nn ne TE ED Er re 4 HILMAR PABEL| j Ä CHICKSALSBILDER ER IE | x % N Les= CONSTANTIN VERLAG Wer diesen Bilderband in die Hand nimmt, erwarte nicht ein Werk systematischer Vollständig- keit. Dem Autor dieser Bilder ging es nicht darum, den Ablauf der Zeit vom Kriegsbeginn über sieg- reiche Vormärsche, über das Grauen der Rückzüge bis zum bit- teren Endemit Bildern zu begleiten oder gar das„Wunder” des Auf- stiegs nach dem tiefsten Fall unse- rer Geschichte zu illustrieren. Ihm ging und geht es immer nur um den Menschen und seinen Weg in diesen Jahren. So ist ein Buch ent- standen, in dem das Schicksal eines Volkes sich zeigt, das mor- gen, tausendmal schlimmer noch, das Schicksal aller Völker sein kann. Die Menschheit steht heute vor einer ihrer größten Entschei- dungen. In den Händen Weniger liegt heute die Zukunft der Erde. Wenn diese Wenigen sich ihrer Verantwortung vor dem Schöpfer dieser Erde und vor den Menschen bewußt wären, wenn sie sich zu Gandhis Glauben an die Gewalt der Gewaltlosigkeitbekennten, zu einer Politik des Herzens, dann könnte die Zeit der Kriege— un- würdig einer Menschheit, die das Wort Humanität so gern im Munde führt,— zu Ende gehen. Dann wür- de den gequälten Völkern endlich auch das Größte geschenkt, was Menschen überhaupteinander ge- ben können: Liebe und Frieden. IM BERTELSMANN EPESERING ||— UB GIESSEN INN IEEIDEIDERN IN! III EII INN IB DEITEIEEUDENN DH IN 27 012 264 | EEE ——, UB GIESSEN 1111 JUlNN | | 2? 012 264 | ar Be E je Ion apa une ee rehia.a na are ya and ee ELTTELLEERUES EL LEDETEERTERLEN TE TE TEE una rn EIS SSIIETESS ST IEEE BERSBEESE SS IPACHERTE SUINISERREEISE IZESBEE INES “1- n N 3 EEE TERN SE Rn ee Dean, RA AAN RAN Tre Are RATTE nen un ahnen wuebeh sine“ B FRNUHRUNERUSLEN Y7) rn nk EEREELEUFELSUEEHRRERMUSTE EEEBLERDRERESSEURENT JAHRE UNSERES LEBENS Heike Duill Marianne Gross Breidensteiner Weg 74 60489 Frankfurt Tel. 069/7893368 Einband- und Umschlaggestaltung von Hans-Joachim Kirbach Textredaktion von Willi Steinborn Univ.-Bi Gies Se Lizenzausgabe für den Bertelsmann-Lesering mit Genehmigung des Constantin-Verlages Stuttgart Copyright 1954 by Constantin-Verlag Stuttgart- Klischees: Graphische Kunstanstalt Willi Berger, Stuttgart Druck: Graphischer Großbetrieb Lübecker Nachrichten GmbH. Die modernen Kriege machen viele Menschen unglück- lich, solange sie dauern, und niemanden glücklich, wenn sie vorüber sind. GOETHE HABEN WIR DAS WIRKLICH ERLEBT? wird sich mancher bestürzt fragen, wenn er in diesen Bildern blättert. Das Vergangene versinkt schnell, so scheint es. Wie flüchtig und ungenau wir uns aber seiner erinnern mögen, deswegen wird es nicht um so gewisser Ver- gangenheit. Vielmehr besteht die Gefahr, daß, was wir hinter uns zu haben glauben, plötzlich als zukünftiges Schicksal uns entgegenkommt,— gerade, wenn wir nicht geneigt sind, uns zu erinnern. Wer vor der Geschichte die Augen am festesten schließt, der wird am gewissesten ihr nächstes Opfer— eben jener alten, abgestandenen, kraftlosen und doch mechanisch in sich weiterkreiselnden, gewalttätigen, schrecklichen Geschichte. Soll die bisherige Geschichte nicht immer wieder unser Los sein, soll das Geschehene keine neue Drohung werden, soll das Vergangene wirklich vergangen sein, dann hilft wahrscheinlich nur, daß wir das Vergangene ständig vergegenwärtigen, daß wir uns die Bilder unserer Erlebnisse vor Augen halten, daß wir bei Büchern wie diesem verweilen. Allein das helle Bewußtsein unsrer dunklen Herkunft kann auf unsre dunkle Zukunft einen lichten Schein werfen. Diese Bilder aus den letzten 15 Jahren sind Dokumente— Dokumente eines Herzens. Hilmar Pabel ist Kameramann. Er steht an der Front der Zeit. Unablässig beobachtet sein Auge, was um ihn vor sich geht. Er ist ein genauer, aber dennoch kein objektiver Beob- achter. Andere bedienen den Auslöser mit dem Zeigefinger, Pabel— mit dem Herzen. Und dieses Herz ist brennend und vor allem anderen am menschlichen Ereignis beteiligt. Das Geschehnis an sich interessiert ihn nur am Rande. Auch wenn auf seinen Bildern kein Mensch zu sehen ist, sie drücken eine menschliche Situation, die nicht einen einzelnen per- sönlich, sondern alle betrifft, erregend oder beklemmend vollkommen aus. Liebende und sorgende Teilnahme, das charakterisiert sein innerstes Wesen vielleicht am besten. Pabel hat die Welt gesehen. Die gegenteilige Feststellung zu treffen, wäre jedoch genau so richtig. Denn was er mit seinem Blick durchdrungen, was er erkannt, was ihn wirklich angesprochen hat, das war hier wie dort wie überall nur eines: der anonyme Mensch, der kleine Mann, seine Hilflosigkeit, seine Leiden, sein Ausgeliefertsein an die Geschichte, von der Pabel glaubt, sie sei eine Chronik der unmenschlichen Versuchungen ihrer Reprä- sentanten. Deshalb ist ihm alles Repräsentative tief verdächtig, nicht würdig, daß man sich ein Bild davon bewahrt. Pabel hält den Verantwortlichen an den Katastrophen unserer Geschichte statt ihres Porträts einen Spiegel vor, in dem nicht sie selbst sich spiegeln, sondern ihre Taten und Unterlassungen, alles, was sie dadurch angerichtet haben, daß sie sich als Funktionäre eines Prinzips betrachteten, anstatt Anwälte der namenlosen Herzen zu sein. Das Porträt eines Prinzips könnte dem, der es verkörpert, schmeicheln, gerade wenn es andere entsetzlich finden. Die Röntgenaufnahme eines gequälten Herzens läßt kein Vielerlei von Deutungen zu. Im Anblick solcher Aufnahmen bleibt nichts übrig, als sich der Wahrheit zu stellen. Und die Wahrheit dieser Herzen ist in aller Welt und zu jeglicher Zeit gleich— und gleich einfach. Was wollen denn dieMillionen, die in die Geschichte ihrer Völker hineingeboren werden und anscheinend nur dazu bestimmt sind, sie zu vollziehen, indem sie sie gehorsam oder protestierend— es bleibt sich gleich— erleiden? Sie wollen leben; sie wollen in Frieden ihrem Tagewerk nachgehen; sie wollen ihre Träume vom Glück haben dürfen; sie wollen ihren Kindern die Gewißheit mit auf denWeg geben können, daß sie sich, inwelche Ferne es sie auch verschlagen mag, nirgends in dieser Welt zu fürchten brauchen. Aber gerade die Furcht hat über die Millionen ihr Regiment geführt und führt es heute noch; gewiß war und ist nur die Ungewißheit; das Glück bestand darin, daß man die Tränen der Verzweif- lung noch weinen konnte, ihr Strom nicht schon versiegt war; der Frieden, das waren die bangen Augenblicke zwischen Entwarnung und Voralarm. Und dasLeben war eine Todes- erwartung. Alles in allem: die Wahrheit der Geschichte dokumentierte sich vor Pabels erschrockenen Augen, als er die Wahrheit der menschlichen Herzen fotografierte. Und so ist dieses Buch eine Beschwörung der Geschichte und der Mächte, die dieses geschichtliche Spiel erfunden haben: Laßt es genug sein! DieZukunft und der Tod, beide sitzen im Zuschauerraum, nur sie beide noch, alle anderen sind schon gegangen. Entweder— Oder. So explosiv, wie heute die Erdkugel ist, kann man es sich nicht mehr leisten, die Zukunft zwar zu meinen, aber wie eh und je doch die alten Wege der Vergangenheit weiter zu gehen. WILLI STEINBORN Deutschland 1939. Da standen die langen Reihen der gefüllten Milchkannen wie Jahr und Tag, und keine Mutter brauchte