LASERGEMEmscfafT aUscRwz- v FREUMDESkKREis DER AUSCHWZER 4 * *. — 24. Jahrgang, Heft 2 Mitteilungsblatt, Dezember 2004 Inhaltsverzeichnis Seite Bericht von der Mitgliederversammlung 1 Eine Geste des Respektes 3 Ehemalige Häftlinge bedanken sich 60 Jjahre 40 Jahre 4 Fine Anmerkung zu Gedenktagen Durchhalten bis zur Befreiung 6 Auschwit?Fäftling anus?z Mlynarski über die letzten Tage im K? Beim Erzählen fühle ich als Hãäftling 11 Auschwit?-Fäftling Stanislaw Kant? über den Schock der Rückkehr Die Saat wird einmal Früchte tragen 16 Auschwit?-Fäftling Tadeus? Sobolewicz bei deutschen Schülern „Freispruch“ bedeutete Deportation ins KZ 20 Dr. Francis?ek Piper über Forschungen des Museum Auschwit? Edelweiß-Piraten, Swing- Jugend, Résistance 22 Lieder und Texte von und zu„Randfiguren des Widerstandes? Die Grauzone 24 Fin Spielfilm ũber das jũdische Sonderkommando Flaschenpost aus der Zeit der Vernichtung 27 Rezension über die Lodzer Getto-Chronik Diese Geschichte muss erzählt werden 28 RezZension zu Lyrik und Prosa der Holocaust-Uberlebenden Hilda Stern Die Gegenwart der Vergangenheit 30 Der Auschwitz Prozess von 1964 und die mediale Offentlichkeit 2004 IO-Farben und kein Ende 32 Interview mit Peter Gingold DVD-Rom: Der Auschwitz-Prozess Die im Mitteilungsblatt 1 /2004 angekündigte HWVD-Rom: Der Auschwitz-Pro- zess war bis her entgegen Verlagsankündigungen nicht erhältlich. Laut Inter- netseite(wwwdigitale bibliothek.de) ist sie ab 6. Dezember 2004 lieferbar, kos- tet 45 Euro und ist über den Buchhandel(SBN 3-89853 5010) zu bestellen. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 1 Mitgliederversammlung am 20. November 2004 in Frankfurt Main Martina Hörber neu in den Vorstand gewählt „Freundschaft ist, wenn sich die Menschen treffen, einander zuhören und unterstũtzen. Und wir ehemaligen KZãäftlinge aus Polen und Ihr von der Lagergemeinschaft- Freundes- kreis sind schon seit Rahren gute Freunde“, bekräftigte der Auschwitzer Stanislaw(Staszek) Hantz, der als Ehrengast am 20. November in Frank- furt am Main an unserer Mitglieder- versammlung MV) teilnahm. Der 81 jährige Vorsitzende der Zgorzelecer (Sörlitzer) Vereinigung ehemaliger KZãäftlinge hatte am Tag zuvor an der Universität Gießen vor rund 60 Studierenden der Arbeitsstelle Holo- caustliteratur ũber seine Inhaftierung Sowie auch ũber sein heutiges Verhält- nis zu Deutschland gesprochen. Er hob hervor, wie wichtig die nach wie vor von unserem Verein geleistete Finanzierung der Arztbesuche in Zgorzelec ist. Auf Grund der Todesfäl- le wird der Kreis der Hãftlinge immer Kleiner, aber wegen des hohen Alters und vieler Krankheiten sei eine inten- sivere ärztliche Betreuung nötig, sagte Staszek und übermittelte den Dank seiner Kameraden in Zgorcelec. Nicht persönlich anwesend, aber telefonisch hatten im Vorfeld der MV unser Gründungsmitglied Dr. Janusz Mynarski Giehe Seite 6) sowie aus Po- len die ehemaligen Auschwitzer Kazi- mierz Albin und Tadeusz Sobolewicz ihre guten Wünsche für die Versamm- lung übermittelt. Vorsit?ender Albrecht Werner- Cordt und Kassierer Matthias Tiessen erläuterten den anwesenden Mitglie- dern in ihrem Rechenschaftsbericht die Arbeitsschwerpunkte des Jahres. Dem- nach ist der Verein mit einem leicht rũcklãufigen Spendenaufkommen kon- frontiert. In den letzten Rahren waren nach einer Piskussion auf einer dama- ligen MV die Rücklagen teilweise auf- gelöst worden, denn Vereinsziel ist es ja die ehemaligen Häftlinge zu unterstüt- zen und Projekte der politischen Bil- dung zu fördern. Demtentsprechend wurde in den vergangenen Rhren mehr ausgegeben als durch neue Mitglieds- beiträge und Spenden eingenommen werden konnte. Matthias Tiessen empfahl nun, nicht weiter die Rück- lagen anzugreifen, sondern wieder eine ausgeglichene Bilanz der Ausgaben und Einnahmen anzustreben. Albrecht Werner-Cordt ging in sei- nem Bericht vor allem auf zwei Pro- blembereich ein. So waren unsere di- versen Veranstaltungen, zum Beispiel Vortrãge von Ernst Klee über Medi- zinVerbrechen im Pritten Reich oder von Andreas Kilian ũber das jũdische Sonderkommando, die in mehreren Städten Hessens stattfanden, anspre- chend bis schr gut besucht und auch die Berichterstattung in der lokalen Presse war umfangreich. Es konnten jedoch nur sehr wenige neue Mitglie- der gewonnen werden. Der Vorstand werde dieses Konzept überprüfen, denn die Umsetzung erfordert viel Zeit und Energie und bindet die Kräf- te des Vorstands und helfender Mit— glieder in großem Ausmaß. 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Nicht gelungen ist es im Jahr 2004, eine Studienfahrt nach Auschwitz zu organisieren. Hierbei hatte der Freun- deskreis in der Vergangenheit immer wieder neue Mitglieder gewonnen. Die Ursache, dass keine Reise stattfand, lag einerseits darin, dass unser kooptiertes Vorstandsmitglied Andreas Kilian durch einen Arbeitsplatzwechsel aus- fiel und andererseits seine Aufgabe der Reisevorbereitung von keinem ande- ren ũbernommen werden konnte. In der Aussprache fragte Afred Schulz, früheres Vorstandsmitglied, nach den Beziehungen zum Interna- tionalen Auschwitz-Komittee(XK) Sowie der Zusammenarbeit mit ande- ren deutschen Mitgliedern des IAK, wie beispielsweise des Hamburger Auschwit?-Komitees. Albrecht Werner-Cordt, der uns in der Leitung des IAK vertritt, will sich weiterhin dafür einsetzen, dass der Er- fahrungs- und Informationsaustausch mit den nationalen Organisationen des IAK vom Berliner Büro auch durch ei- ne verbesserte Internet-Vernetzung in Gang Kommt. Auch die Realisierung zentraler, vom IAMK vorbereiteter Kampagnen stehe an. Speziell mit dem Auschwitz-Komittee in Hamburg be— Impressum: stehen persönlich gute Kontakte, wün- schenswert wären auch hier eine bes- serer Informationsaustausch, damit mitunter gemeinsame Aktionen ge- plant werden können. Als neue Beisitzerin wurde Marti- na Hörber einstimmig in den Vorstand gewählt. Die 30 Jährige war Anfang der 90er Jahre als Schülerin mit dem Auschwit?-Projekt des Friedrich— Ebert-Gymnasiums in Mühlheim am Main erstmals mit unserem Vereins- gründer Hermann Reineck in die heu- tige Gedenkstätte nach Polen gefah- ren. Im vorigen Jahr war sie zusammen mit ihrer Schwester Christiane Frede- richs sowie mit Frank Conforti und Arnd Frederichs bei der Entwicklung und Realisierung unserer Internetseite engagiert. Der bisherige Vorstand freut sich auf eine nun noch engere Zusam- menarbeit. Vorstand und Mitglieder- versammlung bedankten sich zudem herzlich bei Christiane Frederichs, dass sie sich effektiv und schnell immer bei der Aktualisierung der Internetseite um die technische Abwicklung geküm- mert hat und nun zusagte, weiterhin hier mit?zuarbeiten. Hans Hirschmann Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Freiherrvom-Stein-Straße 27, 35516 Münzenberg Internet: www. lagergemeinschaft- auschwitz. de Redaktion: Annedore Smith, Hans Hirschmann, Tel.(06101) 32599 Bankverbindung: Sparkasse Wetterau(BIZ 518 500 79) KontoNr.: 20 000 503 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 3 Ihre Spende hilft ehemaligen KZHãäftlingen materiell wie ideell Eine Geste des Respeltes Anfang Juni dieses Jahres erreich- te uns ein Brief aus Warschau. Die dortige Vereinigung ehemaliger KZ- Hãftlinge bedankte sich für die finan- zielle Unterstüt?ung und legte einen Nachweis über die Verwendung der Gelder bei. Unter anderem schreiben die Warschauer in deutscher Sprache: „Pure Hife jst für umere Mitglieder Sehr wichtig, deshalh sie dankhar vind. Alo wir Senden in Anlage die Liste der Beschenkten, die ale Schwer Krank Sind und mehrere nicht Jaufen. Jeder hekam 300 Zot(65 Furo), damit Pflegerin oder Arzneien zu hezahlen.“ Dieser Brief aus Warschau ist bei- Spielhaft für andere Häftlingsvereini- gungen in Polen, die von unserem Ver- ein Spendengelder zur individuellen Unterstũt?ung von kranken und pfle⸗ gebedürftigen Mitgliedern sowie de- ren Angehörigen erhalten haben— 80 in Krakau die Pflege- und Hospi?-Ab- teilung für ehemalige KZGefangene. Der Pank der Beschenkten rich- tet sich also an alle, die sich im Freun- deskreis der Auschwitzer engagieren und die Hilfe möglich gemacht ha- ben. Mitglieder und Spender wissen, dass die Unterstützung vor allem auch als Anerkennung des erlittenen Unrechts im Dritten Reich empfun- den wird- als Geste des Respekts, die hoch geschätzt wird. Dem steht die entwürdigende Pra- xis entgegen, mit denen die NS-Opfer konfrontiert sind bei der so genannten „Wiedergutmachung“ und Entschädi- gung durch die Bundesrepublik(als Nachfolgestaat des Dritten Reiches) und der deutschen Wirtschaftsunter- nehmen, die ihren Profit mit der Aus- beutung der Zwangsarbeiter und der mörderischen„Vernichtung durch Ar- beit“ Ideologie gemacht haben. Die Zahlungen erfolgten selten aus Pin- sicht und Reue, sonden erst unter großem öffentlichem, meist interna- tionalen Druck. Sie kamen spät, wa- ren unzureichend angesichts des erlit- tenen Unrechts, viele ehemalige Häft- linge gingen leer aus.„Verfolgte wur- den zu Bittstellern, zu Unglaubwürdi- gen, zu Unwürdigen erniederigt“, wie die Wochenzeitung„Die Zeit“ einmal schrieb und einen Sũhneamwalt Zitier- te:„Was soll man machen, wenn ein ganzes Volk bockt?“ Ganz anderes wi- derfuhr den Tätern und willigen Mit- helfern der Nazis: Ihre Dienstzeiten als funktionierende Ausführende der zur Staatsdoktrin erhobenen Men- schenvernichtung wurden selbstver— ständlich auf die Renten- und Pen- sionsansprũche angerechnet. Um die ehemaligen Hãäftlinge wei- terhin unterstützen zu können, bitten wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, auch in diesem Jahr wieder um eine Weihnachtsspende(ein Uberwei- sungsformular liegt diesem MB bei, oder siehe Konto-Nr. im Impressum auf der gegenüberliegenden Seite). Vielen Dank und die besten Wün- Sche für die Weihnachtsfeiertage sowie „Sto lat“ für das Jahr 2005. Das polni- sche„Sto lat“ ist die Kurzform des Wunsches„100 Rahre Gesundheit“. 4 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 60 Jahre Fine Anmerkung zu Gedenktagen 40 Jjahre Von Albrecht Werner-Cordt 60 Jahre ist es erst und schon- her, Seit am 8./9. März 1944 etwa 4.000 Hãäft- linge aus dem„Familienlager“ des KZ Auschwitz-Birkenau. (Abschnit B Ib) in 309. Mär? Gaskammern ermordet wurden. Am 11./12. Juli 1944 wurden etwa 3.000 Hãftlinge aus dieser Lagerabteilung in andere KZ„über-. Stellt“. Die etwa 4.000 1Z. Juli Hãäftlinge, die bis dahin überlebt hat- ten, wurden durch Gas getötet. Das am 9. September 1943 für Juden aus The- resienstadt„eingerichtete“ so genann- te Familienlager war somit„aufgelõst“. 60 Jahre ist es— erst und schon- her, seit am 15 Mai 15. Mai 1944 die„Deportatio- nen“ von insgesamt 438.000 ungari- schen Juden begannen. Am 9. Juli wur- den die Transporte gestoppt. Die meisten der Deportierten waren, un- mittelbar nachdem sie an der eigens geschaffenen und im Mai 1944 fertig gestellten neuen Rampe angekommen waren, den Mordaktionen in den Gas- kammern zum Opfer gefallen. 60 Jahre ist es erst und schon- her, Seit am 2. August 1944 die am Leben ge- bliebenen 2.897 Sinti und Roma in den Gaskammern ermordet wurden. Am 16. Mai 1944 versuchte die SS zum ersten Mal, die et- wa 6000 Menschen, die im„Zigeuner- lager“(Abschnitt B II e) zusammenge- pfercht waren, zu tõten, scheiterte aber zunãchst an dem verzweifelten Selbst- behauptungswillen der Hãftlinge. 