LAGERHGEMEINSCHAFET AUSCHWITA FREUNDESKREIS DER AUSCHWITAZER E. V. AUSCHMWTZ 12. Jahrgang Nr. 1 Mitteilungsblatt Januar 1992 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Aus dem Inhalt Seite Akropolis, Alhambra, Auschwitz 1 Unsere Veranstaltungen 5 Zwangssterilisation und Euthanasie 6 Gedenktage 11 Geburtstagsgrüße 13 20. Januar 1942 Wannseekonferenz 14 Klausurwochenende 15 Leserbriefe 17 NS Opfer- Achtung 18 Studienreise 20 Die Blutaktien' der IG-Farben 21 Buch-Empfehlung 2⁸ A. v. Schoeler, Rede 82 Impressum 40 Titelbild: Graphik von Erhard Göttlicher Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Akropolis, Alhambra, Auschwitz von Monika Held Leicht fährt der Morgenwind durch die Blätter der Birken, läßt sie rascheln, fällt aus den Bäumen auf den Boden und be- wegt das Schilf und das Wiesenschaum- kraut am Ufer, kräuselt das Schwarze Was- ser des kleinen Sees, fährt durch die weiße Mähne des alten Mannes und springt zurück in die Birken. Tadeusz Szymanski ergãnzt das friedliche Bild: Die Mauerre- ste hinter uns gehören zum Krematorium 4. Von dort rollte ein Lore über Schmale Glei- se auf den Steg, der bis in die Mitte des Sees führte. Dort wurde die Fracht-Asche, Tonnen von Asche- in das Wasser ge- kippt. Der See ist eine riesige Urne. Der Steg ist morsch geworden im Laufe der Zeit“, sagte der alte Mann, und ist mit der Lore vor vielen Jahren ins Wasser gefal- len.“ Das Fundament des Krematoriums, die verrosteten, von Gras überwucherten Sehien de de ee die LOre Wenn die Zusammenhänge wieder sicht- bar gemacht würden“, Sagt Tadeusz Szym- anski, dann müßte ich an dieser Stelle nicht Ssoviel reden.“ Der Internationalen Konvention zum Schutze des Kultur- und Naturerbes der Welt' sind 115 Länder beigetreten- auch beide Teile Deutschlands. Die Länder ver- pflichten sich mit ihrem Beitritt, alle 322 Objekte der UNESCO-Welterbe-Liste zu Schützen und zu bewahren. Nummer 80 auf dieser Liste ist das Konzentrationslager Auschwitz. Ein Kulturdenkmal muß zum Beispiel au- thentisch gein und großen architektoni- Schen Einfluß ausgeübt haben. Oder es Sollte ein einzigartiges Zeugnis darstellen oder in Verbindung mit Ideen von allge- meiner Bedeutung Stehen. Es kann aber auch ein herausragendes Beispiel einer traditionellen Lebensweise Sein, durch die eine hestimmte Kultur reprãsentiert wird.“ (VNESCO-Kommission, Bonn1990) Akropolis- Alhambra- Auschwitz. Die Reihenfolge mag makaber wirken. Aber wenn, laut Brockhaus, Kultur die Ge- samtheit der typischen Lebensformen größerer Gruppen einschließlich der sie tragenden Geistesverfassung“ ist, dann ist Auschwitz kein Schönheitsfehler auf der UNESCO-Liste, sondern nur weltweit das brutalste Zeugnis einer Unkultur, das Men- schen hinterlassen haben. Und was für die Alhambra gilt und die Akropolis, das gilt für Auschwitz. Auch der größte Friedhof der Welt braucht die Liebe und den Schutz der Menschen aus aller Welt. Und Ausch- witz braucht Geld, denn ohne Geld wird Auschwitz verrotten. Wer über dieses Mil- lionengrab Gras wachsen lãßt, beleidigt die Uberlebenden und raubt den Toten ihre Geschichte. So verrückt das klingt: Das Konzentrationslager Auschwitz hat Zu- kunftssorgen. Tadeus? S?⁊ymanski wohnt auf dem Gelãn- de des Konzentrationslagers. In einem ehe- maligen Verwaltungsblock der S8 hat er eine gemütliche, billige Wohnung mit Blick auf Galgen und Krematorium. Der letzte Mensch, der hier gehenkt wurde, war Rudolf Höss, der ehemalige Kommandant des Lagers. Wie man hier wohnen kann? Alle fragen das Szymanski, wie kannst du wohnen auf dem größten Friedhof der Welt?“ Er lacht,'Und ich sage: In Polen herrscht Wohnungsnot. Meine Wohnung ist preiswert und ruhig.“ Bis zu seiner Pensionierung war Tadeus? S2ymanski zu- Stãndig für die Kunst, die in Auschwitz ge- chaffen wurde für die Bilder der Hãftlin- ge, ihre Zeichnungen, ihre Texte. Sein Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Nachbar ist Kazimierz Smolen, ehemaliger Hãftling und langjãhriger Direktor der Ge- denkstãtte. Er hat eine Wohnung in der chemaligen SS-Kommandantur. Die bei- den alten Mãnner sind die einzigen Uberle- benden, die noch auf dem Lagergelände wohnen. Tadeus? Szymanski ist nach der Befreiung von Auschwitz zunächst in seinen polni- schen Heimatort zurückgekehrt wurde aber das Gefühl nicht los, noch einmal zurückzumüssen ins Lager, nur ein einzi- ges Mal. Vielleicht dachte er, würde er sich dann von der Vergangenheit lõsen können. Vielleicht würde ihn ein solcher Besuch von den Alptrãumen befreien. Aber als er dann gefragt wurde, ob er nicht mithelfen wolle beim Aufbau einer Gedenkstãtte für Millionen Tote- da war er nicht sehr be- geistert. An die Nacht, in der er über dieses Ange- bot nachdachte, erinnert er sich sehr genau. Kalt war es damals, und es regnete. Er dachte: typisches Auschwitz-Wetter. Er fluchte: Verdammt, wie fällt man eine Ent- scheidung von solcher Tragweite? Wie denkt man nach über einen Arbeitsplatz in Auschwitz? Damals stand er im Lager Birkenau, horch- te auf den Wind und den Regen und sah, wie sich in der Ferne etwas bewegte. Er Sah einen Schatten und wie er sich wiegte vor und zurück, vor und zurück, langsam und ruhig. Der Rhythmus war ihm vertraut. So haben sich die Juden bewegt, wenn sie versunken waren im Gebet. Szymanski, Sagte er sich, laß dich nicht bange machen. Geh hin, schau nach, es gibt keine Gespenster- nicht einmal um Mitternacht in Birkenau. In dieser Nacht weiß er, daß er vor den Bil- dern des Lagers nicht flichen kann. Sie sind in ihm- wo immer er auch leben wird. Tadeus? S?zymanski ist in Auschwitz geblieben. Wo der Himmel die Erde berührt, da ist immer noch Birkenau. Viele der Beton- pfähle, von den Nazis in die Erde gerammt wie für die Ewigkeit, hat der Frost ge- sprengt. Sie sind umgefallen, in der Mitte durchgebrochen, sehen aus, als habe sie der Blitz gespalten. Der Stacheldraht, der Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. die Pfähle verbindet, das Gelände ein- schließt, ist verrostet, liegt auf dem Boden, wurde ersetzt, verrostet wieder. Es waren Hãftlinge, die die Pfähle gegossen und auf- gestellt haben. Betonpfähle, in denen sie ihre Spuren hinterlassen haben: Ornamen- te, kleine Verzierungen, die vom Schön- heitssinn der Menschen erzählen, die hier waren, um zu sterben. Tausende von Baracken haben in Birkenau gestanden. Noch stehen so viele, daß die Phantasie die fehlenden ergänzen kann. Immer wieder müssen diese Baracken trockengelegt werden, denn das Gelände ist sumpfig und feucht. Die Dãcher müssen gedeckt werden, die Fenster brauchen neue Rahmen, zersprungene Scheiben müssen ausgewechselt werden. Noch kann der Be- sucher die Holzbaracken besichtigen: Mar- ke Pferdestall mit zweiflügeligen Toren, jede Baracke ursprünglich entworfen mit 18 Boxen für 52 Pferde, dann umfunktio- niert für tausend Häftlinge. Holz wird feucht, Holz schimmelt, Holz bracht Pfle- ge. Birkenau-Landschaft aus roten Backstein- schornsteinen. Windschief, verwittert, vom Frost gesprengt. Das Auge ergänzt: Zu je- dem Schornstein hat eine Baracke gehört. Vierzig Meter lang, neun Meter breit, zweieinhalb Meter hoch. Tausend Häftlin- ge in einer Baracke. Wenn die Schornstei- ne in Birkenau umfallen, dann wird die Landschaft aufhören, stumm zu erzählen vom Martyrium der Menschen in Ausch- witz. Dort, wo schon viele Schornsteine in die Fundamente der Baracken gefallen sind, dort ist der Lagerabschnitt D. Hier hat Karl gewohnt'“, sagen seine Freunde. Der deutsche Jude Karl Brozik hat die Vertrei- bung der Juden aus dem Sudetenland über- lebt. Er hat das Ghetto Lodz überlebt, in dem sein Vater verhungerte, seine Mutter und sein Bruder. 26 Verwandte wurden er- mordet. Karl Brozik hat den Transport im Vichwaggon nach Auschwitz überlebt und die Selektion an der Rampe in Birkenau. Im Winter 1944 wurde er auf den Toten- marsch' in das KZ Mauthausen geschickt und weiter in das Außenlager Gusen. Dort wurden in unterirdischen Bunker Flug- zeuge produziert. In Gusen betrug die durchschnittliche Uberlebenszeit für Juden drei bis vier Tage. Im Mai 1945 war Karl Brozik 19 Jahre alt und wog 42 Kilo- gramm. Seine Freunde sagen:'Karl darf nie schen, wie in Auschwitz seine Geschichte verrottet.“ Mit der Unterzeichnung der Konvention verpflichtet Sich jedes Land dazu, die in- nerhalb Seiner Landesgrenzen gelegenen Denkmdler von außergewöhnlicher welt- weiter Bedeutung zu Schützen und zu er- halten. Man kann Sagen, daß diese Länder die ganze Welt gewissermaßen mit ihren grõßten Schätzen heschenken, die sie für zukinftige Generationen erhalten wollen.“ (VNESCO-Kommission, Bonn) Der Kulturschatz“ Nummer 80 ist deut- scher Herkunft. dennoch steckt der polni- Sche Staat jährlich Milliarden Zloty in die- ses unfreiwillige Erbe. Mehr Geld können wir nicht aufbringen“, sagt Krystyna Olek- sy bedauernd. 1990 hat das Ministerium für Kultur und Kunst über zehn Milliarden Zloty gegeben das sind umgerechnet zwei Millionen Deutsche Mark. Junge Deut- sche haben hier viel gemacht“, sagt die Stellvertretende Direktorin anerkennend, Akten geordnet und Unkraut gejätet. Sie haben sich an Um und Aufbauarbeiten be- teiligt.“ Und sanft fügt sie hinzu:“Aber Geld für die Gedenkstãtte haben wir vom Deutschen Staat noch nie bekommen. Und jetzt“- sie lächelt verständnisvoll- jetzt haben Sie ja Ihre neuen Länder. Deren Aufbau interessiert Sie stärker als die Er- haltung des Konzentrationslagers, nicht wahrꝰ“ Für das Jahr 1991 waren 11,5 Milliarden Zloty nötig, damit in Auschwitz so weiter- 4 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. gearbeitet werden konnte wie bisher. Es fehlten 3,5 Milliarden Zloty für Reparatu- ren, für Dachdeckerarbeiten, für den Aus- bau des Archivs. In der Sowjetunion liegen 70 000 Todesurkunden, die nach Ausch- witz gehören aber wohin damit? 24 Milli- arden Zloty- das wären fünf Millionen Mark würde eine Klimaanlage kosten, die zwei Tonnen grau gewordenes Häftlings- haar davor schützen würde, endgültig zu verfilzen. Die Haare in Block vier, vor denen Jahr für Jahr eine halbe Million Menschen stumm den Mechanismus des Lagers begreifen, die effiziente Resteverwertung der Toten- diese grauen Haare erzäãhlen nun auch von Jahr zu Jahr aufdringlicher die Geschichte des Verfalls aus Mangel an Geld. Es fehlt Geld für die Restaurierung des To- destores. Es fehlt Geld für Spezialisten, für Arbeiter, Architekten, Konservatoren. Es fehlt Geld für ein Heizungssystem, das die Koffer, die Schuhe, die Prothesen und Bril- len der Toten vor dem Verfall schützt. Schauen Sie sich die Krematorien in Bir- kenau an“, Sagt Krystyna Oleksy, die Um- kleideräume, die Gaskammerm- wenn nicht bald etwas passiert, kann man nicht einmal mehr ahnen, was hier geschah.“ Sie schweigt. Dann fragt sie den Besucher aus Deutschland:“ Wie restauriert man eigent- lich eine Gaskammer?“ und, als könne sie Gedanken lesen:Die Spezialisten könnten selbstverständlich aus Polen kommen. Die Baupläne gibt es noch. Was uns fehlt, ist Geld.“ Die Erde drückt die Mauern ein. Nur wer Bescheid weiß. versteht die Sprache der Trümmer. Nur wer gelesen hat, nur wer sich alles hat erklären lassen, sicht hier Bilder. Der sicht hier nicht nur einen lan- gen, tiefen Graben, sonder einen Umklei- deraum mit Haken an den Wänden und Bänken aus Holz. Die Plakate in allen Sprachen:“Wasche Dich!“, Eine Laus— Dein Tod!“, Zum Desinfektionsraum“, Rein ist fein!“ Der sieht im rechten Win- kel dazu den riesigen Duschraum“: Dreißig Meter lang, sieben Meter breit, zweieinhalb Meter hoch. Und unter den Trümmern die Ofen. Dreitausend Men- schen in Zehn Minuten. Vergast. Zum Sonderkommando in den Bunkern von Birkenau hat der tschechische Jude Fi- lip Müller gehört. 