zu fahren. Ich berauschte mich an der neu gewonnenen Freiheit und an dem Ge- fühl, endlich in der Vergangenheitsform von ihnen erzählen zu können. Dann fuhr ich weit weg und es erschien mir, dass ich für immer vom Horizont des Landes verschwunden sei, in dem ich geboren wurde, und dass ich niemals zu ihm zurückkehren würde. Meine Kinder jedoch hörten von klein auf in unserem Hause die polni- Sche Sprache, in der ich mich mit mei- nem Mann und mit unseren nächsten Freunden verständigte. Sie kannten die Namen Auschwitz und Oswiecim, unse- re komplette familiãre Verwaisung und die auf meinem Arm eintätowierte Nummer. Sie wussten auch, dass ich an- ders bin als die Mütter ihrer israelischen Kollegen. Nicht immer verstanden sie diese Andersartigkeit und nicht immer waren sie damit einverstanden. Ich wusste im Verlaufe dieser Jahre nicht, was- außer Prinnerungen- von den ehemaligen Jodeslagern übrig geblieben war. Es gab ja auch keine Kon- takte Zwischen unseren Ländern. Nach zwanzig Jahren wurden in Warschau meine Erinnerungen aus der Okkupati- onszeit verõffentlicht, und nach fast vier- zig Jahren wurden mehrtägige Gruppen- reisen nach Polen genehmigt. Das war für mich der Durchbruch. Die Kontakte zu polnischen Kesern, die nach der Lek- türe meines Buches herzhiche, rührende Briefe an mich schrieben, bewogen mich letztendlich zu dem Entschluss, meine Heimat zu besuchen. Ich fand darin Bestätigung durch Bilder und die Berichte von Freunden, die mir in dieser Reise in die Vergangenheit Zuvorgekom- men waren. Die Blumen, die sie auf den Ruinen der Krematorien in Auschwitz und bei der Gaskammer in Majdanek niedergelegt hatten, überzeugten mich davon, dass alles Vergangene keine Legende ist, dass mein Heute und das gewaltige, weit entfernte Gestern nicht voneinander getrennt sind, obwohl ich woanders lebe und eine andere Sprache spreche. Dennoch fiel mir die erneute Begegnung mit all dem physisch und psychisch schwer. Ich hatte von da an keine Ruhe. Ich wusste, dass ich dorthin gehen und Blumen niederlegen muss. Zu Hause hatten sie Angst um mich. Mein Mann sowie der ãltere Sohn warn- ten, ich Solle nicht nach Auschwitz und Treblinka fahren, weil ich dort einen Herzinfarkt bekommen könnte. Aber gerade diese Orte des Leides und der Qualen waren das Hauptziel meiner Reise. Ich wollte die Tore dieser ehema- ligen Konzentrationslager aus eigenem und freien Willen durchschreiten. Sie ohne Angst berühren. Als ich nach einer gewissen Zeit den ersten Brief aus dem Museum Auschwitz erhielt, schüttelten sich meine Söhne beim Anblick der Adresse auf dem Umschlag: Oswiecim?! Sie kannten Polen aus der Nachkriegs- zeit, der normalen Zeit nicht, sondern ein?ig und allein aus der schrecklichen Geschichte der mütterlichen Kindheit. Im Juni 1986 fuhr ich mit einer israe- lischen Gruppe nach Warschau. Von al- len anderen und auch mir selbst ge- trennt, ging ich durch meine Vorkriegs- Heimatstadt. Auf Wegen, auf denen mein Leben ab September 1939 verlief- bis nach Auschwitz. Auf jedem Schritt registrierte ich meine Gedanken und Gefühle. Ich beschrieb ebenfalls das, wãs ich Sah sowie alle meine Vorstellun- gen von dem, was ich auf dem Gelãnde der ehemaligen Lager zu schen und zu fühlen erwartete, deren Ausmaße mich im