Gießen Be OSR EMMI BONHOEFFER Zeugen im Auschwitz-Prozeß UB GIESSEN 2? 813 35% : il BRÜCKE Emmi Bonhoeffer Zeugen im Auschwitz-Prozeß Begegnungen und Gedanken Dal Dui Il k Mai anne(A oß ze Leleton( Johannes Kiefel Verlag Wuppertal-Barmen I i N nn a Zu Geleitwort Jeder Bericht von diesem Prozeß, der- wenn auch der größte und längste— nur einer von vielen in diesen Jahren ist, schlägt an unser Herz, an unser Gewissen und an unsere Erinnerung. Jeder Bericht ist ein Versuch, durch die Wand, mit der wir vor dem Schrecklichen abgesichert sind, hindurchzudringen, sie dünner zu machen, uns zu öffnen, damit wir bereit werden, Auge in Auge mit dem, was geschehen ist, zu leben, damit wir nicht mehr feige oder stumpf oder selbstgerecht uns vor dem verbergen, was doch zu unserer eigenen Vergangenheit gehört, also zu unserem eigenen Leben. Daß es dazu gehört, das wollen wir nicht wahrhaben, weil es ja wirklich nicht leicht ist, eswahr sein zu lassen. Die Zeitungen berichten, daß— Meinungsumfragen zu- folge- eine Mehrheit in unserem Volke diese Prozesse ablehne, ungefähr eine ebenso große Mehrheit wie diejenige, die die Todesstrafe für Mörder von Taxi- fahrern befürwortet. Es sind also vielfach die gleichen Menschen, die für die eine Kategorie von Untaten Straflosigkeit, für die andere strengste Bestrafung wün- schen. Unter den Ursachen, die Emmi Bonhoeffer für die Ablehnung jener Prozesse angibt, scheint mir die gewichtigste diejenige zu sein, die am seltensten offen ausgesprochen wird: Die Strafe, die man für den Mör- der eines Taxichauffeurs fordert, bedroht uns nicht; mit seiner Tat haben wir, so meinen wir, nicht das ge- ringste zu tun, ihm gegenüber fühlen wir uns als die Unschuldigen, die Gerechten. Mit den Greueltaten des Hitler-Regimes, mit der grausamen Ermordung von Juden, Zigeunern, Polen, Russen, Kommunisten usw. haben wir alle irgendwie zu tun. Die meisten von uns haben sich irgendwann einmal von Hitlers Plänen etwas versprochen, haben die Menschengruppen, die er ver- nichten wollte, irgendwann einmal gering geachtet, haben zugesehen oder weggesehen, als die Greuel ge- schahen, haben sich das Wissen davon und das Nach- denken darüber vom Leibe gehalten, haben durch Un- terlassen von Protest und Hilfe sich selbst das Leben gesichert, haben davon profitiert, daß sie nicht zu die- sen verfolgten Gruppen gehörten; viele von uns, wenn sie selbst nicht aktiv beteiligt waren, haben doch nahe Verwandte und Freunde, die im Dienste dieser nun so schauerlich demaskierten Hitler-Bewegung gestanden haben. Deshalb spüren Ungezählte im Unterbewußt- sein: wenn aufgedeckt wird, was damals geschah, dann hängen wir mit den Angeklagten in diesen Prozessen auf vielfältige Weise zusammen, dann reicht die Schuld- frage, die in diesen Prozessen aufgeworfen wird, bis in unser Leben hinein. Darum wehrt man sich gegen die Prozesse, darum möchte man sie beendet wissen; um ihrer selbst willen, um der Ruhe ihres Gewissens wil- len möchten viele, daß, wie sie sagen,„endlich ein Schlußstrich gezogen” werde. Ein Bericht, wie dieser hier von Frau Bonhoeffer, zeigt hoffentlich vielen, daß es nötig, gut, heilsam ist, wenn dieser Wunsch nicht erfüllt wird. Nur wenn wir es uns nicht leicht machen, nur wenn jeder mit sich selbst ins Gericht geht, nur wenn wir die Vergangenheit ins Auge fassen, finden wir den Weg in eine Zukunft, in der der Wiederholung dieser Vergangenheit ein Riegel vorgeschoben wird. Nur dann nützen wir auch die Möglichkeiten der Gegenwart. SI ; 4 # ? Das Verhalten der Frauen, die sich in Frankfurt der Zeu- gen des Auschwitz-Prozesses angenommen haben, gibt uns ein Beispiel solcher Möglichkeiten. Gehören die Er- mordeten zu unserer Vergangenheit, so gehören diese Zeugen und die von ihnen repräsentierten Überleben- den und Hinterbliebenen zu unserer Gegenwart. Sie sollen nicht noch einmal Zeugen unserer Gefühllosig- keit und Gleichgültigkeit werden; heute könnten sie ein wenig von dem erfahren, was damals versäumt wurde. So haben wir alle Anlaß, Emmi Bonhoeffer, die aus eigenem Leiden zu einer Helferin für viele gewor- den ist, und ihren Mitarbeiterinnen zu danken für den Dienst, den sie stellvertretend für uns alle tun, und aus ihrem Beispiel die Wachheit für die Gelegenheiten der Gegenwart zu lernen. Denn Zeugen aus der Hölle der Konzentrationslager, Überlebende und Hinterbliebene treten nicht nur in Frankfurt auf; an vielen Orten fin- den in diesen Jahren solche Prozesse statt- und nicht nur bei solchen Prozessen erscheinen sie in unserer Reichweite. Helmut Gollwitzer Y7 BRRE 1365 eh Frankfurt/Main, 3. Mai 1964 1 Sr 2009 EEE Du fragst, was ich tue, seit ich die Arbeit, die mich zwölf Jahre ausgefüllt hat, niedergelegt habe. Ich hatte beschlossen, ein Sabbatjahr einzulegen, einmal nur für Kinder und Enkel, Bücher und Gäste dazusein, wie an- dere Frauen meines Alters. Aber schon nach zwölf Ta- gen kam ein Anruf meiner Freundin Ursula Wirth aus Kronberg, ich sollte sie möglichst am gleichen Tage noch aufsuchen. Sie müsse etwas mit mir besprechen, was sie vorhabe und wozu sie meine Hilfe brauche. Sie hatte in der„Welt“ die Notiz gelesen, daß zwar viele ausländische Gäste der Bundesrepublik mit freundlichem Aufwand auf dem Flughafen