15 Ofen konnten tãglich dreitausend Menschen verbrennen. Und hundert Meter weiter steht das Krematori- um 3 mit der gleichen Kapazitãt. Und Kre- matorium 4 und Krematorium 5 und Bia- 1 Domek, das weiße Häuschen, war auch ein Krematorium. Im Sonderkommando hat Filip Müller Koks geschleppt, Asche aus den Ofen gekratzt, den Toten die Haare geschnitten, die Goldzähne herausgebro- chen, die Armaturen der Ofen geschrubbt und gewienert bis sie blinkten und glänz- ten. Die Mörder liebten Ordnung und Sau- berkeit. Rein ist fein. Einmal haben tschechische Juden im Um- kleideraum ihre Nationalhymne gesungen. Da wußte Filip Müller deutlich wie nie zu- vor, daß dieses Leben jeden Sinn verloren hatte. Zusammen mit seinen singenden Landsleuten ging er in die Gaskammer. Aber man erkannte ihn. Ihn, den Häftling, der hier zu arbeiten hatte, dessen Tod erst Spãter geplant war. »Pu willst ja sterben“, sagte eine Frau. Pein Sterben wird uns nicht das Leben bringen. Du mußt hier raus. Du mußt be- richten über unser Leiden.“ Filip Müller hat Auschwitz überlebt. Das Buch, das er geschrieben hat, heißt Sonderbehandlung. Imkulturellen Erhe jedes Volkes kommen die tausend und eine Facette Seines Eyfin- dungs- und Einfallsreichtums, aber auch jene eigentüimliche Kontinuität zum Aus- druck, die all das in sich vereint, was im Laufe der Zeiten geschapfen wurde und vwus in der Zukunft noch geschaffen werden wird. Man kann es wohl nicht treßender ſormulieren- Die Erhaltung dieses Erbes Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. ist untrennhar verbunden mit der einem Volk eigenen Vitalitãt und Kreativitãt.“ (F. M. Zaragoza in. UNESCO-Kurier 8789) Seit einem Jahr gibt es einen Internationa- len Rat, der sich über die Zukunft von Au- Schwitz Gedanken machen soll. Die Mit- glieder sind moralische Autoritäten“ aus neun Ländern. Für Osterreich wurde Her- mann Langbein gewählt, Häftling in Aus- chwitz, Mitglied der Widerstandsgruppe. Nach langer Zeit hat er Auschwitz in die- Sem Jahr wiedergeschen. Er war erschüttert über das Ausmaß des Verfalls. Schnell muß gehandelt werden“, Sagt er.“'Wenn al- les zerfällt, wird auch die größte Wiese der Welt keine Geschichte mehr erzäãhlen.“ Auschwitz steht auf polnischem Boden. Nach der UNESCO-Konvention verpflich- tet sich jedes Land dazu, die innerhalb sei- ner Landesgrenzen gelegenen Denkmãäler zu schützen und zu erhalten. Bei der Be- Schaffung der Gelder für Auschwitz sollte niemals vergessen werden, daß Polen die- ses Denkmal'dem Erfindungs- und Ein- fallsreichtum, der Vitalitãt und Kreativitãt? seiner deutschen Nachbarn zu verdanken hat. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Süd- deutschen Zeitung-Magazin“ vom 6. 12.91 Nr. 49 AUSCEHMWTZ im Gemeindehaus der ev. St. Katharinengemeinde Myliusstraße 33 6000 Frankfurt/ Main Mittwoch: S. Februar 1. April 3. Juni immer um 19.30 Uhr 6 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Zwangssterilisation und Euthanasie“ Ein verdrãngtes und vergessenes Problem? von Gerhard Herr Christinchen und Rudolf, ein Geschwisterpaar aus meinem Heimatort, kamen mir dieser Tage wieder in den Sinn, als ich den folgenden Beitrag vorbereitete: zwei Menschen, die im Porf nicht ganz für voll genommen wurden, weil sie einen von der Normalitãt“ etwas abweichenden Eindruck machten: Er hatte eine etwas hohe Stimme, sie vielleicht ein we⸗ nig zu viele Haare um Kinn und Mund. Für uns Kinder waren sie manchmal Anlaß zu Spõtteleien und Schabernack. Wie ich heute weiß, verfügte Rudolf über eine immense Er- innerungsfãhigkeit; wie man erzählt, habe er die Bibel fast auswendig gekannt und sei in der Lage gewesen, ihm bekannte Kirchenlieder aus dem Gedãchtnis auf der Zither ohne lange Ubung vorzuspielen. Nach dem Tod ihrer Eltern lebten sie von der vãterlichen Ren- te, dem, was ihr Besitz abwarf und gelegentlichen Aushilfsarbeiten. In den 70 er Jahren Starben sie. Prst Sehr viel spãter erfuhr ich, daß sie zu jenen 400 000 Menschen gehörten, die zwi- schen 1933.45 zwangssterilisiert worden waren, Menschen aller Altersstufen vom Klein- kind bis zum Greis, psychisch Kranke, körperlich und geistig Behinderte, Fürsorgezõglin- ge, Alkoholiker, Nichtseßhafte und politische Gegner der Nazis. Grundlage für diese verbrecherische Zwangsmaßnahme war das»Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom Juli 1933. Dahinter stand'angewandte Biologie“, Gene- tik in Form von Erbgesundheitsbestrebungen und Rassehygiene“ sowie der wahnwitzige Versuch, einen reinen arisch-nordischen Menschentyp zu züchten, der durch sein Erbma- terial, oder wie man damals sagte'sein Blut' in jeglicher Hinsicht besser sein sollte als der Rest der Menschheit. Auf die Zwangssterilisierung folgte die Euthanasie“, die Vernichtung angeblich leben- sunwerten Lebens“ und den Volkskörper belastender Ballastexistenzen“. Der ideologi- Sche Hintergrund war derselbe: zwischen 250 000 und 300 00 Opfer sind zu beklagen. Beide- Zwangssterilisation und Futhanasie“- waren das grauenhafte Vorspiel“, der Vorlauf“, die Probe“ für den millionenfachen Mord in den Konzentrations- und Ver- nichtungslagern; dies gilt in vielerlei Hinsicht: von den Vernichtungsmethoden über die Organisation des Massenmords, seine Logistik, bis hin zu denselben Tätern, die man im- mer wieder an den verschiedenen Schauplãtzen des Massenmords trifft, besonders im (pseudo-)medizinischen,(pseudo-)wissenschaftlichen Bereich. War es nach dem Ende des Nazismus schon um die Beachtung und Entschädigung der K?ZUberlebenden nicht besonders gut bestellt, so gilt dies in besonderem Maße für die Zwangssterilisierten und die Opfer der'Euthanasie“. Während sich unter den Uberleben- den fast aller KZs Lagergemeinschaften“ oder vergleichbare Organisationen bildeten, die auch in die Offentlichkeit hinein?uwirken versuchten, war es aufgrund von nachwirken- der Stigmatisierung und Scheu um die Opfer der Zwangssterilisierung und der Euthana- sie“ jahrzehntelang sehr ruhig. Weder die Bundesrepublik noch die DDR in der Zeit ihres Bestehens haben diese Menschen als Opfer des Faschismus anerkannt; so wurde die NS Unterscheidung nach'Wert“ und'Unwert' in fataler Weise in beiden deutschen Staaten fortgesetzt. Ab 1980 begann man in der Bundesrepublik gesetzliche Regelungen der Entschädigung zu schaffen, und erst 1987 gründete sich in Detmold ein Bund der Euthanasie-Geschädig- Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e. V. ten und Zwangssterilisierten e.V.“ Seine Vorsit?ende Klara Nowak, Zãhlt selbst Zu den Opfern. Ich mõchte diese Organisation mit ihren eigenen Worten vorstellen(Auszüge aus einer Presseerklärung von 1991): In der Bundesrepublik besteht seit 1987 der Bund der Futhanasie“-Geschädigten und Zwangssterilisierten, abgekürzt BEZ. Schorenstraße 12, W 4930 Detmold. Der Bund hat seit der Gründung einige Verbesserungen für die»Euthanasie“-Geschädigten und Zwangssterilisierten erreicht. Seit 1980 gibt es für die Zwangssterilisierten einen Här- teausgleich von 5000 DM, wenn die Sterilisation glaubhaft gemacht wird durch Beschlüs- se aus der alten Zeit, Zeitzeugen, Unterlagen der Krankenhäuser oder ärztliche Bescheini- gung. In der Bundesrepublik wurden 1987 300 Mio. HM für den Härteausgleich zur Ver- fügung gestellt. Zwangssterilisierte erhielten bei einer Notlage und dem Nachweis eines Gesundheitsschadens auf Antrag Beihilfen. Seit 1990 gibt es den einmaligen Härteaus- gleich auch für Personen, die vor Erreichen der Volljãhrigkeit einen Elternteil durch die Futhanasie“ verloren haben. Bürger der neuen Bundesländer können seit dem 19. 12.1990 den Antrag auf Auszahlung der 5000 DM aus der Härteregelung stellen(Uberleitungsanordnung v. 13. 12. 1990, Bun- desanzeiger Nr. 235 v. 19. 12.1990, S. 6659). In der alten Bundesrepublik hat(unsere) Organisation Gesprãchskreise in grõßeren Stãd- ten, wo sich Betroffenen regelmäßig begegnen. Es wäre schön, wenn es solche Ge- Sprãchskreise und Selbsthilfegruppen auch in den neuen Bundesländern geben könnte. Seit Jahren befaßt sich ein größerer Kreis von zumeist jüngeren Arzten, Psychologen und Historikern aus Ost und West damit, das Geschehen aufzuarbeiten. Es gibt trot? des lan- gen Zeitabstands noch reichlich Wissenslücken, vor allem was die Sicht und das Schick- sal der Betroffenen angeht. Diese Mitteilungen sind uns wichtig. In zahlreichen Lãndern gibt es zunehmend Diskussionen mit dem Ziel, Sterilisierung und Euthanasie“ wieder hoffähig zu machen. Dem ist nicht nur mit Theorie zu begegnen, sondern auch mit der Kenntnis dessen, was die Betroffenen erlebten, deren Mitarbeit wichtig ist. Klara No- wak.“ Hinzuzufügen bleibt noch, daß der Bundestag erst 1988 das Sterilisierungsgeset? als ein- deutige Außerung nationalsozialistischer Rassenpolitik“ moralisch für Vnrecht erklärt hat (nach: Ernst Klee, Artikel in: DIE ZEIT, vom 30.8.91). Daß es seit gut einem Jahrzehnt die genannten Möglichkeiten gibt, ist angesichts der untãtigen Zeit davor sicher ein Gewinn und Fortschritt; die Umstãnde der Antragstellung laden allerdings nicht gerade dazu ein, einen diesbezüglichen Antrag zu stellent bis zu zwölf Seiten umfassende Fragebogen mit all ihren verwaltungssprachlichen Stolperstei- nen, ärztliche Untersuchungen und Gutachten, das damit verbundene Aufreißen alter Wunden, schließlich die schriftliche Erklärung: Ich habe niemals der nationalsozialisti- schen Gewaltherrschaft Vorschub geleistet“ und ich war niemals Mitglied der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen“. Wie hoch will man die Berechtigungsbedingungen noch anheben? Müssen die Opfer im Gegensatz zu vielen Tätern heute noch'entnazifiziert? werden? Etwas eiliger erfreulicherweise hat man es offenbar in Sachen Entschädigung bei den Opfern des SED und Stasi-Regimes, denn im August 1991 hat das Bundeskabinett einen entsprechenden, von Justizminister Kinkel vorgelegten Gesetzesentwurf verabschiedet. Panach sollen die Betroffenen mindestens 300 DM pro Haftmonat erhalten. Ziel des er- sten SED-Unrechtsbereinigungsgesetzes ist nach Kinkels Worten, die Rehabilitierungs- 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. verfahren zu straffen und die Opfer schnell zu entschãdigen. Der Entwurf sieht weiter vor, besonders Bedürftigen in den neuen Bundesländern, wie etwa Alten, sozial Schwachen und Kranken, insgesamt 600 DM für jeden zu Unrecht erlittenen Haftmonat zu zahlen. Bedürftige aus den alten Bundeslãndern sollen 450 HM erhalten. Betroffenen, die bis zum Stichtag 9. November 1989 in den neuen Bundesländern lebten, haben wegen fortdauer- der Benachteiligung einen Anspruch auf 450 PM. Die Kosten in Höhe von rund 1,5 Mil- liarden Mark sollen je zur Hãlfte vom Bund und den Ländern getragen werden.(nach: DIE GLOCKE, 15. August 1991) Die Zahl der betroffenen Personen belãuft sich auf ca. 100 000 aus der ehemaligen DDR und etwa 80 000 vorher in den Westen Gekommenen. Damit hier nichts in falsche Augen, Ohren oder Kehlen kommt: Nicht die notwendige Entschãdigung von SED. und Stasi-Opfern gibt zu bedenken, Son- dern die Zeitspanne, innerhalb derer man seitens des Gesetzgebers für die jeweilige Op- fergruppe tãtig wurde. Nachdenklich stimmen auch die Beträge, die man zur Verfügung gestellt hat, bzw. stellen will 300 Millionen Hãrteausgleichsfond für die Euthanasiegeschädigten und Zwangsste- rilisierten gegenüber vorgesehene 1,5 Milliarden im anderen Fall! Zur weiteren und ausführlicheren Information drucken wir nachfolgend ein Informations- blatt des Bundes der Euthanasie-Geschädigten und Zwangssterilisierten e. V.“ vom Mai 1991 ab in der Hoffnung, daß noch möglichst vielen Opfern eine bescheidene, späte Ge- nugtuung widerfahren möge, bevor das Problem biologisch' gegenstandslos wird. Bund der Euthanasie“-Geschädigten Buro: Schorenstraße 12 und Zwangssterilisierten e.V. 4930 Detmolò Telefon 0 352 31/5 82 02 Seit 1980 können Zwangssterilisierte eine einmalige und seit 1988 eine laufende Beihilfe nach den AKG-Hãärterichtlinien erhalten. Eine einmalige Zahlung von 5. 