LAGERGEMENSCHAET AUSCEHWTZ CWR E. V. AUSCHMWITZ 18. Janrgang Mitteiungsblatt Apri 1993 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. l Aus dem lnhalt Seie Gederkstãttenarbeit Lernweg und Lernort politischer Bildung 1 Ausstellungen in Bucherwald und Sachsenhausen 5 „Von Auschwitz nimmt man keinen Abschied't 6 Man kann Auschwitz nicht ausdrücken 9 Monika Hõrber: Bericht einer Stucientahrt 0 Geldstrafe für lrving n Bericht von der Mitghederversammlung 12 6 Signet für die Mitgieder?ꝰ 16 Einladung zum Ketfpunkt am 5. Mai V „Auch wir waren, Asylanten“ Holocaust-Zentrum in Frankfurt 18 KZ Auschwitz Soll als Gedenkstätte⸗ 19 „Gleichsetzungen verbieten sich“ 20 „Bezeichnendes Beispiel' aus Apolda 21 „Pro Monat KZ gibt es. 22 EG will KZ's als Gedenkstätten erhalten 24 „Schuld und Schulden? 24 Der altãgliche Widerstand gegen das Wegsehen 26 Hilfstransport nach Polen 28 Geburtstagsgrüe 29 „Briefe der Liebe“ 30 Lyrikwerkstatt Auschwitz Sſ Mitgiiedsbeitrag 32 Fahrt nach Buchenwald Einige Mitqhieder des Vorstandes Wollen am Samstag, den 3. Juli, nach Buchenwald fahren und sich das neue Kon- zept der Gedenkstätte ansehen. Wer lnteresse sowie Zeit hat und mittahren mõchte, wird gebeten sich bis spãtestens am 15. Mai entweder bei Gerhard Herr in Wetzlar(ſelefon O6441— 31602) oder bei Mattnias Tiessen in Frankfurt (ſeleton O69 653737) zu melden. Wir können dann Fahr- gemeinschaften biden und uns gemeinsam zu einer Füh- rung anmelden. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Gedenkstättenarbeit Lernweg und Lernort politischer Bildung von Dr. Klaus Konrad-Komsdorf Im Rahmen der Ausstellung Auschwitz- ein Verbrechen ge- gen die Menschheit' fand in Gie- Ben eine Diskussion zum Thema Gedenkstättenarbeit Statt. Mit- arbeiter der Gedenkstätten Aus- chwitz, Buchenwald, Breitenau, Hadamar und Osthofen berichte- ten über ihre wissenschaftliche und pãdagogische Arbeit. Die geringe Anzahl der Besucherin- nen und Besucher(ca. dreißig) machte deutlich, daß Geden- kKStättenarbeit noch immer kKei- nen hohen Stellenwert in der fachöffentichen Diskussion be- Sitzt. Bestätigt wurde dieser Ein- druck auch durch die Berichte der Gäste auf dem Podium: das Klientel der Gedenkstättenbesu- cher besteht überwiegend aus ( Schulklassen, denen eine Ge- denkstätte in Tagesexkursionen nahegebracht werden soll. Die methodischen Formen, mit deren Hilte dies geschieht, sind in aller Regel Führung und Gespräch. S0 beschränkt diese Me tnodenein- engung in ihrer Wirkung ist, 80 problematisch erscheint bereits die Tatsache, daß eine ſeilnah- me an Solchen Veranstaltungen in der Regel nicht freiwilli ist, al- So mehr der lnitiative der Lehren- den als den Interessen der Ju- gendlichen entspringt. FHinzu kKommt- und dies ist wohl das ei- gentliche Problem- daß es keine klar umrissene Vorstellung da- von gibt, welche Ziele Gedent kKStättenarbeit anstreben soll, bzw. verwirklichen Kann. Dies ist jedoch lediglich ein weiteres Zei- chen dafür, daß es- was das AMfarbeiten nationalsozialisti- Scher Vergangenheit anlangt- in der Bundesrepublik bislang kei- nen(fach)öffentichen Diskurs gegeben hat. ſch möchte, um dies 20 belegen, auf folgende Zusammenhänge verweisen: 1951 formulierte Theodor Wil helm(Friedrich Oetinger) seine Partnerschaftslehre, die bis weit in die Sechziger Jahre hinein Grundlage politischer Bildung bleiben Sollte und der Vorstel- lung anhing, eine Distanzierung von der nationalsozialistischen Vergangenheit, ein Neuanfang“ Sei möglich ohne eine wirkli- che Aufarbeitung dieser Vergan- genheit, ohne eine historisch genaue Analyse Und ohne rauerarbeit(Sander, 089).— Ein kurzer Blick aut die Person Wil- helm zeigt deutlich, aus welchen Gründen dieser unter dem PSeu- donym Friedrich Oetinger' publi- zierte Theodor Wihelm hatte Sich beispielsweise 1939 und 1044 in der Internationalen Zeit- schrift für Erziehung' zum The- 2 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e. V. ma nationalsozialistische Gleichschaltung' geäußert und Sich hierbei als treuer Gefolqs- mann des Systems profilert Meier-Cronemeyer, 1965). Am Ende der fünfziger Jahre wurde die Offentlichkeit durch eine Beihe von Hakenkreuz- Schmierereien darauf gestoßen, daß der Stand politischer Bil dung bei Jugendichen beka- genswert gering war(Uber den Grad politischer Bidung bei Er- wachsenen wurde sicherheits- halber nicht nachgedacht). Die Konsequenz hieraus war das Einrichten eines eigenständigen Schulfaches für politische Bil- dung(Sozialkunde/Politikunter- richt). Es ist keineswegs ein Wider- Spruch, sondern lediglich Konse- quent, wenn im Nachhinein fest- gestellt werden kanm In den fünfziger Jahren wurde in den Schulen in der Regel über den Nationalsozialismus nicht unter- richtet. Dies änderte sich- trotz des neuen Schulfaches- auch in den sechziger Jahren nicht, denn das Thema nationalsozialisti Sche Vergangenheit' verblieb im Bereich des Geschichtsunter- richtes. Dort ist es auch heute noch angesiedelt, obwohl es nier für allenfalls ditfuse Begrün- dungen gibt. Merdings haben mit Ausnahme von Rolf Schmie- derer- auch die Didaktiker der Politischen Bildung keinen ernst- haften Versuch gemacht, diesen Tnemenbereich für Sich zu reka- mieren. Wenngleich in den siebzi ger und achtziger Jahren We- Sentlich mehr über den National- Sozialsmus unterrichtet wurde, Sso wissen wir bis heute wenig darüber, w a s unterrichtet wur- de und wird, bzw. mit welchen Methoden dies geschieht Hopt/ Nevermann/ Schmidt, 1985). Vermuten können wir al- lerdings, daß die Unterrichtsme- thoden überwiegend kognitiver Art sind, orientiert an den Zielen der Auffärung und der Wis- Sensvermittlung. Vor diesem Hintergund ist ver- Ständlich, warum bislang keine Schlüssigen Konzeptionen von Gederkstättenarbeit entwickelt und diskutiert werden konnten. Gedenkstätte als Lernort und Station eines Lernwegs zum Aufarbeitung der nationalsoziali- Stischen Vergangenheit wird erst heute zum Thema, da das Versagen bisheriger pãdagogi- Scher Bemöhungen umerkenn- bar ist. ſch möchte im folgenden einige Thesen zu einer hand- ungsorientierten Konzeption von Gedenkstättenarbeit entwickeln, Sie fuBen U. a. auf den Erfahrun- gen, die ich in den letzten vier Jahren bei Arbeitsseminaren in der Gedenkstätte Auschwitz ga- macht habe Jeilnehmerinnen und ſeinehmer dieser Seminare waren Jugendliche im Ater von fUnfzehn bis zwanzig Jahren. 7 Vhose jedes Aufarbeiten von Nationalsozialismus ist Pro- dukt einer emotionalen und inter lektuellen Anstrengung zugleich. dentifitation mit der Situation der Opfer ist genauso notwen- dig, wie ein Annähern an die Ra- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 8 tionaltät der Täter(Claussen, 1087). Ziel einer Ssolchen Aufar- beitung mußB es sein, deutlich werden 2U lassen, daß National- Sozialsmus unter bestimmten gesellschaftichen Bedinqungen entstand, die über 1945 hinaus for tbestanden und fortbestehen. in diesen Bedingungen lebt Ver- gangenheit als Gegenwart wei er und die gegenwärtig Keben- den werden durch diese Bedin- gungen geprägt(Claussen, 1087). „ Vhes jedes Aufarbeiten nationalsozialistischer Vergan- genheit muß als handlungsorien- tierter Lehr-Lernprozeß organi- siert werden, der es ermöglicht, jene Spuren des Vergangenen im Gegenwärtigen zu suchen und zu finden, von denen Claus- sen Spricht. 3 nnerhalb dieses Lernweges ist die Gedenkstätte ein Lernort mit spezifischer A- thentizität. Diese Athentizität erschließt sich gleichwohl nicht durch einen Besuch' sie mußB vielmehr sinnlich erfahren wer- den, um ein Intormationsbedürf- nis erzeugen zu können. Hierzu braucht es zunãchst einmal Zeit: Zeit, die zudem nicht mit passi- vem Rezipieren aufbereite ter Materialien zugebracht werden darf, Sondern zu9leich Hand- ungsfelder bieten muß. Unab- hängig davon, wie diese Hand- ungsfelder beschaffen sind mõgen es Erhaltungsarbeiten Sein, wie Sie in der Gedenkstätte Aschwit? notwendig sind, mö⸗ gen es Sucharbeiten Ssein, Wie Sie in der Gedenkstätte Buchen- wald mõglich Sind- sie lassen ein aktives Erfahren der Authentizi- Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer e. V. tät des Ortes zu, sie vermeiden ein Verharren im Zustand emo- tionaler Betroffenheit, sie bieten die Mõghchkeit eines persönt chen Engagements. 3 Vnese ein Arbeitsseminar in einer Gederkstätte Kann nicht urworbereitet durchgeführt wer- den. Unabhängig davon, Wie der Konkrete Zuschnitt einer Ssolchen vorbereitung aussieht, Sollte sSie verhindern, daß die Teinehme- rinnen und Teinehmer vor Ort emotional Uberwältigt werden. Dies ist zU erreichen, indem jede vorbereitung den Jeinehmenden ein Annähern an diesen Lernort ermõglicht- nichts von dem, Was diesen Ort ausmacht, Sollte un- bekannt bleiben. Damit wird er- reicht, daß sich die ſeinehmen- den in einer Umgebung bewe- gen, die ihnen tendenziell be- kannt und in ihrer konkreten Aus- prãgung tremd ist. Dieses Span- nunqsverhãltnis Scheint es mõg⸗ ich zu machen, Ssowohl persönl che Empfindungen zuzulassen, als auch handlungsfähig(S. o0) zu bleiben. 4 Vhese jede ſeilnahme an einem Arbeitsseminar in einer Gedenkstätte Solſte auf einer bewußten Entscheidung der ſeil nehmenden beruhen- ein Ar- beitsfeld für Schulische Lerngup- pen ist Gedernkstãttenarbeit So- mit nur in Ausnahmefällen. Da in aller Regel die Familen in eine Solche Entscheidung einbezo- gen werden, ergibt sich hier die NMõglichkeit und Notwendigkeit. den jeweiligen Stand der Auseinandersetzung/Aufarbeit ung von MNationalsozialismus durch die Eſterr- /Großeltern- generation 2u erfahren. Solche Erfahrungen dürtten die eigene bioqraphische Distanz zu der Zeit des MNationalsozialismus verkUrzen, da sie nicht immer vi derspruchs- und konflikttrei Seinh werden. 5 Vhese die Gedenkstätte ist, ich schrieb es bereits, ein Lernort. Damit Soll deutlich wer- den, daß jeder Lernweg ZUm AUfarbeiten nationalsozialisti- Scher Vergangenheit auch ande- re Lernorte'ansteuern' kKann. In die Sem Sinne ist auch die Familie und deren Biographie(Siehe These 4) Lernort. Lernort ist na- türich auch die Heimatgemein- de eine ortsgeschichtliche Spu- rensuche über die Zeit des Na- tionalsozialismus kann die tent denzielle Bekanntheit der heimi- schen Umgebung(Personale und rãumliche Bezöge) mit der Di- mension des Geschichtichei konfrontieren.B. Uber das Wie- derentdecken von Gebäudent der ehemaligen Synagoge, des SA-Sturmlokals, der Wohnhäu- Ser ehemaliger Udischer Bürger- innen und Bürger etc.). Zeitzeu- genberichte, die derzeit noch 2u erhalten sind, erfüllen den gleich- en Zweck. Gedenkstättenarbeit Sollte also verstanden werden als eine Station eines Lernwe- ges nicht als Methode des Auf- arbeitens von Nationalsozialis- mus Schlechthin. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Zwei AMusstellungen in den Gedenkstätten Buchenwald„Reue ist undeutsch' Sachsenhausen: „Letzte Spuren“ heißt eine Aus- stellung der Gedenkstätte Sachsen- hausen. Sie wurde am 4. April eröff- net und ist bis zum 30. Juni zu 8e- en. Gezeigt werden laut Ausstel- ungsplakat„Fotos und Dokumente der Opfer des Endõsungswahns im Spiegel der historischen Ereignisse“ Als Hauptthemenbereiche sind an- gegeben„Ghetto Warschau- 88- Arbeitslager Trawniki- Aktion Ern- tefest“ öffnungszeiten sind dienstags bis Sonntags jeweils 8 bis 18 Uhr, mon- tags ist geschlossen. Die Anschrift lautet. Gedenkstätte Sachsenhau- sen, Straße der Nationen, O-1400 Oranienburg, Jelefon 03301— 80875 17 In der Gedenkstätte Buchenwald wurde am I. April eine Ausstellung „LStzte Spuren? eröffnet mit dem Titel„Reue ist un- deutsch' Sie ist in Anlehnung an den Buchenwald-Roman von Erich Maria Remarque„Ein Funke Leben' konzi- piert. Zu sehen ist die Ausstellung bis zum 6. Juni. Offnungszeiten sind von dienstags bis sonntags von 8.45 Unr bis 16.15 Unr(bis zum 30. Aprih. Ab Mai gelten die Offnungszeiten 9.45 HUhr bis. 15 Uhr; montags ist geschlossen. Eine Anmeldung für die Remarque-Ausstellung ist nicht nõ- tig, allerdings sollten sich Besucher- gruppen, die auch die Gedenkstãtte Ssehen wollen vorher anmelden. Die Gedenkstätte Buchenwald ist unter der ſelefonnummer 03643— 4300 zu erreichen die Durchwahl für die Besucher-Anmeldung lautet 430200. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. „ ie Erfahrungen mit Besuchern einer Ausstellung in Gießen „VOn AUSchwitz nimmt man kKeinen Abschiec Vom 14. März bis zum 8. April war die vom Museum Auschwitz und dem AK zusammengestellte Ausstellung„Auschwitz- a Crime against Mankind in GieBen zu se- hen. Der Verein zur Gründung der Stittung Auschwitz hatte veran- laBt, daß die bereits 1985 für die UNO konzipierte Ausstellung im Hessischen Landtag in Wiesba- den, in Frankfurt und in GießBen gezeigt wurde. Desweiteren wird Sie noch in Stendal und in Dres- den zu sehen sein. In Gießen wa- ren Oliver Brack und Tina Patzelt, die beide seit Jahren als freie Gruppenbetreuer für das Jugen- qbildungswerk im Landkreis Gie Be arbeiten und auch im letzten Jahr an einer Studientahrt nach Auschwitz teilgenommen hatten, eingestellt worden, um Besucher- gruppen durch die Ausstellung zu führen. Einige Besucher fragten sie, ob sie Juden oder Gez schichtsstudenten seien un wunderten sich, daß dies nicht der Fall war. Am letzten Otf- nungstag ließ sich Hans Hirsch- mann von Oli Brack über seine Er- fahrungen berichten. Auf den weißgestrichenen Holæ- kreuzen stand in schwarzer Schrift „Mölln“,„Hönxe',„Hostock' oder „Silvio Meyer',„Saadri Berisha“ so- wie weitere Orts- oder Personenna- men. Die Kreuze im Foyer der Aten Uni-Bibliothek in Gießen wiesen den Weg zum Georg-Büchner-Saal, in dem die Ausstellung zu sehen war. Bei einer Demonstration in der hessi- 1² Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. ₰ schen NPD-Hochburg Wölfersheim (usammen mit Reps und DUVU über 20 Prozent Wählerstimmen) hatten die Mitglieder der Antifa- Arbeitskreise in Nidda und Gießen auf die Kreuze die Namen der von rechtsrakikalen Tätern ermordeten personen sowie der deutschen Ortschaften geschrieben, die durch besondere Gewaltaktionen 2u trau- riger Berühmtheit gelangten. Oli Brack und Tina Patzelt hatten an der Wölfersheimer Demo teigenommen und die Kreuze in Gießen zur Aus- Stellung mitgenommen. Weil der Besucherandrang über Erwarten groß war, wurde die Aus- stellung vier Tage verlängert. Uberr 1000 EFinzelpersonen und genau 8 Gruppen wurden gezählt. insgesamt haben rund 4300 Besucher in Gie- Ben den Weg in die Ausstellung ge- sucht, berichtete Oli Brack. Kurzfri- Stig hatte sich am letzten Tag noch Sieben Jugendliche und zwei Betreu- er der Jugendfeuerwehr Grünberg- Reinhardtshein angemeldet. Vor Be- ginn der Föhrung erklärte innen Oli Brack, daß die Ausstellung nicht Auschwitz„erklären' könne, dies Sei unmöglich. Vielmehr gehe es darum, durch den Versuch der Beschrei- bung sich dem Thema zu nähern. Kurz zuvor hatte der 21jährige Ausstellungsführer ein langes Ge- spräch mit einer alten Bekannten. Die heute 88jährige Anna Spar hat- te sich von der Kleinstadt Lich nach Gießen fahren lassen, um die Aus- Stellung 2u sehen. Vor über fünf Jah- ren hatten sich Ol Brack und Anna Spar kennengelernt. Eine Arbeits- 9ruppe der Dietrich-Bonhoeffer- Schule hatte damals bei dem Projekt „Spurensuche' Erkundungen 2ur NS-Zeit in Lich angestellt. Anna Spar war eine der wenigen Zeitzeu- gen, die bereitwillig den Schülerin- nen und Schlern Auskunft gab. Sie war bis 1933 im Haushalt der jüdi- schen Familie Chambre beschäftigt und hatte miterlebt, wie die ortsan- Sässigen Nazis in einem frühen Po- 9rom die Famile vertrieb und den Besitz plünderte. Als einziger Ange- höriger überlebte der Sohn Ernst Chambrée die Zeit des„ſau- Sendjãhrigen Reichs“. Mit inm, der in New Vork lebt, hat Anna Spar immer noch Brief- und Telefonkontakt. Die 88jährige Licherin gehörte zu den ungefähr 40 älteren Menschen, die nach Schätzung von Oli Brack die Ausstellung besucht haben. Der überwiegende Jeil der Besucher Setzte sich aus Schulklassen und Jugendgruppen mit Teinehmern bis zum Ater von 25 bis 30 Jahren zu- Sammen. Die Atersgruppen 2zwi schen 30 und 60 waren fast gar nicht vertreten„Ganz selten, daß mal eine Mutter mit Sohn oder Toch- ter dabei war?, erinnert sich Oli. Nicht nur die große Anzahl der Führungen, bereiteten Tina und Oli einen„Heidenstreß', auch die Tatsa- che, daß ein großer Jeil der Gruppen „miserabel' vorbereitet war, machte es nicht leicht. Zum ſeil sei es„echt Schlimm' gewesen, wie wenig man- che Jugendliche wußBten. Anderer- Seits Sei es erfreulich, daß es viele Fragen gab, die bereitstehende Handbibliothek oft benutzt wurde und zum Feil auch noch Tage nach der Führung, Teinehmer anriefen und um weitere Auskönfte sowie um Literatur-Tips baten. Manche enga- gierte Lehrer kamen mit ſeilgruppen mehrmals und dies auch noch nach Beginn der Osterferien. Bei den immerhin über 60minütigen Führungen blieben die Gruppenteilnehmer auch„bei der Stange', erzählte Oli Brack. Zwar Seien hin und wieder auch gelang- weilte Gesichter zu sehen gewesen, aber daß jemand sich weigerte, wei- ter mit zu machen oder geäuert ha- be, daß der Ausstellungsbesuch 5 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. verlorene Zeit wäre, Sei nicht vorge- kommen. Ein jugendlicher Besucher hatte allerdings für besondere Aufmerk- Samkeit gesorgt. Er hatte bei seinem Gang durch die Ausstellung die Kopfhörer seines Walkmans nicht abgenommen und war durch ein be- tont lässiges Auftreten aufgefallen. lIm Besucherbuch am Ausgang no- tierte er folgenden Text ch bin ge 9en Menschen MMassenmord- doch bin icœh der Meinmo das es Z vſe Asanten gibt Und cas d al Has mssen Sonst gibis Srer- A9 c bin Easchist abef gegen Soſche Garbafe bin ich ofacem“ Als Unterschrift waren mit runenhaf- ten Buchstaben die Worte„White Power? daruntergesetzt. Der Kom- mentar der nãchsten Eintragung lau- tete„Stwas anderes habe ich von einem Deutschen nicht erwartet? Unterschrift:„eine Jüdin?. Als einige Tage später Oli Brack und Clemens Rieser vom Verein zur Gründung einer Stiftung Auschwitz mit einer Besucherin diskutierten, gab sich diese als die Autorin des Kommentars zu erkennen. Aufgrund der rechstsrakikalen Anschläge und der gewalttätigen Stimmung bei ein- em groBen Jeil der Bevölkerung, ha- be sie große Angst weiter als din in Deutschland zu leben und zu ar- beiten, erklärte sie im Gespräch. Be- vor Sie dann ging fügte sie ihrer Ein- tragung im Besucherbuch ein rãtsel- haftes Zitat von A. Heller hinzu: „Deutschland schläft nicht, Gott Sei bei mir, Deutschland kömmt durchs Stieghaus. Die meisten Eintrãge im Besucher- buch berichten von dem Erschrek- ken und der Sprachlosigkeit, die die Bilder, die Dokumente und die Kom- mentare der Ausstellungsführer ver- mittelten.„Es tut so unendlich weh' schrieb eine Jugendliche. Jemand anderes notierte, daß es„fast mehr (war) als ich ertragen konnte“ trotz- dem wünschte sie, daß noch viele Menschen die Ausstellung sehen. Ein anderer Besucher schrieb die Erkenntnis nieder:„Von Auschwitz nimmt man keinen Abschied.? l⸗ Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 5 FRANKFURT A. M.„Ist Auschwitz ausstellbar?“ Hanno Loewy antwortete ohne zu zögern.„Nein, Auschwitz ist nicht ausstellbar.“ Das ist eine nur scheinbar eindeutige Aussage: Die ausge- stellten Bilder können das Grauen nicht wirklich darstellen, präzisierte er, denn der Holocaust sei nicht zu vermitteln. „Man kann Auschwitz nicht ausdrücken“, n ihm Rudolf Dohrmann zur Seite; das schmälere aber keineswegs die An- strengungen, Auschwitz verstehen zu wollen. So habe er, Dohrmann, als nichtjüdi- scher Deutscher einen eher„schweren“ Zugang zu diesem Thema, Loewy hinge- gen, dessen jüdische Familie größtenteils in dem Vernichtungslager dort umge- bracht wurde, einen„leichten“ Zugang zu Auschwitz, Sagte Dohrmann— paradox. Der Verein zur Gründung der Stiftung Auschwitz hatte zu der Diskussion einge- laden. Sie lief anläßlich der Ausstellung „Auschwitz— das Verbrechen gegen die Menschheit“ in den Ausstellungsräumen in der Bockenheimer Voltastraße. Die Gesprächsrunde: Krystyna Oleksy (Vize Direktorin des Staatlichen Museums Auschwitz), Franciszek Piper (Leiter der historischen Abteilung des Auschwitz-Museums), Hanno Loewy (Fritz-Bauer-Institut), Gottfried Kößler (Mitarbeiter der Hessischen Lehrerfort- bildung und des Historischen Museums Frankfurt) sowie Rudolf Dohrmann(Pa- stor und Vorstandsmitglied des Vereins zur Gründung der Stiftung Auschwitz). Die Diskussionsteilnehmer hatten sichtlich Schwierigkeiten, ihre Meinung in Worte zu fassen, die richtigen Begriffe für ihre Empfindungen zu finden. Miß- verstãndnisse, Argumentationen weitab vom Thema, eine unterschwellige Aggres- sion und eine merkwürdige Sprachlosig- keit bestimmte die Atmosphäre des Ge- spräches. Auch wenn Experten auf dem Podium saßen, die sich schon jahrelang mit diesem Thema beschäftigten, wurden im Laufe der Diskussion mehr Fragen aufgeworfen als Antworten gegeben. Das lag nicht zuletzt daran, daß die Vo- kabel Auschwitz„überfrachtet“ ist. Auschwitz sei zum einen der konkrete Ort der Massenvernichtung durch Verga- sung und Zwangsarbeit, sagte Loewy. Zum anderen sei Auschwitz zum Symbol Man kann Auschwitz nicht ausdrücken Ein Gespräch in Bockenheim zeigte die Schwierigkeit, den Holocaust darzustellen für den Terror durch die Nazis, zum Zei- chen für alle Erscheinungen des Dritten Reiches geworden— und„Symbole kön- nen sich abnutzen und schwach werden“, warnte Dohrmann. Eine Erfahrung, die Lehrer Kößler be- stätigte: Schülern sei Auschwitz schwer zu vermitteln,„es ist teilweise zu unkon- kret geworden“ Auch Frau Oleksy be- richtete von Führungen durch das ehe- malige Konzentrationslager: Für viele junge Teute sei der Nationalsozialismus so weit weg wie Geschichten aus dem Mittelalter. Das sei zum Teil auch Schuld der Darstellungsform: Vokabeln wie„Höl- le von Auschwitz“ für das KZ und„Be- stien“ oder„Sadisten“ für SS würden die Ereignisse verfremden. Das lenke von der Tatsache ab, daß die Täter normale Menschen waren, daß der Terror des Dritten Reiches kein„Busunglück“ gewe- sen sei:„Auschwitz ist nicht vom Himmel gefallen“, betonte sie. Es habe einen Weg dorthin gegeben, das müsse in Ausstel- lungen deutlich gemacht werden. Die Perspektive des Täters, vor allem die Motive, seien auch in der Ausstellung in Frankfurt zu kurz gekommen, fand Hanno Loewy.