UB GIESSEN anna 34 ae ge ri Pr win rinnen nun w won EEE RISIRTEERER ET u en VOM KÜNFTIGEN DEUTSCHLAND AUFSÄTZE ZUR ZEITGESCHICHTE VON ERIK REGER BEITRÄGE ZUR GEISTIGEN ERNEUERUNG BEITRÄGE ZUR GEISTIGEN ERNEUERUNG ERSTER BAND LOTHAR BLANVALET VERLAG/ BERLIN ERIK REGER(GEB. 8. IX. 1893, B ENDORF/RHEIN) 1.-20. TAUSEND/ COPYRIGHT 1947 BY LOTHAR BLANVALET VERLAG IN BERLIN/ DER VERLAG IST VON DER NACHRICHTENKONTROI LE DER AMERIKANISCHEN MILITÄRREGIERUNG ZUGELASSEN/ LIZENZ-NR. B 213 ALLE KECHTE, BESONDERS DIE DES NACHDRUCKS, DER RADIOSENDUNG UND DER ÜBERSETZUNG, BESITZT DER VERLAG/ GEDRUCKT IM M ÄRZ 1947 BEI GEBR. FEYL IN BERLIN/ REG.-NR. 247/ PRINTED IN GERMANY INHALT VORWORT DEUTSCHE TRAGÖDIE.. VERANTWORTLICHKEIT VOR DER GESCHICHTE DER MACHTKOMPLEX UM DEN EHRLICHEN NAMEN.. DIE TOGA DES SCHICKSALS GESPRÄCH VON LAND ZU LAND DER GEIST VON NÜRNBERG FURCHT VOR DEM FRIEDEN GRENZEN DER VERSTÄNDIGUNG DIE-STIMME DER JUGEND WELTBÜRGER...... DIE NATÜRLICHE FREIHEIT DAS TROJANISCHE PFERD GEFÄHRLICHE PARALLELEN GESETZMÄSSIGKEIT UND GESETZE DIE TIEFEREN GRÜNDE RRTBRR BET 0 Wahn in Br BE VORWORT Nahezu die Hälfte des einst voreilig gepriesenen zwanzigsten Jahr- hunderts liegt hinter uns. Was immer die andere Hälfte bringen mag, wird Folge dessen sein, was zwischen 1914 und heute geschah. Die für die ganze Welt entscheidende Frage lautet, ob der Beitrag des deutschen Volkes zur zweiten Jahrhunderthälfte ebenso rühm- lich sein wird, wie sein Anteil an der Gestaltung der ersten un- rühmlich war. Was auf den folgenden Seiten zu lesen steht, gilt dieser Frage. Es ist den leitenden Aufsäßen entnommen, die vom Herbst 1945 bis zum Herbst 1946 im ‚‚Tagesspiegel“ veröffentlicht wurden.„Der Tagesspiegel“, zu dessen Gründern der Unterzeichnete gehört, war die erste von Parteibindungen freie Tageszeitung Berlins nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft und überhaupt die erste täglich erscheinende Zeitung außerhalb der russischen Okku- pationszone. Alle diese Zeilen wären nicht geschrieben worden, wenn ihr Verfasser das Gefühl gehabt hätte, unser Volk werde nach allem, was vorgefallen ist, der Größe der vor ihm liegenden Entscheidung zulegt doch wieder nicht gewachsen sein. Sie geben indessen die Belastungen wieder, denen ein denkender Mensch im Laufe dieses ersten Nachkriegsjahres ausgesegt war. Gerade dar- um erschien es wichtig, die Reihenfolge der einzelnen Aufsäge soweit wie irgend möglich zu erhalten; in der Reihenfolge doku- mentiert sich bereits wieder ein Stück Historie. Lediglich die begriff- lich zusammengehörenden Teile einzelner Aufsäße sind jeweils zu einem geschlossenen Ganzen vereinigt worden; Korrekturen, außer der Ausmerzung an den Tag gebundener Einzelheiten, waren kaum nötig. Nach dem„totalen Krieg‘ der totale Zusammenbruch: ein Natur- geseß. Es ist menschlich, wenn wir das Naturgeseg als Katastrophe empfinden, aber es ist nicht politisch. Auch das Naturgesegliche dieses Zustandes dringt leider ungenügend ins Bewußtsein, weil außer der Kraft noch der Wille zur Einsicht im legten Jahrzehnt geschwunden ist. Zuviel ist auf uns eingestürmt, als daß wir der Abstumpfung hätten entgehen können, Eine wirkliche, individuell beglaubigte Jahrhundertwende ist ein großes Erlebnis. Wenn man dagegen alle paar Monate oder gar Wochen den Eindruck hat, es sei ein Pauschaljahrhundert verflossen, so übersteigt diese untrif- tige Gewaltsamkeit, diese verwaschene Ungeheuerlichkeit jedes Fassungsvermögen. Hundert Jahre zwischen Kriegsschluß und heute: hundert Jahre zwischen Hitlers Erfolgen und Hitlers Nieder- lage; hundert Jahre zwischen 1933 und 1939; hundert Jahre zwi- - schen Hitlers Anfang und Weimars Ende; und so fort, bis auf diese den groteske Weise doch noch Hitlers„‚Tausendjähriges Reich“ zu-= stande kommt. erl Solange man es nicht zuwege bringt, unser Volk urteils fähig zu an: machen, solange wird immer wieder falsches Denken den Schritt u zur Wahrheit stören. Nicht, weil Wahrheit unpopulär zu sein pflegt, gel ist so viel und so großes Elend in der Welt, sondern weil gefähr- bil „ liche Irrtümer meist als populäre Wahrheiten verkleidet gehen. ge | Hitlers Propaganda war darauf aus, der Welt ein..deutsches Wun- wi # der“ vorzugaukeln, das uns die Schamröte für ewige Zeiten ins Sin & Gesicht treiben müßte, wenn wir niemals dahin kämen. daß wir vol k unsere innere Freiheit einmal uns selber zu verdanken hätten. Von 502 5 der positiven Aufgabe, der höheren Pflicht reden heute allerdings sec ä viele, die schon vor zwanzig Jahren davon geredet haben, ohne sie Gr el zu erfüllen. Wir werden in Zukunft streng unterscheiden zwischen den denen, die sich im Schönrednertum erschöpfen, und denen, die sich Ni ihrer Aufgabe in Demut unterziehen. Demut ist ein sehr tiefes hei Wort unserer Sprache. Nach seiner Wurzel bedeutet es den Mut sid zum Dienen. Da wir ohne den Sieg der alliierten Heere nicht zu all uns selbst gekommen wären, haben wir sozusagen alle als Kriegs- Na gewinnler zu gelten. Der Preis, den wir dafür zahlen, ist im Grunde Er! gering. Folglich haben wir keine Ansprüche zu stellen, außer an die uns selbst. Deutschland ist in vieler Beziehung merkwürdig und absonderlich, voll’ des Bewundernswerten und voll des Hassens- werten, aber daß es nicht genug Männer hätte, eine demokratische Republik Deutschland demokratisch zu regieren und getarnte Feinde ebenso wie unfähige Freunde zu überwinden, ist ein Irr- tum. Diese Männer sind zu einem geistigen„Volkssturm“ auf- geboten, um durch ihr Selbstvertrauen dem deutschen Volke das Maß an Vertrauen der Welt zu gewinnen, das neben vielem anderen auch die Dauer der Besetung unseres Landes bestimmen wird. Materielle Garantien wiegen wenig gegen geistige. Trotdem lebt der Mensch wie nicht vom Brot allein, so auch nicht vom Geist allein. Wenn wir Gerechtigkeit erstreben, dürfen wir auch dort picht ungerecht sein, wo die allerpersönlichste Misere uns dazu ver- leiten möchte. Wir haben gehört, daß in England die Lebensmittel- rationen gekürzt wurden, damit an das hungernde Europa etwas abgetreten werden kann. Wir haben gehört, daß die Amerikaner auf die Rückkehr zu ihrem gewohnten Lebensstandard verzichteten: zugunsten der Länder, die durch deutsche Schuld fast alles Not- wendige entbehren. Wir haben nichts abgegeben, wir haben nur weggenommen. Wir haben den unterjochten Völkern das letzte Brot geraubt, um uns in die Illusion zu wiegen, wir könnten uns auch im Kriege ausreichend ernähren. Was immer wir heute lei- 9 den, es gibt nur ein einziges Wort dafür:„Daß wir hier darben, verdanken wir dem Führer.“ Man wird nicht satt davon, aber es erleichtert. Es ist ein Teil der geistigen Reparation. Als Goebbels sagte:„Wir müssen siegen oder untergehen“, wurde es von unserem Volke mit der verwünschten dumpfen Gelassenheit hin- genommen, die an vielem ebenso schuldig wurde wie aktive Bei- hilfe. Wir haben im Sinne des falschen Propheten Goebbels nicht gesiegt und sind trogdem nicht untergegangen. Heute aber müssen wir, um nicht auf andere Weise unterzugehen, in einem anderen Sinne siegen— nämlich über uns selbst; über alle Anwandlungen von Verzweiflung, über alle Rückfälle in Hochmut. Der National- sozialismus dauerte zwölf Jahre und drei Monate. Der Krieg währte sechzig Monate und zweihundertfünfzig Tage. Seit dem Ende aller Greuel in Europa sind vierhundertsechzig Tage verflossen, das ist der zehnte Teil der Hitlerzeit und der vierte Teil der Kriegszeit. Nun schon die Beseitigung der schlimmen Folgen bis zur Wieder- herstellung eines normalen Lebens erwarten, heißt in der Ein- sichtslosigkeit, der Ueberheblichkeit und Unmäßigkeit, kurzum in all den schlechten Charaktereigenschaften verharren, die den Nationalsozialismus ermöglicht und getragen haben. Erinnern wir uns, wenn wir jett ungeduldig werden wollen, an die Geduld, die wir mit Hitler gehabt haben. Jedes Stück dieser unangebrachten Geduld kehrt sich verhundertfacht gegen uns sel- ber. Andererseits haben die teuflischen Kräfte, die die Welt zu- grunde richten wollten, statt der beabsichtigten tausend Jahre nur zwölf Jahre regiert, das ist der dreiundachtzigste Teil. Zwar ist rascher zerstört als gebaut. aber wenn alle guten und menschlichen Kräfte der Welt sich verbinden und wir zu ihnen stoßen, ergibt sich vielleicht ein Verhältnis von eins zu zwanzig. Wenn also nicht der achtzigste, so wird dann vielleicht der vierte Teil der bar- barischen zwölf Jahre ausreichen, um Luft zum Atmen zu schaffen. Daß wir ruhig schlafen können und keine Bomben mehr fallen, gehört zu den Lichtblicken, deren Wert wir nur ermessen können, wenn wir sehr intensiv an die Tage und Nächte zurückdenken, in denen uns unaufhörlich die Alarmsirenen verfolgten, an die zit- ternden, eilenden Menschenströme, die mit Koffern, Körben und Kinderwagen gespenstisch durch die Straßen der Städte wankten, um einen vermeintlich schügenden Bunker zu erreichen. Die Rückkehr zum Frieden ist in unserer empfindlich verzahnten Welt nicht mehr so einfach wie ehemals, als die Kriege mit Arke- busen und Feldschlangen geführt wurden und mit dem letten Schusse endigten. Die modernen Kriege führen ein latentes Dasein _ weiter, bis ihre wirtschaftlichen Wirkungen einigermaßen paraly- siert sind und in allen Ländern die Planwirtschaft gelockert, die a RER a Me ae Pe 10 Rüstungsindustrie auf Verbrauchsgüterproduktion umgestellt ist— mit allen Konsequenzen, die sanitäre Maßnahmen nun einmal zu haben pflegen. Aber sage man, was man wolle: nach diesem Fege- feuer steht die Zukunft der Welt unter besseren Auspizien als je in ihrer Geschichte, falls(an dieser Stelle muß man tief Atem holen) ausnahmslos alle Völker dies begreifen. Unser eigenes Land für den Mittelpunkt der Welt zu halten, ist ein Unsinn, der inner- halb von dreißig Jahren nun schon zwei schreckliche Zurück- weisungen erfahren hat. Wenn es hingegen richtig ist. daß, wer an Deutschlands Zukunft formt, die Zukunft der Welt in Händen hält, so ist es ein Grund mehr zu einem Stolze, der kein Stolz der Maßlosigkeit, sondern ein Stolz der Bescheidenheit ist. Denn es ist nicht etwa darum richtig, weil die geographische Lage in der Mitte Europas ein Vorrecht bedeutete— geschweige den Auftrag. die übrige Welt zu beherrschen—, sondern darum, weil es der Welt nicht gleichgültig sein kann, wie es im Herzen eines Volkes aus- sieht, durch dessen Gebiet alle Verbindungslinien des Kontinents laufen. Solange Deutschland den Ehrgeiz hatte, als dynamischer Unruheherd zu fungieren, wurde die Welt von einer Krise in die andere gestürzt. Sie wird in Frieden leben, wenn Deutschland den- Frieden bewahrt. Uns dahin zu bringen, daß wir keine Kriege mehr führen können, ist ein mechanischer Vorgang. den Kapi- tulationsbedingungen und Reparationen zu bewerkstelligen ver- mögen. Zu erreichen, daß wir keine Kriege mehr führen wollen, ist ein geistiger Vorgang, den wir selber herbeiführen müssen. Er seßt voraus, daß Größe an ethischen Maßstäben gemessen wird. Solche Größe beweisen wir, wenn wir, statt uns ausdehnen zu wollen, uns auf uns selbst zurückziehen, um zu lernen, was Ver- antwortung und Verpflichtung gegenüber der Menschheit eigent- lich heißt. Die wirklich Großen deutscher Nation haben sich im Kampfe um Menschlichkeit, um Menschenwürde und Menschen- recht stets vorbehaltlos den Großen aller Nationen beigesellt. Jeder, der heute in den Ruinen nach einem Rest seiner Habe gräbt, begeht eine symbolische Handlung. Denn genau so müssen wir aus dem Trümmerhaufen aller menschlichen und sittlichen Werte, den der leider nicht nur erduldete, sondern auch geduldete Herr Hitler hinterlassen hat, ein verschüttetes, redliches und strebend bemühtes Deutschland ausgraben. Berlin, im Frühjahr 1947 ERIK REGER z ER DEUTSCHE TRAGÖDIE Niemals, auch nicht dem Ursprung nach, ist der Ausdruck „Volk der Dichter und Denker“ so gerechtfertigt gewesen, wie Ruhmredigkeit und Selbstgefälligkeit ihn anzuwenden beliebten. Als er zum ersten Male bei Musäus in der Vorrede zu seiner Sammlung deutscher Volksmärchen arftauchte, stand er dort in einem ganz besonderen Zusammenhang und in einer nicht un- wesentlich abweichenden Form. Denn der Sat...Was wäre das enthusiastische Volk unserer Denker, Dichter, Schweber, Seher ohne die glücklichen Einflüsse der Phantasie?“ bezieht sich gar nicht auf das deutsche Volk insgesamt, sondern auf ein Volk im Volke, nämlich auf die geistigen Gruppen, die mehr oder weniger aus dem Rahmen fallen. Indem Musäus die„Schweber“ neben die Denker stellte, streifte er unbewußt das Gefahrdrohende. Abseits der glücklichen Einflüsse übt die Phantasie auch unglückliche. Carl Ludwig Schleich, der große Arzt, nannte Irrtum, Einbildung, Lüge und Wahrheit Kinder derselben Mutter Phantasie. Darin liegen bei uns Deutschen die gefährlichen inneren Elemente. Troßdem hat es immer ein den jeweils herrschenden Mächten ent- gegengesettes, weltoffenes Deutschland gegeben, geistbeflissen und besonders befähigt zur Aufnahme, Zusammenfassung und Gipfe- lung aller Anregungen fremder Kulturen. Dieses Deutschland hat der Welt eine Unzahl von Talenten und einige Genies schenken können, es ist jedoch mit dem Einbruch des naturwissenschaft: lichen Zeitalters mehr und mehr verlorengegangen oder unsicht- bar geworden. Gewiß verlief schon seit den Tagen des ersten „Furor teutonicus“ die kriegerische Linie neben der geistigen. Jett aber wurde der verhängnisvolle Bruch im Charakter enthüllt, nämlich der bedenkenlos materialistische Grundzug bei aller idea- listisch schwärmenden Sehnsucht. Von diesem Augenblick an war das Geistige dem Kriegerischen untergeordnet und damit das deutsche Schicksal für ein Jahrhundert entschieden. Außer unserem Lande ist kein Land der zivilisierten Welt, in dem die naturwissenschaftlich-technische Entwicklung so schnell und penetrant in eine Veräußerlichung des gesamten öffentlichen Lebens eingemündet wäre. Darunter litten die menschlichen Qualitäten ebenso wie die geistigen Fähigkeiten. Welch ein Abstand zwar von Bismarck, dem gebildeten Realpolitiker, zu Hitler, dem eingebil- deten Dummkopf— und doch welch bezeichnende Gleichheit in Nährboden, Natur und Zielsegung! Von der Gewalttätigkeit zur Bestialität, von der diplomatischen Intrige zu unverschleiertem Lug und Trug, vom Miles gloriosus zum Bramarbas ist, wenn die letzten 12 Deutsche Tragödie Schranken der Sittlichkeit und der christlich-religiösen Bindung einmal gefallen sind, eben nur ein Schritt, der im Zeitmaß der Geschichte gerade vierzig Jahre benötigte. Die Schuld am Kriege und die Schuld am Nationalsozialismus sind zwei Dinge und doch eines. Gewiß zogen die meisten der Deutschen, die im August 1939 nächtens durch Gestellungsbefehle aus dem Bett geholt wurden, nicht deshalb in den Krieg, weil sie gerade nichts Besseres oder für sie Wichtigeres vorhatten. Gewiß hörten zwischen September 1938 und September 1939, in diesem Jahre der kriegstreibenden„.dynamischen“ Exzesse, die Mengen auf den Straßen ihrem„‚fanaddisch“ durch die Lautsprecher plärrenden„‚Führer‘‘ eher aus Besorgnis als zur Belustigung zu. Doch darauf kommt es nicht im geringsten an. Das Moralische versteht sich entweder von selbst oder gar nicht. Nachdem Hitler in München die Sudetenkrise siegreich beendet hatte, schmunzelte das Volk:„Hat unser Adolf das nicht wieder fein gemacht?“— und wo noch ein Empfinden dafür war, daß er es von Rechtes wegen weder fein noch unfein, sondern überhaupt nicht hätte machen dürfen, wagte es sich nicht mehr hervor. Der Glaube, dieser Mann könne sich alles erlauben, weil ihm alles gelinge, ohne daß je die Waffen mehr als rhetorisch klirren müßten, befestigte sich von Krise zu Krise so sehr, daß sogar Leute mit ausgesprochener Abneigung ihn(nach der Reklame für ein Hühneraugenmittel) tauften. Als dann endlich “ scherzhaft anerkennend„Dr. Unblutig doch geschossen wurde, blieb es zwar dabei, daß niemand so richtig kriegsbegeistert war. Aber als die märchenhaften Erfolge kamen und das anfängliche furchtsame Schielen auf die Erfahrungen von 1914 nicht gerechtfertigt zu werden schien, da stieg die Bedenken- losigkeit. Goethe hat gesagt, er wisse kein Verbrechen, dessen er sich, den selbstauferlegten Zwang der ethischen Gesege und den der staat- lichen Vorschriften einmal beiseitegeset, nicht fähig fühle. Zu den Verbrechen zählt, im Politischen jedenfalls, auch die blinde An- betung des Erfolges. Jahrzehnte demokratischer Erprobung allein sind imstande, ein Gegengewicht zu schaffen— öffentliche Kon- trolle, gesundes Mißtrauen, Förderung der freien Kritik, ständige Wachsamkeit; alles Dinge, die in Deutschland niemals oder nur unvollkommen wirksam wurden. Der Arbeitslose im Ruhrgebiet, der 1930 anscheinend naiv sagte, er wolle lieber Soldat werden als von Unterstügung leben, möglichst ohne Krieg natürlich, ist nicht unschuldig, denn er begriff nicht, daß zwischen dem, was er war, und dem, was er wünschte, kein sittlicher Rangunterschied ist. Sobald Deutschland Soldaten hat, gibt es eben Krieg. Während im Innersten demokratische Staaten ihre Bürger nur im Notfalle, Deuische Tragödie 13 ein Instrument der Ultima ratio, zu Soldaten machen, neigt der Deutsche dazu, den Menschen in Uniform als Prima ratio an die Spite aller Politik zu stellen. Es ist zu bequem zu behaupten, daß die Militaristen und Nationalisten die bösen Geister waren, deren Verführung oder deren Gewalttätigkeit die übrigen unterlagen. Schließlich kann eine Entwicklung, die sich durch die Jahrhunderte fortsegt und steigert, nicht dauernd einer angeblichen Minderheit zur Last gelegt werden, ohne daß die angebliche Mehrheit, die kein Mittel gegen ihre Vergewaltigung findet, dadurch belastet wird. Erklärungen und Entschuldigungen sind an jedem Punkte der Welt- geschichte zur Stelle. Aber so viele Erklärungen aus der Zeit unserer Vorfahren sind für uns Lebende nicht ebenso viele Recht- fertigungen unserer Handlungen und Unterlassungen, sondern höchstens unserer Existenzbedingungen. Der erste in der nicht langen Reihe der Botschafter, die Groß- britannien seit 1918 nach Deutschland schicken konnte, Viscount d’Abernon, zitiert in seinen Memoiren einen Sat aus dem Munde eines deutschen Studenten:„Ich für mein Teil mache meine Wer- tung eines menschlichen Wesens davon abhängig, ob es zu den Problemen des Kosmos eine entsprechende Einstellung besitt.“ Dem Gewährsmann, der dem Botschafter diese Aeußerung über- mittelte, erschien sie typisch für die deutsche Lebensanschauung. Er fügte hinzu, viele Deutsche hätten den Doppelehrgeiz, zugleich Siegfried und Faust zu sein. Damit hat er jene nationalsozialistische Kriegslyrik vorweggenommen, die den.deutschen Soldaten„in der rechten Hand die Wurfgranate, in der linken Goethes Faust“ zudiktierte. Und der Schriftsteller, der einem seiner Bücher in Amerika den Titel gab:.„‚Krieg und Musik, die Geschichte der Deutschen“, hat für das gleiche Phänomen die pointierteste For- mulierung gefunden. Doppelwesen sind entweder Ausgeburten der Hölle oder der Phantasie, in jedem Falle der Romantik, die als geistiger Ausdruck selber ein Zwitter aus Kindlich-Gemütvollem und Kindlich-Blutrünstigem ist. In der Kunst können sehr schöne Wirkungen daraus entstehen, in der Politik nur verheerende. Andere Völker haben sich damit auf die Kunst beschränkt, Deutsch- land hat Politik damit gemacht. Was anderwärts bloß eine Strö- mung war, wurde hier Charakter. Im ersten Viertel dieses Jahr- hunderts erschien in Deutschland eine Zeitschrift, betitelt„Die Tat und herausgegeben von dem Verleger Eugen Diederichs in Jena. Als er gestorben war, 1930, bezeugte ihm ein Nachruf, daß er „viele Symbole“ gehabt habe: Ob es die Tischdecke war, an der Nietsche gesessen und geschrieben hatte, eine Buddhastatue oder ein chinesisches Gewand, alles hatte Bedeutung für ihn und alles bekam Bedeutung durch ihn. Witterte er eine schwierige, gegen- TE ER EEE ATSTETEERT ar Ben nn u Pen DR a Pe Re 14 Deutsche Tragödie sägliche Diskussion, dann legte er: zuvor eine Alraunewurzel auf den Tisch und zeigte sie seinen Gästen mit der Erklärung, daß der Frieden nun gewahrt bleiben werde.“ Die Alraune ist bekannt- lich eine Pflanzenwurzel, in- die eine menschliche Form hinein- phantasiert wird. Eugen Diederichs war nicht dieser und jener, sondern ein geistiger Exponent seiner Epoche. Er bereitete mit seinem Aberglauben die„Politik aus dem Glauben“ des Herrn Hitler vor. Tiefer und stärker als sonstwo liegen hier die Wurzeln des zweiten wie des ersten Weltkrieges. In einer furchtbaren Deutlichkeit ist die Schuld am Nationalsozia- lismus zugleich sowohl die Schuld am Kriege wie die Schuld an allen Gemeinheiten, die mit beidem verquickt waren. Die größte Gefahr, die in Deutschland droht. liegt in dem Denkfehler, der hier Unterschiede macht. Er verbaut den Weg zu eine Einsicht, ohne die jede Gesundung ausgeschlossen der Nationalsozialismus keine isolierte Enderscheinung einer nicht erst r historischen ist: daß nämlich Erscheinung, sondern die mit Friedrich dem Zweiten, son- dern schon mit dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm b über Scharnhorst, Bismarck, Ludendorff und K Arndt, Jahn, Uhland, List. Krupp, Stumm Entwicklung war, und daß infolgedessen Krieges durch Hitler, seine idiotische Kriegführung und die Nieder- lage in dieser infernalischen Gestalt nicht allein Zwangsläufigkeiten, sondern im höchsten Sinne Akte historischer Notwendigkeit Was das deutsche Volk,bis hierher durchlebte, hat sich wie ein autikes Drama abgerollt. Dort schließt sich an die Krisis der Schuld die Katharsis der seelischen und geistigen Reinigung, in die jede materielle Sühne münden muß, falls sie mehr als bloß den negativen Zweck der Strafe haben soll...Die große Notwendigkeit erhebt, die kleine erniedrigt den Menschen“, schrieb Goethe am 25. Mai 1797 in sein Tagebuch. Wenn unser Volk Hunger und Elend in wahrer Schafsgeduld über sich ergehen ließ, um Hitlers Krieg zu ermöglichen und„durchzuhalten“, dann sollte es heute zu seiner Gewissensentlastung gestehen: das zu hungern sich lohnt. Zum ersten egonnenen, app so gut wie über und Röchling führenden die Entfesselung des sind. jest haben wir etwas, um Male in unserer Geschichte ist reiner Tisch gemacht worden. Zum ersten Male in der Welt- geschichte sind die Hauptschuldigen an einem Kriege und an der Gesinnung, die ihn entfesselte. ausnahmslos gefaßt worden. Auch 1918 war ein Krieg verloren, doch fanden sich zu viele Gelegen- heiten, es zu leugnen. Das Land war unzerstört. Die Inflation machte einer Scheinkonjunktur Plag. Europa wies noch reiche, den Handelsverkehr fördernde Länder auf. Geschlagene Generale brüsteten sich als„im Felde Unbesiegte“, bloß weil man versäumt hatte, sie zu verhaften. Wo nicht die Pensionsgelder der Republik, vers Dole zu Alle gest der lag Kri alle im den klaı keii keii Da seh Nie sch de daı lid ist die Deutsche Tragödie 15 versegten die Finanzen der Schwerindustrie sie in die Lage, ihre Dolchstoßlegende zu erdichten und antisemitische Vereinigungen zu gründen, um gegen die neue Verfassung zu wühlen. Alle nationalıstischen Zeitungen erschienen weiter, als sei nichts geschehen, neue schlüpften reptilhaft aus einem einzigen faulen Ei der militaristisch-chauvinistischen Reaktion. Satanisch lockend nahe lag der Schluß:„Es läßt sich also auch nach einem verlorenen Kriege gut leben, folglich rentieren Kriege immer.“ Nichts von alledem ist heute möglich, weil nichts von alledem existiert. Glück im Unglück: wo all und jedes vertan und verspielt ist, ist neben dem Guten auch das Böse vertan und verspielt. Wir haben einen klaren Anfang. Nichts hindert uns: keine unterirdische Kanaille, keine Fememörder, kein Hindenburgmythos, kein Flaggenzwist, keine ihr Amt mißbrauchenden Richter, Lehrer, Professoren, kein Dauer:Meißner, der bereit wäre, von Ebert bis Hitler Staats- sekretär zu spielen. Niemals ist, so betrachtet, die Situation für jeden einzelnen Deut- schen so günstig gewesen—: er steht wie Gottvater am Anbeginn der Schöpfung, die Erde ist für ihn wüst und leer, aber sein Geist darf sich unbeschwert entfalten, um den schon von Goethe schmerz- lich empfundenen Widerspruch aufzuheben, daß Deutschland nichts ist, obwohl der einzelne Deutsche viel ist. Es muß möglich sein, die achtbaren Individuen zu einer achtbaren Nation zu summieren. In der Weltordnung ist stets das Gestern im Heute, aber auch im Heute das Morgen enthalten. Die Zukunft ist, mathematisch aus- gedrückt, Vergangenheit plus Gegenwart plus x. Dieses x, die unbekannte Größe, ruht nur zum Teil im Schoße des Schicksals, außerhalb von uns selbst. Zu einem anderen Teile richtet es sich nach dem Geist, in dem wir die Tradition zu beurteilen, zu zer- gliedern und fruchtbar zu machen wissen. Es ist nicht wahr, daß alle Deutschen schlecht sind; aber es ist nur zu wahr, daß die vielen, die schlechte Deutsche geworden sind, es darum wurden, weil sie das Beste, das aus den besten Deutschen sprach, zuerst verkannten und dann verbannten, oder in milderen Fällen zu- ließen, daß es verschüttet wurde. Ein guter Deutscher müßte zu- vörderst ein anständiger Mensch sein. Seit zu vielen Jahrzehnten war die entgegengesegte Forderung in dem versteckt, was offiziell gepredigt wurde. Eine verworfene Person, in deren Charakter nicht abzuschägen ist, was größer war, Roheit oder Dummheit, hat eine Trümmerstätte hinterlassen, vor der unser Volk, das eine solche Person als„‚Staats- mann“ anerkannte, mit der verzweifelten Frage steht, was daraus werden solle. Und doch: es wird schon deshalb etwas daraus wer- den. weil Geschichte immer einen Sinn hat. Deutschland mußte ein Mi I “ bj B fi 4 { 16 Deutsche Tragödie Trümmerhaufen werden, weil das deutsche Volk, schuldbeladen, anders nicht belehrbar ist. Nur die alleräußerste Wucht eines An- schauungsunterrichtes von solcher Grausamkeit bietet sich ihm als Rettung dar. Die Welt macht ihm zum Vorwurf, daß es die Dinge bis zu diesem Trümmerhaufen hat gedeihen lassen. Wäre es aber nicht dahin gekommen, wäre Deutschland vorzeitig von Hitler be- freit worden, so blühte jegt schon wieder die Sumpfblume der Legende. Die Nationalsozialisten haben gestohlen in aller Welt und die Beute in Salzbergwerken versteckt: Kunstschäge, Gold, Industriepapiere, Devisen. Uns aber haben sie mehr gestohlen, nämlich Deutschland selbst. Es wiederzufinden und wieder herbei- zuschaffen, ist naturgemäß schwieriger, als Kisten aus ihren Ver- stecken zu holen. Es ist tiefer vergraben als in Salzbergwerken. v Die Ge ausgieb eine Ü Gegen\ lebten ten, el faßte, dung€ ordnun hrenne Abentt die un Spinoz nachm müsse mit ei Ereigu zugeh achten solche Unwil wenn und 7 nation natioı losigk doch keine Grun heit, Gefül gewo lich| gleid und helle Wir. sen| 80 15 einzi 2 VERANTWORTLICHKEIT VOR DER GESCHICHTE Die Geschichte bedient sich, um zu ihren Zielen zu gelangen, sehr ausgiebig der Träger von Uniformen, aber sie selber legt niemals eine Uniform an, sie huldigt der lebendigen Vielfalt und rückt Gegenwirkungen nahe an die Wirkungen. Im alten Griechenland lebten die Schüler eines Xenophanes, der die Welt als ungeordne- ten, erst durch das Denken zu erschließenden Scheinkörper auf- faßte, neben den Anhängern eines Leukippos, der in der Verbin- dung der Teile zu einem Ganzen die höchste und subtilste Welt- ordnung sah. Das Mittelalter vereinigte eiskalte Inquisitoren und brennende Mystiker. Das achtzehnte Jahrhundert gebar und pflegte Abenteurer wie Casanova und Cagliostro mit derselben Liebe wie die untereinander wieder abweichenden Philosophen Leibniz, Hume, Spinoza und Kant. Man wird dem Frankfurter Parlamentarier und nachmaligen Gesandten in Paris, Friedrich von Raumer, recht geben müssen, wenn er behauptet, ganze geschichtliche Zeiträume nur mit einer Idee ausfüllen zu wollen und an den einzelnen Menschen, Ereignissen, Tatsachen, Verhältnissen mit Seitenblicken vorüber- zugehen, hieße eine Parfumflasche mit Eau de mille fleurs höher achten als jede einzelne der tausend Blüten, deren Extrakt eine solche Flasche angeblich darstellt. Unwillkürlich drängt sich die Erinnerung an diesen Vergleich auf, wenn man die mannigfaltigen Sorgen, Klagen, Gedanken, Skrupel und Zweifel verfolgt, die sich im Volke äußern. All die Resig- nation, die Verstocktheit und Gleichgültigkeit, die im Grunde die nationalistische Gesinnung fortsegt und begünstigt, all die Mut- losigkeit, die mit ihren Beschwerden soviel beweisen möchte und doch nichts beweist, außer daß die Anmaßung von gestern noch keineswegs überwunden ist, all der Widerspruchsgeist, der die Grundsteine besserer Zukunft nicht anerkennt, all die Verworren- heit, der ein tastender Blinder anheimfällt, die ganze Skala der Gefühle eines in seinen Tiefen erschütterten und richtungslos gewordenen Volkes finden sich darin. Nur Utopisten hätten frei- lich erwarten können, daß aus einem Baume mit Wurzelfäulnis, gleich nachdem die kranken Stellen freigelegt, herausgeschnitten und mit dem Karbolineum der Sühne bestrichen worden waren, in heller Fröhlichkeit grüne Zweige sproßten. Es ist schon viel, wenn wir den Eindruck gewinnen, daß der Baum nicht eingeht; und die- sen Eindruck haben wir. Wie hinfort in Deutschland jede andere, so ist auch die Frage der tatsächlichen oder moralischen Schuld einzig unter staatsbürgerlichen Aspekten anzuschneiden. Der Mut 2 18 Verantwortlichkeit vor der Geschichte zum Bekenntnis gehört zu den demokratischen Pflichten. Aber es ist der Unterschied der Demokratie gegen die Autokratie, daß jede Pflicht ein Recht in sich schließt. Wer eine bestimmte Sache verlangt, ohne gegen eine andere, die ihr gefährlich werden könnte, Schuß zu gewähren, hat demokratischen Geistes keinen Hauch ver- spürt. Mit Macaulay ließe sich sagen, daß er, obgleich er sich libe- raler Denkungsweise rühmte, in Wahrheit ebenso engherzig sei wie irgendein Mönch aus den dunklen Jahrhunderten. Dies ist ein Scheideweg: auf der einen Seite die Flagellanten, geißelschwingend, um das deutsche Volk, die Stirn in Staub und Asche, vor Zerknirschtheit bewußtlos zu machen; auf der anderen die Machiavellisten, Nachfahren der Hugenbergkämpen gegen die „Kriegsschuldlüge von Versailles“,.eifrig Hitler fluchend, um sich ein Alibi zu verschaffen, wenn sie das deutsche Volk mit verdäch- tiger Eile von der„Kollektivverantwortlichkeit‘ lossprechen. Die politische Vernunft ist weder hier noch dort. Wenn man im reli- giösen Bilde bleiben will, so ist die Buße ein Sakrament, bedingt durch die Sünde, mündend in die Gnade; bestehend nicht allein in der Zerknirschung des Herzens und nicht allein in der Los- sprechung nach dem Bekenntnis des Mundes, vollendet vielmehr durch die Genugtuung in Werken. Der Priester behält das Ganze im Auge, den läuternden Zusammenhang, den der bloße Prediger über der opportunistisch beurteilten Einzelheit vergißt. In die politische Sprache der Demokratie übersett, heißt das, ein Volk. zur Einsicht bringen, ihm den verlorenen Kausalnexus von Ver- gangenheit, Gegenwart und Zukunft wiedergeben, es zur Bewußt- heit seiner Fehler wie seiner Tugenden erwecken, seine Schwächen überwinden, seine Kräfte entfalten helfen. Keiner ist unter uns, dessen erste Regung nicht war, den Nationalsozialisten, die das Mittelalter wieder heraufführen wollten, in mittelalterlicher Münze, mit Vierteilen, Verbrennen oder Prangerstehen, heimzuzahlen. Es hat keinen Sinn, uns entgegenzuhalten, solche Gefühle der Rache und Vergeltung seien unmenschlich; im Gegenteil, es wäre nicht menschlich, sondern göttlich, hätten wir von allem Anfang an andere gehegt. Aber der Demokrat folgt niemals der ersten, son- dern immer der zweiten Regung. Er sucht, die Dinge klärend und auf das Ziel hinsteuernd, Distanz zu gewinnen. Die Frage des Um- fangs der individuellen Schuld ist so schwierig, daß sie angesichts der Notwendigkeit, Millionen von Einzelfällen zu prüfen, wohl niemals entschieden wird. Wir sind aber der Meinung, daß es falsch ist, die Frage so zu stellen. Das Wesentliche ist etwas anderes. Es gibt keine ,‚Männer, die Geschichte machen“ wie irgendein Deus ex machina. Jede Begebenheit zerfällt in einen sichtbaren und einen unsichtbaren Bestandteil, in die Aktion und ihre Trieb- \ krälte, alı die reihe Daraus fo einheitlich mit einer \örder u Politik, m eine Inne mich nid Politik v Beelzebul die ander eines sole glieder di Mietshau aus, schlı aber zien selbst in: die der Da die€ die Bere Schichter Anderer: der Ans Bürgerti Arbeiter ist, warı haben si licher ve den Jah so ist d: kompliz nicht nu aus den in der wußte, derer, schweig Waren, derer,\ Legion, den, o} In der ! 3 deren - Aber tie, daß © Sache könnte, uch ver. ich libe- tzIg. sei lanten, ub und anderen gen die um sich rerdäch- en. Die im reli- bedingt t allein ler Los- ielmehr s Ganze ’rediger In die in Volk’ on Ver- Bewußt- jwächen ter uns, die das Münze, len. Es r Rache re nicht ang an en, soN- ond und Jes Um- gesichts n, wohl 5 falsch anderes: gendein ‚htbaren o Trieb- Verantwortlichkeit vor der Geschichte 19 , als welche Wilhelm von Humboldt die Natur der Dinge, die Freiheit des Menschen und die Fügung des Zufalls benannte. Daraus folgt, daß alle scheinbar isolierten Ereignisse unter einen einheitlichen Gesichtspunkt fallen. Wenn ich in einem Mietshaus mit einer Familie zusammenwohne, deren Oberhaupt ein Räuber, Mörder und Brandstifter ist, dann ist es von mir eine schlechte Politik, mich auf die platonische Formel zurückzuziehen, dies sei eine innere Angelegenheit der betreffenden Familie, in die ich mich nicht einzumischen gedächte. Ebenso ist es eine sträfliche Politik von dieser Familie, wenn sie, unter der Tyrannei ihres Beelzebub seufzend, die Hände in den Schoß legt und wartet, bis die anderen Mieter des ehrbaren Hauses gegen die Anwesenheit eines solchen Subjektes einschreiten; um so schlimmer, wenn Mit- glieder der Familie mit ihm gemeinsame Sache machen. Ein solches Mietshaus war Europa. Die Folge: der Mann raubte alle Mieter aus, schlug sie tot und zündete zuletzt noch das Haus an. Heute aber ziemt es uns nicht, objektiv zu sein. Heute haben wir mit uns selbst ins Gericht zu gehen. Denn die Schuldigen und diejenigen, die der Anlaß waren, daß andere schuldig wurden, saßen unter uns. Da die Größe des Verbrechens bekannt ist, handelt es sich darum, die Bereitschaft zum Verbrechen zu untersuchen. Sie umfaßte alle Schichten, in erschreckendem Maße auch die Arbeiterschaft. Andererseits war der Widerstand dagegen weiter verbreitet, als der Anschein erkennen ließ. Er war es besonders im intellektuellen Bürgertum, das sich zu seiner grenzenlosen Enttäuschung von der Arbeiterschaft— als Klasse— im Stich gelassen sah. Die Frage ist, warum der Widerstand nicht aktiviert wurde. Die Alliierten haben sie in ihren Radiosendungen immer wieder und immer dring- licher vorgelegt. Am dringlichsten haben wir selbst sie uns in all den Jahren vorgelegt. Aber wenn jemand nicht eingesperrt war, so ist das kein Beweis für seine Widerstandslosigkeit. Wir dürfen komplizierte Dinge nicht vereinfachen. Wahrheit ist etwas, was nicht nur gesagt, sondern auch ertragen werden muß. Die Gründe, aus denen jemand vom Aeußersten verschont blieb, liegen häufig in der Geschicklichkeit, mit der er sich der Schlinge zu entziehen wußte, oder in der Dummheit der jeweiligen Verfolger. Die Zahl derer, die Inquisitionen oder kleinere Strafen erlitten, ganz zu schweigen von denen, die Tag für Tag auf die Folter gespannt waren, obwohl ihnen das Grausamste erspart wurde, die Zahl all derer, von denen die Welt nichts weiß und nichts wissen wird, ist Legion. Ebenso wie manche in die Hölle der Lager geworfen wur- den, ohne daß sie eine Tat begangen hatten, lediglich infolge ihrer in der Vergangenheit bekundeten Gesinnung, ebenso sind viele, deren Namen man nicht kennt, weil sie von der Gestapo nicht ge- 2* 2 E & h, 20 Verantwortlichkeit vor der Geschichte faßt wurden, im stillen Träger eines passiven Widerstandes ge- wesen. Ebenso wie manche nur zufällig nicht auswanderten, weil sie die Gelegenheit verpaßten, ebenso sind viele, die es mit Bedacht nicht taten, weil es ihnen unerläßlich erschien, die Entwicklung aus allergrößter Nähe zu beobachten. Ebenso wie aus vielen Emi- granten ihre ungebrochene Kampfkraft sprach, so spricht aus vielen Daheimgebliebenen die Summe der Erfahrungen, die sie unter ihrem Volke sammelten. Märtyrertum ist immer gewaltig, immer menschlich bedeutsam. Wenn es mehr als schicksalhaft, wenn es politisch und historisch bedeutsam, entscheidend und beispielhaft sein soll, muß es von der Ueberzeugung getragen sein, daß es hin- reißende Macht hat und die Umwelt zur Resonanz geneigt ist. Diese Voraussegung hat der Nationalsozialismus zerschlagen, indem er jeden Fall dieser Art mit dem eisigen Mantel des Schweigens er- stickte. Es zirkulierten Hirtenbriefe und Predigten; die Radio- sendungen des Auslandes berichteten:- es sickerte vieles gerücht- weise durch; aber kein Historiker kann darin jenes Maß an Pu- blizität erblicken, ohne das ein Märtyrer niemals ein Befreier wird. Nachdem zu Anfang, im Frühjahr 1933 und eigentlich lange vor- her, alle seine Gegner versagt hatten, war der Nationalsozialismus nicht mehr mit Gewalt von innen zu stürzen. Die Geschichte lehrt, daß Versäumnisse zur Zeit sich zur Unzeit nicht nachholen lassen. Aber— und nun kommt erst das Entscheidende: wer die Geschichte der Revolutionen kennt, weiß, was passiver Widerstand bedeutet. Hat seine Summe eine gewisse Höhe erreicht, so gleicht sie in der Wirkung aktivem Widerstand. Die Summe des passiven Wider- standes in Deutschland blieb leider unter dieser Höhe. Trotdem werden die Historiker zu erforschen haben, ob ohne diesen, wenn auch viel zu geringen, passiven Widerstand der Sieg der guten Sache nicht noch länger verzögert worden wäre. Die oft wieder- holte Frage der ausländischen Sender:„Warum tut ihr nichts gegen Hitler?“ findet schon eine gewisse Antwort in der Feststellung, daß diese Frage von Hunderttausenden tatsächlich vernommen wurde, daß Hunderttausende mehrmals täglich nach dem Geset, das diese Sender abzuhören verbot, Zuchthaus und Henkerbeil ris- kierten. Es hat ebenso zur Unterhöhlung des Fassadenregimes bei- getragen wie die immer zahlreicher werdenden Fälle von Deser- tion, von Arbeitsverweigerung, von Entziehung aus Zwangsdiensten durch Pillenschlucken und ähnliches.„‚Gesundheit ist das höchste Gut“, sagt das Sprichwort. Unzählige Deutsche haben dieses Gut verachtet und sich künstlich krank gemacht, um das verhaßte Re- gime, wenn sie es schon dulden mußten, nicht auch noch zu unter- stüten. Jeder, der seine„freiwillige Spende“ so gering, wie er nur konnte, bemaß; jeder, der seine Kinder nicht in die Hitler-Jugend ickte Dienst fi sagte, 8° Morgen“ sie alle heteiligt. Bewuhts rot Ihr Ausfluch jenigen, des Red dem Ph spiel de Vieles v gepriese [reudige nämlich Problem der Ide sollten Guten ı oder d Nichter den wo der Paı gleiche veranty schuldi die weı Kern wortun) chenfr in jend Chamf verfoli endet fung: aberm) Frank! Dicht eine} genoı dem situat) ndes ge- en, weil Bedacht wicklung len Emi- us vielen ie unter 2 immer Wenn es spielhaft ) es hin- st, Diese ndem er igens er- e Radio- serücht- 3 an Pu- jer wird. 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Diejenigen, die trot ihrer Gesinnung nicht einmal das riskierten, weil sie sich jede Ausflucht sichern wollten, tragen beinahe größere Schuld als die- jenigen, deren Gesinnung sie zu den Feinden der Gewissensfreiheit, des Rechtes, der Wahrheit und Sittlichkeit hinzog. Sie unterlagen dem Phänomen, das Jakob Burckhardt als das„brillante Narren- spiel der Hoffnung‘ bezeichnet hat. Vieles von dem, was heute als alleinseligmachende„‚Einheitsfront“ gepriesen wird, mag zur selben Kategorie zählen. In einer freiheits- freudigen Demokratie hat nur eine einzige Einheitsfront Plat, nämlich bei aller Meinungsverschiedenheit über grundsägliche Probleme, die das individuelle Gewissen berühren, die Eintracht der Ideen, wenn gemeinsame Werte auf dem Spiele stehen. Wir sollten also nicht abwägen wollen, wieviel„besser“ unter den Guten der eine gegenüber dem anderen war, der Eingekerkerte oder der„auf freiem Fuß‘ Gebliebene, der Emigrierte oder der Nichtemigrierte— unfrei waren sie alle; noch sollten wir ergrün- den wollen, wer mehr gequält‘wurde, der Jude oder der Christ, der Parteilose oder der Kommunist— Opfer waren sie alle. Mit gleicher Einmütigkeit und Strenge aber sollten wir aussprechen: verantwortlich.sind wir ohne Ausnahme alle. Einige sind nicht schuldig, niemand ist unschuldig. Die Geschichte erhebt aber gegen die wenigen Nichtschuldigen eine dem sittlichen wie dem politischen Kern weit stärker entsprechende Anklage: sie tragen Verant- wortung. Wieviel'mehr, wieviel weniger, das ist eine simple Gret- chenfrage. Das Hauptmaß ihrer Verantwortlichkeit liegt vor 1933; in jener Zeit, da man, um ein Wort des französischen Moralisten Chamfort zu gebrauchen, die Brandstifter in Ruhe ließ und die verfolgte, welche die Sturmglocke läuteten. Die Anklage jedoch endet nicht mit einer Verurteilung, sondern mit einer Aufforde- rung: der Aufforderung, von hier und heute an die Verantwortung abermals. und besser, zu tragen. Frankreich und Deutschland sind zwei Länder, die wahrhaftig nicht viel miteinander gemeinsam haben, ausgenommen gerade eine Hauptsache-— das von den Deutschen bisher so wenig wahr- genommene Interesse am Frieden Europas und der Welt. Trot- dem gleichen sich die beiden Länder in einer historischen Grund- situation, die ein Deputierter nach der Julirevolution folgender- 5 hi ä .d u a Fr Er Verantwortlichkeit vor der Geschichte maßen gekennzeichnet hat:„Es gibt keinen Republikaner in Frank- reich, der an die Möglichkeit einer Dauer der Republik glaubte, und keinen Royalisten, der an die Möglichkeit baldiger Herstel- lung der Monarchie. glaubte.“ Nicht auf Republik oder Monarchie kommt es dabei an, sondern auf das Kriterium der Unstabilität, des fehlenden statischen Momentes in der Dynamik der Gescheh- nisse. Dadurch erhält ein gewisses Mißtrauen gegenüber allen Ver- änderungen Berechtigung, das vielleicht in der momentanen Reali- tät gar nicht begründet, aber nicht abzuweisen ist, und weil es nicht abzuweisen ist, Schaden stiftet. Fraglos ist heute in Deutschland niemand mehr, der sich offen zu seinen schlechten Instinkten bekennt oder offen der scheußlichsten aller Vergangenheiten nach- trauert. Aber wie steht es damit im geheimen? Werden die Dinge nicht öffentlich, weil sie sich nicht mehr oder noch nicht wieder an die Oberfläche getrauen, oder sett sich ein neuer Grundzug der Ehrlichkeit durch? Man befreit sich nur schwer von dem Argwohn, daß die Selbstverständlichkeit, womit alle im vernichtenden Urteil über Herrn Hitler einig sind, nur eine Art von gesuchtem Alibi zu bedeuten hat. Die Begreiflichkeiten liegen im Gebiete der Vorstel- lung, sagt Schopenhauer; die Unbegreiflichkeiten treten ein, wenn man an das Gebiet des Willens stößt. Wir wollen nicht ungerecht sein, aber um es nicht zu sein,‘bedürfen wir der Klarheit. Man hat Napoleons Triumphe davon-abgeleitet, daß er ein Sammel- becken der Unzufriedenen war. Mit Hitler war es kaum anders. Neben der allgemeinen politischen Unreife, neben den geheim- bündelnden Generalen, der reaktionären Eisenstirnigkeit der In- dustrieritter und Krautjunker, neben der falschen Toleranz und dem Mangel an Selbstvertrauen bei den republikanisch-demokra- tischen Politikern verhinderten nach dem ersten Weltkriege Infla- tion und Arbeitslosigkeit jeden Durchbruch der Vernunft. Wie Irrlehren nur im Chaos gedeihen, so gedeiht Demokratie nur in Zuständen, die das tägliche Leben nicht zu einer beständigen Hölle machen. So richtig es ist, immer wieder auf die Ursachen hin- zuweisen, so wenig darf man damit rechnen, daß jeder das für sich zu tun vermag, was so einfach und vernünftig erscheint: Ursache und Wirkung auseinanderzuhalten. Vergebens wird man einem Menschen, der zu ertrinken droht, in die Ohren schreien: Denke an den, der dich ins Wasser gestoßen hat. Unter den Flüchtlingen aus dem Osten sind viele, die darüber sehr genau Bescheid wissen; und doch verfallen sie in ihrer trostlosen Lage den primitivsten Regungen eines ohnmächtigen Zornes über ihr Schicksal, doch ver- stehen diejenigen unter ihnen, die sich— mit welchem Rechte immer— für alte Gegner Hitlers halten, nicht, warum auch sie solchen M die Zukw haben. in erster| kungen; i Gerade,\ Probleme langt, ist ben, Eine ist die de zelnen all ten zu a Maßgeber yirat Hit Pgs, auf sächlich v durch, da schuldig, oder— einst auf sie sollen wenn wit aus Zufa nicht we „Volksge Hitlers| Bösen in fürchten ergibt, al male de können, Verweile Gegenpo keine M einem p inus“ ne brauch N getriehe las, daß menschl zum Kr seßen kundigd ind En * Verantwortlichkeit vor der Geschichte 23 Prank. ne:- ER Birk solchen nachträglichen Leiden ausgeseßt sind, doch denken sie für A die Zukunft an die Brachialgewalt, die sie selber so oft verworfen ar haben. Gar zu leicht wird vergessen, daß die Objekte der Politik li in erster Linie en sind, mit ihren Schwächen, ihren Schwan- eh. kungen, ihren Widersprüchen. eh. Gerade, weil wir uns bewußt sind, daß die Behandlung gewisser Real Probleme mehr als das menschenmögliche Maß an Objektivität ver- Hi langt, ist es desto unausweichlichere Pflicht, prinzipienfest zu blei- s nicht ben. Eine Frage, die mehr und mehr unser Volk zu bewegen scheint, chland ist die der sogenannten„kleinen“ Pgs. Wir wissen, was im ein- Inkten zelnen alles vorzubringen ist; es ist aber falsch, hier mit Argumen- aaa ten zu arbeiten, die auf Relationen und Proportionen beruhen. Dinge Maßgebend ist einzig die unumstößliche Wahrheit, daß das Trium- rieder virat Hitler—Goebbels—Himmler ohne das Heer der„kleinen“ 0 der Pgs, auf das es sich berief, nicht das geworden wäre, was es tat- wohn,- wurde. Folglich ist jeder einzelne„kleine“ Pg allein da- ic durch, daß er vorhanden war, in besonderer und gründlicher Weise Ibi en schuldig, ganz gleich, aus welchen Motiven er das Abzeichen trug orstel-| oder— verbarg. Wir wollen ihnen zwar nicht das antun, was sie wenn} 5 einst auf Hitlers Geheiß jedem von uns anzutun bereit waren; aber serecht| sie sollen wissen, wofür sie zu halten sind. Daran ändert sich nichts, Man wenn wir feststellen, daß ihnen diejenigen gleichkommen, die bloß ammel- aus Zufall nicht Parteigenossen geworden sind, oder weil sie es ınders. nicht werden konnten, obwohl sie sich danach drängten— jene eheim-„Volksgenossen“, die aus Angst, Eigensucht oder Herdeninstiukt ler In-| Hitlers Mitläuferschaft und damit die Basis seiner Macht des nz und Bösen ins Riesenhafte vergrößert haben; ein trauriges Heer, das, Hhokra: fürchten wir, im Gegensat zu Frankreichs alter Garde sich zwar Infla-? 4 ergibt, aber nicht stirbt.„„Pg“ und„Vg‘“ werden hinfort die Schand- Nie male der Deutschen sein, und wir werden sie nur auslöschen nur in können, wenn wir darauf verzichten, sie gegen Sicht zu tarnen. , Hölle Verweilen wir einen Augenblick bei den Extremen. Als äußerster on hin- Gegenpol gegen die..großen“ und aktiven Pgs, über die überhaupt irsich keine Meinungsverschiedenheit besteht, erscheint das, was man mit einem politisch schlecht gewählten Ausdruck„Opfer des Faschis- Drsadhe mus“ nennt. Daß man hier nicht von allem Anfang an dem MiBß- Eu brauch gesteuert hat, der mit den daraus abgeleiteten Privilegien Denke getrieben werden konnte, daß man nicht prüfte, stufte und aus- ıtlingen las, daß man die Leiden selbst und nicht immer und überall den wissen; menschlichen Charakter und die fachliche Eignung der Leidenden jtiysten zum Kriterium machte, wenn es galt, wichtige Amtsposten zu be- jch ver- segen— das teilt sich in fortwährender Unruhe und in so offen- Rehte° kundigen Mißständen mit, daß viele von Maßnahmen, Verfügungen uch sie‘ und Entscheidungen betroffene ordentliche Staatsbürger sich mit ap u ER a a RER REITS 4 24 Verantwortlichkeit vor der Geschichte einer grimmigen Ironie als„Opfer des Antifaschismus“ bezeichnen könnten. Schlimmer noch, daß es legislative Instanzen gibt, die nicht einsehen wollen, welches; Verhängnis damit heraufbeschworen wird. Jeder Beamte, der im Dienst gewissen Verlockungen nicht widersteht, jeder Angestellte, der einen Ratsucher oder Beschwerde- führer mit Grobheiten abfertigt, aber auch jeder Geschäftsmann, jeder Straßenbahnschaffner, jeder Polizist und Postbedienstete, der mit denen, die ihm ausgeliefert sind, Frechheiten statt Höf- lichkeiten tauscht, ist nicht nur deshalb zu tadeln, weil, wie Schleich so hübsch sagt, Sitte ohne Sittlichkeit wie ein am Sonntag ge- waschener Schornsteinfeger ist. Vielmehr ist jeder, der den Aus- ruf„Wie unter Hitler‘ herausfordert, eine politische Gefahr. Der Volksmund neigt zu Uebertreibungen, aber niemals ohne ein Körnchen von Wahrheit. Die nächste Stufe lautet:„Schlimmer als unter Hitler....“ Und wir müssen sagen, daß diejenigen, die aus Starrköpfigkeit oder Torheit nicht Remedur schaffen wollen, uns nicht wertvoll genug sind, als daß wir uns nachher für die Folgen bei ihnen bedanken möchten. Die Atavismen des Obrigkeitsstaates, , Formularzwang, Vorschriftenunwesen, das statt einer Sache dem Strebsamkeitsnachweis des Bürokraten oder der schika- nösen Ueberwachung der Bürgerschaft dient, müssen endlich mit ihren Keimen augerottet werden. Es darf nicht den leisesten An- schein haben, als sei irgend jemand in Deutschland am Werke, einen totalitären Staat durch einen anderen zu erseten. Wie soll- ten wir erwarten können, daß andere uns trauen, wenn wir ein- ander selbst nicht trauen dürfen? Von Abraham Lincoln stammt der Sag:„Gott muß das gewöhnliche Volk sehr lieben, sonst hätte er nicht soviel davon geschaffen.“ Der Leute, die aller Demokratie gefährlich sind, weil sie’ Demokratie als das ausgeben, was ihnen gerade genehm ist, sind wir nun überdrüssig. Wir brauchen Leute, die, wie es Lincoln tat, das Volk zum Staate, den Staat zum Volke machen. Als Karl ausgenoml zit er 8% in Dresdei getreten, das, was: darum deı folge auch sie Jahrhu Nation. W worden ist Gründe de „Ich. komı sagte der Gesicht ur der Pauls aber die F sei, blieb ist. nach W Das deuts rungen z wieder er heren Nar äußerlich los die s nahmen d ausgeber? sen Zeitu wünscht, Art, in d ebenso w das nicht nach ihr, Politische oder die erscheine Hut auf Hugo$ı feldwehe dritten o ER DER MACHTKOMPLEX| ren u icht 3 Als Karl XII. von Schweden, dem vieles mangelte, Tollkühnheit de: ausgenommen, mit seinem Kriegshaufen über Sachsen hinwegzog, Ey\ ritt er geradenwegs vor das Schloß seines kurfürstlichen Feindes ge- in Dresden. Tags danach hörte er, der Rat der Stadt sei zusammen- tt. getreten, worauf er sagte:„Ich denke, sie beratschlagen sich über eich das, was sie gestern hätten tun sollen.“ Vermutlich ist die Eiche st darum der Lieblingsbaum der alten Germanen und in ihrem Ge- \us- folge auch der deutschen Poeten von 1813 und 1848 gewesen, weil Der sie Jahrhunderte zu ihrer Ausbildung braucht— genau wie unsere en" Nation. Wenn sie zwanzigmal vom Lehrmeister Schicksal geprügelt! als| worden ist, macht sie sich beim einundzwanzigsten Male daran, die® Be| Gründe der Hiebe vom erstenmal zu erklären. Ä ung„Ich komme mir vor wie ein altes, gutes, deutsches Gewissen“, 4 Igen sagte der greise Arndt, als er„mit dem von Gesundheit blühenden A a Gesicht unter den schneeweißen Haaren“ auf der Rednertribüne 1 nen 5 der Paulskirche stand. Wie mancher kam sich seitdem so vor, ika- aber die Frage, was das„alte, gute, deutsche Gewissen“ eigentlich A sei, blieb unentschieden. Die unmerklichste Veränderung fühlen, An-} ist nach Wilhelm Heinse„die Probe von dem lebendigsten Leben“. che,' Das deutsche Volk scheint nicht einmal die merklichen Verände- a rungen zu fühlen. Die Zahl der Zeitungen, die in Deutschland ne wieder erscheinen, wächst und wächst; fast kein einziger der frü- 4 nun a heren Namen ist unter ihren Titeln, und viele tragen schon rein a! äußerlich ein vollkommen neues Gesicht. Erstaunlich, wie gedanken- 4 tale los die sonst so symbolfreudigen Deutschen mit wenigen Aus-" hnen Fi nahmen das hinnehmen. Glauben sie, es sei eine Marotte der Her-’ eute,|R ausgeber? Oder eine Anordnung der Besegungsbehörden? In die- ri 'olke H sen Zeitungen kann nun der Deutsche lesen, was er zu lesen„ | wünscht, und auch, was er vielleicht nicht zu lesen wünscht— die a 4 Art, in der seine stummen Gefühle willkommenes Wort werden, 4 ebenso wie die Art, in der ihm Wahrheit als etwas erklärt wird, H das nicht schmeichelnd, sondern fordernd auftritt, damit er sich i nach ihr, nicht sie nach ihm sich richte. Es hat seine sittliche wie - politische Bedeutung, wenn Blätter wie die„Frankfurter Zeitung“ 3 oder die.‚Deutsche Allgemeine Zeitung‘ nicht einfach weiter- FE erscheinen und ihren alten Hut behalten können, einerlei, ob der -- Hut auf dem Kopfe von Leopold Sonnemann, Geheimrat Duisberg, I Hugo Stinnes, Joachim von Ribbentrop oder Hitlers Kompanie- E feldwebel Amann sitt, und einerlei, ob es gilt, dem ersten, zweiten, i dritten oder vierten„‚Reich“ zu sekundieren. \ 26 i Der Machtkomplex Es ist nıcht einmal das Widernatürliche an sich, das so widerwärtig und unheilschwanger in der deutschen Geschichte ist; daß wir offenbar dazu verdammt sind, es als unsere Natur zu empfinden und es als solche zu bekämpfen, macht unser Leben von Gene- ration zu Generation schwerer und tragischer. Daher rührt es, daß wir mehr als andere Völker uns mit uns selbst beschäftigen und doch nicht zu einem klaren Ergebnis gelangen. Nirgendwo gibt es so viele Selbstporträts, zeichnerische und schriftstellerische, wie bei uns; jedes zeigt neue und andere, stets zutreffende Züge; jedes verwischt durch den einen Charakter den anderen, jedes wird rätselhafter, jedes wird vieldeutiger.„L’enigme allemand“, das deutsche Rätsel, ist beinahe genau so sprichwörtlich und unlösbar geworden wie„Querelle allemande“, die deutsche kleinliche Zän- kerei. Das Verräterischste ist immer der Gebrauch der Sprache. Für den Franzosen ist es in-Rede und Schrift eine. selbstverständ- liche Höflichkeit,„Monsieur“ Bidault zu sagen, wie der Ameri- kaner„Mister“ Truman oder der Engländer„Mister“ Attlee sagt. Im Deutschen aber klingt„Herr“ vor dem Namen polemisch, an- rüchig, ironisch.„Herr“ Hitler ist ganz etwas anderes als„Hitler“. Und noch etwas ist auffallend. Wo immer wir blättern, bei Lessing, bei Goethe, bei Hebbel, überall heißt es, wenn sie von ihrem Volke reden,„der Deutsche“ und„die Deutschen“, in der nämlichen Art des Unbeteiligten, Außen- und Abseitsstehenden, wie es bei ihnen„‚die Franzosen“ oder„.die Engländer“ heißt. Die Gewohn- heit ist über ein weiteres Jahrhundert auf uns übergegangen, oder historisch richtiger, ein weiteres Jahrhundert hat nichts daran zu ändern vermocht. Ein einziges Mal ist die Form„Wir Deutschen“ überliefert. Der sie anwandte, war Bismarck. Am 6. Februar 1888 prägte er im Reichstage das Wort:„Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt“— und es war eine Drohung. „Nous autres“— unwillkürlich gerät man ins Französische. Wir anderen also— falls wir unsere Zunge zum Ungewohnten nicht geradezu zwingen, verbindet sie den Namen der Nation mit dem Artikel statt mit dem persönlichen Fürwort. Eine betrübliche Tat- sache: gehören wir wirklich nicht dazu? Die dunklen Ehrenmänner, denen der Marburger Professor Ebbinghaus den„Gesinnungs- dünkel“ attestiert hat, werden uns aller Wahrscheinlichkeit nach verdächtigen, die„deutsche Würde“ zu verlegen. Sie werden unsere Frage, die eine Frage der Verzweiflung ist, mit dem Neben- geräusch der Niedertracht bejahen. Schon hören wir da und dort die aus der Zeit nach 1918 vertrauten Stimmen, die hinter dem Tugendbarte des besorgten Patrioten ihre reaktionären Töne ein- schmuggeln:„Haltung, Stolz, keine Schuldbeteuerung, nicht sich selbst beschimpfen, nicht deutsche Eigenschaften anprangern...“ Aber die heute& ‚Jahren d gen habe der gesp - sprechen, niemals Jose Inte sehr zu rinnen,$ sind—| notwendi rend die National: Es ist in ten Tag ı daß sie ı eigenen] wägung| jeder Sie fürchterl „totalen liche inn. um vers den Elen EETSETETTER ETF FT re a Aral ne a TI ee Kr —— Der Machtkomplex. 27 Aber diese Leute sollen nicht eine Sekunde glauben, daß wir sie heute gewähren lassen. Wenn sie in den verflossenen zwölf Jahren der Schande und Schmach von„deutscher Würde“ geschwie- gen haben, dann wird nicht geduldet werden, daß sie jett, da wie- der gesprochen werden darf, ausgerechnet von„deutscher Würde“ ‚ sprechen. Dazu geht allen denen, die in dem Worte„Vaterland“ niemals eine Entschuldigung für Unsauberkeit, Tücke und geist- lose Interessenpolitik gesehen haben, Deutschland d&änn doch zu sehr zu Herzen. Sie wollen endlich der entsetlichen Tragik ent- rinnen, sich des Landes schämen zu müssen, in dem sie geboren sind— und diesmal wird niemand sie hindern zu tun, was dazu notwendig und außerdem Rechtens ist. Denn dafür haben sie, wäh- rend die sonoren Vertreter der ‚deutschen Würde“ sich mit dem Nationalsozialismus„abfanden“, zuviel gelitten. Es ist in der Geschichte ohne Beispiel, daß die wirklichen Patrio- ten Tag um Tag. die Niederlage ihres Landes herbeisehnen mußten; daß sie wußten, nur wenn ihre Landsleute den Krieg einmal im eigenen Lande hätten, würden sie vielleicht Vernunftsgründe in Er- wägung ziehen; daß. jeder Sieg des eigenen Heeres sie zittern, jeder Sieg der fremden Heere sie aufatmen ließ; daß sie m diesem fürchterlichen Sinne die dämonische Selbstzerstörungstaktik des „totalen Krieges“ sogar begrüßen mußten. Wer diese_ungeheuer- liche innere Tragödie durchlebt hat, kann die Wahrheit nicht dar- um verschweigen, weil sie beschämend ist. Es wäre der beste Weg, den Elementen des Bösen das zu ermöglichen, was Herrn Hitler 1924 vor einem der nur in Deutschland denkbaren Gerichtshöfe gelang: sich aus der Bank des Angeklagten in den Stuhl des An- klägers hinüberzuschleichen. Was den deutschen Nationalismus eigentlich immer, besonders aber infolge der Entwicklung seit 1813 von einem auch bei anderen Völkern heimischen Nationalismus unterschied, ist seine militante Ausschließlichkeit. Ansehen und Ehre des eigenen Volkes erstrebte er stets auf Kosten der Nachbarn, die eigene Größe stets in der Verkleinerung aller übrigen Völker. Solche Anschauungen gedeihen auf dem Boden einer Ueberheblichkeit, die Unwissenheit nicht bloß als Folge mangelnder geistiger Fähigkeiten offenbart, sondern auch infolge der Ablehnung, Fremdes besser als oberflächlich kennenzulernen. Aus diesen Wurzeln bezog der deutsche Natio- nalismus seine penetrante Aggressivität. Anders, als sie war, malte sich in den Köpfen dieser Deutschen die Welt. Anfangs der acht- ziger Jahre bezeichnete der englische Kolonialminister und spätere Obersekretär für Irland, William Edward Forster, Disraelis Anti- poden Gladstone als„a man who can persuade most men of most things and himself of anything“. Hätte er den Typus des deutschen |: B \ RE |' ® 5 Saar ER a Te nn nn nn m nn 28 Der Machtkomplex Nationalisten charakterisieren wollen, so hätte er nichts Kenn- zeichnenderes sagen können—„ein Mann, der die meisten Leute zu den meisten Dingen und sich selbst zu allem überreden kann“. Wenn aber etwas schlimmer und gefährlicher ist, als daß ein Mensch schwindelt oder sich beschwindeln läßt, so ist es dies, daß er von der Ehrlichkeit des Geschwindelten überzeugt ist. Nicht erst die zwölf Jahre einer„gelenkten‘ Presse, sondern.bereits ihre zahlreichen nationalistischen Vorgänger mit dem unaufhörlichen Gebrodel der Zeit von 1920 bis 1933 haben das deutsche Volk zer- set. Ein großer Teil der Zeitungsleser hat die tägliche Abspeisung mit Gläubigkeit aufgenommen, ein geringer Teil ließ sie mit Ab- scheu und ohnmächtigem Zorn über sich ergehen, der weitaus größte Teil hat sich trot eines bleibenden Restes von Skepsis so lange Gift einträufeln lassen, bis er in entscheidenden Dingen allen Lügen und Verdrehungen zugänglich war und mit Zweifeln allen- falls Nebensächlichkeiten bedachte. Nur weil der deutsche Volks- körper schon durch und durch mit diesen Krankheitskeimen in- fiziert war, konnte der Nationalsozialismus mit seiner Maxime, daß der korrumpierteste Mensch auch der folgsamste sei, das letzte Stadiumrder Verseuchung erreichen und, wie alle totalitären Staats- verfassungen, die Menschen nicht in Tiere, sondern in Teufel ver- wandeln. Dies also war die eigentliche, diabolische„‚Systemzeit“, während die von Goebbels als solche angeprangerte Weimarer Republik ihre Energien auf nichts so leidenschaftlich verwandte wie darauf, systemlos zu sein. Es sind nicht die propagandistischen Details, die Goebbels zum Triumphe führten. Es ist der Gesamt- trick, der auch feinere Gewissen einschläferte, indem er ihnen vor- täuschte, die schlechten Instinkte seien in Wirklichkeit die guten. Raub und Willkür wurden Rechtsmoral, Sklaverei wurde soziale Fürsorge. Grandioser Mumpitg wurde Kunst, affenartiger Dilettan- tismus wurde Dichtung. Schwindel wurde Wahrhaftigkeit, Lüge wurde Religion.„Die Kräfte der Freiheit und Menschenrechte sind stärker als alle Kriegswaffen“, hat General MacArthur nach dem Siege über Japan, den legten der Aggressoren, festgestellt. Frei- heit jedoch ist erst wertvoll, wenn man weiß, wovon man frei sein muß, und das- müssen die Deutschen, müssen wir Deutschen nun lernen. Es ist der doppelte Weg von der Empfindung des Widernatürlichen als Natur und vom Widernatürlichen selbst zum Natürlichen. „Freiheit. Gleichheit. Brüderlichkeiti‘“— So lasen die Pariser an einem feuchtgrauen Dezembermorgen 1793 über einer der Pro- klamationen, die sich unter der Herrschaft des Wohlfahrts- ausschusses folgten wie ein Hagelschauer dem anderen und mit dem stupiden Automatismus der zum Guillotinerummel erniedrig- ten Ideal und des verzichtet einem DO zu erkun Nenes, d niemals e Brüderlic aber unte wie ein$ welchem Umständt sprachlich Brüderlie hesser al: . 1794, de späteren Es ist, m immer z beanspru schmählic Machiave ist wie zı Artaxerx tische, di an sich r gründet kurze F ersten T ten Teil richtet, licherwe liegen yı „Dritte Reyoluti und Ano Grundsal eine Fa} ein Pro von Tre Waren|] heide ll , Punkte, aus, Es Der: Machtkomplex 29 us ten Ideale die französische Nation als Auftraggeber der Diktatur 34 und des Schreckens hinstellten. Die Leute hatten längst darauf | verzichtet, sie zu beachten; sie fanden es überflüssig, sich unter einem notgedrungen aufgespannten Regenschirm nach dem Wetter ab|; zu erkundigen. Aber diesmal enthielt die Proklamation etwas | Neues, denn der Drucker hatte einen Punkt gesett, wo bisher | niemals einer gestanden hatte. Freiheit, Punkt. Gleichheit, Punkt. | Brüderlichkeit, Punkt. Punkt heißt französisch point. Point heißt | er- aber unter Umständen auch„‚keine“. Der Volkswig, der aufsteht ng| wie ein säuselnder Wind, ohne daß man je wüßte, welchem Busch, \h-| welchem Teich, welchem Wiesental er entsprungen ist, sah solche Aus| Umstände hier. Er las den Punkt also mit und übersegte ihn in so| sprachlichen Ausdruck:„Freiheit— keine. Gleichheit— keine. len:# Brüderlichkeit— keine.‘ Die Anekdote, die das überliefert, birgt en-| besser als Talliens Anklage im Konvent den Schlüssel zum 28. Juli ks- ji 1794, dem Tage der Hinrichtung Robespierres, und damit zum ins M späteren Einbruch des Generals Bonaparte in die Staatsgeschäfte. me,; Es ist, mit einem Wort, der Dispens von den Moralgesegen, der be immer zum Untergang führt, gleichgültig, in welchem Namen er ai A beansprucht wird, gleichgültig, ob er den nackten Machttrieb, ver schmähliche Willkür oder Vernunft und Ordnung durchsegen soll. 7 Machiavelli, der eigentlich niemals so„machiavellistisch“ gewesen ver i ist wie zwei- bis dreitausend Jahre vor ihm die Könige David und die Artaxerxes, trägt troßdem die Verantwortung für all das Mörde- hen°#8. rische, das sich auf ihn gegründet hat.„Wer die Alleinherrschaft R mt-| an sich reißt und den Brutus nicht tötet, oder wer eine Republik% vor. gründet und die Söhne des Brutus nicht tötet, wird sich nur eine 1 ten.| kurze Frist halten“, behauptet er in den„Discorsi“. Nach dem B jale ersten Teile des Saes suchte Hitler zu verfahren. Nach dem zwei- a tm 4 ten Teile hat sich die Republik von Weimar bewußt nicht ge- e1 ‚ge| richtet. Gescheitert ist der eine wie die andere(und eigentüm- sind MM licherweise fast im gleichen Zeitraum) an Ursachen, die weit abseits dem| liegen von der Ebene der praktischen Machtpolitik. Weder das |„Dritte Reich“ noch die Weimarer Republik war aus einer echten rei Revolution geboren. Sie waren beide geboren aus Ueberraschung | und Angst, aus der Verwirrung des Augenblicks, aus der Rat- und I Grundsaglosigkeit einer Menge, die immer denen nachläuft, die zum eine Fahne tragen und den Erfolg für sich buchen. Sie waren beide ein Produkt der Verhältnisse, eine riesenhafte Anschwemmung in j von Treibholz, das einer Bucht zustrebte, die es auffangen konnte, Pro- waren beide gestügt auf majestätische Versprechungen, lebten beide„nach Lage der Dinge“ und gaben beide die alten Gesichts- punkte, gefärbt, vergrößert und umbenannt, für neue Prinzipien aus. Es ist hart, hier keinen Unterschied machen zu können, aus- Der Machtkomplex genommen den des persönlichen Charakters— die Reaktionäre von 1933 waren ebenso tückisch, brutal und hemmungslos, wie die Revolutionäre von 1918 harmlos, gewissenhaft und unentschieden waren; aber der Augenblick ist zu ernst, als daß man nach irgend- einem Beiwerk greifen dürfte, um den bitteren Geschmack des Wesentlichen abzuschwächen.