Edmond Michelet die ‚Freiheit a nn de Im Namen aller Deutschen ist ı2 Jahre lang die staatliche Macht maßlos mißbraucht worden. Rohe Gewalt, Menschenverach- tung und organisierter Antisemitismus haben die Worte deutsch und Deutsch- land mit einem Stigma versehen, von dem wir nicht wissen, wie lange es ihnen noch anhaften wird. In den fünfzehn Jahren seit dem Kriege hat die Erforschung des Terror- apparates des Dritten Reiches die Unhalt- barkeit der These von der Kollektivschuld aller Deutschen erwiesen. Die uns damit gegebene Chance dürfen wir jedoch nicht in der Weise mißverstehen, daß wir uns der Kollektivhaftung entziehen, der Ver- pflichtung also, Unrecht, das in unserem Namen begangen worden ist, gutzumachen, soweit dies nach der Art des Unrechts und der Kraft des Einzelnen überhaupt mög- lich ist. Das mindeste, was wir tun können, ist, daß wir vor dom Geschehenen nicht die Augen verschließen, sondern es zur Kenntnis neh- men. Wenn das Schlagwort von der Bewäl- tigung unserer Vergangenheit überhaupt einen Sinn haben kann, dann nur diesen, daß wir zur Kenntnis nehmen und nach- denken, nicht aber wegschauen und„ver- drängen“. Wenn die andern bereit sind, zu vergessen, so können wir das dankbar an- nehmen, wir aber dürfen nicht als erste vergessen wollen! Edmond Michelet, ein enger Mitarbeiter des französischen Staatspräsidenten Gene- ral de Gaulle, jetzt Siegelbewahrer und Justizminister, hat in diesem Buch seine Erlebnisse in der Hölle von Dachau be- UB GIESSEN NIMIWLNNNIN 27 014 810 EDMOND MICHELET DIE FREIHEITSSTRASSE Die Freiheitsstrafe DACHAUD 1943-1945 EUROPA-CONTACT-GESELLSCHAFT FÜR INTEREUROPÄISCHE BEZIEHUNGEN Deutsche Übertragung von Dr. Georg Graf Henckel von Donnersmarck Titel der französischen Originalausgabe«Rue de la Liberte» Erschienen bei Editions du Seuil, Paris 1955. Alle deutschen Rechte bei Europa-Contact-Gesellschaft für intereuropäische Beziehungen m.b.H., Stuttgart. Bei der Umschlaggestaltung wurde die Plastik von©. Zadkine «Zerstörte Stadt» verwendet(Rotterdam). Das Buch wurde in der Korpus Trump-Mediäval gesetzt. Satz und Druck: Belser-Druck, Stuttgart. Bindearbeiten: H. Wennberg, Stuttgart Dieses B Rang un zentrati gangenh Deutsch derer Vi wußtsei: den. Ma machen Jahrzehı zurufen, den„Ur erregt h uns möi Konzen; damit fe an diese binden. die bey Opfer di Nisse u damit e Unglück allen Be der unb: Qungen Widergt Stgen d En ihre Preiheir Erschür Gegen Und Tie opäische Geleitwort Dieses Buch eines französischen Politikers von hohem Rang und Ansehen, der als Deportierter durch die Kon- zentrationslager gegangen ist, führt zurück in eine Ver- gangenheit voll grauenhafter Geschehnisse, die, von Deutschen an Deutschen wie an den Angehörigen an- derer Völker Europas begangen, niemals aus dem Be- wußtsein der lebenden Generation verschwinden wer- den. Man wird sich indessen auf die Frage gefaßt machen müssen, ob es denn notwendig sei, anderthalb Jahrzehnte später noch einmal das Entsetzen wach- zurufen, das schon so viele Berichte über den„SS-Staat”, den„Univers concentrationnaire”, in der ganzen Welt erregt haben und heute noch erregen. Manche unter uns möchten der Menschheit anraten, die Greuel der Konzentrationslager zu vergessen, weil sie selbst nicht damit fertig werden können, daß sich die Erinnerungen an diese Schrecknisse mit dem deutschen Namen ver- binden. Dennoch wird das Buch von Edmond Michelet die bereits vorhandene KZ-Literatur bereichern. Ein Opfer des Terrors schildert seinen Weg durch Gefäng- nisse und Lager aus persönlicher Erfahrung und gibt damit einen Einblick in das innerste Erleben seiner unglücklichen Gefährten aus allen Teilen Europas, allen Berufen und sozialen Schichten, der bekannten und der unbekannten KZ-Häftlinge; und gerade diese Begeg- nungen mit namhaften Vertretern des französischen Widerstandes, aber auch der deutschen Auflehnung gegen das Hitlerregime verleihen diesen Aufzeichnun- gen ihren hohen menschlichen Wert.„Die Straße der Freiheit” führt durch ein Pandaimonion, das tiefste Erschütterung beim Leser hinterlassen muß, der mit diesen von schwerem Leid Gezeichneten alle Höhen und Tiefen menschlicher Möglichkeiten durchmißt. Man wird die Lektüre aber auch mit dem Gefühl hoher Achtung vor dem Verfasser beenden, der nach seinen eigenen Worten„nicht daran denkt, Deutschland aus seiner Herzensgeographie auszuschalten“ und der noch an der äußersten Grenze menschlicher Entwürdigung durch Menschen von dem Tage zu sprechen imstande ist,„an dem Frankreich und Deutschland sich endlich versöhnt haben werden”. Adenauer Krematorium Block 2 mit Kapel Die Wü Das vornehn Viert Turm un Haupteinga Ehrenbur | hoher seinen nd aus er noch digung stande endlich Krematorium Die Freiheitsstraße Block 26 mit Kapelle Die Würm Das vornehme Viertel Turm und Haupteingang Ehrenbunker Desinfektions- kommando Kaninchen- kommando | Die Elends- quartiere Revier Umfassungs- kanal Effekten kommando und Küchen ; Vorwort zur deutschen Ausgabe !Ialbtot wankte der Häftling in seinem gestreiften Sträflingsrock mit einigen Freunden nach einem Tage schwerster Arbeit und dürftigster Ernährung vor ı5 Jahren die Straße des Konzentrationslagers Dachau ent- lang. In seinen kühnsten Träumen hätte er sich damals die fast revolutionäre Tatsache einer deutschen Aus- gabe seines Erlebnisberichtes nicht vorstellen können. In dem Land, in dem damals noch die Diktatur eines heidnischen Führers triumphierte, in diesem Land, wo in tiefverbundener Kameradschaft deutsche und fran- zösische Widerstandskämpfer gegen den unmensch- lichen Nazismus standen, erscheint heute das Werk eines ehemaligen französischen Deportierten mit dem Vorwort des hochverehrten Regierungschefs, der Deutschland nach den Fieberschauern des Faschismus und dem völligen Zusammenbruch der Niederlage auf den Weg der Genesung geführt hat. Der frühere Depor- tierte ist seinerseits nun Justizminister in einem Frank- reich geworden, das der Mann führt, der vor ı5 Jahren den Widerstand gegen Hitler verkörperte. Heute ver- körpert derselbe Mann, zusammen mit Bundeskanzler Adenauer, den Willen unserer beiden Völker, ihre Ge- schicke von jetzt an brüderlich zu verbinden. Das istin meinen Augen ein weiterer Beweis für die unvoraus- sehbare Leitung, für das wunderbar weise Wirken der Vorsehung, vor der mich ehrfürchtig zu verneigen die deutsche Ausgabe der„Freiheitsstraße“ eine besondere Gelegenheit gibt. Die deutschen Leser dieses Buches werden, das hoffe ich zuversichtlich, darin keinen Anlaß finden, sich verletzt oder in ihrer echten Vaterlandsliebe getroffen zu füh- len. Vor 1933 war der Verfasser einer derjenigen, die als noch junge Leute für eine Versöhnung der beiden 8 Mutterv Nach 19 mit man scheider nutzung körpers, eine Erl das Rech 1940 W: unter se tische FI Laufe d gegen d duldet. Häftling gleich z Konzen € nochı mit auf Weniger ftanzösi Heute, Streite ı darum, Toleran Völker; Zusamır durch; Sind du Asamn Auden Babe, Europa Materie Werden Aufhör :streiften em Tage 3 vor ı5 hau ent- h damals ien Aus- können. tur eines ‚and, wo ind fran- ımensch- as Werk ten mit hefs, der schismus rlage auf e Depor- n Frank- 5 Jahren sute Vel- skanzler ihre Ge )as ist in nyoraus" ken der gen die esondere hoffe ich verletzt , ZU füh- ‚gen, die a heiden Muttervölker des modernen Europas wirken wollten. Nach 1933 und während des ganzen Krieges wußte er mit manchen anderen das deutsche Volk wohl zu unter- scheiden von den Wahnsinnigen, die sich, unter Aus- nutzung einer schweren Erkrankung des ganzen Sozial- körpers, des deutschen Staates bemächtigt hatten. So eine Erkrankung kann jedes Volk treffen, keines hat das Recht zu meinen, für immer davor gesichert zu sein. 1940 war es die erste Widerstandstat des Verfassers, unter seinem Dache deutsche und österreichische poli- tische Flüchtlinge zu beherbergen. Niemals wurde im Laufe der folgenden fürchterlichen Jahre bei ihm das gegen die Deutschen übliche Schmähwort„boche“ ge- duldet. 1943 waren es in Dachau deutsche katholische Häftlinge, die ihn aufnahmen und davor bewahrten, gleich zu Anfang in der feindselig unverständlichen Konzentrationslagerwelt unterzugehen. Später waren es nochmals Deutsche, diesmal Kommunisten, die ihn mit auf ein„Kommando“ nahmen, wo die Arbeit weniger hart und nützlicher für die Gesamtheit seiner französischen Kameraden war. Heute, wo das französisch-deutsche Spannungsfeld vom Streite der Vergangenheit befreit ist, handelt es sich darum, im täglichen Leben nicht nur die gegenseitige Toleranz, sondern die brüderliche Freundschaft unserer Völker zu schaffen, in einem Europa, das sich durch den Zusammenschluß der Vaterländer aufbaut und nicht durch ihre Unterdrückung. Deutsche und Franzosen sind durch die Technik, die Entfernungen fast aufhebt, zusammengeführt. Sie sind solidarisch in ihrer Stellung zu den großen Fragen der Welt. Sie stehen vor der Auf- gabe, ihre Einzelheime im großen gemeinsamen Haus Europa zusammenzufassen, wo so viele berechtigte materielle und moralische Interessen besser befriedigt werden können. Deutsche und Franzosen müssen also aufhören fern voneinander zu leben. Sie müssen ihre 9 tatsächliche Gemeinschaft durch Begegnung und akti- ven Austausch verwirklichen. Dieses kleine Buch ist der Freiheit gewidmet und dem Gedächtnis von so manchem, der dafür gestorben ist. Möge es sich einreihen in diesen Strom deutsch-fran- zösischer Gemeinschaft und ein bescheidener Beitrag werden zur endgültigen Vereinigung von Deutschland und Frankreich. Diese Vereinigung wird, des bin ich sicher, von kommenden Geschlechtern als das größte Werk der Deutschen und Franzosen unseres Zeitalters anerkannt werden. Es ist das Werk, das Fehler und Ver- brechen sühnt und so Leid und Tränen rechtfertigt, an denen jeder von uns so ausgiebig teilgehabt hat. RESDER ut Edmond Michelet „so, das‘ Tür des schlossen wundere aber nich sem lan; hetzter I rung, Feigheit? kommt ı das Gefi Emanzip stark ges Was mar worden i Fast bese Mit der I auf, Dun Schritten Nachrict muß an Exupery Meine( ein. Ich gegeben haben: Mich alk Wollen, Schlapeı “erschn Deckn, I Um die Bäckerjungenstunde „So, das wäre geschafft!“ Nun hat sich hinter mir die Tür des schäbigen Zimmers im Hotel Terminus ge- schlossen, in das mich der Feldwebel geführt hat. Ich wundere mich, von mir dieses Wort zu hören. Es ist aber nicht zu leugnen: meine erste Reaktion nach die- sem langen erschöpfenden Dasein als gejagter, ge- hetzter Mensch ist schon dieser Seufzer der Erleichte- rung. Feigheit? Vielleicht, alles in allem gesehen. Aber es kommt noch etwas anderes dazu. Noch nie hatte ich das Gefühl der eigenen Entschlußmöglichkeit der Emanzipation, mit einem Wort: der vollen Freiheit, so stark gespürt wie gerade in diesem Augenblick, wo das, was man gemeinhin die Freiheit nennt, mir entzogen worden ist. Fast beschämt auf der Bettkante sitzend, halte ich mich mit der Untersuchung dieses Widerspruchs nicht lange auf. Durch das Fenster vor mir sehe ich mit sicheren Schritten eine liebe Gestalt gehen— unvorsichtig auf Nachrichten ausgehend—, die liebste von allen! Ich muß an die Gefährtin von Fabien denken, die Saint- Exupery im„Nachtflug” schildert. Meine Gedanken schlagen nun eine andere Richtung ein. Ich mache mir Vorwürfe, den doch ganz klar gegebenen Befehl von Henri Frenay nicht befolgt zu haben: nach dem Alarm des letzten Monats hatte er mich als Ersatz für Tristan*) nach Montpellier schicken wollen, der selber gezwungen war, sich ins Maquis zu schlagen. Aber wie soll man aus dem täglichen Leben verschwinden, wenn man sieben Bälger am Halse hat? *) Deckname für P.H. Teitgen in der Untergrundarbeit. IT War es nicht das beste Mittel, um keine Aufmerksam- keit zu erregen, einfach weiterhin zu kommen und zu gehen, seinen Beruf auszuüben und die Tätigkeit im Secours National zu verstärken, die eine so leichte Tar- nung für das andere war? Doch wozu jetzt, hinterher, solche Überlegungen?— In Deine Hände, Herr....!— Das Wort kommt mir von selbst auf die Lippen, ganz selbstverständlich, ohne jede Dreistigkeit und Anmaßung. ——„Rraus!” Die Tür wird mit Gewalt aufgerissen. Ehe ich mir Rechenschaft geben kann, reißt mich eine mächtige Maulschelle aus meinen Gedanken, begleitet von einer Sturzflut rauher Laute und krachender Töne, unter denen ich schließlich an mich persönlich gerichtete Flüche und Verwünschungen zu erkennen glaube. Es ist mein Feldwebel von vorhin im Zustand sinnlos übersteigerter Wut. Meine Ungeniertheit hatte ihn völlig aus der Fassung gebracht. Ich hatte nämlich ver- gessen, aufzustehen, als er eintrat. Er kommt in Begleitung eines neuen Fanges: es ist ein großgewachsener Mann mit dem glattrasierten Gesicht ines anglikanischen Erzbischofs, Ehrenlegion, etwa 50 Jahre alt. „Diese boches müssen brüllen wie Eselhengste, wenn sie sich aussprechen wollen“, bemerkt der Neuange- kommene ruhig, während wir dem sich entfernenden Schall der Stiefel des reizbaren Wächters auf dem Flur lauschen. Soll ich es eingestehen? Es hat mich immer verdrossen, diesen Ausdruck„boches“ zu hören. Ich habe mich im- mer bemüht, ihn zu Haus zu verbieten, aber heute morgen muß ich so vieles hinnehmen, daß ich diese Feinheiten der Ausdrucksweise nicht mehr beachte. Mit einer müden Bewegung hat der Neuankömmling seine dicke Aktentasche aus weichem Leder, die er I2 unter dem fen. Mit\ zu:„GeOr Stimme is ber vor. E erfüllt, fo zugeteilte „Welche© Klang tie: dieser sel nicht den scheint s Betonung Da wird ı Georges( tel, verbi: tikergesic Anno 48, die aus 1789 korr Ich bewı höre:„D frei und angeklag außer in Wahrun; Dieger A bensbek: Wintern Bleich ri &ber nid Kung zu Hr Wußt: Vergang, SUng de, Taulich, unter dem Arm mitgebracht hatte, auf das Bett gewor- fen. Mit weit ausgestreckter Hand kommt er auf mich zu:„Georges Chadirat, Anwalt beim Obergericht.‘“ Die Stimme ist ernst, der Ton feierlich. Ich stelle mich sel- ber vor. Ein kurzes Schweigen, von tausend Gedanken erfüllt, folgt diesem knappen Zwiegespräch. Der mir zugeteilte Gefährte bricht es: „Welche Schande“, sagte er gravitätisch ernst mit einem Klang tiefster Überzeugung. Ich verstehe das Warum dieser seltsamen Überlegung nicht gleich und auch nicht den Ton, mit dem sie vorgetragen wird. Zunächst scheint sie mir unangebracht. Doch mit verstärkter Betonung wiederholte Chadirat:„Welche Schande!“ Da wird mir das Groteske der Lage klar. Georges Chadirat, hoher Würdenträger der Freimaure- rei, verbirgt nämlich hinter seinem glattrasierten Kle- rikergesicht einen alten Bart, den der Republikaner von anno 48, ja noch mehr, er ist im Geiste einer von denen, die aus der verfassunggebenden Versammlung von 1789 kommen. Ich bewundere sein Gedächtnis, als ich ihn zitieren höre:„Die Menschen werden frei geboren und bleiben frei und gleich in allen Rechten. Kein Mensch kann angeklagt, verhaftet oder gefangengehalten werden, außer in den vom Gesetz bestimmten Fällen unter Wahrung der gesetzlich vorgeschriebenen Formen.“ Dieser Anachronismus, die Erinnerung an das Glau- bensbekenntnis der großen Ahnen an diesem grauen Wintermorgen 1943 war unter solchen Umständen zu- gleich rührend, drollig und unwiderstehlich. Ich hatte aber nicht den Schneid, Chadirat darüber eine Bemer- kung zu machen. Er wußte natürlich über die Verhaftungen Bescheid, die vergangenen Monat in Brive unsere Combat-Bewe- gung dezimiert hatten. Er selber hatte auch gewisse ver- trauliche Verbindungen zu uns. Aber jetzt im Augen- 13 blick fragte er sich, was wohl der genaue Grund gewe- sen sein mochte für diesen Morgenbesuch der Gestapo- Leute'), gefolgt von der Einladung, sie zu begleiten, die keinerlei Zweifel über die ihm gegenüber gehegten Absichten erlaubte. Er empfand eine Art Befriedigung bei dem Gedanken, daß nur seine Zugehörigkeit zur großen Loge von Frankreich ihm diesen schmeichel- haften Beweis der Aufmerksamkeit von ihrer Seite verschafft haben konnte. Selbstverständlich fanden sich unsere Sympathien, und dies um so mehr, als unsere jeweiligen geistigen Fami- lien, um es landläufig auszudrücken, voneinander sehr weit entfernt waren. Was uns aufregte, das war die Aussicht, daß das große Abenteuer, dem wir beide uns mit Haut und Haar verschrieben hatten, sich ohne uns vollenden würde. Ruhig und in schnell sehr vertraulich gewordenem Ton setzten wir das Zwiegespräch unserer gegenseitigen Mitteilungen fort, als wir jäh unterbrochen wurden. Eine Art Wurfgeschoß drang wie ein Wirbelwind ein, wütend hereingeschleudert durch die Tür, die sofort ebenso heftig zugeschlagen wurde wie sie aufgerissen worden war. Ein blutiger Haufen Mensch war unter der Wucht des Stoßes mit einem langen Jammerlaut am anderen Ende des Zimmers zusammengebrochen. Cha- dirat wiederholte natürlich seine Verwünschungen: „Welche Schande“, sagte er zum fünften oder sechsten Male mit der gleichen Überzeugung. Als diese neue morgendliche Jagdbeute der Gestapo ihre Gedanken wieder etwas gesammelt hatte, erfuh- ren wir, daß es sich um einen kleinen Handwerker aus unserer Stadt namens Pradaud handelte. „Wie haben sie mich doch zusammengeschlagen, die 1) Wir haben später erfahren, daß es nicht genau die Gestapo war, sondern eine Organisation anderen Namens. Für uns Widerstands- kämpfer wird der Name Gestapo für ewige Zeiten die in Frage stehende Einrichtung kennzeichnen. 14 Schweinel genug. Da erinne Combat-F haftet wo: Hinweis, In Wirkli Pradaud hatte, Er ten. Aus und Kam nerlei Keı Im Laufe Glück de, diejenigen oft mißb: gemachte: „Tesistant Diesen ar fergingen noch die; Sich flüste „Die Sch; durch die berühren rat zur und hie]; für vergl: den Tier: hergefäl, ‚Ich muf Schweinekerle“, sagte er tonlos. Man sah es deutlich genug. Da erinnerte ich mich, daß Delon, mein Chef bei den Combat-Freikorpseinheiten, der vorigen Monat ver- haftet worden war, mir von ihm erzählt hatte mit dem Hinweis, daß er sich wohl uns anschließen könnte. In Wirklichkeit war es schon einige Monate her, daß Pradaud sich dem Netz„Alliance“ angeschlossen hatte. Er hatte nicht auf uns gewartet, um zu arbei- ten. Aus Sicherheitsgründen waren Nachrichtennetz und Kampfbewegung angewiesen, voneinander kei- nerlei Kenntnis zu nehmen. Im Laufe der Jahre 1941 und 1942 fanden sich, auf gut Glück dem ersten besten Werbe-Sergeanten folgend, diejenigen zusammen, die man seitdem mit dem allzu oft mißbrauchten, mehr noch karikierten, lächerlich gemachten, beschmutzten oder entstellten Namen „resistants“, Widerstandskämpfer, bezeichnet hat. Diesen armen Namen würden, wenn die Dinge so wei- tergingen, und sich nicht wieder einfingen, bald nur noch diejenigen leise mit zärtlichem Erinnern unter sich flüstern, die dabeigewesen waren. „Die Schändlichkeit dieser boches tritt klar zutage auch durch die Tatsache, daß sie nicht gewagt haben, uns zu berühren, Sie und mich, die Bürgerlichen“, sagte Cha- dirat zu mir,— er verfolgte stur seinen Gedankengang und hielt die Ohrfeige, die ich vorhin bezogen hatte, für vergleichsweise unbedeutend—„aber wie die wil- den Tiere sind sie über diesen unglücklichen Arbeiter hergefallen.“ „Ich muß gestehen, daß ich mich verteidigt habe“, be- merkte Pradaud.„Als sie mich holen kamen, war ich gerade in der Küche beim Anziehen. Sie haben mir nicht einmal Zeit gelassen, mich fertig zu machen“— er war tatsächlich halb nackt—.„Als ich eine Bewe- gung machte, um den Gashahn unter der Milch abzu- 15 drehen, haben sie sich irgendetwas eingebildet und sind über mich hergefallen.“ Er zwinkerte verständnisinnig mit dem Auge. Wir taten, als ob wir verstünden. „Schließlich, im Wandschrank haben sie nichts gefun- den. Das ist die Hauptsache. Trotzdem: ich habe ihnen ohne Frühstück folgen müssen. Ich vermisse doch sehr meinen Milchkaffee.” Das war nun bei uns allen dreien der Fall. Wir sollten allerdings bald Gründe zum Bedauern haben, die sich auf weniger prosaische Dinge bezogen. II Die Späße der Schwadron „Besiegte Erde schenkt uns die Sterne.” (Ernst Jünger,„Strahlungen“) Der Planenwagen, der unser melancholisches Trio von Brive nach Limoges befördert hatte, hält einen Augen- blick, biegt dann nach rechts ein und kommt endlich ganz zum Stehen. Das Gebäude, vor dem wir uns be- finden, trägt alle Kennzeichen der anständigen Haft- räume einer guten alten französischen Kaserne. Wir sollten tatsächlich in Erwartung von Besserem in den „Kasten“ gepackt werden, wo der Schatten von Cour- teline') uns empfangen sollte. In dem Polizeiraum, in den uns ein gutmütiger feld- grauer Posten hineinführte, waren schon vor uns vier Leute angekommen. Der Empfang schien uns auf den ersten Anhieb sehr kühl. Wir müssen tatsächlich alle drei einen merkwürdig zweideutigen Eindruck gemacht haben. Derjenige von den Anwesenden, der das er- schrockene Schweigen zuerst brach, erklärte uns später ganz einfach, erhabe uns für Gestapo-Spitzel gehalten. !) Französischer Militärhumorist 1860-1929. 16 Nach Be wirnäht dazu, ei getünch! einer ur die Klas schreie( manchm gangenl nette ir Hauptle eischien die unse strich b; heute, Ir Wochen schwun« diemili Hamme Kufra un In diese Insassen Yon Lim Vas ein: sein we est hin London. icher W Herz mi Nensch Neben Man sch Üegsg Ver an a Crey Venige 1d sind isinnig gefun- ‚ihnen ch sehr sollten lie sich Jungen‘) rio von Augen- endlich uns be- n Haft- ne. Wir in den , Cour- eI feld- ıns vier zuf den ich alle yemacht das BI g späte! alten. Nach Beseitigung dieses Mißverständnisses machten wir nähere Bekanntschaft. Der Rahmen eignete sich gut dazu, einander sein Herz auszuschütten. Die vier weiß- getünchten Wände zeigen noch die Spuren des Trotzes einer uns vorgeschichtlich anmutenden Zeit:„Es lebe die Klasse!“,„Tod den Greifern!“ und andere Auf- schreie des Herzens, eingegeben von kleineren, aber manchmal dramatischen Konflikten, die in der Ver- gangenheit alle Schützen Croquebol und La Guillau- mette in Gegensatz zu den Feldwebeln Flick und den Hauptleuten Hurlurett brachten. Dieser Wandschmuck erschien mir plötzlich als Zeugnis einer großen Zeit, die unsere Armee erlebt hatte. Dieser Gedanke unter- strich bitter unsere erbärmlich lächerliche Lage von heute. Im französischen Mutterlande waren seit einigen Wochen die letzten Reste der französischen Armee ver- schwunden. Nur eine Handvoll Franzosen hielt noch die militärische Hoffnung aufrecht, eine kleine zitternde Flamme in der Wüste, die durch die Namen Murzuk, Kufra und Bir Hakeim gekennzeichnet war. In diesem Anfang des Jahres 1943 geben die neuen Insassen des Polizeiraumes des 6. Kürassierregiments von Limoges eine ziemlich getreue Übersicht über das, was einst die Kämpfer der„Resistance Metropolitaine“ sein werden, um eine Bezeichnung zu gebrauchen, die erst hinterher bekannt geworden ist und die für die Londoner Büros die immer zahlreicher und leidenschaft- licher werdende Armee derjenigen kennzeichnete, deren Herz mit den Soldaten von Leclerc oder Koenig zusam- menschlug: die Gaullisten des Innern. Neben den drei Ankömmlingen aus Brive, von denen man schwerlich hätte behaupten können, daß ihre Vor- kriegsgedanken die gleichen gewesen seien, zeigten die vier anderen Franzosen, die am gleichen Morgen in la Creuse verhaftet worden waren, unter sich nicht weniger deutliche Gegensätze. 17 Da war zunächst unser Alterspräsident, der aus diesem Grunde das Recht gehabt hatte, sich seinen Platz auf der Pritsche auszusuchen. Es war ein Arzt aus Burga- neuf mit grauen Schläfen, der Dr. Bonnet, der in jeder Beziehung der Vorstellung entsprach, die man sich von so vielen praktischen Ärzten aus unseren kleinen Pro- vinzstädten machen kann: kultiviert, geistreich, iro- nisch. Er hatte sich aus seiner Pariser Universitätszeit den Spaß an Studentenscherzen aus den medizinischen Hörsälen erhalten. Unser Gefährte war während seiner Quartier-Latin-Jahre Francois Mauriac begegnet und öfter mit ihm zusammen gewesen. Er tat, als messe er dem weiter keine Bedeutung bei, aber das war nicht echt: in Wirklichkeit war er auf diese Jugendkamerad- schaft sehr stolz. Damals war das Cahier noir noch nicht veröffentlicht, aber ich wußte, daß es in Arbeit war. Ich sprach ver- schleiert darüber mit Dr. Bonnet. Er tat, als ob er mich nicht verstünde. Ehrlich gesagt, wir hatten alle einen Kloß im Hals stecken. Wir wollten um keinen Preis den Eindruck erwecken, worüber auch immer es sei, etwas zu wissen. Wir waren klug wie die Schlangen, aller- dings etwas spät. Links vom Großmeister Chadirat hatte sich ein jovialer Vierziger niedergelassen: Tessier. Dieser erklärte uns, er käme von Gueret, einem ziemlich öden Nest, wo er, wenn ich mich recht erinnere, mit Kohlen und Kartof- feln handelte. Dann, um bei der Sitzordnung auf dem gemeinsamen Lager dieses repräsentativen Raumes zu bleiben, kam Dayras, Rechtsanwalt in Aubusson. Er war im Jagd- anzug, was auffallen konnte, da die Jagd bekanntlich während der Besatzungszeit verboten war. Seelenruhig trug er im Knopfloch ein Zeichen der französischen Frontkämpferlegion, was mich ein wenig aus der Fas- sung brachte. Dieses kleine Bügeleisen, wie wir damals 18 sagten, mismu all dem Tatsäcı damals schiede zur Arl werder Freiwil Opferb arbeite lagen,| Unger chen. Der lei Mir am denn; Träger Zweife Wie sei Butter, Wäre r. währe: liche A das Ge Die ge als ur Mann Die R semac Vorkaı che, kenD &ine B & wa sagten, erschien mir als das Symbol des Vichy-Konfor- mismus, infolgedessen des absoluten Gegensatzes zu all dem, weswegen wir uns hier befanden. Tatsächlich lagen die Dinge weniger einfach, als sie uns damals erscheinen konnten. Wie im Evangelium ver- schiedene Gruppen von Arbeitern sich beim Hausvater zur Arbeit im Weinberg melden, so muß anerkannt werden, daß es nacheinander verschiedene Schübe von Freiwilligen gegeben hat, die ihre Leistung und ihre Opferbereitschaft dem Unternehmen der Widerstands- arbeiter der ersten Stunde zubrachten. So, wie die Dinge lagen, konnte man damals— Anfang 1943— nicht ohne Ungerechtigkeit von Arbeitern der elften Stunde spre- chen. Der letzte dieser Siebener-Gruppe war Dissoubray, der mir am meisten besorgt erschien. Er hatte Gründe dazu, denn als aktiver Agent des Alliance-Netzes war er als Träger von Dokumenten gefaßt worden, die keinerlei Zweifel über ihren Ursprung zuließen. Aus der Marche wie seine drei Komplicen, war er von Beruf Händler in Butter, Eiern und Käse im Bezirk Saint Sebastien. Er wäre rascher und sicherer zu Geld gekommen, wenn er während der Kriegszeit seine Tätigkeit auf seine beruf- liche Arbeit beschränkt hätte: Gott sei Dank, ist es nicht das Geldinteresse allein, das die Welt regiert. Die gegenseitigen Vorstellungen waren kaum zu Ende, als unser friedlicher Wächter, ein alter Landsturm- mann der Wehrmacht, uns das Frühstück brachte. Die Bewegungen des Morgens hatten uns alle hungrig gemacht. Wir taten dem Mahl, das uns recht anständig vorkam, alle Ehre an. Mit bester weltgewandter Höf- lichkeit wollten Chadirat und Dayras, die einige Brok- ken Deutsch konnten, unserem Kerkerhaushofmeister eine Bemerkung machen. Es war einer von den Deutschen, wie alle Franzosen 19 einmal einen kennengelernt haben, der sich gerne auf eine Unterhaltung einließ, der nur sehr entfernte Be- ziehungen zu Kant, Schopenhauer oder Nietzsche hatte und für den Dienst am Dritten Reich nur begrenzte Begeisterung aufbrachte. Er hatte den anderen Krieg mitgemacht und hätte auf diesen gerne verzichtet, sagte er uns. Er war mit einem Wort einer von den guten Deutschen, von denen mein Großvater, der 1871 in der Loire-Armee mitgekämpft hatte, mit Überzeugung sagte, daß man sie sorgsam von den Stockpreußen unterscheiden müsse. Die Unterhaltung ging schon zu Ende, als Chadirat neugierig und zugleich von ihm eingenommen, auf den Gedanken kam, ihn aus Höflichkeit nach seinem Namen zu fragen. Bescheiden die Augen senkend, ant- wortete er ganz harmlos:„Kalbfleisch.“ Chadirat und Dayras übersetzten das sofort auf französisch:„Fleisch vom Kalb“. Kaum hatte sich das riesige Schloß hinter Kalbfleisch geschlossen, gingen die Kommentare los. Wir waren so richtig bei Courteline. Der Optimismus herrschte vor, man fühlte sich ganz sicher. Es war doch klar, daß der Krieg sich bereits dem Ende zuneigen mußte, wenn Hitler, um uns Terroristen zu bewachen, gezwungen war, solche Ladenhüter aufzubieten, alte Recken mit Verdauungsbeschwerden, deren kämpferischer Eifer sich symbolisch in dem Namen unseres Sträflingswächters Kalbfleisch darstellte. Der Nachmittag verging, ohne daß etwas geschah. Um unsere verschiedenen Sorgen zu vergessen, berauschten wir uns mit Worten. Dayras hielt einen Vortrag über die Herkunft der Teppiche von Aubusson, während Chadirat über die wesentlichen Unterschiede zwischen dem„Großen Orient“ und der„Großen Loge von Frankreich“ sprach. Er betonte für die, die es noch nicht wußten, daß er dieser letzten angehöre und einen ge- 20 hoben zu geg Insassı zahlre dieser klagte gekon Gebet sagt m der Fı tasche reicht beach von( könn gelese Zur I von R Masc imH Der/ frem freun einig kenn Uns 7 am] freur Mach aufg Char Dies Milg Nien I INS e auf te Be- hatte enzte Krieg ‚sagte guten in der gung ußen adirat ıfden 2inem j, ant- t und Jeisch fleisch waren ‚rschte r, daß wenn ungen n mit ersich ichters h. Um schten über Ihren ‚schen re von j nicht en 56° hobenen Rang bekleide. Ich erinnere mich gut, daß er zu gegebener Zeit, mit einem Blick den Raum und seine Insassen abschätzend, bemerkte, wir wären eigentlich zahlreich genug, um einen Konvent abzuhalten. Aber dieser Appell blieb ohne Antwort. Ein wenig später klagte sich jemand laut an, nicht auf den Gedanken gekommen zu sein, ein Missale oder irgendein anderes Gebetbuch mitzunehmen.„Wenn es weiter nichts ist”, sagt mit seiner ernsten Stimme der hohe Würdenträger der Freimaurerei und kramte in seiner dicken Akten- tasche,„ich glaube, ich habe, was Sie brauchen‘, und er reichte dem anderen die Nachfolge Christi.„Wollen Sie beachten“, sagte der Großmeister,„daß ich wie Aiglon') von diesem Gefährten, der mich nie verläßt, sagen könnte: das Buch öffnet sich von selbst auf den oft gelesenen Seiten.” Zur Dämmerstunde wurde uns unter der Bewachung von Kalbfleisch und zwei oder drei anderen„Fritz“ mit Maschinenpistolen unterm Arm ein kleiner Rundgang im Hof zugebilligt. Er schien uns riesig und trostlos. Der Anblick der verlassenen Kaserne, eines zweckent- fremdeten Tempels, bedrückte uns das Herz. Die freundliche Stimmung unseres Führers aber benutzten einige, die sich schmeichelten, die Sprache Goethes zu kennen, zu einem Gespräch mit Kalbfleisch. Einer von uns zeigte mit dem Finger fragend auf die Venus, die am Himmel erschienen war. Kalbfleisch antwortete freundlich:„Stern.“ Um sich besser verständlich zu machen, schrieb er das Wort mit dem Finger inden Sand auf den Boden.„Das heißt auf französisch“, übersetzte Chadirat:„etoile.” Dieser Spaziergang in der frischen Luft, die unglaubliche Milde eines zeitigen Frühjahrs, die Knospen der Rasta- nien, die schon vorlaut aufplatzten, all das hatte uns 1) Sohn Napoleons I. im gleichnamigen Schauspiel von E. Rostand. 21 trübe gestimmt. Im Gänsemarsch zogen wir, freudlose Gedanken wälzend, wieder in unseren Polizeiraum. Er schien uns weniger einladend als nachmittags. Die Nacht war gekommen. Tastend hatten wir uns auf die Bettstelle gelegt. Aber uns floh der Schlaf. Durch den Luftschacht rechts drangen die Geräusche von drau- ßen zu uns herein.(In Soupirail[Luftschacht] ist Soupir [Seufzer], hätte Victor Hugo gesagt.) Plötzlich klang die reine Kinderstimme irgendeines verspäteten Pfadfinders von der Straße zu uns. Ich bin der König von Spa-a-anien, ich liebe die Mädels mit schwarzen A-a-augen... So ein Elend! Das war der Vers, den gestern abend mit innerster Überzeugung mein Jüngster mit seinen vier Jahren gesungen hatte. Darüber hatten wir zu Hause um den Familientisch herzlich gelacht. Gestern: das ist hundert Jahre her. Zu Hause: wie weit scheint doch das Haus entfernt. Gefährliche Macht einer Melodie. Die Musik reißt in Stunden der Verzweiflung die Schleusen für Ströme von Bildern auf, die Augenblicke des Glücks. Sie zeigt uns, eins nach dem anderen, alle die lieben Gesichter. Das ist der Augenblick, wo man Würde und Haltung nicht verlieren darf. Zähne zusammenbeißen, Augen zu, das wird besser sein. Ich bin kaum in einen leichten Schlaf gefallen, als ein anderes Lied zu uns dringt. Es kommt diesmal vom Hof her aus den Einzelzellen, in denen einstmals die mit Gefängnis bestraften Soldaten, die Kandidaten für das Kriegsgericht, eingesperrt waren. Es gibt also Kamera- den in Einzelhaft, die nicht so begünstigt sind wie wir, die wir wenigstens unsere Gedanken austauschen können. Kein Irrtum: man hört es jetzt ganz klar. Der Klang wird stärker. Er füllt unser ganzes Gefängnis. Er beherrscht es. Er rüttelt die auf, die einschlafen wollten. Ave Maris Stella, Dei mater alma.... 22 Die N Leute Mann hatten die ir durch, unser der V« letzte, bei. D Uns g einige einer au FR ıM Der Tulle Word hafku dlose n. Er s auf Jurch jrau- Jupir eines | mit , vier Jause as ist h das ßt in röme zeigt chter. Jtung ‚ugen |s ein n Hof e mit ir das mera- e wit, schen , Det is. EI JIten. „Ich kenne doch diese Stimme”, sagte einer in der Dunkelheit,„das ist doch der Abbe Lair.“ III Ein französischer Priester „Und Trochu') mit all seinen Kapuzinerreden ist bei diesen nicht dabei.“ (Charles Peguy,„L’Argent, suite“) Die Männer im Zimmer waren aufgewacht, als die Leute aus der Landschaft la Creuze die Stimme des Mannes erkannten, mit dem sie zusammen gearbeitet hatten. Es war tatsächlich die Stimme von Abbe Lair, die in der Hymne an den Meeresstern bis zu uns durchgedrungen war. Das hatte die Zungen gelöst. Als unsere Kameraden erfuhren, daß wir die Umstände der Verhaftung ihres Gruppenchefs kannten, fielen die letzten Hemmungen. Kein Zweifel, die waren auch da- bei. Die Geschichte, in die sie verwickelt waren, schien uns sehr schlecht eingefädelt. Tatsächlich sollte sie einige Monate später für Abbe Lair eines Morgens mit einer Salve in den Wallgräben einer deutschen Festung zu Ende gehen und für seine vier Kameraden mit »1 Monaten Zwangsverschleppung. Der Abbe Charles Lair war am vergangenen Samstag in Tulle unter recht dramatischen Umständen verhaftet worden. Er hatte sich kühn und kaltblütig der Ver- haftung eines Familienvaters widersetzt, der sein Mit- arbeiter war und an seiner Stelle festgenommen werden sollte. Wie viele andere Franzosen war er zuerst bei einem dem Intelligence Service unterstellten Nach- richtendienste eingetreten. 1) Französ. General, 1815-1896, 1870 Mil.-Gouv. von Paris trat aber während der Belagerung zurück. 23 Aus einem sehr verständlichen Sicherheitsbedürfnis arbeiteten die Leute vom Nachrichtendienst der Wider- standsbewegung nicht mit denen der Kampfbewegung zusammen. Aber ich kannte Charles Lair schon seit langem. Ich war ihm öfters begegnet und hatte nicht lange gebraucht, um seine geheime Tätigkeit zu erraten. Außerdem war sein erster Lehrer und bester Freund Abbe Alvitre, Pfarrer einer Arbeiterpfarrei von Brive, ebenfalls mein Freund. Er arbeitete mit uns im Combat zusammen. Abbe Alvitre, ein alter Sillon')-Mann, ge- hörte zu jener Generation von roten Christen, wie ihre Gegner verächtlich sagten, die sich ganz natürlich in den Vortrupp von dem zusammengefunden hatten, was man sehr bald die Resistance genannt hat. Noch ehe ich wußte, daß es einen Aufruf von London gab, war Alvitre am Tage nach dem 18. Juni zu mir gekommen und hatte erklärt: „Ich bin Gaullist.“ Von diesem demokratischen Pfarrer habe ich dieses Wort zum erstenmal gehört. Abbe Charles Lair war ebenfalls Gaullist. Wir hatten nicht lange gebraucht, um unsere gegenseitigen und parallel laufenden Tätigkeiten kennenzulernen. Am Sonntag vor seiner Verhaftung hatte ich ihm meine Be- fürchtungen mitgeteilt. Durch Nachrichten, die mir über Combat zugegangen waren, hatte ich an jenem Morgen erfahren, daß ein Fahrzeug der Gestapo unsere Sender suchte. Nun wußte ich, daß einer dieser Sender unter der Leitung von Abbe Lair im Glockenturm der Kathe- drale arbeitete. Der liebe Abbe Lair war, wie die meisten von uns, keineswegs vorsichtig und außerdem ohne jede Erfah- rung in Sachen des Geheimdienstes. Eine der zweifellos wenigst schlechten Begründungen, die ich später einmal von einem Franzosen dafür gehört habe, daß er ') Katholische Sozialbewegung in Frankreich. 24 de Ga folgte, esent „DieF same, langte lich. E Eswai Hekat Aber: dernst imGe hin al lend ı der U: an de kämp eine] neinu was|ı alle d Elend Gefül oder] fante, her j Roche muß Der Sagen Schla deckt War e die} Hak Ciege irfnis 'ider- gung | seit nicht aten. eund 3rive, mbat 1, ge ihre ch in 1, was eich wat men lieses atten und ‚ Am je Be- rüber orgen ender unter! athe- uns, fahr fellos inmal ß er de Gaulle auf dem„Dissidence“ genannten Wege nicht folgte, steckte in nachstehender Überlegung, mit der er es entschuldigen wollte: „Die Franzosen sind weder Iren noch Polen. Die schweig- same, diskrete, versteckte Arbeit, die der von ihnen ver- langte Kampf braucht, ist unseren Landsleuten unmög- lich. Es fehlt ihnen allzusehr die Übung darin.“ Es war schon ein gut Teil Wahrheit in diesem Alibi. Die Hekatomben unserer besten Leute sollten es beweisen. Aber das vermindert nicht im geringsten die bewun- dernswerte Haltung von Männern wie Abbe Lair, ganz im Gegenteil. Tatsächlich betrachtete ersich 1943 weiter- hin als Soldat. Er kämpfte im Priesterrock— ganz strah- lend von innerem Leben— denselben Kampf, den er in der Uniform eines Infanterieleutnants drei Jahre früher an den Ufern der Lauter oder im Argonnen-Wald ge- kämpft hatte, weniger gegen einen Erbfeind als gegen eine Form der Zivilisation, die ihm als direkte Ver- neinung des Christentums erschien. Das ist wohl das, was leider die Realisten, von denen Bernanos spricht, alle die, die uns in diesen Jahren der Schmach und des Elends verspotteten, niemals verstanden haben: dieses Gefühl für die Ehre, weit entfernt von Chauvinismus oder Revanchegefühl, diese Treue zur Haltung des In- fanterieleutnants, der im roten K£pi dreißig Jahre vor- her in einem Rübenacker von Villeroy gefallen war. Rochereau in Befort und Massena in Genes... Man muß immer wieder auf Peguy zurückkommen. Der Kämpfer Charles Lair hatte, wie die guten Leute sagen, noch nicht„genug“. Das ist alles. Sein Bedarf an Schlachten, an Lorbeer, an Siegen war noch nicht ge- deckt. Er wollte„das in Ordnung bringen.“ Tatsächlich war er ein Draufgänger bis ans Ende, einer dieser Pilger, die bis zum bitteren Ende gehen, in Chartres wie in Bir Hakeim, in Compostella wie in Kufra, so wie es alle diese Pilger zu absoluten Werten tun. 25 Unser Aufenthalt in Limoges war nur kurz und ge- kennzeichnet durch ziemlich unangenehme Unterhal- tungen mit einem Gestapo-Offizier, groß und breit wie ein Kleiderschrank. Über alle Maßen neugierig, wollte er unbedingt jeden einzelnen von uns dazu bringen, Dinge zuzugeben, für die wir uns unter keinen Um- ständen für zuständig erklären wollten. Die meist hefti- gen Gespräche fanden im Privathaus eines reichen In- dustriellen von Limoges statt, das nahe bei dem Platz Champ-de-Juillet stand. Unser Transport dorthin war sehr eindrucksvoll: offenbar, um die Fluchtgefahr zu vermindern, wurden wir mit Handschellen gefesselt. Mir selber war der Gedanke, meinen Leibwächter im Stich zu lassen, noch nicht gekommen. Weshalb sollte ich versuchen zu fliehen, wenn ich eine Frau und sieben Kinder als Bürgen zurücklassen mußte? Es war besser, zu warten, bis das kleine Volk in Sicherheit war, um, wenn sich die Gelegenheit später bieten sollte, dieses Risiko in Kauf zu nehmen. Aber unter den gegenwärti- gen Umständen wäre das einfach ein Schuldbekenntnis gewesen. Ich beteuerte meine Unschuld. Ich hatte nichts zu tun mit dem Duval, den man suchte und der ich sein sollte. In der ruhigen Sicherheit, daß keiner meiner in den vorigen Monaten verhafteten Freunde mich preis- geben würde, behauptete ich energisch, daß ein Irrtum über die Person vorliege. Abbe Lair konnte sich unglücklicherweise nicht so ver- teidigen. Wir hatten ihn beim Kommen und Gehen von der Kaserne zum Sitz der Gestapo einmal getroffen. Er gab uns Bescheid, daß er die umfangreichen Doku- mente, die er bei der Verhaftung bei sich trug, nicht habe vernichten können. Seine Sache stand tatsächlich so schlecht wie möglich. Das sah man schon nach den Vernehmungen. Aber seine gute Laune blieb unberührt. Sein klares Lächeln war nicht getrübt, obschon die wütenden Faustschläge tiefe Risse in sein feines Gesicht 26 gezoge Abenc daß w Stund selbst: heit ü sten I das ba Wir v nicht. Würd Abbe hin w ärgste Gedaı DieG und< Freim Ernst: „sm gen, c 8 für Folgs: rang „Ang uBt C liche der Yı inkl Der V bring ange] Lair, Stter Ume ge hal- wie ollte gen, Um- efti- ı In- Jatz war r zu B rim ollte eben ssel, ‚um, jeses yärti- ntnis ichts sein erin preis“ tum ) vel- ‚chen offen. Joku- nicht ‚hlich ) den rührt. n die esicht gezogen und seine Brille zerschlagen hatten. Eines Abends, es war schon Nacht, kam Kalbfleisch und sagte, daß wir unsere Sachen zurechtmachen sollten. Die Stunde der Abfahrt war gekommen. Wohin, das war selbstverständlich unbekannt. Die dauernde Ungewiß- heit über unser Schicksal war eine der beschwerlich- sten Prüfungen, die uns bevorstanden. Wir lernten das bald. Wir waren schnell fertig; viel Gepäck hatten wir ja nicht. Wir warteten unbeweglich, nervös und unruhig. Würden wir alle zusammen wegkommen, würden wir Abbe Lair allein in seiner Zelle lassen, vor allem: wo- hin würde man uns bringen? Die ausgefallensten und ärgsten Vermutungen hatten freien Lauf. Wir wälzten Gedanken, so dunkel, wir die uns umgebende Nacht. Die Glocke irgendeines nahe gelegenen Klosters ertönte, und die majestätische Stimme des Großmeisters der Freimaurerei bemerkte mit stets unerschütterlichem Ernst: „Es muß die Stunde des Engel des Herrn sein. Diejeni- gen, die das Gebet kennen, täten nicht schlecht daran, es für alle zu verrichten.” Folgsam antwortete Dr. Bonnet, der Mitschüler von Francois Mauriac, wie erin hymnis et canticis erzogen: „Angelus Domini nuntiavit Mariae.“ „Et concepit de Spiritu Sancto“, fiel darauf der kirch- liche Teil der Versammlung ein. So verließen wir, dank der Wachsamkeit von Chadirat, unser erstes Gefängnis in klösterlicher Stimmung. Der Waggon, der uns einem dunklen Schicksal entgegen- bringen sollte, war an den Nachtschnellzug nach Paris angehängt worden. Im letzten Augenblick war Abbe Lair, endlich aus seiner Zelle herauskommend, zu un- serer kleinen Gruppe gestoßen. Auf dem Bahnhof von Limoges hatte eine Gruppe anderer Verhafteter, aus 27 Perigueux kommend und ebenso verwirrt wie wir, uns mit Befriedigung empfangen. In dem Abteil, in das man uns mit kräftigen Kolben- stößen hineinbrachte, kam ich zu meiner Freude neben Abbe Lair zu sitzen. Uns gegenüber rechts saß ein jun- ger Kamerad, groß, munter, vornehm, mit dem Habitus eines Leutnants. Durch seinen Namen, den mir Delon gesagt hatte, stellte ich fest, daß er der Chef unserer Freikorpsgruppe aus Dordogne war: Villot, seines Zei- chens Kolonialwarenhändler. Dieser junge Mann hatte drei Jahre früher als Halbzug- führer in der Einheit von Abbe Lair gedient, und auch er fühlte seinen Bedarf an Krieg noch nicht gedeckt. Sie waren einander seit dem großen Auseinandergehen, das dem Zusammenbruch folgte, nicht mehr begegnet und wußten nichts vom Leben des anderen. Aber sie hielten es nichtsdestoweniger für völlig normal, sich hier, zu dieser Stunde einander gegenübersitzend, wiederzufinden. Auch für sie hatte Frankreich im Juni 1940 nureine Schlacht verloren; der Krieg ging weiter. Auf der gegenüberliegenden Bank links saß untersetzt, von unbestimmt arabischem Typ, dunkel und schweig- sam, ausgesprochen gelangweilt und anscheinend ohne jedes Verständnis für das, was um ihn herum vorging, der Gefährte von Villot: Jacques Perrier. So ganz all- mählich mischte er sich auch in das Gespräch. Er war der einzige Sohn von zwei alten Eltern, zu denen seine Gedanken dauernd gingen. Das Leben war ihm bisher sehr einfach vorgekommen. Er kannte alle netten Ecken auf zwanzig Meilen in der Runde um Perigueux: die Gastwirtschaft an der Vezere, wo die Buttersauce zur Lachsforelle besonders fett ist, die Sarlater-Schenke, wo das Trüffel-Omelett die Laube wunderbar mit Duft erfüllt, ehe es den Gaumen erfreut. Perrier, der junge genießerische Bürger, war aus Freundschaft für Villot in den Kampf gegangen. Seine Bewunderung für ihn war 28 so grol nahm, eingez! Villot im Ra der Di Garm Am he Vor de vor de Warte lich dı ‚Ihr v Anred Ende ı hatte, gelege Wir: drück, dann port bereit die Se Keine arar sein Obwe Wech Weni grau Etwa Eine, Tex habe She ‚uns |ben- eben ‚jun- bitus )elon Iserer ; Zei- bzug- auch t. Sie ehen, egnet er sie ‚sich zend, Juni er. rsetzt, weig- ohne ging, 1Z all- r wat seine bisher Ecken x; die ce ZUf enke, t Duft junge Jlot 10 n wal so groß, daß er es offenbar nicht im mindesten übel- nahm, ihn in sein außergewöhnliches Abenteuer hin- eingezogen zu haben. Villot und Perrier, zwei Gesichter unter Hunderten, die im Rauch des Krematoriums vergangen sind, um die der Dichter klagt: Gar mancher wird nicht mehr kosten das würzige Mahl Am heimischen Herd, abends bei der Geliebten. Vor der Ankunft in Vierzon bleibt der Zug im Tunnel vor dem Bahnhof stehen. Die Lichter gehen aus. Lange Warterei. Eine kräftige, ärgerliche Stimme brüllt plötz- lich draußen in das Schweigen und in die Dunkelheit: „Ihr versteht wohl nicht, was? He, Idiotenvolk!”(die Anrede war noch energischer gewesen), während vom Ende des Waggons eine andere Stimme, die verstanden hatte, daß unbekannte Kameraden uns diese Flucht- gelegenheit bieten wollten, rief:„Die Schweinekerle! Wir sind ja zu zweit gefesselt, unmöglich, sich zu drücken!“ Ein Feuerstoß aus einer Maschinenpistole; dann kommt alles wieder zur Ordnung, und der Trans- port setzt seine Reise fort. Das war eine kleine vor- bereitende Episode von dem, was bald die Schlacht um die Schiene werden sollte. Keiner von uns dachte gegen Ende dieses Winters 42/43 daran, daß mehr als zwei endlose Jahre noch notwendig sein würden, um des Feindes Herr zu werden. Aber obwohl Hoffnung und Mutlosigkeit immer wieder wechselten, zweifelte keiner an dem Enderfolg, am wenigsten Abbe Lair, der uns, als wir beim Morgen- grauen über die Loire kamen, mit seiner guten, rauhen, etwas dumpfen Stimme gebeten hatte, unsere Gespräche einen Augenblick zu unterbrechen. Er wolle uns einen Text übersetzen, den er in seinem Brevier gefunden habe, die Epistel des heiligen Paulus, vom vorher- gehenden Sonntag: 29 „Ihr leidet darunter, daß man euch unterdrückt, daß man euch mit Verachtung behandelt und ins Gesicht schlägt...”(Ich sehe sein armes, mißhandeltes Antlitz.) „Ich habe mehr Mühsal ertragen, mehr Gefängnisse und Schläge ohne Maß.“— Den folgenden Absatz trug er langsam vor. Dachte er vielleicht an seinen eigenen Fall? Wußte er nicht, wer ihn angezeigt hatte?—„Ich war oft in Gefahren durch falsche Brüder.“— Und dann mit leiser Stimme, wie nur für sich selbst und seinen nächsten Nachbarn, schloß er das Zitat:„Meine Gnade genügt dir. Die Stärke vollendet sich in der Schwäche.” Zwischen Juvisy und Paris bemerkte uns der Loko- motivführer eines Vorortzuges, der auf einem Parallel- Gleise neben uns rollte; er sah uns hinter den Scheiben, umgeben von unseren Schupos. Offenbar absichtlich beschleunigte und verlangsamte er seinen Zug, um allen seinen Reisenden die Möglichkeit zu geben, diesen Anblick wahrzunehmen. Schließlich stiegen wir auf dem Austerlitz-Bahnhof aus, immer zu zweien durch ein Paar Handschellen anein- andergefesselt, ich zusammen mit Abbe Lair. Von un- seren beiden so verbundenen Händen ist eine heute bewegungslos. IV Ein deutscher Seelsorger Ein langer Monat ist verstrichen, seit die Anfangs- gruppe bei ihrer Ankunft im Gefängnis von Fresnes, wohin sie nach Verlassen des Austerlitz-Bahnhofes schließlich gebracht worden war, völlig aufgeteilt wurde. Ich hatte eine Einzelzelle zugewiesen bekommen, in der 30 es dar war,© Dieser die N riesige war d schen Nun i etwas Ecke( kleine Rücke gefüh) trieb, ßen, ı täten Drein Mona Herze Feldw mußt Trans nann wurd beför Frühl am A hatte und Natüi !totz Dure Aver fand tnals nel; 1085 snes, yofes ırde. n.der es dank der Gerissenheit meines Vorgängers möglich war, eine der trüben Scheiben des Fensters auszuheben. Dieser Vorteil gestattete es mir, in den ersten Tagen die Namen meiner Kameraden in die öde Leere des riesigen Innenhofes zu rufen, aber tiefstes Schweigen war die Antwort. Verzweiflung und Elend des Men- schen allein! Siehe den Ecclesiastes! Nun ist auch ein Monat vergangen, seit ich die hohe, etwas gebeugte Gestalt des guten Chadirat um die letzte Ecke des Ganges habe verschwinden sehen und die kleinere gedrungene von Pradaud und den runden Rücken von Perrier und alle anderen. Welches Vor- gefühl mag es wohl gewesen sein, das Abbe Lair dazu trieb, jeden einzelnen von uns in die Arme zu schlie- ßen, während der Wächter bei den Eintragungsformali- täten schon ungeduldig wurde. Dreimal habe ich während dieses nicht endenden Monats früh am Morgen mit jedesmal erstarrendem Herzen einen Schlüssel im Schloß gehört. Dann hat der Feldwebel gebrüllt:„Los, los! Tribunal!“ Das erste Mal mußte ich mich in der Avenue Foch 84 erklären. Der Transport hatte in einem von den„Salatkörbe“ ge- nannten Fahrzeugen stattgefunden. In diesen Käfigen wurden gewöhnlich die Verhafteten zur Vernehmung befördert. Durch die Gitter schien ein bezaubernder Frühlingin unbeschreiblichem Licht. Beim Vorbeifahren am Arc de Triomphe, wo der unbekannte Soldat ruht, hatten wir spontan die Kopfbedeckung abgenommen und die Frauen das Kreuzzeichen gemacht. Das hatte natürlich zusätzlichen Ärger zur Folge, aber wir waren trotzdem zufrieden. Wir hatten Stellung bezogen. Durch das halbgeöffnete Fenster des Raumes in der Avenue Foch, wo das unangenehme Zwiegespräch statt- fand, sah man junges Grün und Blumen. Niemals, nie- mals hatte das blasse Blau, das Perlengrau dieses Him- mels von Paris zärtlicher geleuchtet als in diesem Jahre. 31 Hinter dem Schreibtisch, an dem der Vernehmungs- offizier in den Akten blätterte, warf ein Spiegel das Bild eines seit drei Wochen unrasierten Stromers zurück mit viel zu langem Haar und ohne Krawatte im Kragen: das eigene Gesicht. Der andere bemühte sich je nach Tageslaune, mit Freundlichkeit zu operieren oder durch Gewalt einzu- schüchtern. Manchmal blätterte er mit gespielt gleich- gültigem Ausdruck in den Papieren, die er vor sich hatte, und summte eine Melodie. Ich für meinen Teil werde mich bis ans Ende meiner Tage dieser Melodie des Hindu-Liedes von Rimskij Korsakow erinnern. Nicht alle Unterhaltungen liefen so musikalisch ge- dämpft ab. In diesem früheren Empfangssaal, der nun- mehr als Raum für die Verhöre diente, stand in einer Ecke ein Tisch mit seltsamen Gegenständen, auf die man einen verstohlenen Blick warf. Der merkwürdige Anblick machte einen eigenartig unruhig. Es war jedoch besser, die Neugierde nicht zu befriedigen. Ein anderes Mal war es die rue des Saussaies, wohin ich zuerst gebracht wurde, ein öder Aufenthalt. An jenem Morgen hatte ich lange, sehr lange warten müssen, ja wirklich, sehr, sehr lange Zeit in einem engen, dunklen, kleinen Loch; die Wände blutbefleckt, mit entmutigenden Inschriften. Man kam mich holen, um mich wieder in die Avenue Foch zu bringen, wo offenbar die Untersuchung dieser Combat-Sache weiter- geführt werden sollte. Ich erklärte mich mit Recht und nachdrücklich vollkommen unbeteiligt. Die Fahrt im offenen Wagen durch die von allen zarten Farben des Frühlings durchflutete Stadt wäre zauber- haft gewesen. Schade, daß es so schwierig war, die allzu eng um die Gelenke gespannten Handschellen zu vergessen, und daß es nicht gelang, diese Schupos zu übersehen, deren Finger wirklich sehr nahe am Abzug waren. 32 Die Rü der. Vi wagen: Ein jut blicke< wissen, und w: Die Be Perisse, Jugend gebung Die dri Übung nach d Mitte: hatte, Masch; aber dı Wiede; Dieses Unter hatte| Meine: dung,| Nützlic herum Diege| Plogra gekom Musik Comh Wenn ten W haften tgeh: ih ı h ge- nun- einer ıf die irdige edoch vohin t. An zarten jnem fleckt, nolen, n, WO zeitel- ıt und zarten yuber- , allzu n ZU „os ZU Abzug Die Rückkehr nach Fresnes war noch viel deprimieren- der. Viel zu viele waren in den engen Raum des Zellen- wagens gepackt worden, und wir wären beinahe erstickt. Ein junger Kamerad, der sehr unangenehme Augen- blicke durchlebt hatte— man sah es ihm an—, ließ mich wissen, daß auch er zu Combat gehörte. Er hieß Loviaut und war einige Tage vorher in Pau verhaftet worden. Die Begegnung mit einem Mann aus Toulouse, Yves Perisse, einem ehemaligen Mitglied der„Katholischen Jugend“, brachte etwas Trost in diese traurige Um- gebung. Die dritte Vernehmung begann mit einer sonderbaren Übung. Drei Stunden lang mußte ich mit dem Gesicht nach der Wand in einem Kellerraum stehen, in dessen Mitte ich beim Hineingehen einen Schreiber gesehen hatte, der, man wußte nicht recht was, auf einer Maschine schrieb. Von Zeit zu Zeit schien er leise, aber doch verständlich, einen Eigennamen zu nennen. Wiederholt hörte ich ihn rufen:„Duval, Duval!” Dieses wenig originelle Pseudonym war natürlich das, unter dem ich die fünfte Region von„Combat“ geleitet hatte. Ich dachte an die Salzsäule von Sodom und drehte meinen Kopf auch nicht um ein Millionstel einer Wen- dung. So kann die Kenntnis der Heiligen Schrift ganz nützlich sein, um eine politische Polizei an der Nase herumzuführen. Diese sonderbare Vorführung hatte das Vergnügungs- programm des Tages nicht erschöpft. Wieder nach oben gekommen, bezeichnete mich der Liebhaber russischer Musik erneut als den Führer der Mittelregion von Combat. Er übernähme keine Verantwortung mehr, wenn ich weiter leugnete. Die Gräben von Mont Vale- rien warteten auf mich. Meine im vorigen Monat ver- hafteten Kameraden hätten mich schließlich preis- gegeben. Also wozu noch dieser Eigensinn. Ich verlangte kühl, diesen Verleumdern gegenüber- 33 gestellt zu werden. Bei der Gegenüberstellung werde sich schon zeigen, wer die Wahrheit sage. „Das würde nichts nützen“, antwortete er mir;;jeder von euch würde bei seinen Aussagen bleiben.“ Diese Antwort auf meinen gewagten Vorschlag gab mir etwas Sicherheit.„Er behauptet Falsches, um das Wahre zu erfahren“, dachte ich sofort.„Ich bin vielleicht durch diesen zu jungen Elsässer S., den mir Delon empfohlen hatte, verpfiffen worden[es war doch sehr falsch, ihm einen Auftrag anzuvertrauen], aber die anderen haben nichts gesagt, da bin ich ganz sicher. Was riskiere ich schon groß mit$.; er kennt mich doch nicht.” Ich war mit meinen Überlegungen gerade so weit ge- kommen, als der Vernehmende, um ein Ende zu machen, einen großen Schlag wagte. Ich höre noch seinen langsamen, korrekten, kaum betonten Satz: „Sehr gut, wir werden also Ihre Frau und Ihren Sohn weiter im Gefängnis behalten; Ihre beiden älteren Töchter auch. Die werden alle solange wie nötig drinbleiben. Im übrigen haben auch die es nicht ge- stohlen.” Um mich zu überzeugen, übersetzte er mir sodann einen Polizeibericht, der die Mitwirkung der Meinen an dem unerwarteten Empfang anzeigte, den Brive der deutschen Armee am ı1. November 1942, am Tage der Überschreitung der Demarkationslinie, bereitethatte. Mit diesen entmutigenden Perspektiven kehrte ich nach Fresnes zurück. Ich versuchte vergeblich, mir einzu- reden, daß der SS-Mann mich geblufft hatte. Im Grunde war ich davon gar nicht überzeugt. Tagelang und besonders nachts wälzte ich dunkle Ge- danken. Die Einsamkeit der Zelle bedrückte mich im- mer mehr. Das waren die Umstände, unter denen ich die Bekannt- schaft von Abbe Stock machte. Eines schönen Tages kam 34 er her: troffen tergew Zellen schmie Geste: Häftlir Ich ha verlan einen enttäu seinen eines| logie-$ Franzk partne Ih w: denn schuld Spiel z Iizität hier ü undb; der W; Könnt &inem Worte Feld bliebe ein Hl ten R die) Spracl gen „Jen Sein, er herein. Es war ein Samstag. Ich war zunächst be- troffen über seine Zurückhaltung. Während die Wäch- ter gewöhnlich brüllten, wenn sie gelegentlich in unsere Zellen kamen, schlüpfte er schweigend herein und schmiegte sich ganz dicht an uns, als ob er durch diese Geste zeigen wollte, daß er seinen Anteil an unserem Häftlingsleben haben wollte. Ich hatte, als ich nach Fresnes kam, einen Seelsorger verlangt, mir aber niemals vorgestellt, daß man mir einen deutschen schicken könnte. Ich war daher sehr enttäuscht, als ich diesen blonden Kleriker sah, der mit seinen schmalen Lippen allzu gut dem klassischen Bild eines Herrn Doktor entsprach, der soeben sein Theo- logie-Studium beendet hat. Er sprach ein sehr korrektes Französisch, so korrekt leider wie das meines Gesprächs- partners in der Avenue Foch. Ich war tief enttäuscht, und das zweifellos sichtbar, denn Abbe Stock begann zunächst einmal, sich zu ent- schuldigen. Ich bemühte mich, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und versuchte, die Chance der Katho- lizität der Kirche wahrzunehmen, mit der man mich hier überrascht hatte. Ich sprang also ins kalte Wasser und bat ihn, mir zu bestätigen, daß die Verheimlichung der Wahrheit in einem bestimmten Fall erlaubt sein könnte, zum Beispiel, wenn man Haut und Haar vor einem Gericht zu verteidigen hätte.„Natürlich“, ant- wortete er,„das ist klar.“ Wir sprachen leise, denn der Feldwebel war an der halbgeöffneten Tür stehen ge- blieben. Ich erfuhr, daß auch Abbe Stock auf seine Art ein„Roter Christ“ war. Er hatte gleich nach dem ande- ren Krieg an Friedensversammlungen teilgenommen, die Marc Sangnier in Bierville organisiert hatte. Er sprach von Joseph Folliet, von den Gefährten des Hei- ligen Franziskus, von gemeinsamen Freunden in der „Jeune Republique”. Dieser deutsche Priester versah sein Amt mit unglaublicher Freundlichkeit, mit Takt 35 und Nächstenliebe. Als er mich verließ, schob er mir eine Bibel zu, die ihm P. Maydieu, ein treuer Freund und nicht minder treuer Mitverschworener, für mich gegeben hatte; er versprach mir, nächste Woche wieder- zukommen. Dann tat er, als ob er weggehen wollte, aberzurückkehrend hauchte er mit nochleisererStimme: „Wir wollen zusammen ein letztes Ave Maria ver- richten.” Wir hatten uns hingekniet und drehten dem Feld- webel den Rücken vor dem kleinen rohen Tisch, der als Altar gedient hatte. Er fuhr mit der gleichen mono- tonen Stimme fort:„Ave Maria, gratia plena... Ihre Frau hat mich gestern aufgesucht; es geht ihr sehr gut und Ihren Kindern auch... dominus tecum... sie läßt Ihnen sagen, Sie sollen sich keine Sorgen machen, es geht alles gut zu Hause... benedicta tu in mulieribus.“ So setzte Abbe Stock während der ganzen Besatzungs- zeit das Gebot seines Meisters in die Tat um.„Ich war im Gefängnis und Ihr habt mich besucht.“ Nach der Befreiung blieb er in Frankreich und diente seinen kriegsgefangenen Landsleuten ebenso. Einige haben seine Wortkargheit und seine fast ehr- fürchtige Scheu— die er übrigens mit allen seinen Landsleuten teilte— vor allem, was streng verboten war, nicht immer verstanden. Man sollte aber doch die ungeheure Schwierigkeit seiner Aufgabe beachten. Abbe Franz Stock hatte, weil er Deutscher war, nur noch größeres Verdienst, sein Amt mit dieser Zurückhaltung auszuüben. Sie verlieh den zahllosen Hilfen, die er uns unter Gefährdung seines Lebens gab, um unser Leben retten zu können, einen besonderen Wert. Be- greift man, welch umsichtige Kühnheit von einem Deutschen wie ihm gefordert war, um auf diese Weise die weltlichen Hilfen, die er uns zuteil werden ließ, mit der Ausübung seines Priesteramtes zu verbinden? Er 36 hat di zwisch zu ble: zösisch dieHii entspr Prieste chen v Dank ersten beruh tagen such ı nur ei teich° Aber ı einen wäre, Buch habe: halte derH Ohne Gesic Uns d u er| Degür Klein, Iedig: {euer Mal, Selbe, de Danı Räte hat diese doppelte Aufgabe ehrenvoll gelöst, weil er zwischen den gefährlichsten Klippen stets ein Priester zu bleiben wußte. Nach seinem Tode wollte er in fran- zösischer Erde ruhen, auf dem Friedhof von Thiais, wo die Hingerichteten beigesetzt werden. Diese letzte Geste entspricht, finde ich, so ganz dem stillen, bescheidenen Priester, der das Wort Caritas wirklich lebendig zu ma- chen wußte. Dank Abbe Stock verliefen die fünf Monate nach dieser ersten Begegnung mit ihm, was die Meinen anging, in beruhigterEinsamkeit. DieseEinsamkeitwurdeanSams- tagen durch seinen stets ungeduldig erwarteten Be- such unterbrochen. Manchmal entschuldigte er sich, nur einige Augenblicke verweilen zu können, so zahl- reich waren die Notfälle, die seine Hilfe erforderten. Aber er richtete es oft so ein, daß er zu dem, was für einen wahren Christen das einzig Notwendige gewesen wäre, noch einen Zusatz brachte, ein neu erschienenes Buch oder die Botschaft eines Kameraden. Durch ihn habe ich den letzten Abschiedsgruß von Abbe Lair er- halten, vor seinem Weggang nach Deutschland, wo ihn der Hinrichtungspfahl erwartete. Ohne daß man je hätte erfahren können, nach welchen Gesichtspunkten sie bewilligt wurde, hatten einige von uns die Genehmigung bekommen, Pakete von draußen zu erhalten. Bat man nun Abbe Stock, einem weniger begünstigten Nachbarn, der keine Pakete bekam, einen kleinen Zusatz von Lebensmitteln zu überbringen, ent- ledigte er sich dieses Auftrages, unter wiederholten Be- teuerungen, es sei dies, da streng verboten, das letzte Mal, daß er es tue. Es werde noch damit enden, daß er selber Arger bekomme. Aber das nächste Mal tat er es dennoch wieder. Dann kam der Tag, an dem, ohne daß wir erfahren hätten weshalb, die Paketsendungen ausblieben und 37 mit ihnen die unschätzbaren Zettel, die sie natürlich enthielten. Der Nachrichtenaustausch mit den Abwe- senden wurde unmöglich und das Schweigen noch drückender. Manchmal nur, wenn die Wächter am an- deren Ende des Ganges zu vermuten waren, wurde es durch einen kurzen Angstschrei, einen gleichmütigen Ruf oder ein kurzes Lied in die maßlose Leere des Hofes durch die Ritzen eines schlecht geschlossenen Fensters unterbrochen. Dank meinem Vorgänger in der Zelle konnte ich so mit meinem Nachbarn Christopher Burney, einem eng- lischen Offizier des Intelligence Service, in Verbindung bleiben und am Pfingstmontag das wehmütige„Beth Ceü de Pau“ vernehmen, das die neu angekommenen Kameraden aus B&arn anstimmten. Abbe Stock hatte an seine Pfarrkinder von Fresnes ein ganz einfaches kleines Gebetbuch verteilt. Es war ganz auf die Bedürf- nisse derer zugeschnitten, für die Abbe Rhodain es herausgegeben hatte: die riesige Schar der Kriegsgefan- genen, die in allen Oflags und Stalags des„Großdeut- schen Reiches“ zerstreut waren. Es war ein wertvoller Gefährte, unschätzbar für viele, solange ihnen keine andere Lektüre zugänglich war, und sogar auch später noch. Ich erinnere mich der einfachen und rührenden Über- setzung des Liedes aus der Complet, das wir lasen, be- vor die Nacht unsere Zellen überflutete:„Du brauchst die wilden Tiere nicht zu fürchten.... Der liebe Gott hat gesagt: Weil er getreu ist, werde ich ihn befreien... Im Leiden werde ich bei ihm sein.