LAGERGEMEINSCHAFT AUSCHWTZ FREUNDESKREIS DER AUSCFHWTAZER Holocaust S un L F. àk*4 1⁸ — Startseite der Wattpad-Geschichte„Holo- caust“ von patrickstar760(Ausschnitt) [houqhis Bung the Sti Of Ausewi — Death Camp olocaust Survwor Oka Ausschnitte aus den TikTok-Kanälen von Gtovafriedman und Gtabeajoanna ern en Der Holocaust in den„Ssozialen“ Medien Möglichkeiten und Gefahren Anne Franks Tagebuch — anzeige 43. Jahrgang Mitteilungsblatt, August 2023 Inhaltsverzeichnis Seite Der Holocaust in den„sozialen“ Medien 1 „Porjamos“- das Verschlingen 11 Gedenken an den Võlkermord an den Roma und Sinti „Ich bin angekommen“ 12 Carmen Spittas erster Besuch in der Gedenkstätte Auschwit?z „Primo Levi wiedergelesen 16 Vor 76 Jahren erschien„Ist das ein Mensch“ Sonderbehandlung 25 Neuauflage von Filip Müllers Augenzeugenbericht über das Sonderkommando õffnet eure Augen und Herzen 26 Appell des Internationalen Auschwitzkomitees zum Weltflüchtlingstag Von Passivitãt kann keine Rede sein 27 Selbstbehauptung und Widerstand von Juden und Jüdinnen Der Sektionsraum im Krematorium I 30 Der Gerichtsmediziner Dr. Dénes Görög und seine Rolle in Birkenau Die Bankverbindung für Ihre Spende: Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer Sparkasse Oberhessen IBAN DFd3 5185 0079 0020 0005 03 BIC HELADEFFRI Vielen Dank: Bitte Name und Adresse deutlich schreiben, damit wir Ihnen die Spendenbescheinigung zuschicken können. Impressum: Herausgeber:Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer 35516 Münzenberg, Freiherr-vom-Stein-Str. 27 Vorsitzender: Gerhard Merz, 35308 Gießen, Unterer Hardthof 15 (Korresponden? bitte an diese Adresse) Internet: www.lagergemeinschaft-auschwitz. de facebook. comſlagergemeinschaft/ Redaktion: Hans Hirschmann Bankverbindung: Sparkasse Oberhessen IBAN DEHd3 5185 0079 0020 00035 03; BIC HELADEFIFRI Bei Spenden bitte Adresse deutlich schreiben, damit die Bescheinigung für die Steuererklärung zugeschickt werden kann. Bitte bei Umzũgen neue Adresse und Anderungen der Bankverbindung mit- teilen. Es erspart Arger, Zeit und Geld bei Bankeinzügen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 Der Holocaust in den„Sozialen“ Medien Uber Möglichkeiten der partizipativen Erinnerungskultur und Gefahren der Trivialisierung und Verzerrung EFin Meinungsbeitrag von Charlotte Kitzinger und Felix Luckau? Aus den sozialen Medien werden die Themen Nationalsozialismus und Holocaust so schnell nicht verschwin- den. Man mag das— je nach Standpunkt und Perspektive= bedauern oder nicht. Es gibt jedenfalls unterschiedliche Stra- tegien damit umzugehen: Diese Inhal- te Schlicht zu ignorieren oder pauschal zu verurteilen, scheint dabei zumindest sinnlos, wenn nicht sogar kontra- produktiv und gefährlich. Aus einer ähnlichen Erkenntnis heraus sind die Darstellungen des Na- tionalsoZialismus und Holocaust in ver- schiedenen Social Media-Formaten in den let?zten Jahren immer wieder und vermehrt Gegenstand von wissen- schaftlichen Debatten und Untersu- chungen geworden, wobei umfassende quantitative und qualitative Untersu- chungen u. a. Zur Wirkung noch ausste- hen. Allerdings ist Social Media“ ein in?wischen großes und heterogenes Feld, die einzelnen Apps und Plattfor- men richten sich zudem an unter— Schiedliche Zielgruppen und erfordern jeweils Spezifische Parstellungsformen. Social Media-Apps werden nämlich längst nicht nur von jungen Gruppen genutzt und bedient, es ist gesellschaft- lich wie politisch gesehen ein sehr di- verses Akteur:innenfeld. Einzelbeiträ- ge privater Nutzer:innen finden sich zunächst(beinahe) gleichberechtigt neben professionell und systematisch angelegten Inhalten von Redaktionen, Institutionen und Bildungseinrichtun- gen. Die Menge der sehr verschiede- nen Beitrãge ist somit nahezu unüber- schaubar. Auch die„Qualität“ der Beiträge fällt damit höchst unter— Schiedlich aus und lãsst sich quantitativ kaum sinnvoll bestimmen(zumal auch innerhalb der geschlossenen, nicht öf— fentlichen Profile eine Vielzahl an Beiträgen hochgeladen werden dürf— ten). Wenn man Gemeinsamkeiten aus- machen wrill, dann sind es die, dass alle Social Media-Plattformen auf Interak- tion und Kommunikation unter den Mitgliedern aufbauen und ,Erfolg“ an Sichtbarkeit gemessen wird, die sich durch die Anzahl der Follower:innen, der Kommentare oder Likes(die auch nachweislich das Belohnungssystem im Gehirn aktivieren und daher ein Wohl- * Charlotte Kitzinger ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und Geschãfts- führerin der Arheitsstelle Holocalstliteratur am Institut fir Germanistil der Mustus- Liehig- Univenitòt Gießen(www holocaustliteratur. de). Felix Luckau ist Doktorand und wissenschaftlicher Projektmitarbeiter der Aryheitsstelle Holocuustiteratun 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer gefühl auslösen können) auszeichnet, die eine Seite oder einzelne Beiträge erhalten. Die beschriebene Diversität ist al- lerdings vermutlich auch ein Grund für ein gewisses Unbehagen: Die neuen Kommunikationsrãume in Social Me- dia ermõglichen mehr Akteurtinnen, an der(Pflege der) Erinnerungskultur öf- fentlich teilzuhaben. Bildungs- und Ge- denkeinrichtungen müssen zum einen mit diesem Mehr an Ieilhabe umgehen und sind zum anderen zunehmend auf die Plattformen sowie deren Darstel- lungskonventionen angewiesen, zumal die Entwicklung und Instandhaltung eigener Apps bislang keine praktikable und massenwirksame Lösung darstel- len. Denn das Entwickeln, Implemen- tieren und Pflegen entsprechender Apps ist teuer. Instagram, Iik Tok und andere Social-Media-Formate haben außerdem einen entscheidenden Start- vorteil, da diese ja bereits breit genutzt werden und nicht erst bekanntgemacht werden müssen. Weiterhin zentraler Referenzpunkt der Erinnerungskultur Der großen Zahl an Nutzer:innengrup- pen sowie inhaltlich wie gestalterisch scehr heterogenen Postings auf den Plattformen stehen einige aktuelle Un- tersuchungen unter Kindern und Ju— gendlichen gegenüber, die immer deut- licher darauf hinweisen, dass immer weniger Schüler:innen in Deutschland konkretes Wissen über den Nationalso- zialismus und Holocaust haben. Zulet?t kommt die MEMUO Deutschland— Mu- gendstudie 2023, die die Universität Bielefeld in zwei Befragungsrunden im September und Oktober 2021 sowie September 2022 online mit rund 3500 jungen Teilnehmer:innen zwischen 16 und 25 Jahren durchgeführt hat und die von der Siftung Erinnerung, Verant- wortung und Zulunft(FVZ) gefördert wurde, Zu dem Ergebnis, dass jede:r zweite Jugendliche den Zeitraum der nationalsozialistischen Herrschaft nicht kennt.(Die Studie fragt danach, wie, was und auf welchen Wegen junge Menschen in Deutschland an den Na- tionalsoZialismus erinnern und wie sie Diskriminierung und Brinnerungskul- tur heute wahrnehmen.) Trotz großer Defizite beim Faktenwissen ist der Na- tionalsozialismus allerdings für die Ju- gendlichen weiterhin zentraler Refe- ren?punkt in der Erinnerungskultur, s0 der weitere Befund. Rund drei Viertel der 16. bis 25Jährigen stellen den Sinn der Auseinandersetzung damit nicht in- frage. Etwa 75 Prozent der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist es wichtig, Faktenwissen zu lernen. Etwa die Hälfte findet den Zugang zu historischen Orten wichtig und möchte Bezüge zwischen Vergangenheit und Gegenwart herstellen. In Bezug auf die Zugänge zum Thema Nationalsozialis- mus bestãtigt sich auch in der Studie die Bedeutung des Internets als Informati- onsquelle für Jugendliche und junge Erwachsene. Der Befund, dass es jungen Men- Schen in Deutschland vor allem an kon- kretem Wissen mangelt und diese Gruppe gleichzeitig vor allem das In- ternet als Medium nutzt, um an Wissen zu gelangen, ist sicher ein wesentlicher Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 Grund dafür, warum inzwischen auf na- hezu jeder Plattform auch Bildungsein- richtungen und Gedenkstätten vertre- ten sind, die üũber bloße Sichtbarkeit der Finrichtung hinaus Informationen über den Holocaust und Nationalsozialismus bereitstellen. Dabei werden die Po- stings nicht immer, aber in hohem Maß Spe?ifisch für die Darstellungsformen der jeweiligen Plattform produziert und an die aktuell geltenden Darstellungs- konventionen angepasst. Gerade Tik Tok scheint hier eine besonders große Rolle zu spielen, weil dort sehr schnell und über den Kreis der festen Follower:innen hinaus ein großes Publi- kum erreicht werden kann. Dabei spricht Iik Tok vor allem junge Nut- zer:innen an: 2022 nutzten laut einer Umfrage 73% der 16-bis 19Jährigen Tik Tok(Sulisiu 2022. JiKk Jolc, S 20). „eva.stories“ Neben verschiedenen Bildungseinrich- tungen gibt es auch Medienprojekte, die Inhalte spezifisch für einzelne Plattformen produzieren. Ein solches Beispiel, das international weitere Be- achtung gefunden hat, ist die Insta- gram-Story des israelischen Regisseurs Mati Kochavi„eva.stories“ von 2019. Follower:innen kõnnen hier dem Foto- und Selfie-Blog des 13jährigen jüdi- schen ungarischen Mädchens Eva von Februar bis Juni 1944 folgen. Die Webserie, die mit Schauspielern ge- dreht wurde, basiert auf dem Tagebuch von Fva Heymann aus Ungarn, die 1944 mit 13 Jahren in Auschwitz er- mordet wurde. Unter der Headline „Was, wenn ein Mädchen im Holocaust Ausschnitt aus Geva.stories auf Instagram Instagram gehabt hätte?“ soll vor al- lem Interesse bei einer jungen Ziel- gruppe geweckt werden und es sollen neue Modelle der Erinnerung gefun- den werden. Am 27. März 2023 hatte die Webserie 27 Beiträge und 1,1 Mio. Follower(vgl. Geva.Stories). „Gichbinsophiescholl“ EFin rein deutschsprachiges und preis- gekröntes, aber vielfach sehr kritisch diskutiertes Beispiel ist der Instagram- Kanal„Sichbinsophiescholl“, den der Sdwestrundfunk(SWR) und der Bayerische Kundfunk(BR) anlässlich des 100. Geburtstags von Sophie Scholl im Mai 2021 gestartet haben (401 Beiträge und 598.000 Follower am 27. März 2023). Die 21jährige Widerstandskãmpferin Sophie Scholl (gespielt von Luna Wendler) wird dort „ins Hier und Jelzt“(httpswww.swr. de/unternehmenich-bin-sophie-scholl- instagram-serie-102. html, 15.04.2023) geholt. Instagram-Nutzer:tinnen sollen „Mimnah, emotional und in nachemp- 4 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer fundener Echtzeit an den letzten zehn Monaten ihres Lehens teilhaben“ (ebd.). Nutzer:innenumfragen haben allerdings ergeben, dass das Projekt die intendierte jugendliche Zielgruppe möglicherweise nur in geringem Um- fang erreicht hat. Zudem stieß— insbe- sondere bei Bildungseinrichtungen und Gedenkstätten— der sehr freie Umgang mit der historischen Person Sophie Scholl auf Kritik. Problema- tisch erscheint dabei vor allem, dass Fiktionalisierungen nicht oder nicht deutlich genug kenntlich gemacht wurden. Die echte“ und die digitale Sophie Scholl waren so für viele Ju- gendliche nicht zu unterscheiden, wie an Zahlreichen Kommentaren zu den Beiträgen deutlich wurde. Zudem wurde öffentlich kritisiert, dass hier der Fokus auf den christlichen, deut- schen“ Widerstand gelegt und so die jüdische Perspektive, aber auch ande- re Opferperspektiven in den Hinter- grund gerückt wurden. Dieses Projekt mag daher durchaus einen gut gemein- ten und lobenswerten Grundgedan- ken gehabt haben, in der konkreten Umsetzung offenbaren sich aber eini- ge grundsätzliche Probleme. „Holocaust Challenge“ Die jeweilige Online-Plattform be- Stimmt ganz grundlegend, in welchem Format die Inhalte medial aufbereitet und zur Verfügung gestellt werden müssen. Meist ist es eine Mischung aus Bild-, Text- und Tonelementen, wie et- wa auf Instagram, Reddit und Face- book(wobei diese Plattform unter Jugendlichen kaum noch populär zu Sein scheint). Twitter(in?wischen in X umbenannt) dagegen setzt zentral auf kurze TIextnachrichten, die allerdings auch Bild-, Video- und Tonelemente enthalten können. Die Postings priva- ter Akteur:innen unterscheiden sich dabei in einiger Hinsicht von den In- halten von Bildungs- und Gedenkstät- ten, die häufiger einen Zugang über konkrete Wissensvermittlung suchen. Auf Tik Tok dagegen stellen Nutze- rinnen in häufig wenig aufwendig an- mutenden Videos z. B. Holocaustlitera- tur vor oder zeigen Ausschnitte ihrer Besuche in Gedenkstätten. Diese Aus- Schnitte werden dann teilweise mit ei- nem Schwarz-Weiß-FHilter und drama- tischer Musik unterlegt. Das mag nicht nur über den ersten Moment hinaus irritieren, allerdings Zeigt dies auch, dass der Zugang dieser jungen Menschen zu den Inhalten häufig und primär über Emotionalität erreicht wird. Das wie- derum ist per se ein nachvolkiehbarer Ansat?, der jedoch auch zu weit gehen und als verletzend, anmaßend und so- gar verzerrend empfunden und beur- teilt werden kann und aufgezeigt wer- den muss. Im Sommer 2020 gingen etwa eine Reihe von Videos viral, in denen junge Leute sich in einer Art Rollen- Spiel als verstorbene KZHäftlinge ver- kleideten und schminkten, um den Nut- zer:innen sozusagen aus der Perspek- tive eines Toten von ihrem Leben und Sterben zu erzählen. Diese Darstellun- gen stießen vieffach auf Empörung und Unverstãndnis. Auch die Gedenkstãtte vVad Vashem und die Gedenkstätte Auschwitz kritisierten die„Holocaust Challenge“. Gleichzeitig betonte die Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 8 Anne Franks Tagebuch* — tion Rresercihe ahe ihnn Ausschnitt: Tik Tok-Kanal Gtabeajoanna Gedenkstätte Auschwitz, man solle auf Aufklärung setzen, anstatt die Tik Tok- Nutzerinnen anzugreifen. Vielfach können diese Beiträge tatsächlich als Versuch verstanden werden, die Geschichte der Opfer an- schaulich und auf Empathie erzeu- gende Art und Weise zu erzählen so- wie ein Bewusstsein für diese Schick- Sale zu schaffen. Dennoch: Es gibt Grenzen Zwischen einer respektvol- len und einfühlenden Annäherung, die auf Perspektivenvermittlung ab- zielt, und einer kitschigen, trivialisie- renden und lediglich selbstdarstelleri- schen Art der Inszenierung von Læid. Diese müssen erkannt und dürfen nicht überschritten werden. Gleich- zeitig führt die— nicht unberechtigte— Skandalisierung und Empörung aber auch dazu, dass aus dem Blick gerät, dass Jugendliche offenbar durchaus an der Brinnerungskultur teilhaben wollen und dafür Zugänge suchen. S0 finden sich auf TikTok auch teilweise gut recherchierte Buchkritiken, die zumeist kanonische Titel wie bei— Spielsweise„Dds Jagebuch der Anne Frank“ oder„Die Bücherdiebin“ von Markus Zusak empfehlen und Titel wie John Boynes„Der Munge im ge— treiften Pyjama“ oder„Der Tdtowie— rer von Alschwitz“ kritisieren. Dabei orientieren sich diese häufig an den Argumenten von Bildungseinrichtun- gen, die bereits öffentlich Kritik an den Werken geäußert haben, und ver- weisen auch auf diese als zuverlässige Informationsquelle. Somit überträgt sich die Rolle von Bildungs- und Gedenkeinrichtungen diesbezüglich offensichtlich auch in den digitalen Raum und auf Laien. Gerade TikTok wird außerdem auch von Uberlebenden selbst ge— nutzt, die sich der plattformtypischen Darstellungsformen bedienen, um Zeugnis abzulegen. Dabei werden bei- Spielsweise Fragen der Nutzer:innen gesammelt und in kurzen Videos (Q&A) beantwortet. Tova Friedman, die mit ihrer Mutter durch die Rote Armee aus Auschwitz-Birkenau befreit wurde, ordnet auf TikTok außerdem aktuelle Vorfälle ein, wie beispielsweise die antisemitischen Außerungen des amerikanischen Rappers Kanye West. Unterstüt?t wird die Uberlebende von ihrem Enkel Aron Goodman, der derzeit noch zur 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer [Hhoughts During the ow Of Ausewit Death Camp Holocaust Survwor OA — *. . Ausschnitt: TR Tok-Kanal von Gtovafriedman Schule geht. Das TikTok-Profil der beiden, Gtovafriedman, hat aktuell über 500.000 Follower:innen. Dabei erreichten einige Videos sogar mehre- re Millionen Abrufe. Geziehlte Falschinformationen Allerdings gibt es auf den Social- Me- dia-Plattformen neben vermutlich gut gemeinten, aber faktisch falschen historischen Bezügen auch gezielte Falschinformation. Dies gilt insbeson- dere für die Kurznachrichtenplattform Twitter: Während Tik Tok oder Reddit Postings Zum Holocaust und National- Sozialismus meistens und automati- siert mit Hinweisen in Form eines Banners versehen, dass es sich um ein sensibles Themenfeld handelt, und zudem Quellen und Anlaufstellen ver- linken, wo Nutzer:innen zuverlässige Informationen zum Holocaust und Nationals ozialismus finden können, werden Inhalte über den Holocaust auf X(vormals Twitter) nicht mit ver- gleichbaren Hinweisbannern verse- hen und stehen gleichberechtigt neben allen anderen Postings. Auch wenn unbekannt ist, inwie- weit solche Hinweise überhaupt ge— nutzt werden, wird auf Twitter eine automatisierte Moderation von Inhal- ten über den Holocaust vermieden. Aktuell wird Twitter von Hate Aid ver- klagt, weil das Unternehmen aus Sicht der NRO(Nichtregierungsorganisati- on) seinen AGBs nicht nachkommt, rechtsextreme oder antisemitische Inhalte zu löschen, die von anderen Nutzer:innen als solche markiert wur- den. Hate Mid stellt außerdem fest, dass„ Vich/ immer mehr jidische Stim- men vor diesem Hintergrund ſdes wachsenden Antisemitismuis/ von Vwil- ter ſzurickziehen!“(hateaid. orghtt- ps:hateaid. org/twitter-grundsatzpro- zess-antisemitismus/), da sie sich nicht ausreichend geschützt fühlen. Gleich- zeitig finden sich auf Twitter auch eine Vielzahl von Wissenschaftler:innen, die sowohl als private Personen wie auch in ihrer öffentlichen Funktion Wissen vermitteln und zuverlässige Informationen schnell und einfach zugänglich machen. Wenn dies in Form von sogenannten Threads geschieht, also wenn Nutzer:innen mehrere 280 Zeichen lange Postings hintereinander Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 Das Hinweisbanner„Lerne Fakten zum Holocaust? führt zur Website aboutholo- caust.org des World Jewish Congress, auf der historische Hintergrundinformationen, Zeitzeug:inneninterviews und Fragen vowie Antworten Z?um Holocaust zu finden sind. TikKTok-Kanal von Gunderthesilentbluesky bündeln, entstehen kurze zusammen- hängende Iexte, die knappe, aber rele- vante Informationen Zu beispielsweise Gedenktagen oder dem Tagesgesche- hen bündeln. Um dem entgegenzuwirken, dass Netzwerke wie X darüber entscheiden, wie und ob ũberhaupt Inhalte über den Holocaust und Nationalsozialismus mo- deriert werden, ist es wichtig, die Kom- petenzen dafür auszubilden, wie Nut- zertinnen mit Informationen und Inhalten im digitalen Raum umgehen. Im wissenschaftlichen Diskurs hat hier- für gerade in den letzten Jahren der Be- griff„digital literacy“ an Bedeutung ge- wonnen. Auch wenn bei den jungen „digital natives“ von einer höheren Grundkompeten? in der reinen Anwen- dung von digitalen Medien auszugehen ist, bedarf es darüber hinaus allerdings pãdagogischer Konzepte, um Jugendli- che gezielt im Hinblick auf sensible The- men wie den Holocaust und Antisemi- tismus sowie Rassismus zZu schulen. Storytelling Eine Sonderform unter den Social- Me- dia- Ange boten bilden in verschiedener Hinsicht die Storytelling-Plattformen. Wattpad ist unter diesen das weltweit am meisten genutzte Netzwerk und versteht sich als globale Community“ von Autor:innen und Leser:innen,„die alle durch die Macht von Geschichten verbunden sind“ und unter dem Motto „Wo Geschichten leben“ Erzählungen zu den unterschiedlichsten Themen in verschiedenen Sprachen und Genre- Kategorien einstellen sowie die Texte anderer registrierter Nutzer:innen lesen und kommentieren können (Www¶· wattpad.com, 28.O5.2023). Nach eigenen Angaben nutzen monatlich über 90.000.000 Menschen die Platt— form, die Texte in über 50 Sprachen be- reitstellt. 