Ilse Stanley ILSE STANLEY DIE UNVERGESSENEN »Die Unvergessenen ist ein unvergeß- liches Buch, geschrieben von einer un- vergeßlichen Frau«, hieß es in der ame- rikanischen Presse nach dem Erscheinen dieses Lebensberichtes in den Vereinig- ten Staaten.»Ein großartiges mensch- liches Dokument«, so lauteten andere Stimmen,»eine aufwühlende und zu- gleich rührende Autobiographie«. Ilse Stanley wächst als Tochter des jüdi- schen Geistlichen Magnus Davidsohn in Berlin auf, wird in jungen Jahren Schau- spielerin, Regisseurin und Theaterleiterin, könnte 1933, als die Barbarei hereinbricht, ins Ausland gehen, bleibt aber und wid- met sich einer fast übermenschlichen Aufgabe: der Befreiung jüdischer Häft- linge aus den Konzentrationslagern. Sie arbeitet im Rahmen der Berliner jüdi- schen Gemeinde, wagt sich aber auch ganz auf eigene Faust, unterstützt von nur wenigen geheimen Mitarbeitern und mit Hilfe gefälschter Entlassungspapiere und Ausweise, mit atemberaubender Furchtlosigkeit zu den Schreckensstätten des Terrors, bis sie schließlich, wie sie be- richtet, vierhundertzwölf jüdische Fami- lien gerettet hat. In der»Kristallnacht« 1938 brennt»ihr« Tempel in der Berliner Fasanenstraße; immer größer werden die tödlichen Gefahren; aber erst 1959 geht sie im letzten Moment in die USA. Obwohl sie allen Grund zu Rachegefüh- len hätte, kämpft sie, die trotz allem Deutschland und seine Menschen liebt, (Fortsetzung auf der hinteren Umscllagklappe) VERLAG KURT DESCH WIEN MÜNCHEN BASEL | Ill N ME i 4 ESSE r 3) = Br 2 = Rt: “ \ 1153 UNVE IE Anni ER UB GIESSEN ANIIENNNNN 27. 019 420 / t: RR| rT Ilse Stanley DIE UNVERGESSENEN a D d * ILSE STANLEY DIE UNVERGESSENEN VERLAG KURT DESCH WIEN MÜNCHEN BASEL Titel der amerikanischen Originalausgabe: THE UNFORGOTTEN Ins Deutsche übertragen von Ilse F. Stanley © 1957 by Ilse Stanley(Originalausgabe) © 1964 by Verlag Kurt Desh GmbH München Wien Basel(deutsche Ausgabe) Alle Rechte, einschließlich derjenigen des auszugsweisen Abdruces und der fotomechanischen Wiedergabe, vorbehalten Gedruckt in der Buchdruckerei Fränkischer Tag GmbH& Co., Bamberg Gebunden in der Großbuchbinderei Ludwig Fleischmann, Fulda Schutzumschlag-Entwurf von Christel Aumann, München Schutzumschlag gedruckt von Poerschke& Weiner, München Printed in Germany 1964 > Allen und allem aus meinem ersten Leben, unvergessen in meinem Herzen; und Milton, der mir die Kraft gab, ein zweites Leben mit Hoffnung und Liebe zu beginnen. Es gibt nur einen Weg Über den Abgrund des Hasses: Die Brücke von Meinem Herzen zu deinem. VORWORT Von Prof. Dr. George N. Shuster Ich behaupte, daß niemand jemals dieses Buch niederlegen wird, ohne durch seine ergreifende Schönheit, Aufrichtigkeit und atemberaubende religiöse Originalität bis in das Innerste seines Wesens erschüttert zu sein. Es ist für mich eine in die Tat übertragene große Predigt der Zeit. Nicht umsonst ist die Autorin eine Schauspielerin, manchen von uns in Er- innerung als ein strahlender junger Star der deutschen Bühne, bevor Hitler diese an Wotan auslieferte. Obwohl sie genau weiß, was hinter der Bühne und in den Gehirnen der Men- schen vorgeht, die auf der anderen Seite der Rampe sitzen, gehört sie zu denen, die, vielleicht im Unterbewußtsein, überhaupt nicht an der Eintönigkeit der Realität, sondern lediglich an der Idee der Menschlichkeit, die über allem steht, Interesse nehmen. Finden wir nicht hier eine Art eigentümlich rührender Mischung von weltlicher Lebens- kümnstlerin, Peter Pan und Engel? Es gibt manches, das wir an diesem Buch kritisieren könnten. Die Autorin offenbart nicht nur den Menschen ihr Herz, sondern läßt es mit einer Stärke pulsieren, an die wir nicht mehr gewöhnt sind. Wir verschleiern die Tatsachen des Lebens mit Blumen und anti- septischen Mitteln, und hier ist ein Mensch, der sie auf der Hauptstraße des Lebens offen zur Schau trägt. Manchmal schweift die Erzählung ab. Manchmal erinnert sie ein wenig an TRUE CONFESSIONS, erfüllt von der Liebe einer Frau zu ihrem Mann und ihrem Heim. Der Grund, aus welchem ich diese Worte der Einleitung schreibe— man sollte sie zweifellos einen Epilog am Anfang nennen—, ist die Tatsache, daß ich das Glück hatte, die Wahr- heit des Buches prüfen zu können. Manchmal reibe ich mir noch die Augen und staune, daß es wirklich wahr sein kann. 7 Denn ist es nicht wirklich zu gut, um wahr zu sein? Ilse Stanley war in den furchtbaren dreißiger Jahren— an die niemand von uns, der sie in Deutschland erlebt hat, denken kann, ohne das wilde Gebrüll der Sturmtruppen wieder zu hören, dem jeder Schein der Menschlichkeit entzogen worden war— die beliebte Tochter des Oberkantors der herrlichen Synagoge, die in der Fasanenstraße in Berlin stand. Der deutsche Kaiser war das Idol ihrer ersten Kindheitsjahre, und seine Hauptstadt war die Stadt ihrer Träume. Dann kam die Mitleidlosigkeit der Verfolgung, das furcht- bare tägliche Grauen, das die Füdin zu durchleben hatte! Niemand hat jemals die vielfacettierte Chronik von Schrek- ken und Heldentum aus dem Inneren her so überzeugend wiedergegeben. Wir finden hier Seiten, Zusammenstöße mit der Gestapo schildernd, die Dostojewskij unzweifelhaft mit Bewunderung gelesen hätte. Andere sind so menschlich warm, daß sie beinahe mehr am Herzen reißen, als ein Herz aushalten kann. Aber über allem stehend finden wir unentwegt den heroischen Entschluß, dem Haß keinen wei- teren Bekehrten zu gestatten, sondern durch das Verstehen den Frieden zu suchen und zu finden, von dem so viele Menschen so leichthin reden, ohne jemals wahrhaftig zu wissen, was diese Worte bedeuten. Dann behandelt das Buch ein neues Land, eine neue Liebe, einen neuen Vorsatz, unbeugsame Entschlossenheit. Immer alle Chancen gegen sich zu haben und nie zuzugeben, daß man dies ernst nehmen solle! Dieser Teil des Buches ist jedoch durchaus nicht einfach die Erzählung eines Immigran- ten. In gewissem Sinne hat unsere Autorin niemals wirklich ihre Zelte abgebrochen, trotz der mühseligen Wanderungen nach Ellis Island und des neuen, leidenschaftlichen Interesses an Amerika. Sie hat zu allen Zeiten mit ruhiger, gelassener Treue auf jener kleinen Insel der Seele verweilt, auf der diejenigen leben, die an die Menschheit glauben, weil sie von dem göttlichen Bild durchdrungen sind, was Mensch- heit in Wahrheit bedeutet und eines Tages werden mag. Ohne Zweifel ist Ilse Stanley in vieler Hinsicht absolut nicht das, was wir einen Heiligen nennen würden. Sie findet ihren Weg energisch zu einem Tisch in SARDTS und kämpft wie 8 eine Wildkatze um ein Fernsehprogramm. Sie kann mit jedem Lebewesen, Mann oder Frau, Kinnhaken austauschen, und sie tut es. Aber laßt uns daran denken, daß es etwas beinahe lächerlich Einfaches ist, was aus einem Menschen einen Dichter, Seher oder Heiligen macht. Es bedeutet: sich an dem Wissen von Heiligkeit festzubeißen wie ein Hund an einem Knochen. Unsere Autorin endet ihr Buch mit einem Traum, den sie unbeirrbar zu verwirklichen sucht. Sie hat diesem Be- mühen den Namen»Brückenbildner«(Bridge Builders) gegeben. Ich glaube fest daran, daß jeder, der ihr Buch bis zur letzten Seite liest, hier eine logische, überwältigend überzeugende Schlußfolgerung finden wird. Und dies ist einer der Gründe, aus denen ich hoffe, daß viele es lesen werden. a Si a TR N ET EN Are ee ee Se ERSTER TEIL Mein lieber deutscher Dichter Ringelnatz schrieb einst einen kleinen Vers für seine Frau als Dank für ihr Verstehen seines schwierigen Charakters. Die du meine Wege mit mir gehst, Jede Laune meiner Wimper spürst; Meine Häßlichkeiten duldest und verstehst— Weißt du denn, wie sehr du mich oft rührst? Wenn ich dich ansehe, Milton, muß ich so oft an diesen Vers denken. Ich weiß nicht, wieweit die Laune einer Wim- per eine Seele verraten kann; aber du hast mir die Erkennt- nis gegeben, wie tief menschliches Verstehen ein Herz zu rühren vermag. Als ich dich vor mehr als zwanzig Jahren in New York kennenlernte, hast du mich so oft gebeten, dir vieles zu er- klären, dir über den Horizont hinwegzuhelfen, über den hinaus du nicht zu meinem früheren Leben hindurchdringen konntest. Du warst ungeduldig darüber; und oft warst du traurig, besonders dann, wenn ich scheinbar Tausende von Meilen entfernt war. Es quälte dich, daß du mir nicht folgen konntest, daß ich dich allein zurückließ. Das habe ich nie getan. Doch ich konnte nichts erklären, meine Worte wären unverstanden geblieben. Du hattest von Kindheit an gelernt, Gefühle nicht zu demonstrieren und sie nur mit knappen Worten auszudrücken. Du warst ein Amerikaner, unbelastet von Leid und unbeschwert von Er- innerungen. Wenn ich nun mein Versprechen halten soll, dir von meinem früheren Leben zu erzählen, kann ich es nicht mit knappen und sachlichen Worten tun. Mein Leben war ein II Leben voll Verwirrung der Gefühle, voll seelischer Kon- flikte. Trotz glücklicher und brutalster Realität konnten diese nur mit dem Trieb des Herzens, nicht der Logik des Gehirns gelöst werden. Letzteres hätte zum Wahnsinn ge- führt. Deshalb kann auch nur das Herz von jenem Leben sprechen. Laß mich darum sentimental und kitschig, brutal, glücklich und traurig sein— laß mich ehrlich und wahr sein; meinen Gefühlen mit unbekleideten Worten Ausdruck ver- leihen. Denn ich war ja kein Amerikaner. Mit Millionen anderer war ich dazu ausersehen, zwei Leben zu leben. An einem Tag, der jedem Alltag glich, be- fahl man mir:»Halt! Lege alles nieder. Dieses Leben ist für dich zu Ende. Erfüllt oder nicht— es ist zu Ende. Du wirst nicht sterben. Geh fort und beginn ein neues!« Es ist nur zu menschlich, den Abschluß eines Lebens als eine schmerzvolle Tragödie zu betrachten. Diejenigen, die am Fenster stehen und das Leben an sich vorübergleiten sehen, müssen unter dem Gedanken leiden, es verschwendet und nicht erlebt zu haben. Andere, die nur dafür existierten, weltlichen Reichtum zu scheffeln, müssen sich unendlich arm dünken, da sie es nun mit leeren Händen verlassen müssen, ohne einen Wert zu haben. Jene, die sich brüsteten, an nichts zu glauben, werden sich nun fürchten. Und alle, die ihre Wurzeln eifrig und intensiv tief in den Heimatboden senkten, um die Struktur ihres Lebens so sicher wie möglich zu gestalten, werden nun traurig auf den Bau zurückblicken, den sie gehofft hatten zu erschaffen und den sie nun un- vollendet zurücklassen müssen. Meine Wurzeln ruhten tief in der deutschen Erde. Als ich versuchte, sie herauszulösen, brachen vielleicht einige ab und blieben in der Erde. Wie könnte ich es sonst erklären, daß zuweilen eine stille Kraft aus weiter Ferne leise, aber be- harrlich an meinem Herzen zieht? Vielleicht wird eines Tages mein erstes Leben vergessen sein und nur unwirklich in Momenten auftauchen, wie wir manchmal sagen:»Habe ich das nicht schon einmal erlebt?« und dann lachend den Gedanken mit der Bemerkung ab- schütteln:» Vielleicht in einer anderen Welt!« I2 REES BASE REF RR FHEFRRSF ERFREUT FREE RER SH ir | t Vielleicht wird es eines Tages so sein. Heute schmerzen die Narben noch, wie der Stumpf eines amputierten Beines einen Mann sagen läßt:»Mein Fuß schmerzt.« Und er weiß doch, daß er keinen Fuß mehr hat, der schmerzen könnte! Mein erstes Leben begann in einer kleinen, rußigen und farblosen deutschen Stadt. Grubenarbeiter und ihre Fami- lien sind ernste, schwere Menschen. Die Stadt hat meiner Erinnerung nichts Strahlendes zu bieten, und doch lächle ich, wenn ich an sie denke, denn sie war meine Heimat. Meines Vaters Tempel stand in einer schmalen Gasse. Wann immer ich später»Wilhelm Tell« sah und ihn mur- meln hörte:»Durch diese hohle Gasse muß er kommen«, dachte ich an den Tempel meiner kleinen Geburtsstadt. Sein Boden war mit rotem Teppichbelag bedeckt. Wenn mein Vater ein Gebet für den Frieden sprach, trat er immer einige Schritte zurück, um zu der heiligen Lade aufzusehen. So oft war er diese Schritte gegangen, daß der Teppich unter seinen Füßen abgetreten war. Warum betete er so inbrünstig um Frieden? Es war 1912, und Deutschland lebte in Frieden! Als ich zum erstenmal den Tempel sah, hatte man den abgetretenen Teppich bereits repariert— mit einem Vier- eck aus schwarzem Velours mit roten Rosen. Niemand konnte mir erklären, warum man schwarzen Velours mit roten Rosen gewählt hatte. Hätte mein Vater mit seinen Gebeten um Frieden Gehör gefunden, so hätte ich dem Tempel später einen neuen roten Teppichbelag geschenkt. Aber Menschen machten Krieg. Heute könnte ich dem Tempel einen neuen Teppich schenken— doch es steht kein Tempel mehr dort, wohin ich ihn senden wollte. Das Viereck aus schwarzem Velours mit roten Rosen blieb die allererste Erinnerung an meine Kindheit. Die erste große Änderung in meinem Leben kam, als mein Vater an den neuen Tempel in Berlin berufen wurde. Der neue Tempel! Man sprach von ihm in ehrfurchtsvoll bewunderndem Ton. Und mein Vater erklärte meiner Mutter:»Die Berliner Luft— sie hat etwas so Besonderes— so Aufregendes. Du wirst sehr glücklich in Berlin sein.« Als der Zug an den ersten Häusern von Berlin vorüber- fuhr, hielt mein Vater mich auf dem Arm und ließ mich 13 aus dem Fenster schauen. Ich atmete tief und eifrig. Doch ich spürte nur den beißenden Rauch der Lokomotive, der für mich damals absolut nichts Erregendes hatte. Später war es anders. Ich reiste viel umher und sah schöne Länder; doch wenn ich die ersten Häuser von Berlin sah und der scharfe Rauch der Lokomotive mir die Tränen in die Augen trieb, schlug mein Herz schneller vor Erregung bei dem Gedan- ken an Heimkehr. Wir kamen spät am Abend in Berlin an. Ich erinnere mich nur noch der bleiernen Müdigkeit, die meine Augen ge- schlossen hielt. Eine Agentur hatte für uns eine Wohnung genau gegenüber dem neuen Tempel gemietet. »Das Gerüst steht noch«, hörte ich meinen Vater sagen, und dann schlief ich fest in seinem Arm ein. Am nächsten Morgen sah ich das neue Haus zum ersten- mal. Unsere Möbel waren angekommen; meine Mutter und unser Mädchen, das aus der kleinen Stadt mit uns gekom- men war, waren mit dem Einräumen beschäftigt. Mein Vater stattete dem Vorsitzenden der Gemeinde einen Be- such ab— niemand vermißte mich. Ich schlich leise aus dem Haus und auf die andere Seite der Straße. Menschen erkennen selten im Leben den Augenblick, in dem sie ihrem Schicksal begegnen. Doch als ich plötzlich mein kindliches Trippeln unterbrach und still stand, als seien meine Füße am Boden festgenagelt, schlug mein Herz ganz schnell in einem Empfinden vollkommenen Glückes. Du bist ein wunderschönes Haus, dachte ich. Und ich werde mein ganzes Leben lang gegenüber von dir woh- nen und dich immer sehen. Vielleicht werde ich eines Tages reich genug sein, dich zu kaufen. Dann wirst du mir ge- hören. Das Gerüst konnte seine Schönheit nicht verhüllen. Der weiße Sandstein schimmerte hindurch, und die Sonne ließ die farbigen Glasfenster wie Diamanten strahlen. Ein langer Hof trennte den Tempel von einem kleineren Gebäude, das die Wohnungen des Kastellans und des Por- tiers enthielt. Es hatte ein rotes Dach und einen viereckigen Vorplatz mit guter Erde, dazu bestimmt, mit Rasen und Blumen geschmückt zu werden. 14 Vielleicht werde ich niemals reich genug sein, um das große Haus zu kaufen, dachte ich; oder vielleicht werden sie es nicht verkaufen, weil es ja doch für den lieben Gott gebaut worden ist. Aber dann werde ich wenigstens das kleine Haus kaufen können. Ich konnte es nicht länger ertragen, das Haus nur von der Außenseite zu betrachten, und kroch durch das Gerüst in den Hof. Einer der Arbeiter sah mich. »He, paß auf, Mädel!« rief er zu mir herunter.»Gib acht, sonst kannst du dir sehr weh tun!« Wie dumm der Mann ist, dachte ich. Wie kann ich mir hier weh tun! Weiß er denn nicht, daß das Haus dem lieben Gott gehört? Ich kletterte mühsam die für meine Kinder- beine zu hohen Stufen hinauf und betrat das Haus durch eine Seitentür. Die sonnige Hitze des Frühsommermorgens war ausgeschlossen, und die silbergraue schattige Ruhe des Vestibüls liebkoste mich mit ihrer Kühle. Leise, den Frieden nicht zu stören, schlich ich zu der großen Mitteltür. Das schwere, aus feinstem Holz geschnitzte Portal setzte meinem Versuch, es zu öffnen, Widerstand entgegen. End- lich gelang es mir, mich durch einen Spalt hindurchzu- zwängen. Die Tür schloß sich hinter mir automatisch, sanft und geräuschlos. Hier stand ich, unbeschreiblich klein, als erste das Haus zu sehen und in ihm zu weinen. Ich weiß nicht, was mir in jenem Augenblick die Tränen in die Augen trieb; vielleicht war es die überwältigende Größe und Schönheit des Raumes. Ich mußte mich weit zurückbeugen, um die drei Kuppeln betrachten zu können. Sie erschienen mir hoch wie der Him- mel, und noch schöner. Der Himmel war nur blau, diese Kuppeln schimmerten in Tausenden von Farben. Unzählige feine, bunte Mosaiksteine waren in mühsamer Handarbeit aneinandergesetzt worden. Wohin ich blickte— dieselbe Symphonie der Farben. Mit den weißen Wänden als Hin- tergrund und den strahlenden bunten Glasfenstern war es für mich der traumhafte Palast aus einem Märchenbuch. Langsam ging ich durch den breiten Mittelgang zum Altar. Die Teppiche waren noch nicht gelegt; das glitzernde 15 Alabasterweiß der Stufen erhöhte den Eindruck blendender Unwirklichkeit. Auf der ersten Plattform, umgeben von der weißen Balustrade, stand der Altartisch. Auf der zweiten Plattform ruhte die Kanzel, und drei Stufen höher erstreckte sich die letzte Plattform mit drei herrlichen schweren Bronzetüren. Die beiden kleineren an jeder Seite führten zu den Räumen der Geistlichen; das hohe prachtvolle Mittel- portal öffnete sich langsam und majestätisch zu dem Schrein, in dem später die heiligen Schriften ruhen würden. Über der Kanzel wölbte sich schützend ein Alabaster-Baldachin; von seiner schimmernden Mosaikdecke hing die feine Bronzelampe, in der das Ewige Licht brannte. Plötzlich fiel mir ein, daß man mich bestimmt suchen würde. So schnell ich konnte, lief ich durch den Mittelgang dem Ausgang zu. Doch bevor ich die schwere Tür aufschob, drehte ich mich noch einmal um und sah zu dem herrlichen Bild der Kuppeln auf. Und mein Herz dachte: »Bitte, lieber Gott, sei glücklich hier.« So geschah es, daß ich als erste in dem neuen Haus betete. Ich wußte damals nicht, daß ich auch die letzte sein würde. Berliner Luft war erregend. Berlin war groß wie die Welt, brutal wie die Hölle und sanft wie das Paradies im Mär- chenbuch der Kinder. Wir lebten in dem gepflegten Westen, in einer Seitenstraße des Kurfürstendamms; einer schönen Wohngegend, die in keiner Weise die existierende Brutali- tät der Stadt ahnen ließ. Mein Leben war behütet; von meinen Eltern, einem gesellschaftlich erstklassigen Heim, einer Gouvernante und meinem neuen Haus. Zwei Wochen nach unserer Ankunft wurde das Gerüst von dem Haus gelöst. Es war ein großer Tag. Ich durfte die Wohnung nicht verlassen; meine Mutter fürchtete, ich könnte von einem Balken verletzt werden. Doch ich konnte durch das Fenster alles genau beobachten. Ich war glücklich 16 zu sehen, wie sich der schöne, weiße Bau langsam von dem Holzgerüst befreite. Als die letzten Bretter fortgeräumt waren, erschien die ganze Straße heller und leuchtender. Von allen Seiten strömten Menschen herbei, um den neuen Tempel zu bewundern. Fotografen nahmen den ganzen Tag Bilder auf, und Zeitungsreporter standen in der Mitte der Straße und machten Notizen über alles. Am nächsten Tag ging mein Vater mit mir aus. Er war ein junger, sehr interessanter Mann, groß, stattlich, mit hellblondem Haar, blauen Augen und einer auffallend ge- raden, aufrechten Haltung. Ich ging gern neben ihm. Wußte ich doch genau, daß die erwachsenen Damen, deren bewundernde Blicke ich auffing, mich um seine Gesellschaft beneideten. Meine Erregung stieg, als mein Vater mir den Grund für den Spaziergang erklärte. »Du hast Glück, mein Kind«, sagte er lachend.»Es be- steht ein außergewöhnlicher Grund dafür, dir ein neues Kleid und vielleicht auch neue Schuhe zu kaufen. Mutter hatte zu viel zu tun, und so muß ich mit dir einkaufen gehen. Wenn ich Mutters Sparsamkeit und meinen leicht- sinnigen Geschmack bedenke, sage ich nochmals, du hast Glück! Vielleicht war dies auch der Grund, weshalb Mutter heute morgen so außerordentlich beschäftigt war? Wie dem auch sei, die Gelegenheit rechtfertigt einen gewissen Leicht- sinn.« »Welche Gelegenheit, Papa?« »Der Kaiser wird morgen zur Fasanenstraße kommen, um sich den neuen Tempel anzusehen.« »Der Kaiser?« »Ja, mein Kind.« Ich hatte den Kaiser schon einmal gesehen, aber natürlich nur aus der Entfernung. An dem ersten Sonntagmorgen nach unserer Ankunft hatte mich mein Vater zu der Straße »Unter den Linden« gebracht. Es war eine der schönsten, reichsten und berühmtesten Straßen Europas. Wir gingen die Linden hinunter zum Kaiserlichen Schloß. Hunderte von Menschen warteten dort, um ihren Herrscher zu bewun- dern. Unter dem Jubel der Menge fuhr die Kutsche mit dem Kaiser, der freundlich grüßte, langsam zum Dom, in dem 17 er dem Gottesdienst beiwohnte. Aus allen Gegenden Deutschlands reisten Menschen für viele Stunden, um wenigstens einmal ihren Landesherrn persönlich zu sehen. Er war der Zauber, der ihre Tage erhellte. Das festliche Bild, die glitzernden Farben und die frohe Musik der Kapelle, die vor dem Schloß spielte, gaben ihrem meist sor- genvollen Leben Frohsinn. Mein Vater hob mich hoch über die Menge auf seine Schultern. Ich konnte trotzdem nicht viel mehr erspähen als die herrlichen Pferde und die bunten Uniformen; aber die Vorstellung, daß eine dieser Uniformen vom Kaiser getragen wurde, verlieh dem Bild Romantik. Und nun wollte der Kaiser kommen, um sich mein neues Haus anzusehen! Er hatte aus seiner Fabrik in Kadin herr- liche Kacheln gesandt, die nun die Wände des neu errich- teten Trausaales schmückten. Es war seine Geste des Re- spekts gegenüber seinen jüdischen Untertanen. »Papa, werde ich den Kaiser sehen können?« »Ja, Ilse.« »Vom Wohnzimmerfenster aus?« »Du wirst eine bessere Chance haben. Du wirst mit mir zum Tempel kommen und dem Kaiser einen Blumenstrauß überreichen. Dies ist der Grund für das neue Kleid und die neuen Schuhe. Und dies scheint auch der Grund für die Tat- sache zu sein, daß ich auserkoren wurde, diese Dinge zu kaufen.« Meines Vaters Großzügigkeit überstieg alle Erwartun- gen. Meine Mutter schüttelte mißbilligend den Kopf über soviel Leichtsinn, als wir ein weißes Kleid mit Schweizer Stickerei, rotem Lackledergürtel und einer kleinen roten Seidenschleife am Kragen auspackten. Dazu kamen noch lange weiße Strümpfe, schwarze Lackschuhe und schließlich eine große weiße Haarschleife, um meine langen roten Zöpfe zusammenzuhalten. Während der folgenden Nacht konnte ich natürlich nicht schlafen. Als ich endlich fix und fertig angezogen war, war ich viel zu aufgeregt, mich für die neuen Sachen zu inter- essieren. An jenem Tage hatte ich nicht die geringste Vor- ahnung, daß viele Jahre später, zu einer Zeit, in der kein 18 Kaiser mehr existierte, das Ereignis seines Besuches dazu dienen würde, mich aus Lebensgefahr zu retten. Ich war zu klein, um vieles aus jenen Jahren in der Erinnerung fest- zuhalten, doch der Besuch des Kaisers blieb ein Lichtpunkt in meinem Herzen. Vier Jahre später wurde er brutal ausgelöscht, als mein Vater eines Morgens mit einer Zeitung in der Hand in mein Zimmer kam und sich müde auf den Rand meines Bettes setzte. Ich erschrak tief; mein Vater weinte. Ich hatte nie- mals geglaubt, daß Männer weinten! Mein Vater gab mir die Zeitung. Ich sah den Satz, der in großen Buchstaben auf der ersten Seite gedruckt war: Der Kaiser ist geflohen. Ich konnte es nicht fassen. »Geflohen, Papa? Vor wem? Vor dem Feind?« „Nein. Vor uns.« Ich höre noch heute den Klang seiner Stimme. Ich konnte es nicht glauben. Warum sollte denn der Kaiser vor uns fliehen? Vor den Menschen, die ihn liebten? Ich wußte, wir hatten den Krieg verloren und waren in ge- fahrvoller Not. Ich hatte gehört, daß Kommunisten ver- sucht hätten, im Inneren von Berlin eine Art von Revolu- tion anzufangen. Wir hatten sogar Schüsse gehört. Aber was hatte denn all das mit dem Kaiser zu tun? Er konnte doch leicht Ordnung zwischen seinen Untertanen herstellen! Sie hatten immer auf ihn gehört; sie würden ihm selbstver- ständlich auch diesmal gehorchen! Er konnte doch nicht fortgelaufen sein! Nicht mein geliebter, schimmernder Kaiser! Ich mußte bald die bittere Wahrheit glauben. Vielleicht war es gut, daß ich meine erste tiefe Enttäuschung so früh erfuhr, aber sie war schwer zu akzeptieren. Mein herr- licher Kaiser— ein schwacher Mensch; seine goldenen Waf- fen— billiges Messing; seine Liebe zu uns— leere Worte. Anstatt uns zu beschützen, hatte er uns verlassen. Ich ver- sprach mir, nie mehr an die selbstlose Führung eines ein- zelnen Herrschers zu glauben. Und ich habe es nie mehr getan. 19 Bald nach der Einweihung meines Hauses baten berühmte Künstler den Vorstand um Erlaubnis, in ihm Konzerte und Vortragsabende zu geben. Mit freudiger Erregung be- obachtete ich stets die Ankunft der Wagen und hatte das Gefühl, ein wenig dazuzugehören. An einem sehr kalten Winterabend beunruhigte mich eine Unterhaltung zwischen meinen Eltern, die ich während des Abendessens hörte. »Ich bin sehr besorgt«, sagte mein Vater.»Dieser Frau hätte ich den Tempel nicht gegeben.« Meine Mutter war anderer Ansicht.»Sie ist eine berühmte Schauspielerin; sie wird nichts tun, das ihrer Karriere scha- den könnte.« Papa schüttelte den Kopf.»Sie ist als religiöse Fanatikerin bekannt. Gott weiß, was passieren kann. Ich werde jeden- falls rechtzeitig hinübergehen und meine Augen offenhal- ten.« Diese Unterhaltung flößte mir Furcht ein. Nach einer Kon- ferenz mit meiner Gouvernante, in der ich versprach, am nächsten Nachmittag eine Stunde zu schlafen, erhielt ich die Erlaubnis, bis zehn Uhr aufzubleiben. Sobald meine Eltern das Haus verlassen hatten, ließen wir uns am Fenster nieder und beobachteten die Vorgänge gegenüber. Der Schnee fiel in dichten Flocken und trübte die Aussicht auf mein Haus, als ein Wagen nach dem anderen vor dem gro- Ben Eingangsportal hielt. Elegant gekleidete Paare, die Kragen der Mäntel und Capes hochgeschlagen, um sich vor dem eisigen Wind zu schützen, eilten die Stufen herauf. Alles schien viel weniger festlich als an anderen Abenden zu sein, und meine Gouvernante konnte nicht verstehen, warum ich darauf bestand, noch weiter zuzuschauen. »Hast du denn nicht gehört?« sagte ich aufgeregt.»Mein Vater fürchtete eine Gefahr.« Nach einer Weile ließ der Andrang nach, und die Außen- türen wurden geschlossen. Nur das große Mittelportal blieb für Nachzügler offen. 20 „Das ist alles», sagte meine Gouvernante.»Der Vortrag hat bereits angefangen. Nun wird nichts mehr passieren.« „Warum wartet diese Kutsche da unten?« fragte ich und zeigte auf den einsamen Wagen, der vor der Mitteltür stand. Ich wurde müde und war bereit aufzugeben, als das Furcht- bare passierte. Eine Frau, ohne Hut oder Schal, in ein Cape gehüllt, rannte aus dem Tempel und die Treppe herunter. Sie raffte ihr langes Abendkleid hoch, um nicht zu fallen, lief zu der wartenden Kutsche, stieg ein, und im nächsten Augenblick fuhr der Wagen fort. Dann stürmten Menschen aus dem Haus, offensichtlich, um sie zu verfolgen. Wir konnten nicht hören, was vorging, aber die Menschen gestikulierten wild und waren sichtlich aufgeregt. Einige eilten die Straße hinunter, andere liefen zurück in den Tempel. Ich begann vor Angst zu weinen. Meine Eltern kamen sehr aufgeregt herüber, aber ich konnte nichts erfahren. Mein Vater bestand darauf, daß ich sofort schlafen ginge; er versicherte, daß alles in Ordnung sei und mein Haus sich nicht mehr in Gefahr befände. Am nächsten Morgen hörte ich alles, als der Milchhändler es einem Kunden erzählte. Die Schauspielerin war vor den Altar getreten, hatte die Arme weit im Zeichen des Kreuzes ausgestreckt und ge- rufen:»Gelobt sei Jesus Christus, unser Gott!« Dann war sie die Treppen herunter durch den Notausgang des Tempels geflüchtet und entkommen. Niemand konnte verstehen, wie sie in dem hohen Schnee so schnell entkommen konnte. Nie- mand wußte, ob sie einen absichtlichen Versuch gemacht hatte, den Tempel zu entweihen. Dieses Rätsel hätte ich so- fort aufklären können. Natürlich hatte sie es arrangiert, denn die Kutsche hatte ja auf sie gewartet. Dieser Umstand erklärte auch die Schnelligkeit ihrer Flucht. Ich hatte jedoch über viel schwerere Fragen nachzudenken und suchte die Antwort bei meinem Vater. Es war meine erste Unterhaltung über religiöse Konflikte und blieb, viel- leicht aus diesem Grund, lebhaft in meiner Erinnerung. »Papa, was ist gestern geschehen?« „Eine schlechte Frau hat versucht, unseren Tempel zu ent- weihen.« 2I »Wie denn, Papa?« »Indem sie den Namen Jesus Christus vor einem jüdischen Altar ausgesprochen hat.« »Wer war Jesus Christus, Papa? Die Kinder auf der Straße haben mir einmal gesagt, daß die Juden Jesus Christus ge- kreuzigt haben.« »Das stimmt nicht, mein Kind. Jesus ist von den Römern gekreuzigt worden.« »Warum?« »Du wirst das alles später in der Schule lernen. Ich habe heute nicht die Geduld, es dir zu erklären. Ich bin noch immer erregt über den gestrigen Vorfall.« »Papa, warum hat sie gerufen»Gelobt sei Jesus Christus, unser Gott«protestantischDavis ist neunzehnhundertdreiunddreißig gestorben«. Haben Sie Ihren Namen geändert.« »Ja. In legaler Weise! Ich habe geheiratet.« Er sah überrascht aus.»Daran habe ich nicht gedacht«, sagte er.»Es ist für mich schwer, an Sie als eine verheiratete Frau zu denken. Sind Sie auch ganz sicher, daß Sie dies alles unternehmen wollen?« »Ja.« Mein Ton klang entschieden, und er fragte nicht mehr. Er fuhr fort, mich zu informieren.»Sie werden mit dem Wagen zum Lager fahren. Sie werden am Stacheldraht hal- ten und allein aus dem Wagen steigen. Sie werden von ein oder zwei Männern am Eingang angehalten werden. Von dem Moment an sind Sie auf sich selbst angewiesen. Ich kann nicht voraussagen, was passieren kann.« »Und wenn sie mich fragen, wer mir die Papiere und diese Scheine gegeben hat?« »Das habe ich erledigt«, sagte er.»Ich habe mit einem Freund von mir gesprochen. Er ist offiziell ein hoher Partei- anwalt. Wenn man fragen sollte, was ich bezweifle, wer Ihnen die Papiere gesandt hat, nennen Sie seinen Namen. 100 Das sollte genügen. Meist befolgen diese Männer Befehle blindlings. Wenn sie wider aller Erwartung weiterfragen sollten, sagen Sie, Sie wüßten nichts weiter, man solle den Anwalt fragen. Geben Sie unter keinen Umständen freiwil- lige Auskunft. Ihre Papiere identifizieren Sie als Wohlfahrts- angestellte.« Er hielt inne, dachte einen Moment nach und fuhr dann in sachlichem Ton fort: »Ich besorge Ihnen einen Wagen mit einem unverdächtigen Fahrer. Ein jüdischer würde Mißtrauen erregen. Ich kenne einen jungen Mann, einen— sagen wir, scharfen Gegner des Nationalsozialismus. Ich glaube, er wird die Aufgabe gern übernehmen. Er hat einen klugen Kopf und wird auf schlaue Fragen keine dummen Antworten geben. Und er hat einen Wagen. Ich werde mit ihm sprechen. Wenn er Sie anruft, besprechen Sie nichts mit ihm am Telefon, treffen Sie nur eine Verabredung mit ihm in einer unscheinbaren Kondito- rei, in einer Gegend, in der Sie nicht bekannt sind.« Ich nickte. »Nun kommen wir zu den zwei wichtigsten Punkten.« Er brach plötzlich ab und starrte mich an. Ich hatte versucht, das Angstgefühl, das mein Herz zusam- menpreßte, durch tiefe Atemzüge zu lösen. Der Gedanke an tiefes Atmen führte zu dem Gedanken an Johannes Itten und was er wohl zu dieser Situation sagen würde. Der Zu- sammenhang brachte ein Lächeln auf mein Gesicht. »„Worüber lächeln Sie?« fragte Fritz erstaunt. »Ich mußte an etwas denken.« »Gut, Sie für einen Moment lächeln zu sehen«, sagte er leise. »Ich werde viel zu Gott beten, daß niemand es von Ihrem Gesicht löscht. Nun passen Sie genau auf. Sie müssen einen Menschen haben, dem Sie vertrauen können und dem Sie alles erzählen. Sie müssen diese Wahl äußerst vorsichtig tref- fen. Dieser Mann hat nicht nur Ihr Leben und meins, auch dasjenige des Anwalts, des Fahrers und— einiger anderer in seiner Hand. Er muß genau wissen, wann Sie gehen und voraussichtlich zurück sein sollten. Sie müssen ihn dann an einem bestimmten Platz treffen, damit er weiß, daß Sie zu- rückgekommen sind. Falls Sie nicht zurückkommen, muß er mich unter einer Nummer anrufen, die ich Ihnen geben 10I EEE HVGEERFEBSEPFRTTIN TESTER ETTTEDTEET BIEDIS EEE Te werde. Er darf diese Nummer nicht aufschreiben, er muß sie auswendig lernen. Er darf mich auch nur im Fall höchster Gefahr anrufen, das heißt, wenn er weiß, daß Sie ungefähr zwei Stunden überfällig sind. Glauben Sie, einen solchen Freund zu haben?« »Ja«, sagte ich.»Ich denke, ich habe einen.« »Wählen Sie niemanden, der zu Ihrer Familie gehört oder viel in Ihrem Haus gesehen wird. Und nochmals: kein Wort zu Ihrer Familie!« Er sah mich fragend von der Seite an.»Wird das nicht sehr schwer mit Ihrem Mann sein?« »Sorgen Sie sich nicht darum«, sagte ich undurchdringlich, »niemand wird ein Wort erfahren.« »Nun kommen wir zu dem letzten Punkt, dem schwierig- sten«, sagte er beinahe hart, als ob er die Schwierigkeit unterstreichen wolle.»Sie müssen darauf trainieren, ein völ- lig unbewegtes Gesicht zu bewahren— gleichgültig, was Sie vor sich sehen und wie plötzlich Sie es sehen. Sie dürfen nicht reagieren, selbst wenn Sie plötzlich etwas— oder sagen wir, wenn Sie plötzlich gezwungen sein sollten, auf etwas Furchtbares zu schauen. Ich bin durch dieses Training ge- gangen. Ich weiß, wie schwierig es ist, die Muskeln des Ge- sichts unter Kontrolle zu haben und die Augen nichts von dem verraten zu lassen, was man empfindet. Es ist besonders schwer in Ihrem Fall. Ihre Augen sind sehr ausdrucksvoll und spiegeln jede Reaktion.« »Sorgen Sie sich nicht darum«, sagte ich.»Es ist für mich nicht so schwer, wie Sie denken.« Jetzt nahmen seine Augen einen tiefbesorgten Ausdruck an. »Sie unterschätzen die Schwierigkeit«, sagte er.»Der An- blick von rohem Leben kann sehr brutal sein. Ich hoffe, Sie werden keine Erfahrungen haben, die Sie dies lehren.« »Ich habe gelernt, eine Rolljalousie über meine Augen und meine Seele zu ziehen. Und ich habe gelernt, das Leben bei der Gurgel zu packen.« Er konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.»Das klingt ja sehr interessant. Wer war Ihr Lehrmeister?« »Sie würden mir die Kombination nicht glauben. Und lächeln Sie nicht so überlegen.« IOo2 »Ich dachte gerade daran, daß Sie viel zu weiche und sanfte Hände haben, um»das Leben bei der Gurgel zu packen«.« „Ich werde es schon schaffen.« „Bitte, Ilse«, wiederholte er,»unterschätzen Sie nichts. Die kleinste Reaktion kann bei diesen brutalen Primitiven Miß- trauen erregen und unabsehbare Folgen haben. Und denken Sie immer daran: sowohl die Männer am Stacheldraht wie auch derjenige, den Sie herausholen wollen, werden voraus- sichtlich sehr von dem abweichen, was Sie sonst sehen. Keine Reaktion! Was immer Sie fühlen: keine Reaktion! Oder Sie sind verloren.« »Sorgen Sie sich nicht. Ich werde trainieren.« »Der junge Mann mit dem Wagen wird Sie in zwei bis drei Tagen anrufen. Er wird nach Fräulein Feldern fragen. Ver- suchen Sie selbst am Telefon zu sein oder sagen Sie Ihrem Mann, Fräulein Feldern sei eine Freundin, für die Sie An- rufe entgegennehmen. Sie müssen sehr schnell eine Entschul- digung zur Hand haben, jederzeit, und sie muß glaubhaft klingen. Ich fürchte, Sie werden es lernen müssen, Ihren Mann anzulügen.« »Ich sagte, Sie sollen sich nicht darum sorgen«, sagte ich ruhig. Er sah mich fragend an.»Das Gesicht war in der Tat unbeweglich.« Wir verließen die Konditorei. Auf der Straße streckte ich meine Hand aus. »Danke— für alles.« Er drückte meine Hand schnell und hart. »Mach’s gut, Ilse.« Dann ging er rasch fort, ohne sich umzusehen. »Mach’s gut«— man sagte es so oft in Augenblicken des Abschiednehmens, wissend, daß der andere eine schwere oder gefährliche Reise antrat. Man hörte das Wort in jedem Krieg, auf jedem Bahnhof, von dem aus Soldaten ins Feld fuhren. Mütter sagten es mit einem letzten schnellen Kuß, Gattinnen und Freundinnen flüsterten es, wenn der Zug die Halle verließ. »Mach’s gut«— es enthielt alles; einen Wunsch, eine War- nung, ein Gebet. 103 19 Ich kehrte— körperlich— unbeschädigt vom Lager zurück. Ich hatte mich für meine Aufgabe sorgfältig vorbereitet. Mein Gesicht war unbeweglich, und meine Augen reflektierten nichts von dem Schmerz, der mein Herz beim Anblick des menschlichen Elends zusammenkrampfte. Dank Fritz’ ge- nauer Instruktionen hatte ich es mit meiner ersten Fahrt scheinbar leicht. Ich hatte mir einsuggeriert, daß ich zu einer bestimmten Stelle fuhr, dort ein Paket abholte und dieses an einer bestimmten Stelle in Berlin abzuliefern hatte. Ich durfte einfach meinem Gehirn nicht gestatten, in Betracht zu ziehen, daß dieses Paket ein Mensch und die Stelle, zu der ich fuhr, die Hölle war; und daß ich selbst mich in größter Gefahr befand. Nach der Rückkehr von meiner ersten Fahrt war ich natür- lich entschlossen, mein Werk fortzusetzen. Jede andere Er- wägung würde einen Schritt rückwärts bedeutet haben, und ich bin niemals im Leben freiwillig rückwärts gegangen. Das Erlebnis, ein menschliches Leben zu retten, ist zu groß, um es nicht wiederholen zu wollen, wenn einem diese Gnade gegeben wird. Ich kann schwer beschreiben, was mich an- trieb, dieses gefahrvolle Werk zu tun. Vielleicht war es das Wissen, daß Fritz sein Leben aufs Spiel setzte und ich nicht weniger tun dürfte. Vielleicht, weil die erste Fahrt mich von der starren Betäubung erlöste, die mich während der letzten Jahre gefangengehalten hatte. Vielleicht empfand ich im Unterbewußtsein eine Art von Schuldgefühl angesichts der Tatsache, daß ich weniger litt und auch weniger fürchtete als viele andere jüdische Menschen. Die überwältigende in- nere Freude, die ich empfand, wenn ich einen Geretteten nach Hause und zu seiner Familie bringen konnte, ließ mich alle ausgestandenen Schrecken und Gefahren vergessen. Ich tat es bestimmt nicht des Abenteuers oder der damit verbundenen Erregung wegen; auch nicht— um ehrlich mit mir selbst zu sein— für diejenigen, die ich rettete. Ich war nicht an Persönlichkeiten interessiert. Sie mußten Akten für mich bleiben, und ich trainierte mich sorgfältig dazu, sie so- weit wie möglich als solche zu bearbeiten. Man hat kein Gefühl für Akten, und es war außerordentlich wichtig, mich dahingehend zu entwickeln. Die physische Aufgabe, Men- schen aus dem Lager zu holen, war atemberaubend an- strengend und erforderte meine höchste Konzentration. Diese ließ mir auch kaum Zeit, an Gefahren zu denken. Ich machte diese Fahrten in einer Art geistiger Starre. Das Training war aber doch noch schwieriger, als ich es mir vorgestellt hatte. Es bedingte eine Willensstärke, die ich mir nie zugetraut hätte, doch mit der Zeit gelang es mir, nicht nur meine Nerven, sondern auch meine Gesichts- und Ma- genmuskeln völlig zu beherrschen. Ich hatte Glück, daß meine ersten Fahrten mich nicht zu hart auf die Probe stell- ten. Als ich bei einer meiner späteren Aktionen plötzlich einen aufgehängten Mann sah, drehte sich mein Magen, und der Boden schien sich unter meinen Füßen aufzubäumen. Aber ich fühlte die Augen des Aufsehers, und mein Gesicht blieb hart und unbewegt. Ich starrte geradeaus und ver- suchte daran zu denken, wie viele Leben ich retten könnte, wenn es mir gelänge, meine Übelkeit und das Zittern meiner Knie zu überwinden. Der Aufseher lachte.»Hübsche Aussicht, was?« Ich zwang meinen Blick zu dem Bild, auf das er wies, und dachte schnell an Johannes Itten. Es gelang mir, mit einem tiefen Atemzug meine Nerven zu entspannen. Ich zuckte scheinbar gleichgültig die Achseln.»Na ja«, sagte ich,»wir müssen ja alle mal gehen. Kein großer Unterschied, auf welche Weise wir abschieben, was?« »Richtig«, sagte er, und ich konnte einen Unterton der Furcht in seiner Stimme hören.»Haben Sie denn gar keine Angst, zu sterben?« fragte er beinahe ungläubig. »Nie gehabt«, behauptete ich.»Bin zu beschäftigt, um dar- über nachzudenken.« Nach diesem Ereignis konnte ich alles leichter ertragen. Ich war bei einem Zustand angelangt, der es mir ermöglichte, fast wie ein Automat zu gehen und zu sprechen. Ich erwachte erst wieder zum Leben, wenn ich die Lichter von Berlin auf- tauchen sah. Heute hat jene Zeit in meiner Erinnerung die Struktur eines 105 furchterregenden Abenteuerromans— von dem mitleidigen Schleier der Zeit in nebelhafte Unwirklichkeit gekleidet. Doch bis an das Ende meines Lebens werde ich beim Kni- stern von Feuer und dem Anblick von Stacheldraht im Innersten erbeben. Und ich konnte seit jenen Tagen kein Kleidungsstück ertragen, das sich dicht um meinen Hals schloß. Oft bitten mich Menschen, aus Neugierde oder ehrlichem Interesse, genauere Einzelheiten meiner Erlebnisse bei Vor- tragsabenden zu schildern. Aber ich sage nie mehr über meine negativen Erlebnisse oder meine Empfindungen, als ich hier niedergeschrieben habe. Wir haben Filme gesehen und Bü- cher über die Fürchterlichkeiten jener Zeit gelesen. Sie sind nicht mehr von Wichtigkeit, soweit es die Entwicklung unseres Denkens für die Zukunft angeht. Ich werde nur solche Erlebnisse wiedergeben, die meinem positiven Ziel dienen können, die Grundlage des Guten im Menschen zu zeigen, selbst in einer Zeit, die durch Ströme von Blut ge- kennzeichnet ist. Ich will von seltenen Erlebnissen erzählen, die durch ihre positive Kraft uns in schwierigen Augenblik- ken des täglichen Lebens einen Schimmer der Hoffnung geben können. Ich lehne es ab, Negatives zu schreiben, selbst negativen Zeitgeist zu kritisieren, wenn meine darauffolgen- den Gedanken sich nicht mit Vorschlägen und Ideen der Aufklärung und des Fortschrittes beschäftigen. Dies ist die Verantwortung eines Autors, der Verantwortung fühlt. Und mit dem Bewußtsein dieser Verantwortung lege ich hier meine Erfahrungen, die ich erwarb, als ich gegen die Schrek- ken jener Jahre kämpfte, als objektives Zeitbild nieder: Alle Fürchterlichkeiten der Konzentrationslager, die in Fil- men gezeigt und in Büchern beschrieben wurden, sind wahr. Sie können nicht von denen abgeleugnet werden, die es vor- ziehen würden, sie als Haßpropaganda gegen Deutschland achselzuckend abzutun. Alle Fürchterlichkeiten sind Tat- sachen. Perverse Menschen haben geeignete Subjekte dazu trainiert, unbeschreibliche Grausamkeiten, Torturen und Morde auszuüben. Juden, Katholiken und unzählige andere unglückliche Mär- tyrer mußten Qualen ertragen, die selbst in der Zeit der 106 spanischen Inquisition unbekannt waren. Nur um ihrer reli- giösen oder politischen Zugehörigkeit willen wurden Mil- lionen unschuldiger Menschen eingesperrt, geschlagen, ge- foltert, ermordet und verbrannt. Nichts— nichts kann jemals diese Massenmorde entschuldigen, leugnen oder ungeschehen machen. Es gibt überall in der Welt Unmenschen, die ver- gewaltigen, um ihre Lust zu stillen; rauben, um Geld zu ergattern; einen Mann um seines Weibes oder seiner Besitz- tümer willen umbringen. Die Gesetze der Länder tun ihr Bestes, solche Verbrechen zu verhindern, zu bestrafen und die Gesellschaft von den Mördern zu befreien. In Deutschland und Österreich vereinigte sich eine große Gruppe von Unmenschen unter der Flagge von Machthunger und Habgier. Mit teuflischer Schlauheit rissen sie alle Mög- lichkeiten der Propaganda an sich, um mit dieser den Rest der Bevölkerung in das Joch ihrer zerstörenden, von falscher Glorie umhüllten Ideen zu spannen. Die Majorität der Deut- schen, durch ökonomische Notlage und ziellose Politik ver- wirrt und verzweifelt, folgte dem Geschrei der Anführer wie eine durstige Herde dem Leitbullen. Der einzige Instinkt dieser Herde ist, ihren Durst zu löschen; die Stärkeren und Brutalen werden alles unter ihre Hufe treten, was ihnen im Wege ist. Das Gebrüll der führenden Bullen feuert sie an, und sie halten nicht inne, bis sie endlich in einen reißenden Fluß rennen, der die ganze Herde ins Verderben treibt. Eine gierige, aufgehetzte Menschenmasse reagiert in genau der- selben Weise. Sie wird nur vor dem Grab haltmachen, das jeder Diktator der Geschichte sich selbst gegraben hat, wenn Gott seinem Wahnsinn Halt gebot. Ich habe kein Recht, zu untersuchen oder mit Gott zu ha- dern, warum er diese Tragödie geschehen ließ, der Millionen zum Opfer fielen; zu welcher Zeit und an welchem Punkt er dem Diktator und seinen Henkern hätte Einhalt gebieten sollen; warum er sie nicht vernichtete, bevor sie vernichten konnten; warum er nicht einem Teil der deutschen Men- schen, zeitig genug, Erkenntnis, Überzeugung und mutige Tatkraft gab, dagegen aufzustehen. Ich muß glauben, daß Gott in seiner Weisheit weiß, warum diese Schrecklichkeiten geschehen mußten, und muß seine Beschlüsse demütig hin- 107 nehmen. Ich beuge mich seiner Weisheit ohne Klage; ich hasse nicht und ersehne keine Rache. Aber der Wahnsinn, das Rauben, die Torturen, die Massenmorde durch Erschla- gen, Erschießen, Vergasen und Verbrennen sind Tatsachen. Niemand kann sie rechtfertigen oder sie ableugnen. Und dies ist die Überzeugung, welche mir dieses Zeitbild als Erbschaft gab: Mein Herz schmerzt tief um die Heimat, die ich verlor, das Heim, das man mir geraubt hat, die Freunde, die ermordet und verbrannt wurden, und mein Haus, das Haß zerstörte. Ich hätte das Recht, nach Rache zu schreien— wollte ich Gott und seinen Willen verleugnen. Ich habe kein Recht zum Urteil oder zur Rache. Und wenn ich nicht das Recht habe, einen Menschen zu verurteilen, dann muß ich auch bedingungslos die Existenz einer Kollektivschuld ablehnen. Ich lehne jegliche Kollektivschuld so intensiv ab, daß ich bis zum letzten Atemzug diejenigen bekämpfen werde, die glauben, daß sie das Recht haben, ein ganzes Volk zu richten. Genauso werde ich gegen alle auftreten, die glauben, das Recht zu haben, eine Minorität zu unterdrücken. Ich gehöre zu einer religiösen Minorität. Ich lehne es auf das schärfste ab, mich für ihre schwachen Mitglieder schuldig zu fühlen; genausowenig erhebe ich einen Anspruch darauf, den Ruhm ihrer starken, großen zu teilen. Ich beanspruche nur, nach meinen eigenen Taten, Fehlschlägen und Erfolgen bewertet zu werden. Ich will nicht einmal ergründen, wie tief ich in meiner Ehe durch die Schuld eines einzelnen Men- schen zu leiden hatte. Wie kann ich dann von einer Gruppe von Menschen oder einer ganzen Nation eine Kollektiv- schuld verlangen? Ich bin nicht orthodox in meinen religiösen Gedanken. Ich bin oft entmutigt und deprimiert; und manchmal packen mich Zweifel. Ich bin nicht demütig; ich würde einen min- derwertigen Priester und einen noch minderwertigeren Pre- diger abgeben. Aber ich glaube bedingungslos an Gott und versuche, dies in meiner täglichen Lebensweise zu demon- strieren.»Mein ist das Urteil und mein ist die Rache«, spricht der Herr. Und so soll es auch sein. Wissen wir denn— und ich meine, wissen wir, was richtig oder falsch, recht oder 108 unrecht ist? Ich weiß es nicht. Ich weiß weder in der Politik noch im Geschäftsleben, in der Philosophie noch in der Re- ligion, was richtig oder falsch ist. Nur in einem einzigen Fall bin ich meines Wissens sicher. Ich weiß, daß es falsch ist, zu hassen, und richtig ist, zu lieben. Dies ist das einzige Glau- bensbekenntnis, dem ich mit meinem ganzen Herzen folge. Wenn ich Gott erfreuen kann, indem ich bedingungslos Liebe übe und den Haß bedingungslos ablehne, solange ich lebe, so hoffe ich, er wird so gnädig sein, mir zu verzeihen, daß ich manche andere seiner Regeln ein wenig vernachlässigt habe. Haß muß falsch sein. Am Rande des Abgrundes stehend, konnte ich seine zerstörende Kraft beobachten. Liebe muß richtig sein, denn es ist ihr das Recht gegeben, neues Leben zu erschaffen. Sie macht alles gut, das vorher schlecht war; alles leichter, das vorher unerträglich dünkte; alles hoff- nungsvoll, das verzweifelt erschien. Wir können nichts mit Haß tun, wir müssen es mit Liebe erreichen. Wenn wir diesen Satz doch allen Kindern der Welt als Abendgebet beibringen könnten. Wenn man diesen Satz allen Menschen der Welt mit derselben Intensität einhämmern würde, wie man ihnen täglich Haß und Angriffslust einzuhämmern ver- sucht: Menschen würden mit all ihrer Kraft am Leben hängen, anstatt den freiwilligen Tod oft als Erlösung zu um- armen. Nie mehr würde ein Mensch sein Leben verschwen- den oder fortwerfen. Wir können nichts mit Haß tun, wir müssen es mit Liebe erreichen. Warum durchdringt der Einfluß des Hasses ein Menschen- herz so viel leichter als die Lehre der Liebe? Es ist so viel befriedigender, zu lieben als zu hassen. Und trotzdem folgt die Masse der Menschen lieber einem Führer, der»dagegen« spricht statt»dafür«. Und solange Führer der Menschen, sei es in der Religion oder in der Politik, nicht zuerst und vor allem gegen den Haß sprechen, werden wir unter den Konsequenzen zu lei- den haben. Das Gesetz Gottes ist das Gesetz der Liebe. Es kann nicht mit»Wenn« und»Aber« verbogen werden, weder von Re- gierungen noch von Kirchen. Es istein absolutes, bedingungs- loses Gesetz. 109 Und wenn wir eines Tages demütig genug sein werden an- zuerkennen, daß es vor diesem Gesetz der Liebe keine Aus- flucht durch Feilschen oder Lügen gibt, daß keine Möglich- keit besteht, die unerbittliche Wahrheit dieses Gesetzes zu ändern, dann werden wir wirklich beginnen zu leben. 20 Nach meiner Rückkehr vom Lager begann ich ein Leben zu organisieren, das ich niemals voraussehen konnte. Man mußte in ein solches Leben hineingetrieben werden, wie Fritz in das seine, bis er nicht mehr umkehren konnte, ohne in die Mündung eines Revolvers zu blicken. Ich bekam den versprochenen Wagen mit dem jungen Fah- rer, der offensichtlich durch Fritz’ Trainingskursus gegangen war. Ich fragte nichts und er sagte nichts. In jenen Tagen, und besonders in meiner Lage, war es besser, so wenig Fra- gen wie möglich zu stellen. Der nächste Schritt war, ein Büro zu finden, wo ich unter einem Decknamen offiziell versuchen konnte, Menschen aus Deutschland herauszuhelfen. Endlich hatte ich eine Idee. Ich hatte der Jüdischen Ge- meinde mit so vielen Wohltätigkeitsabenden geholfen. Nie- mand würde Verdacht schöpfen, wenn ich eine Stellung in einer ihrer Verwaltungsabteilungen bekleiden würde. Ich besuchte den Vizepräsidenten der Gemeinde. Wir wollen ihn Herrn Groß nennen. Er kannte mich seit meiner frühe- sten Kindheit und begrüßte mich aufs wärmste. »Kommen Sie nur herein«, sagte er freundlich.»Ich freue mich, mit Ihnen ein paar Minuten zu plaudern. Setzen Sie sich in diesen Sessel, er ist bequem. Ich will nur schnell diese Briefe unterschreiben.« Mo Groß war eine starke Persönlichkeit. Er stand seit 25 Jahren im Dienst der Gemeinde und hatte während der Jahre zehn herrliche Altersheime gegründet, die er aufs beste hielt und betreute. Finanziell sehr gut gestellt und un- IIOo abhängig, leistete er all diese Arbeit als Liebesdienst, ver- wandte die Hälfte des Tages und die Hälfte der Nacht an diesen und leitete daneben seine große Fabrik, als ob dies ein Spielzeug wäre. In Berlin geboren und in einer ärmlichen Gegend groß geworden, war er das typische Beispiel dessen, was die Welt einen»Berliner« nennt. Er machte nie ein Hehl daraus, daß er von armen Eltern abstammte und, tiefver- wurzelt in seinem geliebten Berlin, sprach meist Berliner Dialekt, obwohl er natürlich Hochdeutsch fehlerlos be- herrschte. Mo Groß konnte so hart sein wie ein Tyrann— und so sanft wie ein Kind. Die meisten bekamen seinen harten Trotz zu spüren, wenige kannten seine Zartheit, viele fürch- teten ihn, alle rühmten seine Selbstlosigkeit. Ich wußte, daß seine Liebe zu Deutschland so tief war wie meine, und hatte oft darüber nachgedacht, wie er seine Pflichten der Gemeinde und ihren Mitgliedern gegenüber mit der Liebe zu Deutschland, das ihm nun soviel Leid zu- fügte, in Einklang bringen konnte. Ich mußte an all das denken, als ich ihn an seinem Schreib- tisch beobachtete. Er entschuldigte sich nochmals, daß er mich warten ließ, und empfing den Herausgeber des Jüdi- schen Gemeindeblattes, einer Zeitung, die alle Informa- tionen über die große Gemeinde und ihre Mitglieder druckte; seit 1933 auch alle offiziellen Gesetze, die beachtet werden mußten. Herr Wolff, ein kleiner, häßlicher, aber kluger Mann, war seit über dreißig Jahren in den Diensten der Gemeinde. »Hier ist der neue Gesetzentwurf, der gestern herauskam«, sagte Mo Groß und reichte die Zeitung und ein paar Bögen Papier herüber zu Wolff.»Ich habe die unklaren Stellen in der Zeitung noch erläutert. Bringen Sie alles auf der ersten Seite. Viele werden den Entwurf nicht in der Zeitung ge- sehen haben. Weisen Sie vorsichtig auf die Gefahr hin, die entstehen würde, wenn das Gesetz übertreten wird.« »Natürlich«, sagte Wolff ironisch,»sehr vorsichtig, damit wir nicht die Gefühle der Gestapo verletzen!« Er las:»Juden ist der Eintritt zu Theatern, Konzertsälen und Kinos ver- boten. Dasselbe gilt für den Besuch von Kaffeehäusern und Restaurants mit Musik.« Er sah Herrn Groß an.»Ich III fürchte, manche Leute werden so verrückt sein, trotzdem in Konzerte, Kinos oder Theater zu gehen!« Mo Groß sah beinahe gleichgültig aus, sein Gesicht verriet keine Gefühlsbewegung. Ich lernte später, daß er diesen Ausdruck wie eine Maske annahm, wenn er fürchtete, sich von Erregung hinreißen zu lassen. »Es ist nicht so verrückt, wie Sie denken«, sagte er.»Wir arbeiten Tag und Nacht und sind am Abend so todmüde, daß wir nichts als Schlaf brauchen. Viele unserer Mitglieder verlieren ihre Stellungen, ihre Geschäfte, sitzen in ihren Wohnungen, ohne Arbeit, ohne Zukunft, ohne Hoffnung. Jeder sieht Verzweiflung im Gesicht des anderen. Für sie kann es wichtiger sein, ins Theater zu gehen als ein Stück Brot zu essen.« Herr Wolff zuckte die Achseln, nahm schweigend die Papiere und verließ das Zimmer. Herr Groß wandte sich zu mir.»Ich habe Sie gestern im Tempel gehört. Sie haben wunderbar gesprochen.« »Es ist leicht, Worte des Trostes zu finden, wenn man in die Gesichter sieht«, sagte ich.»Sparen Sie sich die Komplimente, ich will mit Ihnen Geschäftliches besprechen...« Er lachte.»Na, denn man los. Reden wir von Geschäften.« Es war plötzlich nicht ganz so einfach, wie ich es mir ge- dacht hatte. »Ich— ich möchte gern eine Stellung hier haben, Herr Groß.« Er sah mich einen Augenblick verblüfft an. Dann wechselte sein Ausdruck zu dem tiefer Verlegenheit. Vor Schreck fiel er in seinen Berliner Dialekt. »Um Jottes willen, Ilse, ick muß jestehn, ick hab nie dran jedacht, det Sie Jeld brauchen könnten.« Er faßte sich und fuhr etwas förmlicher fort:»Ich meine, man denkt im Zu- sammenhang mit Ihnen doch nicht an Geld— Sie stellen sich immer zur Verfügung und verweigern Gagen für Wohltätig- keitsabende—« Er verhaspelte sich immer mehr.»Na ja, ick meene, Ilse, Sie hätten doch jefälligst den Schnabel auf- machen können, ick meene—« Ich unterbrach ihn schnell, um zu verhindern, daß er nach der Brieftasche griff. „Ich brauche kein Geld, wirklich nicht, Herr Groß, machen Sie sich keine Sorgen. Für die Zeit, die ich noch hierbleiben kann, habe ich mehr als genug.« »Ja— aber warum wollen Sie denn dann eine Stellung?« Ich hatte die Antwort vorbereitet, und teilweise entsprach sie auch der Wahrheit. „Ich fühle mich innerlich so leer. Nach jedem Vortragsabend bekomme ich Hunderte von Briefen, in denen Menschen um Hilfe bitten. Nicht um Geld, aber um Rat, um Visen, um vieles. Ich könnte vielleicht einigen helfen, doch meine Hände sind gebunden. Ich bin eine Privatperson. Ich habe kein Recht, Nachforschungen anzustellen oder amtliche Stel- len aufzusuchen. Und Sie wissen, wie viele Leben man doch vielleicht retten könnte.« »Nur zu gut«, sagte er langsam.»Aber Sie können da nichts tun. Wie Sie wissen, haben wir Hilfsorganisationen, in denen Menschen ihre ganze Kraft daransetzen. Vielen können wir aus Deutschland heraushelfen, aber zu viele Akten tragen den Stempel»Hoffnungslos«. Zu viele.« »Und was passiert mit den>»hoffnungslosen« Fällen?« Er zuckte die Achseln. »Herr Groß«, sagte ich ruhig.»Geben Sie mir ein Büro und lassen Sie mich an den hoffnungslosen Fällen arbeiten.« »Unmöglich«, unterbrach er mich hastig,»unmöglich! Das ist viel zu gefährlich. Sie haben ja keine Ahnung, was für Gefahren damit verbunden sind, heute mit offiziellen Stellen zu verhandeln. Und das ist sowieso keine Sache für eine Frau.« Ich mußte lächeln. Wie hätte er wohl reagiert, wenn ich ihm meine wirklichen Absichten mitgeteilt hätte? »Es ist ein Posten für eine Frau«, sagte ich.»Ich glaube, ich kann wenigstens in einigen Fällen helfen.« »Wieso glauben Sie das?« »Sie werden mich für einen hoffnungslosen Idealisten halten, aber ich nehme das Risiko auf mich. Ich habe nie aufgehört, an das Gute im Menschen zu glauben— auch an das Gute in den deutschen Menschen. Ich weiß, daß viele christliche Deutsche unglücklich über— über das sind, was vorgeht.« »Sie haben diese Regierung gewählt«, sagte er sachlich. 213 »Ja, sie haben sie gewählt. Haben Sie niemals einen Fehler gemacht? Die Menschen glaubten, was man ihnen einpaukte, jede Stunde, jeden Tag, am Radio, in Versammlungen, in den Zeitungen...« »Ihre Liebe zu Deutschland ist noch immer sehr tief.« »Wie tief ist Ihre?« Er stand plötzlich auf und schritt zum Fenster. »In welchem Büro landen die hoffnungslosen Fälle, Herr Groß?« »In der Paßabteilung— meistens«, sagte er zögernd, ohne sich umzudrehen. »Dann lassen Sie mich dort arbeiten«, sagte ich schnell. »Ich könnte ein Büro unter dem Namen— Ratgeber für...<— wir werden schon einen Namen finden. Offiziell müssen Sie mir Gehalt zahlen, denn ich möchte kein Mißtrauen erregen. Ich werde es an eine Ihrer Wohltätigkeitskassen zurücksen- den. Deren gibt es ja—« Er wandte sich um und sah mich an. Dann kam er zu mir und faßte mich bei den Schultern. Er versuchte, forschend meinen Gesichtsausdruck zu ergründen. »Wie kommen Sie auf die Idee, daß Sie Leben retten kön- nen? Daß Sie Menschen vom Grab zurückreißen können, das, wie Sie genau wissen, schon für sie gegraben ist?« Ich sah in seine Augen.»Herr Groß, bitte stellen Sie nie mehr diese Frage an mich. Ich werde mich um viele Dinge sorgen müssen und möchte nicht noch die Sorge hinzufügen, was man mit Ihnen tun würde, falls man mich fangen sollte. Es geht niemanden etwas an, was ich tue. Sie müssen Ver- trauen in mich setzen— das ist alles, was ich Ihnen sagen kann. Können wir jetzt Ihre Sekretärin rufen? Ich möchte ihr einige Zeilen diktieren, die ich mit Ihrer Unterschrift brauche.« Er wußte, ich würde nicht mehr sagen, und rief seine Sekre- tärin. »Unser Besuch möchte einen Brief diktieren«, sagte er mit einem Versuch zu lächeln. Ich nickte.»Bitte, Fräulein Hilde, schreiben Sie auf den Brief- bogen der Gemeinde: »Wir bestätigen hiermit zw. Vorlage bei Gesandtschaften, 114 Konsulaten, Regierungsbehörden, Polizei und Geheimer Staatspolizei—« Hilde hielt inne, denn Herr Groß hatte eine hastige Be- wegung gemacht, als ob er sie am Weiterschreiben hindern wollte; doch ich winkte ihm lächelnd ab und fuhr fort: „daß die Überbringerin dieses Briefes als Sonderbeauftragte des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde zu Berlin vor- spricht. Das ist alles. Danke Ihnen, Fräulein Hilde. Kann ich es mit mir nehmen?« »Gestapo?« fragte Mo Groß angstvoll, nachdem Hilde das Zimmer verlassen hatte.»Sie wollen doch nicht etwa zur Gestapo gehen!« Für eine Sekunde schloß ich meine Augen und sah vor mir die Reihe der Türen und Fritz’ lächelndes Gesicht. »Gott ist überall, und seine Geschöpfe sind überall, Herr Groß, selbst in den Räumen der Gestapo!« Er starrte mich einen Augenblick an, dann sagte er beinahe grob: »Na ja, det is schon richtig. Schließlich sind Sie ja die Tochter eines Geistlichen. Det müssen Se ja nu ooch manchmal zei- gen, nehm ick an.« Ich lächelte, und wir gingen hinüber zur Paßabteilung, um ein Büro für mich zu finden. 21 Meine Arbeit erforderte viel mühsame Nachforschungen und die Erfindung unmöglicher Möglichkeiten, um»Hoft- nungslose« den Händen der Henker zu entreißen. Sie erfor- derte in vielen Fällen auch Rechtskenntnisse, die ich nicht besaß; aber ich konnte keine Anwälte konsultieren, ohne mein Geheimnis preiszugeben. Die Tatsache, daß Herr Groß mir vertrauensvoll automatisch alle Akten sandte, die er als hoffnungslos ansah, gab mir die Möglichkeit, vielen Menschen zu helfen, bevor das Kon- zentrationslager sie verschlang. Die Verwirrung jener Zeit 115 gestaltete Situationen, mit dem Leben von Menschen in einer Weise spielend, die man Grotesken des Schicksales bezeich- nen mußte. Die Plötzlichkeit dieser Geschehnisse erlaubte weder Planen noch Vorausdenken. Es verlieh mir große Be- friedigung, meine Kräfte und mein schlagfertiges Denken an der Macht dieses Strudels zu messen und seine Opfer auf sicheren Grund zu ziehen, mitunter in demselben Augen- blick, da sie rettungslos zu treiben begannen. Diese Art von Rettungsarbeit war ganz verschieden von den Fahrten ins Lager. Sie verlangte vor allem blitzschnelle und fast auto- matische Reaktionen in Unterredungen, die immer Kreuz- verhöre waren; und sie erforderte intensives Zuhören, siche- ren Instinkt und schlagfertige, psychologisch richtige Ant- worten. Diese Jahre des geistigen Fechtens um Leben und"Tod schärften mein Denken und gaben ihm mehr Klarheit als alle Bücherweisheit; im Kontrast der Theorie zur Erfah- rung. Ich gebe jedoch gern zu, daß die Methode der Theorie von weniger Gefahr begleitet ist. Noch heute, ohne den da- maligen Druck der Todesgefahr, bin ich daran gewöhnt, das Problem eines Freundes zu analysieren, während er es noch vor mir ausbreitet, so daß mir die Lösung meist klar wird, bevor er die Geschichte des Hintergrundes seines Problems beendet hat. Dies ist das Resultat einer praktischen, wenn auch grimmigen Erziehung zur Psychologie. Da war der Fall einer Frau, die mich mit zwei Kindern im Büro aufsuchte und um meine Hilfe bat. Er war an sich selbst einfach— und doch völlig hoffnungslos. Sie wollte ihre beiden Nichten, zwölf und vierzehn Jahre alt, zu ihren Eltern nach England senden, doch man hätte ihr, nach dem, was sie hervorbrachte, die Pässe verweigert mit der Begrün- dung, daß die Kinder minderjährig seien und das Land nur mit ihren Eltern verlassen sollten. Es klang logisch, und ich wußte nicht, wie ich gegen eine solche Entscheidung ankämpfen konnte. Doch etwas in mir wehrte sich, ihrer Geschichte Glauben zu schenken. »Warum haben denn die Eltern das Land ohne die Kinder verlassen?« Sie gab mir eine verwirrte Erklärung. Ich bat die beiden 116 Mädels, im Vorraum zu warten, und wandte mich dann wieder an die Frau. »Na also, nun mal raus mit der Wahrheit. Wo liegt der Haken? Ich kann nur dann versuchen, Ihnen zu helfen, wenn Sie mir die Wahrheit sagen.« Sie begann zu weinen.»Ich wollte nicht, daß die Kinder es hören. Vor ein paar Wochen kam ein Polizist und wollte meine Schwester verhaften, aber sie war nicht zu Haus. Er sagte meinem Schwager, sie solle nicht versuchen auszuknei- fen, die Polizei suche sie und sie würde es nur noch schlim- mer machen. Wir erreichten sie bei einer Freundin und warnten sie. Dann hat mein Schwager ein paar Sachen in ein Köfferchen gepackt, und sie sind nachts über eine un- bewachte Grenze gekrochen. So sind sie dem Konzentra- tionslager entgangen. Aber sie wollten die Kinder nicht den Gefahren der Flucht aussetzen und dachten, sie könnten ja doch auf regulärem Wege nachkommen.« Ich unterbrach sie.»Warten Sie mal— warten Sie— ich möchte erst etwas hier klar sehen. Sie sagten, ein Polizist sei gekommen, und dann sagten Sie, sie sind dem Konzentra- tionslager entgangen. Konzentrationslager haben nichts mit Polizei zu tun. Nur mit der Gestapo.« Sie wurde noch verwirrter.»Ich kenne mich doch in diesen Dingen nicht aus«, stammelte sie,»aber es war ein Polizist, der sie abholen wollte. Das weiß ich.« » Also gut«, sagte ich.»Aber wo liegt denn nun das Problem? Ihre Schwester ist in Sicherheit.« »Ja, sie haben sich irgendwie bis nach London durchge- schlagen. Meine Schwester dachte, die Kinder würden keine Schwierigkeiten haben, denn sie sind in Amerika geboren und daher berechtigt, einzuwandern. Doch dafür braucht meine Schwester eine— eine Unbedenklichkeitsbescheini- gung von der Polizei für das amerikanische Konsulat. Die Polizei weigert sich, sie mir zu geben.« »Warum verweigert die Polizei eine Unbedenklichkeits- bescheinigung?« »Aber das weiß ich doch eben nicht«, sagte sie verzweifelt. »Sie weigern sich sogar, mir zu sagen, warum sie sie nicht geben wollen. Zuletzt haben sie mich rausgeworfen und ge- 117 sagt, wenn ich noch einmal komme, werden sie mich ein- sperren.« Ich konnte mir die Sache nicht erklären. Zu jener Zeit war die Polizei sehr bereit zu helfen, besonders wenn es darum ging, Menschen aus Deutschland herauszubekommen, denn die meisten Beamten lehnten die brutalen und selbstherr- lichen Eingriffe der Gestapo ab. »Hat Ihre Schwester vielleicht Schulden hinterlassen?« fragte ich.»Das wäre ein Grund, die Bescheinigung zu ver- weigern.« »Nein«, sagte sie,»im Gegenteil. Als sie erfuhren, daß meine Schwester das Land heimlich verlassen hatte, nahmen sie alle Ersparnisse einfach weg. Der Mann in der Bank hat mir das gesagt, als ich einen Scheck einlösen wollte, den mir meine Schwester für Fahrgeld und Kleidung für die Kinder daließ.« Sie begann wieder zu weinen.»Warum sucht man meine Schwester? Sie ist unschuldig— ganz bestimmt! Sie hat nichts getan. Warum?« Ich hatte keine Antwort auf die immer wiederkehrende Frage, warum man unschuldige Menschen verfolgte.»Ich werde versuchen, die Sache aufzuklären. Die Kinder müssen heraus, sonst kommen sie um. Haben Sie irgendwelche Pa- piere von Ihrer Schwester?« Sie reichte mir ein Kuvert.»Ich habe alles zusammengesucht, was ich in ihrer Wohnung finden konnte.« »Gut«, sagte ich.»Kommen Sie übermorgen nachmittag wieder. Sprechen Sie bitte nicht mit Freunden oder Nach- barn darüber. Man weiß heute nie, wer ein Freund oder Feind ist.« Ich begleitete sie heraus und verabschiedete mich von den Kindern. Es war eine fürchterliche Idee, daß sie, als Waisen erklärt und ins Lager geschickt, einem sicheren Tod entgegen- gehen sollten, weil man keine Unbedenklichkeitsbescheini- gung für die Mutter bekommen konnte. Das amerikanische Konsulat konnte natürlich sehr gut auf diese lächerliche Bescheinigung verzichten, die eine reine Formalität war. Aber wir hatten bereits die Erfahrung gemacht, daß unsere Anträge nie bis zum Generalkonsul kamen und daß die 118 Angestellten des amerikanischen Konsulates nicht wirklich daran interessiert waren, zu helfen. Sie waren junge sorgen- freie Menschen, gut bezahlt, in einer sicheren und gemüt- lichen Stellung. Sie lebten mit ihren Dollars glänzend in Deutschland, amüsierten sich großartig und kümmerten sich nicht um die furchtbare Tragödie, die sich vor ihren Augen abspielte. Oft schien es, daß sie absichtlich Schwierigkeiten machten, den verzweifelten Menschen die Einreisepapiere nach Amerika zu geben. Nach meinen eigenen Erfahrungen mit diesen gefühllosen jungen Menschen verhandelte ich lieber mit der deutschen Polizei. Ich diskutierte den Fall mit Herrn Moß, dem Leiter der Paßabteilung der Gemeinde. »Sehen Sie«, sagte er,»hier haben Sie die typische Tragödie eines hoffnungslosen Falles, der doch so leicht zu lösen wäre. Niemand scheint in Gefahr zu sein, und doch werden diese Kinder von lächerlichen Formalitäten und vom Amtsschim- mel zu Tode getrampelt. Das Konsulat weigert sich, auf die Bescheinigung zu verzichten! Es interessiert diese gleichgül- tigen Menschen nicht, daß sie eine Familie retten könnten! Keine Bescheinigung— kein Paß. Eine Familie zerstört? Ist nicht ihre Sache. So sorry—« »Ich muß etwas tun«, sagte ich.»Die Mädels müssen raus. Ich gehe zur Polizei. Wenn ich nicht bis zum Abend zurück bin, haben sie mich eingesperrt.« »Na, na«, sagte er besorgt,»nun machen Sie bloß keine Sachen! Die Polizeistationen sind heute unsichere Lokali- täten.« Mir erschien die Polizeistation wie ein freundliches Kaffee- haus— im Vergleich zur Gestapo. Ich ging zum Einwohnermeldeamt, das generell die Unbe- denklichkeitsbescheinigung ausstellte, und mir wurde prompt jede Auskunft verweigert. Ich ging zum Büro des Polizei- kommandanten, der mich höflich empfing. Ich erklärte ihm den Fall, und er zeigte endlich genügend Interesse, sich die Akten kommen zu lassen. Als er das Heft öffnete, sah ich die Aktennummer und prägte sie meinem Gedächtnis ein. Sein Gesicht wurde verschlossen und kalt. Er erklärte, er könne mir nicht helfen. Sie könnten wohl kaum eine 119 Bescheinigung für eine Frau ausstellen, die einen Mord be- gangen hätte! Die Angelegenheit sei in den Händen des Gerichtes. Ich dankte ihm für seine Mühe und ging. Ich konnte es nicht glauben. Wenn die Frau ein so schweres Verbrechen began- gen hätte, dann hätte sie auch versucht, rechtzeitig ihr Geld von der Bank zu holen und die Kinder mit sich zu nehmen. Sie wäre auch auf einen Besuch der Polizei vorbereitet ge- wesen. Etwas stimmte nicht an der ganzen Sache. In nor- malen Zeiten hätte ein guter Anwalt die Zusammenhänge bald herausgefunden, aber wir lebten eben nicht in nor- malen Zeiten! Ich fuhr zum Gericht in Moabit. Nach langem Suchen und Schwindeln gelangte ich zu dem Büro, in dem sich die Akten befinden sollten. Der Beamte versuchte, mir zu helfen, und suchte nach ihnen. »Es tut mir leid«, sagte er,»der Richter hat sie wohl.« Ich zögerte einen Moment, dann entschloß ich mich zu der Frage: »Könnte ich bitte den Richter sprechen?« »Nein, das können Sie natürlich nicht«, sagte er indigniert. »Der Herr Richter ist beschäftigt.« »Das Schicksal einer ganzen Familie hängt davon ab«, sagte ich.»Wenn der Richter im Augenblick zu beschäftigt ist, werde ich gern warten; wenn notwendig, Tag und Nacht.« Der Beamte war nicht mehr höflich.»Machen Sie, daß Sie herauskommen«, schrie er erbost,»oder ich werde Ihnen Gelegenheit geben, länger als einen Tag und eine Nacht hier zu bleiben!« In dem Augenblick trat ein höherer Beamter ein und hörte die erregte Diskussion. »Ich wollte nur behilflich sein, einen Irrtum aufzuklären«, sagte ich mit ausgesuchter Höflichkeit. »Was für einen Irrtum?« fragte mich der höhere Beamte grimmig. »Das weiß ich noch nicht genau«, sagte ich. »Sind Sie wahnsinnig?« erkundigte er sich, nicht ohne einen Ausdruck von Neugierde. »Ich glaube nicht«, sagte ich freundlich,»außer wenn Sie der I20 Ansicht sind, daß es wahnsinnig ist, an das Gute im Men- schen zu glauben. Glauben Sie, daß dies wahnsinnig ist?« „Ich habe noch nie darüber nachgedacht«, sagte er und sah mit einem angstvoll-forschenden Ausdruck in mein Gesicht. »Das ist ein großer Fehler«, sagte ich und grinste ihn freund- lich an,»Sie sollten dies manchmal tun.« Er drehte sich plötzlich um und sandte den unteren Beam- ten zum Richter. »Es wird nicht sehr gut für Sie ausgehen, wenn Sie keinen Irrtum beweisen können«, warnte er. Ich habe nie herausfinden können, ob er mich zum Richter gehen ließ, weil ich ihn vom Guten im Menschen überzeugt hatte oder weil er gar einen Wahnsinnsausbruch von mir fürchtete. Der Richter empfing mich, und ich stellte mit Erleichterung fest, daß er ein älterer Herr war. Die älteren Richter, die noch unter dem Kaiser gedient hatten, waren weniger fana- tisch als die jungen. Dieser hier war ein feiner, sanfter Mann, der meiner Erklärung aufmerksam zuhörte. » Aber Sie kennen die Frau doch gar nicht. Sie kann doch ein Verbrechen begangen haben. Was macht Sie so sicher, daß es sich um einen Irrtum handeln muß?« »Nur die Schlußfolgerung, daß das Benehmen der Frau dann einfach anders gewesen wäre. Mein Glaube an das Gute im Menschen mag in den letzten Jahren ein wenig fadenscheinig geworden sein, aber ich glaube doch fest an den Instinkt einer Mutter, die ihre Kinder nicht einem sicheren Tode aus- geliefert hätte.« Er sah mich forschend an.»Sie sind Jüdin?« »Ja«, sagte ich, und mein Herz stockte. »Hatten Sie denn keine Furcht, hierherzukommen?« »Ja, ein wenig.« »Aber Sie kamen trotzdem.« »Ich kann mir den Luxus der Furcht nicht erlauben. Ich muß den Kindern helfen. Die Tante ist zu schwach, ihre eigene Furcht zu überwinden.« »Was macht Sie so stark?« »Vertrauen in Gott, nehme ich an.« Seine Augen ruhten noch auf meinem Gesicht, während er 121 den Beamten hereinbestellte und die in Frage stehenden Akten verlangte. Dann waren wir wieder allein, und es war sehr still in des Richters Amtszimmer. Er brach das Schweigen.»Wie lange werden Sie diese Dienste fortsetzen?« »Bis mich jemand daran hindern wird.« »Können Sie nicht aus Deutschland herausgehen?« »Ich nehme an, ich könnte es, wenn ich es wirklich ver- suchte—« Dann war wieder Stille, bis der Sekretär die Akten brachte. Mit ihm kam der höhere Beamte, der mir endlich erlaubt hatte, den Richter zu sehen. Sein völlig konsternierter Ge- sichtsausdruck zeigte mir, daß ich gewonnen hatte. »Der Beamte im Einwohnermeldeamt muß die Nummern verwechselt haben«, erklärte er stammelnd dem Richter.»Er hat die Nummer dieser Akten auf die Registrationsnummer der Frau geschrieben. Dies hier sind die Akten eines Mannes mit einem ganz anderen Namen. Es hätte sich ja natürlich aufgeklärt, wenn sie die Frau eingeliefert hätten, aber sie ist ja weggelaufen. Warum ist sie denn weggelaufen, wenn Sie unschuldig war?« Er erhielt keine Antwort und sah mich plötzlich mit dem Ausdruck des Entsetzens an. »Aber wieso hat sie denn gewußt, daß—« »Sie hat es nicht gewußt«, sagte der Richter mit einem leisen Lächeln,»sie hat nur gehofft. Rufen Sie sofort das Einwohnermeldeamt an und erklären Sie den Sachverhalt. Sehen Sie zu, daß man die Unbedenklichkeitsbescheinigung sofort ausstellt.« Der Beamte wandte sich mit einem gestammelten»Ja, na- türlich, sofort« zur Tür, nicht ohne mir noch schnell einen wilden Blick zuzuwerfen. Er war wohl überzeugt, daß ich mit dem Teufel im Bunde stand. Der Richter nahm meine Hand. »Ich danke Ihnen, mein Kind«, sagte er. In seinen Augen lag ein bekümmerter Ausdruck.»Sie haben geholfen, eine große Ungerechtigkeit zu vermeiden. Ich will nicht versuchen, den Fehler zu entschuldigen, aber wir leben in Zeiten der Ver- wirrung. Die Beamten sind unsicher; sie wissen nicht mehr, 122 wem und was sie glauben sollen... dadurch kommen auch häufiger Fehler vor...« »Ich weiß, Ehrwürden. Eine Erklärung ist unnötig. Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre Hilfe.« „Bleiben Sie stark, mein Kind, und wenn es Vertrauen in Gott ist, das Ihnen diese Stärke verleiht— Sie haben einen starken Gott.« „Wir haben denselben, Ehrwürden, nicht wahr?« Er lächelte und drückte meine Hand. Ein paar Tage später fuhr ich nach Hamburg, um die beiden Mädels zum Schiff zu bringen. Ich hatte natürlich oft dar- über nachgedacht und auch versucht, mir ein Bild davon zu machen, wie es sein würde, wenn ich selbst jemals Deutsch- land verlassen müßte; aber ich hatte diesen Gedanken immer wieder weit fortgeschoben. Die Mädels hatten von ihrer Tante in Berlin Abschied ge- nommen und hingen nun, inmitten des Menschengewühls, ein wenig furchtsam an mir. Die Formalitäten waren schnell erledigt, und wir gingen die Gangway des schönen Schiffes hinauf. Ich übergab die Kinder der Obhut einer netten Stewardeß und blieb bis kurz vor der Abfahrt bei ihnen. Nach einem tränenvollen Abschied standen sie dann an der Reling und sahen mir nach, als ich das Schiff verließ. Die Sirene begann zu heulen, und der Klang schnitt tief in mein Herz. Es begann stark zu regnen, doch niemand be- wegte sich vom Platz. Wir alle standen da unten im Regen wie zurückgelassenes Gepäck und fühlten uns verlassen und verloren. Dann begann das Schiffsorchester zu spielen, und der Wind trug die Klänge zu uns herunter:»Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus...« Und ich dachte: Auf dem Schiff könnte ich das nie ertragen. Ich hoffe, sie werden es nicht spielen, wenn ich jemals fort- gehen muß... ich könnte es nicht ertragen... Dann fuhr ich zurück nach Berlin. Besondere Sorge bereitete mir das Problem, einen Kontakt zu finden, der immer informiert sein würde, ob ich zurück- gekehrt war. Es genügte ja, das Mißtrauen eines brutalen »Hüters« der Lager zu erregen oder jemanden an der Unter- 123 schrift meiner Papiere zweifeln zu lassen— und ich würde einfach verschwinden. Ich hatte einen Freund, mit dem ich in glücklicheren Tagen oft Bridge gespielt hatte. Er war ein junger Anwalt, intel- ligent, warmherzig und verständnisvoll; für mich der Bruder, den ich nie besaß. Er war elegant, schlank und sehr groß, daher nannte ich ihn»Stückchen«. Ich wußte, daß ich ihm vertrauen konnte. Er kannte zwar Paul, hatte jedoch keinen Kontakt zu meiner Familie. Wir spielten noch ab und zu Bridge in einem gemütlichen Privatklub. Es würde nicht auf- fallen, wenn ich spät am Abend in den Klub kommen würde; viele taten es, um eine Stunde zu spielen. Ich ging mit ihm in ein kleines Cafe und fragte ihn ohne Umschweife:»Stückchen, wie tief kannst du ein Geheimnis bewahren?« »Wenn es dich angeht, übers Grab hinaus.« »Ich bin in eine gefährliche und wichtige Arbeit verwickelt, Stückchen. Ich brauche jemanden, dem ich blind vertrauen, der mir helfen kann. Aber es ist eine gewisse, wenn auch indirekte Gefahr für dich damit verknüpft.