LAGERHGEMENSCGHAFT AUSCFHMWTA SREUNDESKRES DER AUSCEFMWTZERR or 30 ahren begann i fankrt cer Abschwitaozeß 7064 ſfand ASchwitz Biena ein Lokafermin Slatt 13. Jahrgang, Heft 3 Mitteilungsblatt Dezember 1993 nhaltsverzeichnis „Wir Standen in der Pflicht? Neue Dokumente zur Tatbeteiligung deutscher ngenieure in Auschwitz Kongreß zum 30. Jahrestag des Auschwitz-Prozesses Fernsehsendung„Strafsache 4 Ks 2/63* Lokaltermin in Auschwitz-Birkenau Symposium mit bitterer Bilanz Monatstreffen- Studienreise Geburtstagsgrüße Buchbesprechung: Ruth Klüger. weiter leben Gedicht von Felix Pollak Wie Jugendliche Auschwitz erleben Dokumentarfilm:„Beruf Neonazi' Der seltsame Generalstaatsanwalt Gespräch mit Schülern Das lange Warten auf Entschädigung Der Fal Maunz lmpressum Seite 2 18 14 16 16 V 23 24 25 27 30 32 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 1 Zur Tatbeteiliggung deutscher Ingenieure in Auschwitz „Wir Standen in der Pflicht? Die Beschreibung und Erforschung der technischen Seite der fabrik- mãßigen Massentötung von Milionen Menschen in den deutschen Ver- nichtungslagern der NS-Zeit überließen deutsche Historiker Uberwie- gend auslãndischen Fachkollegen. Auch vor kurzem war es ein Brite Gerald Fleming- der sich in den nun zugãnglichen Archiven in Moskau msah und neue Dokumente fand, die nicht nur die Tatbeteiiqung deut- cher Ingenieure, sondern auch die Skrupellosigkeit mit der diese ihre „Arbeit' rechtfertigten, belegen. Beim Bau und der Instandhaltung der Gaskammern und der Krematorien erwiesen sich die 2ivilen Helfer als willige Werkzeuge der Vernichtungsideologie. Der Spiegel berichtete über den FEund Flemings und verõftenthchte Auszüge in Seiner Ausgabe vom 4. Oktober 1993(Seite 151 bis 162). Die Anzahl der Publikationen über den Völkermord an den europäischen Juden, den Roma und Sinti Ssowie die tausendfache Ermordung von Kriegs- gefangenen und Zivilisten im Namen des Deutschen Reiches ist in den letz- ten Jahrzehnten zu einer nur schwer überschaubaren Masse angewachsen. Die Vernichtungsmaschinerie mit den industriell betriebenen Todesfabriken, für die der Name und der Ort Auschwitz zum Symbol wurde, ist unter den unter- Schiedlichsten Gesichtspunkten er- 6 und beschrieben worden. Ver- achlässigt wurde dabei jedoch die Frage, wie die Strategie der Vernich- tung von Milionen von Menschenleben „technisch' umgesetzt wurde. Möglicherweise ist dies mit ein Grund, „daßß rechtslastige Vertuscher unter dem Vorwand der Wissenschaftlichkeit bis heute ein eigenes Bid der Konzen- trationslager malen etwa in dem 1989 veröffentlichten pseudowissenschaftli- chen Report' des Amerikaners Fred A. Leuchter, der den Genozid in Auschwitz zu leugnen versucht', So der Spiegel in seiner ersten Oktober-Ausgabe 1993. Der Spiegel weist auf die Beweis- Sammlung, die der französische Ama- teurhistoriker Jean-Claude Pressac zu- Sammengetragen hat, hin. Pressac, ur- sprünglich selbst Zweifler am Massen- mord in Auschwitz, dokumentierte in jahrelanger detektivischer Spurensu- che zum Beispiel die Bestellung gas- dichter Türen und die Auftragsarbeiten zur Installation der Krematorien. Er er- gãnzte seine Ergebnisse durch Archiv- Studien in Moskau, und publizierte in Pa- ris ein neues Buch(Les crematoires dAuschwitz. La machinerie du meutre de masse“ CNMRS Editions, Paris). In Moskau, im Zentralen Staatsarchiv, wurde auch der britische Historiker Ge- rald Fleming fündig. Fleming, Autor des Standardwerkes„Hitler und die Endiõ- sung', fand sowjetische Verhörproto- kolle, in denen Ingeniuere des Erfurter Brennofenherstellers JA. Topf& Söhne ihre Mitwirkung an der organisierten Massenvernichtung in Auschwitz unum- wunden zugaben. Kurt Prüfer, Fritz Sander und Karl Schultze waren im März 1946 von Untersuchungsoffizieren der Roten Armee verhaftet worden. Die Traditionsfirma ſopf& Söhne hat- te Sich bereits vor dem Krieg auf die Entwicklung und den Bau hochmoder- ner Verbrennungsöfen für Krematorien 2 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Spezialisiert und belieferte seit 1939 auch die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Mauthausen. Für das Unternehmen wurde Auschwitz zum „Milionengeschäft', war schon vor Fle- mings Moskauer Fund in der Forschung bilanziert worden. Bei dem„monströsen Tötungsprogramm' der deutschen Reichspolitik war nach dem Einsatz des Blausäuregiftes Zyklon B der Tötungs- prozeß„leicht“- S0 Auschwitzkomman- dant Rudolf Höss,„9rößere Schwierig- kKeiten bereitete jedoch das Verbren- nenꝰ der Leichen. Zunächst wurden sie in offenen Gru- ben verbrannt. Dies ging viel zu langsam und zudem„verbreiteten die Scheiter- haufen einen solchen Gestank, daß die Gegend im Umkreis von vielen Kiome- tern verpestet wurde. Nachts Sah man meilenweit den über Auschwitz rot ge- färbten Himmel“(SS-Rottenführer Per- ry Broad) Himmler ordnete daraufhin den Aus- bau des Vernichtungslager an und 2u dem bereits bestehenden Krematorium wurden vier weitere in Auftrag gege ben. Ab Frühsommer 1943 konnten in den insgesamt 46„Muffeln'(Brenn- kammern) im Dauerbetrieb über 24 Stunden mehr als 4700 Leichen ver- brannt werden. Konstruiert wurden die Hochlei- Stungsöfen, die bis zu acht Brennkam- mern hatten, von Kurt Prüfer, techni- Scher Berater von Topf 3 Söhne. Für die gasabsaugenden Lüftungssyteme in den Gaskammern war Topf-Mitarbeiter Karl Schultze verantwortlich. Mehrmals fuhren diese Erfüllungsgehilfen des fa- brikationsmãßigen Tötungsbetriebes nach Auschwitz, um die Effizienz der Anlagen zu begutachten. Nach den von Fleming entdeckten Verhörprotokollen steht fest Die Täter, die ihr„Spezialwissen'(Sander) dem deutschen Regime anboten, wußten genau, was Sie taten. Mit„erschöttern- de(r) Kälte“(Spiegel) bezeugten die ſechnokraten ihre Beihilfe zum Massen- mord. Sander:„Seit Sommer 7943 vle ſh caß i Aschite unschich 9 Menschen vefgast un anschle ßend in cen Mremalorien vefbfannt r- cen. A/6 CeUschef ngenjer un An- gesetef Oef Ema opf habe ich micn vMPhhet gen mei SPeiaſs Se fir den Sjeg HMier eltschlancs SimzUsefzen S0 jooef Hgeloin- geſer Miegszeften Hozelge ent- wit cie ach Menscheneben vefnich- jen KMõnnen“ Prüter:% habe pefsõnlich gese hen, wie ce eingespeffien Haen KM von einer SSal in c Gafacken geiehen ren Eefne wi Uden niefr SS Gewachung mit cden AMnden Ece aoruben und diese von einem Hafz zm ancefen igen Im Mrematoff ¶m Seps Sah ſoh— beispieſsmejse m zehn Uhr morgens- bjs z 60 Leſchen AU dem Hoden Mannef Und Ealen Un- fechiedlichen Aters oie zur Verbren- ng vofhefoffet wrden Zefst r oen die Gaskammern al Leichenkam- mefn bezeſchnet Dort urce ein Geif- nossslem eingebalt doch uns af oœanach War caß in cen Gaskammern Menschen stafben Megen oef Koos- Sen Gelasing der Ofen afen cie Zege/ ſcer Schornsteine/ Schon nach Sechs Monalen beSchadiot ch Stan be cer Hma 7opf Unter Weriag no vhle daß meine Afbeſt fir den natio⸗ nasOæiaistischen Sfaat von große Gecelun waf* Auch Schultze sah die 60 Leichen n¶N Krematorium:„Mach hrem Aefen Z Schnießen wafen Sj in cden GasKam- mefn efstickt oh bleb dort ſin Als chwit) Minf Jage eies zUnchst KMef MenschentransPofie gah cie ZU venchung bestimmt wafen ch muie oen Mrematforimsofen Monmoliefen Das waf efst mõlch al cer Vanspoft mit den etua 300 Lellen eintmat o oen GasMammem getòtet rden. joh nd Arer machten wejfer wej Wi orch Unsefs Unferschrifien gebUncen wafen Wir Stancen in Cef Echt gegen ber cer S6 oer Hma Vop und dem NWSSaat“ E Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 3 V. bis 19. Dezember(Römer und Haus Gallus, Frankenallee) qffenticher Kongreß in Frankfurt Fritz Bauer und der Auschwitz-Prozeß Vor dreiſsig Jahren, am 20. Dezember 1963, begann in Frankfurt am Main der Auschwitz-Prozeß. Erstmals stand die „Endlösung', die Vernichtung des euro- äischen Judentums sowie der Sinti Roma, im Mttelpunkt des öffentli- chen lnteresses in Deutschland; erst- mals wurde, in allen Zeitungen und Me- dien, vor Gericht und in den Familien, nicht mehr nur über Einzeltäter oder die Schuld der Führer des Reiches gespro- chen, sondern über das Vernichtungs- system selbst, den arbeitsteiligen Ver- lauf des Võlkermords, der in Auschwitz kulminierte. Hinter diesem Serichtsverfahren stand eine herausragende Persönlich- kKeit der deutschen Rechtsgeschichte der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Vom 7. bis 19. Dezember 1993 findet in Frankfurt am Main der öf- fentliche Kongreß„betr. Fritz Bauer und deer Auschwitz-Prozeß“ Statt. in der Ankündigung der Veranstalter wird das Ziel und das Programm wie folgt be- Schrieben: „Bewältigung unserer Vergangenheit heißt Gerichtstag halten öber uns Selbst, Gerichtistag öber die gefährli- chen Faktoren in unserer Geschichte', Schrieb der ehemalige Widerstands- kämpfer und jödische Emigrant Fritz Bauer im Jahre 1961. Nicht um Schau- prozesse war es ihm zu tun, sondern um gesellschaftiche Selbstaufärung in den Bahnen des Rechts. Nicht um Rache für das Leiden der Opfer, Son- dern um die Röckkehr einer als ganzes an Verbrechen beteiligten Gesellschaft in den Kreis der zivilisier ten Nationen. Doch die geselschaftliche Wirkung des Auschwitz-Prozesses blieb wider- 4 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Sprüchlich. Das Vermächtnis Fritz Bau- ers ist bis heute nicht wirklich angenom- men worden. Der Kongreß soll dieses herausfordernde Erbe Fritz Bauers und des Auschwitz-Prozesses drei Tage lang diskutieren, mit Uberlebenden des Lagers, mit Zeugen und Anklagevertre- tern