LAGERGEMEINSCHAFT ADSCHWTZ FREUNDESKREIS DER ADSCHWTAZER 27. Jahrgang, Heft 1 Mitteilungsblatt, Juni 2007 mhaltsverzeichnis Seite Dank unter Freunden 1 „Die andere Seite der Welt“ 3 20 Jahre Internationale Jugendbegegnungsstätte Auschwit?z Rechtsradikalismus und kein Ende 8 Heitere Stunden in Auschwitz 14 Wie deutsche Künstler ihre mordenden Landsleute im besetzten Polen bei Laune hielten Orte der Ausgrenzung-Frankfurter Schulen 1933 19453 18 Nur die Sterne waren wie gestern 28 Begegnung mit Henryk Mandelbaum IAK besorgt über Anstieg rechter Gewalt 30 Integriert-interessiert- deportiert 31 Buchbesprechung: Jüdische Miniaturen(Affred Hahn) Verfolgten-Rente auch für NS-Opfer gefordert 32 Glückwunsch zum 85. Geburtstag Wir gratulieren Janusz Mlynarski, Auschwit?-Häftling Nr. 355 und Grün- dungsmitglied der Lagergemeinschaft, ganz herzlich zu seinem 85. Geburtstag, den er am 21. Mai feierte. Lieber Janusz, wir rufen dir„Sto lat“ zu und wünschen dir eine bessere Gesundheit für dich und Ehefrau Barbara, und dass Ihr noch oft ei- nen Spaziergang in der Sonne am Monheimer Ufer des Rheins genießen könnt. Impressum: Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer Freiherr-vom-Stein-Straße 27, 35516 Münzenberg Internet: www. lagergemeinschaft-auschwitz. de Redaktion: Hans Hirschmann, Tel.(O6101) 32010, Annedore Smith, Albrecht Werner-Cordt Bankverbindung: Sparkasse Wetterau(BIZ 518 500 79) Konto-Nr.: 20 000 503 Bei Spenden bitte Adresse deutlich schreiben, damit die Bescheinigung für die Steuererklärung zugeschickt werden kann. Titelfoto: Paul Petzold. Es entstand 2006 bei einem Besuch in Auschwitz Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 Dank unter Freunden Die Lagergemeinschaft Auschwit? (GAh) hat nur eine wirkliche Ver- pflichtung: die Verpflichtung gegenüber den Opfern, gegenüber den ehemaligen Hãftlingen. In deren Erinnerungen sind die let?ten Worte ihrer Kameraden an- gesichts des Todes gegenwärtig. Die Uberlebenden sollten leben, um der Nachwelt zu berichten, was den Inhaf- tierten widerfahren war. Wer der Ver- nichtung entkommen sein würde, Ssollte weitergeben, was Menschen im Lager ertragen und wahrgenommen hatten. Die nach und mit Auschwit? Weiterle- benden sollten Zeugnis ablegen auch im Namen derer, die zum Verstummen gebracht worden waren. Diesen Auftrag hat der„Freundes- kreis der Auschwitzer“ übernommen. Darin besteht die Aufgabe der Lager- gemeinschaft Auschwit?- Freundes- kreis der Auschwitzer e. V. Alles andere ist nachrangig. Und al- les steht unter dem Vorzeichen, das Ver- mãächtnis der Opfer zu wahren. Wer die Lagergemeinschaft ist und was sie nicht ist Selbstverständlich- und so steht es auch in der Satzung- organisiert die LGA Studienfahrten. Sie bietet Veran- Staltungen an. Sie publiziert For- Schungsergebnisse zu Auschwitz. Sie engagiert sich im õffentlichen Raum ge⸗ gen Rechtsextremismus. Sie informiert in Schulen und gegenüber den nachge- borenen Generationen. Sie arbeitet mit anderen Organisationen in Fragen der Beratung und Information zusammen. Sie pflegt Bezichungen vor allem auch zu den Vereinigungen der ehemaligen Hãftlinge. Sie unterstüt?t aus Spenden- mitteln kranke und traumatisierte Op- fer. Sie leistet- ebenfalls aus Spenden Finanzierungshilfe bei Projekten, die der Erforschung einzelner Aspekte von Auschwitz dienen. Aber deswegen ist die LGA kein Reiseunternehmen, kein Veranstalter von Vortrãgen, keine Historiker-Verei- nigung, keine Gesellschaft zur politi- schen Bildung. Dies alles partiell auch, aber sie ist immer eine besondere Ge- meinschaft, in Freundschaft verbunden, einem einzigartigen Auftrag verpflich- tet. Es macht den Unterschied ums Ganze aus, ob jemand Mitglied in der LGA wird, weil ihm eine Studienreise oder ein Vortrag gefallen hat, und wie- der austritt, wenn dies nicht der Fall jst, oder ob jemand der Lagergemeinschaft und dem Freundeskreis im Bewusstsein beitritt, dass er mit Vertrauensvorschuss in einen Kreis von Freunden aufge- nommen wurde. Rechenschaftsbericht des Vorstands In diesem Verständnis von Freund- Schaft und Verpflichtung wurde auf der let?ꝰtjährigen Mitgliederversammlung der Tätigkeitsbericht des Vorstands vorgetragen. Und so wird es auch auf der diesjährigen Versammlung am 22. September geschehen. Der LGAVorstand hat die Freund- Schaft mit den ehemaligen Häftlingen vertieft. Unsere Fahrten dienen wesent- lich diesem Zweck. So werden wir wãhrend des Aufent- halts in Auschwitz vom 19. bis 24. Au- gust 2007 den Spuren der Häftlinge des 1. Transports folgen. Uberlebende wer- den uns geleiten und vor Ort begleiten. 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Unser gemeinsames Interesse gilt nicht der„Jopographie“ als solcher, den Ge- bãuden und ihrer Funktion, den Orten der Todesmaschinerie. Wir nähern uns „Auschwit?“ durch die Brinnerungen der Inhaftierten, der Lagerinsassen, derjenigen, die heutzutage„Zeitzeu- gen“ genannt werden. In ihren Erleb- nissen werden wir Auschwitz erfahren. In diesen Tagen wird die KGM eine weitere Fahrt ins Lager vorbereiten, de- ren Anlass ein unmittelbar politischer ist. Marcel Wöll, NPD-Abgeordneter im Stadtparlament Butzbach und im Wet- terauer Kreistag, hatte als offenkundi- ger Auschwit?-Leugner gefordert, die Staatlichen Zuschüsse für Fahrten in die „SO genannten Vernichtungslager“ zu Streichen. Die Antwort des Kreistags: Die Abgeordneten und die politische Spitꝰe des Wetteraukreises werden de- monstrativ nach Auschwit? fahren. Die Zuschüsse wer- den verdoppelt. Dies wird auch Auswirkungen auf den dies— jährigen Hessen- tag im Juni 2007 in But?zbach ha- ben, zu dem über eine Milli- on Besucher er— wartet werden. Die LGA wird mit einem eige-— nen Infostand im Städtischen Mu— seum in But?— bach vertreten sein, wo der Nachlass von Hermann Rein- eck, dem Grün- der der LGA, Ehemalige KZ-Häftlinge mit jungen Begleitern(Auszubildende von VW aus Kassel und Wolfsburg) an den Erinnerungstafeln in Birkenau (April 2007). Helena Znidarcic aus Slowenien(von links), Dorota und Noach Flug aus Israel vowie Marija Srpék aus Slowenien, die an die- Sem Tag 7um ersten Mal nach ihrer Befreiung wieder in Auschwitz war. nach Voranmeldung öffentlich zugäng- lich ist. Wir werden uns an die Besucher wenden, um zu verdeutlichen, was Rechtsradikalismus hervorruft: Gewalt, Ausgrenzung und Vernichtung. Wem gebührt der Dank? Auch in diesem Jahr werden sich die Fre unde in Polen für unseren Besuch in Auschwit? und für die Einladung nach Deutschland bedanken. Wir sind eben- falls dankbar. Dafür dass wir willkom- men sind und unsere Gäste die be— schwerliche Reise zu uns auf sich nehmen. Bei diesem wechselseitigem Dank unter Freunden soll nicht überse- hen werden, wem der Dank letztlich gilt: Die Opfer sind es, die Toten und Uberlebenden. Sie haben uns ihre Le- bensgeschichte anvertraut. Alhrecht Werner-Cordt — — 5 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 „Die andere Seite der Welt“- mit diesen Worten heschrieb Maurice Goldstein, KZUherlebender und damaliger Präsident des Internationalen Auschwitz-Komi- tees, hei der Erõffnung am 7. Dezember J966 die Interationale Mgendhegeg- nungstũitte in Owiecim.„Die andere Seite der Welt“- s0 lautet nun auch der Vitel einerAusslellung und eines Begleithuchs in dessen Einleitung es heißt, Es ist ein Ver- vhn der Parstellung von mehreren hundert Verunstaltungen. Seminaren, Studien- yeisᷣen, Ausslellungen, Konzerten ind hegegnungen, an denen sich immer wieder die Pdagogische Konzeption, Auschwilz als Lemort'zusummenfligi. Sie ist ein Veysuch, Reflexionen und Emotionen, die diesen Prozeß hegleiten, festzlhalten. Der Versich einer Antwoyt, wie, die andere Seite der Welt' heute aussieht. Im Zentrum hleihen im- mer die Begegnungen der Zeitzeugen mit jungen Menschen.“ Uber die Feier anläß- lich des 20-jdhrigen Bestehens der UBS herichtet Helmut Morlok, delscher Vorsit- Zender des Sliftungsrutes und Architelkt des Gehüudes. „Die andere Seite der Welt“ 20 Jahre Internationale lugendbegegnungsstätte Oswiecim/Auschwitz Von den vielen Veranstaltungen zum Jubiläum der Internationalen Jugendbegegnungsstätte(IBS) in Auschwit? sind zwei besonders zu er- wähnen- das von Aktion Sühne- zeichen Friedensdienste(ASF) organi- sierte Benefizkonzert zu Gunsten der IBs am 7. Oktober 2006 in Berlin und die Jubilãumsveranstaltung am 7. De- zember 2006 in Oswiecim. Dabei wur- de zugleich der deutsch-polnische Cha- rakter der IBS hervorgehoben. Das in Berlin aufgeführte Oratorium„Elias“ von Felix Mendelsohn-Bartholdy ist ein Werk, das den Versöhnungsgedan- ken klar unterstreichen konnte. Dies machten auch die Redner der Veran- Staltung deutlich- Ruth Misselwitz (AsF), Helmut Morlok(Stiftungsrats- vorsitzender der IBS), Marek Prawda (polnischer Botschafter in Deutsch- land), Paulina Poznanska(Jugendliche aus Oswiecim) und Lena Peiizel(ehe- malige Freiwillige in der IBS). Genau am 20. Jahrestag der Fröff- nung fand die Nubiläumsveranstaltung in Oswiecim statt. In ihrem Mittel- punkt standen die ehemaligen Häftlin- ge, die teilweise weite Anreisen auf sich nahmen, um dabei zu sein. Der 7. De- zember 2006 war auch der 36. Jahrestag des Abschlusses der polnisch-deut- Schen Verträge zur Normalisierung der Bezichungen Zwischen beiden Staaten. Heimat auf Zeit und Ort des Dialogs Der Aufruf Lothar Kreyssigs zur Gründung der Aktion Versõhnungs?ei- chen(Später Sühnezeichen) im Jahre 1958, der Abschluss des„Warschauer Vertrags“ mit dem Kniefall Willy Brandts vor dem Denkmal für die Op- fer des Getto-Aufstands im Jahre 1970 und die Frõffnung der Internationalen Jugendbegegnungsstätte im Jahre 1986 Sind Meilensteine auf dem Weg zu Ver- Ssöhnung und Frieden. Die IIBS entstand als eine ge— meinsame Initiative der Aktion Süh- nezeichen Friedensdienste und der 4 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Stadt Oswiecim. Gemäß dem Vorha- ben seiner Gründer wurde das Haus zu einem Ort, in dem junge Menschen aus Polen und Deutschland mit Ju- gendlichen aus der ganzen Welt einen Treffpunkt haben. Dort sollen sie in einer Heimat auf Zeit unter einem Dach miteinander leben und mit auf die Zukunft gerichteter Perspektive die schmerzhafte Vergangenheit erör- tern. Die Geschichte und ihre wahr- heitsgemäße Ubermittlung sind die Basis für Diskussionen über unter- schiedlichste Themen, die der Begriff „Auschwitz“ hervorruft. Deshalb sind Problembereiche wie Menschenrech- te, Toleranz, Rechtsextremismus oder Vorurteile immer Bestandteil der in der IBS angebotenen Programme. Die Autorität der ehemaligen KZ-Häftlinge Die Entstehung und die Entwick- lung dieses Hauses wäre ohne die moralische Unterstüt?zung der ehe- maligen Häftlinge des Konzentrati— onslagers Auschwit? nicht möglich gewesen. Sie haben bei den entschei- denden Gesprächen für den Bau der IBsS an diesem Ort votiert. Sie haben mit ihrer Autorität überzeugt und dafür gesorgt, dass es möglich wurde, über deutsch-polnische Versöhnung unter Einschluss von„Auschwitz“ zu sprechen. So wurde die IBS zu ei— nem Ort des Dialogs und der Diskus- sion über Versöhnung. Die pãdagogi- Sche Abteilung des Hauses bietet da- zu Studienreisen, Themenseminare, Bildungsseminare für Lehrer und an- dere Multiplikatoren, Workshops und Programme im Rahmen des interna- tionalen Jugendaustausches an. Fin wichtiger Bestandteil der pãdagogischen Arbeit ist die Kultur- und Bildungstätigkeit für die Stadt und die Region. Mit Projekten wie: „Jag der offenen Tür“,„Gespräche über Toleranz“ oder dem„Krakauer Poesiesalon“ präsentiert die IBS wichtige Bestandteile des kulturellen Terminkalenders von Oswiecim, Auch die neuen Veranstaltungen, die im Rahmen des 20 jährigen Beste- hens organisiert und begonnen wur- den, konnten sich zu wichtigen Kultur- ereignissen entwickeln. Erwähnt seien hier nur die Reihe„Begegnung mit Philosophie“, das„Kulturfestival“ und die„1. Biennale des sozialpoliti- Schen Plakats“. Alle diese Aktionen wurden von den Festrednern am 7. Dezember 2006 gewürdigt. So brachte Helmut Morlok für den deutschen Stiftungsrat zum Ausdruck, dass er sich glücklich schätze, dieses Haus in den vergangenen 20 Jahren mit seiner Kultur und Freundlichkeit immer wieder selbst erlebt zu haben. Wlodzimierz Paluch(polnischer Vorsitzender des Stiftungsrates) hält das Haus für einen Glücksfall für Os- wiecim. Dank der Begegnungsstätte genieße die Stadt bei Jugendlichen weltweit ein positives Image. Für Ruth Misselwit?