« Seine bejahende Antwort kam aus vollem Herzen und ohne einen Augenblick des Zögerns. Ich gab ihm alle Informa- tionen, und wir arbeiteten einen Plan aus. Am Tag vor einer Reise würde ich ihn anrufen, wir würden Bridge spielen, und da er mich danach stets nach Hause begleitete, konnte ich ihm die notwendigen Informationen geben. Nach meiner Rückkehr würde ich direkt in den Klub kommen. Er lernte Fritz’ Telefonnummer auswendig; war ich nach mehr als zwei Stunden über die verabredete Zeit hinaus nicht im Klub, dann würde er Fritz anrufen, um ihm zu sagen, daß ich die Versammlung an diesem Abend nicht besucht hatte. Da Fritz als einziger wußte, wohin ich gefahren war, würde er dann versuchen, mich, wenn irgend möglich, zu retten. Armes Stückchen! Er litt Höllenqualen, während er auf meine Rückkehr wartete. Sein Gesicht erhellte sich, wenn er mich hereinkommen, einen Moment nonchalant mit dem Manager sprechen und dann seinem Tisch zuwandern sah. Ich selbst war mit meinen Gedanken meist noch mit den Männern im Wagen auf der Rückkehr nach Berlin. Wenn 124 ich sie ansah, halbverhungert, mit geschorenen Köpfen, oft blutig und zerschlagen und immer verwirrt über ihre plötz- liche Freiheit, dann war mein Herz erfüllt von Dankbarkeit, daß ich dies schaffen durfte. Es wurde nun von Tag zu Tag schwieriger. Ich mußte sie in achtundvierzig Stunden über die Grenze schaffen, und es war oft ein Wettlauf mit dem Tode, den Termin einzuhalten. Manche von ihnen mußte ich erst ins jüdische Krankenhaus bringen, wo man sie behandelte und ihnen einhämmerte, nichts zu sagen und keine Fragen zu beantworten. Sie waren mit ihren kahlgeschorenen Köpfen so leicht zu erkennen, und es gab überall Spitzel, die sie, mit heuchlerischem Mitgefühl in ihren Fragen, in eine neue Falle locken konnten. Es wurde auch täglich schwieriger, ein Visum für ein anderes Land zu bekommen. England und Amerika stellten harte Bedingungen. Die Quoten für Amerika waren so klein wie der gute Wille, sie zu vergrößern. Die kleinen Länder nutz- ten natürlich die Lage aus. Es kostete eine Stange Gold, Einreisepapiere für eine Familie zu bekommen, und nach ihrer Ankunft mußten sie weiterhin durch uns unterstützt werden, da sie keine Arbeitserlaubnis bekamen. Doch ich konnte mich nur darum kümmern, sie aus Deutschland her- auszuschaffen. Diejenigen, die aus Konzentrationslagern kamen, haben nie erfahren, wer sie gerettet hatte, abgesehen von einigen, die mich von der Bühne her kannten. Ich hatte Glück, daß sie ihr Wort hielten und nicht vor anderen meinen Namen nannten. Doch einer der Männer, den ich noch gerade im Augenblick retten konnte, bevor man ihn ins Lager brachte, schrieb mir später aus dem Ausland einen glühenden Dankes- brief und teilte mir seine Adresse mit, mit der Bitte, ihn sofort wissen zu lassen, ob ich seine Hilfe brauche. Die freundliche Geste hätte leicht einen Strick um meinen Hals winden können. Viele Briefe aus dem Ausland wurden ge- öffnet und zensiert, und es war ein Glückszufall, daß gerade dieser Brief ungeöffnet durchkam. Meine Arbeit ließ mir wenig Zeit für ein Privatleben. Ich wußte, daß ich mein Heim vernachlässigte, aber ich konnte mich darauf verlassen, daß Röschen das Baby aufs beste 125 versorgte und den Haushalt in Ordnung hielt. Ich hatte ja schließlich immer beruflich gearbeitet und niemals viel Zeit an ein häusliches Leben verwandt. Paul war daran gewöhnt, mehr Zeit mit seinen Eltern als mit mir zuzubringen. Unser Verhältnis war nur noch ein sehr loses. Es gab zwar noch Szenen, aber sie rührten mein Inneres nicht mehr auf, und wir sahen uns auch selten. Ich sah ein, daß ich, merkwür- digerweise, glücklich darüber sein müßte, denn eine gute Ehe wäre meiner Arbeit hinderlich gewesen. Die bestehende Situation war bequem. Paul spielte nicht gern Bridge und ging nie in den Bridgeklub, konnte aber nicht viel dagegen tun, daß ich es tat. Er selbst hatte gleich nach unserer Heirat begonnen, ein völlig selbständiges Leben zu führen, und konnte nun schwerlich von mir eine andere Einstellung ver- langen. Daher war ich erstaunt, plötzlich einen Anruf meines Schwie- gervaters zu erhalten, der mich um eine Aussprache er- suchte. Er begann sie sehr zeremoniell:»Du weißt, mein Kind, daß ich es nicht liebe, mich in das Privatleben meiner Kinder einzumischen, doch eine gewisse Situation zwingt mich dazu.« Seine Worte klangen so schwer, daß ich fürchtete, er wolle mich auf eine Krankheit oder Schlimmeres vorbereiten. Die Rede, welche folgte, löste diese Furcht und verwandelte sie in eine Mischung aus Ärger, Erstaunen und Mitgefühl. »Ich möchte voraussetzen«, begann er,»daß ich der Ansicht bin, eine Frau sollte ihrem Mann helfen, eine Existenz, ein Heim, eine Karriere aufzubauen. Ich habe bestimmt nichts dagegen einzuwenden, daß Frauen in respektablen Berufen arbeiten. Aber wenn du, mein liebes Kind, mit deiner Arbeit fertig bist, dann hast du die Verpflichtung, den Rest des Tages mit deiner Familie zu verbringen. Es ist wirklich zu viel, daß du allein, ohne deinen Mann, am Abend in einen Bridgeklub gehst und bis nach Mitternacht deinem Heim fernbleibst.« Er hielt inne.»Bist du nicht meiner Ansicht?« Ich war zu bestürzt, um eine Antwort zu geben. Es waren nicht seine beinahe altmodischen Ansichten über die Ehe, die mich ergriffen. Ich hatte mich durch meine Arbeit geistig und seelisch so weit von der Familie entfernt, daß seine Worte 126 wie die eines Theaterstückes aus dem vorigen Jahrhundert an mein Ohr drangen. »Hast du eigentlich irgendwelche Pläne gemacht, aus Deutsch- land fortzugehen?« fragte ich zögernd. Er unterbrach mich.»Ich kann wohl verstehen, daß diese Diskussion dich in Verlegenheit bringt, aber ich möchte dich bitten, nicht zu versuchen, das Thema zu wechseln.« »Ich habe wirklich nicht die Absicht, dies zu tun«, sagte ich eindringlich,»aber du wirst doch sicher zugeben, daß unsere Tage hier gezählt sind.« »Ich sehe die Situation nicht so schwarz«, antwortete er. Seine Worte schnitten mir ins Herz. Ich sprach in meinem Büro täglich mit Menschen, die in derselben Illusion lebten, bis plötzlich die Türglocke läutete und die Wirklichkeit das Dach über ihren Köpfen herunterkrachen ließ. Ich machte einen weiteren Versuch.»Papa, ich wünschte, du würdest es in Erwägung ziehen, nach Amerika zu gehen. Du hast einen Sohn dort, du hast genügend Geld—« Er unterbrach mich wieder, diesmal ungeduldig.»Ich habe im Augenblick keinerlei Pläne, mein Leben zu ändern und an eine Ausreise zu denken. Es war nicht meine Absicht, meine Zukunft mit dir zu erörtern, sondern deine und die deines Sohnes und meines Sohnes. Du vernachlässigst dein Kind, um oberflächlichen Vergnügungen nachzugehen, und das kann ich nicht länger tolerieren.« Ich war völlig hilflos. Was konnte ich sagen? Mehr noch— was konnte ich tun, um ihn aus der Blindheit zu reißen, in der er lebte? Es war unfaßbar, daß er keine Ahnung von dem hatte, was um ihn herum vorging! »Es ist schwierig zu erklären, Papa. Ich arbeite schwer, ich brauche Ablenkung und Entspannung— am Abend— und«, ich brach ab, es klang zu albern. »Entspannung ohne die Gesellschaft deines Mannes? Ich hatte gehofft, du würdest dein Unrecht einsehen. Da du dies nicht tust, muß ich leider etwas sagen, das besser un- ausgesprochen geblieben wäre. Nachdem ich gewisse Ge- rüchte hören mußte—« »Gerüchte?« »Es hat keinen Sinn, sie abzuleugnen. Leider entsprechen sie 127 wohl der Wahrheit. Du wirst, ohne deinen Gatten, des öfte- ren in Gesellschaft von Männern in Restaurants gesehen. Du besuchst Kaffeehäuser mit dem Vizepräsidenten der Jüdi- schen Gemeinde, einem verheirateten Mann, der einen er- wachsenen Sohn hat. Du bist mehrere Male bei Horcher oder Kempinski mit ausländisch aussehenden Männern ge- sehen worden, die nicht zu unseren Kreisen gehören. Du spielst Karten in einem Bridgeklub mit Männern, mit denen du um ein oder zwei Uhr nachts durch die Straßen spazierst. Ist das eine Lebensweise für eine verheiratete Frau? Du bist die Tochter eines gottesfürchtigen Mannes. Willst du die Verantwortung auf dich nehmen, ihn durch dein skandalöses Benehmen zu ruinieren?« Ich konnte nicht weiter zuhören.»Hör jetzt auf«, sagte ich rauh. Mein Hals war so zusammengeschnürt, es schmerzte mich, zu sprechen.»Hör jetzt sofort auf. Ich will nicht einen Augenblick länger zuhören.« »Ich habe alles gesagt, was ich zu sagen hatte«, antwortete er mit kühler Abneigung in der Stimme. Ich ging fort. Ich hatte bis zu diesem Moment nicht erkannt, daß ich wie auf einem anderen Planeten lebte. Er dachte an Zukunft und Karriere, ich an Überleben von Chaos. Er sprach von Haus- halt, von eleganten Männern und Luxus und Flirts, wäh- rend mein Denken sich um verzweifelte geschlagene Männer und Familien in Todesgefahr drehte. Es war zu absurd. Ich hatte meinen Schwiegervater gern, und es tat mir weh, daß er ein so vernichtendes Urteil über meinen Charakter fällte. Aber ich sah ein, daß dies ein Preis war, den ich zu zahlen hatte. Ich wünschte, ich hätte später die Möglichkeit gehabt, ihm zu sagen, wie falsch er mich beurteilt und ver- standen hatte. Diese Chance blieb mir versagt. Es gelang ihm noch, dem Land zu entfliehen und dadurch dem gewalt- samen Tod zu entgehen. Nach langen Irrfahrten von einem Land zum anderen starb er wie Moses, im Augenblick, da er sein Ziel erreichthatte: am Tag seiner Ankunft in Amerika. Was mich am meisten an der Unterhaltung mit meinem Schwiegervater bedrückte, war die Erkenntnis, daß nur we- nige Menschen um mich herum wirklich wußten, was vor- 128 ging. Man hörte zwar, daß Menschen in Konzentrations- lagern gefoltert, gequält und getötet wurden, doch jeder, der davon hörte, dachte, das müßten Einzelfälle oder Racheakte sein, ihm könne dies nicht passieren. Die deutschen Juden hatten dafür zuviel Vertrauen zu ihren deutschen Mitmen- schen. Wenige erkannten den Umfang der Tragödie, nie- mand bezog sie auf sich selbst. Wir konnten noch das Land verlassen; wir konnten noch in unseren Häusern leben; wir konnten noch in unseren Tempeln zu Gott beten; wir waren zwar mehr oder weniger in einem Getto, aber die Mehrzahl unserer Menschen war noch am Leben. Für den deutschen Durchschnittsjuden war dies genug. Er sah nicht, daß wir alle einem Ende entgegensahen. Wir schrieben das Jahr 1937. DZ Bald verschwendete die Gestapo weniger Zeit daran, die Gründe für Verhaftungen oder Verschleppungen in Konzen- trationslager zu erklären. Und oft waren diese Gründe für mich noch erschreckender, als ich nie mit solchen Situationen gerechnet hate. Eines Tages ersuchte mich ein junger Mann um Hilfe. »Ich versuche, meinem Onkel und meiner Tante zu helfen«, sagte er.»Man hat sie ins Konzentrationslager geschleppt.« »Beide? Wie alt sind sie?« »Mein Onkel ist achtundsechzig, meine Tante fünfund- sechzig.« Außer in ganz besonderen Fällen, oder wenn sie sehr reich waren und die Gestapo einen Vorwand haben wollte, ihr Geld zu konfiszieren, hatte man bis dahin die meisten älteren Leute in Ruhe gelassen. »Das ist merkwürdig«, sagte ich.»Konnten Sie eine be- stimmte Ursache dafür ausfindig machen?« »Ihre Kinder sind nach Amerika ausgewandert; zwei sind in Südamerika und einer lebt in den Vereinigten Staaten, ich 129 glaube in Wisconsin. Dieser Sohn saß mit seinen Freunden in einem Restaurant und muß sich wohl in bitterem Ton über die deutsche Regierung geäußert haben. Jemand hat seine Worte gehört.« »Na jJa«, sagte ich,»aber das war doch in Amerika!« Herr Baum lächelte ein wenig bitter.»Ja, in Amerika. Spit- zel fanden den Namen des Jungen heraus, und eine Nazi- Gruppe in Amerika sandte sofort einen Bericht an die Ge- stapo. Da sie den Sohn nicht erreichen können, rächen sie sich an den Eltern.« Seine Worte beunruhigten mich aufs tiefste. Inmitten all meiner Arbeit hatte ich keine Zeit gefunden, mich näher mit der Lage außerhalb der deutschen Grenze zu beschäftigen. Ich bat den jungen Mann, mir die Adresse seines Anwalts dazulassen.»Ich werde mein Bestes tun«, sagte ich, aber ich hatte plötzlich ein Gefühl der Furcht. Bis jetzt war mir Amerika als das einzige Land erschienen, in dem ich vielleicht leben könnte, wenn ich Deutschland verlassen müßte. Ich hatte ein wenig über dieses Land in der Schule gelernt. Nach den Filmen zu urteilen, die her- überkamen, schien das Land wie eine große Stadt; die eine Seite belagert mit Farmen, Pferden und Cowboys— die andere Seite mit Kaugummi kauenden Filmmogulen und blonden erotisch aufgemachten Sirenen. Ich konnte mir in Amerika keine normalen Städte, von normalen Menschen bewohnt, vorstellen; Menschen, erfüllt von Liebe und Haß und allen anderen normalen menschlichen Eigenarten. Und nun Vorurteile? Heuchlerischer Fanatismus? Nein, nicht in Amerika. Die einzigen Amerikaner, die ich in Deutsch- land gesehen hatte, tranken Wein in Heidelberg und Bier in München; waren harmlose Menschen mit einem gewissen Mangel an guten Manieren, verwöhnt, aber erfrischend. Ich konnte sie mir nicht als politische Fanatiker vorstellen. Gleichgültig, egoistisch, das ja; aber nicht fanatisch! Ich rief Mo Groß an und ging hinüber zu seinem Büro, um die Frage mit ihm zu besprechen. Er sah mich mit dem fürsorglichen Ausdruck an, der mir immer ein Gefühl der Wärme und Sicherheit gab und mich in meiner anstrengenden Einsamkeit so wohltuend berührte. 130 »Sie sehen ja ziemlich bedeppert aus. Irgendwas schief- gegangen?« »Ja«, sagte ich.»Abgesehen von allem anderen, etwas Spe- zielles. Ein junger Mann, dessen Onkel— aber das ist nicht das Problem. Ist es wahr, daß es in Amerika Nazi-Organi- sationen gibt?« »Ja«, sagte er plötzlich sehr ernst,»ja, das ist wahr. Ich be- komme sehr oft Berichte von drüben. Und sie scheinen zu beängstigenden Zahlen anzuwachsen.« „Ich kann es nicht fassen. Ich weiß, daß man selbst von einer proklamierten Demokratie nicht ein Paradies erwarten kann. Aber ich dachte wirklich, es sei wenigstens ein freies Land. Warum gebieten sie denn diesen Haßorganisationen keinen Einhalt?« »Gerade weil es ein freies Land ist. Es gibt eine Menge Spitzel der Nazis, und das Land ist mit Nazipropaganda überschwemmt.« »Aber sieht denn der Durchschnittsamerikaner nicht, was vorgeht?« »Der Durchschnittsamerikaner hat keine Ahnung davon, was in seinem Land vorgeht, viel weniger kann er verstehen, was hier passiert. Er hört diese Geschichten und lacht dar- über. Er ist auch viel zu gleichgültig, um sich darum zu kümmern. Eine Menge reicher Amerikaner geben ungeheure Summen an Nazi-Organisationen, weil sie glauben, damit den Kommunismus zu bekämpfen. Sie sind sich nicht dar- über klar, daß sie den Teufel mit dem Beelzebub austreiben wollen. Die meisten Amerikaner sind zu sehr mit dem Kampf um den Dollar beschäftigt.« »Ist es Ihnen nicht unvorstellbar, daß jemand in einem freien Land Nazis unterstützt, nachdem er in den Zeitungen liest, was hier vorgeht?« Mo Groß lächelte ein wenig resigniert.»Wie wäre es, wenn Sie ein wenig über Ihre eigene Zukunft nachdenken wür- den?« » Zukunft?« unterbrach ich ihn.»Ich glaube, Sie und ich haben nur eine Vergangenheit und eine uns vom Schicksal ge- liehene Gegenwart. Je mehr ich über die Welt höre, um so weniger sehne ich mich nach einer Zukunft.« »Hör’n Sie auf, solchen Quatsch zu reden«, sagte er ruhig. »Mensch, so jung wie Sie— in meinem Alter—« Mein Blick ließ ihn innehalten. »Na ja«, fuhr er fort,»Sie müssen das richtig sehen. Die Deutschen in Amerika hören doch nur von den»Helden- taten«, die Hitler für ihre Landsleute vollbringt. Deutsch- land, dreitausend Meilen entfernt, ist für sie ein Paradies, in dem alle ihre eigenen, früheren"Träume Wirklichkeit gewor- den sind. Der frühere deutsche Soldat, der jetzt in Amerika lebt, sieht das heutige Deutschland als ein Land, in dem die männlichen Babys mit Streifen an der Seite geboren werden, um die Stelle zu markieren, an der später die Uniformstreifen sitzen sollen; in dem jedes Baby schießen lernt, bevor es schreiben lernt, damit sein Land das mächtigste der Welt wird; in dem jedes Mädchen als Krankenschwester geboren wird und natürlich auch als die zukünftige Heldenmutter.« »Aber haben sie denn nichts von den amerikanischen demo- kratischen Ideen angenommen?« »O ja, sie stellen sich vor, daß sie die Freiheit Amerikas mit dem Heldentum vereinigen können, das Hitler predigt. Sie glauben natürlich nur die»Heldentaten«, nicht die Morde. Diese sind ihrer Ansicht nach jüdische Hetzpropaganda. Sie sind ehrgeizig, ihr früheres geliebtes Vaterland wieder sieg- reich, mächtig und glorreich zu sehen—« Er unterbrach sich.»Es hat doch keinen Zweck, darüber zu sprechen. Wir werden es nicht ändern. Wir können doch nicht einmal die Verhältnisse in unserem eigenen Land ändern!« »Ich dachte immer, ich würde einen Weg finden, meinen Jungen nach Amerika zu bringen. Ich wollte, daß er in einem freien Lande aufwächst, wo— na ja, wo all die schönen Dinge Wahrheit werden, die man sich für seinen Sohn er- träumt. Sie haben Glück, Ihr Junge ist schon erwachsen und ist in England; er baut schon eine Karriere auf.« »Bei allem Mutterstolz erwarten Sie doch nicht, daß Ihr Sohn seine Karriere mit vier Jahren beginnt?« »Nein, nicht mit vier, aber doch, bevor es zu spät ist.« Er nahm mein Gesicht in seine Hände und zwang mich, ihn anzusehen. 132 »Nanu«, sagte er in seinem Berliner Dialekt, da er ja Gefühl verbergen wollte.»Nanu, Ilselein, nu werd mir man bloß nich kitschig. Keine Angst! Kein Selbstmitleid! Haste doch jesagt, nich? Naives Vertrauen in det Jute im Menschen, nich? Ick hab’s nicht jesagt, det hast du jesagt. Und det Wort hat mich ja denn ooch jezwungen,’ne Art von Liebe zu dir in mir rumzutragen. Du kiekst einen janz jrade an, selbst wenn ick weiß, det dir det Herz vor Angst mit de Zähne klappert.« Sein Gesicht wurde so ernst, wie ich es noch nie gesehen hatte, und er vergaß sogar seinen Dialekt. »Und nun will ich dir mal’n Geheimnis anvertrauen. Meins klappert auch oft. Und ich sag’ dir noch was: Bevor du hier ankamst mit deinen großen Worten von Glauben und Liebe und deinem kleinen verrückten tapferen Herzen, da hat mir die Angst oft genug an der Kehle gesessen, und ich hab’ mir gesagt, meine Tage sind vorüber. Futsch, aus. Ich konnt’ mich ja nicht beklagen. Ich habe ein volles Leben gelebt. Aber ich hatte Angst, zu sterben. Nicht Angst, im Bett zu sterben. Aber ich konnt’ mich nicht an die Vorstellung ge- wöhnen, eines Tages meinen Schädel eingeschlagen zu be- kommen. Und dann kamst du plötzlich hier hereingeschneit. Ich habe keine Ahnung, was dir die Kraft gibt, zu reden, wie du redest, und zu kämpfen, wie du kämpfst. Ich weiß nicht einmal, wie du schaffst, was du schaffst, aber es ist etwas in dir, das mein altes Rückgrat plötzlich aufrichtet, wenn es sich krummbiegen will. Na ja, da kannst du doch sehen, du kannst es dir einfach nicht leisten, Angst zu zeigen. Du wirst deinen Jungen schon rauskriegen. Eines Tages werden wir uns zur Ruhe setzen und uns von unseren Söh- nen ernähren lassen. Mein Junge muß ja älter sein, der muß ja viel früher mit dem Ernähren anfangen. Und nun hör mal auf, über Amerika nachzudenken...« Das Telefon läutete. Er hob den Hörer ab. Ich sah, wie seine Hand sich plötzlich hart um die Kante seines Schreibtisches klammerte. »Ja«, sagte er mit tonloser Stimme.»Ja, wie viele? Irgend- ein Grund angegeben? Ja—« Dann folgte ein langes Schweigen, während Mo Groß mit 133 blassem Gesicht zuhörte. Ich hatte ihn noch niemals so sicht- lich erschüttert gesehen. Dieser Anruf informierte ihn über mehr als ein neues Gesetz. Er legte den Hörer langsam auf die Gabel. Ich wußte, er würde eine Minute brauchen, um sich zu fassen, bevor er sich dann plötzlich mit einem beinahe gleichgültigen Gesicht umdrehen und mir in einem beinahe gleichgültigen Ton etwas Fürchterliches mitteilen würde, das gerade geschehen war. Ich reagierte auf tiefen Schreck in derselben Weise. Es war zwischen uns ein stilles Einverständnis, diese Art seeli- scher Abwehrmaßnahme zu respektieren. Ich wartete. Er hob den Hörer ab und bat den Leiter der Beerdigungs- abteilung, in sein Büro zu kommen. Es schienen Stunden zu vergehen, bis Herr Ansbach an- klopfte. Mo Groß reagierte auf das Klopfen, genau wie ich erwartet hatte. Sein Gesicht trug den Ausdruck der Gleich- gültigkeit, als er sich umdrehte, und sein»Herein« klang ruhig und gelassen. Herr Ansbach war ein älterer Herr, seit langen Jahren in dem Amt bei der Beerdigungskommission der Gemeinde. Er empfing die Angehörigen verstorbener Mitglieder und übernahm für sie die Arrangements der Beerdigung. Es war eine traurige Arbeit, doch mit den Jahren wurde sie zur Routine, wie eben— in normalen Zeiten— Geborenwerden und Sterben eine Routine des Lebens war. Doch letzthin schien Routine des Lebens zu schwer für ihn zu werden. Sein Gesicht spiegelte den Kummer derer wider, denen er diente. »Setzen Sie sich, Ansbach. Ich hatte eben einen Anruf vom Friedhof Weißensee. Eine— Wagenladung kam an— Sarg- kisten— vom Konzentrationslager. Die Totenscheine geben Lungenentzündung und Herzschlag als Todesursache an.« Ansbach lachte plötzlich, ein kurzes, hartes, hysterisches Lachen. »Herzschlag«, sagte er dann,»Herzschlag! Ich fürchte, wenn wir die Toten für die Beerdigung waschen und herrichten, dann wird sich der Herzschlag ziemlich deutlich auf der Haut zeigen.« »Wir werden es nicht erfahren, Ansbach«, sagte Mo Groß, 134 »die Särge sind versiegelt. Wir haben den Befehl, sie sofort zu begraben. Ungeöffnet.« Mein Magen drehte sich in plötzlicher Übelkeit. Ich dachte an den aufgehangenen Mann. »Sie werden alles für sofortige Beerdigung arrangieren«, sagte Mo Groß.»Sie brauchen die Angehörigen nicht an- zurufen. Ich werde mir die Liste geben lassen und es selbst tun. Aber sehen Sie zu, daß alle Befehle ausgeführt werden. Die Gestapo wird vielleicht Stichproben machen.« »Selbstverständlich, Herr Groß«, sagte Ansbach monoton. »Alle Befehle werden ausgeführt werden.« Er wollte aufstehen, doch Mo Groß winkte ihm, zu warten. »Das ist noch nicht alles, Ansbach. Nach der ersten Ladung machte man sich nicht mehr die Mühe, die Körper in Särge zu legen. Wir— wir haben eine Ladung von Paketen er- halten, auf denen— Zettel mit Namen aufgeklebt sind. Der Begleitbrief informiert uns darüber, daß die Pakete die Asche von Menschen enthalten, die während der letzten Tage im Lager gestorben sind.« Ich hielt mich krampfhaft an einem Stuhl fest, um nicht zu fallen. Mo Groß fuhr in kurzen, abgehackten Sätzen fort:»Lassen Sie die Asche in Urnen betten. Ich werde die Angehörigen anrufen. Es wird besser sein, eine gemeinsame Trauerfeier für alle zu halten. Einzelbeerdigungen würden zwei volle Tage in Anspruch nehmen.« Er stand auf und ging zu einem kleinen Wandschrank, in dem er Kognak aufbewahrte. Er goß ein Glas voll ein und reichte es Ansbach.»Hier, trinken Sie. Sie können’s gebrau- chen! Sie haben ein paar schwere Tage vor sich. Und— Ans- bach, Sie werden sich daran gewöhnen müssen. Ich fürchte, dies ist nur der Anfang.« Ansbach stand langsam auf, wie ein sehr alter Mann.»Ja, Herr Groß«, sagte er automatisch.»Ich werde für alles sorgen.« Dann ging er langsam hinaus. Mo Groß kam zu mir herüber und nahm mich bei den Schultern.»Ich sorge mich um dich, Mädel. Du arbeitest auf einem Boden, der jeden Moment einkrachen kann. Ich bitte dich, hör sofort auf.« 135 Ich sah zu ihm auf und versuchte zu lächeln, aber meine Muskeln schienen eingefroren zu sein. »Wirst du aufgeben?« fragte ich. »Willst du denn nicht den Unterschied einsehen?« Erst viel später kam es uns zu Bewußtsein, daß wir plötz- lich»du« zueinander sagten. Ich machte eine Geste des Ver- neinens. »Ich bin doch—«, er hielt inne. Von der Vorhalle kam plötz- lich der Lärm von Stimmen und lautes Weinen. Mo Groß drehte sich schnell um, doch bevor er die Tür erreichen konnte, wurde sie aufgerissen. Eine Frau rannte schreiend ins Zimmer, ein Paket in ihren Händen. Hilde, die Sekre- tärin, lief hinter ihr her und versuchte, sich verständlich zu machen.»Ich wollte sie zurückhalten, aber—« Die Frau starrte auf uns und schrie noch immer wie wahn- sinnig. Dann sah ich, wie sie plötzlich eine schnelle Bewe- gung zum Fenster machte. Ich sprang auf sie zu und riß sie an den Schultern zurück. Für einen Moment hörte sie auf zu schreien, drehte sich um und sah mich an, ohne mich zu sehen. Dann glitt sie langsam zu Boden und jammerte leise: »Mein Mann— mein Mann—« Ich bückte mich, um sie aufzurichten. Sie hielt ein Stück Papier umklammert. Ich löste es vorsichtig aus ihren Fingern, öffnete es und las: »Ihr Mann ist gestern gestorben. Anbei senden wir—« Ich konnte nicht weiterlesen. Ich konnte es nicht fassen. Es war ein großer Unterschied, die Nachricht zu hören oder die"Tatsache vor sich zu sehen. »Sie schicken ihr—« Mo Groß nickte. Hilde half mir, die leise weinende Frau vom Boden aufzuheben.»Bitte, stehen Sie auf«, sagte ich leise, obwohl ich nicht den geringsten Grund sah, warum sie aufstehen sollte, warum sie noch irgend etwas tun sollte.»Sie müssen versuchen, sich zu fassen. Sie können Ihrem Mann nicht mehr helfen. Haben Sie Kinder?« Sie nickte. »Na, sehen Sie. Ihre Kinder brauchen Sie jetzt mehr als je- mals. Nicht mehr weinen— bitte versuchen Sie, tapfer zu sein—« Ich fühlte mich so arm— meine Worte so nutzlos. 136 Sie nickte mechanisch zu meinen Worten. Ich sah zuMo Groß hinüber.» Können Sie Hilde entbehren?« Er nickte. „Hilde, bitte, bringen Sie sie nach Haus. Nehmen Sie einen Wagen und kaufen Sie auf dem Weg ein Beruhigungsmittel. Und bleiben Sie bei ihr, ja?« »Natürlich. Mein Gott, sie—« Ich nahm sanft die Hände der Frau von ihrem Gesicht. Sie sah mich mit einem Ausdruck völliger Hoffnungslosigkeit an und machte dann eine Bewegung nach dem Paket auf dem Boden. Ich hinderte sie daran und führte sie zur Tür. »Überlassen Sie uns das«, sagte ich.»Ruhen Sie sich jetzt erst einmal aus. Kommen Sie morgen nachmittag zu mir.« Hilde nahm ihren Arm und führte sie aus dem Zimmer. Ich machte ein paar Schritte zu einem Stuhl. Mein Fuß be- rührte versehentlich das Paket auf dem Boden. Ich hielt inne und starrte es an. Ich hörte plötzlich meinen Schwie- gervater sagen:»Eine Frau sollte ihrem Mann helfen, eine Existenz, ein Heim, eine Karriere aufzubauen—« Dies war übrig— dies war alles, was von den Träumen der Frau übrig war— von einer Karriere— einem Heim— einem Menschen— ihrem Mann— groß und stattlich vielleicht— und nun? Ich war plötzlich unendlich müde... Mo Groß’ Stimme kam wie aus weiter Ferne:»Nehmen Sie das heraus.« Dann sah ich Hände das Paket aufheben, fühlte Mo Groß’ Arm um meine Schultern.»Ruhig, Ilselein, ruhig. Komm, setz dich einen Augenblick ruhig hin.« »Es ist nur—« Ich gab es auf, mich zu entschuldigen. Warum sollte ich denn nicht auch einmal zusammenklappen? Hier konnte ich es mir doch erlauben, ich war unter Freunden, und niemand beobachtete die Reaktion meiner Gesichts- muskeln. Ich trank den Kognak, den Mo Groß mir reichte. Er nahm wenigstens die Übelkeit fort. Und während Mo sich an seinen Schreibtisch setzte und scheinbar Papiere durchsah, heulte ich mich aus, bis ich keine Tränen mehr hatte. Er legte sein Taschentuch auf den Schreibtisch. Ich sah auf und versuchte zu lächeln. »Schnaub dir die Nase«, sagte er, und ich gehorchte.»Ich 137 hab’ etwas Geld in Englandk«, fuhr er in trocken-sachlichem Ton fort.»Du könntest mit deiner Familie auf ein Besuchs- visum dorthin gehen, bis du weißt, was du weiterhin tun willst.« Ich schüttelte den Kopf. Ich konnte nicht sprechen. »Du kannst so nicht weitermachen, deine Nerven sind völlig verbraucht. Und du weißt es auch.« »Ich bin gleich wieder in Ordnung«, sagte ich und stand auf. »Das Ausheulen hat gut getan, aber ich habe eine Menge Zeit verschwendet. Dies ist wirklich nicht die Zeit für Nervenzusammenbrüche. Ich muß schneller arbeiten— viel schneller; du siehst doch, wie schnell sie sind— und wie gründlich. Ich kann sowieso so wenigen helfen. Danke für den Kognak und das Taschentuch.« Er stand auf und trat zwischen mich und die Tür. Ich sah zu ihm auf.»Du hast eine rote Nase«, sagte er. »Ich weiß, Menschen werden sagen, du hast mich miß- handelt.« »Glaubst du noch immer an das Gute im Menschen?« »Ich habe doch heute nichts Neues gelernt. Ich kenne ja ihre Methoden des Mordens. Ich habe einen Fehler gemacht, und darum habe ich meine Nerven verloren.« » Welchen Fehler?« »Ich habe nach unten gesehen— und sah in ein Grab. Ich sehe niemals nach unten, wenn ich arbeite— niemals. Unten sind Gräber und vor mir ist eine weite leere Wand.« »Wohin kannst du denn sehen?« »Ich hebe meine Augen auf—« Er sah mich lange an, und dann fragte er zögernd, mit einem beinahe furchtsamen Unterton in seiner Stimme:»Glaubst du wirklich noch immer an das, was du zu finden hoftst, wenn du nach oben siehst?« »Ja.« »Findest du es nicht sehr schwer, noch zu glauben— nach all— diesem?« »Ja. Aber ich würde es viel schwerer finden, nicht zu glau-| ben.« N Er beugte sich über mich und küßte mich auf den Mund. Dann ging ich zurück an meine Arbeit. 138 23 Die Wände um uns wurden täglich enger. In Berlin war es noch erträglich, aber in kleinen Städten lebten jüdische Men- schen wie Insassen von Gefängnissen, die auf ihr Urteil warteten. Nur sehr starke Herzen konnten unter diesen Umständen an ihrem Glauben festhalten. Viele fühlten sich von Gott verlassen oder zweifelten an seiner Existenz. Ich gab so viele Rezitationsabende in Tempeln, wie es meine Zeit erlaubte. Ich fühlte, daß viele Menschen nicht mehr die Kraft besaßen, zu beten, aber wenn ich Psalmen oder einige besonders schöne Gebete in deutscher Sprache rezitierte, sah ich, wie ihre Lippen sich leise bewegten, und wußte, ich hatte wieder eine kleine Flamme der Hoffnung in ihren Herzen entfacht. Dann kam der Tag, an dem Paul mir erzählte, daß seine Verwandten in Amerika wiederum geschrieben hätten, daß sie uns die notwendigen Papiere für eine Übersiedlung in die Vereinigten Staaten sofort zusenden könnten. Mit die- sem Brief wollten sie uns wohl auch die Dringlichkeit nahe- legen.» Tausende würden Jahre ihres Lebens dafür geben, diese Papiere zu bekommen«, sagte er. »Ich weiß es. Du hast völlig recht.« »Was willst du tun?« »Ich weiß es nicht, Paul, wirklich— ich weiß es nicht.« »Ich selbst reiße mich nicht darum, auszuwandern«, sagte er. »Aber ich denke, wir schulden es dem Jungen, ihn in Sicher- heit zu bringen.« »Ich bin völlig einer Meinung mit dir«, antwortete ich. »Ehrlich gesagt, ich bin so furchtbar müde, daß ich für mich selbst einfach keine Entschlüsse fassen kann. Aber der Junge muß aus Deutschland heraus.« Wir beschlossen, die Papiere anzufordern und es der Zeit zu überlassen, Entscheidungen für uns zu treffen. Vielleicht würden die Papiere unsere Rettung sein, vielleicht würde sich bei ihrer Ankunft die ganze fürchterliche Situation in Deutschland geändert haben. 139 September ı938 kam heran und mit ihm wieder die hohen Feiertage und der Versöhnungstag. Dies war der höchste und ernsteste Feiertag des Jahres, und selbst nichtorthodoxe Juden verbrachten den ganzen Tag im"Tempel. Während der letzten zwei Jahre hatte ich nicht die Zeit auf- bringen können, meinen geliebten Tempel,»mein Haus«, so oft wie früher zu besuchen. Doch es war so gut, zu wissen, daß es immer da war und unverändert blieb; immer bereit, mich zu empfangen, wie ein gutes Heim, zu dem man nach langen anstrengenden Reisen zurückkehrt, um auszuruhen. Stückchen hatte seinen Platz in meinem Haus, und auch Mo Groß wollte diesen Versöhnungstag dort verbringen. Ge- mäß seiner Position pflegte er am Versöhnungstag mehrere Tempel in Berlin zu besuchen, aber diesmal sehnte er sich nach ein paar Stunden völliger Ruhe und des Nachsinnens in einem Gotteshaus. Ich freute mich auf den Feiertag und be- schloß, die 16 Gestapobeamten zu übersehen, die im Hin- tergrund des Tempels aufgepflanzt standen, um aufzupassen, ob nicht vielleicht doch mein Vater oder der Rabbiner ein Wort gegen ihren»Führer« sagen würde, das es ihnen er- möglichte, die religiösen Leiter des Tempels zu verhaften. Mein Haus sah besonders schön aus. Es war für den Feier- tag mit seinen kostbarsten Schätzen festlich geschmückt. Die silbernen Leuchter schimmerten auf dem Altar; und die hei- ligen Schriftrollen, eingehüllt in weißen Seidenmoire, trugen schwere Silberkronen, an denen feine, handgearbeitete kleine Silberglocken befestigt waren, die leise und melodiös er- klangen, wenn die Schriftrollen bewegt wurden. Auch die Altardecke und der überwältigend schöne Vorhang des heiligen Schreines waren, nur an diesen höchsten Feier- tagen, aus weißem Seidenmoire, mit einer breiten hand- gestickten Goldbordüre. Ich saß zurückgelehnt auf meinem Platz und überdachte das vergangene Jahr. Ich hatte über vierhundert Familien in Sicherheit gebracht, und dies gab mir ein Gefühl dankbarer Befriedigung. Aber in meinem Herzen war eine Vorahnung, daß dies der letzte Versöhnungstag in meinem geliebten Haus sein würde. Wir hatten die Nachricht bekommen, daß unsere Papiere genehmigt waren, und nun war es nur noch eine 140 Frage der Zeit, bis unsere Quotennummer an der Reihe sein würde. Dann würden wir unsere Visen für Amerika er- halten. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie ein Leben in Deutschland ohne mich sein würde— ich wagte nicht, daran zu denken, was ein Leben für mich ohne Deutschland be- deuten würde. Würde mein Haus mich vermissen? Wen würde es im nächsten Jahr lieben? Wer würde meinen Platz im nächsten Jahr einnehmen? Wie begrenzt ist doch unser Horizont! Wie wenig können wir doch tun, um unser eigenes Schicksal zu leiten! Ich be- neidete diejenige, die im nächsten Jahr meinen Platz be- setzen würde— und als das nächste Jahr herankam, waren mein Platz und alle anderen zerstört. Und nach ein paar weiteren Jahren war nicht nur mein Haus, sondern mehr als die Hälfte der großen Stadt durch Feuer vernichtet. Als die Orgel das heiligste Gebet des Tages einleitete, sagte ich leise:»Bitte, lieber Gott, laß mich diese Melodie auch im nächsten Jahr hören.« Unsere Gebete sind oft einfältig und so kurzsichtig, doch Gott ist weise und gütig. Er überhört unsere unwissenden Bitten und rettet uns aus Gefahr und Verderben. Während dieses einzigen Gebetes knien jüdische Menschen im Tempel. Und ich dachte: Jeden Tag bekämpfen wir ein- ander in Fragen des Glaubens und der Überzeugungen, aber in Augenblicken der Demut tun wir alle genau dasselbe. Wenn wir doch dies endlich einsehen würden, dann wäre das Leben so viel schöner und einfacher. Die Hassenden würden glücklos am Wege abseits stehen und langsam ver- welken; wie die Äste eines starken Baumes, die keine Nah- rung mehr vom Stamm erhalten. Die Einleitung war vorüber, und ich kniete nieder, um mit Gott zu sprechen. Ich tat dies meist in meinen eigenen Wor- ten und Gedanken. Doch ich liebte den Sinn eines Gebetes, das am Abend dieses Feiertages gelesen wurde, und schrieb es in neuer Form und meinen eigenen Worten nieder, weil es in der Schönheit seiner Grundidee die einzige Bitte ent- hält, mit der ich je gewagt habe, Gott anzugehen. 141 Öffne uns, Herr, die Pforte des Friedens, Bevor die Tore des Lichtes sich schließen, Denn schon neiget sich der Tag. Der Tag neigt sich. Die Sonne geht unter. Die Ruhe der Nacht senkt sich über die weite Welt. Erlaube auch unseren Herzen diese Seelenruhe In der Gewißheit, daß Du in Deiner Gnade Uns unsere Schwächen verziehen hast. Laß sorgenvolle Seelen Deine Liebe fühlen, Denn dies wird sie stärken und mit neuer Hoffnung erfüllen. Wie Sternenlicht den nächtlichen Himmel erleuchtet, So erhellen die Strahlen Deiner Liebe den lichtlosen Pfad unseres Forschens. Bitte öffne uns die Pforte des Friedens, Bevor die Tore des Lichtes sich schließen, Denn schon neiget sich der Tag. Der Tag geht dahin. Wir gehen wieder an unsere Arbeit, Und die täglichen Sorgen des Lebens heften sich wieder an uns. Gib uns die Einsicht, die rechten Entschlüsse zu fassen Und nicht von der Güte zu weichen. Deine Liebe ist die Quelle unserer Stärke. Öffne uns die Pforten des Friedens, Bevor die Tore des Lichtes sich schließen, Denn schon neiget sich der Tag. Der Tag geht dahin. Wenn der Abend unseres Lebens naht Wie der Abend dieses Tages; Wenn die Sonne unseres Lebens sich zum Untergang neigt Wie die Sonne dieses Tages; Wenn jene Nacht uns überkommt, Die ihre Schatten über alles Sterbliche breitet; Bitte laß uns dann auf unser Erdendasein Mit dem Gefühl der Zufriedenheit zurückblicken; Laß in der letzten Stunde unseres Lebens Unsere Herzen von zuversichtlicher Hoffnung erfüllt sein.| 142 Ja dann, Herr des Lebens, Wenn die Pforte unseres Lebens sich schließet, Öffne uns die Pforte zu Deinem Schutze Und laß uns einziehen zu ewigem Frieden. Wenn ich jetzt die Augen schließe, höre ich die Orgel und meines Vaters Stimme. Ich sehe seine aufrechte Gestalt im schneeweißen Talar vor dem weißen Altar, seine Augen zu dem Schrein mit den heiligen Schriftrollen erhoben. Und alles schimmert in dem strahlenden Licht der silbernen Leuchter auf dem Altar. Keine Wirklichkeit kann je leuchtender vor meinen Augen stehen, als dieses Bild in meinem Herzen lebt. Es wird nur dann verlöschen, und die Melodie wird erst dann verklingen, wenn sich der Tag meines Lebens dem Ende zuneigt. 24 Ich hatte nie im Leben sehr großen Wert auf Geld und Luxus gelegt, daher haben mich solche Verluste auch nie zu sehr erschüttert. Seit meinen Erfahrungen in Deutschland nahm ich den Wert finanzieller Sicherheit nie mehr zu wich- tig. Ich kannte Männer, die glaubten, daß ihr Vermögen nicht nur für sie, sondern für ihre kommenden Genera- tionen felsenfest gesichert war. Über Nacht verschwanden Vermögen, Sicherheit und all das Glück, das mit diesen welt- lichen Besitztümern verbunden ist. Wenn dennoch jemals Selbstmitleid meine Vernunft zu trü- ben droht, dann muß ich nur an ein weißes Laken denken, um wieder frei und dankbar für jedes Gottesgeschenk zu sein. Ich liebte es schon als junges Mädchen, Wohltätigkeits- abende zu arrangieren, und wie jeder, der im Sozialwerk tätig ist, hatte auch ich meine Lieblingsprojekte, für die ich besonders hart arbeitete und Geld sammelte. Im Jahre 1930 plante ich einen sehr großen Abend und besuchte einige pro- 143 minente Mitglieder der Gemeinde, um ein Ehrenkomitee zu gründen. Eines dieser Mitglieder war ein sehr reicher und erfolgreicher Wäschefabrikant. Er empfing mich jovial in seinem luxuriösen Privatbüro und beteuerte, wie sehr er sich freue, einen künftigen Stern des deutschen Theaterhimmels vor sich zu sehen. Als ich ihm den Zweck meines Besuches erklärte und um seine tatkräftige Hilfe bat, lehnte er sich breit in seinen Sessel zurück, paffte an seiner dicken Zigarre und erteilte mir eine Lektion über Wohltätigkeit. »Sehen Sie, mein liebes Kind«, begann er— und seitdem kann ich den Anblick von Männern, die dicke Zigarren rauchen, nicht ertragen—,»ich habe es mir zum Prinzip ge- macht, niemals einer Organisation Gelder für wohltätige Zwecke zu geben. Ich glaube nicht an Wohltätigkeit, nein, mein liebes Kind, absolut nicht. Brütet nur Parasiten aus! Verstehn Sie, was ich meine? Ein Mann hört, daß da irgend- wo eine Organisation existiert, die Geld hinausschmeißt. Er hört auf zu arbeiten und denkt nach, wie er zu’ner Scheibe davon kommen kann. Verstehn Sie, was ich meine?« Ich versuchte vergebens, ihn zu unterbrechen. »Mein liebes Kind, ich weiß, was ich rede. Jeder Mensch auf der Welt kann sich selbst helfen, wenn er nur will. Hilf dir selbst, so hilft dir Gott. Ja, das ist mein Motto. Verstehn Sie, was ich meine?« »Aber Menschen brauchen Menschen«, sagte ich.»Wenn Sie nie etwas für andere tun, wie können Sie erwarten, daß andere etwas für Sie tun?« Er lachte; ein sattes, volles Lachen, das noch heute in den Ohren nachklingt.»Hilfe von anderen? Mein liebes kleines Fräuleinchen, wer zum Teufel braucht Hilfe von anderen? Mein Kind, ich habe Karriere gemacht! Wie? Als junger Bursche habe ich ein Stück weißen Perkal gekauft und habe Laken daraus gemacht; auf einer Nähmaschine, die ich mir von meiner Mutter borgte. Dann hab’ ich die Laken selbst verkauft. Heute habe ich meine eigenen Webereien, Fabri- ken und Hunderte von Angestellten; auch ungefähr zwölf Millionen Mark in der Bank.« Er lachte wieder das schal- lende, laute Lachen.»Glauben Sie, daß ich wohl jemals die 144 Hilfe anderer brauchen werde? Was? Mit zwölf Millionen Mark? Verstehn Sie, was ich meine?« »Und wenn Sie einmal krank oder hilflos würden? Oder irgendwie die Hilfe anderer brauchten? Was dann?« Auf seinem Gesicht lag deutlich die Verachtung aller Krea- turen,»die andere Menschen brauchten«. »Wenn ich jemals Hilfe brauche? Ich hoffe, dann trifft mich der Schlag. Ja, das ist mein Ernst, ich hoffe, dann trifft mich @er Schlag. Menschen, die sich auf die Hilfe von anderen verlassen, sind Parasiten. Müssen umlernen— sind für nichts gut. Wenn ich was brauche, bezahle ich dafür, inklusiv meiner Beerdigung! Jawohl, mein kleines Fräulein, inklusiv meiner Beerdigung! Und aus diesem Grunde gebe ich Ihnen auch nicht einen Sechser für Wohltätigkeit. Verstehn Sie, was ich meine?« Ich verstand. Ich konnte meinen Zorn nicht länger unter- drücken und stand auf. »Ich kann für Sie nur hoffen, daß Sie niemals Freunde oder Hilfe brauchen, denn die werden Sie kaum bekommen. Ich jedenfalls würde nicht einen Finger für Sie rühren! Ver- stehn Sie, was ich meine? Von mir aus kann das passieren, was Sie sich dann wünschen; von mir aus kann Sie der Schlag treffen.« Ich schlug die Tür hinter mir zu und schwor, ich würde es ihm eines Tages heimzahlen. Aber was kann man schon einem Menschen antun, der zwölf Millionen Mark in der Bank hat? Nach dem Versöhnungstag 1938 wurde der Druck beinahe unerträglich. Täglich wurden mehr und mehr Menschen verhaftet, und ich konnte immer seltener herausfinden, wo sie waren, und immer seltener Papiere für sie erhalten. Ich war so verzweifelt, daß ich es wagte, ein Treffen mit Fritz zu erbitten. Auch er war sehr deprimiert.»Der Druck von oben« lag auch auf ihm und wurde schwerer, je öfter das Wort»Krieg« ausgesprochen wurde. Wir wußten, im Augen- blick eines Kriegsausbruches war das Schicksal aller Juden in Deutschland besiegelt. Die Situation der Katholiken wurde auch täglich drohender. Obwohl die Anzahl der er- mordeten Menschen in ihren Reihen nicht mit denen der 145 Juden verglichen werden konnte, würde sie doch sehr an- steigen, sobald Hitler nicht mehr mit der Einmischung des Vatikans zu rechnen hatte. Diesmal war es Fritz, der mich bat, Deutschland zu verlassen. »Sie werden eines Tages gefangen. Ich könnte es nicht er- tragen, wenn das passiert, Ilse.« »Und Sie, Fritz?« »Ich kriege es eines Tages ins Genick, so— oder so. Um mich ist’s doch sowieso geschehen. Ich kann nicht’raus, und wenn ich könnte, würde ich auch nicht gehen. Ich gehöre zu denen, die in den Augen der Welt schuldig sind. Bei Ihnen ist es ganz etwas anderes. Sie können noch heraus, und ich will, daß Sie gehen— so schnell wie möglich.« »Was passiert mit den Menschen, die wir nicht finden kön- nen, Fritz?« Er sah mich an, und ich entdeckte Müdigkeit in seinem Blick. »Bitte fragen Sie mich nicht, ich kann nicht antworten.« »Könnte ich Entlassungspapiere für sie bekommen, Fritz?« »Nicht von mir.« »Ich verstehe.« »Bitte verlangen Sie keine Papiere mehr, Ilse.« »Haben Sie Angst, sie mir zu geben?« »Nein. Nicht Angst um mich selbst.« »Nur noch ein paar, Fritz. Ein paar mehr.« Er zögerte.»Aber wenn Ihnen Papiere verweigert werden, denken Sie nicht, daß ich mein Wort gebrochen habe. Wenn Sie das erste»Nein< bekommen, müssen Sie wissen, daß ich mich nur geweigert habe, meine Hand dazu zu reichen, Sie umzubringen.« »Danke. Danke für alles, Fritz.« »Bitte versuchen Sie herauszugehen. Sie haben nur noch so kurze Zeit.« Von da an versuchte ich nur noch ein paar der dringendsten Fälle zu lösen. Doch wie konnte ich bestimmen, welche die dringendsten waren, wer vielleicht noch gerettet werden müßte? Ein paar Tage nach meinem Treffen mit Fritz bat Mo Groß mich in sein Büro. »Ich habe hier einen sehr bitteren Fall«, begann er.»Du 146 weißt, ich bitte dich selten um einen Gefallen, aber ich wäre dankbar, wenn du versuchen könntest, etwas für diesen Mann zu tun. Leider halte ich jede Rettung für unmöglich. Aber du hast schon Unmögliches geschafft.« Ich konnte mir nicht gleich erklären, warum der Name auf dem Aktendeckel ein so tiefes Gefühl des Unwillens in mir wachrief. Plötzlich fiel es mir ein. Ich schloß meine Augen und hörte das satte, schallende Lachen.»Na sieh mal an«, sagte ich.»Nein, nein, ich glaube nicht, daß ich für diesen Mann etwas tun kann. Tragischer Fall! Jeder Fall ist tra- gisch, das weißt du ganz genau. Was ist denn mit ihm los? Wollten die Nazis sein Bestechungsgeld nicht annehmen? Er ist doch daran gewöhnt, für alles zu bezahlen! Das hat er mir selbst gesagt! Bestand darauf, ihn solle der Schlag tref- fen, wenn er jemals Hilfe brauchte!« »Die Nazis haben sein Geld genommen, ohne daß er sie darum bat. Auch seine Fabriken. Was ist denn mit dir los, Ilselein? Ich hab’ dich noch nie so sarkastisch und böse ge- sehen!« »Nichts ist los. Er hat mich mal fürchterlich wütend ge- macht, das ist viele, viele Jahre her. Ich schwor, ich würde es ihm heimzahlen. Aber damals war er ein freier Mann und hatte zwölf Millionen. Was sind die Details?« »Eine Stunde nachdem die Gestapo ihn abholte, beging seine Frau Selbstmord. Als sie in die Fabrik kamen, leistete sein ältester Sohn Widerstand und wurde getötet. Sein Schwieger- sohn wurde auch abgeholt, und sie können ihn nicht finden. Alle Versuche der Anwälte, etwas über ihn zu erfahren, scheiterten. Er ist einfach verschwunden.« »Entlassungspapiere? Nicht von mir...«, hörte ich Fritz sagen. »Nun verbleiben seine Tochter, Schwiegertochter und sechs Enkelkinder. Sie haben keinen Pfennig. Die Gemeinde gibt ihnen Geld für das Nötigste.« »Warum gehen sie denn nicht hinaus? Der hat doch be- stimmt ein Bankkonto in der Schweiz!« »Geschäftsfreunde haben sofort angeboten, genügend Geld zu hinterlegen, um für die Frauen und Kinder Einreise- papiere zu bekommen. Aber sie weigern sich, das Land ohne 147 den Vater zu verlassen. Sie hoffen auch, daß der Schwieger- sohn vielleicht noch am Leben ist und man ihn doch noch finden kann.« »Diese Idioten!« sagte ich wütend, doch ich wußte, daß ich am meisten auf mich selbst wütend war.»Denken sie viel- leicht, es ist so einfach, einen Mann aus einem Lager zu bekommen?« »Sie denken nicht«, sagte Mo Groß in demselben"Ton, in dem der gütige Richter den Beamten belehrt hatte.»Sie hof- fen nur.« »Wie dürfen sie zögern, hinauszugehen, wenn die kleinste Chance besteht, ihre Kinder zu retten?« Er sah mich an und sagte ruhig:»Dein Sohn ist noch hier.« »Das war unfair«, erwiderte ich.»Hätte ich vor sechs Mona- ten dein verlockendes Angebot, mir ein Visum zu besorgen, angenommen, so wären zweiundachtzig Familien, die ich in dieser Zeit aus Deutschland herausgebracht habe, verloren gewesen. Diese Familie wäre auch verloren— wenn sie es nicht sowieso ist.« »Verzeih mir«, sagte er. »Gib mir die Akte und hör auf, dich um mich zu sorgen. Dieser Fall ist ein Verbrechen«, fügte ich hinzu.»Der Mann konnte mit seiner Familie Deutschland 1933 verlassen haben.« »Wir konnten das auch getan haben.« »Das ist etwas ganz anderes. Wir sind aus anderen Gründen geblieben; aus Liebe zu Deutschland, aus Pflichtgefühl, unsere Aufgaben hier zu erfüllen und anderen zu helfen. Er war zu geldgierig, seine Fabriken zurückzulassen, zu gierig, einen Teil seines Geldes zu verlieren, obwohl er mehr hätte retten können, als andere in einer Lebenszeit verdie- nen. Ich kann kein Mitgefühl für den Mann aufbringen; höchstens für die Kinder.« Ich erhielt die Papiere und fuhr zum Lager. Man übergab mir ein Bündel in Menschengestalt. Sie hätten ihn nie ent- lassen, wenn Anwälte die Papiere eingesandt hätten. Nach meinen ersten Erfahrungen hatte ich immer Verbandszeug und Kognak im Wagen, aber in diesem Fall half das nicht viel. Der Körper war zerschlagen, und Wunden auf dem Rücken waren noch offen. Das Gesicht war geschwollen, 148 die Augen fast geschlossen. Er hatte wohl bitter gelernt, daß Trotz und Eigenwille keine Eigenschaften waren, die einen Lagerinsassen lange am Leben hielten. Er war sich seiner Umgebung nicht bewußt und wurde endlich im Wagen bewußtlos. Ich hielt seinen Oberkörper auf meinen Knien, damit er auf der Seite liegen konnte, ohne die rauhen Überzüge des Wagens mit seinem Rücken zu berühren. Nach einer Weile begann er, in einem Zustand umschatteten Bewußtseins, zu stammeln. Ich beugte mich über ihn, um ihn zu verstehen; und dann erreichten mich seine abgeris- senen Worte, die er, monoton wie eine Platte, wiederholte: »Ein Laken— ein weißes Laken— bitte gib mir— weißes Laken— ich bezahle dir— bitte— ich habe vierzehn Mil- lionen— sag nicht Aufseher— weißes Laken— bitte— ich bezahle— vierzehn Millionen— in der Bank— bitte gib mir— weißes kühles Laken— weißes— ich gebe dir vierzehn Mill— bitte— bitte—« Ich lehnte mich zurück. Er wollte noch immer bezahlen. Vierzehn Millionen Mark für ein weißes kühles Laken, um seinen verwundeten Rücken zu kühlen. Der Rückweg nach Berlin dauerte ein paar Stunden— ein Leben lang. Als wir das Krankenhaus erreichten und man ihn herauftrug, sagte ich der Schwester:»Bitte legen Sie ihn auf ein weißes Laken.« »In seiner Verfassung? Auf ein weißes Laken?« »Bitte«, sagte ich,»bitte legen Sie ihn auf weiße Laken, selbst wenn Sie sie wegwerfen müssen.« Wir gingen in das Zimmer, in dem er lag.»Bitte, Schwester, ich weiß, was ich sage. Halten Sie ihn auf weißen Laken. Ich schicke Ihnen morgen ein Dutzend.« Die Schwester folgte meiner Bitte. Ich half ihr, ihn auf ein weißes Laken zu rollen. Er lag sehr still. Plötzlich, wohl in dem Bestreben, das Laken zu sehen und zu streicheln, ver- suchte er die Augen zu öffnen und den Arm zu bewegen. Dann begann er wieder zu stammeln. Ich beugte mich über ihn. Die Schwester, an Leiden gewöhnt, begann zu weinen. »Kühl Laken— danke— gib mir Scheckbuch— ich hab’ ver- sprochen— will bezahlen— vierzehn Millio— bitte— will— bitte—« Die Schwester starrte ihn an, stumm vor Schreck. Ich sagte eindringlich, versuchend, zu ihm durchzudringen:»Schon gut. Es ist alles bezahlt.« Er wurde nur ruheloser. »Scheckbuch— will bezah— vierzehn Milli— bitte—« »Ist er wahnsinnig?« fragte die Schwester. Ich schüttelte den Kopf. Für einen Moment war ich hilflos. Dann nahm ich aus meiner Handtasche ein Notizbuch und einen Bleistift und winkte der Schwester, vorsichtig seinen Arm zu halten. »Hier«, sagte ich,»hier ist Ihr Scheckbuch.« Ich legte den Bleistift in seine halbzerbrochenen Finger und hielt seine andere Hand mit dem Notizbuch. Mit unge- heurer Anstrengung kritzelte er abgebrochene Striche und stammelte:» Vier— zehn— Millio—« Eine schief absteigende Linie sollte wohl die Unterschrift sein. Dann lag er still auf seinem Laken. Ich fuhr zum Bridgeklub. Stückchen atmete erleichtert auf, als er mich sah. Einer der Spieler stand auf. »Nein«, sagte ich,»spielen Sie ruhig weiter. Ich bin sehr müde. Ich kam nur für ein paar Minuten vorbei, weil ich es versprochen hatte.« »Wir haben gerade ein Spiel beendet«, sagte der Mann, ein junger Arzt,»spielen Sie eine Weile, Sie sehen nervös aus. Es wird sie entspannen.« »Gut«, sagte ich,»aber nur ein Spiel.« »Ein Herz«, hörte ich den Gegner bieten. »Zwei Kreuz«, wollte ich sagen und schaute einen Augen- blick in meine Karten.»Vierzehn Millionen«, sagte ich tief in Gedanken. »Ist das nicht ein bißchen hoch?« fragte mein Gegner lachend. Ich sah in Stückchens erschrockene Augen und wurde mir dann erst bewußt, was ich gesagt hatte. »Sie haben recht«, sagte ich und versuchte ein Lächeln.»Ich bin wirklich furchtbar müde. Bitte entschuldigen Sie mich für heute.« »Natürlich«, sagte der junge Doktor,»schlafen Sie recht gut.« 150 Dann nahm Stückchen einen Wagen und brachte mich nach Haus. Ich lehnte meinen Kopf an seine Schulter und schloß die Augen. Wir sprachen kein Wort. Ich wußte, er verstand. Zu Hause übergab ich mich eine lange Zeit. Am nächsten Morgen sandte ich ein Dutzend Laken zum Krankenhaus. Sie trugen das Zeichen seiner Fabriken. Der Arzt tat alles, was in seiner Macht stand, ihn zu retten. Doch er erlag seinen Verletzungen in der folgenden Nacht. Vier Laken waren noch übrig. Man begrub ihn in ihnen. Wir brachten den Rest der Familie aus Deutschland heraus. Seit jenem Tag fühle ich eine Geringschätzung für den Begriff finanzieller Sicherheit. Wenn es dazu kommt, er- kauft Geld so wenig. Und wenn Gott fortschaut, nicht ein- mal ein weißes Laken für vierzehn Millionen Mark. 25 Anfang Oktober 1938 bot ein Freund, ein ausländischer Diplomat, mir an, uns Besuchsvisen nach Frankreich zu be- sorgen. Wir könnten dort ziemlich billig leben und auf unsere Einreisepapiere nach Amerika warten. Und wir wür- den die Visen durch seine Beziehungen in zwei Wochen er- halten. Ich erzählte Mo Groß von dem Angebot meines Freundes. Er hörte aufmerksam zu.»Als ich mit dir diese Frage vor einem Jahr diskutierte, lehntest du es ab. Jetzt überlegst du. Warum?« »Ich weiß es nicht«, sagte ich.»Ich weiß es nicht. Es ist nicht Furcht. Ich fürchte nur das Fortgehen, nicht das Hier- bleiben. Vielleicht ist es ein langsames Nachgeben den Bit- ten meiner Freunde gegenüber— dich eingeschlossen.« »Du hast gute Freunde«, sagte er. »Ja«, sagte ich,»und sie sind alle noch hier.« »Männer wie dein Vater und ich sind im Dienst der Ge- meinde alt geworden. Wenn wir, durch Gott oder die Men- 151 schen, gezwungen werden, den Hobel niederzulegen und die Hobelbank zu verlassen, dann nehmen wir ein Gefühl der Befriedigung darüber mit uns, daß wir nicht desertiert sind. Würdest du nicht enttäuscht sein, wenn ich mein Büro mor- gen für immer verließe? Würdest du deinen Vater von einem anderen Mann an dem Altar, den du so liebst, ersetzt sehen wollen? Bei dir sieht die Sache ganz anders aus. Du kannst nicht mehr deinem erwählten Beruf nachgehen. Die Theater sind dir verschlossen, und keinem Verlag wäre es erlaubt zu drucken, was du schreibst. Du hast hier in der Zeit tiefster Not Großes geleistet, aber jetzt ist es höchste Zeit, daß du fortgehst und einen Platz in der Welt findest, wo du deinem Beruf nachgehen kannst.« Es klang so fremd— Theater— Aufführungen— Bücher— gab es das alles noch irgendwo? »Gibt es das alles noch irgendwo?« fragte ich, und er ver- stand. »Ja«, sagte er.»Das ist es ja, was ich meine. Ich würde auch herausgehen, wenn dieses Büro nicht mehr existierte, und ich würde alles daransetzen, daß dein Vater hinausgeht, wenn sein Altar nicht mehr existierte.« »Er wird immer existieren«, sagte ich.»Aber ich werde ernsthaft über deine Worte nachdenken.« »Wie lange willst du es dir überlegen? Bis es zu spät ist? Setz einen Stichtag.« »Morgen«, sagte ich bestimmt.»Ich werde dich morgen nachmittag anrufen. Wenn nichts dazwischenkommt, sage ich dir morgen meine Entscheidung. Und— ich werde wahr- scheinlich fortgehen.« »Wann?« »Sobald ich die Papiere bekomme. In ein paar Wochen.« »Gut«, sagte er,»dann bin ich zufrieden. Bis morgen nach- mittag wird nichts geschehen, was dir eine Entschuldigung geben wird, deine Entscheidung hinauszuzögern.« Auf welch schwankendem Boden bauen wir unsere Pläne— und wie begrenzt ist unser Horizont! Er konnte nicht ahnen, daß er der Grund für das Herauszögern meines Fortgehens sein würde. Ich beabsichtigte, mit Paul an demselben Abend alles zu 152 besprechen, hatte jedoch vergessen, daß es der Geburtstag seiner Mutter war. Er kam spät nach Haus, und ich beschloß, die Diskussion auf den nächsten Tag zu verschieben. Um sieben Uhr früh läutete das Telefon. Ich hatte das Läu- ten von Türklingeln und Telefonen am späten Abend und am frühen Morgen fürchten gelernt. »Hallo«, sagte ich zögernd. Ich konnte die zerbrochene, kaum hörbare Stimme zuerst nicht erkennen. Dann wußte ich, es war Mo Groß. »Ich habe— ich fliege nach London— jetzt—« »Was ist passiert?« fragte ich, und das Herz schlug mir im Hals. »Mein Junge—«, seine Worte waren von Schluchzen zer- rissen,»ein— ein Unfall—« »Ist er schwer verletzt?« Ich werde nie seine trostlose Stimme vergessen: »Er ist ja tot. Ich bekam einen Paß— für die Beerdigung— ich habe versprochen— zurückzukommen—« Ich konnte nichts sagen. Es gab keine Worte. »Sie haben mir den— den Paß gegeben— ich komme zu- rück— du mußt für mich weitermachen— ja?« »Natürlich«, sagte ich.»Ich hole mir alle Papiere aus deinem Büro. Ich warte hier, bis du zurückkommst. Ich warte.« »Ich— ich danke dir— ich komme zurück— ich—« Dann legte er den Hörer auf, und alles war still. Ich diskutierte keine Pläne mit Paul. Ich fuhr mit meiner Arbeit fort und versuchte, einige Probleme zu lösen, die nur Mo Groß und mir bekannt waren. Ich verschaffte drei In- sassen seiner Altersheime Papiere, die es ihnen möglich machten, zu ihren Kindern auszuwandern. Ich wußte, er würde sich freuen, sie außer Gefahr zu wissen— wenn noch irgend etwas auf der Welt ihn erfreuen konnte. Das Laubhüttenfest kam heran, ein Erntedankfest, ein froher Feiertag. In dem hinteren Hof des Tempels stand eine Hütte, die nach dem Gottesdienst für diese Feier benutzt wurde. Wir schmückten sie mit Mais und Früchten. Der lange Tisch war festlich gedeckt und trug Kerzen, Brot und kleine Gläser mit Wein. Der Rabbiner und mein Vater saßen mit einigen 153 Ehrengästen am Tisch und sprachen den Segen über Brot und Wein. Hunderte drängten sich um den Tisch, um mit uns die festlichen Melodien zu singen. Seit meiner frühesten Kindheit hatte ich den Vorzug, hinter dem Stuhl meines Vaters stehen zu dürfen, und hatte stets mit Stolz die kühle weiße Wand hinter mir gestreichelt. Ich war die Wirtin dieser Hütte— und ihr zugehörig wie meinem Haus. Ich hatte beschlossen, in diesem Jahr den Ehrenplatz hinter meines Vaters Stuhl meinem Sohn zu überlassen. Er sollte ihn erben und in Ehren halten, und er sollte während des Gottesdienstes hinter meinem Vater durch den Tempel gehen. An diesem Feiertag wurden alle heiligen Schriftrollen aus ihrer Lade gehoben und in feierlichem Umzug durch den Tempel getragen. Langsam und majestätisch gingen der Rabbiner und mein Vater dem Zug voran. Hinter ihnen schritten die prominentesten Mitglieder der Gemeinde, denen die Ehre gezollt wurde, eine der heiligen Schriftrollen zu tragen. Dahinter kamen die Kinder der Gemeinde. Hun- derte und Hunderte von Kindern, kleine Fahnen tragend; Fahnen mit dem Davidstern, Fahnen mit den Farben Deutschlands, alle Arten von Fahnen. In diesem Jahr fehlten die Fahnen Deutschlands. Das Zei- chen des Hakenkreuzes hatte die schönen Farben der frühe- ren deutschen Fahne verdrängt. Ich sah viel weniger Fahnen— und viel weniger Kinder. Ich hatte mir fest vorgenommen, während dieser Stunden an nichts Trübes zu denken. Ich wollte für ein paar Stunden glücklich sein, als ob nichts geschehen wäre seit dem Tag, da ich als kleines Mädel zum erstenmal stolz mit meinen zwei Fahnen durch mein Haus gegangen war. Meine Eltern konnten sich nicht darüber einigen, welche ich tragen sollte, und ich hatte auf beiden bestanden: der Fahne mit dem Davidstern und der mit den Farben Deutschlands. In meinem Herzen vertrugen sie sich sehr gut. Das war zwanzig Jahre her— Manfred trug zur Feier des Tages seinen ersten Anzug mit langen Hosen, einen dunkelblauen Eton-Anzug mit kurzem Jackett, weißem Hemd und dem steifen, weißen Kragen mit großer Krawattenschleife. 154 Als ich ihn anzog, hatte er seine übliche Fragenreihe be- gonnen: „Mami, haben nur jüdische Menschen einen Erntedanktag?« »Nein, Liebling, soweit ich weiß, wird er von den meisten Religionen gefeiert.« »Überall in der Welt?« »Ich glaube, ja.« »Sind alle Kirchen wie unsere Hütte geschmückt?« »Das weiß ich wirklich nicht, Liebling.« »Warum nicht? Gehst du nicht in eine Kirche?« »Selten.« »Kann ich mal in eine Kirche gehen?« Ich wurde tieftraurig. Ich erinnerte mich an das Gespräch mit meinem Vater. Hätte man uns damals erlaubt, gegen- seitig unsere Kirchen zu besuchen, alle Feiertage zusammen zu feiern, hätten wir dann nicht vielleicht das furchtbare Schicksal verhindern können, das uns jetzt auseinanderriß? »Ja, Liebes, du kannst gern einmal in eine Kirche gehen.« »Wann? Morgen?« »Nein, nicht morgen, aber bald.« Dann gingen wir in den Tempel. Ich sagte meinem Jungen, er solle an den Stufen des Altars warten und, sowie der Rab- biner und mein Vater an ihm vorbeigegangen seien, sich mit den anderen Kindern dem Zug anschließen. Ich wußte, mein Vater würde ihn an den Stufen des Altars sehen und sich des Bildes erfreuen. Plötzlich winkte der Kastellan, der dem Zug voranschritt, um den Weg zu bahnen, dem Jungen zu, nahm ihn bei der Hand und ging langsam mit ihm durch den Tempel. So kam es, daß an diesem letzten Feiertag in meinem geliebten Haus mein Junge meinen Vater durch das Haus geleitete. Mein Vater sah sehr glücklich und mein Junge sehr stolz aus. Meine Phantasie begann schöne Zukunftsbilder zu malen. Ich sah ihn aufwachsen, sah ihn konfirmiert, am Altar neben meinem Vater stehend— sah ihn erwachsen und er- tappte mich dann dabei, Pläne für seine Hochzeit zu schmie- den. Wie würde ich den Tempel schmücken— wie— Die Orgel brachte mich mit den mächtigen Klängen der Schlußhymne zur Wirklichkeit zurück. 155 Und dann gingen wir in die Hütte, und Manfred nahm meinen Platz hinter dem Stuhl meines Vaters ein. Man sagt, daß Menschen, die an Tuberkulose leiden, sich plötzlich völlig gesund und unerhört glücklich fühlen— ge- rade bevor der Tod sie zu sich nimmt. Ich fühlte mich glück- lich und furchtlos, gerade bevor der letzte schwere Schlag mich zu Boden warf. 26 Niemand in der Gemeinde glaubte, daß Mo Groß zurück- kommen würde. Ein trauriger Schicksalsschlag hatte ihm den kostbaren Besitz eines Passes in die Hand gegeben. Der Beamte, der ihn ausgefertigt hatte, war sicher für diese im- pulsive menschliche Regung getadelt worden. Alle waren glücklich, ihn in Sicherheit zu wissen, und niemand— Beinahe niemand— ich wußte, er würde wiederkommen. Er war die Ehre und Redlichkeit selbst, gab nie ein Verspre- chen, das er nicht halten konnte. Und er hielt jedes Verspre- chen. Er hatte einem Beamten sein Wort gegeben, innerhalb eines Monats zurückzukommen und seinen Paß abzulie- fern. Er kehrte nach zwei Wochen zurück. Ich war nicht erstaunt, an meinem Bürotelefon seine Stimme zu hören. »Hallo«, sagte er,»in einer Hinsicht bin ich froh, daß du noch hier bist. Kannst du gleich herüberkommen?« »Ich bin in ein paar Minuten in deinem Büro«, sagte ich— und das war alles. Nur wenige kamen ihm wirklich nahe genug, seine schroffe Rauheit zu verstehen. Er verband ein beinahe hellseherisches Verständnis für Menschen und ihre Gefühle mit einer star- ken Reserve, seine eigenen zu offenbaren. Das gegenseitige Verstehen war die Basis unserer tiefen Freundschaft, die uns bis zum Ende seines Lebens verband. In den Tagen nach seiner Rückkehr arbeitete ich an Fällen, die keine Konzentrationslagerinsassen betrafen, half einigen 156 Staatenlosen, in ein freies Land zu entkommen, und nahm mir ein wenig Zeit, über die Zukunft meiner eigenen Familie nachzudenken. Wir hatten beschlossen, in Berlin auf unsere amerikanischen Papiere zu warten. In den Gewaltmaßnahmen der Regie- rung gegen uns war ein gewisser Stillstand eingetreten. Außer Massenabschlachtungen schien ja auch kaum noch etwas übrig zu sein. Wir besaßen weder Schmuck noch Wertsachen— die hatten wir»freiwillig« abliefern müssen—, hatten weder Beruf noch Illusionen, gingen mit einer»Kenn- karte« umher, die ein großes»J« für» Jude« trugen, und war- teten in einer Art geistiger Umneblung auf unseren oder der Nazis Untergang. Anfang November bat mich Mo Groß in sein Büro. An sei- nem Schreibtisch saß eine Frau, die bitterlich weinte. Doch es konnte kein zu tragischer Fall sein, denn auf seinem Ge- sicht lag ein leises Lächeln. »Dies ist Frau Samuel«, begann er.»Sie und ihr Mann haben ein Eiergeschäft in unserer Straße. Sie haben ihren Mann heute früh verhaftet. Ich dachte, vielleicht kannst du mir hier helfen.« »Ich will es gern versuchen«, sagte ich und wandte mich an die Frau.»Bitte nehmen Sie sich zusammen, Frau Samuel. Wer hat Ihren Mann verhaftet?« »Er hat nichts getan, Fräulein, wirklich nicht, er hat ja nichts getan. Sogar der Schupo hat gesagt, er weiß nicht, was er getan haben kann, aber es ist eine Anklage—« »Schupo?« sagte ich erleichtert.»Sind Sie ganz sicher, daß es ein Schupo war, der ihn abgeholt hat? Nicht die Gestapo?« »Nein«, sagte sie,»keiner von denen. Ich kenn’ doch den Schupo. Er macht immer die Runde in unserer Gegend, und dann geben wir ihm ja auch manchmal’n schönes Stück Käse oder paar frische Eier für die Frau.« »Haben Sie denn gar keine Ahnung, warum man ihn mit- genommen haben könnte?« »Wie kann man das denn heut schon wissen? Sie schleppen einfach weg«, sagte sie verzweifelt.»Wir haben doch auch einen Marktstand in der Blumenstraße— da schlagen sie sich jeden Tag— jeden Tag. Es sind ja nur noch ein paar jüdische 157 Leute da, die noch ihren Stand haben. Da ha’m sie einen der Männer zusammengeschlagen, und er hat gesagt:>Ich bin stolz darauf, unschuldig zu leiden, nur weil ich jüdisch bin.« Nächsten Abend ha’m sie ihn tot an der Straßenecke liegend gefunden. Jemand hat ihn erstochen und dann einen Zettel an sein Hemd gesteckt mit den Worten, die er gesagt hat. Nun ha’m se meinen Mann mitgenommen, und sie werden ihn auch umbringen—« »Hat man Ihnen gesagt, warum—« »Der Schupo, der ihn verhaftet hat, der war ja sehr nett. Er hat gesagt, wir sollen einen Anwalt nehmen, vielleicht könn- ten wir ihn dann noch’rauskriegen, denn er wird auf der Polizei über Nacht bleiben. Morgen bringen sie ihn weg, hat er gesagt.« »Das klingt nicht so schlimm«, sagte ich und rief das Polizei- revier an.»Vielleicht kann ich etwas herausbekommen.« Ich sprach mit dem betreffenden Polizisten, und Mo Groß sah erstaunt, daß ich beim Zuhören seiner Erklärung ein Lächeln nicht unterdrücken konnte. Ich sagte dem Beamten, ich würde ihn später am Nachmittag anrufen, und hängte an. »Frau Samuel«, sagte ich vorsichtig,»wissen Sie vielleicht, ob Ihr Mann mal— na ja, ich meine— geht er mal—« Ich fühlte, daß Mo Groß mich erstaunt musterte.»Sie verstehen schon, Frau Samuel, hat er vielleicht mal so’n bißchen mit anderen Frauen—« »Der?« sagte Frau Samuel gedehnt und geringschätzig.»Der? Hach, Fräulein, daß ich nicht lache! Der hat doch sein Liebes- leben schon lange aufgegeben. Nee, Fräulein, der nich.« Mo Groß vertiefte sich plötzlich in die Papiere auf seinem Schreibtisch. »Sehen Sie mal, Frau Samuelk, sagte ich.»Ihr Mann ist näm- lich wegen Rassenschande angezeigt worden. Und das ist heute sehr schlimm. Ich möchte gern wissen, worauf ich vor- bereitet sein muß. Hat er vielleicht doch so’n bißchen’rum- getechtelt— oder wüßten Sie vielleicht, ob jemand ihm etwas auswischen wollte? Oder ein Mädchen—« »Der? Mit’n Mädchen? Ach, Unsinn, Fräulein, den nimmt keene, selbst wenn er wollte—« »Na ja«, unterbrach ich,»ich werde alles tun, um Ihren 158 Mann herauszuholen. Aber wenn er zurückkommt, lassen Sie ihn auf keinen Fall zum Markt gehen. Geben Sie sofort, heute noch, den Stand auf. Sie müssen Deutschland so schnell wie nur irgend möglich verlassen.« Sie sah mich an, als ob ich von Sinnen sei. » Unser Geschäft verkaufen? Deutschland verlassen? Wo soll- ten wir denn hingehen?« »Das ist unser zweites Problem«, sagte ich.»Erst müssen Sie Ihren Mann freibekommen.« Das Telefon läutete, als ich sie herausbrachte. Als ich zurückkam, legte Mo Groß gerade hastig den Hörer hin. »Wir sollen das Radio aufdrehen«, sagte er verstört. »Schlechte Nachrichten. Bitte stell den Apparat an.« Tanzmusik ertönte, und ich drehte nervös zu einer anderen Station. Plötzlich sagte die klare scharfe Stimme des An- sagers: »Wir wiederholen die folgende Meldung: Wir haben soeben die Nachricht aus Paris erhalten, daß Baron vom Rath, der junge Attach& der Deutschen Botschaft in Paris, von einem jüdischen Mörder angeschossen wurde. Sein Zustand ist kritisch.« Für einen Augenblick war alles still, dann begann ein Or- chester einen Walzer zu spielen. Mo Groß sah plötzlich müde und alt aus. Ich drehte das Radio ab und setzte mich neben ihn. Meine Knie wollten mir plötzlich nicht ganz gehorchen. »Na ja«, sagte er langsam,»ein Attentat auf— von einem Juden— na ja, das wird ja wohl das Ende sein.« »Was wird passieren?« »Na, det können wir ja nu mal raten«, sagte er und legte eine Hand über seine Augen.»Weißte, Ilselein, ick bin eigentlich recht müde von dem janzen Dreck. Auf sowat haben die nun bloß jewartet. Der Idiot hat ihnen doch so richtig in die Hände jespielt. Sie warten wahrscheinlich, ob Baron vom Rath stirbt. Wenn er stirbt, wird die Welt sie nich für Rache tadeln. Na ja, beten wir also für das Leben des Baron vom Rath.« Mir fiel plötzlich ein, daß er noch seinen Paß hatte.» War- 159 um fährst du nicht ab«, sagte ich schnell.»Bitte geh fort. Du hast deinen Paß, du kannst das Abendflugzeug neh- men—« Er lächelte müde.»Na ja, det wär ja’n nettes Ding! Ihr sitzt hier in der zugeschlagenen Mausefalle, und ick sitze in London bei Lyons, rühre in meiner Tasse Tee und über- leje, wat se hier mit dir—« Er hielt inne. Das Bild, das er vor Augen hatte, war anscheinend nicht leicht zu ertragen. »Na ja, also jut«, sagte er und stand langsam auf,»nu haben wir unseren Schreck in die Beene jekriegt, ja? Nun jibt’s nischt anderes als warten. Det is alles, wat wir tun können. Warten. Wie die Kuh uff’n Schlächter. Aber det haben wir ja nun schließlich schon’ne janze Weile jemacht, nich? Hat sich ja eijentlich jar nischt radikal jeändert. Irgendwo in der Welt hat’n Verrückter auf einen unschuldigen Menschen ge- schossen. Passiert jeden Tag. Pech ist, daß der Verrückte’n Jude war und der, uff den er jeschossen hat,’n deutscher Baron. Det is bitter. Es hat absolut keinen Zweck, zu raten, wat passieren wird. Ick bin müde und durstig. Komm, wir jehn Kaffee trinken.« Ich folgte wie immer seiner Art, zu reagieren.»Du glaubst nicht, daß heute nachmittag irgend etwas passieren wird?« »Nein«, sagte er,»sie brauchen Zeit, um sich was richtig Gemeines und Teuflisches auszudenken. Sie werden auch warten, was mit vom Rath passiert. Sein Tod gibt ihnen bessere Gründe dafür.« »Du mußt mich erst beim Polizeirevier vorbeifahren«, sagte ich,»ich will versuchen, etwas für diesen Casanova zu tun. Sie müssen ja sofort’raus, sonst ist er hin.« Vom Kaffeehaus rief ich meinen Vater an. Er hatte die Nach- richten am Radio gehört.»Es ist furchtbar«, sagte er.»Vom Raths Eltern wohnen in unserem Haus. Ich denke, ich werde etwas später zu ihnen gehen und ihnen mein Mitgefühl aus- drücken.« Es rührte mich, daß er sofort nur an diejenigen dachte, die von Leid betroffen waren. Er dachte nicht an Politik; nur daran, daß er jemanden trösten müsse. Ich fürchtete, er würde dort Vertreter der Partei oder Gestapo treffen. »Es ist besser, wenn du nicht hingehst, Papa.« 160 „Aber warum nicht? Vielleicht brauchen sie Beistand!« »Mag sein«, sagte ich,» Aber vielleicht wollen sie allein sein. Ihr Sohn ist schwer verletzt im Krankenhaus—« »Es ist doch entsetzlich«, sagte Papa,»wie kann ein Jude einen Revolver tragen?« »Auch Juden werden hysterisch und verlieren die Nerven«, antwortete ich und mußte lächeln. Sein Entsetzen war so ehrlich und rührend. »Ja, mein Kind, aber man kann doch nicht auf einen anderen Menschen schießen. Weißt du, daß wir in der gesamten Ge- schichte der Juden in Deutschland nicht einen einzigen jüdi- schen Mörder aufweisen?« »Ja, Papa, ich weiß es.« »Es ist nur gut, daß der Mann, der auf ihn geschossen hat, kein Jude aus Deutschland war. Da haben wir noch Glück gehabt.« »Ja, Papa, wir haben noch Glück gehabt.« »Wo bist du denn? Komm her und trink Kaffee mit mir.« »Ich rufe dich von einem Cafe aus an, Papa. Ich trinke Kaf- fee mit Mo Groß.« »Ich werde ein Wort mit dem Herrn zu sprechen haben«, sagte er,»er kann mir nicht einfach Konkurrenz machen!« »Tue das, Papa, du hast ganz recht. Aber ich komme mor- gen nachmittag und trinke Kaffee mit dir.«»Mit Gottes Hilfe«, setzte ich leise hinzu, nachdem ich den Hörer ange- hängt hatte. Einen Augenblick überlegte ich, ob ich nicht Fritz anrufen sollte, aber er würde in diesem Augenblick wahrscheinlich nicht mehr wissen als wir. Ich ging zum Tisch zurück. »Papa wollte vom Raths Eltern besuchen, um sein Beileid auszudrücken. Sie sind seine Nachbarn.« »Dein Vater ist ein wunderbarer Kerl. Aber nun trink deinen Kaffee. Ich habe versucht, unsere Situation auszutüfteln. Fast alle Spitzen der Regierung sind in München zu ihrer be- rühmten Jahresversammlung in der Bierhalle— oder wo. Die kommen nicht vor dem elften November zurück. Wenn vom Rath am Leben bleibt, dann wäre eine Racheaktion nach dem Elften eine aufgewärmte Angelegenheit. Dann kön- nen sie sich schwer auf die berühmte>Volkswut< stützen. 161 Soweit bin ich im Nachdenken gekommen. Vielleicht bleibt vom Rath am Leben.« »Hoffentlich«, sagte ich und trank meinen Kaffee aus. »Ich bleibe zu Haus«, sagte ich,»du versprichst, daß du mich sofort anrufst, wenn irgend etwas—« »Ja«, sagte er.» Aber ich bin sicher, es wird nichts passieren. Nicht heute. Ruh dich aus, Ilselein, ich werde dasselbe tun. Wir werden vielleicht ein wenig Ausgeruhtsein brauchen.« Auf dem Wege nach Hause ging ich durch die Fasanenstraße und trat für einen Augenblick in mein Haus ein. Es war so friedlich wie immer. Ich stand im Mitteleingang und sah zum Altar auf. »Ich fürchte mich so«, sagte ich leise,»bitte hilf mir! Bitte hilf mir, mich nicht zu fürchten.« Zu Haus war alles ruhig und friedlich, als ob nichts ge- schehen war. Das Radio wiederholte dieselben Mitteilungen ein paarmal, und ich bin sicher, die deutschen Menschen hör- ten sie mit derselben Reaktion, wie sie allen anderen Mit- teilungen, Drohungen und Versprechungen zuhörten, die ihnen aus dem Radio von morgens bis Mitternacht ent- gegenschrien. Sie sahen mit der Zeit alles als Propaganda an; die»Bösartigkeit der Franzosen«, die»Kriegswut« und den»Friedenswillen« der Engländer; die»Gemeinheit der Juden«, die die letzten Pfennige der armen Arier fortneh- men und sich mit der ganzen Welt zusammenschließen wol- len, um den Weltmarkt zu kontrollieren; und die reine, ehrenhafte»Redlichkeit der Naziregierung«, die dafür sor- gen würde, daß solche Schurkereien unterblieben. Mein Heim war so friedlich, und ich dachte, wie schön es wäre, unbehelligt in dieser friedlichen Atmosphäre zu leben. Manfred spielte, und meine zwei treuen Frauen arbeiteten in der Küche; die Plätterin, die jede zweite Woche kam und immer mein Lob für ihr wunderbares Bügeln erhielt, und Röschen, die mich mit dem beschützenden Instinkt einer Henne beobachtete, deren Küken krank ist. »Sie sehen sehr abgespannt aus, Mammic, sagte sie besorgt. Seit Manfreds Geburt nannte sie mich Mammi, als Ausweg, mich nicht bei Pauls Namen rufen zu müssen. Wenn wir in sorgloseren Tagen zusammen einkaufen gingen, sahen sich 162 Menschen oft nach uns um, wenn das 25 Jahre ältere Rös- chen rief:»Hier, Mammi, das ist ein guter Fisch!« „Ich bin sehr müde«, sagte ich und bewunderte, wie schön Knöfchen, wie wir Frau Knof nannten, ein seidenes Nacht- hemd bügelte. »Wir brauchen heute kaum noch Nachthemden«, sagte Rös- chen,»Mammi kommt kaum aus ihren Kleidern heraus. Ihr Mann hat angerufen. Er ist bei seinen Eltern und bleibt dort zum Abendbrot. Ich habe ein schönes Suppenhuhn ge- kocht, es wird Ihnen schmecken.« »Wunderbar«, sagte ich.»Wir essen zusammen. Du kannst in der Küche decken.« Und dann saßen wir in der hellen, großen Küche und aßen Hühnersuppe: das protestantische Knöfchen, das katholische Röschen, mein Junge und ich. Knöfchen erzählte, daß die Gestapo zwei Pfarrer verhaftet hatte, die zu offenherzig von der Kanzel herab die Menschen ermahnt hatten, daß noch immer Gott ihr Führer war und daß Menschen sich nicht göttliche Macht anmaßen sollten. »Direkt von der Kanzel haben sie ihn heruntergeholt«, sagte sie,»solche Lausejungen, kaum zwanzig Jahre alt. Da sind sie’reinmarschiert— direkt in die Kirche, haben den Got- tesdienst unterbrochen und die Geistlichen mitgenommen. Die kennen doch überhaupt keine Gottesfurcht.« »Gottesfurcht!« sagte Röschen wütend.»Die sind alle gott- los und verderbt. Und dieser Führer von ihnen— der ist ja von der Kirche verbannt! Der darf ja nicht einmal eine Kirche betreten! Das ist ein gottloser, schlechter Mensch.« »Bitte, Röschen, sprich nie auf der Straße so«, warnte ich besorgt, denn ich kannte ihre Offenheit.»Ich will nicht, daß man dich umbringt!« »Wann werden wir wieder normale Zeiten haben?« fragte Knöfchen. »Ich fürchte, nie mehr«, sagte ich müde. »Ich verstehe nicht, warum nicht alle Menschen so friedlich wie wir hier am Tisch zusammensitzen und Hühnersuppe essen können«, sagte Röschen philosophisch.»Dann wär’ doch die Welt so schön.« »Wahrscheinlich, weil nicht alle Menschen Hühnersuppe 163 mögen, Röschen, und weil wenige sie so gut kochen können wie du.« »Mammi findet immer Worte, etwas Nettes zu sagen«, er- klärte Röschen strahlend.» Ach, das ist so friedlich—« Das Telefon läutete. »Ich hab’ zu früh gesprochen«, sagte Röschen und sah be- sorgt in mein gespanntes Gesicht, als ich aufstand, um zum Telefon zu gehen. Doch es war nur Stückchen, der die Nachrichten gehört hatte und wissen wollte, ob ich sicher zu Haus war. RU Die Nacht verstrich ohne besondere Zwischenfälle. Ich wollte Paul daran hindern, auszugehen, doch dann dachte ich daran, daß es wohl besser wäre, wenn man ihn nicht zu Haus vorfände. Ich schaltete das Radio ein. »„Wir erhalten aus Paris die Nachricht, daß das Befinden Baron vom Raths unverändert ist. Baron vom Rath ist ge- stern von einem—« Ich stellte das Radio ab. »Es ist besser, wenn du gleich zu deinen Eltern gehst«, sagte ich zu Paul.»Du solltest heute nicht in der Stadt herum- fahren, und ich möchte nicht, daß du zu Hause bist, falls—« »Falls— was?« »Ich weiß es nicht. Etwas wird passieren, aber ich weiß noch nicht, was es sein wird.« »Ich glaube, du überschätzt die Gefahr«, sagte Paul. Ich fuhr ins Büro. Alle Angestellten gingen wie gewöhnlich ihrer Arbeit nach. Vielleicht war ich wirklich über Gebühr verstört. Niemand schien den Vorfall so ernst anzusehen. »Haben Sie denn gar keine Angst?« fragte ich den Leiter der Paßabteilung, der wie an jedem anderen Tag Hilfe- suchende empfing. »Ich habe immer Angst«, sagte er ernst.» Warum fragen Sie?« 164 »Ich meine wegen der Sache vom Rath.« »Ach so, deswegen? Ich glaube nicht, daß gerade diese Affäre außergewöhnliche Konsequenzen haben wird.« Vielleicht sah ich diesmal wirklich zu schwarz. Ich ging hin- über zu Mo Groß’ Büro. »Er ist nicht da«, sagte seine Sekretärin.»Er hat eine Kon- ferenz im Altersheim Güldenstraße. Er sagte, er würde um vier Uhr nachmittags zurück sein.« Ich wurde langsam ruhiger. Wenn Mo Groß zu einer Kon- ferenz gegangen war, konnte er die Situation nicht als ge- fährlich ansehen, sonst wäre er in seinem Büro geblieben. Als ich die Tür zu meinem Büro öffnete, läutete das Telefon. Es war Frau Samuel. Sie erzählte mir mit Freudentränen in der Stimme, daß man ihren Mann entlassen hatte. Er war wieder zu Hause. »Ich freue mich sehr mit Ihnen«, sagte ich.»Bitte, kommen Sie morgen nachmittag um vier Uhr zu mir, wir werden sehen, was wir weiter tun können.