wahrsten Sinne erdrückten, obwohl Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 35 Halina Birenbaum(inks) in Birkenau 2007. Damals begleitete sie eine Gruppe der La- gergemeinschaft beim Rundgang über das Gelünde des ehemaligen Vernichtungslagers. diese Ausmaße doch zuvor in meinem Gedãchtnis eingeprägt waren. Ich irrte in meinen Gedanken um- her. Was finde ich dort vor? Wer sind diese Menschen, die dort arbeiten, le- ben? Allein das Wort Museum passte anfangs irgendwie nicht in meinen Be- griff von diesem schrecklichen Ort des Leidens und des Mordes hinein. Ich war darin fast zwei Jahre, die wie Jahrhun- derte erschienen, gefangen! PErkennt mich irgendjemand(wie schr hatte ich damals stets gehofft, nicht gesehen zu werden, denn das war immer eine tõdli- che Gefahr!), will jemand mit mir spre- chen? Können sie verstehen, welche Fesseln mich an diesen Ort, selbst an den Klang seines Namens binden?! Wie Schr ich an ihn gebunden bin? Und warum sollten die Museums- mitarbeiter mir zuhören? Sie haben Do- kumente, mit Sicherheit maßgebender und prãziser als meine Erzählung. Sie haben alle Angaben über das Lager, die Häftlinge und die Schergen, ich aber kenne nur meine persõnlichen Erlebnis- se. Ich bin ein fremder Mensch, ich kom- me für einen Moment aus Ubersee hier- her, um meine sich langsam auslöschen- den Spuren wiederzufinden. Hier ist ihre Arbeit, das alltägliche Leben. Und un- aufhörliche, schauerliche Emotionen. Mit unbeschreiblicher Wucht dran- gen auf mein Hirn Frinnerungen ein, die ich hier, auf polnischer Erde, auf der PErde von Auschwit? irgendeinem Nahestehenden zu vermitteln wünschte aber ich kannte ja niemanden, keiner kannte mich und ich zweifelte daran, ob er mich kennenzulernen wünschte. Ich war keine Heldin, kein Mitglied der Widerstandsbewegung! Fin einfacher, grauer, weiblicher Häftling, der unbe- dingt irgendjemandem seine Prlebnisse von diesen Orten anvertrauen wollte.. Ich hatte einige meiner Arbeiten über Auschwitz und dieses Heft dabei, in dem ich spontan meine Pindrücke vom Moment des Finsteigens in das Flug- zeug nach Polen notierte. Mein Buch müssen sie nicht kennen- dachte ich- denn es sind fast 20 Jahre seit seiner Ver- öffentlichung vergangen, die Auflage war Sofort vergriffen, und aufgrund des 36 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Abbruchs der Bezichungen zwischen Polen und Israel durch den Sechs- Tage- Krieg im Jahre 1067 wurde die Auflage auch nicht erneuert. Wen also interes- Siert irgendeine anonyme Frau, eine der vielen Besucherinnen des ehemaligen Vernichtungslagers, die ebenfalls den Wunsch hatten, ihre Erlebnisse mitzu- teilen? Schließlich werden sie nicht ihre Zeit dafür opfern, sich stãndig dieselben Schreckensbilder anzuhören! Ich fühlte, dass ich diese Finsam- keit mit der Last meiner Erinnerungen und Gefühle nicht aushalte. Ich kann den Menschen, die mit diesem Thema verbunden sind, nicht fremd und unbe- kannt sein. Ich muss mich mit ihrem Bewusstsein, mit der Existenz dieses Gedenkstättenmuseums verflechten, denn ich hatte so vieles von diesem Ort mitgenommen und bin mit ihm erfüllt! Ich bin leider ein natürliches Jeilchen dieser Tode und dieser Befreiungen. Ich habe überlebt. Heute bin ich als freier Mensch hierher