LAGERGEMEINSCHAfFT AUSCFHWTZ FREUNDESKREIS DER AUSCFHWTAZER ————— — 1*£** w„ T— g. — 3*„.— 1+ E„ 2. 25. Jahrgang, Heft 2 Mitteilungsblatt, Dezember 20035 Stolz und Scham „Wir sind stolz, dass Anne Frank Frankfurterin war“, zitierte die Frank- furter Rundschau im März dieses Jahres den Kulturdezernenten Hans-Bernhard Nordhoff(SPD). Bei einer Gedenkver- anstaltung im Historischen Museum der Stadt anlässlich von Anne Franks 60. Todestag sprach Nordhoff zudem von„Nazi-Schergen“, die Anne Frank in den Tod getrieben hätten. Als„vermessen“ kritisierte der His- toriker Götz Aly diese Sprach- und eine Randnotiz Sichtweise.„Es kann nur ein Stolz sein, der mit Scham und Schande durchsetzt ist. Stol? müsste man auf die Menschen sein, die der Familie Frank im Versteck geholfen haben. Aber das waren Hollän- der“, entgegnete er. Auch habe Anne Frank in ihrem Tagebuch nie von Nazi- Schergen geschrieben, sonden von„,den Deutschen“, inofern werde das Wort Nazi-Schergen der Realität nicht ge- recht, widersprach Aly dem Dezernen- ten.(Zu Gõtz Al/ viehe Seite 26 10 Inhaltsverzeichnis Seite „Wir waren doch tote Menschen“ 2 Findrũcke von einer Studienreise nach Auschwit? Der„Kleine Pole“ und Kommandant Höß 6 Wie Jozef Paczynski Friseur wurde Dank für Spenden 7 Besuch in der Ambulanz für ehemalige KZHãäftlinge Erinnerung an Hermann Reineck 8 Pine Würdigung zum 10. Todestag Lieselotte Thumser-Weil starb vor zehn Jahren 10 Melanie Spitta ist tot 12 „Ich hatte viel Glück“ 13 Veranstaltung mit dem MonowitzHãftling Peter Woflff Vernichtung auf der Todesstiege 15 Besuch in der Gedenkstätte Mauthausen Die Frage nach dem„Wert des Lebens“ 18 Die Futhanasie-Gedenkstätte Schloß Hartheim Ernst-Klee-Schule in Mettingen 20 Ich war die Nummer 45837 23 Fugenia Bozena Kaczynska überlebte das Birkenauer Frauenlager Wie konnte das geschehen 26 Zu zwei Neuerscheinungen von Gõtz Aly und Harald Welzer Das Antlitz von Auschwitz 29 Uber den Wert des„Auschwitz Albums“ und den Umwert der neuesten Edition Impressum 21 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 1 2005/ 2006: Ein gutes neues Jahr Unsere herzlichen Wünsche gelten den Opfern, den Uberlebenden von Auschwitz, den Zeitzeugen, deren Er- innerungen sich dem Gedãchtnis der Menschheit eingeprägt haben. Durch sie wissen wir auch von ihren Leit densgenossen, deren Namen, deren Lebensgeschichte und deren Tod nicht vergessen sind, weil Menschen sich er- innern und das Erinnerte bewahren. Wir grüßen Kazimier? Albin und Ja- nusz Mlynarski und die Mitglieder der Organisationen ehemaliger Hãäftlinge in Krakau, Warschau und Zgorzelec so- wie deren Prãsidenten JoZef Paczynski, Kazimier? Bokus, Tadeus? Szurmak und Stanislaw Hantz. Wir grüßen Wadyslaw Bartos?Zewski, der an die in seinem„Beisein gequälten, sterbenden Menschen? erinnert, die ihn baten:Du bist jung, Nu hast vielleicht Chancen zu überleben. Du musst erzählen! Du musst Zeugnis ablegen, das darf nicht vergessen werden!“ Er spricht mit denselben Worten, die auch Tadeusz Sobolewicz ge— braucht, von einem„persönlichen Auftrag“, den er übernommen habe. Pieser Auftrag ist von den Grün- dern der Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer an die nachfolgenden Generationen weiterge- geben worden. Wir erinnern in diesem Heft an Hermann Reineck und an Lie- Selotte Thumser- Weil. Wir bringen Auszũge aus den Le- benserinnerungen von Eugenia Bozena Kazynska: wir berichten über einen Vortrag des Auschwitz- Uberlebenden Peter Wo'fff. Und wir grüßen Henryk Pierzchala, der sein Lebenswerk, das Buch über die„Sonderaktion Krakau“ zu einem guten Ende gebracht hat. Nicht zuletzt schreiben wir auch über Menschen, die helfen, die Schmer- zen zu lindern. All das folgt aus jenem Auftrag. Und all das kostet Geld. Wir bitten Sie wieder um eine Spende. Und wir sagen Dank, dass Sie uns unterstützen. In diesem, nun fast verstrichenen Jahr haben wir für medizinische Ver- sorgung und Betreuung in den Klubs der ehemaligen Häftlinge und für Rehabilitation Spenden in Höhe von 12.000 Buro weitergeleitet. Wir freuen uns, wenn es gelingt, in derselben Hõhe auch im nãchsten Jahr helfen zu können. Ihnen allen erholsame Feiertage und ein gutes, neues Jahr. Auf der Mitgliederversammlung am 26. November wurde der Vorstand für weitere Zwei Jahre im Amt bestãtigt. Mit guten Wünschen Gerhard Herr Hans Hirschmann Martina Hörber Annedore Smith Diethardt Stamm Matthias Tissen Albrecht Werner-Cordt 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Vom ↄ5. his zum ↄ MtOher ↄ005 voransfalteté die Lagergemeinschaft Auschwitæ PolumndesKreis der Aluschwitzer Unter der Leitung ihres VOfandsmitoiodes, des tOriMers Andreas Kiian, eime Sfudienreise nach Auschwitz Und Krakau. Auf dem Programm der 15 Jeinehmer standen neohen Rlundgngen durch das Stamm- Jager(Auschwitz N, durch Birkenau(Auschwitz TU und Monowitz(Auschwitz ID auch Gesprache mit Zeitzollgen s0wie Sadthrungen durch Qwiecim und Kra- Kau. Phens0 Wrden der Vorhand ehemaliger Fftinge in Kralkau und die dortige Ambanz für die Qpfor der Konzentrationsager hesuchf. „Wir waren doch tote Menschen“ Von Martina Hörber „Ich gehöre zu den Sterbenden. Es ist meine Pflicht, Ihnen meine Erleb- nisse weiterzugeben.“ Mit diesen Wor- ten erinnerte der Auschwitz-Uberle- bende Tadeus? Sobolewicz die Gruppe daran, dass heute nur noch wenige Zeit?eugen existieren, die von ihren Erlebnissen in den nationalsozialisti- schen Konzentrationslagern berichten können. Gleichzeitig gab er diese Pflicht und Verantwortung an die Zuhörer weiter, indem er die Gruppe ermahnte, an seiner und der Stelle der vielen Ermordeten die Erinnerung auch weiterhin an nachfolgende Gene- rationen weiterzugeben. Während des Zeit?eugengesprächs berichtete Sobo- lewic? von seiner Verhaftung im Sep— tember 1941 wegen der Mitarbeit in ei- ner Widerstandsorganisation und von seinen Erlebnissen in Auschwitz und fünf weiteren Konzentrations- bzZw. Außenlagern. „Dante hatte keine Ahnung, was Hölle bedeutet“, s0 Sobolewicz, der nach dem Krieg eine Schauspielausbil- dung absolvierte und viele Jahre an polnischen Bühnen arbeitete, über das Lager Birkenau. Auf die Frage, ob ihm während der Lagerzeit auch„huma- nes“ Verhalten begegnet sei, nannte er einige Ausnahmen, wie z. B. den Fall ei ner Krankenpflegerin, die durch den Tansport von Informationen und Me- dikamenten Widerstandsgruppen un— terstũtꝰte. Auch die keineswegs selbst- verstãndliche Solidarität unter den Hãäftlingen hob Sobolewicz in diesem Zusammenhang hervor. Er erinnerte hier an Hermann Reineck, den Grün- der der Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis, der in Auschwit? Mit- hãftlingen half, so gut er konnte. Als„Positives“ Beispiel eines SS- Mannes konnte er lediglich einen Fall nennen, als er beim Rauchen einer Zi- garette erwischt wurde.„Er hat mich nur geschlagen“, s0 Sobolewicz. Wäre er gemeldet worden, so hätte ihn eine weit schlimmere Strafe erwartet. Als eindringliche Bitte gab er seinen Zuhq- rern die Mahnung mit auf den Weg, daran mitzuwirken, eine Welt ohne Hass aufzubauen, die Toleranz und Vertrauen gegen Gewalt und Vernicht tung setzt. Ahnlich formuliert es Henryk Mandelbaum, als er der Gruppe auf dem ehemaligen Krematoriumsgelän- de in Birkenau von seinen Erlebnis- Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 3 — „ —— resten der Krematorien in Birkenau. sen berichtet. Er wünscht sich eine Welt, in der die Menschen freundlich zueinander sind, x anstatt immer weit ter in Kriege und Waffen zu investie- ren. Mandelbaum war Hãftling im so- genannten Sonderkommando in Bir- kenau, welches in den Gaskammern und Krematorien eingesetzt wurde, um beispielsweise die Leichen der Er- mordeten aus den Gaskammern her- auszutragen, Goldzähne zu entfernen und die Kõrper dann zu verbrennen. Für diese auch körperlich schwere Arbeit wurden kräftige junge Häftlin- Henryk Mandelbaum, Uberlebender des Sonderkommandos in Auschwitz, an den Uber- ge ausgewählt. Wenn er von dieser Zeit berichte, dann sehe er alles wieder, als ob es gerade erst passiere, so0 Mandelbaum. „Ihr Kkönnt das nicht schen.“ Die Frage, ob er sich auch an ein positives Erlehnis im Lager erinnern könne, verneint er. „Wir waren doch tote Men-— schen“, antwortet er und be— richtet, dass es s0 etwas wie Freundschaft in dieser Zeit nicht gegeben habe, da Klar ge- ween sei, dass alle der Tod er— warte, und es„kKeinen Zweck“ hatte zu wissen, wie jemand hieß oder woher er Kam.„Es war sehr schrecklich“ wieder- holt er immer wieder und streicht in Gedanken mit seit nem Gehstock im Laub her— um. Die Willkür der Nazis macht er unter anderem deut- lich, als er berichtet, wie wegen des Aufstandes einiger Sonder- kommando-Hãäftlinge das ge- samte Sonderkommando zu— sammengetrieben wurde. Alle mussten sich auf den Bauch le- gen, und jeder Dritte wurde in den Hinterkopf geschossen. Er blieb ver- schont. Doch trotz alledem sei immer noch eine Hoffnung und ein Lebens- wille vorhanden gewesen, ohne den er diese„Arbeit“ nicht hätte erledigen können. Er vergleicht die Zeit im La- ger mit einer Lotterie, bei der jeder ge- winnen wolle, doch nur sehr wenige am Ende wirklich Glück haben. Fin weiteres beeindruckendes Er- lebnis für die Teilnehmer der Studien- reise war die Begegnung mit ehemali- gen Häftlingen in Krakau. Deren Ver- 4 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer band hatte zu Gesprächen † und einem Imbiss ins jüdi- sche Kulturzentrum einge- laden. Präsident Josef Pac?zynski begrüßte die Gruppe und bedankte sich für die seit vielen Jahren ant dauernde Unterstũtzung der Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwit?er. Auch in diesem Jahr wird der Ver- band wieder eine Spende in Höhe von 2.500 Euro erhal- ten. Paczynski berichtete, Sobolewicz, welcher die Ubersetzung ins Deutsche übernahm, von seiner Zeit im Lager als Friseur des Komman- danten HIõss sowie von seinen Vortrã- gen vor Jugendlichen in Polen und Deutschland. Im Anschluss bestand die Gelegenheit, sich in individuellen Gesprächen mit den ehemaligen Hãäft- lingen aus?zutauschen. Tenor bei allen war die Betonung der Wichtigkeit von Versõhnung und Freundschaft. Die Gruppe war sehr dankbar und gerührt ũber den herzichen Empfang. Die Ausbeutung der Häftlinge durch das Nazi-Regime und die Wirt- schaft wurde auch deutlich beim Rundgang durch das Dorf Monowitz, welches sich heute wieder auf der Fläche des ehemaligen Außenlagers (Auschwitz III) befindet. Die IG Far- ben hatte sich im danuar 1941 dafür entschieden, ihr viertes Bunawerk (Buna ist ein synthetischer Kautschuk, der für die Kriegsproduktion benötigt wurde) in Monowitz zu errichten. Grund für die Standortwahl war zunächst die durch die Nähe der Flũs- Fin Denkmal erinnert an das KZ Auschwitz- Monowitz unterstũtzt durch Tadeus? und die Opfer der Zwangsarbeiter.