LAGERGEMEINSCHAFT AUSCHWIT2Z FREUNDESKREIS DER AUSCHWTAZER eV. AUSCHMWTZ 11. Jahrgang Mitteilungsblatt 1/1991 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Aus dem inhalt Bericht über die Mitgliederversammlung Seite 1 Mitgliederversammlung da war doch noch was 4 5 Dankeschön 4 8 Offene Worte 10 Geburtstagsgrüße 11 Studienreise 1991 1 12 E Gedenktage 18 Gefühlsmomente während. 14 S 16 Es liegt an uns. 18 Lyrik gegen das Vergessen 1 20 Rechtsextremismus.. 21 Weihnachtspaket aktion 4 26 Leserbriefe 1 28 Buch-Empfehlungen 2 30 Die Beiträge von Seite 21, 22 und 24 haben wir aus dem AVSeInfor? mationsdienst(Arbeitsgemeinschaft verfolgter Sozialdemokraten) entnommen.£ Der neue Vorstand: Präsident: Hermann Reineck Generalsekretär: Manfred Pöpperl Sekretär: Gerhard Herr Kassierer: Anni Rossmann Reineck Beisitzer: Lieselotte Thumser-Weil Beisitzer: Diethard Stamm Beisitzer: Wolfgang Gehrke Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Bericht über die General-Mitglieder- versammlung vom 24. 11. 1990„on Manfred Pöpperl Wie bereits über die 89-er Versammlung, möchte ich Euch/lhnen auch zur letzten Mitgliederversammlung einen kurzen Bericht geben. Grund- lage dieses Berichtes ist das sehr sorgfältige und ausführliche Protokoll, das Marianne Groß verfaßt hat. Zweimal mußte zu dieser Mitgliederversammlung in die Funckstraße von Frankfurt eingeladen werden, da die Beschlußfähigkeit bei dem Termin 29.09.90 knapp verfehlt worden war. Am 24.11. nun gab es keine Mindestteilnehmerzahl; die etwa 40 die erschienen waren, bildeten nach den Statuten der Lagergemeinschaft in jedem Fall eine beschlußfähige Versammlung. Gerhard Herr begrüßte die Mitglieder, stellte die Tagesordnung vor und führte die Bestellung der Mitglieder des Wahlausschusses sowie der Rechnungsprüfer durch. Gabi Schindler und Jupp Seuffert, die bereits-in den letzten jahren die Finanzen sehr sorgfältig durchgesehen haben, erklärten sich bereit, dies auch in den nächsten zwei Jahren noch einmal zu übernehmen. Hermann Reineck eröffnete die Berichte des Vorstandes über seine Tätigkeit in den Jahren 1989 und 1990“ mit einer eindrucksvollen Zusammenstellung der Studienfahrten nach und der Kontakte in Polen, der Paketaktionen, der Arbeit in den Schulen und bei verschiedenen Organisationen. Während der neun Fahrten nach Polen ist besonders aufgefallen, daß sich die politischen und sozialen Verhältnisse entschei- dend verschoben haben: die Lagergemeinschaft muß in der nächsten Zeit versuchen, den Gesprächsfaden und die Zusammenarbeit auch unter den neuen Bedingungen zu erhalten. Heike Duill berichtete über die Arbeit der Dokumentationswerkstätte Auschwitz. Durch die unermüdliche Arbeit der Mitarbeiter der Dowea ist es gelungen, den Bestand an Buchtiteln erheblich zu erweitern, ein großer Teil davon in Doppelexemplaren für die Werkstätte in Auschwitz. D ondere Erwähnung finden sollte neben der eindrucksvollen'alltäg- lichen Arbeit des Archivierens, des Schreibens der Karteikarten, des Bindens der Bücher, des Zuordnen zu Sachgebieten, des Erbittens neuer Bücher usw., daß nunmehr erstmals alle Buchtitel mittels EDV archiviert wurden. Damit ist die schnelle Suche ebenso erleichtert wie eine spätere Aufteilung nach differemierten Sachgebieten. Ebenso ist die Aufbereitung der von Frau Ormond zur Verfügung gestellten Handakten ihres Mannes, der Nebenkläger im Auschwitz-Prozeß in Frankfurt war, nunmehr abgeschlossen; die Akten stehen damit für den Gebrauch bei Forschungsarbeiten zur Verfügung. Inzwischen ist auch die Zahl der Besucher der Dowea erheblich gestiegen— hier allerdings stoßen wir recht schnell an die Grenzen der Leistungsfähig- keit unserer Dowea; hier zeigt sich sehr deutlich, wie wichtig eine Institutionalisierung dieser Einrichtung in der geplanten Stiftung mit festen ständigen Mitarbeitern usw. ist. 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Werner Renz berichtete über die Arbeit der Redaktion des Mittei- lungsblattes. Dem Redaktionsteam ging es in erster Linie darum, Beiträge vorzustellen, die zur kritischen und kontroversen Diskussion anregen, Geschichtsarbeit, Berichte Uberlebender, aktuelle Themen, die uns als Lagergemeinschaft beschäftigen, und Informationen zu präsentieren, die unsere Arbeit als Lagergemeinschaft widerspiegeln. In der Tat ist es dem Mitteilungsblatt während der letzten Nummern zunehmend gelungen, sich zu einem profilierten Diskussionsforum zu entwickeln, in dem die Selbstdarstellung der WVorstands-)Arbeit der Lagergemeinschaft immer mehr in den Hintergrund trat. Leider stellte, wie Werner Renz am Ende der Mitgliederversammlung ergämend mit- teilte, die Redaktion mit Erscheinen der Nummer 19 ihre Tätigkeit ein. Wir danken Marianne Groß, Heike Duill, Klaus Weimann und Werner Renz an dieser Stelle sehr herzlich für ihre erfolgreiche,£ anregende, engagierte und nicht immer einfache Tätigkeit! Hoffentlich finden sich bald Mitglieder, die ebenso verantwortlich an unserem Mitteilungsblatt arbeiten! Rudolf. Dohrmann übernahm es, über die Entwicklungen im Hinblick auf die Stifungsgründung zu berichten. Dabei ging er zunächst kurz auf die im vergangenen Jjahr von acht Mitgliedern organisierte und durchgeführte Israelreise ein, die uns neben wichtigen persönlichen Kontakten und Gesprächen mit Uberlebenden die Möglichkeit eröff- nete, mehrere Tage im Archiv in vad Vashem zu arbeiten. Archivleiter Herr Krakowski gab jede mögliche Hilfe. Auch die Reise nach Minsk/ Weißrußland- man war hier Gast des russischen Friedenskomitees— war für die Arbeit der Lagergemeinschaft sehr wichtig und erfolg- reich. Umer anderem konnte die Gruppe die Gedenkstätte Katyn und das Museum des»Großen Vaterländischen Krieges“ besuchen, und zwar nicht nur die öffentlichen Ausstellungen, sondern auch das Archiv. Dieses Archiv birgt viel Material, und man ist sehr bereit, dieses zur Verfügung zu stellen. S0 entstanden enge Kontakte zu anderen Archi- ven, die der Arbeit einer zukünftigen Stiftung sehr helfen können. Die Arbeit an der Stiftungsgründung ist in den letzten Monaten mit ihren intensiven politischen Veränderungen nicht immer leicht gewesen. Rudolf Dohrmann faßte zunächst noch einmal die 2Zielsetzung der Stiftung zusammen: 1. Es gibt bisher im gesamten Bundesgebiet keine Institution, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die vorhandenen Dokumente über Auschwitz-Birkenau-Monowitz zur Grundlage pädagogischen Mate- rials für Bildungsarbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen 2u machen. 2. Die Beschäftigung mit den Dokumenten und die pädagogische Umsetzung wird gekoppelt mit praktischer Arbeit, die der Erhal- tung der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau-Monowitz dient. 3. Die Bildungsarbeit im übertragenen und im praktischen Sinne geschieht zusammen mit jüdischen, polnischen, sowjetischen und Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. anderen Jugendlichen und Erwachsenen. Die schon bestehenden Arbeitsbeziehungen des Vorbereitungsteams für die Stiftung Auschwitz zu der Gedenkstätte in Auschwitz, zu Vad Vashem und nach Minsk können genutzt und ausgeweitet werden und zu Bezie- hungen mit ähnlichen Institurionen anderer Länder führen. 4.„Auschwitz mitdenken“ heißt Umgang mit der konkreten Gedenk- stätte Auschwitz-Birkenau-Monowitz und gleichzeitig Umgang mit dem Symbol Auschwitz, das auf viele ähnliche Stätten national- Sozialistischer Barbarei und des Völkermordes im Namen des deut- schen Volkes hinweist. §. Die Arbeit der stiftung Auschwitz muß von den Kindern und — Kindeskindern der Tätergeneration unsere Volkes geleistet werden. Anders ist geschichtliche Verantwortung der Deutschen weder lebbar noch glaubwürdig. In den letzten Jahren hat die Arbeit an der Stiftung immer umfang- reichere Formen angenommen. Allein in den letzten zwei Jahren sind in der Lagergemeinschaft mehr als 25 Vorst andssitzungen mit einer Länge von durchschnittlich vier bis fünf Stunden notwendig gewesen. Binzu kam die normale' Arbeit der Lagergemeinschaft mit ihren Donnerstags-Terminen, die Reisen, die Besuche in der Dowea, die Verhandlungsrunden mit Kirchenvorstand, Regionalverband, Land Hessen, Stadt Frankfurt u.v.m.. Im Laufe der Zeit hat man immer mehr gemerkt, daß eine Kombination dieser verschiedenen Arbeitsgebiete nicht mehr leistbar ist, daß die Arbeit an der Stiftung und die all- tägliche Arbeit der Lagergemeinschaft sich auch gegenseitig behin- derten. Dies führte dazu, daß die Mitglieder des Vorstandes und der Lagergemeinschaft, die die bisherige Arbeit an der Stiftung getragen haben, nicht mehr fähig und bereit waren, weiterhin unter den bishe- rigen Arbeitsbedingungen für den Vorstand der Lagergemeinschaft zu kandidieren. Da dies wahrscheinlich gleichbedeutend gewesen wäre mit einem Ende der Stiftung, entschloß sich der Vorstand einstimmig, eine Arbeitsteilung vorzunehmen, wobei die Arbeitsfelder in dem gegenseitigen Bewußtsein