LAGERGEMEINSCHAT AUSCFHWITZ FREUNDESKREIS DER AUSCHMWTAZER E. V. Jetzt steht er. nur in einer unterge- gangenen Welt. Hier kann er nichts mehr tun. Eine Wei le herrscht äußer- Ste Stille. Dann weiß er, es ist noch nicht zuende. nach Peter Weiss (Meine Ortschaft) 13.Jahrgang Mitteiungsblatt September 1993 Inhaltsverzeichnis „in meiner Humanität beraubt“ Rede von Dr. Rafael Scharf Die Gegerwart von AMuschwitz Plakatmappe) AK-Tagung in Büdingen kKein irrationaler Zivilisationsbruch Dr. Ursula Krause-Schmitt „Schwestern, vergeßt uns nicht Veranstaltungsreine des Laubach-Kolleg Nicht 2u akzeptierende Menschlichkeiten“ Andrea Höhle Unterkunft in ehemalgen SSRäumen Hanna BonnScheib Eine Leiche mit Vermögen zur Hauptversammlung der G Farben 1A Aufrut zum„Tag des Fchtlings“ Nachruf: Stanislaw/ Koczanowicz Nachrut: Anne Marie Fabian Geburtstagsgrüe Mitqiederversammlung am 25. Sept. Auftritt der Meonazis in Fulda Monatstreffen 13 16 19 21 24 26 27 28 29 30 32 Neue Postleitzahlen Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Schillerstraße 18 D-35516 Münzenberg Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e.V. Man hat mich gebeten, ein paar einführende Worte zu dieser Aus- H⸗tellung zu sagen. Ich nehme es auf mich als Ehre und schmerzliche Pflicht zugleich. Ich weiß nicht, war- um man von all den vielen Leuten gerade mich darum gefragt hat. Viel leicht einfach deshalb, weil mir, wie ſedem Juden, das Wort AU- SCFHWITZ in mein Bewußtsein ein- tätowiert ist; auch wenn ich damals nicht dort war, bin ich doch in gewis- sem Sinn ein„Uberlebender?, denn nicht ein Tag, und schlimmer noch: nicht eine Nacht in meinem Leben- und es sind schrecklich viele Nãchte ist seitdem vergangen, ohne daß ich an das, was geschehen ist, den- ken müßte auf diese oder jene Wei- se. Und zufällig gibt es noch einen anderen symbolischen Grund: ein großer Teil meiner Familie kam aus Oswiecim, dem jüdischen Schtetl Oswiecim, das so ganz gegen seinen Willen auf den verfluchten Namen Auschwitz getauft wurde und das posthum zu diesem traurigen Ruhm gelangt ist. Ein große Menge Scharfs lebte und gedieh in Oswiecim- mehr als achtzig- vom 92 jährigen Eliyah, dem Partriarchen der Familie, bis zum vier Jahre alten Szmulik. Sie hatten nicht weit zu gehen Was kann man sagen angesichts dieser Bilder? Was kann ein Jude 2u einem Deutschen sagen. Fin alter Mann zu jungen Leuten, ein Mensch zu einem anderen Menschen! Wie die richtigen Worte finden- solche Wörter existieren eigentlich nicht Rede aus Arlaß der Auschwitz-Ausstellung in Gießen(4. März 93) in meiner Humanität beraubt? Dr. Rafael Scharf, London Wie hat das alles angefangen? Stellen Sie sich die Szene vor als wãre sie eine Science-Fiction-Film: Januar 1942, eine Villa in Wannsee in Berlin. Ein paar Bürokraten sitzen bei Kaffee und Cognac und Zigaret- ten und planen folgendes Szenario: Wir werden, so sagen sie, eine ge- wisse Anzahl von Lagern und Gas- kammern in Polen errichten. Darin werden wir alle Juden aus ganz Eu- ropa ohne Ausnahme sammeln(die genannte Zahl ist 11 Millionen), wir werden sie mit Zügen transportie- ren, in Viehwaggons, und wir wer- den sie vergiften in diesen Kam- mern, dicht gepackt, Tag für Teg, und weil wir wissen, daß es sich um einen guten Zweck handelt, arbeiten wir kleißig Tag und Nacht bis kein Jude mehr am Leben ist. Die Leichen werden wir in Spezialöfen verbren- nen und die Asche Tonne für Tonne auf die Felder streuen Na, was sagen Sie dazul Sie werden denken, das wird schwierig sein. Man wird einen riesi- gen Verwaltungsapparat dafür brau- chen, Tausende von Leuten müssen mitarbeiten. Seien Sie unbesorgt, man wird ohne Schwierigkeiten ge- nug finden, solche die freiwillig mit- arbeiten und solche, die sich nie viel Gedanken machen, über das, was sie tun, und immer auch solche, die tun, was man befiehlt und sowieso han- delt es sich ja nur um Juden. Dies ist kein imaginãres Szenario geblieben glauben Sie es oder nicht- es ist Realität geworden. Millionen sind 2 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e.V. verschwunden. Ein wirres Knäuel nackter Körper, jung und alt, Mütter und Kinder, in makabrer Verzer- rung, nach Atem ringend, während Zykolon B(made in Dessau) ihnen Lungen und Augen verbrennt. Durch ein Loch in der Tür ein Beob- achter, ein Offizier, vielleicht ein Arzt, jedenfalls so etwas ähnliches wie ein Mensch, beobachtet den Vorgang, wartet, und nach einiger Zeit qualvollen Todeskampfs ist alles vorbei. Alles ist ruhig. Der Aufpasser gibt das Signal zum Offnen der Tür, und dieser Berg Menschenfleisch, zusammengeklebt von Kotze und Scheiße, wird vom jüdischen Son- derkommando zu den Ofen ge- schleppt und zu Asche gemacht, ein- fach zu Asche. Diese vielen poten- tiellen Einsteins und Freuds, Men- delsohns und Heines, Zweigs und Bergsons, Korczaks und Chagalls- Und die, die auf die eine oder an- dere Art mitgemacht haben, kehren zu ihrer Familie zurück, spielen mit ihren Kindern, wandern in die Berge, hören Beethoven, lesen Goethe, nach dem Krieg nehmen sie ihr Stu- dium an der Unlversitãt auf, werden Arzte und Lehrer und Richter und Geschäftsleute und sterben in ihren eigenen Betten, vielleicht nach Beichte und letzter Olung. Was noch wichtiger ist- es gibt wieder solche, die nicht von Ab- scheu, Scham und Reue erfüllt, son- dern sogar bereit sind, das Unter- nehmen gutzuheißen und sich damit zu identifizieren. Wie sagt Bertold Brecht:„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.? Vielleicht ist das zu emotional. Lassen Sie mich in aller Ruhe ein paar Fakten vorlesen, wie das ganz Sachlich in jeder Enzyklopãdie nach- zulesen ist. Außer Auschwitz gab es noch vier andere Vernichtungslager Belzec, Sobibor, Treblinka, Majda- nek. Von allen war Auschwitz das größte und schlimmste- wenn die Abstufung der Tiefen der Hölle noch einen Sinn hat. Dr. Johann Kremer, SS-Freiwilliger und enthusiastischer Nazi, Leiter der medizinischen Ex- perimente dort, nennt Auschwitz ANUS MUNDI(„Arsch der Welt'*). Niemand weiß, wie viele Menschen in Auschwitz verschwunden sind. Die Leute wurden schneller ermor- det, als man die Listen führen konn- te. Die„Selektionen?, das heißt wer gleich sterben soll und wer später, wurden sofort bei der Ankunft der Massentransporte an der Rampe durchgeführt. Alle Alten, Schwa- chen und Kranken wurden direkt in die Gaskammern getrieben, ohne daß man sie registriert hat. Während die anderen Vernich- tungslager vorwiegend der Tötung der polnischen Juden dienten, ka- men nach Auschwitz Transporte aus allen Ländern Europas. Der 1. Zug aus Holland kam im Juni 1942. Himmler war anwesend und beob- achtete Selektion und Vergasung. Er war nach Auschwitz gekommen, um ein gutes Beispiel zu geben. Au- schwitz war nicht nur Vernichtungs- 2 lager für die europãischen Juden, unter den Opfern waren auch polni- sche und russische Kriegsgefangene. Politische Gefangene(mit rotem Dreieck am Arm), religiõse Sektierer (mit lila Punkt), gewöhnliche Krimi- nelle aus Deutschland(grünes Drei- eck), Homosexuelle(rosa Winkel), und Zigeuner(mit dem Buchstaben „Z. Wãhrend die Juden systematisch ermordet wurden, waren die Uberle- benschancen der anderen Gefange- nen ein bißchen größer. Aber nicht viel. Dies als Beispiel Von den 13000 russischen Kriegsgefangenen, L. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis dor Auschwitzer e.V. die man nach Auschwitz gebracht hatte, waren nur noch 92 am Leben, als man das Lager 1945 befreit hat. Wenn junge Russen mit militãrischer Ausbildung und Disziplin nicht in der Lage waren, einen Widerstand zu organisieren, was kann man dann von denen erwarten, die weder jung noch gesund waren. Wenn auch die meisten Leute in den Gaskammern starben, so gab es doch noch viele andere Möglichkeiten zu sterben. Tausende sind verhungert, erfroren, an Krankheiten gestorben. Viele ha- ben Selbstmord begangen, man hat ihnen tõödliche Spritzen gegeben, oder sie starben als Opfer medizin- ischer Experimente. Man hat sie er- schossen, erhängt oder totgeprügelt. Die Gaskammern waren zwei Jah- re und zehn Monate in Betrieb. Ende November 1944 kam der Befehl aus Berlin, die Gaskammern und Krema- torien zu zerstören, aber der büro- kratische Apparat zur„Endlösung der Judenfrage? hat bis zum letzten letæten Mittellungs blatt) Führung durch die Auschltæ-Austellung in Gleßen(ſsiehe Bericht Im Moment weitergearbeitet. Obwohl schon Tausende von Haftlingen auf den Todesmärschen nach Westen waren und die Lager in Brand ge- setzt, kam am 5. Januar 1945 noch eine Gruppe Juden aus Berlin in Auschwitz an. Für die Verwaltung war die„Endlösung“ noch nicht ganz erledigt. Als Einheiten der Ro- ten Armee am 27. Januar 1945 in Auschwitz einmarschierten, fanden sie 7600 Hãftlinge am Leben. In Deutschland hielt man die Ver- nichtung der Juden geheim, obwohl der Führer selbst schon vor Aus- bruch des Krieges die Vernichtung der Juden angedroht hat. Mlmählich verschwanden die Juden aus den Städten, in denen sie gelebt hatten. Wohin waren sie? Was ist mit ihnen passiert? · Die Leute wollten nichts wissen. Und bis heute ist es so ge- blieben. Das ganze Ausmaß des Schreckens will niemand zur Kennt- nis nehmen. Die ganze Wahrheit ist so erschreckend, daß es für einen Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Menschen viel zu schwer ist, das al- les zu verstehen. Die Juden und die anderen Opfer sind schon lange Zeit tot. Und die Leute fragen, wozu soll das gut sein, die Welt immer wieder an dieses unaussprechliche Kapitel der Geschichte zu erinnern. Denen, die so denken- und es mõᷓ gen viele sein- habe ich nichts zu sagen, ich überlasse sie ihren Ge- danken. Das 20. Jahrhundert, in dem es zwei Weltkriege gegeben hat, Revo- lutionen, Aufstieg und Fall von Welt- reichen, Weltraumreisen und techni- schen Fortschritt, der die Gesell- schaft gründlich verändert hat, die- ses 20. Jahrhundert wird in die Ge- schichte eingehen als das Jahrhun- dert des Holocaust, und dafür ist Auschwitz markantes Symbol. Au- schwitz markiert die Krise der christlichen Zivilisation. Auschwitz ist das Ubel schlechthin in seiner reinsten Form. Es zeigt, in welch bo- denlose Tiefe von Verderbtheit der Mensch fallen kann, wozu der soge- nannte„homo sapiens“, das „Krumme Holz?, wie Kant sagt, fähig ist. Es ist unmöglich, sich eine passen- de Weltanschauung zu zimmern, po- litisch, sozial und religiõs, ohne in Rechnung zu stellen, daß das Ver- trauen an den zivilisierenden Einfluß von Erziehung, der Glaube an die Vollkommenheit des Menschen schh als nichtig erwiesen hat. Ich denke, die schrecklichen Grau- samkeiten, die heute in der Welt passieren, sind indirekt ein Resultat von Hitlers Krieg gegen die Juden. lmmer gab es Kriege in der Ge- schichte, und immer waren sie mehr oder weniger grausam. Aber dieser Krieg hat alle Regeln und Maßstãbe gebrochen. Er zeigt auf schrecklich- ste Weise, welch teuflische Grau- samkeiten Menschen anderen Men- schen antun können, ohne daß die Himmel einstürzen. Das