LAGERGEMENSCHAFT AUDSCHWTZ FREUNDESKREIS DER AU0SCHWTAZER Von Frankfurt aus über die A5ᷓ Richtung Norden fahren. In Gießen die AdS Richtung Osten fahren Die MS wird später die A4 heißen, an Erfurt, Dresden, Breslau vorbei Richtung Kattowitz fahren, wo man nach Süden abbiegen soll. Nach etwa 30 Minuten erscheint Auschwitz. 24. Jahrgang, Heft 1 Mitteilungsblatt, Juli 2004 Neue Vereinsadresse Nach dem Tod von Anni Reineck wurde der Mietvertrag für unser Vereins- büro in Gambach gekündigt. Unsere provisorische Vereinsadresse lautet: Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer cſo Diethardt Stamm, Freiherr-vom-Stein-Str. 27, 35516 Münzenberg Mitgliederversammlung am 20. November 2004 Zur Mitgliederversammlung laden wir am Samstag, dem 20. November, um 15.30 Uhr nach Frankfurt am Main, Rechneigrabenstraße 10(Ton- und Bild- Stelle) ein. Auch interessierte Sympathisanten sind herzlich willkommen. Inhaltsverzeichnis Seite Trauer um Anni Roßmann-Reineck 1 Aktenzeichen 4 Ks263 6 Ausstellung zum Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963— 1965 Hermann Reinecks Zeugenaussage von 1964 12 Stimmen zum Auschwitz-Prozess 14 Hõrspiel von Monika Held(Ausschnitte) DVD-ROM: Der Auschwitz-Prozess 21 I6 Farben: Devisen für den Endsieg 22 Buchbesprechung und Erklärung von Uberlebenden Erkläung des internationalen Auschwitz-Komitees zur wachsenden antisemitischen Gewalt 25 Die Kindertransporte 1938/39 26 Zwei Buchbesprechungen von Regine Woffart Das kurze Leben der Marion Samuel 30 Sascha Feuchert zum neuen Buch von Gõtz Aly Unglüchkiche Helden 32 Heinrich Senfft Zum Jahrestag des 20. Juli 1944(ta?) Impressum: Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer Freiherr-vom-Stein-Str. 27, 35516 Münzenberg; Internet: www. lagergemeinschaft-auschwitz. de Redaktion: Hans Hirschmann, Tel.(06101) 32599 Bildnachweis: Titel: Plakat von Wilhelm Sasnal, Ohne Titel, 2004, Ausstellungskatalog: Auschwitz-Prozess(Siche 8. 7) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 Ansprache von Janus? Mlynarski bei der Trauerfeier in Gambach Liebe Anni- Ae Auschwitzer verneigen sich vor Dir Ich verabschiede dich- liebe Anni- im Namen der ehemaligen Häftlinge vom Lager Auschwitz, wo ich vom 14. Juni 1940 bis 23. Januar 1943 als Häftling interniert war, das heißt, alle meine Kollegen haben Dir- liebe Anni- enorm viel Zu verdanken und du bist uns in unseren Geist tief eingewachsen. Deine Person wird ewig bleiben, weil du warst für die Hãäftlinge wie ein Engel. Wir haben dich in zwei Phasen ken- nengelernt: In der ersten Phase war Anni eine starke Frau. Sie war eine treue Ehe- frau. Sie war unermüdlich in der Arbeit für die Mitmenschen. Sie war eine Be- schützerin für die Auschwitzer. Sie hat sich nicht geschont und hat lange Nächte mit der Vorbereitung von Lebensmittel- paketen verbracht, vor allem in der Zeit, als in Polen Kriegszustand war, das heißt im Jahre 1980/81. Du hast, Anni, mit dem für uns unver- gesslichen Bhemann Hermann zusam- men die Wohlfahrttransporte organisiert. Du hast mitgeholfen, Jugendtreffen zu organisieren, wo die Jugend belehrt wur- de, was für eine Tragõdie für die Mensch- heit ein faschistisches System ist. Du hast Lehrerausflüge zum Lager Auschwitz organisiert. Du hast deine Zeit der Frie- densidee geopfert und Buer Haus in ein Hotel für ehemalige KZ-Hãäftlinge ver- wandelt. Du hast mit Hermann deswegen Unbequemlichkeiten erdultet. Du hast nie gezeigt, dass dir die altruistische Tätigkeit Sorge bereitet hat. Du woll- test die Hauptschulden des Nazi-Systems tilgen. Du hast mitgearbeitet bei der Annäherung der deutschen und polnischen Nation. Für dich war nichts zu viel! In der zweiten Phase haben wir bemerkt, wie Du, liebe Anni, durch die Krankheiten seit einigen Jahren gesundheitlich immer schwächer wurdest. Trotꝰdem hast du die Lagergemeinschaft-Freundeskreis der Auschwitzer nicht verlassen. Diesen Verein hast du übrigens zusammen mit Hermann Reineck ins Leben gerufen. Wir alle sind Dir unendlich dankbar für deine Energie und deine Herzlich- keit. Alle Auschwit?zer verneigen sich vor Dir! Du hast dich mit Hermann als Wohltäterin der Auschwitzer bewiesen und dein Name ist bei uns für immer im Gedãchtnis eingeprägt. Du scheidest aus der Welt, aber du lebst in unseren Herzen für alle Zeiten. Janus? Mlynarski(Auschwitz-Häftling Nr. 353) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Wir trauern um Anni Roßmann-Reineck 28. DeZember 1919— 12. April 2004 AUSCEMWTZ Sie war Mitbegründerin und bis zu ihrem Tod Vorstandsmitglied unseres Vereins. Sie hat sich den Respekt und die Liebe vieler ehemaliger KZ- Häftlinge und deren Familien erworben. Sie hat Hilfstransporte organisiert und viele Gruppen bei Studienreisen zu den Gedenkstätten der NS-Ver- brechen begleitet und betreut. Ihr Engagement begann vor genau 40 Jah- ren als sie in Frankfurt beim Auschwitz-Prozess ihren Mann, den 1995 ver- storbenen, ehemaligen KZ-Hãftling Hermann Reineck, kennen lernte. Wir haben eine Freundin und Mitstreiterin verloren. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Der Vorstand für die Mitglieder, Freundinnen und Freunde Am Dienstag, dem 20. April, um 14 Uhr in Münzenberg in der Trauerhalle des Stadtteils Gambach(Friedhof Waldstraße) nehmen wir bei einer Trau- erfeier Abschied von Anni Roßmann-Reineck. Die Beiset?zung findet spãter im Familienkreis in Fronhausen statt. Anstelle von Kränzen und Blumen bitten wir im Sinne von Anni Roßmann- Reineck um Spenden an die Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwit?er, 35516 Münzenberg, Konto: 0 020 000 503, Sparkasse Wet- terau, BLZ 518 500 79. Zglebokim zalem informujemy. ze w dniu 12 kwietnia 2004 roku zmarla w wieku 84 lat ANNIE REINECK oddany przjaciel polskich byhych wiezniòw politycznych KI. Auschwitz-Birkenau, wdowa po sp. Hermannie Reineck - Zalozcielu organizacji Lagergemeinschaft-Freundeskreis Auschwitzer. Uroczystosci pogrzebowe odbyh sie w dniu 20 kwietnia 2004 roku w miejscowosci Münzenberg. Pograzeni w smutku Larzad Okregu PZBWPIIWiOK w Krakowie. Klub KlL Auschwitz w Krakowie Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 8 Mitbegründerin der Lagergemeinschaft Auschwitz starb am 12. April Anni ist tot Wer Anni kannte, wusste um ihr Durchhaltevermõgen und ihren Ehr- geiz, sich nicht unterkriegen, sich nicht den Schneid abkaufen zu lassen. Resignation war nie ihre Sache-zZwar konnte sie unmäßig stur und unein- sichtig sein, was vorübergehend auch an Verbitterung grenzen konnte, aber zu resignieren, das entsprach nicht ihrem Charakter. Selbst als ihre ge- sundheitlichen Probleme sowie per- sönliche Enttäuschungen und Aufre- gungen in den letzten Jahren ihr im- mer mehr Kraft abforderten, überwog ihr Wille, nicht klein beizugeben und nicht in Tostlosigkeit zu verfallen. Vor rund einem Jahr haben wir sie dann aber doch fassungslos vorgefun- den. Damals als Funktionäre von Arzte- und Kassenverbänden sowie Politiker vorschlugen, die Kranken- kassenausgaben dadurch zu vermin- dern, dass für Menschen über 80 Jah- re die Kosten für lebensverlängernde medizinische Versorgungen, wie bei- Spielsweise Dialyse, nicht mehr über- nommen werden sollten.„Sind wir wieder soweit“, war Annis Kommen- tar- und der klang nicht wie früher empört und entrüstet, sondern kraft- los und deprimiert. Die Brinnerung an die Nazi-Ideologie vom„lebens- unwerten Leben“ und die darausfol- gende mörderische Praxis war ihr- die sie drei mal pro Woche zur Dia- lyse ins Krankenhaus musste- sehr gegenwärtig. Zwar verschwand dieser Vor- schlag wieder aus der öffentlichen Debatte, aber er scheint Annis Ver- trauen grundsätzlich erschüttert zu haben. Rückblickend fällt auf, dass sie damals ihren Fernseher, der ka- putt gegangen war, nicht mehr repa- rieren ließ. Sie wollte und konnte wohl auch nicht mehr das forsche Ge- rede der mediendemokratischen Mei- nungsmache ertragen. Und auch in ihrer Tageszeitung schien sie nur noch die Lokalseiten zu lesen. Ohne Anni hätte es die Lagerge- meinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer nicht gegeben. Zunächst wäre ohne sie Hermann Reineck nicht von Wien in die Rhein- Main-Region übergesiedelt. Und zweitens war sie ihm unverzichtbare Stütze und Mitstreiterin, als er der treibende Motor war, der zusammen mit anderen ehemaligen Häftlingen, wie beispielsweise Janus? Mlynarski, nach österreichischem Vorbild unse- ren Verein gründete. Die Solidarität mit den Uberlebenden und die Erin- nerung an die in den Konzentrations- lagern, Gestapo-Gefängnissen und im Widerstand gegen Nazi-Deutschland ermordeten Kameraden waren die Beweggründe für dieses Engagement. „Uber Auschwit? darf kein Gras wachsen“, lautete die Finstellung für die auch bei den Nachgeborenen dar- um geworben wurde, sich gegen Fa- schismus, Rassismus und Fremden- feindlichkeit Zu engagieren. Politische Bildung und direkte, materielle Hilfe zu organisieren, das waren und sind 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer nach wie vor die Hauptziele, denen sich unser Verein verpflichtet hat. Dafür nahmen Hermann und Anni viele Strapazen auf sich. Anni haff mit, wo sie konnte, und sie hielt vor allem Hermann den Rücken frei. Das heißt, sie organisierte den Alltag des ehemaligen Auschwitz-Häftlings, er- lebte mit, wie ihn seine Albträume plagten, und machte sich Sorgen, wenn er immer wieder seine Kräfte überanstrengte. In einem Interview mit Monika Held sagte sie:„ Es ist v0, dass man eigentlich einen großen Teil von sich selbst auſgehen muss lind aufgibt, wenn man mit jemandem zu Sammen ist, der in Auschwit? war Denn man Kann nicht einfach sagen. Schwamm drüben das Leben geht auch So weiten Die erste Zeit, die mõchte ich vielleicht nicht vo hundert- ProZentig zuriick haben, denn die war Schlimm.“(viehe Seite 20) Anni hat sich- vor allem in Polen- den Respekt und die Liebe vieler ehe- maliger KZHäftlinge und deren Fa- milien erworben(Siehe die Ansprache von Janusz Mlynarski auf Seite 1). Je- doch auch jüngere Menschen, die sie bei Studienreisen und Veranstaltun- gen kennen lernten, waren beein- druckt und bewunderten die Selbst- verständlichkeit ihres Engagement, das ansteckend wirkte und Zur Mithil- fe motivierte. Dabei konnte Anni durchaus ein schwieriger und unein- sichtiger Mensch sein. Mit einer ihr eignen Sturheit verprellte sie mitunter Freunde und Bekannte, aber dann kam auch wieder ihre charmante Seite zum Ausdruck,„als wir uns dann wie- der trafen, empfing sie uns mit einem Rosenstrauß und voller Herzlichkeit“, erinnerte sich eine Freundin. Annis Finsat?z ging oft über ihre eigenen Belastungsgrenzen hinaus, und dies erwartete sie teils auch von den Helfern, erinnerte Vereinsmit- glied Neidhart Dahlen in seiner An- sprache bei der Trauerfeier in Gam- bach. Er betonte jedoch auch, dass Anni bei aller Arbeit immer ein„of— Anni mit Kaszimierz Smolen, dem langjährigen Direktor der Gedenkstätte Auschwitz, bei einem Besuch 1998.(Foto: Karin Mihm) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 fenes Haus“ führte. Besuch aus Polen war oft wochenlang zu Gast und Menschen, vor allem junge Leute, die Auskunft über Auschwitz begehrten, gaben sich ebenfalls die Klinke in die Hand:„Der Schlüssel steckte an der Tür, und wenn man kam, waren im- mer Leute da, und wenn man ging, waren bereits wieder andere da. Es war ein internationales Flair in die- sem Haus“, s0 Neidhart Dahlen, der mit seiner Frau vor allem in den 80er Jahren bei der Zusammenstellung der Hilfstransporte mit Lebensmitteln, Medikamenten und medizinischen Geräten eng mit Anni und Hermann zusammenarbeitete. Die Nachricht von Annies Tod er- reichte uns am Abend des Oster- montages. Obwohl wir alle von ihrer schweren Krankheit wussten, waren wir überrascht. Trõstlich erscheint da, dass sie sich noch an ihrem Todestag etwas gegönnt hat, als sie mit einer neuen Freundin zum Essen ausgegan- gen war.