bestellt werden sollen, daß hier ein gemein- 0 Anſiegen verfolgt wird. Auf der Suche nach einem juristisch einwandfreien Weg, der gleichzeitig nicht zu einer Beeinträchtigung der Arbeit an der Stiftung wie auch der Arbeit an den anderen Zielen der Lagergemeinschaft führt, hat der Vorstand deshalb beschlossen, daß die Mitglieder der Lagergemeinschaft, die bisher die Sache der Stiftung getragen haben, einen eigenständigen Werein zur Gründung der Stiftung Auschwitz“ gründen sollen und sich in diesem Rahmen intensiv mit der Gründungsarbeit beschäftigen sollen. Dies geschah nach langen Gesprächen mit Mitarbeitern der Dowes; der Vorstand der Lagergemeinschaft hat mit dem neuen Verein einen Vertrag abgeschlossen, der die eindeutige, einzige Zielsetzung(Arbeit an der stiftung) ebenso vorsieht wie die treuhänderische Ubergabe der Dowea als Verhandlungsmasse an den neuen Verein(dieser muß sie in die Stiftung einbringen; kommt es nicht zu der Stiftung, s0 fällt die Dowea selbstverständlich an die Lagergemeinschaft zurück) 4 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. und die Zusammenarbeit beider Arbeitsbereiche, wo immer dies sinnvoll ist. Im Sinne der Arbeitsteilung liegt es auch, daß der Stiftungsverein sich als Trägerverein, nicht als Mitgliederverein verstehen soll; Mit- gliederverein ist die Lagergemeinschaft. Peter Gingold wies darauf hin, daß sich diese Funktionalisierung der Arbeit in dem Stiftungsverein auch insofern als nützlich erweisen kann, als jetzt ganz neue Gesprächs- partner sich den Stiftungsverhandlungen öffnen könnten, die dem Projekt bisher eher abwartend gegenüberst anden. Es ist verständlich, daß über diese Emscheidung des Vorstandes, die, dies sei nochmals erwähnt, einstimmig beschlossen worden war, die längste Diskussion entstand. Besonders war zu klären, warum dem Vorst and als einziger Weg die Ausgliederung des Arbeitsfeldes Stiftung möglich schien. In der Tat wäre die Arbeit an der Stiftung mit dem 6 Ausscheiden der bisherigen Träger der Gespräche sicher nicht nur vorläufig an ein Ende gekommen. Dieses Ausscheiden war jedoch nur durch diese eindeutige Trennung zu verhindern. Einhellig führten Rudolf Dohrmann und Hermann Reineck aus, daß der Vorstand aus dieser Uberlegung heraus, es dürfe kein Vakuum entstehen, seine Entscheidung getroffen habe. Die Stiftungssache sei schon sehr weit vorangetrieben und es wären sehr wichtige und schwierige Verhandlungen im Gange. Es darf keine Unterbrechung stattfinden. Diese intensive Arbeit sei jedoch auf dem bisherigen Wege von den Vorstandsmitgliedern nicht zu leisten. Fine Art Einzelabstimmung zur Probe ergab, daß die Mehrheit der Mitglieder den Beschluß des Vorstandes für richtig hielt: 25 waren dafür, 7 dagegen. Im Zusammenhang mit der Frage nach der Entlastung des Vorst andes wurde dieser Punkt noch einmal aufgegriffen. Es wurde überlegt, ob diese Vereinbarung mit dem Stiftungsverein einer gesonderten Bestä- tigung durch eine eigene Mitgliederversammlung bedürfe, dann könne eine Entlastung des Vorstandes auf dieser Versammlung nicht statt- finden. Die Mehrheit der Mitglieder war jedoch der Auffassung, daß der Vorstand für seine gesamte Arbeit während der letzten zwei Jahre, also einschließlich der letzten Entscheidungen, die Dowea betreffend, entlastet werden könne. Dem Antrag auf Emlastung des Vorst andes stimmten daraufhin 25 Mitglieder zu, 2 stimmten dagegen, 6 9 enthielten sich der Stimme. Da zuvor auch die Kassenprüfer festgestellt hatten, daß alle Eintra- gungen in den Büchern den Belegen entsprachen, alle Mittel sparsam verwendet worden sind und sie eine Entlastung des Vorst andes emp- fehlen, konnte damit eine Neuwahl des Vorstandes durchgeführt werden. ln den Vorstand wurden gewählt: Hermann Reineck zum Präsidenten(32 ja/l nein/1 Enth.), Manfred Pöpperl zum Generalsekretär(26/4/2), Gerhard Herr zum Sekretär(31/0/2), Annie Roßmann-Reineck zur Kassiererin(22/3/3), als Beisitzer: Lieselotte Thumser-Weil(28), Diethard Stamm(18), Wolfgang Gehrke(17). L Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 5 Alle nahmen die Wahl an, Manfred Pöpperl dabei unter dem Vorbehalt, daß er die Arbeit mit seiner Berufstätigkeit und den übrigen Tätig- keiten vereinbaren kann; das nächste halbe Jahr werde hierüber Aufschluß geben.. Andererseits bietet sich durch die Tätigkeit als Vorst andsmitglied der Lagergemeinschaft und als gleichzeitiges Vorstandsmitglied des Stiktungsvereins in der ersten Phase zumindest die gute Möglichkeit, die anst ehende Zusammenarbeit zu koordinieren. Eine Art Nachwort sei mir an dieser Stelle noch gestattet: Die Mitgliederversammlung liegt, während ich dies schreibe, etwa einen Monat zurück. Inzwischen haben beide Vereine sich konsolidiert, erste Sitzungen haben stattgefunden. Der erste Eindruck von der Duküntrigen Arbeit läßt die Hoffnung zu, daß die Operation gelungen ist: Die Gespräche über die Stiftungsgründung sind weitergegangen, auf der»Frankfurter Ebene“ sind wieder einige Schritte geschafft worden. Es liegt sicher noch ein langer Weg und viel Arbeit vor uns, aber ich denke, unter den neuen Voraussetzungen können wir es schaffen! —— Mitgliederversammlung am 24. 17. 1990, da war doch noch was von Diethard Stamm Ergänzung zum Bericht von Manfred Pöpperl! Ein Bericht über eine Jahreshauptversammlung ist für die Mitglieder gedacht, die nicht anwesend sein konnten und sich deshalb über einen wesentlichen Teil des Vereinslebens informieren wollen. Ohne Frage E geschah auf der letzten Mitgliederversammlung Wesentliches!, was über das hinausgeht, was Manfred Pöpperl- wohl in der Absicht ein etwas geglättetes und der Weihnachtszeit angemessenes friedliches Bild darzustellen— berichtet. Das Wesentliche! ist aber auch etwas Subjektives. Die Versammlung vom 24. 11. 90 barg für die Mehrheit der Nichtinsider auch viele Oberraschungen— wenn nicht Schocks—, so daß sicherlich subjektiv wesentlich verschiedenartige Eindrücke von den Anwesenden mit nach Hause genommen wurden. Mein Eindruck war bestimmt durch die Dominanz einzelner Personen des alten Vorsrandes, primär Generalsekretär und Präsident. Wenn unterschiedliche Gedanken und Ideen fruchtbar im Interesse des all- 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V la gemeinen Zieles von starken Persönlichkeiten eingebracht werden, so ist das nur zu begrüßen. Wenn aber Vorstellungen von bestimmender bis aggressiver Dominanz so vorgetragen werden, daß nur noch Raum kur überwiegend emotionale Auseinandersetzungen bleibt, so ist das bei der Lagergemeinschaft etwas neues. Fast zwei Stunden war per- sönlicher Schlagabtausch festzustellen, ausgelöst durch den Versuch, nebenbei einen Verein im Verein zu gründen, ohne dies inhaltlich ausreichend für die Versammlungsuehrheit zu begründen. Dann traten wiederum nebenbei in Fragmenten Gründe für das merkwürdige Verhalten von Vorstand und einigen Mitinsidern zu Tage: Es gab jahrelang schwerwiegende inhaltliche Differenzen im Vorstand. Nicht aus Zufall verließ den Vorstand der Teil, der Stunden vor der Ver- sammlung einen neuen Verein gegründet hatte. Nicht aus Zufall warf das komplette Redaktionsteam der Mitteilungsblätter das Handtuch. Warum legte man dann nicht gleich zu Beginn der Versammlung die 6 Karten auf den Tisch, auch die Karten, die bis heute noch unbekannt sind? Emweder hatten einzelne Vorstandsmitglieder permanent absolut abstruse Vorstellungen organisatorischer und inhaltlicher Art, dann hätte dies schon lange Thema einer Mitgliederversammlung sein müssen. Oder einzelne Vorstandsmitglieder scheuten eine offene Meinung, in einer bestimmten Form nicht durchzukommen!. Rudolf Dohrmann, der sonst besonnen und souverän in den Mitgliederversammlungen wirkte und am 24. 11. 