LAERSEMEmMscfiar AUschWrrz- FREUMDESkREis DER AUScrrIzER 4 29. Jahrgang, Heft 1 Mitteilungsblatt, August 2009 Inhaltsverzeichnis Seite Das Vermächtnis der Uberlebenden 1 Von Tadeus? Sobolewicz Die„moralischen Zeugen“ Begegnung mit Zofia Posmys? Piasecka 9 Von Claudia Simon Schulprojekt in Mühlheim und Apolda 13 Von Martina Hörber Der Zaun von Auschwitz-Das Vermächtnis der Häftlinge 16 Gegen das Vergessen 17 Ständige konservatorische Maßnahmen 21 Von Jer?y Wroblewski Besprechungen: Der Todesmarsch. Wegweiser über die Route Auschwit?-Loslau 24 breitnau 1933— 1945 26 Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime 29 Nazi-Aufmärsche in Wetterau verhindert 31 Brief an Wladyslaw Bartos?zewski 32 Liebe Mitglieder, iebe Freundinnen und Freunde, Sseit dem Erscheinen des Mitteilungsblattes(MB) von Dezember 2008 sind wie- der viele Spenden eingegangen, mit denen wir direkt ehemaligen Häftlingen der KonzZentrationslager und Gestapo-Gefängnisse helfen oder andere Vereins?zwecke wie Bildungsarbeit durchführen konnten. Wir danken recht herzlich und werden darüber ausführlicher in der nächsten Ausgabe des MB im Dezember berichten. Natürlich sind wir auch weiterhin als gemeinnütziger Verein auf Ihre Spenden an- gewiesen, um den Vereins?zwecken gerecht zu werden. Falls hier kein Uberwei- sungsformular mehr beiliegt, entnehmen Sie unsere Bankverbindung bitte dem Impressum. Herzlichen Dank. Impressum: Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer Freiherr-vom-Stein-Straße 27, 35516 Münzenberg Internet: www. lagergemeinschaft-auschwitz. de Redaktion: Hans Hirschmann, Tel.(U6101) 32010, Annedore Smith Bankverbindung: Sparkasse Wetterau(BIZ 518 500 70) Konto-Nr.: 20 000 3503 Bei Spenden bitte Adresse deutlich schreiben, damit die Bescheinigung für die Steuererklärung zugeschickt werden kann. Titelfoto: aus:„Es war einmal“, hrsg. von Stefan Rammer und Peter Steinbach Passau 1993 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 Das Vermächtnis der Uberlebenden Zur Bedeutung von Zeitzeugen für das Verständnis der NS-Zeit Von Tadeus?z Sobolewic? Vndeus? Soholewicz fingierte im Aller von 7Mhren als Boie zwischen Widentands- grppen im besetzten Polen. Am J. Septlemher Jul wrde er in Vchenstochaut fesige⸗ nommen und wur his 7045 in den Konzentrationslagern Auschwitz, Buchenwald, Teipzig, Milsen, Nossenbürg und Regensblirg inhaftiert. Der pälere Schduspieler ist veil Jahren nermiidich im Finsalz, m junge Menschen über die Zustände in den KAs der deutschen Wationalsozialisten zu informieren · v0 auch bei vielen Sudienrei- ven der Lagergemeinschaft Alschwitz. Sein folgender Bericht(leicht geliirzt) Stummt alis der Puhlikation„Zeligen und Zeugnisse“, herausgegebenen von der„Sliftung Prinnerung, Verantworung, ZuMinft“, Berlin 2006(viehe auch S 5 p. Die let?ten Zeitzeugen der Ge- schichte des Nationalsozialismus, dar- unter auch ehemalige KZ-Häftlinge, werden immer weniger. Wenn es aber hbald keine Zeitzeugen der damaligen tragischen Ereignisse mehr gibt, wer Soll dann der jungen Generation das Wissen, die Mahnungen und Lehren vermitteln, um die Welt vor dem näch- Sten Konflikt oder gar vor einer Ver- nichtung zu schüt?en? Reichen zu— künftig Geschichtsausstellungen an Orten des Geschehens und des Geden- kens aus, um den jungen Menschen die begangenen Verbrechen bewusst zu machen? Noch nie zuvor hatte eine industri- elle Vernichtung ganzer Bevölkerungs- gruppen stattgefunden- des jüdischen Volkes und polnischer Bürger, russi- scher Gefangener oder der ethnischen Gruppe der Sinti und Roma. Das KZ Auschwit? und weitere Vernichtungs- lager wie Ireblinka, Belzec, Chelmno, Majdanek und andere werden noch für viele Jahre als eine Schande für die Menschheit und eine Schmach für Ge- nerationen deutscher Bürger im Ge— dächtnis bleiben. Die schrecklichen und unmenschlichen Erfahrungen der Jahre 1933— 1945 in Hitlerdeutschland Tadeus? Sobolewic?z werden die nächsten Generationen lei- der mit der Gewissheit der begangenen Verbrechen belasten. Dokumente über Verbrechen und Schriftliche Berichte oder Videoaufnah- men der Zeitzeugen bilden eine wert- volle Sammlung über das düstere Ge- Schichtskapitel des Völkermordes im 20. Jahrhundert. Jeder authentische Be- richt ehemaliger KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter ist- trot? Zwangsläufi- ger Ahnlichkeit- anders. Doch immer sind zahllose Qualen, Erniedrigungen und Grausamkeiten dargestellt, die die 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer von deutschen Nazis verfolgten Men- Schen erleiden mussten. Diejenigen, die diese Berichte verfassten oder vor Ge- richten gegen die Verbrecher aussagten, haben damit eine moralische Pflicht ge- genüber der Geschichte erfüllt. Sie tra- gen bis ans Ende ihrer Tage die Gewiss- heit in sich, dass diese Dokumente, Berichte, Bücher und Hilme überdauern werden. Den neuen Generationen wer- den sie Zzur Quelle der Erkenntnis über die menschliche Natur. Mit der Weiter- gabe der Wahrheit über die Zeit der Krematorien an junge Menschen erfül- len die Uberlebenden ihre moralische Pflicht auch gegenüber den Toten. Die Toten können nicht mehr sprechen, die Uberlebenden müssen sie bis ans Ende ihrer Tage vertreten. Was aber können junge Menschen heute noch aus den von Opfern natio- nalsoZialistischer Verfolgung verfassten Berichten und Dokumenten lernen? Zweifellos hinterlassen persõnliche Er- zählungen und Gespräche mit den Zeit?eugen großen Findruck bei jun- gen Zuhörern. So können präzise Fra- gen gestellt oder aufkommende Zwei- fel ausgeräumt werden. Wenn die Zeu- gen berichten und erläutern, können ihre Zuhörer sich die damalige Situati- on besser vorstellen und sie besser ver- Stehen. Anhand der Biografien ehema- liger Nazi-Opfer machen sich die jun- gen Menschen ein umfassendes Bild über die Verhältnisse in Fxtremsitua- tionen. Außerdem regen die Berichte der Zeit?eugen an, über Moral und Hãftlingsfoto von Tadeusz? Vater Stanislaw Sobolewicz, dessen Todesdatum in den Ster- bebüchern von Auschwitz mit dem 20. Juni 1942 angegeben wird. Hãtiingsfoto von Francis?zek Zmuda, der Tadeus? Sobolewicz uut seiner ucht vor der Gestapo verborgen hatte. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 Häftlingsfoto des Auschwitz-Gefangenen Tadeusz Sobolewicz. Pthik, über das Verhalten der Verfolg- ten einerseits und die Motive der Ver- brecher unter dem SS-Zeichen ande- rerseits nachzudenken. Junge Men- schen erfahren aus dem Munde des Zeugen Unvorstellbares, z. B. von Box- kämpfen, die die SS-Leute zu ihrem Vergnügen im Lager austragen ließen, von künstlerischen Darbietungen der Gefangenen bis zu Porträtmalereien für SSMänner wie auch von geheimen religiõsen Treffen. Das Lagerleben hat- te s0 viele Facetten, war s0 vielgestaltig und oft auch widersprüchlich, dass sich nur vertiefende Studien der ganzen Wahrheit über die menschliche Iragö- die und den Kampf ums Uberleben nähern können. Die neuen Generationen können für sich persönlich viele wertvolle Schlüsse daraus zichen. Beispiele gibt es viele: der heilig gesprochene Maxi- milian Kolbe, der sein Leben helden- haft opferte; der Aufbau einer Wider- Standsgruppe im Konzentrationslager Auschwit? durch Witold Pilecki- trot? Terror und ständiger Bedrohung; die deutsche Krankenschwester Maria Stromberger aus dem SS-Revier, die Häftlinge unterstützte; das menschliche Verhalten des Arbeitsdienstlers Otto Küsel, der polnischen Häftlingen half oder auch- Zusammen mit Mithäftlin- gen- die mutige Flucht von Kazimier? Piechowski sowie die aufopferungsvol- le Tätigkeit vieler Mitglieder der kon- Spirativen Lagerorganisation in den Konzentrationslagern Auschwit? und Buchenwald. In Museen und Gedenk- Stätten finden sich noch weit mehr Bei- Spiele für eine mutige und ungebroche- ne Haltung von Hãäftlingen. Das aufop- ferungsvolle Verhalten vieler Arzte, Lehrer, Krankenschwestern, Priester und Pfadfinder darf nicht vergessen werden: Sie riskierten ihr Leben, als sie viele ihrer Mithäftlinge vor der Ver- nichtung durch die SS-Verbrecher ret- teten. Dieses beispielhafte Verhalten erinnert daran, dass auch unter den von den deutschen Nazis geschaffenen un- menschlichen Lebensbedingungen Menschlichkeit und Menschenwürde aufrechterhalten werden konnten. Nach dem Abtreten der letzten Zeit?eugen sollte das Wissen über die in den nationalsozialistischen Lagern begangenen Verbrechen von Ge— Schichtslehrern und Wissenschaftlern angenommen, bewahrt und weiterge- geben werden. Und es ist der Wunsch der Uberlebenden des Terrors, dass künftig auch weiterhin Schüler, Studen- ten und alle Menschen guten Willens, die die Orte der Verbrechen besuchten oder mit Zeitzeugen zusammentrafen, Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer das Gedenken an die Opfer wachhal- ten. Welche Botschaft sollte jungen Menschen übermittelt werden, damit die Welt nicht im Sog kommerzieller Begehrlichkeiten versinkt? Für die Schuld der Väter tra— gen nicht die nachfol— genden Generationen junger Deutscher die Verantwortung. Aber die nach dem Krieg in den Jahren 1946-1947 vom Internationalen Gerichtshof in Nürn- berg gefällten Urteile bleiben bestehen- als wichtiger Beweis für † die Achtung der Me- thoden des Vernich- tungskrieges und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit. An diese Urteile gegen die Naziverbrecher, von denen keiner sich zu seiner Schuld bekannte, sollte Stets erinnert werden- als Mahnung, damit sich solche Verbrechen nie mehr wiederholen. Auf dem Appellplat? des Konzen- trationslagers Buchenwald haben sich 1945 die befreiten Häftlinge aller Natio- nen, darunter deutsche Demokraten, an die Völker der Welt gewandt und ge- Schworen- NIE WIEDER. Diesem Vermãchtnis sollten sich alle Regierun- gen der Welt, Politiker und Journalisten, Wissenschaftler und Künstler verpflich- tet fühlen, damit alle schwierigen politi- Schen und wirtschaftlichen Probleme friedlich und im Dialog gelöst werden können. Denn Frieden und Freiheit der Võlker sind und bleiben oberste Prio- rität, und zwar für jeden Menschen, un- abhängig ob Furopäer, Asiate, Ameri- kaner oder Afrikaner. Die Uberlebenden der Kriegs- gräuel, KZHäftlinge, Zwangsarbeiter, Menschen, die aus ihren Häusern zwangsumgesiedelt wurden, Verbannte Sowjetischer Lager und Gulags, Bewoh- ner ausgebombter Häuser, Menschen, die wegen der politi— schen Beschlüsse von Jalta und Potsdam aus- gesiedelt wurden, poli— tische Gefangene und Opfer ideologischer und rassistischer Ver- folgung, sie alle können die Botschaft übermit— teln: Seid tolerant und verständnisvoll, achtet und stärkt die Freiheit, sucht Verständigung durch Dialog, vergebt denen, die Euch nicht verstehen. Fin gutes Beispiel, junge Menschen zu erreichen, ist die Initiative zur Ausarbeitung eines gemeinsamen Geschichtsbuches für polnische und deutsche Schüler. Dies führt in die richtige Richtung. Histori- sche Fakten sollten weder verändert noch manipuliert werden. Geschichts- fälschung führt zu Heuchelei und stört jede Verständigung. Diese Initiative be- weist, dass Polen und Deutsche eine ge- meinsame Sprache finden können, wenn sie es nur wollen. Die Uberlebenden wünschen der Jugend, dass ihr die Versöhnung zwi- Schen den Völkern und die friedliche Lösung der Konflikte in ihrer Welt ge- lingt. Uber veine Zeit im Lager berichtet Vadeusz voholewicz in Seinem Buch „Alis der Hölle zurick“, emchienen im Fischer Verlag. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 8 „Es muss weiterhin Zeugen geben, die für die Zeugen zeugen“ Aleida Assmann zur Unterscheidung des„moralischen“ vom historischen, religiõsen und juristischen Zeugen Der leicht iiberarbeitete Beitrag des Auschwitz- Uherlebenden Jadeus? Sobolewicz „Das Vermdchtnis der Uherlebenden“ beschließt den Band, Zeugen und Zeugnis- se Bildungsprojelkte zur NZwlungsurheit mit Mgendlichen“ Jadeusz Sohole- wic? hringe„Symbolisch für viele Uherlebende die ungebrochene Sorge um die ZMunft inserer Welt und seine Hoſfnung auf die ugend“ zum Alusdruck, bemer- Ken Oiinter Suathoſf und Ralf Posselel in der EFinleitung der Puhlikation, die von der Stiftung, Prinnerung, Verantwortung, Zukcunft“ ſevz) vogelegt wurde. Im Mit- elpunlkt vleht die Hrage wie die Perpelctive der Opfer des Nationalsoziulismuis als „Zeitzelgen“ in der politischen Bildung auch kiinftig vermittelt werden Kann, wenn die pemõnlichen Begegnungen mit diesen Zeitzeugen nicht mehr möglich vein werden. Aufgezeigt wird, wie bei insgesamt 73 Projelcten verucht wlirde, Ant- woyrten alf diese Hrage zu inden. Vorangestellt vind den Projelctheschreibungen drei wissenschaftliche Beiträge. Auf den Außatz„Ver Orundthpen von Zeugen- Schaft“ der Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann Soll im Holgenden etwus ausflirlicher eingegangen werden, um für eine ausflihrliche Lelctlire zu werhen. Ausgehend von der Feststellung, dass die Begriffe„Zeuge“,„Zeugnis“ und„Zeugenschaft“ seit den beiden let?ten Jahrzehnten des 20. Jahrhun- derts eine anhaltende Konjunktur er- lebten, kommt Aleida Assmann zu dem Schluss:„Der Holocauist ist milt- lerweile als das Puradigma von Zel- genschaft etabliert an das vich andere Zelgnisse in anderen vozialen, politi- Schen und Kulurellen Kontexten anleh- nen Lönnen.“ Sie untersucht dann vier „Rahmenbedingungen des Zeugens“ nãher und beschreibt ihren Beitrag als eine„Besichtigung, die ns durch ein imagindres Kulturmhistorisches Muselum Kihrt“. Assmann unterscheidet den„juri- dischen“ Zeugen in Gerichtsprozes- sen, den religiösen Zeugen, den histo- rischen Zeugen und den moralischen Zeugen. Dieser„moralische“ Zeuge ist in der Nachwirkung des Holo— causts im ausgehenden 20. Jahrhun- dert als neue Manifestation aufgetre- ten. Der israelische Philosoph Avishai Margalit hat den Begriff und seine Besonderheit am Beispiel der Holo- caust-Vberlebenden beschrieben: „Mit dem religiésen Zeugen hat der moralische Zelge gemeinsum, dass er die Rollen des Opfers und des Zeugen in vich vereinigt. Was ihn allerdings vom Märtyrer nterscheidet, ist, dass er nicht durch sein Sterhen, vondern durch sein Uberleben zum Zeugen wird. Als Uberlebender wird er wieder- m in erster Linie zum Sprachrohr ind Zeugen für die, die nicht lberleht hahen, zum Sprachrohr der ermorde- ten Voten lind der erinnernden Wrdi- glung ihrer ausgeléschten Namen.“ 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Sein Zeugnis sei somit nicht nur als Bericht und Anklage, sondern auch als„Toten-Klage“ zu werten. Der Alptraum des Auschwitz-Uberlebenden Primo Levi Als weiteren wichtigen Unter- schied zum religiösen Zeugen führt Assmann an,„dass der moralische Zelge nicht eine positive Botschaft he— Zeligt wie die Macht eines liberlegenen Gottes, flir die es sichk zu sterhen ohnt. Im striten Gegensatz zu volcher sakri- fiz iellen Semantik offenharen er und Sie ein Kolossales Verhrechen, Kiinden Sie von dem Bösen Schlechthin, das sie in Form einer organisierten verbreche- rischen Gewalt unmittelbar am eigenen Leibe erfahren haben. hre negative Boischaft hat deshalh nicht das Zelg zur Sinnstiftung und damit auch nicht zu einer fundierenden Geschichte, auf die vich Gemeinschaſten gründen las- Sen. S0 gesehen, Konstituiert dieses Zelignis Keine für ein Kolleltiv hrauchhare' Erinnerung.(..) Wie der religiòse Zelge ist auch der moralische Zelge auf einen vekunddären Zeugen angewiesen, der seine Botschaft auft⸗ nimmt. Primo Levi? trumte hereits in Alschwit? den Alptralum, dass er end- ich nach Hause zurickkehrte, dort aher niemand veine Geschichte hören wollte. Ohne Aufnhme der Botschaft des moralischen Zeugen wäre sein Uherleben, das im die ⁊ wingende Ver- Pfichtung zur Zeugenschaft auferlegte, Sinnlos geworden.“ Der moralische Zeuge unterschei- det sich grundsätzlich von den neutra- len und unbeteiligten Beobachtern, die dem Jypus des juridischen bzw. ju⸗ ristischen oder historischen Zeugen angehören. Absolut entscheidend für den moralischen Zeugen ist nach Margalit und Assmann die Personal- union von Opfer und Zeuge: „Ey und Sie haben das Verbrechen, das vie hezeugen, am eigenen Leibe er- ahren. Da vie ungeschitzt und unmil- elhar der Gewult ausgeselzt wuren, hat vie vich in inre Körper und Seelen einge- Schriehen. Der Köper ist vomit der hlei- hende Schauplatz der truumatisieren- den Gewalt und damit zugleich dus Ce⸗ dãchtnis' dieser Zelugen.(..) Die ver- Cõperte Wahrheit des Zeugen ist in diesem Hall wichtiger als die noch s0 autentische und akkurate Ealktheit des Berichts, die man einem Binjamin Willomirski* hescheinigt hat.“(... Moralische Zeugen„vind Keine Spezia- listen flir un verstellte Walrheit. Was sie zlu hieten haben, ist eine sehr vbjehtive Konstruktion der Extremsituation, der vie ausgesetzt wuren“, übernimmt Ass- mann eine Formulierung des US-ame- rikanischen Historikers Jay Winter. Fine wichtige Unterscheidung zwischen juridischem und morali- schem Zeugen besteht darin, dass ih- re Zeugnisse vom Verbrechen nicht oder nicht nur vor einem Gericht ab- *Primo Levi(1979— 1087), Auschwilz-Uberlebenen Schrifisteller und Chemiker ** Binjamin Wilkomirski alias Brlmno Poesseklcer war der Autor einer Holocaust-Auto- hiografie(Bruchsticke, Frankfurt am Main 1005), die vich pdter als eine Fälschung her- ausstellte. Der Auton der in großer Petuilgenauigkeit seine Erfahrungen als Kleinkind in Vodeslagern vchildert hat die Schweiz in den 19A0er Jahren nie verlassen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 Tadeus? Sobolewicz im Stammlager Auschwitz mit Teilnehmern einer Studienreise der Lagergemeinschaft Auschwitz- FreundesKreis der Auschwitzen gelegt werden, sondern in erster Linie „in der viel allgemeineren õffentlichen Arena einer moralischen Gemein- Schaft“. Moral sei gewiss kein Ersat? für Recht, betont Assmann, Moral sei vielmehr eine Ergänzung des Rechts und Antwort auf die Verbrechen, eine Antwort, die zum Teil nachträglich nach Jahrzehnten und Jahrhunderten wirksam werden kann. Mitunter bemühe sich das Rechtssystem, mora- lischen Fragen eine Rechtsform zu geben.„Dds Rechtss)stem antwortet damit gewissermaßen auf den Druck des gestiegenen Moralbewusstbeins in der õffentlichen Arena. Zu diesen neu⸗ en Oesetzen gehéren Prinnerungsge- vetze, die die Leugnung des Holo— causts, aber auch anderer historischer Vaumata wie der Verschleppung und Alshelitung der Afrikaner als SMlaven nd des Genozids an den Aymeniern inter Strafe stellen. Innerhalh des Rechtssystems linterscheiden sich die- Se Gesetze jedoch deutlich von ande— ren, vie haben einen eher Symholischen Satlus.“ Zeugenschaft ist auf Zukunft ausgerichtet Erneut zitiert Assmann zustim- mend Jay Winter, der moralische Zeu- gen als Menschen kennzeichnet,„die ein Gefiihl der Wuit, des Entselzens, der rustration bewahren gegenüher den Lligen, Verstellungen, Umdeutungen oder Beschönigungen ihrer Schmerz- haft erfahrenen Vergangenheit.“ Zeu— genschaft ist offensichtlich auf Zu— kunft ausgerichtet, so die Schlussfol- gerung. Demnach erscheine der Zivi- lisationsbruch des Holocausts„als ei- ne epochale und irreversihle zivilisato- rische Schwelle, die die Menschen er- innern und verinnerlichen müssen, um nicht wieder hinter vie zurickzufallen. E andelt sich, mit anderen Worten, 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer im Kontext des Zeugens um Erinnern im Sinne des Aufrechterhaltens eines moralischen Bewusslseinszustands in eine linbestimmte Zulkunft hinein.“ Im moralischen Sinne Zeugnis ab- legen, schreibt Aleida Assmann ab— schlieBend,„ist und bleibt eine Hand- lung, die auf Vervielfältigung und Wie- derholung angelegt ist einmal ist hier Keinmdl. Es wird also auf die nachfol- genden Generationen ankommen, oh ich die Menschheit durch die Wucht der niedergelegten Zelgnisse auf Pau- er als eine moralische Gemeinschaft Konstituieren wird. Daflr miissen sie wellerhin Gehör inden. Es miss also weiterhin Zeugen geben, die für den Zeugen zeugen.“ Hans Hirschmann Das 775 Seiten imfussende Buch „Zeligen Und Zelugnisse- Bildungs- Projelcte zur NoZwangsurbeit mit Mu— gendlichen“ ist im Januar 2000 erschie- nen. Es ist Kostenfrei zu heziehen, lele- ſonisch ist die Sliftung in Berlin zu er— und Zeugnisse SURGSPRUEKTE ZUR MS-ZMWaMSakRUEII M UMDRE reichen inter der Rufnummer 030 25020777 oder per E-Mail an publika- tion Gvtiftung-evz.de. Der Band Kann zudem als PDF-Patei(2,3 MB) von der Homepage www. stiftlng-evz. de (zu finden unter der Rubril Puhlilca- tionen) heruntergeladen werden. Interkulturelle Annäherung an das Thema Nationalsozialismus und Holocaust Auf eines der in„Zeugen und Zeugnisse“ vorgestellten Projekte sei besonders hingewiesen: Der Berliner Verein Miphgasch(hebräisch für „Begegnung“) führt Seminare durch zum Thema„Zeitze ugenbegegnun- gen in der Finwanderungsgesellschaft“, an denen mehrheitlich lugend- liche mit Migrationshintergrund teilnehmen. Dazu schreiben Saathoff und Possekel in ihrer Finleitung:„ Eyst allmòhlich wlurde in der Erinne- rungspädagogil erkannt, dass die Realitdt Peutschlands als Ein wande- rungsgesellschaft auch Konsequenzen für die Auseinandersetzung mit dem Nationalsoziulismus haben wird. Menschen mit Migrationshintergrund, die oder deren Eltern in den letzten Jahrzehnten nach Deutschland gecommen sind, fragen, in wieweit vie vich für die nationalsozialistischen Verbrechen Deutschlands zu interessieren oder gar Verantwortung daflür zu libernehmen hahen. Sie oder ihre Hamilien bringen oftmals eigene Prinnerungen an Leid und historischem Unrecht mit.“ Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 Zofia Posmys? Piasecka Pine Begegnung, die Spuren hinterließ Von Claudia Simon Bevor man sich man sich mit der Ge- Schichte Zofias beschäftigt, muss man sie Sich vorstellen können. Zofia Posmys?, eine 85-jährige, schr gepflegte Dame, mit besonderer Eleganz und Würde in ihrem Auftreten und ihren Gesten, erzählt ihre Geschichte beinahe mehr mit ihren wa- chen, warmen Augen. Denn obwohl wir sie erst nach der Ubersetzung der Dolmetscherin genau ver- stehen, ist uns im Herzen im Grunde wãhrend ihrer Schilderung schon klar, was sie damals bewegte. Wir sehen in ihren Augen keinen Zorn, keine Wut. Doch wir können, wenn wir ihrer Mimik folgen, mit-verzweifeln, mit-erle- ben, mit-leiden, nachvollziehen. Und- wir können die kleinen Fun- ken Hoffnung- die Momente der in die Zukunft gerichteten winzigen Zuver- sicht erahnen- den gan? tief im Inneren wohnenden Drang, das Recht der Würde des Menschen nicht loszulas- sen- Werte, die einen Häftling in der Hölle Auschwitz„am-Leben-festhal- ten“ ließen. 