“ Wir fanden in dieser unerschöpflichen Sammlung viele für unsere Lage passenden Texte. Sie enthielt insbeson- dere das wundervolle Gebet an die Gottesmutter von P. Grandmaison. Ich habe mich später gewundert, daß es so wenig bekannt war: 38 Das€ Bände Vorau mus e lich z Feste, Nun keine: imLa Erflehe uns ein einfaches Herz, das sich nicht dem Kummer hingibt, das kein Gutes vergißt und wegen keines Übels Groll nachträgt. Das einzige, was mich an dem erstaunlichen kleinen Bändchen störte, war seine letzte Seite. In besorgter Voraussicht, die uns damals als vom ärgsten Defaitis- mus eingegeben schien, hatte man die Vorsorge wirk- lich zu weit getrieben: Der Kalender der beweglichen Feste ging bis zum Jahre 1945. Nun waren wir schon in der ersten Hälfte 1943 und keiner von uns zweifelte, daß die Befreiung spätestens im Laufe des bevorstehenden Sommers kommen würde. V Ein Freidenker In der Gemeinschaftszelle des Erdgeschosses, wohin mich nach sechs Monaten Einzelhaft der Feldwebel des 2. Stockes—„Los, 10s!“—, gebracht hatte, fand ich mei- nen alten Gefährten von Combat wieder, Jacques Re- nouvin, für die Eingeweihten„Joseph“. Er war zum Erschrecken mager und hatte— das ist augenscheinlich— in diesen sieben Monaten der Haft mehr gelitten als wir alle. Im Gesicht und auf dem ganzen Körper trug er noch die Spuren der„Sonder- behandlung“, die er in der Avenue Foch erlitten hatte. Aber er war glücklich, außer unseren Kameraden der Freikorpsgruppen von Montpellier, Pascal und Julien, seine beiden jungen Verbindungsagenten von Pau wie- derzufinden, Jacques und Raymond Sch... Du lieber Renouvin! Er ist einer von denen wie Pierre 39 Brossolette und Jean-Guy Bernard, deren Fehlen am Ende unserer geheimen Kampftätigkeit wir am meisten bedauern mußten. Wie oft habe ich mich später ge- fragt, was sie wohl gesagt oder getan hätten, diese drei, wenn sie unter uns geblieben wären. Renouvin war ein gutmütiger schiefäugiger Riese, Rit- tersmann aus anderen Zeiten, verloren in einem Jahr- hundert, in dem die Ritterlichkeit immer weniger ver- standen wird. Er hatte zur„Action Frangaise‘” gehört, noch lange nach ihrer Verurteilung durch Rom, und hatte sie erst am Vorabend des Krieges verlassen, als er den Eindruck gewann, daß einige ihrer Mitglieder dem berüchtigten„Frankreich-Deutschland-Komitee” allzu sehr verbunden seien. Die Sehnsucht nach seinen Kampfjahren in der Liga der„Action Frangaise” hatte er behalten, nach der Zeit, in der er als„camelot du roi” seine übermütig-abenteuerlichen Kämpfe bestand. Einem Mann, so frei von Rachsucht und Bosheit, bin ich nie wieder begegnet. Immer wieder staunte er, daß er in der allerersten Widerstandsbewegung nur Mitglieder der Demokrati- schen Volkspartei gefunden hatte, diese„PD’s“, die er seinerzeit so maßlos angegriffen hatte. Für sie hegte er seitdem eine grobe Zärtlichkeit, die er ebenso auf seine erbittertsten Gegnervon gestern ausgedehnt hätte, wenn er sie bei Combat, Franc-Tireur oder Liberation wieder- gefunden hätte. So hätte er auch Pierre-Etienne Flandin selbst umarmt, mit dem er doch am Arc de Triomphe am Tage nach„München“ den bekannten Zusammen- stoß hatte. Hier im großen Gefängnissaal, in Fresnes, fanden wir uns nach langen Tagen ängstlicher Spannung wieder. Wir schätzten unsere Lage ab. Eines war mir sofort klar: Renouvin hatte, um— ohne jemanden zu belasten— zu einem Ende zu kommen, eine erdrückende Verant- wortung übernommen. Das war, wie sich später leider 40 Aber der G Ich d: ich ve tenR Ich m fügen tane” müssı Zeit ImLa tenur führt: im Fl barm Polizz Vor< endlo deneı uns, Raspı diese, kame licher der y Kame Zelle Wenji liche, ihm) Ser 4 Verst bring Melo erweisen sollte, nicht ohne tödliche Gefahr geblieben. Aber Renouvin konnte nicht lügen, nicht einmal bei der Gestapo. Wirklich ein echter Ritter! Ich dagegen, der ich kein Ritter bin, erklärte ihm, daß ich versucht hätte, mich durch Anwendung des bekann- ten Rezeptes des Niemalseingestehens herauszuziehen. Ich muß allerdings der Vollständigkeit halber hinzu- fügen, daß ich nicht wie er die Maßnahmen für„spon- tane” Geständnisse über mich hatte ergehen lassen müssen; die Einrichtungen dazu waren nämlich zur Zeit unserer Vernehmung noch kaum fertig. Im Lastwagen, der uns einige Stunden später unbekann- ten und daher sorgenverdüsterten Schicksalen entgegen- führte, konnten wir unsere Unterhaltung nicht einmal im Flüsterton fortsetzen, denn ein geschwätziger Nach- bar mit schmutzigen Fingernägeln und einem richtigen Polizeispitzelgesicht machte uns mißtrauisch. Vor dem Gefängnis von Cherche— Midi, hielten wir endlos, um ein halbes Dutzend Belgier mitzunehmen, denen offenbar dasselbe Schicksal bestimmt war wie uns. Welch trostlosen Anblick bot doch der Boulevard Raspail durch die Gitter des Gefangenenwagens an diesem glühenden 30. August 1943. In der Dämmerung kamen wir zur gare de l’Est(Ostbahnhof). Ein glück- licher Zufall, oder besser eine feine Aufmerksamkeit der Vorsehung, brachte Renouvin, seine beiden jungen Kameraden von Pau und mich in dasselbe Abteil des Zellenwagens. Das deutliche Empfinden, nur noch wenige Tage der Gemeinschaft mit diesem unvergeß- lichen Freunde zu haben, machte mir diese letzten mit ihm verbrachten Stunden besonders wertvoll. Aus die- ser ganzen langen Nacht, die uns, wie die Wächter zu verstehen gegeben hatten, zu grauenhaften Zielen bringen würde, höre ich noch immer den Klang seiner melodischen Stimme, ich sehe seine beschlagenen Bril- 41 lengläser und sein gutesLächeln übereiner Doppelreihe strahlend weißer Zähne. Uns zur Seite waren zwei belgische Offiziere, Major Janssens und Oberst Wil- liame. Sie sind heute mit einigen wenigen anderen, die die höllischen Lager überstanden haben, die einzi- gen Zeugen dieser merkwürdigen Episode, die unser Abenteuer der Konzentrationslager einleitete. Die beiden jungen Kameraden von Renouvin waren fast noch Kinder. Der ältere war 18, der jüngere 17 Jahre alt. Beide waren Schüler des Gymnasiums von Pau, Raymond in derOberprima, Jacques in der Unterprima. Das Unheil der Zeit hatte ihre Eltern, Juden aus der rue de Sentier, nach der Hauptstadt des Be&arn ver- schlagen, wo der Vater Fonlupt, alter Löwe und Kämp- fer der demokratischen Volkspartei, für„Combat“ stimmgewaltig warb und Rekruten sammelte. Ich weiß nicht, wer diese beiden Jungens in unsere Bewegung geholt hat. Henry Frenay hatte die Juden nachdrück- lich vor der für sie besonders ernsten Gefahr der akti- ven Teilnahme an unserer Organisation gewarnt. Aber ich muß hier Zeugnis ablegen wider die Rassisten, die den physischen Mut der Juden leugnen. Diese beiden jungen Männer hatten sich zweifellos in leidenschaft- licher Begeisterung über Frenays Mahnungen zur Vor- sicht hinweggesetzt und den gleichen Mut bewiesen wie ihre Glaubensgenossen, die ich später kennen- lernte, die beiden Cerf, Ferrieres und Joseph, die ganze Familie Bernard, den Rabbiner David Feuerwerker, die jungen Verbindungsleute Rose Gluck und Taubert und viele andere. Sie gingen so weit, daß sie schließlich bei einem Versuch, die Telefonleitungen der Gestapo zu zerstören, gefaßt wurden. In seinem polternden und doch so herzlichem Ton hielt Renouvin ihnen ihre Unvorsichtigkeit vor. Als ihr Chef hatte er ja alles Recht dazu. Dann berichtete er uns in einem glänzend geführten Gespräch über seine mysti- 42 | schen Erfahrungen in den sieben Monaten Einzelhaft, und die moralische Kraft, die er aus dem täglichen Gebet des Rosenkranzes geschöpft hatte. Dies kam mir gerade bei ihm völlig unerwartet. Die Rückhaltlosig- keit eines solchen öffentlichen Bekenntnisses brachte mich etwas in Verlegenheit. Dahinein platzte der ältere der beiden jüdischen Brüder mit der in un- bezahlbarem Tonfall und der nur Oberprimanern eige- nen Sicherheit vorgetragenen Erklärung„Ich, ich bin Freidenker“. Renouvin verschlug es das Wort. Zunächst gab er, glaube ich, dem jungen Lästerer einen Dämpfer, indem er ihn einen Grünschnabel nannte. Dann ver- suchte er, ernst und ausgiebig zu erklären, daß er früher einen berühmten Freidenker gekannt habe, seinen alten Lehrer. Die Enttäuschung, in die dieser Freidenker jetzt geraten sei, verleide ihm für immer dasFreidenkertum. Das hatte offensichtlich mit der ganzen Frage nichts zu tun, aber Renouvin war ebensowenig Philosoph wie Theologe. Seine Argumente wären diesen beiden Arten von Intellektuellen zweifellos sehr dürftig vorgekom- men. Doch das störte ihn nicht, sie voller Eifer und Überzeugung ins Gefecht zu führen. Sein Gegner aber hielt unerschüttert und eigensinnig an seiner Meinung fest. Das dauerte so lange, bis der Schlaf unseren ambu- lanten Gesprächskreis überwältigte. Die Morgendämmerung fand uns im Bahnhof Saar- brücken. Der Heilige des Tages war ein gewisser Ray- mond Nonnat, ein Bekenner, von dessen Existenz ich, wie ich zu meiner Schande gestehe, bis zu jenem Tag nichts gewußt hatte. Beim Verlassen von Fresnes war es mir gelungen, mein Meßbuch von Don Lefebre zurück- zubekommen. Daraus hatte ich eben gelernt, daß dieser Heilige der sozusagen amtlich bestellte Schirmherr von Häftlingen, Gefangenen und Galeerensklaven war. Man wird es nie genug betonen können, wieviel die Liturgie der römischen Kirche, immer den Umständen angepaßt, 43 dazu beigetragen hat, es einer großen Zahl von uns zu ermöglichen, den Prüfungen standzuhalten, die wir armen Schlucker von Christen zu bestehen hatten. Was uns davon im Lager Neue Bremm unmittelbar bei Saar- brücken erwartete, wohin wirsofortnach Ankunft unter starker Bedeckung zu Fuß gebracht wurden, war alles andere als alltäglich. Man stelle sich zunächst einmal den äußeren Rahmen vor: eine Art Viereck aus trostlosen Baracken, nach einem hundertmal beschriebenen Plan aufgestellt, um ein Wasser-Bassin herum, an dessen Rand wir uns in Reih und Glied aufstellen mußten. Dort beehrte uns zu Beginn ein SS-Mann mit einer kleinen Gelegenheits- ansprache, um uns deutlich vor Augen zu führen, was für ein neues Leben uns erwartete. Er schloß, wie der Dolmetscher wörtlich übersetzte:„Ihr werdet jetzt sehen, wie man diese dreckigen Judenschweine, die schuld am Krieg sind, im Großdeutschland von Adolf Hitler behandelt.“ Dann befahl er die Juden des Trans- ports heraus. Außer unseren beiden kleinen Kamera- den von„Combat“ mußten sich vier oder fünf Un- glückliche während 16 Stunden hintereinander— genau von 6 Uhr morgens bis 10 Uhr abends— ohne Unter- brechung der beschämenden und quälenden Diszipli- narübung des sogenannten Froschhüpfens unterziehen. Sie besteht darin, mit gebeugten Knien und im Nacken verschränkten Händen vorwärtszuhüpfen. Bleischwer fiel die Sonne auf die kahlen Schädel, die der wilde Molotov, der sagenhafte Henkersknecht dieses Höllen- lagers, soeben geschoren hatte. Wenn einer unserer unglücklichen Gefährten nicht mehr weiterkonnte und bewußtlos niederbrach, half ihm ein SS-Mann mit dem Gummiknüppel wieder auf die Beine. Um ihn wieder ganz zu sich zu bringen, warf er ihn dann mit einem Fußtritt in das Wasserbecken, um das sich diese Lust- barkeit abspielte. War dann der Patient wieder vor- 44 schriftsmäßig auf seiner Bahn, wandte sich der Dol- metscher mit süßlicher Stimme an uns Arier. Wir stan- den unbeweglich stillgestanden vor diesem Schauspiel, Gluthitze und Erschöpfung ließen es geradezu gespen- stisch unwirklich werden.„Diejenigen, die Mitleid mit ihnen haben, haben jederzeit das Recht, sich ihnen an- zuschließen“, sagte er. Jacques Renouvin, der Ritter, flüsterte mir mit zusammengebissenen Zähnen zu:„Ich bin entehrt. Ist es nicht meine Pflicht, mich ihnen doch anzuschließen?“„Was würde das nützen“, antwortete ich,„so wie die Dinge gehen, wäre es halt nur einLLeich- nam mehr.“ Tatsächlich, als endlich die Nacht kam, mußten wir die Leiber unserer jüdischen Kameraden auf improvisier- ten Tragbaren in den Block bringen und auf nackte Pritschen niederlegen. Wirwaren überzeugt, daß wenig- stens die beiden Jüngsten nie wieder erwachen würden, so furchtbar schien diese Prüfung über ihre armen Kin- derkräfte gegangen zu sein. Sie waren schon mehrere Stunden aus dem Rennen und der zufriedene SS-Mann hatte sie am Rande des Beckens wie leblos liegenlassen. Wir zitterten vor Zorn und innerer Empörung. Wir stürzten uns auf die Kartoffeln, die wir schweigend, so wie sie waren, verschlangen, ohne den Mut zu haben, sie zu schälen, und dann ließen auch wir uns auf die nackten Bretter fallen, die unser Lager waren. Da hatte Renouvin einen ganz ungewöhnlichen Ge- danken. Um die melancholischen Insassen des Raumes etwas zu beleben, schlug er eine Art Gesellschaftsspiel vor. Es sei wichtig, sagte er, daß jeder, der zu dieser Stunde in der Lage sei, auswendig ein Gedicht nach sei- ner Wahl vollständig aufzusagen, dies tue.„Du willst uns wohl zum besten halten“, knurrte mein Nachbar Janssens, der nicht weniger gebildet war alsalle anderen. Aber Renouvin ließ nicht locker. Um uns in Bewegung 45 zu bringen, begann er selbst, die ersten Verse von„Her- nani“') aufzusagen, die er vollständig auswendig wußte. In diesem Augenblick hatte ich ihn im Verdacht, den extravaganten Vorschlag nur gemacht zu haben, um mit seiner Bildung prunken zu können. Er ging jedoch nicht bis zu Ende, um auch anderen die Gelegenheit zu geben, sich zu zeigen. Williame brachte uns, wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, natür- lich ein Stück von Verhaeren. Dann bekamen wir du Musset und sogar Peguy und— Gott verzeih mir— Paul Geraldy?) vorgesetzt. Wir wurden schon schläfrig, als wir tief in der Nacht aus dem Dunkel heraus eine Stimme hörten:„Aber ich, ich habe auch ein Gedicht aufzusagen“. Wir hatten plötzlich keine Lust mehr, zu schlafen, wir waren sprachlos. Es war die Stimme unseres kleinen Frei- denker-Juden der Nacht vorher, den wir alle schon für tot hielten.„Also“, fuhr er fort,„die Jungfrau Maria in der Mittagstunde von Paul Claudel“. Und er begann langsam, jeden einzelnen Vers deutlich betonend: Des Mittags seh’ ich die Kirche offen, Mich zieht’s hinein. Ich komme, Mutter Jesu Christi, Nicht zum Beten, Ich habe nichts Dir darzubringen Oder zu erflehen. Ich komme nur, oh Mutter, Um Dich anzuschauen, Um Dich zu sehen, zu weinen nur vor Glück, Weil ich es weiß, daß ich Dein Kind bin, Und daß Du da bist! Anmaßend soll man nicht sein. Ich kann deshalb nicht sagen, ob ich eines Tages in den Himmel kommen 1) Tragödie von Victor Hugo. 2) Französischer Liebeslyriker, geb. 1898. 46 icht nen werde, aber ich habe das Gefühl, daß, wenn mir diese größte Gnade gewährt wird, ich dort sicher meinen kleinen Freidenker-Juden mit seinen blauen Augen aus dem Lager Neue Bremm finden werde, der entschlafen ist mit den Worten von Claudel auf den Lippen am Abend des Festes des Heiligen Raymond Nonnat vom Orden unserer Lieben Frau der Mercedarier. VI Die Einführung Zur Zeit, von der hier die Rede ist, war das kleine Sor- tierungslager von Neue Bremm gerade erst in Betrieb genommen worden. Unser Transport war, ich glaube, der zweite, der seine Reize zu würdigen bekam. Wenn ich die Berichte zahlreicher Kameraden in Betracht ziehe, die über Compiegne kamen— ein anderer be- rühmter Transit-Ort für Franzosen, die der Naziord- nung absolut unzugänglich waren—, so waren wir hier wesentlich schlechter dran als in Royallieu. Ohne jeden Übergang in dieses Versuchslager des Regimes hinein- gebracht, sollten wir auf alle Fälle sofort Gelegenheit bekommen, über einen Punkt vollständig beruhigt zu sein: Die Rechtfertigung unserer unüberwindlichen Opposition gegen das System. Die Normen, Gesetze und Regeln, die den Entscheidun- gen der Gestapo zugrunde lagen, sollten uns bis zum Schluß vollkommen undurchsichtig bleiben. Warum sind diese da über Compiegne gekommen, warum jene über Saarbrücken? Kein Mensch wird es je wissen. Des- gleichen waren die Verwendungen in den Lagern, die ursprünglich in mehrere Kategorien eingeteilt waren, (je nach der Schwere der angenommenen Schuld), voll- 47 kommen willkürlich. Diejenigen unserer Kameraden, auf die die fürchterliche Bezeichnung„NN“, Nacht und Nebel, angewandt wurde, fanden sich hie und da ver- streut aus Gründen, die unmöglich zu erkennen waren, auch als der Nazikriegsapparat noch intakt zu sein schien. Später, besonders seit Sommer 1944, wurden die Dinge klarer; offensichtlich geriet die Maschinerie in Unordnung. Daraus folgte eine unbeschreibliche Unordnung, die unser Elend noch vermehrte; aber weil sie das Ende ahnen ließ, stärkte sie uns in gewissem Sinne und ließ uns das Leid eine Stunde, einen Tag, eine Woche länger ertragen. So sind von der Befreiung von Paris bis zur Befreiung unseres Lagers mehr als acht qualvolle Monate verflossen in einem mörderischen Klima, dem Klima des erschöpften Wanderers, der nicht mehr weiterkann und der von jedem Halt erhofft, es sei die endgültige Schlußetappe. Im ganzen waren die- jenigen, die das zweifelhafte„Glück“ gehabt hatten, vor dem großen Zustrom der Schlußzeit hereingekom- men zu sein, besser abgehärtet, als die zuletzt Ge- kommenen und konnten daher die entsetzlichen Prü- fungen, die dem Zusammenbruch vorangingen, besser überstehen. Aber davon waren wir noch weit entfernt in diesem Mittsommer 1943. Wir ahnten es glücklicherweise nicht, sonst hätten wir wahrscheinlich den Mut ver- loren. Gewiß, die Nachrichten aus Sizilien waren ermu- tigend und natürlich klammerten wir uns an die Vorgänge des ersten Weltkrieges:„Die Kapitulation Ita- liens wird die gleichen Folgen haben wie die von Öster- reich 1918”, weissagten die Optimisten. Wir glaubten ihnen nur zu gern. Wir waren alle fast einstimmig der festen Überzeugung, daß die Landung noch vor der schlechten Jahreszeit erfolgen würde. Diese Aussichten ließen uns den Mut behalten. Wir sollten ihn noch dringend nötig haben. 48 den, tund | Ver- aren, sein ırden nerie ‚liche - weil ssem Tag, jung s acht schen nicht ft, es 1 die- atten, kom- t Ge: , Prü- Jesser jesem weise t ver- mu“ 1 die n Ita Oster ubten jg der jr der ichten noch Wir waren zu nicht ganz achtzig von Paris gekommen, sozusagen um Neue Bremm trockenzuwohnen. Dort fanden wir einige hundert junge, zum Skelett abgema- gerte Russen vor. Außer Jacques Renouvin, den Freun- den von Combat, Perrier, Villot, denen von Pau und Montpellier, der im Cherche-Midi aufgelesenen Gruppe Belgier, umfaßte unser Transport ein halbes Dutzend Juden, ebenso viele Kommunisten und endlich drei oder vier Individuen, deren eigenartiges Verhalten uns von Anfang an beschäftigte. Im Gespräch waren ihre Sorgen nicht die unseren. Es war klar, daß sie sich unter uns nicht wohlfühlten. Einer von ihnen, eine zweideu- tige Figur, war mir nicht unbekannt. Mit Schrecken hatte ich ihn beim Verlassen von Paris in der Gruppe gesehen, die auf dem Ostbahnhof zu uns gestoßen war. Als Beamter wegen Vertrauensmißbrauch entlassen und als überführter Raubmörder hatte er die Skandal- chronik meiner kleinen Stadt kurz vor dem Kriege reich- lich mit Stoff versorgt. Deswegen hatten wir, die Wider- standsleute, uns gefreut, als ihn die Deutschen mit der Leitung ihrer„Legion Tricolore” für die ganze Nono')- Zone beauftragten. Ich hatte damals seine Tätigkeit an Renouvin gemeldet, der daraus sofort schloß, daß ein Kirchweihfest(so heißt in der Sprache von Joseph das Anbringen einer angemessenen Menge von Sprengstoff) im Hauptquartier der genannten Legion notwendig sei. Das geschah mit vollem Erfolg. Als der Erpresser mir in der Avenue Foch als einer derjenigen angegeben worden war, die regelmäßig über die Tätigkeit der Feinde des Großdeutschen Reiches berichteten, war ich nicht im geringsten überrascht. Was mich jetzt mehr wunderte, war, diesem Meineidsschädel hier in Neue Bremm zu begegnen. Ausgerechnet ihn hier zu finden hatte ich nicht die allergeringste Lust. Ganz anders war ein junger Bursche mit einem Un- 1) 1940 nicht besetztes Gebiet Frankreichs. 49 schuldsgesicht, den man ohne Beichte zur Kommunion gelassen hätte. Er meinte, sich uns anvertrauen oder vielmehr uns einen verworrenen Bericht auftischen zu müssen, aber schon vor Schluß war klar, daß seine Sache alles andere als sauber war und daß er für die Gestapo durch Denunzieren seiner Landsleute gearbei- tet hatte. Gewissensbisse haben ihn später dann wahr- scheinlich veranlaßt, zu versuchen, der Resistance zu dienen: das Doppelspiel in seiner ganzen Abscheulich- keit. So entdeckten wir eine Seite der uns bevorstehenden Prüfungen, auf die wir am wenigsten vorbereitet waren: das enge Zusammenleben mit Menschen, die von uns unvorstellbar weit entfernt waren. Ich hatte sofort das Gefühl, es handele sich um eine überlegte Maßnahme, die uns demoralisieren sollte. Vielleicht führte die Reaktion darauf genau zum Gegenteil dessen, was die Erfinder immer neuer Qualen erwarteten. Vor dem gemeinsamen oder wieder gemeinsam gewor- denen Gegner, dem wir völlig ausgeliefert waren, hatte ich sehr bald das Empfinden, wir würden in eine von ihm gestellte Falle gehen, wenn wir nicht stillschwei- gend ein gewisses Minimum von Solidarität und ge- meinsamer Abwehr gegen ihn akzeptierten. Die Glatt- stellung etwaiger Rechnungen unter uns würde später erfolgen. Die Erfahrung der einundzwanzig folgenden Monate hat mir oft gezeigt, daß dieser Gedanke nicht ganz abwegig war. Gelegenheiten, Unrecht wieder gut- zumachen, sind auf diese Weise genutzt worden, das muß ich bezeugen. Nach der Heimkehr habe ich es jedes Mal, wenn sich Gelegenheit dazu bot, den Richtern gesagt. Denn vor ihnen mußten viele von denen, die unsere Gefährten in der Hölle gewesen waren, elend enden. Wenn ich vor die Schranken des Gerichts trat, dachte ich immer an den Brauch, daß in gewissen zivi- lisierten Ländern der Henker den zum Strang Ver- 50 union oder en zu seine ir die arbei- wahr- Ice zu ulich- enden yaren: n uns rt das ahme, te die ras die zewor- „hatte 1e von chwei- nd ge Glatt spätel enden 2 nicht er gut 7, das ‚jedes ichte en, die eJend 5 trat, ‚nz 14 ver urteilten begnadigt, wenn er den Strick reißen sieht, ehe der Gehängte gestorben ist. Die Deportierten, von denen ich spreche, gleichen diesen Gehängten, von dem der Tod nichts hat wissen wollen. Er hat sie wirklich lange genug in furchtbarstem Schrecken gehalten, sie haben also wohl Anrecht auf Gnade des Henkers. Diese Gedanken gelten für diejenigen, die versucht haben, ihr Verbrechen durch verdoppelte Hingabe an ihre Kameraden vergessen zu lassen. Doch kommen sie für diejenigen nicht in Frage, die sich, wo immer sie her- gekommen sein mögen, freiwillig, sei es aus Sadismus oder Gewinnsucht, zu Teufelsknechten der Henker gemacht haben. Diese einzigen wirklichen Sklaven in dem höllischen Zirkus waren zu Beginn des Systems ausschließlich aus verurteilten gemeinen Verbrechern zusammen- gesucht worden. Es waren meistens Gestalten, die vom Menschen nur die äußere Erscheinung hatten und denen auch das bescheidenste Leuchten von Mensch- lichkeit ebenso fehlte wie den Vertretern der höheren Rasse, die uns ihnen ausgeliefert hatten. in Neue Bremm wütete ein Kerl, dessen Anblick sofort die Erinnerung an die von Dard£') geschaffene Kolossal- figur des Vorzeitmenschen wachrief, die man oben auf den Felsen von Eyzies?) sieht: dieselbe fliehende Stirn, dieselben tief in den Höhlen liegenden Augen, der gleiche krumme Rücken, die gleichen überlangen Arme, die gleichen riesigen Hände. Diese Hände, die eine ver- hältnismäßig friedliche Tätigkeit am Tage unserer An- kunft gefunden hatten, als sie unsere Köpfe mit der Schermaschine bearbeiteten, sollten sich später weniger 1) Darde, Paul, franz. Bildhauer, geb. 5.7.88 in Olmöt bei Lodeve (Herault), Steinbildhauer-Kolossalfiguren. 2) Les Eyzies, Weiler in der Dordogne, am Zusammenfluß von Vezere und Beune, beherrscht von einer Felsenkette, deren Höhlen durch vorgeschichtliche Funde berühmt geworden sind(Cro-Mag- non, Les Eyzies, usw.). ST harmlosen Beschäftigungen widmen. Eines Tages, als sie auf mein Gesicht einschlugen, riefen sie, ich be- kenne es heute ohne Beschämung, durch ihre Gewalt einen nervösen Tränenstrom hervor, der mich damals allerdings furchtbar demütigte. Die Szene spielte sich im Büro eines SS-Mannes ab, der neben anderen Auf- gaben auch die hatte, uns unter den wilden Augen des genannten Kerls den gesamten Inhalt unseres Gepäcks abliefern zu lassen. Ich hatte versucht, einige Bücher zu retten, hauptsächlich mein Meßbuch, an dem ich wegen all der Andenken, die es enthielt, besonders hing. Seine Fetzen fand ich in der Abortanlage wieder. Andere Filzereien sollten folgen. Um auf Molotoy zurückzukommen(das ist der Name, den man diesem„Neandertaler‘ gegeben hatte, ohne jede Anspielung auf seinen russischen Namens- vetter und wahrscheinlich ganz einfach deswegen, weil es sein bürgerlicher Name war). Ich hatte mich noch nicht von meiner lächerlichen Rührstimmung erholt, als der SS-Mann, der die Aufnahmeformalitäten leitete, mit einem kaum merklichen Lächeln und in tadellosem Französisch sagte:„Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß es einer ihrer polnischen Kameraden ist, der Sie geschlagen hat.“ Er hatte das„polnischen“ betont. Ehe ich Zeit fand, meine Gedanken zu sammeln, fügte er hinzu:„Das wird Ihnen beibringen, für Danzig ster- ben zu wollen.“ Ich war wie betäubt. Am Ausgang des Büros, in dem sich diese Einführungsszene abspielte, traf ich Renou- vin, der vor mir an der Reihe gewesen war. Er hatte die gleichen Aufmerksamkeiten erfahren. „Die sind noch stärker, als ich dachte”, spottete er und zeigte sein Gebiß, ohne die Zähne auseinanderzutun, eine Angewohnheit, die seine Züge fröhlich und zu- gleich sarkastisch erscheinen ließ. Er blieb einen Augen- 52 5, als h be- ewalt amals e sich , Auf- .n des -päcks her zu wegen Seine .ndere \ame, ohne mens- ), weil noch srholt, eitete, Josem ‚ksam, ler Sie ‚fügte gster n dem \enol‘ tte die eI und zutuß, nd ZU blick schweigsam. Der Abdruck von Molotovs riesiger Hand war auf seiner Wange noch zu schen. Dann schloß er kurz und bündig:„Aber das ändert nichts daran, daß sie verloren sind.” Jedesmal, wenn ich in der Folgezeit von polnischen Kameraden eine Brutalität erlebte, und die Gelegenhei- ten dazu haben nicht gefehlt, bezog ich mich immer auf den Vorgang Molotov. Dies hat mir erlaubt, die von den Deportierten verächtlich als„Polacken“ Be- zeichneten mit einer Nachsicht zu würdigen, die ich also der Weltgewandtheit meines SS-Pädagogen von Neue Bremm verdankte. Das Abrichten dauerte nicht lange, aber es war inten- siv. Man hatte uns am Tage unserer Ankunft zu ver- stehen gegeben, daß wir nur auf der Durchreise hier seien und daß wir diesen kurzen Aufenthalt ausnutzen sollten, um uns an die Stürme, die folgen würden, zu gewöhnen. In der Tat, Molotov, der seine Rolle als Polizeihund vollkommen spielte, jagte uns vor Tagesgrauen mit wilden Gummiknüppelschlägen aus dem Block. Dort haben wir die Entdeckung dieses Zusatzgerätes ge- macht, welches nicht nur Molotov ausgiebig anwandte, sondern auch der SS-Mann, an den er uns übergab, so- bald wir unsere wegen des fast völligen Fehlens von Wasser recht schwierige Toilette beendet hatten. Wir trugen noch die Kleidung, die wir am Tage unserer Ver- haftung angehabt hatten und die uns in das Gefängnis begleitet hatte. Hätten wir nicht die kahlgeschorenen Köpfe und diese besondere Begleitung gehabt, so wären wir in den Straßen von Saarbrücken, durch die wir am frühen Morgen in die Grube gingen, für irgendwelche Delinquenten gehalten worden, die in der Nacht vorher bei einer ganz gewöhnlichen Polizeiunternehmung festgenommen worden waren. Einer unserer Kamera- 6) den, ein Spezialist in Publicity-Sachen, machte uns darauf aufmerksam, daß an den Mauern nur Propa- ganda-Plakate für das Regime klebten. Alles andere fehlte. Das war eine von den Kleinigkeiten, die, zusam- mengetragen, in uns die Überzeugung stärkten, daß es sich tatsächlich nur noch um einige Wochen handeln könnte, und zwar im alleräußersten Falle. Ein anderer ermutigender Hinweis: der Anblick des Bahnhofs in Trümmern. Diejenigen, die daran zu zweifeln schienen, daß wir zu Weihnachten zu Hause sein würden, wurden als Defaitisten angesehen. In der Grube waren wir mit Räumungsarbeiten be- schäftigt. Die Angst vor dem Schlimmeren ließ uns die Arbeit nicht unmenschlich erscheinen. Es waren nicht genug SS-Leute da, um die einzelnen Arbeitsgruppen zu überwachen. Sobald der Verantwortliche uns den Rücken kehrte, überanstrengten wir uns nicht unnötig; im Gegenteil: wir diskutierten ins Endlose. In der Ahnungslosigkeit über unsere endgültige Bestimmung äußersten wir tausend Vermutungen. Wir dachten nicht, daß wir am Vorabend einer Trennung standen, die die einzelnen weit auseinanderreißen würden. Es knüpften sich Freundschaften. So war es in dieser Grube von Saarbrücken, wo ich täglich einen belgischen Ka- meraden, Jean Dopchie, traf. Die Erinnerung an ihn ist auf immer in meinem Gedächtnis eingeprägt. Dopchie mußte etwa mit mir gleichaltrig sein. Er lei- tete vor dem Kriege eine Spinnerei in der Umgebung von Antwerpen. Seine Erziehung war die eines Libera- len seines Landes, gebildet an der Universität Brüssel, die bekanntlich einen freigeistigen Unterricht erteilt, der das Gegenstück zu dem ganz religiösen und thomi- stischen von Löwen sein sollte. Ich habe niemals einen erklärten Rationalisten gefunden, der ein solches gei- stiges Leuchten hatte. Er erläuterte die Gründe seiner Ablehnung des Nazismus durch Argumente, die mir 54 sitt viel Bey aus geit des uns Topa- ıdere Isam- aß es deln derer fs in enen, ırden n be- 15 die nicht ıppen s den nötig; n der mung chten nden, >. ES Srube n Ra hn ist ir lei bung jbera rüssel, teilt, homi- einen 55 gel seine! e mil ungenügend schienen, aber ein Zwiegespräch mit einer sittlich so hochstehenden Persönlichkeit tröstete über vieles hinweg. Ich erinnere mich insbesondere an seine Bewunderung für Paul Valery, von dem er lange Stücke auswendig aufsagte, um sie dann mit ansteckender Be- geisterung zu erläutern. Der liebe Dopchie! Einer mehr, dessen verglühte Asche sich mit der so vieler anderer vereint hat. Eswäre doch töricht, ja gegen jede Vernunft, zu meinen, daß ein Opfer wie das seinige kein anderes Ergebnis gehabt hätte, als daß eine Handvoll verglühter Asche in der Luft verstreut wurde. Wenn wir abends ins Lager zurückkamen, mußten wir immer unbeweglich und im Stillgestanden dem Schau- spiel wie am ersten Tage beiwohnen, mit dem einzigen Unterschied, daß es sich auf drei oder vier Stunden beschränkte. Die Opfer waren meistens die jungen Russen, deren Leiden und Klagen uns erschauern lie- ßen, hauptsächlich diejenigen unter uns, die wie Dop- chie und ich Kinder im Alter dieser Unglücklichen hatten. Wenn der SS-Mann, der das Schauspiel leitete, die Schinderei für ausreichend ansah, jagte uns ein pfift in den Block zurück, wohin wir schleunigst rennen mußten. Dort empfing uns der unermüdliche Molotov, der großzügig seine Prügel verteilte und mit seinen kleinen stechenden Augen sehr rasch zu entdecken wußte, wer noch nicht genügend abbekommen hatte. Er hatte es besonders auf einen Belgier abgesehen, einen Verletzten des anderen Krieges, der sein verwun- detes Bein nachzog und gewöhnlich wegen Nachhin- ken in der Bewegung das Doppelte oder Dreifache an Prügeln abbekam. Ich habe mich immer gefragt, durch welches Wunder an Willenskraft unser flämischer Kamerad Turck, behindert wie er war, diese Mißhand- lungen lebendig überstanden hat. Wir hatten eine Woche dieses Dienstes auf dem„Prüf- stand“ hinter uns, als wir eines Morgens erfaßten, daß 55 es etwas Neues geben würde. Nach dem Appell wurden wir in drei verschieden große Gruppen geteilt. Die eine wurde sofort in die Grube geschickt. Es war klar, daß sie dort einige Zeit länger bleiben würde. Sie ging weg, ohne daß wir Zeit gehabt hätten, herzliche Ab- schiedsgrüße zu tauschen. Die andere Gruppe umfaßte hauptsächlich die Belgier und die Freunde von„Com- bat“ mit Renouvin an der Spitze. Die dritte Gruppe bestand nur aus zwei„Stück“— um sich des Wortes zu bedienen, das die Nazis unterschiedslos verwendeten, um die Anzahl von Streichhölzern in einer Schachtel oder Untermenschen in einer bestimmten Gruppe zu kennzeichnen. Jacques Perrier und ich waren diese zwei„Stück“. Wir wurden zu dem SS-Mann geholt, der die franzö- sische Politik und die Leitartikel von Marcel Deat so genau kannte.„Aus Ihren Akten geht nichts Ernst- haftes hervor”, sagte er uns.„Sie werden also beide nach Frankreich zurückkommen. Es ist zwecklos, zu versuchen, während des Transportes zum Bahnhof zu fliehen, da Sie ja bald freigelassen werden.“ Diese Erklärung brachte mich in Verlegenheit. Zunächst war ich nur zur Hälfte beruhigt, denn der scheinheilige Ton des recht verdächtigen Sprechers flößte mir nur ein sehr beschränktes Vertrauen ein. Dann war ich zugleich beschämt und sehr enttäuscht beim Gedanken, Renou- vin und die anderen guten Gefährten hier zu verlassen. Endlich fragte ich mich, mit welchen praktischen Mit- teln ich von nun an in Frankreich selbst die zugleich offene und heimliche Tätigkeit, die ich seit 30 Monaten betrieb, würde fortsetzen können. Aber ich zweifelte nicht daran, daß meine Akten sehr dünn seien, nach- dem mir Renouvin in den vorigen Tagen bestätigt hatte, daß keiner der Freunde von Combat mich ver- pfiffen hätte. Ich war außerdem durch Villot bestens dahingehend unterrichtet worden, daß Jacques Perrier, 56 ıtden eine ‚ daß ging - faßte Jom- uppe es zu eten, chtel je ZU diese anzö- at so 'rnst- beide s, ZU of zu ächst eilige rein Jleich noU- ssen. ‚Mit- jleich naten ifelte nach tätigt | ver stens riet, dessen Schicksal mit meinem verbunden schien, tat- sächlich das war, was man so allgemein einen mittleren Beamten durch und durch nennt. Meine Unsicherheit dauerte nicht lange. Auf dem Bahnhof wurden Perrier und ich in die gleiche Zelle eines Häftlingswaggons geladen, in den die anderen Kameraden uns eben vorausgegangen waren. Diese Gleichheit beseitigte alle meine Skrupel. Aus über- triebener Neugier versuchten wir, nachdem der Zug einige Dutzend Kilometer gefahren war, das obere Gitter zu erreichen, von wo aus ein schmaler Lichtstrahl zu uns kam. An der Stellung der Sonne bemerkten wir, daß es Osten und nicht Westen war, wohin wir uns bewegten. Im Laufe des Nachmittags wurden wir im Bahnhof Ludwigshafen ausgeladen. Der Anblick, den er an die- sem 7. September 1943 bot, war je nach dem Stand- punkt, auf den man sich stellte, entweder bloß einfach erschreckend oder im Gegenteil ziemlich ermutigend. Die zweite Betrachtungsart war es, die wir von Anfang an glaubten anwenden zu müssen. Das also war das Ziel, das in der letzten Nacht die Flugzeuggeschwader angesteuert hatten, die wir über uns hatten brummen hören. Die Leistung schien eine schwer zu beschreibende Maßarbeit. Nicht bloß, daß von dem Bahnhof nur zwei ausgeglühte Mauerstücke übriggeblieben waren, aus denen noch immer Flammen züngelten, sondern in mehreren tausend Metern in der Runde brannten Hunderte von Güterwagen und Maschinen weiter aus. Wir hatten, um in die Eingangshalle zu kommen, zwi- schen einer Doppelreihe von Schupos einen weiten Weg über verbogene Gleise und zerrissene Schwellen durch verstreute Lebensmittel machen müssen. Diese hätten reichlich genügt, unseren Hunger zu stillen, wenn nicht diese Handschellen und die nervösen Schupos gewesen wären. 57 In Ermangelung eines anderen Transportmittels hatte man uns in einem alten offenen Lastwagen durch die Stadt gefahren. Was man sah, sprach alles für ein sorg- fältiges und gelungenes Bombardement. Wir bekamen zwar einige Male drohende Fäuste zugestreckt, aber darauf achteten wir nicht sehr. Denn der Anblick des Grauens und der Erbarmungswürdigkeit, der sich unse- ren Blicken bot, hatte schließlich jede andere Betrach- tung ausgeschaltet. Der Anblick einer Mutter, die in einer Schubkarre die kleine Leiche ihres Kindes aus einem Haufen von Trümmern herausbrachte, ein Greis, der an einer Straßenecke mit lautem Jammergeschrei und Klagen vor den verbrannten Überresten, wahr- scheinlich seiner Ehefrau, niedergebrochen war, so etwas gebietet Schweigen. Wir waren also stumm geworden, als wir in das Gefängnis von Mannheim kamen, wo man uns schließlich hinführte, nachdem wir die Rhein- brücke überschritten hatten. Diese hatten die englischen Bomber nur knapp verfehlt, aber man sah 20 aus- gebombte Lastkähne unbeweglich auf der Seite liegen. Am anderen Morgen hatte sich die Gruppe vom Vor- abend vollzählig in der Halle dieses Mustergefängnisses wiedergefunden. Die bequeme Unterkunft wäre uns in bester Erinnerung geblieben, hätte nicht ein zweiter Angriff der englischen Luftwaffe uns im Laufe der Nacht geweckt und uns unter dem Krachen derBomben den Gefühlen der Hilflosigkeit, der Angst, ja der Panik in der Einsamkeit einer verriegelten Zelle überant- wortet. Im Augenblick der Abfahrt war ein neuer Gefährte zu uns gekommen, kleine Gestalt, rotes Gesicht. Es war ein ehemaliger kommunistischer Abgeordneter aus dem Saarland, liebenswürdig und gesprächig, der uns in einem verständlichen Französisch wertvolle Angaben über das Schicksal machte, das uns erwartete. Durch ihn 58 erfuhren wir, daß es in Deutschland mehrere Arten von Lagern gäbe und daß er selber eben zur Internie- rung in dem Lager Dachau verurteilt worden sei. Er zeigte sich darüber ganz beruhigt. Die letzten Nach- richten, die er über dieses Etablissement erhalten hatte, schienen ihm befriedigend. „Eine Art Sanatorium”, erklärte er. Uns anderen schien dieser Name von Dachau weniger beruhigend. Eine Reportage, die vor dem Kriege, ich weiß nicht mehr in welchem Magazin, erschienen war, hatte es als einen geheimnisvollen und düsteren Ort geschildert. Aber so wie die Dinge nun lagen, wünsch- ten wir nichts besseres, als den Bringern guter Nach- richten zu glauben: Na also gut, Sanatorium! In einem Zellenwagen, in dem wir nur durch ein Wun- der nicht den Erstickungstod gestorben waren, so viele hatte man hineingedrängt, kamen wir am Abend des gleichen Tages in das alte Gefängnis von Heidelberg. Am nächsten Morgen wurden wir in dem Haftraum, in dem wir alle zusammen die Nacht verbracht hatten, durch das Freudengeheul eines unvorsichtigen Wäch- ters geweckt, der jede Zurückhaltung verloren hatte: „Italien hat kapituliert!” Diesmal war ein Zweifel nicht mehr möglich. Wir wür- den zu Weihnachten zu Hause sein; vielleicht sogar schon zu Allerheiligen. Abends führte man uns unter starker Bedeckung durch die Straßen der Stadt(wie schön waren doch die gegen- überliegenden Hügel in dem goldenen Licht dieses aus- klingenden triumphalen Tages] zum Bahnhof, der durch Flüchtlinge aus den Nachbarstädten völlig verstopft war. Unser Häftlingswagen nahm uns auf. Noch am selben Abend kamen wir in Stuttgart an. Aufenthalt in einer Zelle, die mit noch frischem Blut verschmiert war, dann Aufnahme in einem großen schmutzigen schon über- 59 füllten Raum des städtischen Gefängnisses; unange- nehme Nacht: Wanzen in Mund, Ohren und Nase, fürchterlicher Geruch. Am nächsten Abend waren wir im Gefängnis in Ulm, wo wir zwei Nächte verbrachten. Von den Zellenfenstern des Stockwerkes, wo wir unter- gebracht waren, sah man den wunderbaren Turm des alten Münsters. Wir fühlten uns als Touristen bei einer Rundreise der Agentur Cook. Wir hatten Verstärkung bekommen. U. a. war ein Franzose in einer merkwürdi- gen Aufmachung zu uns gestoßen: nur im Hemd, sonst nichts. Er kam aus einem Krankenhaus, wo er am Blind- darm operiert worden war. Sein verschmutzter Verband hätte dringend erneuert werden müssen. Wir fragten ihn, womit er verdient habe, daß er in dieser etwas mangelhaften Ausstaffierung uns zugesellt werde. Er gab ohne weiteres zu, daß er als freiwilliger Arbeiter nach Deutschland gekommen sei und daß er mit ich weiß nicht mehr wem, ich weiß nicht mehr was gehan- delthabe. Von seiner Operation kaum wiederhergestellt, sei er ohne daß man ihm Gelegenheit gab, seine Sachen zu holen, nach Dachau in Marsch gesetzt worden, um dort die drei Monate Zwangsarbeit, zu denen er ver- urteilt worden war, zu verbüßen. Von Ulm wurden wir nach Augsburg transportiert; dort langer, endloser Aufenthalt auf dem Bahnhof. Auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig wurde unter denKlängen von Trommeln und Pfeifen ein deutsches Regiment ver- laden. Hier werden wir voneinander getrennt. Die hohe Gestalt meines unvergleichlichen Freundes Renouvin entfernt sich mit den Gefährten von„Combat“ und der Gruppe der Belgier, Oberst Lavry an der Spitze. Wir umarmen uns wie Brüder. Die Nacht war schon längst über das Land gesunken, als sich von der ursprünglichen Abfahrtsgruppe von Limoges allein Jacques Perrier und ich im reizenden kleinen Gefängnis von Ingolstadt wiederfanden in Be- 60 Inge- Nase, ı Wir hten. nter- 1 des einer kung ürdi- sonst lind- band ıgten .twas je. Er jeiter it ich >han- stellt, chen , um - vel- ‚dort dem ingen tvel- hohe yuvin und ‚Wir nken, , von ;nden in Be gleitung des saarländischen Abgeordneten, des Franzo- sen im Hemd und einiger anderer übler Burschen, diese jedoch bekleidet, die vor uns angekommen waren. In der Zelle von Ingolstadt entsetzt mich des Morgens eine Inschrift an der Wand. Ich reiße die Augen auf: Kein Zweifel, daß heißt wirklich„Vive Petain“, was ich da lese. Das muß wohl zum Spott dastehen, dachte ich sofort. Die Folge sollte diese Auslegung nicht be- stätigen. Das Gefängnis von Ingolstadt glich einer Operetten- bühne. Wir wurden dort zwei Tage festgehalten, die wir mit Holzsägen zubrachten. Die neuen französischen Kameraden schienen von einem anderen Planeten her- abgefallen zu sein. Freiwillige Arbeiter, wie der Ope- rierte von Ulm, schienen sie gar nicht so dringend wie wir zu Weihnachten nach Frankreich zurückkehren zu wollen, ganz im Gegenteil. Es waren meistens rohe Burschen. Die auf lockenden Plakaten der Propaganda- staffel angebotenen hohen Löhne hatten sie herge- zogen. Wegen Unzucht mit einer Jüdin oder einfach, weil sie sich hatten hinreißen lassen, ihre Faust in das Gesicht eines nörgelnden Werkmeisters zu schla- gen, standen auch sie am Vorabend der Beförderung zur Ehre eines Konzentrationärs. Am 15. September, es war schon dunkle Nacht, hielt der alte Zellenwagen, der uns seit Neue Bremm nicht ver- lassen hatte, in einem kleinen Bahnhof, dessen Name wir in der Dunkelheit nicht erkennen konnten. Ein Kleinlastwagen erwartete uns, dazu ein halbes Dutzend SS-Leute. Wir wurden mit dem üblichen Zeremoniell verladen: Faustschläge und wüste Schimpferei. Kurze Zeit später hielten wir vor einem schmiedeeisernen Gitter. Ein Mann in einem zebragestreiften Anzug wie die Zuchthäusler der englischen Witzblätter, aber die Streifen in der anderen Richtung, übernahm uns. Er trug eine gelbe Armbinde. Kaum hatte er unseren saar- 61 ländischen Abgeordneten erblickt, begrüßte er ihn wie einen alten Bekannten: Umarmung und großes gegen- seitiges Klatschen auf den Rücken. So erriet ich, daß wir im Sanatorium angekommen sein mußten. In der Zelle von Ingolstadt hatte mich des Morgens das unschätzbare kleine Büchlein vom Abbe Stock, das ich durch alle Fährnisse hatte retten können, belehrt, daß dieser Tag das Fest unserer Lieben Frau von den sieben Schmerzen sei. vu Das Lager von Dachau Der Zebra-Mensch mit der gelben Armbinde führte un- sere kleine Gruppe in eine Art Halle, die mir im Halb- dunkel, in dem wir verschwanden, einer großen zweck- entfremdeten gedeckten Markthalle zu gleichen schien. Andere Zebra-Männer in tadelloser Aufmachung waren um uns herum, geschäftig bei den Formalitäten der Ein- tragung in das Gefängnisregister. Entkleiden, Haare- schneiden, Cresolpinselei, Durchgang durch die Dusche: der erste Eindruck ist der einer unermeßlichen Ent- blößung. Vorher hatten wir uns von allen Gegenständen trennen müssen, die uns mit unserem früheren Dasein ver- banden,; sie mußten vollzählig einem Zebra-Schnüffler übergeben werden, der ein peinlich genaues Verzeichnis davon anfertigte. Ich hatte gerade noch ein einziges Taschentuch, in das ich rasch einige teuere Erinnerungs- stücke gestopft hatte, seiner Wachsamkeit entziehen können, ein Schatz ohne jeden Geldpreis, Zeuge einer weit zurückliegenden Vergangenheit, in der man noch das Recht gehabt hatte, etwas für sich zu besitzen. So 62 na Ze 1 wie egen- ß wir 1 das 1s ich , daß ieben te un- Halb- weck- chien. waren ı Ein- Jaare- usche: , Ent onnen n ver üffler ichnis nziges rungs jehen eine! 1 no en. 50 rettete ich wertvolle Fotos und mein„Manuel du pri- sonnier“(Gebetbuch des Gefangenen), von dem ich mich um keinen Preis trennen wollte. Nackt wie die Würmer und noch tropfnaß hatte man uns durch endlose Gänge in einen anderen Raum ge- führt, wo man uns unvorstellbare Kleidungsstücke, die vonirgendeinem verrücktgewordenen Trödlerkommen konnten, vor die Füße warf mit der Aufforderung— und zwar immer mit dem ewigen: Los, los!—, sie uns in aller Geschwindigkeit überzuziehen. Dieses Mal folgt den Gefühlen der vollständigen Entblößung das einer unbestimmbaren Resignation gegenüber einer völlig unerwarteten Verrücktheit: Der König Ubu, illustriert von Dubout. Auch wenn ich hundert Jahre alt werden sollte und mir von meinem Eintritt in dieses Lager nur ein Bild im Gedächtnis bleiben sollte, würde es unter hundert anderen die Silhouette dieses kleinen Franzosen, eines freiwilligen Arbeiters in Deutschland, sein.(Wegen seiner Kiefernpartie nannte man ihn Fer- nandel.) Ich sehe ihn behängt mit einem weiten schwar- zen Rock mit Seidenaufschlägen, der ihm bis über die Fersen herunterfiel, an den Füßen russische Socken und auf dem Schädel einen italienischen Bersaglieri-Hut, der auf den weitausladenden Fächerohren seines Trä- gers ruhte. Mühsam unsere Holzpantinen schleppend, das email- lierte Kochgeschirr und den üblichen Holzlöffel in der Hand, unterm Arm eine grobe Decke, hielten wir un- seren wenig triumphalen Einzug in den Quarantäne- Block, damals Block Nr. ı5. Chef davon war ein viel- sprachiger Armenier, der hart zuschlug, laut brüllte und alle Franzosen als Syphilitiker beschimpfte. Unsere kleine Gruppe wurde auf zwei von den vier Stuben aufgeteilt, die im ganzen eine Baracke ausmachten. Die zweite Stube, in welcher der saarländische Abge- ordnete, Fernandel, Perrier und ich untergebracht wur- 63 den, unterstand einem winzig kleinen Häftling mit lebhaften Farben im Gesicht und kräftiger Stimme, der uns in Unterhosen empfing und zunächst aus einem Eimer den Rest einer kalt gewordenen Gerstenbrühe verteilte. Wir waren nach dem Abendappell angekom- men und sollten deshalb unsere Verpflegung erst vom morgigen Tage an erhalten. Alle lagen schon. Nach- dem wir uns entkleidet und unsere Fastnachtsaufma- chung in einem Kasten, den der Zimmerchef uns anwies, aufgehängt hatten, kamen wir in einen übel- riechenden Raum, wo wir von den erstaunlichsten Miß- klängen empfangen wurden: eine völlig verwirrende babylonische Unterhaltung, eine unvorstellbare Katzen- musik. Dank des energischen Eingreifens unseres Pa- trons fanden wir schließlich einen Platz auf einem harten Strohsack zwischen Nachbarn, deren Verwün- schungen uns gleichgültig ließen, denn wir verstanden sie nicht. Für mich stellte ich am nächsten Morgenin der Abortanlage fest, daß ich zwischen einem Klosterbruder aus Mähren und einem jähzornigen jungen Russen ge- schlafen hatte, der Tätowierungen zur Schau trug, die für jeden, der das kyrillische Alphabet nicht kannte, unlesbar waren. —„Ruhe!“— Die Stentorstimme unseres winzigen Haushofmeisters zwang diesem betäubenden Jahrmarkt Schweigen auf. Die einzige Lampe, die ihr sparsames Licht über die merkwürdige Versammlung warf, war erloschen. Die Stunde der Sammlung, der Betrachtung war gekommen. Wenn man alles richtig ansah, war viel mehr als die materielle Not und die Entblößung im Augenblick das Gefühl einer unbeschreiblichen Einsamkeit vorherr- schend, einer vollständigen Heimatlosigkeit. Ich weiß nicht, warum ich mir eingebildet habe, daß es das Lager Dachau sein würde, wo ich meine Kameraden der Widerstandsbewegung notwendig wiederfinden würde, 64 g mit 1e, der einem brühe ekom- t vom Nach- ufma- f uns ‚ übel- ıMiß- rrende atzen- res Pa- einem wün- anden ‚in der bruder sen gE- ug, die ‚annte, eistelS on auf. her die n. Die mmeN. als die ick das orbeit h weiß s Lage! en dei würde, von denen ich seit Monaten ohne Nachricht war. Das Lager war doch der Ort des Zusammentreffens aller Feinde des Nazismus, die kennenzulernen man also die Freude und die Ehre haben würde. Und da entdeckte ich zu Anfang das, woran ich infolge einer lächerlichen Vergeßlichkeit nicht gedacht hatte: Ich war in einem fremden Land, dessen Sprache ich überhaupt nicht ver- stand. Außer dem guten Jacques Perrier waren die einzigen Landsleute, die ich bisher getroffen habe, von meinen Besorgnissen und meinen Hoffnungen soweit wie über- haupt möglich entfernt. Daß sie aus einem anderen Milieu, aus einer anderen geistigen Haltung stammten, das war nicht störend. Gott sei es gedankt, daß die Equipes Sociales(soziale Gruppen) mich die Wohltat der Kontaktmöglichkeiten gelehrt hatten, und tatsäch- lich sollten sie mir einen unschätzbaren Dienst leisten, indem ich sehr schnell mit beiden Füßen in das Ver- trauen und dann zur Freundschaft mit der Mehrzahl dieser angeblich üblen Burschen gelangte. Eine gewisse Frist allerdings und die Überwindung einiger Hinder- nisse sollten notwendig sein, um dieses erste Ziel zu erreichen. So ist das Annehmen einer leichteren, aber unvorhergesehenen Widerwärtigkeit schwieriger als das Sichfügen in eine große Prüfung, die man auf festem Standort seit langem erwartet. Das Lager Dachau befand sich in diesem Ende des Som- mers 1943 in einer Übergangsphase. Ohne das vom saar- ländischen Abgeordneten angekündigte Sanatorium zu sein— das war es gewiß nicht— war es nicht mehr die Stadt des Schreckens der vorhergehenden Jahre— war es das noch nicht wieder. Darin unterschied es sich zum Beispiel von Neuengamme, Auschwitz, Bergen-Belsen oder Mauthausen, in denen der Schrecken bis zum Schluß immer gleich blieb. Dachau, dieses St. Johannes vom Lateran, diese Mutterkirche aller Konzentrations- 65 lager, war kurz vor unserer Ankunft der Schauplatz von Rechnungsglattstellungen gewesen. In der Folge von ich weiß nicht welchen Umständen hatten die öster- reichischen Monarchisten die Stellen an den Kom- mandoposten eingenommen, die seit Anbeginn die deutschen Kommunisten besetzt gehalten hatten. All das hat sich nicht ohne Blutvergießen abgespielt. Oft genug zeigten in den Winterwochen 1943/44 die Alten mit dem Finger auf diesen oder jenen Kameraden, der mit einem Posten versorgt war. Man nahm an, daß ihm die aktive Teilnahme an den Reinigungsarbeiten dies eingebracht hatte. Auf alle Fälle scheint es, daß Dachau damals für einige Zeit der Ort war, wohin man die Fest- genommenen brachte, deren Fall noch in Untersuchung stand, die man als verdächtig ansah, gegen die man aber nicht mehr als eine Vermutung hatte. Daher bekamen einige Deportierte bis zur Invasion im Juni 1944 Pakete von ihren Familien, auch durften zwei Briefe im Monat geschrieben und empfangen werden. Schließlich kamen die weniger schweren Verbrecher, die zu 14 Tagen oder einem Monat Zwangsarbeit verurteilt waren, in den Quarantäne-Block, den sie nicht verlassen durften, um nicht mit den anderen Sträflingen in Berührung zu kommen. Bis auf diese Einzelheiten, die allerdings wichtig waren, war das Regime das gleiche wie überall in der Welt der Konzentrationslager. In mehr als einem Dutzend gülti- ger Bücher ist den Franzosen Geschichte und Geogra- phie dieser Welt dargestellt worden. Keine der Schilde- rungen von David Rousset, Robert Antelme, Martin Chauffier— um nur von diesen drei Zeugen zu spre- chen, die in völlig verschiedenem Stil, aber aus gleichen Erfahrungen ihre Beschreibung gaben— ist so, daß man sagen könnte, sie gebe nicht die Wahrheit wieder. Weil ich selber Opfer oder Zeuge von Szenen gewesen bin ähnlich denen, die sie darstellen, oder weil ein Kamerad 66 gese wo fäls hier Rön trau sche Eini Pfar ZWe (die die ul bis, Die maı Wer Na Wü atz von ge von > öster- ı Kom- nn die en. All elt. Oft e Alten len, der laß ihm en dies Dachau Jie Fest- suchung an aber ekamen N Pakete ı Monat | kamen en oder in den ten, UM rung zu g warel, welt det nd gülti Geogld ‚Schilde MartiD zu spe gleiche® daß mat let. W eil esen bin Kameld mir berichtete, daß er selber eine entsprechende Episode gesehen oder erlebt habe, und das zu einem Zeitpunkt, wo keine Veranlassung bestand, die Tatsache zu ver- fälschen, fühle ich mich berechtigt und verpflichtet, hier zu erklären, daß diese Verfasser, jeder nach seinem Können, nichts anderes getan haben, als traurig eine traurige Wahrheit darzustellen. Eine solche Erklärung scheint mir heute nötig. Einige der Alten von Dachau, die lothringischen Pfarrer vom Block 26, die polnischen vom Block 28 und zwei französische Kameraden, Marcel G. und Nicolas S. (dieser seit 1939 in Dachau) haben mich allmählich über die früheren Jahre des Lagers unterrichtet, in dem ich 21 Monate verbringen sollte, vom 15. September 1943 bis zum 27. Mai 1945. Dachau hatte, wie alle anderen Lager, seine Außenkom- mandos. Auf seine Rechnung wurden davon mehr als hundert in ganz Bayern und bis nach Württemberg hin- ein betrieben. Eine der grundlegenden Tatsachen der Konzentrationslagerwelt, die man nie aus dem Auge verlieren darf, ist die ständige Unsicherheit der Ver- wendung, die Unsicherheit über sein Schicksal, in der man immer war. Man wußte niemals, ob man abends an der Stelle, die man morgens verlassen hatte, schlafen würde. Auf Grund eines Befehls aus Berlin konnte man Knall und Fall in das düstere Gehege vor dem Krema- toriumsbau kommen, um durch einen Nackenschuß umgelegt oder am Galgen aufgehängt zu werden, ehe es in den Ofen ging. Eine Anzeige wegen Geheim- bündelei im Lager konnte sehr schnell dazu führen, es sei denn, man wurde einem der Außenarbeitskomman- dos zugeteilt, die Vernichtungskommandos genannt wurden. Diese Kennzeichnung traf in drei von vier Fällen zu. Im Inneren des Lagers von Dachau waren die Kom- 67 mandos, wie anderswo auch, sehr verschieden. Es gab aristokratische darunter: das Büro für die Leitung der Arbeiten, die politische Abteilung, wo die politischen Akten aufbewahrt wurden, und dann natürlich die Küche, wo nur der vornehmste Adel mit mehrfacher Ahnenreihe Zutritt hatte und sich durch Kooptierung wie im Jockey-Klub aus den Reihen der ältesten Häftlinge ergänzte. Über die Organisation dieser ge- schlossenen, auf sich selbst zurückgeworfenen Welt, über ihre eigenen Gesetze, die in vielen Fällen mit denen der kapitalistischen Welt, in anderen mit denen der kommunistischen Staatsordnung identisch waren, ist schon alles gesagt worden. Was wir von dieser letz- ten zu wissen glauben, legt die Annahme nahe, daß die der Lager mit ihrer stumpfsinnigen Bürokratie, ihrer eisernen Disziplin und ihrem Mangel an jeder Phan- tasie nach diesem Modell aufgebaut waren. Die enge Verwandtschaft unter den totalitären Herrschaftsarten ist uns in ihrer ganzen Grauenhaftigkeit klargeworden durch die geradezu beängstigende Leichtigkeit, mit der allzuoft unsere kommunistischen Kameraden sich dieser erstickenden Lebensart anpaßten, die uns auferlegt worden war. Was die Überreste aus dem alten Kapita- lismus betrifft, den heute jeder verurteilt, weil er das Gesetz des Dschungels ist, so waren wir davon bedient. Die Schwächeren wurden unerbittlich zermalmt. Die sozialen Klassen mit ihrer Hierarchie von Kapos, Hilfs- kapos, Vorarbeitern, vornehmen Kommandos, weniger vornehmen und erbärmlichen Kommandos hatten sich wieder gebildet. Der Dünkel dieser neuen Herren ließ wahrscheinlich den Dünkel, den man den echten frühe- ren ankreidet, weit hinter sich. In Wirklichkeit türmten wir die Laster der beiden Systeme— eines wie das an- andere unmenschlich— aufeinander. Es ist nicht aus Sorge um die gleichmäßige Verteilung, daß ich diese Feststellung treffe. Welcher von meinen deportierten 68 Es gab ıng der tischen ich die ‚tfacher tierung iltesten ser ge- ı Welt, [en mit t denen waren, ser letz- daß die e, ihrer r Phan- ie enge ‚ftsarten ‚worden mit der ch dieser uferlegt ‚ Rapite ‚ler das bedient. Imt. Die 35, Hills wenige! tten sich rren Jie N frühe türmteD > das a0 icht aus ich dies ortierte® Kameraden hat sie nicht in einem Augenblick leiden- schaftsloser Betrachtung selbst einmal gemacht? Unterhalb der schon genannten aristokratischen Kom- mandos der Mächtigen gab es solche, die fast ebenso angesehen waren: die Kommandos zum Beispiel der Plantage, wo versucht wurde, Heilpflanzen für eine pharmazeutische Gesellschaft, deren Hauptaktionär Goebbels war, zur Reife zu bringen oder die Komman- dos in der Porzellanfabrik oder in den Werkstätten von Messerschmitt oder BMW. Ganz unten auf der sozialen Leiter waren die Lumpensammler, die Unterwelt der Pechvögel, der Nichtbeachteten(oder im Gegenteil: der allzusehr Beachteten), die unglücklichen Häftlinge der Erdarbeiten, die eine Stunde vor dem Wecken abrück- ten und eine Stunde nach dem Antreten abends zurück- kehrten, eine jammervolle Herde, die jeder Beschrei- bung spottete, so groß war das Elend. Man erinnerte sich unwillkürlich an die Beschreibungen der realisti- schen Schriftsteller vom Ende des letzten Jahrhunderts. Hier war man weit über das hinaus, was Zola und die anderen hatten schildern können. Nie wird in meinem Gedächtnis das Bild dieses verzweifelten Elends ver- löschen. Nie werde ich die Vision dieser bei sinkender Nacht zurückkehrenden Kameraden vergessen. Sie gehen Arm in Arm, ein Geste brüderlicher Solidarität, um den Hauch des Lebens, der dem Nachbarn noch ge- blieben ist, besser zu verspüren. Die Hunde bellen die Zurückbleibenden an und beißen sie in die fleischlosen Beine, und die SS-Leute, diese Hunde mit Verstand, lassen Hagelschauer von Faustschlägen niedergehen und auf die zitternden Schultern die verbissene Wut ihrer Gummiknüppel. Endlich, noch tiefer unten die Zigeuner, die Lahmen, die für die medizinische Experimentierstation Vorge- sehenen, dieser düstere Block V des Reviers, vor dem wir, so abgebrüht wie wir auch waren, beim Vorbei- 69 gehen immer die Stimme senkten, wenigstens so lange, als das Lager im inneren Aufbau der heroischen Zeit sein drückendes Klima des stummen Terrors bei- behielt. Es ist verständlich, daß ich mich der ersten Tage meiner Lehrlingszeit, meines Deportierten-Noviziates sozu- sagen, bis ins einzelne genau erinnere. Wenn mein liebster Gefährte dieser schweren Stunden, mein un- zertrennlicher Jacques Perrier nicht mehr da ist, um mein Gedächtnis aufzufrischen, so bleiben mir doch einige von Tag zu Tag gemachte Aufzeichnungen, die wunderbarerweise erhalten geblieben sind. Man muß das Leben eines Konzentrationärs gelebt haben, um be- urteilen zu können, was das bedeutet. Es sind auch erhalten geblieben die Briefe, die meine jungen, fran- zösischen Kameraden von Block ı5 als Arbeiter in Deutschland tapfer meiner Frau geschrieben haben, so- bald sie nach Abbüßung ihrer Strafzeit ihre Arbeits- stellen in den Fabriken wieder bezogen hatten. Unser Novizenmeister, der deutsche Willy Bader, der kleine Chef der Stube Zwei, der uns am Abend unseres Eintreffens in Empfang genommen hatte, war eine außerordentliche Persönlichkeit; im ganzen Lager ge- noß er Ansehen, und, was in solcher Umgebung ja ganz ungewöhnlich ist, eine unbestrittene Hoch- achtung. Es ist bekannt, daß die Technik der Nazis darin bestand, die innere Verwaltung der Lager den Deportierten selbst anzuvertrauen. Letzten Endes war es der Zweck von Anfang an, nicht nur bewußt die ge- meinen Verbrecher mit den aus politischen Gründen Verurteilten zu vermischen, sondern die letzteren, häu- fig Gegner auf Leben und Tod, in einem Arbeitsgang durchzukneten. Es ist leicht vorstellbar, welche mensch- lichen Qualitäten Willy, der alte kommunistische Kämpfer, gehabt haben muß, um sich mit seiner fast 70 lange, n Zeit '$ bei- meiner SOZU- | mein in un- st, um r doch en, die n muß um be- d auch ,, fran- iter in en, SO’ \rbeits- ler, der ınsere$ jr eine ger ge ung ja Hoch- - Nazis el den les wal die ge ründen n, hät‘ jtsgans mensch’ istisch® net fast lächerlich wirkenden Figur— er war nicht einmal 1,40 Meter groß— in einem solchen Pandämonium durchzusetzen. Er hatte die Matrikel-Nummer 9, die für sich allein schon einen nicht nur auf die Vergangen- heit begründeten Schrecken verbreitete, sondern einen stummen Respekt. Mehr als zehn Jahre schon lebte er indieser Zuchthauswelt; erhatte die ersten Grundsteine in die Sümpfe gelegt, getränkt vom Schweiß und vom Blut der ersten Opfer Hitlers, der alten Sozialdemo- kraten, der bayerischen Monarchisten, der Überläufer zu Röhm, von seinen kommunistischen Kameraden und den ungezählten Juden ganz zu schweigen. Ein Überlebender des Unvorstellbaren, stand er vor uns wie Lazarus, der dem Grabe entstiegen ist. Für immer trug er in seinen kleinen träumerischen Augen die er- schreckende Vision des Unbeschreiblichen. Meine ungenügenden deutschen Sprachkenntnisse haben mir nicht erlaubt, in vertrauten Kontakt mit den alten Deportierten zu kommen, die keine andere Aus- drucksmöglichkeit hatten, als diese offizielle Lager- sprache. Ich hätte mich gerne mit Willy besser ausge- sprochen als ich es tat. Das war jedoch sehr schwierig, da sein Französisch ungefähr auf der Höhe meines Deutsch stand. Wir waren also darauf beschränkt, die Hilfe eines Dolmetschers in Anspruch zu nehmen, um unsere Ge- danken über wesentliche Sachen auszutauschen. Aber stillschweigend fühlten wir uns immer in Überein- stimmung, weil Willy sich über alles, was er auch durch- gemacht haben mochte, hinweg ein wunderbares Licht der Menschlichkeit bewahrt hatte. Der Typhus, der im Januar 1945 das Lager heimsuchte, sollte auch seine Energie brechen. Wie manche andere Veteranen, die so lange die Stunde der glücklichen Befreiung erwartet hatten, ist auch er nur wenige Tage vorher gegen Ende seines zwölften Deportationswinters verstorben. Im Chaos der letzten Wochen hatten wir zı uns aus dem Auge verloren. Als ich ihn im Kranken- revier wiederfand, lag er fieberschlotternd auf seinem besudelten Strohsack, er, der immer so reinlich war. Wie alle Überlebenden der schlimmsten Monate, wenn sie sich vom Tode, ihrem ständigen Gefährten, bedroht fühlten, quälte ihn die hilflose Angst, der Tod habe nur deswegen so lange gewartet, um ihn im letzten Augenblick zu fassen. Ich fragte ihn, ob irgendeine Süßigkeit ihm Freude machen könnte, da die Franzosen soeben eine Sendung von ihrem Roten Kreuz bekom- men hatten.