90 sich im Gegenteil zeigte, hinterließ den Eindruck eines getroffenen Hundes mit den dann bekannten Reaktionen. Die starke Persönlichkeit Rudolf war zutiefst verletzt, da die Ver- sammlungsmehrheit die nur erahnbaren Motive und Gründe für den Vorstandskrach mit Mißtrauen himerfragte. Aus Verletztsein resul- tierten Rundumschläge in Nähe der Gürtellinie. Natürlich kann man Hermann Reineck nicht in die Nähe von Stasimethoden rücken.. Solche Sachen könnte man als persönlichen Knatsch' und mit einer schlechten Tagesform mancher Vorst andspersonen abtun, wären da nicht auch die deutlichen Hinweise auf grundsätzliche inhaltliche Meinungsverschiedenheiten gewesen, z. B. der Streit über die Zahl der Auschwitztoten. Muß ausgerechnet in der Lagergemeinschaft'so! mit dem Unterschied zwischen den Angaben ehemaliger Häftlinge und den sog. wissenschaftlich erhobenen Zahlen umgegangen werden? Da beides gleichermaßen subjektiv ist, kann getrost unterstellt werden, daß der Zahlenstreit nur ein Vorwand für ganz andere Dinge war. Das Abmei- Beln der 21 Gedenktafeln in Birkenau und Löschen des Hinweises auf die Zahl 4 Mio Opfer hatte schließlich auch nichts mit neuen wis- senschaftlichen Erkenntnissen' zu tun. Von einem Vorstand der Lagergemeinschaft kann man erwarten, daß inhaltliche Auseinandersetzungen nicht das Hobby einzelner Vorstands- mitglieder bleiben, zumal wenn der Umgang damit in Nichtaufarbeitung, Spaltpilz und persönliche Anmache mündet. Wenn Redaktionsmitglieder des Mitteilungsblattes und Werner Renz als einer, der eine sehr verschiedenartig interpretierbare Arbeit über die Opferzahlen geschrie- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. ben hat, im Mitteilungsblatt Hermann Reineck auf einen Leserbrief »diskriminierende und beleidigende Kußerungen“ faktisch grundlos unterstellen, so haut das in die gleiche Kerbe. Daß Werner Renz während der Mitgliederversammlung die Beendigung seiner Mitteilungs- blattredakteurstätigkeit neben allen weiteren Redaktionspersonen bekanntgibt, zeigt auch den nicht angemessenen Konfliktumgang. Die Mitgliederversammlung hat es deutlich gemacht: Wichtige und kompetente Persönlichkeiten sind über den Mangel an geeigneten Konfliktumgangsformen und verletzte Eitelkeiten gestolpert. Es bleibt die Hoffnung im Interesse der Sache, daß die engagierten personen der letzten Jahre nicht resignieren und ihren evtl. Frust mit Hilfe einer breiten Diskussion bei den Vereinsmitgliedern aufarbeiten. Vielleicht kommt man dann auch wieder zu interessanten und befrie- eenden Mitglieder- und Jahreshauptversammlungen. Man braucht es nicht unter den Teppich zu kehren: Die letzte war äußerst unschön Mieczyslaw Koscie Tod beim Arbeits lni ak kom mando! 1 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Dankeschön Allen Mitgliedern, Freunden und Unterstützern ein herzliches Pankeschön! für die Hilfe, welche wir seit Jahren erfahren. Das muß einmal gesagt werden, denn ohne diese Ihre/ Eure/Deine finanzielle Hilfe wäre vieles nicht möglich. Die Arbeit der Lager- gemeinschaft, das sind Veranstaltungen, die Herausgabe unseres Mitteilungsblattes, der, allerdings geringe Büroaufwand und nicht zuletzt die Freundschaftsaktionen für ehemalige polnische K?Z-Hãäft- linge bzw. deren Witwen oder Hinterbliebene. All das wäre ohne die Spenden von Euch allen nicht möglich gewesen. 4 Dafür allen Spendern deshalb noch einmal Danke! Und nun noch etwas: lch möchte alle bitten, soweit dies noch nicht geschehen ist, von dem Formular zur Abbuchung' gebrauch zu machen. Es ist für Euch ohne Bankspesen, Termine können nicht vergessen werden und wir können dann besser planen, weil man weiß, über welche Gelder man verfügen kann. Für alle Spenden, die auf unseren Einzahlungsscheinen eingezahlt werden(über DM 100,—), erhalten Sie zum Jahresende eine Spenden- quittung zur Vorlage beim Finanzamt. Für Beträge bis DM 100,— genügt der Einzahlungsschein. Zum Schluß noch eine Bitte: Bei Aussendungen(Einladungen, Mitteilungsblatt u. a.) bekommen wir immer wieder von der Post Rücksendungen mit dem Vermerk „Unbekannt verzogen“(oft per Aussendung 50-120 Stück!l). Das ist zum ersten verlorenes Portogeld und zum zweiten ist es sehr aufwendig 2Zeit und Geld— und oft fruchtlos, Nachforschungen anzustellen. Bitte verwendet das Formular Neue Anschrift“ aus unserem Mittei- lungsblatt! Dankel. Mit einem nochmaligen Dank für Eure Michilfe und den besten 6 Wünschen für 1991 verbleibe ich mit freundlichen Grüßen lhre A. Rossmann— Reineck Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 9 S Wenn Sie sich um Ihre Finzahlung für die nãchste Zeit nicht mehr kümmern wollen, lassen Sie einfach abbuchen, Sie Sparen Die Bank bzw. Postgebühren Einzugsermächtigung Ich bin bis auf Widerruf S monatlich Q halbjãhrlich mit der Abbuchung einverstanden. Q vierteljãhrlich T jährlich Anschrift On Konto Nr. Bankleitzahl Patum VUnterschrift Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e V., W-6309 Münzenberg, Schillerstraße 18 Der Verein ist als gemeinnützig anerkannt. Die Beitrãge und Spenden sind steuerlich abzugsfãhig. Eine Spendenbescheinigung wird zugesandt. AUSF0ULLENM EINMSENMDENM. ERLEDIGT. 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Offene Worte von H. Reineck nWir brauchen auch Sie/Dich!l“ Das neue Mitteilungsblatt ist etwas anders, als die letzten Nummern. Dies liegt daran, daß wir erstens sehr schnell— nur drei Wochen Zeit eine neue Nummer herstellen mußten, zum zweiten daran, daß sich ein neues Redaktionsteam bilden mußte. Trotzdem hoffen wir, daß Ihnen das neue Mitteilungsblatt gefällt; wir glauben, es ist besser lesbar. Inhaltlich konnten wir in der kurzen Zeit nicht größere zeitgeschichtliche oder wissenschaftliche Beiträge erstellen, doch wie schon der Name Mitteilungsblatt! sagt, sollen auch alle unsere Freunde und Mitglieder x unterrichtet werden über unsere Tätigkeit und unsere Veranstaltungen, 8⁸ Reisen u. ä.- Wie Sie aus der vorliegenden Nummer ersehen können, hat sich wesent- liches innerhalb der Lagergemeinschaft verändert. Es gibt nicht nur einen neuen Vorstand, auch die Dokumentationswerkstätte Auschwitz! DOWERA— gibt es in der bisherigen Form nicht mehr. Sie ist jetzt ein Teil des neugegründeten Vereins, Werein zur Gründung der Stiftung Auschwitzu. Selbstverständlich werden wir das Kind' der Lagergemeinschaft, diesen Stiftungsverein, unterstützen, und wir hoffen auf eine gute, gedeihliche Zusammenarbeit. Aber der Stiftungsverein! ist selbständig und unabhängig. Diese Abtrennung eines Teils der Lagergemeinschaft', der DOWEA, war für uns nicht leicht, doch der einzige Weg, um den gesteigerten Anforderungen sowohl der DOWEA als auch der Lagergemeinschaft gerecht zu werden. Es gab in den letzten zwei Jahren oft harte Auseinandersetzungen und Meinungsverschiedenheiten über den Weg der Lagergemeinschaft, als auch Mißverständnisse oder Nichtverstehenwollen, was in letzter Zeit oft zu einer fast unerträglichen Atmosphäre führte. Deshalb nochmals: S0 schmerzhaft eine solche Operation auch sein mag, es ist ein Weg zur Gesundung. 6 Die neue Situation erfordert, daß wir vieles neu organisieren und ver- ändern müssen, daß wir viele neue Mithelfer benötigen. Wir sind aber optimistisch und glauben, daß in wenigen Monaten zum Beispiel der Besuch unseres monatlichen Donnerstagtreffens durch unsere Mitglieder stark steigend sein wird. Eine größere Zahl von Mitgliedern hat schon jetzt signalisiert, daß sie zur Mitarbeit in diesem oder jenen Bereich bereit sind. Wir bitten Sie und Dich: Schreibt uns, wenn Ihr mitarbeiten wollt bei der Lagergemeinschaft Auschwitz. Für FEure Bereitschaft danke ich im voraus. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Schillerstr. 18, 6309 Münzenberg 1 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 11 Unseren Mitgliedern herzliche Geburtstagsgrüße 5 JANUAR 3. 1. Susanne Gräser 3. 1. Susanne Hainbach 4. 1. Uwe Wollst adt 4. 1. Dr. Hans Gaertner 9. 1. Hermann Reineck 11. 1. Hans Borel 13. 1. Joachim Bernecke 15. 1. Heinz Herrmann E 17. 1. Thomas Rolle 6 3 20. 1. Ingolf Spickschen 22 1 Patricia Krosch 3 22. 1. Michael Wahle 3 23. 1. Birgitta Werk-Lang 50 3 2 3 FEBRUAR 6. 2. Johanna Oberhauser 23. 3. 8. 2. Gerhard Lilienfeld 24. 3. 9. 2. Michael Wies 24. 3. 15 6i Get 25. 3. 11. 2. Etty Gingold 25. 3. 12. 2. Gottfried Bay 27. 3. 12. 2. Margret Modrow-Weimann 28. 3. 13. 2. Marianne von Sttingen 29. 3. 16. 2. Fritz Höper 30. 3. 16. 2. Karlheinz Weber 31. 3. 19. 2. Wolfgang Gehrke 31. 3. 19. 2. Frank Sygusch 20. 2. Wolfgang Schumann APRll- 20. 2. Wilfried Stranz 22. 2. Zdkislaw Jankiewicz 2. Hans Boss 28. 2. Brigitte Habig 28. 2. Hilde Leng 9. 4. 5 9. 4. MAR? 4. 4. 3. Oliver Nedelmann e 4. 3. Eveline Keusch 14. 4. 6. 3. Elke Jung 17. 4. 7. 3. Bernhard Krane 18. 4. 8. 3. Marion Beste 19. 4. 8. 3. Peter Gingold 20. 4. 8. 3. Franziska Hinz 21. 4 9. 3. Horst Jacke 26. 4. 12. 3. Thomas Fürst 2 14. 3. Dr. Ullrich Waldschmidt Renate Wanie Armin Clauss Gabi Schindler Boleslaw Stefanski Marianne Gross Barbara Flemming Edda Hertal Klaus Weimann Manfred Heckenauer Brigitte Stark Michael Wagner Hortense Habermann Dr. Michael Schulte Rainer Strobelt Daniel Hoffmann Ralf Neubert Ursula Krumme Peter Seib Andrea Voss Manfred Wittmeier Freidrich Eder Marcus Nedoma Erhard Penner Eberhard F. Schaeufele Brigitte Wiegand Ingrid Neubert Janina Haubenstock Helwig Wegner Matthias Tiessen Gerd Häuser lsabell Diehm-Frankenau Helmut Poppenberg Heinz Nellesen Klaus Bastiansen-Weidner Thomas Ormond Alfred Przybylski 12 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e. V. „Erste Studienreise 1991“ Am 01. 04. 1991 ist es wieder soweit!(Das ist kein Aprilscherz 1) Unsere erste Studienreise beginnt am 01. 04. 19911! Diese Studienreisen der Lagergemeinschaft Auschwitz“ sind schon zur„Tradition“ geworden und ein großer Teil unserer Mitglieder im„Freundeskreis der Auschwitzer“ kam über eine solche Reise zu uns. Warum dies so ist? Weil die Teilnehmer unserer Reisen mit den geschichtlichen Ereignissen des Nationalsoꝛialismus in Polen konfrontiert wurden. Dazu die vielen Kontakte mit noch lebenden ehemaligen K?ZHãftlingen. Das alles machte das damalige Geschehen begreiflicher und wurde zur Anregung etwas zu tun gegen neue Gefahren oder von ãhnlichem. Reisetermin: O1.04.