zurückgekom- men! Ich muss ihnen von den Men- schen erzählen, mit denen ich hier war, zwischen denen ich mich so viele Tage, Wochen und Monate drängte. Uber von vornherein verlorene Kämpfe, über Wünsche, die sich nie erfüllen Sollten. In mir ist diese unmenschliche und übermenschliche Welt. Man kann sie nicht allein in geordneten Doku— menten und Büchern wiederfinden, die vorwiegend in ruhigen Zeiten, unter normalen Bedingungen geschrieben wurden. Sie schen dort nicht die Ge- sichter, hören nicht die Stimmen, die mich damals durchtränkten. Aber empfängt mich jemand in irgendeinem Büro des Museums, will mich jemand anhören? Ich stehe auf der Türschwel- le- und sage was? Wozu ich gekommen bin, wen ich suche, in welcher konkre- ten Angelegenheit? Konkret, wann? Ich kam endlich in Auschwitz an. EFs war ein schöner Sommertag. Sonne, blauer Himmel- und Stacheldraht, das Tor, die Baracken. Hier ist es! Ich bin es. Ausschließlich von damals. Ruhe und Grün im Außenbereich erlauben mir, mit allen Sinnen, ohne Furcht dorthin zurückzukehren. Ich höre Stimmen, Stöhnen, Beschimpfungen, ich wate durch Schlamm, habe Angst, den Kopf zu heben, um auf die Wach- häuschen zu blicken... Komplette Unkenntnis bei denen, die mich einschließen und den Erklärungen zuhören. Eine junge, hübsche Fremden- führerin erklärt der um sie gescharten Gruppe, dass hier soundsoviele von da und von dort waren, dass sie erschlugen, mordeten, schlugen, schrecklich, schreck- lich.. Wie gut, dass sie ihnen überhaupt etwas Zu erklären vermag! Ich bewunde- re sie, empfinde Dankbarkeit, dass sie etwas sagen kann. Aber ich erfasse den Sinn nicht, ich kann mich nicht in die Prklãrungen einschalten für mich ist das zu delikat, Zu kulturvoll.. Das andere war gewalttätig, über und unter allem, was Menschen bekannt ist. Aber heute muss anders gesprochen werden. Pfiffe Zum Appell, ein irres Gedrän- ge um den„besseren“ Standort auf dem Plat? vor dem Block, Hunger, der die Därme umdreht, Kälte, die bis aufs Knochenmark durchdringt. Pfiffe zu den Selektionen, zum Verbrennungs- ofen, Zum Schornstein. Schrei des Todes in der Luft, auf der Erde und im Him- mel. Das alles ist so fürchterlich, dass nun gar nichts mehr schrecklich ist, weil alles Schlimmste, das Unmöglichste im Alltag einzig real ist, und der Mensch ist nun kein Mensch mehr, das Menschen- leben hat keinerlei Wert, es bedeutet Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 37 dore Smith und Gerhard Herr überhaupt nichts, wenn man nicht der deutschen Herrenrasse angehört. Das menschliche Wort ist nichts wert, weil es diesen Grund der Hõlle nicht ausdrückt es ist bereits unnütz. Alles brennt und verbrennt in diesem Feuer aus den Ofen. In der Lunge und im Herzen ha- be ich diesen Rauch. Ich atme ihn s0 Stark und durchdringend ein! Ich kann in dieser, die vor der Baracke steht und den PErläuterungen zuhört, mein Ich von einst unterbringen, mich, die in die- Ser Hölle war und sie für immer vor Au- gen hat. Die Vergangenheit in der Ge- genwart und beide in mir unterbringen! Klein und einsam inmitten so vieler in- nerer und äußerer Anwesenheiten. Ich raffte mich auf und bat einen is- raelischen Fremdenführer, er möchte mich Zu irgendjemandem aus dem Büro bringen, ich wollte etwas erfragen, ich hätte