des Prozesses, mit Juristen, Histo- rikern, Psychologen, Literaturwissen- Schattlern und Journalisten. Am Freitag, den 17. Dezember, findet im Plenarsaal im Frankfurter Römer um 17.30 Uhr ein Empfang durch Stadtver- ordnetenvorsteherin Petra Roth Statt und um 19 Uhr wird der Kongreß durch Kulturdezernentin Linda Reisch und die Hessische Justitzministerin Christine Hohmann-Dennhardt eröffnet. Um 19.30 Uhr referiert der ehemalige Nrnberger Kulturdezernent Hermann Slaser über„Fritz Bauer und der Kampf um die Selbstaufkärung der deutschen Nachkriegsgesellschaft?. Dem Vortrag schließt sich ab 21 Uhr ein Podiumsgesprãch an, das von Profes- Sor Joachim Perels aus Hannover mo- deriert wird. Auf dem Podium diskutie- ren Heinz Meyer-Velde(Wiesbaden), Generalstaatsanwalt Hans-Christoph Schaefer(Frankfurt/ Main) und Uf Thiele Hamburg). Am Samstag und Sonntag wird der Kongreß im Haus Gallus in der Frank- enallee fortgeführt. Nach den Gruß- worten von Oberbürgermeister Andre- as von Schoeler und Bundesjustizmini- Sterin Sabine Leutheuser-Schnarren- berger um 9.30 Uhr steht am 18. De- Zember das Programm unter dem Leit- thema„Die Geschichte des Auschwitz- prozesses? Es Sieht wie folgt aus: 10.15 Uhr: Hermann Langbein(Wien) Wie kam es zum Auschwitz-Prozeß? Der Prozeß aus der Sicht der Uberle benden. Uhr: Staatsanwalt a.D. Joachim Kögler (Wiehl): Der Auschwitz-Prozeß aus der Sicht der Justizbehörden. Eine kritische Be- trachtung. 12 Uhr: DiskusSsion 14.30 Uhr: ⁰ Rolt Bickel(Frankfurt/ Main) Der Verlauf des Auschwitz- Prozesses 15.15 Uhr: Rudolf Vrba Vacouver) Der Auschwitz-Prozeß als Erfahrung der Zeugen 16 Uhr: Arbeitsgruppen mit Hermann Lang- bein, Rudolf Vrba, Hermann Reineck, Kazimier? Smolen(Oswiecim), die über ihre Erfahrungen als Zeugen im Auschwitz-Prozeß sprechen werden, mit Trude Simonsohn, die als Auschwitz-Uberlebende in Frankfurt den Prozeß erlebte, Sowie eine A6 zum Thema„Der Völ- kermord an Sinti und Roma und der Auschwitz-Prozeß“ 8 20 Uhr Heinrich Hannover(Bremen) Die Bedeutung des Auschwitz- prozesses für die Rechtsgeschichte im Nachkriegsdeutschland 21 Uhr: Diskussion Für Sonntag, den 19. Dezember, lautet das Thema der Veranstaltungen im Haus Gallus„Die Ermittlung- Uber die Wirkung des Aschwitz- prozesses? Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 5 Das Gericht beim Lokaltermin 7064 n oer heltioen Gedenkslätte Asch 10 Uhr: Gert Mattenklott(Berlin): „Die Ermittlung' als Modell. Von der wirkung des Auschwitz-Prozesses auf die Politisierung der Sechziger Jahre. Uhr: 5 Beiträge zur Wirkung des Prozesses auf die Nachkriegszeit Norbert Frei(München) Der Auschwitz-Prozeß und die Histo- riker Heiner Lichtenstein(Köln) Die Resonanz auf den Auschwitz- prozeß in den Medien im In- und Ausland Margarethe Mitscherlich(Frank- furt) Der Auschwitz-Prozeß und die Aus- einandersetzung mit den Tätern Die Moderation liegt bei Jürgen Seifert Hannover) 12 Uhr: Diskussion 14.30 Uhr: Abschlußdiskussion: Erinnerung an den Auschwitz-Prozeß: Was bleibt? mit se Staft und den ſeinehmern des Kongresses. Die Leitung hat Wil- fried F. Schoeller. Das Hessische Fernsehen zeigt vom 20. bis 22. Dezember die Dokumentati- on„Strafsache 4kKs2/63. Auschwitz vor dem Frankturter Schwurgericht? von Rolf Bickel und Dietrich Wagner. Veranstalter des Kongresses sind die His torikerkoordination des Instituts für Stadtgeschichte Frankfurt, die Ar- beitsstele Fritz Bauer Institut, die Hes- Ssische Landeszentrale für Politische Bildung, der Hessische Rundftunk, die Bundeszentrale für Politische Bildung und die Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen. 6 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Vom 20. bis 22. Dezember zeigt der HR die„Strafsache 4 Ks 2/763˙ Dreiteilige Fernsehsendung zum 30. Jahrestag des Auschwitz-Prozesses Mit einer dreiteiigen Fernsehdoku- mentation erinnert der Hessische Rund- funk(hr) an den Auschwitz-Prozeß, der im Dezember 1963 vor dem Landgericht Frankfurt begann. Für die„Strafsache 4 Ks 2/63 Auschwitz vor dem Frank- furter Schwurgericht' recherchierten die beiden Autoren Dietrich Wagner und rolf Bickel zwei Jahre unter anderem in Polen, lSrael und Deutschland. Anhand historischer Prozeßberichte, Gesprä- chen mit Zeitzeugen und Tondokumen- ten entwerten sie ein umfassendes Bid des Verfahrens gegen 22 Angehörige der Waffen-SS, die im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz- Birkenau eingesetzt waren. Auftakt der Sendereine ist der 20. Dezember, der Jahrestag des Prozeß- beginns. Folgetermine sind der 21 und der 22. Dezember. Im kommenden Jahr Soll die Reihe in allen dritten Program- men der ARD gezeigt werden. Bei ihrer Arbeit konnten die Autoren auf unweröffentichte TonbandMit- Schnitte von Zeugenaussagen aus dem prozeß zurückgreiten. Erstmals werden auch Sterbebücher des Standesamtes Auschwitz gezeigt, in denen die Natio- nalsozialisten den millionenfachen Mord bürokratisch genau verzeichten. Er- gänzt wird das Material von Dokumen- ten aus dem hessischen Staatsarchiv und Akten der Frankfurter Staatsan- waltschaft. Der erste Teil von„Strafsache 4 Ks 2/63“ schildert die Ermittlungen Die Suche der Staatsanwaltschaft und Uberlebenden des Konzentrationsla- gers nach den Tätern, die Rolle der Ju- Stiz bei der Aufarbeitung dieses Ieiles der deutschen Vergangenheit und den Beginn des Verfahrens. Der Verlauf des prozesses ist inhalt des zweiten ſeils, „das Urteil“ steht im Mittelpunkt des letzten ſeils. Die dreiteilige Dokumenta- tion entstand mit Unterstötzung des Landes Hessen und soll auch an Schu- len gezeigt werden.(Text nach eine Zeitungsartikel der Frankfurter Rund schau vom 20. November 1993.) SSUnerscharfhrer S/no Schlage vrode im Hankrie Alschife Hrozeß zsechs ahfen Achhals unq oem efust oef blrgefichen Ehfef- ochte vofUrieit Lagergemeinschaft Auschwit?- Freundeskreis der Auschwitzer 7 Gericht informierte Sich im Dezember 1964 am Tatort? Lokaltermin in Auschwitz-Birkenau Kazimierz Smolen Kazimierz Smolen, enemaliger Hãftling im Konzentrationslager Aus- chwitz und spãter jahrelang Leiter des Museums und der Gedenkstätte in Auschwitz, berichtet in seinem hier auszugsWeise abgedruckten Beitrag wie die Ermittlungsarbeit der Anklagebehörden durch die For- schungsarbeiten des Museums unterstützt und gesichert wurde. GMesonders geht er auf den Lokaltermin ein, den das Gericht bei dem Ersten Auschwitz-Prozeß im Dezember 1964 in der heutigen Gedenk- Stätte anberaumt hatte. Die Beteiligten stelten fest, daß die Vorstellun- gen, die sie sich aufgrund der AMtenlage gemacht hatten,„auch nicht annãhrend dem entsprachen, Was Sie dann selbst vor Ort gesehen hatten. Die Ubersetzung stammt von Jochen August. Bei den kursiv gesetzten Passagen handeit es sich um Zusammenfassungen. Eine der wichtigsten Aufgaben der Staaten der Antihitlerkoalition bestand darin, die Nazi-Kriegsverbrecher zU er- greiten und ihrer Bestratung zuzufüh- ren. In Verwirklichung dieses Auftrags fanden in der zweiten Hãlfte der vierzi- ger Jahre eine Reine von Prozessen Statt, von denen die wichtigsten der prozeß vor dem lnternationalen Militär- gerichtshof in Nürnberg und die zwölf prozesse vor dem Amerikanischen Mil- tärgerichtsnof ebenfalls in Nürnberg waren. 6. Zur Aburteilung der Nazi- rieqsverbrecher wurden in Polen in der ersten Zeit Sondergerichte und später der Oberste Volksgerichtshof einge- Setzt. im Ergebnis der Bemühungen der Pol- nischen Militärmission für die Untersu- chung der Kriegsverbrechen in den Be- Satzungszonen Deutschlands wurden etwa zweitausend Nazi-Kriegsverbre- cher an Polen ausgeliefert und vor Ge- richt gestellt, darunter etwa siebenhun- dert fröhere Angehörige der 88 Besatzung des Konzentrationslagers AUSchwitz. Im ersten Prozeß im Jahre 1947 in Warschau wurde der erste Komman- dant des Kl. Auschwitz Rudolf Höß ab- geur teilt. in dem zweiten prozeß in Kra- Kau standen 40 Angehörige der SS- Besatzung des Kl Auschwitz vor Ge- richt, darunter der NMachfolger von Höß als Kommandant, Artur Liebehenschel, der Chet der Politischen Abteilung der Lager-Gestapo, Maximilian Grabner, der Schutzhaftlagerführer Hans Aumei- er Sowie die Lager führerin des Frauen- lagers in Birkenau, Maria Mandel. in der gleichen Zeit standen andere trühere Angehörige der SSBesatzung des K Auschwitz, die in andere Konzen- trationslager versetzt worden waren, vor den Militärgerichten in den vier Be- Satzungs?zonen Deutschlands. 1960 wurde der letzte Kommandant des Kl. Auschwitz, Richard Baer, ver- haftet, und zur gleichen Zeit begann in Frankfurt am Main die Vorbereitung des prozesses gegen Robert Mulka und weitere 22 SS-Angehörige, der als der Erste Auschwitz-Prozeß in die Rechts- geschichte der BRD einging. in den fol- genden Jahren fanden weitere Prozes- Se gegen SS-Angehörige des Kl. Aus- chwitz statt, zuletzt in Siegen gegen den Blockführer König.