— 13. 04. 1991 Reiseroute: Frankfurt/M.— Zgorzelec(Ubernachtung) Wroclaw Greslau)— Oswiecim (Auschwitz)— Brzezinka(Birkenau). Dort Wohnen im Lagerhotel, Führungen, Gespräche mit ehemaligen Haftlingen. Krakow— Stadtbesichtigung, Königsschloß, jüd. Viertel u. a. — Lodz— Kinder-KZ, Radogoszcz— Warszawa(Warschau)— Stadtbesichtigung, Pawiak, Ghettodenkmal, Gestapogefängnis, Hist. Museum, Treffen mit ehemaligen Hãftlingen u.a. Unterkunft und Verpflegung: Ab und bis Zgorzelec Vollverpflegung. Wohnen in Krakow und Wars?awa privat bei ehemaligen Häftlingen. Führungen, Fintrittsgelder im preis enthalten. Teilnehmerzahl: maximal 30 Personen. Relisepreis: PM 750,—. Anmeldeschluß: 15. 03.1991(Poststempel) Jeder Teilnehmer benötigt einen, bei Antritt der Reise noch mindestens 6 Monate gültigen, Reisepaß. Nach erfolgter Anmeldung erhalten Sie. ausführliche Information über die genaue Reiseroute— mit Programm, sowie unsere Broschüre„Polenreise“ Für alle Reiseteilnehmer planen wir ein Wochen- end-Vorbereitungsseminar.— Bitte melden Sie sich rechtzeitig an, damit wir Ihnen nicht mitteilen müssen:„Wir sind leider ausgebucht“ Anmelde-Postkarte liegt bei. — E ſreuen vich auf Vꝛe alt Teilnebmer 3 heꝛ unterer Neite: Anni umd Hermann RNeinec Worsaw B Rreko Pg Die Reisen können für Arbeitnehmer als„Bildungs- reise“, für Lehrer als„Lehrerfortbildungsreise“ genutzt werden.——— (Siehe Mitteilungsblatt 19, Seite 30) Genaueres können Sie bei unserem Mitarbeiter u. Mitglied Dr. Dieter Werner erfragen. Anmeldung an: Lagergemeinschaft Ausschwitz— Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Schillerstraße 18, W 6309 Münzenberg 1, Telefon(0 60 33) 6 01 68 Konto für Studienreise: Wetterauer Sparkasse(BLZ 518 3500 79) Konto-Nr. 0 020 000 660 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 13 Gedenktage Frinnern— Daten— Freignisse 19331945 ANUAR 13. 1. 1935 Volksabstimmung im Saargebiet(S1 für Dtsch. Reich) 20. 1. 1942 Wannsee-Konferenz: Endlösung der Judenfrage! 24. 1. 1939 Zentrale für jüdische Auswanderung 27. 1. 1945 Befreiung des KZ-Auschwitz durch die Rote Armee 30. 1. 1933 Hitler wird Reichskanzler 30. 1. 1939 Prophezeiung Hitlers über die Vernichtung der jüdischen Rasse in einem künftigen Weltkrieg 31. 1. 1943 6. Armee kapituliert bei Stalingrad FEBRUAR 5 1. 2. 1933 Auflösung des Reichstages 4. 2. bis 11. 2. 1945 Konferenz von Jalta 12. 14. 2. 1945 Zerstörung von Dresden 352. 26. 2. 1941 Streik in den Niederlanden gegen die Judenverfolgungen 27. 2. 1933 Reichstagsbrand 28. 2. 1933 Verhaftungswelle gegen komm. Funktionäre, Verbot der sozialdemokratischen 4 kommunistischen Presse MARZ 2. 3. 1938 Pastor M. Niemöller wird ins KZ-Sachsenhausen eingeliefert 5. 3. 1933 Reichtagswahlen: NSDAP 43,9%, SPD 18,3, KPD 12,3 F, DNVP 4 Stahlhelm 8 P, Zentrum 11,2 7. 3. 1936 Hitler läßt Truppen ins entmilitarisierte Rheinland einmarschieren 12 3 13. 3. 1938 Deutsche Truppen marschieren in Osterreich ein 13. 3. 1933 Dr. Goebbels wird Propagandaminister 15. 3. 1939 Einmarsch deutscher Truppen in Rest Tschechei!, Protektorat Böhmen und Mähren 5 22. 3. 1933 Errichtung des KZ-Dachau 23. 3. 1939 Einmarsch in das Memelgebiet 30. 3. 1941 Hitler erläßt Kommissar-Befehl'(6. 6. 41) APRlI. 1. 4. 1939 Ende des Bürgerkrieges in Spanien 1. 4. 1933 Boykott jüdischer Geschäfte 9. 4. 1940 Besetzung von Dänemark und Norwegen 11. 4. 1945 Selbstbefreiung des KZ-Buchenwald 19. 4. 1943 Aufstand Warschauer Ghetto(bis 16. 5. 43) 20. 4. 1938 Anmeldepflicht für jüdisches Vermögen 24. 4. 1934 Bildung des Volksgerichtshofes 26. 4 1937 Bombardierung der spanischen Stadt Guernica durch die deutsche Legion Condor! 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Gefühlsmomente wãhrend eines Auschwitz-Besuches Auschwitz—- Stammlager Während einer Arbeitspause gehe ien noch einmal Bloe dem Todesblock. Ich will diesem Ort einmal ohne Führung begegnen. lch gehe in den Keller— es wird dunkler; mein Ziel sind die Steh- zellen, die in einem Seitengang liegen. Jede mit weniger als 1 m Fläche, auf der bis zu vier Häftlinge eingepfercht waren. Lichtlose Löcher mit einer winzi- gen öffnung, die sich Luftloch' nennt. Eine der Zellen ist noch ich sehe durch die durch die die Häftlinge kriechen mußten, in das schwarze Innere und versuche mir vorzustellen, wie das ist, darin zu stehen, es ist eng, kalt, feucht, stikkig, stockdunkel; neben dir versagen einem die Beine, denn wer kan schon 10 Stunden am Stück stehen; einer kann vielleicht das Wasser nicht halten. Ich muß raus und gehe zu den anderen Zellen im Keller, bei denen bereits eine größere Gruppe steht, int akt; Offnung, hinein- nacht- die einen ziemlichen von Rainer Zuch Lärm macht; jedenfalls kommt es mir so vor. Hier wirkt alles zu laut. lch gehe an den Zellen vorbei, den Todeszellen, den Hungerzellen, in die Menschen hineingetrieben wurden, die luftdicht verschlossen wurden, damit sie erstickten oder verhungerten. Ich stehe nur da und schaue, und dann ist es wieder da, unerwartet, ein plötz- liches Gefühl der Trauer, scheinbar gegenst andslos, denn ich denke gar nicht an das, was hier pas- sierte, ich stehe nur da und sehe in die Zellen. Eigentlich hätte sich dieses Gefühl bei der Führung durch den Block schon 2eigen müssen, doch da bekamen wir Informationen, da traf uns der Ort zum ersten Mal. Jetzt, wo ich an nichts denke, hat die Trauer Platz. lch verlasse den Block und trete ins Freie. Die Sonne scheint, gelbes Herbstlaub liegt auf der Wiese, ein Bild des Friedens. Der Gegensatz önnte nicht größer sein. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Birkenau Mein Gott, wie riesig das ist. Der erste Findruck, den wir von dem Lager bekommen, ist der sich nach beiden Seiten erstrek- kende, nicht enden wollende Zaun mit seinen Wachtürmen. Unsere Gruppe hat einen polni- schen Menschen, der uns führt; Führer! zu sagen, wäre einfa- 5 cher, aber man wird hier sehr empfindlich für Worte und ihre Bedeutungen. Der Umgang mit unserer Sprache wird hier oft zu einem Suchspiel und zeigt nur immer wieder die letztend- liche Unmöglichkeit, wirklich passende Worte zu finden. Wir betreten den größten Fried- hof der Welt, und es ist kein Olt, an dem Menschen ihre letzte Ruhe gefunden haben. Damals gab es kein Grün, das heute friedlich den Boden bedeckt. Der Boden war schlam- mig, es war feucht und kalt, und das begann in den Häftlings- baracken mit ihrem Grund aus festgestampfter Erde. So etwas, dachte ich, gibt es nur in Alb- träumen: Ein Ort, an dem es kein Entrinnen gibt aus Kälte 5 und Nãsse, ausgemergelte Gestal- ten und Schlamm, Auge reicht, so weit das und keine Sekunde Ruhe. 10 Menschen auf Lagern für drei. Keine Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Welche innere Stärke muß ein Mensch haben, um das zu überleben. Der Himmel ist verhangen, ein leichter Wind geht. Ich bleibe ein wenig hinter den anderen zurück und stehe in einem der zahlreichen Tore. Ein heftiger Windstoß fährt durch die Luft, verfängt sich im Maschendraht und löst in mir ein seltsames Gefühl aus, in dem sich Beklemmung, Einsamkeit und eine schwache Ahnung vom hier herr- schenden Tod mischen. So schnell wie es kommt, verschwin- det das Gefühl wieder. - Wie soll ich mich diesem Ort nähern? Als wir am letzten Tag noch einmal nach Birkenau fahren, versuche ich es, indem ich von den vorgezeichneten Wegen und in offene Wachhäuser hineingehe, in Wachtürmen über zerbrochenes Glas und zersplittertes Holz steige, mich in den Silos, der Sauna! und den Baracken umsehe, aber das einzige, was ich erfahre, ist Eeere. In letzter Konsequenz bleibt Auschwitz unfaßlich. , 15 16 Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer e. V. von H. J. Günther Gedanken Nach so vielen Fahrten nach groß. Zigarettenqualm läßt mich Polen. Nach unendlich vielen wieder aufmerken. Hermann Diskussionen mit Betroffenen, grinst mich an; von der Straße mit Jugendlichen, mit Polen in aus ruft er zu mir hoch les polen bei Studienreisen, bei der Hermann wie er leibt und lebt; Weiterleitung von Paketen an ich kann mich dem herben Charme hilfsbedürftige Freunde. Nach all dieses Menschen nicht entziehen; diesen Aktionen hatte ich immer manchmal doch! das Gefühl, richtig gehandelt zu 6 haben. Wenn ich dann wieder zu An Schlaf ist erst mal nicht zu Hause war, brauchte ich erst denken. Bis Katowice sind's noch Abstand, etwas Ruhe. 200 km, d. h. rund vier Stunden noch. Meine Beifahrerin steigt in In Gedanken fuhr ich dann mit dem LKW über die Schlaglochpiste bei Dresden. Dachte an die Verspãtung, die wir schon hatten nach unserer lepzten Rast. Noch anderthalb Stunden, dann sind wir in Görlitz. Dann geht der ganze Zauber wieder los mit Kontrollen, Papieren, Warten. Der eine Zöllner bekommt ein Pfund Kaffee, der andere will meine geliebte Beatles-Cassette, na schön, sei's drum; Hauptsache wir kommen schnell weiter. In den etwas bequemeren Wagen zu solchen Augenblicken bin ich Hermann um, ein anderer Fahrgast Auschwitz, was die Emfernung steigt ein. Imeressant ist er, der betrifft, schon viel näher als zu Herr von und zu. Wir diskutieren Hause, aber in solchen Situationen über Gott und die Welt, Politik, geht mir nur durch den Kopf, die Grünen, Umwelt und was-weiß daß wir nicht müde werden ich-noch-alles. Er wird dabei dürfen, aufpassen müssen auf die immer lauter und rückt näher zu Straßen, weil wir alle schon mir herüber; wahrscheinlich hat 20 Stunden kein Auge zugetan er gemerkt, daß ich immer müder haben. Jetzt fährt Monika; sie werde. Auf dieser Fahrt werden macht das schon verdammt gut; wir meinen jetzigen Fahrgast hat sie doch noch nie so ein»Farl“ nennen; er ist uns in Riesending gefahren. Wo fahren vielem fremd, aber durch seine wir jetzt lang, Hajo?