(Vorsit?ende der Aktion Sühnezeichen Friedens- dienste) ist diese Finrichtung ein Symbol für Dialog und Versöhnung. August Kowalczyk(ehemaliger Auschwit?-Häftling) begrüßte es, dass dieses offene Haus den ehemaligen Häftlingen ein Betreten Hand in Hand mit der Geschichte ermöglicht. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 8 Johannes Dö- scher(Freiwilliger in der I)B8) stell- te fest, dass Zeit- zeugengespräche an diesem Ort den größten Fin- druck bei Jugend- lichen hinterlas- sen. Piotr Kucka (Vorsitzender des Stadtrates von Oswiecim) lobte die Arbeit aller Beschäftigten, die für die gute At- mosphäre im Hause sorgen. Noach Fug (Präsident des Internationalen Auschwit?-Komi- tees) bestätigte, dass die IBs für die ehemaligen Häftlinge sehr wichtig ist. Er hält es für lebens- notwendig, dass junge Menschen hierher kommen, um mit eigenen Augen zu sehen und von Zeitzeugen zu erfahren, was hier ein- mal geschehen ist. Für Ewelina Milon(Jugendliche aus Oswiecim) gibt es in Oswiecim keine andere FBinrichtung, deren Türen immer so weit offen stehen wie die der IB8S. Piotr Cywinski(Direktor der Ge— denkstätte Auschwit?-Birkenau) hält die 20 jährige Arbeit dieses Hauses für bedeutend, um weg zu kommen Teilnehmer der Jubiläumsveranstaltung unter einem Plakat der Aus- Stellung„Die andere Seite der Welt“. Foto: Tomas? Möl von Hoffnungslosigkeit aus der Ge- Schichte hin zu Hoffnung für kom- mende Generationen. Piotr Womela(Direktor des Deutsch-Polnischen Jugendwerks) be- tonte, dass die Gründung der IBsS in Oswiecim ein Meilenstein im deutsch- polnischen Versöhnungsprozess war. Als Fhrengast überbrachte Hans- Jochen Vogel(SPD-Politiker, ehema- liger Justizminister in der Regierung Schmidt, Mitbegründer des 1993 ge- Schaffenen Vereins„Gegen Vergessen 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Für Demokratie“) die Grüße der Bundesrepublik Deutschland. Er be- tonte, dass es der IYBS gelungen sei, in den vergangenen 20 Jahren tausen- den junger Menschen die Geschichte von Auschwit? näher zu bringen und mit ihnen am Versöhnungsprozess zu IIBS-Direktor Leszek Szuster und Ralf Krieg, der vor 20 Jahren als erster Freiwil- liger der Aktion Sühnezeichen in der Ein- richtung arbeitete. Foto: Tomas? Möl *. ² Fingangsbereich zur Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oswiecim L arbeiten, um diesen mit Leben zu er- füllen. Für ihn ist das nicht nur eine Aufgabe für heute, sondern vor allem auch für die Zukunft. Thomas Gläser(deutscher Konsul in Krakau) erklärte, dass es für ihn sehr wichtig war, bei einem seiner ersten Besuche in Polen Oswiecim, Auschwit? und die IBS kennenzuler- nen. Er überreichte als„Geburtstags- geschenk“ einen Hol?zschnitt von HAP Grieshaber. Das größte„Geburtstagspräsent“ überbrachten die Repräsentanten des VWKonzerns. Sie übergaben der IIBS zZwei Autobusse. Ralph Linde (VW Coaching AG) betonte die Wichtigkeit, dass Auszubildende von VW jedes Jahr nach Oswiecim kom- men, da man erst hier richtig begrei- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 fen kann, was an diesem Ort einst ge- Schehen ist. Sein Kollege Gerardo Scarpino betonte, nichts sei mehr wie vorher, wenn man aus Auschwitz zurück in den Alltag komme. Ausstellung und Begleitbuch Alle Redner haben das in Worten wiedergegeben, was in einer Ausstel- lung unter dem Motto„Die andere Seite der Welt“ gezeigt wird- junge Menschen treffen über 20 Jahre hin- weg auf ehemalige Häftlinge. Der Ti- tel dieser Ausstellung basiert auf ei- nem Ausspruch von Baron Maurice Goldstein bei der Bröffnung der IBS am 7. DezZember 1986. Die Schau wur- de nun im Rahmen des Jubiläums prã- sentiert. Finleitende Worte sprachen Henryk Mandelbaum(ehemaliger Häftling des Sonderkommandos in Birkenau) und Ralf Krieg(erster Frei- williger in der I)BS). Zur Ausstellung erschien eine Publikation, die von Les?Zek S?uster vorgestellt wurde. Sie wurde nur durch die großzügige För- derung über die Friedrich-Ebert-Stif- tung möglich, die von Marta Koszuts- ka reprãsentiert wurde. Das 20 jährige Bestehen einer Pinrichtung, die ein eindeutiges pãdagogisches Konzept verwirklicht, ist nicht nur eine Zäsur zur Reflexion Ssondern auch der richtige Zeitpunkt für den Blick in die Zukunft. Dabei muss die Antwort auf die Frage nach der eigenen Position in einer von der Geschichte so schmerzhaft geprägten Stadt präzisiert werden. Es müssen Ideen entstehen, wie die einzigartige Aufgabe der Zeitzeugen in Zukunft ersetzt werden kann. Und es muss ei- ne nachhaltige Absicherung der pãdagogischen Arbeit in finanzieller Hinsicht garantiert werden. Förderverein der Internationalen JNugendbegegnungsstätte Für alle Unterstützer der Idee „Jugendbegegnung in Oswiecim“ gibt es die Möglichkeit, einen finanziellen Beitrag zu leisten. Der Förderverein für die Internationale Jugendbegeg- nungsstätte in Oswiecim(Auschwit?) ist in Deutschland als spendenberech- tigt anerkannt und bietet sowohl die Möglichkeit einer Mitgliedschaft als auch die Möglichkeit für Finzelspen- den an. Die LGA gehört bereits zu den Förderern und begrüßt jede Form weiterer Unterstützung. Kontaktadresse der Voitzenden des Föydervereins. Viktoria Poris Graenert, Hans-Guldin-Straße 29 in S8376 Jon) Jelefon(07562) 4266. Kon- tonummer. Mittelbrandenburgische SpdrMdsse Potsdum, BLAZ 760 3500 00, Kontonmmer 350 202 65 968. Helmut Morlok Helmut Morlok ist Architekt, deutscher Vor- sitzender des Stiftungsrates der IIBS und auch Mitglied der LGAM. 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Rechtsradikalismus und kein Ende Wie funktionieren die neuen Nazis? Um vorletzten Miteilungsblult hahen wir an einem„exemplurischen“ Beispiel dar- gestelll, wie sich Rechitsradikalismus in einer Kleinen Sladt wie Butzbach in Miltel- hessen entwickelt. Mnge NPD-Nazis Kauften vich mit viel Geld einen Baluemhof nulzen diesen al„Ruhe“- und Schulungsstätte, agieren von hier im Intermet und werden tũglich dreister Wie sie hundeln und wie Purteien, Verbünde die Ofentlich- Keit und weitere Institutionen einschließlich der Lagergemeinschaft Auschwitz elindeskreis der Auschwitzer(LOA4) darauf reagieren, ist Gegenstund dieses Berichits des 2. LCA-Voitzenden Piethurdt Slumm. Man erinnere sich an die Bürger- meisterwahl Ende Januar 2007 in Butz- bach. Die NPD stellt einen Kandidaten auf, den niemand kennt, denn er kommt von außerhalb. Man will auch nicht den Bürgermeister stellen, das wäre chancenlos, aber die Nazis wollen „Flagge“ zeigen und sie sprechen von einem„Jestlauf“ für die Landtagswahl im Januar 2008. Eingeordnet ist das Vorgehen der NPD in ein„Feuerwerk der Propaganda“, so jedenfalls schreibt der junge Nazi Marcel Wöll, der nicht nur Bewohner und Inhaber des„brau- nen Bauernhofs“ im Butzbacher Stadt- teil Hoch-Weisel ist, sondern auch Stadtverordneter in Butzbach, Landes- vorsit?ender der NPD in Hessen und über ein Nachrückverfahren zudem noch Kreistagsabgeordneter im Wet- teraukreis. Allein diese Häufung an„Am- tern“ in Verbindung mit Aufmärschen und õffentlichen Provokationen sind 80 Feit füllend, dass von einer gere- gelten Arbeit Wölls nichts bekannt ist und sich die Frage stellt, wer das alles finanziert. Von Gerhard Frey, dem Herausgeber der Nationalzeitung und Verleger rechter Hetzbücher, ist Seit JahrZehnten die millionenschwe- re Unterstüt?zung der Naziszene be- kannt. Die NPD verfügt zudem über eine Wahlkampf-Kostenpauschale und dank ihrer zweifelhaften Tätig- keiten- Zum Beispiel im sächsischen Landtag- über erhebliches Geld. Wie konkret das viele Geld zu den örtli- chen Nazis kommt, ist vielleicht dem Verfassungsschut? bekannt, dieser aber schweigt sich aus und unter- nimmt zumindest erkennbar nichts, um solche Geldflüsse zu unterbre- chen(Stichwort: Stopp der Unterstüt- zung terroristischen Vereinigungen). Aufmärsche mit Fahnen und Propaganda-Aktionen In Butzbach kommt unter diesen Bedingungen die NPD bei der Bür- germeisterwahl im Stadtteil mit dem Sit?z des„braunen Bauernhofs“ auf 4,6 Prozent der Stimmen und im Nachbar-Stadtteil Fauerbach sogar auf 7,5 Prozent. Daran beschönigen die„nur“ 1,7 Prozent für die Gesamt- Stadt nichts. Die NPD fühlt sich offen- kundig gestärkt und inszeniert an drei Wochenenden in Folge Fahnen- und Trommelaufmärsche, Kundgebungen auf dem Marktplat?z und Schriftde- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 monstrationen(„Gegen System und Kapital— unser Kampf ist natio- nal*). Allerdings gibt es jetzt Widerstand aus der Bevölkerung. Die Regio- nalzeitungen erhalten viele engagierte Leser- briefe. Butzbach ist im Juni 2007„Hessentags- Stadt“, repräsentiert also das Bundesland Hessen und sich selbst. Da geht die Angst vor der„brau- nen Soße“ um. So tau- chen auch Forderungen auf:„Es ist Zeit für Butz- bach, Farbe zu bekennen; Farbe gegen Braun!“ Auffällig sind bei der Le- Serbriefkampagne viele Zuschriften mit dem Ver- merk„Name und An- Schrift der Redaktion be- kannt“. Manchmal be- gründen das die Schrei- ber selbst:„Ich fürchte Repressalien.“ Da kom- men Frinnerungen an SA-Schläger- trupps in der Weimarer Republik auf. Die NPD agiert auf der Straße mit Flugblattaktionen und in den Kommu- nalparlamenten mit provokativen An- tragstellungen weiter.