sich darum zu sorgen, ob ihre Kinder auch zu essen und zu trinken haben würden. Aber da standen plötzlich auch diese neven unheimlichen Reihen von fast fertigen Geschossen. Und gab es eigentlich einen Zweifel, daß sie zum Verbrauch bestimmt waren, ehe sie verrosteten, genau wie dieMilch, ehe sie sauer wurde? Und da standen die jungen Freiwilligen, die gerade von der Musterung kamen und für tauglich befunden waren, ihr Vaterland zu verteidigen, und keinem kam in den Sinn, daß sie, wie sie hier beisammen waren, es bald nicht mehr sein könnten. Und dann standen sie schon auf den Kasernen- höfen, lernten:„DasGewehr— über!” lerntenschießen,inDeckung gehen, aufspringen, angreifen, angreifen, angreifen. Das Gespräch zwischen dengroßenVölkern war abgebrochen, der 2.Weltkrieg hatte begonnen. l li; an Ent 1 Wie oft waren sie am Rande ihrer Kräfte bei den endlosen Märschen in Rußland. Einfache Frauen und Mütter wie diese nahmen sich derVerschmach- tendenanundreichten ihneneinenKrug Wasser oder Milch. Und der deutsche Gefreite verwandelte sich in das dank- bare Individuum Karlchen Müller und trank, und wenn es mit der Verständi- gung nicht gar so schwierig gewesen wäre, hätte er dem„Russenweib” gern von Frau und Kind zu Hause erzählt. Da saß ein armer russischer Bauer, tief in Gedanken. Auch er sah in den deutschen Jungen nicht den„Feind“, sondern Men- schen, über die der Krieg nicht anders her- eingebrochen war als über ihn. Er sah ihnen zu, wie sie hinsanken, wo sie grad standen, und im nächsten Augenblickschon weit weg waren in Schlaf und Traum, da hinten in Deutschland, das ihre Heimat war wiediesesStückchenErdehierseineHeimat. TIETERIERR Wie schön waren dieSommermorgen in Rußland!Wie gut tat es, inmitten von Kameraden singend in den jungen Tagzu marschieren! Sie alle kannten denKrieg, aber sie vergaßen ihn für diese Stunde. Dann war er plötzlich wieder da. Mittags schon standen sie vor einem frischen Grab: der Raach war gefallen, der Lois, er wird nie wieder singen— kann das einer begreifen? Und nachmittags kommen der Franzl und der Sepp zurück, der Sepp, der mittags so stumm und nachdenklich am Grab vom Alois stand. Beinahe wären nun auch sie an der Reihe gewesen. So ging einer nach dem anderen. Immer kleiner wurde die Kompanie. 13 einen Bin hl a Tr Und dann kam der erste russische Kriegswinter. Anscheinend unaufhaltsam waren die deutschen Armeen immer weiter nach Osten vorgestoßen, bis vor die Tore Moskaus. Warnende Stimmen hatten sich im Orkan der Begeisterung, den Sieg um Sieg auslöste, kein Gehör verschaffen können. Erst als Guderians Panzer über Nacht festfroren, setzte die große Ernüchterung ein. Aber alle Anstrengungen, die ein Volk machte, um seine Söhne im letzten Augenblick vor dem Zugriff des sibirischen Winters zu retten, kamen zu spät. In wenigen Wochen waren die Lazarette überfüllt mit Soldaten, denen keine feindliche Waffe eine Wunde geschlagen hatte, sondern denen von einer nie gekannten erbarmungslosen Kälte die eigene Waffe aus der Hand geschlagen worden war. Mit erfrorenen Gliedern sahen sie dem grausamen Schicksal entgegen, den Rest ihres Lebens als Krüppel zu fristen. Ein rotes Bändchen, der„Gefrierfleischorden”, war das An- denken, mit dem man sie für die fehlende Winterausrüstung nachträglich entschädigte und nach Hause schickte... Aber noch sprangen immer wieder andere für sie ein, brachten über vereiste Straßen, durch die Schneestürme der Steppe oder durch tief verschneite, unwegsame Wälder Verpflegung und Munition nach vorn, zu den Männern, die da draußen in einsamer Verlassenheit Wache standen, Tag und Nacht... 14 r4 IE EN 7 af,% I 62 u) | en H= Miniaturausschnitte aus einem großen Schlachtfeld: Das tuchgepolsterte Gewehr eines verwundeten russi- schen Schützen. Er war einer von den vielen Namenlosen, die einen soldatischen Befehl für sich selber zum moralischen Gesetz machten und kämpften„Bis zum letzten Atemzuge...”. Gleich daneben lag ein kleines friedliches Bild, das im Chaos der Schlacht verlorengegangen war, wie der Mann, dem es einst gehörte. 16 Sie haben alle Vormärsche mitgemacht und bisher auch alle Rückschläge über- standen. Trotzallen Schrecknissen, durch diesiegegangen sind, faßten sie immer wieder Mut. Aber allmählich änderte sich der Ton ihrer Briefe, die sie nach Hause schrieben. Sie hatten nicht mehr die Kraft, den Bangenden Trost zuzu- sprechen, und die Briefe, die sie erhiel- ten...„Da lies mal: Ich kann schon nicht mehr schlafen vor Angst und Sorgen. Hört aenn der Wahnsinn nie mehr auf?” Terre 1 Müde undabgekämpft saß der Landser an den Wegen derNiederlage. Sah er um sich, erblickte er in zerfetzten Land- schaften nichts als Ruinen— und darin sorgenzerquälte, von Angst gehetzte, verzweifelte Menschen. Schloß er die Augen und suchte sich das vertraute Bild der Heimat vorzuzaubern, so wußte er, daß er sich betrog. Längst sah es dort aus wie hier: umgepflügte Städte, Bombenteppiche, Feuerstürme, Frauen und Kinder in überfüllten Bunkern, Kel- lern und Gräben mit vor Angst zerbis- senen Händen. War der Mensch dazu geboren, um im Inferno unterzugehen? PETE nenn ge: ee. nn - en ii, gen Berlin, die Hauptstadt des Reiches, brennt! Sie brennt Tag und Nacht. Denn aus tausend Bombenschächten fallen Tag und Nacht tausend neue Brände und tausend neue Tode herab. Männer wie Graf Helldorf— unten Mitte— kämpften gegen die Fortführung dieses mörderischen Krieges. Sie bezahlten ihren Mut zu offener Kritik und zum Widerstand gegen einen Mann, der sich weigerte, der Wirklichkeit ins Ge- sicht zu sehen, und mit sinnlosen Befehlen täglich Tausende unschuldiger Menschen der Vernichtung aus- lieferte, mit einem schmachvollen Tode: Helldorf wurde— als einer der Männer des 20. Juli— gehängt. Soweit war es schon: jeder Win- kel der Heimat war Front gewor- den. MitBordwaffenfeuer wurden die Menschen wie Hasen über die Straßen und Felder gejagt. Und immer häufiger kamen die großen Bomberverbände. Da stand im Wald von Remagen am Rhein eine Frau mit ihren Kindern. Ergeben, die Hände zum Gebet gefaltet, starrt sie hinauf in das Dröhnen der Viermotorigen, erfleht eine Mutter ihrer aller Rettung von ei- nem Himmel, aus dem doch schon im nächsten Augenblick Tod und Vernichtung herabstürzen. Im un- geheurenGewitterexplodierender Bomben geht ihre Stimme unter. So sahen sie aus, die Jüngsten, die in der Normandie kämpften, in der Eifel, in den Ardennen; gespenstig getarnt, mit den letzten Waffen desHeeres behängt, Handgranaten in vielzu großen Stiefeln, Panzerfäuste in Kinderhänden; immer auf der Flucht vor einem übermächtigen Gegner, Gefangenschaft oder Tod entgegen. 22 Ängstlich an seine Mutter geschmiegt, sah ein kleines französisches Mädchen in das Chaos, das an ihm vorüberflutete. Für einen Augenblick blieb einer der wild aussehenden Soldaten vor ihm stehen. Ein Blick voll stummer Fragen traf ihn tief ins Herz.„Du hast Angst, mein Kind”? sagte er,„ich auch, ich auch!” 23 . AL,_ DE br un Te a- - e. = Pr \ w 4 RR rt, ER| \- er De ei.» a DEE ET Be Großväter und Enkel Seite an Seite.