18. Juni 2008. Wir sitzen in der Bi- bliothek der Internationalen Jugendbe- gegnungsstätte(IIB8) in kleiner,- und ohne Ubertreibung- harmonischer Runde. Zofia beginnt zu erzählen. Im April 1042 wurde sie in Krakau gemeinsam mit anderen Klassen-Kolle- ginnen einer Untergrund-Schule von der Gestapo verhaftet, weil sie Flugblãät- Claudia Simon ter verteilt hatte. Im Gefängnis in der Pomorski-Straße wurde sie mehreren Verhören unter?ogen und schließlich zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Nach Sechs Wochen- am 30. Mai 1942 wurde Sie nach Auschwit? deportiert. Sie er— hielt dort die Häftlingsnummer 7566. Zofia schildert ihre Ankunft im zwei Monate zuvor eingerichteten Be- reich für Frauen im Stammlager. Da die Ver- höre in Krakau wirklich schrecklich für sie waren, hatte sie sich auf das La- ger Auschwitz gefreut- „Uber Alischwitz wlissle man damals nicht v0 viel.“ Als sie das Tor mit der Uberschrift„Arbeit macht frei“ gesehen hatte, dachte sie Sich, dass es eigentlich gut ist,„dann werde ich eines Tages frei sein“. Der„Alltag Auschwit?“ begann und hatte sie schnell davon überzeugt, „welches Ende diese Arheit eigentlich hat dass vie die Menschen dort im Lager Zu Orlinde richtet.“ Sie wurde zu harter Arbeit im Wasser- und im Landwirt- Schaftskommando eingesetzt. Die Frauen waren von Flõhen und Läusen gepeinigt, litten an großem Hunger und unter Schlafmangel. Morgens um halb vier wurden sie geweckt, um sich zum Appell vorzubereiten. Schnell waren die Frauen am Ende ihrer Kräfte. Nach drei Wochen floh eine der Frau- en- Kollektivstrafen waren damals üb- lich-Zofia wusste, dass im Männerlager normalerweise jeder 10. des Arbeits- 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer kommandos ausgesondert und getötet wurde. In ihrem Fall aber war die Ent- scheidung getroffen worden, sie alle in die Strafkompanie einzuweisen. Gleich- zeitig wurde angeordnet, ihnen die Haa- re abzZuschneiden. Zofia streicht sich beim Erzãhlen über ihr Haar, und wir er- Spüren das Grauen, das damals die Frau- en ergriffen haben musste. Von Budy nach Birkenau Am 25. Juni 1942 wurde in dem sie- ben Kilometer vom Stammlager Ausch- wit? entfernten Porf Budy die Frauen- Strafkompanie errichtet. 200 Polinnen wurden hier eingewiesen. Es folgten wei- tere 200 Frauen: Peutsche sowie Jüdin- nen aus der Slowakei und spãäter auch aus Frankreich. So bestand die Straf- kompanie schließlich aus 400 Frauen, die ſeiche vertiefen und säubern Sowie an- dere Erdarbeiten verrichten mussten. „Hier ist Kein Sanatorium Ausch- wit?, hier ist Strafkompanie Budy“, er- klärte der Unterscharführer den Frau- en der Strafkompanie. Und Zofia fuhr fort:, In Bud herrschten schrecklicher Hunger und Jerron Die Blockltesten ind die Vorarbeiterinnen wuren Krimi- nelle Hftlinge, die sehr vudistisch ver- anlagt wuren. Schon in den ersten Vagen haben wir jeden Jag Vote ins Lager ge⸗ hracht bzw. Hrauen, die s0 hrutal ge— Schlagen worden wuren, dass sie hald danach gestorhen sind.“ Die Schwerarbeiterzulage-Zusätzli- che Fssensportionen, die die Frauen im Stammlager erhalten hatten— entfielen in Budy gänzlich., Und das war damals das, was lins vor dem Mungertod gerettet hatte. In Bud war das ausgeschlossen, wir hahen nicht mehr bekommen.“ Nach dem zweimonatigen Aufenthalt sind nur 143 Frauen wieder ins Lager zurückgekehrt. Alle anderen haben in Budy ihr Leben verloren. Am Abend des 16. August 1942 wies man die Budy-Häftlinge nach Birkenau ins Frauenlager, Abschnitt Bla, ein. Port waren Zuvor schon die Häftlingsfrauen des Stammlagers eingewiesen worden. Die Unterbringung in Birkenau wurde gegenüber Budy als deutliche Verbesse- rung der Lebensbedingungen empfun- den.„Poſinnen waren in Block 7 unter- gehracht. Nicht nur die BlocMklteste, Sondern auck die Suhendltesten wuren Polinnen. Friiher waren wir morgens sehr hrulal geweckt worden lmnd mit Kniippeln aus den Kojen heruusgetriehen worden. Jetzt hatten die Stuhenciltesten einfach nur gerufen, duss wir jetzt aulehen ind uns Zlim Appell aufptellen vollen.“ Den Anfang ihrer„2. Etappe“ des Lageraufenthaltes verbindet Zofia mit dem Einsatz im Kommando„Schäl- küche“. Sie wurde in den Küchenblock versetzt., Wir haben nur Kartoffeln oder Gemiise geschdlt und wuren nler Pach. Das war viel hesser Wir waren nicht so o— ul enchöpft ind hatlen auch die Chance, einmal enwas mehr Skppe zu hekom- men.“ Nach zwei Monaten im Schäl- kommando erkrankte sie und wurde in den Iyphusblock(Block 27) gebracht. „Figentlich ein Ort des Sterbens“, Sagt Zofia. Doch sie hatte Glück: Finer der Häftlingsärzte arbeitete auch im 88— Lazarett und konnte so Medikamente ins Krankenlager der Häftlinge schmuggeln. Er verabreichte Zofia „Organisiertes“ Opium und so konnte sie die Krankheit überleben. Zurück in der Schälküche war sie jet?t direkt an den Kesseln eingesetzt, konnte kräftiger werden, denn sie hat- te Möglichkeit, sich zusätdliche Suppe zu holen.„Eine schwere Arbeit, aber wir hatten immer genug zu essen.“ Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 Während Zofia in Block 11, der Küchenbaracke, untergebracht war, wurde sie auch Zeugin der Selektio- nen., Zwar wurde jedes Mal Blockspert re verhdngt, aher das hat nichts gehol- ſen. Diejenigen, die in der Nähe der Rampe uintergehracht wuren, hahen das mithekommen und gesehen.“ Zofia erzählt von der in ihrer Umgehung arbeiteten, vuuber waren. Jede Woche durften die Frauen in die Sauuna zum Dlschen, denn sie hatte große Angst vor Ldlisen ind anderen nselcten.“ Zofia sicht auch den indi- viduellen Kontakt:„Das war Könnte man vugen, die heste Periode, die mir er- jauhte, das alles zu überlehen. Die Tat- Sache, dass ich ein gutes Menge der Menschen, von den Kindern, die lachten und spielten, während sie mit ihren Müttern warteten, von dem Rabbi, den sie mit- ten in der Nacht sein trauriges Lied singen hörte. Zofia erzählt uns von Alma Rosé, der Leiterin des Frauenor- chesters. Zofia hatte ihr zuweilen zusätzliches Es- Sen besorgt.„Alma Rosé Vormilinis zlu dieser Auf⸗ Seherin Lisa hatte, hatte auch Keinen Schlechten Hinfluss auf meine Be— Ziehlingen zu den ande- ren Hiftlingsfrauen. Die Beziehungen wuren gut, ind wo ich die Mõglich- Keit, die Chance zu hel- ſen hatte, hahe ich gehol- ſen. Nicht alle SSLelite waren Bestien.“ Der restliche Glaube an das Gute im Men- eine wunderbare Gei— gerin!“ Zofia schwärmt von zwei unga- rischen Sängerinnen aus Almas Orche- Ster, die so herrlich schön singen konnten! Vor allem die Lieder von Ma- rika Rökk! Und Zofia lãchelt und singt: „Nür eine Wacht voller Seligkeit, da geh ich alles hin- doch ich vermchenk mein Herz nur dann, wenn ich in Stimmung hin.“ Wir erahnen auch die Momente der kleinen Freuden, die den grausamen Alltag der Häftlinge zuweilen für we- nigstens kurze Zeit erhellen konnten. Zofias„dritte Btappe“ begann im Juni 1943:„Da erschien die Aufseherin, die Heldin meines Buches-Aufseherin Lisa Fran?z.“ Aufgrund ihrer Deutsch- kenntnisse wurde Zofia als Schreiberin für die„Schreibstube Küche und Brot- magazin“ ausgewählt.„Auſeherin ranz legte großen Wert auf Hgiene. Sie achtete darauß dass die Frauen, die schen, die Freude über jeden kleinen Funken freundlicher Ge- Sten hielt die Hoffnung der Häftlinge am Leben.„Wir hahen uns damals an jedes Zeichen der Menschlichkeit ge- Klammert. Wir veruchten, uns darauf zu vtlitzen. Pas hat uns ein wenig Hof⸗ ning gegeben.“ Auch Zofias Glaube an Gott hatte ihr immer Hoffnung gege- ben. Nicht nur in der Zeit ihrer Krank- heit. Nein, während ihres gesamten La- geraufenthalts, in ihrem ganzen Leben. EFine dünne Grenze „P giht eine vehr diinne Grenze, die nicht iberschritten werden darf Wenn nehen mir eine Frau lag, die ilr Brot, dus Sie abends belcommen hatte, zum Friih- viick aufgehohen hatte, und ich mein ganzes Brot Schon ahends auſgegessen hatte, dann durfte ich dus Brot der ande- 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer ren Hrat morgens nicht antasten. Es gah aber auch andere, die das getan haben, ind v0 hatten sie diese Grenze über— vœhritten und vsind langsam abgeruischt. Der Mensch verhält vich in Pxtrem- vtuationen anders als vonst. Er vollte nicht in volche Umstdnde gestellt wer- den, denn die Entscheidungen, die er dann triſft, vind ganz andere al in der normalen Gesellschaft, als in der nor- malen Well. Es gab Menschen im Lagen die hier ihre Schwächen gezeigt hahen ind vchwücher geworden vind, weil vie diese Last nicht ausgehalten haben ind gehrochen worden sind. Mhre Psyche ist gehrochen worden. In der Freiheit wlr- den vie v0 etwas vielleicht nie erlehen, vie wirden wertvolle Menschen hleiben. Uh- nen ist der Wert verloren gegangen- ir- gendwie in dieser Lagerwelt. Mit ande- ren Worten Sorgt dafiin dass nicht Verhdiltnisse bestehen, in denen Men- vchen in eine Position geruten, in der vie Dinge tlun, die vie vonst nicht tum wür- den. Setzt eluch für politische Bedingun- gen ein, linter denen Faschismus nicht mehr mõglich ist.“ Und Zofia fügt noch die Worte von Bartoszewski hinzu:„ Es johnt vich, anstdndig zu vein““ Zofia verlässt sich beim Gespräch nicht auf chronologisches Aufarbeiten von Fakten und Daten. Auch nicht auf Dramatik. Kein Schwarz-Weiß findet in ihren Brzählungen seinen Platz. Fein- heiten machen ihre Zuhörer hellhörig. Menschliches- Schwächen, Stärken, Kräfte, Würde, Werte sind ihr Medium, uns auf sehr empathische Weise Zu— sammenhänge näher zu bringen. Zofia lässt uns ihre Geschichte aus anderer Sicht erleben. Wir fühlen uns herzlich eingeladen, ihr offen zu folgen. Uns wird die Chance eröffnet, ein kleines Stück einzutauchen in die Gedanken- und Gefühlswelt des damaligen All- tags. Und so beenden wir an diesem 15. Juni 2008 spät, aber doch reich be- Schenkt, unser Gespräch. Auschwitz-Stammlager: Das Gerüst, an dessen Pfosten der junge Mann lehnt, wurde als Gal- gen benutzt. Hier wurden Häftlinge erhängt, während die anderen Gefangenen Appell ste- hen und zuschauen mussten. Foto: Schülergruppe aus Mühlheim/Apolda Giehe 8. 