“ lch nenne Aufmerksamkeit und unsere ihr unseren nächsten Haltepunkt, Ungezwungenheit werden wir uns zünde ihr eine Mentholzigarette die Zeit über immer vertrauter. an und mache für 20 Minuten im Barney, der Typ, der mit LKW Sitzen eine Ubung Autogenes Nr. 2 unterwegs ist, blinkt unauf- Training. Die Müdigkeit ist riesen- hörlich; dann überholt er auch Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 17 ———— noch! Stop! Was ist los?“ ulch hab keinen Sprit mehr“, sagt er. In einem solchen Augenblick ist Auschwitz so weit weg wie NSER China! Ich falle also aus dem LKW und leuchte mit der Taschen- lampe in den Tank des anderen MONATLICHER Fahrzeugs. Das reicht noch bis Wladiwostok“, krächze ich, heiser von der Diskutiererei mit dem Farl. Und weiter geht's, nun aber etwas langsamer. 5 Bis zum ersten Halt nach Kato- wice, dann nach Auschwitz ins Lagerhotel. Die Nähe des Lagers läßt mich, wie jedes Mal, auch bei größter Müdigkeit hellwach werden. Aber nach einer Stunde bin ich fest im eingeschlafen, alle anderen übri- gens auch. Martin-NMiemõler-Haus Gerädert komme ich mir vor nach der kurzen Nacht, mißmutig Funkstraße 18 sitze ich beim Frühstück wegen des Frühstücks und der Ankündi- 6000 Frankfurt /Main gung Hermanns, daß wir gleich einen Rundgang durchs Lager machen werden. Eigentlich müßte ich beim Eintritt Rabatt bekom- men, so oft war ich schon hier. Lieber würde ich wieder ins Bett gehen, noch eine Runde 5 schlafen, aber dann interessiert 5N es mich doch, wie die Neuen' auf Auschwitz reagieren. Monoton sind die Kommentare der Pilotin, Donnersteg: die uns durchs Lager führt, fast beteiligungslos. Es ist ja für die Februar Frau, ihr Alter schätze ich auf 47 Jahre, auch nur eine Arbeit. 7. März Beim Ausgang werden alle schweigen, wie jedes Mal. 4 APril Hermann raucht ununterbrochen; auch eine Art zu reagieren, für mich verständlich. Auf dem 20 00 Uhr Wes nach Krakow ist Stillel———— 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. war Es liegt an uns, ob sich Auschwitz wiederholt. Der Juz-Abend über das Konzentrationslager der Nazis erfüllte seinen Zweck: Trauer, Betroffenheit, Bewußtseinsstärkung Bad Nauheim: Das Jugendzentrum in der Alten Feuerwache“ ist für Uberraschungen gut, positive wie negative. Zur Abwechslung gibt es wieder mal etwas Erfreu- liches zu berichten— auch wenn es sich um ein Thema handelt, das alles andere als Freude auslösen muß, eher Betroffen- heit, Zweifel, Wut und FTrauer: An einem Abend drehte sich kürzlich alles um das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz, errichtet von der nationalsozialisti- schen Schreckensherrschaft Deutschlands auf dem SGebiet Polens 1940, also vor 50 Jahren. lIm Rahmen einer Studienfahrt des Jugendbildungswerkes des Wetteraukreises waren mehrere Jugendliche im Oktober gen Osten aufgebrochen, um die Stätte der millionenfachen Ver- nichtung menschlichen Lebens kennenzulernen. In mehreren Seminaren hatte sich die Gruppe intensiv vorbereitet, und als man dann wieder zu Hause angekommen war, beschloß man, die Ergebnisse und Erlebnisse der Fahrt sowie Wissenswertes über Auschwitz einer breiteren Schicht von Inter- essierten zugänglich zu machen. Und so hatten sich denn etwa 60 Gunge und alte) Menschen im Mehrzweckraum der Alten Feuer- wache versammelt und sahen sich sogleich mit der Materie konfrontiert. Man wurde nicht einfach ein- gelassen, nein, man wurde von zwei netten Herren auf einen Platz geleitet, auf den man sich niederzulassen hatte. Die Absicht unverkennbar: Es sollte darauf verwiesen werden, daß es im Dritten Reich üblich war, den Leuten zu sagen, was gut war und was schlecht, was sie zu tun hatten und was nicht, wo sie zu sitzen hatten oder nicht. Und so saß man also allein mit einem Fremden an der Seite im abgedunkelten Raum, durch den ein Schein- werfer einer suchenden Hand gleich seine Strahlen sandte, und fühlte sich etwas unbehag- lich. Aus den Lautsprechern drang martialisch die Stimme eines der Demagogen von gestern, die es so glänzend verstanden hatten, ein ganzes Volks zu beeinflussen. Es war aber ein ungewöhnlicher, gelungener Beginn. Man erfuhr vieles über Auschwitz, über die Foltermethoden der Sadistischen 88- Krzte Mengele und Konsorten, die zweifelhaften und aufsehenerregenden Auschwitz- prozesse, wo plötzlich die Zeugen nicht mehr die Opfer waren, sondern wie Angeklagte erschie- nen. Anschaulich dargestellt anhand einer Szene aus dem peter-Weiss-Stück Die Ermitt- lung', in dem eine Zeugin zynisch gefragt wird: Wie konnten Sie das nur überleben?“ wurde gerade diese e Besonders allerdings Manfred Lieder eindrucksvoll! war der Vortrag von Lemm, der jiddische des Krakauers Mordechai Sebirtit ng nd die ee damit verständlich, ins Deutsche übertrug. Er singe*gegen das Vergessen“, erklärte er den Zuhörern. Er sang vom Ghetto, Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 19 vom zerstörten Heim und verst and S d der Juden zwischen den Noten deut- lich zu machen, sondern auch die aus Gebirtigs die Hoffnung, Liedern spricht. Foto Reid Manfred Lem sang jiddische Lieder Nach der Pause— jetzt durfte sich jeder dort hinsetzen, wo er wollte- kam Hermann Reineck zu Wort, einer der wenigen, die Auschwit? überlebt haben. Seine Ton-Dia-Reihe zeigte erneut, zu welchen Greueltaten das Wachpersonal und insbesondere die berüchtigten Capos(Krimi- nelle, die zur Bewachung von KZ-Häftlingen beordert wurden) fähig waren. Drei Monate war die durchschnittliche Lebensdauer eines zwangsarbeitenden K?Z-In- Sassen. Schließlich bot Hermann Reineck, ein gebürtiger Gsterreicher und jetzt in Münzenberg wohnend, die Möglichkeit zu fragen. Unter dem Strich blieb der Eindruck, daß die Verantwortlichen für diesen Abend ihr Ziel durchaus erreicht haben. Nämlich die Verstãrkung des Bewußtseins, daß so etwas nie wieder passieren darf. Die Angst vor neofaschisti- schen Tendenzen hatte zur Durch- führung dieses Abends einen weiteren Grund geliefert, und, wie Viinia Schaal, die als Mode- ratorin durch den Abend führte, es ausdrückte: Wir tragen die Verantwortung dafür, daß Ausch- witz nicht wiederkommt.“ Jens Reid Werterauer Wochenpost 27. 12. 1990 Einladung wird im Martin Niemöller Haus, Funckstraße 18 in Frankfurt 90 (Kuhwaldsiedlung) Prof. Klaus Fritzsche, Politologe der Universität Gießen zu dem Thema Der unsinnige Streit um die Zahl der Auschwitz-Toten— wem nũtzt und schadet er sprechen. Die Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer lädt zu diesem Abend sSie und lhre Freunde herzlich ein. — 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. VRIMK GEGEN DAS VERGFESSEN DEn URSrtRBucRN OPFERN Wenn lhr uns vergeßt, war unser Sterben vmsonst, Umsonst die Frõnen, die wir geweint, Umsonst die Quolen, die wir gelitten, Umsonst der Schweiß, der von uns geflossen, in tiefer Erniedrigung, schrecklicher Angst— Dos Graen, der ſod— Wenn lhr ons vergeßt, war onser Sterben vmsonst. 6 hr sollt auch nicht weinen um ons, Die lhr lebt in der Welt, lhr sollt nicht klagend die Hõnde ringen, Weil wir mit Foch nicht dos Flend erlebten, Weil wir Ache waren, als die Befreiung kam. Nicht weinen, denn ränen vernebeln den Blick, Machen blind, machern schwach. lhr aber mößt stark sein, stark föhlen, Stark denken, stark handeln, Klar und stark wie noch nie— Denn wieder reckt sich der Menschheit feind empor: laßt ns Jote leben in jedem Gedanken, Den lhr för die Sache der Merschheit denkt, In den Worten, die lhr sprecht, In Furen Parolen, in Furen Hõnden, Wenn lhr die Fahne tragt im großen Zog, Z0 dem lhr Foch zusammenschließt, 8 Und jubelnd alles mitreißt, Wos för die Menschlichkeit Und för den Frieden kõmpft. S0, lhr Bröder und Schwestern, sollt lhr an vns Jote denken: Dann haben wir nicht vmsonst gelitten, Nicht vmsonst sind wir dann als Opfer gefallen. Aos unsrer Asche steige lodernd und ſicht Der Mot koch zum Kampfe, zum Kampf för die Menschheit Und den Frieden der Welt! Roland Ernstbrunn Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 21 „ETZ SIEGT DiE WaHRHEI“— UMFANGRFEICHES AMGEBOT AM RECHTSEXIREMEM pROPnGANDAMAERIAl. Mit der Wiedervereinigung endet die Kra der Nachkriegsgeschichte. Jetzt muß Deutschland Gerechtigkeit widerfahren. Eine Neubewertung der Geschichte, die der Wahrheit dient, bahnt sich an. Mit weiter Verbreitung nachfolgender Titel können Sie diesen Prozeß zugunsten unseres Volkes nachhaltig unterstützen.