„Immer denke ich, dass ich wieder mal bei Anni vorbeischauen könnte, obwohl ich weiß, dass sie nicht mehr lebt“, wundert sich Els— bieta Stamm über sich selbst. So wie ihr geht es vielen. Mit Anni Roß— mann-Reineck haben wir eine Freun- din verloren und denken oft melan- cholisch daran, wie sie schimpfen würde, weil ihr dies und jenes nicht passen würde. Hans Hirschmann Dem Grauen standhalten Schön und tröstlich ist es, von Freunden verabschiedet zu werden. Doch:„Es ist keine Schönheit und kein Trost mehr außer in dem Blick, der aufs Grauen geht(und) ihm standhält“ (Adorno). Anni Roßmann-Reineck hatte diesen Blick, Augen, die das Grauen gesehen und in den nächtlichen Attacken und täglichen Heimsuchun- gen ihres Mannes, des ehemaligen Auschwitz-Häftlings Hermann Reineck, miterlebt hatten. Dieser Blick auf uns, die Jüngeren gerichtet, ist die letzte Brinnerung an Anni. Anni wusste, wie dunkel nicht nur die Nacht ist. Sie war eine belesene ei- ne kritische Zeitgenossin, die ihr so- ziales und politisches Engagement ge- gen eine Gesellschaft ausgebildet hatte, die Auschwitz verleugnet oder als vergangene schreckliche Episode abgetan und letztlich einem feierli- chen Gedenken überantwortet hatte. Sie erkannte die Zeichen von Auschwitz im Bestehenden. So war sie zunehmend schroff, unduldsam, alles andere als eine Botschafterin des stil- len Gedenkens an Auschwitz in Zeiten der Versöhnung. Aber in der abwei- senden, ironischen Art, in der sie in der Brinnerung vor uns steht, wird spür- bar, auf welch zarte und verletzliche Weise sie den anderen, den Opfern, den Ermordeten, zugetan war, derer Sie Ssich annahm. Albrecht Werner-Cordt (aus der Rede des Vorsitzenden der La- gergemeinschaft Auschwitz- Hrelindes- Kreis der Auschwitzer bei der Jrauer- ſeier in GCamhach am 20. April 2004) 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Ausstellung zum ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963— 1965 Aktenzeichen 4 Ks 2/ 63 „Was war Auschwitz? Eine Nebel- wand von ungewissem Grauen. Wer waren die Verbrecher? Andere. Tote. Führer. S0 war es bis Zu jenem Prozess, dessen Namen einen Hauptort der na- tionalsozialistischen Vernichtung be- zeichnet“, Sschrieb in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung(27.3.2004) Michael Jeismann hinsichtlich der Ausstellung, mit der das Frit?-Bauer- Institut(FB I) vom 28. März bis 23. Mai dieses Jahres an den 40 Jahre zurück- liegenden Frankfurter Auschwitz-Pro- zess erinnerte- und zwar am histori- Schen Verhandlungsort im Bürgerhaus Gallus, das seinerzeit eigens für diesen Prozess gebaut worden war.(Derzeit laufen Verhandlungen, inwiefern die Ausstellung in absehbarer Zeit auch in Berlin gezeigt werden kann.) —— Portrãts von Auschwitz- Uberlebenden, die im Prozess als Zeugen aussagten. 22 Angeklagte hatten sich unter dem gerichtsinternen Aktenzeichen „4 Ks 2 /63“ in dem Prozess von 1963 bis 1965 zu verantworten. Bis zur Schließung der Beweisaufnahme wurden 357 Zeugen angehört, darun- ter 211 überlebende Häftlinge des Konzentrations- und Vernichtungsla- gers Auschwitz. Der Prozess war zum damaligen Zeitpunkt nicht nur das größte Schwurgerichtsverfahren in der deutschen Justi?geschichte, son- dern auch das erste,„in dem das ganze Ausmaß des Völkermordes an Juden, Sinti, Roma, Polen und russi- schen Kriegsgefangenen öffentlich gemacht wurde“, wie Irmtrud Wojak vom Frit?z-Bauer-Institut es zusam- menfasste. Immer wieder war von einflussreicher Seite Zzuvor versucht Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 worden, höchstenfalls über Finzelas- pekte der Verbrechen in Auschwitz zu verhandeln. Mit dem Prozess„erhiel- ten die ganz normalen Männer', die in der Todesfabrik Auschwitz töteten, ein Gesicht, eine bürgerliche Fxi- sten?z, eine Adresse. Aus ungreifbar gewordenen Figuren des Grauens wurden Personen, die sich zu verant- worten hatten“, bringt es Jeismann auf den Punkt. Der Prozess und die bundesdeutsche Gesellschaft Zu der kleinen Gruppe, die sich damals um die Betreuung der Zeugen kümmerte, gehörte auch Peter Kalb, der heute bei der Geschichtswerkstatt Bensheim arbeitet. In einer Reporta- ge des Hessischen Rundfunks anläss- lich der Ausstellung beschrieb er, wel- che Bedeutung der Prozess für ihn hatte:„Mir ist klar geworden, was mit dem Wort Zivilisationsbruch gemeint ist. Mir ist klar geworden in dem Pro- Zess, das waren nicht sozusagen nor- male Verbrechen, sondern es war ein ganzer Staat, mein Staat, in dem ich aufgewachsen bin, in dem ich die Sprache erlernt habe, der von Staats wegen die industrielle Ermordung der Juden nicht nur geplant, sondern auch durchgeführt hat. Und das finde ich das Prãgendste und Finschneidendste, wenn man sich das klar macht.“ Mit dieser Ansicht gehörte Peter Kalb jedoch zu einer eindeutigen Minderheit. Die Mehrheitsmeinung spiegelte sich vielmehr exemplarisch darin wieder, dass die deutschen Poli- zisten während der Sitzungspausen vor den angeklagten früheren S8S— Chargen salutierten, ihnen also„in al- ler Unbefangenheit“, wie FBI-Direk- tor Micha Brumlik schrieb,„den mi- litärischen Gruß entboten“. Mit dem vom hessischen General- Staatsanwalt Frit? Bauer gegen viele Widerstände durchgesetzten Prozess begann dann aber doch„die eigentli- che Phase öffentlicher Aufarbeitung der Vergangenheit'“. Zurzeit des Pro- zesses selbst, war den meisten Deut- schen der Gedanke fremd,„dass mas- senhafter Mord als ein Verbrechen und nicht nur als Nebenfolge des grausa- men Krieges an der Ostfront zu be— trachten sei“.(Brumlik im Geleitwort des exellenten Ausstellungskatalo- ges.*) Selbst die Legitimität des Wider- Stands vom 20. Juli 1944 wurde in den ersten beiden Jahrzehnten der Bundes- republik in Zweifel gezogen- und zwar auch von hohen Repräsentanten des Adenauerstaates, wie Brumlik am Bei- Spiel von Hermann Weinkauff, des von 1950 bis 1960 amtierenden Präsidenten des Bundesgerichtshofes, verdeutlicht. Dieser hohe Richter mit eindeutiger Vergangenheit- er war bereits 1933 in die NSDAP eingetreten, wurde spãter mit deren„Heuedienst-Ehrenzeichen“ belobigt und war von 1937 bis 1945 am Reichsgericht tätig- schloss Zwar ein allgemeines Widerstandsrecht nicht völlig aus, behauptete jedoch ein„Vor- rangprinzip“ insofern, als zunächst den *Auschwitz-Prozeß 4 Ks 2/63 Frankfurt am Main. Herausgegeben von Irmtrud Wojak im Auftrag des Frit? Bauer Instituts. Snoeck, Köln 2004, ISBN 3-93685908-6. Euro 49,80. Der mehr als 800 Seiten starke Band sei selbst als ein Monument für die Uberlebenden von Auschwitz und die ermittelnden Staatsanwälte“ anzusehen, lobt Jeismann in der FAA. 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer jeweiligen staatlichen Amtsträgern die- ses Recht auf Widerstand zukomme, dem einzelne Staatsbürger nicht vor- greifen dürften.„Vor allem aber war nach Weinkauffs Meinung zum Wider- stand nur berechtigt, wer sich ein kla- res und sicheres Urteil zutrauen durfte, also die sogenannte Elite“, Ss0 Brumliks Darlegung von Weinkauffs„Theorie“. Der Name Auschwitz wurde zur Chiffre des deutschen Unrechtsstaates Durch den Prozess in Frankfurt wurde der Name Auschwitz zur Chiffre für den deutschen Unrechtsstaat, des- sen Bevölkerung mit großer Mehrheit den zur Staatsdoktrin erhobenen Völ- kermord klaglos akzeptierte und eben- S0 eifrig wie skrupellos willfährig exe- kutierte. So war der Prozess zwar ein Anfang einer auch die breite Offent- lichkeit erfassenden Aufarbeitung, aber es dauerte noch einmal 15 Jahre bis die Debatte mit der Ausstrahlung des amerikanischen Fernsehfilms „Holocaust“ auch breiteste Schichten der deutschen Bevölkerung ergriff. Dies Zeige, argumentiert Brumlik,„wie mühevoll und langsam sich Lern- proZesse in einer von Schuldabwehr bestimmten Gesellschaft vollziehen.“* Mit den 22 Angeklagten standen von 1963 bis 1965 nicht etwa Schreib- tischtäter vor Gericht, Sondern ehema- lige Mitglieder des SS-Personals von Auschwitz. Die ranghöchsten Offiziere waren die Adjutanten Robert Mulka und Karl Hõcker. Angeklagt waren zu- dem Mitglieder der Lager-Gestapo, Aufseher, Sanitäter, K Z-Arzte, der La- ger-Apotheker, der Kleiderkammer- Verwalter und als einziger vormaliger „Funktionshäftling“ ein brutaler Kapo. Neben der Suche nach individuel- ler Schuld stand in dem Prozess die Frage zur Debatte, welche gesell- schaftlichen Gründe vorlagen, dass aus bisher„normalen“ Menschen wil- lige und gewissenhafte Vollstrecker wurden, die Hunderttausende von Menschen zu Tode brachten, s0 als sei dies eine gan?z normale Angelegen- heit. Die Prozessbeobachterin und Philosophin Hannah Arendt bezeich- nete Auschwitz und das Dritte Reich als einen Versuch,„den Begriff des Menschen auszurotten“. Vor Gericht Zeigten die Angeklag- ten kein Unrechtsbewusstsein, sahen sich„lediglich“ als Gehilfen, als Be- fehlsempfänger, die„nicht anders konnten“, als in die Irre geführte schuldlose Menschen, die mitunter die Zeugen, ihre früheren Opfer aus- lachten. Verurteilt wurden schlieBlich siebzehn Angeklagte wegen insge- samt 15200 Morden. Nur sechs von ihnen wurden als Täter im unmittel- baren Sinn bezeichnet. Diese sechs nannte man„Exzesstäter“, weil ihnen nachgewiesen werden konnte, daß sie besondere Grausamkeit bei der Er- mordung der Lagerinsassen hatten walten lassen. *Welche Prioritãten heute bestehen ist ersichtlich an dem Grund, warum die Ausstellung des Frit?-Bauer-Instituts nicht am exakten 40. Jahrestag des ProZessbeginns im Dezem- ber 2003 eröffnet werden konnte: Zu diesem Zeitpunkt hatten noch verschiedene Kar- nevalvereine im Bürgerhaus Gallus getagt, mit denen sich niemand anlegen wollte, wie Ausstellungsleiterin Irmtrud Wojak in einem ZDFInterview erklärte. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 Für Irmtrud Wojak ist mit den Ur- teilssprüchen„Gerechtigkeit geübt worden, Soweit das möglich war“. Sie räumt jedoch ein, dass„ein Mensch- heitsverbrechen wie die Vernichtung in Auschwit?“ mit dem deutschen Strafrecht nicht zu fassen war und ein „Sonderrecht“ für die Völkermorde des NS-Staates der bundesdeutsche Geset?geber nicht in Erwägung gezo- gen hat, so wie schon 1946 das Inter- nationale Tribunal von Nürnberg es gegen die„Hauptkriegsverbrecher“ nicht getan hatte. Kern der Ausstellung zum 40. Jah- restag des Prozesses sind die vor Ge- richt offenkundig gewordenen Verhal- tensweisen und die Biografien von sie- ben Beschuldigten: Robert Mulka war Adjutant des Lagerkommandanten, Dr. Victor Gapesius Leiter der Apo- theke, Wilhelm Boger und Hans Stark waren Offiziere der politischen Abtei- lung, Josef Klehr war Sanitäter und Oswald Kaduk Block- und Rapport- führer. Am Beispiel dieser sieben An- geklagten wird verdeutlicht, wie die „Psychologie“ der S8 funktionierte, auf welcher Struktur und Methodik die NS-Herrschaft gründete, wie die Konzentrations- und Vernichtungsla- ger organsiert waren und wie die Ver- nichtung„abgewickelt“ wurde. Neben schriftlichen und Bilddo- kumenten vermitteln besonders die Tonbandmitschnitte vom Prozess be- deutsame Findrücke. Im Orginalton sind sowohl die Rechtfertigungen der Täter wie die Zeugenaussagen von überlebenden Häftlingen zu hören. Sind die Verschriftlichungen der Aus- sagen schon unerhört, so lassen einem diese akustischen Dokumentationen Robert Mulka, als Adjutant engster Ver- trauter des Lagerkommandanten Höss, in seinem Schlußwort vor dem Gericht:„. lege ich gleichzeitig mein weiteres Schick- sul und dusjenige meiner unglücklichen Fumilie vertruuensvoll in die Hdnde des Hohen Gerichtes, und dieses in der tiefen Uherzeugung, dass es Sdmtliche so wahr- haft Schicksalhaften Umstdnde, die mich damals in meine ungliickselige Konikt- luge geführt hahen, his ins einzelne erwgt und heriicksichtigt.