900 Prozent der Nutzer:innen gehören der sogenannten Generation Z(Geburtsjahre 1997 bis 2012) oder 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Millennium(Geburtsjahre 1980er bis späte 1990er Jahre) an(https:/com- pany. wattpad.com, 25.05.2023). Watt- pad ist demnach eine Social Media- Plattform für hauptsächlich junge Nut- zer:innen, die Geschichten und Litera- tur mögen. Die Interaktion zwischen Autor:innen und Leser:innen ist aus- drücklich erwünscht. Wer ein Publi— kum interessieren und behalten möch- te, muss auch Strategisch' denken, also etwa Geschichten anderer kommentie- ren und auf Beiträge zu den eigenen Inhalten antworten. Oft erhalten Ge- schichten— alle Texte auf Wattpad wer- den als solche bezeichnet, non-fiktio- nale wie fiktionale— eine Serienstruk- tur, um langfristige Leser:innenbindun- gen zu erreichen. Belletristische Gen- res aus dem Bereich Krimi, Fantasy, Abenteuer, Liebe, Science-Fiction und Fan-Fiction sind dabei deutlich belieb- ter als historische Fiktion. Geschichten lassen sich unter den verschiedensten Suchbegriffen und Schlagworten suchen oder filtern, etwa auch zu„Nationalsozialismus'“,„Holo- caust' und Auschwitz“. Pabei weisen diese Geschichten inhaltlich wie in Be- zug auf die narrativen Strukturen eine Sehr große Bandbreite auf. Neben Er- zählungen, die auf einer Zeitebene und dominant chronologisch bleiben, finden sich auch solche, die Zeitreisen der Protagonist:innen aus der Gegen- wart in die nationalsozialistische Ver- gangenheit ins?enieren oder zwischen verschiedenen Zeitebenen alternie- ren. Die Menge der auf Wattpad ver- fügbaren Geschichten zum Thema Holocaust und Nationalsozialismus lässt erkennen, dass jenseits von Ver- lagspublikationen und professionel- lem Literaturbetrieb das Erzählen über den Holocaust ebenfalls in Onli- ne-Formaten in unterschiedlichsten aktualisierten“ Formen stattfindet. Nicht selten explizit angeregt durch den Schulunterricht und/oder die Re- zeption von Literatur und Filmen, aber ebenso oder sogar vor allem in- Spiriert durch Vorbilder und beliebte Celebrities“(Z. B. den Popstar Harry Styles), gibt es offensichtlich vielfach ein Interesse daran, solche Geschich- ten sowohl zu verfassen als auch zu lesen. Das ist zunächst einmal sehr po- sitiv und begrüßenswert, auch wenn eine Vielzahl der Texte auf einen großen Mangel an historischem Wis- sen der Autor:innen schließen lässt und zudem in stilistischer und ,litera- rischer“ Hinsicht kaum überzeugen kann. Dennoch lohnt es sich, diese Geschichten konkreter anzuschauen und zu überlegen, mit welcher Inten- tion“ sie verfasst und gelesen werden. So lassen sich nicht selten intertextu- elle und intermediale Bezüge zu Wer- ken der etablierten“ Holocaust- und Lagerliteratur(etwa zu Anne Frank und ihrem Tagebuch oder dem Roman „Der Munge im gestreiſten Pyjama“ von John Boyne) herstellen. Nachhaltige Wirkungen Fin explizit formuliertes Hauptanlie- gen der Autor:innen ist es Zudem häu- fig, die Leser:innen zu, berühren?, also über emotionale Schilderungen und das ErZählen von sehr ergreifenden“ Geschichten einen Zugang zu den Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 historischen Ereignissen zu bewirken. Erkenntnis- se aus der Literaturwis- senschaft, der Pädagogik, der Psychologie und auch der Neurowissenschaften belegen, dass(emotiona- le) Narrative für den Menschen(meist) ein— gängiger sind als reine Fakten und auch nachhal- tiger wirken. Neben em- Je ſF The Daughter of Anne Frank U Ahfanpen zm lesen pirischen Untersuchun- gen zu Leseverhalten und Auswirkungen auf kogni- tive und empathische Fähigkeiten wurden etwa in einigen Studien auch die Unterschiede beim Lesen von Sachtexten und fiktionalen Werken untersucht. Es bestätigt sich dabei, dass Leser:tinnen eines fiktionalen Texts sich stärker durch das Gelesene verändern als Rezipient:innen von etwa Sachtexten und Berichten, da das Lesen einer Geschichte einen identifikatorischen und einen trans- zendierenden Effekt hat. Die Leser erleben Empathie den Protagonisten gegenüber, identifizierten sich mit diesen und werden so durch die Ge- Schichte selbst verändert(vgl. Oatley, Keith. Suchn Stuff as Dreums. The Psy- cholog) of Fiction. Chichester: Wiley- Blackwell, 2017, S. 761). Außerdem kann Lesen von fiktio- nalen Werken, insbesondere von sol- chen, die Leser:innen emotional stark engagieren, sogar einen positiven Pf- fekt auf das langfristige Erinnerungs- vermõgen an das Gelesene haben. Dies ist der Befund einer Studie von Startseite der Wattpad Geschichte„The Daughter of Anne Frank“ von katiannenicole James McGaugh and Larry Cahill, die zeigen, dass die Fähigkeit, sich an be- stimmte Erlebnisse oder Sinnesein- drücke zu erinnern— sowohl in der Dauer als auch in der Genauigkeit—, durch intensive Emotionen unter- stützt wird(vgl. Cahill, Larry lind a- mes L. Me Gaugh. 4 Novel Pemon- vtration of Enhanced Memory Asso— ciated wim Emotional Arousal. In. Consciousness and Cognition 4905, S. 470-427, hier S. 410). Autor:innen auf Wattpad setzen sich in diesen Geschichten darüber hinaus durchaus mit gesellschaftlichen wie individuel- len Normen und Werten auseinander. Das Hineinschlüpfen in fremde Rol- len, z. B. in die der Täter:tinnen, kann möglicherweise als ein— wenn auch vielfach problematischer und miss— gückter— Versuch interpretiert wer- den, sich mit moralischen und kollek- tiven Konzepten von Gut und Böse befassen zu wollen, Innenperspek- tiven Zu erschließen sowie Fremdver- stehen, Perspektivenübernahme und 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Empathie zu üben. Hier wür- den empirischen Daten sehr weiterhelfen, um zuverlässige Erkenntnisse über das User:tinnenverhalten sowohl auf der Produktions- als auch auf der Rezeptionsseite zu er— langen, die aber bislang leider noch nicht vorliegen. The Van Pels 2 2. 7M 16 14 17 DU Anfanpen mu leten Neue gesellschaftliche Fragen und Herausforderungen Trotz aller Schwierigkeiten, Problematiken und berechtigter Be- denken: Inhalte, die den Holocaust auf Social Media thematisieren und dar- stellen, sind per se weder gut noch schlecht. Sie sind in mehrfacher Hin- sicht eine Erweiterung und Aktuali- sierung der bisher bestehenden me- dialen, pãdagogischen und künstlerischen Formen, diese EFreig- nisse darzustellen und zu diskutieren. Die digitalen Formen der Brinne— rungskultur stellen uns dabei vor ganz neue gesellschaftliche Fragen und Herausforderungen.(Aktuell wird hier vor allem das Feld der Künstli- chen Intelligenz(Kl) anhand der An- wendung ChatGPT, einem Sprach- und Textassistenten mit umfassenden Funktionen, die jedoch keine Social- Media-Plattform ist, õffentlich breit diskutiert.) Es bedarf in jedem Fall ei- nes breiten Verständnisses dafür, wie und in welchen Formen diese Plattfor- men und technischen Neuerungen hilfreich sein können und in welcher Hinsicht sie reguliert werden sollten. Gleichzeitig ist es wichtig, Men- schen, insbesondere Jugendliche und Startseite Wattpad Geschichte.„The Van Pels 2“ von JanaHittS70(Ausschnitt) junge Erwachsene, über alle verfüg- baren und erst recht ũber diese viel und häufig, wohl sogar am meisten genut?z- ten Medienkanäle zu erreichen. Denn wie die MEMO-Studie zeigen konnte, besteht ein hohes Interesse bei jungen Menschen, sich mit dem Holocaust und dem Nationalsozialismus auseinander- zusetzen. Dies spricht eindeutig dafür, dass Bildungseinrichtungen und Ge-— denkstãtten sich hier(weiterhin) enga- gieren und(populäre) Angebote ma- chen sollten, die die geschichtlichen Breignisse angemessen darstellen und nicht verzerren. Zudem ist es wichtig Holocaust F 54 1⁸ Startseite der Wattpad-Geschichte„Holo- caust“ von patrickstar760(Ausschnitt) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 und vielleicht sogar entscheidender, vor allem im Blick zu behalten und Kennt- nisse darüber zu haben, welche Inhalte dort von User:innen selbst verbreitet und konsumiert werden, welche po- pulär sind und welche abgelehnt oder ignoriert werden, um digital literacy gezielt fördern zu können. Diese Erkenntnisse müssen unbedingt Teil von õffentlichen wie wissenschaftlichen kritischen Diskursen, Evaluationen und pãdagogischen Konzepten sein. Hier braucht es aber endlich breit angelegte wissenschaftliche Studien.. „Porajmos'- Das Verschlingen Gedenken an den Völkermord an den Roma und Sinti Neben den Jüdinnen und Juden gehör- ten die Angehörigen der Roma und Sinti(Stigmatisiert als Zigeuner) zu den Võlkergruppen, denen im nationalso- zialistischen Deutschland qua Staats- doktrin das Lebensrecht abgesprochen wurde. Mehr als eine halbe Million Frauen, Männer und Kinder der Sinti und Roma wurden der Vernichtung preisgegeben und ermordet. Dieser Genozid wird in der Romani-Sprache „Porajmos“ genannt, was„Verschlin- gen“ bedeutet. Am 2. August wurde bei einer Veranstaltung im Museum Ausch- wit?Birkenau, dem vormaligen Ver- nichtungslager Auschwitz, der Opfer gedacht. 2015 erklärte das Europäische Parlament den 2. August Zzum europãi- Schen Holocaust-Gedenktag zur Ver- folgung und Ermordung der Sinti und Roma. Das Datum bezieht sich auf die Ermordung von mehr als 4000 gefange- nen Sinti und Roma, hauptsächlich Frauen, Kinder und Alte, die in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 in Birkenau in den Gaskammern einen grausamen Jod fanden. In einer Erklärung des Internatio- ndlen Auschwitz-Komitees würdigte deren Fxekutiv-ViZepräsident Chri- Stoph Heubner den Mut und den Wi- derstand,„den Sinti und Roma nicht nur in Auschwit? gezeigt haben und der allen Häftlingen in ihrem Elend Kraft und Hoffnung vermittelt hat. Die Verachtung und der Hass, der Sinti und Roma bis heute in vielen europãischen Ländern entgegenschlägt, ist eine Schande für Europa und eine offene Wunde, die immer noch nach Ausch- wit?ꝰ weist.? Der Beauftragte der Bundesregie- rung gegen Anti?ziganismus, Mehmet Daimagüler, kritisierte ebenfalls die anhaltende Diskriminierung der Roma und Sinti in Deutschland:„Wir Kénnen nicht die Opfer achten und ihre Kinden EnMel und Urenkel verachten“, stellte er laut tagesschau. de klar. Der Anti?ziganismus nehme den Menschen ihre Würde, betonte Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrates der Sinti und Roma in Deutschland. Er forderte die Innenminister der Bun- desländer auf, die Unrechtsgeschichte der Poliꝰei im NSStaat und nach 19435 aufarbeiten zu lassen:„Und heenden Sie damit endlich die vrassistische und antiz iganistische Sondererfassung und Kriminalisierung von Sinti und Koma auf dieser Grundlage.“ Hans Hirschmann 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer ICH BINANGEKOMMEN Mein erster Besuch im Museum Auschwitz-Birkenau 31. Juli bis 3. August 2022) Fin Bericht von Carmen Spitta Ich habe ich es endlich geschafft, die Reise an den Ort anzutreten, an dem fast meine gesamte Familie qual- voll ermordet wurde. Der Termin der Reise näherte sich und es wurde mir schlechter und schlechter und schlech- ter, ich bekam Fieber und Koliken. Meine Gürtelrose meldete sich wie- der, ich wurde unglaublich nervõs und war gereizt. Viele Angste, die in mir hochkamen, es war unbeschreiblich. Es gab Momente, wo ich nur wegren- nen wollte, ich wollte niemanden se- hen, niemanden hören, alles war mir zu viel. Ich hatte sogar mit meinen Freundinnen KEinda und Manja meh- rere Male und Stunden telefoniert und ihnen meine Angste anvertraut. Beide waren in Sorge, ob ich diese Reise ũberhaupt packen würde, aber ich sag- te: Doch ich mache das, egal wie, wenn ich es jetzt nicht mache, dann mache ich es bestimmt nicht mehr, ich kann es nicht noch mal aufschieben, so wie ich es all die Jahre getan habe. Ich bin es meiner Mama und meiner Mami (Oma) schuldig. Dann kam der berühmte Tag. Bi- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 nen Jag, nein zwei Tage nach meinem Geburtstag flog ich nach Krakéw. In Krakéw angekommen, wurde ich von einem Fahrer abgeholt, und wir unter- hielten uns die ganze Fahrt über die Politik in Polen, über die Politik in Deutschland, über Frau Merkel, und ich beobachtete nebenbei, wo er mich hinfuhr: viele Wälder, es war sehr grün, gab Holzhäuser. Es wurde immer Sumpfiger das Gebiet. Ich hatte immer diesen sehr merk- würdigen Hraum, da ging es um Ausch- witz. Dort, wo man durch das Tor„Ar- beit macht frei“ läuft, hatte ich gan?z viele Menschen um mich, die laut wa- ren, die lachten und die am Essen wa- ren. Für mich sehr skurril das Ganze. Und nun hielt der Fahrer vor dem Ein- gang zum Museum Auschwitz, und ich Ssah genau das aus meinem Traum, wenn auch nicht direkt an dem be- kannten Tor: Uberall Menschen am Lachen, am Essen, am Trinken, es fehl- te nur noch, dass sie grillten. Der Fah- rer drehte dann den Wagen, und 50 m weiter war unser Hotel, und meine Augen wurden ganz groß. Wir verab- schiedeten uns, ich bedankte mich, und er wünschte mir viel Kraft. Und nun stand ich da in der Lobby an der Re?Zeption und dachte: Jetzt bin ich da. Ein sehr mulmiges beängstigendes Gefühl kam in mir hoch. Ich ging auf mein Zimmer, ein sehr schönes und sehr großes Zimmer mit einem großen Fenster. Ich habe die Vorhänge aufge- macht und mir wurde schlecht. Ich wusste, das da vorn genau vor mir ist Auschwitz. Ich musste erstmal tief Luft holen und dann ging ich runter und schaute mir das Hotel an. Ich dachte, dass ich etwas essen muss, denn ich hat- te den ganzen Tag nichts gegessen und die Tage davor war mir immer nur sehr schlecht. Wenn ich schon mal in Polen bin, sollte ich etwas aus der heimischen Küche nehmen. Versuch das Bild in deinem Kopf auszuschalten und bestell dir eins der Nationalgerichte aus Po- len, Pierogies, und dazu ein Glas Wein schlimmer kann es nicht werden. Nach und nach trafen auch die an- deren Jeilnehmer unserer Gedenkrei- se ein. Am Abend saßen wir alle zu— sammen, stellten einander vor. Ich lernte den Teil der Gruppe kennen, den ich noch nicht kannte. Ich war sehr angespannt, innerlich sehr unruhig. Ir- gendwann ging ich zu Bett, und da ka- men wieder diese Bilder: Meine Men- schen, meine Toten waren wieder bei mir. Ich dachte: Okay du musst ja ver- suchen zu schlafen, aber ich konnte nicht schlafen. Ich war auch sehr früh schon unten beim Frũhstück und merkte: Jetzt wird es ernst, es gibt kein Zurück mehr. Dann gingen wir los. Ich weiß noch wie Lukas sagte: Carmen, nicht so schnell. Ich merkte, dass ich es hinter mich bringen wollte. Ich wollte endlich da rein, zunächst Auschwitz I. Am Nach- mittag würde dann Birkenau, wo unse- re Menschen vor allem gelitten hatten, auf mich zukommen. Wir betraten das ehemalige Stammlager Auschwitz J, und es bewahrheitete sich das, was ich aus meinen Träumen kannte und am Vortag am EFingangsbereich von Auschwitz schon gesehen hatte: diese Menschen, diese lachenden Menschen. 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Es fehlte wirklich nur noch, dass sie was in den Mund nehmen und essen. Für mich war es grauenhaft, ich merk- te, meine Kehle schnürte sich zu, aber ich dachte: Okay jet?t musst du hier durch. Wir standen an diesem berühmtberüchtigten Tor, und ich sah überall diesen Stacheldraht. Plötzlich nahm ich drei oder vier Raben wahr und beobachtete diese. Hla vom Muse- um begleitete uns den ganzen Tag, er- klärte uns alles sehr feinfühlig und war offen für unsere Fragen. Es gab Mo- mente, in denen ich aus den Ausstel- lungen rausrennen musste, ich konnte es mir nicht ansehen, ich konnte die Gerüche nicht ertragen, ich konnte das Leid, das Elend nicht mehr ertragen. Nach einer Pause fuhren wir mit un- serem Bus nach Auschwitz-Birkenau. Dort merkte ich: Ich bin angekommen. Ich habe mir nie vorher irgendwelche Pläne des Vernichtungslagers ange- schaut oder Berichte durchgelesen, sondern bin mit meinen eigenen Ge- fühlen und Instinkten, mit dem, was ich in mir trage, auf Spurensuche gegan- gen. Wir liefen und liefen, Kilometer über Kilometer über dieses unbe- Schreiblich riesige Gelände. Dafür gibt es keine Worte, es erschlägt einen. Wir liefen in die Richtung einer Waldlichtung, links waren die ehemali- gen„Zigeuner“ Baracken. Plötzlich wurden meine Schritte schneller und schneller und schneller, ich überholte alle und ich lief und lief und lief. Mich hätte in diesem Moment keiner stop- pen können. Mir wurde übel und die ErZählungen über den furchtbaren Ge- Stank in Birkenau durchdrangen mich. Ich habe von Kindesbeinen an einen Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 sehr sensiblen Geruchssinn. Unange- nehme Gerüche erzeugen bei mir so— fort einen extremen Brechreiz. Der Ge- ruch von verbrannten Haaren oder Fingernägeln ist unerträglich für mich. Mir wurde klar, dass die Wurzeln für meine Geruchsüberempfindlichkeit sich hier an diesem Höllenort befinden. Ich lief und lief immer noch auf diesem Pfad, auf diesem Weg und plõtzlich bog ich rechts ab in Richtung der Waldlichtung. Ich war schon drin- nen, und Lukas machte mir ein Zei- chen, er winkte mich zu sich und zeig- te mir diese Tafel. Ich sagte: Ich bin angekommen, ich bin angekommen und weg war ich. Ich habe Rotz und Wasser geweint, denn ich war an dem Ort, wo meine Großmutter und meine Großtante, ihre Schwester, Zwei Tage und zwei Nächte saßen und warteten. Sie wussten nicht, auf was sie warteten. Sie mussten dort warten, dass sie in die Gaskammern kommen, dass sie ver- gast werden. Sie hatten Glück, dass sie nicht vergast wurden, weil die Gas- kammern überfüllt waren mit Lei— chen. Es staute sich, deswegen haben * 1 7 1 ₰ 1 sie überlebt. Ich war an diesem Ort, und lief umher in diesem Wald- stückchen, bis ich die Tümmer von dem Krematorium sah und plõtzlich kehrte eine innere Ruhe in mir ein. Und es kam eine Ruhe, eine er— schreckende innere Ruhe in mir hoch. Ich war an dem Ort angekommen, an dem meine Großmutter ihre Mutter verloren hat und den Sohn, den sie in Auschwitz geboren hat, unseren Rudi, ihren Sohn der 13 Jahre alt war und der von Mengele zugrunde gerichtet wurde, ihre Geschwister, ihre Nichten, ihre Neffen, ihre Cousinen und Cou- Sins hat sie an diesem grauenhaften Ort verloren, und da stand ich nun. Ich, die Ubriggebliebene, stand an diesem furchtbaren Ort und sagte: ICH BIN AN6GEKOMMEN. Ich war endlich da, wo die Knochen meiner Familie und ihre Asche ver- streut liegen-irgendwo. Carmen Spitta * 3 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Primo Levi wiedergelesen Vor 76 Jahren erschien„Ist das ein Mensch“ Von Sascha Feuchert* Dieser Traum verfolgte Primo Levi öfter und wurde offenbar auch von vielen seiner Mithäftlinge in vielen Variationen geträumt: Nach den un- endlichen Strapazen und Leiden in Auschwitz ist Primo endlich wieder zuhause, sitzt mit seinen Liebsten zu— sammen und beginnt zu berichten. Doch schnell schon wird er gewahr, dass ihm keiner mehr zuhört- die an- deren sind schon in ihren eigenen Un- terhaltungen gefangen und haben kein Interesse an den Geschichten des Uberlebenden. Dieser„Erzähler- traum“, wie Levi ihn selbst nennt recht eigentlich wäre„Erzähleralp- traum“ passender- wurde für die meisten der heimkehrenden Opfer leider nur allzu wahr: Kaum einer wollte ihren Erzählungen zuhören, geschweige denn von ihnen lesen. Gerade in Deutschland stießen die Uberlebenden nach dem Krieg vor allem auf ,taube Ohren und harte Herzen“, wie ein zeitgenössischer Kritiker formulierte: In den Ruinen- feldern der zerstörten Städte gab es zwar nicht zuletzt dank der Hilfe der Alliierten schon rasch und in großer Lahl Bücher zu kaufen, die von den Ghettos und den Lagern aus der Sicht der Opfer berichteten, aber sie blie- ben weitgehend folgenlos, für ihre Zeit damals wie auch für das kollekti- ve Gedãchtnis. Man verdrängte und vergaß sie noch heute liest man gele- gentlich, dass die Opfer sich unmittel- bar nach dem Krieg kaum zu Wort ge- meldet und wie die Täter geschwie- gen hätten, die einen aufgrund ihrer Fraumatisierung, die anderen aus Scham und juristischen Gründen. Das ist Unsinn, soweit es die Opfer be- trifft- aber man ermisst daran auch, wie erfolgreich die Verdrängung der Opferstimmen aus dem Diskurs war und wie lange sie anhalten sollte. In Italien war die Sache nur wenig anders. Als sich Primo Levi nach sei- ner Odyssee-gleichen Rückreise nach Italien sofort daransetzte, seinen Be- richt zu verfassen, war er noch großer Hoffnung, dass er auch umgehend ei- nen Verlag finden würde. Doch auch in seinem Heimatland wollten die Menschen ganz offensichtlich nur we- nig an die faschistische Diktatur erin- nert werden, die lange Zeit ähnlich wie das„Dritte Reich“ eine Konsens- diktatur gewesen war, um einen Be- griff von Gõtz Aly zu verwenden. Gleich mehrere große Verlage * Der Text folgt dem Redemanuskript für einen Vortrag, der anlässlich des Holocaust-Gedenktages am 24. 1.2023 im Dokumentationszentrum 7opografie des Jerroys in Berlin gehalten wurde. Er kommt deshalb ohne Zitatnachweise aus. * Prof. Dr. Sascha Feuchert ist Leiter der Arbeitsstelle Holocuustliterutur an der Mutlus Liehig- Universität Gießen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 lehnten Levis Manus- kript ab; erst der kleine Turiner Verlag De Silva brachte es 1947 unter dem Jitel„Se questo é lin nomo“(dt.„Jst das ein Mensch*) als Buch her- aus. 2500 Fxemplare wurden gedruckt- doch der Verlag lõste sich bald auf, und das Buch geriet schnell wieder in Verges- senheit. Es sollte weitere elf Jahre dauern, bis es im Finaudi- Verlag er— neut publiziert wurde und dann- wie Levi Selbst in einem späteren Nachwort berichtete-„in sieben Sprachen über- Setzt, für Funk und Theater bearbeitet [wurde] und ſ...] in Italien eine Nach- auflage nach der anderen ſerlebte]“, darunter auch eine Schulausgabe mit erläuternden Fußnoten. Ein„deutsches Buch'? Bis das heute zur Weltliteratur gehörende Werk Deutschland er- reichte, Sollten noch einmal drei Jahre vergehen. Und das, obwohl Levis Be- richt- ganz im Sinne Ruth Klügers- ein„deutsches Buch“ war, eines, das auch und vor allem an die Deutschen gerichtet war. Wie er in einem Brief an seinen Ubersetzer Heinz Riedt, der bemerkenswerterweise selbst ein Mitglied der italienischen Wider- standsbewegung gewesen war, Schrieb:„Mag es Anmaßung sein: aber jetzt kann ich, Nummer 174517, durch Sie zu den Deutschen spre- Primo Levi(1980er Jahre) (gemeinfreies Foto) chen, kann sie an das er- innern, was sie getan ha- ben und ihnen sagen: „Ich bin am Leben, und ich möchte euch verste- hen, um euch beurteilen zu können. Ich glaube nicht, dass das Leben des Menschen notwen- digerweise ein bestimm- tes Ziel hat; aber wenn ich an mein Leben den- ke und an die verschie- denen Ziele, die ich mir bisher gesetzt habe, s0 erkenne ich nur eines als festumrissen und bewusst an, und es ist gerade dieses, Zeugnis abzulegen, das deutsche Volk meine Stimme hören zu lassen und dem Kapo, der sich die Hand an meiner Schulter säuberte, dem Doktor Pann- wit?, denjenigen, die den Letzten erhängten, und ihren Erben zu ant- worten'.“ Levi seinerseits wünschte sich Re- aktionen gerade seiner deutschen Le- serinnen und Leser, die auch eintra- fen, wenn auch nur spärlich. Es war die Zeit der Briefpost, die dem Schreiber noch einiges an Mühe ab- verlangte, und sei es nur die Ermitt— lung einer Adresse- ohne Internet!- oder der Gang zum nächsten Postka- sten. Es waren vor allem junge Leute, die Levi antworteten- und ihre Reak- tionen kreisten vor allem um die be- reits Zitierte Formulierung, Levis Werk sei auch entstanden, um die Deutschen zu verstehen(ein Teil des Briefes an Heinz Riedt war als Vor- 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer wort in der deutschen Ausgabe abge- druckt).„Die jungen Leser“, s0 LEvi in seinem späteren Nachwort zu„Ist das ein Mensch“,„machten sich darũ- ber ihre Gedanken, fragten sich, war- um es so schwer sei, die Geschehnisse des Dritten Reiches zu begreifen; ei- nige schrieben, sie verstünden ihr Land selbst nicht, andere trafen eine Unterscheidung Gauch ich kann diese Deutschen nicht verstehen'), wieder andere versicherten, sich selbst zu verachten, weil sie Deutsche sind und Deutsches in sich haben. Ein einziger (aber wohl kein junger Mensch) ver- suchte eine plumpe, herkömmliche Rechtfertigung., Es hat immer Zeiten gegeben, wo der Teufel los war, ohne Hemmungen und ohne Sinn.