etwas über das Lager geschrieben und wolle das jemandem übergeben. Von der Türschwelle begann ich aus mir herauszuwerfen, wer ich bin und wer ich war. Ich nahm meine israelischen No- tiꝰen über Auschwit? heraus. Der Teiter rief eine junge Mitarbeiterin, die das Los der Kinder im Lager studierte. Er schlug vor, Schnell ein Mikrophon zu holen... Ich fürchtete, dass meine Gruppe abfah- ren und ich es nicht schaffen könnte, ihnen alles Zzu berichten. Ich wollte auch noch ein- mal überfliegen, was ich in meinem Heft spon- tan, auf der Reise durch Polen, nach 40 Jahren, notiert hatte. Ich hatte nur nicht erwartet, dass ein plõtziches Schluch- zen mir die Stimme nimmt. Nie Zuvor hatte ich geweint, wenn ich von diesen Erlebnissen sprach. Jetzt war alles anders, Stärker- näher! Sie hörten mir mit absoluter Auf— merksamkeit zu, erschüttert, mit Iränen in den Augen, auf den Wangen.(Der Leiter versuchte diese Zu verbergen und ging deshalb mehrmals aus dem Zim- mer). Ich war nun nicht mehr allein, auch nicht fremd! Ich sprach darũber in Polen, im ehemaligen Lager, das heute museale Gedenkstätte ist, in meiner Muttersprache zu Polen, die wussten, wovon ich sprach, auch wenn sie zum Glück mein Schicksal nicht teilten. Es zeigte sich, dass sie das lebendige Wissen eines einfachen Häftlings brauchten, sie erlebten es intensiv, identifizierten sich mit mir. Zwischen uns gab es keinerlei Barrieren. Ich war zutiefst verstanden worden von Menschen, die forschen und die Erinnerung an diese Breignisse wis- Senschaftlich und präzise in Dokumen- ten festhielten. Seit Jahren brüten sie zu⸗ sammen mit ihren Kolleginnen und Kol- legen unverdrossen über diesen Arbei- ten, inmitten der Schreckgespenster von Auschwitz, um dieses Denkmalmuseum zu erhalten. Sie verhindern seinen Un- tergang trot? der im Laufe der Jahre auf- tretenden Schwierigkeiten. Was hätte ich an jenem Jage ohne sie getan? Gäbe 38 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer es überhaupt- wenn sie nicht wären hier irgendeine Spur? Seit dieser Zeit bin ich häufiger Gast im Museum, mit fast allen befreundet und aufgenommen wie ein enger Freund! Die gezeigte Wärme und Aner- kennung sind Balsam für die Erniedri- gungen und Verletzungen von damals. Jedes nächste Treffen- das ist Freude und ein weiterer zusätzlicher Beitrag zur Festigung und Vertiefung des Ver- Ständnisses für jene Vergangenheit, für Schlussfolgerungen und den eigentli- chen Sinn der Brinnerungspflege. Sie konnten jedoch meinen Namen auf den Häftlingslisten im Archiv nicht finden. Nicht alle Dokumente blieben erhalten, denn ich hatte selbst gesehen, wie die Deutschen vor Antritt des Jo- desmarsches diese Dokumente auf dem Hof verbrannten, bevor sie das Lager verlassen hatten. Doch plõtzich, an einem Januarmor- gen des Jahres 1997 klingelte das Ielefon in meinem Haus in Herzlia. Das Muse- um in Auschwitz informierte mich, dass ich in den Dokumenten von Auschwitz, die aus Moskau gekommen waren, ge- funden worden sei. Hala Gryns?tejn, Nummer 48693, Beruf, aber anstelle des Geburtsdatums- ein Fragezeichen!... Fränen schnürten mir den Hals zu. Eine trockene Aufeichnung, und soviel In- halt! Die schriftliche Bestätigung jener Zeit! Es war also alles wahr, was ich er- zählte, Schrieb, auf