(LGAArchiv) se Sola und Weichsel günstige topo- graphische Lage. Zentraler Knoten- punkt war Monowitz auch durch die günstige Verkehrsverbindung, ein na- he gelegenes Elektrizitätswerk sowie Salzgruben und Kohlebergwerke. Für den Aufbau des Werks wurden zunächst Zivil- und Zwangsarbeiter, Spãter auch Hãftlinge des Konzentrati- onslagers Auschwitz, welche für vier bis sechs Reichsmark von der SS an die I6 Farben vermietet wurden, ein- gesetzt. Um die langen Fußwege zu vermeiden und die Arbeit effizienter zu gestalten, wurden im Frühjahr 1941 die Einwohner von Monowitz ausge- siedelt, und an Stelle des Porfes wurde ein Lager errichtet, welches insgesamt rund 35.000 Häftlinge durchliefen. Die Industrieanlagen sind heute unzugänglich, sie werden zum Teil von anderen Firmen weiterhin genutzt. Vom ehemaligen Lager Monowitz ist kaum noch eine Spur zu sehen. Die Finwohner rissen nach dem Krieg die Baracken ab und erbauten auf ihren Grundstücken neue Wohnhäuser. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 5 Andreas Kilian zeigte der Gruppe dennoch einige Kaum wahrnehmbare noch vorhandene Spuren, wie die Bunker am Rand des Lagers, die für die Wachposten erbaut wurden, sowie Teile von Baracken, die in Wohnhäu— Ser integriert sind oder die ehemalige Blockführerstube, die heute als Wohn- haus genutzt wird. Auch die ehemalige Schmiede und ein Teil der Lagerküche Sind bis heute vorhanden. Bei den Stadtrundgängen durch Oswiecim und Krakau lag der Schwer- punkt auf der Geschichte der jüdi- schen Bevölkerung. Auschwitz, wel- ches vor dem zweiten Weltkrieg mehr als 50 20 jüdischer Einwohner hatte, wurde auch„das OQOswiecimer Jerusa- lem“ genannt. Es herrschte ein blühendes kulturelles und gesell- Schaftliches Leben, in dem die jüdische Bevölkerung eine bedeutende Rolle Spielte. Die verschiedenen Religionen lebten hier relativ harmonisch zusam- men. Ab 1941 wurde die jüdische Be- võlkerung in Ghettos und später in Konzentrationslager- einige davon in das KZ Auschwit?- deportiert. Oswie- cim sollte zur„Musterstadt“ der deut- schen Ostsiedlung umgebaut werden. Den Krieg überlebten nur einige Hun- dert der vorher rund 8.000 huden, die meisten Uberlebenden wanderten aus Polen aus. HeEute ist von über zwanzig Synagogen nur noch eine einzige er- halten. Hier wurde im September 2000 ein jüdisches Begegnungszentrum ein- gerichtet. Ein wirkliches jüdisches Le- ben gibt es allerdings nicht mehr- der letzte in Oswiecim lebende hude ver- starh vor einigen Jahren. Ahnlich sieht es in Krakau aus von den rund 45.000 Juden, die 1939 noch dort wohnten, überlebten ca. 5.000 den Zweiten Weltkrieg. Heute zählt die jüdische Gemeinde noch rund 150 Mitglieder, und nur noch ei— ne der sieben in der Stadt vorhande- nen Synagogen wird noch für Gottes- dienste genutzt. Witere Fotos der Sudienreise Hn- den Sie auf unserer Infernetseite nter ww agergemeinschaft-aluschwitæ. e. — — Die Reisegruppe mit ehemaligen Hãäftlingen im jüdischen Kulturzentrum Krakau. In der Mitte Vorsitzender Jozef Paczynski und 5. v rechts Tadeusz Sobolewicz. 6 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Der„kleine Pole“ und Kommandant Höß Wie Hãäftling Jozef Paczynski Friseur wurde „. Otto Küssel, Häftling Nr. 2, der den Arbeitseinsatz leitete, suchte mich aus und beschäftigte mich in dem von seinem Kameraden Arno Ben, Nr. 8, ge- leiteten Friseurladen. Ich wurde durch- aus gut behandelt. In dem Laden wurden verschiedene Friseurartikel und Kosme- tika verkauft. Außerdem gab es ein paar Frisiersessel. Zu meinen Pflichten gehör- te es, sauber zu machen, aufzuräumen und neue Ware in den Regalen auszule- gen. Zutritt zu dem Laden hatten natür- lich nur Deutsche. Arno arbeitete als Fri- seur, und ich war sein Gehilfe. Man kann sagen, ich war sein Lehrling. Bei Arno ließen sich Offiziere rasieren und die Haare schneiden, darunter auch Kom- mandant Hõß. Nach einiger Zeit versuchte auch ich mich im Haareschneiden. Und so fing es an. Die ganzen vier Jahre und sieben Monate arbeitete ich unter den Deut- schen. Nach einiger Zeit fiel Arno Ben, der Hõß die Haare schnitt, in Ungnade. Es kamen SS-Leute, fesselten ihn, und dann habe ich ihn nie mehr gesehen. An seiner Stelle übernahm ein an— derer Deutscher, ein rückfãlliger Krimineller (ebenfalls Friseur), die Funktion des Kapo. Et- was später kam Höß, † Setzte sich, und der neue Deutsche schnitt ihm die Haare. Doch nach zwei Wochen kam statt HöB ein Unteroffizier der S8 und sagte, Kommandant Höß wünsche, der kKleine Pole' solle kommen, um den. Der kleine Pole', das war ich. Mir zitterten Hãnde und Füße. Ringsum gab es s0 viele gelernte Friseure, und nun Sollte dieser kleine Pole kommen?ꝰ Doch Befehl ist Befehl. Die Jungs packten die nõtigen Uterilien zusam- men und schärften mir Rasiermesser (das konnte ich nãmlich nicht). Und der Unteroffizier führte mich zur Villa von Kommandant Höß. Am JTor übernahm mich Frau Hõß. Ich war furchtbar einge- schüchtert. Man brachte mich ins Bade- zimmer. Port stand schon ein Stuhl be- reit. Einen Augenblick spãter kam Hõß. Ich stand stramm. Er setzte sich, nahm eine Zeitung, steckte seine Zigarre in den Mund und sagte keinen Ton. Kein Wort von mir an ihn, keines von ihm an mich. Ich war sprachlos vor Angst, und er aus Ekel vor den Hãftlingen. Ich hatte geschen, wie Arno ihn fri— siert hatte, und machte es genauso. Ds war kein Kunststück. Ich schnitt ihm die Haare und packte alles Zusammen. Der Unteroffizier kam und brachte mich ihm die Haare zu schnei- korski:„Sie haben überlebt“, Warschau 2002 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 7 zurũck ins Lager. Und damit begannen meine Besuche bei Hõß. Ich frisierte ihn und seine beiden Sõhne. Aerdings habe ich nie ein Wort mit Höß gewechselt. Er war elegant, peinlich sauber, mundfaul. Selbst mit den Offizieren unterhielt er sich nicht. Wenn jemand nicht wußte, wer Hõß war, hätte er ihm nie auch nur das Geringste vorwerfen können. Hõß hat niemals jemanden geschlagen. Er unt terschrieb nur die Befehle..“ Diese Prinnerungen von Jozef PaczynsMi vind in einem ↄ002 von C. Galezia und K. BialosKorMi in Warschau erschienen Band enmommen.„Se haben üherleht Jautet der deuische Titel dieses vom Verlag„Dom dawinicz Bellona“ herausgegebenen Bu- ches(BN53JT095740). Es enthãlt je- weils in drei Prachen(polnisch, englisch, deutsch) Kurzhiograßien von 55 ehemaligen Auschwitz-Häfllingen sowie Ausschnitte aus deren Frinnerungen an ihre Lagerzeit. Dank für Spenden EFin Besuch in der Krakauer Ambulanz für ehemalige Hãäftlinge Von Martina Hörber Die leitende Arztin, Dr. Helena Slizowska, berichtete von der dort seit nunmehr 17 Jahren geleisteten Arbeit und freute sich sehr über die Spende des Freundeskreises der Auschwitzer von 1.000 Euro. Dr. Slizowska betonte, dass die be- Ssondere Situation und Geschichte der ehemaligen Hãäftlinge auch in der medi- zinischen Betreuung Berücksichtigung finden müsse. Die Anforderungen want deln sich im Laufe der Zeit, da die mei- sten betreuten Personen heute ein Mter von ũber 80 Jahren erreicht haben und viele nicht mehr in der Lage sind, selbst in die Ambulanz zu kommen. Aus die- sem Grund werden Hausbesuche durchgeführt. Um die rund 2.000 ehemaligen Hãäft- linge in Krakau und der näheren und weiteren Umgebung auch weiterhin be- treuen und die Hausbesuche bei— behalten zu können, ist die Ambulanz auf Spenden angewiesen, da es s0 gut wie keine staatlichen Zuschüsse gibt. Ebenso betonte die Leiterin die Wich- tigkeit der freiwilligen Helfer, welche aus verschiedenen Ländern meist für ein Dr. Helena Slizowska Jahr nach Krakau kommen, um sie mit großem Engagement bei der Betreuung der Patienten zu unterstũtzen. Die Ambulanz verfügt über zwei Be- handlungsräume und wird von zehn Arzten und mehreren Pflegerinnen und Therapeuten im Wechsel betreut. Im Aufenthaltsraum wurde eine Kleine Vi- trine mit Fotos und Erinnerungsstũcken der ehemaligen Häftlinge eingerichtet, welche auch aus Spenden der Lagerge- meinschaft finanziert wurde. 8 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Erinnerungen an Hermann Reineck Fine Würdigung zum 10. Todestag Von Gerhard Herr Vor fast 10 Jahren starb am 29. De- zember 1995 mein lieber Freund Her- mann Reineck, der Initiator des Gedan- kens, in der Bundesrepublik eine Vereinigung ehemaliger Auschwitzhäft- linge und ihrer Freunde zu gründen, der bis heute aktiven„Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Ausch- witꝰer“(¶ GA). Die Gründung unserer Vereinigung wurde 1979 zusammen mit einigen mittlerweile auch nicht meh le⸗ benden„Auschwitzern“, Hermanns spã- terer Frau Anni, die er beim großen Frankfurter Auschwitz-Prozess kennen gelernt hatte, und einer Reihe deutscher Freunde bewerkstelligt. Die von ihm be- gonnene Arbeit, zu seinen ehemaligen Kameraden besonders in Polen- Kon- takt zu halten und sie sowie ihre An- gehörigen zu unterstũtzen, trãgt bis heu- te ihre Früchte. Wir bemühen uns, auf verschiedene Art und Weise, die Verbre- chen des NSRegimes nicht vergessen zu lassen und heute unter verãnderten Be- dingungen gegen Rassismus, Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit zu kämpfen. Hermann lernte ich im Herbst 1983 im Vorfeld zu einer Studienfahrt nach Auschwitz, Krakau und Warschau ken- nen, als ich ihn und Anni zu den vorbe- reitenden Ireffen nach Frankfurt fuhr. Mit etwas Aufgeregtheit und klopfen- dendem Herzen brachte ich die erste Fahrt hinter mich, denn ich wusste nicht recht, wie ich mich einem Menschen gegenüber verhalten sollte, der die Schrecken von Auschwitz überlebt hat- te. Aber Hermanns gewinnende, ver- schmitzte und charmante Wiener Art beseitigten schnell alle Unsicherheiten. Die Reise wurde Anlass, der LGA hei- zutreten und mich bis heute für ihre Ziele zu engagieren Viele„Ehemalige“ habe ich durch ihn Kennen gelernt- Mitreisende der 83'er Fahrt und eine noch größere Zahl in Polen. Unvergesslich sind mir der er- ste Gang durchs Stammlager, durch die Mordfabrik Birkenau unter seiner und seines Freundes Tadek S?ymanskis Führung und die vielen von ihm vermit- telten Gespräche mit dem damaligen Museumsdirektor Kazimierz Smolen. Viele seiner Freunde aus Lagerzeit und Widerstand im KZ lernte ich damals kermen, aber auch danach, wenn sie in Neutschland bei ihm und Ami oft für viele Wochen- zu Besuch waren. Beide führten ein offenes und gastfreundliches Haus: diese von ihnen praktizierte Gast- freundschaft durfte ich in vielfältiger Weise dann auch selbst bei polnischen Freunden erleben. Seine mir oft erzählte, und immer wieder mit neuen Petails versehene po- litisch- kämpferische Biografie faszinie- ren mich bis heute. Unermüdlich war sein Bemühen, Vergessen zu verhindern, aber Vergebung zu erlauben: dies erfuhr ich auch durch viele seiner und dann spã- ter auch meiner Freunde in Polen und Neutschland in vielfältiger Weise. Her- manns Arbeit vor allem mit jungen Ment schen in Schulen, Gewerkschaften, Par- teien und Kirchen ging oft bis an den Rand der physischen Erschöpfung. Fas- zinierend waren der Pindruck und die authentische Uberzeugungskraft, die er Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 9 Als„Mahner von Auschwitz“ wurde Hermann Reineck auf diesem Bild des im vorigen Jahr verstorbenen KZHãäftling Stan Zak-Kaminski dargestellt. Er hat ihm den deutsch- polnischen Titel„Ich weiß noch.. gegeben. Joachim Proescholdt hat das Bild im Mitteilungsblatt(Juli 1996) ausführlich besprochen. ausũbte. Ich habe dies bei vielen Einla- dungen in von mir unterrichteten Klas- Sen erlebt. Für seine einstigen Kameraden hat er sich in Zeiten wirtschaftlicher Not in Polen bis zur„Wende“ mit tatkräftiger Unterstũtzung von Anni und vielen deutschen Freunden mit aller Kraft ein- gesetzt. Unvergessen sind mir unsere Pa- Ketpackaktionen unter Annis strenger Regie zu Weihnachten und Ostern, die oft bis tief in die Nacht dauerten, unsere „Polentransporte“. Hermann und Anni hatten schon im Vorfeld durch ihre gut- en Beziehungen kostenlose LKW mit Fahrern meist aus dem Verein besorgt, die dann am frühen Morgen starteten. Was wurde da alles verladen von Le- bernsmitteln über Medikamente bis hin zu medizinischem Gerät, das bei den Empfängern hoch willkommen war. Diese Aktionen haben sein hohes An- sehen und das unseres Vereins in Polen maßgeblich begründet. Die LGM setzt diese Arbeit in ver- änderter, der heutigen Situation ange- messenen Form auf vielfache Weise fort. Dabei sind wir- wie Schon damals auf Spenden von Freunden und Mitgliedern angewiesen. Hermann selbst verzichtete für seine Arbeit auf angebotene Ho- norare und stellte sie unserer Arbeit zur Verfügung.