« Ich hatte alle meine Besprechungen abgesagt und ganz gegen meine Gewohnheit angeordnet, daß ich heute niemanden sehen wollte. Tief in Gedanken ging ich auf und ab und hielt endlich vor dem Wandkalender still.»9. November 1938«, las ich lang- sam. Heute war das große Treffen aller Hauptnazis in der Bierhalle in München. Ich ging zum Fenster. Die Straßen waren voll mit Menschen, die ihren Geschäften oder Vergnügungen nachgingen. Zum erstenmal seit all den Jahren bedauerte ich, daß ich das Land nicht 1933 verlassen hatte. Ich öffnete das Fenster. Die frische klare Herbstluft tat mir gut. Der Wind trug den Klang von Orgelmusik herüber. Er kam von dem Tempel in derselben Straße. Er war einer der ältesten und größten der Stadt; er war bestimmt maje- stätisch, aber hatte nichts von der schimmernden Schönheit meines Hauses. Ich glaube, ich liebe dieses Haus inniger, als ich je einen Menschen geliebt habe, dachte ich und schloß das Fenster. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch, und die Probleme der Akten machten meinem Grübeln ein Ende. 165 Um vier Uhr rief mich die Sekretärin an, um mir zu sagen, daß Mo Groß zurück sei. Ich ging hinüber zu ihm. »Etwas Neues?« fragte ich. »Nein«, sagte er.»Du siehst miserabel aus. Geh nach Haus und leg dich schlafen.« »Kann ich das Radio anstellen?« fragte ich. »Ich habe es gerade abgedreht. Sie sagen:»Unverändert.« Geh nach Haus. Sowie ich etwas höre, rufe ich dich an.« »Versprichst du es?« »Ja, bestimmt. Ich unterschreibe nur meine Post und gehe auch nach Haus. Ich bin müde.« Ich war dankbar für den Vorschlag, da ich mich wie zer- schlagen fühlte. Ich fuhr nach Haus, rief Paul bei seinen Eltern an, und nachdem ich erfahren hatte, daß dort alles in Ordnung war, spielte ich mit Manfred. Um halb acht läutete das Telefon. Es war Mo Groß. »Vom Rath ist tot«, sagte er. Ich wußte jetzt, daß ich es erwartet hatte. »Wo bist du?« »Zu Haus«, sagte er.»Ich fahre jetzt wieder ins Büro.« »Ich komme herunter«, sagte ich bestimmt.»Ich bin in einer halben Stunde da.« »Na ja«, sagte er,»wenn du es durchaus willst. Dann warte auf mich, ich hole dich in zwanzig Minuten mit dem Wagen ab.« Ich sagte Röschen, sie solle in Manfreds Zimmer schlafen, es könne spät werden, bis ich zu Haus sein würde. Ich gab ihr Stückchens Telefonnummer. »Wenn irgend etwas passiert, ruf ihn an«, sagte ich.»Er weiß immer, wo ich zu erreichen bin. Ich muß fort.« Sie sah mich tief besorgt an. »Fürchte dich nicht«, sagte ich.»Ich hoffe, ich werde bald wieder zu Hause sein.« »Machen Sie sich keine Sorgen um uns, Mammi. Denken Sie nur an Ihre Arbeit. Ich weiß, es muß sehr wichtig sein, wenn Sie jetzt fortgehen. Ich sorge für den Jungen. Wenn’s ge- fährlich wird, bringe ich ihn zu meiner Tante. Sorgen Sie sich nicht.« Ich rief Stückchen vom öffentlichen Fernsprecher an der 166 Ecke an und sagte ihm, ich hätte heute abend zu arbeiten. Wenn er mich sprechen wolle, könne er mich im Büro errei- chen. Er wußte, dies war ein Alarmanruf. Er saß die ganze Nacht neben dem Telefon, nicht ahnend, was draußen passierte. Ich rief Paul bei seinen Eltern an und sagte, ich würde spät nach Haus kommen. Ich wolle am Abend Bridge spielen, weil ich sehr nervös sei. »Ich glaube, deine Nervosität heute früh war eine gute Aus- rede, um heute abend Bridge zu spielen«, sagte er.»Komm nicht zu spät, du hast heute früh sehr müde ausgesehen.« Dann sah ich Mo Groß’ Wagen um die Ecke biegen. Wir fuhren in sein Büro. Alles war sehr still. Wir nahmen unsere Mäntel ab, und er legte beide über einen Stuhl. » Vielleicht brauchen wir sie schnell«, sagte er. »Denkst du, sie wollen uns vielleicht verhaften?« Er zuckte die Achseln.»Daran hab’ ich nicht gedacht. Sie würden uns in diesem Fall sicher unsere Mäntel mitnehmen lassen. Sie haben bessere Methoden, als uns zu Tode frieren zu lassen.« »Hör auf«, sagte ich.»Woran hast du gedacht?« »Ich weiß es nicht«, sagte er.»Vielleicht wollen wir weg- laufen!« »Du könntest es.« Wir setzten uns an seinen Schreibtisch. Für eine Weile war es still. Dann sagte er plötzlich:»Wenn wir Karten hätten, könnten wir Sechsundsechzig spielen.« »Ich spiele nicht Sechsundsechzig— und du spielst nicht Bridge.« »Für Bridge müßten wir sowieso vier sein.« »Ja, und wir sind nur zwei.« »Stimmt«, sagte er langsam.»Nur du und ich. Sorge und Gefahr bilden merkwürdige Freundschaften. Verrückt— du bist es jedenfalls. Du könntest zu Hause im Bett liegen und schlafen.« Ich lächelte. Und dann wurde die Stille laut im Zimmer. »Wenn man nur eine Ahnung hätte, was sie vorhaben«, sagte er.»Ich bin überzeugt, es wird etwas ganz besonders Gemeines sein, aber was? Wenn man nur wüßte— man könnte doch versuchen, etwas zu tun— irgend etwas—« 167 »Vielleicht werden sie unsere Büros überfallen«, sagte ich, »oder alles zumachen, um die Gemeinde zu erledigen.« »Das wäre ein Weg! Der würde uns ja ziemlich erledigen. Ich glaube nicht, daß sie das tun werden. Wir könnten uns immer noch in Altersheimen versammeln; oder in Syn- agogen—« »Oder auf den Friedhöfen«, sagte ich. »Du bist ja heute abend sehr aufheiternd«, sagte er mit einem Versuch, zu lächeln, doch es gelang ihm nicht ganz. »Aber du hast mich auf eine Idee gebracht. Wir sollten eigentlich auf einen plötzlichen Überfall vorbereitet sein. Es ist vielleicht ratsam, alle Geheimpapiere zu vernichten.« Er begann, seinen Schreibtisch auszuräumen. »Ich werde auch meine Privatpapiere herausnehmen«, sagte er.»Aber sie können natürlich auch Haussuchung bei mir machen.« »Wo ist dein Paß?« fragte ich. »Zu Haus, in meinem Schreibtisch, im Herrenzimmer.« »Gottlob, deine Frau ist in England geblieben«, sagte ich. »Eine Sorge weniger.« Er nickte und fuhr fort, Papiere und Aktenmaterial zu zer- reißen. Dann legte er ein Bündel persönlicher Papiere in seine Aktenmappe, vorsichtig und gründlich, wie er alles tat. »Na ja«, sagte er,»ick bin einjepackt.« Und dann saßen wir wieder still und warteten. »Vielleicht werden sie in die Häuser gehen und alle Män- ner verhaften—« Ich rief Stückchen an. Es tat gut, seine ruhige Stimme zu hören und zu wissen, daß er da war. »Ich wollte dir nur sagen, daß ich noch arbeite. Es wird wahrscheinlich zu spät werden, Bridge zu spielen.« »Ich verstehe«, sagte er.»Soll ich hinuntergehen und dir etwas aus der Kneipe an der Ecke holen?« Das bedeutete, ob er von der Telefonzelle an der Ecke Fritz anrufen sollte. »Nein, danke«, sagte ich.»Ich habe keinen Hunger. Ich werde dich später noch einmal anrufen, wenn es mir mög- lich ist.« »Stückchen ist zu Hause«, sagte ich erleichtert.»Dann wird 168 mit Paul auch alles in Ordnung sein. Ich will nicht anrufen; Röschen würde nur erschrecken.« „Was hat Stückchen eigentlich mit deiner Arbeit zu tun?« fragte er.»Wir haben nie darüber gesprochen. Erzähl mal.« „Er weiß alles«, sagte ich.»Er hat alle Telefonnummern und weiß, wen er anrufen muß, wenn etwas passiert, wäh- rend ich—« Ich hatte beinahe mehr gesagt, als ich wollte. Alles schien so vorüber, so absolut hoffnungslos vorüber. „Während du— was?« »Nichts— gar nichts. Vergiß, daß ich etwas gesagt habe.« »Wenn ich dich verlieren würde, wenn wir plötzlich von einer Menge getrennt würden, wenn— könnte ich Stückchen anrufen und ihn nach dir fragen?« »Ja, das könntest du— wenn er dann noch da ist—« Dann füllte Schweigen den Raum für lange Zeit. »Weißt du«, sagte er plötzlich,»du hast hier so unglaublich viel für uns alle getan— und niemand weiß davon. Du hast überhaupt keinen Beweis dafür. Du wirst dir doch sicher irgendwo in der Welt wieder eine Position schaffen wollen. Du solltest eigentlich ein gutes Zeugnis haben.« Ich mußte bei dieser Idee lächeln. Ich glaubte nicht, daß ich jemals mehr ein Zeugnis brauchen würde, doch es schien eine gute Idee, die Zeit des Wartens abzukürzen— des Wartens, ohne zu wissen, worauf. »Ich würde sehr gern ein Zeugnis von dir haben«, sagte ich. Ich legte einen Briefbogen in die Maschine. »Ich kann natürlich in dem Brief nicht alles erwähnen, was du getan hast«, sagte er.»Ich weiß ja nicht einmal selbst alles— ich weiß nur, was du erreichst. Und wenn jemand— ich meine, wenn jemand aus Versehen den Brief finden würde, wärst du verloren.« Er diktierte ein Zeugnis mit guten Empfehlungen. »Weißt du«, sagte ich,»wenn irgend etwas hier passiert, dann ist dies der letzte Brief, der auf dem Briefbogen der Jüdischen Gemeinde geschrieben wurde. Er würde hundert- fünfzig Jahre stolzen Bestehens der deutsch-jüdischen Ge- schichte abschließen.« Ich legte den Brief vorsichtig in meine Handtasche zwischen 169 andere Papiere. Albern, dachte ich. Wenn sie mich verhaften und meine Tasche durchsuchen, finden sie ihn ja doch! Die Zeit verging ohne Ereignisse. Ich wurde ruhelos und stellte das Radio an. Die scharfe Stimme des Ansagers brachte die Außenwelt plötzlich in den stillen Raum. »Die sterblichen Überreste des jungen Barons vom Rath werden nach Berlin zur Beerdigung übergeführt werden. Wie wir vorher berichteten, ist Baron vom Rath, der von einem Juden in Paris angeschossen wurde, heute seinen Verlet- zungen erlegen. Wir können den Juden in Paris nicht fassen; er ist außer Reichweite. Aber das deutsche Volk verlangt Sühne für das Verbrechen, das an einem seiner feinsten Söhne begangen wurde. Das deutsche Volk verlangt, daß die Juden in Deutschland für den Mord bezahlen! Das deutsche Volk verlangt Rache für diesen unglaublichen Mord, der eine unverschämte Provokation des Weltjudentums gegen Deutschland darstellt. Wir werden diese Provokation nicht übersehen und sie mit dem gerechten tiefen Unwillen be- antworten, der in jedem deutschen Herzen gegen die jüdi- schen Mörder heute herrscht.« Ich hatte genug. »Das deutsche Herz bäumt sich auf«, sagte ich bitter.»Die Deutschen schlafen in diesem Augenblick— und immer. Weißt du, wenn ich reich wäre, ich würde deutsche Men- schen nach Amerika und Amerikaner nach Deutschland brin- gen. Keine Industriellen, sondern einfache Durchschnitts- menschen, die sich gegenseitig besuchen und kennenlernen sollen. Ich setze alles daran, daß wir danach nie mehr einen Krieg haben würden! Wenn sie sich kennen würden, hätten Männer wie Hitler nicht die kleinste Chance, Menschen mit Haß zu vergiften. Und dann—« Das schrille Läuten des Telefons unterbrach meinen Satz. Für einen Augenblick sah mich Mo Groß mit soviel Furcht in seinen Augen an, wie ich nie in seinem Herzen vermutet hatte. Er zögerte— und dann läutete es wieder. Er hob den Hörer ab. »Ja«, sagte er heiser und räusperte sich.»Wer ist dort? Was?« Ich beobachtete ihn angstvoll, wollte fragen, aber in dem 170 Moment läutete das zweite Telefon auf seinem Schreibtisch. Bevor Mo mich daran hindern konnte, hatte ich den Hörer abgehoben und mich gemeldet. Ich konnte nicht sofort die Worte verstehen, die jemand ins Telefon hineinschrie und-weinte, aber dann sah ich durch das Fenster einen roten Schein die Dunkelheit erhellen. Und die Stimme schrie am Telefon etwas von Kuppeln— mein Haus brannte. Ich wandte mich nach Mo Groß um. Er hatte bereits einen dritten Anruf des Telefons beantwortet und hörte mit einem völlig hilflosen, verzweifelten Ausdruck den Worten zu. Dann hing er ab. »Mein Haus— mein Haus brennt— und da—«, ich ver- suchte, auf das Fenster zu weisen. Der rote Schein wurde flammender.»Nicht das— Mo— nicht die Tempel—« »Nicht nur dieser«, sagte Mo Groß, und die Tränen ström- ten an seinem Gesicht herunter.»Auch die Prinzregenten- straße—« Das Telefon begann wieder zu läuten, eine Sekunde später folgte das andere. »Ich fürchte«, sagte er mit gebrochener Stimme,»alle Tem- pel. Ich muß—« »Mein Haus erst. Bitte, Mo— mein Haus erst—« Er half mir in meinen Mantel, ich konnte meine Arme nicht heben. »Bitte, geh nach Haus«, bat er,»bitte, Ilselein—« Ich schüttelte den Kopf.»Mein Haus erst— bitte—« »Ja«, sagte er.»Komm schnell!« Wir eilten hinaus, während beide Telefone läuteten. Der schrille Klang war noch in meinen Ohren, als Mo Groß in rasendem Tempo durch die stillen Straßen von Berlin fuhr. Ich wußte, sie würden weiterläuten— aus allen Teilen Ber- lins— aus anderen Städten— aus allen Teilen Deutschlands. Sie würden die ganze Nacht hindurch läuten. Wir hielten an der Ecke Fasanenstraße, ließen den Wagen dort stehen und rannten zum Tempel. Er war in beißenden Rauch gehüllt, aber aus den Kuppeln brachen Flammen und schlugen mit rotem Schein zum Himmel. Zu beiden Seiten des Hauses und auf der anderen Seite der Straße standen 171 Menschen, von SA-Männern in Entfernung gehalten. Ich konnte damals nicht alles klar erfassen, aber was ich sah, brannte sich bis ins kleinste Detail in meine Erinnerung ein. Auf einer Seite des Tempels gossen zwei Weiber Sabbat- wein, den sie wohl gefunden hatten, in die Flammen. Sie schrien und sangen ihren Nazi-Triumphgesang:»Wenn das Judenblut vom Messer spritzt—« Das habe ich doch schon einmal gesehen, dachte ich, wo habe ich denn das schon einmal gesehen? Ja, natürlich, in Filmen über die Französische Revolution, wenn sie um die Guillotine tanzten... Und dann sah ich einen Feuerwehrmann direkt vor dem Haus. Er stand da, breitspurig, mit verschränkten Armen, und betrachtete gleichgültig das brennende Gebäude. Ich ver- suchte, mich zu ihm durchzukämpfen. Ich fühlte plötzlich einen dumpfen Schmerz an meinem Hinterkopf. Ich drehte mich um und sah die Faust eines SA-Mannes, hoch erhoben, wieder auf meinen Kopf zukommen. Ich wich dem zweiten Schlag aus und rannte zu dem Feuerwehrmann, obwohl der schwere Hieb mir das Blut in die Augen trieb und meine Sicht trübte. »Helfen Sie doch«, schrie ich.» Warum tun Sie nichts? Helfen Sie doch— tun Sie etwas—« »Ich habe den Befehl, nur die anderen Gebäude zu schützen«, sagte er gleichgültig und starrte geradeaus. Ich bückte mich, um den Wasserschlauch aufzuheben, der zu seinen Füßen lag. Wie aus weiter Ferne hörte ich Mo Groß meinen Namen rufen. In demselben Augenblick sah ein SA-Mann, daß ich den Schlauch anfaßte. Seine Hand griff an die kurze Waffe an seinem Gürtel. Sein schwerer Stiefel schlug hart gegen den Asphalt, und er schrie:» Weg da, Judenschwein!« Einen Augenblick lang hörte ich nur das Prasseln der Flam- men; dann schrie er wieder:»Zum letztenmal— weg da, Judensau!« Ich starrte zu ihm hinüber, doch ich sah vor meinen Augen nur rote Wellen. Ein brennender Haß flammte in mir auf, und ich schrie einmal kurz vor Schmerz auf. Ich ließ den Schlauch fallen, hob meine Arme und wollte zu ihm rennen, 172 doch Mo Groß hatte mich erreicht. Er hielt mich fest, aber ich kämpfte mich mit aller Kraft frei, um meine Hände um den Hals des SA-Mannes schließen zu können. Mo Groß schlug mich hart ins Gesicht. Ich kam zu mir und sah zu ihm auf.»Ich bitte dich— hör auf«, schrie er.»Bitte— hör auf! Was willst du denn tun? Ilselein— willst du, daß morgen jeder Jude getötet wird? Du weißt doch, sie warten nur auf einen Aufruhr— das ist doch das, was sie wollen— Ilselein, du weißt es doch. Komm— sei vernünftig—« Er nahm mich in seine Arme und hielt mich fest. »Du hast doch versprochen, tapfer zu sein— du hast es doch versprochen, nicht wahr?« Ich sah zu ihm auf. Der brennende Schmerz stieg auf von meinem Herzen— in mein Gesicht— in meine Augen. »Ich weiß— ich habe es versprochen— aber das hier ist doch mein Haus— Mo— das ist doch mein Haus—« Mo ließ mich plötzlich los und rief hastig:»Warte hier— komm nicht nach.« Dann drehte er sich um und rannte zu dem Hof, von dem man eine schreiende Stimme hörte. Ich raffte mich auf und folgte. Mein Vater— dachte ich, von Furcht gepackt, vielleicht mein Vater— und dann sah ich, daß Mo zwei Männer er- reicht hatte: einen SA-Mann und einen anderen, der ver- suchte, sich von seinem Griff zu befreien. Ich sah einen Polizisten und rannte zu ihm hinüber. »Sie sind doch nicht einer von denen«, flehte ich,»Sie tragen doch eine anständige Uniform. Bitte, helfen Sie mir doch— bitte. Helfen Sie mir, ihn von dort fortzubringen.« Er sah mich kurz und forschend an, dann ging er schnell hinüber zu der Gruppe. »Der Mann ist verhaftet«, sagte er, und als der SA-Mann versuchte, sich zu widersetzen, griff des Polizisten Hand zu der Waffe an seinem Gürtel.»Der Mann ist verhaftet«, wie- derholte er scharf,»und ich werde keine Einmischung dul- den. Sie auch«, sagte er befehlend zu Mo Groß,»kommen Sie mit. Widersetzen Sie sich nicht, oder ich schieße.« Der SA-Mann starrte ihn voller Haß und Wut an, dann lachte er plötzlich kurz auf und trat zurück. Nur viel später, in meiner Erinnerung, kam mir das bizarre 173 Bild zu Bewußtsein: der Polizist in der altgewohnten Uni- form, der SA-Mann in seiner braunen Uniform mit der Hakenkreuzbinde, hohen Stiefeln und dem haßerfüllten, eisenharten Gesicht; und zwischen ihnen Mo Groß, einen Angestellten des Tempels aufrecht haltend, der, nur von einem langen Nachthemd bedeckt, barfuß dastand. Blut strömte von seinen Füßen. Ich sah auf den Boden. Er war mit bunten Glasscherben bedeckt, Glas von meinen gelieb- ten, schönen Fenstern. Sie hatten ihn barfuß über die Scher- ben laufen lassen, weil er sich geweigert hatte, den Schlüssel zum Tempel herauszugeben. Als der SA-Mann sich abwandte, flüsterte eine Frau dem Polizisten zu:»Ich wohne im Haus gegenüber. Bringen Sie ihn dorthin.« Ich sah den Polizisten an und wollte»danke« sagen, aber meine Lippen zuckten nur. Ich wußte, er verstand. Dann sah ich, wie er dem Mann über die Straße half. Sie gehen in das Haus, in dem wir früher wohnten, dachte ich, viel- leicht hat die Frau unsere alte Wohnung— Ich fühlte Mo Groß’ Arm um meine Schultern. »Das ist alles, was wir hier tun können«, sagte er, und ich sah, daß er weinte.»Komm, IIselein, es hat keinen Sinn. Wir machen es nur schwerer für die anderen, wenn wir kämp- fen.« Ich versuchte, die Menschen um mich herum anzusehen. Ein Mann sah mir starr ins Gesicht. Dann riß er plötzlich das Band des Eisernen Kreuzes ab, das er im Knopfloch trug, und warf es auf die Erde. »Ich schäme mich«, rief er.»Ich bin ein alter Soldat. Ich würde jeden umbringen, der mein Vaterland bedroht. Aber heute nacht schäme ich mich, ein Deutscher zu sein— ich schäme mich— ich schäme mich—« Ein SA-Mann ging zu ihm herüber.»Das ist Beleidigung des Führers. Sie kommen mit.« Ich machte eine hastige Bewegung, doch Mo hielt mich fest. Und dann hörte ich plötzlich einen Klang, der mein Blut erstarren ließ. Von der Rückseite des Hauses, eingehüllt in Rauch und Feuer, stieg ein klagender Ton auf, ein Wim- mern, wie das eines verwundeten Tieres. Ich werde wahn- 174 sinnig, dachte ich— ein Haus kann doch nicht weinen! Und dann erkannte ich, daß es die Orgel war. Entweder hatte das Feuer den Mechanismus gelockert oder der Rauch und Wind hatten Luft in die Pfeifen getrieben. Nur viel später dachte ich an all diese Möglichkeiten. Im Augenblick hörte ich nur den Ton— klagend— flehend— »Die Orgel weint«, schluchzte ich.»Hörst du? Die Orgel weint—« Mo Groß zog mich mit Gewalt fort.»Komm, Ilselein, wir müssen zu den anderen Synagogen fahren. Vielleicht können wir etwas tun. Hier haben wir wenigstens ein Leben ge- rettet.« Ich folgte mechanisch, achtete nur halb auf seine Worte. Ich hörte nur die Orgel zum Himmel aufklagen. Ich hörte sie die ganze Nacht— und noch viele Nächte— und ich höre sie noch heute. Es war mir nie mehr möglich, einem Gottesdienst in einem Tempel beizuwohnen. Wir fuhren von einem Tempel zum anderen. Immer das- selbe tragische Bild. Doch nun konnte ich mehr Hilfe leisten. Mir waren sie alle nahe, denn sie waren ja Gotteshäuser, aber ich liebte sie doch nicht wie mein Haus. Wir arbeiteten bis zum Morgengrauen. Dann fuhren wir am Bürohaus vor- über— es war von SA umstellt. »Na ja«, sagte Mo Groß, ohne mich anzusehen,»du hast recht gehabt. Du hast den letzten Brief. Der ist ja nun ein ziemlich historisches Dokument. Ich bringe dich jetzt nach Haus. Du brauchst Ruhe, du bist völlig erledigt.« »Fahr nicht durch eine dieser— Straßen—« »Nein. Versprich mir, daß du versuchen wirst, dich aus- zuruhen.« Ich nickte.»Wohin gehst du jetzt?« Er sah mich an— erst erstaunt, dann erschrocken. »Ich weiß es nicht«, sagte er langsam,»ich weiß es nicht. Zum erstenmal in vierzig Jahren weiß ich nicht, was ich tun soll.« »Geh nicht nach Haus«, bat ich,»bitte, geh nicht nach Haus. Sie werden bestimmt Menschen verhaften, und du wirst einer der ersten sein, den sie suchen. Sie hassen dich, 175 weil du nie Furcht gezeigt hast. Aber sie wissen doch nicht, daß du zurück bist. Du könntest ja noch in London sein. Bitte, geh nicht nach Haus.« »Nein, ich werde nicht nach Haus gehen«, sagte er.»Und ich kann auch nicht mehr ins Büro gehen. Ich werde in die Fabrik fahren. Vielleicht werden Menschen versuchen, mich dort zu erreichen. Ich muß ja auch sehen, wie ich andere Mitglieder erreichen kann— um etwas zu organisieren— irgend etwas—« Er hob seine Hand mit einer suchenden Bewegung— und legte sie dann langsam auf das Steuerrad zurück. Sie sah aus wie ein Vogel, der seine Schwingen versucht und dann, entmutigt, wieder ins Nest zurückfällt. »Die Gestapo kann auch in die Fabrik kommen.« »Ich glaube nicht«, sagte er,»sie werden mich im Büro suchen. Ich werde dich später zu Haus anrufen. Aber viel- leicht kann ich dir nicht sagen, wo ich bin—« »Ruf Stückchen an. Du hast ja seine Nummer. Sage ihm, wann die Sitzung stattfindet. Um diese Zeit werde ich dich dann an der Siegessäule im Tiergarten treffen. Das ist ein ziemlich sicherer Platz. Stückchen wird dann mich anrufen, aber von einer öffentlichen Telefonzelle.« »Jetzt kann ich das alles ein wenig klarer sehen«, sagte er mit einem bitteren Lächeln,»jetzt bin ich selbst einer der Gejagten. Es ist bewundernswert, wie er sein Leben aufs Spiel setzt, um dir— uns zu helfen.« »Ja«, nickte ich,»er ist wunderbar. Und er ist nicht der ein- zige.« Ich dachte plötzlich daran, wie sehr Fritz sich sorgen würde. Und ich dachte: Ob er wohl wußte? Auf keinen Fall hätte er es verhindern können. Wir bogen in die Straße ein, in der ich wohnte. Es war sie- ben Uhr. Die Straße mit den schönen gepflegten Häusern sah leer und verschlafen aus. Ich stieg langsam aus dem Wagen. Meine Glieder waren steif und schmerzten. »Bitte, sei vorsichtig«, sagte ich. »Bestimmt«, versprach er.»Ich rufe dich so bald wie mög- lich an.« Dann fuhr er fort. 176 Ich betrat das Haus leise, um niemanden zu stören. Es schien, als sei ich ein Jahr fort gewesen. Paul schlief, auch Manfred und Röschen. Ich nahm ein heißes Bad, um den beißenden Geruch des Rauches loszuwerden, trocknete mich ab, strich Parfüm auf meine Haut und zog einen weichen, warmen Morgenrock an; alles ruhig und mechanisch, als ob nichts geschehen war. Als ich ins Schlafzimer kam, erwachte Paul und sah auf seine Uhr.»Du bist schon wach und angezogen? Es ist doch erst halb acht!« »Ja«, sagte ich.»Ich war früh auf. Man hat heute nacht alle Synagogen angezündet.« Er starrte mich an; er konnte den Satz nicht erfassen. Ich ging ins Wohnzimmer und setzte mich neben dem Tele- fon nieder, um auf Anrufe zu warten. Was immer nach dieser Nacht noch geschehen konnte, es würde leicht zu ertragen sein. 28 Am Morgen wurde der Mehrzahl der Menschen bewußt, was während der letzten Nacht geschehen war. Röschen ging hinunter, um Milch und Brot zu kaufen, und hörte es im Milchgeschäft. Sie kam ins Wohnzimmer, sah mich forschend an und fragte ruhig:»Ist es wahr, Mammi?« Ich nickte. »Ich glaube, Sie können eine Tasse heißen Kaffee gebrau- chen«, sagte sie beinahe gelassen, drehte sich um und ging ohne ein weiteres Wort in die Küche. »Ich möchte nicht, daß du heute in die Stadt fährst«, sagte ich zu Paul.»Die Straßen sind sehr unsicher.« »Die Straßen?« »Ja. Niemand weiß, was noch passieren wird. Wir ver- muten, daß sie die Männer verhaften werden, vielleicht uns alle. Ich weiß es noch nicht. Ich warte auf Anrufe.« 177 »Gehst du heute nicht ins Büro?« »Ich habe kein Büro mehr. Die SA bewacht es.« Die volle Wirkung alles dessen, was geschehen war, traf ihn, wie alle anderen Außenstehenden, nur langsam. Ich glaube, er war zum erstenmal wirklich besorgt.»Bitte, sei vorsichtig«, sagte er.»Komm, wir gehen zu meinen Eltern.« Ich lächelte. Das Haus seiner Eltern bot ihm dieselbe Sicher- heit, die ich immer in meinem Haus empfunden hatte.»Ich bleibe lieber hier«, sagte ich,»und warte auf Anrufe. Ich habe furchtbare Kopfschmerzen. Jemand hat mich während der Nacht über den Kopf geschlagen. Sorge dich nicht, ich komm’ schon darüber weg. Ich rufe dich an, sowie ich etwas höre.« Meine Mutter rief mich an, um mir zu sagen, daß jemand meinen Vater abgeholt hatte. Ich erschrak tief. »War es die Gestapo?« fragte ich. »Nein, nein«, sagte sie ziemlich ruhig.»Das glaube ich nicht. Der Mann war sehr höflich. Vielleicht sind sie wegen des Feuers zum Tempel hinübergegangen.« Ich hatte keine Zeit, entsetzt über ihre Naivität zu sein. Ich rannte zu der Telefonzelle an der Straßenecke und rief Fritz an. Ich hatte Glück. Er kam ans Telefon. »Hier spricht Fräulein Felders Sekretärin«, sagte ich sach- lich.»Fräulein Felder wollte Sie wissen lassen, daß ihr Vater heute früh der Konferenz nicht beigewohnt hat.« »Für welche Zeit war die Konferenz angesetzt?« »Zehn Uhr.« »Bitte entschuldigen Sie mich bei Fräulein Felder. Er ist anscheinend nicht rechtzeitig verständigt worden. Es tut mir außerordentlich leid. Ich werde ihn sofort anrufen.« »Danke sehr.« Ich wußte, er wollte mir zu verstehen geben, daß er von der Tragödie nicht rechtzeitig genug erfahren hatte, um mich zu warnen. Ich ging heim. Um zwölf Uhr rief Mo Groß an.»Willst du eine"Tasse Kaffee mit mir trinken?« »Natürlich. Wo und wann?« »Ich hole dich um ein Uhr ab.« Mo Groß sah müde und besorgt aus. 178 »Wir hatten eine Sitzung im Büro der Hilfsorganisation an- gesetzt«, erzählte er mir.»Aber die Gestapo kam. Wir ver- suchten, über die Hintertreppe zu entkommen, doch gerade als wir am ersten Stock anlangten, kamen drei Männer durch die Hintertür herein. Meinem unjüdischen Aussehen ver- trauend, packte ich den Präsidenten beim Mantelkragen und schubste ihn sehr unfreundlich die letzten Stufen herunter, auf die Eingangstür zu.»Dachte, er könnte noch auskneifen«, schrie ich dem Gestapobeamten in meinem besten Berliner Jargon zu,»aber ick hab’ ihn noch erwischt! Dieset Juden- schwein!« Damit gab ich ihm einen weiteren Schubs.»Brau- chen Sie Hilfe?« fragte der Mann, überzeugt, daß ich ein großes Tier in der Gestapo war.»Nee, nee, lassen Se man. Det schaff’ ick schon janz alleene. Den nehm’ ick lieber selber mit.<»Heil Hitler!« sagte der Mann und öffnete eifrig die Tür für mich. Um nicht antworten zu müssen, stieß ich den Vorsitzenden wütend auf die Straße.>Nu man’n bißken schneller<, schnauzte ich ihn an,>ick hab’ nich soviel Zeit. Nehmen Se man Ihre verdammten Knochen’n bißken zu- sammen!!« Ich fing einen Blick des Gestapobeamten auf. Ihm schien meine Behandlung des alten Mannes nicht so ganz zu passen. Ich dankte ihm innerlich für die menschliche Regung und schob meinen Vorsitzenden um die Ecke, wo mein Wagen stand. Ich wurde beinahe von Leuten auf der Straße angerempelt, denen meine Handlungsweise nicht gefiel, aber sie wagten denn doch nicht, sich einzumischen. So gelangten wir zu meinem Wagen und entkamen.« Zu jeder anderen Zeit hätte ich mich wahrscheinlich über die Komik der Situation amüsieren können, daß trotz aller Propaganda ein Deutscher dem anderen so ähnlich war, daß man einen Juden für einen hohen Gestapobeamten halten konnte. »Wir haben verschiedene Mitglieder der Gemeinde angeru- fen«, sagte Mo,»von zwanzig waren nur zwei zu Hause. Es besteht gar kein Zweifel, daß sie Massenverhaftungen vornehmen. Aber wir wissen nicht, nach welcher Methode sie vorgehen, daher können wir niemanden warnen!« »Jemand hat meinen Vater abgeholt«, sagte ich. Mo erschrak tief.»Deinen Vater? Um Gottes willen! Kön- 179 nen wir etwas tun? Ich fühle mich plötzlich so hilflos. Ich bin mit Fällen, in denen ich nicht helfen konnte, immer zu dir gekommen.« »Ich habe alles getan, was ich konnte. Ich kann jetzt nur noch hoffen, daß sie ihn nach Hause schicken werden.« Wir hielten in der Nähe eines Kaffeehauses, in dem wir oft nach Schluß der Bürostunden für eine Weile geplaudert und Kaffee getrunken hatten. Wir riefen Mitglieder verschiede- ner Berufe und verschiedener Einkommensstufen an. Die Gestapo griff offenbar keine bestimmten Gruppen heraus; es war einfach ein Chaos. Stückchen war zu Hause. Ich sagte ihm, das Wetter sei so schön, er solle einen langen Spaziergang machen; ich würde ihn am Abend wieder anrufen. Mein Zahnarzt war abgeholt worden; mein Kinderarzt war zu Hause. Mo Groß kam mit verstörtem Gesicht vom Telefon zurück. Man hatte viele Rabbiner und Kantoren abgeholt, und es schmerzte mich, zu erfahren, daß der junge Rabbiner meines Hauses, dem ich sehr zugetan war, sich unter ihnen befand. »Es ist alles verloren«, sagte Mo.»Wir können niemandem mehr helfen, niemanden beraten. Sie können uns ja nicht einmal mehr erreichen— falls morgen noch jemand da sein sollte, der uns erreichen will.« Nach dem Inferno der letzten Nacht war ich todmüde, leer und hoffnungslos. Doch ich mußte überlegen, wie ich meine Familie, Paul, Stückchen, meinen Vater und Mo Groß vor dem furchtbaren Geschick bewahren konnte, das sie in einem Lager erwartete. Ich mußte ein Versteck finden, um sie zu verbergen, bis wir wußten, was die Nazis mit dem Rest von uns vorhatten. Ich dachte an meinen Freund, den Diploma- ten, aber seine Wohnung war zu bekannt. Ich rief eine Freundin an, eine christliche Amerikanerin, die mit einem Juden verheiratet war. Man hatte ihn als Staaten- losen von einem Gefängnis zum anderen abgeschoben; mir war es dann endlich gelungen, ihn aus dem Gefängnis und aus Deutschland herauszubringen. Sie war im Begriff, ihre Wohnung aufzugeben, um ihm zu folgen. Ich rief sie an und fragte, ob ich sie zusammen mit einem Freund besuchen könnte. 180 »Komm gleich herüber«, sagte Catherine. Sie hatte die Nachrichten am Radio gehört und begrüßte uns herzlich und warm. Wir versuchten, unsere Nerven unter Kontrolle zu bringen. Nach den Ereignissen der letzten 24 Stunden fühlten wir uns wie Flüchtlinge, die endlich einen Augenblick zur Ruhe kommen. Die Neutralität eines christ- lichen Heimes war so fremd, so unwirklich, so weit weg von den Problemen der jüdischen Menschen, daß wir uns Tau- sende von Meilen von Deutschland entfernt wähnten. Doch das Radio gestattete keine Illusionen. Es teilte mit: »Der Unwille des deutschen Volkes hat sich gegen die ruch- lose Tat des Juden in Paris erhoben und verlangt nun seine Genugtuung. Der gerechte Ärger des Volkes hat zu einigen Ausschreitungen gegen die Juden in ganz Deutschland ge- führt. In einigen Synagogen ist Feuer ausgebrochen, und eine Anzahl von Juden ist in»Schutzhaft« genommen worden, um sie vor dem verständlichen Zorn des deutschen Volkes zu be- wahren. In jüdischen Geschäften in einigen Städten Deutsch- lands sind Fensterscheiben eingeschlagen und Waren beschä- digt worden...« Mo Groß lief im Zimmer auf und ab. »In die Sprache der Wahrheit übersetzt heißt das: Mit der Ausnahme von einigen, die wahrscheinlich aus Versehen aus- gelassen wurden, sind alle Tempel in Deutschland in Brand gesteckt worden; Massenverhaftungen in allen Städten; offe- ner Terror in den Straßen; organisierte Plünderung und Zerstörung der jüdischen Geschäfte im ganzen Land. Ich muß fort. Ich muß sehen, was in den Altersheimen ge- schehen ist.« Er ballte die Fäuste.»Man ist so hilflos! Wenn ich ein Maschinengewehr hätte—« »So würdest du es nicht benutzen. Und das weißt du auch«, sagte ich ruhig.»Wir sind nicht als Mörder geboren.« Und obwohl es hart für mich war, es zu sagen, fügte ich hinzu: »Sie sind es auch nicht.« Zum erstenmal flammte Mo Groß in einem Ausbruch von Wut auf.»Komm mir jetzt bloß nicht mit deinem Quatsch von Liebe und Demut«, schrie er mich an.»Ich halte nie mehr die andere Wange hin— nie mehr.« »Schon gut, schon gut«, sagte Catherine in ihrer beruhigen- 181 den Art.»Jetzt setzt ihr euch erst einmal hin und trinkt Kaffee. Sie haben jetzt nicht wo hinzugehen. Setzt und seid ruhig. Macht euch gemütlich, so gut, wie geht unter die Bedingungen.« »Sie hat völlig recht«, sagte ich und mußte über ihren halb deutschen, halb amerikanischen Dialekt lächeln. Doch es war schwer, Mos Gesicht zu ertragen, als sie sagte, er hätte»nicht wo hinzugehen«. »Ich muß für eine Weile fortgehen«, sagte ich bestimmt. »Catherine, sieh zu, daß er nicht wegläuft. Er ist furchtbar unvernünftig, und ich möchte ihn nicht verlieren.« »Hab keine Angst«, beruhigte mich Catherine,»ich werde ihm sehr fest umschlingen.« »Na ja«, sagte Mo Groß mit dem Anflug eines Lächelns, »das klingt ja sehr vielversprechend. Sie sollte nur ein bes- seres Objekt zum Umschlingen haben.« »Catherine«, sagte ich.»Ich möchte unbescheiden sein und diesen Unterschlupf hier ausnutzen. Ich bin sehr besorgt um Paul, meinen Vater und ein paar Freunde. Die Gestapo wird dich als Amerikanerin nicht belästigen, um so mehr, da sie wissen, daß dein Mann nicht mehr in Deutschland ist.« Catherine sorgte wieder für Erleichterung der Spannung. »Du geh und bring viele Männer, Darling. Wir werden Decken und Matratzen im Schlafzimmer legen und alle zu- sammen schlafen.« »Ich lass’ dich nicht allein fortgehen«, protestierte Mo Groß. »Ich gehe allein«, sagte ich,»mir wird nichts passieren. Und wenn, dann kannst du mir bestimmt nicht helfen. Frauen sind heute viel weniger in Gefahr auf der Straße als Män- ner. Du sitzt hier still und wartest, bis ich zurückkomme. Versprichst du das?« Ich konnte verstehen, daß es einem starken und mutigen Mann wie Mo Groß schwerfiel, sich hinter Frauenröcken zu verstecken und andere handeln zu lassen, aber er sah ein, daß ich recht hatte. »Nimm einen Wagen«, bat er.»Geh nicht zu Fuß durch die Straßen. Hast du genug Geld bei dir?« »Ja«, sagte ich,»und ich werde einen Polizisten bitten, mir über die Straße zu helfen! Hör auf, dich so zu sorgen. Ich 182 komme zurück, so schnell ich kann, aber es wird ein paar Stunden dauern. Ich will nicht telefonieren, ich will persön- lich zu ein paar Leuten gehen. Catherine, laß ihn nicht aus dem Haus.« »Sorg dich nicht«, versicherte sie. „Dank dir von Herzen«, sagte ich und ging. Die Straßen waren ruhig. Nichts deutete auf ungewöhnliche Ereignisse hin. Ich nahm an, daß die Plünderungen sich zu- erst auf den Norden und Osten der Stadt konzentrierten. Ich fuhr nach Haus. Röschen berichtete, daß nichts Außer- gewöhnliches passiert war; ein paar Leute hätten angerufen, aber keine Nachricht hinterlassen. Natürlich nicht— nie- mand wagte am Telefon offen zu sprechen. Ich bat sie, ruhig mit Manfred zu Hause zu bleiben und sich nicht zu sorgen, falls ich sehr spät nach Hause kommen würde. Dann packte ich für Paul Wäsche und ein paar Kleinigkeiten in ein Hand- köfferchen und sagte Röschen, wo sie mich im Notfall er- reichen könne. Ich nahm eine Taxe zu meinen Eltern und erfuhr zu meiner großen Erleichterung, daß mein Vater wieder gesund zu Hause war. Er erzählte, daß man ihn zum Alexanderplatz gebracht hätte, wo man ihn mit anderen zusammen in einem Hof warten ließ. »Waren Wagen in dem Hof?« fragte ich. »Ja«, sagte er.»Woher weißt du das?« Ich wich der Antwort aus. Ich wußte, welchem Schicksal mein Vater um Haaresbreite entkommen war.»Was geschah dann?« »Ein Mann kam und sagte dem Beamten, wir wären Ver- treter der Kirche und er solle uns gehen lassen. Keiner der Männer trug eine Uniform.« Ich segnete Fritz. »Bitte, geh nicht aus dem Haus«, sagte ich.»Bitte, ruf nie- manden an. Tu nichts und geh nicht aus.« »Wo sollte ich denn hingehen?« fragte er.»Ich habe ja keinen "Tempel mehr.« Er sah mich an und brach plötzlich bitterlich weinend zu- sammen. Ich hatte meinen Vater nur einmal in meinem Leben weinen sehen; an dem Tag, an dem der Kaiser 183 geflohen war und Deutschland in einem Chaos zurückgelas- sen hatte. Durch meines Vaters Tränen kam mir plötzlich ein seltsamer Zusammenhang zwischen den beiden Tagen zu Bewußtsein. An beiden Tagen waren die Träume von Mil- lionen von Menschen zerstört worden, und genau am glei- chen Datum: 9. November 1918, nun am 9. November 1938. »Warst du— dort?« fragte mein Vater. Ich nickte. Doch ich sagte nicht, daß ich während der Nacht dort gewesen war. »Ist es— ist alles fort?« »Nein«, sagte ich leise,»er steht noch. Nur beschädigt. Ich hoffe, wir werden ihn wieder aufbauen können. Aber geh nicht hin, versprich es mir.« »Ich hatte meine Gebetschals und meinen Talar dort in mei- nem Amtszimmer— und alles, was ich während der letzten vierzig Jahre beim Gottesdienst getragen habe.« »Das können wir ersetzen.« »Ohne einen Tempel brauche ich das alles nicht mehr. Ich werde nie mehr einen Gottesdienst abhalten— nie mehr.« »Du weißt genau, daß das nicht stimmt«, sagte ich.»Wenn Menschen sich nach Gottesdiensten und Gebeten sehnen, wirst du da sein.« Ich ging, nachdem mir meine Mutter versprochen hatte, dafür zu sorgen, daß mein Vater das Haus nicht verlassen würde. Ich wußte, daß man ihn nicht wieder abholen würde— wenigstens nicht, bevor wir alle gehen mußten. Ich holte Paul bei seinen Eltern ab und bat ihn, mit mir zu kommen; dann holten wir noch ein paar Freunde, auch Stückchen, ab und brachten sie alle zu Catherine. Es war eine merkwürdige Mischung von Männern, die sich im Heim einer freundlichen christlichen Amerikanerin zu einer kurzen Nachtruhe vorbereiteten. Während dieser zwei Tage verschlangen die Konzentrationslager 36 ooo Opfer. Ich saß für ein paar Minuten allein mit Mo Groß in einer Ecke von Catherines Wohnzimmer.»Ich möchte lieber nach Hause gehen«, sagte er.» Verstecken ist nicht ganz mein Stil.« »Aufgehangen werden ist auch nicht dein Stil«, entgegnete ich.»Du fliegst morgen nach London. Ich habe ein Flug- billett bestellt, unter einem anderen Namen. Du kannst ihn 184 immer noch im letzten Augenblick ändern lassen. Ich wollte nicht deinen Namen angeben, denn sie können vielleicht eine Liste haben, die sie der Gestapo geben.« Für eine Weile blieb er still und gedankenvoll.»Wir brau- chen dich dringend im Ausland«, fuhr ich fort.»Denk doch ein wenig daran, wieviel du in England tun kannst. Du kannst uns nur helfen, wenn du frei bist. Das mußt du doch einsehen. Du wirst morgen versuchen fortzugehen, ja?« »Ja«, sagte er,»vielleicht hast du recht. Vielleicht kann ich etwas von England aus tun.« »Gib mir deine Schlüssel. Ich werde morgen früh versuchen, deinen Paß und andere Papiere aus deiner Wohnung zu holen. Du bleibst inzwischen hier. Ruh dich aus, du wirst alle deine Kraft brauchen. Ich möchte jetzt nach Hause, ich sorge mich um Manfred.« Zu Hause fand ich Manfred friedlich schlafend vor. Mein treues Röschen hatte auf mich gewartet. Ich erzählte ihr alles und ging zu Bett. In diesem Augenblick kam es mir erst richtig zu Bewußtsein, wie erschöpft ich nach den fürch- terlichsten 36 Stunden meines Lebens war. Ich stand sehr früh auf und ging einkaufen. Ich kam mit einer Menge Lebensmittel zurück und bat Röschen, alles so in Pakete zu packen, daß sie nichts von ihrem Inhalt ver- rieten und Aufmerksamkeit erregen könnten, wenn ich Ca- therines Haus betrat. Ich sagte Röschen, ich würde um ı2 Uhr zurück sein, um alles abzuholen, und ging zu Mo Groß’ Wohnung. Der Portier erzählte mir, daß die Gestapo während der Nacht da gewesen sei und verlangt hätte, daß er das Haus aufschließe. Sie wollten zu Mo Groß. »Was haben Sie getan?« fragte ich angstvoll. »Ich habe ihnen gesagt, daß Herr Groß in London ist«, er- widerte er mit einem leeren Ausdruck im Gesicht.»Er ist ja in London, nicht?« »Ja«, sagte ich,»er ist in London. Ich möchte gern einige Papiere aus seiner Wohnung holen, um sie ihm nach London zu senden.« »Ich gehe mit Ihnen«, sagte er.»Ich schließe inzwischen die Haustür ab. Die Leute, die hier wohnen, haben Schlüssel, 185 und andere können draußen warten, bis ich zurückkomme.« Ich nahm aus Mo Groß’ Schreibtisch den Paß, Bankbuch, Papiere und Geldscheine, dann packte ich einen kleinen Handkoffer mit etwas Wäsche und anderen Kleinigkeiten. »Sie werden auf seine Wohnung aufpassen, ja?« »Na klar«, sagte er in seinem rauhen Berliner Ton. »Ich danke Ihnen für alles, was Sie getan haben.« Ich reichte ihm einen der Geldscheine aus dem Schreibtisch. »Bitte nehmen Sie dies, als ein kleines Andenken.« Er schüttelte den Kopf.»Sagen Sie Herrn Groß, er soll uns irgendwie wissen lassen, daß er gesund in London angekom- men ist. Das ist alle Belohnung, die ich haben möchte. Wir kennen ihn und die Familie seit dreißig Jahren. Ich könnt’ nichts annehmen. Ich könnt’ nicht«, wiederholte er unbe- holfen und stockend,»nicht nur seinetwegen— aber über- haupt nicht, nicht weil— na ja. Geben Sie das jemandem, dem sie sein Geschäft heut nacht zerhauen haben. Und sagen Sie»Auf Wiedersehn< zu Herrn Groß und seiner Frau von DIR »Gott segne Sie«, sagte ich. »Ich hoffe, er wird uns wenigstens verzeihen«, sagte er in rauhem Ton.»Mein Sohn ist in der Hitlerjugend. Na ja, das ist Gesetz, das muß er ja. Aber wenn ich wüßte, er wäre letzte Nacht bei dieser Bande gewesen—«, er sah mir direkt in die Augen,»also dann würde ich ihm— den Schädel schlag’ ich ihm ein—« Er brach ab, ging vor mir zur Haus- tür und öffnete sie. Er sah sich um, winkte mir dann, und ich verließ das Haus, ohne zurückzuschauen. Das Flugbillett wurde mir ohne Fragen ausgehändigt. Als ich nach Haus kam, um die Pakete abzuholen, sah ich, daß Röschen alles vorbereitet hatte, und um besonders hilfreich zu sein, hatte sie auch noch von dem Huhn, das ich gebracht hatte, einen großen Topf Hühnersuppe mit Nudeln gekocht. »Sie kann sich doch nicht mit Kochen aufhalten, wenn sie einen Haufen Männer zu versorgen hat«, sagte mein prak- tisches Röschen. Sie ahnte nicht, mit welchem Gefühl der Angst ich an diesem Morgen ohne Pakete auf der Straße war, ganz zu schweigen von einem großen Topf mit Hühner- suppe. 186 Ich verließ die Taxe vorsichtig einige Häuser von Catherines Wohnung entfernt. Als ich dem Hause nahe war, sah ich zwei Männer über die Straße kommen. Ich erkannte Ge- stapobeamte auf den ersten Blick. Sie gingen meist als Paar und hatten ihre eigene Art, zu sprechen und sich anzuziehen. Heute war diesen Zeichen ein weiteres hinzugefügt. Einer der Männer hielt eine Akte in seinem linken Arm. Es war zu spät, ihnen auszuweichen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Als sie sahen, wie beladen ich mit Paketen war, öffnete der eine höflich die Tür für mich. »Danke«, sagte ich. »Nichts zu danken«, sagte er. Der Portier stand im Flur. »In welchem Stock wohnt Blum?« fragte der zweite Mann. »Dritten«, antwortete der Portier. Der Beamte öffnete die Tür zum Fahrstuhl und hielt sie, um mir den Vortritt zu geben. »Zu welchem Stock fahren Sie?« fragte er mit höflichem Lächeln, um den Knopf für mich zu drücken. »Vierten, bitte.« Ich wollte zum fünften, hielt es aber für besser, eine Treppe hinaufzugehen. Ich war so von Furcht erfüllt, daß meine Hände zu zittern begannen und ich fürchtete, Suppe zu ver- schütten. Die beiden Handkoffer, die als Pakete getarnt an meinen Armen hingen, und die anderen Päckchen zerrten an meinen Muskeln. Ich bekam einen Krampf in meiner Hand und konnte kaum noch den Topf halten. Wie endlos konnte eine Fahrt in einem engen Fahrstuhl sein! Er hielt im dritten Stock. »Heil Hitler«, sagten die Männer in freundlichem Ton und stiegen aus. Der Fahrstuhl hielt im vierten Stock. Als ich auf Zehen- spitzen die Treppe heraufschlich, hörte ich einen der Männer im dritten Stock nach Herrn Blum fragen. Eine Frau begann zu weinen: »Bitte, schleppen Sie ihn nicht fort— er hat doch nichts ge- tan— bitte, schleppen Sie ihn nicht fort—« Catherine öffnete die Tür, sah mich an und nahm schnell den Topf aus meiner Hand. Ich setzte mich auf einen Stuhl 187 neben der Tür nieder, während sie mich von allen Paketen befreite. Ich konnte mich nicht mehr aufrecht halten, meine Knie gaben nach. » Was ist passiert?« fragte sie angstvoll. Ich bedeutete ihr zu schweigen und saß eine Minute still, um mich zu fassen. Dann gingen wir ins Wohnzimmer. Ich gab Mo seine Papiere und den Handkoffer, und gleich- sam, wie um mich selbst daran aufzurichten, erzählte ich ihm mein Erlebnis mit dem Portier seines Hauses. » Vielleicht werde ich mich eines Tages darüber freuen kön- nen«, sagte er,»aber nicht jetzt.« »Der Mann war aufrichtig und unglücklich«, sagte ich. Mo Groß sah mich an.»Das Gute im Menschen?« fragte er dann mit beißender Ironie.»Heute— heute willst du daran glauben?« Es gab nie einen Augenblick, in dem es mir schwerer fiel, eine Antwort zu geben.»Ich muß daran glauben. Ich habe es versprochen, niemals den Glauben daran zu verlieren.« »Und wem hast du so ein idiotisches Versprechen gegeben?« »Gott. Er hat mir geholfen, so viele Menschen zu retten, und hat mich immer beschützt. Ich kann nicht aufgeben, an das Gute zu glauben, nur weil es im Augenblick sehr schwer erscheint, es zu tun.« Er schüttelte den Kopf. » Vielleicht«, fuhr ich schnell fort,»ist dies eine Prüfung von Gott, um herauszufinden, wer stark genug ist—« »Und so erlaubt er diesen Mörderbanden, seine Häuser zu zerstören? Wo ist die Logik?« »Ich weiß es nicht«, sagte ich müde.»Mir wäre auch wohler, wenn ich es wüßte. Aber ich kann Gott nicht zur Rede stel- len, warum er es erlaubte! Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß der Portier sehr unglücklich über alles war. Er hat sehr wahrscheinlich dein Leben gerettet. Hätte er nicht deinet- wegen gelogen und die Gestapo in die Wohnung geführt, so hätten sie bestimmt deinen Paß gefunden und du wärst verloren. Er brauchte ja nicht sein Leben aufs Spiel zu setzen, um für dich zu lügen.« Ich schrie ihn jetzt beinahe an.»Er hätte ja wenigstens das Geld annehmen können, das ich ihm anbot, nicht wahr? 188 Aber er war so innerlich verzweifelt über das, was ge- schehen war, daß er ein persönliches Opfer bringen wollte. Das ist Güte im Menschen, stimmt’s? Antworte mir, stimmt das nicht?« »Ich hoffe«, sagte er langsam. Er sah auf die Uhr.»Ich muß gehen. Dieses Flugzeug möchte ich nicht gern versäumen.« Er sah vorsichtig seine Papiere durch, um nichts bei sich zu tragen, was ihn bei einer Durchsuchung in Verlegenheit bringen konnte. Er leerte seine Brieftasche und gab mir eine große Summe von Geldscheinen. »Ich kann es nicht mitnehmen«, sagte er.»Kauf dir was Schönes zum Anziehen. Ich will stolz auf dich sein, wenn du nach London kommst.« »Brauche ich dazu schöne Kleider?« Seine Augen füllten sich mit Tränen.»Wenn du nach Lon- don kommst, in Seide oder Sackleinwand— na ja— ich werde alles tun, um dich und deine Familie in ein paar Wochen dort zu haben, Ilselein.« »Ich begleite dich«, sagte ich.»Sie werden vielleicht deinen Wagen beobachten.« »Du hältst durch— bis zum bitteren Ende, was?« »Nicht bis zum bitteren Ende, nur bis zum Flughafen. Nur bis ich dich in Sicherheit weiß.« Und dann nahm er Abschied von den anderen; schnell, bei- nahe gleichmütig. Es half in jenen Tagen,»beinahe gleich- mütig« zu erscheinen. Auf dem Weg besprachen wir in geschäftsmäßigem Ton, welchen Code wir in unseren Briefen benutzen wollten, um uns Geheimes mitzuteilen und andere scheinbare Belang- losigkeiten. »Bitte, ruf meinen Prokuristen in der Fabrik an und sag ihm, er soll meinen Wagen vom Flugplatz abholen lassen.« Wir waren zwei Minuten von demselben entfernt. Mo hielt plötzlich den Wagen an. »Steig aus«, sagte er heiser.»Steig aus. Wenn du mit zum Flugplatz kommst, kann ich nicht fort— nicht ohne— steig aus.« »Ja, Mo«, sagte ich ruhig. Er sah mich an. 189 »Auf Wiedersehen«, sagte ich. »Mach’s gut, Ilselein.« Fritz hatte dieselben Worte gesagt, als ich zum erstenmal ins Lager fuhr. »Ich versuch’s«, sagte ich, und es gelang mir beinahe, zu lächeln. Dann stieg ich aus dem Wagen. Er fuhr sofort los, ohne sich umzusehen. »Gott segne dich«, sagte ich.— Ich war sehr allein. 29 Nach einer Woche galten, soweit es das Denken der christ- lichen Menschen anging, die Zustände als wieder»normalk. Massenverhaftungen wurden eingestellt, Gottesdienste wur- den in Logensälen und jüdischen Sporthallen abgehalten. Die jüdischen Menschen versuchten sich zusammenzureißen, sich mit Freunden zu beraten und ihre Lage zu diskutieren. Niemand dachte mehr an eine Möglichkeit, hier das Nazi- Regime zu überleben; es schien für die Dauer einer Ewig- keit im Sattel zu sitzen. Es schien auch nicht mehr wichtig. Wir alle fühlten dasselbe: Die Zerstörung unserer Tempel war der Grabstein unserer Existenz in Deutschland. Ich beschloß, meinen Haushalt aufzulösen und, soweit es noch ging, schwebende Fälle zu erledigen. Ich mußte auch endgültig die letzten Bindungen durchschneiden, die mich noch an Deutschland hielten. Mo Groß schrieb ausführliche Briefe aus London, wo er sofort versuchte, eine kleine Gemeinde für Juden aus Deutschland aufzubauen. Nach zwei Monaten erhielt mein Vater einen Ruf nach Lon- don, um als der hervorragendste Exponent seines Berufes in Deutschland diesen in London an einer Synagoge zu ver- treten. Es war eine große Ehre und gab ihm einen Teil seiner Energie und seiner positiven Lebensauffassung zu- rück. Es gehörten Größe, Idealismus, Überzeugung und 190 Tiefe des Glaubens dazu, diesen Glauben durch die furcht- bare Tragödie hindurch aufrechtzuerhalten. Ich kann gut verstehen, daß er mir in meinem Bestreben, die Barrieren der verschiedenen Konfessionen zu überbrücken, nicht fol- gen konnte. Er war unter den Regeln strenger jüdischer Tradition erzogen worden. Aber er war nicht engherzig und immer bereit, andere Gesichtspunkte zu respektieren— eine Seltenheit unter Geistlichen. Nachdem er den ersten Nerven- schock überwunden hatte, raffte er sich auf und hielt Gottes- dienste in einem Logensaal ab. Er gestand nur mir ein, daß sein Hals ihn furchtbar schmerzte. Er konnte nur mit der größten Willensanstrengung das Schluchzen unterdrücken, das seinen Hals zusammenpreßte, und seine Stimmbänder zwingen, Töne für die Melodien der Gebete herzugeben, wenn er zu dem kleinen Tisch schritt, der einen improvisier- ten Altar darstellte. Er erhielt Trost durch eine Unterredung, die drei Tage nach der Zerstörung der Tempel stattfand. Er traf die Eltern des jungen Barons vom Rath. Herr vom Rath sagte bekümmert: »Wir wollen Ihre Verzeihung erbitten, Herr Oberkantor. Wir sind verzweifelt über die Tragödie, die Ihnen wider- fahren ist. Es ist unerträglich für uns, zu wissen, daß der Tod unseres Sohnes als ein Motiv benutzt wurde, dieses furchtbare Verbrechen an den deutschen Juden zu begehen. Wir wissen, daß unser Sohn untröstlich darüber wäre, wenn er noch am Leben wäre. Wir hoffen, daß Sie in Ihrem Herzen die Güte finden, uns zu verzeihen, daß wir die un- freiwillige Ursache Ihres Unglücks wurden.« Und Frau vom Rath fügte mit ruhiger Würde hinzu:»Wir tragen gemeinsames Leid, Herr Oberkantor. Sie und wir haben die Hoffnung auf einen friedlichen Lebensabend ver- loren. Ich hoffe, daß mit Gottes Hilfe dieses Leid Menschen wie uns näher zusammenbringen und es uns ermöglichen wird, Bitterkeit zu überwinden.« Und dann drückten sie sich die Hände, der deutsche Baron und der jüdische Geistliche, die sich nach dem Willen eines gottlosen Mannes hassen sollten und sich doch in ihrem ge- meinsamen Glauben an einen höheren Willen Gottes fanden, dem sie sich demütig beugten. 191 Wenn ich eines Tages zurückgehen kann, hoffe ich sehr, sie noch dort zu finden, um sie wissen zu lassen, wie oft ich ihrer während all der Jahre gedachte. Mein Vater verließ Deutschland im März 1939. Er trug mit sich einen Koffer und zehn Mark; in seinem Kopf einen großen Reichtum an Wissen und Weisheit; in seinem Herzen das unbezahlbare Besitztum eines unbeugsamen Glaubens und den Mut, mit 62 Jahren ein neues Leben zu beginnen, das dem Dienst an Gott und den Menschen gewidmet war. Wir hatten, aus praktischen Gründen, beschlossen, daß meine Mutter noch ein paar Monate länger in Deutschland bleiben sollte, bis mein Vater festen Fuß gefaßt hatte und sie einiger- maßen sicher ernähren konnte. Sie hatte jedoch ihren Paß in der Tasche und damit das beruhigende Gefühl, jeden Augenblick abreisen zu können. Ich konnte keine Entlassungspapiere mehr bekommen; aber es gelang mir doch noch, wenigstens einige gefährdete Men- schen aus Deutschland herauszubringen. Es beängstigte mich tief, daß Stückchen sich allen meinen Bitten widersetzte, Deutschland zu verlassen. Seine Eltern hatten keine Mög- lichkeit hinauszugehen, und er hatte beschlossen, bei ihnen zu bleiben. Ich konnte seine Anhänglichkeit und"Ireue ver- stehen, doch mein Herz war schwer, wenn ich an sein Schick- sal dachte. Ende März wurden Paul und ich zum Amerikanischen Kon- sulat gerufen und erhielten einen weiteren Beweis für die Philosophie, daß wir zwar Pläne schmieden dürfen, daß jedoch ein höherer Wille unseren Schicksalsweg bestimmt. Da Paul in Polen geboren und mit seinen Eltern im Alter von sechs Monaten nach Deutschland gekommen war, fiel er unter die polnische Quote, während ich als Deutsche zur deutschen Quote gehörte. Da die polnische Quote überfüll- ter war als die deutsche, entstand nun die Situation, daß Paul noch eine Wartezeit von ungefähr sechs Monaten vor sich hatte, während ich das Visum für Manfred und mich sofort bekommen konnte. Wir hatten drei Möglichkeiten zu überdenken. Wir konnten in Berlin auf Pauls Visum warten, und wir waren gegen diese Lösung, denn sechs Monate schienen jetzt eine Ewig- 192 keit. Wir konnten durch Pauls Verwandte oder Mo Groß Besuchsvisen nach England beantragen, die wir sofort be- kommen würden, da wir Einreisepapiere nach Amerika hat- ten und es sich nur um eine Wartezeit handelte. Doch diese Besuchsvisen gestatteten uns nicht, in England zu arbeiten; wir würden finanziell von Pauls Verwandten abhängig sein. Das war für Paul unumgänglich; er hatte keine andere Wahl. Ich aber konnte nie im Leben den Gedanken finanzieller Abhängigkeit ertragen; noch weniger den Gedanken daran, Hilfe von Pauls Onkel anzunehmen, zumal mir ja noch ein anderer Weg offenstand. Ich konnte mit Manfred nach Ame- rika gehen, ihn dort zur Schule schicken und meinen Wunsch erfüllen, ihn in Freiheit aufwachsen zu sehen. Mein Schwiegervater löste das Problem. Er erzählte mir, daß ein Verwandter von ihm in Amerika eine große Summe Geldes für ihn verwaltete. Wenn ich nach Amerika gehen wolle, so würde ich dort durch ihn ein genügendes Einkom- men erhalten, um eine kleine Wohnung zu nehmen, Man- fred und mich zu ernähren und mich dem Lande anzupassen. In dieser Weise würde das Geld in England gespart werden und ich könnte in Amerika eine neue Existenz für Paul vor- bereiten. Diese Idee war mir sehr willkommen. Ich würde die Sprache des Landes lernen, mich akklimatisieren und viel- leicht einen Weg zum Theater und zum Schreiben finden. Vielleicht konnte ich dies nie in einem fremden Land er- reichen, aber es war den Versuch wert und würde mir wenig- stens die Initiative geben, ein neues Leben beginnen zu wollen, wofür ich im Augenblick keinerlei Enthusiasmus aufbringen konnte. Ich schrieb an Mo Groß. Er antwortete, daß meine Ent- scheidung sehr richtig sei, daß ich aber unbedingt ein paar Wochen in London verbringen müsse, bevor ich den Ozean überquerte. Den Ozean überqueren— die Sehnsucht Tausender. Mein Leben begann plötzlich wieder eine bestimmte Form an- zunehmen, alles schien positiv und vielversprechend. Doch ich fühlte weder Glück noch Erwartung, nicht einmal Neu- gierde. Ein paar Wochen später erhielten wir die Visen nach Eng- 193 land. Zwei Tage danach bekam ich auf Umwegen die Auf- forderung, Fritz anzurufen. Ich wagte einen solchen Anruf nicht einmal mehr von der Telefonzelle an unserer Ecke, aus Furcht, auch dieser Appa- rat könnte überwacht sein. Ich ging ein paar Straßen weiter und rief ihn von der Telefonzelle einer ruhigen Neben- straße aus an. »Es tut mir leid, ich kann im Augenblick nicht mit Ihnen sprechen, ich muß zu einer Versammlung. Geben Sie mir bitte Ihre Büronummer, ich werde Sie später anrufen.« Ich gab ihm die Nummer des öffentlichen Fernsprechers und war froh, daß ich eine stille Straße gewählt hatte, in der ich ungestört auf seinen Anruf warten konnte. Nach zehn Minu- ten rief er an. »Ich hatte etwas zu erledigen, doch ich wollte Sie nicht war- ten lassen, daher rufe ich von einem öffentlichen Fernspre- cher aus an. Ich wollte etwas mit Ihnen besprechen.« »Ich werde es sofort notieren«, sagte ich in geschäftlich ruhigem Ton. Ich hatte keine Furcht mehr, schlechte Nach- richten zu hören. Alles schien so furchtbar unwichtig. »Nur einige Details, die ich Sie bitten möchte in Ihrem nächsten Bericht zu bearbeiten«, sagte er.»Wir sind nicht sehr erbaut von der Tatsache, daß so viele Menschen das Land verlassen. Wir machen daher jetzt Versuche, diese Ver- gnügungsreisen zu unterbinden.« »Mit Recht«, sagte ich.» Warum sollen Menschen andauernd in anderen Ländern umherfahren? Aber wie können wir es unterbinden?« »Wir haben erfahren, daß gewisse Leute es wagten, in Kur- orten anderer Länder respektlose Bemerkungen über unse- ren Führer und die Regierung zu machen. Das muß natürlich unterbunden werden.« »Selbstverständlich«, sagte ich.»Aber wie?« »Es ist schwierig, aber wir werden es tun. Wann immer wir erfahren können, daß jemand sich auf Auslandsreisen begibt, unterhalten wir uns mit ihm sehr intensiv. Wenn wir glau- ben, daß er harmlos ist und dem Ruf Deutschlands draußen nicht schaden wird, lassen wir ihn reisen. Sonst verweigern wir die Ausreise.« 194 »Sehr gut«, sagte ich.»Danke Ihnen sehr für die Informa- tion. Ich werde sofort an dem Bericht arbeiten.« Ich versuchte auf dem Weg nach Hause seine Warnung zu analysieren. Das Gehirn der Gestapomaschine mußte einen Weg gefunden haben, Auswanderungspapiere in Todesfallen umzuwandeln. Da die Regierung sich sogenannter guter Be- ziehungen mit dem Ausland erfreute, konnte sie es sich nicht leisten, einfach die Grenzen zu sperren. Ihre Propaganda war ja auf der Idee aufgebaut, daß man die armen Juden nur in Haft nahm, um sie vor der Volkswut zu beschützen! Niemand im Ausland konnte Brutalitäten als Regierungsakt beweisen. Diebstähle, Plünderungen und Morde auf den Straßen wurden immer offiziell in den Zeitungen bespro- chen und, mit Bedauern, als Ausschreitungen des empörten deutschen Volkes erklärt. Die Regierung erfuhr nur von Auswanderungen, wenn Pässe angefordert wurden, und dann waren die Einreisepapiere von anderen Ländern bereits genehmigt. Es hätte zu große Aufmerksamkeit erregt, wenn viele Menschen nach Erhalt der Visen plötzlich verschwänden. Es war anzunehmen, daß die Gestapo Nachforschungen anstellte, um Auswanderungs- möglichkeiten zu unterbinden, bevor Auslandskonsulate die Visen aushändigten. Fritz wollte mir sagen, daß wir so wenig wie möglich über Auswanderung oder Auswanderungsmöglichkeiten sprechen sollten, um Verhören und Fallen aus dem Weg zu gehen. Es war beinahe unmöglich, die Tatsache einer bevorstehen- den Auswanderungsmöglichkeit geheim zu behandeln. Die Menschen waren zu glücklich, um nicht überall darüber zu sprechen, zumal wir keine Möglichkeit hatten, sie offiziell zu warnen. Ich war tief besorgt; ich fürchtete, daß auch Pauls Familie, trotz meiner Warnungen, über seine Ausreise sprechen würde. Doch ich wollte nicht sofort abfahren. Daher überredete ich Paul, allein nach London zu fliegen. An einem regnerischen, kalten Apriltag brachten wir ihn zum Flughafen. Die Papiere waren in Ordnung, die Unter- suchung nahm nur ein paar Minuten in Anspruch, und nach jenem lächelnden, beinahe flüchtigen Abschied, an den wir uns während der letzten Jahre gewöhnt hatten, winkten wir 195 ihm nach, bis das Flugzeug hinter den Wolken verschwand. Obwohl ich nichts von Wert mit mir nehmen durfte, weder meine französischen Möbel noch die Porzellansammlung oder einen schönen Pelzmantel, dachte ich doch, daß ich mich in dem neuen Land weniger heimatlos fühlen würde, wenn ich wenigstens einige meiner anderen Möbel, Bilder und Kleinigkeiten um mich haben könnte. Da ich den'Irans- port in deutscher Mark bezahlen konnte und mein Geld sowieso zurücklassen mußte, nahm ich alles, was erlaubt war: Bücher, Plattensammlung, Bilderalben und jedes kleinste Stück, das ich liebte. Ich bestellte einen Lift, einen der Riesenkästen, in denen man ganze Häuser über den Ozean befördern konnte. Da ich keine Ahnung hatte, wo ich landen oder wohnen würde, beauftragte ich den Spediteur, den Lift am Hamburger Hafen zu lassen, bis ich ihm eine Adresse aus Amerika senden würde. Unter der Aufsicht eines»Inspektors« packten wir die paar Habseligkeiten, deren Herausnahme er erlaubte. Alles andere mußten wir einfach zurücklassen; es wurde von seinen»Beamten abgeholt«. Als ich den Lift langsam die Straße herunterfahren sah, dachte ich: er sieht aus wie ein riesiger Sarg. Alle meine Träume und Hoffnungen sind darin begraben. Dann ging ich mit Röschen, Manfred und meinem Hand- gepäck für die noch verbleibende kurze Zeit zu meinen Schwiegereltern. Ich hatte nun körperlich das Gefühl, nur noch auf Besuch in Deutschland zu sein. Ich bestellte unsere Flugbilletts nach London für eine Woche im voraus; ich wollte drei Wochen in London bleiben. Fünf Tage vor meiner Abreise rief meine Mutter an und erzählte mir weinend, daß sie eine Vorladung zur Gestapo erhalten habe. Sie solle sich am nächsten Morgen in der Leitstelle einfinden. »Sorg dich nicht«, sagte ich.»Du gehst nicht hin. Ich werde für dich hingehen. Gib mir die Telefonnummer, die auf deiner Vorladung verzeichnet ist.« Ich rief die Nummer an, sagte dem Beamten, daß meine Mutter krank sei, und fragte, ob ich für sie hinkommen könne. 196 » Wenn Sie alle Konsequenzen für sie tragen wollen«, sagte er scharf.»Bringen Sie die Judenkennkarte Ihrer Mutter mit.« Er hängte ab. Ich wußte, ich sah einem Kreuzverhör über— ja, das war es— ich wußte nicht, worüber man mich verhören würde. Es sah nicht gut aus. Einen Augenblick dachte ich daran, Fritz anzurufen, aber ich sah ein, daß er keine Möglichkeit hatte, sich einzuschalten. Eine» Vorladung« wirkte viel harm- loser als eine Verhaftung, aber ich wußte, daß der Anschein trog. Die Gestapo liebte es nicht, Frauen abzuholen. Sie machten Aufsehen auf der Straße, schrien und erregten die Aufmerksamkeit der Menschen umher. Das war schlechte Reklame für das Regime. Stückchen bestand darauf, mich zu begleiten, und das nahm ich gern an. Er konnte in der Halle auf mich warten und, wenn ich nicht herauskam, Fritz benachrichtigen. Am nächsten Morgen ging ich mit Stückchen zu dem ver- haßten Gebäude.»Bitte, sei vorsichtig«, bat er. »Na ja, Stückchen«, beruhigte ich ihn, obwohl mir selbst nicht wohl zumute war,»schließlich bin ich doch an diese Verhöre gewöhnt.« »Ja, aber du gehst fort! Paß um Gottes willen auf, daß du dich nicht verrätst und ihnen klar wird, daß du Papiere hast!« »Mach dir keine Sorgen, ich weiß, was auf dem Spiele steht. Ich habe während der ganzen Jahre keinen Fehler gemacht, warum sollte ich es heute tun?« »Mach’s gut, Ilschen«, sagte er und blieb in der Eingangs- halle stehen, während ich die Treppe hinaufging. Am Treppenabsatz begegnete ich einer Neuerung. Hinter einem Tisch saß ein Beamter. Ich dachte, er sei da, um Aus- kunft zu geben, und ging zu ihm, um nach der Zimmer- nummer zu fragen. »Entschuldigen Sie—« » Warten Sie gefälligst, bis Sie gefragt werden«, schnauzte er.»Drängeln Sie sich man nicht so, hier’reinzukommen, Sie werden schon noch lange genug hier drinbleiben.« Ich hatte noch nicht genug das Fürchten gelernt, um zu schweigen. 197 »Sind Sie beauftragt, mir das zu sagen?« fragte ich. »Wie wagen Sie—«, begann er. „Ich war nur daran interessiert, es zu wissen«, sagte ich mit ausgesuchter Höflichkeit. Er war einer der Typen, die ich am meisten verachtete; einer derjenigen, die es so leicht fanden,»dem Führer« durch Dreck und Haß zu folgen und jedes Verbrechen zu begehen. Sie waren dankbar, nicht denken zu müssen, sondern mit den Händen an der Hosennaht mit den Worten zu gehorchen: »Jawohl, mein Führer«, gleichgültig, ob sie den Befehl er- hielten, einen Juden, Pfarrer oder ihre eigene Mutter zu erschießen. Dies waren die Männer, die den Nazis genauso willig gehorchten, wie sie den Kommunisten gehorcht hät- ten; und wenn man sie später fragte, warum sie diese furcht- baren Dinge getan hatten, dann kam die sich stets wieder- holende Antwort:»Man hat es uns doch befohlen! Was konnten wir denn tun? Wir haben doch nur dem Befehl des Führers gehorcht!« Dies, dachten sie, würde sie der Verantwortung entheben, jemals Rechenschaft für ihre Taten geben zu müssen. In ihnen war kein menschliches Gefühl, kein Gewissen; nur eine Mischung von Blödheit und Trägheit; in ihren Adern kein Blut, nur Tinte. Dies waren die Männer, die ich nicht zuletzt darum so verabscheute, daß sie im Ausland als der Typ des Deutschen dargestellt wurden; weil sie Deutschland vernichteten. »Geben Sie Ihre Vorladung her«, befahl er. Ich legte sie auf den Tisch. »Wo ist Ihre Judenkarte?« „Ich halte sie in meiner Hand, erkennbar für jeden, der sehen kann.« »Das ist nicht Ihr Name auf der Vorladung.« »Ich komme für meine Mutter.« » Warum ist sie nicht selbst gekommen?« »Das werde ich dem Beamten im Zimmer beantworten.« Ich wußte, er war ein subalterner Beamter und hatte kein Recht, mich zu verhaften. Ich wußte auch, daß meine Art, ihm seine Unwichtigkeit vor Augen zu halten, ihn rasend machen mußte. Er sah mich mit unverhülltem Haß an. 198 »Ihnen wird man da drin schon die Flötentöne beibringen, wie man sich einem Beamten gegenüber benimmt.« »In welches Zimmer soll ich gehen?« »Raum hundertvierundvierzig«, schnauzte er und warf die Papiere auf den Tisch. »Danke«, sagte ich und ging zum Zimmer 144. Ich hatte mir eine gewisse Methode angeeignet, die es mir erlaubte, einen flüchtigen Blick auf einen Gegner werfen zu können, wenn ich Polizeireviere oder ähnliche Büros be- suchte, um eine Vorstellung zu bekommen, mit welchem Typ ich zu rechnen hatte. Ich öffnete die Tür langsam, warf einen schnellen Blick auf den Beamten und drehte mich dann um, die Tür zu schließen. Dabei konnte ich meist noch einen zweiten raschen Blick riskieren oder ihn etwas sagen hören. Es war ein unzulänglicher, aber oft hilfreicher Weg, einen ersten Eindruck zu erhalten. Im Zimmer 144 saßen zwei Beamte; der ältere an einem großen Schreibtisch, nahe dem Fenster. Er hatte eine vier- eckige Figur und auch einen vierkantigen, dicken Kopf. Sein Haar war grau und kurzgeschnitten. Es stand wie eine Bürste auf seinem Schädel. Er trug eine Brille mit halben Gläsern, über die hinweg er auf die Menschen schielte, die er quälte. Vor seinem Schreibtisch saß eine ältere, verhärmt aussehende Frau mit einem herzzerbrechend angstvollen Gesicht. »Sprechen Sie gefälligst lauter«, schnauzte er sie an, gerade als ich eintrat. Instinktiv wandte ich mich zu dem anderen Schreibtisch um. Hinter dem saß ein jüngerer Beamter, sehr groß, sehr gut aussehend. Doch ich wußte, wie sehr dieses glatte Äußere täuschen konnte. Er sah von den Papieren auf. »Was wollen Sie?« fragte er kurz, aber höflich. »Ich habe eine Vorladung— das heißt, meine Mutter hatte eine Vorladung. Ich bin für sie hier.« »Für Ihre Mutter?« »Ja«, sagte ich höflich.»Ich erklärte einem Herrn gestern am Telefon, daß meine Mutter krank sei, und fragte, ob ich an ihrer Stelle kommen könnte. Er sagte>ja«.« »Ja!« schnauzte der erste am Fenster.»Ich war am Telefon. So’ne Frechheit! Sie können doch nicht einfach hier an- rufen!« 199 »Das wußte ich nicht«, sagte ich freundlich, ohne jede Be- tonung.»Ihre Nummer stand doch auf dem Briefbogen!« Während der erste nach Luft schnappte, warf ich einen Sei- tenblick auf den zweiten, der die Vorladung studierte, um ein Lächeln zu verbergen. Das war alles, was ich wissen wollte. Er hatte wenigstens einen gewissen Sinn für Humor, und ich würde am besten mit ihm weiterkommen, wenn ich ein höfliches, bestimmtes und furchtloses Benehmen zeigte, ohne seine Geduld auf die Probe zu stellen. Die dauernde Gefahr der letzten Jahre hatte mich gelehrt, schnelle Analy- sen zu machen und beinahe automatisch schnell zu reagieren. Der zweite hatte inzwischen die Akten meiner Mutter ge- funden.»Setzen Sie sich«, sagte er. »Danke, ich stehe lieber.« »Ich muß Sie verschiedenes fragen. Es wird eine Weile dauern. Setzen Sie sich.« »Danke, ich stehe lieber.« Er zuckte die Schultern.»Wie Sie wollen. Ihr Name?« „Hier ist meine Kennkarte«, sagte ich und reichte ihm beide Karten,»und hier ist die meiner Mutter.« »Religion?« bellte der erste die Frau an. Oh, dachte ich, das ist eine gefährliche Frage, sie wird sie bestimmt falsch beantworten. »Mosaisch«, sagte die Frau. Falsch, dachte ich. Zu gebildet. Das will er nicht wissen. Der Beweis meines Gedankens folgte sofort. »Was?« schrie er.»Mosaisch? Hören Sie sich die an! Ein Judenweib sind Sie, verstanden? Ein Judenweib!« Der zweite hatte mit einem leichten Stirnrunzeln inzwischen die beiden Kennkarten studiert. »Sie sind mosaisch?« fragte er. „Meine Familie und ich sind jüdisch«, sagte ich, und er sah It den leisen Zug der Anerkennung auf meinem Gesicht. »Danke«, sagte er und reichte mir die Karten.»Sie kommen mir bekannt vor. Habe ich Sie schon einmal gesehen?« »Vielleicht. Vor neunzehnhundertdreiunddreißig war ich Schauspielerin.« Für einen Augenblick schien er seine Stellung zu vergessen und wurde beinahe normal. Bei manchen von ihnen war die Nazi-Erziehung sehr dünn. Wenn man nur ein wenig kratzte, kam der Mensch zum Vorschein. »Ich glaube, ich erinnere mich«, sagte er,»war es nicht—« „Ich kann es Ihnen nicht sagen«, unterbrach ich ihn.»Ich erinnere mich an nichts aus jenen Zeiten.« Er sah mich einen Augenblick forschend an, dann blickte er wieder in die Akten. »Sie können gehen«, hörte ich den ersten sagen. Ich war so froh, daß sie frei war. Er rief auch niemanden anderen auf. Wahrscheinlich wollte er sicher sein, daß der zweite mich nicht durchschlüpfen ließ. »Warum ist Ihre Mutter nicht selbst gekommen?« fragte der zweite. »Sie ist nicht gesund und wäre den Aufregungen dieser Vor- ladung nicht gewachsen gewesen, ohne ihren Zustand be- deutend zu verschlimmern.« »Oder weil sie Angst hatte! Sie hatte Angst herzukommen, was?« fragte der erste beißend. Der kann schon gefährliche Fragen stellen, dachte ich. Ich drehte mich ruhig zu ihm um. »Ja, natürlich«, sagte ich ruhig. »Aha, da haben wir’s! Sie hat Angst gehabt.« »Natürlich hat sie Angst gehabt«, sagte ich in demselben Ton wie vorher.»Eine Vorladung ist doch schließlich kein Zuckerlecken!« »Was wollen Sie damit sagen?« fragte der erste drohend. »Ich wollte damit sagen, daß eine Vorladung hierher ja schließlich kein Zuckerlecken ist«, wiederholte ich. »Aber Sie selbst haben doch keine Aufregungen hier«, sagte der zweite.»Außer natürlich, wenn Sie etwas zu fürchten haben!« Ich mußte lächeln, weil er seine»Belastungsfragen« so offen herausbrachte. »Meine Mutter hatte nichts zu fürchten«, sagte ich,»und Sie sind sehr höflich. Doch meine Mutter hätte voraussichtlich keine Möglichkeit gehabt, sich davon zu überzeugen. Sie hätte wahrscheinlich einen Herzanfall nach den Worten be- kommen, mit denen der Beamte draußen am Tisch mich— empfing.« 20I »Was hat er gesagt?« fragte der zweite. »Drängeln Sie sich man nich so, hier’reinzukommen, Sie werden schon noch lange genug hier drinbleiben.« »Er hatte nicht das Recht, das zu sagen.« »Ich weiß es«, sagte ich,»und es war auch bestimmt meiner- seits keine Beschwerde.« Der zweite mochte diese Antwort nicht, um so mehr, als der erste mit der Faust auf den Tisch schlug. »Sie geben sehr furchtlose Antworten«, sagte der zweite. »Sie haben einen aufreizenden Mut!« Ich sah ihm gerade in die Augen. »Nein, Herr Kommandant, ich habe nur nichts zu verlieren.« Er nahm diese Antwort schweigend hin und vertiefte sich wieder in die Papiere. »Ihr Vater hat Deutschland verlassen?« »Ja.« »Wann?« »Im März.« »Warum?« Ich hatte einen gut entwickelten Instinkt für sogenannte Be- lastungsfragen, die so harmlos klangen und doch eine wohl- vorbereitete Falle darstellten. Ich schien ein kleines Uhrwerk in mir zu haben, das»kling-klang« machte, wenn ein Kreuz- verhör schlüpfrigen Boden erreichte. Oder vielleicht hatte ich unter meinen Lieben einen Schutzengel, der mir einen kleinen Schubs gab, wenn ich besonders vorsichtig mit mei- ner Antwort sein mußte. Sein»Warum« war eine dieser harmlos klingenden kurzen Fragen, die das Genick vieler unschuldiger Menschen gebrochen hatten. »Warum?« wiederholte er ein wenig schärfer. »Das weiß ich leider nicht«, sagte ich,»mein Vater hat es mir nie gesagt. Da müssen Sie ihn selbst fragen.« Ich dankte dem Himmel, daß meine Mutter nicht hier war. Sie wäre sofort in diese Falle gegangen, indem sie Gründe für die Auswanderung meines Vaters angegeben hätte, die zwar alle stichhaltig und logisch waren, jedoch als»Kritik am Führer« ausgelegt worden wären. »Wie viele Koffer hat Ihr Vater mitgenommen?« »Das weiß ich leider auch nicht. Ich habe sie nicht gesehen.« 202 Der erste konnte es nicht länger ertragen. „Haben Sie denn Ihren lieben Papa nicht zum Bahnhof ge- bracht? Sie werden doch nicht sagen wollen, daß Sie ihn ganz allein absausen ließen?« »Als ich meinem Vater am Flughafen, vielleicht zum letzten- mal im Leben, Lebewohl sagte, war ich nicht in der Stim- mung, seine Koffer zu zählen.« Der zweite fuhr in seinem Verhör fort. Alle diese Verhöre folgten einer bestimmten Routine. Sie fragten niemals direkt, sondern immer»um den Brei herum«, zu einem bestimmten Ziel hinlenkend, das man jedoch unmöglich erraten konnte. „Warum hat Ihre Mutter Deutschland nicht mit ihm zu- sammen verlassen?« „Mein Vater verließ Deutschland ohne einen Pfennig und hat keinerlei Sicherheiten in England. Meine Mutter hat hier noch etwas Geld, um durchhalten zu können. Wir dachten, es wäre praktischer, wenn sie eine Weile wartet, bis mein Vater sie ernähren kann.« „Und sie wollte versuchen, noch ein wenig Geld aus Deutsch- land herauszuschieben, nicht wahr?« fauchte der erste.»Dar- um ist sie noch hiergeblieben!« »Nicht direkt zu diesem Zweck«, sagte ich, und meine Ant- wort klang schärfer, als ich es gewollt hatte. »Was haben Sie gesagt?« »Ich sagte: nicht direkt zu diesem Zweck«, wiederholte ich. »Wann beabsichtigt Ihre Mutter, ihm nachzureisen? Sie hat ja wohl schon ihren Paß?« erkundigte sich der zweite bei- läufig, und ich dankte wieder Gott, daß ich diese Frage be- jahend beantworten konnte. »Sie hat ihre Papiere und ihren Paß und beabsichtigt, so bald wie möglich meinem Vater zu folgen. Sie hat noch keinen bestimmten Zeitpunkt gewählt.« »Na ja«, sagte er,»dann werde ich einen für sie wählen. Wenn sie nach dem ersten Januar neunzehnhundertvierzig noch hier ist, verliert sie ihren Paß.« »Ich werde es ihr sagen und auch meinem Vater schreiben«, sagte ich so höflich, wie er seine Forderung ausgesprochen hatte,»Ich hoffe im Interesse meiner Eltern, daß sie schon früher fahren kann.« 203 »Ich danke Ihnen für Ihre Auskunft«, sagte der zweite so freundlich und glatt, wie ein Juwelier einem Kunden für den Kauf eines kostbaren Diamanten danken würde.»Sie kön- nen gehen.« Dieser Satz warf mich völlig aus dem Gleichgewicht. Sie konnten meine Mutter jederzeit wieder vorladen und sie würde nie durch dieses Verhör kommen, da sie nicht geistig fechten konnte, wie ich es tat. »Können Sie mir nicht sagen, warum meine Mutter her- kommen sollte?« Der zweite sah mich mit leisem Vergnügen an. Er erfreute sich mit Genugtuung an dem Verlust meiner Selbstsicherheit. »Nein«, sagte er,»das kann ich Ihnen nicht sagen.« »Ich mache mir große Sorgen um sie«, sagte ich mit mehr Ehrlichkeit, als ich beabsichtigt hatte. »Ich kann Ihnen trotzdem diese Auskunft nicht geben«, sagte er mit demselben Grad von Ehrlichkeit, und fuhr dann ironi- scher fort: » Aber wenn sie nichts Unrechtes getan hat, brauchen Sie sich doch keine Sorge zu machen— oder doch?« »Ich sorge mich nicht deswegen«, sagte ich schnell, um die- sen Verdacht in ihm zu zerstören.»Meine Mutter hat nie- mals etwas Unrechtes getan. Aber ich wandere bald aus und kann den Gedanken nicht ertragen, daß ihr hier etwas pas- sieren könnte.« Noch bevor ich den Satz ganz beendet hatte, sah ich, was ich getan hatte. Während all der Jahre meiner gefährlichen Arbeit hatte ich nicht einen einzigen Fehler gemacht, durch den ich mich selbst in Gefahr bringen konnte. Solange ich an den Fällen von Fremden oder Bekannten gearbeitet hatte, die mir nicht sehr nahestanden, war alles gut gegangen. Mein Denken, meine Reaktionen waren klar, sachlich, nicht durch Gefühle gestört. Die Furcht, meine Mutter nach mei- ner Abfahrt in Gefahr zu wissen, hatte mich abgelenkt, mein Gefühl engagiert und dadurch für einen Augenblick meine Konzentration geschwächt; und dieser Augenblick hatte genügt. Ich hing über einem bodenlosen Felsenspalt, mich mit mei- nen Fingern an den Rändern eines Gletschers festhaltend. 204 Ein schneller Blick auf die beiden Männer zeigte mir, daß dies nicht der Augenblick war, auf das Gute im Menschen zu hoffen. Beide saßen, geistig und körperlich, steif und aufrecht. Der erste stierte mich über seine halben Augengläser hin- weg an und klopfte mit seinem Bleistift in gleichmäßigem Rhythmus auf den Schreibtisch, als ob er den Takt zu einer ungehörten Musik schlüge. Wie eine Klapperschlange, be- vor sie beißt, dachte ich. Ich verabscheute Klapperschlangen und fühlte ein verzweifeltes Verlangen, den Bleistift aus sei- ner Hand zu schlagen. Der zweite saß an seinem Schreibtisch mit einem Ausdruck im Gesicht, der zu sagen schien:»Im Dienst. Gefühle ver- boten!« Auch er hatte einen Bleistift in der Hand, aber er klopfte wenigstens nicht auf den Schreibtisch, er spielte schweigend damit. Das Schlimmste war, daß ich meine Papiere noch nicht ab- geholt hatte. Wenn dies die erste Frage war, so war ich ver- loren, obwohl ich auch ohne diese Frage keinen Ausweg sah, hier herauszukommen. Nach einer langen Pause, in der er sich voraussichtlich alle Fragen in Erinnerung rief, die er zu stellen hatte, sagte er mit eisiger Höflichkeit kurz und direkt:»So, das ist ja inter- essant. Sie beabsichtigen auszuwandern?« Das Fechten war vorbei.»Ja.« »Warum?« Kein Schutzengel brauchte mich zu schubsen. Das war die gefährlichste Frage. Ein harmloses Wort— eine Schlinge. Eine so sinnlose Frage, wenn man sie einem Juden stellte, nach all dem, was er durchgemacht hatte; eine Frage, zu der man als Antwort die tragischsten Beweggründe aufführen konnte. Doch die Gestapo war nicht an Beweggründen inter- essiert, außer wenn sie dazu dienen konnten, den Strick fester zusammenzuziehen. Und beinahe jede Antwort zu diesem einen Wort diente dazu. Ich hatte Artikel in dem Haßblatt»Der Stürmer« gelesen, in denen diese Zeitung die deutschen Menschen über»die untreuen, parasitischen Juden« aufklärte. Ein Mann hatte geantwortet:»Weil ich meine Existenz verloren habe und nichts tun darf, womit ich mich 205 ernähren könnte.