„Männer von 16 bis 70 Jahren”, bewaffnet oder unbewaffnet, auch dieses letzte erschütternde Aufgebot wurde noch in den Kampf geworfen. Der Volkssturm sollte retten, was vorher intakten Armeen unmöglich war. Russische Panzer rollten schon durch die Straßen von Berlin. N rn SE Einganzes Volk war am Ende seiner Kräfte. Abeı dem Schlaf der Erschöpfung folgte kein erlöstes Erwachen. Die grausame Wirklichkeit jagte uns auf. Soldaten auf Rückzugswegen, die Frauen und Kinder, die ihre zerbombten Städte verlie- ßen,endlose Trecks imRing der Panzer einer gan- zen Welt— wohin? Wir alle waren Flüchtlinge 26 an UWLRLTURUDUNUN Die Werke der Natur und die der Menschen, sie waren alle tot. Selbst das Gesicht der Erde war voll schreck- licher Wunden. Eines von tausend Bildern eines verlorenen Krieges— ein Bild, ein Symbol, eine Warnung. 28 Auch die großen Stätten der Kunst hatte die allgemeine Zerstörung nicht verschont. Von Berlins berühmtem Schillertheater war nicht viel mehr übriggeblieben als die Namenslettern über dem Eingang zu einer Ruine. 29 8.Mai 1945: Der Krieg ist zu Ende! Verlassen, von düsteren Wolken überzogen, liegt droben im Berchtes- gadener Land Hitlers Berghof, eine Ruine, wie sein ganzes„Tausendjähriges Reich”.—(KleinesBild):„Da unten der kleine Hügel, mitten in der Lüneburger Heide“, erzählt manchmal ein britischer Verkehrspilot einem seiner Passagiere auf dem Flug nach Berlin,„da unten hat Deutschland an jenem 8. Mai kapituliert.” Mitleerem Herzen und leeren Händen stan- den wir hilflos im Schutt unserer Welt. Allzu vieles, was uns teuer war, existierte nicht mehr, hatte un- heilbar scheinende Wunden davongetra- gen. Verstümmelt hing Christus an sei- nem Kreuz. Durften wir es wagen, einen Blick zu ihm zu er- heben? Es war nach den Jahren des Ent- setzens das erste Zei- chen, daß noch mehr als Verzweiflung in uns lebte: die Men- schen begannen sich wieder unter dem Kreuz zu versammeln, in Demut zu beten und auf die Gnade Gottes zu hoffen. er en Sechsunddreißig Millionen Gräber... Das war die furchtbare Bilanz des zweiten Weltkrieges, nach sechs Jahren eines Völkermordens ohne Beispiel. Aber nicht genug damit: Weitere Millionen sind seitdem hinzu- gekommen: gestern in Korea oder in Indochina— und morgen? Vergeblich wartet die Welt auf Frieden. Hier wohnten una starben »unvergessen: Stumm Max ws Linziger geborgen Stumm Heine mom Vermißt Hauf Konrad Hauf Frau 2Kınder Haas frau 4 Kinder Jäger Hans Jäger Frieda por lohmns Amolsch ER Ruggaber M Ruc“ Fri vor Traub N MM u A\ Weiter ging die Völkerwanderung des 20. Jahrhunderts, der ziellose Zug aller Heimatlosen, der Flüchtlinge, der Vertriebenen, der Ausgebombten mit den wahllos zusammengerafften Resten ehemaligen Wohlstandes. 34 Und dawaren auch die Unzähligen, die umherirrten,um einen Angehörigen zu suchen, den sie verloren hat- I ten und den sie schließlich doch„irgendwo“ wiederzufinden hofften. Nichtswürdig, wer daran zweifelt... ndeS- 35 "Eltern suchen ihrt VETLWTEHEN Kinder 2 Vertorene Kinder suchen ihre Eltern P BA2aRS ERMER Fed- Manu DREH Erin A lz zE Furt Verlorene Kinder jammerten nach Vater und Mutter, Eltern suchten verzweifelt ihreKinder. Kinder, die oft noch so klein waren, daß sie nicht einmal ihre Namen wußten. Die Bilder, die sich in den überfüllten Wai- senhäusern boten, die Szenen, die sich dort abspielten, wenn die Mütter kamen und dieReihen derKleinen entlangblickten, ob ihr Kind dabei sein würde, und die Fragen der Kinder: Bist du meine Mutti, bist du mein Papa— diese Szenen waren herzzerreißend. Eine deutsche Zeitschrift nahm sich damals als erste der Sache der verlorenen Kinder an. Zusammen mit den Suchdiensten des Roten Kreuzes veröffentlichte sie Bil- der, hängte Plakate aus— auf Kartenstellen, in Wartesälen—, so fanden allmählich immer mehr Eltern ihre Kinder wieder. Aber noch immer geht tausendfach der Ruf durch den Äther: Wo— wo ist mein Kind? Name unbekannt. So stand es auf dem Suchplakat, das ein Mann im Wartesaal des Frankfurter Haupt- bahnhofes überflog.„Hier“, schrie er plötzlich,„hier ist doch unser Günther, mein Junge— Gott sei Dank— eine Spur!” Was war das dann für ein Augenblick, als dieser Mann schluchzend sein Söhnchen in die Arme schloß. Zwanzig Monate waren vergangen, seit seine Frau, auf der Flucht durch die Tschecho- slowakei, gewaltsam von ihren Kindern(oben) getrennt wurde. Und was war das für ein Augenblick, als der Vierjährige mit einer herzlichen Umarmung Abschied nahm von dem Mann, der ihn fünfzehn Monate lang durch sein Leben geführt hatte und nun einsam auf dem Bahnsteig in Regensburg zurück- blieb, als„sein Bub“ heimfuhr, weit fort, bis ins Aachener Land. Auch das zweite Kind wurde gefunden. 38 ‚Mein Vater macht Schuhe— und ich heiße Marlis Rita Arnold” ,das war alles, was aus der Kleinen heraus- zubringen war. Ihr Bild kam in den Suchdienst der Zeitschrift, Freunde der Familie entdeckten es, und so fand nach vielen qualvollen Tagen und Nächten eine überglückliche Mutter ihr seliges Kind wieder. 39 So kehrten sie endlich heim, die einst unbeschwert— oder auch voll banger Ahnungen— hinausgezogen waren. Sie hätten eigentlich glücklich sein können, denn sie hatten die Hölle der Schlachten überlebt und dieQualen der Gefangenschaft überstanden. Nun waren sie frei. Aber sie konnten dieses Glück nicht mehr empfinden— ihre Herzen waren verbrannt; sie wagten noch nicht, an ihre Freiheit zu glauben, als könne dies allein schon neues Unheil nach sich ziehen. Mühselig schleppten sie sich über zertrümmerte Bahnsteige. 40 So also sieht die Heimat aus. Der Mann am Fenster des Entlassungslagers in Ulm erkannte sie nicht mehr, ihm auch selber gar nicht gewiß, daß sie ihn noch erkennen würde. Fünf Jahre war er fort. Endlose Jahre, aber sie sind, wenn auch nicht mehr geglaubt, vergangen. Und nun? Bang steht die ‚Was soll aus uns werden? Wird unser Leben noch einmal so, wie es früher war?” und zugleich war Frage in ihm auf: 43 Z—— TE Tr EEE Er DET neo Dar TereSeeeRGRRRERIBRREE Pnsemne nor zer en= „Ich kann nicht mehr weiter” ‚ sagte der Heimkehrer müde zur Schwester, als er sich vom Fenster abge- wandt hatte,„würden Sie wohl meine Frau verständigen?” Am nächsten Tage tat sich die Tür auf.„Da, rechts”, sagte die Schwester und schob eine Frau ins Zimmer. Regungslos blieb er auf seinem Bett liegen. Sie ging auf ihn zu, setzte sich zu ihm. Kein Wort hinüber und herüber. Sie nahmen sich fest bei den Hän- den und sahen sich an. Und alles Leid und aller Kummer versanken ins Vergessen. Fünf Jahre desBangens umeinander waren vorüber. Eine Welt, die der Krieg zerrissen hatte, erstand in diesen Minuten für sie neu. Mit 18 Jahren war der Junge hinausgezogen, nun kam er zurück. Einer, der noch lächeln konnte, als er an Vaters Seite, mit dem Sträußchen von der Schwester, über den Bahnhof seines Heimatstädtchens ging. 46 Die Mutter, grau geworden in den Jahren der Angst, geleitete ihn in das kleine Bauernhaus zu- rück. Über der Tür prangte der tannengeschmückte Willkommensgruß.„Geh nur rein, Bub”, sagte sie mit schwacher Stimme,„geh nur rein, dein Bett ist schon gericht!” Und wie um dem Schick- sal, das ihr den Jungen wiederbrachte, ihren Dank zu zeigen, ließ eine Mutter ihr Kind voran über die Schwelle treten. Weinend folgte sie ihm. Und dann brachte sie ihr großes Kind zu Bett, wie damals, als er noch ein ganz kleiner Junge war, wie damals, als der Himmel ihn ihr geschenkt hatte. Heute war er ihr wiedergeboren...