„Ich will mit Auschwitz kein Geld verdienen“, war eine seiner oft gehörten Kußerungen. Leicht war der Umgang mit ihm manchmal nicht, wenn er unerbittlich seine„Linie“ vertrat und uns„ nahe leg- te“, wie wir zu denken hätten. Größere oder kleinere Zerwürfnisse konnten da nicht ausbleiben. Trotz alledem bleiben seine Geradlinigkeit, seine Standhaftig- 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer keit und seine durch persönliches Schicksal beglaubigte Vorbildlichkeit uns eine lebenslange Verpflichtung. In seinen letzten Lebensjahren nah- men seine gesundheitlichen Probleme- er besaß nur noch ein Prittel des Magens und hatte mehrere Herzinfarkte über- lebt- immer mehr zu und führten nach immer häufigeren Krankenhausaufent- halten schließlich zu seinem Tode. Am 9. anuar 1996 wäre er 77 Nahre alt ge- worden. Zum Abschied von ihm im Butzbacher Bürgerhaus hatten wir ein- geladen mit den Worten„Wir trauern um einen wahren Menschen?und einem Zitat von Bertolt Brecht:„Wenmn die Bekämpfer des Unrechts ihre verwunt deten Gesichter zeigen, ist die Ungeduld derer, die in Sicherheit waren, groß.“ Groß war die Trauergemeinde. Hermann Reineck war uns Vorbild und Freund. Mein Leben hat er bis heute entscheidend mitgeprägt: das möchte ich ihm nie vergessen. Danke, Hermann Dein Freund und Mitstreiter Gerhard Zum 10. Todestag von Lieselotte Thumser-Weil Von Ursula Krause-Schmitt Vor wenigen Wochen hatte ich an- lässlich der Jahrestagung der Lagerge- meinschaft Ravensbrück/Freundes- kreis in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück die Gelegenheit, über das in weiten Bereichen noch immer unzugängliche Gelände zu gehen und mich über die gestalterischen Zielpla- nungen zu informieren. Spätestens im inzwischen in seiner äußeren Hülle re- staurierten, doch im Innern weitge- hend leeren und kalkig geweißten In- dustriehof wurden meine Erinnerun- gen an Lieselotte Thumser-Weil ge- genwärtig: Hier, in der Schneiderei, hatte der SSMann Opitz ihren Kopf auf die Zacken der Nähmaschine ge- schlagen.. Ich erinnerte mich an je— nen kalten Tag im November 1994, als Lieselotte zum ersten Mal wieder jene Gebäude betrat, um Loretta Walz vor laufender Kamera über dieses brutale Geschehen zu berichten. Auf dem Weg dorthin wurden ihre Schritte immer langsamer: es schien, als ziehe sie sich immer stärker in sich Selbst zurück, langes Zögern, bevor sie den Fuß in das graugrüne Dunkel setz- te. Das, was als„Kückzug in sich selbst“ erschien, war keine Suche nach Schutz und Halt gewesen, es war die äußerste Anspannung, die notwendig war, um sich erneut dem Erlebten auszusetzen. „Die Seele der Opfer“, so formulierte es Lieselotte einmal,„kennt keine Ver- jährung. Ich erlebe es immer aufs neue, als wäre es heute.“ Diese Qual der Er- inmnerung nahm sie immer wieder auf Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 11 sich, wenn sie vor Schulklas- sen, Jugend- und Frauen- gruppen über ihre Lager- erfahrungen, die Zeit der äußersten Er- niedrigungen berichtete. Die Wahrheit berichten: Das hieß für Lieselotte, ganz prãzise und nur das Zu sagen, was sie selbst erlebt hatte. Sie prüfte ihre Erinnerungen immer wie- der, verglich sie mit denen anderer Ka- meradinnen, die an denelben Orten in diesem von der 8S8 beherrschten Uni- versum gelebt hatten. Sie bestand dar- auf, dass eine Annäherung an die Rea- litãt von Ravensbrück, wenn überhaupt, nur facettenartig über die vielen, ganz unterschiedlichen, sich zum Teil über- schneidenden oder auch wider- sprüchlichen, in allen Fãllen jedoch per- sõnlichen Erfahrungen der hier Gefant genen geschehen kann:„Jede von uns hat Ravensbrück anders erlebt und ant ders verarbeitet.“ Sie war sich schmer?- lich bewusst, dass ihr Zeugnis eine der vielen Facetten ist und dass das Erleben S0 vieler Frauen für immer verloren ist: „ICch war nur ein Teil der Massen.“ Für Lieselotte, die sich auch in den Vorstand der Lagergemeinschaft Ra- vensbrück/Freundeskreis hatte wählen lassen ein für sie eher ungewöhnlicher Entschluss—, war Ravensbrück- wie für alle Uberlebenden- ein großer Fried- hof“. In die zähen Auseinandersetzunt gen, die die Lagergemeinschaft Ravens- brück/Freundeskreis führen musste, um die Zerschneidung des Lagergeländes durch die geplante Trasse der Bundes- straße 96 zu verhindern, hatte sie empört eingegriffen:„Das hier ist ein Friedhof. Will man auch darüber Gras wachsen lassen? Dagegen müssen wir etwas unternehmen!“ Der Bau der Straße über Lagergelände konnte schließlich verhindert werden. Lieselot- te hätte, wenn sie diese Entscheidung noch erlebt hätte, wohl„so gehört sich das auch!“ gesagt, um im nächsten Atemzug die in ihren Augen dringen- den Gestaltungsmaßnahmen zu for— dern: Rekonstruktion einer Hãftlings- baracke, Begehbarmachung und Ge-— staltung des gesamten Lagergeländes, des Männerlagers, des Siemenslagers und des Siemenswerks, des Lagers Uckermark und, und, und.. Gewiss ist in den zehn Jahren seit ihrem Tod eini- ges in der Mahn- und Gedenkstätte ge- schehen: doch wie schon in den vergant genen Jahren werden auch in den Pla- Lieselotte bei der Auseinandersetzung um den Börneplatz in Frankfurt/ Main.(Studi- enkreis Deutscher Widerstand) 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer nungen für die nächsten Rahre die von den Uberlebenden und der Lagerge- meinschaft RavensbrückFreundeskreis gesetzten Prioritãten bei der Gestaltung kaum oder nur nach beharrlichen Inter- ventionen berũcksichtigt werden. Ein Ort jedenfalls, den Lieselotte mit ihren Erinnerungen wieder zum Sprechen gebracht hat, steht nicht auf der Prioritãtenliste der Stiftung Bran- denburgische Gedenkstätten: Es sind die in der Originalsubstanz erhaltenen Instandset?ungsbaracken. Lieselotte musste im Februar 1945 im Komman- do Instandsetzung Kleider sortieren, die mit der Bahn in Waggons angelie- fert wurden. Es hieß, diese Kleidung stamme von Sammlungen des Winter- hilfswerks. Tatsächlich fanden Lieselot- te und ihre Kameradinnen jedoch her- aus, dass es sich um die Kleidung er- mordeter Juden handelte.. Und noch eine Erinnerung ist für Lieselotte mit der Instandsetzung ver- bunden:„Wnn die Aufseherin nicht richtig dahei wan dann vmnd wir auf die Ballen TraueMlettert, Umd ohen, am Giehel Sahen win dass da wieder eine Mgstafel vorheifog Und da Passierte es. Wir hahen gesungen, wir hahen UUns geffelut worm da ↄ0 25 Fugzeuge nach Berin geflogen sind— It das nicht makaher? Die Hiegen umnd machen MWonschen fot- und wir freuen Ims Das jt auch eine Tatsache An diese Szene, diesen Gedanken habe ich im 60. Jahr der Befreiung von Faschismus und Krieg oft gedacht. Melanie Spitta ist tot Wir trauern um Melanie Spitta. Nie Publizistin und Filmautorin starb am 28. August 2005 im Alter von 59 Jahren. „Als Sinteza und als Frau?=s0 ihre eige- —— nen Worte- engagier- te sie sich in der Bür- gerrechtsbewegung. So beriet sie z. B. das Holocaust Memorial Museum in Washing- ton beim Aufhau der Abteilung„Zigeu- ner? Verfolgung. Uber ihre Arbeit hat sie mehrfach auch bei Veranstaltungen unseres Vereins berichtet. Pabei wurde fast immer einer ihrer Filme gezeigt, in denen sie zusammen mit Katrin Seybold die Geschichte ihres Volkes und dessen Verfolgung dokumentierte. Melanie Spittas Geschwister wur- den, wie die meisten ihrer Angehörigen, in Auschwit? ermordet. Von ihrer im K?Z an Tuberkulose erkrankten Mutter steckte sich die 1946 geborene Melanie an und wurde von dieser Krankheit nie geheilt. Mehr als 40 Jahre wurden ihre Anträge auf Entschädigung abgelehnt. Als Schülerin im Nachkriegs- deutschland lernt sie früh durch PDiskri- minierung, was es heißt, eine„Zigeune- rin“ zu sein. Auch heute noch gehören ständige Diskriminierungen„Zum Al- tag. unserer Kinder“, wie sie feststellen muss. Weil sie das Totschweigen der Vergangenheit wie auch der heutigen Situation nie zugelassen hat, galt sie als aufsässige Unruhestifterin.„Ihr habt uns den Kopf abgeschlagen und sprecht von Wiedergutmachung' Wiedergut- machung' ist das falsche Wort, denn Ihr habt Euer Gefühl für Reue und Sühme vergessen“, zitiert Katrin Seyhold in ei- nem Nachruf ihre tote Freundin. Hans Hirchmann Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 13 „Ich hatte viel Glück“ Gedenkveranstaltung mit dem früheren KZHãäftling Peter Wojfff Von Diethardt Stamm Zum dritten Male kam es am 9. No- vember zu einer Zusammenarbeit Zwi- schen der Lagergemeinschaft Ausch- wit?