« Die Unterschrift unter seinem Bild im »Stürmer« sagte:»Juden lieben Deutschland nur des Geldes wegen, das sie hier verdienen und stehlen können. Wenn man ihnen dies nicht mehr erlaubt, verlassen sie das Land und gehen in ein anderes, wo sie ihre Schwindelgeschäfte weiterbetreiben können.« Ich war wütend über meine eigene Dummheit. Es half der Situation auch nicht, daß der erste mich anfuhr: »Haben Sie die Frage nicht gehört? Antworten Sie! Sofort!« »Ich warte noch immer auf Ihre Antwort«, sagte der zweite. Zum Teufel mit allem, dachte ich, ich werde euch keine Antwort geben, die ihr als Unterschrift unter mein Bild in den»Stürmer« setzen könnt. Ich mußte auch Zeit gewinnen, um mich zusammenzureißen und wieder zu konzentrieren. »Sie dürfen dreimal raten, Herr Kommandant, beim dritten- mal haben Sie’s.« Während der erste nur wieder wie ein Fisch nach Luft schnappte, sah ich auf dem Gesicht des zweiten wieder ein leises Lächeln. Er wußte ganz genau, daß ich Zeit gewinnen wollte. Er respektierte, wie bei einem Sport, den gleich- wertigen Gegner, zumal er wußte, daß alle Chancen auf seiner Seite lagen. »Meine Frage war kein Scherz«, sagte er scharf. »Das weiß ich«, sagte ich in demselben Ton. Ich wunderte mich, warum er mich nicht jetzt gleich er- ledigte; ich hatte ihm genügend Grund und mehr als das für einen Abschub ins Lager gegeben. Doch er konnte groß- zügig sein, und falls ich vielleicht doch schon meine Papiere hatte, würde er auch mehr Antworten brauchen, die eine Beleidigung des Führers darstellten und»offiziell« genügend Grund zu einer Verhaftung boten. »Ich wiederhole«, sagte er scharf,»warum wollen Sie aus Deutschland auswandern? Ist Ihnen eine Ungerechtigkeit widerfahren, die Sie zwingt, das Land zu verlassen?« Es wird immer besser, dachte ich. Jetzt fragt er gleich Frage eins und zwei zusammen! Ich kannte auch diese Falle. Manche sagten»nein«, und dann wurde ihnen erklärt:»Na ja, dann ist ja alles gut.« Und wenn sie zur Paßstelle kamen, wurde ihnen der Paß verweigert mit dem Bemerken, daß sie ja 206 | selbst gesagt hätten, sie hätten keinen Grund auszuwandern. Die meisten sagten»ja« und wurden dann gefragt, was für Ungerechtigkeiten sie denn erlitten hätten. Jede Antwort war ein Grund zur Verhaftung, entweder wegen Beleidi- gung des Führers oder Verleumdung der deutschen Regie- rung. »Ich wiederhole«, sagte der zweite,»hat jemand Ihnen eine Ungerechtigkeit zugefügt, die Sie veranlaßt, Deutschland zu verlassen?« »Ja«, sagte ich bestimmt und ruhig. Der erste hatte nur auf dieses Wort gewartet. Er sprang auf, nahm die Gläser ab, polierte sie, zeigte mit ihnen auf mich und schrie, während er sie wieder aufsetzte: »Das ist Verleumdung der Regierung!« Der zweite zögerte einen Moment, sah mich an und sagte: »Ich muß Sie bitten, genau klarzulegen, welche Ungerechtig- keit Sie erlitten haben, die Sie zwingt, Deutschland zu ver- lassen.« Und als eine persönliche Geste fügte er hinzu:»Ich gebe Ihnen Zeit, sich die Antwort genau zu überlegen. Sie wird protokolliert.« »Das dachte ich mir«, sagte ich,»aber ich danke Ihnen, daß Sie es betonen.« Der erste hatte aufgehört, mit dem Bleistift zu klopfen. Er hielt ihn jetzt in der Hand, um sofort das niederzuschreiben, was ich sagen würde. »Ich habe einen Mann«, begann ich sehr langsam, um die richtigen Worte zu finden,»ich habe einen Mann, der viel- leicht der korrekteste und tadelloseste Mensch ist, den ich kenne. Er hat niemals im Leben etwas mit der Polizei zu tun gehabt. Weil ich ihn bat, weil ich um sein Leben fürch- tete, hat er sich vom zehnten bis zum achtzehnten November versteckt gehalten wie ein Verbrecher. Ich hatte Angst, daß jede Minute jemand— ich weiß nicht wer—, aber daß jemand kommen würde, um ihn fortzuschleppen, ihn einzusperren wie ein Tier, das sich nicht wehren kann. Ich bin in diesen Tagen alt geworden, und ich denke, es ist ein wenig zu früh für mich, alt zu werden. Jedes Läuten der Türglocke scheint wie die Posaune des Jüngsten Gerichts, und ich brauche Minuten, bis ich die Kraft finde, die Tür zu öffnen. Ich denke, 207 es muß wunderbar sein, in einem Land zu leben, in dem man sicher sein kann: wenn früh um sieben Uhr die Tür- glocke läutet, kann es nur der Milchmann sein. Das ist der Grund, warum ich Deutschland verlasse.« Der erste hatte während meiner Worte aufgehört zu schrei- ben. Er saß ganz still und starrte mich über seine Gläser hinweg an. Der zweite räusperte sich und sagte dann sachlich:»Ja, wir wissen, es ist nicht immer ganz leicht. Leben kann sehr kompliziert sein. Das liegt in seiner Natur. Leben kann manchmal sehr kompliziert für uns alle sein. Doch das gibt uns noch keinen Grund, aus unserem Heimatland fortzulau- fen. Niemand wird das tun— es sei denn, er hat kein Zu- gehörigkeitsgefühl und keine Liebe zu seinem Land.« Ich hörte seinen Worten sehr aufmerksam zu. Was bedeu- teten sie? Sollten sie eine Sympathiekundgebung, das Zei- chen des Verstehens darstellen? Doch die letzten Sätze waren eine offene Provokation. Voraussichtlich erwartete er von mir einen gefühlsreichen Satz, der ihm gutes Protokoll- material geben sollte. Aber ich hatte mich gefaßt, war konzentriert und auf der Hut. Ich antwortete nicht. Ich hatte keine Absicht, in diesem Raum eine Erklärung über meine Bindungen oder meine Liebe zu Deutschland abzugeben. Ihm mußte dies auch klargeworden sein. Er fuhr fort:»Sie haben meine Frage nicht klar beantwortet. Sie sprechen von Gefühlen, ich spreche von Tatsachen. Menschen, die ihr Land lieben, wechseln es nicht, weil ihre Gefühle verletzt wurden. Wir haben alle Pflichten unserem Vaterland gegenüber, die wir ungeachtet unserer Gefühle erfüllen müssen. Ein Soldat hat ja schließlich auch Gefühle. Er hat auch oft Furcht. Kann er sich einfach umdrehen und das Schlachtfeld verlassen? Nur weil er Furcht hat? Das Wort dafür heißt Fahnen- flucht!« Ich hörte ihm mit einem Gefühl der Bestürzung und des tiefsten Erstaunens zu. Ich kannte natürlich alle die Schlag- worte, die die Nazis ihren»Untertanen« einhämmerten, aber konnte er das wirklich glauben, was er da so einfach daher- sprach? Er schien von seinen Worten überzeugt zu sein. 208 Wollte er ernsthaft meine Situation mit der vergleichen, die er in leeren Phrasen erläuterte? »Der einzige Grund«, fuhr er in seiner Theorie fort,»der es einem Soldaten gestattet, das Schlachtfeld zu verlassen oder seine Waffen niederzulegen, ist der Zustand schwerer Verwundung; wenn er körperlich einfach nicht mehr in der Lage ist weiterzukämpfen. Das ist es, was ich unter Tat- sachen verstehe. Ich habe Sie nicht nach Gefühlen gefragt, ich frage nach Tatsachen. Ich erwarte eine klare Antwort auf meine Frage: Hat die deutsche Regierung Ihnen per- sönlich etwas angetan, was Sie persönlich zwingt, Ihr Hei- matland zu verlassen?« Hat sie mir etwas— angetan— »Ja«, sagte ich ruhig und bestimmt. Selbst der erste mußte eine andere Antwort erwartet haben. Es war logisch,»nein« zu sagen, um der Gefahr zu entgehen und dann zu versuchen, auf irgendwelche Weise dem Land entfliehen zu können. Er starrte mich, diesmal erstaunt, an und hob wieder seinen Bleistift. Ich hatte das Gefühl, daß beiden eine ausweichende Antwort lieber gewesen wäre. Sachliche Gründe— dachte ich, Tatsachen— Soldat— ver- wundet— unmöglich weiterzukämpfen— wann war ich so schwer verwundet— wann konnte ich wirklich nicht mehr weiter— wann war es— Ganz plötzlich hörte ich auf zu denken. »Als ich ein ganz kleines Mädel war«, hörte ich mich leise sagen,»zogen meine Eltern nach Berlin und nahmen eine Wohnung in der Fasanenstraße. Direkt gegenüber wuchs ein herrliches Gebäude. Es war der neue Tempel. Nach zwei Monaten kam das Gerüst herunter, und der Tempel wurde eingeweiht. Ein paar Tage später zog man mir ein neues Kleid und neue Schuhe an und gab mir einen großen Blu- menstrauß in die Hand. Dann nahm mich mein Vater mit hinüber zum Tempel. Wir warteten. Nach einer kleinen Weile kam eine herrliche Kutsche die Straße herauf und hielt vor dem Tempel. Ein schöner, statt- licher Mann stieg aus und kam langsam auf uns zu. Er sah so schön und strahlend aus— wie ein Prinz in einem Mär- chen. 209 Und er war ja noch mehr als ein Prinz. Er war der deutsche Kaiser. Er kam langsam die Stufen zum"Tempel herauf, und mein Vater, als der Geistliche des Tempels, begrüßte ihn. Ich war viel zu aufgeregt, etwas zu sagen. Ich streckte ihm nur die Blumen entgegen. Der Kaiser nahm sie, ergriff meine Hand, strich über mein Haar und fragte:»Nun, meine Kleine, gehörst du auch zu diesem"Tempel? Und ich antwortete:»Natürlich, Herr Kaiser, dies ist doch mein Haus!« Der deutsche Kaiser lachte herzlich, beugte sich herunter und küßte mich. Ich habe sie beide sehr geliebt— den schimmernden Kaiser und mein schimmerndes Haus— Am neunten November 1918 verließ uns der Kaiser. Am neunten November 1938 wurde mein Haus— Ich kann nicht mehr durch die Fasanenstraße gehen— ich kann nicht mehr— ich muß Deutschland verlassen—« Bevor ich den Satz beenden konnte, geschah etwas Unglaub- liches, Unfaßbares. Der erste sprang auf, warf seine Gläser auf den Schreibtisch, begann zu schluchzen, rannte zu mir herüber, packte mich bei den Schultern, schüttelte mich wie wild, und seine Worte, von Schluchzen unterbrochen, übersprudelten sich, als ob sich plötzlich in seinem Innern ein Damm geöffnet hätte: »Ja— gehen Sie fort— schnell— gehen Sie fort— Gott wird Sie beschützen— Sie haben ihn auch geliebt—« Er schüttelte mich so hart, daß meine Arme schmerzten, doch ich stand wie erstarrt, ich konnte mich nicht bewegen. Der zweite saß an seinem Schreibtisch, als ob er seinen Augen nicht trauen und nicht fassen konnte, was er hörte. »Gehen Sie mit Gott— gehen Sie—« Er ließ mich plötzlich los und begann wie ein Wahnsinniger im Zimmer auf und ab zu laufen, seinen Kopf mit seinen Fäusten schlagend, als ob er völlig seinen Verstand verloren hätte. »Der deutsche Kaiser— mein Kaiser— wir hatten ein Land— ein herrliches Land— konnten stolz sein—« Er hielt plötz- lich vor mir inne und sah mich mit dem Ausdruck einer tief- traurigen großen Bulldogge an. »Der Kaiser— ich hab’ ihn so geliebt— so sehr—« 2Io Dann ging er zu seinem Schreibtisch, legte seinen plumpen großen Kopf auf seine Arme und schluchzte wie ein Kind. Ich sah den zweiten an, der einen völlig verlorenen Aus- druck hatte und kein Wort hervorbringen konnte.»Sagen Sie es niemandem«, bat ich,»verraten Sie ihn nicht.« »Nein«, sagte er.»Ich könnte es nicht. Bestimmt nicht.« Dann versuchte er etwas»Gefühl« von seinem Gesicht zu wischen und»Pflicht« darauf zu setzen, aber es gelang ihm nicht ganz. »Sie können gehen«, sagte er so sachlich wie möglich.»Sor- gen Sie sich nicht um Ihre Mutter, es wird ihr nichts ge- schehen, aber sie muß bis zu dem festgesetzten Termin fort- fahren. Wenn sie irgendwelche Schwierigkeiten hat, sagen Sie ihr, sie soll dieses Büro anrufen.« »Warum auch nicht«, sagte ich lächelnd,»die Nummer steht ja auf dem Briefbogen. Ich danke Ihnen sehr— sehr—« Er hob automatisch seinen rechten Arm und setzte an: »Hei—«, dann hielt er inne. Er ließ seine Hand langsam wieder sinken, machte eine Geste, als wolle er sie mir ent- gegenstrecken, und sagte endlich mit einer leicht formellen Verbeugung:» Auf Wiedersehen.« »Ach nein«, sagte ich lächelnd,»lieber nicht, aber ich danke Ihnen nochmals. Gebe Gott Ihnen die Kraft, freundlich zu sein, wie Sie es sein möchten—« Dann ging ich schnell aus dem Zimmer und schloß die Tür leise hinter mir. Ich fand Stückchen in der Halle, halbverrückt vor Angst. »Ich hätte nur noch zehn Minuten gewartet, dann hätte ich Fritz von draußen angerufen. Es hat ja furchtbar lange ge- dauert! Ist alles in Ordnung?« »Ja«, sagte ich,»es dauert manchmal furchtbar lange, durch all die vielen Schichten des Hasses ein Menschenherz zu er- reichen. Sorg dich nicht, es ist alles in Ordnung.« Wir nahmen eine Taxe nach Haus. »Ich möchte am Kurfürstendamm aussteigen«, sagte ich. »Allein?« Ich nickte, und er verstand, wie immer. Ich ging hinüber zur Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, an der ich jeden Tag während meiner Schulzeit vorbeigegangen 271 war. Ich war oft hoch oben im Glockenturm gewesen. Der Küster konnte mich gut leiden und nahm mich manchmal mit, wenn er Arbeit im Turm zu verrichten hatte. Es war ein überwältigendes Gefühl, wenn der Glockenton durch den Körper vibrierte, und ich hatte oft gedacht: Eigentlich schade, daß mein Haus keine Glocken hat. Nachdem ich mich vergewissert hatte, daß die Orgel nicht spielte, betrat ich das Innere der Kirche. Ich setzte mich in eine der Bänke und sah zu den schönen, bunten Fenstern auf. »Ich bin hier nur zu Besuch«, sagte ich leise,»aber du weißt ja, ich kann nicht mehr zu meinem Haus gehen, und du hörst mich hier genausogut. Ich will dir nur dafür danken, daß du mich heute aus so großer Gefahr befreit hast. Ich danke dir auch dafür, daß du mir wieder gezeigt hast, daß Gutes in jedem Menschenherzen ist, selbst in denen, die Schichten des Hasses darumgelegt haben. Ich brauchte ihn nur daran zu erinnern, wieviel glücklicher er war, als er noch lieben durfte. Ich werde es nie vergessen. Ich danke dir.« Ich stand auf und schritt zum Altar, um der Kirche Lebe- wohl zu sagen. Der Pastor kam gerade durch die kleine Sei- tentür und begrüßte mich freundlich. »Es ist eine schöne Kirche«, sagte ich,»ich hatte sie gern, seitdem ich ein Kind war. Ich fühlte mich hier beinahe so zu Haus wie in—« Ich brach ab. »Wir freuen. uns immer, Sie bei uns zu sehen, mein Kind«, sagte er ohne Pathos.»Unter diesem Dach sind wir alle gleich.« »Ich kam, um Abschied zu nehmen. Ich gehe fort.« »Gott segne Sie, mein Kind, und gebe Ihnen die Kraft, denen zu verzeihen, die Ihre Seele so tief verwundet haben.« Er machte das Zeichen des Kreuzes und küßte mich auf die Stirn. »Ich bitte Gott, Sie wieder Glück finden zu lassen«, sagte er. Ich konnte meinen Dank nur durch ein Lächeln ausdrücken. Dann drehte ich mich schnell um und verließ die Kirche. 30 Meine letzten drei Tage in Deutschland verstrichen wie im Traum. Meine Mutter gab einen Abschiedsabend, der sehr verschieden von denjenigen war, die andere Menschen gaben, welche sich vor Freude nicht zu lassen wußten, weil sie endlich einem Land den Rücken kehren konnten, das ihnen soviel Herzeleid zugefügt hatte. Es waren nur ein paar Freunde anwesend, die mir so un- eigennützig in meiner Arbeit geholfen hatten. Der auslän- dische Diplomat, drei junge Männer und Stückchen, der mich während der letzten drei Jahre nicht eine Sekunde länger allein gelassen hatte, als ich allein sein wollte. Nach dem Essen hielt jeder meiner Freunde eine Abschieds- rede, und ich weinte, weil ihre Worte soviel Liebe für mich enthielten. Und alle gaben der Hoffnung Ausdruck, mit mir in Amerika wieder vereint zu sein. Ich versprach, ihnen dort ein schönes Leben vorzubereiten, denn alle waren sich darüber einig, daß ihre Ilse in kurzer Zeit drüben Millionärin sein würde. Ich gab jedem von ihnen einen Talisman, eine kleine weiße Maus aus Elfen- bein. »Wann immer jemand in der Welt diese kleine Maus zu einem von uns bringt«, sagte ich,»wollen wir ihn als Freund aufnehmen und versuchen, ihm zu helfen. Ich hoffe, ich werde diese kleine Maus oft wiedersehen, wo immer ich sein werde.« Das Schicksal hat mir diesen Wunsch nie erfüllt. Ich habe keines der kleinen Tiere wiedergesehen, aber ich habe von ihren Besitzern gehört. Als ich mich an jenem letzten Abend in Deutschland an meiner Mutter Tisch umsah und es mir zu Bewußtsein kam, daß die Zeit nun wirklich gekommen war, da ich meine Freunde zum letztenmal sehen sollte, trieb es mich, ans Tele- fon zu gehen, das Billett abzubestellen und alle meine Papiere zu zerreißen. Da sagte Manfred: »Mammi, morgen abend um diese Zeit sind wir schon in London, nicht?« 213 Ich hatte während der letzten Jahre in einem derartigen Zu- stand der Isolation vom Ausland gelebt, daß ich die Illusion hatte, Deutschland sei von einem luftdichten Gürtel um- geben, der es für Tausende von Meilen von jedem anderen Land der Welt abschloß. Ich brachte den Jungen nach Haus zu Röschen und ging kurz vor Mitternacht noch einmal aus, um von Berlin, von Deutschland, von meinem ersten Leben Abschied zu nehmen. Ich fuhr mit einer Taxe durch das nächtliche Berlin zum Schloß am Ende von»Unter den Linden«. Es war ein sanfter, warmer Juliabend. Festlich gekleidete Menschen kamen vom Opernhaus und wanderten langsam die Linden hinunter. Ich stand lange in Gedanken versunken vor dem Schloß. Und plötzlich schien die Sonne, und ich saß hoch auf den Schultern meines Vaters, um die kaiserliche Familie zu sehen— die Musik spielte— Menschen jubelten mit glück- lichen Gesichtern dem schimmernden Kaiser zu— und dann lag das Schloß wieder im Dunkel. Nur die Musik altgewohnter Weisen klang von den Kaffee- häusern auf die Straße hinaus. Mein Herz umfing zum letz- tenmal das Cafe Kranzler, die Schloßkonditorei— Hotel Bristol— Esplanade— Adlon— meinen Lieblingsbaum vor der Universität. Ich sah lange auf den stolzen Kastanien- baum, den ich jeden Tag bewundert hatte, als ich in die Uni- versität ging, um von den Großen der Zeiten etwas für mein Leben zu lernen. Langsam verließ ich die Linden und schlenderte durch den Tiergarten zum»Neuen See«, auf dem mich meine Freunde herumgerudert hatten in einer Zeit, in der mein Vater noch kein»Rendezvous« gestattete. Ich dachte an die jungen Männer, die ich hier heimlich ge- troffen hatte. Was mochte aus ihnen geworden sein? Siech- ten sie langsam in Konzentrationslagern dahin oder mar- schierten sie stolz in den Paraden des»Führers«? Ich konnte es nicht ahnen; in den meisten Fällen wußte ich nicht einmal, welcher Religion sie angehörten. In jenen glücklichen Tagen war es ganz unwichtig gewesen. Warum konnte es nicht wieder so sein, wenn genügend Menschen danach strebten? 214 „Kann ich Ihnen helfen, Fräulein?« fragte plötzlich ein junger Mann neben mir höflich und leise. Ich fuhr zusammen und mußte in meinen Gedanken einen langen Weg zurückkommen. „Es tut mir leid, daß ich Sie erschreckt habe«, sagte er ent- schuldigend,»aber Sie standen hier so lange bewegungslos und starrten ins Wasser— und Sie sahen so traurig aus—« Er wußte nicht weiter. »Dachten Sie, ich wollte Selbstmord begehen?« Er mußte in dem Halbdunkel mein Lächeln bemerkt haben. »Viele Menschen tun es in diesen Tagen«, sagte er ernsthaft. Mein Denken war so sorgfältig auf Mißtrauen trainiert. Warum sagte er»in diesen Tagen«? Wollte er mich ausfor- schen? »Warum sagen Sie>in diesen'Tagen«?« »Oh, ich weiß es nicht«, sagte er und wurde plötzlich still. Ich wußte sofort, daß er dieselben Gedanken hatte wie ich. Wir hatten gelernt, einander zu mißtrauen, selbst wenn wir das natürliche Bedürfnis fühlten, jemandem Hilfe anzubie- ten, den wir in Not glaubten. »Ich habe gelächelt, weil ich genau dieselbe Frage gestellt hätte, wenn ich an Ihrer Stelle gewesen wäre«, sagte ich. »Ich kann es schwer ertragen, andere in Kummer oder Not zu wissen. Nein, ich wollte nicht Selbstmord begehen. Ich darf nichts fortwerfen, was mir von Gott geliehen worden ist.« »Glauben Sie an Gott?« fragte er. »Ja.« »Und Sie geben es zu? Ich meine, Sie sagen so einfach, ohne Umschweife>jaja< sagen?« »Die meisten würden es nicht so einfach zugeben. Heute ist's ja beinahe, als ob man damit etwas Unrechtes täte!« »Glauben Sie nicht an Gott?« fragte ich. »Ich glaube, meine Antwort ist auch>ja«, aber ich würde es nicht so einfach eingestehen wie Sie.« »Warum nicht?« »Weil sie einen als Schwächling verlachen—« » Wer—»sieIch kannte einen Deutschen, der Deutschland mehr liebte als sein Leben. Und er hat nie an— all dem— teilgenommen. Aber er war ein Deutscher.< Wollen Sie das für mich tun, Ilse?« Ich hätte ihn gern zum Abschied geküßt, aber wir standen an dem kleinen runden Tisch einer Budike im Norden Ber- lins, und jedes Zeichen der Bekanntschaft zwischen uns wäre mit Todesstrafe»belohnt« worden. »Mach’s gut, Fritz«, sagte ich leise. »Ich werd’s versuchen. Auf Wiedersehen, Ilse.« Und nun nahm ich Abschied von dem jungen Mann, dessen Name auch Fritz war, und ließ ihn zurück an dem»Neuen See« mit all den lieben alten Erinnerungen. Ich nahm eine Taxe und fuhr durch die vertrauten Straßen, in denen ich beinahe jedes Haus kannte; und ich sagte Lebe- wohl zu allem— allem— 207 »Bitte, halten Sie Ecke Kurfürstendamm und Fasanenstraße«, sagte ich dem Fahrer. Ich stieg aus und bezahlte, zögernd, überlegend, ob es nicht weiser sein würde, direkt nach Haus zu fahren. Die Fasanenstraße war jetzt eine ruhige und dunkle Straße. Viel dunkler, seitdem— Ich sah nicht auf, bis ich beinahe vor dem Haus stand. Ich war dankbar dafür, daß die Dunkelheit es einhüllte und ich kaum seine Konturen sehen konnte. »Ich gehe fort«, sagte ich leise.»Morgen früh gehe ich fort von hier. Ich hatte nicht den Mut, vorher zu dir zu kommen, aber ich konnte nicht fortgehen, ohne dir Lebewohl zu sagen. Ich komme jetzt, weil ich weiß, daß es zu dunkel ist, um dich sehen zu können. Ich kann es nicht ertragen, dich traurig und verwundet zu sehen. Aber ich werde eines Tages wie- derkommen, und dann werde ich dich aufbauen, genauso schön wie du warst, als ich dich zum erstenmal sah. Ich ver- spreche es dir, ich komme zu dir zurück. Leb wohl, mein ge- liebtes Haus—« Ich wußte, wo immer ich sein würde: Ich würde an mein Haus jeden Tag meines Lebens denken. Am nächsten Morgen verließ ich Deutschland. ZSVELRERZSTETL Ich lag in einem bequemen Liegestuhl auf dem oberen Deck des schönen Luxusschiffes und hörte den Wellen zu, die in stetem Rhythmus gegen die Seiten des Schiffes schlugen. Ich liebte dieses sanfte, beruhigende Geräusch. Die Stille der Nacht gestaltete es zu einem Wiegenlied der Natur. Ich hoffte, während dieser meiner ersten Ozeanreise das»über- irdische« Gefühl zu erleben, das erfahrene Seereisende immer so begeistert schilderten. Es umfing mich am ersten Abend. Die klare Nacht erfüllte alle Versprechungen der bunten, verlockenden Reisebroschüren. Der Himmel spannte sich wie ein endloses Netz, mit Millionen von Sternen gestickt; die Luft war so erfrischend und rein, wie man sie sonst nur auf den Gipfeln höchster Berge atmen konnte. Von Zeit zu Zeit fiel eine Sternschnuppe, doch ich konnte nichts wünschen. Es waren nur zwölf Stunden vergangen, seitdem ich England verlassen hatte, aber jedes Empfinden von Erde oder Land war ausgelöscht. Es gab soviel, das ich mir für meine Zukunft in Amerika wünschen konnte, aber es schien einfach nicht glaubhaft, daß wir wieder Land sehen würden. Leid der Vergangenheit, Furcht vor der Zukunft existierten nicht. Es gab nur den beschützenden Himmel, den kühlenden Wind und die Musik der Wellen. In dieser Atmosphäre klangen selbst die näher kommenden Schritte unwirklich. Ich sah im Dunkel die Umrisse eines sehr großen Mannes, der nicht weit von meinem Liegestuhl entfernt zur Reling schritt und in die Nacht hinaussah. Ich selbst vereitelte meinen Wunsch, daß er das Deck wieder verlassen möge, ohne mich zu bemerken. Ich mußte niesen. Er drehte sich erschrocken um.»Gesundheit«, sagte er.»Ich dachte, ich wäre allein!« 219 Er sprach Englisch, und ich verstand nicht viel mehr als das Wort»Gesundheit«, das merkwürdigerweise auch die Ameri- kaner benutzen. Seine Stimme klang warm und sonor. »Pardon«, sagte ich,»nicht gut englisch.« Er kam ein paar Schritte näher.»Deutsch?« »Ja.« »Oh, das ist kein Hindernis«, sagte er in fehlerlosem Deutsch, dem man kaum einen Akzent anhörte.»Ich spreche Ihre Muttersprache, habe in Deutschland studiert.« Er wies auf den Liegestuhl neben mir hin.»Darf ich?« »Ja.« »Betrachten Sie die Sterne oder verstecken Sie sich im Dun- keln wegen»nicht gut englisch«?« »Nein, ich verstecke mich nicht. Ich wollte allein sein.« »Leiden Sie an Schüchternheit?« »Nein. Im Augenblick an verstauchten Seelenmuskeln.« »Ich verstehe«, sagte er.»Sie fahren nach Amerika. Ohne Retourbillett.« Er wartete vergebens auf eine Antwort. »Solche Verstauchungen müssen massiert werden, sonst wer- den die Muskeln steif«, sagte er.»Lachen ist eine gute Mas- sage. Reisen Sie allein?« »Nein.« »Bitte verzeihen Sie. Ich wollte nicht aufdringlich sein. Ich fühle mich auf jeder Seereise so zu Hause, daß mir jeder Reisende Teil einer großen Familie zu sein scheint. Haben Sie nicht auch dieses Gefühl?« »Noch nicht; dies ist meine erste große Seereise.« »Oh«, sagte er verständnisvoll,»das ist etwas anderes. Aber Sie sollten sich jetzt schon ein wenig eingelebt haben.« Es war angenehm, ihm zuzuhören. Sein Benehmen war so sorglos, so verschieden von dem der Menschen, mit denen ich während der letzten Jahre zusammengelebt hatte. Der Menschen mit— Das Gefühl der Unwirklichkeit wich. Land begann mich einzuschließen. Er mißverstand mein Schwei- gen. » Verzeihen Sie— ich störe Sie. Ich wollte nicht—« »Bleiben Sie sitzen«, sagte ich,»Sie stören mich nicht und Sie drängen sich nicht auf. Ich bin erst in Southampton an Bord gekommen. Ich reise nicht allein, sondern mit meinem sechsjährigen Sohn. Ich hatte keine Lust, mich groß anzu- ziehen, und nahm mein Dinner mit ihm in der Kabine ein. Er schläft jetzt. Zufrieden?« Er lachte, und es klang warm und herzlich. Das Land ver- schwand. »Sie sind so liebenswürdig«, sagte er,»und ich benehme mich wie ein Flegel, habe mich nicht einmal vorgestellt. Ich heiße Kay Swensen, bin ein seriöser Geschäftsmann und An- walt, habe Frau und zwei Kinder, auch andere Verwandte; keine Schlechtigkeiten im Sinn und befinde mich auf einer Ferienreise nach Amerika. Mein Heimatland ist Dänemark. Ich bin nicht vorbestraft, ein ziemlich guter Tänzer, schlech- ter Tennisspieler, dafür ein guter Bridgespieler—« »Sie spielen Bridge? Ich auch.« »Ja? Das ist doch wunderbar! Auch auf englisch?« »Ich glaube ja. Ich habe diese Ausdrücke studiert, bevor ich abreiste.« »Großartig. Das wird Ihnen helfen, Menschen kennenzuler- nen. Sie müssen Menschen kennenlernen, das wissen Sie auch. Der Seelenmuskeln wegen. Ich würde mich an Ihrer Stelle nicht der Sprache wegen gehindert fühlen, die lernen Sie schnell. Aber Sie müssen immer englisch sprechen, was auch dabei herauskommen mag. Lassen Sie mich ein Pro- gramm für Sie ausarbeiten, ja? Zuerst stelle ich uns für mor- gen nachmittag eine Bridgepartie zusammen, dann lernen Sie wieder zwei Menschen kennen, außer mir natürlich. Wenn sie Ihnen gefallen, fein. Wenn nicht, versuchen Sie wenigstens, Geld zu gewinnen. Nein«, fuhr er kopfschüt- telnd fort,»das werden Sie wahrscheinlich nicht tun. Sie sind ja eine Dame!« Ich fühlte mich innerlich so alt gegen ihn, obwohl ich an Jahren jünger sein mußte. »Ich bin Ihnen wirklich dankbar. Darf ich mich morgen ent- scheiden?« »Natürlich. Sie sind sicher müde. Sie hatten bestimmt einen anstrengenden Tag.« »Ja. Ich war ein paar Wochen in London. Habe heute Freunden, meinem Vater und meinem Mann adieu gesagt. 221 Er muß dort noch sechs Monate warten. Visa-Schwierigkei- ten.« »Gott sei Dank«, sagte er. »Warum?« »Daß er am Leben ist. Ich wagte nicht zu fragen.« Er bot mir eine Zigarette an. Für einen Augenblick war sein Gesicht vom Schein des Feuerzeuges erleuchtet. Es war fein geschnitten und warmherzig wie seine Stimme. Dann lehnte er sich wieder zurück. »Fürchten Sie sich, nach Amerika zu gehen? Ich meine— allein, mit Ihrem kleinen Jungen?« »Ich glaube nicht.« »Haben Sie Verwandte dort?« »Verwandte meines Mannes— Amerikaner. Ich traf sie, als sie vor Jahren Deutschland besuchten.« »Dann haben Sie wenigstens keine Sorgen«, sagte er befrie- digt. »Dies bedauere ich beinahe«, sagte ich.»Ich habe so viele Geschichten über Amerika gelesen, über Frauen, die hinüber- gingen und sich im Wilden Westen durchschlugen, die als Kellnerinnen anfingen und dann ihre eigenen Saloons be- saßen. Ohne Geld in ein fremdes Land gehen, sich dort er- folgreich hocharbeiten— klingt so romantisch!« »Ich sehe, es gibt in Deutschland eine Menge von Holly- wood-Filmen. Ich wünsche Ihnen bessere romantische Er- lebnisse als dies, ohne einen Pfennig in New York zu lan- den und Ihren Weg allein durch den Urwald des Broadways zu finden. Dieser berühmte Broadway ist eine sehr harte Straße.« »Mir würde diese Straße keine großen Schwierigkeiten bieten. Ich kann kämpfen.« »Ohne Sie zu kennen«, fuhr er ernster fort,»bin ich Javon überzeugt. Aber nun verabschiede ich mich, Sie müssen tod- müde sein.« Er half mir aus dem Liegestuhl. »Ich gestehe ein, daß ich mich jetzt besser fühle als vorher«, sagte ich.»Sie haben mir wirklich geholfen. Ich war drauf und dran, mich dem Selbstmitleid zu ergeben. Gute Nacht.« Er war plötzlich verlegen.»Würden Sie— darf ich Ihren 222 Namen wissen? Ich wüßte sonst nicht, wen ich morgen zum Bridge abholen darf.« »Ich muß ziemlich müde sein«, sagte ich,»es macht sich be- merkbar. Mein Name ist Ilse Davis.« »Danke.« Er lächelte.»Gute Nacht, und träumen Sie schön!« Sein Wunsch ging nicht in Erfüllung. Ich war gerade ein- geschlafen, als der Nachtsteward an die Tür klopfte.»Ich möchte nur nachsehen, ob die Fensterrahmen festgeschraubt sind«, sagte er und ging zum Fenster,»wir erwarten einen Sturm.« Er schraubte die Rahmen fester und verließ die Kabine mit einem freundlichen»Gute Nacht, Madame«. Eine kleine Weile später brach der Sturm los. Ich hatte natürlich von Stürmen auf hoher See gehört, aber einen zu erleben, noch dazu in der Mitte der Nacht, war doch eine andere Sache. Ich lag zwar im Bett, fand aber meine Füße hoch in der Luft, so daß ich beinahe auf dem Kopf stand. Was war denn um Gottes willen passiert? War das mein Arm? Oder mein Bein? Ich hatte doch niemals Sehnsucht gehabt, wie ein Drehwurm zu leben! Nein, genug war genug. Zeit, auszu- steigen. Ich sah mich nach der Notbremse um. Ach so— das war ja der Ozean! Keine Chance zum Aussteigen. Dieses ver- flixte Schiff war anscheinend fest entschlossen, direkt bis Amerika zu fahren. Warum mußte ich auch nach Amerika gehen? Hätte ich nicht ein liebes, kleines Ländchen wählen können, das man mit einem Bummelzug erreichen konnte, der alle zehn Minuten in einem anderen Städtchen hielt? Ich schaute zu Manfred hinüber. Er schlief fest. Gut. Ich hatte genug zu tun, mich an meinem eigenen Bett festzuhalten. Ich hatte mich einmal im Luna-Park in einem Spukhaus ver- irrt, das sich um sich selbst drehte. Ich war nie mehr in ein Spukhaus hineingegangen. Jetzt hätte ich es mit Freuden gegen dieses Schiff eingetauscht. Hatte ich jemals angenom- men, daß eine Berg-und-Tal-Bahn sich schnell bewegt? Sie ging im Schneckentempo’rauf und’runter! Endlich— endlich war es Morgen. Manfred wachte auf und beklagte sich:»Mammi, mein Kopf wackelt innen so! Ich muß etwas Schlechtes gegessen haben! Mein Magen dreht sich!« 223 »Ich weiß. Meiner dreht sich auch, Liebling.« Er kam herüber zu meinem Bett.»Mammi, du siehst ja furchtbar aus! Du wirst doch nicht sterben?« »Nein, Liebling, bestimmt nicht, aber da du sowieso auf bist, läute bitte nach dem Steward.« Ein paar Minuten später hatte er eine sehr ernste Unter- haltung mit demselben. »Bitte, Herr Steward, ich habe wohl etwas Schlechtes ge- gessen. Kann ich bitte eine Tasse Pfefferminztee haben? Und bitte, sehen Sie doch nach Mammi, sie sieht ja furchtbar aus!« Er hatte die Wahrheit gesprochen. Der Steward lächelte. »Das werden wir gleich haben, mein Junge. Aber Sie müs- sen aufstehen, Madame, sonst bringen Sie die ganze Reise im Bett zu.« »Warum nicht? Das Bett scheint noch der sicherste Platz zu sein.« Er lachte.»Ich bin in ein paar Minuten zurück. Inzwischen schicke ich Ihnen das Mädchen. Sie wird Ihnen beim Anklei- den helfen.« Alle waren so besorgt und hilfreich, während ich nur den Wunsch hegte, so schnell wie irgend möglich zu sterben. Das Mädchen zog mich und Manfred an; ich konnte kaum den Arm heben. Der Steward brachte schwarzen Kaffee, den er, zusammen mit etwas trockenem Toast und einigen Tablet- ten, in mich hineinzwang. Dann half er uns hinaus aufs Deck und packte uns beide in Liegestühle. »Ganz still liegen«, sagte er.»Sehen Sie nur geradeaus, nicht aufs Wasser. Versuchen Sie zu schlafen.« Manfred befolgte den Rat, nicht ohne nochmals sein Er- staunen darüber auszudrücken, daß ein Kopf innen so wak- keln könne. Ich schloß meine Augen und lag still. Der junge deutsche Steward war so fürsorglich und versuchte mit größter Sorgfalt, mir alles bequem zu machen. Wären wir noch zu Haus in Deutschland, dachte ich plötzlich, und er wäre einer von»ihnen«, würde er mit derselben Sorgfalt einen Revolver heben, um... Ich öffnete meine Augen. Er stand neben meinem Stuhl und hielt ein Tablett in seinen Händen. 224 „Ich war nicht sicher, daß Sie wach sind«, sagte er.»Es ist besser für Sie, nicht im Speisesaal zu essen. Es vibriert dort stärker, und das Ansehen von zuviel Speisen kann Sie wieder krank machen. Ich habe Ihnen eine Kleinigkeit ge- bracht.« Er setzte das Tablett vorsichtig auf meinen Schoß. »„Gebackene Kartoffel und Apfelmus?« fragte ich erstaunt. »Das Beste gegen das, was Ihr Sohn einen»Magen, der innen wackelt< nennen würde.« Manfred hatte bereits die Seekrankheit vergessen und war in eine ernste Diskussion mit mehreren Damen vertieft. „Fühlen Sie sich noch sehr schwach?« fragte der junge Steward.»Dann will ich Sie gern füttern.« »Nein, danke«, sagte ich lächelnd,»ich denke, ich schaffe es.« »Fein«, sagte er,»dann nehme ich Ihren Jungen mit hinüber in den Speisesaal und lasse ihm einen guten Lunch servieren. Kinder kommen schnell über Seekrankheit hinweg.« Ich sah ihm nach, wie er, Manfred an der Hand haltend, dem Speisesaal zuging. Zu Hause hätte ich ihn niemandem an- vertrauen können, ohne zu fürchten, ihn zu verlieren... Ich stellte das Tablett auf den Boden neben mich, legte mich zu- rück und schlief ein. Manfreds Lachen weckte mich. Er spielte mit einem ande- ren kleinen Jungen. Als er sah, daß ich wach war, kam er schnell herüber.» Wie geht’s dir, Mammi?« »Viel besser, Liebling, ich denke, ich gehe in die Kabine und mache mich ein wenig frisch.« Der Steward erschien wieder mit einem Tablett. »Nein«, sagte ich,»ich habe doch gerade gegessen!« Er lachte.»Das ist schon eine Weile her, Madame. Sie haben beinahe drei Stunden geschlafen. Ich bin froh, daß Sie sich wohler fühlen. Ich habe nur starken Kaffee gebracht, der wird Ihnen gut tun.« »Ich bin offenbar wirklich über die Sache hinweg«, sagte ich, »dank Ihrer freundlichen Pflege.« »Mr. Swensen hat sich nach Ihnen erkundigt. Er fragte, ob Sie heute nachmittag Bridge spielen wollen.« »Ich glaube, ich sage besser für heute ab.« Er zögerte, dann sagte er ruhig:»Darf ich mir gestatten, einen Vorschlag zu machen, Madame?« 225 »Natürlich! Ihre Vorschläge waren bisher wunderbar!« »Mit Herrn Swensen sind zwei andere Herren. Der jün- gere aus der Tschechoslowakei, der ältere aus Detroit, ein steinreicher Auto-Industrieller. Und das kann einen wich- tigen Kontakt in Amerika bedeuten...« Ich mußte unwillkürlich lachen.»Sie sind sehr praktisch. Viel praktischer als ich. Trotzdem, ich weiß nicht—« »Ich wollte noch etwas sagen, Madame«, sagte er, diesmal langsam. »Na ja, heraus damit«, ermunterte ich. »Ich hoffe, Sie werden es nicht mißverstehen, Madame.« »Ich hoffe, ich werde dazu keine Gelegenheit haben«, sagte ich ernst. »Ich weiß, unter welchen Umständen Sie Deutschland ver- lassen haben. Ich weiß, daß Sie nur zehn Mark oder vier Dol- lar herausnehmen durften. Ich weiß, Sie konnten sich die beste Kabine auf diesem Schiff reservieren lassen, weil Sie sie in deutscher Mark bezahlen konnten. Es wurde Ihnen auch gestattet, fünfzig Mark an die Schiffslinie für Trinkgelder einzuzahlen, die an das Schiffspersonal verteilt werden.« »Ihre Informationen sind sehr korrekt. Ich wünschte, man hätte mir mehr Geld für Trinkgelder gestattet, die Bedie- nung auf dem Schiff ist erstklassig.« »Ich wollte erklären, daß unter dem Schiffspersonal eine Vereinbarung wegen der Trinkgelder getroffen worden ist. Sie betrifft nicht alle Gäste, nur— einige. Da ich am meisten Kontakt mit ihnen habe, bin ich derjenige, der die Verein- barung erklären muß. Ich wollte Sie bitten—« Er hielt unter meinem forschenden Blick inne und fuhr dann schnell fort: »Ich wollte Sie bitten, Madame, die fünfzig Mark von uns anzunehmen, die Sie für Trinkgelder eingezahlt haben. Die meisten unter uns sind nicht für die— wir hätten gewünscht, es wären fünftausend Mark. Fünfzig Mark sind so wenig, aber—« »Ich danke Ihnen«, unterbrach ich ihn,»ich danke Ihnen so sehr. Sie haben viel mehr für mich getan, als Sie es sich vor- stellen können. Heute morgen haben Sie meinem Magen ge- holfen und jetzt meinem Herzen. Ich kann das Geld nicht zurücknehmen, aber bitte sagen Sie auch den anderen für 226 mich»danke« für die Geste. Bitte, seien Sie nicht verletzt«, fügte ich schnell hinzu.»Wenn ich in wirklichen Schwierig- keiten wäre, würde ich es mit Dank akzeptieren. Mir ist je- doch in Amerika etwas Geld versprochen worden. Daher wäre es nicht fair, Ihr Angebot anzunehmen. Aber Sie haben mir damit sehr— sehr geholfen. Ich danke Ihnen.« »Ich habe Ihnen zu danken, Madame. Was soll ich Mr. Swen- sen sagen? Man wollte um vier Uhr anfangen, es fehlen nur zehn Minuten bis dahin.« »Ich habe einen guten Arzt, ich fühle mich wirklich viel besser. Warum soll ich nicht mein Glück versuchen?« »Gut, Madame«, sagte er wieder respektvoll und höflich, »ich werde die Herren davon verständigen, daß Sie in zehn Minuten da sein werden. Viel Glück, Madame.« »Hoffentlich habe ich es«, sagte ich lachend.»Wenn ich mehr als vier Dollar verliere, bin ich in Schwierigkeiten, und dann muß ich auf Ihr Angebot zurückkommen!« Ein Lächeln drückte seine Anerkennung dafür aus, daß ich in einem solchen Fall zu ihm um Hilfe kommen würde. Der getäfelte Spielraum war gemütlich und kühl. Herr Swensen war, bei Tageslicht betrachtet, genauso sorglos und freundlich, wie er im Dunkeln geschienen hatte. Herr Thornton, der Auto-Magnat, sah genau wie ein schwer- reicher Industrieller in einem Hollywood-Film aus. Ich mußte bei diesem Gedanken lächeln, und er bezog das Lächeln auf sich. Er betrachtete mich und mein elegantes Cocktailkleid mit einem Ausdruck höchsten Erstaunens. »Sie sind ein Refugee?« fragte er endlich. Ich war bestürzt. Swensens Gesicht zeigte Verlegenheit und Ärger.»Was will er von mir?« fragte ich Swensen auf deutsch. Thornton merkte, daß ich ihn nicht verstanden hatte, und fuhr in einer Art Kindersprache fort, von der er annahm, daß ich sie besser erfassen würde. Tatsächlich waren die abgerissenen englischen Worte leichter verständlich als die zusammenhängenden Sätze. »Refugee— mit Bündel, Schal um Kopf— Sie— sehr vor- nehm— elegant, schick— sehr schön—« Ein breites, freund- liches Grinsen begleitete sein zweifelhaftes Kompliment. Ich verstand— selbst ohne seine begleitenden Gesten. 227 »Danke«, sagte ich trocken auf englisch,»nicht Bündel. Ich habe Koffer.« Er lachte, als ob ich den besten Witz gemacht hätte. »Sind Sie nicht die Dame von Kabine Nummer eins?« »Ja. Kabine Nummer eins.« Er drohte mir neckisch mit dem Finger.»Sie wollten sich einen Spaß mit mir machen. Sie haben die beste Kabine auf dem Schiff. Und Sie wollten mich glauben machen, daß Sie eine von diesen Refugees sind! Sie fahren zum erstenmal nach Amerika? Vergnügen oder Geschäft?« »Wir wollen Bridge spielen«, sagte Swensen. »Warum regen Sie sich auf?« fragte ich ihn ruhig auf deutsch.»Erstens verstehe ich nur die Hälfte seiner Worte; zweitens ist es eine gute Lehre. Ich hoffe, er reprä- sentiert nur eine kleine Minderheit, aber ich bin sicher, es gibt eine ganze Menge drüben, die so denken. Das ist auch ein Teil meines zukünftigen Lebens. Es ist besser, wenn ich es schnell lerne und damit rechne. Erspart spätere Ent- täuschungen. Die Nazis haben mir den Mittelnamen»Sarah« gegeben. Vielleicht wird mein Mittelname in Amerika »Refugee« sein.« »Darf ich mich vorstellen?« fragte der junge Tscheche auf deutsch.»Mein Name ist Karl Mathes.« »Also, einen Moment mal«, unterbrach Thornton,»ihr sprecht alle deutsch! Da könnt ihr mich ja schön verkaufen. Das ist unfair; ihr müßt englisch reden!« »Warum?« fragte Swensen und lächelte sarkastisch.» Wir sind in der Mehrheit und an Bord eines deutschen Schiffes. Sie müssen deutsch sprechen, Mr. Thornton. Oder—>Sie nicht sprechen« deutsch so gut?« Thornton sah ihn erst bestürzt an, dann lachte er, daß ihm die Tränen über die Backen liefen. »Sie sind köstlich«, sagte er.»Sagen Sie der jungen Dame, ich habe nur Spaß gemacht, es war nicht bös gemeint. Dar- auf müssen wir trinken! Was trinken Sie, meine Gnädigste? Ich wette, Sie mögen guten französischen Kognak.« Ich hatte das meiste davon verstanden. Ich wußte, ich mußte es lernen, nicht überempfindlich zu sein. Er war nur gedan- kenlos. Und er hatte Sinn für Humor. »Nicht trinken heute«, sagte ich freundlich,»ich gerade so krank. Aber danke. Vielleicht morgen, ja?« »Natürlich morgen jahhh«, imitierte er lachend.»Laßt uns Bridge spielen. Sie spielen Bridge englisch, jahhh?« »Ja, ich kann«, sagte ich. Wir setzten uns an den Spieltisch, und sein erstes Spiel war mit mir. Er spielte nicht so gut wie die anderen, aber er war schlau. Es amüsierte mich, wie er, mein besseres Spiel sofort erkennend, mir die Lösung überließ, wann immer es mög- lich war. Nach zwei Stunden mußten wir aufhören; es war bald Zeit zum Dinner. Ich hatte acht Dollar gewonnen. „Heute abend ist ein Extra-Gala-Dinner oben im Grill- Room«, sagte Thornton.»Sie nennen es das»Gourmet- Dinner«. Ich möchte Sie alle bitten, meine Gäste zu sein. Die junge Dame muß sich an amerikanisches Essen gewöhnen.« »Ich habe kleinen Jungen«, sagte ich auf englisch,»ich besser—« Er unterbrach.»Und ich habe ein kleines Mädchen. Ich hoffe, Ihr Junge ist weniger schwierig. Ich bin sicher, er ist weniger verwöhnt. Ich sehe Sie dann alle beim Dinner. Glauben Sie mir, meine Gnädigste, ich hatte einen wunder- baren Nachmittag.« »Ich möchte lieber nicht hingehen«, sagte ich, nachdem er fort war. »Aber es wird gut für Sie sein«, sagte Karl Mathes.»Es ist wichtig, daß Sie Menschen kennenlernen. Sie können zur gleichen Zeit die Bekanntschaft mit dem allgewaltigen Dollar< machen.« »Sie können doch nicht alle so sein«, sagte ich. »Nein, natürlich nicht«, antwortete er.» Aber sie sind daran gewöhnt, alles mit Geld zu kaufen. Auf jeden Fall können Sie sich an Hand einer kleinen auserwählten Gruppe heute abend selbst ein Bild machen. Das»Gourmet-Dinnert ist be- rühmt und unwahrscheinlich teuer. Nur diese reichen Ameri- kaner können es sich gestatten. Es wird ganz lehrreich sein.« »Und Sie haben zwei Freunde neben sich, die Sie be- schützen«, sagte Swensen lachend.»Nach dem Dinner gehen wir alle in den Ballsaal und machen uns einen vergnügten Abend.« 229 »Sie muß Madame Laurie kennenlernen«, Mathes.»Sie werden sich gut verstehen.« »Wer ist Madame Laurie?« »Eine wundervolle Frau. Eine Brasilianerin. Sie ist Witwe. Ihr Mann ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Sie selbst war auch schwer verletzt, sie hat ein steifes Bein und eine böse Narbe in ihrem Gesicht. Aber selbst damit— nun, Sie werden ja selbst sehen.« »Ich glaube, wir müssen uns beeilen, wir haben wenig Zeit zum Umziehen«, sagte Swensen.»Das Dinner ist in einer halben Stunde.« »Große Aufmachung?« fragte ich. Er sagte in seinem angenehmen, weichen Deutsch:»Ganz große Aufmachung, Madame.« Der deutsche»Inspektor« hatte mir wenigstens erlaubt, meine Kleider mitzunehmen. Ich wählte ein langes schwar- zes Abendkleid aus französischer Spitze und meine besten imitierten Ohrringe. Sie mußten den echten Schmuck er- setzen, den mir die Nazis fortgenommen hatten. sagte Karl Manfred sah sehr gut in seinem Eton-Anzug aus und steckte sein bestes Benehmen heraus. Wir nahmen den Fahrstuhl zum obersten Deck und schritten für einen Moment zur Reling, um die frische Seeluft einzuatmen. Plötzlich hörte ich Stimmen. Sie kamen von der Bar; die Fenster zum Deck heraus waren offen. Es bedurfte keiner großen Sprachkenntnisse von meiner Seite, die etwas einseitige Unterhaltung zwischen einer männlichen und einer weiblichen Stimme zu verstehen; auch zu erkennen, daß die beiden Stimmen Thornton und seinem »kleinen Mädchen« gehörten. »Du mußt verrückt sein«, sagte sie scharf,»Refugees an unseren Tisch einzuladen. Noch dazu zum»Gourmet-Din- ner«! Ich sitze nicht mit solchen Leuten an einem Tisch.« »Aber sie ist eine reizende Frau, Darling, und sie hat einen kleinen Jungen.« »Gott, wie rührend! Eine reizende Frau und ein kleiner Junge. Was will sie denn von dir? Geld, natürlich! Bis sie herausfinden wird, daß du nicht so schnell bereit bist, dich von einem Dollar zu trennen!« 230 »Sei nicht so frech«, sagte Thornton. „Wenn du rücksichtslos genug bist, mich vor meinen Freun- den zu blamieren, dann habe ich das Recht, mich darüber zu beklagen. Was sollen die sich denn denken? Vielleicht willst du sie nach Detroit mitnehmen und in unsere Ge- sellschaft einführen?« »Sei nicht albern«, sagte Thornton ärgerlich. „Wenn du beim»Gourmet-Dinner« mit Juden und Niggern zusammensitzen willst, soll’s mir recht sein, aber—« Ich hatte genug gehört. Ich nahm Manfred bei der Hand und drehte mich schnell zur Halle und dem Fahrstuhl um. In der Tür zum Deck stand Karl Mathes. Auch er mußte alles gehört haben. »Bitte sagen Sie nichts. Lassen Sie mich fort von hier, bitte.« Er machte einen Versuch, mich zurückzuhalten. »Sie erwarten doch nicht, daß ich die Einladung noch an- nehme?« »Nein«, sagte er.»Ich habe auch keine Lust hinzugehen.« »Doch, doch«, sagte ich schnell,»Sie müssen gehen. Bitte lassen Sie mich vorbei, bevor die anderen kommen.« »Aber Sie versprechen bitte, daß Sie später in den Ballsaal kommen?« »Natürlich«, sagte ich und lächelte ein wenig bitter bei dem Gedanken,»der Ballsaal ist doch deutscher Boden. Da bin ich noch immer zu Hause.« Manfred erfreute sich an seinem Dinner, während ich kaum wußte, was ich aß. Ich versuchte, mich mit dem harten Schlag auseinanderzusetzen, den ich erhalten hatte. Ich hatte über Vorurteile und Antisemitismus in Amerika gehört, aber mich geweigert, daran zu glauben. Wenige Deutsche auf unserem Schiff fuhren erster Klasse. Ich hatte zwei deutsche Familien bemerkt, aber sie hielten sich abseits, gingen zu- sammen spazieren, aßen an demselben Tisch und mischten sich nicht unter die anderen. Ich hielt die Idee einer solchen Selbst-Isolierung für falsch; ich hielt es für ungesund, aus Furcht, verletzt zu werden, in einem geistigen Getto zu leben. Ich wollte mich anpassen, und wenn ich das nicht tun konnte, so hatte es meiner Ansicht nach keinen Sinn, nach Amerika zu gehen. Ich versuchte, mich davon zu überzeu- 231 gen, daß Herrn Thorntons Tochter keineswegs die typische Amerikanerin darstellte. Nach dem Essen brachte ich Manfred zu Bett. »Amüsier dich gut, Mammic, sagte er,»und sorg dich nicht um mich. Wenn ich etwas will, dann frage ich nach unserem Steward. Es ist gut, daß er von zu Hause ist. Er versteht uns.« »Ja, da hast du recht, Liebling. Gute Nacht.« Ich ging schnell hinaus. Der Gedanke, daß der junge Deutsche uns verstand, weil er»von zu Hause war«, war ein wenig zuviel für meine angespannten Nerven. Einen Augenblick stand ich am Eingang zum Ballsaal still, benommen von der Farbenpracht, die sich meinen Augen darbot. Dann bat ich den Oberkellner um einen kleinen Tisch am Fenster. Ich hatte sofort den großen Tisch mit Thornton und seiner Gesellschaft bemerkt, auch den Ver- such Swensens, aufzustehen, aber ich ging gelassen zu dem Tisch auf der anderen Seite des Saales, als ob ich ihn nicht gesehen hätte. Ich transferierte einen kleinen Teil meines Bridgegewinns in einen Champagner-Cocktail und begann, die Menschen um mich her zu studieren. Die Frauen trugen, ohne Berück- sichtigung ihres Alters, helle Farben. In dem ganzen Saal sah ich nicht mehr als fünf oder sechs schwarze Kleider. Farbenreicher Satin und Tüll beherrschten das Feld, und die Machart war auf Effekt gestellt. Mein wertvolles schwarzes Spitzenkleid war im besten Modesalon gearbeitet; doch trotz dieser Tatsache und der kostbaren Spitze verschwanden Kleid und ich in dieser Farbenschau, die noch durch eine unglaubliche Menge echter und unechter Juwelen und durch eine unglaubliche Menge von echten und unechten Blumen bereichert wurde. Am meisten erstaunte mich, bei dem heißen Sommerwetter, die Ausstellung kostbarster Pelze: Jacken sowohl wie zum Boden reichende Capes aus Weiß- fuchs, Silberfuchs, Nerz und Hermelin. Die Unterhaltung war in vollem Gange. Auf jedem Tisch lagen kleine Spielzeugrevolver. Die Herren luden sie mit Papierkugeln und schossen sie auf die Damen an den ande- ren Tischen ab. Einige machten sich ein besonderes Ver- 232 gnügen daraus, sich hinter die Damen zu schleichen und ihnen die Papierbälle in das tiefe Rückendekollete ihrer Gewänder zu schieben. Und die Damen quietschten vor Überraschung und Entzücken. Alle schienen sich großartig zu amüsieren, und ich begann ernsthaft daran zu denken, daß mit mir etwas nicht stimmte, denn ich hätte beim besten Willen keinen Spaß an dieser Art von Belustigung finden können. Dann sah ich, daß Swensen sich entschuldigte, und bemerkte auch den bösen Blick, den er von Thorntons »kleinem Mädchen« erhielt. Er kam quer durch den Saal zu meinem Tisch. »Setzen Sie sich.« »Bezaubernd, was?« fragte er.»Ich habe Sie beim Gourmet- Dinner vermißt. Karl Mathes sagte, er hätte Sie gesehen, doch Sie hätten die Lust verloren, daran teilzunehmen. Füh- len Sie sich nicht wohl?« »Doch, ich war nur nicht in Stimmung.« »Aber Sie hatten doch zugesagt! Sind Sie launisch?« erkun- digte er sich interessiert. Ich mußte lachen.»Nein, ich glaube nicht.« »Ist etwas passiert? Thornton kann keine Schuld haben, denn er fragte mich, warum Sie nicht gekommen seien.« Das Näherkommen von Karl Mathes und Madame Laurie enthob mich der Antwort. Sie war groß und schlank und trug ein herrliches Abendkleid aus beigefarbenem Chiffon. Sie hinkte ein wenig und bediente sich eines Stockes, dessen Krücke zu dem goldenen Bernstein ihrer Halskette paßte. Mit der zarten, weißen Haut der Rothaarigen und den gro- ßen, braunen Augen von unbeschreiblicher Tiefe wäre sie eine vollkommene Schönheit gewesen, hätte nicht eine tiefe Narbe, die sich quer über ihr Gesicht erstreckte, diese Voll- kommenheit beeinträchtigt. »Sie müssen Ilse Davis sein«, sagte sie, und ihr gebrochenes Deutsch hatte denselben weichen Klang wie das von Swensen.»Ich habe mich darauf gefreut, mit Ihnen zu spre- chen. Dürfen wir uns zu Ihnen setzen?« »Bitte«, sagte ich.»Wie war das»Gourmet-Dinner«?« »Langweilig«, sagte Karl Mathes.»Ich bin wahrscheinlich kein Gourmet. Ich kann mich ganz einfach nicht an den 233 Geschmack von Waldschnepfen mit Trüffeln und Perlhuhn mit Pilzbällchen gewöhnen. Ich liebe nun einmal Pilzsuppe und böhmische Gans. Es waren auch zu viele Waldschnepfen am Tisch.« » Jetzt sind Sie bösartig, mein Lieber«, sagte Madame Laurie lachend.»So schlimm war es nicht.« Während ich ihnen zuhörte, wurde meine Aufmerksamkeit auf den großen Tisch gelenkt. Das»kleine Mädchen« machte wohl ihrem Papa den Kopf heiß, und er besaß offensichtlich zuwenig Energie, seinem Sprößling zu widerstehen. Er stand auf und kam langsam zu unserem Tisch herüber. Väterlich-freundlich legte er seinen Arm um meine Schul- ter. »Warum sind Sie denn nicht zum Dinner gekommen, meine Gnädigste? Sie hatten es doch versprochen.« »Tut mir leid, Mr. Thornton«, sagte ich ruhig,»war nicht möglich.« Er sah mich forschend an.»Sie sehen ja heute abend so ernst aus; nicht ein kleines Lächeln? Sie sind mir doch nicht mehr böse, weil ich zuerst Spaß gemacht habe? Verstehen Sie, was ich sage?« setzte er hinzu, da ich nicht antwortete. Mathes unterbrach das verlegene Schweigen.»Mr. Thorn- ton, es ist besser, nicht mehr davon zu sprechen. Frau Davis war Ihrer Einladung gefolgt. Dann hat sie die gastfreund- lichen Bemerkungen Ihrer Tochter gehört.« Bevor Thornton sich fassen konnte, sagte ich in meinem gebrochenen Englisch: »Mr. Thornton, Ihr Mädchen— sehr böse. Sie besser gehen zum Tisch.« »Sie haben recht«, sagte er mit einem Versuch, zu lachen. »Amerikanische Töchter sind sehr anspruchsvoll. Das ist unser Fehler, wir verwöhnen sie zu sehr. Man vermißt Sie auch, Swensen, wollen Sie nicht mit herüberkommen?« »Nein, danke, Thornton«, war Swensens Antwort.»Ich möchte eine Weile hier sitzen.« „Meine Tochter wird sehr ärgerlich sein. Sie tanzt gern mit Ihnen.« Swensens Gesicht blieb völlig unbewegt.»Das kann ich ver- stehen«, sagte er,»ich bin ein ausgezeichneter"Tänzer.« 234 Thorntons Gesicht wurde rot vor Ärger; er drehte sich schnell um und ging zu seinem Tisch zurück. Das Orchester spielte einen melodiösen Tango, und Madame Lauries Augen wurden feucht.»Musik meines Landes. Ich habe sehr gern getanzt. Das ist lange her. Diese Mädchen hier— sie haben keine Musik in ihren Herzen.« Ihre Stimme klang harmonisch wie die Melodie. »Ich habe auch alles in meinem Land so geliebt«, sagte ich. »Es muß schön sein, es nicht verlieren zu müssen.« „Wir alle verlieren etwas, meine Liebe«, sagte Madame Laurie,»und wir alle müssen uns anpassen. Es ist schwer. Ich weiß es. Aber wenn Sie in Amerika bleiben wollen, müs- sen Sie vieles vergessen; viel von Ihrer Empfindsamkeit, von Ihrer Herkunft, von Ihrer Tradition. Amerika ist ein junges Land. Viele Leute sind zu schnell zu reich geworden. Viele geben vor, daß sie keine Tradition wollen, und daher lehnen sie sie auch bei Europäern ab.« » Aber sie reisen andauernd durch Europa! Sie können nicht genug europäische Dinge kaufen!« »Ja, das stimmt. Sie reisen durch Europa, aber sie bleiben immer amerikanische Touristen. Sie sind wie Kinder, die anderen unbedacht weh tun und dann ehrlich erstaunt sind, wenn man verletzt ist.« »Aber wie kann ich lernen, mit ihnen zu leben?« fragte ich. »Ich muß Menschen gern haben, um mit ihnen zu leben. Ich habe doch soviel über die Geradheit und Freundlichkeit der amerikanischen Menschen gehört— ich muß sie finden.« »Sie werden sie auch finden, mein Liebes«, sagte Madame Laurie warm.»Sie müssen nur auf alles vorbereitet sein und danach handeln. Zuerst müssen Sie lernen, sich niemals von Furcht übermannen zu lassen. Sie werden oft Furcht haben, aber Sie dürfen sie nie zeigen. Das Land Amerika ist schön, wunderschön, aber Sie brauchen viel Geld, um seine Schön- heit ohne Furcht genießen zu können.« »Das klingt ja fast, als ob ich nach Deutschland ginge! Ich gehe doch nach Amerika! Wovor soll ich mich denn dort fürchten?« »Unsicherheit, Ungewißheit«, sagte Karl Mathes.»Ich war ein paarmal für meine Firma in Amerika. Es gibt keine 235 Sicherheit; Menschen können fünfundzwanzig Jahre auf einem Posten arbeiten; wenn der Chef glaubt, daß sie zu alt sind, können sie einfach entlassen werden— außer, wenn sie zu einer der starken Gewerkschaften gehören. Die einzige Sicherheit ist ihr Geld auf der Bank. Ein Mann sagte mir einmal einen Satz, den ich nie vergessen konnte:»Amerika ist das einzige Land der Welt, in dem Menschen vollständig glücklich sein könnten. Sie sind es nicht, denn das Land bietet keine Sicherheit. Nur Geld.«« »Das stimmt genau«, sagte Madame Laurie.»Jedesmal, wenn ich in Amerika bin, sehe ich diese verzweifelte Jagd nach Geld. Menschen haben eine ständige Angst, arm zu sein. Wenn sie einen bestimmten Grad von Sicherheit er- reicht haben, fürchten sie wiederum, diese zu verlieren. Sie nehmen sich einfach nicht die Zeit, glücklich zu sein— was wir unter Glücklichsein verstehen!« Ich sah mich im Saal um; sah die Männer an, die sich lang- sam betranken; die Frauen, die sich so bemühten, einen »„wunderbaren Abend zu haben«. Ich hatte das Gefühl, daß sie alle genau wußten, was und warum sie es taten; daß »sich amüsieren« zu den Aufgaben ihres Lebens gehörte und daß sie nicht einen Augenblick aufhörten, sich gegenseitig zu beobachten. Hatten sie Furcht? »Fürchten die sich auch?« fragte ich. »Ich glaube schon«, sagte Madame Laurie, die meinem Blick gefolgt war. » Aber sie scheinen doch alles zu haben, was sie sich wünschen können. Wovor sollten sie sich fürchten?« »Die amerikanische Frau ist sehr schön, aber die Konkurrenz ist sehr groß. Und alle Werte sind auf Äußerlichkeiten ge- stellt. Das bringt wahrscheinlich die Furcht mit sich.« »Das wird alles sehr schwierig für mich werden«, sagte ich. »Ich habe noch nicht wirkliche Furcht kennengelernt.« Alle drei starrten mich mit demselben Erstaunen an. »Das kann doch nicht möglich sein«, sagte Karl Mathes. »Sie müssen doch furchtbare Angst vor den Nazis gehabt haben. Das waren doch Ihre Feinde!« »Sie haben sich selbst die Antwort gegeben. Man muß ein 236 wenig von einem Feigling in sich haben, um Furcht vor dem Feind zu haben, und ich besaß nie viel Talent, ein Feig- ling zu sein. Doch wie kann ich mich vor Freunden be- schützen?« »Sie werden durchkommen, meine Liebe«, sagte Madame Laurie.»Wie ich sagte: Sie werden viel vergessen müssen. Ich war einmal sehr schön, und dann verlor ich alles— außer dem Geld. Heute bin ich häßlich und allein. Ich habe sehr viel Geld, aber ich kann nicht genug vergessen, um damit zufrieden zu sein. Sie müssen lernen zu vergessen, um alles zu überstehen und wieder froh zu werden.« Ein Gefühl von Hilflosigkeit überkam mich.»Wie kann ich das?« fragte ich. »Wickeln Sie Asbest um Ihr Herz«, sagte sie.»Zeigen Sie weder zuviel Gefühl noch irgendwelche Schwächen. Ich kann Ihnen nur das Rezept geben; die Medizin müssen Sie selbst nehmen. Ich weiß nur, daß Menschen es schwer ver- tragen können, ignoriert oder nicht genügend beachtet zu werden. Zeigen Sie ihnen, daß Sie sie nicht brauchen, und man wird beginnen, sich um Sie zu bemühen; und manche von ihnen werden ehrliche und gute Freunde werden.« »Ich werde daran denken«, sagte ich. Der Lärm im Saal tönte noch lange fort; an unserem Tisch war es sehr still geworden. Ich war noch im Bett, als am nächsten Morgen der Steward an meine Kabinentür klopfte. Er brachte einen großen Strauß roter Rosen und einen Brief. »Wie schön«, sagte ich.»Danke Ihnen.« »Soll ich auf eine Antwort warten?« »Nein, ich glaube nicht.« Er ging hinaus, und ich öffnete den Brief. Ich mußte ihn ein paarmal lesen, um ihn zu verstehen. Er war von Thornton, ebenso wie die Blumen. Aber das war nicht alles. In dem Brief lag ein Scheck über fünfhundert Dollar. Er schrieb, er sei deprimiert über das Benehmen seiner Tochter und ich müßte wissen, daß er ihre gedankenlosen Äußerungen und Meinungen nicht teile. Da er meinen Geschmack noch nicht kenne, hoffe er, ich würde mir ein hübsches Geschenk für den Scheck kaufen. 237 Ein paar Minuten lang wußte ich nicht, was ich tun sollte. Erst war ich bestürzt, dann wütend. Das hieß doch wirklich dem Schaden noch den Spott hinzufügen. Was hatte Madame Laurie gesagt?»Zeigen Sie nie, daß man Ihnen weh tun kann.« Ich nahm ein kühles Bad, zog ein hübsches, buntes Kleid an, um mich in bessere Stimmung zu versetzen, und ging mit Manfred frühstücken. Dann ließ ich ihn bei einem Jungen, der— glücklicherweise für mich— eine Gouvernante hatte, und wanderte um das Deck herum. Nach einer kleinen Weile traf ich Mr. Thornton. »Guten Morgen, Mr. Thornton«, sagte ich in meinem besten Englisch,»hier ist Brief. Nicht mein.« Thornton hatte keine Ahnung, wie er dieser Situation ge- recht werden sollte.»Ich wollte Sie nicht verletzen«, sagte er langsam, jedes Wort artikulierend, damit ich es verstehen konnte,»bitte glauben Sie mir. Ich wollte Ihnen nur ein wenig Freude mit einem Geschenk machen. Weil mir das Benehmen meiner Tochter mißfiel. Das war alles.« »Ich weiß. Ich nicht böse auf Sie. Aber Sie nicht zahlen Geld für— beleidigen.« Ich stopfte seinen Brief in die Außentasche seines Jacketts. »Tu in Tasche. Wenn Tochter sieht, sie böse.« Er war völlig hilflos. Er hatte es so gut gemeint.»Aber man hat Ihnen doch nicht erlaubt, Geld herauszunehmen«, sagte er.»Lassen Sie mich Ihnen doch wenigstens einen hübschen Ring oder ein Armband kaufen. Sie müssen doch alle diese Dinge vermissen.« »Ja«, sagte ich.»Ich vermisse. Mit französisch Wort, ich ver- misse»finesse«. Ich nicht kann kaufen mit Geld.« Er verstand. Aber die Wirkung war eine ganz andere, als ich erwartet hatte.»Nun werden Sie nicht mehr Bridge mit mir spielen«, sagte er. Ich wollte lachen und war taktlos genug, es zu tun.»Oh ja, ich spiele Bridge.« Jetzt wußte er überhaupt nicht mehr weiter.»Sie meinen, Sie sind nicht verletzt?« Ich ahnte nur die Bedeutung des Wortes, das ich nicht kannte.»Nein. Ihr Mädchen— schlecht. Ich nicht spiele 238 Bridge mit Mädchen. Ich spiele Bridge mit guten. Ich nicht sitze an Tisch mit Mädchen. Sie meinen gut. So— ich spiele mit Ihnen. Vier Uhr wir spielen, ja?« Ich mußte natürlich nach Worten suchen, aber ich war sicher, er verstand. Am Nachmittag spielten wir Bridge. Madame Laurie wollte lieber im Liegestuhl liegen und lesen. Ich ging zu ihr. »Danke«, sagte ich.»Sie haben mir sehr geholfen. Ich habe durch den Steward schöne Rosen in Ihre Kabine gesandt. Sie haben sie verdient, ich wollte, daß Sie sie haben. Haben Sie keine Sorge, ich habe sie nicht gekauft, sie kamen von Mr. Thornton.« Dann erzählte ich ihr alles, was passiert war, und sie lachte herzlich. Jetzt konnte ich mit einstimmen.»Danke Ihnen nochmals. Der Asbestumschlag ist ein gutes Mittel.« Bevor wir das Spiel beendeten, sagte Thornton, nicht ganz so selbstsicher wie sonst:»Wir haben heute abend einen Film auf dem Programm. Wollen Sie bitte meine Gäste sein?« Und bevor wir noch ein Wort sagen konnten, fügte er hinzu:»Ich komme ohne meine Tochter.« Swensen sah ihn sprachlos an. »Sie werden Krach haben«, sagte Karl Mathes. »Besser Krach mit meiner Tochter als mit ihr«, entgegnete Thornton lachend. Und dann setzte er, mit einem Unterton des Respekts, hinzu: »Sie kann nicht englisch sprechen. Aber sie gibt einem einen Kinnhaken wie der beste amerikanische Schwergewichtler.« Ich ging, um Manfred abzuholen und uns zum Dinner um- zuziehen. Der Steward hatte die Spielzeugrevolver vom letzten Abend aufgehoben, auch eine Menge Papiermuni- tion. Jetzt standen Manfred und sein kleiner Freund an der Reling und schossen Papierbälle in den Ozean. Als ich näher kam, sah ich, daß sie jedem Ball einen Kuß gaben, bevor sie ihn in den Revolver steckten, und ich hörte gerade Manfred sagen:»Dieser geht zu Großpapa nach Berlin.« Und dann schoß der andere kleine Junge seinen Ball ab. »Dieser zu Großmama in Amsterdam.« Der nächste Schuß war von Manfreds Worten begleitet: »Dieser geht zu Großpapa nach London.« 239 Es fiel mir plötzlich schwer, zu schlucken. Paß auf, dachte ich, dein Asbest rutscht! Dann gingen wir zum Dinner. Die Zeit flog vorüber, und der Tag unserer Ankunft war bei- nahe da; viel zu früh für mein Gefühl innerer Unsicherheit. Der letzte Abend wurde immer mit einem festlichen Souper und einem Ball im großen Saal gefeiert. Der Saal war für diese Gelegenheit besonders dekoriert; so waren die Damen. »Aber heute abend feiern wir zusammen«, sagte Thornton. »Ich reserviere uns einen großen Tisch.« »Nein«, sagte ich.»Bitte, Mr. Thornton, nicht ärgern. Ich gehe nicht zu Ball. Ich esse mit Manfred und packen.« »Das können Sie mir nicht antun«, schrie Thornton.»Das ist der letzte Abend.« Ich wandte mich an Swensen.»Bitte, sagen Sie ihm, daß ich seine Einladung zu würdigen weiß, wirklich«, erklärte ich auf deutsch.» Aber ich bin nicht in der Stimmung für Musik und Tanz und eine Menge Menschen. Ich möchte nicht, daß er gekränkt ist. Bitte, erklären Sie es ihm.« »Eigentlich habe ich auch keine Lust zu tanzen. Ich bleibe viel lieber an Deck und unterhalte mich.« »Ich auch«, stimmte Karl Mathes schnell zu.»Und ich bin sicher, Madame Laurie bleibt dem Ballsaal ebenfalls viel lieber fern.« Ich protestierte.»Ich will nicht, daß ihr euch meinetwegen den Abend verderbt«, sagte ich.»Wenn ich nicht an Bord wäre, würdet ihr zum Ball gehen.« »Oh, das weiß ich noch nicht einmal«, sagte Swensen lächelnd.»Auf jeden Fall würde ich mir einen wertvollen Abend verderben, wenn ich heute zum Ball ginge.« »Sie können doch die nettesten Dinge sagen«, erklärte ich. „Wollt ihr endlich aufhören, in dieser verdammten Sprache zu faseln«, schrie Thornton wütend.»Wie soll sie je Englisch lernen, wenn Ihr nur Deutsch redet? Ganz abge- sehen davon, daß ich immer ausgeschlossen bin.« Ich wandte mich zu ihm.»Wenn ich muß, ich spreche englisch sehr okay.« »Jahhh«, sagte er trocken,»das Wort heißt»Abreibung ge- ben«. Das tun Sie sehr»okay«. Sehr!« Swensen übersetzte ihm meine Worte und sagte, was sie für 240 u den Abend planten. Er fügte hinzu:»Aber wir wünschen Ihnen recht viel Vergnügen, und wir danken Ihnen für Ihre freundliche Einladung.« Jetzt war Thornton wirklich zornig.»Das könnte euch so passen«, schrie er uns an und wurde puterrot.»Ihr werdet euch hier an Deck in der frischen Luft amüsieren und viel- leicht noch im Freien tanzen, und ich sitze da drin in die- sem verdammt heißen Ballsaal und langweile mich zu Tode.« »Ballsaal nicht heiß. Elektrisch kalt«, sagte ich freundlich. Er sah mich einen Augenblick an, als ob er mich ermorden wollte, dann wandte er sich an Swensen.»Was wird erst passieren, wenn sie wirklich Englisch lernt? Die macht doch die Menschen wahnsinnig!« »Ich hoffe«, sagte Karl Mathes. »Und wenn ihr denkt, daß ich zum Ball gehe, dann habt ihr euch alle gewaltig geirrt«, brüllte Thornton mich an.»Ich gehe mit euch!« Ich verstand nur einen Teil seines Wutausbruches, aber die verblüfften Gesichter der beiden anderen erzählten den Rest. »Ihre Tochter bringt Sie um«, sagte Karl Mathes. »Mischen Sie sich gefälligst nicht in meine Familienangele- genheiten», schimpfte Thornton. Dann drehte er sich plötz- lich zu mir um und donnerte in demselben Englisch, das ich sprach:»Ich nicht geh’ Ballsaal. Wir spielen Bridge. Jahhh. Du Dinner, Junge in Bett, neun Uhr marsch in Spielsaal. Ganze Nacht, wir spielen Bridge. Okay?« Wir sahen uns an und lachten. Ich nahm Thorntons Hand, schüttelte sie und sagte:»Okay. Sie gut in Herz. Sie mit uns!« Und er tat es. Nach dem Souper sah ich seine Tochter wütend vom Tisch aufstehen und den Speisesaal verlassen. Thornton hatte ein breites, befriedigtes Grinsen auf seinem Gesicht. Ich hatte meinen ersten amerikanischen Sieg erkämpft und meine erste amerikanische Revolution angestiftet. Ich war Thornton dankbar dafür, daß er mich mit einem so guten Gefühl daraus hervorgehen ließ. Während des Tages war es unerträglich heiß gewesen, aber nun wehte eine kühle Brise. Die Türen und Fenster vom Spielraum zum Deck waren weit offen. Ein kleiner Teil der Fahrgäste schlief, die anderen waren im Ballsaal. Wir hatten 241 den ganzen Spielsaal für uns. Madame Laurie und ich trugen große Abendkleider, die Männer waren im Frack. Es war das festlichste Bridge, das ich je gespielt hatte. Und es war ein wunderbarer Abend. Madame Laurie spielte zwar Bridge, aber sie wollte lieber zusehen. Nachdem ich einen besonders schwierigen Rubber gewonnen hatte, wandte sich Thornton zu ihr um. »Lassen Sie sich nicht durch ihr hilfloses Lächeln und ihre sanften Worte einwickeln. Sie ist die ausgekochteste Spiele- rin an diesem Tisch. Warten Sie, bis die in Amerika herum- kommt; die blufft jeden!« »Ich hoffe«, sagte Madame Laurie geradeso ernst wie vor- her Karl Mathes. »Was ist denn hier los?« fragte Thornton stirnrunzelnd. »Ein Komplott?« Und dann spielte er mit demselben aner- kennenden Lächeln weiter. Um Punkt Zwölf Uhr rollten zwei Kellner einen"Tisch her- ein, der mit den ausgesuchtesten Delikatessen und Cham- pagner beladen war. »Dies ist mein eigenes privates Abschiedssouper, das ich euch gebe«, sagte Thornton.»Es ist eine Minute nach zwölf. Der letzte Tag unserer Reise ist da.« Und dann stand er auf, so feierlich wie bei einem Bankett in seinem Club, hob sein Glas und sagte langsam, damit ich jedes Wort verstehen konnte:»Auf Ihre Gesundheit und Ihr Glück in Amerika! Bleiben Sie, wie Sie sind, und Sie werden glücklich sein. Sie— okay. Sehr okay.« Dann bestand er darauf, daß ich lernte, >»Auld Lang Syne< zu singen, dieses wehmütige Lied, das Menschen an jedem Silvesterabend für abwesende Freunde sangen; das man in Amerika sang, wenn Willkommen oder Abschied gefeiert wurde. So sangen wir achtmal denselben Refrain, und ich erkannte, daß ich für diesen Abend den Asbestbogen in meiner Kabine gelassen hatte. Wir fuhren fort, bis drei Uhr morgens Bridge zu spielen. Nachdem ich allen Lebewohl gesagt hatte, ging ich wie am ersten Abend hinauf zum obersten Deck. Ich sah lange Zeit zu dem klaren Mond und den Sternen auf. Doch das»überirdische Gefühl« war verloren. Das Land war zu nahe. Als ich langsam die Planke hinunterschritt, sah ich auf ein Meer von Menschen. Sie winkten mit den Armen, schrien Namen, und manche weinten vor Glück. Dann hörte ich meinen Namen rufen und sah Pauls Cousine auf und ab hopsen, um meine Aufmerksamkeit zu erregen. Mit ihr waren die beiden amerikanischen Onkel und Pauls Verwandter, der für mich sorgen sollte. Nachdem die erste Erregung verebbt war, gingen wir alle zu dem Buchstaben »D« hinüber, unter dem ich mein Gepäck finden sollte. Hier warteten wir auf den Zollbeamten. Pauls Verwandter, den wir seines»lieben Charakters« wegen»Schatzi« nennen wol- len, wurde wütend, als er die Anzahl meiner Gepäckstücke sah. »Was denkst du dir eigentlich, wo wir das alles hintun sol- len?« fragte er.»Wir haben nicht daran gedacht, dir eine Villa zu mieten!« Ich hatte immer einen tiefen Widerwillen gegen diesen Mann empfunden. Seine offene Schlechtigkeit, Grausamkeit und negative, zerstörende Gesinnungsart hatten mich stets abgestoßen. Aber ich hatte doch gehofft, am ersten Abend meiner Ankunft von Streit verschont zu bleiben. »Das ist schließlich alles, was ich mitnehmen durfte«, sagte ich.»Es ist wenig genug.« Es waren viele Menschen mit viel Gepäck auf dem Schiff, und es dauerte sehr lange. Ich begann die volle Durch- schlagskraft der Hitze und der Feuchtigkeit zu fühlen. End- lich kamen zwei Zollbeamte herüber. Ich hatte in meinem persönlichen Besitz nichts, das von Interesse für sie sein konnte, dafür hatte schon der deutsche»Inspektor« gesorgt. Aber in einem der Koffer waren ein Mantel, Anzug, Schuhe und ein Fotoapparat, den»Schatzis« Mutter mir für ihn ge- geben hatte. Ich hatte natürlich nicht die Absicht, sie hier vor den Zollbeamten zu verbergen. Ich erklärte sie mit den Worten:»Geschenk für Herrn.« Sie waren eigens für ihn an- gefertigt worden, und ich dachte natürlich, daß er gern die paar Dollar Zoll dafür bezahlen würde. 243 Eine Flut von Beschimpfungen ergoß sich über mich wegen meiner Dummheit, die Anzüge nicht besser im Gepäck ver- steckt, die Kamera nicht als meine eigene angegeben zu haben.»Ich möchte am liebsten den ganzen verdammten Dreck ins Wasser schmeißen«, schrie er.„Zusammen mit dir!« Ich war so bestürzt, so müde, so überwältigt von seinen Worten, von der Hitze, von Heimweh, von Einsamkeit, von dem unerwarteten Empfang, daß ich plötzlich einer sehr weiblichen Regung nachgab. Ich stand am Hafen von New York, in 84 Grad Hitze und 8o Prozent Feuchtigkeit, inmitten meiner offenen Koffer unter dem Buchstaben D und heulte zum Herzzerbrechen. Die amerikanischen Onkel sahen sich hilflos an, Schatzi rannte auf und ab, riß sich an den Haaren und schrie, warum das ausgerechnet ihm passieren mußte. In diesem Augenblick kam ein höherer Zollinspektor vorbei und hielt vor der Szene inne. Er versuchte, meinen Kopf von meinen Händen mit dem Taschentuch zu heben und sagte etwas, was ich nicht verstand. »Ich nicht gut englisch«, schluchzte ich verzweifelt. Er zögerte einen Moment und fragte dann in jiddischem Dialekt, den jeder Deutsche verstehen konnte, weil er viel deutsch klingende Worte enthielt:»So was weinste, Mädele?« Die anderen Beamten erklärten, was passiert war, und Schatzi erhielt einen nicht sehr freundlichen Blick von Mr. Öster- mansky, dem Zollbeamten.»Das ist ja eine nette Art und Weise, jemanden zu empfangen, der zum erstenmal hier an- kommt!« Dann drehte er sich zu mir um, legte seinen Arm um meine Schulter und sagte mit einem breiten Lächeln: »Komm, mußt nischt weinen. Bist jetzt in Amerika, bist jetzt frei— ein freier Mensch. Mußt sein glücklich. Wein nischt, Mädel, ich werd’ dir schon helfen. Montag früh komm zum Zollamt, und wir machen alles in Ordnung. Aber nischt mehr weinen, versprichst?« »Okay«, sagte ich mit einem Versuch zu lächeln. »Okay«, sagte er und erwiderte das Lächeln. Die Sache wurde am nächsten Montag aus der Welt geschafft, als Schatzi und ich zu seinem Büro kamen. Mr. Ostermansky 244 verlangte von Schatzi die höchste Summe an Zoll, die er be- rechnen konnte, und sagte ihm, er solle das Geld auf den Schreibtisch legen. Dann stellte er eine Quittung über den niedrigsten Zoll aus, den er berechnen durfte, und reichte mir den Rest des Geldes mit den Worten:»Sie hat das Geld durch ihre Ehrlichkeit verdient. Ich möchte zeigen, daß sich in Amerika Ehrlichkeit immer bezahlt macht. Ihnen, lieber Mann, würde ich immer so viel wie möglich abnehmen.« Ich dankte ihm, und er hielt meine Hand für einen Augen- blick in der seinen. Dann sagte er langsam auf englisch: »Und wenn du mal Hilfe brauchst, dann kommst du zu mir— jederzeit. Jetzt hast du einen Amerikaner als Freund.« Schatzi hatte für Manfred und mich ein Zimmer gemietet, das schwer erträglich war, obwohl es zu der hübschen Woh- nung einer netten deutschen Familie gehörte. Die meisten großen Wohnungen haben irgendwo ein kleines Zimmer- chen, das als Wäsche- oder Schrankzimmer benutzt wird; dieses hatte gerade genügend Raum für eine kleine Couch, ein Feldbett und einen kleinen Tisch mit Stuhl in der Ecke am Fenster. Es ging in einen dunklen Hof hinaus. Die hohen Gebäude um ihn herum hatten keine Schwierigkeit, jeden Hauch etwaiger frischer Luft von dem Fenster fernzuhalten. Unsere erste Nacht war nicht sehr ermutigend. Schlafen in der fürchterlichen Hitze war sowieso unmöglich. Hinzu kam, daß in einem der gegenüberliegenden Häuser ein Ehe- paar darauf bestand, die Nacht zu einem Ehekrach zu be- nutzen, der ziemlich brutale Formen annahm. Sie schrie wiederholt auf. Ich konnte natürlich nicht verstehen, worum es ging, doch ich hörte am nächsten Morgen, daß er sie mehrere Male mit einem Messer verwundet hatte und daß sie im Krankenhaus war. Eine Dame fragte den Fahrstuhl- führer, was passiert war, und seine Antwort erstaunte mich: »Besoffene Nigger. Eines Tages wird er sie umbringen. Sie wissen, wie die sind.« Ich hatte früher nie viel über Rassenprobleme nachgedacht. In Deutschland hatte ich nur wenige farbige Menschen ge- sehen. In großen Varietes traten oft Neger als hervorragende Künstler, Tänzer oder in Orchestern auf. Aber auch in diesen 245 Fällen dachte man nicht an Rassen- oder Farbenunterschiede, man bewunderte die Leistungen. In Deutschland würde ein solches Vorurteil mich verwundert haben; hier, im Lande der Freiheit und Gleichheit, erschreckte mich der Satz des Fahrstuhlführers aufs tiefste. Ich hatte jedoch keine Zeit, weiter über dieses Problem nachzudenken; ich hatte eine Verabredung mit Schatzi im Central Park. Da man natürlich in dem kleinen Schrankzimmer nicht einmal einen meiner Koffer unterbringen konnte, hatte er kurzerhand seine Cou- sine gebeten, mein ganzes Gepäck in ihrem Keller unter- zustellen, bis er weitere Anordnungen geben würde. Das Resultat war, daß ich an meinem ersten Tag in Amerika, einem schönen, aber sehr heißen und feuchten Sonnabend, außer meinem schweren Crepe-Satin-Kleid nur ein ein- faches Vormittagskleid hatte, das ich im letzten Moment an Bord in mein kleines Handköfferchen gepackt hatte, da die großen Koffer schon abgeholt worden waren. Weder Man- fred noch ich konnten in der Hitze unsere Wäsche wechseln. Es war ein unhaltbarer Zustand, und ich beschloß, das alles sofort zu regeln. Auf dem Weg begann Manfred seine übliche Reihe von Fragen. »Mammi, magst du den Mann? Ich meine, meines Vaters Verwandten?« »Manfred, das ist nicht so wichtig. Aber ich bitte dich, sei höflich.« »Gut, Mammi, ich werde höflich sein, aber ich kann ihn nicht leiden. Wird er für uns hier sorgen?« »Nein. Bis ich unseren Lebensunterhalt hier verdienen kann, wird Großpapa uns hier mit seinem Geld helfen, das er an diesen Mann gesandt hat. Er wird es uns geben, aber es ge- hört Großpapa.« »Werden wir wieder unser eigenes Heim haben?« »Kein großes, Liebling, aber eine kleine Wohnung.« »Aber unsere eigenen vier Wände?« Er mußte diesen Aus- druck irgendwo gehört haben. In diesem Augenblick drückte er genau das aus, was ich haben wollte: unsere vier Wände und eine Tür, mit der man die Außenwelt ausschließen konnte. 246 »Ja, Liebling, unsere eigenen vier Wände.« Dann sahen wir Schatzi. Manfred hielt sein Versprechen. Er war höflich. Schatzi war jovial. »Na, Manfred, wie hast du in der ersten Nacht in Amerika geschlafen? Warst du sehr aufgeregt?« »Danke, ich habe nicht sehr gut geschlafen«, sagte Manfred. »Der Luftalarm hat mir Angst gemacht.« »Er meint die Feuerwehrsirenen«, sagte ich.»Sie klingen genau wie Alarm in Deutschland.« »Hier gibt es keinen Fliegeralarm, Manfred.« »Ich hoffe«, sagte Manfred.»Aber man kann nie wissen.« »Bringst du ihm diesen Pessimismus bei?« »Nein«, sagte ich.»Kinder, die in den letzten Jahren in Deutschland aufwuchsen, beginnen sehr früh zu denken.« »Geh hinüber zum Spielplatz, Manfred, und spiel mit den Kindern«, sagte Schatzi.»Ich möchte etwas mit deiner Mut- ter besprechen.« »Tu das ruhig«, nickte ich Manfred zu.»Du brauchst dich nicht zu fürchten.« »So ein großer Junge und hat Angst?« fragte Schatzi gön- nerhaft. Manfred bedachte ihn für seine Worte mit einem wahrhaft vernichtenden Blick und ging zu den Kindern. »Du unterschätzt Manfreds geistige Reife ein wenig«, sagte ich.»Er hatte allen Grund, andere Kinder in Deutschland zu fürchten. Aber ich möchte mich jetzt nicht darüber unter- halten. Ich möchte ein paar dringende Punkte mit dir be- sprechen.« »Darum habe ich dich ja hierherbestellt«, sagte er.»Heute nachmittag und abend besuchen wir unsere amerikanischen Verwandten.« »Ich kann so nicht ausgehen. Ich habe nur dieses zerdrückte Kleid. Ich muß erst mein Gepäck haben und mich ein wenig einrichten.« »Für ein Landhaus brauchst du dich nicht groß anzuziehen. Außerdem sind Amerikaner daran gewöhnt, daß neuange- kommene Refugees nichts anzuziehen haben. Ich will auch bei ihnen nicht die Illusion erwecken, daß du Geld hast.« „Ich teile deine Ansicht absolut nicht, aber das bringt uns nicht weiter. Wie kann ich meine Koffer bekommen?