“ Er hatte zwar nach- weislich regelmäßig Zykon B nachbestellt, wollte aber„keine Kenntnis“ gehabt ha- ben, wofür es gebraucht wurde. noch mehr erschaudern- einerseits angesichts der geschilderten Grauen und andererseits angesichts der Drei- stigkeit, mit denen die Täter ihre Rol- le verharmlosen.(Zur DVD-ROM des Prozesses siehe Seite 21). Für die Zeugen bedeutete die Aus- Sage im Prozess eine außerordentliche Belastung. Trafen sie doch im Ge— richtssaal mit den Angeklagten auf die „Herrenmenschen“, die damals in Auschwitz in willkürlichem Handeln über Leben und Tod der Häftlinge entschieden. Zumal nur einige der Be- 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Schuldigten in Untersuchungshaft wa- ren und die anderen in den Verhand- lungspausen frei herumliefen. Die Befragungen und Konfronta- tionen mit den Angeklagten wurde vie- len Zeugen zur Qual. Brumlik skizziert dies wie folgt:„Das befreiende Gefühl, Zeugnis ablegen zu können, wurde nicht nur durch die erniedrigenden und demütigenden Verhöre der Verteidiger beeinträchtigt, sondern erzwang zu— gleich quälende Frinnerung. Wenn die- Ser Prozess Helden kannte, dann waren es neben dem unermüdlichen Fritz Bauer, neben Staatsanwälten, Neben- klagevertretern und Richtern vor al- lem die Auschwit?-Uberlebenden, die mit ihrer Kraft der westdeutschen Ge- Ssellschaft die Chance boten, sich nicht nur äußerlich zu einem der Würde des Menschen verpflichtenden Gemeinwe- sen Zu wandeln.“ Die KZ-Uberlebenden „gingen an die Arbeit“ Welche Bedeutung die Aussagen für viele der ehemaligen Häftlinge hat- te und damit auch für uns Nachgebore- ne der Tätergeneration, das beschreibt IImtrud Wojak in ihrem Beitrag im Ka- talog mit einem ausführlichen Hinweis auf Hermann Langbein, den damali- gen Genralsekretär des Internationa- len Auschwit?-Komitees. In seinem nach dem Prozess verfassten Buch „Menschen in Auschwitz“ erklärte Langbein, er habe sich bei seiner Ar- beit von dem Grundsatz leiten lassen, den Andrzej Wirth in einem Nachwort zu den Erzählungen des KZUberle- benden Tadeus? Borowski(„Bei uns in Auschwitz“*) formuliert hat: Die Wahr- heit über den Massenmord im?wanzig- sten Jahrhun- dert verlangt genauso den Verzicht auf die Dämoni- sierung der Mörder wie auf die Apo- theose der Opfer. Die Anklage gilt der unmenschlichen Situation, die das fa- schistische System bewirkt.“ Nur das Wort'faschistisch' wollte Langbein durch'nationalsozialistisch' ersetzen: denn es gab und gibt verschiedene faschistische Systeme, jedoch nur ein Auschwitz. Hermann Langbein und viele ande- re Auschwitz-Zeugen haben nach dem ProZess begonnen, über ihre Erfahrun- gen zu schreiben, viele von ihnen ha- ben sich in Schulen und Jugendzentren immer wieder der Diskussion mit jun- gen Leuten gestellt. Für manche von ihnen hat erst der Auschwitz-Prozess diesen Schritt ermöglicht. So schrieb Langbein:„Unmittelbar nach seiner Verhaftung wurde mir im Herbst 1960 der SS-Sanitäter Josef Klehr gegen- übergestellt, dessen Untaten ich genau kannte. Damals sind schmerzhaft alle Frinnerungen wachgeworden. Als der große Frankfurter Auschwit?-Prozess zu Ende war,(..) sah ich in Klehr nicht mehr den Allmächtigen, den Schre- cken des Krankenbaus, Ssondern einen gealterten, überaus primitiven Verbre- cher, der sich ungeschickt verteidigte. Als mir dieser Wandel bewusst wurde, traute ich mich an die Arbeit.“ Hans Hirschmann Hermann Langbein. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 Thomas Henne zur juristischen Aufarbeitung des Holocaust Gegen den Konsens des Schweigens Der Schock von 1945 und die Fra- ge nach der Schuld führten zum Straf— richter, nicht etwa zur„Wahrheits- kommission“. Doch die Nürnberger ProZesse galten den Deutschen weit- hin als Siegerjustiz, und bei den Nach- folgeprozessen versandete das Inter- esse schnell. Die formalistischen Entnazifizierungsverfahren erzeugten eine„Mitläuferfabrik“- eine Flut von „Persilscheinen“ schuf Entschuldigun- gen und hielt die Justi? außen vor. Zwar gab es bis 1949 knapp 4500 Verurteilungen wegen JTaten im„Drit- ten Reich“, doch meist ohne Bezug zum Holocaust. Nach dem Rückzug der Aiierten aus den ProZessen schien es für viele an der Zeit,„den Mantel des Vergessens über das Dunkel der hinter uns liegenden Zeit Zu breiten“, wie der Rechtsprofessor Herbert Kraus 1950 forderte. Eine„Gnadenlobby“ konnte eine Begnadigungswelle erreichen. Die S0er Jahre waren vom Konsens des Schweigens geprägt. Außerhalb des- Sen Stand nur, wer seine Beteiligung am Antisemitismus der NS-Zeit offensiv herunterspielte. Dies taten aber nur we- nige, wie Veit Harlan. Der NS-Starre- gisseur(..) wurde 1949 und 1950 ange- klagt- und freigesprochen. Wer aber, wie der NS-Rassegeset?kommentator Globke über seine(Un-aten schwieg, konnte führende Amter übernehmen, ohne sich vor Gericht verantworten zu müssen. Ein bleiernes Schweigen. Erst Ende der S0er rückte der Ho- locaust ins Blickfeld der Strafjustiz. Endlich koordinierte eine Zentralstel- le in Ludwigsburg die Ermittlungen, und dank der Berichterstattung über den Ulmer Finsat?gruppenprozess (1958) setzte sich die Offentlichkeit erstmals mit dem Mord an Juden aus- einander. Eine durchaus eigennützige DDR-Kampagne gegen westdeutsche „NS-Blutrichter“ ließ die Fassade von der im Wesentlichen„Sauber“ geblie- benen Justi?z brõckeln:(..) Es war Fritz Bauer, der die Initiati- ve zur bislang größten bundesdeut- Schen Selbstaufklärung ergriff Mit dem Auschwitz-Prozess nahm die Offent- lichkeit die Schuld von KE- Tätern erst- mals umfassend wahr. Allerdings mus- Ste die Erweiterung der Perspektive auf Mitläufer und Opfer noch warten. Die in den spãten 60ern dominierenden Fa- schismustheorien rückten die konkre- ten Tãter aus dem Blick. Und das Straf- recht, das auf individuelle Schuld, nicht auf arbeitsteilige Massenverbrechen ausgerichtet ist, beschränkte die Mög- lichkeiten der juristischen Aufarbei- tung. Die„Wahrheit“ des Richters ist reduktionistisch, an der Strafprozess- ordnung orientiert, der Historiker hin- gegen„sagt seine Meinung und geht von dannen?(Michael Stolleis). Die Debatten über die Verjährung der NSMordtaten in den 60er Jahren wurden nicht Zum Auftakt umfassender Strafrechtlicher Ahndung.(..) 1968 war das Jahrzehnt der Prozesse vorbei, die „biologische Lösung“ begann: Die Tä- ter blieben mehr und mehr unbehelligt bis an ihr Lebensende(..) So bleibt der Auschwit?-Prozess die wichtigste Inter- vention der Justi? zur Vergangenheits- Politik. aus. Hrankfurter Rundschau, 24. 3.2004 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Hermann Reinecks Zeugenaussage beim Auschwitz-Prozess „Wir hahen geglauht, daß zum indest über die Weihnachtszeit Kuhe ist“ Am 3. Juni 1964, dem 32. Verhandlungstag des Frankfurter Auschwit?-Pro- zesses wurde bei der Beweisaufnahme Hermann Reineck angehört. Seine per- sönlichen Daten sind im Protokoll wie folgt angegeben: Druckereileiten 4 Jah- re, aus Osterreich/ politischer Auschwitz-Häftling 1942 Schreiber und BocMdltester im Hftlingskrankenbau Stummlager(lebt 1964 in Wien) ZEUGE REINECK: Ich kann mich erinnern, 1942 war das. Dazu möch- te ich sagen: Ich persönlich, ich habe eigentlich nur mit den SS-Leuten zu tun gehabt, die im Krankenbau tätig waren, also sowohl den Arzten als auch den Sanitãtsdienstgraden. Und zwei, die sind so in meiner Frinne- rung, weil ich vor ihnen Angst ge- habt habe. Das war Klehr und war Doktor Entress. Das waren wohl die zwei, die im Krankenbau am schrecklichsten gewütet haben. Und zu Weihnachten 1942 haben wir aufgeatmet, weil Poktor Entress in Urlaub gefahren ist. Er war weg, wir haben das erfahren. Und jetzt haben wir geglaubt, daß zumindest über die Weihnachts?eit Ruhe ist. Es war aber nicht so. Klehr- ich weiß nicht, vielleicht war es sein persõnli- cher Ehrgeiz oder so- hat dann also Selektionen durchgeführt. Und ich weiß, es war an einem der Weih- nachtsfeiertage, da sind solche Se— lektionen gemacht worden. VORSTTZENDER RICHTER HANS HOFMEVER: Hat er auch in Ihrem Bau Selektionen durchge- führt, im Bau 207 ZEU6GE REINECK: Immer auf 21. VORSITZENDER RICHTER: Auf 21, wo Sie waren? ZFUGE REHINECK Ja. VORSTTZENDER RICHTER: Und wie viele Leute sind da herausge- sucht worden? Nur ungefähr, ich meine, kõnnen es Zehn gewesen sein, oder waren es hundert, oder waren es. ZEUGE REINEHCK: Ach, na gut, es waren, ich... VORSTTZENDER RICHTER: Zwi- schen zehn und zwanzig oder zwi- schen zwanzig und hundert? So un— gefähr, nur die Größenordnung. ZEUGE REINECK: Na, es waren be- Stimmt zwanzig, dreißig, oder viel- leicht waren es mehr. Ich weiß nicht mehr. VORSTTZENDEHR RICHTEHR: Ja, ja. ZEUGE REINECK: Ich kann mich nur erinnern, daß damals- also nicht einmal an diesen Feiertagen.. VORSTTZENDER RICHTER: Ruhe hatten. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 ZFUGE REHINECK: ZEUGE REINECK: Haben diese Menschen so viel, ich weiß nicht, Menschlichkeit gehabt. VORSTTZENDER RTCHEHR: Nun sagen Sie, wollen Sie uns einmal nicht. Aber wir haben doch auch Verbindung mit dem SS-Revier ge- habt, mit dem wir ja normalerweise, also mit dem Standortarzt, zusam- menarbeiten mußten. Und von dort muß irgendwie die Meldung gekom- schildern, wie das da an den Weihnachtsfei- ertagen gewesen ist. Erstens einmal: Wieso wußten Sie, daß der Doktor Entress in Ur- laub war? Wir haben das doch gewußt. Wir haben doch die Meldung be- kommen. Wir mußten doch wissen, wen wir auf der Todesbeschei- men sein. Also wer mir das persönlich gesagt hat, das... VORSITZENDE R RICHTER: Nun möchte ich noch folgen- des wissen. Sie sagten eben:„Das hat immer gewechselt. Finmal Doktor Entress, einmal Doktor Rohde, einmal Kremer und so weiter. Ich weiß, daß an diesem Tage der Doktor Rohde nigung als ausstellen- Hermann Reineck als 45- Dienst gehabt hat oder den Arzt draufsetzen Jähriger beim Frankfurter der Herr Kremer.“ War- können. Es hat sich ja jeden Tag, ich möchte sagen, fast je- den Tag geändert. Finen Tag war verantwortlich Doktor Entress, den anderen Tag war der Poktor Rohde, dann war Doktor.. VORSTTZENDER RICHTEHR: Dok- tor Kremer und so weiter. Und nun haben Sie an diesem Tag erfahren, Auschwitzprozess 1964. um wissen Sie gerade, daß der Herr Entress nicht da war? ZEUGE REINECK: Das weiß ich- ich habe das schon vorhin erwähnt schon-, und zwar deshalb, weil Dok- tor Entress und der Unterscharfüh- rer Klehr die zwei Menschen waren, vor denen ich persõnlich die größte Angst gehabt habe. der Doktor Entress ist nicht da. VORSTTZEHNDER RICHER: 80 viel Angst hatten, ja. ZEUGE REINECK: Er ijst nicht hier, er geht in Urlaub. ZEUGE REINEFCK: Und darum ist mir das in Brinnerung. VORSTTZEHNDEFHR RICHTEHR: Wo- her Sie das wissen, wissen Sie heute nicht mehr? ZEUGE REINECK: Das weiß ich (Transkripition des Jonhandmit- vchnitts des Hrankfurter Alschwitz- PyOZesses, FBI AP 0568 Jext lnd Foto. AlisstellungsKkatalog) 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Vor Zehn Jahren produzierte die Journalistin und Autorin Monika Held, seit Jah- ren auch Mitglied unseres Vereins, in Erinnerung des damals 30 Jahre zurücklie- genden Auschwitz-Prozesses einen Hörfunkbeitrag für den Hessischen Rundfunk. An dem Gespräch nahmen teil der ehemalige KZ-Häftling Hermann Reineck, der als Zeuge aussagte, seine spätere Frau Anni Roßmann-Reineck, die als Zuschaue- rin oft im Gerichtssaal war, die Zeugenbetreuerin UMa Wirth, die Rechtsanwälte Fritz Steinacker, einer der Verteidiger, und Christian Raabe, einer der Nebenkla- ge-Vertreter, Sowie als Prozessbeobachter Ignatz Bubis und die Psychotherapeutin Rose Rogosaroff. In dem Gespräch werden so aus verschiedenen Perspektiven Ge- sichtspunkte angesprochen, die auch heute noch von Bedeutung sind. Aus einem Hörspiel von Monika Held(Hessischer Rundfunk 1994) Stimmen zum Auschwitzprozess Anni Reineck: Mein Sohn hat da- mals eine Lehre gemacht und kam dann eines Tages nach Hause und sagt: „Ich geh morgen zu dem Auschwit?