LAGERGEMEINSCHAFT AUSCHWTZ FREUNDESKREIS DER AUSCHWTZER — ———— u—————— —— d 25. Jahrgang, Heft 1 Mitteilungsblatt, August 2008 Inhaltsverzeichnis Seite Was bleibet aber? 2 Nach dem 27. Januar 2005 Das Wesentliche dieses Ortes ist unsichtbar 6 Zur konservatorischen Erhaltung von Auschwitz Das Grauen ist überall gegenwärtig 12 Pin Besuch in der Gedenkstätte KZ-Häftlinge als Vermittler zwischen Polen und Deutschen 14 Tadeus?z Sobolewicz zum Verhältnis der beiden Länder Das Gedenkbuch 18 Eine schlimme Nacht 20 Pin Ffjähriger wird Zeuge eines Todesmarsches von Hãäftlingen Zum Juden gemacht 22 Fugen Herman-Friede über Verfolgung, Verhaftung und Befreiung Europäische Solidarität mit polnischen Professoren 24 Das Gedächtnis der Orte 26 Gedenkveranstaltung in Frankfurt am Main am 27. Januar 2005 Stan Zak-Kaminski ist tot 29 Juden in Oswiecim 1918- 1941 30 Redaktioneller Hinweis: Bedauerlicherweise konnte diese Ausgabe des Mittei- lungsblattes nicht- wie sonst üblich- vor den Sommerferien erscheinen. Die nächste Ausgabe erscheint im Dezember 2005. Bildlegende: Das Foto auf der Titelseite zeigt den Galgen im Stammlager Auschwitz. Impressum: Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer Freiherr-vom-Stein-Straße 27, 35516 Münzenberg Internet: www. lagergemeinschaft-auschwitz.de Redaktion: Hans Hirschmann, Tel.(U6101) 32010, Annedore Smith, Albrecht Werner-Cordt Bankverbindung: Sparkasse Wetterau(BILZ 518 3500 70) Konto-Nr.: 20 000 3503 Bei Spenden bitte Adresse deutlich schreiben, damit die Spendenbescheinigung zugeschickt werden kann.. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 „Vielleicht habe ich deshalb überlebt“ Aufschrei am 27. Januar 2005 „Warum hat man mich zur Waise ge- macht? Warum hat man meine Familie verbrannt? Warum hat man mein Volk verhrannt? Ich Stund nacikt im Schnee in der Kdilte, ein Mddchen von 16 Jahren, hierner hat man meine Hamilie gebracht und vie alle verbrannt hier hat man mir meinen Mamen geraubt und mir eine Nummer gegeben, hier hab ich mich in eine Nummer verwandelt.“ So schrie die 78 jährige Miriam Jahaw am 27. Ja- nuar 2005 von der Rednertribüne in Auschwitz, Zur Feier der Befreiung des Vernichtungslagers, das sie überlebte. Jahaw war nicht vorgesehen, bei der Zeremonie, die unter Beteiligung von Staatsoberhäuptern aus der ganzen Welt stattfand, das Wort zu ergreifen. „In der Nacht dapor Konnte ich nicht Shlafen“, versucht sie zu erklären,„in meinem ganzen Lehen verspiürte ich viel Wut, ich wollte Schreien, und dann, al Prdisident Katav hinauſgegangen ist m Seine Rede zu halten, habe ich ohne einige Worte hinzufligen möchle Ey ver- ließ das Plt ich hin hin und habe geßragt. Warum? Ich wollte, dass alle meinen Auchrei héren, obwohl ich wlssle, uss niemand mir eine Antwort geben wird.“ Zur Feier war Miriam Jahaw von der Gedenkstãttenleitung eingeladen wor- den und hatte sich mit anderen Uber- lebenden Israels Präsident Katsav an- geschlossen.„Jch hahe nicht an al die Prcsidenten und Kõnige gedacht“, Sagte Jahaw,„ich habe vie ihemaupt nicht ge⸗ Sehen. Ich wollte nun dass sie meinen Alſchrei vernehmen. Ich habe den Kreis geschlossen, ich vergesse nicht und vergehe nicht aber nach den Realtionen vieler Menschen habe ich verstanden, dass mein Alßchrei in der ganzen Wel widerhall. Vielleicht habe ich deshalh liherlebt. Bis hete habe ich Keine Ant- woyt, wurum ich am Leben geblieben hin. Vielleicht ist das die Antwort.“ (nach„Jüdisches Berlin“ 3/2003, übersetzt von Meyer Studnik) viel nachzudenken, meinen Mantel aus- gezogen und mich hinter ihn gestell. ES waren dort 75 Grad minus, aber mir war nicht Kalt. Ichn hahe nichts ge- fiinlt, nur die Wut, die vich in 60 ahren in mir auſgestaut hat. Alb der Präsi- dent veine Rede he- endete, vagte ich ijnm, dass ich noch 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Was bleibet aber? Von Albrecht Werner-Cordt Vergangen die 60. Jahrestage, die Gedenkfeiern, vorbei der 27. Januar, vorbei auch der 8. Mai. Gehalten die Reden, vernommen die Worte, vor Augen die Bilder, nach- klingend das musikalische Begleitprogramm, gelesen die Zeitungsberichte. Was Presse und Fern- schen zu Auschwit? ver- lautbart haben, ist längst von anderen Themen ab- gelöst worden. Der Be- darf an tãglichen'News“ treibt Journalisten und Reporter zu immer ande- ren Schauplätzen. Im öf- fentlichen Bewußtsein ist Auschwit? abgehandelt. Die beschworene Ver- pflichtung zur Frinnerung hat ihre Schuldigkeit ge- tan. Somit genug des Ge- denkens? Drei Nachrichten der letzten Zeit Die Parole Ruhm und Ehre der Waffen-SS“ jst nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs vom Juli 2003 nicht strafbar. Die angeklagten Neo- nazis wurden frei gesprochen. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) lehnt, im Namen der Bundesre- gierung, die Erforschung eines der we- sentlichen Kapitels der politischen Nachkriegsgeschichte kategorisch ab. Die Besetzung zentraler Positionen in- nerhalb der Ministerien mit alten Na- zis und NS-Tätern nach 1945 leugnet Schily mit einem Satz: Pie Bundesmi- nislerien vehen sich nicht in einer Konti- nuitũt mit der ehemaligen national- Auf Vorschlag des ehemaligen Auschwitz-Häftlings Kazimierz Albin(3. v. li.) wurden den LGA-Vorstandsmit- giedern(von li.) Matthias Tiessen, Albrecht Werner-Cordt und Diethardt Stamm hohe polnische Orden verliechen. voZialistischen Vergangenheit“. Wie verrãterisch doch die Sprache ist. Dem amtierenden Innenminister der Bun- desrepublik Deutschland ist der Na- tionalsoZialismus nicht nur Vergangen- heit, nein, wenn schon, denn schon, ehemalige Vergangenheit“- und dies, obwohl Fachhistoriker davon ausge- hen, dass zentrale Bereiche des Innen- ministeriums und nicht minder des Auswärtigen Amtes Anfang der fünf- ziger Jahre wieder fest in den Händen von Altnazis und SS-Führern waren. In Frankfurt am Main setzt sich ei- ne Initiative für die Umbenennung des Platzes vor dem ehemaligen Sit?z der I6 Farben in Norbert-Wollheim-Platz ein. Dort residiert mittlerweile die Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 Goethe-Universität. Wer ist dieser Norbert Wollheim? Fin Auschwit?z- Opfer, dessen Frau und Sohn in den Gaskammern von Auschwitz ermor- det wurden. Norbert Wollheim über- lebte die Sklavenarbeit in Monowitz. Er verklagte in einem als Musterpro- zess anerkannten Verfahren die I6 Farben i. K. und erreichte 1933 eine ge- richtliche Entscheidung, in der ihm, und somit auch weiteren Opfern, Schadensersatz zugebilligt wurde. 352 Jahre spãäter legen Kommunalpolitiker Sowie Repräsentanten der Universitãt und der CDU, SPD und FDP eine skandalõse Ablehnungshaltung an den Tag. Bis heute: Kein Norbert-Wollheim- Plat? im Fingangsbereich des ehemali- gen I6 Farben-Geländes! Wenige Wochen zuvor waren dem- gegenüber in der deutschen Offent- lichkeit schöne und beeindruckende und sichtlich folgenlose Reden zu hören: Nie wieder Auschwit?“. Um glaubwürdig zu sein, hieße das aber, das Geschehene aus der Sicht der Opfer zu sehen und für das Nie- Wieder persõnlich einzustehen. Mit den Zeitzeugen zur Erinnerung Zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwit?-Birkenau war der KGMA- Vorstand Zu den staatlichen Feierlich- keiten in Auschwit?-Birkenau eingela- den. Sie standen unter dem Patronat des Präsidenten der Republik Polen Aleksander Kwasniewski. Organisator war der Rat Zzum Schutz des Geden- kens an Kämpfer und Martyrium?. Hier bestimmten die Opfer, die Toten und die Uberlebenden, das Gedenken. Sie waren allgegenwärtig. Im dichten Schneetreiben, in der klirrenden Kälte unter dem grauen alles bedeckenden Himmel. In den suchenden Blicken der angereisten Lagerhäftlinge, die Ver- nichtung vor Augen, der sie durch einen Zufall entronnen waren. Unter den Reden der Staatsmänner die Stimmen der Opfer, der Verfolgten, der Angehörigen, die den Schmerz ver- nehmlich machten, die Ansprachen von Simone Veil, Wladyslaw BartosZewski, Romani Rose. Schließlich dann der Aufschrei, eine gequälte klagende Frauenstimme. Es brauchte keinen Dol- metscher:“Warum... 2*(Siehe Seite J.) Am Vortag hatte der polnische Prä- sident'in tiefer Achtung vor den anwe- senden ehemaligen Häftlingen“ mit der Verleihung von hohen Auszeichnungen die Festlichkeiten begonnen. Unter den Trãgern des Kavalierkreuzes, eines der höchsten zivilen Ordens, den der Präsi- dent persõnlich im Warschauer Präsi- dentenpalais verlieh, befinden sich nun auch die Mitglieder des Vorstands der Lagergemeinschaft Auschwitz-Freun- deskreis der Auschwitzer, Albrecht Werner-Cordt, Diethardt Stamm und Matthias Tiessen. Die Worte des Präsidenten kamen von Herzen, gesprochen im Geist der Opfer. Ich freue mich sehr, dass unter uns Menschen sind, die die großartige Idee der Aufrechterhaltung und das Weitergeben des Wissens über das La- gerdrama verbindet.