empfangen 11 und ins Hotel begleitet würden, daß man sich bemühe, ihnen den Aufenthalt in Deutschland angenehm und interessant zu machen, daß sich aber niemand um die Zeugen kümmere, die aus aller Welt, vornehmlich aus Polen, zu dem Auschwitz-Prozeß vor das Schwurgericht in Frankfurt geladen seien. Offenbar hatte es sich bis dahin niemand überlegt, was es für diese Menschen bedeutet, nach zwanzig Jahren jenes grauenhafte Leiden, das sie vielleicht einiger- maßen überwunden glaubten, nun wieder ausgraben, bis ins Detail zurückrufen zu müssen und damit allein zu sein in einem Land, das sie nur von seiner abscheu- lichsten Seite kennengelernt hatten. Wir waren uns so- fort darüber einig, daß etwas geschehen müsse. Gleich am nächsten Tag hörte ich einer Gerichtsverhandlung des Auschwitz-Prozesses zu, um dem Sachverhalt und der Atmosphäre näherzukommen, in der die Menschen, denen wir zur Seite stehen wollten, Zeugendienst zu leisten haben. Ehrlich gesagt, ich hatte bis dahin die Berichte über den Prozeß nur gelegentlich und flüchtig gelesen, wohl aus einer unbewußten Angst, mehr Entsetzliches zu ver- nehmen, als ich ertragen könnte. Nun also geriet ich mitten hinein in den Prozeß, und, wie immer bei sol- chen Situationen: ob es ein Bombenangriff oder ein Gestapo-Verhör ist- in dem Augenblick, wo du dich zur Tat gerufen fühlst, wachsen dir die Kräfte, daß du auch das Entzetzliche zu hören oder zu sehen vermagst. Es verliert auf geheimnisvolle Weise seine überwälti- gende Macht, es wird zur Aufgabe. Der erste Eindruck, den ich in der Hauptverhandlung empfing, war nicht nur aufwühlend, er war auch ver- wirrend. Ein Teil der dreiundzwanzig Angeklagten ist auf freiem Fuß, sie kreuzen in den Pausen im Vestibül deinen Weg, sitzen in der Kantine am Nebentisch oder mit ihrem Anwalt in einem benachbarten Restaurant, kommen mit Mercedes vorgefahren, da sie erfolgreiche Geschäftsleute sind, und manche treten mit einer Si- cherheit auf, als wollten sie sagen:„Unser einziger Fehler war, daßwirnnicht alle Juden umgebracht haben.“ Über die äußere Form, in der unsere Arbeit geschehen sollte, wurden wir uns bald klar. Wir beschlossen, sie dem Roten Kreuz einzuordnen, um von vornherein ihren unpolitischen Charakter zu dokumentieren und 13 ihr eine allgemeinverständliche Legitimation zu geben. Das Rote Kreuz hat sich dazu in allen Instanzen sofort und gern bereit erklärt und gab uns jede erbetene Un- terstützung. Praktisch handelte es sich für uns zunächst darum, dreimal in der Woche von halb 9 bis halb 5 Uhr mit drei Pausen den Verhandlungen beizuwohnen. Denn wenn du einem Menschen helfen willst, mußt du zuvor wissen, in welchem Erleben er steht.— Ich werde Dir nun wöchentlich berichten. Frankfurt/Main, 10. Mai 1964 Liebe Recha, es ist erstaunlich, wie Du Dich in die Psyche der heuti- gen Deutschen versetzen kannst, obwohl Du doch seit vierzig Jahren in den USA lebst. Natürlich ist der Auschwitz-Prozeß unpopulär, darum ist es eine selt- same Sache, daß sich trotzdem fast die gesamte Presse, wenn auch meist nicht sehr ausführlich, täglich damit beschäftigt und einen Bericht bringt, den eigentlich nie- mand hören möchte, den jedenfalls die gewiß nicht lesen, die es nötig hätten.— Soviel ich sehe, hat der innere Widerstand gegen diesen Prozeß und ähnliche Gerichtsverhandlungen vier Wurzeln. Bei vielen Menschen spielt natürlich die Sorge eine Rolle: wer weiß, was da noch alles zutage kommt! Ob 15 nicht auch mein Onkel... oder daß gar ich noch... Man will einfach Ruhe haben. Die Rachegöttinnen wa- ren dabei, wie Zugvögel am Horizont endlich zu ver- schwinden. Jetzt bläst ein„böser Geist” heißen Wind auf und treibt sie zurück. Was soll das? Der zweite Grund für die Abwehr gegenüber solchen Nazi-Prozessen scheint mir der Zweifel an der Recht- mäßigkeit der Verurteilung gerade dieser Angeklagten zu sein. Man sagt sich: sie waren doch nur in dieser be- stimmten Situation Verbrecher; das sieht man doch daran, daß sie seit zwanzig Jahren nicht mehr in Kon- flikt gerieten mit dem Gesetz. Nun glaube ich, daß es ein Grundirrtum ist, zu meinen, an diesem Prozeß sei das Wichtigste die Bestrafung von ein paar Leuten, die mehr oder weniger zufällig aus Tausenden herausge- funden werden konnten und zu deren Entlastung- so- weit es sich nicht um notorische Sadisten handelt— sicher manches gesagt werden kann und gesagt werden wird. Das Wichtigste ist vielmehr, daß dokumentarisch und öffentlich von einem deutschen Gericht festgestellt wird, was sich in Auschwitz abgespielt hat. Damit könnte dem viel und gern geübten Bagatellisieren un- seres Unrechts ein Ende bereitet werden, und über die Nachdenklichen könnte ein heilsames Erschrecken kommen, wenn sie erfahren, was geschehen kann, wenn in irgendeinem Staatswinkel sich jahrelang unkontrol- liertvon der Öffentlichkeit Vorgänge abspielen können. Die dritte Ursache für die ablehnende Haltung der meisten Menschen gegenüber den sogenannten Nazi- Prozessen sehe ich in ihrem Zweifel, ob diese Massen- morde isoliert von dem Gesamtphänomen des Faschis- mus untersucht werden können. Darauf möchte ich antworten: man muß sie untersuchen, aber man darf damit nicht aufhören, sondern durch die gründliche Untersuchung