- ProZess.“ Und der Prozess fand da- mals noch im Römer statt. Man brauchte Eintrittskarten, was die Ju- gendlichen bekamen. Ich war damals krankgeschrieben, ich hatte ein Gips- korsett. Und er sagt dann eines Tages: „Ich kann nicht immer hingehen, du bist doch jetzt krankgeschrieben, du könntest eigentlich gehen!“ Irgendwie hab ich Bammel gehabt, andererseits überwog auch die Neugierde. Das heißt: Neugierde ist nicht das richtige Wort. Es war Mehr-Wissen-Wollen. Na ja, es lag noch ne ganze Nacht da?wischen. Und ich hab mir am näch- sten Tag überlegt:„Soll ich oder soll ich nicht?“ Und da hab ich mir gesagt: „Gehst hin!“ Das Ganze war so neu, so voller Findrücke. Man hat in der Pause zu- sammengestanden, und eigenartiger- weise waren die Zuhörer sich dann gar nicht mehr so fremd. Alle waren er- Schüttert über das, was man da hörte. Die Zuhörer-erschrocken, erschüttert. Und die Angeklagten sehr munter, Sehr lebhaft. Waren sehr selbstbewusst, von Scham oder Reue gar keine Spur. Wirth: Ich saß also in einem Warte- zimmer eines Zahnarztes und las„Die Welt“, die ich sonst nie lese; und plõtz- lich machte ein kleiner Abschnitt mich aufmerksam, in dem stand: Es ist gut, dass in Frankfurt jetzt die Organisation „internationes“ entstanden ist, in der junge Leute sich um die VIPs und son- stige Ausländer, die nach Frankfurt kommen und hier ratlos sind, dass die sich um sie kümmern. Der nächste Satz war:„Aber es kommen auch Men- schen nach Frankfurt, um die kümmert sich niemand. Und das sind die Zeugen des Auschwit?proZesses.“ Und da hat es bei mir geklickt. Infolge meiner Ver- gangenheit als Anti-Nazi und lebend in einem Kreis, in dem Menschen ent- weder umgebracht wurden von den Nazis oder emigrieren mussten oder Sich selbst getötet hatten, war für mich die Bereitschaft, da nachzuhaken sehr intensiv. Ich rief den Oberstaatsanwalt Dr. Bauer an: Ob irgend jemand sich um diese Menschen kümmert, denn ich Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 wusste ja, wie ihnen zumute ist, wenn sie hier als Zeugen auftreten müssen. Bei dem Telefonat erschrak er offen- sichtlich. Als ich ihn fragte:„Ist denn kein Mensch, der sich um diese Men- schen kümmert, die jüdische Gemein- de, oder die katholische Kirehe, oder die evangelische Kirche, oder die Stadt Frankfurt oder das Rote Kreuz?“ Wor- aufhin er antwortete:„Ich muss Ihnen gestehen, das tut niemand. Aber ich würde mich freuen, wenn Sie sich ent- schließen könnten, da etwas zu tun.“ Es entstand auf diese Weise eine kleine Organisation von fünf Frauen, die zum Teil selber irgendwie verfolgt gewesen waren. Wir haben uns mit dem damaligen Leiter des Roten Kreuzes zusammengesetzt und haben einen Una wirih mit dem Zeugen Iꝛet Kral (Mai 1964). Foto: Ausstellungskatalog Brief entworfen, in dem gesagt wurde, dass man sich freut in Deutschland, dass Menschen kommen und hier aussagen, um wieder Recht walten zu lassen. Die Reaktion war furchtbar ver- schieden. Ich habe eine Zeugin erlebt, die von einem Studenten ausgerufen wurde auf dem Flughafen, die sich nicht gemeldet hat, aus Angst: viel- leicht steht da ein SSMann und nimmt dich gleich wieder mit. So war die Vor- stellung 1964 noch in Israel von dem, was in Deutschland vor sich ging. Raabe: Na ja, ich bin 1934 geboren, ich war damals also neunundzwanzig Jahre, machte hier mein zweites Staats- examen und bin dann am 1. Nulei 1963 als angestellter Anwalt in das Büro des Rechtsanwalts Henry Ormond einge- treten. Und Rechtsanwalt Ormond hat- te, wie ich meine, in enger Zusammen- arbeit mit dem großen General- Staatsanwalt Dr. Frit? Bauer sehr we- sentlichen Anteil an der Vorbereitung des ersten Auschwitz-Prozesses. Er war also praktisch der Anwalt dieser Ne- benklãger, die aus der ganzen Welt ka- men. Steinacker: Ja, wie kommt man da dran? Wenn mein verstorbener Senior- partner Laternser nicht ein bereits s0 bekannter Anwalt gewesen wäre.. Herr Laternser war, durch seine Tätig- keit in den so genannten Nürnberger ProZessen, wo er den Generalstab und das OKW verteidigte- als Organisation waren die angeklagt- war er schon ein bekannter Mann, genauso wie übrigens Herr Schmidt-Leichner. Herr Schmidt- Leichner war damals auch als Assi- Stenzverteidiger in Nürnberg tätig. Und 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer In Auschwitz war Hermann Reineck Häftling Nr. 63387.(Museum Auschwitz) So kam es, dass wir fünf Angeklagte ver- traten. Das war der Dr. Frank, der Dr. Schatz, der Dr. Capesius, Herr Dylews- ki und der Herr Broad. Ja, Sso sind wir in den Prozess hineingekommen. Ich, wie gesagt, als Partner von Herrn Laternser. Anni Reineck: Dann war oft bei der Vernehmung der Zeugen, bei den Aus- sagen der Angeklagten das Gefühl da: Wer sind jetzt die Zeugen und wer sind die Angeklagten? Bei den Angeklag- ten wurde gesagt:„Na ja, das sind Zwan- zig Jahre her, da lässt das Gedächtnis nach.“ Und wenn der Zeuge nicht haar- genau so ausgesagt hat, wie er es in sei- ner schriftlichen Aussage getan hatte, da hieß es:„Ja, Sie haben aber damals S0 gesagt! Ja und- können Sie sich er- innern: War das jetzt an einem Freitag oder war das an einem Sonntag, oder war das im März, oder war das im April? Ja, wann war denn das? Ja, wo waren sie da?“ Und der Zeuge konnte sich nicht so hundertprozentig auf die Minute, auf die Sekunde erinnern- dann war der Zeuge unglaubwürdig. Und furchtbar fand ich's, wenn die Fra- ge kam:„Herr Zeuge, erkennen Sie den Angeklagte?“ Es war schon mehr als eine Tortur für die Zeugen, dort zu ste- hen, ihre Aussagen zu machen. Hermann Reineck: Die Zwi- schenrufe, die also durch die Verteidi- ger kamen, waren so bedrückend und So.. ja, ich bin völlig aus dem Konzept gebracht worden. Und dann hat der zi- tiert:„Ja, Sie sagten aber damals: Also es war wahrscheinlich schönes Wetter, also Sonne und alles. Und jetzt sagen sie auf einmal: Ja, ich glaube, es war trübes Wetter!“ Also dieser Wider- spruch. Aber wir haben keinen Kalen- der, wir haben keine Zeitung, wir ha- ben kein Radio- wir haben nichts gehabt. Also genau wie ich erzãhlt hab, also wie Kaduk einen da am Tor er- schlägt- diesen holländischen Juden- ja, was für ein Wetter war, und ob die Sonne gescheint hat oder alles. Das war mir alles nebensächlich, ich hab's auch nicht registriert. Und ich kann's auch nicht rekonstruieren. Ich hab nur diesen Toten gesehen, der also... die Blutlache, in der er lag.. und wie Ka- duk auf ihn eintritt.. und dann den Knüppel... und sich mit den Beinen draufstellt. Ja, das Bild, das hab ich! Sie haben mich also dann so in Be- drängnis gebracht, dass ich.. ich könnt nicht mehr weiter aussagen- und ich hab dann zum weinen angefangen. Und darauf᷑ hat der Vorsitzende unter- brochen. Ich hab so, wie soll man sa- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 gen, so'n kleinen Nervenzusammen- bruch oder was gehabt. Ich könnt mich nicht mehr halten. Und der Vorsitzen- de hat dann die Verhandlung unter- brochen. Und es war eine sehr schlim- me Geschichte. Steinacker: Der Verteidiger wäre kein Verteidiger, wenn er nicht Bekun- dungen eines Zeugen, die widersprüch- lich erscheinen, die in sich vielleicht nicht nachvollziehbar sind, wenn er nicht durch Fragen an den Zeugen ver- suchen würde, da Klarheit zu bekom- men, beziehungsweise auch den Zeu- gen in dem einen oder anderen Punkt durch solche Fragen letzten Endes un- gaubwürdig zu machen. Das ist also mal die Aufgabe. Dass das von Journa- listen, die ja die Zeugen als Verfolgte, als Opfer nur gesehen haben, vielleicht anders beurteilt worden ist, das kann ich nicht ausschließen. Aber es kann doch nicht, nur veil ein Opfer als Zeu- ge aussagt, kann ich doch nicht davon Abstand nehmen, nachzufragen, ob das, was er erzählt über einen bestimm- ten Vorgang, ob das richtig oder falsch ist. Das ist doch meine Aufgabe als Ver- teidiger. Dass das vonmanchen außen Stehenden, insbesondere wenn es natürlich dann Juden waren, anders ge- sehen wird, damit muss man leben. Hermann Reineck: Josef Klehr war SS-Mann. Er war als Sanitäts-Dienst- grad dem Krankenbau zugeteilt. Und Klehr hat unter anderem auch Selek- tionen im Krankenbau gemacht. Das heißt, er hat Häftlinge ausgesucht und hat dann auch getötet mit Phenol-In- jektionen, die direkt ins Herz erfolgten mit einer sehr langen Injektionsnadel. Ich hab ihn also Zwei Mal unabsichtlich dabei gesehen. Als ich da in den Block reingeh, steht die Tür so halb offen, und ich seh grad, wie ein Hãftling auf einem Stuhl sitzt und Klehr ihm diese lange In- jektionsnadel ins Herz reinsticht und Phenol reinsprit?t. Und Klehr hat mich gesehen und sagt:„Was willst denn du da?“ Ich bin nämlich.. ich war so scho- ckiert und bin stehen geblieben und guck hin. Und er sagt:„Was willst denn du? Wenn du nicht gleich verschwin- dest, kommst du auch noch dran!“ Und ich bin natürlich gelaufen.. weg und... Wo gibt es einen Menschen wie Josef Klehr, der so— man Schätzt etwa zwischen 25.000 und 30.000 Menschen um- gebracht hat mit Josef Klehr beim Pro- Phenol. zess in Frankfurt. Bubis: Ich habe bis vor ganz weni- gen Jahren über diese Geschichten nichts hören, nichts lesen wollen. Ich habe mir nie Filme aus dieser Zeit an- geschaut. Ich wusste, dass der ProZess hier läuft, aber ich habe nicht einmal die Berichte über diesen Prozess gele- sen. Ich habe das alles von mir gewie- sen. Ich ließ das nicht an mich heran. Ich weiß nicht, ob das richtig oder falsch war, aber das war für mich in die- ser Zeit kein Thema. Kein Thema, weil ich's nicht wollte. Ein einziges Buch, bis heute, das ich gelesen habe, war das Buch über das Lager Treblinka, wo mein Vater umgekommen ist. Das ist 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer das ein?zige Buch, das ich aus der Nazi- zeit überhaupt zur Hand genommen habe. Ich habe die Vergangenheit nicht vergessen. Ich hätte mit allem diesem Wissen, mit allen diesen Frinnerungen, wenn ich es nicht verdrängt hätte, ver- mutlich nicht leben können. Steinacker: Ich habe nächtelang nicht geschlafen, nicht schlafen kön- nen, weil all das, was ich gehört habe und da erlebt habe in dem Prozess, was geschehen sein soll und geschehen ist, lässt ja nur denjenigen unberührt, der völlig gefühlskalt ist, und das war bei mir jedenfalls nicht der Fall. Und ich war erschüttert über das, was dort in unserem Namen an anderen Menschen für Verbrechen begannen worden sind. Wenn ich mal von unseren Ange- klagten sagen darf- muss sagen, auf mich- alle, vom Dr. Frank, vom Dr. Schatz, Dr. Capesius, Dylewski und Broad, kann ich eigentlich nur sagen: Menschen wie du und ich. Die- jeden- falls keineswegs brutale, rücksichtslo- se, den Anderen, Untergebenen, Häft- ling nicht achtende Menschen, die allerdings in die Maschinerie ver- strickt waren und die ihre Tätigkeit auf der Rampe oder in der politischen Abteilung allerdings ausgeübt haben. Hermann kReineck: Heiliger Abend 42 in Auschwitz. Die SS hat im Lager vor dem Küchengebäude einen Weihnachtsbaum aufgestellt, einen riesig großen Weihnachtsbaum. Elek- trische Beleuchtung drauf... Ja, und am Abend, 24. Dezember, Appell- und da steht der Weihnachtsbaum, und wir haben uns alle gedacht: Also warum, was ist los? Nicht also, das hat's noch nie vorher gegebenen-einen Weih- nachtsbaum, den die S8S aufstellt. Ap- pell ist vorbei und alles, und auf einmal kommen Hãäftlinge und tragen s0o Mu- selmänner, also so ganz abgemagerte, die also nicht mehr stehen konnten... Wenn man einen unter die Arme ge- nommen hat, auf die Beine gestellt und losgelassen, ist er wieder zusam- mengefallen, weil er nicht mehr die Kraft hatte, sich auf den Beinen zu hal- ten. Diese Menschen hat man dort ne- ben den Weihnachtsbaum hingelegt, und auf einmal jst ein Befehl gekom- men: Fine Kette bilden! Und aus ei- nem Block musste Wasser herbei ge- bracht werden in diesen Eimern und über die am Boden Liegenden gegos- sen werden. Es war schreckliche Käl- te, ich werd es nie vergessen, es waren vierunddreißig Grad minus. Und in kurzer Zeit war also dieses Wasser ge- froren. Da waren die Hãäftlinge wirk- lich wie in einen Fisblock eingefroren. Raabe: Mulka, gab sich immer wie ein feiner älterer Herr, den Sie täglich irgendwo in der Bibliothek oder auf der Parkbank tref- fen können, dem Sie das natürlich nicht ansehen wür- den. Insofern habe ich mir gedacht: Also, man kann durchaus auch in der U-Bahn neben einem Mörder aus einem KZ- Lager sitzen, ohne es zu merken. Robert Mulka, Erken- nungsdienstfoto, 1962. (Ausstellungskatalog) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 HTUORISCHEHR VON Hessi- Scher Kundfunk J9.C06. 