jüdische Volk ist physisch schwer verwundet Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e.V. worden, ein Drittel wurde ermordet, aber auch unsere Seele ist schwer verletzt. Unsere Sensibilität für das Leid anderer ist weniger geworden, denn jedes andere Ubel erscheint im Vergleich mit dem, was den Juden angetan wurde, trivial. So ist unsere Fähigkeit, eine normales Leben zu führen, voller Mitgefühl für andere, abhanden gekommen. Ich weiß wohl, am Ende einer Re- de, wie dieser, so will es die Konven- tion, soll der Redner ein bißchen was von Hoffnung sagen, daß trotz allem und so weiter. Vielleicht kann das jemand anderer machen. Ich sehe mich angesichts dieser Geschichte in meiner Humanität beraubt, ein Waisenkind, hoffnungslos. Ich habe schr viel gelesen über all das, was geschehen ist, ich denke unentwegt darüber nach, ich kann es nicht be- greifen. Vielleicht sollte man Gott danken für die Gnade, daß man es nicht verstehen kann. Die Gegenwart von Auschwitz Eine Plakatmappe mit Fotografien von Henning Langenheim und Peter Liedtke Unter dem Titel„Die Gegenwart von Auschwitz“ haben Henning Lan- genheim und Peter Liedtke ein Pla- kKatmappe 2zusammengestellt. Sie enthält eine Plakatserie von zehn farbigen und zehn schwarz-weiß Fo- tografien, die zwischen 1987 und 1992 auf dem Gelände der Gedenk- stätte Auschwitz entstanden sind. Die Bilder zeigen die Gegenwart des Ortes, die Ruinen der Gaskammern und die Menschen, die sie besuchen. Die Aufnahmen sind konfrontiert mit Zitaten von Opfern und Uberleben- den des Vernichtungslagers und the- matisieren jeweils in provozierender Weise bestimmte Aspekte der Erin- nerung an diesen Ort und seine Ge- genwart im BewuBtsein. Die Mappe ist für den Einsatz im Rahmen der schulischen und auBer- Schulischen Bidungsarbeit gedacht, Sowie als kKleine Ausstellung, die an den verschiedensten Orten präãsen- tiert werden kann. Insbesonders zur Vorbereitung von Gedenkstättenbe- Ssuchen wird die Mappe von 2ahlrei- chen lnstitutionen verwandit. Ein Begleitheft mit Hintergrundtex- ten zur Diskussion, historischen ln- formationen und Literaturhinweisen iegt bei. Die Plakate befinden sich in einer robusten Schutzmappe. Sie Sind zum Preis von 120 Mark zu er- werben. Der Reinerlös kommt der Er- haltung der Gedenkstätte Au- Schwitz zugute. Die Arbeitsstelle zur Vorbereitung des Frankfurter Lern- und Dokumen- tationszentrum des Holocaust bietet zudem an, die Mappe im Rahmen ein- er kKleinen Veranstaltung in Zusam- menarbeit mit interessierten Bildung- Sinstitutionen zu präsentieren. Die Plakate werden vom 9. November bis zum 19. Dezember im Historischen Museum Frankfurt ausgestelit. Zu beziehen ist die Mappe beim: Förderverein Fritz-Bauer-Institut, Wwalter-Kolb-Straße 9— in 60594 Franktfurt, Telefon 0O69 21237613 oder O69 21237615. 6 Lagergemeinschaft Auschwit?- Freundeskreis der Auschwitzer eV. GroBes Presseecho bei MK-Tagung Veranstaltungen des Rahmenpro9rammms fanden viel Beachtung „Auschwitz-Komitee warnt vor prauner Pest“ Als im Jahr 1989 das Leitungsgremium des lnternationa- ſen Auschwitz-Komitees(AK) zum ersten Mal in Deutschland und zwar in Bödingen im Wetteraukreis tagte, berichteten meprere Zeitungen mit dieser Uberschrift öber das Ereignis. [AkK-Präsident Maurice Goldstein gab damals zu Protoßoll, daß für ihn „die ganze Mazi-Zeit wieder an der Tür stent', wenn er die Reden von Le pen(Chef der französischen „Nationalen Front') und Schönhuber (Parteichef der rechtsradikalen „Republikaner') höre. Diese Warnungen vor rechtsextre- mistischen Entwicklungen beson- ders in Deutschland wurden damals zumeist als überempfindliche Reakti- on der ehemalgen KZ-Hãftlinge nicht ernst genommen. Mt den Morden von Solingen und Mölln, der Pogrom- situation von Rostock, den fast tãgli chen Uberfällen auf Ausländer, Be- hinderte, Obdachlose und andere als „minderwert' difamierte Menschen Sowie den vielen Brandanschlägen auf Asylunterknfte, erwies sich die- Se Beurteiung als folgeneiche Fehl- einschätzung. Im Juni dieses Jahres tagte das Leitungsgremium des AK zum Z2wei- ten Mal auf Einadung unseres Ver- eins in Büdingen und mußte sich er- neut mit den Gewalttaten rechtsradi- kaler Stimmungsmache beschäfti- gen. Die Offentlichkeit wurde durch ein umfangreiches Rahmenpro- gramm auf die Tagung und die Ziele unseres Vereins hingewiesen. Bei der Vorbereitung der Tagung sowie der Organisation des Programms ist besonders das arbeitsintensive En- gagement von Wolfgang Gehrke, Fhomas Kremer und Gabi Abel her- vorzuheben, deren Arbeit maßgeb- ich zum Gelingen und dem überregi- onalen Presseecho beigetragen hat. Eine Woche lang war am Tagungs- ort im Oberhof die Ausstellung „Schwestern, vergeßt uns nicht Frauen im Konzentrationslager“ zu Sehen. Die Stadtbibliothek Büdingen hatte zudem eine große Auswahl Bü- cher zum Thema Faschismus und „Tausendjähriges Reich' ausgestellt und Lieselotte Thumser-Weil sowie Hermann Reineck konnten als Zeit- zeugen oft den Besuchern Rede und Antwort stenen. ABerdem diskutier- ten die beiden mit Schul- und Jugen- dgruppen im Bödinger JuZ-Cafe. Bei einem weiteren Treffen mit Bödinger Jugendlichen nahm es auch eine ganze Reine Von Tagungsteineh- mern auf sich- unter anderem der herzkranke Maurice Goldstein-, über die vielen Stufen in den Veranstat tungsraum im 2weiten Stock des A ten Gymnasiums zu gelangen, U mitzudiskutieren und der Klezmer- Musik der Theatergruppe„mimikri zuzuhören. Gut besucht waren desweiteren Ssoworl die Kulturveranstaltung mit Manfred Lemm, der jddische Lieder vortrug, das Gesprächsforum Zum Thema„Deutschland Vergangenheit Gegerwart- Zukunft' und die Le- sung mit dem Schriftsteller Valentin Senger. Ein Pressespiegel ist unter Umstãnden noch bei Thomas Kremer zu erhalten er ist in der Stadtbiblio- thek Bödingen unter der Rufnummer O6042— 884138 2u erreichen. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 7 Symbol der Verbrechen gegen Menschlichkeit rschütternde Eindrücke bei der Erõffnung der Ausstellung BUDINGEN. Auftakt des Rahmenprogramms der Tagung des Inter- nationalen Auschwitz-Komitees(IAK) war im Büdinger„Oberhof“ die Vernissage zum Thema„Schwestern, vergeßt uns nicht“. Im Vor- dergrund stehen Frauenschicksale im Konzentrationslager am Beispiel von Moringen, Lichtenberg und Ravensbrück. Die Fröffnungsrede hielt[AkK-Präsident Maurice Goldstein, der die Aktualität der Proble- matik betonte. Auschwitz zu vergessen, wäre„Kleinkinderdenken“. Man solle die schrecklichen Geschehnisse für junge Menschen präsent halten, und immer wieder warnen, damit Derartiges nie mehr passiere. Das heutige Deutschland erscheine wie ein Kranker, der einen Rückfall erleide, und deshalb seien„neue Zeugen“ nötig, die an Auschwitz als Symbol aller Ver- brechen gegen die Menschlichkeit erin- nerten. Doch sei er den Deutschen nie mit Haß begegnet, sagte Goldstein, Haß könne nur zwischen Finzelnen entste- hen. nicht zwischen Völkern. Bürger- meister Bauner ging auf den Holocaust ein. Die Verbrechen von Mölln und So- lingen seien„kein Aushängeschild“ für Deutschland, Urheber seien„geistig ver- prellte Jugendliche“. Es gelte, den An- fängen zu wehren. Kreisbeigeordnete Gertz sagte, man mũsse die Jugend zum Nachdenken anregen. Sie widersprach Bauner bei den„Verprellten Jugendli- chen“, benannte einen„neuen Rassis- mus in Deutschland als wiederauferste- hendes Gedankengut“. Ursula Krau- se-Schmitt vom Studienkreis„Deut- scher Widerstand“ reſerierte über die Deportation von Frauen während des Nationalsozialismus. Frauen wurden aus vielen Gründen eingesperrt Wegen „falscher“ Uberzeugung, ihres Glau- Kreisanzeiger, 19 Juni 1993 bens, ihrer„Rasse“. Die gefangenen Frauen paßten nicht in das bevölke- rungspolitische Konzept des Regimes. Auch boten die weiblichen Häftlinge Möglichkeiten für Nazi-Arzte Zu medi- zinischen„Experimenten“. Dies zeige wie auch der heutige Vergewaltigungs- krieg in Ex-Jugoslawien, wie dünn die Zivilisationsdecke sei. Abschlußredner war Stadtverordnetenvorsteher Wie- land. der Auschwitz Sinnbild des Leides ſür Deutschland und die Welt nannte. Dann war Gelegenheit, mit den IAK-Mitgliedern, alle frühere KZHäft- linge. zu sprechen. Viele Anwesende wa- ren erschüttert, unvorstellbare Grau- Samkeit kam zur Sprache. Blieb die Frage Wozu sind Menschen ſãhig* Eine Zeit?eugin sagte. sie habe 20 Jahre nach ihrer Befreiung aus dem letzten“ von fünf KZs nicht über die Zeit sprechen können. Alle„Fhemali- gen“ hoflen. daß bewußt werde. was sich in Auschwitz, Treblinka. Ravens- brück, abspielte, als Warnung. es nie wieder dazu kommen zu lassen. KARINA SCHOLI. 8 Lagergemeinschaft Auschwit? Freundeskreis der Auschwitzer e.V. COMrE NMTERNAONAl. DAUSCEFMWIT2 Presseerklärung Vom 17. bis zum 21. Juni hat das Internationale Auschwitz Komitee([AK) in Büdingen /Hessen getagt. Ehemalige Haftlinge des Konzentrationslagers Auschwitz aus Belgien, Polen, den Niederlanden, der Tchechischen Repu- blik, Luxemburg, Italien und Deutschland sowie Repräsentanten von Stif- tungen, die sich die Erhaltung der Gedenkstätte Auschwitz verpflichtet fühlen, stellen als Ergebnis ihrer Beratungen fest: E 1.) Unser Zorn und unsere Sorge über die rechtsextreme Entwicklung in Europa ist groß. Insbesonders die Situation in Deutschland läßt uns an der Stabilität der deutschen Demokratie zweifeln: Was hierzulande mit der Leugnung des Holocaust und der übrigen historischen Fakten von Aus- chwitz unseren Lebensgeschichten- begann, endet mit Verbrennungen ausländischer Bürger, stetig wachsendem Antisemitismus und Anschlägen auf Minderheiten. lhnen gilt heute unser Mitgefühl und deshalb fragen wir: Kõnnen wir sicher sein, daß das deutsche Volk in seiner bisher schweigenden Mehrheit dieses Mal noch rechtzeitig den Nazis in den Arm fallt und Einhalt gebietet? 2.) Weil das IAK seine politischen und pãdagogischen Bemühungen ange- sichts des wachsenden Rechtsextremismus verstärken will, bemühen wir uns mit Unterstützung des europãischen Parlaments und der europãischen kKommission um die Errichtung eines internationalen Sekretariats in Brüs- sel, damit die Stimmen der ehemaligen Auschwitz-Häftlinge deutlicher hörbar werden. 