Tonbänder und auf Video aufgezeichnet hatte.. Das war ich. Ich war also registriert, und niemand kann das bezweifeln! Pin heißer Julitag im Jahre 1943. Ich Stand auf dem Appellplat? vor der Sau- na, nackt, im dichten Gedränge hunder- ter anderer nackter Frauen, nachdem uns alles abgenommen und die Haare geschoren worden waren. Alles um uns herum unbekannt, ekelhaft, Furcht ver- breitend. Ständig verlor ich meine Schwägerin, die einzige Person, die mir von der ganzen Familie, von den Frinne- rungen an unser Haus und an das men- schenwürdige Leben geblieben war. Ich zitterte bei dem Gedanken, dass sie uns trennen! Wir erkannten uns nach dem Abschneiden der Haare in diesem Ge- drãnge fremder, benommener und tõd- lich erschrockener Frauen nicht sofort wieder. Die Frauen bekämpften sich ver- bissen, feindselig schon am Anfang. In Panik sprachen sie davon, was zu sagen Ssei, welche Ausrede zu benutzen, welches Alter an?zugeben, wo zu stehen, welche SS-Aufseherin zu fragen- vielleicht ist Sie weniger bösartig? Ich hatte schreckli- chen Durst nach 48 Stunden Fahrt im brennend heißen Viehwaggon. Es gab nichts, die Schlange, die sich zur Regi- strierung in brennender Sonne auf dem Plat? angestellt hatte, nahm kein Ende. Diese ganze Prozedur der Umwandlung unserer Personen in Häftlinge des FKI. Auschwit?-Birkenau(Frauenkonzentra- tionslager) dauerte bis zum Abend. Plõt?lich Sah ich einen Pimer mit irgend- einer Flüssigkeit und fiel ohne Uber— legung mit meinem Mund auf ihn. Fkel- hafte Seifenlauge floss mir in den Hals.. Inmitten einer unbeschreiblichen Angst, unter Schlägen und Erniedrigun- gen registrieren sie unsere Namen, Ge- burtsdaten, Berufe... Jedes Wort kann Sich als gefährliche Falle erweisen, das Schlimmste bewirken. Diese Angaben in den abweisend notierenden Händen der Lagerleitung- das war das Urteil über Leben und Jod für uns alle. Ich wusste Schon, dass ich nicht mein wahres Alter angeben durfte. Ich kann mich heute weder daran erinnern, noch mir den Moment vorstellen, als ich mich Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 39 in der Reihe nach meiner Schwägerin, ihnen„vorstellen“ sollte. Welche Stim- me und welchen Gesichtsausdruck muss ich gehabt haben, als ich in höchster Spannung rezitierte: Hala Grynsztejn, 17 Jahre, Korsettmacherin... Auf der nach Jahren wiedergefunde- nen Liste sah ich, dass sie damals statt des Geburtsdatums ein Fragezeichen ge- Set?zt hatten. Vielleicht glaubten sie mir meine 17 Jahre nicht oder sie dachten, ich sei ãlter? Möglicherweise wollten sie auch infolge dieser Unklarheit nicht so- fort über mein Los entscheiden und ver- gaßen später das Fragezeichen über mei- nem Alter, über meinem Leben? Fin Dokument, trocken, kalt, aber S0 viel! Bis damals hatte ich die Bedeu- tung und den Wert einer einfachen Auf- zeichnung nie zu schät?en gewusst. Walina Birenbaum, Schriftstellerin, Dichterin und Uheretzerin wurde 7020 in Wamchaut gehoren, veil 7047 leht vie in Jvrael Sie hat das War- Schauer Getto liberlebt sowie die Konzentrationslager Majdaneh, Alschwilz, Ravensbrück und Neu- vMdt Gleve, wo vie die Feiheit eriang- e. Unre Muter wurde in Majdanel er- mordet, ir Vater im Vernichtungs- lager Vrehlinkd. alina Birenhaum ist Verfusverin von Biichern wie„Nadzieja