7065 Fernseh- vendung- Sprecher Robert Mulka, ehemals Adjutant des berüchtigten Auschwitz-Kommandanten Höß, von der Spruchkammer Hamburg als ent- lastet eingestuft, heute wegen Beihilfe zum Massenmord in mindestens 3000 Fãllen zu 14 Jahren Zuchthaus verur- teilt. Mulka, mit 70 Jahren der älteste der Angeklagten, war für die gesamten Vergasungsanlagen in Auschwitz ver- antwortlich. Karl Höcker, Adjutant des letzten Auschwitz-Kommandanten Baer, we- gen der gleichen Beteiligung an den Vergasungen: 7 Jahre Zuchthaus.(..) Hans Stark, Landwirtschaftslehrer aus Darmstadt, 44 Jahre alt, des Mor- des an 300 Häftlingen schuldig, erhält 10 Jahre Jugendstrafe, weil er seine Verbrechen in Auschwit? beging, be- vor er volljãhrig war. Rogosaroff: Als der Auschwitz- Prozess anfing war für mich klar, dass ich da auf jeden Fall hingehen wollte und mir des angucken wollte. Und da hab ich dann meinen ehemaligen Zahnarzt auf der Anklagebank wie- dergesehen. Und das war ein ganz selt- sames Gefühl. Ich wusste nur-ich woll- te da noch mal hinkommen und wollte ganz vorne sitzen, wollte dem Auge in Auge gegenüber sitzen. Das hab ich dann am nächsten oder übernächsten Tag auch gemacht, und hab den auch fixiert, und ich denke auch, dass er mich wiedererkannt hat. Also das war auch ein ganz ungutes Gefühl. Ich denke, ich wollte was auf sei- nem Gesicht sehen, was mit Scham, mit Betroffenheit zu tun hatte. Und da war nichts, der sah aus wie immer. Also, ich glaub schon, dass ich auch noch mal hingegangen bin, um das zu überprü- fen, ob der wirklich so gleichgültig war. Und das war er. Der war unverãndert. Anni Reineck: Weniger in Erschei- nung getreten sind die Arzte, die in Auschwit? waren und auf der Ankla- gebank saßen. Die saßen in der ersten Reihe:Frank, Lukas, Schobert. Die ha- ben nie irgendwas gesagt. Die haben nur immer mit gesenktem Kopf da ge- sessen. Man konnte nichts, aber auch nichts aus dem Gesicht herauslesen. Was sie denken, was sie fühlen, gar nichts. Es war wie ne Maske.(..) Anni Reineck: An einem Jag des Auschwitz-Prozesses kamen morgens zwei Zeugen, die reingeführt wurden- beide aus Osterreich. Und jeder hat von seinem Leben in Auschwitz erzählt, von den Tagen dort, dem Tagesablauf, dem Tagesgeschehen. An manchen Tagen war es 80, dass man noch zusammenge- Standen hat- hat noch ein bisschen ge- redet; und Neugierde kann manchmal auch sehr positiv sein, dass man bei nem Gespräch noch'n bisschen was erfährt. Hermann Reineck: Ich hab gesagt: „Na gut, also wenn ihr das oder jenes noch wissen wollt- wir können uns ir- gendwie treffen.“ Und haben uns dann, ich weiß nicht, ein, Zwei Tage Spã- ter irgend in so einem kleinen Wein- lokal da in der Niedenau getroffen, und da hab ich ein bisschen was er?ãhlt und irgendwie ist mir diese Frau sehr sym- pathisch geworden- und sie sah sehr gut aus und auch ihre ganze Finstel- lung und alles hat mir gefallen, und ja, 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer da hab ich mir gedacht- na ja.. Anni Reineck: Ja, und dann kam halt noch ne Verabredung. Die sind natürlich wieder nach Osterreich zurück. Na ja, und dann der eine oder andere Anruf, Briefe und ein Besuch... na ja... Hermann Reineck: Wir waren also auch per Du dann schon. Und naja, so'n bisschen in den Arm genommen auch. Aber das war's Schon, möcht ich sagen. Vielleicht einmal ein Kuss auch... aber das war's. Und wir haben uns dann re- gelmäßig geschrieben, also täglich mõcht ich Sagen. Tãglich sind Briefe von Frankfurt nach Wien und von Wien nach Frankfurt gegangen. Und lange Briefe! Sie sind alle noch vorhanden. Anni Reineck: Na ja, und dann ei- nes Tages war er halt wieder in Frank- furt. Und so ist aus dieser Begegnung, aus diesen Gesprächen in Frankfurt ein bisschen mehr geworden. Und der Auschwit?-Prozess hat also- wie man das so schön sagt-Folgen gehabt. Fol- gen in dem Sinne, dass mein jetziger Mann- damals Zeuge im Auschwit?- ProZess- heute hier mit mir lebt. Hermann Reineck: Auschwitz- das kann man nicht aus dem Kopf strei- chen. Auch heute nicht- ich lebe jeden Tag mit Auschwitz. Und man muss das mit dem Herz oder mit dem Bauch ver- arbeiten.„Und das kann Anni. Anni weiß genau, dass ich manchen Tag, dass ich dann nicht ansprechbar bin. Da ist Auschwit? wiederum da. Und sie ver- Sucht dann ganz langsam, also nach ei- ner gewissen Zeit, nachdem sie das be- merkt hat, langsam darauf einzugehen und mir darũber hinwegzuhelfen. Anni Reineck: Es ist so, dass man eigentlich einen großen Teil von sich selbst aufgeben muss und aufgibt, wenn man mit jemandem zusammen ist, der in Auschwitz war. Denn man kann nicht einfach sagen: Schwamm drüber, das Leben geht auch so weiter. Die erste Zeit, die möchte ich viel- leicht nicht so hundertprozentig zurück haben, denn die war schlimm. Hermann Reineck: Ja, Auschwitz war in meinem Leben ein Hrauma. Und ich hab also nach dem Krieg, nach 45 jede Nacht von Auschwit? ge- träumt. Es war ganz schlimm. Ich hat- te Albträume. All das hat mich also jede Nacht gequält, und ich hab jede Nacht Zu schreien angefangen. Ich hab die Krematorien brennen gesehen, und ich hab die Leichen, die Toten ge- schen. In der Nacht- ich hab den Ge- ruch von diesen Krematorien in der Nase gehabt und hab das gerochen im Fraum. Jede Nacht- es gab keine Nacht ohne diese Träume, keine. Anni Reineck: Gut, ich hätte mir schließlich mein Leben anders ein- richten können- oder sagen wir's mal So: ich hatt mir das etwas ruhiger vor- gestellt. Ruhiger nicht von der Arbeit her gesehen, aber ruhiger von der see- lischen Belastung her. Aber nun war mal der Auschwitz-Prozess, und mit dem Auschwitz-Prozess eben einer der Zeugen. Und wenn ich heute so über diese Zeit nachdenke, seit dem Ausch- witz-Prozess, dann würd ich's wahr- Scheinlich genau wieder so machen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 Ein zeitgeschichtliches Dokument ersten Ranges. Erstmals für ein breites Publikum zugänglich. DVD-ROM: Der Auschwitz-Prozess Der 1. Frankfurter Auschwit?-Pro- zess(1963— 1965) ist eines der bedeu- tendsten Beispiele für den justiziellen Umgang mit NS-Gewaltverbrechen in der Bundesrepublik Deutschland. Der 430-stündige Tonbandmit- schnitt der Hauptverhandlung- ur- sprünglich angefertigt als Gedächtnis- stütze für das Gericht und heute ein einzigartiges historisches Dokument- bildet das Kernstück der Dokumenta- tion. Diese mündlichen Zeugnisse wur- den verschriftet, inhaltlich detailliert erschlossen und mit einem An- merkungsapparat versehen. Neben den Aussagen von über 300 Zeugen, in Fine Fülle von Begleitmaterialien erzählt die Vor- und Nachgeschichte des ProZesses und macht einen Jeil der Schriftlichen Beweisstücke zugänglich. Die DVD enthält ferner eine große Anzahl von Fotos, Hörbeispiele aus dem Tonbandmitschnitt, einen Filmausschnitt, Lagerpläne und Kar- ten. Finführende Texte sowohl zum ProZessverlauf als auch zur Geschich- te des Lagers Auschwitz ermöglichen einen intensiven Finstieg in die Mate- rie. Die umfassende Darstellung des ProZesses bietet sich sowohl zu einer Auseinandersetzung mit dem Ge— schehen in Auschwit? als auch mit elf unterschiedli- chen Sprachen, ent- halten die Tonband- aufzeichnungen die Schlussworte der Angeklagten, Plä- doyers von Staats- anwaltschaft, Vertei- digern und Neben- klagevertretung so- wie die mündliche Urteilsbegründung. Ausgewähltes Quel- lenmaterial aus den Hauptakten sowie die ProZess-Mit- schrift des proto- kolſführenden Rich- ters ergänzen die dem justiziellen Umgang mit NS— Verbrechen an. DVD-ROM „Der MAuschwitz- Prozess“, Protokol- le und Dokumente Herausgegeben vom Frit? Bauer In- Stitut Frankfurt und dem Staatlichen Museum Auschwitz- Birkenau; Berlin: Direct- media Verlag, 2004, Die Digitale Biblio- thek 101, DVD. ROM, ca. 80.000 Sei- Dokumentation der 183 Verhandlungs- tage. Hermann Reineck am 5. Juni 1964 vor dem Haus Gallus während einer Ver- handlungspause. ten. ISBN 3-89853 201-1, Preis 49,90 Euro. 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Janis Schmelzer Devuisen für Görings Geschäftsgruppe Devisen die Schweiz und die deutsche Wirtschaft Die seit einem halben Jahr liquide I6 Farben in Abwicklung will von den USA aus die Schweizer Bank UBsS mit dem Ziel verklagen, dass angebliche Rückerstattungen früheren IG-Far- ben-Figentums an die Gesellschaft er- folgen. Es geht um Milliardenbeträge von Schweizer Franken, von denen auch ehemalige Zwangsarbeiter des Konzerns„etwas“(Frankfurter Rund- Schau vom 27.03.04) bekommen könn- ten. In diesen Kontext passt das neue Buch von Janis Schmelzer„Devisen für den Endsieg“, das sich u. a. auf die Forschungsberichte der„Unabhängi- gen Fxpertenkommission Schweiz Zweiter Weltkrieg(UEK)“ bezieht. Die UEK das ist eine von vielen Abkürzungen im Buchtext, meist von Speziellen Institutionen des III. Rei- ches, die das Textverständnis zuweilen etwas erschweren- war beauftragt, die aus Nazideutschland in die Schweiz ge- langten Vermögenswerte historisch, mengenmäßig und juristisch zu unter- suchen. Schmelzer hat weiter intensiv die„Geschäftsgruppe Devisen“ als wichtiges Glied der verbrecherischen Kriegsfinanzierung und die zugehöri- gen Pinflüsse der IG Farben analysiert. Gut herausgearbeitet ist der Fin- fluss des IG-Farben-Büros„Berlin NW als Spionagezentrale, was auch eine Rolle in den Nachkriegsprozes- sen gegen IG-Farben-Vertreter spiel- te. IG-Farben gründete schon 1927 ein Archiv um Welt-Rohstoffmärkte, aber auch die Struktur und Wirtschaftskraft von auslãndischen Unternehmen und Volkswirtschaften festzuhalten. Das Buch beschreibt ausführlich wie sich spãter die Nazis dieses Know- how zZu Nutze machten und wie das die Grundlagen waren, um nach dem Fin- marsch nach Osterreich und in die CSR gezielt u. a. die chemische Indu- strie zu annektieren. Viele auch im Buch abgedruckte Dokumente bele- gen den intensiven Filz zwischen den IG-Farben und den Nazis. S0 be- Schreibt Schmelzer, wie das IG-Farben Vorstandsmitglied Max Igner Wehr- machtsoffiziere„übernimmt“, selbst ein Ex-General bis Kriegsende als IG- Farben-Angestellter arbeitet. Die Ar- chive anderer HFirmen wie Siemens, Deutsche Bank oder Metallgesell- schaft spielen bei der„Erkundung