3Z.)Die Erhaltung der Gedenkstätte Auschwitz als Beschreibung der negati- ven Möglichkeiten des Menschen ist weiterhin eines unserer wichtigsten Ziele: Nicht nur weil dieser Ort) unser Leben und unsere Erinne- W Sind de Lelalen rungen bis heute prãgt, sondern 0 weil die Existenz der Gedenk- W sind ↄustani stätte eine der entscheidenden Barrieren gegen die Verbreitung nse Dasein S r Ech des Neofaschismus darstelit. beÿis Iegende geworden unser Leid ein Gercht von geslerm 4.) Das Iak ruft alle noch leben- Abe den Liedern cer eribenen qen ehemaligen Auschwitz⸗ nd im aschen des Wnc Hãftlinge auf, an einem groBen oœr em vrhranntes Gch abttert Freften im April 1995 in Aus- eraen Ech 26 gechh chwitz teilzunehmen: Unsere as cer Mahn zum ditienma/ Krãhle Cebensgeschichten und Erinne- rungen müssen für die Nachwelt 6 Hans gesichert werden. S Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer eV. Rede zur Frauenausstelung anäßlich der AK-Tagung in Büdingen Die zutiefst beunruhigende Erfahrung: Kein irrationaler Zivilisationsbruch Dr. Ursula Krause-Schmitt Unsere Ausstellung„Schwestern, vergeßt uns nicht. Frauen im Konzen- 0 trationslager? ist eine Mahnung. Sie erinnert mit den konkreten Lebenswegen von 31 Frauen an die Verfol- gung von Frauen in der Zeit des Faschismus, an unermeßliches Leid, an unvorstellbare Grausamkeiten. Das Ausmaß dieser Verfolgung haben wir in Seiner Dimension noch immer nicht wahrgenommmen. Allein in Ravens- brück waren 132 000 Frauen aus allen Ländern Europas eingesperrt, von denen ungefähr 30 000 überlebten. Es gibt noch keine verlaßlichen Zahlen darüber, wie hoch der Frauenanteil an den in Auschwitz, Majdanek, Bergen- Belsen und in den anderen Vernichtungslagern Ermordeten ist. Die Lebenswege der Frauen in dieser Ausstellung sollen nicht stellvertre- tend für zehntausende andere stehen. Jedes einzelne Leben der vernichte- ten Frauen war kostbar, unvergleichlich, hatte seinen eigenen Wert, bevor es zerstört wurde. Doch in jedem dieser Lebenswege widerspiegeln sich die Motive, aus denen heraus Frauenleben angegriffen, Frauen verfolgt wurden. Frauen wurden vernichtet, weil sie politischen Widerstand geleistet hatten, weil sie sich aus ganz unterschiedlichen Grundhaltungen heraus ihre Menschlichkeit bewahrt hatten, S S — S Bein Kormmt ihr ale aher niemals iecet rats 10 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e.V. weil sie Hilte und Unterstützung für Verfolgte, für Schwãchere und Ausge- grenzte geleistet hatten, weil sie selbst zu den Schwächeren, Ausgegrenzten, Unangepaßten gehör- ten, weil sie sich nicht an die Normen der rassistisch geformten Gesellschaft hielten, weil sie zum Beispiel Liebesbeziehungen zu Ausländern, zu sogenannten „Untermenschen' unterhielten, weil sie nicht der„Herrenmenschenrasse' angehörten, sondern Jüdinnen, Slawinnen, Sinti- und Romafrauen waren. Frauen und die von ihnen gebore- nen Kinder wurden vernichtet, weil sie nicht in das bevõlkerungspolitische 1 Konzept, in das Menschenbild des Faschismus paßten. Rassismus, wie er in der Nazhkzeit ausgeformt wurde und in den vielfälti- gen Maßnahmen, Reglementierungen und Sanktionen in die persönliche Lebensgestaltung eingegriffen hat- bis hin zur Aberkennung des Rechtes auf Leben für Kranke und Behinderte, bis hin zum Völkermord am jüdi- schen Volk und am Volk der Roma und Sinti, dieser deutsche Rassismus war der bisher brutalste Angriff auf das Lebensrecht aller Menschen. Die Schaffung eines gesunden Volkskörpers, in dem alles Schwache, Kranke, Unangepaßte,„Artfremde“, aber auch alles Selbstbewußte, zum Widerstand Fãhige,„ausgemerzt? werden sollte, wär erklärtes Ziel der damaligen Machteliten. Die deutsche Weltherrschaft, die man erringen woll- te, Ssah international eine Art Arbeitsteilung vor, in der der deutsche „Herrenmensch? bestimmte und profitierte, und Võlker aus den Ländern, auf deren Reichtümer sich die Begierde richtete, zu einem Sklavendasein verurteilt wurden. Im Innern war nun mehr ein Menschentyp gefragt, der sich seiner „Sendung'“, nämlich Angehöriger der ausewählten Rasse zu sein, bewußt war und an diesem Sendungsbewußtsein sein ganzes Wertgefüge, sein so- ziales Verhalten orientierte.„Flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl? sollte der neue deutsche Mensch sein. Das Wertgefüge einer Gesellschaft, die Wertvorstellungen jedes einzelnen Menschen, ſassen sich jedoch nicht von heute auf morgen ändern. Der L⸗ Faschismus versuchte, mit seinen Eingriffen und Gewaltmaßnahmen diesen proʒeß der Umpolung aller bis dahin gültigen Normen und Werte in Gang zu setzen und zu beschſeunigen. Dazu gehörte die Ausrottung des tatsãchli- chen Widerstandes und des Widerstandspotentials in der Gesellschaft; diese Terrormaßnahmen trafen Frauen und Männer gleichermaßen. Dazu gehörte aber auch der Zugriff auf die menschliche Reproduktion, auf den Rõrper der Frau. Die Nazis hatten die Frauen in doppelter Weise im Visier: Als Gebärerin und als Erzieherin. Einer der Gründe, weshalb deutsche Frauen nach Ravensbrück eingelie- fert wurden, war Abtreibung bzw. Hilfe zur Abtreibung. Nach Ravensbrück wurden auch Frauen gebracht, Mütter, die ihre Söhne vom Kriegsdienst abzuhalten versuchten. An Frauen, die als rassich minderwertig galten, wurden Methoden der Unfruchtbarmachung, der Sterilisierung bei mediæin- ischen Versuchen in Ravensbrück und in Auschwitz erprobt und entwickelt, an Jüdinnen, Polinnen und Sintifrauen. ₰ Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e.V. 1 Wir sollten uns hüten, in diesem gewaltsamen Zugriff auf das Leben etwas Abstrus-Irrationales, etwas Historisch-Einmaliges zu sehen. Der Zugriff auf die Bevölkerung, ihre Formierung im Interesse von Machteliten hat Geschichte. In diesem Zusammenhang ist von Bedeutung, daß der erste bevölkerungsplitisch motivierte Zugriff auf die individuelle Lebensgestal- tung, auf die Unterwerfung der Bevölkerung unter õkonomische und politi- sche Interessen in der Neuzeit mit einer Frauenverfolgung begann. Ich meine die Verfolgung der Hexen, die Vernichtung der weisen Frauen. Das damals entwickeſte Verfolgungsmuster mit seinen Elementen der Denunzia- tion, der Inquisition, der Geständnisse unter Folter entspricht im übrigen genau den Verfahren, die in unserem Jahrhundert von totalitären Systemen wie Faschismus und Stalinismus zur Durchsetzung ihrer jeweiligen bevölke- rungspolitischen Zielvorstellungen eingesetzt wurden. lch denke, die zutiefst beunruhigende Erfahrung unserer heutigen Zeit ist das in der Regel uneingestandene Wissen, daß Auschwitz und damit meine ich vor allem den Ziviſisationsbruch, der zur industriellen Massenvernich- tung führte, vielleicht doch nicht einmalig war, keine„black-box“ der Geschichte, kein zutiefst irrationaler Vorgang. Wir erleben, gewiß auf einer anderen Stufe und nicht staatlich legitimiert, in unserem Land einen wieder mörderisch gewordenen Haß auf Fremdes, dessen rassistische Wurzeln nicht zu übersehen sind. Wir hören vom Vergewaltigungskrieg gegen Frau- en im ehemaligen Jugoslawien, wir erfahren, daß es am Ende dieses Jahr- hunderts eine Politik der„ethnischen Säuberung? gibt. In uns steckt das tiefe Erschrecken darüber, wie dünn die Zivilisationsdecke in unserer modernen, aufgeklärten Gesellschaft ist. Darin liegt auch der Grund, wes- halb wir uns immer wieder mit der Zeit des Faschismus beschäftigen müs- Sen. Sie ist Vergangenheit, die nicht vergeht. ₰ Orsula Krause- Schmitt und IAKPrasident Maurice Goldstein, der Kürælich vom belꝙjschen Kõnig zum Baron ernannt wurde. Lagergemeinschaft Auschwit?- Freundeskreis der Auschwitzer e.V. Solingen ist nicht gleich Aus- chwitz und die Welle des Haßes, die türkischen Menschen nach dem Le- ben trachtet, ist nicht Völkermord, wie einige behaupten. Wir sollten uns davor hüten, unser Erschrecken mit falschen Vergleichen zu bela- den. Die Wirklichkeit ist schlimm genug. Wir erleben gegenwärtig, Riesen-Interesse an Oberhof-Ausstellung BUDINGEN(Str). Schon 800 Schüle- rinnen und Schüler Büdinger und aus- wärtiger Schulen nutzten mit ihren Lehrern die Gelegenheit zur Informa- tion im Rahmen der im Büdinger Ober- hof lauſenden Ausstellung„Frauen im daß die Objekte des Hasses aus- tauschbar sind: Es sind Menschen mit schwarzer Hautfarbe, Asylsu- chende gleich welcher Nationalitãt, Homosexuelle, Behinderte, Ob- dachlose, Unangepaßte, auch Linke- viele Gruppen können zu Sündenbäk- ken für das eigene, nicht gemeisterte und nicht gelebte Leben, für das Versagen der Politik, gemacht werden. Aus der Geschichte des deutschen Rassismus ist bekannt, wohin es führt, wenn nicht entschieden gegegesteuert wird. Kein Politiker, niemand kann heute sagen, daß er das nicht gewußt habe. Es ist auch nicht so, daß sich die Lawine der Fremdenfeindlichkeit alleine in Bewegung gesetzt hat. Es gibt auch hier die Auslöser: Dazu gehört das Versagen der Politik bei der Lösung der vielfältigen Probleme unserer Gesellschaft, und vor allem die unsägliche Debatte um das Grundrecht auf Asyl. Aber es ist auch nicht so, daß nun diese Lawine alles mitreißend und zerstörend, über unsere Gesell- Schaft rasen muß. Es gibt ausreichend Analysen über die Ursachen der Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, es gibt ausreichend Konzepte, wie dem entgegenzuarbeiten ist. In Grundzügen ist das alles schon seit längerer Zeit erarbeitet. Es muß nun endlich in die Praxis umgesetzt werden. Wenn diese Ausstellung Mahnung ist, so ist sie zugleich auch ein dringen- der Appell an alle Verantwortliche, endlich zu handeln. Dafür zu sorgen, daß das Wertgefüge unserer Demokratie, die unteilbaren Menschenrechte geschützt und verwirklicht werden. 6 Jede Einzelne, jeder Einzelne von uns kann aus der Geschichte lernen. Insofern ist diese Ausstellung auch eine ganz persõnliche Aufforderung, den eigenen Standort zu reflektieren und Konsequenzen 2u ziehen. Damals wie heute haben viel zu viele weggeschaut. Die Frauen, die wir in dieser Aus- stellung vorstellen, haben den Mut gehabt, sich einzumischen, zu widerste- hen- und zwar unter gesellschaftspolitischen Bedingungen, die in keiner Weise mit heutigen Bedingungen vergleichbar sind. Sie konnten widerste- hen- aus ihrer politischen Uberzeugung heraus, aus der Kraft ihres Glau- bens, aufgrund ihrer persõnlichen Wertvorstellungen und ihren Ansprüchen an ein menschliches Leben. All dies haben sie nicht, als es der Zeitgeist erforderte, über Bord geworfen, sondern sie haben versucht, ihr Wertgefüge zu erhalten. Diese Lebenswege sind ein Beweis dafür, daß es immer, selbst im Terrorsystem der Nazis, eine Alternative zu Anpassung, Mitläufertum und Mitmachen, gegeben hat und gibt. Sie können und sollen uns Mut machen, heute eben nicht wegzuschauen, sondern einzugreifen. n Konzentrationslager“. 1 KMisanzeiger 2 Mun 7005 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Veranstaltungsreihe des Laubach-Kolleg zur Verfolgung von F̃rauen „Schwestern, vergeßBt uns nicht? Die in Büdingen gezeigte Ausstellung„Schwestern, vergeßt uns nicht- Frauen im Konzentrationslager? war im Mai bereits zwei Wochen in Lau- bach(Kreis Gießen) am dortigen Kolleg zu sehen. Die Ausstellung versucht durch Bilder und Lebensläufe zu vermitteln, was Frauen er- litten haben. Im Vordergrund stehen Finzelschicksale. Die Motivation der Veran- stalter die Ausstellung zu zei- gen, ist darin begründet, daß auch heute noch Menschen- rechte mißachtet werden. Auf Befehl werden Frauen vergewaltigt, ein psychologi- sches Kampfmittel im Bür- gerkrieg, und auch vor deut- schen Ermittlungsbehörden und Gerichten müssen sich vergewaltigte Frauen peinli- che und diskriminierende Fragen gefallen lassen. Millionen Menschen sind auf der Flucht. Zigtausende von ihnen suchen ihr Leben in Deutschland zu retten. Aber auch hier erfahren sie, daß sie verachtet und ver- folgt werden. Im günstigeren Fall schauen die Passanten weg, wenn Flüchtlingen und Ausländern Unrecht ge- schieht und wenn es schlim- mer kommt klatscht die Men- ge noch Beifall und jubelt den Brandstiftern und Schlägern noch zu, wie in Rostock ge- schehen. Während dieser beiden Wochen war auch Lieselotte Thumser-Weil in Laubach zu Gast, sie betreute die Füh- rungen und nahm fast jeden Tag an Unterrichtsstunden der Kolleggruppen teil. Lieselotte Thumser-Weil: vIm Lager wurden wir unserer Würde beraubt⸗ Laubach(tb). Lieselotte Thumser-Weil (75) überlebte Ravensbrück. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe von Laubach-Kolleg und der Arbeitsgemeinschaft Friedensdienste Giehe nebenstehenden Bericht) erzählte sie am Montag von ihrem Leidensweg. Ausfüh- rungen, die nur aus dem Munde eines Augen- zeugen diese Eindringlichkeit erreichen. Als junge, unpolitische Frau war sie vor dem bigotten kathoſischen Elternhaus in Schwä- bisch-Gemünd— der Vater Träger des goldenen NSDAP-Parteiabzeichens— nach Berlin geflo- hen. Trotz der Weigerung, in die Partei einzutre- ten, schaffte sie es, erlernte den Beruf der Kran- kenschwester. In einer Heilanstalt erfuhr sie von der Ermordung der ihr anvertrauten behin- derten Kinder. Sie protestierte, wurde darauf in ein Lazarett an der Front dienstverpflichtet. Ih- re Hilfe für Nachbarn, die von ihrer Deportation erfahren hatten, und ihr EFinsatz für zwei Fah- nenflüchtinge sollten ihr zum Verhängnis wer- den. Gestapo-Verhöre in Linz Cvon morgens bis abends mit Handschellen an eine Wand ge- bunden) und letztlich nach Lager Ravens- brück 1944 waren die weiteren Stationen. „Unsere Würde wurde uns geraubt«, charak- terisierte sie den Alltag im Lager. Die Aufseher schlugen sie mit der Peitsche, wenn sie die schweren Schubkarren mit Erde nicht mehr vorwärts brachte. Als eine Zigeunerin tot im Hochspannungszaun gefunden wurde, mußte sie mit den anderen in bitterer Kälte und ohne Essen 24 Stunden davor»Wache stehen“ Dank der Hilfe anderer Frauen überlebte sie. „Was war nach 194576 lautete endlich ihre Frage. Um sich und den Zuhörern im Kolleg- Atrium zur Antwort zu geben:»Ich war an Leib und Seele zerstört, ohne Boden unter den Fũ- Ben« Was ihr den Rest gab: Als sie endlich nach Hause kam, wies ihr der Vater die Tür:»Verbre- cher haben hier keinen Platz«. Jeglicher Hoff- nung beraubt, schöpfte sie erst nach dem Ken- nenſernen ihres späteren Mannes neuen Mut. „Ich erlebe im Augenblick die Zeit von'28 bis 33, es gibt Parallelen. Es macht mir Angst, da- her gehe ich in die Schulen, erzähle, man muß etwas tun«, lautete abschließend ihr Appell. Gleßener Allgemeine, 5. Mal 1993 13 14 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e.V. un Unrecht erinnern, Bezüge Zum Heute Schaffen podiumsgespräch zur Ausstellung über Frauen-M eröffnet Laubach(tb). Nur wenige Monate nach der Wende, und eine westdeut- 6 sche Einzelhandelskette vollzog den ersten Spatenstich für einen Super- markt auf dem Gelände des Frauen-KZ Ravensbrück südlich von Berlin. Das Vorhaben wurde dank heftiger Proteste aus dem In- und Ausland gestop̃pt—»Schwestern, vergeßt uns nicht, vergeßt nicht die Toten von Ravensbrück. Wenn Ihr uns vergeßt, war unser Sterben umsonst. Umsonst die Tränen, die wir geweint, umsonst die Qualen, die wir erlitten«. Diese Zeilen von Auguste Lazar stehen über einer Veranstaltungsreihe des Lau- bach-Kollegs und der Arbeitsgemeinschaft Friedensdienste Laubach. Im Zentrum steht eine Ausstellung des Studienkreises Deutscher Widerstand über die Frauen-KꝰZ Moringen, Lichterburg und Ravensbrück. Am Montag abend wurde mit einem Podiumsgespräch im Kolleg-Atrium in diese einzigartige Ausstellung eingeführt. Auf dem Podium neben Vertretern der Veranstalter, des Studienkreises und der Kreis-Frauenbeauftragten Elisabeth Faber auch Lieselotte Thumser-Weil. Die heute 75jährige über- lebte Ravensbrück. Sie berichtete von den alltäglichen Entwürdigungen, von der Nazi-Strategie»Vernichtung durch Arbeit«, der 100 000 Frauen zum Opfer fielen. Sie berichtete aber auch von der Solidarität, dem Wider- stand im Verborgenen— als Keim der Hoffnung für die Eingekerkerten. Anlaß der Ausstellung wie auch Thema beim Podiumsgespräch waren aktuelle Rechtstendenzen im wiedervereinten Deutschland: Lieselotte Thumser-Weil wie auch Hermann Reineke, Uberlebender von Auschwitz, verwiesen auf Parallen zur Weimarer Republik, appellierten eindringlich an die Jugend, den rechten Demagogen und Geschichtsverfälschern nicht auf den Leim zu gehen. Für Hermann Reinecke nur ein Warnsignal: der Einzug der Republikaner bei der konstituierenden Kreistagssitzung am selben Tag. Dem Einzug einer Partei, deren Vorsitzender sich damit brü- ste, in der Mörder-Organisation Waffen-SS gewesen zu sein. Die»traurige Reaktion der Politiker« auf Angrif- 5 fe auf᷑ Asylbewerberheime bildeten den Anlaß, die- 6 se Austeilung nach Laubach zu holen. Angesichts Beiprogramm zunehmender Gewalt gegen Minderheiten über- zur Ausstel- haupt habe man diese Dokumentation ausgewãählt. lung in Lau- Wie Andrea Höhle(Friedensdienste) weiter beton- 9 te, Sei ganz bewußt ein Rückgriff auf die Vergan- bach genheit genommen worden, um aus ihr zu lernen. Sich nicht als geschichtsloses Individuum, sondern im„Spannungsverhältnis zwischen Goethe und Aktueller Be- Buchenwald« sehen— mit diesen Worten begründe- richt über te Schulleiter Krüger seine Unterstutzung. Erste Ausstellung über Frauen im Widerstand rechtsverlet- Die Einzigartigkeit der Dokumentation, erarbei- tet in Zusammenarbeit mit der Lagergemeinschaft bei Ravensbrück, stellte Ursula Krause-Schmitt(Stu- Frauen dienkreis Deutscher Widerstand) heraus. Einzigar-(Amnesty In- tig, da erstmals in Deutschland Schicksale von E Frauen gezeigt wurden, die Widerstand leisteten. ternationah Auf Zeittafeln werden überdies Entwicklung und Fakten der K?Z Moringen(33 bis 37), Lichtenburg Lagergemeinschaft Auschwit?z Freundeskreis der Auschwitzer eV. 15 (37 bis 38) und Ravensbrück(38 bis 4d) autgezeigt. Schwerpunkt bildet letzteres Lager, das etwa 100 000 Frauen und Kinder nicht überlebten. Mit zunehmender Kriegsdauer nahmen, so Krau- se-Schmitt, zugleich die Haftgründe zu. Nicht mehr nur aus politischen oder rassischen Gründen, we- gen eines Verstoßes gegen die»Nürnberger Geset- ze(vor allem Jüdinnen betroffen), wurden zehn- tausende Frauen von den Nazi-Schergen in dieses Lager verschleppt. Auch viele junge Frauen, die sich nicht anpassen mochten, sich einfach nur in einen Zwangsarbeiter verliebt hatten, traf dieses Schicksal. Krause-Schmitt:»Um das Unruhe- potential in Deutschland und spãter allen besetzten Ländern zu brechen, dafür gab es Ravensbrück. Dem grausamen Regiment der SS sei es zunächst darum gegangen, die Persönlichkeit der Gefange- nen zu brechen. Was folgte, war die physiche Ver- nichtung; durch medizinische Experimente (Zwangssterilisationen vor allem an Polinnen und Sinti-Frauen), vor allem aber durch Arbeit. In un- mittelbarer Nachbarschaft standen so die Werks- baracken von Siemens, insgesamt 30 AußBenkom- mandos für Rustungsbetriebe kamen hinzu. Selek- tionen gehörten auch hier zur Tagesordnung, wer zu schwach oder zu krank, wurde zur Vernich- tungsanstalt Bernburg verbracht. 1944 wurde auch in Ravensbrück eine Gaskammer gebaut; minde- stens 5000 Kinder und Frauen wurden vergast. Eignes Glück nicht mit Unglück anderer erkauft Eine zentrale Botschaft der Ausstellung sah Krause-Schmitt darin, zu zeigen, daß all diese Frau- en sich nicht beugten. Daß sie vor allem politischen Widerstand gegen ein inhumanes System leisteten, nicht ihr privates Glück mit dem Unglück der an- deren erkaufen wollten. Die Ausstellung wolle auch zeigen, unter welchen Bedingungen die Frau- en überlebten, wo die Wurzeln ihrer Kraft zu finden sind. Wesentlich dabei sei die Solidarität gewesen— sie bewahrte vor dem Sich-Aufgeben. „Einige Frauen haben heute wieder Angst vor neuen Verfolgungen, seien es Sinti-Frauen oder Frauen, die sich nicht einfügen, Minderheiten«, warnte die Sprecherin des Studienkreises. Parallelen zur Gegenwart zeigte auch Frauenbe- auftragte Faber auf. Sie warnte dabei auch vor»Le- galisierungstendenzen« zugunsten rechtsradikaler Parteien, warnte ebenso vor deren Frauenbild. Die Ausstellung helfe gegen blindmachende Demago- gie, gegen eine verengte Wahrnehmung. Der Aufruf „Scilwestern, vergeßt uns nicht«, Motto dieser wie folgender Veranstaltungen im Kolleg, müsse über diesen Raum hinausgehen. Faber: Das Schweigen durchbrechen Frauen, die das Schweigen durchbrechen, seien auch heute vonnöten. Womit Faber die systemati- schen Vergewaltigungen im ehemaligen Jugosla- wien ansprach. Viele deutsche Frauen, die bislang schwiegen, redeten nun darüber.»In den Kriegen wurden frũher gefallene Manner als Heldentote an- gesehen, Frauenvergewaltigungen wurden ver- schwiegen«. Gleßener Allgemelne, 5. Ma“ 199 8 Rahmenprogramm zur Ausstellung in Laubach „Mir Steht es zu, zu leben.? Liederabend mit Esther Bejarano und der Gruppe „Coincidence? Das Programm der Gruppe um Esther Bejanaro (Oberlebende des Konzentrationsla- gers) umfaßt diddi- Sche Lieder, Wider- Standslieder, Lieder von Brecht und Friedenslieder. Rahmenprogramm zur Ausstellung in Laubach Film- und Ge- spräãchsabend mit Loretta Walz Loretta Walz hat eine Dokumentation über die verfolgte Sinitzza Sophie Wittich gedreht. 6 S 2 16 Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer e V. Was bedeutet es für uns die Nazizeit wachzuhalten? Nicht zu akzeptierende„Menschlichkeiten' Andrea Hõhle, Kollegatin in Laubach Warum soll ich mich mit der Geschichte beschäftigen? Warum mich mit der Nazi-Zeit auseinandersetzen? Was geht mich das alles anꝰ Ich lebe jetzt und hier. Warum soll ich in der Vergangenheit herumwühlen? Was bringt es denn, es ist doch alles passe, Schnee von gestern. „Laßt uns nicht immer in der gleichen Suppe rühren, das wird zu nichts führen.