2. August 60 Jahre ist es erst und schon- her, seit am 6. und 7. Oktober das„Sont derkommando“ einen bewaffneten Aufstand wagte. Das emenn 6./7. Oktober um wurde zerstört, 451 Häftlinge fie- len der Revolte zum Opfer. 60 Jahre schon oder erst- wird es her sein, wenn am 27. Nanuar 2005 der Befreiung des Lagers Auschwit? durch sow— jetische Truppen gedacht wird. Welche Bedeutung für die Uber- lebenden hat es, welche für die An- gehörigen der Ermordeten, die tagtãg- lich, stündlich, Nacht für Nacht an die Qualen, Traumatisierungen, an das zerstörte Leben zu denken gezwungen sind, wenn die öffentliche Erinnerung besondere Gedenktage vorgibt? Ist etwa der 27. Januar 2005 für die Opfer ein bemerkenswerterer Tag als der 12. Juni 1997, an dem ein Krankenhaus- aufenthalt angestanden haben mag, oder der 7. September 2002, an dem wieder einmal unerträgliche Schmer- zen quãlten?ꝰ Machen wir uns überhaupt eine Vorstellung, wie die polnischen, ukrai- nischen, russischen und alle anderen Auschwitz-Opfer und die FHunderttau- sende in den von den Deutschen ver- wüsteten Ländern medizinisch ver- sorgt und im Ater gepflegt werden können? 40 Jahre wird es 2005 erst her sein, seit am 20. und 21. August 1965 das Urteil des Schwurgerichts in der Straf- 27. Januar Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 5 sache gegen Mulka und andere ge- sprochen worden ist. 20 Beschuldig- 20 21. August te waren im Frankfurter Auschwit?z- Prozess angeklagt. Demgegenüber gehörten der SS— Lagermannschaft des KZ Auschwitz während der Zeit des Bestehens des Lagerkomplexes zwischen 7.000 und 7.200 SSMänner und SSAufseherin- nen an. Wenn diese Tätergruppe, heu- te zwischen 80 und über 90 Jahre alt, auf ihre 1945 beendeten Tätigkeiten als Mörder, sadistische Folterer, Tot- schläger, KZArzte, Beteiligte an Vivisektionen und grausamsten Medi- zinexperimenten sowie an Selektio- nen zum Gastod, an Raubzügen und Leichenschändungen, zurückschaut, dürfte sie diesen oder jenen Gedenk- tag gut ertragen können- dank Pen- sionen und Atersvorsorge, in die ihre Jahre in Auschwitz als anrechnungs- fähige Beitragszeiten Eingang gefun- den haben. Die deutsche Offentlichkeit wird an einem Tag im Jahr an Auschwitz erinnert, und wenn es ein„rundes DPatum'“ ist, dann umso festlicher und feierlicher. Die Opfer aber, welche Auschwit? überlebt haben und heute um die 80 Jahre und älter sind, brau- chen keine besonderen Gedenktage. Wohl aber wir: als Markierung gegen das Vergessen und als Wegweiser zur Hilfe. Das Foto stammt aus dem Band: Henry Ries: Auschwitz- Prüfstein des deutschen Ge- wissens; Aufbau-Verlag, 1997. Es ist nicht mehr im Buchhandel lieferbar, der Freundes- kreis der Auschwitzer hat jedoch noch Restexemplare, die unter Telefon(06101) 32599 (Anrufbeantworter) für 5 Euro plus Versandkosten bestellt werden können. 6 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Hoffnung unter Gefangenen, Untergangsstimmung unter Aufsehern Durchhalten bis zur Befreiung Nnus? Mlynarski, Auschwitz-Häftling Nr. 355, über die letzten Tage im größten deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager Janus? Mlynarski kam am 14. Juni 1940 mit dem ersten Tansport von 728 polni schen Gefangenen ins Konzentrationslager Auschwitz. Er erhielt die Häftlings- nummer 355 und wurde bis anuar 1945 im Stammlager Auschwitz I festgehal- ten, wo er gegen Ende seiner Haftzeit als Pfleger im Krankenbau eingesetzt war. Als sich die Befreiung abzeichnete, wurde er mit anderen Gefangenen evakuiert und erreichte nach den so genannten Todesmärschen die Konzentrationslager Mauthausen, Melk und schließlich Ebensee in Gsterreich. Dort wurde er am6. Mai 1945 von der US-Armee befreit. Nach dem Krieg wurde er in Polen Ar?t, floh aber 1971 mit seiner Familie in den Westen. Seit 1978 lebt er in Monheim in Nordrhein-Westfalen. Unser Vorstandsmitglied Annedore Smith befragte ſanusz Mlynarski über die Stimmung in Auschwitz kurz vor der Befreiung vor nunmehr 60 Jahren. Janus? Mlynarski: Das waren sehr gemischte Gefühle. Die Stimmung war sehr nervõs bei manchen euphorisch und bei manchen sehr pessimistisch. Wir wussten, dass der Krieg bald zu Ende sein würde, aber wir wussten nicht, was mit uns geschehen würde. Pinige sagten, wir würden alle vergast oder auf andere Weise umgebracht, vielleicht erschossen oder vergiftet. Andere sagten, das Lager würde den Russen auf vernũnftige Weise überge- ben. Noch andere sagten, wir würden alle evakuiert. Mein großer Freund, der Häft- lingsarzt Wladyslaw Fejkiel, war 1944 Chef des Krankenbaus. Er hat damals den Lagerarzt, SSFauptsturmführer Horst Fischer, gefragt, was wohl mit den Hãäftlingen geschehen würde. Da wurde ihm dringend dazu geraten, sich evakuieren zu lassen, alles andere könnte ãußerst gefährlich für ihn wer- den. Die Rede war von Maut- hausen in Osterreich, was Fischer als ein wunderschö— nes Lager im Gebirge be— schrieb, wo die Luft rein sei 4 und es den Häftlingen gut gehe. Dabei wissen wir heute, dass es dort diesen schrecklichen Steinbruch gab. Jedenfalls war die Lage recht ver- worren, aber wir hatten alle das Ge- fühl, dass schon bald etwas Dramati- sches geschehen würde. Also war die Stimmung sehr nervõs, und wir wuss- ten nicht, was wir machen sollten vor allem nicht, ob wir uns„freiwillig“ zur Fvakuierung melden sollten. Dr. Janus? Mlynarkski Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 7 Annedore Smith: In jenen Zeit— raum fallen ja auch einige bedeutende Freignisse wie die Liquidierung des so genannten Zigeunerlagers, die Mas- senermordung der ungarischen Juden oder der Häftlingsaufstand in der s0 genannten Todeszone. Haben Sie da- von etwas mithbekommen?ꝰ XM.: Ich war ja die ganze Zeit nur im Stammlager Auschwitz I inhaftiert, wãhrend sich diese schlimmen Preig- nisse im Lager II, in Auschwitz-Bir- kenau, abspielten. Ich hatte keinen großen Kontakt dorthin, aber natür- lich haben wir erfahren, was mit den Zigeunern geschehen war. Die gehei- me Weitergabe von Informationen un- ter den Hãäftlingen hat immer gut funktioniert, und so wussten wir, dass da etwas Schreckliches passiert war. Die Informationen kamen von den Häftlingen, die in den Außenkom- mandos gearbeitet haben. Diese Ka- meraden waren tagsüber außerhalb des Stammlagers eingeset?zt, wo sie Kontakt Zu Zivilpersonen hatten, und kehrten abends ins Lager zurück. Sie haben dann nach dem Appell den an- deren immer die neuesten Nachrich- ten übermittelt. AM. S.: In Auschwit?-Birkenau war die Uberlebenschance ja generell viel niedriger-sie betrug in der Regel nur wenige Monate, während Sie selbst fast fünf Jahre im Stammlager zuge- bracht haben. Offensichtlich waren die Haftbedingungen dort- so schrecklich diese auch waren- etwas ertragbarer, weil die beiden Lager ja auch ganz ant dere Funktionen erfüllten. J.M.: Da haben Sie vollkommen Recht. Sehen Sie, wir waren der erste Transport, und das war vielleicht auch unsere Rettung. In den ersten Mona- ten nach der Gründung des Lagers Auschwitz mussten noch wichtige Ar- beitsstellen besetzt werden- in den verschiedenen Werkstätten, Büros, Schreibstuben und so weiter sowie in der Küche, wo man natürlich immer etwas mehr Zu essen hatte. Wir hatten alsO 80 Zu Sagen die„privilegierten Po- sten“ im Lager inne, und dadurch hat- ten wir auch eine größere Chance zu überleben. A. S.: Kommen wir zurück auf die nervõse Stimmung unter den Hãftlin- gen in den letzten Monaten. Hat sich diese Nervosität auch unter den Auf— schern ausgebreitet, herrschte da s0 etwas wie eine Untergangsstimmung? XM.: Oh ja. Und sie wurden schon etwas freundlicher. Sie haben nicht mehr so große Distanz zu den Hãäftlin- gen bewahrt, sondern mitunter sogar auch mit ihnen gelacht. Ich war damals als Pfleger eingesetzt in einer Kran- kenstube für etwa 30 Patienten mit Ty- phus und Fleckfieber und bekam für diese Männer auch die Essensportio- nen zugeteilt. Immer wenn ein Patient starb, wurde dessen Ration natürlich sofort abgezogen, aber ich habe die Toten immer erst nach dem Appell ge⸗ meldet. So habe ich deren Portionen noch bekommen und sie unter den Genesenden verteilen können. Die Aufseher haben da beide Au- gen zugedrückt, und manchmal haben wir ihnen im Gegenzug sogar eine Por- tion abgegeben. Ihre Verpflegung war zu diesem Zeitpunkt nämlich auch Schon stark rationiert. Jedenfalls wa- ren sie wirklich um Freundlichkeit 8 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer bemüht wohl auch weil sie wohl hoff— ten, dass wir spãter, also nach dem Zu- sammenbruch, vielleicht mal ein gutes Wort für sie einlegen würden. AM. S.: Sie haben ja auch noch das Weihnachtsfest 1944 in Auschwitz er- lebt- nur einen Monat vor der Befrei- ung des Lagers. War das irgendwie an- ders als in den Jahren zuvor? XM.: Es war anders in dem Sinne, dass wir alle schon etwas Hoffnung ge- schöpft hatten, obwohl natürlich auch noch große Unsicherheit herrschte würden wir den Russen übergeben oder nicht. Einer hat den anderen ge- trõstet:„Halte aus, das sind die letzten Tage oder Wochen. Wir haben das al- les jetzt schon so lange ausgehalten, jetzt müssen wir noch durchhalten bis zur Befreiung. Die Freiheit steht schon vor der Tür.“ Sie kõnnen sich gar nicht vorstellen, was für ein Gefühl das war. — Auf den Evakuierungswegen, den Todesmärschen, starben Tau- sende von Hãftlingen an Hunger und Kälte vowie durch Mord und Totschlag durch die SS-Bewacher.(Foto: Museum Auschwita) ge Wir haben alle geweint und uns dann wieder gegenseitig getröstet und auch viel miteinander gebetet. Natürlich gab es einige Pessimisten, die meinten, wir würden jetzt erst recht umge- bracht, aber bei den meisten ũberwog doch die Hoffnung. Die Aufseher wiederum waren, wie Schon gesagt, nicht mehr s0 brutal wie früher. Ich habe zwar immer noch mit- erlebt, wie sie die Häftlinge angebrüllt haben, aber sie haben Kaum noch zuge- Schlagen. Wenn jemand zum Beispiel beim Grüßen eines SSMannes die Mütze nicht rechtzeitig vom Kopf nahm, bekam er jetzt Keine Schläge mehr. Wir mussten auch nicht mehr al- les nur im Laufschritt erledigen, son- dern durften ruhig mal etwas langsamer gehen. Und vor allem haben unsere Be- wacher die Kontakte zwischen den Hãftlingen von verschiedenen Blöcken nicht mehr so strikt kontrolliert. Das gab uns die Chance, an mehr Informatio- nen heranzukom- men als früher. Wir haben sofort die Kameraden der Außenkom- mandos aufge- sucht, die Verbin- dung Zu Zivilisten hatten.„Was habt Ihr gehört?