der wehrwirtschaftlichen Kraft der frem- den Staaten“ ebenso eine wichtige Rolle, die das Buch aufzeigt. So war die Kenntnis über die Leistungsfähig- keit der Industrie, vorhandenes Kriegsgerät, Rohstoff- und Energie- versorgung, die Arbeitseinsatzlage, die Finanzlage und selbst die Ernährungs- lage anderer Länder sehr ausgeprägt. Schmeler arbeitet aber auch gut die Zusammenhänge zwischen der Perso- nalunion bei der Finanzierung der Kriegsvorbereitung bzw durch- führung und der Nachkriegspolitik heraus. So nimmt man staunend zur Kenntnis, dass Prof. Ludwig Erhard nicht nur der„Vater“ des bundesdeut- schen Wirtschaftswunders, Wirt- schaftsminister und Bundeskanzler war, Ssondern auch als„Theoretiker der Kriegsfinanzierung“ fungierte. Wichtig sind auch die Parstellun- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25 gen über den millionenfachen Einsat?z von Zwangs- und Sklavenarbeitern, auslãndischen Arbeitskräften und Ge- fangenen, also dem„Menschenpoten- tial des Reiches“ als Beitrag zur Kriegsfinanzierung. Interessant sind auch die Personenbeschreibungen und Lebenslãufe von Mitgliedern der Ge- schäftsgruppe Devisen und aus dem Apparat des unter der Leitung von Hermann Göring stehenden„Vier- jahrplanes“. Dabei nimmt die Betrach- tung über Otto Wofff von Amerongen, der als„Diplomat der bundesdeut- schen Wirtschaft“ gilt, einen breiten Raum ein. Schmelzer beschreibt, wie es kommt, dass dieser wohl Schon 1942 auf der Kriegsverbrecher-Fahndungs- liste stand, aber wesentlich die Wirt- Schaftspolitik der BRD bestimmte. Das für Personen mit Vorkenntnis- sen zu empfehlende Buch„Devisen für den Endsieg“ ist im Schmetter- lings-Verlag Stuttgart unter der ISBN 3-896357-463-0 erschienen. Diethardt Stamm Janis Schmelzen Devisen für den Endsieg. Schmetterling Verlag, Stutt- gart 2003. J84 Seilen, 73,80 Euro. Erklärung von Uberlebenden des Nazi-Ierrors zum Insolvenzverfahren I. G. Farben und zur Klage gegen UBS Das Restvermögen der I. G. Farben gehört den Zwangsarbeitern! Nach der Insolvenzmeldung der I. G. Farbenindustrie A6 in Abwick- lung am 10. November 2003 hat ein un- würdiges Geschacher um ihr geringes Restvermögen und um ihre möglichen Ansprüche gegenüber der Schweizer Großbank UBS begonnen. Einige An- wälte und Aktionäre wollen sich die Taschen füllen. Die involvierten Ban- ken missachten offen ihre historische Verantwortung im Umgang mit den letzten Geldern des I. G.-Farben-Kon- zerns, der die NSDAP finanzierte, das Mordgas Zyklon B produzierte und Zehntausende im konzerneigenen Konzentrationslager Monowit?„durch Arbeit vernichtete“. Unabhängig von allen juristischen Schachzügen gehört das Restvermõ- gen der I. G. Farben moralisch allein den überlebenden Zwangsarbeiterin- nen und Zwangsarbeitern des Kon- zerns, die ihre Gesundheit für dieses Vermõgen opferten. Es muss zu ihrer Entschädigung und zur Aufarbeitung der verbrecherischen Geschichte des Konzerns verwendet werden. Deshalb müssen schnellstmöglich ordentliche Insolvenzverfahren über die I. G. Farben A6 und ihre sämtli- chen Tochterfirmen eröffnet werden. Das Amtsgericht Frankfurt am Main und die vorlãufige Insolvenzverwalte- rin Angelika Amend stehen in der Ver- antwortung, einen späten, aber be- deutsamen Schritt in Richtung historischer Gerechtigkeit zu gehen. Die überlebenden Opfer des Kon- zerns sind seine wichtigsten Gläubi- ger, und als solche müssen sie im In- Solvenzverfahren anerkannt werden. Die Gläubigerbanken der I. G. Far- ben allen voran die HSH Nordbank- mõgen juristischen Anspruch auf„ihr“ Geld besitzen. Moralisch gehört ihnen kein Cent. Wenn durch den Verkauf 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer der Immobilien der Farben-Tocher AWM KG zZum wahrscheinlich letzten mal liquide Mittel des einstigen Mord- konzerns bewegt werden, darf dieses Restvermõgen nicht stillschweigend in Banktresoren verschwinden. Die Im- mobilien wurden gekauft mit dem Vermõgen, das die Zwangsarbeiter er- arbeiten mussten. Der Bundestagsabgeordnete Otto Bernhardt(CDU) und der Rechtsan- walt Volker Pollehn haben als letzte Liquidatoren der I. G. Farben A6 i. A. versagt. Nach der offenen Plünderung des Firmenvermögens durch ihre Vor- gänger haben sie zwar eine firmenei- gene Stiftung zur Entschädigung der Zwangsarbeiter und zur Aufarbeitung der Firmengeschichte gegründet, diese aber nur mit lãcherlichen 256.000 Eu- ro ausgestattet. Weil die Stiftung von der Zahlungsunfähigkeit des Unter- nehmens nicht betroffen ist, amtieren Bernhardt und Pollehn bis heute als deren Vorstand. Sie sind aufgefordert, diese Posten für legitime Vertreter der überlebenden Opfer zu räumen. Von der angekündigten Klage des US-Anwalts Ed Fagan distanzieren sich die KHiquidatoren, lassen ihre eige- nen Pläne bezüglich UBS aber im Dunkeln. Fagan will im Auftrag ein- zelner I. G.-Farben-Aktionäre die Schweizer UBS-Bank verklagen, um sie zur Herausgabe des so genannten Interhandel-Vermögens zu zwingen. Die Firma Interhandel= früher firmie- rend als I. G. Chemie— war formell un- abhängig, wickelte während des Zwei- ten Weltkriegs aber fast alle Auslandsgeschäfte der I. G. Farben über die Schweiz ab. Ihr Vermõgen verleibten sich 1967 die USA und die UBS-Vorläuferin Schweizer Bankge- Ssellschaft ein. Bei der UBsS sollen nach heutigem Wert 2,2 Milliarden Furo ge- landet sein. Mehrere Klagen der I. G. Farben auf Rückerstattung ihres einst verschleierten Auslandsvermögens scheiterten in den Jahrzehnten da- nach. Nun kündigt Anwalt Fagan un- verbindlich an, bei einem Erfolg seiner neuen Klage einen kleinen Teil der ge- wonnenen Summe an die früheren Zwangsarbeiter abzutreten. Die UB8S selbst verweigert beharrlich jede Rückzahlung an die I. G. Farben oder an deren frühere Arbeitssklaven. Damit beleidigen alle Akteure die noch lebenden Opfer, die als wichtig- Ste Gläubiger vollen Anspruch auf das Vermõgen besitzen, das sie erschuftet haben. Die vage Ankündigung einiger Brosamen ist der erkennbare Versuch, die Opfer als Druckmittel gegenüber UBsS und US-Gerichten zu missbrau- chen, um Aktionärs- und Anwalts- taschen zu füllen. Und dieser Höhe- punkt eines moralischen Skandals wird aus der Mitte der Wirtschaftsbür- gerschaft heraus inszeniert. Insolvenzverwalterin Amend könnte zur ersten Akteurin werden, die Gerechtigkeit herstellt. Dazu muss sie die Bröffnung ordentlicher Insol- venzverfahren über alle Konzernun- ternehmen durchsetzen, anschlieBend gemäß der Satzung der I. G.-Farben- Stiftung eine vertrauenswürdige Stif- tungsleitung einsetzen, das Verfahren gegen die UBs an sich ziehen und schließlich den wichtigsten Gläubi- gern— den überlebenden Häftlingen— zu ihrem Recht verhelfen. Berlin, 14. Januar 2004 Adam König, Berlin, Rudy Kennedy, London, Esther Bejarano, Hamburg, Kurt Julius Goldstein, Berlin, Peter Gingold, Frankfurt am Main; Erstunterzeichner(Uberlebende) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 Berliner IAK-Büro übernimmt verstärkt Koordinationsaufgaben LAK-Erklärung zur wachsenden antisemitischen Gewalt in europäischen Ländern Am6. und 7. Mai 2004 tagte in Ber- lin die Generalversammlung des In- ternationalen Auschwit?z Komitees (IAK), unter ihnen 20 ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers Auschwit? Birkenau aus neun Staaten. In der Diskussion kam insbesonde- re Zur Sprache, dass vor 60 Jahren- al- 80 1944—, Obwohl der Krieg für Nazi- Deutschland bereits verloren war, die Vernichtungspolitik gegenüber Juden, Roma und Sinti und anderen Verfolg- tengruppen mit verstärkten Anstren- gungen weiter betrieben wurde. So als Sollte, wenn schon die militärische Niederlage bevorstand, wenigstens der rassistisch motivierte Võlkermord „Erfolgreich“ zu einem Ende gebracht werden. Das Regime konnte sich da- bei auf Scharen williger Helfershelfer und eine Bevölkerung verlassen, aus der erneut kaum nennenswerter Wi- derstand gegen die Barbarei kam. Das LAK beschloss, an diesen Tat- bestand mit zentral vorbereiteten In- formationsveranstaltungen zu erin- nern. Hierzu, wie auch zum 60. Jahrestag der Befreiung von Ausch- wit? am 27. Januar 2005, will das Berli- ner I[AK-Büro Aktionen in die Wege leiten. Um diese international besser steuern zu können und um die natio- nalen Organisationen zu vernetzen, sollen durch das IAK die Internet- Adressen ausgetauscht und ein Info- Dienst aufgebaut werden. Darüberhinaus wurde von der Ta- gung folgende Erklärung abgegeben: Die ehemaligen Häftlinge sind be- stürzt und empört über die wachsende antisemitische Gewalt in vielen eu- ropãischen Staaten. Ebenso weisen sie auf die massive Ausgrenzung und Ge- walt gegenüber Roma und Sinti in Eu- ropa hin: Rassismus und Antisemitis- mus in jeder Form bedrohen die europäischen Demokratien und die Werte unserer Zivilisation, wie es die OSZEF-Konferenz zum Antisemitismus am 28. und 29. April 2004 in Berlin in ih- rer Abschlusserklärung dargelegt hat: Zunehmend sind die ehemaligen Häft- linge bei Gesprächen in Schulen mit antisemitischen Außerungen funda— mentalistischer muslimischer Jugend- licher konfrontiert. Auch deshalb un— terstüũtzen sie nachdrücklich den Aufruf der OSZE-Konferenz, dass internatio- nale Entwicklungen, darunter auch je- ne in Israel oder andernorts im Nahen Osten, niemals eine Rechtfertigung für Antisemitismus sein können. Von den Bürgern Buropas wird es abhängen, diese politische und morali- sche Botschaft der OSZE zur Realität auf den Straßen und in den Schulen werden zu lassen: Wer Rechtsextre- mismus und Intoleranz durch Schwei- gen akzeptiert, beschädigt die Zukunft der jungen Menschen in Buropa. Mas Koordinationshüro des IK ist in der Stauffenbergstraße J34d in 10785 Berlin untergebracht Jelefon-Nn(030) 26 39 26 67, Fax(030) 26 39 26 683, In- ternet www alischwitzinternational org. 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Gideon Behrendt Mit dem Kindertransport in die Freiheit Vom jüdischen Flüchtling zum Corporal OBrian In der Reihe„Lebensbilder-Jüdi- sche Frinnerungen und Zeugnisse“ legt der Herausgeber Wolfgang Benz mit diesem Band ein nicht nur als Finzelschicksal lesenswertes Buch vor. Im Kontext der Kindertransport- Literatur werden ebenso geschichtli- che Freignisse der Zeit Zwischen 1930 und 1948 anschaulich. Als fast Siebzigjähriger hat der 1924 in Berlin geborene, heute in Israel lebende Behrendt seine Lebensgeschichte aufgeschrieben, Zunächst für seine ei- genen Kinder- in englischer Sprache offenbar auch unter dem Findruck der seit 1989 stattfindenden Treffen der„Kindertransportkinder“. Auf Drängen seiner deutschen Verwand- ten wurde daraus das vorliegende Buch für eine deutsche Leserschaft. Zwar stammt Günther Behrendt- der heute nach mehreren Namensän- derungen entsprechend seiner vielen Lebensstationen Gideon heißt- aus einer jüdischen Großfamilie, aber nach dem frühen Tod seiner Mutter wuchs er ohne Familiengeborgenheit auf. Seine vertrauteste Bezugsperson waren sein älterer Bruder Heinz. 1938 wird der Vater von der Gestapo abgeholt, Günther kommt in ein Kin- derheim und erlebt dort die Wärme einer Gemeinschaft von Gleichaltri- gen und den Respekt der Erwachse- nen. Als Reaktion auf die November- pogrome im nationalsozialistischen Machtbereich läuft EFnde 1938 in England die große Rettungsaktion für jüdische Kinder an, Günther ist unter den ersten, die für den Kinder- transport ausgewählt werden. Als Vierzehnjähriger entscheidet er sich im englischen Aufnahmelager, nicht als Pflegekind in eine Familie zu gehen, sondern mit anderen Jugendli- chen in einem Hostel Zu leben-Fami- lie bedeutete für ihn„nur Vernachläs- sigung und das Gefühl eine Last zu sein.