“ So oder ähnlich sind die Reaktionen von manchen Menschen auf das Thema der Nazi-Zeit, die mich aber fragen lassen, ob diese für jene in ein rotes Tuch eingewickelt ist, oder ob dem Wort„Nazi' ein Zauber innewohnt, der so manche zu einem überquellenden Reden veranlaßt, jedoch so manch andere in ein bedrückendes Schweigen versinken läßt. Ob bedrückend oder nicht, ich halte das Wachhalten der Nazi-Zeit für sehr bedeutend. Das Wachhalten der Nazi-Zeit bedeutet sich zu erinnern an das, was geschah. Und das Erinnern ist ein Erinnern gegen das Vergessen. Das Geschehen im Dritten Reich und die Auswirkungen des nationalso- zialistischen Systems dürfen nicht vergessen werden, sie müssen im Ge- dãchtnis bleiben, denn die Taten mit denen die Nazis ihr System stützten und die sie mit unnachgiebiger Grausamkeit und systematischer Radikalitãt durchführten, waren und sind nicht zu verstehende und nicht zu akzeptie- rende Menschlichkeiten. Zu dem Ausdruck der nicht zu verstehenden und nicht 2u akzeptierenden Menschlichkeiten komme ich, wenn ich mir klarmache, daß die damaligen seotte Vhumsef- Me j/ bei einef Hhrung ourch die AlsStelung Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer eV. 17 Auftraggeber und Auftragsausführenden Menschen waren, die in einer Gesellschaft verankert waren, Familienleben genossen und wahrscheinlich ein ganz normales Leben führten. Daher fällt es schwer, die Nazis als unmenschlich zu bezeichnen. Der Mensch ist nicht unmenschlich, aber er hat als einziges Lebewesen die Verfügungsgewalt über sich, unmenschlich zu handeln. Weiterhin gibt es noch einen Grund, warum das damalige Geschehen nicht vergessen werden darf. Vergessen heißt, sich nicht erinnern können. Wie man zu diesem Nicht-Erinnern-Können kommt, ist verschieden. ₰ Einerseits gibt es das Nicht-Erinnern-Können aus der auf Grund von ãußer- lichen Umständen beruhenden Vergeßlichkeit(zum Beispiel Streß), ande- rerseits resultiert das Nicht-Erinnern-Können auf dem Nicht-Erinnern- Wollen und ist somit ein aktiver, ein von mir bestimmter Verdrängungspro- zeß. Aber das Ergebnis bleibt gleich. Das Stattgefunde verliert an Wichtigkeit und an Bedeutung und zwar letztendlich so, daß es aus dem Gedãchtnis fãllt. Daraus ergibt sich, daß ich mit dem Geschehen dann so verfahre, als hätte es sich niemals ereignet. Und somit entziehe ich mich der Konfrontation mit dem Vergangenen und der Verantwortung aus Erfahrungen zu lernen. Das Wachhalten der Nazi-Zeit heißt, aus der Vergangenheit zu lernen. Ich kann die Vorgãnge der Geschichte und die daraus resultierenden Erfahrun- gen mir zu eigen machen und darauf aufbauen. Hinter diesen Erkenntnis- stand kann ich nicht zurückfallen. Das bedeutet aber doch auch, daß ich die Erfahrungen nicht mehr zu machen bräuchte, daraus meine Lehren ziehen könnte, um die Vergangen- heit nicht noch einmal geschehen zu lassen. Das Lernen zielt also darauf hinaus, dieses Zeitgeschehen weder so, noch in einer ähnlichen Form wieder vorkommen zu lassen. Denn was wãre, wenn wir nichts gelernt hätten? Hier möchte ich mit den Worten von Auguste Lazar, einer ehemaligen 5 Haftlingsfrau des K?Z Ravensbrück, aus dem Gedicht„Schwestern, vergeßt uns nicht' antworten: Wenn ihr uns vergeßt, war uUnser Sterben umsonst, umsonst die Nnen, die wir geweint, umsonst die Qualen, die wir gelitten, umsonst der Schueiß, der von uns geflossen in tiefer Erniedrigung, Schreckclicher Angst das Grauen, der 7od wenn ihr uns vergeßt, war uUnser Sterben umsonst Auguste Lazar spricht hier zwar von Vergessen, jedoch denke ich, daß das Nicht-Lernen sehr eng mit dem Vergessen verbunden ist.„ 18 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e.V. Wichtig aber ist die Aussage des Bedingungssatzes„wenn ihr uns ver- geßt“, und jetzt setze ich das Nicht-Lernen aus der Vergangenheit ein, „wenn ihr nicht lernt, dann war unser Sterben, unser Opfer, umsonst.? Lernen aus der Vergangenheit, damit heute nicht geschehen muß, was damals geschah. Das Wachhalten der Nazi-Zeit als ein Abschnitt der Geschichte, der nicht als Ausrutscher zu bezeichnen ist, weil dieser sonst als ein Abweichen von der geschichtlichen Linie einzigartig wäre und auBerhalb der Geschichte stande, bedeutet, zu verstehen, das heißt sich klarzumachen, wie es zu diesen Geschehnissen kam. Die Frage nach dem„Wie', die die wichtigste Frage ist, führt mich also 6 zum Verstãndnis. Das Verstãndnis ist eine zwingende Folge der Wie-Frage, denn wenn ich diese beantwortet haben will, muß ich mich mit dem Thema auseinandersetzen, so daß ich Denkformen, Lebensweisen und vor allem die damalige Situation kennenlerne. Ich kann mir ein Bild machen, zwar unvollstãndig, aber von der Struktur erfaßbar, von dem, was, warum und wie war. Dieser spezielle Bereich, der des Dritten Reiches, wird dadurch viel- schichtiger und breiter. Ich verstehe dann zum Beispiel warum diese Begei- sterung überhaupt möglich war, aber auch warum diese radikale, brutale Vorgehensweise der Nazis zur Unterstützung der Ideologie nõtig war. Das Nicht-Begreifbare erhält Sinn und Zweck- welcher Art dieser Sinn und Zweck ist, ist eine andere Frage. Ebenfalls gewinnt das ganze Geschehen an erschreckender Normalitãt, die es aus dem Sonderzustand des Einzigartigen herausholt, weil nämlich die Handelsweisen der Menschen in ihrer Situation nachvollziehbar und verständlich wird. Diese Art des Umgehens mit der Vergangenheit, nach dem Wie zu fragen, führt zu einem Vergſeich mit dem Heute, das heißt, daß ich frage nach dem, wie war es damals und wie ist es heute. Dieser Vergleich ist unbedingt nötig, da sonst das Beschäftigen mit der Vergangenheit zu einem Steckenbleibenden Wühlen in der Geschichte ohne 6 Konsequenzen wird. Eine Konsequenz, die unweigerlich aus diesem Vergleich erwãchst, ist die Sensibilitãt und die Aufmerksamkeit für das heutige politische Geschehen. Die Konsequenzen aber, die sich aus dem Beschäftigen mit der Vergan- genheit ergeben, resultieren einerseits aus den Ahnlichkeiten mit dem Heute, die sich auffinden lassen und die stutzig machen, weil sich plõtzlich vergleichbares Anschauungsmaterial zeigt, andererseits aus dem Entdek- ken einer Verbindungslinie vom Damals zum Heute, einmal als zwangsläufi- ge Folge von Geschichte, ein anderes mal als unkonsequentes Durchgreifen bei der Entnazifizierung zur Gestaltung eines neuen Staates. (Hierzu einige Beispiele: Arzte oder Juristen, die auch schon im Nazi- System ihre Amter ausführten, wurden ohne weiteres in das„Neue System“ übernommen; die Situation in der Wirtschaft ist nicht viel anders, damalige führende Industriebetriebe gehören heute ebenfalls zu den führenden Be- trie ben.)— Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e.V. 19 Die Frage nach dem„Wie war es in der Vergangenheit? läßt mich also letztendlich nicht nur das Damals, sondern auch das Heute verstehen ler- nen. Das Wachhalten der Nazi-Zeit ist abschließend gesagt für mich von be- sonderer Wichtigkeit, denn das Wachhalten ist ein Erinnern gegen das Vergessen, ein Lernen aus der Vergangenheit und ein Erlangen von Verstãndnis. All diese Aspekte führen für mich unter der Betrachtung des Heute zu dem auffordenden Schlußsatz:„Nie wieder darf so etwas passieren, darum 5 haltet diese Vergangenheit wach, damit wir wach bleiben, nicht vergessen und frühzeitiag handeln.“ n Mihheimer Schiler besuchten Polen und Gedenkstätte Auschwitz Unterkunft in ehemaligen SS-Räumen und Begegnungen mit überlebenden Opfern Hanna Bonn-Scheib Zum ersten Mal fuhr im April dieses Jahres ein Oberstufenkurs Religion des Friedrich-Ebert-Gymnasiums in Mühlheim am Main für zehn Tage nach Polen, um das Mahnmal Kl. Auschwitz zu besuchen und um mit Menschen zusammenazutreffen, die als Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen in Auschwitz und anderen Konzentrationslagern gelitten haben. Nach intensiver Vorbereitung im Rahmen des Kurses, dessen Schwer- punkt-Thema die jüdische Religion und das Schicksal des jüdischen Volkes gewesen ist, starteten wir, 19 Schüler, zwei Begleiterinnen sowie der Bus- fahrer, am 21. April, noch während der Osterferien, zu unserer Reise, die d uns eine Menge bleibender Eindrüũcke vermitteln sollte. Am ersten Tag fuhren wir bis Zgorzelec an der deutsch-polnischen Gren- zen. Wir übernachteten bei Menschen, die zu den wenigen gehören, welche ihre Gefangenschaft in verschiedenen Konzentrationslagern überlebt haben und heute noch davon berichten können. Auf der Rückreise sollten wir hier noch einmal vorbeikommen, und vor allem bei dieser Gelegenheit ergaben sich viele intensive Gespräche, die uns das grausame Schicksal dieser Menschen, aber auch ihre Situation im heutigen, im Umbruch begriffenen Polen nahebrachten. Die Tage vom 23. bis 27. April verbrachten wir in Auschwitz, wo wir im Stammlager in denselben Raumen wohnten, die einst der SS als Unterkunft dienten eine Vorstellung, die viele von uns sehr merkwürdig berührte. Die vier Tage in Auschwitz waren ausgefüllt mit den unterschiedlichsten, zum Teil auch wiedersprüchlichen Eindrücken und Empfindungen, und jeder von uns hat an einer anderen Stelle seinen Zugang zu Auschwitz gefunden. Besonders wichtig war dabei das Gespräch mit Kazimierz Smolen, der selbst fünf Jahre Gefangener im Kl. war und nach dem Krieg 35 Jahre als 20 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e.V. Direktor des Museums Auschwitz gewirkt hat. Herr Smolen hat sich viel Zeit für unsere Gruppe genommen. Obwohl er heute normalerweise keine Führungen mehr leitet, hat er uns doch sowohl durch Auschwitz als auch durch Birkenau begleitet, und auch am Abend stand er uns für Gesprãche zur Verfügung. Erst durch seine Berichte und Erklärungen wurde etwas von dem erfahrbar, was sich tatsächlich an diesem Ort vor einem halben Jahr- hundert ereignet hat. Einen Vormittag besuchten wir das Lyzeum in Oswiecim, zu dem unser Gymnasium eine Schulpartnerschaft aufbaut. Die Begegnung unserer Gruppe mit den polnischen Jugendlichen sollte den Kontakt vertiefen. Von Auschwitz ging die Reise am 27. April weiter nach Krakau. Wie zuvor in Zgorzelec waren wir auch hier bei Menschen untergebracht, die am eigen- en Leib die Bruta- lität der 8SS in Auschwitz und an- deren Lagern er- fahren mußten. Aber wie bereits dort, durften wir auch hier die Er- fahrung machen, daß die Menschen, denen vor 50 Jah- ren diese äußerste Brutalität von Deutschen zuge- fügt wurde, uns junge Deutsche mit einer so war- mherzigen Freund- lichkeit empfingen, wie wir sie uns nicht vorgestellt hatten. Auch hier ergaben sich zahl- reiche Gespräche, die bei uns, nach- dem wir Au- schwitz gesehen — Im Stadttei KMazimi eræ ebten 1970 die meisten der 66 000 uden der Stadt Kra- Kow. 1965 wurden noch 40 gezahlt und ein Purch- Schnittsalter von 69 ahren registriert. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e.V. 21 hatten, einen um so tieferen Eindruck hinterließen. In Krakau führte uns Jadwiga Boratynska durch diese wunderschöne und geschichtsträchtige Stadt. Besonders beeindruckt hat uns der Besuch in der Kathedrale am Wawel, aber natürlich auch die Gegend um den Ring- platz mit den Tuchhallen. Wichtig war auch der Gang durch das jüdische Viertel der Stadt, wo wir nicht nur das Museum besuchten, sondern auch mit jungen polnischen Juden ins Gespräch kamen. Eine Schülerin berichtet eindrücklich von den heutigen Alltagsbedingungen und von den Anfeindungen, mit denen Juden seit dem Wiederaufleben nationalistischer Ideen wieder leben müssen. lnsgesamt war die Reise, wie ich glaube, eine wichtige Erfahrung für uns alle. Das Zusammentreffen mit ganz unterschiedlichen Menschen hat uns unseren Nachbarn Polen nähergebracht. Vor allem aber wird die Begegnung mit Uberlebenden des Holocaust, das Gespräch mit ihnen, dazu beitragen, daß die Teilnehmer dieser Reise nicht mehr anfällig sind für die neo- nazistischen und fremdenfeindlichen Gedanken, die sich in Deutschland heute wieder in erschreckender Weise ausbreiten. PS: Bei der Planung der Reise haben uns Hermann und Anni Rossmann- Reineck sowie Jutta Lösch sehr geholfen. Ich möchte mich nochmals herz- lich bedanken. n kine Leiche mit Vermögen im Osten u Die alte I6 Farben der Nazis macht neue Gewinne Berlin(taz)— Seit sieben Jahren gehört der Auftritt von Hans Fran- kenthal zum Ritual der Aktionärs- versammlung der I6 Farben. Seit sieben Jahren ernet Frankenthal mit seiner Forderung, die Aktien- gesellschaft endlch aufzulösen, nur müden Spott. Manchmal ruft auch jemand lauthals, man solle den Mann endlich rausschmeißen. Aber Hans Frankenthal, der als Jude in Auschwitz war und dort für die I6 Farben arbeiten mußte, ist heute selbst Aktionär, und er macht nichts anderes als die Ge- sellschaft an ihre eigene Satzungzu erinnern, die die Auflösung der Firma vorschreibt. Doch die Mehr- heit der Aktionäre will davon heute weniger denn je wissen. Denn in der I6 Farben riecht es wieder nach Profit. Die Gesell- Schaft erhebt Ansprüche auf 150 Millionen Quadratmeter Land auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. 