„Die Stadt Butzbach soll überprüfen, ob sich im Umfeld der Jugendverbände und der Jugendeinrichtungen der Stadt Butz- bach Linksextremisten und Autonome befinden und diese ggf. ausschließen. Des weiteren soll das Stadtparlament sich õffentlich von so genannten Anti- faschisten distanzieren“, Schreibt der Im Februar 2007 agitieren Hessens NPD-Vorsitzender Marcel Wöll und Anhänger in der Innenstadt von Bad Nau- heim(Bild oben).„Ledermäntel und Leder in Schwarz war die dominierende Farbe“ rund um den Propaganda-Tisch, so der Wetterauer Antifaschist Peter Hartung. NPDFlug- blãtter wurden von den meist ãlteren Passanten leider õfter angenommen als abgelehnt, so Hartungs Beobachtung. Bild unten: Junge Leute vom Bündnis gegen Rechts blockieren mit Zwei Transparenten die Sicht auf den NPD-Stand. „Stadtverordnete Marcel Wöll“. Auf der demokratischen Seite ist man den Umgang mit den Nazis nicht gewohnt. Manche Parteienvertreter propagieren„Ignorieren“, manche „vorsichtiges Diskutieren“ und ande- re die inhaltliche parlamentarische Auseinandersetzung. Außerhalb der Parteien gibt es auch keine Linie. Empfindlichkeiten sind bei verschie- denen Organisationen festzustellen, gemeinsames Handeln wird verstärkt gewünscht, kommt aber nur partiell Zzum Tragen. 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Der Arbeitskreis„Demokrati- sches Hoch-Weisel“ gilt der regiona- len Antifa als nicht„links“ genug, und in Vereinen wird über die„Angst vor der roten Fahne“ diskutiert. Ge- spräche zur Bestimmung der Position laufen in der Kirchengemeinde, bei Vertretern von Schulen, der Polizei, der Gewerkschaften, in einigen Verei- nen und schließlich auch in der ersten gemeinsamen Runde von Vertretern verschiedener Parteien und der IGA. Erwartungsdruck vor allem an die Kommunalpolitik wird größer Es gibt keine Patentrezepte. Der Erwartungsdruck insbesondere an die Kommunalpolitik wird größer. Dort tauchen aber zunächst mehr Fragen als Antworten und Lösungen auf: 1.)„Soll man diese(die Nazis) über Anderungen der Geschäftsord- nung von der Jeilhabe fern halten? 2.) Wie geht man mit Anträgen um, die wortidentisch mit dem Wahl- programm einer demokratischen Par- tei sindꝰ 3.) Kann man diese so einfach ab- lehnen oder sollte man aus Sachgrün- den zustimmen? 4.) Was sollte bei außerparlamen- tarischen Aktivitäten beachtet wer- den?“ „Gute“ Antworten und Analysen kommen von einzelnen Bürgern, die cher in Zweier- und Dreiergruppen zusammenarbeiten und sich nicht ver- einnahmen lassen. Studiendirektor a. D. Adolf Frohwein und sein Kollege Günter Strube sind dabei mutige Ak— teure im einschlägigen Stadtteil Hoch-Weisel. Sie geben Lösungen vor, wie man damit umgehen sollte, wenn die Nazis das Programm einer demokratischen Partei als Antrag ein- bringen:„Wortidentisch ist nicht be- deutungsidentisch“, sagen sie. Sie Schlagen vor, jeden NPD-Antrag im Parlament mit einer einheitlichen Be- gründung abzulehnen. Insbesondere bei gestohlenen Inhalten von anderen Parteien soll dabei auf die Nicht- glaubwürdigkeit der Nazis und deren undemokratischen Charakter hinge- wiesen werden. Und es wird eine Erklãrung abge- geben:„Der Fxtremismus jeglicher Art im gesellschaftlichen Alltag er- fordert eine gesamtgesellschaftliche Strategie von parlamentarischer De- mokratie und Zivilgesellschaft, die außerparlamentarische Aktivitäten und eine Politik der Bürgernähe einschließt. Ein But?zbacher Bündnis als Bürger- und Bildungsinitiative würde den wertvollen Konsens der demokratischen Parteien Butzbachs vom 7. Februar 2006 in diesem Sinne bestätigen und ausbauen!“ Wenn die neuen Nazis in„Ruhe“ ihre Provokationen planen Am 1. März 2007 ist es s0 weit: Der frisch gewählte Bürgermeister lädt zur ersten Sitzung eines„But?ba- cher Bündnisses gegen Rechts“. Auch die LGA diskutiert mit. Sie ist Mit- glied im Wetterauer Bündnis gegen Rechts, gilt aber bei den„gestande- nen“ Kommunalgrößen als ein exter- ner Faktor. Sie ist wegen jahrelanger Veranstaltungen zum 9. November Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 zwar nicht un- bekannt in der Region, Sol1 sich aber erst einmal zu ihrem parteipoliti- schen Standort äußern. Dies lehnt die LGA ab. Sie möchte sich von keiner Partei verein- nahmen lassen. Zwei Tage Später: 80 NPT- Nazis treffen sich in der„Lin- de“ zu Wohn- bach, 10 FKilo- meter weit ab- gelegen von Butzbach. Der Wirt sieht„Kein Pro- blem in den Zusammenkünften“ und erklärt dies genüsslich der Presse, SchlieBlich mache er das õfters. Die Po- liꝰei stellt ein großes Aufgebot, er- wähnt dies aber nicht in den Polizeibe- richt für die Presse. Sie bestätigt ledig- lich im nachhinein die„Ruhe“ vor Ort und handelt sich damit die Kritik der „Aktiven AntifaschistInnen Wetterau“ (AAMW) ein. In dieser„Ruhe“ hecken die Nazis die nãächste Provokation und Steigerung ihres Handelns aus. Wöll beantragt, Zuschüsse für Auschwitz-Hahrten zu streichen Am 14. März 2007 ist Kreistagssit- zung. Vor über 20 Jahren hatte der Verfasser dieses Berichts(Diethardt Stamm) einen Antrag für den Kreis- tag geschrieben, wonach Fahrten Momentaufnahme von einer Demonstration„Schüler gegen Rechts“ in Köln.„Deutschland ist geil?! Gülcan auch., hat ein Schüler auf Sein Shirt geschrieben. Foto von Paul Petzold, Selbst noch Schüler in Köln und Mitglied unseres Freundeskreises. nach Auschwit? bezuschusst werden Ssollten. Er wurde diskutiert, und es kam vor einer Entscheidung zu dem Wunsch, dass Kreistagsabgeordnete Sich über Auschwitz vor Ort informie- ren. Organisator der damaligen Fahrt war die KLGAM. Hermann Reineck als LGA-Mitbegründer, Vorsitzender und ehemaliger Häftling kümmerte sich persönlich um die Gruppe und die Führungen in Auschwitz. Mitge- fahren waren unter anderem der heu- tige Landtagspräsident in Hessen, Norbert Kartmann(CDU), der heuti- ge FDP-Landesvorsit?ende Jörg-Uwe Hahn und der heutige Landrat Roff Gnadl(SPD). Nach der Fahrt wurden einstim- mig Gelder für Fahrten insbesondere von Jugendgruppen nach Auschwitz beschlossen. Auch in den folgenden Jahrzehnten mit wechselnden Koali- 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer tionen hielt der Beschluss und wurde später noch auf weitere KZs ausge- dehnt. Poch am 14. März 2007 bean- tragt die NPD, die Zuschüsse„Zu den 80 genannten Stätten des nationalso- zialistischen Terrors“ zu streichen. Gleichzeitig spricht der Nazi Marcel Wöll von„Gehirnwäsche“, die mit den jugendlichen Besuchern betrie- ben werde. Es ist nicht mehr zu über- bieten: Die Nazis pöbeln im Kreistag und leugnen frech den Holocaust. Die Fraktionen, der Kreistagsvor- sit?ende und die drei Hauptamtlichen in der Kreisregierung reagieren Schnell und ausgesprochen vorbild- lich. Die Parteien weisen die schamlo- sen Ungeheuerlichkeiten zurück, der Kreistagsvorsit?ende spricht eine Rü- ge aus, und der 1. Kreisbeigeordnete Oswin Veith erklärt als Kämmerer die Verdopplung der Mittel für die Fahrten in KTs. Parteiübergreifend erklären Landrat Rolf Gnadl(SPD), 1. Kreisbeigeordneter Oswin Veith (CDU) und Kreisbeigeordneter Ott— mar Lich(FWG/UW) der Presse gegenüber ihren Abscheu gegenüber rechtsradikalem Gedankengut und treten für die wach zu haltende Brin- nerung ein. Es kommt Zudem zu meh- reren Strafanzeigen wegen Leugnung des Holocausts und Volksverhetzung. Kur? danach folgt der Beschluss, mit der kompletten Kreisregierung, den Fraktionsvorsit?enden und Mus- Schussmitgliedern nach Auschwitz zu fahren. 20 Personen der„nachge- wachsenen“ Politikergeneration wol- len sich so wie ihre Kollegen vor über 20 Jahren vor Ort informieren. Und wieder soll die LGM der Organisator sein. Nur der vor rund einem Jahr- zehnt verstorbene Hermann Reineck wird nicht mehr persönlich dabei sein, aber in seinem Sinne werden die Politiker durch das Stammlager Auschwit? und das Vernichtungslager Birkenau geführt. Diethardt Stamm fährt selbst mit, und es wird im Au- gust 2007 Treffen geben unter ande- rem mit unseren Mitgliedern und Freunden Tadeus?z Sobolewicz, Jozef Paczynski und Kazimier? Albin, so- fern diese ehemaligen Häftlinge ge- sundheitlich dazu in de Lage sind. Sie werden als lebende Beweise aufzei- gen, dass die Kreistagsäußerungen von Marcel Wöll nicht nur dreiste Lüge sind sondern darüber hinaus verbrecherische Worte. Butzbacher Bündnis für Demokratie und Toleranz Die Freignisse im Kreistag haben den Wunsch der Demokraten in Butz- bach, sich zusammen zu schließen, be- flügelt. Das„But?zbacher Bündnis für Demokratie und Toleranz“ wird end- gültig ins Leben gerufen. Es versteht sich als ein„Zusammenschluss ver- schiedener Organisationen, wie z.B. Vereinen, Gewerkschaften, Schulen, Kirchengemeinden, Parteien, Orts- beiräten sowie interessierter Bürge- rinnen und Bürger“. Das Butzbacher Bündnis für Demokratie und Tole- ran? lehnt jede Form von politischem und religiõsem Fxtremismus ab. Es wendet sich„gegen extremistische Tendenzen, Rassenhass und Auslän- derfeindlichkeit“. Es tritt ein„für den Erhalt der Demokratie, für Men- schenwürde, für Völkerverständigung und Integration“. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 Die Bündnisstruktur wird von FinZelpersonen entworfen. Wieder ist es Adolf Frohwein, der sich um eine Schirmherrschaft, eine Steuerungs- gruppe, verschiedene Arbeitsgruppen Sowie Bündnis- und Ansprechpartner Gedanken macht. Die LGM ist dabei ein„Mitwirker“, hält sich aber aus kommunalen Gärprozessen heraus. Die LGAM arbeitet nicht in der vorder- Sten Linie mit sondern gibt Ratschlä- ge, wendet sich selbständig gegen fa- schistische Umtriebe und verweist immer wieder auf Auschwitz. Die Er- innerung wach zu halten, ist wichtig für die Gegenwart. „Wir, die aktiven Mitglieder der LGAM, sind es, die bei Holocaust- und Auschwitz-Leugnung etwas zu sagen haben und handeln müssen. Deshalb bieten wir auch den Butzbacher Stadtverordneten, dem Magistrat und Parteivorsitzenden eine Fahrt nach Auschwitz an. Wir sind auch fF beim„Hessen- tag“ aktiv und zeigen den er- warteten eine Million Besu- chern, wie wir arbeiten und warum dies so 6 wichtig ist“, er- klärt der Vor- stand. Am 2. Nu- ni und am 7. Ju- ni 2007 betreibt die LGAM einen 4 sammenarbeit mit dem Museum an- hand der Aufarbeitung des Nachlas- ses von Hermann Reineck. Zudem werden Fahrten nach Auschwitz vor- gestellt, und es wird auf die Gefahr der neuen Nazis hingewiesen. Die LGM beschäftigt sich mit dem „SXemplarischen Fall Butzbach“ s0 intensiv, weil einige Personen im Vor- stand vor Ort wohnen und weil man viel Iypisches an dem Treiben der Na- zis erkennen kann. Bekannt sind al- lerdings viele solche Beispiele, ob in Kirdorf in Hessen oder in Lüden- scheid oder in kleinen Städtchen in Sachsen, wo die NPD immerhin mit 9,2 Prozent der Wählerstimmen im Landtag sitzt. Leider lässt sich das akute Naziproblem nicht auf die Schnelle lösen, weshalb das„Bei- spiel“ weiter beobachtet und be— schrieben werden muss. Diethardt Stumm Stand im Butz- K bacher Muse- um. Dort zeigt Ssie die gute Zu— Diethardt Stamm, 2. Vorsitzender der Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer, mit Noach Hug, Holocaust-Uher- lebender und Präsident des Internationalen Auschwitz-Komitees ( AK) bei der IAK-Generalversammlung im April in Oswiecim. 