“ Diese erste eigene Entschei- dung prägt seinen weiteren Lebens- weg. Er findet seine drei ihm bis heute verbundenen Freunde, mit denen er seine neue Selbstständigkeit weiter stärken kann. Mit 16 geht er nach London, schlägt sich als Kellner durch und erhält dort die Nachricht von der Verhaftung seines Bruders. Heinz' Schicksal bestärkt Günther in dem dringenden Wunsch, seine ganze Kraft für die Niederlage Deutsch- lands einzusetzen. Mit 18 endlich wird er in die englische Armee aufgenom- men und erlebt als Fallschirmspringer den 6. Juni 1944, die Landung in der Normandie. Nach dem Sieg erreicht ihn eine weitere Schicksalswende: ein Brief seines Bruders. Heinz hat als ei- ner der wenigen das Getto von Minsk und die Schrecken mehrerer Konzen- trationslager überlebt, jetzt bereitet er sich auf die illegale Finreise nach Palästina vor. Das Wiedersehen lässt in Günther die Vorstellung wach wer- den, auch seine eigene Wurzellosig- keit könne durch die Auswanderung nach Palästina ein Ende finden. Mit wachsender Abneigung gegen eine Armee, die die jüdischen Palästina- einwanderer blutig bekämpft, bringt Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29 er seine britische Militärzeit hinter sich, 1947 endlich, während Heinz auf Zypern interniert ist, erreicht er Palã- stina und tritt kurz darauf der israeli- schen Untergrundarmee Haganah zur Aufnahme der Kinder auch die unmenschliche Entscheidung im Sommer 1940 zur Internierung aller über sechzehnjährigen Flüchtlinge, darunter über 1000 Kindertransport- bei. Ein kurzer Fpilog resü- miert den wei— teren Lebens- weg bis 1999. „Noch heu- te, nach sechzig Jahren, bin ich ein Außenseiter auf dieser Erde, ein Fremder“- und dies, ob— wohl das Land Israel ihm Hei- mat ist, die ihn als Mensch unter Menschen leben lãsst. Die bitteren Erfahrungen seiner Kindheit und die schwierigen Startbe- dingungen als heimatloser Ausländer in England-Günther Behrendt be- schreibt sie nicht in Form eines Kla- geliedes. Viel eher sind sie ihm Be- weis dafür, dass man dem Leben die guten Seiten abgewinnen sollte. Seine jugendliche Tanz-, Box- und Amüsier- lust wird nicht nur seinen Kindern und Enkeln imponieren. Aber Gefüh- le von Verlassenheit, Schmerz und Wut lassen sich unter dem humorvol- le Grundton nicht immer verbergen. An einigen Punkten schärft dieses Buch den Blick auf den historischen Kontext: Neben der bewunderns- werten Organisation der Kinder- transporte dürfen auch krasse Fehl- entscheidungen der Helfer in Eng- land berichtet werden, neben der Zu- stimmung der englischen Regierung teilnehmer. Die verlustreichen Kämpfe der englischen Ar- mee gegen die Palãstinaein- wanderer lassen ab 1947 den Antisemitismus im Land so an- wachsen, dass Juden es oft nicht mehr ris- kieren ihre Identität preis- zugeben. Doch auch die Erfahrungen des Autors mit seinen eigenen zukünftigen Landsleuten im Auswan- derungssammellager in Marseille, die unversõhnlichen Debatten der einzel- nen zZionistischen Gruppierungen und Parteien über die Zukunft des Landes sind ernüchternd: Nie wird er einer politischen Partei beitreten. Diese let?ten Abschnitte des Buches sind besonders anschaulich geschrieben, vielleicht weil die Erinnerung daran noch frisch ist Das informative Nachwort von Claudia Gurio gibt den biografischen Findrücken das notwendige histori- sche Hintergrundwissen. Regine Woffart Gideon Behrendt: Mit dem Kin- dertrunsport in die Freitheit. Vom jü- dischen Hichtling zum Coporal O'Brian. Fischer TB 2007 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Die Kindertransporte 1938/39 Rettung und Integration Herausgegeben von Woltgang Benz, Claudia Gurio und Andrea Hammel Die in diesem Band vorgestellten Untersuchungen beruhen im wesent- lichen auf den Forschungenansätzen der beiden wissenschaftlich mit dem Thema„Kindertransporte“ befassten Zentren in England und Deutsch- land: dem Centre for German-Jewish- Studies der University of Sussex in Brighton und dem Zentrum für Anti- semitismusforschung der TU Berlin. In zwei Workshops, 2001 in Brighton und 2002 in Berlin, wurden die For- schungsergebnisse aus literaturwis- senschaftlichen und soziologischen, historischen und psychologischen An- Sät?en vorgestellt. Auch die ehemali- gen Kindertransport-Teilnehmer Selbst kamen zu Wort. Vorausgegan- gen waren 1989 die erste Reunion der Kindertransport-Kinder in London, einberufen von Bertha Leverton, und die Anthologie„1 CAME ALONE“. Erstaunlich bleibt der späte Zeit— punkt dieses THeffens, 50 Jahre nach der Aufnahmeaktion. Erstaunlich bleibt aber auch die Aktion selbst, nach den Novemberpogromen 1938 in wenigen Wochen auf die Beine ge- stellt in einem selbst vom Krieg be- drohten Land. Aus Sicht der gegen- wärtigen europãischen Füchtlingspo- litik eine nahezu unglaubliche Hilfs- bereitschaft, vielleicht ansatzweise vergleichbar mit der Bewegung aus der Mitte der Bevölkerung heraus bei der Aufnahme von Chileflüchtlingen 1973 und noch einmal ab 1992 für Flüchtlinge aus Bosnien. Damals, 1939, gab die englische Regierung zwar ihre Finwilligung zur Aufnahme, aber sämtliche Kosten mussten aus Spenden bereitgestellt werden. Re- bekka Göpfert beschreibt in ihrem Beitrag„Kindertransport“ den stän- digen Mangel an Geld und an Helfern der auf englischer Seite zuständigen Refugee Children's Movement. Ab Dezember 1938 bis zum Kriegsausbruch 1939 erreichten etwa 10.000 Kinder zwischen 2 und 17 Jah- ren die rettende Insel und wurden in Pflegefamilien oder Kinderheimen untergebracht. Immer wieder wird in den Beiträgen des Bandes die psychi- sche Belastung der Kinder deutlich, viele fühlten sich weggeschickt von den Eltern und litten unter Heimweh, das Dilemma zwischen Dankbarkeit und Verbitterung spiele in den mei- sten Interviews für die„Brinnerung an die eigene Lebensgeschichte eine tragende Rolle“(S 38) Ruth Barnett- 1939 selbst eines der jüngsten Kinder- transportkinder- und Ute Benz be- schreiben die Traumatisierung und deren Auswirkungen auf die Familien an einprägsamen Beispielen aus ihrer therapeutischen Arbeit. Claudia Curio untersucht in dem Beitrag„Unsichtbare Kinder“ die Auswahlstrategien der Hilfsorganisa- tionen auf deutschsprachiger Seite am Beispiel der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde, bei der schon vor November 1938 10.000 Anträge be- reitlagen. Weniger als 2400 Kinder konnten gerettet werden, die meisten der 8000 Ubrigen wurden im Holo— Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 caust ermordet. Diese Zahlen ma- chen die ungeheure Dramatik der Hilfsaktion noch einmal deutlich. Finen interessanten Aspekt steuert der Bei— trag von Monica Lowen- berg bei über die zwei jüdischen Schulen, de- nen die Auswanderung nach England gelang: das Kölner Jawne-Gym- nasium und die Berliner ORTSchule. In England Selbst gründeten vertrie- bene Pädagoginnen und Pãdagogen mindestens sieben Schu- len für Füchtlingskinder, mehrheit- lich an reformpädagogischen Land- erziehungsheimen orientiert. Den Schluss des Bandes bilden drei biografische Rückblicke, die die ganz unterschiedlich verlaufenen und wahrgenommenen EFxilsituationen augenfällig machen; die Zwillings- schwestern Ilse Aichinger und Helga Aichinger-Michie, die eine überlebte unter den Augen der Gestapo in Wien, die andere als Kindertransport- kind in England; Vernon Saunders, einziger unter 60 Jungen eines Berli- ner Waisenhauses, der einen Koffer für England packen durfte, und der damals dreizehnjährige Fred Jordan, der sich am Wiener Westbahnhof für immer von seiner Mutter verabschieden muss. Der interdisziplinäre Charakter dieses Sam- melbandes macht das Buch unbedingt lesens- wert. Wissenschaftliche Forschung belegt mit bio- grafischen Frinnerungen erleichtert den Zugang zu diesem Ka- pitel nationalsozialistischer Verfol- gung und macht mit vielen neuen Aspekten innerhalb des Themas „Kindertransporte“ die Lektüre span- nend, auch im Hinblick auf unsere den Millionen Füchtlingen in aller Welt s0 feindlich gesinnte Gegenwart. Regine Woffart Die Kindertransporte 1936/390 Rettung und Integration. Hg, von Wolfgang Benz, Gaudia Curio und Andrea Hammel, Fischer TB 2003 Jüdisches Museum Frankfurt sucht Fotos und Dokumente für Ausstellung Opfern der Deportationen ein Gesicht geben Das Jüdische Museum sucht nach Fotos, Augenzeugenberichten, Gegen- ständen, Exponaten von den Peporta- tionen der Frankfurter Juden Zwischen 1941 und 1945. Wer hat Notizen, Brie- fe oder Bilder von den Peportationen, die vorwiegend von der Großmarkt- halle(mitunter auch vom Ost- und Hauptbahnhof) abgingen? Wer hat die Menschen auf dem Weg dorthin gese- hen, die zumeist zu Fuß durch die Stadt gingen? Da sich auf dem Gelände der Großmarkthalle noch heute Wohnun- gen befinden, von denen die Verfolgten zu beobachten waren, bittet das Muse- um besonders frühere Bewohner, sich zu erinnern. Kontakt: Jũdisches Museum Frankfurt am Main, Iel. 060/2123-8804 oder Kontor für Geschichte, Iel. 060/430213. 32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Sascha Feuchert: Zum neuen Buch von Gõtz Aly: Im Tunnel. Das kurze Leben der Marion Samuel 1931-1943 Gõᷓt? Aly bleibt auch in seinem neu- esten Buch seinen diversen Berufen treu: Der habilitierte Politologe, Histo- riker und Absolvent der Deutschen Journalistenschule mit späterer Tätig- keit als Redakteur bei der„taz“ und der„Berliner Zeitung“ hat mit„Im Tunnel. Das kurze Leben der Marion Samuel 1931-1943“ eine klassische(hi- Storische) Reportage vorgelegt. Im November 2002 erhielt Aly die Mitteilung, dass er mit dem„Marion- Samuel-Preis“ der„Stiftung Frinne- rung“(Lindau) ausgezeichnet werden Sollte- und seine Neugier war ge- weckt: Von der Auszeichnung, deren erster Häger immerhin Raul Hilberg war, hatte Aly schon gehört, doch: Wer war die Namensgeberin dieses Prei- ses? Viel fand er nicht, als er recher- chierte: Bezeichnenderweise stieß Aly auf einen eigenen, mittlerweile verges- senen Artikel im Internet. Was er da las, konnte ihn nicht befriedigen: „Dort stand spekulativ, aber, wie ich heute weiß, richtig: Marion Samuel wird- schon wegen ihres Mters-, un- mittelbar nach der Ankunft' in Ausch- witz mit Zyklon B vergiftet worden Sein'. Ihr Vater wird in einem der Ber- liner Betriebe als einer der so genann- ten Rüstungsjuden Zwangsarbeit ver- richtet haben. Sie wurden damals ge- gen junge Polen ausgetauscht, die nach Berlin deportiert wurden.““ Auch von den Preisstiftern, Walter und Ingrid Seinsch, war nicht mehr zu erfahren: Sie hatten den Namen des jüdischen Mädchens aus dem Gedenkbuch für die deportierten deutschen Juden aus- gesucht: Mehr als das Geburtsdatum und den Tag ihres Abtransports von Berlin nach Auschwit?z konnte man dort nicht entnehmen- gerade auch deshalb wurde Marion Samuel ausge- wählt, die so Hunderttausende ermor- dete jüdische Kinder, über die kaum etwas bekannt ist, symbolisiert. Aly nahm sich vor, diesem Kind sei- ne Geschichte zurückzugeben. Mittels Zeitungsannoncen fahndete er nach Bekannten und Verwandten, recher- chierte in Washington, suchte in Arol- sen beim Suchdienst des Roten Kreu- Zes: Was er ermittelte, blieb wenig, doch entstand eine erzählbare Geschichte. Die Familie des Vaters Ernst stammte aus Ueckermünde in Vorpommern: Seine Eltern betrieben dort ein Laden- geschäft, das bald den neuen Machtha- bern in die Hände fiel. Die Familie wurde in alle Winde zerstreut, einigen gelang die Flucht, die meisten wurden im Holocaust getötet. Nicht viel anders erging es der Familie der Mutter Cilly: Ihr„Berliner Warenhaus“ in Arnswal- de mussten sie an die örtliche Sparkas- se verkaufen, die Familie zerfiel ebenso in ihre Bestandteile. Ein Bruder Eillys konnte noch rechtzeitig nach Amerika auswandern, eine Schwester überlebte in Deutschland mit viel Glück, weil sie mit einem Christen verheiratet war. Der Rest auch dieser Familie wurde vergast, erschossen oder fiel den Be- dingungen in östlichen Lagern zum Opfer. Aly kann einiges aus Vermögens- erklärungen entnehmen oder aus Entschädigungsunterlagen. Deutlich wird damit einmal mehr, wie sehr der Holocaust für die Deutschen auch ein Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 33 großes Geschäft war. Doch das ist nicht alles, denn mit Hilfe kleiner Finträge lassen sich Lebensumstände rekonstruieren, die den Autor immer wieder ein kleines Stück weiter brin- gen- wenngleich er es manchmal mit seinen Interpretationen übertreibt. Aus dem fehlerhaften Fintrag eines Beamten etwa, der zunächst„Sohn“ auf die Vermõgenserklärung von Ma- rion Samuel geschrieben und es dann durch„Tochter“ ersetzt hatte, schließt der Historiker:„Marion Samuel mochte also einen knabenhaften Fin- druck erweckt haben.