— 8 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Einmal ganz abgesehen von der Fra- ge der in der BRD ausgesprochenen Ur- teile ist anzusprechen, daß die Einlei- tung der Ermittlungen und die Anbah- nung dieser Prozesse in großem Maße den internationalen Kommitees der ehemaligen KZHãäftlinge sowie der For- Schungs- und Dokumentationsarbeit der auf dem Gelände der früheren Kon- zentrationslager bestehenden Geden- kStätten zu verdanken ist. Bevor dann später Ermittlungen ge- gen SS-Angehörige aus den Nebenla- gern des Kl. Auschwitz eingeleitet wor- den Sind, ist die Geschichte der Neben- lager erforscht worden, und die For- Schungen sind als Serie in Polnisch und auch in Deutsch veröffentlicht und ver- breitet worden. Dieser Zusammenhang wurde daraus ersichtlich, daß sSich die deutschen Ermittlungsbehörden in ihren Kontakten mit polnischen Stellen auf diese Arbeiten beriefen. Eine andere Publikation der Gedenk- Stätte Auschwitz, die bei der Vorberei- tung der Beweisdokumente eine wichti- 9ge Rolle gespielt hat und ihre Bedeu- tung bis zum heutigen Tag hat, ist das von Danuta Czech verfaßte Kalendari- um der Ereignisse im Konzentrationsla- ger Auschwitz-Birkenau. Danuta Czech hat das Kalendarium auf der Grundlage der in der Gedenkstätte Auschwitz zu- Sammengetragenen Archivmaterialien Srarbeitet. Die Autoren dieser Forschungsarbei- ten sind deshalb auch mehrfach als Sachverständige zeugen in den Prozes- Ssen gehört wurden. Gestützt auf die in der Gedenkstätte Auschwitz durchge- führten Forschungsarbeiten kKann sie den Ermittlungsbehörden und Gerichten erschöpfende informationen erteilen, beider Ermittlung von Zeugen behilflich Sein, Expertisen und Gutachten anferti- gen und Archivmaterialien als Beweis- dokumente zur verfügung stellen. Die Gedenkstätte Auschwitz hat für alle diese Prozesse jeweils mehrere tausend Aufnahmen Mikrofilm herge- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 stellt und den Ermittlungsbehörden zu- gänglich gemacht. Darunter befinden Sich auch ungefähr zehntausend Be- richte ehemaliger Hättlinge und etwa eintausend Tonbandaufnahmen(fast 1500 Stunden). m Zsammenhang ces Hankurtef AlSchufProzesses ab 7062 gehtMa zimierz Smoſen näher t cen „okaſterminꝰ ein cen das Geſicht aif cem Gelanoe oes ehemaligen Monzen- trationsagefs AlschwjfaBiMenal wahrmahm. Der Gedanke, eine Ortsbesichtigung am Tatort vorzunehmen, entstand noch wãhrend der Ermittlungen der Staats- anwaltschaft. Zu den Beschuldigten gehörten SS-Angehörige vom SSMann über den Rottenführer bis zum Sturm- bannführer, vom Kommandanten über den Lagerführer bis zum SSSanitäter. Die Gruppe der Beschuldigten um- faßte in der Untersuchung die Komman- datur, die Politische Abteilung, die Ab- teiung Standortarzt mit ärztichem Dienst des Konzentrationslagers, den zahnärztichen Dienst, die Lagerapo- theke und den Abteilung Arbeitsein- Satz, die Verwaltung und auch die Tä- tigkeit der Funktionshäftlinge- Kapo und Blockãlteste Der Tätigkeitsbereich dieser Gruppen umfaßte also sachlich und territorial den ganzen Komplex des Konzentrationslagers Auschwitz. Die- Sser Tatbestand legte nahe, daß ein Lo- kaltermin notwendig Sein würde. Der erste Schritt auf dem Weg von Frankfurt am Main nach Auschwitz war ein Besuch von zwei Staatsanwälten aus Deutschland in Oswiecim. Sie sichteten Material, und von den Dok- menten wurden ungefähr fünftausend Mikrofimaufnahmen angetfertigt, die die Grundlage für das ganze Verfahren in Sachen Auschwitz darstelten. In einer Späteren Prozeßphase reiste der Frankfurter Untersuchungsrichter Dr. Heinz Düx nach Oswiencim. Nach einer genauen naugenscheinnahme des Ge- ländes und der Durchsicht der Doku- mente war er überzeugt, daß ein Lokal- termin unverzichtbar Sei. Geietragen z desef EMenmntnis 10 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer olirfte alch foſgences Eebnis haben A6 Qr Qix be Cen erbfennun9sg/ ben BGiena emmen UnScheinbafen Schiham als cem Hocen zog hatie er Olalich ein Sck eines angebranm en Menschennochen in Cen HMancden. Mach oef MWarung einige HechtsPfo- beme m nachoem die Poſnische He oerng ach cen des Mordes a Pohnſ Schen Gocen Geschuoioten fir cen oen Lokaltermin, fejes Geſeft zUgesf chert hatten afen am 73 Oezembef 7064 cie beteiiqten Sersonen WMaf- SchA ein Nachdem die Beteiligten an dem Lo- kaltermin an der ſodeswand von Block N der Ermordeten gedacht hatten, wur- de die inaugenscheinnahme des Gelän- des von Birkenau, und an den folgenden Tagen des ehemaligen Stammlagers Auschwitz durchgeführt. Der Lokalter- min Sollte es ermöglichen, Antworten auf dreißßig Fragen zu Aussagen der Zeugen und Einlassungen der Ange- klagten 2u erlangen.() Im Grunde wa- ren vor allem Entfernungen und Abstãn- de, die Frage der Einsehbarkeit und der Möglichkeit akustischer Wahrnehmurnt- gen 2U klären; dies wurde mittels Mes Sunge, fotografischen Aufnahmen und Experimenten ermittelt. Es konnten in fast allen Fãllen positive Feststellungen im Sinne der Anklage getroffen werden. 0 Die Mehrzahl der an dem Lokaltermin Beteiligten stelte fest, daß die Vorstel- lungen, die sie sich im Verlauf des fast ein Jahr dauernden Prozesses gemachi hatten, auch nicht annähernd dem ent- Sprachen, was sie in Auschwitz gese- hen haben. Sie wußten zum Beispiel nicht, daß das Stammlager so gut über- Schaubar war, und daß das Lager Bir- kenau diese enorme Ausdehnung hatte, daß jedoch zugleich bei Seiner regelmã- Bigen Bebauung so gute Bedingungen für optische Wahrnehmungen bestehen oder daß Geräusche innerhalb von Block N des Stammlagers Sowie im Be- reich des Block I und des angrenzen- den Hofes akustisch überraschend gut wahrgenommen werden können.— Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 1 Die bisher von lnstitutionen und Kom- missionen verschiedenster Art aufge- deckten und ans Tageslicht gebrachten Nazi-Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menscheit haben leider nur bei einem kleinen ſeil der Täter zu einer Bestrafung geführt. Das Entsetzliche an diesem Verbrechen ist, daß es hier nichst um Einzeltaten von aus eigener mitiative handelnden Einzeltätern geht, sondern um die Folgen einer geplante Politik.(.) Sie verloren jedes Empfinden sozia- ler Verantwortung und ethischer Pflich- ten. Der Durchbruch eines biologischen Naturalismus von lgnoranten führte zu der Wahrnehmung eines Mordes als einem rein automatischen Vorgang, dem auch die geringsten Empfindungen ei- nes Bedarfs an moralischen Kriterien abging. Rudolt Hõß hat sich in Seinen im Ge⸗ fãngnis geschriebenen Erinnerungen 2u den„Vorgängen“' in Auschwitz geäu- Bert. Die Beschreibung des Massen- mords durch Gas, die in seinem Manu- Skript nachzulesen ist, hat den Charak- ter des Berichts eines völlig unbeteilig- ten Beobachters. Nicht einmal als er vor Gericht stand, machte er sich die Mhe, sich ins Gedächtnis zu rufen, daß die „Vorgänge“, die unter seiner Führung praktisch tagtäglich im Kl. Auschwitz vor sich gingen, tausendfacher Mord waren. Das Beispiel Höß macht mit ganzer Schärfe die Verarmung von Gefühlen und moralischen Werten und die allge- mein verbreitete BewußBtseinsspaltung deutich, die es während des „Jausendjährigen Deutschen Reiches“ Sso vielen Menschen ermöglichte, dem Regime mit ruhigem Gewissen zu die- nen, und dies 2zu einer Zeit, als der ver- brecherische Charakter dieses Sy- stems bereits unzweifelhaft feststand. Der Umstand ihres Doppeldenkens, ih- res gespaltenen Bewußtseins, wurde ihnen zur Natur, ieß sie ihre eigenen „Propagandisten' sein, gab ihnen immer Recht und nahm ihnen jegliches Schul- dgefühl. Auch Eichmann hatte kein Schul- dempfinden- auf jeden der Anklage- punkte antwortete er mit„nicht Schul- dig Nach der Verlesung des Urteils in Jerusalem erklärte er, seine Hoffnung auf die Gerechtigkeit Ssei enttäuscht 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer worden.() Wenn die Gedenkstätte Auschwitz und die anderen Einrichtungen, die die Geschichte der Nazi-Verbrechen erfor- schen, Justizorgane dabei unterstüt- zen, Täter aufzuspüren, erfüllen sie damit den letzten Willen der Menschen, die durch die Hand der NaziVerbrecher gefallen Sind. Auschwitz-Prozesse: „Keine Lehren gezogen“ Symposium mit bitterer Bilanz/ Minimalkonsens? ⁰ Drei Jahrzehnte nach dem Auschwitz- Prozeß ist am Bußtag in Frankfurt eine bittere Bilanz gezogen worden. Uberein- stimmend mit den Erfahrungen der meisten Teilnehmer, die sich zu einem ganztägigen Symposium im Frankfurter Haus Gallus versammelt hatten, brachte Rechtsanwalt Heinrich Hannover seine Uberzeugung auf den Punkt,„daß die Lehren aus diesem Prozeß nicht gezogen worden sind“. Was hatte der 1. Auschwitz-Prozeß, der am 20. Dezember 1963 vom Frankfurter Landgericht eröffnet wurde, leisten sol- len? Für Fritz Bauer, damals Generalstaats- anwalt in Hessen, ohne den das Verfah- ren nicht möglich gewesen wäre, war eines klar:„Mit Rache und Vergeltung können Millionen Menschen nicht zum Leben gebracht, können die Tränen nicht gestillt werden.“ Bauer setzte auf Aufklärung, auf Ein- sichten einer breiten öffentlichkeit, die angesichts des erdrückenden Beweisma- terials erkennen sollte:„Wir hätten nein sagen sollen.“ Dem„einzigen General- staatsanwalt, der in der Rechtsgeschichte der Bundesrepublik einen relevanten Platz einnimmt“— so Richter a. D. Heinz Düx in seiner Würdigung—, kam es vor allem darauf an, den einzelnen Bürger an seine Pflicht zum Widerstand zu erin- nern. Doch im Auschwitz-Prozeß, der 20 Mo- nate dauerte, saßen lediglich Täter aus dem zweiten Glied auf der Anklagebank. Viele der Verantwortlichen— Planer, Wirtschaftsführer, Juristen, Militärs— wurden Hannovers Analyse zufolge „Schon wieder gebraucht“ Begünstigt vom Klima des Kalten Krie ges, seien etliche NS-Aktive wieder re- mobilisiert worden, aufgenommen in einer„zum Trauern unfähigen Gesell- schaft“ Folgt man Hannover und Düx, den bei- den Referenten, aber auch der Podiums- diskussion am frühen Abend, läßt sich die nicht gezogene Lehre aus dem Auschwitz-Prozeß an zahlreichen Phäno- menen in der Gesellschaft heute ablesen: von der Fremdenfeindlichkeit über Bun- deswehreinsätze in Afrika bis zur Ver- kürzung des Asylrechts. Vor solchen Fehlentwicklungen, vor einer Wiederbelebung des Nationalismus zu warnen, hatte Fritz Bauer als Haupt- aufgabe angesehen. Viel Resonanz jedoch hat er zu seiner Zeit nicht gefunden. Erst jetzt, 25 Jahre nach seinem Tod— auch das machte das Symposium deutlich—, ist damit begonnen worden, seiner Be- deutung gerecht zu werden. Maurice Goldstein vom Internationalen Auschwitz-Komitee und andere Teilneh- mer, die den Holocaust überlebt haben, beklagten, daß es„selbst nach Auschwitz“ in Deutschland keinen Minimalkonsens gäbe. In Frankreich und Italien hingegen be- stehe über politische Gegensätze hinaus Einigung, was die Verurteilung neo- faschistischer Kräfte betreffe. Goſdstein: „Was machen wir nur falsch, daß wir die- sen Konsens hier nicht zustande brin- gen?