„In den Sternen wohnt der Friede”, steht es im Rahmen über seinem Bei 48 Am nächsten Morgen warteten schon seine Freunde und Verwandten auf ihn, aber er scheute sich, hinaus- zugehen.„Hat halt zuviel durchmachen müssen, mei Bub”, entschuldigte ihn die Mutter. Stundenlang kramte er in Kisten und Kästen, suchte nach den Dingen seiner Kindheit, blätterte in Fotoalben, las Schul- aufsätze und holte schließlich seine Geige hervor. Andächtig betrachtete er lange Zeit das Instrument. Dann zupfte er ganz zaghaft mit dem Daumen eine Saite an:„Ob ich wohl noch spielen kann?” 49 Sieben Millionen Vermißte melden die Statistiken dieses Weltkrieges. Ihre Bil- der, letzte, kostbare Erinnerungen an verschollene Männer und Söhne, sind in die Suchkarteien vieler Länder gegan- gen. Und an ihnen hängen die letzten Hoffnungen von Millionen wartender Frauen undKinder aufein Wiedersehen. Zu dieser Mutter, deren Kinder vergeblich auf den Vater warten, gesellen sich Tag um Tag weitere War- tende. Koreanische, chinesische, amerikanische, französische, indonesische Mütter, Mütter all der Völker, die in die Auseinandersetzungen im Fernen Osten verwickelt sind, bangen um das Schicksal ihrer Männer und Söhne. Ihre Tränen und Klagen sind zugleich Anklagen: Welcher Mensch darf sich das Rechtanmaßen, über das Leben anderer zu verfügen? Müssen immer die Kleinen zahlen, was die Großen anrichten? 5] „Gute Heimkehr— frohes Schaffen!” Für viele war dieser Spruch vor dem Entlassungslager ein Hohn. Denn wie sah die Wirklichkeitaus? Die Fabriken zerstört, die Arbeitsämter überfüllt, und der Hunger regierte. In den Schatten der Rui- nen hockten sie nun, die jungen, an Leib und Seele ge- brochenen Überlebenden aus den Schlachten, das Ma- schinengewehr mit Krücken vertauscht, und waren auf die mitleidigen Gaben fremder Frauen angewiesen. Wo war ihre Heimat, wo ihr Elternhaus? Wo waren die Träume und Hoffnungen ihrer Jugend?„Betrug, nichts als Betrug!” 52 Die Letzte einer großen Familie. Mann, Kinder, alle Verwandten sind umgekommen. Sie stand vor Rodins berühmten„Bürgern von Calais” im Basler Kunstmuseum.„Hier finde ich Trost und Ruhe”, sagte sie.„Ich bin längst frei von Haß und ohne Wunsch nach Vergeltung. Trotz allem, was geschehen ist, glaube ich, sollten auch wir Juden nicht selbstgerecht sein. Gott hat ein Strafgericht vollzogen an uns allen...” 54 Ihren Gefallenen beider Weltkriege errichtete die Stadt Kaiserslautern dieses Denkmal. Seine Inschrift ist ein Mahnwort an die ganze Welt und beschwört die Völker: Ändert euren Sinn, wenn es einen Sinn haben soll, daß eure Kinder ihr Leben lassen mußten. Ihr seid es den fünfzig Millionen Toten der Kriege unseres Jahrhunderts schuldig, daß die Worte wahr werden: Sie sind nicht vergeblich gefallen! 55 Nach dem großen Sturm: Strandgut des Krieges, junge Menschen auf zielloser Wanderschaft, auf abgebrannten Bahn- steigen, heute hier, morgen dort. Mit Bettelgroschen, Schwarzmarktgeschäf- ten und kleinen Diebereien schlagen sie sich durch. In Güterzügen wurde die menschliche Fracht desElends einer un- bekannten Zukunft entgegen durch Deutschland geschoben, kreuz und quer von einer Ecke in die andere, den ande- ren und schließlich sich selber zur Last. 56 Im Wartesaal unserer Zeit: Ein junges Mädchen, das um eine Zigarette bat.„Ja, heut sieht mir wohl keiner mehr an, daß die Leute auf unserem Gut einmal ‚Gnädiges Fräulein’ zu mir gesagt haben. Macht nichts, mir ist alles gleich. Meine erste ‚Liebe‘ war ein betrunkener Sieger— was kann mir daschon vielpassieren!” - tt h Die ersten Schritte zu neuem Leben in Westdeutschland: General Lucius D. Clay eröffnet den Länderrat in Stuttgart. Die Männer um ihn, Kaisen, Maier, Ehard und Stock, damals fast unbekannt, wurden bald repräsentative Persönlichkeiten des politischen Lebens der Bundesrepublik. Auch ihre Gegner mußten an- erkennen, daß ihre vordringliche Mühe dem Wiederaufbau ihrer verwüsteten Länder galt und daß sie Erfolg hatten.— Ein aufrechter Mann und Christ: Landesbischof Wurm. Er war einer der ersten, die sich dagegen wandten, daß neues Unrecht geschah. Unermüdlich tippte er Eingaben an die Alliier- ten, Proteste, Bitten, Beschwerden— bis zu seinem Tode ein Ritter der Kirche, ohne Furcht und Tadel. Der Hunger trieb die Menschen aus den Ruinen hinaus in die Wälder. Gramm um Gramm sammelten sie Buch- eckern, das Fett der Bäume. Das war zu einer Zeit, als uns das tägliche Brot nach Kalorien zugeteilt wurde, als Ernährungs-Experten uns vorrechneten, wie wenig dazu gehörte, um das Leben fristen zu können, als ganze Völker hohlwangig zur Arbeit wankten, als Drei- viertel aller Kinder in Deutschland ohne Frühstück zur Schule gingen, verfolgt vom Gespenst der Tuberkulose. 5% Der Schwarze Markt beherrschte das Leben in den Städten. Butter gegen Dachpappe, Mehl für Teppiche, Kartoffeln für das letzte gute Kleid. Alles, was vom einstigen Wohl- stand übriggeblieben war, wanderte hinaus aufs Land, wurde den Bauern zu Füßen ge- legt, für ein paar Eier, für ein Stückchen Brot. Es war die Zeit der Zigaretten-Währung. Für die Reste einer Zigarette verloren unzählige Deutsche täglich die Reste ihrer Haltung, Kinder gründeten Sammlerhorden und er- nährten oft ganze Familien mit ihrer Beute. 60 Kellergewächse der Not. Da, wo ein Bersten der Bomben Mensch um Mensch um sein biß- chen Leben gezittert hatte, in den Bunkern unter derErde,da hausten nun, Jahre danach noch, Mensch an Mensch.„Kannst du dir vor- stellen, wie die Luft hier unten ist, wo 32 Fa- milien leben und der Frischluftmotor nur zwei Stunden am Tag läuft?” schrieb eines dieser blassen Kinder aus dem„Sonnenbunker” in Stuttgart. Achttausend Wohnungen kostet ein einziger Zerstörer, stellte Eisenhower fest. Als die Vernunft wieder zu Wort kam, sahen die westlichen Sieger ein, daß ein in vier Besatzungszonen zerschnittenes Land wirtschaftlich nicht lebensfähig ist. So kam der Zusammenschluß zum Vereinigten Wirt- schaftsgebiet der Amerikanischen, Französischen und Britischen Zone. General Clay und Sir Sholto Douglas auf dem Wege zur ersten Sitzung des Wirtschaftsrates in Frankfurt. In ihrer Wagenscheibe spiegelt sich, ebenso wieaufdem Schild amEingang des Hauses, indem die Verhältnisse in Deutschland wieder menschen- würdig gestaltet werden sollten, dasEErbe wider, das jeneMänner anzutreten hatten: einLand in Trümmern. 62 Der damals heftig umstrittene Optimist unter ihnen, mit dem Ziel einer freien Wirtschaft vor Augen, war Prof. Erhardt. Sein erfolgreicher Kampf gegen dieMarkenwirtschaft verschaffte ihm bald die Sympathien eines Volkes, das den ganzen Krieg über und erst recht in der Nachkriegszeit zusammen mehr als hundert Perioden, mehr als hundert Monate hindurch von den Abschnitten derLebensmittelkarten gehungert hatte. a E47 Was die Bomben übriggelassen hatten, wurde de- montiert. Eine Zwangsversteigerung der letzten Ver- mögenswerte Deutschlands zu Schleuderpreisen, der Ausverkauf eines bankrotten Staates. Deutsche Ar- beiter wurden gezwungen, ihreeigenen Arbeitsplätze, ihre Zukunft, zu zerschlagen.