« 247 »Du brauchst im Augenblick deine Koffer nicht. Was das Einrichten angeht, so ist dies einer der Gründe, aus denen du diesen Besuch heute machst. Vielleicht kann einer von ihnen dir eine Stellung verschaffen.« »Eine Stellung?« »Ja, natürlich.« Und dann begann er seine Pläne für meine Zukunft zu entwickeln.»Da du noch nicht englisch sprichst, wird es das beste sein, eine Stellung als Köchin anzunehmen. Dann hast du kein Mieteproblem. Du hast dein eigenes Zimmer, Essen und gutes Gehalt. Du kannst eine ganze Menge davon sparen.« Schatzi besaß Talent, Überraschungen zu bereiten. »Warte mal«, sagte ich,»ich verstehe das nicht ganz. Dein Vater gab mir sein Wort, daß ich hier monatlich zweihundert- fünfzig Dollar von ihm durch dich bekommen würde, bis Paul herkommt. Ich weiß, daß das Geld an dich gesandt wurde. Willst du mit deinen Worten andeuten, daß du mir das Geld, das an dich zu treuen Händen gesandt wurde, nicht geben willst?« »Ich bin nicht verpflichtet, dir irgendwelches Geld zu geben«, sagte er mit völlig unbewegtem Gesicht.»Wenn du nicht mit meinem Vorschlag einverstanden bist, kannst du ja nach Berlin schreiben und dich darüber beklagen, daß ich dir das Geld nicht geben will.« Ich sah in sein Gesicht, auf dem jetzt ein breites Grinsen lag. »Du weißt, daß ich das nicht tun kann, ohne das Leben von Pauls Eltern zu gefährden«, sagte ich. Er zuckte mit den Schultern.»Du bist ein Schwein«, sagte ich ruhig. »Beleidigungen treffen mich nie«, sagte er lachend. »Hast du vielleicht auch daran gedacht, was ich mit Man- fred mache?« »Natürlich. Es gibt hier Wohltätigkeitsheime für Refugee- Kinder. Du kannst wahrheitsgemäß sagen, daß sein Vater nicht hier ist und du ihn nicht ernähren kannst.« Mich trieb ein Impuls, ihm ins Gesicht zu schlagen, doch ich sah ein, daß Gefühlsausbrüche mich nicht weiterbringen würden. »Ich werde nichts von dem tun, was du von mir verlangst«, sagte ich. 248 »Wie du willst. Dein Zimmer ist für zwei Wochen bezahlt. Danach bist du auf dich selbst angewiesen.« Und das war ich. Ich erinnerte mich an mein Gespräch mit Swensen, daß mein Kampf nicht ganz so romantisch sein würde, weil ich Sicher- heit hatte. Nun konnte ich mich weder über zuviel Sicher- heit noch über zuwenig Romantik beklagen. Da Schatzi den Verwandten bereits versprochen hatte, mich mitzubringen, ging ich mit ihm. Ich hoffte, ich würde irgendwie einen Weg finden, meine Koffer zu bekommen. Das Hauptthema des Nachmittags war: Was sollte ich tun, um, wie sie es ausdrückten,»ein Leben zu verdienen«? Einige der Verwandten sprachen ein wenig deutsch, und ich verstand einige ihrer englischen Sätze.»Was hast du in Deutschland gemacht?« begann eine der"Tanten. »Ich war Theaterintendant. Direktor.« »Oh, du hast Unterhaltungen arrangiert?« fragte die andere Tante auf englisch. Ich verstand sie nicht, und sie formulier- ten ihre Fragen in internationaler Form. »Unterhaltung— Vaudeville, Variete, Cabaret, Nachtklub?« »Oh nein, Theater.« »Oh, Theater«, sagte die Tante auf englisch.»Legitimate.« Ich hatte zwar von legitimen und illegitimen Kindern, aber noch nie von legitimiertem Theater gehört. Wenn es nicht legitimiert ist, ist es Kino. »Shakespeare«, sagte ich endlich, in der Hoffnung, es ihnen dadurch begreiflich zu machen. Ich dachte, das würde sie ein wenig stolz auf mich machen. Ich hatte mich wiederum geirrt. »Legitimiertes Theater«, sagten sie und nickten traurig.»Da- zu braucht man Geld. Hast du Geld?« fragten sie zögernd. »Nein, ich habe kein Geld.« »Du kannst hier kein legitimiertes Theater machen. Du mußt Geschäft machen, denn du mußt Geld machen. Hast du in Deutschland nicht irgendein praktisches Geschäft ge- macht?« »Doch, natürlich«, sagte ich.»Ich hatte gutes Geschäft. Vor Hitler. Ich hatte Theater. Und ich hatte Management von Pauls Orchester, ich hatte großes Büro, großes Geschäft, viel Geld.« 249 »„Damit kannst du hier kein Leben machen.« Sie sah mich mit einem völlig hoffnungslosen Ausdruck an.»Kannst du denn nichts Praktisches tun? Nähen oder stricken, irgend etwas Ordentliches?« Sie begleitete ihre Worte mit Gesten und strickte in der Luft wie wild. »Ich kann nähen«, sagte ich und fühlte ein tiefes Schuld- gefühl über meine nutzlose Existenz in»ordentlichen« Be- schäftigungen.»Ich kann nicht stricken.« Die Tanten sahen sich an, zuckten mit den Achseln und gaben auf. Ich hörte eine von ihnen später zu Schatzi sagen: »Es wird sehr schwer für sie sein, hier Geld zu machen. Sie weiß nicht sehr viel.« Ich nahm mir schließlich den Onkel in die Ecke, der mich am Hafen erwartet hatte. Als er hörte, warum ich bei meinem ersten Besuch in dem zerknautschten Baumwoll- kleid erscheinen mußte, bekam er einen Wutanfall, nahm Schatzi ins andere Zimmer und gab ihm mit sehr deutlichen Worten eine tüchtige Abreibung. Dann machte er mit mir eine Verabredung, mich zu dem Haus der Cousine zu fahren. »Ich hab’s nur gut gemeint«, fauchte Schatzi.»Ihr Zimmer ist zu klein für all den Kram, den sie hat.« »Dann hättest du ihr eben ein größeres Zimmer mieten sollen.« »Ich konnte nicht wissen, daß sie hier mit dem Gepäck einer Opernsängerin ankommen würde.« »Was hast du erwartet, wie sie ankommen würde, wie ein Schnorrer?« Ich hätte ihn darüber aufklären können, daß dies ganz ge- nau Schatzis Wunsch war und daß er alles tat, um mich in diese Position hineinzutreiben. Wir beschlossen, in dem Haus der Cousine meine Koffer umzupacken, alles Notwendige für die nächsten paar Wochen in zwei Handkoffern unterzubringen und den Rest für den Augenblick bei ihr zu lassen. Ich schrieb einen Brief an Paul in England, obwohl ich mir von ihm keine Hilfe versprach. Ich zählte mein Vermögen und fand, daß ich beinahe siebzig Dollar hatte; das meiste vom Bridgegewinn und ein Geschenk der beiden Onkel. Ich mußte sofort irgendwie Geld verdienen. Ich überlegte, wen 250 ich in New York kannte. Beim Durchsehen meiner Notiz- bücher fand ich eine einzige Möglichkeit. Ich hatte im Haus meiner Eltern einen Amerikaner kennen- gelernt, der an einer deutschen Zeitung in New York arbei- tete. Vielleicht konnte er an eine Arbeit für mich denken. Montag früh rief ich ihn an. »Gott bin ich froh, daß Sie noch herausgekommen sind«, sagte er.»Um die Ecke von meinem Büro ist ein kleines Restaurant, treffen wir uns dort um ein Uhr.« Ich war froh. Ich dachte, eine Zeitung hatte so viele Ab- teilungen; vielleicht war in einer von ihnen ein kleiner Platz für mich. Herr Wolff sprach deutsch, und nach all den Versuchen der letzten Wochen tat es gut, wieder mit vertrauten Worten sprechen zu können. »Das ist ein Lausebengel«, sagte er, nachdem ich ihm er- zählt hatte, wieso ich mich plötzlich in New York ohne Geld fand. »Ich will all das Häßliche vergessen, Herr Wolff«, sagte ich. »Ich will arbeiten, das ist alles. Ich muß mich nach einer Arbeit umsehen, die ich zu Haus machen kann, damit ich für Manfred sorgen kann.« »Sie sind in einer verflixten Situation«, sagte er und erzählte mir damit nichts Neues.»Ich habe nicht viel Hoffnung für diesen Monat, aber nach Labor Day—« »Labor Day« mußte ein Feiertag sein, der mein ganzes Leben ändern konnte. Alle Menschen in New York sagten:» Jetzt ist ja niemand in der Stadt, aber nach Labor Day...« Die Stadt mußte sehr überfüllt sein, wenn Labor Day herankam. »Ich will mir die Sache sehr genau überlegen«, sagte Herr Wolff.»Kommen Sie morgen um ein Uhr wieder, wir kön- nen zusammen essen. Und— vielleicht brauchen Sie etwas Geld. Ich will gern—« » Vielen Dank, Herr Wolff«, sagte ich schnell.»Ich habe noch genug.« »Zögern Sie nicht, es mir zu sagen, wenn Sie etwas brau- chen. New York kann eine harte Stadt sein. Ich sehe Sie auf jeden Fall morgen.« Am Nachmittag bekam ich das Geld von Herrn Öster- 251 mansky, das er Schatzi abgenommen hatte, und fühlte mich wie ein Millionär. Am nächsten Tag brachte Herr Wolff einige Zeitungsartikel mit ins Restaurant. »Ich glaube nicht, daß es zu schwierig sein wird, dies aus dem Englischen ins Deutsche zu übersetzen«, sagte er.»Es sind englische Artikel, die wir in deutsch nachdrucken.« »Wunderbar. Ich habe ein gutes Lexikon und ich lerne täg- lich mehr englische Worte. Mit dem Sprechen ist es natür- lich noch eine andere Sache. Vielen Dank!« »Nichts zu danken«, sagte er.»Ich kann sicher mehr von dieser Art Arbeit für Sie bekommen, wenn Sie dies hier schaffen. Für diese Artikel wird man zehn Dollar bezahlen. Ist Ihnen das recht?« »Das ist mehr, als ich erwartet habe. Ich bringe sie morgen übersetzt in Ihr Büro.« »Im Büro ist alles so hektisch, da kann man kaum sprechen. Kommen Sie morgen um ein Uhr hierher, und wir essen eine Stulle zusammen.« Es war offensichtlich, daß er mir den Lunch ersparen wollte. Ich ging nach Hause, bereitete das Essen für Manfred vor und ging dann an die Arbeit. Es war doch schwieriger, als ich angenommen hatte. Ich war nicht an die Zeitungssprache gewöhnt, und die Hitze in dem kleinen Zimmer war un- erträglich. Doch ich wollte es unbedingt schaffen. Während Manfred fest schlief, saß ich auf der Ecke meines Bettes beim Licht einer kleinen Kerze; ich wollte ihn nicht durch das harte Deckenlicht stören. Ich beendete die Arbeit um drei Uhr morgens. Herr Wolff war sehr zufrieden. Er zog seine Brieftasche her- aus, entnahm ihr einen Zehndollarschein und wollte ihn mir gerade reichen, als sein Gesicht plötzlich einen er- schrockenen Ausdruck annahm. Eine Frau näherte sich unserem Tisch. Sie war sehr elegant gekleidet, hatte eine gute Figur und ein Gesicht, dessen Schönheit durch den sehr harten Ausdruck der Augen und eine scharfe Linie um den Mund beeinträchtigt wurde. »Ich wollte Lunch mit dir haben«, sagte sie mit harter, schneidender Stimme,»aber ich hörte, daß du schon ander- weitig vergeben warst.« Er versuchte zu unterbrechen.»Dies ist Frau Ilse Davis. Sie ist vor ein paar Tagen mit ihrem Jungen hier angekommen. Ilse, darf ich Ihnen meine Frau vorstellen?« Ich hatte nicht viel von ihren Worten verstanden, da sie sehr schnell sprach, aber ich verstand ihn. »Ich freue mich«, sagte ich auf deutsch. »Meine Frau spricht nicht deutsch«, sagte Herr Wolff. »Nein«, sagte sie und sah mich kalt an.»Ich bin Ameri- kanerin.« »Ich freue mich«, wiederholte ich langsam in englisch. »Sorry, noch nicht gut englisch, ich hoffe, ich werde bald vorwärtskommen.« Ich hatte mir diesen Satz aus dem Lexikon zusammengestellt und genau eingeprägt, um ihn in allen Situationen bei der Hand zu haben. Sie sah mit einem scharfen Blick auf die Zehndollarnote, die Herr Wolff noch immer in der Hand hielt.»Sie scheinen schon jetzt ganz gut vorwärtszukommen«, sagte sie. Dann drehte sie sich brüsk um und ging hinaus. Herr Wolff versuchte sich zu fassen, während er meine Arbeit durchsah.»Ja, das scheint sehr gut zu sein«, sagte er.»Ich glaube sicher, daß man mir nach dieser Probe mehr Arbeit für Sie geben wird. Hier ist Ihr Geld, Sie haben es redlich verdient. Bitte schreiben Sie mir Ihre Adresse und Telefonnummer auf das Kuvert. Dann kann ich Sie an- rufen, wenn Sie wieder Arbeit abholen können.« Als ich den Geldschein aus seiner Hand nahm, erinnerte ich mich an ihr Gesicht und ahnte plötzlich den Zusammenhang ihrer Worte mit dem Geld.»Sie hat doch nicht etwa ge- dacht—« Er unterbrach mich schnell.»Meine Frau ist sehr intelligent und meistens auch ein sehr netter Mensch. Leider ist sie von einer krankhaften Eifersucht besessen. Ich bitte um Ent- schuldigung für das, was sie gesagt hat.« »Schade«, sagte ich und war ein wenig traurig.»Ich hatte gedacht, ich würde neue Freunde finden. New York ist eine sehr große Stadt, wenn man sehr allein ist.« Am späten Nachmittag rief Frau Gold mich zum Telefon. Ich erkannte sofort die harte Stimme. Ich verstand nicht alles, 253 was Frau Wolff sagte, aber ich hatte gelernt, Worte zu be- halten, und später, wenn ich sie im Lexikon nachschlug, konnte ich mir die Sätze zusammenreimen. »Ich sah Ihre Nummer auf dem Kuvert«, sagte sie.»Da Sie ein Refugee sind, dachte ich, ich mache Ihnen besser etwas sehr klar. Amerika beschützt seine Bürger und be- sonders seine Frauen. Sehen Sie sich besser vor, denn ich werde keinem gottverdammten Refugee gestatten, meinem Mann das Geld aus der Tasche zu ziehen. Wenn ich Sie noch- mals dabei ertappe, daß Sie sich mit meinem Mann herum- treiben, lasse ich Sie binnen einer Woche aus dem Lande her- ausschmeißen. Ich habe gute Beziehungen in Washington, und ein Anruf von mir genügt, daß man Sie als unerwünsch- tes Element hinauswirft.« Dann schlug Sie den Hörer auf die Gabel. Ich ging in mein Zimmer und schlug mechanisch die Worte nach, die noch in meinen Ohren hämmerten. Dann gab ich Manfred sein Abendbrot, brachte ihn zu Bett und saß lange in der Ecke auf meinem Bett. Ich versuchte, mir klarzu- machen, daß eigentlich nichts Welterschütterndes geschehen war. Eine eifersüchtige Frau hatte mich am Telefon ange- brüllt. Das war alles. Aber ich wußte, es war etwas anderes, das mich erschütterte. Die Worte»unerwünschtes Element« und»gottverdammter Refugee« klangen wie die Flüche der Nazis, und das Schlimmste war, daß Frau Wolff doch selbst jüdisch war. Ich konnte nicht wieder einen Abend in der dunklen Ecke des heißen Zimmers Zeitungen bei Kerzenlicht lesen. Ich mußte etwas tun, um die Furcht zu bekämpfen, die mich langsam umschlang. Manfred schlief fest. Ich schlich auf Zehenspitzen aus dem Zimmer. Herr und Frau Gold saßen in ihrem Wohnzimmer, das mich an zu Hause erinnerte. »Kommen Sie doch herein«, sagte Frau Gold freundlich. »Setzen Sie sich.« »Vielen Dank, aber ich möchte Sie nicht stören. Ich wollte Sie fragen, ob Sie heute abend zu Hause bleiben. Ich würde sehr gern den Broadway herunterfahren und ein paar Lich- ter sehen.« 254 »Das ist eine gute Idee«, sagte Frau Gold.»Sorgen Sie sich nicht um den Jungen, ich schaue von Zeit zu Zeit mal hinein.« Ich hatte mir bisher nicht gestattet, auch nur einen Pfennig für Zerstreuung oder Unterhaltung auszugeben, aber heute hatte ich zehn Dollar verdient und ich war einsam. Ich er- tappte mich dabei, auf der Straße mit mir selbst zu sprechen. Ich konnte mich kaum noch daran erinnern, wie ich vorher gelebt hatte, oder glauben, daß diese hoffnungslose Situa- tion sich jemals ändern würde. Ich fuhr mit der Straßenbahn zum Broadway und stieg nahe dem Times Square aus. In jenen Tagen hatte ich noch keine Kenntnis von der schäbigen Seite dieser Straße. Ich sah nur die blendenden Lichter, hörte die Tanzmusik, die durch die offe- nen Fenster strömte, schaute in die lachenden Gesichter vor- übergehender Paare und fühlte mich vollständig verloren. Ich hielt einige Male an den hell erleuchteten Fenstern inne, um die Waren der Geschäfte zu betrachten. Der Zehn- dollarschein und ein Zettel mit meinem Namen und mei- ner Adresse in meiner Tasche verliehen mir ein sicheres Gefühl. Lichter und Geräusche nahmen zu, je näher ich dem Times Square kam. Ich erreichte die 42. Straße und stand still. Dieser berühmte Kreuzungspunkt ist in Hunderten von Büchern beschrieben und tausendmal fotografiert worden. Doch weder Bilder noch Beschreibungen können den Ein- druck wiedergeben, von dem jeder überwältigt wird, der ihn zum erstenmal erlebt. Ich hatte das Gefühl, genau in der Mitte der Welt zu stehen. Das New-Amsterdam-Kino pries zwei große Filme an:»Ich sterbe jeden Tag« und einen Wildwestfilm. Ich liebte Pferde und die weiten Prärien. Zu Hause hatte ich mir so viele Wildwestfilme angesehen, daß ich den Eindruck gewonnen hatte, ganz Amerika müßte so aussehen; und ich war ent- täuscht, daß dies nicht der Fall war. Während ich mir die Bilder in den Schaukästen des Kinos ansah, überkam mich ein starkes Gefühl von Heimweh; merkwürdigerweise nicht nach Europa, sondern nach dem Amerika, das ich gehofft hatte vorzufinden. Ich beschloß, 255 leichtsinnig zu sein und mein erstes Kino in Amerika zu besuchen. Der Eintrittspreis war ı5 Cents. Es war ein gro- ßer Unterschied, diese Filme in einem der rotsamtnen Kino- paläste in Berlin oder in der 42. Straße in New York zu sehen. Ich mußte dreimal meinen Platz wechseln, um den suchenden Händen meines»Nachbarn« zu entgehen. Der zweite Film war ein grimmiger Verbrecherfilm mit Burgess Meredith und Georges Raft. Er war allzu realistisch für meine Stimmung, und um zwölf Uhr nachts verließ ich das Kino, erfüllt von Furcht vor der ganzen Welt. Neben dem Kino war ein großes Restaurant, mehr eine Riesenkneipe. Die grellen Birnen über dem Eingang buch- stabierten den Namen»Grant’s«. Der Geruch gebratener Zwiebeln war sehr verlockend. Es fiel mir plötzlich ein, daß ich kein Abendbrot gegessen hatte. Ich betrachtete die blin- kenden Tische mit eingebauten Grills, auf denen Würstchen und kleine Beefsteaks, hier»Hamburgers« genannt, mit Haufen von Zwiebeln gebraten wurden. Ich beschloß, die Ökonomie zu vergessen und an Stärkung der Moral zu ar- beiten. Nachdem ich die Bekanntschaft von Würstchen, » Amerikanischen Frankfurters«, Hamburgers mit Zwiebeln, French Fried Potatoes und Ananasgetränk gemacht hatte, fühlte ich mich bedeutend besser. Die Kombination von Würstchen und Ananasgeträink wäre mir in Deutschland unmöglich erschienen. Hier wurde sie eine meiner Lieblings- gerichte. Selbst später, als ich mir nach dem Theater einen Imbiß in den besten Restaurants leisten konnte, hielt ich den Wagen in der 42. Straße an und naschte bei»Grant’s« Ham- burgers mit Zwiebeln und Ananasgetränk. Und ich tue es noch heute. Ich verließ»Grant’s« satter, aber noch immer sehr nervös und einsam. An der Ecke der 45. Straße lag ein Restaurant mit dem Namen»Child’s«. Ich sah durch das große Fenster Frauen ohne Begleitung an der hübschen Bar nahe dem Ein- gang sitzen. Ich ging hinein, setzte mich auf einen der hohen roten Lederbarstühle und studierte die Liste der Getränke. Erst wollte ich einen Kognak bestellen, aber da dies nun einmal der Abend meiner Entdeckung Amerikas war, mußte es auch ein Getränk sein, das ich nicht kannte. Meine Aufmerksamkeit wurde von einem Namen angezogen, den ich nicht einmal aussprechen konnte. Ich zeigte dem Bartender den Namen, kostete den Cocktail vorsichtig und war begeistert. Auf diese Art entdeckte ich eines meiner Lieblingsgetränke: den Daiquiri. Nach drei Daiquiris fühlte ich mich stark und entspannt genug, dem nächsten Tag ent- gegenzusehen. Um auch ganz sicher zu sein, daß ich meine Ansicht nicht ändern würde, und um nachzudenken, wie ich meine Zukunft von übermorgen gestalten würde, trank ich drei weitere Daiquiris. Ich wußte nicht, ob es die Anstren- gung des Denkens oder die Daiquiris waren, aber die Welt sah plötzlich sehr rosig aus und begann sich auch sanft um mich zu drehen. Ich verließ»Child’s«, ging langsam zur Stra- ßenbahnhaltestelle und bemerkte, daß ich zuviel Aufmerk- samkeit erregte und zu viele aufmunternde Angebote erhielt. Und da dies nun einmal ein Abend für moralischen Aufbau war, winkte ich einer Taxe und erfreute mich der schönen Fahrt durch die nächtlichen Straßen von New York. Zum erstenmal schlief ich tief und traumlos. Als ich am nächsten Morgen erwachte, war ich um fünf Dollar ärmer, aber ich hatte die Mitte der Welt und drei amerikanische Spezialitäten entdeckt, hatte die Bekanntschaft eines sehr guten Cocktails gemacht und zwei hervorragende Filmstars gesehen. Ich hatte auch genügend Willenskraft ge- sammelt, um den»romantischen« Kampf aufzunehmen, mit meinen übrigen verdienten fünf Dollar ein neues Leben auf- zubauen. Der Aufbau dieses neuen Lebens bedeutete natürlich ein Problem. Ich schrieb alle meine Berufsmöglichkeiten nieder. Nach genauester Durchsicht kam ich zu der Erkenntnis, daß ich für den Augenblick die meisten meiner Begabungen ver- gessen mußte. Ich hatte in Deutschland Erfolg als Theater- direktor, Schauspielerin, Regisseurin und Schriftstellerin ge- habt. Ich hatte gründliche Kenntnisse auf dem Gebiet der 257 »Nein, nein, Ilse, Sie dürfen sich nicht von Panik ergreifen lassen. Mir ging es in den ersten Wochen genau wie Ihnen. Mein Mann war Bankdirektor in Deutschland. Hier konnte er noch nicht einmal eine Stellung als Buchhalter finden. Alles schien hoffnungslos. Aber in dieser Hinsicht unter- scheidet sich Amerika von jedem anderen Land in der Welt. »Something will come ups, sagen sie hier.»Etwas wird schon passieren.«« »Ja, ich habe auch einmal nach dieser Philosophie gelebt«, sagte ich.» Aber jetzt—« »Sie würden sich furchtbare Vorwürfe machen, Ihren Jungen fortzugeben. Können Sie nicht ein wenig länger aushalten?« »Ja, ein paar Wochen—« »Dann halten Sie durch. Etwas wird schon kommen.« Am nächsten Morgen hatte ich gerade Frühstückstassen ab- gewaschen, als Frau Gold mich rief.»Sie werden am Telefon verlangt. Der Mann sagt, er ist ein Spediteur.« Ich konnte erst kaum seine Worte begreifen, obwohl er deutsch sprach. »Frau Davis«, sagte er,»ich habe gerade die Nachricht be- kommen, daß der Frachtdampfer, der Ihren Lift an Bord hat, noch durchgekommen ist. Er wird Dienstag oder Mitt- woch früh hier ankommen. Hallo— sind Sie noch da?« »Ja— ja, ich bin hier. Ich konnte nur nicht sprechen. Ich dachte—« »Ich weiß, was Sie fühlen«, sagte er lachend.»Sie sind die dritte, die ich heute anrufe. Es tut richtig gut, der Bote glücklicher Nachrichten zu sein. Wohin soll ich den Lift schicken?« »Ich weiß es nicht. Ich habe keine Wohnung. Ich dachte nicht— ich bin so glücklich— ich kann im Augenblick gar nicht denken!« »Ich will Ihnen etwas sagen. Ich nehme den Lift auf Lager. Wenn Sie ihn innerhalb einer Woche abholen können, be- rechne ich Ihnen kein Lagergeld. In einer Woche finden Sie eine Wohnung. Es kostet 60 Dollar, den Lift vom Schiff zu holen und Ihnen ins Haus zu liefern. Ich bin wirklich sehr froh für Sie, daß er ankommt, es ist das letzte deutsche Schiff, das durchkam.« 260 Ich konnte kaum die Worte finden, um Frau Gold zu er- zählen, was geschehen war.»Habe ich’s Ihnen nicht gleich gesagt?« rief sie erfreut.»Niemals verzweifeln. Jetzt müssen Sie sich nach einer Wohnung umsehen.« »Jetzt habe ich wirklich Probleme«, sagte ich strahlend.»Ist es nicht wunderbar? Ich muß eine Wohnung suchen! Ich muß 60 Dollar aufbringen, die ich nicht mit einkalkuliert habe! Ich glaube, ich verlange das Geld von Schatzi!« »Von wem?« »Oh, von dem Verwandten, der das Zimmer von Ihnen ge- mietet hat. Ich nenne ihn Schatzi, weil er so ein»lieber Mensch« ist!« Sie lachte.»Ich muß ehrlich gestehen, daß ich ihn auch nicht mag, besonders weil er mir ein sehr falsches Bild von Ihnen gegeben hat.« Manfred erschien, um sich zu erkundigen, ob wir denn heute nicht in den Park gingen.»Das ist doch meine letzte Woche, Mammi, nächste Woche beginnt die Schule!« »Wie gut sich alles fügt«, sagte Frau Gold.»Nun werden Sie wissen, wo Sie wohnen, wenn Sie Manfred in der Schule anmelden wollen.« Manfred wurde ganz aufgeregt.»Wo werden wir wohnen? Kommt der Lift, Mammi? Haben wir eigene vier Wände?« Er hielt sofort inne, dann fuhr er sehr höflich fort:»Bitte denken Sie nicht, daß ich es hier nicht schön finde, Frau Gold. Aber ich freue mich so darauf, mein eigenes Zimmer zu haben. Und Mammi sagt, sie hat mein eigenes Bett ein- gepackt.« Sie lächelte.»Ich kann das sehr gut verstehen, Manfred. Mein Sohn war fünfzehn, als wir herkamen, aber die einzige Sorge, die er hatte, war, ob er sein eigenes Zimmer haben würde. Ein Stück Möbel kann einem Kind große innere Sicherheit geben.« »Dann sind wir alle Kinder«, sagte ich. »Sie haben recht. Wo werden Sie sich nach einer Wohnung umsehen?« »Wo ich eine in einer einigermaßen anständigen Gegend so billig wie möglich bekommen kann. Ich habe so große Stücke, da ich nur diese herausnehmen durfte.« 261 »In Deutschland?« fragte ich erstaunt. » Ja. Ich verstehe alles. Sie können Deutsch mit mir sprechen. Sie haben Glück gehabt. Sie sind im letzten Augenblick her- ausgekommen.« »Ja«, sagte ich auf deutsch,»wir haben Glück gehabt.« »Hat Ihr Gatte schon Arbeit gefunden?« fragte er, und ich erkannte, daß Mitgefühl, nicht Neugierde diese Frage ver- anlaßt hatte. »Er ist nicht hier, er ist noch in England.« »Oh, das ist hart«, sagte er.»Dann sind Sie ganz allein mit dem Jungen hier!« Er sprach gutes Deutsch, und ich war erstaunt, zu erfahren, daß er die Universität absolviert hatte. »Ich trage Ihnen gern die Koffer hinauf, Madame«, sagte er. Er brachte alles in die leere Wohnung und sah sich um. »Das ist eine sehr hübsche Wohnung. Ich hoffe, Sie werden hier glücklich sein.« »Danke Ihnen vielmals, und auch für Ihre freundliche Hilfe.« Ich nahm meine Brieftasche heraus, aber er winkte ab. »Bitte, Madame, lassen Sie mir die Freude. Es ist mein eige- ner Wagen; ich brauche niemandem Rechenschaft abzulegen.« Ich wußte, ich würde ihn verletzen, wenn ich darauf be- stand, zu bezahlen. »Wann kommen Ihre Möbel?« fragte er. »Sie können jede Minute da sein.« »Ich würde Ihnen sehr gern helfen, wenn Sie es mir gestat- ten«, sagte er.»Ich kann um vier Uhr zu Haus anrufen, daß ich später komme. Oh, mein Name ist Jerry. Hier sind meine Papiere und meine Adresse. Sie brauchen sich nicht zu sorgen. Ich bin okay.« Ich lächelte bei dem Wort, und er mißverstand. »Ich wollte nicht aufdringlich erscheinen«, sagte er. »Ich habe gelächelt, weil Sie»okay« gesagt haben. Ich habe es auf dem Schiff gelernt. Es ist mein Lieblingswort.« »Dann komme ich um vier Uhr, um auszuhelfen, okay?« »Okay, Jerry«, sagte Manfred und kam meinen Worten zu- vor. Eine Stunde später kam der Lift, und mein Herz schlug vor Freude, als ich ihn die Straße herauffahren sah. Die großen 264 Stücke waren auseinandergenommen worden, um sie leich- ter zu packen, und die amerikanischen Umzugsleute wußten nicht, wie man sie zusammensetzen konnte. Ich war auch un- geduldig, sie loszuwerden, um mit all den Dingen allein zu sein, die ich liebte und von denen jedes»zu Haus« buch- stabierte. Um vier Uhr nachmittags fand Jerry uns inmitten von Mö- belstücken, unausgepackten Fässern und Holzkisten. »Ich dachte, Sie wollten eine Wohnung«, sagte er lachend. „Ich wußte nicht, daß Sie einen Speicher aufmachen woll- ten! Was haben Sie für Lunch und Dinner arrangiert? Funk- tionieren Gas und Elektrizität bereits, oder gehen wir in den Wald zum Picknick?« »Ich hab’ schon gegessen«, sagte Manfred.»Mammi war nicht hungrig.« »Das dachte ich mir«, sagte Jerry.»Es ist nur gut, daß du einen praktischen Amerikaner um dich hast, sonst würdest du heute nacht wahrscheinlich auf der Erde schlafen.« »Ich war wirklich unbedacht«, sagte ich,»ich gehe hinunter und kaufe etwas ein.« »Das brauchen Sie nicht zu tun«, sagte er stolz und begann, einen großen Beutel auszupacken, den er an der Eingangstür niedergesetzt hatte.»Ich habe alles mitgebracht. Ich wußte, ich hatte es mit sentimentalen Europäern zu tun. Die Frage ist jetzt, wo finden wir einen Topf?« Während Manfred um- herhopste und Jerry unendliche Mengen von kleinen Büch- sen und Paketchen auspackte, suchte ich einen Kochtopf. »Denken Sie nicht über Teller nach«, sagte Jerry.»Ich habe Pappteller, Becher und einen Büchsenöffner mitgebracht.« Wir aßen Frankfurter, kalten Aufschnitt, Gurken, Käse und frisches Brot, und es war das beste Dinner seit unserer An- kunft in Amerika; nicht nur, weil wir es in unserem eigenen Heim aßen, sondern auch, weil wir es mit unserem ersten amerikanischen Freund teilten— mit Jerry, dem Taxi- chauffeur. Um elf Uhr abends hatten wir die Betten zusammengestellt und auch eine Kiste mit Bettwäsche gefunden. Wir waren alle sehr müde, und Jerry hatte einen langen Weg nach Haus. »Ich kann Ihnen nicht genug danken. Sie haben soviel für 265 »Das überlasse ich Ihnen vollkommen, Jerry.« Während der nächsten zwei Abende sah ich mehr von New York als viele Menschen, die hier geboren waren. Wir fuh- ren die berühmte Fifth Avenue herunter, und er wies auf alle Hotels, besonders schöne Geschäfte, Restaurants und Nachtklubs hin. Jerry kannte New York, nicht nur die Straßen und Avenues, sondern auch die Seele der Stadt, ihren Schimmer und ihren Schmutz, ihr Glück und ihr Leid. Manchmal stiegen wir aus und sahen in die Schaufenster der Geschäfte mit ihrem unbeschreiblichen Luxus. Dann fuhren wir den Highway der Westseite herauf, und ich sah die gro- ßen Luxusschiffe im Hafen. Ich mußte sehr still geworden sein, und Jerry drehte sich um. Als er mein Gesicht sah, sagte er sanft:»Oh, oh, mein Fehler. Touristen erfreuen sich daran, die großen Schiffe zu sehen. Ich vergaß, daß Sie kein Tourist sind. Wir werden die Stimmung wechseln und in hellere Gegenden fahren.« Um Mitternacht war ich wieder zu Hause, erfahrungsreicher und müde, und schlief tief und gut. Wir hatten geplant, den Rest der Woche der Arbeit an der Wohnung zu widmen, da Manfred soviel Freude daran hatte zu helfen und in der folgenden Woche mit der Schule beginnen würde. Jetzt war ich froh, daß ich alle möglichen Kleinigkeiten in den Lift ge- packt hatte, obwohl es damals, angesichts der Werte, die ich zurücklassen mußte, unwichtig schien: meine Gardinen, Vorhänge, Kissen und Decken. Es würde mein ganzes Geld verschlungen haben, sie jetzt kaufen zu müssen. Ich ver- brachte den Tag mit Gardinenaufhängen, dem Unterbringen unserer Garderobe in Schränke und dem Sortieren aller meiner Papiere, unter denen mehrere Novellen waren, die ich noch in Deutschland geschrieben hatte. Wenn ich nur jemanden hätte, dachte ich, mit dem ich sie übersetzen könnte, dann könnte ich sie doch vielleicht an amerikanische Magazine verkaufen! Am Abend brachte Jerry mich ganz nach»downtown« zur äußersten»Spitze« der Stadt. »Erst die dunkle Seite«, sagte er.»Ich will nicht, daß Sie mit einem trüben Gefühl nach Hause gehen. Am Ende der Theaterzeit fahren wir zum Broadway.« 268 Nach Besichtigung der düstersten Viertel der Riesenstadt fuhren wir nach Greenwich Village. Dies war das Schwabing von München, das Montmartre von Paris. „Vergessen Sie nie«, sagte Jerry,»es hat nur drei Minuten gedauert, um von dem tiefsten Dunkel der Stadt in helle Fröhlichkeit zu kommen.« „Ich werde es nicht vergessen«, sagte ich. Und die Er- innerung blieb wach. Wenn mich in späteren Jahren ein Ge- fühl der Hoffnungslosigkeit übermannen wollte, unternahm ich eine»Moralaufbaureise« zu den dunklen Stadtbezirken. Wenn ich dann in mein freundliches, helles Heim zurück- kam, war die Depression vorüber. »Es ist halb elf«, sagte Jerry.»Ich fahre jetzt zum Broad- way. Ich möchte, daß Sie die Leute aus den Theatern kom- men sehen.« »Midtown Manhattan«, das Zentrum der Stadt um den Times Square herum, mutete jetzt wiederum wie eine völlig neue Stadt an. Eigentlich war es keine Stadt, sondern ein aus vielen kleinen Welten zusammengesetztes Universum. In einer der Seitenstraßen vom Broadway starrte ich plötz- lich überrascht auf ein großes Theaterplakat.»No time for comedy«, las ich,»mit Catherine Cornell und Francis Lede- rer. Ich kenne ihn sehr gut! Ich habe in Berlin bei Rein- hardt studiert, als er dort spielte.«»Das ist fein«, sagte Jerry. »Sie können morgen herkommen und ihn besuchen.« »Nein«, sagte ich,»ich möchte nicht einfach so herein- schneien.« Ich mußte lachen, weil Jerry das Wort nicht ver- stand.»Ich meine, ich warte lieber, bis ich Geld verdiene, und dann sehe ich mir das Stück an und besuche ihn nach dem Theater. Es hat mehr Stil.« »Wie Sie denken. Darf ich Ihnen morgen abend den Rest zeigen?« »Vielen Dank, Jerry, aber ich habe den amerikanischen Ver- wandten versprochen, Freitag abend zum Abendbrot zu ihnen zu kommen. Sie wohnen in der Bronx.« »Wie wollen Sie allein die Bronx finden?« »Der Onkel meines Mannes holt mich mit dem Wagen ab.« »Dann rufe ich Sie morgen nachmittag an.« » Tut mir leid, kein Telefon.« 269 Dann drangen wieder Catherine Cornells englische Worte, die ich nicht verstehen konnte, an mein Ohr, und die Heimat war wieder weit, weit fort. Nach Schluß des Stückes ging ich hinter die Bühne, um Franzl Lederer zu sprechen. Er hatte Deutschland lange vor mir verlassen, freute sich sehr mit mir und stellte viele Fra- gen, die ich nicht beantworten konnte oder nicht beantworten wollte, um ihn nicht traurig zu stimmen. Unter anderem er- zählte er mir, daß er sich nach einem Chopin-Stück umsähe, und ich versprach lachend, eines zu schreiben. Jerry wartete vor der Tür und sah bewundernd auf mein Abendkleid aus schwarzem Samt und die»Juwelen«, mit denen ich mich für den Abend geschmückt hatte. Er half mir in die Taxe.»Nach Haus, Madame?« »Ja, ich bin ein wenig müde. Direkt nach Haus, James«, fügte ich mit der Würde einer Multimillionärin in englisch hinzu. »Lachen Sie nicht«, bemerkte er,»die Rolle steht Ihnen glän- zend. Sie gehören in einen Rolls-Royce, und jeder Chauffeur wäre stolz auf Sie, wenn Sie mit diesem Lächeln sagten: »Nach Haus, James.«« »Ganz falsch«, sage ich wieder auf deutsch,»ich könnte mich nie an einen Rolls-Royce gewöhnen. Ich erinnere mich an einen Film mit dem faszinierenden deutschen Schauspieler Gustaf Gründgens. Als sein indischer Chauffeur ihn am Ende fragte:»>Nach Haus, Sahib?«, sagte er mit einem völlig unbe- wegten und doch vollständig verlorenen Ausdruck:»Nach Haus? Weißt du, wo das ist?« »In diesem Moment Dreiundachtzigste Straße. Eines"Tages wird es genau da sein, wo Sie es haben wollen. Die Rolle paßt.« Dann versuchte ich, ihm über den Abend zu berichten, aber der Verkehr war heftig und das Geräusch der Stadt sehr laut. »Halten Sie irgendwo in einer Seitenstraße, und wir plau- dern ein paar Minuten«, sagte ich ungeduldig. Er hielt in einer der Straßen nahe dem Hafen und folgte meinem Vorschlag, sich zu mir hinten in die Taxe zu setzen. Wir standen da vielleicht zwei Minuten, als plötzlich ein Polizeistreifenwagen neben der Taxe hielt. Ein Polizist 272 BET ESNOENKHRRT FERN AFREFRER arie iere han ef RAR MUSEEN PERS MESSIC HP öffnete schnell die Tür der Taxe und fragte Jerry nach seinen Papieren. »Hat er Sie belästigt?« fragte der Polizist hastig. »Ich nicht weiß»belästigt««, sagte ich ärgerlich,»aber wenn ist, was ich denke es ist, nein.« »Was macht er denn dann im Rücksitz der Taxe?« »Was Sie denken? Sie sehen gut, nein? Wir sitzen, sprechen.« »Ich weiß nicht«, sagte er zögernd.»Ich nehme Sie besser beide mit zur Wache. Vielleicht haben Sie Angst, etwas zu sagen.« »Sie nicht recht«, erwiderte ich.»Ich nicht Angst. Ich immer sage, was ich will. Ich nicht Angst vor Gangsters und nicht Angst vor Sie. Wir gute Freund, so wir sitzen und sprechen. Sie nicht erlauben? Amerika freies Land, nein?« Er gab Jerry die Papiere zurück und musterte dann ein- gehend mein Abendkleid und den Schmuck. »Ich würde Ihnen raten, nicht mit Taxichauffeuren herum- zuspielen, Lady«, sagte er sehr ernst,»es kann Sie in Schwierigkeiten bringen.« Die Meinung seiner Worte und sein Blick waren nicht schwer zu erraten, und ich wurde wütend. »Sie haben—«, ich suchte nach dem englischen Wort, »schlecht— schlecht— Gedanken. Jerry ist Taxichauffeur. Feiner Mann, Gentleman, gut Freund. Sie Polizeimann— nicht Gentleman. Sie nicht gut. Ich nicht sitze mit Sie und spreche. Geh weg. Geh weg.« Zu Jerrys Erstaunen gehorchte er. Jerry hatte mich schon innerlich auf der Polizeiwache gesehen.»Sie können doch nicht so mit einem Polizisten sprechen«, sagte er, und dies- mal stolperte er vor Aufregung über sein Deutsch.»Er nimmt Sie weg, und bevor Sie wissen, schlafen Sie die Nacht mit Polizei.« »Das würde eine ruhelose Nacht auf der Wache werden, glauben Sie mir«, sagte ich.»Ich habe in Deutschland mit rauheren Gesellen gekämpft als mit dem. Und Polizei hat mir dabei oft geholfen.« Mein Ärger war inzwischen verflogen, und ich sah ein, wie ungewöhnlich die Situation dem Polizisten erschienen sein mußte. Eine Frau mit dem Schmuck, dessen Wertlosigkeit 273 er nicht erkennen konnte, in einem offensichtlich teuren Abendkleid saß ja gewöhnlich nicht im Rücksitz einer Taxe mit dem Chauffeur, um sich mit ihm über einen intellek- tuellen Theaterabend zu unterhalten. Es schien mehr als un- gewöhnlich! Er konnte schließlich nicht wissen, daß in meinem Leben die ungewöhnlichen Situationen und die ungewöhnlichen Beziehungen die normalen waren. Nun hatte ich meinen ersten Zusammenstoß mit der amerikanischen Polizei ge- habt. Es war nicht mein letzter. Der nächste Tag war der erste Sonnabend in unserem neuen Heim. Manfred hatte keine Schule und ging stolz mit mir einkaufen. Es machte viel Spaß, die notwendigen kleinen Dinge für einen Haushalt zu besorgen. Wir wanderten drei- mal zum Supermarket und schleppten Riesenpakete mit Seife und Seifenflocken, Zucker, Mehl, Gewürzen und allen Arten von Eßwaren heim. Die enorme Vielfältigkeit der Waren in den Geschäften, die Auswahl von Eßwaren, die ich selbst aus den besten Jahren in Deutschland nicht kannte, waren ein richtiges Erlebnis. Nach ein paar Stunden waren der große Küchentisch und der Boden mit Beuteln bedeckt. »Ich bin hungrig«, verkündete Manfred seinen Lieblingssatz. » Also«, schlug ich vor,»du bringst alle diese Sachen ins Bade- zimmer und in den kleinen Wandschrank im Schlafzimmer und stellst sie ordentlich auf. Ich mache uns in der Zwischen- zeit eine große, bunte Salatschüssel zurecht. Okay’?« »Okay«, strahlte Manfred. Salatplatten waren seine Lieb- lingsspeise, abgesehen von seiner allerersten Lieblingsplatte, Spaghetti und Würstchen. Während ich die frischen grünen Gemüse und Salate vor- bereitete, dachte ich an meine Kindkeit zurück. Nach dem Ende des ersten Krieges war ich, als kleines Mädel, mit Er- satzmilch und Brot groß geworden, das man mit einer kleinen 274 Säge schneiden mußte, denn es enthielt mehr Sägespäne als Mehl. Wenn mein Vater zu Vortragsreisen in kleine Städte fuhr, bat er die Leute, die auf dem Lande lebten, ihm das Honorar in Kartoffeln zu zahlen, denn diese konnten für keinen Preis in Berlin gekauft werden. Einmal brachte er von einer Konzerttour ein Huhn nach Haus. Der reiche und gesellschaftlich hochstehende Mann war selig wie ein Kind, als er uns das seltene Mahl essen sah, obwohl er sich wie ein Verbrecher vorkam, da es nicht gestattet war, Eßwaren nach Berlin hereinzubringen. Und nun war Deutschland wieder im Krieg. Ich war dank- bar, daß Manfred die Härte einer solchen Zeit erspart blieb. Die bunte Salatplatte nahm plötzlich große Wichtigkeit an. Zu dem Gefühl der Dankbarkeit gesellte sich noch ein ande- res: Ich war froh und zufrieden, daß ich diesen kleinen, sicheren Hafen mit niemandem außer Manfred zu teilen hatte. An meinem Heim in Berlin gemessen, war diese Woh- nung alles andere als bequem, aber sie gehörte mir. Das war mehr, als ich von irgendeinem anderen Platz behaupten konnte, an dem ich vorher gelebt hatte. Zum erstenmal in meinem Leben hatte ich völlige persönliche Freiheit. Ich konnte Manfred leiten und mein Leben mit ihm teilen, ohne ihn störenden, negativen Szenen auszusetzen. Mir fiel der ökonomisch so schwere Anfang meines Lebens in Amerika leichter, weil ich allein war. Ich erkannte mit erschrecken- der Gewißheit, daß ich nie mehr einen einzigen Tag mit Paul zusammenleben würde. Ich war erstaunt, daß Manfred nie nach seinem Vater fragte. Einmal schnitt ich selbst das Thema an.»Vermißt du Vati sehr?« »Nein, Mammi, ich habe ja dich. Ich vermisse nur die Geige. Erinnerst du dich, wie gern ich immer»-Humoresqueja««, erklärte er unserem Visavis.»Wenn sie nicht gleich»nein« sagt, ist es ihr sicher recht. Wann willst du kommen? Heute nachmittag, ja? Ja, Mammi? Bitte, Mammi?« »Okay«, sagte ich.»Manfred bittet so, ich nicht sage»nein«.« Und da ich fühlte, daß meine Einladung nicht sehr freund- lich war, setzte ich hinzu:»Es ist gut. Sie kommen. Um drei Uhr, ist gut.« Um drei Uhr kam unser Besucher und gab mir sofort einen Minderwertigkeitskomplex. Er war über drei Köpfe größer 277 als ich, und ich kam mir wie ein Wurm vor. Aber sonst gab mir seine Anwesenheit, von dem Augenblick an, da er ein- trat, ein gutes Gefühl. Sein ganzes Auftreten verriet gute Erziehung, sehr ernsthaftes Denken und außerordentliche Empfindsamkeit, die jedoch seine sehr praktische Lebens- auffassung nicht störte. Wir saßen an dem festlich gedeckten Kaffeetisch, und Manfred versorgte seinen neuen Freund stolz mit Kaffee und Kuchen, während Sam uns langsam, damit ich es verstehen konnte, von seiner Jugend und seinem Beruf erzählte. Seine Eltern lebten in Kentucky, im Süden von Amerika, und er war seit seinem 16. Lebensjahr von zu Haus fort, da er bei den besten Lehrern in New York Violine studiert hatte. Er war ein fertiger Konzertviolinist, und ich war verblüfft, zu erfahren, daß er in einem großen Jazzorchester spielte.»Sie nicht gut zu geben Konzert?« fragte ich. »O doch, ich denke schon. Aber Konzerte kosten viel Geld.« »Warum Konzert kostet Geld? Menschen kaufen Billetts.« Er lachte.»Hier müssen Sie einen großen Namen haben, da- mit Menschen Billetts kaufen. Dafür müssen Sie erst überall im Lande Konzerte geben.« »Sie nicht gehen»überall im Lande«?« »Um Engagements überall im Lande zu bekommen, braucht man sehr gute Kritiken aus New York. Wenn Sie gute Kriti- ken in New York haben und Ihr Name ein paarmal in den Zeitungen erscheint, dann haben Sie eine Chance, ein paar Engagements mit den wenigen großen Konzertbüros zu bekommen, die auf Amerikas Konzertfeld control ausüben.« »Was>control«?« »Ja— regieren— rule—« »Rule, ruler, king, König— oh, ich verstehe! Kontrolle! Wie Inspektor! Warum kontrollieren sie das Konzertfeld?« »Wissen Sie, was ein Monopol ist?« »O ja, ich weiß.« »Na ja, das ist das, was sie haben oder was sie sind.« »Ich nicht verstehe«, sagte ich.»Amerika freies Land. Wer kann Monopol machen?« » Theoretisch haben Sie recht. Monopole sind gesetzlich in Amerika nicht erlaubt. Ab Sie müssen erst beweisen, daß 278 ein Monopol existiert. Diese Männer sind sehr mächtig. Es ist beinahe unmöglich, es zu beweisen.« »Aber, wenn verboten, ist verboten von Regierung, nein?« »Sie meinen Gesetz.« Ich unterbrach.»Ich verstehe. Aber Gesetz ist gemacht in Regierung, nein?« »Ja«, sagte er.»Warum?« »Ich sage, Monopol ist verboten in Regierung, Sie sagen Ge- setz. Wenn verboten in Gesetz, ist verboten in Regierung, nein?« »Okay«, sagte er lachend.»Ich gebe nach. Aber was immer es ist, Monopol ist schwer zu beweisen.« „Wenn Gesetz, Anwalt kann beweisen, nein?« »Ja, wahrscheinlich. Aber sie haben größere Anwälte, die beweisen, daß es kein Monopol ist.« »Warum>»größere«?« »Sie sind sehr reich. Sie können bessere fees bezahlen als die Künstler.« »Was ist»fees«?« Er lachte und rieb zwei Finger aneinander.»Fee, Zaster, Geld.« »Geld? Wie kann Anwalt Gesetz machen mit Geld?« Er sah mich mit einem merkwürdigen Lächeln an.»Wie kann reicher Anwalt Gesetz mit Geld machen? Das werden Sie schon lernen.« Obwohl die letzte Phrase mir kaum verständlich war, wurde ich plötzlich deprimiert, wie immer, wenn ich etwas Nega- tives über Amerika hörte. Ich wünschte so sehr, daß hier alles so gerecht und gesetzlich wie möglich sein sollte. Unser Besucher unterbrach meinen Gedankengang.»Was ist? Sorgen Sie sich über Monopol?« »Nein— oder ja. Ich mag nicht. Wenn Sie sind gut, Sie müs- sen geben Konzerte.« »Sorgen Sie sich nur nicht um mich. Mir geht es sehr gut. Ich verdiene viel mehr Geld, als ich je mit Konzerten ver- dienen könnte.« »Aber Sie machen Tanzmusik. Jazz!« »Ja. Warum nicht? Mögen Sie Jazz nicht?« »Nein!« 279 »Das klang ja sehr bestimmt. Warum nicht?« »Oh, es ist laut und— ich kann es noch nicht sagen gut in englisch.« »Laut? Wagner ist auch laut! Mögen Sie Wagner auch nicht?« Jetzt war ich wirklich aufgeregt.»Wagner! Sie nicht wol- len— Sie nicht wollen—« » Vergleichen, meinen Sie?« » Ja. Danke. Vergleichen Wagner mit Jazz? Wagner ist gute Musik!« »So ist Jazz.« Ich fand es klüger, das Thema zu wechseln. Ich war in einem bitteren Nachteil, da ich nicht die richtigen Ausdrücke fand. Ich war nach Amerika gekommen, um hier zu leben, war diejenige, die sich anpassen mußte. Ich war sehr empfindlich zu Klang und Harmonie. Ich liebte gute Tanzmusik, den melodiösen Tango und auch das schnelle Tempo der süd- amerikanischen Tänze. Während der Jahre paßte ich mich vielen Geschmacksrichtungen und Gewohnheiten an, die mir früher fremd waren. Aber ich konnte mich nie an schrille Jazzmusik gewöhnen. Und dann nahm Sam die Geige aus dem Etui und spielte; nicht Jazz, sondern alle die Melodien, die wir liebten und vermißten. Die Zeit verstrich schnell, und plötzlich war es beinahe Abend. Sam entschuldigte sich, daß er so lange geblieben war, aber ich erklärte, so gut ich konnte, daß es ein schöner Nach- mittag gewesen sei.»Nie spreche viel englisch wie heute«, sagte ich lachend.»Sie so geduldig, ja? Ich lerne viel.« »Glauben Sie mir, Sie werden fließend sprechen«, sagte er. » Aber es wird natürlich schwer werden, in englischer Sprache Theaterstücke zu inszenieren oder zu schreiben. Vielleicht ist es im Radio etwas leichter.« »Niemals ich lerne Englisch gut, zu schreiben Bücher oder sprechen Radio. Ich bin traurig, wenn ich anderen Beruf machen muß. Ich liebe Theater und Schreiben.« »Das ist kein Grund, traurig zu sein. Ich wünschte, mein Bruder wäre hier. Der könnte Ihnen sehr viel helfen und auch dafür sorgen, daß Sie ein wenig in Theaterkreisen herumkommen.« 280 »Sie haben Bruder? Was Alter hat er?« »Zwei Jahre älter als ich. Er ist ein sehr guter Schauspieler. Er kennt sehr viele große Theaterleute. Aber er ist in Cleve- land.« »Wo ist Cleveland?« »Oh, ungefähr neunhundert Meilen entfernt von New York.« »So viel? Deutschland ist dreitausend Meilen entfernt.« Er sah mich an.»Haben Sie Heimweh?« »Ihr Bruder, er ist gut im Theater?« »Ich glaube ja, ich weiß nicht sehr viel über Schauspieler, aber er hat wunderbare Kritiken. Er will im Winter nach New York kommen; aber im Sommer—« »Ich weiß. Alle Menschen auf Land. New York keine Men- schen. Ich denke New York viel Menschen.« »Natürlich sind viele Menschen in New York, auch im Som- mer, aber nicht die, die Sie brauchen.« »Was Menschen ich brauche?« »Die, die viel Geld haben, natürlich.« »Ich nicht will Geld, ich will Arbeit.« »Das ist richtig. Aber es sind die Menschen mit viel Geld, die sie Ihnen geben können. Was wollen Sie tun?« »Ich nicht weiß. Ich verspreche, ich nicht denke zwei Wochen an das. Jetzt ich will Heim, dann ich will Arbeit.« »Sehr vernünftig«, sagte er.»Ich werde auch darüber nach- denken. Vielleicht kann ich mit einem brainstorm kommen.« » Was ist»brainstorm«?« »Eine Idee.« »Oh, ja, gut. Danke.« »Du bist ein sehr guter Junge«, sagte er zu Manfred.»Bist du immer so ruhig?« »Nein«, gab Manfred ernsthaft zurück,»nur, wenn ich zu- höre.« »Ich hoffe, ich habe dich nicht zu lange auf dein Abendbrot warten lassen. Ich wäre sore, wenn mir das jemand antäte.« » Was ist»sore«?« griff ich eifrig jedes unbekannte Wort auf. »Einfach slang für ärgerlich. Ärgerlich, verstehen Sie?« »Ja, aber was ist»slang»skip it, Mammi.« »Du bist eine wirkliche Hilfe, Manfred«, erklärte Sam, als er merkte, daß ich Luft holte, um nach der Bedeutung der letzten Phrase zu fragen. Wir alle lachten herzlich, und der Abend endete in Fröhlichkeit. Ich hatte am nächsten Morgen gerade das Aufräumen des Schlafzimmers beendet, als ich eine Art Autosignal, auf der Geige gespielt, hörte. Sam stand am offenen Fenster seines Zimmers. »Sie machen Hausarbeit sehr gut«, sagte er anerkennend. »Ich habe Sie beobachtet. Ich wollte Ihre Aufmerksamkeit erregen. Meine Freunde werden sich sehr freuen, mit Ihnen Bridge zu spielen. Ich habe sehr viel über Sie nachgedacht. Ich glaube, ich habe einige kleine Ideen. Sind Sie heute nach- mittag zu Haus?« »Ja. Ich schreibe Briefe und koche.« »Auch am Sonntag?« »Ja. Natürlich. Manfred liebt Sonntag Dinner sehr. Bitte, Sie kommen um sechs und essen, ja?« Ich sah sein Zögern und fügte hinzu:»Ich nicht liebe sprechen in Fenster. Aber okay mit Essen. Sie kommen, ja?« Ich brachte Manfred hinüber zum Spielplatz am Riverside Drive, und nachdem ich das Dinner aufgestellt hatte, setzte ich mich an den Küchentisch, um Briefe an alle meine Lieben jenseits des Ozeans zu schreiben. Es kam mir plötzlich zu Bewußtsein, wie sehr ich am Rande des Lebens zu leben schien, nicht mehr in der Mitte der großen Ereignisse. Ich schrieb nach England an Eltern und Freunde und sandte Grüße von denen, die noch in Deutschland waren, ohne das Land zu nennen. Dann schrieb ich nach Deutschland und sandte Grüße von allen aus England, ohne das Land zu nennen. Ich wußte, daß meine Briefe nach Deutschland ge- öffnet und gelesen wurden. England war großzügiger, ob- wohl ich in deutscher Sprache schrieb. Zu großzügig, dachte ich mit Furcht. Wie leicht war es doch für einen Nazi-Spion in Amerika, Nachrichten über England nach Deutschland zu senden! Ich sorgte mich tief um Freunde in beiden Ländern und lebte abseits, allem zusehend. Es war ein merkwürdiges 284 Gefühl, nach dem erregenden Leben, das ich in Deutschland geführt hatte, sich nun um Alltag und Beruf Sorgen zu machen. Mit dem Schreiben, Denken und Kochen verging der Nach- mittag sehr schnell, und plötzlich läutete die Türglocke. Es war Sam. »Oh, es tut leid«, sagte ich.»Ich arbeite. Ich vergesse Zeit. Ich gehe und nehme Manfred. Er spielt in River.« »Ich hoffe, Sie meinen am Riverside Drive«, sagte er lachend. »Ich gehe hinüber und hole ihn ab.« Der Tisch war gedeckt und das Essen fertig, als der große Mann mit dem kleinen wiederkam. Manfred sah schmutzig und glücklich aus. »Komm, ich helfe dir beim Saubermachen«, sagte Sam und erhielt dafür einen indignierten Blick von Manfred.»Das tue ich ganz allein, Sam, aber vielen Dank. Ich bin in zwei Minuten fertig, Mammi.« Sam saß mit mir in der Küche.»Also«, begann er und fuhr mit den Fingern durch sein Haar, eine typische Geste der Verlegenheit,»ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen. Ich hoffe, Sie werden nicht ärgerlich sein.« Sam war inner- lich ein sehr schüchterner Mensch. Ich hatte auch das Gefühl, für ihn ein fremdartiges Geschöpf zu sein. Er hatte am Tage vorher erwähnt, daß ich die erste Europäerin sei, die er je kennengelernt hatte. Er mußte denken, ich hätte andere Nerven, anderes Blut und andere Gefühle als die amerika- nische Frau. »Never mind, skip it«, versuchte ich ihn mit allen Aus- drücken zu beruhigen, die er mir nicht erklären konnte. Es half.»Sie lernen schnell«, lachte er.»Okay, ich wollte fol- gendes sagen: Sie müssen aufpassen, daß Ihre Reserven so lange wie möglich reichen; ich meine, das Geld darf nicht weniger werden, verschwinden— kaputtgehen— jaah? Nun dachte ich mir, bis Sie eine Stellung finden, ich meine, bis Sie Arbeit finden, die Sie gern tun— es würde helfen— ich meine—« Er hielt inne, dann fuhr er so schnell fort, daß ich den Worten nicht folgen konnte.»Ich hatte gestern ein wunderbares Dinner. Alles war genau so, wie ich es zu Haus gewohnt war. Heute esse ich schon wieder hier. Ich will Sie 285 nicht verletzen, aber ich fühle mich wirklich fast wie ein Heel—« »Heel?« »Ja, wie eine Laus— verstehen Sie?« »Ja, Laus, ich weiß. Warum sind Sie Laus?« »Na ja, wenn ich immerfort hier esse— ich meine, Sie müs- sen praktisch denken. In ein paar Jahren werden Sie so viel Geld verdienen, wie Sie wollen, und dann können Sie mich jeden Tag einladen, wenn Sie es dann noch tun wollen. Aber im Moment müssen Sie mit jedem Pfennig rechnen. Ja?« »Ja. Aber ich fühle nicht sehr gut, daß Sie recht haben.« »Never mind. Und nun möchte ich einen sehr egoistischen Vorschlag machen.« Manfred kam, und ich setzte die Terrine auf den Tisch. »Hurra«, schrie Manfred.»Gulaschsuppe! Sam, koste!« Sam kostete.»Herrlich«, bestätigte er.»Das ist genau das, was ich meine. Wenn Sie so nett wären, mich bei Ihnen essen zu lassen, dann hätte ich besseres Essen und zugleich so etwas wie ein Zuhaus, worauf ich mich freuen kann. Ich bezahle im Restaurant zwei Dollar und fünfunddreißig Cent mit Trinkgeld. Wenn ich Ihnen nun dasselbe bezahlen darf, dann mag Ihnen dies ein wenig helfen, denn wenn das Restau- rant ein Dinner für dieses Geld verkauft, muß es doch einen Profit erzielen. Vielleicht können Sie für dieses Geld für zwei oder drei kochen, und das— well—« Bevor ich seinen Redefluß unterbrechen konnte, sprang Manfred in die Bresche.»Das ist eine wunderbare Idee. Denkst du nicht auch, Mammi?« »Es ist natürlich nur eine sehr kleine Idee«, sagte Sam zögernd. »Ich habe gern kleine Idee«, sagte ich.»Ich sehr froh, wenn Sie kommen für Dinner alle Abend.« Und so kam es, daß ich nach einer Woche ein eigenes kleines Heim, ein wenig weniger Sorgen und Hausfrauenpflichten für eine kleine Familie hatte, die mich für meine Arbeit be- lohnte, indem sie mein Essen liebte und das Geschirr ab- waschen half. Ich hatte begonnen, die Pflöcke für mein Zelt einzuschlagen. In ganz kurzer Zeit hatte sich Manfred völlig dem Leben in Amerika angepaßt. Er liebte die Schule, hatte bald eine Gruppe von Freunden um sich, und man konnte ihn kaum von amerikanischen Kindern unterscheiden. Ich erhielt durch meine Freunde genügend Anregung und neue Eindrücke, doch ich begann mich tief darüber zu sorgen, daß ich beim besten Willen nicht genügend Arbeit finden konnte, um Manfred und mich zu versorgen, und überhaupt keine Aus- sichten in meinem Beruf sehen konnte. Die meisten Deut- schen des Theater- und Filmlebens waren erst nach Holly- wood gegangen, und da sie älter waren als ich und sich gegenseitig kannten, konnten sie sich auch gegenseitig helfen. Ich aber hatte meine Karriere gerade begonnen, als die Tragödie über uns hereingebrochen war, ich war in Film- kreisen nicht genügend bekannt; und in jedem Fall war Hollywood so weit entfernt wie Deutschland. Ein paar Wochen waren vergangen, und Anfang Oktober konnten wir den nahen Herbst fühlen. Mir erschien New York nicht voller als vorher, nur der Verkehr war stärker, was mich vermuten ließ, daß die meisten wohlhabenden Menschen in Autos saßen und nicht auf den Straßen zu sehen waren. Ich war froh, daß die Hitze vorüber war. Die Sonne schien klar, und die Luft war frisch und trocken. »In Europa jetzt schon kalt«, erzählte ich Sam. »Hier nennen wir es»Indian summer««, sagte Sam.»Für mich ist dies die schönste Zeit des Jahres, obwohl man in der Stadt wenig davon sieht. Draußen auf dem Lande ist es jetzt herrlich. Von der nächsten Woche an habe ich jeden Abend Radio-Engagements. Wir machen uns ein schönes Wochenende. Wir machen eine Reise.« »Eine Reise?« »Ja. Wir nehmen den Dampfer und fahren den Hudson River hinauf bis Bear Mountain. Es ist eine sehr schöne Fahrt!« Manfred hopste schon, bevor ich noch alles verstanden hatte. »Eine Dampferfahrt! Gott, Mammi, das wird himmlisch!« 287 Ich protestierte.»Nein. Ist viel Geld. Ich habe nicht Geld und du nicht.« »Na, das ist doch albern. Die ganze Geschichte kostet nicht viel. Bitte verderben Sie mir nicht den Spaß und sagen Sie schon jaah!« »Bitte, Mammi, sag ja, bitte, Mammi!« Natürlich sagte ich ja. Ich konnte es nicht mit seinem Wort- schatz aufnehmen und wollte ihm nicht die Freude verder- ben. Ich selbst war innerlich noch zu wund, um mich wirk- lich richtig auf etwas freuen zu können, aber die Güte meiner Freunde tat wohl. Ich machte jedoch die Bedingung, daß ich für die kulinarischen Genüsse sorgen würde, um an Restaurantkosten zu sparen. Wir bereiteten uns auf die zwei Tage vor, als ob wir den Ozean überqueren wollten. Die hartgekochten Eier, Schmorbraten und Salate, die darauf warteten, eingepackt zu werden, konnten ein ganzes Regi- ment beköstigen. Als Sam Freitag abend zum Dinner kam, sah ich sofort, daß etwas schiefgegangen war.»Sie müssen spielen morgen, ja?« »Ich müssen spielen morgen, nein«, imitierte er mich wie immer.»Ich hätte keinem Engagement gestattet, meine Freude zu verderben. Aber wir können morgen früh nicht fahren. Ich hatte Ihnen doch erzählt, daß mein Bruder für eine Weile nach New York kommen will, wenn seine Sai- son in Cleveland beendet ist. Ich bekam eben ein Telegramm, daß er morgen nachmittag ankommt.« »Kann ihn nicht jemand vom Bahnhof abholen?« schlug Manfred vor und versuchte tapfer, seine Enttäuschung zu überwinden. »Nein«, sagte ich bestimmt,»nein, das nicht gut. Sam muß gehen zu Bahnhof. Ist sein Bruder. Wir machen Reise ande- ren Tag.« »Sie wissen, daß wir das nicht tun können«, sagte Sam. »Ich habe nächste Woche jeden Abend zu spielen, auch am Wochenende. Ich habe meinen Bruder wirklich sehr lieb, und ich freue mich auf seinen Besuch, aber er hätte am Mon- tag kommen können.« » Aber er nicht weiß, wir wollen reisen. Ich bin traurig, aber Sie gehen zu Bahnhof. Dann Sie kommen essen hier, ja?« 288 Sam und ich waren während der paar Wochen wirkliche Freunde geworden. Ich begann zu fürchten, daß sein Bruder diese Freundschaft stören würde. Auf dem Bild, das ich ge- sehen hatte, machte er den Eindruck eines intelligenten und ungewöhnlich gut aussehenden Mannes. Aber Klugheit und Schönheit waren noch keine Garantie für Güte und Wärme. Zum erstenmal seit Wochen fühlte ich mich wieder wie ver- loren.»Ich möchte, daß Sie Milton so bald wie möglich kennenlernen«, hatte Sam gesagt.»Wir machen uns nur ein wenig frisch und kommen dann herüber. Nach dem Essen können wir Bridge spielen.« Vielleicht wäre es besser ge- wesen, ihn in einem neutralen Restaurant zu treffen. Es war noch immer schwer für mich, Amerikaner zum erstenmal zu treffen. Mein Sprachmangel kam mir dann schmerzvoll zu Bewußtsein. Der Erfolg meiner Zusammenkunft mit Milton schien mehr als zweifelhaft. Manfred ahnte natür- lich nichts von meiner inneren Furcht und Unsicherheit. Als es läutete, lief er zur Tür, überzeugt davon, einen neuen Freund zu begrüßen. Ich blieb noch eine Minute länger im Schlafzimmer und schalt mich selbst aus. Dann riß ich mich zusammen und ging ins Wohnzimmer. Der junge Mann, der neben Sam mitten im Zimmer stand, machte bestimmt alles andere als einen gefährlichen Ein- druck. Neben seinem viel größeren Bruder sah er beinahe zierlich aus. Er ist gar nicht viel größer als ich, dachte ich erleichtert, und dann dachte ich: Er sieht aus wie ein Deut- scher. »Dies ist mein Bruder Milton«, hörte ich Sam sagen. Jetzt merkte ich erst, daß ich noch immer in der offenen Tür stand und nicht ein Wort gesprochen hatte. »Ich freue, Sie zu kennen, Milton«, sagte ich. Ich hatte die Worte nachgeschlagen.»Sam sagt viel von Ihnen. Setzen Sie. Bitte.« Nicht nur in meinem Beruf, sondern auch in vielen anderen Situationen war ich dem Schicksal für ein Geschenk dankbar, das mir oft große Hilfe leistete. Ich besaß ein fotografisches Gedächtnis von seltener Präzision. Um mir einen bestimm- ten Vorfall ins Gedächtnis zu rufen, brauchte ich nur meine Augen zu schließen, und das Bild stand klar vor mir, wie ein 289 Film; mit genauer Zusammenstellung von Bild und Ton. Auf diese Weise konnte ich mir beinahe jedes Erlebnis in meinem Leben, selbst aus frühester Kindheit, ins Gedächt- nis rufen: Geschehnisse, Umgebungen, Unterhaltungen, Menschen. Es registrierte mit untrüglicher Vollkommenheit. Freunde waren oft verblüfft, wenn ich sie an gemeinsam verbrachte Abende erinnerte, die genauen Unterhaltungen wiederholte, als ob ich sie von einer Platte abhörte. Viele haben mich auf die Probe gestellt und lange Zeit später gebeten, denselben Abend wieder zu beschreiben. Ich konnte es immer mit der- selben Klarheit tun, und selbst in der Wiederholung änderte ich kaum ein Wort oder ließ selten ein Detail aus. Vielleicht habe ich es auch dieser Begabung zu verdanken, daß ich eine Tugend entwickeln konnte, die ich mit großer Sorgfalt pflege. An dem Tag, da ich Deutschland verließ, versprach ich mir, niemals zu lügen. Ich würde es jederzeit vorziehen, durch die Wahrheit Feinde zu schaffen als zu lügen. Da ich mich nie einen tugendreichen Menschen nennen könnte, nehme ich an, daß ich so fest an der Wahr- heit festhalte, weil mein untrügliches Gedächtnis es mir leicht machen würde, nie bei einer Lüge ertappt zu werden. Aber mein untrügliches fotografisches Gedächtnis be- reicherte mein Leben mit einem Speicher voll von Erinnerun- gen, in dem nichts verlorengeht. Ich kann von ihm zu jeder Zeit Weisheit für Entscheidungen schöpfen, die auf frühe- ren Erlebnissen basiert; kann von ihm Kraft für die Hoff- nung durch die zahlreichen Beweise menschlicher Güte schöpfen, die ich erhalten hatte. Doch vor allem finde ich in diesem Gedächtnis die unendlich vielen, unzerstörbaren Zeichen einer großen Liebe, einer so überwältigenden Liebe, daß ich mich ihrer stets unwürdig fühle. Sie begann, obwohl ich es damals nicht ahnen konnte, an jenem Sonnabend spät- nachmittag. Wenn ich heute die Augen schließe und versuche, mir das Bild jenes ersten Treffens zu vergegenwärtigen, dann sehe ich einen feinen Mund mit einem unbeschreiblich sanften Lächeln und höre eine tiefe, sonore Stimme mit dem Klang eines Orgeltones. Ich erinnere mich noch genau des verzwei- 290 felten Gefühls der sprachlichen Unzulänglichkeit, da ich den Inhalt des Stückes nicht verstehen konnte, in dem Milton zuletzt eine Hauptrolle gespielt hatte und von dem er er- zählte. Ich verlor oft Teile eines Gespräches, aber meistens störte es mich wenig. Meine diesmalige Ungeduld verwirrte mich. Sam lächelte. »Milton, sprich etwas langsamer, Ilse kann noch nicht so schnell folgen.« »Oh, verzeihen Sie«, hörte ich die tiefe Stimme sagen,»ich habe nicht daran gedacht. Sam erzählte mir, daß Sie auch beim Theater sind.« Er sprach jetzt langsam und deutlich, was mich nur noch un- geduldiger machte. »Ich war. Ist lange her.« Ich hatte nicht die Absicht gehabt, so scharf und abweisend zu antworten, und ich wußte, Mil- ton hatte es auch empfunden, denn er fuhr nicht mit seiner Erzählung fort. »Ich habe ein paar Bilder mitgebracht. Wollen Sie sie sehen? Dies sind Bilder von>Of mice and men«, erklärte er.»Ich habe die Rolle des George gespielt. Es ist meine Lieblings- rolle.« Mein Erstaunen wuchs. Die Rolle, soweit ich die Beschrei- bung verstanden hatte, verlangte einen starken, beschützen- den Charakter, einen Mann, der seinen Freund am Ende des Stückes erschoß, um ihn nicht den Händen der Polizei und dem unvermeidlichen Ende durch Hinrichtung auszuliefern. Ich sah lange auf die Bilder; auf die enorm starke, große Figur des geistig gestörten Mörders, der auf seinen Freund George herunterblickte. Milton war über einen Kopf kleiner und schien körperlich absolut nicht in die Rolle des be- schützenden Freundes für dieses riesige Scheusal zu passen. Ich erkannte bald, daß jeder Versuch, Milton Stanleys Charakter und seine Begabungen von seiner körperlichen Erscheinung abzuleiten, zu sehr trügerischen Resultaten führte. Der sanfte, empfindsame, feingeformte Rahmen um- schloß eine höchst komplizierte geistige Struktur und un- beugsame Überzeugungen. Seine Feinfühligkeit war auf die leisesten Nuancen abgestimmt; seine Treue unerschütterlich. Frauen, die von seiner Erscheinung angezogen wurden und 291 versuchten, seine Gunst zu erringen, fanden sich oft in der unangenehmen Situation, mit ausgesuchter Höflichkeit und kühler, überzeugender Gleichgültigkeit behandelt zu wer- den. Weder subtile Schönheit noch vulgäre Erotik konnten den unsichtbaren Zaun um ihn herum durchbrechen. Nichts von all dem offenbarte sich mir an jenem Abend. Wir aßen zusammen, und dann kam ein Freund von Sam und wir spielten Bridge. Ich war erleichtert bei der Erkenntnis, daß meine Freundschaft zu Sam nicht gestört werden würde. Darum konnte ich nicht verstehen, warum diese nervöse, flatternde Unruhe mich nicht verlassen wollte. Wir waren jeden Abend zusammen und übersetzten mühe- voll das Chopin-Stück, an dem ich schrieb, und ein paar Novellen, die ich aus Deutschland mitgebracht hatte. Mich befriedigte diese Arbeit sehr, obwohl es anstrengend war, die meisten Worte nachzuschlagen und zu versuchen, sie auch im Gedächtnis zu behalten. Die Konzentration, die diese Arbeit erforderte, zusammen mit der täglichen Haus- arbeit, Waschen, Plätten, Saubermachen, Kochen, war sehr anstrengend, und ich wurde von zunehmenden Kopfschmer- zen geplagt. »Sorgt euch nicht«, erklärte ich den Freunden,»ich immer hatte Schmerzen letzte Jahr in Kopf.« Doch ich selbst war besorgt, denn ich war von einem Arzt, den ich in Deutschland der Kopfschmerzen halber aufgesucht hatte, vor anstrengender körperlicher Arbeit gewarnt wor- den. Dort war es mir nicht schwergefallen, diese Art von Arbeit zu vermeiden, doch hier konnte ich mir keinerlei Luxus erlauben, nicht einmal den, die große Wäsche fort- zugeben. Ich war froh, daß ich bis jetzt meine wenigen Er- sparnisse zusammenhalten konnte, ohne an die schwierige Frage einer Stellung zu denken. Zwei Wochen später erschien Milton am Abend zum Dinner mit einem strahlenden Lächeln und reichte mir einen Scheck. »Hier«, sagte er,»Ihr erstes Einkommen als Schriftstellerin in Amerika. Ich habe die kleine Novelle, die wir übersetzt haben, an ein Magazin verkauft.« Ich sah auf den Scheck.»Zweihundert Dollar! Das nicht wahr!« 292 »Natürlich ist es wahr. Und es ist nicht zuviel! Es ist eine sehr gute Geschichte.« Er lehnte es ab, einen Teil anzuneh- men.»Ich habe soviel Freude daran gehabt, sie zu über- setzen, dafür kann ich nicht noch Geld annehmen. Außerdem kann ich auf diese Weise Deutsch lernen; dann können wir uns in Ihrer Muttersprache unterhalten. Das würden Sie sehr gern tun, nicht wahr? Ich weiß, Sie vermissen sie sehr. Nicht traurig sein.« Er unterbrach sich, dann ging er schnell in die Küche. Es war für ihn außerordentlich schwer, seine Schüchternheit zu überwinden. Er drückte sehr selten Empfindungen aus, und dann auch nur in halben, abgebrochenen Sätzen. Doch er er- setzte den Rest durch ein Lächeln, das ein Streicheln war. Sam rief an, wie er es oft tat, ob er etwas zum Dinner mit- bringen sollte. Wir berichteten ihm die gute Neuigkeit.»Das muß gefeiert werden«, rief er durchs Telefon.»Ich bin gleich drüben.« Ein paar Minuten später erschien er mit einem großen Paket, das Whisky, Soda und Gingerale, ein Sodawasser mit Ingwer, enthielt. »Das müssen wir sofort begießen«, sagte er froh.»Sie wird aus der Taufe gehoben!« Wir tranken auf den ersten Erfolg, dann tranken wir Brü- derschaft. So lernte ich mein zweites Lieblingsgetränk in Amerika kennen: Rye und Gingerale. »Ich habe noch eine Überraschung«, sagte Milton nach dem Essen.»Ilse geht zu einer großen Gesellschaft.« Ich erschrak.»Eine große Party? Nein, ich kann nicht. Ich bin nicht gut englisch. Ich kann nicht sprechen für große Party.« »Sei nicht albern«, sagte Sam gönnerhaft.»Was für eine Party?« Als ich hörte, um was für eine Gesellschaft es sich handelte, weigerte ich mich noch entschiedener, hinzugehen. Milton hatte viele Freunde am Theater, Schauspieler, Intendanten und Regisseure. Eine junge Schauspielerin, die Tochter einer bekannten Intendantin, gab eine große Feier anläßlich ihres Geburtstages. Sie hatte auch Milton, den sie seit Jahren kannte, eingeladen. 293 »Wunderbar«, erklärte Sam.»Eine Gesellschaft in dem Haus ist’ne Sache! Wie kam Ilse ins Blitzlicht?« »Ich hatte Maggie erzählt, daß Ilse eine Kollegin von ihr und auch von ihrer Mutter war, daß sie nur kurze Zeit in Amerika ist und hier noch niemanden kennt.»Das muß ge- ändert werden«, sagte Maggie und bat mich, sie mitzubrin- gen, da ja doch mindestens zweihundert Menschen bei der Party sein würden, die alle zum Theater gehörten.« »Zweihundert Menschen in eine Party? Nein, ich kann nicht, ich sterbe mit Angst.« »Unsinn«, sagte Milton.»Ich traf gerade Burgess Meredith. Er wird da sein. Willst du ihn denn nicht kennenlernen?« Ich war überwältigt. Burgess Meredith war einer der ersten Schauspieler, die ich bei meinen ersten Ausflügen in die 42. Straße im Kino gesehen hatte.»Er wird in die Party gehen? Du sein sicher?« »Ja«, lachte Milton.»Schau her, jetzt wird sie gehen! Und ich dachte, ich wäre ihr Lieblingsschauspieler!« » Jerry telefoniert«, sagte ich.»Er kommt hier kleine Zeit.« Und als ob er es gehört hätte, läutete Jerry an der Tür. Er war begeistert über den Verkauf der Novelle und über die Party.»Vergessen Sie nicht, daß Sie noch vorher eine Gesellschaft hier geben! Ich habe Manfred eine Geburts- tagsfeier versprochen!« »Ich kann nicht vergessen. Er sprechen alle Tag von Party. Ist am Sonnabend. Sie kommen bald zu machen Wohnung schön, ja?« »Sie meint»früh««, sagte Sam gönnerhaft. »Natürlich meint sie»früh««, wies Jerry die Erklärung ab. »Ich weiß, was sie meint. Ich kannte sie zuerst, erinnern Sie sich?« Jerry und seine kleine Tochter kamen Sonnabend mittag, und wir dekorierten die Wohnung. Wir spielten Musik, tanzten, und für ein paar Stunden war Europa auf einem anderen Stern. Nachdem alle gegangen waren, halfen Sam, Milton und ein Freund, alles aufzuräumen. Manfred, übermüdet von einem vollen, glücklichen Tag, war sofort eingeschlafen. Dann machten wir noch eine kleine Nachtspazierfahrt in dem Wagen von Sams Freund. Milton und ich saßen hinten im 294 offenen Wagen. Ich hatte das Gefühl, beschützt und nicht mehr einsam zu sein. »Ich bin froh«, sagte Milton leise, als ob meine Gedanken ihn erreicht hätten.»Du hast—«, und dann hielt er inne und war wieder still wie üblich. Der Wagen hielt vor meinem Haus, und Milton stieg mit mir aus, um die Haustür für mich zu öffnen. Dann hielt er meine Hand einen Moment länger als sonst. »— solche großen, braunen Augen«, sagte er leise in die Dunkelheit hinein. Dann drehte er sich ohne ein weiteres Wort um und stieg in den Wagen. Der Tag der großen Gesellschaft kam viel zu schnell heran. Die beiden Brüder benahmen sich wie Eltern, die ihre Tochter auf ihren ersten Ball schicken. Als ich am späten Nachmittag vom Friseur zurückkam, fand ich beide, Milton bereits im Smoking, in der Wohnung vor. Sam rannte nervös umher, einen Highball in der Hand. »Sam, du nervös«, sagte ich lachend. » Ach, Unsinn«, erwiderte er.»Ich wollte nur etwas trinken.« Nach dem Dinner zog ich mich sorgsam an. Ich hatte für den Abend mein bestes Abendkleid aus schwarzer Spitze mit Georgette gewählt. Gutes Zurechtmachen und Abend- kleid helfen über innere Unsicherheit hinweg. Als ich ins Wohnzimmer zurückkehrte, zerstreuten die Gesichter der beiden meine letzten Zweifel. »Milton brachte dir Gardenien«, sagte Sam.»Ich wollte Orchideen, aber Milton meinte, Gardenien passen besser zu deinem roten Haar.« »Ich danke«, sagte ich und nahm die Blumen, die Milton mir reichte.»Ich danke sehr euch. Ich bin glücklich. Ich nicht liebe Orchideen, sie nicht—« »Passen zu dir!« half Sam lächelnd aus. Und dann mußte ich in der Mitte des Zimmer stehen und mich langsam drehen, um Milton, Sam und Manfred fest- stellen zu lassen, ob jede Kleinigkeit in Ordnung war. Sie betrachteten auch genau meinen französischen Spitzenschal, den ich über meinem Haar trug, und mein schwarzes Emaille- Etui, eine sehr elegante, schmale Pariser Kassette, die mit kleinen Steinen geschmückt war und Zigaretten, Porte- 295 monnaie, Puder, Lippenstift und ein seidenes Taschentuch enthielt. Dann war es höchste Zeit zu gehen. »Ich bringe euch hinunter«, sagte Sam.»Und sieh nicht so ängstlich aus. Lächle und sag was Nettes.« »In deutsch, ich treffe Menschen, ich sage Nettes. In eng- lisch, ich nicht weiß.« Sam dachte einen Augenblick nach.»Ich will dir etwas sagen. Wenn du jemanden triffst, den du magst, dann lächelst du sehr lieb und sagst freundlich:»>Guten Abend, mein lieber Son of a Bitch.«« Milton machte eine Geste, ihn zu unterbrechen, aber Sam winkte ab. »Du liebst nicht, was er sagt?« fragte ich Milton. »Natürlich»er liebt, was ich sage««, imitierte Sam.»Siehst du denn nicht, Milton? Wenn sie es mit ihrem Lächeln und fremdem Akzent sagt, wird jeder sie sofort gern haben. Es ist eine nette Art zu sagen>Ich freue mich, Sie zu treffen, mein lieber Freund« Aber vergiß nicht zu lächeln!« Als wir uns dem berühmten Columbus Circle näherten, sah ich eine Riesenmenge von Menschen auf dem Platz versam- melt. »Oh, bitte, ich nicht habe gesehen Circle am Abend. Bitte, komm, ich will sehen. Bitte.« »Es ist spät«, sagte Sam. Milton bat den Chauffeur, zu halten. Er konnte mir nie etwas abschlagen.»Sie hat noch nie Columbus Circle am Abend gesehen...« »Es gibt da nichts zu sehen als einen Haufen verrückter Leute«, murrte Sam.»Sie ist wirklich ein Baby.« Mir kam die ganze Sache erst albern vor, um so mehr, da ich nur Brocken der wilden Reden verstand, mit denen alle Redner sich zu überschreien versuchten, und auch noch nicht die Unterschiede zwischen Vagabunden, religiösen und poli- tischen Fanatikern herausfinden konnte. Die größte Anzahl Leute war um einen Mann gruppiert, der auf einer Holzkiste stand, die eine amerikanische Fahne trug. Wir waren als Kinder in Deutschland dazu erzogen worden, die Fahne zu lieben und sie als eines unserer 296 kostbarsten Güter zu hegen. Es hatte mich tief geschmerzt, sie an das Hakenkreuz zu verlieren. Daher erschien es mir nichts weniger als ein Frevel, die Fahne auf der Kiste stehen zu lassen, wo die Masse der Leute andauernd an sie anstieß. Die beiden Brüder hörten der anscheinend amüsanten Philo- sophie eines Vagabunden zu, während ich mich bemühte, die Worte des Mannes auf der Kiste zu verstehen, die er den Leuten zuschrie. Ich begriff nicht alles, was er sagte, aber was ich verstand, war genug, eine automatische Reaktion in mir auszulösen. »Juden sind an allem schuld... sie wollen Krieg... und ich sage euch: um uns die Wahrheit zu zeigen... Hitler muß nach Amerika kommen...« Mein Abendcape fiel auf die Erde. Ich sprang vorwärts, grifl ihn mit einer Hand beim Kragen, riß ihn von der Kiste herunter und begann, ihn mit meiner harten Emaillekassette auf den Kopf und ins Gesicht zu prügeln. Ich muß ein seltsames Bild abgegeben haben: eine Dame im langen Spitzenabendkleid, mit Spitzenschal und Blumen im Haar, die wie wild auf einen Mann einschlug. Sam und Milton eilten herüber, um mich zurückzuhalten, aber ich hielt fest und schlug, während die Tränen über meine Wan- gen liefen und mein Make-up ruinierten. Frauen schrien, und ein Polizist kam herüber. Inzwischen war es Milton gelungen, mich loszureißen. Während der Nazi, noch immer völlig benommen, versuchte, sich das Blut von der Nase zu wischen, die meine Abendtasche gebrochen hatte, sah mich der Polizist für einen Moment sprachlos an, dann fragte er: »Was zum Teufel tun Sie denn?« Milton versuchte zu erklären, daß die Reden des Nazis meine Erinnerungen an Erlebnisse in Deutschland wach- gerufen hatten. Er sprach sehr schnell, denn er sah mich, wie damals Jerry, bereits auf der Polizei. »Er spricht Hitler«, sagte ich zu dem Polizisten.»Ich ver- spreche, in Amerika ich mache tot jeden, der spricht Hitler.« Der Polizist hob mein Cape auf, wischte den Staub ab und reichte es mir.»Ich würde mich über dies hier nicht auf- regen. Niemand nimmt diese Leute bei uns ernst. Es ist ein freies Land, Fräulein, und jeder Mensch darf sagen, was er 297 denkt, besonders hier am Columbus Circle. Natürlich nur, solange er anderen Menschen keinen Schaden antut. Aber Freiheit der Rede ist ein Teil der Freiheit des Landes.« »Sie gut«, sagte ich,»Aber das hier nicht gut. Dieser Mann Freiheit tun in Gefängnis, wie Hitler.« Der Polizist wandte sich an meine beiden Begleiter.»Sie lassen sie besser nicht zum Columbus Circle kommen«, sagte er lachend,»ich kann wohl begreifen, was sie empfindet— und sie hat rotes Haar!« Der Mann mit der zerschlagenen Nase wollte etwas sagen, aber der Polizist schob ihn beiseite.»Never mind, never mind. Schluß jetzt, bitte räumen Sie den Platz.« »Ich kann einen Whisky gebrauchen«, sagte Sam.»Du auch. Komm, wir gehen hinüber zu»Child’s«.« Während Sam die Highballs bestellte, zog ich mich in den Waschraum zurück, um meine etwas derangierte Toilette wieder in Ordnung zu bringen. Ich war noch immer erregt, doch meine Stimmung besserte sich, als ich sah, daß Sam für mich mein Lieblingsgetränk, Daiquiri, bestellt hatte. Er erinnerte mich an meinen ersten Abend am Broadway, als ich so furchtbar einsam war. »Na, du hast aber Temperament«, sagte Sam trocken. »Das war nicht Temperament«, unterbrach Milton.»Sie hat sehr starke Überzeugungen. Ich glaube, du solltest das auch zu würdigen wissen.« Er hatte viel schärfer als üblich gesprochen, und ich sah Erstaunen in Sams Gesicht. »Ich traurig, du hast erschrocken, nein?« »Ich erschrocken, ja«, echote Sam.»Ich hoffe, du benimmst dich besser bei der Party!« Als Milton und ich das elegante Foyer der herrlichen Fünf- zehnzimmerwohnung an der Park Avenue betraten, erspähte ich als ersten Burgess Meredith. Er sah uns und kam sofort herüber. »Hallo, Milton, schön, dich zu sehen. Und dies ist deine Freundin aus Deutschland?« fragte er mit der für ihn so typischen Wärme in Stimme und Lächeln.» Willkommen in Amerika.« Ich war so glücklich, ihn kennenzulernen. Mit dem nettesten 298 und gewinnendsten Ton in meiner Stimme sagte ich:»Guten Abend, mein lieber Son of a Bitch.« Ich war viel zu aufgeregt, um das signalisierende Winken zu bemerken, das die beiden Männer austauschten. Burgess nahm meinen Arm und sagte lachend:»Wunderbar! Kom- men Sie, ich will mir das Vergnügen machen, Sie der ameri- kanischen Theaterelite selbst vorzustellen.« Und das tat er. Da ich mich so angestrengt bemühte, immer zu lächeln und auch die Namen der Berühmtheiten zu ver- stehen, die Burgess nannte, bemerkte ich nicht die Reaktion, die mein Satz hervorrief. Unter den vielen Großen, die ich an diesem Abend kennenlernte, war auch die unvergeßliche große Charakterschauspielerin Constance Collier. Ich hatte ihren Namen oft gehört, streckte ihr meine Hand entgegen und sagte warm: »Guten Abend, mein lieber Son of a Bitch.« Sie schaute auf Burgess und sagte mit derselben Wärme, meine Hand drückend:»Ja, ich weiß, meine Liebe. Aber wie konnten Sie es so schnell herausfinden?« Das schallende, herzliche Gelächter, das ihren Worten folgte, ließ mich zum erstenmal ahnen, daß etwas mit Sams Sprach- erziehung nicht ganz in Ordnung war. In diesem Augenblick trat Mady Christians ein. Wir kannten uns von Berlin her und begrüßten uns herzlich auf deutsch. »Na, Ilse, wie gefällt es Ihnen? Ist das Ihre erste große Gesellschaft in Amerika?« Ich nickte.»Ich finde es überwältigend und sehr schön. Aber etwas stimmt hier nicht ganz. Ich spreche noch nicht gut englisch, und meine Freunde haben mir einen Satz bei- gebracht, den ich sagen soll, wenn ich hier Menschen ken- nenlerne, weil ich mich schäme, falsch zu sprechen.« »Ach, das macht nichts. Amerikaner verstehen das.« »Ja, aber sobald ich etwas sage, lachen sie alle herzlich, und dann sind sie furchtbar nett zu mir. Aber warum lachen sie?« »Ja, was sagen Sie denn?« »Guten Abend, mein lieber Son of a Bitch.« Sie machte eine schnelle Bewegung, als ob sie mir den Mund zuhalten wollte. Doch dann lachte sie geradeso herzlich und sagte:»Ihr Freund ist schlau. Das mag gerade die richtige 299 Art gewesen sein, alle Herzen zu gewinnen. Wissen Sie, was Sie sagen?