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Der N- Hoyscher Eynst Klee deckt in veinem neluesten Buch die vielfach unriihm- liche Rolle von Klinstlern und Kulurchaffenden während der NZeit auf An- Kniipfend ans Hormat seines 2003 erchienenen„Personenlexikon zum Dritten Reich“ enthlt auch das neue„Kulturlexihon“ rund 4. 000 Kurzbiografien von mehr oder weniger gut belunnten Perònlicheiten, deren Namen hier in einen nellen Zusummenhang gestellt werden. Von vielen erfährt mun in diesem einzig- artigen Nachschlagewerk erstmals, wie willig vie das NRegime unterstiitzt haben. Andere werden in ihrer Opferrolle gewürdigt. Als besonders perfide wertet Klee die Auftritte von Klinstlern an den Orten des Massenmords selbsl inshesondere in Alschwilz. Dazu im folgenden ein Aytikel des Aulors— Heitere Stunden in Auschwitz Wie deutsche Künstler ihre mordenden Landsleute im besetzten Polen bei Laune hielten Von Ernst Klee Wo deutsche Besatzer wüten, de- korieren deutsche Künstler das Ver- nichtungswerk. Am 20. Mär?z 1941 wird in Lublin, im besetzten Polen, die Brrichtung eines Juden-Ghettos be- kannt gegeben. Genau eine Woche später eröffnet Lublins neues deut- Sches Stadttheater mit Schillers Kaha- le und Liebe. Intendant ist Aribert Grimmer. Als prominenten Gastdar- steller nennt die Intendan?z den Staatsschauspieler Gustav Knuth. Lublin ist ein Zentrum des Juden- mords. Hier residiert SS-Obergruppen- führer Odilo Globocnik, Herr der Ver- nichtungslager Belzec, Sobibor, Treb- linka. Das K?Z Majdanek befindet sich am Stadtrand. Manchmal riecht man den Gestank verbrannten Fleisches. Das Theater bespielt regelmäßig die Orte Chelm, Deblin-Irena, Pulawy, Radꝰ?yn Podlaski, Zamosc, Krasnik Fa- bryczny und Budzyn- alle sind Stand- orte von Ghettolagern, Mordstätten. In Lödz, das nach dem 1936 ver- Storbenen preußischen General und gühenden Nationalsozialisten Karl Lit?mann in Litzmannstadt umbe- nannt worden ist, vegetieren 160.000 Juden auf vier Quadratkilometern, zu- meist in Gebäuden ohne Wasser- und Abwasserleitungen. Während die Menschen im Ghetto krepieren, spie- len die Städtischen Bühnen Hamlet, Die verkaufte Braut oder den Zigenu nerharon. Intendant ist Hans Hesse, ein Cousin des Dichters Hermann Hesse. Er eröffnet im September 1942 die SpielZeit mit dem Betriebsappell: Alle ehnen unter der Berufung, der delt- Schen Kultlur im Obten den Weg zu eh⸗ nen.“ Im selben Monat werden 16.000 Menschen in das Vernichtungslager Chelmno deportiert und in Gaswagen qualvoll erstickt. Panach feiert Litz- mannstadt eine Kulturwoche. Selbst in Auschwitz, abgeriegelt von der Außenwelt, gehen Schauspieler, Musiker und Artisten ein und aus. Es müssen Hunderte gewesen sein, doch Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 nur einer hat davon berichtet: Der Schauspieler Dieter Borsche war 1943/44 Spielleiter der Städtischen Bühnen Breslau. Borsche erzählte nach dem Krieg dem NS-Pokumenta- risten Joseph Wulf, er habe im Winter 1943„innerhalh des Vernichtungslagers AlsChwilz vor den dortigen S-Wach- mannschaften gespielt“. Wulf rekapituliert das Gespräch: „Die Schalspieler wlurden dort großzü— gig hewirtet, von Häftlingen hedient und vhen aluch mit eigenen Augen die Häft- lingMolonnen. Sie staunten darüben daß diese im Winter nur die gestreiften StriflingKittel trugen, aber das Wichtig- SE ist dass Dieter Boysche zu herichten wlle, er habe von mehreren SLel- ten gehnört, verschiedene Vheaterensem- hles vpielten vehr oſt innemalb des Kon- Zentrutionslugers für vie.“ In Auschwit? gibt es regelmäßig sol- che Veranstaltungen. Sie finden im „Kameradschaftsheim der Waffen-SS“ Statt auf dem Gelände der SS-Wirt- Schaftsgebäude. Der Besuch der Aben- de ist Dienst. Das Publikum sitzt hier- archisch gestaffelt. Die ersten Reihen belegen SS-Führer und Gattinnen, es folgen Aufseherinnen des Frauenlagers und SS-Unterführer, von Reihe 16 an nimmt die Iruppe ohne Unterschied der Dienstgrade Platz. Organisator der Veranstaltungen ist der Volksschulleh- rer und SS-Unterscharführer Kurt Knittel, wegen seiner salbungsvollen Stimme„ Vruppenesus“ genannt. Er leitet von Oktober 1941 an die Abtei- lung VI(, Juppenbetreuung“„ weltan- Schauliche Schulung“). Knittels Gattin Annemarie, Scharleiterin eines Spiel- kreises der NS-Frauenschaft, zicht im Mai 1942 nach. Kein angenehmer Wohnort.„Der Gerich, der sich hei der Verbrennung der Leichen entwickelte“, klagte Knittel später,„Jag manchmal iher gunz Alschwilz.“ Der erste dokumentierte Kultur- abend ist im Rundschreiben der Kom- mandantur vom 9. Februar 1943 ange- zeigt, eine Woche nach Stalingrad. In Auschwit? werden zu dieser Zeit Men- schen aus dem französischen Lager Drancy und dem holländischen Lager 2— F— .* 2— —— Westerbork antranspor- tiert, selektiert, vergast. Unter den Mordopfern befindet sich die Schau- spielerin Dora Gerson, die erste Frau von Veit Harlan, Regisseur des Hassfilms Jud Süß, der auch in Auschwitz vorge- führt wird. „Am Montug, den 1). Fohrlar 1043, 20 Uhr“, 80 Im Sommer 1944 gehörten 4500 SS-Männer zur Auschwitz- garnison. Für ihre„höheren“ kulturellen Bedürfnisse war die Abteilung VI-SS Truppenbetreuung zuständig. Foto: Archiv des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau. lautet die Ankündigung, „ndet im Kleinen Saal des Kdmeradschaftshei- mes der Waffen-S ein 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Abend Sutt unter dem Motto, Goethe ernst lind heiler'.. Diese Veranstultung hietet Gelegenheit, gerade die Volks- delutschen mit den héheren Gütern deuscher Kultur vertruut zu machen.“ Unterzeichnet hat SS-Hauptsturmfüh- rer Robert Mulka, der später, 1965 im Frankfurter Auschwitz-Prozess, wegen Beihilfe zu gemeinschaftlichem Mord zu 14 Jahren Haft verurteilt wird. Im Frühjahr 1943 sind in Ausch- wit?Birkenau die neuen Gaskammern und Krematorien fertig. Das fabrik- mäßige Morden beginnt. Am 4. April geben die Städtischen Bühnen Katto- wit? den Schwank Gitta hat einen Vogel von Karl Hans Jaeger, laut KZ-Kom- mandant Rudolf Höß„Mnter Mitwir- K&ung des Verfussers“. Kattowitz liegt nur 30 Kilometer von Auschwitz ent- fernt. Die Städtischen Bühnen halten ein Kartenkontingent für das KZPer- Sonal vor und gastieren spãtestens seit 1943 regelmäßig im Lager. Am 21. Mai 1943 haben sich Mitglieder des Katto- wit?er Opernhauses mit Stücken von Haydn, Mozart, Schubert, Dvoräk und Boccherini zu einer Stunde heiterer Musik angesagt. Die zweite Violine Spielt Fred Malige, ein Mann mit einer besonderen Karriere. 1923 war er KPD-Aktivist und Leiter einer roten Blaskapelle, 1940 dann Kapellmeister in Kattowitz. Später lebte er in der DDR, komponierte 1952 eine Lenin- Kantate und 1959 das Werk Prdludium ind Hige über F-D-G-B die Initialen der DDR-EFinheitsgewerkschaft. Das Beuthener Theater gibt in der Spieꝰeit 1943/44 die Operette MasMe in Blau und ein Stück namens Ernte- ſesl. Als Gäste sind der dãnische Jenor Helge Roswaenge angezeigt und der Heldenbariton Wilhelm Rode, der es nicht genug zu rühmen weiß,„dass mein Fihren der wie nie zuvor unsere deutsche Kunst schtzt und fördert, mich allein dreiundvierzigmal als Hans Sachs anhörte““ Auch 1944 herrscht an Musik, an Tan? und Gesang im Vernichtungsla- ger Auschwit? kein Mangel. Im April kommt das Opernhaus Breslau, und das Theater Mährisch-Ostrau gibt die Operette Paganini von Franz Lehär. Dessen Librettist Frit? Löhner-Beda ist zwei Jahre zuvor in Auschwitz ermor- det worden. Von Mai 1944 an werden allein aus Ungarn insgesamt 437.000 Menschen antransportiert. Weiter öst- lich wird die Lage schon bedrohlich, die sowjetischen Truppen rücken auf Lublin vor. Am 22. Juli, nach der Ermordung der letzten Juden- die „AKlion“ läuft unter dem Decknamen „Pymntefest“, flüchten die noch verblie- benen Deutschen aus der Stadt. Am 20. August 1944 verordnet Goebbels die Schließung aller deut- Schen Theater. Bereits Zwei Iage vorher heißt es im Standortbefehl, im Zuge der Finschränkung des kulturellen Lebens Sei es notwendig,„Kiinstlerische Kräfte des Slndortes Alischwitz“ zu erfas- Sen. SS-Männer, die als Sänger, Schau- Spieler, Musiker, Artisten oder Tänzer in Frage kommen, sollen sich bei Knit- tel melden. Am 2. November 1944 wer- den die Vergasungen eingestellt. Knit- tel, inzwischen Oberscharführer, hält den Vortrag Pas Reich in Gefahr. Im 60 Kilometer entfernten Krakau Steht das Kulturleben derweil noch in Schönstem Flor. Hier residiert Gene- ralgouverneur Hans Frank, genannt „der Polenschldchter“. Zu seinen Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 Freunden gehören Winifred Wagner, die Bayreuther Prinzipalin, sowie die Komponisten Richard Strauss und Hans Pfitzner. Hans Knappertsbusch ist mit den Wiener und den Berliner Philharmonikern an Franks„Hof“ zu Gast, auch der Pianist Wilhelm Kempff und natürlich Kempffs Kollegin FUy Ney die 1937 heißen Herzens bekann- te, ihr einziges Bestreben sei es, der deutschen Jugend„die Pinheit des ge- walligen Geschehens durch unseren ihrer mil den erhabenen Schöpfungen nserer Meister nahezubringen“. Zu Propagandazwecken hatte Frank auch eine„Philharmonie des Generalgouvermements“ gegründet, die ausschließlich mit polnischen Spitzen- musikern besetzt war. Das letzte Kon- zert in Auschwitz findet am 9. Januar 1945 statt. Auf dem Programm steht Fran? Schuberts Achte Sinfonie, die Unvollendete. Den allerletzten Kulturabend in Auschwit?z sollte der Schriftsteller Kurt Hielscher bestreiten, Autor von Büchern wie„Burgen im Bozener Land“. Er will am 18. Januar 1945 über Deutsche Kultur in Siebenbürgen re- den. An diesem Jag jedoch beginnt die Fvakuierung des Lagers. Zurück blei- ben einige tausend Kranke, die am 27. Januar von Soldaten der Roten Armee befreit werden. Lödz ist bereits seit dem 19. Januar von den Russen be- setzt. Intendant Hesse, der einst der deutschen Kultur den Weg ebnen woll- te, hat sich rechtzeitig davongemacht. Er stirbt 1954 in Erlangen, laut Deut- schem Bühnen-Jahrbuch„als Heimat- veytriebener“. Der Lubliner Intendant Aribert Grimmer findet zur ostZonalen Defa und spielt in Filmen wie Freies Ernst Klee bei einer Lesung der Lagerge- meinschaft 2003 in Bad Nauheim. Land oder Gruhe Morgenrot. Der Kat- towitzer Intendant und SA-Oberfüh- rer Otto Wartisch wird Konzertdirigent in München. SS-Oberscharführer Kurt Knittel wird im DezZember 1948 Dramaturg ei- ner in Villingen stationierten Wander- bühne. Bald arbeitet er auch wieder als Lehrer; 1957 wird er Referent im Oberschulamt Karlsruhe; 1959 erfolgt die Ernennung zum Regierungsschul- rat. Er ist im Schulfunkbeirat des Süd- deutschen Rundfunks, wird Geschäfts- führer der Karlsruher Volksbühne, Lei- ter der Jugendbühne und sitzt im Ver- waltungsrat der Badischen Hochschule für Musik. Eine schöne Karriere für ei- nen Mann, der einst Kulturreferent im Vernichtungslager Auschwitz war. (Ernst Klee:„Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945“, S. Fischer, Frankfurt am Main, 2007; ISBN 978-3-10-039326.5, 720 Seiten, 29,90 Furo) 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Die Lagergemeinschaft Auschwitz- HreundesKreis der Auschwitzer arheitet von Anbeginn in der 1006 gegrindeten Arbeitsgruppe Alusgegrenzte Opfer mit, in der mehrere Initiativen und Vereine aus Hrankfurt am Main Kooperieren. Es sind dies der DGB-Seniorenkreis Kegion Frankfurt-Khein-Main, der Förderverein Koma, die Initiative 9. Novemben die Geschichtsforschung der Zeugen Jehovas in Frank— urt, die Initiative gegen das Vergessen, der Bund der Euthansiegeschädigten und Zwangssterilisierten vowie der Studien kreis deutscher Widerstand 19337045. Mit Alisnhme von 2006 wurde veit 1000 jedes Jahr eine Veranstultung zum Gedenk- tag an die Opfer des Nationaloziulismus(27. Jnuan dem Befreiungstag von Aus— ch witz) durchgefihr. In diesem Jahr fand sie am Vortag, 26. Januan im Gewerk— SChaftshaus in der Wilhelm-LeuschnerStraße statl. Frankfurter Schulen 1933- 1945 Orte der Ausgrenzung Gedenkveranstaltung der Arbeitsgruppe Ausgegrenzte Opfer am 26. Januar 2007 in Frankfurt am Main „So lernte ich schon sehr früh die Ungerechtigkeit der Stärkeren ken- nen.