“ Lepp Sanurter Kunoschal 16 Morembe 7093 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 13 ——,——— AUSCHWTZ 4 Einladung Zum nächsten im Gemeindehaus der ev. St. Katharinengemeinde, Myliusstraße 52 (Nãhe Palmengarten) in Frankfurt am Main jeweils um 19.30 Uhr am Donnerstag, den 6. Januar am Donnerstag, den 3. Februar am Donnerstag, den 3. Mär? am Donnerstag, den 7. April, ist Afred Marchand, ehemaliger KZHãttling, 2ur Aussprache ein- geladen Mlen Mitqliedern, unseren ehrenamtlichen Mitarbei- tern und Mitarbeiterinnen, allen Freunden und Gönnern frohe Weihnachten, viel Gück und Gesundheit für ein friedliches Jahr 1994 5 ſage Gederkstätte Auschwitz Studienreise Unsere nächste Studienreise nach polen findet während der Osterferien des Landes Hessen vom 26. März bis zum 10. April Statt. Folgende Route ist geplant: Frankfurt/ Main- Zgorcelec, Gedenk- stätte Auschwitz(fünf Tage Aufent- halt), Zakopane, Gedenkstätte Majda- nek, Krakow, Zgorcelec und zurück nach Frankturt am Main. Der Gesamt- preis wurde mit 960 Mark kalkuliert. Gefahren wird mit einem modernen Reisebus. Die Studienreise ist wiederum als Bildungsurlaub anerkannt. Nãhere Informationen sind unter der ſelefonnummer O6033— 60168 zU er- fahren. Dort werden auch die Anmel- dungen notiert. 14 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Unseren Mitgliedern herzliche Geburtstagsgrüße Dezember 2.12. Maria Reiferscheid 2.12. Emil Schmidt 3.12. Dieter Hild S. 12. Erika Stückrath 9.12. Herbert Bohner-Rapp 13.12. Gisela Wagner 14. 12. Dieter Fischer 15.12. Esther Bejarano 18.12. Rosmarie See 19.12. Barbara Mynarski 22. 12. E.Ludwig Proeschold 22.12. Egon Schweiger 23.12. Afred Schulz 30.12. Claus Schwing 30.12. Abrecht Werner-Cord Januar 3.1. Susanne Gräser 3.1. Susanne Hainbach Sib Susanne Lutz 4.1. Dr. Hans Gärtner 8.1. Margarete Schoplick 9.1. Hermann Reineck 13.1. Joachim Bernecke 6.1. Kathrin GCzerannowski N. Thomas Rolle 19.1. Eroika Kremer 20.1 Ingolf Spickschen 22.1 Patricia Krosch 22.1. Michael Wahle 23.1. Birgitta Werk-Lang 24.1. Folker Behrens Februar Astrid Sauer Johanna Oberhauser Michael Wies Gila Gertz Etty Gingold Gotttried Bay Marianne von Oettingen Wolfgang Gehrke Friedrich Stichler Frank Sygusch Wolfgang Schumann Wiltried Stranz Zdzislaw Jankiewicz Hans Boss Brigitte Habig Hilde Leng Peter Meier-Röhm Ger trud Amrein Eveline Keusch Oliver Nedelmann Elke Jung Bernhard Krane Marion Beste Peter Gingold Franziska Hinz Horst Jacke Thomas Fürst Dr. Mlrich Waldschmict Horst Kõnnecke Renate Wanie Armin Claus Boleslaw Stefanski Barbara Fleming Edda Hertel Dr. Sie qmund Kalinski . Brigitte Stark Michael Wagner Hortense Habermann Dr. Michael Schulte Claudia Wiederholt Annemarie Diefenbach Rainer Strobelt Daniel Hoffmann BRalf Neubert Peter Seib Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 Ruth Küger weiter leben. Eine Mgend (Walstein Verlag, Gõttingen 1992) eiter leben. Eine Jugend' ist ein Buch von und über eine Frau, die 1931 als ſochter einer emanzipierten jüdischen Familie in Wien geboren wurde, mit 12 Jahren Hãttling im sog. Familienlager in Auschwitz Birkenau War, die 1945 mit ihrer Mutter bei der Evakuierung' eines Außenagers von Groß-Rosen, Christianstadt floh und 1947 in die USA auswanderte. Heute lebt Ruth Klüger als Literaturwissenschattlerin in Kalfornien. Zentrales Thema ihres Buches ist die Erinnerung und das Erinnern. Erinnerungen an Menschen, Orte, Erlebnisse, Gefühle Erinnern und weiter leben. Weiter leben, dh. auch leben mit dem Zorn auf den Vater, von dem sie sich verlassen und im Stich gelassen fühltle), weil er sie nicht mitnahm, weg aus Wien; der in Auschwitz ermordet wurde und an dessen ſod es keine Erinnerung gibt. Es ist weiter leben mit der Diskrepanz“ der Aftekte; mit Erinnerungen, die nicht zusammen passen. Weiter leben mit dem Wissen,'sie ſdie Ermordetenl Starben nicht für uns, und wir, weiß Gott, ſebern nicht für sie“ Es gibt keinen Sinn' in der Vernichtung. Nicht ablassen wollen von den Erinnerungen kein neues Leben anfangen, Sondern das eigene weiter leben. Die Erzählerin will sich ihre Erinnerung nicht nehmen lassen nicht von der vier eicht gutmeinenden aber Uberheblichen und unertr ãglichen Tante in Amerika, nicht vom Psychiater, der doch ein Freund ihres Vaters gewesen Sein Soll, nicht vom eigenen Mann, der ihr erzählt, daß es kKalt gewesen Sei in Deutschland im Winter 44/ 45 und auch nicht von der Mutter, die sich ihre Erinnerungen aussucht. Erinnerung ist Beschwörung, und wirksame Beschwörung ist Hexerei. Ich bin ja nicht gläubig aber abergläubisch. lch Sag manchrmal als Scherz, doch er stimmt, daß ich nicht an Gott glaub, aber an Gespenster schon.“ Wien- Theresienstadt Auschwitz Birkenau-Christianstadt(Groß-Rosen)- Flucht- Bayern- New Vork Sind Orte und Abschritte im Leben von Ruth Küger und Erzählstationen in ihrem Buch. Was sie beschreibt sind wie sie es nennt- Zeitschaften. Orte in der Zeit, die nicht mehr ist.“ Die Distanz aufzuheben ist inr weder mõglich noch von ihr gewollt. Erzählt wird nicht im engen Sinne chronologisch, obwohl die Kapiteüberschrif- ten es nahe legen könnten. Die Erinnerung ist nie reine Erzäãhlung, Sondern immer auch Dialog implizit und explzit. Gegenwärtig sind die Gespenster lcie ſotenl und die, denen sie erzählt, die Deutschen die ignoranten, gutmeinenden, betroffenen, ahnungslosen, besserwisserischen, gutinformierten, ungãubigen Deutschen. Die widmung: den Gõttinger Freunden ein deutsches Buch. Es geht nicht in erster Linie um die Abfolge von Geschehnissen, sondern um Erinnerung und Auseinandersetzung. Das Buch macht nicht stumm Nor Ehrfurcht oder Entsetzen-, sondern fordert zum Widerspruch EB. wenn es um den Erhalt der Lager als Gedenkstãtten geht) heraus, der immer schon im ſext von der Auto- rin mitformuliert ist. Liebe Leserin, Bücher wie dieses werden in Rezensionen oft erschütternd' genannt. Der Ausdruck bietet, ja, er biedert sich an. Ein Rezensent, der Sso über meine Erinnerungen schreibt, hat nicht bis hierher gelesen“(S. 199) Ruth Kügers Buch'weiter leben. Eine Jugend' ist ein erschtternoes Buch. Es erschüttert Vorurteie, Meinungen, Wissen. Es macht neugierig, ratos, unglãubig, wötend, betroffen. Es Stellt Fragen und stelit in Frage. Es ist ein Buch das hoffentlich nicht nur gelobt, sondern auch gelesen wird. Nadija Kuhl 16 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Felix Pollak: Zum Gedenken an Lotte, Ernst und Fritz Strass A Matter of History- Geschichtsstoff Es ist alles vorbei und vergangen, die Schreie zum Schweigen gebracht, das Blut erstart in der Erde. Die Schreie in Luft aufgelöst, das Blut vom Gras aufgesogen, verwandelt in den Saft junger Bäume. Die Folterer wieder, was Sie früher gewesen waren-Hotelchefs, Angestellte, ingenieure, die Familien und Haustiere groBziehn, Freistilringen auf Fernsehschirmen schaun, mit nur noch einer Schwachen Erinnerung an einer vagen 0 Sehnsucht nach Mraft ohrch Hee wo Simn oie Zojten/ Die Folter-* instrumente zu Museumsstücken gereift, Exponate A, B, C, neben dem Nickelodeon und der Ausrütstung, die zur peinlichen Befragung von Hexen benutzt wurde. Dachau, Buchenwald, Auschwitz, Theresienstadt Ortsnamen wieder, Stãdte, Zughaltestellen. Hotels, um zwischen Zügen die Nacht zu verbringen. Zum Schweigen gebracht die Schreie, erstarrt das Blut, die Asche von Winden zerstreut. Die Massengräber ũberwachsen, die Akten geschlossen, die Entschädigungen bezahit. Nur die Knochen immer noch wirklich in den Gräbern, allein die auf Vorderarme tãtowierten Nummern, die in San Francisco, Brüssel, Shanghai überleben, einzig die Erinnerungen an Exkremente und Schweiß, an Peitschen und Kreuzigungen und das Heulen von ſerror und Tod, an Schläuche, an platzende Gedärme, an Schornsteinfeuer und den Geruch nach bren- nendem Fleisch und Haar, an Hundegebell, die Schüsse von Stimmen und knackenden Knochen und jãhem Schwei- gen immer noch wirklich begraben in Schädeln über den Erdball zer- Streut, nur die Narben auf verschleppten Seelen, die Stumm in private Nãchte hineinbluten auf der ganzen — Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer W Erde, graue Schlieren über den Augen bei lag schwach, Sschwächer werdend und rar, Fledermãuse, die durch Tagträume flattern auf ihrem weg in die Schrunden grauen Vergessens. Verstreut von Winden über Meere die Asche von Auschwitz, von Bäumen hängende Zapfen aus Eis die ſodesschreie von Belsen Schmelzend in ein neues Jetzt. Gesunken unter die Blumen die Leichen festgefroren im Boden barfuß beim Stillgestanden, ihr letztes Stõhnen an Touristen gerichtet, jetzt Ansichten nebenbei für Reisende, die die schöne Kunst des Schauderns zu lernen gedenken. Bitte nicht rauchen, aus Achtung vor den Märtyrern- ein geringes doch symbolisches Opfer. Den Rasen nicht betreten, man könnte auf Gräbern spazieren. Das Berühren der Folterinstrumente streng verboten, die Schilder beachten, Damen und Herren, und enthalten Sie sich freundlichst lauten Gelãchters, da es die würde des Ortes verletzen mõchte. Hier entlang zu den Gaskammern, bitte Schön.