000 PM kann beantragt werden, wenn die Zwangssterilisation glaubhaft nachgewiesen wird. Außerdem: Personalangaben, Zeit und Ort der Zwangssterilisation, daß noch keine Entschädigung gezahlt wurde und keine Vormundschaft oder Pflegschaft besteht. Der Antrag kann formlos gestellt werden. Für die Einmalzahlung gibt es Antragsformula- re, die wir jedoch selten verwenden, da unsere Menschen damit überfordert sind. Am 7. März 1988 hat die Bundesregierung Richtlinien über Härteleistungen an Opfern von nationalsozialistischen Unrechtsmaßnahmen im Rahmen des Allgemeinen Kriegsfol- gengesetzes(AKG) bekanntgegeben. Danach können Zwangssterilisierte eine laufende Beihilfe bei der Oberfinanzdirektion Köln, Riehler Platz 2, 5000 Köln, beantragen, wenn ein Gesundheitsschaden und eine Notlage nachgewiesen werden. Die Fragen im Antrag sollten gewissenhaft beantwortet werden. Außerdem muß ein 25 pro- zentiger Gesundheitsschaden durch die Sterilisation mit einem fachärztlichen Gutachten und der Nachweis einer Notlage belegt werden. Um die Notlage nachzuweisen, darf das Einkommen bei Led. 1.624 PM und das Familieneinkommen bei Verh. 1.967 PM nicht Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. übersteigen. Eine Beihilfe darf nicht auf etwaige Soꝛzialhilfe angerechnet werden. Geschädigte, die auf Kosten der Sozialhilfeträger in Heimen wohnen, können eine lau- fende Leistung von monatlich 200 DM beantragen, wenn sie einen Gesundheitsschaden von 25% durch die Sterilisation mit einem fachärztlichen Gutachten nachweisen. Am 27. Juni 1990 hat die Bundesregierung beschlossen, daß an Zwangssterilisierte, die 5.000 DM erhalten haben und keine laufenden Leistungen zur Abgeltung der Schäden be- kommen, monatlich 100 DM gezahlt wird. Diese Regelung wird von der für den Wohnort zustãndigen Oberfinanzdirektion bearbeitet, sie schickt den Betroffenen einen Antrag zu. Beratung für das fachãrztliche Gutachten bietet Herr Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner, leiten- der Arzt der Westfãlischen Klinik für Psychiatrie, Hermann-Simon-Straße 7, 4830 Gütersloh. Tel. 05241/502210 an. Seit 1990 können Personen, die als Minder-. jährige einen Elternteil durch Tötung im Rah- men der'Euthanasie“Aktion verloren haben, nach den AKG-Härterichtlinien einen Aus- gleich beantragen. Für diesen Antrag muß der Tod des Angehörigen und eine Notlage nach- gewiesen werden. Die Einkommensgrenze darf für led. 1.324 DM und verh. Personen r— 1.667 DM nicht übersteigen. ℳ Am 19. Dezember 1990 hat die Bundesregie- B rung bekanntgegeben, daß die AKG-Richtlini- noronnung en auf das Gebiet der ehemaligen DDR ü- S bergeleitet werden. Laufende Beihilfe können K 2 die Betroffenen der neuen Bundesländer bean- tragen, nachdem sie die 5.000 DM erhalten 7 haben. Wenn kein Beihilfeantrag gestellt—— wird, erhalten sie einen monatlichen Betrag von 100 DM ohne Nachweis eines Gesund- heitsschadens oder einer Notlage. Anträge für§.000 DM aus dem Härtefonds können beim Bundesminister der Finanzen, Graurheindorfer Str. 108, 5300 Bonn 1, oder bei der zuständigen OFD des Landes gestellt werden. Berlin: OFD Berlin, Fasanenstr. 87, W.1000 Berlin 12 Brandenburg: OßFD Münster, Andreas-Hofer-Str. 50, W4400 Münster Mecklenburg-Vorpommern: OßD Kiel, Adolfstr. 14 28, W2300 Kiel Sachsen: OfD Nürnberg, Krelingstr. 50, W8500 Nürnberg Sachsen-Anhalt: OFD Magdeburg, AKG-Referat, August-Bebel-Damm 20 O3090 Magdeburg Thüringen: OFD Frankfur Main, Adickesallee 32, W6000 Frankfur/M. 11 Antrãge auf laufende Beihilfe an: OFD Köln, Riehler Platz 2, W5000 Köln 1. Hinweise, Formulare und Beratung für alle Antrãge können Sie in unserer Geschäftsstelle erhalten. 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Der Bund der Futhanasie“-Geschädigten und Zwangssterilisierten e. V. wurde im Februar 1987 in Detmold gegründet. Bisher hat sich ein Teil der Euthanasie“ geschädig- ten und zwangssterilisierten Personen gemeldet. Ihre Lebensberichte sind teilweise grau- Sam. Die Spãtfolgen durch die Geschichte sind sehr belastend. Uber ihre Erlebnisse reden unsere Menschen nicht gern. Viele leben in der Isolation und tragen den Makel der Ver- gangenheit die längste Zeit ihres Lebens, gan? zu schweigen von denen, die ihren Kum- mer mit ins Grab genommen haben. Unsere Aufgabe ist, zu helfen und Verbindung miteinander herzustellen. Regelmäßig tref- fen sich Zwangssterilisierte und Euthanasie“Geschädigte in Hamburg, Frankfurt, Köln und Detmold zum Gedankenaustausch. Gemeinsame Freizeitgestaltungen werden dank- bar angenommen. mit Rundbriefen werden die Mitglieder über unsere Arbeit, Verände- rungen der Richtlinien usw. informiert. Für eine Vermittlung mit Ihnen bekannten Personen aus unserem Kreis wären wir Ihnen dankbar. Vielen ist der Bund der Euthanasie“-Geschädigten und Zwangssterilisierten un- bekannt. Es hat sich gezeigt, daß die Gespräche und der Gedankenaustausch miteinander für die Betroffenen hilfreich sind. Bund der Euthanasie“-Geschädigten und Zwangsterilisierten e. V. Schorenstraße 12, W-4930 Detmold, Tel.: 05231/58202 Weitere Ansprechpartner: Gesundheitsamt Köln Frau Bingen Neumarkt 1521, 5000 Köln 1 Tel. 0221/221-4032 Informations- und Beratungs- stelle für NS-Verfolgte Kämmergasse 1, 5000 Köln 1 Tel. 0221/248780 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 11 Gedenktage Erinnern-Daten-Freignisse Januar 6. 1.1945 181935 151919 16./17. 1.1945 17. 1.1945 18. 1.1945 20. 1.1942 20./21.1.1945 26. 1.1934 . 1.1945 1933 30. 1.1939 31. 1.1943 Februar 8 2.2.1945 4.2. 1945 4.11.2.1945 7.2.1938 14.2. 1943 14.2. 1945 22.2.1943 26.2.1941 8 272 1945 28.2.1933 Letzte Exekution im KZAuschwitz Volksabstimmung im Saargebiet(91% für Deutsches. Reich) Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht werden ermordet Befreiung von Warschau Rote Armee übefschreitet deutsche Grenze 3000 Auschwitz-Häftlinge werden nach Geppendorf in Marsch gesetzt (Todesmarsch) Wannsee-Konferenz: Endlõsung der Judenfrage Erschießung von etwa 4000 Juden in Auschwitz-Birkenau Sprengung von Krematorium III und IV Nichtangriffspakt mit Polen Befreiung des KZ-Auschwitz durch sowjetische Truppen Hitler wird Reichskanzler Prophezeiung Hitlers über die Vernichtung der jüdischen Rasse in einem künftigen Weltkrieg Deutsche 6. Armee kapituliert bei Stalingrad Auflösung des Reichstages Ausbruch von 500 sowjetischen Kriegsgefangenen aus dem KZMaut- hausen(nur 17 Uberlebende) Der Theologe Dietrich Bonhoeffer wird im KZFloosenbürg ermordet Konferenz von Jalta Prozeß gegen Niemöller Rostow am Don von Sowjetarmee befreit Zerstõrung von Dresden durch Alliierte Luftstreitkrãfte Hinrichtung der Geschwister Scholl(Weiße Rose) Streik in den Niederlanden gegen die Judenverfolgungen Reichstagsbrand 6000 Häftlinge aus dem KZ-Groß Rosen nach Mauthausen 200 Uberlebende) Verhaftungswelle gegen kommunistische Funktionäre, Verbot der Sozialdemokratischen und kommunistischen Presse 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. März 2.3.1938 Pastor Niemöller wird ins KZSachsenhausen eingeliefert §.3.1933 BReichstagswahlen: NSDAP 43,900, SPD 18,3%, KPI) 12,305, DNVP und Stahlhelm 8%, Zentrum 11,2 5 5 3.1935 Kanzelabkündigung der Bekenntniskirche gegen die NSIdeologie, 700 Pfarrer verhaftet 73.1936 Hitler läßt Truppen ins entmilitarisierte Rheinland einmarschieren 12 /13.3.1938 Deutsche Truppen marschieren in Osterreich ein 13.3.1933 Dr. Goebbels wird Propagandaminister 15.3.1939 EFinmarsch deutscher Truppen in Rest-Tschechei“ Bildung des Protektorats Bõhmen und Mäãhren 16.3.1942 Todeslager Belzec errichtet 16.3.1920 Kapp-Putsch in Berlin gescheitert 2.3.1933 Errichtung des KZDachau 23.3.1939 Einmarsch in das Memelgebiet 30.3.1941 Hitler erläßt Kommissar-Befehl'(G. 6. 41) April 1.4.1933 Boykott jüdischer Geschäfte 1.4.1939 Ende des Bürgerkrieges in Spanien 6.4.1941 Deutscher Angriff auf Jugoslawien und Griechenland 9.4.1940 Besetzung von Dänemark und Norwegen 11.4.1945 Selbstbefreiung des KZBuchenwald 15,4,1945 KZBergen Belsen befreit 19.4.1943 Aufstand Warschauer Ghetto(bis 16.5.1943) 20.4.1938 Anmeldepflicht für jüdisches Vermögen 24,4,1934 Bildung des Volksgerichtshofes 26.4.1937 Bombardierung der spanischen Stadt Guernica durch die deutsche Legion Condor .4. 1945 15000 Häftlinge von Ravensbrück auf Todesmarsch' 30.4. 1940 Erstes polnisches Ghetto in Lodz errichtet 30.4.1945 Selbstmord Hitlers in der Reichskanzlei in Berlin Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Unseren Mitgliedern herzliche Geburtstagsgrüße Januar— 42 8. 3. Peter Gingold Z. 1. Susanne Gräser 2.3 Horst Jacke Z. 1. Susanne Hainbach 11.3. Rainer Weitꝛel 4. 1. Dr. Hans Gärtner 9 M etmann Reineck Könnecke enech 14. 3. Dr. Urich Waldschmidt 7. 1. Thomas Rolle Fi 20 1. Ingolf Spickschen 16. 3. Anmin Clauss g 1cinih 16. 3. Boleslaw Stefanski 22. 1. Michael Wahle 20. 3. Barbara Flemming 23. 1. Birgitta Werk Lang 2 24. 3Z. Brigitte Stark 24. 3. Michael Wagner Februar 25. 3. Hortense A. Habermann 25. Z. Dr. Michael Schulte 6. 2. Johanna Oberhauser 27. 3. Rainer Strobelt 9. 2. Michael Wies 28. 3. Daniel C. Hoffmann 10. 2. Gila Gertz 29. 3. Ralf Neubert 11. 2. Etty Gingold 31 3 Peter Seib 12. 2. Gottfried Bay 31. 3. Andrea Voss 12. 2. Margret Modrow-Weimann 13. 2. Marianne v. Ottingen 19. 2. Wolfgang Gehrke April 19. 2. Friedrich Stichler 19. 2. Frank Sygusch 2. 4. Manfred Wittmeier 20. 2. Wolfgang Schumann 4. 4. Friedrich Fder 8. 4. Marcus Nedoma 22. 2. Zdzislaw Jankiewicz 8. 4. Erhard Penner 9. 4d. Bberhard Schaeufele 28. 2. Brigitte Habig Stephan 9. 4. Brigitte Wiegand 28. 2. Hilde Leng 12. d. Ingrid Neubert 13. 4. Harald Kliczbor 14. 4. Janina Haubenstock Mãrz 14. 4. Helwig Wegner 17. 4. Matthias Tiessen 4. Z. Eveline Keusch 18. 4. Gerd Häuser d. 3. Oliver Nedelmann 19. 4. Isabell Diehm-Frankenau 6. 3. Elke Jung 20. d. Dr. Erwin Knauss 7. Z. Bernhard Krane 20. 4d. Helmut Poppenberg 8. 3. Marion Beste 30. 4. Alfred Przybylski 8. 3. Franziska Hinz 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 20. Januar 1942 „Wannseekonferenz“ n Bei meinen Archivunterlagen finde ich einen Artikel aus der Frankfurter Rundschau' aus dem Jahre 1987. Danach verstarb im Februar der letzte Teilnehmer der berüchtigten Wannseekonferenz, der Rechtsanwalt Gerhard Klopfer. Am 18. Februar 1987 wäre er 82 Jahre alt geworden. In der Todesanzeige hieß es: nach einem erfüllten Leben zum Wohle aller, die in sei- nem Finflußgebiet waren. Klopfer, 1903 in Schreibersdorf im Riesengebirge geboren, trat 1933 der NSDAP bei, machte rasch Karriere und wurde zuletzt am 9. November(1) 1944 zum SSObergruppen- führer, also Generalsrang, befördert. Er war Staatssekretãr in der von Martin Bormann ge- leiteten Parteikanzlei Hitlers. Klopfer war, dies muß man wiederholen, Teilnehmer der 15 hohen Persönlichkeiten- wie Heydrich, Eichmann u.a.— an den Gesprãchen am Wannsee, bei denen die rationellsten Methoden zur Ausrottung der europäischen Juden beschlossen wurden. Klopfer wurde nach 1945 entnazifiziert(von wem wohl?) und ließ sich zuletzt in Um nieder. Die Südwest-Presse berichtete damals, daß die Witwe des Verstorbenen sagte wie an- ständig er sich stets verhalten hat. Dies habe aber auch für sein Wirken im Nazi-Staat ge- golten, wo er gegenüber oberen Stellen Bedenken angemeldet habe über Dinge, die unan- ständig waren, und dafür nach anstãndigen Lösungen suchte. Hier stellt sich die Frage, waren die bereits seit 1940 erfolgten Massenmorde an Juden durch Erschießen oder durch die Gasautos' mit Kohlendioxid unanständig und der Zy- klon-B-Tod die anständige Lösung nach der Klopfer suchte? Die Ludwigsburger Zentralstelle für NSVerbrechen hatte Strafanzeige gegen Klopfer ge- Sstellt, aber die Staatsanwaltschaft Ulm hat am 29. 1. 1962 das Verfahren eingestellt. Das Gericht konnte nicht nachweisen, daß Klopfer zur Judenvernichtung beigetragen hätte! Die Teilnahme an der Konferenz am Wannsee bei der die Vernichtung der europãi- schen Juden beschlossen wurde- genügte nicht. Skandalõs ist auf jeden Fall, daß Klopfer als Rechtsanwalt in der Bundesrepublik arbei- ten konnte und bestimmt ein besseres, leichteres Leben führen konnte, als die überle- benden Opfer der Endlõsung der Judenfrage. Empõrend ist die Würdigung in der Todes- anzeige. Der Letzte der Wannsee-Konferenz ist seit 1987 tot. Der Vorletzte war der ehemalige Reichsamtsleiter Leibbrandt aus dem Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete. Die Teilnehmer der Wannsee-Konferenz sind tot. Es gibt aber noch überlebende Opfer! Sie vind gezeichnet, sie tragen Narben an Leib und Seele! Erschreckend ist heute die neonazistische Tätigkeit, Rassismus, verstärkt auftretender Antisemitismus, die nur mangelhaft aufgearbeitete Vergangenheit.