muß man sich anstoßen lassen zu weite- rer, intensiver geistiger Arbeit an dem ganzen Problem- komplex Staatsform, Staatsrecht, Menschenrecht, Men- schenwürde. Schließlich scheint mir einfach der Überdruß an Schrek- kensnachrichten der Grund für die Zurückhaltung zu sein, mit der viele Menschen der Berichterstattung über den Auschwitz-Prozeß begegnen. Eine natürliche Scheu vor Gräßlichkeiten erfüllt sie, für die ich übrigens viel Verständnis habe. Seit ich mich aber näher mit der ganzen Sache befaßt habe, glaube ich, daß wir uns dem 17 Anblick des Ungeheuerlichen stellen müssen. Wir dür- fen auch in diesem Punkt vor der Wirklichkeit die Augen nicht verschließen. Natürlich hast Du recht, daß es entsetzlich ist, daß diese Prozesse erst so spät, fast zwanzig Jahre nach Kriegs- ende, in Gang gekommen sind. Es gibt dafür viele sach- liche Erklärungen. Formfragen spielen dabei eine Rolle, Zuständigkeitsprobleme, Beweisschwierigkeiten, Un- auffindbarkeit der Täter. Aber auch innere Gründe sprechen mit, sie halte ich für die entscheidenden. Eine Staatsanwaltschaft tritt ja erst in Aktion, wenn ihr ein Verbrechen„bekannt“ wird. Normalerweise wird dem Staatsanwalt eine Untat als Anzeige bekannt. Aber wer zeigt denn gerne an? Vollends wenn er weiß, das Ver- brechen war irgendwie verquickt mit der öffentlichen Meinung, die auch seine war. Wir haben doch alle die Hand zum Hitlergruß hochgehoben! Der eine aus Überzeugung, der andere, um nicht aufzufallen. Der eine, weil er dachte, Hitler wird die Arbeitslosigkeit beseitigen, der andere, weil er sich auch schon einmal über einen Juden geärgert hatte, oder was sonst Hinz und Kunz für Gründe gehabt haben mögen, diesem starken Mann zuzujubeln, der so herrlich genau wußte, was zu tun sei in der verfahrenen Lage des deutschen Volkes. Seine Anhänger haben doch sogar- so stellte es Himmler dar, und so haben es viele, nicht nur SS- Leute, empfunden oder sich eingeredet- der Gesell- schaft das Opfer gebracht, mit der„Lösung des Juden- problems” eine dem ganzen Volk unangenehme Vater- landspflicht um der deutschen Zukunft willen zu er- füllen! Man muß sich das alles vergegenwärtigen, um zu verstehen, warum jede Initiative zur Strafverfolgung auch vom Mitschuldgefühl gehemmt war. Du fragst, warum es aber nach dem Beginn der Straf- verfolgung noch Jahre dauerte, bis die Prozesse in Gang kamen. Kannst Du Dir nicht vorstellen, welche äußeren Schwierigkeiten sich türmten, als man anfing, aus dem Chaos verbrannter Verwaltungsgebäude Akten zu sam- meln, nach den Massenverschiebungen durch Flücht- lingsströme Urkunden von neuem ausfindig zu ma- chen? Es mußte in Ludwigsburg bei Stuttgart eine eigene Forschungszentrale zur Aufklärung von Nazi- Verbrechen gegründet werden, die nichts anderes tut, als Täter, Zeugen und Unterlagen aufzuspüren. Wie schwierig war das bei der leichten Möglichkeit, unter fremdem Namen unterzutauchen, bei der Bereitschaft 19 verschiedener Länder, politische Flüchtlinge aufzuneh- men! In Kairo wirst du heute noch vom Hotelportier strahlend mit„Heil Hitler“ begrüßt, wenn er dich als Deutschen erkannt hat. Je tiefer die Staatsanwälte in die Materie eindrangen, um so klarer trat für die strafrechtliche Erfassung das breite Gewebe der Schuldverstrickung zutage. Bis in die Universitäten, die sich die Irrlehren zu eigen machten, reichte der Schuldzusammenhang, bis in die an den Morden verdienenden Firmen, bis in jene Kir- chen, die Hitler huldigten. War es noch sinnvoll, aus dem weiten Kreis der politisch Verantwortlichen den seinerseits schwer abzugrenzenden engen Kreis der strafrechtlich Verantwortlichen herauszulösen bei Ta- ten, die in einen politischen Zusammenhang verquickt und verstrickt waren? Kam man aber zu der Meinung, daß strafbar nur die zentralen Figuren seien, so konnte man sagen: so fragwürdig der Nürnberger Prozeß war, die Aufgabe ihrer Verurteilung hat er uns jedenfalls abgenommen. Die„Kleinen“ waren Verführte, stren- gen Befehlen Gehorchende. War man nicht berechtigt, ihre Verfehlungen aus dem Befehlsnotstand zu erklä- ren? Wohl tat man dies zu rasch, denn man wollte ja Befrie- dung, Ruhe. Recha, es taucht noch manches Problem auf im Zusam- menhang mit diesen Prozessen, z.B. frage ich mich manchmal, ob nicht die genaue Abbildung von Folter- instrumenten in der Zeitung und die detaillierte Schil- derung der Quälereien die Phantasie manches Jugend- lichen vergiften könnte. Ich erschrak über die schein- bare Kaltblütigkeit, mit der gelegentlich junge Leute der Gerichtsverhandlung beiwohnen. Oft muß der Richter sie zur Ordnung rufen, wenn sie in Hemds- ärmeln, Gummi kauend, mit hoch übergeschlagenen Beinen im Auditorium sitzen, als säßen sie in einem Kriminalfilm. Aber auch das sind doch nur bedauerliche Nebener- scheinungen, die man abfangen sollte, die aber meines Erachtens nicht hinreichen, um einen Staat auf den ernsthaften Versuch verzichten zu lassen, sich selbst über seine Vergangenheit Rechenschaft zu geben. Dies ist mit Gründlichkeit aber nur im Wege der Prozeßfüh- rung möglich und ist ein Tun auf Hoffnung. Es bleibt zu hoffen, daß die Sorgfalt der Rechtsprechung und 21 ihre Öffentlichkeit die junge Generation informiert und wach macht, daß die