“ Freundlich unterschlug Primo Levi in seinem Nachwort die Anfeindungen, die ihn natürlich ebenso aus dem Land der Täter erreicht hatten. Schon dieses angedeutete Dialog- verhältnis mit seinen Leserinnen und Lesern, vor allem den deutschen, macht klar, dass Levi alles andere als ein neutraler Zeuge war, der Bericht erstattete. Levis Landsmann, der Phi- losoph Giorgio Agamben, hat rund 40 Jahre später in seinem Buch, Was von Alischwilz hleibt. Das Archiv und der Zelige“ eine einleuchtende Bestim- mung des Zeugen und der Zeugen- schaft entwickelt, indem er sich auf die beiden lateinischen Wörter bezog, die jeweils mit„Zeuge“ übersetzt werden. Zum einen gibt es das Wort „testis“- von dem u. a. das englische Wort„testimony“ abstammt oder auch das deutsche„Testament“—, das einen Zeugen vor Gericht bezeichnet, also jemanden, der zwischen Zwei Par- teien steht und unbeteiligt Zeugnis ablegt, um zur Lösung eines Recht- streits beizutragen. Der Ausdruck„su— perstes“ hingegen bezeichnet einen Zeugen, der ein Breignis durchlebt hat und von diesem Zeugnis ablegt. Fin Superstes ist vomit vor allem auch Zeuge in eigener Sache. In diesem Sinne ist Levi natürlich ein Superstes und kein Testis, was sein Zeugnis auch angreifbar macht, denn er verfügt über keine erhöhte oder neutrale Po- sition; sein Zeugnis hat ein Ziel und es ist das Ergebnis seiner Interpretation: Auschwitz-eine„Universität? Mit seinem Bericht sucht Levi auch nach einem Narrativ, mit dem er über- leben kann. Jeil dieser narrativen Uberlebensstrategie ist das Zeugnis- ablegen eben selbst, denn in diesem kristallisiert sich so etwas wie ein „Sinn“ der Erfahrung Auschwitz: Das Lager bezeichnet Levi deshalb konse- quent als seine Universität, seine„Jt das ein Mensch“ vorangestellte Wid- mung, die in Imperativen den Zusam- menhang von Zeugnis und Erinne- rung formuliert, nimmt die Rezipien- tinnen und Rezipienten- va. wohl die deutschen- in die Pflicht: Ihr, die ihr gesichert lebet In behaglicher Wohnung: Ihr, die ihr abends beim Heimkeh- ren Warme Speisen findet und vertrau- te Gesichter: Denket, ob dies ein Mann sei, der schuftet im Schlamm, Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 der Frieden nicht kennt, der kämpft um ein halbes Brot der stirbt auf ein Ja oder Nein. Denket, ob dies eine Frau sei, die kein Haar mehr hat und keinen Namen, die zum FErinnern keine Kraft mehr hat, Leer die Augen und kalt Ihr Schoß Wie im Winter die Kröõte. Denket, dass solches gewesen. Es Sollen sein diese Worte in eurem Herzen. Ihr sollt sie sinnen, wenn ihr sitzet In einem Hause, wenn ihr geht auf euren Wegen, wenn ihr euch niederlegt und wenn ihr aufsteht; ihr sollt sie einschärfen euern Kin- der. Oder eure Wohnstatt soll zerbre- chen, Krankheit soll euch niederringen, Fure Kinder sollen das Antlitz von euch wenden. Dass die Form dieser Widmung an biblische Vorbilder erinnert, ist gewiss kein Zufall. Levi selbst stellt auch Spã- ter in„Ist das ein Mensch“ die Verbin- dung zur heiligen Schrift her, als er sich an einen Mithäftling, Resnyk, er- innert:„Er hat mir auch seine Ge- Schichte erzählt. Heute weiß ich sie nicht mehr, aber gewiss war es eine Schmerzliche, grausame, bewegende Geschichte; denn das sind alle unsere Geschichten, hunderttausende an der LTahl, und eine jede ist anders, und ei- ne jede ist angefüllt mit tragischer, be- stürz?ender Zwangsläufigkeit. Abends erzählen wir sie uns gegenseitig; sie geschahen in Norwegen, in Italien, in der Ukraine, sie sind einfach und un- faßlich wie die Geschichten aus der Bibel. Doch sind sie nicht auch Ge— schichten aus einer neuen Bibel?“ Dieser fragende Verweis auf die Bibel bedeutet freilich nicht, dass Levi ich sage einmal: konventionelle religiöse Reaktionen auf Auschwitz auch nur ansatzweise versteht. Als er seinen Mithäftling Kuhn angesichts einer überstandenen Selektion beten sicht, reagiert er-zumindest in seinen Brinnerungen- hart:„Kuhn ist wahn- sinnig. Sieht er denn nicht im Bett ne- benan Beppo, den zwanzigjährigen Griechen, der übermorgen ins Gas geht und es weiß und ausgestreckt da- liegt und in die Glühbirne starrt und kein Wort sagt und keinen Gedanken mehr hat? Weiß Kuhn denn nicht, dass das nächste Mal sein Mal wird? Begreift Kuhn denn nicht, dass heute ein Greuel geschah, das kein Sühne- gebet, keine Vergebung, kein Büßen der Schuldigen, nichts Menschenmög- liches also, jemals wird wiedergutma- chen können? Wäre ich Gott, ich spuckte Kuhns Gebet zu Boden.“ Für Levi beinhaltet der fragende Verweis auf die„neue Bibel“, die sich aus den hunderttausenden Geschich- ten der Opfer zusammensetzt, eher, dass jedes dieser vielen Schicksale es wert wäre, erzählt zu werden:„viel- leicht“, so resümiert er angesichts der ungezählten und unbeachteten Toten des Todesmarsches aus Auschwit?z und meint doch wohl eher alle, die ohne die geringste Erinnerung zu hin- 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer terlassen, in dieser Todesfabrik ein- fach verschwinden,„vielleicht wird ir- gend jemand eines Tages ihre Ge-— schichte schreiben.“ Levi hat es als einer, der zu den Ausnahmen gehört, dagegen selbst in der Hand, nach 1945 seine Geschichte zu erzählen und weiß dabei doch, dass er zu jenen gehört, die nur ein be- grenztes Zeugnis von Auschwit?z able- gen können, denn sie sind den Weg nicht Zzu Ende gegangen. Die eigentli- chen Zeugen wären die, die in der Gaskammer ihren grauenvollen Tod fanden. Levis Erzählung wird damit zu einer Stellvertretererzählung, die sich stets bewusst bleibt, dass die ei- genen Erlebnisse nur partiell für jene der anderen stehen können und in vielerlei Hinsicht individuell sind. Levi trägt dem in„Vt das ein Mensch“ auch formal Rechnung, denn bis auf die tagebuchartigen Abschnit- te ganz zum Schluss, die die letzten zehn Tage des Lagers bis zur Befrei- ung abdecken, wãhlt er als Iempus das Präsens. Seine Leserinnen und Leser sind damit dicht am Geschehen, ver- stehen aber auch, dass hier nicht ver- sucht wird, eine erhöhte Position ein- zunehmen, die- etwa mit späterem Wissen ausgestattet- souverän über „die“ Lagererfahrung berichten könn- te. Wir, als Leser, bleiben immer dicht an Primos begrenzter Perspektive, die uns nur in Ausnahmefällen erlaubt, auch in die Zukunft zu schauen oder Summarisches zu erfahren. Erst in sei- nen anderen Schriften wird Levi die- ses Prinzip aufgeben und den Blick deutlich weiten, auch wenn er sich der grundsätzlichen Aporie seiner Zeu- genschaft bewusst bleibt. Die jüdische Herkunft In seinen späteren Werken gestattet uns Primo Levi auch einen ausführli- cheren Finblick in sein Leben vor und nach Auschwitz, etwa in seiner nach den chemischen Elementen ge- ordneten Autobiografie„Dds periodi- Sche System“. Hierin offenbart sich auch Levis Verhältnis zu seiner jüdi- schen Herkunft. Levi lässt keinen Zweifel daran, dass er nicht gläubig ist bzw. als Naturwissenschaftler, der an die ,herrliche Klarheit der Che- mie' gewöhnt ist, nicht sein kann, doch seine Erinnerung an seine weit- verzweigte jüdische Verwandtschaft ist voller Wärme, anekdotischer Iro- nie und sanft distanzierter Anteilnah- me. Im Kapitel„Aragon“, dem ersten im„Periodischen System“, gedenkt er seiner vielen Onkel und Tanten und deren Figenarten, wobei Levi gleich die Relativität der Verwandtschafts- beZeichnungen herausstellt: „Bei uns herrscht der Brauch, je— den älteren, auch weit entfernten Ver- wandten Onkel zu nennen: und da al- le oder fast alle alten Leute der Ge- meinde letztlich unsere Verwandten Sind, ist die Zahl unserer Onkel groß. Bei den Onkeln, die ein hohes Alter erreichen(was häufig geschieht, denn Seit Noahs Zeiten sind wir ein langle- biger Menschenschlag), verschmilzt die Beifügung barba oder magna all- mählich mit dem Namen und erstarrt unter Mitwirkung phantasievoller Di- minutive und unvermuteter phoneti- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 Primo Levi(¶1960) bei der Lektüre(gemeinfreies Foto) scher Analogien zwischen dem He- bräischen und dem Piemontesischen zu seltsam klingenden, zusammenge- setzten Rufnamen, die zusammen mit den Erlebnissen, Brinnerungen und Ansprüchen ihrer langjährigen Träger von Generation zu Generation unver- ändert überliefert werden. So ent- standen Barbaiéto(Onkel Elia), Bar- basakkin(Onkel Isaak), Magnaiéta (Tante Maria), Barbamoisin(Onkel Moses, von dem erzählt wird, er habe sich von einem Kurpfuscher die bei- den unteren Schneidezähne ziehen lassen, um die Pfeife bequemer halten zu können), Barbasmelin(Onkel Sa- muel), Magnavigaia(Tante Abigail, die als Braut von Carmagnola her über den zugefrorenen Po auf einem weißen Maulesel in Saluzzo einritt), Magnaforina(Tante Zefora, abgelei- tet vom hebräischen zippora- Võgel- chen, ein herrlicher Name), ſ...] Bar- bapartin(Onkel Bonaparte, ein in Er- innerung an die von Napoleon ge- währte erste kurze Emanzipation un- ter den Juden noch heute verbreiteter Name), war seiner Fi— genschaft als Onkel ver- lustig gegangen, da ihm der Herr, gelobet sei sein Name, eine derart unausstehliche Frau ge- schenkt hatte, daß er sich hatte taufen lassen, Mönch geworden und als Missionar nach Chi- na gegangen war, um ihr möglichst fern zu sein.“ Diese heiter-ironi- schen Frinnerungen dürfen freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch Levis Vorfahren und Verwandte natür- lich die Erfahrung gemacht hatten, als Juden abgelehnt, mindestens stigmati- siert zu werden: Levi erinnert sich u. a., „was mein Vater mir von seiner Kind- heit[... erzählt hat: daß nämlich seine Altersgenossen ihn auf dem Heimweg von der Schule(gutmütig) zu foppen pflegten, indem sie den in Form eines Eselsohrs in der Hand zusammenge- haltenen Jackenzipfel wie zum Gruß Schwenkten und dazu sangen:, Schwei- neohr und Eselsohr weist ein Jud am liebsten vor. Die Anspielung auf Oh- ren ist reine Willkür, denn die Geste war ursprünglich eine lästernde Ver- Spottung des Grußes, den die frommen Juden in der Synagoge tauschen, wenn sie zur Bibellesung gerufen werden: sie zeigen einander die Quasten des Ge- betsmantels, die sogenannten Schaufä— den, deren Anzahl, Länge und Form vom Ritual genauestens vorgeschrie- ben sind und denen mystisch-religiòse Bedeutung innewohnt: jene Kinder 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer aber wußten nichts mehr vom Ur- sprung ihrer Geste. Beiläufig möchte ich noch erwähnen, daß die Verhöh- nung des Gebetsmantels s0 alt ist wie der Antisemitismus: aus solchen Män- teln, die sie den Deportierten abnahm, ließ die S8 Unterhosen schneidern, die dann an die jũdischen Häftlinge in den Lagern verteilt wurden.“ Anekdotische Verwurzelung Diese Frinnerungen an die eigene jüdische Herkunft, denen allerdings die grausame weitere Entwicklung be- reits eingeschrieben ist, möchte ich als „anekdotische Verwurzelung“ Primo Levis bezeichnen: anekdotisch, weil sie überwiegend heiter, aber eben auch fragmentarisch, unabgeschlossen ist und somit kein geschlossenes Tra- ditions- Narrativ darstellt, das zu einer wirklichen tiefen Verankerung im Nu— dentum gereicht hätte. Und doch: Levi hat etwas, mit dem er sich positiv iden- tifizieren kann, als ihn die Rassegeset- ze in Italien 1938 letztlich„Zum Juden machen“. Levi hat da bereits sein Chemie-Studium angefangen, fühlt sich in der Naturwissenschaft auch Sscehr wohl, wird geachtet von seinen Kommilitonen und Kollegen- die frei- lich jetzt, 1938, kaum merklich auf Ab- stand gehen, als das„Jüdischsein“ Levis ihn markiert wie ein verunrei- nigtes chemisches Element. Auch Levi geht wie er selbst bemerkt: einer jahrhundertelang eingeübten Taktik der Juden folgend- vorsichtig auf Di- Stanz, kann aber gerade bei der Meta- pher des„Unreinen“, die die soge- nannte Rassenhygiene für nicht-ari- sche Menschen immer wieder bemüht, selbstbewusst und trotzig nicht nur als Chemiker, sondern auch vor dem Hintergrund seiner anekdoti- schen Verwurzelung reagieren:„Da- mit das Rad sich dreht“, so schreibt er im„Feriodischen Sstem“,„damit das Leben lebt, dazu bedarf es des Unrei- nen und des Unreinen vom Unreinen: auch, wie man weiß, im Boden, wenn er fruchtbar sein soll. Es muß den Dis- Sens, das Andersartige, das Salz- und das Senfkorn geben; der Faschismus möchte das nicht, er verbietet es, und deshalb bist du nicht Faschist; er will, daß alle gleich sind, und du bist nicht gleich. Aber auch die makellose Tu— gend gibt es nicht, oder wenn es sie gibt, 80 ist sie widerwärtig.“ Hier liegt einer der wesentlichen Unterschiede zur Erfahrung, die Primo Levis Mithäftling und(vermut- licher) Barackengenosse in Ausch- wit? Monowitz, Jean Améry, machen musste: Améry hatte genau diese anekdotische Verwurzelung im Ju- dentum nicht, ihn zwangen die Rasse- gesetze dazu, Jude sein zu müssen, oh- ne es zu wollen, wie er etwa in seinem berühmt gewordenen Essay„Uher Zwang und Unmõglichkeit, Jude zu sein“ so eindrücklich berichtete. Während Kevi sich als junger Mensch in einem Umfeld bewegt, das-durch- aus auch in Abgrenzung zu den Nicht- Juden- einen eigentümlichen Jargon aus hebräischen Wurzeln und pie- montesischer Endung spricht, der ihn noch Jahre später interessiert und vor allem fasziniert, erfährt der junge Améry- damals noch Hans Mayer- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 erst mit 19 Jahren, dass es das Jiddi- sche überhaupt gibt. Für Let?teren ist die Zuweisung zum Judentum des- halb auch nur äußere Gewalt, von der er bereits 1933, als er in einem Wiener Café erstmals von den Nürnberger Gesetzen liest, ahnt, dass sie ihn zu ei- nem„Toten auf Urlaub“ machte. Levi bleibt dagegen ein letzter identifikatorischer Rest, der ihm den Trotz der Metapher des„Unreinen“ gegenüber ermöglicht. Vielleicht Spielt dieser Rest auch eine Rolle für eine Fpisode, in der sich Levis weite- res Schicksal wesentlich entscheidet: Nach seiner Promotion in Chemie- die Urkunde führt im Ubrigen Levis Rasse?Zugehörigkeit explizit auf— schlägt sich Levi mit verschiedenen Jobs als Chemiker durch, schließt sich aber 1943 der Resistenza an. Zu die- ser Zeit herrscht Mussolini nur noch in einem von den Deutschen abhängi- gen Reststaat in Norditalien, der Sü- den ist bereits durch die Alliierten be- Setzt, doch Widerstand ist noch immer oder erst recht nõtig. Wie bei Améry, der in seinem belgischen Fxil Zum ak- tiven Widerständler wird, fällt Levis späteres Urteil über seine Aktivitäten als Kämpfer aber eher spöttisch aus: Seine Gruppe sei militärisch viel zu unerfahren und schlecht ausgerüstet gewesen, um ernsthaft handlungs- fähig zu sein, schreibt er. Gleichwohl muss sich Levi- s0 berichtet es zu— mindest einer seiner Biografen- auch Selbst an der Erschießung von ande- ren Partisanen beteiligen. Im Rück- blick erscheint es Levi jedenfalls nicht als verwunderlich, dass seine Gruppe Schon bald faschistischen Milizen in die Hände fällt. Jetzt steht er vor ei ner heiklen Entscheidung: Soll er sich den Faschisten als Jude zu erkennen geben oder nicht? Da er vermutet, dass er als Widerständler sofort er— schossen wird(was sich wohl später als Irrtum herausstellt), als Jude aber nur' deportiert, identifiziert er sich Schließlich als solcher. Uber das KZ Fossoli bei Modena wird er schließlich am 22. Februar 1944 nach Auschwit? verschleppt. Mit ihm kommen 649 Männer und Frauen vier Tage später in dem Konzentrations- und Vernichtungslager an. 526 werden Sofort von der SS in den Gaskammern ermordet, o25 Männer und 29 Frauen werden ins Lager aufgenommen. Am Ende werden nur 30 Menschen dieses Transportes am Leben sein. Primo Levi ist 24 Jahre alt, als er in die Hölle von Auschwitz kommt doch er hat rasch auch Glück: Als Chemiker wird er- nach einer absur- den Prüfung vor deutschen Ingenieu- ren- bald zur Arbeit für die Fabrik der I6 Farben in Auschwit?z- Monowit?z ausgesucht. In der Industrieanlage, die niemals fertiggestellt wird, versuchen die Deutschen u. a. künstlichen Kau- tschuk zu produzieren. Bis er im wet- tergeschützten Labor, das ihm auch die Beschaffung überlebensnotwendi- ger weiterer Dinge ermöglicht, arbei- ten kann, vergeht noch einige Zeit, doch dann ahnt auch Levi, dass es ihm gelingen könnte zu überleben. Bevor das wirklich geschieht, wird Levi noch einmal lebensbedrohlich krank. Er leidet an Scharlach, was in 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer diesen Tagen eigentlich einem To— desurteil gleichkommt. Die Kranken- baracken starren vor Schmutz, überall liegen Typhuskranke, die hoch infek— tiõs sind, die Verpflegung kommt zum PErliegen, Medikamente gibt es nicht. Dennoch rettet ihm der gefürchtete Krankenbau des Lagers letztlich auch das Leben. Denn anders als zigtausen- de seiner Mithäftlinge im gesamten Lagerkomplex Auschwit? muss er im Januar 1945 nicht auf einen Todes- marsch gehen, sondern bleibt im La— ger zurück, übersteht das Chaos der let?ten Zzehn Tage, bevor die Rote Ar- mee eintrifft und ihn wie etwa 73500 weitere Häftlinge in den drei Lagern in Auschwitz befreit. Im„privaten La- ger“ Auschwitz III-Monowitz(es wur- de tatsäãchlich privat von den IG-Far- ben betrieben) fanden die einrũcken- den Soldaten noch 650 Menschen vor. In den provisorischen Krankenre- vieren der Roten Armee kann Primo Le vi sich fast vollständig erholen- auch das ein kleines Wunder, denn viele der zurückgelassenen Häftlinge waren Zum Zeitpunkt ihrer Befreiung Schon so geschwächt, dass sie trot?z der sofort einsetzenden medizini- schen Versorgung noch verstarben. Nach Turin kehrt Levi indes erst am 19. Oktober 1945 zurück, da ihn seine Befreier auf eine wilde Odyssee durch Mittel-und Osteuropa schicken (davon berichtet Levi später in„Die Alempause“*). Sofort nach seiner Rückkehr beginnt er mit„Vt das ein Mensch“, im Schreiben findet er zu— mindest vorübergehend Erlösung: Ich „fand ſ...] für kurze Zeit Frieden und fühlte mich wieder Mensch werden, ein Mensch wie alle, weder Märtyrer noch Verdammter, noch Heiliger, son- dern ein Mensch, der eine Familie gründet und in die Zukunft und nicht in die Vergangenheit blickt.“ Dieses positive Gefühl verstärkt sich noch, als Levi die Frau fürs Leben kennen- lernt:„Außer der befreienden, er- leichternden Wirkung, die das Er- zählen für den Heimkehrer hat, berei- tete mir das Schreiben jetzt ein viel- schichtiges, intensives, neues Vergnü- gen, ähnlich dem, das ich als Schüler empfand, als ich in die feierliche Ord- nung der Differentialrechnung einzu— dringen versuchte. Es war aufregend, nach dem richtigen, das heißt dem treffenden, kurzen und kräftigen Wort zu suchen, es zu finden oder auch zu erschaffen; die Dinge aus der Frinne- rung hervorzuholen und mit größter Strenge und geringstem Ballast zu be- schreiben. So paradox es klingen mag, meine Bürde grausiger Brinnerungen wurde zu einem Reichtum, zu einem Samen; mir schien, als wüchse ich beim Schreiben wie eine Pflanze.“ Bis 1977 wird er dennoch haupt- beruflich als Chemiker arbeiten, erst danach wird er nur noch schriftstelle- risch tätig sein. Am 11. April 1987 Stirbt er, nachdem er in den Treppen- Schacht seines Wohnhauses gestürzt war. Es ist unklar, ob Levi, der sich kurz zuvor, fast zehn Jahre nach des- sen Iod, noch einmal heftig gegen Jean Amérys Thesen zu Auschwitz gewandt hatte, Selbstmord beging oder ob Medikamente, die er nehmen musste, den Sturz verursachten.. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25 „Sonderbehandlung“ Neuauflage von Filip Müllers Augenzeugenbericht Im Dezember 2021 erschien im Verlag der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft (vbg Theiss) Darmstadt die Neuauflage von Hilip Müllers Bericht über die Ge- schichte der jüdischen Sonderkommandos in Auschwitz. Bei zwei Veranstal- tungen der Lagergemeinschaft(zuletzt am 27. Januar dieses Jahres in Gießen“ Stand es im Mittelpunkt. Filip Müller(1922— 2013) ist unter den wenigen Uberlebenden der jüdi- schen Sonderkommandos in Ausch- wit?-Birkenau, die Zwangsarbeit in den Gaskammern und Leichenver- brennungsstätten leisten mussten, ei— ne Ausnahme. Der in der Tschechoslowakei ge- borene Müller ist nicht nur der einzi- ge Uberlebende des Sonderkomman- dos, der über seine Arbeit in den Kre- matorien sowohl zu einem frühen Zeitpunkt im Juni 1942 als auch in den Jahren 1943-1945 berichtete, son- dern er war auch der erste Uberle- bende des Son- derkomman- dos, der 1979 ein Buch über seine Erinne- rungen veröf— fentlichte. Be- merkenswert daran ist, dass sein Buch im Land der Täter und in der Spra- che der Mörder geschrieben und ver- õffentlicht wurde, nachdem er 1969 in Deutschland seine neue Heimat ge- funden hatte. In Filip Müller um 1958 verschiedenen Gerichts- und Er- mittlungsverfah- ren trug Müller zweife llos als wichtiger Zeuge zur Klärung we- sentlicher Sach- verhalte bei und wurde nicht zu— letzt durch Claude Lanzmanns Film „SMOhn“ 1985 als Filip Müller 1961 bei einem Besuch auf dem Gelände des ehema- ligen Vernichtungslagers Birkenau.(Fotos: Privatarchiv K Müller) einziger von Lanz- mann interviewter Augenzeuge des 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Auschwitzer Sonderkommandos weltweit bekannt. Diese Tatsachen machen sein Werk zu einem der wichtigsten Zeugnisse der Holocaust-Literatur, das seither in acht Sprachen überset?t worden ist und nach über 40 Jahren im Dezember 2021 in einer kommentierten Fdition im wbg-Verlag wieder auf Deutsch herausgegeben wurde und 28 Huro kostet. Die kostengünstige broschierte Sonderausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn ist seit Mai 2023 für 4,50 Huro lieferbar und kann über die Internetseite der Bun- des?entrale bestellt werden. Die Neu-Ausgabe enthält ein Nachwort zu Filip Müllers Vita und zur Bedeutung seines Werks sowie ei- nen biografischen Anhang von And- reas Kilian mit personenbezZogenen Angaben zu 28 von Filip Müller er- wähnten Sonderkommando-Häftlin— gen, 3 weiteren Auschwitz-Hãäftlingen und 19 SS-Angehörigen sowie 15 Fo- tos der erwähnten Häftlinge oder Uberlebenden und 12 Fotos der S8— Angehörigen aus Auschwitz. Zudem ergänzen 20 fotografische Zeugnisse, und 5 Lagerpläne den Anhang.. „Offnet Eure Augen und Herzen“ Appell des Internationalen Auschwit?