| Ausländische Beobachter entdecken heute— sie sagen:„sogar heute noch“ und meinen: eigentlich wäre es nun, da das größte Chaos sich zu lichten beginnt, doch wohl an der Zeit— im deut- schen Volke kein politisches Interesse, und je nach Einsicht und Urteilsfähigkeit wundern sie sich oder nennen sie Gründe. Die zwölfjährige Entwöhnung von der tätigen Anteilnahme am poli- tischen Leben ist einer, die materielle Not, die, da Menschen nun einmal keine ätherischen Geschöpfe sind, alle seelischen und kör- perlichen Kräfte auf sich zieht, ein anderer der möglichen Gründe. Ausschlaggebend ist ein dritter. Den Parteien, soweit sie bestehen, gelingt es nicht, das Volk aufzurütteln, mitzureißen und an sich zu fesseln. Sie haben keine Gedanken, die über die von gestern hin- auswiesen; keine Strenge des Wortes, die in einem so oft getäusch- ten Volke Glauben und Vertrauen wecken könnte; keine kom- promißlos programmatische Treue, die sich an den auftauchenden Fragen bewährte; keine mutige Klarheit der Persönlichkeit, die für Gegenwart und Zukunft, statt bestenfalls aus der Vergangen- heit heraus, lebendiges Vorbild wäre, gelebter Beweis für die Frei- heit, das Recht und die Menschlichkeit, die in unverbrüchlicher Dreieinigkeit jedem demokratischen Geset an die Stirn geschrieben sein müssen. General Eisenhower faßte die Stimmung des Volkes sehr klar zusammen:„Weite Kreise der Bevölkerung glauben, daß die Parteien und die Führer, die heute in den Vordergrund treten, weitgehend die gleichen sind, die seinerzeit unfähig waren, die Probleme der Weimarer Republik zu lösen oder die Machtergrei- fung durch Hitler zu verhindern, und daß diese Personen wenig zu bieten haben, was konstruktiv erscheinen könnte.“ Gemeinhin ist es ein Aktivum, wenn man von jemandem sagt, er sei der alte geblieben. Heute ist es leider ein Passivum. Politik ist die Kunst, die Dinge dahin zu leiten, wohin sie unter dauernden Aspekten müssen, nicht dahin, wohin sie unter zeitlichen Bedin- gungen wollen; eine Sache sowohl der Klugheit wie der Wissen- schaft, der Wahl sowohl wie der Ueberlegung, des Urteils sowohl wie des Beweises. Denn gleich dem Journalisten setzt sich der Po- litiker aus drei Wesen zusammen. Er ist Chronist, indem er die Ereignisse verzeichnet. Er ist Betrachter, indem er sie wägt und deutet. Er ist Sinn- und Geseßgeber, indem er aus ihnen die geschichtsbildenden Elemente ausliest und danach die Richtung zu- muß d sieht,| schaue! oft au blick i muß ı merkt, daß Di Anfan; Unaufr Handlu die„R lager, man h (sie w: len koı zurück sung,( keit eı Symbo dem di sten V rufen Zi — Der Machtkomplex 31 künftiger Wege bestimmt. So wie der Journalist schreiben muß, muß der Politiker handeln: als seien die Dinge, die er kommen sieht, bereits geschehen. Ihre Tragweite, die ein weniger gut über- schauender und weniger stark erkennender Geist erst nachträglich, oft auch dann schwer, zu datieren vermag, hat er schon im Augen- blick ihres Entstehens zu erfassen. ,„Wo das Jahrhundert sinkt, muß man es stüßen“, sagte Joubert. Wie aber, wenn niemand merkt, daß es sinkt? Zweimal hintereinander haben wir es erlebt, daß Deutschland dem Abgrund zugeführt wurde, weil niemand den Anfängen dazu widerstand. Das Kommende darf nicht auf der Unaufrichtigkeit aufgebaut sein, die wie ein Mühlstein an allen Handlungen der Weimarer Republik hing— vom Kampf gegen die„‚Kriegsschuldlüge‘“ angefangen, über die geheimen Waffen- lager, die Schwarze Reichswehr, die Auslandsanleihen, mit denen man hinterher den verlorenen Krieg doch noch gewinnen wollte (sie waren angeblich aufgenommen, damit man Reparationen zah- len konnte, dann zahlte man weder Reparationen noch die Anleihen zurück), bis zum Regieren mit dem Paragraphen 48 einer Verfas- sung, die gefälligerweise mit diesem Paragraphen ihre Willfährig- keit erklärt hatte, sich einfach aufheben zu lassen. Es ist wie ein Symbol, daß die Ziffer des Paragraphen an das Jahr erinnert, in dem die deutschen Demokraten ihren ‚„Völkerfrühling“ in dunkel- sten Winter verwandeln ließen. Gewisse Erscheinungen von heute rufen allzusehr das Gedenken an die Gründung der„Deutschen Staatspartei‘“ wach, jenen Versuch, aus zwei Wracks ein Schiff zu bauen. Gewisse Kreise, die sich als Märtyrer aufspielen, fordern allzusehr historische Wahrheiten heraus wie die, daß das Reichs- banner Schwarz-Rot-Gold einmal eine ungeheuere Macht ungenütt in Händen hatte und Jahre eifrigster Arbeit damit krönte, daß es sich, als der kritische Moment gekommen war, durch einen Schein von Legalität der Usurpatoren, der auch als Schein nur mikro- skopische Formen hatte, düpieren ließ und nicht binnen Tagen, nicht binnen Stunden, sondern binnen Minuten die Segel strich und von der Bildfläche verschwand. Andere wieder sehen wir zurückkehren, die im Frühjahr 1933 als Gewerkschaftler so weit- blickend waren, daß sie glaubten, wenn sie nur recht scharf den Trennungsstrich gegen die sozialistischen Parteien zögen, blieben sie zugelassen, und die sich dann am 1. Mai Büros, Kassen und Mitglieder rauben ließen, nachdem ihnen durch einen raffinierten, aber im Grunde voraussehbaren Schachzug der 1. Mai als Arbeiter- feiertag ebenso gestohlen worden war wie das Geld. Sie alle er- klären: wir haben gelernt. Wir zweifeln nicht daran, daß sie ge- _ lernt haben. Aber um das Volk davon zu überzeugen, müßten sie das Gegenteil von dem tun, was sie heute tun. Sie beanspruchen br ER ae ara ag age 32 Der Machtkomplex Machtfülle und Ausschließlichkeit, sie sind unduldsam und empfind- lich gegen Kritik, sie beten an, was sie verbrannt haben(während sie sogar einiges von dem verbrennen sollten, was sie angebetet haben), und sie sind auf dem besten Wege, sich mit den nämlichen Eigenschaften darzustellen, die sie bei ihren verflossenen Wider- sachern mit Recht so übel vermerkt haben. Das öffentliche Leben in Deutschland, soweit es vorhanden ist, krankt daran, daß der Machtkomplex, integrierender Bestandteil im Denken und Leben der meisten Deutschen, nicht überwunden ist. Es genügt eine Uniform, ein Schalter, eine Ladentheke, ja ein Schreibtisch, um. den Bazillus virulent zu machen. Leider klingt es nur paradox und ist es nicht, wenn man sagt, daß dort, wo lauter Vorgeseßte zu finden sind, auch nur lauter Untergebene erwartet werden können. Rudolf Virchow, als fortschrittlicher Politiker nicht minder groß denn als fortschrittlicher Arzt, meinte am 28. Januar 1863 im Abgeordnetenhause:„Ja, meine Herren, es gibt eine Art von preußischer Sprache; das ist diejenige, welche die Herren vom Ministertisch gegenwärtig reden. Es ist aber die Sprache, welche man in der ganzen Welt nicht versteht.“ Der Ministerpräsident, der am Ministertische saß, hieß Bismarck. Zwar hat er die ihm später zugeschriebene Aeußerung„Macht geht vor Recht“ niemals wörtlich getan; aber er ist und bleibt der Prototyp eines Wesens, das das Geseß aus der Macht entwickelt, statt, wie es andere Völker tun, die Macht aus dem Geseß. Nicht so, daß der Machtkomplex bei uns keine Gegenspieler gehabt hätte. Jedoch Geist und Intelligenz, die einen Teil von ihnen stellen, segten sich schwer in die Robustheit der Praxis um, und der andere Teil bestand aus hoffnungsgeschwellten Schwärmern, die auf der Wart- burg und dem Hambacher Schloß Verbrüderungsfeste feierten, dem Charakter nach Vorfahren derjenigen, die gleich nach 1918 mit Sängerfesten den österreichischen„Anschluß“ fördern wollten. Aus dem Mangel an wirklich politischen und der Fülle von mehr prophetisch-doktrinären Naturen folgt die Ohnmacht der Gegen- spieler des Machtkomplexes. Engels, Marx(und Hegel, der selbst- verständlich dazugehört) waren alle drei Deutsche. Nehmen wir als vierten Bismarck hinzu, so haben wir alle Komponenten des historischen Ablaufs beisammen. Wir können und dürfen nicht davon ablassen, Deutsche so zu betrachten, wie sie im Zusammen- hang mit der deutschen Geschichte betrachtet werden müssen. Wenn schon Gracians Handorakel erkannte, es gehöre jegt mehr zu einem Weisen als in alten Zeiten zu sieben, und es sei mehr erforderlich, um mit einem einzigen Menschen fertig zu werden als vordem mit einem ganzen Volke, so wollen wir dreihundert Jahre später wenigstens danach‘handeln. Die Bedeutung der Par- teien he Volkes antwort Samenk ihre Id ohne.$ gaben" flüssig hehrlich Parteie daß sie unverb‘ und sel tischen wenn$ begüns Erziehi Opport seines puissan - Görres Menscl und st gerade aus de zu he} Wir wäre ı leben Auffla zu ein publik demok die Fı die K gehen depes, für di SO vie Waren unde heteil Staatı Zaheı 3 find. hrend :betet lichen Vider- n ist, ndteil unden ke, ja klingt t, wo ebene tlicher neinte erren, welche er die Der Zwar ht vor ototyp t, wie aß der Jedoch bn sich e Teil Wart- ierten, n 1918 ollten. | mehr egen- selbst- en wir ”. Wa ei Bi nie a en u ce ah we Der Machtkomplex 33 teien liegt darin, daß sie berufen sind, den politischen Willen eines Volkes zugleich auszudrücken und zu formen. Sie tragen die Ver- antwortung dafür, daß im Sturm der zeitlichen Gegensäte das Samenkorn der Zukunft befruchtet wird. Sie haben die Pflicht, ihre Ideen an der Problematik der Staatsgewalt zu erhärten oder ohne. Substanzverlust abzuwandeln. Wenn sie diesen drei Auf- gaben nicht gewachsen sind, stiften sie Schaden statt Nuten. Ueber- flüssig werden sie nie, weil sie unter allen Umständen ein unent- behrliches Instrument der Politik bleiben. Wenn man jedoch den Parteien dies zugesteht, muß man auch den Parteilosen zugestehen, daß sie als Partei bewertet werden. Sie seen sich ja nicht nur aus unverbesserlichen Spießern und Ueberindividualisten zusammen, und selbst wenn es so wäre, prägte sich darin ein Teil des poli- tischen Charakters des ganzen Volkes aus. Eine Partei ist gut, wenn sie die Erziehung des Volkes zur Souveränität der Nation begünstigt. Eine Partei ist schlecht, wenn sie selbst sich gegen die Erziehung durch die Ereignisse sträubt oder diesen Vorgang mit Opportunismus verwechselt. In der hundertzwanzigsten Nummer seines„Rheinischen Merkurs“, den die Franzosen die„einquieme puissance“, Europas„‚fünfte Großmacht“, nannten, schrieb Joseph Görres:„Nur von innen heraus muß die Besserung gehen, nicht Menschen und Partei, nein, die Grundsäge muß man unerbittlich und streng verfolgen.“ Es stimmt insofern nicht, als die Politik gerade bestrebt sein muß, die Kräfte Grundsag, Mensch, Partei aus der Sphäre der Widersprüche in die der Uebereinstimmung zu heben. Wir Deutschen haben eine kurze politische Geschichte, und es wäre wohl einer Untersuchung wert, warum das stärkste Partei- leben sich zwischen 1880 und 1900 entfaltete, mit einem le&ten Aufflackern zwischen 1908 und 1914, und warum das Parteiwesen zu einer grotesken Posse wurde, als ihm mit der Weimarer Re- publik die größten Freiheiten zugefallen waren. Als die Sozial- demokraten ein Bebel führte, die Nationalliberalen ein Bennigsen, die Freisinnigen ein Eugen Richter, das Zentrum ein Windthorst, die Konservativen ein Kardoff, schien das Parlament vorüber- gehend eine Schule des Parlamentarismus zu werden. Die Krüger- depesche, das Daily-Telegraph-Interview, der Fall Zabern waren für die in den Parteien verkörperte Macht der Volksmeinung eben- so viele Anlässe, sich mitreißend und mitgerissen zu entzünden, waren ebenso viele Momente der Hoffnung auf Demokratisierung und evolutionären Fortschritt in Deutschland. Prüft man die Wahl- beteiligung jener Zeit, so entdeckt man nur in Preußen, dem Staate des Dreiklassenwahlrechtes, ein Heer von Parteilosen. Die Zabernaffäre füllte das Jahr 1913. Wäre darauf nicht der Krieg 3 EN e) Ir H 7 34 Der Machtkomplex gekommen, so hätte die deutsche innere Geschichte vielleicht eine glückliche Wendung genommen. Es scheint ein historisches Geseß zu sein, daß die großen Briganten, die Welten in Blut und Tränen erschüttern, am Ende lautlos ver- schwinden. Auch der wildeste Spuk muß verfliegen, eben weil er ein Spuk ist. Mussolini, Hitler, Himmler, sie alle versanken wie der Geist von Hamlets Vater in Nacht und Nebel. Es regnete‘zwar Feuer und Schwefel, doch die Welt krachte nicht zusammen, kein Donnergetöse entstand, in Deutschland merkten die Leute nicht einmal, daß sie ihres„Führers“ ledig geworden waren. Sie ver- mißten ihn weder, noch atmeten sie auf; sie wußten ganz einfach nichts. Was mit der Niederlage über sie hinstürzte, war so apo- kalyptisch, daß es ihnen außer der Rede das Gefühl verschlug. Urplößlich sollten sie eine Meinung äußern dürfen; aber sie hatten keine Meinung. War 1918 viel echte revolutionäre Leidenschaft vertan, mißbraucht, enttäuscht worden, so zeigte sich diesmal auf den verhärmten Gesichtern weder die Röte der Begeisterung noch die Blässe des Zornes. Strömten 1918 die Soldaten ins Land zurück, . so strömten sie 1945 aus dem Lande hinaus, in die Gefangenen- lager. Zehn Millionen Männer fehlten. Zehn Millionen, die dem politischen Leben überhaupt erst seine Legitimation geben sollten. Vorläufig versammelten sich die Träger von Namen, bei deren Klang man aufhorchte, weil man wußte, daß man sie schon gehört hatte, und sich besinnen mußte, wo; es versammelten sich die „Uebriggebliebenen“, erfreut, daß ihrer so viele waren, und prä- sentierten sich dem Volke als neue Parteivorstände. Man zählte ab und machte in Gruppen rechts und links schwenkt marsch; dann wieder gab man das Kommando, zu einer Kompaniefront aufzu- schließen. Man sandte Programme aus, und die Leute lasen es wie eines; man einigte sich auf ein Programm, und die Leute fragten: Wozu dann Parteien? Die Worte, die an ihr Ohr klangen, glichen den Worten von 1918: Wiederaufbau, Opferbereitschaft, auf zur Tat! Von Wilhelm II. über Bauer, Stresemann, Brüning zu Hitler hatte nie jemand etwas anderes verlangt. Statt„Auf zur Tat!“ hieß es bei den Aktivisten vergangener Zeit:„Arbeiter, heraus auf die Straße!“ Damals war das Ziel die proletarische Diktatur. Eine Verheißung für die eine, ein Schreckgespenst für die andere Seite. Inzwischen hatte alles abgewirtschaftet, Verheißung wie Schreckgespenst. Symptomatisch die Philosophie mancher Versamm- lungsteilnehmer:..Ich gehe nicht in eine Partei, man hat jett gesehen, wohin man kommt, wenn man in der Partei war; wer weiß, was in weiteren zwölf Jahren ist...“ Also empfiehlt sich, wie der Schweizer Essayist Hans Albrecht Moser einmal gesagt hat, „in dieser Welt von heute Feigheit von selbst“. Das N Partei sen? gleich Volke Hie I Marxi War€ versd „Anti scheid demol Jistisd mehr Leistu den A gerad der dı glieds über( Jurist waren die Tı erst 9 Voll sagen aufta barba die G Seit die M uns d) wirn) mehr! Daß mach Mind lers Edın zules Erscl Sie Sie j en ng en BE Der Machtkomplex 39 Das Mißtrauen, einmal rege, stieg. Hätte nicht die Kommunistische Partei von Rechts wegen jett Demokratische Partei heißen müs- sen? Denn was trennte sie eigentlich noch von den anderen, da sie gleich ihnen sich zur Demokratie bekannte? Im Gefühlsarsenal des Volkes bestanden die Trennungswände der Vergangenheit fort. Hie Diktatur des Proletariats, hie sozialistische Demokratie. Hie Marxismus, hie Bürgertum. Was aber war Schein, was Wirklichkeit? War es nütlich, daß verwischt wurde, was einmal nicht ohne Grund verschieden gewesen war? Würde die negative Sammlungsparole „Antifaschismus‘‘ standhalten, wenn es einmal um positive Ent- scheidungen gehen sollte? Was war ‚.christlich-sozial“, was„liberal- demokratisch“? Waren die einen religiös, die anderen materia- listisch? Betonten die einen mehr das göttliche Recht, die anderen mehr das Handelsrecht? Welche historischen Erinnerungen, welche Leistungen, welche Fragwürdigkeiten waren mit den Namen unter den Aufrufen verknüpft? Jünger würden sie unterdessen auch nicht gerade geworden sein... Dies und mehr war der„Volksrhabarber“, der den Auftritt der neuen Parteileute begleitete. Wer die Mit- gliedschaft anmeldete, tat es meist aus der Sentimentalität gegen- über der eigenen Vergangenheit. Arbeiter, Handwerker, Kaufleute, Juristen, Aerzte, Künstler gingen dorthin, wo sie früher gewesen waren, gingen, um alte Bekannte zu treffen und der alten Fahne die Treue zu halten, gingen oder blieben. Die Geister schieden sich erst an den praktischen Problemen, die jenseits des klischierten Vollmondscheines schöner, von altersher bekannter und jedem Ver- sagen zugrunde liegender Rhetorik an einem dunkleren Horizont “auftauchten. Denn troß allem ist Voltaire im Recht:„Wenn diese barbarische Gleichgültigkeit der wahre Naturinstinkt wäre, müßte die Gattung Mensch es doch wohl immer so getrieben haben.“ Seit Hitler benzinübergossen verkohlte, sind die Tage, die Wochen, die Monate weitergerast wie bisher, und nur die Uhr ist, so will es uns dünken, stehengeblieben. Zuerst haben wir uns gewundert, daß wir noch leben; dann haben wir uns allmählich daran gewöhnt, und mehr noch, auch an die Art dieses Lebens haben wir uns gewöhnt. Daß wir dabei auf die übrige Welt nicht den besten Eindruck machen, wissen wir. Wir können nur fragen: wie sollten wir auch? Mindestens zwei Jahre lang, wenn nicht länger, sind wir nach Hit- lers Willen eine„.belagerte Festung‘ gewesen. Man braucht nur Edmond de Goncourts Tagebuch der Belagerung von Paris nach- zulesen, um zu verstehen, daß die gleiche Lage immer die gleichen Erscheinungen zeitigt. Die gegenwärtige Periode krankt daran, daß sie noch halb zum Gestern und nur erst halb zum Morgen zählt. Sie ist gleicherweise Ueberbleibsel wie Vorbereitung. Auf Unrat 3* ER en De m ze oe ea. 8 in # 36 Der Machtkomplex wachsen Brennesseln, das ist unvermeidlich. Der Unrat stammt von Hitler, also stammen auch die Brennesseln von ihm. Aber er ist nicht mehr, und das Gewucher des Unkrauts fällt zusammen mit den ersten Versuchen einer neuen Demokratie. Nichts leichter, als ihr zur Last zu legen, daß die Brennesseln ins Kraut schießen, und zu ignorieren, daß jemand sie gesät und den Boden bereitet haben muß. Nichts bequemer, als der Demokratie, ehe sie überhaupt vor- handen ist, alle persönlichen Mißhelligkeiten in die Schuhe zu schie- hen. Das alles ist menschlich, wenngleich es dumm ist. Historisch ernst und bedeutungsvoll wird es erst, wenn die Frage, ob die per- sönlichen Mißhelligkeiten vorher mit der gleichen Bereitwilligkeit dem Nationalsozialismus angekreidet wurden, verneint werden muß. Dreihu | heit al I geschie sucht. | des se! I die ga) \ desihi zwisch Frucht nisse. landet | 18. Ju cäsarıı Heere \ j Osten I Folge seine hörte Deuts unter war e a wahrl | gesag d gesch] Mens: ' gebor von ı |„groß Hi auf d N| diese j zischi | blass g Puly. | imm« liche: j ter j 1 strel ist k Jahr UM DEN EHRLICHEN NAMEN Dreihundert Tage bedeuten nichts in einer Epoche, da die Mensch- heit aus einem Zustand, der fast dem Chaos vor der Schöpfungs- geschichte vergleichbar ist, eine bessere Zukunft zu entwickeln sucht. Dreihundert Tage erschienen auch wie ein Nichts während des sechsjährigen Krieges, der neben der zermalmenden Wucht alle Umständlichkeiten und Hemmnisse eines mechanisierten Trosses, die ganze fürchterliche Tyrannei der Materie über die Konzeption des ihrer bedürftigen Geistes, offenbarte. Andererseits vermag die zwischen Epik und Dramatik wechselnde Geschichte, wenn eine Frucht gereift und das Maß voll ist, in hundert Tagen die Ereig- nisse zur letzten Entscheidung zusammenzuraffen. Am 1. März 1815 landete Napoleon an der Küste der Provence; am Abend des 18. Juni befehligte er mit den beiden legten Bataillonen der alten cäsarischen Garde die letzte Attacke seines Lebens. Die Hitlerschen Heere, die im Westen gerade die ungeheuerliche Farce der Ardennenoffensive aufgeführt hatten, traf am 12. Januar 1945 im Osten der Schlag, der sie taumeln ließ und in atemversegender Folge bis zum 7. Mai die Auflösung eines morschen Organismus in seine einzelnen Atome vollendete. Die sogenannte„Wehrmacht“ hörte jählings auf zu existieren; mit ihr Hitler und mit ihm Deutschland, das sich als erstes Land der Erde seinem Wahnsinn unterworfen hatte. Was von Soldaten wie von Zivilisten übrigblieb, war eine Herde zusammenhangloser Individuen, an der sich be- wahrheitete, was ihr Hirt, Wolf Hitler, einst lästerlich von Polen gesagt hatte:„.Mit Mann und Roß und Wagen hat sie der Herr geschlagen.“ Menschen, die in die„Epochenzeiten“ der Geschichte hinein- geboren sind, haben kein beneidenswertes Los. Derartige Zeiten, von den zu gauklerischer Metaphysik neigenden Deutschen gern „große“ genannt, verachten selbst den geringen Lebensanspruch, auf den auch der, der weiß, daß mehr als ein leidliches Dasein auf dieser Erde selten zu erlangen ist, ein Recht zu haben glaubt. Es zischt in ihnen von Raketen, vor denen die ewigen Gestirne ver- blassen. Aber die Raketen verpuffen, wenn die Feuerwerker ihr Pulver verschossen haben, und die Gestirne bleiben dort, wo sie immer gewesen sind, das Dunkel erhellend, das über den künst- lichen Blitzen undurchdringlich zusammenwogt. Die Macht, die hin- ter ihnen wirkt, ist nicht müßig; wenn der Mensch ihnen wider- strebt, so zwingen“sie ihn— einfach durch ihr Dasein. Gneisenau ist kein Mann, an den wir uns mit Liebe erinnern. Doch was er im Jahre 1812 schrieb, deckt sich zu sehr mit dem Wesen der jegigen 38 Um den ehrlichen Namen Epoche, als daß wir es nicht zitieren dürften:„Die Welt scheidet sich ab in solche, die gezwungen oder freiwillig für Bonapartes Ehrsucht oder dagegen fechten; auf das Gebiet der Länder scheint es hierbei weniger anzukommen als auf das der Grundsäge.“ Genau so war es während des sechsjährigen Krieges, dessen Schrek- ken noch keine zwei Jahre und doch schon so lange hinter uns lie- gen, daß viele bereits vergessen haben, wie oft sie gelobten, mit trockenem Brot zufrieden zu sein, wenn nur erst keine Bomben mehr fielen. Weil jener Prozeß der Abscheidung, von dem Gnei- senau spricht, erforderlich war, um den Krieg richtig in Gang zu bringen und den Schauplag der Schlachten mit dem Schaupla der Grundsäße zu vereinigen, darum dauerte dieser Krieg so lange. Und weil derselbe Prozeß auch jet wieder, nur auf anderer Ebene, not- wendig ist, darum währt es so lange, bis wirklich Frieden wird. Jedoch nur dem oberflächlichen Betrachter oder dem, welchem durch die Unendlichkeit seiner Not der Blick für das Endliche ge- nommen ist, mag es so scheinen, als komme die Weltpolitik nicht vom Fleck. Der Deutsche sieht lediglich die Reihe der Konferen- zen; er sieht nicht, daß sie Etappen auf einem nicht von ungefähr mühseligen Wege darstellen und als Etappen wesentlich sind. Der Ausländer wiederum sieht in seiner durch die Vergangenheit nur* allzu gerechtfertigten Skepsis das deutsche Volk als eine hoffnungs- lose amorphe Masse an, ohne zu berücksichtigen, daß ein Volk, auf das im Sommer 1945 das französische Sprichwort„On ne sait ni qui vit ni qui meurt“ zutraf, das buchstäblich nicht wußte, wer "lebte oder gestorben war, zuerst einmal sich selbst finden muß, ehe es mehr finden kann. Wir wollen nicht wieder in den Fehler von 1918 verfallen, als alles zugleich angestrebt und gar nichts erreicht wurde. Was wir billigerweise von der Welt erwarten dürfen, ist nicht Hilfe, nicht Großmut oder gar Entgegenkommen, sondern Verständnis für die Arbeit derjenigen, die ihr Volk systematisch zur Ueberwindung seiner Fehler erziehen wollen. Wir scheuen nicht davor zurück, zu diesem Zweck die Wahrheit in ihrer häßlichsten Nacktheit zu zeigen, und wir ertragen gern die Gegnerschaft derer, die eine Schande nennen, was Ehre ist, und Ehre, was eine Schande ist. Wir erblicken keinen patriotischen Sinn darin, beispielsweise hervorzuheben, daß nicht alle Soldaten, die kämpften, für Hitler kämpften, und nicht alle Soldaten, die in fremden Ländern be- gehrte Ware„organisierten“, es nach Freibeuterweise taten, wenn die Ausnahmen vielleicht zehn Prozent betrugen. Ein Gespräch wie das, das wir um die Weihnachtszeit 1944 anhören mußten, auf einem dunklen, durch Bombentreffer zerrütteten Bahnhof einen der maroden Züge mit hin und her gejagten, die Reste ihrer Habe in Koffern und Säcken schleppenden Menschen erwart war 6 müßte „Dann Stolze Italien liches perlid ‚schnitt nahme eines Natioı digen Zukuı den a los ur Chara wird; nicht Schwe der R Teil| zeicht die H eigen einer das, führe deckt Haus mete Abw Das keit. den Item lei, ı im f Wied Wron gear vor, Um den ehrlichen Namen 39 : erwartend, läßt uns noch heute das Blut in den Adern kochen. Es Mi war ein Urlauber, der einer Frau klarmachte, warum wir siegen es& müßten.„Wenn wir nicht siegen, sind wir verloren“, sagte er. Ye|„Dann werden wir bestraft für all das“— er hatte gerade mit dem lie: MR Stolze des„‚siegreichen Helden“ einige„Taten“ aus Rußland und &, Ki Italien erzählt—,„.und dahin darf es nicht kommen.“ Kein sitt- =| liches Gefühl für die Unmoralität des Handelns, bloß noch ein kör- N gi perliches Gefühl für die Härte der Strafe— das war der durch- a 4 schnittliche Zustand. Daß es in der Masse verschwindende Aus- ii I nahmen gab, ist eine Beiläufigkeit. Auch im römischen Sumpfe nd iA eines Caligula und Nero lebte ein Seneca; in der verrottetsten a ü Nation wird sich immer noch ein(verfemter) Kreis von anstän- digen Elementen erhalten. Dies allein wäre keine Hoffnung für die s Zukunft. Was uns hoffen läßt, ist das Bewußtsein, daß auch unter sr den anderen nicht alle gemein und lasterhaft, viele nur gedanken- 3 ii los und schwächlich waren. Wir bestehen darauf, daß zwischen den dit#| Charakterfesten, dem Treibholz und den Kriminellen unterschieden a er; wird; ebenso, wie wir darauf bestehen, daß diese Unterscheidung ihr nicht dazu benutgt werden darf, Grundtatsachen zu verwischen, die er| Schwere des Tatbestandes zu verschleiern und die Notwendigkeit au i der Reinigung zu bagatellisieren. Die Auffassung, daß ein großer IB: j Teil der von einer schurkischen Generalität mit Tapferkeitsaus- auf“4 zeichnungen geschmückten Soldaten nicht für Hitler, sondern für % 4 die Heimat ihren Mann gestanden habe, können wir uns nicht zu De: eigen machen, weil sie wertlos ist. Sie bedeutet nur die Enthüllung he 2 4 einer katastrophalen Einsichtslosigkeit. Hat übrigens nicht schon vn 1 das„Genie“ eines Goebbels ausgereicht, um sie ad absurdum zu dt führen? Sogar Goebbels hat„das neue Gesicht“ eines Krieges ent- . 1 deckt, in dem, während angeblich an der Front„zum Schuße von u wa Haus, Hof, Weib und Kind“ gekämpft wurde, Tausende von Kilo- sch eh ınetern hinter den Fronten Haus, Hof, Weib und Kind ohne jede n Ei Abwehr der entsetlichsten aller Vernichtungen preisgegeben waren. “ Bi Das Schicksal, das Menschen und Völker peitscht, will Gerechtig- ide 4 keit. Dieses zwanzigste Jahrhundert wird von allen Jahrhunderten "4 den schlechtesten Ruf genießen. Es trägt wie keines zuvor den ler Hl Stempel der Unmenschlichkeit. Das ist die deutsche Schuld, einer- bes 8 lei, wie viele von uns daran unmittelbar, mittelbar oder auch nicht in| im geringsten beteiligt waren. Wie nach 1918, so taucht auch jett "la"wieder das Märchen von dem englischen Sprichwort„Right or Pe a wrong, my country“ auf. Wenn mit vorbildlichen Sprichwörtern er j gearbeitet werden soll, dann schlagen wir„Charity begins at home“ die i vor. Im übertragenen Sinne: jeder kehre vor seiner Tür. In der ce Aufgabe, vor die heute die gesamte Welt gestellt ist, werden wir Kl* je EEE NE Er ee m. 40 Um den ehrlichen Namen Deutschen am ehesten die Gemeinschaft mit dieser Welt wieder- erlangen. Die Aufgabe ist: dem zwanzigsten Jahrhundert einen ehr- lichen Namen zu geben. Daß in der Welt heute keine große Neigung herrscht, Deutsche an- zuhören, ist begreiflich. Wenn man diese Abneigung aber verewigen wollte, so wäre zu erwidern, daß die ohnehin zeitraubende Reha- bilitierung des zwanzigsten Jahrhunderts nicht mehr viel Spiel- raum in der Wahl des Zeitpunktes gewährt. Man kann nur dann fortfahren, uns den Rat zu erteilen, uns für alles Widerwärtige bei Hitler zu bedanken, wenn man sich selbst uns als den lebendig- sten und lautersten Widerpart Hitlers vorstellt. Als der Herzog von Wellington einmal über seine und seines Gegners Taktik be- fragt wurde, antwortete er:„Sein Pferd hat ein Zaumzeug, wie es glänzender nicht aus der Werkstatt des besten Sattlers hervorgehen kann; wenn aber ein Riemen bricht oder eine Schnalle zerspringt, taugt es zu nichts mehr. Mein Pferd ist bloß mit Stricken gezäumt, und wenn einer davon reißt, mache ich einen Knoten, und die Sache ist in Ordnung.“ Um die Aufgabe gegenüber einem Jahr- hundert vorwärtszutreiben, dessen schlechter Ruf im Ueberblick späterer Generationen vermutlich auf alle zurückfallen wird, die in ihm lebten, sollte man nicht warten, bis das deutsche Volk die Stricke durch ein funkelndes Geschirr ersett, sondern, sobald es den Knoten gemacht hat, darin einen brauchbaren Anfang an- erkennen. Wenn man unermüdlich darauf hinweist, daß gewisse Unmenschlichkeiten von heute die natürliche Folge der Unmensch- lichkeiten von ‚gestern sind, so ist man im Recht, weil es seine Rich- tigkeit hat. Wenn man es aber tut, ohne auf Abhilfe zu sinnen und zu drängen, so berücksichtigt man zu wenig die nicht bloß deutsche, sondern allgemein menschliche Veranlagung, die das Unermüdliche schließlich als ermüdend empfindet. Das Nachspiel der Hitlerischen Epoche muß, wie das der Napoleonischen, zwangsläufig die aller- stärksten Wirkungen fortpflanzen und die Gegensäge, die die Welt nicht erst seit heute und gestern erregen, allenthalben verschärfen. Um das Jahrhundert ehrlich zu machen, müssen wir uns befreien von der Erörterung der tausend vorüberfliegenden, rein logischen Möglichkeiten, die wir doch nicht zu Ende denken können, weil das Ende uns ersticken würde. Wir müssen das Nächstliegende er- greifen und uns darauf beschränken. Kein Wunsch, keine Energie, keine Institution kann Meinungsverschiedenheiten und Streitfragen zwischen Menschen, Völkern oder Staaten aus der Welt schaffen; wichtig ist allein, wie man sie zu lösen versucht, und wo alle vom gleichen Geiste der Friedfertigkeit und Duldsamkeit beseelt sind, gibt es ausgezeichnete Methoden, die freie Entfaltung der Meinun- gen dem allgemeinen Nuten dienstbar zu machen. Es ist daher ein- falig- Spott i heit ka Mängel heit h: eine It Premie durch| Faktor einer der 9a So schi lichste) Arbeit schöne und e: sein,, Blatte: sen, di len wi hunde als ein oktroy nach e in ihn zehnte der gı nur in Iisatio sich di art„l leiden Rest\ gekon ein h so ha daß D mehr „Laßt Aurel Röme Seine: Natio Um den ehrlichen Namen 41 fältig, der Organisation des Weltsicherheitsrates mit einem billigen Spott auf den entschlafenen Völkerbund zu begegnen. Die Mensch- heit kann es sich nicht mehr leisten, Ideen zu verwerfen, weil ihnen Mängel anhaften. Wie Deutschland jegt zum legten Male Gelegen- heit hat, seine eigene Geschichte zu korrigieren, so hat die Welt eine legte Wahl„‚zwischen Leben und Tod“, wie der englische Premier Attlee es ausdrückte. ‚Die Selbstverleugnung, die uns durch den Krieg getragen hat, muß auch jett der alles überragende Faktor werden“, sagte er. Jeder Kompromiß ist denkbar, nur einer nicht— der zwischen Gut und Böse. Entweder Gott oder der Satan. Bis hierher hat dieses Jahrhundert der Satan regiert. So schändlich wir Deutschen der Welt mitgespielt haben, am schänd- lichsten haben wir uns selbst mitgespielt. Weltkrieg, Inflation, Arbeitslosigkeit, Hitler, neuer Weltkrieg, Wüste: wahrhaftig ein schöner Packen für eine einzige Generation. Das Leben ist so kurz, und es soll doch nach des Schöpfers Bestimmung nicht nur Leid sein.„Die Blattern haben viel Unheil gestiftet, die moralischen Blattern noch ungleich mehr“, heißt es bei einem der vielen Wei- sen, die Deutschland ohne Gewinn in seiner Mitte gehabt hat. Hei- len wir uns von unseren Blattern, damit wir das zwanzigste Jahr- hundert von den seinen heilen. Wir betrachten Herrn Hitler nicht als einen Usurpator, der sich und seine Lehre dem deutschen Volke oktroyierte, nicht als eine Gottesgeißel, die dem deutschen Volke nach einem unerforschlichen Ratschluß geschickt wurde; wir sehen in ihm eine Inkarnation all dessen, was sich im Laufe der Jahr- zehnte an schlechten Instinkten nach systematischer Verdrängung der guten angesammelt hat. Wenn er gesiegt hätte, wäre es nicht nur in Deutschland, es wäre in der ganzen Welt mit jeglicher Zivi- lisation zu Ende gewesen; aber die Mehrheit unseres Volkes hätte sich darüber nicht gegrämt, die ohnehin öfters zu hörende Redens- art„Ich persönlich habe unter dem Nationalsozialismus ja nicht zu leiden gehabt“ wäre allgemein geworden, und ein kümmerlicher Rest von Anständigen hätte Selbstmord begangen. Daß es anders gekommen ist, dafür ist die Trümmerstätte, die uns verblieb, zwar ein hoher Preis, doch die Sache ist ihn wert. Wenn keine andere, so haben die Militaristen wenigstens die eine Lehre empfangen, daß Deutschland auch mit grenzenlosen Anstrengungen keine Kriege mehr gewinnen kann. „Laßt ihn doch Mensch sein, ehe er Kaiser wird!“ sagte Marc Aurel, als ein paar in Staatsräson und Heldenidealen hartgesottene Römer seinem Sohne Vorwürfe machten, weil er über den Tod seines Lehrers weinte. Heute, da unserem Volke Begriffe wie Nationalismus und Militarismus erklärt werden müssen, gibt es 42 Um den ehrlichen Namen kaum Einprägsameres und Ueberzeugenderes als die Feststellung, daß Nationalismus und Militarismus die Tendenz verfolgen, den Menschen aus dem Menschen auszutreiben und ihn statt dessen Kaiser werden zu lassen. Kein Nationalist, der nicht auch Mili- tarist, kein Militarist, der nicht auch Nationalist wäre. In dem System, das daraus entsteht und das im Nationalsozialismus end- lich die unverhüllte und diabolisch zugespigte Form gefunden hat, die im Sinne der Allmacht Geschichte zu einem gigantischen Ab- schreckungsmittel werden soll, trägt jeder„den Marschallstab im Tornister“. Diese Napoleon zugeschriebene Floskel hat in der Wirklichkeit des Systems nie bedeutet, daß der Tüchtige auf ehr- liche Weise an den Pla gelangen müsse, der ihm nach Fähigkeiten und Charakter gebührt. Im Gegenteil, der Charakter war nur ein Hindernis, und die notwendigen Fähigkeiten bestanden in dem Maß an Bereitwilligkeit, mit der sich der Anwärter das Herz aus dem Leibe reißen und alles seelische Gefühl, das Bewußtsein des Menschentums und den Stolz der Menschenwürde, durch ein mecha- nisches Instrument, eine Art Korsett, ersegen ließ. Mit der Devise „Wer befehlen will, muß gehorchen lernen“, die zu jenen plau- siblen Lebensregeln gehört, denen die Unwahrhaftigkeit leider nicht an der Stirn geschrieben steht, weil mehr als Massenverstand aufgeboten werden muß, um die Frage zu stellen, ob es denn keine andere Teilung der Menschheit gebe als die, daß die einen zu be- fehlen, die anderen zu gehorchen haben— mit dieser machia- vellistischen Parole wurde der Gehorsam nicht einmal erzwungen, sondern höchstens erschlichen. Der Schein sprach für die Richtig- keit: konnte denn in diesem System nicht jeder wie ein kleiner Kaiser in seinem kleinen Reiche herrschen? Der Blockwart, der Kompaniefeldwebel, der Bannführer, der Unteroffizier vom Dienst und wie sie alle hießen, diese kleinen Caracallas, Neros und Cali- gulas, waren sie nicht ein Abbild der großen?„Die Großen mit ihren langen Armen schaden oft weniger als ihre Kammerdiener mit den kurzen“, hat Lichtenberg gesagt; wir möchten, ein wenig anders, sagen: daß die„Großen“ solchen Schaden anrichten konn- ten, hat die Armee der„„Kammerdiener“, auf die sie sich stütten, ermöglicht. Wir wollen uns durch nichts darüber täuschen lassen, daß prak- tische Erwägungen auf dieser Erde zuletzt doch immer eine größere Rolle spielen als ideologische. Die Mehrzahl der Deutschen zählt sich heute nicht zu den freien Menschen. Vielmehr zählte sie sich dazu, als man unfrei war, unter Hitler. Sie behauptet, nicht frei zu sein, weil Deutschland besett ist und über seine Geschicke nicht selber entscheiden kann. Ihr klarzumachen, warum dieses Recht verwirkt ist, ist lange nicht so einfach, wie es einem halbwegs ver- | | =—— eg En een nünft loren wirku wort wonn! begeg Arbei proße licıke danke der 6 eingel aus di land, Entwi nicht, war,| es ist Tradii 1918| uns eı Stern. heißt dem: Nach sinnlo mung; vinist ständi halb ı Auf j sen e Schar verkü Als q ehelid rung „kei Napo Wegn Zeit um d diesm Gefä EEE ER P3 4 EIRSER, Dur" ee Um den ehrlichen Namen 43 nünftigen Menschen erscheinen mag. Daß die äußere Freiheit ver- loren sei, damit wir die innere gewinnen, ist ein mehr oder weniger wirkungsvoller Predigttext, aber in einem Volke, das dem Bibel- wort„Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt ge- wönne und nähme doch Schaden an seiner Seele“ mit Uebermut begegnet ist, bedarf es einer langwierigen und beschwerlichen Arbeit, um das stumpfe Gewissen wieder zu schärfen und das an progenden Lärm gewöhnte Gehör für die feineren Töne der Mensch- lichkeit empfänglich zu machen. Seit 1848 der demokratische Ge- danke mit Militärstiefeln niedergetreten werden konnte, hat sich der Glaube an die Stärke und Bedeutung der rohen Gewalt zu sehr eingenistet, als daß sich ein besserer Glaube aus sich selbst her- aus durchzusegen vermöchte. Daher ist die Demokratie in Deutsch- land, wo sie einen neuen Anlauf nahm, nicht eine Folge innerer Entwicklung, sondern äußerer Niederlagen gewesen. Sie erhob sich nicht, weil sie kräftig, sondern weil ihr Gegner schwach geworden war. So war es nach 1918, so ist es auch jet. Wir möchten sagen: es ist jegt noch mehr als 1918 der Fall. Jetzt liegt jede, auch diese, Tradition ferner, als 1914 die von 1848 gelegen hatte. Beide Male, 1918 wie heute, steht die Geburtsstunde der Demokratie, wenn wir uns euphemistisch so ausdrücken wollen, unter keinem günstigen Stern. Für den, der nicht denken kann(und wie viele können es?), heißt Demokratie-infolge der Umstände: Entbehrung. Und außer- dem: Verlust der Souveränität. Dagegen anzukämpfen ist schwer. Nach 1918 verlegte man sich aufs Leugnen. Man versuchte, mit sinnlosen Lohnerhöhungen bei gleichzeitiger inflationistischer Hem- mungslosigkeit dem Volke das Gefühl der Not und mit einer chau- vinistischen Politik der Proteste und Ränke das Gefühl der Unselb- ständigkeit auszureden. Davon ist heute wahrscheinlich nur des- halb nicht die Rede, weil einfach nicht die Rede davon sein kann. Auf jeden Fall ist für uns Deutsche das Säkulum abgelaufen, des- sen erster Tag der 9. Februar 1812 war, der Tag, an dem auf Scharnhorsts Betreiben in Preußen die allgemeine Wehrpflicht verkündet wurde. Als Charles Louis Napoleon, der vielleicht eheliche, vielleicht un- eheliche Sohn des Königs von Holland, 1836 über einer Verschwö- rung gefaßt wurde, schickte ihn Louis-Philippe nach Amerika, um „keinen Märtyrer zu machen“. Nach vier Jahren kam Louis Napoleon wieder, mit einem zahmen Adler im Gepäck, der in Vor- wegnahme Hitlerischer Effekte dazu bestimmt war, zu passender Zeit aus der Höhe auf das Napoleonische Haupt herabzuschweben, um die Phantasie des Volkes zu entflammen. Der Adler blieb, für diesmal, im Käfig, und sein menschliches Ebenbild wanderte ins Gefängnis, Vor Gericht sprach Louis Napoleon die klassischen SE EEE RR EEE u a { a DE 7770377 EEE 4 bö [3 £ E R ei a = 44 Um den ehrlichen Namen Worte:„Ich vertrete vor Ihnen ein Prinzip, die Souveränität des Volkes; eine Sache, das Kaisertum; eine Niederlage, Waterloo. Das Prinzip haben Sie erkannt, der Sache haben Sie gedient, die Niederlage wollen Sie rächen.“ Man verurteilte ihn zu einer milden Haft, die lebenslänglich sein sollte und nach sechs Jahren durch seine Flucht beendet wurde. Als Maurergeselle verkleidet, war er entkommen, als ehrenwerter Abgeordneter kehrte er 1848 zurück. Der symbolische Adler lebte nicht mehr, aber nach weiteren vier Jahren schwebte die unsterbliche und erhabene Raubvogelseele über der Zeremonie, mit der Louis Napoleon zum Kaiser der Fran- zosen gekrönt wurde. Eine lehrreiche Parabel. Der Adler und die Krone schweben, gleichnishaft unsichtbar, auch um viele Deutsche, die ihre Vergangenheit als Gerüchteträger mit sich schleppen. Ihnen gegenüber besteht die Klugheit nicht in Mäßigung, sondern in Aus- sonderung, ohne sie diese stündlich fühlen zu lassen. Nicht nur, daß man die ehemaligen Parteigenossen nicht zu einem Block der Ausgestoßenen zusammenschweißen darf; zur Blockbildung neigen auch die heimgekehrten und heimkehrenden Soldaten; die Jugend- lichen; vielleicht eines Tages auch die Emigranten wie die in Deutschland verbliebenen und über die Marter hinweggekommenen Juden. Den Soldaten ist es meistens ergangen wie Balzacs Major Genestas, der von sich sagt:„Da ich nie zum Befehlen gelangt, sondern immer in der Front gewesen bin, um Säbelhiebe aus- zuteilen oder zu empfangen, habe ich es gemacht wie die anderen auch: ich bin dahin gegangen, wohin Napoleon uns geführt hat... Da gibt es stets die gleichen Dinge zu tun; sich um sein Pferd kümmern, manchmal Hunger und Durst leiden, sich schlagen, wenn es nötig ist, das ist das Leben des Soldaten.“ Was der Jugend heute vor allem mangelt, ist Wissen; was sie im Ueberfluß hat, ist Selbstbewußtsein. Und genau wie die Jugend, wie die Soldaten, wie die ehemaligen Parteigenossen, wie die Parteiführer, wie die Juden und alle Antifaschisten, überhaupt wie wir Deutschen alle, werden die Emigranten, wenn sie heimkehren, vieles zu lernen haben, nämlich keine Ersagansprüche zu stellen,..das Erlittene als ein Teil Erdenschicksal auf sich zu nehmen und ein Geset der Ver- jährung anzuerkennen, das nicht bloß nach Jahren, sondern nach der Größe des Risses seine Entscheidung fällt“. Das sind Worte Jakob Burckhardts. Sie legen den Grund zu einem Gemeinschafts- gefühl nicht innerhalb von Gruppen, von„Blocks“, wo es gefähr- lich und reaktionär ist, sondern innerhalb einer umfassenden orga- nischen Demokratie, wo es gesund und fortschrittlich ist und auf der Erkenntnis beruht, daß Gleichheit als politisch wirkender Fak- tor nur gerade den erträglichsten Grad von Ungleichheit darstellt. Wer d vergegt des Kr Als sol Ps hei als Paı weiten Jahren keine „Eben Daß di Form man d Augen scher ı Beziel grund) und u die ve hezeic klären wütet manch Gesan Kanai Ihre zurüd regier schrif Kant Quell seligk heit, sollte sich; Situa ist zı gesch liche brad des häng hättı den, en REN Bee Um den ehrlichen Namen 45 Wer die Folgen seiner Zugehörigkeit zur NSDAP tragen muß, vergegenwärtige sich, daß auch diejenigen Deutschen die Folgen des Krieges mittragen müssen, die Hitlers Gegner gewesen sind. Als solche haben viele so Furchtbares erlitten, daß das Los eines Pg heute, selbst wenn er sich in übertriebener Selbstbemitleidung als Paria fühlt, dagegen eine Annehmlichkeit ist. Wir haben einen weiten Weg vor uns, bis wir dort sind, wo schon vor hundert Jahren jener französische Bürger war, der, befragt, warum er keine Kokarde als Abzeichen der Freiheit trage, antwortete: „Eben darum nicht, weil ich ein freier Bürger bin.‘ Daß die Geschichte sich nicht wiederholt, ist richtig, wenn man die Form der einzelnen Ereignisse betrachtet, und ein Irrtum, wenn man das Wesen der Beziehungen, die Kette der Bedingungen, vor Augen hat. Deshalb sagte Taine:„Wir werden desto mehr Herr- scher unseres eigenen Geschickes, je genauer wir die gegenseitigen Beziehungen der Dinge erkennen.“ Bald nach 1790 hatten zwei grundverschiedene Charaktere, aus grundverschiedenen Richtungen und mit grundverschiedenen Motiven, Erkenntnisse ausgesprochen, die vom Schicksal ausersehen waren, das Ende einer Epoche zu bezeichnen, soweit sie diese nicht schon in ihrer. Gesamtheit er- klären. Als im jakobinischen Frankreich die Septembermorde wüteten, antwortete Danton, der in seinem Umgang manchmal sehr, manchmal gar nicht wählerisch war, auf Vorwürfe des französischen Gesandten in Berlin, Grafen Segur:„Sie vergessen, daß wir die Kanaille sind, daß wir aus der Gosse kommen, daß wir, sollten Ihre Anschauungen jemals wieder zur Geltung gelangen, dahin zurückgetrieben würden; folglich können wir nur durch die Furcht regieren.“ Fast zur gleichen Zeit druckte die„Berliner Monats- schrift‘ in einem Aufsat, dessen Verfasserschaft unbekannt, aber Kant zugeschrieben worden ist, den Sat:„Eine der ergiebigsten Quellen moralischer Vollkommenheiten und moralischer Glück- seligkeit fließt für den Deutschen nicht— er hat keine Gelegen- heit, Patriot zu sein.‘ Heute, nach hundertfünfzig Jahren, in denen, sollte man meinen, Entwicklung über Entwicklung Zeit gehabt hätte, sich zu bilden und auszureifen, heute noch läßt sich über unsere Situation nichts Zuverlässigeres sagen. In diesem langen Zeitraum ist zwar unendlich viel in Deutschland geschehen; aber alles, was geschah, bewegte sich innerhalb desselben dubiosen und sehr end- lichen Kreises. Die fortschrittlichen Professoren der Paulskirche brachten keinen anderen Gedanken als den unglückseligsten, den des preußischen Kaisertums, hervor, und selbst wenn die An- hänger einer Republik nicht in der Minderheit gewesen wären, hätte ihre revolutionärste Leistung wahrscheinlich darin bestan- den, daß, wie Börne sagte,„die Langeweile ihre Guillotine“ war. 46 Um den ehrlichen Namen Hitler ist tot, doch am 1. Januar 1945 lebte er noch. Damals prophezeite er, das Jahr 1945 werde„die geschichtliche Wende herbeiführen“. Weiß Gott, er sprach wahr. Damals schien es noch, als glaube er, delirierend, an seinen Sieg. Nach dem, was seither bekannt geworden ist, muß man vermuten, daß er genau wie der zitternd bellende Goebbels von seiner Niederlage überzeugt war und, infantil wie er war, nur noch die eine Begierde hatte, hin- reichend Zeit zu gewinnen, um Deutschland so gründlich und nach- haltig zu zerstören, daß den Ueberlebenden das Leben vergällt werde; wie ein giftiger Junge, der einem anderen das Spielzeug zertrümmert, weil er selbst es nicht haben kann. Die Welt hat in diesem technischen Jahrhundert äußerlich Fortschritte, innerlich Rückschritte gemacht... Sogar die Diktatoren sind jämmerlicher geworden und beschränken ihre Effekthascherei auf das Teuflisch- Primitive, statt sie mit einer Selbstgefälligkeit der Lebensweisheit zu verquicken, wie noch Napoleon, der, nachdem er sein eigenes Ich an die Stelle Europas gesett hatte, inmitten der zweihundert- dreiundzwanzig Quadratkilometer des Inselchens Elba bemerkte, was auch für Hitler gilt:„Nicht die Koalition hat mich gestürzt, sondern die liberalen Ideen; ich habe die Völker beleidigt.“ Von Jahr zu Jahr zählen wir schon lange nicht mehr 365 Tage; von Jahr zu Jahr, das heißt schon lange: von Generation zu Gene- ration. Da sind die Großmütter, nun siebzig oder darüber: als sie vierzig waren, verloren sie vielleicht den Mann und die Söhne; sie zogen die Enkelkinder auf, die sich dann verheirateten und wieder Kinder hatten, und nun hat sie dasselbe Geschick in der zweiten und dritten Generation noch einmal ereilt. Da sind die Väter, die im vorigen Weltkrieg als Gefangene hinter dem Stacheldraht saßen, und nun erleiden die Söhne das nämliche Schicksal. All die Jahr- zehnte hindurch— was bleibt? Krieg, Inflation und Arbeitslosig- keit; Aufrüstung, Kraft durch Furcht, Krieg, Krieg, Krieg; Tod und Verderben, Elend und Not, Tränen und Blut. Wahrhaftig eine mit Wolfsschluchtrequisiten überladene Szenerie. Immer und immer wieder erschien ein Samiel, der die zauberkräftige Blei- kugel goß und den Leuten ihr bißchen Leben stahl, ihre kleinen Freuden, ihre Familie, ihr Erspartes, ihre Liebhabereien. Der sie lehrte, daß sie das Paradies auf Erden erlangen würden, wenn sie ihm erlaubten, die Erde zur Hölle zu machen. Der ihr Lettes for- derte, damit die kommende Generation das Allererste habe. Der für das Opfer von heute die Belohnung von morgen versprach. Der alles nahm und nichts gab. Und immer und immer stand die kommende Generation mit leereren Händen da als die vorauf- gegangene. Wie sagt Renan?„Das Vaterland der Idealisten ist das Land, und m Unter - Hitler düpiet war d die sic mus 8 als de „neue! einen einer als An Däner englis rausd lischeı zug a deuts aber Feldh kanal „NEUE Vo Tage: fürch die s Treue gelan Hitle seine einm wall „Ver erst dami schie Hoff Best So y vern genu getai Vi | Hr | bi ER F 21 Um den ehrlichen Namen 47 Land, in dem man ihnen zu denken erlaubt.“ Soll das niemals und niemals Deutschland sein? Unter dem Beifall unseres schamlos gewordenen Volkes hatte Hitler Polen niedergeschlagen; er hatte versucht, Rußland zu düpieren, und hielt den Versuch für gelungen. Nichts Erstaunliches war daran. Erstaunlich allein war die Haltung einer Volksmasse, die sich aus Angst vor dem Kommunismus an den Nationalsozialis- mus geklammert, jahrelang die Propaganda gegen Sowjetrußland als den„Weltfeind Nr. 1“ geglaubt hatte und nun aufatmend den „neuen Kurs“ entweder wie eine Selbstverständlichkeit oder wie einen genialen Schachzug hinnahm, ohne auch nur die Möglichkeit einer Amoralität in Betracht zu ziehen oder überhaupt Amoralität als Amoralität zu empfinden. Nach einem Jahre waren Jugoslawien, Dänemark, Norwegen, Holland, Belgien, Frankreich unterjocht, englische Städte ‚„coventriert“, unser Volk schwelgte im Sieges- rausch und in gestohlenen Genüssen, verlachte die schwachen eng- lischen Luftangriffe und erwartete hoffnungsvoll den neuen Beute- zug auf die britische Insel. Wieder ein Jahr später erfroren die deutschen Soldaten vor Moskau und verschmachteten in der Wüste; aber was machte es, weitere Teile der Welt lagen dem„‚größten Feldherrn aller Zeiten“ zu Füßen, vom Nordkap bis zum Suez- kanal und vom Atlantischen Ozean bis zur Wolga dehnte sich das „neue Europa“, die„neue Ordnung“ des organisierten Diebstahls. Wo eigene Erfolge fehlten, waren die Japaner die Helden des Tages, und das vorher so gefürchtete Amerika war nicht mehr zu fürchten, im Kaukasus war die„Reichskriegsflagge“ gehißt, und die steigende Zahl der Vasallen beteuerte ihre unerschütterliche Treue. Abermals ein Jahr danach waren die Amerikaner in Afrika gelandet, nach Goebbels zu feige, in Frankreich zu landen; Herr Hitler, der stets„‚alle Möglichkeiten einkalkuliert“ hatte, war mit seinem Gegenschlag gegen Tunis wieder einmal obenauf. Noch einmal ein Jahr später brannten die deutschen Städte, der Atlantik- wall verwehrte jeden Angriff auf die„Festung Europa“, jeder „Verräter“ wurde bestraft und die großartige deutsche Strategie erst richtig sichtbar: sie hatte vorher so große„Räume“ erobert, damit sie jegt in der Lage war, sie aufzugeben. Zulett endlich er- schien, wie eine Rakete über den Trümmern der Wohnungen und Hoffnungen, mit der Ardennenoffensive das große Wunder, die Bestätigung des Glaubens, daß der Führer die feindlichen Heere so weit hatte..hereinkommen‘“ lassen, um sie desto sicherer zu vernichten. Heute— ist die Sprache der Tatsachen eigentlich laut - genug? Hat man endlich begriffen, was man in all den Jahren getan hat? Wie dumm, wie leichtfertig, wie skrupellos man war? Wie man sich selbst belog und betrog? Wofür man opferte, Ri 5 Br Ui ET Es N ; Ü hei 48 Um den ehrlichen Namen hungerte, krank und verderbt war? Tötete und töten ließ? In Angst und Bedrängnis lebte, mutig draußen, mutlos drinnen, Tapferkeit in Feigheit, Wahrheit in Lüge verkehrte? Die lodernden Gefühle des Zornes gegen Menschen mögen verlöschen; aber das, was geschehen ist, geschehen konnte, muß mit jedem vergehen- den Tage an Deutlichkeit gewinnen. Jeder Flüchtling, jeder Kriegs- gefangene, jeder Krüppel, jede Witwe und Waise, jeder Greis und jede Greisin, die am Abend ihres Lebens einsam und verlassen sind, fernen Gräbern nachtrauernd, lette Reste einer einst zahl- reichen Familie, jeder, der Hab und Gut und das Dach über dem Kopf, seine Rente, seinen Arbeitspla verloren hat, jeder, der hungert, friert, in Elend, Krankheit, Siechtum und Not erstiekt— dieses ganze aschgraue Heer, durch die großen Schatten der Ruinen marschierend, Mitternachtsgespenster eines Volkes, das einmal lebendig war und einzig so wieder lebendig werden kann, gelobe sich in dieser ernsten Stunde des Jahrhunderts: in jeder versickernden Minute nur einen Gedanken zu haben— wie dies kam, durch wen und durch was. Denn dann erst können wir Fol- gerungen ziehen, dann erst wird dieses verfluchte preußische Jahr- hundert wie eine vom Teufel gemalte Szenerie in den Orkus ver- schwunden sein. Das 5 überr‘ Beoba nungs einige bis zu Trape zurüc alles ı schen Regie Vereit schem radik: eines gunge Einer! Phant Probl die d infole Wund versd aufta freut, die T und 9 die\ bring wiede weil Blenc popu Wah land Tuge Ordn Mit schuf Heer Neue FEB: ru re a DIE TOGA DES SCHICKSALS Das Schwierigste in der Geschichte sind nicht die plößlichen und überraschenden Daten. Das Schwierigste ist das, was der klare Beobachter zwar als Tatsache voraussehen, doch in der Erschei- nungsform, vorher nicht beurteilen kann. Seit Jahr und Tag hatten einige von uns das Bild vor Augen, daß Herr Hitler in Deutschland bis zum legten Zaunpfahl kämpfen weıde, an den geklammert der Trapezkünstler Goebbels schreien könnte:„Wir werden alles zurückerobern!“ Nicht zu ahnen aber war, wie sich im einzelnen alles vollziehen werde. Nicht wenige von uns hatten gedacht, zwi- schen der legten Phase des Deliriums, das die Handlungen von Regierung und„Wehrmacht“ seit August 1944 bestimmte, und der Vereinigung aller kämpfenden alliierten Heere werde auf deut- schem Gebiete Spielraum bleiben, um die Nationalsozialisten so radikal auszurotten und in Wort und Tat so entschiedene Beweise eines anderen Deutschlands zu geben, daß die Kapitulationsbedin- gungen nur noch offene Türen einzurennen hätten. Einerlei, wieviel an dieser Hoffnung Realistik und wieviel daran Phantastik war, sicher ist, daß, hätte sie sich erfüllt, gewisse Probleme nicht entstanden wären. Wir tragen schwer daran, daß die deutsche Frage heute nicht von uns selber zu lösen ist und infolgedessen ihren Schatten auf die Weltpolitik wirft. Es ist kein Wunder, wenn darüber unter den anderen Nationen Meinungs- verschiedenheiten auftauchen; es wäre ein Wunder, wenn keine auftauchten. Ein Deutscher, der sich über solche Unstimmigkeiten freut, verdient seinen Namen nicht. Wahre Patrioten werden durch die Tatsache, daß unser Land unaufhörlich die Ursache von Mühen und Sorgen anderer bildet, noch mehr bedrückt, als sie es durch die Vergangenheit ohnehin sind. So lange man es nicht zuwege bringt, unser Volk urteilsfähig zu machen, so lange wird immer wieder falsches Denken den Schritt zur Wahrheit stören. Nicht, weil Wahrheit unpopulär zu sein pflegt, ist so viel und so großes Elend in der Welt, sondern weil gefährliche Irrtümer meist als populäre Wahrheiten verkleidet gehen. Eine dieser populären Wahrheiten, die durch eine entsprechende Erziehung ganz Deutsch- land aufgezwungen werden konnten, ist die von den„preußischen Tugenden‘ des Fleißes, der Sparsamkeit, der Manneszucht, der Ordnung und vor allem des Gehorsams. Mit Hilfe des Gehorsams(und der Subsidien seiner Bundesgenossen) schuf Friedrich Wilhelm vor dreihundert Jahren das erste stehende Heer. Gehorsam ermöglichte es Friedrich dem Zweiten, einen neuen, größeren Staat zusammenzurauben. Ungehorsam gegen s0 Die Toga des Schicksals Preußens Herrschaftsansprüche nahm Bismarck zum Anlaß, um Oesterreich zu erniedrigen und Süddeutschland zu bändigen. Wenn ich euch befehle, auf Vater und Mutter zu schießen, so müßt ihr gehorchen, krähte Wilhelm der Zweite den Rekruten des Garde- korps zu, als die Ruhrbergleute streikten. Gehorsam, blinder Ge- horsam— so tönt es durch die ganze preußisch-deutsche Ge- schichte hindurch, hinunter bis zum letten erbärmlichen Unter- offizier, der den Kasernenhof mit dem Gebrüll der machtberausch- ten Subalternität erfüllt und in der systematischen Ausrottung des Menschgefühls seiner Untergebenen Befriedigung gesucht hat. Gehorsam 1866, Gehorsam 1870, Gehorsam 1914, Gehorsam 1933, Gehorsam 1939. Wichtiger als die Verfassung war das Militär- budget, und zu diesem Zwecke lagen Gelehrte und Generale sich in den Armen. Motto und Quintessenz alles Lebens bildete „Deutschland und der nächste Krieg“— der Titel, den der Chauvinistengeneral Friedrich von Bernhardi seinem militantesten Buche voranstellte. Wie ihm der Krieg die höchste idealistische Kraftentfaltung der Menschennatur, so bedeutete dem verpreuß- ten Sachsen Treitschke die Idee vom ewigen Frieden nichts als Unsinn. So wurde die Nation lange vor Hitler geistig versklavt. So wurde, Generation um Generation, vom Generalstab eine Mobil- machungsorder nach der anderen erlassen. So schrie das Volk jedes- mal vor Begeisterung auf, wenn ein flitterbehängter Lohengrin aus dem mystischen Gral des Gehorsams nahte und die Erfurter Arie„Ich dulde keinen neben mir, jeden, der gegen mich ist, werde ich zerschmettern“ sang, mit der Wilhelm der Zweite um vierzig Jahre Herrn Hitler vorwegnahm. Die Welt, die das alles gewußt und gehaßt, daneben aber die teils gelungenen, teils mißlungenen Ausbrüche eines besseren Genius aus der preußischen Zwangsjacke bewundert hat, die Welt, die sich sträubte gegen die stupide Barbarei des Potsdamer Neuen Palais, der Reichskanzlei und des Obersalzbergs und verlangend die Arme ausstreckte nach dem bedrohten Reiche der deutschen Kultur, das wie eine zauberhafte Blüte aus dem Unrat der Nesseln und aus märkischem. Hungersand leuchtete, mit den letten Wurzelfasern von einer immer magerer werdenden Mutterschicht Erde zehrend — diese Welt konnte es nicht fassen, daß das deutsche Volk, aus dem viele wieder viele kannten und als gute, menschliche und geistige Wesen schätten, sich so völlig entwürdigen, mißleiten, ver- tieren ließ. Es allein mit dieser seltsamen Unterwürfigkeit, diesem perversen Gehorsamsdrang zu erklären, erschien ihr nicht möglich. Der preußische Geist hat„den deutschen Geist sich selbst bis auf den tiefsten Grund entfremdet und alle sich selber treu gebliebenen Deutschen vergewaltigt“, schreibt Karl Thieme, der ehemalige Trank „Das Geist‘ sonst verke und| ansch: Auffa unter Geist ein€ das R was auch, verfä Ais I mehr glaub auf.] hatte dem Thier den| Bism Marb Die Toga des Schicksals sl 1 Frankfurter Soziologe, in seiner in Basel veröffentlichten Schrift u„Das Schicksal der Deutschen“. Was aber ist der„preußische t ihr Geist“? Ohne Zweifel existierten in Preußen gewisse Tugenden, arde- N) sonst hätte ein Mann wie Macaulay nicht den zweiten Friedrich so r Ge- verkennen können. Ohne Zweifel liegen in den Begriffen Disziplin Ge.) und Gehorsam auch Keime zu einer sittlich-idealistischen Welt- Inter.“ anschauung. Ohne Zweifel wiederum herrschte in Preußen die usch- 4° Auffassung, daß das einzige Recht in den Beziehungen der Staaten g des A untereinander das Recht des Stärkeren sei. Aber„preußischer hat.| Geist“ ist weder das eine noch das andere für sich allein, sondern 1933, ii; ein Gemisch von allem— bezeichnend, daß es Fichte war, der litär- I das Recht des Stärkeren philosophisch betonte—, und dies ist es, > sich I: was das Preußentum so unausstehlich und grauenhaft, jedoch ldete 9° auch, hauptsächlich in verwirrten und verwirrenden Perioden, so ı der Hl verfänglich und verführerisch, alles in allem so verhängnisvoll macht. testen tische reuß- ts als vt. So Ylobil- Ais Bismarck, der zu Napoleons General Govone äußerte, er sei mehr Preuße als Deutscher, den Krieg 1866 heraufbeschwor, glaubte®r, die Mainlinie zu überbrücken. Im Gegenteil, er riß sie auf. Der Krieg, den er„um der deutschen Frage willen“ entfesselt hatte, bewies, daß die deutsche Frage eine preußische war.„Auf dem Trümmerfeld der alten deutsch-europäischen Ordnung“, wie jedes- N Thieme es nennt, hatte Friedrich der Zweite Brandenburg mit ngrin furter werde jerzig den Splittern aus den Erbfolgekriegen in Preußen verwandelt. Bismarck konstruierte eine deutsche Reichseinheit, die der frühere Marburger, jetjige Genfer Ordinarius Wilhelm Röpke, der Ver- fasser der ausgezeichneten Bücher„Die Gesellschaftskrise der £ Gegenwart“ und„.‚Civitas humana“, nicht mit Unrecht als„Groß- teil a preußen“ bezeichnet. Aus diesem Boden wuchs, wie Röpke sagt, =, i„jener unheimliche Typus des Menschen, der, als einzelner viel- e sl Palais, Arme r, das d aus fasern hrend k, aus e und leicht durchaus normal und sogar gutmütig, sofort zu einer Mario- nette wurde, wenn der Appell an ihn erging, im wohlgeschmierten Kollektivapparat seine Funktionen zu versehen“. Dies ist die Ur- sache, warum von allen modernen Diktatoren Hitler der einzige war, der den Staat„auf legalem Wege“ erobern durfte. Es ist die Ursache, warum schließlich Preußen dem Westen wie dem Süden sein eigenes Gepräge aufdrückte. Es ist die Ursache, warum das Bismarcksche„Deutsche Reich“ mit einer berechtigteren Wahr- heit als derjenigen, die sich aus der Personalunion in den Figuren des Monarchen und des leitenden Staatsmannes begründen läßt, Großpreußen genannt zu werden verdient. Daß es im neunzehnten und achtzehnten Jahrhundert nicht der Westen und der Süden waren, die Preußens Rechte mißachteten, sondern daß Preußens Arroganz im Verein mit seiner Verschlagenheit den Frieden Han- 1, vel- Jiesem öglich. 15 auf benen malige 52 Die Toga des Schicksals novers, Hessens und Bayerns brach, ist vermutlich nicht zu leugnen. Vertreter aller deutschen Länder verdammten den Krieg von 1866. Das Rheinland drohte mit Losreißung. Sogar in Berlin verurteilten Volksversammlungen diesen Krieg als„dem Rechte zuwider“. Erst die preußischen Kürassierstiefel haben die übrigen deutschen Län- der für den militaristisch-nationalistischen Paradestechschritt reif gemacht, bis sie dann so weit waren, daß sie der Hitlerei nicht erst zum Opfer fallen mußten, sondern spontan ihr huldigten. Kon- sequenterweise haben sich die echten Preußen, weil sie Herren im Hause, das heißt im Nachbarhause, sein wollten, stets gegen den Unitarismus gewehrt.„Es gilt die Größe, die Machtstellung und Selbständigkeit des uns allen so teuren Preußen“: so begründete am 10. Januar 1914 der Graf von Behr im Herrenhause einen Antrag, der sich„gegen eine Verschiebung der staatsrechtlichen Verhältnisse zuungunsten der Einzelstaaten“ wandte. Das waren die„Junker“? Nun, am 14. oder 15. Januar desselben schicksal- haften Jahres fand der Nationalliberale Schiffer-Magdeburg im Abgeordnetenhause so preußische Töne, als wären sie unmittelbar der Flöte Friedrichs von Sanssouci entsprungen:„Preußisches Eisen in deutsches Blut, dabei bleibe ich.