“ So der Bundesvorsitzende der DVU und DPVU-Piste(Deutschland), der 5 Münchner Verleger von Deutscher Wochen-Zeitung“, Peutscher National-Zeitung“ und Deutschem Anzeiger“, Dr. Gerhard Frey, im September-Prospekt seines Deutschen Buchdienstes“(Freiheitlicher Buch- und Zeitschriften-Verlag GmbH*). Freys stark ausgeweitetes Angebot an rechtsextremem Propagandama- terial, das reißenden Absatz in der ehemaligen DDR findet, reicht von Büchern wie Asyl-Betrug und Uberfremdung“(DM 19,90) oder Wenn alle Brüder schweigen. Großer Bildband über die Waffen-SS (DM 96,50) über videos wie Die Leibstandarte Adolf Hitler“ (PM 149,—) oder Die 3. SS-Panzer-Division Totenkopf“(PM 149,—), Reichskriegsflaggen“ in unterschiedlichen Größen, Toncassetten wie „David lrving spricht: Der zweite Weltkrieg“, Kalender wie Peutscher Kalender“(Der bewährte Jahresweiser enthält wieder 24 herrliche patriotische Motive— teils farbig—, 1000 deutsche Gedenktage und 48 Porträts großer Deutscher. Ein Schmuckstück für alle Deurschge- sinnten“ zum Preis von DM 19,90) bis zu LPs wie PLieder unserer Fallschirmjäger“(DM 24,—), Spitzenreiter des Sommers“ ist nach Anga- ben des Brospektes das Buch Won der Maas bis an die Memel“. Frey, dessen Einfluß im rechtsextremistischen Lager in der Bundes- republik nach der verheerenden Niederlage des Wahlbündnisses DVU- Liste bei den Europawahlen im juni 1989(1,6) deutlich geschwunden ist, erlebt nun einen Verkaufsboom in der ehemaligen DDR. 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Rechtsextremismus in der ehemaligen DDR Festzustellen ist, daß seit öffnung der deutsch-deutschen Grenze am 9. November 1989 alle in der BRD vertretenen rechtsextremi- stischen Organisationen Kontakte in der DDR aufgebaut haben bzw. zwischenzeitlich Niederlas- sungen/Organisationen unterhalten. Sso waren beispielsweise schon am 10. November 1989 Kader des Bundes Heimattreuer Jugend“ (BH)), der zweitgrößten rechts- extremistischen Jugendorganisation der BRD, oder des Republika- nischen Hochschulverbandes“ (RHV) in Ost Berlin anzutreffen. Aufgebaut wird das rechtsextre- mistische Netz in der ehemaligen DDR überwiegend von bundes- deutschen Rechtsextremisten. Zugute kommt ihnen die Tatsache, daß sie schon ab Mitte der 80er Jahre konspirative Kontakte mit dem braunen Rand“ der DDR aufgenommen haben. Rassistische Hetze, ausländerfeind- liche Kußerungen, Parolen, Friedhofsschändungen, schwere Ausschreitungen von Skinheads gegen Sicherheitskräfte und Andersdenkende gehören heute zum normalen Alltagsbild in der DDR. Es zeigt sich, daß der National- S bewältigt wurde. Verwbrecher wurden zwar bestraft, aber Mil- lionen Mitläufer wurden zum Schweigen verurteilt. Der offi- zielle, verordnete Antifaschismus stellte die Hitler-Faschisten als Alleinschuldige dar, nicht als Deutsche. Rechtsextremisten jeglicher Couleur streben derzeit die Füh- antisowjetische rungsrolle im organisierten Rechts- extremismus in der DDR an. 8o bauen die Nationaldemokraten (bis vor kurzem: Mitteldeutsche Nationaldemokraten“- MND—) unter Führung des 2. Bundesvor- sitzenden der NPD in der Bundes- republik, des suspendierten Polizei- beamten Jürgen Schützinger, eine flãchendeckende Infrast ruktur auf. Die NPD will sich noch vor der Bundestags wahl im Dezember 19900 mit den MND zu einer Partei vereinen. Ahnliches gilt Frey, die das Gebiet der DDR regelrecht mit Material über- schwemmt. Die Republikaner selbst haben derzeit mindestens 1.000 Mitglieder, weitere 3.000— 4.000 Mitgliedsanträge liegen angeblich vor. Seit dem 13. August 1990 sind die REP als landesweite Partei in der D egi et Voraussichtlich werden sie den größten Teil des rechtsextremi- stischen Lagers bündeln; so ist Schönhubers Popularität in der DDR noch nahezu ungebrochen. Erschreckend ist die Zunahme von militanten Neonazis und deren zügig erfolgten Kont akt- aufnahme 2u westeuropãischen Gesinnungskameraden. Mitglieder der neonazistischen Nationalen Alternative(NA), die ihren Stützpunkt in besetzten Häusern in der Weitlingstraße(zeitweilig wohnen darin auch Mitglieder befreundeter rechtsextremistischer Organisationen aus der Bundes- republik und Gsterreich) im Ost-— berliner Stadtteil Lichtenberg unterhalten, touren so beispiels- weise durch Westeuropa. Paramili- tärische Wehrsportübungen im Juli/August dieses Jahres in Dänemark und Schulungen bei Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 23 Thomas Wulff(FAP Hamburg) und dem Alt- und Neonazi Walter Matthaei(Vorsitzender der Deut- schen Alternativen) standen bisher auf dem Programm. Ortsvereine der»Deutschen Alter- native. Die nationale Protestpartei“ (DA), die am 5. Mai 1989 auf lnitiative von Michael Kühnen als FAP-oppositionelle Partei in Bremen gegründet wurde, gibt es zwischen- zeitlich in Ost-Berlin, Cottbus, Rostock und Dresden. Auszug aus dem Parteiprogramm:*Schluß mit der Verzichtspolitik im Hinblick auf die deutschen Ostgebiete. Unverrückbares Fermiel bleibt die Rückgewinnung der geraubten Ostgebiete entweder durch die Einigung mit der Sowjetunion oder durch Nutzung des begonnenen Zerfalls der Sowjetunion.“ ha rolen dieser Neonazis wie Schlesien ist unsern, nPolacken raus“ finden auch bei Anhängern der DSU Gehör. So erzielte die DSU bei der Volks- kammerwahl am 18. März 1990 in Görlit? 25% der Wählerstimmen dank revanchistischer Wahlkampf- parolen. Forderungen nach Kon- stituierung eines Bundeslandes Schlesien und Rückgewinnung der Ostgebiete“ werden immer deut- Führung des Bundes der Vertrie- benen“(BVD) massiv unterstützt. CDU/CSU werden sich spätestens nach der nächsten Bundestagswahl mit diesen Themenfeldern ausein- andersetzen müssen. Einig sind sich DDR-Rechtsex- tremisten im Kampf gegen Ausländer/ Punks/ Homosexuelle Angehörige der bewaffneten Organe/ Angehörige der sowjeti- schen Streitkräfte und ten für die Ostgebieten. im Eintre- Rückgewinnung der See e e Neonazis, Skinheads und Fußball- fans miteinander verzahnt. Sie bilden ein explosives Gemisch, das zur Konstituierung einer Rechten Armee Fraktion“ führen kann, deren Vobild der*schwarze Terrorismus!(zu erinnern ist in diesem Zusammenhang an das scheinbar sinnlose Bombenattentat in Bologna) werden könnte. Kriminaloberrat Bernd Wagner vom Ostberliner Innenministerium schätzt den harten rechtsextremi- SiS Personen, den Kreis der Sympa- thisanten auf ca. 10.000. lIn verstärktem Umfang breiten sich auch religiöse Sekten (Gottismus statt Marxismusi) in der ehemaligen DDR aus; hervor- zuheben sind die faschist oide Mun-Sekte und die Scientology Kirche“, die allein in Ost-Berlin über 10.000 Dianetik-Bücher ihres Gründers Ron Hubbard verkauft haben soll. Ein führer- loses Volk auf dem Weg nach Sicherheit und Glück. Probleme auf dem SSe 6e ehemaligen DDR werden massiv verschärft. Ein Protestpotential tut sich in der Folge auf, das sich rasch rechts- extremen Parteien(einfache Lösungsmuster?ur Bewältigung der Krise; z. B. Ausländer raus¹) zuwenden wird. Die sozialen 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. REVQNMCHISMUS IN DER BUNDESREPUBLIK 20.000 Broschüren zum Themen- gebiet Die deutschen Ostgebiete - aus staats- und völkerrechtlicher Sicht“ verschickt zur Monatswende August/September 1990 der in Struckum/Nordfriesland ansässige Deutsche Rechts- und Lebens- schutz-Merband e. V.(DRlV), der es sich zum Ziel gesetzt hat, der Wahrung zentraler deutscher Lebens- und Rechtsinteressen schreiben der ca. 60 Seiten umfassenden DIN-AS-Broschüre teilt der DRLV-Bundesvorsit- zende, Roland Bohlinger, den Leserinnen des unaufgefordert zugegangenen Heftes mit: Liebe Freunde Kein Volk gedeiht Ost deutschlands: ohne Rechts- staatlichkeit. Aber besitzt der heutige restdeutsche Staat— unser Staat vermag ich nicht 2zu formulieren— den Charakter der Rechtsstaatlichkeit, - wenn dessen Führung etwa ein Drittel uralten deutschen Landes ohne Zustimmung des Volkes an einen anderen Staat abtritt; - wenn die Abtretung gegen fundamentale Prinzipien des Völker- und Staatsrechts ver- stößt; weitgehende Austreibung und Ausraubung sowie reilweise Ausrottung der dortigen deut- schen Bevölkerung vorausging?