(¶ch verweise auf die Spiegel-Umfrage in Nr. 344/1992). daß revisionistische Tendenzen zur Leugnung der NS Massenmorde verstãrkt auftreten.. Es ist nõtig, daß eine breite, von Bund und Ländern geförderte Aufklärung über die NS- Massenmorde an Juden. Sintis, politisch Verfolgten, religiõs Verfolgten, Euthanasie-Op- fern, Zwangsarbeitern und allen anderen Opfern erfolgt. Noch ist es mõglich! Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 15 Klausurwochenende von Hans-Joachim Günther Der Vorstand tagte, klingt fast so wie: der Vorstand tan?t in Anlehnung an den Wiener Kongreß so war es natürlich nicht! Der Vorstand, in diesem Falle Lieselotte, Wolfgang, Gerhard, Diethard und Hajo trafen sich in Breunings im Spessart, um einmal länger als nur einen Abend miteinander anstehende Probleme des Vereins zu besprechen und wenn möglich, zu lõsen. Das eigentliche Thema war die Bestandsaufnahme der Vorstandsarbeit, die Sich daraus ergebenden Konsequenzen, Vordusschau auf das Jahr 1992, Zukunftsperspektiven und vereinsinterne Veranstaltungen. Im einzelnen waren die Punkte der Erarbeitung aufgegliedert: 1. Das neue Mitteilungsblatt wird ein anderes Format erhalten, bis die neue Form festge- legt ist, wird es in der alten Erscheinungsform(A 5) nochmals aufgelegt. 2. Mit dem Datum 1.10.91 hatte der Verein auf seinen Konten einen Guthabenstand von DM 40. 129,17, wovon das meiste Geld zweckgebunden für die Polenhilfe und der andere Teil fest angelegt ist. 3. Hermann, der leider an dem Wochenende nicht teilnehmen konnte da er im Kranken- haus lag, teilte uns mit, daß er jemand anderen aus dem Vorstand in die Thematik der Po- lenfahrten einarbeiten wird. Verschiedene Publikationen der politischen Bildungsarbeit haben jetzt unsere Fahrten nach Polen in ihre Programme aufgenommen. 4. Wolfgang berichtet von den Möglichkeiten von Schülerpatenschaften; eine Anfrage liegt von einer Schule in Nova Huta vor. 5. Das Theater Mimikri“ wird mit der Unterstützung der Stadt Büdingen eine Tournee durch Polen machen. Die Gelder, die eingespielt werden, sollen dem polnischen Ausch- witzverband zugute kommen. 6. Voraussichtlich wird das Internationale Auschwitzkommitee 1992 wieder in Büdingen tagen, rund um die Tagung werden Verein und einige Mitglieder ein kulturelles Rahmen- programm erstellen. Vorschlãge und Anregungen nehmen wir gerne auf. 7. Der Deutsche Dachverband Gedenkstätten 8. Zusammenarbeit mit anderen Vereinen, die dasselbe Ziel haben: Auschwitzkommitee, VVN, Kinder vom Bullenhuser Damm, Aktion Sühnezeichen/Frie- densdienste, Verein zur Stiftung Auschwitz, IVVdN Berlin, u. a. m., wird gesucht und/oder angestrebt. 9. Die Pressearbeit, d. h. wie reagiert der Vorstand auf Veröffentlichungen, ist eine nicht 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. befriedigende Angelegenheit, sodaß vorerst Diethard mit der Wahrnehmung dieser Auf- gaben betraut wurde. Er kümmert sich auch um einen Presseverteiler, damit auch unsere Mitteilungen, Veranstaltungshinweise an die Offentlichkeit gelangen. 10. Wohin sollen wir mit unsere neuen Geschäftsstelleꝰ Eine solche Frage wird uns wohl oder übel demnãchst beschäftigen. Denn gehen wir davon aus, daß Hermann und Anni sich eine neue Wohnung suchen, dann wird diese Frage zu einer realen Größe werden. Angefragt ist schon bei der Stadt Frankfurt und dem evangelischen Regionalverband. Mal sehen, was sich da tut, Frankfurt bleibt dabei erste Wahl. 11. Die regelmãßigen Monatstreffen in der Myliusstraße in Frankfurt werden zugunsten anderer Organisationsformen wie: Beteiligung an anderer Vereine Veranstaltungen. eige ner Ausstellungen und sonstigen Veranstaltungen, auf jeden zweiten Monat reduziert. D.* h. abzüglich der Sommerpause bleiben fünf Treffen, die inhaltlich vorbereitet werden. Dazu werden die Mitglieder regional eingeladen, oder über eine Telefonkette informiert. Diese Ausführungen können natürlich nur ein Kleiner Hinweis auf die Vielzahl von The- men sein, die wir am diesem Wochenende bearbeitet haben. Doch ich hoffe, daß es eini- gen Mitgliedern Mut macht, Sich mit uns gemeinsam der Vielzahl von Anforderungen zu stellen, die sich um uns herum immer wieder ergeben. — Wenn Sie sich um Ihre Finzahlung für die nãchste Zeit nicht mehr kümmern wollen, lassen Sie einfach abbuchen, Sie sparen Die Bank bzw. Postgebühren Einzugsermächtigung Ich bin his auf Widerruf Q monatlich Q halbjãhrlich mit der Abbuchung einverstanden. Q vierteljãhrlich Q jährlich S S Dum E Unterschrift Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e.V., W-6309 Münzerberg, Schillerstraße 18 Der Verein ist als gemeinnützig anerkannt. Die Beiträge und Spenden sind steuerlich abzugsfãhig. Eine Spendenbescheinigung wird zugesandt. AUSCFHMTZ Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 17 Leserbriefe Das Mandat der Lagergemeinschaft von Bas Mcijer Am 27. November wurden wir eingeladen, uns den Film Irak: die Zeit nach dem Krieg“ anzuschen. Die zwölf Anwesenden diskutierten stundenlang, nicht nur über den Film, Sondern noch mehr über die Aufgaben der Lagergemeinschaft. Am Ende wurde ich gebe ten, wesentliche Teile meines kurzen Vortrages zusammenzufassen, was hiermit ge- chieht. Uverall, wo man sich diesen Film ansieht, werden sich die Geister scheiden. Auf der ei- nen Seite wird man mit dem Film sagen: Amerika, bezichungsweise die UNO trifft die Schuld, denn man hätte wenigsten länger auf ein Resultat der Sanktionen warten können. Auf der anderen Seite wird es heißen: Irak hat den Krieg angefangen und wollte ihn auch als Mutter aller Schlachten“ gewinnen. Die Diskussion kann also auch unter uns losge hen. Aber mir scheint, daß es darum heute in dieser Versammlung der Lagergemein- Schaft nicht geht. Unser Problem ist ein anderes. Die Lagergemeinschaft hat ein bestimmtes Mandat: Es wird in den Statuten zum Aus- druck gebracht und lautet dort in ð 3B: Kampf gegen Nazismus und Neonazismus, Chauvinismus, Antisemitismus, Rassen- haß, Diskriminierung von Sinti und Roma und anderen Minderheiten sowie Wahrung des Vermãchtnisses der Opfer von Auschwitz.“ Und diese Lagergemeinschaft soll laut§ 3 erhalten werden „über alle menschlichen und kulturellen Unterschiede(weltanschaulich, religiõs, eth- nisch, national,'rassistisch') hinweg“ Zu diesen Unterschieden“ gehört m. E. auch der politische Standpunkt einem Krieg ge- genüber. Die Lagergemeinschaft ist keine politische Partei und auch kein pazifistischer Verein. Was uns verbindet, ist der§ 3B. Uber alles andere mõgen wir von Zeit zu Zeit diskutieren, aber jeder behält dabei seine Meinungsfreiheit. Um dieses Problem ging es m. E. als vor einigen Monaten im Namen der Lagergemeinschaft in der Frankfurter Rundschau“ ein Brief publiziert wurde, der zum Austritt von Mitgliedern führte. Meine Frage: Ging der Brief nicht über das Mandat hinaus 7 Ob Austritt die richtige Reaktion war ist eine andere Frage, die ich verneine. Zugleich bin ich froh. daß der Vorstand be- Schlossen hat, diesen Film(. 0.) intern zu zeigen, und damit nicht an die Offentlichkeit zu gehen. 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. NS OPHFER AC HTUNE Richtlinien der Hessischen Landesregierung über Härteleistungen an Opfer von nationalsozialistischen Unrechtsmaßnahmen Angesichts der Tatsache, daß sich trotz der bisherigen gesetzlichen und außergesetzlichen Wiedergutmachungsleistungen der Bundesrepublik Deutschland weiterhin Personen, die von nationalsozialistischen Gewalt- und Unrechtsmaßnahmen betroffen worden sind, kei- ne oder keine angemessene Entschädigung erhalten haben und sich in einer Notlage be- finden und in Anerkennung des erlittenen Unrechts, hat die Landesregierung die nachste- henden Richtlinien über Härteleistungen an Opfer von nationalsozialistischen Unrechts- maßnahmen beschlossen. Diese Regelung soll bis zum Inkrafttreten einer Regelung des Bundes mit gleicher Zweckbestimmung und ausreichenden Leistungen gelten. S1 TLeistungsberechtigte Antragsberechtigt sind alle durch NS-Unrechtsmaßnahmen geschädigte Personen, die bisher keinen angemessenen Ausgleich erhalten haben. Als durch NSUVnrechtsmaßnahmen Geschädigte sind insbesondere anzuerkennen: a) Verfolgte im Sinne des§ 1 des Bundesentschädigungsgesetzes(BEG), auch wenn sie Antragsfristen nach diesem Gesetz oder dem BEG-Schlußgesetz versäumt haben oder Stichtags- und Wohnsitzvoraussetzungen nicht erfüllen konnten. b) Sinti und Roma. c) Personen, die wegen Verstoßes gegen das Heimtückegesetz oder ãhnliche typische NSGesetze oder Erlasse aus Gründen der Ablehnung des Nationalsozialismus und dessen Ideologie inhaftiert waren. d) Wehrdienstverweigerer, Deserteure und andere Personen, die durch Militärgerichte oder andere Sondergerichte zu einer der Verhãltnismäßigkeit nicht entsprechenden Strafe verurteilt worden sind. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 19 e) Personen, die wegen ihrer Lebensweise oder Lebensumstände als— im Sinne der NS- Ideologie gemeinschaftsstõrend behandelt wurden G. B.»Querulanten“, Arbeits- scheue“, Wohnungslose') und als solche geschädigt wurden. ) Personen, die ihrer sexuellen Neigung wegen G. B. Homosexualität) in ein Konzentra- tionslager eingewiesen wurden oder anderen Unrechtsmaßnahmen ausgesetzt waren. g) Personen, die wegen tatsächlicher oder unterstellter Krankheit oder Behinderung als Sogenannte Minderwertige Zwangsmaßnahmen G. B. durch zwangseinweisung in Tõtungsanstalten, durch Zwangssterilisation oder Zwangsabtreibung oder medizini- Sche Versuche) ausgesetzt waren. h) Zwangsarbeiter/innen. Antragsberechtigt sind auch der überlebende Ehegatte, der langjährige Lebenspartner, die Kinder und die Eltern der von nationalsozialistischen Gewalt- und Unrechtsmaßnahmen unmittelbar betroffenen Opfer, wenn sie von den gegen diese gerichteten Maßnahmen er- heblich mitbetroffen worden sind. Der einer mitbetroffenen Person oder mitbetroffenen Personen gewährte Ausgleich darf den Betrag der Härteausgleichsleistung nicht übersteigen, der der/dem Verstorbenen, leb- te er noch, gewährt worden wäre. Alle Betroffenen können den gesamten Wortlaut der Richtlinien' anfordern bei: Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V., Schillerstr. 13, 6309 Münzenberg Hãftlinge bei der Befreiung von Auschwitz Januar 1945 20 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Lagergemeinschaft Auschwit? VWz Freundeskreis der Auschwitzer e. V.— Wir laden ein zur: „Studienreise 1992* Unsere erste Studienreise beginnt am 04.04. 1992 und endet nach 14 Tagen am 17.04. 1992. Die Studienreisen sind ein Teil der Arbeit der Lagergemeinschaft Auschwit?- Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Schwerpunkt unserer Reise ist das ehemalige KZ Auschwitz-Birkenau. Darüberhinaus werden Sie auf der Reise den unzähligen Spuren des Pritten Reiches“ begegnen. Dazu kommen die Kontakte mit noch lebenden ehemaligen Häftlingen. Dies Alles macht das damalige Geschehen begreiflicher und ist Anregung dafür, etwas zu tun gegen neue Gefahren oder Wiederholung von Ahnlichem. Reiseroute: FrankfurtM.- Zgorzelec(Ubernachtung) Wroclaw(Breslau)- Oswiecim (Auschwitz)-Brzezinka(Birkenau). Dort Wohnen im Lagerhotel, Führungen, Gespräche mit ehemaligen Hãftlingen. Krakow Stadtbesichtigung, Königsschloß, jüd. Viertel u. a. Lodz Kinder-KZ, Radogos?cz Warszawa(Warschau) Stadtbesichtigung, Pawiak, Ghettodenkmal, Gestapogefängnis, Hist. Museum, Treffen mit ehemaligen Häftlingen u. a. Umterkunft und Verpflegung: Ab und bis Zgorzelec Vollverpflegung. Wohnen in Krakow und Wars?awa privat bei ehemaligen Häftlingen. Führungen, Fintrittsgelder im Preis enthalten. Teilnehmerzahl: maximal 30 Personen. Reisepreis: DM 820, Anmeldeschluß: 20.03.1992(Poststempel) Jeder Teilnehmer benötigt einen, bei Antritt der Reise noch mindestens 6 Monate gültigen Reisepaß. Nach erfolgter Anmeldung erhalten Sie ausführliche Information über die genaue Reiseroute mit Programm. Für alle Reiseteilnehmer planen wir ein Wochenend-Vorbereitungsseminar. Bitte melden Sie sich rechtzeitig an, damit wir Ihnen nicht mitteilen müssen:'Wir sind leider ausgebucht“. Anmelde-Postkarte liegt bei. 19 Es freuen Sich auf Sie als Teilnehmer bei unserer Reise. Anni und Hermann Reineck PS: Die Reisen können für Arbeitnehmer als Bildungsreise“, für Lehrer als Lehrerfortbildungsreise“ genutzt werden.