-Komitees Zzum Weltflüchtingstag Kein Mensch fieht freiwillig- aber ganz freiwillig Kénnen wir lins ent— Scheiden, diesen Menschen zu helfen. (Filippo Grandi, VNHochkommissar für Hichtlinge) Auschwitz-Uberlebende appellieren an Buropa:„FErinnert euch am Welt- flüchtlingstag an die Hragõdie auf den Meeren und öffnet eure Augen und Herzen!“ Zum Weltflüchtlingstag(20. Juni) betonte Christoph Heubner, der Fxekutiv-Vizepräsident des Interna- tionalen MAuschwitz Komitees, während eines Aufenthalts in der Ge- denkstätte Auschwitz: „Auschwitz-Uberlebende erinnern sich gerade an diesem Weltflüchtings- tag daran, wie es ist, als Füchtende vor einer Welt zu stehen, die in Angst, Hass und Gleichgültigkeit erstarrt ist, und sie wissen noch genau, wie es sich anfühlt, in dieser johlenden, hassen- den und gleichgültigen Welt gejagt, eingesperrt und abtransportiert zu werden. Sie appellieren deshalb an Deutschland und Buropa, diese Frin- nerungen zu bewahren und der Not der Menschen, die versuchen, Europa heute Zzu erreichen, mit offenen Augen und offenen Herzen zu begegnen. Was im Moment auf den Meeren um Furo- pa herum geschieht ist eine Tragõdie für uns alle. und dass Rechtsextreme immer wieder versuchen, die Angst vieler in Europa beheimateter Men- schen zum Hass gegen die Füchten- den und die Fremden hinzulenken, ist eine Schande, die uns niemals gleich- gültig sein darf!“. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 M Prof. Dr. Andrea Löw(Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte München) bei ihrem Vortrag am 28. April 2023 in Gießen.(Foto: Hirschmann) Von Passivität kann keine Rede sein Selbstbehauptung und Widerstand von Jũdinnen und Juden Von Emma Kremer* »Selbstbehauptung und Widerstand von Jũdinnen und Juden wãhrend des Holocaust« lautete im Gießener Rat- haus das Thema eines Vortrags von Prof. Andrea Löw, deren Forschungs- schwerpunkt neben der Judenverfol- gung auch besonders die Ghettoisie- rung im besetzten Polen ist. Noch vor einer Woche war sie zum 80. Gedenk- tag des Aufstands im Warschauer Ghetto in Polen als Expertin im ZDF zu scehen, umso mehr freue man sich, dass sie nun in Gießen ist, bedankte sich Gerhard Merz, Leiter der Lager- gemeinschaft Auschwitz. Der Verein Sowie die Arbeitsstelle Holocaustlite- ratur und die Jüdische Gemeinde Gießen fungierten als Veranstalter. Im Schatten anderer Diskussionen »Wir haben uns vorgenommen, stär- ker zusammenzuarbeiten«, erklärt er, »wir betrachten diesen Abend heute auch als einen Schritt in diese Rich- tung.« Das Thema sei keine leichte Kost, verdiene aber mehr Aufmerk- Samkeit, da es»sehr lange im Schatten von anderen Diskussionen des Holo- caust stand«, betont Merz. Direkt zu Beginn zeigt Andrea Löw eine Pro- blematik auf, die im Publikum für großes Entsetzen und verständnislo- * Der Beitrag von Emma Kremer erschien erstmals im Gießener Anzeiger vom 3. Mai 2023. 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer ses Kopfschütteln sorgt: Sehr häufig werde die Fra- ge gestellt, warum sich nicht mehr Juden gegen die Nationalsozialisten ge- wehrt haben. Die Frage lasse eine Art der Schuld- zuweisung an die Juden zu und stellt gleichzeitig eine Diskreditierung der waf— fenlosen Kämpfer dar, s0 LSw. Widerstandskãmpfer Shmuel Ron. Sein Buch„Die Erin- nerungen haben mich nie losgelassen' ist im Verluag Neue Pabei müsse man doch Kritik, erschienen.(Foto: Hirschmann) eigentlich fragen: Wieso haben nicht mehr Menschen, die nicht von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, Widerstand geleistet? Er- schreckend sei darüber hinaus auch die Tatsache, dass in der Regel von al- len während der NS-Zeit verfolgten Gruppen nur die Juden mit der Frage nach fehlendem Widerstand konfron- tiert werden. Im Laufe des Vortrags wird klar, dass von allgemeiner Passi- vität des damaligen jüdischen Volks keinesfalls die Rede sein kann. Furo- paweit gab es verschiedene Wider- standsaktionen von Jüdinnen und Widerstand in Krakau: links eine Seite aus dem„Ta- gebuch der Justyna“, rechts die Verfasserin Gusta Juden, die auf ganz unterschiedliche Weise stattfanden. Dabei spiele auch die Zeit eine Rolle, die man betrach- tet: In den Anfängen der NS-Zeit sei es zunächst eher um die Verbesserung der Lebensbedingungen gegangen, im Verlauf mussten sie vielmehr gegen die Ausgrenzung und die Massenmor- de kämpfen. Letztlich Seien die Deutschen, auch durch den starken Vorteil ihrer Waf- fen, allerdings in der Ubermacht ge- wesen. Die Waffen fehlten den jüdi- schen Widerstandskämpfern, die sich mit selbst gebauten Geweh- ren, Axten und Fisenstangen gegen die Deutschen wehren mussten. Fucht gelang selten Viele Aufstände, Anschläge oder andere Aktionen auf jü- discher Seite bekamen aus diesem Grund zunehmend symbolischen Charakter: Am Ende war das Ziel des Kamp- Dränger und ihr Mann Shimon.(Foto: Hirschmann) fes häufig nicht mehr das Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29 Uberleben, sondern der Widerstand Selbst. Ob sie sterben würden war nicht die Frage, sondern wie. Und es gab viele, die nicht kampflos aufgeben wollten. Fluchtversuche aus dem Ghetto gelangen selten,»diejenigen, die versuchten, einen Ausweg zu fin- den, taten das unter gefährlichen Be- dingungen«, erklärt Andrea Löw. Schließlich mussten sie damit rechnen, dass große Teile der nicht-jüdischen Gesellschaft ihnen wenig unterstüt- zend oder sogar feindlich entgegentre- ten würden. vEs gab keine Gewissheit darüber, wer ihnen helfen würde, wem sie vertrauen konnten«, verdeutlicht sie. Uber den bewaffneten Widerstand hinaus sei es bewundernswert, wie vie- le Jũdinnen und Juden sich damals mit anderen Formen der Selbstbehaup- tung gegen die Nationalsozialisten zur Wehr setzten. Mit Flugblättern oder Zeitungen wollte man die Menschen über die Taten der Nazis informieren und davor warnen, sich nicht zu den Versammlungsplãtzen zu begeben oder für die Deportationen zu melden. Zudem dienten die zahlreichen schriftlichen Dokumentationen von Widerstandskämpferinnen und Wi— derstandskämpfern, seien sie auf Pa- pier, Servietten oder Sogar Toilet- tenpapier, dazu, die Freignisse und Brinnerun- gen für die Nach- welt festzuhalten. »Falls keiner von uns überlebt, soll wenigstens das bleibenæ, Schreibt Emanuel Ringelblum in einem Brief an seinen Freund. Durch die Dokumentations- bemühungen der Widerstandskämpfer seien die Forschungen zu dem Thema heute überhaupt erst möglich. Schließ- lich seien durch die Bemühungen der Nationalsozialisten heute meist mehr Fotos und Texte aus der Tãterperspek- tive vorhanden. Auf den Fotos der Zeit Seien also oft mehr besiegte Juden als kämpfende Juden zu sehen, obwohl es viele gab, die Widerstand leisteten. »Wir müssen uns darüber klar sein, dass das ein Täterblick ist und zu- mindest darũber reden«, betont Löw. Durch ihre Forschungsarbeit kämpft sie weiterhin für mehr Aufklärungs- und FBrinnerungsarbeit über die Selbstbehauptung von Jüdinnen und Juden im Holocaust. Andrea Löw S IfZ/Kristina Milz „Falls keiner von uns überſebt 801] wenigstens das bleiben“ Fmarol lrgelblurn in eie wfr brin an ne Frwunt Atel Hfrnan ⸗ Emanuel Ringelblum baute im Warschauer Ghetto das Un- tergrundarchiv auf.(Foto: Hirschmann) Sie ist sich aber sicher, dass viele der Men- schen, die damals im Kampf ihr Leben las- sen mussten, es ge- Schafft haben,»den Na- tionalsozialisten nicht auch noch die Zukunft zu überlassen«.. 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Der Sektionsraum im Krematorium I Der Gerichtsmediziner Dr. Dénes Görög und seine Rolle im Sektionskommando Auschwitz-Birkenau Von Andreas Kilian Durch den vom Allgemeinarzt Dr. Mikl6s Nyiszlis(1901 1956) im Jahre 1946 auf Ungarisch veröffentlichten umfangreichen Frinne- licher Leiter des Sektionsraums und seine drei Leidensgenossen als seine Helfer dar: Neben Dr. Nyiszli obdu- zierten im Birkenauer rungsbericht„Ich war der Autopsiearzt von Dr. Mengele im Krematori— um von Auschwitz“*, er- fuhr die Welt-Offentlich- keit von der erschrecken- den Zwangsarbeit der vier Häftlinge im Sekti— onsraum von Krematori- um JI im Vernichtungsla- ger Auschwitz-Birkenau. Dr. Nyiszli war einer der nur zwei Uberlebenden dieses Geheimnisträger- Kommandos, das in der historischen Darstellung fälschlicherweise dem Sonderkom- mando zugerechnet worden war und im Auftrag verbrecherischer NS-Me- diziner wie Dr. Josef Mengele(1911 1979) zumeist Häftlingsleichen und eigens für rassistische Forschungsar- beiten von der S8 ermordete Opfer seZieren musste. Nyiszli stellte sich in seinem Buch selbst als verantwort- Dr. Dénes Görög 1934 (Privatarchiv S. Görög) Krematorium I zwei wei- tere als Juden verfolgte Hãäftlinge, der ungarische Gerichtsmediziner Dr. Dénes Görög(1901— 1945) und der franzsi- sche Internist und Klini- karzt Dr. Charles Jeches- kiel Körner(1911— 1991), während der tschechische Sek- tionsgehilfe und als Jude deportierte Adolf Fischer(ca. 1895— 1943) die Leichen vorbereiten musste. Die große Anzahl der von der 88 ausgewählten Leichen erforderte zeitweise eine flieBßbandartige Durch- führung der Obduktionen. Obwohl das Birkenauer Krematorium J be- reits im Februar 1943 baulich fertig- gestellt war und am 31. März 1943 of— fiziell übergeben wurde, standen der darin befindliche„Sezierraum“ und * Das Buch wurde inzwischen in 22 Sprachen übersetzt und 1992 erstmals auf Deutsch von Dr. Friedrich Herber unter dem Titel„ Um Jenseits der Menschlich- Keit“ im Karl Dietz Verlag Berlin herausgegeben; 2005 wurde die Kommentie- rung der deutschen Edition erstmals überarbeitet; die aktualisierte und erwei- terte Neuausgabe erscheint im November 2023. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 das„Laboratorium“ leer und blieben offenbar bis Ende Juli 1944 ungenutzt. † Während im Jahre 1942 vereinzelt Obduktionen im Stammlager Auschwitz noch von verschiedenen Arzten durchgeführt wor- den sein sollen, scheinen sie sporadisch im Sommer 1943 im nahe gelegenen Dorf Rajsko im„Hygie- ne-Institut der Waffen-SS — Ostfront machten eine Beschleunigung der For- schungen von Dr. Menge- le und einiger seiner Kol- legen notwendig. Sporadi- sche Obduktionen in pro- visorischen Sektionsräu- men konnten die Zielvor- gaben nicht erfüllen. Des- halb suchte Mengele ge- zielt ein Fxpertenteam, das in der Lage war, unter den besten Bedingungen und Polizei Auschwitz“ vorgenommen worden zu sein. Bereits seit Herbst 1943 soll schließlich der im sogenannten Zigeunerlager des Birkenauer Bauabschnitts B IIe als Arzt eingeset?zte Franzose Vancou Vexler(1907— 1990) auf Anordnung Dr. Mengeles am Lagerende in einem Holzschuppen bei den Sanitärba— racken vereinzelt Leichenöffnungen an Noma(Wangenbrand durch Ge— webe- und Knochenfraß im Gesicht, auch„Wasserkrebs“ genannt) ver- storbener Kinder praktiziert haben. Finen permanenten Pathologen gab es vor Ende Juli 1944 in Auschwit?z je- doch nicht. Wahrscheinlich erst ein bis zwei Wochen vor der Liquidierung des Zigeunerlagers am 2. August 1944 wurden der Sektionsraum, das Labo- ratorium und die Unterkunft des erst neu zu schaffenden Sektionskom- mandos in Krematorium J eingerich- tet. Die Befreiung des Vernichtungs- lagers Lublin-Majdanek am 24. Juli 1944 und der Kriegsverlauf an der Dr. Miklös Nyiszli 1946, Foto M. Reich eine möglichst hohe An- zahl von Obduktionen durchzuführen. Aus Ge- heimhaltungsgründen der Massenvergasungen und—einäsche- rungen durfte der Sektionsraum im Krematorium I 16 Monate nicht ge- nutzt werden. Doch der Zeitdruck än- derte die Situation. Um seine Interes- sen durchsetzen zu können, muss Mengele einflussreiche Fürsprecher an seiner Seite gehabt haben. Der ehemalige Oberscharführer FErich Mußfeldt, der am 15. April 1944 mit Seinem Krematoriumskommando aus Majdanek evakuiert worden war, be- nannte Mengeles Unterstützer in sei- ner Vernehmung vom 19. August 1947: „Die SS-Arzte Mengele und Brand, die für das Rasse- und Siedlungsamt Forschungen durchführten, hatten ihren Arbeitsraum im ersten Krema- torium im Parterre, das auf dem Plan als Labor bezeichnet ist.“(Hessisches Haiptstuutsarchi Wieshaden, Abl. 46, 37067/44, S. 7.) Mußfeldt wusste offenbar nicht, dass es sich bei „Brand' weder um einen Mediziner 32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer noch um einen Angehörigen der Auschwitzer SS-Besatzung handelte. Der SS-Standartenführer Rudolf Her- mann Brandt(1909— 1948) war per- Sönlicher Referent Heinrich Himm- lers, Jurist und als Mitglied der„For- Schlingsgemeinschaft Deltsches Ahnenerbe“ der S8 maßgeblich an der Koordination und Organisation von Menschenversuchen in den Konzen- trationslagern beteiligt. Er war nicht nur„Schreibtischtäter“, sondern bei Bedarf in Einzelfällen auch vor Ort. Er set?te persõnlich das durch, was zu⸗ vor nicht genehmigt worden war: die Inbetrie bnahme des am 31. März 1943 von der Zentralbauleitung übergebe- nen„Sezierraums“(der auf der Bau- zeichnung vom 19. Dezember 1942 noch aus einem großen Raum bestand und nach dem 5. Januar 1943 in zwei Räume geteilt wurde: Sezierraum und „Laboratorium'“). Zur Arbeitsbe- schleunigung und Optimierung der Ergebnisse konnten Mengeles Opfer (menschenfeindlich als„Forschungs- objekte“ bezeichnet), die zum Teil direkt nach ihrer Ankunft von der Se- lektionsrampe zum gegenüberliegen- den Krematorium I geführt, im Vor- raum des Sektionsraums getötet und nach der Obduktion im danebengele- genen Verbrennungsraum sofort ein— geäschert wurden. Dieser effiziente Ablauf verhinderte, dass neben den isolierten Geheimnisträgern des Sek- tions- und Sonderkommandos weitere Hãäftlinge wie Häftlingsärzte und Pfle- gepersonal Zeugen der Verbrechen wurden. Dr. Nyiszli und Dr. Körner wur- den als Häftlingsärzte am 27. Juni 1944 gemeinsam aus dem Kranken- bau des KEK Monowit?z in das Bir— kenauer Krankenbaulager B II f ver- legt. In seinem Buch beschreibt Nyiszli, er habe dort in der Leichen- kammer von Block 12, die als provi- Sorische„Sektionskammer“ genutzt worden sei, vor SSArzten und promi- nenten Häftlingsärzten alleine seine Fachkenntnisse unter Beweis stellen müssen. Seinen Kollegen Dr. Körner will er erst einige Wochen später im Sektionsraum von Krematorium I wiedergesehen haben. Der Sektions- raum bei Block 12 wird nur von Ny- iszli beschrieben. Seiner Aussage vom 29. Juli 1945 und eidesstattlichen Er- klärung vom 8. Oktober 1947 zufolge begann er seine Tätigkeit als Obdu— zent in Birkenau aber erst im Sekti— onsraum in Krematorium I, der den provisorischen Sektionsraum im Zi- geunerlager ablöste. Am 29. Juni 1944 wurde aus dem Krankenbau des Zi- geunerlagers B IIe der Kopf eines 12 jährigen Kindes auf Anordnung von Dr. Mengele an das Hygiene-Institut verschickt. Da Nyiszli Zu diesem Zeit- punkt im Krankenbaulager B If Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 33 noch als Arzt tätig gewesen sein dürf— te, Scheinen die Obduktionen in B IIe offenbar weiterhin von dem Häftling Vexler im Auftrag Mengeles durchge- führt worden zu sein. Aus Nyiszlis Darstellung seiner Tätigkeit im Krankenbaulager B II f in seinem Buch könnte geschlossen werden, dass er bereits Anfang Juli 1944 ins Krematorium I überstellt worden war. Es ist jedoch zu vermu- ten, dass alle drei Pathologen sowie der Sektionsgehilfe erst Ende Juli 1944 zeitgleich ihre Obduktions- Tätigkeit im Krematorium aufnah- men, da die zahlreichen Sektions-An- ordnungen Dr. Mengeles, insbesonde- re im Zusammenhang mit der Liqui- dierung des Zigeunerlagers, für eine Person nicht zu bewältigen gewesen wären. Wahrscheinlich ist, dass Dr. Nyiszli und Dr. Körner gemeinsam aus B Ilf in den Sektionsraum im Krematorium I überstellt wurden, während Dr. Görög und Adolf Fi- scher aus dem Männerlager B IId verlegt wurden. Die Finweisung Dr. Görögs in das Sektionskommando ist datierbar, da die Auswahl des Gerichtsmediziners durch die Aussage des 94-jährigen Auschwitz-Uberlebenden und Au— gen?zeugen Dr. Andreas Weiss belegt werden kann, und da Görög für die Finweisung in das Arbeitskommando überhaupt erst mit seiner Häftlings- nummer A-17.677 registriert worden war, die am 25. Juli 1944 ausgegeben wurde. Zuvor wurde Dr. Görög nach seiner Ankunft an der Birkenauer Se- lektionsrampe am 7. Juli 1944 ohne Hãftlingsnummer als„Depotjude“ im Sektionsraum im Krematorium des KL Majdanek: im Birkenauer Kre- matorium Iwurde ein vergleichbarer Sektionstisch verwendet.(Foto: O Andreas Kilian 2021) 34 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Zigeunerlager B IIe, das zur Hälfte „Durchgangslager“ für Juden war, in Block 7 festgehalten. Als dort am 25. Juli 1944 beim Morgenappell Obdu- zenten gesucht wurden, meldete er sich freiwillig und wurde nachmittags in das Männerlager B IId verlegt, wo er am selben Tag seine Häftlingsnum- mer auf den linken Unter- arm tãtowiert bekam. Von dort aus wurde er vermut- lich noch am selben oder am folgenden Tag in den Sektionsraum von Krema- torium I überstellt, um sei ne Fähigkeiten unter Be— weis zu stellen. Fischer wurde aus dem Ghetto Theresienstadt deportiert und erreichte das KI. Auschwitz vermutlich im Prof. Sändor Görög Mai 1944. Offenbar wurde(O Bielik Istvãn 2016) er vor der Liquidierung des Theresienstädter Familienlagers am 10. Juli 1944 in das Männerlager verlegt und meldete sich dort nach einem Suchaufruf freiwillig für die Arbeit im Sektionsraum. Unter den vier Männern des Sek- tionskommandos befand sich nur ein renommierter Gerichtsmediziner, der im deutschsprachigen Raum eine be- kannte Kapazität war: Dr. med. Dé- nes Görög. Er wurde am 29. Januar 1901 in Budapest geboren, studierte in den Jahren 1918— 1923 Medizin in Budapest, Berlin, Göttingen und Pécs und sprach fließend deutsch. Im Herbst 1919 konvertierte er zum rö- misch-Katholischen Glauben und nach Absolvierung von Praktika in verschiedenen Krankenhäusern in Budapest, Pécsvärad und Pécs wurde ihm am 25. Februar 1925 der Doktor— titel verliehen. Am 25. Juni 1924 wur- de er zum Mitglied der Königlichen Medizinischen Gesell- schaft in Budapest ge— wählt. Dr. Görög war Seit 1925 Gerichtsmedi- ziner am Institut für Pa- thologie in Pécs und seit 1929 Leiter der Prosek- tur und des Zentralla- bors sowie Chefarzt der Gerichtsmedizin am öf— fentlichen Krankenhaus in Szombathely und or- dentlich berufener ge-— richtsmedizinischer Sachverständiger. Sein Mentor Professor Béla EFnt?(1877— 1959) ver- half ihm zu Weiterbil- dungen an renommierten Instituten, u. a. 1926 vier Monate lang bei dem berühmten Hämatopathologen und Lehrbuch-Verfasser Carl Sternberg (1872— 1935) in Wien. Im Jahre 1934 habilitierte sich Dr. Görög als erster privater Universitätsdozent an der Medizinischen Fakultät der Univer— sität Pécs und war bis zu seinem Tod der einzige Privatdozent und Ho- norarprofessor in SZombathely. Ne- ben seiner sechsjährigen Tätigkeit als Lehrbeauftragter an der Abteilung für Rechtsmedizin und Pathologie der Universität Pécs verõffentlichte er als angesehener Autor und„könig- licher Gerichtsarzt“ zahlreiche Arti— Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 35 kel in ungarischen und deutschen me- dizinischen Fachzeitschriften. Seine Tätigkeit als Pathologe durf- te er neben einem 1942 zugewiesenen Zwangsarbeitsdienst im Kranken- haus in Köszeg bis zum 17. Mai 1944 fortführen, dann wurde er am 20. Mai 1944 mit seiner Familie in das lokale Ghetto gesperrt. Dr. Görög wurde mit seiner Frau Klära, der dreizehn- jährigen Tochter Klärika Matild, sei- ner Schwiegermutter und der Schwä- gerin Magda Szemzö am 4. Juli 1944 aus dem Transitlager in SZombathely, das sich auf dem Gelände der stillge- legten Mayerschen Maschinenfabrik befand, nach Auschwitz deportiert. Sein damals zehnjähriger Sohn Sändor überlebte die Verfolgung im Versteck eines katholischen Klosters in Köszeg. Neben seinem Sohn über- lebte von Dr. Dénes Görögs Familie nur seine Schwägerin die Shoah. Nach der Evakuierung aus Auschwit?z wurde der in?wischen schwer kranke Dr. Görög in Mauthausen von Nyiszli getrennt. Am 29. Januar 1945 erreich- te er das Nebenlager Ebensee, nur fünf Tage später, am 3. Februar 1945, verstarb er im dortigen Häftlings- krankenbau in Anwesenheit des Zeu- gen Dr. Gyula Török und wurde im benachbarten Lager-Krematorium eingeäschert. Dr. Görögs Sohn Sändor wurde erst 1948 von seiner Tante aus dem Kloster abgeholt und von ihr großge- zogen. Er wurde ein renommierter Chemiker und Pharmakologe und ist ordentliches Mitglied der Ungari- schen Akademie der Wissenschaften. Im Jahre 2011 veröffentlichte Prof. Sändor Görög in Budapest seine Au- tobiographie und Familiengeschichte unter dem Titel„Repkényszaggatäs“ („Zerkleinerung') und setzte darin seinen ermordeten Familienangehöri- gen ein würdiges Denkmal. Seinen Recherchen ist es zu verdanken, dass die Lebensgeschichte seines Vaters verewigt und die fachliche Bedeutung des Gerichtsmediziners Dr. Görög in Brinnerung gerufen wurde. Adolf Fischer kam auf dem Fva- kuierungsmarsch nach Mauthausen zu Tode. Dr. Nyiszli verstarb bereits 1956 in Oradea, nachdem er ein Buch sowie mehrere Aussagen und Zei- tungsartikel über seine Zwangsarbeit in Auschwitz hinterlassen hatte. Al- lein ihm ist es zu verdanken, dass die Schicksale und Namen seiner Kame- raden im Sektionskommando über- liefert wurden. Dr. Körner praktizier- te nach dem Krieg in privaten Sanato- rien sowie im senegalesischen Diour- bel und SEdhiou in Franzõsisch West- afrika als Amtsarzt. Er verstarb am 30. März 1991 im südfranzösischen Toulon. Vor dem Hintergrund seiner ge- richtsmedizinischen und akademi- schen Karriere, wissenschaftlichen Publikationstätigkeit und beein- druckenden klinischen Berufserfah- rung stellt sich die Frage, ob Dr. Dé- nes Görög eine bedeutendere Stel- lung im Sektionskommando inne ge- habt haben könnte, als von Dr. Nyis?