-Alles vorbei und vergangen. Die Gemordeten tot, das Blut der roten Schlagzeilen erstarrt in Archiven, die Autoren, die Mörder, vergessen- haben und sind. MWe gehts? Man lebt. Und ein Kind, Schon, das aus der Schule nach Haus kommt und fragt, Dacoh wef waf KMer? (aus: Felix Pollak, Vom Nutzen des Zweifels, Gedichte, Fischer Taschenbuch 1989) Warum und zu welchem Ende? Wie Jugendliche Auschwitz erleben. von Klaus Konrad-Fomsdorf Gedenkstättenarbeit benötigt Konzeptionen. So unbestritten diese Erkenntnis im Kreise der Fachöffentlichkeit auch ist, So sehr mangeſt es an diskutierbaren Entwür fen. Ein nur scheinbarer Widerspruch- denke ich- denn ein Blick auf die derzeit aktuellen Diskussionstableaus zeigt, daß in diesem Themenfeld eine geradezu hektisch zu nennende Aktivität entfaltet wird: Seitdem latenter Rechts- extremismus 2u manifestem Neo-Faschismus zu mutieren scheint, nimmt Betrof- fenheit zu. Es ist allerdings und das vermerke ich mit Enttãuschung und Interesse gleichermaßen- die Betroffenheit Erwachsener. Mit lnteresse vermerke ich es de Shalb, da sich die Erkenntis herzustellen scheint, daß der verbale Antifaschimus der vergangenen Jahre nicht gleichbedeutend mit Auf-arbeitung' nationalsoziali- Stischer Vergangenheit ist. Meine Enttäuschung allerdings findet ihren Grund in der Tatsache, daß Erwachsene(S..) nicht nur bloß eigene Versäumnisse zum Gegen- Stand der Debatte machen, sondern auch offenkundig damit bereits zufrieden sind, daß sie dies tun. Aſerhalb des Blickfeldes iegen anscheinend diejenigen, denen— so ist zu hõren und zu lesen- doch das eigentliche Interesse der Diskussion gilt, die Jugend- ichen nämlich: merkwürdig dürftig ist hier der Berichtsstand, mehr als auffällig, daß dieser Mangel kaum vermerkt wird.— 18 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Seit 1989 nehmen Schülerinnen und Schüler aus dem Landkreis Gießen an Gedenkstättenseminaren im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz teil. Diese Seminare werden gemeinsam vom Kreisschilerrat und dem Mugend-bidungswerk des Kreises durchgeführt. Für die Finanzierung stehen entsprechend Haushalts- mittel bereit. Die diesen Seminaren zugrundeliegende Konzeption von Gedenkstät- tenarbeit geht unter andem von der Prãmisse aus, daß Zielgruppe dieser Semina- re solche Jugendliche sind, deren Inwertsetzung von Faschismus /Nationalsozia- ismus noch diffus, noch nicht gefestigt ist. Zielprofil ist unter andem, zu erreichen, daß durch die Erfahrungen, die in Vorbereitung und Durchführung eines solchen Gedenkstättenseminars gewonnen werden, Inwertsetzungen erfolgen und Partei- nahme möglich wird. Ohne weiteren Kommentar mõchte ich Teile einer Diskussion dokumentieren, die am 22. Mai 1992 zum Abschluß eines Gedenkstättenseminars in Auschwitz von den Teilnehmerinnen und ſeilnehmern geführt wurde: Eingangsfrage war, ob die Teilnehmenden ihre Kinder nach Auschwitz schicken würden: AUSCHWTZSEMNAR 1992 PROTOKOlL DES ABSCHUSSPlENUMS Norbert: würdet lhr Eure Kinder nach Auschwitz schicken? Lars: ja, aber erst dann, wenn die Kinder reit dafür sind wenn sie etwas, nein, wenn sie viel über Auschwitz wissen. Die Kinder aus Polen, die ich im Lager gesehen habe, die waren noch zu Klein. Auschwitz darf nicht mehr passieren, de Shalb muß man hierher kommen. Thorsten ja, würde ich, denn ich hab's gebraucht, hiergewesen zu sein, ich wollte mich überzeugen; ich denke, man muß hiergewesen sein, um Auschwitz zu verste hen. Kinder sollten allerdings freiwillig hierherkommen, schicken im Sinne von Zwingen würde ich sie nicht. Kathi wenn Auschwitz in 20 Jahren noch so ist, wie es heute ist, dann auf jeden Fall. Kinder sollen mit Gleichaltrigen hier Sein, nicht mit Eltern. Meine Eltern hätten mich hier gestört, sie hätten bestimmt anders reagiert als ich, Gleichaltrige reagie ren ãhnlicher, deswegen ist das besser. Lars: ja, auf jeden Fall ohne Eſtern, die sind so prãgend und verhindern, daß ich mir eine eigene Meinung bilde. Katharina: ohne große Vorbereitung, Sso wie wir sie gemacht haben, würde ich Kinder nicht hierher Sschicken. lch glaube, die Hamburger Schulklasse war das Beispiel dafür, daß das auch schief gehen kann. Für mich war die Woche hier schwer, das Beschäftigen mit Auschwitz war hart, aber es war notwendig. Maria: die Freiwilliqkeit ist absolut wichtig, Schicken würde ich Kinder nicht. Nicole: auf keinen Fall unvorbereitet nach Auschwitz fahren lassen- die Kinder, hierher fahren Sollen sie schon, das ist eine ganz wichtige Erfahrung. Susanre: ich mõchte meine Kinder für Auschwitz interessieren, ich würde darauf war ten, daß sie sich dafür entscheiden, hierher zu kommen. Eine eigene Entschei- Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 19 stert). ch habe Angst davor, daß sich meine Kinder nicht für Auschwitz interessieren. Andi: das Angebot nach Auschwitz zu fahren, muß man kKindern machen, gut vorbereitet müssen sie sein und mit Gleichaltrigen sollen sie fahren. Auch in der Zukunft muß einem neuen Auschwitz vorgebeugt werden. ſobi ich würde meine Kinder hierher fahren lassen, es muß aber so ablaufen, wie das bei uns abgelaufen ist: wir haben Erfahrungen miteinander geteilt, und das verbindet uns vielleicht. Die Kinder müssen sich Selber entscheiden, es ist wichtig, daß sie hierher fahren, Auschwitz darf nicht wieder passieren. Die Erfahrungen mit unserer Gruppe, das waren besondere Erfahrungen, die nicht vergleichbar mit Klassenfahrten' sind. Wir haben uns gegenseitig geholfen, uns unterstützt und Persõnliches miteinander geteitt. Bina: man muß Auschwitz Ssehen, um zu verstehen, daß man nichts verstehen kann ich habe erwartet, daß das emotionale Erlebnis an meiner Meinung über Aus- chwitz nichts ändern würde. Das stimmt nicht, ich habe mich ausschließlich auf mich orientiert, das Thema blieb im Hintergrund. Oli ja, die Kinder sollen wollen, ich frage mich allerdings, was sich durch einen Aufenthalt hier an der Beziehung zwischen Tätern und Opfern ãndert? Tina: ich weiß es nicht: ich wünsche jedem eine solche Woche, denn die zeitiche Distanz zu Auschwitz bewirkt ja auch eine emotionale Distanz. Eine solche Woche würde helfen, diese Distanz zu verringern. 5 20 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer icci ich würde die Kinder gerne hierher kommen lassen aber ich fürchte, daß Sich in 20 Jahren niemand mehr dafür interessiert. Stetti ich möchte gerne mit meinen Kindern über Auschwitz reden, meine Eltern Sind erst durch unsere Vorbereitung diskussionsbereit geworden. Lars: bei unserer Vorbereitung fand ich die informativen Dinge schon notwendig, aber das Gesprãch mit Hermann Reineck war das wichtigste. Katharina: ich finde, die Erzienung von Kindern muß Auschwitz als Ziel haben, gelingt mir das nicht, dann habe ich versagt. Bina: ich habe da Bederken, weil die BeeinfluBbarkeit von Kindern groß ist, da ann einiges schief gehen. Erziehung ist für mich ein Experiment, da hat man gleichzeitig Angst und Freude. Kathi viele Leute erziehen an einem kKind rum, da werden möglicherweise Dinge vermischt und unklar, aber: Auschwitz dart nicht untergehen und trotdem muß man vorsichtig sein, man kann nicht die Einstelungen und Meinungen einer anderen Generation vorprãgen wollen. Lars: ich glaube, daß Auschwitz ständig neu definiert werden muß— in Seiner Bedeutung für uns.„ Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 21 Katharina: aber die Grundsteine hierzu müssen von dir und von mir bei Erziehen unserer Kinder gelegt werden, wenn nicht, dann war unsere Fahrt umsonst. Jobi: ich fãnde es schade, wenn unsere Gruppe sich verlöre, die Gruppe hat mir hier Sehr geholfen. Norbert während des Vorbereitungsseminars gab es harsche Kritit von Tina am NichtVorhandensein von Gruppenzusammenhängen. Tina: aber wir Sind hier zu einer Gruppe geworden. ſch konnte mich fallen lassen und mußte keine Angst dabei haben. * Norbert: wir(die ſeamer und die ſeamerin) haben das unterschiedlich dis-kutiert, Klaus war der Meinung, daß die Gruppe als Gruppe nur in Auschwitz enstehen kann(wenn öberhaupt). Nadja und ich waren der Meinung, daß zu Beginn der Vorbereitung mehr dazu getan werden muß, daß eine Gruppe entsteht. Kathi: Bina, warum sind wir hier alle so nett zueinander? Wir hätten das doch vorher auch schon sein können, nur gab es ja keine Notwendigkeit dafür. Das ist, als ob vorher das Nachher fehlt. Tobi: lieber ist mir eine richtige Gruppe, keine vorgetäuschte- Tricks bringen da nichts. Katharina: jetzt finde ich es geradezu gut, daß wir während der Vorbereitung keine Gruppe geworden sind. Das hätte hier in Auschwitz vielleicht Sehr unbefriedi- gend werden können. Lars: einen Zwang, ein Gruppengefühl herzustellen, finde ich nicht gut. Andi: So, wie es gelaufen ist(mit dem Gruppengefühl), war es gut. ch meine, daß das an dem außergewöhnlichen Anlaß gelegen hat, alles andere hätte eben nur Schulklassenatmosphäre gehabt. Unser Anfang war nervig, aber am Ende war's gut So, wie es war. 5 Tobi: war das bei