“ Diese von der Frankfurter Zeu- gin Jehova Doris Kaltwasser als Schü- lerin gemachte Erfahrung, trifft für die meisten Kinder und Jugendlichen zu, die aus rassistischen, antisemiti- Schen und politischen Gründen schi- kaniert, diffamiert, bedroht, stigmati- siert, verfolgt und in sehr vielen Fäl- len ermordet wurden.„Frankfurter Schulen 1933 1945: Orte der Aus- grenzung“ lautete die Uberschrift der Veranstaltung, zu welcher der Ar- beitskreis Ausgegrenzte Opfer und der DGB(Region Frankfurt) am Abend vor dem internationalen Ge- denktag an die Opfer des Nationalso- zialismus am 27. Januar ins Gewerk- Schaftshaus eingeladen hatten. Unter den rund hundert Gãsten be- fanden sich mit den Schwestern Hella Uhrig und Edith Erbrich zwei Uberle- bende des KZ Theresienstadt, Sowie mit Wolfgang Breckheimer, dessen Mutter Cäcilie als Jüdin in Auschwitz ermordet wurde, ein ehemaliger Häft- ling der Frankfurter Gestapo. Ebenfalls begrüßt wurden Ruth Wasserkampf, Bhefrau des zwangs- Sterilisierten Friedolin Wasserkampf, sowie Hilde Kremer, die Witwe des 2005 verstorbenen Frankfurter Opernsängers Franz Kremer, dessen Familie drei Monate lang nichts von ihm hörte, weil ihn die Gestapo als Mitglied der„Swing-Jugend“ gefan- gen hielt. Er wurde gefoltert, um Ge- Ständnisse zu erpressen. In seinen Er- innerungen hat er, der damals die Bergiusschule besuchte, geschrieben: „Wir waren genau das Gegenteil von den Nazis, wir trugen weite Hosen und weiche Hüte und die Haare bis auf den Kragen.“ Für die Nazis be-— deutet dies, dass die„Swing-Jugend“ weder Disziplin noch Moral kenne und„jüdische Negermusik“ höre. Anwesend waren auch eine ganze Reihe von Nazi-Verfolgten der Ge- werkschaftssenioren wie zum Bei— spiel Lorenz Knorr, der 99 jährige Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 Blick in den Saal: Wolfgang Breckheimer Q. Reihe, links), Marc Lehnert, Lorenz Knorr, Hella Uhrig und Edith Erbrich. Reihe von linkq). Hans Schwert und andere, die teilwei- se jahrelang in Gestapo-Gefängnis- Sen einsassen. Ausgrenzung als Vorstufe zur Vernichtung Nach 1933 fand die NS-Ideologie in allen Schulfächern Fingang in Form von Rassenkunde, Geopolitik, Wehr- und Militärgeschichte. Zudem wurde Sport Zu einem wichtigen Bestandteil des Schulunterrichts- zur Herausbil- dung einer„gesunden Herrenrasse“ und zur Vorbereitung auf den Krieg. An Beispielen aus dem Helmholtz- Gymnasium, der Liebig-Oberreal- schule, der Ackermann-Schule, der Merianschule, dem Philanthropin, der Wöhler-Schule, der Pestalozzi-Schule, der Bergius-Schule, der Taubstum- menerzicehungsanstalt und dem Schul- landheim Wegscheide wurde mit Foto- grafien, Dokumenten und Jexten die zunehmende Ausgrenzung von Schul- kindern in der NS-Zeit dargestellt. Es waren jüdische Kinder, Kinder der Sinti und Roma, behinderte Mädchen und Jungen, Kinder der Zeugen Jehovas und Kinder, deren El- tern im Widerstand waren. Für jüdi- sche Kinder und Angehörige der Sinti und Roma bedeutete die Ausgren?zung die Vorstufe zur Spãteren Vernichtung. Brinnert wurde auch an jugendliche Zwangsarbeiter, die in den Kriegsjah- ren in Frankfurter Schulen unterge- bracht waren. Der letzte Mohikaner kommt ans Philanthropin Das Philanthropin war vor 1933 ei- ne weit über die Frankfurter Stadtgren- 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer — Ken Ward bei einem Besuch in Frankfurt als im Januar 2007 in der Bockenheimer Land- Straße 9 vor dem früheren Haus seiner Familie„Stolpersteine“ für seine Fltern Siegfried und Gertrude Würzburger sowie seinen Bruder Hans, die in Chelmno ermordet wurden. zen hinaus bekannte jüdische Bildungs- einrichtung. Beim Novemberpogrom 1938 wurden viele Lehrer und auch Schüler in die Konzentrationslager Bu- chenwald und Dachau verschleppt. Nach einiger Zeit wurden die meisten wieder freigelassen und nahmen den Unterricht wieder auf. Der damals 18— jährige Abiturient Robert Goldmann erinnert sich:„Es wur alles dußerst Shnwierig.(..) Man vuh, wie vie hehandelt woyden wuren, außrecht Konnte Kulum ei- ner noch stehen.“ Robert Goldmann konnte im März 1938 am Philanthropin noch sein Abitur ablegen- allerdings nicht in Deutsch und Geschichte, denn diese Fächer zu begreifen seien- s0 das Schulamt-„jüdische Schüler per Defi- nition“ nicht in der Lage. Im Sommer 1938 wechselte auch Karl Robert Würzburger ans Philan- thropin. Vom Direktor wurde er mit den Worten„Hier kommt der letzte der Mohikaner“ begrüßt, denn er war der letzte jüdische Schüler, der noch eine nichtjüdische öffentliche Schule besuchte. 1934 hatte der 1922 gebore- ne Karl Robert, Sohn des erblindeten Organisten der Westendsynagoge, mit einer zionistischen Gruppe noch einen Ausflug in die Schweiz machen kön- nen, in ein Land, in dem man frei reden konnte. Nach dieser Erfahrung emp- fand er nach der Rückkehr die Atmos- phäre der Angst und Repression in Frankfurt bedrückender als je zuvor. Bei einem Besuch im Brentano-Bad 1935 notierte er ein stilles Gebet:„Bil- 1e Golt, mache, dass Hiller sieht, dass er ſalsch von den Vuden denkt und wenn er Papa nd Mama und linsere Fumilie ind Freunde Kennen würde, wisste ey dass wir Delsche nicht ausbeuten wol- len und Keine habsüchtigen Juden Sind.“ Im August 1939 erreichte er mit dem letꝰten Kindertransport England. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 Er nahm den Namen Ken Ward an und kam 1945 als englischer Soldat Zurück. Seine Eltern und sein Bruder Hans wa- ren deportiert und im Vernichtungsla- ger Chelmno ermordet worden. Die Farce um den Gedenkgarten der Wöhlerschule Bevor Würzburger 1938 ans Phi— lanthropin wechselte, hatte er die Wöhlerschule besucht, die dann auch wie gewünscht„judenrein“ wurde. Rund 50 Jahre später forschte eine Ar- beitsgruppe an der Wöhlerschule nach chemaligen jüdischen Mitschülern und richtete nach sechs Jahren For- Schung in Archiven einen Gedenkgar- ten auf dem Schulgelände ein, in dem mit 27. Granittafeln an die ermordeten jüdischen Schüler erinnert wurde. Schon in der Nacht vor seiner Fröff- nung, bei der auch der heute in Lon- don lebende Ken Ward anwesend war, wurde er teilweise von Unbekannten zerstört und mit Hakenkreuzen be- Schmiert. Von den Schülern wieder aufgebaut, war er fünf Jahre ein Ort des Gedenkens, bis er trotz Interventi- on von Lehrern und Schülern bei der Stadt und einer Zusage der Schonung durch die grüne Schulrätin Jutta Ebeling im Frühjahr 2006 endgültig zerstört wurde, um dem Bau einer Mensa zZu weichen. In der Vorhölle des„Zigeunerlagers“ Dieselstraße Roma- und Sintikinder fallen unter die Achtung und Diskriminierung durch die rassistische Geset?gebung. Sie müssen mit ihren Familien ihre Woh- nungen verlassen und in Lager ziehen. In Frankfurt waren die Lager in der Diesel- und in der Kruppstraße. Port le- ben sie unter unglaublich beengten Ver- hältnissen und sind ihrer Freizügigkeit beraubt. Herbert Ricky Adler erinnert Sich später:„Das Leben im Lager war die Vorhölle. Statt in einer großen Woh- nung hausten wir nun in einem kleinen alten Bauwagen, sechs Meter lang, Zwei Meter breit, mit Zwei schmalen Fenster- luken.(..) Dieselstraße, das hieß, Ab- schied nehmen von den Schulkamera- den, von den Nachbarkindern und in einem Bauwagen wohnen statt in einer Wohnung. Es waren Abtritte vorhan- den, die schlimmsten hygienischen Ver- hältnisse. Appelle, Befehle, Ausgehver- bot, Zwangsarbeit und diese Kälte. Dieselstraße- das bedeutete Zum ersten Mal: Angst!“ Auch der damals Zzwölf Jahre alte Sinto Jakob Müller wurde im Septem- ber 1940 mit seiner ganzen Familie in das„Zigeunerlager“ in der Diesel- Straße gesperrt:„Wir durften ein Jahr lang in die Schule gehen, und Zwar in die Riederwaldschule, dann hat sich die Bevölkerung darüber mokiert; Zuletzt mussten wir alle ganz hinten in einem Block sit?en. Dann kam der Frankfur- ter Erlass, und da durften wir Kinder nicht mehr die Schule besuchen.“ „Verhängnisvolle Zerstõrung von Rassestolz“ Die Initiative, die zum Schulverbot für Sinti-Kinder führte, ging auf Dr. Körten zurück, damals Ratsherr und Referent des Rassenpolitischen Am- tes der NSDAP-Gauleitung Hessen- Nassau. Körten hielt es in einem NN Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer „½ ₰—* . ——— Dt s BEORoE OEß D FRAKß0R A Mal SE be G bEM SOA 1937 BM 2WGSEs ONMeSetieE B S —* ————* .7— „„ 5—— E—2 r x X*— — *— 1942 W0RbEN S RM 2W6eR Rppes Ve vO bO WRE EhScEh Vo EM Nac Ac „eckt mich Hicht 308 meinem Fahn. dam cese e cht een 06 ie ein om behsncelt c eg6erSiht an ſe 3 . 3.— 5 1 2 A— 1994 wurden zwei Gedenktafeln an die Verfolgung, Deportation und Ermordung der Frankfurter Roma und Sinti angebracht. Ei- ne an das Gebãude in der Dieselstraße 30 und eine weitere an der U-Bahnhaltestelle„Kruppstraße“(Borsigallee). Beide Tafeln wurden durch private Spenden ermöglicht. Die Stadt Frank- furt Main hatte ihren diesbezüglichen Etat bereits aufgebraucht und die beiden an die Ermordung der Roma und Sinti erinnern- den Tafeln kurzerhand aus der Finanzierung gestrichen. Das La- ger Dieselstraße war 1942 in die Kruppstraße verlegt worden, weil die Firma Matra, die heute noch auf dem Gelände Rüstungsgi- ter produziert, das Grundstück erworben hatte. Sie benötigte es für Zwangsarbeiter aus mehreren europäischen Ländern. Schreiben vom 6. Mai 1940 an den fähigen Seelen unse- rer Kinder führen.