Tatsachen, die durch die Zeu- genaussagen zutage treten, ins Bewußtsein der breiten Massen dringen und sie warnen. Dafür bringen die Zeugen das Opfer ihrer Aussage! Ich muß Dich heute noch einen Blick tun lassen in den Gerichtssaal. Der beherrschende Eindruck geht vom Gerichtsvorsitzenden aus. Es ist für mich ein starkes Erlebnis, einen Mann an der Arbeit zu sehen, dem die Aufgabe der Prozeßführung eine schwere und verant- wortungsvolle Last bedeutet, der keine Routinearbeit tut, der nach beiden Seiten— nach der der Anklage und nach der Verteidigung hin— jede Zügellosigkeit, jedes Abgleiten in persönliche oder politische Attacken ver- vehrt, der immer wieder zurückführt auf den schmalen Weg der Wahrheitsfindung. Er muß ja ein Mosaik aus Tausenden von Steinchen zusammensetzen, mit minu- tiöser Sorgfalt, um unter keinen Umständen neues Un- recht dem alten hinzuzufügen. Dafür haben die Zeugen begreiflicherweise oft kein Verständnis. Es kommt ihnen vor, als hielte man ihnen aus einer Wüste erleb- ten Unrechts ein Sandkorn vor, und sie sollten sagen, ob es gelb oder braun gewesen sei. Haben sie gar bei der Vorvernehmung vor einigen Jahren gesagt, es sei gelb und heute, es sei braun gewesen, so triumphiert die Verteidigung, im Zeugen aber steigt ein verzweifel- ter Zorn auf, der nicht selten zum Nervenzusammen- bruch führt. Dann ist es wichtig, daß eine von uns(wir sind jetzt zu vieren) mit dem Zeugen ins Hotel fährt oder in den Palmengarten, daß er sich aussprechen kann. Einer sagte mir:„Wenn ich geahnt hätte, daß ich mir gefallen lassen muß, in dieser Weise vom Verteidiger meines Peinigers verhört zu werden, als ob ich der Angeklagte wäre, dann wäre ich nie ge- kommen. Ich wollte überhaupt nicht kommen, ich war froh, daß ich anfing, zu vergessen; aber dann fühlte ich, daß ich es meinen toten Kameraden schuldig bin, zu sagen, was wir gelitten haben. Wenn wir schweigen, ist ja alles umsonst gelitten worden. Dann wird niemand aus dieser grauenhaften Erfahrung etwas lernen.“ Später fügte er hinzu:„Glauben Sie mir, ich hasse nicht das deutsche Volk. Auch Deutsche haben dort mit uns ge- litten. In jedem Volk gibt es Zyniker, Verbrecher, Sa- disten, aber wie kann man verhindern, daß ihnen freie u Hand gewährt wird?... 23 E Ich mußte an Deinen letzten Brief denken, in dem Du so verzweifelt beklagst, wie miserabel in Eurem Staat Mississippi die Verfolgung der Mörder der drei Core- Mitglieder, die sich für die Civil Rights Bill einsetzen wollten, betrieben wird, weil die zuständigen Behör- den mit den Mördern sympathisieren. Und das im Lande der Freiheit! Solche Erfahrung kann uns nur alle miteinander auf die Knie zwingen zu einer neuen Brü- derlichkeit aus der Erkenntnis unserer Erbärmlichkeit. Du fragst noch, ob die Auschwitz-Überlebenden we- nigstens Renten von unserer Regierung bekommen. Soweit sie in den Ostblockstaaten leben- und das tun natürlich die meisten, weil sie ihrer Staatsangehörigkeit nach Polen, Rumänen, Tschechen oder Ungarn sind- bekommen weder die Hinterbliebenen der Getöteten eine sogenannte„Wiedergutmachung“ von der Bun- desrepublik noch die Opfer der furchtbaren Folterun- gen, die überlebt haben. Das ist eine Folge der politi- schen Verhältnisse der Nachkriegszeit. Auch in Mittel- deutschland werden keine Entschädigungsleistungen gewährt. Frankfurt/Main, 16. Mai 1964 Liebe Recha, gestern habe ich bemerkt, daß die„Lilien auf dem Felde” uns zuvorgekommen sind. Du weißt nicht, wen ich meine, denn Du kennst die wunderschöne Ge- schichte der evangelischen Marienschwestern nicht. Du solltest davon wissen, denn daß es so etwas bei uns gibt, gehört auch in das Bild des Wirtschaftswunder- Deutschland. Während eines der schweren Fliegerangriffe auf Darm- stadt im Jahre 1944 tat eine Gruppe junger Mädchen mit ihrer Bibelkreis-Leiterin den Schwur, wenn sie die Höllennacht überlebten, wollten sie ein Leben in der reinen Nachfolge Jesu Christi führen. Solch einen N 01 Schwur haben manche Menschen getan, aber diese haben ihn gehalten. Ihre Geschichte ist voller„Wun- der”, wie die aller großen Gläubigen. Ich will Dir nur soviel davon sagen: sie tragen eine einfache schwarze Ordenstracht und leben zusammen in einer Art evan- gelischem Kloster, das sie sich mit eigenen Händen unter Anleitung eines Baumeisters gebaut haben, dazu gehört eine Kirche, ein Gästehaus, ein Altersheim, Verlag und Druckerei und mehrere Wagen für den Außendienst. Sie unterhalten in Jordanien ein Haus für ökumenische Begegnungen und in Jerusalem ein Erho- lungsheim für Juden, die durch den Nationalsozialis- mus gelitten haben. Eine ihrer wichtigsten Aufgaben sehen sie darin, das deutsche Volk zur Buße und Be- sinnung über die Schuld an den Juden im Dritten Reich aufzurufen. Was sie tun, ist wohl das eindrucksvollste Sühnezeichen, das wirin Deutschland haben. Und diese Schwestern sind uns natürlich auch zuvorgekommen in der Sorge um die Auschwitz-Zeugen, denn der Prozeß läuft schon seit Februar, und wir haben erst im Mai begonnen, uns um die Zeugen zu kümmern. Die Marienschwestern laden jüdische Zeugen für ein paar Tage zur Erholung nach Darmstadt ein und verwöh- nen sie in ihrem Mutterhaus mit selbstloser Fürsorge. e Uns dient, wie ich Dir schon