miera ostut- nia“(Die Hoffnung stirbt zuletzt Aifhruch in die Vergungenheit) und „Podrò?z do ziemi praojcõm“(Die Reise zur Erde der Urvdter) Sowie von Gedichthbnden und weiteren Veròjfentlichungen. Musch ist tot Zum Gedenken an Marie-Louise Steinschneider Zu unserer Mitgliederversammlung im November 2009 in Friedberg hat sich Marie-Louise Steinschneider noch abho- len lassen. Nun ist Musch- wie sie ihre Freunde nennen durf—- ten- am 7. Juni in Frankfurt, kur? vor ihrem 83. Geburtstag gestorben. Der Lagergemein- Schaft Auschwilz war sie fast Seit der Gründung verbunden und hat rege an den Aktivitã- ten teilgenommen oder sich darüber informiert. Die let?ten Jahre des Dritten Reiches verbrachte Musch in Frankreich, wo ihr Vater Adolf Moritz Steinschneider, von den Nazis als Jude und bekannter linker Anwalt verfolgt, im Fxil lebte. Musch folgte etwas Spãter mit ihrer Mutter Fva Reichwein, die nach dem Krieg zurück in Frankfurt eine der bekanntesten Stadt- Musch Steinschneider 1927- 2010 verordneten der KPD wurde. Adoff Morit? Steinschneider wurde von Mit- gliedern des SSBataillons„Das Reich“, das kur? Zuvor in Oradour ein Massaker verübt hatte, zu— Ssammen mit einem Freund er- Schlagen, nachdem sie ihnen am 11. Juni beim Versuch sich zu verstecken in die Hände gefallen waren. Zuvor war be- reits Muschs große Jugendlie- be, der Maler Peter Grumba- cher, deportiert und in einem Vernichtungslager ermordet worden. Dies alles hat Musch tief getroffen, ihre Offenheit und Menschlichkeit hat sie Sich nichts desto Notz bewahrt. Dement- Sprechend hat sie sich stets an die Seiten derer geschlagen, die gegen Faschismus und Rassimus Stellung beZogen haben. Der Schwerpunkt all ihrer Bemühun- 40 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer gen galt in ihren let?ten Jahren und Jahr- zehnten der Brinnerung an ihren Vater und der Bewahrung an sein Werk. So hat sie das Adolf Moritz Steinschneider Archiv(AMs IA) gegründet(Siehe: www.steinschneider.net). Am 20. August 1990 hat Musch nach einem Kinobesuch an die Frankfurter Rundschau einen Keserbrief geschrieben, der unseres Wissen nie veröffentlicht wurde. Bei der Hrauerfeier Ende Mai auf dem EFschersheimer Friedhof wurde er von Freunden vorgelesen. Der Jext of— fenbart einige wesentliche Grundzüge ih- res Wesens. Im Gedenken an Musch ist er im Folgenden abgedruckt. Er ist auch un- ter www¶Steinschneider. net/aktuelles. htm zu finden. Dort sind auch die bemerkens- werten Trauerreden von Muschs Freun- den Horst Qlbricht und dem Schauspieler Peter Heusch nachzulesen. Hans Hirschmann Der Fremde Marie-Louise Steinschneiders Brief vom 20. August 1990 Gestern war ich im Kino. Es war seit Schr langer Zeit das erste Mal. Freunde hatten mich mitgenommen in„Das Le- ben ist schön“. Ich hatte von dem Him gehört-„musst du unbedingt scehen“ und gelesen, aber seine Wirkung ist offenbar in Worte gar nicht Zu fassen. Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich nach 50 Jahren immer noch so erschüttert und vollkommen aus der Fassung gebracht werden könnte, wie vor 30, 40 Jahren. Damals hatte ich beschlossen, mir solche Filme nicht mehr anzuschen. Ich dachte, in?wischen sei mir ein Panzer um die See⸗ le gewachsen und ich könnte alles aus- halten. Es war nicht so. Nach dem Ende des Hilms drängte ich mich als erste aus dem Saal, um mich in irgendeiner dunk- len Ecke aus?Zuweinen. Es gab aber kei- ne dunkle Ecke. Ich stand an eine Schau- fensterscheibe gelehnt, das Gesicht in den Armen verborgen und weinte und weinte. Jemand tippte mich von hinten an.