„Wenn es dir recht ist“, antwortete er, „gib mir eine Tasse Schokolade. Es sind schon zwölf Jahre, daß ich Lust darauf habe.“ Ich ging zu Arthur, dem Pfleger, um sie ihm zurechtzu- machen, und legte in dieses bescheidene Tun die ganze Dankbarkeit, die ich für diesen deutschen Gefährten empfand, der uns Franzosen so sehr viel geholfen hatte. Doch als ich zu ihm zurückkam, erkannte er mich schon nicht mehr. Willy hatte gleich zu Anfang die Dinge so gesteuert, daß ich in den Tagen, die meiner Ankunft in Dachau folgten, die Gruppen der Kameraden finden konnte, die mich in Obhut nahmen und es fertig brachten, mich mehr als 20 Monate lang vor jedem Transport zu Außenkommandos zu schützen. Menschlich gesprochen habe ich es zu allererst Willy zu verdanken, daß ich noch am Leben bin. Obwohl es den Deportierten der Quarantäneblocks ver- boten war, den engen Gang, der ihre einzige Bewegungs- möglichkeit war, zu verlassen, ergab es sich, daß Willy an einem der ersten Tage nach unserem Eintreffen Leute zum Arbeitseinsatz verlangte. Es handelte sich darum, das Gelände zwischen dem Kanal und dem äußeren Zaun, durch den nachts der Hochspannungs- strom ging, zu säubern. Einige von uns waren sehr be- gierig, die Topographie des Ortes kennenzulernen, den 72 EEE ea le ER a RR 7 ınken- einem 1 war. wenn droht | habe etzten deine zosen ekom- ste eI, zwölf chtzu- ganze ihrten hatte. schon wir in der Dunkelheit am Abend unserer Ankunft nicht hatten sehen können, und wenn möglich auch Franzosen zu begegnen, die über die Dinge draußen besser Bescheid wußten als unsere jungen Kameraden. Willy teilte mich zu dieser glückverheißenden Unter- nehmung ein. Unsere Sympathien hatten sich vom ersten Tage an getroffen, er hatte sich vergewissert, daß wir, Perrier und ich, direkt aus Frankreich kamen, und die Kameraden der politischen Abteilung nannten ihm„Gaullismus“ als Grund unserer Verhaftung. Wir brauchten uns also nicht den freiwilligen Ar- beitern in Deutschland anzugleichen. Ich erriet, daß er mich dem Wohlwollen des Kapos empfahl, der die Arbeitsgruppe führte. Dieser war ein Häftling wie wir, von großer Gestalt, mit einer Brille in einem guten run- den Gesicht, das einen gutmütigen und sympathischen Eindruck machte. Perrier begleitete mich ebenso wie Fernandel in seinem Bismarckrock, und junge Russen, die uns nicht mehr von der Seite wichen, seit wir ihnen mit großzügiger Geste die Markbeträge überlassen hatten, die wir am Abend zuvor als Gegenwert für den Inhalt unserer Brieftaschen erhalten hatten. Damals gab es noch einige verwaltungsmäßige Feierlichkeiten dieser Art, die der allgemeinen Täuschung dienten. Der Kapo verteilte seine Männer auf die Arbeitsplätze, sobald wir den großen Appellplatz überschritten hatten. So sahen wir zum erstenmal das Zentralgebäude, auf dessen Dach in riesigen, gotischen Lettern einige der allgemeinen Schlagworte standen, deren Geheimnis die totalitären Regime haben und mit denen sie ihre Ge- folgschaft füttern. Als er die Russen entfernt hatte, kam er zu uns und teilte uns zunächst in vertraulichem Ton mit, daß er ein Pfarrer aus Lothringen sei. Dann gab er uns in unserem eigenen Interesse, wie er sagte, eine Reihe von Ratschlägen. Er hatte einen Grundsatz: 73 „Der schlimmste Feind des Deportierten ist der Depor- tierte selbst.” Dann folgte eine Mahnung, wir sollten uns gut halten, sta wenn wir nicht weiterhin den französischen Namen Na mit Schande bedecken wollten. Er urteilte streng über ll unsere Landsleute, die, wie er sagte, ihr Land mitten ber unter diesen aus ganz Europa versammelten Völkern Na entehrten. zu Er sprach mit leichtem lothringischen Akzent. Perrier, ste mißtrauisch von Natur aus, hielt ihn beinahe für ich Sic weiß nicht was für einen Spitzel. we Wir kauerten uns unter den Zaun und rissen Unkraut fra aus. Im Anblick der Tafeln mit dem Totenkopf und den il gekreuzten Knochen, die unseren ganzen Weg beglei- erl teten, fragten wir uns in unserer Ahnungslosigkeit über nu das Schicksal, das uns bestimmt war, obderSS-Mann, der sch dort herumging, nicht plötzlich den Schalter umdrehen Sc undunsdie Hochspannungin denLeib jagen würde. ich Ich sehe noch immer diese groteske Szene, die mein te Schicksal in Dachau entscheiden sollte. Zweifellos Ar schlug dieser stattliche Kapo mit dem deutschen Akzent if Perrier und mich zunächst einmal mit allen Franzosen, u die vorher dagewesen waren, über einen Leisten. Es hu half nichts: ich mochte ihm, da erja behauptete lothrin- St gischer Pfarrer zu sein, sooft ich wollte wiederholen, be daß ich seinen Bischof kenne; ich mochte immer mehr n Einzelangaben machen und ihm schildern, unter wel- ii chen Umständen ich den genannten Bischof wenige sc Tage vor meiner Verhaftung getroffen hatte. Ich machte d alles nur noch schlimmer: er hielt mich für einen An- 0 geber. R Es brachte mich in Wut, daß ich meine Glaubwürdigkeit h nicht beweisen konnte. Je mehr ich mich bemühte, h meine früheren Tätigkeiten erkennen zu lassen und N meine religiöse Einstellung, um so weniger schien mir| der Kapo glauben zu wollen. Im Gegenteil; er zeigte R 74 Jepor- alten, lamen 9, über nitten ölkern erTier, für ich akraut nd den beglei- it über nn, der Irehen le. mein ifellos Akzent \zosen, ten. ES othrin- holen, 1 mehr er wel. wenige machte sich widerstrebend. Dieser mißtrauische Lothringer machte den Eindruck, von der französischen Wider- standsbewegung überhaupt nichts zu wissen, außer dem Namen ihres Chefs De Gaulle. Er hatte nie etwas von „Temoignage Chretien“, der katholischen Arbeiter- bewegung gehört. Nach Beendigung der Arbeit kehrten wirin denBlock ı5 zurück. In der Stube warteten die zuletzt Gekommenen stehend die Stunde des Appells ab, der kein Ende nahm: Sich nicht einmal auf den nassen Boden legen können, wenn man nicht mehr kann... Jemand kam und fragte Willy nach mir. Es war ein anderer Pfarrer, ein Elsässer diesmal, der mit unschuldigstem Gesicht sich erkundigte, welches Vertrauen man meinen Äuße- rungen vom Nachmittag entgegenbringen könne. Er schob mir wie einem verschämten Bettler ein Portion Schwarzbrot und Margarine in die Hand. Perrier und ich verschlangen das ganze schleunigst und ohne wei- tere Förmlichkeit. Am nächsten Morgen standen wir nach dem Appell noch in Reih und Glied— der SS-Mann hatte sich ge- trade umgedreht—, als ein schimpfender, dicklicher, zer- lumpter Mann zu uns kam. Er verlangte mit lauter Stimme von Willy, ihm diesen Neuen vorzustellen, der behauptet habe, den Bischof von Metz zu kennen. So machte ich in weniger als 24 Stunden die Bekanntschaft eines dritten Pfarrers, der einen noch stärkeren deut- schen Akzent hatte als die vorhergehenden. Die an- deren hatten ihren Namen nicht genannt. Er teilte ihn ohne jedes Zeremoniell mit. Er hieß Goldschmidt, Pfar- rer von Rech-Saralbe. Bei der gleichen Gelegenheit nannte er mir den Namen des ungläubigen Kapos. Es handelte sich um Leo Fabing, Pfarrer von Fossieux-en Moselle. Der erste Teil der Bewährungsproben sollte zu Ende gehen, aber davon hatte ich noch keine Ahnung. 19 Wenn ich mir die Entdeckung von Ingolstadt, diese vichy-freundlichen Kritzeleien auf den Mauern des Ge- fängnisses, vergegenwärtige und meine ersten Stunden in Dachau, so verstehe ich besser als damals, was die größte Belastung für Perrier und mich war: die geistige Heimatlosigkeit und Desorientierung, die für uns zu den allgemeinen Belastungen hinzukamen. Die Stube Zwei, der wir zugeteilt worden waren, be- stand aus jungen freiwilligen Arbeitern in Deutschland, die der Sabotage in ihren Werken oder irgendeines gemeinen Verbrechens angeklagt waren, Tschechen, Ukrainer der Wlassov-Armee, Polen, Belgier, ohne unsere Franzosen in Rechnung zu stellen, mit denen es, das spürten wir, sehr schwierig sein würde, auch nur den geringsten Kontakt zu bekommen. Perrier und ich waren ebenso gesprächig, die Gründe unserer Verhaftung darzulegen, wie sie sich zurück- haltend zeigten, den Schleier von dem wegzunehmen, was sie hierhergebracht hatte. Über die Gefahr, die wir dabei liefen, gaben wir uns damals natürlich keine Rechenschaft. Wir konnten ihnen nicht die geringste Einzelheit ihres früheren Lebens entlocken. Daß wir ihre Heimatgegenden aus ihrem Tonfall feststellen konnten, war alles. Es tröstete uns doch etwas, als wir entdeckten, daß einige Hartgesottene aus Belle de Mai, dem verrufenen Viertel von Marseille, da waren, Ch’timis') von Rubaix, Taugenichtse aus Villeurbanne?) und stämmige Kerle aus Epinettes?) oder Belleville?). Wir hatten sie vielleicht unabsichtlich vor den Kopf ge- stoßen, als wir zu erkennen gaben, was wir darüber dachten, daß sie dem Ruf der Propagandastaffel gefolgt waren, indem wir ihnen das Kriegsgericht in Aussicht stellten, wenn sie nach Frankreich zurückkämen. Das !) Ausdruck für Nordfranzosen. 2) Stadtteil von Lyon. 3) Stadtteil von Paris. 76 liese ‚Ge- den ; die stige 5 zu ‚ be- and, :ines "hen, ohne enen nur inde rück- men, e wit eine ngste , wit ellen S wit Mai, aren, ne’) ‚Wir f ge rüber folgt ssicht ‚Ds wenigste, was man sagen kann, ist die Feststellung, daß dadurch die gegenseitige Verständigung nicht erleichtert wurde. Wir überzeugten uns allerdings bald, daß diese Haltung unvernünftig war. Sie vermehrte unsere Schwierigkeiten und enthielt außerdem eine gewisse Ungerechtigkeit unsererseits. Die Dinge lagen für diese jungen Leute und auch sogar für manche anderen sehr viel weniger einfach, als man hätte glauben können. Eines Tages, als ich in einem ruhigen Augenblick heimlich in dem unschätzbaren Manuel du Prisonnier las— Willy hatte mich darauf aufmerksam gemacht, daß ich ihn in Schwierigkeiten bringen würde, wenn ein SS-Mann dieses Büchlein bei mir fände—, beugte sich einer der jungen Kameraden, Raymond B., über meine Schulter und bat mich schüch- tern, es ihm zu leihen. Erstaunt über das Interesse, das er an dieser Lektüre zu haben schien, fragte ich ihn, was ihn hierher gebracht hätte. Seine Mitteilungen erschütterten mich. Er kam aus der ländlichen Gegend von Ancenis. Seine Mutter und er hatten nur ein ganz kleines Gut, von dem die beiden nicht leben konnten. Schließlich hatte er, um Schulden bezahlen zu können, die sie vom Hof zu vertreiben drohten, diesen vorteilhaft erscheinenden freiwilligen Arbeitsvertrag nach Deutschland angenommen. „Außerdem“, sagte er, um sich zu entschuldigen,„der Herr Rektor hat mir gesagt, das sei meine Pflicht....“ Was konnte ich antworten? Ein anderer, Maurice N., er mochte etwa 40 Jahre sein, war Kellner im Quartier des Ternes. Als er nach dem Zusammenbruch von 1940 nach Hause kam, war seine Frau nicht mehr da. Sie hatte sich der Kinder entledigt und sie zu Verwandten in Villefranche— de-Rouergue gegeben. Er wurde mit dieser Gemeinheit, die sie ihm angetan hatte, nicht fertig. Um auf andere Gedanken zu kommen und den Unterhalt der kleinen Würmer 77 sicherzustellen— in seinem Beruf war nichts mehr zu verdienen—, hatte er einen Vertrag als Fabrikkraft- fahrer in München angenommen. In einer Katerstim- mung wollte er zurück nach Frankreich. An der Grenze wurde er gefaßt und zur Deportation verurteilt. Camille Dedryvere von der J.O.C.: auch er war als frei- williger Arbeiter nach Deutschland gekommen. Auf der Arbeitsstelle hatte er sich mit einem Werkmeister herumgestritten. Ich war Zeuge der Umstände, unter denen er den Schluß seiner Abrechnung bekam: endloses Warten nackt im kalten Regen, eine wütende Tracht Prügel vom SS-Mann, den er durch sein unverschämtes Ge- sicht gereizt hatte(Er ist verrückt“, hatte Willy gesagt). Man brachte ihn schließlich abends ins Revier, aber der Kapo wollte ihn nicht haben. Er kam also wieder in die Stube Zwei schlafen, wo wir Nachbarn auf den Stroh- säcken waren. Nachts bekam er einen Blutsturz. Ich fühle noch die Wärme seines Blutes auf meiner Schulter. Alle diese Ahnungslosen waren gleich uns eben doch alles in allem die Opfer desselben Feindes. Wenn sie ihm auch zuerst vertraut hatten, so fanden sie doch sehr bald Gelegenheit, das Ausmaß ihres Irrtums rich- tig einzuschätzen. Jetzt zahlten sie teuer für diesen Irrtum, und sie würden noch lange daran zu zahlen haben. Allmählich entwickelte sich also zwischen ihnen und uns eine gewisse Solidarität. Perrier ging, ohne Schwie- rigkeiten zu machen, darauf ein. Der freundschaftliche Zusammenhalt zwischen den Franzosen in Dachau verstärkte sich allmählich trotz anfänglicher Mißstim- mungen und gegenseitigen Nichtverstehens. Angesichts der Abneigung und der Mißachtung, die die Franzosen bis dahin umgaben, war derZusammenhalt notwendig. Zunächst brachte er uns etwas mehr Achtung von Sei- ten der anderen ein. 78 IT ZU raft- stim- enze frei- Auf ister Es ist eine Tatsache, daß wir im September 1943 in Dachau über jedes vorstellbare Maß hinaus verachtet wurden. Nicht nur in der Hierarchie der Nationalitäten kamen wir lange hinter allen möglichen Völkerschaf- ten, sondern sogar die Grünen, die deutschen gemei- nen Verbrecher, erfreuten sich bei den Alten einer höheren Wertschätzung als die Franzosen, die aus- nahmslos als mißbräuchliche Träger des roten Winkels der Politischen angesehen wurden. Diese uns unerträglich erscheinende Lage hatte meh- rere Ursachen. Selbst die ungebildetsten Tschechen warfen uns„München“ vor. Die Polen machten für ihren Zusammenbruch vom September 1939 ausschließ- lich uns verantwortlich. Die Deutschen selbst— und mochten sie noch solche Feinde des Regimes sein, da sie ja schließlich hier waren— behielten uns gegen- über eine gewisse Siegerüberlegenheit bei. Niemand schien von einer französischen Widerstandsbewegung gehört zu haben. Wir waren vollständig gedemütigt. Außer dieser Schande, die uns aus Gründen traf, die nicht alle berechtigt waren, wurden wir Gegenstand der Verachtung noch anderer Dinge wegen. Unsere Lands- leute standen zunächst imRuf, sich nicht zu waschen und es an Hygiene völlig fehlen zu lassen. Außerdem warf man ihnen vor, nicht nur die Ungerechtigkeiten, deren Opfer sie selbst wurden, nicht stillschweigend zu er- dulden(was man äußerstenfalls hätte durchgehen las- sen), sondern auch nicht die, deren Zeugen sie wurden. In den Augen der Lagerveteranen war eine solche Hal- tung reiner Wahnsinn und hätte höchstens das ver- ächtlichste Mitleid eingeflößt, wenn Mitleid in dieser Welt, in der es auch nicht die Spur von Gefühlen gab, überhaupt einen Sinn gehabt hätte. Die Italiener halfen uns aus der Rolle der Sündenböcke in den Wochen nach unserer Ankunft. Wir hatten in der Zwischenzeit vereinzelte Kameraden entdeckt, die 79 im ganzen Lager verteilt waren. Sie hatten durch die Pfarrer von Block 26 erfahren, daß endlich Gaullisten nach Dachau gekommen waren, Franzosen, die einer Widerstandsbewegung angehörten. Dank Willy hatten sie uns in unserem Quarantäne- Block erreichen können. Einer von ihnen, Nicolas, Ser- geant der Alpenjäger, war von seiner Einheit längst vor 1938 desertiert und bei der Kriegserklärung in Deutsch- land festgenommen worden. Es waren also schon vier Jahre, daß er da war. Daß er als einziger Franzose in Dachau vom Lautsprecher auf dem Appellplatz die Mit- teilung des Einmarsches der Deutschen in Paris am Tage unserer tiefsten Schmach im Juni 1940 gehört hatte, gab ihm in unseren Augen ein unglaubliches Ansehen. Ein anderer, der sich„Marcel, der Savoyarde“ nennen ließ und der für einen Savoyarden einen merkwürdig deutschen Akzent hatte, gehörte offenbar zu irgend- einem Sonderdienst. Beide hatten es fertiggebracht, mit der Zustimmung von Felix Maurer, der ein echter Agent des„Deuxieme Bureau“ war, in die Küche der SS- Leute hineinzukommen. Bei meiner Heimkehr erfuhr ich aus dem Munde seines Chefs, des Obersten S£rot, daß er während seines ganzen Lageraufenthalts mit dem Geheimen Nachrichtendienst in Verbindung ge- standen hat. Ich bin noch heute von dieser erstaun- lichen Leistung zutiefst beeindruckt. Marcel und Nicolas brachten uns unvorstellbare Le- bensmittelschätze, die sie bei den SS-Leuten„organi- siert“ hatten. Natürlich wurde beschlossen, sie unter die vom Hunger am stärksten Betroffenen zu verteilen. Im Quarantäne-Block hatte man keinen Anspruch auf die „Brotzeit“, die ganz kleine Morgenmahlzeit, da der Block als nicht zur Arbeit eingeteilt galt. Man krepierte buchstäblich vor Hunger. Es war ein zynischer Irrtum, wenn ein Bilderbuch meiner Kinderzeit unter dem 80 Sprich leibte übere Ih h schme unde Zudi gerM dige$ schick mit d wollte erziel erfolg geschi erdu Abbe Taden von} Gren: Sie fe. hause getrer wo e und} 50 ve „Poli Eine Teich, Block Mau; dorti, Alles Inte, Ende Bing, 1 die isten einer täne- ‚ Ser- t vor itsch- , vier se in Mit- ; am hört iches nnen ürdig send- , mit chter erSS- rfuhr Serot, J mit ge taun- e Te: ganl- et die D. Im ıf die , des piert® rtuld dem Sprichwort„Wer schläft, speist” den Traum eines be- leibten Bettlers darstellte, der auf dem Bordstein gegen- über einem phantastischen Lebensmittelgeschäft schläft. Ich habe es oft genug ausprobiert: Hunger, dieses schmerzlicheZwicken im Epigastrum, verhindert schlicht und einfach den Schlaf. Zu diesen beiden freigebigen Kameraden kam ein jun- ger Mann aus dem Landais, Pierre Pujol. Seine zustän- dige Sprengstoff-Verwaltung hatte ihn zur Zwangsver- schickung nach Deutschland gemeldet. Sein Fall war mit denen der Freiwilligen, von denen er nichts wissen wollte, nicht zu vergleichen. Er kam aus einem Sonder- erziehungslager. Die Behandlung war zweifellos nicht erfolgreich gewesen. Also hatte man ihn nach Dachau geschickt. Von den anderen in Obhut genommen, war er durch sie zu uns gekommen. Abbe Fabing sandte uns einen anderen jungen Kame- raden zu, Jacques Martin, Student der Ingenieurschule von Nancy. Er wollte gerade mit seinem Bruder die Grenze bei Hendaye überschreiten, als die Deutschen sie festnahmen. Alle beide kamen zuerst nach Sachsen- hausen. Dort hatte sie das Geheimnis der Verlegungen getrennt, und Jacques war allein in Dachau gestrandet, wo er zum Radio-Kommando gekommen war. Martin und Pujol fühlten sich in dieser gräßlichen Wüste eben- so verloren wie wir und hatten noch keinen einzigen „politischen“ Landsmann getroffen. Es gab zwar noch eine Gruppe von vier Kommunisten aus Nordfrank- reich, aber sie hatten sich aus Sicherheitsgründen im Block der freiwilligen Arbeiter getarnt. Sie kamen aus Mauthausen, und es überlief uns eiskalt, wenn sie die dortigen Schreckensbilder schilderten. Alles in allem waren wir zwölf politische Franzosen unter 1ı5o Landsleuten und den 6000 Häftlingen, die Ende September 43, als unsere Quarantäne zu Ende ging, im Lager lebten. 81 Eines Sonntags nachmittags gelang es Fabing, Perrier und mich aus dem Block ı5 herauszubringen, wo wir seit unserer Ankunft eingesperrt waren. Es war das erste Mal, daß wir die ungeheure Ausdehnung von Dachau sahen. Tausende von menschlichen Wesen kamen und gingen unbekümmert über die Zentral- allee, der man zum Spott den Namen„Freiheitsstraße” gegeben hatte, und deren Seitenwege. Ein unvor- hergesehenes Schauspiel: Fußballkampf auf dem Ap- pellplatz. Die Riesenzahl der Körperbeschädigten ver- schiedener Art ist verwirrend. Man hat sie wohl alle hier versammelt? Der Anteil der Leute mit nur einem Arm oder einem Bein und der anderen Kranken macht uns bestürzt. Eine Horde von Bummlern und Zigeu- nern brachte uns schließlich vollkommen aus der Fassung. Sind das, fragten wir uns, die Feinde des Großdeut- schen Reiches, die die Ehre der Deportation an einen solchen Ort verdienen? Die folgenden Tage belehrten uns bald über das Schick- sal, das alle diese„Schwarzen“, diese Asozialen des Blocks 22 erwartete. Durch einen Riesentransport von „Invaliden“, Marschrichtung Auschwitz, sollten wir sie loswerden. Ähnliche Transporte habe ich in der Folge einige gesehen, den letzten im Dezember 44 mit Jordery, dem Abgeordneten von Oullins dans le Rhöne und allen Alten von Block 30. Diese Invaliden-Transporte waren der Schrecken der Alten. Man fürchtete sie weniger für sich selbst als für die Kameraden, die man schätzte, die aber nicht mehr arbeiten konnten. Diese sahen sich eines schönen Morgens auf dem Appellplatz einzeln festgehalten, ohne daß irgendetwas diese Maß- nahme hätte voraussehen lassen. Es war zu Ende: SS- Leute kreisten sie ein, niemals ist einer wiedergekom- men. So habe ich eines Morgens im Januar 44 einen lieben Luxemburger Gefährten, Albert Ney, der sich 82 tapfeı weggt Diese kleine wir b hatte einen Auge Erinn same} Dere Eindr welt. Auße Ihre Anzu komı Gefü Aufn Kleid Andr Komi Rech: Tiesig Leute sülti keln, von\ Besch Qach rt; tapfer mit seiner halbseitigen Lähmung durchkämpfte, weggehen sehen. So verschwand auch Demoncheaux. Dieser war, ich hatte es sofort beobachtet, der Chef der kleinen Kommunistengruppe von Mauthausen, die wir bei unserer Ankunft hier vorgefunden hatten. Er hatte ein Bein im Bergwerk verloren und ging auf einem Holzbein. Sein rundes Gesicht, seine klaren Augen, sein ehrlicher Handschlag werden aus meiner Erinnerung ebenso wenig verschwinden wie sein lang- samer Versehrtengang. Der erste volle Anblick dieser Stadt vermittelte mir den Eindruck einer entmutigenden, unwirklichen Traum- welt. Da ist erst die Kohorte der Zebra-Leute, die in den Außenkommandos arbeiten und die Kapos vom Revier. Ihre Livree ist in Ordnung: Hose mit Bügelfalte, der Anzug Maßarbeit, möchte man sagen. Unter ihnen kommen und gehen, majestätisch und würdig, ohne Gefühl für die groteske Lächerlichkeit, die von ihrer Aufmachung ausgeht, die Prominenten in Auswahl- kleidung, die durch das riesige, auf den Rücken genähte Andreaskreuz und den Winkel auf der Hosennaht noch komödienhafter erscheint. Aber sie geben sich gar keine Rechenschaft mehr darüber. Dann ist hier endlich die riesige Gaunerwelt der stumpfen Bauernlümmel, der Leute, denen die äußeren Zeichen des Reichtums gleich- gültig sind, der Zeugen Jehovas mit den violetten Win- keln, die Barfüßigen der Elendsblocks, eine ganze Welt von Stromern, eine unqualifizierbare Menge, die jeder Beschreibung spottet, ein großartiger Wahnsinn, der nach dem epischen Atem von Vater Hugo*) ruft oder be- reit ist, in einer Halluzination von Kafka zu erstarren. *) Victor Hugo. 83 vn Das Zusammenwachsen Die Quarantäne geht zu Ende. Willy hat mir zu ver- stehen gegeben, gestern noch, daß ich ohne ernste Ge- fahren für ihn und für mich nicht mehr länger in Block 15 bleiben könne. Der Blockführer ist mehrere Male in Begleitung des SS-Arztes und eines Werkmeisters in Zivil gekommen. Sie haben unsere Hände inspiziert und unsere Arm- und Beinmuskeln mit verekeltem Gesicht betastet. Ein erster Transport ist schon zusam- mengestellt worden, der nach Allach abgegangen ist, wo sich, wie man sagt, ein erträgliches Kommando befindet, die Fabrik und ein anderes, sehr viel härteres, der Steinbruch. Mit bangem Herzen habe ich Perrier, den letzten Gefährten aus der Gruppe der ersten Tage, weggehen schen. Seine Herzlichkeit und seine stets gleichbleibende gute Laune waren mir immer eine so große Hilfe gewesen. Andere„Zugänge“ sind eingetrof- fen, um die Abgehenden zu ersetzen, unter ihnen französische Kriegsgefangene, die zu Arbeitern gemacht worden waren und jetzt der Sabotage angeklagt werden. In einem dieser Transporte sehe ich den mächtigen Kopf von Abbe Chene und seine Verlegenheit bei der Läusekontrolle. Ich errate sofort in ihm den Mann aus dem großen Seminar, den er schlecht hinter einem unbeholfenen Auftreten zu verstecken sucht. In den folgenden Tagen wurde das Lager mit einem Transport von mehreren Tausend echter oder angeb- licher italienischer Deserteure überflutet. Dieser erste Einbruch, dem mehrere folgen sollten, bringt ein großes Durcheinander in das bisher reibungslose Funktionie- ren des konzentrationären Mechanismus. Zunächst mußte man erst einen und dann zwei Qua- 84 | ver- e Ge- Block le in ıs in iziert e]tem 153M- n ist, ando teres, SITieT, Tage, stets ne 50 etrof- ihnen macht srden. rigen ei der n aus ineM sjneM ıngeb’ : erste zyoßes one es rantäne-Blocks für die italienischen„Zugänge“ ver- wenden. Die anderen, in denen man ja so schon in überbelegten Stuben zusammengepfercht war, verwan- delten sich in wirre und verschmierte Drecklöcher. Zum ersten Mal hat man das Gefühl, daß die„Achse“ nicht mehr richtig in ihren Lagern läuft, und das ist ermu- tigend. Im Block 17, verloren in dieser Horde schreiender und planloser Italiener, ist soeben eine Gruppe von Fran- zosen aus dem Gefängnis von Saarbrücken gelandet. Da ist ein Lehrer von Ile-de-France, Rene Nicot, große helle Augen, durch lange und harte Haft abgemagerte Gesichtszüge. Sein Fall muß schwer sein: er ist NN- klassifiziert; mit ihm zwei Beamte, die ihre Verwaltung zum Zwangsarbeitsdienst nach Deutschland geschickt hat, weil sie die Jüngsten waren: Rene Roux aus Car- pentras und Jean Moutin aus Saint-Etienne. Der eine wie der andere hatten Schwierigkeiten mit ihren Werk- meistern: auch sie sind Saboteure. Etwas später kam ein weiterer umgewandelter Kriegsgefangener zu uns: Gaston Houssier, aus dem gleichen Grunde deportiert. In der Stube Vier von Block ı5 tauchen zwei franzö- sische Priester auf. Sie kommen vom Lager Sachsen- hausen. Bei ihrer Ankunft wurden sie mit alten Kla- motten der auseinandergelaufenen italienischen Armee vermummt. Der eine ist Ordensmann, P. Hartmann, ein Jesuit. Er wurde in Nancy beim Verlassen der Kan- zel verhaftet wegen tendenziöser Auslegung eines be- rühmten Abschnittes aus dem„Gottesstaat“. Der Hei- lige Augustinus war offenbar gar nicht nach dem Ge- schmack des örtlichen Gestapo-Spitzels. Der andere ist Weltgeistlicher, Abbe le Moing, ehemals Kunsttischler, Autodidakt, schließlich Vikar bei Notre Dame de Lo- rette, ein alter Sillonist, und allzeit kampfbereiter Strei- ter für seine Ideen. Diese Art ist selten, aber gelegent- lich findet man sie. In Dachau wird er zwei sehr un- 85 gleiche Tätigkeiten fortsetzen: eine verbissene Oppo- sition gegen die„Boches“ und die Anwendung seiner Begabung für elektro-magnetische Strahlungen. Die beiden Männer kommen zur Verstärkung der kleinen französischen Widerstandsgruppe. Zwei belgische Priester waren vor ihnen in diesem Block ı5s der Neuankömmlinge gegen Ende September gestrandet. Als eines Abends Abbe Van Puyveele in die Stube kam, brachen einige von uns in ein Gelächter aus. Das verdutzte Gesicht dieses Neubekehrten ver- wirklichte allzu gut die berühmte Figur von Nimbus: ein Professor Nimbus in langen Unterhosen, die Brille auf der Nasenspitze, das Bruchband ungeschickt mit der Hand festhaltend; das Ganze war unwiderstehlich. Da- zu ein unnachahmlicher wallonischer Akzent. Dieser Neuangekommene war wirklich Professor, aber nicht so sehr„Nimbus“. Er hatte in Tournai, wo er Ge- schichtsunterricht gab, den Deutschen Widerstand ge- leistet und dafür lange Gefängnismonate erlitten. Sein Mitbruder, Abbe Pilmeyer, ein feiner, literarisch gebildeter Kopf, war Pfarrer einer Arbeiterpfarrei in den Vororten von Lüttich. Auch er hatte, als er für Dachau bestimmt wurde, bereits eine lange Festungs- haft erduldet. Ich war beeindruckt durch sein Gespräch, seine Güte und seine Besorgtheit, mit den Franzosen den„Nachschlag“ von Brot oder Margarine, den er von seinen belgischen Landsleuten bekam, zu teilen. Das Eintreffen dieser kirchlichen Verstärkung in Block ı5 brachte uns den täglichen Besuch der lothringischen Pfarrer Fabing und Goldschmidt ein. Die Freundschaft, die den einen wie den anderen mit Willy verband, hatte etwas Rührendes. Die letzten deutschen Kommunisten, die im Lager noch übrig waren, als wir hinkamen, trugen in ihren Ge- sprächen unbedingte Gottlosigkeit zur Schau, aber ihr Antiklerikalismus schien stark nachgelassen zu haben. 86 diple Blod Will und lassu wen. ihre Fran dere: sond die i „frei und Die beur Zoe jede als c die] ents den ßen rück Rey Zwi für die nad ed das Wir das Iray = | I Ma Oppo- seiner . Die einen iesem ember in die ächter n ver- mbus: Brille it der h. Da- Dieser nicht ı Ge d ge I ‚arisch rei in er für tungs° präch, ızosen sr von 1. Das ck 15 Im allgemeinen unterhielten sie scheinbar herzliche diplomatische Beziehungen mit den Priestern von Block 26. Willy hatte, so sehr er auch Kommunist war, für Fabing und Goldschmidt eine Art freundschaftlicher Herab- lassung. Er duldete ihren Besuch zu jeder Tageszeit, wenn sie einen Augenblick bei uns sein wollten. Durch ihre Vermittlung konnte er den neuangekommenen Franzosen nicht nur einige Sicherheitsratschläge geben, deren Bedeutung diese nicht immer richtig erkannten, sondern auch seine freundschaftlichen Ermahnungen, die ihnen angeborene Abneigung gegen die berühmte „freiwillig angenommene“ Disziplin zu überwinden und resigniert das„streng verboten“ anzunehmen. Die diesbezügliche Ahnungslosigkeit der Franzosen beunruhigte Willy sehr. Sie hielt eine gegen die Fran- zosen feindselige Stimmung im Lager wach, die bei jeder Gelegenheit zum Ausbruch kam. Eines Nachts, als der Block ıs in den Duschraum gegangen war, um die kollektive Desinfektion über sich ergehen zu lassen, entstand eine blutige Schlägerei zwischen ihnen und den Russen. Diese waren in starker Überzahl und lie- ßen unsere Landsleute in so jammervollem Zustand zu- rück, daß es nicht zu vermeiden war, zwei Dutzend ins Revier zu schicken. Wenn die SS-Leute von diesem Zwischenfall erfahren hätten, hätte er sehr üble Folgen für die einen wie für die anderen haben können. In dieser Nacht waren wir, fast 1000 Mann, vollständig nackt abwechselnd in der eisigen Außenluft oder der erdrückenden Hitze des Duschraumes. Plötzlich ertönte das Signal für Großalarm. Vier Stunden lang waren wir nackt abwechselnd schlotternd oder schwitzend in das tiefste Dunkel getaucht. Wir fingen an, uns zu fragen— erst so obenhin und dann immer ernsthafter —, ob nicht das Schlimmste zu befürchten sei. Konnte man jemals etwas wirklich wissen? Bedeutete dieses 87 Durcheinander nicht, daß das Vergasungssystem von Auschwitz, von dem wir hatten erzählen hören, zum Schluß auch für uns angewendet werden würde? Diese Brausen, diese Fleischerhaken, die im Raum waren, kamen uns im Dunkeln in den Sinn. Wir spürten, daß wir immer mehr von beginnender kollektiver Panik überschwemmt wurden. In der Finsternis dieser denkwürdigen Nacht jedoch diskutierten Abbe Le Moing und P. Hartmann über die „Literaturgeschichte des religiösen Gefühls in Frank- reich“ von Bremond. Als das Licht wiederkam, waren sie immer noch in der Unterhaltung über die reine Poesie. Diese Unterhaltung war zweckfrei. Sie war sehr auf der Höhe, und ihr fehlte keineswegs der Schwung: Ariadne, teure Schwester, welche Liebeswunde Hat dir den Tod gebracht verlassen hier am Strand? Schlag 4 Uhr morgens war die Vorstellung zu Ende. Die meisten von uns waren aufgeregt und mit den Nerven fertig. Unsere Sachen, inzwischen desinfiziert, wurden uns lose und durcheinander zurückgegeben. Keiner konnte in dem riesigen feuchten, nach Schwefel stin- kenden Haufen seine Klamotten finden. Es gab eine heftige Drängelei und bald einen regelrechten Kampf, den die Russen rücksichtslos grausam um ihre Brocken führten. Eine ungleiche Schlacht zwischen abgemager- ten Skeletten war die Folge. Es war ganz schauerlich. Trotzdem kam auch das Malerische zu seinem Recht. Welche Ausstellung von Tätowierungen! Manche Fran- zosen standen ihren ukrainischen oder bielorussischen Gegnern auf diesem Gebiet um nichts nach. Sie hatten sogar in unseren Augen noch den Vorteil, daß wir wenigstens die Texte, die manchmal unter den Bildern standen, lesen konnten.„Besiegt, aber nicht gebeugt“, las man auf der Brust eines Mannes, der nach diesem nationalen Unglück leblos auf dem glitschigen Zement- boden des Schlachtfeldes lag. 88 1 von ‚ zum Diese varen, 1, daß Panik edoch er die 'rank- waren reine ır sehr wung: nd? e. Die [erven urden Teiner | stin- ) eine ampf, ‚ocken mager erlich. Recht. Fran‘ ischen hatte ß wir ildern eugt lieseM ment Der Kapo der Desinfektionsabteilung, der die Rück- gabe der Kleidung geleitet hatte und für das Blutver- gießen verantwortlich war, kam am anderen Morgen, um den Franzosen einen ganz ungewöhnlich heftigen Anpfiff zu erteilen. Unglücklicherweise war er, wohl um mehr zu imponieren, auf den Gedanken gekom- men, dies auf Französisch zu versuchen. Sein teutoni- scher Akzent und das Kauderwelsch, das er benützte, verminderten erheblich die Wirkungskraft seiner em- pörten Ausführungen. Seine Strafpredigt wurde da- durch vollständig entwertet. Innerlich lachten wir darüber, und das muß wohl zu schen gewesen sein. Dieser Jakob Koch war in einem Milieu, dem es wirk- lich an exzentrischen Persönlichkeiten nicht fehlte, ein auffallender Typ. Als Kapo des sehr wichtigen Des- infektionskommandos war er in seiner Zebrauniform immer tipptopp angezogen. Sie sah aus, als ob sie des Morgens erst von der Waschanstalt gekommen wäre. In dieser Welt von grauen und erdfarbenen Gesichtern war sein leuchtender Teint eine dauernde Provokation. Ein Puppengesicht mit spitzer Nase vervollständigte eine Physiognomie, die im übrigen sympathisch war, weil sie amüsant wirkte. Dieser Rheinländer hatte sei- nerzeit gewisse Verbindungen mit der Separatisten- bewegung von Dr. Dorten gehabt, die der General Man- gin nach dem ersten Kriege unterstützte. Ich erinnere mich nicht, ob er deswegen in Dachau war, aber das eine, was ich mir deutlich gemerkt habe, ist die Tat- sache, daß er zur Gruppe der alten Väter gehörte. Seine Matrikel-Nummer war eine der ältesten nach der von Willy. Selbst den SS-Unteroffizieren gegenüber hielt er stets einen gewissen steifen Abstand ohne jede über- triebene Höflichkeit. Außerdem bezeugte er für Frank- reich eine seltsame Sympathie, und das in einer Welt, in der ein solches Empfinden noch als originell galt. Am Abend des gleichen Tages kam uns Jakob in Be- 89 gleitung eines Häftlings besuchen, der am Arm das Abzeichen der Revierangestellten trug. Es war ein schö- ner Greis mit gleichmäßigem Gesicht, feinen Zügen und kurz geschnittenem weißem Haar. Einige Promi- nente hatten das Recht, ihre Frisur zu behalten. Er trug unter dem Arm ein Aktenstück, von dem ich später erfuhr, daß es ihm das Recht gab, überall im Lager hin- zugehen, angeblich, um Unterlagen über den sanitären Zustand zu sammeln, in Wahrheit aber, um Verbin- dungen zwischen den führenden Leuten herzustellen. Willy stellte mich dem Neuangekommenen vor. Dieser richtete an mich unter Bezugnahme auf das, was die Pfarrer Fabing und Goldschmidt ihm von mir berichtet hatten, eine Anzahl Fragen auf Französisch mit leichtem deutschem Akzent. Er wollte alles wissen über meine früheren Tätigkeiten und die Gründe, die mich nach Dachau gebracht hätten. Er kannte sie zweifellos schon durch die Kameraden von der politischen Abteilung, die meine Vernehmungsakten zu ihrer Verfügung hat- ten, aber er wünschte einige Ergänzungen. Die wunder- bare Güte des Greises und die Autorität seiner Stimme flößten Vertrauen ein. Ich machte also nicht die ge- ringsten Schwierigkeiten und legte meine Karten auf den Tisch. Gegen Ende der Unterhaltung erklärte mir mein Gesprächspartner mit einem geheimnisvollen Gesicht und dem Ton einer unfehlbaren Autorität, daß ich von jetzt ab dem Kommando der Desinfektion zu- geteilt und als für die Franzosen Verantwortlicher des Lagers Dachau angesehen würde. Das war eine zunächst etwas unbestimmte Verantwortlichkeit. Das einzige, was ich im Augenblick zu tun hatte, war, dafür zu sor- gen, daß der Ruf Frankreichs, auf den Joos und Koch viel hielten, rasch wiederhergestellt würde. Willy, so- fort verständigt, stimmte meiner Einsetzung durch Kopfnicken zu. Das waren die Umstände, unter denen ich die Bekannt- 90 schaf deut: Reid Type Ind suche über tarisı hatte manı mich Lebe ganz dam std dig deut nich Am: ten ı Blog lage Nic« den, Am die] üben den pr; lie this 1 das schö- ügen romi- trug ;päter r hin- täten >1bin- ellen. Jieser 15 die ichtet htem meine nach schon lung, ghat- ınder- jimme je ge n auf e mil rollen t, daß yn ZU er des nächst nzige, u sor Koch |y, 50 durch anal schaft von Joseph Joos machte, des gebürtigen Elsässers deutscher Nationalität, ehemaligen Abgeordneten des Reichstages, einer der prachtvollsten menschlichen Typen, denen ich je begegnet bin. In den folgenden Tagen kam er mich oft wieder be- suchen. Er sprach über Franzosen, die er gut kannte, über Ernest Pezet, den er früher in der interparlamen- tarischen Union der christlichen Demokraten getroffen hatte, von seinem Verwandten, Auguste Viatte, und manchem anderen. Eines Sonntags vormittags kam er mich besuchen und drückte mir ein kleines Paket mit Lebensmitteln in die Hand. Ich könnte noch jetzt den ganzen Inhalt aufzählen, so großartig erschien es mir damals. Er gab einen kurzen Kommentar dazu:„Heute ist das Christ-Königs-Fest. Hier nimm das, um es wür- dig unter Euch zu feiern.“(Tatsächlich, dachte ich, die deutschen Katholiken haben ihren Ruf als Liturgen nicht umsonst.) Am nächsten Morgen, am Allerheiligenfeste, vertausch- ten wir den Quarantäne-Block mit der Stube Vier von Block 24, wo sich schon die Mehrzahl der Franzosen des Lagers befand. In voller Übereinstimmung beschlossen Nicot und ich, den Ort Saint-Laurent-du-Maroni*) zu nennen. Am nächsten Morgen belehrte uns ein rascher Blick in die Latrinen, die gleichzeitig als Waschräume dienten, über die soziale Stellung der meisten unserer Kamera- den. Aufreizende Tätowierungen, die Rohheit ihres Sprachschatzes, die Gegenstände ihrer Unterhaltung ließen keinen Zweifel darüber, daß sie zu den sympa- thischen Persönlichkeiten von Francis Carco**) zählten. Wenn uns schon die jungen freiwilligen Arbeiter, denen wir im Quarantäne-Block begegnet waren, Sorge *) Hauptstadt des ehemaligen Frz. Guayana(Deportiertengebiet). **) Unterwelt-Schriftsteller. 9I gemacht hatten, so erwiesen sich die meisten unserer Landsleute, auf die wir nun im Block 24 stoßen sollten, noch viel unzugänglicher. Nur mit zäher Ausdauer gelang es uns, den erforderlichen Zusammenschluß herzustellen. Das ist eine Leistung, auf die Nicot und ich bestimmt nicht am wenigsten stolz sind. Gewiß, die Franzosen, die vor uns nach Dachau gekom- men waren, abgesehen von der kleinen Handvoll Wi- derstandsleute, über die ich gesprochen habe, hatten nichts mit dem gemeinsam, weswegen wir da waren. Der sich bisher den Titel des Verantwortlichen bei- gelegt hatte, war in München wegen Rauschgifthandel verhaftet worden und eine Anzahl anderer aus ebenso ehrenhaften Gründen. Der Krieg, die Widerstands- bewegung, der Gaullismus, all das waren für sie nur Worte, denen sie unglaublich fremd gegenüberstanden. Wir mußten aber doch trotzdem ein Minimum an Zu- sammenhalt zwischen den am leichtesten assimilier- baren Leuten schaffen. Das war unbedingt notwendig, um in dieser internationalen Zuchthauswelt Front machen zu können gegen feindselige oder übelwollende Fremde, die uns alle gleichmäßig verachteten. Eine gewisse ganz einfache Würde machte uns also zunächst einmal untereinander solidarisch. Diese Umerziehungs- arbeit, zu der ihn sein Beruf als Lehrer ganz natürlich geeignet machte, griff Nicot mit einer bewunderungs- würdigen Geduld auf. Sobald es diesen Außenstehen- den klar wurde, daß das angestrebte Ziel, dieser Zu- sammenhalt, diese gegenseitige Unterstützung.aller Franzosen, im Grund vollständig in Ordnung war, waren sie gewonnen. Von ihren früheren Beschäfti- gungen her hatten sie ein nicht kleinzubekommendes Feingefühl für die Gefahren um uns herum und einen sehr geschärften Instinkt für die Kunst, sich selber zu helfen, die hier„Organisieren“ genannt wurde. Ihr Dienstalter im Lager gab einigen von ihnen eine Per- 92 sonal Alles gebra viele diese Diest wirs gung sprei schie sollt zub IB wiss tade Herl schic man Sohı Sich tun, Inst gest Mil Hie fin, do 1serer ten, dauer chluß t und :kom- I Wi- Jatten yaren. 1 bei- andel benso tands- e nur nden. n Zu- nilier- endig, Front Ilende Eine nächst jungs‘ ürlich rungs‘ tehen- or ZU aller wal, chäfti endes einen her ZU eg. Ir e Per sonalkenntnis, die uns sehr nützlich werden sollte. Alles das wurde in das gemeinsame Unternehmen ein- gebracht. Während des langen Winters 43/44 haben viele„Widerstandskämpfer“ oder„Politische“ ihrLeben diesen„gemeinen Verbrechern“ zu verdanken gehabt. Diese Solidarität war nicht dadurch entstanden, daß wir alles aufgegeben hätten, was die Widerstandsbewe- gung darstellte, nein, vielmehr im Gegenteil. Eine ent- sprechende Stellung für ihre Vertreter in der Hierarchie schien uns unerläßlich. Ein unerwarteter Umstand sollte uns außerdem erlauben, die Sache in Ordnung zu bringen. In Block ı5 hatte Jacques Perrier, der immer einen ge- wissen Abstand hielt, sich stets geweigert, den Kame- raden, die ihn duzten, so zu antworten, denn ihre üble Herkunft stieß ihn ab. Auch mich hatte der Altersunter- schied mit den jungen Leuten, die uns umgaben— manche von ihnen waren kaum älter als mein ältester Sohn—, zum gleichen Entschluß gebracht. Man kann sich leicht vorstellen, welches Gespött uns diese Hal- tung einbringen konnte. Aber ich habe mich immer instinktiv gegen das berüchtigte Zuchthausgeduze gestemmt, von dem Maurice Barres in bezug auf ein Milieu spricht, in dem, nebenbei bemerkt, mir die Hiebe viel weniger„in Ordnung“ vorkamen als die der Eingeborenen von der Place Pigalle oder von der Goutte- d’Or'). Meine doppelte Erfahrung als Sträfling und als Parlamentarier erlauben mir diese Feststellung. Es ist jedenfalls leicht, sich die Schwierigkeiten vorzustellen, auf die wir in Saint-Laurent-du-Maroni stoßen mußten, als wir darauf bestanden, die im Du gestellten Fragen unserer neuen Gefährten auf Sie zu beantworten. Da war es der Stubenälteste, der die Situation rettete, ohne sich über den unschätzbaren Dienst, den er uns erwies, Rechenschaft zu geben. Eines Tages hatte die 1) Verrufenes Viertel in Paris. 93 Unordnung in der Stube wieder einen Höhepunkt er- reicht. Um uns einzuschüchtern, kam er auf den Ge- danken, uns die laute Vorlesung der Vorschrift für den inneren Dienst im Lager aufzuerlegen, die alle Häft- linge aufBefehl desSS-Kommandoszu beachten hatten. Diese Dienstvorschrift enthielt eine gewisse Zahl strengster Verpflichtungen, deren Nichtbeachtung schwere Bestrafung nach sich ziehen konnte. Eine von diesen Verpflichtungen fand wegen ihrer Ungewöhn- lichkeit unsere Aufmerksamkeit. Es war die, welche das Duzen unter allen Deportierten zur Pflicht machte. Der Weg unserer Pflicht war von diesem Augenblick an klar vorgezeichnet. Es bot sich eine einzigartige Ge- legenheit, unsere Unabhängigkeit als Franzosen in einem unerwarteten Klima, das beinahe heldisch er- scheinen konnte, zu betonen. Mehr verlangte man gar nicht, um das Banner der Revolution zu erheben. Alle Leute kamen sofort überein, daß im Augenblick, wo. die Fritz das Duzen forderten, der elementarste An- stand uns befahl, es zu verweigern, und das um so mehr, als sie kaum Mittel und Wege hatten, unsere Disziplinwidrigkeit aufzudecken. So fahren die alten Dachauer fort, sich auch heute genauso ernsthaft zu siezen wie damals in diesem Winter 43, als sie am Ende der Allee, die den engen Horizont ihres Blockes 24 schloß, den Schornstein des Krematoriums sahen, durch den die Asche so vieler ihrer Kameraden vom Wind fortgetragen worden ist; die Asche derer, die man üble Burschen nannte und die es nicht immer waren, wie die der anderen. Nicht alles ging ohne Schwierigkeiten, aber jeder kam allmählich mit ins Spiel. Als Weihnachten kam, war der Zusammenschluß ungefähr vollendet. Die Fran- zosen beschlossen einstimmig, dieses Fest, für das kei- ner unempfindlich ist, so sorgfältig wie die anderen 94 ıkt er- n Ge- ir den - 1atten. Zahl 'htung ıe von wöhn- he das te. lick an e Ge en in sch er- Feste auch zu feiern. Erlaubte nicht sogar die SS, an diesem Abend zwei Stunden länger aufzubleiben. Zu- nächst luden wir alle Fremden von unserer Stube ein, zu uns zu kommen. Da die Spanier nichts bekamen— es gab ein halbes Dutzend von ihnen unter uns—, beschlossen wir, die wirklich von der Vorsehung ge- schickten, soeben von Secours National eingetroffenen Pakete mit ihnen zu teilen. Es machte ja nicht viel aus für jeden von den 150, die wir waren, knapp eine Hand- voll, aber der gute Wille war da, und jedermann konnte an dem Festschmaus teilnehmen. Dann begannen die Slowenen, ihre Berglieder zu sin- gen, sehnsüchtig und sanft. Die kommunistischen Ka- meraden Demoncheaux, Cadoret, Blel stimmten, ohne sich bitten zu lassen,„le p’tit quinquin“ an, und unser ganzer Norden trat mit dem melancholischen Wiegelied in die traurige Baracke ein. Bald öffnete sich die Tür für Abbe Müller, einen lothringischen Pfarrer, der seinen Block verlassen hatte, um Weihnachten unter den Fran- zosen zu feiern. Er schwang eine Geige, die er organi- siert hatte— wir fragten uns bloß wie. Auch er, der Pfarrer, versuchte nicht, etwas anderes aus seiner Fiedel hervorzulocken als alte provengalische Melodien: „Die schönsten Kleider, die wir haben, ziehen wir zum Bestian.“ Wir begleiteten ihn mit Schwung, im Geiste wohl weit weg von unseren eigenen zerlumpten Fetzen. Schon waren wir in einem Glauben vereinigt. Der Vater Doll- fuß, ein alter elsässischer Patriot, stieg mühsam auf einen Schemel, um ein Stück ganz vom Ende des vori- gen Jahrhunderts vorzutragen:„Rathausball“. Neue Pfarrer aus Block 26, die das Geräusch angelockt hatte, fielen sofort ein. „Sie ist doch immer hinter-hinter-hinter-hinter-hinter- her.“ Das ist der Abbe Seelig, der ans Regiment denkt. Nun antwortet ihm der Vikar von Notre Dame de Lo- 95 rette:„Das hat sich sonntags mal begeben, des Sonn- tags da am Uferstrand.” Sicherlich sind wir weit entfernt von der gesammelten Stimmung einer Klosterkapelle oder selbst von derschon weniger gemächlichen einer Mitternachtsmesse inSainte Clotilde; aber was kommt es schon auf die Auswahl der Stücke an? Was kommt es auf die Lieder und die Worte der glücklichen Tage an in diesem Lager, wo alles darauf aus ist, die Hoffnung zu zerstören? Das ist der Aufschrei der Deportierten, die nicht akzeptieren, daß sie ihr Land nicht wiedersehen sollen. Es ist ihr Klammern an die Weihnachtshoffnung, ihr Festhalten daran gegen alles und jedes. Trotzdem möchte Joos, der als Freund zur Teilnahme am Fest gekommen ist, etwas liturgischere Lieder. Das muß auch die Meinung unseres Stubenältesten, Georg Surowy, sein. So stimmte dieser alte Kämpfer der inter- nationalen Brigaden mit seiner rostigen Stimme endlich das erste Lied an, in dem das Geheimnis der Geburt Ausdruck findet:„Stille Nacht, heilige Nacht.” IX Nationalismen Man konnte einer Stellungnahme noch so sehr aus- weichen wollen, es wurde immer klarer, daß wir vor dem Frühjahr nicht befreit werden würden. Unter die- sen Umständen war es besser, sich mit dem Gedanken abzufinden, das Winterquartier werde Dachau heißen. Eine der traurigsten Erinnerungen, die ich aus dieser Zeit behalten habe, ist das Bild der Nazi-Zeitun- gen, die ins Lager kamen. Sie stellten die Befreiung Mussolinis durch die deutsche Luftwaffe dar. Bis Ende 96 Sonn- nelten schon Sainte swahl nd die 7, WO Jas ist tieren, ist ihr halten yahme 1. Das Georg -intel- ndlich 3eburt ır aus‘ yir vol er die lanken eißen- dieser 7ejtun. zeiuns s Ende des Herbstes hatten wir gehofft, daß die planlose Über- flutung des Lagers durch zahllose Italiener das Zeichen für das endgültige Auseinanderlaufen sein würde. Die 18 Monate, die noch durchzustehen waren, sollten zei- gen, wie sehr wir uns verrechnet hatten. In die Sammlung von Weihnachtsliedern, die das Rote Kreuz verteilt hatte, hatte man den berühmten Text von Peguy über die Hoffnung aufgenommen. Wie er- innerlich, machte man damals in Vichy starken Ge- brauch von Peguy. Was uns betraf, war diese Erinne- rung auf alle Fälle nicht unangebracht: „Aber die Hoffnung ist es, spricht Gott, die mich selber erstaunt. Daß alle diese armen Kinder sehen, wie das alles vor sich geht und daß sie glauben, daß es morgen besser gehen wird, morgen früh, das ist recht erstaunlich...“ Es war tatsächlich recht erstaunlich, aber unsere Neu- ordnung in Block 24 sollte uns diese Leistung erleich- tern. Sobald bekannt wurde, daß die Franzosen nun auch ihrerseits eine einheitliche Gruppe gebildet hatten, tat man nicht mehr so, als ignoriere man uns. Es kam zu ersten Berührungen. Sie wurden durch das Verständ- nis unseres Blockschreibers, eines polnischen Lehrers, Leo S., erleichtert, der sich von seinen Landsleuten durch das Fehlen jeder Russenfeindlichkeit unterschied und auch durch das Verständnis, das er für die Fran- zosen zeigte. Er hatte die freie Zeit, die seine Funktion ihm ließ, dazu benutzt, Englisch zu lernen, das er ziem- lich verständlich sprach. Ich zeigte mich erstaunt und fragte ihn, warum er es nicht vorgezogen habe, Fran- zösisch zu lernen. Er erklärte mir, daß er zu anderen Zeiten natürlich unsere Sprache bevorzugt hätte, aber seitdem ihm schien, daß unser Land von nun an keine Rolle mehr spielen würde, vermindere sich die Bedeu- tung des Französischen in seinen Augen sehr. So be- 97 kamen wir Tag für Tag die Demütigung unserer Nieder- lage zu spüren. Leo hatte mich bald mit seinem Kameraden Valerien B. zusammengebracht, dem Schreiber von Block 28, wo sich die polnischen Priester befanden. Dieser wünschte sehr, unsere Sprache zu lernen. Ich bot meine Dienste dazu an, die er annahm. Anscheinend war sein Eifer ansteckend, da in den folgenden Tagen eine Anzahl polnischer Priester sein Beispiel nachahmen wollten und mich durch ihn bitten ließen, ihnen einen Repe- titor zu verschaffen. Wir waren bald so weit, daß wir nicht mehr wußten, wohin wir den Kopf stecken sollten im Block 24, so dringend waren wir gefragt. Fast jeder Franzose hatte seinen Schüler. Abends sah man Lehrer und Schüler zu zwei und zwei durch die Freiheitsstraße gehen, wobei dieser sehr viel magerer war als jener. Das Honorar war in Naturalien zu zahlen, da die polnischen Pfarrer damals noch einige Pakete von ihren Pfarr- kindern bekamen. Eine Scheibe Speck, eine Portion Schwarzbrot wurden so gegen die erläuterte Lesung von einer Seite der„Drei Musketiere“ getauscht oder gegen die annähernde Erläuterung eines Abschnittes von „Vicomte de Bragelonne”. Alexandre Dumas war da- mals der einzige französische Autor, den man in der Lagerbibliothek fand, die durch die zufällig im Gepäck der„Zugänge“ entdeckten Bücher gebildet war. Wenige Tage nach meiner Ankunft in Block 24 hatte ich einige dem Autodaf& von Molotov in Neue Bremm entrissene Bücher wiederbekommenkönnen.InderFolge hatten mir die erhaltenen Pakete einige andere dazu gebracht. Das Exemplar des„Humanisme Integral“ von Jacques Maritain, so in Umlauf gesetzt, hatte einen außerordentlichen Erfolg. Ganz würdigen konnten es nur die polnischen Pfarrer, die unsere Sprache voll be- herrschten. Es stellte sich allmählich heraus, daß sie sehr viel weniger selten waren, als man hätte denken kön- 98 Nieder- rien B. 28, wo inschte Dienste n Eifer Anzahl wollten 1 Repe- laß wir ‚sollten st jeder ‚ Lehrer tsstraße 1er. Das nischen \ Pfarr- Portion ıng von gegen tes VON war da in der Gepäck atte ich Bremt ler Folge ze dazu ‚a]" von e einel unten& voll be ‚sieseh! en köR nen. Es fanden sich auch Liebhaber französischer Bücher unter den Tschechen, den Holländern und sogar bei den Deutschen. Später erhielt ich ein Exemplar von„La condition humaine“, das man sich aus der Hand riß. In diesem Rahmen und in dieser Umgebung war das Interesse ziemlich berechtigt. Die Kameraden, die vom Sommer 1944 an ins Lager kamen, konnten sich unsere unbedachte Kühnheit dieses Winters kaum vorstellen. Die alten Lager- insassen ihrerseits konnten sich darüber gar nicht be- ruhigen. In Dachau war, wie anderswo auch, die Arbeit natürlich Zwang. Alle gehörten zu irgendeinem Kommando. Während des Tages mußten alle weggehen mit Aus- nahme der Stubendienste und derjenigen, die die Laune des SS-Arztes vorläufig mit einer Meldung oder Be- freiung von Arbeit versorgt hatte. Die Blöcke mußten unerbittlich leer bleiben. Trotzdem gelang es unserer kleinen Gruppe, den ganzen Winter 1943/44 hindurch kaltblütig alle Tage in der Stube zu verbringen. Man ließ die Dinge auf sich zukommen. Wenn der Block- führer gemeldet wurde, versteckte man sich in die Spinde, die ein Teil des Mobiliars ausmachten, oder man kletterte die drei Lagen Strohsäcke hoch und schlüpfte durch eine Falltür in den Dachstuhl der Baracke. Von dieser kleinen Gruppe widerspenstiger Franzosen, die wir gebildet hatten, trennte sich als erster der gute Nicot, als die schönen Tage kamen. Er brachte es fertig, sich dem Plantagen-Kommando zuteilen zu lassen, um an die frische Luft zu kommen. Diese Glasglockenluft erschien ihm auf die Dauer unerträglich. Der kleine Roux teilte als Stubendienst die Suppe aus. Moutin da- gegen blieb bis zum Schluß aus Prinzip dabei, nichts tun zu wollen. Ich reparierte von Zeit zu Zeit mit einer berechneten 99 Langsamkeit die Strohsäcke, die mein Hilfskapo, Abbe Fabing, mir in die Stube brachte als eventuelles Alibi für den Fall, daß es hart auf hart gehen sollte. Ich ge- hörte theoretisch zum Desinfektionskommando, das für die Reparatur der Strohsäcke zuständig war. Um alle Schwierigkeiten von seiten der Russen, die mich nie- mals sahen, zu vermeiden— es handelte sich damals hauptsächlich um Deserteure der Wlassov-Armee, die für ihre Angebereien bekannt waren—, hatte ich ihnen meine Brotzeit überlassen, eine dünne Scheibe Schwarz- brot, die je nach dem Tag von einem verdächtig röt- lichen Scheibchen Fleischaufschnitt oder von einem Streifen Margarine begleitet war. Diese Großzügigkeit brachte mir ein etwas unberechtigtes Ansehen ein, weil ich in dieser Zeit das unschätzbare Glück hatte, Pakete zu bekommen, von denen allein Vorteil zu ziehen un- anständig gewesen wäre. Der friedliche Georg Surowy verschloß die Augen vor diesem unzulässigen Zustand. Es ist nicht genug, zu sagen, daß unser Stubenältester das Beste war, was es auf dem Gebiet gab. Dieser frühere Wiener Bäcker hatte etwas von einem großen Herrn. Bei ihm hatte man die Franzosen, die kein anderer Stubenchef haben wollte, eingeschmuggelt. Er hatte uns ohne Schwierigkeiten angenommen. Er hatte sich, wie er sagte, in seinem Beruf Tuberkulose zugezogen, und seine Teilnahme an den Kämpfen in Spanien hatte die Sache nicht verbessert. Vorzeitig gealtert, hustend und den ganzen lieben langen Tag Bakterien sprühend, hielt er sich nicht mehr recht auf den Beinen. Die Freundschaft, die Georg für alle Franzosen hatte, war rührend. Während des Krieges hatte er in einer Arbeitseinheit der Fremdenlegion gedient. Er zeigte große Dankbarkeit für einen unserer Lands- leute, der ihm während der Bombardierung von Dün- kirchen das Leben gerettet hatte.„Ein kleiner Buck- liger”, erklärte er mir eines Tages,„der die Funktion IOOo eine: inD: Blan Lille, den( Die eins! anst bare ade, Aleı las: stän nem nam eine vor zuge siscl daß Wür rich Her Wir Diss me blic in: Me Mi dü de: Dar ers der 0, Abbe es Alibi ‚Ich ge do, das Um alle ich nie- damals nee, die "h ihnen Schwarz- htig röt- ı einem ügigkeit >in, weil , Pakete hen un -Surowy Zustand. nältestel r frühere , Hem. andere! jatte UNS sich, wie sen, und hatte die end und yrühend n hatte » el 1 ient.# Lands on Dt ei Buck unktiod eines Bürgermeisters hatte.“ So bekam ich eines Abends in Dachau Nachrichten über meinen Kameraden Louis Blanckaert, Professor am„Institut Catholique” von Lille, der wenige Wochen vor dem Kriege in Brive vor den Gefahren des totalitären Staates gewarnt hatte. Die verborgenen Mächte des Lagers, die die Arbeits- einsätze verteilten, hatten Georg, als sie ihm die sehr anstrengende Funktion des Stubenältesten der unregier- baren Franzosen anvertraut hatten, einen seiner Kame- raden von den internationalen Brigaden beigegeben, Alex J. Er war ein Kroate mit ernster Stimme und blassem Teint; seine schwarzen Augen quälte eine ständige Bindehautentzündung. Er sprach oft von sei- nem Kameraden Broz, dem er vertraulich den Spitz- namen Tito gab und mit dem er lange Zeit das Dasein eines Geächteten geteilt hatte. J. hatte auf diese Weise vor dem Kriege lange Jahre als politischer Flüchtling zugebracht. Er sprach ein sehr verständliches Franzö- sisch, was unerläßlich war, da wir entschieden hatten, daß in der Stube Vier nur unsere Sprache gesprochen würde. Ihm ist es zu danken, daß wir über alles unter- richtet waren, was man von der Lager-SS und über die Herkunft und den Wert derProminenten wissen mußte. Wir hatten auf diese Weise eine Summe von Kennt- nissen erlangt, die uns den Ältesten des„Etablisse- ments” gleichstellte und die uns erlaubten, im Augen- blick des großen Zustroms von 1944 unsere Kameraden in gewisse Gegebenheiten unseres merkwürdigen ge- meinsamen Lebens einzuweihen. Mit dem Ablauf der Zeit und im Vergleich mit dem düsteren Winter, der folgen sollte, sind uns die Monate des Winters 1943/44, die wir bei Georg verbrachten, nachher wie eine Ruhefrist in einem Hafen der Gnade erschienen. Aber es ist nicht bloß der Ablauf der Zeit, der mich von der französischen Freundschaft sprechen IOI läßt, wenn ich herzliche Kameradschaft, die damals unter uns herrschte, in Erinnerung rufe. Nicht daß un- sere Stube etwa eine Art sanfter Schäferei geworden wäre; daran fehlte manchmal sehr viel. Aber es ist eine Tatsache, daß die Entdeckung unserer nationalen Ein- heit uns die aufgezwungene ungeheuerliche Lebensart erträglicher erscheinen ließ, die vernichtenden Kom- mandos, die Kälte, den Hunger und die Entmutigung, und immer diese Unsicherheit, was einen morgen, heute abend, demnächst erwartete. Vielleicht haben wir die Folgen dieser Erniedrigungstechnik, die Gabriel Marcel so gut durchschaut hat, dadurch vermeiden können, daß wir instinktiv die Dinge betonten, die uns Franzosen am meisten absonderten. Unsere systema- tische Weigerung, die Sprache des Siegers zu benutzen, und das um so mehr, weil sieunsformellanbefohlen war, schaffte eine günstige Geisteshaltung für diese Art gei- stigen Ausbruchs. Wir sagten bewußt nicht Dachau, sondern Daschö und mouillierten das chau, als wenn wir alle aus Issoire oder Saint-Flour stammten. Um die Abstände noch zu betonen, hatten wir einige Worte aus dem Lager-Repertoire französisiert. Wir sagten„Mel- dingue')“,„Choningue?)“, Nachelague’“). Unser Wort- schatz sollte nicht der von denen sein, die taten, als ob sie nur die offizielle Sprache unserer Galeeren-Wächter sprächen. Wir hielten diejenigen, die sich einbildeten, die kurzen Ruhepausen, die sie hatten, dazu benutzen zu können, Deutsch zu lernen, für Defätisten. Selbst diejenigen, die die Sprachkenntnisse, die sie vielleicht hatten, verbessern wollten, schienen uns ein wenig ver- dächtig. War es nicht außerdem offensichtlich klar, daß sie niemals die Zeit dazu haben würden? War es nicht berechtigt, zu hoffen, daß der Krieg in den nächsten drei Monaten zu Ende gehen würde? Wozu also Zeit damit verlieren, sich einen Jargon anzulernen, der für *) Meldung, 2) Schonung,?) Nachschlag. IOo2 damals daß un- eworden 5 ist eine len Ein- ebensart .n Kom- utigung, morgen, aben wir Gabriel meiden ‚ die uns systema- enutzen, ılenwar, Art gei Dachau, ‚Is wenn ‚Um die Torte aus n„Met er Wort n, als ob Wächte! bildeten, jyenutzel n. Selbst ielleict enig ver klar, dad zes nicht nächstel ‚Iso Zei , der für die kommenden hundert Jahre entehrt war? Alles das mag anderen kindisch erscheinen, aber durch Kinde- reien dieser Art und all das, was sie an Weigerung aus- drückten, haben wir standgehalten. Auch heute noch scheint uns das nicht so kindisch. Gegen Mitte Januar hatten wir inStube Viereinen neuen Kameraden bekommen, einen italienischen Lehrer, der die Blocks seiner Landsleute hatte vermeiden können, weil er fürchtete, mit ihnen wegen grundsätzlicher politischer Meinungsverschiedenheiten in Streit zu geraten. Er trug einen klangvollen Namen. Er hieß Melodia und wies eine noch merkwürdigere Eigentüm- lichkeit dazu auf: er behauptete, der Sohn eines evangelischen Pastors in Sizilien zu sein. Diese letzte Eigenheit und, ich denke, auch selbstverständlich kräf- tige antifaschistische Überzeugung sind es gewesen, die ihm nach manchen Aufenthalten in den Gefängnissen der Halbinsel eine Verbannung auf die Liparischen Inseln eingebracht haben. Von da kam er zum Block 24, sehr zu Recht, um mit den spanischen republikanischen Kämpfern und uns eine Delegation der lateinischen Schwestern zu bilden. Wenn Melodia sich nun auch sehr gut mit den Franzosen verstand, trug er den Spa- niern gegenüber eine Verachtung zur Schau, die diese ihm mit Zins und Zinseszins zurückzahlten. Zwischen- fälle zwischen ihnen und ihm waren häufig. Sie kamen sogar ins Handgemenge. Georg griff dann ein, um die Gegner zu trennen. Die spaßigste dieser Strei- tereien, die ich hier berichte, hat ihre symbolische Be- deutung. Das Gespräch hatte auf die friedlichste Weise der Welt begonnen. Einer unserer jungen slowenischen Kameraden, Eisen- bahner aus Agram, blätterte in einem Bilderbuch mit Landschaften seiner Heimat, das er in der Bibliothek entdeckt hatte. Er sah es sich langsam an und zeigte 103 seinen Nachbarn mit dem Finger die Bilder der natür- lichen oder künstlerischen Schönheiten, die heute noch infolge der unzureichenden Verkehrswege unzugäng- lich seien. Der schlechte Zustand der jugoslawischen Straßen war es, der den Streit entfachen sollte. Ein Wort gab das andere, und jeder rühmte die Schönheiten seiner Heimat und die Möglichkeiten, sie kennenzu- lernen. „Primo de Rivera war ein Tyrann“, bemerkte nachlässig der kleine Mariano, ein hitziger und nervöser republi- kanischer Kämpfer aus Asturien,„aber“, fügte er in dem gleichen leichten Ton hinzu,„er hat bei uns die schönsten Autobahnen Europas gebaut.