“. Der KGA-Vor- Stand sieht hierin die Anerkennung des Lebenswerks ehemaliger Häftlinge, die ein Vierteljahrhundert nach der Befrei- ung eine Lagergemeinschaft und einen Freundeskreis mit Sitz in Münzenberg in Deutschland gegründet haben. Unter den Freunden sei dem VizZepräsidenten 4 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer des Internationalen Auschwitz Komitee (AK) Kazimier? Albin besonders ge- dankt. Seine Fürsprache brachte das Verfahren zur Ordensverleihung auf den Weg. Sein Rat, seine Lebenserfah- rung begleiten unsere Tätigkeit. Begonnen hatte die Fahrt zu den Gedenkveranstaltungen in Berlin, wo- hin am 25. Januar das Internationale Auschwit? Komitee eingeladen hatte. Zwei leidenschaftliche Appelle durch- brachen das offiziöse Zeremoniell. Kurt Goldstein, der Ehrenpräsident des IAK, forderte die zahlreich vertre- tenen Politiker, darunter als Festred- ner auch Bundeskanzler Gerhard Schrõder, zum energischen Fingreifen gegen die Neo-Nazis auf. Und der Prä- sident des Jüdischen Weltkongresses Israel Singer verurteilte in aller Schärfe die militärische und politische Unent- Schlossenheit gegenüber NS-Deutsch- land, als noch Zeit war, den Holocaust zu verhindern. Ausdrücklich erwähnte er auch die Schweiz und die dortige Bankenwelt als Nutznießer der NS— Raubzüge. Was bleibet, sagt Hölderlin in sei- nem Gedicht Andenken, stiften die Dichter. Bleiben werden von den Ja- gen des Gedenkens die Gespräche un- ter Freunden und die Dankbarkeit, aufgenommen zu sein in den Kreis de- rer, die das Wissen weitergeben. Blei- ben werden der Aufschrei gegen das Unrecht und die verstörte Frage nach dem Warum und das stumme Verhar- ren im Gedenken an die Todesmärsche und die Befreiung. So mag, abgewan- delt, die berühmte Schlusszeile lauten: Was bleibet aber, Stiften die, die sich er- innern. Quelle der Hoffnung Aus?ug aus der Rede des polnischen Präsidenten am 26. Januar 2005 Polens Präsident Aleksander Kwasniewski (rechts) bei der Ordensverleihung an Albrecht Werner-Cordt am 26. Januar 2005 in Warschau. Erlauben Sie, dass ich mich heute in tiefer Achtung vor den hier anwe- senden ehemaligen Häftlingen von Auschwitz-Birkenau verneige. Die Be- gegnung mit Ihnen ist jedes Mal für mich ein Moment einer tiefen Rührung. Sie sind nicht nur eine Le- gende, ein lebendiges Denkmal, son- dern auch Quelle der Hoffnung, Quel- le des Glaubens an Menschen. Die Unbeugsamkeit Eures Geistes ist ein Beispiel für nachkommende Genera- tionen, dem Bösen die Stirn zu bieten und dem eigenen Land zu dienen. Ich freue mich sehr, dass unter uns Menschen sind, die die großartige Idee Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 8 der Aufrechterhaltung und das Weiter- geben des Wissens über das Lager- drama verbindet. Damit meine ich die zahlreichen Mitarbeiter des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau, Lehrer, Buchverleger und alle Hüter dieses für uns sehr wichtigen Gedenkens. Für mich als Präsidenten ist es eine große Ehre, Ihnen heute die hohen staatlichen Auszeichnungen zu verlei- hen. Sie sollen der Ausdruck des Pan- kes der Republik Polen für Ihre uner- müdliche Tätigkeit in der Gesellschaft zur Betreuung von Auschwitz(TOnO), in dem Internationalen Auschwit?- komitee, in der Gesellschaft zur Hilfe der ehemaligen Häftlinge von Konzen- trationslagern und in vielen anderen Sowohl polnischen als auch ausländi- schen Organisationen sein, die ãhnliche Ziele und ãhnlichen Charakter haben. Indem wir jedes Jahr die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwit?-Bir- kenau feiern, ehren wir alle, die im La- ger gelitten und ihr Leben verloren ha- ben. Morgen, während der Feier- lichkeiten an dem Ort, wo die Nazis die Menschen selektierten, werden sich Tausende von Menschen vor den Er- mordeten und denen, die dort gelitten haben, in tiefer Achtung verneigen. Und was besonders wertvoll ist: die Wahrheit über Auschwitz-Birkenau, über die Vernichtung und darüber, wo- zu die Menschen fähig sind, wenn sie die anderen Menschen verachten, wer- den die Jugendlichen aus der ganzen Welt mit nach Hause nehmen. Damit meine ich alle, die an dem Forum„ Let My People Live“ teilnehmen werden, das in Krakow durch den Europäi- schen Judenkongress organisiert wur- de. Mit diesen Vertretern der jungen Generation, die den Holocaust nur aus den Schulbüchern kennt, werden sich morgen ehemalige Lagerhäftlinge treffen. Ich bin überzeugt, dass es ein besonderer, unvergesslicher, sehr spektakulärer und gleichzeitig auf an- dere strahlender Geschichtsunterricht sein wird. Ein Gespräch und Kontakt mit denen, die wie Sie, verehrte Da- men und Herren ehemalige Häftlinge, die Zeit des Hasses überstanden ha- ben, ist für die jungen Leute durch nichts Zu ersetzen. Und in dieser Zeit des Hasses haben Sie das aufbewahrt, was am wertvollsten ist: die Mensch- lichkeit. Mit der Verleihung von Auszeich- nungen im Präsidentenpalast begin- nen wir die Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Befreiung des Konzen- trationslagers Auschwit?-Birkenau. Ohne Fure Bemühungen an das Gedenken, ohne Fuer Zeugnis, das Ihr der Wahrheit ablegt, ohne Fuere Bemühungen im Bildungsbereich, oh— ne Fuere Sorge wäre dies viel schwie- riger und sogar unmöglich durchzu— führen. Deshalb sind diese Auszeich- nungen eine Fhre für das, was Ihr ge- tan habt, damit Wahrheit Wahrheit bleibt, damit Geschichte ohne Lügen weitergegeben wird, damit das Wort Mensch würdig klingt und damit die Menschen den anderen Menschen nirgendwo und nie wieder so ein Schicksal bereiten. Dafür alles möch- te ich Ihnen, meine Damen und Her- ren, von ganzem Herzen im Namen der Republik Polen, im Namen von allen hier anwesenden höchsten Ver- tretern des polnischen Sejms und Se- nats und der Regierung der Republik Polen danken. 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Die Konservatorische Instandsetzung der Lagerkiiche im Stammlager ist wohl das letzte Projelkt, das mit Geldern der deutschen Bundesldinder in der Gedenlkstatte AlisCh witz veulisiert wird. Pabei dienen rund 100 000 Euro, die noch zur Verfi- gung vtehen, lediglich als Anschubfinanzierung. Der Architelct Helmut Morlok he richtet ber dieses nelue Projelkt vowie duriiben wus hisher mit den Knapp 3,8 Mil- jionen Euro geleistet werden Konnte. Morlok gestaltet und Koordiniert den Beitrag der deutschen Länder zur Erhaltung der Gedenlkstätte Auschwitz-Birkenau veit dem Jahre 104. Ey ist deulscher Voitzender des Stiftungsrates der Internationa- len MMgendhegegnungsstcitte in Oswiecim(Aluschwitz). Das Wesentliche dieses Ortes ist unsichtbar Beitrag der deutschen Länder zur Erhaltung der Gedenkstätte Auschwit?-Birkenau Von Helmut Morlok Seit dem Jahre 1994 beteiligen sich die 16 deutschen Länder an den Maß- nahmen zur Erhaltung der Gedenk- stätte Auschwit?. Im Beschlußvor- schlag für ihre Beteiligung bekennen sich die Länder zu ihrer Mitverant- wortung für die Erhaltung der Ge— denkstätte. Vereinbart wurde mit dem Staatli- chen Museum Auschwitz-Birkenau eine finanzielle Hilfe in Höhe von 10 Millionen PM. Zwischen dem Bun- desland Niedersachsen(handelnd für alle Länder der BRD) und dem Staat- lichen Museum wurde festgelegt, daß mit dem Geld im einzelnen noch zu bestimmende und gemeinsam festzu— legende Erhaltungsmaßnahmen voll, das heißt, ausschlieBlich von den Län- dern finanziert werden. Diese Projek- te wurden im einzelnen vom Interna- tionalen Rat gut geheißen. Ihre Reali- sierung erfolgte durch das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau über Zuwendungsverfahren, unter Mithilfe deutscher Fachbehörden. Die Gedenkstätte Auschwitz-Bir- kenau wurde im Jahre 1979 von der UNESCO in die Liste der Objekte auf- genommen, die„von Solch außerge- whnlichem Interesse und Wert sind, daß ihr Schutz in der Veruntwortlich- Keit der ganzen Menschheit liegt“. Die- Se, durch die UNESCO ausgezeichne- ten Objekte, sind in der Regel Werke von höchster künstlerischer Qualität. Entstanden in Sternstunden mensch- licher Schöpfungskraft, bilden sie den Schatz unseres kulturellen Erbes. Die Anlagen und Bauten von Auschwitz entstanden nicht in einer Blütezeit menschlicher Kultur. Sie entstanden in der dunkelsten Zeit deutscher Ge- schichte, als Manifestation damaliger Unkulur. Sie sind weder künstlerisch, weder technisch, weder architekto- nisch wertvoll und stehen doch zu Recht in der Kiste der UNESCO. Die Berechtigung, die Reste der cehemaligen Lager, die Hinterlassen- schaft der Opfer, die Zeugnisse nazi- deutscher Untaten in den Kreis des Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Weltkulturerbes aufzunehmen, ist ausschließlich in der Geschichte der Menschen, der Frauen, der Männer und der Kinder begründet, die an die- sen Ort deportiert, an diesem Ort ge- quält, gedemütigt, durch Arbeit, Schi- kanen und Krankheit vernichtet, fa- brikmäßig ermordet wurden. Die Er- innerung an diese Menschen-Primo Levi Spricht von der Brandwunde der Brinnerung- wachzuhalten; nur dar- auf beruht der Wert der Dinge an die- sem Ort. Die materiellen Reste der ehemaligen Lager von Auschwitz, also das Sichtbare, das Greifbare, sind nicht das Wesentliche dieses Ortes. Das Wesentliche dieses Ortes ist un— sichtbar! Im Laufe der elf Jahre übernah- men die deutschen Bundesländer: bäude„erzählt“ seine Geschichte, 2.„Vor der Auslöschung-Fotografien gefunden in Auschwit?“, Bilddoku— mente der Menschen vor ihrer Ver- nichtung, Symbole für die mit diesen Menschen untergegangene Welt des europãischen Judentums.) Im Lager„Auschwitz I- Stammlager“: ⸗ Konservatorische Instandsetzung des Gebäudes Al0, in dem die medi- zinischen Versuche an Frauen durch- geführt wurden.(Zum„Zentrum der biologischen Rassenhygiene der Nationalsozialisten wurde der be— rüchtigte Block Al0 im Stammlager“, schrieb Hermann Langbein.)“ Kon- Servatorische Instandsetzung des Ge- bäudes Al1(als„Todesblock“, einer der zentralen Orte des NS-Terrors in Polen. Gerichtsgebäude, Gefängnis und Hinrichtungsstätte über den Im Lager Birkenau: „Konservatorische Instandset?zung der „Blockführerstube B2“* Freilegung der Barackenreste des „Krankenlagers B2f“ „ Konservatorische Instandsetzung des Gebäudes B2, der so- genannten„Zentral- sauna“ Binrichtung einer ständigen Aus- stellung einschließ- lich des dazu erfor- derlichen techni- schen Ausbaus in der „Zentralsauna“. (Diese Ausstellung gliedert sich in zwei Bereiche: 1. Das Ge- — ———* — Die kompletten Zäune in Auschwit? wurden Konservatorisch für die Erhaltung präpariert. 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Bereich des Lagers hinaus. Ort des ersten Versuches der Vernichtung von Menschen mit Zyklon B. Die„Todes- zellen“, vor allem die Zelle von Pater Maximilian Kolbe, sind heute ein Wallfahrtsort für die Besucher der Gedenkstätte.)“ Konservatorische Instandset?ung des Gebäudes A26 (Aufnahmegebäude, Bad und Fffek- tenkammer). In beiden Lagern, Auschwitz I und II: ⸗ Konservierung der Zaunanlagen (alle Stahltore, darunter das Tor„Ar- beit macht frei“, Wachtürme im Stammlager, Betonpfosten(jeder ein- zelne Betonpfosten wurde von Häft- lingen vorgefertigt und vom„Zaun- kommando“ mit den Fundamenten einbetoniert; jeder Pfosten ist ein Unikat). Bemerkungen zur konservatorischen Arbeit in der Gedenkstätte Auschwitz ist ein einziges Span- nungsfeld, voller Widersprüche. In diesem Spannungsfeld bewegt sich je⸗ der, der sich um die Pflege der Reste der ehemaligen Lager kümmern muß. Er arbeitet gegen das Naturgeset?z der Vergänglichkeit des Seins, der Ver- gänglichkeit der Dinge. Um den tota- len Verlust zu verhindern, muß er in den naturgegebenen Alterungs- und Verfallprozeß eingreifen. Um die Dinge zu erhalten, verändert er sie zwangsläufig, verbunden mit Verlust an Authentizität. EFinige Konsequenzen daraus: „Außerste Zurückhaltung bei der Konservierung der Reste der ehema- ligen Lager.