“ Nach Eigenangaben von Bohlinger verfügt sein Verband über mehr als 130.000 Anschriften nur aus dem sogenannten nationalen und völkischen Bereich“. Dazu kommt noch eine*große Zahl von An- von Anton Maegerle schriften aus dem konservativen Bereich und aus Kreisen der Vertriebenen“(Juni-Rundbrief). Bohlingers Aktion läuft im Rah- men eines wolkspädagogischen Feldzuges“, den dieser mit Schrei- ben vom 5. Juni 1990 bundesweit angekündigt hatte. Gestartet Wurde de ed Verbreitung einer Berliner Erklä- rung zur Zukunft Deutschlands“ vom 31. Mai 1990, die in enger Anlehnung an einen Tent der Rechtsverwahrung“ des Präsidiums der Nationalversammlung des Deutschen Ostens“ vom 1. April 1990 entstanden ist. Bezüglich der Gebiete des Peutschen Reiches, die jenseits der sogenann- ten Oder-Neiße-Linie liegen“, stellt die Berliner Erklärung fest, daß diese Gebiete und deren angestammte Bewohner“ ihr Wohnrecht und ihr dort gelegenes Eigentum nicht verloren“ haben. Der Erklärung ist ferner zu entnehmen, daß'*die Unterzeich- Rechtsverwahrung () gegenüber jeder Form der Aufgabe der völkerrechtlich gesicherten Rechtsansprüche auf die genannten deutschen Ostge- bieten einlegen.„ Bohlingers revanchistische Auf- fassungen sind selbst in dem DRLV Hetzblatt“ nachzulesen: - Eine Abtretung der deutschen Ostgebiete und des Sudeten- landes verstößt gegen das geltende Völkerrecht, Verfas- sungsrecht, Strafrecht und Priaeei Frage auf, ob damit die Be- fürworter der Abtretung als Rechtsbrecher einzustufen sind. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 226 — Da eine Abtetung nicht deut- Ausbau seiner Kampagne. 80 soll schen, sondern allein auslän- in den nächsten Tagen eine dischen lnteressen dient, Analyse des polnischen Volkstums ergibt sich daraus als nächste Frage, inwiefern die Abtretung als Volks- und Landesverrat zu werten ist.“ Der antisemitische DRLV-Bundes- vorsitzende, der in seinem Begleit- schreiben auch für»die beiden in Sachen Ostpolitik am kompro- mißlosesten auftretenden opposi- tionellen Presseorgane: Den Schlesier! und den Anzeiger der Notverwaltung des deutschen Ostens!“ wirbt, plant den weiteren und seiner Geschichte“ erscheinen, die es nermöglicht, viele Beson- derheiten und Verhaltensmuster unseres östlichen Nachbarn besser zu begreifen und für eine kon- struktive Politik zu beachten“. Geplant ist ferner auch ein lnternationales Völkerrechts- Symposium“ sowie der Aufbau eines Forums“, vauf dem alle oppositionellen Gruppen in der Frage der deutschen GOstgebiete vertreten sein sollen“. 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Weihnachtspaket-Aktion für ehemalige polnische KZ-Häftlinge von Matthias Tiessen Wie seit Anfang der achtziger Jahre üblich, ist auch im vergangenen Jahr wieder kurz vor Weihnachten von der Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e. V.“ eine Paketaktion für ehemalige polnische KZ-Häftlinge und deren Hinterbliebene durchgeführt worden. Grundvoraussetzung hierfür waren zunächst einmal die groſzügigen Spenden von etwas mehr als DM 42.000,—, die restlos den Paketemp- fängern zugute kamen! Doch bis es soweit war, mußte ein Rad ins andere greifen: Vom Leiter des HIT-Kuhn-Marktes! in Leihgestern bei Gießen(diese Schleichwer- bung sei erlaubt!) wurden großzügig die Räumlichkeiten zum Packen zur Verfügung gestellt, so daß nach Zusammenstellung und Großeinkauf der Artikel sowie Bereitstellung von Paletten und Packmaterial, an einem Wochenende im Dezember letzten Jahres ans Packen gegangen werden konnte. Freitags reiste eine Schülergruppe aus Mühlheim/Main an und klebte 1.000 Pappkartons, die dann Samstag und Sonntag von zahlreichen weiteren ehrenamtlichen Helfern aus Mittelhessen, dem Rhein-Main- GSebiet und Wittlich in der Eifel gepackt wurden. In fröhlicher Runde(wirklichl) gab es— bei Kaffee und kKuchen in den Pausen— folgende Arbeitsschritte: Mit Hilfe von Einkaufswagen stellte der Einkäufer“ die 34 packstücke zusammen, die sich aus 23 verschiedenen Artikeln, wie z. B. Ananas, Kaffee, Schokolade, Kakao, Speiseöl, Weihnachtsgebäck, Kerzen u. a. m. zusammensetzten; langjährige Lageristen deckten die Nachfrage durch Offnen und Bereitstellen der Großackungen, und schließlich erfüll- ten auch die Packer! zu aller Zufriedenheit ihren Job! Zusätzlich zu den 1.000 Lebensmittelkartons kKomplettierten noch 320 paar neue Schuhe, 10 große Kleiderkartons und diverse Medikamente die Warenladung, die auf einen 24-Tonnen-LKW verfrachtet wurde. Den kostenlosen Transport nach Krakòw mit eben diesem LKW übernahm die poſniscfié Spedition PEKAEs; die Weiterleitung von Krakòw aus in die zahlreichen anderen Städte und anschließende Einzelverteilung wurde von ehemaligen polnischen KZ-Hãäftlingen selbst organisiert. Dadurch, daß so viele Zahnräder ineinandergriffen, konnte rechtzeitig zu Weihnachten 1.000 Menschen, die unsägliches Leid erlitten haben, eine kleine Weihnachtsfreude bereitet werden. Dies ist sehr positiv angesichts tausender ehemaliger KZ-Häftlinge, die letztes Jahr leer ausgingen, aber schon der Blick in die(nicht ferne) Zukunft: So sicher Weihnachten 1991 kommt, so sicher freut sich die Lager- gemeinschaft! über jede Unterstützung der nächsten Weihnachtspaket- aktion für qe KZHäftlinge. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 27 Anfangen- Kraft der Vision Wenn wir von Katastrophen erfahren, aus der Zeitung zum Beispiel, dann sind wir wie gelähmt, es stört unser Gleichgewicht. Einige wenige nur handeln dann, zeigen Engagement und haben eine Vision. Das Sleichgewicht unserer Seele, die Balance des Inneren versucht wieder ins Lot zu kommen durch die Vision. Die Chance, so etwas zu entwik- keln haben wir alle. Nur halt eben sehr unterschiedlich ausgeprägt! Der geniale Wissenschaftler wird Visionen anders erleben und äußern als ein Künstler; es hat sehr viel mit Persönlichkeit zu tun. Das neue Mitteilungsblatt soll ein Forum sein für alle Leute, die ihren Visionen Raum geben wollen, in Wort und Bild. D Diese vorliegende Ausgabe steht sozusagen am Anfang einer neuen Entwicklung von Auseinandersetzung untereinander. Wieder mehr vom Anderen' zu erfahren und dies mit dem Bewußtsein, eine interessierte Leserschaft hiner sich zu wissen. AKTUELLE INFORMATIONEN- TERMINE- MEINUNGEN- LESER- ZUSCHRIFTEN- WISS. ABHANDLUNGEN- NEUIGKEITEN- VERAN- STALTUNGEN- POLITIK. Liebe Leserlnnen(Mitglieder und Freunde), hiermit möchte ich Euch zu Eueren Visionen auffordern! Hans-Joachim Günher(Redaktionsleitung) Adressenãnderung: Bitte teilen Sie uns pei Wohnungswechsel Ihre Neue Anschrift“ mit. Wir haben pei unserer letzten Aussendung etwa 50.60 Retouren mit dem Vermerk*unbekannt verzogen“ von der Post erhalten. Die Nachforschungen nach der neuen Anschrift sind Sehr Zeit- und Geldaufwendig, dazu meist erfolglos. Sicher sind Sie an unserer weiteren Arbeit interessiert, aber wie sollen wir Sie informieren, wenn..?7 S Neue Anschrift: 2 ue Ansc Straße, Haus-Nr. E Dann füllen Sie bitte diesen Abschnitt aus, kleben ihn auf eine Postkarte und schicken ihn an folgende Adresse: Lagergemeinschaft Auschwitz Schillerstraße 18 W-6309 Münzenberg 1 ₰ Name 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Leserbriefe Die Zahlen der Toten von Auschwitz! von M. Treinen-Fürst, So notwendig die Richtigkeit, wer auch immer sie bestimmt, von historischen Angaben in der Beschäftigung mit dem Massenmord von* Auschwitz ist, die im MB 19 vorgetragenen Argumente sind, wenn überhaupt, nur z. T. nachvollziehbar. Müßte ich um 4 Millionen Opfer mehr trauern als um 1,2 oder 1,5 Millionen? Oder könnte mich die Tatsache, daß inur! 1,2 Millionen ermordet wurden, über irgendwas beruhigen? Wohl kaum. Im übrigen: Die vermeintlich existierende wis- senschaftliche Korrektheit bzw. Objektivität hat nur dann Sinn, wenn sie nicht zum Selbstzweck wird. Außerdem dienen Zahlenspielereien! häufig nur dazu, sich aufdrängende Erkenntnisse leugnen zu helfen. Von diesem Zahlenstreit! mal ganz abgesehen, gibt es noch einiges zum MB 19 zu sagen: 1) Man mag zu G. Wellers stehen, wie man will, aber den Versuch zu unternehmen, eine Stellungsnahme zu seinen Kußerungen als»diskri- minierend und beleidigend“ abzuqualifizieren, kann nur als schlichte Unwerschämtheit gewertet werden. Diese Unverschämtheit erfährt „ dann noch eine Steigerung, wenn, wie im vorliegenden Fall, überhaupt keine Beleidigungen formuliert wurden. Laut G6 findet keine Zensur statt, und auch eine freiwillig arbeitende Redaktion sollte sich daran halten. Aber das ist wohl bei wissenschaftlichen Auseinandersetzungen so üblich, daß man die eine Meinung zähnefletschend verteidigt und dabei eine konträre Meinung undemokratisch abbügelt, gell? 2) In Zukunft sollte diese Reaktion sich nicht nur um Korrektheit!„ bei Zahlen, sondern auch um die Einhaltung bei Terminen bemühen. Wenn ich einen termingebundenen spendenaufruf(“Weihnachtsspende“) erst am 22. 12. 90(zusammen mit dem MB) erhalte, ist das entweder Schlamperei oder kaum kaschiertes Desinteresse. Aber es passiert ja nicht zum erstenmal, daß das MB einen Termin bekanntmacht, der schon längst abgelaufen ist. Fazit: Es ist keine Kleinigkeit, ein solches Blatt zu machen(eigene Erkafrung), aber wenn man sich, aus welchen Gründen auch immer, in Randgebieten(und nichts anderes ist der Zahlenstreit! in meinen Augen, wenn man die gesamte Arbeit der Lagergemeinschaft“ sieht) verfranst, dann geht das Gesamtergebnis eben den Bach runter. M. Treinen-Fürst, Am Bollwerk 27, 6308 Butzbach Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 29 Zahlen: richtige— falsche von Inge Protzner-Kaufmann Heute, am 28. 