“ ha- ben wir sie ge- fragt, und sie ha- ben uns erzählt, dass die Russen kurz vor Krakau stehen, dass eini— Konzentrati- — Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 9 onslager in Polen schon aufgelòst und die Hãftlinge befreit wurden, wãhrend andere evakuiert wurden. Wir haben Stãndig nach neuen Informationen ge- sucht. Das war eine sehr aufregende Zeit. AM. S.: Sie selbst sind wenige Tage vor der Befreiung von Auschwitz aus dem Lager evakuiert und auf einem der zahlreichen Todesmärsche nach Osterreich deportiert worden. Wie ha- ben Sie diese Zeit erlebt? JM.: Wir waren tagelang unter— wegs. Die ersten drei Tage sind wir nur marschiert. Ab und zu haben wir Schüsse gehört, und das bedeutete, dass die Hãftlinge, die nicht mehr weit tergehen konnten, einfach erschossen wurden. Wir haben uns gegenseitig ge- stüt?t und uns immer wieder zum Durchhalten ermahnt. Uberall am Straßenrand haben wir Leichen gese- hen. Heute wissen wir, dass von rund 60.000 Häftlingen, die an diesen To— desmärschen teilgenommen haben, mehr als 15.000 ums Leben kamen sie starben an Entkräftung, verhungerten, erfroren oder wurden umgebracht. Schließlich wurden wir in offene Viehwaggons verfrachtet, etwa 60 Häftlinge in einen Waggon. Da lagen wir zusammengepfercht am Boden, und auf den Decken, mit denen wir uns zudeckten, bildete sich eine Eis- schicht, s0 Kalt war es- manchmal 25 Grad minus. Wir bekamen nichts mehr zu essen und hatten nichts anderes zu trinken als geschmolzenen Schnee. Le- bensmittel, die noch übrig waren, teil- ten wir uns mit den anderen in unse- rem Waggon. Wie wir das alles überlebt haben, weiß ich bis heute nicht. Wir befanden uns wie in einem Zustand der Trance. Am 2. Februar 1945 kamen wir dann in Mauthausen an, aber das dor- tige Lager war überfüllt. Also wurden einige von uns in Nebenlager evaku- iert. Ich kam zuerst nach Melk und dann nach Ebensee. Wir mussten dort in Stollen arbeiten oder bombardierte Sleise reparieren. Inzwischen erfuh- ren wir auch, dass Auschwitz befreit worden war und die verbliebenen Hãäftlinge nicht ermordet wurden. Da waren wir sehr traurig, dass wir nicht dort geblieben waren. Hätte der La- gerarzt Dr. Fischer uns nicht indirekt davor gewarnt, dass wir womöglich doch noch alle vergast würden, hãtten wir Auschwit? bestimmt nicht verlas- sen. Wir hätten uns vor der Evaku— ierung verstecken können, denn die Wachmänner haben nicht mehr so ge— nau nachgesehen. Aber da war eben diese schreckliche Unsicherheit, die uns so große Angst gemacht hatte. Kurz vor der Befreiung von Eben- see erging dann plötzlich der Befehl, wir sollten uns vor den anrückenden Amerikanern in einem Stollen ver- stecken. Da haben alle Häftlinge ganz laut„Nein“ gerufen- das erste Mal vielleicht, dass wir uns offen widersetꝰt haben. Der Kommandant sagte dar- aufhin, er wolle uns ja nur retten, aber wenn wir das nicht wollten, dann sei das unsere eigene Schuld. Hinterher haben wir erfahren, der Stollen mit den Gefangenen hätte in die Luft ge— Sprengt werden sollen. Aber das haben unsere Aufseher nicht mehr durchge- Setzt. Viele SSLeute hatten sich zu die- sem Zeitpunkt ohnehin schon abge- set?t, und die Wachtürme wurden in 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer der Nacht nur noch von Reservisten aus dem Volkssturm bemannt. Da ha- ben wir gemerkt, dass der Krieg prak- tisch Schon zu Ende war. AM. S.: Und wie haben Sie schließ- lich die Befreiung des Lagers am 6. Mai 1945 erlebt? XM.: Schon einen Tag vorher ha- ben die Emotionen hohe Wellen ge- schlagen. Jemand hatte gehört, dass die Amerikaner im Anrücken waren, und am nächsten Tag waren sie tatsãchlich da. Da herrschte eine un- beschreibliche Freude, auch wenn vie- le von uns zu Gefühlsäußerungen gar nicht mehr fähig waren. Und stellen Sie sich vor, an diesem Tag ist niemand gestorben. Alle haben gespürt, dass der Moment, auf den wir so lange ge- wartet hatten, endlich gekommen war, und diesen Augenblick wollten alle unbedingt noch miterleben. Einen Tag später gab es dann mehr als 200 Tote im Lager Ebensee. S0 haben diese Ka- meraden wenigstens noch die Freiheit 1 erlebt, aber dann haben ihre Kräfte für immer versagt. Wir waren ja auch alle infolge der langen Lagerzeit sehr geschwächt. Ich zum Beispiel wog nur noch 38 Kilo— gramm und konnte kaum noch auf den Beinen stehen. Die amerikanischen Soldaten, die mit Panzern in das Lager einfuhren, haben alle geweint, als sie uns menschliche Knochengerüste ge- sehen haben. Leider begann kurz darauf eine Lynchjustiz gegenüber den grausamen und tyrannischen Kapos. Sie wurden in die Löschwasserbecken geworfen und ertrãnkt oder im Wasser zu Tode gestei- nigt. Die USSoldaten haben das gar nicht mitbekommen und konnten des- halb auch nicht einschreiten. Für mich war das ein schreckliches Erlebnis, denn ich hãtte mir eine ordentliche Justi? für diese Mãnner gewünscht. Vielleicht hat mir das aber auch etwas dabei geholfen, meinen eigenen Hass zu überwinden. Jedenfalls konnte ich diese Form von Rache nicht akzeptieren. Fünf Tage brannten in Birkenau die Fffektenlager(Kanada II), die von der abziehenden SS angezündet wurden.(Foto: Museum Auschwitz) Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 11 Der Lagertraum von der Freiheit und der Schock nach der Rückkehr Beim Erzählen fühle ich als Häftling Stanislaw Fantz, Auschwit?-Häftling Nr. 2049, über sein Leben nach der Befreiung und seine heutigen Berichte als Zeit?euge Stanislaw Hant?z war 17 Jahre, als er im August 1940 bei einer Razzia in Warschau verhaftet und nach Auschwitz deportiert wurde. Er erhielt die Häftlingsnummer 2049, lebte 35 Monate im Stammlager und 16 Monate im Zimmerei-Kommando in Birkenau. Im November 1944 wurde er nach Groß-Rosen und dann nach Hersbruck verlegt, von dort im April 1945 auf den„Todesmarsch“ nach Dach- au geschickt. Nach der Rückkehr nach Polen lebte er zunächst in Warschau, ab Frühjahr 1946 in Auschwitz, wo er beim Aufbau des Museums mitarbeitete. Er machte das Abitur nach und war von 1950 bis 1982 in verschiedenen Gruben- betrieben beschäftigt. Er lebt in Zgorczelec, wo er Gründer und Präsident der dortigen Vereinigung ehemaliger KZHãftlinge ist. Hans Hirschmann und Karin Graf befragten Stanislaw(Stas?zek) Hantz für das Mitteilungsblatt über sein Leben 60 Jahre nach seiner Befreiung. Mitteilungsblatt(MB): Wo wirst du großes Treffen. am 27. Januar 2005 sein? Ich freue mich Stanislaw Hantz: Ich will in Ausch heute schon witz sein um an den Feierlichkeiten darauf. zum 60. Jahrestag der Befreiung teil- zunehmen. Vielleicht werde ich beim MB: Wann 61. Jahrestag schon nicht mehr dort bist du selbst Sein können. Jetzt kann ich noch reisen nach jahrelan- und daran teilnehmen. So hoffe ich. ger Haft in Auschwitz und anderen Kon- MB: Was bedeutet es für dich an Stanislaw Hantz diesem Tag in Auschwitz zu sein? S. H.: Ich wurde in Auschwitz ja gar nicht befreit, ich habe meine Befrei- ung in Pachau erlebt. Für mich ist der 27. Januar ein symbolischer Tag. In Auschwitz sind viele meiner Kamera- den befreit worden. Für mich ist es sehr wichtig an diesem Tag in Ausch- wit? zu sein. Vielleicht kann ich nie wieder kommen, vielleicht treffe ich viele noch lebende Häftlinge. Es gibt sonst keine Gelegenheit für so ein zentrationsla- gern befreit worden? S. H.: Das war am 29. April 1945 in Dachau. MB: In Karin Grafs,biografischen Erzählungen' über dein Lebensschick- Sal(Zitronen aus Kanada') be— schreibst du, wie die Rückkehr nach Warschau 1945 für dich ein großer Schock war. Warum war das s0? S. H.: Während der gesamten La- 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer gerzeit habe ich daran gedacht, habe ich gehofft, habe ich davon geträumt, wieder nach Hause zu kommen nach Warschau. Ich habe davon geträumt, in Warschau ein neues Leben anzufant gen. Als ich damals Mitte August 1945 aus dem Bahnhof von Warschau her- aus getreten bin, habe ich nur einen Haufen Ziegel gesehen, Keine Häuser, keine Stadt, keine Straßen. Ich bin in Richtung Zoliborz gegangen, das war mein Stadtteil vor dem Krieg, um unser Haus zu suchen. Auch dieses Haus war Kaputt. Quälende Fragen taten sich auf: Wo soll ich diese Nacht schlafen?ꝰ Was werde ich morgen essen? Wie soll ich ein neues Leben anfangen im nichts mit nichts? Ohne Familie, ohne meine Mutter. Ich wusste nicht, wo jetzt mei- ne Verwandten wohnten. Das war ein Sehr sehr schwerer Tag für mich. Hier ist mein lang geträãumter Traum in meit ner Lagerzeit untergegangen. MB: Wie verlief dein Leben nach der Rückkehr nach Polen? S. H.: In Warschau habe ich nicht recht Fuß gefasst. Ich bin damals von Zoliborz in die Hipotecznastraße ge- gangen, wo meine Familie gewohnt hatte. Auch dieses Haus war ausge- brannt, es gab keine Scheiben mehr. Nur in einem Fenster, das mit Brettern zugenagelt war, sah ich einen leichten Schein. Das war genau in der Woh-— nung, wo meine Verwandten gewohnt hatten. Da bin ich hin gegangen. Diese Verwandten waren eine sehr wohlha- bende Familie gewesen. Sie hatten ein Dienstmädchen— dieses Dienst- mãdchen bewohnte diese ausgebranm- te Wohnung. Zusammen mit etwa zehn Bekannten und Verwandten bewohnte sie diese Räume. Alle haben auf dem Boden gelegen. Es gab keinerlei Mö- bel, keine Betten, nichts. Alle waren Sehr überrascht, mich wieder zu schen. Niemand hatte damit gerechnet, dass ich überlebt hatte. Sie haben sich sehr gefreut. Ich habe wie die anderen auf dem verbrannten Parkett meine erste Nacht in Warschau verbracht. Meine nãchsten Verwandten waren in ein nahe gelegenes Dorf gezogen. Am nächsten Morgen bin ich zu Fuß dorthin gegangen. Sie wussten schon, dass ich überlebt habe, weil ich ihnen aus München Anfang Mai eine Karte geschickt hatte. Diese Karte war genau einen Tag vor mir angekommen. Ich habe dann sehr bald in einer Fabrik Arbeit gefunden; das war die- Selbe Fabrik in der ich vor meiner Fest- nahme beschäftigt war. Ich musste ar- beiten, ich musste ja etwas zu essen einkaufen. Meine Verwandten hatten auch nichts, die waren vllig verarmt. 1946 im März bin ich mit anderen Hãftlingen zusammen nach Auschwitz zurück gekehrt, um das Museum auf— zubauen. Ich konnte nicht schwer ar— beiten. Was ich im Konzentrationsla- ger gelernt hatte, als Zimmermann zu arbeiten, das war nicht mehr möglich, weil meine Hand beim Pfahlhängen kaputt gegangen ist, einige Finger wa- ren gelähmt. Ich brauchte eine leichte Arbeit, keine schwere körperliche Ar- beit mit den Händen. Anfangs haben wir in Auschwitz in der ehemaligen Stammlagererweiterung, im Gebäude der heutigen Kirche, gewohnt, zusam- men mit einer Schar Ratten, die dort hausten. Ich habe Gruppen geführt, viele Familien, deren Verwandte in Auschwit? ermordet wurden, kamen Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 13 in das ehemalige Lager. Wir hatten s0 etwas wie eine Uniform an und trugen Waffen, bei den Führungen und auch beim Bewachen des Lagers und allem, was dort geblieben war. Das war eine gefährliche Zeit, ein gefährlicher Ort. Vor allem in Birkenau, dort haben Leute nach Gold und Wertgegenstän- den der ermordeten Juden gesucht und gegraben. Diese Anfangszeit war nicht leicht, wir haben kaum etwas verdient und hatten wenig zu essen. Ich bin in Auschwitz wieder zur Schule gegangen: ich saß als Erwach- sener zwischen den Jugendlichen und habe irgendwann mein Abitur ge— macht. Dort habe ich auch wieder al- te Bekannte getroffen, wie beispiels- weise die jungen Frauen aus dem Widerstand, die uns zur Lagerzeit un- ter Einsatz ihres Lebens s0 viel gehol- fen hatten. Es gab einen Arzt in Auschwit?z, der uns einmal im Monat untersuchte. Ir- gendwann haben dieser Arzt und der Pirektor des Museums mit mir ein Ge- spräch geführt, in dem sie mir sagten, dass ich aus Auschwit? weg muss, weil Staszek Hantz bei einem Besuch im Georg-Büchner-Gym- nasium Bad Vilbel im Sommer 2003. ich da verbrenne- von innen verbrenne. Ich bin dann nach Katowice(Kat- towit?) ver?ogen, habe eine Wohnung bekommen und auch Arbeit. Mit ei— nem Stipendium war es mir möglich, die Hochschule für Okonomie zu be— suchen. Nach der Geldreform Anfang der 50er Jahre platzte dieser Traum, mein Stipendium reichte hinten und vorne nicht mehr hin. 1951 lernte ich meine spãtere Frau Regina kennen, 1952 haben wir gehei- ratet. Ich habe damals in einer Bauver- waltung für Gruben gearbeitet. Pann wurden meine Töchter Krystyna und Wanda geboren. 