schrieb, das Rote Kreuz als Schirmherr. Du kannst auch sagen, als„Visiten- karte“. Eine wirklich gute Visitenkarte ist es nicht, denn das Deutsche Rote Kreuz war— ebenso wie die Kir- chen- die große Enttäuschung der Häftlinge. Es hat sich nur oberflächlich Zugang zu ihnen verschafft oder ver- schaffen können und hat das Entsetzliche, das in den Konzentrationslagern geschah, nicht in die Welt hin- ausgeschrien, hat nicht für Erlösung gesorgt oder sorgen können. Vielmehr wurde in den Sanitätskraftwagen des Deutschen Roten Kreuzes das Giftgas transportiert, mit dem die Juden zu Hunderttausenden umgebracht wur- den. Für diesen Mißbrauch kann man die Leitung des Roten Kreuzes wahrscheinlich nicht verantwortlich machen, aber das ist die Erfahrung, die die ehemaligen Häftlinge mit dem Roten Kreuz verbinden. So erklärt es sich, daß der Brief von manchen mit großem Miß- trauen gelesen wird, in dem wir den Zeugen unsere Betreuung und Hilfe anbieten, und den sie gleich nach der Ladung zum Prozeß, also noch in ihrer Heimat, be- kommen, er trägt ja das Zeichen des Roten Kreuzes. Wenn wir sie in Frankfurt in Empfang nehmen, sind manche zunächst äußerst zurückhaltend, bis sie mer- ken, daß wir es aufrichtig mit ihnen meinen. Dann kommt uns eine Dankbarkeit entgegen, die überwälti- gend und beschämend zugleich ist. Daß wir ihnen eine gute Lesebrille oder ein Hörgerät oder orthopädische Schuhe verschaffen können, daß wir sie zur Gerichts- kasse durch die turbulente fremde Stadt begleiten, daß wir sie zum Essen einladen und sie zum Hotel zurück- bringen, wo sie ausruhen und uns wieder erreichen können, wenn sie uns brauchen, das gibt ihnen das Ge- fühl einer gewissen Geborgenheit, das ihnen wohltut Wie schwer es ist, ihr tiefsitzendes Mißtrauen zu über- winden, erlebte ich auch im Zusammensein mit einem Polen. Nachdem er zwei Tage lang äußerst zurückhal- tend gewesen war, immer auf der Hut, fragte er mich: „Meinen Sie, ich könnte einfach in ein Restaurant ge- hen und ein Essen bestellen?“-„Warum denn nicht?”- „Meine Frau hat mich beschworen, es nicht zu tun. Sie fürchtet, ich würde vergiftet werden durch einen bestochenen Kellner!”—„Nein, das wird ganz gewiß nicht geschehen, in Deutschland sind nun wieder klare, saubere Verhältnisse, die Pest ist vorüber!”—„Wirk- lich? Aber es laufen so viele der früheren Verbrecher frei herum, sogar einige von den hier angeklagten. Ich habe meiner Frau versprechen müssen, nichts über diese auszusagen. Diese selbst werden mir vielleicht nichts tun, aber ihre Freunde. Es soll so eine starke Hilfsorganisation für die ehemalige SS geben. Wissen Sie vielleicht, wer zum Beispiel dem Zech-Nenntwich aus dem Gefängnis und gleich bis Kairo weitergeholfen hat?“ Ich wußte es nicht. Ich weiß aber von der Exi- stenz der HIAG- Hilfe auf Gegenseitigkeit—, einer sehr zahlungskräftigen Hilfsorganisation der SS. Ich kann nicht beurteilen, wie weit es sich bei diesem Zusam- menschluß um redliche Hilfe für unschuldig Benach- teiligte oder um eine Art von Bandenkameradie han- delt; jedenfalls konnte ich dem Polen die Sorge aus- reden, heute hier noch verfolgt zu werden. Anfangs haben wir auch Fehler bei der Begegnung mit den Zeugen gemacht. Einen Polen hatten wir am Vor- abend seiner Vernehmung mit drei Kameraden zu Freunden eingeladen, nur um ihnen einen angeneh- men Abend zu machen. Gar nicht von Auschwitz zu reden, hätte den Eindruck von Interesselosigkeit, Teil- nahmslosigkeit gemacht. So stellte die Gastgeberin ein paar freundliche Fragen, sie wollte gleichzeitig auch ihren anwesenden, erwachsenen Kindern einen nach- haltigen Eindruck vermitteln. Die ehemaligen Häftlinge 29 kamen ins Erzählen, konnten nicht mehr aufhören, ha- ben dann trotz Schlafmittel nicht geschlafen, einer brach bei der Vernehmung am nächsten Tag zusam- men. Aber der gute Wille ist verstanden worden. Seit- dem laden wir die Zeugen nur nach der Vernehmung ein, gehen, wenn das Wetter es irgend erlaubt, mit ihnen spazieren, zeigen ihnen die Stadt oder das, was sie interessiert. Das ist sehr verschieden. Manche gehen gerne in den Zoo, andere sagen:„Nein, danke, von wilden Tieren haben wir genug...” Manche möchten das Goethehaus sehen und sind ganz angetan von dem Studenten der Germanistik, der uns führt und der so lebendig von Goethes Kindheit erzählt und zum Er- staunen der Zeugen aus den Ostblockstaaten„gar keine Propaganda für Demokratie dabei macht“. Solche son- derbaren Feststellungen und Beobachtungen sind wie Fenster in die andere Welt. Etwa auch wenn einer beim Einkauf bemerkt:„Wie freundlich sich die Leute hieı um den Kunden bemühen.“ Er äußerte dies, nachdem ein Angestellter von Opel eine halbe Stunde lang für ihn herumtelefoniert hatte, um ihm noch von irgend- woher die Ersatzteile für seinen Wagen aus dem Jahre 1953 aufzutreiben Was die Freundlichkeit, das Vertrauen und die Dank- barkeit der Zeugen uns gegenüber bedeutet, kann man sich nur klarmachen, wenn man sich ihre Erlebnisse in Auschwitz immer wieder vergegenwärtigt. Dort sind mindestens zweieinhalb Millionen vergast, erschossen oder durch Spritzen getötet worden, oder sie sind in Stehbunkern verhungert oder an Typhus gestorben. Etwa sechzigtausend haben überlebt. Eine Chance zum Überleben hatten vor allem Ärzte, Sanitäter, Sprachkundige, die als Schreiber und zum Dolmetschen benutzt wurden, Handwerker, die unter Dach arbeite- ten und die zur Erhaltung des Lagers und der Wach- mannschaft nötig waren. Das waren die„Privilegier- ten“; in diese Funktionen einzurücken, hatten zunächst Deutsche eine Chance. Von den übrigen konnten nur die Jüngeren, sehr Ge- sunden überleben, die Wendigen und die Meister im Organisieren, oder Menschen, deren unerhörte seeli- sche Kraft den Körper hielt, was immer ihm zugemutet wurde. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, wie ein Mensch es überleben kann, daß er erst ohn- mächtig geprügelt, dann gezwungen wird, einen ver- salzenen Fischsalat zu essen, diesen ausbricht, unter 31 Schlägen gezwungen wird, das Erbrochene abermals zu essen, und es dann übersteht, mit den Händen auf dem Rücken zusammengebunden für Stunden an einen Pfahl gehängt zu werden; er stirbt auch nicht, wenn er kurz darauf in eine Stehzelle von achtzig Zentimetern im Quadrat gesperrt wird und nur jeden dritten Tag einen Teller dünne Suppe bekommt. Aus irgendeinem Grund soll er nicht gänzlich verhungern wie seine Stehzellennachbarn, die nach dreizehn qualvollen Ta- gen sterben. Recha! Dreizehn Tage dauert es, bis du verhungert bist. Die Verhungernden brüllten voı Schmerzen; einer hat seine Schuhe aufgegessen. Ich wollte Dich eigentlich verschonen mit solchen Gräß- lichkeiten, weil die Zeitungen ohnehin davon voll sind. Aber wenn du einem Menschen gegenüberstehst, der das durchgemacht und überlebt hat, so hast du das Ge- fühl, es ihm schuldig zu sein, dieses Erlebnis voll ins Auge zu fassen und ihm nicht auszuweichen und es auch weiterzuerzählen. Und der Mann, der das durchgemacht hat, war ohne Haß! Kannst Du verstehen, daß eine solche Begegnung ein großes Geschenk ist, daß eigentlich wir, die wir mit ihm zusammensein dürfen, die Nehmenden sind? Ruppertshain, 24. Mai 1964 Liebe Recha, schon vor Beginn des Auschwitz-Prozesses wußte ich aus Büchern und Berichten von Dritten vieles von dem, was in den Konzentrationslagern geschehen ist. Aber jetzt merke ich in der Begegnung mit den Zeugen, daß es ein ungeheurer Unterschied ist, ob man von den schrecklichen Geschehnissen liest und hört, oder ob man Menschen gegenübersteht, die das Grauen mit- erlebt haben. Gestern war ich mit einem Mann zusam- men, der als Fünfzehnjähriger mit seiner Mutter nach Auschwitz kam. Aus den überfüllten Viehwagen spran- gen sie auf die Rampe, übermüdet, hungrig, durstig, verschmutzt von tagelanger Fahrt; im Chaos der elen- den Menschenmenge und unter dem Geschrei der SS 33 faßte der Junge die Mutter wie erlöst bei der Hand und flüsterte ihr zu:„Mutter, dort steht ein Wagen vom Roten Kreuz, hier kann nicht viel passieren“— aber in eben diesem Sanitätswagen lag das Giftgas! Er wurde von der Mutter getrennt, und noch in derselben Nacht erstickte sie in der Gaskammer. Oder Recha, überwältigender als Millionenzahlen ist eine Stimme eines Menschen: Der Richter fragte: „Können Sie sich erinnern, wer damals bei Ihrer An- kunft in Auschwitz auf der Rampe stand und selek- tierte?” Der Zeuge schaut wie aus einer andern Welt und sagt dann leise:„Nein- ich habe nur geschaut, was aus meiner Frau wird... die- man mir— vom Arm ge- rissen hatte—“ Auch er hat sie nie wieder gesehen. Liebe Recha, es war inzwischen Nacht geworden. Ich mußte unterbrechen. Aber ich will Dir heute noch von „meinen“ drei Rumäninnen erzählen. Sie haben sich eine Woche bei den Marienschwestern erholen dürfen, und dann haben sie noch einen Tag bei mir verbracht. Kannst Du Dir vorstellen, was es bedeutet, Menschen in sein Haus aufnehmen zu dürfen, die in Auschwitz waren? Es waren Mutter und Tochter und deren Freundin, die sich im Lager fest aneinander gehalten haben; mit sehr viel Energie und Klugheit war so etwas manchmal mög- lich. Die Mutter ist Ärztin und eine ungewöhnliche Frau. Sie gehört zu denen, die überlebt haben aus see- lischer Kraft, aus dem ärztlichen Ethos. Bei einem Appell zum Beispiel kam eine Frau in die Wehen und schwank- te vor Schmerzen. Die Ärztin sah es, wollte zuspringen, bekam aber dafür eins mit der Peitsche übers Gesicht. Die Schwangere wurde weggebracht. Man hat sie nie mehr gesehen. Ein solcher Peitschenhieb für den Ver- such, als Arzt zu helfen, warf nicht um, sondern provo- zierte überlegene Kraft. Dieses Phänomen bestätigen alle Erlebnisse dieser Frau. Die Liebe zu ihrem Kind hat ihr in allem trostlosen Elend von Hunger, Schmerz und Übermüdung die Kraft gegeben, um Mitternacht aufzustehen, wenn der Dusch- raum leer war, die todmüde Tochter zu wecken und sie zu waschen. Sauberkeit war Lebensrettung. Diese Menschen sind von einer flackernden seelischen Erregtheit durch das Aufrühren dieser Erinnerungen, daß ich sie jede in ein anderes Zimmerchen legte zur Siesta. Später fand ich die rührendsten Zeichen der Dankbarkeit auf kleinen Zetteln zwischen den Kis- sen. Wofür? Für ein klein wenig Verstehen und Ein- fühlung. Und solche Menschen sollten wie Ungeziefer zertreten werden! Frankfurt/Main, 31. Mai 1964 Liebe Recha, in den letzten Tagen wurden einige Frauen aus Israel, Florida und Rumänien vernommen. Eine Szene