“ Im Frühjahr 1943 werden die Bewohner der Frankfurter„Zi- geunerlager“ nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Darunter auch Herbert„Ricky“ Adler mit Vater, Mut- ter, Geschwistern und weiteren Verwandten. Den Tag der Befrei- ung erlebten vier von 20 Familienangehöri- gen: Herbert selbst, sein älterer Bruder, seine Schwester Wan- da und ein Bruder sei- nes Vaters. Uber das Sinti— Kind Margarete Weiß finden sich in dem Zeugnisbuch der Pes- taloZzi-Schule folgen- de, jegliche Realität verzerrende EFintra- gungen:„schuljahr 1942/43: kein Zeugnis, da vom Schulamt vom Schulbesuch befreit. Frankfurter Oberbürgermeister Krebs für unzumutbar, dass„eine ganze An- zahl von Zigeunerkindern zusammen mit unseren deutschen Kindern die Grundschulen.. besuchen“:„Das sit- tenverderbende Benutzen gemeinsa- mer Schulräume, Schulhöfe, Lehrmit- tel und sozialer Einrichtungen“ würde 8o Körten„zu einer verhängnisvollen Zerstörung von Rassenstol? und be- wusstsein in den jungen aufnahme- Entlassen nach erfüllter Schulpflicht am 31. März 1944.“ Zu diesem Zeit- punkt war Margarete Weiß bereits tot sie war im AMlter von 14 Jahren am 1. Oktober 1943 in Auschwitz-Birkenau ermordet worden. Zwangssterilisation als Opfer für die Volksgemeinschaft Am 1. Januar 1934 tritt das„Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuch- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 Ses“ in Kraft. Behinderte Kinder wer- den im Rahmen der sog. Euthanasie er- mordet oder sie werden Zzwangsweise Sterilisiert. Hilfsschulen übernehmen die Aufgabe, behinderte Kinder, wie zum Beispiel Gehörlose, für die Sterili- Sation auszuwählen. Auch im Unter- richt haben es gehörlose Kinder nicht leicht. Gebärdensprache ist dort verbo- ten. Wie es gehörlosen Schülern oft er- gangen ist, Zeigt das Beispiel des 1950 nach Frankfurt ZzugezZogenen Fridolin Wasserkampf. Sein Vater, selbst gehör- los, war von den Ideen der Nazis ange- tan. Der hörende Großvater war Frido- lins Vormund. Mit einem Brief vom 23. DeZember 1940 wurde der fast 16 jähri- ge aufgefordert, sich unfruchtbar ma- chen zu lassen. Der Großvater küm- merte sich sehr engagiert darum, dieses Schicksal zu umgehen, er legte Be- Schwerde ein, auch eine Volkspflegerin Schaltete er ein und ging mit ihrer Hil- fe bis Zum Erbgesundheitsobergericht. Wer Fridolin angezeigt hatte, weiß er bis heute nicht. Denn sowohl die an- zeigende Person als auch alle damit verbundenen Vorgänge mussten streng geheim bleiben. Typisch für das Vorgehen war der Aufruf der evange- lischen Taubstummen-Seelsorge mit dem Titel:„Ein Wort an die erbkran- ken evangelischen Taubstummen“ „Die Ohrigkeit hat befohlen Memand darf über Unfruchtharmachung spre- chen. Du velhst auch nicht. Merke wohl— Du darſst zu Keinem Menschen darü- her SprechenhAuch deine Angehörigen nichtꝰ Und der Arzh der Richten sie al- le mlissen durüher Schweigen““ Die Volkspflegerin von der evan- gelischen Mission schrieb nach der let?ten Gerichtsentscheidung:„Es tut mir leid, aber ich bin sicher, dass Sie Stark genug sind, dies Opfer freiwillig für die Volksgemeinschaft zu brin- gen.“ Fridolin musste sich schließlich dem Fingriff unterziehen. Zu seiner großen Uberraschung bekam er als Bettnachbar seinen eigenen Vater-80 wusste er, auch sein Vater war davon betroffen. Noch bis heute haben viele Gehörlose große Probleme über die erlittene Zwangssterilisation zu reden. Verweigerte Ausbildung- grausamer Scherz Zu den grundsätzlich verfolgten Opfern Nazi-Deutschlands gehören auch die Zeugen Jehovas, die den NS- Organisationen aus Glaubensgründen fern blieben, zudem nicht nur den Kriegsdienst verweigerten sondern auch den Hitlergruß. Der jungen Do— ris Kaltwasser wurde deshalb die ge- wünschte Ausbildung zur Kunstge- werblerin unmöglich gemacht. Beide Eltern wurden verhaftet. Uber diese Zeit berichtet Doris:„ Jch hahe in mei- nem Leben nicht mehr s0 viel geweint wie damal. Jch lernte aber auch, mich zu heherrchen und niemand wußte, wls mit mir los wur nd wie es mir ging. Jch Kann helute noch nicht ohne Kloß im Nals liher die Besuche im Gefüingnis prechen. Den Vater im Gerichtsge- ſeingnis die Mutter im Hrauengefängnis Prelingesheim.“ Die Mutter kam zwar nach relativ kurzer Zeit wieder frei, allerdings war die Armut der verbleibenden Familie unbeschreiblich. Außerdem standen sie unter der ständigen Uberwachung durch die Polizei. Schließlich bekamen sie noch„besonderen“ Besuch: die Ge- 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Stapo und ein Vertreter Himmlers. Sie ließen sich den Haftverlauf des Vaters erzählen; Frankfurt-Hammelsgasse, Preungesheim, Walchum, Papenburg, Frankfurt-Gerichtsgefängnis, Dachau und Mauthausen. Doris berichtet dar- über:, Diese Herren machten uns große Moffnung, dass der Vater buld heim Kä- me. HMeule weiß ich, dass vie vich an un- serem Leid ergötzten, denn der Vauter Kam heim, aber in einer Urmne. Es wuren nlr Inge vpäten dass wir ein Telegramm ernielten mit dem Wortlaut Ehemann heute im Lager vertorben näheres durch Polizei. Es war der 10. April 1040. Hinen Jag vor Hitlers Gehurtstag. Vor der v0 genannten Amnestie.“ Markige Reden gegen„jüdisch, bolschewistische Plutokratie“ Wie Kinder von Mitgliedern des politischen Widerstandes drangsaliert und isoliert wurden, wurde an den Bei- Spielen von Artur Roth und Wolfgang Breckheimer verdeutlicht. Wegen des Verdachts auf Mitgliedschaft in der il- legalen KPD waren Artur Roths El- tern Zeitweise in Haft. In seinen Erin- nerungen schreibt er:„Für mich wur dies eine Schwere Zeil. Ioh lehte bei mei- nen Großeltern.(..) Ostern 7933 Kam ich in die Ackermann-Schule, eine Jun- genschile. Wenn meine Mitschiler über inr Elternhaus sprachen, z0g ich mich zurick. Was hätte ich auch erzòhlen SOllen. Mir war wohl Klan dass ich über die Verfolgung meiner Eltern nicht re- den Konnte. Das hatle zur Hoige, duss ich sehr ivoliert wun Da die meisten Schiler in der naheliegenden Siediung wohnlen, hatte ich mit niemand einen gemeinsamen Schulweg. Jch ging im- mer allein in die andere Richtung.“ Wie in der Riederwaldschule der Machtantritt der Nazis sich auswirkte, beschreibt Wolfgang Breckheimer in seinen Brinnerungen:„Un der Schule Z0g der Geist der Unduldsamkeit ein. Die Lehrer prostituierten vich vor den nelen Herren. Bei vielen Gelegenhei- ten, mussten die Schüler aller Klassen im Nofoder in derAula antreten. Pann wuden markige Keden von der natio- nalen EFmebung gegen jüdische, hol Shnwistische Plutolkrutie' und von der Befreilung vom Versuiller Vertrug' ge- halten. Zum Schluss wurden das Deutschlandlied und das Horst- Wes- vel-Lied gesungen. Solunge diese Lie- der erklangen, musste die Hand zum Nitlergruß gehalten werden.“ Die Nürnberger Gesetze von 1935 stempelten Wolfgang Breckheimer zum„Halbjuden“ Seine Mutter Cäci- lie wurde zu Beginn des Jahres 1943 nach Auschwit? deportiert. Im Sommer wurde die Familie benachrichtigt, dass Cäcilie Breckheimer an„allgemeiner Körperschwäche“ gestorben sei. Vormilitärische Erziehung im Landschulheim Wegscheide Generationen Frankfurter Schul- kinder erinnern sich an ihren Aufent- halt im Schullandheim Wegscheide- an Natur und Wald, gute Luft, Abenteuer und Spiele. Kaum eines erfuhr jedoch etwas über die Geschichte der Weg- scheide, obwohl dieser Ort wie kaum ein anderer die Geschehnisse des 20. Jahrhunderts zwischen Krieg und Frie- den widerspiegelt. Nach dem ersten Weltkrieg in den Baracken des ehema- ligen Truppenübungsplatzes errichtet, Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25 Das Orchester der Wöhlerschule mit Lehrer Detlef Münker bei ihrem Auftritt während der Gedenkveranstaltung am 26. Januar 2007 im Gewerkschaftshaus Frankfurt am Main. bestand das Kinderdorf bis in den Sommer 1939. In der Weimarer Repu- blik gehörte das Bhepaar Artur und Wilhelmine von Weinberg zu den För- derern der Wegscheide, er war Jude, sie Christin. Mit ihren Spenden wurden 1929 drei neue Häuser errichtet, eines bekam den Namen Wilhemine-Haus, den es bis heute trägt. Vergessen ist der Leidensweg ihres Mannes, der 1943 in das K?Z Theresienstadt deportiert wur- de und dort verhungerte. Was in den Jahren der Weimarer Republik noch Geländespiele und Na- turromantik waren, wurde ab 1933 zur vormilitãrischen Erziehung. Die„Weg- scheide-Erziehung“ war eine Erzie- hung der Unterwerfung des Individu- ums unter die„Volksgemeinschaft“. Zur gleichen Zeit fanden in unmittel- barer Nãhe des Kinderdorfes die Vor- bereitung des Zweiten Weltkrieges Statt: Auf dem Bombenabwurfgelände Villbach-Lettgenbrunn erprobte die Luftwaffe die Wirk ung neuer Bomben; Sie sollten als erstes der Zivilbevölke- rung von Guernica den Jod bringen, wenig später den Menschen in War- Schau, Rotterdam, Coventry.. Bereits im August 1939 übernahm die Wehrmacht das Kinderdorf und richtete in den Unterkünften das Kriegsgefangenenlager Stalag IX B Bad Orb-Wegscheide ein. Bis Zu 25.000 Kriegsgefangene verschiedener Natio- nen waren hier interniert. Als im De- zember 1941 ein Transport mit 2000 so— wietischen Gefangenen eintraf, gab es für sie- von der Wehrmacht zu„Unter- menschen“ erklärt-keine Unterkünfte. Sie mussten den harten Winter in selbst- gegrabenen Erdhöhlen verbringen; Spuren dieser quer zum Hang gegrabe- nen Höhlen sind noch heute zu erken- 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer nen. Im Frühjahr 1042 waren 1430 dieser Sowjetischen 2 3 2 Gef᷑ d E Ce Sangenen den E— K auf Vernichtung VM 3 dingungen erlegen. An sie erinnert der „Russenfriedhof“ 8 ————— an der Straße nach Villbach-Lettgen- brunn. Der Verein „Die Wegscheide mahnt, den Frieden sichern“ hat in den 1990er Jahren einen historischen Wan- derweg angelegt: er führt u. a. Zu einem Waldaltar aus der Zeit des Ersten Weltkrieges, an dem die jungen Re- kruten von evangelischen und katholi- schen Pfarrern„kriegsreif“ gepredigt wurden, Zum bereits erwähnten„Rus- senfriedhof“ und zum Hindenburg- Stein. Die dort aufgestellte Tafel erin- nert an die Rolle Hindenburgs bei der Frrichtung der nationalsozialistischen Diktatur. Dies Tafel wird immer wie- der beschmiert- wohl von den gleichen Personen, die es nicht lassen können, jedes Jahr zum Geburtstag des Gene- ralfeldmarschalls Gebinde mit Schwarz-weiß-roten Schleifen nieder- zulegen. Lehrerin Frieda Löhnert- eine widerständige Frau Zur Sprache kamen bei der Ge- denkveranstaltung am 26. Januar einige von den wenigen Beispielen, wo antina- zistisch eingestellte Lehrerinnen und Lehrer entweder direkten Widerstand leisteten oder wenigstens unauffällig Gedenktafel an der Merianschule, die an die jüdischen Lehrkräf- te Nelly Fuchs, Aron Albrecht und Carl Beicht erinnert, die von Nazi-Deutschland im KZ ermordet wurden. versuchten, den bedrohten Schülern zu helfen. So überlebte Lehrerin Frieda Löhnert das KZ Ravensbrück. Sie mus- Ste nach dem Krieg um ihre Wiederein- Stellung in den Schuldienst und darüber hinaus elf Jahre um ihre Anerkennung als politisch Verfolgte kämpfen. An der Merianschule erinnert seit 1989 eine Gedenktafel an drei von den National- SoZialisten ermordete jüdische Lehr- kräfte, denen Frieda Löhnert ihre Freundschaft bewahrte. Frieda Löhnert kehrte im Sommer 1945 nach Frankfurt zurück. Das Schulamt bot ihr zunächst die Früh- pensionierung an mit der diffamieren- den Unterstellung, dass sie nicht den EFindruck mache, arbeiten zu wollen. Sie antwortete:, EFine Pensionierung ist mir durchaus unerwlinscht. Joh möchte nicht wegen meiner politischen Einstel- lung im Pritten Keich s0 Unsdgliches gelitten haben und beinahe ums Leben gelommen sein, im nachher in der Pe- molrutie Kaligestellt zu werden. Wenn icn mich ein Vierteljahr nach meiner Riickhkehr noch nicht Krftig genug für den Pienst fiihlte, v0 ist das nicht meine Schuld, Sonderm die Schuld deren die Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 mir zu zweieinhalb Jahren Gefängnis hzw KZ verholfen haben, nachdem sie mich vomer Schon jahrelang gehetzt hatten.