“ Weder die we- nigen Fotos, die Aly ermittelt hat, le- gen das nahe, noch auch die Situation in einem Berliner Durchgangslager vor der Deportation. Die nächsten noch lebenden Ver- wandten, mit denen Aly in Kontakt treten konnte, waren ein Cousin und eine Cousine von Marion Samuel: Es war wenig, was sie noch von der Fami- lie erzählen konnten, sie waren zu jung und die Zeiten zu schlimm, um sich noch konkret an das eine oder an- dere in Zusammenhang mit Marion erinnern zu können. Auch untereinan- der hatten sie jahrzehntelang keinen Kontakt. Es gehört Zu den anrührend- sten Szenen des Buches, wenn Aly im Vorwort Schildert, wie die beiden- der eine in Amerika lebend, die andere in Deutschland- erstmals wieder am Te- lefon miteinander sprachen, angeregt durch den deutschen Historiker, und beide in unterschiedlichen Sprachen. Aly nimmt die wenigen Puzzle- stücke auf, macht sie zum Ausgangs- punkt neuer Fragen und Suchstrategi- en und setzt Ssein Mosaik, das bis zum Schluss ein grobes Fragment bleiben muss, zusammen. Wo er nicht auf Er- zählungen oder Dokumente zurück- greifen kann, die sich direkt mit Mari- on und ihrer Familie beschäftigen, bindet er Brinnerungen von Zeitzeu- gen ein, die zur gleichen Zeit am glei- chen Ort oder mindestens in der Nähe waren: Das Bild rundet sich, ohne vor- zugeben, es sei vollständig. Immer wieder thematisiert der Bericht selbst, wo seine Grenzen liegen. In mehrfa- cher Hinsicht im Zentrum steht dabei ein Albtraum Marions, den sie einmal einer Mitschülerin weinend erzählte und der gleichsam das Verschwinden der Menschen und ihrer Geschichten thematisiert:„Da gehen Menschen durch einen Tunnel im Berg u. da ist auf dem Weg ein großes Loch und alle werden reinfallen und sind weg.“ Das Buch ist als Ganzes- auch mit den vielen reproduzierten Dokumen- ten- beeindruckend; wollte man kriti- sieren, könnte man das allenfalls bei der Sprache tun: Man wird den Fin- druck nicht los, dass Aly seiner eige- nen Form- der Reportage- nicht recht über den Weg traut. Er bemüht sich zu oft um einen sachlichen, une- motionalen Ton. Das aber macht die Reportage aus: Sie darf den Reporter auch als Subjekt thematisieren. Angst vor historischer Ungenauigkeit oder dem allzu akademischen Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit braucht ein s0 Solider Historiker wie Aly wahrlich nicht zu haben. Göt? Aly: Im Tunnel. Das kurze Leben der Marion Samuel 1931-1943. Frankfurt: Fischer 2004. ISBN 3-5096 16364-1, 7,00 Furo. Dr. Sascha Feuchert ist stellvertre- tender Leiter der Arbeitsstelle Holo- caustliteratur an der Justus-Liebig- Universität Gießen 34 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Heinrich Senfft zum Jahrestag des 20. Juli: taz vom 19. 7. 2004 Unglückliche Helden Es war lange tabu, mit dem Wider- stand gegen das Naziregime kritisch umzugehen. Wir hatten so wenige Hel- den, s0 viele„willige Vollstrecker“, dass an diesem spät geschaffenen Mythos nicht gerührt und nicht gefragt werden durfte, was die Offiziere des Widerstan- des denn im tãglichen Kriegsgeschehen vor allem im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion so alles gemacht hat- ten, ob sie sich gar an dem einen oder anderen Kriegsverbrechen beteiligt hatten, um nicht enttarnt zu werden. Der 20. Juli, der sich jetzt zum sechzig- Sten Male jährt, kam spãt, Zu spãt. Wäre er gelungen, welch neue, diesmal alles überwältigende, nicht mehr ausster- bende Dolchstoßlegende würde sich ge- bildet haben aber wie viele Menschen wãren am Leben geblieben? Jahrzehntelang wurde in West- deutschland der Findruck gepflegt, als habe der Widerstand der Wenigen nur in Offizierskasinos, Herrenhäusern und Salons stattgefunden. Um den Wider- stand der„kleinen Leute“, der Arbeiter, der Kommunisten, gar um den eines Finzelgänger wie Georg Elser, küm- merte sich kaum einer, wenn er nicht als linker Außenseiter und Kommunisten- freund denunziert werden wollte. Und wer Sagte schon, es habe in den Mann- schaftsrängen mehr als 100.000 Deser- teure und sonstige„Wehrkraftzer- set?Zer“ gegeben, von denen 30.000 exekutiert wurden? Die DDR, unter antifaschistischen Vorzeichen gegrün- det, erkannte nur den kommunistischen Widerstand an, der tatsãchlich die mei- Sten Opfer gebracht hatte(..) Immerhin hatte Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes am8. Mai 1985 der„Opfer des deutschen Wi- derstandes, des bürgerlichen, militäri- schen und glaubensbegründeten, des Widerstands in der Arbeiterschaft und bei den Gewerkschaften, des Wider- stands der Kommunisten“ gedacht. Neun Jahre später drohte der Stauffen- berg-Sohn Franz Ludwig, die„Gedenk- Stätte Deutscher Widerstand“ und die Feiern Zum 20. Juli Zu boykottieren, falls dort die Ausstellungsstücke zur Würdi- gung kommunistischer Widerständler nicht entfernt würden.(..) Es war und ist für viele noch immer nicht Zu begrei- fen, dass das Nationalkomitee„Freies Deutschland“, Ulbricht und Pieck ebenso zum Widerstand gehören wie die Verschwörer, die nach dem 20. Juli 1944 umgebracht wurden. Der Widerstand war vielfältig und brüchig organisiert: Kaum einer wurde gefragt, woher er komme und wohin er wolle, wenn er nur bereit war, das Na- ziregime und Hitler zu beseitigen. Deshalb ist es auch eine sehr fragwür- dige Vereinfachung, vom„20. Juli“ zu sprechen, wenn mehr gemeint ist, als dass Claus Graf Stauffenberg an die- sem Tag versucht hatte, Hitler in sei- nem Hauptquartier umzubringen. Tatsächlich lässt man sich da den Stempel der Gestapo aufdrũcken.(..) Finiges hatten die meist konservati- ven Widerstãndler alle gemeinsam: Sie trugen schwer an ihrem Bid, sie waren deutsche Nationalisten, antidemokra- tisch, also gegen die Weimarer Repu- blik, die, davon waren sie überzeugt, nicht an ihnen, sondern an den Folgen des Versailler Friedensvertrages zu- grunde gegangen war. Sie waren über Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 35 wiegend antisemitisch und den Grund- ideen der Nazis mindestens anfänglich durchaus zugetan, auch wenn sie von deren pöbelhaften Gewaltmethoden angewidert waren. Und da sie auch fast alle geradezu bösartig antikommuni- Stisch waren, hatten die wenigsten etwas an Hitlers Uberfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 auszusetzen. Auf gar kei- nen Fall wollten sie, dass Deutschland den Krieg verlor. Verhasster Hitler hin oder her, die deutschen Interessen soll- ten gewahrt werden. Der erst im Juni 1944 wieder zu den Widerständlern ge- Stoßene General Eduard Wagner sagte, es„sei untragbar, dass der Russe kämp- fend ins Reichsgebiet eindringt“.(..) Patrioten, hoffnungslos zerrissen zwi- Schen Finsicht und Vaterlandsliebe. Das erinnert-fast spiegelbildlich- an die so- zialdemokratischen EFmigranten in England, deutsche Nationale, die zwar die Niederlage Nazideutschlands wünschten, aber deren Folgen nicht mit- tragen wollten. Aber eben jene Widerständler an der Ostfront wussten nicht nur von Ver- brechen, sondern nahmen an ihnen teil oder duldeten sie. Als 1995 der Be- gleitband zur so genannten Wehr- machtsausstellung erschien und Chri- stian Gerlach schrieb, Offiziere des militãrischen Widerstands wie Henning von Hesckow und Rudolf-Christian Freiherr von Gersdorff seien an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen, erhob sich ein Entrüstungsgeschrei- das durfte nicht sein! Marion Gräfin Dönhoff und Richard Freiherr von Wei?säcker, empörten sich über die „Selbstgerechtigkeit der Nachgebore- nen“. Gräfin Dönhoff meinte, Gerlach habe„die Kenntnis von Verbrechen als bedeutungsgleich mit der Beteiligung an Verbrechen“ bewertet. Aber da haben der„gewisse Ger- lach“ und Gerd R. Ueberschär ebenso höflich wie entschieden widersprochen und nachgewiesen, dass Hesckow und Gersdorff und nicht wenige andere Wi- derstãndler dem Teufelskreis nicht hat- ten entrinnen können und nicht nur Mitwisser, sondern auch Mittäter wa- ren- und dass das, was Richard von Wei?säcker behauptet hatte, an ent- scheidenden Stellen nicht wahr ist. Hit- ler-Gegner Generaloberst Hoepner zum Beispiel war bereit, einen Giftgas- krieg gegen Bewaffnete wie auch die vor den Kriegshandlungen oder den Repressalien der Besatzungsmacht in die Wälder geflüchtete Zivilbevölke- rung zu führen, und Hesckow wie auch General Carſ-Heinrich von Stülpnagel und Generalquartiermeister Eduard Wagner unterstützten brutale Einsãtze gegen Partisanen und die dazu erklär- ten Juden, großräumige Gewaltaktio- nen, die sich hauptsächlich gegen un— bewaffnete Zivilisten richteten und tausenden das Leben kostete. Nicht wenigen Widerständlern war es am Ende wichtiger, das Regime zu Stürzen, als selbst frei von Schuld zu Sein.„Wir alle haben so viel Schuld auf uns geladen- denn wir sind ja mitver- antwortlich, dass ich in diesem einbre- chenden Strafgericht nur eine gerechte Sühne für all die Schandtaten sehe, die wir Peutschen in den letzten Jahren be- gangen bzw. geduldet haben“, schrieb Generalmajor Helmut Stieff schon im Januar 1942 an seine Frau- als die ge- radeZu Zwangslãufige Folge der Zeitge- nossenschaft. Patriot und Widerstãndler- eine un- auflõsliche Katastrophe:„Unglücklich das Land, das Helden nötig hat“, Schrieb Bertolt Brecht in„Das Leben des Galilei“.“ Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der Pogromnacht 1938 Zum 9. November 1938 Eine Station auf dem Weg nach Auschwitz Dienstag, 9. November 2004, 19.30 Uhr, Fintritt frei Butzbach(Wetterau), Stadtmuseum, Färbgasse 16 Peter Woſfff, Uberlebender des KZ Auschwitz-Birkenau, berichtet, was er im Dritten Reich an Gewalt und Pemütigungen erdulden musste. Veranstalter: Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis und Museum der Stadt Butzbach NS-Medizin in Marburg Mittwoch, 17. November 2004, 19.30 Uhr, Marburg(Veranstaltungsort bitte nachfragen) Referent Ernst Klee ist Autor vieler Sachbücher zur Geschichte der NS-Medizin Veranstalter: Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis Ausstellungen Mittwoch, 1. September 2004, 17.30 Uhr Frankfurt am Main, Gewerkschaftshaus, Wilhelm-Leuschner-Str. 69 Ausstellungseröffnung: Den von extremen Rechten von 1990 bis 2003 Ermordeten einen Namen geben. Präsentation von Plakaten der DGB-Ortsverbände Neu-Anspach und Oberursel. 2. Sept. bis 15 Okt. 2004; Wetzlar, Hessenkolleg, Brühlsbachstr. 15 und 6. Nov. bis 4. Dez. 2004, Wiesbaden, Ministerium f. Wissenschaft u. Kunst Legalisierter Raub-Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933 bis 1945— Ausstellung des Frit? Bauer Institutes und des Hessischen Rundfunks J. bis 16. November 2004, Hanau, Hanauer Kulturverein „Kinder im KZ Theresienstadt-Zeichnungen, Gedichte, Texte“ Ausstellung: Studienkreis Deutscher Widerstand 1933— 1945