“ Nicht weiter erstaunlich. Preußen ist partikularistisch, wenn es um seine Interessen, und unitaristisch, wenn es um die Interessen der anderen geht. Jedoch heute geht es um das Ganze. Es ist ein großes Unglück, wenn eine Nation von den anderen Nationen, aber es ist ein noch größeres Unglück, wenn die eine Hälfte der Nation von der anderen Hälfte der Nation verachtet wird. Etwas, was einem solchen Zustand so ähnlich sieht wie die Kreuzotter einer Blindschleiche, ist mit der Katastrophe durch Hitler heraufgeführt worden. Zu der alten Mainlinie ist heute viel weniger dank der Okkupationszonengrenze als dank dem kommu- nistischen Totalitarismus der Ostzone die Elbelinie getreten. Statt durch rechtzeitige Absage an jede zentralistische Tendenz zu ret- ten, was der Rettung wert war und ist, drängte der National- kommunismus durch hartnäckige Ablehnung und Verdächtigung jedes Auflockerungswillens den Ruf„Los von Preußen“ bis hart an die Grenze des Rufes„Ohne Deutschland“. Die Toga, unter der nach der legendären Geschichtsschreibung der römischen Republik die Sendboten eines längst zur Gewalt entschlossenen Volkes Krieg oder Frieden zur Auswahl trugen, hat das Schicksal selber vor dem deutschen Volke auseinandergeschlagen: Föderalismus oder Sepa- ratismus— wählet! Durch das billige Taschenspielerkunststück, Föderalismus mit Separatismus gleichzusegen, läßt das Schicksal sich nicht bluffen. Ueber die Ahnungslosigkeit von Volksrednern, denen sich die Alternative noch immer als Unitarismus oder Föde- ralisı Kopf schwil Sinn, stellte keit, so die offen! sierul schliel Streit sagen Bürge Sport Großr diesen kanist und| begrü so em lich, ı Volk Deuts darun nicht daß Barb Uebe über fen, Wen schei Man nisse heir oder! klar Leh mit den Men hew Ung nen Die Toga des Schicksals 33 nen. 1866, 5 ralismus darstellt, ist es hinweggeschritten. Der Selbstbetrug, den ilten; Kopf in den Sand zu stecken, damit, wenn die Felle schon weg- Erst JE schwimmen, man es wenigstens nicht sieht, hat keinen politischen Län- IE Sinn, und, wenn es nicht die gegenwärtigen Tatsachen geböten, et A stellte auch jede einzelne historische Lehre uns vor die Notwendig- erst HR keit, den preußischen Geist zu verneinen, weil in Deutschland nur Kon- m so die moralische Revolution gefördert werden kann und weil als nim Mu offenbarer Ausdruck dieser moralischen Revolution die Entthroni- den. MB sierung Preußens durch eine deutsche, den preußischen Rest ein- und HB schließende Konföderation die ehrlichsten Züge aufweist. Der ıdete Mu Streit darüber, wer uns Hitler und die Folgen beschert hat, ob, nen sagen wir: München, die„Hauptstadt der Bewegung“ mit ihrem chen Bürgerbräukeller, oder Berlin, die„Reichshauptstadt“ mit ihrem a Sportpalast, dieser Streit ist müßig. Wenn das„Deutsche Reich“ kl, MR Großpreußen war, so war Großpreußen das„Deutsche Reich“. In En diesem Sinne zumindest besteht eine Kollektivschuld. Ameri- Ihe kanische Soldaten, die während ihres Vormarsches durch West- Bien und Süddeutschland von der Bevölkerung mit Blumen und Jubel mn H begrüßt wurden, hatten den Eindruck, daß Herr Hitler genau ni WM so empfangen worden wäre, wenn das Schicksal, weniger unbestech- he ir lich, ihn hätte siegen lassen. Selten hat ein Urteil über ein fremdes N Volk von so hoher Urteilsfähigkeit gezeugt wie dieses. Wenn En[N Deutsche heute auf Hitler böse sind, so sind sie es großenteils eine MB darum, weil er den Krieg troß all seines Genialitätsprogentums ee 8 nicht gewonnen hat, und nicht, weil sie davon durchdrungen wären, die I daß der Nationalsozialismus Inbegriff aller schlechten Instinkte, in| Barbarei und Kannibalentum war. Vielleicht wird unser Volk nach | Ueberwindung des gröbsten Alltagselends erst richtig anfangen, 7 über seine Schuld oder Verantwortlichkeit mit einer wirklich tie- an fen, fruchttragenden Leidenschaft zu grübeln. _"Wenn sich ein Familiendrama ereignet, ist eine sichtbare Ent- | scheidung gefallen. Aber es fing wahrscheinlich damit an, daß der “ B Mann eine Frau heiratete, die er, wäre er im Besit; von Erkennt- gung h nissen gewesen, einem anderen überlassen hätte, und als er sie hart. heiratete, tat er es, weil er verliebt war, oder weil sie Geld hatte, , der ‚ oder aus einem anderen, mehr oder weniger klaren oder un- ublik F klaren Grunde. Zu irgendeinem früheren Zeitpunkte fiel in seinem Krieg AU Leben die unsichtbare Entscheidung. Aehnlich verhält es sich - dem# mit einem Unternehmer, der bankrott macht; mit einem Künstler, Sepa.' den ein Erlebnis zur Schöpfung ruft, mit jedem Durchschnitts- m IR menschen, der eines Tages rückschauend sein Leben entweder icsal| bewegt oder eintönig, verpfuscht oder begünstigt findet. Glück wie jnern, FE Unglück, Aufstieg oder Niederlage, beides mag man Schicksal Föde-, R nennen: aber der dramatische Höhepunkt, die sogenannte Wende 94 Die Toga des Schicksals der Zeiten, das Augenfällige, an das der Sinn sich klammert, das er verherrlicht oder verflucht, ist eine Täuschung. Leben, das Ge- schichte, und Geschichte, die Leben ist, haben nichts Unvermittel- tes, nichts Abruptes. Sie sind kontinuierlich. Das Schicksalsjahr ist das der unsichtbaren, nicht das der sichtbaren Entscheidung, und so betrachtet, wurde der Charakter der Deutschen zu Zeiten ge- prägt, deren Elemente weit weniger in die Augen springen als die, von denen am lautesten und streitbarsten geredet wird. Kein Volk der Erde hätte einem Jahrzehnt Goebbelsscher Propaganda unversehrt getrogt; aber in keinem Volke außer dem deutschen hätte ein Goebbels überhaupt Fuß fassen können. Die Ereignisse nach 1933 sind sekundär, das Primäre liest vorher. Der demo- kratische Wille der sogenannten Weimarer Republik ist nicht allein an äußeren Umständen, an Zerfahrenheit und Handlungsunfähig- keit zerbrochen. Er ermangelte der ethischen Grundlagen, die einer politischen Demokratie den inneren Halt geben müssen. Solange in Deutschland von Demokratie die Rede war, sind diese ethischen Grundlagen beiseitegeschoben oder in aufgeblähten Phrasen ver- -flüchtigt worden. Es ist bemerkenswert, wie oft bei uns die Söhne anscheinend aufrechter Demokraten Erzreaktionäre wurden. Der Name Kapp, geführt von einem Vater, der gegen Fürstenwillkür kämpfte, geführt darauf von einem Sohn, dessen Putsch die Wei- marer Demokratie aus dem Sattel warf, ehe sie darinsaß, ist eines der geläufigsten Beispiele. Bei diesem Mangel an Kontinuität, der in Deutschland gerade das demokratische Denken bedroht, können Nationalsozialismus und Militarismus nicht als ausgetilgt gelten, wenn ihre Organisationsformen ausgetilgt sind. Dazu be- darf es der Ausmerzung der mittelalterlichen Terminologie, die den Nährboden solcher Giftpilze gebildet hat und immer wieder zu bilden imstande ist. Hugo Preuß, der Schöpfer der Weimarer Verfassung, vermied den Ausdruck„Republik“ und überschrieb seinen Entwurf„Verfassung des Deutschen Reiches“. Nach der sprachlichen Bedeutung ist„Reich“ etwas, was so und so weit „reicht“, sich erstreckt, sich ausdehnt. Im Staatssinne ist es also der Herrschaftsbereich, das lateinische„Imperium“. Vom Imperium ist Imperialismus abgeleitet. Imperium ist ein Herrschaftsbereich, der seine Grenzen hat. Imperialismus ist das Bestreben, den Herr- schaftsbereich über Grenzen hinaus zu erweitern, die von vorn- herein für vorläufig und niemals endgültig erachtet wurden. Da dies nur auf Kosten anderer Völker geschehen kann, bedeutet es Gewalt, Unterdrückung, Länderraub. Die Geschichte des„Deut- schen Reiches“ ist von Anfang an imperialistisch. Der erste„‚Ver- körperer des Reichsgedankens‘“ war Otto der Erste, der Dänemark, Polen, Böhmen, Ungarn und Oberitalien unterwarf; der lette war N Herr A! und zul diese> ad absu „Reichs Zeiten| hedient Motiv? Wortge Deuts solche wurde, gramm kreuzz teriali sozial Befle« ditier gewis dufte, Rom: sonne tum, brack tünd sonal Hitle Das dem woll „Nu Schil pur es 1 Staa mal und ein Die Toga des Schicksals Herr Adolf Hitler, dessen Hirnverbranntheit bis zum Suezkanal und zum Kaukasus griff. Mit seinem„Großdeutschen Reich“ hat diese Sorte Geschichte ihren Abschluß gefunden und sich selbst ad absurdum geführt. „Reichsgedanke“ ist eine Umschreibung für Imperialismus. Zu allen Zeiten hat die innere Unrast der Deutschen sich dieses Ausdrucks bedient, um dem Expansionsdrang ein staats- und völkerpolitisches Motiv zu verleihen. Nicht zufällig ist nur bei zwei Völkern der Erde die Sehnsucht nach dem Mittelalter so groß: bei den Japanern und bei den Deutschen. Denn es sind diese beiden Völker, die ihren Imperialismus mit Metaphysik verbrämen, so wie man auf der Bühne blutrünstige Schlachtszenen mit Trommeln und Hörnern veredelt.„‚Schlachtenmusik“ ist ja auch ein typisch deutsches Wortgebilde, das nach Theodor Körner schmeckt. Das„Reich der Deutschen“ wurde eine Art politischer Religion und rangierte als solche neben dem„‚Reich Gottes“, mit dem es mystisch identifiziert wurde. So wurde der ursprünglich sprachliche Begriff zum pro- grammatischen: programmatisch für verschwommene Romantik, kreuzzugähnliche Abenteuerlichkeit, idealistisch verkleideten Ma- terialismus. Eine Rattenfängerflöte, auf der zuletzt die National- sozialisten grinsend gespielt haben. Wenn es noch dieser äußersten Befleckung bedurft hätte, um das Wort„Reich“ völlig zu diskre- ditieren, so ist es jetzt geschehen. Es ist das Lieblingswort einer gewissen- und bedenkenlosen Sippe gewesen, die seine weihrauch® duftende Mittelalterlichkeit, seine falsche Inbrunst, seine von der Romantik alter Papptürme umwitterte und vom Glanze der Abend- sonne vergoldete Kulissenpoesie, seinen zeremoniellen, aus Ritter- tum, Minneliedern, Turnierordnungen, Lanzen, Fahnen und Scha- bracken gemischten Pomp— kurz, den ganzen germanisch ge- tünchten Gefühlsinhalt benugte, um entweder ihre schäbigen Per- sonalinteressen oder ihre Verrücktheit damit zu decken. Adolf Hitler im Ornat Karls des Fünften— das war das„Reich“. Das Reich, in dem die Sonne nicht untergehen sollte. Es ruhe in dem Frieden, den wir zusammen mit der übrigen Welt stiften wollen. „Nun, wenn der Purpur fällt, muß ‚auch der Herzog nach“, sagt Schillers Verrina, während er Fiesko ins Meer stürzt. Mit dem purpurnen Mantel, in diesem Falle dem Ausdruck„Reich“, kann es nicht sein Bewenden haben. Der Herzog, in diesem Falle der staatsrechtliche Körper, muß nach. So, wie unser Vaterland.nie- mals mehr„Deutsches Reich“ heißen darf, so, wie wir die klare und saubere, eine wirkliche Abrechnung und Abkehr enthaltende, einen wirklich neuen historischen Abschnitt einleitende Bezeich- nung„Republik Deutschland“ fordern, so fordern wir das Ge- 6 Die Toga des Schicksals füge eines Bundesstaates, in dem die deutschen Länder größere Selbständigkeit und Bedeutung haben als je zuvor. Damit wird für die Zukunft nicht nur die gefährlichste gesamtdeutsche Aggressi- vität, sondern auch jeder Anlaß zu zänkischem Partikularismus, der immer aus Angst vor Unterdrückung entsteht, zerschlagen. Es gehört geradezu zur Vorbereitung des Prozesses der Demokrati- sierung, das Denken des deutschen Volkes in staatsrechtliche Bahnen zu lenken, auf denen die Gegengewichte gegen anmaßen- des Preußentum am ehesten erkennbar und wirksam sind. Der und jener meint demgegenüber, der Nationalsozialismus sei man- gels einer starken Zentralgewalt gerade über die Länder zur Macht gelangt. Aber dieser Hinweis entbehrt der Logik. Natürlich gibt es auch süddeutsche„Preußen“, und sie sind schlimmer als die norddeutschen. Die Kahr, Himmler e tutti quanti haben es hin- reichend gelehrt. Die Zusammenfassung zu größeren Staatsgebilden wird indessen ganz andere Perspektiven eröffnen. Nicht die Existenz der Länder an sich, sondern ein antiquiertes Duodez- staatentum, an dem der November 1918 nicht rüttelte, weil so viele Parteifunktionäre auf ebenso viele Posten zu segen waren, ernährte den„unbekannten Soldaten“, der sich in München als Straßen- redner zu den ihre partikularistische Suppe kochenden Ecken- stehern gesellte. Eine Bundesrepublik Deutschland sollte sich aus neun oder zehn großen, in sich lebensfähigen Ländern zusammen- seen, in deren Gesamtvertretung das west- und süddeutsche Element überwiegt. Die Konferenz von Algeciras, steht in den Geschichtsbüchern, beendete die Marokkokrise. Es handelte sich aber gar nicht um die Marokkokrise; es handelte sich um die deutsche Krise. Wäh- rend die Blicke aus dem dunkelkalten Winter der Wilhelmstraße in den sonnigen Konferenzsüden gerichtet waren, schrieb der Großherzog Friedrich von Baden an den Kaiser: ein Krieg mit Frankreich sei schädlich und könne nur von denen gewünscht wer- den, die die hochentwickelte deutsche Industrie ruinieren wollten. Der deutsche Kaiser hingegen, der die Majestät dieser Krone nur neben dem Gottesgnadentum eines Königs von Preußen trug, wollte den friedlichen Ausgang, weil er„zur Zeit“ die Chancen für einen Krieg„aus militärisch-technischen Gründen“ für nicht günstig hielt und deshalb,„‚ohne Blamage‘“ und ohne„nach Olmüß zu gehen“, davor bewahrt bleiben wollte. Da infolgedessen die preußisch-deutschen Vertreter in Algeciras abwechselnd als Karl und Franz Moor auftraten, sagte ein kluger italienischer Diplomat, die Deutschen litten an zwei Krankheitssymptomen, von denen normalerweise nur das eine oder das andere, niemals beide gleich- zeitig, vorhanden sei: Größenwahn und Verfolgungswahn. Herr SE AEEEBE BUBEN 7 U EEE EEE CETFN ER DEE CET TE Bitleı Hinsi denkl dem' mir?" (dest Karik respo! geschi und 2 mache wozu eine] daß, ı kräfti Vater ander Volke steher Künst Hung) und( gesag Ansdl tiker gorien Schul komn erzähl nung Mäde heka Aeuß stisch Sein Eye den uhig sen Sprug sönli exen hat Ben- ken- aus nen- sche ern, ‚ die Väh- raße der mit WEI- ten. nur ollte inen ıstig | zu die Karl mat, nen ejch- der Die Toga des Schicksals 57 Hitler, der stets in Superlativen sprach, bildete auch in dieser Hinsicht den Superlativ, über den hinaus keine Steigerung mehr denkbar ist. Sein polterndes.‚Ich werde nicht dulden!“ kam mit dem weinerlichen„Was wollen meine Feinde denn eigentlich von mir?“ in einem Atemzuge. Den„‚deutschen Bürger und Mann“ (dessen Gipfelung Hitler in einem Maße war, daß es bereits in die Karikatur umschlug) hat Friedrich Hebbel als Münchener Kor- respondent der Gutkowschen Zeitung„Telegraph‘ im Jahre 1839 geschildert:„Er geht mit sich um wie mit einem geladenen Gewehr und zittert vor dem Kannibalen, den böse Verhältnisse aus ihm machen könnten.“ Immerhin, falls es wahr ist, daß er vor dem, wozu er sich hinreißen lassen‘könnte, mitunter zittert, so besteht eine Hoffnung, und es muß nicht in alle Ewigkeit sein Fluch sein, daß, wie Hebbel fürchtete, wenn er einmal.,‚einen frischen, lebens- kräftigen Sohn zeugt, dieser sich als höchste Aufgabe sett, seinen Vater zu ermorden“. Denn wie könnte das Leben der Völker anders verlaufen als das Leben der einzelnen Menschen? Die Völker bestehen ja weder aus noch durch Staatstheorien. Sie be- stehen aus Männern und Frauen, Fabrikanten und Arbeitern, Künstlern und Handwerkern; diese alle wieder sind Satte oder Hungrige, Heißsporne oder Leidenschaftslose, Produkte aus Talent und Charakter, aus Temperament und Verhältnis, schopenhauerisch gesagt: aus Wille und Vorstellung. Und doch ist diese einfachste Anschauung diejenige, die am wenigsten beachtet wird. Die Poli- tiker denken selten in zu kleinen, meist in viel zu großen Kate- gorien. Sie führen die Sprache der Algebra, wo die Sprache einer Schulfibel nicht nur ausreichend, sondern unumgänglich wäre. Ein kommunistischer Gemeindebeamter aus der Umgebung Berlins erzählte von einem jungen Mädchen, dessen Vater die Anerken- nung seiner Tochter als„Opfer des Faschismus“ betreibt. Das Mädchen hatte im legten Kriegsjahre in der Stadtbahn Offiziers- bekanntschaften gemacht und, vielleicht aufs Glatteis gelockt, Aeußerungen getan, die einem seiner neuen Freunde zu„.defaiti- stisch“ erschienen, als daß er darüber hätte hinweggehen können. Seiner Anzeige folgte der Volksgerichtshof, dem Volksgerichtshof — gnädigerweise das Gefängnis. Der kommunistische Beamte, der den Fall jegt zu prüfen hat, spricht sein Urteil: nicht„Opfer des Faschismus‘, sondern Opfer des Leichtsinns. Er ist ein einfacher, ruhig denkender Mann, ein Arbeiter, Tischler von Beruf; wir wis- sen nicht, ob er sich dabei zu einer offiziellen These in Wider- spruch gesett hat. Dieses junge Mädchen ist vielleicht als Per- sönlichkeit auch kein hervorragendes Objekt, um daran etwas zu exemplifizieren, aber die Folgerung ist beispielhaft. Der Wissende hat manchmal die Pflicht zu schweigen; und ein andermal hat er il pure 38; Die Toga des Schicksals die Pflicht zu reden. Das Leben zu retten, um es für die Zeit zu bewahren, da es gebraucht wird, ist nicht schimpflich, sondern klug— solange es auf ehrenhafte Weise geschieht, versteht sich. Verfolgung der freien, klaren und entschiedenen Meinung in Deutschland ist kein Privileg des Hitlerregimes. Sie wurde von den Machthabern der Weimarer Republik geübt, und sie wird es heute wiederum von denen, die auf Schleichwegen Machthaber werden wollen. Man kann nicht einmal behaupten, daß die Methoden wesentlich anders seien, der Unterschied liegt nur in den Graden. Wie viele Gerichtsverfahren, wie viele unerhörte Gerichtsurteile haben die„Hüter der Verfassung“ zwischen 1920 und 1933 den besten Freunden der Republik angehängt! Was geschah mit den Leuten, die die Verstöße gegen den unterschriebenen Vertrag von Versailles aufdeckten, die einer Talleyrandschen Justiz auf den Spuren waren und soziale Maßnahmen für dringender als Panzerkreuzer hielten! Die Scham über das, was unter der Wei- marer Verfassung geschah, geschehen konnte, geschehen durfte, ist beinahe größer als die Scham über das, was nachher kam. Aber “ schon hören wir heute wieder(während wir damit beschäftigt’ sind, uns der schmugigenEier zu entledigen, die nationalistische Kuckucke in das deutsche Nest legten), daß wir die Vögel seien, die„das eigene Nest beschmugen“. Wir hören ‚wieder, daß wir„verneinende Kritik“ und„ewige Neinsagerei“ treiben; wir hören wieder, daß wir die Segnungen„demokratischer Neuerungen“ nicht begreifen. Hat man in Deutschland überhaupt je etwas anderes gehört, wenn die unbequeme Wahrheit gesagt wurde? Lessing schlug sich mit einem Klo herum; seitdem fühlt sich jeder Kloß berufen, den zu beleidigen, der das Haus von dem Unrat reinigen will, welchen die Klöte hineingeschafft haben. Hitlers Siege waren ebenso viele Niederlagen des deutschen Volkes; heute sehen wir merkwürdige„Demokraten“ im Begriffe, aus der Niederlage den Sieg einer neuen Diktatur zu machen. Weil wir einmal erlebt haben, daß nicht aller Spuk sogleich wie Rauch im Sturm verfliegt, glauben wir die Notwendigkeit zu erkennen, „in dieses alles Moralität zu bringen, indem wir mit Bewußtsein wirken und leiden‘. Dieser Sag ist hundertundfünfzig Jahre alt; er stammt von Georg Forster, auf den, wie ein Biograph sagt,„in seinen jungen Jahren das Vaterland stolz war, und der, als Jakobiner und Vaterlandsverräter gebrandmarkt, zu Paris in Elend und Einsamkeit gestorben ist“. Forster wußte, daß es auch vermöge einer freien Verfassung nicht ‚,‚lauter gute, weise, glück- liche Leute‘ geben kann.„Es ist wahr“, schrieb er aus dem jakobinischen Paris an seine Frau,„die Freiheit gibt mehr Raum zur Entwicklung der Kräfte, aber gleichwohl wird auch diese in gewiss fahr 7 Morali zur V trunke und al rückte sinnig Jüst al schaue erkları angem Bezeic denen den m Brühe Die Fı Natior Virtse Männc die En und( scheid: it zu dern Sich ° ın den leute rden oden aden. teile den den rtrag auf r als Wei: e, ist Aber sind, kucke „das rende ‚ daß eifen. wenn } mit ‚ den |chen olkes; ıs der il wir Rauch nnen, Btsein Die Toga des Schicksals. 309 gewisser Weise wieder einseitig.“ Es scheint, daß eine solche Ge- ‘fahr nirgends so groß ist wie in Deutschland, weil nirgends die Moralität der Aufrichtigkeit so gering und daher die Voraussegung zur Verkleidung, zur Scheinheiligkeit so leicht ist. So wie ein Be- trunkener oft sich selbst für den einzigen Nüchternen ausgibt und alle Welt ringsum der Trunkenheit zeiht, oder wie ein Ver- rückter sich selbst für verstandesklar und alle anderen für wahn- sinnig hält, so ist es in Deutschland jetzt Mode, diktatorisches Ge- lüst als Demokratie zu bezeichnen und diejenigen, die es durch- schauen, mit dem Unterton des Bedauerns für undemokratisch zu erklären. Indessen, die Zeiten sind vorüber, in denen man mit angemaßten und durch nichts als durch Tartüfferie gerechtfertigten Bezeichnungen weiterkam, ebenso wie die Zeiten vorüber sind, in denen man, nach Lessing, mit Erfolg versuchte,„über einen Kohl, den man zum siebenundsiebzigsten Male aufwärmte, eine deutsche Brühe zu gießen“. Die Frage, ob Deutschland wieder einen geachteten Pla& ünter den Nationen finden kann, war nie eine Frage der Politik oder der Wirtschaft, sondern immer der Moral. Das hatten schon die Männer der Weimarer Republik nicht begriffen. Es ist richtig, daß die Entente nach 1918 den Fehler beging, zwischen nationalistischen und demokratischen Deutschen nicht im geringsten zu unter- scheiden; ein ungeheuerlicher Fehler war es sogar, aber diejenigen, die als nationalistische Wölfe im demokratischen Lammfell den lahmen Karren der Weimarer Republik in die Kreuz und die Quere zogen, haben kein Recht zu irgendeinem Vorwurf. Ging es in der Außenpolitik ehrlicher zu als in der Innenpolitik? Die Repräsentanten Deutschlands, die„geschlossen hinter der Re- gierung‘“ standen, argumentierten: das Saint-Germain-Oesterreich kann für sich allein nicht bestehen, und sie taten unter der hohlen Hand das ihre, um es dahinzubringen, daß es nicht für sich allein bestehen könne. Sie veranstalteten Ausstellungen, um zu beweisen, daß Deutschland unter der Last der Reparationen zugrunde gehe, und sie taten alles, um es dahinzubringen, daß es auch ohne Reparationen zugrunde ging. Vermutlich wird die Welt nach weiteren zwanzig Jahren wissen, welch ein verhängnisvoller Feh- ler es war, wenn alle Deutschen jet wiederum mehr oder weniger in einen Topf geworfen wurden. Wie aber könnte es anders sein, wenn wir nicht mit äußerster Strenge dafür sorgen, daß wirklich unterschieden werden kann? Daß Wahrheit Wahrheit und nicht bloß gefälschte Lüge ist? In den hinter uns liegenden Zeiten waren wir froh, wenn wir auf einen Gegner der Herrschenden stießen, die nach ihrer Behauptung„die echteste Demokratie der Welt“ erfunden hatten; wir fragten und forschten nicht lange nach er 2 en ET LTE, EB ar Den FT Re. 60 Die Toga des Schicksals Einzelheiten der Gesinnung. Heute sehen wir diese scheinbar unter- einander verschworene Gruppe in ihre tatsächlichen Bestandteile zerfallen; wir sehen die Monarchisten, die Bismarckianer, die Deutschnationalen, die Militaristen, die Kirchlichen, die Sozialisten, die Wirtschaftlichen— und wir erinnern uns, daß dieser gelegent- lich sagte:„Hitler begeht nur den einen Fehler, daß er die Kirche angreift“, und jener:„Hitler begeht nur den einen Fehler, daß er gegen die Warenhäuser ist“, und der dritte:„Hitler begeht nur den einen Fehler, daß er Antisemit ist“, und wir erkennen, daß sie Hitler überhaupt nur deshalb haßten, weil er so unterschieds- los hitlerisch handelte. Der Nationalsozialismus und das Elend, das seine Folge ist, haben die Mehrzahl unseres Volkes zu Egoisten gemacht, die alle bedeutenden sittlichen Kräfte nur noch danach beurteilen, ob sie ihren persönlichen Interessen augenblicklich nüt- lich sind. Nicht nur, daß sie keinen Blick für die darin ruhenden ewigen Wahrheiten haben; in der Verworrenheit ihres Tages- ablaufes fällt es ihnen immer schwerer, in der Geschichte jene klare Linie zu erkennen, die trot aller Abirrungen zum Siege des Rechtes führt. Jedoch Gerechtigkeit wird erst dann ein Lebens- inhalt, wenn man sich davon überzeugt hat, daß das Leben davon abhängt. Recht, Menschenwürde, Gewissensfreiheit sind hohe, über- persönliche Werte nur für denjenigen, der davon durchdrungen ist. Für die anderen sind es Zaubermittel, um eingefrorene Bank- konten aufzutauen. Die Freiheit, die nach Jefferson auch gegen den von unten kommenden Druck zu schügen ist, stellt keine Ware dar, von der nach Erfüllung der Ablieferungspflicht der Rest auf dem freien Markte verkauft werden kann.„In freiem Ent- schluß“, sagt Jefferson,„‚gibt der einzelne so viel von seiner indi- viduellen Freiheit auf, wie zum staatlichen Zusammenleben nötig ist.‘“ Aber dieser freie Entschluß des einzelnen bedingt anderer- seits, daß die Anforderungen des Staates— also auch der Rudi- mente, die heute Staatsstelle vertreten— in engen Grenzen ge- halten werden und seine Beamten eine vorbildliche Auffassung von der Freiheit und den demokratischen Grundlagen haben. = Wenn ihr d kenne gewie Nach! schrei er pr! Uebei daß u Denk zu wi unter: Vierz so pr stuße) in des Der| gewöl tung figur stisch vom( lichst gehol aktio Kraf Geor Den Main Revo Verk tung über Cha zeug Drei nter- Iteile die sten; gent- irche aß er nur ‚ daß ieds- lend, isten nach nüß- nden 'ages- jene e des 'bens- lavon über: ingen Bank- gegen keine Rest Ent- indi- nötig derer" Rudı- m ge g, von i EEE INEENELTEITERTE EISEN TEN GESPRÄCH VON LAND ZU LAND Wenn man die Weltgeschichte als Ganzes überblickt, wird man in ihr den ununterbrochenen Versuch des Menschengeschlechtes er- kennen, das Bewegliche, das in seiner Natur liegt, in eine Gleich- gewichtslage zu bringen. Das aber, was in diesem Sinne für die Nachwelt wirklich denkwürdig ist, wird von den Geschichts- schreibern allzu häufig als Nebenwerk behandelt. Galiani irrte, als er prophezeite, das Zeitalter Ludwigs des Vierzehnten werde in der Ueberlieferung nur insofern eine Rolle spielen, als bemerkt werde, daß unter dem fünfzehnten Ludwig Voltaire davon sprach. Seinem Denken, das darauf gerichtet war, die Menschen nach ihrem Werte zu würdigen und in ihrer Geschichte das Wahre vom Falschen zu unterscheiden, lag eine Vermutung wie die zu fern, Ludwig der Vierzehnte könne ganzen Generationen deutscher Historiker die so primitive und folglich eindrucksvolle Theorie vom„Erbfeind“ stügen. Die Daten, die offizielle Bedeutung erlangen, sind eben in den seltensten Fällen diejenigen, die sie zu erlangen verdienten. Der Pfälzische Erbfolgekrieg bietet den minderen Geistern, die gewöhnlich führend sind, ein dankbareres Thema als die Einfüh- rung der Handelsbilanz durch die Merkantilisten, und die Schauer- figur Melacs, der Heidelberg niederbrannte, hat auf der chauvini- stischen Marionettenbühne imposantere Reize als der Staatsmann vom Genie Colberts. Kein Geschichtsschreiber, auch der weltbürger- lichste nicht, hat einen Tag wie den 29. September 1788 je hervor- gehoben, und doch wiegt er alle Poltertage der Haupt- und Staats- aktionen an innerer Wirksamkeit, an latenter Magie und zentralen Kraftströmen auf. Es war der Tag, an dem der bei Danzig geborene Georg Forster, nachdem er, kaum vierunddreikigjährig, einen gro- ßen Teil der Welt gesehen hatte, kurfürstlicher Bibliothekar in Mainz wurde. Der erste Deutsche, der nicht nur die Französische Revolution richtig einschägte, sondern auch die schicksalhafte Verkettung mit dem Prozeß des Fortschritts sah, die in der Hal- tung der deutschen Fürsten zum Ausdruck kam; der einzige Deutsche überhaupt, der einen klaren Kopf behielt und sich weder vom Champagner der Phrasen berauschen noch sein Urteil durch be- zeugte oder erdichtete Greuel erschüttern ließ. Drei Jahre nach dem Sturm auf die Bastille bewohnte das Schloß des Kurfürsten von Mainz der französische General Custine. Wie- der einmal hatte der Kampf um den Rhein begonnen, diesmal aber unter anderen Auspizien, denn während in Koblenz noch die emigrierte Aristokratie Klein-Versailles spielte, hatte ein anderes Frankreich moralische Eroberungen gemacht, und im Prachtsaal des 62 Gespräch von Land zu Land Mainzer Schlosses versammelte sich der deutsche Republikaner- klub, dem Forster angehörte. Wie immer man die legten Konse- quenzen bewertet, zu denen er sich fortreißen ließ, Tatsache bleibt, daß dies die erste bewußt politische Bewegung in Deutsch- land war, die über das Aufbegehren von Individuen hinausging; und wie man auch im einzelnen den Einzug der französischen Armee betrachten will, es war der erste Westwind der Freiheit, der ihr voranwehte. Die Berichte darüber gleichen aufs Haar ‚den Berichten, die jet noch ganz frisch sind. Bei Nacht floh der Kur- fürst, nicht ohne vorher die Wappen von seinem Wagen abkraten zu lassen; der panische Schrecken des Adels war über allen Begriff —„vier Tage lang hat das Flüchten gewährt, und fünfzehn Meilen in die Runde hat sich’s verbreitet, alle vorteilhaften Nachrichten von der österreichisch-preußischen Armee sind bis auf die lette Silbe erlogen“. Einer der Mainzer Kurfürsten hatte im fünfzehnten Jahrhundert einen mächtigen Stein mit den Worten vor das Gerichtshaus gesegt: „Ich lege euch da einen Butterweck hin; wenn ihn die Sonne zer- schmilzt, so sollt ihr eure Rechte und Freiheiten wiederhaben.“ Am 3. November 1792 geschah dieses Wunder in einem symbo- lischen Akt, an dem die Bevölkerung teilnahm. Die Sonne aber, die ihre Kraft an dem Stein der Unfreiheit zu messen begann, war, anders als die himmlische, im Westen aufgegangen. Die Rhein- länder haben das später nicht vergessen, als Frankreichs Generale, ebenso starr in politicis wie elastisch im Felde, alles taten, es sie vergessen zu machen. Sie konnten auch nicht vergessen, daß die- jenigen, die den Rest der freiheitlichen Hoffnungen begruben, aus dem Osten zu ihnen kamen. Heute, hundertfünfzig Jahre nach alledem, spürt man die tiefe Tragik in der Feststellung eines damaligen Beobachters: ,„‚Die Preußen scheinen übrigens am Rhein nicht beliebt zu sein und manchmal zu vergessen, daß sie nicht in den Marken von Westfalen und Pommern, sondern unter Leuten leben, die in der Schule der Revolution und unter Franzosen großgezogen sind.“ Dieser Beobachter, Carl Julius Weber, war den Franzosen keineswegs freundlich gesinnt, weder ihrer Nation im allgemeinen noch ihrer Politik im besonderen. Jacques Bainville, der 1915, als die Schüßengräben des ersten Weltkrieges achtzig Kilometer vor Paris verliefen, seine Geschichte Frankreichs als eine Geschichte nicht eines Volkes, sondern zweier Völker schrieb, zählte zwanzig kriegerische Zusammen- stöße zwischen Deutschen und Franzosen in genau siebenhundert Jahren, von Bouvines, wo Philipp der Zweite mit Otto dem Vierten fertig wurde, bis zur Marne, wo Frankreich sich entscheidend be- hauptete. Seitdem ist ein weiterer hinzugekommen. Der Geist Bain- villes der 5) Ausbı Auße) gegen dens Und| harte, sich 5 wohe) einan besse lässig anspr apodi Must Hut jeder Bs is dies hestiı wahr liches {Aner- Konse. tsache utsch. Seing; ischen eiheit, t/den Kur- Taen egriff Teilen ichten legte indert esett: e zer- ben.“ ymbo- aber, ann, Rhein- ıerale, es sie ß die- n, aus nach eines Rhein icht in ‚euten 1zosen , war \ation ersten chiehte ‚ndern mmen- undert 'jerten nd be- - Gespräch von Land zu Land 63 villes soll hier wahrhaftig nicht beschworen werden, denn ein Geist, der sich auf die Anschauung gründet, diese Kriege seien nur die Ausbrüche einer dauernden Rivalität gewesen, ist kein guter Geist. Außerdem ist er gegen sein eigenes Land ebenso ungerecht wie gegen das Nachbarland. Aber, sagt Joubert,„‚eine Idee des Frie- dens wie des Verstandes verbindet sich mit der des Studiums“. Und das Studium auf diesem Gebiete zeigt, wie aus zwei benach- barten Völkern ein Teil, und zwar der beste, hüben wie drüben, sich ständig im Kampfe mit dem anderen Teil aufreiben mußte, wobei die Protagonisten dieses anderen Teiles, obwohl unter- einander schärfste Gegner, sich doch unablässig zum Schaden des besseren Teiles die Bälle zuspielten. Dabei wurde nichts vernach- lässigt— außer der Realität. Der Machtpolitik geht der Macht- anspruch, dem Machtanspruch der Machtspruch voraus— die apodiktische Verallgemeinerung von Charakterzügen nach dem Muster jenes Reisenden, der, als ihm in Avignon der Wind den Hut vom Kopfe nahm, in sein Tagebuch notierte:„Avignon ist zu jeder Jahreszeit heftigen Stürmen ausgesett.“ Es ist nun einmal Menschenlos, daß, wenn wir geboren werden, dies nicht nur an einem bestimmten Orte, sondern auch in einer bestimmten Zeit geschieht; wenn wir diese simple Erscheinung wahrnehmen wollten, wären die Voraussegungen für ein fried- liches Zusammenleben zwischen den Völkern besser, und wir wür- den vielleicht aufhören, dies und jenes, was in Wahrheit bloß menschlich ist, für französisch, britisch, russisch oder deutsch zu halten. Statt dessen verfolgt uns dieser verblendende Zustand von der Wiege bis zum Grabe. Wenn wir einen herrlichen Baum sehen, gilt unser erster Gedanke allem Möglichen, dem ästhetischen Bild, der Fülle der Zweige, der Symmetrie des Wipfels, den Vögeln, die darin nisten, singen und Nahrung suchen— nur der Wurzel, die das Ganze bewirkt, ihr gilt kein oder höchstens ein letter, flüch- tiger Gedanke. Aehnlich ist es mit den Ereignissen, auf die wir hinstarren, statt uns mit den Ursachen zu befassen. Wie viele Federn haben sich in den legten hundert Jahren bemüht, den sagenumwobenen Rhein auch noch mit einer mythischen Gloriole zu zieren— von Arndts„Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze“ bis zur„verbindenden Völkerstraße“ der Bertram und Paquet; und niemand, niemand hat gemerkt, daß all solchen Spekulationen längst das Wasser abgegraben war durch Georg For- sters Wort von 1792:„Der Rhein bleibt französische Grenze, oder Deutschland wird so frei, wie alles schon jenseits(westlich) “ Dieses.„‚.oder‘“ in des Rheines es unaufhaltsam geworden ist diesem Sat ist der einzige Bliz der Klarheit, der aus all der Ver- worrenheit, dem Pathos, aus aller Romantik und allem Nationalis- ; pw, a 2 EN ra 64 Gespräch von Land zu Land mus hervorleuchtet. Er flammte auf und versank in Nacht. Dieses eine einzige Mal ist der„Kampf um den Rhein“ sowohl der macht- politisch getrübten Atmosphäre entrissen wie all der Unbegreiflich- keit entkleidet worden, die er für Menschen haben muß, die der These von der Machtpolitik als beherrschendem Motiv ungläubig gegenüberstehen. Dieses eine, einzige und unbeachtete Mal wurde der historische Sinn entdeckt. Weil seine Stimme ungehört ver- hallte, wurde Georg Forster der erste Separatist und als solcher geächtet. Die Versuche mancher braven Deutschen, seine Haltung aus innerer Zerrissenheit und häuslichem Leid zu erklären, um einen unbestreitbar bedeutenden Geist noch für die deutsche Nation zu retten— so, wie die Inquisition die Hexen aus Besorgt- heit um ihr Seelenheil verbrannte—, diese Versuche sind bezeich- nend allein für die Neigung unseres Volkes, vor bitteren Erkennt- nissen zurückzuschrecken und den Fluch des Wahnsinns für erträg- licher zu erachten als das Geständnis der Wahrheit. Als zu einem Zeitpunkt, da Napoleons Stern schon im Niedergang war, einem seiner Generale im Feldzug am Rhein ein Fuß amputiert werden mußte, entstand in Paris das Bonmot: Frank- reich habe also doch einen Fuß am Rhein. Sowenig wie der Urheber dieses vom Esprit diktierten Scherzes an etwas anderes als eben den Esprit gedacht haben dürfte, sowenig haben wir Deutschen zu unserem Nachteil begriffen, daß aus einem solchen Witwort der Ernst einer geistigen Situation erhellen könne. Seit- dem haben die Rheinlande noch zweimal französische Besagung er- lebt. Falls eine Okkupation weise gehandhabt wird, kann sie ein Mittel dazu sein, daß Völker sich mischen, zumindest daß sie sich kennen und achten und schägen lernen und Vorurteile nicht länger die erste Stufe des Urteils bilden. Rene Mayer, Generalkommissar für die Angelegenheiten der französischen Besagungszone, hat die Gelegenheit einer Anwesenheit in Berlin ergriffen, um seine Auf- gabe zu erklären. Er hat zunächst auf eine zwangsläufige Gemein- samkeit verwiesen: die von Hitler beiderseits des Rheines hinter- lassenen Ruinen. Er hat ausgesprochen, daß Deutschland sich selbst bekehren müsse, und die Bedeutung der moralischen Rehabili- tierung über die der materiellen Reparationen gestellt. Er hat die historische Verwandtschaft der beiden Völker berührt, hat die unsagbare Trauer, die Enttäuschung und Fassungslosigkeit über die Entartung eines in den Blütezeiten seiner Kultur bewunderten Deutschlands ausgedrückt; er hat sich für seine Arbeit zu zwei Versen aus Goethes„‚Tasso‘“ bekannt: frei sein im Denken, im Handeln schränkt die Welt genug uns ein. Was haben wir dem gegenüberzustellen? Einer der erstaunlichsten Säte, die je ein Deutscher erdacht hat, kommt in der Rede vor, die der Philosoph Karl€ im J ulı ein Ent zustand und W des Mo go pro! samel. größere vorbeh: gpekuli schauur festigt, Kürzlie harsten katoris hen:„ antwor Schon Intelle Sie ve lieferte listen ist es Geiste: aber n) stigen rinnen gewese brutal und d sich ıı drei ı ist, d Vierte) könnd ehens sie di „tept Rlite in je Unte Dieses Macht. Piflich- ie der läubig wurde t ver- olcher altung h, um utsche Psorgt- Pzeich- kennt- Prträg- krgang h Fuß Frank- ie der nderes nm Wir olchen . Seit- ing er- ‚ie ein je sich länger missar at die > Auf- mein- ıinter- selbst habili- at die ıt die er die Jerten | wel n, ım - dem je ein osoph III TERERTIKT ET Gespräch von Land zu Land 65 Karl Christian Planck in der Turnhalle des Klosters Blaubeuren im Juli 1870 gehalten hat: ein Gefühl gehe durch die Völker, daß ein Ende werden müsse„für immer des ewigen Haders und Kriegs- zustandes; unmöglich ist es, daß all der Gewinn geistiger Bildung und Wissenschaft immer wieder verkehrt werde für die Zwecke des Mordes und der Zerstörung“. Erstaunlich deshalb, weil Worte so profunden sittlichen Wertes von einer Beschuldigung„‚gewalt- samer Eigensucht“ gegen das Nachbarvolk gefolgt sind und..die größere und dauerndere Wahrheit“, der„Weltberuf‘“, Deutschland vorbehalten wird. Aeußerungen dieser eines Hegel würdigen, spekulativ-idealistischen Art haben auf der Gegenseite die An- schauung vom„antieuropäischen Fanatismus‘ der Deutschen be- festigt, die in ihrer Ausschließlichkeit genau so irreführend ist. Kürzlich hat ein französischer Schriftsteller, den eine der wunder- barsten, aber auch gefährlichsten Mitgiften seines Volkes, die advo- katorische Schärfe der Logik. auszeichnet, das folgende geschrie- ben:„Ich bin der Meinung, daß die deutsche Elite genau so ver- antwortlich ist wie die Massen, die nicht auf sie hören wollten. Schon seit dem fünfzehnten Jahrhundert haben die deutschen Intellektuellen sich nicht mehr mit ihrem Volke solidarisch gefühlt. Sie verachteten die realen gesellschaftlichen Gegebenheiten und lieferten diesen wichtigen Bereich des Lebens kulturlosen Spezia- listen aus.“ Darüber mag man im einzelnen streiten, im Grunde ist es wahr, daß die„so große politische Naivität“ die deutsche Geisteselite zu politischem Handeln unfähig gemacht hat. Man kann aber nicht, wie Albert Beguin, in einem Atemzug sagen, die Gei- stigen seien in Deutschland-den Massen, denen sie hätten ent- rinnen wollen,„‚durch einen paradoxalen Gegenschlag‘““ ausgeliefert gewesen, sie seien zur Unterwerfung und zur feigen Billigung 'brutalster Akte bereit, wenn man sie zwinge, Stellung zu nehmen, und das deutsche Volk sei immer nur dann einig, wenn die Einigung sich im Namen schlimmster Kollektivbegierden vollziehe. Das sind drei ganz verschiedene Dinge, von denen keines für sich falsch ist, die aber nicht miteinander, sondern nur einzeln mit einem vierten oder fünften Faktor in Zusammenhang gebracht werden können: mit der Tatsache, daß die geistige Elite mindestens ebensosehr von gewissen Volksinstinkten abgestoßen wurde, wie sie diese abstieß; daß infolgedessen die ehrgeizigen Höfe und ihre „republikanischen“ Nachfolger es leicht hatten, mit dem Geist der Elite zu paradieren, den sie doch verkannten, verabscheuten und in jeder Weise mißbrauchten; daß die deutsche Nation als einzige unter den größeren des Abendlandes im neunzehnten Jahrhundert vor die Aufgabe gestellt war, ihre politische Mündigkeit in einem Augenblick zu erklären, da fast alle Kräfte durch die Elementar- 5 ki Y j 4 # u ar Wr 66 Gespräch von Land zu Land probleme der Technisierung und Industrialisierung beansprucht wurden; und daß schließlich die Auflösung des Verhältnisses zwi- schen dem europäischen Kulturerbe und.den geistigen Zeitgenossen durch viel allgemeinere Entwicklungen veranlaßt ist als durch solche, die durch eine speziell deutsche Struktur bedingt sind. In Frankreich haben zwar die Intellektuellen niemals so sehr ab- seits vom Volke oder, vorsichtiger ausgedrückt, von seinen Lebens- formen, seinen gesellschaftlichen Einrichtungen und seinem staat- lichen Gefüge gestanden wie bei uns; troßdem ist auch dort zeit- weise die selbständige, politisch lebensfähige Ordnung verloren- gegangen, die wir, wie man uns vorwirft, noch nicht haben schaffen können. Es gibt eine hübsche Anekdote, die unsere beiderseitigen Notwendigkeiten recht gut beleuchtet. Ludwig der Dreizehnte, eifersüchtig auf Richelieu, der ihn überglänzte, trieb an einem Ballabend die einer Majestät angemessene Höflichkeit zu weit, als daß man nicht den Aerger herausgemerkt hätte; er ließ beim Aufbruch dem Kardinal den Vortritt, worauf dieser einem Be- dienten die Fackel abnahm und sagte:„‚Nur auf diese Weise, Sire, ist mir der Vortritt erlaubt!“ So scheint es uns auch; und die Fackel sei die der Gerechtigkeit. Die Freiheit ist ihre Folge, nicht umgekehrt, und Gerechtigkeit ohne Macht ist genau so deprimie- rend wie Macht ohne Gerechtigkeit. Sie ist, wenn man mit einem der großen französischen Geister so sagen darf, das Recht des Schwächeren. Einst fuhren die Reisenden aus allen Ländern der Welt auf präch- tigen Vergnügungsdampfern den Rhein hinauf und hinunter, und die einzigen Ruinen, die sie erblickten, die Burgen auf den Bergen, erinnerten an eine Epoche, die ruiniert zu werden verdiente. Wenige waren sich bewußt, daß ein Strom wie dieser die gesamte Kultur der Menschheit zu erzählen weiß, weil sich ihre Entwicklung an seinen Ufern fast lückenlos abgespielt hat. Und nun waren es Deutsche, die zum ersten Male das Land am Rhein, den sie als den „deutschesten aller Ströme“ angeschwärmt hatten, so gründlich zer- störten, daß vielleicht gerade die vereinigte Kraft zweier Völker ausreichen wird, das Grauen, das darüber lagert, zu tilgen. Es hat wohl so kommen müssen, weil immer etwas kommen muß, was in der Welt ohne Beispiel ist, ehe erreicht werden kann, was Georg Forster so definierte:„An Vollkommenheit, zu der es in mensch- lichen Dingen gebracht werden könnte, glaube ich freilich nicht mehr; allein es gibt doch‘Grade und Stufen des mehr oder weniger Unvollkommenen, und wenn da nur das Bessere errungen wird, so ist alles geleistet, was man von der Menschheit ver- langen kann.“ ‚} IM Kant, Nachba etwas| Aussid wurde, ten die sich ih die z\ Pappel jtis ir Stars) ben st erreid und v Bs ist Deuts ohne man( vom| nicht sprich Brört gezet! es be ware] Zwan gorie Deha wie Gäns nicht weil hoch stan der tem Hitl gese zuck Inne Mi Sprucht e8 Zwi. Nossen durch t sind, ehr ab. vebens. U staat- tt zeit- tloren- chaffen eitigen zehnte, einem eit, als 3 beim m Be- e, Sire, nd die e, nicht primie- einem ‘ht des präch- or, und dergen, ‚diente, resamte icklung aren e$ als den ich zer- Volker Es hat was in Georg mensch- h. nicht r oder ‚rungen it vel- P= DER GEIST VON NÜRNBERG Kant, wird erzählt, mußte seinen Blick auf einem Turm in der Nachbarschaft ruken lassen, wenn er scharf und mit Erfolg über etwas nachdenken wollte. Daher war, als im Laufe der Jahre die Aussicht auf den Turm durch rüstig wachsende Pappeln verdeckt wurde, die Grundlage seiner Philosophie bedroht. Entweder muß- ten die Pappeln fallen, oder der denkende Geist mußte versuchen, sich ihrer an Stelle des Turmes zu bedienen. Kant weigerte sich, die zweite Möglichkeit überhaupt in Betracht zu ziehen. Die 'Pappeln wurden geopfert.„Obstinacy is never so stiff as when it is in a wrong belief“, sagt ein alter englischer Vers. Diese Art Starrsinn, die gefährlichste, weil sie sich auf einen falschen Glau- ben stütt, hat heute in Deutschland einen ziemlich hohen Grad erreicht. Man fordert den Turm der alten Gewohnheiten zurück und verschließt die Augen gegen die Pappeln neuer Erkenntnis. Es ist, was das Wesen betrifft, kein Unterschied, ob man erklärt, Deutschland könne nicht existieren ohne zentralistische Staatsform, ohne riesige Industrie, ohne seine ehemaligen Grenzen, oder ob man die kühnsten Ansprüche an das tägliche Leben stellt und sich vom Schicksal ungerecht behandelt findet, wenn man den Tee noch nicht bekommen hat, den ein Abschnitt der Lebensmittelkarte ver- spricht. Beide Male wird vergessen, daß der Ausgangspunkt jeder Erörterung nicht ein verlorener, sondern ein von Deutschland an- gezettelter Krieg ist.„Der Uebel größtes ist die Schuld“, heißt es bei Schiller. Er lebte in unwirschen Zeiten, aber gegen unsere waren sie paradiesisch. Uns erscheint als der Uebel größtes der Zwang, die Schuldigen zu differenzieren. Es kann über Kate- gorien und Stufen und Grade gestritten werden, doch es kann keine Debatte darüber geben, daß alle Pgs, ob groß oder klein, ebenso wie alle„‚Vgs“(,„Volksgenossen“, mit dem Beigeschmack der Gänsefüßchen) ausnahmslos schuldig sind: alle diejenigen, die zwar nicht der Partei angehörten, aber dem Rattenfänger eifrig folgten, weil es bequem oder vorteilhaft schien; die unentwegt den Arm. hochreckten und.‚Heil Hitler“ sagten, statt den Hut zu einem an- ständigen„Guten Tag‘ zu ziehen; die nicht abwarten konnten, bis der Sammler mit der Büchse vor ihnen stand, und schon von wei- tem die Geldbörse zückten; die ihre Kinder gehorsam in die Hitler-Jugend schickten, lange bevor der Dienst dort ein Zwangs- geseg war; die während des Krieges, ohne mit der Wimper zu zucken, die nationalsozialistischen Gesege und„Kriegsartikel“ innehielten, die Parole„Wir müssen siegen“ herumtrugen, jedes Märchen von den entscheidenden Wunderwaffen oder bevorstehen- Ze 68 Der Geist von Nürnberg den überraschenden Aktionen verbreiteten oder in Gefallenen- anzeigen behaupteten, ihre Angehörigen„für Führer, Volk und Vaterland“ verloren zu haben; die dem Himmlerschen Terror Vorschub leisteten, indem sie unkontrollierbare Gerüchte von Bestrafungen weiterflüsterten und so die allgemeine Angstpsychose verstärkten; die eine Unterscheidung zwischen Partei und„Wehr- macht“ aufrechterhielten, weil sie sich eine Gewissensentlastung davon versprachen, wenn Rundstedt oder Kesselring an Stelle von Hitler und Himmler die Welt unterjochte und versklavte und in Blut badete— sie alle, die kein Fragebogen erfaßt, sie alle sind schuldig. Denn hier handelt es sich nicht um Irrtümer, um Mißverständnisse oder Verblendung, hier handelt es sich um Charakterfehler. „Dieser Sieg ist ein einmaliger“, sagte unter ihrem Beifallsgetöse Herr Adolf Hitler und wußte nicht, was er sprach, denn er be- herrschte das ‚neue Europa“ und nicht die deutsche Sprache. Er wollte sagen, der Sieg sei„einzigartig“; statt dessen gebrauchte er am falschen Orte das Wort„einmalig“ und— behielt recht: während des ganzen Krieges erfocht er„einmalige“ Siege, nämlich Siege, die sich nicht wiederholten und auf der schnurgeraden Straße zur Niederlage lagen. Und was ist nun wirklich„einmalig“? Einmalig ist, daß ein Volk sich von solchen Jämmerlingen führen ließ; einmalig, weil in der Geschichte nur einmal vorkommend, ist es, daß einem Volke auch dann noch nicht die Augen aufgehen, als es den Krieg bis zum letten Winkel im eigenen Lande gehabt hat: einmalig ist es, daß angesichts dieser Mondlandschaft, die aus blühenden Fluren und fleißigen Städten entstanden ist, erhebliche Teile eines„mit Mann und Roß und Wagen“ geschlagenen Volkes zu dem Nürnberger Prozeß nur ein Achselzucken haben:„Nach Stalingrad hätten sie eben aufhören sollen.“ Eine einzige Frage enthüllt ihre Gesinnungslosigkeit: Ihr hättet„sie“ demnach be- halten wollen? Zweifellos hätte es ihnen nichts ausgemacht; nie hat ihnen etwas ausgemacht. Den Krieg zu verlieren, ist in ihren Augen eine Schande; ihn zu beginnen, nicht. Gewiß, eine fernere Zeit wird darüber urteilen, ob es nicht richtiger gewesen wäre, die Teufel ohne Prozeß zu hängen, mit der nüchternen Mitteilung: „Gestern vormittag acht Uhr fünfzehn wurde die Menschheit von ihrer schlimmsten Plage befreit“; eine fernere Zeit wird wissen, ob der Nürnberger Prozeß die Leidenschaften, falls sie, was wir glauben, irgendwo vorhanden und nur zumeist verschüttet sind, geweckt hätte, wenn seine Atmosphäre mehr von Leidenschaft durchbebt als von äußerster Sachlichkeit gekühlt gewesen wäre; eine fernere Zeit wird entscheiden, ob die Menschheit— nicht bloß die deutsche— für die herrliche Strenge des Rechtes nach solchen Jich gen erwarte apokaly ermesse zu früh des Rat fertigt findet, zuzufüs Gemur köpfig: Unglüc Seite ı Frevlei prügel treten eines| tenelle mich] heit ı empfe mit d nichts schlec Es gil ander Reisi solch in Ni führt silber kläge schni schni $chle Dun der hahı ruft kein zuk her; Ilenen. k und Terror e von ychose ‚Wehr- astung le von nd in e alle T, um h um ‚getöse er be- prache, auchte recht: ‚ämlich eraden ralig“? führen nd. ist en, als gehabt lie aus ehliche Volkes „Nach Frage ch be- ht; nie ı ihren ernere Te, die eilung: jt von wissell, ‚as Wir t sind, nschaft wäre; 5 nicht 5 nach FIT | | | a BE Der Geist von Nürnberg 69 solchen die Tiefen aller Instinkte aufwühlenden Jahre empfäng- lich genug war, oder ob sie füglich einen dramatischeren Aktschluß erwarten durfte, übereinstimmend mit der Gewalt der ganzen apokalyptischen Tragödie; und eine fernere Zeit erst wird endlich ermessen, ob das Datum dieses Gerichtes schon zu spät oder noch zu früh war, allzu stark überschattet von dem beweglichen Gewölk des Kampfes um Frieden und Sicherheit. Nichts davon jedoch recht- fertigt die Art von Widerhall, die der Prozeß in unserem Volke findet, das den Anklagepunkten noch einen schwerwiegenden hin- zuzufügen hätte: Diebstahl des deutschen Vaterlandes. Das dreiste Gemurmel der Unwissenheit, der Einsichtslosigkeit, der janus- köpfigen Gebärde, die auf der einen Seite, den Trauerwedel des Unglücks schwingend, Mitleid zu erregen sucht und auf der anderen Seite die theatralische Gekränktheit und den eitlen Zorn eines Frevlers zeigt, der nach mißglücktem Attentat den schuldlos Ge- prügelten spielt und herrisch das Recht fordert, das mit Füßen zu treten er sich zeitlebens angelegen sein ließ— dies erinnert an eines der schlechtesten Worte, die je gefunden wurden, das Fon- tenelles:„Wenn ich die Hand voller Wahrheiten hätte, würde ich mich hüten, sie zu öffnen.“ Schillers Postulat, man solle die Wahr- heit mehr lieben als ein eingeschworenes System, kommt uns empfehlenswerter vor.„Beklagenswerter Mensch“, sagte er,„der mit den- edelsten aller Werkzeuge, mit Wissenschaft und Kunst, nichts Höheres will und ausrichtet als der Tagelöhner mit dem schlechtesten.“ Es gibt Augenblicke, da ein Funke die Welt in Feuer segt. Es gibt andere, da man ein Feuer braucht, um in einem Haufen dürren Reisigs ein paar Funken entstehen zu lassen. Unser Volk ist heute solch ein Haufen, und dies ist ein solcher Augenblick. Der Prozeß in Nürnberg zeitigt Wirkungen, die niemand geahnt hat. Er ver- führt viele Deutsche dazu, sich völlig rein zu fühlen. Die Schächer sitten ja auf der Anklagebank; mit jedem Dokument, das der An- kläger vorlegt, schwindet ein Fleck mehr von der Seele des Durch- schnittsdeutschen, und indem die Galerie von Göring bis Keitel so schwarz wie mit Tinte übergossen erscheint, strahlt der Durch- schnittsdeutsche so blank wie ein romantischer Vollmond über dem Schlosse von Heidelberg. Ja, er ist sogar stolz auf seine schlichte Dummheit, auf diese, ach, so typisch deutsche Reinheit eines Toren, der den Verbrechern von Nürnberg arglos ins Garn ging.„Was haben sie aus uns gemacht! Wenn wir das doch gewußt hätten!“ ruft der Jägerchor der Pgs und Vgs, für den es bis vor kurzem kein größeres Vergnügen gab, als die Völker der Erde zusammen- zuknallen. Unter dieser Maske der Empörung rollen die treu- herzigen Augen voll neuentdeckten, rosig jungen demokratischen ER 2 SS N 70 Der Geist von Nürnberg Gefühls. Aber wenn überhaupt noch etwas zu beweisen bleibt, so beweisen sie dies: daß sie die gelernte Methode des Shakespea- rischen Claudius, das Einträufeln von Gift in die Ohren des Schla- fenden, beherrschen wie eh und je, und daß sie die teutonische Göttermusik genau so gewandt und lustig auf der Hirtenflöte demokratischer Objektivität zu spielen verstehen wie das rührende Trompetensolo, das so leicht, so zart und schmelzend das Gemüt des einfachen Mannes betört, wenn es erst wieder einmal aus der staubigen Ecke eines Vereinslokals zu einem Bierglas herüber- schallen wird. Als mitten in den Januarunruhen 1919 die Nationalversammlung gewählt worden war, die der Republik eine Verfassung geben sollte, hat man nicht nur, weil die Schwaden des Pulverdampfes aus den Kämpfen im Berliner Zeitungsviertel noch düster und gewissen- beklemmend in den Straßen lagen, nicht nur, weil die leicht ent- zündlichen Speicher gefährlichen Grolls in Berlin nichts Gutes ver- hießen, die hügelumkränzte Stille der Ilmresidenz zum Tagungs- ort ausersehen; es war zugleich eine geistespolitische Demon- stration, die Demonstration einer scharfen Antithetik erstens, die in der Beschwörung der Manen Goethes und Herders gegen die Manen der preußischen Friedriche und Friedrich-Wilhelme gipfelte, zweitens aber die Demonstration alles dessen, was in entfesselten Gemütern gärte, deren Herkunft vom Wandervogel bis zum Bor- romäusverein, von Ludwig Uhlands Professorengral und Scheffels Gaudeamuspoesie bis zu Friedrich Naumanns Mitteleuropa reichte. Weimar und Thüringen, das bedeutete ja nicht allein„‚Ilm-Athen“, nicht allein Karl Augusts Musenhof, nicht allein die Stätte klassisch- humanistischer Ueberlieferung. Es bedeutete auch Wartburg- gedanken und Minnesang, es bedeutete Ritterhistorie und die blaue Blume der Romantik, das„Herz Deutschlands“ im geometrischen wie im mystischen Sinne, und es bedeutete nicht zuletzt für die Schlangenklugheit der ewigen Realpolitiker die mittlere Linie, auf der sich Bayern und Preußen begegnen sollten. Jedoch die Ge- schichte, die in dem zeitlichen Parallelogramm der opportunistischen und programmatischen Kräfte die konstanten Komponenten zu erkennen trachtet, findet auch dort, wo scheinbar Traditionen ab- gerissen, Zäsuren vertieft und neue Akzente gesett sind, die Fäden wieder, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verknüpfen. Indem die Männer der Nationalversammlung von 1919 Weimar zustrebten, um sich von Potsdam zu entfernen, näherten sie sich einem dritten Orte, dessen Geist, zu dem der beiden anderen addiert, die in vielem widerspruchsvolle Summe des deutschen Charakters ergibt. | Rekr Aus de „uf Ba die urs hedenk Römer! immer sich, ei yerursa hat, rag rische] der stä der in wöhnist kaiserli Theresı geklärt in jede Beziehr abhold« eines\ einmal worden Karl A Interes Geist y Reich Man s nation heteili hof, dl sprich daß geschrı Schlüs Eikpf imme nicht chend Sprun Ende er wg Worrg | belas bt, so espea- Schla- nische nflöte rende >emüt ıs der rüber- mlung sollte, ıs den vissen- it ent- 25 ver- gungs- emon- ns, die en die pfelte, sselten n Bor- heffels echte, then“, ssisch- tburg- blaue rischen ür die je, auf ie Ge- tischen ten ZU ien ab- Fäden üpfen. Veimar je sich nderen utschen mm m m m gg Der Geist von Nürnberg TE Aus dem mittelalterlichen Städtereichtum Deutschlands, der(wor- auf Hans Delbrück hingewiesen hat) so frappierend ist, wenn man die ursprüngliche Abneigung der Germanen gegen Stadtsiedlungen bedenkt— im Gegensag zu den geborenen Städtebauern, den Römern, deren architektonische Kompositionen sie zerstörten, wo immer sie konnten—, aus dieser Fülle von Namen, deren Glanz sich, eine natürliche Folge der durch die feudale Güterwirtschaft verursachten Ueberproduktion, als Marktherrlichkeit entwickelt hat, ragt protagonistenhaft der Name Nürnberg hervor..Eine histo- rische Linie führt von der alten Zollernburg nach Sanssouci, von der ständischen Zunftordnung zum Potsdamer Paradeschritt, von der intrigengewohnten Handwerkerbetriebsamkeit zu der arg- “wöhnischen Einsamkeit des slawischen Dorfes, vom Schauplat kaiserlicher Reichstage zur Ideenwelt des Gegenspielers Maria Theresias, von den Meistersingern zum Flötenkonzert des auf- geklärten Despoten; aber diese Linie schneidet Weimar nicht, das in jeder Hinsicht abseits und fast außerhalb aller geschichtlichen Beziehungen bleibt, dessen kunstvoll klare, jeder Ueberlieferung abholde Luft mit den spätgotischen, barock-dramatischen Gesichten eines Veit Stoß oder Peter Vischer oder Dürer, von dem Goethe einmal zu Stieler sagte, er wäre ein ganz anderer Künstler ge- worden, wenn er in Italien gelebt hätte, so wenig gemein hat wie Karl Augusts Politik mit der aus merkantilen und scholastischen Interessen gemischten Ratsphilosophie eines Willibald Pirkheimer. Geist von Potsdam, Geist von Weimar, Geist von Nürnberg— das Reich der Deutschen. Darum so unbegreiflich, darum so schwierig. Man sagt, die Nürnberger hätten dem gewalttätigen Theater der nationalsozialistischen„‚Reichsparteitage‘“ genau so innerlich un- beteiligt gegenübergestanden wie dem so untheatralischen Gerichts- hof, der über die Akteure dieser zwölf Teufelsjahre das Urteil spricht. Wir wollen das dahingestellt sein lassen, wir haben gelernt, daß man weder aus Fahnenwäldern, Illuminationen und Heil- geschrei noch aus dem Jammer von Rattenparadiesen gültige Schlüsse ziehen kann; aber nicht grundlos war Nürnberg einer der Eckpfeiler des..‚Mythos des zwanzigsten Jahrhunderts“, und was immer der einfache SA-Mann dachte, der, unter der Last eines nicht bloß weltanschaulich gefüllten Tornisters schwigend und keu- chend, mit Führergesängen auf den von Staub und Durst zer- sprungenen Lippen, den„Gepäckmarsch“ von den entferntesten Enden Deutschlands nach Nürnberg aushielt, er war nicht bloß ein Rekrut der gegen Freiheit und Recht antretenden Hitlerarmee, er war auch ein Erbe des deutschen Mittelalters mit all seiner ver- worrenen Sehnsucht, seinen seelischen Abgründen, seiner dunkel belasteten, wie Gift ins Blut gehenden Trunkenheit. Jene„Bai- EN a Bea TE ZrF TEE ungen EEE ARTE 5 ! Eu 2 Re Der Geist von Nürnberg reuther Agnes“, die nach der Chronik am 23. Januar 1491] Hochzeit hatte und, weil ihr beim Abendtanz auf dem Nürnberger Rathause von raufenden Burschen der Schleier entrissen wurde, ein Brot- messer zog und es dem Nächstbesten durch den Hals stieß, ist zweifellos keine spezifisch deutsche Erscheinung jener Zeit; deutsch aber sind die Ratsherrenordnung und die geheime Majestät der verschwägerten und verschwisterten Gilden, die Verquickung von Handels- und Kulturpolitik, das profunde Mißtrauen zwischen Obrig- keit und Bürgerschaft, der Absolutismus und der Untertanensinn auch innerhalb der Mauern der„‚freien Städte“, deutsch sind die merkwürdig zwiespältige Gesinnung, der Idealismus des Kalküls, die Penetranz der Rechthaberei bei einem eklatanten Mangel an elementarem Gerechtigkeitsgefühl. Was einmal der Geist von Nürnberg und so vieler anderer Zeug- nisse des deutschen Mittelalters war, ist, soweit es im steinernen Bild der Städte Ausdruck gefunden hatte, zum größten Teile ein Ruinenfeld. Die Frage ist, was daraus entsteht. Vorläufig scheint die Klage darüber, daß die deutsche Vergangenheit nicht mehr an ihren Bauwerken abzulesen ist, jedes andere Gefühl zu überwiegen. Aber es liegt ein geschichtlicher Sinn darin, daß derjenige, der das deutsche Mittelalter in seinen schrecklichsten Elementen trium- phieren lassen wollte(und konnte, weil es leicht ist, die guten in die Abfallgrube zu werfen und die zur Verworrenheit neigenden Geister zu verwirren), nun auch sein gründlichster Zerstörer wurde. Entscheidend ist, ob der Geist, der den Saal des Weltgerichtshofes beherrscht, in der deutschen Geschichte der neue Geist von Nürn- berg wird.„L’avenir commence& l’instant‘‘— die Zukunft wird in jedem Augenblick geboren, und die Taten von heute sind unser Schicksal von morgen. Genau wie das Weltgericht in Nürnberg nicht darum tagt, weil es den Siegern möglich ist, über Besiegte zu Ge- richt zu sien, genau so befinden sich die Angeklagten nicht dort, weil sie den Krieg geführt und verloren haben, sondern weil es ihre erklärte Absicht war, den Frieden zu brechen; das Unrecht zum Recht, die Lüge zur Wahrheit, zügellose Gier, Grausamkeit und Verbrechen jeder Art zum Inbegriff der menschlichen Bestim- mung zu machen. Wer da meint, der Gerichtshof von Nürnberg sei Ankläger und Richter in einer Person, der verwechselt eine Formel mit einer Funktion, und wer(vielleicht in der stillen Hoffnung, daß ein solcher Prozeß dann niemals stattfände) behauptei, nur Deutsche sollten über Deutsche zu Gericht sigen, der erkläre zu- erst, was gebessert wäre, wenn man Angeklagte und Richter in einer Person vor sich hätte. Denn ein Todesurteil für Göring ist ja kein Freispruch des deutschen Volkes, und je kleiner unter uns TEE MAN Een: die: wir Bevı den tritt schr: trag gege wert Mör geta fort heiß fassı spät matı nis. bin geri Schr Her Pfli Ges wiss Uni gan Stä Krd wa lochzeit athause N Brot. ieR, ist deutsch tät der ng von 1 Obrig- nensinn ind die alküls, ngel an Zeug- inernen eile ein scheint nehr an wiegen, der das trium- uten in igenden wurde. ıtshofes ı Nürn- wird in d unser rg nicht zu Ge- ht dort, weil e$ Unrecht samkeit Bestim- berg sel Formel ffnung, tet, nur läre zu- chter in ring ist ter UNS Der Geist von Nürnberg 73 die Zahl ist, die es so auffaßt, desto größere Hoffnungen dürfen wir auf die Ausbreitung des neuen Geistes von Nürnberg segen. Bevor über einer Szene, die in ihrer erschütternden Wirkung nur den„Eumeniden“ des Aischylos vergleichbar ist, der Vorhang fällt, tritt die junge Mutter, Kind noch selbst, schwerhörig und be- schränkt das ganze Stück hindurch, in plötßlicher Klarheit und tragischer Entschlossenheit vor den Polizisten, der das Verhör gegen den Vater und Mörder ihres Kindes beginnen will:„Ich werde die Wahrheit sagen; befragt auch mich!“ Und Nikita, der Mörder, erwidert:„Da ist nichts zu fragen. Ich habe alles allein getan. Es war mein Gedanke, und es war meine Tat. Führt mich fort— ich werde nichts mehr sagen.“ Das Drama, das so schließt, heißt„Die Macht der Finsternis“. Es erschien 1887, und sein Ver- fasser war der Graf Leo Tolstoj. Als er dreiundzwanzig Jahre später starb, fand man in seinem Nachlaß ein unvollendetes dra- matisches Werk mit dem Titel:„Das Licht leuchtet in der Finster- nis.“ Als legte Worte der Hauptperson waren vorgemerkt:„Ich bin fortwährend im Zweifel, ob ich recht gehandelt habe; aus- gerichtet habe ich nichts, im Gegenteil.... Ich bin ein Beispiel der Schwäche....“ Der russische Dichter erinnert, wie einer seiner Herausgeber sagt,„mit größter Kraft und Eindringlichkeit an die Pflichten, die jeder gegen seine Nächsten hat, Pflichten, die kein Geset befiehlt und keine Verordnung, sondern nur das eigene Ge- wissen“. Wie während der Jahre, da Hitlers Heere, schon dem Untergang geweiht, Rußlands fruchtbare Erde auszehrten, in der ganzen freien Welt Tolstojs Roman„.Krieg und Frieden“ seherische Stärkung war, so rücken jetzt Worte aus seinen Dramen in den Kreis nachdenklicher Betrachtung.„Es war mein Gedanke, und es war meine Tat; führt mich fort— ich werde nichts mehr sagen.“ Trifft es nicht die, durch deren Schuld die Welt an allen vier Enden angezündet wurde? ‚„.Ich bin fortwährend im Zweifel, ob ich recht gehandelt habe“—; ist es nicht eine gewaltige Mahnung für die ordnenden Mächte, Frieden und Sicherheit zu schaffen auf dieser verheerten Erde, ein Ruf'aus der Tiefe des Geistes, sich nicht mit Versicherungen und Saungen zufrieden zu geben, sondern unab- lässig jede Anstrengung zu verdoppeln, damit kein Tolstojsches „Beispiel der Schwäche“ daraus werde? Die Trompeten von Jericho warfen Mauern um; Mauern aufzurichten, fürchten wir, bedarf es stärkerer Mittel als akustischer Effekte, und wenn es richtig ist, daß ein Wunder aus der Kraft des Glaubens geschieht, so ist es ebenso richtig, daß die Kraft des Glaubens nicht aus dem Schein, nur aus der. Treue zur Wahrhaftigkeit genährt werden kann. Das Licht leuchtet in der Finsternis; aber die Stelle des Johannis- Evangeliums, der Tolstoj den Titel für sein Stück entlehnte, fährt En;77 nen 74 Der Geist von Nürnberg fort:„Und die Finsternis hat sich das Licht nicht zu eigen gemacht.“ Vor kurzem erreichte uns der Brief eines Mannes, der an seinen Landsleuten verzweifelt. Er hat nicht recht, weil er vieles von dem, was Zeiterscheinungen sind, als Grunderscheinungen bewertet; jedoch die Zeiterscheinungen charakterisiert er richtig. Die echten Nationalsozialisten, meint er, freuen sich jett, weil es uns allen schlecht geht; sie streuen alarmierende Gerüchte aus— mit der Erklärung: das habt ihr davon, daß ihr den Führer nicht unter- stütt habt. Die unechten Nationalsozialisten— so bezeichnet der Briefschreiber die sogenannten„Gepreßten‘— ärgern sich, daß sie nicht echter waren, weil sie dann, heute ohnehin kaum von den anderen geschieden, wenigstens früher mehr Vorteile gehabt hät- ten. Die Neo-Nationalsozialisten endlich sind die Durchschnitts- mischung, die ständig vor sich hinmurmelt:„Unter Hitler haben wir doch mehr zu essen und zu heizen gehabt“ oder:„Nun werden wir ja sehen, was die anderen machen.“ Die„anderen“ sind die Leute, die heute, wie ihre Vorgänger 1918, das Odium einer fluch- würdigen Erbschaft auf sich nehmen. Man beurteilt sie wie Po- litiker, die frei schalten und walten können und unter keinerlei Zwang der Verhältnisse stehen. Dadurch kommt, so lesen wir in dem erwähnten Briefe,- alles Demokratische, Republikanische und Humanitäre in Mißkredit. ,.Ist es wahr, fragen die Leute, daß unsere Demokratie immer mit Elend und Unfreiheit verbunden ist? Daß das ein vernichtendes Urteil über unser Volk selber ist, merken sie nicht.“ Der Brief ist damit nicht zu Ende. Er befaßt sich auch mit der Gegenseite:„Wenn Brüning mit der Streichung der Reparationen oder mit einer Kolonie von einer Verhandlung zurückgekommen wäre, wäre die NSDAP noch heute eine Gesell- schaft komischer Originale, die nicht größeren Schaden stifteten als Herr Buccard in Frankreich oder Herr Mosley in England. So aber wurden die Reparationen unter dem Vor-Nationalsozia- listen Papen gestrichen; das Saargebiet, die Militarisierung des Rheinlandes, die ‚Wehrhoheit‘, Oesterreich, die Sudeten, Memel, dazu eine durch Aufrüstung erzielte wirtschaftliche Scheinblüte— all das wurde als Hitlers Erfolg gebucht, bis der kleine Mann sich sagte: so also muß man es machen, das sind die richtigen Methoden. Heute wird das ganze Volk gleichmäßig bestraft, und diese Gleich- mäßigkeit wirkt wieder verhängnisvoll auf den Geisteszustand des Volkes.