1956 gab es für mich Arbeit in Wroclaw(Breslau) und 1957 sind wir nach Zgorzelec(Görlitz) um- gezogen, wo ich noch heute wohne. Ich habe in der nahe gelegenen Braun- kKohlegrube als Steiger gearbeitet, Spä- ter als Abteilungsleiter. Dann wurde ich Personalchef im Rang eines Direk- tors für 6500 Leute, das war von 1968 bis 1982. Nach meiner Pensionierung habe ich mich viel um den Klub ehe- maliger Hãftlinge in Zgorzelec geküm- mert. Bei Gründung waren wir über 150 Leute, heute sind wir noch knapp über 20. MB: Fast du mit Re- gina und den Töchtern über deine Haft in Aus- chwitz gesprochen? S. H.: Mit Regina in der Anfangszeit ja. Mit den Kindern habe ich viele Jahre nicht darũber gesprochen. Als Krysty- na das Buch, Die bluten- de Wunde' von meinem Freund RysZard Kordek 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer gelesen hatte, in dem ich erwähnt wur- de, da haben wir angefangen, darüber zu sprechen. Ich bin in der Folgezeit ab und zu in die Schule meiner Töchter gegangen und habe von meiner La- gerzeit berichtet. MB: Seit wann berichtest du in Po- len ũber die Zeit als Hãftling? Wie rea- gieren die Zuhörer? S. H.: Seit den 70er Jahren mache ich das. Jede Familie bei uns ist irgend- wie selbst betroffen. Sie wollten vor al- lem wissen, wie es ihren eigenen Ver- wandten im Lager ergangen war. MB: Welche Bedeutung hat es für dich, über dein Leben öffentlich zu sprechen? S. H.: Es ist immer wieder s0, dass ich mich beim Erzählen als Hãäftling fühle. Es ist nie einfach geworden, darũber zu sprechen. Ich mache es, weil ich es machen kann. Ich habe das erlebt. Wer sonst soll das machen? Die Historiker? Nein, ich, wir, die Hãftlinge müssen das machen. Ich bin das denen schuldig, die in Auschwitz umgekommen sind, die ermordet, er- schossen wurden. Ich habe überlebt, ich muss das erzãhlen. Wenn ich heute vor meinem ehemaligen Block in Bir- kenau stehe, dann denke ich an meine Freunde, die dort geblieben sind. Ich bin es ihnen schuldig. MB: Seit wann bist du auch in Deutschland als Zeitzeuge in Schulen und bei anderen Bildungseinrichtun- gen unterwegs? S.H.: Seit den 80er Rahren spreche ich auch mit deutschen Gruppen. Am Anfang habe ich das zusammen mit dem Maximilian-Kolbe-Werk aus Frei- burg gemacht. Auch mit Hermann Reineck von der Lagergemeinschaft der Auschwitzer habe ich das zusam- men gemacht. Jetzt mache ich das vor allem mit dem Bildungswerk Stanislaw Hantz' aus Kassel. Wir sind gemeinsam regelmãssig mit Gruppen in Auschwitz. MB: Reagieren die deutschen Zuhörer anders als polnische? S. H.: Ja, da gibt es einen Unter- Schied. Die polnischen Zuhörer, die su— chen in solchen Gesprächen nach ihren Verwandten, nach den Geschichten ih- rer eigenen Familie. Die Deutschen wollen wissen, was gemacht wurde und wollen wissen, was ihre Familienan- gehörigen hier in Polen angestellt ha- ben. Manche sprechen über ihre Be- geisterung für die Nazis und wie spãt sie erst bemerkt haben, dass sie in die falsche Richtung mitmarschiert sind. Die Deutschen denken darüber nach, wie das alles geschehen konnte, das ist ihre Hauptfrage. MB: Im Laufe der Jahrzehnte, in de- nen du nun bereits über deine Häft- lingszeit Sprichst, hast du da Verãnde- rungen bei den Zuhörern bemerkt? Mit anderen Worten, verhalten sich heutige Jugendliche anders als die ugendlichen vor zehn oder zwanzig Rhren? S. H.: Heute haben die Jugendli- chen andere Fragen. Heute wird viel gefragt, wie war das mit den Juden, den Polen, den Zigeunern im Lager, wie haben die dort im Lager zusammen gelebt. Früher war die Hauptfrage, ob das wahr war, was man über die Kon- zentrationslager berichtete. Diese Fra- ge ist in den Hintergrund getreten. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 15 Pann gab es die Frage, wie war das al- les möglich. Heute wird viel nach den Details gefragt, nach dem Leben und Zusammenleben im Lager. Heute wis- sen die Menschen, dass die Informa- tionen ũber Konzentrationslager stim- men. Und nun will man alles genauer wissen. Viele fragen danach, wie wir, wie ich heute die Peutschen sehe. MB: Wie viele ehemalige Häftlin- ge treffen sich noch in eurem Klub in Zgorzelec, dessen Präsident du bist? Und welches sind eure größten Pro- bleme und Anliegen? S.H.: 23 Häftlinge und ihre Frauen und auch die Witwen treffen sich im Klub. Unser größtes Problem ist die medizinische Hilfe. Heute muss man hier in Polen vieles selber bezahlen. Gut ist, dass wir einen eigenen Arzt ha- ben, der direkt bei uns im Klub einen Behandlungsraum hat und wir können zu ihm gehen, ohne lange Fahrzeiten, ohne lange Warte- zeiten. Natürlich haben wir auch das Problem der Miete für unsere Räume, weil wir immer we- niger werden und damit auch die Beiträge immer ge- ringer werden. MB: Was wünschst du dir für die Zukunft? S. H.: Ich per- sönlich wünsche mir und meiner Frau Gesundheit. Für den Klub wünsche ich mir, dass wir jedes Jahr ei- nen Ausflug machen können, zusam- men. Die Leute aus dem Klub freuen sich darüber sehr, wenn wir s0 etwas machen. Einen ganzen Tag zusammen sein können, vielleicht irgendwo über- nachten und am nãchsten Morgen wie- der zurück Kommen. Alles ist organi- siert, alles wird bezahlt. Im letzten Jahr waren wir im Riesengebirge, das war ein großes Ereignis für uns alle. Es wa- ren die ehemaligen Häftlinge mit und ihre Ehepartner. Meine Tochter Krystyna hat bei der Organisation ge⸗ holfen und ein Programm vorbereitet. Wir haben auch zusammen Spiele ge- macht. Für uns alle war das ein sehr schöner Tag. Ale sind glücklich nach Hause gefahren. Das wünsch' ich mir. Wir sind schon alle zu alt, um alleine zu reisen oder s0 etwas zu organisieren- wenn das alles vorbereitet ist, da kön⸗ nen alle mit. Auch die, die kaum noch aus dem Haus können. ich heute vor meinem ehemaligen Block in Birkenau stehe, dann denke ich an meine Freunde, die dort geblieben sind. Ich bin es ihnen schuldig.(Foto aus„Zitronen aus Kanada“) 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Ein polnischer Auschwitzer diskutiert mit deutschen Schülern Die ausgestreute Saat wird einmal Früchte tragen Von Tadeus? Sobolewicz(Auschwitz-Hãftling 23053) Tadeus? Sobolewicz, der im Ater von 17 Jahren als Bote zwischen den Wider- standsgruppen im besetzten Polen im Einsatz war, wurde am 1. September 1941 in Tschenstochau festgenommen. Bis 1945 war er in den Konzentrationslagern Auschwitz, Buchenwald, Leipzig, Mülsen, Flossenbürg und Regensburg inhaf— tiert. Parüber berichtet der spãtere Schauspieler in seinem Buch, Aus der Höl- le zurũck“, erschienen im Fischer-Verlag. Der hier abgedruckte Artikel erschien unlängst in der vom Auschwit? Museum herausgegebenen Publikation„Pro Memoria? in englischer Sprache. Deutsche Ubersetzung von Annedore Smith. Bei einem Deutschland-Besuch vor gut zehn Jahren wurde ich eingela- den, an einem Treffen von deutschen Jugendlichen mit Hermann Reineck teilzunehmen wie ich ein ehemaliger politischer Gefangener der National- SOZialisten. Ich hatte damals schon eit nige Erfahrungen bei solchen Treffen mit polnischen Schülern gesammelt, aber ich war noch nie deutschen Ju— gendlichen begegnet. Ich war deshalb gespannt zu sehen, wie die junge Ge- neration in Deutschland auf die Schmerzliche Vergangenheit reagieren und ein neues politisches und soziales Bewusstsein entwickeln könnte. Mir war klar, dass diesbezüglich an deut- schen Schulen andere pädagogische Vorausset?ungen galten als in Polen. Jetzt hatte ich die Chance, mehr darũ- ber Zu erfahren. Rund 40 Jungen und Mädchen im Alter zwischen 15 und 17 Jahren wa- ren in der Aula einer Berufsschule zu— sammengekommen. Der Klassenleh- rer Frank Pötter begrüßte Hermann Reineck und mich, den Gast aus Po- len, der ebenfalls in mehreren NS-La- gern eingesessen hatte. Gleichzeitig erklärte er, dass für die Erörterung dieses Komplexen Themas keine zZeitli- che Begrenzung vorgesehen sei, s0 dass wir so lange weiter diskutieren könnten, wie es Gesprächsstoff gebe. Pann wurden die Vorhänge zuge- zogen und eine Leinwand aufgerolit. Hermann begann seine dramatische Seschichte zu erzählen, die er mit Dias illustrierte. Er zeigte Bilder vom Kon- zentrationslager Auschwitz, Erlasse vom Reichsführer S8 Himmler, kurze Anweisungen von Hitler, Fotos von Menschen, die von der Rampe in Bir- kenau zur Gaskammer geführt wurden, vom Hãftlingsblock Nummer 11 mit Die Auschwitz-Häftlinge Tadeusz Sobole- wicz(rechts) und Jozef Paczynski. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 17 Auschwitz-Häftling Tadeusz Sobolewicz: Fotos der Lagerverwaltung der Todesmauer und auch ein Bild von ihm selbst in gestreifter Lageruniform. Hermann Reinecks Schicksal war in der Tat außergewöhnlich. Der ge- bürtige Osterreicher stammtè aus ei- ner Familie mit sozialdemokratischen Uberzeugungen. Nach dem Tode sei- nes Vaters gab er sein Studium auf und wurde Buchbinder, um seine Mutter und Schwester in einer Zeit hoher Ar- beitslosigkeit ernähren zu können. Schon früh durchschaute er die nie— derträãchtige Politik der faschistischen Organisationen, die damals gerade im Kommen waren. Er schloss sich lin- ken, antifaschistischen Kreisen an. Nach dem Anrschluss Osterreichs an Nazi-Deutschland wurde er 1938 eingezogen und 1940 nach Frankreich geschickt. Auch beim Militär hielt er weiterhin Kontakt zu illegalen antifa- schistischen Organisationen in Ostèr- reich und Deutschland und verteilte Schriften mit Aufrufen zum Wider- Stand gegen Hitler. Auschwitz-Häftling in SS-Uniform Im Januar 1941 wurde er verhaftet. Es folgten lange Verhöre, die sich auf eine Gruppe von 136 Wiener Antifa- Schisten erstreckten. Reineck stand un- ter dem Verdacht der staatsfeindlichen Gesinnung. Unter einem Schutzhaft- befehl wurde er schließlich in der zwei- ten Jahreshälfte 1942 nach Auschwitz deportiert, wo er bis Zum 7. November 1944 inhaftiert war. Anfangs war er im Straßenbaukommando tätig, später war er der Schreiber im Krankenblock Nummer 21. Auf Anweisung des SS— Oberscharführers Klehr musste er ir- reführende Todesberichte über Häft- linge schreiben, die mit Phenolspritzen umgebracht oder erschossen worden waren. Die Berichte enthielten stets unzutreffende medizinische Diagno- sen und gefälschte Todesursachen. Die Geschichte des ehemaligen Hãäftlings, eines authentischen Augen- zeugen dieser schrecklichen Ereignis- se, machte einen enormen Eindruck auf sein junges Publikum, das ihm mit der grõßten Aufmerksamkeit zuhörte. Er präsentierte den Jugendlichen Po- kumente von der Anklage gegen ihn sowie von seiner Verurteilung und ebenso Briefe, die er aus dem Lager an seine Verlobte schrieb. Er erläuterte, wie kranke Gefangene heimlich mit Mediꝰin versorgt wurden und wie pol- nische und österreichische Häftlinge 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer in der Widerstandsbewegung des La- gers zusammenarbeiteten. Schließlich erzählte er, wie er aus dem Lager frei kKam. Lagerkommandant Rudolf Höß rief etwa 100 politische Gefangene deutscher Abstammung zusammen und sagte zu ihnen:„Ihr habt schänd- liche Verbrechen gegen Großdeutsch- land begangen, gegen das Volk und den Führer, aber nun habt Ihr eine Chance, Euch von Eurer Schande rein?uwaschen mit dem Gewehr in der Hand. Ihr werdet in eine Militärein- heit eingegliedert.