„Alles in Ordnung?“ und ging weiter. Nein nichts war in Ordnung. Alles kam wieder hoch: all die Toten, die Ermorde- ten, Zwei davon meine, und der Tod die- Ses Vaters im Hilm, angedeutet nur durch eine Gewehrsalve. Nichts ist vorbei, nichts ist vergangen, nichts ist vergessen auch in hundert Jahren wird die Erinne- rung fortdauern, Besonders wenn es sol- che Hilme gibt, die auch jüngere Men- schen, die diese Zeit nicht erlebt haben, zum Weinen bringen können. Man berei- tet Sich auf das nãchste Jahrhundert vor, man weiß nicht, wo man sich lassen soll vor lauter Feiern. Es gibt nichts zu feiern. Man sollte lieber still sein und sich vor- nehmen, das nächste Jahrhundert besser werden zu lassen als das vergangene. Mord, Vernichtung, Barbarei in einem Jahrhundert, das ein aufgeklärtes sein Sollte und man hat es fertig gebracht auch noch zum Ausklang dieses Jahrhunderts einen weiteren Krieg vom Zaun zu bre- chen und ein Land mitten in Furopa võl lig Zu Zerstören. Blind von Iränen schlich ich die Irep- pe hinauf ins Freie. Port angekommen, fing mich jemand auf. Ein Fremder, fremd in diesem Land, ein Mensch. Ein Mensch unter lauter Fremden. Als sei dies die natürlichste Sache der Welt, drückte er mich an sein Herz und ich weinte an seiner Schulter. Er hielt mich fest bis ich mich beruhigt hatte. Er gab mir menschliche Wärme in dieser kalten Stadt. Ich danke Dir, Fremder. Solltest Du jemals diese Zeilen zu Gesicht be- kommen, bleib mir kein Fremder, sag mir Deinen Namen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 41 Zum Tod von Dr. Helena Slizowska Mehrfach war die Lagergemeinschaft Aichwitz mit Teilnehmern von Studien- fahrten in Krakau auch zu Besuch in dem von der Stiftung„Pro Vita et Spe“ betriebenen Ambulato- rium, der wahrscheinlich einzi- gen Klinik in Polen für Häft- linge der deutschen Kon- Zentrationslager. Dort hat uns die ärztliche Leiterin Dr. Helena Slizowska die Arbeit erklärt. Die Nachricht der Stif- tung, dass sie am 8. Februar dieses Jahres verstorben ist, lõste bei uns Trauer und Betroffenheit aus. Helena Slizowska hat sich bereits in ihrer Habilitation mit der gesundheit- lichen Situation von überlebenden KZ- Hãäftlingen beschäftigt. Nicht Zuletzt auf ihr Betreiben wurde 1987 das Ambulato- rium in Krakau gegründet. In einem In- terview berichtet Dr. Slizowska, wie die Patienten oft misstrauisch und verschlos- Sen reagierten,„als ob ihre See- le noch immer in der Furcht verharrt“. Meistens gelang es dem Arzte- und Pflegeteam Vertrauen Zu gewinnen und „die Barrieren“ zu brechen. „Wir sind für sie ein wichtiges Dr. Helena Slizowska im Jahr 2006 Bindeglied zu ihrem Keben ge- worden“, war die ãrztliche Lei- terin mit Recht stolz. Die Lagergemeinschaft wird auch weiterhin die Pinrichtung unter ihrem neuen Leiter Dr. Andrzej Michalski fi— nanziell unterstützen. Wie er uns versi- cherte, sind wir mit unseren Studien- gruppen weiterhin gern gesehene Besucher im Ambulatorium. Trauer um