(Man kann Beton erhal- he Aufnahme) Die Lagerküche(Historise ten, Holz gegen Verwitterung schüt— zen, aber„Auschwitz“ dabei verlie- ren.) „ Ohne Konzeption keine Frei— legungsarbeiten!(Im Zweifel ist die Erde das bessere Archiv.) ⸗Absolute Schonung aller„Lebens- spuren“! Keine„Verschönerung“ der Dinge!(Fine Lücke ist eine Lücke und ein Riß muß ein Riß bleiben!) ⸗Notwendige Veränderungen zeigen und dokumentieren! »Konservatorische Ziele formulieren ist einfach, sie zu verwirklichen schwieriger. Anspruch und Wirklich- keit klaffen oftmals auseinander. Die Projekte, die die Bundeslän- der bei der Pflege der baulichen Zeu- gen von Auschwitz als Aufgabe ange- nommen haben, bilden einen fast kompletten Querschnitt durch das Aufgabenfeld der Gedenkstätte: Ort der Dokumentation zu sein; die Authentizität dieses Platzes zu be- wahren. Ort der Aufklärung, der Erklärung zu sein; ein„Lernort der Geschichte“. Ort einer moralischen Botschaft für die Menschheit zu sein; einer Botschaft der„Ehrfurcht vor dem Leben“. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 Ort der Selbstpriüfung für jeden Besu- cher; besonders aber für uns Deut- sche zu sein.„Wie hättest du dich da- mals verhalten, wenn die Zumutung an dich herangetreten wäre? Wo wärst du gestanden; vor oder hinter dem Stacheldraht? Doch über allen vorgenannten Aufgaben steht zu allererst: Ort der Trauer, des Schmerzes, des Verlustes. Im Sommer 2004 war erkennbar, daß nach Abrechnung aller Aufgaben der Bundesländer ein Restbetrag von rund 100 000 Furo für ein weiteres Projekt zur Verfügung steht. Auf Wunsch des Staatlichen Museums wur- de dieser Betrag einer neuen, wichti- gen Aufgabe gewidmet, der„Konser- vatorischen Instandset?ung der ehe- maligen Lagerküche in Auschwitz“ Die konservatorische Instandsetzung der Lagerküche „Dlirch die Lage des Klichengebdu- des am Fingang zum ehemaligen Lager nehen dem Jor„ARBETT MACHT FR durch seine Größe und Pro— Portionen, durch die Horm der Gehlu degruppe- einen Innenhof km- Schließend- ist das ehemalige Küichen- gehdlude hervorragend zur Präsentation von Alisslellungen im„Stammlager“ geeignet. Die Gebäudeanlage befindet sich ndch dem Aluszug der Konservie— rungsweristutt, derzeit, in einem deso- jaten Zustand. Spuren der hisherigen Nutzling, der teilweise dilettantische Umgang mit der originalen Bauslh- Stanz alus der Lagerzeit, Konstrukti- ons- lind altershedingte Schäden an Die ehemalige Lagerküche soll für Museums?wecke instandgesetzt werden. 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Historische Aufnahme vom Bau der Lagerküche in Auschwitz I. der Bausuhstunz, nehmen einem fast den Mut, diese Auſgahe anzunehmen. Vrotz aller Mängel und Hemmnisse Sehe ich jedoch in einer vogfltigen, Professionellen Konservierung und technischen Ergänzung der ehema— ligen Lagerkciche eine einmalige Chance für die Emaltung und Verbes- serung des Eyscheinungsbildes der Gedenkstdtte Auschwitz.“(Aus der Stellungnahme des Verfassers zur Anfrage des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau) Zusätzlich zur Nutzung für Aus- stellungen der Werke der Lagerkunst, Soll die Geschichte der Lagerküche Selbst und des anschließenden Appell- plat?es dokumentiert werden. Die Appelle und die dabei durchgeführten Exekutionen nehmen in den Berich- ten der ehemaligen Häftlinge einen breiten Raum ein. Der Appellplat?z hat eine traurige und bewegte Ge- Schichte. Das Küchengebäude, das während der Lagerzeit immer wieder erweitert wurde, spiegelt die Gigantomanie des Wahnsinns der Lagerplanung wieder. Die Baugeschichte dieses, auf allen Plänen als„provisorische Lager- küche“ bezeichneten Gebäudes soll ebenfalls in einer Ausstellung gezeigt werden. Stand des Projektes(Mai 2003): ⸗»Die vorbehaltlose Zustimmung des Internationalen Rates liegt vor ⸗»Durch die Leitung der Gedenkstätte wurde eine Projektarbeitsgruppe be- rufen, der u. a. Prof. Rymaszewski, Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 Vorsit?ender der Konservatorischen Kommission des Internationalen Ra- tes, und Helmut Morlok angehören. Diese Gruppe soll die Museumsleitung bei der Gestaltung und Realisierung des Projektes begleiten und beraten. ⸗Mit dem Betrag von rund 100 000 Buro der deutschen Länder zur An- schubfinanzierung wurden folgende erste Schritte finanziert:* das Dach des Hauptgebäudes wurde gesichert und gedichtet,» eine ausführliche konservatorische und historische Be— standsaufnahme wurde angefertigt, ⸗ mit der Erarbeitung eines Masterpla- nes konnte begonnen werden. Dieser Plan soll einmal die Sicherung des hi- storischen Bestandes berücksichti- gen, zum anderen die funktionelle, technische und architektonische Ein- fügung der verschiedenen Ausstellun- gen in das historische Gebäude nach- weisen. Wie wird es weitergehen? Der Beitrag der Bundesländer im Rahmen von 10 Millionen PM aus dem Jahre 1994 wurde geleistet, der Auftrag erfüllt. Es müssen weitere Hi- nan?quellen erschlossen werden. Nach einer Hochrechnung, anhand des vom Umfang her gleich großen, bereits realisierten Projektes der „Zentralsauna“ in Birkenau, werden die Gesamtkosten voraussichtlich 1,5 1,8 Millionen Euro betragen. Die Arbeiten werden wohl mindestens drei Jahre dauern. — — Hãftlinge bei der Erweiterung der Lagerküche im Stammlager im Jahr 1943. — 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Das Grauen ist überall gegenwärtig Pin Besuch in der Gedenkstätte Auschwit? Bewahrung der Erinnerung und Dokumentation der Geschichte Von Annedore Smith „Der Dichter Dante hatte Keine Ah- nling, wie es in der Hõlle alissieht. Die wre Hölle war in Birenau.“ Diese Worte des polnischen Auschwit?z- Uberlebenden Tadeusz Sobolewicz hallen beim Gang durch das ehemali- ge Konzentrationslager überall wie- der. Auschwitz-Birkenau zeugt allein schon von seinen immensen Aus- maßen her von einer Dimension des Grauens, die jede Vorstellungskraft übersteigt. Im Stammlager Auschwit? I wiederum wird vor allem deutlich, welche Verzweiflung damals in den en- gen Zellen des Häftlingsbaus ge- herrscht haben muss. Das riesige Konzentrationslager in Oswiecim westlich von Krakau wurde im Juli 1947— zweieinhalb Jahre nach der Befreiung durch die sowjetische Armee- von der polnischen Regie- rung zum Nationaldenkmal erklärt. Auschwitz ist heute Gedenkstätte und Staatliches Museum sowie Dokumen- tationsstelle und Archiv für die Ge- schichte des Lagers und das Schicksal seiner ehemaligen Insassen. In unmit- telbarer Nähe gibt es die Internatio- nale Jugendbegegnungsstätte mit Seminarräãumen und Ubernachtungs- möglichkeiten. Diese will junge Men- schen über die Verbrechen der Ver- gangenheit informieren, um zur Ver- söhnung der Völker beizutragen. Das Stammlager Auschwitz I be- tritt der Besucher durch das berüch— tigte Tor mit der Uberschrift„Arbeit macht frei“- bezeichnend für den perfiden Zynismus der deutschen Nationalsozialisten. Die Gebäude, in denen die Häftlinge damals unterge- bracht waren, sind noch gut erhalten. Neben Informationstafeln gehören Fotos ehemaliger Lagerinsassen, ihre Hãäftlingsuniformen und einige ihrer Habseligkeiten zu den dort ausge- stellten Exponaten- und ebenso die großen Vitrinen mit den Schuhen oder den abgeschorenen Haaren der Ermordeten. Erschütternd ist ein Besuch im Block 11- dem ehemaligen Häftlings- block und Zellenbau der Lager- gestapo. Hier mussten Todgeweihte ausharren, bevor sie hingerichtet wur- den oder verhungerten. Fin besonde- res Gedenken ist dem katholischen Priester Maximilian Kolbe gewidmet, der sich freiwillig dem Hungertod aus- lieferte, um das Leben eines Familien- vaters Zu retten. Im Hof des Blocks be- findet sich die Todeswand, an der re- gelmäßig Erschießungen stattfanden. Das Krematorium mit der Gas— kammer schließlich zeugt davon, dass auch im Stammlager perfider Mord an der Tagesordnung war. Das eigentliche Vernichtungslager war jedoch das drei Kilometer entfernte Auschwitz-Bir- kenau. Vom Wachturm am dortigen Haupteingang hat der Besucher einen Ausblick auf das weite Areal von rund Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 175 Hektar sowie auf die Bahngleise mit der berüchtigten Rampe, wo einst mit einem einzigen Hingerzeig über Ke- ben und Tod entschieden wurde. In den teilweise noch erhaltenen Baracken waren Zeitweise bis zu 100.000 Häft- linge auf einmal zusammengepfercht. Von den Krematorien mit den riesi- gen Gaskammern, in denen jahrelang Systematischer Massenmord betrieben wurde, Sind nur noch Ruinen erhalten. Die Anlagen wurden kurz vor der Be- freiung des Lagers von der 88 ge- sprengt, die damit die Spuren ihrer Verbrechen verwischen wollte. Dass diese jedoch niemals in Vergessenheit geraten, ist Aufgabe der Dokumentati- onsstelle in der Gedenkstätte. Auf rund 200 Laufmetern Regelfläche sind dort tausende Urkunden und Karteien zu- sammengetragen, die jet?zt nach und nach auch elektronisch erfasst werden. Sie enthalten Häftlingsfotos des SS-Erkennungsdienstes, Baupläne des Lagers und der Krematoriumsanlagen Sowie SS-Fotodokumentationen des Baus, Gefangenenlisten, detaillierte Arbeitseinsatzlisten, geheime Kassi- ber der Widerstandsbewegung, Unter- lagen über die berüchtigten Medizin- versuche und schließlich die umfang- reichen Sterbebücher- aber auch Er- innerungsberichte von befreiten Hãft- lingen sowie Zeugenaussagen aus den späteren Prozessen gegen die Täter. Das Archiv steht Wissenschaftlern und Journalisten aus dem In- und Aus- land für Recherchen zur Verfügung. Pabei arbeitet es eng mit vergleichba- ren Instituten in aller Welt Zusammen- etwa mit der israelischen Gedenk- stätte Jad Vaschem, dem Holocaust- Museum in Washington oder Doku— mentationsstellen in Russland, zumal viele Unterlagen nach der Befreiung des Lagers in die ehemalige Sowſet- union gelangten. Besonders wichtig ist es, Kontakte zu ehemaligen Häftlingen und ihren Familien zu halten. Denn letztlich sind nur die Zeitzeugen in der Lage, die ganze Dimension des Grauens im Konzentrationslager Auschwitz zu dokumentieren. 2 —— 2 — .— E —— 2*1— P„ p 2+ 4. 2—. * 1* i — 17 N. 2 — — Die Todeswand im Hof des berüchtigten Block 11 im Stammlager Auschwitz. 