“ Ihre gestreifte Hãäftlingsuniform wurde durch eine SS-Uniform ersetzt, und sie wurden der Spezialeinheit Dirlewanger zuge- teilt, die gegen Partisanen in Rumãäni- en, der Slowakei und Ungarn kämpfte. Alle Entlassenen aus dem Konzentra- tionslager mussten eine Erklärung un- terschreiben, der zufolge sie sich frei- willig um Aufnahme in die Armee bewarben. Die Soldaten der Einheit Pirle- wanger wurden aus dem kriminellen Milieu rekrutiert, und sie waren grau- sam im Umgang mit Zivilpersonen in den Gebieten, in denen sie Aufständi- Sche niederschlugen. Jeder bewaffnete Finsat? war verbunden mit Terror, Vergewaltigung und Mord. Die Einbe- ziehung politischer Häftlinge aus Kon- zentrationslagern in diese Einheit war eine perfide List der SSKommandan- ten. Die Gefangenen selbst hatten kei- ne Wahl. Ihre Chance, ihr eigenes Leben zu retten, war praktisch null. Reineck wartete auf die erste Gele- genheit, um zu fliehen-zusammen mit seinem Lagerkollegen Franz Resch, der Tschechisch sprach. Sie meldeten sich freiwillig zu einer Patrouille, von der sie nie zurückkehrten. Den Deserteuren gelang die Kon- taktaufnahme zu tschechischen und slowakischen Partisanen. Kurze Zeit später kämpften sie Seite an Seite mit ihnen gegen die Einheit Dirlewanger. Als sich die mächtigen Wehrmachts- verbãnde angesichts der Offensive der Roten Armee immer mehr zurückzo- gen, mussten sich auch die Partisanen umgruppieren. Zu diesem Zeitpunkt beschlossen Reineck und Resch, sich nach Osterreich durchzuschlagen. Mit der Hilfe antifaschistischer Freunde erreichten sie im Januar 1945 Bad Aussee, wo sie bis Kriegsende blieben. Der Vater wurde in Birkenau vergast Nachdem Hermann Reineck seine Erzählung beendet hatte, wurden die Vorhänge zurückgezogen, und in das Klassenzimmer strõmte wieder Licht. Die Schüler saßen schweigend auf ihren Plätzen. Nach kurzer Pause wur- de ich gebeten, meine Geschichte zu erzählen. Diese war anders als die mei- nes Lagerkameraden, wies aber inso- fern Parallelen auf, als wir beide Opfer desselben Terrors wurden und im Kon- zentrationslager Auschwitz landeten. Ich schilderte das dramatische Schick— sal junger Polen und Polinnen in eit nem Land, das von den Nationalsozia- listen terrorisiert wurde. Ich verwies auf den September 1939, der zur Tragödie für den jungen polnischen Staat wurde, den die Deutschen aus— löschen wollten. Ich erinnerte an das enorme Unrecht, das unserem Volk widerfuhr und das ich auch selbst er— litten habe: Meine Jugendzeit wurde Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 19 mir wãhrend der Haft in sechs Konzen trationslagern gestohlen, mein Vater wurde in Birkenau vergast, meine Mutter fünf Jahre lang in Ravensbrück inhaftiert. Ich fügte am Ende hinzu, dass ich nicht über diese Erfahrungen rede, um alte Wunden zu öffnen oder die ehemaligen KZHãäftlinge zu Mär- tyrern zu machen, sondern weil ich mich als Augenzeuge verpflichtet füh- le, an die Leiden infolge des Faschis- mus Zu erinnern und davor zu warnen, dass eine solche Ideologie jemals wie- der die Oberhand gewinnt. Wir ehe-— maligen Häftlinge, s0 betonte ich, er- füllen auf diese Weise unsere Verpflichtung gegenüber unseren er- mordeten Kameraden und Freunden; wir vollstrecken ihr Testament und ihren let?ten Willen. Ich konnte die Emotionen und die Trãnen in den Augen meiner Zuhörer sehen. Ich dankte ihnen dafür, dass sie mir so konzentriert und aufmerksam zugehört hatten. In der folgenden Mis- kussionsrunde gab es viele, viele Fra- gen. Ich wurde unter anderem gefragt: „Flassen Sie die Deutschen sehr für das, was sie Ihnen in Ihrer Jugend an- getan haben?“ führen lassen konnte, dass es sich heu- te seiner beklagenswerten Geschichte schämen muss. Dennoch ist es schwer, nach so vielen Jahren noch Hass im Herzen zu tragen. Als Nachbarn in ei- nem einigen Europa müssen wir Wege zur Versõhnung finden. Wir können die Toten nicht Zum Leben zurückbringen, aber wir müssen ihnen ein Andenken bewahren und aus der tragischen Ver- gangenheit Lehren für die Zukunft zie- hen, um unserer selbst und um besserer Bezichungen zwischen unseren Völ- kern willen. Hermann Reineck wurde gefragt, mit welchen Argumenten junge Leute heut zu Tage Neofaschisten entgegen- treten sollten, die um Sympathisanten werben.„Benutzt dieselben Argumen- te“, Sagte mein Lagerkamerad,„als Ob Ihr selbst in Auschwit? gewesen wärt. Was Ihr heute gehört habt, sollte Euch dabei helfen, Euren Standpunkt zu verteidigen. Denkt daran, dass es not- wendig ist, Menschlichkeit zu fördern und zu kultivieren, und dass es un- zulãssig ist, den Weg der Feindseligkeit, des Hasses, der Intoleran?z und des Nationalismus zu beschreiten.“ Ich antwortete, dass ich viele Jah- re lang von Be- dauern, Bitter- keit und Trauer darüber erfüllt war, dass ein Volk mit so großen Fähigkeiten wie die Deutschen sich von Wahn- Sinnigen 80 schändlich ver- v— Tadeusz Sobolewicz beim Besuch einer Schulkdasse in Bamberg. *— — n1 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Forschungsprojekt: Identität der Opfer des KZ Auschwit?Birkenau „Freispruch“ bedeutete Deportation ins KZ Bestandsaufnahme der laufenden Forschungen des Museums Auschwitz Von Dr. Francis?ek Piper(eiter der Geschichtsabteilung) Im Rahmen der Mitte der 90. Jahre eingeschlagenen Forschungsrichtung „Jdentität der Opfer des Konzentra- tionslagers Auschwitz“ führt das staat- liche Museum Auschwit? Birkenau Untersuchungen über das Schicksal von einzelnen Gruppen je nach Natio- nalitãt, Ater, Glauben, Art der Inhaf— tierung durch. In den letzten Jahren wurden einige Publikationen zu die- sem Forschungsgebiet verõffentlicht. Uber die jüngsten Opfer des KZ Auschwitz schreibt Helena Kubica, Oswiecim 2002. Die Publikation ist 230.000 Kindern und hugendlichen ge- widmet, enthält Bilder, Dokumente und umfangreiche biografische Infor- mationen in polnischer und deutscher Sprache. Uber die Deportation und Ver- nichtung der Juden aus dem Ghetto in LOd? nach Auschwitz schreibt Andrzej Strzelecki, Oswiecim 2004. Der Autor verfolgt das Schicksal der 67.000 JNu— den, die Auschwitz überlebten oder in andere Kl verlegt wurden. Der Vernichtung der polnischen Bevölkerung aus der Region Zamosc in denahren 1942/43 widmet sich die Autorin Helena Kubica, Oswiecim- Warszawa 2004. Die Grundlage zu ih- rer Publikation bilden die Archivma- terialien und persõnliche Gespräche mit den Uberlebenden. Diese östlich gelegene Region war als Siedlungsge- biet für die Peutschen vorgesehen und Somit Anfang der geplanten Germani- sierungsaktion der polnischen Urge- biete. Die meisten Menschen dort sind wegen Kälte und Hunger gestorben, viele wurden in den Gaskammern er- mordert, ein Teil, darunter viele Kin- der, mit Phenolsprit?en umgebracht. Uber die, die wegen ihres Glau- bens in Auschwitz starben, sSchreibt Te⸗ resa Wontor-Cichy, Oswiecim 2003. In dem Buch wird das Schicksal von 387 Zeugen Jehova dargestellt(Polen, Deutsche Tschechen, Niederländer), von denen mindestens 152 in Ausch- witz gestorben sind. Gedenkbücher der Region Radom Zurzeit laufen in der Zusammen- arbeit mit der Hãäftlingsorganisation TOnO und Kazimier?z Albin, dem ehrenamtlichen Vorsitzenden dieser Sesellschaft, die Forschungen über das Schicksal von etwa 15.000 Polen, die aus dem Pistrikt Radom nach Auschwitz deportiert wurden. Ahn- lich, wie die vorangegangenen Publi- kation, haben auch diese Bände einen SGedenkcharakter und werden je nach Art der Informationen in drei Einhei- ten aufgeteilt. Die erste schildert die Transporte selbst, Umstände und Ur- sachen der Inhaftierung und des Transportes nach Auschwitz, Perso- nen, die wegen ihrer politischen oder gesellschaftlichen Tätigkeit bekannt waren. Der zweite Teil zeigt Fotos der Inhaftierten, private oder aus dem La- Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 21 ger, wie auch Kopien von Pokumen- ten, Briefen und Auszũge aus den Aus- sagen der Uberlebenden. Der dritte Teil besteht aus einer Auflistung aller Deportierten unter der Berücksichti- gung solcher Angaben wie Name und Vorname, Hãftlingsnummer, Geburts- datum und—0rt, Nationalität, Beruf und weiteres Schicksal nach dem Transport nach Auschwitz. Gezielte Vernichtung von Dörfern Wie die durchgeführten For- schungsarbeiten gezeigt haben, wur- den die meisten Polen aus dem Distrikt Radom aus politischen Grün- den nach Auschwit? gebracht, außer- dem gab es gezielte Aktionen gegen Akademiker wie auch zufällige Razzi- en auf den Straßen, in den Zũgen, Pri- vatwohnungen. Pine Besonderheit für diese Region bildet die gezielte Vernichtung von Pörfern. Sie wurden von der deutschen Polizei eingekreist, angezündet und die Porfbewohner erschossen oder bei le- bendigem Leib verbrannt. Diejenigen, die am Leben blieben, wurden inhaf— tiert, verhört und entweder sofort hin- gerichtet oder nach Auschwitz oder in andere Konzentrationslager gebracht. Unter den Inhaftierten waren sehr vie- le Akademiker. Bekannt sind auch Ak- tionen, die sich gegen ganze Berufs- gruppen gerichtet habe, wie z. B. eine Lehreraktion oder eine Aktion gegen Offiziere der polnischen Armee. Ganz lapidar und mit voller Offenheit über die Inhaftierung in den KZ sagte nach dem Krieg der ehemalige Komman- dant der Sicherheitspolizei für den Distrikt Radom, Vorsitzender des Standgerichtes H. Liphardt:„Als der Inhaftierte vor dem Standgericht er- schien, bekam er entweder ein Todes- urteil oder wurde freigesprochen. Falls er freigesprochen wurde, wurde er zu einem KZ abtransportiert?. Pine Aktion ohne gleichen fand am 13. Juli 1942 in dem Porf Garbat- ka statt. Die Inhaftierten wurden in ei- nen Zug, der extra in dieses Porf kam, eingeladen und durch Radom nach Auschwit?z geschickt. Von den 217 Be— wohnern überlebten nur zwölf. Die Forschungsarbeiten zu den Transporten aus Radom und Umge- bung wurden abgeschlossen, und man arbeitet an der Herausgabe der Publi- kation. Sie wird vermutlich vier Bände mit insgesamt 1300 Seiten umfassen. Die Opfer der Vergessenheit entreißen Die Finanzierung der von der La- gergemeinschaft-Freundeskreis der Auschwitzer unterstützten Herausga- be der Bücher der Erinnerung„Polen- transporte in das KI Auschwit?“ ist noch nicht gesichert. Realisiert sind bisher die Bände über die Transporte aus Warschau und aus Krakau. In Vor- bereitung sind die Bände über die Transporte aus dem Distrikt Radom. Wir werden alle Spenden mit dem Ver- merk„Radom“ direkt an das Museum in Oswiecim(Auschwitz) weiterleiten. Den Opfern ihre Identität über ihre Geschichte wiederzugeben— diese Forschungsergebnisse verdienen weite Verbreitung und unser aller Unter— Stützung. 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Lieder und Texte von und zu„Randfiguren des Widerstands“ Edelweiß-Piraten, Swing- Jugend, Résistance Von Annedore Smith Peter Gingold berichtete über seine Zeit bei der Résistance im beset?ten Frankreich. Emil Mangelsdorff erzähl- te von der„Swing Jugend“ in Frank- furt am Main, die im Jazz eine Gegen- kultur zum NS-Regime fand. Jean Jülich schilderte, wie die Kölner„HEdel- weiß-Piraten“ Volks- und Wanderlie- der umdichteten, so dass der Refrain schließlich lautete:„Wir wollen frei von Hitler sein.“ Zeitzeugen und Hi- Storiker sowie Liedermacher und Sän- ger aus neuerer Zeit prãsentierten am 11. Oktober in der Frankfurter Alten Oper die zahlreichen Facetten der Op- position im Pritten Reich.„Mut zum Mut“ lautete das Motto des Abends. Die Aufführung„Lieder und Texte des Widerstands“ bildete den Abschluss einer ganzen Serie von Veranstaltungen des Hessischen Ministeriums für Wis- Senschaft und Kunst Zum 60. Rahrestag des 20. Juli 1944. Pamit sollte all derer gedacht werden, die damals wahrhaftig Applaus für Zeitzeugen und Interpreten der Frinnerungsveranstaltung. te Links LGA-Mitglied Peter Gingold.