“ Einen Ausweg gebe es nicht, behauptet der erbitterte Realist, und der Hauptgrund bleibe die politische Unfähigkeit der Deutschen. Hier scheint nicht viel zu widerlegen zu sein, denn das Vorgebrachte sind Fakten. Aber Fakten bieten immer bloß halbe Wahrheiten, solange sie nur aufgezählt und nicht eingeordnet werden. Die Tische sind leer, die Räume kalt, die Herzen einsam, viele 6 gezählt Gedan] was W sehen Gänse sprach werdeı denn€ schriel Pelzm junges Parıs, nahme Hande minist er fan verpr‘ Sizilie und F und ı was 2 etwas Haup kleidı die F an al längs vor d Wen: Voll müss die] Befel kahl! Ders des Was träuı für{ zu fi der, Ung Gra, Der Geist von Nürnberg 75 viele Gattinnen, Mütter und Töchter in Trauer, alle in Sorge. Un- gezählte mögen, den müden Kopf in kraftlose Arme gestütt, ihre Gedanken mit dem ominösen ‚„‚Es war einmal‘ beginnen. Ja,— was war einmal? Es war einmal ein deutscher Zollpolizist im be- segten Dänemark, der schickte Kisten voll Speck, Butter, Eier, Gänse nach Hause, die er„beschlagnahmt“ hatte, und seine Frau sprach ungeniert aus, was sie dachte: wenn der Krieg zu Ende ist, werden wir es nicht mehr so gut haben, weder ich noch mein Mann, denn er wird arbeiten müssen. Es war einmal eine junge Frau, die schrieb ihrem Mann nach Brüssel: Kannst du mir nicht Schuhe, Pelzmäntel, Stoffe, Ohrringe„organisieren“? Es war einmal ein junges Mädchen, das meldete sich als Luftwaffenhelferin nach Paris, um wie eine Göttin in Frankreich zu leben— und Göttinnen nahmen es bekanntlich mit nichts sehr genau. Es war einmal ein Handelsvertreter, der zog mit einem Auftrage des Wirtschafts- ministeriums zum„Stabe Ost‘ und raffte zusammen, was immer er fand. Es war einmal ein Sonderkommando in Griechenland, das verpraßte das Mark des unglücklichen Landes, zog weiter nach Sizilien, nach Tunis, nach Holland, nach Norwegen und Finnland und Polen und wieder zurück nach Ungarn, Rumänien, Bulgarien, und wohin es auch kam, ob Freund oder Feind, es holte heraus, was zu holen war, und sie sagten daheim und draußen, alle, für die etwas abfiel:„„Meinetwegen kann der Krieg noch lange dauern, Hauptsache, wir verlieren ihn nicht.“ Denkt ihr an die Seiden- kleider, die Russenstiefel, die Ringe, Uhren und Ledertaschen, an die Flaschen und Schüsseln, aus aller Herren Ländern gestohlen, an all das„Organisierte“, womit ihr im Kriege euere aus eigenem längst nicht mehr zu füllenden Tische verschönt habt, ohne euch vor dem Geruch von Blut und Raub zu ekeln, der daran haftete? Wenn ihr daran denkt, kommt es darauf an, wie ihr daran denkt. Voll Betrübnis, gewiß; doch ist es der Schmerz des Verzichten- müssens, oder ist es der Schmerz der Reue und Scham? Wir tragen die Folgen nicht nur davon, daß die deutsche Armee auf Hitlers Befehl ein Land nach dem anderen wie ein Heuschreckenschwarm kahlfraß und auf ihren Rückzügen fremde Erde in bestialischer Zerstörungswut vernichtete, sondern auch davon, daß die Mehrheit des Volkes zu Hause keine Bedenken mehr trug, sich anzueignen, was anderen gehörte, und allein darauf sann, sich nach dem er- träumten Siege in und an fremden Ländern zu bereichern, um für den Rest der Tage ein Wohlleben auf Kosten elender Sklaven zu führen. Und darum, einzig darum, sind dies Monate, über denen der Schatten von Millionen Gräbern hängt; Monate, an denen die Ungewißheit über unzählige Leben nagt; Monate, die mit dem Gram um die fernen Kriegsgefangenen, um die Vermißten und die Der Geist von Nürnberg Flüchtlinge auf den endlosen Straßen so belastet sind, daß man mit Rousseau sagen möchte:„Von da an hörte ich auf, mich eines reinen Glückes zu erfreuen.““ Aber so wahr es ist, daß die Sonne über Bösen und Guten aufgehen und der Regen auf Gerechte und Ungerechte herabströmen muß, oder daß,„moderner“ gesprochen, ein Pilot nicht erst feststellen konnte, ob seine Bombe einen Pg, einen Vg oder einen Anti treffen werde, so wahr ist es auch, daß man Sokrates nicht nach Xanthippe und Dion nicht nach Calippus beurteilen kann, welche Gemeinschaft auch sonst zwischen ihnen geherrscht haben mag. Nach Ansicht des Bischofs von Chichester haben Deutschland und Europa nur die Wahl zwischen Nihilismus und Christentum:„Den Deutschen muß man den Mut und die Hoffnung geben, die aus einer wirklichen liberalen und demo- kratischen Politik resultieren.“ Es ist ein Trost, für den wir empfänglich und dankbar sind. Er kann uns indessen nicht die Auf- gabe abnehmen, aus eigenem Geist und eigener Gesinnung die Voraussegungen für eine wirklich liberale und demokratische Politik zu erschaffen. Staat, Religion, Kultur nennt Jakob Burck- hardt„‚die drei Potenzen“. Wir haben keine mehr davon. Nie- mand kann sie uns bescheren. Als Simplieius, der jugendliche Held des ersten großen deutschen Romans, von der Hanauer Tor- wache aufgegriffen worden war, führte man ihn zum Verhör vor den Gouverneur. Deine Rede sei ja und nein, gebietet die Bibel, doch Simplicius war ein einfaches Kind des Volkes und trug als solches ahnungslos die Weisheit in sich, daß das Leben selten ein- fach genug ist, um eine vollkommene Aussage mit ja oder nein zu gestatten. Der Gouverneur forschte nach, woher Simplieius komme, wohin er wolle, was seine Beschäftigung und wo seine Heimat sei; und jedesmal erwiderte Simplicius, er wisse es nicht. „Weil aber jedermann das Böse zu argwöhnen pflegt, zumal der Feind in der Nähe war“, befahl der Gouverneur, ihn zu durch- suchen. Ein Tagebuch aus Birkenrinden wurde gefunden, in dem der Brief eines Anachoreten verwahrt war. Wer es ihm gegeben habe? Niemand; er habe es selbst gefertigt und immer besessen. Warum aus Birkenrinde? Weil andere nicht dazu tauge. Weshalb er nicht auf Papier geschrieben habe? Weil im Walde kein Papier gewesen sei. In welchem Walde? Er wisse es nicht. Also entweder ein Erzschelm oder ein Narr, schloß der Gouverneur und ließ ihn fesseln. Nehmen wir an, der Schluß sei richtig gewesen: so waren es die Verhältnisse, die aus Simplieius den Erzschelm oder den Narren gemacht hatten. In unserem düsteren zwanzigsten Jahrhundert ist Nürnberg darum ein Lichtblick, darum eine Oase wirklichen Fortschritts inmitten der makabren Einöde einer vom technischen Wahn beherrschten Pseudo so dod Jeytlich Nürnbe wird d Jiegt I Erlösw eine ge Glaube trügen Hüten schen- fung| ledigui hösen jerten in deı breche werde von( hindeı muß ten d Nürn so se Geist die a Hand Mens Um ständ Ansi nicht gegel Situ: neue er k Wal nich Dich Vin Aesı ganı Die man eines Sonne e und chen, 2 Pg, 1, daß lippus ihnen hester Ismus d die demo- n wir - g die tische urck- ‚ Nie- dliche - )r vor Bibel, ig als n ein- nein )lieiüs seine nicht. al der durch- ı dem geben essen. oshalb Papier weder f ihn waren r den darum mitten schten TIRTTIE IEETEREETT IST Der Geist von Nürnberg 77 Pseudozivilisation, weil dort, wenn auch nicht die Verhältnisse, so doch wenigstens endlich einmal ihre Urheber gefaßt sind, die legtlich Verantwortlichen, die unmittelbaren Teufel. Aber auch Nürnberg ist nur ein Anfang, und erst was folgt oder nicht folgt, wird der Nachwelt ein Urteil erlauben. Nicht weit von Nürnberg liegt Bayreuth. Mit seinem Festspielhügel ist Richard Wagners Erlösungsmythos verbunden. Hüten wir uns, Nürnberg nun auch in eine geistige Nähe dazu geraten zu lassen. Hüten wir uns vor dem Glauben, daß die Verbrecher in Nürnberg Deutschlands Sünde trügen und, falls sie gehängt werden, unsere Schuld gesühnt sei. Hüten wir uns aber auch in einem größeren Bezirk vor dem fal- schen Lossprechungsglauben, vor dem Irrglauben, daß die Bestra- fung der Rechtsbrecher die Stabilisierung des Rechtes, die Er- ledigung der Inkarnation des Bösen schon die Ueberwältigung des bösen Prinzips bedeute. Geben wir uns nicht mit einem statu- ierten Exempel zufrieden, denn die abschreckende Wirkung pflegt in der realen Welt nicht lange vorzuhalten, und jeder neue Ver- brecher geht davon aus, daß er nicht, wie der vorige, erwischt werden wird. Wäre es anders, so hätte eine weit geringere Zahl von Galgen und Schafotten, als die Welt bisher gesehen hat, ver- hindert, daß die Rechtsbrecher noch Nachfolger finden. Nürnberg muß verewigt, muß in Permanenz erklärt werden. Nach dem let- ten dieser Prozesse darf der internationale Gerichtshof zwar von Nürnberg aufbrechen, aber er darf Nürnberg nicht verlassen: nicht so sehr Prozedur oder Organisation wie der Geist. Jener große Geist, der unverbrüchliche Begriffe zeugt. Jene große Gesinnung, die an unverbrüchlichen Begriffen nicht deuteln läßt. Jene großen Handlungen, die Schwierigkeiten beseitigen und das Glück der Menschheit fördern. Um aber zu Grimmelshausens Simplicius zurückzukehren, dessen ständige Entgegnung„‚Ich weiß es nicht“ war, so sind wir anderer Ansicht als der ihn verhörende Gouverneur. Wir meinen, er hätte nicht besser die Wahrheit sagen können, als es auf seine, zu- gegebenermaßen verdächtige, Art geschah. Es traf unbedingt seine Situation, die die Situation Deutschlands war und es immer von neuem ist. Simplicius wußte es wirklich nicht. Der Wald, aus dem er kam, stand so voller Bäume, und das Land, dessen Teil der Wald war, widerhallte von einem so chaotischen Wirrsal, daß er nichts mehr zu unterscheiden vermochte. Ihn deuchte, wie sein Dichter sagt, alle Bäume seien nur ein Baum,„und auf dessen Wipfel säße der Kriegsgott Mars und bedeckte mit des Baumes "Aesten ganz Europa; wie ich dafür hielt, so hätte dieser Baum die ganze Welt überschatten können“. Zeit: der Dreißigjährige Krieg. Die nationalsozialistische Propaganda hat mit dem Begriffe des PR wuesl BEER ET j 78 Der Geist von Nürnberg Dreißigjährigen Krieges gearbeitet, um die Periode seit 1914 zu charakterisieren. Sie hat es in dem betrügerischen Willen getan, Hitler ein Alibi vor dem Forum der Weltgeschichte zu sichern, gleichwie sie später, um Deutschlands Zerstörung zu rechtfertigen, die Erinnerung an den Siebenjährigen Krieg, natürlich unter völlig verschobenen Perspektiven, heraufbeschwor— sie, die doch sonst von Analogien in der Geschichte nichts hielt und stets behauptete, 1918 werde sich nicht wiederholen. Nun, es stimmt, 1918 hat sich nicht wiederholt. 1918 war ein seraphisches Paradies gegen die danteske Verdammnis von heute, gegen dieses„friedelose Tier“ von Welt, voll von ,„‚der Verzweiflung Schrei der schmerz- gebrochenen Geister, die alle nach dem zweiten Tod begehren“. So hat auch die Reminiszenz des Dreißigjährigen Krieges ihre Berech- tigung unter historischen Voraussegungen, die den Nationalsozia- listen freilich so fremd waren wie einem Reptil der unendlich hin- gespannte Aether. Seit eigentlich mehr als dreißig Jahren handelt es sich bei allen Auseinandersegungen um die Rheingrenze— bitte, denkt nicht an patriotische Banalitäten; wir haben nichts Macht- politisches, nichts Nationalstaatliches, wir haben Geistespolitik im Sinn, es ist die Rede von der Rheingrenze der Demokratie, und das ist die Frage, ob jenes untadelige demokratische Wesen, das mehr als hundert Jahre schon in den Ländern westlich des Rheins als menschlicher und nationaler Charakter, als Lebensform stabi- lisiert ist, endlich auch östlich des Rheins durchdringen kann oder nicht. Genau wie der Krieg von 1618 bis 1648 samt seinen Ergeb- nissen die Folge, nicht die Ursache der beklagenswerten deutschen Zustände war und den Zerfall des alten„Deutschen Reiches“, seit langem bereits im Gange, bloß zu einem grauenhaften Aus- druck brachte, genau so ist das Fortleben erstarrter Formen ohne einen echten, aufrichtigen Lebensinhalt, mit einem Worte: die Pauschalfiktion, die Signatur des Deutschtums in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts. 14 zu setan, chern, "tigen, völlig sonst Iptete, at sich en die Tier“ ımerz- n“, So jerech- Isozia- ch hin- andelt - bitte, Macht- tik im e, und n, das Rheins - n oder Ergeb- ıtschen iches“, n Aus- n ohne 2 die Hälfte FURCHT VOR DEM FRIEDEN Jener Holländer, von dem in einer alten Chronik zu lesen steht, er habe auf seinem Wirtshausschild einen Friedhof mit der Um- schrift„Zum ewigen Frieden“ malen lassen, muß entweder ein makabrer Zyniker oder ein Geschichtsphilosoph ersten Ranges gewesen sein. Man weiß so viele Beispiele glänzend gewonnener Kriege; wenn man aber einen gewonnenen Frieden benennen soll, gerät man in die Verlegenheit des Odysseus, der zwischen dem Felsen der Szylla und dem Strudel Charybdis zu steuern hatte und glücklich sein mußte, daß er dabei nur sechs seiner Gefährten verlor. Es gibt Totenköpfe, die zu lachen scheinen, und nicht nur der erdichtete Hamlet, sondern auch der höchst wirkliche Montesquieu stand vor einem solchen Schädel in tiefer Betrachtung. Befragt, worüber der Tote wohl lache, bemerkte der Philosoph: „Ueber die Lebendigen, scheint mir.“ An die Toten des Krieges sollte jeder einzelne denken, der sich um den Frieden bemüht. Was in den vergangenen Jahren geopfert werden mußte, ist so ungeheuer, daß die Menschheit mit Recht nach einem Lohn dafür Ausschau hält. Wäre sie ein kompaktes Ganzes, so wäre sie sich darin einig, daß dieser Lohn nur der Frie- den sein kann. Da sie sich aber aus vielerlei Völkern zusammen- setzt, sind dort, wo„Frieden“ gesagt wird, häufig„‚Früchte des Sieges“ gemeint. Daß sie ebenso bitter schmecken werden wie die Früchte der Niederlage, wenn auf den totalen Krieg nicht ein eben- so totaler Frieden folgt, wissen im Grunde alle. Aber auch der ver- antwortungsvollste Staatsmann, der überzeugteste Fürsprecher der menschlichen Grundrechte kann die zuweilen unterirdischen Ge- walten des Allzumenschlichen nicht von heute auf morgen bannen; und der Frieden der Welt müßte eigentlich von heute auf morgen da sein, wenn er die Wunden, die der Krieg geschlagen hat, heilen soll, bevor ein Schwarm von Bakterien Gelegenheit hat, sie mit Brand zu infizieren. Den lieb’ ich, der Unmögliches begehrt, ist ein schönes Dichterwort aus der Sphäre, in der eng beieinander die Gedanken wohnen; an Konferenztischen, wo hart im Raume sich die Sachen stoßen, herrscht die Prosa der Tatsachen, in deren Sprache übersegt das Begehren des Unmöglichen einen ganz prak- tischen Sinn hat— nämlich den, mit Maximalforderungen zu schrecken, damit Minimalkonzessionen schon als Erleichterung empfunden werden. Als Will Lawther, der Vorsigende der britischen Bergarbeiter- gewerkschaften, Hamburger Arbeiterführer besuchte, sagte er: „Demokratie kann nicht aufgezwungen werden, sie muß in den # a u Er era Zn EEE TG erg vu 80 Furcht vor dem Frieden Herzen und Seelen der Menschen wachsen.“ Ein Gleiches gilt vom Frieden. Man kann ihn nicht schließen, ohne ihn ernstlich zu wol- len, und man kann ihn nicht wollen, ohne selber friedlich und ver- söhnlich zu sein. Herr Hitler war das Gegenbeispiel. Er wollte den Frieden halten, den auch der Wolf hält, wenn man ihm ein Lamm nach dem anderen willfährig zum Fraße überläßt. Die Unter- werfung Chamberlains und Daladiers in München war der Höhe- punkt einer Politik, die mit gleichbleibender Primitivität die große Friedenssehnsucht der Völker zu Erpressungen ausnutte. Wo das Bedürfnis nach Ruhe, sei es aus dem Drange des Herzens, sei es aus Ohnmacht, alles überwog, hat es ein professioneller Unruhe- stifter in der Geschichte immer leicht gehabt. Als Friedrich Wilhelm II. von Preußen den Krieg mit Holland vom Zaun brach, wußte er genau, daß dem König von Frankreich durch innere Schwierigkeiten die Hände so stark gebunden waren, daß ihn, wie schon vorher bei der ersten Teilung Polens, alle Sympathien für die Ueberfallenen nicht beweglicher machten, als es jene vierzig Greise waren, die beim Einzug des Brennus in das verlassene Rom wie Bildsäulen auf dem Markte saßen. Bekanntlich schlug einer der vierzig, als er am Barte gezupft wurde, dem Eindringling ins Gesicht— eine leere Demonstration, die allen das Leben kostete. Der Triumph über den Nationalsozialismus verlöre an Wert, wenn er nur als Triumph, nicht auch als Verpflichtung, nur als die Niederwerfung der Bestie, nicht auch als Abkehr von allen ihren Eigentümlichkeiten aufgefaßt würde. Die Gefährlichkeit des Dia- bolischen liegt gerade in seiner Primitivität, in der stereotypen Wiederkehr des Gleichen, die den zivilisierten Menschen entwaff- net, weil er, im Grunde viel weniger skeptisch als gläubig, viel mehr zu Vertrauen als zu Mißtrauen neigend, an differenziertere Seelen- und Geistesvorgänge gewöhnt ist. Wir sprechen von überraschenden Ereignissen, aber es gibt keine überraschenden Ereignisse, ausgenommen Naturkatastrophen. Jede Phase der Geschichte ist unlösbar mit der vorhergehenden ver- knüpft, und nur eine Politik, die das nicht als retrospektive Mar- ginalie, sondern als aktiven Faktor für die Zukunft würdigt, wird fruchtbar, segensreich, hoffnungsvoll sein. Die Schwierigkeiten der Gegenwart beruhen ja nicht allein auf der Versuchung, einzelne Etappen isoliert zu betrachten. Ein Krieg ist Schlimmeres als das, was uns als Schlimmstes erscheint, Entfesselung barbarischer In- stinkte. Indem die gesammelte Willenskraft darauf gerichtet wird, in möglichst kurzer Frist zu vernichten, was in unendlich langer sich gebildet hat, und indem aller Fleiß, alle Werke, alle Erfin- dungsgabe nur diesem einen Willen dienstbar gemacht werden, erfolgt eine Störung jeder göttlichen und menschlichen Ordnung, re überb Fried: Niem: nicht| als di auch| le we den,€ selbst darüb der F zur D Unter Jichste mit il sie Sit Bösen Sache geltur die eı staats Der ı Beoba Funk keine die V nis dh dern seine soll Wir] Unter) wenn steht hefin) Wen gewill den die daß keit, eine 6run dure vom | wol- | ver- e den ‚amm Inter. Höhe- große 0 das sel es ıruhe- drich brach, nnere ihn, athien jerzig - Rom einer ng ins )stete. wenn Is die ihren ; Dia- typen twaff- 5, viel ‚ertere keine . Jede n ver“ 3 Mar- , wird en der inzelne Is das, 1er In- t wird, langer Erfin- verden; dnung: TmMOneRS Furcht vor dem Frieden 8l überhaupt des gesamten Kosmos, die sich nicht einfach durch Friedensverhandlungen und Ablegung der Waffen beseitigen läßt. Niemand vermag morgen so zu leben, als sei das, was gestern war, nicht gewesen; und doch hat die Menschheit seit 1918 nichts anderes als diesen Widersinn zu tun versucht, und doch scheint sie sich auch jetzt wieder in diesem Wahn zu gefallen. Je komplizierter, je weltumspannender, je technisch„vollendeter“ die Kriege wer- den, desto beklemmender wird die Frage, ob ihre Wirkung jemals, selbst in den fernsten Zeiten, aufzuheben ist. Erst wenn man sich darüber klar wird, begreift man, was es bedeutet, daß nicht mehr der Friede an und für sich, sondern die Erhaltung des Friedens zur Debatte steht. Unter dem Zwang der Kriegsgesege nehmen die Völker die entseg- lichsten Opfer auf sich— ständig in der bangen Ungewißheit, ob mit ihnen der Sieg errungen wird. Durch den Sieg allein machen sie sich indessen heute weniger denn je bezahlt. Der Sieg des Bösen pflegt die Herrschaft des Bösen zu sein; der Sieg einer guten Sache jedoch ist noch lange nicht die Herrschaft des Guten. Ver- geltung und der Wunsch nach Rache sind natürliche Empfindungen, die einzig die Zeit unterdrücken kann; keine Verordnung, kein staatsmännisches Prinzip wird ihrer Herr ohne die Hilfe der Zeit. Der zweitfolgende Gedanke ist Bürgschaft, ist Sicherheit. Die Beobachtung, daß in zweitausend Jahren keine Bürgschaft je ihre Funktion erfüllt hat, macht die Ueberlegung nicht überflüssig, ob keine besseren Sicherheiten zu finden sind. Die Natur dem Geseg, die Vernunft dem Gefühl, das Gewissen dem Vorteil, die Erkennt- nis dem Irrtum entgegenzuseten, ist keine vorübergehende, son- dern eine dauernde Aufgabe. Die Furcht vor dem Kriege vermag seinen Ausbruch, wie die Erfahrung lehrt, nicht zu verhindern; soll die Furcht vor dem Frieden nun den Frieden verhindern? Wir haben, nach München, erlebt, daß die Furcht vor dem Kriege unter Umständen diesen nur schrecklicher macht; dann nämlich, wenn einer, ein Angreifer, der sie nicht hat, gegen alle anderen steht, die sie haben und sich infolgedessen in einer Zwangslage befinden, die den unverschämtesten Forderungen zustatten kommt. Wenn es heute in der Welt auch nur eine einzige Nation gäbe, die gewillt wäre, ähnlich zu verfahren, so bliebe nur der Spruch übrig, den Dante über den Eingang zur Hölle gesegt hat. Eine Nation, die den Problemen der Zukunft so berechnend gegenüberstände, daß sie die gewaltige Friedenssehnsucht, die Friedensnotwendig- keit, die bare Unmöglichkeit, einen neuen Krieg zu riskieren, als eine neue Zwangslage bewillkommnete, in der sie nach den Grundsägen einer Jetzt-oder-nie-Politik Forderung um Forderung durchzusegen wüßte— eine solche Nation wäre auch für sich selbst 6 Furcht vor dem Frieden nicht gut beraten, weil sie sich gegen die historische Wahrheit ver- schlösse, wonach zulett der selber Schiffbruch leidet, der die per- manente Idee des Friedens Schiffbruch leiden läßt. Es war der Außenminister eines kleinen Landes, der auf einer Tagung der UN äußerte, der Frieden verlange Opfer wie der Krieg. Eine kleine Nation ohne Ehrgeiz hat es leicht, so zu sprechen, mag man ein- wenden; immerhin hat diese kleine norwegische Nation im Kriege Opfer ohne Zahl gebracht. Darin, daß der Frieden in Wirklichkeit viel höhere Opfer verlangt als der Krieg, daß aber das unentrinn- bare Gebot der Stunde, die Mars regiert, dabei entfällt, liegt die eine Gefahr. Die zweite, vielleicht noch größere, liegt in einer Art von Torschlußpanik. Mancher möchte, bevor die Scheuertür end- gültig geschlossen wird, noch eine möglichst große Ernte ein- bringen, möchte sich den verblüffendsten Nugen sichern,. bevor ein System geschaffen ist, in dem keine Eroberungen außer moralischen mehr erlaubt sind. Diese Furcht vor dem Frieden ist ein Mangel an Selbstvertrauen, der mit einem rein animalischen Instinkt der Selbsterhaltung zusammenhängt. Sospetto licenziosa fede, sagt der Italiener. Verdacht ist ein liederlicher Glaube und folglich eine schlechte Basis für den Frieden, dem Ueberfluß an Argwohn gleich schädlich ist wie Ueberfluß an Vertrauensseligkeit. Bisher hat die Weltgeschichte noch keine Friedensschlüsse gekannt, die neben den Grenzen auf der Landkarte wichtigere Grenzen auf dem Gebiete der Moral und des Geistes gezogen hätten. Ein Ver- such dazu, der erste, wurde 1918 unternommen; er blieb stecken in der Proklamation. Diesmal ist der Schritt dahin zwar kräftiger, zielbewußter, aber keineswegs weniger bedroht. Alle Daten histo- rischer Friedensschlüsse haben bisher nichts weiter bezeichnet als das Ende eines Krieges. 1918 war das erste Jahr, in dem das Ende der Kriege wenigstens ins Auge gefaßt wurde, und in dieser Be- deutung, die wir noch kaum zu würdigen wissen, werden es, das vielgeschmähte, die Geschichtsschreiber des einundzwanzigsten Jahrhunderts sehen. Skeptiker meinen, es bestehe nicht mehr Wahrscheinlichkeit dafür, daß ein neues Problem auf den zweiten Anhieb gelöst werde, als beim ersten Anhieb bestanden habe. Sie vergessen aber die Peitsche dahinter. Die Peitsche ist das Bewußt- sein, daß von nun an jeder Krieg ein Weltkrieg und jeder Welt- krieg eine Etappe zum Weltende sein wird. Was noch zu fehlen scheint, ist die Einsicht, daß bei jedem Friedensschluß die passive Rolle des Besiegten stärker in die Waagschale fällt als die aktive des Siegers. Diejenigen unter uns, die jetzt unentwegt auf die Alliierten blicken, begehen einen verhängnisvollen Fehler. Das deutsche Volk muß allein auf sich selber blicken. Könnten wir behaupten, es sei schon ein I seinel ment‘ Gehö) haupt Deut: Demo könnt Aussl Euro schwe Es is den k zimie beson Frau nur€ Anna uns ı unser eit ver. lie per- var der der UN kleine ıan ein- Kriege lichkeit ntrinn- iegt die ner Art ür end- te ein- vor ein alischen Mangel nkt der agt der ich eine n gleich ‚ekannt, zen auf in Ver- cken in -äftiger, n histo- hnet als as Ende ‚ser Be- es, das nzigsten jt mehr zweiten abe. Sie Bewußt- ‚r Welt- 1 fehlen passive e aktive hlicken, ‚Ik muß ei schon ee em Furcht vor dem Frieden 83 ein neues Deutschland vorhanden, so wären wir berechtigt, in seinem Namen zu den Alliierten zu sprechen und für gewisse Mo- mente um Aufmerksamkeit im Interesse der Welt, nicht etwa um Gehör in dem ünseren, zu bitten. Wir können es aber nicht be- haupten, denn es ist nicht so. Wenn frühere Revolutionäre jet als Deutschnationale und ehemalige Schaukelpolitiker als überzeugte Demokraten wiederkehren, hat sich noch nicht viel geändert. Wir können der Welt also nur ehrliche Fortsegung unserer Arbeit in Aussicht stellen. Genau wie der Hochdruck, der sich da und dort in Europa zeigt, ist auch die Depression, die das deutsche Volk so schwer überwindet, nichts anderes als Furcht vor dem Frieden. Es ist die Furcht vor dem Unwiderruflichen. Man hat Angst vor den künftigen Landesgrenzen; Angst vor der wirtschaftlichen De- zimierung; Angst vor dem Leben überhaupt. Jedweder hegt seine besonderen Befürchtungen, die Unternehmer und die Arbeiter, die Frauen und die Männer, die Jugend und das Alter. Da tatsächlich nur die Wahl zwischen zwei Wegen und diese Wahl zwischen der Annahme einer neuen Situation und dem Sturz in den Abgrund uns nach freiem Ermessen gelassen ist, starrt ein großer Teil unseres Volkes auf das Phantom eines dritten, rein spekulativen Weges. Fünfundzwanzig Jahre ließ man geschehen, was nicht hätte geschehen müssen. Heute möchte man ändern, was zu ändern nicht mehr in unserer Macht steht. Nur noch ein einziges Kriterium ist gültig: der Friede der Welt. Wie er herbeigeführt wird, ist gleich, wenn er nur so herbeigeführt wird, daß er etwas Edleres ist als Furcht vor der Atombombe. Streiks, Inflation, Nationalistenputsche bezeichneten in Deutsch- land die ersten fünf Jahre nach dem Kriege 1914/18. Mangel an Kohle, an Transportmitteln, an Nahrung und Wohnungen zerstörte ebenso wie der Mangel an entschiedener Politik und kühnen Kon- zeptionen die Grundlagen einer Demokratie, um deren Verfassung in der Nationalversammlung genau so viele lange Monate zäh und pedantisch gerungen wurde wie in Paris unter den„Großen Vier“ um die Friedensform Europas. Nicht einen, sondern fünf dunkle Winter hat Deutschland nach dem Novemberwaffenstillstand von Compiegne durchlitten, und als nach dem Zusammenbruch des passiven Widerstandes gegen die Ruhrbesetung, nach der Mark- stabilisierung und dem großen englischen Bergarbeiterstreik von 1926 endlich eine, wenn auch nur bengalische, Sonne zu leuchten schien, war das Schicksal der Demokratie bereits besiegelt. Es ließe sich an tausendundeiner Einzelheit nachweisen, daß, ab- gesehen von den Ruinen, unter den Erscheinungen der heutigen Tage keine ist, die nicht ihren Vergleichswert in der Zeit nach 1918 hätte. Aber der Lebende hat recht, sagt man, und gewöhnlich Furcht vor dem Frieden 84 ist es das Recht, die eigenen Sorgen für ohne Beispiel in der Welt- geschichte zu halten. Am 1. Mai 1916 trafen sich auf dem Potsdamer Pla zu Berlin zum ersten Male in aller Oeffentlichkeit Demonstranten für den Frieden: am 9. Mai kamen die Vorgänge im Reichstag zur Sprache. Die Sozialdemokratie rückte offiziell davon ab; Karl Liebknecht, ein Führer der Demonstranten, wurde bei aller Anerkennung der Reinheit seiner Idee des Mangels an Beherrschtheit und Uebersicht über die Tragweite seiner Tätigkeit geziehen. Drei Jahre darauf, am 2.Mai 1919, endete die Münchener Räterepublik mit dem Totschlag von Gustav Landauer, der vielleicht der umfassendste Geist und menschlichste Mensch war, den die sozialistische Be- wegung seit Lassalle hervorgebracht hat. Karl Liebknecht lebte um diese Zeit schon nicht mehr; ihn hatte eine ähnliche Kohorte ge- mordet wie die, die Landauer erschlug, nach vier weiteren. Tagen schlimmster Exzesse einundzwanzig Mitglieder des katholischen Gesellenvereins in München als„Spartakisten“ niedermegelte und, was die Hauptsache war, die Leichen beraubte— dies alles im Namen des superlativistischen„echtesten Deutschlands“, dessen „repräsentativste‘“ Vertreter dann am 7. Mai 1924 als„National- sozialistische Freiheitspartei“ zum ersten Male in den Reichstag gewählt wurden. Am 12. Mai 1919, während im Prozeß gegen die Mörder Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs die Richter sich gerade anschickten, das auf Stubenarrest oder durch die Unter- suchungshaft verbüßte Gefängnisstrafe lautende Urteil auszufer- tigen und die„Befreier“ des angeklagten Oberleutnants Vogel schon alles für seine Flucht vorbereiteten, manifestierten Reichs- regierung und Nationalversammlung gegen den eben überreichten Friedensvertrag..„‚Welche Hand müßte nicht verdorren, die sich und uns in diese Fessel legt?“ rief Scheidemann aus, und nieman- dem kam der Gedanke, wie wertlos in sich selber jeder derartige Protest war, wenn als moralischer Hintergrund das geschilderte Prozeßbild entrollt wurde.„Der Mensch besteht in der Wahrheit“, sagte der Freiherr von Hardenberg— nicht der Staatsmann, son- dern der unter dem Namen Novalis bekannte Dichter(und ein romantischer dazu); er sagte:„Gibt er die Wahrheit preis, so gibt er sich selbst preis; wer die Wahrheit verrät, verrät sich selbst.“ Am 2. Mai 1919 kündigte Hindenburg wegen der Art des bevor- stehenden Friedensschlusses seinen Rücktritt an— statt daß man ihn sofort nach dem Waffenstillstand, den er selbst hätte unter- zeichnen müssen, entlassen hätte;' am 11. Mai 1925 zog er als Reichs- präsident in die Hauptstadt ein, am 12. wurde er durch den Reichs- tagspräsidenten Loebe vereidigt(wobei nur die Kommunisten den Saal verließen), und in seinen ersten Kundgebungen betonte er das are Intere fandeı 199 Rhein geschl 5, Ma Ser,( darau zeugb Reich Nagd sonst verja, Sit als€ auf u zehn! schur in B eines Erze wodı solin men! t Welt. Berlin ür den prache. knecht, ing der bersicht darauf, it dem sendste che Be- :bte um orte ge- 1. Tagen olischen Ite und, alles im dessen Vational- ‚eichstag gen die iter sich - uszufer- 5 Vogel Reichs- ‚reichten die sich nieman- Jerartige childerte ahrheit“, ınn, SON’ (und ein „so gibt selbst.“ 35 bevol- daß man te untel- 15 Reichs- „ Reichs: ‚sten den te er das Furcht vor dem Frieden 85 Interesse an der„Reichswehr“: sechs Jahre deutscher Republik fanden ihren sinn- und wesensgemäßen Höhepunkt. Am 16. Mai 1925 begann mit der Eröffnung der Jahrtausendausstellung der Rheinlande in Köln der Mißbrauch und die gewaltsame Umdeutung geschichtlicher Erinnerungen zu nationalistischen Zwecken. Am 5. Mai 1926 verbannte das Kabinett Luther, vorläufig einmal zur See, die Farben der Republik auf einen Winkel der Flagge; gleich darauf, am 21., fielen die Beschränkungen des deutschen Luftfahr- zeugbaues, am 28. Mai 1929, drei Jahre später, sette sich der Reichskanzler Müller auf dem sozialdemokratischen Parteitag in Magdeburg für die Bewilligung des neuen Panzerkreuzers ein, weil sonst die„Große Koalition“ in die Brüche gehe, am 25. Mai 1932 verjagten die Nationalsozialisten die Kommunisten aus dem Sigungssaal des Preußischen Landtags, fünf Tage später hob Papen als erste Amtshandlung nach Brünings Sturz das Verbot der SA auf und öffnete der NSDAP das Radio. Geendet hatte ein Jahr- zehnt indirekter Täuschung, und ein Jahrzehnt der direkten Täu- schung löste es ab. Am 6. Mai 1927, dem Tage, da die NSDAP in Berlin„verboten“ wurde, begründete Goebbels den„Angriff“, eines der niedrigsten unter den vielen niedrigen nationalistischen Erzeugnissen Deutschlands; elf Jahre darauf, in der gleichen Mai- woche, kehrte Hitler als Triumphator vom Staatsbesuch bei Mus- solini zurück; nach sieben weiteren, von Blut und Lüge und schäu- mendem Schmut; bis an den Rand gefüllten Jahren krachte das „Dritte Reich“ mit dem hohlen Getöse eines Kulissenbrandes aus einer Großen Oper zusammen, und derselbe Oberleutnant Vogel, der Liebknecht ermordet hatte und aus der Proforma-Haft ent- flohen war, lag mit Goebbels und Hitler unter den Totenbergen des Kampfes um Berlin. Das Datum des 19. März 1945 trägt ein Befehl Hitlers an den Generalstab, in dem es heißt:„Alle militärischen, Verkehrs-, Nach- richten-, Industrie- und Versorgungsanlagen sowie Sachwerte inner- halb des Reichsgebietes, die sich der Feind nutzbar machen kann, sind zu zerstören.“ Wenn nicht gerade dieser, so sind doch ähnliche Befehle allen Deutschen bekannt, und ableugnen will es niemand. Ein großer Teil unseres Volkes aber, und das ist erschütternd, stellt sich taub, wenn ihm gesagt wird, daß eben darin die Ur- sache der meisten Schwierigkeiten unseres heutigen Lebens liegt. Nicht, daß er es nicht begriffe, oder daß er den Versuch machte, es zu bestreiten; nein, er hat einfach kein Organ dafür, er denkt in völlig anderen Komplexen. Er erwidert:„„Die Russen haben doch dasselbe getan, als sie sich vor den Deutschen in das Innere ihres Landes zurückzogen.“ Damit nimmt er eines der zahlreichen Scheinargumente wieder auf, mit denen es der nationalsozia- 86 Furcht vor dem Frieden listischen Propaganda gelang, unser Volk zum Selbstmord zu trei- ben. Goebbels erklärte, als für Hitlers Wehrmacht die Zeit der „rückläufigen Erfolge‘ anbrach(wie er die Niederlagen zu nennen pflegte): Nehmt euch ein Vorbild an unseren Gegnern; wir brau- chen jegt nur das gleiche zu tun, was unsere Gegner taten, als es ihnen schlecht ging, und wir sind gerettet. Seine Propaganda kehrte sich nicht daran, daß die Voraussegungen ganz andere waren, daß die russischen Heere ein unermeßliches Hinterland, ein un- ermeßliches Kräftereservoir und außerdem Verbündete hatten, deren Potential immer wirksamer, immer entscheidender wurde. Als die Russen die„Taktik der verbrannten Erde“ anwandten, wußten sie, daß mit ihnen das Kommende war; als Hitler sie an- wandte, stand er dem Nichts gegenüber. Zu der Zeit, da er den zitierten Befehl gab, existierte Deutschland weder mehr geogra- phisch noch wirtschaftlich noch moralisch; die englisch-ameri- kanische Luftwaffe, Hauptsiegerin dieses Krieges, hatte unser Land und unsere Menschen buchstäblich zerschlagen und das gesamte Gefüge des öffentlichen Lebens so desorganisiert, daß nur noch ein komplettes Chaos blieb. Es ist, einerlei was man von einem ‘solchen Befehl an sich halten mag, ein gewaltiger Unterschied, ob er in einer aussichtsvollen oder in einer aussichtslosen Lage ge- geben wird, ob er als Ausdruck patriotischer Kraft oder nur als Ausdruck verbrecherischen Irrsinns gelten kann. Aber hier hört bei einem großen Teile unseres Volkes jede Verständigung auf. Zu der allgemeinen Wahnbefangenheit tritt eine Menge von Res- sentiments, Verbitterung über das armselige Leben, das täglich weiter zuschlägt und wenig Hoffnungen für die Zukunft zeigt, wenn man sich nicht einige Mühe darum machen will, daraus ab- geleitet dann ein gewisser Trot, kurzum eine Abwehrstellung gegen alles, was Erkennen heißt und nicht unmittelbar aus der untersten Hölle ins höchste Paradies führt. Einerseits scheint die Zeit mehr als je über uns hinwegzurasen, so daß uns wie dem legendären Mönch von Heisterbach tausend Jahre wie ein Tag sind; andererseits ist sie so vollgepackt mit Stoff, daß ein Tag tausend Jahren gleicht. Man kann nicht von jedermann die Einsicht erwarten, daß das Leben nach der Totalzerstörung dieses Krieges zunächst überhaupt nichts anderes als eine Fiktion sein kann. Das Geld, das wir ein- nehmen und ausgeben, ist kein Geld; wer aber, der von den neuen Steuergesegen betroffen wird, begreift, daß ihr letter, nicht praktischer, sondern geistiger Sinn darin besteht, uns dies zum Bewußtsein zu bringen? Das Brot, das wir essen, ist Mildtätigkeit; die Arbeit, die wir tun, ist Ueberwindung von Trümmern— weil schon die Arbeit all der vergangenen Jahre, wie die der Töchter 2 des Dat anderes hipfe Jünne I denen\ alles, 4 und de Grade will,@ Häuser liches Ind aı einer( würdig nach d den zu unters vorstel des Ki jegt v dafür, wie se runge) von 6 tunge an de Vire 1944, deuts mit d der I Gewi duch Herr 0KY gülti in A mut ı einer and der larst Kur st alten, rurde, ndten, ie an- r den eogra- ameri- Land samte “noch einem ed, ob ge ge- ur als hört auf, ı Res- äglich zeigt, us ab- ellung s der nt die e dem n Tag n Tag 1ß das Irhaupt ir ein- neuen | nicht ; zum jgkeit; weil öchter In EEE ie Furcht vor dem Frieden 87 des Danaos, nur dem Unproduktiven diente und so in der Tat nichts anderes bedeutete, als Wasser in ein durchlöchertes‘Faß zu schöpfen; der Boden, auf dem wir stehen und gehen, ist eine ‚ dünne Eisdecke über einer Flut von Schlamm, und die Menschen, denen wir auf der Straße begegnen, haben kein wirkliches Ziel, ja alles, was sich zwischen ihnen untereinander und zwischen ihnen und der Welt abspielt, ist unwirklich. Es ist in einem solchen Grade unwirklich, daß es uns zuweilen, des Abends, scheinen will, als seien die hellen Lichter in den noch erhaltenen Häusern ein Traum, aus dem uns in jeder Sekunde ein schreck- lihes Erwachen durch eine platgende Bombe bevorstünde. Und aus dieser Unwirklichkeit, aus diesem gewalttätigen Druck einer das Auge trübenden Atmosphäre dringen alle diese merk- würdigen Anschauungen heraus, dadurch. gekennzeichnet, daß sie nach dem ersten Teil, der durchaus nicht falsch ist, abbrechen und den zweiten, selten aus böser Absicht, meist aus Bewußtlosigkeit, unterschlagen. Nur in dem großen Zusammenhang der Wahn- vorstellungen wird es verständlich, daß sogar Leute, die während des Krieges an Klarheit des Urteils wenig zu wünschen übrigließen, jet versagen und nicht wiederzuerkennen sind; ein Beweis mehr dafür, wie selten die Gabe der Unabhängigkeit des Urteils ist, wie selten die Fähigkeit, sich nicht von allzu persönlichen Erfah- rungen, von dem eigenen Erlebnis inmitten wechselnder Situationen, von Gefühlen jeglicher Art, von Enttäuschungen und Lageverände- rungen beeinflussen zu lassen und eine Grundlinie einzuhalten, an der die Begebenheiten meßbar sind. Wir entsinnen uns häufiger Gespräche aus den Jahren 1943 und 1944, in denen die Ansicht geäußert wurde, wenn erst einmal deutsche Ortsnamen in den OKW-Berichten auftauchten, sei es mit der„Durchhaltestimmung“ zu Ende. Wir bezweifelten es mit der Begründung, daß wir gelernt haben müßten, ein wie geringes Gewicht der Stimmungsfaktor in totalitären Staaten habe, die ja durch die Rücksichtslosigkeit in der Wahl ihrer Mittel jederzeit Herren dieser Stimmung seien. Als dann die Zeit kam, da der OKW-Bericht mit derselben Kaltblütigkeit, demselben gleich- gültigen Zynismus, mit denen er Kriegsschaupläge im Kaukasus oder in Aegypten erwähnt hatte, die deutschen Kampforte nannte und mit unverhohlener Dreistigkeit von der„Festung Breslau“ oder in einem verschmitt-schämigen Stil von den.„„Begegnungsgefechten an der Nahe“ sprach, da zeigte sich endlich deutlich, daß die Wucht der Geschehnisse und die fortgesegte Vergewaltigung der elemen- tarsten menschlichen Empfindungen längst alle Faktoren außer Kurs gesegt hatten, die in der Geschichte der Kriege einmal aus- schlaggebend gewesen waren. Eine rollende Lawine macht, aller Be a 7 FE en ARTS we 88 Furcht vor dem Frieden äußeren Hindernisse spottend, eben erst dort halt, wo ihre ver- nichtende Masse in sich selber erstarrt. Was so sehr in den Bezirken der Unmenschlichkeit sich begab, war an kein menschliches, nur an ein mechanisches Maß gebunden; infolgedessen war es höchst gleich- gültig, ob nach den Berichten des OKW in Thüringen oder in der Normandie gekämpft wurde, und wo alles Wahnsinn war, spielte es keine Rolle, ob der Wahnsinn liederliche Verzweiflung oder lächerliche Hoffnung, ob er Berlin oder Paris oder Budapest hieß, ob die Brücken über die Weser oder über den Arno gesprengt, die Soldaten zur Eroberung des Suezkanals oder zur Verteidigung von Aschaffenburg angespornt, bedroht, verelendet, entleibt wur- den. Man fragt uns, mit welchem Recht das deutsche Volk schuldig gesprochen werde, da einen Mann wie den englischen Premier- minister Chamberlain die erste Flugreise eines schon ins Greisen- alter vorgerückten Lebens zu Hitler geführt, der Papst ein Kon- kordat und England ein Flottenabkommen mit dem„Dritten Reich“ geschlossen habe. Historische Fakten, freilich. Aber: entschuldigen sie uns? Der Geschichtsschreiber wird zwar die verhängnisvollen Irrtümer feststellen, die in der Weltpolitik dem„Dritten Reich“ gegenüber begangen wurden; die Fehler der anderen mitverant- wortlich zu machen, dazu sind diese anderen selbst und der un- parteiische Historiker berufen, nicht aber ist es das deutsche Volk, durch dessen Wahn die nationalsozialistische Diktatur ermöglicht wurde. Wir kennen den Einwand: die NSDAP erzielte bei den Wahlen 1933 mitsamt den Deutschnationalen nur etwas über die Hälfte aller abgegebenen Stimmen. Aber auf Prozentziffern kam es zu jenem Zeitpunkt schon gar nicht mehr an. Die Wahl von 1933 war die legte von vielen, die alle nur mit dem Fieberthermometer zu bewerten waren. Im historisch richtenden Sinne sind es sämt- liche Wahlen in der Weimarer Republik, mindestens alle Wahlen seit 1928, aus deren Tendenz die NSDAP ihren totalen Macht- anspruch abzuleiten imstande war. Aber, sagen die Leute auf der Straße, wir dachten 1933: der Reichstag wird nach der Ver- fassung auf vier Jahre gewählt, geben wir also Hitler eine Chance, zu beweisen, was er kann; wenn es nicht geht, kriegt die Regierung eben ein Mißtrauensvotum und muß zurücktreten. Angenommen, dies sei keine nachträglich verfertigte Redensart, so beweist es ge- rade die Anklage, die man widerlegen möchte: nämlich den Mangel an dem allerprimitivsten politischen Denken, der heute wie damals die deutsche Vorstellungwelt bestimmt. Verfassung und Mißtrauens- voten— als hätte keiner der nationalsozialistischen Wanderredner landauf, landab je seine Meinung über den Parlamentarismus verkündet gehabt. „Unt Dah ud. auch Gese! Fine Freil Okkı sind, und Gebr habe krieg ist,| übrit kanı halb sind, uns {R ver. zirken Aur an gleich. in der spielte 8 oder t hie, Prengt, idigung It wur- chuldig Temier- ‚reisen n Kon- Reich“ uldigen isvollen Reich“ [verant- der un- ie Volk, nöglicht bei den ber die ın kam on 1933 nometer 5 samt- Wahlen Macht- ute auf ler Ver- Chance, »gjerung 1ommen,; st es ge Mangel + damals trauens- erreduer tarismus Ex ETIEMT® Bonn Furcht vor dem Frieden 89 „Unter Hitler bekamen wir immer rechtzeitig unsere Rationen.“ Daß es so war, war die Folge der Ausplünderung fremder Länder, und die Folge davon wieder ist unsere jegige Lage.„Wir sind ja auch jetzt nicht frei, oder darf man etwa an den Verordnungen und Gesegen der Besetungsbehörden die verdiente Kritik üben?“ Eine Frage, die Freiheit und Frieden verwechselt. Wir haben die Freiheit, innerhalb der Grenzen, die durch die allein von den Okkupationsmächten garantierte öffentliche Sicherheit geboten sind, zu sprechen und zu handeln, wie wir es für richtig halten; und wir finden, daß von dieser Freiheit noch nicht die Hälfte des Gebrauches gemacht wird, der davon zu machen wäre. Aber wir haben noch keinen Frieden, und deshalb lebt unser Land unter kriegsmäßiger Okkupation; daß sie bedeutend weniger drückend ist, als es die deutsche in den unterjochten Ländern war(und übrigens war Deutschland seit 1933 okkupiert...), darüber kann schließlich kein Zweifel sein. Der legte Grund indessen, wes- halb wir keine volle Freiheit genießen, ist nicht, daß wir besiegt sind, sondern daß wir so lange Zeit hindurch alle Freiheiten bei uns und anderswo haben vernichten lassen. Fragebogen, Registrie- rungen, politische Examinierungen sind keine sehr menschen- würdige Angelegenheit, sondern genau das, was alle großen und. freien Geister der Menschheit seit eh und je bekämpft haben; das weiß niemand besser als diejenigen, die solche Mittel heute an- wenden müssen, wie sie auch wissen, daß sie für Deutsche, die die nämliche Prozedur von der anderen Seite in Hitlers Reich erlebt haben, einen besonders faden Geschmack haben. Auch hier läßt sich nur sagen: 1933 und die Folgen. Wenn dieses Jahrhundert später einmal das zweite Jahrhundert der Inquisition heißen sollte, so fällt die Schuld auf Hitler, an dessen Hinterlassenschaft eben niemand vorbei kann. Und kann man eigentlich nicht gerade dar- an, daß so viele törichte Reden offen geführt werden dürfen, ermessen, wieviel Freiheit, mit den legten zwölf Jahren ver- glichen, vorhanden ist? Vieles ist verständlich, wenn jemand gewohnt war, eine Illusion nach der anderen für sich zu verbrauchen, und nun plöglich die ganze Welt auf einmal vor ihm zusammengestürzt ist. Doch ent- schuldbar ist es allein, wenn aus dem Affektzustand kein Dauer- zustand entsteht. Wenn jemand bis zu einem Punkte argumentiert, wo das berüchtigte„Eines Tages“ beherrschend wird(.‚Eines Tages ist es so weit, daß die Welt Hitler auf den Knien Abbitte leisten und alles sich rächen wird“), dann muß er sich nicht wundern, wenn der änderen Seite nichts übrigbleibt, als ihm die Argumente, die einzig seinen drohenden Revanchegeist bezeugen, unsanft aus der Hand zu schlagen. Wenn jemand verlangt:„Die Alliierten 90 Furcht vor dem Frieden müssen uns helfen, die eigene Kraft reicht nicht aus“ und später, weil sich inzwischen seine Stimmung verschlechtert hat, behauptet: „Die Alliierten ernähren uns ja nur, weil sie Angst vor Unruhen haben“— dann ist das nicht bloß ein Zeugnis für Armut im Geist, sondern auch für jene gefährliche, in Wahnvorstellungen entartete Gedankenspielerei, die in den wechselnden Urteilen über die Okkupationstruppen sich wiederfindet. Einmal heißt es: die Amerikaner sind besser, sie sorgen viel mehr für die Ernährung; ein andermal: bei den Engländern ist es besser, dort wird viel mehr aufgebaut. Einmal hört man: bei den Russen wird alles weg- geholt; ein andermal: bei den Russen gibt es viel mehr Kohle. Diesem scheinbar wankelmütigen Gerede liegt der alte deutsche Wahn zugrunde, die Nationen der Erde seien nur dazu da, um sich von der so verblüffenden deutschen Geschicklichkeit gegeneinander ausspielen zu lassen. In diese Kategorie fallen ferner die Speku- lationen auf den dritten Weltkrieg, den die einen als eine Neu- auflage der Befreiungskriege aus dem vorigen Jahrhundert er- hoffen, die anderen als den schrecklichsten der Schrecken fürchten — nicht weil ihnen das Wort„Krieg“ an sich verhaßt wäre, son- dern weil„Deutschland dann von vornherein das Schlachtfeld sein muß“. In der gleichen Minute, in der solch ein„Vg“ mit Heftig- keit erklärt, das deutsche Volk trage nicht die Schuld, es sei nicht nationalistisch, erklärt er auch:„Eisenhower gehört genau so auf die Anklagebank wie Keitel“ und beweist damit, daß er natio- nalistisch ist, denn Eisenhower hätte ja keinen Krieg geführt, wenn Keitel ihn nicht dazu gezwungen hätte. Er sagt:„Warum werfen sie uns Militarismus vor, haben sie etwa keinen?“ Und er begreift nicht, daß die anderen Nationen, deren Truppen er jegt täglich beobachten kann, zwar Soldaten, aber keine militärische Gesinnung haben. Er sieht die Unterschiede in hundert Einzel- heiten, aber er versteht nicht, was damit zum Ausdruck kommt: daß nämlich die Soldaten der anderen Zivilisten in Uniform sind, Menschen wie vorher, während dem Deutschen beim Eintritt in die Kaserne immerfort eingehämmert wurde, daß er nun„ein anderer Mensch“, nämlich eine Art Schießmaschine, werden müsse. Ob all dieser Wahn die natürliche Nachkriegsperiode überleben wird, hängt davon ab, wie ihm von den neuen Verantwortlichen begegnet wird. Nicht mit Argumenten, nur mit Beispielen kann man ihn treffen. Außerdem soll man ihm keine unnötigen Gelegen- heiten geben. Einer der größten taktischen Fehler der Weimarer Republik war der Flaggenwechsel. Dadurch spielte man der Oppo- sition ein Emblem in die Hand, ein Kampfzeichen, an dem sie einander rasch erkennen und an dem sie alle Dinge bequem demon- strieren konnte. Neuerdings wurde von einem Anschlag auf Ger. denktal lich zufgest Mensch gebrad Kinder Anden] ken- u de com der Un suften jahre( Iäßt sı Enttäu danker währe! zu übe sekäm tunger ten, W hruch gegehr Später, uptet; ruhen Geist, lartete- °T die die hrung; :d viel 5 weg. Kohle, utsche m sich ıander Speku- : Neu- It er- rchten >, SON- d sein Teftig- j nicht so auf natio- führt, Varum Ind er r jett irische Finzel- ommt; ı sind, in die ıderer rleben tlichen kann legen- imarer Oppo- m sie emon- f Ger Furcht vor dem Frieden denktafeln für Opfer des Faschismus berichtet. Vielleicht wäre es nützlich, zu überlegen, ob denn unbedingt Denkmäler und Tafeln aufgestellt werden müssen. Die Granit- und Bronzemanie der Menschheit hat ohnehin nur sehr selten schöne Exemplare hervor- gebracht; und da es nun einmal ratsam ist, aus der Nähe von Kindern Feuerzeug fernzuhalten, wäre es größere Klugheit, dem Andenken der Opfer des Faschismus Werke der Liebe wie Kran- ken- und Erholungshäuser zu widmen.„Et le combat cessa, faute de combattants“, heißt es bei Corneille. Wir möchten übersegen: der Unfug hört auf, wenn nichts da ist, woran man billigen Unfug stiften kann. Der zunehmenden Neigung, dem ersten Nachkriegs- jahre das Prädikat eines Jahres der Enttäuschungen zu verleihen, läßt sich nur mit der Feststellung entgegenwirken, daß diese Enttäuschungen ihren Ursprung durchweg der Selbsttäuschung ver- danken. Es ist ein Fehler, den Charakter der Beziehungen, die sich während eines langen Krieges ergaben, auch auf die Nachkriegszeit zu übertragen. Nur wer annimmt, daß diejenigen, die zusammen _ gekämpft haben, dieselben oder womöglich noch höhere Erwar- tungen, wenn der Kampf zu Ende ist, untereinander hegen dürf- ten, wird sich erstaunt die Augen reiben und von dem Zusammen- bruch der Ideale sprechen. Hat es denn niemals Trennungslinien gegeben? Wenn man es als ein Wunder betrachtet, daß sie im Kriege verwischt wurden, so kann man kein Wunder darin sehen, daß sie sich jetzt wieder hervorkehren. Allzuwenig werden gewisse fundamentale Veränderungen gewürdigt, die zwar, eben weil sie so fundamental, ja geradezu revolutionär sind, augenblickliche Schwie- rigkeiten verschärfen, für die Zukunft aber Garantien bieten, die vordem nicht vorhanden gewesen sind. Eine dieser Veränderungen ist der Wiedereintritt eines national geschlossenen, lange ab- gekapselten Rußlands in das offene Feld der Weltpolitik; eine zweite wird durch die Kardinaltatsache einer neuen, Europa ver- pflichteten und den Traditionen durchaus zuwiderlaufenden ameri- kanischen Außenpolitik bedingt. Beide Wandlungen sind nicht nur Früchte des alliierten Sieges, sondern haben ihre tiefere Quelle in den Lektionen des Krieges. Zum ersten Male sind zwei Großmächte aus entgegengesegten Himmelsstrichen, aber auch entgegengesegten Sphären, überein- gekommen, einen Frieden zu verteidigen, dessen äußere Bedin- gungen erst geschaffen werden müssen. Was wir bei den Beratun- gen darüber als Gegensäglichkeit empfinden, ist ja, gründlicher be- obachtet, nichts als der allseitige Wille, den Charakter des Frie- dens mit der Dauer des Friedens in Einklang zu bringen, das heißt also um einen Frieden zu ringen, der so beschaffen ist, daß man ihn auch tatsächlich mit gutem Gewissen verteidigen kann. Die 92 Furcht vor dem Frieden Charta der UN wäre wahrhaftig nur ein Feten Papier, wenn man sie mit Friedensverträgen belastete, die von vornherein Instru- mente des Krieges wären. Zwei Großmächte, die unter dem Zwang ihrer eigenen Gesete stehen, fühlen sich zugleich unter dem höheren Geset der Verantwortlichkeit für den Frieden. Es ist die Aufgabe der Staatsmänner, die natürliche Zwiespältigkeit zu einer pro- grammatischen Gemeinschaft hinaufzuentwickeln. Die gefährlich anmutenden Einzelerscheinungen erlangen erst dann ihre tödliche Wirkung, der Pessimismus der Selbsttäuschung wird erst dann zu einer alles überschattenden Realität der Enttäuschung, wenn sich irgendwer nicht länger zu der Hauptrichtung der Zusammenarbeit bekennt. Kompromißformeln richten keinen Schaden an, falls sie gleichmäßig geschügt werden; erst wenn die Staatsmänner so verschiedene Sprachen sprechen, daß kein Ueberseter helfen kann, wird die Lage wirklich kritisch. Es gibt keine fertigen Baupläne für die Welt von morgen; wer an den Bauplänen konstruktiv, nicht bloß rhetorisch in Kundgebungen zu Gedenktagen arbeiten will, muß wissen, daß eine gescheiterte Konferenz nur so lange kein unwiderrufliches Unglück ist, wie man sich bewußt bleibt, daß auch kein neuer Krieg irgendeines der Probleme zu lösen vermöchte, die man am Konferenztisch nicht lösen kann. Es genügt für den Friedensgedanken nicht, Ansprüche zu befriedigen, wenn man sie nicht gerecht befriedigt. In diesem Sinne, nicht als Wasser auf die Mühlen der mit einer beinahe selbstmörderischen Wollust Ent- täuschten, möchten wir die Worte auffassen, die Churchill sprach, als er den Ehrenbürgerbrief der schottischen Fabrik- und Univer- sitätsstadt Aberdeen erhielt. Sieger wie Besiegte, Unschuldige wie Schuldige sind in Verwirrung gesunken,„Gnade und Kultur sind aus den Herzen der Menschen gerissen“, ihr Gefühl ist von„‚maß- losen Wunden“ abgestumpft, und über die Zerstörung der christ- lichen Zivilisation ist die Wissenschaft wie ein armierter Panzer hinweggerollt,„aufgepeitscht durch die scharfen Winde“ nicht bloß des Krieges, sondern einer mitten im Fieber der Produktion höchst unproduktiven Lebensauffassung überhaupt. Wenn nun, wie Chur- chill sagte,„‚die psychischen Energien der Menschheit erschöpft“ und„‚die vitalen Quellen der menschlichen Inspiration ausgetrocknet“ sind, so müssen erst recht alle Anstrengungen darauf abzielen, den explosiven Formen der Machtpolitik dadurch die praktischen Aussichten zu nehmen, daß niemand sich mehr irgendwo in der Welt für uninteressiert erklärt und niemand mehr von der Be- teiligung an der Lösung schwebender Konflikte Abstand nimmt, bloß weil er an dem betreffenden Punkte der Landkarte kein unmittelbares Interesse hat. In einer noch nicht sehr zurückliegen- den Zeit hat man Konflikte lokalisieren wollen und ist dabei zu Yeltk Chara kleine (hure uische Kraft zwisd zelnel schen und den 3 (reili in be berec sich, nicht Krısı stoff den euro) tag" Adıt mit ı dariı liege Vorg On man Instru. I Zwang höheren Aufgabe er pro. fährlich tödliche dann zu nn sich enarbeit falls sie iner so n kann, ‚aupläne iv, nicht en will, ge kein laß auch tmöchte, für den man sie auf die ıst. Ent- | sprach, Univer- dige wie tur sind n„maß- r christ- - Panzer icht bloß ‚n höchst je Chur- schöpft” rocknet“ abzielen, ‚ktischen o in der der Be- | nimmt, rte kein kliegen- dahei zu Furcht vor dem Frieden 93 Weltkriegen gelangt; vielleicht wird man, indem man einen lokalen Charakter schon gar nicht mehr anerkennt, auch die Lust an kleinen Bränden, am Spiel mit dem Feuer, ersticken. Churchill bedauert den Haß und die Zwietracht, die durch ideolo- gische Fanatiker gestiftet werden, wo selbst friedlich vereinte Kräfte es schwer hätten, die Katastrophe zu überwinden.„In- zwischen“, so sagt er,„zeigt sich das gewöhnliche Volk jedes ein- zelnen Landes gutherzig und brav und dienstbereit, und die Men- schen werden nur gegeneinander getrieben durch Organisationen und Doktrinen, die ebenso zügellos und unerbittlich sind wie zu den Zeiten der Herrschaft absoluter Kaiser und Könige.“ Hier freilich möchten wir einschränkend bemerken, daß gerade dies doch in beträchtlichem Grade die Folge eines Zustandes ist, der von un- berechtigter Enttäuschtheit genährt wird. Die Menschheit befindet sich, wenn man das Bild einer Krankheit gebrauchen will, noch nicht im Stadium der Rekonvaleszenz. Sie hat— vielleicht— die Krisis überstanden, und der Organismus müht sich, die Krankheits- stoffe erst einmal auszuscheiden. In manchen Ländern, voran in den Vereinigten Staaten von Amerika, wurde der Jahrestag des europäischen Kriegsendes in den Schulen als„Weltfreundschafts- tag“ begangen. Erziehung und Mahnung zur Gemeinsamkeit, Achtung vor der fremden Leistung, Ueberwindung der Unkenntnis, mit der alles Unheil anfängt— und dies an Stelle von Siegesfeiern: darin scheint uns die Pflicht der kommenden Zeit beschlossen zu liegen. Wie der Soldat im Kriege dem Irrtum verfällt, nach den Vorgängen an seinem kleinen Abschnitt, die allein er zu über- blicken fähig ist, die Gesamtlage zu beurteilen, so sehen die meisten Menschen, in deren Vorstellungswelt es zwischen Krieg und Frie- den keinen Graben, geschweige denn einen breiten und tiefen Graben gibt, nur die zahlreichen düsteren und verwirrenden Sym- ptome, die, wie es scheint, einer Normalisierung aller Dinge je län- ger desto unüberwindlicher entgegenstehen. Der Geschichts- forscher, der Zeile um Zeile der alten Urkunden entziffert und überdenkt, zugleich aber, bevor er die vielen Posten zu einer Summe addiert, alles streicht, was für die Quintessenz belanglos ist, hat oft und oft Gelegenheit, sich von der Grausamkeit seines Hand- werks zu überzeugen. Wie sollte es auch anders sein, da sein Stoff, die Geschichte, selber nur Grausamkeit gegen das Leben des ein- zelnen ist? Was für den einzelnen einmal furchtbarer Inhalt seiner trüben Tage war, Tragödie ohne Sinn, Scheußlichkeit ohne Ende, das bläst der Historiker wie ein Stäubchen von seinem Papier, auf dem der Kalender nur noch nach Jahrhunderten zählt. Er allein erkennt die Relativität der Probleme. Er scheidet die Zeitbedingt- heit von der Zwangsläufigkeit, er sondert die nichtigen Ereignisse 94 5 Furcht vor dem Frieden von den wesentlichen, die Begleitumstände von dem Kern der Ent- wicklung. Er verteilt Licht und Schatten gleichmäßig auf Träume, Ideale und Taten und bleibt sich der Grenzen des Erreichbaren be- wußt, ohne die Bedeutung schrankenloser Postulate ganz zu ver- neinen. Indem seine Arbeit von Maß und Ziel beherrscht wird, steht er oft in schroffem Gegensat zu denen, die ihm die Unter- lagen liefern, den Staatsmännern und Feldherren, den Diplomaten, Technikern, Politikern. Damit zugleich hat er die Möglichkeit, mit welch tiefem Pessimismus ihn auch die aufeinanderfolgenden Epochen wieder und wieder erfüllen mögen, die optimistischer stimmenden Züge dieser großen Sphinx"Geschichte, von betören- dem Beiwerk befreit, zu enthüllen und darauf aufmerksam zu machen, daß Versprechungen zwar selten verwirklicht worden sind, Hoffnungen aber auch nicht immer gründlich getrogen haben. Die Friedensschlüsse nach den dynastischen Kriegen vor 1800— und dynastische Interessen dominierten ja sogar in dem aus der Reformation erwachsenen Dreißigjährigen Kriege— hatten mitein- ander gemein, daß die Anteilnahme der Völker weniger durch die jeweiligen territorialen Fragen als vielmehr durch das einfachste menschliche Gefühl, die Sehnsucht nach Ruhe und Frieden, be- stimmt war. So auffallend die Kluft zwischen Kabinetten und Völkern gerade in dieser Hinsicht war, so sind die Gründe dafür doch ausschließlich die einfachere Art des Daseins und die stärkere Abgeschlossenheit bürgerlicher oder bäuerlicher Existenz. Mit Napoleon I. trat das Element der Weltpolitik zum ersten Male der- art kraß in die Geschichte ein, daß sich das Schwergewicht des Interesses an Friedensschlüssen ganz allgemein, auch beim ein- fachen Manne, auf Gebietsumfänge und nationale Zusammenschlüsse verschob. Der Wandel wäre troß allem, was sonst dafür sprach, nicht möglich gewesen, hätte ihn nicht der mit der Entdeckung der Dampfkraft, der gewaltigsten aller Revolutionen, verbundene In- dustrialismus begünstigt. Und nun geschah das Merkwürdige, daß man, nachdem die Weltpolitik hundert Jahre später zu Welt- kriegen geführt hatte und die Illusion von der„Lokalisierung der Konflikte“ endgültig verflogen war, zu der Vorherrschaft des Friedensgedankens zurückkehren wollte. Aber auch hier hatte sich etwas verändert. Je grauenvoller, je umfassender die Verwüstun- gen wurden, desto mehr verlor sich der bloße Wunsch nach einer Stille, die den Waffenlärm beendete, die bloße Begierde aufzu- atmen, friedlicher Beschäftigung nachzugehen und das Leben wie- der ohne Gefahr zu genießen, und desto stärker prägte sich das Empfinden aus, daß die drohende Wolke eigentlich dauernd am Horizont stehe und die wenigen Sonnenstunden zwischen den Ge- wittern nur gestohlen seien. Daraus entsprang das Verlangen nach Sicher] zustan die ve die W den k stellte wie R unein! zweite zu est ausge haltuı übers maßn die u werd dasse Unna Das, neue Zwis( Maß: sion: wie dure sone nich der nit der Ent. Träume, ’aren he. ' ZU ver. ht wird, e Unter. lomaten, keit, mit olgenden listischer betören- ksam zu len sind, Jen. 1800— aus der ı mitein- urch die infachste den, be- ten und le dafür stärkere nz, Mit [ale der- icht des im ein- ıschlüsse sprach, ung der lene In- ige, dah u Welt- ung. der ıaft des ıtte sich wüstun- ch einer , aufzu- Jen wie- sich das nd am den Ge- en nadı Furcht vor dem Frieden 95 Sicherheit, der Wille, sich gegen die Verewigung des Gewitter- zustandes zu wehren oder aber ein Mittel zu finden, kraft dessen die vernichtenden Entladungen vermieden, die Spannungen gelöst, die Wolken zerteilt und die elektrischen Funken abgefangen wer- den könnten. Vor die Notwendiskeit, einen Frieden zu schließen, stellte sich die andere, den Frieden zu sichern, zu bewahren. Aber, wie Rivarol sagte,„der Mensch befindet sich niemals im Genusse uneingeschränkter Freiheit, sondern er besigt nur eine Freiheit zweiter Ordnung; zum Beispiel steht es ihm frei, dies oder jenes zu essen, hingegen nicht, überhaupt nichts zu essen“. Das hierin ausgedrückte Dilemma wurde beispielsweise 1920 in einer Unter- haltung, der Lord Curzon beiwohnte, folgendermaßen ins Politische übersetst:„„‚Unnachgiebig in bezug auf die militärischen Vorsichts- maßnahmen, großzügig in Wirtschaftsfragen, vorausgesett, daß die militärischen Forderungen der Sicherheitsgarantien voll erfüllt werden.“ Und dann— hat Hitler bewiesen, daß„wirtschaftlich“ dasselbe wie„‚militärisch“ heißen und die Großzügigkeit dort die Unnachgiebigkeit hier zunichte machen kann.: Das, was man in der Geschichtsschreibung die„Geburtswehen einer neuen Zeit“ nennt, entsteht nicht sowohl aus dem Widerspruch zwischen ethischem Postulat und realer Gestalt als, in weit höherem Maße, aus der Vieldeutigkeit dieser Realität und ihrer mehrdimen- sionalen Beharrungstendenz. Die Schwierigkeit, nach einem Kriege wie diesem Friedensverträge zu entwerfen, wird nicht etwa da- durch hervorgerufen, daß irgendwer den Frieden nicht wollte, sondern gerade dadurch, daß alle ihn wollen. Was begehrt wird, ist nicht der Schlußpunkt unter einen Krieg, sondern die Verhütung der Kriege überhaupt. 1918 wurde der Völkerbund in Verbindung mit den Friedensverträgen geschaffen; er war ein Bestandteil die- ser Verträge. Die UN indessen besteht unabhängig davon, sie ging den Friedensverträgen weit voraus, als eine selbständige Organi- sation, deren Funktion mit keinem der Friedensschlüsse verquickt ist. Zum ersten Male sehen wir das demokratische Prinzip der Ge- waltenteilung aus der staatlichen in die überstaatliche Sphäre ge- rückt. Die UN macht nicht Frieden, sie sichert ihn. Das heißt: es ist ihre Aufgabe. Sie betrachtet mithin, anders als eine Friedens- konferenz, nicht den Krieg, sondern den Frieden als den gegebenen Zustand, als die Voraussegung ihrer Arbeit. Selten ist etwas von so entscheidender Bedeutung gewesen wie die Tatsache, daß die Charta der Vereinten Nationen in einer vorher nie gekannten Weise den Frieden nicht mehr als eine Pause zwischen zwei Kriegen, sondern als permanente und einzig gemäße Daseinsform des Menschen- geschlechts anerkennt. Sure Sarnen Furcht vor dem Frieden Freilich ist davon alles zu trennen, was Utopie wäre. Man kann nicht mit einem vermessenen Gedankensprung darüber hinweg- kommen, daß während zehn von fünfundvierzig Jahren dieses Jahr- hunderts die ganze Welt mit Krieg überzogen war. Der idealische Schwung, mit dem bei Schiller der junge Max Piecolomini den „schönen Tag“ begrüßt, da„endlich der Soldat ins Leben heim- kehrt, in die Menschlichkeit“, hat keinerlei Berechtigung mehr. Kriege sind nicht länger Unterbrechungen des Friedenszustandes, nach denen der Soldat durch dieselbe Tür hineingehen und sich auf denselben Stuhl segen könnte, von wo er auszog, sie sind— und das liegt ebensowohl an ihrer neuen Natur wie an der neuen An- schauung vom Frieden— weittragende und fortwirkende Stö- rungen des Friedensbegriffes überhaupt. Daß also zwischen dem Kriege von gestern und dem Frieden von morgen ein breiter und tiefer Graben klafft, ist eine Selbstverständlichkeit, mit der wir uns abzufinden haben, die uns jedoch auch Anlaß zu leidenschaft- licher Bejahung der Organisation der Vereinten Nationen sein muß. Wenn wir bei der Wahrnehmung und Bewältigung der augenblick- lich aufgeworfenen Probleme den Standpunkt eines Historikers aus dem Jahre 2050 beziehen, dann werden wir finden, daß es noch stets die breiten und tiefen Gräben zwischen den Zeiten ge- wesen sind, die entscheidenden Einfluß gehabt haben, und dann werden wir, werden vor allem die Staatsmänner, mit der dringend gebotenen Vernachlässigung der nur unter dem zeitlichen Ver- srößerungsglas trügerisch groß erscheinenden Details um so instink- tiver den wahren Zusammenhang, die tatsächlich mögliche Brücke über den unüberspringbaren Graben entdecken. Wieviel oder wie wenig ein Uebergangszustand bedeutet, hängt davon ab, mit wel- cher Kraft und in welchem Geiste man den Uebergang sucht. Der Vertrag von Versailles zielte darauf ab, ein Maximum an Sicher- heiten gegen neue Aggressionen zu bieten. Die zwanzig folgenden Jahre haben gezeigt, daß er nicht einmal ein Minimum zu behaup- ten vermochte. Unter dieser Lehre verstärken sich die ohnehin nur zu natürlichen Konflikte zwischen dem durch den Sieg ge- steigerten Nationalitätsgefühl vor allem der kleineren Nationen und der Unerbittlichkeit der Weltfriedensidee, die dazu auffordert, mehr im Sinne der Gemeinschaft als der Absperrung der Völker zu denken und von den Souveränitätsansprüchen im nämlichen Augen- blick einiges aufzugeben, da sie im Rahmen der Siegesparaden, der frei entfalteten Flaggen und neugeschaffenen Konstitutionen genährt werden. Noch liegt der kleinere Gedanke, sich selbst zu sichern oder gar schadlos zu halten, näher als der größere, den Frieden zu sichern und das Interesse des Jahrhunderts vor das der Minute zu seen. Noch hat man nicht überall verstanden, daß der Jcha eigel unte hohe nigel modt werd Sicht weile werd heim kläre wer dern Gege zwei Gest nich Er y von unte west sie I, n kann hinweg. es Jahr. ealische ini den 0 heim- 3 mehr, Standes, sich auf — und ıen An- de Stö- en dem ter und der wir nschaft- in muß. enblick- torikers daß es iten ge- ıd dann Iringend on Ver- instink- Brücke ‚der wie nit wel- cht. Der - Igenden behaup- ohnehin Sieg ge nen und ‘fordert, ölker zu ı Augen- paraden, tutionen ‚elbst zu ere, den das der daß der — Sn nr nennen Furcht vor dem Frieden 97 Schade, den man dem Frieden der Menschheit zufügt, auch für die eigene Zukunft beträchtlicher ist als der Nuten, den man auf einem unterzeichneten Gegenwartspapier davonträgt. Sicherheit ist ein hohes Wort, das, wie alle hohen Worte, die Tücke hat, einen nied- rigen Charakter annehmen zu können. Es kommt hinzu, daß die moderne Welt dazu neigt, technische Vorstellungen beherrschend werden zu lassen. Ebenso wie Annexionen häufig als„praktische Sicherheiten“ umschrieben werden, beliebt man die Sicherheit zu- weilen in den Schleier des„‚Vorfeldes“ zu hüllen. Hier, hoffen wir, werden die Verhandlungen der UN, wo erfreulicherweise alle Dinge beim richtigen Namen genannt werden, mit der Zeit heilsam und klärend wirken. Sie werden um Verständnis dafür werben, daß, wer weiter greift als nach dem Ummittelbaren, nicht Sicherheit, son- dern Unruhe hervorbringt, und daß jede maßlose Sicherung eine Gegensicherung herausfordert, die den Frieden, um den es doch zweifellos allen geht, gefährdet. Der Friede aber ist kein robustes Geschöpf; sondern ein sehr kompliziertes Kunstwerk, aus dem man nicht einzelne Teile entfernen kann, ohne das Ganze zu treffen. Er wird nicht durch Forderungen, sondern durch Entgegenkommen von allen Seiten erwirkt. Er ist wie die bewunderungswürdigsten unter den Kathedralen, die gar nicht aus einem Stil sind, sondern wesensfremde Stilarten- so miteinander verschmolzen haben, daß sie doch dastehen wie aus einem einzigen Guß. Trygve Lie, Generalsekretär der Vereinten Nationen, sagte einmal: „Der freie Austausch von Ideen und Tatsachen zwischen den Völ- kern ist das Herzblut unseres Wirkens, denn wenn nicht ein wach- sendes Mitteilungsbedürfnis zwischen den Nationen erreicht wird, werden uns schon zu Beginn unserer Anstrengungen, durch wirk- liche soziale und wirtschaftliche Zusammenarbeit die Ursachen der Kriege aus der Welt zu räumen, die Hände gebunden sein.