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer KAZ-Häftlinge als Vermittler zwischen Polen und Deutschen Von Tadeusz Sobolewicz Nicht allen Menschen in Polen sind Touristen aus Deutschland willkom- men. Die deutsche Sprache- vor allem wenn sie zu laut und zu rau artikuliert wird- erweckt vielerorts Widerwillen. Gewisse Wörter wirken scharf und un- angenehm, und ältere Polen fühlen sich dann schnell an die Befehle und Flüche der deutschen Besatzungstrup- pen wãhrend des Weltkriegs erinnert. Ich möchte hier auf keinen Fall Verallgemeinerungen verbreiten und stimme auch nicht damit überein, wenn meine polnischen Landsleute õf- fentlich Ablehnung gegenüber den Deutschen demonstrieren. Doch kann nicht ignoriert werden, dass Anti- pathien von Zeit zu Zeit wieder hoch- kommen und sich dann in der Regel an konkreten Freignissen fest machen etwa am Auftreten deutscher Ge- schäftsleute in Polen. Das Klischee ist bekannt. Der rei- che Nachbar kommt zu uns und will investieren, dabei aber auch kräftig verdienen. Fin armer Einheimischer hingegen kann es sich nicht leisten, sein Haus oder Geschäft zu moderni- sieren, und sieht sich deshalb zum Ver- kauf ge?wungen. Schnell heißt es dann, die Deutschen wollten sich bei uns all das zurückholen, was sie nach dem Krieg verloren haben. So sehr man diese Denkweise kritisieren mag, sie wird sich so schnell nicht ändern. Es sind noch viele Jahre notwendig, um alte Antipathien zu überwinden. Aber da wir nun einmal Nachbarn sind, sollten wir uns um ein gutes Zu- sammenleben bemühen und nicht unnõtig Streit suchen. Hier set?e ich meine Hoffnungen vor allem in die Jugend. Ich habe häu- fig beobachtet, dass junge Deutsche schon von vornherein mit einem ge- wisSen Schamgefühl nach Polen kom- men. Sie haben im Geschichtsunter- richt über den bitteren Ernst des Zweiten Weltkriegs und den Völker- mord an den Juden erfahren. Oft sind Sie sich nicht sicher, ob ihr Großvater vielleicht an der Ausrottung tausender unschuldiger Menschen aus allen Tei- len Europas beteiligt war. Sie schämen Sich für das Unrecht, dass ihr Land den Polen angetan hat, und wollen mehr über die Vergangenheit erfahren. Als ehemaliger Häftling in insge- samt sechs Konzentrationslagern der deutschen Nationalsozialisten, darun- ter auch Auschwitz, treffe ich häufig mit jungen Menschen zusammen, um ihnen als Zeitzeuge meine Erfahrun- gen kund zu tun. Dabei habe ich im- mer wieder die Erschütterung regi- striert, die die Konfrontation mit dem Grauen im Museum Auschwitz-Bir- kenau bei diesen Besuchern auslöst. Sie sind schockiert über die grenzen- lose Bestialität gegenüber Menschen aus anderen Völkern, die sich nichts haben zu Schulden kommen lassen. Diese Konfrontation mit den Ver- brechen gegen die Menschlichkeit löst Scham und Verlegenheit aus- und ebenso Angst und Schrecken sowie Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 Schmerz, Leid und Tränen. Spãter kommt dann die Frage: „Wie war das möglich? War- um ist das geschehen?“ Hier versuche ich dann, im Dialog die wahnsinnige Ideologie der Nationalsozialisten und deren grauenhaften Ergebnisse et- was klarer zu vermitteln. Oft höre ich auch die Fra- ge:„Waren alle Deutschen in SS-Uniform so grausam und unmenschlich?“ Darauf kann ich nur antworten:„Leider war die Mehrheit der Nazis in der Tat brutal, rücksichtslos Tadeus? Sobolewiez mit Diethardt Stamm Mitte) und und sadistisch. Nur wenige Deutsche hatten den Mut, sich unter diesen Bedingungen ihre Mensch- lichkeit Zzu bewahren- s0 zum Bei- spiel die Krankenschwester Maria Stromberger, die als Verbindungsfrau zu den Partisanen in der Gegend um Auschwit? fungierte und erkrankte Häftlinge mit zusätzlichen Medika- menten versorgte. Eine rühmliche Ausnahme war auch der SS-Arzt Hauptsturmführer Hans Münch, der eine Beteiligung an den Vergasungen in Birkenau verweigerte und dafür später von einem polnischen Gericht rehabilitiert wurde. Menschlich und mutig war ferner der deutsche Funkti- onshäftling Otto Küssel, der als Fin- Sat?leiter vielen KZ-Insassen zu leich- terer Arbeit verhalf. Doch solche Beispiele menschlichen Verhaltens können die insgesamt bestialischen und unmenschlichen Handlungen der Nazis nicht aufwiegen.“ Altere Deutsche reisen meiner Erfahrung nach seltener zu den Ge- denkstätten des Naziterrors in Polen. Matthias Tiesen. Sie fahren lieber nach Warschau, Danzig oder Zakopane und genießen die touristischen Attraktionen. Jun- ge Deutsche kommen dagegen häufig in die Lager Auschwit?, Majdanek, Sobibör und Treblinka und besuchen auch die nahe gelegenen Städte Kra- kau und Lublin. Bei ihren Gruppen- reisen geht es weniger um Sehens- würdigkeiten, sondern um die Auf— arbeitung einer für sie beschämenden Geschichte. Gewöhnlich reisen Leh- rer mit ihnen, die es sehr wichtig fin den, die Geschichtskenntnisse der Jugendlichen vor Ort zu vertiefen, weil dies einen großen Finfluss auf die Bewusstseinsbildung der neuen Generation in Deutschland hat. Von allen Polen haben seinerzeit die KZHäftlinge am meisten unter den Nationalsozialisten gelitten. Doch haben sie in den letzten Jahrzehnten auch besondere Unterstützung von deutschen Organisationen erhalten. Das Volk, das einst unser Feind war, ist jet?t unser Freund, die alten 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Antagonismen verschwinden lang- sam. Doch sind die Deutschen heute wirklich ein anderes Volk als vor gut 60 Jahren? Ist die einstige Sympathie für den Nationalsozialismus ganz aus- gelöscht? Wird der ProZess der Ver- söhnung nicht dadurch belastet, dass viele Deutsche sich selbst als Opfer des Zweiten Weltkriegs und der ansch- ließenden Vertreibungen sehen? Meiner Meinung nach sind die Deutschen heute ein Volk mit anderen Uberzeugungen als vor dem Zweiten Weltkrieg. Die Neonazis betrachte ich da nur als Randerscheinung. Beunru- higt sind die Polen dann schon eher über die Aktionen des Bundes der Vertriebenen. Aber dieser hat kaum einen Finfluss auf junge Menschen, die die damaligen Umsiedlungen als Ergebnis von Nachkriegsentscheidun- gen hinnehmen. Ich habe nach meiner Befreiung aus der KZ-Haft im Früh— jahr 1945 noch eineinhalb Jahre im be- siegten Deutschland zugebracht und habe selbst gesehen, dass auch die Deutschen schwere Verluste erleiden mussten. Zweifellos waren die Um- siedlungsaktionen eine Art Vergel- tung, doch darf man nicht vergessen, dass die Ursachen im nur auf Hass basierenden System der Nationalso- zialisten liegen. Gespräche mit ehemaligen KZ- Hãftlingen spielen bei der Annãherung beider Länder eine wichtige Rolle. Doch wir Zeitzeugen scheiden langsam von dieser Welt. Schon in naher Zu- kunft wird es niemanden mehr geben, der aus erster Hand über diese tragi- Sche Zeit berichten kann. Ich hoffe je- doch, dass die jungen Menschen, die heute Auschwit? und andere Konzen- trationslager besuchen und mit Zeit— zeugen reden, diese Erfahrungen an die nächste Generation weiter geben. — ——— 4— 8—— S—— —— 3„ „ 5.„. ₰„ —* .— ⸗ „ n— 7—— r——— 5— 1—* . ———* 1 x. „ — Die Tagergemeinschaft Auschwit⸗„Freundeskreis der Auschwitzer hat schon früh Studienreisen in das ehemalige Vernichtungslager durchgeführt und so zur Annähe- rung der beiden Länder beigetragen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 Spende von deutsch-türkischen Jugendlichen Zum 8. Mai haben sich an der Kurt- Schumacher-Gesamtschule in Karben (Wetterau) türkischstämmige Schüler in ihrem herkunftssprachlichen Unter- richt bei Lehrer Mustafa Kemal Ozde- mir mit dem Weltkrieg und der Men- schenvernichtung des Dritten Reiches beschäftigt. Dabei benutzten sie auch Publikationen der Lagergemeinschaft. Da die Elf- bis Zwölfjährigen der 5. und 6. Klassen auch praktisch helfen wollten, organisierten sie für ihr Schul- fest eine Spendenaktion zur Unterstüt- zung ehemaliger Häftlinge.„Wir möchten, dass es nie wieder zum Krieg kommt! Wir sind gegen Diskriminie- rung und Rassismus“, schrieben sie in ihrem Brief. Bei einem Besuch in Karben be- dankten sich die LGA-Vorstandsmit- glieder Albrecht Werner-Cordt und Karbener Jugendliche mit der stellvertre- tenden Schuleiterin Heide Renker-Däumer. Diethardt Stamm. Als Anerkennung überreichten sie für die Schulbiblio- thek Literatur zum Dritten Reich, ins- besondere auch das Buch„Hessen hinter Stacheldraht“, aus dem hervor- geht, dass die Verbrechen der Nazis auch in vielen kleinen Dörfern in Hes- sen und in der Wetterau Stattfanden. Schüler solidarisch gegen Abschiebung „Hier geblieben!“ forderten knapp 500 Schülerinnen und Schüler am 14. Juli auf dem Frankfurter Römer. Sie protestierten damit gegen die drohende Abschiebung ihrer FreundInnen nach Afghanistan und ins ehemalige Jugosla- wien. Auf der Abschlusskundgebung wurde immer wieder das Bleiberecht für die zum Jeil sehr lange hier leben- den Kriegsflüchtlinge gefordert. Die 17 jãhrige Aferdite erklärte, was „Duldung“ heißt: Nach 13 Jahren in Frankfurt immer noch keine langfristi- ge Perspektive Zu bekommen, nicht mit auf Klassenfahrten außerhalb Hessens fahren zu dürfen und an manchen Punkten nicht dazu zu gehören können. Karl Kopp von Pro Asyl machte dar- auf aufmerksam, dass in Deutschland 200.000 Menschen im unwürdigen Zu- stand der Duldung leben müssen und dass sie so schnell wie möglich eine ge⸗ sicherte Fxisten?z in Deutschland be- kommen müssen. Zum Schluss rief Benjamin Ortmey- er die DemontrantInnen unter Beifall dazu auf, weiterhin gegen das Gift des deutschen Nationalismus vorzugehen und sich mit den von der Abschiebung Bedrohten zu solidarisieren. (Als. ſrankfurter info- Quelle wwM antifa. frankfurt. org) 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Das Gedenkbuch Gewidmet allen Menschen, die den Auschwit?