- Freundeskreis der Auschwitzer und der Stadt Butzbach. Am Gedenk- stein für die Opfer der Pogromnacht vom 9. November 1938 erinnerte Bür- germeister Oswin Veith an den men- Schenverachtenden barbarischen Cha- rakter der NS-Piktatur, als„in ganz Deutschland in aller Offentlichkeit Sy- nagogen in Brand gesetzt, jüdische Ge- schäfte und Wohnungen zerstört und geplündert wurden“. Für den zweiten Teil der Gedenk- veranstaltung konnte auf Vermittlung des Freundeskreises der Auschwitzer der ehemalige KZHäftling Peter Wolff zu einem Vortrag gewonnen werden. Erfreulich viele Zuhörer- aus allen Generationen- fanden hierzu den Weg ins Stadtmuseum; es mussten zusätzliche Stühle geholt werden. Schüler und junge Erwachsene stell- ten die Hãlfte des Publikums. In einleitenden Begrüßungsworten hoben Bürgermeister Veith und Miet- hardt Stamm, 2. Vorsitzende des Freun- deskreises der Auschwitzer, den loka- len Bezug dieses Gedenktages hervor. Auch in Butzbach habe die NS-Gesell- Schaft„wahres Gesicht, den antisemiti- schen Wahn und eine Brutalität unbe- kannten Ausmaßes gezeigt. Mit Trauer, Entsetzen und Scham blicken wir heu— te zurück auf einen Zivilisations- bruch“, der immer noch unbegreiflich erscheine, sagte Veith. Stamm schlug Peter Wolff beim Vortrag in Butzbach. den Bogen vom 9. November 1938 zu den aktuellen Ereignissen im Butzba- cher Stadtteil Hoch- Weisel, wo Neona- zis einen Hof kauften und von dort ih- re undemokratischen Ziele steuern. „Viele haben 1938 weggeschaut, viele haben die Nazi-Aktionen toleriert und viele unterstellten einen einmaligen Ausrutscher, nach dem es nicht mehr schlimmer kommen könne. Aus den Erfahrungen in den verbrecherischen Jahren danach weiß man, dass der Spruch MNie wieder!' nicht zur Floskel verkommen dürfe. Den Neonazis vor Ort muss das Handwerk gelegt wer- den? sagte Stamm. Anhand seiner Lebensgeschichte Stellte der heute 81jährige Peter Woflff die Folgen des 9. Novembers 1938 dar. In Berlin geboren, wuchs er als Sohn jüdischer Eltern im polnischen Katto- wit? auf und floh eine Woche vor Kriegsbeginn mit Mutter und Schwes- 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer ter Richtung Osten. Aber schon weni ge Tage spãter, nach dem Uberfall der Deutschen auf Polen, wurden sie von der Wehrmacht eingeholt. Wolffs blon- des Haar und die deutschen Sprach- kenntnisse retteten ihnen das Leben, weil sie für Reichsdeutsche gehalten wurden, von den anderen Flũchtlingen der Gruppe„habe ich nie mehr etwas gehört“, sagte Wofff. Nach weiteren erzwungenen Irrwe- gen über Berlin und Kattowitz gelang es Mutter und Schwester als staaten- lose Bürger nach Palästina auszurei- Sen. Peter Wolff selbst wurde 1942 nach Paderborn zur Zwangsarbeit ,verlegt“. Aber im Februar 1943 rollte er im Gü- terwaggon Richtung Osten und kam nach Monowitz, wo die IC Farben ge- meinsam mit der 8S8 das berüchtigte Lager Auschwitz III zum Aufhau eines Industriewerkes betrieben. Bei der An- kunft hat er sofort„die tõdliche KZ⸗ Atmosphäre“ und die Willkür der 88 zu spüren bekommen. Die schweren Bedingungen der Zwangsarbeit, viele Schläge und die man- gelhafte Ernährung führten im Durch— Schnitt nach drei Mo- naten zur Vergasung der„Muselmannen“ im Nahe gelegenen Auschwitz-Birkenau, berichtete der Zeit— zeuge. Ihn selbst ret- teten erneut seine Sprachkenntnisse, denn der Leiter eines Kohlengrubenaußen- lagers behielt ihn da, weil er die Liebes- briefe zu dessen polnischer Freundin ũbersetzen konnte.„Ich hatte immer wieder Glück“, sagte Wolff, denn um sein Leben zu retten, kamen ihm noch viele weitere Zufãlle zu Hilfe. Als die russische Front heranrück- te, wurde er auf den Todesmarsch nach Gleiwit? geschickt, bei dem 60 Prozent der Häftlinge umkamen. Von dort wurde er mit dem Gũterzug in das KZ Mauthausen bei Linz transportiert um nach einer Woche schon wieder nach Nordhausen im Harz zur Produktion der deutschen„Wunderwaffe“ VZ ge- schickt zu werden. Nach einem Bo- benangriff gelang ihm dort die Flucht zur amerikanischen Armee. Nach seinem Vortrag beantwortete Peter Wolff noch offen und freimũtig Fragen aus dem Publikum. In einem Schlusswort sagte Bürgermeister Veith:„Peter Wolffs Schilderung ist beste Information, Aufklärung und Demaskierung in Sachen Nationalso- zialismus gewesen.“ Voll besetzt war der Saal im Butzbacher Museum bei der Ge- denkveranstaltung mit Peter Wofff. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 15 Wie kann die Erinnerung bewahrt werden? Ajhrich fährt der Voreins vorsfand der Lagergemeinschaft Auschwitz- Felum- dosMreis der Auschwitzer in Klausur zwei his drei Jage ohne die SOnstigen fãg- ichen Verppichtungen, ohne Jermindruck, der die reguleiren Vortandssitæungen olt genug beeintmchtigt. U diesem Jahr waren wir vom J. his 5 MfOher in Linz an der Ponau mit Freunden der 6sterreichischen Lagergemeinschaft Auschwitæ zusammen. GCemeinsam hesuchten wir die GedermMsfätten in Mauthausen umd Hart- heim. Port wie hier die selhen Algahen. Pen nächsten Generationen in einem widesprüchichen europaischen EFinigungsprozess das Erhe und die Verpflich- tung vonAluschwitæ als Vormchmis der Qpfer nahezubringen. Fierz umd für die Jagesarheit hot das Gesprach mit Freumden himenglich Stof und Anregungen. Woitere derartige Noffen werden foigen. Vernichtung auf der Todesstiege Ein Besuch in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Mauthausen bei Linz Von Annedore Smith Zum ehemaligen Steinbruch führen 186 Stufen hinab. Häftlinge des Kon- zentrationslagers Mauthausen mussten sie im Sommer 1942 errichten, um den Tansport der Granitblõcke nach oben zu beschleunigen. Vorher bildeten nur lose aufeinander gereihte Felsbrocken die Stufen. Doch auch von der neuen Teppe stürzten erschõpfte Gefangene hãufig in den Tod oder wurden von bru- talen SSBewachern gewaltsam nach unten gestoßen. Nicht umsonst spricht man von der Todesstiege. Das Konzentrationslager Mauthau- Sen unweit von Linz liegt auf einem Hũ- gel über dem Ponautal in malerischer Landschaft. Dies allein schon macht den Kontrast zu der dũsteren Festungs- anlage so bedrückend. Mauthausen ist besser erhalten als die meisten anderen Lager der deutschen Nationalsozialis- ten, was dem Besucher das Grauen um S0 deutlicher vor Augen führt. Mit dem Bau wurde am 8. August 1938 begonnen rund fünf Monate nach dem Ein- marsch der deutschen Truppen in Ooterreich. Bis zur Befreiung durch die Amerikaner am 5. Mai 1945 passierten rund 195.000 Menschen das Lager, etwa die Hãlfte von ihnen kam darin um. Bei den Insassen handelte sich um Menschen, die wegen ihrer Nationa- litãt, Rasse, politischen Uberzeugung oder Religionszugehörigkeit von den NSBehörden als„Volksschädlinge“ eingestuft und deshalb in ,Schutzhaft“ genommen wurden. Die meisten stammten aus Osteuropa, Juden mach- ten nur gut ein Zehntel der Hãäftlinge aus. Eine kKleinere Gruppe stammte auch aus Griechenland, darunter der Dichter Ilakovos Kambanellis. Dessen Lagergedichte wurden 1965 vom Kom- ponisten Mikis Theodorakis Zzum Lie- 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer . 5 7* des Steinbruchs hinab ge⸗ stoßen würde- die steile Klippe galt im perfiden Jargon der Nazis als„Fall- schirmspringerwand“. Unter anderen erlitt eine große Gruppe niederlän- discher Juden auf diese Weise den Tod. Der zynische Sprach- gebrauch der S8 spiegelt sich auch im Begriff der „Klagemauer“ wider. S0 hieß die Steimwand hinter dem Eingangstor, an der sich neu eingelieferte Hãäftlinge aufstellen mus- sten, um oft stunden- oder tagelang gedemütigt und misshandelt zu wer- den. Nicht selten wurden sie im Winter an die Mau- er angekettet und mit Kal- tem Wasser übergossen, bis sie Zum Eisblock er- starrt waren. Fines dieser Opfer war der sowjeti- Die Todesstiege am Steinbruch in Mauthausen derzyklus„Mauthausen“ vertont ein bewegendes musikalisches Pokument aus einer Epoche voller Grausamkeit. „Vernichtung durch Arbeit“, das war das Motto von Mauthausen. In den meisten Hãftlingsakten befand sich der Vermerk„R. U.“— Rückkehr uner- wünscht. Und wohl kaum etwas konn- te vernichtender sein als die Sklavenar- beit im Steinbruch„Wiener Graben“. Selbst wer es auf der Todesstiege unbe- helligt bis nach oben schaffte, Konnte nie sicher sein, ob er nicht von einem SSMann willkürlich über den Rand sche General Dimitri Karbyschew, dem heute ein eigenes Denkmal gewidmet ist. „Vernichtung durch Arbeit“ wurde auch in den zahlreichen Außenlagern von Mauthausen praktiziert- etwa in Gusen oder Ehensee, wo die Hãftlinge in Bergwerksstollen oder Rüstungsbe- trieben arbeiten mussten. Doch auch Hinrichtungen und perfider Mord wa- ren stets an der Tagesordnung. In Mauthausen belegen dies die Genick- Schussanlagen und schließlich die Gas- kammer samt Krematorium. Es han- delt sich um die größte Gaskammer außerhalb der Konzentrationslager in Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 17 Polen, die auf reine Vernichtung ausge- legt waren. Im Lagermuseum, das im früheren Krankenrevier untergebracht ist, wird die grausame Geschichte von Maut- hausen ausgiebig dokumentiert. Parü- ber hinaus wurde auf dem außerhalb der Gefängnismauern gelegenen Areal ehemaliger SS-Unterkünfte und Werkstätten ein neues Besucherzen- trum errichtet, das im Mai 2003 eröff- net wurde. Die dortige Ausstellung be- findet sich noch im Aufbau, doch ist sie vor allem dem Kampf der Hãftlinge ums Uberleben gewidmet. Besonders wichtig sind in diesem Zusammenhang die Schilderungen von Zeit?eugen aus verschiedenen Län- dern. Diese sind als Tondokumente oder Videofilme abrufbar und geben ei- nen tiefen Pinblick in erschütternde Finzelschicksale, die doch exempla- risch für hunderte, wenn nicht tausende ähnliche Schicksale stehen. Einer die- ser Zeit?eugen ist Hlans Marsalek, der als Mitglied des tschechischen kommu- nistischen Widerstands 1942 nach Mauthausen verschleppt wurde. Er war nach dem Krieg maßgeblich am Auf- bau der Gedenkstãtte heteiligt und lei- tete sie von 1964 bis 1976 als Direktor. Findrucksvoll sind in der Ausstel- lung auch die Kleinen Belege des Wi- derstands- etwa die Gitarre, auf der Häftlinge heimlich verbotene Jazz- Musik Spielten, oder die Tagebücher, in denen sie die Nachwelt über das Grau- en im Lager unterrichten wollten. Ge- zeigt wird auch eine kKleine Klinge mit Griff, die die Slowenin Ljubica Sarolic bei sich verstecken konnte. DPamit wollte sie sich im Falle einer Verurtei- lung zur Hinrichtung die Pulsadern aufschneiden, um wenigstens den Zeit- punkt ihres Todes selbst bestimmen zu dũrfen. Auch dies war damals zweifel- los eine Form des Widerstands. Woitere AusKtinfté im ternet unter „Www mauthausen-memorial at“ Port Knnen heisPielswoise alich Zoitzbligen- fervioms hermtergeladen werden. 3. Blick vom Innenhof des Konzentrationslagers Mauthausen auf das Fingangsgebäude 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Die Frage nach dem„Wert des Lebens“ Schloss Hartheim als Zentrum der sogenannten Euthanasie Ausstellung hinterfragt auch Fortschritte der Biotechnologie Von Annedore Smith Das 400 Jahre alte Renaissance- Schloss unweit von Linz vermittelt ei- nen Findruck der Idylle. Um so grausa- mer ist seine Geschichte. 