« »Nein, eben nicht.« »Ungefähr dies: Guten Abend, mein lieber verdammter Schweinehund.« Für eine Weile war ich sehr verstört. Doch ich mußte ein- gestehen, daß Sams Idee mir einen vollen Erfolg meiner ersten Gesellschaft in Amerika eingebracht hatte, obwohl — oder vielleicht weil— diese Idee, gelinde gesagt, recht un- gewöhnlich war. Miltons unermüdliche Geduld, jedes falsche Wort zu kor- rigieren, machte sich bald bezahlt. Ich vermied auch den Fehler vieler, ein Wort, das sie nicht kannten, durch ein ein- facheres zu ersetzen. Ich schlug jedes mir unbekannte Wort im Lexikon nach. Auf diese Weise konnte ich mich sehr bald gut verständigen. Mein Englisch war korrekt, soweit es die Grammatik betraf, doch die Ausdrucksweise war dem Ohr des Durchschnittsamerikaners fremd und eigenartig. Meine Art zu sprechen ähnelte meinem Leben in Amerika: dem Lande angepaßt, und doch mit einem europäischen Beigeschmack. Ich war zufrieden mit dem Fortschritt in der Anpassung, und der Beigeschmack half mir oft, hinderte mich niemals. Für eine Weile ließ mein Englisch noch viel zu wünschen übrig, und noch heute verhaspele ich mich leicht, wenn ich schnell und aufgeregt spreche. Doch nach der Gesellschaft waren Sprachschwierigkeiten nicht mehr so wichtig. Ich begann zu leben und zu kämpfen wie jeder Amerikaner, und daher werde ich auch von hier an meine weiteren Sprachschnitzer verschweigen. Unter den Noten, die aus Deutschland mit mir herüber- gewandert waren, befanden sich das Textbuch und die Par- titur einer Operette. Ich hatte es einmal gekauft, da der Tenor, der einst die Rolle kreiert hatte, zu meinen guten 300 Freunden gehörte. Dies brachte mich auf die Idee, mir die Rechte der Übersetzung zu beschaffen und die Operette, mit Miltons Hilfe, ins Englische zu übersetzen. Diese Art Arbeit brachte gute Tantiemen ein. Ich erfuhr, daß die Rechte in den Händen eines der größten Musikverleger in Amerika lagen. Ich ging zu ihm und ließ mich anmelden. Natürlich konnte ich ihn nicht sprechen. Einer seiner vielen Assisten- ten empfing mich und versprach mir, dem Präsidenten der Firma gern zu übermitteln, was ich ihm sagen wollte. Ich erklärte, was mich zu ihm führte. Er hörte aufmerksam zu. »Und es war ein großer Erfolg in Deutschland?« fragte er. »Ja, für sehr lange Zeit.« »Und Sie sind sicher, daß wir die Rechte haben?« »Ja. Ich habe es nachgeschlagen.« Er erinnerte sich plötzlich.»Oh, natürlich. Wie schade. Sie kommen gerade vier Wochen zu spät. Während all dieser Jahre hat diese Operette in unseren Akten gelegen, und nie- mand wollte sie. Vor ungefähr zwei Monaten bat jemand um die Übersetzungsrechte. Soweit ich weiß, ist die Arbeit beinahe vollendet, und die Operette wird in New York auf- geführt werden.« »Ja, das ist schade«, sagte ich.»Vielleicht heben Sie meine Adresse auf, falls Sie eine andere Möglichkeit für mich sehen.« Ich war sehr erstaunt, eine Woche später einen Anruf von dem Herrn zu bekommen, mit dem ich verhandelt hatte. Könnte ich ihn vielleicht heute oder morgen besuchen? Ja, ich könnte. Er empfing mich mit ein wenig zu übertriebener Liebenswürdigkeit. »Ich freue mich außerordentlich, Sie wiederzusehen«, begann er.»Denken Sie nur, meine Liebe, was geschehen ist! Wir dachten, wir wären beinahe fertig mit allem, und nun haben wir den Intendanten, der daran interessiert ist, die Operette aufzuführen, und haben unseren Übersetzer verloren. Er hat ein Engagement außerhalb New Yorks angenommen. Wenn Sie mir das Textbuch der Operette hierlassen wollen und mir erläutern, in welcher Weise Sie das Werk bearbeiten wollen, dann könnten wir vielleicht doch noch zusammen- kommen.« Die Hellhörigkeit der alten Berlinerin genügte,»den Braten 301 zu riechen«.»Ich werde gern darüber verhandeln«, sagte ich, »aber nur mit dem Präsidenten selbst.« Er reagierte, als ob ich eine Verabredung mit dem Präsiden- ten der USA verlangt hätte.»Meine Liebe«, fragte er ge- wichtig und dabei ein wenig nervös,»wissen Sie, wie beschäftigt der Präsident ist?« »Ja«, sagte ich ruhig,»aber es muß ja ziemlich wichtig sein, wenn Sie mich anrufen. Es hat keinen Sinn, mich umstim- men zu wollen, ich werde nur mit dem Präsidenten ver- handeln.« »Ich will sehen, was ich tun kann«, sagte er eisig. Zwei Mi- nuten später fand ich mich in dem Privatbüro des großen Verlegers. Er war ein besonders liebenswürdiger, gütiger älterer Herr mit einem gut ausgeprägten Sinn für Humor. »Was kann ich für Sie tun?« fragte er. »Ja, das weiß ich nicht«, sagte ich ehrlich.»Ich dachte, Sie könnten es mir sagen. Ich habe Sie nicht angerufen. Sie taten es. Das heißt, Ihr Büro hat mich hergebeten. Ich würde auch selbst gern wissen, was schiefgegangen ist.« »Warum nehmen Sie an, daß etwas schiefgegangen ist?« fragte er amüsiert. »Well, Sir«, sagte ich,»ich bin erst seit einigen Monaten in Amerika. Aber eins habe ich bereits gelernt: Niemand wird hier gebraucht. Man muß die Notwendigkeit schaffen, ge- braucht zu werden.« Dann erklärte ich ihm, was geschehen war. Seine Mundwinkel zuckten ein paarmal verdächtig.»Ich gebe ehrlich zu, meine Liebe, daß etwas schiefgegangen ist. Sie sind ein kluger Kerl, darum wollen wir ganz offen reden. Einer meiner Angestellten wollte ganz besonders klug sein und Ihre Idee selbst benutzen, da er die deutsche Sprache beherrscht. Es stellte sich jedoch heraus, daß wir kein Text- buch in den Akten hatten, von dem er die Übersetzung machen konnte. Als er mir von der Idee berichtete, fand ich sie sehr gut und sagte ihm, ich wollte die Operette übersetzt sehen. Er hatte nun keinen anderen Ausweg, als Sie an- zurufen, da anscheinend nur Sie ein Textbuch besitzen.« Ich fühlte Ärger in mir aufsteigen.»Ich muß sagen, das ist ziemlich schmierig«, sagte ich.»Erst versucht er, mich zu betrügen, und als ihm dies nicht gelang, versuchte er noch 302 heute, mir das Textbuch herauszulocken. Er bat mich, es ihm zu borgen, damit er es Ihnen zeigen könnte. So eine Laus.« »Sie schimpfen schon ganz gut für jemanden, der nur einige Monate im Lande ist«, sagte er lachend. »Ja«, gab ich zurück,»das kommt daher, daß ich meine Worte dort lerne, wo um das tägliche Brot gekämpft wird.« Er sah mich interessiert an und fragte dann ernster:»Wol- len Sie die Übersetzungsrechte haben?« »Nein, danke, ich bin nicht mehr daran interessiert. Aber ich danke Ihnen. Sie waren sehr freundlich zu mir.« »Wenn Sie mich sprechen wollen, können Sie mich jeder- zeit anrufen«, sagte er liebenswürdig,»ich werde mich immer freuen, Sie zu sehen. Viel Glück, mein Kind. Sie verdienen es.« Ungefähr zwei Wochen nach diesem Vorfall spielte uns Sam eine Melodie vor, die er komponiert hatte. Sie war so schön, daß ich darauf bestand, daß wir Worte dafür finden. Sam lachte.»Du unterschätzt>Tin Pan Alley«, so nennen sie hier die Straße der Schlagerverleger. Das ist ein rauhes Ge- schäft.« »Jedes Geschäft ist heute rauh«, sagte ich.»Es kann nicht so rauh wie die Gestapo sein. Ich werde darüber nachdenken.« Am nächsten Morgen rief ich den netten Präsidenten des großen Verlagshauses an und erklärte ihm mein Problem. Er gab mir die Adresse eines jungen Lyrikers, den er für sehr talentiert hielt. Der junge Mann war von der Musik begei- stert. Ich gab ihm meine Idee für den Text, und er brachte ihn in Verse. Sie schmiegten sich der Musik gut an. Beide Männer versuchten, meine Hoffnung zu dämpfen. »Es werden Tausende von guten Schlagern geschrieben«, er- klärte Sam,»schreiben ist leicht, verkaufen ist sehr schwer.« Wir vereinbarten, alle eventuellen Verdienste des Schlagers zwischen uns dreien zu teilen. Wir hatten noch eine andere Hürde zu überspringen. Der Titel des Schlagers war der eines Buches, von dem man einen Film herausbringen wollte. Ich ging zur Filmgesellschaft, überredete den Mann, der dar- über zu entscheiden hatte, daß ein Schlager mit dem gleichen Namen dem Film nur helfen, nie schaden konnte, und er- hielt die schriftliche Erlaubnis, den Titel zu benutzen. 303 Ich bat den Präsidenten des Musikverlages um eine Unter- redung. »Na?« fragte er.»Wollen Sie doch die Übersetzung der Operette machen?«»Nein«, erwiderte ich,»aber ich habe einen sehr guten Schlager, und ich dachte, Sie würden viel- leicht daran interessiert sein, ihn zu kaufen. Ich wollte Ihnen die erste Gelegenheit dazu geben, weil Sie so nett zu mir waren.« Es gelang ihm, sein Erstaunen über meine Frechheit zu ver- bergen.»Lassen Sie ihn hier«, sagte er freundlich,»ich werde ihn durchsehen.« »Könnten Sie das nicht bitte jetzt tun?« Er lachte.»Sorgen Sie sich nicht, mein Kind. Ich werde Ihnen nichts stehlen.« »Ich würde das auch nicht annehmen, Sir«, sagte ich ernst, »niemals— nicht von Ihnen. Aber finden Sie nicht auch, daß es nach meinen Erfahrungen mit Ihren Angestellten recht unvorsichtig wäre, ihnen zu trauen? Ich habe diesen Schla- ger selbstverständlich gesetzlich geschützt, bevor ich hier- herkam. Ich wollte nicht, daß er versehentlich hier verloren- geht, nur weil ich Eile habe, damit Geld zu verdienen.« Nun lehnte er sich zurück und lachte herzlich.» Wissen Sie, wie viele Schlager geschrieben werden, die nie verkauft wer- den? Sie können nicht heute einen Schlager schreiben und ihn morgen verkaufen!« »Ich kann es wenigstens versuchen!« »Wollen Sie eine Stellung als Verkäufer bei mir annehmen?« »Nein, vielen Dank«, gab ich zurück.»Vor ein paar Monaten hätte ich mit Dank akzeptiert, aber jetzt bleibe ich lieber selbständig.« Dieser Satz gefiel ihm offensichtlich.»Mir geht es genauso«, sagte er.»Ich wollte immer selbständig sein. Kommen Sie morgen um drei Uhr nachmittags zu mir, mein Kind. Ich lasse Sie wissen, was ich von Ihrem Schlager halte.« Ich erkundigte mich bei Sam sehr genau nach den Bedin- gungen, unter denen gewöhnlich ein Schlager verkauft wird. Am folgenden Nachmittag war ich wieder beim Präsidenten der Firma, ohne die geringste Ahnung davon zu haben, wie schwierig und beinahe gefährlich es für einen Außenseiter 304 war, in das Schlagerfeld eindringen zu wollen. Mit einem breiten Lächeln hob er von seinem Schreibtisch einen Kon- trakt auf.»Ich habe mir Ihren Schlager vorspielen lassen«, sagte er.»Er ist besonders hübsch. Aber ich fürchte, Sie wer- den des Titels wegen Schwierigkeiten haben.«—»O nein, Sir«, sagte ich.»Hier ist die Erlaubnis der Filmgesellschaft, die die Rechte hat.« Er war verblüfft.»Sie haben sich die Genehmigung besorgt?« »Ja, natürlich. Ich konnte es doch gar nicht anders riskieren. Ich will sowenig Schwierigkeiten wie möglich haben. Ich bin—« »In Eile, ich weiß«, unterbrach er mich.»Wir können den Kontrakt unterzeichnen— natürlich, wenn Ihnen die Be- dingungen recht sind«, fügte er mit leisem Lächeln hinzu. »Sie wollen den Schlager kaufen?« »Haben Sie daran gezweifelt?« gab er meine Frage zurück. »Ja«, sagte ich ernsthaft,»ja, natürlich. Es hätte doch sein können, daß er Ihnen nicht gefiel.« Er sah mich amüsiert an.»Ich glaube kaum, daß Sie mir diese Möglichkeit gestattet hätten. Aber ernsthaft gespro- chen, es ist ein sehr hübsches Lied, und wir werden es ver- legen.« Ich sah den Kontrakt langsam durch und überprüfte alle Punkte, besonders die Tantieme. Er bot mir ein halbes Pro- zent mehr an, als Sam erwartet und mir als übliche Tantieme genannt hatte. »Das ist fein«, sagte ich.»Sie waren großzügig. Sie geben mir auch für Platten ein halbes Prozent mehr, als ich er- wartete.« »Haben Sie denn schon einmal einen Schlager verkauft?« »Nein, natürlich nicht. Aber ich mußte doch über die Be- dingungen informiert sein!« Ich gab ihm einen weiteren Grund zum Kopfschütteln, als ich ihm die Vollmacht reichte, die mir das Recht gab, Kon- trakte zu unterzeichnen und Gelder entgegenzunehmen. Dann unterschrieben wir beide, ich dankte ihm und ging heim. Sam konnte seinen Augen nicht trauen, als ich ihm den Kontrakt zeigte. Er hatte nicht eine Sekunde daran ge- glaubt, daß ich den Schlager verkaufen würde, und 305 versuchte wiederum, meinen Enthusiasmus zu dämpfen.»Du weißt hoffentlich, daß der Kontrakt noch gar nichts bedeutet. Wenn sein Propagandamann nicht herumgeht und den Schla- ger fördert, entlangschubst, dann spielt ihn keiner. Und wenn er nicht gespielt wird, dann wird kein gutes"Ianz- orchester ihn auf Platten aufnehmen, und wenn er nicht auf Platten herauskommt, dann werden keine Noten von ihm gedruckt, weil die Leute nur Sachen kaufen, die sie auf Plat- ten hören. Keine Platten, keine Noten— keine Tantieme.« »Aha. Wann wird ein Schlager geschubst?« »Meistens wenn der Schubser vorher geschmiert wird. Diese Leute verdienen Geld haufenweise. Und dagegen kannst nicht einmal du etwas tun!« »Schöne Industrie habt ihr da«, sagte ich kopfschüttelnd. »Also von mir kriegt keiner Bestechungsgelder. Aber du hättest mir von der Schubserei erzählen sollen!« Fünf Tage später rief ich meinen Präsidenten an.»Wird der Schlager geschubst?« fragte ich.—»Wie bitte?«—»Ge- fördert!« »Noch nicht«, sagte er und lachte, doch ich hörte einen Unterton von Ärger in seiner Stimme.»Das geht nicht so schnell, mein Kind.« »Kann ich Sie eine Minute sehen?« »Ja, natürlich. Morgen früh.« Am nächsten Morgen nahm er mich hinüber zu seinem Pro- pagandachef.»Dies ist Ilse Davis«, stellte er vor.»Wir haben einen Kontrakt für den Schlager, den ich Ihnen gestern ge- geben habe. Sehen Sie zu, was Sie tun können.« Dann ver- abschiedete er sich von mir. Er hatte kaum das Büro verlassen, als der Mann mit den wüstesten Worten über mich herfiel. »Sie versuchen wohl, sehr klug zu sein, was?« schnappte er mich an.»Da können Sie aber zweimal aufstehen! Gehen zu dem Ollen und verkaufen ihm was hinter meinem Rük- ken! Dachten wohl, Sie könnten ohne mich auskommen, was? Haben Sie sich aber geirrt, Sie Klugsch... Sie können warten, bis Sie blau im Gesicht werden...« »Sie werden den Schlager nicht fördern?«—»Nein.« »Na ja«, sagte ich gleichmütig,»das soll mir auch recht sein.« 306 Bevor ich die Tür schloß, drehte ich mich nochmals um. »Wollen mal sehen, wer zuerst blau im Gesicht wird!« »Da ist nur eines zu tun«, sagte ich zu Sam und Milton,»ich muß allein schubsen.« »Das kannst du nicht tun«, protestierte Milton.» Unmöglich! Das ist keine Arbeit für eine Frau.« »Oh, ich habe in meinem Leben schon Arbeit geleistet, die sich viel weniger für eine Frau schickt«, sagte ich.»Was soll ich denn tun? Blau im Gesicht werden, wie er behauptet hat? Ö nein.« Ich zog mich am Abend besonders gut an und fuhr zum Broadway in ein großes Hotel, setzte mich an einen kleinen Tisch und bestellte einen Daiquiri. In der Pause sandte ich ein paar freundliche Zeilen an den Leiter des Orchesters, der einen hervorragenden Namen hatte, und bat ihn an mei- nen Tisch. »Ich wollte Sie um etwas bitten«, begann ich.»Ich verkaufte einen Schlager direkt an den Verleger, und jetzt will der Propagandamann ihn nicht— fördern, weil ich nicht— na ja, Sie wissen schon. Ich kannte das Geschäft nicht. Ich bin erst ein paar Monate in Amerika, und ich könnte das ver- diente Geld gut gebrauchen. Ich würde nichts sagen, wenn der Schlager nicht gut wäre. Aber der Verleger hat mir so- fort einen Kontrakt gegeben. Würden Sie mir den großen Gefallen erweisen, ihn zu spielen?« Er nahm die Kopie.»Wenn er gut ist, spiele ich ihn«, sagte er sachlich.»Geben Sie mir Ihre Telefonnummer. Ich rufe Sie an und sage Ihnen Bescheid.« Die kommende Woche sah einen großen Wechsel in meinem Tagesplan. Ich schlief länger, und Milton half mir aus, in- dem er früh Manfred zur Schule abholte. Nach dem Lunch ging ich fort und besuchte Orchesterleiter, kam dann nach Haus, um das Dinner vorzubereiten und es mit meiner klei- nen Familie zu essen. Am Abend sah ich mehr Orchester- leiter und kam nicht vor vier Uhr morgens nach Haus, da ich einige von ihnen am besten zwischen drei und vier Uhr sehen konnte. Ich gewöhnte mich daran, mit ihnen um diese Zeit Kaffee in einem kleinen Kaffeehaus zu trinken, als ob es Nachmittagstee wäre. Am Ende dieser anstrengenden 307 Woche dachte ich, daß es an der Zeit war, meinen Präsiden- ten zu sehen. Acht Orchester hatten den Schlager wiederholt gespielt. Drei hatten versprochen, Platten davon zu machen. Er empfing mich sofort.»Ich kann Ihnen noch nichts Neues berichten«, sagte er etwas verlegen.» Aber in nicht zu langer Zeit werden wir Ihren Schlager fördern.« »Ich warte niemals auf jemanden, wenn ich es eilig habe. Ich tue dann lieber die Arbeit selbst. Hier ist ein Brief von Harry James, daß er eine Platte von dem Schlager macht. Alvino Ray macht ein Spezialarrangement, und die King Sisters werden den Schlager auf einer Platte singen. Acht Orchester spielen ihn, wie Sie sicher schon gehört haben.« Er starrte mich mit offenem Mund an.»Wie haben Sie denn das geschafft?« »Wie man es mit jedem guten Schlager schaffen sollte, ohne Schmiergelder zu bezahlen. Da Ihr— Propagandamann sich mit nicht sehr höflichen Worten weigerte, den Schlager zu fördern, mußte ich es selbst tun. Hier sind die schriftlichen Zusagen.« Ich reichte ihm die Briefe.»Bitte, sehen Sie zu, daß der Schlager jetzt nach all der Vorarbeit nicht liegen- bleibt.© ja, wann kann man die Noten in den Geschäften kaufen? Der Film kommt bald heraus, und die Leute, die die Noten in den Fenstern sehen, werden sie kaufen.« Jetzt wurde er ärgerlich. Ich wußte nicht, daß er eine sehr unangenehme Unterredung mit seinem»Propagandamann« vor sich hatte.»Sie scheinen ja geschäftlich besonders versiert zu sein, mein liebes Kind«, sagte er.»Dann müssen Sie auch wissen, daß nicht alles so schnell getan werden kann, wie Sie es wünschen. Ich werde auf keinen Fall Noten drucken lassen, bevor ich nicht weiß, daß Bedarf dafür vorhanden ist.« »Und wie können Sie Bedarf dafür schaffen?« fragte ich. »Wenn die Geschäfte den Schlager verkaufen können, dann werden sie ihn bestellen«, war die ärgerliche Antwort. »„Dann muß man den Geschäftsleuten klarmachen, daß sie den Schlager bestellen müssen, weil er ein großer Erfolg werden wird«, sagte ich eifrig. Jetzt wurde er richtig wütend. Schließlich war er 40 Jahre in diesem Geschäft— ich drei Wochen.»Sie können mir nicht vorschreiben, was ich tun soll, mein Kind«, sagte er.»Bei 308 allem Respekt vor Ihrer Tüchtigkeit— ich nehme keine Be- fehle von Ihnen entgegen. Aber ich mache Ihnen einen anderen Vorschlag. Ihr Kontrakt verspricht Ihnen fünf Cent von jedem Notenstück, das verkauft wird. Wenn Sie glau- ben, daß es so leicht ist, Noten zu verkaufen, warum ver- suchen Sie es nicht selbst? Ich werde Ihnen mal zeigen, daß dieses Geschäft kein Kinderspiel ist. Ich gebe Ihnen fünfzehn Cent für jedes Notenstück, das Sie verkaufen können, und ich werde die Druckkosten bezahlen, denn ich selbst be- komme nur fünfzehn Cent für jedes Stück.« »Sie versprechen mir, außer den Tantiemen, fünfzehn Cent für jede Kopie, die ich von diesem Schlager verkaufe?« »Das ist korrekt«, donnerte er.»Und viel Glück! Ich hoffe, Sie werden nicht zu schnell müde!« Als Milton von einem Besuch bei einem Intendanten zurück- kehrte, fand er mich über Telefonbücher gebückt.» Was tust du denn da?« fragte er verwundert. »Ich mache Listen von Musikgeschäften in jedem Stadt- bezirk. Kannst du dir für ein paar Tage einen Wagen borgen?« Er dachte einen Moment nach.»Ich denke schon. Wofür?« »Er hat recht gehabt«, sagte ich,»er hat mir ungewollt einen guten Rat gegeben. Ich würde mich schnell müde laufen. So können wir alles in drei bis vier Tagen abklap- pern.« Dann erklärte ich Milton die ganze Angelegenheit. »Ich habe mir für zehn Cent ein Bestellbuch gekauft«, sagte ich.»Ich werde mir alle Bestellungen unterzeichnen lassen. Dem werd’ ich’s schon zeigen!« Nach vier Tagen kehrte ich zu meinem Präsidenten zurück. Da wir in nicht zu guter Stimmung geschieden waren, empfing er mich sofort.»Na«, fragte er mit einem leicht ironischen Lächeln,»wie geht das Musikgeschäft?« »Danke, gut«, lächelte ich.»Sind Sie darauf vorbereitet, zu liefern?« »Nein«, sagte er.»Wohin soll ich liefern? Haben Sie eine Bestellung?« Ich reichte ihm das Päckchen mit den Kopien aus dem Be- stellbuch.»Hier sind Bestellungen für neunhundertzweiund- vierzig Kopien, das sollte wohl den ersten Druck ausmachen.« Er starrte mich an, starr vor Staunen. 309 »Neunhundert—«, stammelte er.»Wie können Sie wissen, daß man die Bestellungen abnehmen und bezahlen wird?« „Sie wissen doch, daß ich keine Schwierigkeiten liebe. Bitte sehen Sie die Bestellungen durch. Sie sind alle von den Ge- schäftsinhabern unterschrieben worden.« Nachdem ich die fünf Bezirke von New York abgeklappert hatte, benachrichtigte ich den Präsidenten, daß er größere Mengen drucken müsse, da ich jetzt zu den Großhändlern gehen würde. »Tun Sie mir einen Gefallen«, bat er,»bitte verkaufen Sie nicht mehr! Ich verliere wirklich zu viel Geld. Ich habe meine Lehre bekommen!« »Sehen Sie!« fügte ich hinzu.»Sie haben Verkaufstüchtig- keit sehr unterschätzt, weil Sie sich zuviel von Ihren wider- lichen Leuten hier hineinreden lassen! Es tut mir beinahe leid, das Geld zu nehmen, aber ich habe Sie nicht darum gebeten!« »Das stimmt«, sagte er.»Wenn Sie einen Augenblick warten, gebe ich Ihnen Ihren wohlverdienten Scheck.« Ich hatte weit über viertausend Notenkopien verkauft. Mit diesem Scheck und den kommenden Tantiemen konnte ich mich in Ruhe nach neuen Betätigungsfeldern umsehen. Am Ende hatte ich— als meinen Anteil— elfhundert Dollar an der Idee verdient, einen Schlager zu schreiben und zu ver- kaufen. Einige Tage nach der Beendigung unseres Abenteuers in der Welt der Schlagermusik teilte Milton mir mit, daß er ein vorübergehendes Engagement in einer großen Provinzstadt angenommen hätte und in zwei Tagen New York verlassen müsse, Er und Sam kamen noch immer jeden"Tag zum Abendbrot, doch auch dies mußte nun unterbrochen wer- den, da Sam mit einem großen Orchester auf eine aus- gedehnte Tournee ging. Als Milton mir von seinem Enga- 310 gement erzählte, erfaßte mich eine plötzliche Panik. Beide Freunde waren besorgt, weil ich beim Abendbrot sehr still war.»Es ist wirklich nichts passiert«, sagte ich.»Ich bin nur sehr müde.« »Ein paar Wochen Ruhe werden dir sehr gut tun«, sagte Milton.»Du hast viel zuviel gearbeitet. Sowie ich zurück- komme, werde ich zu den hiesigen Verlegern gehen. Ich bin überzeugt, wir können eine ganze Menge Übersetzungs- arbeiten bekommen.« „Ich will mich aber nicht ausruhen«, protestierte ich, und meine Stimme klang viel schärfer, als ich es beabsichtigt hatte.»Ich muß arbeiten. Ich kann nicht hier umhersitzen und auf deine Rückkehr warten. Ich bin nicht gern ab- hängig.« »Du bist ganz bestimmt niemals abhängig«, erwiderte Mil- ton in seiner ruhigen Art.»Ich arbeite nur sehr gern mit dir zusammen. Aber ich weiß, daß du es genausogut allein schaffst.« Bevor er zum Bahnhof ging, kam Milton vorbei, um»Auf Wiedersehn« zu sagen. Wir standen in der Eingangstür, und ich wollte sagen: Geh nicht fort, ich werde einsam ohne dich sein. Obwohl ein paar Jahre jünger als ich, war sein Be- nehmen immer das eines älteren Bruders, der sich um seine jüngere Schwester sorgte. Nur ein einziges Mal war er von diesem Benehmen abgewichen; an dem Abend, als er in der Haustür den Satz beendete, den er lange vorher im Wagen begonnen hatte:»Solche großen braunen Augen.« Nun, zum erstenmal, seitdem ich ihn vor zwei Monaten kennenlernte, verließ er mich länger als für einen Tag, und mein Emp- finden über diese Trennung war sehr verschieden von dem, was ich fühlte, wenn Sam auf Tournee ging. Diese plötzliche Erkenntnis erschreckte mich tief. Milton hielt lange meine Hand.»Du wirst mir fehlen«, sagte er leise. Ich nickte schweigend. »Bitte, arbeite nicht zu hart«, bat er. »Ich werde versuchen, mich auszuruhen. Ich werde an dem Chopin-Manuskript arbeiten. Bitte, sei vorsichtig, ja?« »Ja, ich werde an dich denken«, sagte er. 311 Er sah mich schweigend an, dann ließ er plötzlich meine Hand los und ging schnell fort. Ich stand noch lange still, nachdem ich die Tür geschlossen hatte, und wußte, daß ich weinte. Ich war nun immer am Abend zu Haus, dachte nach oder schrieb und versuchte, englische Bücher zu lesen, was mir noch immer große Schwierigkeiten bereitete. Ich hatte mich so daran gewöhnt, meine Abende mit Milton, Sam und seinen Freunden zu verbringen, daß ich nicht einmal das Bedürfnis empfand, allein in ein Kino zu gehen. Ich ver- brachte meine ganze freie Zeit mit Manfred, und wenn er schlief, war ich allein. Seit meiner Ankunft in Amerika schien mein Leben eine Reihe von Episoden zu sein. Menschen traten in mein Leben, aber nur für eine kurze Zeit, um dann wieder zu entschwinden. Nichts schien von Dauer; sowie ich an etwas bauen wollte, schlüpfte es aus meinen Händen. Meist fühlte ich mich»auf Besuch«. Nachdem ich nun ein paar Wochen allein gelebt hatte, schien auch mein Verhältnis zu Sam und Milton eine Episode, die beendet war. Wieder versuchte ich an einem Abend, mich auf die Lektüre eines neuen englischen Romans zu konzentrieren, als das Telefon läutete. »Hallo«, sagte ich. »Hallo!« Einen Augenblick setzte mein Herz aus, und dann begann es sehr schnell zu schlagen. Die Episode war doch nicht beendet. Man konnte niemals Miltons sonore, tiefe, klangvolle Stimme mit irgendeiner anderen verwechseln. »Hallo«, wiederholte er.»Bist du noch da?« »Ja«, sagte ich.»Ich bin immer hier.« »Das war ein schöner Satz. Darf ich herüberkommen?« »Natürlich. Ich muß eine Minute zurück in die Küche. Ich lasse die Tür offen.« Ich wollte ihm nicht eingestehen, daß es mir unmöglich war, die Tür zu öffnen und ihn an der- selben Stelle wiederzusehen, an der er mich verlassen hatte. Ich ging ins Schlafzimmer und machte mich ein wenig zu- recht. Ich hörte seine Schritte im Wohnzimmer, doch ich blieb noch einen Augenblick länger, um das Gefühl der Geborgenheit zu genießen, das mich langsam einhüllte. Mil- ton war im Nebenzimmer, und alles war gut. Er stand in 312 der Mitte des Raumes und sah mich forschend an. Dann, als ob er sich davon überzeugt hätte, daß ich noch immer dieselbe war, lächelte er leise, aber er rührte sich nicht. Ich trat zu ihm.»Willkommen«, sagte ich. Er machte einen vergeblichen Versuch zu sprechen. Dann hob er langsam seine Arme und schloß sie um mich mit einer unbeschreiblich zarten, sanften Bewegung. Mein Kopf ruhte an seiner Schulter, und dann fühlte ich seine Lippen auf den meinen. Ich war von vielen Männern umarmt worden; vorsichtig, liebevoll, fordernd, leidenschaftlich. Nie hatte ich erlebt, was ich jetzt empfand. Es war kaum die Umarmung eines Man- nes; es war, als ob die Güte selbst mich in eine weiche Wolke einhüllte. Seine Lippen waren nicht fordernd, son- dern gebend; sanft, wie feine Seide. In einem Gefühl tiefer Depression hatte ich einst in Deutschland in mein Tagebuch geschrieben:»Ich bin müde und allem überdrüssig, selbst der Liebe und Leidenschaft. Ich sehne mich nach einem Seidenkissen für meine Seele.« In diesem Augenblick hatte ich es gefunden. Ich ließ mich darauf niedersinken und war geborgen. Die Welt war schön und mit Liebe erfüllt. Ich fühlte keine Melodie, ich fühlte Milton. Ich war zu Haus. »Man hatte mir einen Vertrag für ein anderes Stück an- geboten«, sagte er nach einer langen Zeit.»Ich konnte ihn nicht akzeptieren. Sag, daß ich dir gefehlt habe.« »Du hast mir sehr gefehlt. Zu sehr. Ich war sehr einsam.« »Du wirst nie mehr einsam sein. Von jetzt an bleibe ich bei dir. Ich habe dich sehr lieb—«, er hielt inne, als er den be- sorgten Ausdruck in meinem Gesicht sah. »Was ist es, Ilschen? Hätte ich das nicht sagen sollen?« »Nein«, sagte ich langsam,»du darfst das nicht sagen.« »Weil du verheiratet bist?« Ich schüttelte den Kopf.»Mein Verheiratetsein ist nur noch eine Form. Aus zwei anderen Gründen. Weißt du, daß du mehrere Jahre jünger bist als ich?« Nun lachte er.»Darüber sorgst du dich? Glaube mir, du wirst niemals alt. Du gehörst zu den Frauen, die mit achtzig vielleicht ein wenig verrunzelt, aber immer wie kleine Mädchen aussehen. Du bist überhaupt eine merkwürdige 313 Mischung, weißt du das? Manchmal siehst du aus wie ein weiser, alter Professor; und einen Augenblick später hast du den Ausdruck von einem Gamin.« »Was ist»Gamin«?« »Oh, das ist schwer zu erklären«, sagte er.»Das Lexikon wird wahrscheinlich sagen kleines Straßenmädel«, aber für mich ist’s ein kleines Mädel mit Zöpfen und dem Schalk im Nacken. Ich glaube bestimmt, du hast mit vierzehn Jahren Zöpfe getragen.« »Sogar sehr lange.« »Ich wünschte, ich hätte dich schon damals gekannt. Ich habe soviel Zeit verloren, die ich mit dir zusammen hätte ver- leben können!« »Damals hättest du mich gar nicht zu schätzen gewußt«, sagte ich so ernst wie möglich.»Als ich vierzehn war, hast du noch kurze Hosen getragen und Verstecken gespielt.« »Übertreibe nicht«, gab er zurück,»und glaube mir, die paar Jahre werden niemals ins Gewicht fallen. Für mich bleibst du immer ein Gamin. Wie nennt man es auf deutsch?« »Eine Jöre«, sagte ich lachend. „Was? Kann ich gar nicht aussprechen. Buchstabiere.« »J-ö-r-e. In Berlin sagen sie»eine Berliner Jöre«. Kleine Mädels mit langen Zöpfen, die immer mutwillige Dinge tun.« »Stimmt«, nickte er befriedigt.»Stimmt ganz genau. Ber- liner Jöre. Ja, das bist du. Und das bleibst du auch, solange du lebst. Und nun, da wir das erste Hindernis aus dem Wege geräumt haben, was ist das zweite?« »Ich möchte lieber nicht darüber sprechen«, sagte ich zögernd. »Aber wir müssen darüber sprechen«, sagte er eindringlich, »ich muß alles über dich wissen. Ich weiß, ich kann dieses Bedenken genauso zerstreuen wie das erste.« »Ich wünschte, du könntest es«, sagte ich langsam,»aber das ist leider unmöglich. Milton, du darfst mich nicht zu lieb- gewinnen, bestimmt nicht, du wirst darunter nur leiden.« »Warum denn?« »Weil ich wahrscheinlich in einem Jahr sterben werde.« Der Ausdruck seines Gesichtes verriet die Wirkung meiner Worte.»Was für ein Unsinn ist das nun wieder?« »Es ist leider kein Unsinn«, sagte ich.»Man hat mir vor ein 314 paar Jahren gesagt, daß ich sehr krank werden würde und daß ich alle Aussicht hätte, an dieser Krankheit im Jahre neunzehnhunderteinundvierzig zu sterben.« »Und wer hat eine derartig idiotische Prophezeiung ge- macht?« »Eine Handleserin.« Einen Augenblick sah er bestürzt aus, dann lachte er er- leichtert.»Eine Handleserin! Also wirklich, Ilschen, du bist doch noch jünger, als ich dachte! Du glaubst doch nicht ernsthaft an solche Dummheiten!« »Ich halte es eben nicht für Dummheiten! Sie war ein sehr interessanter Mensch. Ich kannte einige Wissenschaftler, die sehr viel von ihr hielten«, fügte ich verteidigend hinzu. »Also gut«, sagte er und versuchte geduldig zu sein,»er- zähle mir die Geschichte. Aber ich sage dir gleich, ich glaube kein einziges Wort.« »Sie hat viele Ereignisse vorausgesagt, die völlig unsinnig klangen und dann doch geschehen sind; daß Paul und ich uns trennen und ich mit Manfred allein einen Ozean über- queren würde. Ich hätte das damals nie für möglich gehalten. Sie hat auch gesagt, ich würde noch viele Schwierigkeiten zu überstehen haben; doch ein Mensch würde mich mit so viel Liebe umgeben, daß alles andere unwichtig erscheinen wird. Ich möchte das sehr gern glauben. Doch wenn ich es tue, dann muß ich auch ihren Worten über die Krankheit Glauben schenken.« Er versuchte eine plötzliche Furcht abzuschütteln.»Lächer- lich. Es war nicht schwer, Auswanderung vorauszusagen.« »Du kannst es auslegen, wie du willst«, sagte ich ruhig. »Aber ich dachte, du solltest es wissen. Sie hat auch gesagt, es wäre möglich, daß ich die Krankheit überlebe; ich würde eine Entscheidung zu treffen haben und von dieser würde alles abhängen.« »Na ja, sie hat sich einen Weg offengelassen. Das ist typisch! Das enthebt sie jeglicher Verantwortung.« »Bitte, sei nicht ärgerlich«, bat ich.»Ich spreche niemals darüber. Aber wenn du sagst, du hast mich lieb, habe ich die Verpflichtung, es dir zu sagen. Ich hab’s dir gesagt— das ist alles. Und nun laß mich bitte darauf vergessen.« 315 »Gut«, bestätigte er.»Das ist das einzig Richtige.« Er nahm mich wieder in seine Arme. Er fühlte meinen Blick auf seinem Gesicht ruhen und sah mich an.»Du mußt deine Augen schließen, wenn du geküßt wirst«, belehrte er mich lächelnd. »Muß ich? Dann vermisse ich so viel. Du hast so schöne lange Augenwimpern. Ich hab’s nie vorher bemerkt, aber jetzt hattest du deine Augen geschlossen, und sie waren so nahe.« »Berliner Jöre«, lachte er.»Mach die Augen zu.« Am nächsten Abend arbeiteten wir an der Übersetzung einer Novelle, die ich während seiner Abwesenheit geschrieben hatte. Er legte plötzlich seinen Bleistift hin und sah mich an. »Ich kann so nicht weiter«, sagte er.»Wir müssen uns über sie aussprechen.« Sein Ton klang ernsthafter als sonst. »Über wen?« »Die Zukunft. Ich muß Klarheit zwischen uns haben.« »Gut«, sagte ich.»Schieß los.« »Ich liebe dich. Sehr. Und unwiderruflich. Ich liebe nur ein- mal in meinem Leben.« »Jeder Mann behauptet das«, sagte ich.»Du wirst deine Meinung noch ein paarmal ändern.« »Bitte scherze nicht«, sagte er in seiner seriösen und kon- servativen Art, die mich in späteren Jahren immer den Altersunterschied zwischen uns vergessen ließ.»Du wirst sehen, wie ernst ich es meine. Du bist die einzige Frau, die ich in meinem Leben lieben werde. Ich kann dich nicht in eine unmögliche Situation bringen. Du bist verheiratet, und ich habe kein Recht, dich zu bitten, deine Ehe zu lösen.« Ich unterbrach ihn.»Milton, ich habe noch nicht einen Augenblick darüber nachgedacht. Ich nehme an, ich bin eben eine leichtfertige Frau!« »Ich bitte dich, sei ernsthaft. Bitte!« »Ich wollte eigentlich jetzt nicht darüber sprechen, aber wenn es dich so berührt, wollen wir es tun. Meine erste Überlegung galt dem, was ich dir gestern abend erzählt habe. In all meinen Entscheidungen und Plänen habe ich mit der Möglichkeit gerechnet, daß ich nur noch ein Jahr zu leben habe. Daher wollte ich dieses Jahr ohne einschnei- 316 dende Änderungen vorübergehen lassen. Aber da die Situa- tion dich so bedrückt, will ich dir die Klarheit geben, die du willst. Ungeachtet unserer Beziehungen kann ich dir sagen, daß ich nie mehr mit Paul zusammenleben werde. Diese Entscheidung habe ich getroffen, bevor ich dich ken- nenlernte. Sie hat nichts mit dir zu tun.« »Ich bin froh darüber«, sagte er.»Ich möchte nicht die Ur- sache eines inneren Konfliktes für dich sein.« »Ich habe keinen inneren Konflikt. Ich war entschlossen, mich von Paul scheiden zu lassen. Ich weiß nicht, was ich im Augenblick dazu tun kann, aber ich verspreche dir, daß ich mich mit einem Anwalt deswegen beraten werde. Ich kenne einen sehr netten, der mich gut beraten wird.« Ich lächelte. »Worüber lächelst du?«—»Er heißt Milton.« »Jöre«, lachte er,»du findest Humor in jeder Situation.« »Das muß ich doch«, sagte ich.» Wenn ich nicht meinen Sinn für Humor hätte, wäre ich längst tot.« »Ich danke Gott für deinen Sinn für Humor«, sagte er ernst. Wir sahen uns jetzt selten während des Tages. Milton ver- suchte, beruflich in New York festen Fuß zu fassen, um keine Provinzengagements annehmen zu müssen. Er teilte die Hotelsuite mit Sam und ging schon früh am Morgen fort. Doch er war beim Abendbrot mit Manfred und mir zu- sammen und diskutierte mit Manfred Probleme, über die sich ein Junge lieber mit einem Mann als mit einer Frau unterhält. Und wenn Manfred schlief, dann saßen wir im Wohnzimmer und arbeiteten. Wir liebten diese stillen, fried- vollen Stunden. »Ich habe heute den Anwalt gesprochen«, sagte ich eines Abends leichthin.»Er hat mir die Rechtslage erklärt. Sie ist ziemlich verzwickt. Ich kann hier in Amerika eine Scheidung von Paul bekommen, und da ich nicht annehme, daß er meinem Vorschlag widersprechen wird, ist die Sache ziem- lich einfach.« »Das klingt doch wunderbar«, sagte Milton erleichtert.»War- um sagst du dann, die Situation ist verzwickt?« »Wenn ich von hier aus Paul eine Scheidung nach England schicke, dann kann er später große Schwierigkeiten mit 317 seinem Visum haben. Die Regierung und das Gesetz hier be- schützen alle Rechte eines Bürgers. Aus diesem Grunde ver- wehren sie meist einer geschiedenen Partei, in diesem Fall Paul, den Eintritt nach Amerika.« Miltons Gesicht zeigte eine geduldige Resignation.»Daher willst du ihm keine Scheidungspapiere nach England senden. Ich kann das natürlich verstehen.« »Ich kann meinem Mann nicht das Herkommen versperren und seine ganze Zukunft verderben, nur weil ich selbst glücklich sein will. Es wäre furchtbar egoistisch. Wir müs- sen eben warten. Der Krieg muß doch eines Tages zu Ende sein. Ich habe heute an Paul geschrieben und ihm gesagt, daß ich die Scheidung wünsche, weil ich auf keinen Fall mehr mit ihm zusammenleben werde. Da ich ihm nicht den Ein- tritt nach Amerika versperren will, verlange ich, daß wir beide von heute an unsere Ehe als gelöst betrachten und uns gegenseitige Freiheit geben; und daß wir uns rechtsgültig scheiden lassen, sowie er eingewandert ist.« Milton kritzelte schweigend auf dem Papier vor ihm. Dann sah er mich an, zwang ein Lächeln auf sein Gesicht und sagte:»Du bist doch ein hoffnungslos anständiger>square«. Und bitte mich nicht um eine Definition des Wortes. Es hat mit»gerade« zu tun.« »Das soll mir recht sein, solange du»squares< liebst.« »Ja, immer«, sagte er so ernsthaft und beinahe feierlich wie Jahre später vor dem Standesbeamten. »„Dann laß uns weiterarbeiten«, lachte ich.»Wo hatten wir—« Ich hielt inne. Eine schwarze Wolke schien sich plötz- lich über mich zu legen. Ich wollte sie abschütteln, doch dann überfiel mich völlige Dunkelheit. Als ich zu mir kam, lag ich auf der Erde, meinen Kopf in Miltons Schoß gebettet. Ich versuchte, zu ihm aufzusehen, aber das Zimmer drehte sich wild im Kreise. »Lieg ganz still«, sagte er.»Es wird vorübergehen. Du bist ganz plötzlich in Ohnmacht gefallen. Ich konnte dich gerade noch auffangen.« »Ich weiß gar nicht, wie das passiert ist«, sagte ich schwach. »Alles wurde plötzlich ganz schwarz.« »Morgen gehen wir bestimmt zum Arzt«, sagte er. 318 MT OR! I: N x as Mn »Ich kenne keinen Arzt, außer Manfreds Doktor. Und der wäre kaum der Richtige für mich—« Doch mein Versuch, die Situation zu belächeln, schlug fehl. »Du mußt sofort ins Bett«, befahl Milton.»Ich werde hier auf der Couch im Wohnzimmer schlafen. Du könntest mich brauchen.« Ich versuchte einen leisen Protest, doch er blieb standhaft. »Ich habe dir doch gesagt, daß ich dich nie allein lassen werde«, sagte er mit freundlicher Bestimmtheit.»Du könn- test in der Nacht Hilfe brauchen.« » Aber mir ist wirklich besser. Ich habe nur Kopfschmerzen.« Nachdem ich das Licht meiner Nachttischlampe ausgedreht hatte und der Raum im Dunkel lag, hatte ich trotz der Schmerzen wieder das Gefühl vollkommenen Geborgenseins. Ich würde nie mehr allein sein. Ich brauchte nur leise»Mil- ton« zu rufen und er würde an meiner Seite sein. Und wenn es des Schicksals Wille war, daß ich im kommenden Jahr diese Welt verlassen sollte, so würde Milton da sein, um mir auch diesen Schritt leicht zu machen. Ein Freund empfahl uns einen Gehirnspezialisten, und wir riefen ihn am nächsten Morgen an. Er kam sofort herüber und untersuchte mich. »Ich brauche Röntgenplatten«, sagte er ernst,»ohne sie ist eine korrekte Diagnose unmöglich.« »Ich kann mir keine teuren Röntgenaufnahmen leisten.« »Sie sind teuer«, bestätigte er.»Aber wir brauchen sie dringend.« Ich zögerte.»Ich habe hier den Verwandten meines Mannes, aber ich zweifle daran, daß er etwas tun wird.« »Geben Sie mir seine Telefonnummer«, sagte er zuversicht- lich.»Ich werde ihn selbst anrufen. Ich glaube nicht, daß er seine Hilfe verweigern wird. Sie sollen sowieso sowenig Erregung wie möglich haben.« 319 Als er mich am nächsten Tag anrief, klang Ärger in seiner Stimme.»Ihr Verwandter ist kein sehr netter Mensch«, er- klärte er.»Ich habe ihm Ihren Fall und das Ergebnis meiner ersten Untersuchung auseinandergesetzt, doch er bestand darauf, daß Ihnen absolut nichts fehle. Seiner Ansicht nach schützen Sie Kopfschmerzen vor, um sich vor Arbeit zu drücken und Geld aus ihm herauszuholen. Er weigerte sich zu helfen.« »Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Mühe«, sagte ich.»Ich werde überlegen, was ich tun kann, und werde Sie dann wieder anrufen.« Unschlüssig ließ ich ein paar Tage verstreichen. Mein Zustand verschlimmerte sich zusehends. Ich hatte Mühe zu gehen, ohne zu stolpern, und meine Sehkraft verminderte sich mit erschreckender Schnelligkeit. Dann erhielt ich einen unerwarteten Anruf. Milton hatte hinter meinem Rücken mit Manfreds Kinderarzt gesprochen. Dieser freundliche Arzt hatte sich an Dr. John Taterka, einen berühmten Neurologen, gewandt. Ich versuchte, vor Ver- legenheit stotternd, zu erklären, warum ich keine Röntgen- aufnahmen machen lassen konnte, doch er unterbrach mich. »Geld ist in Ihrem Fall jetzt das Unwichtigste«, sagte er kurz, beinahe schroff.»Kommen Sie heute nachmittag um vier Uhr zu mir.« Nach einer eingehenden Untersuchung sandte er mich mit einem Brief zu seinem Bruder, Dr. Henry Taterka, einem sehr bekannten Röntgenspezialisten. Ein paar Tage später bestellte mich Dr. John Taterka wie- der zu sich. Auf seinem Schreibtisch lagen die Röntgen- aufnahmen.»Ich möchte Ihren Fall mit einigen Ihrer Fami- lienmitglieder besprechen«, begann er.»An wen kann ich mich wenden?« »An niemanden. Ich habe keine Familie in Amerika.« »Ich bespreche sehr ungern einen Krankheitsfall direkt mit einem Patienten.« »In diesem Fall werden Sie es schon tun müssen«, sagte ich. »Ich habe einen Gehirntumor, nicht wahr?« »Woher wissen Sie das?« fragte er hastig. »Ich wußte es nicht. Sie haben es mir eben bestätigt.« 320 Er sah mich bestürzt und forschend an. Dann nickte er.»Ich würde eine Operation empfehlen«, sagte er. » Wieviel kostet eine solche Operation?« »Ungefähr zweitausend Dollar.« »Danke«, sagte ich.»Ich behalte meinen Gehirntumor.« Er unterbrach mich, und sein Ton zeigte weder Mitleid noch besondere Freundlichkeit; er sprach völlig geschäftsmäßig und sachlich.»Ich habe mich über Ihre finanziellen Verhält- nisse informiert und Ihren Fall mit Professor Friedmann, dem Leiter der Neurologischen Abteilung der Klinik, be- sprochen. Er war sofort einverstanden, alles ohne Bezahlung oder irgendwelche Kosten zu tun, um Ihnen zu helfen. Wür- den Sie uns die Erlaubnis geben, Ihren Fall im Medizinischen Journal zu beschreiben? Wir würden natürlich keinen Namen nennen.« Ich war innerlich bewegt von der menschlichen Güte dieser Ärzte und der Art und Weise, mit der sie versuchten, mir die Annahme leicht zu machen. »Natürlich gebe ich meine Erlaubnis«, sagte ich,»und wenn Sie wollen, können Sie auch meinen Namen benutzen. Und nun lassen Sie uns die Sache entscheiden, so oder so. Glau- ben Sie mir, ich werde mich nicht sorgen.« Ich tat es auch nicht. Sowie ich wußte, daß ich eine schwie- rige Aufgabe zu erfüllen hatte, ging ich an sie mit einem Maximum von Energie und einem Minimum von Sorgen heran, um die Chancen für den Erfolg nicht zu schwächen. Ich verwandte an jede schwierige Aufgabe dieselbe Theorie, die ich als Antwort auf die wiederholte Frage gab:» Wie konnten Sie den Mut aufbringen, in ein Konzentrationslager zu gehen?« »Ich glaubte daran, daß der Eine, der mir den Weg zeigte, hineinzugehen, auch dafür sorgen würde, daß ich wieder herauskomme.« Ich habe ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit für Dr. John Taterka, seinen Bruder, Dr. Henry Taterka, und all die ande- ren, die soviel für mich getan haben; alles mit soviel Mühe und Liebe taten, als ob sie etwas Kostbares zu retten hatten, ein Gefühl, das ich nicht teilte. Es wurde beschlossen, daß ich in der folgenden Woche ins 321 Krankenhaus kommen würde. Milton nahm vorübergehend eine Stellung außerhalb seines Berufes an, um ein bestimmtes wöchentliches Einkommen zu haben, das die Haushaltsspesen für ihn und Manfred decken würde. Ich wußte, daß selbst bei dem besten Erfolg der Operation ich mit einem Jahr Genesungszeit zu rechnen hatte. Ich schrieb an Paul und berichtete ihm über die Operation, bat ihn jedoch, auf keinen Fall meinem Vater davon zu erzählen. Paul sandte seine besten Wünsche für meine baldige Ge- nesung, ohne den geringsten Versuch zu machen, mir zu Hilfe zu kommen oder zu fragen, wer für Manfred sorgen würde oder was mit ihm geschehen würde, falls... Ich war nicht enttäuscht. Ich hatte nicht mit der Hilfe meiner »früheren« Familie gerechnet. Milton, der nicht mehr von meiner Seite wich, zeigte nur in seinen Augen die Sorge um mich. Doch als ein Bekannter, ein alter Anwalt, mir riet, doch auf jeden Fall einen Letzten Willen aufzusetzen, ergriff ihn Panik.»Dieser miserable alte Truthahn! Dieser Winkelanwalt! Testament! In zwei Wochen bist du wieder zu Haus! Und dann—«, er hielt inne.»Du wirst zurückkommen— sag, daß du—« Ich konnte die tiefe Furcht in seiner Stimme und in seinen Augen nicht ertragen. „Natürlich werde ich zurückkommen. Schneller, als du denkst. Ich möchte nicht für ein Himmelreich die kommenden Jahre mit dir zusammen versäumen. Und dann«, fuhr ich in leich- tem Ton fort,»kann ich dich doch wirklich nicht mit den ganzen Rechnungen und Verantwortungen im Stich lassen. Wir sind doch noch nicht einmal verheiratet!« An demselben Abend gab ich Milton einen Brief.»Lies ihn, gib ihn morgen dem Anwalt, und dann vergiß ihn.« Milton las ihn schweigend, dann faltete er ihn zusammen.»Ich weiß, daß wir diesen Brief nie brauchen werden. Aber ich danke dir für dein Vertrauen, Manfred meinen Händen anzuver- trauen. Ich werde ihn immer als meinen Sohn betrachten. Das weißt du auch. Und eines Tages, hoffentlich bald, werdet ihr beide meine Familie sein.« Am nächsten Morgen gingen wir zum Krankenhaus— es war ein tröstlicher Gedanke, daß es erst Montag war. Die Operation war für Donnerstag angesetzt. Bis dahin wollten 322 die Ärzte Untersuchungen vornehmen. Im Aufnahmebüro mußte ich noch durch eine Mutprüfung gehen, mit der ich nicht gerechnet hatte und die meine Nerven etwas über Gebühr anspannte. Ein junger Verwaltungsbeamter schaute das Aufnahme- register durch.»Ja«, sagte er dann,»hier ist Ihr Name. Gehen Sie hinter den Vorhang und ziehen Sie sich aus. Hier ist ein Nachthemd. Ziehen Sie das an und setzen Sie sich dann in diesen Stuhl.« Er zeigte auf eine Art Rollstuhl, wie ihn Gelähmte benutzen. Ich hatte seinerzeit, nach Manfreds Geburt, mich standhaft geweigert, einen Rollstuhl zu kaufen. »Ich bin ja doch im Augenblick wirklich noch nicht krank«, sagte ich.»Kann ich mich nicht bitte oben ausziehen?« »Ändern Sie keine Anordnungen des Krankenhauses. Ziehen Sie sich aus und setzen Sie sich in den Stuhl.« »Dieses Nachthemd ist so kurz«, sagte ich,»es würde nicht einmal meine Knie bedecken.« Er gab mir eine rauhe Woll- decke.»Schauen Sie«, sagte ich,»ich möchte wirklich keine Schwierigkeiten machen, aber ich kann keine Wolle ertragen.« »Sie folgen den Anordnungen, oder Sie werden nicht auf- genommen.« Ich ging hinter den Vorhang, zog mich aus und setzte mich in den Rollstuhl. Die harte Wolle der Decke reizte meine Haut. Das kurze Nachthemd schloß sich dicht um den Hals und wurde hinten mit einem Band zusammengebunden. Ich ließ es offen. Milton wurde weiß, als er mich in dem Krankenstuhl sitzen sah. Der Angestellte nahm mein Kleid, meine Wäsche und meine Schuhe und warf alles zusammengeknäult in einen Papierbeutel.»Das können Sie wieder mit nach Haus neh- men«, sagte er gleichgültig und reichte Milton den Beutel. »Das braucht sie nicht mehr.« Es war ein brutaler Satz. Ich wollte aus dem Stuhl springen. Ein Blick auf Milton, der seine Fassung nicht länger auf- rechterhalten konnte und dessen Augen sich mit Tränen füllten, gab mir die Kraft, mich zusammenzureißen. »Hör doch nicht auf den dummen Bengel«, sagte ich.»Du wirst dich doch nicht von einem kleinen, lächerlichen Büro- kraten entmutigen lassen. Ich sehe dich später oben.« »O nein«, sagte der Lümmel.»Sie werden sie nicht sehen. Ihr Zimmer ist erst morgen frei. Für heute gehen Sie hin- auf in den Freisaal, und da ist heute kein Besuchstag.« Ohne mir die Möglichkeit zu geben, ein weiteres Wort mit Milton zu wechseln, rollte er mich aus dem Raum. Draußen sah er das lose Band an meinem Nachthemd und band es zu. Ich öffnete es schnell.»Bitte lassen Sie es offen«, sagte ich. „Ich kann aus einem bestimmten Grunde nichts eng um meinen Hals geschlossen haben.« Er knotete das Band fest um meinen Hals zusammen. Ich riß heftig daran und zer- riß es. „Sie werden Ihre liebe Not mit der haben«, berichtete er der Schwester im Freisaal.»Das is’ne ganz Feine. Sie liebt keine Wolle oder hochgeschlossenes Nachthemd!« Die Krankenschwester übernahm mich und rollte meinen Stuhl durch den Saal.»Bitte legen Sie sich in dieses Bett«, sagte die Schwester in bestimmtem, aber freundlichem Ton. Sie nahm die Decke von meinen Knien.»Haben Sie eine Hautkrankheit?« fragte sie. »Nein, nur sehr empfindliche Haut.« »Sie dürfen nicht Ihr Bett verlassen«, sagte die Schwester. „Falls Sie ins Badezimmer gehen wollen, bitten Sie die Schwester um ein Becken.« Ich erschrak. Ein Becken war für mich ein Zeichen schwerer Krankheit, des Gelähmtseins, der Abhängigkeit. „Bitte, Schwester, tun Sie mir das nicht an«, bat ich.»Ich hab’ viel mehr Mut, wenn Sie mich umhergehen lassen.« „Tut mir leid, Kindchen, Anordnungen sind Anordnungen, und ich mache sie nicht. Geben Sie heute nach; morgen früh können Sie mit dem Doktor sprechen.« Das war das einzig Vernünftige. Das Bett war bequem, aber das Kissen war hart und preßte gegen meinen Hinterkopf. Es verursachte heftige Kopfschmerzen und Übelkeit. Ich dachte sehnsüchtig an mein sorgfältig gepacktes Köfferchen, in dem auch das kleine Daunenkissen war, auf dem ich zu liegen pflegte, um die kranke, empfindliche Stelle an meinem Kopf vor Druck zu schützen.»Kann ich nicht wenigstens mein Handköfferchen bekommen?« »Tut mir leid, Kindchen, im Freisaal nicht gestattet!« 324 Ich lehnte mich zurück und hatte in der anbrechenden Dun- kelheit genügend Zeit zum Nachdenken. Ich hatte von den enormen Summen gelesen, die das Land für Krankheitsfor- schung ausgab. In Gehirn- und Krebsforschung war Amerika allen anderen Ländern weit voraus. Ärzte verwandten jede notwendige Zeit und die größte Mühe daran, ein Men- schenleben zu retten. Ich hatte eine kleine Probe ihrer Gründ- lichkeit bekommen, als Professor Friedmann mich ge- beten hatte, einer Konferenz beizuwohnen, in der mein Fall diskutiert wurde. Nicht weniger als fünfzehn Ärzte waren anwesend; sie studierten die Röntgenaufnahmen, stellten Fragen, machten Notizen. Nach jenem Nachmittag hatte ich mich hoffnungsvoll, optimistisch und stark gefühlt. Nun war ich davon überzeugt, daß ich die Operation nicht überleben würde. Die negative Behandlung im Aufnahme- büro und die bürokratisch-starren und unlogischen Vor- schriften für den Freisaal arbeiteten den Bemühungen der Ärzte absolut entgegen. Die Schwester brachte mir ein Schlafmittel, doch es hatte keine Wirkung. Es war eine lange Nacht, während der die Schmerzen meinen Kopf zu durchbohren schienen. Endlich wurde es Tag. Eine andere Schwester hatte Dienst.»Sie wer- den sich krank machen«, warnte sie, als sie das von mir ignorierte Becken sah. Sie half mir in ein frisches Nacht- hemd und zog es eng am Hals zusammen, eine Schleife bin- dend. »Das bin ich bereits«, sagte ich freundlich und öffnete die Schleife. Sie zuckte mit den Achseln und ging fort. Nun wartete ich mit Ungeduld auf einen Doktor, denn die schneidenden Schmerzen in meinem Kopf trieben Tränen in meine Augen. Ein junger Mann erschien, offensichtlich ein Assistenzarzt des Krankenhauses. »Guten Morgen«, sagte er und betrachtete mich durchdrin- gend.»Ich möchte Sie untersuchen. Warum weinen Sie?« »Ich weine nicht«, erwiderte ich,»ich habe furchtbare Kopf- schmerzen, die mir die Tränen in die Augen treiben.« »Sie lügen«, sagte er, und seine Stimme konnte von allen Patientinnen um mich herum gehört werden,»ich habe 325 ei schon über Sie gehört. Sie sind ein schwieriger Patient. Aus Deutschland. Ihr Refugees aus Deutschland wollt immer eine Extrawurst gebraten haben. Nichts ist gut genug für euch. Ich würde Ihnen sehr dringend raten, sich den Anordnungen zu fügen.« Er begann mich zu untersuchen.»Tut das weh?« Ich schwieg. »Ich habe Sie gefragt, ob das weh tut«, wiederholte er. »Es hätte doch gar keinen Sinn, Ihnen Auskunft zu geben«, sagte ich.»Da Sie ja sowieso annehmen, daß ich lüge, wür- den Sie meinen Aussagen doch keinen Glauben schenken.« Er fuhr mit seiner Untersuchung fort, ohne weitere Fragen zu stellen, dann verließ er mich. Ich versuchte die unglaub- lichen Vorgänge damit zu entschuldigen, daß das Krankenhaus nicht über genügend Mittel verfügte, um gute Kräfte zu be- zahlen. Schließlich bezahlte ich auch für nichts— nicht einmal für das furchtbare, zu kurze Nachthemd. Meine Gedanken wurden durch den Besuch von Professor Friedmann unter- brochen. Er war von vier Ärzten umgeben, unter denen sich auch der junge Arzt befand, der mich untersucht hatte. Die Schwester stellte einen Wandschirm um mein Bett. Professor Friedmanns große blaue Augen ruhten auf mir mit einem Ausdruck der Wärme und Freundlichkeit.» Keine Bangigkeit«, sagte er, alle seine deutschen Sprachkenntnisse aus seinen Studentenjahren in Heidelberg zusammensuchend, um mir die Atmosphäre heimisch zu machen.»Keine Angst haben.« Ich lächelte zu ihm auf.»Ich habe keine Angst, Herr Pro- fessor.« »Warum haben Sie denn dann geweint?« »Ich habe nicht geweint. Ich hatte heftige Kopfschmerzen, die mir die Tränen in die Augen trieben. Ich bin an mein kleines, weiches Kissen gewöhnt, und während der letzten Nacht hatte ich keine Möglichkeit, meinen Hinterkopf zu schützen.« Er runzelte die Stirn.»Ja, aber warum haben Sie denn nicht um das Kissen gebeten, mein Kind? Haben Sie es nicht mit- gebracht?« »O doch«, sagte ich sehr sachlich.»Es ist in meinem kleinen 326 Handkoffer. Keine Handköfferchen im Freisaal gestattet, Herr Professor.« Er schaute auf das Band des offenen Nachthemdes.»Bitte, sagen Sie mir etwas ganz ehrlich«, fragte er ruhig und freundlich,»bei der Konferenz haben Sie uns durch Ihre Be- reitwilligkeit schr unterstützt, Man sagte mir, daß Sie sich hier als sehr schwierig entpuppen. Warum?« »Ich glaube nicht, daß ich schwierig war, Herr Professor. Ich versuche so hart die Idee in mir aufrechtzuerhalten, daß ich nicht krank bin; daß nur etwas an meinem Kopf kor- rigiert werden muß, wozu Sie meine besten Kräfte und meine Konzentration benötigen. In einen Rollstuhl gesetzt zu werden, das Bett nicht verlassen zu dürfen, genötigt zu wer- den, ein Becken zu benutzen, das Gefühl völliger Hilflosig- keit aufgezwungen zu bekommen, hilft der Situation nicht sehr viel und ist nicht dazu angetan, den Mut des Patienten zu stärken.« »Und die Weigerung, dem Doktor auf seine Fragen zu ant- worten?« Ich sah den jungen Arzt an. Er war noch sehr jung, vielleicht nervös, schlecht bezahlt— es würde ihn möglicherweise seine Stellung kosten, wenn ich preisgab, daß er mich eine Lüg- nerin genannt und sehr beleidigt hatte. Ich schwieg. Profes- sor Friedmann war meinem Blick gefolgt.» Und warum öff- nen Sie so bockig Ihr Nachthemd jedesmal, nachdem man es zugebunden hat?« »Ich war nicht bockig, Herr Professor. Ich versuchte es zu erklären, aber niemand ließ mich zu Worte kommen. Es hat— es hat mit Konzentrationslagern zu tun—«, ich zögerte, mehr zu sagen, ich fürchtete weitere Fragen.»Seit— damals, seit— ich kann einfach nichts eng um meinen Hals geschlos- sen tragen.« Nun stieg eine ärgerliche Röte in Professor Friedmanns Ge- sicht, Er warf einen scharfen Blick auf den jungen Hilfsarzt. »Ich fürchte, Sie werden noch eine Menge zu lernen haben, Doktor, wenn Sie in der neurologischen Abteilung erfolg- reich sein wollen. Lassen Sie das Zimmer unten fertig machen und sehen Sie zu, daß sie in zehn Minuten unten ist und jede Bequemlichlichkeit hat, die es ihr erlaubt, uns zu helfen, 327 wie wir es von ihr erwarten. Ich werde sie in ihrem Zimmer untersuchen. Und sehen Sie zu, daß auch ihr Handkoffer da ist.« Er wandte sich zu mir.»Es tut mir leid, daß Sie durch uns leiden mußten, mein Kind«, sagte er warm.»Wir leben in einem gesegneten Land und können es uns oft erlauben, lächerliche Dinge wichtig zu nehmen und die wichtigen zu übersehen. Wir haben sehr viel von Menschen wie Ihnen zu lernen.« Ein paar Minuten später war ich in einem freundlichen, hellen Zimmer, allein, wunderbar bequem in meinem seide- nen, selbstgenähten, langen Nachthemd, das kleine Daunen- kissen unter meinem Kopf. Schmerzstillende Mittel hatten den Kopfschmerz gelindert. »Ich bin sehr zufrieden mit der Untersuchung«, sagte Pro- fessor Friedmann eine Weile später.»Machen Sie sich keine Sorgen, es wird bestimmt alles gut. Den vergitterten Fen- stern kann ich leider nicht abhelfen«, sagte er dann lächelnd, »alle Zimmer in dieser Abteilung haben sie. Aber ich hoffe, Sie haben inzwischen Ihr eigenes Badezimmer entdeckt. Vor der Operation können Sie es benutzen, sooft Sie wollen.« Er hielt einen Augenblick inne, dann setzte er hinzu:»Und ich glaube, auch ein paar Tage nach der Operation.« Milton durfte in jeder freien Minute bei mir sein, berich- tete mir über Manfred und brachte mir Blumen und Bücher. Am Abend vor der Operation besuchte mich Dr. Sanders, der Chirurg, und setzte sich an mein Bett.»Sie hätten eine weitaus bessere Chance, wenn Sie den Mut aufbringen könnten, durch diese Operation ohne Narkose zu gehen. Ich kann Ihnen natürlich eine Injektion geben, aber die wirkt nur teilweise. Die Operation wird, gelinde gesagt, mehr als unangenehm sein. Es wird ein Arzt dabeistehen und Ihnen sofort Narkose geben, wenn Sie es verlangen, aber es würde sehr helfen, wenn Sie wenigstens während der ersten fünfzehn Minuten bei Bewußtsein wären. Doch es gehört Willenskraft dazu, deshalb muß ich die Entscheidung Ihnen überlassen.« Dieser letzte Satz erinnerte mich an die Handleserin. Wenn Sie die richtige Entscheidung treffen, können Sie gesund und glücklich werden, hatte sie gesagt. 328 „Worüber lächeln Sie?« fragte der Arzt erstaunt. „Eine Handleserin. Lachen Sie nicht, Doktor. Und— mir ist's recht!« »Gutes Kind«, lächelte er ermutigend.»Ich sehe Sie morgen früh. Hören Sie auf, sich zu sorgen!« »Hab’ noch gar nicht angefangen«, gab ich zurück und be- antwortete seinen erstaunten Blick mit einem Lächeln. Um neun Uhr morgens lag ich, ein wenig duselig von Be- ruhigungsmitteln, das Gesicht dem Boden zugekehrt, auf einem schmalen Wagen im Operationsraum. Schwestern leg- ten weiche Watteplatten unter mein Kinn und meine Schul- tern. Dr. Sanders trat an meine Seite.»Sie sehen wunderbar aus!« „Immer der Gentleman«, sagte ich ein wenig mühsam. »Oder wollen Sie mich mit diesem Kompliment zu einer weiteren Entscheidung bestechen?« »Kluges Kind«, gab er zurück.»Stimmt. Um zu verhindern, daß Sie sich bewegen oder zucken, da Sie ja wach sind, müs- sen wir Sie so fest anschnallen, daß Sie sich nicht bewegen können. Anschnallen verursacht starke Muskelschmerzen, die ziemlich lange anhalten. Wenn Sie jedoch nicht ange- schnallt sind und bewegen sich, so wäre dies eine Kata- strophe. Jeden anderen Patienten würde ich nicht einmal fra- gen. Doch ich kenne Ihre innere starke Aversion gegen jeg- liche Freiheitsberaubung.« »Ich kann Anschnallen nicht leiden. Ich halte lieber still«, sagte ich mit einem Versuch zu lächeln und war froh, daß ich mit dem Gesicht nach unten lag, so daß er mein Herz- klopfen nicht sehen konnte. Ich wurde nun in die Mitte des Saales gerollt, und das kon- zentrierte Licht der Operationslampen strahlte plötzlich auf meinen Rücken nieder. Dann, ohne darauf vorbereitet zu sein, fühlte ich einen brennend scharfen Schmerz in meinem Fuß, nahe dem Knöchel. »Au!« schrie ich. »Was ist denn passiert?« hörte ich Dr. Sanders’ Stimme.»Ich habe doch noch gar nicht angefangen?« »Ich weiß«, schnappte ich nach Luft,»aber wenn ich den Hundesohn finde, der mir meinen Fuß eben aufgeschnitten 329 hat, ohne mich darauf vorzubereiten, dann breche ich ihm heute nachmittag das Genick!« Und dann versank alles in einer roten, wogenden Pein, unterbrochen von leise befehlenden Stimmen und dem leisen Klicken von Metall. Nein, dachte ich, das kann ich doch nicht ertragen. Ich bitte jetzt um Narkose— ich kann doch das nicht— Plötzlich, und so fürchterlich deutlich, sah ich vor meinen geschlos- senen Augen einen Mann, das Gesicht in die Erde gedrückt, auf dem Boden liegen. Sein Lagerjackett war blutig, und sein zerspaltener Hinterkopf klaffte weit offen. Hast du so schnell vergessen, wie viele Tote du gesehen hast, die aus purer Lust am Morden umgebracht worden sind? Worüber beklagst du dich? Um dich herum stehen mindestens zehn Menschen, die mit ihrer ganzen Kraft darum bemüht sind, dich gesund zu machen. Du könntest zu denen gehört haben, die du gesehen hast! Doch du bist herausgekommen! So hör auf zu jammern, du Idiot, und lieg still! Die hübsche, blonde Schwedin, die mir als Schwester zur Seite saß, streichelte meine Hand.»Preß meine Hand, Lieb- ling«, sagte sie leise.»Quetsch ganz hart!« „Das wäre doch Blödsinn«, murmelte ich,»warum soll ich Ihnen weh tun? Wie lange noch, Doktor?« »Ungefähr zwei Stunden länger, Ilse.« »Kann mir jemand alle zehn Minuten die Zeit ansagen?« »Natürlich.« Als ich gerade tief eingeatmet hatte, stockte plötzlich mein Atem; ich konnte beim besten Willen nicht ausatmen. Panik ergriff mich. Um die Muskeln zu entspannen, würde ich mich bewegen müssen! Eine Atemlektion von Itten fiel mir ein: wenn deine Muskeln verkrampft sind, summe den Atem aus. Ich begann zu summen, und erst viel später kam mir zu Bewußtsein, daß ich die Melodie summte:»Zuschaun mag ich nicht.« Es wurde plötzlich sehr still im Operationssaal. Dann hörte ich die angstvolle Stimme von Dr. Sanders:»Ilse, können Sie mich hören?« »Ja«, sagte ich, froh über meinen wiedergefundenen Atem. »Ich konnte nur nicht ausatmen, darum habe ich gesummt. Ich bin okay!« 330 »Ihr Freund ist hier«, sagte die hübsche Schwester.»Er wollte Ihnen nahe sein. Er steht vor dem Fahrstuhl und wartet.« Armer Milton. Es war immer viel schwerer, abseits zu stehen und zu warten. »Bitte, Schwester, fragen Sie, wie es ihm geht. Er muß sich ja furchtbare Sorgen machen. Sagen Sie ihm, ich bin okay.« Und dann schlossen sich die roten wallenden Kreise wieder enger um mich, und ich fand nicht mehr die Kraft für Worte. »Bandagen bitte!« Kein Gedicht hatte je schöner geklungen als dieses Wort. Und dann, nach einer Weile:»Fertig, Ilse.« Langsam ver- suchte ich meine steifen Muskeln zu bewegen. Mühsam hob ich meinen Kopf, wie ein Seehund, der aus dem Wasser taucht.»Mein Kopf ist so schwer—« »Ich weiß«, sagte Dr. Sanders,»die Bandagen sind sehr schwer.« Ich hob den Kopf noch ein wenig höher. Nun konnte ich sein Gesicht sehen. Ich versuchte zu lächeln, aber die Haut meines Gesichtes schien gespannt.»Ich muß ja furchtbar aussehen!« Die Schwester wusch sorgsam mein Gesicht mit einem Schwamm. »Ich habe Ihr Bett heraufkommen lassen«, sagte Dr. Sanders. »Wir wollen Sie sowenig wie möglich bewegen. Wir rollen Sie in Ihrem Bett herunter in Ihr Zimmer.« Als man mich in mein Bett herüberhob, verzog ich mein Gesicht, denn mein Fuß schmerzte wieder heftig. »Ich weiß«, sagte der Doktor,»wir mußten schneiden, um Flüssigkeit und Blut durch die Venen zu leiten. Es wird ein paar Tage schmerzen.« Und dann rollte das Bett so sanft und vorsichtig aus dem Operationssaal und den langen Gang hinunter zum Fahr- stuhl. Als er im unteren Stockwerk hielt und die Tür ge- öffnet wurde, sah ich Miltons geliebtes Gesicht über mir. Er mußte über drei Stunden an der Tür des Fahrstuhls ge- standen haben. Sein Gesicht sah angstvoll aus, und er stützte sich auf seinen Regenschirm, als ob er sich nicht mehr auf- recht halten könnte. »Hallo, Liebes«, sagte ich schwach,»regnet es draußen?« 331 Er schritt neben dem Bett her zu meinem Zimmer. Auf einem kleinen Stuhl in der Ecke saß Schatzi, in seinen Hän- den steif einen Blumenstrauß haltend. Die Schwester rollte mein Bett an seinen Platz, und der junge Doktor, der vor- sichtig den Behälter gehalten hatte, aus dem die Flüssigkeit in meinen Fuß tropfte, befestigte ihn nun an einem Halter am Ende des Bettes. Ich sah das Entsetzen, mit dem Milton den Verband und den Schlauch an meinem Fuß betrachtete. »Sorg dich nicht«, sagte ich,»das ist nur ein etwas merk- würdiger Weg, durch die Adern zu essen.« Gerade dann trat Dr. Taterka ins Zimmer und schaute auf Schatzi.»Wer sind Sie denn?« fragte er. Schatzi stellte sich als mein Verwandter vor.»Ich rief im Krankenhaus an, und man sagte mir, es geht Ilse gut. Darum kam ich.« Dr. Taterkas Gesicht hatte einen harten und ärgerlichen Aus- druck.»So, also Sie sind Ilses sogenannter Verwandter«, sagte er.»Ich habe von Ihnen gehört. Machen Sie, daß Sie herauskommen, und bleiben Sie draußen. Ich wünsche nicht, daß meine Patientin von unwillkommenen Besuchern ge- stört wird. Sie ist schwer krank, obwohl Sie das abstreiten wollten.« Er wandte sich an die Schwester.»Keine Besucher, Schwester, niemanden!« Schatzi wandte sich zur Tür, und Milton wollte ihm folgen. Dr. Taterka hielt ihn am Arm zu- rück.»Das gilt nur für Fremde, Milton, nicht für Sie. Sie bleiben hier bei Ilse. Sie sind doch ihre Familie.« Meine Zuneigung zu Dr. Taterka vertiefte sich. Ich war müde, so sehr müde. Und ich fühlte mich warm und beschützt. Ich hielt Miltons Hand fest und schlief ein. Als ich meine Augen öffnete, sah ich in sein blasses Gesicht. »Du siehst furchtbar aus«, sagte ich.»Hör doch endlich auf, dich zu sorgen.« »Er ist ein bißchen schwach«, sagte die blonde Schwester, „er hat vor einer Weile eine Menge Blut für Sie gespendet. Aber das ist kein Grund zur Besorgnis. Er ist schon wieder in Ordnung, und ein gutes Beefsteak wird den Verlust schnell wettmachen.« Milton lehnte sich lächelnd über mich und küßte mich.»Ich hatte gute Gründe, es zu tun«, sagte er und streichelte mein 332 ee m Gesicht.»Nun kannst du nie mehr von mir fortlaufen. Du hast mein Blut in dir!« »Weißt du was?« sagte ich matt.»Ich würde sowieso nicht fortlaufen. Aber dein Blut fühlt sich sehr nett und warm in mir.« Und dann schloß ich meine Augen, erschöpft, als ob ich eine sehr, sehr schwere Arbeit getan hätte, und schlief fest für mehrere Stunden. Am Abend kam der junge Doktor leise in mein Zimmer. Er lehnte sich über mich.»Was ist los?« fragte ich schlaf- trunken.»Ist der Verband blutig?« Ich wußte, daß dies die Sorge der Ärzte war. »Nein«, sagte er und lächelte wie ein Junge.»Ich bin der Hundesohn, der Ihren Fuß geschnitten hat. Sie wollen mir doch das Genick brechen! Eine gute Backpfeife nehme ich gern hin! Wir sind sehr glücklich, wie Sie die Operation überstanden haben.« »Danke«, sagte ich halb im Schlaf,»ich bin auch glücklich.« Und gerade als ich wieder am Einschlafen war, hörte ich ihn sanft sagen: »Und ich werde nie mehr jemanden einen Lügner oder Refugee nennen. Bitte, verzeihen Sie mir.« Ich wollte nicken, aber der Verband war zu schwer. Ich schlief traumlos, ohne aufzuwachen, für zwölf Stunden. Dr. Sanders war mit dem Erfolg der Operation sehr zufrie- den, und Professor Friedmann besuchte mich jeden Tag. Am zehnten Tag nach der Operation erklärte ich:»Bitte, denken Sie nicht, daß ich undankbar bin. Ich werde hier ge- pflegt und gehegt wie ein Baby. Aber ich sehne mich nach Haus und nach meinem Jungen. Die Gefahr eines Blutstur- zes ist jetzt doch wohl vorüber, die Verbände werden erst in vier Wochen gewechselt, und mein Fuß heilt ohne Kompli- kationen. Können Sie mich nicht entlassen? Ich verspreche, ich werde zu Haus ganz still liegen und ruhen.« »Ich kann Ihre Sehnsucht verstehen, mein Kind«, sagte der Professor.»Ich sorge mich auch nicht um Ihr Benehmen als Patient zu Haus. Ich sorge mich mehr darum, wie Sie nach Haus kommen. Die kleinste Erschütterung kann einen Blutsturz hervorrufen.« »Ich fahre sie ganz vorsichtig nach Haus«, versprach Milton. 333 a 2 m »Und unser Fahrstuhl geht auch sehr ruhig. Ich passe auf, daß sie sofort, ohne Anstrengung, ins Bett kommt.« »Gut«, entschied Professor Friedmann,»ich weiß, ich kann mich auf Sie verlassen. Sie werden sie besser heimbringen als eine Ambulanz. Und die fürchtet Ilse anscheinend mehr als die Operation. Ich veranlasse, daß Sie morgen nach Haus entlassen werden, Ilse, aber im Morgenrock«, fügte er schnell hinzu,»ich möchte nichts über die Verbände gestreift haben!« Milton erschien am nächsten Morgen. Er trug die große Tüte mit all meinen Sachen, wie er sie vor zwei Wochen nach Haus getragen hatte.»Du kannst kein Kleid über den Kopf ziehen«, sagte er lächelnd.» Aber ich dachte, ich bringe trotzdem die Tüte. Ich hab’ sie nicht angerührt, während du hier warst.« Und dann halfen mir die Schwestern in Morgenrock und Mantel; und wir sagten adieu und dankten allen, die so selbstlos dafür gesorgt hatten, mich wieder gesund zu machen. Milton fuhr mit dem Wagen im Schneckentempo die Straßen entlang, glücklich lächelnd das Hupen der Wagen ignorierend, die durch ihn am Vorwärtskommen gehindert waren. An der Wohnungstür wartete Manfred. Der Ausdruck der Freude in seinem Gesicht verwandelte sich in Schrecken, als er die Verbände um meinen Kopf sah.»Mammi, du siehst aus wie ein Krieger nach der Schlacht«, sagte er entsetzt, und als er den verbundenen Fuß gewahrte, setzte er hinzu: »Was ist denn mit deinem Fuß los? Hast du da auch einen Tumor gehabt?« Dann halfen mir meine beiden Männer, ohne die kleinste Erschütterung ins Bett zu kommen. In seinem vorsichtigen Eifer, meinen Fuß mit nichts in Berührung zu bringen, ver- renkte Manfred beinahe mein Bein, aber es störte mich nicht. Ich werde niemandem erlauben, mich wegen meiner Ver- teidigung von Handleserinnen auszulachen. Ich liebe sie. 10 Nachdem nun Milton ein ständiges Mitglied unserer klei- nen Familie geworden war, brauchten wir mehr Lebens- raum. Er konnte nicht länger auf der Couch im Wohn- zimmer schlafen und verdiente gewiß die Bequemlichkeit eines eigenen gemütlichen Zimmers. Einen großen Seiden- schal um die noch immer notwendigen Verbände geschlungen, benutzte ich meine ersten Spaziergänge mit Milton dazu, eine größere Wohnung zu suchen. Um diese Zeit erhielt ich auch einen Brief von Mo Groß aus London. Er war von allen Stellen von dem Verdacht, ein»feindlicher Ausländer« zu sein, freigesprochen worden, und wir konnten ihn in ein paar Wochen in New York erwarten.»Vielleicht könnte Milton ein kleines Heim für mich finden«, schrieb er.» Wenn möglich, in eurer Gegend. Ich beabsichtige nämlich, soviel wie möglich mit euch zusammen zu sein.« Ein paar Tage danach sahen wir am Riverside Drive eine herrliche Sechszimmerwohnung. Die Räume waren groß und hell, sahen auf den Fluß hinaus und hatten alle Zutritt von der großen Eingangshalle. Ein Zimmer, mit anschlie- ßendem Extrabadezimmer, war außerdem noch durch einen kleinen Korridor von der übrigen Wohnung getrennt.»Sie kostet sicher mehr, als wir bezahlen wollten«, überlegte ich mit Milton,»aber die Wohnung ist ein Traum! Und Mo könnte mit uns wohnen, er hätte ein völlig privates Heim hier. Komm, wir sprechen mit dem Wirt, vielleicht ist er zufällig nicht zu geldgierig.« Entweder stimmte diese Annahme, oder meine unter dem Schal hervorschauenden Verbände hatten einen besänftigen- den Einfluß auf den Hauswirt. Auf jeden Fall bekamen wir die Wohnung zu einem Preis, der nur um wenige Dollar höher war als der, den ich jetzt für meine kleine Behausung bezahlte. Der Hauswirt sah mich jedoch sehr mißtrauisch an, als ich den Mietvertrag mit meinem Namen zeichnete, und musterte dann Milton mit einem düsteren Blick. Wie immer setzte ich voraus, daß die Wahrheit die beste Ver- teidigung sei, und wir erklärten unsere Situation. Er mußte 335 wohl meinen offenen Mut bewundert haben, denn er gab uns noch zu allem einen mietefreien Monat und versprach, die Wohnung in den Farben unserer Wahl streichen zu lassen. Dieser Mietvertrag war für mich ein wichtiger Schritt; ökonomisch war er ein Segen. Dank der nicht einmal hohen Miete, die Milton und Mo Groß bezahlen würden, konnte ich völlig mietefrei wohnen. Doch das war nicht das Wichtigste. Ich hatte die zwei besten Freunde um mich, die ein Mensch im Leben besitzen konnte: Milton, der das Glück der Gegenwart und einer zu erhoffenden Zukunft repräsen- tierte, und Mo Groß, der Inbegriff alles dessen, das mich mit der Vergangenheit verband. Er war begeistert von der Idee, mit uns zusammen zu wohnen, und als wir ihn vom Schiff abholten, war zum erstenmal für mich eine Brücke über den Ozean geschlagen. Wir hatten das Glück, zu beobachten, wie er seinen Lebens- abend ohne Gefahr und Furcht in Frieden verbringen konnte. Wir sprachen selten über die Vergangenheit. Doch wenn bei Gesellschaften Menschen anfingen, ihre»Erlebnisse« in Deutschland auszupacken, dann sah Mo Groß mich an, und wir lächelten. Manfred wuchs unter der Liebe und dem Schutz eines»Wahlvaters« und eines»Wahlgroßvaters« auf, wie sie sich ein Kind nur erträumen konnte. Meine Woh- nung war ein Palast der Sicherheit und Wärme. Und der blanke Parkettboden glich manchmal reicher Erde, in die sich Wurzeln senken ließen. Erhoben von der Gewißheit, daß ich nun nicht mehr die Schatten einer schweren Krankheit zu fürchten hatte, wan- derte ich zum Times Square und betrachtete eifrig das brau- sende Leben, das ich für so viele Monate vermißt hatte. Meine Blicke wanderten an den Häusern und Riesenplaka- ten entlang und blieben plötzlich an der Zeitungsüberschrift an einem Kiosk hängen: BERLIN BRENNT VOM SCHWERSTEN LUFTANGRIFF DES KRIEGES. Umwogt von dem Gebraus des Verkehrs an diesem Kreu- zungspunkt der Welt, unfähig, mich zu rühren, stand ich für eine lange Zeit, von den heftigsten, widersprechendsten 336 Empfindungen geschüttelt. Der Kampf zwischen meinem Verstand und meinem Herzen zerriß mich mit unsagbarer Pein. Es muß doch sein, sagte ich mir. Du weißt genau, es muß sein, es muß zerstört werden, denn sonst wird ein Hitler ewig leben. Berlin in Flammen. Mein geliebtes Berlin. Was war in Flammen? Mein Theater? Der unvergessene Kastanienbaum vor der Universität? Und warum denkst du nicht an dein Haus, fragte ich mich. Hast du den Schmerz der Nacht vergessen, als du es in Flammen sahst? Freust du dich nicht, daß sie jetzt fühlen, was du in jener Nacht fühl- test? Vielleicht steht Hitlers Haus in Flammen! Vielleicht die Gestapoleitstelle! Die Gestapoleit... Wer starb heute in den Flammen? Fritz? Stückchen? Röschen? Ich hörte die Flammen in meinen Ohren knistern, sah die sterbenden Ge- sichter derer, die ich liebte... Mechanisch hielt ich eine Taxe an, fuhr nach Haus, schloß mich in mein Zimmer ein und weinte für Stunden über eine grausame, furchtbare Welt, die ein Menschenherz zwingen wollte, sich an dem Gedanken zu freuen, daß alles, was es von Kindheit an liebte, in Flammen aufging und starb. Am Abendbrottisch beobachtete Milton unruhig mein Ge- sicht.»Kopfweh?« »Nein«, sagte ich.»Nur Weltschmerz.« » Wir machen ein schönes Wochenende«, sagte er mit seinem beruhigenden Lächeln.»Morgen nachmittag gehen wir in ein schönes Kino.« In dem bequemen Kinopalast begann ich mich von meiner Depression loszulösen. Doch plötzlich brach der Film ab. Das Licht im Haus flammte auf, und eine Stimme kam über die Lautsprecher:»Plötzliche Überfall-Attacke auf Pearl Harbour...« Vier Tage später erklärte Deutschland Amerika den Krieg. An demselben Tag erhielt ich einen Brief von Stückchen. Er war noch in Berlin, noch am Leben, schrieb noch immer von dem Tag, an dem er im Hafen von New York ankom- men würde. Ich las den Brief viele Male, und dann legte ich ihn in die Schublade, die meine Erinnerungen enthielt. Ich wußte, es war sein letzter Brief. Wir waren im Krieg mit Japan und Deutschland. Ich bangte 3347, um das Leben meiner Freunde in Deutschland, meiner Eltern in England, um die jungen Soldaten, die Amerika auf den Schlachtfeldern in Europa und jenseits des Stillen Ozeans be- schützten— um Milton. Die Welt war aufgebrochen, hatte die Sicherheit meines Palastes erschüttert. Der Sturm brach durch die Fenster und verwehte die Spuren reicher Erde, die ich mühsam gesam- melt hatte. Der Boden war wieder hartes, schimmerndes Parkett, das sich kaum zum Einpflanzen empfindlicher Wurzeln eignete. (Lil Während ich schrieb, hörte ich an einer Radiostation, die Programme in mehreren Sprachen sandte, altvertrauter deut- scher Musik zu. An einem Nachmittag wurde ich plötzlich durch die Stimme des Berichterstatters aufgeschreckt, der die deutschsprachigen Nachrichten wie immer mit den Worten begann:»Washington meldet...« Doch seinem Bericht ging ein kurzes höhnisches Lachen voraus, das den Sinn ins Gegenteil verkehrte und augenscheinlich den Glauben der Zuhörer an die Wahrheit der Meldungen erschüttern sollte. Ich erinnerte mich plötzlich des jungen Mannes, dessen Ver- wandte ins Konzentrationslager kamen, weil ein Sohn in Wisconsin eine abfällige Bemerkung über die Nazis gemacht hatte; auch meiner Diskussion mit Mo Groß über den Ein- fluß von Nazigruppen in Amerika. Ich hatte hier oft bei den Amerikanern eine völlige Unkenntnis der faschistischen Gefahr erlebt und eine völlige Gleichgültigkeit dem Einfluß gegenüber, den diese Gefahr auf Amerika ausüben konnte. Selbst die jüdische Bevölkerung weigerte sich, die Möglich- keit einer solchen unterminierenden Gefahr zu erkennen. Ich hatte dies besonders während eines großen Wahldinners erlebt, zu dem ich während meines ersten Jahres in Amerika eingeladen war. Wir saßen im Saal an einem großen Tisch mit acht jüdischen Familien zusammen. 338 »Sprechen Sie nicht über Ihre Erlebnisse in Deutschland«, belehrten mich einige Männer, bevor ich überhaupt ein Wort mit ihnen gewechselt hatte.»Amerikaner wollen keine sol- chen Geschichten hören. Sie hören gern von frohen Erleb- nissen und glücklichen Menschen. Die Geschichten, die Im- migranten hier erzählen, könnten doch sogar in Amerika vielleicht zu Antisemitismus führen!«—»Wollen Sie mir da- mit sagen, daß es in Amerika keinen Antisemitismus gibt?« fragte ich.»Nein, den gibt es nicht, noch nicht«, war die zuversichtliche Antwort.»Doch wenn die Immigranten zu- viel Geschrei machen, könnte es ihn eines Tages geben.« Bald nach dem Beginn des Krieges schrieb ich zwei Spionage- geschichten und reichte sie einer großen Radiostation als Manuskript ein. Ein junger Vizepräsident versicherte, daß er meine Manuskripte mit großem Interesse gelesen hätte und gern mehr Material von mir sehen würde, doch diese zwei Geschichten könnte er wegen»Unglaubwürdigkeit des Sujets« nicht gebrauchen. Ich versuchte, meine Verblüffung zu verbergen.»Sie finden diese Manuskripte unglaubwürdig?