„Die Frage nach dem War- um wird nicht beantwortet; sie wird nicht einmal gestellt“, kritisierte er. Und auch den Opfern würde die Ausstellung nicht gerecht. Ein Anspruch, dem nach seiner Meinung bislang keine Ausstellung ge- recht wurde. Das Konzentrationslager Auschwitz- Birkenau selbst beschränke sich auf eine äußere Perspektive, der Besucher„kann den Tötungsapparat studieren“; in israeli- schen Ausstellungen werde wenigstens eine Vorgeschichte der Opfer erzählt, oft stehe der Widerstand in dem Lager im Mittelpunkt und der spätere Weg der Uberlebenden nach Israel. „Aber die Uberlebenden sind nicht die wirklichen Zeugen des Holocaust; sie re- den nur stellvertretend für die unzähli- gen Toten.“ Sich dem Schicksal dieser Namenlosen zu nähern, sollte nach Han- no Loewys Meinung die Aufgabe einer Ausstellung sein.„Auschwitz ist ausstell- bar“, revidierte er am Ende der Veran- staltung seine Eingangsbehauptung. Doch über das„Wie“ hat auch diese Dis- kussion keine Antworten geliefert. rea Dokumentation: Frankfurter Rundschau 11. März 1993 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. in Bericht von Morika Hörber aus Mihlheim am Main Jugendliche aus Apolda und Mhheim waren Zwei Wochen in Mschwitz Mit gemischten Gefühlen begaben wir uns 29. 8. 1991 auf den Weg nach Auschwitz. Wir, das waren 25- gendliche der Jahrgangsstufen und 12 des Friedrich-Ebert- Gymnasiums in Möhlheim am Main und der damaligen Geschwister- Scholl-Schule in Apolda/Thüringen. Begleitet wurden wir von zwei Leh- rern dieser Schulen- Nrgen Bartho- ome und Dieter Riehl sowie dem J- gendpfleger der Stadt Möhlheim. Kart-Heinz Giock. Zwei Tage später erreichten uns dann auch Hermann Reineck und der damalige Landrat des Kreises Offenbach, Dr. Keller, welche einige Tage mit uns verbrachten und uns beim Rundgang durch das Konzen- trationslager begleitete. Wir wohnten direkt am Eingang des Lagers, im ehemaligen Verwal- tungs gebãude der SS. Heute ist dort ein Hotel untergebracht. So wurden wir täglich mit der Vergangenheit konfrontiert und es fiel uns nicht eicht, damit umzugehen. Besonders wenn wir mit Hermann durchs Lager gingen, befiel uns ein Gefühl der Be- troffenheit, aber auch des Zorns, denn es war und ist uns einfach un- begreiflich, zu welchen Grausamkei- ten Menschen fäãhig sein können. Hermann erzählte uns viel von sei- nen Erlebnissen im Lager und wahr- scheinlich war dies die einzige Mög- ichkeit für uns, den Geschehnissen der NS-Zeit etwas näher zu kom- men, wenn es uns auch unmöglich war, wirklich zu begreifen. Niemand, der diese Zeit nicht mit- erlebt hat, Kann wohl nachempfin- den, vas Hermann und die anderen Gefangenen ertragen mußten, wenn Sie gezwungen wurden, beim Ein- marsch ins Lager mit einem ſotench auf dem Rücken Volkslieder zu sin- gen. Wir alle bewundern Hermann, der immer wieder die Kraft hat, von sei- nen Erfahrungen 2u berichten, um ein Vergessen zu verhindern. Dazu ist aber auch die Erhaltung der Gedenkstätte Auschwitz notwendig, von deren fortschreitenden Verfall wir uns während unseres Aufent- halts überzeugen konnten. Um unse- re Erlebnisse und Erfahrungen auch anderen zugänglich zu machen, hat- ten wir verschiedene Projektgrup- pen gebildet, in denen wir wãhrend der kKnapp zwei Wochen unseres Auschwitz-Aufenthalts, aber auch nach unserer Rückkehr arbeiteten. So verfolgten einige Schüler im Archiv des Lagers die Spuren von Maimilian Kolbe und Marian Batko.„ Eine andere Gruppe erstellte un G ter Anleitung von KartHeinz Glock ein Triptiychon, welches Dantes „Göttiche Komödie' bez. Peter Weissſ,Ermittlung nachempfunden ist und die Geschichte des National- Sozialsmus und seine weitere Ent- wicklung darstellt. Die drei 180 mal 125 Zentimeter groBen Bilder tragen die Titel nferno', Verdrängung und Anfang' und Die Entscheidung' und Sind jetzt im Museum des Lagers zu Sehen. Unter dem Motto„äten, damit kein Gras darüberwächst? beschäf- tigte sich die dritte Gruppe damit, das Unkraut vom sogenannten 14 Lagergemeinschaft Auschwitz „Freundeskreis der Auschwitzer e. V. „ſodesstreifen“ zu entfernen, um dessen bedrohliches Aus- Ssehen als Mahnmal zu erhal- ten. Auerdem führten einige Schöler lange Gespräche mit Hermann Reineck und hielten dessen erschütternde Berich- te auf Tonband fest. Ziel ist das Schreiben einer Biogra- hie, welche leider bis zum heutigen Zeitpunkt noch nicht fertiggestellt wurde. Die fünfte Gruppe schließ- ich hielt unsere Reise, das Entstehen einzelner Projekte und Hermanns Berichte auf Video fest. Nach unserer Rückkehr orga- nisierten wir Ausstellungen in Mhlheim und Apolda, die lei- der nur auf geringes Interes- Se bei der Bevölkerung stie- Ben. Durch unseren Besuch in Auschwitz war kKlar gewor- den, wie wichtig es ist, sich mit Geschichte zu befassen. Für ebenso wichtig halte ich es jedoch, dabei den Blick für die Gegenwart nicht zu verhe- ren, denn die jüngsten Ereig- nisse in Hoyerswerda, Ro- Stock oder Mölln, aber auch im ehemaligen Jugoslawien und anderen Krisengebieten der Welt zeigen, daß Gewalt und Haß kein„Phänomen' der Vergangenheit darstellen, sondern wohl niemals aus dem menschlichen Leben 2u verbannen sein werden. Monika Hörber, Mühlheim, den 5. März 10993 Geldstrafe für lrving David lrving, britischer Historiker und Ver- fechter der sogenannten„Auschwitz-Lüge*, ist im Januar vom Landgericht München in zweiter Instanz der Beleidigung und Verungl impfung des Andenkens Verstorbener für schuldig befunden worden. Das Gericht ver- hängte eine Geldstrafe in Höhe von 30 000 Mark. Der S4jährige lrving hatte vor drei Jahren bei einer Veranstaltung im München behaup- tet, daß es erwiesen sei,„daß es nie Gaskam- mern in Auschwitz gegeben hat'. In erster In- Stanz war lrving zu einer Geldstrafe in Höhe von 10 000 Mark verurteit worden. Dagegen hatten Ssowohl er als auch die Staatsanwalt- Schaft Berufung eingelegt. 7. 72 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Bericht des im Amt bestätigten Sekretärs Gerhard Herr Die Mitgiederversammlung wãhſte im Februar einen neuen Vorstand Wie sich sicher mittlerweile her- umgesprochen, fand am 6. Februar die Mitgliederversammlung mit Vor- Standswahlen im Gemeindehaus der St. Katharinen-Gemeinde in Frank- furt Statt. Nach Begrüßung und Ein- tritt in die Tagesordnung stelte Ge- neralsekretär Hans-Joachim Gün- ther ein von ihm entworfenes Strußk- turpapier vor, das Vorschläge 2u Verbesserung und lntensivierung der Vereins- und Vorstandsarbeit beinhaltete In der anschließenden Aussprache wurden Fragen der Of- fentlichkeitsarbeit und wirksamkeit, innere Kommunikationsstruktur, Be- ziehungen zu Vereinigungen und Or- ganisationen mit vergleichbarer Ziel- Ssetzung(besonders„Verein zur Gründung einer Stiftung Auschwitz), das Problem des Generationswech- sels, deutlichere Einbeziehungen mitarbeitswilliger Mitglieder, sowie lnhalt und Aufgabe unserer zweimo- natiger Mitghedstreffen diskutiert. Der von Diethard Stamm im Auf- trag des verhinderten Wolfgang Gehrke vVorgetragene Bechen- Schaftsbericht des Vorstandes gab einen Uberblick öber die Vereinstã- tigkeiten Neben turnusgemäßen Mitgliedertreffen, den Vorstandstref- fen und der Herausgabe des Mittei- ungsblattes seien ferner erwähnt: Arbeit in Schulen und Jugendgrup- pen, Studienfahrten Sowie Hifsakti- on Polen(in erster Linie Hermann und Anni RoßBmann-Reineck), Pres- severöffentlichungen, Mitarbeit im hessischen Beirat für Gedenkstät- tenarbeit und ſeilnahme an Sitzun- gen des Internationalen Auschwitz Kommitees(AkK). Zum letzten Punkt ist anzumer- ſen, daß unser 2. Vorsitz ender (Generalsekretär) seit November letzten Jahres Mitglied im Leitungs- gremium des AK ist. Desweiterenq Sei hingewiesen auf eine Seminar- veranstaltung im herbst 1992 mit der Sinta Melanie Spitta und der Filme- macherin Katrin Sebald aus Mön- chen zum Thema„Sinti und Roma gestern und heute? Seit dem NDR-Beitrag im Rahmen des Fernsehmagazins„Panorama' im März 1992 nahm das Thema des Verfalls von Auschwitz viel Zeit und Arbeit in Anspruch. Unsere Bemö- hungen dem entgegenzutreten, gip- felten in einer Podiumsdiskussion am 19. Juni im Kolpinghaus Frankfurt, an der unter der Moderation von Uri- ke Holler Hessischer Rundfunk) Re- prãsentanten verschiedener Institu- tionen teilnahmen. Diese Veranstal- tung war der Höhepunkt, der von uns initierten Spendenaktion„Stop dem Verfall von Auschwitz“, die 9 her Uber 106 000 mark an Spenden geldern erbracht hat. An dieser Stel- ſe sei allen Spendern herzlich ge- dankt. Der nãchste Tagesordnungspunkt auf der Mitgliederversammlung be- traf den Bericht der Kassenprüfer, die der Kassiererin Anni RsoBmannt Reineck sparsame und sachgemã- Be Verwendung der Einnahmen So- wie einwandfreie Kassenführung bescheinigten. Dafür wurde ihr herz- ich gedankt und anschließend dem gesamten Vorstand Entlastung er- teilt. Bei den anschließenden Neuwahr en hatte Abrecht-Werner Cordt die 3 — Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 25 Wahlleitung übernommen