1898 wurde Schloss Hartheim offiziell zur„Idioten- anstalt“ erklärt-zur Heimstãtte für gei- stig Behinderte. Diese wurde nach dem Anschluss GOsterreichs 1938 binnen kürzester Zeit umgebaut zur Mordan- Stalt im Rahmen des so genannten Eut- hanasieprogramms der deutschen Na- tionalsoZialisten. Bis 1944 wurden hier Schätzungsweise 30.000 Menschen als „ebensunwertes Leben“ umgebracht. Schloss Hartheim unterstand der Zentralstelle der Kanzlei des Führers der NSDAP die unter dem Tarnungs- kürzel T4 den Massenmord an Behin- derten organisierte. Bis Ende 1941 wur- den unter diesem Programm praktisch alle Anstaltspatienten im Pritten Reich ausgerottet- die amtliche Hartheimer Bilanz registriert zu diesem Zeitpunkt 18.269 Tote. In den folgenden Jahren wurden dann arbeitsunfãhige Hãäftlinge aus den Konzentrationslagern Maut- hausen und Pachau, Zwangsarbeiter aus Osteuropa oder andere„missliebi- ge Personen“ Zur Vergasung ins Schloss Hartheim gebracht. Der Weg der Todgeweihten war im- mer derselbe, wie der Leiter der Ge- denkstätte, Hartmut Reese, erläutert. Sie wurden bei ihrer Ankunft von ver- meintlichen Pflegern empfangen und umgehend zur Gaskammer getrieben. Den Angehörigen der nach Schloss Hartheim„verlegten“ Patienten wur- de dann gewöhnlich deren Tod infolge von Lungenentzũndung oder einer an- deren natürlichen Krankheit mitge- teilt. Heiminsassen gab es dort nach der Ermordung der ursprünglichen Bewohner nicht mehr. Das Schloss war zur reinen Tötungsanstalt geworden, in der nur noch die Täter wohnten. Da Euthanasie bei den National- SoZialisten als„medizinischer Akt“ galt, waren bei den Vergasungen stets Arzte zugegen, die den Toten auch Or- gane zu Forschungszwecken entnah- men. KZHäftlinge als„Helfer“ bei der Organisation des Massenmords wurden auf Schloss Hartheim nicht eingesetzt. Dadurch gibt es Kaum Aus- Sagen von Zeitzeugen über die dama- ligen Vorgänge in der Tötungsfabrik, und die Tãter haben die Spuren 1944 Sorgfältig verwischt. Gleichwohl hat man sich in der heu— tigen Gedenkstätte bemüht, den Weg der Opfer authentisch nachzuzeichnen. Dieser führt vom Ankunftsbereich durch den Auskleideraum, die Gas- Kammer, den Technikraum und den Leichenraum bis zum Krematorium. Laut Reese wollte man die Besucher nicht direkt auf den Spuren der Todge- weihten wandeln lassen, sondern be- wusst Distanz wahren, indem man sie über einen Laufsteg gehen lässt. Auf Glasplatten an der Wand des Aufnah- meraums sind inzwischen mehr als 15.000 Opfernamen eingraviert: neue Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 19 werden stãndig hinzu- gefügt, wenn sie be-— kKannt werden. Sie sind nach dem Zut— fallsprinzip angeord- net, um einen Gegen- pol zur Akribie der amtlichen NSStatisti- ken zu bilden. Nach dem Gang durch die Gedenk— stätte lohnt sich ein Besuch der Ausstel- lung im oberen Stock- werk von Schloss Hartheim. Unter dem Titel„Wert des Le- bens? wird hier die Sit tuation behinderter Menschen zu ver— schiedenen histori- Schen Epochen erläutert. Pem wird die Geschichte des medizinischen Fort- Schritts seit der Aufklärung im 17. Jhr- hundert gegenüber gestellt sowie die Entwicklung der kapitalistischen Indu- striegesellschaft mit ihrer Maxime der Wirtschaftlichkeit. Schnell wird klar, dass Behinderte, unheilbar Kranke und alte Menschen in dieser Gesellschaft von Anfang an als„unbrauchbar“ ab- geschrieben waren. Breiten Raum nimmt in der Aus- Stellung die so genannte Eugenik ein die Lehre von der Erbgesundheit. Let?tere mit allen Mitteln zu fördern, Selbst mit Zwangssterilisierungen und anderen fragwürdigen Methoden, galt im späten 19. und frühen 20. Jahrhun- dert vielerorts als gerechtfertigt. Doch nur unter den deutschen Nationalso- zialisten führte dies zu den gezielten Massentõtungen im Rahmen des But- Hinter der romantischen Kulisse von Schloss Hartheim wurden wehrlose behinderte Menschen systematisch ermordet. hanasieprogramms. Nach ausführlicher Pokumentation dieser Epoche werden schließlich auch die medizinischen Möglichkeiten der heutigen Biotech- nologie aufgezeigt. Klar steht die Frage im Raum: Könnte auch diese dazu mis- sbraucht werden, sich„missliebiger Behinderter“ zu entledigen und statt- dessen den„idealen Menschen“ zu Schaffenꝰ Die Ausstellung versucht nicht, zu moralisieren oder eindeutige Antwor- ten zu geben. Sie ruft jedoch zum Nachdenken und zum Hinterfragen gängiger Lehrmeinungen oder verfe- Stigter sozialpolitischer Positionen auf. Pin weiterer Raum ist den vielfãltigen Forderungen nach Gleichstellung von Behinderten sowie den einschlägigen Gesetzesinitiativen gewidmet. Pomit nierend ist dabei die These, dass nicht der Mensch seiner Umgebung, sondern 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer die Umgebung den Bedürfnis- sen des Men- schen enbepesst werden mũsse. Am konkre- ten Beispiel von fünf in en reich lebenden Behinderten kann der Besu— cher der Mus— stellung schließ- lich nachvoll— ziehen, mit wel— chen alltägli— chen Problemen die Betroffenen konfrontiert sind und wie diese gelöst werden können. The- matisiert wird auch der Aspekt der wohlmeinenden, aber bevormunden- den Hilfe, die letztlich genau so ent- würdigend sein kann wie brutale Aus- grenzung. Deutlich wird allemal, wie Gedenktafeln erinnern an die in Hartheim ermordeten Menschen. Bis heute sind nur wenige Tafeln den Opfern der Euthanasie gewidmet. viel auch die heutige Gesellschaft noch lernen muss über einen ange- messenen Umgang mit Menschen, die nicht der allgemein gültigen Norm entsprechen. Woitere Informationen im ternet unter, WW sCMOssMartheim. at“ Ernst-Klee-Schule in Mettingen Finsat? des NS-Forschers für Behinderte gewürdigt Von Annedore Smith Anlässlich ihres 25 jährigen Beste- hens am 10. September 2005 hat sich die Westfãlische Schule für Körperbehin- derte in Mettingen in Ernst-Klee-Schu- le umbenannt. Pamit wollte man das jahrzehntelange Engagement des Frankfurter Publizisten für die Rechte der Behinderten in unserer Gesell- schaft würdigen, wie Schulleiterin Clau- dia Schunicht erlãutert. Ernst Klee, 1942 in Frankfurt am Main geboren, begann nach einem Stu- dium der Theologie und Sozialpãdago- gik mit Publikationen zum Themen- spektrum Straf— gefangene, Ob— dachlose, Gastar- beiter, psychisch Kranke, Behin- derte und andere Benachteiligte. Sein„Behinder- tenreport“ aus dem Jahre 1974 wurde zum Standardwerk über„die Probleme der größten Randgruppe in unserer Gesellschaft: mindestens sechs Millionen körperlich und geistig Behin- Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 21 derte, die sich gegen ihre Fxistenz als Bürger zweiter Klasse nicht zur Wehr Setzen können.“. 1983 verõffentlichte Klee ein weite- res Standardwerk„ Euthanasie' im NS- Staat. Die Vernichtung, lebensunwerten Lebens'“. Seine Forschungstätigkeit Kon- zentriert sich seitdem auf die Medizin- verbrechen der deutschen Nationalso- zialisten. Wie kein anderer hat er in Archiven des In- und AMuslands Material gesichtet und publiziert, die Täter ent- tarnt und den Opfern Namen und Ge- schichte zurückgegeben. Für sein Buch „Auschwitz, die NSMedizin und ihre Opfer? erhielt Klee 1997 den Geschwi- Ster Scholl-Preis. Die Stadt Frankfurt am Main zeichnete ihn 2001 für das Buch „Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945“ mit der Goethe Plakette aus. Sein neuestes Werk ist das„Personenlexikon zum Dritten Reich“. Unser Verein hat Ernst Klee schon mehrfach als Referenten gewinnen könt nen. Dabei hat er immer wieder neue Medizinverbrechen im Dritten Reich aufgedeckt und häufig auch auf die NS- Vergangenheit lokaler Arzte und Profes- Impressum: Soren hingewiesen- etwa in Bad Nau- heim, Gießen oder Marburg. Die Forschungen Klees zur Eutha- nasie spielten neben dem„Behinder- tenreport? eine wichtige Rolle bei der Namensgebung der Schule in Mettingen unweit von Osnabrück, wie Schulleite- rin Schunicht betont. Die Eltern kör- perbehinderter Kinder seien auch heu— te noch täglich mit offener Ablehnung und Vorurteilen konfrontiert. In dieser Mentalitãt liege die Gefahr, dass sich die Geschichte- wenn vielleicht auch auf anderer Ebene- wiederholen könnte. Vor allem die Thesen des australischen Bioethikers Peter Singer zur Rechtferti- gung der Tötung von schwerst Behint derten hãtten in der Elternschaft für viel Aufregung gesorgt. Hier sehe man in Ernst Klee einen klaren Gegenpol. Die nach ihm benannte Schule besu- chen zurzeit 154 Kinder, die laut Schu- nicht ohne sonderpädagogische Förde- rung nicht auskommen können. Wer aber genug gefördert werden körmne, um am allgemeinen Unterricht teilzuneh- men, werde auf allgemein bildende Schu- len überwiesen. Diese Integration sei auch im Sinne von Ernst Klee. Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Freiherrvom-Stein-Straße 27, 35516 Münzenberg Internet: www.lagergemeinschaft-auschwitz. de Redaktion: Hans Hirschmann, Tel.(06101) 32010, Annedore Smith, Mlbrecht Werner-Cordt Bankverbindung: Sparkasse Wetterau(BIZ 518 500 79) Konto Nr.: 20 000 503 Bei Spenden bitte Adresse deutlich schreiben, damit die Spendenbescheinigung zugeschickt werden kanm.. Juden in Oswiecim Das Buch„Juden in Oswiecim 1918 1941“ von Lucyna Filip Giehe MB 1/2005) kann bei uns zum Preis von 10 Furo plus Versandkosten bestellt werden. 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Erinnerungen, Monographien, Neuerscheinungen In dieser Rubrik sollen Publikationen zu Auschwitz vorgestellt werden, die an- gesichts ständig neuer Bücher kaum Chancen haben, wahrgenommen zu werden und ihre Leser zu finden nicht zuletzt deswegen, weil sie ohne nennenswerten Werbeetat auskommen mũüssen. In der Regel erscheinen sie in Kleinstauflage, oft auch im Selbstverlag. Uber ihre Bedeutung für die Erinnerung an das Gesche- hene und für die Geschichtsschreibung sagt die Nichtbeachtung auf dem Bücher- markt nichts. Für diejenigen aber, die wissen, dass es ohne bewahrte Erinnerung keine nacherlebbare und zu verstehende Geschichte gibt, sind diese übersehe- nen und meist auch schnell vergessenen Texte von allergrößtem Wert. Aus die- sen Zeugnissen fügt sich anschauliche und begrifflich fassbare Geschichte. Die Redaktion hat über die Jahre immer wieder auf derartige Veröffent- lichungen hingewiesen, letztmalig im Mitteilungsblatt 1/2005 auf die von Lucyna Filip vorgelegte und im Verlag Scientia, Oswiecim 2005, erschienene Studie„Juden in Oswiecim 1918— 1941*. Bereits 2003 machten die ehema- ligen Auschwitz-Häftlinge Hugenia Bozena Kaczynska sowie Kazimierz Piechowski und Michal Ziolkowski ih- re Erinnerungen an„Auschwitz- der Gipfel des Ubels und Leidens“ auch deutschsprachigen Lesern zugänglich. In überarbeiteter Fassung wird das derzeit 250 Textseiten umfassende Werk neu aufgelegt. Anfang des kom- menden Jahres soll es im Handel ver- fügbar sein. Im vorliegenden Mitteilungsblatt bringen wir einen weitestgehend un- gekürzten Auszug aus dem Beitrag von Eugenia Bozena Kaczynska. Die- ser wie auch die beiden weiteren Beiträge, auf die wir in den nãchsten Mitteilungsblättern zurückkommen werden- trägt den Titel„Ich war die Nummer..“, analog den Erinnerun- gen ihrer Häftlingskameraden, die sich ebenfalls mit ihrer Hãäftlingsnummer vorstellen: 918 für Piechowski, 1055 für Ziolkowski. „Am inken Unterarm wurde mir die Lagermummer ttowiert 45567. SOmit wurde ich zum voMherochtigten Blirger von Auschwitz-BirMena Von nun an war ich Kein Monsch meh..“, heißt es bei Kaczynska. Wir wãhlen diese Form der Parstel- lung- die ungekürzte Wiedergabe—, weil es angemessener ist, nicht über den Text Zu sprechen, also eine Be- sprechung zu schreiben, als vielmehr die Erinnerungen selbst sprechen zu lassen. Ihre Entscheidung, aufzuschrei- ben, was sie erleben musste, begründet die Autorin in ihren ersten Sätzen: „JCP ahe die TOUIe des KT Aluschwitæ⸗ Birkenau ereht. Nas Jässt Sicn weer heschreihen noch ausdrücken. Und ich hahe es alch nicht versCMt. ICh w0OMte nicht. Um jeden Prois woMte ich verges sen. Mit der Zoeit gewann ich immer mehr die Uberzeugung, dass es meine moralische Pflicht gegenüher den Ermordeten soie gegenüher den durch ein Wunder Uherlebenden ist, von diesem Vorhrechen z Prechen.“ Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 23 Ich war die Nummer 45887 Am 4. Juni 1943 wieder Transport. Ich befand mich in einem Viehwagen, zusammengepresst wie eine Sardine in einer Dose. Drinnen ist es still, nur manchmal lässt sich das Weinen einer älteren Frau hören. Meine Beine sind taub, ich habe Hunger und Purst. Ich bin mir schon darüber in klaren, dass mein Leben in den Händen der Mörder gar keinen Wert hat. Die ältere Frau weint wieder und stammelt undeutlich. Schweigen!