“ Melodia spitzte die Ohren. Er ließ sich den Satz wieder- holen. Er glaubte, falsch verstanden zu haben. Als er die Bestätigung der Ungeheuerlichkeit erhielt, die er eben gehört hatte, kannte seine Entrüstung keine Grenzen. „Hör’ an“, bemerkte er, jede einzelne Silbe betonend, „schon der Name der Autobahn ‚Au-to-stra-da’ ist ita- lienisch. Du weißt, was ich über Mussolini denke, aber immerhin: das wird von seinem Regime übrigbleiben: eben diese Autobahnen, die er hat bauen lassen. Italien ist im übrigen das erste Touristenland der Welt, das ist wohl bekannt.” Das Ganze schrie er im Ton wilden Zornes. Der kühne Mariano hatte die Dreistigkeit, sich noch nicht geschlagen zu geben. „Du bringst uns ja zum Lachen mit deinem Mussolini“, sagte er,„Primo de Rivera war trotzdem ein anderer Kerl als er.“ Und um seine Überzeugung richtig zu unterstreichen, landete er einen direkten Treffer auf der Nase des atemlosen Melodia, dem einfach die Luft weggeblieben war. Georg, der Mann der internatio- nalen Brigaden, mußte eingreifen, um zu verhindern, daß der spanische Republikaner, Ehrenkämpfer für Primo de Rivera, und der antifaschistische Italiener, der 104 totst Ih nati ab abse natür- te noch ugäng- vischen n Wort heiten nenzu- hlässig epubli- Brer’in ıns die wieder- Als er die er keine onend, ist ita- ce, abe Jeiben: Italien ‚das ist wilden it, sich solini", nderel htig U fer au fie Luft ‚nati0‘ inderd fer für 1er, det körperlich um den Ruf des Duce litt, sich gegenseitig totschlugen. Ich widme diese Geschichte den Fanatikern des Über- nationalismus. Sie spielte sich in Dachau im Januar 1944 ab. Eine Anzahl Überlebender kann noch heute ihre absolute Authentizität bestätigen. x ... und über unsere Kinder Der Antisemitismus.... ist der abscheulichste Schlag ins Gesicht, den der göttliche Heiland in seiner Pas- sion, die immer weitergeht, erhalten hat... der un- verzeihlichste, weil er ihn auf das Antlitz seiner Mutter erhält.(Leon Bloy) „Achtung!“ Willy brüllte diesen Warnungsruf so, daß die Neu- ankömmlinge vor Schrecken erstarrten. Man hatte das Gefühl, als stürze ein Weltraum über uns zusammen. Zitternd, auf die Stelle gebannt, hörten wir das Ab- rollen derrituellen Formeln dieser seltsamen Liturgie. „Stube Zwei, Raum Zwei, Block 15, Stubenältester Willy Bader, 243 Stück.“ Vater Dollfuß haßte dieses Wort, das sich unterschiedslos auf Sachen oder Tiere bezog. Er sah darin den Ausdruck des überlegten Willens, uns nicht als menschliche Wesen, sondern als Sachen anzusehen. Der SS-Mann ging, den Gummiknüppel unterm Arm, langsam die Front der„Stücke“ entlang. Wenn er uns den Eindruck vermitteln wollte, er verachte uns ab- grundtief, so muß man gestehen, daß ihm das über jede Beschreibungsmöglichkeit hinaus gut gelang. An diesem Tag hatte ich neben mir einen mährischen Klosterbruder, dessen guter, runder, kahlgeschorener 105 Kopf dem SS-Mann offenbar nicht paßte. Er überschüt- tete ihn, immer schneller werdend, mit kurzen, im Be- fehlston gestellten Fragen, die der andere immer ärger Blic stotternd beantwortete. Das Zwiegespräch konnte nicht Sch anders enden, als es tatsächlich geschah: der Tscheche Opt rollte aufschluchzend unter den Tisch. Abs Als aber der SS-Mann unter den Neuankömmlingen nid zwei Träger des gelben Sterns entdeckte, war das eine des andere Geschichte. Da konnte man auf ein wirklich de großes Schauspiel rechnen. mei Es waren zwei arme alte Leute, erbärmlich unter ihren end alten italienischen Militärklamotten, die etwas Fran- Bi zösisch radebrechen konnten und mit denen ich aus Blo diesem Grunde Bekanntschaft geschlossen hatte. Der ‚A kleinere fabrizierte vor dem Kriege in Wien Perlen- Wi handtäschchen. Jedes Jahr kam er nach Paris, um sie bei ver „aux grands magasins” zu verkaufen.„Wenn ich hier sel rauskomme, werde ich ihrer Frau Gemahlin ein schö- Sk nes Täschchen überreichen.” a Sein Kamerad war Advokat in Innsbruck. Ich sehe sein feines Gesicht so gut vor mir: er glich meinem Groß- vater. Wie dieser hatte auch er eine gerade Nase, tief- de liegende, schwarze Augen, frischen Teint und einen| 5, Adamsapfel, der mich als Kind so beschäftigt hatte.| Nachdem der SS-Mann, um in Schwung zu kommen, dem Wiener Julius F. seinen Anteil verabreicht hatte,| Di indem er ihn mit einem Gummiknüppelschlag an den | Spind schleuderte, ging er auf den Tiroler los. Voller E Wut— wenn man sie als bestialisch bezeichnen wollte,| n müßte man die Tiere dafür um Verzeihung bitten-| ji stürzte er sich auf den Greis. Schon nach den ersten öf Schlägen lag dieser jämmerlich zugerichtet, blutend am st Boden. Il D Der blonde Arier schäumte vor Wut. Ich kannte bis l. dahin zwar den Ausdruck, dachte aber, daß es sich nur i um eine Redensart handele. Der andere jammerte ganz N 106 erschüt- , im Be- 1er ärger te nicht "scheche mlingen das eine wirklich er ihren as Fran- ich aus tte. Der Perlen- m sie bei ich hier in schö- ehe sein m Groß 356, tief: d einen atte. ommen, ht hatt, gan den s, Volk! n wollte bitten= leise, fast bescheiden, wie wenn er dafürum Verzeihung bitten wollte, daß er überhaupt da sei. Man mochte den Blick abwenden wollen, immer wieder mußte man das Schauspiel ansehen. Solange er das Jammern seines Opfers hörte, ließ der SS-Mann nicht locker. Mit dem Absatz tretend, suchte er diesen Mund zu schließen, der nicht schweigen wollte. Ich sehe die verzerrten Züge des Greises und die endlose Bewegung seines zittern- den Armes, um aus seinem blutigen Kiefer die Trüm- mer seines zertretenen Gebisses herauszuholen. Als endlich das Menschenbündel unter den erstarrten Blicken der Stubenbelegschaft verstummt war, ging der Blockführer so stolz hinaus, wie er gekommen war: „Achtung!“ Willy blieb nach seinem Abgang einen Augenblick mit verschleiertem Blick im Stillgestanden stehen. Als er gehört hatte, daß die Hoftür sich schloß, winkte er dem Stubendienst, den regungslosen Körper in den Wasch- raum zu bringen. Im Laufe dieses selben Winters stellte mich Joseph Joos dem Stubenältesten der„Zugänge“, Swida, vor. Es war ein blonder, blauäugiger Pole, einer dieser Pro- minenten, die das Recht hatten, ihr langes Haar zu behalten. Er trug feierlich seinen untadeligen Zebra- Dienstanzug: Bügelfalte in der Hose und Rock von gutem Schnitt. Für unser Land zeigte er widerspruchs- volle Gefühle. Vor dem Kriege Mitarbeiter der„D£- peche de Toulouse”, hatte er, wie er sagte, dort Be- richte über die zweideutigen Milieus in Paris ver- öffentlicht und sprach mit einer gewissen Selbstver- ständlichkeit über unsere„moralische Fäulnis”. Das hinderte ihn nicht, unsere großen Männer, Napo- leon an der Spitze, zu bewundern. Er behauptete, man deute das Wort, das der Kaiser einmal gebraucht hatte: „betrunken wie ein Pole“, falsch. Er wollte auch— seine 107 Milde war groß— de Gaulle eine gewisse Anerkennung zubilligen. Ich verfehlte nicht, ihm die dafür geschul- dete Dankbarkeit zu erweisen. Wie die meisten seiner Landsleute hegte er den Juden gegenüber eine alles übersteigende Verachtung.„Wenn Sie in Frankreich auch so viele von denen hätten, wür- den Sie weniger großzügig sein.“ Alles in allem ge- nommen hat Swida trotz seiner unmöglichen Seiten den Franzosen, solange er ihr einziger Dolmetscher beim Arbeitseinsatz war, gute Dienste geleistet. Ich hielt mit ihm ständig freundschaftlich Verbindung. Eines Morgens ließ er mich vom Kommando holen, wo ich unter der platonischen Aufsicht von Fabing Stroh- säcke in Ordnung brachte. Es mußte schon etwas ganz Außergewöhnliches vorliegen, damit man sich während der Arbeitsstunden auf die leeren Alleen des Lagers wagte, jederzeit einer unerwünschten Begegnung aus- gesetzt. Ich war über diese ungewöhnliche Bestellung sehr erstaunt. Bei Swida angekommen, traf ich den guten Joos und Jakob, meinen Kapo. Alle drei unterhielten sich sehr gewichtig und, wie sie es immer in ernsten Fällen taten, setzten sie ohne weiteres voraus, daß ich genug Deutsch verstünde, und sie mir ihr Gespräch nicht zu übersetzen brauchten. „Mein lieber Mann...“. Wenn er ergriffen war— und das geschah ihm oft—, hatte Swida eine Fistelstimme, die manchmal vor Empörung zitterte; ob gemimt oder echt, das wußte man nie recht. Da er aber als Schau- spieler galt, wurde sein Geschrei gewöhnlich nicht so tragisch genommen. Heute handelte es sich, das verstand ich ganz gut, um eine Sache von besonderer Bedeutung. Ich wollte den Eindruck erwecken, an dem Gespräch Interesse zu haben, wurde aber ungeduldig, da ich seinen Sinn nicht erraten konnte. 108 ennung seschul- n Juden „Wenn n, Wür- lem ge- ı Seiten etscher tet. Ich ung. len, wo g Stroh- 195 ganz vährend ; Lagers ıng aus stellung 90s und ich sehr n tatel, Deutsch ersetze I- und stimme, mt oder s Schau’ nicht 5 gut, IIte de® esse A nn picht Als ich mich umsah, entdeckte ich mit einem einzigen Blick sowohl das Ausmaß meiner mangelnden Auf- merksamkeit als den Gegenstand dieses Kriegsrates. Die Stube von Swida hat sich heute nacht in einen Kindergarten verwandelt. Es ist nicht mehr das Durcheinander von„Zugängen”, dem man noch gestern abend dort begegnete: anein- andergedrängt, ohne Platz zum Sitzen, der erbärmliche Wartesaal heruntergekommener Bettelbrüder in allen Quarantäne-Blocks. Hier war alles ausgeräumt worden, und da ist nun der Ersatz. Sie müssen heute nacht gekommen sein. Wie kommt es, daß mir, als ich vorhin hereinkam, dieser Lärm, der so ganz anders war als der übliche Krach, nicht aufgefallen ist? Swida und die anderen haben nun mein Erstaunen bemerkt. „Mein lieber Mann...“ Man kann sagen, was man will. Es kann Juden genauso wie allen anderen Leuten passieren, daß sie häßlich werden, wenn sie erwachsen sind. Aber kleine Kinder mit ihren schwarzen, mandel- förmigen Augen und ihren zarten Gesichtszügen lassen mich an ein anderes jüdisches Kind denken. Ich weiß nicht, warum ich bei ihrem Anblick das Bild von Jor- daens vor mir sehe: Jesus unter den Schriftgelehrten. Wieviel mögen es wohl sein? An die 500 vielleicht; ihr Alter? Von fünf bis zehn Jahre, allerhöchstens zwölf. Sie kommen aus den baltisch-lettisch-litauischen Län- dern. Sie spielen etwas geziert. Das Lager, von dem sie kamen, war voller Aufmerksamkeit für sie gewesen. Man hatte auf ihre Maße nette kleine Röcke und lange Hosen geschneidert, selbstverständlich aus Zebrastofl. Es sind Miniatur-Deportierte. Man bemerkt aber trotz- dem, daß sie schon eine alte Erfahrung haben. Sie halten fest gegen sich gepreßt wie kostbares Spielzeug ihrKochgeschirr und den Holzlöffel. Sie sind auch schon alt und hartgesotten. Sie kennen die Musik und sind mißtrauisch wie kleine geprügelte Hunde. 109 Als ich des Abends wiederkommen wollte, um nach- zusehen, war der Kindergarten von Swida, seine Pen- sionäre, nach anderen Himmeln entflogen. Wir standen mit dummen Gesichtern da mit dem Nachschlag von Suppe, den wir für sie organisiert hatten. Wir fragten, in welches Kommando man dieses Pensionat geschickt habe.„Nach Auschwitz-Birkenau“, antwortete Swida mit seiner Fistelstimme,„sie waren hier nur auf der Durchreise, mein lieber Mann.“ Beim Anblick der unvorstellbaren Leiden, die unsere jüdischen Kameraden vor dem Tod erduldeten, mußte ich manches Mal an den Verwünschungsruf denken, den der Apostel Matthäus ihren Vorfahren in den Mund gelegt hat und den wir jedes Jahr am Palm- sonntag im Bericht der Leidensgeschichte lesen: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder.“ Meine gläubigen jüdischen Freunde bestreiten, ich weiß es, die Auslegung, die die Christen in ihrer Gesamtheit diesem fürchterlichen Ruf geben. Ich weiß wohl, daß sie nicht ganz unrecht haben, wenn sie sagen, daß seit 2000 Jahren ihre unerbittlichen Feinde in diesem Text immer wieder eine Rechtfertigung für ihren Haß und eine Ent- schuldigung für ihre Verbrechen suchen. Diesen Haß selbst und die Verbrechen, wer wird sie leugnen? Sind sie nicht ein ganz besonderer Zug in der Geschichte? Ich stehe mit diesen Gedanken nicht allein: die Verfolger, die wir unter der Herrschaft Hit- lers am Werke sahen, haben die Schandbarkeit und die Grauenhaftigkeit vorangegangener Jahrhunderte weit hinter sich gelassen. Wir sind Zeuge eines unerhörten Phänomens geworden, sowohl was die Zahl seiner Opfer angeht, die es zermalmt hat, wie die unmensch- liche Wut der Mörder. Keine rein menschliche Vernunft läßt mich das Warum einer solchen Summe von Leiden, die auf die Juden aufgehäuft worden sind, und einen so IIO n nach- ne Pen- standen lag von fragten, reschickt e Swida auf der unsere , mußte denken, in den n Palm- 1: N ich weiß ‚amtheit , daß sie seit 2000 t immel ine Ent wird sie 18 in der n nicht haft Hit und die yte wei srhörtel ] seine! mensch Jernunft ‚ Leiden, einen® hemmungslosen Ausbruch ihrer Henker verstehen. Sicherlich, es geht mir wie anderen, und manchmal ärgere ich mich über die typischen Fehler der Juden, ob- wohl in der Abneigung, der sie ausgesetzt sind, ein gut Teil Neid steckt. Aber abgesehen davon, daß diese Cha- raktereigenschaften nicht alles erklären können, bleibt dieses gewisse unbekannte Etwas, das jemanden zu dem Ausspruch veranlaßte:„Sie sind nicht wie die anderen Leute“, für mich unerklärbar, wenn man nicht an- erkennt, daß es ein Mysterium von Israel gibt. Wir stehen ihnen, um alles in einem Wort zu sagen, als einer vorbestimmten Rasse gegenüber. Was immer an diesen Gedanken sein mag, die anti- semitischen Scheußlichkeiten der Nazis müssen die- jenigen zum Nachdenken bringen, die Christen sein wollen und die eine Erneuerung des Antisemitismus, die wir erleben, dulden, wenn sie sie nicht gar selber hervorrufen. Diejenigen aber, welche die Vision der Konzentrationslager nicht vergessen haben, werden ernst und nachdenklich, wenn sie die Worte„Tod den Juden“ an den Tunnelwänden des Pariser„Metro“ kaum zehn Jahre nach Auschwitz und Dachau wieder lesen. Hält man ihnen falsches Denken vor, so weigern sie sich unter dem Vorwand, daß, alles in allem ge- nommen, ähnliche Aufschriften schon die Mauern des alten Rom zierten, vernünftig Stellung zu nehmen. Für mich wird es genügen, um immer auf deiner Seite zu sein, du Volk mit dem harten Nacken, in Gedanken zu hören, wie mein junger Mitbruder von Neue Bremm mit erschöpftem Atem sein Gedicht von Claudel zu Ende spricht, diese Kinder von Rachel zu sehen, die bei Swida spielen, ehe man sie in das Krematorium von Auschwitz holt, und den Greis, der die Bruchstücke sei- nes Gebisses aus seinem Mund voller Blut nicht heraus- bringen kann. III XI Unsere liebe Frau von Dachau Jedes der Lager hatte sein eigenes Gesicht. Was wir von Buchenwald oder Mauthausen wissen, läßt uns erraten, daß man vom Appellplatz aus oder von Seitenwegen etwas Horizont nah oder fern sehen konnte: immerhin der allererste Anfang einer Flucht. Nichts davon in Dachau. Hier waren wir ganz unten in diesen alten Sümpfen, in einem tiefen Burgverließ, noch unter der Grabensohle. Wir fühlten uns bedrückt durch das Gefühl der Unmöglichkeit einer Flucht; der Ausblick war nach allen Seiten hin versperrt. Nur an schönen Tagen zeigte sich, wenn wir die Augen hoben, ein tröstend milder Himmel. Wie oft haben wir auf dem trostlosen Appellplatz diesen unvergleichlichen Himmel gesehen, der an manchen Tagen sogar die Moordünste in Licht verwandelte. Man sagte uns, daß seinerzeit in Dachau eine Malerschule, ähnlich der von Barbizon'‘), bestanden habe. Wir wurden nicht müde, die Zartheit der grünen, goldgelben und blauroten Farben zu betrachten und die leichten rosa Wolken auf dem azurblauen Himmel, diesen ganzen herrlichen Dekor unserer grenzenlosen Verzweiflung. Trotzdem war man ihm ob seines Prunkes nicht böse wegen des Trostes, den er unseren, von so vielen entmutigenden Bildern ermüdeten Augen brachte. Auf beiden Seiten der mittleren Allee des Lagers, hinter einer Reihe brüderlicher Pappelbäume, bauten sich die grünlichen Blocks auf; äußerlich ebenso gleich wie im Inneren verschieden. Rechts die„Freiheitsstraße“ hinunter fünf, dann sieben und endlich neun Revierbaracken. Es ist unmöglich, 1) bei Paris. II2 wir von ‚erraten, enwegen nmerhin unten in gverließ, bedrückt ıcht; der "Nur an n hoben, wir auf ichlichen ogar die uns, daß der von t müde, Jauroten Iken auf errlichen rotzdem egen des tigenden 5, hinte! ‚ sich die , wie iD hier(im franz. Text. D. Übers.) eine vernünftige Über- setzung dieses Wortes zu geben. Die Reviere der Kon- zentrationslager, auf alle Fälle das von Dachau, ent- sprachen nicht dem Bild, das man sich von Spitälern oder Krankenhäusern macht. Das unsere war ein un- gastlicher Ort, der keine hilfsbereite ärztliche Atmo- sphäre hatte und der durch keine liebevolle Gestalt einer Krankenschwester oder einer Pflegerin vermensch- licht wurde. Zweifellos für den höchst unwahrschein- lichen Fall einer Inspektion durch irgendeine neutrale Mission waren die Betten mit Tüchern versehen und eine scheinbare Sauberkeit konnte befriedigen. Aber hinter der Heuchelei des äußeren Anblicks verbarg sich eine völlige Gleichgültigkeit den primitivsten Regeln der Hygiene und der Asepsis gegenüber und verriet dadurch genau den Geisteszustand der SS-Ärzte, die den Auftrag hatten, das minderwertige Vieh, das wir waren, zu pflegen. Dabei spreche ich gar nicht von den unvorstellbaren Operationen, die sich im abscheulichen Block 5, dem Block der Experimente, abspielten. Das Ende der„Freiheitsstraße“ bildeten nach dem Revier die Quarantäne- und Durchgangsblocks. Sie waren gewöhnlich übervölkert von einer wimmelnden Gaunerwelt, die, kaum daß die ersten Fröste kamen, sich in den inneren Höfen zu einer Art menschlicher Kugel zusammendrängte, zu einem elend erstarrten Schwarm, der sich ineinanderschob, um sein bißchen tierische Wärme besser zu bewahren. Das langsame Gewoge dieser unförmigen Massen war das erschüt- terndste Bild, das ich je von Solidarität in Not gesehen habe. Nach dem Revier kamen auf der rechten Seite die schmuddligen Teile der Stadt, die Bidonvilles, die Elendsquartiere; auf der linken waren es Auteuil oder Passy, die vornehmen Viertel. Die ersten Blocks dieses Residenzviertels, die die Nummern 2, 4 und 6 trugen, 113 waren dem Adel und Großbürgertum vorbehalten, Kapos, Vorarbeiter, deutsche Prominente der ver- schiedenen Aristokratien, jede für sich in ihrer Art echt: Prinz von Hohenzollern mit rotem Winkel, würt- tembergischer oder sächsischer Raubmörder mit grüner Wappenfarbe, Sträflinge aus den Zivilgefängnissen, asoziale Tagediebe, denen als Zeremonialfarbe das Schwarz vorbehalten war. Etwas weiter unten kamen die Wohnungen der Mittel- klassen. Dort hatten sich in den Jahren um 1943 Polen, Tschechen und Slowenen in gleichartigen Stuben fest- gesetzt und gegen Ende des Winters die Franzosen und Belgier. Die Hefe des Proletariats, das heißt die Italie- ner, dann die Ungarn, waren hinter den Block 28, der den polnischen Priestern vorbehalten war, in die letzte Baracke, die die Nr. 30 trug, verbannt. Im Laufe der letzten Monate wurde sie in eine Nebenstelle des Reviers umgewandelt oder genauer gesagt die Leichen- halle für Greise und Kranke. Zwischen jedem Block mündete ein Seitenweg, eine Art innerer Hof, auf der einen Seite auf die zentrale Freiheitsstraße und auf der anderen Seite auf den engeren äußeren Weg, den hinter dem Kanal das Hochspannungsdrahtgitter sperrte. Der Hof, der den Block 24 der Franzosen vom nächsten trennte, war ausnahmsweise durch einen Stacheldrahtverhau geschlossen. So gab es einen ein- gezäunten Raum im Lager. Der Zugang war nicht ein- fach, sondern erforderte Leistungen höchster Feldherrn- kunst. Um ihn zu erreichen, mußte sich die Überzeu- gungskraft des Diplomaten gelegentlich von der Schlag- kraft des Boxers begleiten lassen. Der zebragestreifte Wächter dieses Vorhofs war häufig mit einem Stock versehen, mit dem er die Frechlinge, die kühn genug waren, diese Schwelle überschreiten zu wollen, nicht bloß bedrohte. Die aufmerksame Wache brachte die unerbittliche Dienstvorschrift, die den Profanen den II4 ehalten, ler ver- rer Art el, würt- t grüner |gnissen, be das r Mittel- ‚3 Polen, hen fest- sen und ie Italie- 28, der ie letzte aufe der elle des Leichen- m Block auf der und auf n Weg, 3htgittel anzosel ch einen en EIN: icht ein ]dherrm- Jherzeu‘ Eintritt in das Heiligtum untersagte—„streng VET- boten“— zur Anwendung. Heiligtum ist schon das richtige Wort, weil es sich um den Block 26, den der Pfarrer handelte. Die beiden ersten Stuben waren in eine Kapelle verwandelt worden, nachdem die darin Untergebrachten sich so gut sie konnten in den beiden anderen Räumen eingeschachtelt hatten, um diese Kult- stätte zu bekommen. Unter all den üblen Narrenstücken ist dies wahr- scheinlich das stärkste. David Rousset') hat es nicht gekannt. Kann man sich einen größeren Irrsinn vorstellen als den, der darin bestand, den nazifeind- lichen Priestern, die meistens wegen des Verbrechens des Seelsorgemißbrauchs hierher deportiert worden wa- ren, auferlegen zu wollen, daß sie selber die wilden Türhüter der Naziordnung machen sollten, indem man sie beauftragte, die Christen aus der Kapelle zu entfer- nen, dem einzigen Ort, wo sie in dieser Hölle ein wenig Erfrischung, Ruhe und Frieden hätten finden können? Als ich ins Lager kam, war der gute Joseph Joos der einzige, der es geschafft hatte, in den Block 26 frei ein- und auszugehen. Der frühere Bürgermeister von Wien, der alte Schmitz, ein praktizierender Katholik, betete jeden Morgen vor dem Appell lange vor der äußeren Wand dieses für ihn unzugänglichen Raumes; er grüßte das Tabernakel, das er hinter dieser Wand wußte und kehrte resigniert zurück wie ein Strolch, der von der Tür des Palastes weggejagt worden war. Ich selber be- mühte mich am Nachmittag des ersten Sonntages nach meinem Abschied aus der Quarantäne, das Innere des Heiligtums durch eine Öffnung zum Block 28 hin zu sehen. Ich kam mir selber vor wie eine Reklamefigur von den Litfaßsäulen, an die ich mich aus meiner 1) Zeitgenössischer frz. Wissenschaftler und Publizist, bekannt durch seine Arbeiten gegen Konzentrationslager. 115 Jugend erinnerte; es war ein armer Teufel, der seinen Hunger am appetitlichen Duft stillte, der ihm aus der Küche wohlhabender Leute zuströmte, welche die Vor- züge einer berühmten Sauce zu schätzen wußten. Sobald er mich hinter der Scheibe sah, kam ein Pfarrer, der Harmonium spielte— es gab sogar ein Harmonium in dieser Kapelle— auf mich zu und bedeutete mir, schleunigst zu verschwinden:„Streng verboten.“ Da ich tat, als ob ich ihn nicht verstünde, machte er einen langen Umweg durch den Hof, um mich unter Drohun- gen aufzufordern, unverzüglich weiterzugehen. Ich wurde von den polnischen Priestern der Nachbarbaracke aufgenommen. Diese hatten ebensowenig wie wir Laien Zutritt zur Kapelle. Wenn einer von ihnen sich dorthin vorwagen wollte, wurde er entfernt, manch- mal mit Faustschlägen, wie ich selbst gesehen habe. Neben dem erbärmlichen Anblick, den die unterjochte Kirche in Block 26 bot, bildete die leidende Kirche von Block 28 einen Gegensatz durch den Trost und die Stär- kung, die sie gab. Hier erlebten wir das, was die Atmo- sphäre der Katakomben unter Kaiser Diokletian gewe- sen sein muß. Die heimlichen Messen sonntags vor Sonnenaufgang in den mit Sträflingen überfüllten Räu- men, ein lächerlicher Becher aus Blech anstelle des Kel- ches, eine Tablettenschachtel das armselige Ziborium mit winzigen Hostien, der zelebrierende Priester aus Vorsicht in seinen Alltagslumpen ohne den geringsten liturgischen Schmuck, das alles hatte Züge einer außer- gewöhnlichen, einer geradezu ergreifenden Majestät. An jedem Ende der Baracke wachte ein Kamerad, damit nicht etwa ein SS-Mann im Übereifer die nächtliche Feier störte, wie es schon öfter geschehen und dann nicht ohne blutiges Gemetzel abgegangen war. Entdeckten polnische Priester einen Christen, ganz gleich welcher Nationalität, wurde er brüderlich ein- geladen, am eucharistischen Mahl in Block 28 teilzu- II6 ler seinen n aus der e die Vor- ßten. n Pfarrer, tmonium tete mir, 0.“ Da ich er einen Drohun- hen. Ic arbaracke wie wir hnen sich t, manch- en habe. ıterjochte irche von 1 die Stär- Jie Atmo- jan gewe ntags VO! Iten Räu: e des Re Ziborium jester aus eringstel ‚er außer Majestät ad, damit ‚ächtlich? ınd dan! . ed, gar lich ei ‚g teilzv nehmen; genau das Gegenteil von dem, was sich gegen- über abspielte. Als Deportierter, das ist selbstverständlich, muß man gewisse Belastungen stillschweigend ertragen. Trotz- dem belastete mich die Vertreibung aus der Kapelle schwer, und ich bekam erst Ruhe, als dieses unerträg- liche Verbot für mich aufgehoben worden war. Ich hatte meine Empörung darüber bei Leo Fabing und Robert Müller ausgesprochen, aber diese beiden lothrin- gischen Pfarrer galten als nicht„zuverlässig“, und ihre Autorität im Block 26 war gering. Man rechnete sie zu den Franzosen: gefährliche, undisziplinierte Leute. Man unterstrich die Gefahr für die ganze Gemeinschaft, wenn die unzähligen Bittsteller, die offenbar dem Got- tesdienst beiwohnen wollten, den Sonderraum dem SS-Befehl zuwider überschwemmt hätten, von den Paketen ganz zu schweigen, die damals noch bei den Prominenten einliefen. Die deutschen Pfarrkinder ver- gaßen ihre Pfarrer nicht. Wo wären wir hingekommen, wenn all die Hungerleider des Lagers plötzlich in einem Anfall von Mitleid mit den in den Spinden dieses un- betretbaren Blocks 26 gelagerten Lebensmittelvorräten in Berührung gekommen wären. Es war gerade genug, daß die SS-Leute, wenn sie Lust dazu hatten, die durch die Vorsicht der allzu wohlhabenden Pfarrer aufgesta- pelten Pakete den ausgehungerten Russen zur Plünde- rung überließen. Sie weideten sich an dem Anblick und klatschten sich mit lautem Gelächter auf die Schenkel. Kann man sich eine schlimmere Zersetzung einer be- stehenden Ordnung vorstellen als dieses Ausplündern von, alles in allem genommen, einwandfrei erworbe- nem Gut? Vielleicht habe ich unrecht, wenn ich diesen unglück- lichen, durch Disziplin unterjochten deutschen Pfar- rern noch etwas nachzutragen scheine. Aber ich muß 237 trotzdem unterstreichen, daß erst, als unsere französi- schen Pfarrer anfingen, selbst die Polizeigewalt am Ein- gang des reservierten Raumes auszuüben, das unerhörte Verbot allmählich ausgehöhlt wurde. Der Eintritt in die Kapellewurde dann praktisch frei. ImLaufe des Sommers 1944 war es verhältnismäßig leicht geworden, in den Block 26 zu gehen. Auf die Dauer duldeten die deut- schen Pfarrer die ständige Insubordination dieser hart- näckigen Franzosen, die ohne jedes Gefühl für den Im- perativ des„streng verboten‘ waren. Was mich betrifft, so hatte die Empfehlung meines Freundes Diederich Hildebrand, des berühmten Münchener thomistischen Philosophen, dessen Flucht in die Vereinigten Staaten ich im Laufe des Sommers 1940 unterstützt hatte, mir schließlich die dem Vater Joos bewilligten Privilegien eingebracht. So erhielt ich den unvorstellbaren Vorzug, der ergreifenden halben Stunde beiwohnen zu können, die dem regulären Wecken voranging, lange noch, ehe die Schreier das gräßliche„Aufstehen, aufstehen!“ in die Lautsprecher brüllten. Im Block 24 war der gute Georg Surowy rechtzeitig wach. Er kam, mich auf meinem Strohsack zu wecken, damit ich nicht das tägliche Rendezvous verfehlte, auf das ich, wie er gemerkt hatte, großen Wert legte. So den Trappisten zu gleichen, die zum Singen der Frühmette geweckt werden, brachte etwas Belebendes in den auto- matischen Ablauf des täglichen Betriebes, und der Gedanke, daß der Glöcknerbruder dieser Rote vom „Frente Popolar“ war, gab noch etwas Malerisches dazu. Dicht aneinandergedrängt folgten die 500 oder 600 Priester in der Kapelle schweigend den Gebeten des Zelebranten. Die Organisation hatte erstaunliche Lei- stungen vollbracht: die liturgische Farbe zum Beispiel, die dem beginnenden Tag seinen ganzen Charakter gibt, wurde strengstens beachtet. Der Gottesdienst ging in tiefster Sammlung vor sich. Wir waren nicht mehr 118 aufeii amLe Versch und d sten,£ Beken meist Maral wurde sechts Depoi enden stelle, stilisi as„I oder übere Diese Daß| entsc ter) dem gen lichn lauf die y frau nei Haß, Milg Von laeti lung Sinn Ihre anzösı ım Ein- erhörte tin die Immer; in den e deut er hart: len Im: betrifft ederich tischen Staaten te, Mil nlegien Vorzug önnen ch, ehe n en!” I gwadh , dal! uf dis So dei hmellt n aut nd dei ‚e vo 5 dazl jer 60 jen dR he Le eispi arakt! 1st gi t mehr auf einem fernen Planeten verloren, wir nahmen teil am Leben einer Kirche, der Kirche. Verschiedene Bekenntnisse teilten sich den Block 26 und die Kapelle. Die Katholiken waren am zahlreich- sten, aber es gab auch viele Geistliche evangelischen Bekenntnisses sowie eine Anzahl orthodoxer Priester, meist aus Jugoslawien oder Rumänien, und selbst einen Marabut aus Albanien. Eine Statue der Jungfrau Maria wurde unter Zustimmung aller im Laufe des Winters rechts vom Altar aufgestellt. Sie war das Werk eines Deportierten, der lange gebraucht hatte, um es zu voll- enden unter Schwierigkeiten, die man sich leicht vor- stellen kann. Aus hellem Holz geschnitzt und streng stilisiert, konnte sie ebenso gut als„Morgenstern” oder als„Heil der Kranken“, als„Trösterin der Betrübten” oder als„Königin der Märtyrer“ gelten. Alle kamen überein, sie unsere liebe Frau von Dachau zu nennen. Dieser Name drückte alles zugleich aus. Daß der Glaube für eine sehr große Zahl von uns die entscheidende Stütze während der ganzen Dauer unse- rer Prüfungen war, ist offenbar und wird von nieman- dem bezweifelt. Die Ungläubigen sind Zeugen davon, genau wie die anderen. Ebenso möchte ich auf die wirk- lich neue Erkenntnis hinweisen, die viele Deportierte im Laufe ihrer Betrachtungen gewonnen haben, nämlich die wirklich außerordentliche Gestalt, welche die Jung- frau Maria im katholischen Glauben ist. In einer unmenschlichen Umwelt, in einem Ozean von Haß, der uns verschlingen wollte, war die menschliche Milde, die unerschöpfliche und stets erreichbare Güte von Maria uns oft Anlaß zur Freude: causa nostrae laetitiae.... Durch die Betrachtung der allerseligsten Jungfrau zu Füßen des Kreuzes fanden wir einen neuen Sinn unseres Elends; mehr noch: in der Betrachtung ihres ununterbrochenen Eintretens für uns verstanden 119 wir immer besser, was unsere eigene Haltung sein könnte, sowohl„in den Tagen unseres Todes“ als später, wenn die Rechnungen beglichen werden würden. Keine Sprache wird je die unendliche Dankbarkeit derjenigen wiedergeben können, die die Gnade dieser Umformung ihrer Leiden erlebt haben und diese geradezu alles um- stürzende Entwaffnung des Hasses. XI Wohlerzogene Leute Den Sieg verlangen, aber keine Lust haben, sich zu schlagen, ich finde, das ist einfach unerzogen. (Charles Peguy, L’Argent suite.) Der Frühling kam allmählich näher; man merkte es an der weniger scharfen Luft auf dem Appellplatz, am Himmel, den das Licht schon färbte, wenn die Morgen- versammlung zu Ende ging, an dem kaum vernehm- baren Zittern der Pappeln der Freiheitsstraße, der Früh- ling, der uns die Landung unmöglich unterschlagen konnte und somit die Befreiung. Allmählich hatten wir uns an die Gefahr gewöhnt, gleich Leuten, die sechs Monate lang sich täglich zehnmal wiederholende Kata- strophen überlebt hatten. Veteranen eines Feldzuges mit ständig unerwarteten Ereignissen, waren wir zu- gleich froh und stolz, jetzt zum Ende des Winters noch da zu sein. Wenn man alles so richtig ansah, hatten wir uns bis jetzt nicht allzu schlecht aus der Sache gezogen, da wir noch am Leben waren. Es hatte zweifellos gefährliche Alarmsituationen gegeben. Wenn der finstere SS-Mann bei jeder Neueinrichtung eines Kommandos unver- sehens kam, um die Nachzügler in den Baracken auf- zugreifen, flüchteten die französischen„Meuterer“ er- I20 starzt ten. I stropl ein V zuha um g von ı hinaı loren däml war durch gefal ‚Ihr toriu. Unse gerac mate habe aben der} Vor] Uns| an bi Lach Gesi stanı sagte gerü Mor Sist; Nad geht ing Schr em; sein päter, Keine nigen mung Ss um- sich zu suite esan 7, am jrgen- jehm- Früh- Jagen n Wil sechs Kata zuge jr ZU ‚noch ns bis la wir glich Mani ınvel „auf er starrten Herzens und versteckten sich so gut sie konn- ten. Im Laufe des Januar wäre um ein Haar die Kata- strophe über sie hereingebrochen. DerSS-Mann glaubte, ein verdächtiges Geräusch aus dem Dachstuhl gehört zu haben, wo wir uns versteckt hatten. Er wollte gerade, um genauer nachzuschauen, über die dreifachen Stapel von Strohsäcken, die bis zur Kartondecke reichten, hinaufsteigen. Wurden wir entdeckt, so waren wir ver- loren. Georg verwischte die Fährte dadurch, daß er den dämlichen Blockführer nach den Latrinen ablenkte. Es war höchste Zeit. Moutin war danebengetreten und durch die brechende Decke auf den Strohsack darunter gefallen. Leichenblaß hatte daraufhin Georg uns gesagt: „Ihr seid völlig wahnsinnig, Ihr endet alle im Krema- torium!” Unsere„Stube“ war erbärmlich. Keine Kohle im Ofen; gerade noch, wenn es die Suppe gab, das bißchen Pack- material der Pakete, und die waren nicht zahlreich. Wir haben unter der Kälte gelitten. Wir wärmten uns abends, indem wir uns aneinanderdrängten. Aber in der Hauptsache haben wir Hunger gehabt. Vor Hunger krepieren: eine Formel, die für viele von uns ihre ganze Bedeutung erst von diesem Zeitpunkt an bekommen hat. Sie reizt uns jetzt nicht mehr zum Lachen. Sie erinnert für immer an das schmerzentstellte Gesicht eines Kameraden, der allmählich in den Zu- stand eines Muselmannes gekommen war, wie wir sagten, wenn man von einem nur noch das Knochen- gerüst unter der faltig gewordenen Haut sah. Eines Morgens in der grauen Dämmerung ist er nicht auf- gestanden, als der Stubenälteste schrie:„Aufstehen!“ Nach dem Appell ist dann der Mann aus dem Revier gekommen. Er schob den nicht sehr schweren Leichnam in seine enge längliche Kiste; an den Fuß hängte der Schreiber den üblichen Zettel: gestorben an Unter- ernährung. Das Schreckgespenst des Hungers war eine I2I schmerzliche Prüfung für die, die nicht das Glück hat- ten, Pakete zu bekommen. Das war für die Mehrzahl der Franzosen der Fall. Würdige Haltung dem Hunger gegenüber: Abgesehen davon, daß es korrekter ist, darüber nicht zu sprechen, wenn man nicht selber dieses Zerren im Magen gespürt hat, diesen Schwindelanfall vor dem Stückchen Schwarz- brot des Nachbarn, die Versuchung, es sich zu nehmen, ist nichts heuchlerischer als diese Kanakensitte, die dort zur Bestrafung der Schwäche der ärmsten Teufel führte. Der Unglückliche wurde über einen Schemel gelegt; vorher war er entkleidet worden(diese Gemeinheit, mit der die Henker die beschämende Entblößung er- zwangen....); an seinem Hals hing die Schandschrift: „Brotdieb“, und das Zeremoniell begann. Einer nach dem anderen traten die Kameraden des Verbrechers heran, um ihn zu ohrfeigen und ihm ins Gesicht zu spucken. Der Blockälteste beendete die Vorstellung durch eine Tracht Prügel mit dem Gummiknüppel, die manchmal den Delinquenten endgültig erledigte. Da hatte er allerdings ein für alle Mal den Geschmack an Brot verloren. Dieses Schauerspiel war herzzerreißend. Wir hatten es in den Tagen nach unserer Ankunft in Stube Vier oft erleben müssen, weil dort die Fälle von Mundraub häufig waren. Später hatten wir erreicht, daß wir die Suppe selber verteilen durften; der„Nachschlag“ wurde also für die am meisten unter Hunger Leidenden auf- gehoben. Wer Pakete bekam, hatte begriffen, daß er auf Nachschlag nur nach den anderen Anspruch hatte. Bis zu den Unmenschlichkeiten des folgenden Sommers hörte man nichts mehr von Franzosen als Brotdieben. In der Hölle sind alle menschlichen Leidenschaften ver- sammelt. So war es auch in dieser organisierten Hölle, deren inneren Betrieb unser deutscher Kamerad Eugen I22 keit die s Elen« Nie geist verst " gen\ halb den Harp oder man Von such tigst sich Rau War lang Pfar Näd kam Pakı kair der gera barr Wie Steh dan bös, tnff Seir Uns k hat- hrzahl sehen echen espürt hwarz: hmen ie dort führte, gelegt; inheit Ing er schrift r nad recheis icht zu tellung el, dit te. DI jack an tten& Tier of ndraub wir die wurde en aut er all tte. Bi mm diebe? pen We ‚Hölk | Euge Kogon mit der seinen Landsleuten eigenen Genauig- keit beschrieben hat. Alle Leidenschaften, alle Laster, die sieben Hauptsünden, verstärkt durch das physische Elend, hatten freien Lauf. „Niemals“, sagte mir ein junger Kamerad aus einem geistlichen Orden, der täglich einen Teil seiner Ration verschenkte,„habe ich soviel Gaumensünden began- gen wie hier.“ Er war gewöhnlich, wie wir alle dauernd, halb verhungert. Das ist selbstverständlich. Aber an den Tagen der großen Schmauserei, wenn man wie Harpagon seinen Schatz, einen Nachschlag von Brot oder Margarine, in der Hand ganz festhielt, empfand man wahrhaftig dabei eine Art Raserei. Von den sieben Hauptsünden war es vielleicht die Hab- sucht, die in dieser Welt der Entblößung die widerwär- tigsten Züge zeigte, die Habsucht, die natürlich hinter sich den Neid zog. Ich kann ihn nicht vergessen, diesen Raum im Revier, Isoliertenabteilung. Wegen Krätze war ich im Laufe des Winters dieses Jahres eine Zeit- lang dort und lag neben einem jungen lothringischen Pfarrer, Abbe Bergantz, spöttisch, geistreich und voller Nächstenliebe. Unser Nachbar auf dem Strohsack be- kam auf Grund seiner berühmten Titel zahlreiche Pakete. Es war unmöglich, nicht mit den Zähnen zu knirschen angesichts der selbstsüchtigen Freßlust, mit der er sich vor allen den Bauch vollschlug, und der geradezu monumentalen Gleichgültigkeit den Nach- barn gegenüber, deren Augen vor Gier brannten. Wie der Haß im Herzen von Halbverhungerten ent- stehen kann, habe ich niemals so sehr gespürt wie damals, und ich habe den Fluch verstanden, der den bösen Reichen in der Geschichte vom armen Lazarus trifft. Wenn wir wenigstens die Brosamen, die von seinem Tische fielen und die er den Hunden gab, für uns hätten erbitten können. 323 In unserer Stube Vier hatten sich zwei von unseren Franzosen die Funktion von Dolmetschern beigelegt. Unähnlichere Wesen als diese beiden Kameraden gibt es nicht. Klein, untersetzt, mit gewölbtem Rücken und die flachsblütenblauen Augen tief in einem scharf geschnit- tenen Gesicht, eine mächtige Hakennase, das war Vater Dollfuß, der die siebzig schon überschritten hatte. Durch ein Wunder von Energie, das sich Monat um Monat jeden Morgen wiederholte, stand er nach mehr als drei Jahren noch auf den Beinen. Er war der Typ des Elsässers aus den Vaterländischen Berichten der Zeit vor dem ersten Kriege! Seine Familie war nach dem Siebziger Kriege„in das Innere“ ausgewandert. Er hatte in Belfort ein bedeutendes Textilunternehmen gelei- tet und den ganzen Krieg 14/18 als Artillerie-Offizier mitgemacht. Er erzählte mit Stolz, daß er seine Batterie eines Tages dem Präsidenten Poincare auf den Hängen des Vieil-Armand vorgeführt hatte. Meine erste Begegnung mit ihm hatte mich aus der Fassung gebracht. Es war in den Waschräumen, die, wie man weiß, in der Konzentrationärstadt als Han- delsbörse dienten. Persönlich schien es mir eher ab- wegig in dieser Welt der völligen Verarmung, Grund- sätze des Stock Exchange anzuwenden. Sie waren jedoch allgemein anerkannt und insbesondere durch den Vater Dollfuß. Damals also handelte er mit dem Ernst eines Kommis- sionärs, der an der Börse von Alexandrien 10 000 Bal- len Baumwolle aushandelt, den Tausch von Kippen gegen winzige, halbverfaulte Äpfel aus, die ein slowe- nischer Bauer seinem letzten Paket entnommen hatte. Ich machte ihn mit der einem im Alter meines Vaters stehenden Manne gegenüber gebotenen Achtung darauf aufmerksam, daß dieses Clearing ihm schaden würde; wenn er einfach seine Kippen verschenkte, könne er 124 vom| ten, I Zug. „Hier regiet die K alsge das'h Arme Geset wörtl Ihh; stolze den| Zeit, nicht Der Groß Mont Gesic ten, c laut; ens Kinn Hank ein f seren elegt. n gibt d die chnit- Vater hatte, ıt um mehr ı Typ n der h dem hatte gelei: ffizier atterie ängen h aus n, die, ‚ Hat: er ab srund: jedod mmis yo Bil Lippe! slowe ‚hatte: Vate darav! würde: nne# vom Empfänger bedeutend mehr Großzügigkeit erwar- ten. Doch da war nichts zu machen. Er hielt an seinem Zug-um-Zug-Geschäft fest. „Hier wie woanders ist es das Interesse, das die Welt regiert“, antwortete er mir.„Geben denn nicht sogar die Kommunisten dem Kapitalismus insofern recht, als gerade sie als erste die Organisation in Gang setzen, das heißt, den Tauschhandel?” Armer alter Vater Dollfuß! Durch sein Bestreben, die Gesetze von Ricardo und Adam Smith hier in Dachau wörtlich anzuwenden, ließ er sich völlig einwickeln. Ich hatte bis zum Schluß die Hoffnung behalten, diesen stolzen starrköpfigen Greis lebend zurückzubringen, den letzten Vertreter fürchte ich, einer vergangenen Zeit. Aber er konnte den Typhus des letzten Winters nicht überstehen. Der andere Dolmetscher Georges Ligeron war nicht Großbürger wie Dollfuß; daran fehlte viel. Er war ein Monteur mit einem von frühen Falten durchfurchten Gesicht. Er gehörte zu der Klasse der graublauen Solda- ten, die unter den Klängen von Madelon de la Victoire laut Aristide Briand Deutschland am Schlafittchen fas- sen sollten. In Wirklichkeit war es die Taille und das Kinn von einer Madelon von Mainz, wo Ligeron seine Hand gehabt hatte. Da er ein anständiger Kerl und ein francodeutscher Balg die Frucht dieser Eroberung war, hatte er aus der Mutter des Jungen— nicht ohne verwaltungsmäßige und familiäre Schwierigkeiten— seine legitime Frau gemacht. Im gegenwärtigen Augen- blick kämpfte dieser Balg an der russischen Front in den Reihen der Wehrmacht, und sein Vater litt Qualen, ihn so gefährdet zu wissen. So gab es während dieses welt- weiten Dramas ungezählte höchst persönliche Sorgen. Ligeron und ich gehörten beide zum Jahrgang 19, der in den goldenen Frühlingszeiten, die dem ı1. November 1918 folgten, die Ruhr besetzte! Deswegen hatten wir 125 beide das Verbot des Duzens gebrochen. Wir waren wirklich Freunde geworden. Er war ein einfacher Mann mit der spontanen Großherzigkeit des Volkes, wie sie Proudhon und Peguy ja kennen. Genau wie der Vater Dollfuß heldenhaft alles in allem genommen das eherne Gesetz von Angebot und Nach- frage ertrug, erwies sich Ligeron für alle Werttheorien unzugänglich. Er erklärte mir sein fehlendes Interesse eines Tages, als er mit Verachtung einen Nachschlag Suppe zurückwies, auf den er keinen Anspruch zu haben glaubte: „Verstehst du, mein lieber Alter, die Stellung ist nicht bequem in dieser Bude. Wenn du nicht einen Greis vor dir hast wie Dollfuß, der dich an deinen Alten erinnert, ist es so ein Bengel im Alter des deinigen, der dir sein Kochgeschirr hinhält. Du bist auf alle Fälle aus- geschmiert.“ So wollte er lieber vor Hunger krepieren, denn als Flegel gelten. Er hatte Haltung. Als der Winter zu Ende ging, waren noch die am Leben, die die ganze Zeit eisern durchgehalten hatten. Wer lockergelassen hatte, und sei es auch nur für einen Augenblick, war im Handumdrehen beiseite geräumt worden. Der Vorgang war immer der gleiche: beim An- treten, bei Rückkehr vom Arbeitskommando, erkannte man an der Haltung den Kameraden, der das Spiel auf- geben würde. Mit kraftloser Stimme erklärte er, er könne nicht mehr. Und spätestens am übernächsten Tage war er nicht mehr da. Erstaunliche Leistungskraft des Willens ohne jede Verbindung mit dem körper- lichen Zustand! Unter den Franzosen von unserer Stube Vier waren es zwei besonders, die uns dies greif- bar gezeigt haben. Sie waren wirklich wandelnde Ske- lette. Sie hielten sich trotzdem aufrecht, einfach weil sie sich ein für allemal entschlossen hatten, durchzuhalten. Und sie sind zurückgekommen. 126 Lucier der Fa von H uns ge kleine sich m lich sa die an Rande Kanto wußt, das er vorbra ‚Hier Das a Warkı beiden Höhle Kerle Resge] er tod Seine den L. einfäl Erhat men: lich£ um ı Shen. Eines nen endli. Man. Ünde Atlor deych aren lann e sie lem \ach- rien Tesse chlag h zu nicht is vor nert, r sein aus- jeren, eben, ‚Wer einen äumt n An annte ] auf er,© hstell kraft örper nserel | grei e she eil sie alten: Lucien Cambon aus Ouercy war eines Tages direkt aus der Fabrik, wohin ihn der S.T.O.(Zwangsarbeitsdienst) von Herrn Pierre Laval dienstlich geschickt hatte, zu uns gekommen. Ich frage mich noch immer, wie dieses kleine friedfertige Männchen es angestellt haben mag, sich mit seinem Werkmeister herumzuschlagen. Äußer- lich sah er aus wie die kleinen halbverdorrten Eichen, die an seinen heimatlichen Landstraßen stehen, am Rande der Hohlwege, die in den trockenen Tälern des Kantons von Gramat nach Rocamadour führen. Unbe- wußt, glaube ich, prägte er einmal ein fabelhaftes Wort, das er mit der rauhen Stimme der Leute seiner Heimat vorbrachte: „Hier kommt es darauf an, nicht zu demissionieren.“ Das andere Skelett, das nicht demissionieren wollte, war Roger Bibonne aus der Gironde, dem Land zwischen beiden Meeren, zwei schwarze Augen tief in ihren Höhlen, der unnachahmliche Knoblauchakzent der Kerle von Bacalan, immer gute Laune. Dabei war sein Kesselkommandbo eines der furchtbarsten. Abends kam er todmüde, schmutzig, schleppenden Ganges wie alle seine Kameraden zu uns, aber mit einem Lächeln auf den Lippen, so daß man sich fragte, ob er nicht etwas einfältig sei; aber das war er wirklich nicht. Er hatte sich eine besondere Aufgabe gestellt: das Her- umerzählen von guten Nachrichten. Sie waren gewöhn- lich falsch; man nahm sie trotzdem ernsthaft auf. Bis zum nächsten Morgen lebte man unter dem berau- schenden Einfluß einer lächerlichen Morphiumspritze. Eines Tages berichtete uns Bibonne triumphierend mit einem noch gescheiteren Gesicht als gewöhnlich, daß endlich für alle Franzosen Pakete angekommen seien. Man traute seinen Ohren nicht. Seitdem Belgier, Hol- länder und Norweger von ihren Rot-Kreuz-Organi- sationen Kollektivpakete bekamen, fühlten wir uns beschämt, von der unseren so verlassen zu sein. Nun 1727 würden wir also in Zukunft mit den meistbegünstigten unserer Kameraden gleichgestellt. Am anderen Morgen wurden die Franzosen der Stube Vier tatsächlich durch einen Zettel bestellt. Die Nach- richt von Bibonne wurde ernst. Was uns ein wenig über- raschte, war, daß wir statt zum Block 2, wo Jacoby, der Briefbote, herrschte, zum Block 30, zur Bibliothek, kom- men sollten. Nach dem Appell ging also die Stube Vier geschlossen in Fünferreihen zur Bücherei. Schon überschlugen wir die Möglichkeiten der traumhaften Reichtümer, die die angekündigten Pakete ganz sicher enthalten müßten. Die Nichtraucher überrechneten die Zahl der Gauloises oder der Tabakpäckchen, die selbstverständlich das Rote Kreuz jeder Sendung beizufügen nicht unterlassen haben würde. Moutin, von den bevorstehenden Orgien schon träumend, summte vor sich hin: Den Krüllschnitt, den mit Fingern man sich so lecker dreht... Die in Deportierte umgewandelten Kriegsgefangenen schilderten im einzelnen mit Vergnügen die Zusam- menstellung der Sendungen, die sie unlängst in ihrem Lager erhalten hatten. Es würden sicher Sachen dabei- sein, die man kochen könnte. Da würde man sich schon weiterhelfen. Es war schon so lange her, daß wir ein Stück Zucker zwischen den Zähnen gehabt hatten, daß uns beim Gedanken an den, den wir gleich knabbern würden, das Wasser im Munde zusammenlief. Viel- leicht— wer weiß?— würde auch Schokolade dabeisein. Das allerdings wäre dann schon der große Luxus, die Schwelgerei. Die Kerle, die in den Außenkommandos arbeiteten, überlegten schon die Fluchtmöglichkeiten, die ihnen die großartigen Lebensmittel bieten könnten. Der SS-Mann erwartete uns in Block 30, dabei der alte runzelige und spöttische Häftling, der sich einen un- 128 glaubli Ein Bei das anı Größe kaum gern il das wü barsch daß je Jeder, schriel unter Stube, Recht eine d irgene Jüngs den B schnü packu als w. „Her gefan dann igten Stube Nach- über- y, der kom- enin ir die e die ßten. loises ı das assen rgien glaublichen Kramladen von Bibliothek aufgebaut hatte. Ein Berg von umfangreichen Paketen, eines genau wie das andere, lag vor ihren Füßen. Zunächst enttäuschten Größe und Gewicht. Gewöhnlich hatten die Pakete kaum mehr als drei oder vier Kilo: diese wogen gut und gern ihre 30. Es würde nicht für jeden eines geben, aber das würde man sich schon einrichten; man würde Nach- barschaftsgruppen bilden. Schließlich wurdebeschlossen, daß je zehn ein Paket bekommen sollten. Jeder, der ein Paket zugeteilt bekommen hatte, unter- schrieb eine Quittung, und im Eilmarsch kamen wir unter der Führung des atemlosen Georg wieder in die Stube. Jede der Gruppen hatte ihm— vollkommen zu Recht— eine Gabe von ihrem Paket versprochen: die eine die Zuckerration, die andere das Paket Tabak; alle irgend etwas. Die Gruppe von Moutin, die aus den Jüngsten bestand, war in ihrer Ungeduld dem Gros in den Block vorausgeeilt. Sie hatten die Knoten der Ver- schnürung fieberhaft aufgeschnitten, die Kartonver- packung weggerissen und den Inhalt bereits erforscht, als wir ankamen. Das Paket enthielt 300 Liederbücher, „Herausgegeben vonder HauptseelsorgestellederKriegs- gefangenen”.„Wenn’s überhaupt’ne Schweinerei gibt, dann ist das eine Schweinerei”, bemerkte einer. Trotzdem, wir durften das Gesicht nicht verlieren. Die Kameraden von nebenan fingen an, um uns herumzu- schnüffeln, um die Freigebigkeit ihres Roten Kreuzes mit der des unseren vergleichen zu können. Sehr wür- dig hatte jeder einzelne Franzose der Stube Vier ein hal- bes Dutzend Liederbücher in Empfang genommen und diskret in der Ecke seines Spindes verstaut. Mit einer überlegenen Miene machten wir den neugierigen skan- dinavischen, holländischen und flämischen Bekannten der Nachbarstube klar, daß wir als Beginn diese Lite- ratur bekommen hätten, daß es aber der Beweis sei, daß nachhaltigere Sachen folgen würden. Jetzt wisse man in 129 Paris, daß es Franzosen in Dachau gäbe; wir seien also gefunden! Man könne sicher sein, daß wir wie die an- deren bald mit Lebensmitteln versorgt würden. Um Pfingsten herum lief ein phantastisches Gerücht durch die Reihen beim Antreten: die Franzosen seien in Rom einmarschiert. Wir erfuhren das an einem Sonntag. Die Kameraden vom Komitee Joos kamen nachmittags, um mich zu beglückwünschen. Unsere langwährende Demütigung ging allmählich zu Ende. Dieser Tag ist einer von denen, die am längsten in meinem Gedächtnis haften bleiben werden wegen des außerordentlichen Stolzes, den er uns gab. In den folgenden Wochen schienen die Ereignisse sich überstürzen zu wollen. Es verging kaum ein Tag, ohne daß amerikanische Geschwader Dachau sehr hoch über- flogen. Das Erscheinen der glitzernden Silberfestungen, ihre Menge, der Eindruck der geordneten Macht, die der langgezogene Vorbeiflug am Himmel ausstrahlte, das alles verstärkte unsere Sicherheit: der Sommer würde nicht zu Ende gehen, ohne daß wir endlich be- freit werden würden. Eines Tages wollten die Amerikaner ihre Arbeit ganz genau machen. Statt ihre gesamte Ladung über das nahegelegene München auszuschütten, entschlossen sie sich, einen Teil davon für die SS-Stadt ganz nahe am Konzentrationslager aufzuheben. Es handelte sich also darum, das Ziel im Abwurfgerät nicht zu verfehlen. Tatsächlich wurden nur die SS-Gebäude getroffen. Aber eine gewisse Zahl von Kameraden, die dort arbeiteten, gehörte zu den Opfern. Wir in unseren Blocks schwitz- ten auch. Viele von uns hatten das Sausen der Bomben vernommen. Dieser Eindruck— und sei es auch nur passiv— am Kampf teilzunehmen, hielt uns in der Er- wartung der Invasion aufrecht. Die Nachrichten, die mit den zuletzt angekommenen Paketen eingeschmuggelt 130 word Siche das 1 hatte Corte Land hielt über schac schöi gehe veral Post: würt Sicht der en also die an- serücht 1 seien einem kamen Unsere ı Ende sten in sen des ;se Sich 3, ohne h über- ungen ht, die trahlte, ommel lich be jt galz yer das hlossen ahe a ch also fehlen. n. Aber sitetel) chwitz ombei ch nu der Er die it nuggelt worden waren, trugen schließlich dazu bei, uns die Sicherheit eines raschen Endes zu geben. Ein Zettelchen, das meine Frau in einer Konservenbüchse versteckt hatte, sprach von Zusammenstößen im Maquis von Correze. Es ermutigte mich. Aber die Nachricht von der Landung kam noch immer nicht. Statt dessen unter- hielten die Nazizeitungen ihre Leser mit Andeutungen über neue Waffen. Die Zahl der Kommandos zur Aus- schachtung unterirdischer Fabrikanlagen wuchs. Eines schönen Nachmittags kam Jaques Martin mit einem geheimnisvollen Gesicht zu uns. Es war seit langem verabredet, daß an dem Tag, an dem er auf seinem Posten die Nachricht von der Landung bekommen würde, er— da es dann darauf ankommen würde, vor- sichtiger denn je zu sein, um nicht die Aufmerksamkeit der Spitzel zu erregen— sich am Rockaufschlag nur ein Stückchen grünes Band anstecken würde. Das sollte das Signal sein. Aber wir hatten so lange vergeblich nach dem grünen Band von Martin gespäht, daß es am Tage, an dem er es dann tatsächlich angesteckt hatte, keiner wahrnahm. Er, der so stolz war über die Freude, die er uns brachte, mußte mich am Arm in einer Ecke der Stube beiseite nehmen und mich mit dem Finger auf sein Abzeichen aufmerksam machen. Kleingläubiger Mensch, der ich war: hatte ich denn wirklich nichts ge- sehen, nichts geahnt? Die große Nachricht, auf die wir seit so vielen Tagen und Nächten, seit so vielen Wochen, seit so vielen Monaten warteten, die Nachricht, deren Erwartung unser Leben mehr aufrechterhielt als die Nahrung, mit der man uns hungern ließ. Ich erfuhr sie also ohne Flaggen, Fahnen und Triumphgeschrei. Aber für unsere geblendeten Augen hatte sich der Anblick der Dinge gewandelt. Einige Tage darauf verließen diezu unruhig gewordenen Franzosen die Stube Vier vom Block 24, um sich nach einem kurzen Durchgang bei den für sie unerträglichen 131 Grünen vom 22 im Block 8 einzurichten. Wir mußten uns mitBedauern vom guten Georg Surowy trennen, der sich immer so verständnisvoll für jeden Mieter der ge- fährlichen Bude erwiesen hatte. Der Stubenälteste in Block 8, einer seiner Landsleute, war wie er Ehemaliger von den internationalen Brigaden. Wir nannten ihn Jef. Auch er zeigte für unser Land eine in dieser Welt, in der wir so lange mehr Verachtung als Freundschaft empfunden hatten, erstaunliche Zuneigung. Ohne die moralischen Qualitäten von Georg zu haben, dem die vier Jahre Deportation auch nicht den geringsten Zug der Unmenschlichkeit aufgeprägt hatten, ragte er unter den Prominenten durch seine Anständigkeit und seinen Mut hervor. Im Laufe des Kommens und Gehens im folgenden Jahre richtete er es immer so ein, daß er eine Stube von Franzosen behielt. Bis zu seinem Tode im kommenden Frühjahr blieb uns Jef mit seinem ver- wüsteten Gesicht treu. Gegen Ende Juni, gerade als die Abendsuppe verteilt wurde, kam ein von Fabing geschickter Läufer zu mir mit einer Nachricht, die noch nicht dagewesen war: ein Zug mit mehreren hundert Franzosen, von Com- piegne kommend, lagerte auf dem Appellplatz. In die- sem Transport befand sich auch einer meiner Kame- raden aus Brive, dessen Namen man mir nannte und der mich sprechen wollte. Ein Zug Franzosen! Endlich würden wir nicht mehr isoliert und Minderheit sein in diesem Dachauer Schrumpfeuropa, das bisher die Slaven, mit denen man sich nicht verständigen konnte, und die feindseligen Deutschen beherrschten. Und in diesem Zug war auch noch der Landsmann, den hier in Dachau eintreffen zu sehen ich wirklich nicht überrascht war. Hatte er nicht gleich nach dem Zusammenbruch von 1940 seine Soli- darität zu der Haltung, die mein Freund und ich ange- 132 \ N) nußten gen, der der ge- teste in maliger en ihn r Welt, dschaft hne die lem die en Zug runter | seinen jens iM er eine ode im m ver verteilt zu mil n Wal: y„ Com: In die Kame te und t mehr „chaue! en mad Iseligen af zud ffen nicht ne Soli h ange nommen hatten, zu erkennen gegeben; hatte er uns nicht geholfen, die ersten Aufrufe zu verteilen und die ersten geheimen Ausgaben von„A travers le desastre‘? Er war ein Kommunist von unserer sozialistischen Gruppe. Schon ein Jahr ehe die Partei offiziell an unse- rem Kampf teilnahm, hatte er uns brüderlich unter- stützt, diskret und wirkungsvoll. Da ich schon seit langem seinen schwachen Gesundheitszustand kannte, war ich natürlich besorgt, ihn in diesem Lager zu sehen, wo schon die Gesunden soviel Mühe hatten durchzu- stehen. Aber es war mir eine große Freude, ihn wieder- zusehen. Sobald die rituellen Aufnahmeverrichtungen vollzogen waren, wurden die Franzosen in den beiden Quarantäneblocks ıs und 17 untergebracht. Ich ging nun auf die Suche nach meinem Freunde. Es war gar nicht so einfach, ihn in der Menge der Neuangekom- menen zu finden. Schließlich war es dann gar nicht er, den ich fand, sondern, umgeben von einem halben Dutzend anderer aus Brive, einer seiner Parteikamera- den. Er kannte die Freundschaft, die mich mit dem anderen verband und hatte sich seines Namens als Losungswort bedient. Das war das beste Mittel, mich zu entdecken, wenn— wie man ihm im Gefängnis ver- sicherte— ich noch in Dachau wäre. So machte ich die Bekanntschaft von Germain Auboiroux, einem alten kommunistischen Kämpfer, Soldaten des anderen Krieges, Inhaber der Militärmedaille; auch er wurde mir sehr schnell Freund und Bruder. Auboiroux, klein und vierschrötig, mit erstaunlich offe- nem Gesicht, war Eisenbahner. Vor 25 Jahren unter der Regierung von Millerand war er entlassen und unter der Volksfrontregierung wieder eingestellt worden. Er hatte die schönsten Jahre seines Lebens aktiv in den Reihen der kommunistischen Partei gekämpft. Er kam von der alten Sozialistischen Partei, die er bei der Tren- nung von Tours verlassen hatte. Die Kameraden von 133 Limoges hatten ihn zum Präsidenten der Vereinigung Frankreich-UdSSR gemacht. Als solcher hatte er vor dem Kriege eine Reise in das Land der Oktoberrevolu- tion unternommen. Er war vor allem ein alter franzö- sischer Revolutionär, dessen Gedächtnis ich nicht da- durch verunglimpfen möchte, daß ich behaupte, er hätte wahrscheinlich nicht lange das Regime ausgehalten, das erdoch mitseinen Wünschen herbeisehnte. Im Laufe des Jahres 1941 war er auf Grund der Verordnungen von Daladier verhaftet und seitdem von Gefängnis zu Ge- fängnis geschleppt worden, um in Eysses zu enden. Er hatte bei der bekannten Meuterei mitgemacht, die Vichy im Blut ertränkte. Da die Hauptanstalt von Eysses nach Compiegne verlagert worden war, kam er in Begleitung von mehreren hundert Kameraden, meist Kommunisten wie er, zu uns. In den zwei überbelegten Baracken, die von französi- schen„Zugängen“ wimmelten, sollte ich an diesem Abend eine Entdeckung nach der anderen machen. Als erstensah ichLouis Terrenoire'),mitdemichseinerzeitin den NouvellesEquipesFrancaiseszusammengekommen war, die sein Schwiegervater Francisque Gay am Tage nach München gegründet hatte. Er war zusammen mit seinen Kameraden Garo und Dannenmüiller. Alle drei heruntergekommen, erbärmlich in ihren Stromer- lumpen, schleppten unbeholfen ihre Holzpantinen. Nach außen zurückhaltend wie die Mehrzahl seiner Landsleute aus Lyon, aber unter dieser Kühle eine glühende Seele verbergend, enthusiastisch und von un- beugsamem Charakter, den er bewiesen hatte, als er ohne mit der Wimper zu zucken die Mißhandlungen der Gestapo ausgehalten hatte, abgemagert durch den Hunger in Fresnes, auf dem Antlitz noch die Spuren der kürzlich erhaltenen Schläge, brachte mir Louis Ter- renoire die ersten genauen Nachrichten über die Wider- !) Derzeitiger französischer Informationsminister. 134 nigung 2 er vor trevolu- - franzö- iicht da- er hätte Iten, das aufe des gen von ; zu Ge: den. Er cht, die alt von kam er n, meist tanzösl- diesem hen. Ali erzeitin ommen m Tag nen mit \lle drei tromel ‚ntinel. ] seine! ‚le eine von un’ n, als el Jlunge? sch de? Spurel uis Ter ‚wider standsbewegungen, deren Zusammenschluß 16 Monate früher, am Vorabend meiner Verhaftung, beschlossen worden war. Durch ihn erfuhr ich, daß Bidault, dessen Adjutant er war, Max') an der Spitze des CNR(Comite National Resistence) gefolgt war. Er sprach von den Schwierigkeiten, die der Einfluß des Front National auf diese Organisation verursachte:„Bip?) verbringt seine halbe Zeit damit, sie daran zu hindern, alles zu überfluten.“ Die, die sich einbilden, daß die nichtkommunistischen Widerstandskämpfer dem Willen ihrer Partner unter- worfen waren, täuschen sich. Niemals haben die Wider- standskämpfer der ersten Stunde auch nur den gering- sten Minderwertigkeitskomplex den Kameraden von der kommunistischen Partei gegenüber gehabt. Viel- leicht waren die der ır. Stunde etwas weniger umsichtig als wir. Es muß aber festgestellt werden, daß in diesen verworrenen Zeiten nichts einfach war. Wenn es mir zum Beispiel ganz offensichtlich klar scheint, daß die verantwortlichen Führer der kommunistischen Partei auf der höchsten Führungsebene ihre Haltung nach der des Auslandes richteten, scheint es mir ebenso ganz un- bestreitbar klar, daß die mittleren Kader und insbeson- dere die Basis, um mich des modernen Jargons zu be- dienen, in der Widerstandsbewegung nichts anderes sahen als die Erhebung des reinsten, echten traditions- gebundenen vaterländischen Gefühls des Volkes. Frühere Bekenner der Vaterlandsliebe hatten dieses Gefühl durch eine zu leicht hingenommene Niederlage und deren Demütigungen verletzt. In der Nachbarstube war eine Anzahl von Notablen untergebracht. Ich fand dort de Penarde, einen Schwer- beschädigten aus dem ersten Kriege, Wandendries aus 1) Max Moulin, Erster Präsident des Nationalen Widerstands- komitees, Vorgänger von Bidault. 2) Deckname von Georges Bidault in der Untergrundbewegung. 