und Ursula Middelanis führte Protokoll. Für die Neuwahl hatten sich die bisherigen Vorstandsmitglieder wieder zur Ver- fögung gestellt, bis auf Anni RoßBmann-Reineck und Wolfgang Gehrke Ruth-Monika Ribold erklärte sich bereit die künftig die Kassen- führung zu übernehmen und Matthi- as Tiessen als Beisitzer. Alle Kandi- daten und Kandidatinnen wurden einstimmig gewählt, So daß folgen- der Vorstand zustande kKam Her- mann Reineck ist weiterhin Prẽsi- dent und Hans-Joachim Günther Ge- neralsekretär; Sekretär bleibt Ger- hard Herr und Kassiererin wurde Ruth-Monika Ribold; in den Beirat wurden Lieselotte Thumser-Weil, Diethard Stamm und Matthias Ties- sen gewähit. Die Versammlung stimmte an- Schließend dem Vorschlag zu Anni RoBmann-Reineck als beratendes Vorstandsmitglied zu bestätigen. Zum Mitarbeiter für Presseveröf- fentlichungen und als Redaktions- mitglied des Mitteilungsblattes wur- de Hans Hirschmann gewählt, der damit satzungsgemäß ebenfalls zum neuen Vorstand gehört. Ab- Schließend soll noch einmal darauf- hingewiesen werden, daß die Vor- standssitzungen vereinsöffentlich Sind. Aus der Versammlung wurde vor- geschlagen, daß sich die Vorstands- mitglieder im nächsten Mitteilungs- blatt mit einer kurzen Selbstbe- Schreibung vorstellen. Dies soll auf den folgenden Seiten geschehen. Hermann Reineck: Geboren am 9. Januar 1919 in Wien. Verhaftung am 22. Geburtstag 1941. Nach langer Gestapohaft vom September 1942 bis November 1944 als politi- QDecher Hafting in K? Aus- chwitz. Danach Meldung zu einem SS-Regiment und an die Front abkom- mandiert. Nach vier Ta- gen zu den Partisanen desertiert. Sleich nach dem Krieg in Osterreich Mitglied und Mitarbeiter in der Lager- gemeinschaft Auschwitz. 1964 als Zeuge beim Auschwitz-Prozeß in Frankfurt aufgetreten. Dort Bekanntschaft mit Anni Roßmann und im gleichen Jahr nach Deutschland übergesie- delt. Gründung der Lagerge- meinschaft Auschwitz, die schließlich 1979 als „Lagergemeinschaft Aus- chwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e. V.ꝰ ins Vereinsregister eingetra- gen wurde. Lieselotte Thumser- 6 Weil: Geboren am 20. No- vember 19 in Stuttgart, Beruf: Krankenschwester NSVerfolgte Gestapo- Haft und KZ Ravensbrück Seit Jahren Mitarbeite- rin in der Lagergemein- Schaft Auschwitz und der Lagergemeinschaft Ra- vensbrück sowie Mitar- beiterin beim Bundesaus- schuß Gedenkstättenar- beit. E 5 Leseſotte Thumser-Wel 74 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Ann Foßmann-Heineck Gerhard Herr Gerhard Herr: Jahr- gang 1942, verheiratet, 2 Kinder im Ater von und 20 Jahren, wohnhaft in Wetzlar-NMaunheim, Bach- Straße 20. Als Religions- und Lateinlehrer tätig an der„August-Bebel-Ge- Samtschule' in Wetzlar und dem Gymnasium „Johanneum' in Herborn. Hobbies: Musik aller Stil- richtungen, Wandern und Reisen, Bergbau, Feld- und Grubenbahnen. Ms Kirchenvorsteher Seit langen Jahren in meiner Heimatgemeinde tätig ebenso im Arbeitskreis zur Vorbereitung der jãhr- ichen„MWetzlarer Frie- denswoche? Seit 1984 bin ich Mit- glied der„Lagergemein- Schaft/Freundeskreis“ die ich im Herbst 1983 an- äBlich einer von ihr und der Frankfurter St. Katharinen-Gemeinde or- ganisierten Studienfahrt nach Auschwitz, Krakau und Warschau kennenge- lernt hatte. Seit dieser Zeit bestehen vielfältige persõnliche, freun- dschaftiche Beziehun- gen zu diesen östichen Nachbarn. Im Mai 1986 wurde ich kommisarisch als Sekre- tär(3. Vorsitzender) in den Vorstand berufen, dem ich seitdem in dieser Funktion angehöre. Die vielfältigen Aktivi- täten unseres Vereins sehe als einen wirklichen Beitrag zur Friedensar- beit, besonders der Ver- Sõhnung mit unseren öst- ichen Nachbarn, dem jü- dischen Volk und dem der Sinti und Roma. Meinen persönlichen ArbeitsschWerpunkt Ssehe ich im Bereich Ge- denkstättenarbeit und vom Beruf her nahelie- gend- in der Vermittlung eines VerantwortungsSge- fünls für unsere NS- Vergangenheit, die immer mehr in historische Dis- tanz rückt. Dieses Bem- hen gilt einmal Schülern und Jugendlichen, aber auch gegenüber den Er- wachsenen, mit denen ich im privaten und berufli- chen Umfeld zu tun habe. Ruth-Monika Ribold: Seit der letzten Wahl bin ich einstimmig gewähltes Vorstandsmitglied. inner- halb des geschäftsfüh- renden Vorstands bin ich nun die Prokuristin unse- res Vereins. ch komme aus Ostber- in, habe dort 40 Jahre gelebt und arbeitete 25 Jahre im Finanzbereich als Referentin bzw. als fi- nanzwissenschaftliche Mitarbeiterin in einem hu- manistischen Verein. ſch bin 45 Jahre alt und lebe Seit einem halben Jahr j Marburg als Hausfrau. † Da ich einen jüdischen Vater hatte, der Aus- chwitz, Mauthausen, Melk und Ebensee durchſitt, kann ich Deutschland nur verlassen oder meine Stimme erheben! Ange- sichts der Tatsache, daß meine gesamte Familie in Auschwitz ermordet wur- de, fühle ich mich ver- pfichtet dieses Geden- kKen z0 bewahren und mich zu rühren. Deshalb werde ich nicht nur die Fi- nanzen bewachen, Son- dern auch die Pressear- beit aktiv mitgestalten. Jedes Mitglied des Ver- eins kann sich an mich wenden. ch bin unter fc gender Adresse zu errep chen Ruth-Monika Ribold, Salegrund 16, 3550 Mar- burg(ſelefon 06421 36584). Matthias Tiessen: Ge- boren am N. April 1964 in Frankfurt/ Main, aufge- wachsen in Neu- Senburg/ Gravenbruch, jetzt wohnhaft in Frank- furt/ Main. 1983 Abitur 1983/84 Wehrdienst 1984 bis 1986 Ausbil- dung zum lndustriekauf- t i f. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 75 5 Matthlas Nessen mann Seit 1086 Mitarbeiter bei Siemens in verschie- denen Bereichen 1987 bis 1992 SPD- Mitglied 1991 Nachträgliche Verweigerung des Krieqsdienstes mit der Waffe Aus politischem lnter- esse im allgemeinen und lnteresse an der jüngsten Geschichte im besonde- ren im Frũhjahr 1990 ſeil- nahme an einer Studien- fahrt nach Polen mit dem Stadtjugendamt rankfurt/ Main. Seit Sommer 1990 Mit- glied der„Lagerge- meinschaft Auschwit? Freundeskreis der Aus- chwitzer e.V.* Teilnahme an drei wei- teren Studienfahrten und „aktive' Mitarbeit bei der LGA in den letzten an- derthalb Jahren. Diethardt Stamm: Mit- 9lied der Lagergemein- schaft Auschwitz sSeit 1985; 46 Jahre; Studien- direktor an der berufli- chen Schule Butzbach: verheiratet mit einem pol- nischen Fräuleinwunder Ergebnis der Ehe 2 Mischlinqskinder; Umset- zung der Vereinsziel ua. über die Grünen im Wet- terauer Kreistag. Frakti- onsmitglieder aller demo- kratischen Parteien fuh- ren mit Hermann Reineck nach Auschwitz und be- Schlossen 1985 bundes- weit bis heute einmalig Schüler- und Jugendfahr- ten nach Auschwitz zu bezuschussen und die Lagergemeinschaft er- hielt mehrfach Barzu- schüsse politische Bea- uftraquang für das „Hirzenhain-Buch'; Fahr- ten mit mehreren Berufs- fachschulklassen nach Auschwitz; Jeilnahme an unzählbaren Demos zum Erhalt und Ausbau unse- rer Demokratie und gegen Faschismus und Rassis- mus mehrfache Bekannt- Schaft mit dem Inhalt von Staatlichen Wasserwer- fern; Mitarbeiter im anti- faschistischen Bündnis in der Wetterau; seit zwei Jahren Tätigkeit im Vor- stand der Lagergemein- Schaft. Hans Hirschman: ſch bin 1956 in dem Dorf Kapellen-Drusweiler in Rheinland-Pfalz geboren. Seit 1979, als ich in Gie- Ben anfing Geschichte und Germanistik zu stu- dieren, lebe ich in Hessen und arbeite jetzt über ein Jahr als Journalist bei einer Lokalzeitung in Bad Methardt Stamm Hans frschmann Vilbel. Davor war ich im Buchhandel angestelit und habe Deutsch für Aussiedler unterrichtet. Ostern 1990 nahm ich bei einer Studienfahrt der Lagergemeinschaft nach Auschwit? und Krakow teil. Bereits zuvor war ich Mitglied im Freundeskreis der Lagergemeinschaft geworden und habe seit- dem unregelmäßig an Ar- beitstreffen und Veran- Staltungen teigenommen. Auf der letzten Mitglie- dervers ammlung habe ich mich bereiterklärt konti- nuierſicher mitzuarbeiten und bei der Ankündigung von Veranstaltungen und Ssonstiger Offentlichkeits- arbeit mitzuwirken. Nach dieser Ankündigung auf der Versammlung wurde ich flugs von unsererm Schnell Sschaltenden Prä- sidenten als kooptiertes Mitglied in die Vorstands- 76 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. arbeit eingebunden. Aus arbeitstechni- schen Gründen wurde mittlerweile vereinbart, daß Mitgieder, die Beiträ- 9e für das Mitteilungs- blatt geschrieben haben, diese bitte an mich sen- den. ch werden dann da- für Ssorgen, daß sie auf Diskette erfaßt werden und damit zum GComputer- Layout verwendbar sind. ſch bin unter folgender Adresse 2u erreichen: Hans Hirschmann, Birken- Straße 37, 6306 Lang- göns,(ſelefon 06403 5594). lch bin öbrigens zumeist schneller posta- isch als telefonisch erre- ichbar. Deshalb empfiehlt es sich, anstatt mehrfach erfolglos 2u telefonieren, eine Postkarte zu schik- ken und um einen Rückruf bitten. Zusammerfassung einer Diskussion von Diethardt Stamm Signet für die Mitgheder?. Die Contra-Meinung ging davon aus, daß ein demonstratives Aus- chwitzsymbol bei ehemaligen Häft- ingen sinnvoll und angebracht sei, aber nicht bei der Vereinsmehrheit, den sogenannten Nachgeborenen, als dem Freundeskreis der Aus- chwitzer. Für diesen Kreis Sei es an- maßend, Sich öüber ein einem ehe- malgen Häftlingssymbol ähnliches Abzeichen darzustellen. Man könne und sSolle seine Meinung, Einstellung und Zugehörigkeit zur Lagergemein- Schaft Auschwit?z beispielsweise öber eien Button zeigen, der aber nur zeitweise und gezielt getragen werde. Dies sei der Gegensatz zu dem permanenten„zur Schau' stel- en von einer Anstecknadel. Wie denken Sie in dieser Angele- genheit? Der Vorstand hat beschlossen, eine Entscheidung von Reaktionen der Mitglieder abhängig zu machen. Deshalb sind Sie gefragtl ſeilen Sie über einen Leserbrief Ihre Meinung mit. Wir möchten den Willen der Mt- 9lieder möglichst genau repräsen- tieren. Das kann man nur, Wenn man die Uberlegungen der„Basis“ kennt. Schreiben Sie also ein paar Zeilen zu dem Thema„Signet für den alſtä- glichen Gebrauch durch die Mit9lie- der? Im Vorstand wurde Anfang April eine Diskussion angeschnitten, ob es sinnwoll und den Zielen unserers Vereins dienlich sei, wenn ein Signet als Anstecksymbol für die Mitglieder in Auftrag gegeben werde. Von der Lagergemeinschaft Ra- vensbrück wurde ein vergleichbares Stück herumgereicht: ein kKleines ro- tes Metalldreieck(ca. 15 cm Seiten- länge) mit einer Rose und der Auf- Schrift„Havensbrück“ Ahnlich Sei das Anstecksymbol für die Lager- gemeinschaft Auschwit? denkbar: das rote Dreieck mit Stacheldraht, der Aufschrift Auschwitz“ und der Flamme, die auch symbolisch im Ein- gangsbereich zum heutigen Museum in Auschwitz- also unser durch Sat- zung abgesegnetes Zeichen im Brie fkopf des Vereins- zu sehen ist. Die Pro-Meinung wies auf das Zu- Ssammengehörigkeitsgefühl der Ver- einsmitglieder hin, die einmal dieses Signet tragen werden, wie aber auch auf den Demonstrationscha- raktet eines solchen Abzeichens. Das kleine Format und die für Au- Benstehende verschüsselte Sym- bolik des Ansteckers provoziere au- Berdem Fragen über die Institution, die sich dahinter verberge, was dann zu inhaltlichen Diskussionen führen würde. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 5 AUSCHWITZ Einadung ZUm nächsten TREFF PUNKT 1993 im Gemeindehaus der ev. St. Katharinengemeinde, Myliusstraße 52(Nähe Palmen- garten) in Frankfurt am Main am Mittwoch, den 5. Mai, um 19.30 Uhr Jeilnehmer der Studienfahrt nach Mauthausen, Prag und Auschwitz(12. bis 24. April) be- richten über ihre Erfahrungen. AuBerdem wird ein Ausstellung über den letztjährigen Polen- Aufenthalt des Bödinger Thea- ters„mimikri“ gezeigt. „AUch wir waren ASWlanten'“ „Bewahrt das elementarste Grundrechtl heißt es in einem Auf- ruf der VVNM- Bund der Antifaschi- Sten. Gemeint ist das Grundrecht auf Asyl und die Unterzeichner, Ver- folgte des NS-Regimes, die nach 1933 Zuflucht und Schutz im Aus- land fanden, rufen auf mit„Lei- denschaft? für die Beibehaltung des derzeitigen Asylrechts Partei zu er- greifen. Die Situation der Flüchtlinge wird dabei eindringlich beschrieben: „Was es heißt,„Asylant' zu sein wir haben es am eigenen Leib erfah- ren. Und mit uns Hunderttausende, die, nach 1933 politisch und rassisch verfolgt, aus Deutschland flüchteten, um ihr nacktes Leben zu retten. Plõtzlich waren wir in einem fremden Land, zumeist nur mit einem Koffer, ohne Sprachkenntnisse, mittellos, bangend, kein Asyl zU erhalten, ab- geschoben zu werden. Wir können. nachvollkiehen Was es für einen Menschen bedeutet, seine Heimat zu verlassen und auf Unterstützung im Zufluchtsland angewiesen 2u Sein, darauf hoffend, Solidarität un- ter den Einheimischen zu finden.“ Die Unterzeichner erinnern daran, daß sie und ihre damaligen Leidens- genossen auch in Ländern mit sehr armer Bevölkerung diese Solidarität gefunden haben. Dagegen„Meſch himmelschreiende Schande, wie hier in Deutschland mit Asyisuchenden umgegangen wird, mit den Schutz- bedürftigten, die aus Kriegs- und Bürgerkriegssituationen, aus politi- scher Verfolgung, aus Not in unse- 73 77 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. rem Land Zuflucht suchenl Als Frei- wild gejagt, mit Mord und Jotschlag bedroht. Und das Schrecklichste: Mit klammheimlicher Zustimmung ei- nes Teils der deutschen Bevölke- rung. Manche bekunden es urwerho- ſen klatschend Deutschland den Deutschen- Ausländer raus' Uns Klingt es noch in den Ohren, wie in der Weimarer Republik die NMazis das gleiche brüllten: Deutschland erwache, Juda verreckel Den Zündstoff und das Benzin für das Feuer iefert die Seit Jahren ge- führte Debatte über die Anderung oder sogar Abschaffung des im Grundgesetz verankerten Asyl- rechts?, heißt es desweiteren. Auch die Teilnehmer und ſeinehmerinnen der Fachtagung„Pädagogik nach Auschwitz“, die im November 1992 im norwegischen Bergen zusam- mentrafen, forderten in einer Reso- lution„ein sofortiges Ende der von parteipolitischen Kalkül bestimmten Asylrechtsdiskussion“. Sie votierten für die Schaffung eines Einwande- rungsrechts und die Herausnahme von Kriegsflöchtlingen aus dem Asylrechtsverfahren. Verurteilt wird der Versuch,„die Folgen politischer und õkonomischer Fehlentwicklun- gen auf Sündenbõcke' abzuleiten? Der Trägerkreis„Aktion Asyl- recht' hat zu einer Kundgebung in Bonn am Tag N aufgerufen. Der Tag Nist der Tag an dem im Bundestag die 2. und 3. Lesung zur Anderung des Grundgesetzartikels 16 stattfin- den soll. Die katholische Friedensbe- wegung Pax Christi hat erklärt, den- jenigen, die wegen Beteiligung an gewaltfreien Aktionen strafrechtlich belangt werden, Mittel aus ihrem Rechtshilfefonds zur Verfügung 2u stellen. Holocaust-Zentrum in Frankfurt Frankfurt hat die Planungen für ein Institut abgeschlossen, in dem die Ursachen und Folgen des Holocaust aufgearbeitet werden sollen. Es geht den Planern nicht darum, bestehenden Ein- richtungen der Forschung, der Dokumentation oder der Bildung Konkurrenz zu machen oder die von den Gedenkstätten geleistete Arbeit?u übernehmen. Sie wollen vielmehr die aus der Perspektive unterschiedlicher Fachrichtungen, etwa von Historikern, Pädagogen, Soziologen oder Theologen entwickelten Ansätze zur Auf- arbeitung des Holocaust zu einer interdiszi- plinären Grundlagenforschung 2usammen- führen. Die Ergebnisse dieser Arbeit sollen einer breiten Offentlichkeit zugänglich und für die schulische und außerschulische Bildung nutzbar gemacht werden. „In einer Zeit“, so Micha Brumlik von der Universität Heidelberg,„in der die unaufgear- beiteten Spätfolgen des Nationalsozialismus tagtäglich in furchtbarer Weise fühlbar werden, geht es darum, sich in angemessener Art und Weise mit den Voraussetzungen und Folgen na- tionalsozialistischer Massenvernichtung ausein- anderzusetzen.“ Zu welchen Konsequenzen die- se Auseinandersetzung führen kann, darauf ver- wies Volkhard Knigge vom Kulturwissenschaft- lichen Institut Essen, der zusammen mit Brum- lik das Konzept der Planungsgruppe vorslellte: „Wir slchen miulerweile vor dem Problem, daß man Auschwitz tatsachengerecht erinnern kann und sich trotzdem entscheiden kann, Auschwitz zu wiederholen. Das ist die eigentliche Provo- kalion für Bildungskonzepte.“ Wenn die Stadt Frankfurt dem Vorschlag der Planungsgruppe folgt, wird das Institut den Na- men Fritz Bauers tragen und damit das Ver- mächtnis eines Mannes übernehmen, der nach KZ-Haft und Amtsenthebung 1936 aus Deutschland fliehen mußte, der nach seiner Rückkehr 1949 zum engagierten Vorkämpfer für Strafrechts- und Strafvollzugsreſormen wur- de und sich für die gesellschaftliche Verantwor- tung des Justizwesens einsetzte. Als hessischer Generalstaatsanwalt ist Sein Name mit dem er- sten Auschwitzprozeß von 1963 bis 1965 ver- bunden. Dokumentation: Der neue Mahnruf(Wien) Februar 1993 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 72 Fhemaliges KZ Auschwitz Soll als Gedenkstätte erhalten bleiben MUNZENBERC(pi). Zwei Pfennige waren als Betrag auf einer Spendengut- schrift eingetragen, und ein anderer„ed- ler Spender“ schickte eine Gutschrift über 20 Pfennige.„Das war wohl als Hohn gedacht“, kommentierte Anni Roßmann-Reineck. Die Kassiererin der „Lagergemeinschaft Auschwit?— Freundeskreis der Auschwitzer“ verwal- tet das Spendenkonto„Stop dem Ver- fall“ Die gesammelten Gelder sollen ei- nen wichtigen Beitrag leisten, damit das ehemalige Konzentrationslager als Ge- denkstätte erhalten bleibt. Auf der Mitgliederversammlung der Ka- gergemeinschaft in Frankfurt informier- te Anni Roßmann-Reineck, daß mittler- weile 103 529 Mark gespendet wurden. Von den 20000 Mark der hessischen Landesregierung wurde zum Beispiel ein Mikroverfilmer für das Archiv des heuti- gen Museums Auschwitz angeschafft. Der Staat Polen hatte jahrzehntelang den Erhalt der Gedenkstätte finanziert, jetzt fehlen der neuen Republik Polen die Geldmittel. Obwohl Auschwitz zu den von der UNESCO geschützten Kultur- stätten zählt, droht der Verfall der Ge— bäude und Archivalien, teilte der pensio- nierte Museumsleiter Kazimierz Smolen mit. HansJoachim Günther vom Vorstand der Lagergemeinschaft berichtete, daß die letzte Generalversammlung des inter- nationalen Auschwitz-Kommitees(I[AK) aufgrund der angespannten Lage direkt in Auschwitz getagt hatte, um sich ein konkretes Bild vor Ort zu machen. Gün- ther verwies auf ein Schreiben, das IAK- Präsident Maurice Goldstein im Auftrag der Generalversammlung an Bundesprä- sident von Weizsäcker geschrieben hatte. Günther informierte weiter, daß das IAK seine Statuten geändert habe und nun auch„Bewahrer des Andenkens“, also Nichthäftlinge, Nachgeborene und jün- gere Mitarbeiter und arbeiterinnen, in das zehnköpfige Leitungsgremium ge- wählt wurden— auch Günther selbst wurde nominiert und bestätigt.**„ Dokumentation: Butzbacher Zeitung 16. Februar 1993 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. proteste gegen die Meukorzeptionen der NS-Gedenkstätten Gleichsetzungen verbieten Sich lm letzten Jahr war unter der Lei- tung eines kommissarischen Leiters in der Gedenkstätte Sachsenhau- sen gegen den Willen und ausdrũck- ichen Protest der Lagergemein- schaft Sachsenhausen und anderer Verbãnde der NS-Verfolgten eine Ausstellung konzipiert und ein Ge- denkstein für die„Opfer des Stali- nismus? errichtet worden. Die so- wietische Militärregierung hat be- kKanntlich nach dem Krieg ehemalige KZs wie Sachsenhausen und Bu- chenwald zu Internierungslagern für Nazis und auch politisch Oppositio- nelle umfunktioniert. Auch für andere Gedenkstätten in den neuen Bundesländern waren so- genannte„Expertenkommissionen? dabei, mit Konzepten zur Neugestal tung die Täãter und Opfer des Nazi- Regimes auf eine Stufe zu stellen. Esther Bejarano, Vorsitzende des deutschen AK-Komitees, nannte dies den Versuch,„die deutsche Ge- Schichte einzuebnen' In einem Brief an den Bundeskanzler kommentier- te die„Federa-tion Internationale des Resistants“(FlR), die mehr als 70 nationale Verbände aus 25 Län- dern Europas und aus lsrael vertritt, diese Absichten der Expertenkom- misSionen wie folgt: „Sicher, wir wissen, daß diese La- ger nach 1945 als Internierungslager für Nazis gedient haben, aber daß auch Unschuldige und politische Op- positionelle darin ungerechtfertigt festgehalten wurden und daß einige von ihnen diese Ungerechtigkeit mit ihrem Leben bezahlt haben und selbstverständlich Sind wir nicht da- gegen, daß ihr Andenken geehrt wird. Aber daraus eine Vermischung mit den Verbrechen herstellen, die die Nazis geplant und ausgeführt haben, ist eine moralsche Abwei- chung, die wir nicht akzeptieren kön- nen.“ Beim Podiumsgespräch, 2u dem die Lagergemeinschaft Aus- chwitz im letzten Jahr nach Frank- furt eingeladen hatte, 3uBerte der SpPD-Bundestagsabgeordnete Sieg- fried Vergin in Hinsicht auf Formen des Erinnerns an die Nazi- und an die SED-Diktatur:„Vergleichen wird notwendig sein, SGelichsetzungen verbieten sich.