(Siehe Mitteilungsblatt 19, Seite 30) Genaueres können Sie bei unserem Mitarbeiter und Mitglied Dr. Dieter Werner erfragen. Anmeldung an: Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Schillerstraße 18, W 6309 Münzenberg 1, Telefon(06033) 6 01 68 Konto für Studienreise: Wetterauer Sparkasse(BLZ 518 500 79) Konto-Nr. 0 020 000 660 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 21 MitgliederInnen der Lagergemeinschaft Auschwitz protestieren gegen Blutaktien“ der I. G. Farben von Diethardt Stamm Eigentlich sollie der I.G. Farben-Konzern als Nazi-Fossil kurz nach dem Kriege zerschla- gen sein. Dieser Chemiekonzern ist der Inbegriff für den Pakt Zwischen Industrie und Na- zis. I.G. Farben steht für die Produktion von'Zyklon B', dem Gas, dem Millionen in Konzentrationslagern zum Opfer fielen. Aber I.G. Farben steht auch für die brutale auf Menschenvernichtung angelegte Zwangsarbeiterausbeutung in diesen Lagern. Mehrere 10.000 Personen kamen in Auschwitz-Monowitz bei der Arbeit“ für I. G. Farben um. Im Filz zwischen Nazistaat und Konzern konnte der letztere praktisch ein firmeneigenes K? betreiben. Wie gesagt, eigentlich sollte der Konzern 1. G. Farben nach schneller Abwicklung einiger Forderungen und Schadensersatzansprüche schnellstens nach Kriegsende von der Bild- flãche verschwinden. Nach neueren Forschungen läßt sich belegen, daß u. a. mit Hilfe der Kirchen aus dem'Schnellstens“ ein Spãter“ wurde und verbrecherische Personen aus der Konzernspitze gedeckt wurden. In dem Aufsehen erregenden Fernsehfilm und dem jetzt zugehörig erschienenen Buch Ernst Klee: Persilscheine und falsche Pässe'(Fischer Ta- Schenbuch) ist dargelegt, daß schon Wochen vor dem Urteil 1948 im I.G. Farben-Prozeß in Nürnberg der ehemalige Leiter der IGZentralverwaltung, Dr. Max Ilger, über den Lan- desbischof D. Wurm Einfluß auf den Hauptankläger Herrn Kempner nahm. Zunächst soll- ten die in Industrieproꝝessen Verurteilten nicht mehr in Landsberg also im herkõmmli- che Gefängnis— sondern im Taunus untergebracht werden. Ilgner von der I. G. Farben meint in einem Schreiben an Kirchenvertreter, daß die Bosse von der I. G. Farben im idyl- lischen Taunus'sicher angenehmer untergebracht wären als in Landsberg“(Briefzitat). Die gleichen Herren pokerten dann einpaar Jahre spãter natürlich in Freiheit, Amt und Würden bei Berichtsprozessen um die Entschädigungssummen für jüdische Zwangsar- beiter und K?-Hãftlinge. Erst 1958 bequemten sie sich zu der Zahlung von lächerlichen HM 5000. pro Person und meinen parallel dazu, Auschwitz Monowitz sei ein Erho- lungslager“ gewesen(S. 71 Persilscheine.. Die I. G. Farben in Abwicklung“ ist bis heute noch nicht liquidiert, im Gegenteil, die ehe- malige DDR lãßt die sog. lebende millionenschwere Leiche“ wieder aufleben. Es werden Grundstücke(151 Mill. Quadratmeter), die Chemiebetriebe Leuna, Buna, Bitterfeld und Gebãude in Ost-Berlin beansprucht. Die I. G. Farben-Aktie hat sich seit der Maueröffnung verdreifacht und es winken satte Geschäfte. Die Aktionãre trafen sich jetzt im Luxushotel Frankfurter Hof. Vielfältiger Protest war angesagt. Auch Vertreterlnnen der Lagerge- meinschaft Auschwitz demonstrierten gegen die Aktionäre der Blutaktien“. Ob bei die- Sen etwas erreicht wurde ist fraglich, schreibt doch dazu die Frankfurter Rundschau: Moralische Einwände gegen das Wideraufleben des Nazi-Fossils liegen außer- halb der Denkweise der Liquidatoren. Alle großen Firmen haben während des Dritten Reiches KZ-Hãftlinge zugewiesen bekommen', sagt Bartels:“Nur bei der I. G. Farben wird es immer angemahnt.“ Die Kunstkautschuk-Fabrik Mono- witz bei deren Bau mindestens 25 000 Auschwitz-Insassen ums Leben kamen, 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. habe außerdem nie richtig produziert: Zyklon B sei vor 1933 schon zur Schäd- lingsbekämpfung eingesetzt worden. Pas ist alles ganz schrecklich“, Sagt Bartels, plõtzlich ein wenig unsicher nach Worten ringend. Manchmal frage ich mich: Wo ist die Grenze? Kann man ei- nen Brotmesserfabrikanten dafür verantwortlich machen, wenn mit seinem Mes- S 5. cee Ketten Bruchtels()) K Abschwtrz nn tanorptr jm auschum tRMoRbtr un ⁊muonz tanokotr m IVMok beljeſerf von MII 7VRIOR-B belielert von 6fantt belieferl von i6 Fakbt kevle n Herſe in Adeiekhung 3 klong 16- FaRBtN Durch cieses Spaler vorn Demonstranten mußten sie durch. die Aktionare der G Farden AG in Abwickung*. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 23 20 Buch-Empfehlung Pas mit den Russenweibern ist erledigt on Pietnart Stamm Unter diesem Titel wurde nach mehrjähri- ger Arbeit eine umfassende Dokumentation zu einem der Orte vorgelegt, der sich ein- reiht in die lange Liste der Plãtze, an denen der Geist von Auschwitz wütete, wo aber aufgrund in der Relation Kkleiner Zahlen der brutale Mord oft in Vergessenheit gerät. 81 Frauen und 6 Mãnner wurden am 26. März 1945 kurz vor Kriegsende von der S8 in dem Vogelsbergdörfchen Hirzenhain mas- sengemordet. Viele solcher Grausamkeiten sind in Ver- gessenheit geraten, werden totgeschwiegen, verdrängt oder beschönigt, wenn nicht gar geleugnet. Eher dem Zufall ist es zu verdan- ken, daß die Verbrechen in dem kleinen Dorf Hirzenhain nicht auch dieses Schick- Sal erleiden. Die Autoren Heike Pfaff und Frank Pötter von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes hatten im Jahre 1980 eine Bro- schüre über die Greueltaten der S8 in Hir- Zenhain angefertigt. Diese Schrift spielte 1985 beim Zustandekommen der ersten SPD-GRUNEN-Koalition im Wetterau- kreis eine Rolle. Die GRUNEN wünschten die Neuinstallation eines parlamentari- schen Friedensausschusses und brachten gleichzeitig inhaltliche Vorgaben ein. So wurden bundesweit beachtet erstmalig in einem Haushalt größere Geldsummen zur Unterstũtzung von Klassen- und Jugend- gruppenfahrten nach Auschwitz eingestellt. Klar war dabei auch, daß damit nur einem kleineren Teil der Schülerlnnen und Ju- gendlichen die Thematik des III. Reiches mit seinen Verbrechen nahe gebracht wer- den konnte. Daraus resultierte die Uberle- gung des Verfassers des vorliegenden Be- richtes, parallel zur Auschwitzthematisie- rung das Naziwüten'vor der eigenen Haus- türeꝰ aufzugreifen. Die Broschüre der VVN Massenmord der S8 in Hirzenhain— in Arnsburg vergessen“ wurde somit Gegen- stand der SPD-GRUNENVerhandlungen. Die GRUNEN brachten den Wunsch nach Aufarbeitung und Vertiefung der Broschüre mit der Maßgabe ein, daß sie dann verviel- fältigt allgemein- und berufsbildenden Schulen zur Verfügung gestellt werden soll. Die SPD stimmte dem Anliegen zu und es wurden durch Beschlüsse des Friedensaus- Schusses und des Kreistages die Museums- leiterin und Stadtarchivarin Flisabeth Jo- hann, der Pfarrer in Hirzenhain Manfred Patzeld und der Museumsleiter Michael Keller im August 1985 mit der Aufgabe der Broschürenüberarbeitung betraut. Die beauftragten Autoren stießen teilweise auf Materialien, die bislang nicht zugäng- lich waren und hatten sehr schnell den An- spruch, daß über das bloße Ereignis, den 24 Lagergemeinschaft Auschwit?- Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Massenmord, zu den Strukturen des Lage- ralltages, den Funktionen des Lagers für das Werk und die Gemeinde wie zur Wahr- nehmung des Massenmordes durch die An- wesenden vorgedrungen werden sollte“ (Zitat aus der Einleitung). Aus diesem An- spruch ergab sich eine jahrelange Recher- che und endlich im Jahre 1991 das Entste- hen eines Buches unter dem Titel der o. g. Uberschrift. Im Rahmen der Wetterauer Friedenswoche wurde das Buch am 15. 9. 1991 in Hirzenhain vorgestellt und ist?wi- schenzeitlich schon an mehrere Schulen ausgeliefert worden. Das Buch beschreibt zunãchst den Alltag im Totalen Krieg“ ab 1943, wie der Schrecken'auf das flache Land“ hinausge- tragen wurde und wie man im Buderus- werk Hirzenhain mit strafgefangenen pol- nischen Frauen außerordentlich gute Er- fahrungen“ gemacht hat. Auf die Schreckensbeschreibung der Sklavenarbeit folgt das umfassende Kapitel Massen- mord als Alltasgserfahrung“. Weiter sind dargestellt der nach 1947 vor dem Landge- richt Gießen laufende Mordprozeß, das Ur- teil im Namen des Volkes? und die Nicht- bewältigung der Vergangenheit bis in die Gegenwart hinein. Die Aussagekraft des Buches wird unterstützt durch Zeitungsin- terviews und eine Fülle von Dokumenten- nachdrucken im Anhang. Das Buch unter dem Originaltitel Pas mit den Russenweibern ist erledigt-Rüstungs- produktion, Zwangsarbeit, Massenmord und Bewältigung der Vergangenheit in Hirzenhain 1943— 1991* ist unter der ISBN 3 87076— 066— 4 im Verlag der Binder- nagelschen Buchhandlung Friedberg/Hess. erschienen und kostet DM 24,80. Zur Buchdarstellung, der Entstehungsge- schichte und dem Ansprechen weiterer nicht veröffentlichter Dokumente und Re- cherchen und einer Diskussion lãdt die La- gergemeinschaft die Autoren des Buches und Frank Pötter als den Verfasser der FErsthroschüre“ am 3. Juni 1992 zu einer õffentlichen Veranstaltung ein. Adressenũnderung: Bitte teilen Sie uns bei Wohnungswechsel Ihre Neue Anschrift? mit. Wir haben bei unseret letzten Aussendung etwa 30.60 Retouren mit dem Vermerk unbekannt verzogen“ von der Post erhalten. Die Nachforschungen nach der neuen Anschrift sind sehr Zeit- und Geldaufwendig, dazu meist erfolglos. Sicher sind Sie an unserer weiteren Arbeit interessiert, aber wie sollen wir Sie informieren, wenn..22 Neue Anschrift: ve f Se E EE EEE EEE Dann füllen Sie bitte diesen Abschnitt aus, kleben ihn auf eine Postkarte und schicken ihn an folgende Adresse: Lagergemeinschaft Auschwitz Schillerstraße 18 W-6309 Münzenberg 1 Straße, Haus-Nr. RE Ort Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. Vv. 25 Am 28. November 1991 wurde an 51 Frauen und Männer die neugestiftete Johanna-Kirchner-Medaille“ verliehen. Aus diesem Anlaß wurden von Andreas von Schoeler so- wie von Prof. Dr. Peter Steinbach, Historiker, Reden ge- halten. Wir möchten allen Freunden und Mitgliedern die- se beiden bedeutenden Reden zur Kenntnis bringen. Andreas von Schoeler Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt am Main Prof. Dr. Peter Steinbach Universitãt Passau Gedenkstätte Deutscher Widerstand Berlin R E D E N zur Verleihung der Johanna-Kirchner-Medaille an 51 Frauen und Männer des Widerstandes am 28. November 1991 im Kaisersaal des Römers in Frankfurt am Main 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Oberbürgermeister Andreas von Schoeler ch begrüße Sie im Namen des Ma- gistrats der Stadt Frankfurt zur er- Sten Verleihung der Johanna-Kirch- nerMedaille an 51 Frauen und Männer, die sich in der Zeit des Na- tionalsozialismus der Barbarei mit Zivilcourage entgegenstellten. ch persönlich freue mich beson- ders, daß mein Vorschlag, diese Eh- rung zu schaffen- und damit eine längst öberfällige Dankesschuld ab- zutragen- auf die Zustimmung aller demokratischen Fraktionen des Stadtparlaments traf. Und ich freue mich ebenso darũber, daß alle demokratischen Mitqeder des Magistrats meinem Vorschlag zugestimmt haben. in jedem Jahr würdigen wir in einer eierstunde in der Paulskirche den Widerstand gegen den Nationalso- zialismus. Das ist sicher notwendig und richtig- aber es bleibt allge- mein. in der Nachkriegsgeschichte wurde bei uns das Leid der Opfer der Bar- barei ebenso verdrängt wie der ei- 9ene Schuldanteil jedes einzelnen: jedes einzelnen'Wegsehers“ jedes einzelnen Mitäufers“ jedes einzelnen Tatbeteiligten. Sich dem persönlichen Schicksal derjenigen zu stellen, die nicht weggesehen haben nicht mitgelaufen sind sich nicht an den Verbrechen beteiligten, sich dem persönlichen Schicksal der Widerständler, der Helfer der Verfolgten, der unbe- sungenen Helden“ 2u stellen, das hätte sehr viel Mut erfordert. Den Mut, sich einzugestehen: Es stimmt ja gar nicht, daß'niemand etwas 9ewußt hat“ Es stimmt ja gar nicht, daß'man sowieso nichts machen* Konnte“. Es gab die Möglichkeit des Wider- standes. Hätte der Bruch unseres Volkes mit den Grundsätzen der Zi- vilisation verhindert werden können, wenn zur rechten Zeit alle Demo- kraten von dieser Möglichkeit Ge- brauch gemacht hãtten? Arm ein Volk, das Helden braucht.