135 Soissons, dazu zwanzig andere aus der gleichen Stadt, den Dr. Graux, den großen Unterpräfekten von Reims, Picard und den guten Coquard, der stets bereit war, zu helfen. Nicht alle kamen eigentlich aus den Wider- standsbewegungen wie diese letzten da. Sie waren aber trotzdem wie die anderen von den Deutschen als Feinde des Dritten Reichs deportiert worden und sollten das gleiche Schicksal erleben. Unter ihnen sollte General B... unsere Bewunderung erregen wegen der Würde, die er bis zum Schluß zeigte. Die Harten warfen ihm seine Loyalität Vichy gegenüber vor, eine Loyalität, die unberührt durchzuhalten erden guten Geschmack hatte. Aber sein ruhiger Mut und seine gute Laune sollten bald die Haltung dieser Ultras entwaffnen, die nicht begriffen hatten, daß die Franzosen es sich schuldig waren vor den Augen der anderen Völker, in der Prü- fung ihre Solidarität zu bewahren. Außerdem haben alles in allem die meisten Vichy-Leute nicht lange ge- braucht, um die guten Gründe anzuerkennen, die die Widerstandsleute hatten, wenn sie sich mit allen Mit- teln gegen den Nationalsozialismus stemmten. Auch zwei französische Parlamentarier waren in diesem ersten Transport aus Compiegne. Der Südfranzose Vin- cent Badie hatte hinter seiner Maske eines römischen Kaisers ein unbezahlbares Phlegma behalten. Als er ankam, waren seine Füße von Ödemen geschwollen, und er schien unter der Verschleppung in die Fremde sehr zu leiden. Aber auch er hielt sich überraschend würdig. Ich sehe ihn noch in seinen unbeschreiblichen italienischen Militärklamotten. Am Abend, von dem ich spreche, machte ich ihn darauf aufmerksam, daß die Franzosen den Nachschlag von Suppe, der eben an sie verteilt worden war, den polnischen Pfarrern von Block 26 verdankten. Da sprach er dieses Wort, das ich noch immer höre, mit ernster Stimme, feierlich unnach- ahmlich, ein Wort, das von einem anderen Planeten zu 136 n Stadt 1 Reims war, zu Wider ren abeı s Feind: Iten dis General Würde fen ihn lität, die ckhatte. sollten ie nicht schuldig der Prü- n haben ange ge ‚ die die len Mit , diesen ose Vin mischen ‚Ale wollen Fremdt ‚aschenl jblichet on dem am, dab eben® em vod E nnadı nete a kommen schien:„Ich beauftrage Sie, mein lieber Kame- rad, diesen Freunden namens eines Mitgliedes der französisch-polnischen parlamentarischen Gruppe zu danken.“ Camille Blaisot, früherer Minister, Kämpfer aus dem ersten Kriege, schleppte hartnäckig sein verwundetes Bein nach. Die SS-Leute hatten ihm seinen Stock weg- genommen, was jeden Schritt für ihn sehr mühsam machte. Oft verzerrte der Schmerz sein Gesicht, hart- gemeißelt wie das eines Piraten aus seiner normanni- schen Heimat; doch beklagte er sich niemals. Der Einbruch dieser Hunderte von Franzosen, der pro- minenten und unbekannten Widerstandskämpfer, Gei- seln, Vichy-Anhänger oder Kommunisten, Offiziere oder Arbeiter, Bauern und Bürger, sollte diesem Un- glückslager, in dem unsere Landsleute bisher so wenig zahlreich vertreten gewesen waren, ein anderes Aus- sehen geben. Durch die äußeren Ereignisse begünstigt, sollte eine gewisse Lockerung der Disziplin folgen. Aber keiner von uns, weder Veteran noch Neuankömm- ling, ahnte damals gegen Ende des Monats Juni 1944, daß uns noch zehn lange Monate des Elends bevor- standen. x Andere wohlerzogene Leute Als die Einwohner von Königsberg sahen, daß der alte Kant den Weg seines täglichen Spazierganges änderte, vermuteten sie sofort, daß irgendein sehr bedeutendes Ereignis eingetreten sei. So ging es auch mir an diesem Morgen, ich spürte irgend etwas ganz Ungewöhnliches: in der völlig menschenleeren Freiheitsstraße rannte 137 Abbe Jost im Laufschritt zu den Blocks am Ende der Allee. Wie hatte er es wagen können, zu dieser Stunde sein Büro in der politischen Abteilung zu verlassen? Ich selber begab mich an den Baracken entlang zur Regi- stratur des Reviers, wohin mich der gute Vater Joos einen Augenblick vorher hatte rufen lassen. Unsere Wege kreuzten sich bei der Baracke 5, der Experimen- tenbaracke. Abbe Jost blieb nur einen Augenblick stehen, gerade genug, um mir mit leiser Stimme einige Worte zuzuflüstern, von denen ich nur aufschnappen konnte: „Fürchterlich, tausend Leichen!“ Er eilte weiter, ohne mir Zeit für eine Frage zu lassen. Die alten Häftlinge wie er waren immer in Angst, wenn sie während der Arbeitszeit einmal im Lager herumgingen. Man möchte sagen, sie fühlten sich persönlich im Blickwinkel des SS-Postens, der von seinem Wachtturm aus unser Kom- men und Gehen beobachtete. Jede Unterredung war zweifellos verdächtig. Ich setzte meinen Weg schnellen Schrittes fort, neugierig und irgendwie besorgt. Die Registratur des Reviers war eine der reizvollsten Ecken des ganzen Unternehmens. Zwischen der Lei- chenhalle und der Zahnärztlichen Station gelegen, war sie den Prominenten und den Kapos vorbehalten. In einem hellen Raum mit tadellosem Fußboden nahm sie die„Zugänge“ auf, die sich dort der Einstellungs- untersuchung zu unterziehen hatten. In der für die Nachschau vorgeschriebenen bekleidungslosen Auf- machung wurden sie dort gemustert, gewogen und abgehorcht. Zwei zebragekleidete Schreiber registrierten langsam alle vorher von einem Pfleger auf kleinen Zetteln notierten Einzelheiten. Besonders die Zahl der Goldzähne wurde genauestens aufgenommen. Die medizinischen Einzelakten jedes Häftlings wurden von Anfang an aufbewahrt. Das ergab eine ganz beachtliche Menge. Sorgfältig beschriftet und in Fächern geordnet, 138 schmückten sie die ganze Wand des Raumes. Alsin den Tagen vor dem Zusammenbruch der SS-Chefarzt in wil- der Aufregung die Vernichtung dieses Archivs befahl, merkte man an der Zeit, die notwendig war, um es zu verbrennen, daß es gar manche Tonne wiegen mußte. Die Eile, mit der man diese Papiere verschwinden ließ, beweist, daß sie nicht ganz ohne Interesse waren. Joseph Joos und ein anderer Häftling versahen die Schreib- arbeit in dieser merkwürdigen Einrichtung, ein gutes Beispiel dafür, was man tun kann, um Leuten Sand in die Augen zu streuen. Der Kamerad von Joos war ein alter deutscher Kommunist mit einem kantigen Schädel, der dem Feldmarschall von Hindenburg gleichsah. Vor zehn Jahren in Lübeck verhaftet, hatte er wie Willi das Unsagbare kennengelernt. Mit vorgetäuschter Lustig- keit schilderte er mir eines Tages mit Hilfe von Joos als Dolmetscher eine„Hausbehandlung‘“, die er— wie er versicherte— als einer der ganz wenigen überstanden hatte. Es ging da um einen merkwürdigen Raum, eine Art Wandschrank, in dem er wissenschaftlich erstickt werden sollte, um ihm Geständnisse zu entreißen. Der gute Joos sagte von ihm, er sei ein altes Wildschwein mit widerstandsfähiger Schwarte. Diese beiden alten Leute in der Registratur stellten wunderbar das be- rühmte Bündnis zwischen dem Kreuz einerseits und Hammer und Sichel andererseits dar. An diesem Mor- gen des 5. Juli 1944 fand ich sie mitten in ihren Akten, so wie an vorhergehenden Tagen, als ich ihnen geholfen hatte, die Anatomie der Franzosen des Transports von Compiegne auf Zettel zu übertragen. Swida war auch da. Er war einer der Stammgäste der Registratur. Wie es seine Art war, redete er heftig und überstürzt. Seine großen Gesten und die wütenden Faustschläge auf den Tisch zeigten eine außerordentliche Erregung. Er hatte Nachsicht und ließ mich nicht lange zappeln, sondern übersetzte mir sofort den Schluß seiner Rede: Der Ober- 139 sturmführer des Lagers sei, sagte er, selbst empört über das, was eben geschehen sei. „Ich werde eine Meldung nach Berlin machen“, hat er öffentlich bei der Ankunft des Zuges erklärt,„die Ver- antwortlichen werden bestraft werden.” Diese Worte brachte ich mit der rätselhaften Nach- richt von Abbe Jost in Verbindung. In dieser merk- würdigen Welt, in der niemand über nichts auf dem laufenden war, kam die Wahrheit nur stückweise durch, und unbedeutendste Tatbestände konnten nur durch vieles Zusammenfügen ermittelt werden. Während Swida mit seinen Reden zu Ende kam, sah man durch das zum Appellplatz hin offene Fenster eine Kolonne von„Zugängen“ in das Lager kommen. Die- ser Transport glich den anderen nicht. Die Ankömm- linge waren ungewöhnlich überlastet mit Gepäck und — unglaubliche Neuerung— trotz der Gummiknüppel fluchender SS-Leute zog die Herde der Neuen zum Duschgebäude nicht wie üblich genau ausgerichtet, sondern in einem unvorstellbaren Durcheinander. Welche Beziehung konnte wohl zwischen einer solchen Unordnung und der geheimnisvollen Schuld, auf die Swida anspielte, bestehen? Wir haben es später er- fahren. Wir hatten die Überlebenden des Todeszuges vor Augen. Man muß gerecht sein. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist die Tragödie, die sich da abgespielt hat, nicht beab- sichtigt gewesen. In gewissem Sinne war das Geschehen sogar mehr kennzeichnend für die Lage: der Mechanis- mus fing an, in Unordnung zu geraten. Im Laufe des Abends, als die ersten Überlebenden in den Quaran- täneblock kamen, war nichts von ihnen zu erfahren, sie waren völlig verwirrt, die Augen noch aufgerissen von dem Grauen, das sie gesehen und erlitten hatten. Wir brachten sie nicht von den Waschbecken weg, auf 140 die sie sich gestürzt hatten und wo sie sich wie Tiere tränkten.„Typhus!“ schrie man ihnen zu. Das machte gar nichts. Wir mochten ihnen die Gefahr des hem- mungslosen Trinkens dieser schmutzigen Brühe klar- machen soviel wir wollten: eine Art kollektiven Wahn- sinns hatte sie ergriffen. Unter den gespenstischen Ge- sichtern sehe ich wieder das des„contröleur general“ Carmille, das des jungen Jacques Napoleon, das von Fortier und Lamiraux, alles aktive Widerstandsleute der ORA oder der Nachrichtennetze. Erst in den folgen- den Tagen konnten wir ihnen einen Bericht über das Geschehene entlocken: bei der Abfahrt überladene Viehwagen, gewitterschwüle Temperatur, Mangel an Luft und Wasser. Die ersten Toten brachten den Wahnsinn, Erstickungsanfälle, Erbrechen und grausam rücksichtsloses Drängen an die Luftlöcher. Angstträume aus den Stunden des Entsetzens erfaßten uns wieder, uns, die wir uns vom Grauen gesättigt glaubten. Ich habe den namentlichen Bestand der französischen „Zugänge“ dieses traurig berühmten Transportes auf- bewahren können, alle diese Nummern 76000 und 77 000. Wenn ich heute die abgezehrten, erschöpften Züge der Überlebenden im Geiste an mir vorüberzie- hen lasse, bin ich betroffen von der Verschiedenheit ihres Alters, ihrer Herkunft und geistigen Haltung, vom militanten Sozialisten Chapalain zum Journalisten Roger Milienne, von der zivilen Organisation zur mili- tärischen. Für mich rief allein der Klang der Namen vieler von ihnen die Bilder meiner Correze in mir wach, ihre blühenden Buchweizenfelder, ihre Kastanien- wälder, ihre Hügel mit dem rötlichen Heidekraut. Wie viele von den Surdol, den Madelmont, den Mournetas, den Bournazel, den Barbazanges hatten diese letzten Jagden der Division„Das Reich“ mitgenommen. Diese Limousiner Landsleute brachten mir die einzigen Nachrichten aus meiner Heimat, die ich vor dem abso- I4I luten Schweigen der letzten zehn Monate erhielt. Diese Nachrichten waren die Tragödie von Tulle, die 99 Ge- hängten längs der Straße an der Corröze. Noel Diede- richs, Mitkämpfer der katholischen Jugend von Tulle, gibt mir Einzelheiten über diesen ro. Juni und nennt nebenbei unter den Namen der Hingerichteten den eines meiner ersten Gefährten von„Combat“ von der Gruppe von Brive, Jacques Girard. So hatte dieser arme Freund sein Leben als Geisel hingeben müssen, er, der es bestimmt lieber im Kampfe geopfert hätte. Die Mehrzahl meiner Landsleute von Correze waren eben- falls als Geiseln festgenommen worden. Aber viele von ihnen waren aktiv in der Widerstandsbewegung. Ich bemerke unter ihnen die schöne Gestalt des Rittmei- sters Guilleaume d’Ussel, die hoch über die Menge der zuletzt Angekommenen emporragt. In der Stube von Block 21, wo der friedliche Claekens mit Geschimpfe etwas Ruhe zu schaffen sucht, bittet er den Stuben- ältesten um die Genehmigung, zu den Kameraden sprechen zu dürfen. Mit einigen kurzen Worten, trok- ken und sehr einfach, legt er unter sofort eingetretenem Stillschweigen die Gründe dar für die Disziplin, die wir jetzt halten müssen. Die Autorität eines Chefs und die Erfahrung eines Befehlshabers wirken auf die Zu- hörer, aber besonders das Strahlen seiner ganzen Per- sönlichkeit. In den nächsten Tagen erzählte d’Ussel uns die näheren Umstände, unter denen er verhaftet worden war. Mit Gontran Royer, genannt„Pierette”, den ich vor meiner Verhaftung als Führer der Geheimen Armee unseres Gebiets R 5 bestimmt hatte, baute er die Widerstands- bewegung in der Armee, die O.R.A., auf und war einer ihrer ersten Förderer. Er hatte seinen Befehlsstand in Brive bei einer sehr würdigen Tertiarin des Hl. Franzis- kus aufgeschlagen, wahrscheinlich einer Verehrerin von Marschall Petain, wie alle Leute in ihrem Milieu, die 142 aber. doch ‚Sog ‚Bg tin, d tain\ zu dü Is ka Tode fahre zosen halte, wir( frejun verfri wort Anza Pflich So w. nach OR. an E habe tobu. ist q Opfe Schil nd Unte ie Mitt sten Ger Frau u At par aber trotzdem gern den gefährlichen Pensionär, der er doch war, in Obhut nahm. „So ging es damals mit Frankreich“, sagte mir d’Ussel. „Es gleicht der guten Madame Sauliere, meiner Wir- tin, die aus Gewohnheit weiterhin den Marschall Pe- tain verehrt, aber trotzdem glaubt, nichts unterlassen zu dürfen, um de Gaulle zum Triumph zu verhelfen.“ Es kam der Augenblick, die Ankömmlinge aus dem Todeszuge zu verteilen. Ich hatte durch Claekens er- fahren, daß es möglich sein würde, eine Anzahl Fran- zosen in den Kommandos innerhalb des Lagers zu be- halten. Ich bat also d’Ussel, in Dachau zu bleiben, wo wir Offiziere wie ihn brauchen würden, um die Be- freiungsoperationen zu leiten, die wir allerdings etwas verfrüht ansetzten. Aber er gab mir die gleiche Ant- wort wie einige Tage vorher Louis Terrenoire: mit einer Anzahl seiner Untergebenen verhaftet, sei es seine Pflicht, ihr Schicksal im Guten und im Bösen zu teilen. So wie Terrenoire mit Dannenmüller und Gaston Garo nach Kempten gegangen war, ging d’Ussel mit seinen O.R.A.*)-Gefährten nach Neckargerach. Dort starb er an Erschöpfung zu Beginn des folgenden Winters. Ich habe oft beobachtet, daß die Deportation körperlich robusten Männern unerbittlich zusetzte. WieRenouvin ist auch d’Ussel mit seiner unbändigen Kampfmoral Opfer seiner allzu großen Vitalität geworden: Die Schilfrohre hielten besser aus als die Eichen. In der oberen Correze, in der Nähe von Neuvic, steht unter Birken und Lärchen auf dem Granitplateau, wo die Herren de Ventadour und d’Ussel seit dem fernsten Mittelalter ihre Sitze haben, ein kleines, der Allerselig- sten Jungfrau geweihtes Heiligtum, das kaum über die Grenzen des Bezirks hinaus bekannt ist: Unsere liebe Frau von Pennacorn. Es war abgemacht, daß die Män- *) Abkürzung für Organisation Resistance Armee(Widerstands- organisation aus Angehörigen des ehemaligen französischen Heeres.) 143 ner von Correze nach ihrer Heimkehr eine Dankes- wallfahrt dorthin machen würden. Guilleaume d’Ussel sollte sie dort empfangen. Aber die Überlebenden hat- ten nicht den Mut, dieses Versprechen allein einzu- lösen, da die etwas zurückhaltende, aber dunkle und warme Stimme ihres Kameraden nicht mehr dagewesen wäre, um sie zu begrüßen. Bei meiner Rückkehr hat man mir immer wieder sagen wollen, daß nur die Arbeiterklasse in diesen Zeiten des Elends dem mißhandelten Frankreich treu zu bleiben gewußt hätte. Da habe ich an Guilleaume-Marie-Fidele Graf d’Ussel, Rittmeister und Eskadronchef, gedacht und an einige andere von gleichem, echtem Adel. Unter all den Franzosen, die im Laufe des Sommers 1944 zu uns kamen, waren gewiß— und zwar in großer Zahl— Vertreter der Arbeiterklasse. Aber es waren auch Bürger dabei; sie waren nicht die kleinste Gruppe. Es waren Widerstandskämpfer dabei von derersten Stunde und solche von den späteren bis zur letzten. Aber man hätte unter den Geiseln auch viele aufzählen können, die mit dem Widerstand nichts zu tun hatten, und so- gar eine ganze Menge überzeugte Anhänger von Petain. Das, was ich sagen will, ist, daß alle die gleichen Leiden erduldet haben, daß alle, die gestorben sind, unter- schiedslos das gleiche Ende in Schmach hatten; des- wegen fällt es mir so schwer, sie alle nicht zu ver- wechseln. Da war ein Gendarmerie-Offizier, Major Veyssieres, dem die SS-Leute im Durcheinander der Ankunft sein Kepi und sein Koppel gelassen hatten. Eines Tages nahm ihm der Blockführer, um sich einen Spaß zu machen, nach dem Gang zur Dusche alle übrigen Klei- dungsstücke weg. Völlig nackt, war er nur mit diesen beiden Zubehörstücken bekleidet. Die Lächerlichkeit war vollkommen; Zehnmal, zwanzigmal mußte Veys- 144 siere vorbe konn sich offizi anges Kamk sojäh Revel Clerr Paris Junie Ober das| ingei ger 2 geba weni alte zigjä tech. gen! felis Bürg alt. eine Rlei liche ten. dies nkes- Issel hat- INZU- und jesen sagen n des iben idele dacht mers roßer auch je. Es unde man Inen, \d so- Stain. eiden ıntel- des; , ver jeres, t sein Tages PB zu Klei- jesen hkeit Veys siere so vor der Front der völlig verdutzten Häftlinge vorbeimarschieren: Schnell, schnell! Der SS-Mann konnte sich vor Lachen kaum noch halten und klatschte sich auf die Schenkel. Endlich brach der französische Offizier vor Wut und Scham— er konnte nicht mehr— angesichts seiner mit festgebissenen Zähnen stehenden Kameraden zusammen. Da ist die Gruppe der mehr als sojährigen: Audony, aktiver Sozialist, Sabo, Notar in Revel, der Vater Arveuf, Hypothekenverwalter in Clermont-Ferrand, Soulange-Boudin, ein waschechter Pariser, der Dr. Bettinger; Albert Chanson aus Saint Junien-en-Limousin— wie war der stolz auf seinen Oberst der Reserve und noch mehr auf seinen Sohn, der das Polytechnikum besuchte—; Louis Hais, Haupt- ingenieur der Technischen Zentralschule, hatte vor lan- ger Zeit die französische Eisenbahn in Yunnam mit- gebaut. Er zweifelte nicht einen Augenblick am Endsieg; wenige Tage nur, und er hätte ihn noch erlebt. Der arme alte Petonnet, ein 1793er Revolutionär aus Poitou, sieb- zigjährig, TypdesKämpfers der alten Liga derMenschen- rechte, mußte im Block 30 an den Folgen eines zorni- gen Fußtritts seines üblen russischen Nachbarn sterben. Felix Peupion, traditionsgebundener Lothringer, war Bürgermeister von Montigny-les Metz; 60 Jahre war er alt. Claude Jordery, Abgeordneter von Oullins, kam eines eisigen Novemberabends auf den Transport. Die Kleiderkammer war diesen Tag leer. Nur ein jämmer- licher Kunststoff-Staubmantel schützte die abgemager- ten Schultern des alten Sozialisten gegen die Kälte. Oh, diese klappernden Zähne, dieses kälteblaue Antlitz! In den Tagen nach der Ankunft des Todeszuges ging ich im Block 23 schlafen. Ich teilte dort für einige Tage den Strohsack mit Cyprien Quinet, ehemaliger kom- munistischer Abgeordneter des Pas-de-Calais, auf den mich Claekens aufmerksam gemacht hatte. Das war doch ein guter Kamerad, dieser Bursche aus dem Nor- 145 den mit den blauen, etwas schielenden Augen und den vielen Runzeln im Gesicht. Er verweigerte den Suppen- nachschlag, denn er entdeckte immer einen„interessan- teren“ Fall als den seinigen. Auch er wollte das Schick- sal der Kameraden, mit denen er verhaftet worden war, teilen und weigerte sich, im Lager zu bleiben. Ich hatte sagen gehört, daß er bei der Kriegserklärung mit seiner Partei Ärger gehabt hatte, weil der Vertrag zwischen Molotow und Ribbentrop nicht nach seinem Geschmack war. Darüber war er sehr zurückhaltend. Ich glaube, daß sein Andenken der Sache wegen später bei den Kämpfern auf der untersten Ebene rehabilitiert worden ist. Das ändert aber nichts daran, daß der Alterspräsi- dent Marcel Cachin*) glattweg seinen Namen zu nen- nen vergaß, als er in der konstituierenden Versamm- lung die lange Liste der erschossenen oder in der Depor- tation verstorbenen kommunistischen Parlamentarier aufzählte. Ich, der ich nicht verpflichtet bin, die Fein- heiten der Dialektik zu kennen, bin es mir selber schul- dig, dieses ungerechte Vergessen gutzumachen. Eine originelle Persönlichkeit war inStubeDreivonBlock 23 gestrandet. Ich hatte ihn schon beim Einzug der„Zu- gänge“ bemerkt. Es war ein alter humpelnder Priester mit hellen Augen und schütterem Haar, der sich auf einen Stock stützte. Im Durcheinander des Einzuges hatte er einen kleinen Koffer retten können, der einen Tragaltar enthielt, so einen, wie man ihn an die Feld- geistlichen ausgab. Es war tatsächlich der, den er aus dem ersten Kriege zurückgebracht hatte und an dem er deswegen wie an seinem Augapfel hing. Dieser Trag- altar hätte ihn beinahe das Leben gekostet. Mit der ruhigen Sicherheit des Gerechten, der niemanden fürchtet außer Gott, hatte Abbe Goutaudier, Pfarrer *) Führender französischer Kommunist und Alterspräsident der Verfassunggebenden Versammlung nach 1945. 146 einer am T von$ Man. oder tig be vorsi iltest merk Hand „Deit zeigti aufs nicht ‚Sag was toriu Rlos: taud neue Jetzt Kult Wa sagt Ir: am 1 ihm nam sein den ben, dact ver Na Fuke bar 1 den Ipen- ssan- "hick- war, hatte einer schen mack aube, ‚den| rden präsi- nen- ımm- epor- tarier Fein- chul- Block INN: jestet h auf zuge inen Feld- r aus m el Trag + des ‚nden farrel nt det einer kleinen Pfarrei im Charolais, es unternommen, am Tage nach seiner Ankunft zwischen zwei Stapeln von Strohsäcken am Ende desBlocks die Messe zu lesen. Man muß Deportierter gewesen sein, um die Kühnheit oder die Ahnungslosigkeit dieser Unternehmung rich- tig beurteilen zu können. Es war allerdings ziemlich vorsichtig gemacht worden, so daß Ludwig, der Stuben- älteste von den internationalen Brigaden, es erst be- merkte, als der Pfarrer nach Beendigung der heiligen Handlung die Gewänder ablegte. „Deine Franzosen sind verrückt“, sagte er mir und zeigte mit einer bohrenden Bewegung des Zeigefingers auf seine Stirn, eine Geste, die ich gut kannte. Es war nicht das erste Mal, daß man uns so als Irre behandelte. „Sag deinem Pfarrer, daß, wenn ein SS-Mann erfährt, was eben hier geschehen ist, ich reif bin für das Krema- torium; mach ihm klar, daß wir hier nicht in einem Kloster sind.....“ Ich bemühte mich also, Abbe Gou- taudier beizubringen, daß es tatsächlich unter den neuen Umständen von Ort und Zeit, in denen er sich jetzt befand, eine gewisse Gefahr war, solche äußeren Kulthandlungen vorzunehmen. „Warten Sie doch, bis Sie in den Block 26 versetzt sind”, sagte ich ihm. Er tat, als ob er einverstanden sei. Trotzdem wurde er am nächsten Morgen rückfällig. Ich erinnere mich, daß ihm an diesem Tage einer seiner jungen Landsleute namens Michel Fonfrede bei der Messe diente, der sein Vergehen zu verbergen suchte, indem er sich hinter den aufgestapelten Strohsäcken verkroch. Da der Stu- benälteste keine weiteren Bemerkungen gemacht hatte, dachte ich, er würde sich damit abfinden und das Un- vermeidliche dulden. Na also, sagte ich mir, diese Unverfrorenheit ist ein gutes Zeichen; tatsächlich, das Ende nähert sich offen- bar. 147 Da kam mit völlig unschuldigem Gesicht ein Kranken- wärter des Reviers in den Block, um eine Sputumunter- suchung der Neuangekommenen vorzunehmen. Da sie zu zahlreich waren, traf er wie üblich eine willkürliche Auswahl und begnügte sich, den Auswurf von einem Dutzend der„Zugänge“ zu nehmen. Anscheinend zu- fällig war auch Abbe Goutaudier dabei. Zwei Stunden später wurde er in größter Eile geholt. Die Unter- suchung des Auswurfs habe ergeben, daß der alte Pfar- rer in höchstem Grade tuberkulös sei. Ein Bett erwar- tete ihn in Block 13, wohin er sich unverzüglich be- geben sollte. Sofort!„Na denn also,“, sagte er ruhig mit seiner etwas schleppenden Stimme und klaubte seine Klamotten zusammen.„Ich habe bis zum 68. Lebens- jahre warten müssen, um zu erfahren, daß ich Tuber- kulose habe. Werde ich wenigstens da in der Kranken- abteilung meine Messe lesen können?“ Und er ging mit seinem Tragaltar humpelnd los. Am nächsten Morgen kam Jacob mich besuchen. Er hatte das ernste Gesicht der Tage, an denen wichtige Dinge geschehen, mit denen man nicht spaßen kann. „Laß sofort durch deine Kumpels vom Block 26 diesen Pfarrer anfordern, den Ludwig gestern in den Tuber- kuloseblock expediert hat. Heute abend ist ‚Transport‘ vom ganzen Block 13.” Der waghalsige Abbe Goutaudier konnte dem Schick- sal, das ihn erwartete, der Spritze, die damals unbe- queme Leute als unheilbar im Schnellverfahren durch den allmächtigen Kapo von Block 13 ins Krematorium beförderte, noch rechtzeitig entrissen werden. Mehı und’ zurül dring laste, der$ Häft uch an| XIV Neue Geographie Europas aus dem Herzen „Sollte ich nicht, um kleinliche Widersacher zu ent- waffnen, zugeben, daß diese Geographie, die ich aus dem Herzen verpflichtet nenne, auch ihr Gutteil Emp- findsamkeit birgt?” (Georges Duhamel,„Geographie cordiale de l’Europe“) Mehr als drei Stunden standen wir auf dem Appellplatz und warteten auf den Pfiff, der uns in die Baracken zurückschicken sollte. Ein feiner Regen, kalt und durch- dringend, verwandelte die nassen Sachen in schwer- lastende Fetzen. Man sah die Tropfen im gelben Licht der Scheinwerfer über der unbeweglichen Masse der Häftlinge tanzen, um die wie böse Hunde die ewig fluchenden SS-Leute kreisten. Die Pessimisten fingen an besorgt zu werden und sahen das Schlimmste kommen: „VorigesJahr haben sie uns die ganze Nacht hier stehen lassen, weil einer fehlte, der im Block eingeschlafen war. Morgens lagen 30 Tote auf dem Platz.“ Die Leute von den Kommandos, die gewöhnlich vom Appell freigestellt waren, wurden geholt: zuerst die von der Desinfektion, dann die Pfleger des Reviers, schließlich die Kapos von der Küche. Das war noch nie dagewesen. Das geschlossene Rechteck von Block 24 vergrößerte sich also um weitere Reihen von„Stücken“. Zum zehnten Male kam der Blockführer seine Leute zählen. Jedesmal, wenn er bei der ersten Reihe ankam, hörte das Gemurmel der Gespräche auf: „Mützen ab“, brüllte Georg mit seiner rostigen Stimme. Wir rissen die sogenannten Mützen vom Kopf, un- mögliche Deckel oder Mützen aus Tuch, die die Kame- raden vom Schneiderkommando gegen eine Brotration 149 getauscht hatten. Die Hinterwäldler begnügten sich mit den regulären zebragestreiften Kappen oder ver- schmierten Feldmützen, Überbleibsel aus dem letzten Italienertransport. Der SS-Mann kreiste um uns herum, wütend zählte er von neuem die Reihen: ı0!, 20!, 30! und verschwand, nachdem er einiges Kleingeld an Hieben ausgegeben hatte. Er war zu schr beschäftigt, um eine großherzige Verteilung vorzunehmen. Dann begannen wieder die Gespräche. Bob Claessens vom Desinfektionskommando war guter Laune. Der andauernde Nieselregen erweckte in ihm Erinnerungen an Wasser: Unter der Brücke von Mirabeau, da fließt die Seine, und unsere Liebe... Er trug das Gedicht mit sanfter musikalischer, leicht vibrierender Stimme vor. Für einen Augenblick waren wir über tausend Meilen hinweg in eine unbeschreib- liche Welt versetzt, wo es keine SS-Leute mehr gab, keinen Appellplatz und kein Dachau. Als er mit fehler- losem Gedächtnis sein Stück beendet hatte, neigte sich Bob zu seinem Nachbarn: „Neulich haben Sie mir eine so hübsche Sache von meinem Freunde Aragon erzählt; sind Sie so nett, wie- derholen Sie es mir.” Der Nachbar begann sofort. Die Verzauberung hielt für einen Augenblick an: Du mein Paris vom Blumenquai leb wohl, Ich bleibe meiner Schmerzen Herr... Bob war schon sehr lange da, lange bevor„Le Creve- coeur“ erschien. Er war mit einer Gruppe anderer Kom- munisten im vorigen Jahr nach Mauthausen gekom- men und trug eine Nummer unter 30 000. Er hatte dort die bekannte Behandlung durchgemacht, nach deren 150 sich { Vver- tzten te er vand, eben erzige er die guter \ ihm leicht waren hreib- ( gab, ehler- e sich e von , wie: olt für Oreve: Kom ekom- ;e dort deren Beendigung einer von zehn noch als Reserve zur Ein- berufung ins Krematorium übrigblieb. Die Bisse der Nazihunde hatten ihn auch nicht im geringsten toll- wütig gemacht. Dieser Flame aus Antwerpen war mit seiner wilden Vaterlandsliebe die Güte selbst. Ich möchte ihm bei seinen Parteifreunden nicht schaden: Trotzdem muß ich sagen, daß ich niemals einem Kom- munisten begegnet bin, der ihm auch nur im entfernte- sten geglichen hätte. Er unterhielt Beziehungen brüderlicher Freundschaft zu einem deutschen Priester vom Block 26. Die Ach- tung, die er der religiösen Überzeugung seiner katho- lischen Kameraden entgegenbrachte, war aufrichtig, das fühlte man, ohne die geringste Berechnung oder den leisesten Hintergedanken. Er schien den Heiligen Thomas von Aquin ebenso gelesen zu haben wie Hegel oder Marx und bewegte sich von einem zum anderen mit einer uns entwaffnenden Selbstverständlichkeit. Dazu kannte er unsere Geschichte und unsere Literatur so gut, daß ich glaube, daß nur wenige Franzosen bes- ser Bescheid wissen. Kurz und gut: ein Pico della Mirandola, der mit einer wunderschönen warmen Stimme eine schwermütige Romanze wie„My old Kentucky Home” singen oder in einem Zug die be- kanntlich ziemlich lange„Greve des Forgerons“ auf- sagen konnte. Er beendete dann seine Nummer mit einem schallenden Gelächter. Er war ein unvergleich- licher Freund, herzlich, einäugig und häßlich, so häß- lich, daß er sich selber als erster darüber lustig machte und diese Häßlichkeit durch das Lächeln einer strah- lenden Güte verwandelte. Wenn man ihn zu unerschöpflichem Sprechen bringen wollte, brauchte man nur auf Belgien zu kommen, sein Land, dessen Großstädte er alle kannte, ebenso wie die kleinsten Dörfer, ob flämisch oder wallonisch. Die Quais von Antwerpen, die Beguinen-Anstalt von Brügge, die 151 Museen von Brüssel, die Schätze von Hainaut, der Charm von Brabant machten ihn Iyrisch. Ich erinnere mich an einen Nachmittag im Desinfektionshof. Wir waren dabei, mit den Fingerspitzen die Kleiderfetzen, die vom Krematorium kamen, zu sortieren. Einige drei- ßig Russen von unserem Kommando waren am Vor- mittag durch Genickschuß dort abgeschlachtet worden. Gehirnmasse und noch frisches Blut auf den Kragen der Hemden verschmierten uns die Hände, so vor- sichtig wir auch sein mochten. Uns war speiübel. Und dann, nicht wahr, mußte man sich doch immer wieder fragen, ob nicht am nächsten Tage die anderen Russen, die noch bei uns waren, drankommen würden, die in der gleichen Sache beteiligt waren. So ist es dann auch gekommen. Bob— man nannte ihn so, obwohl sein richtiger Vor- name Frantz war— fragte uns dann in das bedrückende allgemeine Schweigen hinein, ob es uns unangenehm wäre, einen kleinen Vortrag über die Geschichte von Belgien zu hören, der uns auf andere Gedanken brin- gen würde. Wir hatten keine Einwendungen. Bob trug nacheinan- der aus dem Stegreif vor, zunächst auf französisch und dann für die Polen und Russen auf deutsch. Als die schaurige Sortierarbeit dieses Tages beendet war, hat- ten wir über die Taten des Artevelde und die Aben- teuern Karls V. das Grauen und den Ekel fast vergessen. Wilde Bilder von Teniers traten an die Stelle der höl- lischen Visionen, deren Zeugen wir waren und die Hieronymus Bosch nicht vorgesehen hatte. Die Helden- erzählungen von Bob besiegten den Totentanz, in dem wir mitmachen mußten. Die Belgier waren sehr zahlreich in Dachau. Ich er- innere mich nicht an einen einzigen von ihnen, über den die Franzosen sich zu beklagen gehabt hätten. 152 groß wäl und Typ geril en line aus pro vert Feh) bei Bei sele nicl wol lich Ger Jost v0I el Arthur Haulot war überzeugter Sozialist, zwei Meter groß, blond und blauäugig und Pfleger im Revier. Während der letzten fünf Monate habe ich ihn Tag und Nacht mit bewundernswerter Gewissenhaftigkeit Typhuskranke pflegen sehen, ohne daß er sich im geringsten um die offensichtlichen Ansteckungsgefah- ren kümmerte. Er hatte in seiner Unterkunft den Ber- liner Korrespondenten der Nachrichtenagentur Havas aus der Vorkriegszeit, Ravoux, aufgenommen, der das prophetische Buch„Die Revolution des Nihilismus” veröffentlicht hatte. In Frankreich machte man den Fehler, es nicht zu beachten. Alle Franzosen wurden bei Arthur wie eigene Landsleute aufgenommen. Beim Desinfektionskommando war Hilfskapo der Brüs- seler Georges Walraeve. Er ließ uns auf seine eigenen, nicht geringen Risiken und Gefahren tun, was wir wollten. Wir benutzten es, um im Rahmen des Mög- lichen durch regelmäßiges Plündern den Kleiderbestand der Kameraden zu verbessern. Georges Walraeve war Kommunist wie Bob. Auch Joseph Claekaens, Blockältester vom Block 21 zur Zeit der großen„Zugänge“, war es. Ihm ist es zu danken, daß zahlreiche Franzosen am Vernichtungskommando vorbeikamen. Der alte Jacguemard, immer tipptopp an- gezogen, und Boremans, dem die Gestapo ein Auge ausgeschlagen hatte, hielten bei den Tuberkulösen von Block 13 die wildentschlossene Hoffnung der Kämpfer wach, und auch derjenigen, die keine Kämpfer waren. Belgier war auch dieser kleine Jociste(Mitglied der katholischen Arbeiterjugend J.O.C.), dessen Name Lie- geois auf seine Herkunft Lüttich zu deuten schien und der den Inhalt seiner Rot-Kreuz-Pakete mit den Stro- mern vom Kesselkommando teilte. Im letzten Winter kam er eines Abend glühend vor Fieber ins Revier. Man legte ihn auf einen Strohsack unweit von mir. Ich kannte ihn seit langer Zeit. Wir waren im vergange- 153 nen Jahr am gleichen Tage nach Block ı5 gekommen. Seine Rechnung war schnell gemacht: beim Morgen- grauen war er schon kalt. Ich hatte nicht die Zeit ge- habt, ein einziges Wort mit ihm zu wechseln. Gerade daß ich den Leichnam eines Jünglings sehen konnte, in den verkrampften Fingern den Rosenkranz, den er mich bei seiner Ankunft als Erkennungszeichen hatte sehen lassen, und an seinem rechten Zeh die übliche kleine Aufschrift. Arthur brachte ihn in die Leichen- halle. Während der Typhusepidemie hatte ich beim Dusch- kommando des Reviers den Monarchisten de Ryckere als Kameraden. Er zog, wie auch Charles Woeste, ein anderer sympathischer belgischer Royalist, seit Jahren von Lager zu Lager. Aber all das Grauen, das er durch- gestanden hatte, hatte seine Feinfühligkeit nicht ge- mindert. Am Tage seiner Ankunft glitt Pater Dillard auf dem schlüpfrigen Boden der Waschräume aus und stürzte hilflos nieder. Ryckere kam mich holen, um ihm wieder aufzuhelfen. In Dachau wurde selten ge- weint. Ryckere aber weinte wie ein Kind, als er mir die Blöße des Paters zeigte, der, die Arme in Kreuzesform weggestreckt, in der Abflußgosse lag, wo verschmutzte Verbandfetzen herumschwammen. Schließlich bekam Ryckere den Typhus, von dem er sich beinahe nicht erholt hätte. Die Untertanen der Großherzogin von Luxemburg waren ein Lieblingswild der Gestapo. In Dachau nah- men sie dank ihrer Kenntnis der deutschen Sprache gesuchte Posten ein, von denen sie viele den Grünen und den Schwarzen im Großkampf entrissen hatten. Auf diesen Posten zeigte sich in oft sehr wirksamer Weise ihrkameradschaftlicher Geist. Dank derGerissenheit des Briefboten Jacoby bekamen schließlich die Franzosen sozusagen in extremis, ehe sie alle Hungers gestorben 154 ware treu die war und nen vers stal! kon waren, die Pakete ihres Roten Kreuzes. Im Revier be- treute Alex mit immer gleichbleibender guter Laune die Typhuskranken und die anderen Ansteckenden. Er war ein unvergleichlicher Krankenpfleger, mit der Güte und Geduld einer Ordensfrau. Wie oft hörte man sei- nen Namen rufen in dem Alpdruck dieser stinkenden verseuchten Räume. Man sah seine hohe schlanke Ge- stalt mit dem bleichen Antlitz bei den Jammernden kommen und gehen. Diese brüderliche Hilfsbereit- schaft stärkte und ermutigte alle. Der Abbe Jules Jost hatte in der politischen Abteilung eine gefährliche Verwendung. Als Franzosen eingetrof- fen waren, die deutsch konnten und daher für die Auf- gabe, die er sich gestellt hatte, als Hilfskräfte brauchbar erschienen, hatte er die Kühnheit, sich diese zuteilen zu lassen. Seine Absicht war, diejenigen Kameraden, deren Akten besonders schwerwiegend waren, ver- schwinden zu lassen. So fanden Citron und einige andere in den letzten Monaten einen Job, der es ihnen erlaubte, uns unschätzbare Dienste dadurch zu leisten, daß sie uns alles mitteilten, was sie über die Absichten der SS-Lagerführung wußten. Die originellste und bestimmt auch repräsentativste Figur unter den Luxemburgern war zweifellos Marcel Noppeney. Er war ein alter Rückfälliger der Lager. Die Deutschen hatten ihn schon während des ganzen ersten Krieges eingesperrt. Er bezeugte ihnen gegenüber öffent- lich eine Unabhängigkeit des Urteils, die uns er- schreckte. Wahrscheinlich berührten seine heftigen Kußerungen die SS nicht sehr, denn überhören konnten sie sie schwerlich. Vielleicht verdankte er auch seinem hohen Alter eine gewisse Achtung, die den Greisen immerhin entgegengebracht wurde. In diesem Lager des Schweigens und des Sichfügens war Marcel Nop- peney der personifizierte Widerstand. Wie könnte ich in dieser herzlichen Geographie mit 155 dem, was man heute Benelux nennt, zu Ende kommen und die holländischen Kameraden stillschweigend über- gehen? Jede Verallgemeinerung hat— das steht fest— einen ziemlichen Schuß willkürlichen Urteils in sich. Sicherlich, die Belgier, Luxemburger und Holländer hat- ten ihre gemeinsamen Züge bewahrt, und einige von ihnen vielleicht auch diese etwas selbstsüchtige Sehn- sucht nach Bequemlichkeit und UÜppigkeit, von der Martin-Chauffier spricht. Aber warum sollte ich nicht ihre Herzlichkeit und ihr Entgegenkommen uns Fran- zosen gegenüber erwähnen? Gestehen wir es nur ein: Oft haben wir von ihnen brüderliche Freundschafts- beweise mancher Art erhalten. Im Revier fand Dr. Kredit bei der Pflege der Typhus- Kranken den Tod. Von den Ärzten, bei denen man nicht recht wußte, ob sie überhaupt welche waren und die bisher die Sache in der Hand hatten, waren sie aufgegeben. Sein Landsmann, Dr. Drost von Rotter- dam, hatte mehr Glück, obwohl er unter den gleichen Umständen die gleiche Opferbereitschaft bewiesen hatte. Als die Seuche auf ihrem Höhepunkt war, wur- den freiwillige Blutspender für die schwächsten der Kranken gesucht. Die Holländer hatten gerade Sendun- gen von ihrem Roten Kreuz bekommen. Sie boten sich also sehr zahlreich an, da sie wieder etwas zu Kräften gekommen seien. So bekam ich mit24 Stunden Abstand zwei Blutübertragungen; die erste gespendet von einem katholischen Pfarrer von Bois le Duc, die zweite durch einen lutherischen Pastor von Alkmaar. Nein, es ist nicht aus Widerspruchsgeist und nicht aus Vergnügen am Paradoxen, daß ich die Sache der Polen vertreten will. Waren ihre Fehler, die uns dort am mei- sten störten, nicht im Grunde häufig unsere eigenen Fehler? Wenn wir wie sie im Herbst 1939 in die Lager gekommen wären, hätten wir nicht auch wie sie das 156 Recht der Zuerstgekommenen in Anspruch genommen, um an den Kommandohebeln der Stadt zu bleiben, die sie im„Heldenzeitalter“ den Grünen entrissen hatten? Die Polacken! So sehr ich es mir auch überlege, ich finde nicht einen wieder, der mir diese Abneigung, die die Nazis so sorgsam gegen sie unterhielten— wie hat man das vergessen können?— eingeflößt hätte. Ich werde hier nicht alles wiedergeben, was man von ihrer stören- den übertriebenen höflichen Eitelkeit und von der un- erträglichen Grausamkeit einiger ihrer Leute in den Kommandos, die sie in der Hand hatten, erzählte. Ich werde vielmehr die Erinnerung wachrufen, die zwei von ihnen bei denen hinterlassen haben, die die beiden Blockschreiber von 24 und 28 gekannt haben: der Leh- rer Leo und der Pfarrer Val£rien. Leo mit seinem scharfen Profil und seinen grauen Augen in einem regelmäßigen Gesicht war ein Ahnherr des Lagers, eine Nummer unter 20.000. Er hatte die schrecklichen Monate des ersten Kriegswinters erlebt, die Monate, als man schlotternd stundenlang, ja ganze Nächte auf dem Appellplatz festgehalten wurde. Zur Zeit, von der ich spreche, waren von seinem mehrere Tausend umfassenden Transport kaum noch einige Dutzend Überlebende da. Er war durch alle Komman- dos gegangen, angefangen von denen, wo es keinen Par- don gab, wie der Straßenbau, bis zur Gurtenweberei und dem Samenbau auf dem Liebhof, die doch weniger mörderisch waren. Im Block 24 hatte er die Sorge für die Belgier und Franzosen, undisziplinierte Leute. Er bemühte sich, ihnen das Schlimmste zu ersparen. Das war nicht immer leicht. Zum Unterschied von der Mehrzahl seiner Landsleute empfand er den Rus- sen gegenüber keinerlei Haß.„Es sind unsere Nach- barn, ob man es will oder nicht. Wir werden sie schon ertragen müssen“, sagte er seufzend. Er lehnte energisch die Gedankengänge ab, die seine Landsleute gelegent- 157 lich hatten, nämlich einen dritten Krieg, um nach Hitler nun auch Stalin das Fell über die Ohren zu ziehen. Er teilte offensichtlich nicht den katholischen Konformis- mus der Mehrzahl seiner Kameraden, bestritt aber, Materialist zu sein. Ich erinnere mich an den naiven Stolz, mit dem er mir die Fotografie seines Sohnes im Erstkommunion-Anzug mit einer riesigen Kerze in der Hand zeigte. Er verkehrte wenig mit seinen Nachbarn von Block 28. Er war ihnen wegen ihrer Intoleranz gram. Mit einigen von ihnen unterhielt er aber freund- schaftliche Verbindungen. Seiner Fürsprache bei den polnischen Pfarrern verdankten die Franzosen während eines ganzen Winters ihren Nachschlag an Suppe. Von ihm wie von Valerien bekamen sie als Gegenleistung für die Unterrichtsstunden, die sie gegeben hatten, auch die Handvoll zusätzlicher Nahrung, die vielen von ihnen erlaubt hat, bis zum Ende durchzuhalten. Leo schien sich innerhalb des geheimen Präsidiums, das die Maßnahmen für den Augenblick der Befreiung vor- bereitete, durchgesetzt zu haben. Er hielt mich auf dem laufenden über die Schwierigkeiten, die er hatte, um die Anerkennung von General Delestraint als Vertreter der Franzosen durchzusetzen. Dieser polnische Patriot verstand zu gut, was für uns das lebende Symbol der Vaterlandsliebe bedeutete, das unser gaullistischer General verkörperte, als daß er den Aufforderungen derjenigen nachgegeben hätte, die die Kandidatur eines Mitläufers förderten, den der kommunistische Apparat des Lagers gerissen nach vorne schob. General Dele- straint hatte seine Achtung wie die aller anderen durch geistige Überlegenheit erworben. Valerien hatte hinter seinen Brillengläsern einen ern- sten, gemessen nachdenklichen Ausdruck, der seinem Gesicht etwas Schweres gab. Das wurde noch unter- strichen durch seine Art, den Kopf wie in ständiger Bereitschaft zur Entgegennahme von Geheimnissen ein 158 es wenig zu neigen. Es gibt Wesen, die ihren Beruf sozu- sagen im Gesicht tragen. Valerien zeigte seinen schon allein durch seinen Gang, nämlich den der großen Seminare. Er war weniger sorgsam gekleidet als Leo, der immer tadellos angezogen war. Aber er hatte trotz- dem eine Art, den Zebra-Anzug zu tragen, die den Aristokraten verriet. Seine Aristokratie war aber nicht die des Blutes. Ich habe von diesem Bauernsohn aus Galizien bei unserem gemeinsamen Kommen und Gehen in dem engen Durchgang am Ende des Lagers, den der Zaun abschloß und von dem aus man die ver- krüppelten Fichten der Krematoriumshecke sah, viele vertrauliche Mitteilungen entgegengenommen. Im Winter, wenn der Schnee mit seinen weißen Flocken die Bäume bedeckte, segnete er die Landschaft, die dann seiner Heimat glich. Er hatte— wie, das weiß ich nicht — das kleine Bändchen von Mauriac aufgetrieben„Die Anfänge eines Lebens“. Er bat mich, ihm an Hand die- ses Bändchens französischen Unterricht zu geben oder vielmehr einen Lehrgang für Fortgeschrittene, denn Valerien sprach, wie fast alle seine Kameraden von Block 28, unsere Sprache ziemlich geläufig. Beim Lesen von Mauriacs Erinnerungen kamen ihm die eigenen in großer Zahl wieder. Er bemühte sich, sie mir in korrektes Französisch zu übersetzen. Ich erinnere mich seiner Ergriffenheit, als er das Fronleichnamstfest schil- derte: den Duft der Rosen und das Schwenken der Weihrauchfässer, den Gesang. Lauda Sion salvatorem Lauda ducem et pastorem! Da war er wieder der kleine Ministrant eines verlore- nen Dorfes. Er zog mich mit in das Priesterseminar nach Krakau und in die Arbeiterpfarrei, wo er seine ersten Sporen als Kaplan verdient hatte, und dann endlich in die Dorfpfarrei, wo seine Mutter ihn schon so lange erwartete. Auch Valerien war gleich nach der Besetzung 159 seines Landes nach Dachau gekommen. Das brachte uns auf den Winter 1939. Das war also vier lange Jahre her. Alles, was er während dieser 5o Monate in den höllischen Kommandos erduldet hatte, er und seine Kameraden, hörte ich ihn wohl hundertmal erzählen. Sein nachdenklicher, etwas trauriger Ausdruck wurde verständlich. Auf dem Appellplatz, auf dem wir nur durch den Posten von Block 26 getrennt waren, kam mich Valerien, wenn die Zählung ewig dauerte, öfters besuchen, um keine Gelegenheit zu verlieren, französisch zu sprechen. An einem dämmernden Januarmorgen 45 kam er so, um mich wegen ich weiß nicht mehr welcher grammatischen Regel über die Anwendung des Partizips zu befragen. Ich fühlte mich gar nicht gut und sann mehr auf Mög- lichkeiten, ins Revier zurückzukommen. Leicht würde das nicht sein, weil ich dort eben erst herausgekommen war und nicht annahm, die 40° Fieber zu haben, die damals Voraussetzung für die Wiederaufnahme waren. Als ich nach Schluß des Appells taumelnd auf die Ba- racke zuging, wo sich das abspielte, was als ärztliche Sprechstunde galt, kam Valerien rasch hinter mir her. Er ergriff meine beiden Hände: „Einen kleinen Augenblick“ sagte er mir. Ich fragte mich, was er wohl wollte. Unauffällig hob er die rechte Hand und flüsterte Worte über mich, deren Sinn ich erst verstand, als er die letzten:„et maneat semper“, mitinnerster Überzeugung betonend deutlich aussprach. In Dachau, während einer Unterhaltung mit Popo- vitsch'), ist mir die Überschrift für dieses Kapitel ein- gefallen. Popovitsch, Professor der englischen Literatur an der Universität Belgrad, kannte Duhamel. Er ver- säumte keine Gelegenheit, auf diese Bekanntschaft 1) Sohn des Bruders von Tito. 160 rühn war. der F erste Joos: eine: schäl beid des| Übe imm Pope nalit zu b spre mich unte Zu Frag gült wur Reiz Sein schli Pop and sein gest Ges lieh Disc Ihn Qidl Ieg: Drei Inte rühmend hinzuweisen. Wenn ich mich recht erinnere, war er einer derjenigen, der sich um die Einrichtung der Freundschaftsorganisation mit Frankreich nach dem ersten Kriege in seinem Land bemühte. Der gute Vater Joos hatte ihn mir eines Sonntags nachmittags während eines dieser Spaziergänge, die unsere trübselige Be- schäftigung an diesem Tage waren, vorgestellt. Die beiden glichen sich irgendwie durch dieselbe Klarheit des Blickes, durch dieselbe Treue zu ihrer religiösen Überzeugung und durch das Freisein von Haß, auf wen immer es sei. Popovitsch, stolz auf seine junge jugoslawische Natio- nalität, gehörte dem orthodoxen Glauben an. Er suchte zu beweisen, daß dieser der Heiligen Schrift mehr ent- spreche als der römische Katholizismus. Ich erinnere mich, daß er der Spendung des Heiligen Abendmahles unter beiden Gestalten besondere Bedeutung beimaß. Zu dem eigentlichen sachlichen Interesse an dieser Frage, die auf der Freiheitsstraße inmitten eines gleich- gültigen ausgehungerten Babelwirrwarrs behandelt wurde, kam ein Begeisterungsrausch, der nicht ohne Reiz war. Seinem König treu ergebener Monarchist und ent- schlossener Anhänger von Michailowitch, machte sich Popovitsch Sorgen über das Schicksal des einen oder anderen nach der Befreiung. Trotzdem hatte er sich seinen titotreuenLandsleuten im Lagergegenüberdurch- gesetzt, so groß war sein moralisches Ansehen. In ihrer Gesamtheit zeigten die Jugoslawen tatsächlich eine Vor- liebe für Tito. Die Propaganda für ihn bei den slove- nischen Bauern betrieb J., ein alter Spanienkämpfer. Ihn beschäftigte das Problem der Transsubstantiation nicht. Er war ein doktrinärer Kommunist, der keine Ge- legenheit versäumte, seinen marxistischen Glauben zu predigen. Georg Surowy, sein Waffengefährte von den internationalen Brigaden, hatte ihn dazu gebracht, den 161 Block seiner Landsleute zu verlassen und sich in unse- rem sehr viel lausigeren einzunisten. Er redete den lieben langen Tag in einem netten holprigen Fran- zösisch. Wegen seiner kommunistischen Tätigkeit lange vor dem Krieg war er aus seinem Land vertrieben worden und behauptete, mit Tito sehr freundschaftlich ver- bunden zu sein, den er aus der Zeit kannte, da er noch Joseph Brosz war. J. hatte lange Jahre das Leben eines Geächteten geführt. Wäre er nicht so geschwätzig ge- wesen, hätte ich beinahe geglaubt, daß er wirklich eine Schlüsselstellung in dem„Agit-Prop“-Apparat gehabt hatte, die aber zweifellos nur Kameraden anvertraut wurden, die diskreter, weniger sichtbar begeistert und behutsamer in ihren Reden waren. Popovitsch liebte das Frankreich von Duhamel, das der Familie Pasquier und des armen Salavin. J. kannte es nur durch Romain Rolland und Barbusse, aber bewunderte es deswegen nicht weniger. Er hatte in Paris als Baumaler bei einem Handwerker auf dem linken Seine-Ufer gearbeitet. Er erzählte mit Rührung von der Zeit, die er bei uns ver- lebt hatte, und von seinen Entdeckungen: die Buch- trödler auf den Seinequais und die Ölbratereien auf der Straße. Die Freundschaft, die Popovitsch uns entgegen- brachte, war echt, tief, aber nicht urteilslos. Er grollte uns etwas wegen unserer Unordnung. Hatten wir nicht seinen König Alexander in Marseille ermorden lassen? Die Freundschaft von J. war total, ohne Vorbehalte und bedingungslos. Eines Tages widmete der„Völkische Beobachter“ seine Literaturchronik dem Aufenthalt von Verlaine in Bel- gien. Der gute Nicot bemühte sich, seinem Schüler, einem polnischen Pfarrer namens Landowski, die Schön- heiten der Verse verständlich zu machen, die er ihm aus dem Deutschen zurückübersetzte: 162 Diese seren diese Nass: unen ven,$ orgar uns. Klein Eine der des C von ı lager zählı Arm Zus; Man Wege losbı Fran Deto und der. Qun Gur ). tie noch Klär ‚Ma ihre kön ir; InSe- den Tan- vor rden ver noch > ines 2 eine habt traut und jebte juier main egen jnem st, Ei ; ver: Zuch- ıf der ogen- rollte nicht sgen! > und seine 1 Bel: „üler, chöp’ m aus „Über dem Dach der Himmel so blau ist friedlich und still...“ Diese Musik des armen Lelian öffnete uns hier in un- serem bayerischen Sumpf unter der niedrigen Decke dieser todesdüsteren Stube Vier, wo sich Stromer und Nassauer versammelt hatten, himmelsblaue Türen zu unendlichen Fernen. Um den Kachelofen, den die mage- ren, gestern von den Kameraden des Kesselkommandos organisierten Briketts notdürftig heizten, drängten wir uns einer dicht an den anderen, um auch nicht das kleinste Krümchen Wärme verlorengehen zu lassen. Eine naheliegende Gedankenverbindung hatte J., der der Unterrichtsstunde beiwohnte, bei der Behandlung des Gefängnisses von Verlaine in Brüssel veranlaßt, uns von den zahlreichen Gefängnissen und Internierungs- lagern, die ihn in Frankreich beherbergt hatten, zu er- zählen. Alvarez, Spanier von der republikanischen Armee, erwähnte ihre Begegnung in Gurs nach dem Zusammenbruch des Frente Popular. Vielleicht erinnert man sich noch an die Pressekampagne, die damals wegen der Unordnung in diesem improvisierten Lager losbrach, das die Scharen der Flüchtlinge aufnahm, die Francos Sieg über die Pyrenäen gedrängt hatte. Alvarez betonte den Unterschied zwischen der Organisation und der, alles in allem genommen, leidlichen Sauberkeit der deutschen Lager und dem Schmutz und der Unord- nung der französischen, und besonders des Lagers von Gurs. J. richtete seine schwarzen Augen auf ihn. Ich höre ihn noch mit seiner ernsten, etwas langsamen Stimme er- klären: „Man soll den Franzosen nicht nachtragen, daß sie ihre Konzentrationslager nicht haben organisieren können...“ Er suchte offensichtlich nach einer Formulierung, um 163 seinen Gedanken besser wiederzugeben, genauer aus- zudrücken. Er zögerte etwas, und fand dann, was er suchte. Er schloß seinen Satz mit der Bemerkung, deren letztes Wort er besonders betonte:„Das ist nicht ihre Spezialität.“ In der Stube Vier hatten wir ein halbes Dutzend spani- scher Kameraden. Swida betonte ernsthaft, der Öster- reicher Georg habe sie mehr in Erinnerung an seine Zeit bei den internationalen Brigaden hergebracht, als um die Fortführung der Annexionspolitik der Habsburger anzudeuten. Die Deportierten mochten über trennende nationale Gruppen verschiedener Meinung sein. Aber alle stimm- ten darin überein, daß die Spanier das Kunststück zustande gebracht hätten, von allen Seiten einheitlich Sympathie und Bewunderung zu haben. Diese Roten der republikanischen Armee waren in der Mehrzahl Arbeiter und Bauern. Ihr Los war ganz besonders jam- mervoll. Seit Ende ihres Bürgerkrieges interniert, wur- den sie nach dem Frankreichfeldzug, den sie auf unserer Seite mitgemacht hatten, durch Vichy an die Nazis aus- geliefert. Seit langen Jahren kam kein Brief für sie aus der Heimat und kein Paket vom Roten Kreuz; sie waren völlig verlassen. Hinzu kam die Unkenntnis der deut- schen Sprache, die sie in ihrem Jammer noch mehr isolierte. Die Spanier begegneten ihrem Mißgeschick mit stolzer anständiger Haltung, die Achtung erzwang. Nie hörte man sie jammern, ein inneres Schamgefühl verbot es ihnen. Trotz ihrer politischen Meinungsverschieden- heiten— es gab immerhin bei ihnen sehr deutliche Unterschiede zwischen dem Anarchisten der FAI und dem Republikaner, zwischen dem Sozialisten und dem Kommunisten— hatten sie den guten Geschmack, da- von nichts sichtbar werden zu lassen. Allein schon die Tatsache, daß wir alle wußten, daß es unter ihnen nur 164 Politische gab, begünstigte sicher diese Vorrangstellung, die ihnen stillschweigend zugebilligt wurde; sie hätten aber von dieser Höhe durch ihr persönliches Verhalten absinken können. Weit davon entfernt, zeigten sie sich immer tadellos zurückhaltend: in der Waschanlage drängten sie sich nicht vor und verlangten beim Ver- teilen vom Nachschlag nicht mehr als die anderen. Die stolze Ergebenheit in ihr Schicksal hatte eine Größe, die vielleicht aus der Geschichte ihres Vaterlandes kommt. Seit Dachau sehe ich, wenn ich von spanischen Granden höre, nicht so sehr eine von den mit Gold und Seide angetanen Gestalten von Claudel, sondern einen von diesen unglücklichen Kameraden: Alvarez, den mitteil- samsten von ihnen, leidenschaftlich, manchmal heftig, der sich auf ein Zeichen von Georg sofort wieder be- ruhigte, den wunderbaren Capella, der, auch wenn er vor Müdigkeit und Fieber taumelte, die Typhus-Kran- ken weiterpflegte, Vincente Parra, ihren sympathischen heimlichen Chef, den kleinen Mariano, schwarz wie Pechkohle, zwanzig Jahre alt, immer lächelnd, der sich manchmal über sein Dorf in Kastilien ärgerte und der, ohne je zu widersprechen, die schweren Pakete ver- seuchter Wäsche in den Schwefelkasten des Desinfek- tionskommandos packte, den Dr. van Dyk und zwanzig andere. Die allgemeine Geringschätzung der Italiener stand im Gegensatz zur Hochachtung, deren sich die Spanier er- freuten. Die ersten Transporte aus Italien waren im Sommer 1943 nach der Landung der Alliierten auf Sizi- lien eingetroffen. Die Deutschen hatten ihnen wie den Russen„die Straße” mitten über den Kopf eingeschoren. Dieser demütigende, den Kopf in zwei Partien teilende Haarschnitt betonte den Charakter des Sträflings und machte ihn lächerlich. Später kamen noch weitere Tausende zu uns. Sie waren allesamt arme T eufel, die 165 überhaupt nicht begriffen, was ihnen geschah; sie star- ben wie die Fliegen. Manchmal half man ihnen allerdings auch sterben. Einen nächtlichen Alarm ausnutzend, hatte sich ein völlig abgemagerter Italiener eines Paketes trockener Erbsen bemächtigt, das ein prominenter Deutscher unter seinem Strohsack versteckt hielt. Als das Licht wiederkam, entdeckte der Bestohlene seinen Dieb, der seine lächerliche Beute zu kauen versuchte. Er ließ ihn auf der Stelle durch den Pfleger totschlagen. Das arme verschwollene Gesicht des Italieners und sein letztes Aufschlucken werden mich lange verfolgen. Das ganze Italien, ungerechterweise verachtet, war schließlich im Lager vertreten: ein echter Garibaldi mit runzel- zerfurchten Zügen, schwungvoll, begeistert, der in der französischen Armee gekämpft hatte, ein junger Domi- nikaner mit engelgleichem Gesicht, der nicht lange auf dem Strohsack lebte, auf den man ihn eines Abends bettete. Ich sehe ihn noch mit seinen riesengroßen schwarzen Augen die letzte Wegzehrung verlangen; und schließlich den unvergeßlichen Pater Menciana, ein Oratorianer aus Brescia, dessen Asketengesicht von innerem Licht leuchtete. Mein Bericht ist getreu, wird aber unvollständig bleiben. Ich käme in Verlegenheit, wenn ich richtig und zu- treffend die Vertreter der einzelnen 24 Vaterländer, die Europa in Dachau zusammenfaßte, beschreiben sollte. Ich habe nur oberflächliche Verbindungen mit den bal- tischen Kameraden gehabt, die nach der Befreiung mich anflehten, sie nach Frankreich mitzunehmen. Die Nor- weger waren wenig zahlreich. Ich erinnere mich trotz- dem an jene Zwillingsbrüder, blonde Riesen mit blauen Augen, die zusammen neben mir an Typhus starben. Der dänische Krankenpfleger, der sie versorgte, tat einige Stunden später das gleiche. Die Gesamtheit der 166 star- rben. ı ein cener scher Licht ), der ihn arme tztes anze h im nzel- 1 der omi- e auf ends oßen gen; jana, ‚von iben. | zu r, die ollte. bal- mich Nor otz zuel rben. tat del Skandinavier akklimatisierte sich, ich weiß nicht war- um, ganz besonders schlecht. Die Sprache der Ungarn erleichterte kaum den Kontakt, denn sie war unver- ständlich. Ebenso wie die Rumänen und Bulgaren sind sie erst sehr spät zu uns gekommen. Unter ihnen hatte der Marquis P. das Kunststück zustandegebracht, in den Pfarrerblock zu kommen unter dem Vorwand, er sei Ritter des Heiligen Grabes. Ich frage mich, ob er einen entsprechenden Dreh in dem neuen Internierungslager gefunden hat, das ihn, wie man mir sagte, kurz nach seiner Rückkehr in die Heimat, weiter im Osten in Empfang genommen habe. Dieser Magnat, ein Über- bleibsel eines verschwundenen Europa, mochte unser Land sehr gern. Er kannte es wie sein eigenes und sprach französisch wie Marcel Proust es schrieb. Er war auch keineswegs humorlos: Möge er sich diesen Humor besser erhalten haben als seine 18 Schlösser und seine 20 000 Hektar. Yokarinies, Professor der Universität Athen, hatte ein von Blattern entstelltes Gesicht. Er sagte von Zeit zu Zeit, wenn er uns eine Freude machen wollte, die Mar- seillaise de la Paix'), die Friedensmarseillaise auf. Ich glaube mich zu erinnern, daß er bei der Befreiung mit seinen Landsleuten Schwierigkeiten hatte. Ali Kucci, ein Albanier, behauptete unerschütterlich, ein Nach- komme von Alexander dem Großen zu sein. Ich habe es daher ganz natürlich gefunden, daß man ihm später bei der Befreiung die Funktion eines Propaganda- ministers anvertraute. Er entledigte sich dieser Aufgabe recht gut während des ganzen Monats, den im Frühjahr 1945 die befreite Republik von Dachau unter amerika- nischem Protektorat bestand. Meines Wissens waren nur vier britische Untertanen bei uns. Zwei von ihnen, Offiziere der Royal Air Force, 1) Berühmtes Gedicht des französischen Dichters La Martine, das den Rhein als Friedensstrom zwischen den Völkern preist. 167 kamen erst in den letzten Tagen. Von den beiden an- deren hieß der erste Santi, ein, wie man sieht, typisch britischer Name; er kam aus Mailand. Ich habe nie in Erfahrung bringen können, aus welchem Grunde dieser englische Staatsbürger seinen Familiennamen italiani- siert hatte. Der andere Untertan des Königs von Eng- land hörte auf den Namen Durand, genauso britisch wie der vorige. Es war ein Ordensmann, Oblat der Un- befleckten Empfängnis, von Jersey gebürtig, der sich auf der Eisenbahn in Avignon mit falschen Papieren von der Gestapo hatte erwischen lassen, die dieses Mal die Sache durchschaut hatte. Es ist anzunehmen, daß sie recht ungeschickt gemacht waren. Pater Durand hatte viele Freunde unter den Franzosen, denn er zeigte sich ihnen gegenüber besonders nett. Wir hatten ihn bei uns aufgenommen, obwohl er es für seine Ehrenpflicht hielt, loyal in die Mitte seines roten Winkels das große E einzuschreiben, das seine Nationalität kenn- zeichnete. Die Schweiz war bei uns durch den Pastor Bornand ver- treten, sie war großartig vertreten. Dieser Gefängnis- seelsorger wußte seine Ruhe und seine gute Laune selbst in den schlimmsten Augenblicken zu bewahren. Ich erinnere mich eines Abends, an dem er mir unter strömendem Regen— wir wußten nicht, wohin wir uns verkriechen sollten— ausführlich die Bekehrungs- geschichte eines seiner Pfarrkinder von Fresnes, das zum Tode verurteilt war, erzählte. Während der letzten Tage, der Tage der härtesten Prüfung, als wir uns ernst- haft fragten, ob nicht zuguterletzt die Flammenwerfer uns noch alle vernichten würden, versammelte er jeden Abend seine französisch sprechenden Glaubensgenos- sen in der Freiheitsstraße um sich und bereitete sie mit Ruhe und heiterer Unbefangenheit auf das Schlimmste vor. 168 Dank der Dolmetscherdienste von Bob Claessens hatte ich eine freundschaftliche Verbindung mit zweien un- serer russischen Kameraden vom Desinfektionskom- mando. Es handelte sich um zwei loyale Bürger der UdSSR: Bob war ein zu anständiger Kommunist, um mich mit Deserteuren der Wlassov-Armee oder ukrai- nischen Separatisten, von denen es viele unter uns gab, in Verbindung zu bringen. Diese beiden jungen Russen waren sehr sympathisch. Es waren Kriegsgefangene, die später zu Zivilarbeitern gemacht worden waren. Wegen irgendeiner Lapalie waren sie schließlich in Dachau gestrandet. Einer von ihnen, Alex, hatte im Gesicht eine Brandnarbe, die ihn etwas entstellte. Er hatte noch auf einer technischen Schule von Moskau studiert, als die deutsche Invasion ihn zu den Fahnen rief. Der andere war weniger ge- bildet, ein Fischer aus Archangelsk; er hieß Nicolai. Was sie von unserem Lande wußten, war bruchstück- haft und etwas enttäuschend. Alex kannte die Namen von Hugo, Balzac und Maupassant. Er bekannte sich zu einem überzeugten und umständlich begründeten Atheismus und sprach mit zärtlichem und spöttischem Mitleid vom Aberglauben seiner Mutter und von den Ikonen, die sie weiterhin verehrte. Seine Verkennung des Westens war unvorstellbar. Weil Bob sich einge- mischt hatte, gab er schließlich zu, daß es in Paris auch eine Untergrundbahn geben könnte. Aber im übri- gen blieb er mißtrauisch, was die Leistungen anging. Alex und Nicolai waren gute Kameraden und hielten es für ganz natürlich, ihr Kochgeschirr nur nach den Älteren für einen Nachschlag vorzustrecken. Wenn so ein Häufchen Elend vor Kälte schlotterte, überließen sie ihm ihren Strohsack. Wir haben sie sehr bedauert, als sie gegen Ende mit den anderen Russen zu einem Trans- port geholt wurden, von dem keiner lebend zurück- kam. 169 Österreicher und Deutsche hatten äußerlich keine Unterscheidungsmerkmale: sie trugen denselben Groß- buchstaben D in ihrem roten Winkel, bewohnten die- selben aristokratischen Blocks, stellten dieselben ausge- suchten Kommandos. Trotzdem konnte man auf die Dauer so weit kommen, sie nicht zu verwechseln. Zunächst konnten in Dachau verhältnismäßig viele Österreicher etwas französisch, im Gegensatz zu den Deutschen. Sie suchten die Gelegenheit, mit uns zu sprechen. Ob sie Monarchisten waren, wie Kamman und Schmitz, oder Sozialdemokraten, wie Georg Surowy und Ludwig, sein Brigadekamerad, der gegen Ende bei einer dunklen Abrechnung auf geheimnisvolle Weise verschwand, sie zeigten für die Franzosen eine oft sehr wirkungsvolle Freundschaft. Der spürbarste Unterschied bestand darin, daß die Deutschen trotz allem anschei- nend eine gewisse Solidarität— zweifellos resigniert, aber unbestreitbar— mit ihren für den Stand der Dinge verantwortlichen Landsleuten fühlten. Die Österreicher wollten unter keinen Umständen damit identifiziert werden. Aus Anlaß der Rundstedt-Offensive meldeten sich Hunderte der aus politischen Gründen deportierten Deutschen— Kommunisten einbegriffen—, die seit zehn Jahren die Sklaverei ertrugen, zu einer Straf- einheit der SS, um beim letzten Aufgebot mitzumachen. Wir waren sprachlos. Georg sagte mir nicht ohne einen gewissen Stolz, daß kein einziger Österreicher dieses ehrlose Geschäft angenommen hatte. Ich erinnere mich auch des Ekels, der sich unser bemächtigte, als gegen Weihnachten 1944 der Erfolg dieser Offensive in den Ardennen einige unserer deutschen Kameraden von Block 26 die Köpfe höher tragen ließ. Dieser Anfall von instinktivem Patriotismus war vielleicht entschuldbar. Wir schätzten ihn kaum, und die Österreicher taten es ebensowenig. Die alten Pfeiler des Lagers, die überlebenden Deut- 170 sch un (# ct schen der ersten Jahre, teilten sich in zwei Gruppen. Es waren welche, die auf die Dauer durch eine Art fort- schreitender Anpassung an das Milieu unmöglich ge- worden waren, grausam und blutdürstig. Sie hatten seit langer Zeit die Hoffnung aufgegeben, jemals die Luft der Freiheit zu atmen. Wünschten sie es wirklich? Sie hatten sich eingerichtet und waren in das Spiel ihrer Gegner eingetreten. Zu Mitschuldigen geworden, hatten sie den Wunsch, keine Rechenschaft ablegen zu müssen; in ihrer Art waren sie„eingewöhnte Seelen“, wie Peguy gesagt hätte. Eines Tages, als einer von ihnen in seiner Hanswurstenaufmachung feierlich an uns vorbeimar- schierte, sagte mein Kamerad Pierre Suire zu mir: „Sie verstehen, mein Lieber, so eine Stellung, wie sie hier haben, werden die Leute nie wieder bekommen.