* Dem Protest des AK und der FR schlossen sich fast alle Lagerge- meinschaften, viele Verbände und Organisationen aus dem ln- und Ausland und unter anderen auch der Zentralrat der Juden und der Zen- tralrat der deutschen Sinti und Roma an Bei einem Gespräch von AK- Vertretern mit dem brandenburgi- schen Ministerpräsidenten Stolpe wurden folgende Forderungen vor- Oetragen: „Wir fordern eine völlig neue Konzeption in Brandenburg unter Beteiigung und Mitsprache der NS- Verfolqten-Organisationen und der Lagergemeinschaften.“ „Wir fordern, daß es keineriei Gleichsetzung geben darf zwischen NSKonzentrationslagern und spãte- ren lnternierungslagern, in denen, zumindest überwiegend, NS-Täter inhaftiert waren oder sein sollten?. „Wir fordern, daß in Sachsen- hausen die eigenmächtig auf dem Gedenkstätten-Gelände aufgebau- ten Gedenkorte an das lnternie- rungslager abgebaut werden“ Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. -„Wir, das Auschwitz-Komitee in der BRD, werden an einer Stiftung für die brandenburgischen Geden- kstätten nicht mitarbeiten, Ssolange unsere Forderungen nicht erfüllt werden und eine neue Konzeption für die dortigen Gedenkstätten un- ter Mitarbeit der Uberlebenden NS- Opfer und ihrer Verbände erstellt wird.? Nach dem Gespräch konnte Es- ther Bejarano im November 1992 auf einer Tagung in Braunschweig mit- teilen, daß die AK-Vertreter von Manfred Stolpe„Zumindest' das Zu- gestãndnis erhielten, daß„auch er gegen eine Vermengung der Ge- schichte des Mationalsozialismus mit der Geschichte nach 1945 Sef. Weiter führte die deutsche Vorsit- zende des AK aus:„All diese Orte, an denen es heute Gedenkstätten gibt, die Zeugnis abgeben über die Verbrechen der Nazis, all diese Orte, die jüdischen Friedhöfe, die Gedenk- Stellen an ermordete Antifaschisten, Sind heute bedroht. Sie sind bedroht von rechtsextremen und neonazisti- schen Gewalttätern und von Schreibtischtätern, die Straßen- schider verãndern und Gedenkstät- ten für Täter errichten und errichten wollen.(.) Ebenso schlimm ist der Zuspruch der Bevölkerung, indem Ssie diesen Banden zujubelt, Es ist auch nicht zu verkennen, daß Polizei und Staatsanwaltschaft diesen Schrecklichen Taten ganz leicht ein Ende setzen könnten, wenn sie den Willen dazu hätten.“ Diese Worte wurden noch vor dem Brandan- Schlag auf die jüdische Baracke in Sachsenhausen und den Morden von Mölln gesprochen. Für die Gedenkstätte Buchenwald sieht ein Kompromiß vor, daß im Mu- Seumsgebäude in deutlicher rãumii- cher Fennung und inhaltlicher Abgrenzung mit einer Ausstellung an das Internierungslager erinnert werden soll. Zuvor werde in den Ar- chiven in Moskau nachgeforscht, wer von den lnhaftierten als Nazi- oder Kriegqsverbrecher und wer als politischer Gegner eingeliefert wur- de. Hans Hirschmann Ein bezeichnendes„Beispiel“ aus Apolda pfarrer Peter F̃ranz aus Apolda schickte Herman Reineck einen Artikel der„Tnöringer Allgemeinen' in dem berichtet wird, daß das Landesamt für Denkelmalpflege und das Stadtparlament Apolda den Denkmalschut?z für Sieben Gedenktafeln den Denkmalschutz aufgehoben hat. Die Stadt- verordneten befürworteten zwar den Verbleib der Tafeln, stelten es aber den jeweiligen Hausbesitzern frei, sie entfernen zu lassen. Die„Thöringer Allgemeine' nennt die Erinnerungstafeln mit den Namen„Helene Flei- scher, H. Schiering, Kurt Weiland, August Berger, Johann Ollik und Ernst Thãlmanr, sie verschweigt jedoch die siebte betroffene Tafel Nach Auskunft von Peter Franz erinert diese Tafel an eine jüdische Familie aus Apolda, von der zanlreiche Mitglieder in Auschwitz ermordet wurden. 2 2 Lagergemeinschaft Auschwitz pro Monat KZ gibt es 62 Mark und zwölf Pfennige Wle die Suftung„Polnlsch-deutsche Aussöhnung“ Oplorn dss NS-Reglmes Fiie loistet Von Edith Heller Im zweiten Stock des weitläufigen al- ten Bürogebäudes in der Warschauer Krucza-Straße 37 geht es zu wie im Tau- benschlag. Elegant behütete ältere De- men durchschreiten die Korridorfluren, ärmlich gekleidete Rentner studieren lange Formulsre. In Zimmer Nr. 270 be⸗ findet sich die Informationen— aber we- gen des großen Andrangs steht die junge Angestellte der Stiftung„Aussöhnung“ ebenfalls auf dem Korridor und antwor- tet laut hörbar auf die Fragen der alten Leute. Nein, den Hinterbliebenen steht nichts zu, wenn der Berechtigte nach der Antragstellung verstorben ist. Aber sicher, die langen Wartezeiten sind nor- mal— erst kommen die über 80 jährigen. Die Stiftung„Polnisch-deutsche Aus- söhnung“ soll nach dem Willen der deut- schen Geldgeber den„besonders geschä- digten“ Opfern des Nazi-Regimes in Po- len„humanitäre Hilfe leisten“ Die Bun- desregierung hat dafür im vergangenen Jahr einmalig 500 Millionen Mark zur Verfũgung gestellt— damit, so mußte Warschau unterschreiben, seien alle An- sprüche abgegolten. Ende September wurden die ersten 8000 Schecks ver- schickt. Den Rekord— was diz Höhe der Auszahlungen betrifft— hält bisher der g0jährige Fiotr W. der ein halbes Jahr im Cieszyner Gefängnis und genau fünf Jah- re im Konzentrationslager Dachau über- lebt hat: Er wird umgerechnet 4100 Mark erhalten. Das entspricht 62 Mark und 12 Pfennige pro Haftmonat. Zwangsarbeit kommt den deutschen Staat noch billiger: Die heute 66 Jahre alte Natalis K. erhält kür jeden Monst umgerechnet 21 Mark und 50 Pfennige. Die Verteilung dieser Summen wird von Folen vorgenommen. Bekannte Persönlichkeiten wie die frü- heren Ministerpräsidenten Mazowiecki und Bielecki, Vertreter des Episkopats, der Schriftsteller Andrzej Szczypiorski und der Friedenspreisträger des deut- schen Buchhandels, Wladyslaw Hartos- zewski stehen mit ihrem Namen für die Erfüllung dieser Aufgabe ein. Sie ist wahrlich nicht einfach: Wenn man davon ausgeht, daß etwa eine Million Betroffene noch leben, entfallen pro Kopf rund 500 Mark. Auch wenn man die unterschiedli- (Warschau) che Kaufkraft in Deutschland und in Po- len berücksichtigt, sind diese Summen gering: Ein einfacher Wintermantel ist mittlerweile auch in Polen nicht mehr unter 100 Mark zu haben, Gas und Strom für eine Zwei-Zimmer-Wohnung kosten monatlich mindestens 80 Merk. Nach deutscher Rechtsauffassung steht den polnischen Opfern von damals kein Entschädigungsanspruch zu. Die Bundes- regierung beruft sich darauf, daß Polen 1953 auf Reparationsansprüche gegen- über Deutschiand verzichtet hat. In War schau versuchte man zu erklären, daß dies auf Druck der Sowjetunion geschah und daß der polnische Stast außerdem gar nicht berechtigt war, auf᷑ zivilrechtli- che Schadensersatzansprüche seiner Bürger zu verzichten. Will man jedoch von 2ivilrechtlichen Forderungen ausge hen, so sind diese in der Zwischenzeit verjährt. Gegenüber Israel und elf westeuropäi- schen Staaten hatte die Bundesregierung allerdings andere Maßstäbe angelegt sie zahlte individuelle Entschädigungen in Höhe von mehreren Milliarden Mark, ob- wohl auch hier nach formaljuristischen Kriterien kein Rechtsanspruch bestand. Polen hat 1973 103 Millionen Mark für die Opter pseudomedizinischer Versuche bekommen. Weiteren Forderungen ge genüber blieb Bonn jedoch hart: Man wollte keinen Präzedenzfall in Osteuropa schaffen. Warschau blieb nichts anderes übrig als sich auf morslische Appelle zu verlegen. Im Schlepptau des Grenzvertrags und des Nachbarschaftsvertrags 1991 einigte man sich schließlich auf die Stiftungslõ sung, die zwar keine Entschädigungen, dafür aber freiwillige„humanitäre Hilfe“ verteilen soll. Die Stiftung rechnet damit, daß etwa 600 000 Menschen Anträge stel- len und die notwendigen Dokumente vor- legen werden. Dabei sind die Anforderun- gen streng: Die Kommission akzeptiert nur beglaubigte Dokumente, scheinigungen amtlicher deutscher Stel- len, der Suchdienste des Roten Kreuzes, der KZ-Gedenkstätten, Gefängnisse und staatlichen Archive. Nicht wenige Antrag- Steller werden abgewiesen, weil ihnen die Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 23 notwendigen Papiere in den Nachkriegs- wirren abhanden kamen. Anhand der Dokumente wird nach einem differenzierten Punktesystem die Höhe der finanziellen Zuwendung errech- net. Berücksichtigt wird sowohl die Län- ge als auch die Art der Repression. So lie- gen etwa die Sätze für KZ-Haft dreimal höher als die für Zwangsarbeit. Nicht be- rücksichtigt werden dagegen der Gesund- heitszustand und das Einkommen des Antragstellers, obwohl der Notenwechsel vom 16. Oktober 1991 die Aufstellung sol- cher Kriterien ausdrücklich verlangt. Aber das deutsche Ansinnen, die Bedürf- tigkeit und nicht das Ausmaß des zuge- fügten Unrechts zum Kriterium zu ms- chen, verletzte das Gerechtigkeitsgefühl der Betroffenen und stieß auf den ent- schiedenen Widerstand der zahlreichen polnischen Naziopfer-Organisationen. Ka- ritative Hilfe, so drohten sie einhellig, würden ihre Mitglieder nicht annehmen. In der Praxis bekommt ein ehemaliger Zwangsarbeiter durchschnittlich etwa 600 Mark, ein ehemaliger KZHäftling etwa 1300 Mark ausgezahlt. Ein Teil der 40 Mitarbeiter der Stiftung„Aussöhnung“ sind mittlerweile damit beschäftigt, auf empörte Briefe ehemaliger Opfer zu ant- Dokumentation: 5 Frankfurter Rundschau 7. Nov. 1992 5 worten, die sich durch die Höhe dieser „Wiedergutmachung“ für ihr Leiden be- leidigt fühlen— und als solche wird das Geld empfunden, egal, wie man es offi- ziell deklariert. Die Stiftung„polnisch-deutsche Aus- söhnung“ hofft auf weitere Einzahlungen — etwa von Seiten derjenigen deutschen Firmen, die von der Zwangsarbeit profi- tiert haben. Dazu zählen Großbetriebe wie Krupp und Thyssen, die AEG, Bayer Leverkusen, BMW, Mercedes, Volkswa- gen, die Lufthansa, die Ruhrkohle AG und die Klõckner-Werke ebenso wie zahl- reiche mittlere und kleinere Firmen. Bis- lang hat jedoch noch keiner dieser Be- triebe Bereitschaft zur Unterstützung der Stiftung zu erkennen gegeben. Bronislaw Wilk, christdemokratischer polnischer Sejm-Abgeordneter und Vor- sitzender der Stiftung„Aussöhnung“, will sich demnächst direkt an die betroffenen Betriebe wenden.„Es hat keinen Zweck, diese Firmen anzuprangern“, meint er. „Aber vielleicht gelingt es uns, eine Lob- by für unser Anliegen zu schaffen. Das wichtigste für uns ist ein gutes politi- sches Klima.“ Die Zeit drängt— das Durchschnittsalter der Antragsteller be- trägt 76 Jahre. 