“ Wir haben Helden gebraucht in unserer Geschichte. Weil nicht alle Demokraten rechtzeitig Halt“ ge- schrien haben, haben diejenigen, die den Barbaren in den Arm fielen, Furchtbares erleiden müssen. Finige dieser Helden sind trotz alen Verdrãngung in der deutschen Nachkrieqsgeschichte bekannt ge- worden. Die Heldinnen und Helden des Widerstandes der Keinen Leu- te“, des Widerstandes von neben- an“ aber bleiben'unbesungen'“. lhr individuelles Schicksal wurde ver- gessen. Ja schlimmer noch: Hãufig ging ihre Diskriminierung in der Nachkriegszeit in beiden deutschen Staaten unter unterschiedlichen deologischen Vorzeichen weiter. — Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 27 ch sagte eingangs: Wir haben eine Dankesschuld abzutragen an Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren, die widerstanden haben. Die nach Johanna Kirchner be- nannte Medaille soll jetzt, Schon fast zu spät, ein Keines Zeichen unserer Anerennung sein. Hier in diesem Kreis sind viele Jo- hanna Kirchner persönlich verbun- Deshalb ist es fast widersinnig, auf das Schicksal der mutigen Frau an dieser Stelle einzugehen. ch will es trotzdem mit einigen Sät- Zen tun: Als Tocher der Frankfurter Stunz-Familie in die Arbeiterbewe- 9ung hineingeboren, war sie nach dem Ersten Weltkrieg maßgeblich am Aufbau der Arbeiterwohlfahrt beteiligt. Sie organisierte Kinderferi- enlager in Frankfurt und in der Schweiz, warb für die BRechte der Frau und engagierte sich gemein- Sam mit ihrem Mann, dem Stacit- verordneten Karl Kirchner, in der Sozialdemokratie. Bei der Besetzung des SPD-Büros im Mai 1933 durch die Nazis Gchalne sie geistesgegenwärig oie Mitoliederkartei in Sicherheit. As der Beichtagsabgeordnete Caro Mierendorff verhaftet wurde, fuhr Johanna Kirchner nach Gent, um die Weltöffentichkeit auf sein Schicksal hinzuweisen. Der drohen- den eigenen Verhaftung entzog sie Sich gerade rechtzeitig durch ihre Flucht ins Saarland. Dort arbeitete sie gemeinsam mit Lore Wolf, die heute unter uns ist, gegen den Anschluß“ des Saar landes an das Deutsche Reich. In der Saarabstimmung 1935 un— terlagen die Anschlußgegner und die Nationalsozialisten konnten 1936 ihren Herrschaftsbereich auf das Saarland ausdehnen. Mit dem nun einsetzenden Flöcht- lingsstrom ging Johanna Kirchner in das franzõsische Grenzgebiet. Dort hatte sie bereits zuvor eine Beratungsstelle für Saarflüchtinge“ in Forbach eingerichtet. Von dort aus hielt sie über Kuriere (unter ihnen ihre Tochter Lieselotte) den Kontakt 2u Frankfurter Wi- derstandsgruppen. Nach dem deutschen Uberfall aut Frankreich kKam ohanna Kirchner zunächst nach Metz; dort wurde sie verhaftet und bald daraut ins nternierungslager Gurs gebracht. Sie war dort in großer Gefahr die Nationalsozialisten hatten sie be- reits 1937 ausgebürgert, und ihr Name stand weit oben auf den Fahndungslisten. Der Lagerkommandant, der sie aus Forbach kannte, entieß sie kurz entschlossen, um ihre drohende Auslieferung an Deutschland 2u verhindern. Sie lebte danach einige Zeit in ei- nem HKoster versteckt, wo sie aber von Nazi-Spitzeln aufgespürt wurde. ln Aix les Bains, ihrem nächsten Zu- fluchtsort im unbesetzten Frank- reich, wurde sie schließlich von der Vichy-Polizei verhaftet und 1942 an die Gestapo in Paris ausgeliefert. 23 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Der Volksgerichtshof' in Berlin ver- urteilte sie noch im selben Jahr 2u zehn Jahren Zuchthaus. Aus dem Frauenzuchthaus in Cottbus holte Sie Roland Freisler, dem das Urteil 2 milde“ war, zuröck. Im April 1944, wenige Tage vor ihrem 55. Geburtstag, wurde Johanna Kirch- ner in einer Verhandlung', die nur wenige Minuten dauerte, zum Tode verurteilt. Johanna Kirchner war von der lan- gen Haft gezeichnet, aber moralisch ungebrochen. Die fürsorgende, lie-— bevolle, ganz dem Mitmenschen zugewandte Haltung, die ihr Leben präote, Spricht auch aus ihrem Ab- Schiedsbrief an die Familie: Werdet 9öcklich und seid tapfer. Es kommt eine bessere Zukunft für Euch.“ JOhanna Kirchner wurde am Morgen des 9. Uni 1944 in Berlin-Plötzen- S6e hingerichtet. ch möchte Sie alle bitten, sich ihrer Schweigend zu erinnern. Der Name Johanna Kirchners steht Stelvertretend für alle Frankfurterin- nen und Frankfurter, die wegen ihres Widerstandes gegen das nationalsozialistische Terrorregime verfolgt, gequãlt, gefoltert, ermordet wurden. An sie alle Soll eine Gedenktafel er- innern, die wir am kommenden 8. Mai, dem Tag der Befreiung, an der Paulskirche anbringen wollen. Wei- teren Frauen und Männern des Wi- derstandes, weiteren Heſferinnen und Helfern von Verfolqten werden wir dann durch die Verleihung der Johanna-KirchnerMedaille danken. Wir, die Stadtverordnetenversamm- ung und der Magistrat der Stadt Frankfurt, haben uns erst sehr spät zu diesem Schritt entschlossen: erst im Oktober 1991, 46 Jahre nach der Befreiung von der Barbarei, die uns Deutschen leider nicht aus— Kraft gelungen ist. FUr viele Frauen und Männer, denen unser Dank geböhrt hätte, kKommt diese Ehrung zu spät. ſc erinnere hier nur an Anna Beyer, Erna Blenke, Monika Fantasny, Rudi Menzer, die in den vergange- nen Monaten verstorben sind. Warum, so frage ich mich, haben wir so spät gehandeſt? Warum ha- ben wir die Verfolgten und Leiden- den auch in der Nachkriegszeit, in der Zeit des prosperierenden Wie- deraufbaus, spãter in den Jahren der Konsolidierung allein gelassen mit ihren Erinnerungen, ihren Ap- trãumen, ihrem physischen und psy chischen Leid? Unter lhnen, meine sehr verehrten Damen und Herren, denen wir heute durch die Verleihung der Johanna- KirchnerMedaille danken volen& sind einige, die in den Jahren 1933 bis 1945 Menschen in vorbildlicher Weise geholfen haben— jüdischen und nichtjũdischen Menschen, rus- Sischen und franzõsischen Zwangs- arbeitern, politisch Verfolgten und ihren Angehörigen. Durch diese Bilte für Verfolgte riskierten sie selbst Verfolgung, Vertreibung, den Jod. Was war das für eine Gesellschaft, in der jede, auch die Keinste Form — Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e. V. mitmenschlicher Hilfe zur Wider- standshandlung wurde? Was war das für eine Gesellschaft, in der ein Laib Brot für eine hun— gernde russische Zwangsarbeiterin schon ins Konzentrationslager füh- ren konnte? Was war das für eine Gesellschaft, in der die Anfertigung einer Reiseta- che für eine zur Flucht gezwun- gene jüdische Frau mit dem Tode bestraft wurde?ꝰ Was war das für eine Gesellschaft, die ihre Männer in einen mörderi- schen Vernichtungsfeldzug zwang? Unter lhnen, meine Damen und Her- ren, sind einige, die sich diesem organisierten Völkermord auf den Schlachtfeldern Europas verweigert haben. Aus humanitären Uberlegungen, angesichts des Elends an der Front, angesichts der mitangesehenen Verbrechen der'eigenen Leute“, Spontan, unüberlegt. o. auch aus Karen politischen Gründen, nach langer Gestapo-, Zuchthaus-, KZHaft, in den Einhei- ten für wehrunwürdige Soldaten“, 999 und Dirlewanger“. Einige von lhnen sind nicht nur Von der Fahne gegangen', sie sind so- gar zu den gegnerischen Streitkräf- ten, zu den Partisanen über- gelaufen“. Sie sahen das Recht in diesem Krieg auf der anderen Seite. Sie wußten: Hitler kann nur von außen besiegt werden. Wir müssen helfen, ihn zu besiegen, im interesse der Menschlichkeit, im lnteresse des Uberlebens der Völ- ker, im lnteresse auch des deut- Schen Volkes. Nicht zuletzt dank der Arbeiten von Historikern wie Professor Dr. Peter Steinbach, der im Anschluß 2u uns sprechen wird, müssen wir heute eindeutig sagen: Jeder, der diesen Krieg, in dessen»Schutz“ Tausende politischer Gegner, Milionen jücit scher Mencchen, Zehntausende Sinti und BRoma, viele Kranke, ganze Bevõlkerungsschichten in Osteuro- pa hingemordet wurden jeder, der diesen fürchterichen Krieg durch sein Handeln auch nur um einen einzigen Tag verkürzte, leistete Widerstand gegen den National- Sozjalismus. Wenn ich in diesen Tagen in der Zeitung lesen mußte, daß einem jungen Deutschen aus Polen die Anerkennnung als Deutscher ver- wehrt wurde, weil sein Vater aut polnischer Seite gegen den Natio- nalsozialismus gekämpft hat. 80 fehlt mir jedes Verständnis für diese Entscheidung. Noch immer wird offensichtlich Na- tionalismus über Humanismus und wirklichen Patriotismus gestellt. Es gibt unter lhnen, meine sehr ver- ehrten Damen und Herren, diejeni- gen, die von Anbeginn an den Na- tionalsozialismus richtig einge- 29 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Schätzt haben: Die'Widerständler der ersten Stunde“. Die meisten von lhnen ent- stammen Organisationen der Ar- beiterbewegung, wie ohanna Kirchner. Die ersten Verfolgungen das wissen wir nicht nur aus dem beröhmten Niemöller-Wort- richte- ten sich gegen Sie: Sozialde- mokraten, Kommunisten, Gewerk- Schafter und Angehörige anderer Sozialistischer Gruppierungen und Parteien. Die ersten organisierten Widerstandsaktionen kamen aus diesen Reihen. Die ersten Verhaf- tungen, die ersten Folterungen richteten sich gegen sie— in die er- Sten Konzentrationslager Wurden sie eingepfercht. Wie immer man zu dem stehen mag, was in den Jahren danach aus den dealen geworden ist, für die ei- nige von ihnen, die Kommunisten, damals in die Gefängnisse und Konzentrationslager gegangen sindt: ihr aufrechter und gerader, ihr leid- voller Weg, ihr Widerstand ist unbe- Stritten. Und darauf kommt es uns heute an. Wir danken lhnen. ch bin Angehöriger einer Genera- tion, der die Prüfung entsetzlichen Unrechts, gewalttätiger Demütigung und Entmenschlichung erspart 9eblieben ist. Vielleicht habe ich da- her nicht das Becht, mit Bertolt Brecht zu sagen: Auch der Haß 9egen das Unrecht verzertt die Stimme.“ Denn nichts, was als Folge nationalsozialistischer Ver- folgung dann spãter passierte, kann, So denke ich, die große Leistung, die Konsequenz und den Mut der Jaten des Widerstandes schmälern. Unter lhnen, meine sehr verehrten Damen und Herren, ehren wir heute auch jene, die sich aus religiösen, aus konservativ-humanitären Grün- den den nationalsozialistischen Schergen entgegengestellt haben. Sie blieben allen Anfeindungen zum Frotz ihren christichen Grundòber- zeuqungen treu- und nahmen dafò Schikanen, BRepressalien, Haft in Kauf. Einige von hnen nahmen Verbin- dung zu den Widerständlern in den Staatlichen Machtzentralen auf und beteiligten sich an Attentatsplänen. Was war das für eine Gesellschaft, in der aus dem Festhalten an christ- ichen Grundũberzeugungen die Teilnahme an Vorbereitungen zum Jyrannenmord zwingend folgte? Unter lhnen. meine Damen und Her- ren, ehren wir auch einen Angehöri- gen des jũdischen Widerstandes. Im Schtetl, im Ghetto ja sogar noch in den Vernichtungslagern des Ostens gab es Menschen, die selbst unter den Bedingungen unmenschlicheri Terrors, schreienden Hungers, des industriellen Massenmordes den Widerstand organisierten, ja sogar zur Waffe griffen. Say nie, Du gehst den allerletzen Weg, wenn Gewitter auch das Blau vom Himmel fegt. Die ersehnte Stunde kommt, sie ist schon nah. Drõhnen werden unsere Schnitte, wir Sind da!“ — Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. ch habe diese Zeilen- verzeihen Sie es mir- in der deutschen Uber- setzung zitiert. Sie sind der Beginn der bewegenden Hymne des jüdi- schen Widerstandes. Es steht mir als nichtüdischem Deutschen nicht 20, den Heldinnen und Helden des jüdischen Widerstandes zu danken. ch verneige mich vor ihnen. Und schließlich danken wir heute en Widerständerm der letzten Stunde“ jenen, die sich als halbe Kinder dem Dienst in der Hitlerju— gend entzogen, die heimlich Swing- Platten hörten und nachzuspielen versuchten, die eine Gegenkultur zum Regime entwickelten. Sie malten Parolen gegen Hitler an die Straßenbahnwaggons. Sie ent- zogen sich, wo sie konnten, dem Kriegqsdienst.- Einige von ihnen versuchten, an die unterdrckten Traditionen der Jugendbewegung anzuknüpfen. Sie halfen gemeinsam Zwangsarbeitern und politisch Ver- folgten. Wir danken den Wi derständlerm der Swing-Jugend“ und der*EdelweiBpiraten“. 