« » Vielleicht nicht für Europa«, erklärte er,»aber doch be- stimmt für Amerika! Im letzten Krieg sind wir zwar von einigen Vorfällen dieser Art geplagt worden, doch heute existieren sie nicht. Ich halte es direkt für gefährlich, solche Geschichten am Radio zu bringen, denn wir könnten einigen Menschen schlechte Ideen geben. Es gibt heute in Amerika keine Spione.« Er lächelte wohlwollend.»Sie haben sicher in Europa einige negative Erlebnisse gehabt, darum denken Sie noch europäisch. Vergessen Sie doch darauf! Dies ist Amerika!« Alle diese Worte gingen mir durch den Sinn, als ich die merkwürdige Berichterstattung an der deutschen Radioüber- tragung hörte, und eine innere Panik ergriff mich. Nach der Statistik, die uns in Berlin zur Verfügung stand, konnten wir mit ungefähr zwei Millionen Deutsch-Amerikanern rech- nen, die entweder Nationalsozialisten waren oder leicht von der Idee zu überzeugen waren. Ich diskutierte den Vorfall mit Milton. Einer körperlichen Behinderung wegen war er von der Armee zurückgestellt worden und war deprimiert darüber.»Wir müssen etwas 339 wegen dieser Radiosache unternehmen«, sagte ich.»Das ist vielleicht ebenso wichtig, als der Armee zu dienen. Hast du irgendeine Idee, wie wir es anfangen können?« Wir überlegten ein paar Möglichkeiten, dann kam Milton auf eine Idee.»Es gibt hier einen berühmten Journalisten und Berichterstatter, Walter Winchell, der sehr interessiert an dem Naziproblem ist. Er hat seit langem vor dieser Ge- fahr gewarnt. Wir könnten ja an ihn schreiben.« Zwei Tage später rief ein Herr Irving Mansfield an und besprach mit uns den Brief, den wir an Winchell geschrieben hatten. »Walter schlägt vor, daß Sie diese Sache in Washington be- sprechen. Wollen Sie fahren?« »Natürlich! Ich kann morgen fahren.« »Gut. Schreiben Sie sich die Adresse auf. Walter wird heute nach Washington telegrafieren. Das wird Ihnen dort die "Türen öffnen.« Der Name Walter Winchell wirkte Wunder. »Ich kann einfach Ihren Bericht nicht verstehen«, sagte der Leiter der Stelle mit dem wichtigen Titel, ein reizender junger Mann.»Alle Manuskripte werden zensiert!« »Sprechen Sie deutsch?«—»Nein.« „Wie können Sie dann sicher sein, daß dem Manuskript nichts hinzugefügt wird?« Er dachte erst, daß ich wohl zu viele Spionageromane gelesen hatte, doch nachdem er einige Beweise meiner sehr genauen Kenntnis der Situation erhielt, begann er zu investigieren. Nach einer Woche bezahlte die Regierung die Zeit an der Rundfunkstation für ein Programm, das Milton und ich zusammen inszenieren sollten. Die Regierung hatte keinerlei Budget für Radiopropaganda zur Verfügung, daher war es uns überlassen, außer der Zeit das notwendige Geld für die Radioübertragungen aufzubringen. Ich machte mir darum wenig Sorgen. Es mußte doch das leichteste sein, Geld für eine solche Radioserie zu bekommen! Während der folgenden Wochen erhielt ich eine gute Lek- tion über Gleichgültigkeit, Egoismus, Heuchelei und Haß. Ich hatte eine Liste von katholischen und jüdischen Geist- lichen aufgestellt, da ich daran dachte, wie viele Juden und Katholiken Hitler zum Opfer gefallen waren. Diese Männer 340 würden doch sicher die ersten sein, mir eine helfende Hand zu reichen. Auf der Liste befanden sich auch ein paar jüdische Industrielle, von denen einige in Europa, die anderen in Amerika geboren waren. Meine erste Verabredung war mit dem Assistenten des mäch- tigsten katholischen Geistlichen in Amerika. In einer kostbar eingerichteten Villa empfing mich ein kleiner Mann, der in der gedämpften Pracht des Raumes mit seinen weichen Tep- pichen und schweren Vorhängen noch kleiner wirkte. Nach- dem ich kurz den Zweck meines Kommens erklärt hatte, stand er auf und sagte sanft und glatt:»Es tut mir leid, mein liebes Kind, aber die Kirche hat kein Geld für solche Zwecke. Wir benötigen unsere Mittel, um unsere Geist- lichen auf die Schlachtfelder hinauszusenden, wo sie unse- ren jungen, tapferen sterbenden Soldaten den letzten Trost zusprechen.« »Das ist es ja gerade, was ich meine«, erwiderte ich.»Es sollte eben keine jungen, tapferen sterbenden Soldaten auf Schlachtfeldern geben! Und die Kirche hat doch die besten Möglichkeiten, diese furchtbare Katastrophe zu verhindern!« Die Glattheit verließ sein Gesicht. Sein Kopf, sanft auf eine Seite geneigt, richtete sich steif und gerade auf.»Sie sind ein Refugee, nicht wahr?«—»Sind Sie es denn nicht, Sir?« erkun- digte ich mich in geradeso sanftem Ton.»In Amerika sollte man uns Nachbarn nennen; Deutschland und Irland liegen ziemlich nahe beieinander. Und die religiösen Verfolgungen sind sich ähnlich. Ich möchte meinen Besuch als beendet be- trachten. Ich danke Ihnen für ein großes Nichts.« Ich hielt ihn von einer Geste zurück.»Nein, begleiten Sie mich nicht hinaus. Ich kann sicher meinen Weg zur frischen Luft finden. Die Häßlichkeit Ihrer Worte paßt so sehr schlecht zu die- sem schönen Raum. Er hat Frieden. Sie haben ihn nicht.« Ich drehte mich um und verließ das Haus. Mein nächster Besuch brachte mich zu einem sehr reichen amerikanischen jüdischen Fabrikanten. Das Mädchen führte mich in einen großen Salon, dessen Eleganz Reichtum und Sicherheit atmete. Nachdem ich vergeblich über zwanzig Minuten auf ihn gewartet hatte, erschien seine Gattin. »Mein Mann muß im Büro aufgehalten worden sein«, sagte 341 sie entschuldigend und ging zu dem Telefon auf dem kleinen französischen Tisch.»Ich werde ihn anrufen.« Ich versicherte, daß ich keine weiteren Verabredungen mehr hätte und daher gern warten würde. Diese Worte, von ge- sellschaftlicher Höflichkeit diktiert, mußten wohl auf sie den Eindruck von Unterwürfigkeit gemacht oder ihr die Idee gegeben haben, daß ich eine persönliche Bitte hätte, denn sie sagte zu ihrem Mann am Telefon:»Diese Immigrantenfrau ist hier, um dich zu sehen. Kommst du bald?« Nach Beendigung des Gespräches drehte sie sich zu mir um und sagte in höflichem Ton:»Es tut mir leid. Er hat tat- sächlich darauf vergessen, aber er wird bald hier sein. Bitte, machen Sie es sich bequem.« Sie ging aus dem Zimmer, und es war mir völlig klar, daß sie keine Absicht gehabt hatte, mich mit ihren Worten zu beleidigen.»Immigrantin« war für sie einfach eine Bezeichnung wie»Vertreter«,»Kauf- mann« oder ein anderer Beruf. Nur waren sie alle natürlich etwas störend, denn unzweifelhaft wollten sie entweder Geld oder ähnliches von ihrem Mann. Nach weiteren vierzig Minuten des Wartens kam sie wieder herein, um sich noch- mals zu entschuldigen.»Das kann passieren«, sagte ich, be- müht, meinen Ärger nicht zu zeigen.»Ich werde Ihren Gat- ten später anrufen.«—»Es tut mir leid«, sagte sie freundlich. Am Abend rief ich ihn an. Es tat ihm auch leid.» Vielleicht können wir uns am Telefon unterhalten«, schlug er vor,»ich habe gerade mein Abendbrot beendet und habe jetzt ein wenig Zeit.« Ich setzte ihm mein»Problem« auseinander, sehr zuversichtlich, daß er es zu seinem»Problem« machen würde, da zwei Millionen Verhetzte seine sehr sichere Posi- tion in Amerika gefährden könnten. Die Reaktion kam wie- derum sehr unerwartet, und diesmal traf sie mich so hart, daß ich den Schreck für Wochen nicht überwinden konnte. »Ich arbeite daran, Amerikas Soldaten Unterhaltung zu bie- ten«, erklärte er.»Ich gebe eine Menge Geld für diesen Zweck aus, und die Anerkennung, die man mir zollt, zeigt mir, daß ich etwas Wichtiges tue.«—»Ich habe davon gehört«, erkannte ich ebenfalls an.»Mein Programm liegt natürlich auf einer ganz anderen Linie. Die Regierung bezahlt für die Radiozeit, doch wir müssen das Geld für die Schauspieler 342 und für die Spesen aufbringen. Das benötigt nicht sehr große Summen, aber wir können damit dem Lande einen guten Dienst erweisen.« »Das weiß ich noch nicht so genau«, entgegnete er.»Mich hat noch niemand von diesen Leuten belästigt. Sie leben in ihrer Atmosphäre, ich lebe in der meinen. Sollen sie uns doch ruhig hassen— wer kümmert sich schon darum. Sie stören mich nicht— ich störe sie nicht.« Vor meinen Augen stieg das Bild des sterbenden Mannes auf, der so stolz auf diese Art Gesinnung gewesen war und 14 Millionen Mark für ein weißes Laken bezahlen wollte, um seinen zerschla- genen Rücken zu kühlen.»Haben Sie nie daran gedacht, daß die Zeit kommen könnte, da man Sie doch stören wird?« »Nur wenn die Immigranten mit ihrer Propaganda so viel böses Blut machen werden, daß diese Leute wirklich noch aggressiv werden. Was mich viel mehr stört«, fuhr er selbst aggressiv fort,»ist das Benehmen der Refugees, die jetzt hier- herkommen. Sie erzählen so viele lächerliche Geschichten, daß es mich nicht erstaunen würde, wenn die Menschen hier ein paar davon ausprobieren würden. Ich hoffe nur, man wird sie an den Refugees, nicht an uns ausprobieren. Wenn Sie ein Programm der Aufklärung am Radio inszenieren wollen, so klären Sie die Refugees darüber auf, wie sie sich in einem Lande zu benehmen haben, das ihnen Gastfreundschaft bietet. Schließlich sind sie ja doch keine Amerikaner, sie sind hier nur geduldet und sollten ihre Dankbarkeit zeigen. Sie kommen auch nicht in unsere orthodoxen Tempel, sie wollen sich»assimilieren«. Sagen Sie Ihren Leuten, sie sollen auf Deutschland vergessen und Juden werden. Überlassen Sie es nur mir, den Antisemitismus zu bekämpfen, indem ich zeige, wie ein bewußter Jude sich benimmt; und Sie sorgen dafür, daß die Refugees dasselbe lernen. Damit werden Sie bessere Dienste leisten, als nicht existierende Nazis in diesem Land zu bekämpfen. Sie würden sich wundern, wenn Sie wüßten, was die Soldaten über die Refugees...« Ich konnte nicht mehr länger zuhören und legte langsam den Hörer auf die Gabel. Mechanisch spannte ich Papier in die Schreibmaschine und schrieb unter anderem die folgenden Zeilen: 343 31. Juli 1942 ... Ja, ich wundere mich— in diesem Augenblick nicht, was die Soldaten über die Refugees denken, doch ich wundere mich, ob Sie wohl für eine Sekunde darüber nachdachten, was ich selbst fühlte, als ich das Telefon anhing. Ich bin sicher, Sie haben mir keinen weiteren Gedanken geschenkt. Darum will ich es Ihnen sagen. Als ich den Hörer auflegte, fühlte ich einen quälenden, scharfen Schmerz, der mein Herz zusammenpreßte. Ich dachte: Wann habe ich schon einmal diesen qualvollen, beängstigenden Schmerz gefühlt? Und dann erinnerte ich mich. Ich hatte ihn gespürt, als ich im Jahre 1934 einer Rede von Hitler am Radio zuhörte. Nicht einer seiner brüllenden Tiraden, in denen er versprach, daß er selbst jeden Juden erschießen würde. Es war eine seiner »sachlichen« Reden, in der er mit kühler, ruhiger Stimme erklärte, daß in Deutschland kein Raum für Juden sei, da sie keine Deutschen wären. Sie seien immer Juden, betonten dies auch selbst, erklärten, daß sie eine eigene Rasse seien und sich als Juden zu benehmen hätten etc. etc. etc..... Dann kam ich nach Amerika. Ich kämpfte für meinen Platz an der Sonne wie jeder andere Amerikaner und wie Tau- sende von»Refugees« es gleich mir tun. Wir arbeiten und versuchen demselben Zweck zu dienen, der in all unseren Herzen und Sinnen vorherrschend ist: den Krieg zu be- enden und für ein paar Jahre nach dem Krieg in Frieden zu leben— wie es sich jeder Amerikaner wünscht. Ich hatte das Vergnügen, Ihre Bekanntschaft am Telefon anläßlich einer Arbeit des guten Willens zu machen, und Ihre Worte gelten mir genauso, wie Hitlers Worte Ihnen als einem Juden der Welt galten. Sie treffen nicht auf mich zu— und ich glaube nicht, daß sie auf viele»Refugees« zutreffen. Sie passen auf ein paar Menschen, die nicht wissen, was wirklich vorgeht; genauso wie sie auf ein paar jüdische Amerikaner passen, die nicht wissen, was wirklich vorgeht. Und— verzeihen Sie mir, daß ich diesem Gedanken Ausdruck gebe— bei dem Vergleich der Anzahl schneiden die»Refugees« sehr gut ab. Ein Land, eine Rasse, eine Religion, eine Gruppe von Men- schen nach der Minderheit ihrer negativen Elemente zu be- urteilen bedeutet, Hitlers Ansichten und Hitlers Fahne hoch- 344 zuhalten, und richtet mehr Schaden in den Gehirnen und Herzen von Menschen an, als jede Arbeit für die Unter- haltung der amerikanischen Soldaten wiedergutmachen kann. Und die Tatsache, daß die Juden von Amerika das Glück hatten, durch die Ankunft ihrer Eltern und Großeltern in Amerika vor fünfzig und hundert Jahren bereits hier ge- boren zu sein, sollte ihnen nicht das Recht geben, diejenigen als minderwertig zu betrachten, die erst jetzt Freiheit und Sicherheit in diesem Lande suchen. Wenn guter Wille und Arbeit für dieses Land auf eine Waage gelegt werden soll- ten, dann weiß ich noch nicht, was schwerer wiegt: Pfennige eines großen Vermögens und ein paar Stunden Zeit für die Regierung zu geben oder die Arbeit, die wir von Ihnen gehaßten Refugees leisten. Einige meiner Schauspieler arbei- ten zehn Stunden am Tag in einer Fabrik, um ihre Zeit die- sem Propagandawerk umsonst zur Verfügung zu stellen. Ich selbst mußte meine wenigen Ersparnisse dazu benutzen, um meinen Verpflichtungen an Miete, Telefon etc. nach- zukommen, denn ich habe keine Zeit, Geld zu verdienen, da ich vierzehn Stunden am Tag an der Organisation und dem Aufbau dieses Programmes arbeite— bis vielleicht eines Tages ein paar verständnisvolle wohlhabende Menschen unsere Ar- beit unterstützen werden. „. Viele Amerikaner schwenken stolz ihren amerikanischen Paß in der Luft herum und wissen nicht einmal, worin der Wert dieses Landes besteht. Ich habe Amerika noch nicht auf meinem Paß— aber ich habe es in meinem Herzen. Hochachtungsvoll Ich traf viele Menschen, die bedeutend netter und verständ- nisvoller waren, aber der finanzielle Erfolg war am Ende immer negativ. Da die meisten der Schauspieler, die ich um ihre Mithilfe gebeten hatte, frühere Deutsche waren, die die Wichtigkeit dieser Propaganda erkannten, beschlossen wir endlich, keine Zeit mehr daran zu verlieren, Geld aufzubringen. Wir arbei- teten ohne jede finanzielle Vergütung, verrichteten alle mög- lichen Extraarbeiten und opferten unsere Ersparnisse, um 345 alle Spesen selbst zu bezahlen und unserer neuen Heimat diesen Dienst zu leisten. Wir nannten das Programm:»Der Wahrheit gewidmet.« Es enthielt jede Woche für fünfzehn Minuten in Serienform die Geschichte eines deutschen Offiziers, der gegen seinen Wil- len in die Karriere eines Nazis schlüpfte. Damit verfolgten wir den Zweck, Amerikanern zu erklären, daß nicht alle Deutschen hassende Mörder waren, sondern viele in den Nazismus hineingezogen wurden. Ich beantwortete auch am Mikrophon ehrlich und offen die Gemeinheiten und Anschuldigungen, die mir in Briefen zu- gingen und von Menschen unterzeichnet waren, die sich in ihnen offen zum Nazismus bekannten. Um so mehr erfreu- ten uns Hunderte von Briefen, in denen demokratisch den- kende frühere christliche Deutsche uns Lob und Mut zu- sprachen. Hunderte von Briefen ohne Unterschrift, die mein Leben bedrohten, wenn ich nicht sofort mit dem Programm aufhören würde, überzeugten uns, daß unsere Mühe und unsere Opfer nicht vergebens waren. 122 Das Interesse, das amerikanische Zeitungen unserem Pro- gramm entgegenbrachten, erregte die Aufmerksamkeit der Berichterstatter. Obwohl ich niemals über meine Erlebnisse während der Hitlerjahre in Deutschland sprach, wurde es ihnen klar, daß ich doch Außergewöhnliches dort getan haben mußte. Dieses»Außergewöhnliche« versprach, vom Standpunkt der Sensation aus, gute Berichterstattung. Ver- leger der Magazine wie auch Zeitungsreporter besuchten mich und wollten ganz genau wissen, wie es mir möglich gewesen war, meine Arbeit in Deutschland zu leisten. Ich erklärte ihnen, daß die Veröffentlichung von Namen den sicheren Tod dieser Männer in Deutschland bedeuten würde, doch meine Weigerung und ihre Begründung erhöhte noch mehr die Begierde. Es war mein erster Zusammenprall mit 346 der Unbarmherzigkeit einiger Berichterstatter und Verleger, die nur an der»Story« interessiert waren, ohne Rücksicht auf das Schicksal derjenigen, die damit verknüpft waren. Man bot mir für die»exklusive Story« große Summen Geldes an, und der gemeine Egoismus, die völlige Gleich- gültigkeit dem Leben anderer gegenüber, zusammen mit der Gier, Sensationen zu drucken, ließen mich schaudern. Sie rasselten in nicht endender Wiederholung dieselben Sätze herunter:»Seien Sie doch nicht so dumm! Wissen Sie denn überhaupt, was es für Ihre Karriere bedeuten wird, wenn wir diese Story bringen? Sie werden doch über Nacht in Amerika eine Berühmtheit sein!«»Verkaufen Sie Ihre Erlebnisse nur uns!«»Sie sind gemacht! Über Nacht!« »Geben Sie unserem Magazin die Rechte, diese Serie zu drucken! Nennen Sie Namen! Namen!«» Vergessen Sie doch diese Menschen in Deutschland! Sorgen Sie für Ihr eigenes Interesse!«»Namen! Wir werden Ihnen soviel zahlen, daß Sie ein Jahr sorgenlos leben können.« Ein Berichterstatter war besonders eifrig:»Warum hören Sie nicht endlich mit Ihrer sentimentalen Loyalität auf! Schicken Sie doch die da drüben zum Teufel und zur Hölle! Wenn wir hier Ihr Leben in Deutschland herausbringen, verkaufen Sie die Serie sofort nach Hollywood! Wissen Sie denn, was Hollywood für solche Filmrechte bezahlt? Sie sind fürs Leben gemacht! Sie sind reich!« Zu ihm sagte ich:»Überlegen Sie sich eigentlich, was Sie da sagen? Es ist so leicht zu sagen: Schicken Sie sie zur Hölle. Das konnten diese Menschen mir damals ja auch gesagt haben, und ich würde heute nicht am Leben sein. Mein Nen- nen von Namen würde viele von ihnen drüben töten!« Seine Antwort, in sachlichem Ton, kam wie aus der Pistole geschossen:»Na schön, werden eben ein paar Deutsche mehr krepieren! Sie werden sowieso hoffentlich alle umgebracht, bevor wir mit ihnen fertig sind! Warum denken Sie nicht an sich selbst, an das, was man Ihnen angetan hat! Denken Sie doch an den Namen, den Sie sich machen! An das Geld, das Ihnen zufließen wird! Werden Sie endlich klug!« Ich beobachtete ihn scharf, während er hastig versuchte, mich zu überzeugen, um so viele Sätze wie möglich loszuschießen, 347 bevor ich ihn unterbrechen würde. Seine gemeinen, brutalen Worte standen in krassem Gegensatz zu seinen hübschen, klaren Gesichtszügen. War es nur sein persönlicher Ehrgeiz, diese Geschichte von mir zu bekommen, oder war es dieser Beruf, der solche jungen, gutaussehenden Männer zu skrupel- losen Konjunkturausbeutern mit verzerrtem Denken machte? Ich erklärte ihm, daß ich kein Bestreben nach Ruhm und Namen auf Kosten vieler Menschenleben hätte. Ich zöge es vor, meinen unbekannten Weg zu gehen und arm zu bleiben, jedoch mein gutes Gewissen zu bewahren, niemals die Men- schen verraten zu haben, die mir so selbstlos geholfen hatten. Er zuckte die Schultern über den idiotischen, unkommerziel- len Standpunkt und gab endlich auf. Und ich fühlte, daß ich Fritz und allen anderen ein wenig zurückzahlte für das, was sie mir so selbstlos gegeben hatten. Beruflich begann mein Leben langsam dem aller anderen zu gleichen, die um das tägliche Brot und um Anerkennung kämpften. Seelisch jedoch war es mir unmöglich, Ruhe zu finden. Und Milton ging es genauso. Er hatte nie das Dasein in dieser großen Steinstadt geliebt. Sein"Traum war ein Haus auf eigenem Grund und Boden, mit Obstbäumen, einem Arbeitsplatz, an dem er seiner Lieblingsbeschäftigung nach- gehen konnte, mit feinem Holz zu arbeiten, und der Mög- lichkeit, einen Zwinger zu errichten, in dem er Schäferhunde und— als Konzession an mich— Dackel züchten konnte. Ob- wohl er ein hervorragender Schauspieler war, hätte er doch das Theater ohne allzu großes Bedauern aufgegeben, um auf eigener Scholle seinem Wesen gemäß leben zu können. In unserer geringen freien Zeit bauten wir viele Traumhäuser. Doch selbst wenn wir die finanziellen Mittel zur Verfügung gehabt hätten, wäre ich für die Realisierung unserer Träume innerlich unvorbereitet gewesen. Zu viele ungelöste Pro- bleme verhinderten Entspannung und ruhevolles Planen einer Zukunft. Ich wartete auf das Ende des Krieges mit einer gespannten Sehnsucht, als ob dieser Tag alles Ungelöste lösen würde. Ich hatte niemals die Hoffnung aufgegeben, eines Tages nach Deutschland zurückzukehren und mein Haus wieder- aufbauen zu können. Ich dachte daran an jedem'Tag meines 348 Daseins, und je länger der Krieg dauerte, um so hilfloser wurde mein Gefühl der Sehnsucht.»Eines Tages komme ich zurück und baue dich wieder auf.« Dieses Gelübde hatte ich in jener letzten Nacht in Berlin abgelegt. Aufbauen! Auf- bauen als was? Als einen Tempel? Ich wußte, das würde wenig Sinn haben. Es würden nach dem Kriege kaum genug Juden in Berlin sein, um einen großen Tempel zu benötigen. Doch dies war nicht die einzige Überlegung, die mich zögern ließ. Meine Erkenntnis begann sehr langsam, blieb für lange Zeit undeutlich, unformuliert. Vielleicht hatte ich niemals vorher viel Zeit an die Unterschiede zwischen Liberalismus und Orthodoxie in der Gegenwartsreligion verwandt. Mein Haus hatte beide Extreme zu einer meiner Ansicht nach idealen Mittellinie geführt, die von einem gläubigen Herzen angenommen werden konnte. Obwohl mein Vater alle Vor- schriften des Sabbaths befolgte, folgte er doch in seinem Denken der Linie des Liberalismus. Mein Haus hatte ja auch eine Orgel— die die Orthodoxie nicht erlaubte; aber tradi- tionsgetreu saßen auch in meinem Haus die Frauen getrennt von den Männern. Da ich alles, was in meinem Haus vorging, als richtig und schön akzeptierte, hatte ich auch kaum darüber nachgedacht, warum mein Vater zwar am Sabbath nicht arbeitete, aber unter anderem in den Gesetzen des Essens liberal war. War- um er in seinem Heim einen nichtkoscheren Haushalt ge- stattete, jedoch zum Beispiel während der Pessachfeiertage nur Mazzoth aß. Warum er lachend erklärte, daß er einem Stück saftigen Schinken nicht widerstehen könne, jedoch von keiner Macht zu bewegen war, während des Versöh- nungstages sein Fasten zu brechen. Auf der Suche nach religiösen Wurzeln in Amerika besuchte ich viele Tempel und sprach mit vielen jüdischen Menschen. Ich fand hauptsächlich zwei extreme Richtungen: die absolut Reformierten, die überhaupt keine Tradition kannten, und die absolut Orthodoxen, die fest an den ihnen seit Jahr- tausenden überlieferten Gesetzen hingen. Auf meine Frage, warum sie diese Gesetze nicht den Bedingungen unserer Zeit anpaßten, erhielt ich immer dieselbe Antwort:»Wenn du eine Konzession machst, wirst du bald alle Gesetze aufgeben 349 und aufhören, ein Jude zu sein. Ein überzeugter Jude muß alle Gesetze halten und ihnen blind gehorchen.« An dieser Erklärung gemessen, war mein Vater kein über- zeugter Jude! Und doch waren seine Überzeugungen und seine Lebensweise die eines tiefgläubigen Menschen! Ich be- gann alle Punkte zu überlegen und zu analysieren, in denen mein Vater und der Gottesdienst in meinem Haus von der Konsequenz der Orthodoxie abgewichen waren, und kam zu dem Resultat, daß er— vielleicht unbewußt— alle die Ge- setze aufgegeben hatte, die nicht in unsere Zeit paßten. Doch er hielt an jedem Gesetz fest, dessen Befolgung ihm die Ge- wißheit gab, ein guter Anhänger seiner Religion zu sein; und er hätte auch nie auf die wunderschönen, legendären Feier- tage verzichten können, die dieser Religion eine so festlich- warme Tradition verleihen und die auch für mich zu der Schönheit meines Hauses gehörten. Ich begann, wohl zum erstenmal in meinem Leben, meinen eigenen Standpunkt meiner Religion gegenüber zu analysieren. Ich begann zu verstehen, warum ich niemals ein Zugehörigkeitsgefühl zu orthodoxem Judentum aufbringen konnte, jedoch Sehnsucht danach empfand, die Feiertage mit allen ihren Traditionen zu halten. Ich war nicht gewillt, mich der Isolierung zu ergeben. Wann immer ich auf Isolierung stieß, gewahrte ich ihre negativen Einflüsse und sah in ihr das Element, das Men- schen daran hinderte, nach universellem Frieden zu streben. Ich konnte auch nicht den Gedanken eines rachsüchtigen Gottes annehmen. Doch ich wollte in meinem Glauben an allem festhalten, das Liebe und lebendige Tradition verkör- perte und mich nicht mit meiner Idee in Konflikt brachte, mit allen Menschen aller Religionen in Respekt und naher innerer Bindung zusammenzuleben. Wir haben doch die Ge- setze des Rechtes den Bedingungen einer modernen Zeit an- gepaßt. Gesetze der Konfession sollten diesem Beispiel folgen. Die Menschheit sucht heute nach Ideen, wie sie ihre eigenen Überzeugungen mit denen anderer Länder, vielleicht sogar anderer Welten koordinieren kann. Ich wollte einen Weg finden, der mich nicht zwang, die Traditionen meines Glau- bens aufzugeben, und mich doch mit den Menschen anderer Religionen harmonisch zusammenleben ließ. Ich wollte, frei 3509 von Furcht, einem rachelosen Gott dienen; wollte die Feier- tage anderer Religionen mit meinen Freunden teilen können und vielleicht die Freude haben, daß sie auch die meinen teilten. Das Resultat aller dieser Erwägungen war meine Unent- schiedenheit, nach welchem Plan ich mein Haus wieder aufbauen wollte, wenn ich jemals die Möglichkeit haben sollte, mein Gelübde zu halten. Mit der Zeit schien es zweifelhaft, daß ich noch einen Stein meines Hauses vor- finden würde. Deutschland wurde jetzt täglich bombardiert. Schlagzeilen bestätigten meine Befürchtung, daß dieser Krieg nicht be- endet sein würde, bevor ein großer Teil Deutschlands der Zer- störung anheimgefallen war. Hitler war wahnsinnig genug, bis zur letzten Kugel aushalten zu wollen, und es war ihm augenscheinlich gleichgültig, ob er dadurch eine furchtbare Tragödie des Leidens über Deutschland und seine Menschen brachte. Er hatte uns ja bereits vorher über jeden Zweifel hinaus bewiesen, daß Menschenleben absolut keinen Wert für ihn besaßen. Er hatte auf seinem blutigen Weg nicht nur Juden und Katholiken gemordet, sondern alles das, was ihm im Wege stand: die Alten, die er als Hindernis des Fort- schrittes bezeichnete und nicht benutzen konnte; die Gei- steskranken, die er als unnützen Ballast betrachtete und durch Injektionen aus der Welt befördern ließ, und viele seiner eigenen Freunde, die ihm in seinem Machthunger zur Gefahr wurden. Bestimmt würde er nicht für einen Augen- blick zögern, die Jugend des Landes zu opfern, solange er noch die leiseste Hoffnung hatte, den Krieg zu überleben und in Laboratorien den Begriff seiner Übermenschen- theorie fortzusetzen, und wenn er es auch auf den Trüm- mern des Landes und auf Bergen von Leichen tun müßte. Er hatte glaubhafte Argumente dafür, daß er die Zerstörung des Landes und seiner Menschen überleben konnte. Deutsch- land hatte nie zuvor die Schrecken des Krieges mit voller Macht in seinen eigenen Städten erlebt, und nach dem Ersten Weltkrieg hatte die Nachlässigkeit der anderen Nationen eine beinahe sofortige, unkontrollierte militärische Wieder- aufrüstung gestattet. Er konnte daher glauben, daß die Welt 351 sich auch diesmal mit Halbversprechungen begnügen würde, die keinen wirklichen Frieden garantierten. Er lehnte es ab zu bedenken, daß die Welt nicht ruhen würde, bis sie den Nazismus mit seinen Träumen von Welteroberung ver- nichtet hatte. Ich hatte immer gehofft, daß eine innere Revolution das Land vor der völligen Zerstörung bewahren würde, doch jede Revolte gegen die Wahnsinnsdiktatur wurde infolge der Wachsamkeit der Nazis niedergeschlagen. Es schien, als ob dieser Krieg nie enden oder doch eine lange, entsetzlich lange Zeit dauern würde. Doch zugleich mit der Hilflosigkeit dieses Gefühles be- gann sich in meinem Inneren ein anderer, positiver Gedanke zu entwickeln. Das Ende dieses Krieges würde, vielleicht zum ersten Male in Deutschlands Geschichte, die Möglichkeit bieten, den deutschen Menschen ein unmilitärisches, fried- liches und in gutem Sinn demokratisches Denken näherzubrin- gen. Nach der Vernichtung von Hitler, nach all dem Furcht- baren, das sie gelitten hatten, würden sie bestimmt glücklich sein, positive Hilfe für die Wiedererrichtung ihrer Häuser und Städte zu finden; würden dankbar jeden Beistand akzep- tieren, der es ihnen ermöglichte, ohne Furcht zu leben und ihre Kinder in ihrem Heim zu erziehen, statt sie dem Einfluß staatlicher Jugendorganisationen zu überlassen. Kein Volk in irgendeinem Land der Welt würde Leiden, Krieg und Zerstö- rung einem Leben in Frieden vorziehen; warum sollten die deutschen Menschen eine Ausnahme bilden? Ich hatte nahe mit ihnen zusammengelebt, kannte sie genügend, um zu wissen, daß der Durchschnittsdeutsche damit zufrieden sein würde, seinen Unterhalt zu verdienen, wenn auch diese Arbeit ihm nur bescheidenen Luxus im Leben garantierte. Die Deut- schen waren immer unerhört fleißig, gewöhnt, vom Wenig- sten das Meiste zu machen. Sie haben sich nie nach dem mate- riellen Luxus gesehnt, den der Amerikaner, sogar mit beschei- denem Einkommen, als selbstverständlich ansieht; sie waren im Grunde ihres Herzens ernste, aber glückliche Menschen. Die berühmte»deutsche Arroganz, das deutsche militaristi- sche Denken, das Säbelrasseln« traf nur auf eine Minorität zu. Es wäre genauso ungerecht, das ganze deutsche Volk dieses Denkens zu bezichtigen, wie es unrecht und unwahr 3512 wäre zu behaupten, daß alle Amerikaner geldhungrige, egoistische, kulturlose Menschen sind, die keinerlei Rücksicht auf ihre Nachbarn nehmen. Diese Ansicht, die so oft über die Amerikaner in Europa geäußert wird, mag für fünf Prozent des Volkes gelten; die große Majorität ersehnt, genau wie die deutsche, ein anständiges, friedliches Leben; sie sind gute Nachbarn und arbeiten hart für ihr tägliches Brot. Ich erwartete nicht, daß die deutschen Menschen nach dem Kriege ein Gefühl der Schuld wegen der fürchterlichen Ver- brechen haben würden, die die von ihnen eingesetzte Regie- rung an völlig Unschuldigen begangen hatte. Ich kenne keine Beispiele in der Weltgeschichte, die zeigen, daß ein ganzes Volk die Schuld für Verbrechen auf sich genommen hat, die von einem Teil der Menschen begangen, von dem anderen Teil toleriert wurden. Sowie ich versuchte, diese Tatsachen objektiv zu diskutieren, wurde ich sofort heftigst angegriffen. Meist kamen diese An- griffe von Amerikanern, die während jener Jahre nicht in Deutschland waren, nichts erlitten hatten, aber alles besser wußten als diejenigen, die ihre Welt verloren hatten. Ich bekam alle erdenklichen Namen an den Kopf geworfen; vom » Versöhnungsstifter« bis zum» Verräter«. »Schämen Sie sich eigentlich gar nicht?« fragte mich eine Amerikanerin bei einer Cocktailparty.»Denken Sie denn überhaupt nicht an Ihre Freunde, die von den Nazis getötet wurden? Oder hatten Sie nur christliche Freunde?« Ich lächelte über ihren vergeblichen Versuch, mir weh tun zu wollen.»Ich denke an meine Freunde, aber ich kann ihnen leider nicht mehr helfen. Doch ich denke auch an meinen Sohn und werde alles tun, um zu verhindern, daß er in einen Krieg gehen muß, sowie er erwachsen ist.« Ich fand es sehr schwierig, nicht gegen diejenigen scharf vor- zugehen, die darauf bestanden, Rache für etwas zu nehmen, was wir, nicht sie, erlitten hatten. Ihr beinahe angeborener Haß gegen Deutschland machte sie blind. In solchen Augen- blicken dachte ich an die Hunderte von'Telegrammen, die ich verzweifelt von Deutschland aus nach Amerika gesandt und in denen ich um Affidavits von amerikanischen Familien gebettelt hatte. Unzählige Juden hätten zu jener Zeit noch 353 aus Deutschland herausgerettet werden können. Es war viel Gutes von den amerikanischen Juden getan worden, doch dies meist von Menschen, die selbst einmal unter religiösen Verfolgungen gelitten hatten und daher die Situation ver- standen. Telegramme an Damen, wie die der Cocktailparty, waren immer unbeantwortet geblieben. Wenn ich diejenigen, die am lautesten und wildesten nach Rache schrien, fragte, wie vielen Familien sie aus Deutschland herausgeholfen hätten, dann bekam ich, beinahe ohne Aus- nahme, die Antwort:»Na ja, wir selbst hatten ja keine Ver- wandten drüben, aber wir wissen doch, wie viele ermordet worden sind! Dafür muß Deutschland vernichtet werden!« Es wäre einfach unsinnige Kraftverschwendung gewesen, Deutschlands Problem mit ihnen zu besprechen, ein Problem, das mein Herz jeden Tag mehr beschäftigte. Ich versuchte, mir selbst ein Bild von Deutschland nach dem Kriege zu machen. Viele der großen Städte würden voraus- sichtlich mehr als zur Hälfte von Bomben zerstört sein. Hitler und seine Konsorten würden tot sein, denn nur das würde den Krieg beenden. Wer wird die Menschen dann leiten? Sie werden, verwirrt von der Tatsache, daß sie den Krieg verloren haben, vor den Trümmern stehen, die einst ihr Heim waren, werden kalt und hungrig sein, denn jede erreichbare Kohle und alle Lebensmittel würden von den Nazis verbraucht worden sein. Siewerden naturgemäß jedem Einfluß offen sein, der von warmer Kleidung und Nahrung begleitet sein wird. Ich erinnerte mich, gelesen zu haben, daß die Nazi-Partei viele ihrer ersten Anhänger unter den ent- täuschten Soldaten des Ersten Weltkrieges gefunden hatte. Ich hatte in Bayern selbst gesehen, daß in vielen Häusern mit den wunderschönen Hausaltären das Kruzifix von der Wand genommen und durch ein Hitlerbild ersetzt wurde. Nach dem Krieg würde das Hitlerbild herunterkommen. Was wird an seine Stelle treten? Wem werden die deut- schen Menschen sich dann zuwenden? Unzweifelhaft wird Amerika Einfluß auf die nächste Zu- kunft Deutschlands haben. Unzweifelhaft wird Amerika da- für sorgen, daß alle Spuren des Nazismus ausgerottet wer- den und die Schuldigen die Strafe für ihre Verbrechen er- 354 leiden. Aber dann werden wir sehr danach trachten müssen, keine weiteren Anklagen über die Vergangenheit zu erheben, und darangehen, in denen, die uns zuhören wollen, das Sehnen nach einem friedlichen, aufbauenden Leben zu wecken, in dem sie zusammen mit anderen Nationen an der Möglichkeit arbeiten können, eine Welt zu schaffen, die einer friedlichen wenigstens ähnlich sieht. Man mußte einen Weg finden, den amerikanischen Men- schen beizubringen, daß wir dieses Mal nicht nur die Mög- lichkeit, sondern auch die Verantwortung hatten, den Frie- den, um den wir mit soviel Menschenopfer gekämpft hatten, dazu zu benutzen, aus den Trümmern ein freies, friedens- williges Deutschland zu schaffen, das nicht mehr Diktatoren und Götzen der Säbel anbeten würde, sondern an Gott und die Menschheit glauben konnte. Und ich, die die deutschen Menschen kannte, die trotz aller furchtbaren Erlebnisse an das Gute in ihnen glaubte, die wußte, welche gigantische Aufgabe nach dem Krieg in Deutschland zu leisten war, mußte den Versuch machen, alle Amerikaner, die ich erreichen konnte, auf diese unsere Auf- gabe hinzuweisen. Es war nicht schwer, in diese Art Diskus- sion verwickelt zu werden. Bei jeder Gesellschaft, jeder Cocktailparty, gleichgültig ob sie von Amerikanern oder Europäern gegeben wurde, war die Zukunft Deutschlands das Gesprächsthema. Es war jedoch sehr schwer, Menschen zu finden, mit denen man dieses'Thema sachlich und logisch diskutieren konnte. Meist wurde man von einem Meer von Haß, offensichtlich Tag und Nacht über Feuer geschürt, überflutet. Dieselben wertlosen, negativen Phrasen wurden unermüdlich in unendlichen Variationen wiederholt: »Wir werden dafür sorgen, daß diesen Hunden die Lust zum Morden vergeht. Wir werden sie bis zum letzten Mann kleinkriegen.« »Haben Sie irgendeinen Plan, wie Sie das tun wollen?« fragte ich die Leiterin einer großen Frauenorganisation in New York. Wie immer fiel ein Augenblick bestürzten Schweigens über die Gesellschaft, bis die nächste Phrase kam:»Sehr einfach. Nach diesem Krieg werden wir in Deutschland die Befehle 355 geben. Glauben Sie mir, meine Liebe, die werden froh sein, wenn wir ihnen einen Bissen Brot lassen!« „Ich verstehe«, examinierte ich weiter.»Aber wer wird die Befehle geben und wer wird die Lebensmittel fortnehmen — vorausgesetzt, daß welche da sind oder daß ein Stück 3rot existiert, das»wir« ihnen lassen wollen?« Sie starrte mich irritiert an.»Mein Gott, können Sie Fragen stellen! Man merkt, daß Sie in Deutschland geboren sind!« „Um korrekt zu sein, in Preußen!« sagte ich ernsthaft. »Also gut, in Preußen«, lachte sie nervös und verstand die Pointe überhaupt nicht.» Wie dem auch sei, wenn wir da sehen, sollten wir jeden von ihnen erschießen. Einfach hineing ren. Jeden einzelnen von ihnen.« weg, einen nach dem ande „Ihr Plan wird Schwierigkeiten bieten«, sagte ich sachlich. „Sie erwarten doch von amerikanischen Soldaten nicht, daß sie Frauen und Kinder niedermähen! Und da werden Mil- lionen Frauen und Kinder und Babys sein! Die müßte man dann reihenweise niedermähen! Berge von ihnen— täglich! Werden Sie für diesen Maschinengewehrdienst volontieren?« Sie mußte das Bild gesehen haben. Sie starrte mich wie ab- wesend an, dann sagte sie mit demselben nervösen Lachen: „Lassen Sie uns das Thema wechseln. Es ist unangenehm. Die Armee wird schon das Richtige tun!« Diese Diskussionen irritierten mich jedoch weniger als die Reden, die die Intellektuellen hielten, während sie lässig an ihrem Cocktail nippten. Da war der berühmte europäische Schriftsteller, der bei Cocktailpartys den Salonlöwen spielte und hier, wie auch an den Vortragspulten der Frauenklubs, seine ganz spezielle Theorie zum besten gab,»was mit Deutschland getan werden sollte«. Er war ein sehr erfolg- reicher Autor, der sich, ohne irgendwelche Berechtigung, für den fachkundigsten Historiker Europas hielt und un- wahre Geschichtsbücher schrieb. Ein verbindlicher Typ, mit Scharm und nicht ohne Humor, gepflegt, nach der aller- n Mode gekleidet, von allen Frauen umschwärmt und bewundert. Eine gewisse Allgemeinkenntnis machte ihn selbst bei den Männern beliebt, die seine Oberflächlichkeit und den Mangel an Wissen erkannten. Man konnte ihn an- genehm oder nett finden, solange er sich mit Dingen be- letzte 356 faßte, die keine Tiefe verlangten. Aber man wurde ärger- lich, wenn er mit Halbwisserei die Intelligenz derer be- leidigte, denen das Thema, das er mißhandelte, genau be- kannt war. Die ganze Gefahr seiner schlangenhaften Schlau- heit offenbarte sich in seiner Abwehr von Menschen, die ihn angriffen, weil ihre tiefen Überzeugungen es ihnen nicht erlaubten, seine Darlegungen über Dinge zu akzeptieren, die für sie wichtig waren. Ungeheuer von sich selbst eingenom- men, wurde er dann der scharmante Jongleur, mit glitzernden Worten spielend, so daß diejenigen, die keine Ahnung von dem Sujet hatten, das er behandelte, gefährlich leicht be- einflußt wurden. Wenn er einen wirklichen Gegner er- kannte, nahm er die Haltung eines harmlosen Poseurs an, ging der Kernfrage aus dem Wege, machte oberflächlich- geistreiche Bemerkungen und erging sich in Spitzfindig- keiten, die ihm den Applaus und das Lächeln der Um- stehenden einbrachten und es ihm ermöglichten, sich aus der gefährlichen Situation mit Aalglattheit herauszuwinden. Seine gefährliche Hetzpropaganda gegen ein Nachkriegs- Deutschland hatte mich seit langem verstört und erregt. Als wir einer großen Cocktailparty beiwohnten, bei der er an- wesend war, beschloß ich, ihn zu stellen. »Ich habe Ihnen bei mehreren Gelegenheiten zugehört«, be- gann ich.»Ich habe auch mehrere Ihrer Artikel gelesen, in denen Sie Ihre Theorie verfechten, daß Deutschland ein für allemal vernichtet werden solle. Ich bin weder Politikerin noch kann ich mich als Schriftstellerin mit Ihnen messen. Sie sehen also, ich bin für Sie ganz ungefährlich.« »Eine interessante Frau ist niemals ungefährlich«, sagte er in seiner überliebenswürdigen Art,»aber es wird mir eine Freude sein, Ihre Meinung zu hören.« Andere Gäste unterbrachen ihre Unterhaltung und traten näher. »Sie haben in vielen Ihrer Reden die Menschen kritisiert, die Deutschland nicht hassen oder die nicht wütend und kei- fend seinen völligen Untergang fordern, nicht wahr? Gerade letzte Woche forderten Sie in einem Artikel alle Ameri- kaner auf, den Untergang der Deutschen mit mehr Schärfe zu verlangen. Sie griffen auch heftig eine Gruppe von 334, gewissen Professoren, Industriellen und Immigranten« dafür an, daß sie nicht vom Hausdach herunter nach der Zerstö- rung des letzten Steins und der Vernichtung der letzten Deut- schen brüllten. Nicht der Nazis, der Deutschen, nicht wahr?« „Das stimmt genau!« sagte er.»Ich bin entzückt, daß Sie meine Artikel so sorgfältig lesen.« Ich unterbrach ihn.»Las- sen Sie das. Ich habe kein Interesse, in eine nichtssagende Unterhaltung verwickelt zu werden. Außer, wenn Sie sich offener Kritik nicht gewachsen fühlen!« »O doch«, sagte er,»besonders der offenen Kritik einer Frau!« „Ihrer Ansicht nach sind Frauen»Geschöpfe mit unlogischen, gefühlsdiktierten Anschauungen«. Das habe ich auch gelesen. Falls Sie mich von dieser Warte aus behandeln wollen, wer- den Sie enttäuscht sein.« Er lächelte ironisch und stellte mit Befriedigung fest, daß die umherstehenden Gäste seinem Beispiel folgten.» Trotz Ihrer Warnung bin ich noch nicht von Furcht geschüttelt. Gefühlsbetont weiblich oder logisch männlich— meine Gnä- digste, ich akzeptiere Ihre Herausforderung in jeder Form!« Ich beschloß, seine geschniegelte Ironie zu ignorieren.»Las- sen Sie uns zu der Gruppe zurückkehren, die Sie als>ge- wisse Professoren, Industrielle und Immigranten« bezeich- nen. Sie sind doch ein solcher Meister der Sprache, daß Sie bestimmt den feinen Unterschied der Worte»Emigrant« und »Immigrant< kennen, obwohl sie meist in demselben Sinn benutzt werden. Daher werden Sie auch wissen, daß ich ein »Immigrant«, ein Einwanderer, bin, während Sie den»Emi- granten«, den Auswanderer, darstellen. Sie sind weder ein Deutscher noch ein Jude. Sie verließen Deutschland, bevor Hitler zur Macht kam, und verschafften sich— nein, keine neue Heimat, sondern einen neuen Paß. Und dann, als die Gelegenheit und Konjunktur hier so vielversprechend aus- sah, wanderten Sie wieder von dort aus und kamen nach Amerika. Sie emigrierten— lange bevor Hitler zur Macht kam— auch aus Ihrer jüdischen Glaubenszugehörigkeit. Sie sind ein Mann ohne Heimat und Religion. Sie sind der ewige Auswanderer. Wenn Umstände unbequem erscheinen, dann wandern Sie aus, sitzen in einer Ecke, in der Sie sich sicher 358 fühlen, und kämpfen gegen alles das, wovor Sie fortgelaufen sind. Und hier ist meine erste Anklage, wenn ich alle ande- ren Feigheiten übersehen will. Sie kämpfen immer gegen— gegen— niemals für etwas. Sie haben kein Recht, für die Juden zu sprechen, die Leid oder Tod erlitten. Sie haben in einer sicheren Ecke gesessen und es sich gut gehen lassen, als ich, mit vielen Tausenden, auf die Papiere für das einzige Land wartete, in das ich einwandern wollte— Amerika.« »Passen Sie auf«, unterbrach er mich ärgerlicher, als er es vielleicht zeigen wollte.»Ihre Fahne schaut unter Ihrem Rock hervor!« »O nein«, antwortete ich,»ich bin kein Fahnenschwenker. Ich habe niemals behauptet, daß alles in Amerika wunder- bar sei, und kein intelligenter Amerikaner würde das be- haupten. Viele Zustände in Amerika gefallen mir absolut nicht, und ich gebe dies immer offen zu. Aber ich wollte dieses Land als einen Platz, an dem ich in Ruhe leben konnte, und ich wollte eine Heimat für meinen Sohn. Und ich ver- abscheue Menschen, die Amerika als eine Wartehalle zwi- schen zwei Zügen betrachten.« »Darf ich eine Frage stellen?« unterbrach er mich mit kühler Höflichkeit.»Sie kritisieren mich dafür, daß ich Länder als Wartehalle benutze. Sie betonen, daß Sie in Amerika ein- gewandert sind. Wollen Sie damit sagen, daß Amerika jetzt Ihr Heimatland ist? Ihre Antwort mag vielen helfen, die in dieser Hinsicht unschlüssig sind!« »Ich betrachte Amerika mit den Augen eines Kindes, das eine grausame Mutter hatte und jetzt im Haus einer Adop- tivmutter sicher und geborgen ist. Mit der Zeit kann man vielleicht vergessen, daß man nur adoptiert worden ist; es gibt vielleicht Zeiten, in denen man sich beinahe daheim fühlt—« »Beinahe?« unterbrach er mich schnell.»Wollen Sie viel- leicht damit sagen, daß Sie— noch heute— Deutschland als Ihre Heimat ansehen?« »Ja«, sagte ich ruhig.»Ja. Deutschland ist mein Heimatland und, so unbequem Ihnen dies sein mag, auch das Ihre. Sie mögen ein Paßbesitzer und angesehener Gast vieler Länder sein, aber Sie sind in Deutschland geboren.« 359 „Ich betrachte Deutschland nicht als meine Heimat«, fauchte er ärgerlich. »Das ist unverkennbar«, antwortete ich.»Doch Auswan- derung kann nichts an dieser"Tatsache ändern. Jeder Mensch hat nur ein Vaterland und nur eine Mutter. Sie und ich haben dieselbe. Ich weiß, daß diese Mutter schlecht zu mir war; schlechter zu mir als zu Ihnen. Sie hat mich gedemütigt und verletzt und mich beinahe totgeschlagen. Ich habe ihr Haus verlassen. Aber sie war meine Mutter. Sie hat mich in die Welt gesetzt, mich ernährt und lesen und schreiben ge- lehrt.« »Einen Augenblick«, fiel er mir ins Wort.»Wenn Sie— in so rührenden Worten— Deutschland als Ihre Mutter be- trachten, was tun Sie dann mit den Nazis, die ja auch ihre Kinder sind? Und, weiß Gott, sie hat eine Menge davon! Sehen Sie diese als Ihre Brüder an?« Er sah sich im Kreis um, als ob er Applaus seitens der Gäste erwartete. Es irri- tierte ihn, daß das Lächeln von den meisten Gesichtern gewichen war. „Ich hoffe, daß die Naziverbrecher für ihre Untaten die- selbe Strafe erhalten, die das Gesetzbuch des Deutschen Reiches für Mörder vorsieht. Ich hoffe, daß Deutschland von jedem Mörder gereinigt wird und daß die Welt sie los wird. Und ich bin auch bereit, Ihnen mein Empfinden dar- über sehr klarzumachen. Wenn ich die Gewißheit hätte, daß in dieser verurteilten Gruppe nicht ein einziger, aber auch nicht ein einziger unschuldiger Mensch wäre, wenn ich nur die vor mir hätte, die schuldig an den fürchterlichen Ver- brechen sind, und keiner da wäre, das Urteil zu vollstrecken, dann würde ich mich melden. Dann würde ich das Gas auf- drehen und den Hebel offenhalten, bis das Land von dem letzten Mörder befreit wäre, bis das letzte Zucken der Kör- per aufhörte und das letzte Röcheln verstummte. Würden Sie dasselbe tun, Sir?« Die Augen der Gäste waren auf ihn geheftet. Er war ein Schriftsteller mit starker Phantasie. Seine Hand, die das Cocktailglas hielt, zitterte plötzlich, als er mich anstarrte und stammelte: „Ich weiß nicht— ich weiß wirklich—« 360 3 »Na ja«, sagte ich,»wir wollen doch nicht gefühlsmäßig werden! Das ist weibliches Benehmen, nicht wahr?« Er riß sich zusammen.»Sie zeichnen in grellen Farben«, sagte er,»aber ich möchte Sie nicht auf die Probe stellen.« »Sie dürfen glauben, daß ich es mit jedem Wort ernst meine«, fuhr ich fort.»Sie dürfen auch glauben, daß mein Herz eine starke Empörung gegen Verbrecher trägt; Empö- rung und Aufruhr, die in mir gerechtfertigter sind als in Ihnen, denn Sie können in Deutschland nicht viel mehr als ein paar'ITantiemen verloren haben, für die Sie die Gene- rosität anderer Länder sicher reichlich entschädigt hat.« Eine Frau kicherte. Er fuhr wütend auf und wollte mich unterbrechen, doch diesmal gab ich ihm keine Möglichkeit »Ich jedoch habe alles verloren— nicht nur Geld und ande- ren Besitz. Am Ende dieses Krieges werde ich voraussicht- lich erfahren, daß beinahe jedes Lebewesen, das ich je geliebt habe, ermordet worden ist. Doch ich habe nicht das Recht, Stellvertreter anzuklagen oder zu verfolgen, nur weil sie in irgendeiner Weise mit den Verbrechern verbunden sind. Wir dürfen keine Kollektivschuld erwarten oder verlangen, sonst werden wir nicht aufhören, Kollektivhaß zu haben.« Ohne mir dessen bewußt zu sein, hatte ich meinen Lehn sessel verlassen und war zu ihm getreten. Er wollte auf- stehen, doch ich hob meine Hand gegen seine Schulter und drückte ihn in den Stuhl zurück. Dicht vor ihm stehend, fuhr ich fort: »Aber Sie, ein Deserteur von Deutschland und Ihrer Reli- gion, Sie erheben sich, wann immer und wo immer sich die Gelegenheit bietet, und verlangen laut und großspurig, daß man Sie als den Fachmann betrachtet, wenn es dazu kommt zu wissen,»was man mit Deutschland tun sollte<. Sie schreien sich heiser vor Haß und brüllen hysterische Vorschläge, wie Deutschland aufgeteilt werden solle, nachdem man seine Bürger umgebracht haben wird. Sie haben nicht das Recht, für mich zu sprechen; und ich versage Ihnen das Recht nicht nur in meinem Namen. Ich kenne Tausende von deutschen Juden hier in diesem Lande, die alles und alle verloren haben. Die meisten leben ein stilles Leben, und sie haben zuviel An- stand und zuviel innere Menschenwürde, um wie Zirkus- 361 anreißer nach einer blutigen Schau zu schreien, mit der man sie rächen solle. Sprechen Sie für sich selbst, Sir, und ver- wechseln Sie mich nicht mit den Gruppen, die jeden Deut- schen— Männer, Frauen und Kinder— schuldig oder un- schuldig— in einer Lache von Blut sehen wollen und die darauf bestehen, daß Deutschland in tausend Stücke zer- schnitten wird.« Er hatte sein Glas auf einen kleinen Tisch neben seinem Stuhl gestellt und fuhr nun mit den Händen durch die Luft. »Einen Augenblick, einen Augenblick«, rief er,»wollen Sie damit sagen, daß Sie gegen eine Aufteilung Deutschlands sind? Sie wollen Deutschland nicht bestraft sehen? Sie—« Noch immer dicht vor ihm stehend, winkte ich ihm einfach mit der Hand ab und hob meine Stimme über seine.»Nicht mit den Mitteln, die Sie vorschlagen. Deutschlands Ver- brechen werden vor Gericht untersucht werden. Aber ich will nicht das Urteil sprechen.« Er unterbrach mich mit wiedergewonnener Sicherheit.»Das ist ein sehr interessanter Gedanke! Vielleicht sollte man frühere deutsche Juden als Richter einsetzen? Was würden Sie tun, wenn Sie der Richter wären?« Ich dachte einen Augenblick nach, dann sagte ich: »Ich würde aus Gründen der Subjektivität meinen Rücktritt einreichen. Und das ist das, was auch Sie tun sollten. Statt sich selbst zum Richter zu ernennen und die Guillotine zu schleifen— gehen Sie in eine Ecke und— ein einziges Mal in Ihrem Leben— halten Sie Ihren Mund!« Er sprang so wütend auf, daß er mich beinahe zurückstieß. »Das geht doch zu weit«, rief er beinahe schreiend.»Sie können mir doch nicht verbieten, meine Stimme im Kampf für den Frieden zu erheben!« Ich mußte nun ebenfalls meine Stimme erheben. Wir stan- den uns jetzt wie zwei Kampfhähne gegenüber.»Sie haben noch niemals für den Frieden gekämpft«, schrie ich ihn an. »Sie kämpfen nur für den Haß!« »Wie wagen Sie es—« »Ich habe schon mehr gewagt!« Da er keinen Versuch machte, mich zu unterbrechen, senkte ich meine Stimme und sprach wieder ruhiger.»Sie sollten doch mindestens wissen, daß das 362 fundamentalste Gesetz, auf dem eine friedliche Welt der Zukunft aufgebaut werden kann, das Gesetz der Einigkeit sein muß. Die meisten Deutschen wissen heute nicht einmal, wofür sie eigentlich kämpfen. Ihr Plan einer Aufteilung Deutschlands wird ihnen endlich genügend Grund geben, bis zu ihrem letzten Atemzug zu kämpfen. Wenn sie nicht glauben, daß man sie dazu bewegen kann, friedliebende deutsche Bürger zu sein, dann wird man sie erst recht nicht dazu bewegen können, friedliche und friedliebende vonein- ander getrennte polnische, russische oder französische Unter- tanen zu werden. Wenn Deutschland aufgeteilt wird, werden wir niemals Frieden haben— niemals— bis Deutschland wiedervereinigt ist. Und ich weiß nicht, ob wir dann noch eine Möglichkeit hätten, den furchtbaren Fehler zu korri- gieren, den wir aus Rachsucht begangen haben. Überlassen Sie einmal im Leben Entscheidungen den Menschen, die die Kenntnis hierfür haben; die darauf vorbereitet sind, die Konsequenzen ihrer Entscheidungen zu tragen, und die nicht fortlaufen, wenn sie merken, daß sie eine goldene Möglich- keit versäumten, den Zustand des Friedens zu schaffen. Er kann nicht durch Rachsucht erreicht werden. Und ganz be- stimmt nicht durch Haß!« Sein Gesicht hatte das ironische Lächeln wiedergewonnen. »Und was würden Sie vorschlagen, meine Gnädigste? Viel- leicht— Liebe?« »Es würde mir nicht in den Sinn kommen, Ihnen gegenüber einen Begriff zu erwähnen, der für Sie ein unverständliches Fremdwort ist. Die Probleme der Zukunft Deutschlands, Europas und der Welt können nicht nur mit Gehirn und Politik gelöst werden, sondern mit klarer, unparteiischer analytischer Urteilskraft, mit Ehrlichkeit, Einfachheit und Menschlichkeit. Und ich fürchte, bei einer Konferenz, bei der diese Charaktereigenschaften versammelt wären, würden Sie gezwungen sein, draußen zu bleiben.« Für einen Augenblick sah er aus, als ob er mich schlagen wolle. Dann zog er sein Jackett gerade, drehte sich um und verließ den Raum ohne ein weiteres Wort. Zu Haus fühlte ich mich völlig erschöpft, warf mich auf die Couch und schluchzte, als ob ich nie mehr aufhören könnte. 363 Milton streichelte mein Haar.»Du bist übermüdet, Ilschen. Du hast heute einen erfolgreichen Kampf bestanden. Ver- suche, dich jetzt auszuruhen.« Ich schlang meine Arme um seinen Hals und fuhr fort, an seiner Schulter zu schluchzen.»Kämpfen ist nicht genug, Milton. Es ist nicht genug! Das ist ja doch alles nichts! Was kann ich tun? Was kann ich nur tun?« »Heute nichts mehr. Mit der Zeit wirst du den richtigen Weg finden. Hör auf, dich zu quälen. Du bist müde.« Er hatte recht— wie immer. Unter seinen beruhigenden Worten ließ der Sturm in meinem Inneren langsam nach, und unter seiner liebkosenden Hand wurde ich das, was der erfolgreiche Schriftsteller»eine unlogische, gefühlsbetonte Frau« nannte. 13 Inmitten von Krankheit, Chaos, Gefahr und Krieg, wenn Fieber, Sorgen und Verzweiflung uns umschlingen, engt sich unser Horizont oft so ein, daß wir diese Zustände beinahe als normal ansehen, sie mit einem Gefühl der Stumpfheit hinnehmen und jede Hoffnung auf eine Änderung verlieren. Dieses Gefühl hatte mich im Jahre 1935 übermannt, als es schien, daß das Dritte Reich tausend Jahre währen würde. Jetzt hatte ich dasselbe Gefühl; ich begann zu glauben, daß der Krieg mein ganzes Leben lang dauern würde. Und dann, beinahe ohne eine Vorwarnung, war der Krieg mit Deutschland plötzlich zu Ende. Für mich war es gefühls- mäßig aus vielen Gründen ein besonders froher Tag. Ich hatte meine amerikanischen Bürgerpapiere erhalten und fand mich nun mit Hunderten von anderen in einer großen, fest- lich geschmückten Stadthalle, um vor den Fahnen aller Länder, die an den Wänden aufgestellt waren, als amerika- nischer Bürger vereidigt zu werden. Auf dem Wege dorthin sah ich am Zeitungsstand die schreiende Schlagzeile:»Nazis geben auf!« 364 Der Richter sprach warme Worte über die besondere Bedeu- tung dieses Tages für uns.» Als freie Bürger der Vereinigten Staaten seid ihr heute Zeugen, daß Gott in seiner Weisheit die Welt nicht in der Hand der Unterdrücker läßt. Er ver- urteilt die Schuldigen, die Unglück über die Welt bringen. An diesem Tag, dem siebenten Mai neunzehnhundertfünf- undvierzig—« Der siebente Mai. Der Tag meiner Einsegnung. Der Tag, an dem ich am Altar meines Hauses gestanden und ebenfalls einen Treueid abgelegt hatte:»Dies über alles, sei dir selbst getreu.« Nun wurde ich durch diese erneute Konfirmation am 7. Mai 1945 wieder in meinem Glauben gestärkt, daß Gott immer wieder neues Hoffen erlaubt. Ich schrieb den ganzen Tag lang Briefe an die amerikanische Armee, an die Regierung, an alle möglichen Stellen, die etwas mit der Beurteilung der Nazis und der anderen Deut- schen zu tun haben würden. Ich sandte einen genauen Be- richt über meine Freunde, beschrieb, was Fritz, Körner und all die anderen unter dem Deckmantel ihrer Berufe getan hatten, damit sie nicht mit den Schuldigen verwechselt wür- den. Ich schrieb nach Deutschland: an Röschen, an Stückchen, an den Diplomaten, an viele— viele. Mein Herz hegte Hoff- nung, überschattet von Furcht. Ich wartete auf Antworten. Nach drei Monaten erhielt ich einen Brief vom Diplomaten. Er hatte während der Jahre oft seine Adresse gewechselt, und es dauerte lange Zeit, bis mein Brief ihn erreichte. Ich war froh, ihn am Leben zu wissen. Er schrieb sehr herzlich, daß er die Erinnerungen an un- sere Freundschaft immer wachhielte und hoffe, es werde bald der Tag kommen, der uns ein Wiedersehen ermög- lichen würde. Röschen war gottlob auch noch am Leben. Von ihr kam ein einfacher, rührender Brief, erfüllt von Liebe und voll des Gedenkens. Sie schrieb, daß sie an jedem Abend für Man- fred und mich gebetet hätte. Ohne ein einziges Wort des Selbstmitleides für ihren eigenen, verzweifelten Zustand drückte sie nur ihre Freude darüber aus, daß wir glücklich waren und noch ihrer gedachten. Mit der Würde der Besitz- losen, die alles ohne ihre Schuld verloren hatte, dankte sie 365 später für ein Paket, das ich ihr sandte, und fuhr fort, von Zeit zu Zeit an uns zu schreiben. Der mir am nächsten war, hatte nicht dem grausamen Schick- sal entrinnen können, vor dem er so viele andere bewahrt hatte. Mein Herz brach fast, als mein Brief an ihn zurück- kam. Er trug den Stempel:»Haus zerstört. Adressat ohne Hinterlassung einer Adresse verzogen.« Ich hatte immer noch die leise Hoffnung gehegt, daß er sich an Fritz um Hilfe wenden konnte, aber vielleicht war in dem Chaos jener Tage auch kein Fritz mehr da. Mein Brief an Fritz kam nicht zurück, auch alle meine Nachforschungen blieben ohne Re- sultat. Der Teil von Berlin, in dem die Gestapoleitstelle gestanden hatte, wie auch die Gegend, in der Fritz wohnte, waren von den Russen besetzt. Meine intensiven Nachforschungen nach Stückchen ergaben, daß er sich noch für Jahre versteckt gehalten hatte und von einem Ort zum anderen geflüchtet war. Doch eines Tages war er, übermannt von Erschöpfung, der Gestapo in die Hände gefallen. Er wurde in dem fürchterlichen Konzen- trationslager von Auschwitz ermordet, kurz bevor die Alli- ierten einzogen. Ich hoffe, daß meine Gedanken ihn jetzt an einer Adresse erreichen, zu der Briefe nicht nachgesandt werden müssen; wo es keiner Post bedarf, um unvergäng- liche Zuneigung und Dankbarkeit zu überliefern. Er wird für immer in unserem Herzen leben, und Manfred wird von ihm seinen Kindern erzählen. Von all den vielen, vielen, an die ich Briefe gesandt hatte, waren nur noch der Diplomat, Körner und Röschen am Leben. Diese Erkenntnis erschütterte mich tief, und es dauerte Wochen, bis ich mich aufraffen konnte, um zu ver- suchen, meine so hart errungene Objektivität, mein Leid und meine Verzweiflung in Planen für eine Zukunft umzu- gestalten, eine Zukunft, die die Wiederholung einer so fürch- terlichen Tragödie unmöglich machen würde. Nach dem Ende des Krieges in Japan, im August 1945, ver- suchte ich herauszufinden, was die amerikanische Regierung an Plänen für die Zukunft Deutschlands veröffentlichen würde. Sie plante viele Aktionen— alle politischer Natur. Die nachsichtslose Aufteilung erschreckte mich tief, doch ich 366 war noch entsetzter über die vierfache Aufteilung Berlins. »Der ganze Krieg und seine Leiden waren wieder ver- gebens«, sagte ich zu Milton. »Ich glaube wirklich, daß du dieses Mal die Situation zu pessimistisch ansiehst«, erwiderte er.»Gemeinsame Beset- zung durch alle Alliierten kann einen sehr guten Einfluß auf die Menschen in Berlin haben.« Ich schüttelte den Kopf.»Erstens werden sich die Berliner unter Druck, von Fremden eingekreist fühlen; von ihren Freunden, in vielen Fällen vielleicht von ihren eigenen Fami- lien getrennt sein. Sie können eine solche Situation nie frei- willig hinnehmen, und ich kann sie nicht dafür tadeln. Ich könnte nicht unter solchen Bedingungen leben, ohne mich dagegen aufzulehnen. Ich versuche, mich in die Rolle der unpolitisch denkenden Menschen dort zu versetzen, die sich plötzlich in dieser Situation finden. Du darfst auch die Tat- sache nicht unterschätzen, daß jedes der besetzenden Länder seine eigene Ansicht darüber hat,»was mit Deutschland getan werden solle<. Die Amerikaner werden bestimmt ihre Macht nicht unfair ausnutzen. Die amerikanischen Jungens werden sehr sentimental angesichts der deutschen Kinder werden und wahrscheinlich viele kleine Liebesdienste für sie tun, denn sie sind sehr gutherzig und können keine Kinder leiden sehen. Wie ich sie kenne, werden ihnen auch die deutschen Mädels sehr gut gefallen, und sie werden voraussichtlich sehr zur besseren Verständigung zwischen Deutschland und Amerika mit Hilfe der»Abteilung Liebe beitragen. Die Eng- länder werden sicher fair und gerade handeln. Aber wie lange werden die Verbündeten Verbündete sein? Heute sind sie glücklich miteinander, weil sie zusammen den Krieg ge- wonnen haben. Was wird geschehen, wenn sie sich eines Tages bekämpfen?«—»Du gehst bestimmt zu weit«, prote- stierte Milton.»Ich kann absolut keinen Grund sehen, aus dem sich die Verbündeten eines Tages bekämpfen sollten.« »Ich kann viele Gründe sehen. Ich hoffe von Herzen, daß ich niemals zu dir sagen werde:»Ich hab’s dir doch damals gesagt!< Ich hoffe es von Herzen!« 367 14 Im Frühjahr 1946 erhielt ich plötzlich einen Anruf von Schatzi.»Jemand möchte dich sprechen«, verkündete er. Und gleich darauf sagte eine andere Stimme:»Hallo!« Ich lächelte. Es war so typisch für Paul, mich nach sieben Jahren in der Gegenwart eines anderen Verwandten anzu- rufen.»Hallo, Paul«, sagte ich.»Bist du so reich geworden, daß du einen Sekretär brauchst, um dich verbinden zu lassen?« Er verstand.»Ich bin noch nicht an amerikanische Telefone gewöhnt. Ich bin gestern abend angekommen.« Was immer seine Empfindungen gewesen sein mochten, meine Worte hatten ihn sofort in den Zustand der Vertei- digung gedrängt. In Deutschland hatte ich es immer ver- mieden, seine innere Unsicherheit auszunutzen. Nun tat ich es. Schatzi hatte unter den amerikanischen Verwandten die Nachricht verbreitet, er werde mich sofort nach Pauls An- kunft vor Gericht bringen und dafür sorgen, daß man mir Manfred fortnehmen und Paul zusprechen würde. Natürlich hatten mich diese Verwandten sofort angerufen und ge- warnt. Ich wußte, Schatzi hatte genügend Geld, um mir das Leben recht sauer zu machen. Obwohl ich vor Gericht be- weisen konnte, daß ich während der ganzen Jahre nicht einen Pfennig von Paul oder Schatzi erhalten und daß Paul nicht das geringste Interesse an Manfreds Entwicklung ge- zeigt hatte, war ich nicht ganz sicher, wie das Gericht es aufnehmen würde, daß Milton als Vater an seine Stelle getreten war. Dazu hatte allerdings Manfred selbst die Initiative über- nommen. Eine Lehrerin, mit den Umständen nicht bekannt, hatte eines Tages Manfred gegenüber geäußert:»Du hast einen reizenden Vater.« »Ja«, hatte Manfred geantwortet,»den besten Vater der Welt.« Bei meinem nächsten Besuch in der Schule hatte sie seine Worte wiederholt. Ich fragte Manfred mit vorsichtigen Worten. »Natürlich habe ich das gesagt«, erklärte er mit Überzeu- gung.»Ist er denn nicht der beste?« 368 »Ja, mein Liebes, aber er ist doch noch nicht dein Vater.« »Aber er wird es doch eines Tages sein, nicht wahr? Du wirst ihn doch heiraten, Mammi, ja?« Ich nickte.»Na ja«, fuhr er in seiner vernichtenden Kinderlogik fort,»es ist doch kein Unterschied, ob ein bißchen früher oder später! Schau, Mammi, all die anderen Kinder haben Vatis. Ich will nicht ohne Vater sein. Milton sorgt für mich besser, als es der wirklichste Vater tun würde. Na ja, warum soll ich denn dann nicht sagen, daß er es tut?« Ich hatte nicht das Herz, diese wunderbare Geborgenheit, die er durch Miltons Fürsorge fühlte, zu stören. Kurze Zeit danach kam Miltons Geburtstag. Am Morgen schlich Manfred leise in Miltons Zimmer.»Herzlichen Glück- wunsch!« sagte er und küßte ihn.»Mein Geschenk liegt auf dem Frühstückstisch! Aber ich möchte gern, daß du mir an deinem Geburtstag auch ein Geschenk machst.«—» Aus- tausch«, lachte Milton.»Was willst du denn haben?« »Kann ich dich von heute an Papa nennen?« Milton gestand mir später ein, daß er ihm die Bitte unmög- lich verweigern konnte.»Der Junge hat mir das schönste Geschenk meines Lebens gegeben«, sagte er.»Ich fürchte nur, daß es dir schaden kann. Schatzi kann es herauskriegen.« »Das ist möglich«, gab ich zu.»Wenn wir zu dieser Brücke kommen, werden wir schon einen Weg hinüber finden. Ich kämpfe dann lieber, als daß ich Manfred den Begriff des Vaters fortnehme, nachdem er, völlig von sich aus, diese Entscheidung getroffen hat. Und ich finde seine Wahl sehr weise.« Jetzt war ich bei der Brücke und mußte einen Weg hinüber finden. Ich wußte, daß Paul bestimmt nicht die Absicht hatte, gemein zu handeln; das lag ihm nicht. Ich hoffte für ihn, daß die Jahre in England ihn gelehrt hatten, seinen Jähzorn im Zaum zu halten. Doch ich unterschätzte nicht für einen Augenblick Schatzis bodenlose Charakterschlechtigkeit, die keine Gemeinheit scheuen würde, und wenn auch nur, um die Tatsache zu vertuschen, daß er mir das Geld von Pauls Vater unterschlagen hatte. Daher war es ratsam, diesmal Pauls Schwäche auszunutzen, um Manfred nicht zu ge- fährden. 369 »Ich möchte dich und Manfred sofort sehen«, sagte Paul. »Wann kann ich hinkommen?« »Ich möchte dich lieber erst allein treffen«, sagte ich. »Du willst mir nicht gestatten, Manfred zu sehen?« fragte er sofort mit schärferer Stimme. »Natürlich gestatte ich dir, Manfred zu sehen«, sagte ich ruhig,»ich finde es nur besser, dich erst allein zu sprechen.« »Wie du willst«, gab er nach.» Wann kann ich dich besuchen?« „Ich ziehe es vor, dich in einem Restaurant zu treffen. Laß mich dich heute abend zum Abendessen einladen.« »Fürchtest du dich, mich in deiner Wohnung zu haben?« lachte er, um seinen Ärger nicht zu zeigen. „Ich fürchte nicht den Teufel«, versicherte ich.» Warum sollte ich dich fürchten? Ich möchte mich nur mit dir in Ruhe an einem neutralen Platz aussprechen.« »Also gut, wir können uns hier in der Nähe treffen.« »Es tut mir leid«, sagte ich,»die Restaurants der Gegend, in der deine Verwandten wohnen, entsprechen nicht meinem Geschmack.« Ich verband diesen kleinen Stich mit meinem Wunsch, ihn in einem Restaurant zu treffen, das mehr mei- ner eigenen Atmosphäre entsprach. Ich fühlte, daß mir dies mehr Sicherheit geben würde, denn ich wußte, daß das kleinste Zeichen meiner eigenen Nervosität eine Trumpf- karte in Schatzis Händen bedeuten würde.»Komm zu Sardi’s. Das ist mein Lieblingsrestaurant. Soll ich dir sagen, wie du dorthin kommst?« »Ich werde es finden. Ist dir sieben Uhr recht?« Ich hatte wohlweislich Sardi’s, das eleganteste Theater- restaurant in New York, gewählt. Die Bedienung war her- vorragend, ich war hier bekannt und wußte, auf Paul würde diese Art von Restaurant nach den Erzählungen von Schatzi verblüffend wirken. Ich stand mit ein paar Schauspielern an der Bar in der Vorhalle, als Paul eintrat. Schatzi und seine Frau waren mit ihm gekommen. Inmitten der Eleganz wirk- ten sie fremd und etwas komisch. Man sah um diese Zeit hier sehr elegante Abendkleider, da sich das Publikum vor dem Theater zum Dinner traf. Auch die meisten berühmten Broadway-Schauspieler aßen hier jeden Abend. Paul starrte mich ungläubig an. Ich lächelte. Ich trug ein 379 schulterfreies Duchesse-Abendkleid, Pelzmantel nach der neuesten Mode, echten Schmuck, sorgfältiges Make-up, mein rotes Haar lose auf die Schultern herabfallend— dies war nicht das Bild, das er erwartet hatte. Ich hörte noch seine Worte aus früheren Jahren:»Eine Dame trägt ihr Haar ordentlich und glatt. Eine Dame schminkt sich nicht und lackiert sich nicht die Nägel. Eine Dame lacht nicht laut.« Laut auflachend schritt ich hinüber zu der Gruppe.»Hallo, Paul! Du siehst ja aus, als ob du einem Geist gegenüber- stehst! Du siehst sehr gut aus, hast dich kaum verändert. Die Jahre sind spurlos an dir vorübergegangen. Unser Tisch wird bald frei sein— ich habe hier einen ständig reservierten Tisch. Komm, nehmen wir inzwischen einen Cocktail an der Bar.« Schatzi beobachtete scharf Pauls Verwirrung.»Wann bist du mit ihm fertig?« fragte er wütend.»Nachdem du ihn gezwungen hast, in die Stadt herunterzukommen, muß ich ihn ja wieder abholen. Er findet sonst nicht zu uns.« Ich hatte den ärgerlichen Blick gesehen, den Paul ihm zu- warf.»Fertig? Fertig mit ihm?« Ich lachte heiter.»Ich bin schon lange mit ihm fertig. Wenn du darauf bestehst, kannst du ihn gleich wieder mitnehmen!« Paul wandte sich zu ihm.»Mach dich nicht lächerlich«, sagte er ärgerlich.»Ich finde mich schon in New York zurecht.« Wie oft hatte ich dieselben Worte zu Milton gesagt, wenn er darauf bestand, mich von Verabredungen abzuholen, die nicht in einer bekannten Gegend lagen.»Ich finde mich schon in New York zurecht! Schließlich bin ich ja auch allein über den Ozean gekommen, nicht wahr?« Und er sagte immer mit ernsthaftem Kopfschütteln:»Ich werd’s nie ver- stehen, wie!« Ich sah in Gedanken Manfred schlafend in seinem gemütlichen Zimmer, Milton im Lehnsessel des Wohnzimmers, beim warmen Licht der Stehlampe ein Buch lesend und auf mein Heimkommen wartend. Ich wußte mich geborgen, daheim, behütet, geliebt. Dieses Gefühl brachte Mitleid mit Paul. Ich konnte es mir leisten, großzügig zu sein.»Sorg dich nicht um ihn«, sagte ich zu Schatzi,»ich bringe ihn mit meinem Wagen hin.« Schatzi nahm seine Frau bei der Hand, und beide verließen 371 ohne ein weiteres Wort das Restaurant. Paul starrte noch immer verwirrt. »Du hast einen Wagen?« fragte er endlich erstaunt.»Und wie du aussiehst! Wie eine Millionärin!« »In Amerika brauchst du kein Millionär zu sein, um einen Wagen zu besitzen«, antwortete ich amüsiert.»Und ameri- kanische Frauen legen große Sorgfalt auf ihre Kleidung.« »Ich hätte dich kaum wiedererkannt.« »Das glaube ich gern«, sagte ich.»Ich habe ein paar Jahre allein gelebt und die Möglichkeit gehabt, meine eigene Per- sönlichkeit zu entwickeln. Das half!« Der Oberkellner führte uns zu dem Tisch, den ich schon vorher sorgfältig ausgesucht und reserviert hatte. „Diese Menschen hier sehen ganz anders aus als die, welche ich heute in der Gegend sah, in der mein Verwandter wohnt«, gestand Paul.»Dies hier ist wie ein ganz anderes Land.« „Dies ist eine kultivierte, amerikanische Lebensart.« »Warum wolltest du mich nicht mit Manfred zusammen treffen?« fragte Paul. »Iß erst in Ruhe«, sagte ich lächelnd,»ich liebe es nicht, ein gutes Dinner durch unerfreuliche Gespräche zu verderben.« »Gehört das auch zu deinem neuen Lebensstil?« »Sogar zu meinen Prinzipien!« Und dann sprachen wir über seine Reise und über England. Am Ende des Dinners schien er viel entspannter, und meine Nerven hatten sich beruhigt. Ich mußte unwillkürlich wieder an seine einstigen Worte denken:»Eine Dame raucht nicht öffentlich«, als ich eine Zigarette anzündete und er erstaunt auf mein elegantes silbernes Zigarettenetui schaute.»Laß mich dir erst meinen Standpunkt klarmachen; dann kannst du alle Fragen stellen, die dich beschäftigen. Als ich hier vor ein paar Jahren an- kam, hatte ich einen häßlichen Disput mit einer hysterischen, eifersüchtigen Frau. Sie drohte mir, die Regierung anzu- rufen und mich binnen weniger Tage als unerwünschte Person aus dem Lande weisen zu lassen, da die Regierung ihre Bürger beschützt. Diese Worte taten mir damals sehr weh. Ich hoffe niemals so tief hinuntersinken zu müssen, 372 MEER Bei solche Waffen zu gebrauchen, obwohl meine Kenntnis der Absichten deines Verwandten eine solche Handlungsweise meinerseits entschuldbar machen würde. Ich hätte dir Scheidungspapiere nach England senden können, doch der Gedanke an deine Zukunft hat mich davon zurückgehalten. Wir haben beide einer Scheidung zugestimmt. Du hast ge- hört, daß ich einen neuen Lebenspartner habe, ich hörte dasselbe von dir. Das ist ganz natürlich, wenn Menschen zwangsweise sieben Jahre getrennt leben. Ich bin sehr glück- lich, und ich bin entschlossen, dieses Glück mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln zu verteidigen. Ich wäre dir dankbar, wenn du mich nicht dazu zwingst. Ich bin in diesem Lande zu Haus; du beginnst hier neu. Es ist ein harter Lebenskampf, selbst wenn du nicht um jedes Stück Brot für ein Kind zu kämpfen hast— ich kann es gut beurteilen.« Er unterbrach mich.»Du mußt wissen, daß ich alles getan hätte, wenn ich eine Möglichkeit—« »Laß die Vergangenheit ruhen«, sagte ich,»es ist gesünder für deine Gegenwart. Ich bin nur an Gegenwart und Zu- kunft interessiert. Das ist alles, was ich dir noch zu sagen habe: es hängt alles völlig von dir ab. Wenn du dich wie eine Laus benimmst, werde ich dich wie eine Laus behan- deln. Und glaube mir, ich habe mich an harten Kampf ge- wöhnt. Wenn du dich wie ein anständiger Mensch benimmst, für den ich dich halte, wenn du nicht von anderen beeinflußt bist, werden wir unsere Probleme in vernünftiger Weise lösen und Freunde bleiben.« »Ich will alles tun, um deine Freundschaft nicht zu verlie- ren«, sagte er.»Darum war ich so verletzt, als du mir dein Haus verweigertest.« »Ich verweigere es dir nicht— von morgen früh an«, ent- gegnete ich.»Ich wollte einfach erst alles zwischen uns klären, bevor du Manfred siehst. Ich will ihn nicht in Familienprobleme verstrickt sehen.« Paul war sichtlich erleichtert. Ich hatte meinen Standpunkt durchgesetzt, und wir handelten danach. Einer gütlichen Scheidung stand nichts im Wege, da wir sieben Jahre ge- trennt waren; wir benötigten nur einen von einem Anwalt aufgesetzten Scheidungskontrakt. Doch Schatzi war miß- 373 trauisch und bestand auf einen zweiten Anwalt, der Pauls Interessen vertreten sollte. Wir hatten eine Konferenz mit ihm, die Paul in große Verlegenheit brachte, während sie mich amüsierte. Er hatte Manfred inzwischen gesehen, und dieses Treffen hatte wiederum meine Überzeugung gefestigt, daß Probleme selten von normal aufwachsenden Kindern, sondern von kindischen Erwachsenen kreiert werden. Sein Anwalt verlangte, daß Paul Manfred an bestimmten Tagen besuchen konnte und ihn auch im Sommer für ein paar Wochen auf Reisen nehmen durfte. „Warum lassen Sie ihn denn nicht in Frieden?« fragte ich endlich den Anwalt.»Er weiß doch noch nicht einmal, wie er im Sommer hier existieren wird, gar nicht von Reisen zu sprechen.« „Trotzdem müssen alle Punkte in diesem Vertrag aufgenom- men werden«, erklärte er.»Der Vater muß das Recht haben, ihn auf Reisen nehmen zu dürfen. Vielleicht will er mit ihm im Herbst auf die Jagd gehen—« Paul starrte mich an. Sein Gesicht war weiß geworden, und in seinen Augen spiegelte sich das Entsetzen. Wenn er aus Versehen in der Küche ein rohes Huhn gesehen hatte, konnte er es nicht mehr essen, und die Ansicht eines toten Fisches konnte ihn krank machen. Die Idee, eine Reise mit Manfred zu machen, ein Gewehr aufzuheben— ganz davon zu schweigen, auf ein Tier zu schießen— war zuviel für uns. Ich konnte mich nicht länger zurückhalten und lachte, bis mir die Tränen über die Wangen liefen. Nachdem er alle toten Tiere vor seinen inneren Augen fortgewischt hatte, stimmte auch Paul mit ein. Nun bestand mein Anwalt auf Einsetzung einer Summe für Alimente. Ich schaute zu Paul hinüber, der sich nervös auf die Lippen biß. Er hatte immer sehr viel Geld zur Ver- fügung gehabt, und es fiel ihm schwer, legale Geldfragen zu einer Zeit zu erörtern, da er keinen Pfennig in der Tasche hatte. „Ich bin bisher auch ohne Alimente ausgekommen«, sagte ich.»Ich möchte ihn jetzt nicht zu Verpflichtungen zwingen, die ihn belasten und vielleicht in Schwierigkeiten bringen würden. Ich glaube, daß er seinen Verpflichtungen Manfred 374 gegenüber nicht ausweichen wird, wenn er dazu in der Lage ist, ihm Geld zu senden. Er wird es auch freiwillig tun.« Es war für mich später sehr enttäuschend, daß er es niemals tat, auch nicht, als er sehr gut dazu in der Lage war. Ich hatte auf sein Pflichtgefühl gesetzt und verloren. Doch selbst wenn ich es gewußt hätte, auch Kenntnis davon ge- habt hätte, daß er nicht mit leeren Taschen in Amerika an- kam, wie er vorgegeben hatte, so hätte ich doch wahrschein- lich genauso gehandelt. Ich war sehr froh, als ich nach zwei Monaten meine Schei- dungspapiere erhielt. Nun war ich endlich völlig frei und hatte die letzten Bindungen zur Vergangenheit durchschnit- ten. Im Sommer mieteten wir ein kleines Sommerhaus auf dem Lande. Wir konnten nach den vielen Arbeitsjahren dringend ein wenig Ausruhen gebrauchen. »Laß uns unsere Hochzeit auf dem Lande verleben«, schlug Milton vor.»Wir können unsere Freunde aus der Stadt hier- herbringen und einen wunderbaren Hochzeitstag feiern.« An einem sonnigen Julitag 1946 schlossen wir unseren lang- ersehnten Bund im Haus des Bezirksrichters. Unser Mäd- chen, das aus New York mit uns gekommen war, kochte in der kleinen Küche, als ob sie ein Regiment zu versorgen hätte. Wir hatten uns auf ein kaltes Büffet, auf unserer großen Veranda serviert, geeinigt, da wir nur fünf Stühle hatten. Zehn unserer besten Freunde wurden aus New York erwartet. Wir hatten die Hochzeit für Freitag angesetzt, um das Fest über ein Wochenende ausdehnen zu können. Unsere Hochzeit entsprach genau unserem ungewöhnlichen und verrückten Lebensstil. Wir holten am Morgen unsere ganze Gesellschaft von der Bimmelbahn ab, die wir den Brautzug nannten. Wir waren alle sehr festlich angezogen und fuhren zum Haus des Richters. Seine nette Frau setzte sich an die Hausorgel. Der Richter, ein bezaubernder alter Herr, fragte uns, ob wir mit der Zeremonie vertraut seien. » Ja«, sagte ich schnell.» Aber wir wollten Sie um eine kleine Änderung bitten. In dem Buch steht der Satz:>Bis der Tod euch scheidet.< Wir glauben nicht an eine Trennung durch den Tod. Bitte, ändern Sie den Satz, so daß er heißt:»Bis in Ewigkeit.«« 370) Der Richter sah uns lächelnd an.»Mir lag nie zuvor ein der- artiges Gesuch vor«, sagte er.»Es ist ein schöner Gedanke. Aber Ewigkeit ist eine lange Zeit.« »Und wir beabsichtigen, den ganzen Weg zusammen zu gehen«, sagte Milton sehr ernst; und ich brauchte keine wei- teren Worte für meine Hochzeitsfeier. Der Richter lächelte wieder freundlich und setzte sich hin, um die gewünschte Änderung in sein Buch einzutragen. Dann standen wir vor ihm und hörten den vibrierenden Klängen der kleinen Hausorgel zu. Die Sonne strömte durch die Bäume vor dem Fenster und malte flackernde Muster auf die blanken Hartholzdielen. Ich hatte so gern diese flak- kernden Sonnenmuster auf dem weißen Steinboden des Altars betrachtet, wenn die Sonne durch die bunten Glas- fenster meines Hauses brach. Mein Haus... Es wäre schön gewesen, das Glück, das mein Herz heute fühlte, mit meinem Haus zu teilen. Ich zwang meine Gedanken zurück zu der kleinen Haus- orgel und schämte mich, mehr zu wünschen, als ich im Augenblick an Glück erlebte. Zu der Frage, ob ich Milton als meinen Mann anerkennen wolle, hätte ich beinahe ge- antwortet»ja natürlich«— die Frage schien so überflüssig. Und als der Richter den abgeänderten Satz las, preßte Mil- ton meinen Arm an den seinen, als ob er sich vergewissern wollte, daß ich niemals fortlaufen würde, bevor die Ewig- keit erreicht war. Wir aßen unser Hochzeitsessen von Papiertellern, tranken Sekt aus Papierbechern und saßen im Gras. Wir tanzten im Freien zu den Klängen eines Grammophons, und für die wenigen Stunden Schlaf teilten alle weiblichen Gäste ein Zimmer, die männlichen ein zweites. Einer unserer Freunde schlief auf der Veranda vor dem kleinen Raum, den man Milton und mir zugestanden hatte, um»das Paar zu be- wachen«. Es war eine herrliche Hochzeit und ein glückliches Wochen- ende. Und mein Zusammenleben mit Milton war eine Fort- setzung davon: jeder Tag eine Ewigkeit an Glück oder, wie die Bibel es ausdrückt:»Ewigkeit ist ein glücklicher Tag.