„Wo bleibt der Gedanke 64 mi zum. 7 IE an ein neues Europa, wenn Haß und Konkurrenz- kampf solcher Art seine Schrittmacher sind®” rief Dr. Schumacher verbittert dem Westen zu.—„Die Demontage ist für uns einfach Selbstmord— aber wir wollen leben!” schrien die Arbeiter an der Ruhr.„Wie soll es denn bloß weitergehen?” fragten die Frauen. 65 Weltgeschichte oder Rummelplatz® 20 Pfen- nige kostet ein Blick über die Zonengrenze. Sie wurde zum Eisernen Vorhang, der nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt politisch, wirtschaftlich— und auch mensch- lich in zwei Teile schneidet. Die gesprengte Saalebrücke an der Autobahn Nürnberg- Leipzig demonstriert diese größte Tragödie in der neuen deutschen Geschichte aufs ein- dringlichste: die bloße Macht ist lediglich abgelöst und nicht etwa durch eine Politik der Menschlichkeit ersetzt worden, wie viele gehofft haben. Die Folge war, daß die deut- schen Lebensadern zerschnitten wurden, daß man zwischen Brüdern willkürlich Schlag- bäume errichtete, daß sie ihr Leben aufs Spiel setzen müssen, um zueinander zu kom- men, nachts, aufheimlichen Schleichwegen... . re N ©. er A| e 2>- Are S x W a N Hier ist die Weltzwischen West und Ostbuch- stäblich mit Brettern vernagelt. Dieser Zaun versperrt einem alten, weißhaarigen Mann einenWeg, den er sein Leben lang ungehin- dert gehen konnte. Den Weg zu seiner Ar- beit. Heute liegt sein Haus im Westen, sein Arbeitsplatz drüben im Osten. So muß der alteMann nun täglich viermal mit einer Lei- ter über den Zaun klettern, wenn er nicht re- signiert die Hände in den Schoß legen und der öffentlichen Wohlfahrt zur Lastfallen will. ur vn nn | Wert rn 7, Du Ar IZEISLITPER TS PERRtO DRPRpE Ra een EEE. Mani: ÜbLBaRSHSERa are A=.> sit A fe; ’E} 4 2 $ + $ 4 } ; 3 \ Fa ı BETT, +7=” 15 93 E42 1 PEN ta 5. f{ on Iunderlunizia Jabre Stunt hfe hier im kühlen Brund sollhalfindonnenschein und No Fraeb auch weiter Aorn und droi Sechshundertfünfzig Jahre lebten die Menschen in diesem Ort wie eine große Familie beisammen. Es blieb den Politikern des Atomzeitalters vorbehalten, diese natürliche Ordnung zu zerstören. Menschenrechte? „Ach Gott, 35 Jahre lang hab ich dort drüben gearbeitet— jetzt stehe ich hier vor Schlagbäumen, arbeits- u los_ aber was sind wir schon, ein paar kleine Leute zwischen den Mühlsteinen fremder Interessen Mit fünfzehn Westmark wollte ein altes Mütterchen hinüber, ihre Kinder in der Ostzone besuchen.„Die nehmen Ihnen doch die Volkspolizisten weg”, sagt ihr der Zöllner.„Wegnehmen? Ja, aber warum denn? Ich dachte, ich kriege 75Ostmark dafür?” Ihre Augen drücken mehr als alle weiteren Worte aus: Das versteh ich alte Frau nicht mehr! Aber auch die Jungen verstehen oft manches nicht mehr. Aufder„neutralen Straße”, wie der Weg zwischen zwei Ostdörfern über einen vorstoßenden Zipfel Westdeutschlands heißt, fahren täglich junge Volkspolizisten an den westdeutschen Grenzern vorbei. Deut- sche begegnen Deutschen. Aber eessind Ostdeutsche, die Westdeutschen begeg- nen, und sie dürfen ihre ehemaligen Landsleute und Kriegskameraden nicht mehr kennen und nicht mehr grüßen. In Helmstedt türmt sich das Gepäck der Interzonen-Reisenden: Berlin ist abge- schnitten. Als Stalin seine ehemaligen Verbündeten mit dem Schachzug der Blockade aus Berlin treiben wollte, ant- worteten siein diesem kalten Krieg mit einer gigantischen Leistung: der Luft- brücke. Die Jugend schlägt der Politik ein Schnippchen: Westdeutsche Sportler kommen von einem Spiel mit Freunden jenseits des Eisernen Vorhanges zurück. Ohne Interzonenpaß waren sie schwarz über die Grenze gegangen.„Weiß“ traten sie den Heimweg an: Sie stellten sich der Volkspolizei, die sie als„Ille- gale” über die Autobahn inden Westen zurückschickte.„Das war es ja doch gerade, was wir wollten”, lachten sie. Nachts an der Zonengrenze: Fauchend ziehtdieLokomotive einen ostzonalen Zug ineiner steigenden Kurveein paar hundert Meter durch einen Zipfel westdeutschen Gebietes. Das ist das Sprungbrett in die Freiheit. In der Finsternis läuft ein Mann mit dem Zug um die Wette. Vor Monaten schon war er geflohen— heute nacht, mit diesem Zug, sollten Frau undKinder nach- kommen, ausdemfahrenden Zug absprin- gen in ein neues gemeinsamesLeben.„Da hinten sind sie”, schreit einer, der den Sprung bereits gewagt hat und sich ge- rade aufrichtet. Sekunden später ist die Familie endlich wieder glücklich vereint. Von Haus und Hof verjagt, über Nacht heimatlos: Volksdeutsche aus Ungarn, deren Urväter vor Genera- tionen ausgewandert waren und die es aus eigener Kraft, mit ihrer leißigen Hände Arbeit zu Besitz und Wohlstand gebracht hatten. Ihre einzige Zuflucht blieb nun das zerschlagene Reich. Menschen, die einen geruhsamen und friedlichen Lebensabend in der Geborgenheit ihres Hofes verdient hatten, saßen nun, arm und alt geworden, in trostlosen Flüchtlingsbaracken, löffelten dünne Suppen und grübelten vergeblich über den Sinn ihres Schicksals nach, das sie so grausam getroffen hatte. Frauen standen wartend vor den Türen des„Arbeitsamtes für illegale Grenzgänger”. Wird jemand ein Ohr für ihren Jammer, ein Herz für ihre Not haben,— und wenn die da drinnen noch so guten Willens sind, werden sie wirklich helfen können® Hi * $ I 2 DR EI: mie Sie kehrte heim— aus Rußland. Über jede Qual der Erde erhaben schien diese Frau. Aus ihren Augen, ihrem ganzen Gesicht sprach das Wissen um alles Leid, das einem Menschen auf seinem Lebensweg be- gegnen kann. Vor dem Blick dieser Augen verstummte alles Fragen. Über ihre Lippen kam kein Wort. 76 — IQ HATT Angst steht in ihren Augen, eine Mutter erwartet das entscheidende Wort. Schlaflose Nächte der Flucht über die Grenze liegen hinter ih r— darf sie bleiben® Oder muß sie zurück? Mit klopfendem Herzen starrt sie den Mann an, vor dem täglich Tausende bittend stehen— und der doch nur wenigen helfen kann. 71 Allnächtlich sickern Flüchtlinge aus Osteuropa über die grüne Grenze. Für sie istWestdeutsch- land zumBegriff derFreienWelt geworden.Dabei istdiesesland einüberfüllterWartesaal,inden eine Politik der Rache allein fünfMillionen heimatvertriebe- ner Deutscher gepreßt hat. Als Amerika endlich auch für sie eine Tür öffnete und die ersten Auswandererzüge zum Hafen rollten, nahmen viele wieder Abschied- vielleichtfür immer. ErnstReutersStimme,dieStimme Berlins, beschwor uns Deutsche und mahnte die Welt: Vergeßt die 17 Millionen in der Östzone nicht— sie sehnen sich danach, in einem freien, wiederverein- ten Deutschland zu leben. Und seine Hand weist empor— zum Kreuz des Östens, auf einsamer Höhe im Harz. Ein Kreuz, das Mahnmal und ein Versprechen ist: Ihr seid nicht abgeschrie- ben, wir vergessen Euch nicht da drüben, Ihr gehört zu uns! Eine Frau mit einem großen Namen kam nach Europa: Mrs. Roosevelt, die Frau des Mannes, der auf der Konferenz von Jalta entscheidend das Schicksal Deutschlands nach dem Kriege mitbe- stimmt hat. Mrs. Roosevelt fuhr auch durchunsereTrümmerlandschaften,eilte Aüchtig durch einige Elendslager und erklärte überraschend aufeiner Presse- konferenz, die Bevölkerung Deutsch- lands sei„unverhältnismäßig gut ge- kleidet und ernährt”. Konnte oder woll- te sie nicht sehen, was wir alle sahen? Mrs. Roosevelt ging vorbei... Sah sie die Gesichter der Menschen nicht, die seit Jahren in Lagern dahinvegetierten? Sah sie nicht dasLeid und die Bitternis darin? Sah sienicht die Blicke der Hoffnungslosigkeit, die ihraus glanzlosen Augen folgten? 