“ Es ist das, was der amerikanische Außenminister Byrnes in das Gebot zusammenfaßte, die Psychologie des Krieges durch die Psychologie des Friedens zu ersetjen. Vielleicht sollte die UN sich angelegen sein lassen, ein großes publizistisches Organ in allen Sprachen der Welt zu begründen, an dem die hervorragendsten, der Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit verpflichteten Journalisten aller Na- tionen zu wirken hätten, und dessen Verbreitung in allen Ländern obligatorisch wäre. Es ist richtig, daß wir Geduld haben müssen. Aber geduldig sein heißt nicht tatenlos sein. Die Idee der Natio- nalitäten ist der Grundstein der modernen Geschichte. Indessen, sie ist bewiesenermaßen unvollkommen. Das Ende des Krieges für das Ende aller Schwierigkeiten zu halten, ist ein ebensolcher Denk- fehler wie der Hitlerglaube, ihn ohne Schwierigkeit führen zu können. Das Ende des Krieges gewährt überhaupt erst die Ge- Zi 98 Furcht vor dem Frieden legenheit, sich mit dem Berg der Schwierigkeiten zu beschäftigen. Vorher hat man ihn nur undeutlich im Nebel gesehen und nicht gewußt, ob es ein Zwerghügel oder ein Riesengebirge sein werde, wenn einmal der Nebel sich lichtete. Nun, er lichtet sich jet, und die Augen erschrecken ein wenig, weil man merkt, wie sehr von- einander verschiedene Gedankenwelten Krieg und Frieden haben. Aber Kampf ist nicht ein Vorrecht in der einen Welt und uner- wartete Last in der anderen, und die Pflicht zum Kampf für den Frieden hebt sich von der kriegerischen Aufgabe in der Hauptsache dadurch ab, daß hier der Wettbewerb, um noch einmal mit Byrnes zu sprechen, nichts mit Armeen gemein hat. U Yan s und B sähe d a, ab worde) sliernd in die die M Knabe dieses dem| der V lichke tische sogen iftigen, d nicht werde, 3t, und ir VOn- haben, | Uner- ür den Ptsache Byrnes GRENZEN DER VERSTÄNDIGUNG Man sagt, wenn Friedrich II. bei Kunersdorf, Napoleon bei Lodi und Bismarck beim Attentat Unter den Linden gefallen wäre, sähe die Weltgeschichte heute besser aus. Es hört sich bestechend an, aber wir glauben es nicht. Die Gegenprobe ist selten gemacht worden, hie und da aber doch; weder Gustav Adolfs noch Oxen- stiernas Tod änderte die schwedische Ostseepolitik, und erst, als sie in die Hände eines Abenteurers wie Karls des Zwölften geriet und die Motive der imperialistischen Großmacht der Irrealität einer Knabenphantasie unterworfen wurden, entschied sich das Schicksal dieses nordländischen Staates. Es entschied sich zum Guten, weil dem Verzicht auf äußeren Glanz der Wille zu innerer Stärke, der Verehrung von Mut und Kühnheit die von Moral und Mensch- lichkeit, der Absage an jede über die Verhältnisse lebende poli- tische Idee die Initiative zu freiheitlicher Bildung entsprach. Die sogenannten„großen Männer“ sind schließlich nur Exponenten der Kräfte, die ein Volk aus der Tiefe seines Wesens beherrschen; und von diesen Kräften hängt es ab, ob die großen Männer auch große Menschen sind. Selbst wer zugeben wollte, daß Napoleon am 18. Brumaire Frankreich gerettet habe, könnte schwerlich be- haupten, daß er darum ein Washington sei. Vielleicht ist dies der einzige Punkt in seiner Geschichte, über den sich ein einmütiges Urteil erzielen läßt. Man denkt, es sei wenig, und doch ist es viel, wenn das, worin man einig wird, etwas Grundsägliches ist, und das, was strittig bleibt, ein Detail. Keine Streitigkeit der Welt würde lange dauern, falls das Unrecht immer nur auf einer Seite wäre; kein Gegner des Kompromisses sähe sich auf einer höheren Stufe, wenn man allgemein begriffe, wieviel sinnvoller es ist, eine sich bietende Gelegenheit zu ergreifen, als neue Gelegenheiten in Utopien zu suchen, und alle Verständigung würde leichter, wollte man zuvor nur anerkennen, daß es stets einige Dinge geben wird, über die eine Verständigung unter Leuten von Charakter nicht. möglich ist. „Jett ist der große Wendepunkt“, schrieb Maria Theresia ihrer an einem Hofe der Gefälligkeiten rasch tugendentwöhnten und ge- sinnunglos werdenden Tochter,„bis jegt war die Verwirrung groß und sogar eine notwendige Folge der Veränderung. Diesen Punkt fürchte ich für Sie mehr als jeden anderen...‘“ Den Sat schrieb die große Beherrscherin des Lebens bereits 1774, neunzehn Jahre bevor Marie Antoinette den Konsequenzen ihrer Gedankenlosigkeit erlag. So offenbart sich häufig im Lichte eines einzigen Tages die "Atmosphäre einer ganzen Periode. Wir wissen heute, daß die Wei- 100 Grenzen der Verständigung marer Republik von der Stunde an nicht mehr zu retten war, da sie die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ungeahndet ließ. Aber aus der ganzen Menschheitsgeschichte soll- ten wir wissen, daß alles, was nicht vor der Zeit geschieht, nicht mehr imstande ist, die Zeit zu beeinflussen. Jedem, der die Zu- kunft ins Auge faßt, schallt heute troßdem der Chor der Vor- gestrigen entgegen: noch sei.es zu früh, noch kenne man dieses und jenes nicht, noch störe ein Kampf der Meinungen die not- wendige antifaschistische Einheit. Ein Blinder müßte sehen, daß man nicht hoffen kann, einen Grundstein, der nicht jett gelegt wird, jemals zu legen. Ein Tauber müßte die Warnungen hören, die uns die Geschichte zuruft, ein Stummer die Sprache finden, um die Gegensäge auszutragen, die nicht länger verdeckt werden können, es sei denn, daß eine Seite der Beteiligten Selbstmord begehen will. Die Geschichte, die eine Feindin des Zufalls ist, hat uns fast genau drei Jahre nach jener Kundgebung im Sportpalast, in der Herr Goebbels durch„‚Befragung‘“ die Einheit des deutschen Volkes und damit die Entschlossenheit zum totalen Krieg feststellte, eine Kundgebung im Berliner Funkhaus beschert, die das einhellige Bekenntnis zum Einheitsstaat zu dokumentieren unternahm. Wir haben die Photos von damals mit denen von heute verglichen und müssen sagen, selten etwas Erschütternderes und Gespenstischeres zu Gesicht bekommen zu haben. Dort die frenetische Berauschtheit einer Menge, die sich zum Kultus des Todes bekennt; hier schatten- hafte Stille und Erstarrung im luftleeren Raum. Wir wären pflicht- vergessen, und das deutsche Volk wäre keiner Dienste wert, wenn wir auch. nur eine Sekunde lang einräumen wollten, daß sich zwi- schen diesen zwei Stationen der Weg unseres Volkes unwiderruf- lich vollenden müsse. Was deutlich ist, muß deutlich werden. Die Beobachter des Auslandes sind über mancherlei Erscheinungen in unserem Volke verschiedener Ansicht, darin jedoch stimmen sie überein, daß sie neue Ideen vermissen. Zweifellos muß man ihnen erwidern, daß bei der Beschaffenheit, in der Herr Hitler uns Deutschland hinterlassen hat, neue Ideen sich in erster Linie auf die Probleme der Wohnung, Kleidung und Nahrung zu konzen- trieren haben, auf Wirtschaft und Verkehr, auf die Unterbringung der Flüchtlinge, Beschaffung von Saatgut und Zuchtvieh, und nicht zulett auf die Desinfektion einer Luft, die von acht Millionen Pgs und vielleicht dreißig Millionen Vgs verseucht ist. Was dennoch dem ausländischen Urteil Berechtigung gibt, ist die Tatsache, daß in der Politik die alten Ideen überwiegen und von geduldigen Lautsprechern zu einer Penetranz gesteigert werden, die der flachen Unbedeutendheit Gewicht und Ursprünglichkeit verschaffen soll. Tir kenn Wie sollte Negativit Kritik zu jie Keim jiven Jiee sieben Si Wer mit Persönlie Jungen Y hraucht ı der dem aeholfen Traghalk neinung wäre ehe Parteifül fun, eine statt ein zu erblic auf, daß Angriff wirklich verschwe Parteipr den Par Versamn keit der shichtli den gei könnte? Wand Rheinla, sollte,( gegen B ten, daı ahschre, im Rre, der 186 ben bin Profes ehrenw Nation; Koloss; ar, da mburg e soll. , Nicht ie Zu. \ Vor- dieses e not- 1, daß gelest hören, n, um erden tmord genau Herr >s und ‚ eine hellige 1. Wir n und cheres htheit jatten- ‚flicht- wenn h zwi- lerruf- n. Die sen In en Sie ihnen r uns je auf onzen- ngung | nicht on Ps nnoch &; dab Jdigen Jachen 1 soll. Grenzen der Verständigung 101 Wir kennen die ewige Antwort:„Negative Kritik“,„‚Neinsager“. Wie sollten sie auch auf den Gedanken kommen, daß es ihre eigene Negativität ist, die nichts anderes gestattet? Die Einsicht, daß jede Kritik zuerst einmal„‚negativ‘ ist, daß aber schon darin, daß sie die Keime der Zeitkrankheit aufzeigt, die Wendung zum Posi- tiven liegt— diese Erkenntnis ist ihnen ohnehin ein Buch mit sieben Siegeln. x Wer mit allem Nachdruck darauf zielt, von der Zukunftsgestaltung Persönlichkeiten auszuschließen, die vor 1933 in führenden Stel- lungen versagt, ihre damalige Macht nicht gebraucht oder miß- braucht und gar, wie leider so viele, die heute mit dem Brustton der demokratischen Ueberzeugsung an den Rednerpulten stehen, geholfen haben, die dünnen oder schon von Anbeginn morschen Tragbalken der Republik zu zerstören, der schließt in die Ver- neinung des Erledigten die Bejahung des Kommenden ein. Vieles wäre ehedem anders gewesen und auch heute wieder anders, wenn Parteiführer sich leichter entschließen könnten, in dem, was sie tun, eine Berufung statt eines Berufes, einen Posten des Geistes statt einen Posten der Bestallung, eine Aufgabe statt eines Amtes zu erblicken. Wir warten bis zum heutigen Tage vergebens dar- auf, daß eine Partei endlich die ungeheure Erziehungsarbeit in Angriff nimmt, die darin zu bestehen hätte, dem deutschen Volke wirklich historische Erkenntnis zu vermitteln. Wir wollen nicht verschweigen, daß die Parteipresse sich darum müht; aber die Parteipresse ist in den Augen des Volkes durch das, was sonst in den Parteien vorgeht, diskreditiert, und wo ist die Gewalt der Versammlungen, in denen mit dem Enthusiasmus der Wahrhaftig- keit dem Volke der Blick auf die großen und so furchtbaren ge- schichtlichen Zusammenhänge geöffnet würde, wo überhaupt wer- den geistige Gewalten spürbar, denen sich niemand entziehen könnte? Wenn der separatistische Teufel, der in Berlin an die Wand gemalt wird, je sich der Entwicklung in Bayern und den Rheinlanden wirklich bemächtigte, wenn es sich je herausstellen sollte, daß die deutschen Länder, vereint allein in der Abneigung gegen Berlin, überhaupt nicht mehr zusammengefaßt werden könn- ten, dann haben jene die Schuld, die den Zentralismus ir seiner abschreekendsten Form zur Schau stellen. Nachdem sie einige Male im Kreise gegangen waren, sind sie wieder bei Bismarck angelangt, der 1860 mit Inbrunst äußerte:„Wenn ich einem Teufel verschrie- ben bin, so ist es ein teutonischer!“ Man bleibe uns endlich mit den Professoren der Paulskirche vom Leibe, die im einzelnen sehr ehrenwert und bedeutsam waren, deren Geist doch zulegt nur im Nationalverein mündete, über dessen Trümmern sich Bismarcks Kolossalfigur erhob. Für Bismarck war der nationale Gedanke Grenzen der Verständigung nichts weiter als ein Element seiner Machtpolitik, ein Instrument diplomatischer Intrige, die kein Mittel verschmähte, um den Prozeß der„Verreichlichung“ in die von ihm gewollten Bahnen zu len- ken und die gegen Preußens Führung gerichtete Volksmehrheit zu vergewaltigen. Die Methodik, die im Reichstagsbrand von 1933 ihren Ausdruck fand, unterscheidet sich von der Bismarckschen allein durch die Vergröberung, durch die legte Verschleuderung des Gewissens. Die Methodik, die in bestimmten Vorgängen von heute ihren Ausdruck findet, unterscheidet sich von jener des Reichstagsbrandes wiederum nur durch die Rückkehr zum feineren Gewebe. Der Parteibuchnachweis, der mit ebenso rigoroser Heim- lichkeit wie hartnäckiger Stupidität Stellenbewerbern nicht bloß vereinzelt abverlangt wird, bringt uns das um 1800 in Frankreich geflügelte Wort ins Gedächtnis, wonach man statt einer Bastille nun deren Dutßende habe. Es ist bekannt, daß 1933 zahllose Kom- munisten zur SA und NSDAP übergegangen sind. Das ist nichts, was die Kommunistische Partei im Kern beträfe; extreme Gruppen haben immer einen gewissen Bestand an fluktuierenden Elementen neben solchen, die, bewußt getarnt, Spitel- oder Zersegungsarbeit leisten. Die gescheuchten Pgs von heute erinnern sich wohlgefällig daran. Sie suchen einen Unterschlupf, der vorerst ein Alibi und später als anderes dient. Die deutsch-zentralistische Propaganda der KPD begünstigt diese Bewegung: das besiglos gewordene Bürgertum schließt sich ebenfalls gern an. Wir können uns vor- stellen, daß sogenannten„nationalen“ Kreisen ein Aufruf zum „Nationalgefühl“, und käme er von der KPD, willkommener ist als zum Beispiel ein Wort, das der Freiburger Professor Con- stantin von Diete in Konstanz sprach:„Wer im ‚Dritten Reich‘ gelebt hat, kann nicht schuldlos sein, selbst der nicht, der sein Leben dabei verlor.“ Wenn jemand, dies feststellend, von rechts „antinational‘ und von links„reaktionär“ genannt wird, so braucht er nur darauf zu verweisen, daß in Deutschland von je als anti- national gegolten hat, wer in einem sauberen und wahrhaftigen Vaterland leben will, und als reaktionär, wer nicht mit vollen Backen ins Parteihorn stößt. Wir haben nichts gemein mit Leuten, in deren Sprachschag die„wieder anlaufende demokratische Staatsmaschine“ vorkommt, noch auch mit solchen, die sie(immer aus dem gleichen Sprachschag)„mit weltanschaulichem ideolo- gischem Oel salben“ wollen. Es kann ebensogut sein, daß die Nationalisten anfangen, die KPD als ihr Sammelbecken zu be- trachten, wie es sein kann, daß der Nationalismus, wenn er von der KPD programmatisch aufgenommen wird, rasch an Boden ver- liert, weil zulegt die unüberwindliche Kommunistenfeindschaft der ständig totgesagten, ständig weiter vegetierenden„Bürger- Jichen“ lichen& des Ge und Fr Die Ja lich„e Das 2 vorübe rade€ der W kriege staatlic aus de gestrig Auf ei Indust ein an! Enttäu schicht pflege: zu bie ment Prozeß u len. 1eit zu i 1933 kschen derung a von er des ineren Heim- t bloß ıkreich astille - nichts, uppen nenten sarbeit efällig bi und aganda ordene 15 Vor f zum ner ist r Con- Reich‘ r sein rechts raucht $ antl- aftigen vollen ‚euten, atische (immer ideolo- aß die zu be- er von en vel- dschaft Grenzen der Verständigung 108 lichen“ den Sieg davonträgt über die Sentiments, die diese Bürger- lichen samt dem Rest des Adels„‚patriotisch“ nennen.„Der Defekt des Gewissens bleibt unbewußt“, sagt Vauvenargues.„Vernunft und Freiheit aber sind unvereinbar mit Schwäche.“ Die Jahre, in denen zu leben wir verurteilt sind, hat man gelegent- lich„eine tragische Periode zwischen zwei Zeitaltern“ genannt. Das Zeitalter der unumschränkten nationalen Souveränität ist vorüber, und das Zeitalter der internationalen Ordnung liegt ge- rade erst in den Geburtswehen. Das Zeitalter des Absolutismus ‘der Wirtschaft ist unter den rauchenden Trümmern zweier Welt- kriege beerdigt, und das Zeitalter einer sinnvollen Ehe zwischen staatlicher„Planung“ und individueller Freiheit vermag sich nicht aus dem chaotischen Trubel dogmatischer Konstruktionen, ewig- gestriger Ressentiments, verschütteter Existenzquellen zu erheben. Auf ein Jahrhundert, dessen Hoffnungen, vor allem im Technisch- Industriellen, sich im allgemeinen leicht zu erfüllen schienen, folgt ein anderes, das, vornehmlich im Sozialen und Geistigen, schweren Enttäuschungen ausgesegt ist. Diese Zeit wird später in den Ge- schichtsbüchern interessant zu lesen sein; aber interessante Zeiten pflegen denjenigen, die sie am eigenen Leibe erleben, wenig Genuß zu bieten. Sie haben in ihrem Taumel, ihrer Turbulenz, ihrem Mangel an Logik und Verstandeskraft etwas Gespenstisches. Primitive Politiker sagen uns, daß alles sich mit einem Schlage bessern könnte, wenn wir nur den notwendigen Wandlungen keinen Widerstand bereiten wollten. Aber erstens ist ja gerade die Frage der Notwendigkeit umstritten, da sie nicht durch hohe menschliche Anstrengungen, sondern durch gewaltsame Ereignisse beeinflußt worden ist; und zweitens enthält(worauf Reinhold Niebuhr hin- ‚gewiesen hat) der Widerstand gegen jede Veränderung ein Ele- ment, das dem Menschen eingeboren ist— die Gleichzeitigkeit von Stärken und Schwächen. Während seine körperliche Stärke sich durch die aus den technischen Erfindungen zuströmenden Kräfte ständig erhöht, bleibt seine moralische Schwäche die gleiche. Sogar diejenigen, denen die Lehre von Karl Marx eine unantastbare Offenbarung bedeutet, haben allmählich eingesehen, daß man, wenn man schon rechnet, mit der Natur des Menschen rechnen muß. Sie sind davon abgekommen, sie zu vergewaltigen, aber um die falsche Addition zu retten, die sie bisher an die Experimentiertafel geschrieben haben, müssen sie die menschliche Natur in einer Weise jagitatorisch umschmeicheln, die weder für diese noch für sie selber auf die Dauer vorteilhaft sein wird. Wenn man die Propaganda der Sozialistischen Einheitspartei betrachtet, so findet man, daß dies der wesentlichste Grund ist, weshalb die Bevölkerung sie immer wieder mit der Hitlerschen vergleicht. Allein die Tatsache, 104 Grenzen der Verständigung daß ihre Darstellungen, wie die keiner anderen Partei, als Pro- paganda empfunden werden können, stimmt bedenklich. Denn mit dieser Empfindung entsteht etwas, was gefährlicher ist als bloßer Zweifel an der Glaubwürdigkeit— nämlich der Wille zu einer fast kriminalistischen Untersuchung der Requisiten und Kulissen und damit die Verewigung der traurigen Erkenntnis vom Erfolge des Zynismus und vom Unwert der Moral. Nachdem der deutsche Kom- munismus den kommunistischen Zielen abgeschworen oder wenig- stens sie vernachlässigen zu müssen geglaubt hatte, konnte eröffent- lich nur noch Wasser predigen; damit entfiel seine programma- tische Abgrenzung, damit keimte der Verdacht, daß er den Wein nun heimlich trinke, und damit wurde das politische Kampffeld vernebelt, die Atmosphäre vergiftet, der feste Boden ehrlicher Gegnerschaft aufgeweicht. An die Stelle fundamentaler Gesinnung traten Oberflächenthesen: das Postulat der Vereinigung der Ar- beiterschaft als eines Allheilmittels gegen den„Faschismus“; das Postulat der Zerschlagung der Konzerne als einer Sicherung gegen neue Rüstungsproduktion; das Postulat eines zentralistischen „.Deutschen Reiches“ als einer Voraussegung für geistige und wirt- schaftliche Renaissance. Lassen wir außer Betracht, wie vieles hier- von, falls es verwirklicht werden soll, von der mächtigen Realität der Okkupation abhängt, denn eine Partei darf ihre Forderungen zwar mit den Bedingungen der Gegenwart in Einklang bringen, sie aber keineswegs ganz davon abhängig machen. Daß Deutschland, soweit es noch existiert, sich glücklich schägen müßte, wenn es eine einzige, auf dem demokratischen Prinzip fußende Arbeiterpartei hätte, bedarf gar keiner langen Ueberlegung. Die SEP beansprucht, diese Partei zu werden und in einem großen Gebiete schon zu sein. Ein gültiger Beweis hierfür könnte jedoch nur geliefert werden, wenn unser Land nicht besett wäre. Bis dahin gehört der Anspruch in das Reich der Phantasie. Er ist ein Teil des Gespensterkrieges, der gegenwärtig in Deutschland geführt wird, unter anderem auch mit den Begriffen„Demokratie“ und„Faschismus“. Man sollte meinen, wenigstens über den letteren müßte nun wahrhaftig Klar- heit herrschen, aber nicht einmal das ist der Fall. Die große Ge- fahr, daß sogar Wahlen unter Umständen kein schlüssiges Bild ergeben, wird allein dadurch heraufbeschworen. Zwei historische Momente haben den Wirrwarr verschuldet. Die Weimarer Republik war sowohl vom Kommunismus wie vom Nationalsozialismus be- droht. Der Nationalsozialismus wiederum hatte vom Kommunis- mus die Methoden gestohlen. Da der Kommunismus heute zwar das Programm, doch nicht die Methoden gewechselt hat, mutet er häufig„‚faschistisch“ an. Eine sehr natürliche Sache, die nur die nicht begreifen, die es am nächsten angeht. Hätte der Kommunis- mus sich er es hei Jismus€ der„Nat Reichswe gedeckt\ im Feue konnte; peripher Die Spa eines dei ein gesd Geschich irgendwe Was 19] Es wird vollkomt Kommuı ist merk sehen de neue ab; Das näm standsbe Alliierte Tungsten Abschlul auf ehe einen D sein, un tischer den Son sonder. Sischen Teen Grenzen der Verständigun 105 gung mus sich zwischen 1920 und 1930 schon so national gebärdet, wie er es heute tut, so hätte wahrscheinlich er statt des Nationalsozia- lismus gesiegt. Damals indessen blieb diese Haltung auf die Zirkel der„‚Nationalbolschewisten“ beschränkt, die ihre Fäden bis in die Reichswehr gesponnen hatten, jedoch durch die Parteileitung nicht gedeckt wurden, die, obgleich sie wohlgefällig auf die vielen Eisen im Feuer blickte, zum Schmieden sich nicht recht entschließen konnte; extremistische Planeten haben gewöhnlich eine Menge peripherer Monde. Die Spaltung der politischen Vertretung der Arbeiterschaft ist eines der bedauerlichsten Kapitel der Weltgeschichte. Aber sie ist ein geschichtliches Kapitel, und wer unbekümmert um Gefühle Geschichte schreibt, kann eben nur konstatieren, daß es durch irgendwelche Erklärungen nicht mehr umgestoßen werden kann. Was 1918 geschieden wurde, läßt sich 1946 nicht zusammenfügen. Es wird gern mit der Erinnerung an die Kameradschaft, an die vollkommene Uebereinstimmung zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten in den Konzentrationslagern operiert. Der Gedanke ist merkwürdig unpolitisch und ebenso seltsam konträr den Ge- seen der Geschichte. Wenn eine historische Situation durch eine neue abgelöst wird, lösen sich auch die bestimmenden Kräfte ab. Das nämliche erfahren in Frankreich die Kampfgenossen der Wider- standsbewegung. Das nämliche erfahren auf weiterem Felde die Alliierten. Es ist vielleicht möglich, in einer Entwicklung Behar- rungstendenzen geltend zu machen, aber es ist nicht möglich, nach Abschluß eines historischen Komplexes dem neuen durch Berufung auf ehemals maßgebliche Regeln, Stimmungen und Rücksichten einen Dienst zu leisten. Man braucht kein Anhänger der SPD zu sein, und es heißt nicht, ihr gegenüber in Kritiklosigkeit zu ver- fallen, wenn man ausspricht, daß die Anerkennung geschichtlicher Tatsachen und die Bereitschaft, Konsequenzen daraus zu ziehen, dort erheblich größer ist. Die Politik Schumachers geht davon aus, daß es gelingen müsse, die deutsche Arbeiterschaft mit den Ueber- bleibseln des Bürgertums zu vereinigen. Sie hält daher nicht mehr sehr viel von der Terminologie ‚‚Arbeiterklasse‘“‘ und„werktätige Massen“ im Sinne einer Exklusivität für Handarbeiter und gönne- rischer Duldung der Intellektuellen und des Mittelstandes. Sie faßt den Sozialismus nicht als conditio sine qua non für die Demokratie, sondern als ihre mögliche Folge auf. Käme in unserem zeitgenös- sischen Parteileben das sachlich Sinnvolle zum Ausdruck, so stünde ein klares kommunistisches Bekenntnis dem sozial-demokratischen gegenüber, und diesen beiden wieder ein liberales, das mit geistiger Beweglichkeit das Privateigentum zu verteidigen hätte. Aus den Kämpfen dieser Gruppen, die mit ihrer Aufrichtigkeit und Folge- 106 Grenzen der Verständigung richtigkeit auch die erforderliche Leidenschaft gewännen, würde sich die demokratische Synthese von Fortschritt und Tradition nach und nach erwirken lassen. Statt der mannigfaltigen Gespenster, die das eine Mal die Geister der Abgeschiedenen, das andere Mal das bloße Spiel der Einbildung und ein drittes Mal von der Art° sind, die man nach der sprichwörtlichen Redensart an die Wand malt, hätten wir dann endlich Leben von Fleisch und Blut. Es hätte uns im Interesse der Durchsichtigkeit unseres politischen Lebens richtiger geschienen, wenn das, was inzwischen der Kai- sersche Flügel der CDU geworden ist, sich seinerzeit mit dem der Starrheit der Lehre abgewandten Teile der SPD zu einer großen Sozial-Demokratischen Volkspartei zusammengefunden hätte und der doktrinäre Teil der SPD zur KPD hinübergewandert wäre. In einer solchen Sozial-Demokratischen Volkspartei hätten katholische Demokraten wie Karl Spiecker oder Josef Wirth mühelos ihren Plag gefunden. Heute nun stehen wir vor der Tatsache, daß von den drei größten Parteien die CDU diejenige mit dem schärfsten Zonencharakter ist. Liegt das nun wirklich nur an den Zonen- grenzen? Uns scheint, auch die Zonengrenzen haben etwas mit dem Gespensterreiche zu tun, in dem so viele unserer Landsleute agieren. Gewiß haben Grenzen an sich die Eigenschaft, daß sie mit jedem Tage, der ihnen beschieden ist, unüberwindlicher werden; zweifel- los aber ist um diese quer durch Deutschland laufenden Grenz- linien von den Deutschen selbst weniger leidenschaftlich gerungen worden, als es um die nationalen Grenzen zwischen Italien und Frankreich oder Italien und Jugoslawien geschieht. Wir meinen keinen Kampf mit den Okkupationsmächten; wir meinen den Kampf gegen die Umwandlung der militärischen und wirtschaft- lichen in geistige Schlagbäume. Die Entstehungsgeschichte der Sozialistischen Einheitspartei ist für die Verschärfung der Tren- nungslinie in einem Maße verantwortlich, das zu den unitarischen Gebärden dieser Partei in umgekehrtem Verhältnis steht. Heute sehen wir plötlich den Föderalismus nicht aus einer konstruktiven Idee heraus, sondern aus der Reaktion auf den kommunistischen Unitarismus populär werden. Man hat sich vom Unitarismus ab- gekehrt, nicht weil man von der historischen Bedeutung des föde- rativen Aufbaus für Deutschlands Zukunft überzeugt wäre, son- dern weil der Unitarismus eine Sache der Kommunisten und der SEP ist. Das ist keine glückliche Erscheinung. Es fügt sich nur des- halb so gut in das allgemeine Bild, weil es genau so gespensterhaft ist wie alles übrige. Die SEP zerschlägt mit gewaltigem Theater- donner die Konzerne, deren bösartige Fabriken die englischen und amerikanischen Bomber längst zerschlagen haben. Dem Konzern „Deutsches Reich“ jedoch, der Holdinggesellschaft aller Konzerne, wünscht machtbe hedingu den Hä schafter Eine ze wird im militarı dabei k kreuz,| auf die den hal Dies sin Verhält und dei wir trot gewisse kreise| es in de gemäß sehendt ohne B völlig u Schatte wären, würde N nach uster, e Mal r Art Wand Blut, ischen t Kai m der roßen e und ire. In olische ihren ß von irfsten Zonen- it dem viren. jedem weifel- Grenz- ungen n und neinen n den schaft- te der Tren- rischen Heute ıktiven tischen us ab- 5 föde- e, SON’ nd der ur des- terhaft heater- en und onzern nzerne; Grenzen der Verständigung 107 wünscht sie Unsterblichkeit. Wer dieses zentralistische, mystische, machtberauschte Gebilde erhalten will, schafft neue Existenz- bedingungen für die Schwerindustrie. In wessen Besitz sie ist, ob in den Händen von Industriellenverbänden oder staatlichen„Organ- schaften“, wie es in Sachsen heißen soll, ist gänzlich gleichgültig. Eine zentrale deutsche Regierungsinstanz mit unitarischer Gewalt wird immer konzernfreundlich, immer schwerindustriell, immer militaristisch und nationalistisch sein. Die Farbe der Flagge spielt dabei keine Rolle. Schwarzweißrot, schwarzrotgold, rot mit Haken- kreuz, rot mit einem anderen oder keinem Emblem— wenn es auf die Proben ankäme, müßten wir längst eine davon bestan- den haben. ‚Dies sind, ohne Umschweife, die wahren Verhältnisse. Es sind die Verhältnisse, unter denen die Erziehung zur Demokratie leidet und der Hang zum„faschistischen“ Denken bestärkt wird. Wenn wir trotdem nicht verzagen, wenn wir dem offen militanten Wesen gewisser Parteiführer und dem versteckten gewisser Bevölkerungs- kreise keine übertriebene Schägung angedeihen lassen, so tun wir es in dem Bewußtsein, daß diese Zeit„zwischen den Zeiten“ natur- gemäß viel altes Treibholz ans Land schwemmt und viele vorüber- gehende Blasen zieht, und daß es schließlich vor der Geschichte ohne Bedeutung ist, wenn jemand, der im tiefsten Grunde doch völlig und endgültig machtlos ist, eine Weile mit der Laterna magica “ Schatten an die Wand wirft und darauf zeigt, als ob sie eine Macht wären. Die Zonentrennung hat unter anderen Kuriositäten auch diese hervorgebracht, daß ein Politiker, ein Wirtschaftler oder ein in beiden Disziplinen dilettierender Privatmann, sowie er in der einen Zone abgehalftert ist, als Märtyrer in der anderen den Will- kommensgruß empfangen kann. Sei’s darum. Gregorovius hatte die Neigung, die Geschichte von Völkern und Staaten im Rahmen ihrer historischen Städte zu betrachten.„Sie werden in diesen plastisch und monumental“, schrieb er. Man denkt an Athen und Rom, an Venedig und Genua, an Paris und London. Deutschland? Es fällt nicht schwer, deutsche Städte aufzuzählen, die mit der Definition von Gregorovius insofern übereinstimmen, als sie ,.die wesenhaften Porträts des Genius“ des Volkes sind, das sie geschaf- fen hat. Aber sie sind zweifellos in weit höherem Maße ein Pro- dukt der Geschichte, als sie ihrerseits den Gang der Geschichte beeinflußt haben. Wo ein Geschehnis historische Bedeutung ge- wann, ist der Ruhm der Stadt, in deren Mauern es sich abspielte, genau so zufällig wie etwa die Ehre, die dem sächsischen Städtchen Kamenz damit widerfuhr, daß Lessing dort geboren wurde. Daß die einzige deutsche Bewegung mit wesenhaft formender Gebärde und weiter wirkendem Wellenschlag, zugleich vielleicht eine der 108 Grenzen der Verständigung verhängnisvollsten, die Reformation, in Wittenberg entsprang, ist durch nichts motiviert, außer durch den Zufall, daß Luther dort in der Schloßkirche gepredigt hatte; die Universität, eben erst ge- gründet, hatte noch keinerlei Tradition, und wenn man auf der einen Seite den kulturellen Reichtum, der Deutschland später, be- sonders im achtzehnten Jahrhundert, auszeichnete, in der Viel- gestaltigkeit und Verzweigtheit der Stügpunkte erblickt, so kann man auf der anderen Seite nicht umhin, darin eine natürliche Folge der oft sehr zu Unrecht als„Kleinstaaterei‘‘ verächtlich gemachten Ländergruppierung zu erkennen. Die Dezentralisation, die neun- zehnhundert Jahre hindurch ein Merkmal der staatlichen Entwick- lung war, führte beinahe unbewußt dazu, daß die Landesfürsten ihr auch innerhalb ihrer Grenzen Ausdruck verliehen, wodurch mitunter sehr kleine und verhältnismäßig reizlose Ortschaften eine, im großen gesehen, unverdiente und darum troß zeitweiliger Präg- nanz ihres Gesichtes kurzlebige Aufmerksamkeit beanspruchen durften. Ebenso zufällig, wie gerade der Reichstag, vor den Luther zum Widerruf geladen wurde, in Worms stattfand, wurde fast hundertfünfzig Jahre später— Regensburg zum ständigen Sig der deutschen Reichstage bestimmt. Die Ueberspanntheit, mit der zu- legt in Deutschland der nationale Gedanke auftrat, seine mit beängstigender Geschwindigkeit vollzogene Einschwenkung in extrem nationalistische Bahnen, der imperialistische Griff nach weltpolitischen Lorbeeren, ebenso dilettantisch wie herrschsüchtig und unbesonnen, all das mag man als Reaktion auf die gegenteiligen Tendenzen des Mittelalters und der frühen Neuzeit auffassen, die Deutschland zum Kampfplat auswärtiger Interessen machten und weit mehr an geistigen Ideen sowohl wie an machtpolitischen Aus- einandersegungen hierher einströmen ließen, als je hätte nach außen ausstrahlen können. Aber diese Erklärung ist keineswegs aus- reichend. Deutschland beging, von den Befreiungskriegen an, den unglücklichen Fehler, sich durch das, was gewesen war, belastet zu fühlen und daraus einen Minderwertigkeitskomplex abzuleiten, der durch hitige Uebersteigerung, wobei man den Boden unter den Füßen verlor, kompensiert werden sollte. Wenn man beim Studium der Geschichte immer wieder auf frap- pante Aehnlichkeit stößt, so genügt man den Grundtatsachen weder durch die banale wie selbstgefällige Feststellung, daß die Geschichte sich darum wiederhole, weil die Menschen sich nun einmal nicht belehren lassen wollten, noch durch ein hochmütiges Achselzucken, das über die Zuerkennung eines Kuriositätswertes nicht hinaus- gehen möchte. Wenn die Geschichte uns nur wie die fortwährende Variation über ein Thema anmutet, so deshalb, weil ähnliche Er- eignisse notwendigerweise ähnliche Situationen und ähnliche Situa- tionen äh und Stud it, Die Geschicht sich ja ni künstlich entwickel Staat un der Gesd niemals Empfind züsischen gehört Z Kern so schaftlid als der in einen eine die: rechtsch: wohnt is Durstige katholisı Kirchen: rerisch zum Un konnte, heit dur schwemı falschen lautet, land es werden dem m wollt ih Zurücky nicht g, Absicht den M: des Re, Vie se schen, Nicht sein m Einsid 5, Ist Tt in ge. der , be. Viel- kann Polge chten JeUN- wick- tsten hurch eine, Präg- ıchen ıther - fast 3 der T Zu- mit in nach ichtig ligen 1, die und Aus- ußen aus- » den et zu eiten, r den frap- veder hichte nicht ıcken, inaus- rende e Er- Situa- EEE Grenzen der Verständigung 109 tionen ähnliche Ereignisse bilden, die mögliche Zahl der Ereignisse und Situationen aber durch das menschliche Leben selbst begrenzt ist. Die Geschichte aller Völker ist, nach Delbrück, zum Teil die Geschichte von Standesbildungen, die der menschlichen. Natur an sich ja nicht widersprechen. Aber es gibt tatsächliche, und es gibt künstliche Unterschiede; es entwickelten sich herrschende, und es entwickelten sich bevorrechtete Stände; die Spannungen zwischen Staat und Gesellschaft resultieren daraus. In diesen Grundzügen der Geschichte war das deutsche Volk gegenüber anderen Völkern niemals isoliert; was es isolierte, war der Mangel an politischem Empfinden. Deshalb wurde es zwar von der Woge der großen Fran- zösischen Revolution ergriffen, aber begriffen hat es sie nie. Es gehört zu den am schwersten faßbaren Phänomenen, daß unser im Kern so sensitives Volk sich eher äußerlich fanatisieren als leiden- schaftlich aufwühlen läßt, eher der kalten, grausamen Berechnung als der inneren Logik zugänglich ist. Wenn ein englischer General in einem Kriegsverbrecherprozeß gegen einen deutschen General eine diesen entlastende Aussage macht, dann wird es nicht als die rechtschaffene Zeugenerklärung eines Mannes aufgefaßt, der ge- wohnt ist, die Wahrheit zu sagen, sondern als ein mit der Gier eines Durstigen zu schlürfendes Lob des deutschen Soldaten. Wenn katholische und protestantische Bischöfe oder der Evangelische Kirchenrat in törichten Briefen, die wie in Hitlers Tagen verschwö- rerisch vervielfältigt von Hand zu Hand gehen, obwohl man sie, zum Unterschied von Hitlers Tagen, längst in den Zeitungen lesen konnte, die politische Vernunft verleugnen und die logische Klar- heit durch eine Flut dem Irrtum preisgegebener Gefühle hinweg- schwemmen lassen, dann wird abermals der Mannesmut an der falschen Stelle bejubelt. Wenn irgendwo überflüssigerweise ver- lautet, Rußland habe Deutschland zu einer vorgeschobenen, Eng- land es zu einer Verteidigungsbastion in Europa erkoren, dann werden geschmeichelt die Hände gerieben ob des Spielchens, zu dem man zwischen beidem Gelegenheit zu haben wähnt.„Kerls, wollt ihr denn ewig leben!“ soll Friedrich der Zweite von Preußen zurückweichenden Grenadieren zugerufen haben, und wenn er es nicht getan hat, so haben diejenigen, die es gewiß in freundlichster Absicht erdichteten, damit doch die Kardinaluntugend getroffen— den Mangel an Respekt vor der Heiligkeit des Lebens, der Größe des Rechtes, der Unverletlichkeit der Wahrheit, auch der bittersten. Wie selten wird bei uns vorausgesett, daß die Haltung eines Men- schen, sei es eines Parteiführers oder eines Zeitungsredakteurs, nicht unbedingt von irgendwelcher Interessenvertretung diktiert sein muß; wie wenig selbstverständlich ist die Anerkennung von Einsicht und Gewissen, wie gering die Achtung davor, wie allgemein 110 Grenzen der Verständigung wird angenommen, eine Diskussion müsse, weil sie scharf ist, auch von persönlicher Feindschaft getragen sein. Sehr oft und überall in der Welt wirkt es auf Leute, die einander in der Sache bekämpf- ten, ohne sich je von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden zu haben, bei ihrem Zusammentreffen als unbegreifliche Offen- barung, wenn sie dabei überhaupt erst entdecken, daß der andere sozusagen ebenfalls ein Mensch ist. Während jedoch in den meisten anderen Ländern daraus einfache Folgerungen gezogen werden, verharren Deutsche in einer Intransigenz, die sie entweder ver- anlaßt, auch bei der persönlichen Berührung die Befangenheit nicht abzulegen, oder aber sie hindert, außerhalb der persönlichen Sphäre die sachliche Unbefangenheit wiederzuerlangen. Man hält es bei uns für ein Zeichen von Perfidie, wenn zwei Politiker, die gestern an einem gastlichen Tisch sich manierlich unterhielten, heute wieder öffentliche Angriffe gegeneinander richten— weil man eben gar nicht imstande ist zu unterscheiden, daß gestern die Menschen gelöst von der Bindung sprachen und heute die an die Ueberzeugung gebundene Sache aus ihnen spricht. Mit dieser törichten Vermengung von Privatem und Oeffentlichem, dieser fixen Idee von der Unteilbarkeit des menschlichen Daseins, hängt es zusammen, daß man die Opposition als eine absolut teuflische, verbrecherische und daher niederzutrampelnde Angelegenheit be- trachtet, statt als ein bedeutendes Mittel der Meinungsbildung und, auf höherer Ebene, als staatspolitische Funktion. Das klas- sische Beispiel, England, wo die Regierung auf dem Instrument der Opposition geradezu virtuos zu spielen weiß und sie als indirektes Mitteilungs- und Sondierungsorgan benußt, werden wir wahrschein- lich nie erreichen, aber wir sollten uns wenigstens darum bemühen und schon den Anfang damit machen, ehe die parlamentarische Praxis beginnt. Es ist notwendig, den Charakter dieser Zeit als einer Uebergangs- zeit zu betonen, die infolgedessen nicht nur voller Wandlungen, sondern auch voller Ueberbleibsel ist. Insofern sind die Atavismen, denen wir in ihr ebenso begegnen wie den Anachronismen, weder erschreckend noch symptomatisch. Aber der Begriff„Atavismus“ steht hier nicht allein für etwas, Ding oder Person, was sich selbst überlebt hat. Es scheint so zu sein, daß die Geschichte auch nach den unglaublichsten Einschnitten, vom anderen Ufer eines klaffen- den Höllentals her, nachträglich eine Brücke rückwärts zu schlagen unternimmt. Personen und Ideen scheinen ihren normalen Lebens- ablauf nachholen zu müssen, nachdem er gewaltsam abgebrochen worden war. Ein gutes Teil von dem, was wir heute in Deutschland auf Rednerpodien sehen und hören, kommt auf dieses Konto. Die Ueberlebenden eines Schiffbruches, an dem sie hauptsächlich ‚duld sind „uzuleben Napoleons auf dem fibige Tal apllegt b Raritätenk Zweifelhaf spensterta ken; nein. noch dring neuen By Gestalten; allerdings kunft Deu lichen Mi [eierte saı Iemerken wenn das Deutschla und die| reiches h: Monate@ Dauer, di tausend| dem Wes einer un: Föderalis sondern Länder ı nämliche Patriotis lismus si Es war/ Nicht Sk Vermutl diktator Diktatur ist die i besteht sungen dicht Bj Veg un Immer| auch erall mpf- nden ffen- dere isten tden, ver- nicht ichen halt ', die lten, weil stern ie an lieser lieser hängt ische, t be- (dung klas- t der ektes ‘hein- jühen rische ‚angs- ngen, smen, weder mus“ selbst affen- ‚lagen sbens- ochen hland , Die ‚chlich Grenzen der Verständigung 111 schuld sind, gedenken sich, verspätet an Land geschwommen, noch auszuleben. So wurde einst die bourbonische Restauration durch Napoleons terroristischen Polizeiminister Fouch® betrieben, und auf dem Wiener Kongreß erschien für Frankreich der wandlungs- fähige Talleyrand, der wohl eine Art Vorläufer unserer grauen, gepflegt bärtigen Eminenzen aus dem Raritätenkabinett(und den Raritätenkabinetten) der Weimarer Republik gewesen sein muß. Zweifelhaft ist nur, ob unsere Tage luxuriös genug sind, den Ge- spenstertanz vom Scheintod Auferstandener zu ertragen. Wir den- ken: nein. Allmählich sollten Fragebogen über die Zeit vor 1933 noch dringender werden als über die Jahre nachher. Die von einem neuen Byzantinertum bekränzte Wanderrednerei schwankender Gestalten, die im Bilde einer staatserhaltenden Walpurgisnacht allerdings eine klassische Figur machen würden, hat mit der Zu- kunft Deutschlands genau so wenig zu tun wie der von ihrem preis- lichen Minnegesang, morgenlich leuchtend in rosigem Schein, ge- - feierte sachsenpreußische Unitarismus. Es war von jeher eine ihrer bemerkenswertesten Fähigkeiten, ein Hochzeitskarmen zu dichten, wenn das Betreffende schon im Grabe lag. Deutschland ist tausend Jahre lang nicht unitaristisch gewesen, und die prophezeiten tausend Jahre des Großdeutschen Einheits- reiches haben unter ständigem Keuchhusten zwölf Jahre und drei Monate gedauert. Die Geschichte spricht ihre Urteile durch die Dauer, die sie.den Staatsgebilden gewährt. Ein Zustand, dem sie tausend Jahre gibt, hat diese tausend Jahre verdient; er hat wohl dem Wesen derer, die in ihm leben, entsprochen. Vor kurzem hat einer unserer neuen Nationalisten wieder einmal behauptet, der Föderalismus, der kein Abrakadabra und kein Kasperletheater, sondern einen freiwillig eingegangenen Bund freier deutscher Länder meint, sei der„erste Schritt zum Separatismus“. Diese nämliche Behauptung ist hingegen der erste Schritt zu einer neuen patriotischen Preußenlegende, und den ersten Schritt zum Separa- tismus stellen Vorgänge dar wie die im Parteiwesen der Ostzone. Es war Abraham Lincoln, der das große Wort sprach:„So, wie ich nicht Sklave sein möchte, so möchte ich auch nicht Herr sein.“ Vermutlich wäre auch dem Letten in Deutschland die Lust nach diktatorischem Anspruch vergangen, wenn die nationalsozialistische Diktatur durch uns selbst gestürzt worden wäre. Unsere Aufgabe ist die innere Revolution, die man auch Umerziehung nennt. Sie besteht in der Ordnung der Gedanken zuerst. Es gibt keine Patent- lösungen, und wo ein Vorschlag als Patentlösung verkündet und nicht bloß erörtert wird als der nach genauer Erwägung beste Weg unter vielen, zu denen kein vollkommener zählt, da ist es immer ein Schwindel. DIE STIMME DER JUGEND Die neuerdings durch ein Abkommen geregelten Transporte der aus Polen ausgewiesenen Deutschen bestehen nach der Mitteilung der Ueberwachungsoffiziere zu zwei Dritteln aus Greisen, Grei- sinnen und Kindern; und auch sonst überwiegen diejenigen, die den Zenit des Lebens überschritten haben. Dadurch nimmt das Flüchtlingsproblem noch ernstere Formen an, weil in eng um- grenzte Landstriche, die durch den Krieg ohnehin von den Reprä- sentanten des besten Mannesalters entblößt sind. mehr und mehr Menschen über sechzig und unter fünfzehn hineingepumpt werden, die wieder und wieder helfende Hände benötigen, statt helfende Hände zu reichen. Dabei wird die äußere Strukturverschiebung vielleicht an Gewicht noch von einer inneren übertroffen. Wenn Menschenleben und Willenskräfte durch Zahlen ausgedrückt wer- den könnten, so wäre es— die Proportion des verbleibenden Raumes und seine apokalyptische Beschaffenheit einmal außer acht gelassen— ein bequemes Rechenexempel, den sieben Millionen Deutschen, die in diesem Kriege zu Tode kamen, die zwölf oder mehr Millionen Einwanderer aus den Ost- und Südostgebieten gegenüberzustellen, ebenso wie es ein einfaches Bilanzkunststück wäre, das physische Stärkemanko dieser Einwanderer durch den Jugendgehalt in der Masse der heimkehrenden Kriegsgefangenen auszugleichen. Aber auch die Heimkehrer sind großenteils nur noch laut Geburtsschein jung. In normalen Zeitläuften versteht man unter der jungen Generation die Menschen zwischen achtzehn und fünfunddreißig etwa; was sie auszeichnet, sind außer Gesund- heit und Körperfrische die Begeisterungsfähigkeit, die Einbildungs- kraft, das Vertrauensbedürfnis, die Macht der Wünsche und Hoff- nungen— all das, was seinen Niederschlag in der banalen Maxime hat, daß der Jugend die Zukunft gehöre. Doch während es nor- malerweise die allgemeinen biologischen Gründe sind, die die Be- schäftigung mit der Jugend, ihre Erziehung, ihre Anleitung zur Selbständigkeit zur zentralen Aufgabe machen und eigentlich die Summe aller Volksarbeit einzig in diesen Dienst stellen, blickt heute mit uns die ganze Welt auf die deutsche Jugend aus einer sehr besonderen Veranlassung. Oberflächlich betrachtet, ist es außer der Sorge um die politische Erweckung einer Generation, die mit Bewußtheit nichts oder fast nichts als den Nationalsozialis- mus kennengelernt hat, die Sorge um die Reparatur der Charakter- schäden, die durch die ausschließliche Einwirkung einer Lehre der Charakterlosigkeit schlechthin sich bilden mußten. Insofern jedoch jst es elW schieden {u hiol Natürlich Schmut wesentlic Jich davo zeinigt W der, eine wurde, W Antwort Stunde v kam unl nichts a Venn w mus bes edigung, —(dann furchtbat Virklich Grauen gegentör Stimmer Zwanzig jährige, Roussea „ch fül gehörter Jacques Ihr Leb Krieg,, wollen| dritte] Repuhl; Ihren{I dazu si iterle] — nich hunder der W Sinnung daß sie ein sch ich da [ te der teilung ‚ Grei. n, die nt das g um- Reprä- | mehr erden, :Ifende iebung Wenn to wer- benden er acht llionen If oder ebieten ststück ch den ngenen ls nur ersteht htzehn ‚esund- Idungs- | Hoff- axime es NOI- die Be- ng, zur ich die blickt s einer ist&8 ration, ‚ozialis- ‚rakter- hre der jedoch Die Stimme der Jugend 113 ist es etwas, das von dem Gesamtproblem des Volkes gar nicht ver- schieden ist und seinen Vorrang lediglich wieder durch den Ein- fluß biologischer Tatsachen gewinnt. Natürlich ist die Frage, ob jemand aus dem nationalsozialistischen Schmuß befreit werden kann oder nicht, bei einem Dreißiger _ wesentlicher als bei einem Sechziger, aber das Ganze hängt schließ- lich davon ab, wieweit überhaupt die Luft über Deutschland ge- reinigt werden kann. Der fremdwortunkundige bayerische Bauer, der, einer hübschen Anekdote zufolge, im Dorfwirtshaus gefragt wurde, weshalb er seinen Nachbar nicht mitgebracht habe, und zur Antwort gab, der werde gerade desinfiziert— er war nämlich zur Stunde vor den„‚Denazifizierungsausschuß“ geladen—, dieser Mann kam unbewußt dem Sinn einer Notwendigkeit nahe, denn um nichts anderes als eine Seuche, eine Epidemie, handelt es sich. Wenn wir nun aber bedenken, daß nichts außer Nationalsozialis- mus besessen zu haben, soviel heißt, wie jetjt, nach seiner Er- ledigung, völlig leer, arm, elend, zusammengebrochen dazustehen — dann sind wir einen Schritt weiter auf dem Wege zu einer furchtbaren und in des Wortes wahrer Bedeutung„‚einmaligen“ Wirklichkeit. Tatsächlich ist es ja dies, was.uns als eine von leisem Grauen durchzitterte Klage aus den Stimmen der Jugend ent- gegentönt. Stimmen der Jugend: hier stocken wir schon. Wenn man liest, was Zwanzigjährige schreiben, möchte man oft wetten, es seien Vierzig- jährige, hätte man sich nicht selbst überzeugt. Als Jean Jacques Rousseau. seine Bekenntnisse schrieb, war er sechzig Jahre alt. „Ich fühle mein Herz— und ich kenne die Menschen.“ Es ist, als gehörten alle unsere„Stimmen der Jugend“ sechzigjährigen Jean Jacques Rousseaus.„Wir Jungen wollen das Leben“, schreibt einer. Ihr Leben, ihre Erfahrung war bisher der nationalsozialistische Krieg.„Wir wollen kein Dogma. Wir wollen den Volksstaat. Wir wollen keine Partei alten Stils. Wir wollen neu aufbauen.“ Jeder dritte Brief enthält ein Verdammungsurteil gegen die Weimarer Republik— nicht in einer Weise, als hätten sie diese Zeit in ihren Quellen studiert(sie haben es nicht, und die Möglichkeiten dazu sind heute beschränkt), sondern so, als hätten sie alles selbst miterlebt. Jeder zweite Brief fordert eine wahrhafte Demokratie — nicht, als wollten sie darum kämpfen, sondern als sei es seit hundert Jahren(denn so lange mindestens scheinen sie schon auf der Welt zu sein) ihre Anschauung, ihre Ueberzeugung, ihre Ge- sinnung. Sechzehn- und Siebzehnjährige beschweren sich darüber, daß sie keinen Unterricht in Geschichte genießen— was zweifellos ein schwerwiegender Fehler ist; ein paar Zeilen weiter wehren sie sich dagegen, daß der Nürnberger Prozeß zum Lehrstoff gehören 114. Die Stimme der Jugend soll—, ohne zu ahnen, daß auch dies Geschichtsunterricht ist. Sie wollen nicht mehr strammstehen, nicht mehr bloß gehorchen— sehr löblich; aber sie wollen auch ‚‚von jeglicher Politik“ verschont werden und verraten damit, daß alles, was sie vorbringen, gar keine„Stimme der Jugend“, sondern den Alten abgelauscht ist, die ebenfalls nicht begreifen, daß Strammstehen- und Gehorchen- müssen nur die Folge davon ist, daß man„von jeglicher Politik“ zufrieden gelassen sein will. Im übrigen verdanken sie es gerade Herrn Hitler, daß heute bis zum letten rostigen Nagel, möchte man sagen, alles politisiert ist. Nun hat es den Anschein, als solle dies eine Philippika gegen die Jugend werden. Weit gefehlt. Die Tragik beruht darauf, daß es gar keine Jugend mehr gibt; keine Jugend in dem Sinne einer glück- lichen Periode, da alles Vergangene Gestern, alles Zukünftige Morgen heißt und die Phantasie mit ihren Idealen obenan steht. In verschollenen Zeiten, in denen die Eltern ihren aus dem Vater- hause scheidenden Söhnen noch als kostbarsten Besit die guten Ratschläge mitgeben konnten und das fernere Leben der Jungen nur von dem freien Willen abhing, ob sie den Rat der Alten be- folgen wollten oder nicht, entstand die schöne Geschichte von der Mutter, die ihrem zur Universität ziehenden Sohne beim Ab- schiedskuß zuflüstert:„Bringe mir nichts als dein Gesicht wieder.“ Die Jugend, die heute aus der Schule des Nationalsozialismus oder aus der-Pesthölle seines Krieges wiederkehrt, hat ihr Gesicht ein- gebüßt. Sie hat nichts mehr, wodurch sie sich empfehlen könnte, und rings um sie ist eine Welt, die sich wiederum ihr nicht zu empfehlen vermag. Hamlets Freund Laertes hatte zum Vater nur einen Polonius, aber Polonius hatte als Einbläser einen Shake- speare; die Laertesse von heute befinden sich lauter kleinen, auf ihre eigene Armseligkeit und Torheit gestellten Poloniussen gegen- über, und die Leichenberge sind samt der geistigen Fäulnis zu groß geworden, als daß die Trompete eines Fortinbras, selbst wenn ein solcher sichtbar wäre, genügte, um das Morgenrot einer reineren Zeit anzukündigen. Infolgedessen ist das Problem der Jugend heute mehr als je ein Problem ihrer Umwelt; die Umwelt aber ist heute viel grenzenloser als je, so grenzenlos, daß nicht allein die Jugend sich darin verliert, sondern daß auch wir die Jugend aus dem Auge verlieren. Wir hören gelegentlich von sonderbaren Vorgängen in Kunst- ausstellungen, Theatern, Universitäten— Vorgängen, die uns an die Entwicklungen nach 1918 denken lassen; aber alle diese Dinge spielen sich an der Peripherie ab und sind obendrein infolge der Verbindungswege, die ungefähr denen des siebzehnten Jahrhunderts entsprechen, schwer kontrollierbar. Nachdem die zu Alarm berech- Blemente gangenhe und Erzi hetrifft,. rigten I os zu ex Leben, n kann, we es selbst rempelei hrav tası genannte “ scheidene in ihrer mischt is auch blo die schre dort her das der des chau bereitet t. Sie en— chont l, gar It ist, tchen- litik® ‚erade töchte n die es gar glück- nftige steht, Vater- guten ungen n be- n der ı Ab- oder.“ ; oder it ein- nnte, ht zu r nur Jhake- 1, auf gegen: ı groß ın ein inneren heute heute ugend Auge Lunst- ns an Dinge je der nderts erech- Die Stimme der Jugend 115 tigenden Nachrichten über das Verhalten der Erlanger Studenten bei Niemöllers Vortrag ihre Wirkung getan hatten, hat Niemöller selbst dem Vorfall öffentlich eine harmlose Deutung gegeben; der Marburger Rektor, Professor Ebbinghaus, bezweifelt, daß die Elemente sehr zahlreich seien, die den Ungeist der jüngsten Ver- gangenheit zu einem Widerstand gegen jede Art von Aufklärung und Erziehung benuten; und was den Lärm um Kunstausstellungen betrifft, so könnte man vielleicht fragen, ob es klug sei, die schwie- rigsten Exemplare expressionistischer Kunst heute voraussegungs- los zu exponieren, da wir uns doch alle darin einig sind, daß neues Leben, neue Politik, neue Kunst nicht eben da wiederbeginnen kann, wo altes vor 1933 aufgehört hat. Trotßdem, und obwohl es selbstverständlich ist, daß hundert junge Leute, die auf An- rempeleien aus sind, mehr Aufsehen erregen als Tausende, die brav tastend ihres Weges gehen, darf man Begebenheiten wie die genannten ebensowenig unterschägen wie überschägen. Die ent- scheidende Schwierigkeit freilich liegt darin, daß auch die Jugend in ihrer Mehrzahl als fluktuierende Masse unter die Millionen ge- mischt ist, die kreuz und quer, Heimat, Obdach, Anverwandte oder auch bloß Geschäfte suchend, durch Deutschland ziehen. Dort ist die schroffste Gefährlichkeit, dort läßt sich nichts beaufsichtigen, dort herrscht das Halbdunkel, das Geraune, das Gerüchtefieber, das der Nährboden der Unvernunft, der seelischen Zermürbung, des chauvinistischen Wahnsinns ist. Bis diesem Zustand ein Ende bereitet werden kann, ist der beste Dienst, den wir der Jugend und damit dem Lande erweisen, der beispielgebende Angriff auf allen Unsinn, der sich verbreitet. Ein grausiger Witbold hat kürzlich geäußert, die deutsche Sprache habe nur ein einziges gangbares Konjugationsparadigma:„Ich ver- rate, du verrätst, er verrät.“ Im vorigen Kriege haben angeblich die Soldaten die Offiziere, in diesem angeblich die Offiziere die Soldaten„verraten“. Während die eigenen Siege Wunder der Stra- tegie waren, waren die Siege der Alliierten Resultate der„Ver- räterei“. Wer eine eigene Meinung hat,„verrät“ unter allen Um- ständen den, der eine andere oder keine hat. Bald wird an Deutsch- land, bald an der Vergangenheit, bald an der Arbeiterklasse„Ver- ‚rat geübt“. Die Redlichen werden so lange„Verräter“ genannt, bis es den Anschein hat, als müsse man betrügen, wenn man einen ehrlichen Namen haben will. Der Erfolg: man verleiht denjenigen den Anschein des Rechtes, die nur allzu begierig sind, sich mit einem„Wir glauben an nichts mehr“ aus der Affäre zu ziehen -oder aber eine„Verlegung der innersten Gefühle“ vorzuschügen, um zu verbergen, daß sie gar keine haben. So wird der National- _ sozialismus, der ja nur darum die totale Zerstörung wollte, damit 116 Die Stimme der Jugend jede nachfolgende Bemühung um Demokratie scheitern müßte, noch nachträglich begünstigt; und es wird nicht lange dauern, bis man hören kann, der Nationalsozialismus sei als Idee ganz richtig gewesen, leider nur von Göring und Himmler„verraten“ worden. Dann werden die beiden jenseits alles Denkens stehenden, im. Ur- sprung einander scheinbar widerstreitenden Auffassungen: die jün- gere Generation sei aus Idealismus Hitler gefolgt, und: die deut schen Soldaten hätten nicht für Hitler, sondern für Deutschland gekämpft, sich auf ein und derselben Linie der Perversionen tref- fen. Der Perversionen: denn Deutschland ist ein überzeitlicher Begriff, Hitler aber hat ihn in der Zeit vernichtet. Dieses Land ist nicht erst seit dem Ende des legten Krieges ein Land der Verworrenheit. Seine besten Söhne durften nicht, wie die anderer Nationen, Klarheit an sich und in großen geistigen Höhen erstreben, sondern mußten zuerst einmal um die Klärung der nie- deren Verhältnisse ringen. Daß die Verworrenheit durch die Um- stände auf die Spitze getrieben ist und den ungeheuerlichsten Aus- druck findet, ist nicht weiter verwunderlich. Es hat ohne Zweifel noch tiefere Gründe, wenn wir, zunächst voll Befremdung, erleben, daß die hereingebrochene Katastrophe so viele Gemüter mehr zur Rebellion, zu einer falschen Rebellion, als zur Besinnung veranlaßt. Eine Nation, die sich für Gößen statt für Göttliches geopfert hat, deren Herren, mit Montaigne zu sprechen,„ein heimtückisches Benehmen mit den Namen Mut und Tapferkeit belegen“, den „Hang zur Bosheit und Gewalttat Diensteifer nennen“ und„.den Krieg schüren, nicht weil-er gerecht ist, sondern weil es der Krieg ist“, eine Nation, die eben deshalb so Schreckliches durchgemacht hat, daß sie verlernte, sich vor irgend etwas zu entseten, die un- entwegt und in einem fast unglaubwürdigen Maße unbewegt dem Tod ins Gesicht geblickt hat und, am Rande des Nichts angelangt, von der Gleichgültigkeit und Fühllosigkeit gegenüber allem noch Möglichen und Erdenklichen befallen ist— eine solche Nation schwebt in der tödlichen Gefahr, daß sie wie ein troßiges Kind an- fängt, sich am Boden zu wälzen, sich sozusagen unwohnlich dort einzurichten, wohin sie vom Erdbeben niedergeschmettert wurde, sich an das Leben in Ruinen zu gewöhnen, ohne ein anderes zu wollen, entwurzelten Bäumen ähnlich, die, flach‘über die Erde gestreckt, ein kümmerliches Sprossen versuchen. Und darin sind sich, wenn man die Gesamterscheinung, nicht bloß Ausschnitte berücksichtigt, ob alt oder jung, alle gleich. In den Zuschriften der Jugendlichen werden Vorwürfe über Vorwürfe auf die„Alten“ gehäuft, die, während die Jungen noch Kinder waren, den Natio- nalsozialismus zur beherrschenden Macht werden ließen. Gut; aber obwohl dies nach Opposition, wenn auch nach Opposition post a u RER festum AU nämlich I: Kampf d Jungen rationen| den Scha Die Situa Hebels 6 einer ver die, jedeı bern, deı adelphia sagte der worden.“ und Nir; gehen si wobei sit wirrung| Standpur die aller Jugendlis sagt:„D) Ohne fr führt zu gleiche/ Parteien Mitglied sie die\ zu mißa Saboteu) lichkeit, Schlagw: Entschlo und erh hinter d heit gef In orde lichung will, ist sondern einande getrete) Jugend Auf di Die Stimme der Jugend 117 festum aussieht, ist es nur ein unbeträchtliches Ressentiment. Dies nämlich ist in der Geschichte die erste Zeit ohne einen wahrhaften Kampf der Generationen. Zum ersten Male ist das Problem der Jungen das Problem der Alten; zum ersten Male stehen alle Gene- rationen unter demselben Lebensgese&, unter demselben drücken- den Schatten, unter demselben Eindruck der Aussichtslosigkeit. Die Situation gleicht jener der beiden Männer in Johann Peter Hebels Geschichte aus dem„Rheinischen Hausfreund‘“, die nach einer verhängnisvollen Folge von Irrung und Verwechslung(durch die, jeder um den anderen:besorgt, der eine gewalttätigen Wer- bern, der zweite beinahe dem Henker zum Opfer fiel) in Phil- adelphia unverhofft sich wiederbegegnen.„Hol dich der Teufel“, sagte der eine,„deinetwegen bin ich zum Matrosendienst gepreßt worden.“ Der andere antwortet: ,„‚Und du vermaledeiter Ueberall und: Nirgends, deinetwegen hing ich schon am Galgen.“ Dann gehen sie ins Wirtshaus und unterhalten sich über ihr Schicksal, wobei sie Freunde fürs Leben werden. Gegen die äußerste Ver- wirrung kann eben nur äußerste Abzirkelung und Erneuerung der Standpunkte helfen. Pathos ist niemals neu. Neu sind immer nur die allerdürrsten Worte. Ein britischer Stabsoffizier hat es vor Jugendlichen in Berlin mit solch dürren Worten ungefähr so ge- sagt:„Die Quintessenz der Demokratie ist freie Meinungsäußerung. Ohne freie Meinungsäußerung bekommen wir die Diktatur. Es führt zu nichts Gutem, wenn behauptet wird, Parteien hätten gleiche Ziele, und sie haben sie tatsächlich nicht. Innerhalb der Parteien muß die Meinung ebenso frei sein, auch für die jüngeren Mitglieder. Die Mehrheit soll bestimmen, doch sie hat, bloß weil sie die Mehrheit ist, nicht das Recht, die Ansichten der Minderheit zu mißachten oder jeden, der mit ihr nicht übereinstimmt, einen Saboteur zu nennen. In einem Gemeinwesen ist die Einzelpersön- lichkeit, nicht Staat oder Partei, das Wesentliche. Dogmen und Schlagworte sind niemals Besseres als halbe Wahrheiten. Mut, Entschlossenheit und Furchtlosigkeit vor Angriffen allein bilden und erhalten eine Demokratie, in der niemand mit seiner Meinung hinter dem Berge hält, weil ihm etwa Opposition gegen die Mehr- heit gefährlich erscheint.