“ Am 1. April 1946 konnte Frie- da Löhnert wieder unterrichten. 1951 erhielt sie einen Bescheid von der Behörde, dass sie nicht„wieder- gutmachungsberechtigt“ sei. Es dauer- te noch elf Jahre, bis sie die Anerken- nung als politisch Verfolgte und eine kleine Rente wegen des im KZ erlitte- nen Gesundheitsschadens erhielt. Sie starb 1970 im Alter von 85 Jahren; sie hatte verfügt, dass auf ihrem Grabstein auf dem Hauptfriedhof der Ort ihrer KZHaft-Ravensbrück- und ihr Be- ruf-Lehrerin- Zeugnis für ihr wider- Ständiges Verhalten und die erlittene Verfolgung ablegen. Lieder aus dem Widerstand Den musikalischen Teil der Ge- denkfeier gestaltete das Orchester der Wöhler-Schule unter Keitung von Mu- siklehrer Detlef Münkler. Sie spielten drei Lieder: ein Lied der Zeugen Jeho- vas, das in einem AuBenkommando des KZ Neuengamme entstanden ist, das Lied aus dem Widerstand„Mein Vater ist gefangen“ und zum Abschluss der Veranstaltung das Buchenwald- lied, das alle Gefangenen vereinte in der Hoffnung auf ihre Befreiung. Mieser Beitrag beruht auf Jexten, die erarbeitet und am 26. Januar 2007 voygetrugen vurden von Va Dieckmann, Sabina Kiysch, Erila und Gintmer Krämen Uula Krause-Schmitt, Elisaheth Leluschner und Willi Malkomes. Zusummenstellung- Hans Hinchmann Mein Vater wird gesucht, er Kommt nicht mehr nach Haus. Sie hetzen ihn mit Hunden, vielleicht ist er gefunden ind Kommt nicht mehr nach Hauis Oft Kam zu uns 64 ind fragte, wo ey sei. Wir Konnten es nicht vagen, vie haben uns geschlagen, wir Sehrien nicht dabei. Die Muter aber weint, wir lasen im Bericht, der Vater vei gefangen und hätt' sich aufgehangen das glalh' ich aber nicht. Vy hat ns doch gesagt, S0 etwas tt' er nicht. Es vagten die Genossen, S44 Jdtt' ihn eyschossen gunz ohne ein Gericht. Nelt' weiß ich ganz genau, wurum vie das getun. Wir werden doch vollenden, was er nicht Konnt' beenden⸗ ind Vater geht voran! Das Lied„Mein Vater wird gesucht“ wur- de 1935 oder J936(unterschiedliche Quellenungahenl) von dem Luiendichter Hans Drach verfaßt, der den Tert zur Ver- onung an die nach Prag emigrierte Kom- Ponistin Gerdu Kohlmey sundte. Es wur- de im deutschen Untergrund, vor allem aher von EFmigranten im Exil gesungen. Es wurde mit Noten in der zu diesem Zeit- hunkt ehenfalls hereits nach Prag emi- grierten„Arheiter-Tustrierten-Zeitung“ verõffentlicht und so unter den Antifa- Schistnnen vieler Länder verhreitet. In der Bundesrepuhlik fand es durch politi- Sche Musihkgruppen wie Zupfgeigenhansel Verbreitung. 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Nur die Sterne waren wie gestern Begegnung mit Henryk Mandelbaum Nach meinem eysten Arheitstug wollte ich nicht mehr leben. Ich habe in der Nachitschicht geurbeitel. Für das, was ich in dieser Nacht erlebt habe, gibt es Keine Worte. Wach dieser Nacht wur die Welt nicht mehr die vom 7ag da- voyn mein Lehen war nicht mehr das alte. Jch wur nicht mehr der von ge— vern. Nur die Sterne wuren wie gestern. Sie wuren mein einziger Trosl. Henryk Mandelbaum war Häftling im jũdischen Sonderkommando im Ver- nichtungslager Auschwit?-Birkenau. Ihm ist die Ausstellung„Nur die Sterne waren wie gestern“ gewidmet, die im Ja- nuar dieses Jahres im evangelischen Ge- meindehaus Rodgau-Dudenhofen bei Frankfurt zu schen war. Henryk Man- delbaum war bei der Bröffnung anwe- Send und hat zudem bei zwei weiteren Jerminen in der Umgebung über„seine Arbeit“ im Sonderkommando erzählt. bildungswerk-ks.de. Der Katalog„Nur die Sterne waren wie gestern-Henryk Mandelbaum, Häftling im Sonderkom- mando von Auschwitz 1944/1945(ISBN 3-00-018142.3) ist im Buchhandel oder beim Bildungswerk Stanislaw Hant⸗z (Kassel) zum Preis von 12.50 Euro erhältlich. Henryk Mandelbaum Dieses Kommando des Grauens musste die Leichen der ermordeten Opfer aus den Gaskammern zerren, sie in den Kre- matorien oder auf Scheiterhaufen ver- brennen; vorher waren ihnen die Haare abgeschnitten und die Goldzähne zur weiteren„Verwertung“ herausgebro- chen worden. Die Ausstellung stellt den Menschen Mandelbaum in den Mittelpunkt. Sie macht die Wirkung von Geschichte und Politik auf ein menschliches Einzel- Schicksal sichtbar. Gezeigt wird, wie Henryk Mandel- baum vor dem Krieg mit seiner Familie lebte, der kurze, schreckliche Weg der jüdischen Familie von einem normalen Leben in Verachtung, Verfolgung und Vernichtung; gezeigt wird, wie der junge Man- delbaum in sein eigenes Leben trat, was die Nazis ihm angetan haben und wie er aus der Einsamkeit Seines Leidens ins Leben hat Zzurückfinden können. Die Ausstellung ist in deutsch-polnischer Ko- operation entstanden und wurde 2005 in Oswiecim zum ersten Mal gezeigt. Beteiligt sind das Bil- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29 dungswerk Stanislaw Hantz aus Kassel, die Internationale Jugendbegegnungs- Stätte in Auschwit? und der Verein ge- gen Vergessen für Demokratie. Die Wanderausstellung wurde konzipiert von der Buchautorin Karin Graf(„Zi- tronen aus Kanada, das Leben des Sta- nislaw Hantz“), die auch mehrere Studi- enfahrten der LGA geleitet hat, der Hamburger Historikerin und Politolo- gin Tina Henkel sowie dem Kasseler Fotografen Andreas Dahlmeier. Als ich Henryk Mandelbaum bei der Bröffnung der Ausstellung erlebt habe, war dies für mich ein sehr bewegender und beglũckender Moment, diesen trot? Seiner grauenhaften Lebenserfahrun- gen so liebenswürdigen und humorvol- len Menschen persönlich kennenzuler- nen und mich im Anschluss an seinen Vortrag mit ihm unterhalten zu können. Seinen Glauben an Gott hat er, wie er Sagte, in der Hölle von Auschwitz verlo- ren. Und doch empfand ich bei unserem Gespräch eine unzerstörbare Hoffnung und ein unzerstörbares menschliches Urvertrauen bei ihm. Auch seine hu- morvollen, teils wit?ig-varkastischen Be- merkungen während des Vortrags ha- ben mich beeindruckt. Glücklich bin ich, dass er mir das Standardwerk über das Sonderkommando(das von Fric Fried- ler, Barbara Siebert und Andreas Kilian herausgegebene Buch„Zeugen aus der Jodes?ꝰone“) persõnlich signiert hat. Ich habe ihn eingeladen, uns bei der diesjãhrigen Studienfahrt vom 19. bis 24. August nach Auschwit? als Zeit?euge zu begleiten, was er, wie er mir sagte, gerne tun werde. Ich bin guter Dinge und freue mich auf ein Wiedersehen. Gerhard Herr Neues Denkmal in Zgorzelec Mit viel Ausdauer und Engagement ist es dem Club der ehemaligen KZ- Hüftlinge in Zgor- Zelec gelungen, dass das von ihren Mit- giedern projektier- te Denkmal Zur Er- innerung an die Opfer der NS-Zeit in der Stadt reali- siert wurde. Die LGA gratuliert zu diesem Erfolg. Club-Präsident Sta- nislaw Hantz hier mit einem Foto des neuen Denkmals. 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer LAK besorgt über Anstieg rechter Gewalt Bald keine nachhaltige Opferberatung mehr möglich Das Bundesinnenministerium hat den brisanten Rekord offiiell bestätigt: Die Zahl rechtsextremer Straftaten hat mit mehr als 18.000 Delikten im vorigen Jahr einen Höchststand erreicht. Vergli- chen mit 2005 stieg die Zahl der rechten (VUn) Iaten um 14 Prozent. Für 2006 sei „der bisher höchste Stand politisch rechts motivierter Straftaten zu ver- zeichnen“, sagte eine Sprecherin des In- nenministeriums der Berliner tageszei- tung(ta?). Demnach ist nicht nur die Tahl der sogenannten Propaganda- delikte weiter in die Höhe geschnellt Sondern auch die Gewalt von rechts um acht Prozent auf rund 1.100 Uber- griffe. Das heißt: Im Durchschnitt ereig- neten sich in Deutschland täglich drei rechtsextreme Gewaltdelikte. Bei der Generalversammlung des Internationalen Auschwitz-Komitees (AK) in Oswiecim erlãu- terte Diethardt Stamm vom Vor- Stand der Lagerge- meinschaft Musch- wit?- Freundeskreis der Auschwitzer f (LGA), diese statisti- schen Zahlen an Hand von konkreten Beispielen. Er berichte- te, wie NPD und andere rechtsextremi- Stische Gruppen in der Wetterau auftre- ten und sich Finfluss verschaffen(Siehe Bericht auf S. 8). Dies fand auch Pin- gang in eine am 23. April 2007 veröf- fentlichte Presseerklärung des IAK zur Generalversammlung:„Neben Fragen der zukünftigen pädagogischen Arbeit der Gedenkstätte Auschwitz und der Unterstüt?ung und Betreuung der Uberlebenden in vielen Ländern wurde mit großer Besorgnis über den Anstieg Krem 8.000 rechtse ſegter ſöglcn u ie ut recher Gewalt ve üge hbergie des B u Der pe on Mne Wr Monen ab. eseitunx⸗ vo von Rechtsextremismus und Antisemi- tismus in Furopa und die Rolle der neo- faschistischen NPD bei der Vereinigung der rechtsextremen Kräfte in Deutsch- land diskutiert:, Die Rolle der NPD ißt ahvolll alarmierend. Für lins ist es ina- Zeplahel dass einer Partei, die ihre Geg- ner mit Gewult hedroht und Freiheit und Demokratie beseitigen will von der Ge- Sellschaft ein volcher Aktionsrahmen zu— gehilligt wird', betonte Noach Flug, alter und neu gewählter Präsident des IAK.“ Die LGM sicht einen Zusammen- hang des Anstiegs von rechten Gewalt- taten und politischen Versäumnissen der Bundesregierung sowie der Landes- regierungen. So fehlte es beispielsweise an politischem Willen, bestehende Pro- jekte der Opferberatung gegen rechts dauerhaft finanziell abZusichern. Die ei- gentlich erfolgrei- chen Projektträger mussten Mitarbei- ter kündigen und mühsam aufge- baute Infrastruk- rau— turen preisgeben. om 28. Mär? 20 Dies bab techten Gewalttätern und ihren offenkundigen wie klammheimli- chen Gesinnungsfreunden Auftrieb. Nach Protesten sah es s0 aus, als würde ein vom Bundesfamilienministe- rium mit 5 Millionen Euro ausgestatte- tes Beratungskonzept einen Neuan- fang oder eine teilweise Weiterarbeit er- möglichen. Der Entwurf für die Umset- zung macht diese Hoffnung jedoch zu— nichte. Anders als die bisherigen Bera- tungsteams, sollen nun„mobile Krise- ninternventionsteams“ nicht mehr lang- fristig arbeiten, sondern„anlassbezo- gen“ und„zZeitlich befristet“ um Hilfe deskriminal r Sie bein Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 rufende Kommunen beraten. Sie sollen jedes Mal neu zusammengestellt wer- den- je nach Anlass mit Juristen, Psy- chologen und Polizisten besetzt. Loren? Korgel, Koordinator der Mobilen Beratungsteams ist über- zeugt, dass die geplanten kurzfristigen Feuerwehreinsätze gegen rechts zum Scheitern verurteilt sind.