den Hamburgernꝰ anders? Andi: bei uns war es verpflichtender. Tina: daß das mit der Gruppe geklappt hat, war aber nicht zwangsläufig. Die Vorbereitung kann durchaus optimiert werden: Intoleranz hat zu Auschwitz geführt und ich habe in der Gruppe hier anfangs jede ſoleranz vermisst, also nur Intoleranz gespürt. Bina: mir hat ebenfalls Toleranz gefehlt, die Gruppenatmosphäre hat mich gestört, belästigt und belastet. Sie hat mir die Entscheidung zum Fahren schwer gemacht. Du paßt da nicht rein hab' ich mir gesagt, du kannst in dieser Woche ganz schön baden gehen. Maria: ich habe mich am Anfang von allen zurückgezogen und habe trotzdem ſoleranz erfahren, obwohl ich die Gruppe nicht geteilt habe das ist ein schönes 22 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Gefühl. Susanne: ich konnte meine jeweiligen Bedürfnisse immer verwirklichen es sind gemeinsame Erlebnisse, die eine Gruppe zu einer Gruppe machen. kKatharina: jede(r) war für mich da(zu NMcole) ich war bei niemandem unsicher. Jobi ich habe Akzeptanz gelernt, Personen zu akzeptieren wie Sie Sind. ( die Bemerkungen zu der Hamburger Schulklasse bezogen sich auf eine Gruppe Gieichaltriger, die im Rahmen einer Polenrundreise für drei Tage in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte abstieg und an zwei Vormittagen- erkennbar unmotiviert- Erhaltungsarbeiten im Stammlager durchführte. Im Gegensatz zu den Diskutierenden, 6 die sieben Tage im Stammlager arbeiteten, gaben die Hamburger“ ihre Distanz zu dem Ort nicht aut, Schotteten sich sogar regelrecht von ihm ab. Aus Gesprächen mit ihnen war zu erfahren, daß sie keine spezielle Vorbereitung auf diese Reise gemacht hatten und die touristischen Aspekte Uberwogen. Es diskutierten: Tobi(17), Ricci(15), Tnorsten(15), Kathi(15), Maria(15), Ni- cole(15), Stefti(15), Ka- tharina(15), Susanne (14) Schölerinnen und Schüler an Gesamtschu- len des Landkreises Gie- Ben(8. 9. und 10. Klas- se), Oli(20): Zivildienst- leistender, Tina(19) Schölerin einer Oberstu- fenschule im Landkreis Gießen, kurz vor dem Abitur, Bina(19) Schüle- rin einer Gießener Ober- stufenschule. Norbert Schmidt, Jugen- dbildungswerk des Landkreises Gießen Dr. Klaus Konrad-Troms- dorf, Lehrer Nadia Kuhl, Studiert Poli- tiwissenschaft und Germanistik. Alle betreuen seit 1989 die Gedernkstättensemi- nare in Auschwitz. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 Winfried Bonengels umstrittener Dokumentrarfilm„Beruf Neonazi' Im letzten Jahr sorgte der Dokumen- tarfilm Stau— jetzt gehts los von Thomas Heise für Unruhe mit Szenen, in denen ein ostdeutscher Skinhead zu se hen war, der mit vorgebundenem Kü- chenhandtuch zwischen Herd und Tisch hantiert und einen Marmorkuchen zu- sammenrührte. Verharmlost ein Film die Rechten, wenn er sie bei Tätigkeiten zeigt, die allgemein als harmlos gelten? Der Dokumentarfilm Beruf Neonazi von Winfried Bonengel und sein Skandal sind von anderem Kaliber. Von anderem Kali- ber ist auch sein Protagonist. Ewald Alt- hans, 27 Jahre alt, von München aus in- ternational agierender orthodoxer Natio- nalsozialist, baut sich als Adolf Hitler yuppieartig verkleideter Wiedergänger auf. Von seinen Interessen auf die Inten- tion des Films schließend, nannte der Spiegel diesen in seiner jüngsten Ausgs- be schnurstracks und polemisch kurz ge- dacht einen Nazi-„Propagandafilm“. Auch deshalb, weil der Regisseur den Nazi über Gott und Diktatur und Auschwitz- Lüge ohne eigenen Gegenkommentar in die Kamera reden lassen. Das Problem des Films liegt aber nicht auf der Tonspur. Der Regisseur ist mit Athans' selbstinszenierter Fotogenität nicht fertig geworden. Bilder über Bilder, Finstellung um Einstellung, schräg von oben, schräg von unten, intim nah, hel- disch fern, die Bedeutungsschmuggel be- treiben. Die Kamera folgt Athans, wenn er mit zeltförmig bauschendem langem schwarzem Mantel durch München schreitet, als ginge da ein besonders blon- der Graf Dracula zur Arbeit. Und sie beugt sich über ihn, wenn er bei dem Neonazi Ernst Zündel in dessen Agitations-Dependance in Kanada am Tisch sitzt, als sei Althans der ver- Schmitzte Zögling eines Alchimisten. Das Nerven-(und wohl auch Skandal-zen- trum des Films ist Althans Besuch in Auschwitz. Er produziert sich in den ehe- maligen Gaskammern lauthals als Provo- kateur: Wie man sähe, sei hier kein Mensch umgekommen, oder könne ihm jemand Vorrichtungen zum Abziehen des Gases zeigen? Besucher, darunter wohl eine Schulklasse, stehen um Athans her- um. Vor Sprachlosigkeit gelähmte Ge- sichter. Althans agiert offensichtlich für die Kamera, aber auch gegen diese Mauer des Schweigens, die seine Unge- heuerlichkeit re-flektiert. Er wiederholt, sein Auftritt entleert sich. Er ist kein John Irving. Es geht nicht darum, ob der Regisseur Bonengel dieses Szenen zeigen„darf“ oder nicht. Sondern darum, daß er sich ihre dramaturgische Auflösung komplett von seinem Protagonisten diktieren ließ, in Richtung Spielfilm. Bonengel folgt Alt- hans aus den Gaskammern ins Freie. Er zeigt ihn in der Konfrontation mit einem Amerikaner. Er läßt den Amerikaner ab- ziehen. Althans ist nun der Held der Sze- ne und füllt sie mit freier Improvisation. Er verscheucht ein paar Fliegen, sagt et- was von Ungeziefer und Vernichten. Boengel ist nicht in der Lage, den not- wendigen Schnittmoment zu bestimmen und macht stattdessen etwas Fürchterli- ches. Er zeigt Athans von hinten, wie er sich mit gerader Achse von der Kamera weg zum Ausgang bewegt. Wie ein Cow poy, der den Staub abschüttelt oder ein Gladiator, der die Arens verläßt. Als hät- te der Regisseur Winfried Bonengel kei- ne Ahnung von der Mythisierbarkeit von Bildern. Als wäre das Tor von Auschwitz ein Atopos im ungewissen Horizont. Ursula Merz in ihrem Artikel zu der Duisburger Filmwoche mit dem Orginal- titel„Krisenhafte Zeiten, lebhafte Zeit- en in Frankturter Rundschau, 19. I. 93 24 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Gerhard Zwerenz über Fritz Bauer Der Seltsame Generalstaatsanwalt Mehrfach berichtete die FR über den vormaligen hessischen Generalstaatsan- walt Fritz Bauer, der dieses Jahr 90 Jahr alt gSwödS Wäre(FR vom 16./17. No- vember). Bauers Wort, wenn er sein Büro verlasse, fühle er sich wie im feindlichen Ausland, das Helga Einsele überliefert, kann ich bezeugen. Heute könnte dieser Mann sich in der Stadt nur in Begleitung mehrerer Bodyguards bewegen. Damals trafen wir uns oft nach der Vorstellung an der Theke des Maininger Kabaretts, FR-Redakteur Karl-Hermann Flach war dabei, der spätere FDP-Gene- ralsekretär. Wir erfuhren von Bauers Bemühungen um die Ergreifung Eich- manns. Nicht zu vergessen ist, wer alles gegen Bauers Auschwitz-Prozeß von 1963 agierte, das reichte von der SPD bis zu großen Zeitungen. In dem einen Leit- artikel war zu lesen, die Zeit der Ent- nazifizierung sei längst abgelaufen, in dem andern stand geschrieben, die Deut- schen wollten nicht ewig am Pranger stehen. ngea o m AschwitzProzeß ſinks S6Hottenflihrer Hef Bfoach Uber dies und Bauer selbst schrieb ich damals in mehreren Büchern. 1972 zitier- te ich in„Bericht aus dem Landesinne- ren“ eine Anzahl„seiner letzten Außerun- gen“. Die letzten Sätze lauten:„Was glau- ben Sie, kann aus diesem Lande werden? Meinen Sie, es ist noch zu retten?.. Neh- men Sie die ersten Jahre! Keine Wehr- macht! Keine Politik der Stärke! Nun be) trachten Sie mal die jetzige Politik. W Legen Sie meinetwegen ein Lineal an. Wohin zeigt es? Nach rechts! Was kann da in der Verlängerung herauskommen? Höchstens eine negative Utopie! Zum Glück sind wir alt. Wir werden das nicht mehr miterleben.“ Das Bauer-Kapitel überschrieb ich mit dem Titel„Der seltsame Generalstaats- anwalt“. Heute wäre der Mann nicht mehr nur seltsam, sondern undenkbar. Für einen liberalen Juristen, Reformer des Strafvollzugs und unbeugbaren Anti- faschisten wie Fritz Bauer wäre kein Platz in diesem Lande. Gerhard Zwerenz, Schmitten Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 25 — Hermann Reineck(rechts) hat Auschwitz überlebt. Auf dem Hessentag er- zählte der Präsident der Lagergemeinschaft Auschwitz den Schülern der Dietrich-Bonhoefer-Schule aus seinem Leben. An dem Gesprãch nahm auch Kultusminister Hartmut Holkapfel A von rechts) teil. Bild: Stumpp Hermann Reineck: Rechte Gewalttäter sind verführt Auschwitz-Uberlebender im Gespräch mit Schülern LICH(Aat).„Na- men sollte ich ver- raten. Der Gesta- po-Mann setzte mir eine Pistole in den Nacken. Die deutsche Sprache iercſ verfügt leider 1— 1 — nicht über die Worte, mit denen ich meine Gefühle in dieser Situation beschreiben könn- te. Der Mann drückte ab, doch ich hörte nur ein Klicken.