“ In ordentlichen Zeiten, wo, nach Pestalozzi, man„keine Verstaat- lichung des Menschen, sondern eine Vermenschlichung des Staates“ will, ist die Stimme der Jugend nicht an Lebensalter gebunden, sondern alle Stimmen tönen jung. In diesem unordentlich durch- einandergeworfenen Deutschland ist etwas ganz anderes ein- getreten: alle heimkehrenden Soldaten sprechen eine Stimme der Jugend, die die Stimme der Unerfahrenheit und Ratlosigkeit ist. Auf den Straßen begegnet man ihnen, wie sie aus der Kriegs- 4 4 Zr Er 5 a Ze 118 Die Stimme der Jugend gefangenschaft kommen: die äußere Erscheinung, Anzug, Gang, Gestalt und Wesen, ist verschieden, je nachdem, was sie durch- gemacht haben oder auch woher sie kommen und wohin sie gehen, ob sie schon lange auf den krummen Pfaden umherirren, zu denen sie, jeden Haltes beraubt, den das Wissen um Heim und Familie zu bieten vermag, gezwungen sind, oder ob sie ein Ziel vor Augen haben, auf das sie zusteuern und gegen das alle bürokratischen Hindernisse machtlos bleiben. Mit vielen von ihnen marschiert die Einsamkeit; die Einsamkeit des Niemandslandes, das ihre Welt geworden ist, und aus dem ihre Gedanken stammen, sorgsam ver- schlossen; die Einsamkeit des Mißtrauens, der Verlorenheit, oft auch des Troßes. Wer, der ihre Gesichter sieht, die müden Augen, die verhärmten Lippen, die ergrauten Schläfen, denkt daran, was sie bewegen mag, wie sie so unbeachtet, hoffungslose Menschen- verächter, ihres Weges ziehen? Nicht alle, die da heimkehren— auch aus diesem einst so schönen, von der Poesie aller Zeiten um- wobenen und dem ursprünglichsten aller Gefühle entsprossenen Wort hat dieses Jahrhundert eine grausige Farce gemacht—, nicht alle von ihnen sind unverbesserliche Landsknechtstypen. Es wäre ein Unrecht, nicht die Menge derer zu erwähnen, die den Hitlerkrieg nicht nur als geschworene Feinde des Nationalsozia- lismus, sondern auch des deutschen Militarismus überhaupt mit- gemacht haben oder durch ihre Erfahrungen in den Kasernen und an den Fronten dazu geworden sind; und es wäre ein Irrtum an- zunehmen, daß die Unterschiede in der Denkart durch die Unter- schiede der Generationen bedingt werden. Wie es gewisse Probleme gibt, an denen sich nicht Parteien scheiden, sondern bei denen die Kluft zwischen den Auffassungen mitten durch alle Parteien hin- durchgeht, so steht auch hier nicht etwa die Jugend geschlossen gegen das reifere Alter. Viele der jungen Heimkehrer haben die gesunden Anschauungen, die den älteren zukämen, und viele der älteren sind über den Horizont der Hitlerjugend nicht hinaus- gelangt. Dieser legtere Teil, der wieder mit einem Teile der jün- geren Generation korrespondiert(zugegeben, leider, dürfte es die Majorität sein), befindet sich im Schatten von gestern, und dieser Schatten, über den sie nicht springen wollen, verfolgt nicht bloß sie, er folgt ihnen überall hin, macht sich selbständig, verbreitet sich, zieht auch die Umgebung und alles, was mit ihm in Berührung tritt, Menschen und Dinge, in seinen durch Verzweiflung und Modergeruch gezeichneten Bann. Die anderen aber—— Die anderen haben sich von der Niederlage des Nationalsozialis- mus etwas Bestimmtes erwartet. Daß diese Hoffnungen, was die äußeren Bedingungen anbelangt, nicht in Erfüllung gegangen sind, ist weder ihre noch unsere, noch irgend jemandes Schuld. Ohne Zweifel macht W wesentli Urteil d sehen W des Krie inmitten des lok: glomera Auch di chat,€ Studien analytis anhafte) faßt, ka die Ges sammen noch di schichte sehunge muß er lich, ab exakte von de: lichkeit Der er: politisc stand, durchw stiges ı dung u 1920 u Jahrze] Diejen; haben weil si gelerni hergey eine fı Fanz u neben schlan; Komm Uns m ssenen en. Es ie den Isozia- t mit- n und m an- Unter- ‚bleme en die n hin- lossen en die le der imaus- r jün- es die dieser t bloß preitet ihrung g und pzialis- a3 die 1 sind, Ohne Die Stimme der Jugend ul) Zweifel hätte im Verlauf des legten Jahres manches anders ge- macht werden sollen, als es gemacht worden ist; ob es dadurch wesentlich besser geworden wäre, steht dahin. Wenn einmal das Urteil der Geschichte darüber gesprochen wird, darf nicht über- sehen werden, daß eine Lage wie die, in der Deutschland am Ende des Krieges und nachher war, weil ohne Vorbild, zu Experimenten inmitten von Schwierigkeiten nötigte, die aus dem Elementarsten des lokalen Lebens so gut wie aus dem naturnotwendigen Kon- glomerat der heterogensten internationalen Faktoren rührten. Auch der gewissenhaft abwägende Historiker kann nur aus dem Schatz; der Erkenntnisse urteilen, den er in langen und harten Studien gesammelt hat, und dem, mag er noch so reich und analytisch gesichert sein, doch immer die Mängel der Hypothese anhaften werden. Denn wenn er sein Amt verantwortungsvoll auf- faßt, kann er sich nicht mit den Begebenheiten begnügen, die ihm die Geschichte liefert, nicht einmal die Durchleuchtung der Zu- sammenhänge und Hintergründe reicht aus; er muß daneben auch noch die Geschichte betrachten, die es niemals gegeben hat, Ge- schichte, wie sie hätte eintreten können, wenn die Voraus- segungen- andere gewesen wären. Diese Voraussegungen jedoch muß er konstruieren, so haarscharf nach der Wirklichkeit wie mög- lich, aber sie sind nur vergleichsweise greifbar, weil eben die exakte praktische Gegenprobe niemals gemacht wurde und niemals von der Geschichte selber gemacht wird, einerlei wie viele Aehn- lichkeiten und Berührungspunkte man in Einzelheiten finden mag. Der erste Weltkrieg wurde von jung und alt mit einem bewußten politischen Willen erlebt, gleichviel auf welcher Seite der einzelne stand. Mit Ausnahme der allerjüngsten Jahrgänge, die anfangs durchweg Freiwillige waren, hatten sie alle noch ein gewisses gei- stiges und seelisches Gewicht durch den Fundus an Erziehung, Bil- dung und Wissen, der ihnen vor 1914 zuteil geworden war. Zwischen 1920 und 1930 war es in Deutschland Mode geworden, dieses erste Jahrzehnt des Jahrhunderts als muffig und dekadent zu verlästern. Diejenigen, die heute, fünfzig und mehr geworden, noch leben, haben vielleicht jetzt erst die Jahre ihrer Jugend schägen gelernt, weil sie neue Generationen aufwachsen sahen, die wenig oder nichts gelernt haben und entweder zwischen allerlei Extremen hin- und hergeworfen wurden, ohne auch nur die Spur einer Erinnerung an eine friedlichere Welt und klare Existenzen zu besiten, oder aber ganz und gar der Hitlerschen Vernebelung anheimfielen, die ihnen neben der Vergangenheit auch noch Gegenwart und Zukunft ver- schlang. Indessen sogar dies wäre kein Anlaß, ohne Vertrauen auf Kommendes und mit Argwohn auf Heutiges zu blicken, wenn wir uns mühten, einer Bedingung, einer einzigen, gerecht zu werden— 120 Die Stimme der Jugend wenn wir denen, die von bestem Willen beseelt sind, die Aufnahme gewährten, die sie suchten, nämlich in einem wahrhaften Reiche (hier hat das Wort seinen Pla&) der Demokratie. Alle diese jungen Leute sind begierig zu sehen, was Demokratie denn nun eigentlich bedeutet; und wenn wir von den jungen Leuten sprechen, so rechnen wir alle zu ihrem Kreise, die sich verloren, ja auch die, die sich nach so typisch deutscher Weise „verraten“ fühlen. Es wäre so einfach, ihnen zu helfen. Es wäre gar nicht so schwierig, sie zu gewinnen. Es wird immer als schwierig dargestellt— weil besondere Schwierigkeiten geschaffen worden sind. K. G. Chesterton bekennt:„Ich verstand wirklich nicht, was ich mit Freiheit meinte, bis ich sie mit dem Namen Menschenwürde bezeichnet hörte.“ Genau so ergeht es allen, die aus den Stachel- drahtzäunen, den tatsächlichen oder den geistigen, entlassen sind: sie verstehen nicht, was mit Freiheit gemeint ist, denn sie treffen vieles an, was sie lieber entbehrten, aber das einzige Unentbehr- liche, das alle körperlichen Entbehrungen aufwiegt, die Achtung vor der Menschenwürde, treffen sie nieht an. Man muß erlebt haben, wie das vielerorts von einer neuen„Einheitspartei‘ ge- botene Bild der vergewaltigenden„Umschulung“ auf Menschen wirkt, die unbefangen, vorurteilslos und hoffend in die noch un- verstandene„Freiheit“ traten— man muß es erlebt haben, um in einem Maße erschüttert zu werden, wie es nicht einmal durch den Einbruch der nationalsozialistischen Finsternis geschehen konnte, denn vom Hitlerismus hatte man sich ja keines anderen versehen. Da stehen sie nun ratlos, diese Menschen, weil man ihnen sagt, sie seien frei. Statt daß die Freiheit ihnen als ein Wunder er- scheint, wundern sie sich über eine Freiheit, die ihnen im näm- lichen Augenblick, da sie ihnen geschenkt wurde, auch schon wieder genommen wird. Wo es wesentlich wäre, sie nach einer beispiel- haften Begegnung zu einer Entscheidung aufzurufen, die ihnen die Wahl läßt, stellt man sie vor den Zwang, zu einer fertigen Sache ja oder nein zu sagen. Wir können es ihnen nicht verargen, wenn ihre erste— man verzeihe uns das bittere Wort— Reaktion darauf sich in der Meinung äußert, wenn das der Effekt von Hitlers Ende sei, begriffen sie nicht, warum sie neu anfangen soll- ten. So stehen sie denn, wie ihre Antipoden im Schatten von gestern, im Schatten von morgen. Wir müssen uns ihrer annehmen. Wir müssen, wenn es denn ohne Kampf nicht gehen soll, aus ihnen Kämpfer für das machen, was die erlauchtesten Namen uns als den Inbegriff der Demokratie überliefert haben, und was wir durch keine List, durch keine Heimtücke, durch keine Ignoranz, keinen Hohn, keine gemeine Verleumdung und auch durch keine primitiv-doktrinäre Ideologie verfälschen lassen wollen: die Un- antastbat freiheitli üherranl und wir entsühne haben,& Täusche schwäche welt, die was Ihr ten Ene Mal ver: die eige achten- „Das al Oelbaun schrieb Frieden Das waı den Ge dürfte: Satan; Unschul wiß; ih Deutsd vielen gelernt sollte, wenn d Leute| normal gefang, Hunde haben, beschü Friede schen vergeh Pessim schichı nicht, selbst nächst ahme eiche ratie ngen sich Veise wäre vierig rden , Was vürde achel- sind: effen behr- htung rlebt Meg: schen h un- ım ın h den nnte, ‚ehen. sagt, 7 eI- nam- vieder ispiel- on die Sache wenn aktion t von n soll- stern, Wir ihnen ns als Wir ‚oranZ, keine ie Un > WITT RENETWEIHERERTIRRE RES BEL RN — Zr U Te Die Stimme der Jugend 121 antastbarkeit der Persönlichkeit, das Recht, die Würde und die freiheitliche Selbstbestimmung des Menschen. Konnten wir einmal überrannt werden, ein zweites Mal wird es uns nicht widerfahren, und wir wüßten kein richtigeres Mittel, uns von der Schuld zu entsühnen, die wir durch die Duldung des einen auf uns geladen haben, als daß wir beim anderen bis zum äußersten widerstehen. Täusche sich niemand in unserer Kraft. Sie ist desto stärker, je schwächer sie das vorige Mal war. Hinter uns steht eine Kultur- welt, die zwar in ihren Grundfesten wankt, die aber das wenige, was ihr an unvergänglichem Besitz noch blieb, mit aller gesammel- ten Energie zu behaupten willens ist. Erst wenn wir ein zweites Mal versagten, büßten wir die Selbstachtung ein. Solange wir aber die eigene Gesinnung achten, sind wir fähig, auch die fremde zu achten— falls sie die gleichen Grundsäße der Freiheit anerkennt. „Das alte athenische Geset sollte gelten, welches die Früchte des Oelbaumes nur unschuldigen Kindern zu pflücken erlaubte“, schrieb Jean Paul, und davor steht der Sag:„Die Handhabung des Friedens wird uns jeßt vielleicht schwerer als die des Krieges...“ Das war vor hundertvierzig Jahren, und der einzige Unterschied in den Gefühlen der jet um den Frieden ringenden Staatsmänner ‘dürfte der sein, daß sie nicht ganz sicher sind, ob in diesem vom Satan gesegneten Jahrhundert nicht auch die Kinder schon ihre Unschuld verloren haben. Die Jugendlichen im weiteren Sinne ge- wiß; ihnen ist die Kindheit gestohlen worden, wie uns, den älteren Deutschen, Freiheit und Vaterland gestohlen wurden; sie haben in vielen Ländern zugleich Entbehrung und Todesangst kennen- gelernt und von der Freude des Lebens, die ihr Vorrecht sein sollte, nur wie aus einem Märchen gehört. Noch auf lange, auch wenn dem Buchstaben nach Friede wird, werden Millionen junger Leute fern von Heimat und Angehörigen weilen müssen und einer normalen Beschäftigung entzogen sein; wenn einmal unsere Kriegs- gefangenen zurückgekehrt sind, wird dieses Los immer noch die Hunderttausende treffen, die als Okkupationstruppen die Aufgabe haben, ihre Völker, die Welt und Deutschland selbst davor zu beschützen, daß der Bazillus der Gewalt wieder virulent wird. Der Frieden wird kostspielig sein, und bis die Menschheit seiner ethi- schen Werte teilhaftig wird, werden vielleicht noch zwanzig Jahre vergehen; aber wenn wir uns bewußt bleiben, daß dies keine pessimistische Auffassung, sondern ein heilsames Gebot der Ge- schichte ist, die sich um ihre Lehren, ob man sie annimmt oder nicht, nicht betrügen läßt, können wir Stufe um Stufe, indem wir selbst daran arbeiten, mit derselben Genugtuung betreten, die der nächsten Generation das vollkommene Gebäude gewähren soll. Die 11224 Die Stimme der Jugend Sünden der Väter werden nun einmal heimgesucht, und wenn unsere Jugend, anfänglich niedergeschlagen und ratlos ein neues Ideal suchend, das sie nach Lage der Dinge nicht in der notwen- digen Klarheit finden konnte, sich jegt mehr und mehr zu leiden- schaftlicher Anklage aufrafft gegen uns, die wir sie in den Jahren ihrer kindlichen Unwissenheit nicht vor diesem Schicksal bewahr- ten, so haben wir die Pflicht, ihr so rasch wie möglich eine reale Welt zu erschaffen, die illusionslos hart, aber auch frei von Ver- wirrungen und Anklängen an die untergegangene ist. Statt„Ein- heit“ dort zu beschwören, wo sie sowohl im Sinne wahrer Demo- kratie wie in nüchterner Erkenntnis der Tatsachen nichts zu suchen hat, sollten wir das einzige Bild der Geschlossenheit und Einheit- lichkeit bieten, das uns frommt— in dem Willen, unsere Verant- wortlichkeit für das Geschehene zu bejahen, keine Ausflüchte zu erfinden, das Gegenwärtige in jeder Form als unvermeidliche Folgeerscheinung zu betrachten und Ehre, Stolz und Würde erst dann wieder als Argumente zu verwenden, wenn wir uns ein An- recht darauf erworben haben. Dies ist die eine Seite unserer Situation. Die andere sehen wir nicht minder deutlich: dort treiben diejenigen ihr Unwesen, über deren Bestimmung als„Reaktionäre“ wir uns sogar mit dem be- griffsstugigsten Publizisten einigen können. Sie üben sich nicht, wie die Feinde von links, in getarnter Demokratie, sie spielen viel- mehr echte Demokratie. Taktik ist beides, die politische Schau- spielerei wie die Kunst der politischen Manöver, und die Gemein- samkeit besteht darin, daß die Demokratie nicht als Selbstzweck bestätigt, sondern zu demokratiefremden Zwecken benugt werden soll. Falsche Freunde sind schlimmer als echte Feinde, aber falsche Feinde sind sicherlich nicht besser. Jedenfalls mißtrauen wir gründ- lich den Leuten, die uns einreden wollen, daß wir,„zwischen den Zeiten“ lebend, uns davor hüten müßten, die„großen Preußen“ der ihnen bisher zugebilligten Bedeutung zu entkleiden und nur noch das Allzumenschliche bei ihnen als Maßstab ihres geschicht- lichen Wertes gelten zu lassen. Damit, so heißt es, entstünde an Stelle des früheren Zerrbildes der Verherrlichung ein solches der Entehrung.„Wenn man’s so hört, möcht’s leidlich scheinen, steht aber doch immer schief darum.“ Wie Faust mit Religionsphilosophie der Gretchenfrage nach dem Christentum auszuweichen trachtete, so will man uns mit dem Hinweis auf ein paar nicht allzu faden- scheinige Besonderheiten der Tradition vergessen machen, daß es sich im Grunde um die Urheber und Verkörperungen des Natio- nalismus, des Militarismus, des Imperialismus und sonstiger, durch derlei verdächtige Endsilben betonter schlechter Eigenschaften handelt. Wo ein Generalnenner benötigt wird, damit endlich ein- 2 Eee Ne mal ein schwel 2 Staatspl womit I dige Ve keit um all in I und so sönlichk gehinde Verkün bis zur anderth des fuı den Gr einfach‘ als sie. lung ve Lichno‘ sagte 1 in Lon „Die F über d Nation dieser der Na Augen] Umwe; Lichno vielleic mensch und w Wort stärke: schen ‚htete, faden- laß es Natio- durch jaften h ein- Die Stimme der Jugend 123 mal eine Rechnung aufgeht, darf man sich nicht durch etliche schwer zu behandelnde Bruchstriche beirren lassen. Staatsphilosophie und wissenschaftlich-politische Ideale sind nichts, womit man aus dem Chaos einen Anfang bilden kann. Eine leben- dige Verfassung bedarf nur des Willens, Naturrechte in Wirklich- keit umzuseßen.„Der Mensch ist frei geboren und liegt doch über- all in Fesseln‘— so begann Rousseau seinen„‚Contrat social“, und so beginnen wir heute wieder. Der Grundsat, daß jede Per- sönlichkeit eine Sphäre besiten soll, in der sie imstande ist, un- gehindert ihre Lebenskraft zu entfalten, ist es wert, daß von der Verkündung der Menschenrechte durch die Französische Revolution bis zur Charta der Vereinten Nationen darum gerungen wird. Daß anderthalb Jahrhunderte darüber vergingen, mit dem Ergebnis des furchtbarsten Rückschlages, spricht nicht gegen, sondern für den Grundsag, der so einfach, so klar, so gradlinig ist, daß er einfachere Herzen, klareren Geist und geradere Wege verlangt, als sie eine durch die wilden Verschlingungen technischer Entwick- lung verwirrte Menschheit auf Anhieb zu bieten vermöchte. Fürst Lichnowsky, deutscher Botschafter bei Seiner Britischen Majestät, sagte 1914 bei der Kaisersgeburtstagsfeier der deutschen Kolonie in London, sechs Monate vor Ausbruch des ersten Weltkrieges: „Die Entwicklung des neuen Deutschland geht vom Preußentum über das Deutschtum zum Menschheitsgedanken.“ Er ließ den Nationalsozialismus aus, denn eine solche Verirrung konnte sogar dieser in der Tiefe gläubige Skeptiker nicht ahnen. Aber auch der Nationalsozialismus mag— das liegt an uns, in diesem unseren Augenblick— nur einer der von der Geschichte beliebten Ab- und Umwege gewesen sein. Der Herr der Wilhelmstraße hat damals Lichnowsky nicht gerügt. Er hat es stillschweigend hingenommen, vielleicht hat er geschlafen, obwohl er in derlei Fällen selten so menschlich war wie Vater Homer. Nach mehr als dreißig Jahren, und was für Jahren, sind wir dazu berufen, uns an Lichnowskys Wort zu erinnern und Vorkehrungen zu treffen, damit hinfort stärker als von der„Geschichte der Deutschen“ von den„Deut- schen in der Geschichte“ die Rede sei. E 4 f # Ba Tr. Cm uciueepen WELTBÜRGER“ Die Zeiten, in denen die Menschen sich aus natürlichen Gründen auf die Frühlingssonne freuten, das junge Grün, die frohen Vogel- stimmen, das wiedergeschenkte Licht und den blauen Himmel mit der dankbaren Heiterkeit dessen genossen, der sich gleich den Osterspaziergängern in Goethes„Faust“ wie neugeboren fühlt— diese friedlichen und einfach menschlichen Zeiten sind für den größten Teil der Welt ein Märchen geworden. Frühling bedeutet nur noch, nicht mehr frieren und abends nicht mehr so lange im Dunkeln siten zu müssen; aber auch das ist keine Erlösung, keine Enthebung von Sorge, denn nun eilen die Gedanken schon wieder dem nächsten Winter zu, und die Frage, ob er noch schlimmer oder vielleicht ein ganz klein wenig besser als der vorige werde, läßt keine Ruhe. Jedes Scheit Holz, jetzt gespart, wird als Kapital be- trachtet, und statt mit Wanderstab und Mandoline wird man mit Aexten und Säcken in die Wälder ziehen. Sogar die Arbeit in den Feldern und Gärten, einst durch das Gleichmaß der Natur geregelt, wird vom Fieber der Not diktiert, und die Monate, in denen Bäume und Sträucher unbekümmert sich schmücken, stellen nur den„„‚Engpaß bis zur nächsten Ernte“ dar. Jede Wolke, die ohne Regen vorüberstreicht, jeder rauhe Wind und jeder sonnenlose Tag wirkten wie ein Alpdruck, der den Segen der Erde vertreibt— einer Erde, die mutwillig geschunden ist und auch dort, wo sie unbefleckt blieb, nicht mehr die Empfindung eines Ueberflusses erzeugt, der genügt, um den Hunger in der Welt zu stillen. Einen Frühling, der nichts ist als Umbeschwertheit und ewiges Schauspiel der Auferstehung, gibt es nicht mehr. Schönheit und Freude sind dahin, dahin sind auch Mitleid und Barmherzigkeit, die Fähigkeit zu jener inneren Anteilnahme und seelischen Er- schütterung, die ein göttliches Erbteil der Menschen war. Es ist in Rauch und Flammen aufgegangen, ganz so wie der irdische Besit. Das Elend ist zu allgemein geworden, als daß das Schicksal des ein- zelnen länger als die zwei Minuten interessieren könnte, die er be- nötigt, um es zu erzählen. Vor hundert Jahren prägten die Dichter, voll in die Saiten der politischen Leier schlagend, das Wort vom „Völkerfrühling“: Aber in Deutschland waren die Dichter meist schlechte Politiker, was noch hätte hingehen mögen, wenn nicht die Politiker fast immer schlechte Dichter gewesen wären. Gewöhnlich wird es so dargestellt, als sei die Achtundvierziger Demokratie durch die Reaktion erwürgt worden. Bemerkenswerterweise jedoch hat die Reaktion bei solchen Völkern, denen Demokratie ein un- wandelbarer realer Begriff und kein Gegenstand romantischer Schwärl können wie BI Demok war„\ „Einhei perialis talitäte Jied„ü für deı des Di dringu Hitlerg Antich soren Feinde kularıs Kircht umfass Demol man e knecht Demo! so sta) selbst genüg ein\ Geweı oder recht Histo: welch Demo licher Staats schüß ten, z Grun von I perm Recht die P bewa gezei usses wiges und gkeit, n Er- ist in Besit;. s ein- »r be- chter, vom meist ıt die nlich cratie edoch n un- ‚scher W.':bürger 125 Schwärmerei war, niemals einen entscheidenden Schlag führen können. In der Paulskirche war es nur eine kleine, von Männern wie Blum, Schüler und Simon geführte Minderheit, die wirklich Demokratie meinte, wenn sie für Demokratie stritt. Den anderen war„Volkssouveränität“ lediglich ein Vorwand für nationalistische „Einheitsbestrebungen“ und ein Mittel zu den Zwecken des Im- perialismus, verbunden mit mittelalterlichen„Reichs“sentimen-- talitäten: das„„geeinte große deutsche Reich“, dem sie das Wiegen- lied„über alles in der Welt‘ sangen, dünkte sie eine Vorbedingung für den Pla an der Sonne, den sie nicht mit der Bescheidenheit des Diogenes, sondern mit der Herrschsucht und dem Durch- dringungswahn der Seleukiden erstrebten. Aehnlich wie viele Hitlergegner nicht den Zielen, nur den Methoden des modernen Antichristes abhold waren, standen 1848 die politisierenden Profes- soren gegen die deutschen Fürsten nicht, weil sie in ihnen die Feinde der erklärten Menschenrechte, sondern die Vertreter parti- kularistischer dynastischer Interessen sahen. Sie bekämpften die Kirchturmspolitik der Monarchen, aber sie kämpften nicht für eine umfassende Demokratie. Ebensowenig, wie man heute dadurch Demokrat wird, daß man„‚Antifaschist“ ist, ebensowenig wurde man es damals allein durch den Umstand, daß man kein„‚Fürsten- knecht“ sein wollte. Demokratie kann nicht von außen umgebracht werden, wenn sie so stark ist, daß sie weiß, worauf sie beruht; sie wird durch sich selbst umgebracht, wenn sie für ihre eigenen Forderungen ein un- genügendes Verständnis hat. In dem Entwurf der Paulskirche für ein Wahlgeseg findet sich der Passus, daß die„Dienstboten, Gewerbegehilfen und diejenigen, die für Tagelohn, Wochenlohn oder Monatslohn arbeiten‘, weil„nicht selbständig“, kein Wahl- recht haben sollten. Man erschrickt, wenn man das liest. Aber der Historiker erkennt darin die Grundirrtümer, die sich mit irgend- welchen Varianten in Deutschland stets wiederholen, sobald die Demokratie wieder einmal auf der Tagesordnung steht. Kein künst- licher Nebel kann so dicht sein, als. daß der Unterschied zwischen Staaten, denen die Freiheit der Persönlichkeit als das höchste zu schügende Gut gilt, und solchen, die sie als einen Humbug betrach- ten, zu verwischen wäre. Es gibt verschiedene Wege, demokratische Grundsäge wirksam zu machen; aber es gibt nicht mehrere Sorten von Demokratie. Vom Standpunkt der Demokratie aus herrscht ein permanenter Kampf— der einzig zu rechtfertigende— zwischen Recht und Unrecht, Freiheit und Tyrannei. Doch nur dann, wenn die Positionen der Demokratie nicht voll wirksam sind, artet er in bewaffnete Konflikte aus; und sogar dann, wie der Fall Hitler gezeigt hat, ist die Demokratie, wenn sie Selbstvertrauen übt 126 Weltbürger und die Macht ihres Prinzips entfaltet, nicht im Nachteil. Anhänger der reinen Gewalt mögen Augenblickserfolge buchen gegenüber An- hängern des reinen Rechtes, denen durch ihre Ideale Grenzen ge- seßt sind; aber gerade weil sie diese Grenzen nicht überschreiten, nicht überschreiten dürfen, ohne sich aufzugeben, gerade darum wird die legte Stunde ihnen gehören und nicht den Polizeistaaten, die durch ihr System bezeugen, daß sie kein besseres Selbst- vertrauen besiten. Inzwischen ist das Lied vom Völkerfrühling, nachdem es 1918 ekstatisch zum Menschheitsfrühling erweitert worden war, desto jäher verklungen. Die Lage hat eine Zuspitung erfahren, die nach dem vorigen Kriege kein Mensch für möglich gehalten hätte. „Nie wieder Krieg!“ war in jenen gespenstisch entrückten Tagen der erste Ruf, der aus dem Schweigen des Grauens heraus ein hal- lendes Echo weckte. Nach der zweiten Weltkatastrophe müssen wir die Feststellung treffen, daß dies der erste Fall in der Geschichte ist, wo unmittelbar nach dem Ende des einen Krieges, und das mit einer Ungeniertheit ohnegleichen, man möchte sagen mit einem prickelnden Gruseln, vom nächsten gesprochen wird. 1918 war zwar die Welt nicht annähernd so ruiniert wie heute, jedoch man hatte genug, man fühlte sich erschöpft. Liegt es, wenn man heute anders empfindet, daran, daß die Totalität der Verwüstung den Menschen jedes Maß der Vernunft und überhaupt des Bewußtseins genau so entzogen hat wie jedes Maß des Grams, der Beschwerde, der gesamten leiblichen und seelischen Existenz? Vielleicht. Viel- leicht warten viele Kreise unseres Volkes auf ein Wunder der internationalen Verwicklung, das die furchtbare Situation zu „retten‘“ vermöchte, gerade so, wie sie während des Krieges auf das Wunder der neuen Waffen gewartet haben. Auch das ist ja nur eine Fortsegung dessen, was die deutsche Politik nicht erst seit Hitler, hier aber in der höchsten, gefährlichsten und idiotischsten Potenz, bestimmt hat: die Unwissenheit hinsichtlich der Welt- zusammenhänge, die voraussett, daß die andere Seite in den glei- chen Kategorien denke wie man»selbst, die Unfähigkeit, zu ent- scheiden zwischen dem Wunschbild, das man sich von den Völkern macht, und dem Wirklichkeitsbild, das die Völker bestimmend in sich selber tragen. Die Fama hat mit Fortuna die rollende Kugel unter den Füßen gemein;„fama crescit eundo“, konstatierte Vergil, aber indem es sich verbreitet, wächst das Gerücht nicht nur als solches, auch seine phantasmagorische Grundlage verzerrt sich ins Ungemessene dabei. Andererseits läßt sich nicht ignorieren, daß die irrige Meinung von der Unvermeidlichkeit eines neuen Krieges sich anschickt, die ganze Welt zu ergreifen. Die Menschen unseres Jahrhunderts schwanken mistische aber sie nicht. N sie gruN mungen der Sta: etwas,\ wenn B rechtzeil keit, da das Pro wog, jet Indesser Die and verschie Fragen wirrbar: zu der ı den Go sei den) übernäl Höhle( ten: sta gen, m Wahnsı ist, ihn uns au die zur zusamn befohle fen, ur so den; sind N: Den N Mensch hinter nalism: die aul tige A Yöllige die Ar nalist das Pı chsten Welt- n glei- u ent- olkern nd in Füßen em 68 , seine dabei. ıg von ganze anken Bi Weltbürger 12%. zwischen den Extremen der optimistischen Illusion und des pessi- mistischen Nihilismus. Sie rennen ins Unglück, lassen sich blenden, aber sie trauen auch dem Glück nicht, und sie trauen dem Frieden nicht. Nicht, daß schmerzliche Erfahrungen, bittere Enttäuschungen sie grundlegend belehrt hätten, sie urteilen vielmehr nach Stim- mungen und dunklen Gefühlen. Wir wissen nicht, ob die Weisheit _ der Staatsmänner so groß war, daß sie die gegenwärtige Lage als etwas, was zwangsläufig kommen mußte, vorausgesehen haben; wenn sie es taten, so ging es vermutlich über ihre Kraft, sich rechtzeitig darauf einzurichten. Es ist eine bare Selbstverständlich- keit, daß Gegensäte, die latent gehalten werden konnten, solange das Problem, den Krieg siegreich zu beenden, jedes andere über- wog, jegt mit desto hartnäckigerer Schärfe in Erscheinung treten. Indessen macht das nur die eine Hälfte der Schwierigkeiten aus. Die andere Hälfte rührt daher, daß jeder Krieg die Perspektiven verschiebt, Gesicht und Gewicht der Probleme verändert und alle Fragen so lange verdoppelt und verdreifacht, bis ein fast unent- wirrbarer Knäuel entstanden ist. Gerade diese Erkenntnis müßte zu der weiteren führen, daß ein dritter Krieg, weit davon entfernt, den Gordischen Knoten zu lösen, ihn noch verstärken würde— es sei denn, daß die Atombombe die Rolle des Schwertes Alexanders übernähme und bestenfalls ein Menschenpaar in einer eiszeitlichen Höhle die Vulkanisierung der Erde überlebte. Mit anderen Wor- ten: statt daß die akuten Gefahren zu einem dritten Kriege drän- gen, müßten sie, sofern nicht alles bis zur legten Kreatur von Wahnsinn oder Uebermut oder hinterhältigen Instinkten befallen ist, ihn verhüten. Zwei Kriege haben die Büchse der Pandora über uns ausgegossen, alle nur erdenklichen Sünden und Leiden, und die zurückgelassene Hoffnung ist zu einem winzigen Lichtstumpf zusammengeschrumpft; wir sind wie Deukalion und Pyrrha, denen befohlen wurde, die Knochen der Mutter Erde hinter sich zu wer- fen, um ein neues Geschlecht zu zeugen. Die Knochen der Erde, so deutete es Prometheus, sind die Steine. Herumliegende Steine sind nach diesem Kriege das einzige, woran kein Mangel herrscht. Den Nationen, die in der UN vereinigt sind, ist das Geschick der Menschheit zum allerlegten Male in die Hand gegeben. Was sie binter sich zu werfen haben, ist die Asche eines egoistischen Natio- nalismus, den sie zuvor freilich verbrannt haben müssen. Die Saat, die aufgehen soll, ist das Weltbürgertum. Das ist keine so schwie- rige Angelegenheit, wie sie es wäre, falls von den Völkern damit völlige Selbstentäußerung verlangt würde. Es erfordert nichts als die Anerkennung der Tatsache, daß, wie ein amerikanischer Jour- nalist es ausdrückt, Gott keine Stiefkinder hat und der Mensch das Primäre, die Nationalität das Sekundäre ist; daß es also nicht 128 Weltbürger mehr heißen muß, der beste Patriot sei der beste Weltbürger, son- dern der beste Weltbürger sei der beste Patriot. Der Name„Vereinte Nationen“ wäre eine Schändung, wenn die mit so schönem Elan konzipierte Institution des Weltsicherheits- rates wieder nur benugt werden sollte, um einseitige Interessen auf Kosten anderer rücksichtslos durchzusegen. Mehr als irgendein Ereignis vorher hat dieser Krieg bewiesen, daß Wille und Macht einer einzelnen Nation nicht mehr genügen, dem Recht und der Menschlichkeit zum Siege zu verhelfen. Damit ist dem Nationalis- mus der Boden unter den Füßen-weggezogen, außer es wagte auch jet noch jemand, gegen Recht und Menschlichkeit zu handeln. Der Kosmopolitismus ist keine Utopie mehr. Der Weltbürger lebt, weil diese Zeit, wenn überhaupt, nur noch in der Idee der Menschheit zu leben vermag, unabhängig davon, ob es einmal die „Vereinigten Staaten von Europa“ oder die„‚Vereinigten Staaten der Welt“ geben wird. Man mag, realistisch denkend, leugnen, daß solche Organismen je über den Phantasiebereich des Ideals hinaus- gelangen könnten; aber auch dann haben Bewegungen, die darauf abzielen, ihre Funktion und erfüllen schon durch ihr Dasein ein wertvolles Amt. Immer werden, wie Victor Hugo sagte,„Anfälle öffentlichen Wahnsinns‘“ zu verzeichnen sein; das sind„‚die immer umschlagenden Gegensäte Gottes— unmittelbar nach der Offen- barung kam der Höllentanz, auf den Sinai folgt La Courtille“. Aber das Entscheidende sind, nach Washingtons Abschiedsadresse an das amerikanische Volk, Religion und Moral;„wer diese starken Pfeiler menschlichen Glückes, diese festesten Haltepunkte für die Menschen- und Bürgerpflichten umstürzen wollte, dürfte auf den Namen eines Patrioten keinen Anspruch machen“. Und hier endlich liegt für uns Deutsche die Chance, zu Weltbürgern zu reifen, während wir von der Weltpolitik ausgeschlossen sind. Man erwirbt sich das Weltbürgerrecht nicht durch Naturalisationspapiere. Man erwirbt es sich weder mit spekulativen Ideen noch mit National- staatsbegeisterung; mit Kundgebungen und Resolutionen über- haupt nicht. Selbst wenn es einem Teile Deutschlands jemals mög- lich wäre, sich in das britische Dominionstatut einzuschließen, wovon manche träumen, wären seine Bewohner durch den bloßen politischen Akt nicht aus einer Sphäre herausgehoben, die eher kleinbürgerlich als weltbürgerlich anmutet; und die in der Wolle gefärbten Patrioten, die als Kriterium des Patriotismus das Ruhrgebiet und weiter nichts erblicken, müssen einer ähnlichen Antwort gewärtig’ sein, wie sie auf Nikolaus Beckers„Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein“ Alfred de Musset erteilte:„Wenn er euch gehört, der deutsche Rhein, so wascht darin eure deutsche Livree!“ Die deutsche„Livree“, tausendfach heschriel kreuzen waschen. statt ihr keine B) mußte( Unterta! Wir sin! irgendw „Ihr dü er, Aud ten Lan wir nid den gen Denn e Geseß& schweig, richtige phiert( kratie ü Wir wä sagen, 1 wir, da eigene, wäre, n nur ihr "mer vo predigt Scheite hedeut: einen| haben, sich an des Br Deutsc liegt u Inhalt Rußlar deutsd Wäre, empfin möglid Weste, jein ein Anfälle immer Offen- artille“, adresse starken für die uf den endlich reifen, erwirbt , Mau ational- , über- Is mög- lieben, bloßen ie eher - Wolle us das nlichen sollen Musset wascht ondfach Weltbürger 129 beschrieben, zulegt von Hitler als Henkerkostüm mit Haken- kreuzen bemalt: alle Flüsse der Welt reichen nicht aus, sie zu waschen, wir müssen sie im tiefsten Bombenkrater vergraben und statt ihrer das Gewissen in der Brust sprechen lassen. Wer sich keine Blößen gibt, braucht sie nicht zu bedecken. Marquis Posa mußte die Erfahrung machen, daß es schwer sei, in.„.Worte des Untertans“ zu kleiden, was er„als Bürger dieser Welt gedacht“. Wir sind ein okkupiertes Land, Untertanen sind wir nicht. Wenn irgendwer uns ad absurdum zu führen wähnt, indem er sast: „Ihr dürft nicht alles schreiben, was ihr wißt und denkt“, so irrt er. Auch wenn durch die Tatsache der Okkupation in einem besieg- ten Lande keine naturgemäßen Schranken errichtet wären, würden wir nicht„alles“ schreiben, was wir wissen und denken. Wir wür- den genau dasselbe nicht schreiben, was wir jegt nicht schreiben. Denn es ist die Verantwortung des Weltbürgers, die uns unser Geseß gibt. Sie zwingt das eine Mal zu reden, das andere Mal zu schweigen. Man kann darin fehlgehen, ob es jeweils der taktisch richtige Moment ist; da aber der Gedanke in sich richtig ist, trium- phiert er über taktische Finessen— nicht anders, als die Demo- kratie über alle Anfechtungen triumphieren wird. Wir wären glücklich, könnten wir von allen unseren Landsleuten sagen, ihre Sorge gelte dem Frieden der Welt. Statt dessen sehen wir, daß für die Mehrzahl gar nicht der Friede, nicht einmal der eigene, im Vordergrund der Gedanken steht, ja daß sie bereit wäre, neue kriegerische Verwicklungen hinzunehmen, wenn dadurch nur ihre unsinnigen, rückwärts gewandten Aspirationen einen Schim- “mer von Hoffnung erhielten. Wir wissen, daß man tauben Ohren predigt, wenn man auseinanderse&t, daß selbst ein endsültiges Scheitern aller Konferenzen nicht Krieg zwischen Osten und Westen bedeuten würde, sondern nur den Ausfall von Sicherungen gegen einen künftigen Krieg. Die Politik der Geduld mag Nachteile haben, viele sogar. Aber sie hat den einen großen Vorteil, daß sie sich am Ende bezahlt machen kann. Dagegen könnte die Politik des Bruches nur ungeheuerliche Unkosten verursachen, die auch Deutschlands Katastrophe zum Dauerzustand machen müßten. Es liegt im deutschen Interesse so gut wie in dem der Welt, daß der Inhalt der Allianz zwischen den Vereinigten Staaten, England, Rußland und Frankreich sich behauptet, und alles, was wir als deutsche Patrioten in diesem prekären Augenblick zu tun hätten, wäre, unsere Zukunft als mit der Zukunft der Welt identisch zu empfinden. Indessen, auch wenn sich zeigen sollte, daß es nur möglich wäre, das Rahmenwerk der Allianz zwischen Osten und Westen zu retten, wäre es für den Fortbestand der Menschheit wesentlich, diese Möglichkeit zu nuten.„Nobel und entschlossen zu 9 I RER SEN GIER P % 14 F % E # [% "= an ar Ze 130 Weltbürger sein“. wie Gottfried Keller sagte,„zur rechten Stunde”— dieses Kriterium ist es, was diese Zeit mit der Hochspannung des Vitalen. des Lebenswichtigen, Existenzbedingenden erfüllt, und deshalb würde niemals etwa die Unverträglichkeit des Tempera- mentes zwischen den Mächten eine Entschuldigung für ihr Ver- sagen sein, sowenig wie sie uns Deutschen Anlaß zu einer Schaden- freude zu geben vermöchte, weil sie der selbstmörderischen Wollust des Wahnsinns vergleichbar wäre. Das, was wir jet in Deutschland beobachten, dieser Geist der Phantasterei, der Selbstbemitleidung, der verwegenen Verschie- bung aller Akzente, aller Gewichte, war im ersten Nachkriegs- sommer noch nicht vorhanden, damals hatten wir bloß gegen die Apathie, gegen das Versinken in die Stumpfheit erniedrigter, sich selbst und die Welt verachtender Seelen anzukämpfen. Jegt sind sie zwar aus der Lethargie herausgerissen, aber nur, wie es scheint, um sich der Sprache der Vernunft vollends zu entschlagen, nur, um mit einer selbstgerechten Heftigkeit, die man den Terrorismus des Elends nennen könnte, wenn man nicht allzu genau wüßte, daß sie— nach Nietsche— das„Bedürfnis des Machtgefühls“ ist, diejenigen an die großen menschlichen Tugenden zu erinnern, denen gegenüber sie im Vertrauen auf V 1,2 und 3 bis zum legten abgeschüttelt worden waren. Woher diese unwillkommene Wand- lung? Was ist geschehen? Liegt es daran, daß nichts geschehen ist? Aeußerlich ist sehr viel geschehen. Es herrscht im Materiellen mehr Ordnung, als billigerweise aus diesem Chaos überhaupt hervor- gehen konnte; die Leute, die die verwaisten Aemter übernahmen, haben sich weidlich abgerackert. Aber wenn man in Ruinen arbeitet, auch in moralischen Ruinen, fliegt eine Menge Staub auf, und wenn man sich entschließt, nichts als den Staub zu sehen, büßt man mit dem Maßstab für Vergleiche auch das Gefühl für das, was nicht gerade selbstverständlich ist, ein. Dieser Gefahr hätte man entgegenwirken müssen. Man hat es nicht getan, oder man glaubte es zu tun, indem man Hymnen auf das Erreichte anstimmte und Vergrößerungsgläser zu eifrigem Gebrauch empfahl. Diese Psychologie, vom zwölfjährigen Reich schon abgenutt, erwies sich wieder einmal als falsch, als Mißtrauen weckend, als Unglauben fördernd. Und dann die Parteien... Sie manövrierten sich recht bald in eine Lage, in der alles, was sie sagten, als„Parole“, als Schlagwort, als Täuschung und Phrase nachgewiesen werden konnte. Der Sozialismus: aber den Betrieben, die sozialisiert werden soll- ten, fehlten Ziegelsteine und Zement. Sie waren gar keine Betriebe. Sie waren Bilder aus der deutschen Vergangenheit. Die Demo- kratie: aber„‚Antifaschismus“ ist nur ein Ausdruck dafür, daß man etwas nicht will; er verhält sich zur inneren demokratischen Ge- sinnung therapeV y erwech: sahen W versuche sich nid in.die Z Schon] ‚Seine| „ein Sti das„hü dachte großer| führer: Ein be: vollkom Voraus: ist, daß nicht fü es das immer den Ha Hinder ist, ihr sam m beschr: ungsun zunäch Rekrut langen durch Bedeu! entwe« jener listisch sangsp Volk“ daß j} Zonen Strukt ander: bis di Worde Aher % dieses B des , und Mpera- Ver. haden- ischen bt der rschie- iriegs- en die r, sich ht sind cheint, h, nur, rismus e, daß 3 la, nnern, legten Wand- en Ist? ı mehr 1ETVOT- ıhmen, beitet, f, und , büßt ir. das, - hätte r man immte Diese es sich lauben , recht Pe, als onnte- n soll- triebe- Demo- ß man m Ge FIEERT RER FTENGT Weltbürger 131 sinnung ungefähr wie ein Schmerzlinderungsmittel zu einem therapeutischen Medikament. Die nationale Einheit: aber sie wurde verwechselt mit Parteiblocks, die dem Totalitarismus so ähnlich sahen wie eine Vogelscheuche der anderen, und alle Einheits- versuche erschöpften sich in der Unterstellung, daß, wer immer sich nicht dazu bekehren ließ, aus reaktionärem Gelüst einen Keil in die Zusammenarbeit der antifaschistischen Kräfte treiben wolle. Schon Heine meinte, wenn man öffentliche Bäder erbaue, wo „Seine Majestät das Volk sich unentgeltlich baden“ könne, werde „ein Stückchen Seife nichts schaden“, um ein Volk zu bekommen, das„‚hübsch proper ist, ein Volk, das sich gewaschen hat“. Er dachte dabei ohne Zweifel nicht an die Mohrenwäsche, die ein großer Teil unseres Volkes heute unter den Augen seiner Partei- führer an sich selbst vornimmt. Ein besiegtes und okkupiertes Land ist zu einem Exerzitium in vollkommener Demokratie nicht imstande. Es fehlen die nötigen Voraussegungen dazu. Das ist eine Tatsache, wie es eine Tatsache ist, daß Hunger zwar im allgemeinen der beste Koch, beileibe aber nicht für demokratische Gerichte im besonderen ist. Außerdem will es das Verhängnis unserer Geschichte, daß die Demokratie sich uns immer bloß als eine Art Notausgang aus einem lichterloh brennen- den Hause aufdrängt. Alles dies sind Schwierigkeiten, doch keine Hindernisse für den, der damit rechnet und desto entschlossener ist, ihrer Herr zu werden. Man kann nicht genug darauf aufmerk- sam machen, daß man Parteien nicht allzu lange auf das Reden beschränken darf und ihnen Gelegenheit zu praktischem Anschau- ungsunterricht in vollverantwortlicher Regierungsarbeit, sei es auch zunächst im kleinsten Kreise, geben muß. Parteitage, die nur Rekrutenschauen sind statt Foren für Rechenschaftsberichte, ge- langen troß ihrer fast beängstigenden Anzahl und troß aller mehr durch Neugier und Unruhe wachen Anteilnahme selten über die Bedeutung von Konventikeln hinaus, und die Redner verirren sich entweder in der Wildnis populärer Effekte oder in der Steppe jener Banalitäten, die auch schon den Grundstock nationalsozia- listischen„Gedankengutes“ bildeten, etwa:„Der gemeinsame Aus- gangspunkt allen unseren Handelns ist die Liebe zum deutschen Volk.“ Die Okkupationsmächte sind die legten, die nicht zugeben, daß ihnen Fehler unterlaufen. Sie sind auch überzeugt, daß die Zonengrenzen ein Unding sind, eine monströse Uebergangskon- struktion, und sie würden sich vermutlich lieber mit etwas ganz anderem beschäftigen als damit, ein Land so lange besett zu halten, bis die Fünfjährigen, die nichts von Hitler wissen, zwanzig ge- worden sind und mit ihnen die Demokratie herangewachsen ist. Aber die Fehler der Okkupationsmächte und die Zonengrenzen für 9* 132 Weltbürger alles haftbar zu machen, was sie selbst unterließen zu tun, ist keine Talentprobe der Parteiführer. Bevor sie den Mangel einer einheitlichen Konzeption bei den Alliierten beklagen, sollten sie sich fragen, welche konstruktive Konzeption sie denn selbst in diesen vitalen Monaten hervorgebracht haben. Wir entsinnen uns nicht, daß sie außer dem Verlangen nach einer Zentralregierung, für deren Gestalt sie wahrscheinlich nicht viel mehr als das Wort haben, irgendeinen klaren konstitutionellen Plan für ein künftiges Deutschland entworfen hätten. Sie sagten:„Es ist noch nicht an der Zeit‘ oder„Wir haben darüber nicht zu bestimmen. Deutsch- lands innere Politik ist ein Gegenstand der uns verschlossenen Außenpolitik geworden.“ Und doch hätten sie dadurch eine Mit- arbeit an den alliierten Konferenzen zu leisten vermocht, doch hätten sie dadurch vielleicht manchen Stein aus dem Wege ge- räumt, manches Mißverständnis gar nicht erst entstehen lassen, manches Argument daran gehindert, aus einem Vorwand ein echter, zur Anerkennung zwingender Grund zu werden. Gewiß, es ist richtig, wenn man gesagt hat, die regionalen Unterschiede in der Struktur wie in der geistigen Haltung der Parteien, ehedem aus- schließlich durch landschaftliche Nüancen. bedingt, gründeten sich‘ heute auch, und mehr noch, auf die Zonentrennung, das heißt auf die jeweilige Besegungsmacht, deren heimatliche Verhältnisse nicht ganz ohne Einfluß, ohne anziehende oder überredende Kraft blei- ben könnten. Aber auch hier, wo innere und äußere Politik sich tatsächlich kreuzen, gilt Palmerstons Wort, das er am 1. März 1848 im englischen Unterhaus sprach:„Es ist eine romantische Vorstel- lung, daß Nationen oder Regierungen stark und dauernd von Freundschaften beeinflußt würden. Wer die Beziehungen zwischen Einzelpersönlichkeiten mit den Beziehungen zwischen Nationen vergleicht, gibt sich einem eitlen Traume hin. Das einzige, was eine Regierung bewegt, diesem Rate zu folgen und jener Warnung nachzugeben, ist die Hoffnung, von dem einen Nuten zu haben, oder die Furcht vor den Folgen, wenn sie die andere in den Wind schlägt.“ Zum dritten Male innerhalb von hundertfünfzig Jahren ergeht es Europa ungefähr wie den beiden unbemittelten Brüdern, die zwi- schen den Sprichwörtern ‚Wo nichts ist, kommt nichts hin“ und »Was nicht ist, das kann werden“ zu wählen hatten. Die Reihe begann im Herbst 1814 mit dem Wiener Kongreß. Die Fehler, die er machte, lagen nicht in der Verschleppung der Verhandlungen und der Neigung zu Festivitäten. Sie waren in dem tiefen Pessi- mismus der Beteiligten, in der Vorstellung von der Unlösbarkeit ihrer Aufgabe begründet. Nicht einmal die Menge der von den verschiedenartigsten Interessen inspirierten Projekte hätte eine solche| nale D Schlüsse man ab sich ve Binzele berücks schichte in der( sich zw. facht, tausend noch zı ihrer 1 Leistun die Ko den. K weil si darin. Volker ten als jenen Virksa einem nicht s Natur ein Fr un, ist | einer ten sie bst in en uns ierung, s Wort nftiges cht an eutsch- ssenen ie Mit- ) doch ‚ge ge- lassen, echter, es ist in der m aus- en sich: ißt auf e nicht ft blei- ik sich 'z 1848 Torstel- nd von wischen ationen as eine arnung haben. 1 Wind geht es lie zwi- w und , Reihe ler, die lungen ı Pessi- barkeit on den te eine Welıbürger 133 solche Rat- und Hilflosigkeit gerechtfertigt, wenn die internatio- nale Diplomatie ohne Umschweife zugegeben hätte, daß der Schlüssel zu jeder europäischen Regelung bei Deutschland läge. Da man aber von dieser Erkenntnis entweder weit entfernt war oder sich verzweifelt dagegen sträubte, trug zwar jedermann seinen Einzelerfolg davon, jedoch das Zentrum der Unordnung blieb un- berücksichtigt. Für einen begangenen Irrtum gewährt die Ge- schichte nicht den Trost des ‚‚Einmal ist keinmal“. Einmal bedeutet in der Geschichte zehnmal, hundertmal, tausendmal. In der Tat hat sich zwischen 1815 und 1946 das Problem Deutschland verhundert- facht, in seiner Stellung zu den europäischen Problemen ver- tausendfacht. Wenn man den Ergebnissen des Wiener Kongresses noch zubilligen darf, daß sie angesichts der komplizierten und in ihrer Neuartigkeit überwältigenden Verhältnisse eine respektable Leistung friedlichen Einigungswillens darstellten, so müssen an die Konferenzen unserer Tage ganz andere Maßstäbe gelegt wer- den. Kompromisse sind heute nicht mehr allein darum gutzuheißen, weil sie den Frieden erhalten. Es läge ein zu geringes Verdienst darin. Daß sich kein Staatsmann länger den Empfindungen der Völker entziehen kann, die ein Krieg unter eben noch Verbünde- ten als moralische Ungeheuerlichkeit anmuten würde, gehört zu jenen Fortschritten eines Jahrhunderts, die um ihrer latenten Wirksamkeit willen die wesentlichsten sind. In die Siegel unter einem Friedensvertrag, der auf Kompromissen beruht, muß gewiß nicht schon deshalb ein Kainszeichen eingebrannt sein, weil die Natur der Dinge nichts anderes als Kompromisse erlaubt; aber ein Friede, der die Gefühle der Völker verlegt, kann heute nicht, wie noch zur Zeit des Wiener Kongresses, rein atmosphärisch oder zuständlich befriedigen. Wer der Meinung ist, daß der Friede einen desto besseren Charak- ter bekommen kann, je mehr man sich Zeit nimmt, alle Stand- punkte abzutasten, alle Fragen zu formulieren, bevor man sich anschickt, sie zu lösen, alle Gegensäßlichkeiten zu klären und allen Verschleierungen der Motive entgegenzuarbeiten— der wird zu der Ansicht neigen, daß die Meinungsverschiedenheit zwischen den Alliierten um so weniger gefährlich und um so weniger dauernd sein wird, je demonstrativer sie in das volle Licht der Oeffentlichkeit rückt. Dadurch werden sowohl Illusionen wie Mißverständnisse zerstreut. Die jeweilige Zwischenzeit wird nicht bloß von den Kabinetten, sondern auch von dem Wandel der Dinge, der ohne Zutun der Regierenden, vielleicht ohne Zutun der Men- schen überhaupt erfolgt, dazu benugt, um den Blick für die Reali- täten zu schärfen. Es ist durchaus richtig, daß eine realistische Be- trachtungsweise zur Skepsis gegenüber der internationalen Ma- ee ri fi 134 Weltbürger schinerie unter den gegenwärtigen Bedingungen zwingt. Wenn man es nicht verhehlt, wird man vielleicht diese Bedingungen ändern und sich davon überzeugen, daß der Zusammenstoß zwischen elementargeschichtlichen und zeitbedingten Kräften sehr wohl durch ein neues Gleichgewicht anstatt durch einen gewaltigen, immerwährenden Konflikt beendet werden kann. Was Deutsch- land betrifft— man kann zwar über das Schicksal eines besiegten Landes beraten, ohne einen seiner Vertreter hinzuziehen, aber an allen Konferenztischen läßt sich, einerlei ob ein leerer Stuhl da- steht oder nicht, der Geist des besiegten Volkes nieder. Und in dieser Hinsicht fehlt leider Deutschland wiederum„total“. Anders ausgedrückt: Deutschland steuert nur Negatives, nichts Positives bei. Die Ausnahmen verschwinden in einem Hexenkessel von Renitenz, auswendig gelernter Phrase, falschen Ansprüchen, müh- sam unterdrückten Gelüsten. Es ist ein Jammer, daß wir Deutschen anscheinend nichts Tüchtigeres gelernt haben, als aus allen Doku- menten, sogar aus denen, die wir anfangs als niederschmetternd ansehen, in Bälde etwas herauszupicken, worauf wir„pochen“ können. Aus den Potsdamer Beschlüssen haben wir einen Schuld- schein der Alliierten gemacht. Daran, daß uns damit vielleicht die Möglichkeit in die Hand gegeben worden sei, unseren Pla in Europa selbst zu bestimmen, haben wir kaum je gedacht. Statt der Selbstbesinnung, statt einer großen, auf die Durchdringung mit wahrhaft demokratischen Gedanken gerichteten Bemühung be- gann eine neue diktatorische Aggression im Inneren. Wieder hör- ten wir die Sirenenstimmen, die uns einladen, das politische Leben als einen Massenchor zu betrachten, der von einem unsichtbaren Kapellmeister dirigiert wird und keinen Ton hervorbringt, ohne daß dazu ein Zeichen gegeben ist. Ob dieses Zeichen immer den wahren Absichten der Komposition entspricht oder zuweilen die Irreführung der Außenwelt bezweckt, steht dahin. Nicht, daß damit etwas gegen Führung an sich eingewandt wäre. Es ist nichts lächerlicher als die Angst vor dem Worte„Führer“, bloß weil es einmal„den“ Führer gegeben hat. Ein so leidenschaftlich indivi- dualistisches und darum geistig reiches Volk wie das französische hat sich seit den Zeiten einer Jeanne d’Arc instinktiv den über- ragenden Persönlichkeiten zugewandt, die sich als Führer qualifi- zierten, und war nur verwirrt, wenn es, wie 1939 und 1940, keine solchen fand. Aber gerade weil wir..den“ Führer, der befiehlt, da- mit wir ihm folgen, kein zweites Mal wollen, gerade darum sehen wir es als das einzige deutsche Aktivum der Gegenwart an, daß die Mehrzahl unseres Volkes gegen die Kapellmeisterei empfindlich und hellhörig geworden ist. Wir verlangen die Qualifikation und vertrauen nicht mehr den Lautsprechern, die einige Leute allzu en eilig) just d In eı York, dern ı fassur viele Jautet und n schädi ihre| umstä Außer von/ gewog versd namli ständ tären ist re Dem« Eröff hegri Aber don Entw Lebe einze reich schaf) Dies schw. das sei d zewd Tur hina dem Bar schw Man Sche lan Zun Ändern Yischen wohl Itigen, eutsch- iegten ber an hl da- Ind in nders hsitives el von , müh- tschen Doku- etternd ochen“ Behuld- icht die Leben tbaren , ohne er den en die t, daß nichts veil es indivi- sische über- ualifi- keine lt, da- sehen aß die ndlich n und allzu W eltbürger 135 eilig besegten, wenn wir zu untersuchen haben, ob diese Leute Just diejenigen sind, auf die das deutsche Volk gewartet hat. „In einer Demokratie‘, hieß es in einem Vortrag von Radio New York, ‚ist die öffentliche Meinung nicht mit einem Orchester, son- dern mit einer allgemeinen Unterhaltung zu vergleichen. Die Auf- fassung der Mehrheit wird in freier Diskussion ermittelt, in der viele widersprechende Ansichten zu Worte kommen.“ Daher, so lautet die Folgerung, arbeitet die Demokratie nicht„schlagartig“ und mit Ueberrumpelungen, sondern langsam und stetig. Zur Ent- sschädigung dafür, daß sie nicht in kurzer Frist am Ziel ist, sind ihre Erfolge dann auch nicht kurzfristig. Die Nachteile eines umständlichen Verfahrens oder einer infolge der freien Meinungs- äußerung unaufhörlichen Spannung werden durch den Ausschluß won Abenteuern und Bravourstücken der Perfidie reichlich auf- gewogen. Vorgänge, wie wir sie in Ostdeutschland bei der Parteien- verschmelzung erlebt haben, diese Proklamation einer Alternative, nämlich der Wahl zwischen vollständiger Unterwerfung oder voll- ständiger Gegnerschaft, sind Ausgangserscheinungen der totali- tären Diktatur. Sie mit dem Schuß der Demokratie zu begründen, ist reine Blasphemie. Die Gleichzeitigkeit der Behauptung, die Demokratie sei durch eine furchtbare Reaktion bedroht, mit der Eröffnung der Feindseligkeiten gegen die demokratischen Ur- begriffe selbst liegt wiederum im Wesen der totalitären Diktatur. Aber— Talleyrand hat achtzig Jahre alt und Botschafter in Lon- don werden müssen, wo dreihundert Jahre liberaler politischer Entwicklung die Politik zu einer fast unpolitischen demokratischen Lebensform gemacht haben, um die Achtung vor dem Rechte des einzelnen und dem offenen Handeln zu lernen. Wie er von Frank- reich, könnten wir heute von Deutschland sagen:„Unsere Bürg- schaft wird für gewisse Dinge begehrt, die Europa ängstigen.“ Dies allerdings, weil das Mißtrauen gegen uns keinesfalls ge- schwunden ist. Aus der Zonenpolitik wird ein Kapital geschlagen, das den Beobachter zu dem Schlusse verleiten muß, Deutschland sei sich plößlich seiner Funktion als eines Schachbrettes bewußt geworden und stolz darauf, ein paar vorwigige Buben für das Turnier der Großmächte stellen zu können. Es dünkt uns darüber hinaus nicht ganz logisch, die Beseitigung der Zonenschranken mit demselben Atemzug zu verlangen, mit dem man, den Hals über die Barriere reckend, die Zustände in den anderen Zonen schwarz in schwarz malt, um die in der eigenen Zone desto rosiger zu färben. Manchmal sieht es beinahe aus, als wollten die Forderungen deut- scher Parteien an die alliierte Politik diese selbst ersegen. Deutsch- lands Pla in Europa wird durch ganz andere Faktoren angewiesen. Zum Beispiel durch den Grad, bis zu welchem es uns gelingt, von 136 Weltbürger den nationalsozialistischen Hinterlassenschaften in unserer Denk- weise, unseren Charakteräußerungen frei zu werden. Umgekehrt wie in der Weltpolitik, wo es die größte Sorge ist, daß die Staats- männer sich nicht im Räderwerk der kleinen Fragen verfangen, müssen wir den kleinsten Fragen die größte Beachtung schenken. Es ist wohl selten etwas so Erstaunliches erlebt worden wie die Haltung eines Volkes, von dem man erwarten müßte, daß es bei jedem Schmerz, der ihm widerfährt, Hitler eine Verwünschung nachschleudert, und das statt dessen, sogar in seinen verständigeren und stets hitlerfeindlichen Teilen, beleidigt ist, weil seine kindliche Einbildung, die Alliierten hätten ihre eigene Existenz riskiert, um nach Hitlers Vertreibung uns liebe arme Deutsche gerührt in die Arme zu schließen, nichts mit der Wirklichkeit gemein hat. Ein totaler Krieg muß total bezahlt werden, und gerade, wer unter dem Zwang der Goebbels und Himmler geseufzt hat, ohne ihm zu entrinnen, muß begreifen, daß er auch den Folgen nicht entrinnen und heute im allgemeinen Schicksal sowenig eine Ausnahme sein kann, wie er sie damals gewesen ist. Von hier aus allein könnte außenpolitische Aktivität sozusagen selbstentzündlich entstehen— insofern, als die endliche Abkehr von Unverstand, aufbegehren- dem Trot und prahlerischem Lebenswandel und das echte Bild eines neuen, zur sittlichen Pflicht sich bekennenden Deutschlands zweifellos helfen würden, die Unstimmigkeiten unter den Alliier- ten zu mildern, die doch weitgehend von der Unsicherheit des deut- schen Zustandes verursacht sind. Nach den Erfahrungen von 1918 bilden auch sozialistische Parteien in Deutschland, mögen sie im Augenblick noch so groß und vereinheitlicht sein, keinerlei Garan- tie für den Frieden. Je lauter es von Leuten versichert wird, die ein experimentierfähiges Industriepotential retten wollen, desto mehr wird von denen, die nicht gewohnheitsmäßig die Geschichte verachten, der Grundsat der realen Sicherung vertreten werden, der darin gipfelt, daß nur eine Nation, die nicht stark industria- lisiert ist, keinen Krieg mehr führen kann. Es gibt eine einzige tat- sächliche Schwierigkeit: die genaue Grenze zu finden, wo das ent- industrialisierte Gebiet ein Elendsgebiet werden müßte, das nur politischen Fanatismus zu exportieren hätte. Zu den eigenartigen Erfindungen dieses schnellebigen Jahr- hunderts gehört auch die, daß man in einen Laden gehen kann, wo man sich in einer Kabine niederläßt, von einer Lampe an- gestrahlt wird und fünf Minuten darauf einen Streifen Paßbilder in Empfang nimmt. Der Vorgang erscheint in vieler Hinsicht symptomatisch. Photomaton und Paß, zur Kennzeichnung der ge- wöhnlichen, den Wirkungen der hohen Politik unterworfenen Sterb- lichen bestimmt, funktionieren in übertragenem Sinne ebenso gegen- über de sind de heren J und pol den kon auf die seinen schmerz er unve mer, be daß er entschei die unl keit, ih den Kr ihre Be berufen die Wa zusagen die un: schrifte rechtigt wenigen ıstria- e tat- ; ent- ; nur Jahr- kann, e al ilder sicht r ge iterb- Welıbürger 137 über den verantwortlichen Persönlichkeiten der Zeitgeschichte. Sie sind dem Historiker bedeutend schneller ausgeliefert als in frü- heren Jahrhunderten, in denen das Urteil über geistiges Gewicht und politisches Werk selten schon zu ihren Lebzeiten gefällt wer- den konnte, und ähnlich wie der kleine Mann oft voll Enttäuschung auf die Züge blickt, die ihm der Photographen-Automat als die seinen präsentiert, steht der große mitunter fassungslos und schmerzlich überrascht vor dem Bilde, das die Geschichte, in die er unversehens eingegangen ist, von ihm entwirft. Mancher Kum- mer, bei ihm und anderen, wäre nicht, wenn er sich der Tatsache, daß er Objekt einer beschleunigt richtenden Geschichte ist, in den entscheidenden Augenblicken bewußt geworden wäre. Historiker, die unbeschadet ihrer Nationalität, vermöge ihrer Unbestechlich- keit, ihres alle Freiheit wahrenden Gewissens und ihrer erkennen- den Kraft der ganzen Menschheit sich verpflichtet fühlen, haben ihre Bedeutung für die eigene Epoche gewonnen, und niemand, der berufen wurde, die Entwicklung der Welt zu beeinflussen, sollte die Wandlung übersehen, die auch in der Geschichtsschreibung so- zusagen zu Sonder- und Standgerichten geführt hat. Er wird sich die"unangenehme Notwendigkeit ersparen, später Verteidigungs- schriften verfassen zu müssen, durch die er zugibt, daß man be- rechtigt war, ihn anzuklagen. Die Welt will Frieden. Es liegt ihr weniger daran, ob er in dieser oder der nächsten Minute zustande gebracht wird. Aber es liegt ihr sehr viel daran, daß er von Dauer und weder vom Alpdruck des Chauvinismus noch vom Alpdruck der Atombombe diktiert ist. Sie empfiehlt die Wahrhaftigkeit, die zwischen Bruch und Kompromiß die Mitte hält. Sie erachtet Kom- _ promisse so lange für vertretbar, wie man glauben kann, daß sie Aussichten für eine dauerhafte Lösung eröffnen. Sie verwirft Kom- promisse, die geschlossen werden, um ein Hindernis zu umgehen, während sie die beste Methode sein sollten, es zu nehmen. Sie fordert das nütliche Kompromiß, nicht das elegante. Natürlich ist es heute ebenso leicht wie früher, sich über ein Menschheits- begehren, und sei es noch so überströmend gewaltig, hinwegzuseten. Jedoch es rächt sich weit rascher. Wer dem Menschheitsverlangen Machtgedanken entgegenwirft, statt sie ihm dienstbar zu machen, ‚hat wenig Aussicht, seine Gründe gewürdigt zu sehen. Sie inter- essieren nicht. Der Historiker untersucht sie, begreift auch die Verhältnisse, denen sie entstammen, aber nicht einmal er vermag die Objektivität so weit zu treiben, daß er sie als mildernde Um- stände anerkennt. Wenn eine Bemühung nicht zum Ziele geführt - hat, so spricht es vielleicht gegen die Fähigkeit. Wenn die Art der Bemühung indessen so war, daß sie gar nicht zum Ziele führen konnte(oder, noch schlimmer, es überhaupt nicht sollte), so spricht 138 Weltbürger es gegen den Charakter. Ein jeder, der in ernsten historischen Fra- gen eine Entscheidung zu treffen hat, sollte sich recht intensiv vergegenwärtigen, daß er in fünf oder höchstens zehn Jahren schon ausführlich wird lesen können, was man endgültig über ihn denkt. Einiges von dem, was er ungeheuer wichtig zu nehmen geneigt ist, wird ihm dann weniger wesentlich vorkommen; er wird bemerken, daß das Prestige, auf das er bedacht ist, ganz woanders liegt als dort. wo er es sucht, und was ihn unabdingbar und den Kern seiner Interessen berührend dünkte, wird sich ihm als so unheilbringend enthüllen wie ein Nessusgewand, das zwar prächtig und verfüh- rerisch passend, aber mit brennenden Giften getränkt ist. Ehrfurcht vor der Geschichte heißt dort, wo sie produktiv werden soll. Furcht vor ihrer Wiederkehr. Aber man muß wissen, worin die eigentliche Gefahr besteht. Wenn die Geschichte, wiederkehrt, stellt sie uns entweder aus alten Situationen vor neue Probleme, oder sie schafft aus alten Problemen neue Situationen. Daher täu- schen die Vergleiche häufig, und das desto eher, je mehr Mösglich- keiten sich dazu bieten. Aus ein und derselben Lage lassen sich zu verschiedenen Zeiten sehr verschiedene Folgerungen ziehen. Als Bismarck in seinem Rückblick auf den Berliner Kongreß sagte, befreite Völker seien nicht dankbar, sondern anspruchsvoll, mag das eine angesichts der damaligen politischen Grundsäße zutref- fende Bemerkung gewesen sein; aber heute, da alles, nicht nur die höhere Idee, sondern die krasse Realität der technischen Fort- schritte zur Ueberwindung des sich selbst genügenden Nationa- litätengedankens drängt, können sich Hoheitsrechte schlechterdings nur so lange durchseten, wie sie mit der ja ganz allgemein gefor- derten Gleichheit der Nationen vereinbar sind. Die einzige welt- historische Konferenz, an der Deutschland nach 1870 als Selbst- interessent und gleichberechtigter Partner teilnahm, die von Alge- ciras, zeigte es in einer Isolierung,‘die vielleicht nicht nur durch seine notorische Aggressivität, sondern auch durch den Stachel des Argwohns verschuldet wurde, es möchte als eine in der Weltpolitik neue Macht nicht für voll genommen werden; doch selbst das kaiser- liche Deutschland, obwohl nicht im klaren darüber, daß es durch seine Hartnäckigkeit, seine Unbeweglichkeit die Isolierung nur noch verstärkte, wagte es nicht, die Konferenz resultatlos ausein- andergehen zu lassen. Wieviel weniger könnte heute, da der Welt- frieden und nicht mehr allein die Verhütung eines Krieges zur Debatte steht, eine einzige Stimme genügen, um alle anderen zu- nichte zu machen, wieviel weniger könnte heute, da es sich jeder verbitten würde, wenn man bezweifeln wollte, daß er Anhänger der Demokratie sei, irgendwer glauben, eine Ansicht fände nur darum eine Mehrheit, um ihn zu unterdrücken. Nach dem Waffen- zuillstan wurde; os nicht noch kei sei, son facherei dem wi asiatisd kapituli Keines gesprot halten. wert k heklagt schied wenige gossen verord durfte: dern sı tete G Kriege erwart Zusam Jahre anmut und dı bringt Bruch getüft 1919; unertı hend ihnen sel, hi etwas manc} getro| Ausg] [enen Umste die d unter en Fra. Ntensiy N schon denkt, eigt ist, erken, iegt als seiner tingend verfüh. werden , worin rkehrt, obleme, er täu- Töglich- sich zu n. Als b sagte, ll, mag zutref- nur die n Fort- \ationa- terdings n gefor- ze welt- Selbst- n Alge- r durch chel des Itpolitik ; kaiser- s durch ing nur ausein- Tr Welt- ges zur ‚ren ZU: h jeder „hänge! ıde nur Waffen: mann Weltbürger 139 stillstand von 1918 vergingen sieben Monate, ehe Friede gemacht wurde; aber wenn daraus ein Schluß gezogen werden kann, so ist es nicht der, daß man heute, weil sechzehn Monate nach dem Ende noch kein Friede in Sicht war, weniger willig oder weniger geschickt sei, sondern es wäre höchstens der, daß man damals, in weit ein- facheren Verhältnissen, unbegreiflich lange gebraucht hat. Außer- dem wird immer vergessen, daß der europäische Krieg von dem asiatischen nicht zu trennen war, Japan jedoch erst im August 1945 kapitulierte. Keines der in Europa strittigen Gebiete kann irgendwem zu- gesprochen werden, ohne daß Recht und Unrecht sich die Waage halten. Davon muß man ausgehen, denn eine Sache, die beklagens- wert kompliziert ist, wird nicht dadurch einfacher, daß man sie beklagt. Wahrscheinlich aber liegt ein bemerkenswerter Unter- schied gegenüber 1919 in einem Umstand, der einstweilen noch wenigen auffällt. Der Schweiß, der damals bei den Beratungen ver- gossen wurde, galt Dokumenten, die gewissermaßen als Polizei- verordnungen gedacht waren, an denen nicht gerüttelt werden durfte; und in der Tat waren die Beziehungen zwischen den Län- dern so feindselig, daß jede Aenderung das ganze mühselig errich- tete Gebäude bedrohte. Heute, nach einem viel ungeheuerlicheren Kriege, herrscht eine viel weniger feindselige Stimmung, als zu erwarten gewesen wäre, ist bei allen Gegensäten im einzelnen das Zusammengehörigkeitsgefühl viel stärker entwickelt. Den, der die Jahre von 1918 bis 1924 erlebt hat, wird es immer wie ein Wunder anmuten, daß heute schon wieder Deutsche nach. England reisen und dort sprechen können. Diese so ganz andersartige Atmosphäre bringt es mit sich, daß die Friedensverträge vermutlich nur einen Bruchteil der Paragraphen aufweisen werden, deren Menge, deren getüftelte Genauigkeit, deren Ewigkeitsanspruch den Verträgen von 1919 zum Verhängnis wurde. Der Zustand des Provisoriums, so unerträglich er mitunter empfunden wird und so schleunig ihn alle beenden wollen, die nicht in den Verdacht geraten möchten, daß er ihnen als Element der Unruhe und Verwirrung unschätbar wert sei, hilft doch dazu, den in seinem Zeichen gefaßten Beschlüssen etwas mehr Spielraum zu gewähren. So dürfen wir annehmen, daß manche schwere Entscheidung einem notwendigen Grundriß zuliebe getroffen wurde und zugleich im Vertrauen auf einen späteren Ausgleich durch direkte Verhandlungen zwischen den davon Betrof- fenen. Diese beiden Momente, die Abkehr von diktatorischer Un- umstößlichkeit und die Politik der offenen Tür zwischen Nachbarn, die den ehrlichen Vorsat guter Nachbarschaft haben, sollten nicht unterschägt werden. 