1952 wurde die I. G. Farbenin- dustrie AG gegründet. lhren Auf- trag hat die Aktiengesellschaft„in Abwicklung“ seither nicht erfüllt: nãmlich die Reste des berüchtigten Nazi-Konzerns 16 Farben aufzulõ- sen und mit dem Geld die ehemali- gen Zwangsarbeiter zu entschädi- gen. Während des Krieges hatte die I6 Farben, damals der größte Chemiekonzern der Welt. 30.000 22 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e.V. Eine Leiche mit Vermögen Zwangsarbeiter aus den Konzen- trationslagern für sich arbeiten lassen. Allein bei Auschwitz wo sich der Konzern von KZHãäftlingen ein neues Werk errichten ließ. schufteten sich 25.000 Zwangsar- beiter zu Tode. Kein Unterneh- men war so eng mit der Nazi-Herr- schaft verflochten wie die 1G Farben. Als der Kriegsgigant nach 1945 von den Ailiierten in seine Einzel- teile zerschlagen wurde entstan- den daraus die Chemiefirmen Bayer. Hoechst und BAsF. Mit der Abwicklung des Rest- vermõgens ließen sich die Liquida- toren von der IG Farben i. A. Zeit. Statt die Leiche so schnell wie möglich zu begraben und das Ge- sellschaftsvermõgen von 140 Mil- lionen Mark satzungsgemäß als „Schadensersatzleistungen an die durch die Aktivitäten des Kartells geschädigten Personengruppen“ zu zahlen, klammerten sich Liqui- datoren und Aktionäre an die Hoffnung, daß vielleicht doch noch irgendwo Vermõgensteile des Na- zi-Konzernsschlummern. Nach fast 40 Jahren wurden sie fündig. Seit der Wende sind die Aktienkurse der I6 Farben AG iA. um weit mehr als das Poppelte gestiegen— es winken Milliarden- gewinne. Bei den Vermögensäm- tern in Bitterfeld, Buna, Leuna und anderen Chemiestandorten hat der Vorstand Ansprüche angemel- det. durch die— sollten sie aner- kannt werden- die IG Farben zum größten Grundbesitzer Deutsch- lands würde. Die Chancen für die Spekulan- ten stehen allerdings nicht beson- ders gut. Denn Enteignungen, die in die Zeit zwischen 1945 und 1949 fallen sind aus besatzungsrechtli- chen Gründen von Rückgabe und Entschädigung ausgenommen. Die IG-Farben-Vorständler bauen darauf, daß eine Reihe von Eneig- nungen zwar unter sowjetischem Besatzungsrecht beschlossen, aber mõglicherweise erst nach 1949 ver- fügt wurden. Wie auch immer die Verwal- tungsgerichte entscheiden werden, an dem Geld hãngt der Leichenge- ruch von Auschwitz. Die kritischen Aktionäre um Hans Frankenthal forderten am Wochenende zusam- men mit der Lagergemeinschaft Auschwitz, daß die Abwicklung endlich abgeschlossen und das Ge- sellschaftsvermõgen an die Stifung Auschwitz überwiesen werden Soll. Sie ließen sich auch von einem Angebot der Aktionärsmehrheit nicht überzeugen: Von allem, was die IG Farben im Osten zurũckbe- kommt, sollen fünf Prozent für die Entschädigung von Zwangsarbei- tern bereitgestellt werden. Bis heute warten die KZHãäftlinge vergeblich auf Wiedergutma- chung. Seit die 16 Farben in den S0er Jahren einen einmaligen Be- trag von 30 Millionen Mark an jü- dische Stiftungen gezahlt hat, hal- ten die Aktionãre die Sache für er- ledigt. Aois Berger ce fageszeitung 20 7095 23 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e.V. presseerklärung anlãßlich der Hauptversammlung der*IG Farben in Abwicklung? am Freitag, den 16. Juli 1993, in Frankfurt/Main Die Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer unter- stützt die seit Jahren erhobenen Forderungen der'Kritischen Aktionäre? Sowie der Organisationen der ehemaligen Zwangsarbeiter und der NS- Verfolgten: endgültige Abwicklung und Enteignung des ehemaligen Chemiekonzerns IG Farben im Sinne der Kontrollratsgesetze von 1945. d Die Gelder sollen bereitgestellt werden: für die Entschädigung der Opfer in den Produktionsstãtten der IG Farben und für den Erhalt von Gedenkstätten(Auschwitz und andere); keinesfalls sollen die Gelder den Aktionären als Spekulationsgewinne zu- gute kommen. Begründung Der deutsche Chemiekonzern IG Farben(Interessengemeinschaft Farbenin- dustrie) arbeitete aufs engste mit NSDAP und SS zusammen: So stellte die SS gegen minimale Bezahlung den Produktionsstätten des Konzerns Zwangsarbeiter aus den Konzentrationslagern zur Verfügung (auf dem I[G-Firmengelande in Monowitz wurde extra das KZ Auschwitz III- auch*IG Farben-Lager' genannt eingerichtet); damit hat der Konzern einen entscheidenden Beitrag zu dem schrecklichen Konzept'Vernichtung durch Arbeit? geleistet. Desweitern bezog die SS von der IG Farben-Tochtergesellschaft Degesch (Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung) das Giftgas Zyklon B, mit dem Millionen von Menschen vernichtet wurden(die Degesch existiert heute noch)h. Nach Kriegsende stellten die Alliierten fest, daß die IG Farben beim Auf- bau und der Aufrechterhaltung des deutschen Kriegsapparates eine wichti- ge Rolle gespielt sowie durch ihr Kartellsystem und Geschäftsgebaren sich an dem Streben nach Welteroberung maßgebend beteiligt hat. Aufgrund 5 dessen wurde das Vermõögen des Konzerns beschlagnahmt und eine Ent- flechtung durchgesetzt. 1955 wurde die heute noch existierende*[G Farben in Abwicklung' gegründet; sie hat die Aufgabe die Vermögensanteile der alten I6 Farben aufzuspüren, geltend zu machen und in die Abwicklung einzubringen-zum Nutzen der Aktionäre versteht sich. Die*IG Farben i. A.'(in Abwicklung) darf zwar keine Produktionsstätten besitzen, hat allerdings seit jeher auf dem Aktienmarkt(or allem durch das Engagement bei den I[G-Nachfolgefirmen BASF, Bayer und Hoechst) her- vorragende Geschãfte gemacht. Seit der deutschen Vereinigung machen die geschaftsführenden Liquidatoren der*IG Farben i. A.“ Ansprüche auf den enormen, in der ehemaligen DDR enteigneten Grundbesitz(E. B. Buna- Werke) geltend. 1991 beschloß die Hauptversammlung der Aktionäre von dem'mit Zyklon-Gas- und Leichengeruch behafteten Namen? loszukom- men- so Peter Gingold, Kritischer Aktionär und Mitglied der Lagergemein- schaft Auschwitz. Das Frankfurter Registergericht machte die Umbenen- nung in*Beteiligung- und Grundbesitz AG' jedoch rückgãngig und bestand auf der Beibehaltung des alten Namens.„ 24 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e.V. Afruf zum„ſag des Füchtings? am 1 Oktober Pro Asyl bereitet Gutachten vor Am 1. Juli dieses Jahres landete auf dem Frankfurter Flughafen der erste Flüchtling, der unter das neue b57 em 7.. 2 Asylrecht fiel. Er floh aus Togo. Kon- Soltmiso Genn krete Gefahren für Leib und Leben drohen ihm bei der Zurückschiebung. Dies bestätigte der Vertreter des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen in Deutschland. Doch der Bundesgrenzschutz, das Bundesamt für die Anerkennung auslän- discher Flüchtlinge und selbst das Verwaltungsgericht Frankfurt urteilten, der Asylantrag sei„offensichtlich unbegründet?. Die Abschiebung wurde vorbereitet und erst in letzter Minute gestoppt, weil das Bundesverfas- sungsgericht entschied: Der Flüchtling darf vorläufig bleiben. Bei einigen weiteren Verfassungsbeschwerden Mchrier o mt di An qenn ws emnringt S7 Kein Goßes Los abends m Loka Ft Kein Genehen Wer ist PRO ASVL? PRO ASVI. ist ein bundesweiter Zusammenschluß von Mitarbeiterin- nen und Mitarbeitern landeswei- ter Flüchtlingsinitiativen, Kirchen, Gewerkschaften, Wohlfahrts- und Menschenrechtsoragnisationen. PRQO AsVI wird durch den Vertreter des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen in der Bundesre- publik beraten. Wofür setzt sich PRO ASVL ein? PRO ASVI. setzt sich für Flũchtlinge ein, die politisch verfolgt sind oder an Leib und Leben gefährdet sind, auch wenn sie nicht unter den Be- griff„politisch Verfolgte“ der Genfer Flüchtlingskonvention oder Artikel 16 a Grundgeset? fallen, wie zum Bei- spiel Flüchtlinge, die über einen an- geblich„sicheren Drittstaat“ einge- reist sind, Flüchtlinge aus„sicheren Flerkunftsstaaten“, Flüchtlinge aus Kricgs und Krisengebieten, etc. kam das Gericht zu gleichen Beschlüs- sen. Solche spektakulären Fãlle an den Flughäfen finden in der Offentlichkeit Beachtung. Doch die Mehrzahl der Flüchtlinge will auf dem Landweg über einen angeblich„sicheren Drittstaat? einreisen. Und dies sind alle Nachbar- länder Deutschlands. Den Flüchtlingen droht die Zurückschiebung. Seit dem 1. Juli gilt: Entscheidend ist nicht mehr der Fluchtgrund, sondern der Fluchtweg. Dies ist der Kern des neuen Asylrechts. Für das, was dann geschieht, lehnt man jede Verantwor- tung ab. Zum Beispiel droht Flüchtlin- gen aus dem ehemaligen Jugoslawien die Kettenabschiebung. Sie haben in Osterreich keine Chance. Denn für Osterreich sind Slowenien und Kroati- en„sichere Drittstaaten?. Wie kann auf diese Situation rea- giert werden? Die Flüchtlingshilfsorganisation „Pro Asyl' hat ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, um prüfen zu lassen, ob nicht das neue Asylrecht in weiten Teilen verfassungswidrig ist. Solch ein Gutachten kann Rechtsanwälten als Hilfestellung bei der Begründung von Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e.V. 25 Klagen dienen. Es ermöglicht eine öffentliche Auseinanderset- zung und kann zur Entschei- dungsfindung des Bundesverfas- sungsgerichts beitragen. Desweiteren unterstützt Pro Asyl Verfassungsbeschwerden und Musterprozesse von Flücht- lingen. Klagen gegen das neue Asylrecht kann nämlich nur ein betroffener Flüchtling und nicht eine Organisation wie Pro Asyl selbst. Als dritte MaBnahme hat Pro Asyl einen Rechtsexperten be- auftragt einen Leitfaden zur er- arbeiten. Dieser Leitfaden soll In- itiativen, Sozialarbeitern und en- gagierten Einzelpersonen bei der Verfahrensberatung helfen und Handlungsmöglichkeiten aufzei- gen. Als dies ist wenig spektakulãr, jedoch dringend erforderlich und auch kostenintensiv. Die ersten Entscheidungen zeigen, daß Pro- zesse eine Aussicht auf Erfolg haben. Pro Asyl hofft, dadurch zentrale Pfeiler der Abschot- tungspolitik zu Fall zu bringen und schutzbedürftigen Flüchtlin- gen zu ihrem Recht zu verhelfen. Der 1. Oktober soll als„Tag des Flüchtlings“ begangen werden. Initiativen, Kirchengemeinden, Gewerkschaftsgruppen, Kommu- nen