(Foto: Alte Oper, FfM) Mut bewiesen haben. Im Mittelpunkt Standen nicht nur die„Helden? vom 20. JNuli, die in mehreren Beiträgen gewür- digt wurden- unter anderm von dem Berliner Historiker Peter Steinbach und der Pulizistin Felicitas von Mretin, einer Enkelin des Hauptverschwörers Henning von Tresckow. Vor allem gehörte dieser Abend den Randfiguren des Widerstands, die doch alle auf ihre Art„die anderen Deutschen“ jener Zeit verkörpern. Die„Fdelweiß-Piraten“ sind bis- lang nicht einmal offiziell als Wider- standsgruppe anerkannt. Auf jeden Fall aber wurden diese lugendlichen, die sich der Hitlerjugend verweiger- ten, damals als Bedrohung betrachtet, 80 dass fünf ihrer Mitglieder zur Ab- Schreckung öffentlich erhängt wurden. Jean Jülich kam als 15Jähriger im Ok-— tober 1944 in Haft und wurde erst zu Kriegsende von den Amerikanern be- freit. Auch der Saxophonist Emil Man- gelsdorff wurde da- mals von der Ge- stapo ver- folgt und verhaftet. Seine Be- geisterung für den Jſazz konn- ihm dennoch Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 23 keiner nehmen. Er prangerte zugleich in der heutigen Zeit einen„Sozialdar- winismus“ an, der abermals Anlass zum Widerstand gebe. Beeindruckt war das Publikum von dem lebhaften Vortrag Peter Gingolds, der als Jude und Kommunist für das NS-Regime in doppelter Hinsicht ein Feind war. Das langjährige Mitglied der Lagergemeinschaft Auschwitz würdig- te vor allem die Rolle der Frauen in der Résistance. Diese hätten mit weibli— chem Geschick oft viel mehr gegen die deutschen Besatzer ausrichten kõönnen als ihre männlichen Mitstreiter. Dafür hätten sie allerdings auch häufig mit dem Leben bezahlt. Die Zeit der Rési- stance lebte dann noch einmal auf in den Chansons der Französin Clara Moreau sowie der Israelin Esther Ofa- rim, dem Stargast der Veranstaltung. Auch der Widerstand gegen Repres- Salien in der ehemaligen DDR wurde an diesem Abend gewürdigt. Der Lie- dermacher Stephan Krawczyk berich- tete von seinem täglichen Kleinkrieg gegen die Behörden, die ihn mehrfach verhafteten und schließlich ausbürger- ten. Flierzu hätte auch Wolf Biermann beitragen können, der Sohn eines in Auschwitz ermordeten jũdischen Kom- munisten. Er war jedoch wegen Krank- heit verhindert und wurde kurzfristig von Paniel Kempin ersetzt. Dieser sang jiddische Widerstandslieder aus dem Getto Wilna eine passende Ergänzung zum Vortrag von Arno Lustiger. Der Auschwitz Uberlebende und derzeitige Inhaber der Gastprofessur am Frank- furter Frit?-Bauer-Institut würdigte den vielfach unbeachteten jũdischen Wider- Stand gegen das NSRegime. Insgesamt wurde an diesem Abend abermals Klar, welche Risiken die Oppositionellen damals auf sich genommen haben. Ihr„Mut zum Mut“ Sollte für alle Nachgeborenen Vor- bildcharakter haben. Denkmal für Desserteure gefordert Von den Wehrmachtsdesserteuren war bei der Veranstaltung in der alten Oper Frankfurt Zwar niemand persõn- lich auf der Bühne, ihr Widerstand, durch ihre Weigerung weiterhin für das Dritte Reich als Soldat zu kämpfen, wurde jedoch unter anderm in einem Song von Esther Ofarim gewürdigt. Ludwig Baumann, Bundesvorsit- zender der NSMilitärjustizopfer, hat ein eigenständiges Deserteursdenk- mal am größten deutschen Soldaten- friedhof im brandenburgischen Halbe gefordert. Er halte es für eine„Ver- höhnung für uns und unsere Toten“, dass es dort nur eine gemeinsame Ge- denkstätte für die Soldaten, Gestapo- Schergen, Kriegsrichter sowie die hin- gerichteten Deserteure gebe.„Die ha- ben uns verfolgt*, sagte der 82Jährige der Frankfurter Rundschau(17. No— vember 2004). Baumann wollte kürz- lich mit 30 Personen eine Gedenkfeier abhalten, das Amt erlaubte nur ein Treffen von vier Personen am Rande des Friedhofes, wo ein Penkmal für al- le Gruppierungen steht. Port hätten jedoch bereits Kränze von Rechts— extremisten gelegen. Deshalb nahmen Baumann und seine Begleiter die ei— genen Gebinde wieder mit:„Diese Er- niedrigung tun wir uns nicht an.? 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Spielfilm(USA) über das jũdische Sonderkommando in Birkenau DIE GRAUZONE Am 27. anuar 2005, dem Jahrestag der Befreiung von Auschwit?z, Kommt der Film„Die Grauzone“(The Grey Zone) des amerikanischen Regisseurs Tim Blake Nelson in die deutschen Ki- nos. Es ist der erste Spielfilm, in dem das Schicksal des jũdische Sonderkom- mandos, das direkt an den Gaskam- mern von Birkenau„arbeitete“, Hauptthema ist. Hollywood-Schau- spieler Harvey Keitel spielt den SS— Mann Brich Muhsfeldt. Das Filmdrehbuch basiert auf der 1946 erschienenen Erinnerungsschrift von Miklos Nyiszli, die 2005 unter dem Titel„Im Jenseits der Menschlichkeit Pin Gerichtsmediziner in Auschwit?z“ in 2. Auflage wieder in deutscher Spra- che verõffentlicht wird(Pietz Verlag). Der rumänische Pathologe Miklos Nyiszli arbeitete als Hãftling des Sek- tions kommandos in Krematorium J. Er wer dem berüchtigten SS-Lager- arzt Dr. Josef Mengele persönlich un- terstellt. Seine Beschreibung des „Kommandos der lebenden Toten? ist eine schonungslose Analyse der hoff— nungslosen und traumatischen Situati- on des Sonderkommandos: „Qanische Krankheitem sind heim Sonderkommando selten. Ihre Boften imd Koider Sind sauher IMre Vorpfeglung jt gut ja ausgezoichnot. Qhnehin handelt es sich hei IMnen um ausgeschte Krftige Mnner PMoch s6 Sn Selisch Krarnk. Das SchrecMiche Wissen, dass hier ihre GescEWister Fratuen, Kinden ihre armen EMorn, ihr ganzes OUM zgrmde gehen, die Tatsa- che dass v selhst die Leichen z Jau- Snden vor die Ofen schleifen und hin- einschiehen, füihren zu schweren Pe- Prosionen imd Molancholio. Joder Pior hat eine schmerziche Vorgangenheit und eine ZuMunft, an die er nur mit Schrocken denken Kann. Diese Zu- Kunft Pesteht für einen KAngehöri- gen aus ganz Keinen Zeiteinheiten.“ Die erzwungene Beteiligung der Opfer an der Vernichtung ihrer Famili- en, ihres Volkes bezeichnet Primo Levi als das dämonischste Verbrechen des Nationalsozialismus. Mit Hilfe dieser Pinrichtung wurde der Versuch unter- nommen,„das Gewicht der Schuld auf andere, nãmlich auf die Opfer selbst, ab⸗ zuwälzen, so dass diesen- zur eigenen Prleichterung- nicht einmal mehr das Bewusstsein ihrer Unschuld bleiben würde“. Im Mittelpunkt des Films steht eine Gruppe ungarischer Juden des Sonder- kommandos, die 1944 an der Vorberei- tung eines Aufstandes beteiligt sind. Nie Planungen geraten in Gefahr, als ein 14— jähriges Mädchen lebend unter den Körpern von Ermordeten in der Gas- kammer gefunden wird, denn ein Teil der Hãftlinge versucht dieses Mãdchen gegen alle Widerstände zu retten. „Tim GBlake Nelson) stellt Fragen zu unserer menschlichen Natur, die es zu untersuchen gilt. Das schulden wir unseren Kindern.“(Harvey Keitel) Zr strittigen Frage inwioweit die- Ser Fm eine Auseimandemetæurng Jei- Sten Kann, Siehe den Beitrag von Androas Kian auf den Seiten ↄ5 7 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 26 Eine Gratwanderung zwischen Voyeurismus und Aufklärung Ist das Grauen darstellbar? Ein Debattenbeitrag von Andreas Kilian Vor 60 Jahren erhoben sich am 7. Oktober 1944 einige hundert jüdi- sche Hãäftlinge des Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau in einem Akt der Verzweiflung gegen ihre Peiniger. Die Männer, die diese einzige bewaff- nete Revolte im größten nationalso- zialistischen Konzentrationslager aus- lõsten, wurden von der S8S als Sonder- kommando bezeichnet. Ihr Finsatzort waren die Krematorien. Die 88 zwang sie, die Leichen aus den Gas- kammern zu schleppen und die toten Körper zu verbrennen. Arbeitsver- weigerung wurde sofort mit dem Tod bestraft. Als„Geheimnisträger“ wur- de das streng isolierte Sonderkom- mando von der 8S8S in Etappen liqui- diert, von anderen Hãftlingen oftmals der Kollaboration beschuldigt. Während des Aufstands wurde ei- nes der vier Krematorien von den Hãftlingen in Brand gesteckt, drei SS— Männer wurden getötet, zwölf wei- tere schwer verwun- det. 100 Häftlinge wagten die Flucht aus der Todeszone. Doch letztlich war ihre Lage in dem un- gleichen Kampf aus- sichtslos. Die revol- tierenden Hãäftlinge kämpften um ihre menschliche Wür- de, sie wollten sich an ihren Peinigern rächen und die Mordanlagen zer- stören. 451 Männer des Sonderkom- mandos fielen schließlich der blutigen Vergeltung der S8S zum Opfer. Trotz- dem war der mutige Aufstand erfolg- reich: Für die SS bedeutete er eine moralische Niederlage. Die tragischen Ereignisse, die sich am Tag des Aufstands in der Todeszo- ne von Auschwitz zutrugen, wurden für den USSpielfilm„Die Grauzone“ der am 8. Oktober im Frankfurter Filmmuseum in einer Vorpremiere gezeigt wurde— fiktionalisiert und dramaturgisch verarbeitet. Eine Grat- wanderung, denn- noch stärker als die deutsche Produktion„Der Unter- gang“ wird dieser Film von der Mis- kussion begleitet werden, ob Grauen und alltãglicher Wahnsinn überhaupt ästhetisch darstellbar sind. Dem Film„Der Untergang“ wird von mancher Seite Verharmlosung und„Vermenschlichung“ vorgewor- fen. Und es wird sicherlich auch Kriti- ker geben, die gegen den amerikani- schen Regisseur Tim Blake Nelson, der nicht nur Regie führ- te, sondern auch das Drehbuch für„Die Grauzone“ schrieb, gegenteilige Vorwür- fe erheben werden. Die dramaturgische Bearbeitung historisch sensibler Stof— fe ist legitim, solange die Opfer nicht verletzt, desavouiert oder diffamiert werden. Solange eine Asthetisierung 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer des Grauens nicht zum Selbst?zweck verkommt oder voyeuristische Ab— sichten bedient werden. Es gibt viele Versuche, die Realitäãt von Auschwit?z mit fiktionalen Mitteln filmisch zu erfassen. Viele da- von endeten in bloßer Unterhal- tung und Kitsch. Der Aufstand des jũdischen Son— derkommandos war bisher jedoch noch kein zentra- les Thema, handelt es sich doch dabei um eine Geschichte, die jahrzehnte- lang verschwiegen, verdrängt und vergessen wurde. Er erschien zu mar- ginal, zum Heldengedenken ungeeig- net- anders als der Warschauer Get- to-Aufstand oder die Hãftlingsrevolte im Vernichtungslager Sobibor. Das Sonderkommando war ein Tabu— thema. Widerstand wurde bisher grundsätzlich am militärischen Erfolg gemessen, an der Anzahl der getöte- ten Feinde und zerstörten kriegs- wichtigen Objekte. Widerstand wurde bisher oftmals instrumentalisiert und politisiert, seine Parstellung manipu- liert, das Geschehen zu einem Mythos verklärt. In dieser KHinsicht ist es das Verdienst von Nelson, den Sonder- Kommando-Aufstand endlich einer breiten Offentlichkeit bekannt zu machen. Pabei gelingt es ihm, das moralische Dilemma der Sonderkom- mando-Häftlinge, deren kurzzeitiges Uberleben mit ihrer tragischen Zwangsarbeit im Zentrum des Mas- senmords verknüpft war, beklem- mend deutlich zu machen. Er zeigt ihren Uberlebenswillen und ihre Handlungsräãume unter den radikalen Lebens und Arbeitsbedingungen im Sonderkommando und regt zur Re-— flexion des Ge— schehenen an. Fin Spielfilm kann keinesfalls historische Abläu— fe authentisch ab— bilden. Jedoch können Filme die ESSenz histori- scher Breignisse anhand von han-— delnden Figuren durchschaubar und verständlich machen. Damit stellen sie im besten Fall eine Wahrheit dar, die jenseits der konkreten histori- schen Ereignisse liegt und doch Gül- tigkeit beanspruchen kann.„Die Grauzone“ geht wie auch„Der Un-— tergang“ über historische Ereignisse und die Erinnerung daran hinaus und ermöglicht die Auseinandersetzung mit den Abgründen der menschlichen Natur. 