„Die Leute in den betroffenen Orten wollen nie-— manden, der einfliegt, ihnen sagt, wie man es besser macht, und dann wieder abhaut“, warnt er.„In einer so kurzen Zeit wird niemand mit dir kooperie- ren.“ Dem stimmt auch Karl-Georg Ohse, Leiter des Mobilen Beratung- Steams Schwerin, zu:„Kurzfristige Kri- Seneinsät?e sind kein probates Mittel gegen die Faschisierung der Provin?“, Sagt er. Auch die Wissenschaftler, von de- nen die Modellprojekte begleitet und beurteilt worden sind, waren bei der Entwicklung des Entwurfs nicht betei- ligt. Der Bielefelder Politologe Armin Steil sagte der taz:„Wir empfehlen, mehr auf Kontinuität zu setzen“. Hans Hirschmann Integriert-interessiert- deportiert Integriert- interessiert- deportiert. So lautet der Untertitel einer Skizze über Alfred Hahn, einen ehemaligen Di- rektor der Dresdner Bank. Er wurde 1873 in Berlin geboren, war scehr an Kunst interessiert, wurde 1942 mit EFhefrau Cla- ra nach Theresienstadt de- portiert. Beide sowie auch viele Familienangehörige wurden Opfer des Holocaust. So hatten weder Tochter Else noch Schwiegersohn Mfred Werthan als Gehörlose nach ihrer Ankunft in Auschwitz 1943 eine Uberlebenschance. Viel Sichtbares ist von Afred Hahn nicht geblieben außer seinem Haus am Wannsee und einem nicht auffindbaren Liebermann-Gemälde. Zumindest Jeile Seines Schicksals und dem weiterer An- gehöriger hat seine Urgroßnichte So— phie-D. Hleisch recherchiert und in der von der Stiftung Neue Synagoge Berlin- Centrum Judaicum herausgegebenen Reihe„Jüdische Miniaturen“ verõffent- licht. Sie kann dabei Bezüge zu der vor noch nicht allzu langer Zeit veröffent- lichten Studie über die Dresdner Bank herstellen.„Hahns Karriere-vom einfa- Clara, Fl Sse und Alfred Hahn im Jahr 1933 chen Lehrling bis zum angesehenen Di- rektor- und deren abruptes Ende ma- chen die unausweichliche Verknüpfung des Pinzelschicksals mit gesellschaft- lichen Geschehnissen nach- vollziehbar“, urteilt Hermann Simon, Herausgeber der„Mi- niaturen“-Reihe. Sophie-D. Feisch hat anonymen Zahlen in Arisierungsakten konkrete Namen von Opfern und Tä- tern zugeschrieben. So kann Sie die unmittelbare Verant- wortung Albert Speers für die Deportation der Geschwister Hahn nachweisen sowie allgemein das Zusam- menwirken von Behörden und Unter- nehmen bei der„Vermögensverwer- tung“. Sophie-D. Fleischs„Miniatur“ Sollte nicht Zzulet?t auch als Anregung und Aufforderung verstanden werden, die Suche nach Verwandten nicht aufzu- geben, so Hermann Simons Wunsch im Nachwort des Bandes. — Sophie-D. Fleisch: Alfred Hahn (1873-1942), Berlin 2006, 5,00 Buro, ISBN 3-938485-30-2. Weitere Informa- tionen zu Alfred Hahn und der Auto- rin: www.Sdfleisch. de. 32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Michael Jeupen vom„ Bundes verband Information und Beraung für No Verfolg- e in Koln herichtete bei der Generalversummlung des Internationalen Auschwitz- Komitees im April 2007 in Oswiecim über die Versuche, bei der Bundesregierung Hinflß zu nehmen, dass NOpfern eine Verfolgten-Rente zuerkannt wird. Der „Blindesverhand“ wurde 7000 von verschiedenen N- Verfolgtenverbnden, Pux Christi und der Aktion Sühnezeichen/hriedensdienste gegrindet. Die Gelder der vielen Komplizierten Gesetzesregelungen und Härtefonds sind derart gut„ ver- Seckt“, dass viele Opfer Keine Wege durch die bhundesdelutsche Bürohkratie fanden, im ihre Ansprüche geltend zu machen. Hier ist der Bundes verhand für alle Opfer- grluppen Kompetenter Ansprechpurmer Internetuuftritt wwwnsheratung. de. Verfolgten-Rente auch für NS-Opfer gefordert Die Bundesrepublik Deutschland ist staatlicher Nachfolger des Pritten Reiches sowie seit 1990 auch Nachfol- ger der DDR. Dass die Bundesregie- rungen seitdem versuchen, das Un- recht, das in der DDR den von der Stasi verfolgten Menschen zugefügt wurde, als unrechtmäßig anzuerken- nen und„Zumindest materiell wieder- gut?umachen“, ist zu begrüßen. Mit Blick auf die NS-Opfer ist jedoch zu fragen, warum diesen es unendlich schwerer gemacht wurde und wird, materiell entschädigt zu werden. Fest- Stellbar sind gravierende Unterschie- Ehemalige Hãftlinge bei der Kramniederlegung im Hof von Block 11 vor der Todeswand. Vordere Reihe v links: Kazimierz Mbin, Tadeus? Sobolewicz, Noach Flug, Henryk Mandelbaum. de, die in keiner Weise zu rechtfertigen Sind. Deutschland hat während der NS- Zeit die Verfolgung und den Völker- mord geradezu zur Staatsdoktrin erho- ben, Zzudem einen võlkerrechtswidrigen Krieg vom Zaun gebrochen, der Millio- nen Todesopfer forderte. So schlimm Pinzelschicksale von Verfolgten des DDR-Staates auch waren, so wäre es doch perfide, Opfer des NS-Regimes und solche der DDR gegeneinander aufzurechnen. Nun sind aber bei„Wiedergutma- chungsleistungen“ die Opfer des SED- Regimes deutlich bes- Ser gestellt als NS-Op- fer. Dies werde erneut deutlich bei der von der CDUSPD-Bun- desregierung geplan- ten Gesetzesnovelle, wie Michael Jeupen vom„Bundesverband Information und Be— ratung für NS-Verfolg- te“ bei der Generalver- sammlung des Inter- nationalen Auschwit?- Komitees erläuterte. Dabei betonte er aus- drücklich, dass die Ent- Schädigung von SED- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 33 Unrecht zu begrüßen ist. Gleichzeitig hob er jedoch kritisch hervor, dass bei den derzeitig erörterten Vorausset?un- gen sowie der in Aussicht gestellten Höhe von Rentenzahlungen an Anspruchsberechtigte„die erneute Benachteiligung der Opfer des NS-Re- gimes deutlich“ zu Tage trete. Opfern des SEFED-Regimes soll nach den bisher zur Diskussion stehenden Plänen eine Rente von 250 Furo mo— natlich zugesprochen werden. Voraus- Set?ung ist, dass mindestens sechs Mo- nate Freiheitsentzug vorliegen, der aus nicht rechtsstaatlichen Gründen erfolgt war. Die geplante Gesetzes-Novelle müsse im Zusammenhang mit den bei- den ersten Gesetzen zur Unrechtsbe- Seitigung des SBD-Regimes gesehen werden, führte Jeupen weiter aus. Die- 8e zuletzt 1900 geänderten Gesetze Schreiben Ansprüche hinsichtlich einer strafrechtlichen, einer beruflichen und einer verwaltungsrechtlichen Rehabili- tierung fest. So erhält Zum Beispiel wer zu Unrecht Freiheitsent?ug erlitten hat, einen Betrag von 600 DMark pro Haftmonat. Für haftbedingte Gesund-— heitsschäden wird eine Beschädigten- versorgung nach dem Bundesversor- gungsgeset? gewährt. Bei beruflichen Benachteiligungen ergeben sich Zudem Folgeansprüche und weitere renten- rechtliche Begünstigungen. Inwieweit die NS-Opfer gegenüber den Opfern des DDR-Regimes be- nachteiligt sind, machte Michael Teu- pen mit folgender Auflistung deutlich: NS-Opfer haben erhalten: »Für einen Monat Haft Entschädi- gung in Höhe von 150 DM »keine Rentenzahlung »Gesundheitsschadensrente nach dem Bundesentschädigungsgeset? (RBEG) nur bei einer verfolgungsbe- dingten Minderung der PErwerbs- fãhigkeit von mindestens 25 Prozent ⸗Keine Rente für berufliche Schäden Sondern höchstens eine Binmalzah- lung »Keine Berücksichtigung im Bundes- versorgungsgeset? »Heil und Krankenbehandlung, z. B. Anspruch auf Kurmaßnahmen(Zur- zeit nur möglich bei Nachweis der Kausalitãt) ⸗Gesetzlich zugesicherte ergänzende Hilfe zum Lebensunterhalt. Wenn es zu einer tatsächlichen Gleichstellung der materiellen Ent- schädigung und Wiedergutmachung der Opfergruppen kommen soll, müss- te eine rückwirkende angemessene Rentenzahlung für die Opfer des NS— Regimes gefordert werden- und zwar mit Ansprüchen, die vererbbar sind, be- kräftigte Michael Ieupen gegenüber den überlebenden KZHäftlingen bei der IAK-Versammlung. Als Rechenbeispiel führt er an: Rente seit 1960 in Höhe von 250 DPM monatlich, 562 Monate X 250 DM= 138.000 DM, ca. 69.000 Euro.„Da eine Solche Forderung eher nicht durchset?- bar ist, ist zumindest die sofortige tatsãchliche Gleichbehandlung der Op- fergruppen zu verlangen“, betont Teu- pen. Dies würde heißen, dass NS-Opfer zwar nicht rückwirkend eine Rente er- halten, aber zumindest ab dem Zeit- punkt, Zzu dem den SED-Opfern eine zugesprochen wird. Die Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer schlies- Sen sich diesen Ausführungen und For- derungen mit Nachdruck an. Hans Hirchmann Studienreise nach Auschwitz Für unsere Studienfahrt nach Auschwitz vom 19. bis 24. August 2007 können sich Interessenten noch anmelden. Die Teilnehmer treffen sich am Sonntag, 19. August, in Frankfurt/ Main mit Janus? Mlynarski(Auschwitz-Häftling Nr. 355). Am Abend erfolgt der Abflug nach Krakau. In Polen finden Teffen mit den ehemaligen Häft- lingen Kazimierz Albin(Nr. 118), Iadeus? Sobolewicz(Nr. 25053), Henryk Mandel- baum(jüdisches Sonderkommando), Josef Paczynski(Nr. 121) und Prof. Henryk Pierꝰchala(Nr. 152004) statt. Die Fahrt wird geleitet von den Vorstandsmitgliedern Albrecht Werner-Cordt und Gerhard Herr. Die Teilnahme kostet 450 Buro, plus Kosten für eine Ubernachtung in Krakau. Anfragen per EMail unter der Adresse werner-cordt Glagergemeinschaft-auschwitz. de. Informationen zu IGA-Studien- reisen im Internet: wwwlagergemeinschaft-auschwitz. de. Mitgliederversammlung Die Lagergemeinschaft Auschwit?- Freundeskreis der Auschwitzer lädt für Samstag, 22. September, um 15 Uhr zur Mitgliederversammlung mit Neuwahl des Vorstands in die Ton- und Bildstelle der EKHN, Rechneigrabenstraße 10 in Frank- furt am Main, ein. Persönliche Pinladungen an die Mitglieder folgen. Auch inter- essierte Nicht-Mitglieder sind willkommen. Ausstellung im Hochbunker Friedberger Anlage 5/6 in Frankfurt/ Main Ostend-Blick in ein jüdisches Viertel Diese ursprünglich im Jüdischen Museum gezeigte Ausstellung ist in einer verkleinerten Version im Geschichts- büro Friedberger Anlage im Hochbun- ker Zzu sehen. Der 1942 errichtete Bun- ker steht auf den Fundamenten der größten Frankfurter Synagoge, die am 10. November 1938 zerstört und spãter abgerissen wurde. Die„Initiative 9. No- vember“ bemüht sich, diesen Ort zu ei- nem Ort der Frinnerung, des Lernens und der Auseinandersetzung mit Ge- Schichte und Gegenwart zu machen. Die Ausstellung ist geöffnet sonntags von 11 bis 14 Uhr. Führung jeweils ab 11.30 Uhr oder für Gruppen und Schul- klassen auch nach telefonischer Verein- barung mit dem Jũdischen Museum, Je- lefon(069) 21238804. Fintritt 2 Buro, Führung zusätzlich 1,50 Huro. Die„Initiative 9. November“ berei- tet für den 29. und 30. September 2007 ein Symposion zum zukünftigen Nut- zungskonzept des Bunkers vor. Weitere Informationen demnächst im Internet: www. Synagoge-friedberger-anlage. de. Stoppt Nazi-Aufmarsch am 7. Juli in Frankfurt Neo-Nazis haben für Samstag, 7. Juli 2007, eine Großdemonstration in Frankfurt am Main angemeldet. Zu Gegenaktionen haben das Römerbergbündnis sowie die Anti-Nazi-Koordination aufgerufen. Infos im Internet(www. nogonazi. de. vu/). Auf aktuelle Entwicklungen bitte auch in den Jageszeitungen achten.