140 Weltbürger Der Admiral, der dem Atombombenexperiment den Namen ‘ „Operation Kreuzweg‘ gab, hat einen Sinn für Symbolismus be- wiesen, der viel weiter reicht. Alle Fragen der Zukunft sind un- löslich miteinander verbunden. Auch der Sicherheitsrat, auch alle die Konferenzen sind Kreuzwegoperationen. Wer in ihnen nichts als Demonstrationen der Macht erblicken wollte, offenbarte damit nur seine eigenen Vorbehalte und Hintergedanken. Die Stunde, in der die Menschheit das Mittel zum Selbstmord der Welt gefun- den hat, ist zu ernst, als daß sie dergleichen dulden könnte. Arg- wohn ist ein schlechter Berater, weil er zwangsläufig mit Arglist sich paart. Vor sieben Jahren stand die Welt gegen den Friedens- störer auf. Heute empört sie sich gegen jeden, der den Frieden verzögert. Es ist also ein Irrtum zu wähnen, sie sei gar nicht weitergekommen. Und wenn man eine längere Spanne überblickt, den Zeitraum der legten fünfundzwanzig Jahre, wird man die Be- deutung jener Wandlung ermessen, die das entschlossene Auf- treten der Vereinigten Staaten von Amerika in der Welt- politik darstellt. Jede Spekulation auf Wiederbelebung des Iso- lationismus ist geschwunden. Die zusammenfassende Veröffent- lichung der amerikanischen Kriegsverluste hat den Anteil aller Schichten und aller Landesteile nachgewiesen; von den dreitausend Land- und Stadtkreisen haben nur die drei kleinsten keine Toten. Solche Erfahrungen schaffen keine Temperatur für Isolierungs- politiker. Sie rufen zu lebhaft ins Gedächtnis, daß die Toten wahrscheinlich noch lebten, hätte es nach 1920 keine Isolierungs- politik gegeben. „Da sit mutter, er nod neben( die pol Gerlach sollte. Ironie damit e Histori was als ses eige von fe Großm fällen, heit un Dersell Unbed hatte, den po hatte, sogar beende zwisch selbe komm Napoli einem eine] exzess in deı schaff Profe: eigent halter ist die heim sollte hande Zunge Wurde Arglist I aller ausend TUngS- DIE NATÜRLICHE FREIHEIT „Da sigt Herkules am Spinnrocken“, sagte Bismarcks Schwieger- mutter, Frau von Puttkamer auf Reinfeld in Hinterpommern, als er noch das familiär-pietistische Dasein eines Landedelmannes neben dem Nähtisch seiner jungen Frau Johanna führte und auf die politischen Gelegenheiten wartete, die ihm der General von Gerlach, das Haupt der preußischen Junkerkamarilla, vermitteln sollte. Der schwiegermütterliche Stolz, leicht durchtränkt mit der Ironie ehrgeiziger, aber bis dahin enttäuschter Hoffnungen, hatte damit eine Prophezeiung ausgesprochen, die sich vor dem Auge des Historikers in die treffendste Charakterisierung dessen verwandelt, was als Bismarcksche Aera der damaligen deutschen Geschichte die- ses eigentümliche Gepräge von Gewaltschritt und Weltmannsgeste, von feingesponnener Tücke und Anwandlungen zweckbedingter Großmut, von souveräner Beherrschung und krachenden Aus- fällen, von Philisterei und Bildung, von rücksichtsloser Borniert- heit und scheinbar freimütigem Anstand gegeben hat. Derselbe Bismarck, der mit Energien und Mitteln von gleicher Unbedenklichkeit auf die Kriege von 1866 und 1870 hingearbeitet hatte, tat 1866 Boulanger nicht den Gefallen, den zuvor er selbst den politischen Konstellationen mit eiserner Nachhilfe abgerungen hatte. Derselbe Bismarck, dessen hemmungslose Aggressivität 1865 sogar einen sächsischen Preußen wie Treitschke abgestoßen hatte, beendete zwanzig Jahre später einen ernsten elsässischen Grenz- zwischenfall mit einer Gebärde internationaler Höflichkeit. Der- selbe Bismarck, dem die spanische Thronfolgefrage ein will- kommenes Instrument zur kriegerischen Auseinandersegung mit Napoleon dem Dritten gewesen war, ließ 1886 der Witwe eines von einem deutschen Soldaten ‚erschossenen französischen Waldwärters eine Entschädigung zahlen, die durch ihre Höhe jede noch so exzessive Forderung zum Verstummen brachte. Wenn man aber in der„überlegenen Staatskunst‘ oder der„‚menschlichen Recht- schaffenheit“, einerlei zu welchem der beiden Gründe die Hof- professoren preußischer Geschichte sich entschlossen haben, den eigentlichen Kern sucht, so schrumpfen die Gegensäge des Ver- haltens auf ein Nichts zusammen. Vom Moralischen her betrachtet, ist die Unwahrhaftigkeit, mit der, um Oesterreich herauszufordern, beim Bundestag eine deutsche Volksvertretung beantragt werden sollte, während im eigenen preußischen Hause das Parlament miß- handelt wurde, oder mit der„ohne Aenderungen, nur durch Kür- zungen“ in der Emser Depesche etwas unwiderruflich gemacht wurde, was keineswegs unwiderruflich gewesen war, nicht mehr Die natürliche Freiheit verschieden von der leeren Gaukelei, die in der Episode des Generals Boulanger, Kriegsministers in Frankreich, die Spur provo- katorischer Ueberfälle mit Demonstrationen der Rechtsgesinnung verwischte. Der einzige Unterschied besteht darin, daß das eine Mal der Krieg gebraucht wurde und das andere Mal nicht. An Stelle des Natürlichen dominierte die Opportunität. Einer der ersten, der dies durchschaute, war Lord Russell, der britische Bot- schafter in Berlin. Er schrieb, als Bismarck Frankreich zur Er- oberung von Algier und Tunis ermunterte, an seine Regierung: „Fürst Bismarck ist in gehobener Stimmung, weil die Franzosen in die Tunisfalle gegangen sind, die er auf dem Kongreß mit Speck ausstattete. Er schmunzelt über die Sicherheit, die nach seiner Mei- nung Deutschland genießen wird, weil durch die verstärkte Okkupationstruppe in Afrika die Armee in Frankreich verringert werden müsse.“ Zur selben Zeit, da Bismarck sich anschickte, durch die Nieder- werfung Oesterreichs mittels des ersten„Blitkrieges“ der Welt- geschichte die Voraussegungen zu seinem großpreußischen, von ihm„deutsch“ genannten„Reich“ zu schaffen, waren in Amerika harte Jahre mit einem langwierigen Feldzug ausgefüllt, in dem nicht um eine politische und militärische Vormachtstellung, son- dern um die Anerkennung der natürlichen Freiheit gerungen wurde. Ein Blick dorthin zeigt, wie sehr sich die Persönlichkeiten, die bei uns als große Männer verehrt werden, von denen unter- scheiden, die Vorbilder für das amerikanische Volk geworden sind. Auch Washington und Lincoln haben ihr Leben für eine Einheit eingesett; aber die Vereinigung, die sie erstrebten, war die Ver- einigung aller freiheitlichen Kräfte der Menschlichkeit, der Gerech- tigkeit und des sozialen Fortschritts. Ihre Charaktere wie ihre Fähigkeiten drängten sie dazu, im Nationalstaat das zu sehen, was hundert Jahre vorher der englische Publizist Edmund Burke, der unerschrockene Gegner des Machtkampfes zwischen dem Mutter- land und den nordamerikanischen Kolonien, als die„.Gemeinschaft in allem, was wissenswürdig, was schön, was schägbar und gut und göttlich im Menschen ist“, bezeichnet hatte— dasselbe, was noch von Fichte, ehe er, hierin ein Hegelianer vor Hegel, zu einer unglückseligen Vergößung des Staatsbegriffes gelangte, das„Auf- blühen des Ewigen und Göttlichen in der Welt“ genannt worden war. Was Washington und Lincoln die Aura von Heldengestalten verliehen hat, wäre in Deutschland zur selben Zeit nur von werigen als dafür ausreichend empfunden, von den meisten aber weder ver- standen noch geschägt worden. Im Grunde wirkt es bis in unsere Tage hinein nach, und es hat sich oft genug erwiesen, daß sogar diejenigen, die bei uns gleichfalls für die Menschenrechte zu strei- ten gem hlick vel licher P? amerika. wissens® scheidun hereitet das Jaut ten hatt gliche di einen R der Pla dem Rü nur den doch zu schließli wenn a dig dur stigen] oder dı Bevor Staat sı Individ eben Machia sein al primiti keit ur die Le aufmer idee nı seien, dieser ursprü Franzi Kontir liche I ein W so zu hioheit nach; Entw; vollko nehm. le des Provo- nnung As eine t. An her der he Bot. kur Rr- ierung: osen in Speck er Mei- stärkte Tingert Nieder- t Welt- en, von imerika in dem g, SON- rungen keiten, | unter- on sind. Einheit ie Ver- Gerech- ‚je ihre en. was ke, der Mutter- inschaft nd gut he, was u einer ;„Auf- worden stalten yenigen ler vel- unsere ) sogar u strei- Die natürliche Freiheit 143 ten gewillt waren, ihren Sinn und ihre Bedeutung in dem Augen- blick verkannten, in dem sie von dem Pechfackeldunst vermeint- licher Parteiinteressen geblendet waren. Es ist richtig, daß in Nord- amerika, wo so viele ob ihres unabdingbaren Anspruches auf Ge- wissensfreiheit und das Recht der unbeeinflußten persönlichen Ent- scheidung Verfolgte sich ein Stelldichein gaben, der Boden besser bereitet war als im Herzen des europäischen Festlandes, das stets das lautere Metall ausgestoßen und die geronnene Schlacke behal- ten hatte. Aber wer sich mit dieser Feststellung begnügen wollte, gliche dem Manne aus der griechischen Parabel, der einem anderen einen Reitesel vermietet hatte und um die heiße Mittagszeit, da der Pla neben dem Esel begehrenswerter erschien als der auf “dem Rücken des Tieres, zu argumentieren anhob, der andere habe nur den Esel, nicht auch seinen Schatten gemietet. Denn es muß doch zu denken geben, wenn ein unaufhörlicher Schmelzprozeß schließlich nur immer zu der Bewahrung; der Abfallprodukte führt, wenn also die Entwicklung eines Staates wie des deutschen stän- dig durch die Abwanderung seiner besten menschlichen und gei- stigen Elemente, durch Verbannung, durch freiwillige Emigration oder durch innere Vereinsamung gezeichnet ist. Bevor die Philosophie der Aufklärung wirksam wurde, galt der Staat sozusagen als ein von der Vorsehung bestimmtes autonomes Individuum. Er war gewissermaßen ein mit besonderer Vernunft, eben der..Staatsräson“, begabtes Wesen, dessen Fürsprecher Machiavelli es fertiggebracht hatte, daß seine Existenz im Bewußt- sein aller überhaupt schon politisch Denkenden auf derselben primitiven Stufe hingenommen wurde, auf der die Masse der Obrig- keit untertan war, die nun einmal Gewalt über sie hatte. Erst als die Lehren der Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts darauf aufmerksam machten, daß neben der einen improvisierten Staats- idee noch andere, durch die Grundsäge der Ethik gestügte möglich seien, als mit der Forschung nach der Herkunft des alten Begriffes dieser selbst in Frage gestellt wurde, erst da kehrte man zu dem ursprünglichsten Gefühl, der natürlichen Freiheit, zurück. Mit der Französischen Revolution sette sich auch auf dem europäischen Kontinent der Gedanke durch, daß der Staat, eine selbstverständ- liche Folge der Erkenntnis von der Freigeborenheit des Menschen, ein Werk des Volkes sein müsse und als Institution überhaupt nur so zu rechtfertigen sei.„Das Volk ist die Wurzel jeder Staats- hoheit‘‘— diese Quintessenz der modernen Staatstheorie nahm, nach anderthalb Jahrhunderten einer konfusen, ja einer diffusen Entwicklung, die Atlantikcharta 1941 wieder auf, indem sie ver- vollkommend davon sprach, jedes Volk sei berechtigt, die ihm ge- nehme Staatsform frei zu wählen und sich seine politischen Ein- 144 Die natürliche Freihes richtungen selbst zu schaffen. Auf diese beiden Eckpfeiler wird in der Welt, hauptsächlich jedoch-in Deutschland, nicht genug ge- achtet. Man muß sie desto schärfer ins Licht rücken, je mehr das allgemein Menschliche seiner Natur nach dazu angetan ist, von flinken Salbenmischern zu einem phraseologischen Brei verrührt zu werden. Als jemand an Philipp von Mazedonien rühmte, daß er ohne Anzeichen der Berauschtheit eine Menge Wein trinken könne. antwortete Demosthenes: ‚„‚Das kann mein Schwamm auch.“ Die Atlantikcharta ist aber alles andere als ein Schwamm. Sie sagt sehr genau:„Die Völker sind berechtigt“, und sie sagt:„frei zu wählen.“ Das eine nicht ohne das andere. Kein Recht in der Welt bedeutet etwas, wenn es nicht das Recht auf Freiheit in sich schließt. Die Freiheit jedoch, die über nationale Grenzpfähle hin- ausführt und die Menschen jenseits als strebende Bürger derselben einzigen Welt zu würdigen trachtet, ist abhängig von dem Maß der Freiheit, die die Bürger im eigenen Staate genießen. Universalis- mus kanır dort nicht gedeihen, wo die Persönlichkeit eingeengt und. sei es durch offenen Zwang oder durch versteckte Einschüch- ‚terung, durch Drohungen untergeordneter oder durch Fanatisie- rungsbemühungen übergeordneter Instanzen in einen Zustand ver- set wird, der ihr entweder die Selbstbestimmung unmöglich macht oder sie des Unterscheidungsvermögens zwischen freier Wahl und gestellter Alternative beraubt. Wie ein Staat nur dann seine Rechte wahren kann, wenn er unter Verzicht auf Machtanwendung die Rechte anderer Staaten achtet, so kann er sich innerhalb der eigenen Grenzen auch nur dann be- haupten, wenn er sich bewußt bleibt, daß die Gewalt, die er über seine Bürger ausübt, einzig diejenige ist, die ihm von den Bürgern nach deren klarem, kraft individueller Entschließung zustande gekommenem Willen übertragen wird. Solange es nach der bedin- gungslosen Kapitulation keinen eigentlichen Staat gibt, haben nach demselben Geset die Parteien zu handeln. Ihre Aufgabe ist die Vorbereitung eines künftigen Staates. Mehr als unter normalen Umständen haben sie darauf bedacht zu sein, daß auf ihr Tun nicht ein Schatten des Zwanges fällt. Jeder derartige Schatten wirkt abkühlend, wirkt abschreckend auf die Bereitschaft des Volkes zu einem kommenden Staat. Das Mißtrauen, das die Parteien jetzt säen, wird der Staat einst ernten. Jeder ihrer Mißgriffe wird nicht ihnen, sondern dem noch so unbekannten geistigen Lande der De- mokratie zur Last gelegt. Das allein ist es, was gebieterisch ver- langt, sie aufmerksam zu beobachten. Hierin allein liegt National- gefühl. Von Nationalstolz gar kann erst wieder die Rede sein, wenn wir eine Nation geworden sind, auf die man in natürlicher Freiheit stolz sein kann. Wir be Reich“ ordentl! Schuld: Punkte ten; de nackte Jation 1 gen au billigen der Nü „Propa fesselt mente Propag dieser| Beschr: Als He achtzig, mannst wieder so wei laubt, ein Sk! nichts schrieh schimp zwinge Jakobiı An die spältig spruch Faktuı und w licher daß D der V. binert Korru lich w lag, W Gesan ihre I Die natürliche Freiheit 145. Wir begegnen der zunehmenden Neigung, das Hitlersche„Dritte Reich“ nur als eine Verirrung von einem an sich geraden und ordentlichen Wege anzusehen; dem Bestreben, von der eigenen Schuld durch die Bemerkung abzulenken, daß in diesem und jenem Punkte auch andere Völker und andere Regierungen gefehlt hät- ten; dem Mangel an Augenmaß, womit in einem Moment, da die nackte historische Gerechtigkeit uns zur bedingungslosen Kapitu- lation mit allen Folgen verurteilt hat, kümmerliche Gegenrechnun- gen aufgestellt werden. Von hier bis zu der mit dem großartig billigen Augurenlächeln der Erfahrenheit abgegebenen Erklärung, der Nürnberger Prozeß und der Film„Die Todesmühlen“ seien „Propaganda“, ist eine kleine Strecke, auf der die Vernunft ge- fesselt liegengeblieben ist. Denn daß allseits unbestrittene Doku- mente oder Aussagen von Angeklagten. wesensgemäß gar keine Propaganda sein können, übersieht nur ein getrübter Geist, und dieser geistigen Trübung kommt die politische Verunreinigung, die Beschränkung der natürlichen Freiheit, außerordentlich zustatten. Als Heinrich Heine nach der Julirevolution in Paris von einer rund achtzigtausend Köpfe starken tumultuarischen ‚deutschen Lands- mannschaft‘“‘ bekämpft, umworben, verleumdet, angebettelt und wieder meuchlings überfallen wurde, zog er das Fazit:„Wer nicht so weit geht, wie sein Herz ihn drängt und die Vernunft ihm er- laubt, ist eine Memme; wer weiter geht, als er gehen wollte, ist ein Sklave.“ Angewidert von Resolutionen und Protesten, an denen nichts so wertbeständig war wie ihre Phrasenhaftigkeit, unter- schrieb er nicht länger und wurde dafür als„Reaktionär“ be- schimpft. Seine Antwort lautete:„‚Ich bin nicht der Mann, der sich zwingen läßt, und sie bewirken nur, daß ich, aus Degout vor der jakobinischen Unredlichkeit, noch gemäßigter als jemals werde.“ An dieser Haltung, die, weil sie tief im Persönlichen einer zwie- spältigen Natur begründet ist, keine allgemeine Gültigkeit bean- spruchen kann, ist doch zweierlei lehrreich. Zunächst ein virtuelles Faktum: das, was Heine die„Jakobinische Unredlichkeit‘“ nennt, und was keineswegs die Wirkung einer speziellen Sorte mensch- licher Bosheit und Tartüfferie, sondern nur eine Folge davon ist, daß Doktrinen farbenblind machen. Robespierre, der zwar nicht der Vater, aber gewissermaßen einer der Kirchenväter des Jako- binertums ist, hieß der Unbestechliche, weil er für die materielle Korruption einer aus den Fugen gegangenen Zeit weniger empfäng- lich war; die geistige Korruption, die seiner Rhetorik zugrunde lag, war noch eine zu neue Erscheinung, wurde zu sehr von dem Gesamtpathos einer ersten wirklichen Revolution übertönt, als daß ihre Ungeheuerlichkeit gleich hätte erkannt werden können. Es 10 146 Die natürliche Freiheit mußten vierzig Jahre verstreichen, es mußte der Phrasensegen der napoleonischen Diktatur samt dem der bourbonischen Restau- ration niedergehen, ehe man wußte, daß Robespierre in Wahrheit das eigene System getroffen hatte, als er von den.„‚Sendlingen der Feinde“(der Aristokratie also) sprach, die sich unter die.„.hoch- herzigen Brüder“ mischten,„um den glühenden und unerfahrenen Patriotismus über die Schranken der gesunden Politik hinaus- zudrängen“. Es bedurfte einer langen Entwicklungsreihe verdächtig überakzentuierter Gesichtslosigkeit, es bedurfte der Entlarvung jakobinischer Ränke durch den Prozeß der Geschichte selbst, bevor klar wurde, daß es der Anfang einer satanischen Methodik war, wenn Robespierre erklärte:„Sobald man mehr das zu Rate zieht, was an sich gerecht ist, und weniger das, was in den gegebenen Augenblicken nüßlich ist, so dient man, während man der Volks- sache zu dienen meint. nur den Interessen einer Partei und der Sache des Despotismus.“ Hier nämlich findet sich die Keimzelle all dessen, was später zu einem bewußten Raffinement ausgebildet wurde. zu einer Art Infiltrationsanweisung, mittels deren extre- mistische Prinzipien, die sich auf den fairen Kampf des Geistes lieber nicht verlassen möchten, in mephistophelischer Vermum- mung und nach einem geradezu militärischen Verteilungsplan von Horchposten, Spionen und Stoßtrupps wichtige Positionen zu er- obern hoffen. In dieser unzulässigen Vermengung von eigenem und gegnerischem Wollen, in dieser Verschiebung und Umstürzung aller ehrlichen Verhältnisse, wie sie Robespierres Rede zum Bundesfest von 1792 kennzeichnet, ist alles enthalten, was uns auch heute wieder von seiten der modernen Jakobiner über den Weg läuft: die Verachtung der Gerechtigkeit„an sich“; die Heiligung der Mittel durch den Zweck; die edle Absicht, die eigene Nieder- tracht und Hinterhältigkeit, die eigenen getarnten Ziele demjenigen zu unterschieben, der anderer Meinung ist; die Umkehrung der Begriffe; die Parodie auf die Moral, aus der, ganz im Gegenteil, zu folgern wäre, daß gerade die grundsäßliche Nüäßlichkeitspolitik das Parteiinteresse und die Sache des Despotismus fördert. Unter den Leuten, die sich Hitlers Hölle von weit draußen an- gesehen haben und jett zurückgekehrt sind, um uns mit einem „Vierten Reich“ zu beglücken, befinden sich einige, die vergessen zu haben scheinen, daß zwischen 1920 und 1933 nicht nur sie, son- dern auch wir als denkende politische Menschen in Deutschland gelebt haben. Wenn wir gegeneinanderhalten, daß wir damals von den Reaktionären als Kommunisten verschrien wurden und heute von den Kommunisten als Reaktionäre verunglimpft werden, so kann es uns nur mit tiefer Befriedigung erfüllen. Nicht so, was unser Volk betrifft, dessen Zukunft nicht morgen und über- morgel erst ZU Deutsd wieder! nämlid 1931 a Berlin die g‘ „9, Ne Josigke „Dahe unter das si hehalt Arbeit der D« Von s kam, kann, schicht erhalt legun: Warne Mome krumı seiner der w sich L Sprad Bedeu Heinr. vor d das hı pelitil graph segen nur d Radik ihn W von| doch| Schwi darun darun nigen ig der enteil, yolitik n an- einem gessen , SON- hland mals n und erden, ht 50, über- Die natürliche Freiheit 147 morgen, sondern heute bestimmt wird. Wir selbst haben uns nicht erst zu wandeln brauchen, um die Situation zu verstehen, in der Deutschland ja nicht erst seit heute ist; wir können wortwörtlich wiederholen, was wir vor 1933 sagten, und siehe da, es hat die nämliche Richtigkeit. Der Verfasser dieser Zeilen hat im Jahre 1931 auf einem Ausspracheabend der Liga für Menschenrechte in Berlin deu Nationalsozialismus einen„Ersagkommunismus für die gebildeten Stände“ genannt und, daran anknüpfend, am 29. November 1931 in der ,„‚Vossischen Zeitung“ über die„Weg- losigkeit in der Maske des entschiedenen Marschierens“ geschrieben: „Daher kann ich mit der Parole ‚Einheitsfront des Proletariats unter neuen Führern‘ nichts anfangen.... Das legte Wort mag das simple Feldgeschrei der Idealisten roter und weißer Couleur behalten. Die lette Entscheidung aber wird aus der taktischen Arbeit der materialistisch— das heißt: aus der genauen Kenntnis der Details, nicht aus der Schlagwortkulisse— Denkenden kommen.“ Von solchen Worten ist heute nichts zurückzunehmen. Was 1933 kam, war ja ebensowenig die legte Entscheidung, wie das sie sein kann, was 1946. gärt; so kurzfristig arbeitet die Macht der Ge- schichte nicht. Eben darum aber muß der klare Anspruch aufrecht- erhalten werden. Denn hier begegnet sich nun mit unseren Ueber- legungen die zweite Lehre aus der Heineschen Erfahrung, deren warnendes Beispiel wir eingangs beschworen: das psychologische Moment, das jeder Entwicklung zur Gefahr wird, welche in den krummen Bahnen„jakobinischer Unredlichkeit“ verläuft. Wer in seiner Anschauung nicht ganz fest ist— und wie viele sind das?—, der wird stugig, wenn er bemerkt, daß dieser selben Anschauung sich Leute bemächtigen, deren Schatten nicht ihr eigener‘ist, deren Sprache vielleicht ihre Meinung, indessen nicht den Sinn und die Bedeutung ihrer Meinung wiedergibt; und derlei bewirkt(um Heinrich Heine zu wiederholen), daß die Unsicheren„‚aus Degout vor der jakobinischen Unredlichkeit noch gemäßigter als jemals“, das heißt im gegenwärtigen Falle: zurückhaltender, interesseloser, politikfeindlicher werden. Ludwig Marcuse, Heines bester Bio- graph, fand das treffende Wort:„Es gibt nicht nur einen Mut gegen rechts, es gibt auch einen Mut gegen links; es gibt nicht nur den Mut des Radikalismus, es gibt auch einen Mut gegen den Radikalismus.‘“ Eines freilich ist anders als zu Heines Zeit. Für ibn waren— wir zitieren noch einmal Marcuse—„‚die Angriffe von links weit schwieriger als die Angriffe von rechts: weil er doch links stand, weil die Angriffe von links ihn isolierten“. Diese Schwierigkeit schreckt uns nicht mehr; sie schreckt uns nicht allein darum nicht mehr, weil wir sie kennen, sondern vor allem auch darum nicht, weil die Angreifer von links in Wahrheit gar nicht 148 Die natürliche Freiheit mehr dort stehen. Man hat kürzlich eine brave Symbolik für die zur Einheit(die Nationalsozialisten sagten: Volksgemeinschaft) ge- wandelte deutsche Nation daraus abgeleitet, daß in einer rhei- nischen Bürgerschaftsvertretung die Kommunisten in der Mitte sigen; wir nehmen an, daß die Sozialdemokraten ihren Plat links von ihnen haben, und falls diese Annahme zutrifft, möchten wir den Symbolismus beiseite lassen und den aufrichtigen Ausdruck einer neuen politischen Ordnung akzeptieren. Wir sprechen in diesem Zusammenhang nicht ohne Grund von der Bürokratie der Parteien und nicht von den Parteien schlechthin, deren lebensfähiger Kern, nachdem einmal der tote Punkt, was naturgemäß lange dauerte, überwunden war, schließlich doch in Aktion trat. Wir bewillkommnen jede Deutlichkeit, jede Offenheit, hauptsächlich jede Unverfälschtheit, genau wie wir jedes Gegenteil davon bei seinem die Rechtschaffenheit verlegenden Namen nennen. Der Kommunismus ist uns als solcher ein gleich wesentlicher, histo- risch bedingter und nicht wegzudenkender Faktor wie jede andere geistige und politische Bewegung, die darauf bedacht ist, daß sie nicht mißdeutet werden kann und in ihr kämpferisches Arsenal keine Waffen eingeschmuggelt werden, die mit Erfolg nur im Dunkeln verwendbar sind. War dies schon immer Voraussegung für die geistige Anerkennung einer Partei, die Wert darauf legt, auf einer höheren Ebene als der des Manövers zu bestehen, so ist es desto mehr der Fall nach einem Jahrzwölft, in dem Tarnungen aus bitterster Notwendigkeit groteskeste Formen annahmen. Mit Tarnungen muß es nun zu Ende sein, gleichwie es mit jeder Dik- tatur, jeder Tyrannei und allem, was auch nur entfernt nach tota- litäirem Staat aussieht, zu Ende sein muß.„Massenparteien“ haben nicht die Aufgabe, die Persönlichkeit der Masse unterzuordnen, sondern umgekehrt aus der Masse Persönlichkeiten herauszubilden. Sozialismus heißt nicht Proletarisierung des Bürgertums, sondern Aristokratisierung der Arbeiterschaft. Bisher, und gerade von 1920 bis 1933, ist alles den verkehrten Weg gegangen. Statt die unteren Schichten zu heben, zog man allein die oberen herab. Statt der Ver- massung entgegenzuwirken, unterstügte man sie und mit ihr den einzigen Boden, auf dem die Tyrannei gedeiht. Unsere Partei ist Recht und Gerechtigkeit, ist Wahrheit, Mensch- lichkeit und Menschenwürde, ist Freiheit, Friede und Völker- versöhnung. Unsere Partei ist der Geist einer produktiven Tole- ranz, die den Kampf nicht scheut und dort ihre Grenze hat, wo die Grundsäte der Demokratie in Frage gestellt sind, sei es durch Ge- sinnung, Handlung oder Phraseologie. Unsere Partei ist die christ- liche Beharrlichkeit, der Glaube an den Triumph der guten Kräfte, die nüchterne Erkenntnis von dem Millimetermaß alles mensch- lichen Jahrhu davon haben. aussch teien] leichte blickeı keit' ist die letten Herr schred ringen „Ic, ı deren vernic eine€ Tat o Mut ı damal auf d Freih consti sie ha schwe stehe: drüss mit« durch rausel Was der\ erhäl Wer schlun ein I Vir| lands sei.[ komp Volk gibt ı tie, ir die ) ge- hei. Mitte links N wir druck n der hthin, „was ch in nheit, enteil nnen, histo- ndere aß sie rsenal ır im ebung ' legt, so ist ungen ‚ Mit - ı tota- haben dnen, ‚ilden. ‚ndern 1 1920 teren r Ver- ır den ensch- ölker- Tole- vo die ch Ge- christ- (räfte, ‚ensch- Die natürliche Freiheit 149 lichen Fortschritts angesichts einer geschichtlichen Ewigkeit, in der Jahrhunderte Sekunden sind. In welcher der Parteien irgend etwas davon sich regt, diese Partei wird unsere Bundesgenossenschaft haben. In welcher der Parteien das Pendel nach der anderen Seite ausschlägt, diese Partei wird unsere Gegnerschaft haben. Die Par- teien ihrerseits sollten den noch Abseitsstehenden den Zugang er- leichtern. Eine der vornehmlichsten Hemmungen ist darin zu er- blicken, daß sie vielfach von Männern geführt werden, deren Tätig- keit vor 1933 Gegenstand schärfsten Mißtrauens war. Zwar ist die Vergeßlichkeit des Menschen groß, doch haben gerade die legten zwölf Jahre in dieser Beziehung das Gedächtnis gestärkt. Herr Hitler ist nicht müde geworden zu erzählen, gegen. welch schreckliche Widerstände sein Nationalsozialismus sich habe durch- ringen müssen. Es war eines seiner Märchen, an deren Anfang stets „Ich, der unbekannte Soldatt“ stand. Niemals noch ist einer Partei, deren erklärtes Programm es war, den Staat, der sie duldete, zu vernichten, der Aufstieg so leicht gemacht worden. Es gab nicht eine einzige Instanz dieses Staates, die nicht entweder mit Rat und Tat oder mit Dummheit und Fahrlässigkeit oder mit Mangel an Mut und Anschauungskraft dabei half. Die Verantwortlichen von damals, ob an einflußreicher Stelle in Regierungen oder Parteien, auf die das Wort Edward Cokes, des Vaters der die persönliche Freiheit schügenden ‚Petition of Rights“, zutrifft:„Les corps constitues n’ont point d’äme‘“— sie’ haben Deutschland verspielt, sie hatten weder Seele noch Verstand, und wir verlangen, daß sie schweigen. Lots Frau wurde in eine Salzsäule verwandelt, weil sie stehenblieb und rückwärts sah. Wir sind der Erscheinungen über- drüssig, die uns niemals selbständig, immer nur im Rahmen und mit dem Hintergrund der Vergangenheit vorstellbar sind, und durch deren: augenblickliche Sprache die Erinnerung an ihre frühere rauscht wie das drohende Murmeln eines fernen, gefährlichen Wasserfalls..„‚Daß jedes neue Geschlecht und jede neue Zeit von der Wiege ausgehe, das ist es, was die Menschheit in ewiger Jugend erhält“, sagt Ludwig Börne. Wer überzeugt ist, daß er nur auf krummen Wegen und im ver- schlungenen Dickicht dahin gelangt, wohin er will, kann unmöglich ein Liebhaber der geraden Linie und der offenen Haltung sein. Wir hören von so vielen Seiten, aus so vielen Gegenden Deutsch- lands, wie schwer die Antwort auf die Frage„‚Was ist Demokratie?“ sei. Uns scheint das gar nicht so, falls man die Dinge nicht unnötig kompliziert. In einer Lage wie der gegenwärtigen des deutschen Volkes werden nur die einfachsten Begriffe verstanden; und es gibt eigentlich nichts Einfacheres als die Grundsäge der Demokra- tie. Sie beruhen auf dem Naturrecht der Menschen auf Gleichheit 150 Die natürliche Freiheit und Freiheit. Wo es verlegt wird, ist die Demokratie verlegt. Demokratie,.‚wie ich sie auffasse“, ist Despotismus. Innerhalb der Demokratie haben allerdings vielerlei Auffassungen Pla von Gott und der Welt: herrschen aber irgendwo zweierlei Auffassungen über ihr Grundgeset, so steht die eine davon notwendig außerhalb der Demokratie. Daraus folgt, daß gewisse Forderungen mit ihr, gewisse andere nur gegen sie zu verwirklichen sind. Hierin liegt der Ursprung unserer heutigen Lage. Hierin liegt zugleich der fun- damentale Unterschied gegenüber dem Jahrzehnt von 1920 bis 1930. Damals waren die Fronten klar; und jede Richtung, welche Vor- würfe im übrigen der Historiker auch gegen sie erheben muß, blieb bemüht, sie klar zu erhalten. Die Gegner der Demokratie öder demokratischer Einrichtungen behaupteten nicht, daß sie Demo- kraten seien, weder taten es die Deutschnationalen und ihre ihnen über den Kopf wachsenden Sprößlinge, die Nationalsozialisten, noch taten es die Kommunisten. Niemand dachte daran, Scheide- wände einzureißen, die ja nicht künstlich waren, denn wären sie es gewesen, so wären sie von selber zusammengestürzt. Daß der Nationalsozialismus infolge dieser Scheidewände gesiegt habe, ist nicht nur ein historischer, sondern auch ein geistig-moralischer Irr- tum. Wer das glaubt(es sei denn, daß er es nur aus Zweckgründen glauben machen will), beweist einen gefährlichen Mangel an höherer Einsicht. Wenden wir einmal die alten Begriffe von rechts und links an, die heute zwar etwas in Unordnung gebracht, aber keineswegs un- gültig geworden sind, so ergibt sich, daß wir, wie nach 1918 die Geschichtsklitterung von rechts, nach 1945 die Geschichtsklitterung von links abzuwehren haben. Die Fronten werden nicht geklärt, sondern verwischt, Gegensäße weder ausgetragen noch überbrückt, sondern(wenigstens zeitweilig) versteckt und mit Gewalt„be- reinigt“. Das ist das Neue einer Zeit, in der entweder die mora- fischen Verheerungen des Nationalsozialismus unüberwindlich nach- wirken oder die heimliche Bewunderung seiner„erfolgreichen“ Methoden zur Nachahmung reizt. Eines der Kriterien des Machia- vellismus ist die zynische Beanspruchung edler Begriffe für unedle Motive, seine zwangsläufige Folge die Unterschiebung unedler Mo- tive gegenüber den Verteidigern edler Begriffe. Damit kehrt alles wieder, was wir am Nationalsozialismus verabscheut haben, und es ist eines der hoffnungsvollen Zeichen in unserem Volke, daß es dafür nun doch eine Witterung hat und ehrlichen Zorn empfindet, wenn ihm nach zwölf Jahren Täuschung neue Täuschungen zu- gemutet werden, ein neues Zwangsparteibuch, ein neues geheimes Ueberwachungssystem, eine neue Atemnot, eine neue Mißgeburt von Weltanschauung, eine neue Vergewaltigung der geistigen Freiheit durch selbst reden tion, d legung Unver: haftig] zu vel gestat Gänge zweim „Jphig gut u beraul Demo noch Mona alarm fehle: Huge einig! das o gewo dem Bolse und Spiel dereı kein es 19 do u liche, man man tige hätte trage Ause dessı der chen nich! noty XS ı eimes ‚rt von eiheit Die natürliche Freiheit 151 durch Leute, die augenscheinlich gar nicht den Widerspruch in sich selbst bemerken, wenn sie gleichzeitig flammende Verdammungs- reden gegen die geistige Unfreiheit unter Hitler halten. Die Situa- tion, die uns nach zwölf Hitlerjahren zwingt, das Recht der Ueber- legung und der freien Meinungsäußerung gegen den nämlichen Unverstand, gegen die nämliche Abgedroschenheit und Phrasen- haftigkeit der Worte, gegen die nämlichen Schrecken der Tyrannei zu verteidigen, wird nicht allein von den mit drei Kreuzen aus- gestatteten„Intellektuellen“ als grotesk empfunden. Sogar ein des Gängelbandes so bedürftiges Volk wie das deutsche läßt sich nicht zweimal hintereinander zumuten, Goethes Warnung aus der „Iphigenie‘“ zu mißachten:„Zur Sklaverei gewöhnt der Mensch sich gut und lernet gleich gehorchen, wenn man ihn der Freiheit ganz beraubt.“ Wir stehen dafür ein, daß diese zweite Schlacht um die Demokratie in Deutschland nicht verloren wird. Daß irgendwo sich noch ein alter Hugenberg erhalten hat, daß Konservative und Monarchisten Parteien gründen, ist nur für diejenigen angeblich alarmierend, die solche Popanze benötigen, weil sie ihnen die fehlenden Argumente ersegen müssen. Wenn je die erloschenen Hugenberge wieder erstarken sollten, dann ist die Art, wie die Ver- einigung oder„Gleichschaltung“ von SPD und KPD betrieben, das geeignetste Hilfsmittel dazu. Das in der Weimarer Republik gewohnte Ballspiel hat abermals begonnen: die einen arbeiten mit dem Gespenst der Reaktion, die anderen mit dem Gespenst des Bolschewismus, und beide benugen die äußerlichen Gegebenheiten und die oberflächlichen Tagesforderungen der Demokratie, um ihr Spiel zu gewinnen. Falls es nicht durch Wachsamkeit und Elan derer gestört wird, denen Demokratie ein Herzensbekenntnis und kein taktischer Vorwand ist, wird es genau dorthin führen, wohin es 1933 geführt hat. Nach der Justinianischen Regel„Do ut des, do ut facias, facio ut facias, facio ut des“, nach diesem schmäh- lichen Kontrakt des Gebens, damit gegeben und getan werde, was man verlangt, und des Tuns, damit getan und gegeben werde, was man auf andere Weise nicht erlangen würde, möchten wir die künf- tige deutsche Politik nicht gelenkt sehen. Wenn man uns gesagt hätte, die Partei werde nach der Verschmelzung den Namen KPD tragen, wäre es eine Realität gewesen, mit der wir eine ehrliche Auseinandersegung nicht zu scheuen brauchten. Da man uns in- dessen sagte, die Verschmelzung bedeute weder, daß die SPD in der KPD, noch daß die KPD in der SPD aufgehe, so war es ein chemisches Rätsel, dessen Lösung bei normalem Verlauf der Dinge nicht lange auf sich warten lassen und uns eines Tages natur- notwendig eine neue. Sezession bescheren würde. Die schlimme Pra- xis radikaler Tribunen, ihre Machtansprüche kurz und schlecht ohne Die natürliche Freiheit alle Verständigung mit den Betroffenen zu oktroyieren, ist keines- wegs so modern, wie es scheinen möchte. Schon der römische Senat hatte die Gewohnheit, Beschlüsse der von ihm kommandierten Comitien als wahrhaft demokratisches Phänomen zu präsentieren, und wer es wagte, für unveräußerliche Rechte einzutreten, sah sich durch schnöde Anklagen bedroht. ‚Je fetter der Floh, desto magerer der Hund‘, behauptet das Sprichwort nicht erst seit heute. Acht gezwul die D ihren könne ein Z\ unteil Geiste zu erf Zeiten der D gegen chen, und s steht Parte und Parte ein P vorge Eine werde Wese Wort dient« nicht Jahrh vor zı sinns entfe, mehr heges Unser durch „der geleh durdı Grun letzte hund über DAS TROJANISCHE PFERD Acht Monate, bevor die Vereinigten Staaten von Amerika gezwungen wurden, eine kriegführende Macht zu werden, beging die Demokratische Partei eine Gedenkfeier für Andrew Jackson, ihren Begründer. Dort sagte Präsident Roosevelt:„Die Diktatoren können es offenbar nicht begreifen, daß die Vereinigten Staaten ein Zweiparteiensystem haben und es dennoch fertigbringen, eine unteilbare und unangreifbare Nation zu sein. Die totalitäre Geistesverfassung ist zu beschränkt, um die Größe eines Volkes zu erfassen, das sich in Wahlzeiten in Parteien teilt, aber zu allen Zeiten einig bleibt in seiner Hingabe an sein Land und die Ideale der Demokratie. In den Ländern der Diktatur kann es keine Partei- gegensäge geben. Denn dort haben alle so zu denken, so zu spre- chen, so zu schreiben, so zu leben, wie es ihnen befohlen wird— und so zu sterben, wie es ihnen befohlen wird. In diesen Ländern steht die Nation nicht, wie bei uns, über der Partei, sondern die Partei über der Nation; ja, die Partei ist die Nation. Jeder Mann und jede Frau muß sich dort auf dem geraden und engen Pfad des Parteiprogramms bewegen. Genau genommen, ist es nicht einmal ein Parteiprogramm, sondern das Programm, das der Diktator vorgezeichnet hat, dem die Partei gehört.“ Eine Grundwahrheit kann nicht klarer und einfacher formuliert werden, als es hier geschah. Der diese Säge sprach, war von dem Wesen der Freiheit so sehr durchdrungen, daß er keine anderen Worte suchen mußte außer denen, die ihm der Geist, dem er diente, eingab— und Grundwahrheiten lassen sich überhaupt nicht anders formulieren als klar und einfach. Aber das zwanzigste Jahrhundert, das in der Geschichte, wenn wir es nicht fünf Minuten vor zwölf noch ändern, vielleicht einmal das Jahrhundert des Wahn- sinns heißen wird, hat sich von den Grundwahrheiten so weit entfernt, daß eine klare und einfache Sprache nicht nur nicht mehr verstanden wird, sondern einem pygmäischen Mißtrauen begegnet. Unser Zeitalter begann mit der Verkündung der Menschenrechte durch die Französische Revolution. Seit dreißig Jahren machen „der Menschheit große Gegenstände“, für die ein volles Jahrhundert gelebt und gestritten hat, die schwerste und gefährlichste Krise durch. Aber noch ist das Ende dieses Zeitalters nicht nahe und kein Grund zum Verzweifeln. Wir treten, wenn nicht alles trügt, in die legte Phase einer Entwicklung ein, die über das Gesicht des Jahr- hunderts endgültig entscheiden wird. Da alles, was der Menschheit über Nacht in den Schoß fällt, über Nacht verzehrt wird und 154 Das trojanische Pferd Bestand nur das hat, worum lange und mit vielen Kräften gerungen werden muß, wird das legte Wort, das einmal gesprochen werden soll, zugleich das Urteil über diese Kräft sein. Nicht die Notwendig- keit des Kampfes, sondern der Wille zum Kampf ist das Kriterium einer Epoche. Einem Krieg, der unter dem Alarmruf„Die Mensch- heit ist in Gefahr‘ geführt und beendet wurde, kann nicht ein Friede folgen, der die Menschheit in neue Gefahren stürzt, erst recht nicht, wenn diese neue Gefahren, mit unbestechlichem Auge gesehen, die alten sind. In welcher bedrohlichen Lage wir uns be- finden, läßt sich daran ermessen, daß in dem der ersten Verkün- dung der Menschenrechte voraufgegangenen Jahrhundert, das aus den Fesseln der Despotie heraus die als Aufklärung bekannte Opposition des Geistes gebar, niemals die Freiheit der Meinungs- äußerung, von Einzelfällen abgesehen, in einer ähnlich brutalen und skrupellosen, dabei unehrlichen und hinterhältigen Weise unterdrückt war wie unter der Form der Tyrannei, die unsere technisch so hochentwickelte Aera herausgebildet hat. Der spätere Geschichtsschreiber wird zu untersuchen haben, welcher Zusammen- hang zwischen dieser neuen Methodik der Tyrannei und dem tech- nischen Fortschritt besteht. Soviel erscheint auch ohne genauere Untersuchung sicher, daß die teuflischen Mächte auf besondere Art mit der allgemeinen Mechanisierung des Lebens durch eine vom Denken nicht mehr kontrollierte Technik verbunden sind, und daß die andauernde Aufsaugung aller Fähigkeiten des menschlichen Geistes durch die Lockungen einer dem Unbegrenzten zustrebenden Technik dazu beigetragen hat, den Wert der Persönlichkeit, auf der allein die Würde des Menschengeschlechtes beruht, herab- zusegen. Weil versäumt wurde,.die Technik rechtzeitig zu lenken, war ihr Ergebnis die Vermassung, ein Prozeß, ohne den in der modernen Welt keine Diktatur möglich wäre; denn mit der Ur- teilslosigkeit, die sie begünstigt, schafft sie die Voraussegung zur Unterwerfung unter Diktaturen überall da, wo keine gefestigte politische Anschauung ein Gegengewicht bildet. Die eine Sorte Totengräber der Demokratie wurde mit Bomben aus dem Felde geschlagen; aber die zweite blieb. Also neuer Krieg? Das Morgenrot einer Welt, die reif sein soll für einen Bund aller aufrechten Demokraten, fern von Sophismen und Tartüfferien, kann über einem neuen Kriegsschauplat nicht aufgehen, sondern nur für alle Ewigkeiten verdämmern. Mit jedem Kriegsende ver- schärfen sich die Komplikationen, die eine friedenverbürgende Lösung verdrängen; die Welt zu ordnen, ist 1946 zehnmal so schwierig, wie es 1919 war, und nach einem dritten Datum, das wir nicht in den Mund zu nehmen wagen, und vor dem uns, wenn nicht die Vernunft der Menschen, die Gnade des Himmels schügen möge, noch$ einer] Roose‘ zu vol Als di hatten eine 1 spalte, überw vergel fliegen Taube zum\ tagen, kaum und e Habic reiche Pferd helde ihre Schiff blieb, das si Warn mahn lichst des y der] streb gen a darar gesch Fack: niede Uns Zeita name deste als a Jahr dami ihne) Ingen erden ndig- erium nsch- It ein ‚ erst Auge 15 be- rkün- IS aus annte lungs- ıtalen Weise Insere yätere umen- - Jauere re Art . vom d daß lichen enden t, auf herab- onken, in der er Ur- ng zur estigte omben Krieg? d aller ferien, pndern je ver- gende mal so m, das , wenn chen Das trojanische Pferd 155 möge, wird es hundertmal schwieriger sein— falls dann überhaupt noch so viele Menschen übrig sind, wie um den runden Tisch einer Friedenskonferenz Plag haben.„Nichts“, so lautet eines von Roosevelts schönsten Vermächtnissen,„hindert uns, etwas morgen zu vollbringen, außer den Zweifeln, die wir heute hegen.“ Als die alten Griechen die Festung Troja lange erfolglos berannt hatten, bemerkte der Seher Kalchas eines Tages einen Habicht, der eine Taube verfolgte. Das gehette Tier schlüpfte in eine Felsen- spalte, deren Enge es wahrscheinlich nur infolge seiner Todesangst überwand; jedenfalls saß der große Raubvogel draußen und wartete vergeblich auf seine Beute. Das veranlaßte ihn, etwas abseits zu fliegen und sich dort in Geduld zu üben, denn einmal mußte die Taube, so lange sie auch ihr Schicksal hinauszögern wollte, wieder zum Vorschein kommen. Nichts in der Welt kann man ewig ver- tagen, und der Habicht wurde über seinem Warten nur hungriger; kaum daß die Taube erneut die Flügel regte, stieß er auf sie nieder und erwürgte sie. Kalchas, der Seher, fand, man solle sich diesen Habicht zum Vorbild nehmen, und sein Gedanke fiel bei dem listen- reichen Odysseus auf fruchtbaren Boden. So wurde das hölzerne Pferd gezimmert, in dessen Bauch sich die robustesten Griechen- helden, vortrefflich bewaffnet, verbargen, während die anderen ihre Zelte abbrachen, das Lager verbrannten und sich mit den Schiffen auf eine unfern gelegene Insel zurückzogen. Einer nur blieb, um als Ueberläufer den Trojanern ein Märchen zu erzählen, das sie bewog, das hölzerne Pferd in ihre Stadt zu ziehen. Keine Warnung der Klugen wurde gehört, kein noch so zu Vorsicht mahnendes Zeichen beachtet; und als auch noch der Unermüd- lichste der Warner ein Opfer der Schlangen wurde, war kein Halten des verblendeten Haufens mehr, alle Register der Verleumdung, der Beschimpfung, der Drohung wurden gegen die noch Wider- strebenden gezogen, und Kassandra, nun mit ihren bösen Ahnun- gen allein auf weiter Flur, wurde für verrückt erklärt. Die Nacht darauf wurde die Stadt Troja, freudetrunken, von den aus- geschwärmten Insassen des hölzernen Pferdes und den durch Fackelsignale zurückgerufenen Heerscharen überfallen, angezündet, niedergemegelt. Uns will scheinen, daß das trojanische Pferd ein Sinnbild unseres Zeitalters ist. Seit dem spanischen Bürgerkriege hat es den Spezial- namen„Fünfte Kolonne‘ erhalten, aber seine Merkwürdigkeit, desto begehrter zu sein, je mehr die Spuren schrecken, hat eher zu- als abgenommen. Nach dem Abschluß des nationalsozialistischen Jahrzwölfts neigt die Welt begreiflicherweise zu dem Glauben, daß damit die Ideale der Freiheit gesiegt hätten. Zwar haben die von ihnen gesegneten Waffen den zweiten Weltkrieg gewonnen, doch 156 Das trojanische Pferd wie wenig der Gewinn eines Krieges den Sieg der dem Bösen ent- gegenstehenden Ideale bedeutet, drückt sich in der Erkenntnis der Staatsmänner aus, daß nun auch der Friede gewonnen werden müsse. Dazu gehört die weitere Erkenntnis, daß das nationalsozialistische Regime ja nur den bis jettt furchtbarsten Tiefpunkt darstellt, die scheußlichste Inkarnation des gemeinen Masseninstinkts, und daß man über diesem Inferno des Grauens, das mit unsäglichen Opfern und nach Verlust der Schönheit und des Reichtums des Abendlandes überwunden wurde, nicht vergessen darf, wie wenig damit noch für die allgemeine Anerkennung der Menschenrechte und für die Durchdringung aller Völker, von unserem deutschen Volke ganz zu schweigen, mit der edlen Gesinnung der Wahrheits- und Gerech- tigkeitsliebe erreicht ist. Wenn man auf das Tagesgeschrei hört, könnte man meinen, der Idealzustand, in dem es keine Feinde der Demokratie mehr gibt, sei da. Trotdem sind ihrer mehr als je, nur daß diese Hydra im Gegensat zur mythologischen die Gewohnheit hat, ihre in doppelter Anzahl der abgeschlagenen nachwachsenden Köpfe nicht mit Schlangen-, sondern mit Taubenaugen zu versehen ‘und statt des giftigen totalitären Gezisches ein sanftes, menschen- freundliches Girren vernehmen zu lassen. Die Fronten hatten sich, als Demokratie gegen Totalitarismus stand, geklärt. Nun, da echte Demokratie gegen getarnte Demokratie steht, kommt es darauf an, ob diejenigen, die der echten Demokratie verschworen sind, ihre Positionen behaupten und befestigen wollen. Wieder, wie so oft in der Geschichte, gehen die entscheidenden Linien mitten durch Völkerschaften hindurch. Wieder, wie so oft, bildet Deutschland ihren Brennpunkt. Aber anders als früher, da rings um Deutschland sich ein freies politisches Leben entfaltete, das hierher zwar Wellen schlug, dessen Wellen jedoch gerade hier auch gebrochen wurden, ist Deutschland heute das Zentrum, von dem die Rückwirkungen ausstrahlen. Ranke sagte:„Es gibt keine so entschieden herrschende Tendenz der Meinung, daß die Inter- essen vor ihr zurückträten.‘“ Wenn wir das gelten lassen, sind wir verloren. Es ist ein Bonmot, nichts weiter, wenn Deutsche zum Neujahrstag 1946 ihre Wünsche„zum Jahres- und Gesinnungs- wechsel“ geäußert haben. Für Deutschland handelt es sich nicht um einen Gesinnungswechsel, denn es hat noch gar keine gültige Ge- sinnung gehabt. Es steht am Ursprung einer Gesinnungsbildung, mit allen Möglichkeiten, allen Schwierigkeiten und allen Fährnissen einer solchen Situation. Wenn es dafür die Hälfte der Standhaftig- keit, der Zähigkeit und leidenschaftlichen Gründlichkeit aufbringt, die es für militaristische und nationalistische Ziele aufbrachte; wenn niemand mehr bereit ist, einem auf seine Meinungsäußerung ausgeübten Druck nachzugeben, indem er sein Gewissen mit der nee en ee he eher erene Frklär jeder über a haben sagen lands“ einmal wenn legung anspri dieser halb€ Gewöl in deı den N wie d es doc Zwar sagen es ein hinte) in de die P ohne Politi 1848 blikaı Deut: libera in de verse schen inner einer zu e) Milit losen die a nach liche: erste schrii mokı 1994 ıltete, > hier , Von keine Inter- ‚d wir zum Jungs- ht um B Ge- (dung, nissen ‚aftig- ‚ringt, achte; erung it der re 3 we Th a N ee Das trojanische Pferd 157 \ Erklärung einschläfert:„‚Ich muß ja gar nicht, aber ich will“; wenn jeder von uns sich bewußt wird, daß der Gesang von„Deutschland über alles“ nur einen einzigen Sinn, nämlich einen imperialistischen, haben kann, unterschiedslos, ob es gestern Hitler sang und morgen, sagen wir: ein neuer Hindenburg, ein neuer„Retter des Vater- lands“, singen wird, genau wie es gleichgültig ist, ob die Alldeutschen einmal von ganz rechts und einmal von ganz links her kommen; wenn der Widerstand gegen jeden Gewissenszwang, gegen jede Ver- legung der persönlichen Freiheit, gegen jeden totalitären Macht- anspruch so einheitlich und ungeheuer ist, daß alle Versuche dieser Art zerschellen müssen: dann wird Deutschland leben, inner- halb dieser oder jener Grenzen, aber unter einem Himmel, dessen Gewölk aufgerissen ist und die Luft mit Licht erfüllt, eine Luft, in der man atmen kann, und die auch den umgebenden Völkern den Mut zum Aufatmen verschaffen wird, der nach einem Kriege wie diesem so sehr natürlich und selbstverständlich sein sollte und es doch noch so wenig ist. Zwar kann man, wenn man die Geschichte seit 1815 verfolgt, nicht sagen, Deutschland sei ohne Bewegung gewesen. Aber immer war es eine Bewegung an der Peripherie, immer trat die innere Gestalt hinter der äußeren zurück. Immer wurde eine Phalanx vorgetäuscht, in deren Hintergrund nichts vorhanden war, oder wenn, so stand die Phalanx, um es zu verdecken. Getümmel statt Gefecht, Donner ohne Blitz. Der Liberalismus des neunzehnten Jahrhunderts, als Politikum in Deutschland gerade erst geboren, hatte sich bereits 1848 gespalten. Es gab, von links nach rechts, Demokraten, Repu- blikaner und Altliberale.e. Von den Altliberalen sonderte sich die Deutsche Fortschrittspartei ab, während ihr Stamm die National- liberale Partei erstehen ließ, deren abermalige Sezessionisten sich in der Liberalen Vereinigung zusammenfanden. Diese wiederum verschmolz sich mit der Deutschen Fortschrittspartei zu der Deut- schen Freisinnigen Partei Eugen Richters. Das alles, bitte, geschah innerhalb von sechsunddreißig Jahren. Nach abermals zehn Jahren einer Tätigkeit, die nur an Verworrenheit musterhaft war, kam es zu einer neuen Spaltung, als 1893 ein Teil der Partei für die Militärvorlage stimmte. Diese„.‚Gemäßigten“, in Wahrheit die Maß- losen, gründeten die Freisinnige Vereinigung, indes Eugen Richter die alte Partei als Freisinnige Volkspartei weiterführte. Vier Jahre nach seinem Tode, 1910, gingen beide Gruppen in der Fortschritt- lichen Volkspartei auf, und weitere acht Jahre später, nach dem ersten Weltkriege, schieden die Geister sich erneut: von Fort- schrittlern und Nationalliberalen wanderten die einen in die De- mokratische, die anderen rechts davon in die Deutsche Volkspartei. 1924 machten dann Mitglieder beider Parteien den vergeblichen 158 Das trojanische Pferd Versuch. mit dem alten historischen Namen der Liberalen Ver- einigung den„verfassungstreuen Liberalismus“ zusammenzuschlie- ßen. Mancher von diesen Verfassungstreuen hat nachher die Ver- fassung bereitwillig zerstört, und einige davon agieren heute wie- der auf der politischen Bühne. Und in acht oder neun Jahrzehnten, da fortwährend die Titel wie schmugige Hemden gewechselt wur- den, blieb der Geist unverändert steril und illusionsgenährt, als habe man bloß zu beweisen gehabt, was John Locke, der englische Philosoph, schon 1690 bewiesen hatte, daß wir nämlich keine an- geborenen Ideen und Prinzipien haben. Es ist nötig, davon zu sprechen— in einer Zeit, da das fiktive Leben traurige Triumphe feiert. Parteien zu trennen oder zu ver- einigen, hat niemals einen Sinn, wenn es sich um nichts weiter als um Personen- oder Organisationsfragen und um Differenzen oder Uebereinstimmungen bei einem einzelnen Tagesproblem handelt. Als im vorigen Kriege die Unabhängigen von der Mehrheit der Sozialdemokratie absplitterten, erreichten sie in der Tat nichts als eine Spaltung. Denn was zuerst so ausschlaggebend erschien, die Verweigerung der Kriegskredite, verlor mehr und mehr an Be- deutung, je entschiedener auch die Mehrheitssozialisten auf Been- digung des Krieges mit allen Mitteln drängten. Sogar der Spar- takusbund schien anfangs nur eine Nuance mehr zu sein. Erst durch den Sieg Lenins in Rußland gewann diese Bewegung Gesicht und geistiges Fundament. Von diesem Augenblick an aber hingen die Unabhängigen vollends in der Luft. Sie waren lediglich„weiter links“, was sie auch innerhalb der alten Partei hätten sein können. Folgerichtig lösten sie sich auf. Sie kehrten entweder in den Schoß der Sozialdemokratie zurück oder schlossen sich. bis auf ein paar zukunftlos Unentwegte, den Kommunisten an. Kommunisten und Sozialdemokraten jedoch sind nicht zwei aus einfacher Spaltung oder Nuancierung hervorgegangene Gruppen. Es sind selbständige, auf selbständige Anschauungen, Maximen und Methoden gegründete Parteien, es sind keine Sezessionisten, die je nach Wunsch oder Befehl getrennt oder vereint zu leben imstande wären. Sie können sich gelegentlich verbünden, in dem und jenem sich einig sein; sie können miteinander marschieren, wenn denn durchaus„„marschiert“ werden muß: siegen dagegen können nur die einen oder die anderen. Die Gründe, die für eine rasche Fusion jett genannt wurden. sind wiederum fiktiver Natur. Man sagt uns, Hitler wäre nie allmächtig geworden, hätten wir vor 1933 die Sozialistische Ein- heitspartei gehabt. Aber gerade daß wir sie nicht hatten, beweist ja, daß sie kaum möglich ist. Denn wenn man uns heute eine heraufkommende Reaktion, angeblich abgezeichnet in etlichen Parteiklüngeln, Studenten mit Leutnantsgehabe und alternden Syndiz) Alarm: der die wie vie als sch Verein noch ü mals$ auftra die Ve das ıs geschi ab. Mi eine I unsere Buchs! frucht not tu sehr ü der e „Bin Ist un worin teuer: „Men. sich: nahm als m Wir ı triebe Die] dem wisse sie,( mit d diese Sichti noch Krie, Also Sege, einst eine für ı Ver. chlie. Ver- e Wie» uten, Wur- t, als Fische e an- iktive ver- er als oder ndelt. it der ts als n, die n Be- Been- Spar- durch t und .n die weiter Innen. Schoß ı paar n und altung ndige, indete | oder onnen n; sie hiert” Tr die nannt wäre e Ein- weist eine Jichen rnden Das trojanische Pferd 159 Syndizi unter den Augen der Okkupationsmächte, als höchste Alarmstufe, als den Druck äußerster Not und Gefahr schildert, der die Fusion zwischen SPD und KPD geboten erscheinen lasse— wie viele tausend Male mehr hätte dann die Gefahr um 1930 herum, als schon flackernder Brand den deutschen Himmel überzog, die Vereinigung erzwingen müssen! Damals freilich hoffte die KPD noch im Wettbewerb mit der NSDAP das Rennen zu machen, da- mals schloß sie jeden aus ihren Reihen aus, der für die Vereinigung auftrat. Nun gut, sie hat gelernt. Aber was hat sie gelernt?„Ohne die Vereinigung wird es keine Einheit Deutschlands geben.“ Auch das ist eine Fiktion. Und, wenn man will, ein Mythos. Die Welt- geschichte hängt voraussichtlich noch von einigen anderen Faktoren ab. Muß die Frage, ob zwei Parteien eine sein sollten, gleich wieder eine Religion werden? Man sollte nicht so tun, als bedürfe es zu unserer Seligkeit keiner sonstigen Mittel, als genüge es, sechs Buchstaben auf drei zu reduzieren, damit die Wüste Sahara so fruchtbar wie Mesopotamien werde.„Sobald den Menschen Gesete not tun, sind sie der Freiheit nicht mehr würdig“, sagte Pythagoras, sehr überakzentuiert, aber im Grunde doch zutreffend. Der Sat, der ein Lehrsat ist, ließe sich mit Justus Möser interpretieren: „Ein Staat, worin ein jeder der vollkommensten Freiheit genießt, ıst unstreitig besser, glücklicher und prächtiger als ein anderer, worin das legte mit einer größeren Aufopferung der Freiheit aufs teuerste erkauft werden muß.“ „Men, not measures“, heißt es bei den lebensklugen Briten, die sich schwerlich jemals Fiktionen hingeben;„Männer, nicht Maß- nahmen“, und sie denken dabei wohl nicht gerade an Crassus, der, als man Pompejus groß nannte, fragte:„Wieviel Zoll hat er?“ Wir möchten nicht, daß solche Wortspiele mit der Demokratie ge- trieben werden; sie dürften heute zudem weniger geistreich sein. Die Deutschen wissen zwar noch nicht, was Demokratie ist, troß- dem ist in diesem letzten Jahre ein Fortschritt erzielt worden: sie wissen jedenfalls, was nicht Demokratie ist. Und ferner wissen sie, daß man gewisse Dinge nur gegen die Demokratie, nicht nıit der Demokratie durchsegen kann, ja, sie wissen sogar, welches diese gewissen Dinge sind. Das ist schon viel, wenn man berück- sichtigt, daß unser gesamtes Leben nach der totalen Niederlage in noch höherem Maße fiktiv ist, als es das schon während des totalen Krieges war. Wir lebten und leben nach Maßgabe des„Als ob“. Als ob die Städte noch Städte wären, als ob die Aecker ihren vollen Segen spendeten, als ob die Arbeit dieselben Früchte trage wie einst, kurz, als ob man überhaupt so weiterleben könne. Jedoch eine Welt, die nur für Zerstörung tätig war, kann in Generationen für nichts anderes außer für die Folgen der Zerstörung tätig sein. 160 Das trojanische Pferd „Entbehren sollst du, sollst entbehren.““‘Ob dieses Leben weiter- hin bescheidentlich lebenswert sein wird, hängt allein von dem Geiste ab, mit dem wir es füllen. Ein nütlicher Schimmer, der zum Ziele führt, ist nach Joubert mehr als das glänzende Licht, das vom Wege ablenkt..„Das Jahrhundert des Lichtes!“ rief er aus, „— wünschen wir uns ein Jahrhundert der Tugenden.“ Gott a Staatsı Bespre‘ Minute vor, da Nuten da die nationa und wa geeigne rechten Atmosp der zw die Klı Koloß von Li sefalle: die dal Hier li lung zı Briefe Mäßigu und de merkte und V europä „große zwischi Ein Ja diese ß erstrec tärisch pläer doch jı mente Atome der W Eerweck egoist Zwisch und$ GEFÄHRLICHE PARALLELEN Gott allein kann wissen, ob den um den Frieden kämpfenden Staatsmännern, wenn sie spät abends, müde von Erwägungen und Besprechungen, vom Reden und Zuhören, ins Bett sinken, eine Minute für geschichtliche Erinnerungen bleibt. Aber wir stellen uns vor, daß, wenn es so wäre, die Arbeit des nächsten Tages ihren Nuten davon hätte. Die Menschheit darf erwarten, daß heute, da die Methodik so vieler Dinge gewechselt hat, auch die inter- nationalen Konferenzen auf neue Grundlagen gestellt werden, und was wäre dazu in der dunklen Wirrnis der Gegenwart besser geeignet als das Licht historischer Erkenntnisse? Es stärkt den ge- rechten und gesunden Sinn. Es schenkt Weltweisheit und eine Atmosphäre vollständiger Freiheit. Es begünstigt den Enthusiasmus, der zur Größe der Seele gehört, und hindert den Fanatismus, der die Kleinheit des Geistes ausdrückt.„Man war nur bedacht, den Koloß zu stürzen, und wagte es nicht zu hoffen“, schrieb der Fürst von Ligne 1814 aus Wien an Talleyrand und fuhr fort:„Er ist gefallen und hat durch seinen Fall die Erde erschüttert. Anstatt die dabei entstandenen Abgründe auszufüllen, schafft man neue.“ Hier liegt die Aufgabe und zugleich die Schwierigkeit: eine Rege- lung zu treffen, die ebenso einfach wie umfassend ist. In demselben Briefe des Fürsten von Ligne lesen wir den Rat,„‚Erfolge durch Mäßigung zu festigen“, dazu die Warnung:„Der Bauch wächst, und der Kopf wird kleiner.“ Fast unter dem gleichen Datum be- merkte der Freiherr von Hardenberg, preußischer Staatskanzler und Vollender der Steinschen Reformen, daß sich in der großen europäischen Frage zu sehr die Leidenschaften äußerten. Um die „große europäische Frage“ geht es auch heute; aber sie ist in- zwischen so groß geworden, daß sie die gesamte Welt umspannt. Ein Jahr nach Einstellung der Feindseligkeiten befindet sich daher diese ganze Welt noch in einem Zustande ständiger Mobilisierung, erstreckt sich in manchen Ländern die Hälfte des Budgets auf mili- tärische Ausgaben, stehen Hunderte von Divisionen auf Schau- plägen, die zwar keine kriegerischen Operationsgebiete mehr, doch immer noch Kampffelder sind, spielen sich große Atomexperi- mente neben einem hartnäckigen Ringen um die Kontrolle der Atomenergie ab, sammelt die UNRRA verzweifelt die guten Kräfte der Welt gegen den Hunger, drängen diejenigen, die den Eindruck erwecken, als hätten sie Furcht vor dem Frieden, zur Erfüllung egoistischer Wünsche mit dem Vorwurf, die Großmächte hätten in- zwischen Furcht vor ihrem Siege bekommen. Alle diese Maßnahmen und Strömungen sind’ mehr die Wirkung als die Ursache einer Gefährliche Parallelen Krankheit, die sich aus zwei Hauptproblemen entwickelt hat. Das eine ist der Zwiespalt zwischen der Ueberzeugung, daß(nach dem Ausspruch des amerikanischen Außenministers Byrnes) das Gefühl der Sicherheit nur in einem Wettbewerb von Ideen entstehen kann, und der Notwendigkeit, daß eine den Ideen dienende Organisation durch ein Instrument physischer Stärke geschügt werden muß. Das andere ist der Zwiespalt zwischen der demokratischen Forderung auf Freiheit des Individuums und dem durch die Kriegsfolgen be- dingten Zwang zur Planwirtschaft. Aus beiden Problemen, die un- glückselig aufeinandergepfropft sind, wächst nur schwach das edle Reis demokratischer Zusammenarbeit, desto üppiger aber der wilde Schößling des Argwohns und mit ihm die Gefahr, daß die Wirk- lichkeit des Friedens durch eine Fassade des Friedens ersett und die Krise des Augenblicks um den Preis einer dauernden Krise gelöst werde. Es gibt genug spekulative Geister, die sich einbilden, Deutschland könne mit einem solchen Verlauf der Dinge vielleicht ein Geschäft machen. Aber wir schreiben weder das Jahr 1806, in dem..der König eine Bataille verloren“ hatte, noch das Jahr 1919, in dem die Regierung der deutschen Republik bereit war,„den Friedens- vertrag zu unterzeichnen, ohne jedoch damit anzuerkennen, daß das deutsche Volk der Urheber des Krieges sei, und ohne eine Verpflichtung zur Auslieferung der Kriegsverbrecher“. Deutsch- land hat es immer so dargestellt, als rühre alles Unglück daher, daß man uns abgerüstet habe und die anderen nicht gefolgt seien; tatsächlich begann bei uns schen mit dem letten Federzug von Versailles der mit besonderer Schläue und Tücke gepaarte Wille zur Wiederaufrüstung, der den Abrüstungsgedanken überhaupt illusorisch machte. Die Frage, wie ernst es damit den anderen Völkern war, erübrigt sich infolgedessen. Paul-Boncour, Frank- reichs Vertreter in Genf, hat recht, wenn er behauptet, der Völkerbund sei kein Mythos gewesen, hingegen sei ein Mythos der Glaube, die Existenz von Armeen verhüte den Krieg. Da ein An- greifer sich immer so sehr im Vorteil fühlt, daß er des Sieges ge- wiß zu sein meint— ähnlich wie ein Dieb oder Mörder der Ansicht ist. daß unter allen Kriminellen er allein das Glück haben müsse, nicht erwischt zu werden—, so bedarf es eines Zusammenschlusses der Nationen, der durch die Unbeugsamkeit der Idee, die einzige anzuerkennende Gewalt, jede einzelne bindet. Es bedarf des un- ablässigen Dienstes an der Wahrheit; des Verständnisses der Men- schen und Nationen untereinander; der Einsicht, daß in modernen Kriegen niemand mehr„auf der ganzen Linie“ siegt, daß die Kräfte des Rechtes und der Gerechtigkeit nicht schon darum den Frieden gewinnen, weil sie den Krieg gewonnen haben, daß die Kontt schaft Quell Wie( der€ zu ha genug daß« Aktıv Was( in De ment sagen zum ausfo Beisp jeder Schul vorha bener Pla männ danaı haheı dort beste word der] tunge tisch nur( gerac der< schen strah auch gerin gerer die F Matt von als 8 Main Würd it. Das ch dem Gefühl ı kann, sation ıB. Das derung sen be- die un- as edle r wilde : Wirk. bt und ı Krise schland seschäft m„der dem die riedens- en, daß ne eine Jeutsch- daher, t seien; zug von e Wille erhaupt anderen Frank- et, der thos der ein An- eges ge Ansicht 1 müsse, schlusses ; einzige des un ler Men- \odernen daß die ‚um den daß die wit ee ee ee ER BEER ET 2 = er en u ” Gefährliche Parallelen‘163 Kontrolle der industriellen Energien nur dann eine Zukunftsbürg- schaft zu werden verspricht, wenn sich ihr die Oeffnung aller Quellen der Welt für das gemeinsame Wohl aller Völker zugesellt. Wie die Aera des Imperialismus vorbei ist, so ist auch das Zeitalter der Geheimdiplomatie vorbei. Das mit aller Deutlichkeit gezeigt zu haben, ist das positive Ergebnis eines Jahres, dem sich sonst genug Negatives vorwerfen läßt— wenn auch keineswegs so viel, daß die Menge der Passiva imstande wäre, die Bedeutung des Aktivums zu schwächen. Was die Pariser Konferenz im großen, ist der Alliierte Kontrollrat in Deutschland im kleinen: ein außerordentlich wichtiges Experi- ment in Weltangelegenheiten, eine friedliche Provokation sozu- sagen, nämlich insofern, als die Institution zum Zusammenleben, zum Sichkennenlernen, zur Ueberbrückung von Gegensägen her- ausfordert. Wer dort mitarbeitet, erfährt täglich an praktischen Beispielen den lebendigen Wandlungsprozeß der Geschichte, der jeder formelhaften Erstarrung entgegenwirkt; es ist eine hohe Schule der internationalen Erfahrungen, wie sie vorher niemals vorhanden war, und man vermöchte dort kaum die niedergeschrie- benen Beobachtungen auszulöschen, wenn ein Blatt voll ist, um Play für neue zu haben(welche Gepflogenheit Börne den Staats- männern nachsagte). Freilich, wir Deutschen werden in erster Linie danach fragen, was wir für unsere nationalen Interessen davon haben. Die Vertröstung auf eine mögliche Bilanz von morgen wird ‘ dort wenig verfangen, wo das Heute schon aus vierhundert Tagen besteht. Berlin ist zweifellos die interessanteste Stadt der Welt ge- worden, eine Stadt mit einer ganz unverwechselbaren Atmosphäre der Diskussionen, der Treffpunkte, des Austausches von Beobach- tungen, zuweilen auch von Gerüchten eines befremdend hochpoli- tischen Charakters. Obgleich die Masse der Bevölkerung Berlins oft nur die Schattenseiten der Interessantheit sieht, unterstreicht doch gerade die Masse der Bevölkerung den besonderen Charakter. Wie- der einmal erweist sich, daß die Energien von drei Millionen Men- schen stärker sind als die Melancholie von Häuserruinen. Die Aus- strahlungen, die eine solche Zusammenballung entsendet, wären auch dann wirksam und wesentlich, wenn es sich um Menschen von geringerem Lebenswillen, geringeren inneren Spannungen, gerin- gerem Mutterwit und geringerer Entzündlichkeit handelte, als es die Berliner sogar noch in einem betrüblichen Stadium körperlicher Mattigkeit sind. Daher befürchten wir für diese Stadt auch nichts von gewissen lokalpatriotischen Bestrebungen in Süddeutschland, als Sig einer künftigen deutschen Bundesregierung Frankfurt am Main zu empfehlen. Selbst wenn ihnen vorübergehend stattgegeben würde, müßte sich in kurzer Zeit der Irrtum dieser Wahl offen- Er Re Br 164 Gefährliche Parallelen baren. Wer wie wir, um Deutschland als Ganzes zu erhalten und einen konstruktiven Beitrag im Sinne der Abkehr von Macht- komplexen zu leisten, von der ersten Stunde an für eine deutsche republikanische Föderation eingetreten ist, in der den süd- und westdeutschen Ländern ein bedeutendes Gewicht zukommen soll, muß erst recht davor warnen, die Frage der Hauptstadt nach romantischen Sentiments, wie etwa dem Paulskirchenmythos, oder gar nach dem Ehrgeiz von Verkehrsvereinen zu entscheiden. Die Paulskirche ist mitnichten das Symbol des neuen Deutschlands. In dem neuen Deutschland eine Fortsegung der„alten demokra- tischen Tradition“ von 1848 zu erblicken, wäre nur abermals eine Legende. Ein wirklich neues Deutschland hat keine Tradition, es muß sie erst schaffen. Welche das sein soll? Wir antworten im Gleichnis. Ein Faust, der in Zukunft dem Meere Land entreißt, wird dabei nicht über die Leichen von Philemon und Baucis gehen, und wo erst ein Haus niedergebrannt werden mußte, weil es einem an sich guten Werke im Wege stand, da wird dieser Tat kein Denkmal mehr gesett sein. August Thyssen, der, wenn man ihn manchmal hörte, durchaus den Wortschag vieler achtundvierziger Demokraten beherrschte, sagte einmal einem scheidenden Beamten: „Ich habe das Unglück, daß meine Söhne dumm sind. Sie aber sind mein geistiger Sohn, denn bei Ihnen ist eine glückliche Mischung von Brutalität und Intelligenz. Bleiben Sie bei mir.