31 Mädchen auf gerader und schiefer Ebe- ne. Hier, das Mädchen mit dem offenen Blick,an einer Tankstelle arbeitend.Lilli war 19 Jahre, bediente von 7 Uhr früh bis 7 Uhr abends die Kunden ihres Va- ters. Fröhlichen Herzens spielte sie Mädchen für alles. Und dort, ein anderes Mädchen, das mit gesenktem Kopf vor dem Richter saß— von amerikanischer Polizei aus einer Kaserne geholt: Marketenderin billiger Liebe,— vom großen Strudel erfaßt und mitgerissen,ohne Vater und Mutter, die derKrieg verschlungen hat. Aus ehemaligen„Feinden“ wurden Freunde fürs ganze Leben: ein Deutscher, der Flugzeugführer Kupski, rettete während seiner Gefangenschaft in Frankreich dem Amerikaner LaSalle, der mit seiner Maschine gegen den Grat des Mont Cheval Blanc gerast war, das Leben. Er rettete damit auch das Glück zweier Liebender. Als„best man” seines ehemaligen Gegners, als Trauzeuge, stehter nun neben dem jungen Paar. EinBeispiel dafür, wieMenschen über alle Grenzen hinweg zueinander stehen,wenndiePolitik sie nichttrennt. Ebe- anen „Lilli früh ; Va- Liebesgaben an die alte Heimat schickten die aus- gewanderten Söhne der StadtPforzheim aus Ame- rika. Mr.French, derLeiter der Care-Organisation, sah die Freudentränen hungernder Menschen, als erdieerstenLebensmittelpakete ausgab an blasse, hohläugige Frauen, an unterernährte Kinder, an die Höhlenbewohner der Atomzeit. Schließlichging er durch die gespensterhofte Ruinenstadt, und sein Blick schweifte unruhig über Grabkreuze, die aus Schuttmassen ragten.„Niemand in Amerika kann ahnen, wie es in Deutschland aussieht und was die Menschen hier leiden”, sagte er erschüttert. 85 „Man lacht” über die kleinen Spielzeugesel? Da stand nun einer von denen, die derKrieg alsKrüppel aus er wollte wohlauch wieder einmal seinen Klauen entlassen hatte. Das Plakat, das Worthatte ihn angelockt lachen. Er besah sich die kleinen Esel lange Zeit. Aber was gab es denn hier zu lachen? Es half nichts. Sein Gesicht blieb unbewegt, er hatte das Lachen verlernt, mit 18 Jahren, draußen, in der Normandie. 86 el aus inmol nichts andıe Das s solle n Bil = ilder sei = ein?Ehrli 3 rlich De stenmal et ıls„ent“. ii „entarteteK A| a eKunst‘ en,die a ei ‚die in De ar er ee men 1IS 2 schland zwölf J .„Begreiflich‘ il ger iflich” an“ Bröhee N usstellung nach d und ı ae un a| erden d: ee durfte sıchempö a pört ab 2 BENVI „Wieso®"” 9 di| c ‚„MIel ea ere SIC Ss e e( a ( zusenen a£ C r zu k ure (© ge| - ie: 87 Warendlichwiederalleswieeinst? Junge Menschen, die der Hunger nach einem bißchen Lebensfreude angelockt hatte, auf dem ersten Rummelplatz der Nachkriegszeit. Da stand in aller Armseligkeit ein Pärchenverloren herum.Einarmes Mädchen und ein armer Jüngling, mit einer Papierblume im Knopf- loch, dieermiteinerArmbrusteben gewonnen hatte. Denn schießen, das war wohl das einzige, was er wirklich gelernt hatte, als er von der Schulbank weg in den Krieg ziehen mußte. Aber in ihren Ge- sichtern war nichts von dem Zau- ber zu finden, der dieLiebespaare in aller Welt auszeichnet— keine Spur von Seligkeit. Wußten sie überhaupt, was Glück ist? Zu dieser Zeit öffneten auch die ersten Theater wieder ihre Pforten Erich Ponto, ein großer Mensch unter den großen Darstellern, erfülltegern die Bitte eines Heim- kehrersum ein Autogramm. Dann ging er unter Trümmern hindurch zur ausverkauften Vorstellung. Bühne und Film spiegeln das Chaos unserer Zeitwider. In seinem Drama„Draußen vor der Tür” stellte der junge Wolfgang Borchert mitstarker Wirkung die Probleme der Überlebenden des Krieges auf die Bretter. 90 Und mit dem Flüchtlingsmädchen Katerschie auf der Leinwand die Not unserer Tage in einem neuen Gesicht, das uns anrührte. Im ersten deutschen Nachkriegsfilm„Zwischen Gestern und Morgen” spielte Hildegard, da- mals noch nicht„die Knef”, ein echtes Kind jener Zeit, sich selbst. Und Kurt Joos kehrte aus dem Exil zurück mit seinem nach dem 1.Weltkrieg entstandenen „Grünen Tisch”, einer dramatischen Tanz- schöpfung, einer Anklage gegen diePolitiker, die am grünen Tisch das Glück ihrer Völker verspielen— damals— wie diesmal wieder! Bonn, September 1949. Die Geburtsstunde der Bundesrepublik stand unter dem Zeichen der deutschen Tra- gödie: die Sieger, in weltanschauliche Lager getrennt, hatten Deutschland in zwei Teile gerissen. Während am Rhein„Die Deutsche Bundesrepublik” ausgerufen wurde, errichteten die Politiker jenseits desEisernen Vorhangs an der Spree„Die Deutsche Demokratische Republik”. Ob die Hohen Kommissare, die der ersten Sitzung des Bundestages beiwohnten, diese Lösung wohl wirklich mit echter Befriedigung erfüllte? 92 Bundespräsident Heuss und Bundeskanzler Adenauer, von Hunger und Sorgen gezeichnet, standen an der Wiege der jungen Bundesrepublik. Welche Zukunft ihr beschieden sein würde, wußten diese beiden Män- ner so wenig wie alle anderen Deutschen,— vielleicht hing sie aber von ihnen ab, und danach han- delten sie. Was sie im einzelnen erreicht haben, ist unermeßlich viel, worauf sie insgesamt verweisen dürfen, ist viel mehr: sie haben dem deutschen Namen in der Welt neue Achtung und Geltung verschafft. 93 DiePlenarsitzungen im Bonner Bundeshaus beginnen mit einem gemeinsamen Gebet der Abgeordneten und der Regierung. Westdeutschlands Parlamentarier beken- nen sich in ihrerMehrheit damit wieder zum christlichen und abendländischen Geist. Deutschland in Freiheit wieder zu vereinen, das istKonrad Adenauers Ziel. Auf welchem Wege es zu errei- chen ist, darüber sind selbst seine Anhänger nichtalle einer Meinung mit ihm. Das Vertrauen der Deutschen zu ihm ist aber Jahr um Jahr nur gewachsen, sie übertrugen ihm zum zweiten Male das Bundeskanzleramt. Seit dem Tage der Währungsre- form füllten sich, unter Professor Erhards„Zauberstab”, die Läden Westdeutschlands mit allem, was das Herz der Bevölkerung so lang entbehrte und so heiß begehrte. Vergessen war bald die unselige Zeitder Markenwirtschaft, und Be- sucher aus den Siegerstaaten frag- ten zuweilen mürrisch: Wer hat eigentlich den Krieg gewonnen? Aber gefüllte Schaufenster bedeuten noch längst keine vollen Einkaufstaschen. Diese abgehärmten Frauen standen eine ganze kalte Nacht lang an und hatten darauf gewartet, früh um 7 Uhr die Freibank zu stür- men— um billiges Fleisch. Und wenn auch die Obststände plötzlich übervoll waren— wie viele Mütter mußten ihre bittenden Kinder wegziehen:„Vielleicht später einmal, das Geld reicht doch nicht...” Werden wir morgen noch Arbeit haben? Von schweren Existenzsorgen bedroht, wie diese Arbeiterausden Münchener Filmateliers, sind ganze Berufsschichten. Dazu kommt ein Proletariat aus Flüchtlingen, Kriegs- versehrten und Hinterbliebenen, ehemaligen Berufssoldaten, Ausgebombten, stellungslosen Akademikern— und Millionen, die imKriegmitseinen Schrecken seelisch und körperlich altund gebrechlichgeworden sind. 98 Für sie und viele andere mehr soll der Bundesfinanzminister sorgen. Fritz Schäffer, auf dem undankbarsten Ministersessel, hat dieProbleme eines armen Mannes mit einer viel zu großen Familie zu bewältigen. Kein Außenstehender kann ermessen, was es heißt, die Kasse eines Staates zu übernehmen, der nicht nur bankrott ist, sondern auf Generationen hinaus mit Reparationen von astronomischer Höhe belastet ist. 99 Verständnisvoll schmunzelnd betrachtet der erste Arbeitsminister der Bundesrepublik, Storch, dasBild eines Arbeiters, der seiner Meinung über die Regierung so beredten Ausdruck gibt.