“ Die anderen, die ohne mitzumachen den Dingen rein passiven Widerstand entgegengesetzt hatten, verfielen einer Art Nirwana, die sie für Menschen und Dinge gleich unzugänglich machte. Sie flüchteten sich in völ- lige Gleichgültigkeit allem gegenüber, außer, wenn ein lange unterdrückter Zornanfall sie jäh ebenso übel werden ließ wie die vorher Genannten. Die, die wie Willy oder Addie es verdient hatten, den Ehrennamen eines Menschen zu behalten, waren, es ist betrüblich, die kleine Minderheit. Dennoch denke ich nicht daran, Deutschland bei meiner Geographie des Herzens auszusparen. Es ist nicht leicht, ich schwöre es. Nicht, daß ich irgendeinen vererbten Widerwillen zu überwinden hätte, mit Deutschen ein Zwiegespräch zu beginnen, dessen Notwendigkeit auf der Hand liegt, noch daß ich einen gärenden heiligen Haß im Gedanken an das in mir züchtete, was wir durch die erschütternde Unachtsamkeit dieses ganzen Volkes entdeckt und erlitten haben. Der Haß ist ein zu schweres Gewicht, besonders für müde Schultern. Und unsere Schultern sind müde. 171 An dem Tage, da Frankreich und Deutschland sich endlich versöhnt haben werden, wird man die be- rühmten Seiten nachlesen müssen, wo derjenige von unseren Zeitgenossen, der mit dem meisten Verständ- nis über die Deutschen spricht, in großartiger Weise die Gefühle zusammenfaßt, die viele von uns als Depor- tierte dem Nachbarland gegenüber empfinden:„Eine Naturkraft, mit der es engstens verbunden, ein Bündel mächtiger, aber dunkler Gefühle... wahllos zieht das Netz Ungeheuer und Schätze daraus hervor.“*) Deutschland macht uns noch Sorge. Weshalb es leug- nen? Wir haben zu lange und allzu nahe seine Unge- heuer gesehen. Wir würden jetzt gern seine Schätze betrachten. Wenn Deutschland uns noch beunruhigt, so beunruhigt es nicht die Amerikaner, vielleicht deshalb, weil es keine Amerikaner in den Konzentrationslagern gab. Während ganz Europa— wie wahrscheinlich auch in den anderen Lagern— in Dachau vertreten war, hat nicht ein Kämp- fer der neuen Welt die konzentrationäre Maschinerie kennengelernt. Gewiß, den amerikanischen Soldaten verdanken die meisten von uns, daß sie sich noch des Tageslichtes erfreuen dürfen. Wir werden ihnen für die Zeit unseres Lebens, das sie uns erhalten haben, dank- bar sein. Aber ich bedauere oft, daß keiner unserer Freunde von jenseits des Ozeans Gelegenheit gehabt hat, über die düstere, lichtscheue Wissenschaft, die wir am Werk gesehen haben, Betrachtungen anzustellen, wie wir es konnten. Sie haben sich nur vom äuße- ren her eine ganz oberflächliche Vorstellung machen können, als sie uns befreien kamen, weil die Atmo- sphäre des Sieges den Schatten unserer Leidensmonate völlig überdeckte. Ich fürchte, daß die Barberei der Nazis sie nicht anders berührt als die weit entfernte der *) Charles de Gaulle: La France et son arme£e. 172 Assyrer. In diesem Punkt trennt uns eine Welt, die weiter ist als ein Ozean. Am letzten Sonntag dieses Monats August waren die Nachrichten gut, ja ausgezeichnet. Bob, dessen geheime Informationen durchaus ernsthaft waren und nie in Zweifel gezogen wurden, hatte bestätigt, daß vor eini- gen Tagen General de Lattre an der Spitze einer ersten französischen Armee in der Provence gelandet war. Endlich! Man begann wieder von einer französischen Armee zu sprechen. Um das Ereignis zu feiern, hatten wir uns entschlossen, die letzte Büchse vom letzten Paket zu öffnen. Da wir in einem Monat befreit wer- den würden, war es unnötig, weiter zu sparen! Alle Kameraden waren natürlich eingeladen. Der Inhalt des Schatzes wurde fingerhutweise auf das, was die Stelle von Brot vertrat: einem Block gestampften Strohes, ver- teilt. Wir kauten ganz langsam, denn das war nach Rat der erfahrenen Alten das einzige Mittel, um kein Quentchen Kalorie und kein Atom Vitamin zu ver- lieren. Unser Kommando hatte einen Vorteil. Es war ja das Desinfektionskommando. Man mußte also sehen, was man desinfizierte. Wir waren in einem alten Bauern- haus am Nordende des Lagers untergebracht, aber etwas abgewandt; so hatten wir die Illusion, dank der Einge- zäuntheit der„Stadt“ in einer Art Niemandsland zu leben, in einer selbständigen Republik. Wegen der Läuse waren die Besuche der SS-Leute selten. Sonntags war man ganz unter sich. An diesem Tage hatte sich Addie Mesler am Fenster niedergelassen. Es ging auf die eintönige Landschaft hinaus, die in fünf Meter Entfernung durch die hohe Einzäunung abgesperrt war. Ich habe keinen besseren Kapo gekannt als Addie. Es war der blonde Deutsche mit blauen Augen, mit regelmäßigen Zügen, wie man 173 ihn hinter Straßburg auf den Wegen des Schwarzwaldes oder den Straßen in Bayern findet. Dieser aktive Mün- chener Kommunist strahlte eine franziskanische Milde aus. In seinem Fenster sitzend, spielte er Harmonika. Die langsame Modulation eines Liedes von Schubert wiegte unsere morgendliche Hoffnung. Die wunderbare Nach- richt hatten wir erhalten; wie immer, wenn die Span- nung der Begeisterung nachläßt, wurden wir schwer- mütig. Noch immer waren wir, wie schon so lange Zeit, bedrückt durch Aussichten unmittelbar bevorstehender Dinge. Wir hätten gern irgend etwas spüren wollen in der Außenwelt, das uns hätte teilnehmen lassen an den Ereignissen; irgendwelche Zeichen am Himmel wollten wir sehen. Die Gleichgültigkeit der Dinge ließ uns die Schwierigkeiten einer Befreiung vor der Schlechtwetter- zeit unterschätzen. Wir fanden in die Begeisterung nicht wieder zurück: „Sie sind noch stark“, seufzten die Realisten und dach- ten an die bittere Enttäuschung, die dem Attentat auf Hitler vom vergangenen Monat gefolgt war. Und ohne es dem Nachbarn einzugestehen, dachte jeder an diese neuen Waffen, deren unmittelbar bevorstehen- den Einsatz die Zeitungen täglich ankündigten. Die Kameraden, die vom Kommando von Neckarelz zu- rückgekommen waren, hatten die riesige Baustelle der unterirdischen Werke beschrieben: „Wenn sie es zustande bringen, ihre Rüstungswerke zu tannen=#?.. Jakob kam uns besuchen. Er war der wirkliche Chef der Desinfektion; Addie war nur sein zweiter Mann. Wie Jakob aber wegen der Läuse nie bei uns nachschauen kam, schien er sich auch diesmal unbehaglich zu fühlen und schnell weg zu wollen. Plötzlich neigte er sich zu mir und sagte mit einem wissenden und geheimnis- vollen Gesicht: 174 „stat komı Ih ü Auff dest späte der I die$ Jacqı wuß Befe icha liche sche Stan Vitsc des gedi kom Die: „Stan läßt dir sagen, du sollst zu ihm zum Block 13 kommen, sofort!” Ich überlegte mir den Grund dieser ungewöhnlichen Aufforderung. Was konnte Stan mir wohl so Dringen- des mitzuteilen haben, da ich ihn ja, wie jeden Abend, spätestens in drei Stunden sehen würde. Ich wußte, daß der Block 13, der der ansteckend Tuberkulosen, in den die SS-Leute nicht hineingingen, seit dem Weggang von Jacques Martin die Nachrichtensammelstelle war. Ich wußte auch, daß Stan dort seit einigen Tagen seinen Befehlsstand eingerichtet hatte. Vor allem aber wußte ich auch, daß die Vorsicht es gebot, nurin außergewöhn- lichen Fällen hinzugehen, da jede irgendwie geheim er- scheinende Zusammenkunft eine Gefahr bedeutete. Stan war ein tschechischer Kamerad; ihm und Popo- vitsch hatte mich Joos vorgestellt. Als alter Kämpfer des ersten Krieges hatte er später in der Fremdenlegion gedient und war dann zu uns als Militärattache ge- kommen. Dieser Offizier hatte Seite an Seite mit dem alten Masa- ıyk und Benes für die Auferstehung seines Landes ge- wirkt. Er gehörte zu jener Generation, deren Liebe für Frankreich irgendwie mystisch war. Er war der ver- trauenswürdigste von allen unseren Freunden dort. Unterwegs zum Block 13, unruhig aber neugierig, zer- brach ich mir weiter den Kopf: Ja, was wollte denn eigentlich Stan zu dieser Stunde von mir? In der Frei- heitsstraße beschleunigte ich den Schritt. Meine Neugier wuchs. In Stube Zwei, in der den Pflegern vorbehaltenen Ecke, erwartete mich Stan, Popovitsch und Leo in stram- mer Haltung ihm zur Seite. Alle drei standen mit einem unglaublich feierlichen Gesicht da. Ich war mehr und mehr gespannt. Diese Slaven, dachte ich, sehen so aus, als ob sie dauernd eine Parade abnähmen. Aber was wollen sie eigentlich von mir? Stan, unbeweglich, nahm das Wort:„Ich habe Sie gebeten, sofort zu kommen, 175 weil wir Ihnen eine große Nachricht mitzuteilen haben, die größte, seitdem wir hier sind.“ Er sprach ein hartes Französisch. Seine Augen glänzten. Er sprach langsam, jedes Wort einzeln formend. Seine Stimme zitterte, unfähig, seine Rührung zu verbergen. „Paris ist befreit“, sagte er,„endlich; und Paris ist un- beschädigt.” Schweigen. Alle drei schluchzten vor Glück: die beiden, die wußten, daß ihre eigene Hauptstadt in Trümmern lag, ebenso wie der dritte. XV „Marschall, wir melden uns zur Stelle“ In den Monaten Juni und Juli 1944 kamen Tausende von Franzosen, die jede Ordnung verloren hatten, in das Lager; sein Aussehen wurde dadurch völlig ver- ändert. Selbst die abgebrühtesten von den Alten muß- ten das zugeben. Zunächst zeigten sie sich verärgert, ja manchmal entsetzt. Auf die Dauer jedoch fanden sie sich damit ab. Am Tage des 14. Juli, dem Nationalfeiertag der Fran- zosen, war zum Beispiel in den von den„Zugängen” aus Compiegne überfluteten Blocks ohne große Um- stände beschlossen worden, nach dem Morgenappell eine Minute des Stillschweigens zu halten.„Man muß bar jeden gesunden Menschenverstandes sein, wie diese Anarchisten da”, sagte Joos,„um nicht die Konsequen- zen zu übersehen, wohin diese lächerliche Geste sie zu bringen droht.” Das Verbot jeder nationalen oder son- 176 stigel Bestii seheı nung Gefai Woh Geda habe Nich am 1 folge einei auf! des$ ind: mich Pani der] Mar: aus. dem deck Gefi so g Voll dara Trot Fran Züg aur lassı Sie( Joos ickt Frar Alte stigen Vereinigung war tatsächlich eine der strengsten Bestimmungen der Lagerordnung. Es darf nicht über- sehen werden, daß einer der Ausgangspunkte der Ord- nung dieser Stadt die Tatsache war, daß die einzelnen Gefangenen als Vieh niedrigster Art angesehen wurden. Wohin hätte es geführt, wenn dieses Gesindel auf den Gedanken gekommen wäre, eine gemeinsame Idee zu haben oder eine einheitliche Aktivität zu entfalten? Nicht zufrieden mit dieser schweigenden Kundgebung am Tage ihres Nationalfestes, waren die Franzosen am folgenden 20. Juli außer Rand und Band, als im Verlauf einer Stunde die im Zusammenhang mit dem Attentat auf Hitler rasch ablaufenden Ereignisse eine Wendung des Schicksals anzuzeigen schienen. Wie die Nachricht in das Lager gekommen war, weiß ich nicht. Woran ich mich aber im Gegensatz dazu sehr gut erinnere, war die Panik der Kameraden, die die geheime Organisation in der Hand hatten, als sie auf den Blocks 21 und 23 die Marseillaise aufbrausen hörten. Ich wurde schleunigst aus dem Desinfektionskommando geholt, wo wir von dem, was vorging, keine Ahnung hatten. Damals ent- deckte ich, wie weit die französische Mentalität vom Gefühl für Tragik entfernt ist. Auch hatte ich noch nie so gut verstanden, warum man uns als leichtfertiges Volk behandelte. Niemals aber habe ich mich so stolz darauf gefühlt. Trotz ihrer sehr verschiedenen Herkunft bildeten die Franzosen eine Gruppe für sich mit viel ausgeprägteren Zügen als die anderen nationalen Gruppen, und sei es nur durch ihre Disziplinlosigkeit und ihr Sichgehen- lassen, das sie natürlich jedesmal dann betonten, wenn sie das Gefühl hatten, man wolle es ihnen ankreiden. Joos hatte recht: wirkliche Anarchisten. Um ganz ob- jektiv zu sein, muß allerdings betont werden, daß diese Franzosen in ein recht anderes Klima kamen, als es die Alten des Lagers bis dahin gekannt hatten. Die Diszi- 177 plin hatte sich irgendwie gelockert. Die alliierten Trup- pen standen seit einem Monat in der Normandie, und die Befreiung des nationalen Territoriums ging weiter, zweifellos langsamer als wir es wünschten, aber in einem Tempo, das die Hoffnung erlaubte, der Alpdruck werde vor Winter zu Ende sein. Kein Mensch zweifelte mehr daran, daß die Lösung unmittelbar bevorstehe. Unter den Neuangekommenen waren viele dabei, die wußten, weshalb sie da waren. In einem gewissen Sinne fanden sie dies sogar ganz in Ordnung. Das war aber bei allen denjenigen nicht der Fall, die bei irgend- einem Fangzug zufällig als Geiseln mitgenommen wor- den waren. Mit einer rührenden, manchmal aufreizen- den Einfalt erwarteten sie mit Sicherheit ihre sofortige Freilassung, sobald ihre Unschuld festgestellt sein würde. Ihre einzige Sorge drehte sich um die praktischen Möglichkeiten, nach Hause zu kommen, wo diese stö- renden militärischen Operationen im Gange waren, die alles zu erschweren drohten. „Wir haben ja nichts getan“ jammerten sie. Und das stimmte leider Gottes. Man konnte ihnen versichern soviel man wollte, daß kein Vorgang bekannt sei, der irgendwie die Hoffnung auf eine Maßnahme, die den Gebräuchen des Unter- nehmens so gar nicht entsprach, berechtigt erscheinen ließ. Sie hofften trotzdem weiter. „Sie täten besser, sich in die Haut von einem hinein- zudenken, der wenigstens einen Munitionszug zum Entgleisen gebracht hat; das wäre auch nicht schlimmer für Sie und Sie hätten dann weniger völlig unnötige Sorgen.“ Die„Freiheitsstraße” war von nun an während der kurzen Zeiten, die dem Arbeitsschluß folgten, von einer Menge, in der die Franzosen überwogen, über- schwemmt; überall waren Franzosen. 178 hattı unel pöru viele durc eine dere die: brac Die: nete der tige eine dies derf Jun; wor sein zur Sinn sch: als. feld Lan ter ger „M me ien hat Ma kei „Si wo Während Blaisot, für den wir einen Stock organisiert hatten, auf den er sein lahmes Bein stützen konnte, ein unerbittlicher Widerstandsmann blieb, der seine Em- pörung gegen Vichy weiterhin herausschrie, hatten viele andere überhaupt noch nicht begriffen, was er durchgemacht hatte. Solange die Landung nicht durch einen Erfolg sichergestellt war, stellte Oberstleutnant B. deren Enderfolg mit unwiderleglichen Begründungen, die er aus der Kriegsschule herbeizog, in Frage. Das brachte die Gruppe der Widerstandskämpfer in Wut. Dieser höhere Offizier war übrigens ein ausgezeich- neter Kamerad, klein, schwarz, stämmig, und hatte in der Jugendorganisation der Vichy-Regierung eine wich- tige Stellung inne, sie fand ihre Rechtfertigung durch eine moralische Kraft, die auch auf die jungen Leute dieser Organisation wirkte, die er hier in Dachau wie- derfand. Das Unglück für B. war, daß er von anderen jungen Leuten, nämlich aus dem Maquis, entdeckt worden war, die sich zu erinnern glaubten, er habe sich seinerzeit gerühmt, diese unbotmäßigen jungen Leute zur Vernunft zu bringen. Nicht ohne gewissen Starr- sinn trug B. weiterhin seine Anhänglichkeit für Mar- schall Petain zur Schau. De Gaulle betrachtete er immer als einen Abenteurer. Aber zu Beginn des Frankreich- feldzuges, als die Nachrichten über den Erfolg dieser Landung vorlagen, die er immer als ein sinnloses Un- ternehmen angesehen hatte, hielt es B. nicht mehr län- ger an der Stelle: „Meine Pflicht ist es nun, abzuhaun. Ich will jetzt meine Kameraden erreichen. Ein Offizier muß kämp- fen, wenn die wirkliche Schlacht im Gange ist“;— er hatte immer mit der Achsel gezuckt, wenn man von der Maquis-Schlacht sprach—„ich habe eine Fluchtmöglich- keit durch die Polen.” „Sie werden eingefangen werden wie alle, die flüchten wollten“, antwortete man ihm,„wir werden Sie aufdem 179 Appellplatz vor dem Tor sehen in der Gruppe der ich Im Wiedergebrachten. Haben Sie denn nie diese Un- Glück glücklichen gesehen, die dort in Erwartung von Schlim- Ausga merem ausgestellt waren? Haben Sie nicht die ihnen tige um den Hals gehängte Tafel gelesen: Ich bin wieder lichen dal?“ Lager B. wurde eigensinnig. Er bestand darauf, von einem artigk Kameraden vom Desinfektionskommando eine Reihe Als ic von Ausrüstungsgegenständen zu bekommen: Kompaß Obers und Ledergamaschen, die dieser ihm dank der Ankunft vor de neuer Gruppen italienischer Offiziere zu beschaffen war, V vermochte. Außerdem mußte ein Zivilanzug her, der von S noch nicht mit Deportiertenkennzeichen(das auf dem ten$ Rücken angebrachte Andreas-Kreuz) versehen war, schon nicht zu reden von einem seinem Kopfmaß entspre- ganze chenden Hut. Als das ganze Gepäckzeug Stück für würd Stück zusammengebracht und in Erwartung der Ab- nicht reise versteckt war, hatte B. sich noch immer keine schmi Rechenschaft darüber gegeben, welche ungeheure Lei- Bedau stung diese Lieferung eigentlich darstellte. so vÖ Einige Tage später gab er alles zurück, denn im letzten Wille Augenblick hatten die Polen gekniffen. Die kompro- bolis; mittierenden Gegenstände wieder verschwinden zu liebte lassen war ebenso schwierig wie ihre Beschaffung. dass Der gute Oberstleutnant B.! Ich traf ihn während der recht zehn Monate, die diesem mißlungenen Fluchtversuch geger folgten, des öfteren. Er hatte sich damit abgefunden, es habt von der Vorsehung als zusätzliche Prüfung anzuneh- Sich( men, daß er in dem gigantischen Endkampf, der jetzt künf tobte, keine andere Aufgabe hatte als die eines Arbeits- Rat, mannes im friedlichen Plantagenkommando. Abends von: kam er zurück, erschöpft wie alle seine Kameraden, aber schm in stolzer, aufrechter Haltung und wie am ersten Tag ten} überzeugt, daß der Marschall recht habe. zul: Nichts ist einfach. In der ungeheuren moralischen Ver- desg: wirrung, die der Niederlage vom Juni 1940 folgte, war Beh; 180 )e der Un- chlim- ihnen wieder einem Reihe mpaß ıkunft haften T, der f dem war, 1tspre- k für ı Ab- keine re Lei- etzten mpI0: en ZU g. ıd der ersuch len,& uneh- r jetzt rbeits‘ bends 1, abe n Te n Ver e, wal ich immer der Meinung gewesen, daß derjenige, der das Glück gehabt hatte, frühzeitig den unvermeidlichen Ausgang des Kampfes vorauszusehen, weil er rechtzei- tig den Einsatz erkannte, die Pflicht hätte, den Unglück- lichen zu Hilfe zu. kommen, die guten Glaubens ins Lager der später Besiegten gegangen waren, deren Bös- artigkeit sie ja oft nicht erkannten oder unterschätzten. Als ich in den Tagen nach der Befreiung des Lagers Oberstleutnant B., den verstockten Petain-Anhänger, vor der Delegation, die aus Paris zu Besuch gekommen war, vorbeimarschieren und wie einen jungen Leutnant von Saint Cyr unsere Nationalfahne tragen sah, stell- ten sich wieder diese Gedanken ein, die ich früher schon recht oft gehabt hatte. Daß er während der ganzen Dauer einer harten Deportation ein Beispiel würdiger Haltung gegeben hatte, rechtfertigte vielleicht nicht ganz diese Ehre. Aber wußte ich, ob zu dem etwas schmerzlichen Stolz seiner Haltung nicht das bittere Bedauern hinzukam, sich in der Beurteilung der Lage so völlig getäuscht zu haben, und vielleicht auch der Wille, nun mit noch mehr Eifer zu dienen? Er sym- bolisierte in meinen Augen alle die, die Frankreich liebten. Er hatte unrecht gehabt, sich nicht zu schlagen, das steht fest. Wir aber hatten uns geschlagen, weil wir recht hatten, aber nicht, um eines Tages denjenigen gegenüber auf unser Recht zu pochen, die unrecht ge- habt hatten. Sogar aus dem Konzentrationslager läßt sich eine brauchbare Nutzanwendung ziehen. Den zu- künftigen Kandidaten gebe ich daher den brüderlichen Rat, den Schwierigkeiten, die im System liegen, nicht von sich aus weitere hinzuzufügen. Nichts schien mir schmerzlicher, als über einen für uns vorläufig beende- ten Kampf hinaus die Leidenschaft von gestern wirken zu lassen, die Gegensätze, den Groll. Das Schauspiel, dessen Zeugen wir täglich waren, die unmenschliche Behandlung, unter der wir litten, reichten bei weitem 181 aus, um den Widerstand derjenigen, die gegen dieses Regime gekämpft hatten, zu rechtfertigen. Wozu dann sich nun auf die anderen stürzen, auf die, die nichts anderes verlangten, als ihren Irrtum einzugestehen. Dabei bleibt ganz außer Ansatz, daß unter diesen anderen so viele völlig Ahnungslose waren! Unter diesen Letztgenannten habe ich die Hilflosigkeit von jungen Arbeitern nicht vergessen, die oft auf Ver- anlassung ihrer Eltern der Kriegsmaschine des Dritten Reiches ihre freiwillige Hilfe gebracht hatten. Eine Lapalie, oft eine Kinderei, hatte sie nach Dachau ge- bracht, und so schlug der bleischwere Druck des Systems auf ihre Schultern und zermalmte sie. Revierblock 13: Nicolaus R. hatte vor wenigen Mona- ten das Lyceum du Parc in Lyon verlassen, um Kriegs- gefangene als Arbeiter in Deutschland abzulösen. Er war ein Student von nicht einmal 20 Jahren. Er hielt seinen Kopf immer etwas gesenkt, was ihm eine ge- wisse Leidensmiene gab, das hatte ihn zu einem Lieb- lingsziel der Kapos gemacht. Seine letzten Lungen- fetzen spuckte er in dieser überbelegten und ungesun- den Stube aus, aus der die Angst vor dem Bazillus Koch die SS-Leute vertrieben hatte. Sein Vater ahnte nichts von der neuen„Verwendung“ seines Sohnes. Er schrieb ihm also weiter an die Fabrik, in der er eine Stellung angenommen hatte. Die politische Abteilung ließ die Post unentwegt nachschicken. Als es zu Ende ging, hatte der unglückliche Junge nicht einmal mehr die Kraft, die endlosen väterlichen Briefe zu lesen und bat mich, es für ihn zu tun. Ich entzifferte also über sein Ohr ge- beugt flammende Ermahnungen folgender Art, die ich treulich im Gedächtnis behalten habe: „Mein liebes Kind, entsprich weiterhin den Anforde- rungen derer, die Dir die unvorstellbare Ehre gegeben haben, Dich in ihr großartiges Werk der Verteidigung der westlichen Zivilisation gegen asiatische Horden 182 einzu; funk wund artige, die$ Terro Vier| Schrif Kame Sein| ander gaulli stehe Eines bäud gezie inner Mor; Räur ten| trotz Com Besa zösis Esk Wie die täun drau bew dies Die dieses ı dann nichts tehen, diesen sigkeit ıf Ver- Jritten . Eine au ge- ystems Mona- Rriegs- en. Er r hielt ne ge- 1 Lieb- ıngen- gesun- s Koch nichts schrieb ellung ieß die , hatte aft, die ich,&5 )hr ge: die ich nforde- egeben digung Jorden einzugliedern... Ich rate Dir, jeden Abend den Rund- funk zu hören. Du wirst die beredte Stimme dieses wunderbaren Philippe Herriot*) hören, welch groß- artiger Redner! Wie geißelt er mit strafenden Worten die gaullischen Verräter und ihre Helfershelfer, die Terroristen im Solde Moskaus....” Vier Seiten waren es mit einer gesetzten eigenwilligen Schrift. Das war der letzte Brief, den ich dem jungen Kameraden aus Lyon vom Block 13 vorzulesen hatte. Sein leicht gewordenes Knochengerüst ist bald zu den anderen ins Krematorium gekommen, zu denen der gaullistischen Verräter und der im Solde Moskaus stehenden Terroristen. Eines Tages hatte die amerikanische Luftwaffe die Ge- bäude der SS-Kasernen bearbeitet, und eine schlecht gezielte Bombe hatte die Baracke der Effektenkammer innerhalb des Häftlingslagers getroffen. Am nächsten Morgen waren diese Blocks gesperrt. Nur die Leute vom Räumungskommando konnten heraus. Aber die inne- ren Höfe, die auf die Freiheitsstraße gingen, waren trotzdem voll von der Masse der letzten Transporte aus Compiegne, zu denen unterdessen ein Transport aus Besancon hinzugekommen war. Tatsächlich, die fran- zösischen„Zugänge“ wurden eine Überflutung. Es konnte ein oder zwei Uhr nachmittags sein. Wie die Tiere im Zoologischen Garten drängten sich die„Zugänge“ an den Gittern, die die Quarantäne- räume abschlossen, und versuchten zu erspähen, was draußen geschah. Draußen geschah gar nichts. Die un- beweglichen Pappeln standen in der dumpfen Hitze dieses Julitages gleichgültig Wache. Die Ankunft eines weiteren Transports, des vierten seit vierzehn Tagen, kündigte sich zunächst mit dem Klap- pern der Holzpantinen auf der schlecht gepflasterten Straße der Mittelallee an. In Fünferreihen sah man die *) Informationsminister der Vichy-Regierung. 183 Kolonne der Neuangekommenen langsam sich nähern, in der Höhe der Blocks 17 bis 21, wo die Franzosen untergebracht waren. Mit kahlgeschorenen Schädeln und verdutzten Gesichtern gingen sie auf schlecht angebundenen Sohlen unsicher weiter. Sie warfen nach rechts und links verängstigte Blicke. „Sind Franzosen hier?“ riefen sie, als sie bei uns vorbei- kamen. Hunderte von Stimmen antworteten ihnen. Wir riefen uns gegenseitig an, ohne uns um das„Streng verboten“ zu kümmern. Die Blockältesten waren außer sich und wußten nicht mehr ein noch aus. Sie brüllten wild„Alles in die Baracken“ und schwangen die Schemel über die Köpfe. Die völlig sprachlose Gruppe wurde zum Block 23 geführt. Durch die Fenster von Block 21 gingen Zwiegespräche zwischen den Ankömm- lingen des Tages und denen der vorigen Woche hin und her. So erfuhren wir, daß es sich um die Überbleibsel aus den Gefängnissen handelte, die Ladenhüter aus dem Fort du Hä und die Reste von Montluc. Der Zug war die Strecke Marseille—Paris das Rhönetal entlang gefahren; von da war er— nicht ohne Schwierigkeiten, denn die Maquis-Leute hatten mehrfach versucht, ihn aufzuhalten— bis zum Norden heraufgekommen. Die Zusammensetzung des Transports unterstrich das neue Aussehen, das die Ereignisse in Frankreich seit der Landung gewonnen hatten. Unter die zahlreichen Gei- seln, die aus den angesehenen Leuten herausgegriffen worden waren, und die oft mit Recht der Opposition und Sabotage verdächtigt wurden, unter die Wider- standskämpfer und unter die üblen Elemente war eine kleine Zahl verbissener Mitarbeiter der nationalen Re- volution(Vichy-Anhänger] gemischt, denen der Spaß nun aber auch zu weit ging. Da fand ich den Kanonikus Daguzan, Generalvikar von Pau, von dem ich wußte, daß das Schicksal, das ihn er- wartete, nicht ganz von ungefähr über ihn kam, er war 184 eine gewe Gege kämy Petaii Fortii alt, c Maui der b litt ı stiert galt; kam führ Inde dem hatte mach Ind Fran Teil vora ein] weil hin; Dick der Stech Ich verg schr das Mal Uns Art Auf lähern, Nzosen hädeln Chlecht nnac vorbei- ihnen, Streng außer rüllten n die sruppe 7 von ömm- in und leibsel er aus 1 Zug ntlang eiten, 1t, ihn n. ch das eit der n Gel- iffen sition Nider- reine on Re- - Spaß yr von hn er Sr Wal eine der Säulen des geistigen Widerstandes in Bearn gewesen. Um ihn herum zahlreiche Freunde aus der Gegend von Pau: ein Präsident der französischen Front- kämpferlegion, der einige Monate früher Marschall Petain mit großem Pomp empfangen hatte, der Lehrer Fortin; mein alter Kollege Charaudeau, siebzig Jahre alt, dessen Sohn ein aktives Nachrichtennetz leitete; Maurice Estrabaut, die edle Figur eines Protestanten, der bis zu seinem Tode effektiv gegen alles, was er er- litt und noch mehr, was die anderen erlitten, prote- stierte, weswegen er sehr zu Unrecht als Schwarmgeist galt; der Präfekt Grimaud und viele andere. Zu diesen kamen Basken aus Bayonne und Saint Jean de Luz; sie führte mit hartem Schädel der Pater Fily von Hendaye. In derselben Ankunft war auch Georges Villiers, der auf dem Bürgermeisteramt von Lyon nicht lange gebraucht hatte, um die Deutschen auf sich aufmerksam zu machen. In den folgenden Tagen kam das große Verteilen. Viele Franzosen wurden in das Lager Allach geschickt. Ein Teil der Züge von Compiegne war ihnen dorthin schon vorausgegangen. Einen Monat später wurde eines Tages ein Kommando von der Desinfektion dort eingesetzt, weil Läuse und Wanzen sich über jedes erträgliche Maß hinaus vermehrt hatten. Die Arbeit im Steinbruch von Dickerhof litt unter der Schlaflosigkeit und Erschöpfung der Häftlinge; in den BMW-Werken drohte die An- steckung sich auf die Zivilbevölkerung auszudehnen. Ich war bei dieser Abteilung. Elf Monate waren damals vergangen, daß ich die Schwelle des Turmes nicht über- schritten hatte. Vom kleinen Lastwagen aus, der uns in das Nachbarlager brachte, entdeckte ich zum ersten Mal wieder Frauengesichter. Blonde Kinder machten uns gewohnheitsmäßig die Faust. Ich empfand eine Art Freude bei dem Gedanken, daß das Leben in der Außenwelt weiterging, dieser Welt, die uns verschlossen 185 war, aber die sich für uns— das war sicher— wieder öffnen würde, ehe der Sommer zu Ende ging. In Allach suche ich Perrier, der Dachau vor mehr als einem Jahr verlassen hatte. Aber er ist im Kranken- block, wo ich meinen armen Freund neben dem Stroh- sack des Präfekten Ernst am Ende seiner Kraft wieder- finde. Wenn die Befreiung nicht sehr schnell kommt, wird er völlig„Muselmann“ sein. Seine aufmerksamen Augen suchen in den meinen die Hoffnung, sein Peri- gueux wiederzusehen. Von dem Krankenblock aus sehe ich hinter Stacheldraht eine Nebenabteilung des Lagers. Dort sind Tausende von Juden zusammengepfercht, ein Bild des Grauens. Ungeziefer bedeckt ihre Leiber. Sie tragen auf dem Leib nur die übriggebliebenen Fetzen der Klamotten der anderen. Sie hocken da und strecken die Hände wie Automaten aus zu den Hungerleidern auf der anderen Seite, die es vorziehen, sie nicht zu sehen. Abends bin ich bei der Rückkehr der Kommandos da- bei. Beim Auseinandergehen nach dem Antreten sam- melt Georges Briquet, mit einem guten runden Kopf, gerissen und mit spitzer Nase, die Franzosen um sich. Er hat seine Rolle als amtlich bestellter Radiosprecher wiedergefunden, und von der Höhe seines Schemels aus gibt er die Nachrichten— richtig oder falsch— be- kannt, die er aus der Fabrik mitgebracht hat. Die Arbeit ist hier sehr viel härter als in Dachau. Dafür ist die Disziplin lockerer. Die Ausbeute an Geheimnachrich- ten des Tages wird besprochen: sie ist nicht schlecht. Trotzdem wundert man sich über die Langsamkeit der Entwicklung der Dinge. Aber es hindert uns nicht am Singen. Georges Briquet, einer alten Gewohnheit treu, wird wieder Chordirigent und beginnt seine„Tour de France”. Aber bald tönt das„Ruhe!“ aus den Nachbar- blocks. Die Nacht ist gekommen. Die letzten Häft- linge haben ihre Lagerstatt gefunden. Über den Wacht- 186 vieder hr als ınken- Stroh- ieder- ommt, samen 1 Peri- 5 sehe ‚ageıs. ht, ein er. Sie Fetzen recken eidern cht zu [os da- 1 sam- Kopf, n sich. recher jemels ‚be Arbeit ist die chrich- hlecht. eit der ‚ht am t trel, our de ‚chbar- Häft Wacht türmen stehen dieselben Sterne wie in Frankreich. Sie stehen über den Träumen, die den Deportierten die Familien und geliebten Menschen wiederbringen. In der Stube Vier von Block 17 bei Swida hatte nach der Ankunft des Transports vom 20. Juni fast die Gesamt- heit der Männer von, nun sagen wir Goutaut-Loratoire (Gers et Garonne) es zustande gebracht, sich um ihren sympathischen und stürmischen Seelenhirten, den Abbe R., zu sammeln. Die Gemeinde war angeklagt, eine Maquis-Gruppe in der Umgebung zu unterhalten. Die Tatsache war zweifellos richtig; aber eine Anzahl der angeblich Mitschuldigen an diesem Gascogner Terrorismus leugnete energisch und mit großem Getue jede Teilnahme an der Geheimtätigkeit. Das hatte aber nicht verhindert, daß sie sich eines Tages auf dem Dorf- platz versammelt sahen und mit den anderen nach Dachau verladen wurden. Alles war da: der Pfarrer und der Bürgermeister, der Lehrer und der Posthalter, der Steuereinnehmer und der Feldhüter, den Kaufmann nicht zu vergessen, und der Tankstelleninhaber, und die Gutsbesitzer, deren Mais- und Tabakfelder den Marktflecken umgaben. Swida war ziemlich stolz darauf, diese überschweng- lichen Südländer bei sich zu beherbergen: Toulouse, Bordeaux, Agen, wo er sich seinerzeit die Sporen ver- dient hatte. Eines Abends, als er mich eingeladen hatte, sie in seinem Quarantäneblock zu besuchen, fand ich die ganze Gesellschaft singend vor, völlig unbesorgt um die Zukunft. Sie hatten noch nicht richtig erfaßt, was sie erwartete. Swida, der glaubte, alle Gascogner Volks- bräuche zu kennen, wundert sich, daß er weder die Melodie noch die Worte eines Kehrreims seiner Mieter erkennen konnte. Er verstand den Sinn der Reime schlecht. Und während die anderen mit Überzeugung ihren Refrain wiederholten: 187 „Marschall, hier sind wir zur Stelle vor dir, dem Retter von Frankreich“, mußte ich dem Polen rasch erklären, daß es sich nur um eine durchaus zufällige Gelegenheitsmelodie han- dele. „Aber was heißt denn das, ‚Gelegenheitsmelodie‘?“ fragte er mich neugierig. „Das werde ich Ihnen später erklären“, antwortete ich. „Später.“ Und ich forderte meine Gascogner freund- schaftlich auf, ihr Repertoire zu wechseln. xXVI Einige große Herren Die 1600 aus dem Todeszug Geretteten waren in die Blocks 19 und 21 gepackt worden. Mit ungewöhnlicher Hast, ohne im geringsten auf die übliche Quarantäne- frist Rücksicht zu nehmen, hatte man angefangen, sie sehr schnell auf die Außenkommandos zu verteilen. Der Blockführer brach mehrmals am Tage in die Stube ein, wo Joseph Claekens und der gute Nicot es nicht mehr schafften, ihre Bestandslisten auf dem laufenden zu halten.„Die Räume müssen sofort, aber sofort, leer- gemacht werden“ brüllte der SS-Mann, um reinen Tisch zu machen. Die alten Franzosen des Lagers fingen an sich zu fragen, ob sie bei diesem Tempo sich nicht bald allein wiederfinden würden, ohne diese neuen Kame- raden richtig gesehen zu haben, die ihnen nicht nur etwas Heimatluft, sondern auch so viele Gründe ge- bracht hatten, den Mut nicht zu verlieren. Als Joos darauf aufmerksam gemacht worden war, sah er ein, daß wir nicht alle unsere„Zugänge“ weggehen lassen durften. Um jeden Preis mußte eine gewisse Zahl von 188 ihner zu m Terre Dant Danı Lassu gen schid groß: nicht die I Reru uns hein Lassı im fi zu fund Rrar niscl liche vers Pati alteı das garı Ard $t.] ich nur ie han- [odie‘'t" ete ich, freund- in die nlicher ıntäne- zen, Sie rteilen. e Stube s nicht fenden rt, Jeer- n Tisch gen a ht bald Kame- ht nul de ge Js Jo0s er ein, ‚ Jassen hl von ihnen dableiben, um den Lagerapparat„französischer“ zu machen. Um Claekens und Nicot herum hatten Terrenoire und seine beiden Kameraden Garo und Dannenmüiller zuerst als Hilfsschreiber Dienst getan. Dann hatte sie nach ihrem Weggang der Professor Jean Lassus aus Straßburg ersetzt. Er war nicht unterzukrie- gen und hielt die Moral der Truppe durch die Ge- schichte von Byzanz immer wieder hoch. Das war seine große Spezialität. Da wir auch auf geistigem Gebiet nicht viel zwischen die Zähne bekamen, nahmen wir die byzantinische Nahrung gewissenhaft an: Michael Kerularius, die Paleologen und Cantacuzene, wurden uns schließlich vertraute Gesellen, die keinerlei Ge- heimnis mehr vor uns hatten. Lassus war nicht bloß ein gelehrter Professor. Ich hatte im folgenden Winter Gelegenheit, ihm im Revierblock zu begegnen, wo er schließlich eine Verwendung ge- funden hatte. Er pflegte freiwillig die Phlegmonen- Kranken und Skrofulosen, alle die, von denen die pol- nischen oder tschechischen Pfleger mit ihren empfind- lichen Nasen nichts wissen wollten. Er löste die völlig verschmutzten Verbände seiner rund hundert täglichen Patienten und wusch sorgsam ihre Wunden in einer alten Zinkbadewanne. Die Luft in dem Raum, wo sich das abspielte, war eine Pestilenz. Lassus schien das aber gar nicht zu bemerken. Der Professor der byzantinischen Archäologie war ein bewundernswürdiger Bruder von St. Johannes von Gott geworden und immer ebenso unbesiegbar. Durch die Kraft seiner Worte ließ er den atembeklemmenden Gestank vergessen. Ich hatte mit Lassus gemeinsame Universitätsfreunde in Clermont-Ferrand, in Straßburg, ja bis in Amerika. Das schuf zwischen uns Bande der Zuneigung, die sich bis zum„Club der Intellektuellen im Delirium“, wo mich Lassus nach unserer Begegnung einführte, er- streckten. 189 Diese Intellektuellen, die ich als dem Delirium ver- fallen bezeichne, waren damals sieben an der Zahl. Ihr erster Mann, hieß es, sei Francois Vernet, den wir da- mals nur unter seinem falschen Namen Henri Bernard kannten. Von all den jungen Kameraden, denen ich dort begegnete, all diesen zahllosen, die uns in Richtung Krematorium verließen, ist Bernard zweifellos der- jenige, der mir den stärksten Eindruck hinterlassen hat. Wenn er mit der Kolonne zum Appellplatz ging, hatte er einen lässigen und verächtlichen Ausdruck, den man ebensowenig vergißt wie seine schwarzen Augen mit dem tiefen Blick, die in seiner Todeskrankheit ein widerwärtiger Abszeß entstellte, auf dem elenden Bett- gestell von Block ı, wo er am ersten Frühlingstag 1945 starb, einen Monat vor der Befreiung. „Ihre ‚Intellektuellen im Delirium‘ halten sich gar nicht einmal so schlecht hier“, sagte er mir eines Tages beim Antreten. Tatsächlich war die Mannschaft von Henri Bernard ihres Chefs würdig. Er hatte die Kennzeichnung nicht übelgenommen, die jemand in der Nacht nach Ankunft des Gespensterzuges seiner Gruppe angehängt hatte, als sie uns in Übererregung mit ihren Diskussio- nen über Jean-Paul Sartre und den Existenzialismus die Trommelfelle sprengten. Bernard hatte seine Auto- rität seinen Gefährten gegenüber im überheizten Waggon durchgesetzt; ihm war es zu verdanken, daß das Grauen des Durstes nicht noch durch eine Panik des Wahnsinns vermehrt wurde. Dieser junge Edel- mann von 25 Jahren, verantwortlich für die falschen Ausweise der vereinigten Widerstandsbewegung, ehe- maliger Student der„Ecole Normale“, hatte die Über- raschung erlebt, in dem verlassenen Gepäck der Opfer des Todeszuges ein Exemplar seines letzten Werkes zu finden, einen Roman mit dem seltsamen Titel„Ihr werdet keineswegs sterben“. In Fresnes, wo er zunächst 190 gewW(@ ‚ einen zukte aufsa Ennt Aver Licht heits in 45 gewesen war, hatte er sich damit unterhalten, mit einem Nagel in die Mauer seiner Zelle Vierzeiler ein- zukratzen, die seine Kameraden auf dem Appellplatz aufsagten. Man fand in diesen Gedichten neben der Erinnerung an die schwierigen Augenblicke in der Avenue Foch oder in der Rue de Saussaies das ironische Lächeln, das den Untersuchungsbeamten des Sicher- heitsdienstes zum Rasen gebracht haben mußte: „Und müßte in deiner Wanne, Agamemnon, ich lassen mein Fell: In meinem Gedächtnis ist Panne Du falscher Gestapo-Gesell.“ Oder auch den spöttischen Optimismus, den die Er- eignisse für ihn selber allerdings nicht bestätigen sollte, die stoische Ruhe auch, die in dieser anderen Strophe zum Ausdruck kam: Vergiß nicht die Briten in Asiens Nacht, Auch nicht die Franzosen im schlesischen Schacht, Vergleich deine Leiden damit und merk’, Du bist ja in Frankreich, du Martyrerzwerg! Als während des Winters der Typhus das ganze Lager erfaßte, wurde Bernard, den wir bei den Greisen in der Gurtenweberei versteckt hatten, auch angesteckt. Es gelang, ihn in den Revierblock 9 bei Ragot unterzu- bringen, wo der Gestank der„Scheißerei“ einem den Atem tatsächlich verschlug. Dennoch habe ich dort jeden Abend seines langen Todeskampfes, bis man ihn zu Suire zu einer unnötig gewordenen Operation trans- portierte, einen seiner Kameraden gesehen, der ihn besuchte, um die Nacht an seiner Seite zu verbringen, aufmerksam und hilfsbereit wie eine barmherzige Schwester. Man muß Häftling gewesen sein, um diese Leistung beurteilen zu können. Seinen eigenen Block verlassend, mußte der Kamerad die Freiheitsstraße an den Baracken entlanggehen, auch auf die Gefahr hin, 191 von den Scheinwerfern der Wachttürme entdeckt zu werden. Dann mußte er ins Revier hereinkommen, eine weitere Unternehmung, die besonders nachts mit Schwierigkeiten verbunden war. Schließlich war Ragot, wenn er auch ein Auge zudrücken wollte, nicht der Herr. Die Ärzte hatten das Revier nicht in der Hand. Man mußte die Horde der Pfleger beruhigen. So etwas hatte man noch nicht gesehen, solange das Lager be- stand: Ein Häftling, der auf die Ruhe der Schlafstunden verzichtete, um bei einem schwer ansteckenden Ster- benden zu wachen, sich um ihn zu kümmern, seine Lippen zu trocknen und ihm etwas, Gott weiß wie organisiertes, Zuckerwasser einzuflößen, ganz abge- sehen von den durch Ausscheidungen verschmutzten Strohsäcken, den Ausscheidungen, die vom Nachbarn von der Seite flossen und die von den oberen Betten troffen. Der sorgsame Krankenpfleger bemühte sich, sauberzumachen, ohne Wasser und natürlich auch ohne Seife. Ich war damals Nachtwache im Revier. Ich be- richte die Dinge so, wie ich sie gesehen habe. Dieser Freund von Bernard, dieser ganz ungewöhnliche Krankenpfleger, nannte sich Pierre Citron,; genauer gesagt ist das der Name, unter dem er in Dachau be- kannt war. Ich hatte ihn gleich entdeckt, zunächst wegen eines Paares blauer Wollstrümpfe, mit denen er prunkte. Die Geretteten des Todeszuges hatten in dem Durcheinander ihrer Ankunft einige persönliche Ge- genstände greifen können. Ich erfuhr, daß dieses wol- lene Meisterstück von Germaine Ribiere, einer Frau des„Temoignage Chretien“, die ich vor meiner Ver- haftung mehrfach sah, gestrickt worden war. Citron und ich entdeckten so eine erste gemeinsame Be- ziehung. Manche andere sollte folgen.) 1) Nachdem jetzt viele wissen, wer Citron wirklich war, steht der öffentlichen Bekanntgabe seines Namens nichts im Wege. Citron ist Joseph Rovan, einer der besten und glänzendsten Kenner der deutschen Fragen, die Frankreich zur Zeit hat. 192 Noch Citro imla über hatte das] manc seine tellel Alse diese „Deit mir, „Mat noch Lage Dası deut was Mit il verW lang Pron lasse Wer vrieı Noch ein anderer Grund ließ mich diesen erstaunlichen Citron nicht aus dem Auge verlieren. Keine 24 Stunden im Lager, hatte er schon die Probleme, die sich stellten, überprüft und sich in den Kopf gesetzt, sie zu lösen. Er hatte nicht nur bestimmt, daß es vorzuziehen sei, nicht das Risiko eines Transports zu einem Außenkom- mando zu übernehmen, sondern auch entschieden, daß seine sechs Kameraden, der vollzählige„Club der In- tellektuellen im Delirium“ in Dachau bleiben würden. Als er seine Entscheidung Claekens bekanntgab, zuckte dieser mitleidig die Achseln. Er nahm mich beiseite: „Dein Freund ist vollständig durchgedreht”, sagte er mir. „Man sieht, daß er von den Aufregungen der Reise noch nicht wieder hergestellt ist. Mach ihm mal die Lage klar!“ Das versuchte ich zu tun. Aber vergeblich. Citron sprach deutsch wie seine Muttersprache. Er hatte schon erfaßt, was er alles aus diesem Vorteil würde machen können. Mit einer phänomenalen Selbstsicherheit schaffte er es, in den nächsten Tagen in der politischen Abteilung verwendet zu werden. Das war ein tollkühnes Unter- fangen. Dieses Observatorium, das seit eh und je den Prominenten vorbehalten war, hätte er lebend nie ver- lassen, wenn die SS-Leute seine Rasse geahnt hätten, wer er war und woher er kam. Alles in allem manö- vrierte er so, daß der Club tatsächlich vollzählig bis zum Ende in Dachau blieb. Nur Bernard fehlte beim Appell, als zehn Monate später die Stunde der Be- freiung schlug. Ja, dieser Citron war erstaunlich. So wie er herrischen Schrittes von einem Block zum anderen ging, hätte man ihm zehn Jahre Lager zugetraut, wenn er etwas weniger Gleichgültigkeit gegenüber seiner Kleidung an den Tag gelegt hätte. Aber er zeigte die größte Verachtung für alle die, die sich bemühten, in ihren Lumpen noch eine 193 gewisse Eitelkeit zu erhalten. Citron stellte in Dachau sichtbar eine Vorliebe für den Stil des Hl. Benedict Laber zur Schau. Das brachte ihm manchmal Ärger ein, so wie ihn ein Stromer zu spüren bekäme, der etwa die Oper würde besuchen wollen, wenn für den Abend Frack vorgeschrieben ist. Für Citron schien es ein für allemal festzustehen, daß für ihn nichts vorgeschrieben sei. Ich frage mich manchmal, wie er es mit seiner geisti- gen Einstellung geschafft hat, von dort lebendig heraus- zukommen. Eines Dezembermorgens, es war dunkel und eisig kalt, machte der Führer von Block 30 noch vor fünf Uhr wieder einmal mehr Inventur mit seinen„Stücken“ vor dem Block, ehe er sie zum gemeinsamen Appell auf den Platz führte, von wo aus sie zu den Arbeitskom- mandos abmarschierten. Aber seine Rechnung wollte nicht aufgehen. Die Zahl des Schreibers stimmte mit der nicht überein, die die zwanzigmal wiederholte Zählung der frosterstarrten und zähneklappernden Herde ergab. Der SS-Mann schäumte und strich wie ein Hund, der Herde die Zähne zeigend, überall herum. Die Stuben waren vom Boden bis zum Dachstuhl untersucht worden. In den Waschräumen hatte auch kein Toter gelegen: Man mußte sich den Tatsachen beugen; es fehlte wirklich ein„Stück“ beim Appell. Die Schreier vom Appellplatz brüllten durch die Laut- sprecher, um zu fragen, was los sei. Der dicke SS-Mann schwitzte Blut und Wasser. Er wußte, daß der Lager- führer dort ungeduldig wurde, sicherlich nicht wegen der 20 000 armen Teufel, die frierend da standen, son- dern weil er die Ertragsminderung überschlug, die der Zeitverlust bedeutete. Da erschien eine schmale Gestalt an der Ecke der Frei- heitsstraße; sie eilte zum Hof von Block 30 und ver- suchte unbemerkt durchzuschlüpfen. Ein„Ah“ der Erleichterung kam aus der Schar der Häftlinge; ein wut- 194 schnaubendes Gebrüll aus der Kehle des SS-Mannes antwortete. Der Blockführer stürzte sich auf den Ver- späteten, warf ihn blitzschnell zu Boden und trat ihn mit den Absätzen, wobei er ihm wütend den Kopf gegen den Bordstein schlug.„Dreckiger Zigeuner“, brüllte er,„du Schwein“. Da aber die Zeit verging und auf dem Appellplatz die Männer vom 30 erwartet wurden, befahl er— der Vor- schrift entsprechend— daß man das Opfer hinter der Abteilung herbringe, die sich endlich in Marsch gesetzt hatte. Aber dieses Opfer versuchte schon wieder, sich aufzu- richten. Es trank aus dem Schlamm, fuhr sich mit Pfützenwasser übers Gesicht und erhob sich erst auf die Knie und dann zum Stehen. Auf die Schultern von zwei Kameraden gestützt, wankte der Mann zwischen uns vorwärts, den mißhandelten Kopf nach vorn ge- beugt, mit geschlossenen Augen und geschwollenen Lippen. Auf diese Weise haben einige von uns entdeckt, daß Citron manchmal der Heiligen Messe, die um 4 Uhr vor dem Wecken des Lagers in Block 26 gefeiert wurde, beiwohnte. Aber man hat nie in Erfahrung bringen können, ob seine gefährliche Verspätung an diesem Tage von einer über die vernünftige Zeit aus- gedehnten Betrachtung herkam oder ob er nicht aus Erschöpfung im Dunkel der Kapelle zusammengebro- chen war, ohne daß die Pfarrer es bemerkten. War Bernard der unbestrittene Chef des„Clubs der Intellektuellen im Delirium“, so galt Citron als dessen „Graue Eminenz“. Seine Autorität war die eines Stu- denten der Ecole Normale bei anderen jungen Studen- ten und Anfängern. Er imponierte ihnen durch seinen ruhigen Mut und die väterliche Fürsorge, mit der er sie umgab. Er hatte für sie Kommandos in der politischen Abteilung und in der Schreibstube gefunden, wo sie 195 uns Franzosen große Dienste leisten konnten. Die Alten, die keine Intellektuellen waren, hatten schließ- lich Sympathie für diese Neuankömmlinge gefunden, zunächst einmal wegen ihrer Freundlichkeit, dann aber auch, weil alles in allem genommen aus ihrem Ver- halten ein ermutigender Strom von Ruhe, guter Laune und Sorglosigkeit ausging. Der kleine Gilbert, Student der Ecole Normale, mit seinem Kindergesicht, Esteve, den der Pfadfindergedanke sichtbar geprägt hatte, der große Laurenceau, wieder ein Student der Ecole Nor- male, mit seiner gutmütigen, rauhen, groben Stimme, Yefim, ein junger Weißrusse, geistreich und zart, Igor Marchand, mit den gleichmäßigen Gesichtszügen eines kaukasischen Prinzen, der beim Antreten die Strophen von„La jeune Parque“'):„Unbekannte allmächtige Götter, unentrinnbare Sterne” aufsagte. Dem„Club der Intellektuellen im Delirium“, der mit dem Todeszug angekommen war, hatte Citron Leute vom Widerstand beigeordnet, die er wiedergefunden hatte: Jean Pierre Sussel, der vom Zentralgefängnis von Eysses kam, wo ihn Vichy wegen seiner Aktivität in der Kampfbewegung„Combat“ eingesperrt hatte, und der unter einer scheinbar gleichgültigen, dilettantischen Blasiertheit zartes Mitgefühl und leidenschaftliche Em- pörung über das tägliche Schauspiel, dessen Zeuge er war, verbarg; Gaston Gosselin, ein anderer Combat- Kamerad, der ohne Rücksicht auf Gefahr seine Haltung als Widerstandsmann zeigte, und der seine frühere Tätigkeit dadurch fortsetzte, daß er alle diejenigen, die wußten, weshalb sie da waren, in Verbindung zu brin- gen suchte. Etwas später wurde Paul Teitgen, von Natz- weiler kommend, in Anbetracht dessen, was sein Name für die Widerstandsleute bedeutete und was er selber getan hatte, ehe er deponiert wurde, auf Bitten von Gosselin der Gruppe zugeteilt. 1) Bekanntes Gedicht von Paul Val£ry. 196 sch ries geb sch seit Die nic Sein Aufenthalt im Lager von Natzweiler hatte ihn schmerzhaft gezeichnet. Als er zu uns kam, war er von riesigen Phlegmonen geplagt, die er mit zusammen- gebissenen Zähnen ertrug. Sein Zustand hatte ihm schließlich den Zugang ins Revier verschafft, wo es seinen Kameraden gelang, ihn zu besuchen. Die meisten der„Intellektuellen im Delirium“ waren nicht das, was man geistig religiös nennen konnte. Das hinderte sie aber nicht, sich die Verbindung mit einem Seelsorger, ich möchte fast sagen, einem Kaplan, in der Person eines jungen Jesuitenpaters zu sichern, der selber aktiv im Widerstand mitgearbeitet hatte: Jacques Sommet. Er war mit ihnen in dem furchtbaren Trans- port vom 5. Juli angekommen. Wie sie, war er vier Tage und vier Nächte in der Wahnsinnsatmosphäfre der Särge auf Rädern gereist. Zwischen ihnen sollten sich Freund- schaftsbande einer Treue knüpfen, stärker als der Tod. Die hohen Gestalten von Pater Sommet und Bernard sah man auf der Freiheitsstraße oft Seite an Seite gehen. Ihre jungen Freunde begleiteten sie, wenn sie nach der Abendsuppe eine Stunde frei hatten. Der Pater kam uns eines Tages in unserem verlausten Block 30 be- suchen. Weil er nach dem gebieterischen„Ruhe“ des Blockältesten weitergesprochen hatte, bekam er einen Faustschlag mitten ins Gesicht. Den Zornanfall mußte man gesehen haben, der Bernard beinahe erstickte und den revoltierend aufbegehrenden Blick der anderen. Im Gedanken an jene Szene stehen diese Zeilen wieder vor mir, die eine geheimnisvolle Vorausahnung dem ungläubigen Bernard vielleicht eingegeben hatte, bevor erin das große Abenteuer wegging. Rüstung ist mir eines Toten Name, Mich bindet ein geheimes Band an ihn. Der Juli war im Fieber und in den Tumulten all dieses Kommens und Gehens schnell verflossen. Nun war 197 auch der August zu Ende. Niemand wagte laut die Furcht auszusprechen, man könnte auch noch einen weiteren Winter hier in dieser Sträflingshölle verbrin- gen müssen. Nur die Alten grinsten, wenn einer sagte, er dächte, vielleicht zu Weihnachten zu Hause zu sein. Sie waren solange da, daß sie jede Hoffnung verloren hatten. Wie Höllengeister hatten sie eine satanische Freude daran, auch anderen die Hoffnung zu nehmen: „Hitler ist sehr stark, wissen Sie. Sehen Sie mal, er ist mit der Verschwörung im vergangenen Monat sehr gut fertig geworden. Wir werden alle hier krepieren. Ehe die Russen oder die Amerikaner kommen, wird das Lager längst mit Flammenwerfern aufgeräumt worden sein.“ Wir glaubten ihnen nicht. Aber trotzdem blieb etwas hängen, ein kleiner giftiger Kratzer, stechend und schmerzhaft. Es ist schon wahr, daß wir seit dem 20. Juli manchmal eine unendliche Erschlaffung spürten wie nach einem Trugbild, an das man zu sehr geglaubt hat. Später hatten die Nazi-Zeitungen, die in das Lager kamen, schon erkennen lassen, daß Paris, Marseille und Lyon nicht mehr besetzt waren. Aber wir hatten das Gefühl, daß die Befreiungsarmeen seitdem irgend- wo hängengeblieben waren, daß sie sich festgezogen hatten. Zu gegebener Zeit kam auch der Zweifel: wenn sie diese neuen Waffen, von denen sie dauernd spra- chen, vielleicht doch zum Einsatz bringen könnten, ehe die anderen da wären?! Ein fernes dumpfes Brummen, das lange Aufheulen der Sirenen zum Alarm, das am Himmel glitzernde Bild des riesigen Keiles der hundert fliegenden Festungen, die München ansteuerten, das sofort folgende Krachen der Explosionen, mehr brauchte es nicht, um den sinkenden Mut wiederherzustellen. Na also, bei diesem Tempo werden„sie“ trotzdem nicht mehr lange mit- machen können. 198 Die vier Quarantäneblocks waren wieder einmal ge- räumt worden. Von den drei- bis vierhundert Fran- zosen, die vor zwei Monaten zu uns gekommen waren, gab es nur noch einige hundert im Lager. Die anderen waren nach den Außenkommandos Allach, Neckarelz und Neckargerach in Marsch gesetzt worden. Zu diesen Orten mit den düster klingenden Namen waren auch Dr. Laffitte und Niort gegangen, und der Jesuitenpater de La Peraudiere, der sich nicht als„Pfarrer“ zu er- kennen gegeben hatte, um seinen Kameraden folgen zu können. Wir hatten einige Posten besetzen können, die nicht ohne Interesse waren. Die„Intellektuellen im Deli- rium“ hatten sich geräuschlos in der politischen Abtei- lung eingerichtet. Marsaud hatte im Revier zu Roche kommen können. Pierre Louis Berthaud, dessen Kennt- nis der deutschen Sprache ihn bei seinen sozialdemo- kratischen Kameraden eingeführt hatte, konnte sich mit deren Hilfe auch dort einschmuggeln. Er half uns später, eine gewisse Anzahl Landsleute dorthin zu bringen und einige zu retten, als im Winter der Typhus über uns kam. Die Herbstnebel begannen wieder aus der sumpfigen Ebene aufzusteigen. Nun war es ein Jahr, daß ich da war. Zum zweitenmal standen die melancholischen Astern vor mir in ihrer blaßvioletten Farbe, dort am Ende der Allee, die zum Krematorium führte, zu den Ställen der Kaninchen, die, wie die Zigeuner, zu den Experimenten im Block 5 benutzt wurden. Wie viele Jahreszeiten, wie viele Jahre noch würde man in dieser düsteren Umgebung leben müssen, und ohne Atem- luft dieses unsichere Dasein führen, das jeder Augen- blick in Frage stellen konnte? In den ersten Tagen des September überschwemmten wieder zahlreiche Transporte den Appellplatz und brachten etwas Abhilfe gegen die Entmutigung, der 199 auch die großen Optimisten zu verfallen drohten. Citron, der in der politischen Abteilung nicht lange gebraucht hatte, um über alles auf dem laufenden zu sein, brachte genauere Mitteilungen über die neuen „Zugänge“. Es handelte sich um Kameraden aus dem Lager von Natzweiler in den Vogesen, das die Nazis unter dem Druck des Vormarsches der alliierten Ar- meen hatten räumen müssen. An sich war natürlich etwas Ermutigendes in dieser Verlagerung. Zum ersten Mal waren unsere Wächter gezwungen, sich in einem Licht zu zeigen, an das sie uns noch nicht gewöhnt hatten, sie waren auf dem Rückzug. Aber andererseits mußte man sich sagen, daß die Maschinerie des Regi- mes noch mächtig gut in Ordnung sein mußte, um eine Räumung wie diese zu bewerkstelligen. Welchen Wert maßen sie diesen Überbleibseln bei, für die sie den Transport bis hierher nicht scheuten, statt sie an Ort und Stelle wie wertlosen Abfall zu vernichten? Das erste, was uns die Neuangekommenen mitteilten, war der Eindruck, den ihnen die Räumung des Lagers gab, das sie verlassen hatten. Der rotglühende Schornstein des Krematoriums spie Tag und Nacht Feuer und ver- breitete einen Leichengeruch, der sie bis hierher noch zu verfolgen schien. Man hatte offenbar nicht die Zeit gehabt, sie alle dort durchzujagen. Wir bekamen hier- her nur die Überbleibsel. Sie waren nur zum Auf- schub da; wir wahrscheinlich auch. Sehr bald stellte sich heraus, daß die Kameraden, die jetzt zu uns gekommen waren, in der überwiegenden Mehrzahl Franzosen waren, die zur Aristokratie der N.N., der Nacht- und Nebelleute, gehörten. Es waren die, die im Gegensatz zu uns weder Briefe noch Pakete bekommen durften und tatsächlich dazu bestimmt waren, nicht ohne Glatt- stellung einer letzten Rechnung auf immer in Nacht und Nebel zu verschwinden. Mußte ihre Arbeitsleistung nicht wenigstens die Kosten der Kohle decken, die den 200 Kren der: rung Mini Unte nen erste Ende Brüd schle sich den selte der were die Beh: Rev kan: wor son. ersp Gef Me bin. Blo« und nor sein Mo die ihre lich von Un Krematoriumsofen heizte? Die zweifellos im Interesse der allgemeinen Gesundheit durchgeführte Einäsche- rung kostete also der Finanzverwaltung der SS nur ein Minimum. Unter diesen für die nächsten Säuberungen vorgesehe- nen N.N.-Kandidaten waren Kameraden aus den aller- ersten Nachrichtennetzen, die Remy und seine Leute Ende 1940 in der Bretagne aufgebaut hatten. Die beiden Brüder Le Tac, Francois Faure und der Dr. Lavoue schleppten ein ziemlich belastetes Aktenstück hinter sich her. Lavou& war als Arzt sofort in den Block 13 zu den Tuberkulösen geschickt worden, für den Freiwillige selten waren. Die anderen suchten offensichtlich aus der Verlegung Vorteile zu ziehen und vergessen zu werden. General Delestraint und Monsignore Piguet, die während des Transportes den Vorzug einer besseren Behandlung gehabt hatten, kamen nach Block 7 des Reviers. Der Bischof insbesondere war, nachdem er er- kannt worden war, mit Aufmerksamkeit behandelt worden: Faustschläge, wiederholte Ohrfeigen und be- sonders ausgesuchtes Essen; keine Demütigung ist ihm erspart geblieben. Ich nahm mit diesen beiden neuen Gefährten nach ihrer Ankunft durch einen jungen Medizinstudenten, Louis Hickel aus Reichshofen, Ver- bindung auf. Sie unterhielten sich im inneren Hof von Block 7, beide bekleidet mit einem zerlumpten Hemd und einer um die Hüfte gewickelten Decke. Das war die normale Uniform des Reviers, wo es verboten war, seine eigenen Klamotten zu behalten. Monsignore Piguet wurde in Block 26 zugelassen, wo die Gesamtheit der katholischen Priester ihn sofort als ihren Chef anerkannte. Das war an sich selbstverständ- lich; aber wir waren trotzdem nicht wenig betroffen von dieser selbstverständlichen Manifestation der Universalität der Kirche. 20I Man hätte Monsignore Piguet sehr in Erstaunen ge- setzt, wenn man ihn als Widerstandskämpfer betrachtet hätte. Und doch war er es auf seine Weise. Man hat oft gesagt, daß die Kirche in ihren Beziehungen mit der weltlichen Gewalt nie knausert, um sicher zu sein, den Cäsaren auch alles zu geben, was ihnen zukommt. Sie gewährt ihnen immer ein klein wenig mehr, einen „Nachschlag“. Geht es aber über die Toleranzgrenze hinaus, die sie sich gezogen hat, zeigt sie sich unerbitt- lich. So hat sich auch der Bischof von Clermont-Ferrand verhalten. Er war, glaube ich, Anhänger von Vichy. Aber Vichy durfte von ihm nichts Unmögliches ver- langen, z. B. daß er seine Hilfe einem Juden verweigere oder einem politisch Verfolgten, den die Polizei sucht, die Aufnahme. Man sah öfters, Seite an Seite, in ihren Stromerfetzen den Bischof und den Agit-Prop-Chef der gleichen Stadt Arm in Arm vorbeigehen. Gabriel Marchadier, ein Erz- kommunist, war von dem bestehenden Staat zum Tode verurteilt worden, aber der Marschall hatte ihn begna- digt. Ihm wandte der gute Hirte ganz natürlich die bekannte, dem hundertsten Schaf geltende Vorliebe zu. Aber als dann die Befreiung kam, zeigte sich Marcha- dier zur Fraternisierung weniger bereit. Er entdeckte plötzlich die Vichy-Neigung des Kameraden Bischof. Der Häftling Nr. 103001, Gabriel Piguet, erfüllte die Franzosen mit Stolz wegen seiner Haltung, seinem Schneid und seiner guten Laune. Er imponierte ihnen und auch den anderen durch eine gewisse Gleichgültig- keit, mit der er die dauernde Gefahr abtat, in die er sich durch allen Verboten zum Trotz fortgesetzte Aus- übung seines Apostolates begab. Man erzählte sich, daß er in Block 26 eine schwierige Aufgabe gelöst habe, die viel Kühnheit verlangte: die Weihe eines jungen deut- schen Diakons zum Priester, eines Freundes von Bob Claessens, der im Tuberkulosenblock 13 nicht sterben 202 wollte, ohne vorher die Heilige Weihe erhalten zu haben. Diese ruhige Mißachtung von Anordnungen und der Risiken, die das mit sich brachte, sicherte dem Bischof eine Hochachtung, die seine priesterliche Würde noch betonte. Instinktiv suchte man mit dem Blick den Amethystring an seinem nackten Finger und das Brust- kreuz auf seinem gestreiften Anzug. Eines Sonntags ließ sich beim Nachmittagsappell die Musikkapelle hören. In Dachau war so ein Possen- streich..selten. Für diesen Tag hatten die russischen Musiker das Flitterwerk der jugoslawischen Königs- garde angelegt. Ich sche noch die riesige Posaune, deren strahlendes Messing die Gruppe der schwindsüchtig dürren Musikanten überragte. Sie wurden übrigens alle in der nächsten Woche hingemordet. Das Antreten dauerte wieder ewig. Der Bischof vorn am Block 26 sprach mit seinem Nachbarn. Als der SS-Mann, der die „Stücke“ zählte, es bemerkte, schlug er ihm eine Ohr- feige ins Gesicht, die einen nervösen Tränenstrom aus- löste. Der Bischof wischte ihn rasch mit dem Rockärmel weg. Nach dem Wegtreten auf dem Rückweg in den Block kam er zu mir, faßte mich am Arm und flüsterte mir ins Ohre:„Ich habe mich vorhin unwürdig benom- men, daß ich mich so habe gehen lassen, wie ein Kind zu weinen. Andere, die uns Beispiel sind, sind miß- handelt worden, einer ganz besonders ist ins Gesicht geschlagen worden, auch er....!” Weniger um sich zu rechtfertigen, als um seine wieder- gefundene gute Laune zu zeigen, setzte er hinzu: „Aber da war keine Musik dabei.