« 376 rei f Kr 15 Jahre intensiven beruflichen Arbeitens folgten, die ich inner- lich nur wenig befriedigend empfand. Doch künstlerisch be- festigten sie meinen Namen in Amerika. Das Glück lag in meinem Zusammenleben mit Milton und der Befriedigung, daß Manfred sich in einen jungen Mann mit gutem Charak- ter entwickelte. Sorgfältige Erziehung und offene Aus- sprache über Erotik, Sexualprobleme aller Art und Über- wachung seines Freundeskreises ersparten mir spätere Sor- gen, die viele andere amerikanische Eltern hatten. Eine Folge von Enttäuschungen und finanzielle Sorgen ent- standen durch den Verlust von investierten Ersparnissen, um die wir betrogen wurden. Die Überanstrengung bei dem Versuch, den Verlust wieder einzuholen, verlangten ihren Preis. Ohne jegliche Warnung warf mich plötzlich eine Herzattacke nieder. Ich brauchte Ruhe— ein Wort, das ich kaum kannte. Doch ich fühlte, daß ich für eine Weile das rasende Tempo, das Funk und Theaterberufe in Amerika verlangten, nicht mehr durchhalten konnte. Diese Erkennt- nis bedingte einen völligen Umschwung unseres Lebens- standards, der mit dem großen Haushalt und allem, was da- zu gehörte, sehr hoch war. Wir gaben die Wohnung auf und zogen in ein Hotel am Broadway, mitten in der Theater- gegend, die ich liebte. Wir mieteten eine Zwei-Zimmer- Suite, hoch über den Dächern der umliegenden Häuser, und richteten sie mit einem Teil unserer Möbel ein. Manfred hatte eine sehr hübsche und nette Freundin gefunden und drückte seinen Wunsch aus, bald zu heiraten, während er noch studierte. Ich gab einen Teil der Möbel auf den Speicher, um später Manfred bei der Einrichtung seines Heimes be- hilflich sein zu können. Das Mißgeschick dieser Jahre konnte nie meine Sehnsucht danach unterdrücken, in irgendeiner Weise der Schaffung einer friedlicheren Welt zu dienen. Die erzwungene Ruhe- zeit gab mir die Möglichkeit, viel zu lesen und viel nachzu- denken. Ich verfolgte die politische Entwicklung der letzten Jahre, und die Resultate entmutigten mein Herz. Mein 377 Instinkt und meine Erfahrung hatten mich dazu getrieben, für die Vernichtung des Hasses in und gegen Deutschland zu arbeiten. Doch ich hatte mich niemals gefragt, warum ich es so heiß ersehnte, ihn zu vernichten, und dafür alle meine Kräfte einsetzte, anstatt sie anderen, bequemeren Lebens- aufgaben zu widmen.»Instinkt« befriedigte mich nicht mehr, ich wollte es wissen. Ich versuchte nun, das Wesen der stärksten Waffe zu ergrün- den, mit der Diktatoren und Unterdrücker die Welt in Ket- ten halten können. Ich kam zu dem Resultat, daß Haß ein Kind der Ehe zwi- schen Mißtrauen und Furcht ist. Um den Haß zu vernichten, bedurfte es daher erst der völligen Ausrottung von Miß- trauen und Furcht. Dies konnte nur mit Liebe getan werden. Wie konnte man Liebe lehren? Aus welchen Büchern konnte ich über sie vorlesen und wie konnte man Gruppen ver- sammeln, die den Lehren der Liebe zuhören würden? Ich mußte Organisationen finden, die dieser Erziehung gewid- met waren und denen ich dienen konnte. An welche von all den Institutionen, die sich mit den Problemen des Friedens, der Kultur, Ethik, des Verstehens und der Vereinigung als liebeschaffende Faktoren befaßten, sollte ich mich wenden? Ich begann eifrig, meine Kenntnisse von Religionsphilo- sophie über die Gebiete hinaus, die ich bereits in Deutsch- land studiert hatte, zu vertiefen. Ich besuchte die Gottes- häuser aller Konfessionen und lauschte aufmerksam den Worten ihrer Prediger. Ich bin kein Gegner einer bestimm- ten Konfession, welche man auch nennen mag. Solange wir uns nicht auf eine vereinigte Art der Religion einigen kön- nen, in der wir Gott dienen, ohne in von Menschen erdachte Gesetze gepreßt zu werden, denen wir blindlings folgen, ohne darüber nachzudenken, ob diese Gesetze auch wirklich Gott wohlgefällig sind, bieten die Konfessionen denen ein Bollwerk, die dessen bedürfen, um überhaupt an etwas zu glauben. Doch ich bin ein überzeugter Gegner konfessionel- ler Machtpolitik, die Herrschaftsansprüche stellt und um die größtmögliche Seelenzahl kämpft wie Politiker um Stim- men in einer Wahlschlacht. Und genau wie ich darauf bestehe, daß jede Menschenseele 378 das Recht haben soll, Gott nach ihrer eigenen Überzeugung zu dienen— oder nicht zu dienen—, und daß wir dieses Recht respektieren müssen, so glaube ich auch daran, daß wir in unserem Bestreben, einander besser zu verstehen, viel schnel- ler vorwärtskämen, wenn wir unsere verschiedenen An- sichten frei und ungehemmt diskutieren dürften, ohne den Bannfluch oder den Unwillen der einzelnen Konfessionen fürchten zu müssen. Niemand sollte auch jemals Verachtung seiner Mitmenschen durch das Geständnis fürchten, nicht einem bestimmten Glauben anzugehören. In einer Atmo- sphäre des gegenseitigen Respekts für unser Empfinden könnten wir dienen oder nicht dienen, an geliebten Tradi- tionen festhalten oder sie vergessen und, ungeachtet unserer persönlichen Einstellung, uns in dem Dienst vereinigen, denen zu helfen, die vielleicht ihren Glauben in dem Be- wußtsein einer rein menschlichen Zusammengehörigkeit fin- den könnten. Meine eigene Einstellung zu Gott ist einfach, unkompliziert und vielleicht sogar naiv. Doch ich war nie gezwungen, sie zu pflegen oder zu ändern. Ich weiß, daß sie sehr persönlich ist; und ich kann nur hoffen, daß meine Freunde versuchen werden, mich zu verstehen, wie ich mit meinem ganzen Her- zen versuche, ihre Gedanken des Glaubens zu verstehen und zu respektieren. Ich habe nie über eine Gestalt Gottes nach- gedacht. Ich sehe in ihm meinen Vater, der mir mein Dasein ermöglicht hat und mich mit allen Sinnen und allem Fühlen und allen Fähigkeiten ausgestattet hat, meinen Lebensweg zu gehen. Dafür danke ich meinem Vater täglich. Ich kann auch mit ihm sprechen, kann mein Herz und mein Gewissen vor ihm erleichtern und manchmal meine Probleme vor ihm zu klären versuchen. Doch ich darf nicht erwarten, daß er sie für mich löst, denn ich habe von ihm die Intelligenz erhal- ten, eigene Entscheidungen zu treffen. Ich würde es ableh- nen, mit meinem Vater Tauschhandel zu treiben und treue Dienste für seine Gefälligkeiten anzubieten; genauso wie ich es ablehne, ihn als Krücke zu benutzen, wenn ich mich zu schwach fühle, allein zu gehen. Ich kann nicht gewissenlos leben und dann, wenn das Leben mich zu rauh anpackt, mich plötzlich seiner erinnern und zu ihm flüchten, um mich unter 37 seinem Schutz zu bergen und von ihm vor einer Gefahr be- hütet zu werden, in die ich mich selbst gebracht habe. Ich würde nicht Gefallen daran finden, vor den Augen der Welt als Bettler zu erscheinen; genauso würde ich mich schämen, als ewiger Bettler vor Gott zu erscheinen, nur weil ich weiß, daß er großzügig im Geben ist. Es fällt mir leicht, zu ihm zu sprechen, weil ich nie gelernt habe, ihn zu fürchten. Mein Vertrauen in ihn kann nie erschüttert werden, weil ich ihn niemals für meine Mängel und meine Mißerfolge verant- wortlich mache. Ich akzeptiere mein Leben, wie es für mich vorgezeichnet ist, und denke nicht allzuviel darüber nach, wer es vorge- zeichnet hat. Die Tatsache, daß ich existiere, daß mir ein Herz zum Lieben, eine Seele zum Fühlen und ein Gehirn zum Denken gegeben wurde, genügt mir, an die Existenz eines Schöpfers zu glauben. Ich biete meine Liebe ohne Forderungen an; darum ist es für mich so leicht, ihn zu lieben. Ich fühle mich behütet, so- lange ich das Gesetz der Liebe nicht verletze. Ich sehe ihn als meinen ewigen und verläßlichsten Freund an und be- handle ihn als solchen. Der Unterschied zwischen meinen weltlichen Freunden und ihm besteht darin, daß ich mich bei ihm völlig sicher und geborgen fühle, denn er hat keine menschlichen Schwächen und wird mich daher nie ent- täuschen. Ich habe kein Bedürfnis nach den üblichen Gebeten, denn ich verlange nichts von ihm; ich brauche ihn auch meiner Liebe nicht andauernd zu versichern. Ich danke ihm für mein Glücklichsein, wie ich einem Freund für Zeichen seiner Güte danken würde. Und als einem Freund, der die Möglichkeit hat, Entscheidungen für mich zu treffen, sage ich ihm:»Ich nehme ohne Murren jede Entscheidung an, doch ich dachte, ich lasse dich wissen, daß ich besonders glücklich wäre, wenn ich dieses Werk tun könnte, denn es liegt mir so am Herzen.« Dies ist all der Glauben, den ich für dieses Leben brauche— und für jedes andere, das existieren oder nicht existieren mag. Sollte dieses Leben auf Erden das einzige sein, das ich erwarten darf, so bin ich dankbar für das Geschenk und will es so tief erleben, wie es mir möglich ist. Sollte es mir ge- 380 Peee"Yu uesregergHPinLH stattet sein, jenseits dieses Weltenreiches oder meines Be- wußtseins fortzuleben, so würde ich dies als ein wunder- bares Sonderrecht betrachten. Nach meinem besten Wissen und Gewissen habe ich nicht dieses Leben von Gott gefor- dert, daher will ich ihn auch nicht mit Fragen nach seinen weiteren Entscheidungen behelligen, sondern nur dankbar jeden Augenblick der Liebe und des Glückes genießen, der mir durch seine Freundschaft und Großzügigkeit vergönnt ist. Ich halte es immer für meine Pflicht, meine weltlichen Freunde vor Kummer zu schützen und mich gegen die- jenigen zu wenden, die versuchen, ihre Güte auszunutzen. So werde ich auch ärgerlich und wende mich gegen die- jenigen, die meinen Gott beleidigen, indem sie ihn als ein Werkzeug der Rache darstellen, aus Furcht statt aus Liebe seine Gesetze befolgen und ihn für ihre selbstsüchtigen Wünsche auszunutzen versuchen. Mein nächster Gedanke galt der Regierung. Doch selbst wenn ich von meinen persönlichen Erfahrungen absah, erkannte ich, daß keine Regierung ein Lehrmeister der Liebe sein konnte. Der Kampf der Machtpolitik wurde von den politischen Parteien mit einem offenen Haß aus- gefochten, der mich entsetzte. Wenn man die Wahlversamm- lungen beider Hauptparteien vor den Präsidentenwahlen betrachtete, dann offenbarte sich Politik als ein Schauspiel der Kompromisse und eine Flut von gegenseitigen An- klagen, die vor Gericht als Verleumdungen und üble Nach- reden scharf verurteilt worden wären; doch sie wurden tole- riert, wenn es darum ging, einen Mann zu wählen, der das Schicksal des amerikanischen Volkes führen sollte. »Nimm doch das alles nicht so ernst«, lachten meine Freunde, »Wir wissen doch alle, daß die gar nicht meinen, was sie sagen.« »Ich soll die Auswahl und Wahl eines Präsidenten nicht ernst nehmen?« »Immer noch die Deutsche!« war die spottende Antwort. Und wie immer schwieg ich auf dieses Stichwort. Nach meinem Leben in Deutschland hatte ich beschlossen, nie einer politischen Partei anzugehören, und ich lehnte es auch 381 ab, mich in haßvolle Debatten über Politik verwickeln zu lassen, gleichgültig welche politische Partei sie betrafen. Ich fand keine einzige Organisation, die sich selbstlos der Erziehung zu Liebe und Verstehen widmete. Zwar trugen viele diese Begriffe auf ihren Briefköpfen und auf ihren Bannern, doch sie waren immer mit kommerziellen oder egoistischen Zielen verknüpft. Ich hatte allen Grund, anzunehmen, daß sich in Europa weniger das Verstehen als das Mißverstehen vertiefte. Ich war davon überzeugt, daß die Besatzungsarmeen der deutschen Jugend ein völlig falsches Bild von der ameri- kanischen Jugend geben würden; und daß die deutschen Frauen durch das Beispiel der Touristen ein völlig falsches Bild von der Majorität der ernsthaften, hart arbeitenden Amerikanerinnen bekommen würden. Für mich waren die deutschen und die amerikanischen Menschen einander so ähnlich, daß es nur einer vernünftigen Aufklärungsarbeit dieser Art bedurfte, die Unterschiede zu überbrücken und eine dauernde, wertvolle Freundschaft zwischen den Ländern zu schaffen. Ich erinnerte mich des Abends in Mo Groß’ Büro, an die letzten Worte, die ich gesprochen hatte, bevor die furchtbaren Anrufe über das Feuer kamen: Wenn ich reich wäre, wollte ich Deutsche nach Amerika senden und Amerikaner nach Deutschland bringen. Und dann läutete das Telefon, und dann brannten die"Tempel. Und nun— viele, viele Jahre und einen Krieg später— dachte ich noch immer genauso. Damals wollte ich Amerikaner nach Deutschland bringen, heute wollte ich selbst nach Deutsch- land gehen, um an einem Werk zu arbeiten, das meinem Leben Sinn geben würde. Dies würde mir auch die Möglich- keit bieten, für die beiden Länder zu arbeiten, denen mein Herz und Denken gehörte. Ich hatte es immer abgelehnt, meine Liebe und Loyalität abzuwiegen. Ich sehnte mich da- nach, Deutschland wiederzusehen, und ich wußte, ich würde dort von Heimweh nach Amerika erfaßt werden, wenn ich zu lange fortbliebe. Ich fühlte mich auf ein Prokrustesbett der Gefühle gespannt, das über den Ozean reichte und mein Herz zerriß. Für die Verständigung beider Länder arbei- tend, würde ich einer Wahl enthoben sein. 382 n ER Pr n re naar ei a HEIFERISIEH et un Auf der Leiter der Gefühle sah ich Haß als einen Abgrund an. Menschen sehen niemals zu Haß empor; sie gleiten in ihn hinunter. Genau das Gegenteil gilt für die Liebe. Sie regiert in schimmernden Höhen. Menschen sehen zu ihr auf, selbst auf die Gefahr hin, in den Wolken zu wandern. Beide Emp- findungen sind vom ebenen Erdboden entfernt. Doch in unse- rem Bestreben, uns gegenseitig zu verstehen, müssen wir sachlich denken und mit beiden Beinen fest auf der Erde stehen. Nur dann, wenn wir nicht mehr Gefahr laufen, in den Abgrund des Hasses zu gleiten, können wir es wagen, unsere Augen sehnsuchtsvoll zu den Höhen zu erheben, in denen wir Liebe zu finden hoffen. Erziehung zu Liebe müßte damit beginnen, eine Brücke über den Abgrund des Hasses zu bauen. Eine Brücke zu bauen... Doch wo sollte sie beginnen? Wie konnte ich sie befestigen? Wohin sollte sie führen? Wie lang mußte sie sein, um den Abgrund des Hasses zu überspannen... und auch den Ozean? Ein ganz einfacher, unkomplizierter Vorfall zeigte mir den We. Wir besuchten von Zeit zu Zeit ein Restaurant, in dem ein bekannter Radio-Kommentator sich jeden Abend am Mikro- phon mit Gästen verschiedener Berufe und Nationalitäten unterhielt. Mehrere Millionen Menschen hörten diesen Übertragungen allabendlich zu. Er kannte meine politischen und beruflichen Erfahrungen und hatte mich eingeladen, mit ihm am Radio über Theaterprobleme zu plaudern. Während wir aßen, hörten wir seinen anderen Gästen zu. Ich legte langsam mein Besteck nieder, als er seinen nächsten Gast vorstellte. Ich kannte den sarkastischen Ton. Er benutzte ihn immer dann, wenn er einen Gast nicht besonders schätzte oder mit seinen Ansichten nicht einverstanden war. »Wir haben heute einen Gast aus Deutschland bei uns«, be- gann er.»Während des letzten Krieges gehörte er Hitlers Luftwaffe an. Jetzt ist er hier als Austauschstudent.« Ich starrte den jungen Mann an. Er war groß, schlank, blond, mit einem gleichmäßig geschnittenen Gesicht und großen blauen Augen; ein Ebenbild von Hitlers Begriff des ger- manisch-arischen Übermenschen. Sein Benehmen war so fehlerlos wie sein ausgezeichnetes Englisch. Auf des Kom- 383 mentators Frage gab er an, daß er im Jahre 1925 geboren war. Das bedeutete Erziehung unter dem System der Nazis in einem Alter, in dem ein Kind noch leicht jeglichem Ein- fluß zugänglich ist. Sehr jung wurde er in die Luftwaffe gepreßt, hatte auch das Eiserne Kreuz, eine Tatsache, die er nur zugab, als er dringend über Tapferkeit und Orden aus- gefragt wurde. Eine unerträgliche Spannung preßte mein Herz zusammen. Die Majorität der Amerikaner— Juden und Christen— war fest überzeugt, daß vielleicht manche der älteren Deutschen mit der Regierung der Nazis und ihren Verbrechen nicht ganz einverstanden gewesen sein mochten, daß aber die junge Generation, unter den Nazis erzogen, alles das, was passiert war, bejaht hatte. Ich hatte immer gegen diese Ansichten gekämpft. Ich hatte keinen Beweis für die Richtigkeit meiner Ansichten, außer meinem Glauben an das fundamentale Gute im Menschen. Ich hatte nur im- mer gehofft, daß ich den Beweis erhalten würde, wenn ich Deutschland besuchen und mit vielen deutschen Menschen sprechen konnte. Hier nun, in einem Fall, brauchte ich nicht auf einen Besuch in Deutschland zu warten. Von seinen Reaktionen würde ich, in diesem einzigen Fall, die Gefühle der jungen deut- schen Generation erfahren. Ich kannte die scharfe Antipathie meines jungen Funkkolle- gen gegen alles Deutsche und wußte, daß der frühere Nazi- flieger einer schwierigen halben Stunde entgegensah. Ich hatte recht. Er ging durch ein Kreuzverhör, das einen Ge- stapobeamten neidisch gemacht hätte. Ich beobachtete seine Reaktionen. „Haben Sie sich nicht über die Verbrechen geschämt, die in den Konzentrationslagern begangen wurden?« war die erste wichtige Frage des Angriffs. „Ich konnte keine Scham über etwas empfinden, wovon ich keine Kenntnis hatte, Sir«, war die Antwort. Sie rief lautes ironisches Gelächter der Restaurantgäste hervor. „Erzählen Sie uns doch, wie man sich fühlt, als ein Nazi erzogen zu werden. Waren Sie nicht sehr stolz darauf, ein Mitglied einer Rasse von Übermenschen zu sein?« »Ich fühlte wahrscheinlich genau dasselbe wie Sie, der als 384 un ee Demokrat erzogen wurde«, sagte der Deutsche.»Wenn man keine Möglichkeit des Vergleiches hat, akzeptiert man es als normal.« »Das kann ich verstehen«, gab der Kommentator zu.»Aber was denken Sie heute davon? Akzeptieren Sie es noch immer als normal?« »Ich kam nach Amerika, um den Unterschied zu studieren. Würde ich noch heute meine Erziehung als normal empfin- den, so säße ich nicht hier, um eine Geste des guten Willens zu zeigen.« »Bedeutet das, daß Sie nun kein Nazi mehr sind?« »Nach dem, was ich über diesen Begriff jetzt gelernt habe, war ich nie ein Nazi.« Nun stimmte der Kommentator in das Gelächter der An- wesenden ein.»Sie müssen verstehen, warum wir lachen«, sagte er.„Amerikaner hören diese Antwort heute von jedem Deutschen. Es scheint, wir haben nur geträumt, daß Mil- lionen von Menschen umgebracht wurden! Es gab anschei- nend keine Nazis! Oder ist es uns gelungen, sie alle um- zubringen?« »Sie sind im Unrecht, Sir. Es gibt viele Deutsche, die noch heute ihre innere Zugehörigkeit zu dem System der Nazis sehr stolz zugeben werden.« Er wich keiner Frage aus, und er machte auch keinen Versuch, persönliches Gefallen zu finden. »Sie erzählten uns, daß Sie in der Luftwaffe gedient haben und von Amerikanern gefangengenommen worden sind. Da hatten Sie doch schon damals eine gute Gelegenheit, die Unterschiede zu erkennen, nicht wahr? Sie wurden doch sicher anders behandelt, als Sie es als Nazi erwartet hatten, nicht wahr? Die amerikanischen Jungens haben Ihnen doch bestimmt durch ihr Verhalten eine kleine Vorahnung unseres demokratischen Denkens gegeben.« »Ich würde es vorziehen, auf diese Frage nicht zu antwor- ten, Sir«, sagte der junge Deutsche. »Aber warum nicht?« wurde er ermutigt. Ich begann mich innerlich zu winden. »Warum nicht?« wiederholte der Amerikaner.»Sie müssen doch inzwischen gelernt haben, daß wir in Amerika alles 385 sagen dürfen, ohne zu fürchten, dafür erschossen zu werden! Wir genießen in unserem Land Redefreiheit!« Eine leichte Röte stieg in das Gesicht des Besuchers.»Das weiß ich, Sir. Aber ich bin ein Gast Ihres Landes. Daher würde ich es vorziehen, auf diese Frage nicht zu antworten.« Nach weiteren zwanzig Minuten dankte ihm der Kommen- tator für sein Kommen, und der Deutsche ging an seinen Tisch zurück. Ich sagte leise zu Milton:»Paß auf, daß er nicht fortgeht, bevor ich fertig bin.« Und dann hörte ich meinen Namen nennen, und der Kom- mentator sagte unter anderem:»Und nun wollen wir mit einer Frau sprechen, die die Wahrheit jener Zeiten in Deutsch- land kennt und die Erfahrung hat, ihrem Landsmann zu er- zählen, was in den Konzentrationslagern vorging!« Ich ging zum Podium und setzte mich neben den Kommen- tator. Bevor ich zu sprechen begann, warf ich einen raschen Blick zu dem Tisch des Deutschen hinüber. Es beeindruckte mich, daß er keine Miene machte, das Restaurant zu ver- lassen. „Bevor wir uns über Theater unterhalten, Ilse, sagen Sie mir bitte, was denken Sie über diesen jungen Mann?« »Sie wissen, daß ich niemals einer Frage ausweiche, weder privat noch vor dem offenen Mikrophon«, antwortete ich langsam.»Ich bin gern bereit, mich mit Ihnen so scharmant, wie ich es kann, über Theater zu unterhalten. Aber ich lehne es ab, auf eine schnippische Frage über Deutschland eine schnippische Antwort zu geben. Dieses Problem nehme ich sehr, sehr ernst. Wählen Sie Ihr"Thema.« »Ich werde gern Ihre ernsthafte Antwort auf meine»schnip- pische< Frage hören.« »Sie wird Ihnen nicht gefallen«, warnte ich. »Das wäre die Basis für eine lebhafte Radiodiskussion«, sagte er mit wohlwollendem Lächeln.»Meinungsverschie- denheiten sind immer interessant. Hier ist Ihr Mikrophon.« »Dieser junge Mann kam mit offensichtlich gutem Willen zu Ihnen. Sie haben bein Recht, ihn mit häßlichen Worten an die Wand zu schlagen und vielleicht einen Haß in seinem Herzen zu entfachen, den er unter den Nazis nie gekannt hat.« Je länger ich sprach, um so stiller wurde es in dem großen 386 I0mer Restaurant. Die Menschen starrten ungläubig auf mich, die Jüdin, die ihre Stimme für die Rechte eines Nazisoldaten erhob. »Sie sind so stolz auf unsere demokratische Lebensweise«, fuhr ich fort,»und ich bin es auch. Deshalb bin ich darüber entsetzt, daß Sie einem Menschen davon ein so schlechtes Beispiel geben, noch dazu einem Mann, der offensichtlich hierherkam, um die Wahrheit zu finden.« Und dann vergaß ich den Ort und die Zeit und die Tatsache, daß ich an einem offenen Mikrophon sprach und meine Worte von Millionen Menschen gehört wurden. Ich gab mei- nem Kummer darüber Ausdruck, daß unsere Rachsucht und unser Haß Trennungswände zwischen uns und Deutschland bauten; über die Tatsache, daß nur Menschen wie ich, die drüben soviel gelitten hatten, das Recht zur Bitterkeit hät- ten; und daß darum die Entscheidung über» wie mit Deutsch- land und den Deutschen zu leben« auch uns überlassen bleiben sollte. Er unterbrach mich nicht. Ich weiß nicht, ob gutes Benehmen ihn zurückhielt oder die Verblüffung über den Strom von Sätzen, der direkt aus meinem Herzen kam. Auf jeden Fall war ich ihm dankbar dafür, daß er mir die Gelegenheit gab, diejenigen zu bekämpfen, deren ironisches Gelächter vorher ein tiefes Gefühl der Scham in mir ver- ursacht hatte. Ich dachte nicht einmal an alle diejenigen, die am Radio zuhörten. Wie es bei solchen Übertragungen vom Restaurant aus üblich ist, rief das Publikum Fragen herauf oder sandte durch den Kellner kleine Zettel zum Podium. »Haben Sie die Millionen von Juden vergessen, die man dort ermordet hat, oder beschwert dieser Gedanke Ihr Ge- hirn nicht?« fragte ein Mann an einem Tisch direkt vor dem Podium. »Ich habe nichts vergessen, und es darf mich nicht beschwe- ren«, antwortete ich.»Ich muß mich jetzt damit beschäftigen, wie wir mit Deutschland in der Zukunft leben wollen. Ich will verhüten, daß mein Sohn in einigen Jahren hinüber- gehen muß, um diesen jungen Deutschen zu töten oder von ihm getötet zu werden. Die heutigen Deutschen brauchen ein Ideal, dem sie nachstreben können. Ich werde nicht in einem einzigen Fall gestatten, daß dieses Ideal das sein wird, 387 FROH> un nn u 2 EEE uns zu zerstören, nur weil wir keine Brücke über unseren eigenen Haß bauen konnten. Wir müssen an dem Zustand des besseren Zusammenlebens arbeiten, um Kampfessehn- sucht und Kampfeswillen zu unterbinden.« Der Kommentator reichte mir einen Zettel, der herauf- gesandt worden war.»Sie brauchen ihn nicht zu lesen«, sagte er. »Ich habe keinen Grund, einer Frage auszuweichen«, sagte ich und las laut:»Nur ein Federgewicht von einem Gehirn wird annehmen, daß wir die Deutschen Liebe und Frieden lehren können.« Ich schaute ins Publikum.»Ich gebe zu, daß es sehr schwer sein wird, besonders solange Menschen wie dieser Zettelschreiber existieren, denn die erste Vorausset- zung der Erziehung zum Frieden ist der Glaube an die Möglichkeit, ihn zu erreichen. Nur die Zukunft kann be- weisen, wer von uns den richtigen Glauben hatte. Aber auf jeden Fall habe ich lieber ein»Federgewicht von Gehirn« als ein Herz, das erfüllt ist von Bitterkeit und leer von Hoft- nung.« »Hier ist noch ein Zettel«, sagte der Kommentator.»Eine Dame möchte wissen, warum Sie einen Weg suchen, mit den Deutschen zusammen zu leben; warum Sie diese nicht sich selbst überlassen?« Ich sprach direkt zu ihm.»Sie haben vorher den jungen Mann gefragt, wie die Amerikaner ihn behandelt haben, als sie ihn gefangennahmen. Er war taktvoll genug, Ihnen die Antwort zu verweigern. Ich will sie Ihnen geben. Als die Amerikaner hereinkamen und den jungen Mann in der Nazi- uniform fanden, der wie ein Ebenbild des Hitlerschen Ideal- germanen aussieht, haben sie ihn wahrscheinlich erst einmal zusammengeschlagen. Und wenn ich dagewesen wäre, so hätte ich im ersten Moment seines Anblicks wahrscheinlich dasselbe getan. Schmerzhafte Erinnerungen ließen damals das Blut sieden, und eine momentane Reaktion war nur natürlich und entschuldbar. Ich bin sicher, daß dieser junge Mann das auch nach einer Weile einsah und die Behandlung verzieh, die er erhalten haben mag. Das war das Gestern. Das Heute ist eine neue Zeit. Pro- bleme gehen nicht einfach fort oder verschwinden, wenn wir 388 nicht hinsehen. Wir müssen einen Weg finden, zusammen zu leben und uns zu verstehen. Wir müssen endlich einsehen, daß Isolierung in jeder Form eine negative Lebensweise ist. Der junge Deutsche hat diese Lehre durch bittere Erfahrung erhalten. Darum kam er nach Amerika, um etwas zu finden, wovon er zu den Menschen in Deutschland sprechen kann. Wir können nicht mehr»etwas allein lassen«, gleichgültig ob es eine Lebensweise, eine Nation oder ein Mensch ist. Wir dürfen nichts allein lassen, denn wir leben nicht allein.« Ich hörte kaum den lauten Applaus, der mich zu meinem Tisch zurückbegleitete. Eine Minute später kam der Junge Deutsche langsam herüber; zögernd, da ihm alle Augen folgten. Ich wies auf einen leeren Stuhl.»Setzen Sie sich.« Unser Tisch war plötzlich von Menschen umringt, die mir eifrig versicherten:»Wir haben ja schon immer wie Sie ge- dacht...«,»Wir wissen, wir müssen einen Weg finden...«, und die eifrig die Hand des jungen Deutschen schüttelten, um ihm ihre Sympathie auszudrücken. »Wollen wir gehen?« schlug Milton vor, und ich war froh, daß er derjenige war, der es sagte.»Kommen Sie«, sagte ich zu dem Deutschen, nachdem Milton die Rechnung bezahlt hatte. Er folgte uns wortlos. Wir gingen die Straße hinunter, ohne zu sprechen. Ich blieb vor einer Konditorei stehen und sah Milton an. Er nickte.» Trinken Sie eine Tasse Kaffee mit uns?« Wir machten es uns an einem großen, runden Tisch in der Ecke bequem.»Und danken Sie mir nicht«, sagte ich.»Ich hab’s nicht für Sie getan.« »Ich weiß«, antwortete er.»Ich kam nicht zu Ihrem Tisch, um Ihnen zu danken, obwohl ich sehr dankbar für Ihre Worte war. Ich kam, um etwas ganz Bestimmtes zu sagen. Ich fühlte dies als meine Pflicht.« Zum erstenmal mischte sich Milton ein.» Wie ich Ilse kenne, sind Sie unter keinerlei Verpflichtungen oder Obligationen.« Er sah zu Milton hinüber und erwiderte sein Lächeln. Sie sind doch eigentlich Feinde, dachte ich. Wäre Milton im Krieg gewesen, so hätte doch einer den anderen töten kön- nen. Und nun— 389 »Ich danke Ihnen«, sagte der Deutsche,»aber ich möchte es trotzdem sagen. Ich wußte, daß der Kommentator und die meisten Gäste des Restaurants jüdisch waren. Ich habe sehr hart daran gearbeitet, die Vorurteile abzulegen, die mir seit frühester Kindheit eingeflößt wurden. Doch ich muß Ihnen jetzt das Geständnis machen, daß ich mich selbst für eine Minute im Stich ließ. Als ich die erste Frage hörte, und mehr noch, als ich das erste Gelächter vernahm, wurde ich innerlich sehr wütend. Ich beherrschte mich, doch es fiel mir nicht leicht. Und als ich zu meinem Tisch zurückkam, schien es, als ob ich um zehn Jahre zurückgefallen war. Die nega- tiven Gedanken meiner Erziehung überfielen mich mit gan- zer Kraft. Mein Gehirn gestattete mir kein logisches Über- legen. Ich konnte nur mit Bitterkeit denken:»Was konntest du denn von einem Juden erwarten!« Dann stellte er Sie vor. Sie hörten ja, was er sagte. Und ich dachte:»Na ja, hier kommt’s. Nun bekommst du eine Lehre, was du in deiner Position von einem Juden zu erwarten hast.< Und dann be- gannen Sie zu sprechen, und Ihre ersten Sätze schlugen nicht ihm, sondern mir mitten in meine große Schnauze. Für eine halbe Stunde hatte ich mich wie ein Held gefühlt, der auf dem falschen Schlachtfeld einen heroischen Kampf um das Gute focht. Dann saß ich in meiner Ecke, leckte meine Wunden und wärmte mich an meinem Selbstmitleid. Und dann standen Sie, eine deutsche Jüdin, auf, die das Recht zu dem Impuls hätte, mir ins Gesicht zu spucken, und exponier- ten sich für vierzig Minuten vor dem offenen Mikrophon, indem Sie mich verteidigten; hielten Ihre Fäuste hoch und schlugen sich für den Frieden herum. Glauben Sie mir, jeder Hieb, den Sie austeilten, traf mich ans Kinn, obwohl Sie dies nicht beabsichtigten.« „Hören Sie auf, einen Heiligenschein zu stricken«, sagte ich trocken.»Er kleidet mich nicht. Und Sie sollen wissen, daß auch mich meine Objektivität für eine Minute im Stich ließ. Sie waren der erste Deutsche, den ich seit 1939 sah. Ihre blonde arische Siegfriederscheinung rief bei mir für einen Moment etwas wie einen Anfall von Magenverstim- mung hervor, und mein Magenknurren klang sehr ähnlich wie»verdammter Nazi«. Aber ich war nicht zu verstört dar- 399 mu über. Wenn wir nach all dem, was wir gegeneinander durch- gemacht haben, nicht mehr bekommen als Magenknurren, wenn wir uns zum erstenmal ansehen, dann haben wir allen Grund, zu hoffen.« Zum erstenmal erhellte sich sein Gesicht zu einem frohen, breiten Lächeln.»Mir ist viel wohler«, sagte er.»Aber Sie dürfen mir glauben, ich werde Sie niemals vergessen. Wenn mich jemals im Leben Zweifel anfallen sollten, werde ich Sie an dem Mikrophon sehen.« Dann verschwand das Lächeln, und er sagte sehr ernsthaft:»Ich verspreche Ihnen: In jedem Vortrag, den ich über meine Erfahrung in Amerika und über internationale Verständigung halten kann, werde ich den heutigen Vorfall erzählen. Und ich werde mich selbst nicht schonen.«—»Fein«, sagte ich.»Ich bin egoistisch genug, Ihr Versprechen anzunehmen.« »Wie wenig Mühe es doch kostet, Menschen zusammenzu- bringen, die eigentlich feindlich gegeneinander fühlen soll- ten.« Er sah Milton an.»Wir sollten uns doch eigentlich hassen. Und doch genügen ein paar Sätze wahrer Offenheit, um uns als Freunde scheiden zu lassen. Sie haben durch Ihr Handeln heute abend genau das getan, was Sie am Radio sagten: Sie haben in mir für immer den Wunsch zerstört, zu zerstören. Sie haben eine Brücke über den Ozean gespannt, die Ihr Herz und mein Herz vom Haß befreit hat. Sie wer- den eines Tages die Belohnung dafür—« Er hielt inne, als er bemerkte, daß ich ihn wie abwesend anstarrte.»Habe ich etwas Falsches gesagt?« fragte er. Ich holte tief Atem.»Nein«, sagte ich,»Sie haben etwas sehr Richtiges gesagt.« Ich wußte, er konnte mich nicht verstehen, aber das machte mir im Moment nichts aus. Wir schieden als Freunde, und darüber hinaus hatte der junge Deutsche mir die Schluß- folgerung eines Gedankens gegeben, dessen erste Hälfte ich besaß und um dessen Vervollständigung ich mich so lange bemüht hatte.»Eine Brücke über den Ozean spannen, um Ihr Herz und mein Herz von Haß zu befreien.« Es mußte eine völlig neue Organisation sein, die sich an keine andere anschloß. Sie mußte aus individuellen Menschen bestehen, die mutig genug waren, ihr Streben nach Liebe 391 PR nn über Politik, Konfessionen und andere Trennungswände zu erheben. Und nur individuelle Menschen durften sie unter- stützen, um sie individuell und unabhängig zu erhalten. Ich spannte einen Bogen in meine Maschine und begann zu schreiben: DIE BRÜCKENBILDNER Es gibt nur einen Weg Über den Abgrund des Hasses: Die Brücke von Meinem Herzen zu Deinem. 16 Ich hatte in keiner Weise die Schwierigkeiten überschätzt, die sich der Gründung einer Organisation entgegenstellen würden, die ein unbequemes Ideal anbot, ohne kommerzielle oder Propagandabelohnung zu versprechen. Wir begannen sie mit ein paar Dollars, die Milton und ich uns durch per- sönliche Opfer ersparen konnten. Wenn wir ins Kino gehen wollten, so blieben wir zu Haus und taten das Eintrittsgeld für das Kino in unsere kleine Heimsparbüchse. Als wir unsere erste Bridge-Builder-Broschüre in Form eines Mimeo- graph-Pamphlets drucken lassen wollten, mußte unser Haus- haltsgeld für eine Woche auf ein Minimum herabgesetzt wer- den, das Fleisch völlig ausschaltete. Es war nicht leicht, sie auf diese Weise zu beginnen, aber es war die einzige. Wann immer ich im Zweifel war, welchen Weg ich gehen sollte, dachte ich an Johannes Itten. Er hatte einmal genau den richtigen Rat erteilt:»Es gibt für dich nur einen einzigen Weg. Denke nicht zuviel darüber nach, welche Windungen er nimmt. Wenn du weißt, daß er zu deinem Ziel führt— gehe ihn.« Doch bisher hatte ich nur das Schild gefunden, das ich als Wegweiser am Anfang der Straße aufstellen konnte. Ich hatte das Motto und den Zweck, doch ich wußte noch im- 392 er Ta et n mer nicht, welchen ersten praktischen Schritt ich gehen konnte. Der logische war Vortragsabende; doch Worte wa- ren nicht genug; ich suchte praktische Aufgaben. Ich forschte nach einem Haus— einem Saal— einem Platz, an dem Menschen zusammenkommen, miteinander sprechen und gemeinsam Ideen ausarbeiten konnten; an dem sie prak- tischen Rat erhielten, wenn sie Probleme nicht selbst lösen konnten. Ich wußte, daß viele meiner Gedanken beinahe zu optimi- stisch schienen. Doch ich mußte auf die Erfüllung der großen Zukunftsprogramme mit demselben Eifer des Herzens hof- fen wie auf die Realisierung der kleinen, praktischen— ob- wohl ich wußte, daß sich meine Hoffnung mit einem starken Panzer der Geduld wappnen mußte. Aber was für ein Haus? Was für ein Saal? Ich wollte so gern mein erstes Haus in Deutschland errichten, denn ich fühlte, daß ich dort die besten Resultate erreichen würde. Unzweifelhaft würde man mir sofort von den Amerika- Häusern erzählen, die, wie ich wußte, sehr gute Dienste lei- steten, doch auf ganz anderem Gebiete, als ich es zu tun hoffte. Haß in Liebe zu verwandeln... eine Plattform der Würde... ein Haus, um durch seine Erscheinung Menschen von der Notwendigkeit zu überzeugen, täglich Liebe zu üben wie andere lebenswichtige Funktionen... aus all diesen Gedan- ken, die in meinem Kopf kreisten, löste sich die Gestalt eines Gebäudes, das ich nicht einen einzigen Tag vergessen hatte: ein einstmals schimmerndes Haus— jetzt eine graue Ruine; das bunte Glas, das wie leuchtende Augen zu glitzern schien— zerbrochen am Boden; die leer starrenden Fensterhöhlen mit dem suchenden Ausdruck eines Blinden; die geschwärzten Rauchstreifen, die von ihnen herunterliefen wie dunkle Trä- nen, unter leeren Höhlen festgefroren. Seine friedliche Schön- heit zerschmettert— von den Flammen des Hasses zu leerer Schale verbrannt... mein Haus... Es gab kein Gebäude in der Welt, das so geeignet für das Werk des Friedens und des besseren Verstehens zwischen Menschen war. Durch Krieg und Haß zerstörte Häuser neu zu erbauen, um in ihnen für Verstehen und Frieden zu arbeiten, war ein 393 guter Weg, Erziehung zu Liebe zu beginnen— und sie prak- tisch zu demonstrieren. Nun konnte ich mit der Arbeit an der Organisation begin- nen. Ich stellte eine Liste von Freunden auf, von denen ich Interesse, Geduld und wertvollen Rat erhoffen durfte. Eine zweite Liste enthielt Namen von Geistlichen aller Konfes- sionen, deren Unterstützung ich erbitten wollte. Ich hoffte einen Ausschuß von Männern bilden zu können, die Berufen vorwiegend religiöser und erzieherischer Art angehörten. Mein erster Besuch galt einem Mann, den ich tief verehrte und mit Stolz seit vielen Jahren einen wirklichen Freund nennen durfte: Professor George Shuster, Präsident des be- kannten Hunter College. Als ich in seinem großen, modernen Büro an dem gewalti- gen, mit Papieren bedeckten Schreibtisch saß, sank mein Mut. In der Abgeschlossenheit meines Zimmers waren mir meine Gedanken logisch, praktisch und aufbauend erschienen. Nun sah ich auf den berühmten Professor, dessen klare, blaue Augen mich mit dem Ausdruck freundlicher Erwartung an- sahen. Ich hatte während der Jahre viele Probleme mit ihm diskutiert. Er kannte meine Gedanken und Erfahrungen; und ich hatte oft genug Gelegenheit gehabt, sein enormes Wissen, seine klare Logik und seinen Sinn für Humor zu bewundern. Er war freundlich, konnte jedoch keine un- wichtigen Plaudereien vertragen und pflegte solche mit einem scharfen, witzigen Wort zu beenden. Ich hatte ihn bei Fernsehdebatten beobachtet und danach stets behauptet:»Ich bin froh, ihn als Freund zu haben!— Ich würde mich nicht sehr glücklich schätzen, von ihm mit der offenen, eisgekühl- ten Liebenswürdigkeit behandelt zu werden, die er denen angedeihen läßt, die nicht seine Freunde sind.« Wie konnte ich es wagen, zu diesem scharfsinnigen, klardenkenden Intel- lektuellen— einer Autorität auf den Gebieten der Er- ziehung, Politik und Religionsphilosophie— über meine Ideen von»Erziehung zu Liebe« zu sprechen? Er fühlte mein Zögern.»Nanu«, lächelte er,»das ist ja ganz neu! Ich habe Sie noch niemals schüchtern gesehen!« Ich schüttelte den Kopf.»Diesmal ist’s wirklich schwierig, Professor. Ich wollte mit Ihnen einen Plan besprechen, an 394 To PRBeBe FU Fo een mn nn un nn nn nun nn nn un dem ich seit langer Zeit intensiv arbeite. Nun weiß ich plötz- lich ganz genau, daß ich wie ein völliger Narr in Ihren Augen aussehen werde.« »Es dürfte ziemlich schwierig sein, mich davon zu überzeu- gen, daß Sie ein Narr sind!« »Danke, Professor«, sagte ich deprimiert.»Sagen wir also, wie ein närrischer Träumer.« »Ich kenne ein paar Träume, die fruchtbare und machtvolle Wirklichkeit wurden«, sagte er gedankenvoll.» Warum über- lassen Sie nicht mir die Reaktion und erzählen mir einfach von Ihrem Plan?« Ich nahm meine kleine Broschüre aus der Handtasche und reichte sie ihm.»Würden Sie es bitte lesen, Professor? Sie wissen zuviel, und ich hab’ einfach Angst vor Ihnen.« »Feigling«, lachte er, nahm die Blätter aus meiner Hand, lehnte sich zurück und begann zu lesen. Zum erstenmal war der Plan, der mir alles bedeutete, zur Beurteilung vorgelegt; und er lag in den Händen eines Richters, der jede Note der Partitur kannte. Vorsichtig, um ihn nicht zu stören, zündete ich eine Zigarette an und folgte in Gedanken den Zeilen, die er las: DIE BRÜCKENBILDNER Es gibt nur einen Weg Über den Abgrund des Hasses: Die Brücke von Meinem Herzen zu Deinem. ZWECK UND ZIEL: BRÜCKENBILDNER ist eine streng unpolitische Organi- sation und wurde für den Zweck gegründet, menschliche und seelische Interessen und besseres Verstehen zwischen Menschen aller Länder, besonders jedoch Amerika und Deutschland, zu fördern. Ihr Ziel ist es, Brücken über den Abgrund des Hasses zu errichten; ihr Wunsch, alles das wie- deraufbauen zu helfen, was Haß und Krieg vernichtet haben, sei es ein Gebäude oder guter Wille zwischen individuellen Menschen. Brückenbildner glauben, daß nicht Furcht voreinander uns 395 den ersehnten Frieden in irgendeiner Gestalt verleihen kann, sondern die Erziehung des individuellen Menschen durch offene Aussprachen, Taten und Beispiele. Wir wollen weder schmeicheln noch anklagen; wir trachten danach, das Ziel friedlichen Zusammenlebens durch menschliches Verstehen zu erreichen; des Verstehens zwischen DIR und MIR. Wir wollen versuchen, die Wirrsale der Gefühle, die wider- sprechende Erziehung in uns allen hervorgerufen hat, auf den Weg klaren, objektiven Denkens und Fühlens zu len- ken. Wir wissen, daß dieses Bestreben eine harte Aufgabe für den Geist der Menschen ist, die dazu erzogen wurden, in Begriffen des Hasses, Vorurteils und Mißtrauens zu den- ken. Aber wir müssen auch die unumstößliche Tatsache er- kennen, daß die Vernichtung von Haß, Vorurteil und Miß- trauen die einzige Lösung für ein friedliches und glücklicheres Leben ist. Dies ist die Überzeugung der Brückenbildner: »Wenn zehn Menschen in einem Raum aufhören können zu streiten; den Versuch aufgeben, ihre eigenen Ansichten anderen aufzuzwingen; bereit sind, unterschied- liche Meinungen und Verschiedenheiten aufrichtig zu respektieren— dann werden wir Frieden in einem Haus haben. Und je nach der Intensität, der wir fähig sind, diese Gruppen von zehn zu vervielfachen, können wir Frieden in einer Stadt, Frieden in einem Land und Frieden mit der Welt schaffen und erhalten. Dieses tiefe menschliche Verstehen und dieser furchtlose Respekt können nicht durch Gesetze oder politische Pakte diktiert werden. DU und ICH müssen daran arbeiten.« ERSTE GEPLANTE AUFGABE: Von dem Bewußtsein ausgehend, daß kulturelle und seelische Werte und deren gemeinsame Förderung ein festes und dauerhaftes Band zwischen Menschen schaffen, wollen wir zunächst den deutschen Menschen bei dem Wiederaufbau einiger ihrer Gotteshäuser helfen; in der Hoffnung, daß ein solches Programm guten Willen erzeugen wird und eine 396 seelische Bindung zwischen Menschen aller Glaubensbekennt- nisse auf beiden Seiten des Ozeans weben kann. Wir denken zunächst an die folgenden drei Gebäude: 1. Die Frauenkirche in München, halb von Bomben zer- stört; 2. die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin, halb von Bomben zerstört; 3. den Tempel Fasanenstraße in Berlin, halb zerstört vom Haß des Naziterrors im Jahre 1938. Diese drei Gotteshäuser dienten drei verschiedenen Konfes- sionen. Sie waren nicht nur von den Mitgliedern ihrer eige- nen Bekenntnisse geliebt, sondern von zahllosen Menschen aller Religionen und Nationen bewundert und geschätzt. Die Frauenkirche und die Kaiser- Wilhelm-Gedächtniskirche sollen wiederaufgebaut und den Menschen als Gotteshäuser ihrer Bekenntnisse wiedergegeben werden. Der Wiederaufbau der Synagoge Fasanenstraße in Berlin ist für einen anderen Zweck geplant. Die Brückenbildner glauben nicht, daß es psychologisch mög- lich ist, von dem gesamten Volk irgendeines Landes das Gefühl einer Kollektivschuld für Grausamkeiten, Verbrechen und Morde zu verlangen, welche die Regierung und ihre Verbrecher an einem Teil der Bürger des Landes begangen haben. Konzentrationslager und die Leiden in ihnen sind jedem an der Außenseite so unfaßbar, wie die Leiden, die ein Erdbeben in China verursacht, uns in Amerika unfaßbar sind. Doch wir wissen, daß die Verbrennung der Tempel, die sichtbare Zerstörung von dem, was jedem. menschlichen Herzen heilig ist, ein Schuldgefühl in jedem. anständigen Deutschen hinterlassen hat. Auf dieser Basis können wir das Verständnis der Menschen für das erwecken, was uns an- getan worden ist, und den Respekt für unser Leid erhalten, der uns zukommt. Nicht der Schrei nach Rache, sondern das Hinhalten der anderen Wange wird in Menschenherzen ein Schamgefühl und den ernsthaften Wunsch nach Reue erwecken. Amerika tut sein möglichstes, das ökonomische Niveau Deutschlands wiederaufzubauen, doch künstlerische und see- lische Rehabilitierung ist nur von einzelnen oder Privat- 397 gruppen unternommen worden, die erkennen, daß wirt- schaftlicher Aufbau ohne den gleichen Aufstieg in morali- scher und seelischer Richtung am Ende nur ein negatives Resultat erreichen kann. Die Brückenbildner teilen nicht die irrige Ansicht, daß mit der Vollendung des wirtschaftlichen Wiederaufbaues das Problem Deutschland für uns gelöst ist. Wenn wir unseren Einfluß geltend machen wollen, Deutsch- land in seinem Bestreben zu helfen, aus einer kriegslieben- den Nation, wie es meist von der Welt genannt wird, ein Land zu machen, dessen Menschen den Frieden lieben und mit demokratischem Denken mit allen freien Nationen der Welt leben wollen, dann brauchen wir dringendst ein kultu- relles und seelisches Aufbauprogramm. Die Jahre des Naziregimes und des darauffolgenden Krieges haben Deutschland naturgemäß in einen Zustand morali- scher Konfusion und kultureller und seelischer Verwirrung versetzt. Wir würden von keinem verstörten Einzelmenschen verlangen, sich ohne psychoanalytische Hilfe aus einem sol- chen Zustand in ein normal balanciertes Innenleben hinüber- zuretten. Aber gerade dies verlangen wir num von einer ganzen Nation. Darüber hinaus erwarten wir, daß diese zer- rissene Nation ohne seelische Unterstützung ihre Jugend, in Chaos und Krieg geboren und erzogen, nun zu einer Zukunftsnation von ausgeglichenen, ethisch hochstehenden Menschen heranbildet; zu einem Niveau, das die fundamen- tale Basis für ein friedliches Zusammenleben mit anderen Nationen garantiert. Wir wollen den Tempel Fasanenstraße, den Haß zerstörte, als ein Haus des Friedens und Verstehens wiedererbauen; als ein Zentrum, in dem Menschen aller Konfessionen und jeden Alters geistige und seelische Zusammengehörigkeit finden können. Für uns ist die Formel zu Verstehen und Freundschaft, da wir sie empfunden, erprobt und erlebt haben, eine einfache und beinahe naive: Sie führt auf dem Weg des Darbietens selbstloser Liebe zu einer Atmosphäre, in der das Dämmer- licht des Verstehens gnädig die Tränen löst und einer Seele erlaubt, sich offen darzubieten, ohne fürchten zu müssen, daß ihre Offenheit und Ehrlichkeit verwundet oder betrogen 398 wird. Von da an ist der Weg leicht. Wenn Verwirrung der Gefühle sich lösen darf und durch guten Willen und Klar- heit ersetzt wird, können Vertrauen, ruhige Sicherheit und Sehnsucht nach Zugehörigkeit ihren Weg zum menschlichen Herzen finden. Und wenn Menschen vertrauen, Sicherheit und Zugehörigkeit zu empfinden wagen, werden sie gern dem Haß entsagen, der ja doch nichts weiter ist als ein Schild gegen innere quälende Zweifel und Unsicherheit. Professor Shuster legte die Blätter nieder und sah mich an. »Ich verstehe, wie Sie auf die Idee der Wiedererbauung des "Tempels gekommen sind«, sagte er langsam.»Der Gedanke erfordert große Objektivität. Sie sprechen auch von anderen Häusern und Kirchen. Was gibt Ihnen, einer früheren jüdi- schen Deutschen, die Idee, bei dem Aufbau von Kirchen zu helfen, nach all dem, was Sie dort durchgemacht haben?« Ich lächelte über die feine Nuance in seiner Definition »jüdische Deutsche«, während alle anderen mich deutsche Jüdin nannten. Dann sagte ich:»Ich denke immer, wir wür- den schneller Frieden haben, wenn die Christen beim Aufbau der Tempel und die Juden beim Aufbau der Kirchen helfen würden.« »Wie weit haben Sie Ihre Organisation»Brückenbildner« entwickelt?« »Genauso weit, wie Sie es gelesen haben. Jetzt bin ich dabei, die praktischen Details auszuarbeiten.« » Wer finanziert den Plan?« »Bis jetzt Milton und ich. Ich hoffe, mit der Zeit genügend Mitglieder zu finden. Ich möchte jetzt einen Ehrenausschuß gründen und wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie diese Liste der Ehrenräte mit Ihrem Namen beginnen würden. Ein Programm wird immer leichter angenommen, wenn es von Menschen beraten wird, deren Namen Ehrlichkeit, Würde und Geradheit garantieren.« Er beugte sich vor, um etwas von seinem Schreibtisch auf- zunehmen, hielt plötzlich verblüfft inne und lachte. Als er mein erstauntes Gesicht sah, erklärte er:»Das war wirklich komisch. Sie sind doch sehr weiblich— aber wenn ich mit Ihnen ein ernstes Problem diskutiere, vergesse ich vollständig 399 EEE a ze TEE darauf, daß Sie eine Frau sind. Ich hörte Ihnen so angespannt zu, ich wollte Ihnen gerade ganz mechanisch eine Zigarre anbieten.« Diese Worte blieben in meinem Gedächtnis als eines der besten Komplimente, die ich je erhalten hatte. »Schreiben Sie ein Buch über Ihre Erfahrungen in Deutsch- land«, fuhr er fort. Ich zuckte die Schultern.»Wer würde das schon lesen wol- len?« »Ich«, sagte er sehr ernsthaft. Ich lächelte,»Sie sind voreingenommen. Ich muß gestehen, daß ich oft darüber nachgedacht habe, aber ich hatte nie den Mut.« »Wie würden Sie ein solches Buch nennen? Aus einem Titel kann man viel ersehen.« »Ich würde es wahrscheinlich»DIE UNVERGESSENEN« nennen oder>Ich hebe meine Augen auf«.« Er hob seine Augenbrauen in einer anerkennenden Geste. »Wozu? Zu den Bergen?« »Zu Liebe, nehme ich an.« »Und woher wird die Hilfe kommen? Von Gott?« »Auch von der Liebe. Ich nehme an, es ist dieselbe Quelle.« Er stand auf und nahm meine Hand.»Sie müssen dieses Buch schreiben, ich werde darauf bestehen! Sie sind doch ein guter Geschäftsmann! Denken Sie doch, was für einen herrlichen Film das geben würde!« Dann fügte er mit seiner geraden, sachlichen Einfachheit hinzu:»Und soweit es ihre»Brücken- bildner« angeht, können Sie mit mir rechnen— auf der ganzen Linie.« Ich wollte etwas sagen, doch ich biß mich schnell auf die Lippe. Jemand, dem Professor Shuster eine Zigarre anbieten wollte, konnte es sich kaum leisten, sehr weibliche Regungen zu zeigen. Sein warmes Lächeln zeigte mir sein Verstehen.»Lassen Sie mich wissen, was ich tun kann«, sagte er,»und machen Sie niemals einen Narren aus sich durch den Gedanken, daß Sie je einer sein könnten.« Nach der Zustimmung dieses großen Mannes war mein Ver- trauen in unsere Organisation sehr gefestigt. 400 17 Wir kamen vorwärts, aber unsere finanzielle Lage verlang- samte und erschwerte das Werk der Brückenbildner. Ich be- sprach in Briefen meine Pläne mit meinem Vater, der im Alter von 77 Jahren noch immer seiner Gemeinde in London vorstand. Wir schrieben uns regelmäßig, doch es schmerzte mich tief, daß die Umstände es uns nicht gestatteten, ihn in England zu besuchen. Ich sehnte mich sehr nach ihm. Ich wünschte auch so sehr, daß er Milton kennenlernen und unser Glück für eine Weile teilen sollte. Er war damals so tief unglücklich über meine Ehe mit Paul gewesen. Meine Sehn- sucht nach ihm wuchs mit dem Gedanken an sein Alter. Mil- ton und ich diskutierten tausend Möglichkeiten, ohne eine einzige Lösung für ein Wiedersehen zu finden. Im Oktober erhielt ich plötzlich ein Telegramm. Der Rotary Club in Hollywood bat mich, bei einem Lunch am ı. No- vember zu seinen Mitgliedern über die Brückenbildner zu sprechen. Ich hielt dieses Telegramm für einen Scherz, doch dann folgte ein Brief, in dem der Präsident des Clubs in Hollywood berichtete, daß einer seiner Mitglieder, Fritz Lang, ihm über meine Arbeit erzählt hätte. Da sich meine Ideen weitgehendst mit denen des Rotary Clubs deckten, würden sie sich freuen, wenn Milton als der Propaganda- direktor der Organisation und ich für eine Woche ihre Gäste in Hollywood wären, damit wir diese Stadt kennenlernten: Dieser Brief versetzte mich in einige Verwirrung. Wir hatten Fritz Lang ein paarmal in New York gesehen. Ich hatte ihm über meine Arbeit an den»Brückenbildnern« erzählt und auch darüber, daß ich ein Buch schreiben wollte. Er konnte über mich zu dem Präsidenten des Clubs gesprochen haben, dennoch kam mir die Einladung merkwürdig vor. Ich hatte mir so oft gewünscht, diese Reise an die Westküste zu machen; das ganze Land zu sehen und die vielen Freunde zu besuchen, die ich in Hollywood hatte. Ich sagte zu. Wir machten eine Liste von den Menschen, die wir in Hollywood anrufen wollten: Regisseure, mit denen Milton in New York am Radio gearbeitet hatte; meinen lieben Freund Fritz Lang; 401 meine geliebte alte Lehrerin Ilka Grüning, die in Hollywood filmte, und Axel Grünberg, einen feinen Regisseur, für den ich oft in meinen ersten Jahren in Amerika am Radio in New York gearbeitet hatte. Er war vor zwölf Jahren nach Hollywood gegangen, um für Ralph Edward’s weltberühm- tes Programm This is your life Regie zu führen. Dieses Programm wurde im Fernsehen als das achte Weltwunder angesehen. Es machte jeden, der darin erschien, zum Hel- den des Tages in ganz Amerika. Unter dem Motto»Dies ist dein Leben« wurde das Leben eines Gastes, der etwas Besonderes für die Welt geleistet hatte, porträtiert. Es war beinahe unglaublich, sich vorzustellen, daß über 45 Millio- nen Menschen jede Woche dieses Fernsehprogramm sahen. Doch es wurde alles heimlich vorbereitet, niemals durfte ein Gast vorher wissen, daß sein Leben porträtiert wurde. Nur zweiundfünfzig Menschen hatten während eines ganzen Jah- res dieses Erlebnis, und die Wahl mußte schwer sein, denn es gab Tausende von Größen in diesem Lande. Die drei Tage lange Reise nach Hollywood war doch an- strengender, als ich erwartet hatte, und ich beschloß, am Mon- tag sehr ruhig im Hotel zu bleiben, um mich auf meinen Vortrag am Dienstag vorzubereiten, während Milton einige seiner früheren New Yorker Freunde aufsuchte. Am Dienstagmorgen rief ich Axel Grünberg an. Er war in einer Konferenz und konnte nicht gestört werden, erklärte seine Sekretärin. Ich hinterließ meine Nummer mit dem Bescheid, daß ich bis Freitag in Hollywood sein würde. Alle anderen Anrufe verschob ich bis nach dem Vortrag. Wir wurden im Rotary Club mit großen Ehren empfan- gen. Ich hatte Lampenfieber, als der Präsident mich vor- stellte und ich vom Rednerpult aus in die Gesichter von zweihundert ernsthaft dreinschauenden Herren blickte. Doch als ich über»Brückenbildner« zu sprechen begann, verlor sich die Angst, und es ermutigte mich, ein paarmal von Bei- fall unterbrochen zu werden. Nach der Rede erhielt ich langen Applaus, und viele unter- hielten sich mit Milton und mir über die Ziele der Organi- sation. Der Präsident lud uns zum Abendessen in sein Haus 402 ein, das hoch in den Bergen lag, und wir verbrachten dort einen wunderbaren Abend. Am nächsten Nachmittag rief Axel Grünberg an und ent- schuldigte sich, daß er am Tag vorher nicht zum Telefon kommen konnte. »Oh, ich weiß, Sie sind sehr beschäftigt«, sagte ich.»Ich werde Sie am Donnerstag anrufen, dann haben Sie ihr Pro- gramm hinter sich.« »Einen Augenblick«, sagte er.»Da Sie gerade hier sind— möchten Sie nicht das Programm vom Zuschauerraum aus sehen?« »Natürlich, sehr gern. Aber Sie werden doch heute sicher keine Eintrittskarte mehr haben!« »Wir sind doch alte Freunde«, sagte er lachend.»Irgendein Stühlchen werden wir schon finden. Sind Sie allein in Holly- wood?« »Nein, mit meinem Mann. Sie erinnern sich doch sicher an Milton? Er hat oft für Sie gearbeitet.« »Flüchtig«, sagte er.»Auf jeden Fall werden wir zwei Stühle für Sie haben. Vielleicht können wir nach dem Programm mit Ralph Edwards zusammen essen.« »Das wäre herrlich.« »Fein«, sagte er herzlich.»Fragen Sie den Pagen an der Tür nach Ihren Plätzen. Ich hinterlasse Ihren Namen.« An der Tür des Theaters wußte jedoch keiner der beiden Pagen etwas davon, und ich war bereits im Begriff, fortzu- gehen, als Milton sich noch bei einem dritten Pagen, drinnen im Theater, erkundigte.»Ach ja«, sagte der beinahe un- wirsch,»Mr. Grünberg sagte mir, ich solle Ihnen Plätze anweisen. Kommen Sie mit.« »Na«, sagte ich zu Milton,»die sind nicht gerade höflich. Aber natürlich, hier sind wir»Fremde«.« Mir fiel plötzlich ein, daß ich nach Hollywood dieselbe Ent- fernung zurückgelegt hatte wie von Deutschland nach New York. Ich wäre lieber in die andere Richtung gefahren, dachte ich. Dann hätte ich heute mit Papa zusammen sein können! Es war sein Geburtstag; der achtundsiebzigste. Das Theater war mit über zweitausend Menschen bis auf den letzten Platz gefüllt. Ich klatschte mit allen anderen, 403 et als Ralph Edwards über die Bühne schritt und zum Publi- kum herüberkam. Er schritt an uns vorbei und hielt ein paar Reihen hinter uns inne. Das Zeichen»Kamera« zeigte uns, daß 45 Millionen Menschen uns sahen. »Hallo, ihr alle«, begann Ralph Edwards lächelnd.»Wir wissen doch so wenig von unserem Nächsten. Im Haus neben euch, in der Wohnung im gleichen Stock oder sogar hier neben euch im Theater in Hollywood kann sehr gut ein Mensch sitzen, der sein Leben ganz dem Leben anderer ge- widmet hat und dessen Lebensgeschichte fremder klingt als ein Roman. Schaut um euch! Wer weiß, was hinter einem Gesicht liegt? Wenn man diese interessante Frau ansieht— würde man glauben, daß sie tiefes Leid kennt? Daß sie Tra- gödien und sogar brutale Gewalttaten erlebt hat?« Ich drehte mich von ihm fort, um die Frau zu finden, von der er sprach, und dann hörte ich seine Stimme:»Nun, wir werden es bald erfahren, denn heute abend— Ilse Stanley— dies ist Ihr Leben! T'his is your life!« Ich flog von meinem Sitz auf, als ob jemand mich gestoßen hätte.»Oh, nein«, stammelte ich,»ich habe ja gar nichts getan—« »Ihr Leben und Ihre Selbstaufopferung sind ein leuchtendes Beispiel für Millionen, Ilse...«, hörte ich ihn noch sagen, und dann schien alles wie ein herrlicher Traum. Ich fand mich plötzlich auf dem»Ehrenstuhl« auf der Bühne sitzend und hörte Stimmen durch den Lautsprecher; sah Gesichter sich dem meinen nähern; fühlte Arme, die mich herzlich umarmten— und alles war unwirklich. Da war plötzlich Catherine, die davon erzählte, wie ich Menschen in ihrer Wohnung ver- steckt hatte; da war Fritz Lang und erzählte von meiner Jugend, meiner Karriere und meiner Arbeit für ihn; andere erzählten von der Operation und von meiner Arbeit für Deutschland— und dann hörte ich Ralph Edward’s freund- liche Stimme: »Doch da sind auch glückliche Erinnerungen an deine Kind- heit, an ein kleines Mädchen, Ilse Davidsohn, die in dem Licht und Schutz des schönsten Tempels von Berlin auf- wuchs...»meinem« Haus, wie du es nanntest, an dem dein Vater Geistlicher war...« Bitte, sprich nicht davon, dachte 404 “an 2 ae fl ui AITEIRLHIRERTTRE TE is er E% IEAMETEHE A E BETREUTEN ne ich, bitte nicht... Und dann erreichten mich seine nächsten Worte:»Erinnerst du dich, Ilse, wie du so gern als kleines Mädel auf den Schultern deines Vaters geritten bist und ge- bettelt hast>Sing, Papa, sing«...« Ich machte eine Bewegung, ihn zu unterbrechen, doch in dem Augenblick kam eine Stimme durch den Lautsprecher, so klar wie vor sechzehn Jahren, als ich sie zum letztenmal hörte, und sang die letzte Zeile meines Lieblingsliedes »... und läuft den Weg gleich als ein Held!« Und einen Augenblick später fühlte ich Papas Arme um mich, und seine Stimme sagte leise, wie vor vielen Ewigkeiten:»Hallo, mein kleines Mädele!« Zu unserer Ehre muß ich sagen, daß wir uns sehr tapfer benahmen und nicht heulten. Wir hörten aus dem tosenden Beifall, daß er aus dem Herzen der Menschen kam. Die anschließende Gesellschaft gab mir eine Idee davon, wie rührend dieses Programm vorbereitet war und wie glücklich es alle machte, die es für mich arrangiert hatten. Das Essen bestand aus allen bekannten deutschen Spezialitäten, und da- nach rollte Ralph Edward’s Assistentin eine Riesen-Geburts- tagstorte mit achtundsiebzig Kerzen für Papa herein. Ich bekam einen Begriff von der Reichweite des Programms, als während der nächsten zwei Stunden Hunderte von Tele- grammen eintrafen und Papa und ich uns abwechselten, Telefonanrufe aus allen Teilen des Landes zu beantworten. Um drei Uhr morgens brachten wir Papa zu seinem Hotel, wo alle Gäste, die in dem Programm erschienen waren, wie Gefangene gehalten worden waren, damit sie mir nicht aus Versehen auf der Straße in die Arme liefen. Milton konnte mir nun endlich die ganze Geschichte erzählen. Er und Fritz Lang hatten an der Vorbereitung über ein Jahr gearbeitet. Die gesamte Korrespondenz zwischen Milton und den Programmleitern ging von Hollywood an die Adresse von Manfred. Papa, meine Freunde— alle hatten davon ge- wußt. Ich war die einzige, die nichts geahnt hatte. Miltons Besuche bei Freunden waren in Wirklichkeit Proben ge- wesen. Und sogar das unwirsche Benehmen des Pagen ge- hörte zu dem Bemühen, nicht den leisesten Verdacht in mir aufkommen zu lassen. 405 ” ET len EEE Die Reaktion zu dem Programm war überwältigend. Papa kam mit uns nach New York, um dort bei uns ein paar glückliche Wochen zu verleben. Wir konnten uns nicht am Broadway zeigen, ohne angehalten und von völlig fremden Menschen umarmt zu werden. Wenn wir in ein Restaurant eintraten, wurden wir sofort umringt, umarmt, geküßt. Ich antwortete auf über fünftausend Briefe, Telegramme und Anrufe. Und noch heute halten mich oft fremde Men- schen auf der Straße an und fragen:»Wie geht’s Papa?« und sprechen von dem wunderbaren Gefühl der Freundschaft, das jenes Programm in ihnen wachgerufen hatte. Und es ist diese Teilnahme an Glück oder Leid, die Millionen Menschen einander nahebringt und Einsamkeit verbannen kann. 18 Es war nur natürlich, daß ich mich in einem Irrgarten ver- lor, wenn ich daranging, die innere Struktur meines Hauses zu gestalten. Ich skizzierte Hunderte von Möglichkeiten, und mit jeder, die ich verwarf, wuchs meine innere Unruhe. Und dann kam ein Morgen, da ich von einem"Traum er- wachte— einem Traum, so unglaublich wirklich, so fühlbar nahe, daß es fast unmöglich schien, ihn als Traum zu akzep- tieren und zur Wirklichkeit zurückzukehren. Ich öffnete meine Augen und war erstaunt, Milton angezogen an meinem Bett stehen zu sehen. Meist war ich vor ihm wach. »Guten Morgen«, sagte er lachend.»Du mußt auch etwas sehr Schönes geträumt haben, denn du hast ein paarmal ge- lächelt, und dann hast du im Schlaf gesagt:»Das ist wunder- schön«, Heh«, unterbrach er sich,»wo warst du im TIraum? Wo warst du— und wo war ich?« »Sorg dich nicht. Du warst bei mir. Sehr sogar. Ich erzähle es dir später. Ich bin noch nicht ganz wach.« Nach dem Frühstück steckten wir uns eine Zigarette an, und ich versuchte meine Gedanken zu sammeln. Der Traum hatte mich in eine Stimmung eingesponnen, aus der ich mich kaum 406 lösen konnte. Ganz in Gedanken summte ich eine Melodie. »Was summst du da?« fragte Milton.»Es klingt hübsch.« »Ich weiß es nicht«, antwortete ich.»Ich hörte die Melodie im Traum.« »Du solltest versuchen, sie niederzuschreiben«, lächelte Milton.» Vielleicht können wir wieder einmal einen Schlager verkaufen!« »Ich habe geträumt, daß wir über eine herrliche Wiese gingen, auf der rotbraune Pferde grasten. Ich habe ein Pferd gestreichelt, und ich habe noch immer das Gefühl der son- nendurchwärmten Haut des Tieres in meiner Handfläche. Es mag furchtbar albern klingen, aber es war so wirklich— so unglaublich wirklich.« Langsam begann ich mich aller Be- gebenheiten des Traumes zu erinnern.»Wir gingen durch grüne Felder einen Hügel hinauf, an vielen kleinen, weißen Häusern vorbei, die an ihm wie Vogelnester angesetzt schie- nen, alle weiß, mit roten Dächern. Auf dem Gipfel des Hügels stand ein herrliches, weißes Haus. Von allen Seiten kamen Menschen herbei und grüßten uns herzlich. Wir schienen uns alle zu kennen, doch ich erkannte keine Ge- sichter.»Komm, wir wollen hineingehen«, sagte ich zu dir, »es ist so heiß in der Sonne.« Wir kamen in das Vestibül. Hier umfing uns eine stille Kühle. Ich hörte die leisen Töne einer entfernten Orgel, aber ich kannte die Melodie nicht. Es war, als ob viele Orgeln verschiedene Melodien spielten, doch sie alle klangen har- monisch zusammen. Dann gingen wir zu der großen, schwe- ren Mitteltür, die in den Saal führte.>»Ich habe schon einmal versucht, so eine schwere Tür zu öffnen«, sagte ich zu dir, »aber ich kann mich nicht daran erinnern, wo es war. Es muß sehr, sehr lange her sein.< Und dann gingst du zur Tür und öffnetest sie ganz leicht.»Damals warst du allein, erinnertest du mich.»Sie öffnet sich leicht vor Menschen, die sich lieben.< Du hieltest mich in deinem Arm, und ich war glücklich, mit dir zusammen in dem Saal zu sein.« Milton unterbrach meine Erzählung.»Ich nehme an, daß du geträumt hast, wir standen in deinem Haus?« Ich sah ihn an und wollte den Unterschied erklären, der zwischen dem Haus bestand, das ich als Kind erlebt und das 407 ich jetzt im Traum gesehen hatte, doch ich fand keine Worte dafür. Beide Häuser schienen zu einem zu verschmelzen. Und kein Lexikon kannte ein Wort für die Seligkeit, die mein Herz erfüllte, durch alle Adern strömte und alle Span- nungen löste.»Es ist schwer zu erklären«, sagte ich und schloß die Augen. Das Bild stand wieder nahe vor mir.»Der ganze Saal war in sanft-goldenes Licht getaucht. Ich kann mich nicht an Fenster erinnern, aber ich sehe den goldenen Lichtschein über allem.« »Es ist ganz natürlich, daß du dein Traumhaus in goldenes Licht tauchst«, sagte Milton.»Es ist doch deine Lieblings- farbe! Und die Bänke? Waren sie auch aus Gold?« »„Es waren keine Bänke in dem Saal. Nur Stühle, wie in einem Konzertsaal. Als ich am Mitteleingang stand, sah ich nicht, wie in meinem Haus, auf einen Altar. An seinem Platz war eine Wand, die sich über die ganze Breite des Saales erstreckte. Es war eine phantastische, atemberaubende, kost- bare Anordnung von Reliquien, die alle Religionen der Welt darstellten. Von der Stelle, an der ich stand, konnte ich nicht alle Einzelheiten unterscheiden. Die gesamte Wand war wie ein unbeschreiblicher Gobelin, mit Figuren, Blumen, Zeichen, alle von Meisterhand ausgeführt, in vollendeter Schönheit der Form und in leuchtenden, harmonischen Farben. Zwi- schen den Figuren erstreckten sich feine Linien von der Decke herab, die mehr einen symmetrischen Hintergrund anzudeuten schienen als eine Trennungslinie.« »Das klingt wundervoll«, sagte Milton.»Aber du hast an derartigen Entwürfen ja doch seit langer Zeit gearbeitet!« »Ja. Aber ich hätte es nie so schön ausführen können.« „Wozu die vertikalen Linien? Sie mußten doch eine Be- deutung haben?« »Ja«, sagte ich.»Ich sah später, daß sie in Wirklichkeit Kupferstreifen waren, an denen ein bestimmter Stoff be- festigt war. Man konnte sie aus der Wand heraus und durch den ganzen Saal ziehen. Auf diese Weise trennten sie jedes Symbolundformten lange, schmale Einzelräume für jedeKon- fession. In die Wand zurückgeschoben, wurden sie wieder ein Teil des Entwurfes, alles zu einem Ganzen zu vereinigen.« »Gute Idee«, sagte Milton.»Was geschah dann?« 408 »Laß mich dir erst von den einzelnen Emblemen erzählen«, bat ich.»Einige dieser Sinnbilder waren Gemälde, an der Wand befestigt. Andere waren bezaubernd feine, kleine Skulpturen, en miniature die Symbole ihrer Kirchen und Tempel darstellend. Sie standen auf kleinen Wandkonsolen, in verschiedener Höhe an der Wand befestigt, um nicht eine gerade Reihe zu bilden. Von fern sahen sie wie Malereien auf einem goldenen Hintergrund aus. Da war eine herrliche, holzgeschnitzte, kleine Statue von Jesus, auf einer anderen Konsole ein Kruzifix aus Filigran- silber. Vasen aus schimmerndem Kristall enthielten exotische Blumen; sie harmonisierten mit den Gemälden in den Far- ben alter Barockmeister. Ich hielt vor einer Konsole inne, die mit weißem Seidenmoire überzogen war. Sie hielt zwei kleine, feine Silberleuchter. Eine heilige Schriftrolle lehnte sich an eine holzgeschnitzte Tür, die an der Wand wie ein Gemälde angehängt war. Sie war ein getreues Abbild der schweren Bronzetür am Altar meines Hauses, die zu dem heiligen Schrein führte. Dann ging ich zum Mitteleingang und sah auf die Wand zurück, wie ich es als Kind getan hatte. Meine Augen verließen nur zögernd dieses Bild und wander- ten langsam zur Höhe. Über dem Symbol jeder Konfession war eine Nische, welche die kleinste Orgel enthielt, die ich je gesehen hatte, darüber leuchteten die silbrigen Miniatur- Orgelpfeifen. Alle Nischen zusammen bildeten über der Wand eine feingliedrige Krone. Darüber legte sich eine große Fahne aus reiner, weißer Seide. Und ich dachte: Das ist die einzige Fahne für jeden Glauben; die weiße Fahne der Ergebung.»Wir wollen uns hinsetzen, die Feier wird gleich beginnen«, sagtest du. Und ich dachte: ich wünschte, wir hätten in unserem Haus heiraten können. Und dann—« »Willst du damit sagen, daß wir einer Hochzeitsfeier in deinem Traum beiwohnten?« fragte Milton. Ich schloß wieder meine Augen und sah den Saal.»Es war genau, wie ich es immer geplant hatte. Die Orgel spielte leise ein Präludium. Von Eingängen zu beiden Seiten der Wand kamen acht Männer in den Saal, schritten langsam zur Mitte und setzten sich auf die hohen Stühle, die in einem Halbkreis vor dem Publikum standen. Sie waren Geistliche 409 verschiedener Konfessionen, arbeiteten als Ratgeber in dem Haus und hielten auch Gottesdienste ab. Sie waren alle ganz gleich angezogen, trugen silbergraue Anzüge. Dann schritt das Brautpaar den Mittelgang herauf und stand vor dem Halbkreis der Männer still. Die Orgel schwieg. Der älteste der acht erhob sich.»Ihr gehört beide demselben Glauben an und seid daher heute morgen von dem Geistlichen in der Tradition eures Glaubens getraut worden. Wir sind dankbar für die Möglichkeit, euch unsere Glück- und Segens- wünsche aussprechen zu können und diesen Abend zusam- men mit euch in der Tradition dieses Hauses zu feiern.< Die acht Männer formten einen Kreis um das junge Paar und reichten sich die Hände. Dann sprach der jüngste von ihnen: ‚Wir wünschen von ganzem Herzen, daß euer Bund glück- lich sein möge; in dem Gedanken der Einheit und des TTeilens mit anderen in Freundschaft. Möge niemals ein Vorurteil oder ein anderer entzweiender Gedanke das Gefühl des Frie- dens und der Gemeinsamkeit stören, das ihr jetzt füreinander und für eure Freunde empfindet. Gott segne dieses Haus des Verstehens!« Und dann, noch immer ihre Hände zu einer Kette verbunden, sprachen sie zusammen das einzige Gebet, das in allen Konfessionen dieselben Worte hat:»Der Herr segne euch und behüte euch...< Ich flüsterte dir ins Ohr:»Wie ich immer gesagt habe, acht Konfessionen und derselbe Segen.« Dann begann die Orgel wieder zu spielen, und ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück. Du legtest deine Hand über meine, wie gerade jetzt, und ich wandte mich zu dir.»Das ist so schön«, sagte ich, aber du konntest mich nicht ver- stehen, denn die Orgel spielte lauter und lauter und über- strömte mich mit dem Klang. Mir wurde schwindlig, und ich griff nach deinem Arm. Dann wachte ich plötzlich auf, und du warst neben mir.« „Das war ein schöner Traum«, sagte Milton.»Ich wünschte, ich hätte ihn mit dir geträumt.« »Selbst jetzt scheint es noch immer nicht wie ein Traum. Es ist, als ob ich von einer weiten Reise zurückgekehrt sei und dir nun davon erzähle. Alles war so selbstverständlich und natürlich. Wenn es möglich ist, ein so starkes Glück im 410 [ETRERFawEe Teer onen nn Traum zu finden, muß es auch möglich sein, dieses im Wachen zu realisieren. Vielleicht ist im'Iraum alles zu voll- kommen. Aber ich wäre schon glücklich, wenn wir nur einen kleinen Teil von dem verwirklichen könnten, was ich fühlte— und jetzt empfinde.« Milton sah mich an. Und das Verstehen, das von ihm aus- strahlte, war jetzt genau, wie ich es im Traum gesehen hatte. In dem Ausdruck seiner Liebe verschmolzen Traum und Wirklichkeit zu einem. Er gab mir die Bestätigung, die die letzten grauen Wolken des Zweifels zerstreute. » Wenn es dieses Glück ist, das du suchst, will ich dir helfen, es zu finden«, sagte er.»Aber du hast es geträumt, daher mußt du mich lehren, es mit dir zu teilen. Doch wenn wir Hörspiele schreiben und zum Leben bringen konnten, warum sollten wir nicht zusammen ein Haus des Verstehens erträumen und es erbauen können?« »Der Funk hat uns viel Geld für die Hörspiele bezahlt! Ideale bringen keinen großen finanziellen Gewinn«, mahnte ich ihn.» Vielleicht werden wir immer Sorgen, aber nie das Haus mit den getäfelten Wänden und dem französischen Schlafzimmer haben. Es ist keine einfache Entscheidung.« »Wirst du mich in dem Hotelzimmer mit den Sorgen jemals allein lassen?« »Soweit es an mir liegt, niemals.« »Dann ist für mich die Entscheidung leicht.« Sie war auch für mich leicht zu treffen. Ich kann keinen Kredit für die Schöpfung meines"Traumes beanspruchen; er kam zu mir, während meine Sinne ruhten. Vielleicht war mein Herz wach und empfing ihn. Er war die Antwort zu allem, was ich je geplant und woran ich so lange Jahre gearbeitet hatte. Ich denke nicht mehr darüber nach, wie ich den Rest meines Lebens verbringen werde. Ich weiß, ich werde niemals einsam sein. Das ist aller Lohn, den ich mir für das wünschen könnte, was ich je getan haben mag. Ohne menschliche Träume hätten wir keine Eisenbahnen und Flugzeuge, keine Heilmittel für gefürchtete Krankhei- ten und keine der tausend Segnungen, die wir als selbstver- ständlich hinnehmen. Ich habe gelernt, daß der einzige Weg, Menschen zu helfen, 4ıı darin besteht, sie zu lieben, ohne auf die meisten von ihnen zu hören; einen Traum zu verfolgen, ohne sich beirren zu lassen von den Zweifeln und Einwänden, die Millionen traumloser Menschen äußern werden. Ein solcher Traum ist nicht leicht in Wirklichkeit umzu- setzen. Aber jedesmal, wenn wir in einem einzigen Men- schenherzen Haß durch Hoffnung ersetzen können, haben wir einen Stein aus dem Wege geräumt, der uns daran hin- dert, den Weg zu gehen, der zum Frieden führt. Menschenträume sind immer gesteinigt worden, doch viele wurden blutend realisiert. Und jedesmal, wenn ein kleiner Schritt der Hoffnung und des Erfolges erklommen war, hörte— weit zurück— eine Wunde auf zu bluten. Und diejenigen, denen es vergönnt war, den ganzen Weg zu gehen und den Gipfel ihres Erfolges zu erreichen, drehten sich um und schauten zurück. Und die Glückseligkeit, die sie fühl- ten, überflutete ihre Herzen und heilte die letzten Narben. Wenn aber zuweilen mein Herz sich schwach und entmutigt zeigt— denn die Welt wird immer den Versuch machen, ein Menschenherz zu schwächen und zu entmutigen—, dann hebe ich meine Augen auf und denke an alle die, die mir geholfen haben und unvergessen in meinem Herzen leben. Mein Haus hat jetzt kein Dach— doch der Himmel wölbt sich darüber. Es ist ein gutes Gefühl, zu wissen, daß es immer einen unzerstörbaren Himmel geben wird. Es ist leicht, ein Dach auf ein Haus zu setzen, doch es muß schwer sein, den Himmel in einem Herzen zu erschaffen. Und wenn es unmöglich sein sollte, mein Haus wiederauf- zubauen, weil Menschen es fortgenommen oder abgerissen haben, so könnte ich es doch nicht verlieren, denn es lebt in meinem Herzen. Der Himmel, den ich dafür brauche, wird immer da sein. Der Traum, den ich dafür brauche, wird mich nie verlassen, solange ich lebe. Ich habe den Grundriß und die Farben und die Formen. So- lange der Himmel da ist und der Traum und die Liebe und der Sinn des Hauses mein Herz erfüllen, können wir bestimmt irgendwo in der weiten Welt die Steine zusammenfügen, um seine Mauern wieder zu erbauen, nicht wahr? ILSE STANLEY DIE UNVERGESSENEN (Fortsetzung des vorderen Umschlagtextes) gegen die These von der deutschen Kol- lektivschuld— sie sagt,»sonst werden wir nie aufhören, Kollektivhaß zu ha- ben«—, unterscheidet stets zwischen den Verbrechen des Naziregimes und dem deutschen Volk, vergißt nie die Deut- schen, die ihr geholfen haben— und tritt später mit Entschiedenheit für eine menschliche Behandlung des besiegten Deutschland ein. Ohne Bitterkeit, mit Humor und Zuversicht macht sie auch in den USA ihren Weg, sie setzt sich beruflich wieder durch und findet ihr Lebensglück in der Ehe mit dem ameri- kanischen Schauspieler Milton Stanley. Nach mancherlei schweren Erlebnissen wird sie durch eine große Fernsehsen- dung über ihr Leben und ihre Taten in den Nazijahren populär und gründet eine unpolitisch-humanitäre Organisa- tion zur internationalen Verständigung, deren Ziel nicht nur die Überwindung des Hasses und aller Vorurteile zwischen den Nationen ist, sondern auch die Zu- sammenarbeit und Annäherung der ver- schiedenen Religionen. Ihr Werk und ihr Buch sind am Ende ein großer Appell zum Frieden, zur Menschlichkeit, Tole- ranz und Hoffnung. Ilse Stanleys Buch ist mithin, wie der New Yorker Aufbau schrieb,»zuerst und zuvörderst eine große Konfession, die Lebensbeichte eines religiösen Menschen. Ihr Gott ist ein Gott der Liebe, der Ver- söhnung, des Vergebens, ein Gott, der sie nicht zu hassen lehrt«... VERLAG KURT DESCH WIEN MÜNCHEN BASEL ILSE STANLEY Kurz vor dem Ersten Weltkrieg als Tochter eines hochangesehenen jüdischen Geistlichen geboren, besuchte Ilse Stanley das Auguste-Victo:ia-Lyceum, dann die Berliner Universität, das Theaterwissenschaftliche Institut, stu- dierte Schauspiel bei Ilka Grüning, Regie bei Max Reinhardt, gab während der folgenden Jahre zahllose Rezitationsabende, wurde Schauspielerin, Regisseurin, Theaterleiterin, bis das Hitlerregime auch sie verfolgte. Ilse Stanley ging 1959 mit ihrem sechsjährigen Jungen nach Amerika, um mit zehn Mark in der Tasche ein neues Leben zu beginnen. Sie heiratete zum zweitenmal, führte Regie in ihren zahlreichen Hörspielen und Funk- sendungen sowie an einem Theater nahe New York, sie trat auch selbst wieder auf. Nach Kriegsende setzte sie sich für die geistige Neuorientierung der deutschen Jugend ein, für eine gerechte Beurteilung der Deutschen, für die Nichtaufteilung Deutschlands und für die Freiheit Berlins. Ilse Stanleys erstes Buch erschien 1954 in England, die Autobiographie Die Unvergessenen folgte in Amerika. Novellen und andere Arbeiten publi- zierte sie in führenden Zeitschriften und Zeitungen. Gegenwärtig lebt Ilse Stanley mit ihrem Mann im New-Hampshire-Ge- birge, sie arbeitet an einem neuen Buch über Amerika und Deutschland unter dem Titel: Rundreise von Heimat zu Heimat. »Im Gegensatz zu allen anderen, die nur verallgemeinern und hassen kön- nen, rang sich Ilse Stanley zu der Überzeugung durch, daß blinder Haß nie zu einer Lösung führt. So ist dieses Buch ein Sprachrohr der Menschlich- keit. des Verständnisses und der Versöhnung zwischen den Völkern.« Deutsche Staatszeitung, New York „Obwohl diese erschütternde Biographie von einer Frau geschrieben ist, die durch die Nationalsozialisten schwer gelitten hat, ist dieses Buch kein Buch des Hasses, nicht ein weiterer Bericht von Greuel und Verbrechen, sondern ein Buch der Liebe. Ilse Stanley zeigt wie immer auch hier einen bewun- dernswerten Mut, kompromißlose Standhaftigkeit und einen ungemein klaren überzeugenden Stil.« New York Harald Tribune Colour& Grey Control Chart Blue Cyan Green Yellow Red Magenta White Grey 1 Grey 2 Grey 3 Grey 4 Black