„Der hat gut reden”, sagt schließlich der Mann, der selbst einmal an der Werkbank stand,„er hat nur für sich zu sorgen— von mir erwarten Millionen Arbeit und Brot. Ich wünsche ihm meine Kopfschmerzen nicht....” Hier sind sie, des Ministers Sorgenkinder: Menschen, denen der Segen der Arbeit versagt ist- Männer, die mit vergeblich geschriebenen Bewerbungs- schreiben Wändetapezieren können unddie.das bit- tere Gefühl haben, mit50 Jahrenschon zum„alten Ei- sen“ zu gehören. Frauen, denen der Krieg den Er- nährer nahm und die Nachkriegszeit ihre Spar- groschen. Sie alle stehen Schlange vor den Schal- tern der Arbeitsämter.„Wissen Sie, wie wir damit leben sollen?” fragt die blasse Frau mit den beiden Kindern. Der Mann hinter dem Schalter kennt die Not, sie sieht ihn täglich an aus tausend leiderfüll- ten Gesichtern, aber wie kann er allen helfen? Undda sind die, dieden Blick noch einmal zurückwenden, die wie in einer Prozession hinaufwandern auf den Obersalzberg. Viele unter ihnen sind dem Geist der Vergan- genheit heute noch— oder aus Enttäuschung schon wieder— so verhaftet, daß sie mit ehrfürchti- gemSchaudern jene ausgebrannte Halle mit dem gähnenden Loch des berühmten 5-Meter-Fensters betreten, dieeinst der große Kon- ferenzsaal Hitlers war. Manche Besucher lasen heimlich oder auch ganz offen ein Steinchen aus den Trümmern und nahmen es mit, ein„Souvenir vom Hitlerhaus”. Vor dem Bundeshaus drängen sich die Besucher aus allen Ländern der Bundes- republik. Wastun unsereAbgeordneten, wie arbeitet unsere Regierung, wollen sie wissen und womöglich mit eigenen Augen sehen. Ob sie der Demokratie ihre Achtung bezeugen, oder Zweifel undKritik äußern wollen, es sind jeden- falls Menschen, die nach vorn schauen. Wieder andere aber geben angesichts dieser Trümmer einstiger Pracht ihrer Empörung unverhohlen Ausdruck. Auch die Reste des Berghofs sind inzwischen gesprengt und verschwunden, Gras wächst nun über jene Stätte. krnben nn hier rain nn stm 1 a eg Ari = Professor Heuss empfängt.dieersten inBonn akkreditierten Diplomaten: die Bundesrepublik ist in der west- mit allem lichen Welt anerkannt. Aber kaum steht der neue Staat auf eigenen Füßen, werden ihm schon Marschstiefel, Uniformen und Waffen angeboten. Denn derkalteKrieg zwischen den Freun- den von gestern kann morgen schon ein heißer sein, heißer als alle anderen zuvor. Und so wird der deut- sche Soldat, eben noch eine unmenschliche Bestie, aus Acht und Bann heraus über Nacht rehabilitiert. Nachdruck Was gestern noch unvorstellbar, istheute Wirklich- keit: Sieger und Besiegte erörtern gemeinsame Ver- teidigungspläne. Theodor Blank, der Chef der deutschen Delegation, besucht, gefolgt von den deutschen Generalen a.D.Speidel und Heusinger, auf demPetersberg General Ganeval. Vor der Tür zur gemeinsamen Tafel ließ der Franzose höflich dem Deutschen den Vortritt:„Bitte, Monsieur Blank nach Ihnen!“ Die Hohen Kommissare sind, wie es scheint, mit dieser Entwicklung sehr zufrieden. Ob es ihre Völker, ob es die Deutschen auch sind® Aber wird man sie, käme es darauf an, fragen® ® In einem kleinen Dorf der Schwäbischen Alb weinten viele Frauen... Vor dem großen Krieg mußten sie ihr Dorf verlassen, weil es Truppenübungsplatz der deutschen Wehrmacht wurde. Als der Krieg zu Ende war, wollten sie wieder heim. Sie schrieben sich die Finger wund:„...der Krieg ist doch aus, wir wollen wieder nach Hause...” Aber es stimmte garnicht: der Krieg ist heute noch nicht ausfür sie. Denn in ihrem Dorf wird weiter Krieg geübt. Nur daß jetzt ihre Acker von amerikanischen Panzern gepflügt werden. 106 f E£ H : u Dh 1 N ua er a Er “ 2 N* “ 1»& Als sie sichzu einem Heimattag, 10 Jahrenach ihrem Auszug, wiedertrafen, wurde ihnen das Herz schwer. Ihr Dorf, biszum Kriegsende un- zerstört, ist heute eine einzige Ruine. Kaum fanden sie sich noch zurecht. In der kleinen Kirche stand die ganze Gemeinde und betete inbrünstig: ‚Herr, schenk unsendlichFrieden.” 107 Ringsum uns her ist einefriedlose Welt. Istesnichtdasgleiche Bild®Wie damals, drüben in Rußland, fern der Heimat, der deutscheSoldatsorgenvollindieZukunft blickte, so geht es heute dem amerika- nischen in Deutschland, fern seiner Heimat. Denn was er vor sich sieht, läßt keinen Gedanken daran aufkommen, daß er so bald wieder die Uniform aus- ziehen und wieder Brote backen kann, daheim, in Vaters Backstube wie einst. Denn hier hausen sie noch— oder schon wieder— in Baracken und Ka- sernen. Eine amerikanische Soldatenstadt wird in der Pfalz von deutschen Arbeitern aus dem Boden gestampft, und die Arbeiter tragen Bruchstücke vondeutschen,russischen,amerikanischenUniformenausdemletztenKrieg. Wohin geht unser Weg? fragt sich heute der kleine Gl. Und die Bauern ringsum schütteln die Köpfe: Es wird doch nicht noch einmal losgehen? Für und gegen den EVG-Vertrag, für und gegen eine neue deutsche Wehr- macht— in zahllosen Versammlungen wird leidenschaftlich diskutiert, prallen dieMeinungen heftig aufeinander:„Nie wiedereine Waffe indie Hand”, schwö- ren die einen;„wir müssen Europa ver- teidigen, oder wir werden vom Bolsche- wismusüberrannt” ,‚warnendieanderen. Eine Frau, eineKellnerin, steht im Hin- tergrund und blickt angstvoll zu ihnen auf:„Um Gottes willen, reden die schon wieder vom Krieg®” Einer aber, von den Flammen des letzten Krieges ge- zeichnet, sitzt stilldabei— und schweigt. m T I 3 VROAEEETNIE PTR TESEEEEEN Aber während die meisten Menschen überall auf der Welt mit Sorgen in die Zukunft blicken, die Opfer des letzten Krieges noch um eine kümmerliche Existenz kämpfen, tausend Ruinen uns auf Schritt und Tritt an das Vergangene erinnern, meldet sich trotz allem ein neues Leben an. Vergessen wir nicht die ausgestan- denen Leiden allmählich, sind wir nicht doch so weit gesundet, daß wir wieder lachen— oder wenigstens lächeln können? Haben diemeisten von uns heute nicht ein Dach über dem Kopf, ist das Leben für uns nicht wieder lebenswert geworden? Aus der Tiefe sind wir, wenn auch mit Mühen, ans Licht gestiegen, haben den Neubau der Nation bezogen und das vollbracht, was in der Welt als„das deutsche Wunder” angesehen wird: wir haben die Kraftgefunden, unser nationales Unglück zu überwinden. Heute beneidet uns ganz Europa um den Fortschritt der letzten Jahre, und das Wort„Made in Germany“ hat im Welthandel seine alte Geltung. Was 1945 noch ein trostloses HäufchenZiegelwar,hatsichwieder zueiner Gestalt gefügt. 112 f N£ N un K' N N IKDSTN IS SS, | N a»\ AR er A ETTTTTEE TEE RE Kanonen statt Butter? Butter statt Kanonen heißt es heute in einem Betrieb, der mit vielen anderen auf dem Gelände von Krupp in Essen eingezogen ist. Krupp, dessen alter Arbeiterstamm sich geschworen hat, nie wieder eine Waffe zu bauen, liefert jetzt, im friedlichen Wettbewerb mit anderen Fabriken, Lokomotiven für Deutschland, für Europa, für die ganze Welt. So hat sich die deutsche Industrie wieder hochgearbeitet. Mit ihr ist der deutsche Arbeiter begehrt und als Konkurrent auf dem Weltmarkt schon wieder gefürchtet. 