13 ff) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 Fin Gefühl, das Sschwer zu beschreiben ist Langjähriges Schulprojekt in Mühlheim und Apolda Von Martina Hörber Am 25. Jnuar 2000 fand im vollbesetzten Mugendzentrum der Stadt Miihheim am Main(Kreis OffenhachMessen, eine beeindruckcende Veranstaltung vtutt: Schü- lerinnen und Schliler Präsentierten ihre Eindrickce von einer ⁊weiwõchigen Studi- enreise nach Ausch witz im Septemher 2006. Solche Studienfahrten haben hier eine jangjdhrige Vradition. Seit 7000 fähyt jedes Jahr eine Oruppe des Friedrich- Ehert- Gymnasiums Mihlheim zusammen mit Mugendlichen der Bergschule Apolda (TVhüringen) und Betreuern der Mgendpflege Mihlheim nach Polen, m sich dort aufdem Geldnde des ehemaligen Konzentrationslagers Ausch witz in verchiedenen Projekigruppen mit der Geschichte auseinanderzuseltzen. Huſig wur mit diesen Sudienfahrten auch ein Austausch mit Polnischen Schlilern der Purtmerschule in Owiecim verhlnden. Im September 2008 nahmen 32 Schülerinnen und Schüler der Jahr— gangsstufe 12 an der Fahrt teil, begleitet wurden sie von Lehrern der beiden Schulen, einigen Müttern und Vãtern Sowie zwei Mitarbeitern der Jugend- pflege Mühlheim. Gearbeitet wurde in verschiedenen Projektgruppen(„Foto“, „Film“,„Weg der Vernichtung“,„Krea- tives und Theater“ sowie„Auschwitz- proZess“). Die Gruppe war in ehemali- gen Wohnräumen der S8 direkt im Fin- gangsbereich des sogenannten Stamm- lagers untergebracht. Während des Aufenthaltes hatten sie auch die Mög- lichkeit Zu Gesprächen mit Kazimier? Smolen. Er hat als Häftling Auschwit? überlebt, war lange Jahrzehnte Leiter der Gedenkstätte Auschwit? und hat 1963 als Zeuge im großen Frankfurter Auschwitz-Prozess ausgesagt. Wie in jedem Jahr verarbeiteten die Schülerinnen und Schüler ihre Pindrücke und Empfindungen unter anderem in Form einer Präsentation, welche jeweils in Mühlheim und Apolda gezeigt wird. Erster Teil war eine Ausstellung, in der Fotos, selbst geschriebene Gedichte und Archiv- recherchen präsentiert wurden. Aktu- elle Bezüge wurden hergestellt durch Aus?züge aus der Menschenrechts- erklärung der WN sowie die Parstel- lung einer Weltkarte, auf der zahlrei- che heute begangene Menschen- rechtsverlet?ungen in allen Jeilen der Erde thematisiert wurden. Zweiter Jeil war die künstlerische Darstellung der Empfindungen und Rechercheergebnisse in Form einer Theater-, Foto- und Video-Vorstel- lung. So wurden unter anderem Ori- ginalaussagen von Opfern und Tätern aus dem Frankfurter Auschwitz-Pro- zess gegenübergestellt. Zudem präsen- tierten die Schüler mit kurzen Thea- ters?enen die politische Entwicklung vom Beginn der 30er Jahre an, die zu Auschwit? führte. So wurden zwei Freundinnen dargestellt, welche sich nicht mehr in einem Café treffen durf- ten, da eine der beiden Jüdin war. Außerdem trugen die Jugendlichen ei— nige der während der Studienreise Selbst verfassten Iexte vor und inte- grierten während der Reise entstan- 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Auschwitz-Stammlager: Teilnehmer der Studienfart bei Reinigungsarbeiten. dene Videoaufnahmen und Fotos in die Präsentation. Wichtig war bei der Darstellung der Ergebnisse auch immer der aktu— elle Bezug, es sollte deutlich gemacht werden, dass es sich hier nicht um eine reine Beschäftigung mit„Vergange- nem“ handelt, sondern dass eine Aus- einanderset?ung mit der Geschichte notwendig ist für einen verantwor- tungsvollen Umgang mit der Zukunft. Das Schulprojekt hat in den letzten Jahren bereits Zahlreiche Auszeichnun- gen erhalten Eum Beispiel den Kultur- preis der Stadt Mühlheim, den Medien- preis„Jugend gegen Rechtsextremis- mus“ und den Förderpreis der Robert- Bosch-Stiftung). Im Januar 2000 wurde es von Bundespräsident Horst Köhler in seiner Rede zum Holocaust-Gedenk- tag im Deutschen Bundestag lobend er- wähnt, nachdem einige Tage Zuvor einer der Mühlheimer Schüler sowie eine Schülerin aus Apolda bei einer Ge- sprächsrunde in Schloss Bellevue das Projekt vorgestellt hatten. In den ver- gangenen Jahren waren auch bereits Besuche von Projektteilnehmern bei den damaligen Bundespräsidenten Jo- hannes Rau und Roman Herzog er— folgt. Ihre Arbeitsergebnisse und Fin- drücke haben die Schüler in einer um- fassenden Broschüre zusammengefasst, die auf unserer Website www. lagerge- meinschaft-auschwitz.de unter„Schul- projekte“ abgerufen werden kann. Vergleich zum eigenen Erleben bei der Studienfahrt 1991 Ich habe selbst 1991 als Schülerin des Friedrich-Ebert-Gymnasiums Mühlheim an der(damals zweiten) Studienreise in das ehemalige Konzen- trationslager Auschwit? teilgenom- men. Damals wurden wir noch beglei- tet von Hermann Reineck, dem Grün- der der Lagergemeinschaft Aluschwitz. Wenn ich heute die Findrücke der Schüler mit unserem damaligen Emp- finden vergleiche, so zeigen sich viele Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 Parallelen. In einem Artikel, den ich knapp 18 Monate nach unserer Fahrt für dieses Mitteilungsblatt verfasste, hieß es:„So wurden wir täglich mit der Vergangenheit konfrontiert, und es fiel uns nicht leicht, damit umzugehen. Be- Sonders wenn wir mit Hermann durchs Lager gingen, befiel uns ein Gefühl der Betroffenheit, aber auch des Zorns, denn es war und ist uns einfach unbe- greiflich, Zu welchen Grausamkeiten Menschen fähig sein können.“ Ahmlich formulierten es die Jeilnehmer der letztjährigen Fahrt in den einführen- den Worten zu ihrer Präsentation. Hier war die Rede von einem„Gefühl, das schwer zu beschreiben ist“,„Trauer, Entsetzen und Fassungslosigkeit“. In den heutigen Zeiten, in denen unsere Gesellschaft geprägt ist von Leistungsdenken und Zeitdruck, und zwar bereits im Schulalltag, beispiels- weise durch die verkürzte Schulzeit bis zum Abitur, ist es ganz besonders ein- drucksvoll, dass Projekte wie dieses noch Bestand haben und dass Lehrer und Schüler zu einem solch außerge- wöhnlichen Engagement bereit sind. Mich persönlich hat dieses Thema nicht mehr losgelassen, s0 dass ich mitt- lerweile seit einigen Jahren im Vor— Stand der Lagergemeinschaft Auschwitz relindeskreis der Alischwitzer mitar- beite und insgesamt bereits viermal die Gedenkstätte Auschwit? bereist habe. Es gibt nur noch wenige Zeitzeugen, die noch von ihren Schicksalen berich- ten können, und in absehbarer Zeit gar keine mehr. Angesichts dieser Tatsache, halte ich es für wichtig, dass diejenigen, die das Glück hatten, sie noch kennen- zulernen, sich ihrer Verantwortung be- wusst sind und auch in Zukunft als Multiplikatoren wirken. Nach der Rückkehr aus Auschwitz hat eine Schülergruppe ihre Findrücke als szenische Darbietung bei der Präsentation verdeutlicht. Foto: Franco Conforti 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Der Zaun von Auschwitz- Das Vermächtnis der Häftlinge Worte und Bilder, Texte und Tondokumente Auschwit?: Was wird geblieben sein in zehn, zwanzig, dreißig Jahren? Selbst von uns, den Nachgeborenen, die das Glück hatten, die Uberleben- den noch persõnlich kennen gelernt zu haben, werden viele gestorben sein. Was also wird bleiben? Die Frinnerung? Der Zaun von Auschwitz? Das Weltkulturerbe. Wes- sen Brinnerungen? In welcher Form? Als verschriftete Zeitzeugenberichte. Als mündlich vorgebrachte Erzählun- gen. Als Botschaft der Häftlinge, wei- tergegeben an ihre Kameraden, dass wir uns erinnern und das Frinnerte be⸗ wahren. Als unsere Brinnerungen an die ehemaligen Häftlinge. Als Vorträ- ge. Als gesprochenes Wort, gespeichert auf Disketten. Als Erinnerungen an Studienreisen, an persönliche Ge— spräche. Bleiben werden die Doku— mente. Aber die Stimme der Uberle— benden? Die Blicke? Das Ungesagte? Die Bilder im Kopf? Im PBrinne- rung bleiben die Fotos an der Wand. Die Hab- Seligkeiten der EFrmordeten. Das abgeschnit- tene Haar. Die in den Putz der Zellen gerit?ten Botschaften. Aber das„We- sentliche dieses Ortes ist un— Bogdan Bärtnikouzkl — kine Kindheit hinterm Sacheldraht Bogdan Bartnikowski. Eine Kindheit hinter .„ Stacheldraht. Oswie- Kehdarn, ſ eim 2005, 15BN8. elmut Morlok 60210 73.4 treffend in unse- rem Mitteilungsblatt formulierte Qs. Jg., Heft 1).„Die Frinnerung an(die) Menschen wach zu halten, die an die- Sen Ort deportiert, an diesem Ort ge- quält, gedemütigt, durch Arbeit, Schi- kanen und Krankheit vernichtet, fa- brikmäßig ermordet wurden; nur dar- auf beruht der Wert der Din- ge an diesem Ort.“ Im Jahr 2005 haben wir im Mitteilungsblatt explizit eine Rubrik„Brinnerungen, Mo— nographien, Neuerscheinun- gen“ begründet. Ob jedoch als Feit?zeugenbericht, Buchre- zension oder als Hinweis auf andernorts Veröffentlichtes, Seit unserem ersten Mittei- ungblatt im Jahr 10 tehen Mikulas Zilina war Offizier der tschechoslowakischen Armee und Jude aus der Slowakei. Er hat diese Inschrift an Zelle Nr. 19 im Block 11 geritzt. Er wurde nach einem Fluchtversuch im August 1944 in Birkenau ermordet. diese wesentlichen, wenn- gleich unsichtbaren Zeugnisse und Dokumente im Mittel— punkt eines jeden Heftes. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 Das soll auch mit dem vorlie- genden MB 1/00 geschehen. Wir weisen auf drei Bücher hin, die 2008 im Staatlichen Museum Auschwit?-Birkenau in deut- scher Ubersetzung erschienen sind. Diese sollen in nächster Zeit den Lesern zugänglich ge- macht werden, indem die ehe- maligen Häftlinge selbst Zzu Wort kommen. Also nicht als Bespre- chung eines Buches sondern als Wahrnehmung dessen, was uns im Freundeskreis übermittelt wurde. Und das heißt immer auch, zur Sprache zu bringen, Kaznerz Ftecsk. 4 .—„ * 8 t— —— — Nar eine Nummer., Beschichtern aus sctt Kazimiers Piechowski. Ich war eine Nummer. Geschichten aus Ausch- witz. Oswiecim 2008, ISBN 978-83-60210-74-1 AURUSI KUMALLZMkK Stacheldraht-Refrain Fine wahre Trilogie August Kowalczyk. Sta- cheldraht-Refrain-Fine wahre Trilogie. Oswie- cim 2008, ISBN 978-83- 60210-56-7 was die„Zeit?zeugen“ erlebt und zu sagen haben. Und auch auf Ton- und Bild-CDs ist verstärkt die Aufmerksamkeit zu rich- ten, wie es Claudia Simon in dieser Aus- gabe des MB tut. Schließlich drucken wir hier das Nachwort des vormaligen Direktors des Staatlichen Museums Auschwit?-Birkenau, erzy Wroblewski, zum Buch„Architektur des Verbre- chens“ ab. Uber dieses Werk hatten wir Schon im letzten MB berichtet. Alhrecht Wernen- Cordt Gegen das Vergessen In der Schule den Gedenktag am 27. Januar vorbereiten Fin Konzept von Glaudia Simon Seit 2004 besuche ich Schulen im Raum Tübingen und berichte von den Schicksalen, vom Leben, von den Hoff- nungen derer, die unter unmenschlichs- ten Qualen der Jerror-Herrschaft der Na?is ausgeset?t waren. Wenn wir dann am 27. Januar der Opfer gedenken, s0 begegnen viele Schüler diesem Anlass mit anderem Bewusstsein, anderem Blickwinkel. Geschichte ist fassbar ge- worden. Die Opfer entrücken der Ano- nymität. Mein Anliegen ist es, die Frin- nerung lebendig Zzu halten und den Op- fern in angemessener Form des Geden- kens Respekt und Würde zu schenken. Ich möchte Auschwit?z ein Gesicht ge- ben. Die Menschen, von denen ich er- zähle, haben einen Namen. Ich erzähle ihre Geschichte. Viele meiner Schilderungen han- deln von Stanislaw Hantz. Seine Häft- lingsnummer war 2049. Ich hatte die Möglichkeit, ihn eine Woche lang durch das Lager- und durch seine Geschichte begleiten zu dürfen. Er hatte seinen Kameraden versprochen, sie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, sie nicht„als Nummer“ sterben zu lassen. Ich versprach ihm, dies auch zu meiner Herzensangelegenheit Zu machen. Uber EFinzelschicksale im formalen Unterricht einen Zugang zu schaffen, 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer gestaltet sich für die Lehrerschaft oft Schwer. Die Bildungspläne der Länder lassen hierfür viel Zu wenig Spielraum. Wir stehen allerdings nicht lediglich vor dem Problem, dass Schülern im Ge- Schichtsunterricht sehr viel Fakten- und Tahlenwissen abverlangt und somit auch zeitintensiv vermittelt werden muss. Wir sind gleichzeitig auch einer Medienwelt ausgesetzt, die keinesfalls Jugendliche als potenzielle Adressaten angemessener Heranführung an die Geschichte als lohnenswert betrachtet. Auf oft trivialste Weise wird die Sensa- tionsgier der Leser, Hörer Zuschauer bedient. Wahrheitsverzerrung, scho— ckierende, schreckliche Bilder von Ver- brechen, Kriegen und Attentaten„be- rieseln“ uns alle tagtäglich. Verbrechen, die in unmittelbarer Nähe heute ge- cxx nM Schehen, erschüttern nicht sehr, sie pras- Seln ab, denn„wir sind es ja gewohnt“. Was setze ich also entgegen? Ich gebe der Geschichte des Lagers Ausch- wit? menschliche Gestalt. Ich berichte von konkreten Personen und nicht von trockenen Daten. Meinem Gedenkfilm geht eine in- tensive Vorbereitungsphase voraus, in dem der Lageralltag der Häftlinge im Vordergrund steht, Grundinformatio- nen vermittelt werden, die spãter die Aufnahme der Wahrnehmungen und Informationen im FHilm erleichtern. Bil- der, Vorstellungen entstehen anfangs al- So ein?zig über das Gehör. Mein Ziel: den Blick, das Gespür für menschliche Schicksale erõffnen. Nicht nur den Ver- stand, sondern auch das Herz berühren. Ich beginne zu erzählen, was Stas?zek Hant? erlebte. Die Ankunft im Lager- Erniedrigung in höch- Stem Maße. Er war im selben Al- ter wie meine Zuhörer. Die Schüler werden hellhörig. „Nackt, vor Hunderten anderer? Uberall, am ganzen Körper?