-Häftlingen halfen Von Jadwiga Dabrowska Zu den grundlegenden Prinzipien der Konzentrationslager gehörte die Isolation der Häftlinge von der Außenwelt. Das hatte als Ziel einer- Seits das Bewahren der Geheimhal- tung dessen, was im Lager passierte, und andererseits das Verhindern jeg- licher Hilfe, die die Häftlinge hinter dem Lagerzaun bekommen könnten. Der einzige Kontakt mit den nächsten Personen war die offizielle und zen- sierte Korrespondenz. Fast bis Ende 1942 konnten die Häftlinge Pakete be- kommen. Das Prinzip der Isolation der Hãft- linge galt auch in Auschwitz. Um jeg- liche Kontakte mit der Außenwelt zu verhindern, wurde die Bevölkerung, die in der Nähe des KZ lebte, ausge- siedelt und das ganze Gebiet um das Lager stets durch die SS-Patrouillen kontrolliert. Finige Chancen, mit der Außenwelt in Kontakt zu kommen, hatten diejenigen Häftlinge, die außer- halb des Lagers beschäftigt waren und in den Arbeitskommandos, in denen Arbeiter von Privatfirmen beschäftigt wurden(meistens wegen Mangel an entsprechenden Fachkräften, Maschi- nen und Finrichtungen). Diese Men- schen sahen die schreckliche Lage der Hãftlinge und versuchten zu helfen, in- dem sie an geheimen Plätzen Essen, Arzneimittel, Kleidung, Briefe von den Familien versteckt hatten. Die Zivilbevõlkerung half auch bei der Fuchtorganisation, sie versteckte die Entflohenen und kümmerte sich um sie. Die Helfer trugen damit nicht nur zum physischen Uberleben bei, son- dern sie waren auch eine psychische Unterstüt?ung- die Häftlinge fühlten sich nicht so einsam und verlassen, sie wussten, jemand versucht zu helfen, gibt die Informationen über ihr Schicksal weiter. Bald erscheint das Gedenkbuch, die allen Menschen guten Willens, vor al- lem der Bevölkerung der Auschwitzer- Region gewidmet wird. Menschen, die ohne Rücksicht auf die Gefahr und mit einer großen Hingabe den Häftlingen geholfen haben. Manche habe diese Hilfe mit dem Leben bezahlt. Das Gedenkbuch besteht aus einer umfangreichen Finführung, in der der Beitrag der Mitglieder der Wider- standsbewegung zu der Hilfe für KZ- Hãftlinge geschildert wird, sowie derje- nigen Menschen, die den Hãäftlingen auf eigene Faust, geleitet durch die Stimme des Herzens, geholfen haben. Es wird die Zusammenarbeit dieser zwei Men- schengruppen beschrieben, auch die Art und Form der geleisteten Hiffe. Das Buch beinhaltet auch eine Na- mensliste von etwa 1200 Personen, die den Hãäftlingen während und nach der Okkupation zu Hilfe kamen, kurze Angaben zu ihrer Person und den Umständen ihrer Hilfstätigkeit. 42 Personen, die in den Hilfsaktionen be- Sonders aktiv waren, widmet das Buch ausführliches biografisches Material. Auch das Dokumentationsmateri- al ist im Buch zu finden: Originalfotos Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 von Hijfeleistenden, Abbildungen von den aus dem Lager geschmuggelten Kassibern, künstlerische Arbeiten, die von den Hãftlingen geheim im Lager angefertigt und aus Dankbarkeit den Helfenden geschenkt wurden. Es werden auch Fragmente von Er- innerungen sowohl der Häftlinge als auch der Helfer im Buch ihren Platz finden. Und zum Schluss wird auch das Archivmaterial zu diesem Thema aus den Sammlungen des Archivs des Staat- lichen Museums Auschwit?-Birkenau verõffentlicht. Das Buch entsteht in Zu- sammenarbeit mit der Gesellschaft zur Betreuung von Auschwitz(TOnO) und wird von Dr. Swiebocki und der von -„ ——————. ihm geleiteten Gruppe, zuständig für die Angelegenheiten der ehemaligen Hãäftlinge, bearbeitet. Mit der Veròſfentlichng der von Jadwiga Dahrowsku hier vorgestellten Sludie ist im HMerbst dieses Jahres zu rechnen. Sie vteht in einer Reihe mit den zuvoy erchienen Bänden„Bücher der Prinnerung- Polentransporte nach Alischwit?“. S0 wie diese Puhlilcatio- nen wird auch die Herausgabe des Gedenkhuches von der Lagergemein- Schaft Auschwilz relindesKreis der Aischwitzer inanziell unterstiitzt. Nach dem Echeinen werden wir es im Mil- teilungsblalt vortellen.(Die Kedaltion) „ 3 2 P ½ n „. — 12 13 5„ . t 1 — 6 . ⸗ — *„ 3 1 Gasthaus in Leki-Zasole. Der Inhaber Julian Dusik haff auf vielfache Art den KZ-Häft- lingen. Unter anderem versteckte er geflohene Gefangene im Haus, bevor sie anderwei- tig ihre Fucht fortsetzen konnten.(Bild aus: Auschwitz- Nationalsozialistisches Ver- nichtungslager, Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau 1997, ISBN 83-85047-59-X) 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Meinz Plenge, 1933 in Bottrop geboren, z0g im Zweiten Weltrieg wegen der Bom- henangriſfe aup Ruhygebiet mit seiner Mutter nd zwei jiingeren Brüidern zu Ver- wandien nach Oberschlesien. Im Januar 14 hewohnte die Familie ein Quartier am Bahnhof von Groß-Hoschlitz(helite Vellce Hoslice) unweit von Woppal(Opava). Mort wurde der damals elf Jahre alte Munge Zeuge davon, wie ein Vansportzug mit Niftlingen aus Aluschwitz durch den Oyt fuhr und einige Zeit anhielt. In seiner im igen verlag erschienenen Broschire, Einmal Boitrop-Qberschlesien und zurick Prlehnisberichte eines Mungen in der Zeit von 7937 his 7945“ Schildert Heinz Penge dieses Ereignis aus der Sicht eines Ejdhrigen. Das Biichlein ist inz wischen auch in der Bibliothelk der Holocaust- Gedenkstätte Jad Vaschem in Jerusalem ver- fiighan Im folgenden wird das Kapitel, Eine Schlimme Nacht“ wiedergegeben- Eine schlimme Nacht Anfang 1945; Ein Efjähriger wird Zeuge der Rücktransporte von Hãäftlingen aus Auschwitz Von Hein? Plenge Fines Nachts Anfang Januar hörten wir Lärm vom Bahnhof. Viele Men- schen riefen im Chor„Wasser, Was- ser!“ und klopften dabei auf Tõpfe und Dosen. Ich konnte nicht mehr schlafen, obwohl ich mich ganz zudeckte und mir die Ohren Zuhielt. Als es anfing zu däm- mern, war ich nicht mehr zu halten. Auf dem Abstellgleis stand ein Güterzug voll mit Menschen. Soldaten mit Ge- wehren und einige Nachbarjungen lie- fen auf dem Bahnsteig hin und her. Die Menschen, es waren alles Männer, rie- fen immer noch nach Wasser. Sie war- fen Aluminiumtöpfe und dosen auf die Gleise der Hauptstrecke, andere trommelten mit Lõffeln unablãssig auf Blechbehälter. Die Soldaten gingen auf dem Bahnsteig hin und her. Wir wussten nicht, was wir machen Sollten. Ich sprang dann schließlich, genervt von dem Geschrei der letzten Nacht, auf die Gleise, schnappte mir „Leergut“, s0 viel ich konnte, rannte zur Pumpe und pumpte alles voll. Die anderen Jungen machten mit, und es wurde ein Staffellauf von der Pumpe zu dem Güterzug. Dankbare magere Hände streckten sich uns entgegen. Die Männer sagten immer wieder „Danke!“. Sie waren nur mit Mänteln bekleidet, unter denen sie einen Schlafanzug trugen. So sah das zumin- dest für mich aus, in Wirklichkeit war es Sträflingskleidung mit einem auf— genähten Judenstern. Ach ja, bevor ich zum Bahnhof ge- laufen war, hatte ich noch einmal in die Dämmerung hinausgesehen. Aus den vorderen Waggons waren drei Leute aus dem Zug gesprungen und hatten versucht, über das Feld, das zwi- schen dem Bahnhof und der Haupt- straße lag, zu fliehen. Es fielen Ge- wehrschüsse, und einer der Männer fiel Zu Boden. Danach konnte ich nicht mehrsehen, später lagen auf der Ram- pe drei Leichen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 Als ich vom Bahnhof zurückging, nahm ich einen Soldaten mit nach Hause. Er sagte er käme aus Ungarn, und die Menschen in dem Zug seien Juden, die etwas auf dem Kerbholz hätten. Er trank Kaffee bei uns, und als er sich aufgewärmt hatte, ging er wie- der. Wir standen noch am Fenster und beobachteten alles. Da kam von unten aus dem Dorf der Müller in Beglei- tung von Zwei Soldaten. Sie führten ei- nen Juden, den man an seiner Sträf- lingskleidung erkennen konnte, in ihrer Mitte. Er war in der Nacht aus dem Zug geflohen und hatte sich in der Scheune des Müllers versteckt. Ich habe oft über diese armen Men- schen nachgedacht. Gern hätte ich ge- wusst, was aus ihnen geworden ist. Wie uns der Soldat gesagt hatte, kamen die Juden aus Auschwitz und sollten in ein —„ „— „ 1 2 b** * — — anderes Lager gebracht werden. Da- mals wusste ich noch nichts von den Konzentrationslagern und von der Vergasung der Juden. Judenverfolgung und Zerstörung jüdischer Geschäfte hatte ich allerdings im November 1938 als kleiner Junge in Bottrop schon er- lebt. Wir kamen von einer Geburts- tags- oder Namenstagsfeier, bei der es sehr spät geworden war und wir Kin- der schon eingeschlafen waren. Mein Vater hatte mich auf seine Schultern geset?zt, aber ich schlief weiter. An der Fcke Bergstraße/Essener Straße wur- de ich von Schreien und splitterndem Glas geweckt. SA-Leute hatten ein jü- disches Konfektionshaus zerstört und verbrannten die Ware auf der Straße. Ich habe mit meinen fünf Jahren nicht viel darũber nachgedacht. Es war mir eher vorgekommen wie ein Traum. Zu Fuß oder in offenen Waggons wurden die KZ-Häftlinge 1945 bei Schnee und Eis auf die Todesmärsche geschickt. Einer der Evakuierungstransporte aus Auschwitz wurde am 24. Januar 1945 heimlich mit einer Amateurkamera von Jindrich Kremer auf dem Bahn- hof der böhmischen Stadt Kolin gefilmt.(Bild aus: Auschwitz- Nationalsozialistisches Vernichtungslager, Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau 1997, ISBN 83-85047-59-X) 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer „Zum Juden gemacht“ Bugen Herman-Friede über Verfolgung, Verhaftung und Befreiung Von Hans Hirschmann War das Kriegsende vor 60 Jahren für die Deutschen ein Jag der Befrei- ung oder ein Tag der Niederlage? Vor zehn Jahren äußerte der damalige pol- nische Außenminister und Auschwit?z- Uberlebende Wladyslaw Bartoszewski in einer Rede im Deutschen Bundes- tag volles Verstãndnis für die persqnli- chen Schmerzgefühle„wegen des Ver- lustes von Angehörigen“, aber er fuhr fort,„jedoch schwer zu respektieren wäre ein Schmerzgefühl wegen des verlorenen Krieges“. Die Frage, ob er die Opferrolle der Deutschen anerkenne, wurde auch Fugen Herman-Friede gestellt. Dieser sprach auf Finladung des Freundes- kreises der Auschwitzer und der Bad Vilbeler Grünen im Kurhaus über sei- ne Verfolgung, seine Verhaftung und gückliche Befreiung aus der Gestapo- Haft—- wenige Tage vor dem offiziel- len Kriegsende. Natürlich seien die vielen Vergewaltigungen und Plünde- rungen zZu verurteilen, aber„es waren die Deutschen, die zuvor Russland und Polen überfallen haben“, antwor- tete der Referent dem Fragesteller. Herman-Friede legte damit nahe, dass das mörderische Wüten der Wehr- macht und der 8S8 auf die Angehöri- gen der dortigen Opfer wohl kaum als „Erziehungsprogramm“ zu mehr Hu- manität gewirkt habe. Bugen Herman-Friede hat nach dem Krieg keine Berührungsängste mit den nichtjüdischen Deutschen ge- habt. Zwar habe die überwältigende Mehrheit die Diktatur im Dritten Reich, die Judenvernichtung und den Krieg unterstützt, aber er verdanke andererseits sein Leben einigen weni- gen, die ihn und seine Eltern unter großen Gefahren für sich selbst ver- Steckt hatten. Friede las vor der Diskussion län- gere Passagen aus seinem Buch „Abgetaucht! Als U-Boot im Wider- stand“. So erfuhren die Besucher, wie er als Sechsjähriger lernen musste, dass ihn die Nazis„Zum Juden ge- macht“ haben. Dem Stiefvater gelang es lange, Bugen zu schützen, als je- doch trot?dem die Deportation droh- te, muss er Anfang des Jahres 1943 untertauchen. Der 16Jährige schließt sich nach einem mehrfachen Wechsel der Verstecke in Luckenwalde bei Berlin der von Nichtjuden gegründe- ten Widerstandsgruppe„Gemein- schaft für Frieden und Aufbau“ an. Es werden— aus heutiger Sicht— naive Kettenbriefe verschickt, auf denen mit Hinweis auf den nicht mehr zu ge- winnenden Krieg und die Verbrechen Deutschlands zum Widerstand aufge- rufen wurde. Auch wurden Unter— künfte und gefälschte Papiere für un— tergetauchte Juden und andere vom Regime verfolgte Menschen besorgt. Im DezZember 1 944 flog die Gruppe auf, und fast alle wurden verhaftet. Während normalerweise die Juden de- portiert und ermordet wurden, blieb Fugen in Haft in Berlin. Man wollte wohl mehr von ihm über die Wider- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 —— — Eugen Herman-Friede in Bad Vilbel. standsgruppe herausbekommen und ihn als Zeugen in dem für April 1945 angesetzten Prozess gegen die nichtjü- dischen Widerständler zunächst ver- schonen. Im Chaos der letzten Kriegs- tage wird er an seinem 19. Geburtstag, dem 23. April, von einem SSMann aus unerfindlichen Gründen am Kragen gepackt und„wie ein Karnickel“ durch eine Tür des Gefängnisses in die Freiheit gestoßen. Sein Lebensschicksal hat Eugen Herman-Friede erstmals in den S0er Jahren niedergeschrieben, nachdem er sich jahrzehntelang nicht weiter damit beschäftigt hatte. Anlass war das Zusammentreffen mit Pen- sionären und Rentnern bei einem Kuraufenthalt.