6„ ist das Spektrum derer, denen wir heute Dank schulden. Wie breit es in unserer Stadt ist, wie viele Personen noch heute unter uns le— ben, die sich nicht haben Oleichschalten“ lassen, die durch- aus'etwas gewußt“ haben und die daher handelten- das ist uns in den vergangenen beiden Monaten Har 9eworden, als die Verleihung der Johanna-Kirchner-Medaille konkret vorbereitet wurde. An dieser Stelle möchte ich den Medien, insbesondere den Frank- furter Presseorganen danken. Durch ihre ausführſiche Berichterstattung über unser Vorhaben haben wir un- zählige Hinweise auf Männer und Frauen des Widerstandes erhalten. Vielen dieser Hinweise verdanken wir dem Kontakt zu Menschen, deren Taten uns bis dahin unbe- kannt waren. Aus der Fülle der Briefe und Tele- fonanrufe, die uns erreichten, Schließe ich auch, daß sehr viele Bürgerinnen und Börger unserer Stadt mit uns der Meinung sind: Unser Dank an die Frauen und Männer des Widerstandes ist öber- fällig. Er kommt spät- aber zumin- dest für Sie, die Sie heute hier sein können, nicht 2u spãt. Und vielleicht genau zum richtigen Zeitpunkt. Mit der glòckichen Vereinigung der beit den deutschen Staaten ist nicht nur Positives verbunden: Wie schon einmal in Deutschland reagieren ökonomisch und sozial verunsicherte Menschen mit dem Ruf nach dem'starken Mann“. Wie schon einmal in Deutschland ersetzt bei vielen dummer Nationa- ismus, den ich persõnlich von wirk- ichem Patriotismus schart unter- scheiden möchte, politisches Den- ken und kompensiert eigene Min- derwertiqkeitsgefühle. Wie schon einmal in Deutschland werden Sön- denbõcke gesucht: Fremde, Asyl bewerber, auch wieder Juden. 31 32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Wie schon einmal in Deutschland fliegen Steine und Brandsätze auf die Anderen.“ Kinder verbrennen, Menschen werden wegen ihrer Hautfarbe erschlagen. in dieser Zeit an die Frauen und Männer des Widerstandes 2u erin- nern, ist verpflichtend: Mitleiden mit den Opfern, Hilfsbereitschaft, Fest- halten an den Werten der Zivilisa- tion und des Humanismus, Zivilcou- rage das ist heute von uns gefor- dert. Und schließBlich: Viele von denen, die heute hier im Kaisersaal ver- Ssammelt sind, mußten vor der Bar- barei in andere Länder fliehen. Die Mötter und Väter des Grundgeset- zes hatten gute Gründe, ein Asyl- recht in der Verfassung zu veran- kern. Wer das antasten will, Sollte bedenken, daß in Deutschland die- Ses Recht einen besonderen Wert hat, den es zu schützen gilt. Prof. Dr. Peter Steinbach Es ist keine Schande, Hitler unter- legen gewesen zu sein. Eine Schande ist es nur, dieses Versa- 9en nachträglich nicht zu erkennen, Seine Gründe nicht wissen 2 wol- len.“ Dies Ssagte Cart Friedrich von Weiz- SAcker am 30. Jahrestag des An- schlags auf Hitler in Berin. ſch denke, die hier formulierte Aufforde- Das heißt natörlich nicht, daß wir mit einer Wiederkehr des National- SOzZialismus zu rechnen hätten. Das nationalsozialistische Jerrorregime und seine schreckiche Konsequenz Auschwitz sind einzigartig in der Geschichte der Menschheit- und werden es hoffentlich bleiben. Und der Wille aler Demokraten, der Barbarei gemeinsam zu begegnen, ist hoffentlich heute größer als in der Weimarer Republik. Daß alle demokratischen Fraktionen des Stadtparlaments den Beschluß zur Verleihung der JohannaKirch- nerMedaille gemeinsam faßten, ist ein gemeinsames Zeichen für De- mokratie, für Humanität, für Solida- rität, für Zivilcourage. ch danke den Frauen und Männern des Widerstandes für ihre mutige Haltung. ch danken lhnen für lhr Beispiel. Wir verneigen uns in 9roßem Respekt vor lhrer Leistung. rung an die Nachwelt ist bis heute nicht voll eingelõst worden, denn die innere Konfrontation der Nachgebo- renen mit Menschen, die jeder für Sich- die Alternative zum NSRe- gime verkõrperten und in ihrem allt täglichen Vorhalten verdeutlichten, daß Anpassungs- und Folgebereit- schaft eine Grenze hatten, findet immer noch nur selten statt. —— Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 33 ch denke, dies war die Schwierig- keit einer eindeutigen, nicht in den Nebel der Stammtischdiskussionen geröckten Auseinandersetzung mit dem Widerstand: Anzuerkennen, daß es Menschen gab, die sich nicht einließen, sondern etas ris- kierten, die nicht alle Kräfte darauf richteten, durchzukommen, sondern sich zU ihrer Verpflichtung bekann- ten, Stelvertretend mitmenschlich 2u S en. ganz so, wie es der unver- Hessene Fritz Bauer einmal formu- iert hatte: Widerstand ist stelwer- tretendes mitmenschliches und des- halb auch: politisches Handeln. Wer sich auf eine derartige Vorstel- ung einläßt, wird versuchen müs- Sen, das gesamte Spektrum wider- Ständigen Verhaltens in seiner gra- duellen Steigerung und 2eitichen Differenzierung 2u erfassen. Wider- Stand läßt sich nicht reduzieren auf einige Tage und er läßt sich nicht verstehen, Wenn wir in Kontinuitãten denken. Er beschränkte sich nicht auf den 20. Juli 1944, so wichtig dieser Tag, an dem die Hoffnungen nicht nur der Berliner Gruppen hing, für den Gesamtiderstand ist, und r steigerte sich nicht Kontinuierſich Sseit den Tagen der Begierungs- übertragung an Hitler, die wir s0 9ern Machtergreifung' nennen. Vielmehr zeichnet sich die Ge- schichte des Widerstandes durch viele Anfänge, durch ebenscviele Bröche, durch überwundene Passi- vitãt und besiegte Angst aus. Diese Vielschichtiqkeit wird in Lebensge- Schichten sichtbar, die uns in ihrer ganzen widerstandsgeschichtichen Fülle durch diese Veranstaltung deutich werden können. Hierin legt eine Chance für uns als Nachle- bende und hierin verkörpert sich auch der Versuch, die Lebensge- Schichte von Regimegegnern in ih— rer ganzen Vielfältigkeit in unsere Anschauung von Politik und indivi- duelle Selbstgefãhrdung ein- zubeziehen. ſch denke, jedem, der sich mit ein— zelnen Widerstandskämpfern be- Schäftigt, wird rasch bewußt, daß sie sich zur dentitätsstiftung von Gruppen und Organisationen nicht ohne weiteres eignen. Bonhoeffer iSst etwa so wenig der Ge- Sartvertreter der evangelischen Kirche wie Afred Delp der Reprä- Sentant des Katholizismus ist. Toni Pfült, die sich auch aus Verzweif- lung über ihre sozialdemokratischen parteifreunde das Leben nahm, Steht ebensowenig für die gesamte Sozialdemokratie als Einheit wie Ju lius Leber oder Adolf BReichWein. Die Mitqlieder der katholischen Arbei- terbewegung Nikolaus Groß und Bernhard Letterhaus handelten aus den Traditionen eines sich zu seiner Sozialen Verantwortung bekennen- den politischen Katholizismus, kön- nen aber kaum als BRepräsentanten der Zentrumspartei oder als Begi- megegner eingeschätzt werden, die aus dem Geist der späteren christ- ich-demokratischen Partei handel- ten. Und Bernhard Bästlein, Anton Saefko und Lilo Herrmann ver- standen sich zwar als kommunisti- sche Widerstandskämpfer-— das heißt aber nicht, daß wir sie als Vorfahren der SED oder gar als Mit- veranwortiche für die Teilung Deutschlands diffamieren und des 34 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. halb aus dem historischen Ge- dãchtnis lõschen dürfen. Widerstandskãmpfer standen vor allem als Pinzelne für sich selbst. hre Verhaltensweise wird erkärli- cher, wenn wir uns deutlich machen, daß sie aus Traditionen, aus Wert- vorstellungen, auch aus politischen, handelten- nichts aber berechtigt uns zum Umkehrschluß. Das Ge- fühl, im kEinkang mit Wert- vorstellungen und Zielen zu stehen, konnte das Gefühl mildern, sich innerhalb einer sich blind anpas- Ssendenden Gesellschaft behaupten und deshalb menschlichen Anstand beweisen zu müssen; zugleich ist bei allen Regimegegnern die Ent- fremdung und Distanzierung gegen- über ihrer eigenen Zeit und Umge- bungen zu spüren, die zum über- wiegenden und deprimierend 9roßen Teil aus Mitläufern zu be— Stehen schien. Die mißbräuchliche Verwendung von Fraditionen als widerstands- 9eschichtiches Selektionskriterium muß nahezu unvermeidlich in die verhängnisvolle geschichtspolitische Neigung zur Exkusivität und Diffa- mierung von Widerstandsgruppen münden, die uns politisch vielleicht nicht mehr so nahe stehen, die des- halb aber nicht aus der Welt, die sich auch in der Vergangheit ver- körpert, zu entfernen sind. Sie alle kennen derartige Aus- SchluBmechanismen und haben sie vielleicht, gerade in diesen Tagen, an Sich beobachtet. Geradezu ver- hängnisvollste Auswirkungen hat dieses Denken in den neuen Bun- deslãndern, wo Vielfach Straßen- namen, Gedenktafeln und Plätze umbenannt werden, nur weil wir als Nachgeborene nicht die Vielfãltigkeit und Widersprũchlichkeit der Wider- Standsgeschichte aushalten. Lilo Herrmann etwas bleibt auch dann eine Regimegegnerin, wenn sich herausstellt, daß in der ehemaligesn DDR mühsam ein Mythos konstru- jert wurde. Wobei ich als besonders tragisch empfinde, daß dieser My thos den Zugang zur ungeschmink- ten Lebensgeschichte verstellte. Kommunisten wie John Schehr, Ernst Thälmann, Erich Honecker und Walter Ulbricht kõnnen wir nicht aus der Widerstandsgeschichte eli- minieren, nur weil sie uns politisch nicht passen oder sie nach 1945 in anderer Hinsicht schuldig wurden. Und selbst wenn herauskäme, daß sie in der NSZeit in den Haftan- Stalten keineswegs die Helden wa- ren, 2u denen sie sich in der Nachkriegszeit stilisierten, berührt dies nicht die Zeit vor 1945, Ssondern allein die Geschichte des Miß- brauchs des Widerstandes in der nachnationalsozialistischen Epoche ſch denke, wir haben als Nachle- bende nur dann ein Chance, das ganze Spektrum widerständigen Verhaltens, das sich auch in den Preistrãgern der Johanna-Kirchner- Medaille verkõrpert, zu erfassen und zu würdigen, wenn wir uns jedem unmitielbar und unverstellt durch unsere politischen Prämissen und Ziele nähern. Widerstandskãmpfer sind zuallererst Zeugen der geradezu unmenschlich Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 35 anmutenden Einsamkeit, die den in- dividuellen Widerstand gegen den totalen Maßnahmestaat charakteri- sierte, der zielstrebig die schützen- den Zäune des Rechts, die Gustav Badbruch ebenso wie Hannah Arendt beschwor, einriß, um seine totale Ordnung 2zu errichten und zugleich diesen Umbruch als ge- radezu unvermeidiches Ergebnis historischer Entwickung zu deuten. Dbn dieser totalen Einsamkeit ist es nicht zulässig, Zeugen des Widerstandes für die Selbstlegitima- tion von Gruppen, Institutionen, Ge- Sellschaften oder gar Staaten zu mißbrauchen. Das Merkmal des Widerstandes ge- gen den Nationalsozialismus war eine abgrundtiefe Einsamkeit, eine Zeit des weitgehend auf sich Ge- Stelltseins, die alle Widerstands- kämpfer als Grunderfahrung durch- ſitten und oft in ihren Zeugnissen öberiefert haben. n unerhörter ſiefe den Abschiedsschmerz und die Todesfurcht und die Höllen- angst“ erlebt zu haben, bezeichnet Moltke in seinem letzten Brief als ichtigen Bestandteil seiner Erfah- rung an der»'Grenze“, über die je- derzeit gestoßen werden konnte. Er Steht damit an der Seite von Arvid Harnack, der in der ehemaligen ODS als verdienter Kundschafter des Volkes“ verzeichnet und bei uns als angeblicher Vorkämpfer einer Stalinistischen Diktatur ciffamiert worden ist. In seinem letzten Brief an seine Angehörigen bat Arvid Harnack, seiner 2wei Tage nach der Hinrichtung am Weihnachtsfest 20 9edenken, das Lukas-Evangelium zu lesen und*ch bete an die Macht der Liebe“ zu singen. Afred Delp schrieb unmittelbar nach der Hinrichtung seines Freundes Helmuth James Graf von Moltke, der sich allen präsentistischen Vereinnahmungsbestrebungen ent- zieht:'Es wäre leichter gewesen, mitzufahren nach Plötzensee, als plõtzlich diese kEinsamkeit des Schicksals aushalten 2u müssen.