- li in dessen Buch dargestellt wird. Das einzige erhaltene Sektionsprotokoll, das erstmals im Jahre 2011 in der Pu— 36 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer blikation des Staatlichen Mu- Seums Auschwitz- Birkenau„TVMe Conservation of ine Sgiene Instilut Docl- 5 N 3—4—— r— — — — ments“ auf 8. 34 abgedruckt wor- den ist, wurde am 1. November 1944 nur von einem Häftling unter— zeichnet:„Dozent Dr. Görög“. Die-— se Unterschrift, die am Ende des Protokolls noch über der Angabe sei- ner Häftlingsnummer steht, verdeut- licht, dass nur eine fachlich anerkann- te Kapazität es sich als Hãäftling erlau- ben durfte, mit der Bezeichnung„Do— zent“ zu unterschreiben. Der Schrift- vergleich mit einem zweiten Doku— ment aus dem„Sektionsraum Krema- torium I“ vom 29. August 1944 legt nahe, dass es vom selben Verfasser ge- schrieben worden sein könnte. Der wesentliche Unterschied zum zuvor erwähnten Sektionsprotokoll besteht darin, dass der Auftrag an das SS-Hy- giene-Institut ordnungsgemäß von ei- nem SS-Hauptsturmführer unter— zeichnet wurde. Im Gegensat? zu Dr. Görög war Dr. Nyiszi nach dem Ende seines Stu- diums im Jahre 1930 als Hausarzt und Gerüchten zufolge höchstens gele- gentlich als Obduzent tätig, späte— stens seit 1937 praktizierte er nur noch als Allgemeinmediziner. Neben Schriftenvergleich Dr. Görög(Dokumentensammlung SS-Hygiene Institut, O APMAB) seiner Dissertation„Selbstmordarten auf Orund des Seltionsmaterials des Breslaluer Gerichtsärztlichen Instituts“ hinterließ er keine wissenschaftlichen gerichtsmedizinischen Schriften. Andererseits konnten sich Son— derkommando-Uberlebende zum Teil an den Namen Nyiszlis erinnern. Im Gegensatz zu Görög konnte er einen Studienabschluss aus Deutschland bei einem anscheinend von Mengele geschätzten Professor vorweisen. Zudem könnte Dr. Görögs schlechte gesundheitliche Verfassung, die durch Nyiszlis Hilfe bei der S8 unentdeckt blieb, eine Leitungsfunktion Görõgs verhindert haben. Nyiszlis in den Kapiteln XXXII und XXXIX seines Buchs zu findende Schilderung von Görögs Verwirrtheitszuständen wird durch einen weiteren Zeugen, den ungarischen Arzt Dr. J6?sef Bencze (1896- 1970), bestätigt. Dr. Bencze wurde gemeinsam mit Dr. Görög de- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 37 portiert und hinterließ einen detaillier- ten unveröffentlichten und im Privat- besit? befindlichen Erinnerungsbe- richt, demzufolge Dr. Görög bereits während der Bahnfahrt heftige Anzei- chen von„Demenz aufgrund von Aus- trocknung“ gezeigt haben soll. Nach etwa einer Woche habe sich der Zu— stand wieder gebessert und sich seine Orientierung wiederhergestellt. Der Uberlebende Dr. Andreas Weiss(geb. 1929), der gemeinsam mit seinem Vater, dem Arzt Dr. Windholz, und Dr. Görög nach Auschwitz de- portiert wurde, kannte Dr. Görõg und traf ihn kurz vor dessen Uberstellung als Obduzent aus dem Bauabschnitt B II e. Er berichtete, Verwirrtheitszu- stände Görögs seien zu diesem Zeit- punkt nicht zu bemerken gewesen, könnten einige Zeit später jedoch wieder verstärkt aufgetreten sein. Al dies könnte eine Leitungsfunktion Dr. Görögs im Sektionskommando verhindert haben. Das von ihm unter- zeichnete Sektionsprotokoll lässt je— doch keine gesundheitlichen Beein- trächtigungen des Verfassers erken- nen. Die widersprüchlichen Informa- tionen schließen derzeit eine zweifels- freie Feststellung zur Leitungsfrage aus. Es bleibt zu hoffen, dass weitere Aktenfunde aus dem Bestand des S8— Hygiene-Instituts und der Zentral- bauleitung der Waffen-SS und Polizei Auschwit?z oder neue Zeugenaussa- gen weitere Hinweise und Erkennt- nisse zum Tätigkeitsbeginn des Sekti- onskommandos und zur Leitungs- funktion unter den vier Hãäftlingen er- bringen werden.. Liebe Mitglieder, liebe Leserinnen und Leser, wir bitten Sie zu überlegen, ob Sie uns Ihre E-Mail-Adresse mitteilen möch- ten und uns vom Vorstand ausdrũcklich erlauben, dass wir Sie auch auf die- sem Weg über Vereinsaktivitãten informieren dürfen. Falls Sie dies befürworten, schicken Sie uns bitte Ihr Einverständnis per- EMail an infoGlagergemeinschaft-auschwitz. de. Dies kann auch direkt über unsere Homepage(httpsMlagergemeinschaft- auschwitz. de) und das dortige Kontaktformular geschehen. Dort müssen nur der Sat? mit Ihrer Einverständnis-Erklärung und die Kenntnisnahme unserer Datenschutzbestimmungen angeklickt werden. Vielen Dank für Ihr Verständnis LAGERGEMENSCHAFT AUSCEHWTE FREUNDESKREIS DER AUSCFHMWAZER E.V. Lap A. iri Hereſe—— Dis Lagummunsthaſt Ausmhwitz- Fruuncinskrnis rier Authwitzer n V wird fast ausschnſlirh urh Spenden unci Mitlircsheitruge ſinanzient er ahresbetrag betrsgt minciesterns 40 EUR fur Borufstange und mintiestens 20 Euro fUr Schurer Stucienten Aasubikerte ur Mbeitslrsn Wr bien Se durci nren Ernrilt in e Lagergerneirschaſt oder durth eine eirmsage Spehe Zu helfen. dsss der vVerein Uber die hrsnzislan Mel vrfbgt. cie er deingend bendigi Beitrittserklärung Wen ne e eeeeeeetreteeeeeeehetteeeeetetettete TM. riee e EMt e i Gebunsdaburn—— opUonsl) ch möthtu Mitglinci cior Lngargamninsthaft Authwitr- Fruundnskrnis ciur Austhwitzur uW. wurcum. o Den Jhesbersg n HSe en EUR ed per Esersuftreg bæ sls ySrrcns Emxæluberueisung irirufreſeritkes hln heitten) aul das ſrgencie Knrito ubenueisen Sparkssse Oberhessen BA DE 43 5135 0079 0020 0005 03 BE HELADEFPR hch ernachge cie Lagergerreirttinfl bis auf Wcerrut, cien Jahrresheitrag wrn ELR ⸗ dbei lelgeritie⸗ Ban— Mane der Bank) oinzuhen vMll dem Betr bestahe ich gleichzsibg mein Eirwefstẽnnis rn cet Speherung rneiner perstnenezogeren sten e r onschutorkrung ter Lageemenschsft Suschtx ſxu fncen urer Akt2 e. Solen Sin Uber keirn intemetzugang werfüger. inien Sie uris es— kurx n Wr serrer lhren die Daienchutzerlung dann sut poskalischer Wege zu Mnni c hin dnrn ninwrstanan, das Mntwlungshti rier LG ruquimallig ſic R 12 Mnl prw Jahr) par Post an mninn d. g Anscku Tu erhuen. ſWenn rich xutrefferici. bitie streitlen.) nfnrmatiunan pur E-Mal: lch bin curn ninrstariter dass tie Lagergerneirthat Austknitæ— Fnrurteskfeis ciet Ausfwrr e V. rnr in untegelmligen Absldncien Inſorarmen xu AklivſltsterWeranslallumngen per E-Ma ar rreine g. EMail- Axiresbe zukommen lasst Wonn nicht xutroffenci, hitts stroithan.) Bh— LAGERGEMEINSCHAFT AUSCHWTZ FREUNDESKREIS DER AUSCFHWAZER —— —,— — — —— W Blick aus der Bewacherperspektive vom Turm des Eingangsgebäudes in Birkenau 43. Jahrgang Mitteilungsblatt, Dezember 2023 Liebe Leserinnen und Leser Aus verschiedenen Gründen ist es uns leider nicht gelungen, diese Ausgabe des Mitteilungsblattes noch vor den Weihnachtstagen fertigzustellen. Somit hoffen wir, Sie hatten geruhsame Feiertage, und wünschen Ihnen einen guten Start ins Jahr 2024. Inhaltsverzeichnis Seite Gegen Judenhass und Antisemitismus 2 Unsere Projekte 3 Im Zeichen des Massakers: Präsidiumssit?zung des IAK 6 Das Krakauer Ambulatorium für NS-Verfolgte 9 Die Botschaft der Uberlebenden: Impressionen einer Studienreise 10 Gesprãch mit der Auschwitz-Uberlebenden Lidia Maksymowicz 13 Anna S7alaznas 97. Geburtstag 14 Zum Tod von Eva Fahidi 15 Die Zukunft der Erinnerung: Veranstaltung mit Christoph Heubner 17 Die Kinderoper„Brundibar“ 19 Wo ist Anne Frank: Mit Kindern über den Holocaust sprechen 22 Späte Gewissheit: Die Informationsstelle im Auschwitz-Archiv 23 Das zweite Gradowski- Manuskript 28 Zweifach gechrt: Auszeichnungen für Christoph Heubner 32 Impressum: Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer 35516 Münzenberg, Freiherr-vom-Stein-Str. 27 Vorsitzender: Gerhard Merz, 35308 Gießen, Unterer Hardthof 15 (Korresponden? bitte an diese Adresse) Internet: www.lagergemeinschaft-auschwitz. de facebook. comſlagergemeinschaft/ Redaktion: Hans Hirschmann Bankverbindung: Sparkasse Oberhessen IBAN DE43 5185 0079 0020 0005 03; BIC HEHLADEFIFRI Bei Spenden bitte Adresse deutlich schreiben, damit die Bescheinigung für die Steuererklärung zugeschickt werden kann. Bitte bei Umzügen neue Adresse und Anderungen der Bankverbindung mit- teilen. Es erspart Arger, Zeit und Geld bei Bankeinzügen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 „Eine Mutter kämpft gegen Hitler? Das Schicksal des Hans Litten Mittwoch, 24. Januar 2024, 20 Uhr Stadtbibliothek Bad Vilbel, Niddaplatz 2 Die Schauspielerin Patricia Litten liest aus dem ein- drücklichen Buch ihrer Großmutter Irmgard Litten, das diese sich in der Emigration von der Seele ge- Schrieben hat. Patricia Litten ist die Enkelin von Irm- gard Litten und die Nichte von Hans Litten. Seit dem Tag der Verhaftung ihres Sohnes hatte Irmgard LKitten alles unternommen, um ihn aus den Fängen der Nationalsozialisten zu befreien. Ihre Hartnãckigkeit führte sie bis Zu den Spitzen des Re- gimes, sie schrieb unzählige Gesuche, auch an Hitler, Göring und Himmler. Vergeblich. In ihrem Buch schildert sie die Leidensgeschich- te des Anwalts, der Adolf Hitler im Berliner Eden- palast-ProzZess von 1931 in den Zeugenstand gerufen hatte. Durch die Fragen des linken Strafverteidigers in die Enge getrieben, ver- strickte sich Hitler unter Fid in Lũgen und beschimpfte Hans Litten wütend. Die- ser musste nach der Machtergreifung auf tragische Weise erfahren, dass Hitler ihm diese Demütigung nie verzieh. Er war einer der Ersten, die 1933 in der Nacht des Reichstagsbrandes festgenommen wurden. Nach Jahren der Folter in ver- schiedenen Gefängnissen und Konzentrationslagern nahm Hans Litten sich am 5. Februar 1938 im KZ Dachau das Leben. Patricia Litten Musikalisch begleitet wird Patricia Litten an diesem erstaunlichen Abend von der Cellistin Birgit Saemann. Der Bintritt ist frei. Bitte kostenfreie Tickets über das Kartenbüro Bad Vilbel, Klaus-Havenstein- Weg 1, bestellen: Ielefon(O6101) 559455, E-Mail„tickets Obad-vilbel. de?. Eine Veranstaltung der Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer, der Naturfreunde und der Arbeiterwohlfahrt Bad Vilbel, der Stadt Bad Vilbel sowie gefördert vom Wetteraukreis aus dem Programm„Demokratie leben!“ des Bundesfamilienministeriums und kofinanziert vom Land Hessen. 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Gegen Judenhass und Antisemitismus Die Lagergemeinschaft Auschwit? — Freundeskreis der Auschwitzer ver- urteilt aufs Schärfste den brutalen An- griff der palästinensischen islamisti- Schen Terrororganisation Hamas vom 7. Oktober 2023 auf Israel mit seinen grausamen Massakern, Massenent- führungen und vergewaltigungen, Fol- terungen und Leichenschändungen und erklärt sich mit den Opfern und ihren Familienangehörigen sowie dem Staat Israel solidarisch, dessen Exi- Sten?- und Selbstverteidigungsrecht nicht Zu relativieren ist. Die Angst vor erneuten Pogromen und dem weiterhin verbreiteten Anti- Semitismus veranlasste die Mehrheit der Uberlebenden der Shoah und ihrer Nachkommen, Buropa in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg Zu verlas- Sen. Mit ihren Gewaltakten wollte die Hamas Jüdinnen und Juden weltweit erneut traumatisieren und ihnen vor- führen, dass es wieder einen Holocaust geben kann. Dieser Jerror ist durch nichts gerechtfertigt und kann durch nichts relativiert werden. Als Verein, der von Auschwitz- Uberlebenden gegründet wurde, den- ken wir insbesondere an die Uberle- benden der Shoah in Israel, die um ihr Leben fürchten müssen und zum Teil erneut vertrieben wurden. Die 86jähri- ge Uberlebende der Konzentrationsla- ger Ravensbrück und Bergen-Belsen, Emmie Arbel, fand sogar Zuflucht an ihrem ehemaligen Leidens-Ort und lebte nach dem Hamas-Angriff kur?- zeitig in der Gedenkstätte Ravens- brück(„Haus der Uberlebenden“ der Lagergemeinschaft Ravensbrücky. Seit dem 7. Oktober hat sich die An- zahl antisemitischer Vorfälle in West- europa erschreckend vervielfacht. Dass Sie auch in Deutschland drastisch Zuge- nommen hat, erfüllt uns mit großer Wut. Gleichzeitig sind wir empört und traurig, dass Juden und Jüdinnen an- gepöbelt, beschimpft, beleidigt und be- droht werden- nur weil sie jũdisch sind. Dies geschieht öffentlich in Schulen, in Bussen und Bahnen, auf Straßen und Plätzen- und viele„Nicht-Betroffene“ Schweigen dazu. Wir appellieren, dies nicht Zu akZeptieren und den Mut auf- zubringen, sich offen solidarisch auf die Seite der Geschmähten zu stellen. Wir stimmen mit Jürgen Habermas, Nicole Deitelhoff, Rainer Forst und Klaus Günther überein, wenn sie in den „Grundsätzen der Solidarität“(veröf- fentlicht am 13. 11. 2023) sagen: „Mit dem demokratischen, an der Verpflichtung zur Achtung der Men- Schenwürde orientierten Selbstver- Ständnis der Bundesrepublik verbindet sich eine politische Kultur, für die im Lichte der Massenverbrechen der NS- Zeit jüdisches Leben und das Fxisten?- recht Israels zentrale, besonders schüt- zenswerte Blemente sind. Das Bekenntnis dazu ist für unser politi- sches Zusammenleben fundamental. Die elementaren Rechte auf Freiheit und körperliche Unversehrtheit sowie auf Schutz vor rassistischer Diffamie- rung sind unteilbar und gelten glei— chermaßen für alle.“. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 Liebe Mitglieder, liebe Sympathisantinnen und Sympathisanten Vor 75 Jahren- am 10. Dezember 1948— beschloss die UN-Vollversam- mung mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte das„Grundge- set? der Menschheit“(FR 9./10. 12. 2023). Aber es gibt keinen Grund in Feierstimmung zu geraten. Verbre- chen gegen die Menschheit lassen sich bei Russlands Krieg in der Ukrai- ne beweisen und auch bei gewaltsa- men Auseinanderset?zungen und Ver- treibungen in vielen Ländern der Erde. Und nun der 7. Oktober: Die bestialischen Morde der Hamas- Terroristen beim Uberfall auf israeli- sche Gebiete, die Vergewaltigungen, Demütigungen und die Verschlep- pung von Geiseln jeglichen Alters sind eines der grausamsten Vergehen gegen die 1948 formulierten Men- schenrechte. Obendrein filmten und fotografierten die Täter ihre Untaten und schickten die Bilder samt ihrer Freudentänze um die Leichen ihrer Opfer über die Smartphones in die Weltõffentlichkeit(Siche unsere Er- klärung auf der Seite links). Keine ernst?unehmende Stimme zweifelt daran, dass die Hamas ganz bewusst kalkuliert hat, wie massiv die Gegenwehr Israels ausfallen wird- mit militärischen Angriffen auf den Gaza- Streifen und mit vielen zivilen Opfern unter der palästinensischen Bevölke- rung. Die Hamas-Marodeure als Frei- heitskämpfer zu bezeichnen und die Schuld für den Krieg in Nahost bei den Opfern des Terroranschlags vom 7. Oktober zu suchen, ist eine bizarre Verdrehung der Wahrheit. Jetzt- nach mehr als zweimonati- gem Krieg- haben in Gaza(Stand 20. Dezember) um die 20.000 Zivilisten ihr Leben verloren und Hunderttau- sende sind vertrieben worden; ihre Wohnungen wurden zerbombt, und die Menschen leben in existentieller Unsicherheit in Notunterkünften oder unter freiem Himmel. Israel droht die Unterstüt?ung seiner wich- tigsten Verbündeten zu verlieren- Selbst die USA fordern die israelische Regierung und das Militär offen zu einer Anderung der Kriegsführung auf und insbesondere den Schutz der Zivilbevõlkerung Zu berücksichtigen. Die Hoffnung, dass ein gewaltfrei- es Zusammenleben von jüdischen Israelis und Palästinensern möglich sein wird, ist nicht weit verbreitet. Aber es gibt noch Menschen, die sich dafür engagieren. Die jüdisch-palästi- nensische Graswurzelbewegung Stan- ding Vogether, die seit 2016 für Frie- den, Gleichheit und soziale Gerech- tigkeit mobilisiert, ist überzeugt, „dass Frieden möglich und nötig ist*, wie das Leitungsduo Rula Daood und Alon-Lee Green betont?. Auch wenn * die tageszeitung(taz) 9. 12.2023, und Hrankfurter Kundschau 13. 12. 2023 . Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unserer jüngsten Studienreise(. bis 9. November 2023) mit der Zeitzeugin Zdzislawa Wlodarczyk(Mitte mit dunkler Brille), die in der In- ternationalen Jugendbegegnungsstätte zu einem Gespräche zur Verfügung stand. Abgründe von Hass aufgerissen wur- den und„all der Schmerz statt auf Lösung auf Vergeltung aus ist'“, s0 wollen sie die Menschen in ihren Län- dern überzeugen:„Unsere Schicksale sind miteinander verwoben. Es wird keine Sicherheit für Israelis geben oh- ne Befreiung der PalästinenserInnen. Es wird aber auch keine Befreiung der Palästinenser geben ohne Sicher- heit für Israel.“? Den Bemühungen, Frieden zu schaffen nach Möglichkeit ohne Waf- fen, fühlt sich auch die Lagergemein- schaft verpflichtet. Wie bereits in der Vergangenheit haben wir auch im ab- gelaufenen Jahr vier jungen Leuten mit finanziellen Patenschaftsbeiträ- gen ihr Engagement bei der Aktion Sihnezeichen Friedensdienste mit er— möglicht. Insgesamt haben wir dafür 1.440 HFuro bereitgestellt. Die von uns unterstüt?ten Freiwilligen: „ Jonas Hartmann aus Berlin un— terstützt im Jüdischen Zentrum der Stadt Oswiecim(Auschwit?z) die pãdagogische Abteilung, unter ande- rem bei Führungen. „ Josef Lachnitt aus Neuhof ar- beitet in der Stiftung Polnisch-Deut- sche Aussöhnung in Warschau und unterstützt über das Maximilian-Kol- be-Werk ältere Menschen. „ Kathrin Grimm aus Hamm ar- beitet in der Stiftung Polnisch-Deut- sche Aussöhnung in Warschau und unterstützt über das Maximilian-Kol- be-Werk ältere Menschen. „ Luisa Frieden aus Chemnitz ar- beitet in Lublin in der Gedenkstätte Majdanek in der historischen Bildung und unterstũtzt über das Maximilian- Kolbe-Werk ältere Menschen. Dass die 97 jährige Uberlebende Anna Szalasna nach wie vor in ihrer Wohnung leben kann, haben wir im Jahr 2023 mit mehr als 5000 Euro mit- ermöglicht. Der Warschauer Klub der Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 8 cehemaligen Nazi-Verfolgten bedank- te sich bei uns für den zur Verfügung gestellten Betrag in Höhe von 4.500 Euro und der Krakauer Klub für 4000 Buro. Auch das Ambulatorium(siehe Seite 9) wurde wieder mit 4000 Huro bedacht. Natürlich haben wir auch wieder eine Studienfahrt durchgeführt(Siehe Seite 10 ff.) und unseren Beitrag als Mitglied des Fördervereins der Inter- nationalen Jugendbegegnungsstätte Oswiecim geleistet. Wir danken allen, die unsere Pro- jekte unterstützt und begleitet haben. Wir können versichern, dass die Uberlebenden der Konzentrations- lager und Gestapo-Gefängnisse sowie deren Angehörige das durch Buch/Sie ermöglichte Engagement anerkennen. Wir geben hiermit deren Dank weiter an Sie, unsere Mitglieder Die Bankverbindung für Ihre Spende: Lagergemeinschaft Auschwit? Freundeskreis der Auschwitzer Sparkasse Oberhessen IBAN DEd3 5185 0079 0020 0005 03 BIC HELADEFFIFRI Vielen Pank: Bitte Name und Adresse deutlich schrei- ben, damit wir Ihnen die Spenden- bescheinigung Zuschicken können. und Unterstũtzer. Als Vorstand der Lagergemein- schaft Auschwit? und des Freundes- kreises der Auschwit?er wünschen wir Ihnen für 2024 ein respektvolles und hoffnungsvolles Jahr, das mehr an friedlichen Lösungen bringen möge, als die gerade hinter uns liegenden Monate. o Durch Mitgliedsbeiträge und Spenden können wir u. a. Studienreisen nach Polen finanzie- ren und auch Gespräche mit ehemaligen NS-Verfolgten organisieren. So wie hier bei der jüngsten Reise mit Zdzislawa Wlodarczyk Cinks). Sie wurde im Mter von 11 Jahren mit El- tern und jüngerem Bruder nach Auschwitz deportiert. Dort wurden die Kinder von den F- tern getrennt. Der Vater wurde sSpãter im Konzentrationslager Fossenbürg ermordet. Die Mutter Starb kur? nach ihrer Befreiung. Bereits in Auschwitz musste sich Zdꝛislawa um ihren Keinen Bruder kümmern, Ständig auf der Hut und ständig bangend um ihrer beiden Leben. 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Im Zeichen des Massakers Präsidiumssit?ung des Internationalen Auschwitz-Komitees Ganz im Zeichen des Massakers vom 7. Oktober stand die Tagung des Prä- sidiums des Internationalen Ausch- wit?-Komitees vom 29.- 31. Oktober in Berlin. Bereits unmittelbar nach dem beispiellosen Angriff der palãsti- nensischen Terrororganisation Ha- mas hatte das Präsidium in einer Stel- lungnahme seine Bestürzung und An- teilnahme insbesondere mit der Lage der in Israel lebenden Holocaust- Uberlebenden erklärt(Siche Kasten rechts). Im Mittelpunkt des Interesses Stand daher am ersten Tag der Bericht des IAK-Vizepräsidenten und Gene- raldirektors des Dachverbands der Organisationen von Holocaust-Orga- nisationen in Israel, Avi Rosenthal. Bei dem Massaker wurde ein erst kürzlich als Holocaust-Uberlebender anerkannter Mann aus Rumänien getötet. 550 Uberlebende mussten in der Folge aus dem Süden evakuiert werden. In Israel leben gegenwärtig noch 154.000 Personen, die als Holo- caust-Uberlebende anerkannt sind. Viele dieser Menschen sind in ihrem alltäglichen Leben stark betroffen. Sie sind auf Pflegedienstleistungen angewiesen, die aufgrund der aktuel- len Situation nicht mehr umfassend gewährleistet sind, sei es, weil sie sel- ber oder die Pflegekräfte evakuiert werden mussten.(Anmerkung: Auch die Aktion Sühnezeichen, die in Israel Großangriff auf Israel „Auschwitz-Uberlebende in aller Welt denken in diesen Stun- den mit großer Kiebe, Sorge und Solidarität an die Uberlebenden des Holocaust und ihre Familien in Israel, die seit heute früh unter einem massiven Angriff der palã- stinensischen Hamas leiden: Auch dieser massive Angriff, der den traumatischen Brinnerungen der Uberlebenden neue Bilder des Schreckens und die entsetzliche Angst um ihre wiederaufgebau- ten Familien hinzufügt, Speist sich aus dem immer wieder neu ange- fachten Antisemitismus und Ver- nichtungswillen gegenüber dem Staat Israel und seinen Bürgerin- nen und Bürgern.