bereiten hierzu Veranstal- tungen vor. Pro Asyl ruft zur Teilnahme an diesen Begeg- nungs- und lnformationsveran- staltungen auf. Eine 328eitige Broschüre und ein Plakat kann bei Pro Asyl, Postfach 101843, in 60018 Frankfurt für drei Mark (ab 10 Exemplaren 2 Mark plus Versandkosten) angefordert wer- den. Uber die gleiche Adresse ist eine Liste mit weiteren lieferba- ren Materialien zu beziehen. x Was will PRO ASVIL? PRO ASVL fordert: ⸗die volle Finhaltung der Genfer Flüchtlingskonvention. Kettenab- schiebungen verstoßen gegen die Konvention. Die Bundesregierung hat sich wiederholt geweigert, den Flücht- lingsbegriff der Genfer Flüchtlings- konvention zur Grundlage des Asyl- verfahrens zu machen und alle Normen der Konvention zu erfüllen; eine sorgfãltige und umfassende Prũ- fung der Asylanträge. Dabei muß neben der Frage, ob jemand politisch verfolgt ist, auch sorgfältig geprüft werden, ob einem Flüchtling Gefah- ren für Leib und Leben drohen und desweꝑen nach Artikel 1 und2 Grund- gesetz, Artikel 3 der Furopãischen Menschenrechtskonvention, Jh51 und 53 des Ausländergesetzes die Abschie- bung verboten ist; ⸗die Aussetzung der Pilverfahren an den Flughäfen. Denn eine sorgfältige Prüfung ist im Schnellverfahren nicht möglich. eine entschiedenes politisches Vorge- hen zur Beseitigung der Fluchtursa- chen. Zum Beispiel ist die Türkei NATO-Partnen Mitglied des Europa- rates und Unterzeichnerin der Euro- pãischen Menschenrechtskonvention. Die Bundesregierung hätte also poli- tische, diplomatische und juristische Möglichkeiten, gegen die Verletzun- gen der Menschenrechte in der Türkei vorzugehen. Doch sie unternimmt nichts und lefert sogar noch Waffen, die benut?t werden im Krieg gegen die kurdische Zivilbevölkerung. 26 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Der ehemalige Auschwitzhäftling starb am 5. Mai 1993 Stanislaw Koczanowicz ist tot An seinem 72. Geburtstag ist der ehemalige Auschwitz-Hãftling Stanislaw Nalecz Koczano- wicz gestorben. Seit Kriegsende hatte er sich für die Erhaltung der auf den Arealen der ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager einge- richteten Gedenkstätten eingesetzt. Viele Mit- glieder unseres Vereins und auch viele Teilneh- mer von Studienreisen hatten Stanislaw Kocza- nowicz sowohl als hilfsbereiten Gastgeber als auch engagierten Gesprächspartner kennenge- lernt. Stanislaw Koczanowicz wurde am 5. Mai 1921 in Tarnow geboren. Nach dem deutschen Uberfall auf Polen schloß er sich als 18jähriger der konspi- rativen Organisation der Pfadfinder„Orzel Bialy“(dt.„Weißer Adler') Sowie der Organisation„Zwiazek Walki Zbrojnej'?(dt.„Verband Bewaffne- ter Kãmpfer') an. Die beiden Gruppen operierten im Gebiet von Nowy Sacz. Aufgrund einer Denunziation wurde Stanislaw Koczanowicz am 7. No- vember 1942 von der Gestapo verhaftet und am 23. Januar 1943 in das Konzentrationslager Ausschwitz eingeliefert; dort bekam er die Nummer 93191. In Auschwitz wurde er Opfer von medizinischen Experimenten-er wurde mit Flecktyphus infisiert. Dank der Fürsorge und Hilfe von Dr. Feikel überlebte er und wurde im Januar 1944 in das Unterlager Monowice(Buna- Werke) gebracht. Bei einem Fluchtversuch am 14. Januar 1945 wurde er erwischt und zum Tode verurteilt: er sollte wãhrend des Appells am 20. Januar gehängt wer- den. Die Evakuierung des Lagers am 18. Januar bedeutete seine Rettung.. Während der Evakuation wurde er in folgende Konzentrationslager ver- bracht: Buchenwald-Dora, Ellrich, Oranienburg. Ende April 1945 wurd das Kl. Oranienburg evakuiert und die Haftlinge wurden zu Fuß in Richtung Lübeck getrieben, wo sie auf alte Schiffe geladen und versenkt werden sollten. Am 3. Mai wurden sie in den Wäldern in der Gegend von Schwerin von der Roten Armee befreit. Mitte Mai konnte Stanislaw Koczanowicz nach Polen zurückkehren. Nach seinem Abschluß an der Theaterhochschule im Jahr 1947 arbeitete er als Schauspieler an verschiedenen Theatern. Sein schlechter Gesund- heitszustand- Kriegsinvalide der I. Gruppe- zwang ihn 1978 in Rente zu gehen. Soweit es seine Behinderung zuließ arbeitete Stanislaw Koczanowicz auch nach seinem Ausscheiden aus dem Berufsleben in mehreren gemei- nützigen Organisationen und wurde mehrfach mit Medailien und Auszeich- nungen geehrt. Als Zeitzeuge stellte er sich bei zahlreichen Treffen mit Jugendlichen und auslandischen Besuchergruppen zur Verfügung und be- richtete über seine Erfahrungen in den Konzentrationslagern. 2 Lagergemeinschaft Auschwit?z Freundeskreis der Auschwitzer e.V. 27 Die Schrittstelerin AnneMarie Fabian starb in Berlin vVersuche über Auschwitz Die Schriftstellerin und Journalistin AnneMarie Fabian ist nach längerer Schwerer Krankheit am 3. Juli 1993 in einem Krankenhaus in Berlin gestor- ben. Anne-Marie Fabian wurde 72 Jahre alt, geboren ist sie im November 1920 in Stettin. Als politische und literarische Autorin hat sie sich auf vieltältige Weise mit der Geschichte des Faschismus, den Opfern und Tatern sowie der Emigrati- on beschäftigt. Seit 1961 lebte und arbeitete sie mit ihrem Mann Walter Fabian, der bereits vor Jahren verstarb, in Köln. Beide waren stark in der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung engagiert und mischten sich regel- mãßig kompetent und bestimmt in die öffentlichen politischen Diskussionen ein. Das hier abgedruckte Gedicht von Anne-Marie Fabian ist dem Band „Wink über das Aschenfeld' entnommen; sie hat ihn 1984 im Asso-Verlag mit dem Untertitel„Auschwitz-Gedichte? veröffentlicht. Im Vorwort betont sie, daß sie nicht Hãftling war, son- dern nur gesehen hat,„was übrig ist“. Dabei fühlte sie jene„Mischung aus Trostlosigkeit und Hoffnung', die Peter Weiss über einen Besucher von Auschwitz beschrieben hat: „Jetzt steht er nur in einer unterge- gangenen Welt. Hier kann er nichts mehr tun. Eine Weile herrscht äu- Berste Stille. Dann weiß er, es ist noch nicht zuende.? Anne-Marie Fabian stellt die Maxi- me auf„Es gibt nichts zu erfinden für jemanden, der Auschwitz nicht selbst durchlitten hat' und ver- pflichtet sich zu einer besonderen formalen und gedanklichen Nüch- ternheit. Sie verwendet deshalb nur Erlebnisberichte, ProzeBprotokolle und historisch gesichertes Material, wobei immer, oft im Gedicht selbst, die Quelle genannt wird. Die daraus sich ergebende Ksthetik nennt sie „tastend' und will damit die Wirk- lichkeit und den„eindeutig(en)“ Selbstverstãndlich an Jean Amery ch Schlafe und werde nicht von Apträumen gequãlt ch berühre mich und fühle keine Folternarben lch esse und trinke und kenne nicht den Geschmack von Verdorbenem ch iebe und wurde nie vergewaltigt lch habe Freunde Schrecken von Auschwitz nicht rückwärtsgewandt, sondern„nach vorn verdichten?. Sie meldet selbst ausdrücklich Zweifel an, ob ihr das gelungen ist und nennt ihren Zyklus einen Versuch. A und weiß nicht um die Angst vor Verrat ch habe bruchlos gelebt Selbstverständlich? 28 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e.V. Unseren Mitgliedern herzliche Geburtstagsgrüße August September 3.9. d.. 5.9. 6.9. 8.9. 10.9. 12.9. 14.9. 14.9. 15.9. 15.9. 16.9. 16.9. 22 Günter Bilgmann Dr. Ursula Krause-Schmitt Werner Schmidt Eduard Wolny Katharina Neidert Hans-Jürgen Rojahn Doris Graenert Astrid Knõss Wiebke Lessin Ursula Schmidt . Hildegard Moos oachim Sokolowwski Willi Berg Detles Puls Michael Hummel Gotthard Keusch Neithard Dahlen Eva Beck-Friedrich Ellen Krosch Heino Galland Rudolf Reiferscheid Martin Grün Thomas Krug Edgar Nienhuys Werner Falk Eva Leidescher-Blaschke Peter Hofmann Josef Seuffert Dr. Christian Grosche Gerhard Beyer 9. Susanne Roth Jutta Wies . Harald Skroblies .9. Elke Gross Oktober 1.10. Margit Proescholdt 6.10. Dr. Konrad Huchting 9.10. Helga Leib 11.10. Walter Matt 11.10. Alfred Oppenheimer 11.10. Christa Piotrowski 11.10. Dr. Dieter Reithmeier 14.10. Katharina Fleckenstein 14.10. Stephan Kahl 16.10. Heinz Betzler 16.10. Jürgen Lindemann 17.10. Peter Reimann 18.10. Helmut Hertel 19.10. Peter C. Keller 21.10. Maria Kretzschmann 23.10. Gerhard Gaede 23.10. Regina Hamel 25.10. Nina Melchers 28.10. Dr. Klaus Konrad 30.10. Carl Cellarius 31.10. Hans Hirschmann 31.10. Michael Metz November d. 11. Joachim Proescholdt 7.11. Hanns Blauert 7.11. Thomas Kremer 8.11. Klaus Reinhardt 15.11. Sissi Hajtmanek 16.11. Berthold Zins 17.11. Wofgang Merten 18.11. Hans-Joachim Funke 18.11. Hedda Hansen 19.11. Günther Magel 20.11. Lieselotte Thumser-Weil 22.11. Dr. Klaus Dörner 25. 11. Ingeborg Kress 26.11. Rudko Kawczinski 27.11. Dietrich Spaeth 29.11. Reiner Drescher 29.11. Hubert Meyer 30.11. Gabriele Abel Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e.V. 29 Mitgliederversammlung am Samstag, den 25. September, um 14 Uhr in der St. Katharinen-Gemeinde, Myliusstraße 53 Frankfurt am Main Am Samstag, den 25. September, findet um 14 Uhr in Frankfurt im Zen- trum der Evangelischen St. Katharinen-Gemeinde, Myliusstraße 53(Nähe Palmengarten) eine Mitgliederversammlung der„Lagergemeinschaft Au- schwitz-Freundeskreis der Auschwitzerꝰ statt. Eine erneute Versammlung in diesem Jahr ist notwendig geworden, weil Monika Ribold, die im Februar zur Kassiererin gewählt worden war, nicht nur zurückgetreten ist, sondern auch leider ihren Austritt aus dem Verein erklärt hat. Das Amtsgericht Butzbach, bei dem wir als gemeinnütziger Verein eingeschrieben sind, verlangte eine Zuwahl noch in diesem Jahr. Wir bitten deshalb um zahlreiches Erscheinen, damit die Beschlußfähigkeit gewährleistet sein wird. Als weiteren wichtigen Punkt hat der Vorstand eine Beitragserhöhung auf die Tagesordnung gesetzt. Bereits im letzten Mitteilungsblatt wurde daraufhingewiesen, daß der Jahresbeitrag seit Gründung des Vereins nicht erhöht wurde. Der Vorstand wird auf der Versammlung beantragen den Mindestbeitrag von 40 auf 60 Mark zu erhöhen. Dies ist zwar prozentual gesehen eine enorme Steigerung, aber angesichts der jahrelangen „Enthaltsamkeit? sowie der steigenden Unkosten, durchaus zu vertreten, wurde einstimmig von den Vorstandsmitgliedern beurteilt. Mitglieder, die sich dies nicht leisten können, können nach wie vor auf Anfrage davon befreit werden. Die Vereinsmitglieder haben fristgerecht die Einladung zur Versammlung bekommen, eingeladen sind jedoch auch Nicht-Mitglieder, die sich für unse- re Ziele interessieren. Die Versammlung tagt öffentlich und die Tagesord- nung sieht wie folgt aus: 1.) Begrüßung 2.) Bericht des Vorstandes Z.) Beitragserhöhung d.) Zuwahl zum Vorstand 5.) Verschiedenes Vereinsmitglieder, die an dem Termin der Versammlung verhindert sind, weisen wir auf die satzungsgemäße Möglichkeit hin, ihr Stimmrecht auf ein anderes Mitglied zu übertragen. Dies muß jedoch der Versammlungsleitung schriftlich vorliegen und jedes anwesende Mitglied kann nur ein übertrage- nes Stimmrecht ausüben. 