„Das waren alles net- te, umgängliche Leute“, erinnerte er sich, aber dann stellte sich heraus, dass einer Flaschen-Ptiketten mit dem Hitler-Abbild sammelte.„Da riecht man den Knoblauchgestank der Juden ja durch die Bildröhre“, wit?elte ein anderer Zeitgenosse als eine Sendung mit dem Fernsehmode- rator Hans Rosenthal lief. FEugen Friede beobachtete nun die Kurgäste genauer und fand, dass die beiden kei- ne Ausnahme waren.„Das waren alles noch die gleichen Nazis und Antisemi- ten wie im Dritten Reich“, zeigte er sich empört.„Die Verbrechen wurde verharmlost und gejammert, dass die eigentlichen Opfer die Deutschen ge- wesen seien.“ Um für die Nachgeborenen die- sem Gedankengut etwas entgegen zu setzen, habe er sein erstes Buch ge- schrieben, erläuterte der Refernt den Bad Vilbeler Zuhörern. Erst diese Pu- blikation„Für Freudensprünge keine Zeit“ nahmen Wissenschaftler zum Anlass, die Widerstandsgruppe„Ge-— meinschaft für Frieden und Aufbau“ zur erforschen.„Hier in Westdeutsch- land fand dies kein Interesse, weil es die Lüge widerlegte, Widerstand sei nicht möglich gewesen und in der DDR galt alles, was nicht kommuni- stisch motiviert war, nicht als Wider- stand“, analysierte Friede. Seit Jahren spricht Friede nun öffentlich über sein Lebensschicksal, vor allem vor Jugendlichen. Insofern freut es ihn, dass sein neuestes Buch„Abge- taucht! Als U-Boot im Widerstand“ vom Deutschlandfunk an die Spitze der empfohlenen Bestenliste für Le- ser ab 14 Jahren gesetzt wurde. Wer Bugen Herman-Friede als Referent für Schulen oder andere Bil- dungseinrichtungen engagieren möchte, kann sich in Wiesbaden an die Hessische Landeszentrale für po- litische Bildung wenden, die auch zu— meist die Honorarkosten übernimmt. Fugen Herman-Hriede. Abge- taucht“ Als U-Boot im Widerstund. Gerstenherg, 2004. 255 S., 74. 90 Plro. 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Seltenes Beispiel europäischer Solidarität im Zweiten Weltkrieg Neues Buchprojekt des Krakauer Professors Henryk Pierzchala Von Annedore Smith Prfolgreicher Widerstand gegen die „SOnderaktion Krakau“. Auch deut- Sche Wisvenschaftler setzten sich für Polnische Kollegen ein. Nach der BFroberung Polens im September 1939 gingen die deutschen Nationalsozialisten auch gezielt gegen Wissenschaftler an polnischen Hoch- schulen vor. Während der so genann- ten„Sonderaktion Krakau“ wurden rund 170 Universitätsprofessoren, Do- zenten und Assistenten nach einer von der S8 einberufenen Vorlesung ver- haftet und später in die Konzentra- tionslager Sachsenhausen, Dachau, Buchenwald und Mauthausen depor- tiert. Vermutlich wären sie dort wie s0 viele ihrer Leidensgenossen elend zu Grunde gegangen, hätten sich ihre Kollegen im Ausland nicht massiv für sie eingesetzt. Als leuchtendes Beispiel europãi- scher Solidarität unter denkbar widri- gen Umständen würdigt Henryk Pier?chala diese wenig bekannte Epi- Sode aus der Zeit des Zweiten Welt- kriegs. Der emeritierte Professor der Bergbauakademie in Krakau beschäf- tigt sich schon seit Jahren mit der Son- deraktion gegen polnische Gelehrte, die eine lawinenartige Intervention europãischer Wissenschaftler und In- tellektueller auslöste- darunter auch zahlreicher deutscher Professoren. Ihren Petitionen an die deutschen Behörden schlossen sich auch die di— plomatischen Vertretungen europäi- scher Nachbarländer an, und dieser geballte Widerstand führte schließlich zum Erfolg: Mehr als 100 der Inhaf— tierten- wenn auch nicht alle- wurden schon Anfang 1940 wieder frei gelas- sen. Diese polnischen Wissenschaftler wurden„Den Fängen des SS-Staates entrissen“— s0o lautet der Titel des Buches, das Pierzchala über die „Sonderaktion Krakau 1939— 1941“ geschrieben und im Figenverlag her- ausgebracht hat. Sein Engagement für dieses Thema geht nicht zuletzt auf persõnliche Erlebnisse in der Ju- gend zurück: Als Mitglied des polni- schen Widerstands war Pier?chala von 1943 bis 1945 im Konzentrations- lager Auschwit?-Birkenau inhaftiert. In?wischen arbeitet der emeritierte Professor an einem weiteren Projekt: Er möchte über die„Sonderaktion Krakau“ ein zweites Buch verõffentli- chen, das populär gehalten ist und auch zahlreiche neue Dokumente ent- hält. Damit will er sich vor allem an junge Menschen in gan?z Europa wen- den, um ihnen zu zeigen, zu welchen Erfolgen europäische Solidarität führen kann. Dies könnte„ein interes- Santes und erbauendes Beispiel für das sich vereinigende Furopa des 21. Jahr- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25 hunderts liefern“, betont Pierzchala. Geplant ist ein Buch in polnischer Sprache, das schon weitgehend fertig gestellt ist, sowie eine deutsche und englische Ubersetzung. Der deutsche Titel soll„Die hilfreichen Hände der Furopãer(1939— 1941)“ lauten. Die Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer hat die Arbeit von Professor Pier?chala von Anfang an unterstützt, allerdings kann sie nur in begrenztem Umfang finanzielle Leistungen erbringen. Es bleibt zu hoffen, dass sich Stiftungen und wissenschaftliche Institutionen bereit erklären, dieses Projekt zu för- dern, das in seiner historischen und zeitgenössischen Dimension gleicher- maßen von Bedeutung ist. Es liefert ei- nen herausragenden Beitrag zum Ver- ständnis der schmerzlichen deutsch- polnischen Geschichte und verdeut- licht zugleich, dass Solidarität über die eigenen Landesgrenzen hinweg noch heute ein unabdingbarer Baustein für ein einiges Europa ist. Zum Projekt gehören ferner Pläne für ein Europäisches Seminar in Kra- kau, das sich gezielt an Jugendliche aus verschiedenen Ländern richten soll. Der Verwirklichung dieser Idee sind ebenfalls tatkräftige Geldgeber und Fhrderer Zu wünschen. Ein Erfolg des Projekts wäre die Krönung des Le- benswerks von Professor Pierzchala, der schon jetzt auf eine imponierende Liste von Veröffentlichungen zur „Sonderaktion Krakau“ in Fachzeit- schriften verweisen kann. Mit einem populãrwissenschaftlichen Buch könn- te er endlich auch die breite Offent- lichkeit erreichen. Henryk Pierzchala hat ein Zitat seinem Buch als Motto vorangestelit: „Ohne Polens Freiheit Keine deutsche Freiheit ohne Polens Freiheit Kein dau- ernder Hriede, Kein Heil flr die europischen Völken“ Diese Forderung wurde im Mai 1832 beim Hambacher Fest von Rednern auf- gestellt, als ein selbständiger polnischer Staat nicht mehr bestand, weil er von Preußen, Osterreich und dem zaristischen Rußland zerschlagen und in diese drei Machtbereiche eingegliedert war. „Pierzchala erinnert die Schreckenszeit um der besseren Zukunft willen. Die Brinnerung an die Vergangenheit ist nicht nur Mahnung, sondern auch Ermuti- gung: Man hat etwas tun kõnnen!“(Aus dem Nachwort von Manfred Deselaers.) Henryk Pierzchala Den Fängen des SS-Staates entrissen „Den Fängen des SS-Staa- tes entrissen“ ist 1908 in Kra- kau erschienen; es hat die ISBN 83-85958-681. Sonderaktion Krakau 1939- 1941 Mit einem Worwurt von Ruman M. Zuwuczki 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Das Gedächtnis der Orte Gedenkveranstaltung der Arbeitsgruppe Ausgegrenzte Opfer am 27. Januar 2005 in Frankfurt am Main Von Hans Hirschmann Welche Frankfurter wissen, was es mit der„Perlenfabrik“ auf sich hatte? Oder was sich im Pritten Reich in der Vilbeler Straße 4 oder im Oberschel- der Weg ereignete? Antworten auf diese Fragen bot die Gedenkveran- staltung„Das Gedächtnis der Orte“ am 27. Januar im voll besetzten Saal des Historischen Museums. Damit wies die„Arbeitsgruppe Ausgegren?- te Opfer“ am 60. Jahrestages der Be- freiung von Auschwitz mit einer Foto- „Video- und Vortragsdokumentation auf verwischte Spuren von NS-Ver- brechen in Frankfurt am Main hin. Musikalisch erinnerte das Orche- ster der Wöhler-Schule unter Leitung von Delef Münkler mit vier Parbie- tungen an unterschiedliche Opfer- gruppen: Die Kieder„Die Moorsolda- ten“ entstand 1933 im KZ Börger- moor und wurde schnell innerhalb der Arbeiterbewegung bekannt. Ebenfalls in einem KZ, nämlich in Sachsenhau- sen, schrieb der Zeuge Jehova Brich Frost das Lied„Fest steht in großer und schwerer Zeit“. Bei„Djelem, dje- lem“ handelt es sich ursprünglich um ein traditionelles Lied der Roma, das nach dem Völkermord an den Sinti 2 3* Die chemalige— Sn Landstraße 40 2 in Hrankfurt/Main. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 und Roma zum Klage- lied wurde. Der vierte musikalische Beitrag geht auf eine erst vor einigen Jahren wieder entdeckte Komposition von Siegfried Würzbur- ger, Kantor der Frank- furter Westendsyna- goge, Zurück. Der Befreiungstag von Auschwit? gedenkt aller Opfer des deut- schen Faschismus. Die Veranstaltung im Histo- rischen Museum rief ins Gedächtnis, dass es auch in Frankfurt KZ- Nebenlager und andere Orte gab, an denen Menschen gedemütigt, terrori- siert und ermordet wurden. In acht Kurzbeiträgen, die von Foto-Poku- menten und teilweise Video-Sequen- zen ergänzt wurden, hat die Veranstal- tung hierzu Beispiele thematisiert. Auf dem Areal Ginnheimer Land- straße 40— 42 steht heute ein Studen- tenwohnheim. 