“ Die ungeheure Uberschreitung der Schamgrenzen, die Vorstel- lung des Auslöschens von Pri- vatsphäre bedrückt. Verpflegung: Was macht Hunger mit einem Menschen? Wie viel Aggression kann ein Finzelner ertragen? Wie kann man seine eigene Wür- de unter so un-menschlichen Be- dingungen erhalten? Der Erfahrungswelt Jugend-— licher sind Gefühle wie Angst und Verzweiflung nicht fremd. Prniedrigung, Gewalt- und Un- rechtserfahrungen verbinden das Heute und die Vergangenheit machen nicht nur betroffen, son- dern sind als Chance zu betrach- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 Carl Clauberg war der SS- Arzt, der mit der Suche nach effekliwen Methoden zur»unbluligen“ Sterilisation von Frauen beschäfügt war. Seine Experimente begannen im Dezember 1942 im schmucddligen Revier“, der Krankenbaracke im Birkenauer Frauenlager, in der die meisten Kranken starben; ab Apri 1943 wurden cie Experimente im Block 10 des Starnmlagers vorgenommen. CGlauberg und Dering Setzten jüdische Frauen extrem hoher Röntgenstrahlung aus und entfernten ihnen dann unter nichtsterilen Becingungen die Fierstöcke in einer rabiaten Operation, die nicht ãnger als zehn Minuten dauerte. Die Ovarien wurden an Laboratorien gesantt, welche die zerstörs- rische Wirkung der Rönigen-Bestrahlung zum Zweck der Entwicklung billiger und effiæienter Melho- den der Massensterilisierung prũflen. JUdische Frauen und Madchen aus Sriechenland, Belgien, Frankreich und Holland, alle im gebär- fähigen Mter, einschlieſich vieler noch jungfräucher Jüdinnen unter 20, waren die Opfer cieser Experimente. Gemsſ cden von Danuta Czech kompilierten Dokumenten wurden in den fünf Monsten von März bis Ende August 1943 350 Frauen in den Experimentierblock eingewiesen. Man rechnete nicht damit, dass solche Frauen nach ihrer Verwendung als Experimenlierobjeki noch lange am Leben blieben. Diejenigen, die die medizinischen Prozeduren überlebten, waren oft zu entkräftet, um den regulren Selektionen in den Krankenblocks zu entgehen, die unproduktive Häftlinge in die Gaskammern schickten. Magda Hellinger: Mn jenem ersten Tag kam Mma jene Haltung zugute, die sie von ihrer Mutter ge- ernt hatte. In ihrer schlechtsitzenden Hãftlingsuniform., das Grauen., das sie fühlte, mit Würde verber- gend, spielte sie die Rolle einer Künstlerin auf Tournee, die in einem fremden Thester eingetroffen war.“ Da Ama den sicheren Tod vor Augen glaubte, bat sie eine der Aufseherinnen von Block 10 um die Erfüllung der sprichwõrtiich letzten Gnade: ein letztes Mal Geige spielen zu dürfen.= Magda: Die Geige in Händen wartete Mma ungeduldig darauf, dass die SSWächterinnen die Baracke verſießen. Dann wurden einige lnsassen als Torwachen postiert. Ms alles still war,— Setzte Ama den Bogen an. Schönheit war in Block 10 bis zu jenem Abendg ein langvergessener Traum gewesen. NMiemand dort hätte sich von Solcher Schönheit träumen lassen, wie sie in diesem Mo- ment aus ihrem Spiel aufstieg“ erinnerie sich Ima. — Fine Seite aus Claudia Simons Publikation„Gegen das Vergessen“ ten. Was Geist und Sinne anspricht, Freundschaft war, wie sie Hoffnung kann uns erreichen. Um so wichtiger, nährte; wie Menschen unter Lebensge- auch zu berichten, wie wichtig die fahr Medikamente und Nahrung für 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer ihre Kameraden„organisierten“, um deren Leben zu retten; von Solidarität und Widerstand. Courage-eine Dimen- Sion, die niemals Zu wenig Raum erhal- ten darf. Der Gedenkfilm refiektiert den Ver- such,„den Tisch für das Gedenken an- gemessen zu decken“, musikalisch ein- gebettet in die Melodien des„Klang- denkmals für die Opfer des Nationalso- zialismus“, unterstüt?t durch Aussagen ehemaliger Häftlinge- zu einem eil durch Berichte aus dem Frankfurter Auschwitz-Prozess, zum anderen durch eigene Audio-Aufnahmen von Stanis- law Hantz, der auch in Bild- und Video- Sequenzen erscheint. Wir sehen Bilder des heutigen Lagers, über die sich stel- lenweise entsprechende Bilder Jan Komskis legen, Originalaufnahmen und auch Aufnahmen des Ungarn-Albums. Schnell wird klar: Hier lebten und litten Menschen- Individuen. Nicht eine graue Zahlenmasse. Das Ende des Films bildet eine Ge- denkminute. Wir betrachten auf einem langsamen visuellen Gang über die Gleise Birkenaus Portraits der auf der Rampe angekommenen Männer, Frau- en, Kinder. Nicht ein einziges Mal kam es auch nur zu kleinsten Störungen während der Vorführung. Ich betrachte dies als Respektsbezeugung. Als herzliches An- nehmen dieser Form des Gedenkens. Nach der Vorführung, nach der„in sich gekehrten Stille“ beginnt der Dis- kussionsteil. Die ersten Fragen ergeben Sich- und weil wir auch hier mit Indivi- duen zusammenarbeiten, entstehen mit jedem Mal neue Situationen, ändern Sich die Themen. Viele Nachfragen höre ich zu den Themen: Umstände des La- ger-Alltags, Umgang der Häftlinge un- tereinander, die Situation der Frauen, Kinder und Jugendlichen im Lager, Se- lektion, Tätigkeiten des Sonderkom- mandos, Sterben in den Gaskammern. Zuweilen ist beinahe zu fühlen, wie im Inneren ein gewisses„Aufräumen“ ge- Schicht. Klischees werden über Bord geworfen. Das Schicksal der Häftlinge wird nicht nur mit anderen Augen be- trachtet. Die Leichtfertigkeit, mit der bisher lockere Sprüche zu diesem The- ma„geklopft“ wurden, schwindet. In manchen Klassen ergeben sich auf einen solchen Jag hin so viele Fra- gen, dass ich sogar nochmals Zum Infor- mationsgespräch gebeten werde. Vor allem in solchen Momenten wünschte ich, die Uberlebenden wären dabei und könnten das Interesse der Schüler mit- erleben- das„Miterleben“ miterleben. Die Broschüre, die die Klassen am Ende der Veranstaltung erhalten, um- fasst 72 Seiten. Konzipiert für jugend- liche Leser enthält sie viel Anschau- ungsmaterial. In ihr wird die Arbeit der agergemeinschaft erklärt, wir finden in ihr die Geschichten derer, die ich per- sönlich kennenlernen durfte- die auch die Hauptpersonen meiner Erzählun- gen sind: Stanislaw Hantz, Kazimier? Albin, Josef Paczynski, Tadeus? Sobole- wic? und Zofia Posmysz. Wir lesen über den Alltag, die Hilfe, die sich die Gefan- genen zukommen ließen, über Maria Stromberger, über Alma Rosé. Auch Marian Kolodziej und seine beein- druckende Ausstellung findet seinen Plat?. Wir erfahren Einzelheiten über Flucht, über die Situation des Sonder- kommandos, über das Ungarn-Album. Im Preis jeder Broschüre sind 5 Furo für die Arbeit der Lagergemeinschaft enthalten. Ein kleiner, aber doch nicht unwichtiger Beitrag für das Bewusstsein einer Klassengemeinschaft. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 Ständige konservatorische Maßnahmen Nachwort zum Buch„Architektur des Verbrechens“ Von Jer?y Wroblewski Das Museum und die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau in Oswiecim wer- den vom Beginn ihres Bestehens an bis zum heutigen Fag vom polnischen Staat finanziert. Die Regierung legt jährlich den Haushalt für den Erhalt, die laufenden Ausgaben und für die notwendigen konservatorischen Ar- beiten fest. So ist es gelungen, diesen ein?igartigen Denkmalskomplex zu er- halten, der auf einem fast 200 Hektar großen und teilweise bewaldeten Gelände liegt. Darauf befinden sich noch 154 verschiedene Gebäude, über 300 denkmalgeschützte Ruinen, darun- ter die der Gaskammern und Krema- Jp— S* — ie **—— ſ 3 12* 13 — 1 —. 3 5 torien, Kilometer an Wegen, Zäunen, unterschiedliche Installationen, tau— sende Gegenstände, die noch aus der Lagerzeit stammen, sowie eine riesige Sammlung schriftlicher Dokumente. Dies alles erfordert ständige und teure konservatorische Maßnahmen. Die Jahre, die atmosphärischen Be- dingungen, die natürliche Abnutzung der Bausubstanz, Millionen von Besu- chern im Museum beschleunigen den Abnutzungsprozess der Objekte. Diese Situation erfordert einen größeren Aufwand für die Konservierungsarbei- ten. Obwohl die Haushaltsmittel nach wie vor relativ hoch sind, reichen sie nicht aus, um alle notwendigen Maßnahmen durchzuführen. Das Museum war und ist daher ge— zwungen, sich nach weiteren Geld- quellen umzusehen. Gegen Ende der acht?ziger Jah- re gelang es, einen starken Sponsor in der Person von Ronald S. Lau- der und seiner Stiftung aus den Vereinigten Staaten zu gewinnen. Fxperten dieser Stiftung schätzten nach Besichtigungen und Ge— sprächen mit polnischen Fachleu- ten den finanziellen Bedarf des Museums auf rund 42,5 Millionen UDollar. Als geradezu uner- — müdlicher Organisator von Mit— teln aus der Stiftung erwies sich der Spãtere stellvertretende Vorsit- 7ende des Internationalen Ausch- witz-Rates, Herr Kaiman Sultanik. PDank seiner Bemühungen kam der größte Jeil dieser Summe zu- sammen und half dem Museum 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer wichtige konservatorische Maßnahmen um?zusetꝰen. Beachtung verdient auch die Tätig- keit der Stiftung für das Gedenken an die Opfer des Todeslagers Auschwit?