“ Alis der Erkldrung des Inter- nalionalen Ausch witz-Komitees (7. 70. 2023) besonders stark in der Betreuung die- ser Menschen engagiert ist, hat ihre Freiwilligen aufgrund der Sicherheits- lage abgezogen.) Auch das häufige Aufsuchen von Schutzräumen und Bunkern wegen der ständigen Rake- tenangriffe bereitet Probleme, führt zu Angst, Verunsicherung, Verwir- rung, Traumatisierung. In Israel wa- ren zum FZeitpunkt der Tagung Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 120.000 Menschen aus ihren Wohnun- gen evakuiert, hauptsächlich aus dem Süden, aber mit zunehmender Tendenz auch aus dem unter Be- Schuss der vom Li- banon aus agieren- den Hisbollah-Mi- li? liegenden Nor- den. Aber auch an den Evakuierungs- orten sind die Menschen häufig nicht sicher: 80 wird FEilat, das we- gen seiner zahlrei- chen Touristenho- tels(S6.000 Betten) zahlreiche Flüchtlinge unterbringt, mittlerweile durch Raketen der vom Iran unter- stützten jemenitischen Huthi-Milizen bedroht. Ergänzend wurde über die Reak- tionen in den verschiedenen bei der Tagung repräsentierten Ländern be- richtet. Insgesamt wurde deutlich, dass mit dem neuerlichen Konflikt auch ein Ansteigen„antizionisti- scher“, antisemitischer Agitation und entsprechender Angriffe gegen jüdi- sche Personen und Einrichtungen zu beobachten ist. IAK-Präsident Mari- an Turski wies auf das Ansteigen des israelbeZogenen Antisemitismus als einer weit über das rechtsextremisti- sche Spektrum hinaus zunehmend at- traktiven Spielart hin. In der Diskus- Marian Turski, Präsident des Internationalen Auschwitz-Komi- tees, und Avi Rosental, einer der Vizepräsidenten, beim Präsidi- umstreffen Ende Oktober in Berlin. sion wurde angemerkt, dass es eine groteske Ironie ist, dass sich gerade rechte Parteien und Organisationen derzeit als Verteidiger Israels bzw. jü- discher Menschen präsentieren, weil dies ihrer antiislamischen Agenda entgegenkommt, und sich der Antise- mitismus, z. B. in Deutschland, als ein im Wesentlichen„muslimisches Pro- blem“ redefinieren lãsst. Ubereinstimmung unter den Teil- nehmer?innen bestand darin, dass es sich bei dem Massaker vom 7. Okto- ber um ein beispielloses, einschnei- dendes Breignis und eine ungeheure Herausforderung des Staates Israel, aber auch aller in der Brinnerungsar- beit engagierten Kräfte handelt. Dies erfordere eine klare Positionierung von allen Organisationen. Die Zeit 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer der„Ja, aber“Sätze sei vorbei. Uber- einstimmung bestand auch darin, dass die im IAK zusammengeschlossenen Organisationen sich noch stärker als bisher in die aktuellen politischen Auseinandersetzungen einmischen müssen, um der Umwertung der Frin- nerung an den Holocaust und der da- mit einhergehenden Täter-Opfer- Umkehr als einem der zentralen Merkmale des Post-Holocaust-Anti- semitismus entgegenzutreten. Diese Uberzeugungen wurden auch tags darauf in einem ausführli- chen Gespräch der Tagungsteilneh- mer*innen mit dem Chef des Bundes- kanzleramtes, Staatsminister Wolf- gang Schmidt, vorgetragen und fan- den bei ihm vollständige Zustim- mung. Schmidt erläuterte dabei die getroffenen Maßnahmen und begrün- dete auch die umstrittene Stimment- haltung der Bundesrepublik zu einer Resolution in der UN-Vollversamm- lung. Man habe sich hinter den Kulis- zu eindeutigen Stellungnahmen auf— gefordert seien. Er zeigte sich vor al- lem von dem Bericht Avi Rosentals beeindruckt. Seitens des IAK wurde auf die Notwendigkeit einer deutlich intensi- veren schulischen und außerschuli— schen Bildungsarbeit hingewiesen. Die Kenntnis der Hintergründe und der Dynamik des Nahost-Konflikts Sei nicht nur bei Jugendlichen äußerst lückenhaft. Ganze Gruppen von jun- gen Menschen, nicht nur solche mit „Migrationshintergrund“, würden zur Zeit nicht erreicht. Daher baten die Teilnehmer konkret darum, die vor- gesehenen Kürzungen im Ftat der Bundeszentrale für Politische Bil-— dung zurückzunehmen. Gerhard Merz (Cemard Merz hat auf Einladung von Pechtive Vice-President Christoph Meluhner als Gast an der Vagung des A K Prdsidilims teilgenommen.) sen erfolgreich um For- mulierungen bemüht, die für viele unterschiedli- che Länder konsensfähig seien und dabei gerade auch mit arabischen Ländern zusammengear- beitet. Angesichts dessen sei die Enthaltung der Versuch, offene Türen nicht wieder zuzuschla- gen. Auch Schmidt stimmte der Aussage zu, dass die Zeit des„Ja, aber“ vorbei sei, und Po- litik und Zivilgesellschaft Das von der SS vor der Flucht im Januar 1945 gesprengte Krematorium in Birkenau Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 Anlaufstelle für ambulante Hilfe Stiftung betreut NS-Verfolgte und deren Angehörige Am 8. Novem- ber 2023 konnten wir als Vorstands- mitglieder der La- gergemeinschaft Auschwitz der Ein- ladung von Frau Zofia Horwat in die neue Ambulanz der„Fundacja Pro vita et spe'“ in der ul. Wielicka 267 in Krakau folgen und wurden dort über— aus herzich emp- fangen. Teresa Ostrowska, die uns Seit vielen Jahren bei den Studienfahr- ten in Krakau durch das ehemalige jü- dische Viertel Kazimierz, das frühere Ghetto in Podgorze sowie das Gelän- de des ehemaligen Konzentrationsla- gers Plasz6w führt, begleitete uns und fungierte freundlicherweise als Uber- SetZerin. Nach der Kündigung des langjähri- gen Mietvertrags im Zentrum der Stadt mussten für die Ambulanz neue Räumlichkeiten gefunden und um- fangreiche Umbauten vorgenommen werden, um alle Anforderungen des polnischen Nationalen Gesundheits- fonds(NFE) und des Sanitärepide- miologischen Instituts Zu erfüllen. Die heute noch 82 Patienten- Uberlebende der Konzentrationsla- ger, der Ghettos, von Arbeitslagern Monika Malzenska, Leiterin Zofia Horwat und eine weitere Mit- arbeiterin der Ambulanz mit Teresa Ostrowska und Matthias Tiessen(von links) beim Besuch am neuen Standort der Krakauer Finrichtung. und deren Angehörige- werden inten- siv von Arzten, Krankenschwestern, Physiotherapeuten und Psychologen zuhause und-seit Juli 2023— auch wie- der in der Ambulanz betreut. Dass die- 8e Betreuung der oft traumatisierten Patienten und Patientinnen dringend benötigt wird, kann das gesamte hochmotivierte Team täglich spüren. In?wischen werden bereits Nachkom- men von Uberlebenden psychologisch behandelt, die unter dem KZSyn- drom ihrer Eltern oder Großeltern lei- den. Wir freuen uns sehr, dass wir diese unschätzbar wertvolle Arbeit der Am- bulanz in Krakau auch in 2023 wieder mit 4000 Buro aus unseren Spenden- einnahmen unterstützen konnten. Matthias Tiessen, Andreas Kilian 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Impressionen: Studienreise 2023 Foto oben: Fingang Zum Stammlager. Mitte: Koffer der Deportierten, rechts: Jan Ka- plon, Leiter der Kunstsammlung. Unten rechts: Auf demjüdischen Friedhof Krakau. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 Die Botschaft der Uberlebenden Studienfahrt nach Auschwitz und Krakau(November 2023) Von Anita Kazungu „Waas? Du reist nach Auschwitz?“ „Wie mutig, dass Du Dir das antust, ich könnte das nicht.“„Ja, was wünsche ich Dir denn da jetzt, Schönen Urlaub ist ja wohl nicht so passend...*. Solche Reaktionen aus dem Bekanntenkreis und Kollegium kamen da schon, als es vor drei Wochen losging. Ich hatte natürlich auch so meine Verunsiche- rungen— noch dazu nach den furcht- baren Freignissen seit dem 7.10.2023 in Israel und Gaza: darf ich mich auf diese Reise freuen? Was wird es mit mir machen, die Orte des Unfassbaren zu betreten, zu berühren, abzuschrei- ten,(Er-) Zeugnissen von Ermordeten, Mördern, aber auch Uberlebenden re- al und ungefiltert gegenüberzustehen? Was für Menschen sind mit mir in der Reisegruppe unterwegs? Tatsächlich waren wir 22 Personen (davon 3 als Organisationsteam und wissenschaftliche Begleitung), Frauen und Mãnner im Alter von 16 bis U60, mit verschiedensten beruflichen Hin- tergründen, aus vielfältigen persönli- chen Beweggründen, manche bereits zum wiederholten Mal dabei, und sehr schnell hat sich eine sehr wohltuende Gruppendynamik entwickelt. Die Un- terkunft in der Internationalen Ju— gendbegegnungsstätte in Oswiecim war ideal für eine solche Gruppenrei- se: einladende Räumlichkeiten, eine großzügig gestaltete Gartenanlage und hervorragende Verpflegung ha— ben uns hier einen geschützten Rah- men geboten und Erholung und Be-— gegnung ermöglicht. Unser Programm war unglaublich facettenreich: EFine hoch kompetente Führerin hat uns durch das Stammla- ger Auschwit? begleitet und durch das Vernichtungslager Auschwitz-Birke- nau, das weitgehend zerstört ist und dennoch durch die schier unermess- liche Größe und die Ruinen der von der S8 gesprengten Gaskammern und Krematorien berührt. Wir durften in Block 25 des Stammlagers eine Kunstausstellung besuchen, die der Offentlichkeit nicht zugänglich ist. Herr Jan Kaplon, der verantwortlich ist für die ũber 5000 ar- chivierten Kunstwerke, die in Ausch- wit? geschaffen wurden, hat uns hier sehr lebendig die Geschichten und Hintergründe einiger exemplarischer und teilweise sehr berührender Kunst- werke erzãhlt: legal entstandene Kunst als offizielle Auftragsarbeiten durch die S8, halblegale Auftragsarbeiten ge- gen die Gewährung von Vergünsti- gungen, aber auch heimlich entstande- ne und verbotene Zeichnungen zur Dokumentation des Lagerlebens, von Porträts und Karikaturen. Wir hätten Herrn Kaplon gerne noch viel länger zugehört. Andreas Kilian hat uns zu verbor- genen Zeitzeugnissen und weniger be- kannten Gedenkorten geführt: z. B. 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer zur sogenannten„alten Judenrampe“ und zu den Resten des Lagers Mono- wit?(Buna-Werke der I6 Farben): Die von den Deutschen vertriebene polnische Bevölkerung ist nach dem Krieg zurückgekehrt und hat ihr Dorf wieder aufgebaut und dabei auch Ge- bãude, Fundamente und Baumaterial des Lagers genutzt, so dass hier nur das geübte Auge noch die Spuren er- kennen kann. Es sind sehr spannende Uberlegungen entstanden, z. B. wie Gedenken christlicher Menschen für jüdische Opfer angemessen ausge- drückt werden kann(mit einem Kreu??22), oder das Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach Landnut- zung der ehemals vertriebenen polni- schen Bevölkerung und dem Auswei- sen eines Gedenkortes für ein durch Deutsche betrie benes Vernichtungsla- ger auf polnischem Territorium. Bewegende Begegnungen mit drei Zeitzeuginnen Der zweite Teil unserer Reise hat uns nach Krakau geführt, ins historische jüdische Stadtviertel Kazimierz. Un- tergebracht waren wir in einem zentral gelegenen Hotel mitten im kulturellen Leben des Stadt- teils. Unsere Stadtführerin Te- resa Ostrowska hat uns mit ihrem unerschöpflichen Wis- sensschatz und 2zahllosen Anekdoten sehr informativ und kurzweilig begleitet bei unseren Besuchen von Syna- gogen, jüdischem Friedhof, Oskar Schindlers Fabrik, Aus- stellungen, Restaurants, Klez- mer-Musik und und und... Besonders würdigen möchte ich noch die drei sehr bewegenden Be- gegnungen mit Zeitzeuginnen, die mich auf unserer Reise nachhaltig be- eindruckt haben. Wir durften als Gäste den 97. Geburtstag von Anna SzZalasna begehen und ins Gespräch kommen mit Zdzislawa Wlodarczyk und Lidia Maksymowicz, die beide als Kinder Auschwitz überlebt haben. Trotz grau- envoller Erfahrungen haben es diese drei Frauen geschafft, ihr Leben„da- nach“ fruchtbar zu gestalten, weil sie sich nicht von Hass haben zerfressen lassen. Das ist für mich die größte Bot-— schaft, die sie immer noch an jüngere Generationen weitertragen und die mir Hoffnung macht, wie Krieg, Hass und Leid nicht nur überlebt, sondern transformiert werden können. Alles in allem eine überwältigende und bereichernde— wenn auch kör- perlich Sehr anstrengende-Reise, die ich allen Interessierten sehr empfeh- len kann. Fin großes Dankeschön an die Organisatoren und an die tolle Reisegruppe und hoffentlich auf Wie- dersehen! Lidia Maksymowicz im lebhaften Gespräch mit Teilnehmer:innen der Reisegruppe. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 Von Birkenau in den Vatikan Gespräch mit der Holocaust- Vberlebenden Lidia Maksymowicz Im Laufe der diesjährigen Studienfahrt nach Ausch— wit? und Krakau gab es Gelegenheit zu gleich drei Begegnungen mit Holo— caust-Uberlebenden. Uber das Schicksal von Zdzislawa Wlodarczyk, die uns auch in diesem Jahr wieder in der Internationalen Jugendbe- gegnungsstätte in Oswiecim ihre(Uber-) Lebensge- schichte erzählte, haben wir schon in früheren Ausgaben des Mitteilungsblatts berich- tet. Ebenso über die Ge- schichte von Monika Goldwasser, die in den vergangenen Jahren im Muze- um Galicja in Krakow unsere Gesprãchspartnerin war. In diesem Jahr trafen wir dort mit der Auschwitz-Uberlebenden Lidia Maksymowicz zusammen. Wie Frau Wlodarczyk und Frau Goldwasser wurde auch sie als Kleinkind im Alter von drei Jahren mit ihrer Familie aus Ostpolen(heute Gebiet von Weißrus- sland) nach Birkenau deportiert und überlebte mit ihrer Mutter die Selek- tion. Wãhrend die Mutter im Arbeits- kommando schuftete, wurde sie von dem berüchtigten Nazi-Arzt Dr. Men- gele pseudomedizinischen Fxperi- menten unterworfen. Die Mutter wur- de auf einem der Todesmärsche nach Ravensbrück und dann nach Bergen- Belsen„evakuiert“. Lidia blieb alleine im Lager zurück und wurde von den Zeitzeugin Lidia Maksymowic? Soldaten der Roten Armee befreit. Sie berichtet, wie sie erst langsam die körperlichen und seelischen Schä- den, die die Inhaftierung hinterlassen hatte, überwand. Mit der Mutter war auch die einzige Person verschwun- den, die ihre Identität kannte. Bekannt war tatsächlich nur die Nummer, die auf ihrem Arm eintätowiert war und die sie lange zu verbergen suchte. Nach 17 Jahren die Mutter wieder gefunden Das kleine Mädchen wuchs bei Adop- tiveltern heran. Erst auf Drängen von Mitschülerinnen begann sie, nach ih- rer leiblichen Mutter zu suchen, die mithilfe der Häftlingsnummer in der UdSSR ausfindig gemacht werden konnte. Das erste Zusammentreffen der beiden- nach 17 Jahren- fand denn auch in Moskau statt und wurde 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer durch die Veröffentlichung zahlrei- cher Artikel weit beachtet. Dies führ- te schlieBlich- mit verschiedenen Zwi- Schenstationen-2Zu einem Besuch bei Papst Franziskus im Januar 2022. Der italienische Autor Paolo Rodari Schrieb eine Biografie unter dem Jitel „Das Mädchen, das nicht hassen konn- te“; sie erscheint im Januar 2024 auf Deutsch unter dem Nitel Ich war zu jung, um zu hassen“ bei Heyne. Das Gespräch und die Persönlich- keit von Frau Maksymowicz, die heu— te 83-jährig in Krakau lebt, hinterließ bei uns allen einen starken Findruck. Noch lange nach dem Gespräch wurde sie von Teilnehmer?innen umlagert. Gerhard Mer?z er für Anna S7alasna Mattihas Tiessen(inks) und Gerhard Merz sowie die gesamte Gruppe der Stu- dienreise freuten sich, gemeinsam mit Anna Szalasna feiern zu können. Am 31. Oktober 2023 feierte die Holocaust- Uberlebende Anna S2alas- na ihren 97. Geburtstag. Sie überlebte das Vernichtungslager Auschwit?Bir- kenau und das Konzentrationslager Ravensbrück. Seit vielen Jahren steht sie der Internationalen Jugendbegeg- nungsstätte in Owiecim als Zeitzeugin zur Verfügung. Aus Anlass ihres Ge- burtstages fand am 4. November während unserer diesjährigen Studi- enfahrt- eine Geburtagsfeier in der ITBS statt, die wir als LGA mit auszu- richten die Ehre und Freude hatten. Neben einer ganzen Reihe von Weg- gefährten hatten wir Gelegenheit, Frau SZalasna zu gratulieren und ein Geschenk zu überreichen. Die gesam- te Feier wurde simultan gedolmetscht, So dass alle Teilnehmer?innen unserer Studienfahrt Anteil nehmen konnten. Gerhard Mer?z Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 Die Leben vor und nach Auschwitz Zum Tod von Eva Fahidi Wir sind traurig: Unsere Freundin Fva Fahidi ist am 11. September 2023 in Budapest gestorben. Am 22. Oktober hätte sie ihren 98. Geburtstag feiern können. Wir haben viel von ihr gelernt und sind sehr dankbar, dass sie uns ihr Vertrauen schenkte und ab 2008 immer wieder unserer Binladung nach Deutschland folgte, um bei vielen Ver- anstaltungen in Schulen und auch ge— genüber Erwachsenen von ihrem Schicksal Zu berichten. Sie freute sich immer, wenn ihr die Menschen auf— merksam zuhörten. Ja, wir können be- Stätigen, was das Internationale Ausch- wit?Komitee in einem Nachruf schrieb: „Die Menschen hörten ihr gehannt zu, vie wurde geliebt und verehrt.“ Erst ab 1900 war es ihr möglich, ihre Geschichte zu erzählen. Zu erzählen, wie sie, weil Sie Jũdin war, 1044 mit 18 Jahren nach Auschwit?-Birkenau deportiert wurde. Wie der SS-Arzt Josef Mengele die Selektion durchführte:„Den 7. Muli AA, als ich nach Auschwitz-Birkenau ankum, Kann ich nicht vergessen.(..) Weil mil dieser Kleinen Gehdrde, die So leicht wn womil mich Mengele aufdie eine Sei- te nd alle meine Hamilienmitglieder auf die andere winkte, mein ganzes Leben, das danach Kam- wenn es auch als eine erfolgreiche Kurriere alussuh- durch mich erleht jedoch, linwiderruflich miserabel, wrzellos ind Schamhaft wlirde. Eine offene Wunde, die man nur zut ertragen gewohnt wurde, die aber nie geheilt wer- den Kann.“* 40 Menschen aus Evas Verwandt- Schaft fielen dem Vernichtungswahn der Deutschen zum Opfer. Eva über- lebte, weil sie„ein rüstiges und stram- mes Mädchen' war, schlieBlich über Buchenwald in ein Arbeitslager ins hessische Stadtallendorf kam, um dort als Zwangsarbeiterin Granaten für den deutschen Sieg zusammenzubauen. Beim Todesmarsch 1945 gelang ihr dann die Flucht. Fva waren vor allem die jungen Menschen wichtig, denen sie ihre Ge- Schichte erzählte.„Die Kinder sagen min Sie verstehen es S0 hesser als als Bichern. Und ich möchte, dass sie er- fahren, wie es gewesen ist.“ Sie bezeich- nete sich stol? als„praktizierende Großmutter“ von vier Enkelkindern. „JCh weiß nicht, wus ich machen wiirde, wenn ich nicht dariber Sprechen Könn- tex, Sagte sie. Doch das war nicht immer So. Es hat lange gedauert, bis sie über den Holocaust reden konnte. Nach der Befreiung ist sie zurückgekehrt nach Ungarn. Alleine. Ihre Mutter und ihre * Zitiert aus Evas damaligem Manuskript, MB, Dezember 2008. 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer elfjährige Schwester waren sofort nach der Ankunft in Auschwit? in der Gas- kammer ermordet worden. Ihr Vater war wenig spãter gestorben. In Ungarn begann Fva ein neues Leben. Sie ar- beitete, heiratete, bekam eine Tochter- und sprach 45 Jahre kein Wort über das Erlebte.„Nicht mit meinem Mann, nicht mil meiner Vochten“ Und:„ Jch wollle nie mehr nach Deutschland.“ Es kam zum Glück anders. Sie hat es in ihrem Buch Die Seele der Dinge(Lukas Ver- lag, Berlin 2011) beschrieben. Wie ihre Vorträge und Gespräche auf die Zuhörerinnen und Zuhörern wirkten, das beschrieb 2008 bei einer Veranstaltung der Lagergemeinschaft in Bad Nauheim der Reporter der Blitz hacher Zeitung wie folgt:, Vief he- wegend wuren ihre Klaren Worte, die vie mit dem Charme ngarischen Pin- Schlags in der hellwuchen Stimme Schil- derte ind von der Hõlle auf Eyrden he- richtete, die vie durchleiden miisste.(..) Sie fassle Unsaghares in Worte und iherprang dabei trotzdem noch viel Grausameres. Sie hlieh dahei stets zu- vorMommend freluundlich und ohne eit— nen Anflug von Anklage.“ Abschlie- Bßend sagte Eva:„Was mit unseren Seelen passiert ist das ist Schwer zl sd- gen. Aber wir hassen niemanden.“ Noch im November 2022 bei einer Veranstaltung des Hamburger Ausch- wit?-Komitees bekräftigte Fva dies: „JCh Sage immer Win die auf der Kam- he ⁊lim Leben verurteilt' wlurden— auf einmal sind wir dagestunden, Kahige- Schoren, Splitternackt. Alle Auschwitz— Vberlebenden müssen etwus im Leben mit diesem Vauma anfangen. Wir wol- len nicht hassen, einfach aus diesem Fvas Mutter Irma Weis? im Jahr 1923 Gruind weil wir linsere Seele nicht mit dem Hass heflecken wollen. Wir hahen die Auseinanderetzung entdeckt“ Aber vorzeihen Können wir nichtꝰ Und wollen wir nichkt““ „Wer Auschwitz-Birkenau überleht hat, hat ⁊wei Lehen. Ein Lehben vor ind ein Leben nach Ausch witz.“ Mit diesem Sat? beginnt das erste Kapitel von Fvas Brinnerungsbuch. Ich würde behaup- ten, Eva hatte drei Leben. EFines vor Auschwitz, eins nach Auschwitz- als sie jahrzehntelang nicht davon sprechen konnte-, und ein weiteres, als sie davon sprach. Wer furchtbar die Zeit davor war, mag eine Passage aus ihrem Buch verdeutlichen: JIch wur flinfindsiehzig Jahre alt als ich endlich mit meiner Mut- ter Frieden Schloss lind dieses Foto an die Wand hängte. Davor hatte ich, wenn ich nur an meine Multer dachte, vor Wut Schreien Können. Wozt hatte sie mich auf die Welt gebracht, wozu gelieht, ert Zogen, verwöhnt lim mich dann im Stich zu lassen? Mich mittemeelenallein zluriickzulassenꝰ*(S. 77) Hans Hirschmann Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 „Eine Erinnerungskultur, die zuhause beginnt? Christoph Heubner thematisiert„DieZukunft der Erinnerung“ Rund 60 Teilnehmer:innen fanden am 27. November 2023 trot? winterlicher Wetterbedingungen den Weg in das International Graduate Centre for the Study of Gulture der Justus-Lie- big-Universität Gießen oder waren online Zugeschaltet, um auf Einladung der Arbeitsstelle Holocaustliteratur und der Lagergemeinschaft Ausch- wit?