- brüllte der Bewacher-ihr werdet sowieso bald verrecken! Der Zug hãlt an. Wir werden aus den Wagen hinausgetrieben, zum Schluss werden tote, erstickte Opfer hinausgeworfen. Zum ersten Mal sah ich bewaffne- te Frauen, mit Pistolen und Peitschen, mit den Uniformen wie die SSMän- ner angezogen. Ich dachte, dass nur Männer in der SS sind, denn ich konn- te mir nicht vorstellen, dass Frauen im Stande sind, die Menschen zu quãlen, zu schlagen und zu tõten. Sie formie- ren eine Kolonne, indem sie uns vor- antreiben und brutal schlagen. Wir ge— hen nach Birkenau. Jetzt wissen wir, wohin wir gebracht wurden. Birkenau ist Auschwit?z II, ein Teil des Lagers, das für Frauen bestimmt war-Frauen- konzentrationslager Birkenau. Unsere Kolonne geht durch das Tor.(.) Am frühen Morgen wurden wir zur Tãtowierung, zum Haarschneiden und zur Pesinfizierung der Kleidung getrie- ben. Das alles wurde von Mãnnern ge- macht. Wir mussten uns ganz ausziehen. Die Anwesenheit der Bande der SS— Männer bringt uns in Verlegenheit und verset?t in Schrecken. Für die Frauen ist es eine besondere Qual. Ich versuche meine Nacktheit in der Menge zu ver- stecken. Manche von uns zögern mit dem Ausziehen, aber tobende Aufsehe- rinnen und Kapos- deutsche Gefange- ne, Kriminelle, die wie Hexen aussehen treiben uns mit Knüppeln, Schimpfen und Treten zur File an. Verfluchte He- xen tragen ihren Eifer vor den SSMän- nern zur Schau. Sie reißen uns die Klei- dung ab, verhöhnen uns, indem sie uns „heilige Madonnas“ nennen. Und Mãän- ner lachen und witzeln:, Wie soll ich Sie kämmen?“ und ãhnliches. Wir können einander nicht mehr erkennen:- Janka, Zocha, BoZenka, wo seid ihr?- rufen wir einander zu, und doch stehen wir einander nahe. Dann das„Bad“- eine Baracke mit Duschen, aus denen kaltes Wasser fließt. Die wũtende Kapo treibt uns un- ter die Duschen mit einem Stock. Sie durchprũgelt jede, die ihr zufällig in die Hãnde kKommt. Schlägt auf den mage- ren Rücken, auf den Kopf, und je mehr sie schlägt, desto wütender wird sie. Und wir sind doch lammfromm.(.) Nach ein paar Stunden Finũbung und Erniedrigung bekommen wir die Hãftlingskleidung: ein leinenes Hemd, eine hacke, bis zu den Knien reichende Strümpfe, eine Hose, auf den Kopf ei- nen Lappen, der ein Kopftuch imitierte und ein Paar Holzschuhe- meistens zu klein oder zu groß, Zwei linke oder zwei rechte und schwer wie Blei. All das war Schmutzig, feucht, mit Blut befleckt und Stinkend. Die ganze Zeit werden wir ge- Schlagen, beschimpft, verhöhnt. An der Jacke der rote Winkel, und darauf der Schwarze Buchstabe„P'. Am linken Unterarm wurde mir die Lagernummer 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer tãtowiert 45887. Somit wurde ich zum vollberechtig- ten Bürger von ANuschwit?z— Birkenau! Von nun an war ich kein Mensch mehr, sondern eine Nummer! Diese Num- mer ist mein Ausweis! Es ist Mit- tags?eit. Erst nach ein paar Tagen, nach- dem wir For- don verlassen hatten, wurde uns eine Mahlzeit gegeben. Einen halben Liter Brei, in dem gehackter Roggen, Un- kraut und Kohlrüben schwimmen. Das Sei die„Suppe“. Obwohl wir ausgehunt gert sind, können wir die ekelhafte „Suppe“ nicht hinunterwürgen. Hun- ger! Obwohl wir den schrecklichen FHunger verspüren, können wir dieses stinkende Spülwasser nicht essen. Am nãchsten Tag essen wir schon alles, was uns aufgegeben wurde. Ich wurde dem Block 13 zugeteilt. Wird es für mich unglücklich sein? Kann hier überhaupt etwas glücklich sein? In einem Riesenblock befinden sich Frauen verschiedener Nationalitãt. Pin vielsprachiger Turm von Babel des 20. Jahrhunderts. Auf einer kleinen, dreistõᷣckigen Pritsche wurden 810 Frauen untergebracht. 3-4 unter einer Decke, unter uns eine Handvoll ver- faultes Stroh auf harten Brettern. Aber gibt es denn weiche Bretterꝰ Blick in eine der von Eugenia Bozena Kaczynska und anderen Hãäft- lingen beschriebenen Baracken des Frauenlagers. Für die Nacht ziehen wir uns nicht aus- unsere Kleidung muss austrock- nen. Es geht besser, wenn wir uns an- einander drücken. Die Kleidung wird von unseren warmen Körpern trocken. Mich quält der Purchfall- ein La- gerschrecken. Es gibt ja keine Kanalisa- tion. Auf dem Weg zur Latrine macht man schon in die Hose. Es geht nicht an- ders. Rutschige und blutige Flecken markieren den Weg zur Latrine- eine Grube, auf der Bretter liegen. Ich laufe andauernd hin und her die ganze Nacht hindurch. Ich muss mich beeilen, aber ich schaffe es nicht immer. Blocksperre! Nas ist am schlimmsten. An diesem Tag wird nicht gearbeitet, man darf aber auch aus der Baracke nicht raus. Ich quãle mich und schwitze auf der vollge⸗ Stopften Pritsche. Stãndig gibt es Krach. Der Kampf geht um ein Stück Platz auf der Pritsche. Der Stubendienst und die Blockäl- teste passen auf, damit niemand aus Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 25 dem Block rausgeht. Sie lassen uns auch nicht zur Latrine raus. Mit dem Stock und mit Fäusten schlagen sie diejenigen, die sich am Ausgang drän- gen. Der Drang ist immer größer, und die Stubendienste schlagen immer heftiger. Wenn sie den Drang nicht mehr aufhalten können, lassen sie ei- nige Dutzend in einer Gruppe heraus. Um in solch einer Gruppe hinaus- gehen zu können, muss man sich das in einem rũcksichtslosen Kampf mit an- deren Gefangenen erkämpfen. Kranke und Schwache haben gar keine Chan- cen, in diesem Kampf zu gewinnen- insbesondere diejenigen, die Purchfall haben. Die dreckigen, mit eigenem Kot beschmutzten Beine kann man nicht waschen, geschweige denn die Klei- dung wechseln. Davon kann man nur trãumen.(.) Wieder Pfiffe und Rufe. Es ist Ia- gersperre. Es werden wieder verhunt gerte Frauen aus dem Block 25 ins Kre- matorium gebracht. Unheilbar Kranke wurden für ein paar Tage in einem Block eingesperrt ohne Essen und Trin- ken, damit sie schneller sterben. Fine der Lagerplagen ist Appell. Der Tag im Lager beginnt und endet mit einem Appell. Wir werden um 4 Uhr morgens geweckt. Es ist noch dunkel, und schon kann man Schreie, Schläge und Fũche hören. Der Lagerkapo tut, was er will, und muss es auch tun, um weiter Kapo Zu sein. Es scheint uns im- mer, dass wir uns erst vor kurzem hin- gelegt hatten und uns kaum erwärm- ten, als wir schon geweckt wurden. Aufstehen, Schweinehunde! Runter von den Pritschen, Scheißhuren! Auf- stehen, los!- brüllten die Kapos und Schlugen ganz gleich wen und was. Mein Gott, warum schlagen sie uns s07(.) Wir wurden ständig mit verschiedenen Schimpfwörtern beleidigt. Sich mühsam von den Pritschen Hinunterschleppent de, Gebrechliche und Kranke schlägt die Kapo mit einem Stock, ganz gleich wen und wo sie trifft. Wie kann man den Menschen so behandeln? Wie kann ein Wesen, das sich Mensch nennt, so et- was tun?ꝰ(..) Es ist schwer, im Lager einen Freund zu finden. Hier wird der Mensch durch Hunger zu einem wahn- sinnigen Tier. Der Hunger und mit ihm der Instinkt, das Leben zu bewahren, unterdrũcken alles Benehmen, die Er- zichung, das Gewissen und jegliche Menschlichkeit. Stenia Trebnio, eine Freundin von mir aus Fordon war nie Krank. Sie hält sich gut. Sie geht mit dem Kommando auf das Feld und dort ist es leichter, etwas zu essen zZu finden als hier, auf dem leeren Lagerfeld, wo gar kein Grashalm wächst. Wenn hier Gras wäre, wãre es schon längst aufge- gessen. Stenia ist eine große Frau, nicht S0 wie ich, Klein und hager. Aus Angst, instinktiv lehnte ich mich an sie an, weil sie stärker war. Und sie hat die Rolle meiner Beschützerin von Anfang an angenommen. Vielleicht habe ich dank ihrer Fürsorge überlebt? Sie brachte mir immer etwas zu essen. Wenn mir ein Kleidungsstück geklaut wurde, brachte sie mir dafür gleich ein anderes. Ich weiß nicht woher. Sie war wachsam und eine Uberlebenskünstlerin. Manchmal brachte sie mir etwas Bes- Seres zu essen. Sie behauptete, dass sie es von den Zivilen Arbeitern bekomme, die auf dem gleichen Feld arbeiteten. Vielleicht war sie mein Glück?ꝰ EFugenia Bozena Kaczmnska 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Wie konnte das geschehen? Wie werden aus ganz normalen Menschen Massenmörder? Zwei Fragen zur NS-Zeit, Zu Mord, Raub, Vernichtung, Krieg trotz tausender Bücher, Kongresse, Untersuchungen letztlich unbeantwortet bis in die jũngste Zeit. Und nun, 60 Rahre nach dem Ende, nach militärischer Niederlage und Zusammen- bruch des NSSytems, Z⁊wei Bücher, die überzeugende Antworten geben. Beide, fast zeitgleich 2005 im 8S. Fischer Verlag erschienen, sollten nebeneinander oder nach- einander gelesen werden, aber sie sollten gelesen werden. Uber beide Bũcher ist eine Sturzflut von Besprechungen hernieder gegan- gen. Offentliche AMuftritte, Stellungnah- men und wieder Auftritte und wieder Stellungnahmen. Ob die Bücher selbst, um die es geht, inzwischen gelesen wur- den, steht dahin. Oder, um Goethes Worte abZuwandeln: Per Besprechunt gen sind genug geschrieben, lasst end- lich uns die Bücher lesen. Das soll auch für dieses Pläãdoyer zum Lesen gelten, das ausdrũcklich keine Rezension ist. Die Fragen Gõtz Aly prãuisiert die in der Uber- Schrift gestellte erste Frage, wie das ge- schehen konnte, in seinen Hinweisen zur Lektüre:„ WMe Konnfe ein im Nach- hineimn s0 Offerkundig hefrligerisches, grõbenwahnsinniges umd verhrecheri- Sches Unternehmen wie der Nationalso- Zalismus ein derart hohes dem Foufi- HULERS VOLKSSTLAAT Rauh. Rassenkrieg unt natiunaler Sorialismus HRaRAaLD WELAER ürER« aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden S.FiSckER gen Kalum erärhares Mab an innenpo- tischer Wiegration erreichen? Im Mit- telpunkt seiner Untersuchung steht, s0 Aly,„das Pannungsverheltnis zwi- Schen oM umd Führung im Nationa SOæalisms.“ Für Farald Welzer stehen die Täter im Mittelpunkt. Und folglich das, was sie tun:„KoHMektiwe Gewalttaten“ Wel- zer verwahrt sich nachdrücklich dage- gen, diese als„umerriche Eruptio- nen“ zu sehen. Mit guten Gründen definiert er Gewalttaten als, wiederkeh- rene SOæiale orgänge mit einem An- fang, einem Mittelpumt und einem SCMuss Seine Fragen lauten: Wer sind die Tãterꝰ Was geschah vor der Tat? Wie erfolgt die Einweisung zum Töten? Wie wird die Tötungsarbeit durchgeführt? Wie wird das Morden gerechtfertigt? Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 27 Wie werden Alltag und Morden gelebt? Was geschieht danach? Für Welzer, den SoZialpsychologen und Historiker, han- delt es sich dabei„um Fagen, die alus- drickich nicht anthropologischer Art Sn umd etwa auf die Suche nach art chaischen EThschaften füihren md man- geinde Tötungshemmmisse damit era ren, dass vie in der Watur des Monschen! ſigen. Menschen giht es nur im PMural. und vie existieren in s0zialen Rumen, die v SEhst gesHaften Hahen.