60 Jahre hat es gedauert, bis das Kino für die psychische und morali- sche Analyse der Sonderkommando- Tragõdie bereit war. Ob es das Publi- kum bereits ist? Wir werden es nach dem deutschen Filmstart erfahren. (FNP: 5. 10. 2004,. 4) Andreas Kiian js1 Autor zahfreicher PuhMationen zum Theoma, U. à. Co- Attor der SOnderkKommando Mono— grafie„Zogen aus der Todeszone“ Woitere Informationen zur„Crauzo- no“ auf doer Iternetseite der Voroih- firma(ww hllm. dethe grey zone umnd unter Kians Homepage (wmSonderkommando studien. de). Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 27 Flaschenpost aus der Zeit der Vernichtung RezZension von Annedore Smith „Die Hohensteinerstraße hat ihr Antlit? verändert. Der Verkehr ist außerordentlich lebhaft. Man merkt, dass der Krieg allmählich auch an Lit?mannstadt heranrückt. Neugierig schaut der Gettomensch den durch- eilenden Kraftwagen der verschiede- nen Waffengattungen nach. Das Wich- tigste aber ist für ihn doch noch im- mer:, Was gibt es zum Essen?““ Die Verfasser dieser Tagesnachricht vom 30. Juli 1944 wussten noch nicht, dass dies der letzte Eintrag der Chro- nik aus dem Getto Lodz sein würde- beziehungsweise Lit?zmannstadt, wie die deutschen Nationalsozialisten die polnische Stadt umbenannten. Vor nunmehr 60 Rahren wurde das nach Warschau zweitgrößte Getto auf polni- schem Gebiet, in dem 2eitweise 160.000 Juden zusammengepfercht wa- ren, endgültig aufgelöst. Die letzten der 70.000 noch verbliebenen Bewoh- ner wurden am 29. August 1944 ab— transportiert in die Vernichtungslager Auschwit?-Birkenau oder Chelmno. Zurück blieben rund 2.000 Seiten der Lodzer Getto-Chronik, die noch schnell in einem trockenen Brunnent schacht versteckt werden konnten. Diese akribischen Aufzeichnungen in Deutsch und Polnisch geben einen er— schütternden Einblick in den grausa- men Alltag des Gettos. Sie zeugen von Hunger und Krankheit, von Gewalt und Tod- doch ebenso vom Wunsch, sich allen widrigen Umständen zum Trotz noch etwas Normalitãt und Wür- de zu bewahren. Dies wird nicht zu— letzt deutlich an einem besonderen Getto-Fumor. Im Gegensatz zu den Untergrund- archiven aus anderen Gettos hat die Lodzer Chronik offiziellen Charakter. Sie wurde erstellt von der Statistischen Abteilung, die die deutschen Kom- mandanten der so genannten jüdischen Selbstverwaltung genehmigt hatten. Allerdings musste der Mitarbeiterstab unter Leitung des Prager Journalisten Oskar Singer stets mit Kontrollen rechnen, s0 dass in strenger Selbstzen- sur die Verhältnisse zwar dokumen- tiert, aber kaum kommentiert wurden. Das Ergebnis sind stilistisch vielfãltige Artikel und Reportagen für eine ima- ginäre Zeitung der Zukurnft. Anlässlich des 60. Jahrestags der Getto-Liquidation sind die Aufzeich- nungen der Monate Juni und Juli 1944 jet?zt als Buch erschienen. Herausgeber sind Sascha Feuchert, Erwin Leibfried und Jörg Riecke von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Universitãt Gießen sowie auf polnischer Seite Juli- an Baranowski vom Staatsarchiv Lodz und Krystyna Radziszewska von der Universität Lodz. Das Team hat 2002 schon die gesonderten Reportagen von Oskar Singer veröffentlicht(„Im EFil- schritt durch den Gettotag“, Philo Ver- lagsgesellschaft- besprochen im Mit-— teilungsblatt vom Juli 2003). Der jetzi- ge Band über die letzten Tag im Lod- zer Getto ist der Auftakt für eine kom- plette Ausgabe der umfangreichen Chronik, die 2006 erscheinen soll. Feuchert Leibfried, Riecke(HMrsg.). „Lefzte Jage. Die Lodker Getto-Chro- niM. NmiMi 1944 Göttingen. Wal- Stein Verlag, 2004 IBN 500445019. 719 Euro 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Diese Geschichte muss erzählt werden Rezension von Hans Hirschmann Die sieben, mit Bleistift vollge- schriebenen Schulhefte seiner 1997 verstorbenen Frau Hilda waren für Werner Cohen eine überraschende Entdeckung: Hier hatte die 1924 in dem hessischen Dorf Nieder-Ohmen (Landkreis Gießen) geborene Hilda Stern Cohen Gedichte und Prosatexte niedergeschrieben, die nun als„Lyrik und Prosa einer Holocaust-Uberle- benden“ in dem Band„Genagelt ist meine Zunge“ vorliegen. Der Ehemann und die drei Töchter, wussten von ihrem Schicksal. Wussten, dass sie im Getto Lodz miterlebte, wie ihre Eltern und Großeltern in Folge von FHunger an„galoppierender Schwind- sucht“ ebenso elend starben wie der Verlobte Horst an Tuberkulose. Sie wussten auch von Auschwitz und Ra- vensbrück.„Sie erzählte mir all das in den Jahren, in denen sie schweißgeba- det, ihr Herz rasend kKlopfend, in der Nacht aufschreckte“, berichtet Werner Cohen in der Finleitung des Bandes. Verschwiegen hatte sie ihm, mit dem sie 50 Rahre verheiratet war, jedoch ihre li- terarischen Bewältigungsversuche, eine wahrlich„einzigartige Hinterlassen- schaft“. Niedergeschrieben hat Hilda Stern die Texte im Getto sowie nach der Befreiung durch die Mliierten in Oster- reich, wo sie auf ihre Auswanderung in die USA wartete, die 1946 erfolgte. Genagelt ist meine Zunge an eine Sprache, die mich verfucht, hineingehämmert in meine Qhren mit den Tõnen der Tiohe, un des fesEnden Fass6s. Die sprachliche Kraft dieser ersten Strophe des für den Auswahlband Titel gebenden Gedichtes verdeutlicht die innere Zerrissenheit der Autorin und all ihrer Leidensgenossen, denen von„arischen“ Deutschen nicht nur ihr Deutschsein, sondern gleich ihr Menschsein abgesprochen wurde. An- gesichts der grausamen Umstände ist es kaum fassbar, wie sie immer wieder mit Klarer Einsicht das Schreckliche wahrnimmt und mit frappierenden poetischen Wendungen Details des Grauens versinnbildlicht. Pabei rich- tet sich ihr Blick weniger auf die Täter als vielmehr auf die Verheerungen, welche die bei den Deutschen zur Staatsdoktrin gewordene Menschen- vernichtung bei den Opfern zeitigte. Hilda Stern nimmt weder auf sich Selbst Rücksicht, noch auf die, die sie liebt. Mit genauer Beobachtungsgabe registriert sie schonungslos ihr Um- feld, und doch sind ihre Beschreibun- gen auch in den Momenten purer Ver- zweiflung von nichts anderem geprägt als von mitfühlendem Verständnis. Beispiele mögen dies verdeutlichen: Als bei der Deportation nach Lod?z viel Zu viele Menschen in dem Eisen- bahnwaggon 2?usammengepfercht sind, notiert sie:„Die Türe wird ver- rammelt und wir starren uns wortlos an. Das erste Gefühl keimt auf, dass man in einem Käfig nicht höflich sein kann. Wir sind alle gesittete Leute- aber jeder mõchte sitzen.“ Im Getto beobachtet sie wie die Mutter lange am gleichen Fleck sitzt, „weinerlich und alt. Ich müsste sie streicheln, sie trõsten, aber ich kann Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 29 nicht.“ Tief ergreifend auch die Be- schreibung, als ihr Freund Horst sie „mit einer gedemütigten Zärtlichkeit“ beiseite nimmt und fragt, ob er ein „Schuft“ werden und sich bei der Gettoverwaltung als„Polizant“ ver- dingen soll, um damit mehr Lebens- mittel für sich und die Seinen zu be— kKommen. Weitsichtig weiß sie ihr Dilemma auf den Punkt zu aufrechtzuerhalten, als ob mich der Schrecken um mich herum nicht di— rekt berührte. Das konnte ich beob— achten und festhalten, wie es in mei- nen Gedichten dokumentiert ist, mit deren Hilfe ich in der Lage war, mei- ne Angste zu sublimieren.“ Zwischen all den schrecklichen, willkürlichen und gewalttätigen Erleb- nissen, die sie genau und un- bringen:„Ich sah das Falsche an den anderen, sah aber auch bald darauf das Falsche an mir. Das beruhigte mich einigermaßen und erfüllte mich zur gleichen Zeit mit Verachtung und Uberdruss- denn ich wusste, dass es aus den menschlichen Tiefstän- den keinen normalen Mus- weg gibt.“ Die Herausgeber haben in dem Band unter dem Ti— tel„Diese Geschichte muss erzählt werden“ das Manus- kript eines Vortrages mit aufgenommen, den Hilda Stern in den 80er und 90er Jahren vor amerikanischen Zuhörern gehalten hatte. bestechlich beschreibt, kommt auch immer wieder zaghaft und fragend ihr Mut und ihre Zuversicht zu über- leben in den Gedichten zum Ausdruck. Im DP-Camp in Osterreich- das Wort„La— ger“ vermeidet sie hier sehr bewusst fasst sie dann auch ihre Freude über die wieder- gewonnene Freiheit und die Erfahrungen, die Schönhei- ten der Natur wieder zu be— merken, in Worte. Um jedoch zuvor letzt- endlich diese Chance zum Uberleben im Getto bekom- men zu haben, bedurfte es nicht nur viel Glück:„Hier gibt es Kein Erbarmen- hier Parin beschreibt sie ihre damals wohl unbewusst verfolgte Uberlebensstrategie und zwar am Beispiel, wie ihre Mutter 42 jährig im Getto-Krankenhaus in Lod?z starb: „Wenn ich zu Besuch kam, konnte ich ihre wachsende Isolation vom Leben in ihren Augen sehen, die beide weit geöffnet waren, aber dennoch vom Leben in die bevorstehende Dunkel- heit starrten. Während all meiner Jahre unter den verschiedenen For- men der Unterdrückung und der dro- henden Vernichtung war ich immer in der Lage gewesen, eine Art Distanz galt nur eins: Protektion!“, schreibt Hilda Stern unmissverständ- lich. Ihr„Protektor? war unter anderm der Maler Lejzerowicz, ein Günstling des Getto-Altesten Rumkowski, der sie zu literarischen Versammlungen einlud:„Diese Zusammenkünfte wur- den zu einem Lichtstrahl in der uner- bittlichen Dunkelheit und zu einer Mahnung davor, dass meine Existenz nicht bloß auf Nahrung und das Uber- leben von Stunde zu Stunde und Tag für Tag fokussiert sein musste, sondern dass es in der Tat auch noch andere Dinge gab. Dieser besondere Freund 30 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer war dazu bestimmt, mein Leben zu retten.“ Für Hilda Stern Gohen war es als Uberlebende den ermordeten Holo— caust-Opfern gegenüber eine„Eh- renschuld? immer wieder Zeugnis ab- zulegen und„diese Geschichte“, nämlich die Geschichte des staatlich verordneten und durchgeführten Mas- senmordes an den Juden und den Geg- nern Nazi-Deutschlands, zu erzählen. Für uns Nachgeborene- insbesondere für die Nachgeborenen der Tätergene- ration- ist es das Mindeste an Respekt den Opfern gegenüber, dass wir uns diesen„Geschichten? stellen. Lesenswert macht den Band zum Weiteren die sehr ansprechende und gelungene Buchgestaltung von Silke Berg unter Verwendung von Familien- fotos der Familien Stern und Cohen. Hilda Stern Cohen. Genagelt ist meine Zunge TLyrik und Prosa einer Holocaust-Uberlebenden. In Zusam- menarbeit mit Werner Gohen heraus- gegeben von Erwin Leibfried, Sascha Feuchert und William Gilcher. Berg- auf-Verlag, Frankfurt/M. 2003, 15 Euro; ISBN 3-00010499-2. Erschienen in der Reihe MEMKNTO, einer Schriftenrei- he der ErnstLudwig-Chambré-Stif- tung und der Arbeitsstelle Holocaust- literatur an der Universitãt Gießen. Mehr zu der Autorin im Internet (www¶ hildasterncohen. orgq Der Auschwitzprozess von 1964 und die mediale Offentlichkeit 2004 Die Gegenwart der Vergangenheit Dor Studienkreis Doutscher WMderstand hat in den informationen“ N 60(Okt. 2004) umter dem Vel„Die Gegenwart der Vergangenheit“ den 40 Jahre zurck- Negenden Auschwitæ-Prozoss mn Fankfurt am Main a Schwerpumtthema ge⸗ weiht. Warum, das wird im Editorial von Heilco Lüßmann sMizziert. Drei geschichtlich zentrale Daten zur Auseinandersetzung mit der natio- nalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands galt es in diesem Jahr zu würdigen. In den Blickpunkt der groß angelegten medialen Gffentlichkeit rückten dabei jedoch nur zwei: Zum einen der 60. ahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie am6. Juni 1944 mit einer Vielzahl von Be— richten zum Auftritt des deutschen Kanzlers bei den Feierlichkeiten in Frankreich, zum anderen das Geden- ken an das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944, das u. a. mit der ARD-Pro- duktion ,Stauffenberg“ begleitet wur- de. Völlig in den medialen Hinter- grund geriet der Auschwitz-Prozess, der vor 40 Jahren in Frankfurt am Main stattfand. Wie ist dieser unter- schiedliche mediale Umgang mit hit storischen Paten zu erklären? In der deutschen Offentlichkeit wird seit einigen Rahren der Blick immer stärker auf die Opferrolle der Deut- Schen fokussiert und der Versuch einer Gleichset?ung mit den Opfern der Na- ziverbrechen unternommen. So wurde im Zusammenhang mit dem Gedenken an die Landung der Alliierten in der Normandie immer lauter die Forderung artikuliert, an diesem Tage aller Opfer, Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 31 also auch der deutschen Soldaten zu ge- denken, schließlich seien sie alle Opfer eines Krieges geworden.