1903 hatte die Stadt Frankfurt hier ein Armenhaus einge- richtet, das später von dem„Erzie- hungsverein Frankfurt“ als Lehrlings- heim übernommen wurde. Die hier ausgebildeten jungen Frauen wurden zumeist als Dienstmãdchen in bürgerli- che Familien vermittelt. Da man diese Dienstboten„Perlen“ nannte, bekam das Heim im Volksmund den Namen „Perlenfabrik“. Bereits im April 1933 besetzte die SA die„Perlenfabrik“ und „nut?te“ es als Konzentrationslager, in das sie vorwiegend Männer und Frau- en aus der Arbeiterbewegung ver- Schleppte und dort folterte. Die an dem Auf dem Grundstück der ehemaligen„Perlenfabrik“stehen heute Studentenwohnheime der Universität Frankfurt. heutigen Studentenwohnheim ange- brachte Gedenktafel ist so„intelli- gent“ angebracht, dass man lange su— chen muss. Sie trägt die Zum Jeil falsch informierende Inschrift:„Wenige Tage nach der Machtergreifung 1933 errich- tete das NS-Regime hier auf dem Gelãnde eines ehemaligen Erziehungs- heimes, bekannt unter dem Namen Perlenfabrik', das erste Konzentrati- onslager. Innerhalb kurzer Zeit durch- liefen mehr als 250 Gegner des NS-Re- gimes dieses Lager zum Transport in die Konzentrationslager nach Oast- hofen/Rhld.-Pfalz, Dachau/Bayern und Buchenwald/Thüringen.“ In der Vilbeler Straße 4 befand sich bis 1933 das Gemeindezentrum der Frankfurter Zeugen Jehovas. Es wur- de beschlagnahmt, weil die Glaubens- gemeinschaft nicht Hitler als ihren Führer anerkennen wollten und den Kriegsdienst verweigerten. Viele Zeu- gen kamen ins KZ. In der Braubachstraße wurde vor 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer fünf Jahren gegen den Widerstand et- licher städtischer Institutionen aus pri- vaten Mitteln und nur durch massiven öffentlichen Druck eine Tafel am Ge- bãude des Stadtgesundheitsamtes an- gebracht. Hier befand sich im Dritten Reich ein Erbarchiv, das unter ande- rem die Roma und Sinti erfasste und So die Vorbereitung für Zwangssterili- Sationen, Verschleppung und Mord bildete. Die Tafel erinnert an die um- gebrachten Roma und Sinti und be- nennt auch die bei der Erfassung und Deportation maßgeblich verantwort- lichen NS-Rassenforscher Robert Rit- ter und Fva Justin. Diese wurden nach 1945 nicht strafrechtlich zur Verant- wortung gezogen, sondern standen bis in die 60er Jahre im gehobenen medi- zinischen Dienst der Stadt Frankfurt- trot? allgemeinen Wissens über ihre Funktion während der NS-Zeit. Wie die in der bereits erwähnten „Perlenfabrik“ stationierten SA-Leu- te 1941 die jüdischen HFamilien aus ihren Wohnungen im Westend trieb Die an dem heutigen Studentenwohnheim Ginnheimer Landstraße 40- 42 angebrach- te Gedenktafel ist hier unter Gebüsch nur auffindbar, wenn sie bewusst gesucht wird. und zZur Deportations-Sammelstelle in die Großmarkthalle„evakuierte“, kam bei der Gedenkveranstaltung am 27. Januar ebenfalls zur Sprache. Zi- tiert wurde u. a. der Satz eines stolzen Standartenführers:„Die SA-Männer fanden sich erstaunlich gut in die ih— nen ungewohnte Arbeit.“ Die kaum noch lesbare Inschrift ei- ner Tafel auf dem Hauptfriedhof, FEckenheimer Landstraße, lautet: „Den im Namen der Wissenschaft mißbrauchten Opfern des Nationalso- zialismus zum Gedenken-Allen Wis- senschaftlern zur Mahnung zu verant- wortlichem Tun.“ Bestattet wurden hier über zweitausend menschliche Präparate, die in Frankfurter Kliniken bis 1990 zur Forschung und Lehre in Gebrauch waren. In weiteren Beitrãgen erinnerte die Arbeitsgruppe Ausgegrenzte Opfer bei der Veranstaltung an die Zerstörung der Synagoge in der Unterlindau 23, an das KZ Kat?bach auf dem Gelãnde der Adlerwerke in der Kleyerstraße Sowie an die heute bereits wieder über- wucherte Gedenkstätte des Arbeitser- ziehungslagers Heddernheim im Ober- schelder Weg. In der„Arbeitsgruppe Alsgegrenzte Opfer“ arbeiten seit 7000 ſoigende ankfurter Vereine und Iitiativen zu— Smmen- Studienkreis Peutscher Wi- derstund 7933— 1945, Ldgergemein- Shft Aschwitz- FrelindesKreis, För- derverein Koma, Gemeinde der Zeugen Jehovd, DOB Region Frankfurt, Initia- tive 9. Novemben Initiative gegen das Vergessen, Begegnungsstätte Anne Hrank, Bund der EFuthanasie-Geschd- digten und Zwungssterilivierten. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29 Stan Zak-Kaminiski ist tot Die Lagergemeinschaft trauert um ihr Gründungsmitglied Stanislaw Lak- Kaminski. Er ist im Alter von 79 Jah- ren am 24. Juni in Frankfurt am Main gestorben. Als Jude und Pole sprachen ihm die Deutschen des Nazi-Reiches das Fxistenzrecht ab. 1941 in War- Schau verhaftet, be- gann seine Odyssee durch mehrere Konzentrationsla- ger, unter anderem auch Auschwitz. Sein Körper wurde nicht nur durch Zwangsarbeit aus- gebeutet, sondern auch für inhumane wissenschaftliche Zwecke von NSMedizinern miss- braucht. Im berüchtigten Block 20 im Stammlager Auschwitz bekam er mit Flecktyphus verseuchtes Blut injiziert. Als einer von Wenigen dieser„Ver- suchskaninchen“ überlebte er. Auch nach der Befreiung prägten die Torturen sein Leben. S0 musste er zwei Jahre in einem Gipskorsett ver- bringen. Damals begann er zu malen und sich so mit seinem Schicksal und das seiner Leidensgenossen auseinan- derzuset?en. So konnte er, als er spãter als JOurnalist in Warschau arbeitete, wie er es selbst oft erklärte,„Ohne Hass“ über Deutschland schreiben. Hierher kam er erstmals 1964 zu einer Zeugen- aussage im Frankfurter Auschwitz- proZeß. 1974 übersiedelte er in diese Stadt, in der er Freunde gefunden hat- te und- wie er Sagte-„Zum drittenmal geboren“ wurde. Am 10. Oktober 1925 zur Welt gekommen, galt ihm die Be- freiung aus dem Konzentrationslager 1945 als Zweite Geburt. In Frankfurt widmete er seine Zeit vermehrt der Malerei. Er entwickelte einen collagehaften, oft von surrealen Motiven geprägten Stil. Häufig por- träãtierte er Situationen und Menschen, die ihm Vorbild waren: So den Kniefall Willy Brandts in Warschau, den ge- scheiterten Hitler-Attentäter Georg Elser, andere Widerstandskämpfer und Opfer wie Dietrich Bonhoeffer und Anne Frank. Herman Reineck, den Gründer der Lagergemeinschaft, malte er als unermüdlichen Mahner. Dieses Bild hat Joachim Proescholdt im Mitteilungsblatt(Juli 1996) aus- führlich erläutert. Das zentrale Motiv beschrieb er wie folgt:„Hermann Reineck mit seinem Lebenshinter- grund: dem Schatten von Auschwitz, überlebensgroß. Tag und Nacht gegen- wärtig, Jeil seines Ichs, Hermann in Häftlingskleidung.“ Durch Hermanns Beispiel angeregt, diskutierte auch Stan Zak-Kaminski oft in Schulen, Jugendgruppen und ande- ren Pinrichtungen als Zeitzeuge über die Verbrechen Nazi-Deutschlands und die Verantwortung, auch heute Antise- mitismus, Rassismus und Diskriminie- rung entgegen zu treten. Seine letzten Jahre lebte er in Altenzentren in Frank- furt. Wir haben Stan Zak-Kaminski als wahrhaften Menschen erlebt, der sich trotꝰ aller an Körper und Seele erlitte- nen Verfolgung und Vergewaltigungen für ein friedliches Zusammenleben en- gagierte. Wir haben einen, unsere Ar- beit kritisch begleitenden, Freund ver- loren. 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Juden in Oswiecim 1918- 1941 Eine Buchbesprechung Von Werner Boldt Lucyna Filip, Juden in Oswiecim 1918-1941, Verlag-Scientia, Oswiecim 2005, 348 Seiten, ISBN 83-91118819. Bestellen per Mail: Scienta Syahoo.com Die hier in deutscher Spra- che vorliegende Publikation, die durch finanzielle Hilfe mehrerer Bildungseinrich- tungen und ei— ner Landtags- fraktion ermõg- licht wurde, ist die erweiterte Fassung einer polnischen Monogra- phie. Die Autorin ist Mitarbeiterin an der Gedenkstätte in Auschwitz. Sie hat ein Geschichtsstudium an der Universität Kattowit? absolviert und ist Mitglied des Beirats der Auschwit? Jewish Center Foundation. In Oswie- eim geboren, bringt sie einen persõnli- chen Bezug zum Thema mit, zu dem sie bislang schon einige kürzere Ab- handlungen verõffentlicht hat. Die Arbeit ist sehr gut recher- chiert. Neben polnischen, deutschen und österreichischen Quellen- und Geset?essammlungen hat die Autorin Materialien aus israelischen, polni- schen, deutschen und schwedischen Archiven herangezogen. Bei dem LUEVNMA FlLIP JUbEnN IM oswiRciM 1218 1241 stattlichen Literaturverzeichnis fällt ins Auge, dass es keine nennenswerten Vorarbeiten zu dem speziellen Thema gibt. Die Autorin hat Kontakt zu Uberlebenden in verschiedenen Län- dern aufgenommen und deren Aussa- gen in ihre Darstellung einbezogen, wobei freilich festzuhalten ist, dass oral history als ein Quellenfundus, aus dem die Rekonstruktion jüdischen Le- bens sich stärker mit Anschauung hät- te füllen lassen können, fast ganz ver- siegt ist. Umso höher ist die geleistete Arbeit einzuschätzen, die auch im um- fangreichen Anhang ihren Nieder- schlag neben anderen biographischen Materialien in einer Reihe von Kurz- biographien gefunden hat. In den Text Sind historische Aufnahmen eingefügt, Sowie Farbaufnahmen von der Fin- weihung der Synagoge Lomdei Mis?