— Freundeskreis der Auschwitzer (LGA) den Vortrag von Christoph Heubner, dem Fxekutiv-Vizepräsi- denten des Internationalen Auschwitz Komitees(IAK), Zu verfolgen. Heub- ner, der den deutschen Frinnerungs- diskurs der letzten Jahrzehnte maß- geblich geprägt und mit großem Nachdruck stets die Perspektive der Uberlebenden in die õffentlichen De⸗ batten eingebracht hat, sprach in sei- nem Impulsvortrag und in der an- Schließenden Diskussion unter der Moderation von Gerhard Merz, dem Vorsitzenden der ILGA, über die Her- ausforderungen, aber auch über die Chancen und Perspektiven der Prin- nerung an den Holocaust in Gegen- wart und Zukunft. Die Frinnerungskultur und das Be- wusstsein dafür seien in Deutschland zivilgesellschaftlich erkämpft worden, „deshalb sollten wir sie uns nicht schlechtreden oder nehmen lassen“, mahnte Heubner. Dazu bedürfe es auch gewisser Rituale, um die Men- schen an das Sujet heranzuführen, ar- gumentierte er und wandte sich damit gegen den derzeit häufig geäußerten Vorwurf einer„ritualisierten“ Erinne- rungskultur. Allerdings müsse der „Staffelstab“ nun an die jüngeren Ge- nerationen übergeben werden, wie er in Anlehnung an den Holocaust- Uberlebenden und Präsidenten des IAK, Marian Turski, beschrieb; es sei nun an ih- nen, die Erinne- rungsarbeit fort- zuset?en. Diese stehe jedoch an- gesichts des Krieges in der Ukraine und im Nahen Osten sowie des Erstarkens einer neuen politischen Rechten vor ei- ner enormen Herausforderung. Insbe- Sondere das seit vielen Jahren themati- sierte und leider immer näher rückende Ende der Zeit?eug:innenschaft markie- re eine Zäsur, denn die Uberlebenden hätten mit ihrer„Zartheit“ und „Freundlichkeit“ lange Zeit entschei- dend zum Mialog und zur Erinnerungs- kultur in der deutschen Nachkriegsge- Sellschaft beigetragen, erklärte Heubner, und schon bald„sind wir al- lein“. Gerhard Merz ergänzte, dass auch die unersetzliche„Aura“ der Uberlebenden verloren gehe, die bis- her in pãdagogischen Kontexten von unschät?barem Wert gewesen sei. Beide waren sich einig, dass insbe- Ssondere die Literatur ein wesentliches 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Medium sein wird, um das Vermãächt- nis der Zeitzeug:innen auch in Zukunft zu bewahren. Sie könne, so Merz, die „abstrakte“ Erinnerung in individuelle Lebensgeschichten auflösen. Beson- ders deutlich wurde dies in den drei Auszügen aus Heubners Erzählbän- den, die er dem Publikum vorlas. In Ich vehe HMunde, die an der Leine reißen (2019), Durch die Knochen bis ins Herz (2021) und Al wir die Mailcdfer waren (2023), alle erschienen im Göttinger Steidl-Verlag, erzählt Christoph Heub- ner aus der Ich-Perspektive— sich sei- ner Sprecherrolle aber mehr als be- wusst— von jenen Menschen, die Auschwitz überlebt haben und denen er durch seine Tätigkeiten etwa im Rahmen der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste und der Internationa- len Jugendbegegnungsstätte mit der Gedenkstätte Auschwit? lange Zeit freundschaftlich verbunden war. Er Selbst habe wohl mit der Idee gerun- gen, die Geschichten auf diese Weise auf?uschreiben: erst die Anregung der franzõsischen Uberlebenden Simone Veil habe ihn dazu bewogen, dies zu tun. Sie hatte Heubner 2008 mit auf den Weg gegeben:„Jhr miisst linsere Geschichten weiterschreiben, ihr misst euch die Falkten und unsere Erinnerun- gen aneignen und Kiinstlerische Wege Kinden, linseren EFmotionen eure Emo- tionen hinzuzufügen.“ Es sei eine zentrale Aufgabe, die Geschichten der Opfer weiterzuer- zählen, um ihnen ihren Namen zurück- zugeben, resümierte Merz. Bei der Auseinandersetzung sei es aber beson- ders wichtig, nicht auf der Gefühlsebe- Christoph Heubner und Gerhard Merz ne verhaftet zu bleiben, sondern die Brinnerungen durch Fakten zu ergän- zen— das eine sei ohne das andere nicht denkbar, um ein umfassendes Ver- ständnis zu ermöglichen, so Heubner. Fakten und Emotionen In der anschließenden Diskussion wurde dieses Spannungsfeld zwischen Wissen und Empfindungen weiter ver- tieft. Prof. Dr. Sascha Feuchert Sprach von der Herausforderung der Frinne- rungskultur, dass sich gerade in der Schule viele Menschen— trot? empi- risch belegter Wissenslücken— vom Thema Holocaust übersättigt fühlten. Deshalb sei es besonders wichtig, jun- ge Menschen sowohl über Fakten als auch Emotionen einen Zugang zum Thema zu ermöglichen. Ein Weg kön- ne sein, Leerstellen und weiße Flecken in der eigenen Familiengeschichte zu identifizieren und zu hinterfragen. Es brauche daher„eine Erinnerungskul— tur, die zuhause beginnt. ſ...] vor der eigenen Haustür, vor der Schulhoftür, vor dem eigenen Bahnhof“, denn dort gebe es noch„s0 unendlich viel aufzu- arbeiten und zu benennen“, betonte Heubner am Ende der anregenden aber auch nachdenklich stimmenden Veranstaltung. Jennifer Ehrhardt Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 „Brundibär“. Neuerscheinung nach der gleichnamigen Kinderoper „Ein Licht in der Dunkelheit“ Es ist der 23. September 1943 im Konzentrationslager(KL) und Ghetto Theresienstadt. Der Lageralltag der Hãäftlinge ist ge- Prägt vom Terror der Deut— schen. Gewalt, Hunger, Krank- heiten, Epidemien führen zu einer hohen Sterberate. Die De- portationen in das Vernich- tungslager Auschwit?-Birkenau sind im vollen Gange.i In dieser schrecklichen Si- tuation findet etwas schier Un- vorstellbares statt. Auf dem Dachboden der Magdeburger Kaserne wird zum ersten Mal eine ganz besondere Oper auf- Ilannælurt Rerhnrer Mlarin Thumaathkr gaUNDIBn Wie Aninku und Pepit̃ek den Leierkastenmann besiegten MEN †— geführt, eine Oper für Kinder. Sie trãgt den Iitel:„Brundibär?. Hauptakteure auf der Bühne sind jüdische Mädchen und Jungen. Komponiert wurde die Oper von Hans Kräsa. Das Libretto stamm- te von Adolf᷑ Hoffmeister.? Die Handlung ist einfach:„Die Mutter ist krank, ihre zwei Kinder Pepĩcek und Aninka gehen Milch ho- len, aber sie haben kein Geld. Da sehen sie, dass die vorübergehenden Men- Hardcover, 64 Seiten, 38 Bilder, Berlin 2023. Ladenpreis: 19,90 Euro schen dem Leierkastenmann Brun- dibãr Geld geben. So stellen sie sich auf den Markt und fangen an zu singen. Aber ihre Stimmen sind zu schwach. Da kommen die Tiere der Stadt und ra- ten ihnen, einen Kinderchor zu formen, damit ihre Stimmen stärker werden. Und die Niere laden die Schulkinder 1 Unter den Häftlingen befanden sich etwa 15.000 jüdische Kinder. Für sie organi- sierte die sogenannte Jüdische Selbstverwaltung, die unter der Kontrolle der S8S stand, pãdagogische Betreuung, geheimen Unterricht und Kulturveranstaltungen wie„Brun- dibãrꝰ. Diese kulturellen Leistungen zeugen vom Uberlebenswillen, von der Selbstbe- hauptung der Häftlinge, auch von ihrem geistigem Widerstand gegen die Deutschen und die S8. Von den Kindern überlebten nur etwa tausend die Shoah. 2 Brundibär ist tschechisch und bedeutet Hummel und im übertragenen Sinne Miesepeter. 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer ein, die Kinder fangen an zu singen, und ihre Stimmen sind stark genug, und der Leierkastenmann ist geschlagen.“3 Gespannt verfolgen die Kinder das Geschehen auf der Bühne. Viele den- ken bei dem Bösewicht Brundibär an Hitler, den es zu besiegen gilt. Dank der Solidarität der Tiere und der Schulkinder mit Aninka und Pepicek besiegen sie diesen Bösewicht und Dieb am Ende tatsächlich. Sie singen ein Siegeslied— und feiern den Tri— umph des Guten über das Böse. Dies gibt den Kindern Kraft und Hoffnung auf ein Ende des Krieges, auf den Sieg über Hitler und die Deutschen. Heute wissen wir: Für die Kinder waren die Aufführungen von„Brundibär? ein „Licht in der Dunkelheit?. EFin Vorbild für die Welt Die Idee zu einem„Brundibär“-Kin- derbuch hatte Hannelore Brenner Schon vor mehr als zwei Jahrzehnten. Aber erst jetꝰt wurde sie Wirklichkeit. Am 23. September 2023, genau 80 Jah- re nach der ersten Aufführung der Oper in Theresienstadt, erschien das Buch im Musikverlag Boosey& Ha- wkes— Bote& Bock, der die Rechte der Oper vertritt, und in der von Han- nelore Brenner gegründeten Edition Room 28(Co-Verlag). Hannelore Brenner erzählt die Ge- schichte, die der Oper zugrunde liegt, lie bevoll und lebhaft für Kinder ab vier Jahren. Sie widmete das Buch dem Komponisten Hans Krãsa(1899-1944) mit den Worten:„Möge die Botschaft dieses Werkes im Sinne ihrer Schöpfer ein Vorbild für die Welt sein und die Herzen aller Kinder erreichen, in Ge- genwart und Zukunft.“— Mit dem Kin- derbuch hat Hannelore Brenner, die für ihre jahrzehntelange Frinnerungs- arbeit mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, einen weiteren großen Beitrag gegen das Vergessen und gegen Antisemitismus geleistet.“ Die Bilder von Maria Thomaschke überzeugen und faszinieren, und ich bin sicher, nicht nur mich, sondern vor allem Kinder. Aninka und Pepñcek, die Tiere und der Leierkastenmann Brun- dibãr sind wunderbar poetisch gemalt, mit Liebe zum Detail. Es liegt auch viel Bewegung und Rhythmus in den Bildern.s Das Zusammenspiel von Text und Bild ist stimmig, das Buch mit spürba- rer Sorgfalt ediert. Bald wird es auch eine ukrainische Ausgabe geben. Es ist 3 Pas leicht abgewandelte Zitat stammt von Adolf Hoffmeister, Zu hören auf dem Ra- diofeature„Brundibär und die Kinder von Theresienstadt? von Hannelore Brenner. 4 Im Rahmen von Recherchen zum Hörfunkfeature lernte Hannelore Brenner 1996 Uberlebende von Theresienstadt kennen, auch eine Gruppe jüdischer Frauen, die unter dem Namen'»Die Mädchen von Zimmer 28“ international bekannt wurden. Daraus folgten verschiedene Veröffentlichungen in der Edition Room 28. s Maria Thomaschke ist Chanson-Sängerin, Dozentin, Schauspielerin und Mitglied des in Berlin gegründeten Ensembles Zwockhaus, das Kieder aus dem Ghetto The- resienstadt erforscht, arrangiert und zur Aufführung bringt. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 ein Gemeinschaftsprojekt des Vereins Room 28 und der Edition Room 28, gefördert vom Auswärtigen Amt Deutschland. Room 28 Weihnachtsangebot Aktuell offerieren die Edition Room 28 und der Verein Room 28 das Buch zusammen mit einer CD als Weih- nachtspaket. Parin enthalten ist neben dem Kinderbuch eine CD mit dem 1908 entstandenen Radiofeature Brundibär und die Kinder von Vhe- resienstadt. Es erzählt die Geschichte der ersten Aufführungen der Oper in Prag und Theresienstadt. Viele Zeit- zeuginnen und Zeitzeugen, Uberle- bende von Theresienstadt und Ausch- witz, kommen darin zu Wort. Ich lege das schöne Kinderbuch El- tern und Großeltern ans Herz und empfehle es Pädagogen, Schulen, Bibliotheken, Kulturämtern und wei- teren Kultur- und Bildungseinrichtun- gen sowie Menschen mit Interesse an der Kinderoper Brundibãr. Informationen zum Kinderbuch und zum Weihnachtsangebot finden sich auf der Website httpswww.editi- on-roomꝰs.de/Kinderbuch-Brundibar b?w. Rubrik Weihnachtsangebot Alexander Woff Auf Leben 75 Jahre Jüdische Gemeinde Frankfurt am Main Mit der Ausstellung„Auf Leben' setzt die jüdische Gemeinde ihr Programm zum Jubiläum„75 Jahre Wiederbe- gründung'? fort. Die Ausstellung ist ab dem 15. Januar 2024 bis zum 26. Mai im Foyer des Ignatz Bubis-Gemeinde- zentrums, Savignystraße 66, Zu sehen. Das Konzept der Ausstellung wird von der Gemeinde wie folgt beschrie- ben: Nach der Schoa stellten sich Jüd- innen und Juden die Frage, ob sie von Neuem in Frankfurt beginnen konnten. Dem Großteil der Zurückgekehrten und heimatlos gemachten Uberleben- den war eine Zukunft in Deutschland nur schwer vorstellbar. Viele emigrier- ten, einige jedoch blieben und formten eine neue Gemeinde. Sie bauten Insti- tutionen wie Kindergarten, Altenheim, Synagogen und Schule wieder auf. Ihre Geschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigt den Weg einer zunehmend selbstbewussten Gemein- schaft, die sich in der Stadtgesellschaft positioniert. Das Dach der Finheits- gemeinde vereint die Vielfalt des gegenwärtigen Judentums und möchte einen gemeinsamen Ort für die plurale, jüdische Gemeinschaft schaffen. Ihre Geschichte des Handelns und Verän- derns erzählt die Ausstellung in zwölf Kapiteln. Sie zeigt Frankfurter Ge- schichte(n) des Aufbauens, Aufbegeh- rens und Auflebens. Geöffnet ist montags bis donners- tags und sonntags von 10 bis 18 Uhr so- wie freitags bis 15 Uhr. Der Eintritt ist kostenfrei. Es werden Führungen ange- boten. Infos auf der Internetseite der Jũdischen Gemeinde Frankfurt/ Main. ⸗ 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Wo ist Anne Frank KikKa- Projekt: Mit Kindern über den Holocaust Sprechen Am 4. November 2023 feierte der preisgekrönte Animationsfilm„Wo ist Anne Frank“ des israelischen Re- gisseurs Ari Folman Premiere im deutschen Fernsehen. KiKA zeigte den Film inklusive der zweiteiligen Begleitdokumentation „Wo ist Anne Frank— die Hintergründe“, die in Zu- sammenarbeit mit Sascha Feuchert, dem Leiter der Arbeitsstelle Holocaust- literatur an der Univer- sität Gießen, entstanden ist. Darin erklärt Modera- torin Clarissa Corréa da Silva in der Bildungsstät- te Anne Frank in Frank- furt wichtige Hintergrün- de zu Anne Franks Leben, ihrer Kindheit, ihrer Zeit im Versteck in Amsterdam und ihrer Ermordung im Holocaust. Während und nach der analogen Ausstrahlung hatten die jungen Zu— schauer:innen die Möglichkeit, in ei- nem Chat auf kika.de Fragen an Sascha Feuchert und das Team der Arbeitsstelle Holocaustliteratur zu stellen. Insgesamt wurden rund 70 Fragen beantwortet. Dabei ging es unter anderem um das Schicksal von Anne Frank und ihrer Familie sowie um das Leben in den Niederlanden während der deutschen Besatzung. Auch zur Machart des Animations- films wurden viele Fragen gestellt. Im Hilm erwacht Anne Franks Anne Frank, 1941 in Amsterdam imaginäre Freundin Kitty, an die sie auch viele ihrer Tagebuchbriefe Schreibt, im heutigen Amsterdam zum Leben und macht sich auf die Su che nach Anne und der Familie Frank. Dabei folgt sie Annes Spuren, vom Hinterhaus bis zu ihrem Tod im Konzentrati- onslager Bergen-Belsen. Unterstützt wird sie auf ihrer Reise von ihrem Freund Peter, der eine ge- heime Unterkunft für Ge— flüchtete ohne gültige Auf— enthaltspapiere betreibt. Kitty ist verwirrt vom ak- tuellen Umgang mit Schutzsuchenden in Euro- pa und den Ungerechtig- keiten, denen Flüchtlings- kinder ausgesetzt sind. Der Film sowie das Begleitpro- gramm sind in voller Länge(89 Minu- ten) auf kika. de(Filme: Wo ist Anne Frank KiKA) abzurufen. Begleitma- terialien sowie ein Interview für El- tern mit Sascha Feuchert, in dem er Tipps für das Gespräch mit Kindern über Anne Frank und den Holocaust gibt, sind ebenfalls verfügbar. Die Dokumentation„Triff Anne Frank“(KiKA/hr), die ebenso in Zu- sammenarbeit mit der AHL entstan- den ist, steht ebenfalls auf kika. de und im KiKA-Player zur Verfügung (Triff..: Anne Frank] KiKA). https: wwWw. kika. de/filme/videos/wocist-an- ne frank-116.(hir) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 Späte Gewissheit Informationsstelle im Archiv des Auschwitz-Museums legt Enkel von Isidor Müller Belege über dessen Todesdatum vor Von Andreas Kilian Durch den deutschen Ordnungswahn und die Unmöglichkeit, alle Beweise der Verbrechen restlos zu beseitigen, blieben immerhin wenige Verwal- tungsunterlagen erhalten, die wesentli- che personenbezZogene Daten derjeni- gen Menschen dokumentierten, die von den„Endlõsern? spurlos vernich- tet werden sollten. In den meisten Fãl- len konnten aber bislang keine Doku- mente Zzu Deportation oder Lagerhaft und auch keine lagerstandesamtlichen Sterbeeinträge gefunden werden. Uberlebenden Familienangchörigen blieb daher häufig nicht mehr als eine blasse und zum Jeil nur mündlich überlieferte Erinnerung. Im Laufe der Jahre nahm aber auch dieses Wissen ab, Ssofern es nicht im Rahmen von Oral History oder schriftlichen Auf— zeichnungen festgehalten wurde. Von etwa 400.000 registrierten und 30.000 bis 50.000 nichtregistrierten Häftlingen des KI Auschwit? haben et- wa 80.000 bis 90.000 Häftlinge das Kriegsende überlebt. Während im Jahr 2004 noch schätzungsweise 40.000 ehe- malige Häftlinge lebten, sind es im Jahr 2023 weltweit vermutlich nur noch eini- ge Hundert. Im Hinblick auf die Tatsa- che, dass weltweit aktuell etwa 350.000 „Holocaust-Uberlebende“ am Leben sind(darunter 135.000 in Israel), ist die- 8e Anzahl verschwindend gering. Mlle Auschwitz- Uberlebenden muss- ten sich ein neues Leben aufbauen und in die Zukunft blicken. Häufig war die Erinnerung an die Ermordung ihrer Angehörigen zu schmerzhaft um zurückzublicken und die Rekonstruk- tion der Breignisse durch die zweite oder dritte Generation ein Tabu. Vergessen von harten Fakten sowie Verdrãngen von Konkretem waren Be- Standteile einer Weiterlebens-Strategie und der Vergangenheitsbewältigung. Nach Hrennung und Verschleppung wa- ren häufig weder der tatsächliche Ort der Ermordung noch ein genauer Jo— des?Zeitpunkt bekannt. Offiziell galten diese Mord- oder Todesopfer als„ver- schollen“ oder„vermisst“. In einigen Fällen machten gesetz liche Anforderungen es notwendig, ei- nen vermuteten Todeszeitpunkt fest?u- Stellen. Vielen Angehörigen war als Folge der deutschen Massenvernich- tung nicht nur kein Todesdatum be— kannt, sondern auch Geburtsdatum, Geburtsort und Namen der Groß— eltern oder Urgroßeltern waren völlig unbekannt. Nicht nur Dokumente fehlten, sondern vor allem die Men- schen, die darüber hätten Auskunft ge- ben kõönnen. In den letzten Jahren stieg die Zahl der verstorbenen„Holocaust- Uberlebenden“ stark an. Aktuell ster- ben allein in Israel etwa 50 Uberleben- de tãglich. Nach diesem großen menschlichen 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer und Wissens-Verlust arbeiten immer mehr Angehörige, in?wischen der drit- ten und vierten Generation, ihre Fami- liengeschichte auf, besuchen die ehe- maligen Leidens- und Mordstätten und suchen auch nach schriftlichen In- formationsquellen. Die Anzahl perso- nenbe?Zogener Anfragen an das Archiv des Staatlichen Museums Auschwit?- Birkenau in Oswiecim steigt seit Jah- ren kontinuierlich. Zu den weltweit bekanntesten Auschwitz-Uberlebenden und weni- gen Zeugen der Massenvernichtung aus dem Sonderkommando gehört zweifellos Filip Müller, der im Alter von 20 Jahren aus der Slowakei in das Vernichtungslager deportiert und dort in den Krematorien zur Sklavenarbeit ge?wungen wurde. In seinem FErinne- rungsbericht„Sonderbehandlung“, der 2022 im vbg-Verlag verõffentlicht wurde, beschreibt er das Wiedersehen mit seinem Vater im Stammlager Auschwit? und dessen Finäscherung im Krematorium:„Jch traf meinen Va- ter noch einige Male. Trotz aller Hilfe ind Unterstitzung, die ich ilm Matte zMommen lassen, Siechte er immer mehr dahin.(...) Als wenige Jage Spä- ter der Rollwagen vom Krankenbau Kam nd auf dem Hof abgeladen wur— de, lag unter den Voten auch sein Leich- nam. Meine Kameraden trugen ihn ins Krematorium und legten ihn im Ver— hrennungsruum auf den Vog des Koll- wugens. Vor den glüihenden Ofen betete 5Fi5 Filip Müllers Unterkunft in Block 11 des Stammlagers. O A. Kilian 2023 Schwarz das Kaddisch.(...) Als aber Schwarz das Kaddisch sprach,(...) empfund ich in meiner Seele unsagha- ren Schmerz ind tiefe Jrauen die ich mit Worten nicht auszudricken ver- mag. Doch das Gehet half min den Schmerz zu überwinden und mein Herz zu heschwichtigen in dieser Schweren Stlinde, als die Hammen die erblichen Uherreste meines Vaters un— wiederbringlich verzehrten.“(S. 73 f.) Als der seinerzeit in Prag lebende Filip Müller im Jahre 1961 das Staat- liche Museum Auschwitz besuchte, konnte er in der Informationsstelle er ee e Filip Müllers Vater in der Zugangsliste aus Majdanek vom 03.07. 1942. O Archiv des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau in Oswiencim(APMA-B) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25 des Archivs weder Dokumente über sich noch über seinen Vater finden. Während in den ersten Jahren nach der Befreiung des LKagers und nach der Frõffnung des Museums im Jahre 1947 Schriftliche Quellen noch mühselig ge- sammelt und zum Teil aus dem Müll, verschmutzten Kellern und Geheim- verstecken geborgen werden mussten, arbeitete eine„Dokumentationsabtei- lung“ an verschiedenen Projekten wie Ausstellungen und ersten Publikatio- nen. Erst 1957 wurde ein Archiv im Museum errichtet, jedoch befand sich eine Kartothek(„Häftlings-Hauptkar- tei“ nach Namen und nach Häftlings- nummern sortiert, insgesamt ca. 1,9 Millionen Karten) erst im Aufpau und das Archivgut war als Kriegsbeute, Be- weismittel und Souvenir weltweit ver- streut worden sowie längst nicht er— schlossen. Die„Informationsstelle über ehemalige Häftlinge“ wurde erst Später eröffnet. Durch den„Eisernen Vorhang“ (1945-1989/1991) war ein Informati- ons-Austausch Zwischen den Archiven Schwierig und langwierig, viele erhal- ten gebliebene Quellen waren über- haupt nicht bekannt, zumal schät— zungsweise 95 Prozent der Lagerdoku- mentation noch vor der Befreiung des Lagers auf Befehl der S8 verbrannt worden war. Nach der Auflösung der Sowjet- union im Jahre 1991 und der Offnung Sowjetischer Archive wuchs der Doku— mentenbestand des Archivs im Muse- um Auschwitz an. Laut Inventarproto- koll aus dem Jahre 1994 betrug die Länge der Ordner, Schuber, Alben und Ablageboxen des Archivs insge- Samt 247 laufende Meter. Interne Findmittel beschränkten sich jedoch nur auf einen kleinen Jeil des Archiv- bestands. Die Erstellung von Find-— büchern wurde von der Archivleitung verhindert. Uberlebende und deren Angchöri- ge hatten kaum Chancen bei perso- nenbe?Zogenen Suchen, fündig zu wer- den, und wendeten sich daher seit 1948 häufig an den Internationalen Suchdienst(ITS) in Bad Arolsen(1944 als„Central Tracing Bureau“ des In- ternationalen Komitees vom Roten Kreu? gegründet, 2019 in„Arolsen Archives- Internationales Zentrum über NS-Verfolgung“ umbenannt). Bhemalige Häftlinge konnten beim ITS eine„Inhaftierungsbescheini- gung“ beantragen, in der unter der Rubrik„Geprüfte Unterlagen“ rele- vante Quellen aufgeführt wurden. Ins- besondere für die Anmeldung von Entschädigungsansprüchen war die „Inhaftierungsbescheinigung“ für Uberlebende unverzichtbar. Filip Müller ließ diese Bescheini— gung im Jahre 1965 durch seinen An- walt anfordern. In dem ITS-Doku- ment heißt es unter„Bemerkungen“: „Die Hdftlings- Nr. 20236 eyscheint nicht in den hier vorliegenden lin voll tndigen Unterlagen des KL Ausch- wilz“. Allerdings konnte seine Inhaf— tierung durch Unterlagen aus dem K. Mauthausen belegt werden. Die„Arolsen Archives“ verfügen über etwa 30 Millionen Dokumente, meist aus nationalsozialistischen La— gern oder zum Thema Zwangsarbei- 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer tereinsat? sowie über Displaced Per- Sons. Seit 2019 sind 43% davon im In- ternet Zzugänglich und bis 2022 wurden 46% der Dokumente transkribiert, was eine beeindruckende Leistung ist. Die„Zentrale Namenskartei“ (ZNK) war vor der Entstehung des digitalen Archivs das wichtigste Such-— instrument in Arolsen und beinhaltet Informationen über 17,5 Millionen Menschen. Filip Müllers ZNK-Anfra- gekarte wurde 1957 angelegt, eine ZNK-Hinweiskarte mit der Regi- 1542 A——*— 12 At M Aa in Mer — 34 R— 3r. 5ha, Kt R, mh1.