Dr. Barbara Mlynarski Am 16. April 2010 verstarb im 86. Lebensjahr unsere liebe Freundin Dr. Gertruda Barbara Mlynarski aus Mon- heim am Rhein. Zusammen mit ihrem Mann, Janus? Mlynarski, Auschwitz- Häftling Nr. 355, gehörte sie seit der 1979 amtlich erfolgten Gründung der Lagergemeinschaft Auschwilz- Hreun- Impressum: desKreis der Auschwilzer zu unseren Vereinsmitgliedern und war eine enge Freundin der LGA-Gründer Hermann und Anni Reineck. In einer bewegen- den Trauerfeier haben wir am 24. April in Monheim von Barbara Abschied ge- nommen. Wir werden ihr ein ehrendes Andenken bewahren. Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer Freiherr-vom-Stein-Straße 27, 35516 Münzenberg Internet: www. lagergemeinschaft-auschwitz. de Redaktion: Hans Hirschmann, Tel.(06101) 32010 Bankverbindung: Sparkasse Wetterau(BILZ 518 500 70) Konto-Nr.: 20 000 3503 Bei Spenden bitte Adresse deutlich schreiben, damit die Bescheinigung für die Steuererklärung zugeschickt werden kann. Jitelfoto: Eingangsbereich der Iniernationalen Mugendbegegnungsstätte in Oswiecim „Per la Vita-Für das Leben“ Konzert: Bejarano& Microphone Mafia Mittwoch, 1. September 2010, 19 Uhr Frankfurt am Main, Gewerkschaftshaus(DOB), Wilhelm-Leuschner-Straße Esther Bejarano ist eine der letzten Uberlebenden des Mäãdchenorchesters von Auschwitz. Mit der Gruppe„Coincidence“, der auch ihre Kinder Esther und Joram angehören, singt sie antifaschistische und jüdische Lieder. Die Rapper Kutlu Vurtseven, Signore Rossi und D) Onder aus Köln(Microphone Mafia“) haben die Musik der Bejaranos gesampelt und 2009 gemeinsam mit ihnen die CD„per la vita“ verõffentlicht, die sie auch live prãsentieren. Veranstalter: DGB-Jugend Frankfurt. Kontakt: Jugendbuero-frankfurt Gdgb. de Festival gegen Rechtsaußen BI Grätsche gegen Rechtsaußen, Sportjugend Hessen, Beratungsnetzwerk Hessen laden ein für Samstag, 28. August, Sportgelände in Echzell-Gettenau(Wetteraukreis) ab 15 Uhr Soccor-Turnier für CJugend ab 16 Uhr Sportparcours für Familien, Gruppen und Solisten ab 19 Uhr Rock gegen Rechtsaußen zunächt live mit Fräulein Wunder& Hartmann später Disco Der Fintritt ist frei Unterstũtzt werden die Veranstalter von vielen õrtlichen Vereinen und Initiativen Weitere Informationen: www.graetsche-gegen-rechtsaussen. de Ostend-Blick in ein jüdische Viertel Ausstellung: Jüdisches Museums Frankfurt Main und Initiative 9. November Noch bis 28. November im Hochbunker Friedberger Anlage 5/6 Offnungszeiten: Sonntags von 11— 14 Uhr, Führungen sonntags 11.30 Uhr sowie nach Vereinbarung mit dem Jüdischen Museum, Ielefon(060)— 21 23 88 04 Pintritt 2 Euro, ermäßigt 1 Euro; Führung zusätzlich 1,50 Buro Initiative 9. November, Iel.(U177) 7 12 04 12, wwwsynagoge-friedbergeranlage. de Studienkreis Deutscher Widerstand 1933- 1945 Kinder im KꝰZ Theresienstadt-Zeichnungen, Gedichte, Texte Ausstellung:§. bis 24. November, Frankfurt am Main, I6 Metall, Main-Forum 21.- 29. September, Berlin(Rosa-Luxemburg-Stiftung) Frauen im Komentrationslager 1933-1945. Moringen, Lichtenburg, Ravensbrück Ausstellung: 18. September-31. Oktober, Frankfurt am Main ehemaliges Polizeigefängnis Klapperfeldstraße 3 Kontakt: www.studienkreis-widerstand-1933-45. de, Iel.(069) 7 215 75 www. klapperfeld.de, Iel.(0163) 9401683