- Birkenau in Oswiecim, die Zzu Beginn der neunziger Jahre auf Initiative der damaligen Vizekulturministerin, Frau Krystyna Mars?alek-Mtyriczyk, ge- gründet wurde. Dank der Aktivitäten dieser Stiftung kamen über 10 Millio- nen Zloty für konservatorische Maß- nahmen zusammen. Große finanzielle Hilfen leisteten Belgien, die Bundesrepublik Deutsch- land, die deutschen Bundesländer, Frankreich, Holland, Kuxemburg, Nor- wegen, Russland, die Schweiz sowie die Stiftung für Peutsch-Polnische Zu— sammenarbeit. Auf einen dieser Geld- geber, die deutschen Bundesländer, möchte ich hier besonders eingehen. Dank den von ihnen überwiesenen Millionen PM konnten eine Reihe von sehr wichtigen konservatorischen und pãdagogischen Maßnahmen reali- siert werden- unter anderem die konservatorische Instandset?ung der Blockführerstube in Birkenau; die konservatorische Instandset?ung der Blöcke A-10, A-11, A-26 in Ausch- witz die konservatorische Instandset?ung des Saunagebäudes in Birkenau: „die ständige Ausstellung in diesem Saunagebäude: „ die kKonservatorische Instandset- zung der Zaunanlagen, der Wachtürme und der PBingangstore zum Gelände in Auschwitz und Birkenau, einem Pro- jekt, das als„innovatives Werk von in- ternationaler Bedeutung“ bezeichnet wurde. Alle Pinzelheiten, die die Fragen der Organisation, die Auswahl der konservatorischen Methoden, den Ver- lauf der Arbeiten und die Kosten be- treffen, wurden ausführlich in dieser jet?t vorliegenden Publikation mit dem Titel„Das System der Sicherung und Isolation im Lager Auschwitz“ be- Schrieben. Ergänzen möchte ich diese Informationen durch einige Anmer- kungen über eine Person, von der ich meine, dass sie sehr zum endgültigen Gelingen des gesamten Unternehmens beigetragen hat. Es ist dies Helmut Morlok, der Hauptkoordinator jener Arbeiten, die durchgeführt werden konnten, weil die deutschen Bundes- länder im Jahre 1004 dem Musuem fi- nanzielle Mittel Zzur Verfügung stellten. Als damaliger Direktor des Mu- Seums hatte ich ständigen Kontakt zu Herrn Morlok, habe viel mit ihm gere- det, viel von ihm gelernt, auch wenn wir nicht immer einer Meinung waren. Heute, aus der Perspektive der vergan- genen Jahre, bin ich zutiefst davon über- zeugt, dass es den Mitarbeitern des Museums nur dank solcher Menschen wie Helmut Morlok leichter gelingt, den im„Iestament“ der ehemaligen Häft- linge enthaltenen Grundgedanken zu verwirklichen:„Die Uberreste von Auschwitz müssen für alle Zeit erhalten bleiben“. Helmut Morloks Kompeten- zen, seine Hingabe an die Sache und Seine Sensibilität ermõglichten es, viele äußerst delikate und komplizierte Auf- gaben Zu erledigen. Helmut Morlok war bei allen Ar- beitsschritten dabei, von der Aufgaben- stellung über die Brarbeitung von kon- Servatorischen Leitlinien, die unerlässli- che Dokumentation, die Auswahl der ausführenden Hirmen, die Aufsicht bei der Umsetzung der Arbeiten bis zu den Endabrechnungen. Er war stets enga- giert, sensibel, kolegial, und ihm lag die Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 ———— — S— 43 Direktor Jerzy Wroblewski(rechts) mit dem ehemaligen Auschwitz-Häftling Jozef Paczynski, dem Friseur des Lagerkom- mandanten Rudolf Hõss. Beachtung der konservatorischen Prin- zipien sehr am Herzen. Helmut Morlok hat mit seiner Persönlichkeit, Seiner Le- benseinstellung die Herzen vieler Mu- Seumsmitarbeiter gewonnen. Auf eine ganz natürliche Art und Weise wurde er zu einem Jeil unseres Wirkungskreises. Pr verstand sehr gut, welche große Rol- le für die erzieherische Tätigkeit des Museums der direkte Kontakt mit die- sem Ort, mit den Uberresten aus der Lagerzeit spielt. So unterstüt?zte er mit allen seinen Kräften die Bemühungen, das Gedenken an Auschwit? zu erhal- ten, das Gedenken an die Verbrechen, die an diesem Ort begangen wurden. Für das alles bedanke ich mich bei Herrn Morlok von ganzem Herzen, danke für seine Anwesenheit im Mu- seum und für alles, was er für diesen Ort und für uns getan hat. Zudem danke ich auch allen bishe- rigen Spendern für ihre Beteiligung an diesem großen kollektiven konserva- torischen Unternehmen. Ihre Ent- scheidung, unserem Museum finanziell zu helfen, sind Beweise dafür, dass Sie die Bemühungen, die„Symbolik von Auschwit?“ für die kommenden Gene- rationen zu erhalten, alle materiellen Uberreste aus der Lagerzeit sowie das Andenken an die Opfer zu bewahren, akꝰZeptieren. Im Jahre 1979 wurde das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwit?, als ein?ziger Ort dieser Art auf der Welt, in die Welterbeliste der NESCO aufgenommen. Mit diesem Symbolischen Akt hat die internatio- nale Offentlichkeit die Bedeutung die- Ses Ortes und der mit ihm verbunde- nen Geschichte sowie die Sorge um dessen Erhalt für die zukünftigen Ge- nerationen anerkannt. Ich drücke hiermit meine Hoffnung aus, dass dieser Fintrag das Furopäi- Sche Parlament sowie alle Menschen guten Willens verpflichtet, dauerhafte organisatorische Lösungen zu finden, die es erlauben, das Museum und die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau sy- Stematisch finanziell Zu unterstüt?en. Jerzy WrohlewsMi wur von 7000 his 2006 Direktor des Slaatlichen Mu— Selums Alschwitz-Birkenaut in Oswie- cim. ¶Vheretzung: Jrgen Pugel) Das Buch„Architektur des Verbre- chens-Das System der Sicherung und ISolation im Lager Auschwitz“ wurde von Teresa Swiebocka herausgegeben und ist im Staatlichen Museum Auschwitz-Bir- kenau, Oswiecim 2008, erschienen. ISBN 978-83-60210-53-6.(Sich MB 2/2008) 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Zeugnis von Leid und Hilfsbereitschaft „DER TODESMARSCHI“, Wegweiser über die Route Oswiecim(Auschwit?)- Wodzislaw Slaski(Loslau) Buchbesprechung von Angelika Berghofer-Sierra Die Gesellschaft Zur Betreuung von Auschwit?(TONO) hat aus Anlass des 64. Jahrestages der Befreiung des Kon- zentrationslagers(KI.) Auschwit? eine erweiterte Fassung des Buches„Die To- desmärsche“ von Andrzej Strzelecki herausgegeben. Die Studie, deren erste Version bereits aus dem Jahr 1989 stammt, wurde über Jahre von einer Projektgruppe der TONO erarbeitet. Andrej Strzelecki arbeitet seit 1964 als Kustos im Staatlichen Museum Ausch- wit?-Birkenau und hat Bücher vor allem über die Endphase des Konzen- trationslagers Auschwit? verõffentlicht. Die Publikation enthält sowohl den pol- nischen Originaltext als auch die deut- sche Ubersetzung. Beigetragen zu die- Ser Veröffentlichung haben die Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenar- beit und die Lagergemeinschaft Alsch- wit? relindeskreis der Auschwilzer. Angesichts des Heranrückens der Roten Armee hatten die Nationalso- zialisten sich zu entscheiden, das Kon- zentrationslager Auschwit?-Birkenau entweder zu liquidieren oder es so lan- ge wie möglich zu erhalten. Man ent- schied sich offenbar für die zweite Möglichkeit. So wurden zwar zwischen August 1944 und Mitte Januar 1945 et- wa 65.000 Häftlinge mit der Bisen- bahn abtransportiert, gleichzeitig blie— ben jedoch etwa gleich viele Hãäftlinge im Lager zurück, weil sie im ober— Schlesischen Industriegebiet und in an- deren nahen Wirtschafts?Zentren zur Arbeit eingesetzt wurden. Das let?zte Krematorium, das Krematorium V mit den dazugehörenden Gaskammern, wurde erst am 26. Januar 1945 Zerstört. Am 21. Dezember 1944 wurden vom Gauleiter Oberschlesiens und dem zuständigen Reichsverteidigungskom- missar Richtlinien für die Evakuierung der Auschwitzer Häftlinge festgelegt, die im Großen und Ganzen auch ange- wendet wurden. In der zweiten Januar- hälfte wurden schätzungsweise 56.000 Häftlinge zu Fuß aus dem Stammlager und seinen 27 Nebenlagern evakuiert. Man schätzt, dass bei diesen Evaku- ierungen mindestens 9.000, wahrschein- lich aber bis zu 15.000 Menschen um- kamen. Von ungefähr 9.000 in Auschwit? verblie benen Menschen, die die Natio- nalsozZialisten nicht als arbeitstauglich betrachteten, ermordete die S8S zwi- schen dem 19. und 27. Januar etwa 700; davon 200, die in Baracken verbrannt wurden. Aufgrund der zunehmenden Desorganisation unter den SS-Pin- heiten gelang einigen Häftlingen die Flucht. Am 27. Januar 1945 befreiten Sowjetische Soldaten etwa 7.000 Häft- linge. Andrzej Strzeleckis Buch„Der Todesmarsch“ behandelt eine der vie⸗ len Bvakuierungsrouten, auf die ab dem 18. Januar 1945 mindestens 22.000 Men- Schen geschickt wurden. Geschwächt und krank wurden die Männer, Frauen und Kinder ohne entsprechende Klei- dung und Proviant in die Fiseskälte ge- trieben. Uber 600 Menschen kamen aus Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25 dem Lager Irebinia hinzu und im Verlaufe des Weges etwa 2.400 weitere Häftlinge aus den Lagern Jwischowit? und Ischechowit?-Vacuum. Beschrieben werden die zwei Routen vom Stamm- lager und von Auschwit?-Bir- kenau zum Bahnhof in Wod- zislaw Slaski(Loslau). Beide Strecken sind etwa 63 Kilo— meter lang. Die Fvakuierung erstreckte sich über zwei bis drei Tage. Jeden Tag sollten mindestens 20 Kilometern zurückgelegt werden. Ein Teil der Häftlinge wurde nachts in Bauernhöfen untergebracht: die Ubrigen mussten ohne Schut? im Freien bleiben viele erfroren. Beiden Routen gemein- Sam ist die erste Strecke bis Psꝰc?yna(Pleß). Allein ent- lang dieser ersten Teilstrecke wurden über hundert Lei— chen gefunden; insgesamt geht man von etwa 450 getö- LRR— — teten Häftlingen auf der Gesamtstrecke aus. Von Wod- zislaw Slaski aus wurden die Uberlebenden des Todesmar- sches in offenen Kohlewaggons in andere Konzentrationslager ver- Schleppt, unter anderem nach Mauthau- Sen und Buchenwald. Der Untertitel des Buches„Weg- weiser“ ist wörtlich zu verstehen. Die Gliederung des Buches orientiert sich an den einzelnen Ptappen zwischen jeweils Zwei Ortschaften. In die Orts- plãne sind der Weg der Häftlinge, Mas- sengräber und Gedenkstätten einge- zeichnet, ebenso Gedenkstätten, die an den polnischen Widerstand erinnern. „FEvakuierung“. Zeichnung des Auschwitzhäftlings Jerzy Brandhuber, 1946(aus dem besprochenen Band von M. Strzelecki„Der Todesmarsch“). Die Geschehnisse entlang der ein- zelnen Jeilstrecken werden dargestellt, Soweit sie aus Dokumenten verschie- denster Art rekonstruierbar sind. Vor allem werden die Schilderungen von überlebenden Hãäftlingen und Bewoh- nern der Orte, durch die der Todes- marsch ging, wiedergegeben. Hier fin- den sich Berichte über Brutalitäten der SSMannschaften und die Ermordung entkräfteter Häftlinge. Viele Beispiele für die Hilfsbereitschaft der polnischen Bevölkerung sind nachzulesen. Meist 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer handelt es sich dabei um Berichte oder Dankesbriefe von Uberlebenden. Die Hilfe bestand darin, dass den Hãftlin- gen heimlich oder offen Nahrungsmit- tel und Wasser gegeben wurden oder dass man sie versteckte und ihnen an- derweitig zur Flucht verhalf. Die Hel- fenden brachten sich dadurch selbst in Lebensgefahr, mehrere von ihnen wur- den dafür von der SS ermordet. Anhand von Sterbebüchern der Kirchengemeinden und anderer Do— kumente sind die wenigen Daten der Toten aufgelistet, die in den verschie- denen Orten entlang der Bvaku— ierungsroute beerdigt sind. Maria Zadlo hat sie mit den Daten im Archiv des Museums Auschwit? verglichen und so weit wie mõglich verifiziert. Dieses Buch ist nicht nur ein Do- kument akribischer Forschungsarbeit. Es gibt vor allem Zeugnis von mensch- lichem Leid, aber auch der Mensch- lichkeit und Hilfsbereitschaft der pol- nischen Bevölkerung entlang dieser Fvakuierungsroute. „ — — * rnnn r 7 R Pr „ rF* 8 * 2 — N „ S I — 12 . „— ——— ii⸗ ——— 2. 7 J — .— 14az 4 „—— Andrzej Strzelecki„Der Todes- marsch“, Wegweiser üher die Koute Oswiecim(Ausch witz)- Wodzislam Slaski(Loslau). Oswiecim 2006. Er- hiltlich flr 5 Euròo plus Verandkosten hei der Lagergemeinschaft Auschwitz FrelindesKreis der Auschwitzer ſviehe Impresslim). Von der Korrektions- und Armenanstalt zum Konzentrationslager Breitenau Fließende Ubergänge in den Unrechtsstaat Buchbesprechung von Uwe Hartwig „Das Lager Breitenau war einer der zahlreichen Orte, an dem die fließenden Ubergänge in den Un— rechtsstaat sichtbar wurden.