“ Als ich von der Ankunft des Generals Delestraint er- fuhr, fühlte ich mich plötzlich achtzehn Monate zurück nach Fresnes versetzt: „Vidal läßt Duval sagen, daß er zu ihm nach Fresnes IE gekommen ist. Gebt die Nachricht weiter...! 203 Ich lausche gespannt. Solche Nachrichten dringen ge- legentlich in die bedrückende Einsamkeit unserer Zellen bis zu uns vor. Sie werden in dem riesigen inneren Hof durch die Ankömmlinge des Tages aus ihren Räumen im Erdgeschoß angekündigt und von Hunderten wohl- wollender öffentlicher Rufer weitergegeben. Wenn die Akustik günstig ist, bekommt man bis in die oberen Stockwerke unter den tröstlichsten Mißklängen die Echos von Radio Fresnes. Ich bin erschüttert, zu er- fahren, daß Vidal nun auch verhaftet ist. Ich hatte einige Monate vorher in Lyon durch Henri Frenay, der von London zurückgekommen war, erfahren, daß die geheime Armee, deren Aufbau wir planten, von Gene- ral de Gaulle einen militärischen Chef erhalten hatte. Er hatte ihn unter den Generalen der aktiven Armee, die in der nichtbesetzten Zone geblieben waren, aus- gesucht. Frenay hatte mir den Namen dieses Führers nicht genau genannt, und ich hatte diese notwendige Zurückhaltung durchaus verstanden. Er hatte nur den Decknamen genannt, mit dem wir ihn unter uns be- zeichnen sollten, nämlich Vidal. Wenn die Gestapo ihn jetzt schon außer Gefecht gesetzt hatte, so vermute ich, daß es geschehen ist, weil die ge- heime Armee anfängt, sich bemerkbar zu machen, und darüber freue ich mich. Aber mich beunruhigt doch der Gedanke, daß der— wie ich weiß— unter schwierigsten Umständen Führende so schnell sich hat einfangen lassen können. Andererseits schmeichelt es mir natür- lich etwas, daß Vidal, von dem ich nichts anderes weiß, als was mir Frenay von ihm gesagt hat, den Gedanken hatte, diesem Duval, den er nicht kennt, aber dessen Anwesenheit er hier offenbar erfahren hat, eine Bot- schaft zukommen zu lassen. Diese brüderlichen Bande, die sich in der Heimlichkeit des Kampfes zwischen den Kameraden knüpfen, werden nicht der geringste Trost sein in der Nacht dieser düsteren Jahre. Achtzehn 204 . i Mon: endli gab i im L: er de bewe Dies: Sie h leute unse ihre erbit durd Vida Blick fühl und sich anni die] Reis von die Kan sind von als will des In« sei aus Blo hat aus Aig Monate also nach der Botschaft von Fresnes hatte Duval endlich Gelegenheit, sich Vidal vorzustellen. Er über- gab ihm dabei den Titel des Obmannes der Franzosen im Lager, den er nur dem Zufall verdankte, und weil er der erste hier gelandete Mann einer Widerstands- bewegung war. Diese Übergabe der Vollmachten war selbstverständlich. Sie hatte u. a. auch den großen Vorteil, unseren Lands- leuten und den anderen das Gefühl zu geben, daß unsere Widerstandsbewegung eine Realität war, die ihre militärische Rangordnung sogar in einer zur un- erbittlichsten Unterschiedslosigkeit verdammten Herde durchsetzte. Vidal! Ich sehe das dunkle Blau seiner Augen, seinen Blick, der zugleich gebieterisch und voller Güte war. Ich fühle die Energie dieses Mannes in seinem Handschlag und seine herzliche Freundlichkeit in der Art, in der er sich beinahe entschuldigt, daß er die kleinen Dienste annimmt, die man ihm anbietet. Seine Züge spiegeln die Mühsale der letzten Wochen in Natzweiler und der Reise hierher. Er ist offensichtlich froh, einem Führer von Combat hier zu begegnen. Ich bin betroffen über die Strenge seiner Beurteilung der hier anwesenden Kameraden, die ihm in seiner Rebellion nicht gefolgt sind. Ich überlege mir, daß das eine typische Haltung von Peguy ist. Tatsächlich, keiner ist mehr Peguyist hier als dieser französische General, der sich rühmt, frei- willig unter den Befehl seines früheren Untergebenen, des Obersten de Gaulle, getreten zu sein. In der Folge sah ich General Delestraint öfters wieder, sei es im Revier, wo er wegen des bösen Willens der ausländischen Kapos nur kurz bleiben konnte, sei esim Block 24, den die Franzosen wieder in Besitz genommen hatten, und wo der gute Louis Konrath, ein Lothringer aus Diedenhofen, über ihn wachte wie Flambeau über Aiglon, den Sohn Napoleons. 205 Ich war bei dem Zwischenfall, der ihn das Leben kosten sollte, im Revier; er beleuchtet sehr gut seinen Charak- ter. Seine Haltung war die der Offiziers-Anwärter von Saint Cyr 1914, die mit Federbusch an der Mütze und weißen Handschuhen zum Sturmangriff antraten. An diesem Tage hatte, wie es manchmal vorkam, das Lager die Ehre des Besuchs irgendeines SS-Obersten, der zur Besichtigung kam. Im Hof von Block 24 waren alle die aufgebaut, die noch nicht zu einem Arbeitskommando gehörten. General Delestraint hatte sich ganz natürlich in die erste Reihe gestellt. Er war klein von Gestalt, aber hielt sich so, daß er selbst dem dickfälligsten Hinter- wäldler auffallen mußte. Der SS-Mann vom Dienst war vielleicht kein Hinterwäldler, aber sehr neugierig. Er fragte den kleinen Häftling mit den blauen Augen und dem energischen Gesicht: „Wer bist du?” „General der französischen Armee.” Louis Konrath hat mir noch ergänzend bestätigt, daß General Delestraint aus einer ihm eigenen Verwegen- heit hinzugefügt habe: „Und unter dem Befehl von General de Gaulle, nach- dem er unter dem meinen gewesen ist.“ Es ist anzunehmen, daß diese Antwort dem Obersturm- führer imponierte. Seine Entdeckung meldete er wohl nach Berlin, denn unser Chef wurde kurz darauf in den Ehrenbunker hinter den Küchen geschickt, wo— wie wir wußten— bessere Leute eingesperrt waren. Der Bischof von Clermont-Ferrand war ihm dorthin einige Tage früher vorausgegangen. Unserem General gelang es unter irgendeinem gesundheitlichen Vorwand, täg- lich ins Revier zu kommen. Ich begegnete ihm so bei Penchenat, der es mit einer unwahrscheinlichen Selbstsicherheit und Kühnheit geschafft hatte, bei den SS-Leuten seine strahlentherapeutischen Fähigkeiten zur Geltung zu bringen. Die Stube, wo Penchenat seine 206 „Lichtstation“ eingerichtet hatte, war zu einem erstaun- lichen Treffpunkt geworden. Während Penchenat, um die Aufmerksamkeit des SS-Begleiters abzulenken, irgendeinen der zufällig Anwesenden mit einer Rede- flut zudeckte— genau wie in einer Komödie von Molitre—, konnte man sich mit dem, der Chef der Franzosen in Dachau blieb, vertraulich unterhalten. Die Tage der Befreiung kamen heran. Man konnte es an sehr vielem merken. Schon bereitete Penchenat Ab- zeichen für die Eingeweihten vor. Der General hatte, als er in den Bunker kam, die Genehmigung erhalten, die Kleidung, die er am Tage seiner Verhaftung trug, wieder anzulegen. Dieser kleine Zug— weit entfernt, uns mißtrauisch zu machen— bestätigte uns vielmehr in der törichten Sicherheit, daß eine derartig wohl- wollende Maßnahme ein Beweis mehr dafür sei, daß das Ende bevorstehe. Eines Donnerstags, es war der 19. April, war ich wie alle vorhergehenden Tage am Treffpunkt, den mir der General angegeben hatte. Zum erstenmal kam er nicht. Nur der Pastor Niemöller, sein Bunkergefährte, war da, begleitet von dem üblichen SS-Mann vom Dienst. Dieses Fehlen gab uns zu denken. Ich wechselte einige Worte mit dem Pastor, als wir einen uns allzu ver- trauten Knall vernahmen. „Die werden auch bis zum letzten Tage erschießen“, sagte Niemöller ruhig. Abends suchte mich Citron mit völlig verstörtem Ge- sicht im Revier auf. Auf dem Zettel des Generals, den der SS-Mann von der politischen Abteilung ihm eben zur Eintragung gegeben hatte, war das Totenkreuz, ge- folgt von der üblichen Formel„Abgang durch Tod”, mit noch ganz frischer Tinte eingetragen. Der Hinrichtungs- befehl war aus Berlin gekommen. Diese Mordtat überraschte uns völlig und bedrückte uns furchtbar. Wir haben uns hinterher Vorwürfe ge- 207 macht, die Identität des Generals nicht getarnt zu haben. Das wäre leicht gewesen bei dem ungeheuren Chaos, das seit Ausbruch der Typhus-Epidemie im Lager herrschte. Aber dieser Gedanke war uns nicht gekom- men; dem General Delestraint noch weniger als uns, wage ich zu behaupten. Ich habe sogar das Gefühl, daß er einen derartigen Versuch abgelehnt hätte. Er war eine Persönlichkeit wie Renouvin. Jede Täuschung war ihm zuwider. List und Gerissenheit waren ihm uner- träglich. Der Feind, der ihn schmählich ganz nackt durch einen Genickschuß meuchelte, war seiner in unvorstellbarer Weise unwürdig. Wie Jacques Renou- vin hatte sich General Delestraint in seinem Gegner getäuscht und ebenso im Jahrhundert, in dem er lebte. Aber wenn das Wort„Ehre“ in unserer Welt noch irgendeinen Sinn haben kann, ist es Männern wie diesen zu verdanken. Citron war anspruchsvoll geworden. Seit der Ankunft des Transportes von Natzweiler hatte er seine Aufgaben in der politischen Abteilung sehr ernst genommen. Es verging kein Tag, an dem er mich nicht selber oder durch Sussel auf einen Landsmann aufmerksam machte, dessen angesehene Stellung oder Leistungen in der Widerstandsbewegung genaueBeobachtungerforderten, oder den man nicht in dem anonymen Elend der Quarantäneblocks untergehen lassen durfte. Außer auf viele andere hatte er schon meine Aufmerksamkeit auf Georges Lapierre gelenkt. Er wunderte sich, daß wir es nicht 24 Stunden nach seiner Ankunft geschafft hätten, ihm einen Platz in einem nicht allzu anstrengenden Kommando zu besorgen. Diesen Abend nahm mich Citron nach dem Abend- appell beiseite, um mir zu eröffnen, daß er in Block 23 einen weiteren besonderen Häftling entdeckt habe: den Prinzen Xavier de Bourbon-Parma, und daß es infolge- 208 dessen angezeigt sei, ihn in eine Stube zu bringen, wo er verhältnismäßig geschützt wäre. Auf dem Wege zu Block 23 erläuterte mir Citron gewissenhaft, daß er sich gerne der spannenden Wissenschaft der Genealogie ge- widmet hätte. Er fügte dem sogar ein unerwartetes Bekenntnis seiner monarchischen Gefühle an. Er er- klärte mir, wie der neue Kamerad, den wir jetzt kennen- lernen würden, in direkter Linie von Ludwig XIV. abstammte, während der Stammbaum des legitimen Thronerben auf Heinrich IV. zurückging. Wir waren gerade bei dem Thema der spanischen Heiraten, als wir nicht ohne Schwierigkeiten durch den Eingang von Block 23 kamen, durch den sich zwanzig armselige Hände flehend nach der Lagerstraße streckten. „Wie wollen wir ihn anreden?“ beunruhigte sich Citron. „Es würde sich gehören, ihn mit Königliche Hoheit anzusprechen. Das würde die Situation gut kenn- zeichnen.“ Um Schwierigkeiten zu umgehen, die der Gebrauch der hoheitlichen Formen während einer längeren Unter- haltung mit sich gebracht hätte, einigten wir uns auf eine Zwischenlösung: Man würde ganz einfach „Monseigneur“ zu ihm sagen und in der dritten Person sprechen. Sobald wir in die Stube gekommen waren, wo der Teil der letzten„Zugänge“ von Natzweiler sich wie in einer Heringstonne drängten, ging Citron ge- radewegs auf den Prinzen zu mit dem entschlossenen Gesicht, das Jeanne d’Arc im Schloß Chinon gehabt haben muß, als sie auf den Dauphin Charles zuging. Unser neuer Kamerad, völlig verloren unter den zwei- hundert Stromern, gab uns klar zu verstehen: so sehr er uns für unseren Schritt dankbar sei, wünsche er doch, genau wie alleanderen behandelt zu werden und seinen Teil an der gemeinsamen Not mitzutragen. Nicht ohne eine gewisse Mühe gelang es uns, ihn zu bewegen, eventuell ein Paar Socken aus dem Desinfektions- 209 kommando als Ersatz für die Fetzen anzunehmen, die er an den Füßen trug. Sobald sie ihn entdeckt hatten, wollten die österreichi- schen Monarchisten nun ihrerseits dem Bruder ihrer früheren Kaiserin das allgemeine Los ersparen. Ohne Erfolg. Er war lediglich damit einverstanden, ins Revier zu gehen, als er sich krank fühlte, wo Bertl ihn in Obhut nahm, bevor er ermordet wurde. Er verteilte alles, was er von seinen österreichischen und Luxem- burger Freunden bekam. In den letzten Tagen führten ihn die SS-Leute, ohne ihn um seine Meinung zu fragen, in das Prominenten-Gefängnis. Paul Bourget schrieb einmal von König Albert von Bel- gien, man werden ein besserer Mensch, wenn man nur an ihn denke. Alle die, die ihn in Dachau gekannt haben, können das gleiche von ihrem Kameraden sagen, Seiner Königlichen Hoheit, dem französischen Prinzen Xavier de Bourbon Parma. XV Ein Samariter Aber ein Samariter kam vorbei, sah ihn und ward von Mitleid gerührt(Lk. 10, 29). Wenn ich so das Lager Dachau betrachte an der Schwelle dieses zweiten Winters, den ich dort werde verbringen müssen, den ich versuchen muß durchzustehen, ent- mutigt mich vor allem der ewig gleiche Anblick des trü- ben Gesamtbildes. Nichts scheint verändert. Das Revier hat seinen Bereich nicht über den Block 13 hinaus aus- gedehnt. Das Quartier der Aristokraten ist immer noch an der gleichen Stelle. Die Franzosen sind dort noch nicht zugelassen. Der Rauch des Krematoriums steigt wie seit zehn Jahren am Ende des Ganges von Block 28 2IOo auf, wo die polnischen Priester zusammengepackt sind. Die einzige Neuerung ist diese Bordell-Baracke, Block 31, die im letzten Frühjahr für die Kapos und Vorarbeiter in der Nähe des Bauernhauses eingerichtet worden ist, wo die Desinfektionsarbeiter die Kleidung der Tausen- den von„Zugängen“ mit Schwefel behandeln. Die „Zugänge“ kommen jetzt nicht mehr aus dem Westen, sondern aus dem Osten. Ehe die Züge die Überfülle der Lager von Buchenwald und Auschwitz in den gespen- stischen Endtagen in Dachau ausladen werden, be- stehen die großen Transporte aus den Letzten des Warschauer Ghettos und aus ungarischen Juden. War- um sie hierher gebracht werden, weiß man nicht recht, da festzustehen schien, daß dieser Abschaum unseres Lagers nicht würdig sei. Diese Juden sind in einem Zustand, der jeder Beschreibung spottet. In der Revier- registratur, wo ich an ihrer Eintragung mitarbeite, be- schwert sich Joos, eine so offensichtlich unnötige Arbeit machen zu müssen. Denn es ist klar, daß diese Skelette kaum noch einige Tage zu leben haben. Die verbrauchte Haut ist nur noch eine graue Hülle. Sie liegt ganz eng auf dem Knochengerüst auf und läßt Rippen, Becken und Schenkelknochen heraustreten, die sich nur noch in einem letzten automatischen Reflex bewegen. Die Leute entleeren sich teilnahmslos vor uns auf den Boden. Wenn sie noch die Kraft haben, einige Laute von sich zu geben, bleibt ihr Kauderwelsch unverständ- lich. Aber, und das ist vielleicht die neue Tatsache, trotz der Duschenbehandlung, von der sie kommen, bleiben sie von Ungeziefer bedeckt. Mit ihnen hält der ex- anthemische Typhus seinen Einzug. Neben diesen Judentransporten kommen von Zeit zu Zeit kleinere Transporte von Zwangsarbeitern. Bei letzteren, aus dem Gefängnis Wuppertal, war im No- vember Pater Dillarde. Ich sehe ihn wieder vor mir in Block 21, ausgerüstet mit der alten Montur, Rock und 211 Mütze, eines zweiten Bahnvorstehers der S.N.C.F. (Französische Staatsbahngesellschaft). Um die gleiche Zeit kamen die französischen Priester von Mauthausen und Buchenwald; ein Schritt des Vatikans hat zweifellos die meisten von ihnen vor einem viel ärgeren Winter gerettet. Damals kamen zu uns Pater Doyen und Abbe Lamartiniere, die sich rücksichtslos opferten, als der Typhus wütete, die beiden Benediktiner von Urt und der alte Militärpfarer von Saint Cyr, Abbe Henocque. Unter den„Zugängen“ von Mauthausen begegnete ich Pater Riquet. Er war in jammervollem körperlichem Zustand, hatte aber einen klaren Blick und ein etwas trauriges Lächeln. Ich wußte, welch bedeutsamen Anteil er in den allerersten Monaten an der geistigen Wider- standbewegung unter der Abschirmung durch den Laennec-Kreis gehabt hatte. Von Mauthausen kam Abbe Sigala, der einer meiner liebsten Combat-Gefähr- ten in der Dordogne war. Als ich ihn im Duschraum sah, erinnerte ich ihn daran, wie herzlich er mich vor drei Jahren als Professor der Philosophie am St. Joseph- Kolleg in Perigueux in seinem Zimmer empfangen hatte, als ich Verbindung mit ihm suchte. Als Antwort hatte er mich umarmt mit dem Ausruf: „Endlich! Seit achtzehn Monaten warte ich auf Sie!“ Abbe Sigala, alter Offizier des ersten Krieges, war wie einige andere einer der feldgraublauen Kämpfer, die trotz der Bürgschaft desSiegers von Verdun‘) die Nieder- lage einfach nicht annehmen wollten. Jetzt konnte ich ihm seinen damaligen Gruß zurückgeben: „Und nun bin ich es, der Sie seit achtzehn Monaten erwartet.” Achtzehn Monate! Wie lang waren sie gewesen. Sie schienen kein Ende nehmen zu wollen. Die Pappeln der Lagerstraße hatten sich zum zweitenmal blaßgelb gefärbt, die Appelle spielten sich morgens und abends *) Gemeint ist Marschall Petain. 212 den der gro Es Seit rich l) ger Ge eig‘ gar Sch tur unter den gleichen Formen an der gleichen Stelle, vor den gleichen Gebäuden ab, über deren Dächern immer der gleiche zynische, bösartige, entmutigende Satz, in großen gotischen Buchstaben stand: „Es gibt einen Weg zur Freiheit.“ Seit der Landung kommt aus Frankreich keine Nach- richt mehr zu uns durch. Undurchdringliches Schwei- gen. Die Nazizeitungen berichten von Zeit zu Zeit über Gefechte bei Royan und vor Saint-Malo. Was passiert eigentlich bei uns? Ist das Gebiet also doch noch nicht ganz befreit? Werden wir es jemals werden? An der Schwelle dieses zweiten Winters greift die Mutlosigkeit auch nach den größten Optimisten, nach denen, die so tun, als ob sie Optimisten blieben. Die Gruppe der Franzosen, durch viele„Abgänge“ zu auswärtigen Kommandos verringert, ist trotzdem stärker als zur gleichen Zeit des Vorjahres. Das sollte doch den Alten einen Auftrieb geben. Aber die drückende, würgende Unsicherheit bleibt die gleiche. Seitdem keine Pakete mehr kommen, haben wir noch mehr Hunger als vor- her, und das will etwas heißen. Unsere alten Leute werden bald in den Block 30 kommen, wo unbeschreib- liche Leiden ihrer warten, ehe sie fast alle dort zugrunde gehen. Der Anblick von soviel Fürchterlichem vermehrt noch die allgemeine Niedergeschlagenheit. Der Winter 1945 kündigt sich also in noch weniger verlockendem Licht an als der vorhergehende. Ich hatte es zustande gebracht, meinen kommunisti- schen Landsmann Germain Auboiroux zum Desinfek- tionskommando versetzen zu lassen. Das war nicht ohne Schwierigkeiten abgegangen, die durch Hilfe von Vater Joos überwunden werden mußten. Der gute Joos verstand mein Drängen nicht recht und der Kapo Jakob noch weniger. Daß ein nichtkommunistischer und sogar entschlossen antikommunistischer Deportierter eine 213 solche Maßnahme auch im Namen der Widerstands- bewegung forderte, das war eine der Sachen aus unse- rem Kampf, deren Begründung dem einen wie dem anderen nicht einleuchten wollte. Aber Joos hatte sich damit abgefunden, im Verhalten der Franzosen Fein- heiten, die er nicht recht verstand, gelten zu lassen. Da er uns gern mochte, bekam man von ihm schließlich immer das, was man wollte. Er hatte mir aber nicht ver- heimlicht, daß die Organisation, mit der er verbunden war, unter den gegebenen Umständen ebenso wie er selber unseren Wunsch nicht verstand. Die Kommu- nisten hatten doch ihre Organisation im Lager seit mehreren Monaten wieder aufgebaut. Warum ging also Auboiroux nicht über sie, um sein Ziel zu erreichen? Ich berühre hier eine Frage, die mir immer dunkel schien. Die Kommunisten hatten es in Dachau, soviel ich weiß, seit 1943 nicht fertiggebracht, das Lager wieder in die Hände zu bekommen. Ihre Minderheitsorgani- sation war für die, die nicht zur Partei gehörten, un- durchdringlich. Ich habe nie gewußt, wer der oder die verantwortlichen französischen Vertreter bei ihrem internationalen Komitee waren. Ich hatte durch die Gefährten von Natzweiler erfahren, daß Linet, ein aus- gezeichneter Kamerad, dort als einer der führenden Köpfe der Partei galt, und daß auch Neveu in seiner Eigenschaft als Abgeordneter des Seine-Departements einen Vertrauensposten haben mußte. Aber bis zu den Tagen unmittelbar vor der Befreiung hatte ich mit ihnen nur gelegentliche, ganz oberflächliche Verbin- dung. Hatten sie sich damit abgefunden, die älteren Rechte dessen anzuerkennen, der bis zur Ankunft von General Delestraint als verantwortlicher Mann der Franzosen galt? Ich weiß es nicht. Nach der Hinrichtung unseres Chefs und im Vollzug seines durch einen Prie- ster von Block 26 übermittelten letzten Willens nahm ich diesen Titel durch eine Art allgemeiner Zustim- 2I4 mung wieder an. Von keiner Seite kam es zu Wider- spruch, außer von einem armen Teufel, den sie einen Augenblick lang zu fördern und mir entgegenzustellen suchten, wahrscheinlich deswegen, weil ich einige Monate vorher mich energisch geweigert hatte, ihm zu helfen, eine Art antikommunistischer Miliz im Lager aufzustellen, was in meinen Augen eine völlige Ver- irrung gewesen wäre. Glaubten sie, daß ich durch ihre Formel von der nationalen Front verführt sei? Nahmen sie an, daß ich im gegebenen Augenblick bereit sein würde zu tun, was sie wollten? Ich weiß es nicht. Tat- sache ist jedenfalls, daß die Franzosen des Lagers Dachau niemals wie gewisse andere Insassen unter ihrem Ge- setz standen, nicht einmal durch eine Mittelsperson. Diese vorstehende Bemerkung ist notwendig, um meine Haltung ihnen gegenüber unter diesen Umständen ver- ständlich zu machen. Seit Juni 1941 hatten sie unbe- streitbar an unserer Arbeit teilgenommen. Es waren Kampfkameraden. Die einfachste Loyalität verlangte, dieser Waffenbrüderschaft Rechnung zu tragen. Man mag sagen, daß die Leute der reinen Dialektik in der höheren Führung über unsere Einfalt lächelten. Mag sein. Persönlich habe ich mit diesen Gesprächspartnern nie zu verhandeln gehabt. Meine kommunistischen Kameraden waren alle auf der unteren Ebene des Kämpfers,; und von einem solchen Kämpfer habe ich zu sprechen. Ich würde sein Andenken verraten, wenn ich ihn durch das, was ich berichten muß, als eine Art Irr- gläubigen an seiner Religion erscheinen ließe. Ich weiß nicht, wie man das in marxistischer Sprache genau aus- drückt. Meine Überzeugung aber ist, daß Auboiroux wie viele andere, von denen P&guy sprach, gefallen ist: „Für irgendeinen Gott, der nicht der wahre Gott ist, geopfert auf irgendeinem Altar, der das wahre Opfer nicht kennt.“ 215 Nach dieser Feststellung wird nichts auf der Welt, aber auch gar nichts, mich daran hindern, ihn als einen Bru- der in Anspruch zu nehmen. Als er mit den Häftlingen von Eysses im Lager ankam, hatte Auboiroux durch den Schreiber auf seinem„Zu- gangs”zettel vermerken lassen„ohne Religion“. So machten sich die Kommunisten gleich beim ersten Auf- treten ihren Kameraden auf der Schreibstube bemerk- bar. Nicht, daß etwa sie allein das für sich in Anspruch genommen hätten; aber diese Erklärung war in ge- wisser Weise für jeden vorgeschrieben, der sich zur kommunistischen Partei bekennen wollte. Auboiroux hatte übrigens keinerlei Grund, sich dieser Regel nicht anzupassen. Er war Kommunist seit eh und je. Er hat mir oft erzählt, wie er in seiner Jugend zuerst Revolutionär und dann Kommunist geworden sei. Durch seine Familie und seinen ersten Unterricht ge- hörte er zu dem, was man die christliche Volkstradition unseres Landes nennt. Er hatte den ersten Krieg von Anfang bis zu Ende mitgemacht; Yser, Verdun, Chemin des Dames, die ganze Namensliste. Dieser wahrschein- lich nicht ohne formalrechtlich ausreichende Gründe wegenantinationaler Betätigungverfolgte Antimilitarist hatte sich trotzdem vor 25 Jahren den Luxus der Aus- zeichnung mit der Militärmedaille geleistet, indem er beieiner Kampfhandlung sein Maschinengewehr bis zur völligen Erschöpfung des Munitionsvorrats bediente. Kurzum, der klassische feldgraublaue Poilu. Zum über- zeugten Kommunisten hatte ihn schließlich die soziale Ungerechtigkeit gemacht. Man mag lächeln, wenn man an die Enttäuschung denkt, die die vielen Auboiroux an dem Tage erlebt hätten, an dem sie sich der Praxis eines Systems gegenüber gesehen hätten, das von der Gerechtigkeit keine so hohe, so reine, so anspruchsvolle Vorstellung zu haben scheint, wie sie. Aber nichts recht- fertigt die Behauptung, Auboiroux würde nicht, wie so 216 viele andere auch, das Schauspiel der Ungerechtigkeiten erduldet oder angenommen haben. Man hätte sie ihm als Übergangsstadium erklärt in der messianischen Er- wartung der endgültigen Gerechtigkeit. Auboiroux wollte ein untadeliger Kommunist sein. Als im Lager das Gerücht aufkam, daß Typhus aufge- treten sei, ergriff der Generalstab der alten Häftlinge drakonische Maßnahmen, Typhus war ihr Schrecken. Jakob Koch, unser Kapo, erhielt zunächst vom Lager- führer mit Begründungen, auf deren geheimnisvollen Charakter er sehr stolz war, die Genehmigung, den Gasraum im Krematorium dem Kommando für weniger grausame Zwecke als ursprünglich vorgesehen zur Ver- fügung zu stellen. Statt in den genannten Raum den Überschuß an Juden, den die überfüllten Kammern von Auschwitz nicht mehr verarbeiten konnten, zu stecken, sollte der Vorrat an Zyklongas dazu dienen, die Kla- motten, Lumpen und andere Kleidungsfetzen, die sich bergeweise im Hof vor unserem Bauernhaus auftürm- ten, schneller zu desinfizieren und von Läusen zu be- freien. Nach dieser ersten Maßnahme stellte Jakob dennoch fest, daß das Ungeziefer sich unvorstellbar vermehrte; er kam auf den Gedanken, zwei Häftlingen des Kommandos einen etwas delikaten Auftrag zu geben. Sie sollten alle Türgriffe zweimal täglich mit Cresol bepinseln, um sie als Überträger der mörde- rischen Läuse weniger gefährlich zu machen. Diesen absonderlichen Vertrauensposten erhielten Auboiroux und ich. So konnten wir beide mit einem roten Ausweis und einer gleichfarbigen Armbinde in dem ganzen Ge- biet des Typhusbereichs kommen und gehen, wie wir wollten; in der einen Hand den Eimer mit Cresol, den Pinsel in der anderen. Auboiroux glich der Gestalt von Jerome K. Jerome, die DT, in„Drei Männer in einem Boot” jeden Morgen eine andere Krankheit bei sich entdeckt. Er hatte eine ab- scheuliche Angst vor den Mikroben, an die er glaubte. Auch das war ein Punkt, wo ich seine Überzeugung nicht teilte. Er aber erwies der ärztlichen Wissenschaft und den Medikamenten, den Aufgüssen von Heilkräu- tern, Heiltränken, Salben und anderen Drogen den Respekt und dasabergläubische Vertrauen, woraus wahr- scheinlich bis an das Ende der Zeiten alle Diafoirus') und Dr. Knocks?) ihr Vermögen machen werden. Ganz ehrlich gesagt, hatte er diesen Auftrag nicht ohne viel Mut angenommen. Er tat es, weil er sich über den un- geheuren Vorteil klar war, der sich für uns daraus er- gab; konnten wir doch unsere im Lager und insbeson- dere im Revier verstreuten Kameraden täglich sehen. Im übrigen traf er wegen der Ansteckungsgefahr be- lustigende Vorsichtsmaßnahmen; aber letzten Endes glaube ich doch, daß er sich ein wenig auf seinen guten Stern oder auf die Vorsehung, wie man will, verließ. Bekleidet mit einem allzu kurzen Paletot, war er dau- ernd unterwegs, ging von den einen zu den anderen, brachte diesem eine Botschaft von jenem, machte einen Freund aufmerksam auf einen anderen, der irgendwo im Sterben lag. Als die Epidemie ihren Höhepunkt er- reichte, begann er, an die zahllosen Durchfallkranken Holzkohle zu verteilen. Er war auf den Gedanken ge- kommen, sie durch vorsichtiges Ausglühen von Schemel- beinen herzustellen, die er ohne Wissen der Stuben- ältesten ausirgendeiner Ecke des Blocks beiseite geschafft hatte. Er stopfte sich damit die Taschen seines Paletots voll, wodurch er ein noch drolligeres Aussehen bekam. Er zwang die Kranken, seine Arznei zu schlucken. Er steckte sie ihnen direkt in den Mund, ja öffnete ihnen 1) Vater und Sohn, zwei zweifelhafte Ärzte in„Der eingebildete Kranke“ von Moliere. 2) Titel und Hauptperson; Arzt in einer Komödie von Romains. 218 das Gebiß, wenn es notwendig war und sie nicht mehr den Mut hatten, es selber zu tun. Dank dieses primi- tiven Heilmittels sind viele von ihnen durchgekommen. Auch ich. Auch mich hatte nämlich schließlich der Typhus er- wischt wie alle anderen oder fast alle. Eines Morgens hatte mich Soulange-Boudin beim Ausgang der Kapelle von Block 26 im Schnee aufgelesen und auf seinen Schultern zuerst zum Antreten und dann ins Revier getragen. Ich erinnere mich unklar an meinen Einzug in Block 3, in die Stube, deren Pfleger Alex, der Luxem- burger, geworden war. Dort waren zwei Pfarrer, denen es sehr schlecht ging: Abbe Cariou von Douarnenez und Abbe Barre von Saint Brieuc. Ein dritter lag schon im Sterben, Abbe Millot von Reims. Der Dr. Andre Bohn hatte sich trotz der Ödeme, durch die seine Beine und seine Arme maßlos angeschwollen waren, zum treu- sorgenden Onkel Doktor dieses Raumes gemacht. Der eigentliche Pfleger, ein Friseurgehilfe aus Krakau, hatte ihn verlassen und war abgerückt, als er auf der Ein- gangstüre die übliche Aufschrift„Lebensgefahr— Typhus“ mit dem beliebten, uns wohlvertrauten Toten- kopf sah. Ich habe dann noch in Erinnerung einen senkrechten, schwindelerregenden Sturz auf den Boden eines unendlich tiefen Brunnens und den entschlosse- nen Willen, sofort an den Wänden wieder hochzu- klettern. Dann ein endloses Dunkel, in das von Zeit zu Zeit ein Licht fiel, das besorgte Lächeln eines Freundes, der sich um mich kümmerte. Dr. Roche, der liebe Kano- nikus Daguzan, ein Jugendfreund, dann Ravoux, Bert- haud, der kleine Fully und endlich Auboiroux. Die kritische Periode war überwunden. Ich begann, meine Geister wieder etwas zu sammeln. Aber wegen des verdammten Schorfes, der die geringste Bewegung unerträglich machte, konnte ich mich nicht rühren. Auboiroux fragte mich, ob mir irgend etwas Freude 219 machen würde. Als ich wohl auf nichts rechte Lust hatte, kam ihm ein Gedanke: „Du, das ist dir wohl auch nicht recht, daß du jetzt nicht mehr jeden Morgen in die Kapelle gehen kannst?“ „Auf alle Fälle paß mal auf: Bis du dort wieder hin- kannst, werde ich an deiner Stelle hingehen. Ich werde eine halbe Stunde Wache stehen. Ich werde die Über- brückung sicherstellen, wenn du willst.“ So kam es, daß in den folgenden Tagen die Pfarrer von Block 26 die Überraschung erlebten, den gar wohl be- kannten französischen Kommunisten Auboiroux vor dem Tabernakel als Ehrenwache stehen zu sehen, be- kleidet mit seinem unvermeidlichen senffarbigen kur- zen Paletot, die Taschen vollgestopft mit der rettenden Holzkohle und den Cresol-Eimer zu seinen Füßen. XV Der Mensch lebt nicht von Biot allein Dieser Winter 1944/45 verleiht den Ehemaligen von Dachau eine gewisse Würde, die ihnen erlaubt, sich gegenüber ihren Kameraden aus den Lagern der„höhe- ren Stufe” wie Mauthausen, Auschwitz, Ravensbrück, Neuengamme und einigen anderen der gleichen Klasse nicht allzusehr gedemütigt zu fühlen. Bis dahin— ich spreche natürlich nur von denen, die das verhältnis- mäßig bescheidene Glück gehabt haben, im Lager zu bleiben— war das Regime hart, sehr hart, aber immer noch in der Grenze des Erträglichen für denjenigen, dessen Gesundheitszustand ihm erlaubte, sich seine moralische Widerstandskraft einigermaßen zu erhal- ten. Als der Typhus das ganze Lager ergriff, wurde es anders. 220 a ee N TEEN IV a EI SPEER Ich selber habe mich nie recht entschließen können, die Lesart anzunehmen, daß die SS der Seuche planmäßig freien Lauf gelassen habe. Nicht, daß sie solche Unge- heuerlichkeit nicht hätten ersinnen und ausführen können; ich habe sie noch ganz andere Grausamkeiten von gleich unmenschlichem Sadismus ausführen sehen. Aber ganz einfach deswegen, weil es mir scheint, daß die Dinge sich sehr viel einfacher abgespielt haben. Infolge des Vorrückens der russischen Armeen im Osten waren Tausende von Unglücklichen, ursprünglich für Auschwitz, das heißt, ohne viel Federlesen zur un- mittelbaren Vernichtung bestimmt, nach Dachau ge- kommen. So kamen gegen Ende des Herbstes die Überreste der ungarischen und polnischen Juden in geschlossenen Kolonnen zu uns. Man fragte sich, warum und wodurch sie noch am Leben waren. In der Registratur, wohin Joos mich manchmal rief, wo jedoch nur ein Teil der Überlebenden strandete, habe ich diese Menschen aus nächster Nähe gesehen. Vor einem solchen Anblick hatte man das Gefühl, in eine Welt von Wahnsinnigen geraten zu sein. Eines Tages wurde mein Arbeitsgefährte von einer Nervenkrise befallen, die zu beruhigen wir Mühe und Not hatten. Er hatte zuviel dieser gespen- stischen Figuren, in unverständlicherSprache jammernd, auf dem von menschlichen Ausscheidungen schlüpfri- gen und von Ungeziefer wimmelnden Boden zusam- menbrechen sehen. Bis dahin kam niemand zu den Quarantäneblocks und noch viel weniger ins Revier, ohne vorher in dem gro- ßen Gebäude am Eingang des Lagers geduscht und mit Cresol behandelt worden zu sein. Vom November 1944 an wich aus Gründen, die ich nicht kenne und die viel- leicht mit der beginnenden Desorganisation des ganzen Räderwerkes des Systems zusammenhingen, die uner- bittliche Strenge, mit der diese Hygienesachen behandelt 221 wurden. Statt dessen zog schmutzigste Unordnung ein. Meiner Ansicht nach brachten uns die Träger der Läuse aus Warschau und Budapest den Typhus, der während der letzten fünf Monate das Lager Dachau in ein stän- diges Bild des Grauens verwandelte. Beim Auftreten des Typhus wurden die Alten des Lagers von Panik befallen. Die SS-Leute ihrerseits hatten nicht die Absicht, sich die Seuche zuzuziehen und kamen immer seltener, uns zu überwachen. Sich selbst über- lassen, überschwemmten die Häftlinge das Revier. Die Mehrzahl von ihnen war erst in den letzten Monaten angekommen. Wohl oder übel mußten die Blocks ı5, dann ı7 und schließlich 19 und 21 dem Revier ange- schlossen werden. Sehr rasch wurde die Hälfte des Lagers, der ganze östliche Teil, ein Reich der Toten, ge- trennt von dem der Lebenden nur durch die Breite der Lagerstraße. Es muß aber hinzugefügt werden, daß der Block 30, der sich auf der Westseite befand, sehr schnell angesteckt wurde. Dort waren die Alten und Gebrech- lichen untergebracht, in der Mehrzahl Franzosen, die, ehe sie starben, unbeschreibliche Leidensstunden durch- machten. Dank unserer roten Armbinde konnten Auboiroux und ich unsere Landsleute in Block 30 besuchen. Sie waren früheren Transporten nur entgangen, um jetztein nicht minder erbärmliches Schicksal zu erleiden. Unter ihnen befanden sich mein alter Kollege Georges Chareaudeau aus Pau, dessen Sohn ein Nachrichtennetz leitete, Ca- mille Blaisot, der unbeugsame Abgeordnete von Caen, und sein unzertrennlicher Freund Felix Peupion, Bür- germeister von Montigny-les-Metz. Da waren noch zu- sammen mit dem, den Pierre Suire respektvoll und nicht ohne Grund Herr P&tonnet nannte, der Lehrer Georges Lapierre, der Oberst Albert Chanson und viele andere. Die Namen sind in meinem Gedächtnis verblichen, aber die eine geh halı wa mei Büı Ge; füh sön Rü wu er. abs Ein Un etv nät wo Vo Ra sch du nic au ich m Es sot Vi Vie sch sch Be nicht die verängstigten, jammervollen Gesichter und die flehenden Hände. Blaisot hatte einen Schutzengel, einen Bäcker aus Caen, namens Legrix, der zu denen gehörte, die aus Herzensgüte helfen. Diese Grund- haltung hatte ihn auch in Dachau nicht verlassen. Er war mit einem Transport von Normannen angekom- men, zu dem unter anderen der Notar von Livarot, der Bürgermeister von Falaise und ein Pfarrer aus der Gegend von Auge, Abbe Lannier, gehörten. Legrix fühlte sich für das Schicksal seines Abgeordneten per- sönlich verantwortlich. Deswegen ging er ihn ohne jede Rücksicht auf Gefahr durch die Stacheldrähte des ver- wunschenen Blocks besuchen und brachte ihm mit, was er konnte, meist Dinge, die er von seiner„Brotzeit” absparte. Eines Tages ließ uns Legrix um ein Stück warme Unterkleidung für Blaisot bitten. Wir suchten nun so etwa aufzutreiben. Das war gar nicht so einfach, zu- nächst, weil der Kapo wie alle Alten bei allem Wohl- wollen die damit verbundenen Gefahren mit großer Vorsicht in Erwägung zog. Gewisse Sachen mit dem Kapo von der Effektenkammer wären nämlich beinahe schiefgegangen, weil er sich beklagt hatte, daß die Klei- dungsstücke, die er uns in die Desinfektion schickte, nicht zurückkämen. Der Pullover wurde aber dennoch aufgetrieben. Triumphierend brachten Auboiroux und ich ihn zu Blaisot und hielten die für solche Unterneh- mungen fein entwickelte Tarnungstaktik genau inne. Es war sehr kalt. Im Hof von Block ı3 diskutierte Blai- sot mit tiefer ernster Stimme, als ob er sich noch in dem Viersäulensaal des französischen Parlamentes befände, vielleicht sogar, um sich selber diese Illusion zu ver- schaffen. Er war sprachlos über das prachtvolle Ge- schenk. Da er aber zweifellos die gräßliche Not und das Begehren beobachtet hatte, die sich sichtlich in den Augen eines seiner Kameraden wiederspiegelten, sagte 223 er ganz gelöst und frei:„Geben Sie es lieber ihm; er ist 72 Jahre alt, und ich bin erst 68.” Bilder aus dem Revier: Für einen Nachmittag haben wir die gewohnte Arbeit unterbrochen. Im Tbc-Block 13 sind Strohsäcke zu stopfen. Dazu haben wir uns in einer Ecke der Waschräume eingerichtet. Dauernd kom- men und gehen die Kranken. Sie spucken in aller Ruhe in das große Gefäß voll Wasser, aus welchem demnächst andere ihr Trink- oder Waschwasser holen werden. Auboiroux ist ganz empört über diesen Mangel an hygienischer Vorsicht. Dr. Lavou& besuchte uns mit umgehängtem Stetoskop. Er betreut den Block 13. Auch er, dessen politische Überzeugungen denen von Auboiroux entgegengesetzt sind, hat den Spott schnell zur Hand, und— was hier noch wichtiger ist— die freie Rede frisch von der Leber weg. Das wird ihm übrigens eines Tages einen üblen Streich spielen, wenn ihn der wild gewordene Kapo des Reviers zu einem Kommando nach Augsburg schickt mit der ganz klaren Absicht, ihn von dort nicht wieder- kommen zu sehen. Heute kommt Dr. Lavou&es Empö- rung daher, daß der Pfleger, der sich gelegentlich an- maßt, einen Pneu anzulegen, sich bei einem seiner Kranken im Lungenflügel getäuscht und den gesunden operiert hat. Die Technik des Systems verlangte be- kanntlich in Anbetracht möglicher Kontrolle durch das Internationale Rote Kreuz, das übrigens niemals Zutritt zu uns gehabt hat, den Anschein einer Sanitätsorgani- sation. Im Block 13 beweisen zwei schwerkranke französische Kameraden eine Hingabe und eine Großherzigkeit, die Auboiroux und mir oft zugute kommen. Der eine ist überzeugter Sozialist, Devevey Bourguignon, Drucker in Beaune, den sein Kamerad Marlot, Sozialist wie er, häufig besuchen kommt. Der andere ist Kommunist, 224 diät" ganz Deve schw Beil ande und säck für vors Ges beid schr Ger une beif Rlei We pas: den dan Bei von &82 Die inc „D: seh vor der Dr. Jed Da we stammt aus der Gegend von Bordeaux und heißt Sayo. Oft verschaffen sie uns einen Nachschlag von„Sonder- diät“, jener merkwürdigen milchhaltigen Mischung, die ganz wenigen Bevorzugten vorbehalten war. Sayo und Devevey wachten über den jungen Pierre Bobrie, der schwerkrank war wie sie und ebenso großherzig. Bei Dr. Ragot in Block 9 lag in drei Bettstellen überein- ander der große Haufen der Durchfallkranken, fünf und manchmal mehr auf zwei völlig besudelten Stroh- säcken. Wer nicht bei Ragot gewesen ist, und sei es nur für fünf Minuten, kann sich das fürchterliche Bild nicht vorstellen und vor allem nicht den unbeschreiblichen Gestank. Auboiroux und ich mußten unser Herz in beide Hände nehmen, ehe wir diese Schwelle über- schreiten konnten. Ragot selbst schien auf den fauligen Geruch überhaupt nicht zu achten und war offenbar unempfindlich für die verseuchte Atmosphäre. Mit bär- beißiger Zärtlichkeit nannte er seine Kranken„mein Kleiner“ und tätschelte sie freundlich auf den Rücken. Wenn sie noch Kraft genug zum Aufstehen hatten, passierte es seinen Patienten oft, daß sie sich, ehe sie den Abort erreichten, auf dem Fußboden entleerten, wo dann die widerwärtigen Spuren zunächst liegenblieben. Bei Ragot ist am Totengedenktag 1944 der arme Fayat von uns gegangen. Es schneite stark. Als er fühlte, daß es zu Ende ging, verzog sich sein Gesicht schmerzlich. Die Augen waren schon glasig. Seine feuchte Hand lag in der meinen, und er jammerte: „Da soll ich den Glockenturm von Seilhac nicht wieder- sehen, hinter den großen Kastanien links, wenn man von Uzerche zurückkommt, und die großen Fichten auf dem Hügel...” Dr. Marsault war eine legendäre Figur unter uns. Jedermann wußte, daß er sozusagen freiwillig nach Dachau gekommen war, was zweifellos der Beachtung wert war. Marsault versorgte schon lange die Kranken- 225 station des Lagers von Compiegne, denn er hatte sich gleich zu Anfang schon erwischen lassen. Eines Tages widersetzte er sich der Abreise eines Kranken, den er für transportunfähig hielt. „Dann werden Sie an seiner Stelle abreisen“, hatte der SS-Mann gebrüllt. Das hatte nun Marsault tatsächlich getan, entzückt, dem SS-Mann diesen guten Streich zu spielen und ihm so letzten Endes seinen Willen aufzuzwingen. Er hatte also das letzte Wort gehabt. Das war keine Kleinigkeit und ganz schön mutig. Im Block 7 pflegte er die Rotlauf- Kranken und die anderen Räudigen mit Hilfe von Dr. Kredit, einem Holländer, der an Typhus gestorben ist. Kurze Zeit fürchteten wir für Marsault das Schlimmste. Aber harte Leute wie er ließen sich nicht so leicht unter- kriegen. Wie könnte ich den Stolz verschweigen, mit dem uns unsere französischen Ärzte in den Tagen der großen Prüfung erfüllten. Die meisten Ausländer, die im Re- vier das große Wort führten, verdufteten mit wenigen Ausnahmen einer nach dem anderen. Da zeigten sich unsere Doktoren der Lage gewachsen. Sie, die man bis- her verächtlich behandelt und auf den subalternen Rang der Blockpfleger verwiesen hatte, von dem sie nichts hatten als die gemeinsame Misere, mit der Erschwernis allerdings, ohne Medikamente, ohne Thermometer, ohne die geringste Möglichkeit vorsorgender Maßnah- men pflegen zu müssen. Sie gingen nun direkt gegen die Seuche an, machten nach allen Seiten Front, ent- schlossen, unermüdlich und kühn bis zur ausgesproche- nen Unvorsichtigkeit. Dreizehn von ihnen wurden uns in wenigen Tagen entrissen. In treuem Gedenken an sie alle bedauere ich sehr, daß ich ihre Namen dem Vergessen nicht entrissen habe, so wie ich Tote und Überlebende durcheinander aufgezeichnet habe, die Namen von Pidon, von Schmitt, von Larebeyrette, von 226 pri Ducournau, d’Hallod-Boyer, von Bettinger, von Plan- chais, von Lhoste, von Michel. Man fragt sich, wie es kam, daß auch unsere anderen Onkel Doktors uns nicht entrissen wurden: Bohn, Goude, Breuillot, Perrot, Gil- les, Le Basser, Fournier.... Im Block 3, wo Lavoue& nun seinerseits schwer krank gestrandet war, schleppte sich Bohn trotz seiner Er- schöpfung und seiner riesigen Ödeme von einem Stroh- sack zum anderen, unermüdlich unterstützt von Philipp Toureille, einem jungen Studenten der Medizin, und verteilte die wenigen Arzneien, die Arthur hatte or- ganisieren können. Im sogenannten chirurgischen Block mußte Pierre Suire mit den Phlegmonen-Kranken fer- tig werden. Sie mußten manchmal mit unvorstellbar primitiven Mitteln operiert werden. Mehrfach stellte er sich trotz seiner Erschöpfung zu Blutübertragungen für genesende Typhuskranke zur Verfügung. Michel Roche, der älteste der französischen Ärzte, der im vori- gen Frühjahr von Buchenwald gekommen war, ver- suchte den Gang der Arbeiten aufeinander abzustim- men. Mit einem sicheren, ruhigen, geradezu ermutigen- den Gang pendelte er heiter und fröhlich zwischen Baracken des Reviers und des Lagers hin und her. Er war es, der mir jeden Morgen die Wegzehrung brachte. Ihm vertraute ich die Abschiedsgrüße an die Meinen an, als ich eines Tages glaubte, es sei so weit. Lebensgefahr, Typhus! Bis an mein Lebensende werde ich diese Stube Drei von Block 3 vor Augen haben, woich den ganzen Winter verbracht habe; es war ein grauen- hafter Winter. Die Nachrichten von der Westfront wer- den direkt schlecht. Der Erfolg der deutschen Gegen- offensive in den Ardennen läßt einige von unseren deutschen Kameraden die Köpfe wieder höher tragen und stürzt die Gesamtheit der Häftlinge in eine Ver- zweiflung, die sehr schnell tödlich wirkt. Bastogne hat 227 in den Lagern mehr Todesopfer gefordert als auf dem Schlachtfeld. Eine unglaubliche Neuigkeit läuft um: die SS hat es fertiggebracht, ein Kampfbataillon aus den ältesten Gefangenen zusammenzustellen. Tatsächlich, unter den verächtlichen Blicken ihrer Kameraden sieht man einige Stunden lang frühere Kapos, Vorarbeiter und Blockälteste herumlaufen, die die Zebrastreifen gegen die feldgraue Uniform und die Mütze mit dem Totenkopf eingetauscht hatten. Weihnachten 1944: Der Typhus ist noch nicht offiziell bekanntgegeben. Pater Morelli, ein junger Dominika- ner mit einem gütigen Lächeln, feiert, ehe er selber schwer erkrankt— wir hätten ihn beinahe verloren—, eine unvergeßliche Mitternachtsmesse bei Roche. Ein ganz gewöhnliches Glas dient als Kelch, der Deckel einer Medikamentenschachtel als Patene. Einer von uns bewacht unruhig die Umgebung. Nachmittags konnten wir uns in die übervölkerte Stube der französischen Pfarrer in Block 26 schleppen, um einige Lieder zu singen. Auboiroux ist auch hingekommen, denn schließlich hat er die Melodien seiner Kinderzeit nicht vergessen. In eine Ecke zwischen zwei Reihen Bett- stellen hat man die Leiche des soeben verstorbenen Abbe Simon, Pfarrer von Hendaye, um Platz zu sparen, stehend beiseite getan. Als niemand mehr an der Tatsache der Epidemie zwei- feln konnte, versuchte man sie wenigstens auf den Block 3 zu beschränken, allerdings nicht für lange. Die französischen Pfarrer siedelten zu zweit unter Miß- achtung der Gefahr und natürlich auch der Vorschrif- ten in die Blocks über, aus denen keine Kranken mehr herauskamen. Sie halfen den Ärzten in der leiblichen Pflege der Kranken und erfüllten dabei ihren eigenen geistlichen Auftrag. In Block ı setzte sich Louis Auguste, ein Kommunist aus Marseille, ebenso wie Morin mit der Opferbereitschaft einer barmherzigen Schwester 228 ein. Der kleine M£rot verließ Espartieux erst, als er ihm in einer letzten Bewegung menschlicher Zärtlichkeit die Augen zugedrückt hatte. Aber nun kommen die dunklen Stunden. Ich kann nicht mehr unterscheiden zwischen richtiger Erkennt- nis der Dinge und wilden Angstträumen. Die Wirklich- keit ist oft schlimmer als ein böser Traum: dieser Nebenmann auf dem Strohsack, der in der Nacht auf- schreit vor Angst beim Gedanken, daß ihm bei leben- digem Leibe die Goldzähne ausgerissen würden, die ein SS-Mann inventarisiert hat. Ist es im Traum, daß ich ihn gehört habe? Und diese zarten brüderlichen Schat- ten Berthaud, Ravout, der kleine Fully, die sich über mich beugen, die meine Fußspitzen anfassen, um fest- zustellen, ob ich nur noch eine schon erkaltete Leiche bin? Dieser Karren, auf dem man gestern den jungen Kameraden von Nancy zu einer Bluttransfusion brachte und der leer zurückkommt; das ist doch Tatsache, nicht wahr, daß das schiefgegangen ist?! Aber man muß eben heute die Gefahr dieser Operationen auf gut Glück in Kauf nehmen. Und diese Laibe Brot, die bei ärgster Hungersnot in den Kachelofen geworfen wurden, um das Feuer zu erhalten! Warum wurden sie nicht an die Tausende von Hungerleidern, die zwanzig Schritt von hier herumkriechen, verteilt?!„Es ist verseucht”, haben die Pfleger geantwortet. Ist es wahr oder habe ich es geträumt, daß der gute Nicot und der kleine Roux sich in die elektrisch geladenen Umzäunungsdrähte des Lagers stürzen wollten? Hat man sie nicht halbnackt im letzten Augenblick im Schnee zurückgerissen? Die Nacht geht zu Ende. Unbeschreiblich die Freude, durch die kleinen Scheiben das Tageslicht wieder zu entdecken. Das Licht! Der Tag! Und nun sehe ich um mich, eines nach dem anderen, die Gesichter der Freunde, die die Prüfung überstanden haben. Auch sie haben sich wohl mit dem gleichen unerschütterlichen 229 Willen an die Wände des Brunnenschachtes angekrallt. Lavou& ist ungebrochen immer noch da. Hier, das ist Pierre Orvain. Er hat sich einen merkwürdig grün- gelben Krankenkopf zugelegt; und da ist Godarde, zum Fürchten mager geworden, und Arnoult, von dem man vor dieser Reise durch den dunklen Schatten sagte, er werde die Nacht nicht überleben. Der alte Jesuitenpater Palloc, 70 Jahre alt, wie aus Elfenbein geschnitzt, betet seinen Rosenkranz. Er läßt die dicken Perlen zwischen seine durchsichtig gewordenen Finger gleiten. Arthur hat mir das verschmutzte Exemplar der„Antho- logie der französischen Dichter“ von Marcel Arland zugeschoben, das er in seinem Unterschlupf hatte ver- stecken können. Ein unschätzbares Wertstück. Jetzt geht es darum, festzustellen, ob es zutreffend ist, daß man nach Strapazen dieser Art das Gedächtnis verliert. Freunde! Es ist eine unbeschreibliche Beseligung, sich auswendig die neugelernten Strophen der„Corona Benignitatis“ des bekannten Gedichtes von Claudel aufzusagen: Es ist zu Ende! Wie groß ist Gott, und wie herrlich ist es, geboren zu sein! Francis Jammes führt uns wieder an das Ufer seiner Gave in die Gegend von Pau und Lourdes: Mit eckigen Mützen bekleidet, Um zu sehen, ob der Wind noch weht, Erklären die Gelehrten:„Der Monat September...” Und die liebe Marceline’') versetzt uns erneut in Rührung: Ich will ihn tragen, meinen entblätterten Kranz, in meines Vaters Garten, dorthin, wo jede Blüte wieder auflebt. Also los doch! Noch ist nicht alles verloren! Das Leben ist schön! 1) Marceline Desbordes-Valmore, französische Dichterin, 1786-1859. 230 I Mein erster Ausgang ging schwankend die zehn Schritt von meinem Strohsack zur Ecke von Arthur. Er hatte sich an diesem Tage die letzten Nummern der Zeitun- gen, die noch in Sigmaringen erschienen, verschaffen können. Arthur war nämlich ein Organisator erster Klasse. Eine davon kam mir unter die Augen: mit dem Titel„France“, nicht weniger! Der auf der ersten Seite über zwei Spalten gehende Leitartikel erweckte mein besonderes Interesse:„Das schmähliche Einverständnis des Kreuzes mit Sichel und Hammer.“ Der Verfasser, Abbe F., ein alter Bekannter von mir, nannte sich darin „Seelsorger des Marschalls“. Er griff die„Gaullards“ und die Kommunisten an, die in Paris die Regierung gebildet hatten. Das war reiner Wahnsinn, denn es war nun Anfang März 1945. Beim Weiterlesen stellte ich mit Interesse fest, daß meine frühere Tätigkeit empört und mit Rachedrohungen erwähnt wurde. So nahm ich die Verbindung mit der Politik wieder auf. Ich empfand einen gewissen Stolz, in einem Blatt, das mich mehr betrübte als erzürnte, so angegriffen zu werden. In der Sicherheit, daß wir es waren, die den richtigen Weg gewählt hatten, war ich voll Nachsicht für die, die so schwer geirrt hatten. Diese Einstellung habe ich nie aufgegeben. Rache und Nachtragen schie- nen mir von nun an unnötig, ja verderblich. So vieles würde wieder aufgebaut werden, so viele Arbeitsstätten wieder in Gang gebracht werden müssen in unserem so tragisch auseinander gerissenen, uneinigen Lande, daß sich für die, denen die Ereignisse recht gegeben hatten, eine Erkenntnis geradezu aufdrängte. Wenn die Hand- voll Verräter, die bewußt das Land beinahe in die Schande und den Untergang Nazi-Deutschlands mit- gerissen hatten, abgeurteilt war, mußten sich die Sieger als gute Fürsten zeigen und die allgemeine Versöhnung proklamieren. Wie Saint-Exupery habe ich immer den Mythos der Reinigung gehaßt. 231 „Du verrätst so das Andenken deiner Freunde, derer, die nicht wie du das Glück gehabt haben durchzukom- men“, flüsterte mir eine leidenschaftliche Stimme zu. „Laß sehen. Ich möchte die Toten ebensowenig ver- raten, wie ich nicht daran denke, ihre Leiden auszu- nutzen. Aber nicht einer von denen, die ich habe ster- ben sehen, hat mir den Auftrag gegeben, ihn zu rächen.“ In der Stube Vier von Block 3 besuchte ich oft denaltenS. Er war ein Kamerad und politischer Freund von Auboi- roux, aber aus der vorhergehenden Generation. Dieser alte Revolutionär hatte Jaures gekannt, die Streiks im Heldenzeitalter und in den Kämpfen um die drei Achten') mitgemacht. Er war damals, vor dem Jahr 1914, noch Lehrling bei Forges et Chantiers de la Gironde. Das war nun alles recht lange her. Er hatte auch unter der Schermaschine seinen prachtvollen Kopf eines alten Tour de France-Mannes behalten, tief gefurcht und wetterverbrannt. Seine blauen Augen waren klar, und seine Stimme, die sich so oft in den großen Versamm- lungen von Begles oder la Bastide hatte vernehmen lassen, war sehr schwach geworden, hatte aber ihren singenden Tonfall behalten. Er betrieb eine kleine Reparaturwerkstatt in einer Kreisstadt am Ufer des Flusses. Die Vichypolizei hatte ihn zu Beginn des Krie- ges abgeholt und im Fort du Hä?) eingesperrt und dann im Hauptgefängnis von Eysses, wo ihn schließlich die Gestapo übernahm. Nur eines interessierte ihn: die Nachrichten vom Kriege. Als man ihm eines Tages ein Stück Brot brachte, bekam er es doch fertig, zu sagen: „Ein besserer Kriegsbericht wäre mir lieber. Als ich meine Genesungszeit dazu benutzte, in Stube Vier den Hilfspfleger zu machen, rief mich VaterS. eines Morgens zu sich. Sein Asthma ließ ihn nicht lange spre- chen, und außerdem war er sichtlich am Ende. 1) Acht Stunden Arbeit, acht Stunden Erholung, acht Stunden Schlaf. 2) Altes Fort, später Haftanstalt bei Bordeaux. 6320 I et<| „Da Sie es schaffen werden, durchzukommen“, sagte er mir,„möchte ich Ihnen meinen letzten Willen anver- trauen.” Ich protestierte und brachte die üblichen Lügen vor. Ich erwartete zumindest ein gut aufgemachtes Glaubens- bekenntnis und den energischen Auftrag, mich zu ver- gewissern, daß die, die ihn hierher gebracht hätten, bestraft würden. Aber das Gespräch nahm sofort eine ganz andere Wendung: „Gehen Sie bitte in meine Wohnung und sagen Sie mei- ner Frau und meiner Tochter, daß ich an sie gedacht habe, ehe ich gestorben bin.” Hier machte er eine kleine Pause, um Atem zu holen. „Und dann führen Sie sie bitte unter den dritten Pflau- menbaum, der rechts am Gang mitten im Garten steht. Und dort graben Sie bitte einen Meter tief. Dorthin habe ich das getan, was am Hochzeitstag meiner Tochter gebraucht wird.“ Wenn man mir von Rache erzählt, denke ich immer an den Pflaumenbaum vom Vater S., der am Gang mitten im Garten steht, der dritte rechts. XIX Die beiden großen Lehren Ich habe immer alles ernst genommen, das hat mich weitergebracht. Wir glaubten alles, was unsere Leh- rer uns sagten und genau so, was unsere Pfarrer uns sagten(Charles Peguy„L’Argent“). Ich erzähle die Dinge, wie ich sie gesehen habe. Es sind Kameraden da als Zeugen— denn nicht alle sind tot—, die mich als Lügner behandeln könnten, wenn sie der Meinung wären, daß ich sie in einem Licht darstellte, das nicht der Wirklichkeit entspricht. Wenn das große 233 Abenteuer, das wir durchgestanden haben, manchmal verschönert oder vergröbert erscheint, so ist das nicht unsere Schuld, und es ist nicht aus Vergnügen an Sym- metrie, sondern als Zeugnis für die Wahrheit, wenn ich jetzt die parallel laufende Geschichte des Lehrers Ge- orges Lapierre und des Jesuiten Victor Dillard erzähle. Georges Lapierre war mit dem Transport vom 6. Sep- tember aus Natzweiler eingetroffen und in den Block 23 gekommen. Citron, dem nichts entging, hatte seine An- wesenheit sehr bald entdeckt. Die beiden Lehrer, die damals Schreiber im Block 23 waren und denen ich die Nachricht von Citron weitergegeben hatte, erklärten sofort mißgelaunt, daß der Generalsekretär ihres Syn- dikates sich ihnen doch schon hätte vorstellen können. Lapierre aber zog es ganz im Gegenteil vor, im Durch- einander der Ankömmlinge unbeachtet zu bleiben. Das war ein Grundzug seines Charakters. Ich suchte ihn in der wimmelnd überfüllten Stube auf, in der er die Nacht verbracht hatte. Offensichtlich freute er sich sehr über meinen Besuch. Er war klein von Gestalt, hatte einen runden Kopf und rollte das R mit einem ausgesprochen burgundischen Akzent. Im Koch- geschirr hatte ich ihm einen„Nachschlag“ kalter Suppe mitgebracht. Nachdem er gegessen hatte, war sein erstes, sofort selber das Gefäß auszuwaschen. Sein sorg- sames Bestreben, in diesem Stall von Menschen, in die- ser wilden Maskerade, gute Manieren zu behalten, war ein ganzes Programm, war ein Protest, war die Weige- rung, die Haltung von Vieh anzunehmen. Viele und sehr wesentliche Dinge trennten mich von Georges Lapierre. Ich stellte mir diesen Freigeist als Sektierer vor. Ich hatte eine unbestimmte Erinnerung an Meinungsverschiedenheiten, die er seinerzeit mit Freunden von mir ausgefochten hatte. Dieser Vertreter der Gedankenfreiheit, der Schule als Befreierin, dieser aggressive Lehrer, schien mir ein Gesprächspartner, mit 234 Pe WE u u EEE a u 1 dem ich die wenigsten Berührungspunkte finden würde. Ich spielte sofort, um zur Sache zu kommen, auf die enttäuschende Haltung einiger seiner Kollegen in der Geschichte von München 1938 an. Aber weit entfernt, ein strenges und leidenschaftliches Urteil auszuspre- chen, versuchte er, wenn auch nicht ihre Haltung zu rechtfertigen, so doch die Gründe dafür zu erklären, auch wenn sie nicht die seinen waren. Es fehlte nicht viel, dann hätte er eine Haltung entschuldigt, die der- jenigen genau entgegengesetzt war, die ihn hierher, wo er sich jetzt befand, gebracht hatte. So dachte ich, daß er seinen Stand verteidigen wollte. Diese Anständigkeit des Vorgehens mißfiel mir nicht. In den nächsten Tagen versuchte ich Lapierre so oft wie möglich zu treffen. So habe ich diese außergewöhnliche Persönlichkeit ent- deckt. Daß er mir vertrauliche Mitteilungen machte, er, der so zurückhaltend war, daß er mir seine Hoffnungen für den Tag, an dem uns die Freiheit wiedergeschenkt würde, schilderte, ist eines der Dinge, auf die ich am meisten stolz bin. Seine verstandesmäßige Aktivität war völlig intakt, sein Gedächtnis großartig, und dennoch hatte er in Struthof Hartes durchgemacht. Seine mageren Schul- tern hatten die schweren Bruchsteine aus Granit schlep- pen und seine kurzen Beine unter den Schlägen der Gummiknüppel der Kapos im Steinbruch laufen müs- sen. Er schilderte mir die furchtbaren Monate, die er dort verlebt hatte, bevor er im Revier Hilfsschreiber wurde. Durch ihn erhielt ich die Bestätigung dessen, was mir Abb& Bidaux von Alencon, der sein Gefährte in diesem fürchterlichen Zuchthaus gewesen war, be- richtet hatte, den elenden Tod meines Vetters Andre Delon und den Tod von Bonnel, Buchhändler in Sarlat, meiner Kampfgefährten in der Freicorpsgruppe Com- bat. Der Aufenthalt in diesem widerwärtigen Block 23, dieses fürchterliche Durcheinander und der Krach wa- 235 ren keine guten Vorbedingungen für sachliche Erwä- gungen. In seiner Tasche verwahrte er sorgfältig kleine Bleistiftstummel, die er bei der Filzerei durchgebracht hatte und deren er sich bediente, um die russische Front oder die Stellung der alliierten Armeen in Belgien auf- zuzeichnen. Eines Tages überraschte ich ihn dabei, wie er auf dem Tisch in seinem Block die Karte von Frank- reich aufzeichnete mit seinen 81 Departements. Die Präfekturen waren alle richtig an ihrer Stelle, und die Unterpräfekturen auch. Seine Vorliebe aber galt der Geschichte, der Geschichte von Frankreich natürlich. Seit dem Abend, an dem wir uns das erste Mal begegnet waren, interessierte mich eine Besonderheit seiner Ausrüstung. Lapierre trennte sich nie von einer Art kleinem Sack aus zusammen- gestoppelter Leinwand, einem Bettelsack, ähnlich dem Brotbeutel, den die Soldaten des ersten Krieges am Kop- pel trugen. Diese Zutat und die dicke Schnur, die er um die Hüfte trug, unterstrichen noch sein Bettleraussehen, das ihm eine unbestimmte Ähnlichkeit mit dem be- rühmten Landstreicher von Richepin gab. Ich hatte bis dahin nicht gewagt, ihn nach dieser seltsamen Ergän- zung seiner Kleidung zu fragen, und diese Zurückhal- tung mag als Maßstab für die respektvolle Verehrung gelten, die mein alter Kamerad einflößte. Eines Tages aber ging mir die Neugierde durch: „Sie scheinen sich darüber keine Rechenschaft zu geben, Herr Lapierre“, sagte ich ihm,„daß Sie unter keinen Umständen das Recht haben— es ist streng verboten—, irgend etwas anderes bei sich zu tragen als das Stück- chen Stoff-Fetzen, das Ihnen als Taschentuch dienen muß, und gegebenenfalls Ihr Brillenetui. Wenn Sie die Brille auf der Nase haben, hat Ihr Etui leer zu sein. Sie setzen sich einer plötzlichen Überprüfung durch den Rapportführer aus.“ Da antwortete Georges Lapierre ganz freundlich:„Ich habe da drin das Manuskript 236 DR)> Wr> RT VS DE ln eines neuen Handbuches der Geschichte von Frankreich für die Kinder unserer Volksschulen, das ich gerade fertigmache.“ Dieser Antwort mochte ich nichts hinzufügen. Aber ich möchte doch über diesen erstaunlichen Plan berichten, den Lapierre in Dachau zur Reife brachte. Bei seinen langen Betrachtungen auf dem Appellplatz war ihm klargeworden, daß die Handbücher der Geschichte Frankreichs die großen Ereignisse, die sich in der Welt abspielten, während Charles Martel die Araber in der Ebene von Poitiers aufhielt, oder während Jeanne d’Arc den König in Reims krönen ließ, kaum erwähnten. Dieser Mangel an Abstand drohte seiner Ansicht nach die Perspektiven des Kindes zu verfälschen. Außerdem schien ihm notwendig, jede Lektion durch eine prak- tische Übung zu ergänzen, die die Aufmerksamkeit des Schülers auf einen ihm näherliegenden Rahmen lenken sollte: Was geschah in seiner kleinen Gemeinde der Cöte-d’Or, während die große Armee die Rückzugs- gefechte an der Beresina schlug oder die Pflastersteine der„Drei Glorreichen“') sich erhoben? Schließlich, und das hatte mich überrascht, hatte Lapierre im Evange- lium eine unerschöpfliche Fundgrube von Wissen ent- deckt, die man für die Geschichte des Christentums in Verbindung mit der Nation ausbeuten konnte. Als Lapierre im Block 30 gegen Ende Januar spürte, daß sein armes, erschöpftes Gebein nicht mehr auf der Höhe seiner unbeugsamen geistigen Energie sei, als er einen nach dem anderen aus seiner Umgebung in gräßlichem Verfall untergehen sah, schickte er mir einen letzten Zettel mit der Bitte, ihm einen Abschnitt aus dem ersten Brief an die Korinther zu schicken, dessen Ent- deckung ihn zutiefst ergriffen hatte:„Und wenn ich Sprachen der Menschen und der Engel redete....