— „— M. 1— 12— 1— 1—— „ MMht, Fnrn— H. Har 1H * * Bat, kn— —* — MMnr, mln nnn i l — m MMar p S mMmnlr an Anlak— ———— rm Rtanz h a— um Rrnn lrmr dn— nn hMhnn tn knn m. Munt 124— nM h————— —,— Fu IIa1a n— F——*—— ——— 10B1 10 H AiaklLhramir Ln. Mrkruur ——— — unknrran — 1l —— — —— hrp Sinn 1„ 2 Sterbeeintrag Iidor Müllers in den Auschwitzer„Sterbebüchern“ O AP- MA-B striernummer 690068 wurde erst 1965 erstellt. Entwicklung und Aufbau einer elektronischen Quellendatenbank be- gannen im Auschwitz-Museum erst in den Jahren 19901906 in Zusammenar- beit mit dem Max-Planck-Institut für Geschichte in Gõttingen sowie dem In- Stitut für Geschichte der Jechnischen Universität Parmstadt. In den darauf- folgenden Jahren begannen deutsche Projektgruppen in Zusammenarbeit mit der 1991 gegründeten Computer- abteilung des Auschwit?-Museums ein digitales Archiv auf?ubauen. Pine neue Datenbank wurde im Jahre 2015 eingeführt und wird in Ko- operation mit zahlreichen ausländi— schen Archiven weiterhin ausgebaut. Bislang wurden 35% der Dokumente im Archiv des Museums Auschwit? digitalisiert(mehr als 800.000 Daten- Sãtze). Dr. KrZysztof Antonczyk, Leiter des Digitalen Repositoriums im Archiv schätzt, dass auf Grundlage der bisher ausgewerteten Quellen bislang die Namen von 30.000 registrierten jü— dischen Häftlingen(15 6) und von 100.000 registrierten nichtjüdischen Häftlingen(71 6) ermittelt werden konnten. Er hofft, dass von den minde- Stens 1,1 Millionen jüdischen Depor- tierten Zukünftig bis Zu 340.000 Namen benannt werden können. Zum 10. Todestag von Filip Müller entschloss sich sein Sohn, mit einer Studiengruppe der Lagergemeinschaft Auschwit? im November 2023 zum er- Sten Mal die Gedenkstätte und das Museum Auschwitz-Birkenau zu besu- chen. Hilip Müller war das letzte Mal Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 vor der Geburt seines Sohnes im Mu- Sseum Auschwitz und in Birkenau ge— wesen. Er hatte zu Hause viel über Auschwitz berichtet und unterhielt sich wie selbstverständlich mit ande- ren Uberlebenden darüber, während sein Kind in der Nähe spielte, was schlieBlich dessen Interesse weckte. Am zweiten Jag der Studienfahrt führte die Archiv-Mitarbeiterin Frau Krystyna Lesniak einen Workshop zur Arbeit des Archivs durch. Da Filip Müllers Sohn keine Dokumente über seine Groß- oder Urgroßeltern besaß und nur wusste, dass sein GroßBvater Isidor Müller in Auschwitz verstorben war, nut?te er die Gelegenheit, Frau Lesniak nach Hinweisen auf Quellen zu Isidor zu fragen. Die Datenbankab- frage ergab drei Treffer. In einem Fall lag ein plausibler Fintrag in den Ster- bebüchern vor. Frau Lesniak konnte Hinweise auf den 1895 geborenen Isidor Müller in der Zugangsliste vom 03.07.1942(betr. Zugänge vom 30.6.1942), in einem Sterbeeintrag vom 12.08. 1042 und in einem Fintrag im Buch der Leichen- halle vom 08. 08. 1042 finden. Auch im 2. Band des„Stärkebuchs“ wurde er unter den„verstorbenen Häftlingen“ aufgelistet. Eine Uberprüfung der An- gaben führte zu dem Ergebnis, dass es sich bei der erwähnten Person zweifel- los um den Vater von Hilip Müller han- delt, da die genannte Melde-Adresse in Sered(Filip Müllers Adresse) und der Name der Ehefrau verifiziert wer- den können. Die Lebensdaten von Filip Müllers Vater, sein Geburtsort Ssowie die Namen der Großeltern wa- E 5 ber u Sr e2, 0 M hub o bout 2 ½ ½ 44 UMLe 1 452 ubſe een eo e be uuazo 64 4 Fbeebep e o LL Fintrag von Pidor Müllers Hüäftlings- nummer im„Leichenhallenbuch“ O APMA-B ren Filip Müllers Sohn bis dahin unbe- kannt und ihre Entdeckung ein bewe- gendes Breignis. Isidor Müller wurde nur 47 Jahre alt. 39 Tage nach seiner Ankunft verstarb er unter den un-— menschlichen Haft- und Lebensbedin- gungen in Auschwit?z. Gewissheit über den tatsächlichen Sterbetag Zu erlangen, bedeutet Famili- enangehörigen viel und verdeutlicht, wie wertvoll die Arbeit des Archivs im Museum Auschwitz ist. Die Zahlen sind viel bedeutungsvoller als Lebensdaten auf einem Grabstein oder auf einer Ur- kunde. Sie sind ein Beweis für die Exi- Sten? und nicht nur relevant für die Ah- nenforschung, sondern auch für die Identität. Mõglicherweise ist es sogar viel mehr:„ Gewissheit ist die OGrund- lage, nach der die menschlichen Gefiihle verlangen.“(Honore de Balac, franzq- sischer Schriftsteller). o 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Das zweite Gradowski-Manuskript Wie der Augenzeugenbericht für die Nachwelt gerettet wurde(Teil 1) Von Andreas Kilian Salmen Gradowski(1910-1944) ver- fasste als Augenzeuge und Zwangsar- beiter im Sonderkommando Ausch- wit? die wohl literarisch bedeutend- sten Aufzeichnungen über den Mas- senmord in den Vernichtungseinrich- tungen von Auschwitz-Birkenau. Von Seinen Zahlreichen Manuskripten und Abschriften, die er wahrscheinlich seit Herbst 1943 verfasst hatte, sind nur zwei Funde bekannt, die auf dem Gelände von Krematorium II ausge- graben wurden. Der zweite Fund be- Stand vermutlich im Frühjahr 1945 aus losen Blättern mehrerer Notizhefte, die laut bisheriger Uberlieferung von einem christlichen Polen an den Groß-Rosen-Uberlebenden Chaim Wolnerman(1912-1977) verkauft worden sein sollen. Im Herzen der Hölle Diese Version wurde von Chaim Wol- nerman und seiner Ehefrau Vokhid/ Jetti(19192006) verbreitet, die 1977 in Israel auf eigene Kosten und unter Chaims„Copyright“ Gradowskis Schrift auf Niddisch unter dem Titel„Im Her?en der Hölle“ herausgegeben hat- ten. In seinem Vorwort schreibt er: „Kir? hevoyr wir die Stadt /Uswiecim/ verließen, Kam ein junger Mensch zu mir nd zeigte min eine blechhiichse, die er heim hirkenauer Krematorium aus— gegraben hatte. Aus der verrosteten Bichse nahmen wir Kleine Blätter her- alus, die in jiddischer Handschrift vey— fasst waren. Jchn sah mir einige Blätter der PFinleitung durch und erkunnte, duss ich ein wichtiges Dokument vor mir hat- te. Oh wohl ich nicht wussle, wer der Ver- ſfasser wur und auch den Rest nicht Kannte, fihlte ich mich verpflichtet, die Schriften zu Kaufen und zahlte die ge⸗ wlinschte Slumme. So gingen die Schrif⸗ ten in meinen Besitz lihen Viele Monate wr ich mit dem Abschreiben der Blil- ter heschftigt.“(S. 3 f.) Dieser Darstellung wurde 1983 in Lola Bodners(1927-2009) Memoiren „Weg nach Israel? widersprochen, die 1985 für ihre Familie vom Polnischen ins Hebräische übersetzt und 1997 überarbeitet unter dem Titel„Milesto- nes(1939-1949)“ in englischer Sprache gedruckt wurden(Privatdruck). Darin bezZeichnet Lola Bodner ihren Mann Maurycy(1909-1983) als Käufer von Ehemaliger Tatort vom Oktober 1943 wührend der Altbausanierung 2021. O AM. Kilian 2023 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29 —„* S 1L. nrt 1 e Mſiara rMh n PIRen — AmnMnn HHun M k* NrM n ſ R R r. — Dit᷑ BisLAkß VERöfEEMrUcEM ORGMASETEMVON GRADOMWSkls ZWETEMMAMUSRRPT i L. KaIi 1 Rk, mm. nhmm laN iennnwi Gradowskis Handschrift: „Bodner wur dufiir hekunnt, dass er veyChiedene Waren Kaufte. Eines Jages Kam ein polnischer Mann in Bodners Hals mit einer Hasche, die Zettel ent- hielt, auf denen in Kleiner Handschrift Prinnerungen geschrieben waren(... Bodner Kaufte natiirich die Husche. Er ind Chuim Wolnerman sprachen beide Spruchen fließend. Sie nahmen die Zet- lel als der Hasche und begannen vie zu lesen.(..) Wir bewahrten die Notizen in inserem Haus auß und die einzigen Menschen, die wissten, w0 sie sich he- funden, waren ich, mein Mann und Libl hyisch. Am Vag bevor Wolnerman Owiecim verließ, verchwunden die Nolizen. An diesem Jag war Bodner in Krakau und ich wur allein zu Haluse. Als ich erfuhn dass die Wolnermans am ndchsten Jag abreisen wlirden, belam ich ein Komisches Gefiihl. Ich ging zu dem Schrank, in dem die Notizen ver- Secht wauren, und vtellte mit Schrecken ſest duss vie lind die Hasche verchwun- den wuren.“(S. 71 f.) Das Freignis könnte sich auf An- fang Oktober 1945 datieren lassen, da Chaim Wolnerman sich nach einem mehrtägigen Aufenthalt in Prag, wo ihm auf der Durchreise bereits Kaufangebote für das Manuskript ge- macht worden seien, am 13.10.1945 als Displaced Person(DP) in Lauf an der Pegnit? registriert hatte. Ihm wurde dort eine Vier-Zimmer-Wohnung in der Goethestraße 52 zugewiesen, die er kur? darauf gemeinsam mit seiner Frau, deren Schwester, Frisch und zwei weiteren Frauen bezog und die 1946 Sit? der jüdische DP-Gemeinde wurde (deren erster Vorsitzender Wolnerman war). Lola Bodner schreibt weiter, dass sie Wolnerman am selben Tag bei der Polizei anzeigen wollte, ihr aber davon abgeraten worden sei. Des Weiteren Stellt sie Libl Frisch als den eigentli- chen Dieb dar:„Jhre splter in Irdel trafen wir Libl Prisch auf einer Zusum- menkunft ehemaliger Oswiecimer(...). Py lief auf Bodner zu, m ihn 2 hegriißen, aber Bodner wendele sich ab ind sugte. Jch will dich nicht sehen. Nach allem, wus ich für Dich getan habe, hast Du mich hestohlen. Ich wil nichts mit dir ⁊u un hahen.* Leon„Libl* Frisch(1920-1962) war am 4.5. 1945 aus Groß-Rosen nach Oswiecim zurückgekehrt und lebte bis Ende September 1945 in derselben Wohnung in der Krakowska Straße 10 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer wie die Bodners, da Maurycy Bodner, der ihn wie einen Sohn behandelte, mehrere Lagerüberlebende bei sich aufgenommen hatte(eine Hilfelei- Stung, die Wolnerman in Oswiecim nach eigener Darstellung auch ange- boten haben soll). Zum Zeitpunkt des Verschwindens des Manuskripts lebte Frisch jedoch in Krakau, was eine Ana- lyse seiner Korrespondenz belegen konnte. Da Frisch mit den Wolnermans befreundet war und sich am selben Tag wie Jetti Wolnerman am 22.10.1945 in Lauf als DP registrieren ließ, erscheint die Verbindung verdãchtig. Als angeb- licher Mitwisser des Verstecks musste er per se in Verdacht geraten. Er könn- te aber auch nur als Sündenbock gedient haben, entweder weil Lola Bodner möglicherweise das Versteck Sselber verraten hatte(Lola und Chaim müssen sich bereits länger gekannt ha- ben, im Ghetto Sosnowitz waren sie Nachbarn und nach ihrer Rückkehr nach Oswiecim lebten sie zuerst in der- Selben Straße, nur drei Häuser vonein- ander entfernt), oder weil das Versteck vom wahren Täter leicht gefunden werden konnte. Die widersprüchlichen Darstellun- gen erschweren eine Rekonstruktion der Freignisse. Die seinerzeit beteilig- ten Akteure und Zeugen können we- der befragt werden noch sich verteidi- gen: Frisch verunglückte 1962 in Israel mit seinem Lieferwagen tõödlich, Wol- nerman starb an seinem 65. Geburtstag und kur?z nach der Veröffentlichung von Gradowskis Manuskript in Jerusa- lem. Maurycy Bodner starb fünf Jahre später im Jahre 1983, ohne von Wol- nermans Publikation erfahren zu ha- ben, die in einer limitierten Auflage von 300 Fxemplaren gedruckt worden und nur wenigen bekannt war. Ein Rekonstruktionsversuch zeigt, dass den unterschiedlichen Parstellun- gen und Besit?ansprüchen möglicher- weise ein Interessenskonflikt Zugrunde lag: Maurycy Bodner scheint der tatsäãchliche Käufer und rechtmäßige Besit?er des Manuskripts gewesen zu Sein. In der Stadt Oswiecim war er in der Nachkriegszeit als Vorsitzender des Jüdischen Komitees von Oswiecim der erste weltliche Repräsentant der jüdischen Gemeinschaft(April 1945 bis April 1946), sein Freund und Mit- bewohner Ignacy Lerner war Sekretär des Komitees, Samuel Natowicz war Bodners Stellvertreter. Das Jüdische Komitee war eine Zweigstelle des Zen- tralkomitees der Juden in Polen(144 1950) und lokale politische Vertretung der polnischen Juden, der Vertreter verschiedener politischer Parteien an- gchörten. Chaim Wolnerman hingegen war Repräsentant der religiösen Seite. Er war Enkel des in Oswiecim als religiq- ser Führer und Talmudgelehrter ver- ehrten Rabbis Chaim Zvi Kuperman, der vierzig Jahre lang als religiõse In- Stanz wirkte und zudem als besonders rechtschaffener und frommer chassidi- Scher Jude die Ehrenbezeichnung Zad- dik verlicehen bekam. Chaims Vater, Rabbiner Vosef Simcha Wolnerman, war zudem ein anerkanntes Mitglied der Chewra Kadischa(Beerdigungs- bruderschaft) von Oswiecim und habe sich nicht nur um die Toten, sondern auch um die Kranken gekümmert. Die Prrichtung jüdischer Gemeinden in ihrer Vorkriegsform war von der pol- nischen Regierung nicht erwünscht: erlaubt wurden lediglich jũdische Reli- gionsgemeinschaften. In Oswiecim fanden die ersten Wahlen zur Grün- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 dung einer jüdischen ½ Religionsgemein- E schaft im Mai 1945 Statt. Chaim Wolner- man wurde als Vorsit- zender des Vorstands, Samuel Natowicz als Sein Stellvertreter ge- wählt. Anfang August 1945 bestätigte das † Bezirksamt in Biels- ko-Biala den Vor- stand(Im Oktober 1945 wurde er von Leon Schönker ab- gelöst. Maurycy Bod- ner wurde dessen Stellvertreter). Chaim Wolnerman wurde bis zur Ernennung eines Rabbiners die Verantwortung für jũdische Aufzeich- nungen übertragen. In diesem Zusammenhang und we- gen Wolnermans hervorragender Jid- disch-Kenntnisse konsultierte Bodner offenbar Wolnerman und zeigte ihm Seinen Erwerb der bedeutenden Schrift Gradowskis. Gemeinsam begannen sie, den Fund zu entziffern, und versuchten, den Namen des Verfassers herauszufin- den. Wer den Namen Gradowskis letzt- lich identifiziert hat, lässt sich nicht mehr rekonstruieren, es liegt jedoch na- he, dass beide mit der Entzifferung der Schrift im September 1945 begonnen hatten und ihnen vermutlich gemein- schaftlich die Identifizierung gelang. Möglicherweise traten hierbei die er- Sten Konflikte auf bezüglich des Inhalts, der Bedeutung oder des Umgangs mit dem historischen und literarischen Er- be von Gradowskis Schrift. Der Wech- Sel der Besitzer dürfte jedenfalls einen tieferen, vermutlich religiösen oder ideologischen Grund gehabt haben. Schauplat? der ersten Entzifferung von Gradowskis 2. Manuskript im September 1945. O A. Kilian 2020 Wolnermans Funktion, sein fami- liärer Hintergrund und sein persönli- ches Interesse an der Schrift scheinen offenbar ausschlaggebend für seine Besit?ansprüche und für seine Rolle als Ubermittler von Gradowskis Iext gewesen zu sein. Formal gesehen wäre er seitens der jüdischen Religionsge- meinschaft in Oswiecim für die Hand- Schrift zuständig und verantwortlich gewesen. Bodner hat das bedeutende Zeugnis als Käufer jedoch nicht aus den Händen gegeben, was die Verwah- rung in einem Versteck in seiner Woh- nung nahe legt. In Lola Bodners Memoiren(S. 73) wird erwähnt, dass ihr Mann von pol- nischen Fivilarbeitern angekaufte Wertsachen jüdischer Häftlinge(ge- nau genommen die Habe von Ermor- deten und Schmuggelware) als Ver- kaufsvermittler an polnische Händler in Krakau weitergegeben habe. Mls Vertrauensmann wäre er für christ— liche Polen ein geschät?zter Geschäfts- partner gewesen, weshalb ihm offen- 32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer bar auch Gradowskis Manuskript angeboten worden war. Vermutlich befürchtete Wolnerman, dass Grado- wskis Manuskript weiterverkauft wer- den und in falsche Hände gelangen könnte. In der nãchsten Ausgabe des Mittei- jungshlatits werden in Jeil 2 dieses Ar- tihkels dus weitere Schicksal von Gra- dosKis Manuskript rekonstruiert und die Zuverlssigkeit und Glaubwürdig- Keit historischer Quellen hinterfragt. Zweifach geehrt Christoph Heubner, Historiker, Schriftsteller und Vizepräsident des Internatio- nalen Auschwitz-Komitees, bekam am 5. November 2023 in Magdeburg den Lo- thar Kreyssig-Friedenspreis verliehen und wurde am 28. November in Dillen- burg mit der Charlotte-Petersen-Medaille ausgezeichnet. Wir gratulieren. Lothar Kreyssig(1898-1986) war Jurist, prangerte als einziger deutscher tersen-Medaille„für Verdienste um die Verständigung zwischen den Men- Richter die Euthanasiemor- de der Nazis an, entging nur knapp einem Konzentrati- onslager und gründete 1958 die Aktion Sühnezeichen. Die DillenburgerJournali- stin Charlotte Petersen hat- te 1950 gemeinsam mit Hilda Heinemann eine Hilfsorganisation für die schen“ betonte Christoph Heubner: Charlotte Peter- sen, iher viele Jahrzehnte legendäre Journalistin bei der Lohkalzeitung in Pillen- hlurg wur eine hescheidene und vlinderbare Figur' die- ser Blindesrepublil, die durch ihre perõnliche Inte- gritdt, EFmpathie und Hart- Uberlebenden des Konzen- Cmnopn Heupner ndckigMkeit unendlich viel für trationslagers Wapniarka ge- O LK Berlin gründet und unermüdlich Spenden- gelder gesammelt. Die Jury des Lothar Kreyssig-Frie- denspreises begründete ihre Entschei- dung wie folgt: Christoph Heuhner vetzt vich seit Jahrzehnten für die Wei- tergube von Erinnerungen der Uherle- henden vor allem an junge Menschen ein. Ey ist eine wichtige Stimme gegen Antisemitismus und Geschichits verfül- vchung und für demolkratische Vielfult, Voleranz uind Menschenfreundlichkeit. Zur Verleihung der Charlotte Pe- die Uherlebenden des Holo— caust getan und damit Peutchland in den Augen vieler Uberlebender mit ei— ner großen Portion Würde und Olauh— wlirdigkeit verehen hat, als in anderen Amisstuhen Almazis noch nbeirrt ind selbsthewußt das große Woyt fiihr- ten. Es is für mich wirklich eine große Phre mit dieser großen und viel zu ln- hekannten Persõnlichkeit in Zusam- menhang gehracht zu werden. Gerade in diesen Jagen. Eine Ermutigung im Kampf gegen Anlisemitismus und Haß.(hir) Nur wenige Häftlinge haben die Arbeit in den Sonder- kommandos in Auschwitz überlebt, noch weniger vermochten je darũber zu berichten. Der jüdische Gerichtsmediziner Miklös Nyiszli gehörte zu denjeni- gen, die das Grauen nicht nur überlebten, sondern auch Zeugnis von der»ſins- tersten Zeit der Mensch- heitsgeschichtes ablegen konnten. 1945 erstmals erschienen, schildert der Be- richt des ungarischen juden mit rumänischem Pass, der in Deutschland zum Ge- richtsmediziner ausgebildet wurde, minutiõs die Abläufe der Vernichtungsmaschi- nerie. Es handelt sich um die erste Publikation eines AMgenzeugen, die aus dem lnneren der Todesfabrik Auschwitz berichtete. 1992 erschien die Schrift erst- mals in deutscher Sprache im Karl Dietz Verlag Berlin, jetat lieꝑt der Band in einer aktualisierten und erweiter- len Neuausgabe vor, ergänzt um Dokumente, die weitere Details aus Nyiszlis Leidens- zeit enthalten. insbesondere über seine Inhaftierung im Lager Auschwitz-Monowitz vor seiner Uberstellung nach Birkenau. ¶ Dietz Berir Miklöòs NMyiszli Ein Gerichtsrmediziner in AuSchwitz ANMDREAsS KILIAN, Peb. 1974, Ist Historiker und erforscht seit 1992 die Geschichte der Sonder- kommandos in Auschwitz. Er ist Autor oder Bearbeiter von mehr als 90 Veröffent- lichungen zum Thema und ist Gründer des lnernetportals Snereommuntistucien. de. detzberlin de FRIEDRIcRH RHRRRRR (1939—2013) war Facharzt für Rechtsmedizin und hbis 2002 als Oberarzt am Institut für Rechtsmedizin der Univer- sität Leipzig tätig. Miklos Miszli lmn Jenseits der Menschlichkeit Ein Serichtsrrecizirer in Austhwitz Herausgegeben vor Andresas Kilian und Frisdrich Horbor c. J5.2 Seiten mt Abb un Krton, Brosehm 2000 E 56/ 575-320-0232 Erschirt᷑ im nr 2024 LAGERGEMEINSCHAFT AUSCGHMWITE FREUNDESKREIS DEB AUSCHMWTZER E.V. Lahr Mi Ma — FrFn Dis Lagumumnnsthaſt Austhwitz- Fruuncitskrnis rin Aumchwitzer u V wird fast nusschnlirh urch Spenden unci Mitgliecsheilrage ſinarizient Der Iahresbetrag betrsgt minciestens 40 EUR fur Borufstange und minties tens 20 Euro fUr SchülerStucenen Ausubikcertie urt Abeitslse Wi ben Se durtt lhten Eirnrilt in d= Lsgergerneirschaſt ocder durch eine einmsge Spenele 2Zu hellen. dass der verein Uber cie ſrnzisllen Mti vorflgt. ciie er qrirgen bendtgt Beitrittserklärung W eeeeeeeeteeteereeeeeeetetetheeheheeeeette Min V——— E Ceburtsdaturn opUonal) ſch mbchtu Mitglind cior Lagorgaminsthakt Auachltz Froundnskreis clor Auschwitzar uW wrcun o Den Jshresbenrsg n HS en ER r per Ubersuftrsg de sls ynricne Emxæluberuesung iMirufreferitkes hln ittn) auf das ſrgence Kurito ubeneisen Sparkasse Oberhessen[SAN. DE 43 5135 0075 0020 0005 03 BIE HELALEFERl kch ernchhge tie Lagergereincht bis auf Werrul, cien Jahrresheitrag wrn ELR oinzuhen vl dem Beun bestsnge ich ꝑleicnzeibg mein Eruetstẽndnis rna der Speherung rneiner petsnenbezogeren Esien L⸗ or honensvhutaorksrung der Lageemenschsft dusthwtx ſxu fnden urer Akt2 gh. Spolaen Sin Uber keinen intemetzugang wrkUger ielen Sie urs ues— kurx— Wr srden Ihrnen die Dalenschukenlaung dann suf poslalacher Wege zu. Mne ch bin darn ninwrstanan, das Mntwſlungshti cier LGh ruquimallig ſic R 12 Mal prw Jahr) pur Post an mninn d Anschue xu erhasen ſWenn rick zutrefleri. biue streichen) nſnrmatiunsn por E-Mal: lch bin ciurni ninerstarther dass ce LAgergerneinsthat Autrnwitz— Frrurteskreis cer Auschrlxrer e V. rmr in unegelmsligen Ahstkncen Intmriatiren xu AkliuitterWeranslalumgen per E-MMad ari rneine g. EMait- Axirtsbp Zukmmen lasst Wonn nicht xutroffenci, hitt stroithan.) Bit