“ Ein Satz aus dem Vorwort zu dem Buch„brei- tenau 1933-1945— bilder, texte, doku- mente“ von Dietfrid Krause-Vilmar und Stephan von Borstel. Der Band aus der Reihe„Kasseler Semester- bücher-Studia Cassellana“ belegt den zitierten Satz mit anschaulichen Bei- spielen aus der Geschichte und dem Alltag des Konzentrationslagers Brei- tenau. Bereits im Juni 1933 richtete der Kasseler Polizeipräsident in dem ehe- maligen Kloster und der späteren „Korrektions- und Landarmenanstalt“ Sowie Außenstelle des Kasseler Zucht- hauses ein„Konzentrationslager für politische Schützhäftlinge“ ein. Bis zu Seiner Auflösung im März 1937 waren Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 hier insgesamt 470 Menschen gefan- gen- vor allem wegen ihrer politischen Pinstellung. Größtenteils Kommunis- ten, viele Sozialdemokraten, ehema- lige Politiker, Opfer von Denunzia- tionen und Juden leisteten im Lager und den umliegenden Betrieben Ar- beit unter„entgleisten Zuchthausbe- dingungen“. Viele von ihnen wurden von Breitenau in andere Konzentra- tionslager verschleppt. Grundlage für die willkürlichen politischen Verhaf- tungen war die berüchtigte Notverord- nung vom 28. Februar 1933, mit der Reichspräsident Hindenburg die per- Sönlichen Freiheitsrechte der Weima- rer Verfassung ausset?te. Uber dieses erste Konzentrationslager in Breiten- au wurde in der õrtlichen Presse insge- Ssamt 49 Mal in größeren Artikeln und kleinen Meldungen„berichtet“. Das Lager wurde als angenehm dargestellt, den Gefangenen würde es teilweise besser gehen als vorher. Nichts von den Misshandlungen und Demüti— gungen, die sie erlebten. Vielmehr wurde der Offentlichkeit ein gehässi- ges Bild vermittelt, nach dem sie zu Recht im Lager seien. Ab 1940 wurde in Breitenau ein „Arbeitserzichungslager“, amtlich defi- niert als„Vorstufe eines Konzentra- tionslager“ eingerichtet. Die PBinliefe- rungsgründe widersprachen jedem Rechtsgefühl. Verstöße gegen Arbeits- disziplin, Fernbleiben von der Arbeits- stelle, renitentes Verhalten, Singen der Internationale, Wahrsagerei, Ge- Schlechtsverkehr mit französischem Zivilarbeiter, Geschlechtsverkehr mit einer Reichsdeutschen- eine Auswahl von„Haftgründen“. Jeder fünfte der Gefangenen von Breitenau wurde in eines der von der S8 betriebenen Kon- zentrationslager deportiert. Die Gefan- genen mussten Zwangsarbeit leisten. In der Umgebung erfüllte das Konzentra- tionslager Breitenau den Zweck, die Arbeiter einzuschüchtern. Breitenau gehörte zu mehr als hun- dert„Arbeitserzichungslagern“, in die die Gefangenen der verschiedenen Arbeitslager, und anderer Lager, die das Land über?ogen, deportiert wur- den. Besonders beeindruckt die schlich- te Darstellung, wie viele Menschen von der Finweisung eines Breitenau-Häft- lings in ein Konzentrationslager wuss- ten- dabei ausschließlich gezählt die Menschen, die bei einem solchen Uberweisungsvorgang nachweislich mit den Akten befasst waren und dann noch die, die den Transport mit der Reichsbahn organisierten und durch— führten- insgesamt knapp 30 Personen in- und außerhalb Breitenaus.- Wie groß war die Amnesie ab Mai 1945, dass Keiner was wusste.. Die 74 Seiten sind reich mit Akten- faksimiles und Fotos bebildert und groß?Zügig und gut lesbar gestaltet. Ste- phan von Borstel ist als Gestalter gleichberechtigt mit Pietfrid Krause- Vilmar aufgeführt-sehr zu Recht. Neben der(beschämenden) Ge— schichte des Brinnerns ans Konzentra- tionslager Breitenau— erst 1970 stieß Prof. Krause Vilmar auf Spuren des Lagers- enthält das Buch eine Toten- liste von Breitenau- 18 unbekannte Franzosen, Niederländer und Sowjet- menschen und drei beeindruckende kurze Dokumente von Breitenauer Häftlingen: „ Katharina Starit? setzte sich als Vikarin in Breslau dafür ein, dass die getauften Juden von Gemeindemitglie- dern beschützt werden. Nach einem entsprechenden Rundschreiben von ihr 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Z „ . 3 5 — 1 3 „ Das ehemalige Bendiktinerkoster Breitenau(gehört heute zu Guxhagen) war im 19. Jahr- hundert Korrektions- und Armenanstalt, im 20. Jahrhundert zunächst Zuchthaus und ab 1933„Konzentrationslager für politische Schützhäftlinge“. Nach 1945 war es ein„Arbeits- haus“, in dem obdachlose Jugendliche und Geschlechtskranke eingesperrt waren. Von 1932 bis 1973 war in der Klosterkirche ein„geschlossenes Fürsorgeheim“ für„Schwer erzichbare Mädchen“(mit Iolationszelle) untergebracht. Heute befindet sich in Breitenau eine pSchiatrische Finrichtung des Landeswohffahrtsverbandes Hessen und eine Gedenkstätte. wurde sie von der schlesischen evange- lischen Kirche ihrer Dienstpflichten enthoben, und man legte ihr nahe, Bres- lau zu verlassen. Nach zwei Monaten Breitenau 1942 wurde sie nach Ravens- brück verschleppt, wo sie ein Jahr inhaf- tiert war. Sie starb 1953 in Frankfurt. „Kurt Finkenstein war schon 1933 für einen Monat Hãäftling in Breitenau, wurde 1937 wegen Vorbereitung zum Hochverrat' zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt und am letzten Jag Seiner Zuchthausstrafe nach Breitenau deportiert und von dort nach Ausch- wit?, wo er am 29. Januar 1044 umkam.. „Das Schicksal von Lilli Jahn ist vielen sicherlich aus dem Buch„Mein verwundetes Her?z“ bekannt. Hier wird es noch einmal kurz- aber an- rührend- berichtet als Auszug aus dem Buch von Lotte Paepcke„Unter einem fremden Stern“(erschienen 1952 und erneut 1989). Der kurze Be- richt endet mit der Information, dass die Kinder von Lilli Jahn auf ihre Bitte um die Asche der in Auschwit? umge- kommenen Mutter die Antwort er— hielten, dass Asche von Juden nicht herausgegeben werde. Der Band ist in deutscher und engli- Scher Sprache abgefasst, enthält Hin- weise zum Besuch der Gedenkstätte, Literaturangaben, Nachweise und Er- gän?zungen zu den Quellen und Bildern. Ich habe oben die Geschichte des Prinnerns an Breitenau als beschä— mend' bezeichnet. Dietfrid Krause- Vilmar und Stephan von Borstel ha- ben dafür gesorgt, dass diese Charak- terisierung jet?t Vergangenheit ist. Sephan von Borstel, Dietfrid Kruuse- Vlmart hreitenau 1933-J945 - hilden terte, doumente, Kasseler Semesterbücher- Sidia Cassellana Band J, Kdssel, iniveril) Press 2006 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29 „Standhaft trotz Verfolgung. Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime“ Eine DVD-Besprechung Von Diethardt Stamm Die Hftlingsgruppe der Zelugen Jehovus wur in vielen Konzentrutionslagern existent. Moch es giht his helte nicht ausreichend viele veròffentichte Hokumente z. B. in Schlil- hiichern nd amichen Phlikationen über deren grausume Behandung durch die Nazis und mgelehrt üher den hesonderen Widerstand, den die„nternutionule Bihelſomcher Vereinigung“(15V) leistete. IBV wlirde von den Nazis als Abkürzung henilzt wur jedoch auch schon vor 1933 die oſfizielle Registrierungsbezeichung die- Ser Religionsgemeinschaft. Bis 1037 war der Begriff„Bihelforscher“ iblich. Nacht vehend wird derS7 Minuten dauernde Film Stundhaſt trolz Verſolgung“ in einer Nelt- auflage als DVD hesprochen. Die Etuflage erschien noch als VM Video. Der Film beginnt sofort mit der Er- läuterung des wesentlichen„Verbre- chens“ der Zeugen Jehovas, nämlich Statt„Heil Hitler“„Guten Morgen“ oder„Auf Wiedersehen“ zu sagen. Dies wird von verschiedenen Zeitzeugen oder Historikern und z.B. von dem TEi- ter der KZ Penkmalstätte Neuengam- me mit verschiedenen Motivationen er- klärt. Da geht es einerseits um Zivilcourage im Alltag, den Glauben an Jehova als höchsten Souverän und um politische Neutralität. Das let?tere hin- derte Zeugen Jehovas jedoch nicht, schon 1929 in ihrem Publikationsorgan „Wachturm“ vor den Nazis zu warnen. Im Film werden weitere Aktionen wãhrend des 3. Reiches wie z. B. das Ver- senden von Resolutionen an Hitler per- Snlich dargestellt. Parin wird wohl auch auf die ausschließliche religiòse Tätig- keit und das Nichtverfolgen von politi schen Zielen hingewiesen, aber spãtes- tens wird das zweimillionenfache Verteilen der Resolution im Reich dann doch ungewollt ein politischer Akt. Die massenhafte und mutige Drohung 1934 gegenüber Hitler, dass„Gott Sie und Ihre nationale Partei vernichten“ wird, führt zu verschärften Verfolgungen. Ahnliche Aktionen wurden 1936(Flug- blätter mit Hinweisen auf Massenver- haftungen) und 1937(Hlugblätter mit Verfolgungsberichten) durchgeführt, dann aber eingestelit. Der Film zZeigt das, was den Nazis zu schaffen machte, schr deutlich: Die Zeugen Jehova verteilen misslie biges Material, predigen eine Instanz höher als Hitler und verweigern jeglichen Kriegsdienst. Dies macht sie in den Augen der Nazis zu Staatsfeinden, Kommunisten und zu einer Gruppe, die sich mit den Juden verbunden hat. Des- halb beschäftigt sich der Hilm auch mit dem schon sofort nach der Machtergrei- fung erteilten Verbot von Versammlun- gen für Zeugen Jehovas, dem Predigen von Tür zu Tür und dem am 10. April 1933 schrittweise in den einzelnen Län- dern des III. Reiches beginnend in Mecklenburg erfolgten endgültigen reichsweiten Verbot der Religionsge- meinschaft. So kommen Zeugen Jeho- vas auch sehr schnell in die Konzentrati- onslager und werden dort ab 1937 als ei- gene Häftlingskategorie mit dem Kenn- zeichen eines lila Dreiecks geführt. Der 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Film veranschaulicht deutlich, mit wel- cher Brutalität die Nazis gegen sie vor- gegangen sind. Schon 1934 gab es 4.000 Haussu- chungen mit 1.000 Verhaftungen und 400 Finlieferungen in die KIK. Dabei werden über 600 Kinder den Pltern weggenommen und in NS-Prziehungs- heime gesteckt. Dass sich der Wider- stand nicht brechen ließ, dokumentie- ren Filmeinblendungen von SS-Wach- mannschaften:„Ich könnte euch mit einer Dampfwalze überrollen, auch das würde euch nicht Zzum Schweigen bringen“ vernimmt man da. Neuere im Film aufgezeigte For- schungen belegen, dass z. B. der erste Fransport in das Frauen-KKE Ravens- brück im Mai 1939 mehrheitlich aus den Sog. Bibelforscherinnen bestand. Die- Sen wurde wie auch weiteren Mitglie- dern der Gruppierung in anderen KI. angeboten, sich die Freiheit zu„erkau- fen“. Verbunden war dies mit einer Schriftlich zu bestätigenden Glaubens- ver?icht, der Anerkennung des Hitler- Regimes und Denunziationen von an- deren Zeugen Jehovas. Dieses„Ange- bot“ der Nazis scheiterte jedoch kläg- lich, da selbst bei Todesdrohungen in der Regel die Unterschriften verweigert wurden. Zeugen Jehovas wurden auch bei Maßnahmen der sog. Gestapo- Schutzhaft Papiere mit„Abschwör- texten“ vorgelegt, und Unterschrifts- verweigerungen hatten die Pinweisung in ein KZ zZur Folge. Der Film zeigt mehrere EFinzel- schicksale, Personen, deren Familienan- gehörige in umgekommen sind und Uberlebende, die 1045 an den Todes- mãärschen nach Westen und in den Sũden teilnehmen mussten. Gemeinsam bekla- gen diese auch die Nichtreaktion der an- deren christlichen Kirchen im III. Reich. Zudem wird die Vermutung nahegelegt, dass evangelische oder katholische Chris ten viele Grãueltaten an den Zeugen N- hovas hätten verhindern können. Der Film endet mit einer Großveranstaltung