“ In 1) Die drei glorreichen Tage 27., 28. und 29. Juli der Revolution von 1830. 237 den nächsten Tagen machte er, da er ein ordentlicher Mann war, aus seinem berühmten Manuskript ein ordentliches Paket, verschnürte es und schrieb auf die Hülle in Bleistift mit seiner schönen kalligraphischen Volksschullehrer-Handschrift die einfachen Worte:„Ist an Pierre Suire zu übergeben.” Pierre Suire war sein großer Freund. Sie waren sich in Natzweiler begegnet. Lapierre liebte Suire wie einen jüngeren Bruder. Suire verdiente diese Ehre vollauf. Ich hoffe, daß Suire, wie Lapierre es wünschte, einmal die Geschichte von Frankreich wird veröffentlichen können, die er in Dachau verfaßt hat, ohne Aufzeich- nung, ohne Katalog und ohne andere Unterlagen als sein Gedächtnis und sein Herz, Georges Lapierre, staat- licher Lehrer. Als ich auf Pater Dillard im Quarantäneblock stieß, wo er Ende November 1944 ankam, rief ich ihm als erstes Wort etwas zu, was gut gemeint sein mochte, was ich mir aber später zum Vorwurf gemacht habe. „Nun Herr Pater, sie haben Ihnen kein Glück gebracht, Ihre Vorträge von Vichy.“ Ich spielte damit auf die Predigten an, die der Pater während der ersten Monate des„Französischen Staates” großzügig den neuen Herren gehalten hatte. Er be- mühte sich, einen wohlbekannten Dreiklang zu ent- wickeln: Arbeit, Familie, Vaterland. Er nahm diesen Scherz nicht übel. Seine Verkleidung als Stationsvor- steher amüsierte ihn. Er kam aus dem Gefängnis. Sein Gesicht bezeugte es: hohle Wangen, gelbe Farbe, fiebri- ger Blick. Man spürte, wie ausgemergelt er war. Er klagte auch schon über Schmerzen im Bein; sie waren so stark, daß er nur auf die Schultern eines Kameraden gestützt gehen konnte. Einige Tage später war ich mit Ryckere zum Dienst im Duschraum des Reviers. Da zeigte mir dieser einen 238 Kameraden, der nackt, ohnmächtig, in seiner ganzen Länge auf dem Zementfußboden lag. Es war Pater Dil- lard. Als er wieder zu sich kam, mußten wir ihn in den Block 9 transportieren, wohin er, was nicht ganz ein- fach war, schließlich eingewiesen wurde. Da entsteht die erste Schwierigkeit. Der Pfleger der Stube Zwei, ein junger slowenischer Student der Zahnmedizin, sieht diesen zusätzlichen Pfarrer nicht gern kommen. Un- möglich, ihn zur Freigabe eines Platzes auf den unteren Strohsäcken zu bewegen. Der Pater muß also in den dritten Stock der Bettstellen gehoben werden; er jam- mert vor Schmerzen. Da es klar ist, daß von dem Titoisten nichts zu erhalten ist, muß versucht werden, den Pater in einen weniger ungastlichen Block zu bringen. Pierre Suire, der immer in die Bresche sprang, bekam also von seinem Ober- pfleger dieGenehmigung, in Block ı diesen Landsmann in größter Not selbst zu pflegen. Er geht ihn überneh- men, während der wütende Pfleger von 9, dem die Rationen entgehen, die der Pater doch nicht hätte ver- zehren können, seine Verwünschungen durch den Raum brüllt:„Hau ab, du Unglückspfaffe, in zwei Tagen bist du sowieso krepiert.“ Der Pater findet bei Suire einige Tage der Ruhe. Das ist die Zeit, in der ich ihn öfters sehe. Wir sind fast gleich- altrig. Er hat den ersten Krieg mitgemacht und sogar etwas mehr, da er unter Weygand in Warschau noch gedient hat. Er ist Träger des Ordens des Weißen Adlers von Polen und stolz auf seine soldatische Vergangen- heit. Wir sprechen von Dingen und Leuten, die uns gemeinsam am Herzen liegen; die neuen Arten des Apostolates, Yves Simon, dem er in Amerika begegnet war, und vieles andere. Er ist glücklich, sich mit einem Freund der Jesuiten, der so viele Mitbrüder der Gesell- schaft Jesu kennt, unterhalten zu können, und zu er- 239 fahren, daß seine Arbeiten über die jungen Studenten und Arbeiter in Amerika geschätzt werden. Er erzählt mir dann, wie er dazu gekommen ist, das Spiel ehrlich und bis zum Ende durchzuspielen, die jungen Zwangs- arbeitsverpflichteten nach Deutschland zu begleiten, und wie dann die Nazis seine Arbeit unterbrochen haben, indem sie ihn zuerst ins Gefängnis und dann hierher steckten. In der Stube von Pierre Suire umgeben Lassus und Morin den Pater mit einer verehrungsvollen Fürsorge. Eine Art Licht scheint von dem Strohsack auszugehen, auf dem er hinten in der Ecke liegt, neben dem Lager von Godart. Pater Riquet hatte es am Weihnachtstage geschafft, seinem Studiengenossen die Wegzehrung zu bringen. Das war nicht einfach, weil der Zutritt zum Revier den Pfarrern verboten war. In der Folge fiel die Rolle eines Tarcisius für den sterbenden Ordensmann einem Laien zu. Suire führte um ihn einen verbissenen Kampf mit dem Tode. Ein weiteres Mal stellte sich Suire— er war entschieden ein Rückfälliger— zu einer Blutübertragung zur Verfügung, nachdem Breuilhot, jüdischer Student der zweiten Panzerdivision, gern das- selbe versprochen hatte. Da sich der Zustand des Paters verschlechterte, wurde in den ersten Tagen des Januar die Amputation des Beines beschlossen. Nach der Ope- ration war ich an seinem Bett und hielt ihm die Hände, als er aus der Narkose noch nicht ganz erwacht war. Mit leiser Stimme redete er etwas wirr vor sich hin. Ich bemühte mich, die scheinbar unzusammenhängenden Sätze, die von seinen Lippen kamen, zu verstehen, weil er Namen nannte, und das hatte meine Aufmerksam- keit erregt. Ich dachte, es müsse sich um Kameraden handeln, die ich noch nicht kannte, zu denen seine letzten Gedanken gingen. „Vergessen Sie nicht, dem Bernhard Sowieso die Oran- gen von mir zu geben.“ Ich dachte so bei mir an die 240 oa bb“ a mM 2 rd> mu Jie Täuschung, die wir in dieser Hungerwüste erlebten, wenn wir von so vielen Dingen träumten, nach denen wir uns sehnten, eine Frucht, ein Kuchen, eine Süßig- keit. Der Pater setzte seine seltsame Aufzählung fort: „Alain X. geben sie das Stück Pfefferkuchen, das ich im Block gelassen habe, Claude Z. geben sie den Zucker, den ich von Wuppertal mitgebracht habe...“ Was mich überraschte, war die Genauigkeit, mit der der Familienname jedem Vornamen folgte. Es war irgend etwas Ergreifendes in diesem hilflosen Testament. Ich wußte allzu genau, daß der Pater keinen einzigen die- ser Schätze besaß. Er beendete schließlich seine ima- ginäre Verteilung: „Und an Gaston B. geben sie die Schachtel Dragees, die ich für ihn aufgehoben habe. Ich lege großen Wert darauf.“ Als er nach einer kurzen Erschöpfungspause zu sich kam, wurde sich der Pater klar, daß er irre- geredet hatte. Er bat mich, ihm zu wiederholen, was er gesagt hatte. „An sich unbedeutende Sachen”, sagte ich. Aber ich hielt an meinen Gedanken fest:„Sie haben mirNamen genannt. Es muß sich ohne Zweifel um Kameraden aus dem Block handeln, an die Sie vielleicht irgendeine Nachricht geben wollen.“ Pater Dillard wollte nun diese Namen hören. Ich wie- derholte sie ihm. Er überlegte einen Augenblick. Trä- nen flossen über seine Wangen, deren Furchen ein schmerzliches Lächeln betonte: „Wie merkwürdig”, sagte er,„ich habe Ihnen dieNamen der Schüler meiner letzten Oberprima genannt.” 241 xx Das Ende der Vorstellung Die Verbindung mit den dunklen Kräften der Rasse— was wollt Ihr?— ist natürlich sehr verlockend. Aber wir wissen zu genau, wie solche Feiern enden. Früher oder später finden wir diese Leute dann nieder- gestreckt in Blut und Schlamm(Georges Bernanos „Wir Franzosen‘). Ich war seit einigen Tagen Nachtwächter im Revier. Alex hatte mich nach dem Typhus dort versteckt. Das war kein schlechter Unterschlupf und verglichen mit so viel anderem war der Posten sogar beneidenswert. Man kam natürlich kaum dazu, jemals ein Auge zu- zumachen. Man mußte immer bereit sein, den jam- mernden Kranken zu trinken zu bringen und die weni- gen umzubetten, die noch stark genug waren, sich gegen das Liegen in ihren eigenen Ausscheidungen auf- zulehnen, dann gab es Strohsäcke zu reinigen; schließ- lich waren die etikettierten Leichen in das Leichenhaus zu schaffen. Das wareine furchtbar anstrengende Arbeit, zunächst einmal, weil ich selber noch nicht recht bei Kräften war und die Zahl der Toten jeden Tag zunahm, 10, 12, 15 jeStube und Nacht. Jedesmal mußte die Leiche durch die Gänge des Reviers bis ins Depot geschafft werden, wo derPlatz bald fehlte. Es blieb nichts anderes übrig, als mit den Kameraden Leichenträgern die starren Körper über sich heraufzuheben, um sie so hoch wie möglich aufeinander zu stapeln. Dabei geschah es häufig, daß infolge eines falschen Schrittes oder einer ungeschickten Bewegung des damit Beschäftigten die starre Hülle ihm auf Kopf und Schultern fiel und sich dabei ganz über ihn entleerte. Da es nachts kein Wasser gab, mußte man auf den Morgen warten, um sich zu waschen. Aber all das war doch noch ver- 242 hältnismäßig gering im Vergleich mit dem, was die Kameraden in den Blocks und in den Außenkomman- dos aushielten. Und dann gab das Gefühl, in Zukunft gegen den Typhus immun zu sein, ganz hübsch Auf- trieb. Die anfangs begrenzte Epidemie begann sehr bedenkliche Ausmaße anzunehmen. Sie ergriff bald das ganze Lager. Die Alten, die seit Anfang da waren, erfaßte der Schrecken. Die Krankheit schien mehr auf sie als auf die anderen zu zielen. Diejenigen von ihnen, die gesund blieben, verbarrikadierten sich in ihren Stu- ben und steckten die Nase nur zum Antreten hinaus. Das Revier war bis zum letzten Platz belegt. Die Stroh- säcke quollen aus den Räumen heraus und verstopften die Gänge. Man konnte dort nur noch gehen, indem man über die Lagerstätten stieg. Die Angst vor der fata- len Aufschrift„Lebensgefahr, Typhus“ hielt auch die Mutigsten fern. Es mußte einer unbesorgt sein wie Citron, um weiterhin zu gehen und zu kommen, als ob gar nichts wäre. Er nahm mich eines Tages gegen Ende März beiseite, um mich auf den Nachteil aufmerksam zu machen, der für die Franzosen entstehen könnte, wenn das internationale Befreiungskomitee sich ohne einen ihrer Vertreter konstituierte, da General Dele- straint im Ehrenbunker nicht erreichbar war. Citron war wie immer über alles auf dem laufenden. Er mochte selber damals noch so elend sein und mit einem Kopf voller Furunkel unter Papierverbänden herum- laufen: nichts entging ihm. Persönlich fühlte ich mich im Revier nützlicher als im Lager, wo ich nur Tag um Tag hätte zur Kenntnis nehmen müssen, daß von mei- nen Kameraden die, denen ich noch etwas Hilfe hätte bringen können—deralte Charaudeau, Soulange-Bodin, Estrabeau, Peupion, Bonotaux, Chanson, Dollfuß—, niemanden mehr brauchten. Andererseits sah ich im- mer noch nicht recht den Nutzen dieses Befreiungs- komitees ein. Ich glaubte dahinter gewisse politische 243 Gedanken zu erkennen, die an die Fabel von der Fliege und der Postkutsche erinnerten, viel mehr als an einen wirklichen Willen, den Tag einer Befreiung, die ja gar nicht von uns abhing. Daher mußte all das platonisch bleiben. Doch Citron drängte so stark, daß ich mich entschloß, das Revier zu verlassen und in meinen Block zurückzugehen. Vor mehr als zwei Monaten war ich ins Revier gekom- men. Als ich es verließ, sah man auf den ersten Blick, welches Ausmaß von Verwirrung und Chaos im Lager herrschte. Das sollte sich von nun an immer mehr stei- gern. In den letzten 14 Tagen rissen alle Zusammen- hänge, und eine geradezu ungeheuerliche Anarchie griff um sich. Der Hof jedes einzelnen Blocks östlich vom Revier ist durch eine Stacheldrahtsperre geschlossen. Im Innern dieses engen Ganges wimmelt eine Menge von blei- chen Gespenstern in Fetzen herum. Dort finde ich den Abgeordneten von Finistere, Grouan, in einem unbe- schreiblichen Zustand vor. In den Blocks krepieren die Unglücklichen zu Hunderten am Tage. Die Leichen liegen jetzt schon auf den Wegen. Seit Januar kommt das überlastete Krematorium nicht mehr nach. Um zu gewissen Blocks zu gelangen, muß man Leichenberge überschreiten. Der„Moorexpreß“ verkehrt langsam von morgens bis abends und schleppt seine Ladung grauen, grünlichen, violettverfärbten Menschenflei- sches zu einer Fleischkammer hinter dem Plantagen- kommando. In den linken Blocks hat die Epidemie schreckliche Ver- heerungen angerichtet. Umsonst suche ich die Ge- sichter der alten Kameraden, die ich im Januar dort ver- lassen habe. Übriggeblieben sind einige Slawen mit stumpfem Gesichtsausdruck, in Gruppen zusammen- gedrängt, wie die Pestkranken von Jaffa. Bei den Fran- 244 zosen in 24 finde ich endlich einige vertraute Gesichter. Schillio ist da mit seinem Jungen. Welche Leistung! Arthur Poitevin ist auch da; über ihn haben seine nor- mannischen Kameraden gewacht, denn er ist blind, und hätte man ihn entdeckt, wäre er schwer be- lastet gewesen. Dazu sein Vetter Joseph aus Port-en- Bessin. Paul Haissat steht noch aufrecht mit einem seiner Landsleute aus den Vogesen, ebenso der Notar Lamielle von Charmes. Etwas weiter oben halten die Nummern 72 000 im Plantagekommando immer noch stand. Die Mannschaft der Desinfektion, die bisher im Lager schlief, war dort nicht mehr er- wünscht. Sie wurde in eine Stube des geschlossenen Blocks 29 verbannt, die weitestabgelegene, in der Nähe ihrer Arbeitsstelle. Dort also fand ich Auboiroux — unermüdlich wie immer— vor, der mir einen Platz neben sich auf seinem Strohsack einräumte. Mittler- weile erlebten die Franzosen ein unerwartetes Aben- teuer. Als kein Mensch mehr irgend etwas bekam, erhielten sie Pakete vom Roten Kreuz. Sie wurden plötzlich vornehme Leute, deren Ansehen sich von nun an immer mehr steigerte. Es wurden Landsleute ent- deckt, die— weil sie bisher glaubten, mit dem Anfangs- buchstaben D der Volksdeutschen besser behandelt zu werden— sich noch nicht bemerkbar gemacht hatten. Die Saarländer sind unter diesem Gesichtspunkt mit der Annexion durchaus einverstanden. Die verbissen- sten Franzosenfeinde, die uns bisher am meisten ver- achtet hatten, alle Kapos und Vorarbeiter, die uns bis- her als weniger wie nichts behandelten, sind plötzlich ganz Lächeln und Herzlichkeit. Diese Pakete, die meh- reren Tausend von uns das Leben gerettet haben, waren nicht nur für die Deportierten von Dachau bestimmt, sondern auch für die der anderen Lager, insbesondere Mauthausen und Buchenwald. Aber in dem völligen Durcheinander der letzten Wochen wurden sie unter- 245 schiedslos hierhergebracht, wo als Vorsichtsmaßnahme der letzten Stunde der Lagerführer ihre Verteilung ge- nehmigte. Ehrlich gesagt: sie kamen gelegen. Nun aber werden die Ereignisse sich überstürzen. Mehr- mals am Tage sieht man jetzt die glückverheißenden Geschwader in Richtung München am Himmel. Von Westen her glaubt man in gewissen Augenblicken schon das Donnern der Geschütze zu hören. Das Herz schlägt schneller in der Brust. Aber vor dem Ende er- warten uns noch Erschütterungen. Manche Vorzeichen werden uns darauf hinweisen. Zuerst hörte man Unbestimmtes von einer Räumung des Lagers in Marschrichtung nach der Gebirgsfestung Tirol. Die Nachricht muß nicht ganz falsch sein; Citron, der aus den Gesprächen, die die SS-Leute unter sich führen, alles aufsammelt, bestätigt sie uns. Zum ersten- mal sehe ich, daß Citron besorgt ist. Das ist ein schlech- tes Vorzeichen. Der alte Pfarrer Goldschmidt vom Block 26, der auch ein feines Ohr hat und im selben Kommando arbeitet, bestätigt die Nachricht ebenfalls. Noch mehr: ein erstes Kontingent von 2000 bis 3000 Russen wird plötzlich auf dem Appellplatz versammelt und mit unbekanntem Ziel in Marsch gesetzt. Es wird nicht lange dauern, bis wir das Schicksal dieser Un- glücklichen erfahren. Nun sind die 25 ooo anderen Häftlinge dran und stehen auf dem Appellplatz. Düstere Gerüchte kommen in Umlauf: sie werden uns mit Flammenwerfern umbrin- gen und dann das Lager in Brand stecken! Wir werden in unsere Blocks zurückgeschickt. Am nächsten Morgen spielt sich das gleiche ab. Es ist anzunehmen, daß die Verwirrung bei den SS-Leuten zunimmt. Vor dem nahenden Ende wissen sie nicht, für welche Seite sie sich entscheiden sollen. Unterdessen dauert die Überschwemmung des Lagers 246 an. Ganze Transporte von den Außenkommandos kommen zurück und— zum größten Erstaunen auch von Buchenwald. Den Anblick, den der Appellplatz nun bietet, werde ich nie vergessen. Die von der Reise Übriggebliebenen sind da: auf dem Boden zusammen- gebrochen, in einem Zustand von Schmutz, Elend und Erschöpfung, der uns erstarren läßt. Und trotzdem hatten wir geglaubt, wir seien unempfindlich geworden. Unter diesen menschlichen Fetzen, aber nicht auf den ersten Blick, erkenne ich Gesichter von Kameraden, die uns voriges Jahr verlassen haben, Gervaise und Pradier. Ein Schreiber geht durch die Reihen, um die Namen und die Matrikelnummern zu erfragen. Sie blicken starr, ohne daß ein Wort aus ihrem Munde kommt. Tausende von ihnen enden da wie zerbrochene Auto- maten, unfähig, auch nur eine Silbe auszusprechen oder das geringste Zeichen zu geben, das ermöglichen würde, sie zu identifizieren. Wenn die Amerikaner nächste Woche kommen werden, werden sie einen an- deren Transport entdecken, aber dieser wird nicht die Mühe gehabt haben, die Schwelle des Lagers zu über- schreiten. Derganze Zug wird nurLeichen enthalten. Die Prominenten sind geholt worden: Joseph Joos und der Prinz von Bourbon-Parma. Man sagt, sie seien zu Monsignore Piguet in den Ehrenbunker gegangen. Morgen wird man sie in der Lagerstraße mit Leon Blum und dem Kanzler Schuschnigg gehen sehen. Woher sie gekommen sind, weiß man nicht, und noch weniger, wohin sie unterwegs sind. Plötzlich ein Operettenbild: Eine Gruppe französischer Waffen-SS von der Legion „Karl der Große“, die behaupten, Deserteure von der russischen Front und vor dem deutschen Kriegsgericht angeklagt zu sein, marschiert quietschvergnügt in Block 24. Ich gehe zu ihnen hin. Sie sehen alle unver- schämt jung aus und tragen das blau-weiß-rote Schild- 247 chen neben dem SS-Totenkopf auf der Schulter stolz zur Schau. Zum Glück für unser Prestige waren die Pakete des Roten Kreuzes vor ihnen angekommen. Auboiroux kann sich nicht beruhigen. Er möchte diese französi- schen SS-Leute in den Block der deutschen Prominenten schicken. Leider liegt das nicht in unserer Macht. Ein anderes Bild kommt mir in Erinnerung, eines der eindrucksvollsten dieser letzten Wochen. Citron und ich waren eines Abends unterwegs in der Allee, die am Ende des Lagers am Kaninchenkommandbo entlanggeht. Im vergangenen Jahr war ich mit meinen Schülern, den polnischen Pfarrern, oft dort entlanggegangen. Der bisher blaugraue Himmel stimmte endlich in die Szene ein. Vom Westen her kam der Lärm von Panzern und Artilleriefeuer immer näher; dort riegelte ein pur- purroter Streifen das ab, was wir vom Horizont er- blicken konnten. Eine wagnerische Szenerie, ein Bild aus der Apokalypse. Wir bewegten uns jetzt in einem Laufgraben, der durch eine doppelte Reihe aufein- andergehäufter Leichen entstanden war. Auf ihren Wachttürmen schoben die SS-Leute die letzten Stunden eines Dienstes, der seit zehn Jahren dauerte. Sie ließen ihre Raubvogelaugen über den unruhigen Ameisen- haufen kreisen und ebenso die Mündungen ihrer Maschinengewehre, die bereit waren, beim geringsten Anzeichen einer gemeinsamen Unternehmung in Tätig- keit zu treten. Da dringt merkwürdiger Gesang zu uns: eine Mischung von Kriegs- und Kirchenlied. Die Klänge kommen näher. Wir verstehen die Worte. Citron erkennt ein Marschlied der Nazijugend. In dieser schwarz-roten Dämmerung ist der Eindruck ergreifend. Die letzten SS-Rekruten kommen vom Exerzieren zurück. „Geben wir es zu“, sagt Citron,„dieser Zusammen- bruch hat doch in seiner Art etwas Großartiges.“ 248 10) Sonntag Morgen, der 29. April. Das internationale Komitee versammelt sich zum erstenmal vollzählig in der Bibliothek in der ersten Stube von Block>, auf der linken Allee, die also am nächsten am„Jourhaus“ ist. Ohne Schwierigkeiten werde ich in dieser Versammlung an Stelle von General Delestraint zugelassen. Leo, der Schreiber von 24, hat mich über die Verhandlungen, die der Konstitution dieses Rates vorangegangen waren, auf dem laufenden gehalten. Der russische General ist aus Klugheitsgründen, denen ich zustimmte, bisher gegen den Zusammentritt des Rates gewesen. Da ist unter anderem Patrick O’Leary, der Großbritannien vertritt, obwohl er das Englisch recht merkwürdig spricht,„Pat“, der mich während des Typhus mit einer verbissenen Großherzigkeit gepflegt hat, der große Arthur, mein belgischer Pfleger, Vincent Parra, der die roten Spanier vertritt, der Marquis Pallavicini, der trotz seines Namens Ungar ist, Melodia, der Italiener, Jura- nic, der sich schließlich bei den Tito-Jugoslawen und den anderen durchgesetzt hat, der tschechische Arzt Blaha, der erstaunliche Albaner Ali Kuci, der sowjetische General Michailow, der das Kunststück zustande ge- bracht hat, seit mehr als einem Jahr unbemerkt durch- zukommen, Oskar Müller schließlich, der alte deutsche Kommunist mit seinem Dickschädel, der den Franzosen immer eine ehrliche Freundschaft entgegenbrachte, ein anständiger Kamerad. Wir tagen in Permanenz. Eine erste Proklamation wird abgefaßt, die die Kameraden zur Ruhe auffordert. Sie bittet sie, in ihren Blocks zu bleiben und neue An- weisungen abzuwarten. Der riesige Appellplatz ist leer. Einige letzte eigensinnige SS-Leute allein sind noch auf ihren Posten auf dem Wachttürmen. Von unserer Beob- achtungsstelle aus überwachen wir das Eingangstor. Es scheint, daß der Oberführer des Lagers heute nacht seine Machtbefugnisse Oskar Müller stillschweigend übertra- 249 gen hat. Die SS-Leute haben uns also uns selbst über- lassen. Sie haben das Lagertor hinter sich geschlossen und gehen den amerikanischen Truppen entgegen. Gegen Mittag ist auf dem Dach ihres Gebäudes auf der anderen Seite des Umfassungskanals die weiße Fahne gehißt. Vor der Türe, aber auf der Innenseite, gestiku- lieren zwei nackte Gespenster, nur mit einem Tuch be- deckt, und flehen die letzten SS-Leute an, sie mitzu- nehmen. Es sind zwei Deutsche, ein ehemaliger Lager- ältester und der Kapo der Polizeihunde, die die Alten seit langer Zeit vorgemerkt hatten. Sie vergehen vor Angst beim Gedanken an die Rechenschaft, die sie dem- nächst werden geben müssen. Um sie an der Flucht zu hindern, haben ihnen die Alten vom Lager ihre Klei- dung weggenommen. Das Warten dauert lange. Die beiden gespenstischen Gestalten irren hin und her, heulen und winseln weinend vor einer riesigen leeren Bühne. Der Kanonendonner kommt näher; man hört das Knattern der Maschinengewehre. Endlich, um fünf Uhr dreißig nachmittags, bricht das Tor. Vorhang. Die Tragödie geht zu Ende. Vor der nun folgenden Ope- rette läuft noch ein Film. Der erste amerikanische Soldat, der bei uns erscheint, in jeder Hand einen schweren Revolver, ist eine Karikatur aus dem„Stür- mer“, ein richtiger Semit, dicke Lippen, Bananennase, krauses Haar. Er sprengt das Schloß und läuft auf uns zu. Niemand hat gegen diese Art moralischer Wieder- gutmachung etwas einzuwenden. Nach allem, was ge- schehen, hatten wohl die Juden Anrecht auf diese symbolische Anerkennung. Der Mann stellt sich vor: Samuel Kahn. Nun gut, das ist in Ordnung. Nach ihm folgt sogleich ein zweiter G.I. Auch er stürzt auf unsere Gruppe zu. Diesmal aber stellen wir beim näheren Zusehen fest, daß der Soldat ein blondes Girl ist, ein 250 =[an c hübsches Gesicht, mit diskretem Make-up. Vor allem interessiert es sie, die Namen der bedeutenden Persön- lichkeiten, die sich im Lager befinden, zu erfahren, um sie stehenden Fußes ihrer Zeitung zu kabeln. Sie über- reicht uns ihre Visitenkarte: Marguerite Higgins von der„New York Times“ oder„Washington Post“; ich erinnere mich nicht mehr genau. Noch dreißig Sekun- den, und da ist der dritte Befreier. Dieser ist nicht be- waffnet. Er stellt sich vor: es ist ein Militärseelsorger. Mit ergreifender Stimme fordert er uns auf, der Vor- sehung zu danken, daß sie uns bis zu diesem Tage er- halten habe, daß sie uns den Klauen des Drachen ent- rissen habe. Dann lädt er die herbeigeeilten Kameraden ein, auf dem großen Platz zusammenzukommen, um dem ersten Dankgebet, das er dort oben verrichten will, beizuwohnen. Mit dem Finger zeigt er auf den düsteren Turm und geht auf diese ungewöhnliche Kanzel zu. Man sieht ihn bald auf dem Aussichtspunkt des Wacht- turmes. In weiter Bewegung gibt er das Zeichen des Segens über die brüllende Menge, die aus den Blocks zusammenströmt. Aber plötzlich hört man Kugeln pfeifen; alles wirft sich zu Boden. Erst nach einem letz- ten Kugelwechsel mit den fanatischen SS-Leuten wird das Sternenbanner am Mast gehißt, wo gestern noch die rote Fahne mit dem Hakenkreuz wehte. Unerschüt- terlich aber betet der Priester von seiner Höhe herab unter einem zerbeulten Stahlhelm das„Vater unser”. So wurde uns— sozusagen im Wildwest-Stil— die Frei- heit wiedergegeben. XXI Jetzt aber beginnen die Schwierigkeiten Die kurze, sechs Wochen umfassende Geschichte der autonomen Republik Dachau unter amerikanischem Protektorat festzuhalten würde sich wohl nicht lohnen, gäbe sie nicht im kleinen Maßstab eine treue, ge- kürzte Fassung von Schwierigkeiten der ganzen Welt wider. Einige davon bestehen offenbar auch heute noch weiter. Am Morgen des Tages nach der Befreiung kam eine Gruppe von Kameraden unter der Führung von ME£ret, um mich im Franzosenblock 24 zu wecken und mir ihr Befremden auszudrücken. Die Trikolore wehte nicht an der Seite der Fahnen von Großbritannien, Rußland und China, die jetzt neben dem Sternenbanner flatter- ten. Sicherlich, wir hatten von den„großen Vier“ reden hören. Aber in unserer Harmlosigkeit hatten wir ange- nommen, daß wir der vierte wären. Wenn die Russen zweifellos Anspruch auf ihre Fahne hatten und die Engländer auch, so hätte man in Dachau nur schwer einen einzigen Chinesen finden können. Im Gegensatz dazu hatten Tausende von französischen Kämpfern hier ein dunkles, erbärmliches Ende gefunden, glanzlos, weit entfernt von den großen Beisetzungsfeiern, die Peguy für die Toten eines gerechten Krieges forderte. Schließ- lich schien uns das freie Frankreich eine gewisse Aner- kennung durch seine Alliierten zu verdienen. War es nicht in einem Krieg an ihrer Seite im Kampf geblieben, in einem Krieg, der aus vielen Gründen für Frankreich zehnmal grausamer gewesen war als für andere. Ich bemühte mich, diese Gründe dem amerikanischen General klarzumachen, der die Obhut des Lagers über- nommen hatte. Ich muß sagen, er schien wenig zugäng- 250 lich dafür. Unterdessen hatten die Polen eine Menge von Fahnen in den Farben ihres Landes aufgezogen. Sie hatten sie in den vorhergehenden Tagen heimlich in den Kommandos hergestellt, in denen sie arbeiteten. Das Lager war im Handumdrehen ein bewegter Wald von Wimpeln, Standarten, Flaggen und Fahnen gewor- den. Die Abzeichen der anderen Länder, der großen und der kleinen, ertranken schnell in dieser Flut. Eine an- dere Schwierigkeit zeigte sich bei der zweiten Zusam- menkunft des internationalen Komitees. Der ausge- zeichnete amerikanische General verstand nicht, daß es uns unerträglich war, seine eigenen Dolmetscher nur auf Deutsch zu den Zehntausenden von Männern sprechen zu hören, für die diese Sprache das Symbol der kaum überwundenen Sklaverei war. Wir brachten ihn dazu, die englische und die französische Sprache zur Durchgabe seiner Weisungen zuzulassen. So standen wir innerhalb von weniger als 24 Stunden vor den Schwierigkeiten, denen de Lattre in Berlin und Bidault in San Franzisco zur gleichen Zeit begegneten. Bald begannen die Petitionen in das Büro der inter- nationalen Kommission zu strömen, die in Permanenz tagte. Die baltischen Kameraden des Lagers, Litauer, Letten und Esten, verlangten eine Vertretung im Komi- tee. Aber der russische General machte aus ihrer Nicht- zulassung eine Grundsatzfrage, da es ja auf der ganzen Welt bekannt sei, daß die Balten russische Staatsbürger seien. Diesem bedingungslos vorgetragenen Argument gab der amerikanische General nach. Zur gleichen Zeit aber entschlossen sich die Sieger in San Franzisko, die Fiktion einer Souveränität der Ukraine und Weiß- rußlands anzuerkennen und ließen beide, ohne mit der Wimper zu zucken, in das Kollegium der Vereinten Nationen zu. 48 Stunden nach der Befreiung war das Fest des ı. Mai. In aller Eile wurde ein Riesenaufmarsch auf dem Ap- 253 pellplatz organisiert. Nie ist mir eine Massenkund- gebung ergreifender erschienen. Der langsame Zug dieser Riesenschar überlebender Europäer, die an der Grenze ihrer körperlichen Widerstandskraft waren, in alphabetischer Reihenfolge ihrer Länder hinter ihren nationalen Fahnen versammelt, das war wirklich ein ergreifender Anblick, den die bei dieser Gelegenheit entfaltete kommunistische Propaganda nicht abschwä- chen konnte. Für die Deutschen war als Reinigungs- geste eine Ausnahme beschlossen worden. Statt ihnen ihren Platz zu lassen, den sie auf Grund der internatio- nalen Schreibweise unter A(Allemagne) gehabt hätten, wurden sie symbolisch an das Ende des Zuges ver- wiesen. Ich muß sagen, daß das Erscheinen dieser Hand- voll unbeugsamer Überlebender von zehn unbeschreib- lichen Jahren doch den Gedanken nahebrachte, diese Stellung zu berichtigen, was immer auch die Gefühle sein mögen, die die Inschrift auf dem roten Spruchband eingab, hinter dem sie marschierten: „Gedenken an unseren Thälmann.“ Unsere französischen Kommunisten waren ebenfalls auf den Gedanken gekommen, werbende Spruchbänder zu zeigen. Ich glaube sogar sagen zu dürfen, daß die Texte sorgfältigvon dem geheimen Apparat ausgewählt waren, der von diesem Augenblick an das Lager in die Hand zu bekommen suchte. Ich erinnere mich meines maßlosen Erstaunens, als ich in dieser Weltuntergangs- szenerie den Kameraden Neveu ein Spruchbanner ent- rollen sah, auf dem stand:„Immer einig gegen den Faschismus.“ „Aber ist er denn nicht tot?“ bemerkte ich und wies auf das Schauspiel, das sich uns zeigte und auf die Leichen der letzten SS-Leute, die im Kanal trieben.„Was brau- chen Sie denn noch mehr?” „Und Franco?“ erwiderte Neveu schroff. Ich mußte zu meiner Schande gestehen, daß ich in der Freude der 254 wiedererlangten Freiheit Franco ganz aus dem Auge verloren hatte. In den folgenden Tagen baten mich die Rotspanier, die sich immer noch als aus ihrem Lande verbannt betrach- teten, ich möchte mich bemühen, daß sie nach Ende der Quarantäne in Frankreich aufgenommen würden. Die Russen boten ihnen wohl an, sie in Obhut zu nehmen, und die Amerikaner forderten sie sogar auf, diese Ein- ladung anzunehmen, aber trotz der Erinnerungen an die Lager von Gurs oder Argeles zogen sie es vor, zu uns zurückzukommen. Auf der anderen Seite erinnerten sich zahlreiche polnische Pfarrer aus den von den Russen annektierten Gebieten, daß Frankreich tradi- tionsgemäß das Land der Verbannten sei. So nahmen wir sechs Wochen später in genau gleicher Zahl 300 rote Spanier und 300 weiße Polen mit. Der Typhus war durch die Ankunft der Befreiungs- truppen nicht zum Stillstand gekommen. Die Ameri- kaner ergriffen deshalb drastische Maßnahmen, um wie sie sagten, jede Gefahr der Ansteckung durch zu früh nach Hause entlassene Deportierte auszuschließen. Die Unzufriedenheit, die eine solche Maßnahme auslösen mußte, kann man sich vorstellen, obwohl die Anord- nung durchaus vernünftig war. Das war die Zeit, in der Georges Villiers, von seinem Kommando in Neckarelz erschöpft zurückgekehrt, sich zu meiner Verfügung stellte, um mich in der schwierigen Aufgabe, die Geister zu beruhigen, zu unterstützen. Aber er bekam selber den Typhus, und beinahe hätte er sein Fell dabei ge- lassen. Hunderte von Kameraden, weniger glücklich als er, traf das unerhört schwere Schicksal, in dem Augen- blick zusammenzubrechen, in dem die Hoffnung ge- sichert war, daß sie ihr Land und ihre Lieben wieder- sehen würden. Unter den aus dem Lager mitgebrachten Dokumenten finde ich einen Vermerk des Internatio- 255 nalen Komitees vom 30. April. In seiner Trockenheit kennzeichnet es die Lage:„In den geschlossenen Blocks häufen sich immer mehr unbekannte Tote. Die ver- antwortlichen Kameraden müssen in jedem nur irgend möglichen Umfang die Identifikation der Leichen sicher- stellen. Dieser Dienst muß natürlich ohne Rücksicht auf die Nationalitäten geleistet werden. Soweit be- kannt, müssen die Namen der Sterbenden oder im Koma Liegenden mit Tintenstift auf die Brust geschrie- ben werden.“ Der Anblick, den das Lager damals bot, wird jedem, der es besucht hat, im Gedächtnis bleiben. Um die Leichen- berge, die sich in den Alleen der Blocks häuften, weg- zuräumen, nahmen die Amerikaner die Einwohner der Gemeinde Dachau in Anspruch. Wir sahen diese Bauern mit ihren Gespannen völlig entsetzt ankommen. Mehr als eine Woche lang transportierten sie die furchtbaren Frachten zu einer riesigen Sammelstelle in der Nähe. Später, als die erste Säuberungsarbeit zu Ende war, sah man, wie ein Zeichen der Beendigung des Alptraumes, die länglichen Kisten wiederkommen, die vertrauten sympathischen Särge, in denen wir endlich unsere letz- ten Toten würden ehrenvoll bestatten können. Eine unbedeutende, aber typische Einzelheit wird zei- gen, wie sehr wir Franzosen uns zur Wehr setzen mußten gegen die übertriebene Bescheidenheit, zu der unsere Befreier uns drängen wollten. Unter den ersten Besuchern des Lagers war der General Leclerc zu uns gekommen, dann die Generale Guil- laume und Devinck, letztere als Abgesandte von de Lattre, der damals in Berlin unabkömmlich war. Es fehlte an allem. In einer ebenso großherzigen wie natürlichen Geste hatten der Befehlshaber der 2. Panzer- division ebenso wie der der ı. französischen Armee Lastwagen mit Lebensmitteln geschickt, Bisquits, Kon- 256 serven und, um das Ganze abzurunden, einige Flaschen französischen Weines aus den Kellern der Nazichefs. Wir hatten natürlich diese Reichtümer nicht ausschließ- lich für uns behalten, sondern die Kameraden der an- deren Länder mitbeteiligt. Sie hatten uns in dem Bulle- tin, das das Internationale Komitee veröffentlichte, um allen Nationalitäten mit den Tagesnachrichten die Wei- sungen des amerikanischen Kommandanten bekannt- zugeben, ihren Dank dafür ausgesprochen. Der ameri- kanische Kommandant nahm die Ankündigung des Erfolges übel, den Leclerc und de Lattre dadurch hatten, daß sie das Lager 48 Stunden vor Eintreffen der Last- wagen der amerikanischen Armee versorgten. Der für die Franzosen Verantwortliche wurde wie ein Schwer- verbrecher zum General zitiert. Er mußte die formelle Versicherung abgeben, daß ihm jeder Gedanke einer hinterhältigen Propaganda ferngelegen habe, als er sich entschloß, die von unseren Generalen geschickten Lebensmittel allgemein verteilen zu lassen. Sodann wurde eine Erklärung abgegeben mit der Auflage, sie im Informationsbulletin des nächsten Tages zu ver- öffentlichen. Sie enthielt die Mitteilung, wenn franzö- sische Soldaten tatsächlich Lebensmittel geliefert hätten, so seien diese Lebensmittel aus Beständen der amerika- nischen Intendantur gekommen und außerdem noch auf Lastwagen der amerikanischen Armee transportiert worden. Soweit ging man doch nicht, zu behaupten, daß die Flaschen Chateäu-Margaux oder Vosne-Romanee, die bei Göring oder Hitler gefunden worden waren, ameri- kanische Importware seien. Aber ein Untersuchungs- richter wurde eingesetzt. Es war Oskar Juranic, ein Jugoslawe, der später sehr übel bei Tito enden sollte. Vor diesem mußte schließlich der unglückliche franzö- sische Delegierte seine Erklärungen abgeben. 257 Die Geschichte der Waffen-SS-Leute von der Legion „Karl der Große“ illustriert am besten eine der weiteren Schwierigkeiten, die uns nach unserer Rückkehr er- warteten. Des Morgens am Tage nach der Befreiung kam Germain Auboiroux im Auftrage seiner kommu- nistischen Kameraden zu mir, um mich zu fragen, was ich mit den französischen Nazis, die sich im Lager be- fänden, zu tun gedächte. Er meinte damit diese unglück- lichen Entgleisten, die, nachdem sie sich zur Waffen-SS gemeldet hatten, desertiert und mit belgischen, hollän- dischen und norwegischen SS-Kameraden in den Tagen vor der Befreiung in Dachau gestrandet waren. „T. hat die seinen schon erschießen lassen“, sagte er und spielte dabei offenbar auf die Gruppe an, die ich am Morgen dumpf ergeben hatte vorbeimarschieren sehen. Die Hände im Nacken, gingen sie in dieRichtung des eingezäunten Platzes am Krematorium, wo schon am Abend vorher Rechnungen beglichen worden waren, was ich persönlich mißbilligte. Ich anwortete Auboiroux, daß es mir weder der Würde noch dem Anstand zu entsprechen scheine, Franzosen, und seien es Waffen-SS-Leute, dem weltlichen Arm der Amerikaner auszuliefern. Diese würden unsere Leute einfach durch die Montenegriner umbringen lassen, die sich speziell für diese Zwecke zur Verfügung gestellt hatten. Sie verlangten nichts Besseres, als weitere Schuß- ziele zu bekommen, so wie sie es schon mit ihren Lands- leuten gehalten hatten, die Anhänger von Michailo- witsch waren. Ich fügte hinzu, daß wir hier vor den Augen von ganz Europa, das auf uns schaue, nicht das traurige Schauspiel unserer inneren Zwistigkeiten geben sollten. Aber ich teilte ihm mit, daß ich fest ent- schlossen sei, diese Verräter an ihrem Vaterland den französischen Strafbehörden zu übergeben, sobald wir die Grenze überschritten haben würden. Ich überzeugte mich dann, daß sie alle in dem Ehrenbunker, wo man 258 sie gestern abend eingesperrt hatte, sicher hinter Schloß und Riegel waren. Auboiroux verhehlte mir nicht, daß diese Lauheit in der Durchführung der Reinigungsarbeit mich bei seinen Parteikameraden in sehr schlechtesLicht bringen würde. Ich muß gestehen, daß ich tatsächlich in den Augen mindestens einiger von ihnen aufgehört hatte, ein wirklicher Widerstandskämpfer zu sein, als ich diese üblen Burschen nicht ohne jedes Gerichtsverfahren hatte erschießen lassen. Diesen Zwischenfall hatte ich vergessen. Die Quaran- täne lief weiter, unterbrochen durch die Besuche zahl- reicher angesehener französischer Persönlichkeiten, die sich über die Gründe, die unsere Rückkehr verzögerten, unterrichten wollten. Als der Augenblick kam, das Lager aufzulösen, bat ich die Kameraden, die Räume der SS-Kaserne in einem anständigen Zustand zu er- halten. Wir hatten uns schließlich auf Grund eines Vor- stoßes von General Leclerc dorthin verlegen lassen und machten sie jetzt für die Russen frei, die dort ihre Heim- beförderung abwarten sollten. Da die Säuberungsarbeiten mir ungenügend erschienen und uns bei unseren Nachfolgern in schlechtes Licht bringen konnten, ordnete ich an, daß das, was noch an Waffen-SS im Gefängnis da war, zum Reinigen und Aufräumen geholt würde. Ich muß gestehen, daß ich sie schon zu Hilfe geholt hatte, um die Typhus-Kranken zu versorgen. Sie waren mit viel gutem Willen an ihre Aufgabe herangegangen. Deswegen hatte ich ihnen ver- sprochen, dies als mildernden Umstand den Richtern zu unterbreiten, vor denen sie sich unentrinnbar bei ihrer Rückkehr zu verantworten haben würden. Die Waffen-SS-Leute kamen nach Abschluß der Arbeit zu mir. Ich sehe sie noch die Totenkopfmützen, die sie wie Narrenkappen immer noch trugen, linkisch in den Hän- den drehen. Sie wußten nicht recht, wie sie mit dem, 259 was sie zu sagen hatten, anfangen sollten. Einer von ihnen faßte sich ein Herz. „Wir wollen uns zuerst bei Ihnen bedanken. Denn wir wissen sehr wohl, daß es Ihnen zu verdanken ist, daß wir noch am Leben sind.“ Ich unterbrach den Wort- führer und machte ihn darauf aufmerksam, daß es sich in Anbetracht der Schwere ihres Falles vielleicht nur um einen Aufschub handele. Aber er fuhr fort und bewies dadurch, daß sie wegen ganz anderer Sachen gekommen waren, als um ihre Dankbarkeit auszu- drücken: „Und dann wollten wir Ihnen sagen, daß auch noch andere von der Legion ‚Karl der Große‘ im Lager sind. Es ist nun nicht gerecht, daß wir im Gefängnis sitzen, während die frei herumlaufen.” „Ihr seid Schweinekerle“, antwortete ich ihm.„Glaubt Ihr denn, daß mir das Freude macht, Leute wie Euch nach Frankreich zurückzubringen, und könnt Ihr denn denen, die das Glück gehabt haben, nicht entdeckt zu werden, die Chance nicht lassen, durchzukommen?“ „Das ist es, was wir vielleicht getan hätten“, antwortete mir der, der anscheinend der Wortführer war.„Aber als sie uns gesehen haben, haben sie sich den Teufel um uns gekümmert, weil wir uns hatten erwischen lassen. Und dann treiben sie es doch etwas gar zu ulkig: in ihrer Bude ist eine riesengroße Spruchtafel„Immer einiger gegen den Faschismus“. Wenn sie uns nicht als Pack behandelt hätten und manche andere dann..., dann hätte man ja nichts gesagt...., aber wir haben rot gesehen, als sie uns herausgefordert haben. Wir haben uns mit ihnen schon ausgesprochen. Herausfinden können Sie sie durch die Tätowierung am Arm.“ Es war mir klar, daß da eine Schlägerei stattgefunden haben mußte. Ich ließ mir also den guten N. kommen, um ihn zu bitten, diese unvorsichtigen und etwas zynischen Überreste von Waffen-SS-Leuten durch die 260 a I Re RE ee| on Kennzeichen am Arm herauszusuchen und sie mit ihren Gegnern in den Bunker bringen zu lassen. Dann vir aber solle er die Reinigungsspezialisten der Kommu- aß nistischen Partei wissen lassen, daß, so unvollkommen tt- sie ihnen auch erscheinen möge, die Polizei im fran- ch zösischen Komitee durchaus noch funktioniere. ur Nach zwei Stunden machte N. mir gewissenhaft Voll- nd zugsmeldung. Ich schlief. Er zog mich an den Füßen, en weckte mich und ließ unter schallendem Gelächter ein Zu- Dutzend bunter kleiner Schilder einzeln auf den Tisch fallen: jeder einzelne dieser wendigen Waffen-SS-Leute ch war schon Mitglied des kommunistischen„Front Na- 1d. tional, Section du camp de Dachau.” Sechs Wochen nach der Befreiung waren nur noch ıbt wenige gesunde Franzosen im Lager. Die einen hatten ıch es nach einer ärztlichen Untersuchung, durch die sie die nn Ausreiseerlaubnis bekamen, geschafft, nach Hause zu zu kommen; die anderen waren an den Bodensee gekom- men, wo General de Lattre, ein großzügiger Mann, wie immer, ihre Aufnahme in Luxushotels organisiert hatte, die einen ziemlichen Gegensatz zu dem schmutzi- fel gen Elend bildeten, das sie verlassen hatten. Es blieben nur noch einige Hundert unglückliche Typhuskranke e zurück. Eine Mission des Vatikans hatte sie gemeinsam ser mit dem amerikanischen Roten Kreuz in Obhut ge- als nommen. Es gab prachtvolle Beispiele der Opferbereit- schaft bei unseren„Pfarrern“, den Jesuitenpater Valton, en den Abbe Lelievre und andere junge französische Prie- en ster von Block 26: Abbe Fraysse und der P. Hennion im jen besonderen. Der gute Dr. Bohn, der sich doch selber kaum auf den Beinen halten konnte, schickte mir eine len Zuschrift, die ich sorgsam aufbewahre als Beweis der e Opferbereitschaft, die um ihn herum die Mehrzahl w unserer Geistlichen und unserer Ärzte beseelte: die„3. Mai 1945. Die an Typhus exantematicus Erkrankten 261 sollen schon morgen, sagt man, in das SS-Lager kom- men, um dort von amerikanischen Ärzten versorgt zu werden. Aber man wird zweifellos einige Ärzte unter den Deportierten brauchen. Ich bitte ausdrücklich darum, einer dieser Ärzte zu sein und die Kranken im Lager weiterzupflegen, selbst wenn es die Stunde mei- ner Heimkehr bis zur Abreise des letzten kranken Franzosen verzögern sollte.“ Ich antwortete auf diese Botschaft, die vertraulich blei- ben sollte— die Bescheidenheit von Bohn war sprich- wörtlich—, daß ich auf meine französischen Doktors ordentlich stolz sei und daß ich eines Tages dieses Zeugnis ihrer bewunderungswürdigen Haltung ver- öffentlichen würde. Dies ist hiermit geschehen. Henri Frenay leitete in Paris mit gutem Erfolg die rasche Heimführung von Hunderttausenden von Kriegsgefan- genen und Arbeitsdienstverpflichteten und von Zehn- tausenden von Deportierten. Er bat mich zu sich, um ihm zu helfen, die Kommunisten in Schach zu halten. Es war einleuchtend, daß diese nicht damit einverstanden waren, sich sozusagen das Brot zwi- schen den Zähnen herausziehen zu lassen dadurch, daß die dringendsten Anlässe zu Beschwerden, welche sie bei den zwölfhunderttausend heimkehrenden Fran- zosen kräftig ausnutzen wollten, in Fortfall kamen. Sie führten gegen Frenay eine unanständige Kampagne schwärzester Ungerechtigkeit. Die Genossen vom„Agit- Prop“ hatte ich in den Tagen am Werk gesehen, da die kommunistischen Abgeordneten von der Delegation der Beratenden Versammlung uns besuchen kamen. Verärgert, daß sie aus einer nicht bestehenden Unzu- friedenheit kein Geschäft machen konnten, hatten sie sich zurückgezogen und das Feld uns überlassen. Nun konnten wir also endlich daran denken, nach Hause zurückzukehren mit der Mannschaft, die bis zum Ende bei meinen Kameraden vom Komitee und mir in treuer 262 Hingabe und Freundschaft ausgehalten hatte: Abbe Stenger, Georges Frilet von Marseille, Andre Page, Bel- lier und einige andere. Wir übertrugen dem kleinen Roux, Moutin, Pierrot Pujol und dem jungen Perret die Sorge um die Sachen und die Wertgegenstände unserer Kameraden, die die SS in der Kleiderkammer vergessen hatte und die wir durch ein Wunder vor der allgemeinen Plünderung hatten retten können, die der Befreiung folgte. In ihr hatten sich die Söldner der Wlassow-Armee ganz be- sonders hervorgetan. Nachdem wir die Aufgabe, die wir uns gestellt hatten, einigermaßen erfüllt hatten, traten wir den Heimweg an, der Kanonikus Daguzan, Citron, der gute Nicot und ich im Mercedeswagen, den General Leclerc uns zur Verfügung gestellt hatte. Ein letzter Blick auf das Lager, wo wir in der Einfriedung des er- loschenen Krematoriums soviel Asche unserer Brüder zurückließen und einen Blick nach dem Leitenberg, wo die Leiber von Tausenden von Kameraden lagen, die nicht wie wir diesen unbeschreiblichen Augenblick des Glücks erlebten. Wir hatten uns bei der Abfahrt vorgenommen, den Rhein nicht zu überschreiten, ohne kräftig die Marseil- laise anzustimmen, um den Augenblick richtig zu feiern. Nicot hatte diesen Gedanken gehabt. Aber als wir am nächsten Morgen tatsächlich zum Fluß kamen, fehlte uns der Schneid, um das Versprechen auszufüh- ten. General de Lattre hatte durch die Pioniere seiner ersten Armee die bekannte Schrifttafel der Großen des Jahres II nachmachen lassen:„Hier beginnt das Land der Freiheit”. Das verschlug uns den Atem. Die Frei- heit! Wir hatten uns so oft, so lange nach ihr gesehnt, mit zitternder Stimme während unserer endlosen An- treterei davon gesprochen, daß schon die Tatsache, den Namen der Freiheit in blau und rot auf der weißen 263 Tafel am Eingang von Straßburg geschrieben zu sehen, uns die Kehle zuschnürte. Nun, das weiß jeder, daß eine zugeschnürte Kehle keine brauchbare Vorbedin- gung zum Singen ist, schon gar nicht zum Singen der Marseillaise. In der Mitte vom Wacken in Straßburg meldeten wir uns im Büro der Heimkehrer. Nachzügler standen Schlange, um die verschiedenen Papiere für die Reise und als Personalausweis zu bekommen. Die Formali- täten brauchten eine gewisse Zeit. Ein Gefangener, der den Schlagworten der Kommunistischen Partei offenbar zugänglich war, fing an, ungeduldig zu werden. Wir hörten ihn meckern: „Man merkt schon, daß man in das Land des Durch- einanders zurückgekommen ist.“ Da richtete ein Deportierter, der offenbar allein aus irgendeinem Kommando entwischt war und sich auf eigene Faust bis hierher durchgeschlagen hatte, seine Knochen, die in dem Zebraanzug schlotterten, auf. Mit matter Stimme ließ er die Worte fallen: „Wenn man die Ordnung, die wir eben gesehen haben — er betonte spöttisch das Wort„Ordnung“—, wirklich aus der Nähe beobachtet hat, dann hätte man Lust, bis an sein Lebensende zu rufen ‚Es lebe das französische Durcheinander!‘ XXI Nachwort Eines Toten Name ist mir Waffenrüstung. Mich bindet ein geheimes Band an ihn(Francois Vernet). Es lebe das französische Durcheinander! Mit diesem Wort wollte ich eigentlich den Bericht des Abenteuers abschließen. Dieser Schrei der Empörung 264 eines unbekannten Kameraden, den ich zufällig in der Halle des Wacken getroffen hatte, enthält eine wirklich tiefe Lehre des Maßhaltens! Aber in unseren Zeiten findet eine gewisse Ironie allmählich immer weniger Verständnis und ein paradoxes Wort wird nicht mehr unbedingt geschätzt. Versuchen wir also in weniger originellen Formulierungen die wesentliche Erfahrung des Ganzen wiederzugeben. Diese Erfahrung, das muß ich zunächst einmal wieder- holen, ist— was mich selber angeht— in gewisser Weise außergewöhnlich. Ein Zusammentreffen von Umstän- den, die die Vorsehung geleitet hat, ließ mich während fast zweier Jahre sowohl als Zeuge wie als Beteiligter das Drama der Deportation erleben. Aber diese Tra- gödie ist von anderen unter unendlich viel schlimmeren Bedingungen durchlebt worden, die ihnen keine Mög- lichkeit ließen, einige dieser kleinen erlebten Dinge anzuschauen, anzuhören oder gar aufzuzeichnen, wie ich es manchmal getan habe. Taine sagte, daß Berichte zur Ausdeutung der Ereignisse mehr wert seien als noch so lange Darlegungen und durchdachte Be- gründungen. Wenn ich nach Mauthausen gekommen wäre wie Jaques Renouvin, wenn ich wie er und Tau- sende andere täglich die 800 Stufen zum Lager hätte ersteigen müssen, ich hätte abends nicht mehr Lust gehabt, einige Stichworte hinzukritzeln. Wäre ich ihm in diese Hölle gefolgt, ich wäre dort mit ihm ge- blieben; wenn ich im Lebensalter von Blaisot, Estra- beau oder Soulange-Bodin hergekommen wäre, wäre meine Widerstandskraft geringer gewesen, und ich wäre ihnen wahrscheinlich in das Krematorium vorausgegangen. Ohne Willy Bader, ohne die Mann- schaft der lothringischen Pfarrer und ohne den guten Joseph Joos, die mich gleich bei meiner Ankunft in Ob- hut nahmen, wäre mir der sonderbare Posten eines Dolmetschers im September 1943 nicht übertragen 265 worden, mir, der ich nicht ein Wort Deutsch verstand. Ohne diese Unkenntnis der Sprache hätte ich die Dinge vielleicht in einem anderen, realistischeren Licht ge- sehen. So sind mir manche Tatsachen entgangen, die vielleicht, wenn ich sie anders gesehen hätte, auch andere Farbtöne in das Bild gebracht hätten, das ich habe entwerfen wollen. Wenn Bohn, Marsaud, Roche und die anderen mich nicht, wie sie es getan haben, während der Typhuszeit umgeben hätten, stünde heute mein Name unter dem Buchstaben M. zwischen dem des kleinen Malandre und dem von Millet auf der lan- gen Liste der Toten vom Januar I945. Und schließlich, wie könnte ich stillschweigend das gemeinsame Gebet übergehen, das mich im Block 26 umgab! Wenn ich mich nicht im wörtlichen Sinne da- durch gestützt und getragen gefühlt hätte, hätte ich mich dann, so wie ich es getan habe, wirklich festgebis- sen mit diesem Willen, nicht locker zu lassen? Weder gesund noch heil! Zehn Jahre nach der Befreiung der Lager würde der Roman einer aus Ravensbrück Geretteten den Überlebenden, die es vergessen hätten, in Erinnerung rufen, daß immer etwas in ihnen sein wird, auf das diese Kennzeichnung angewendet werden muß, ganz zu schweigen von denen, die nach zehn Jahren auf den Anruf nicht mehr antworten, weil sie vorzeitig körperlich erschöpft den Kameraden nach- gefolgt sind, die sie im Frühjahr 1945 im Garten des Krematoriums oder in den Massengräbern der Um- gebung zurückgelassen haben. Die Erfahrung, die wir durchlebt haben, ist unauslösch- lich. Sie hat uns für den Rest unserer Tage gezeichnet. Von ihr haben wir Narben zurückbehalten, die man nicht alle sieht. Weder gesund noch heil, ein bedrük- kendes Wort! Und es ist wahr, ich will das noch einmal aussprechen. Wir haben Abgründe kennengelernt, in 266 uns selber und bei den anderen. Ein gewisser guter Glaube des Herzens bleibt uns auf immer versagt. Dennoch widerstrebt mir andererseits dieses Wort. Wenn unsere scheinbare Gleichgültigkeit manchmal die erstaunt, die nicht wissen, woher wir kommen, die nicht wie wir dieses ergreifende Gefühl kennen, zu leben wie aus einem„Nachschlag“ des Daseins, so sollte man uns trotzdem nicht für abgebrühte Zyniker halten. Wir sind nicht gefühllos. Der wieder erscheinende Früh- ling ist von nun an für uns etwas Unaussprechliches. Alle Jahre tauschen wir an den Jahrestagen der Befrei- ung spontan unsere Glückwünsche aus. Auf diese Art feiern wir unseren zweiten Eintritt in die Welt der Lebendigen, unsere Wiedergeburt. Jedermann hat das Recht, aus seiner Konzentrationär- erfahrung die Folgerungen zu ziehen, die er will. Diese Folgerungen werden ebenso durch die Bedingungen der durchlebten Erfahrungen wie durch die Natur dessen bestimmt, der sie erlebt hat. Für mich will ich daraus die Lehre des Vertrauens in den Menschen ziehen. Anderen bleibt es unbenommen, ihren Scheinwerfer nur auf die entmutigenden Seiten der Menschen und der Dinge zu richten. Es ist schon wahr, daß es diesen Anblick auch gibt. Das ist nicht zu bestreiten. Aber ich möchte annehmen, daß der ehrliche Wille, vor allem das zu suchen, was wieder Vertrauen geben kann in die unglaublichen Möglich- keiten der Menschenseele, das einzige gute Mittel ist, eine Überfahrt zu bestehen wie die, die wir hinter uns haben. Das sei ein Hinweis für die zukünftigen Kandi- daten. Denn es gibt diese Kandidaten. Das Zeitalter der Kon- zentrationslager, das wir im Rausch von 1945 für ab- geschlossen hielten, besteht immer noch. Wenn es einen Grund zu tiefster Traurigkeit gibt, so ist es doch 267 der, denken zu müssen, daß ehemalige Konzentratio- näre das, was ihnen widerfahren ist, soweit vergessen konnten, daß sie die Vorstellung ertragen, daß ihre ärgsten Gegner dasselbe Schicksal erleiden wie sie. Es sind meine kommunistischen Kameraden, an die ich denke, wenn ich das niederschreibe. Sie, die den Zwangsarbeitsdienst als politische Maßnahme billigen, diese heuchlerische Schönfärberei, die schlecht verbirgt, was sie verdecken soll. Nun ist es Tatsache, daß viele Deportierte, wenn man über Kommunisten mit ihnen spricht, an diejenigen denken, die in den Lagern für sie gute und manchmal bewunderungswürdige Kameraden waren. Kleine Schlauberger werden den, der so spricht, für einen Dummkopf halten. Sie sollen sich beruhigen. Die De- portierten wissen ganz genau Bescheid über die Ähn- lichkeit gewisser Haltungen. Sie wissen, daß manchmal, sogar zu oft, Kommunisten sich nicht anders verhalten haben als waschechte Nazis. Soll sie das hindern an- zuerkennen, was sie gesehen haben? Der kommu- nistische Mensch ist ihnen oft auch einfach als ein Mensch schlechthin erschienen. Das war sehr viel bes- ser; und diese Entdeckung ist alles in allem doch irgend- wie beruhigend. Andere wollen die bürgerliche Selbstsucht in Gegensatz bringen zur Großherzigkeit des Volkes; ein längst über- holter, lächerlicher, aus der Mode gekommener Gegen- satz! Wenn ich ihn wohl einmal zu hören bekomme, so sehe ich sofort die entseelten Gesichter von Sou- lange-Boudin, von Bonotoux, von Estrabeau, von Graf Guillaume d’Ussel sich beleben, die Gesichter von hundert anderen Bürgern unter den Toten, die dort herrliche Zeugen der Großherzigkeit und— warum es nicht aussprechen?— der christlichen Nächstenliebe waren. 268 Lu BR) AEG he hen Meine armen Kameraden! Ihr, deren Antlitz ich wieder lebendig machen wollte! Mich überkommen jetzt die Bedenken und Zweifel, ob ich das alles, was ihr vor dem Tode erduldet habt, habe richtig wiedergeben können. Verzeiht mir dieses Unvermögen. Beurteilt mich nur nach meiner guten Absicht. Seht auch, wie schwer es mir fällt, den richtigen Abschluß dieser Geschichte zu finden, die auch die eure war. Aber warum soll eigentlich Schluß sein? Das Leben geht weiter, das Leben, das ihr so sehr geliebt habt, bis ihr nicht mehr konntet. Wir leben es weiter. Und wir möchten, daß auch Frankreich es weiterlebt, Frankreich, für das ihr alles gegeben habt, indem ihr euch selbst hingabt. Für sein Weiterleben wollen wir die Kräfte einsetzen, die uns noch geblieben sind. Wir denken oft an euch— ihr wißt es—, wir, die Überlebenden. Wir vergessen euch nicht. Und ich, den ihr gekannt habt, ich habe wohl das Recht, euch ein letztes Bekenntnis anzuvertrauen. Jedesmal, wenn ich wie damals in der Kapelle von Dachau, wo du mich eine Zeitlang ver- treten hast, Auboiroux, meine Gedanken zu euch gehen lasse, zur Stunde des Gedenkens an die Toten, finde ich kaum mehr ein Ende. Es ist so lang, dieses Verzeichnis eurer Namen, ihr alten getreuen Brüder, die ihr endlich den Ort der Erfrischung, des Lichtes und des Friedens gefunden habt. 269 278, am 8. Juni 1955 Mein lieber Freund, „Die Freiheitsstraße“— welch nobles Buch über einen so schrecklichen Gegenstand! Was für ein Zeichen geistigen Aufschwungs, geistiger Höhe, geboren aus tiefster menschlicher Erniedrigung! Welch Zeugnis siegreicher christlicher Haltung gegenüber ärgsten An- griffen des Heidentums! Sie haben mich gerührt und ermutigt. Ich danke Ihnen. Ich darf hinzufügen, daß ich Ihr Buch glänzend ge- schrieben finde. Stärkstens hat mich beeindruckt, daß nichts, auch gar nichts, nicht einmal die grauenhaftesten Erinnerungs- bilder, Sie Ihre Selbstbeherrschung verlieren ließen. Auf bald, mein lieber Michelet, in treuer und ergebener Freundschaft Charles de Gaulle 272 55 schrieben. Aber auch, wenn er nicht unter den führenden Männern der V. Republik wäre, hätten wir die Pflicht, von seinem Buch Kenntnis zu nehmen, weil es Dinge schildert, die wir wissen müssen, und weil es eine Freundeshand ist, die das Buch schrieb. Ich habe das Bild, das der Verfasser in noblem französischen Geist ohne Haß und Rachsucht und oft sogar mit Humor gezeich- net hat, in Form und Inhalt unverändert wiederzugeben versucht. Dazu gehört auch die ungekürzte Wiedergabe von Vorgängen innerhalb der Gefangenengemeinschaft von Dachau, die für den deutschen Leser nicht unmittelbar interessant zu sein scheinen, weil sie in keinem direkten Zusammen- hang mit dem damaligen deutschen Terror- system stehen, mit dem wir uns in erster Linie auseinanderzusetzen haben. Sie sind dennoch wichtig für das Verständnis des heutigen Frankreich, denn sie unterrichten uns über die Anfänge dessen, was wir heute etwas summarisch„Gaullismus“ nennen, sofern diese Anfänge in deutsche Konzen- trationslager zurückreichen. Was dies be- deutet, wird jedem politisch Denkenden klar sein, und daß es sich so auswirkt, wie der versöhnliche Geist dieses Buches be- weist, und nicht anders, ist eine Tatsache, die wir unseren französischen Nachbarn gar nicht hoch genug anrechnen können. Dr. Georg Graf Henckel von Donnersmarck M.d.B. Bonn, im Sommer 1960 EDMOND MICHELET, Garde des Sceaux und französischer Justiz- minister, geboren am 8. Oktober 1899 in Paris. Er studierte in Vau- jours und Pau. 1918 als Freiwilliger im Heeresdienst. Von Beruf staatlich vereidigter Makler galt sein besonderes Interesse der christ- lich-sozialen Arbeit. 1938 wurde er bei der Gründung der Nouvelles Equipes Francaises von Francique Gay einer der Vizepräsidenten. Zur eigentlichen politischen Arbeit kam er 1940 durch die Wider- standsbewegung. Als Obmann der Freiheitsbewegung Liberte und „Combat“ für das französische Zentralgebiet wurde er von Vichy verfolgt; 1943 von der Gestapo verhaftet und nach Dachau überführt. 1945 in die verfassunggebende Versammlung gewählt, wurde er im ersten Kabinett de Gaulle Armee-Minister; 1952 im Senat, 1957 dessen Vizepräsident, 1958 wiedergewählt. Im zweiten Kabinett de Gaulle Minister für Kriegsteilnehmerfürsorge. Anschließend im Kabinett Debre Siegelbewahrer und Justizminister.— Seit 1954 bei den Vereinten Nationen Delegierter von Frankreich, Präsident der ehemaligen Dachauer, Ehrenpräsident der Nationalen Makler-Ver- einigung von Frankreich und der französischen Union, Vizepräsident der Internationalen Christlichen Führungsgruppen(JCL). Er ist Offi- zier der Ehrenlegion, Inhaber des Kriegsverdienstkreuzes 1939/45 und der Widerstandsrosette. Michelet hat 7 Kinder und 25 Enkel. Edmond Michelet hat veröffentlicht:„Über die Treue in der Politik“, „Die Freiheitsstraße”“(Ausgezeichnet von der Acad&mie Frangaise mit dem I. Preis für ein Werk über die Widerstandsbewegung) und „Gegen den Bürgerkrieg“(zum Algerienproblem). Straße Froibeif zuisdlion Stochaldeuht Dokument hohen menschlichen Geistes und der Seelenstärke von Edmond Michelet „Die Erfahrung, die wir durchleben muß- ten, ist unauslöschlich. Sie hat uns für den Rest unserer Tage gezeichnet. Von ihr haben wir alle Narben zurückbehalten, die man nicht alle sieht. Weder gesund noch heil, ein bedrückendes Wort! Und es ist wahr, ich will das noch einmal sagen. Wir haben Ab- gründe kennengelernt, in uns selber und bei den anderen. Ein gewisser guter Glaube des Herzens bleibt uns auf immer versagt.“ Edmond Michelet, französischer Jurist, Justizminister der V. Republik unter Gene- ral de Gaulle, zieht mit diesen Sätzen das Fazit seines Erlebens im Konzentrations- lager Dachau. 1943 war er, der aktive Katholik, der sich der Widerstandsbewe- gung angeschlossen hatte, in Frankreich festgenommen worden und nach monate- langem Warten, nach endlosen Verhören nach Deutschland transportiert worden. Schon auf dem Weg nach Dachau erleben die Häftlinge Luftangriffe und hören von der Kapitulation Italiens. Sie glauben, daß der Krieg nur noch wenige Monate dauern kann, aber sie, die die Haft überleben, müssen bis zum Frühjahr 1945 warten. „Die Freiheits-Straße“ hat Michelet sein Buch genannt, das in der deutschen Über- setzung von Graf Henckel von Donners- mark und mit einem Geleitwort von Bundeskanzler Adenauer von der„Eu- ropa-Contact-Gesellschaft“ herausgebracht wurde. Die Freiheitsstraße war die Straße zwischen den Blocks in Dachau.„Eine Art Sanatorium“ wurde den Häftlingen erklärt, im Vergleich zu anderen Konzentrations- lagern.. Dort stoßen sie zu anderen Wider- standskämpfern, aber auch zu Collabora- teuren, die.-aus einem anderen Grund de- portiert wurden, sie treffen auf Deutsche und Polen und auf alle die zahllosen Ge- fangenen der anderen Nationen. In seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe betont der Verfasser seine Absicht, ohne Haß zu schrei- ben, die auch der Inhalt dieses Buches immer wieder bestätigt. In ihm offenbart sich Michelet als einer jener großen Men- schen, deren Vorbild vielleicht die christ- lichen Märtyrer waren, die auch in tiefster Not und Erniedrigung standhaft blieben. Ein Dokument hohen menschlichen Geistes und Seelenstärke könnte man das Buch nennen, in dem menschliches Leid in jeder Form geschildert wird, nicht als Ausdruck des Hasses oder der Verachtung, sondern als Schicksal der einzelnen und auch der Völker. Ma. prü M, Baujalr 1959, 41 000 km, Baujahr 59, 9000 km, aus erster preiswert abzugeben. Hand, zu DAT-Taxpreis abzugeben. 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