2 30 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Ein erster Versuch, aus„Fulda“ zu lernen Diskussion über den Auftritt der Neonazis FULDA. Soziale Unruhen, eine wach- sende Wohnungsnot:„Was passiert“, fragt der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, auf dem Podium im überfüllten Fuldaer Schloßtheater,„was passiert, wenn wir noch mehr Arbeitslosigkeit bekommen?“ 1993 sei zwar nicht 1933, davon sei man weit entfernt. Doch die„Art des Auftritts“ der Neonazis in den Nachmittagsstunden des 14. August in der katholischen Stadt sei„erschreckend“ Zehn Tage, nach dem sich fünfhundert Rechtsradikale für drei Stunden die Herrschaft in Fulda„erputscht“ hatten (So ein Gewerkschafter), beginnt die gei- stige Aufarbeitung eines Schocks, der vielen Menschen„schlaflose Nächte“ be- reitet habe. Der Landtagsabgeordnete der Grünen Fritz Hertle, der zu dem von ihm arrangierten„Fuldaer Gespräch“, einer ständigen Einrichtung, neben Bubis auch den Ministerpräsidenten Hans Eichel, den Chef der hessischen Polizeigewerk- schaft(GdP) Hansgeorg Koppmann so- wie den Oberbürgermeister Wolfgang Hamberger gebeten hatte, klagt eine„A- lianz der Demokraten“ ein. Nur dann, so der Fuldaer Politiker, könnten die Fehler von 1933 vermieden werden.„Nichts hin- biegen, nichts vertuschen, sonst lernen wir nichts draus“, sagt der Grüne. Es sind die politischen Gründe für das Geschehen auf dem Domplatz, das gesell- schaftliche Klima, in dem Neonazis mit wachsender Bereitschaft ihre„Gesinnung offensiv nach außen tragen“(Bubis), die an diesem Abend im Vordergrund stehen — erst an zweiter Stelle rangieren die po- lizeitaktischen Fehler, die den unbehel- ligten Auftritt zur„Katastrophe“(Hertle) werden ließen. Doch eine Antwort fällt den Politikern nicht leicht.„Wir müssen gegen das Gift in den Köpfen“ dieser Menschen an- kämpfen, sagt Eichel. Ein Gift, das„ge- fährlich“ werden könne, wenn es„genug Sprengstoff“ gebe. Der Ministerpräsident„ sieht diesen Sprengstoff in der stetig wachsenden Massenarbeitslosigkeit, einem„Nährboden“ für die Gewalt von rechts. Die Arbeitslosigkeit, korrigiert Bubis den Sozialdemokraten, habe zwar noch nicht die Dimension von 1933 erreicht, doch auch er verlangt, daß die„Demokra- ten zusammenstehen“, um eine Entwick- lung zu stoppen und umzukehren, die seit zwei Jahren ihren Lauf nehme. Die von Rechtsradikalen verursachten Vorgänge, die jetzt immer stärker sichtbar würden, seien doch in den letzten Jahren von der Politik nicht ernst genommen worden. Sie habe keine Antwort gefunden auf die Gewalttaten.„ᷓNMan war glücklich“, wenn man für einen Attentäter die Beschrei- bung finden konnte, daß er betrunken war und aus einer niederen sozialen Schicht stammte, überspitzte Bubis. In Wahrheit sei man aber längst mit„durch- dachten“ Strategien konfrontiert, wie sich nun in Fulda gezeigt habe. Von Zufallser- scheinungen könne keine Rede mehr sein. Mit Verboten von Parteien allein, wie sie Hessen über den Bundesrat jetzt wie- der für die rechtsradikale Freiheitliche Arbeiterpartei(FAP), dem maßgeblichen Drahtzieher der Fuldaer Ereignisse, an- gestrebt werde, sei jedoch nicht genug zu bewerkstelligen, meint der Zentralrats- Vorsitzende. Schon deshalb nicht, weil es mehr als 380 Gruppierungen auf dem rechten Rand gebe, gegen die man eben- falls deutlich vorgehen müsse. Doch das, so Hertle, was sich„immer frecher“ als„böses Zwillingspärchen“ von Auslãnderfeindlichkeit und Antisemitis- mus artikuliere, lasse sich heute nicht mehr bloß mit Argumenten bekämpfen. „Der Staat muß repressiver gegen rechts vorgehen“, fordert der Grüne. Was im Un- tergrund gäre, sei„bagatellisiert“ worden, die Zeit einer„falsch verstandenen Lais Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 31 Serfaire Haltung jetzt vorbei“ Ein Ge- werkschafter aus dem Publikum gar fragt, auch vor dem Hintergrund einer of- fensichtlich überrumpelten Polizei:„Wo ist der Punkt, an dem wir Widerstand lei- sten sollten..7“ Eine kaum mehr rheto- rische gemeinte Frage, die weitgehend ohne Antwort bleibt. Unverständnis auch an diesem Abend über das Vorgehen der Polizei. Immer neue Zeiten tauchen auf, wann wer etwas vom eigentlichen Ziel Fulda gewußt ha- ben will. Der Chefredakteur des Hessi schen Fernsehens, Wilhelm von Stern- burg, der die Diskussion moderiert, will von einem Kollegen bereits um 13.30 Uhr Fulda als Aufmarschort genannt bekom- men haben. Doch ob es dieser Zeitpunkt oder ob es erst 15 oder 15.45 Uhr war— für den Ministerpräsidenten ist eines klar: Die Einfahrt nach Fulda hätte ver- hindert werden können und müssen, und dies hätte auch„jede Stelle“, ob der Poli- zeiführer am Ort oder der Staatssekretär, durchsetzen können.„Es war alles noch am Samstag vermeidbar“ Auch für den Polizeigewerkschafter Koppmann ist es völlig unwerständlich, wie seine Kollegen den Neonazis einen „Reiserapport“ abnehmen konnten, um dann zuzusehen, wie die Omnibusse mit den Rechten hinter dem Polizeifahrzeug nicht geradeaus nach München fuhren, sondern in Fulda-Nord von der Autobahn abbogen. Für den Regierungschef war es zu we- nig, daß so nur ein Aufeinanderprallen gewaltbereiter Autonome und der Neona- zis verhindert werden konnte.„Dieser Er- folg reicht nicht“, sagt Eichel. Zumal, so Koppmann, die Neonazis„ebenfalls ge- waltbereit waren“ Mit einem Mißverständnis räumt Koppmann auf: Zwar seien die Rechtsra- dikalen technisch erstaunlich gut ausge- rüstet. Telefax in den Bussen, Mobiltele- fone.„Das gibt uns zu denken.“ Aber: „Wir sind denen nicht unterlegen.“ Die hessische Polizei, lobt Koppmann aus- drücklich, sei hervorragend ausgestattet. Auch EFichel nennt die„gute Logistik“ der Neonazis eine„reale Gefahr“. Bisher sei nicht bekannt gewesen, mit welchen Mitteln bei diesen Organisationen ope- riert werden könne.„Das sind keine ver- sprengten Gruppen mehr“, verdeutlicht der Ministerpräsident die Gefährlichkeit der rechtsradikalen Strukturen. Koppmann sieht aufgrund der Fuldaer Vorfälle einen„Riesennachholbedarf“ vor allem in der Ausbildung der Polizeifüh- rung, da in den Akademien der Umgang mit den Neonazis nicht auf dem Stunden- plan stehe. Fehler seien insbesondere im Leitungsapparat gemacht worden. Doch auch am Ort des Geschehens, wie Hertle anhand der von ihm gesammelten und inzwischen der Staatsanwaltschaft über- gebenen Zeugenberichte zu belegen ver- sucht. Da seien empörte Bürger sogar den Neonazis ausgeliefert worden, die Polizei habe ihnen im Zweifel sogar„den Knüp- pel gezeigt“, um die Demonstranten („Nazis raus“) zum Schweigen zu bringen. Fuldas Oberbürgermeister Hamberger, selbst Augenzeuge der Vorfälle auf dem Domplatz, sieht nun seine Stadt durch die Medien gezerrt. Er ist ums Image be- sorgt. Daß in seinem Amt die schriftliche, mit„deutschem Gruß“ unterzeichnete Ankündigung einer Demonstration nicht ernst genommen und mit dem Vermerk „Marschroute abstimmen“ versehen wur- de, bringt den Ministerpräsidenten in Ra- ge: Daß da„nicht sämtliche Warnlichter angehen“, könne er nicht verstehen. Hamberger aber bleibt nicht völlig ohne Zuspruch an diesem Abend: Er habe von der örtlichen, den Neonazis kräftemäßig völlig unterlegenen Polizei wohl kaum verlangen können, die Demonstration aufzulösen, macht der OB geltend. Er ha- be sich das überlegt, hätte aber Zerstö- rungen in der Stadt in Kauf nehmen müssen. Dafür, fügt der Christdemokrat Hamberger hinzu, wollte er sich später nicht verantwortlich machen lassen. „Nein, nein“ ruft ihm das Publikum zu. Es gibt zu erkennen, daß es dem Oberbür- germeister eine solche Entscheidung nicht angelastet hätte. STEPHAN BORNECKE anurtsr Hundschau 27 4 9. 1993 Bündnis mit der NPD Gemeinsame Sache In der Stadt ABlar(bei Wetzlar) gibt es ein kommunalpoliti- sches Bündnis zwischen CDU, FDP, FWG und der mit 10 Pro- zent gewählten NPD, wie ein gemeinsamer Antrag vom 3. 7. 1993 im Gemeindeparlament belegt. 32 Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer e.V. Einadung Zum nächsten im Gemeindehaus der ev. St. Katharinengemeinde Myliusstraße 52 Nãhe Palmengarten) in Frankfurt am Main Dienstag, 12. Oktober, 19 Uhr Gezeigt wird der Film„Wahrheit macht„ frei von Michael Schmidt, der inkogni- to in der NMeo-Nazi Szene recherchiert hat und dabei unter anderem Michael Kühnen interviewte. Zur Diskussion nach dem Film ist der Co-Produzent Graham Atkinson, der Mitherausgeber einer englischsprachigen Antifa- Zeitschrift ist, anwesend. Weitere Veffpunkte finden statt am Mittwoch, den 3. November, und am Mittwoch, den 1. Dezember, jeweils um 19.30 Uhr Impressum Herausgeber: Lagergemeinschaft Aus- chwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Redaktion: Hans Hirschmann Hermann Reineck Mitarbeiter: Klaus Konrad-Tromsdorf Nadja Kuhl(Fotos) Auflage: 2000 Exemplare Unsere Bankverbindungen: Postscheckamt Frankfurt/ Main 6 BLZ 500 100 60 für Organisation † Polenaktionen: Kto.-Nr. 51664— 608 Sparkasse Wetterau BIZ 518 3500 79 für Organisation † Polenaktion: Kto.-Nr. 0020000503 für Studienreisen: Kto.Nr. 0020000660 für Aktion Auschwitz— Stop dem Verfall“: KtoNr. 0020002000 Wenn Sie sich um Ihre Einzahlung für die nächste Zeit nicht mehr kümmern wollen, lassen Sie einfach abbuchen, Sie sparen: Die Bank bzw. Postgebühren Einzugsermächtigung Ich bin bis auf Widerruf mit der Abbuchung[Q monatlich Q helbjshrlich i Tst n von 40 PM einverstande[Q vMeriehjahrlieh[ jahrlich Name, Anschrift Geldinstitut Ort Konto-Nr. Bankleitzahl Datum Unterschrift Lagergemeinschaft Auschwitz— Freundeskreis der Auschwitzer e.V., 35516 Münzenberg, Schillerstraße 18 Der Verein ist als gemeinnũtzig anerkannt. Die Beitrãge und Spenden sind steuerlich abzugsfähig. Eine Spendenbescheinigung wird zugesandt. Adressenänderung: Bitte teilen Sie uns bei Wohnungswechsel Ihre Neue Anschrift“ mit. Wir haben bei unserer letzten Aussendung etwa 50 60 Retouren mit dem Vermerk unbekannt verzogen' von der Post erhalten. Die Nachforschungen nach der neuen Anschrift sind sehr Zeit- und Geldaufwendig, dazu meist erfolglos. Sicher sind Sie an unserer weiteren Arbeit interessiert, aber wie sollen wir Sie informieren, wenn. 27 Neue Anschrift Dann füllen Sie bitte diesen Abschnitt aus, kleben ihn auf eine Postkarte und schicken ihn an folgende Adresse: Lagergemeinschaft Auschwitz Schillerstraße 18 35516 Münzenberg Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer e. V. aUsctrrz Schillerstraße 18 35516 Münzenberg Telefon 0 60 33/6 01 68 Sparkasse Wetterau(BLZ 518 500 79) Konto- Nr. O 020 000 503 Postscheckkonto Frankfurt Main(BLZ 500 100 60) Konto- Nr. 51 664-608 Beitrittserklärung Name, Vorname Anschrift, Straße, PLZ, Ort Geburtsdatum Titel, acad. Grad, Beruf [Q Haftling im K? Auschwitz vom bis S Hãftling in anderen Lagern, Gefängnissen etc. E Angehöriger des ehem. Auschwitzhäftlings Hãftl. Nr. Q Freundeskreis der Auschwitzer Datum des Beitritts Unterschrift Zutreffendes bitte ankreuzen K HEIFEN SIE UNS WERDEN SIE MITGLIED IM FREUNDESKREIS S CHAET AUSCEHMWTA 8.G. Jetzt steht er. nur in einer unterge- gangenen Welt. Hier karn er nichts mehr tun. Eine Wei le herrscht äußer- Ste Stlle. Dann weiß er, es ist noch richt zuende. Farbkarte 613 Mitteiungsblatt September 1993