“ So erweisen sich die Frage nach den Taten von Menschen in selbst geschaf- fenen sozialen Räumen und die Frage nach dem Spannungsverhältnis zwi- Schen Volk und Führung, aus dem her- aus eben jene Morde geschehen, als Kehrseiten einer Medaille. Mit der Schaffung der jeweils zu den Taten pas⸗ senden Strukturen ist ebenso der„Re- ferenzrahmen“ für die Täter(Welzer Seite 14) wie für die Opfer und Zu— Schauer errichtet. Dem entspricht die jeweilige Per- Spektive. Aly betrachtet„die NWoHerr- Schaft alus einem Bick winMel der Sie als GofeiioMeitsdiktatlu zeigt. Die insOweit wichtigen Fragen lassen Sich am hesten fiir die Zoit des Krieges heantworten, in dor auch die anderen Charakteristika dos Nationalsoæialismus hesOners doutich Perwortreten. Ffler die Galu- eiter der WLAE ein Guttei der MM nister aatssEMrofẽire m Berater agier- fen als Kassische SimmungsPolitiler e fragten sich fãst stlinlich, Wie s6 ie algemeine Zufriedenheit Sicherstellen und verhessErmn Knnten. S6 erMauften Ch den Gffontlichen ZlusPrluch oder we- niostens die GeichgtiltioKeit joden Jag nel. Af der Basis von Gehen und Noh- men errichteten se eine jodoreit mehr- heitsfehige Zlustimmungsdiktatum“ Welzer sieht die Zeit nach Januar 1933 als„sich Selhst dymnamisierende S0 ziale VoranderungsPrOzesse die in Uun- glauhich Kurzem Zoitraum die doutsche GesEchafi nationalsOæialisiert Pahen“ Man beginne zum einen zu ahnen, wie Schwach es um die vahilität und Ngheit moderner GesMschaften in ihrem Ps⸗ chosOæialen Binnengefiige hesfeIMt ist.. Zum anderen wird verständlich, dass(. die KonkKreten Monschen, die diese Ge Schaften hiden umd ihre Horschafts- formen realisioren, Sich in ihrem norma- fivem Orientierungen, in ihren Wort- herzelgungen in Mren IdentifMatio- nen mauch in ihrem zwischermensch- ichen Handeln schnel verndermn Kön- nen. Entscheidungen zur Benachteii- gung anderer Geselschaftsmitolicder dann æu mhrer Entrechtung, zu hrer Be- rauhung schießlich zu ihrer Peportati- on und Tötung iegen ja 1955 Keines weg in ihrem vollen Ausmaß vor vOnderm worden slMessiwe Uurch aktiwe IMeranz und Fartiæipation der VMsge nosinnen md PoMgenossen forma- fiert.“ ¶Wlæen 6 15) Minuziõs deuten beide Autoren die Konstellationen, die sie im Blick haben. Jeden einzelnen Aspekt dekli- niert Welzer akribisch durch die tõdli- chen Situationen, wie sie Vor der Tat- Während der Tat- Nach der Tat ge- staltet und immer weiter perfektio- niert werden. Ebenso analysiert Aly das„höchst Jahil gefügte HeorscHafts- gehaude FNMers“ und die jeweiligen Formen seiner Stabilisierung durch Raub, Rassenkrieg und Beteiligung der Volksgenossen an der Beute. Und wenn auch nur die Abschnitte „Vor dem Morden“ und„Initiationen 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer zum Töten“(Welzer, Seite 98132) ge- lesen würden oder„Die Spur des Gol- des“ und„Verbrechen zum Wohle des Volkes“(Aly, Seite 274 362), schon dann wäre der Erkenntnisgewinn un- vergleichlich. Hätten wir doch nur in der Schule solche Bücher gehabt! Historisches Material/ Quellen Die„Quellen“ und„Das Histori- sche Material“ bilden in beiden Bü— chern verstãndlicherweise die Grundla- ge der wissenschaftlichen Deutungen: sie machen die Glaubwürdigkeit der Argumentation aus. Hlierzu zwei Bei- Spiele, die Aly anführt: So lehnte es die „FOrschlngsgrpPpe die im MMitarge- Schichtichen Fomchungsamt der Blmn- deswehr mittlerweile seit. Mhrzehnmten an dem viehndigen mit vielen MMionen geförerten und immer sterergeworde- nen Wrk Mas PMosche Reich m der weite WtMrieg arheitet, rundweg ah. die Pimanzierung des Krieges zum The- ma eines grõßeren Ahschnitts zu ma⸗ chen. Als Precher dor ArheitsgrpPpe gah mir RoIf Mioter MiMer im Horhst ↄ00o die AusKlmft Noin, diese Finanz- dinge Simnd für un Normalhistoricer zu Kompliziert(.) das Konnen wir nicht unechen. Daz sind wir nicht in der Lage(Ay 640. „rich BorMert der als Reichshaneah- wicMer jahrzomntelang in Hankfurta. M residiorte, SChrieh 1976. Jch hahe im LAfe Uer ahre einige Jausend Qrdner durch die(Bundes)Bank vernichten Jassen, Ohnne jemals Rechenschaft üher den Inhalt zu geben.(.) Er fat das vom Bmdesfinanzministerium ausdriicich ermutigt æur Zoit des BundesMarzers NHolmut Schmidt und Finanzministers Hans Apel“(Aly 8.45/46) Dass und wie es Gõtz Aly trotz der Quellenlage- objektiver und subjekti ver Art- gelingt, Spuren zu verfolgen, Dokumente zu rekonstruieren, Unge- nutztes zu nutzen und Aufgaben für weitere Forschungen zum Thema zu formulieren, zeigt kriminalistischen Spürsinn und hohes handwerkliches Können. Welzers Arbeitsweise wiederum ist, bedingt durch seinen täterzentrierten Blick, ein anderer. Neue, vergessene oder verschollene oder bewusst ver- nichtete Quellen sind schwerlich zu er— warten. Aber ein Wechsel der Blick— richtung auf Zeugenaussagen, Ver- nelunungsprotokolle, Briefe, Kußerun- gen von Zeitzeugen und anderes gibt verborgene Schichten frei. Das lette Wort bleibt den Autoren: „or von den Vorielen für die MMMionen einfacher Potscher nicht roden wi der SOUMt vom Nationalsozialismus m vom Holocaustschweigen“(Aly 8S. 362). Und als ob er die Leser, die dem Grauen auch haben standhalten mũs- sen, nicht ohne Hoffnung lassen will, Schreibt Harald Welzer den anrũhrend schönen Satz: Autonomie(.) Scheint in der Tat als einæiges er Vrockung ent- geoenzstehen, verantwortungs0s Tei eines mrdorischen PrOzbsses Z wWr den. Aufonomie jst Eelich Kein HrodMt von PorMen, die Pehigeit zur Autono- mie Sfæt die Erfahrung von Bindung und Gck voraus Leider verfiigen wir hisſang liher Kein geselchaffliches KOn- zopPt MWenschen jenes JohensPraktische GMick erfahren zu Jassen, das se davor Schitæt zu VoMtreckern des Engicks der andoren zu werden.“ Albrecht Werner Cordt Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 29 n Zusammenarheit mit der Gedenkstätte Vad Pashem verõffontlichte der Wallstein Vorlag zum 60 ahrestag der Boffeiung des Konzentrationsagers Auschwitæ-Bir- Kena den von Prael GCutmann und Bella Guttermann Herausgegohenen Band„Das Auschwitz Album. Die Geschichte eines Nansports.“(BNW 55040 7 Cöt. ingen 2005 30 Furo) Das Alhum ist ein aubergemõhnliches Polument In Auscht witæ auenommene Fotos vom Mai 1944 zoigen aus der FermpPektiwe der Täter Sationen dor Vrnichtung von der Ankunft liher die Seloktion his hin zum Warten vor den Gaskammern. Unter den Deportierten hefindet sich auch Tili acoh Sie tiher- Neht wi im Apri 1904 in Mittehal Pora hofreit. Nach einem Schwcheanfal wir v in einem Zimmer in einer ehemaligen SKasermne unfergehracht. Port entdeckt S 6s jt ein heimahe unglauhlicher Zufall ehen dieses Alhlm. Sie erkennt auf den Aufmahmen ihren Rabhiner Vrwandte und auch sich selhst. 1060 Hat LIMi. Hcoh das Alhum der GedenMsfatte Va Vashem in orusalem lihergohen. DAs ANTLITZ VON AUSCHWITZ „Das Auschwitz-Album. Die Geschichte eines Transports“ Uber den Wert des Albums und den Umwert der neuesten Edition Von Andreas Kilian Das von Israel Gutman und Bella Guttermanm herausgegebene Werk ermöglicht einen tiefen Einblick in die Ablãufe nationalsozialistischer Vernich- tungspolitik, in den Lageralltag und die Anatomie des Konzentrations- und Ver- nichtungslagers Auschwitz-Birkenau mittels detaillierter Bilder. Per Gesichts- ausdruck der Deportierten, die Haltung der deutschen Täter, die Atmosphäre der Schauplät?e und Szenerien sind vielsa⸗ gend. Wir sehen Momentaufnahmen von Menschen die vor einem großen Un- glück stehen. Die Aufnahmen konnten auf wundersame Weise vor der Vernich- tung gerettet werden, die meisten der darauf abgebildeten Menschen nicht. Die Sprache der Bilder aus Ausch- wit?z ist ausdrucksstark und sehr emotio- nal, doch muss man diese Sprache im Schatten der Krematorien erst übersetz- ten kõnnen, um sie zu verstehen. An die- ser Aufgabe scheitern die Herausgeber und ihr Mitarbeiterstab, Zu oberflãchlich bleiben die Bildlegenden, zu viele Fehler finden sich in den Bildbeschreibungen. In den meisten Fãllen wird der Betrach- ter weder darũber informiert, wo sich der Standpunkt des Fotografen befindet, noch darũber in Kenntnis gesetzt, was er vor sich oder im Hintergrund des abge- bildeten Fotos tatsãchlich sieht. Diese Orientierungslosigkeit erklärt womög- lich auch, warum die Fotos nicht- wie von den Herausgebern behauptet-chro- nologisch angeordnet sind. Sie sind es ebenso wenig wie die Fotos im Ori— ginalalbum, die bereits im Jahre 1944 the- matisch geordnet wurden. Der Titel Auschwitz-Album' sugge- riert eine Einzigartigkeit dieser auf dem Lagergelände aufgenommenen Bilder, was aber kaum zutrifft. Andere Foto- Sammlungen sind bisher jedoch größ- tenteils im Verborgenen geblieben, weil die Besitzer kein Interesse haben, diese Dokumente der Offentlichkeit oder Wis- Senschaft Zugänglich zu machen. Obwohl 30 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer es strengstens von der SSLagerführung verboten war, einen Fotoapparat im La- ger mit sich zu führen und private Aufnah- men anzufertigen, gab es immer wieder Angehörige der SS- Besat?ung, die sich nicht an die Vor- Schriften hielten. Die Erinnerung an ihre Zeit in Auschwitz wollten sie sich of— fenbar nicht nehmen lassen. Die historischen Beiträge der Edition sind für das Verständnis der Fotos als Hintergrundwissen ebenso hilfreich wie zum Teil problematisch. Zahlreiche Be- hauptungen der Autoren widersprechen den Erkenntnissen ihrer Kollegen, wo- bei Springer-Aharonis Beitrag die mei- sten Fehler aufweist. Israel Gutmans Beitrag erõffnet dem Leser keine neuen Aspekte der Thematik, auch verzichtet er darauf, neue Forschungsergebnisse in seinen Aufsat? zu integrieren. Obwohl etwa ein Prittel seines Textes aus Zitaten besteht, verzichtet er unverständlicher- weise völlig auf Quellenangaben, zum Teil werden die zitierten Zeugen nicht einmal namentlich genannt. Dieses Ver- säummis betrifft auch alle anderen Beiträge in dem Bildband, der auf einen Ammerkungsapparat grundsätzlich ver- zichtet. Bildlegenden und Bildinhalte Im vorliegenden Werk schleichen sich bei nãherer Betrachtung bereits im Untertitel, im Text des Buchrückens und im Vorwort erste grobe Fehler ein. Der Untertitel Die Geschichte eines Trans- Aus: Das Auschwitz-Album: Ausschnitt von Foto auf Seite 127. Drei der hier abgebildeten Juden kKonnten identifiziert werden: Herr Smilazick(rechts), sein Sohn und Sigmund Bruck(mit Brille und Hut. Alle drei wurden in Auschwitz ermordert. ports' suggeriert ein Einzelereignis. Die Anzahl der erwähnten Güterwaggons ũbersteigt die eines 45 Wagen zählenden Transports jedoch deutlich, s0 dass es sich hier um zwei Transporte handelt. Vermutlich ebenso spekulativ ist die Be⸗ hauptung, dass die Aufnahmen an einem einzigen Tag oder von einem einzigen Fotografen gemacht wurden. Die Feh- lerliste zicht sich schließlich durch alle Beitrãge und viele der spãrlichen Bildle- genden. Die Fehlerquote unter den Bild- kommentaren(ohne reine Namenszu- ordnung) auf den Seiten 101 bis 263 liegt bei erschreckenden 30 Prozent. Pinige Bildlegenden zeugen zudem offensichtlich von einer Unkenntnis der Autoren. Auf Seite 153 soll ein SSArzt wãlmend einer Selektion zu sehen sein. Tatsächlich sicht man einen niedrigen SSDienstgrad, wahrscheinlich einen Sa- nitãtsdienstgrad. Wie auch auf anderen Fotos der beeindruckenden Sammlung zu erkennen ist, hielten sich während der Selektion nur verhältnismäßig wenige SSOffiziere auf der Rampe auf, schät- Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 31 zungsweise ein Viertel der beteiligten SS-Angehörigen. SS-Oberscharführer Hõcker wird auf Seite 151 mit einem an- deren SS-Offizier verwechselt, dessen Jacke im Gegensatz zu Höckers Ober- rock, der auf anderen Fotos im Album sichtbar jst, jedoch überhaupt keinen Schlitz hat. SSRottenführer Stefan Ba- retzki wird auf Seite 146 fãlschlicherwei- se als SS-Wachmann' bezeichnet. Ba- ret?ki