12., erhielt ich Ihr Mitteilungsblatt Nr. 19— 11/901 Als erstes: Seit 1963 habe ich Kontakte nach Polen. Inzwischen sind persönliche, fast familiäre Freundschaften/Beziehungen entstanden. Hier bin ich jeden Monat auf Anforderung(über die Volkshochschule oder die Gesellschaft für christlich- jüdische Zusammenarbeit) in einer Schule und führe Gespräche mit schülern: 1001 Fragen! Viel lnteresse und, soweit ich es beurteilen kann, funktioniert es Ssehr gut: Zeitzeugin- Zeitzeugnis. Wie lange können wir es noch? Die Erlebnis- generation beginnt auszusterben. Meinen 19. und 20. Geburtstag habe ich selber in einem Lager zugebracht; so weiß ich, wovon ich spreche! Brennendes Thema— Ihre Mitteilung, die Seiten 13121: Zahlen— richtige, falsche. lch habe da næine eigene Berechnung. Vereinfachen wir. Erbsenzählen ist sowieso schlimm genug, wenn es um Menschen, Menschenschicksale, Menschenleben geht. Aber es gibt Zähler und Statistiken. In den Lexika von 1932 findet man Angaben, daß rund 10 Millionen Menschen jüdischer Religion“ in Europa lebten! Davon rund 500.000 in Deutschland und 3,5 Millionen in Polen, usw.. Tatsache ist, daß von diesen Menschen etwa 5 bis 6 Millionen 1945 nicht mehr leben. Stellen wir folgende Uberlegung an: Nur in Deutschland wurde den Menschen jüdischer Religion ihre deutsche Staatsbürgerschaft abgespro- chen. Die anderen blieben Bürger ihrer Staaten und wurden in diesen nach 1945 jeweils als Tote ihres Staates mitgezählt! Wenn 2. B. Polen(immer ca.-Zahlen) 6 Millionen Zivilverluste angibt, so ent- halten diese die 3,5 Millionen Polen jüdischer Religion. Wie war das mit den in der Sowjetunion 1941 lebenden Juden, sowohl P sowijetischer als auch anderer(Flüchtlinge) Nationalität, die teilweise nirgendwohin transportiert wurden, sondern sofort an Ort und Stelle ermordet wurden und in Massengräber verscharrt wurden? Wer kennt überhaupt deren Zahl“? Wenn jetzt ein ganz schlauer hingeht und alle diese Zahlen aller Länder addiert, stimmt das nie; da sind praktisch, außer den deutschen Juden, fast alle jüdischen Bürger doppelt gezählt. Diese europäischen Staaten mußten das so machen, anderenfalls hätten sie Hitlers Rassen- politik! mitvollzogen! Das hat mit antisemitischen(vorübergehenden) Strömungen nichts zu tun; die blieben ja trotzdem Bürger ihrer Staaten. Das ist das eine. Das zweite sind die Lager: Auch hier zählt man als Ermordete nur diejenigen(Juden und Nichtjuden), die im Sinne des Wortes ermordet wurden. Alle, die an nichtbehandelten Krankheiten, an Unhygiene, an durch Unhygiene ausgebrochenen Seu- chen, an-sich-tot-arbeiten umkamen, werden nicht als ermordet gezählt“! 30 Lagergemeinschaſt Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Ich zitiere immer jenen frz. Arzt, der keststellte: Die Lagerrationen waren, gemessen an der geforderten Arbeit, bewußt so bemessen, daß der Lagerhäftling voraussichtlich in spätestens neun Monaten starb! Diese gelten nicht als ermordet! Das muß man sich tatsächlich vergegenwärtigen. Auch bei den Prozessen wurde so argumemiert! Auch Arolsen meldet auf Anfrage: Verbleib unbekannt, verschollen, aus unbekannter Ursache verstorben. War im Lager Auschwitz, wurde von dort nach Buchenwald verlegt; weitere Unterlagen liegen nicht vor! lch besitze solche Dokumente aus meiner Familie. Und wer hat wann behauptet, die 6 bis 6 Millionen verschwundener Juden seien nur in Auschwitz umgekommen? Gab es nicht auch lzbiza, Lublin, Majdanek, Treblinka, Sobibor, Belczek, Groß Rosen, 6 Stuthof, Buchenwald, Ravensbrück usw. usw.? Und zu welcher Gruppe werden die Toten des Warschauer, des Lodzer, des Krakauer und anderer Ghettos gezählt?(Gezählt— mir dreht sich bei diesem Wort immer der Magen um). Und die verschiedenen Todesmärsche zwischen den Lagern— die auf den Transporten umgekommenen? Sind diejenigen, die als Tote aus den Güterwaggons bei Ankunft an der Rampe herausfielen, keine Auschwitztoten? Was ist das für eine Infamie, wenn da jemand ausrechnet, wieviele bei der Kapazität der Gaskammern pro Tag umkommen konnten— und deshalb die Zahl“ von. Millionen nicht stimmen könne? Und wo bleiben die Opfer medizinischer Versuche? Wo bleibt Theresienstadt, usw. usw. 5 Wo, bitte, soll man beginnen zu zählen? Jede Familie hat ihre Toten'gezählt“ und betrauert; und da fehlten nun mal runde 5,5 Millionen, einige mehr oder weniger Bei den Ermordungen in der Sowjetunion wird man die genaue Zahl nie feststellen können. Wenn ich jetzt diese Woche, zwei Tage vor Weihnachten, eine Fünf- zeilenmeldung in der Aachener Volkszeitung lese: Die Präparate von„ Nazi-Häftlingen, die sich noch in medizinischen Laboratorien befanden, sind jetzt beigesetzt worden.“——— Wo beginnt das, wo endet das? Warum so viele Worte. Tut mir leid, als selber Betroffene läuft es halt manchmal über. Und es ist vielleicht wichtig, auch für lhre Akten dort, solche Aussagen zu sammeln. Es ist irgendwie ein Trauerspiel, daß man 1991 immer noch aufklären muß. Wenn uns 1945 jemand erzählt hätte, daß wir uns bis zum Lebens- ende rechtfertigen müssen, dem hätten wir sicher nicht geglaubt. Es hat 1945 nicht nur sichtbare Trümmer gegeben— und diese unsicht- baren Trümmer sind immer noch nicht beseitigt. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. 31 lch wünsche lhnen für lhre weitere Arbeit viel Erfolg. Eins weiß ich sicher: Von meiner Familie wurden sechs Menschen ermordet— von vieren habe ich den Nachweis'— und die zwei anderen: Aachen, Köln, lzbica(bei Lublin)— und Leere! Aber in Arolsen werden nur die vier nachweisbaren gezählt, und von diesen zwei als vermißt“, einer wohl auf einem Todesmarsch, aber das zählt“ eine Statistik nicht, es ist nicht beweisbar!.. Tja, bleiben von unseren sechs Toten eigentlich nur zwei, die als ermordet gelten! lch überlasse es lhnen, diese Zahlen zu übertragen auf die»große Zahl“. B X X N X N X X X N N = Buch-Empfehlungen Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte Die Pläne der Nazis nach dem Endsieg von Ralph Giordano, Rasch& Röhring, Hamburg 1989, 384 Seiten, DM 39,80 WVierzig Jahre nach Auschwitzu Deutsche Geschichtserinnerung heute ₰ von Christian Meier, C. H. Beck Verlag BsR 373, 150 Seiten, DM 16,80 Erfahrungen mit einem Buch' Die zweite Schuld oder von der Last Deutscher zu sein, von Ralph Giordano Kleine rote Reihe 1, 1990, 46 Seiten, DM 9,80 . um nicht schweigend zu sterben“ Gespräche mit Uberlebenden aus Konzentrationslagern von Angelika Pisarski, Profil Verlag Dachau, DM 29,80 85 Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Die Untergegangenen und die Geretteten“ von Primo Levi, Hansa Verlag 1990 „Die Kinder von Auschwitz“ von Alwin Meyer, 240 Seiten, DM 48,— Das Unternehmen Bromberger Blutsonntag““ von Günter Schubert, Bund Verlag Köln 1989 222 Seiten, DM 19,80 nAnne Frank— Die letzten sieben Monaten von Willy Lindwer, Augenzeugen berichten 6 aus dem Niederländischen von M. Pressler, S. Fischer Verlag, Frankfurt 1990 255 Seiten, DM 34,— „Die Kinder des Houlocaust“ Gespräche mit Söhnen und Töchtern von Uberlebenden von Helen Epstein, dtv- Nr. 11276— DM 15,60 Auschwitz-Birkenau— Eine Erinnerung, die brennt, aber sich niemals verzehrt“ von Adam Bujak, Herder Verlag 120 Seiten, DM 29,80 „Die Ermordung der europäischen Juden“ Eine umfassende Dokumentation des Houlocaust. Herausgegeben von Peter Longerich, Piper Verlag München, 479 Seiten, DM 26,80 „Die braune Machtergreifung— Universität Frankfurt 1930— 1945* Herausgegeben vom ASTA der J. W. Goethe— Universität, 6000 Frankfurt 224 Seiten, DM 10,— Lagergemeinschaft Auschwitz— Freundeskreis der Auschwitzer e. V. LAGERGEMEINSCHAFT AUSCHWTZ aSCrMM2 FREUNDESKREIS DER AUSCHWIAZER e. V. 6 Schlerstraße 18 W.6309 MUrenberg 1 Telefon(0 60 32) 6 0168 Sparasse Wetterau GlZ 518 500 79) Korto-Nr. O 020 000 503 hostschecſorno FranfurtMeln GlZ 500 100 60) Horſto-Nr. 51 664—608 Beitrittserklärung Vorname Anschrift, Straße, PLZ, Ort Geburtsdatum— Fitel, acad. Grad, Beruf Q Haftl. im KZ Auschwitz vom Hãftl.-Nr. Q Häftl. in anderen Lagern, Gefängnissen, etc. ₰ Angehöriger des ehem. Auschwitzhäftlings Haftl.- Nr. Q Freundeskreis der Auschwitzer Datum des Beitritts Unterschrift Zutreffendes bitte ankreuzen E HELFEN SE UNS! WERDEN SE MGLHED M FREUNDESKRES Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. lmpressum Herausgeber Lagergemeinschaft Auschwitz— Freundeskreis der Auschwitzer e. V.* Verantwortlich: Hermann Reineck, Schillerstr. 18, 6309 Münzenberg 1, Tel. 06033/60168 Redaktion: Hajo Günther, 8700 Würzburg, Mitarbeiter: Diethard Stamm, Wolfgang Gehrke Auflage: 2.000 Exemplare. Die Mitteilungen“ erscheinen vierteljährlich Nachdruck von Artikeln gegen Belegexemplare gestattet. S CHAFT AUSCHWT2 18 DER AUSCHWTZER e.V. AUSCHMWITZ Farbkarte 613 Mitteilungsblatt 1/1991