“ Wäre in die- sem Moment eine Stecknadel zu Bo- den gefallen, es wäre unüberhörbar gewesen. Der in Gambach lebende Hermann Reineck erzählte in der Kreisvolkshochschule Lich aus sei- nem Leben. Der Sozialdemokrat hat Auschwitz überlebt. Im Rahmen des Hessentages berichtete er vor den Schülern des„Antifa-Teams“ der Dietrich-Bonhoeffer- Schule. Auch Kultusminister Hartmut Holkapfel war gekommen. Der Ssterreicher Reineck hatte in Wien im Untergrund gegen die Nazis gearbeitet. Er gehörte Zu 137 Sozial- demokraten, die in Wien verhaftet wurden. Reineck sollte seine„Kom- plizen verraten. Die Schrecken für ihn nahmen kein Ende, obwohl er es in Auschwitz nach seiner Verurtei- lung noch relativ gut traf, denn er überlebte. Nach dem Krieg ließ ihn die Vergan- genheit nicht los. Ständige Träume ſießen ihn nachts schreiend aufwa- 26 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer chen. Erst nach vielen Jahren war er in der Lage, über seine Erlebnisse zu berichten. Doch Reineck, Präsident der Lager- gemeinschaft Auschwitz, fand auch versõhnliche Worte. Die Licher Schüler, die die„braune“ Vergan- genheit ihrer Stadt aufgearbeitet ha- ben, sind ein Grund für seinen Opti- mismus. Die jungen Leute, die Ge- walt verbreiteten, hält er für verführ- te Menschen. Deshalb will er lieber den Hintermännern, die als Bieder- männer aufträten, das Handwerk le- gen. Als ungeheuerlich empfindet er, daß ein ehemaliger SS-Angehöriger in Deutschland eine Partei wie die Republikaner führen dürfe. Minister Holzapfel kennt dieses Pro- blem. Doch es sei schwierig mit Mit- teln des Rechtstaates zu reagieren, so lange nicht die ganze Partei verboten sei, betonte der Minister, der sich an- schließend gemeinsam mit Reineck die Ausstellung der Schüler anschau- [= Gjeßenef Anzeigen I A 1093 Waigel blockiert NS-Verfolgte Beratungsstelle bekommt wegen kritischer Haltung kein Geld Von unserer Korrespondentin Ferdos Forudastan BONN, 13. Oktober. Bundesfinanzmini- ster Theo Waigel(CSU) weigert sich unter anderem aus politischen Gründen, die einzige bundesweite Beratungsstelle für NSVerfolgte zu fördern und damit vor dem finanziellen Aus zu retten. Das geht aus einem Brief von Finanz-Staats- sekretär Jürgen Echternach an den FDP- Abgeordneten Wolfgang Lüder hervor. Echternach begründet die ablehnende Haltung des Ministeriums neben weite- ren Argumenten damit, daß die Bera- tungsstelle„das Wiedergutmachungs- werk der Bundesrepublik Deutschland negativ bewertet“ Der Staatssekretär bezieht sich auf einen„Beratungsleitfaden NSVerfol- gung“ des betreffenden„Bundesverban- des Information und Beratung für NS- Verfolgte“ in Köln. Im Vorwort der Bro- schüre kritisiert der renommierte Ent- schädigungsexperte und ehemalige Frankfurter Richter Heinz Düx die„Un- überschaubarkeit der Materie“ Wieder- gutmachung. Außerdem moniert er, daß viele Verfolgte bis jetzt nicht entschädigt worden seien. Die weiteren Kapitel be- leuchten unter anderem Lücken der gel- tenden Wiedergutmachungsregelungen.„ Waigel selbst lehnt die Finanzierung der Beratungsstelle in einem Brief an Bundestagsvizepräsidentin Renate Schmidt(SPD) auch mit dem Hinweis ab, es existierten bereits zahlreiche Organi- sationen, die NS-Opfer beraten. Tatsäch- lich haben gerade diese Verbände— etwa die Claims Conference oder die Ar- beitsgemeinschaft verfolgter Sozialdemo- kraten— die Finrichtung der Kölner Be- ratungsstelle vor drei Jahren betrieben. Sie sahen sich sachlich und personell nicht in der Lage, die vielen NS Verfolg- ten ausreichend zu beraten. ankurter Hundschal 7a. OUkct 93 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 27 Gisela Wölbert in der Frankfurter Rundschau vom 18. November 1993 Das lange Warten auf Entschädigqung Noch 500 000 ehemalige Zwangsarbeiter leben in Polen Ehe ich mit Zofia L. in der großen Ein- gangshalle des Woiwodschafts-Gebäudes die Treppe hochsteige, machen wir einen Moment Rast auf einer Bank. Zofia hat Mühe mit dem Gehen. Am Ende des Flurs im ersten Stock ist ein Hinweis- schild des Vereins„Polakéw Poszkodowa- nych Przez III. Rzesze Niemiecka“(„Ver- ein der durch das III. deutsche Reich ge schädigten Polen“), mit dem„P“Zeichen darüber und einem Pfeil. Wir öffnen die Glastür. Viele alte Leute stehen dicht ge- drängt im Flur und warten. Zofia schiebt sich nach vorne zu einer der beiden Tü- ren. Erklärt den mürrisch Werdenden: „Hier ist eine Frau, die aus Frankfurt kommt.“ Was für ein Grund sich vorzu- drängen! Nur ältere Leute sitzen im Büro. Uber ihnen an der Wand überdimensio- nal das„PZeichen. Ausgerechnet dieses „P' wie eine Flagge an der Wand, denke ich. Das Zeichen der Demütigung, das sie damals zu tragen hatten, das sie jeder Form von Ausbeutung und Schikane frei- gab. Noch immer ihr Erkennungszeichen. — Aber was für ein Zeichen sonst? Frau F. setzt sich zu uns an den Tisch. Der Gedanke„Ich will hier niemandem „Elf Millionen Zloty.“ Herr K. zeigt mir den Brief, den er gerade von der Fundac- ja„Polsko-Niemieckie Pojednanie“, der „Stiftung deutsch-polnische Versöhnung“, bekommen hat.„Ein Farbfernseher zum Beispiel“, sagt Herr K.,„Kostet 20 Millio- nen Zloty.“ Rentner in Polen müssen seit Januar dieses Jahres ihre Arzneimittel selbst bezahlen, erfahre ich. Herr K. übersetzt mir den Text auf dem Formu- lar:„Sehen Sie, als finanzielle Hilfe“ steht hier:„teilt Ihnen mit, daß die Kommission dieser Stiftung eine finan- zielle Hilfe als Entschädigung für 60 Mo- nate Sklavenarbeit in Höhe von wörtlich 11 Millionen 900 000 Zloty zuerkannt hat.“ Als Herr K., 20 Jahre alt, aus der Zwangsarbeit in Deutschland zurück- kKehrte, attestierte man ihm eine weit fortgeschrittene Tuberkulose. Die schwe- ren Operationen hat er überlebt. Mehrere Klinikaufenthalte kamen später hinzu. Die ersten Lebensjahre seines Sohnes hat er kaum miterleben können. Herr K. muß immer Medikamente und seine EKG-Berichte bei sich tragen.„Daß ich seit dem 20. Lebensjahr Invalide bin“, sagt er,„spielt keine Rolle.“ Herrn K's Stimme ist lauter, sein Gesicht bleich ge- worden. 28 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Zeit stehlen“ hat mich erfaßt. Frau FK. er- läutert, daß sie alle Leute aus dem Bezirk registrieren, die während des Dritten Reichs Zwangsarbeit für die Deutschen verrichten mußten. Sie prüfen die Doku- mente, bestätigen sie und schicken sie nach Warschau an die Stiftung„Deutsch- Polnische Versöhnung“ Die Bearbeitung dort dauert zur Zeit etwa fünf Monate. Erst danach können die Leute mit einem Bescheid darüber rechnen, ob und wieviel Geld sie— nun, nach 48 Jahren— aus der Summe der 500 Millionen Mark er- halten, die die deutsche Bundesregierung 1992 erstmals als eine Art Entschädigung bereitgestellt hat. Alein in dem ehemali- gen„Gau Wartheland“ dem 1939 von den Deutschen„eingegliederten Ostgebiet“, leben heute noch rund 370 000 dieser Menschen. Viele haben keinerlei Doku- mente mehr. „Unser Ziel ist eine wirkliche Entschä- digung“ sagt Herr J.„Von den großen deutschen Konzernen, an die wir uns wandten, haben leider nur sehr wenige geantwortet. Das ist ein langer Weg, und bis etwas geschieht, wird von uns nur noch die Hälfte am Leben sein.“ 13 Mil- lionen NS geschädigte Polen gab es 1946. Heute sind es noch etwa 500 000. „Wenn es keine Dokumente mehr gibt“, berichtet Frau E.„müssen Zeugen gefun- den werden. Viele schreiben an den Inter- nationalen Suchdienst in Arolsen, an die deutschen Gemeinden, Kreise, Stadt- archive, an alle möglichen Organisatio- nen. Die Menschen müssen auf irgend eine Weise belegen, daß sie dort als Zwangsarbeiter beschäftigt waren.“ „Manchmal passiert folgendes“, berichtet Herr J.„Man bearbeitet die Dokumente einer Person, die beispielsweise 80 Jahre alt ist. Dann stirbt sie. Und am nächsten Tag wird ihr das Geld zuerkannt.“ „Die älteren Leute gehen dem Briefträ- ger entgegen. Sie warten immer auf das Geld“ fügt Frau F. hinzu.„Sie sagen, das ist keine Entschädigung, das kann einen nicht zufriedenstellen. Das ist Bettelgeld. Aber psychisch geht es ihnen so, daß sie dankbar sind, daß überhaupt jemand an sie gedacht hat und mit dem bißchen Geld etwas hilft. Sie denken immer dar- an, auch auf dem Sterbebett: ich bekom- me noch die Entschädigung. Ich habe das verdient. Aus den Krankenhäusern kom- men Anrufe. Ein Arzt, eine Kranken- schwester fragen nach, ob die Bestäti- gung schon gekommen ist, ob der Patient oder die Patientin auf irgend etwas war- ten kann.“„Außer unseren eigenen Erleb- nissen“, so Herr J.,„werden wir hier kon- frontiert mit den Erlebnissen der ande- ren, deren Anträge wir bearbeiten und mit denen wir sprechen. Hier sind zwei- mal Leute gestorben, an dieser Tür— Herzinfarkt.“ Was schreiben die Zeitungen in Deutschland dazu? werde ich gefragt. Herr J. erzählt von einem guten Beispiel aus Deutschland: Eine Gruppe von 25 Schülern aus Werder bei Bremen sei bei ihnen im Büro gewesen. Sie hätten sich für Polen interessiert und Kontakt zu ehemaligen Zwangsarbeitern aufgenom- men.„Obwohl die Jugendlichen erst 17 Jahre alt waren“, sagt Herr J.„haben sie uns mit großer Aufmerksamkeit zuge- hört. Sie hatten Mitgefühl. Und sie haben die Informationen, die sie in Deutschland bekamen, verglichen mit dem, was sie hier gehört haben.“ Zofia L., heute 68jährig, gibt Deutsch- unterricht. Von der Rente allein kann in Polen niemand leben. Nach dem Krieg wurde sie Lehrerin. Erst Jahre später je- doch hat sie sich darauf eingelassen, auch Deutsch zu unterrichten, obwohl sie sich 1945, als sie erfuhr, daß ihr Vater im Polizeigefängnis Zabikowo umgebracht worden war, geschworen hatte, nie mehr deutsch zu sprechen.„Weißt du“, sagt sie zu mir,„es ist für uns sehr anstrengend, diese Sprache wieder zu sprechen. Es ist wie ein feines Klirren“ Die Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwit- zer unterstützt seit Jahren regelmäßig ehemalige Hättlinge der deutschen Konzentrationslager finanziell und auch mit Sachspenden. Um diese Aktion weiterzuführen, bitten wir um Spenden auf unser Hiltskonto bei der Sparkasse Wetterau; es hat die Nummer 51 664 608. Es werden Spendenquittungen zugesandt. Vielen Dank. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 29 Fahrt zu den Gedenkstätten Auschwitz und Majdanek Studienreise nach Polen Die Bildungs- und Studienreise 1994 der Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis führt wieder nach Polen. Abfahrtstag ist der 26. März, die Rückkunft erfolgt am 10. April 1994. Die Reisen zu den Stätten der Vernichtung während der NS-Zeit sind heute wichtiger denn je zuvor. Sie Sollen uns zeigen, wohin Rassismus und Menschen- verachtung führt. Sie Sollen dazu beitragen, dagegen anzukämpfen. Dabei sind aber auch die Kontakte und Gespräche mit noch lebenden Hãftingen wichtig. Die Reiseroute führt von Frankfurt am Main nach Zgorzelec an der deutsch- polnischne Grenze. Am nächsten Tag geht es weiter nach Oswiecim und zur Gedenkstätte Auschwitz. Nach einigen ſagen ist Zakopane das nächste Reise- ziel. Von dort führt die Route über die Gedenkstätte Majdanek zurück Richtung Westen nach Krakow. Uber Zgorzelc führt der Röckweg wieder ins hessische Frankfurt. 7% Deutacu Qnd 2corzetec S Muez Pocx . ECecue„ en 0 , ½ 0. 3 5 Sloracer, ½ 5 Unterkunft und Verpflegung: Wohnen werden wir in einfachen Hotels oder auch privat bei ehemaligen Häftlingen und deren Familen. Führungen und Eintrittsgelder Sind im Preis mitenthalten. Die Teinehmerzahl beträgt maximal 25 Personen. Der Gesamtpreis wird voraussichtlich bei 970 Mark iegen. Anmeldeschluß ist der 5. März 1994. lnteressenten bitten wir um baldige Vor- oder Anmeldung. Jeder Teinehmer benötigt einen, bei Antritt der Reise noch mindestens 6 Monate göltigen Reisepaß. Nach erfolgter Anmeldung erhalten Sie weitere Informationen über die Reiseroute und das Programm. Die Studienfahrt ist für Arbeitnehmer als Bidungsurlaub und für Lehrer als Lehrerfortbildungsreise anerkannt. Anmeldungen sind zu richten an Lagerge- meinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer, Schillerstraße 18, 35516 Münzenberg 1, ſelefon O6033 60168. Konto für Studienreisen: Spar- kasse Wetterau BlZ 518 500 79) Konto-Nr. O 020 000 660. Eventuelle Anderungen vorbehalten. 30 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Der Fal Maunz- Verfassungsrechtler berät Verfassungsfeinde viele Jahre lang hat der prominente Staatsrechts lehrer Professor Theodor Maun? den Vorsitenden der rechtsextremen Deutschen volksunion(¶VWU) regel mãßig juristisch beraten. Obendrein hat er Artikel für die National Zeitung“ verfaßt, die anonym erschie nen sind. Und es gab eine Montagsrunde“ All wõchentlich kam Maun? 7u Gerhard Frey in den Verlag zu vertraulichen Gesprã- chen. Beförderung von Wahlkampfma- terial durch die Deutche Bundes post und beguuchete auch die Satung der verfassungsfeindlt chen Partei. Maum, 1901 geboren, galt ab einer der wichtigsten Verfas sungsrechtler in der Bundesrepu- blik. Game Juristengenerationen sind von ihm geprägt worden. Sein Kommentar zum 6rund- geset Maunz Pürig) ist das wichtigste Handwerkszeug im Staatsrecht für Richter, Anwälte und Studenten. KoAutoren sind kupert Schoh, Vorsitender der Die Briefe von Maun an Frey, die die National Zeitung jetzt kur nach dem Tod von Maun?- veröffentlichte, offenbaren ein enges perwönliches Verhültnis zwischen dem Verfasungsrecht- er und dem Rechtsradikalen. Die Anrede lautete häufig„Sebr zer eprier lieber Herr Dr Hre)l, die Grußformel„Vhr vebr ergebener Maumz Maum verfaßte Gutachten zu zentralen Agitationsthemen der Rechtsextremen wie Asylrecht oder den Maastrichter Vertrãgen. Pr beriet die DVU in Fragen der Enquete Kommission zur Verfas- sungsreform, und der Präsidem des Bundesverfassungsgerichts, prof. Roman Herog. Er war auch Schüler von Maun?. vor veiner Karriere als Demo- krat hatte Maun? die Staatrecht- lehre im Dritten Reich mitge- prãgt Mit veinen Schriften leitete er einen wesentlichen Beitrag?ur Durchetzung des Rasseprinzips in der NSVerfassung. Ab 1932 war er Hochschullehrer in Mn- chen und Freiburg im Breisgau. Im Organ des W.Rechtswahrer- bundes schrieb Maum? als 40jůh- Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 31 riger Lehrtuhlinhaber über Kon- zentrationslager, sie seien„ein hochst uichliges ntilut zur „erngerten Sicherbeisver abrumg“ es handle sich„um eine langdauernde Ausschei dumg einer ⁊u erbrechen nei genden Person dus dem all- gemeinen Zusummenleben der lksgenossen⸗ Nach dem Krieg machte Maun bald wieder Karriere— als Demokrat. Ab 1952 lehrte er an der Münchner Univemität und war von 1957 bis 1064 bayeri- scher Kultusminister. Wegen sei- ner braunen Vergangenheit den. Das Verfahren schleppte sich über Jjahre hin und wurde 1074 zurückgewiesen. Was keiner wußte: Juristischen Beistand be- kam Frey damals von Maum. Noch ungeheuerlicher aber ist die politische Mitarbeit von Maun in der„National Zeitung“ Er schrieb Artikel, die häufig auf Seite drei ohne Namensangabe erchienen. In einem der Briefe entschuldigt sich Maunz, einen Beitrag nicht rechteitig lefern zu können. Er schreibt weiter: ch verde mir daber erlauhen, das von hnen genannte Buch am eommenden Moniag zur ge⸗ mußte er zurũcktreten, blieb aber ungeniert weiter Hochschulleh- rer. Die Freundschaft der beiden Juristen Maunz und Frey begann nach Auskunft eines Mitglieds der Familie Maum Ende der 60er Jahre. Die Schlagzeile„Verbre cheriadt bruel will uns Morul lebren nahm der Bundesinnen- minister damals zum Anlaß, einen Antrag nach Ant. 18 des Grundgesettes zu stellen, um Frey das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung abzuerken- nen und so das Fwcheinen der „National Zeitung“ zu umerbin- vohnlen Sunde im eriag in Empung zu nehmen Die Enttãuschung und Bestür- zung vor allem unter Juristen ist jett groß. BV6Prãsident Herog Sagte gegenüber dem Fernseh- magazin„Panorama“ ch hin nichi nur vülend Sndern fin⸗ do das banze Schlimm Per Fall Maun zeigt eine offenbar unge- brochene Kontinuitãt der Gesin- nung. Er ist Grund für ein tiefes Mißtrauen in die Rechtskultur der Bundesrepublik. mnziska HMumdeder Q 6 Mechen Horm, Moembef 1003 32 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Mitqlieder, welche lhren Beitrag für 1993 noch nicht entrichtet haben, erinnern wir hiermit an die fãllige Uberweisung. Und noch eine weitere Bitte Leider kõnnen wir relativ oft Spendenbescheinigun- gen für Beiträge und sonstige Uberweisungen nicht zuschicken, weil die Anschrift nicht zu entziffern ist. Deshalb bitten wir bei Uberweisungen wie auch bei Anderun- gen der Wohnadressen Namen und Anschriften gut lesbar zu schreiben. Desweiteren weisen wir alle, die die Lagergemeinschaft Freundeskreis mit Spenden unterstũtzen, auf die in den Mitteiungsblättern beiliegenden Vordrucke nin und bitten diese bei Uberweisungen zu benutzen. Gleiches gilt auch für die Vordrucke bei sonstigen Mitteiungen wie Adressenänderungen, Einzugsermäch- tiqungen und ãhnliches. Sie ersparen uns bei Beachtung der hier genannten Verfahrensweisen Nachfor- schungen, die sehr viel Zeit und auch Geld kosten und die nicht immer zum ge wünschten Ziel führen. Sie helfen damit nicht nur uns, Ssondern auch sich Selbst. wir danken lhnen im voraus für Ihr Verstãndnis. Der Vorstand der Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer Unsere Bankverbindungen: Postscheckamt Frankfurt/ M. BILZ 500 100 60 für Organisation † Polenaktionen Kto.-Nr. 51664-608 Sparkasse Wetterau BLZ 518 500 79 für Organisation † Polenaktionen Kto-Nr. 00 2000 0503 für Studienreisen Kto.-Nr. 00 2000 0660 für Aktion„Auschwitz— Stop dem Verfall““ Kto.-Nr. 00 2000 2000 lmpressum: Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer eV. Redaktion: Hans Hirschmann, Hermann Reineck Mitarbeiter: Klaus Konrad-Fromsdort, Nadja Kuhl, Anni Rossmann-Reineck Auflage: 2000 Exemplare Nachdruck von Artikeln gegen Belegexemplare gestattet. Wenn Sie sich um Ihre Finzahlung für die nächste Zeit nicht mehr kümmern wollen, lassen Sie einfach abbuchen, Sie sparen: Die Bank bzw. Postgebühren Mindestbeitrag: 60 DM jährlich Einzugsermächtigung Ich bin bis auf Widerruf mit der Abbuchung[Q monatlich[Q balbjährlich NM einverstanden S vierteljährlich S jährlich Name, Anschrift Geldinstitut Ort Konto-Nr. Bankleitzahl Datum Unterschrift Lagergemeinschaft Auschwitz— Freundeskreis der Auschwitzer eV., 35516 Münzenberg, Schillerstraße 18 Der Verein ist als gemeinnützig anerkannt. Die Beitrãge und Spenden sind steuerlich abzugsfähig. Eine Spendenbescheinigung wird zugesandt. Adressenäinderung: Bitte teilen Sie uns bei Wohnungswechsel Ihre Neue Anschrift“ mit. Wir haben bei unserer letzten Aussendung etwa 50 60 Retouren mit dem Vermerk unbekannt verzogen“ von der Post erhalten. Die Nachforschungen nach der neuen Anschrift sind sehr Zeit- und Geldaufwendig, dazu meist erfolglos. Sicher sind Sie an Neue Anschrift Straße, Haus-Nr. Dann füllen Sie bitte diesen Abschnitt aus, kleben ihn auf eine Postkarte und schicken ihn an folgende Adresse: Lagergemeinschaft Auschwitz Schillerstraße 18 35516 Münzenberg Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Schillerstraße 18 35516 Münzenberg Telefon 0 60 33/6 01 68 Sparkasse Wetterau BL? 518 500 79) Konto-Nr. 0 020 000 503 Postscheckkonto Frankfurt Main(BILZ 500 100 60) Konto-Nr. 51 664-608 Beitrittserklärung Name, Vorname AUSCHMWTZ Anschrift, Straße, PLZ, Ort Geburtsdatum Titel, acad. Grad, Beruf W Hãäftling im K?Z Auschwitz vom bis Q Hãftling in anderen Lagern, Gefängnissen etc. E Angehöriger des ehem. Auschwitzhäftlings Q Freundeskreis der Auschwitzer Datum des Beitritts Unterschrift Zutreffendes bitte ankreuzen N HEIFEN SIE UNS WERDEN SIE MITGLIED IM FREUNDESKREIS AET AUSCFHMWTL ERR AUSCHMWTAER Farbkarte 613 Ankrt oer Alschfz-Eozeß 7064 fan n min Slatt Mitteilungsblatt Dezember 1993