“ ſch denke, jeder Nachlebende, der sich diesen letzten Zeugnissen aus- Setzt, verliert die Neigung, sein Bild des Widerstandes nach dem eige- nen politischen Standort zu schaf- fen. Es geht um die Erfassung der Breite und Vielfalt des Widerstan- des, nicht um die röckwärtsge- wandte Rechthaberei, um den politi- schen Disput, der nicht nur zu La— sten des Widerstandes, sondern auch zum Nachteil des Wider- standsbildes in unseren Köpfen ausgetragen wird. Es geht um viele Traditionen, die nebeneinander stehen und im Wi derstand trotz aller Gegensätzlich- Keit kompromiß- und politikfähig werden. Es geht um das Gefühl, daß sich der Widerstand gegen eine Diktatur richtete, die sich durch Zu— mutungen an den einzelnen richtete. der, um mit dem Kriegsdienst- verweigerer Jägerstätter zu spre- chen, seine'Seele' verſieren mußte, wenn er aus Bequemlichkeit oder Feiqheit gehorsam war. Es geht auch nicht um die Frage, ob der Kampf gegen Hitlers Herrschaft durch den Hinweis auf die Orientie- 36 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. rung an kommunistischen Zielen diskreditiert werden kann. Es ging nicht darum, den Teufel Hitler mit dem, wei man vor allem in rechts- konseWativmilitãrischen, angeblich Soldatisch kameradschaftlichen“ Kreisen betonte, Beelzebub Stalin“ 20 bekämpfen, denn der Widerstand rechtfertigte sich niemals nur ord- nungspolitisch, sondern durch seine mitmenschliche Verantwortung für Verbrechen, die mit dem NSRe- 9ime unauflöslich zusammenhän- 9en. in den Jahren bis zum Beginn des Krieges, der für die Nationalsoziali- sten immer Bassen- und Weltan- schauungskrieg war und so immer durch verbrecherische Perspektiven 9eprägt blieb, die niemals nur Be- 9leiterscheinungen der Kämpfe wa- ren, sondern Kriegsziele symboli- sierten, zeichneten sich Konturen einer Gemeinsamkeit ab, die 2u— nehmend konfessionelle Grenzen, Soziale Schranken und politische GSegensätze Uberwandt. Hitlers Herrschaft zu überwinden, dies war das Ziel- die Frage der Nachkriegsordnung war auf einem anderen Feld der Auseinanderset- zung zu Kären. So verschränkten Sich unterschiedliche Fraditionen 2u einem Gewebe, das nicht kontu- renlos blieb, Sondern sich aus dem Wunsch vieler Regimegegner er- Kärte, zugleich ihre ſdentität 2u wahren und dennoch aus dem Ge- föhl der Gemeinsamkeit heraus Verbindungen zu Fremden, zu An— deren, sogar zU jenen herzustellen, die man aus politischen Gründen ablehnte. Bei alen Brüchen und Kontinuitãten Sschält sich so im Widerstand der Anspruch heraus, sich mit der Geq nerschaft zum Begime für cie Würde ganz unterschiedicher Mi- menschen zu entscheiden, die dazu ausnahmslos Selbstzweifel öüber- winden und in ihrer Entscheidung ein Bekenntnis für ihre Verantwor- tung, für ihren Mut und ihre Courage ablegen mußten. Sie stellten sich in einem Meer der Anpassung gegeh die Mehrheiten, gegen das, was 6i politische Führung als Becht und Gehorsam definierte, sie verwei- 9erten sich den Spiralen des Schweigens und leisteten so ihren Beitrag zu dem Versuch, die Kontu— ren einer menschenwürdigen Ord- nung, die nur als Gegenbild des Un- rechtsstaaates konkretisiert werden konnte, nicht nur als Utopie zu ent- werfen, sondern in ihrem eigenen und ganz persõnlichen Handlungs- bereich zu verwirklichen. Dies konnte die Familie, die Nach- barschaft, die Arztpravis, aber auch die Verwaltung, die Wehr- machtseinheit oder das Gefange- nenlager sein. Die Methoden zur Verwirklichung dieser Utopie ware vielfãltig und reichten von der per- Ssönlichen Hilfe für den Bedrohten oder Verfolgten über den Protest bis zur Desertion und zur aktiven Kon- Spiration, die keine Deckung mehr kannte und gleichsam alle gefähr- dete, die im Umkreis der Re- 9imegegner lebten: Frauen, Eltern, Kinder und Freunde. Regimegegner fanden so zu einer neuen Form po- litischer Willensbidung, die alle Verengungen unseres Geschichts- bildes sprengt. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 37 Denn mit der parteipolitisch, weltan- schaulich oder geschichtspolitisch gerechtfertigten bewußten Veren- 9ung unseres Blickes können wir niemals das Anliegen einer Bestre- bung erfassen, deren Kennzeichen nicht die politische Homogenitãt, sondern die Willensbildung aus der akzeptierten Heterogenität, ja Ge- 9ensätzlichkeit war. 5 der politischen Auseinanderset- zung, die innerhalb der BRegime- 9eonerschaft geführt wurde, liegt deshalb ebenso ein Zeichen wie in den Taten der Widerständigkeit Selbst. Und als Nachgeborene wer- den wir niemals die geringste Chance haben, die Willensbildung aus Vielfältigkeit, die Vertrauens- bildung über die Grenzen politischer Lager hinweg, die Toleranz gegen- öber allen, die eigene Positionen und Vorurteile überwanden, zu ak- Zeptieren, wenn wir daran gehen, den Widerstand zu Hassifizieren- ihn einzuteilen in gut und schlecht, in rechts und links, in demokratisch und totalitãr. Und selbst wenn wir in diesen Kate- 8 denken, um Karheit inner- halb eines unübersichtlichen Feldes der Zeitgeschichte und unserer Er- innerung zu schaffen, geben uns diese Kategorien kein Kriterium an die Hand, um uns als Zensoren der Widerstandsgeschichte zu profilie- ren. ch denke, auch die heutige Stunde Spiegelt unseren Willen, das ganze Spektrum des Widerstandes vor das Auge und damit in das Bewußtsein zu röcken. Zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus gehört der 20. Juli 1944 ebenso wie der Wider- stand der Ersten Stunde, die Zivilt courage im nationalsozialistischen Alltag, der Kampf gegen das Re- gime von außen: aus dem Eil, als Deutscher in allierten Armeen, als Anti-Nazi“ in den Gefangenenla- 9ern, dazu gehört die Desertion aus politischen Gründen und um der ei- genen Seele willen, das Aufpäumen des einzelnen in den allerletzten Krieqstagen, die Solidarität mit Fremdarbeitern und Krieqs gefangenen, die Offnung für Dimen- sionen einer Weltoffenen Kultur, 20 der auch die SwingMusik gehörte, das Interesse an der Herkunft von Mitmenschen, die als Untermen- schen dem Zogriff preisgegeben wurden. Menschen, die als Begimegegner überlebten, waren nach dem Krieg nicht selten ebenso ein Stachel im Fleisch der Gesellschaft wie zuvor, denn sie standen persönlich gegen alle Selbstentlastungsversuche von Zeitgenossen, die keine Selbster forschung, sondern Selbstentschul- diqung wollten. Sie verkörperten Alternativen, die deutich machten. daß Widerstand einen hohen Preis forderte, aber daß er sich lohnte, sie brachen alle geschichtspolitischen Verengungen auf, die sich angeblich durch das Kriterium einer vor- Konstitutionell ausgeweiteten Treue zur Verfassungsordnung des Grundt 9esetzes rechtfertigen wollten. Sie verdienen unseren Bespekt, 9ewiß- aber wir brauchen sie viel mehr, um instrumentalisierungen und Verengungen unseres Bildes 38 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. von der Zeitgeschichte zu Uberwin- den, die sich immer wieder 2wi- schen uns und die Geschichte stel- len. Bei der Begegnung mit uns muß man spüren, daß wir uns weder überflüssig noch unteregen wissen, daß es uns gar nicht darauf an- Kommt, um jeden Preis ein paar Le- benstage länger dazusein, daß es aber wohl darauf ankommt, um je— den Preis 8so 20 sein, wie wir Sind“ dies Sschrieb der Jesuitenpater Deip in den letzten Tagen seiner Tegeler Haft. Er blieb angesichts Seines To- des ebenso selbsthewußt wie Diet- rich Bonhoeffer, der sich selbst in der ganzen Ausweglosiqkeit Seiner Haft zum Optimismus als der Lebenskraft“ und der Kraft der Hoffnung“ bekannte, die ihm hölte, den Kopf hoch zu halten, wenn alt es fehlzuschlagen scheint, Zu- kunftsoptimismus als die Kraft, die hilft, Röckschlage zu ertragen und S0o die Zukunft niemals dem Ge9ner 2u überlassen, sondern für sich in Anspruch zu nehmen.“ Wir Spüren, wie sich in der Todes- zelle das Denken nicht mehr aut die aktive Bemühung konzentrierte, die abgrundtief schlechte Wirklichkeit des NSRegimes durch einen Um- Sturz zu wenden, sondern in ganz radikaler Weise die Bedeutung des Widerstandes för die notwendige Neuordnung dieser verkommenen Gegenwart zu bestimmen. So steht neben dem Versagen in der Einsamkeit das unerschütterte Selbstbewußtsein des Zukunftsop- timismus. Dieses Spannungsver- hältnis drückt sich in vielen Zeugt nissen aus. So beklagte Moltke ei— nerseits die'Schmählichkeit seines Todes“ als das Schlimmste“: Er werde'nicht zur Kenntnis genom- men, und die Verwandten ver- tuschten ihn“. Zogleich Hammerte er sich an die Hoffnung, seine Kin- der verstünden'eines Tages seinen Abschiedsbrief“, um zugleich wieder zu zweifeln: Aber ich weiß, daß dies eine Frage der Gnade ist, nich irgendeiner äußeren Beeinflus— Sun9.“ Als Angehörige der Nachkriegszeit hatten wir die Möglichkeit, die Hoff- nung, die wohl alle Begimegegner, ermordete wie überebende, einte, z0 erföllen. ch denke, in weiten Strecken ist dies gelungen, auch und vielleicht auch vor allem dann, wenn es gelang, eine lInstrumentali sierung der Erinnerung an den Wi derstand zu vereiteln. Jeder Regimegegner hat Anspruch auf Erinnerung und Würdigung, der Nachlebende bedarf der Konfronta- tion mit einem Leben im Wider- spruch, im Widerstand und in der Unbedingtheit aber mehr als d Oberebende die Würdigung. Seine Jat steht, wir müssen uns die Erin- nerung erarbeiten. nsofern frene ich mich öber die Verleihung der Johanna Kirchner- Medaille, denn sie gibt uns die Ge- egenheit einer erneuten Konfronta- tion mit richtigem Verhalten in den Konstellationen unseres Jahrhun- derts, auf das wir in kaum einmal neun Jahren nicht zuröckblicken können, ohne den Widerstand ge- Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 39 gen das NSRegime in seinen Mo- iven, Verläufen, Erfolgen und Lei— stungen, aber auch in seinem Scheitern z0 bedenken, das nicht Die Stadt Frankfurt am Main ehrt en Wirlerstand Frankfurter Bürger Hegen die Diktatur des Nationalso- zialismus durch die Verleihung der Johanna-Kirchner Medaille. Das Amt für Wissenschaft und Kunst hatte durch gezielte Ansprache so- wie diesbezögliche Veröffentlichun- gen die Namen von knapp 100 im Widerstand engagierten Frankfurte- rinnen und Frankfurtem zusam- mengetragen. Oberbürgermeister Andreas von Schoeler hat am Don- nerstag, dem 28. November, im Kaisersaal den ersten 51 Frauen und Männern die Auszeichnung überreicht, an: Liesel BAUM Margarethe BECKER ily BRKELBACERH Carlo BOHLANDER Wolfgang BRECKHEMER Emil CARLEBACRH Max DIAMANT Hans DIETZ Otto EBEl. Elise EBERHARDT Gertrud EHRHARDT Friedrich(Fritz) ESENMACHER Stephan FROHNMEVER Ludwig GEHM Etty GNGOlD Peter GNGOlD 51 Frankfurter haben die Johanna-KirchnerMedaille erhalten das Ergebnis des Versagens des Widerstandes ist, sondern der Ge- Sellschaft, die ihn letztich nicht un— terstũtzte und ertrug. Gertrud GRUNEWAlD pau GRUNEWAlD Annie GUU Erna HENZ Walter HESSELBACH JOsef HEUN lrmgard HEVDORN Walter ENTZSCRH Kar UNG Leni KAMPFEMEVER Or. Hans KAMPFFEMEVER Dr. inge LEETꝰ Horst LPPMANN Arno LUSTGER Emi MANGELSDOREF Mfred MARCHAND Gretel OPFER Hans OVERDVCK Antonie PlESS Herrmann REINECK Kurd-Roland ROESLER Artur ROTRH Rola SCfAfER Or. Charlotte SCHFEELER Lieselotte SCHMDT Emil SCEHMDT Eritz SCHMDT Will SCHMDT Friedel SCHUSTER Lina SCHMWEE Hans SCHMWERT AMbert Napoleon SMMEDINGER Horst STANKOWSKl Hedwig WLTENBURG Lore WOlF 4o Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Impressum: Herausgeber PLagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e. V.“ Verantwortlich: Hermann Reineck, Schillerstr. 18, 6309 Münzenberg 1, Tel. 06033/60168 Redaktion: H. Reineck, D. Stamm Mitarbeiter: L. Thumson-Weil, G. Herr Generalsekretär: H-J. Günther, Keesburgstr. 29 A, 8700 Würzburg, Tel. 0931 75980 Auflage: 2000 Exemplare Die Mitteilungen erscheinen vierteljãhrlich Nachdruck von Artikeln gegen Belegexemplar gestattet. Lagergemeinschaft Auschwitz— Freundeskreis der Auschwitzer e. V. LAGERGEMEINSCHAFT AUSCHWITA aSCMMr⁊ REUMDESKREIS DER AUSCHWIAER eV. Scrilerstraße 18 W6309 MUruerberg 1. Telefon(0 60 33) 6 0165 Sparasse Wotterau GlZ 518 50079) Korto- Nr. O 020 000 503 postschecdorto f̃rarurtMen GlZ 500 100 60) Korto-Nr. 51 664—608 Beitrittserklärung 5 Name, Vorname Anschrift, Straße, PI.Z, Ort Geburtsdatum Titel, acad. Grad, Beruf Q Haftl. im KZ Auschwitz vom bis Hãftl.- Nr. Q Haftl. in anderen Lagern, Gefängnissen, etc. 5 Angehöriger des ehem. Auschwitzhäftlings Haftl.- Nr. Q Freundeskreis der Auschwitzer Datum des Beitritts Unterschrift Zutreffendes bitte ankreuzen E HEEEN SiE UMS1 WERDEN SE MGLED M FREUNMDESEKRElS Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. CHAFT AUSCFHWITA S DER AUSCFHWITAZER E. V. AUSCEHMWTZ Farbkarte 113 Mitteilungsblatt Januar 1992