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. EG will KZ's als Gedenkstätten erhalten Ehemalige Konzentrationslager des Deutschen Reiches sollten als Gedenkstätten unter internationalen Schutz gestellt werden. Diese For- derung wird in einer im Februar ver- abschiedeten Entschließung des Europa-Parlaments in Straßburg ge- fordert. Zur Realisation mößten alle Länder der Europäischen Gemein- Schaft(EG) Finanzmittel bereitstel- len. Den Millionen von KZ-Joten und den Uberlebenden der NS-Lager ge- bühre der Respekt der heutigen und Künftigen Generationen. Die EG Sei als Unterzeichnerin der Erklärung 9egen Rassismus und Fremden- feindlichkeit besonders verpflichtet, alle Erscheinungen von Neonazis- mus mit allen ihr zur Verfügung ste- henden Mitteln zu bekämpfen. u EPin kleiner Vergleich?weier Transferleistungen Schuld und Schulden Gewiß, Geld macht nicht glücklich, und es gibt viele Dinge im Leben, die mehr zählen als Kontoauszüge. Nurt irgendeinen Maßstab, der Vergleiche ermög- licht muß es geben. Nehmen wir zum Beispiel aufder einen Seite die Kosten der Deutschen Einheit. Und auf der anderen die Ausgaben für die sogenannte Wiedergutmachung. Bis Zum Jahre 2000 wird die Bundesrepublik rund 100 Milliarden Mark für das von den Nazis angerichtete Unrecht bezahlt haben. In die- sem Betrag enthalten sind die Enischädigungen für KZHãftlinge Rentenahlungen an die Uberleben- den der Lager und Sachleistungen aller Art. Allem Stammtisch-Gerede zum Frotz war die Wiedergut- machung nationalsoxialistischen Unrechts ein gutes Geschãll für die deutsche Okonomie. Sie war eine Art preiswerter Tribut, den Deutschland leisten mußte. um nach den Eskapaden der?wölf tollen Jahre wieder in die Võlkerfamilie aufgenommenzu werden: 100 Milliarden Mark, verteilt auf einen Zeitraum von 50 Jahren, das macht zwei Milliarden Mark pro Jahr. Wie hoch die Kosten der Wiedervereinigungsind. kann vorläufig kein Mensch sagen. Sicher ist nur: Sie übersteigen die schlimmsten Prognosen In diesem Jahr sollen nach realistischen Schãtzungen rund 150 Milliarden Mark in die neuen Bundesländer fließen. Das heißt. falls der Vergleich erlaubt ist, in nur einem Jahr wird für die Folgen der Wiedervereinigung mehr Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 26 Geld ausgegeben als in 50 Jahren für die Folgen des Dritten Reichs. An dieser Stelle hören die kleinen parallelen auf und die großen Unterschiede fangen an. Die DDR war kein Brachland in der Sibirischen Ode Sondern die sicbigrõßte Industrienation der Welt. Die Einwohner der DDR waren keine soehen aus Lagern entlassenen Jammergestalten, die mit nichts als dem Leben davongekommen waren, Sson- dern durchaus imstande, ⁊wischen einer Packung volkscigenen Kalſces Marke Rondo' und einer Dose Jakobs Krönung“ zu unterscheiden. Beider Oenno wurden ihre Ersparnisse viele Milli arden Ostmark im Verhãlinis 1:1 baw. 12 in DMark umgetauscht ungedeckte Transfers. Genauso gut hãtte Monopoly Geld bei einem Kindergeburtstag in richtiges Geld umgerubbelt werden kõnnen. Pen⸗ noch der Auſschwung Ost willsich nicht sorecht ein stellen während der Abschwung West an Fahrt ge- winn. Haben umer diesen Bedingungen die Atbun- desländer die Pflicht. für die Sanierung der PDR auf zukommen? Obwohl sie eigentlich nichts dafür kön⸗ nen daß sic am 8. Maids in derrichtigen Hãlfte Deutschlands aufgewacht sind? Wie immer man die Frage beantwortet. feststeht. daß die Bundesbürger beim Ausgleich ihrer nationalen Schuld vicltieſer werden in die Taschen greifen müssen als das beim Ablaß der historischen Schuld der Fall war. Henryk M. Broder Dokumentation: die tageszeitung 3. April 1993 „ Am 24. März Starb Günter Daus. Am 0. November 1992 konnte er noch Seinen 85. Geburtstag begehen. Erika Mussbicker, die Günter Daus seit 47 Jahren kannte, teilte uns diese Nach- richt kurz vor Redacktionsschluß mit. Gönter Daus hat in Seinem Leben immer gegen Faschismus und mperialismus gekãmpft. Wãhrend der Nazizeit ging er in die lMe galitãt und arbeitete im Untergrund. Nach dem Krieg war er der erste Bürgermeister der Stadt Mhnheim an der Ruhr. Große Verdienste erwarb Sich Günter Daus durch seine Arbeit im Komitee der Moorsoldaten(neute Emslandlager- Gemeinschaft, Förderverein) er war Vorsitzender und zuletzt Ehrenvorsitzender. 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Rede(Auszüge) zur Verleihung der Johanna-Kirchner-Medaile Der altãgliche Widerstand gegen das Wegsehen und Duiden Zum dritten Mal verlieh die Stacdt Frankfurt in diesem Jahr die JOhanna-Kirchner-Medaile. in Würdi- gung ihres Widerstands gegen das Nazi-Regime wurden diesmal 28 Bürgerinnen und Bürger der Stadt 9eehrt. Die Ehrung fand am 30. Januar, dem Tag an dem Hitler 1933 die Re- gierungsgeschäfte als Reichskanz- ler aufnahm. Oberbürgermeister An- dreas von Schöler vermied in Seiner Laudatio ausdrũcklich den Begriff „Machtergreifung', mit dem gemein- hin dieses Datum bezeichnet wird. Er betonte den„egalen Beginn der Nazi-Diktatur, denn die Nazis hatten die Macht nicht gewaltsam „Sr9riffen', Sondern sie war ihnen vom Reichspräsidenten angetragen worden. Die Selbstrechtfertigung „Sines ganzen Volkes, die sich mit dem Begriff Machtergreifung' asso- ziativ verbindet, ist falsch', hob von Schöler hervor. „Die Mehrheit der deutschen Be- võlkerung schickte 1933 jubelnd oder zumindest verhalten zustimm- end- die Demokratie zum Teufer', führte der Oberbürgermeister wei- ter aus.„Und nach dem Bruch mit al- len demokratischen humanen Grundwerten, nach dem Bruch mit der Zivilisation, nach jenem in der Geschichte unvergleichichen Ver- brechen, nach Auschwitz hat sich das deutsche Volk nicht etwa das Recht auf Selbstverantwortung, die Demokratie selbst erobert. Die Mlli- ierten haben uns mit Waffengewalt befreit. Die Demokratie wurde uns von den Westallierten geschenkt. Vielen Menschen wurde sie wohl Selbst nach dem infernalischen Ende des Wahnsinns oktroiert.“ Die Mehrheit der Deutschen hatte Sich nach den Worten von Schqlers also„blind und bedingungslos' un- terworfen, war willig„den Rechten des Individuums 2u Leibe gerückt' oder hatte dies zumindest geduldet. Dagegen gab es aber auch die Min- derheit,„die festhielt am Recht auf Selbstverantwortung und den dar- aus erwachsenden Pflichten. Es gab Sie, die Minderheit, die sich unter Ge- fahr für Leib und Leben der perma- nenten Verletzung der Menschen- rechte widersetzte“, sprach der OB den Geehrten seine Hochachtung aus. Die Verleihung geschehe zu einer Zeit,„wo vielen Alteren der 30. Ja- nuar 1933 von erschreckender Ak- tualität zu sein scheint', nahm An- dreas von Schöler anschlieBend zur Gegenwart Bezug.„In einer Zeit in der demokratisches Engagement, beherztes Eintreten für Humanität, Zivilcourage von uns allen sehr viel Stärker gefordert ist, als es sich selbst die Pessimistischsten unter uns noch vor wenigen Jahrn vorstel- len konnten; in einer Zeit, in der in diesem Land wieder Menschen be- droht, terrorisiert, ermordet werden, weil Sie sich einem andern Glauben zugehörig fühlen, weil sie eine ande- re Sprache sprechen, weil sie eine andere Haar- oder Hautfarbe haben. Aber, meine Damen und Herren, 1033 ist nicht 1993; und alle, die die- sen Vergleich ziehen, sollten sich bewußt Sein, daß darin auch die Ge- fahr einer gewaltigen Verharmlo- sung liegt. Die großen Demonstratio- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. nen und Konzerte, die Lichterketten, haben gezeigt, daß heute die wirkli- che Mehrheit der deutschen Bevöl- kerung demokratisch ist und daß Sehr viele Deutsche bereit sind, die Demokratie, die ihnen geschenkt wurde, 2u verteidigen, als hätte sich unser Volk das Recht auf Selbstver- antwortung tatsächlich selbst er- kKämpft. Wenn wir also heute an das ande- re Deutschland, an die Frauen und Mãnner des Widerstands erinnern, dann nicht um uns gerade an diesem Tag von der Last der furchtbaren Verantwortung zu befreien, nicht um das deutsche Volk zu exkulpieren. Wir haben uns entschlossen, den Frauen und Männern des Wider- Stands zu danken, weil inr Beispiel uns Machgeborenen Mut machen kKann. Mut für unsere andersgläubi- gen, eine andere Sprache sprechen- den, andersfarbigen Nachbarn, Mut für die in unser Land kommenden Flüchtlinge einzustehen, wenn sie attackiert werden. Und dazu brau- chen wir zum Gück wahrhaftig Sehr viel weniger Mut, als es in jenen Jah- ren des Grauen notwendig war.* Den Begriff Widerstand faßte das Frankfurter Stadtoberhaupt im Sin- ne eines„ganz alltäglichen“ Wider- standes auf, der auch beinhalte, „NVor dem ganz alltäglichen Wegse- hen, Dulden, Mitmachen zu warnen'. Er erinnerte an den Bericht des jun- gen Valentin Senger, der 1933 als 14jähriger den Zug der SA beobach- tete und vor allem aber von den am Straßenrand dicht gedrängten Pas- Santen beeindruckt war.„Sie schri- en sich die Kehlen heiser, warfen den SA-Männern Blumen zu und wa- ren wie im Rausch. Es Schien, als ha- be sich das liberale Frankfurt über Nacht in eine braune Hochburg ver- wandelt?, zitierte der Laudator den Frankfurter Autor Valentin Senger. Vor denen,„die warnten, die nicht zustimmten, die sich widersetzten', die Partei gegen die Barbarei er- griffen, wie zum Beispiel„die Frau- en und Kinder, die für die Familien lnhaftierter auch in Zeiten eigener Not ganz selbstverstãndlich mit- Sorgten', diesen Menschen erklärte der Oberbürgermeister„ch vernei- ge mich vor ihrem Beispiel“ Ausgezeichnet mit der Johanna- Kirchner-Medaille wurden am 30. Janar 1933 in der Frankfurter paulskirche: Lisa Alfhart, Egon Mff- hart, Dr. Moys Baum, Walter Bloch, Fritz Flach, Paul Gottschalg, Katha- rina Hahner, Prof. Dr. Edgar Har- sche, lissi Karrenberg, rmengard Kayser-Scholkz, Kurt Köhler, Alfred Körner Klaus Kaminsky, Wolfgang Lauinger, Anita Leis, Fraugott Lie- Ssem, Anja Lundholm, Maedy Mos- bach, Aois Normann, Artur Pöhl- mann, Joseph Rheinberger, Dr. Hu- bert Roos, Hans Seidenather, AMois Schönberger, Luise Schumann, Walter Schumann, Henry Heinz Wolf, Karl Zeiss. 