(.) Der Bund der Vertriebenen propagiert weiterhin, ein„Zentrum gegen Vertreibung“ in Berlin zu errichten und damit das Schicksal der deutschen Vertriebenen gedanklich in ummittelbare Nähe des Holocaust Mahnmals für die ermorde- ten Juden Europas zu rũcken. Die von Vertriebenenfunktionären gegründete Preußische Treuhand zur Purchsetzung privater Entschädigungsforderungen u.a. gegenüber dem polnischen Staat ist die unverfrorene Spit?e eines„Wir wa⸗ ren alle Opfer“ angleichenden Ge- Schichtsverständnisses. Der Zentralrat der uden in Deutschland hat die Zusammenarbeit mit der Stiftung Sächsische Gedenk- stätten beendet, weil der sächsische Landtag 2003 ein Geset? verabschie- det hat, in dem die fundamentalen Un- terschiede zwischen den Verbrechen des NSRegimes und Formen kommu— nistischer Willkürherrschaft termino- logisch eingeebnet wurden. Der Vize- prãsident des Zentralrates Samuel Korn sagt dazu:„Diese alle Unter- schiede einebnende Gleichsetzung ist es, wogegen ich mich wende, auch beim Sãchsischen Gedenkstättengeset?. Die- ser Trend ist seit dem Historikerstreit Mitte der achtziger dahre zu beobach- ten, er kehrt immer wieder, und die seither geführten deutschen Selbstfin- dungsdebatten tragen stets dieselben Muster in sich. Es geht dabei offen oder verdeckt darum, den Deutschen einen möglichst gleichberechtigten Opferstatus Zzuzuerkennen. Jedes indi- viduelle Leid, vor allem dasjenige un- beteiligter und unschuldiger Men- schen, ist ohne jede Einschränkung gleichermaßen anzuerkennen und zu würdigen. Aber bei übergeordneter Betrachtung geht es nicht in erster Li- nie um individuelles Leid, sondern um den großen historischen Zusammen- hang, den gilt es zu wahren, sonst wer- den wir aus der Geschichte keine ob— jektiven Lehren ziehen können.“ Die Täterschaft der Deutschen ver- blasst und wird zielstrebig verdeckt durch die beständige Thematisierung der Opferrolle. Dies wurde im beson- deren Maße in der Diskussion um die Wehrmachtsausstellung deutlich, die nach ihrer Uberarbeitung den Blick von den vielen Tätern in S8S., Polizei- und Wehrmachtsuniform abwandte auf die Wehrmachtsgeneralität und ih- re Befehlsgewalt. Inzwischen wurde die Ausstellung geschlossen und einge- mottet. Der Historiker Wolfram Wette Stellt dazu fest: Als Fazit bleibt die Er- kenntnis, dass es bestimmten Mei- nungsführern in Deutschland immer wieder gelungen ist, die Täter aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein und aus den Gerichtssälen verschwinden zu lassen und die auf Relativierung und Entlastung zielenden Bedürfnisse zu bedienen.“ So geschehen auch mit dem Ge-— denken an den Frankfurter Auschwit?z- Prozess. In der medialen Offentlichkeit hat die Erinnerung an den Prozess nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Dem mit ihm verbundenen Blick auf die Tãter ist heute, wie vor vierzig Jah- ren eine Abwehr zu kKonstatieren, wie sie Martin Walser mit seinem Wort von Auschwitz als„Moralkeule“ zum Aus- druck gebracht hat.(.) Heiko Lüßmann Dio„informationen“ KOsfen Pro Ban 5,50 Euro zu hesfellen umter Toofon- nummer(0690) 70 J5 75, Internet wmm SdienKreis- widersfand 193345. Ue. 32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Peter Gingold im konkret-Interview(11/2004) über die IG-Farben Das Geld gehört in die Verfügung der Opfer Der jüdische Kommunist Peter Gingold ging als ugendlicher ins franzõsische Exil, wo er sich in der Zeit der deutschen Besatzung der Résistance anschloss. Seit Jahrzehnten organisiert er Proteste gegen die IG-Farben-Abwicklungsge- Sellschaft und kämpft um die Entschädigung der NS-Opfer. Der 88Jährige ist stellvertretender Vorsitzender des Auschwitz-Komitees(Hamburg), Bundes- sprecher des VVNBund der Antifaschisten und Mitglied der Lagergemein- Schaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer. konkret: Beinahe 20 Jahre gab es Proteste gegen die Aktionärsver- sammlungen der I6 Farben AC„in Abwicklung“. Aufgelöst ist die Firma mittlerweile, aber Totgesagte leben länger: Jetzt haben die ehemaligen Aktionäre in den USA eine Stiftung gegründet und wollen auf diesem Weg an noch vorhandenes Vermögen in der Schweiz. Hattest du dir einen Erfolg der Proteste s0 vorgestelltꝰ? Gingold: Die kriminelle Energie der IGFarben-Abwickler überrascht mich nicht. Seit ihrer Gründung 1952 waren die jeweiligen Liquidatoren da- mit beschäftigt, das Geld, das den Uberlebenden zusteht, verschwinden zu lassen. Einmalig wurden Anfang der Sechziger 30 Millionen Mark ge- zahlt, eine Summe, die man über Jahr- zehnte an Pensionen für jene Herren zahlte, die auf der Anklagebank des Kriegsverbrecherprozesses gegen die I16 Farben saßen. Diese Linie haben sie durchgehalten, und der Versuch, an die etwa zwei Milliarden Buro bei der Schweizer UBS heranzukommen, steht in dieser Tradition. Poch die Proteste haben etwas bewirkt. Als wir anfingen, Mitte der Achtziger, tagten die Herrschaften noch im Frankfurter Hof. Spãter musste die Stadt Frankfurt ihnen einen Versammlungsraum be-— sorgen, weil kein Hotel das Risiko einer Aktionärsversammlung mit Pro- testen und Rangeleien auf sich neh- men wollte. Es kamen immer weniger Aktionäre, nicht nur weil die alten Na- zis wegstarben, sondern weil sie Angst bekommen hatten. Die Kontinuitãt der Proteste hat entscheidend dazu beigetragen, das Verbrechen der Sklavenarbeit in die Offentlichkeit zu bringen. konkret: Die Stiftungsgründer ha- ben mit dem FDP-Politiker Gerhart Baum und Ludwig Ehrlich von der jũ— dischen Organisation B'nai B'rith pro- minente Unterstützer und kündigen an, aus dem rũckgewonnenen Vermö- gen Uberlebende zu unterstũtzen und Frinnerungsarbeit finanzieren zu wol- len. Gingold: Wie groß?Zügig! Seit Jah- ren versprechen sie dies und jenes, was sie nicht daran gehindert hat, Hans Frankenthal, einen der wenigen Uber- lebenden des IG-Farben-KZ Ausch- witz III Monowit? zu beleidigen und zu verhöhnen, wenn er unsere Forde- rungen auf den Aktionärsversamm- lungen vertrat. Port wurde deutlich, Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 33 dass man stolz darauf ist, den ehemali- gen Zwangsarbeitern über 50 Jahre ei- ne Entschädigung verweigert und sich an diesem Geld bereichert zu haben, das jet?t weg ist, versickert in den Kanälen von Arisierungsgewinnlern wie Beisheim. Mit dem Geld in der Schweiz ist es anders: Der alliierte Kontrollratsbe- Schluss vom 30. Oktober 1945 ordnete an:„Das deutsche Auslandsvermögen wird beschlagnahmt für Reparations- und Wiedergutmachungsleistungen an die von den Nazis am meisten getrof⸗ fenen Volks und Gesellschaftsgrup- pen.“ Kein Zweifel: Alles Geld gehört ausschließlich in die Verfügung der Opfer. konkret: Die Forderung ist legitim, aber ist sie realistischꝰ Gingold: Ich mache mir keine IMu- sionen. Wer hätte aber vor Jahren an- genommen, dass die ehemaligen Zwangsarbeiter auch nur einen Pfen- nig bekommen?ꝰ Ich nicht. konkret: Mit diesen Almosen wur- de in Peutschland der Schlußstrich ge- zogen, weswegen es auch sehr schwer sein wird, an das IG-Farben-Vermò- gen in der Schweiz zu kommen. Gingold: Hier hat glücklicherweise Deutschland nicht viel zu sagen. Durch die Stiftungsgründung in den USA haben sich die ExLiquidatoren zwar eine juristische Möglichkeit ge- Schaffen, an das Geld zu kommen. Zu- gleich aber ist die amerikanische Of- fentlichkeit eine andere, die Gerichte Sind andere. konkret: Der eigentliche Sinn der Abwicklung der Firma scheint gewe- Sen zZu sein, endlich nicht mehr die lei- digen Aktionärsversammlungen durch- führen zu müssen. Nun gibt es keinen õffentlichen Anlass mehr für Proteste. Gingold: Bislang scheint der Plan aufzugehen. Viele fragen sich, wo wir jetzt noch ansetzen können, zumal es auch in anderen Fällen kaum noch möglich ist, die deutsche Gffentlich— keit zu erreichen. Ich erinnere an den zähen Kampf der Angehörigen der Opfer des Wehrmachtsmassakers von Pistomo. Sie kämpfen scheinbar auf verlorenem Posten, aber aufgeben wollen sie nicht. Es ist jet?t die letzte Chance, denn noch leben einige der ehemaligen Zwangsarbeiter. Ihr poli- tisches und moralisches Gewicht zu nutzen, solange es noch möglich ist, darauf kommt es jetzt an. konkret: Pie politische Tendenz im Jahr der 60. Jahrestage, das noch bis zum 8. Mai 2005 dauern wird, heißt Versõhnung in Europa. Da stört die Brinnerung an die Mörder. In Berlin baut man das Denkmal für die ermor- deten Juden, aber die Topographie des Terrors, die an die Mörder gemahnt, ist seit bald 20 Jahren eine Baustelle und wird nun auf niedrigstem Niveau fer- tiggestellt. Gingold: Eben deshalb ist es wichtig, die Erinnerung an IC Farben als Symbol für das Bündnis von Ka- pital und Barbarei, Zyklon B und Auschwit?, wachzuhalten. Ich will, dass die Menschen noch in 2000 Jah— ren davon wissen, damit sie eine Wie- derholung verhindern können. Ich le- be mit der Erinnerung an die Ermordeten meiner Familie, an er— mordete Freunde und Genossen, aber ich kann auch nicht vergessen, wer sie ermordet hat, wie sie ermordet wur- den und warum. 27. Jlanuar 1945— 27. Januar 2005 60. ahrestag der Befreiung des KZ Auschwit?-Birkenau Das Gedächtnis der Orte Gedenkveranstaltung Donnerstag, 27. Januar 2005, 19 Uhr Historisches Museum, Römerberg, Frankfurt am Main Veranstalter: A Ausgegrenzter Opfer LESUN6& MUSIK „Genagelt ist meine Zunge an eine Sprache, die mich verflucht“ Lilli Schwethelm liest Lyrik und Prosa aus dem Werk von Hilda Stern Gohen Musikalische Begleitung. Georg Crostewitz(Gitarre) . Freitag: 21. Januar 2005, 20 Uhr Ortenberg(Wetteraukreis), Altstadt-Café Hilda Stern Cohen, gebo- ren 1924 in Oberhessen, Donnerstag, 27. Januar 2005, 19.30 Uhr war gerade 21 Rhre alt, als Sie das Getto Lodz, Musch- wit? und Ravensbrück überlebt hatte. (Zum Werk Hilda Stern Cohens siehe Beitrag Sie starb 1997 in den USM. in diesem Heft, Seite 28 ff) Neu-Isenburg, ev. Kirche am Marktplatz Ausstellungen in Februar 2004, Offenbach am Main, Legalisierter Raub-Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933 bis 1945 Ausstellung des Frit? Bauer Institutes und des Hessischen Rundfunks(genauere Angabe zum Ausstellungssaal, siehe Spãter bei wwwfrit?-bauer-institut. de) 9. bis 21. Januar 2005, Dreieich-Sprendlingen(Stadtbücherei) 25. bis 31. Januar 2005,(Kassel)(Ev. Fröbelseminar) Frauen im Konzentrationslager 1933— 1945 Fine Ausstellung des Studienkreises Deutscher Widerstand, Frank- furt /Main(wWwww.studienkreis widerstand 193345. de).