kam vor Gericht zur Sprache, die ich Dir schildern möchte, weil sie mir sehr charakteristisch zu sein scheint für die Situation, in die die SS-Männer, besonders Ärzte und Offiziere, gerieten, die zum„Rampendienst” kom- mandiertwurden, das heißt zum Aussortieren für Leben oder Tod gleich bei der Ankunft der Züge. Solche„Se- lektionen“ gab es dann im Lager immer wieder, wenn „Platz geschaffen“ werden mußte. Stell Dir also vor, es rollt ein Zug mit Viehwagen an, in den etwa tausend Unglückliche gepfercht sind. Un- gefähr zweihundertfünfzig arbeitsfähige Frauen und Männer sollen ausgesucht werden, der„Rest“ von siebenhundertfünfzig wird gleich auf Lastwagen zu den Gaskammern gefahren. Das Gepäck wird natürlich allen sofort weggenommen, von bestimmten Häftlingskom- mandos in die Baracke„Canada“— Symbol des reichen Landes— gebracht und dort von der SS auf Schätze durchwühlt für die SS, für die Front, fürs Winterhilfs- werk, je nachdem. Nun stehen da also auf der Rampe ein paar Ärzte und sollen die Entscheidung über Leben und Tod treffen. Alle Angeklagten bestreiten, je auf der Rampe Dienst getan zu haben. Zeugen erkennen aber diesen und jenen wieder, haben damals seinen Namen gehört und haben diesen nie vergessen. So auch eine Zeugin aus Amerika. Sie ist für ihr Leben so schwer geschädigt, daß sie noch heute so elend aus- sieht, als sei sie eben aus Auschwitz entlassen worden. Vor der Verhandlung sagte sie zu mir:„Seit zwanzig Jahren warte ich auf den Tag, an dem der Name des Mörders meiner Mutter und meiner geliebten kleinen Geschwister vor irgendeinem Gericht auftaucht, damit ich die Wahrheit aussagen kann.“ Weil im Waggon die Meinung vertreten wurde, Familien würden nicht ge- trennt, hatte die Mutter vor dem Aussteigen das Drei- jährige auf den Arm genommen, der damals knapp siebzehnjährigen Tochter den Zweijährigen auf den Arm gegeben und ihr ein Kopftuch umgebunden, da- mit sie älter wirken und für die Mutter des Kleinen ge- halten werden sollte. Die anderen vier Geschwister, vier-, sieben-, zehn- und vierzehnjährig, standen da- bei. Der Arzt, den die Zeugin seit damals sucht, entriß ihr den kleinen Bruder, warf ihn der Mutter zu, die ihn nicht auffangen konnte, da sie das Dreijährige auf dem Arm hatte, und kommandierte die große Schwester zu den„Arbeitsfähigen”, die übrige Familie ins Gas. Na- türlich wurde das nicht gesagt, man forderte die zum Tode Bestimmten vielmehr auf, wegen ihrer Übermü- dung den Wagen ins Lager zu benutzen. Erst am näch- sten Tag beim Küchendienst, als die große Schwester nach ihrer Familie fragte, erhielt sie von einer Aufse- herin die lakonische Antwort:„Die sind schon längst durch den Schornstein.“ Mich verfolgt nun eine im Grunde unsinnige Frage: Hat dieser Arzt gemordet oder gerettet? Die Anweisung, daß etwa siebenhundertfünfzig ins Gas geschickt wer- den müßten, hat er nicht gemacht; er hat so oft wie 39 möglich versucht, sich diesem Morddienst zu entziehen, immer konnte er es nicht. Oder war er der Retter deı etwa zweihundertfünfzig Arbeitsfähigen? Eigentlich kann man diese Frage nicht stellen, weil von Zuhilfe- kommen und Retten nicht die Rede sein kann. Ich schil dere Dir diese Szene aber, weil sie so besonders deut- lich die Ausweglosigkeit aufzeigt, in die die SS-Männer gerieten, wenn sie dem Teufel den kleinen Finger ge- geben hatten. Einen ganzen Tag war ich mit der Zeugin zusammen Sie war schwer nervenkrank, von Bitterkeit zerfressen. Ganz langsam und ganz leise versuchte ich, ihr auch die seelische Not jenes Arztes aufzuzeigen, der vor Gericht keinen brutalen Eindruck machte, wenn auch keinen heroischen. Als ich abends ihr Hotelzimmer verließ, weinte die Zeugin, aber sie war nicht mehr so hart. Und endlich umarmte sie mich liebevoll und flüsterte: „Might be you are right- vielleicht haben Sie recht.” Ruppertshain/Taunus, 7. Juni 1964 Liebe Recha, hab Dank für Dein Verständnis! Man hört und liest so oft, daß Ihr im Ausland so befremdet seid über die relativ milden Urteile, die unsre Richter in den Prozes- sen gegen frühere SS-Leute fällen. Ihr faßt wahrschein- lich nicht alles ins Auge, was ein Richter heute und hier dabei ins Auge fassen muß. Neulich wurde in der Verhandlung ein langes Gut- achten über„suspendiertes Unrechtsbewußtsein” ver- lesen. Es unterscheidet sich von„Rechtsbewußtsein”- dem Glauben an die Rechtmäßigkeit der Tat- dadurch, daß der Handelnde unter anderen Umständen ein Un- rechtsbewußtsein gehabt haben würde. Dieses Un- 41 rechtsbewußtsein wird„unter Umständen” abgehängt. Du erinnerst Dich, daß Shakespeare in seinem„Ri- chard Ill.