versah in seiner Funktion als Blockführer Rampendienst, er war zu diesem Zeitpunkt Kkeineswegs als Wach- mann in Auschwitz eingesetzt. Durch die sparsame Bildkommen- tierung und Interpretation gehen wert- volle Informationen verloren. Die Bear- beitung bleibt oberflächlich, da die Bilder nicht nur durch die auf ihnen ab- gebildeten Menschen leben, sondern auch durch ihre Lagerumgebung, auf die in dem Bildband kaum aufmerksam ge- macht wird. Die Edition verstellt gera- dezu den Blick auf Petails. So wird zum Beispiel auf Seite 107 die an der Vieh- waggonwand angebrachte Aufschrift Peutsche Reichsbahn' hervorgehoben, nicht aber die daneben stehende leuch- tende Schrift, die verrãt, wie viele Juden im Waggon eingepfercht waren. Auf Seite 117 wird überhaupt nicht auf das am Bildrand erkennbare und mit Besen ausgerüstete Häftlings-Aufräum- kommando und auf den SSPosten auf- merksam gemacht. Stattdessen heißt es banal und lakonisch: Nie in Auschwit?z angekommenen Juden kümmern sich um ihr Gepäck'. Gerade die Tatsache, dass die Fotos viel über den Lager und Hãftlingsalltag preisgeben, macht die im Album enthaltenen fotografischen Zeugnisse jedoch so bedeutsam und un- terscheidet sie Zzum Beispiel von den in Auschwitz aufgefundenen Privatfotos der Opfer, die nichts ũber Auschwitz aus- sagen, sondern nur über das Leben vor der Vernichtung. Letztlich sind es Details, die dem Betrachter einen näheren Einblick in die ferne und fremde Welt von Ausch- wit? verschaffen, einen Blick in das Int nemleben der Mordfabrik. Der Wert der Fotos liegt darin, dass auf ihnen un- glaublich viel zu entdecken ist, Ausch- wit? ein Gesicht bekommt und der oft- mals allzu abstrakt geschilderte und hi- storisch Kommentierte Lageralltag auf erschũtternde Weise lebendig wird. Die- ser Umstand macht es geradezu erfor- derlich, die Bilder gründlich zu analy- sieren. In wenigen Rahren schon werden die jüngsten Nachgeborenen-Genera- tionen durch den immer grõßeren zeitli- chen und emotionalen Abstand Schwie- rigkeiten haben, die Fotos einzuordnen. Sie haben das Recht, alle zur Verfügung stehenden Informationen leicht ver- ständlich aufbereitet zu bekommmen und vom neuesten Forschungsstand und der Technik der Bildanalyse zu profitieren. Namensgebung Die Absicht der Herausgeber, den Opfern ihre Namen zurückzugeben, gehört zu den ehremwerten Stärken die- ses Bildbands. Die Opfer werden aus iht rer Anonymität entlassen. Eine Na- mensgebung ermöglicht weiterführen- de personenbezogene Recherchen. In jahrelangen Nachforschungen wurden abgebildete Personen in mühsamer Kleinstarbeit identifiziert, dafür wurden unzählige Uberlebende befragt. Seit 1994 wurden die ermittelten Namen in eine Datenbank der Gedenkstätte Vad Vashem eingespeist. Von den 225 im Buch benannten Per- sonen darunter befinden sich 11 Mehr- fachidentifizierungen- haben angeblich 71 Menschen Auschwitz überlebt. Ein Namensverzeichnis im Anhang des A- 32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer bums fehlt indessen, was das Auffinden von Personen er- heblich erschwert und den Nutzen der Namensnennun- gen stark einschränkt. Ne- ben der Hãufigkeit von Feh- lern fällt zudem eine Lückenhaftigkeit auf. Wich- tige Ergebnisse der Ausch- wit?-Forschung gehen da- durch verloren. So auch die Identifizierung des SSCOber- Sturmfũhrers Dr. med. Heinz Thilo als selektierender SS- MArzt auf den Fotos, die auf Aus: Das Auschwitz-Album: Ausschnitt von Foto auf Sei- den Seiten 145 und 195 zu se— te 136. Die Brüder Sril und Selig Jacob wurden kurz nach hen sind. Obwohl schon in ihrer Ankunft in Auschwitz vergast. den sechziger ahren sieben SS-Täter auf den Fotos erkannt wurden, werden in dem Buch nur zwei namentlich erwãhnt. SS-Angehörige, die im Pffektenlager eingeset?t waren und leicht zu identifi- zieren wären, werden bis auf eine Aus- nahme nicht genamt. Die Versäummisse lassen darauf Schließen, dass das Projektteam keine sy- stematischen Untersuchungen und Be- fragungen vorgenommen hat. Unwer- ständlich bleibt auch, warum identifizier- bare Personen auf einigen Fotos be- nannt werden und auf anderen nicht, ob- wohl die Betroffenen in mindestens eff Fãllen ganz deutlich zu erkennen sind. Es ist erstaunlich, dass die Fotos 60 Jahre nach ihrer Erstellung noch nicht mit den umfangreichen SSFoto-Kartei- en im Auschwitz- Museum oder in Vad Vashem abgeglichen wurden. Mit der Unterstützung von Sachverständigen der Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main, der Zentralstelle Ludwigsburg und des ehemaligen Berlin Pocument Centers, die auch über umfangreiche Fo- to-Archive von SSAngehörigen verfü- gen, sollte dies realisierbar sein. Ein großer Vorzug des Bandes ist dagegen die vollständige Reprodukti- on der kompletten Albumseiten, die den Originalzustand und die authenti- sche Anordnung der Bilder zeigt. Dies war in den bisherigen Veröffentlichun- gen nicht der Fall, was die Auswertung des Originals als historische Quelle er- schwerte. Die Herausgeber wären je- doch besser beraten gewesen, die Fotos einer eingehenden Bildanalyse durch Experten zu unterziehen. Anhang Bei den Abbildungen im Anhang soll es sich um Fotos von Auschwitz und sei- nen Nebenlagern sowie von Himmlers Besuch in Auschwitz-Birkenau handeln. Moch schon bei den ersten beiden Auf- nahmen trifft diese Aussage überhaupt nicht zu. Auf Seite 264 handelt es sich zweifelsfrei um ein nach der Befreiung aufgenommenes Foto des Krematori- ums im KZ Mittelbau-Pora. Das Zweite Foto auf Seite 264— es zeigt zwei Ofen- muffeln mit den darin enthaltenen Uberresten verbranntèr Kõrper wurde nachweisbar am 16. April 1945, ebenfalls kurz nach der Befreiung, im Krematori- Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 33 um des KZ Buchenwald aufgenommen und bereits in zahlreichen Veröffent- lichungen publiziert. Die Fotos von SSOffizieren zeigen entgegen allen Behauptungen nicht nur Erinnerungsbilder von Himmlers leistet haben und auf deren Informatio- nen zZahlreiche der Namernsnennungen beruhen, nicht erwähnt wurden. S0 wur- den unter anderem die holländischen Auschwitz-Uberlebenden und ehemali- gen Hãäftlinge des Kanada- Kommandos, Muschwitz-Besuch am 18. Juli 1942. Himmler ist nur auf einem einzigen zu Sschen. Andere Na- men identifizierba- rer Täter, bedeu- tende Namen in der Entwicklungsge- Schichte von Ausch- wit? wie Fritz Bracht, Erich von »Befrachtet man die Gesichter der Fotfografierten, fält einem ins Auge⸗ nicht unbedingt Angst Sondern eine Art von Stummer Nauer ein Warten aufetwas, das man nicht Kennt und von dem man dennoch weiß, dass es unaus weichlich jst. Wenn man sch in diesen Ausdruck vertieft, beginnen die Bider zu Sprechen, zu Kagen, die Ver- Zweiflung der Qpfer preiszugehen. Michael Schäfer, Göttinger Tageblatt 26.1.2005 über„Das Auschwitz Album“) George van Ryk und Jakob de Hond, die bereits seit eini- gen Jahren verstor- ben sind, vergessen. Auch der Name des Rabbiners Bern- hard Farkas wird unterschlagen, ob— wohl er im Beitrag von Springer-Aha- roni auf Seite 96 dem Bach-Zelews ki, Hans Kammler, Pachim Gaesar, Ru- dolf Hõss, Oswald Pohl, Karl Bischoff und Max Faust, werden verschwiegen. Die Aufnahmen aus den Auschwitzer Nebenlagern und deren Umgebung sind sehenswerte Dokumentaraufnahmen des Lagerkomplexes, Fotos aus den KI. ſaworzno(Seite 268), Golleschau(. 269), Jawischowitz(S. 270), des Fahrbe- reitschaftslagers G. 271), dem Lagerin- teressengebiet und der Vorstadt von Auschwitz sowie dem darin gelegenen Monopolgebäude(S. 272). Auch hier fehlt jedoch jegliche Kommentierung der fotografischen Zeugnisse, besonders die zeitliche und lokale Einordnung. Zu- dem werden die tschechischen Notizen auf neun der zehn separaten Bildseiten im Anhang weder erwähnt, noch entzif- fert, geschweige denn übersetzt. Genau- SO wird dem Leser auch die Kommentie- rung des Albums durch Lili Meier aus dem Jahre 1945 verschwiegen. In der Panksagung überrascht, dass Augenzeugen, die den Erstellern der Na- mernsdokumentation wertvolle Hilfe ge- noch erwähnt wird. Resümee Trotz der zahlreichen Fehler, Män- gel und Versäumnisse sei diese schlam- pige PFdition all jenen empfohlen, die sich im wahrsten Sinne des Wortes ein Bild von Auschwitz machen wollen. Das Album gehört als Quelle zu den bedeutendsten Zeugnissen der Ausch- witzLiteratur und bleibt trotz der fahr- lässigen Bearbeitung durch die Her- ausgeber und das Projektteam eine wesentliche Grundlage für die Auseint- andersetzung mit dem Thema. Wünschenswert wäre es jedoch, in naher Zukunft eine kritische Edition der Fotos vorgelegt zu bekommen, die zu— dem eine ausführliche und seriòse Bild- analyse leisten kann. Dies erscheint um S0 dringlicher, als offensichtliche Fehler revisionistischen Kreisen eine willkom- mene Angriffsflãche bieten kõrmten, die gesamte Auschwitz-Forschung zu dis— kreditieren. Die leidvolle Erfahrung mit der Wehrmachts-Ausstellung hätte den Herausgebern zu denken geben müssen. Internationaler Gedenltag an die Opfer des Nationalsozialismus Freitag, 27. Januar 2006, 19 Uhr Frankfurt am Main, DGBR-Haus, Wilhelm-Leuschner-Straße 69 Verfolgung von Kindern Menschen und Orte in Frankfurt am Main Veranstalter: AC Ausgegrenzte Opfer(hier arbeitet die Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer mit) Legalisierter Raub Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933 1945 ine Ausstellung des FritzBauer-Instituts und des Hessischen Rundfunks Friedberg, 20. Januar 19. März 2006, Kreishaus am Furopaplat? Offnungszeiten: di. sa. 10—12 und 14 17 Uhrso. 10—17 Uhr Ausstellungseröffnung: Ponnerstag, 19. Januar, 19 Uhr im Plenarsaal „Da mein Sohn auberordenflich hegaht ist wie auch seine Tehrer hesteitigen, hitte ich Sie mir das Klaier des evalkuierten. Muden æu üherlassen.“ Mit dieser Bitte trat 1942 ein Offenbacher Bürger an sein Finanzamt heran. Die Amter waren mit der Ver- wertung des Figentums der Deportierten befasst, das seit 1941 dem„Reich verfiel“. Uperall kam es zu Muktionen. Die Ausstellung gibt einen Einblick in die Geschich- te des legalisierten Raubes, in die Lebensgeschichten von Tätern und Opfern. Begleitprogrammm: 26. Januar, 19 Uhr, Bad Nauheim, Wilhelmskirche:„Das mit den Russenweibern ist erledigt“ ¶esung mit Michael Keller); 2. Februar, 19 Uhr, Eriedberg, Wetterau- Museum:, Genagelt ist meine Zunge an eine Sprache, die mich verflucht“(Lilli Schwethelm liest Iyrik und Prosa der Holocaust Vbperlebenden Hilda Stern Cohen: Gitarre: Georg Crostewitz) 16. Februar, 19 Uhr, Eiedperg, Wetterau Museum:„Im Zweifel nach Deutschland. Geschichte einer Flucht und Rückkehr“(esung mit Morit? Neumann) 23. Februar, 19 Uhr, Bad Nauheim, Wilhelmskirche:„Gesicht zeigen“ WVortrag von Henry Brandt) 2. März, 19 Uhr, Eriedberg, Wetterau Museum:„Der große Raub“ ilmvorführung und Piskussion mit den Autoren Dietrich Wagner und Henming Burl) 5. März, 11 Uhr, Stadtrundgang„Jüdisches Leben in Friedberg“ 9. März, 20 Uhr, Eriedberg, BibliotheksZentrum, Augustinergasse 8:„Der Fried- berger Finanzbeamte Otto Wolf und seine Hilfe für jüdische Verfolgte“ Vortrag von Minica Kingreen) Auskünfte im Wetterau Museum, Tel.(0603 1) 88215, oder www friedberg- hessen. de