“ Darauf, daß diese Mischung bei uns keinerlei Glück mehr haben soll, wird die kommende Tradition beruhen. Nach Joubert gibt es keine Tugend, die klein erscheint, wenn sie sich auf einem großen Schauplat zeigt. Troß allem, was sich gegen sie stellt. und obwohl wir von„des blutigen Tages froher Vesper“, von der im„Wallenstein‘“ der idealische Jüngling träumt, immer noch weit entfernt bleiben, sind derer, die„ohne Furcht vor Schein- vorteilsverlust‘“(der Ausdruck stammt von Maximilian Harden) der Ehre des Rechtes dienen und nicht wieder, wie mancher nicht glimpflich in die Geschichte eingegangene Vorgänger, kleiner sein wollen als ihr Schicksal, mehr geworden; ihre Stimmen sind stärker und beschwörender, ihre Energien klarer und bewußter, nur ihre Handlungen zögern noch, jene Minute zu ergreifen, die keine Ewig- keit zurückbringt. Wir wissen, daß die Weltgeschichte nicht die Ungeduld, nur das Wesen einer Forderung berücksichtigt und der Fortschrittsdrang stets an den Fortschrittsmöglichkeiten zu messen ist, will man nicht als blinder Schwärmer über den schmalen Grat der Erkenntnisse taumeln. Von den drei großen Friedenskongressen der letzten hundertdreißig Jahre huldigte der von Wien noch ganz den Interessen der Herrschenden; der von Versailles warf den Blick, wiewohl im Ergebnis recht mangelhaft, bereits auf die Be- herr so W wen gew mad sieh: Tat sonl Men mög solle betr und sie voll bei war sich! wer! ode wen imn irge mal and Ide: päis Eur Spa Bus re ae Gefährliche Parallelen 165 herrschten, und der von Paris hat ehedem eingewurzelte Vorurteile so weit überwunden, daß er zum ersten Male die kleinen Nationen wenigstens anhört. Das Gesicht, das eine Sache annimmt, wird gewöhnlich von dem bestimmt, was die Beteiligten aus ihr zu machen verstehen, und in diesem Sinne ist allein die Einladung an siebzehn Nationen ein Faktum von unermeßlichem Ernst. In der Tat ist der Gedanke unfaßlich, daß von vier Ministern, welche Per- sönlichkeiten sie auch seien, welche gewaltigen Staaten, welche Mengen der Bewohnerschaft der Erdoberfläche sie auch vertreten mögen, die Geschicke der Menschheit in alle Ewigkeit abhängen sollen; einer Menschheit, die, was niemand leugnen kann, zu einem beträchtlichen Teile über die Voraussegungen eines wahrhaften und ehrlichen Friedens eigene Ansichten hat und ihre Ideen, die sie für mindestens ebenso erörterungswert hält, nicht länger als völlig nebensächlich behandelt wissen will— zumal sie weiß, daß bei allen Unterschriften unter den kommenden Verträgen ein Hauptkontrahent das Schicksal ist. Es ist eine durchaus unrichtige Behauptung, daß es in der Gegen- wart keine konstruktiven Ideen gebe. Es ist vor allem äußerst kurz- sichtig, den Versuch zu machen, solche Ideen, falls sie geäußert werden, durch Interpretationen, die ihnen wenig gerecht werden, oder durch die Witterung von Gefahren, die sie gar nicht enthalten, wenn man sie nicht hineinträgt, zu diffamieren. Man muß nicht immer gleich den Wunsch nach Vormundschaft fürchten, wenn sich irgendwo ein Gedanke regt. Man muß überhaupt viel weniger mut- maßen und argwöhnen, weil man sonst nicht verhindern kann, daß andere Mutmaßungen den Argwöhnischen selber treffen. Ob eine Idee nun„Europäische Union“ wie in der Schweiz oder„Euro- päische Aktion‘ wie in Holland oder„‚Vereinigte, Staaten von Europa“ wie bei Churchill heißt, sie begünstigt ohne Zweifel die Spaltung der Welt in einen West- und einen Ostblock erheblich weniger, als es gewisse Konstruktionen tun, die sich allzu hart- näckig behaupten. Was an den erwähnten Ideen besticht, ist in- dessen nicht so sehr das politische wie das ethische Moment, das ihnen vielleicht erst unbewußt zugrunde liegt, das ihnen aber zu- grunde gelegt werden könnte, um dem Gewicht der Großmächte eine Instanz gegenüberzustellen, die, mehr sittlicher Natur, das Weltgewissen verkörpert. Wir glauben troß allem, was dagegen zu sprechen scheint, an die sanfte Gewalt des Geistes, und wir glau- ben es nicht aus einer blassen Theorie heraus, sondern weil es die sicherste Lehre der Geschichte ist, sobald man die unter Irrungen und Wirrungen verborgene Entwicklungslinie freilegt. Wenn es gelänge, eine Reihe von Staaten zu dem Zwecke zu verbünden, daß allabendlich ein Radiosender sich mit der Ansage meldete:„Hier 166 Gefährliche Parallelen spricht das Weltgewissen“, und daß zugleich, was irgend sich an innerem und äußerem Reichtum dafür mobilisieren ließe, benugt würde, um in Millionen Exemplaren eine Zeitung zu verbreiten, die ihrem Titel„.Das Weltgewissen‘‘ gemäß unbestechlich und un- beirrbar die Achtung der Wahrheit und des Anspruches der Mensch- lichkeit auch im Politischen lehrte, nicht abstrakt, sondern an den praktischen Beispielen des Tages— es wäre der Anfang einer neuen Aera, wie sie kein Kant und kein Hegel, kein Ludolf Camp- hausen und kein Karl Marx hat bringen können. Heute eine Utopie, könnte es morgen schon die überholte Vorstufe zu dem Werke einer größeren Gemeinschaft sein. Man ist versucht, diesem Jahrhundert, wie Carlos bei Goethe dem Clavigo, zuzurufen:„Weh dir, daß du eine Bahn betreten hast, die du nicht endigen wirst!“ Aber jeder weiß, daß sie beendet werden muß, und daß die gegenwärtigen Anstrengungen gerade darum so mühselig sind, weil alle unter dem Eindruck einer Torschlußpanik stehen. Alle wollen sich beteiligen, das Schiff in den Hafen zu steuern, aber die See, auf der es geschehen muß, ist noch ungeheuer bewegt. Neue internationale Verpflichtungen herzustellen, ist keine Kleinigkeit, nachdem es so leicht geworden war, internationale Verpflichtungen zu verletzen.„‚Nach sechs langen Jahren eines er- schöpfenden Krieges“, sagte Byrnes(und er hätte statt der Zahl sechs auch eine viel höhere nennen können),„fällt es natürlich jeder Nation schwer, sich vorzustellen, daß nicht ihre eigenen Ideen bei der Friedensregelung überwiegen sollten.“ In diesen Worten ist umrissen, was die ganz besondere Schwierigkeit der nächsten Mo- nate, vielleicht Jahre, ist. Als es noch möglich war, einen Frieden unter dem Gesichtspunkte zu schließen, daß einer dem anderen etwas wegnahm, schien das Geschäft verhältnismäßig leicht, denn es war ein Geschäft. Danach kam die Uebergangszeit, in der man sich schämte, so mir nichts, dir nichts etwas wegzunehmen, und man infolgedessen Begründungen suchen mußte, die zwar nie stichhaltig waren, aber es zu sein vorgaben. Die dritte Phase, wenn man so will, war die von Versailles, wo unter dem Drucke der gegen reine Machtpolitik rebellierenden Oeffentlichkeit und in Nachwirkung der Devise, unter welcher der Krieg geführt worden war, Grenz- ziehung und Menschheitsethos miteinander vereinbart werden soll- ten. Auch heute ist das bis zu einem gewissen Grade noch der Fall. Aber außerdem sind wir von einer völlig neuen Erleuchtung über- wältigt: alle diese historischen Stadien, die untereinander troß aller Mißgriffe und Mißbräuche Fortschritte darstellen, sind ja einem “viel größeren Entwicklungsgedauken untertan— dem, daß kein Staat mehr imstande sein soll, einem anderen seinen Willen auf- zuzwingen; daß die Rechte der Staaten keine umfassendere Sou- yerän heit, Dinge einige offen die? ethnii sozial Krise Mehr die 6 beein liche des r rung mit in d dern dab neu der schi der schy eine Mas Mil! Fre frei urt ein mo) ‚eden leren denn yaltig ın SO reine kung renz- soll- Fall. über- aller inem kein auf- Sou- Gefährliche Parallelen 167 veränität mehr beanspruchen dürfen als die Rechte der Mensch- heit, sondern eher umgekehrt; daß um den konkreten Inhalt von Dingen gerungen wird, die sich in allgemeinen Erklärungen zwar einigermaßen ausdrücken lassen, jedoch sofort innere Widersprüche offenbaren, sobald man ihnen auf den Grund geht; daß schließlich die zwischenstaatlichen Probleme nationalen, strategischen und ethnischen Charakters anderen Problemen wirtschaftlicher und sozialer Art untertan sind, die in allen Ländern die gleichen Krisenmerkmale tragen. Mehr als je beruht, seitdem mit dem Jahrhundert der Aufklärung die öffentlichen Einrichtungen von Denkern aller Schattierungen beeinflußt zu werden begannen, jede staatliche und gesellschaft- liche Krise auf einer geistigen Krise. Genau wie der Liberalismus des neunzehnten Jahrhunderts, so ist auch der Sozialismus, wie er im neunzehnten Jahrhundert theoretisch verkündet wurde, im zwanzigsten ein Anachronismus. Das heißt indessen keineswegs, daß der eine wie der andere keine Grundlage mehr hätte oder a priori nicht mehr als Grundlage menschlichen Zusammenlebens erwägenswert wäre. In der scharfen Auseinandersetung, die in Eng- land zwischen Konservativen und Labour-Party im Gange ist, hat man den Schwung des privaten Unternehmers aus dem neunzehn- ten Jahrhundert und die anfeuernde Wirkung einer starken Regie- rung empfohlen. Ohne Frage sind das Notwendigkeiten; aber da- mit allein dürfte es denn doch nicht getan sein. Es ist auch früher, in den unkomplizierteren Zeiten, nicht damit getan gewesen, son- dern die Struktur der Völker hat immer eine bedeutende Rolle dabei gespielt. Der„‚Schwung der. privaten Unternehmer“ des neunzehnten Jahrhunderts war so groß, daß man übersah, wie sehr der industrielle Auftrieb, der Gewinn und Wohlstand zu sichern schien, die Keime zu einer industriellen Revolution umschloß, in der rasch die Existenzbedingungen schwinden und die Bürger zu schwankenden Massen werden mußten. Die„anfeuernde Wirkung einer starken Regierung“ aber sett Bürger statt schwankender Massen voraus, wenn sie nicht in totalitäre Tyrannei ausarten soll. Miltons Verse, nach denen ein verderbtes Volk die Sklaverei der Freiheit vorzieht, da ihm„‚die Sklavenfessel leicht, doch hart des freien Mannes Plage“ ist, sind ein sittliches Kriterium für die Be- urteilung wirtschaftlicher wie politischer Faktoren. Auch dies ist ein Stück des Vertrages mit dem Schicksal und nicht etwa ein moralischer Luxus. GESETZMÄSSIGKEIT UND GESETZE Aus dem Chaos schuf Gott die Welt, aber das Chaos vor der Schöpfung war nicht das, was wir heute unter diesem Begriffe ver- stehen. Es war die Leere, war das Wesenlose, war das Ungeformte, und es lag da, wartend auf Gestalt und Geset. Keineswegs war es der Wirrwarr, den wir meinen, wenn wir von Chaos sprechen— der Wirrwarr, der aus der Zerstörung des Geschaffenen, aus der zertrümmerten Welt entstand. Das ursprüngliche Chaos war Un- geordnetheit, nicht Unordnung; das Bild höchster Unordnung bietet erst‘das Durcheinander einer Gesellschaft, die zerschlagen wurde und danach wieder aufgebaut werden soll. Gott schuf etwas, was nie zuvor gewesen war, und indem die Menschen es im Ver- laufe dessen, was man ihre Geschichte nennt, vernichteten, erreich- ten sie diese neue Art des Chaos, aus dem kein Gott sie zu retten vermag, wenn sie nicht selbst dazu imstande sind.„‚Was Hände bauten, können Hände stürzen“, sagt Schillers Tell. Diesmal aber stürzten die Menschen auch das, was Gott gebaut hat. Sie haben vielleicht noch zehn, vielleicht nur noch fünf Jahre Zeit, um die Frage zu beantworten, ob sie bauen können, was sie stürzten, oder ob in ihrer zivilisatorischen Entwicklung der Weisheit höch- ster Schluß sein soll, Gebäude niederzureißen, um in den Besit; von Abbruchmaterial zu gelangen. Solange ein Weltbild einfach ist, sind auch seine Geseße einfach. Als man noch in Wäldern wohnte, hatte ein Spaziergang nicht nur keine besonderen Reize, er stellte auch kein Problem der Volks- gesundheit dar. Das Leben hatte seine eigene Gesegmäßigkeit, und es hätte kein Sinn darin gelegen, ihm darüber hinaus Geseße zu geben. Der Marmorblock, der, von Wurzeln umhüllt, in einer Grube nd... ruht, ist im innersten Wesen wenig verschieden von dem Natur- menschen, dem die aufgehende Sonne nichts weiter bedeutet als Anbruch des Tages und dem die Erscheinung des Mondes zu keinem Gefühl verhilft außer dem, daß sie die Nacht ankündigt. Wenn der Block indessen gehoben wird und unter den Meißel des Künstlers gerät, wird offenbar, daß so gut ein Apoll oder eine Venus in ihm schlummerte wie ein Faun oder Satyr. Trotdem bedarf es, um dieses Leben zu wecken und in unvergänglicher Form zu sichern, nur weniger Gesege, im Grunde vermutlich des einzigen Gesetzes der Proportion. So auch der Staat: je einfacher er ist, desto gesün- der das Leben in ihm, und je gesünder das Leben, desto einfacher wiederum die staatlichen Gesege. Drakon wurde in der Ueberliefe- rung(nicht in der wirklichen Geschichtsschreibung) zum sprichwört- lichen Henker, der seine Gesege mit Blut schrieb, aber schließ- lich dr kompl einfad einfad Situati seiner dung lischen an ell durch hin w: zelne bestin zelne sehen, Strafe Zwölf sich sc Geset der U verhäi stab delte, Moras schmü segne lassen er de ladun hier ı ist ke rend: bösen Gefal Der$ dazu geber werd veror Achse lung sehm; Lehe: scheit der ° ver. tmte, ar es N s der t Un- nung lagen twas, Ver- reich- 'etten lände aber ıaben n die rzten, höch- ß, von fach. t nur 'olks- ‚und je zu ;rube Vatur- st als nem n der stlers ‚ ihm ‚ um hern, sehes esün- acher Jiefe- wort- hließ- — Gesetzmäßigkeit und Gesetze 169 lich drückt sich darin nicht viel mehr als das Ressentiment einer kompliziert gewordenen Maschine aus, die nicht begriff, daß aus einfachen und streng geordneten Lebensverhältnissen strenge und einfache Gesege erwachsen. Anders schon Solon. Er war vor eine Situation gestellt, die mit der unseren vergleichbar ist. Das Athen seiner Tage quälte sich unter der wachsenden Not, der Verschul- dung der Güter, der Verarmung ganzer Volksschichten, der mora- lischen Verwahrlosung, dem Mangel an öffentlichem Gewissen und an ethischen Triebfedern, unter all jenen Schwierigkeiten eines durch unheilvolle Entwicklungen zerrütteten Staatswesens. Immer- hin war das Ganze nicht so unübersehbar, daß nicht für jedes ein- zelne Gebiet ein einziges Geseß, ohne ein Dutend Ausführungs- bestimmungen, genügt hätte. Heute ist nicht einmal mehr das ein- zelne übersehbar. Jedes Gebiet benötigt für sich ein Neg von Ge- seen, dessen Maschen, ständig geflickt, einzig dazu anregen, ohne Strafe hindurchzuschlüpfen. Zwölf nationalsozialistische Jahre, in denen alles natürliche Leben sich so vergewaltigt sah, daß es zur Pflicht wurde, jedes staatliche Geset zu umgehen, und sich geradezu ein geheimer Ehrenkodex der Uebertretungsmöglichkeiten herausbildete, müßten auch dann verhängnisvoll nachwirken, wenn so etwas wie Klingsors Zauber- stab Verwüstung und Elend in blühende Glückseligkeit verwan- delte. Wieviel schlimmer, daß in einer Welt ohne Zauberer jeder Morast, weit davon entfernt, sich mit prächtigen Wasserrosen zu schmücken, die Neigung hat, seinen Unrat zu verdoppeln und statt segnender Quellen seine schmußigen Sumpfblasen aufsteigen zu lassen—: der Gesetgeber bedroht die Sumpfblasen, aber solange er den Morast nicht zuschütten kann, wozu er Millionen Waggon- ladungen von Humus brauchte, die er nicht hat, solange wird er nur hier und da einen Bazillus von Tausenden unschädlich machen. Es ist kein Ding in der Welt, das nicht seinen Weg sucht; aber wäh- rend die guten Dinge deshalb gut sind, weil sie ihn suchen, sind die bösen deshalb böse, weil sie ihn finden. Jedoch liegt die eigentliche Gefahr nicht so sehr hierin wie in den moralischen Rückschlüssen. Der Sinn der Gesete selbst wird fragwürdig. Wenn die Zustände dazu zwingen, irgendein Geset zu erlassen, so kann der Geset- geber ebensowenig wie der Arzt am Krankenbette dadurch beirrt werden, daß er um die Grenzen der Wirksamkeit dessen, was er verordnet, weiß. Ginge er aber über seine Erkenntnis mit einem Achselzucken hinweg, so wäre es genau so verfehlt. Seine Verord- nung wird im Gegenteil desto wirksamer sein, je mehr er die Ge- segmäßigkeit des durch bestimmte Voraussegungen bedingten Lebens in Rechnung stellt. Eben an ihrer Voraussegungslosigkeit scheiterte ja schon ein Teil der nationalsozialistischen Gesege, haupt- 170 Gesetzmäßigkeit und Gesetze sächlich in der letzten Zeit. Sind die Menschen so zur Verzweiflung gedrängt, daß selbst schwere Strafen sie nicht mehr schrecken, so ist es um so gefährlicher, wenn die Gesetze in sich eine Art Weg- weiser sind, wie man ihnen ausweichen kann. Auch normalerweise lebt die moderne Menschheit unter so komplizierten Verhältnissen, daß jede Geseßesfassung schwierig ist. Heute will sogar in der simpelsten Materie jede Verordnung so durchdacht sein, als handle es sich um Grundlegendes. In einem Landkreis bei Berlin wurde eines Tages verordnet, daß das Fleisch aus Notschlachtungen nicht mehr, wie bisher, im Orte selbst verkauft werden dürfe, sondern abgeliefert werden müsse, um nach einem allgemeinen amtlichen Plan auf die Ortschaften des Kreises verteilt zu werden. Eine Verordnung war notwendig geworden, weil die Notschlachtungen überhandnahmen. Der Landrat glaubte, auf die geschilderte Weise denjenigen Notschlachtungen, die keine waren, den Anreiz zu rau- ben, ohne diejenigen, die es wirklich waren, zu treffen. Der Erfolg war ein tiefes Erstaunen in seinem Büro. Es fanden plößlich über- haupt keine Notschlachtungen mehr statt. War das Vieh so gesund geworden? Nicht doch. Dagegen ließ man seine Krankheiten, wenn sie unheilbar waren, jetzt bis zum natürlichen Ende des Krepierens gedeihen, Das lokale Interesse war geschwunden, und das lokale Interesse war genau das, was der Landrat zu seinem Schaden, das heißt zum Schaden der Autorität des Gesetgebers, nicht berück- sichtigt hatte. Jean Pauls Armenadvokat Siebenkäs führte bekanntlich mit seiner Lenette einen ewigen Lichterstreit: er wollte die Kerzen durchaus am unteren Ende anzünden, weil er behauptete, das abfließende Wachs mache das obere dicker, und sie glaubte ihre Hausfrauen- würde beleidigt, wenn sie die Kerzen verkehrt in den Leuchter steckte. Da sie sich nicht einigen konnten, blieb es dabei, daß jeder nach seiner Methode verfuhr, was auf eine Illustration des fran- zösischen Sprichworts„brüler sa chandelle par les deux bouts“ hinausgekommen sein dürfte, indem bloß erzielt wurde, daß die Kerze niemals ein gescheites Licht gab und nur rascher verbrannte. An diese Geschichte denkt man bei manchen heutigen Geseten. Eine oberbayerische Amtsstelle hat dekretiert, daß sie hinfort die Bauern, die ihre Ablieferungspflichten nicht erfüllen, als aktive Pgs behandeln werde. Sie fühlte nicht die Unzulässigkeit der Ver- quiekung. Sie fühlte nicht, daß sie dadurch zwei ernste, jedoch an innerem Gewicht unterschiedliche Fragen zu einer gleichmäßig lächerlichen machte. Vor allem fühlte sie nicht, daß sie im Begriffe war, einen Gegenstand grundsäglicher Politik zu bagatellisieren. Auch Gesetzgebung ist eine Kunst und beruht wie diese weitgehend auf der Empfindung für Proportionen. Sie erfordert die Fähigkeit, das Zul zu untt viel be tief im nauer| als irge aufzudi nur sd keit alı existie Macht, Lebens Starke Unser ordent nicht€ daß es nisiere täten schriel für di ten un zu wa kratie Einen trauer dem| Verla der P komp Geist zu für Man haber tatsäc wird tione Dirge bloß Regie kann keine Uehe heiß; tlichen Eine tungen gesund , wenn pierens en, das berück- seiner ırchaus eßende frauen- uchter 3 jeder s fran- houts“ aß die rannte. sehen. ort die aktive T Ver- och an mäßig egriffe sieren: ;ehend igkeit, Gesetzmäßigkeit und Gesetze 171 das Zufällige von dem Wesentlichen des Charakters einer Epoche zu unterscheiden. Wilhelm von Humboldt, in Deutschland heute viel beredet und wenig beachtet, meinte, wenn eine Eigenschaft tief im Charakter begründet sei, so diene sie, wenn sie nach ge- nauer Untersuchung dennoch zufällig genannt werden müsse,„mehr als irgendeine andere dazu, die wesentliche Natur des Charakters aufzudecken“. Manches in der Welt kann in seiner wahren Gestalt nur schwer oder überhaupt nicht erkannt werden. Die Gesegmäßig- keit aber ist immer das Primäre, und ohne ihre Berücksichtigung existiert nicht nur kein Geset, sondern überhaupt keine gültige Macht, keine Aussage und kein Beweis in der Gesamtheit des Lebens, auch des politischen, wo Gesegmäßigkeit die Mäßigung des Starken und die Mäßigung des Schwachen Mittelmäßigkeit ist. Unser politisches Leben krankt daran, daß man versucht, mit un- ordentlichen Begriffen auszumessen und zu erschöpfen, was man nicht ordentlich erkennt. Zu der Freiheit gehört das Bewußtsein, daß es undemokratisch ist, wenn Majoritäten die Minoritäten tyran- nisieren, wie es umgekehrt nicht demokratischer ist, wenn Minori- täten die Majoritäten terrorisieren. Ein kommunistisches Blatt schrieb kürzlich in Sperrdruck:„Die Parteien als aktive Kämpfer für die Demokratie haben auch die Verpflichtung, über das Schal- ten und Walten ihrer Mitglieder in den Selbstverwaltungskörpern zu wachen.“ In diesem Sate stimmt alles, außer dem Wort„Demo- kratie“. Denn er enthält das undemokratischste aller Postulate, die Einengung und Beaufsichtisung der Persönlichkeit, der man Ver- trauen geschenkt hat. Ein Vertrauen, das sie verpflichten sollte, dem allgemeinen Wohl zu dienen, und das niemanden zu dem Verlangen berechtigen dürfte, sie solle ihren Auftraggebern aus der Partei gefügig sein. Der politische Körper ist nach Rivarol eine komplexe, eine vielfache Idee, und es gehört nun einmal viel Geistes- und Charakterstärke dazu, die Aufrichtigkeit interessant zu finden. Man muß zugeben, daß die politischen Parteien es nicht leicht haben, solange sie in einem toten Raum agieren und sich nicht an tatsächlichen Regierungsaufgaben praktisch bewähren können. Es wird derzeit ein ziemlicher Leerlauf betrieben, da neue Konzep- tionen oder auch nur mitreißende Gedanken, ideenreiche Kräfte, nirgends aufgetaucht sind. Das Volk als Ganzes sieht auf die Dauer bloß das Gezänk und wertet danach. Erst die Demonstration einer Regierungsarbeit vermag in der Tiefe Wandel zu schaffen. Das kann uns nicht hindern, inzwischen auf Logik zu bestehen. Es ist keine Logik, wenn es in einem Falle, in dem jene kommunistische Ueberwachungsmaxime in die Praxis umgesett werden sollte, heißt: Ein Mann, der von Hitler in das Konzentrationslager ge- 172 Gesetzmäßigkeit und Gesetze sperrt wurde, wird je&t ins Gefängnis geschickt; man müßte hinzu- fügen, daß er die eine Strafe erlitt, weil er Gesinnungsfreiheit wollte, und die andere, weil ihm zur Last gelegt wird, daß er be- absichtigte, Gesinnungsfreiheit zu unterdrücken. Es ist keine Logik, wenn man Schumachers angebliche Zonenpolitik angreift und in obigem Zusammenhang(oder auch in der Ernährungsfrage) den Osten gegen den Westen hält. Das klingt nach Goebbels:„Seht diese westlichen Demokratien, sie spielen in unsere Hände. Sie werden der Ernährungskrise nicht Herr, die im Osten— die ge- samte Bevölkerung bestätigt das an Hand ihrer Lebensmittelkarten — völlig bewältigt ist. Gott gebe ihnen auch im kommenden Herbst eine schlechte Ernte!“ Und es ist schließlich keine Logik, wenn man, abermals getreu nach Goebbels, der den holländischen, däni- schen, norwegischen Blättern Propagandamaterial aufzwang und es dann von deutschen Zeitungen als Stimme des Auslandes nach- drucken ließ,„Enthüllungen‘“ über unbequeme Leute anfertigt und an eine opportunere Stelle weitergibt, worauf der Lieferant sie als Geistesprodukt des anderen wieder zitiert. Mit Politik hat das so wenig zu tun, wie die zwei Schulmeister in der Anekdote des Rhei- nischen Hausfreundes mit Religion zu tun hatten. Jeder verfocht eine Bibelstelle; der eine die, daß man dem, der von rechts schlägt, auch die linke Hälfte darbieten solle, der andere die, daß man mit dem gleichen Maß gemessen werde, mit dem man selber mißt. Dar- über prügelten sie sich, um besser herauszufinden, wer recht habe; und ein Edelmann, der seinen Diener ausschickte, um zu sehen, was der Lärm bedeute, erhielt die Antwort:„‚Nichts, gnädiger Herr; sie legen einander nur die Heilige Schrift aus.“ Am 8. November 1918 verlangte der Feldmarschall Hindenburg, daß der Waffenstillstand um jeden Preis abgeschlossen werde; am 9. November geschah es— leider nicht mit seiner Unterschrift; am 10. November schrie der Konservative Heydebrand auf:„Wir sind belogen und betrogen worden!“, und seine„Kreuzzeitung“ ließ im Titelkopf die Devise„‚Mit Gott für König und Vaterland“ fort. Ein halbes Jahr später stand sie wieder da, und als Chef- ‘ redakteur der„‚Kreuzzeitung“ inszenierte Graf Westarp den Kampf gegen die..Kriegsschuldlüge‘“, als welche er auch die historischen Wahrheiten beschimpfte. Noch ein weiteres Jahr, und der eben unterzeichnete Friedensvertrag war schon so weit durchlöchert, daß der die Kriegsverbrecher betreffende Teil einfach ignoriert werden durfte und die teuer pensionierten deutschen Generale, wie damals ein guter Republikaner sagte, sich in der Haltung eines Mannes zeigen konnten, der nach dem Gewitter den Kopf aus dem Fenster streckt und mit Befriedigung feststellt:„Es regnet ja gar nicht mehr.“ Als am 14. Juli 1920 die zu Ehren des französ sischen fanatik Jeidigür Detache Armee; Brande fordern 190— werter 1920 a hin in ı sie dur Deutsd 14. Jul jenigen macher fatalen und ei sich in Schma« eine| Kriegs schuld deutsc Volk ı auf ei Natior werde: Stimm zugefü nicht daß e, tes ge schriel ernter selbst sein ı Gesch Die P len,$ Maßsı bewuf Reali hinzu. freiheit | er be. Logik, und in €) den „Seht e Sie die ge. karten Herbst . wenn 1. däni- und es s nach- igt und sie als das so s Rhei- erfocht schlägt, jan mit t. Dar- t habe; sehen, r Herr; nburg, de; am schrift; „Wir situng“ land“ J Chef- Kampf rischen jr eben löchert, noriert nerale, Jaltung ) Kopf „Bs ‚en des Gesetzmäßigkeit und Gesetze 173 französischen Nationalfeiertages auf dem Gebäude der Franzö- sischen Botschaft in Berlin wehende Flagge von einem Revanche- fanatiker heruntergerissen worden war, paradierte, um diese Be- leidigung zu sühnen, während der feierlichen Wiederhissung ein Detachement der als ,‚Reichswehr“ neu erstehenden deutschen Armee; nach der Zeremonie aber befahl der Offizier der vom Brandenburger Tor geräuschvoll abmarschierenden Truppe, heraus- fordernd„‚Deutschland über alles“ zu singen. 1920—1946. Heute stehtes so, daß ein wahrlich nicht beneidens- werter Teil unseres Volkes die Begebenheiten zwischen 1918 und 1920 als vorbildlich empfindet und nur bedauert, daß die immer- hin in mancher Hinsicht andersartigen Verhältnisse nicht gestatten, sie durchweg nachzuahmen; daß eine nicht unbeträchtliche Anzahl Deutscher einer Demonstration wie der oben geschilderten vom 14. Juli 1920 noch nachträglich Beifall spendet, daß man aber die- jenigen,. die es nach Wiederholung gelüstet, darauf aufmerksam machen kann, daß das, was ihnen großartig erscheint, auf dem fatalen Bewußtsein der Minderwertigkeit beruht, weil ein Mensch und eine Nation, die ihrer selbst sicher sind, die Notwendigkeit, sich in aller Form wegen eines Fehlers zu entschuldigen, nicht als Schmach, sondern als sittliche Verpflichtung empfindet; daß, wenn eine Diskussion über die unmittelbaren Zusammenhänge beim Kriegsausbruch 1914 noch möglich ist, das Jahr 1939 die Allein- schuld Deutschlands klar erwiesen hat; daß die Tapferkeit der deutschen Soldaten nicht dem Wohle, sondern der Vernichtung von Volk und Vaterland gedient und Hitler den Krieg so lange und auf eine solche Weise geführt hat, damit alle Deutschen mit dem Nationalsozialismus bis zur Unteilbarkeit der Schuld identifiziert werden mußten; daß unser heutiges Schicksal von dem Unrecht be- stimmt wird, das wir in einer nicht abreißenden Kette der Welt zugefügt haben und wohl noch fortführen zuzufügen, wenn uns nicht die Gewalt fremder Waffen endlich daran gehindert hätte; daß es uns, die wir uns lange Jahre prahlerisch außerhalb des Rech- tes gestellt haben, übel kleidet, wenn wir die in den Sternen ge- schriebenen ewigen Rechte in dem Augenblick anrufen, da wir ernten, was wir gesät haben; und daß die einzige Waffe, die wir selbst künftig zu tragen gedenken, das Wissen um die Ursachen sein muß und der Wille, ihnen und damit einer Wiederkehr der Geschichte von 1918 bis 1945 den Boden zu entziehen. Die Parteiführer, die nicht müde werden dürften, dies festzustel- len, sprechen aber ganz anders. Es scheint, daß ihnen allmählich die Maßstäbe verlorengehen und mit den Maßstäben Verantwortungs- bewußtsein, psychologisches Schägungsvermögen, Erkenntnis der Realität und Taktgefühl. Sie erliegen der Versuchung, den Wett- 174 Gesetzmäßigkeit und Gesetze lauf um die Volkstümlichkeit mit heftigen Redensarten gewinnen zu wollen. Mag in ihren Reden noch so vieles richtig sein, die Art, wie es vorgetragen wird, läßt sich von unlauteren Elementen be- nuten, denen die Redner gewiß nicht die Hände schütteln wollen. Auch ist es, wenn zwei dasselbe zum selben Thema sagen, im Hin- blick auf Logik und Berechtigung nicht gleich, welcher Nationalität. sie sind. Churchill darf als Engländer, wie er es in Chatham- House bei der Enthüllung einer Büste für Lord Cecil tat, die Sün- den des Völkerbundes gegenüber der Abrüstungsfrage im all- gemeinen und gegenüber Deutschland im besonderen betonen, er darf Auch betonen, daß im deutschen Volke vor wie nach 1933 Widerstände gegen die Hitlerei vorhanden waren, die von außen mehr Entmutigung als Unterstügung erfuhren; ein deutscher Redner aber muß sich heute vor solchen Argumenten hüten, weil er damit nur der Neigung seines Volkes zur Intransigenz Vorschub leisten würde. Wenn der Nachdruck auf dem Mute gegenüber den Okkupationsmächten statt auf dem notwendigeren Mute gegenüber dem eigenen Volke liegt, gerät man sehr rasch in die Gefahr, daß die nationalistischen Trübwasserfischer am lautesten Beifall klat- schen, so lange, bis man sich ihrer nicht mehr erwehren kann; und in der Minute, da man den Charakter seines Gefolges mit Schrecken erkennt, wird man auch gewahr werden, wie wacker man, ohne Absicht und Bewußtheit, schon selbst auf der nationali- stischen Heerstraße marschiert. Es gibt indessen für diese Entwicklung noch einige tiefere Gründe. Nicht, daß nach Jahresfrist noch kein Entwurf zu einem Friedens- vertrag vorgelegt werden kann, ist so verhängnisvoll, sondern daß, weil in diesem Jahre Deutschland mit einer so beklemmenden Deut- lichkeit der Schlüssel zu Europa wurde, wir Deutschen uns schon wieder als die wichtigsten Leute der Welt vorkommen und in den dafür nur allzu empfänglichen Seelen der Eindruck entsteht, dieses Land, besiegt oder siegreich, werde stets ein Machtfaktor ersten Ranges sein. Die falschen Schlüsse aus diesem Eindruck verführen die Parteipglitiker dazu, als Ersa für das innere Feld, auf dem sie noch nicht genug, vor allem so gar nichts Populäres, zu tun finden, das äußere zu wählen und sich als Diplomaten ohne Auf- trag zu betätigen. Zwar berufen sie sich zu ihrer Rechtfertigung auf einen unverbrieften Auftrag, den sie gern mit den Worten um- schreiben:„Das Volk erwartet von uns, daß wir unsere Stimme erheben.‘ Den unbequemen Gedanken, daß es genau umgekehrt sein müßte, daß sie etwas vom Volke zu erwarten, an das eigene Volk Forderungen zu richten haben, bewahren sie in ihrem Busen. Aber auch hier gilt, was nicht zu beachten sie den Okkupationsmächten vorwerfen: was man von der Minute ausgeschlagen, gibt keine Ewigk dem\ berger hat u nissen den\ Lehre liches große meru barke landal nis. ihren von$ statt Einig Hege und( verle schidl Ruf ı öfter tönte gena) Wwurc mit wiss und woll tionali- ‚runde, jedens- rn daß, ı Deut- ; schon in den ‚ dieses ersten führen ıf dem zu tun e Auf- tigung en uM- Stimme ‚rt sein e Volk 5 Aber ‚ächten keine Gesetzmäßigkeit und Gesetze< 175 Ewigkeit zurück. Daß die Parteiführer nicht Gelegenheit nehmen, dem Volke vor Augen zu halten, in welchem Maße sich der Nürn- berger Prozeß zu einer historischen Dokumentation entwickelt hat und welche Folgerungen sich aus den vernichtenden Erkennt- nissen ergeben, daß sie es nicht vermögen, ihm die Erholung aus den Verwirrungen der Niederlage gerade durch die Härte der Lehre darzustellen, daß es ihnen nicht geglückt ist, ein leidenschaft- liches Begehren nach Bestrafung der Schuldigen, nach Aechtung der großen und kleinen„Führerbefehlsausführer“, nach Atomzertrüm- merung jeder militärischen Regung zu erwecken und ihre Streit- barkeit und Unerschrockenheit nach dieser Richtung landauf, landab zu bewähren— darin besteht ihr geschichtliches Versäum- nis. Wir brauchen Parteiführer, die sich nicht hinreißen lassen, ihren Ehrgeiz in abgegriffenen Scheidemünzen statt in Medaillen von scharfem Gepräge zu suchen und Statistiker der Stimmungen statt Politiker des Grundsages zu sein. f Einig sind alle Vernunftbegabten darin, daß die Ausbreitung der Hegelschen Theorie, die den Staat über die Persönlichkeit stellt und dadurch die Würde und das ursprüngliche Recht des Menschen verlegt, den Nationalsozialismus begünstigt hat. Aber in der Ge- schichte begibt sich nie eines ohne ein anderes. Wir kennen den Ruf nach der„‚Staatsautorität“, der in der Weimarer Republik weit öfter gegen die wirklichen Demokraten als gegen die Gegner er- tönte, und wir wissen genau, daß die Unterwerfung unter die so- genannten höheren Gebote der Staatsräson immer dann verlangt wurde, wenn die Staatslenker so hilflos waren, daß sie nur noch mit dem Ausnahmeparagraphen regieren konnten. Weil wir das wissen, und weil wir nicht vergessen haben, wer damals sprach und handelte und was gesprochen und gehandelt wurde, darum wollen wir an der Spitze der Parteien heute nicht Leute sehen, die von jenen Tagen her traurig belastet sind, sie mögen heißen, wie sie wollen. Und ebenso wie wir mit den Nationalsozialisten ihre geistigen Wegbereiter auf eine Stufe stellen müssen(woran die Tatsache nichts ändert, daß manche von ihnen, die den„neuen Nationalismus“ und den„neuen Sozialismus“ gepredigt hatten, von den Usurpatoren später verfolgt wurden), so müssen wir alle diejenigen als Feinde einer deutschen Demokratie betrachten, die wiederum mit totalitären Methoden arbeiten und den der echten Demokratie heimlich Widerstrebenden Wasser auf die Mühle leiten . oder, noch schlimmer, in den Augen der Unwissenden und Un- bescholtenen die Demokratie diskreditieren, indem sie mit berech- nender und doch durchschaubarer Maskerade ein falsches Bild von ihr geben und die Besorgnis nähren, daß sie nicht zögern würden, die freie Demokratie zu unterdrücken, sobald sie mit Hilfe ihrer Gesetzmäßigkeit und Gesetze verdächtig pleonastischen.‚Volksdemokratie“ die Macht erschlichen hätten. Der Staat ist, darin irrte Cäsar, der es erklärte, gewiß nicht, ein Name ohne Form und Körper; ob er eine Wohltat ist, hängt davon ab, in welchem Grade er ein Stück im Bauwerk der Mensch- heit wird. So gewiß man kein Unrecht dadurch begehen kann, daß man ein gesetliches Recht ausübt, so gewiß kann man ein Unrecht damit fördern wollen. Maßgebend ist der Geist, nicht das Gesicht. „Oderunt peccare“, beginnt ein lateinischer Vers: die einen meiden den Frevel aus Liebe zur Tugend, die anderen aus Furcht vor der Strafe. Wir wünschen unserem deutschen Volke die Liebe zur Tugend. In Engla Ausland sich um ten, wei Freiheit gefährli einem\ wenn el und ein sondern streben! der Mo müuten{ auf die hindern sind. di 80 VerW kratisd an die sich de das No fehlban der M tritt, im Gr leidet kritise Mange englist mulie: hahen geurte nichts In FR heit, Frei ihrer das| allen keine und] 2 Schlichen YiB nicht, St, hängt Mensch. ann, daß Unrecht Gesicht, n meiden ' vor der iebe zur DIE TIEFEREN GRÜNDE In England ist eine Diskussion um fünf Leute entstanden, die ins Ausland reisen wollten und daran gehindert wurden. Es handelt sich um Personen, die während des Krieges interniert werden muß- ten, weil ihr Verhalten sogar mit dem ungewöhnlichen Maße von Freiheit nicht vereinbar war, das der englische Staat auch in so gefährlichen Zeiten seinen Bürgern zu gewähren pflegt. Zwischen einem Staate, der glaubt, sich einzig dann behaupten zu können, wenn er seinen Bewohnern ihre Meinungsäußerungen vorschreibt, und einem Staate, der seine Sache zum Siege führt, nicht obwohl, sondern weil er die Stärkeskala der öffentlichen Kritik nur wider- strebend und geringfügig einengt, bestehen tiefere Unterschiede der Moral, als es die sichtbaren politischen Unterschiede zu ver- muten geben. Totalitären Staaten eignet die Auffassung, daß man auf dieser Welt alles Unwillkommene durch„Maßnahmen“ ver- hindern könne— wie sie auch, auf der anderen Seite, überzeugt sind, die Erde lasse sich durch Ausrottung aller Andersdenkenden so verwandeln, daß es ganz allgemein eine Lust zu leben sei. Demo- krätische Staaten glauben weder an das Paradies auf Erden noch an die Möglichkeit, all und jedem Uebel vorzubeugen. Sie sind sich der Relativität der Dinge bewußt und tun in diesem Rahmen das Notwendige. Wer von vornherein zugesteht, daß er nicht un- fehlbar ist und sich sowohl im Zeitpunkte wie auch in der Wahl der Mittel vergreifen kann, wird, falls derartiges tatsächlich ein- tritt, nicht befremdet sein, wenn man ihm öffentlich sagt, was er im Grunde sich selber sagen muß. Die Festigkeit des Staatsgebäudes leidet darunter nicht, im Gegenteil offenbart die Einschüchterung kritischer Betrachter einen in den Verhältnissen wohlbegründeten Mangel an Vertrauen zu der Festigkeit des Staates. Ein angesehenes englisches Blatt hat das in dem eingangs erwähnten Falle so for- muliert:„Wenn diese Leute ein Geset unseres Landes verlegt haben, müssen sie in einem öffentlichen Gerichtsverfahren ab- geurteilt werden. Haben sie das aber nicht getan, dann ist es durch nichts gerechtfertigt, sie nicht reisen zu lassen, wohin sie wollen. In Friedenszeiten gibt es keine Beschränkung persönlicher Frei- heit. Es ist besser, ein paar Leute stiften unter Mißbrauch ihrer Freiheit Unfug, als daß die ganze Nation in Gefahr steht, eines ihrer Grundrechte beraubt zu werden.“ Es war ein liberales Blatt, das diese Worte schrieb, zu denen es infolge seiner Tradition vor allen anderen verpflichtet war. Aber man darf sicher sein, daß keine konservative und keine Arbeiterzeitung, daß kein Landlord und kein Bergmann in Großbritannien anders denkt, nicht einmal 12 9 J 4 178 Die tieferen Gründe ein ehrlicher Kommunist. Sie haben eben das Recht in sich, weil es wirklich mit ihnen geboren ist, und aus diesem Rechtssinne erwächst jene Staatsweisheit, daß es weniger schlimm sei, wenn ein Ungerech- ter seines Weges geht, als wenn um seimetwillen ein allgemeiner Rechtsgrundsag verlegt wird. Im übrigen Europa, hauptsächlich in Deutschland, ist man von einem solchen Zustande noch weit entfernt. Zwischen Krieg und Frieden herrscht hier ein Stadium babylonischer Verwirrung, eine anhaltende Erschütterung, die von der nationalsozialistischen Miß- achtung von Recht und Menschlichkeit ihren Ausgang genommen hat und offenbar viel schwerer überwunden werden kann, als man es sich vorgestellt hat. Gewiß werden in der modernen Welt die Grundfragen eines besiegten Landes immer wirtschaftlichen und sozialen Charakter tragen und daher die Völkergemeinschaft auf das empfindlichste berühren, deren Glieder, die siegreichen durch- aus nicht ausgenommen, zwar stufenweise weniger Schwierigkeiten, jedoch Schwierigkeiten der gleichen Natur haben. Indessen wäre es verfehlt anzunehmen, daß es allein oder auch nur hauptsächlich die wirtschaftlichen und sozialen Nöte seien, die Deutschland in den Mittelpunkt so vieler tragischer Geschehnisse der Gegenwart rücken. Es kann kein Zweifel sein, daß sich der gesamte Weltaspekt rosiger präsentierte, wenn das deutsche Volk rascher nicht allein zu einer industriellen Produktion und dadurch zu Arbeit und Brot gekommen wäre, sondern auch, und dies sogar vornehmlich, eine Rechtsgesinnung und damit einen Rechtsboden gefunden hätte; es kann heute nur ein Zweifel sein, ob es sie überhaupt je finden wird. Kein Historiker dürfte, ohne sich dem Vorwurf der Klitte- rung auszusegen, die Schuld hierfür ausschließlich im deutschen Volke selber suchen. Seine Schuld für die Vergangenheit steht fest; die Schuld für die Gegenwart richtig zu verteilen, bleibt späteren Jahren vorbehalten. Die Aufgabe wird nicht leicht sein, keine Auf- gabe ist mehr leicht. Bei einer solchen Vielgestaltigkeit und Wechselseitigkeit der Probleme, wie wir sie augenblicklich erleben, wird man stets mit Bedenken ringen, wenn genauestens der Punkt angegeben werden soll, wo eine Ursache aufhört und eine Wirkung anfängt, um nach einem gewissen Zwangsablauf einer neuen Ur- sache Pla zu machen. Die Ausweisungen der Deutschen aus Polen und der Tschechoslowakei zum Beispiel müssen aus dem histo- rischen Hintergrund der namens des deutschen Volkes verübten Bestialitäten begriffen werden; was die bei den Ausweisungen an- gewandten Methoden betrifft, so ist es nicht einfach, die moralische Frage zu beantworten, bis zu welchem noch vertretbaren Grade manche Vorkommnisse durch den Hinweis auf den historischen Hintergrund als selbstverständlich und der Kritik entzogen gelten Rt, weile, 1 er wächst Ä ügerech- | 1 gemeiner man von Krieg und ung, eine| fhen Miß.|) enommen I ‚alsıman| Welt die| khen und| chaft auf|| en durch-| igkeiten, N wäre es ptsächlich chland in egenwart 'eltaspekt cht ‚allein | und Brot lich, eine >n- hätte; je finden r Klitte- Jeutschen teht fest; späteren eine Auf- keit und ‚ erleben, er Punkt Wirkung euen Ur-| us Polen m histo- verübten mgen an- ‚oralische ‚n Grade torischen 1 gelten Die tieferen Gründe 1170) dürfen. Das Ende dieses Krieges hat in Europa, mit Ausnahme des besetzten Deutschlands, revolutionsähnliche Vorgänge zur Folge ge- habt. Daß in solchen Zeitläuften Rachegefühle Ausschreitungen und Gewaltakte veranlassen, bedarf einer Erklärung nur für jene, die ‚historische Elemente nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Anderer- seits sträubt sich jeder Einsichtige gegen den Versuch, zu leugnen, daß in Umsturztagen sehr oft diejenigen den Ton anzugeben be- strebt sind, die nicht gerade zur Elite einer Nation gehören, oder zu behaupten, irgendeine Nation bestehe aus lauter Lichtengeln wie umgekehrt eine andere aus lauter geschwänzten Teufeln. Irgendwann muß die babylonische Verwirrung zumindest im Geiste einer menschlichen Ordnung der Gedanken weichen. Irgendwann muß man aufhören, Verbrechen gegen die Menschlichkeit damit zu entschuldigen, daß andere sie vorher begangen haben. Irgendwann muß der Menschheit der Glaube an das Recht wiedergegeben wer- den, und solange es infolge der revolutionären Nachwehen nicht dadurch geschehen kann, daß man das Recht in allen Dingen und die Gleichheit aller Menschen vor ihm wieder als unverletlich be- weist, so lange muß es eben dadurch geschehen, daß man dort, wo Unrecht herrscht, es offen zugibt und nicht zu Schleiertänzen, zu beschönigenden Pantomimen und der Gebärdensprache der Auguren Zuflucht nimmt. Wenn es ebenso unkompliziert wäre, Frieden zu machen wie Krieg, wenn man in der Lage wäre, nach einer ungeheuerlichen Zerrüt- tung der Menschen, Dinge und Begriffe durch einen Federstrich zum status quo ante zurückzukehren, ließe sich die schwankende Welt einigermaßen beruhigen. Da man sich aber außerdem darin einig ist, daß man gar nicht zum status quo ante zurückkehren will oder darf, da sich im Verlaufe eines jeden Krieges in allen Gehirnen die Vorstellung festsegt, nach dem Kriege müsse es un- bedingt und möglichst auf allen Gebieten anders werden, ist die Dauer der demzufolge unvermeidbaren Verwirrung nicht abzu- sehen. Es ist, in unserem Falle, bequem zu sagen, das in der Ge- schichte präzedenzlose Experiment der totalen Beseßung eines jeder Regierung entkleideten Landes, noch dazu einer Viermächte- besegung, die nicht gemeinschaftlich, sondern in getrennten Zonen vorgenommen wurde, sei gescheitert. Es ist ebenso bequem nachzu- weisen, was die Alliierten anders hätten machen sollen, abgesehen davon, daß es— zwar nicht für die historische Erkenntnis, aber für den praktischen Gebrauch— nußlos ist, in einer entstandenen Situation zu untersuchen, auf welche Weise sie vielleicht oder wahr- scheinlich nicht entstanden wäre, ist doch einzig und allein ent- scheidend, ob unter den obwaltenden Umständen irgendwelche Fak- toren sich hätten entfalten können, die geeignet gewesen wären, 12r el U 2 » ATMEN DE ae We A PEN. er L; % 180 Die tieferen Gründe den Dingen ein anderes, ein besseres oder, sagen wir es offen, überhaupt ein Gesicht zu geben. Die wirklichen Gründe für all das, was man ein Versagen, sei es der Besiegten oder der Sieger nennt, liegen nicht an der Oberfläche der Erscheinungen. Sie liegen auch in der Art des Kriegsablaufes, sie liegen auch in den ideologischen Differenzen, sie liegen auch in den handelnden Persönlichkeiten, in ihrer mehr oder weniger großen Fähigkeit zur Ueberschau, zur großen Konzeption und in ihrem Verhandlungsgeschick, aber sie liegen daneben, und bedeutend stärker, in den Zweifeln an der Grundlage unserer gesamten Zivilisation. „Ist die Zivilisation“, fragt Charles Morgan,„bankrott— müssen wir sie in der einen oder anderen Form durch einen reglementier- ten Materialismus ersegen?“ Und er schneidet ein wesentliches Thema an: die heutige Jugend hat„nie die freie Welt mit ihrem ungehinderten Reiseverkehr, ihren stabilen Währungsverhältnissen und ihren niedrigen Steuersägen gekannt“. Sie kann nicht, wie die Aelteren, vor den Anspruch des Totalitarismus gestellt, erklären, daß es„eine Lebensmethode gebe, der gegenüber alle Methoden ‘der Reglementierung und des Massendenkens als verderbt und korrupt zu gelten hätten“, daß„nebeneinander Ordnung und indi- viduelle Freiheit“ wohl bestehen können, daß die„Bürokratie Dienerin und nicht Herrin“ zu sein, der ‚‚Patriotismus einem natür- lichen Stolze und nicht der Besessenheit“ zu entspringen vermag, daß die.„‚Maschinerie des Daseins“ auch„anderem Denken und Wirken noch Raum läßt“— kurzum, daß es einen Zustand gibt, wo„es noch immer als ehrenhafter gilt, statt eines Herdentieres ein privates menschliches Wesen ohne jede Angriffsgelüste zu sein und das Leben noch immer seine Reize hat“. Für die„lebendige Realität“ dieser„liberalen Zivilisation“, sagt Morgan, hat England in zwei Kriegen gekämpft. Einige Deutsche dürfen bescheiden von sich das gleiche bekennen. Aber die„tiefgründigen und mensch- lichen Dinge“, in Lebensweise und Denkart des modernen Europas „außerordentlich kostbar und selten“, sind uns in Deutschland noch fremder geworden als den Bewohnern anderer Länder. Zwangs- bewirtschaftung, Beschränkung der allgemeinen Freiheit, Arbeits- ämter, Zulassungsinstanzen, Preiskontrollstellen, ständige Ausweis- papiere und was sonst die Hitlersche Pandorabüchse über uns aus- geschüttet hat, werden neben dem, was eine Okkupation not- . wendigerweise an Ueberwachung mit sich bringt, bei uns erheblich länger währen als anderswo. Dazu kommt noch die„Denazifi-, zierung“. Es wird soviel davon gesprochen, daß sie der„Befrie- dung“ dienen solle, besonders von Leuten, die auffällig daran inter- essiert zu sein scheinen. Die Unruhe entsteht aber nicht durch die Denazifizierungsaktion, sondern dadurch, daß die allzu häufig be- ne gesungen Kan et Be nn nn m nme —— Die tieferen Gründe 181 obachtete und ungeschoren gelassene Dreistigkeit der Pgs und pro- pagandistischen Vgs in der anständig gebliebenen Bevölkerung Un- willen erregt. Jeder kann täglich Beispiele dafür benennen, wie sehr solche Leute obenauf sind und den Schuß der von ihnen frü- her mißachteten Gesete für sich verlangen. Das Ausbleiben jeder ‘elementaren Reinigung, die vor Jahren als unumgänglich erachtet wurde, die Tatsache, daß eine Partei existiert, in der Pgs sich wieder wohlfühlen, weil sie dort nur den Gegenstand ihres„Aktivismus“, nicht die totalitäre Grundgesinnung zu wechseln haben, daß es auch sonst Stellen gibt, wo, wie sie zu wissen glauben, ihr Todfeind Demokratie nicht ist, schließlich der Umstand, daß sich die ehe- maligen Gegner der Nationalsozialisten wieder gespalten haben, nämlich in solche, die jeden Nationalsozialismus und Totalitaris- mus bekämpfen,und in solche, die lediglich eine andere Form davon erstreben— dies alles trägt zur Vermehrung der Verwir- rung bei. Manchmal fragt man sich, ob es überhaupt einen Sinn habe, in; dieser deutschen Chaos-Welt wirken zu wollen; ob etwas, was so sehr in Fragmente aufgelöst ist, je wieder Gestalt, und zwar nicht nur eine wohlproportionierte, sondern auch charakter- lich einwandfreie Gestalt gewinnen wird. Dennoch muß man dahin wirken. Der Schweizer Professor Max Huber, Ehrenpräsident des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes, sagt:„Wenn wir vor dem Abgrund zurückschrecken wollten, der uns von dem zu Erreichenden trennt, hätte das Rote Kreuz bereits auf dem Schlachtfeld von Solferino kapitulieren müssen.“ Daran muß man sich halten. Verschüttete Rechtsbegriffe sind niemals für ewig untergegangen, und die Kraft, das Recht zu verehren und für das Recht einzutreten, kann uns kein Chaos rauben. Denn..„‚die ver- ehrende Kraft in uns“ ist nach Jakob Burckhardt ,,‚so wesentlich wie das zu verehrende Objekt“. Als in Frankfurt nach den Barrikadenkämpfen der Märzrevolution das Vorparlament tagte, in dem soziale, politische und nationale Interessen um die Herrschaft stritten, hatte Engels längst sein Buch über die Lage der arbeitenden Klassen in England erscheinen lassen, waren die Statuten des Bundes der Kommunisten unter seinem Präsidenten Karl Schapper schon festgelegt, hatten Marx und Engels gerade mit dem Anfangssa ihres Kommunistischen Manifestes—„Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Kommunismus“— eine neue historische Situation charakterisiert, deren Tendenzen, seitdem ein volles Jahrhundert und vermutlich noch ein weiteres erfüllend, sich aus dem Widerstreit der Auf- fassungen ergaben. Sahen die Verteidiger der alten Ordnung im nme: eine die Geschlossenheit der Gesellschaft unter- höhlende Verschwörung, so erblickten die Angreifer darin eine die “ ko a ne 0 ER ESENBE WETTEN. 182 Die tieferen Gründe neue, bessere Gesellschaftsform begründende Macht. Was den einen als Nachtmahr erschien, mutete die anderen als Morgenröte an. Der einfache Verstand muß zunächst daraus folgern, daß beide Seiten in einem Traume befangen waren; einem Traume, der seit- her eine Generation um die andere heimsucht und fast den Aus- druck eines Religionskrieges angenommen hat, ohne daß es bisher gelungen wäre, einwandfrei zu ermitteln, ob es sich in der Tat, sowohl in den Prinzipien wie in den einzelnen Phasen, um einen Kampf zwischen dem„Reaktionären“ schlechthin und dem Geseß und Maß suchenden.‚Revolutionären“ oder der Revolution an sich und der auf Maßlosigkeit beharrenden Reaktion handelt— geschweige, daß der Kampf sich hätte entscheiden lassen. In dem Augenblick, da Marx und Engels, auf einer neuen,„mate- rialistischen“‘ Betrachtungsweise fußend, die„.Geschichte aller bis- herigen Gesellschaft als die Geschichte von Klassenkämpten“ dar- stellten, beendete das Frankfurter Vorparlament seine Arbeiten mit einem Bekenntnis zur Verfassunggebenden Nationalversamm- lung und nicht mit der Einsegung eines Wohlfahrtsausschusses oder der Erklärung einer Diktatur. Und obwohl das Kommuni- stische Manifest mit der Aufforderung zum Umsturz schloß und die Versicherung anfügte, daß die herrschenden Klassen zu zittern hätten, waren es nicht Karl Marx und Friedrich Engels, die im deutschen Süden die Fabrikarbeiter gegen die preußischen Bajo- nette führten, sondern Leute wie Hecker, Struve und Spaß, die damals schon Kommissare hießen. Darin liegt weder ein Vorwurf gegen Marx und Engels, noch ist gemeint, daß nicht jeder der anderen gewisse, freilich unterschiedliche Qualitäten und Ver- dienste gehabt hätte. Marx unterstüßte zwar Teilaktionen, weil er in ihnen Etappen auf der Strecke zum Ziel sah, aber die Unklug- heit, notwendige Zwischengefechte für den Endkampf selbst zu halten, konnte nur von Naturen begangen werden, die sich ein- bildeten, in der Geschichte lasse sich Endgültiges, wenn überhaupt je, im ersten Anlauf erzwingen, und Fanatismus sei ein vollkom- mener Ersat für überlegene, weil überlegende Kraft.„Worte können unser Recht und unsere Freiheit nicht erobern“, hieß es in dem Aufruf der provisorischen Regierung Heckers, und der erste Gebrauch, den ihre Truppen von der Freiheit machten, war, daß sie ihre Zechen in den Wirtshäusern nicht mehr bezahlten. Auf tausend Manifestanten, die praktisch das mißachten, wofür sie theoretisch manifestieren, kommen in der Geschichte vielleicht zwei oder drei, denen tiefere Erkenntnis sagt, daß man nichts er- kämpfen kann, wovon man selbst nur eine unzulängliche Vorstel- lung hat. Mehr oder weniger gipfeln alle revolutionären Mani- feste in der so vieldeutigen Formel, Worte könnten Freiheit und Redı nehm in de word Mani Freil heste konn sat und den. stige hinw ande des( Wir ause vier? Nuß zuse vielt tisch der sind sie best Wel fest und zu 4 Die tieferen Gründe 183 Recht nicht erobern. Daß aber, wenngleich es an solchen Unter- nehmungen nicht gefehlt hat, wahre Freiheit auch noch nirgends in der Welt mit der Gewalt der Brutalität oder der Tücke erobert worden ist, wäre wohl ein Anlaß, über ein neues Konzept der Manifeste nachzudenken. ,‚Bevor wir imstande sind, Recht und Freiheit zu erobern, müssen wir wissen, worin Recht und Freiheit bestehen“—- das wäre wahrscheinlich richtiger als:„Worte können unser Recht und unsere Freiheit nicht erobern.“ Der Zu- sa„unser“ schließt schon die Gegnerschaft zu wirklichem Recht und wirklicher Freiheit ein, deren Besit an keine Gruppe gebun- den ist, sondern in deren Bewußtsein allein, unbeschadet aller son- stigen Meinungsverschiedenheiten, ein Volk und über die Völker hinweg die Menschheit zusammenwachsen kann. Wer etwas anderes fordert, begünstigt, statt Befreier zu sein, die Ablösung des einen Terrorismus durch einen anderen. Wir seen uns nicht mit den„Geschäftsreisenden der Revolution“ auseinander— auch diese Bezeichnung stammt aus dem achtund- vierziger Jahr—, nicht also mit Leuten, die beabsichtigen, als Nußnießer ihres eigenen Terrors unter einer anderen Fahne fort- zusegen, was die so bitter befehdeten vorigen Terroristen taten; vielmehr wenden wir uns an alle diejenigen, einerlei welcher poli- tischen Richtung, die in der Freiheit ein Erlebnis— das Erlebnis der Furchtlosigkeit— zu finden gedenken. Auch Marx und Engels sind aus dem geistigen Wesen Westeuropas hervorgegangen, auch sie waren nicht imstande, eine Tradition zu verleugnen, aus deren besten Bestandteilen sich das mahnende Gewissen für eine ganze Welt geformt hat, auch sie sind zu ihrer kämpferischen Mani- festation allein über die Behauptung der persönlichen Freiheit und den Urgrund des Humanismus gekommen. Niemand vermag zu sagen, wo sie heute stünden, da der Kapitalismus, unter dem gesunden Einfluß‘sozialistischen Denkens ständig beschnitten, mehr ein Schlagwort ohne rechten Inhalt als eine komplette Wirt- schaftsstruktur ist, und es ist fraglich, ob Engels und Marx bereit wären, soziale Freiheiten, die immer noch nicht ganz entwickelt sind, mit den abscheulichsten Einschränkungen der politischen Freiheit zu bezahlen oder aber, zum mindesten, schönfärberisch die„Diktatur des Proletariats“ als eine gewissermaßen autoritäre Demokratie auszugeben. Zwar sagt man gern, die Diktatur des Proletariats sei ein Uebergangszustand, und jede Unterdrückung der persönlichen Freiheit werde eben erst dann aufhören, wenn die„klassenlose Gesellschaft“ rein und ungefährdet verwirklicht sei. Jedoch dies gehört in das Reich philosophischer Spekulation und wissenschaftlichen Aberglaubens. Rund dreitausend Jahre geschichtlicher Erfahrung sollten genügen, um einzusehen, daß 184 i: Die tieferen Gründe man das Glück der Menschen nicht mit Mathematik errechnen kann. Freiheit kann unmöglich das sein, was ein ehrlich ringendes Gemüt erstrebt, wenn man mit der Aussicht, daß sie vielleicht doch einmal etwas Realeres als ein rötlich bewölkter Schimmer am Horizont zu werden vermöchte, Jahrzehnt um Jahrzehnt darum betrogen werden muß und in immerwährenden Variationen von Knechtschaft, Gewissensnot, Bedrohung einen angeblich noch sehr wohlfeilen Preis dafür zu entrichten hat. Fast hundert Jahre nach dem ersten wurde ein zweites Kommu- nistisches Manifest erlassen, das im Grunde die ganze Entwick- lung seit 1848 spiegelt. Es ist aus Berlin datiert, Ostern 1946, und trägt die Unterschrift des ein wenig pleonastischen„Ver- einigungsparteitages der Sozialistischen Einheitspartei Deutsch- lands“. Keine gute Unterschrift, denn sie ist falsch. Es existiert zwar jett de facto eine Sozialistische Einheitspartei in Deutsch- land, aber sie ist nicht die Sozialistische Einheitspartei Deutsch- lands. Sie ist die Sozialistische Einheitspartei der Länder Sachsen, Thüringen und Mecklenburg, der Provinzen Brandenburg und "Sachsen-Anhalt, kaum noch des russischen Sektors von Berlin. Das ist etwa ein Drittel des deutschen Gebietes, wie es in Potsdam vor- läufig begrenzt worden ist.„„Es lebe die stolze und mächtige Sozia- listische Einheitspartei Deutschlands!“ bleibt‘ daher einstweilen Zukunftsmusik für Sprechchöre. Die Geburt der Sozialistischen Einheitspartei ist insofern ein Kuriosum, als hier das Zauberstück seglückt ist, durch Vereinigung drei Parteien an Stelle von zwei zu schaffen, nämlich SP, KP und SE. Die SE ist ihrem Manifest zufolge nicht nur die Partei„der entschiedensten Interessen- vertretung der Werktätigen“ und„der Erneuerung der deutschen Kultur“, sondern auch die„.wahrhaft nationale des deutschen Vol- kes“. Dies letztere ist eigentlich der einzige neue Ton der gegen- wärtigen Manifestanten. Alles übrige, von den„‚Kapitalhyänen“ bis zu den„‚Bannerträgern“, wurde schon zwischen 1918 und 1933 in dissonanzenreiche Musik gesett, und wenn man ganz genau sein will, ertönten auch schon die nationalen Klänge einmal, und zwar in den kommunistischen Blättern zur Zeit der Ruhr- besegung 1923. „Nicht einen Fußbreit deutschen Bodens werden wir freiwillig herausgeben!“ rief der Senator Dittmann auf einer Funktionär- versammlung der KP in Hamburg aus, und das Getümmel gegen die bayerische„Ordnungszelle“ schwillt in der gleichen Stunde an, da kein propagandistisches Inventar unbemüht bleibt, um die östliche Zone als Ordnungszelle erscheinen zu lassen. Eine Zeitung hat kürzlich daran erinnert, daß im Februar 1940 Walter Ulbricht in einer Stockholmer Zeitung den Krieg gegen Hitler als einen „mpel Jisten den F Blatt| jeden heitspa zuweis versch! tive u fallen des rı schimp den© heigel Kräft mus c man Jeden mus ı noch gemäl Ob d ist, sı die/ abgel Unter Tatsı sind, müss lange gena Die und hebe als p dem müs; eine) ande weld Falls gäng bar schre TREE r x” nr er H REN x za » 2; FE | IF Baer? RAR N; nt . } Die tieferen Gründe 185 „imperialistischen“ gebrandmarkt und von den deutschen Sozia- listen verlangt habe, alle Aktionen gegen Hitler, die Sabotage in den Fabriken wie die Untergrundbewegung, einzustellen. Das Blatt hat diese Erinnerung benutt, um Herrn Ulbricht, der heute jeden Gegner einer mit totalitärem Anspruch auftretenden Ein- heitspartei einen Reaktionär und Faschisten nenne, darauf hin- zuweisen, daß man auf der Gegenseite solche Kampfmethoden verschmähe, nach Verständnis für die wechselnden taktischen Mo- tive in Ulbrichts Haltung trachte und sich jedenfalls nicht ein- fallen lasse, ihn wegen seines Stockholmer Artikels aus der Zeit des russisch-deutschen Nichtangriffspaktes als Faschisten zu be- schimpfen. Zweifellos nicht; aber wenn der Stockholmer Artikel den erwähnten Inhalt hatte, wird man immerhin nicht daran vor- beigehen können, daß in der Sozialistischen Einheitspartei jett Kräfte wirken, die in einem zu hohen Grade, bei allem Absolutis- mus des Zieles, der Relativität in den Mitteln huldigen, als daß man auf zeitlich bedingte Aeußerungen Häuser bauen dürfte. Jedenfalls sind wir in die Gefahr geraten, daß die Begriffe Faschis- mus und Antifaschismus des politischen Sinns entkleidet und nur noch als Popanz der Propaganda benugt werden, wobei sie natur- gemäß wie Bumerangs in einem kindischen Indianerspiel wirken. Ob die Verwirrung, die Unruhe, die das hervorruft, beabsichtigt ist, soll hier nicht untersucht werden; der Eindruck besteht, und die Argumente, die aus der Kenntnis der taktischen Grundsäge abgeleitet werden, sind durch Beteuerungen nicht zu entkräften. Unter den geschichtsbildenden Gewalten spielen leider außer den Tatsachen auch Gefühle eine wichtige Rolle. Wenn die Dinge so sind, daß in der Bevölkerung das Gefühl aufkommen kann, man müsse, um seine Existenz zu bewahren oder einen Vorteil zu er- langen, in die Sozialistische Einheitspartei eintreten, so ist das genau so entscheidend wie der Beweis, daß dem tatsächlich so ist. Die Moral eines Volkes, die nach den nationalsozialistischen Jahren und angesichts der Folgen der Niederlage ohnehin schwer zu heben ist, wird als Gestalt und Begriff, als ethisches Faktum wie als politischer Wert ganz ausgeschaltet, wenn der Entwicklung mit dem Achselzucken begegnet wird: bei Hitler mußten wir, jeßt müssen wir wieder, gewöhnen wir uns daran— wer will uns noch einen Vorwurf daraus machen, wenn wir schließlich auf nichts anderes mehr bedacht sind als darauf, auf irgendeine Weise, gleich welche, ein ohnehin kümmerliches Leben weiterzuleben. Und falls die Bevölkerung des deutschen Westens durch gewisse Vor- gänge den Eindruck gewinnt, die Zonenmauern seien unüberwind- bar geworden, man müsse den„kommunistischen“ Osten„ab- : ERS,:; 5 _ schreiben“, jeder Versuch einer Zusammenarbeit rechtfertige den 2 u ETHIZERTREDTEN ET == SEN: 186 Die tieferen Gründe Verdacht, man sei selbst„kommunistisch infiziert“— was hilft dagegen irgendein Manifest, das noch dazu den gewonnenen Ein- druck eher bestärkt? In diesem Augenblick, der auch ohne all das schon kritisch wäre, sitzt die Sozialistische Einheitspartei bereits auf der Anklagebank der Geschichte. Sie ist angeklagt, die Moral als humanitäres Element erledigt, Deutschland auseinander- gerissen, nationalistischen Instinkten Nahrung und der echten Reaktion einen Vorwand gegeben zu haben. Ob sie sich von dieser Belastung noch reinigen kann, wird ihr weiteres Wirken erweisen. Eine Verantwortung, eine schwere, trägt sie auf alle Fälle. Statt eines freien Kampfes für wahre Demokratie, eines Kampfes mit offenem Visier, aus der Tiefe persönlicher Freiheit und mora- lischer Gewissenserforschung, ist in einem nicht unwesentlichen Teile Deutschlands ein Machtstreben entstanden, das jede Dis- kussion fundamentaler politischer und wirtschaftlicher Probleme unmöglich macht und die demokratischen Kräfte schwächt. Desto mehr müssen sich alle diejenigen sammeln, denen Freiheit etwas ganz anderes bedeutet als ein Ball in der Hand geschickter poli- tischer Artisten, alle, die Garantien gegen den Mißbrauch der Ge- walt begehren, die sich eine politische Führung einzig auf dem Wege fortgesetter öffentlicher Kontrolle, einer ebenso freien Kritik wie freien Anerkennung, eines„plebiseite de tous les jours“, einer täglichen latenten Volksabstimmung, denken können, die zwar das Mitreißende, nicht aber das Fortreißende lieben, sich mit allem guten Willen an den Wagen der Zeit, jedoch nicht als bloßes Zugvieh einer ungewissen Zukunft, spannen lassen und, wie im Staate die Gewaltentrennung, im allgemeinen politischen Leben die Gewaltenhemmung als das einzige förderliche Prinzip erkennen. Hitler wollte das deutsche Volk lehren, ohne Angst zu sterben. Habt den Mut, ohne Angst zu leben— dann seid ihr frei. rn ar STETS EZ can mit Ta- en Dis- me sto was oli- Ge- > Pe tem jen ET EEE DEE IE TEE Er RE Mae nette- Ar Fr ee Sen SE ” ES= sr a ar ge Be se” ARE 3. an Butt nn 6 AR RE>.= Fe Pr