“ die gedungenen Mörder philosophieren läßt, bevor sie den Herzog von Clarence töten: es geht auch dort darum, daß sie ihr Unrechtsbewußtsein los- werden wollen. Sie berufen sich zuerst darauf, daß es ja ein„Auftrag“ sei, daß also ein anderer die Verant- wortung dafür trage. Dann überwinden sie die phy- sische Angst mit dem Appell an ihre männliche Eitelkeit, sie wollen„ein ganzer Kerl“ sein, von dem man doch mit einer gewissen Bewunderung sprechen wird. Und der letzte Rest von Unrechtsbewußtsein wird verdrängt durch den Blick auf den Beutel Goldes, der als Beloh- nung winkt. Für einen charakterschwachen Menschen mögen diese drei Faktoren— Gehorsam gegenüber einem Befehl, ein falsch verstandenes Selbstbewußtsein und persönliche Vorteile- in unserem Fall die Aussicht auf Urlaub, Schnaps, Zigaretten und Wurstzulagen- ausreichen, um einen Mord zu begehen. Für Millionen- morde muß noch manches an Motiven hinzukommen. Bei den im Auschwitz-Prozeß verhandelten Fällen schei- nen mir außerdem die folgenden beiden Gründe für das Zustandekommen der Massenmorde eine wesentliche Rolle zu spielen: Der Gruppengeist der Wachmann- schaften, für den die ghettoartige Abgeschlossenheit von der Außenwelt zu einem Treibhaus für Fieber- träume wurde, und die demagogische Verbrämung mit „Weltanschauung“. Aus Deinem letzten Brief entnehme ich, daß Du die berühmte Rede von Himmler an die SS gar nicht kennst, in der er seine„Weltanschauung“ so eindrucksvoll und typisch darlegt. Er sagt etwa folgen- des:„Es ist keine Kunst, eine Stadt am Schreibtisch judenrein zu befehlen, aber das praktisch durchzuste- hen, nicht nur hundert oder tausend Tote zu sehen, sondern zehntausend, hunderttausend, Frauen und Kinder dabei; das durchzuhalten und dabei anständig zu bleiben, da fängt das wahre Heldentum an!”— In diesem„dabei anständig bleiben“ spiegelt sich die ganze Verworrenheit, die, wie ich glaube, typisch deutsch ist. Diese„Helden“ waren nun also in Ausch- witz und in den anderen Konzentrationslagern ziem- lich isoliert, hörten immer wieder in Variationen diese Lehre und waren in Bandentreue aufeinander angewie- sen. Unter der Drohung, auch„durch den Kamin ge- schickt“ zu werden, wenn sie im Urlaub irgend etwas ausplauderten, paßten sie sich diesem Bild vom Himm- lerschen Helden innerlich an, um überhaupt existieren zu können. Das„Anständigbleiben“ drückte sich für sie darin aus, daß sie den Kindern Bonbons schenkten, be- vor sie ihnen die tödliche Spritze ins Herz stießen, odeı den Selektierten die doppelte Suppenration austeilten. (Manchmal haben sie den Selektierten auch einfach gar nichts mehr zu essen gegeben!) Daß sie den Opfern vor der Gaskammer sagten, sie würden geduscht, ge- schah wohl einfach, um Panik zu vermeiden. Aber auch darin mag ein trauriger Rest von Mensch- lichkeit mitgeschwungen haben. Die SS-Leute gingen doch davon aus, daß dies alles nun so sein„müsse”. Wenn sie total verkommene Unmenschen gewesen wären, würden sie ja später beim Raubmorden geblie- ben und nicht Buchhalter oder Krankenpfleger gewor- den sein.— Für viele Deutsche also wurde die Verfüh- rung durch eine systematisch gepredigte„Weltanschau- ung“ zum Fallstrick. Sag dem Deutschen etwas von Weltanschauung, und er folgt dir auf die höchsten Klippen und in die tiefsten Schächte! Es ist kein Zufall, daß es das Wort„Weltanschauung“ in Amerika origi- när nicht gibt. Es gibt ja unter allen Völkern der Erde Beispiele genug, daß durch revolutionäre oder durch kriegerische Verhetzung aufgepeitschte Leidenschaften zu Unmenschlichkeiten fähig machen Das entsetzlich Neue bei unseren Verbrechen ist nun aber gerade die Leidenschaftslosigkeit, die kalte, bü- rokratische, technisch perfekte Massenvernichtung. Goethe sagt einmal in seinen Maximen:„Der Han- delnde ist immer gewissenlos; es hat niemand Gewis- sen als der Betrachtende.”“ Hier aber war der Betrach- tende, der ruhig und warm an seinem Schreibtisch Sitzende, der Mörder. Die Volksseele kochte ja gar nicht, sie mußte künstlich angeblasen werden mit Welt- anschauung und Rassenhaß. Ein polnischer Zeuge sagte mir mit einem unvergeß- lichen Ausdruck von Ratlosigkeit:„Wissen Sie, worüber ich nicht wegkomme? Daß eigentlich die Voraussetzun- gen für diese Massenmorde im polnischen Volk viel eher gegeben sind als im deutschen, nämlich im polni- schen Nationalismus, Chauvinismus, Antisemitismus und in der Intoleranz des Polen.“ Ich sagte ihm, daß ich glaube, es komme nur darauf an, ob einer die bösen Leidenschaften weckt, oder ob eine Regierung es ver- steht, die Kräfte, die zu solchen Fehlhaltungen und Grausamkeiten drängen, auf bessere Wege, zu besse- ren Zielen zu steuern. Das ist alles gar nichts Neues. F. Th. Vischer hat es schon ganz einfach und klar ge- sagt:„Die Kunst der Staatsführung besteht darin, die Verantwortung in reine Hände zu legen.” Mein polnischer Gesprächspartner war ein Patriot, der seine Kraft rückhaltlos dafür einsetzt, seiner Regierung zu helfen und das Beste für sein Volk zu erreichen. Er sagte mir:„Sie können solche Selbsterkenntnis auch bei uns hören, ohne daß Ihnen jemand droht, es sei nicht linientreu, so etwas zu denken.” Ob er objektiv recht hat oder nicht, weiß ich nicht, wichtig war mir aber, daß er aufrichtig empfindet, was er sagte. Recha, ich wünschte, Tausende, Zehntausende hätten die Mög- lichkeit solcher unvoreingenommenen Gespräche! Wie- viel Schorf auf alten Wunden würde abfallen und die reine neue Haut zutage treten lassen! Wenn ich mit Deutschen über die SS-Prozesse spreche, kommen immer wieder dieselben langweiligen, bana- len Hinweise auf die Greueltaten anderer Völker in die Debatte, auf Dresden, Hiroschima, die russischen Tscheka-Säuberungen, die dreißig Millionen das Leben gekostet haben sollen... Ich kann dann immer nur antworten wie jener Rostocker Flüchtling, der zwei Be- die der Ing St uch sel