auf der Zeppelinwiese in Nürnberg direkt nach Kriegsende. Auf dieser Wie- Se fanden Zuvor immer die großen Nazi- paraden und Zurschaustellungen z. B. bei den Reichsparteitagen statt. Der Film verweist insgesamt auf viele wichtige Details bei der Verfol- gung von Zeugen Jehovas, wirkt trot? der Produktion durch diese Religions- gemeinschaft nicht aufdringlich und bildet eine Grundlage für das im Jahr 2006 im Museum Auschwitz erschiene- ne Buch„Für den Glauben in Haft“. Der Film ist als DVD kostenfrei er- hältlich beim Büro der Zeugen Jehovas, Am Steinfels, 65618 Selters/Taunus. In- nerhalb von einer Stunde erfährt man den Umgang der Nazis mit einer im Ver- hältnis zu anderen Gruppierungen in den KI kleinen, aber standhaften Be- võlkerungsgruppe. Diese eine Stunde wird empfohlen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 Nazi-Aufmärsche der NPD in Friedberg und Nidda blockiert und verhindert Viel Zuspruch für demokratisches Bündnis in der Wetterau Für den 1. August hatte die NPD Zu Aufmärschen in den Städten Friedberg und Nid- da aufgerufen. Fin breites Bündnis von Antifaschisten mobilisierte zu Gegenkund- gebungen und rief dazu auf, die NPD-Demonstrationen zu verhindern. Organisatio- nen und Verbãnde aus der Wetterau vowie auch aus der weiteren Region um Frankfurt am Main waren beteiligt und fanden große Resonanz. S0 wurde deutlich, dass eine Mehrheit sich aktiv den fremdenfeindlichen Ansichten der Neonazis widersetꝰt. „Wenn Neonazis unter dem Slogan Pelilsche, wehnyt elich' durch unsere Städte ziehen wol- Wetterauer stellen sich NPD in den Weg Run 1700 Gegendemanstrunlen verhindern in Friedberg und Nidda Aufmärsche der Rechientremen 1o runpannc Klppa zen pe.—— mne Un hr n iedert— und m— vitun den* e— 1 Wigi an der Spiler hewih ut wre Htaen Ker vel. wl— 7 lu len, dann sind alle Menschen aufgeru- fen, Sich diesem volksverhetzenden Vor- haben entgegenzustellen und durch ihre Anwesenheit den Aufmarsch Zu verhin- dern.“ Mit diesen Worten begründete Der a ans völkische Ressentiment appel. lierende Ruf der NPD„ Pelitsche, wehrt euch“ wolle Befürchtungen und Angste in der Krise auf Minderheiten und Frem- de lenken.„Mit diesem Ruf wurde 1933 Uwe Hartwig, Vorsit?ender der Lagergemeinschaft, unse- re Teilnahme an dem antifa- Schistischen Bündniss. n fanten urt NPD-Aufmarsch im Keim erstickt Rund 1700 Menschen demunstrieren in der Wetterau gegen die Rechten Se—2 nnpende Funks Zb**— kuſ. rri runpe Akl1.12. k.-J.atklakr. Muth wremn er elbu dle—— marzehleren pelasen und ein fueh ihreuerr kRar Pas hier lu M Laæinem. TL.Rhirt Mrh Iix nmanchieren will, us Iren knu vchon gut efR. Line kär. Für ihren Aufruf gegen angebliche„Plamisierung und Uher- fremdung“ benutze die NPD einen Slo- gan,„mit dem im April 1933 zum antise- mitischen Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen wurde“, führte Hartwig aus. der Marsch in den Krieg und die Ver- nichtungslager ideologisch vorbereitet“, beschreibt Hartwig den Hintergrund des NPD-Aufrufes. Die NPD erprobe im- mer neue Gelegenheiten, Menschen für „Wir haben gewo REM ihre ausländerfeindlichen, ras- Sistischen und antisemitischen Auffassungen zu gewinnen. Es komme deswegen darauf an, durch eine friedliche große Kundgebung den Neonazis zu zeigen, dass sie nicht er— wünscht sind, schloss Uwe Hartwig seinen Aufruf. E Zeitungsalsschnitte vom 3. Al- grist aus(von ohen) Rhein- Main- horeln anten verhimderten in ricdberg und Nidtln erſolgre ith dei Aul marpch] von NDA Zeitung, Frankfurter Rundschau, rankfurter Nelle Presse. 32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Studienfahrt nach Auschwitz im Frühjahr 2010 Die Lagergemeinschaft Auschwit?- Freundeskreis der Auschwitzer berei- ten eine Studienfahrt nach Polen vor. Die Gruppe wird sich vom 26. Februar bis zum 3. März in Auschwitz aufhal- ten. Es wird unter anderem Zusam- menkünfte mit ehemaligen Hãäftlingen des Konzentrations- und Vernich- tungslagers geben. Weitere Auskünfte auf Anfrage beim Freundeskreis der Auschwitzer, Internet www. lagerge- meinschaft-auschwitz.de, EH-mail an infoGlagergemeinschaft-auschwitz. de (Giehe auch Impressum). Lagergemeinschaft schreibt an den Auschwitz-Uberlebenden Wladyslaw Bartoszewski Auschwitz- der Name war in den let?ten Monaten oft in der Tagespresse zu lesen. Fin katholischer Bischof leugnete in Amtstracht die THodesma- Schinerie von Auschwit?-Birkenau und ihre millionenfachen jüdischen Opfer. Dabei referierte er ausführlich den berüchtigten Report des Auschwit?- Leugners Fred A. Leuchter und berief Sich auf wissenschaftliche Erkenntnis- Se. Das ließ erschauern und hat sicher- lich viele ehemalige Auschwitzhäftlin- ge tief erschüttert. Fast Zeitgleich eskaliert der Konflikt um das deutsch-polnische Kuratorium für die Erinnerung an Flucht und Ver- treibung im 20. Jahrhundert. In dieser Debatte fühlten sich deutsche Politiker bemüßigt, den ehemaligen Auschwitz- Häftling Wladyslaw Bartos?Zewski zu kritisieren. Der hatte- seiner Aufgabe als Staatssekretär beim polnischen Ministerprãsidenten nachkommend- nicht locker gelassen, die Position Polens gegenüber der Frinnerung an die Vertreibungen in der Folge des von Deutschland angezettelten Krieges dar- zulegen und?Zu verteidigen. Vielleicht war er in dieser Pebatte Zu optimistisch bei der Beurteilung des Normalitäts- grades des deutsch-polnischen Verhält- nisses. Plötzlich schrieb ihm Volker Kauder(Vorsitzender der CDU-Bun- destagsfraktion) einen offenen Brief, in dem er den„lieben Freund“ meinte mahnen zu müssen. Und der hessische CDU-Fraktionschef Christean Wagner der ehemalige Kultusminister mit dem Lehrplan über„Vertreibungsgebiete“- rüpelte von Rücknahme und Entschul- digung, die Prof. Bartos?zewski„unver- züglich“ abzuliefern habe. Zwei hervor- stechende Stimmen von vielen. Prof. Bartosꝰewski hatte nach seiner Entlassung aus Auschwit? in Warschau im Untergrund für die Rettung der Juden gekämpft und nach dem Krieg wissen- Schaftlich, publiZistisch und politisch für die Verstãndigung und Aussöhnung zwi- Schen Polen und Deutschen gearbeitet. Unsere Aufgabe als Lagergemein- Schaft ist es nicht, uns in die Pebatte über die Vertriebenenverbände einzu- mischen. Allerdings fühlte ich mich ver- pflichtet, dem ehemaligen Auschwit?- Hãäftling Bartos?Zewski unsere Solidaritãt in einem Briefzu bekunden. Auf Seite 33 mein Schreiben an Prof. Bartos?Zewski im Wortlaut. Uwe Hartwig Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 33 LAGERGEMENSCHAFT AULSCEHWTE FREUNDESKREIS DER MSCHWTZER E. V Lagergememstfali Austtriz Fruurskrsis dur Aumekur u. V. Fwihon er StcnSlra 27 35516 Möneonbe Herm Statssekretär Prof. W. Bartoszewski Staatskanzlei des Prerniorministers der Kopuhlik Polen Sehr vershrter, werter Herr Bartoszewski, in den letzten Wochen ist wieder deutlich geworden, welche helastende Rolle die deutschen Vertriebenenverbände im Prozess der Versöhnung zwischen Deutschen und Polen spielen. Wir bedauern außerordentlich, wie in der Bundesrepublik Deutschland einige führende Politiker und Teile cer Publizistik ciie Position Polens in dieser Frage verurteilen. Besonders empört uns, dass in den letzten Tagen ausgerechnet Sie, Herr Bartoszewski, persönlich angegritten und diffamlert werden. Gerade lhr Wirken als Biograph lhrer Verfolgung, als Publiklst, Wissenschaftler und Politiker hat unermesslich viel beigetragen zur friedlichen Machbarschaft?wischen Polen und der Bundesrepublik Deutschland. Seien Sie versichert, dass diese Verdienste nicht vergessen werden. Die Lagerg i fi Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer hat sich zum Ziel gesetzt, die Erinnerung an die national tischen Verbrechen- besonders in Auschwitz- wachzuhalten, das ehrende Gecenken ans Leiden der AuschwitzHäftlinge zu bewahren, deswegen Besuche der Gedenkstãtte Auschwitz zu organisleren, dle Uberlebenden zu unterstũtzen und die Versõhnung zwlschen Deutschen und Polen zu befördern und- mit all dem einen neuen Faschismus und Holocaust zu verhindern helten. Deswegen herühren uns die Angriffe auf lhre Person ganz hesonders. Seien Sie unserer Solidarität und Freundschaft versichert und bedankt für lhren unermüdlichen Finsatz. Mit herzlichen, freundschaftlichen Grüßen Une Hartwig Vorsitzencer FraihrrvornStein Strcasse 27 35516 Mürwerharg Barkverhincung. Sparkeasse Wetterau(BlZ 518 500 70) Kto. Mr. 0020000503 v lagergernlrchcaft-cuuscitz.ce Die verloren Liebe der Ilse Stein Fin jüdisches Mädchen aus Geiß-Nidda(heute Stadtteil von Nidda im Wetterau- kreis) und der„Judenaufscher“, ein Wehrmachtsoffizier, verlieben sich im Ghet- to Minsk. Ilse Stein und Willi Schulz. Ihnen gelingt Zzusammen mit anderen die Flucht zu den russischen Partisanen. Nach einigen Monaten werden sie getrennt und verlieren sich aus den Augen. Ihr gemeinsamer Sohn stirbt wenige Monate nach der Geburt 1944. Willi Schulz stirbt im selben Jahr. Ilse Stein lebte in der Sowjetunion; sie starb 1993 im Alter von 68 Jahren. Der Frankfurter Journalist und Autor Johannes Winter hat die Geschichte der beiden Liebenden recherchiert. Dazu hat er viele Gespräche mit Ilse Stein ge- führt und die Spuren von Willi Schulz in den Archiven verfolgt. Ihre anrührende, aufregende und- wie viele Begebenheiten aus der Zeit- fast unglaubliche Ge- Schichte hat er in Essays, einem Film und in seinem Buch„Die verlorene Liebe der Ilse Stein“ wiedergegeben. Johannes Winter liest aus seinem Buch am Freitag, 28. August 2009, um 19.30 Uhr im Alten Rathaus in Ortenberg Veranstaltet wird die Lesung von der Lagergemeinschaft Auschwilz FreundesKreis der Alschwitzer zusammen mit dem Wetteraukreis. Anlass ist der 70. Jahrestag des Kriegsbeginns am 1. September. Ilse Steins Geburtsort Geiß-Nidda ist nur wenige Kilometer vom Veranstaltungsort(63683 Ortenberg) entfernt. Johannes Winter be- richtet über einen der etwa 100 Wehrmachtsangehörigen, die ihr Leben riskierten, um Juden vor der Ermordung zu retten. Fahnenflucht und„Rassenschande“ wären die Urteilsgründe für seine Hinrichtung gewesen, wenn er der Wehrmachtsjusti? in die Hände gefallen wäre. Die oft unsägliche Debatte über die Verbrechen der Wehrmacht einerseits und die Rehabilitation der Wehrmachtsdeserteure und „Kriegsverräter“ andererseits wird mit Johannes Winters Buch verdeutlicht. Frankfurt am Main-Auschwitz Ausstellung zur Vernichtung der Roma und Sinti Künstler der autonomen Gruppe„Faites votre jeu“ sind im Frühjahr dieses Jahres in das Gebäude in der Klapperfeldstraße 5 eingezogen und prãsentieren die Ausstel- lung als ersten Jeil einer Reihe, mit der sie die Geschichte dieses ehemaligen preußi- Schen Poliꝰeipräsidiums und spãteren Gestapo-Gefängnisses darstellen. Die Ausstel- lung des Frdervereins Roma wird noch gezeigt bis zum 11. September 2009. Frankfurt am Main, Klapperfeldstraße 5 Nähe Zeil) Offnungszeiten: Di.-Fr. 11 bis 14 Uhr und 17 bis 20 Uhr: Sa. 11 bis 14 Uhr Begleitveranstaltungen: 2. August, 19.30 Uhr, Gespräch mit dem Historiker Peter Sandner 3. September, 19.30 Uhr, Gespräch mit der Romni Ursula Rose 11. September, 19.30 Uhr, Philharmonischer Verein der Roma und Sinti Kontakt: Fhrderverein Roma, Ielefon(069) 440123