- najot aus dem Jahre 1998. Frau Hilip gliedert ihre Untersu— chung in sechs Kapitel. Die Hauptka- pitel(II-V) sind der jüdischen Ge- meinde in Oswiecim zur Zeit der II. Republik von 1918 bis 1939 gewidmet. Sie untersucht das jüdische Leben un- ter vier Aspekten: dem religiõsen, dem politischen, dem kulturell-pädagogi- schen und dem wirtschaftlichen. Die Darstellung wird flankiert von einer historischen Finführung und von eit nem Schlusskapitel, das die Vernich- tung jũdischen Lebens durch die deut- Dr. Werner Boldt ist emeritierter Professor der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 schen Besat?er in dem zu Auschwitz gewordenen Oswiecim beinhaltet. Erste Juden siedelten sich in Oswie⸗ eim gegen Ende des 15. Jahrhunderts an, also zu einer Zeit, als in Deutsch- land die letzten großen Vertreibungen stattfanden. Von den Jagiellonen geför- dert, Ssetzte doch schon unter dieser Dynastie eine Minderung ihrer Rechts- stellung ein, die nach der ersten Teilung Polens unter Maria Theresia ihren Tief- stand erreichte. Der Antrieb dieser absteigenden Entwicklung war der gleiche wie der frühere in Peutschland und Westeuropa: Aus Förderern des Handels, gleichsam„Entwicklungshel- fern“, wurden Konkurrenten der ent- wickelten christichen Kaufmann- schaft. Die Schaffung einer jüdischen Selbstverwaltung(Vaad) für ganz Po- len, dem auch Juden aus Oswiecim an- gehörten, konnte dem negativen Hend immerhin entgegenwirken. So wurde, als es 1627 zu Ausschreitungen gegen Juden in Oswiecim kam, den Opfern ei- ne Entschädigung zugestanden, was mit Blick auf Deutschland durchaus be- merkenswert ist. Nach der Teilung von 1772 galt in Oswiecim zunãchst die õsterreichische Judenordnung von 1766, wodurch sich der Status der Juden verschlechterte. Josef II., dem in der Geschichtsschrei- bung hãufig vorgeworfen wird, als auf— geklärter Herrscher zu ungestüm vor- angegangen zu sein- was die Frage nach sich zieht: für wen zu ungestüm? intendierte mit der Verleihung von Bürgerrechten die Finleitung eines Assimilationsprozesses. Entsprechen- de Auswirkungen scheinen seine Tole- ranzpatente in Oswiecim freilich nicht gehabt zu haben. Das konnten sie auch kaum angesichts eines aufreibenden Hin und Her, dem der Emanzipations- prozess in Osterreich wie in den ande- ren deutschen Staaten ausgeset?t war. Dem aufgeklärten Absolutismus folg- te die vormärzliche Reaktion unter Franz II., der wiederum die volle Fmanzipation in der 48er Revolution, die in der Reaktionszeit wieder einge- schränkt wurde, bis sie sich in der Ver- fassung der k. u. k. Monarchie 1867 endgültig durchset?te und durch wei- tere Gesetze für die israelitische Reli- gionsgemeinschaft präzisiert wurde. Wie überall, wo die Hmanzipation erfolgreich war, erõffneten sich den Nu⸗ den in Oswiecim zwei Möglichkeiten: die Assimilation an die polnische Be- võlkerung, also der in der II. Republik möglich gewordene Weg zu einem pol- nischen Staatsbürger jüdischen Glau— bens, oder die Ausbildung eines eigenen politischen Selbstbewusstseins mit dem praktischen Ziel der Gründung eines ei- genen Staates, also der Weg, den die Zionisten gingen. Assimilation ist eine Angelegenheit individueller persön- licher Entscheidungen und Verhaltens- weisen, die sich in den Akten von Behörden nicht niederschlagen. So ist bei der gegebenen Quellenlage der von den Juden in Oswiecim erreichte Grad der Assimilation nicht klar auszuma- chen, wogegen die Zionistischen Kreise deutlich in Erscheinung treten. Ganz unberũcksichtigt bleiben Dissidenten oder zu einer christlichen Religion Kon- vertierte, weil sie in den Akten eines Rechtsstaates nicht als Juden geführt werden. Allerdings dürfte deren Zahl in Oswiecim auch gering gewesen sein. Oswiecim, einst Hauptsit? eines gleichnamigen Fürstentums, hatte 32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer zwar schon seit langem seine Funktio- nen als Metropole verloren, war doch aber auch kein kleines zurückgeblie- benes Landstädtchen, kein galizisches Stetl. Einen Aufschwung erfuhr es mit der Industrialisierung, die nicht zuletzt von jüdischen Unternehmern voran- getrieben wurde. Die Bevölkerungs- zahl verdoppelte sich von über 35000 um 1900 auf über 10.000 vor dem Welt- krieg, wobei der Anteil der Juden et- was Zurückging, aber stets über 50 0 betrug. Das Wachstum der Bevölke- rung setzte sich nach dem Weltkrieg Gusta Berlinska, 1918 in Oswiecim geboren, hat ihr EFl- tern und Geschwister, die in Auschwitz ermordert wur- den, in einem Porträtbild gemalt.(Foto 2004, Israel; aus: Lucyna Filip, Juden in Oswiecim 1918- 1941.) fort und erreichte 1939 mit 12 000 Einwohnern einen Höchststand. Uber 7 000 Personen waren Juden. Diese hohe Zahl ermöglichte ein vielfältiges und reges religiõses, politisches und kulturelles jüdisches Leben, dessen Grundlagen schon unter österreichi- scher Herrschaft gelegt worden waren. Wie man der Darstellung von Frau Filip entnehmen kann, sollte sich al- lerdings im Laufe der Jahre die Ambi- valen? von fruchtbarem Zusam- men- leben in geglückter Assimilation und zionistischer Reaktion auf antisemiti- sche Regungen in der Be- võlkerung und auf wirt— schaftliche Pressionen seitens der Behörden ver- stärken. Das religiõse Leben blieb von der Orthodoxie geprägt, entfaltete sich aber unter deren Domi- nanz doch vielfãltig Zwi⸗ schen Haskala und Chas- sidismus. Die Autorin listet im Anhang 18 Synagogen auf, von denen die meisten religiösen Gesellschaften gehörten. Die nach einem Stadtbrand von 1863 neu erbaute Große Synagoge wurde im Krieg von den Deutschen niederge- brannt. Erhalten geblieben ist die Synagoge der Gesellschaft„LOmdei Misznajot“, in der sich während der deutschen Besat?ung Juden vor ihrer Deportation versammeln mussten. Nach dem Krieg Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 33 wurde sie von Uberlebenden vorüber- gehend als Gebetshaus eingerichtet. Seit kurzem ist die Synagoge wieder geweiht und im benachbarten Gebäu- de ein jũdisches Bildungszentrum ein- gerichtet. Führten Inflation und Weltwirt- schaftskrise allgemein zu einer Sen- kung des Lebensstandards, so kamen für die jüdische Bevölkerung eine in den 30er Jahren aufkommende Boy- kotthetze und behördliche Verbote, die insbesondere den Handel betrafen, verschärfend hinzu. Es spricht für das gute Verhältnis von Synagoge und Kir- che, dass es dem Vertreter der jüdi- schen Gemeinde und dem Propst der katholischen Pfarrkirche in gemeinsa- mer Aktion gelang, wenigstens die Aufhebung des Hausierverbots zu er- wirken. Juden waren nicht nur im Han- del, Ssondern auch in Gewerbe, Indu- strie und Landwirtschaft tätig. Die Mehrzahl der Fabriken hatten jüdische Besitzer, worunter Unternehmungen in der Chemie- und Getränkebranche überregionale Bedeutung erlangten. Die Vorbereitungen auf den als un- ausweichlich erkannten Krieg führten jüdische und nichtjüdische Bevölke- rung enger zusammen, bis dann die deutschen Okkupanten die Selektion vornahmen. Die Geschichte des Holo- caust ist intensiv erforscht und in ihren Grundzügen bekannt, und doch ist es immer wieder beeindruckend, an einem überschaubaren Platz die Stadien der schrittweisen Entrechtung und Aus- grenzung, der jüdischen„Selbstverwal- tung“, der Ausplünderung, der Zwangs- arbeit, der Gettoisierung und der Deportation Zu verfolgen. Zunãchst tra- fen viele Unterdrückungsmaßnahmen Juden und Nichtjuden gemeinsam. S0 hatten in Auschwit? neben Juden An- gehörige der polnischen Geistlichkeit und Intelligen? Zwangsarbeiten zu ver- richten. Ebenso trafen Umsiedlungsak- tionen aus dem in das deutscheReichs- gebiet eingegliederten Auschwitz beide Bevölkerungsgruppen. Der Judenrat von Auschwit? hatte dieselben Aufgabengebiete zu erle- digen wie jeder andere: Die antijüdi- schen deutschen Anordnungen zu be- folgen und Selbstverwaltungsangele- genheiten, darunter insbesondere So- zialfürsorge, in eigener Regie zu be- treiben. Die Geschichte der Juden in Auschwit? endete mit Deportationen in Gettos, wo sie, Zu weiteren Zwangs- arbeiten eingesetzt, der„Vernichtung durch Arbeit“ ausgesetzt wurden. Verantwortlich dafür zeichnete be- kanntlich in erster Linie Karl Krauch, der in NStypischer Personalunion als leitender Industrieller(Vorstandsmit- glied der IG-Farben) und mit höhe- ren Staatsaufgaben Beauftragter (Generalbevollmãchtigter für die An- gelegenheiten der chemischen Pro— duktion im Vierjahresplan) den Auf— bau der Buna-Werke in Auschwitz- Monowit? vorantrieb. Einige der wenigen Uberlebenden kehrten nach ihrer Befreiung nach Oswiecim zurück. Sie versuchten die Gemeinde neu zu gründen. Aber der Versuch scheiterte bald. Die meisten von ihnen Zogen in größere Städte um oder wanderten in die USM oder nach Israel aus. Der letzte Jude von Oswie- cim starb im Jahre 2000. Ein trotz aller Beschwernisse blühendes Leben er- losch. Lucyna Filip hat ihm ein dan- kenswertes Denkmal gesetzt. Mitgliederversammlung am 26. November 2003 Die nãchste Mitgliederversammlung der Lagergemeinschaft Auschwit?-Freun- deskreis der Auschwitzer findet am Samstag, 26. November 2005, 15 Uhr in der Jon- und Bildstelle der EKHN, Rechneigrabenstraße 10, Frankfurt/ Main statt. Die MV ist õffentlich. Mitglieder erhalten eine gesonderte Einladung. Kinder im KꝰZ Theresienstadt-Zeichnungen, Gedichte Die Ausstellung des Studienkreises Deutscher Widerstand ist zu sehen: Z.—14. Oktober in Gießen(Theodor-Litt-Schule) 7. 27. November in Mörfelden-Walldorf(Rathaus Walldorf) 29. November-18. Dezember in Langen(Stadtarchiv) www. KZ-adlerwerke. frankfurt. org Der Verein„Leben und Arbeiten im Gallus und Griesheim“(LAGGh), der aus einer Betriebsratsinitiative der Beschäftigten der Adlerwerke ent- Standen ist, ging am 24. März, dem 60. Jahrestag des Todesmarsches der Häft- linge des KZ Katzbach' in den Adlerwerken, mit einer Website online. Un- ter www. K-adlerwerke. frankfurt.org können sich Interessierte über das Konzentrationslager im Frankfurter Gallusviertel informieren. Die ge- schichtlichen Informationen und die Erinnerungen überlebender Häftlinge basieren auf der umfangreichen Recherche von Ernst Kaiser und Michael Knorn und ihrem Buch*'Wir lebten und schliefen zwischen den Toten“, Rü- stungsproduktion, Zwangsarbeit und Vernichtung in den Frankfurter Adler- werken, 3. erweiterte Auflage 1998, Campus Verlag, ISBN 3-593-3616319. Fin zurückgenommenes Design, so der Grundgedanke, würde Freiraum für die intellektuelle und emotionale Auseinanderset?ung mit dem Thema schaffen. Die Seite enthält Video(s), Iondokumente, Bilder und- wegen ihres dokumentierenden Charakters-zZum Teil umfangreiche Texte. Ostend- Blick in ein jüdisches Viertel Ausstellung im Hochbunker Friedberger Anlage 5/6, Frankfurt/ Main Diese ursprünglich im Jüdischen Museum gezeigte Ausstellung ist in einer verkleinerten Version im Geschichtsbüro Friedberger Anlage im Hochbunker zu schen. Der 1942 errichtete Bunker steht auf den Fundamenten der größten Frankfurter Synagoge, die am 10. November 1938 zerstört wurde. Die„Initiati- ve 9. November“ bemüht sich seit langem, dieses Gebäude zu einem Ort der Er- innerung, des Lernens und der Auseinandersetzung mit Geschichte und Ge- genwart Zu machen. Die Ausstellung gewährt Finblick in ein jüdisches Viertel, dessen Le benswelt heute nicht mehr existiert. õffnungszeiten: Sonntags 1114 Uhr Führungen: Sonntags 11.30 Uhr sowie nach Vereinbarung mit dem Jüdi- schen Museum, Tel. O 69 /21 23 88 04. Fintritt 2 Euro, ermäßigt 1 Euro; Führung zusätzlich 1,50 Buro pro Person Begleitbuch, 12,50 Furo, im Jüdischen Museum, im Bunker oder Buchhandel