115 De N ELITE. Di RER AAN AL ERTEILT Und auch viele von den Unglücklichsten haben ihr Unglück im Herzen überwunden. Hingegeben spielt der Kriegsblinde mit seinem Kind. Zärtlich streicht er ihm über das Haar und läßt es dann auf seinen Knien reiten. Vergessen ist der Schmerz vergangener Jahre. Liebe geben, das ist jetzt der Sinn seines Lebens. 116 Me u Er„a I Temperamentvoll wie in unbeschwerten Jahren springt der Amputierte bei einem Fußballspiel auf und elt der schreit jubelnd wie in seiner Jugend:„Toor”. Seine Prothese blieb zu Hause.„Wissen Sie, damit kann ich ‚Knien hier nicht rumspringen, das muß ich aber bei so einem Spiel, keine zehn Pferde könnten mich halten....” ‚eben 1117 \ i u- BR Bor en er nn re VE EEE EEE EEE TEUER REEETTERRP BET Eine neue Jugend wächst heran, sie hat Ideale und ihren Glauben wie jede Jugend. Wird sie wieder so erbarmungslos enttäuscht und um ihr Lebensglück betrogen werden wie jene, die 1939 in den Krieg geschickt wurde? Millionen Eltern klammern sich an die einzige Hoffnung, daß ein Wunder geschehe, daß die Leiden, die sie ausgestanden haben, aufgewogen und ihren Kindern angerechnet werden. 118 Geschehen etwa keine Wunder? fragt der Autor, und er erzählt: Sieben Jahre nach jenen Schreckenstagen, in denen ich eine Frau um das Leben ihrer Kinder beten sah, den Blick zum Himmel ge- wandt, kam ich wieder nach Remagen— mit den Bildern von da- mals. Und ich fand sie alle wieder: die Frau, das angstvoll auf- blickende Mädchen, die Jüngste,damals noch imKörbchen, und die Tante hinter ihnen. Und uns einte die Bitte:„Gebe Gott, daß keines wieder in solche Angst und Verzweiflung gestoßen werde!” iR.[Ey Zu. 205 Haben wir das wirklich erlebt? Da wurde eine Frau aus den Trümmern eines Hauses geborgen, das eine Bombe wie eine Streichholzschachtel zusammengedrückt hatte. Wer war diese Frau Eine Mutter vielleicht und wo waren ihre Kinder? Damals, als ich die Aufnahme machte, wußte ich nichts von ihr. Sie war eines der Millionen namenloser Opfer des Luftkrieges. Vielleicht hatte sie nicht einmal die nächste Stunde über- standen. Und nun saß ich vor ihr. Ich zögerte lange, ihr die erschreckenden Bilder von damals zu zeigen. „© Gott— diese Frau auf der Bahre, das war ich?” Erschüttert betrachtet das Ehepaar die Bilder einer schrecklichen Zeit.„Weißt du noch, Vater? Als sie mich rausholten, da warst du noch unten... dich haben sie doch erst nach Mitternacht gefunden...“, und ihre Augen füllten sich mit Tränen: Ihr jüngstes Kind blieb, mit siebzehn anderen Toten, unter den Trümmern. Wie war dieser Schmerz zu ertragen! Aber das Leben mußte weitergehen, denn da waren ja noch zwei Kinder, die Vater und Mutter brauchten. 121 „Das ist jaunser Mädel, unsereElly....” Damals war ihre Tochter noch ein Kind. EinKind, das um das Leben seiner Mutter zitterte:„Nein, nein, ich will nicht weg— meine Mutter ist doch noch unten, Mutti, Mutti, wo bist du?” Hilfloskrampfen sich die Finger der Vierzehnjährigen zusammen. Sie fliegt am ganzen Leibe. Eben wurde sie von den Helfern als erste aus dem zusammengestürzten Keller ihres Elternhauses gerettet. 122 Sieben Jahre später:„Unglaublich s soll ich sein?” fragte mich die junge Frau und zeigte ihrem Mann das Bild von damals. Ja, das Unglaubliche ist Wirklichkeit: ausdem schluchzenden Schulmädchen, demKind iener Frau auf der Bahre, isteine junge Mutter geworden, die heute glücklich lächeln kann. Die Schreckens- tage ihrer Kindheit wird sie wohl nie vergessen aber die Erinnerung daran hat ihren Schmerz verloren. Und hier der Bruder des Mädchens— mit blutendem Kopf führte ihn ein Freund zum Verbandplatz. Seine Mutter, eben jene Frau auf der Bahre, hatte sein und seiner Schwester Leben mit ihrem Leibe geschützt. Die Freunde von damals sind seitdem treue Gefährten. .„In diesen Bildern ist das Schicksal einer ganzen Familie wieder lebendig geworden— ein Schicksal, wie es ähnlich Millionen in Europa betroffen hat. 124 + sich auf den Bildern von damals: Feverwehrführer Stöcker. Noch immer kommandiert Wehr. Die heutige Zeit will ihm gar nicht gefallen. Sein Blick geht hinauf in einen Him- mel, in dem Düsenflugzeuge heulend dahinjagen.„Damals waren es Bomber— heute sind es Düsenjäger, manchmal denke ich, es ist der Teufel selbst, der da oben rumsaust. Was soll bloß daraus werden®” Noch einer erkenn er die Remagener 125 In den uralten heiligen Schriften der Orientalen heißt es:„Mache deine Felder urbar. Es ist besser, sechs Geviertspannen dürren Landes urbar zu machen, als vierundzwanzig Schlachten zu gewinnen.” DieBilder dieses Buches aus unseren Tagen sprechen die gleiche Sprache: Sollte die Zeit der Kriege mit diesem letzten, den wir hinter uns haben, nicht vorbei sein, so wird das Leben auf dieser Erde vorbei sein. Dann gehen wirendgültig an dem traurigen und scheinbar unausrottbaren Aberglauben zugrunde, die großen Probleme der Politik seien nur mit Gewalt zu entscheiden und nicht mehr im echten Gespräch der Völker zu lösen. Wohin führt unser aller Weg? Was dieser Welt auch beschieden sein mag: Wir müssen unser Teil zu ihrer Geschichte redlich tun und dürfen nicht müde werden, statt an die Realität der kalten Macht an die mäch- tigen Möglichkeiten des menschlichen Herzens zu glauben. So wie esAlbertSchweitzereinmal gesagt hat: ‚In dieser Zeit, da Gewalttätigkeit in Lüge gekleidet unheimlich wie noch nie auf dem Throne der Welt sitzt, bleibe ich dennoch überzeugt, daß Wahrheit, Liebe, Friedfertigkeit und Güte die Gewalt sind, die über aller Gewalt ist. Ihnen wird die Welt gehören, wenn nur genug Menschen die Gedanken der Liebe, der Wahrheit, der Friedfertigkeit und der Sanftmut rein und stark und stetig genug denken und leben.” ZERCRPOOENEFT stur ILLUSTRIERTE BUCHER ZUR ZEITGESCHICHTE FRANZ TUMLER Berlin Geist und Gesicht 96 Seiten mit 24Bildern von Fritz Eschen auf Kunstdruckpapier in Ganzleinen- band mit zweifarbigem Bildumschlag. Preis DM 6.80 „Eine bildkräftige Darstellung der gequälten deutschen Hauptstadt, neu erlebt von einem Österreicher. Was er sieht, das sehen nicht viele mit so klaren Augen, mitso durch- bebtem Herzen. Auch für uns hat Tumler die Kraft, Berlin gegen- wärtig zu machen.” Dr. Jürgen Eggebrecht Nordwestdeutscher Rundfunk* NORBERT TONNIES Der Staat aus dem Nichts Zehn Jahre deutscher Geschichte 225 Seiten, dazu 5 Karten und 20 Bild- tafeln. Ganzleinenband mit mehrfarbi gem Umschlag. Preis DM 8.80 „Dasspannend geschriebene Buch berichtet von zahllosen bisher un- bekannten Vorgängen und gibt wichtige Dokumente im Original- text wieder, die die Veröffent- lichung zu einem bedeutsamen historischenNachschlagewerk ma- chen.” United Press „Es ist gut, daß der Constantin- Verlag zum ersten Male eine zu- sammenfassende Darstellung die- ser bewegten Zeit der jüngsten deutschen Geschichte vorgelegt hat.” Die Welt, Hamburg CONSTANTIN-VERLAG STUTTGART be; = 8 bu 3 Ri Se u U 7 17 Br | Colour& er Contror hart O e Cyan Green Yellow Red Magenta Mr ite Grey 1 Grey 2 Grey3 Grey 4 Black ri DTONSTANTIi Re ee ATELIER RER Z— HILMAR- PABEL >