27 25 Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Hilfstransport na Kleider- und Schuhpakete, medizinische ch Polen gestartet Geräte- und Mikroverfilmungsgerät GAMBACH(rm). Am vergangenen Montag startete ein weiterer Hilfstransport der„Lagergemeinschaft Auschwitz— Freundeskreis der Auschwitzer“ und des Vereins„Freundschaft mit Polen“ von Gambach aus nach Polen. Neben 27 Kleider- und Schuhpaketen wurden medizinische Geräte und eine Mikroverfilmungsanlage für das Auschwitz- Museum auf den Weg gebracht. Der Präsident der„Lagergemeinschaft“, Hermann Reineck und seine Frau Anni Rossmann-Reineck, stellten für diesen Transport für das Krankenhaus„Gabrie- la Narutowicza“ in Krakow zwei EKG- Geräte, sechs Inhalationsgeräte, 20 Kar- tons Medikamente und 10 Wandtelefone aus Spenden zusammen. Dank einer Spende der Hessischen Landesregierung in Höhe von 20 000 DM konnte für das Museum im ehemaligen KZ Auschwitz eine Mikroverfilmungsanlage ange- schafft werden. Mit dem Mikroprinter werden die vom Verfall bedrohten Doku- mente des Auschwitz-Archivs für spãtere Generationen gesichert. Für die Arbeit der Bediensteten des Auschwitz- Mu- seums wurden drei gespendete Kopierge- räte in die internationale Gedenkstãtte gebracht. Zur humanitären Hilfe konnten 27 Kleider- und Schuhpakete nach Krakow und Oswiecim geschickt werden. Dort werden die Gegenstände von ehemaligen Auschwitzhäftlingen an bedürftige Men- schen verteilt. Für den kommenden Herbst planen die „Lagergemeinschaft Auschwitz-Freun- deskreis der Auschwitzer e. V und der Verein„Freundschaft mit Polen“(Mar- burg) den nächsten Hilfstransport. Sach- spenden nimmt das Ehepaar Reineck (Lel.: 0 60 33/76 Ol1 68) in Gambach ent- gegen. Geldspenden für die Lagerge- meinschaft können auf das Konto(Nr. 20000503) bei der Sparkasse Wetterau (BLZ 5l18 500 79) überwiesen werden (gegen Spendenquittung). Dokumentation: Butzbacher Zeitung 7. April 1993 Gut 100 000 Mark für die Gedenkstätte Auschwitz MUNZENBERG. 103 529 Mark sind bis- her für den Erhalt der Gedenkstätte Auschwitz gespendet worden, teilte Anni Roßmann-Reineck von der in Münzen- berg ansässigen Lagergemeinschaft Auschwitz mit. Darunter auch 20 000 Mark von der hessischen Landesregie- rung. Sie seien für einen Mikroverfilmer im Archiv des heutigen Museums Auschwitz verwendet worden. Die Repu- blik Polen habe kein Geld mehr, um das einstige Konzentrationslager zu erhalten. Dokumentation: Frankfurter Rundschau 17. Unter dem Motto„Stopp dem Verfall“ könnten weiterhin steuerabzugsfähige Spenden aufs Konto 002 0002 000 der Sparkasse Wetterau eingezahlt werden. Hermann Reineck(Münzenberg) wur- de in der jüngsten Generalversammlung wieder zum Präsidenten der Lagerge- meinschaft gewählt, heißt es in der Pres- semitteilung. Der ehemalige Auschwitz- Häftling Reineck hat die Vereinigung vor vielen Jahren gegründet. nes Februar 1993 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 29 April 2.4. 4.4. 12.4. 134. 14.4. 14.4. N.4. Unseren Mitgliedern herzliche Geburtstagsgrüße„ Manfred Wittmeier Friedrich Eder Marcus Nedoma Erhard Penner berhard F. Schaeufele Brigitte Wiegand Ingrid NMeubert Harald Kliczboar Jarina Haubenstock Helwig Wegner Matthias Tiessen Gerd Häuser Sabell Dienm-Frankenau Dr. Erwin Knauss Helmut Poppenber9 Joachim Klärner Afred Przybylski Monika Held Jürgen ſelschew Uschy Klopsch Ursula Middelanis Marta Palczewska Jutta Freisens Florian Ross Harald Bümel Frank Pötter Uwe Hartwig Dr. Janus?z Mynarski Olaf Wehrheim Dr. Matthias Hamann Brigitte Harder Hans-Joachim Günther Annegret Brombach Dr. Manfred Zenker Gerhard Herr Ludwig Poppeler Dr. Walter Bittner 137. 19.7. S 20.7. 2 2 24.7. 247. 2 27 Diethardt Stamm Marie-Luise Steinschneider Dietind Clever-Schmidt Kristine Vromsdorf Jutta Loesch Hansjõrg Lacour Matthias Loesch Birgit Brunner Dr. Feliks Medzielak Bettina Hack Kurt Rosemeier Rudolf Boning Horst Jacob Rainer Leichtenberger Dr. Dieter Werner Alexander Wolf Erhard Fasel Rolf Kirsten Roland Schähle Wadyslawa Jankiewicz Karl-Klaus Rabe Carl-Martin Barnutz Barbara Distel Hidegard Gerhards Nrgen Bartholome Lothar Bembenek Wilhelm Dorn Angela Suhkmann Heinz Ennemann Bardo Bayer Rainer Röhrborn Halvar Bertilson Herta Weck Michael Langhanky mo Moszkowicz Klaus Rosenstock 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Maria Nurowska: Briefe der Liebe Eine Rezension von Klaus Konrad-romsdorf Krystyna Chylinska ist nicht dein wirklicher Name“, Ssagtest Du wie beiläufig und ohne auf meine Antwort zu warten. Dabei weiß ich nicht, ob das eine Frage oder eine Feststel lung war. All die Jahre habe ich auf diesen Tag gewartet. den Tag der Wahrheit. ch heiße Elzbieta Elsner und bin neunzehn Jahre alt. ch habe das Ghetto hinter mir gelassen ch bin Elzbieta Elsner und bin neunzehn Jahre alt.— Viel- leicht lebe ich überhaupt nur noch deshalb, weil ich nicht darauf bestehe. Dort hinter der Mauer, war ich zu allem be- reit, um nur zu überleben. Krystyna und Ekbieta sind ein und dieselbe Person. Ekbieta ist im November 1940 ihrem Vater als Sechzehnjährige freiwillig in das Warschauer Ghetto gefolgt, sie arbeitet als Prostituierte, um beide durchzubringen. Nach ihrer Flucht nimmt sie eine neue ſden- tität an, lebt als Krystyna. Im Oktober 1968 stelt ihr Mann Andr- zej keineswegs zufällig die Frage, die eine Feststellung ist Krystyna Chylinska ist nicht dein wirkicher Name. Maria Nurowska läßt die Hauptperson ihres neuen Romans in sieben Briefen fast dreißig Jahre beschreiben, die für Krystyna mit der stãndigen Furcht verbunden sind, jemand könne sie Wiedererken- nen und ihre Existenz zerstõren. Zugleich werden in der Entwick- ung dieser Doppelexistenz jene Aspekte polnischer Nachkrieqs- geschichte angedeutet, die 1968 dazu führten, daß ein GroBteil der noch in Polen lebenden Juden das Land verlassen mußte. Nur Scheinbar verwirrend ist dieses Verwobensein von individuel Biograprischem und Geschichtlichem. Möglicherweise ist dies ein Grund dafür, warum Nuroskas Krystina Chyinska gelegentlich mit Irma Seidenmann, einer Romanfiqur ihres Landsmannes Andrzej S?czypiorski, verghchen wird. Maria WMuomsia, geb. 7044, Stuchum der Hoſonisti in arscha Arbejt as freie Schrifistelerin veröffentlichie ʒeſt Mtte der Siebziger ahre einen Gand mit Hhlnoen un sjoben Homane. Git mittiermoiſe als wichtige zeſtgenös Sche Prosaschrifisteerin Hoſens. Bfiefe der Liebe⸗ Scher erlag, Hrankfurt am Main 7902 — Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 37 Zwei „ Gecichte Ruth Mller Zeichen in Birkenau ſotenstille, Kein Vogel in den erstarrten 9 Asten, eine frostige Sonne rõtet den Stein Gekrümmte Eisenstäbe Und doch n den Fugen Der Mauerreste Farn Klein und grün Von Rauhreit eingehillt Zwei Gedichte des Falt-LesePlakats der„Lyrikwerkstatt Auschwitz? wird demnächst der Offentlichkeit vorgestelit Peter Keller Starkstromdraht Jahrhundertereignis Elektrizität, Jahrhunderttaumel Jahrhundertsieg, unsichtbar Strõmt es den Draht entlang. K. Z.Zaun ſodessperre, ſodesfalle, ſodeslockung „in den Draht gehen“. Friedvolles Gesicht des einen, der den Sprung tat. Ein Foto hält es fest. Für uns? 32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. ln eigener Sache-Das liebe Geld Seit 1979 hat Sich der Mitghedsbeitrag der„Lagergemeinschaft Auschwitz Freunde skreis der Auschwitzer? nicht erhöht. Er beträgt nach wie vor 40 Mark pro Jahr. Die steigenden Unkosten- so sind zum Beispiel am 1. April dieses Jahren die Portogebühren für Massendrucksachen erhöht worden- haben im Vorstand zu Diskussionen geführt. Wir waren uns einig, daß wir bei der nächsten Mitgiederversammlung nicht um eine Beitragserhöhung her- umkommen. Beträge zwischen 60 und 100 Mark wurden als neue Jahres- beiträge diskutiert. Für Meinungen und Vorschläge aus der Sind wir wie immer aufgeschlossen. Es gibt Zahlreiche Mitglieder, die bereits Seit Jahren freiwillig einen höheren Betrag überweisen. lhnen sei herzlich gedankt und wir bitten alle anderen, ebenfalls über eine solche freiwillige Zusatzzahlung nachzudenken. Unser Dank gilt natürich allen, die diesem Appell nachkommen und bitte denkt daran, daß eine Uberweisung per Bankeinzug dem Verein ebenfalls Kosten nãmlich Bankgebühren- spart. Der Vordruck einer Einzugsermächtigung ist nebens tehend abgedruckt. Wir wissen, daß auch im reichen Deutschland viele Menschen auf jede Mark angewiesen sind und mit ihrem Geld sehr sorgsam haushalten müssen. Deshalb soll auch weiterhin die Regelung gelten, daß Mitgieder, die Sich den Vereinsbeitrag nicht leisten können, autf Anfrage davon befreit werden können. lmpressum: Unsere Bankverbindungen: Postscheckamt Frankfurt/ Main Herausgeber: Lagergemeinschaft B12 500 100 60 Auschwitz-Freundes- kKreis der Auschwitzer eV. für Organisation † Polenaktionen: Kto.-Nr. 51664— 608 Redaktion. Hans Hirschmann Sparkasse Wetterau Hermann Reineck BLZ 5ls 3500 79 für Organisation † Polenaktion: Mitarbeiter: Hans-Joachim Günther kKto Nr 00 603 Klaus Konrad-Tromsdosrf Nadja Kuhl(Fotos) für Studienreisen: Kto. Nr. 0020000660 Auflage: 2000 EFxemplare für Aktion Auschwitz Stop dem Verfall“ Kto.- Nr. 0020002000 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. — Wenn Sie sich urm Ihre Einzahlung füt die nächste Zæit nicht mehr kümmern wollen, lassen Sie einfach abbuchen, Sie sparen Die Bank bzw. Postgebühren kinzugsermãchtigung W Ich bin bis auf Widertuf Q monatlich[Q halbjãhrlich mit der Abbuchung einverstanden. Qvierteljährlich Ojahrlich 8 ame,— S S Lagergemeinschaft Auschwitz— Freundes kreis der Auschwitzer e. V., W-6309 Münzenberg, Schillerstraße 18 Der Verein ist als gemeinnützig anerkannt. Die Beiträge und Spenden sind Steuerlich abzugsfahig. Bine Spendenbescheinigung wird zugesandt. Adressennderung: Bitte reilen Sie uns hei Wohnungswechsel Ihte»Neue Anschrift? mit. Wir haben bei unserer letzten Aussendung etwa 50.60 Retouren mit dem Vermerk*unbekannt verzogen“ von der Post erhalten. Die Nachforschungen nach der neuen Anschrift sind schr Zæit- und Geldaufwendig, dazu meist erfolglos. Sicher sind Sie an unserer weiteren Arbeit interessiert, aber wie sollen wir Sie informieren, wenn. 22 — 8 Vorname ſ Neue Anschrift S Strahe. Haus Nr. T Dann füllen Sie bitte diesen Abschnitt aus, kleben ihn auf eine Postkarte und schicken ihn an folgende Adresse: Lagergemeinschaft Auschwitz Schillerstraße 18 W-6309 Münzenberg 1 ——— LAGERGEMEINSCGHAET AUSCHWITZ aSChMZ FREUNDESKREIS DER AUSCGHMWTAZER e. V. Schllerstraße 18 MW6309 M0renberg 1 Telefon(0 60 33) 6 0168 Sparasse Wetterau GlZ 518 50079) Konto-Nr. O O020 000 503 hostschecſorto Franurt/Maln BlZ 500 100 60) Konto-Nr. 51 664 608 Beitrittserklärung Name, Vorname Anschrift, Straße, PL.Z, Ort Geburtsdatum— FTitel, acad. Grad, Beruf Q Haäftl. im KZ Auschwitz vom bis — Haftl. in anderen Lagern, Gefängnissen, etc. Angehöriger des ehem. Auschwitzhäftlings Haftl.-Nr. Q Freundeskreis der Auschwitzer Datum des Beitritts Unterschrift Zutreffendes bitte ankreuzen HELFEN SE UNS! WERDEN SE MGLEDM FREUNDESKRES 05 — 4+½ 0 c * — . S CHAETAUSCHWTL V Mitteilungsblatt April 1993