Juri Piljar tritt 1941 sieb- zehnjährig als Freiwilliger in die Rote Armee ein. Schwer verwundet gerät er in deut- sche Gefangenschaft und wird in das Konzentrations- lager Mauthausen eingelie- fert, in dem er etwa drei Jahre verbringt. Das eigene Erleben in diesem Lager bildet die Grundlage seiner Erzählung. Der Autor ist nicht nur Beobachter der Ss E. EN Ereignisse, sondern tritt zu- gleich als aktiv Beteiligter N III 429 auf. FE Der Weg, den Piljar bei der| Arbeit an seiner Erzählung einschlug, war nicht leicht. Aber sein künstlerisches Empfinden und sein Gefühl für die lebendige Wahrheit sagten ihm, welche Begeben- heiten beschrieben, welche menschlichen Qualitäten be- leuchtet werden müssen, um Umschlagentwurf: Heinz Rodewald UB GIESSEN IM uunmmmn| 27 008 429 Juri Piljar Wir bezwangen den Tod Juri Piljar Wir bezwangen den Tod wvvV Verlag Volk und Welt Berlin 1957 Heike Duill N, 2! |. SO0L kturt/M. 90 j Telefon 0569/7893368 Titel der russischen Originalausgabe: Bce 9T0 6110 Deutsch von Ellen Zunk 1. Auflage Verlag Volk und Welt, Berlin W8- L.N. 302, 410,74,57 Printed in the German Democratic Republic Alle Rechte vorbehalten Einbandentwurf: Heinz Rodewald Satz und Druck:(52) Nationales Druckhaus, Berlin Einband: Großbuchbinderei Wild& Laue, Leipzig Erster Teil 1 Der Zug hielt. Es war seit Wien das erste Mal. Wir hatten die Hauptstadt Österreichs- der Ostmark, wie die uns begleitenden Soldaten das Land nannten- um Mitternacht verlassen; jetzt war es früher Morgen, fünt oder sechs Uhr. Ich hatte Wien nur durch das eiserne Gittergeflecht des Fensters gesehen. Vielleicht machte diese Stadt des- wegen nicht den gebührenden Eindruck auf mich: alte graue Häuser mit schweren, spitzen Dächern, Kirchen, Alleen, in denen das Laub schon gelb wurde. Ich hatte jedenfalls mehr von Wien erwartet, und so seltsam das in unserer Lage auch sein mochte— das Bewußtsein, daß wir unserm Tod entgegenfuhren, schwächte die Enttäuschung nicht etwa ab, sondern verstärkte sie eher noch. Trotzdem verließen wir Wien mit einem Ge- fühl der Wehmut: Einige Stunden vor Abgang des Zuges hatten ein paar ältere Frauen mit einem roten Kreuz auf der Armbinde den Leiter der Eskorte in- ständig, aber leider erfolglos gebeten, uns eine Ther- mosflasche mit Kaffee und ein wenig Brot übergeben zu dürfen. Sie wiederholten immer wieder:„Es sind doch schließlich auch Menschen...“ Aber man ant- wortete ihnen nur:„Nein.“ Nachts war alles gewesen wie gewöhnlich: das Ge- polter eisenbeschlagener Stiefel auf dem Dach, das flackernde Licht von Raketen, kurze Feuerstöße von Maschinenpistolen über den Eisenbahndamm hin— so für alle Fälle. Und nun hatten wir haltgemacht. Unser IS“ Waggon wurde abgekoppelt, dann pfiff die Loko- motive, und der Zug rollte weiter. „Angelangt“, sagt Viktor. Niemand antwortet. Das„Angelangt“ klingt trüb- sinnig. x „Nein“, sagt Oleg schließlich,„gleich geht’s wieder weiter.“ Tatsächlich hören wir das Keuchen einer näherkom- menden Lokomotive, und alle machen lange Hälse. Doch o weh, die Lokomotive kriecht fauchend vorüber. „lja-“, sagt Reschin. Allen ist klar, was dieses„Tja“ bedeutet: Es gibt keine Hoffnung mehr, daß es weitergeht- wir sind angelangt. Es wäre schön, wenn man jetzt hinaussehen könnte. Aber hinter Wien hat man uns strengstens verboten, an die vergitterte Fensterluke zu treten. Für den Fall, daß wir ungehorsam sein sollten, hat man uns gedroht, wir würden direkt durch dieses Gitter hindurch eine Kugel in den Kopf bekommen. Es bleibt uns nur übrig, zu horchen, doch in der Stille ist nichts zu hören als die gleichmäßigen Schritte des Postens. Wir bleiben ausgestreckt liegen. Wir sind fünfund- vierzig Mann; für einen Güterwagen, der nicht auf die Beförderung von Menschen eingerichtet ist, ein bißchen viel. So liegen wir einander zugewandt wie die Buben im Kartenspiel-— jeder Kopf zwischen zwei Paar Beinen-, damit alle auf dem Boden Platz finden. Die Wände des Waggons sind schwarz von Kohlenstaub. Auf unseren Gesichtern und Kleidern liegt ebenfalls schwarzer Staub. Ein schmaler Streifen der Wand schimmert wie versilbert von einem Lichtstrahl, der durch die Türritze dringt. Auch in diesem Strahl tanzen dunkle Stäubchen. „Lja, angelangt!“ wiederholt Reschin. Ich ziehe v( „Wo?“ ‚Ich sehe 1 „Das hat I Es ist woh beeilen, al Während i um hinaus vernehmer tiefen Hup Stimmen( keiner me) Wir erheb ganze Hab Polternd w fülle und| „Aussteige Das Kom verstehen Gefangen Eskorte e Einer nac Bahnkörp „Äntreten Wir stelle spricht de mann mit gewachser lächelnd schwarze über unse Man trei! senug, ur und von ı 1 -benfalls r Wand ahl, der ‚ Strahl BEER TER re Pe ee een Ich ziehe vorsichtig die Beine hoch und hocke mich hin. „Wo?“ „Ich sehe mal nach.“ „Das hat keine Eile.“ Es ist wohl tatsächlich kein Grund vorhanden, sich zu beeilen, aber nichts ist schlimmer als Ungewißheit. Während ich noch überlege, worauf ich steigen könnte, um hinauszusehen, ohne der Luke zu nahe zu kommen, vernehmen wir plötzlich das Rattern eines Motors, den tiefen Hupton eines Autos und gleich darauf die lauten Stimmen der uns begleitenden Soldaten. Jetzt zweifelt keiner mehr daran, daß wir angelangt sind. Wir erheben uns. Die leeren Aluminiumnäpfe- unsere ganze Habe- haken wir am Gürtel fest. Riegelklirren. Polternd wird die Tür aufgeschoben. Blendende Licht- fülle und frische Luft dringen in den Waggon. „Aussteigen!“ Das Kommando wird auf deutsch gegeben, aber alle verstehen es— wir sind ja nicht den ersten Tag in Gefangenschaft; zudem sind die Kommandos unserer Eskorte einförmig und leicht einprägsam. Einer nach dem anderen klettern wir hinaus auf den Bahnkörper. „Antreten!“ Wir stellen uns in Reih und Glied auf. Etwas abseits spricht der Führer unserer Eskorte, ein junger Gestapo- mann mit schwarzem Schnurrbärtchen, zu einem hoch- gewachsenen finsteren SS-Offizier und sieht dabei lächelnd zu uns herüber. In der Hand hält er eine schwarze Mappe, in der sich wahrscheinlich die Akten über unsere„Verbrechen“ befinden. Man treibt uns zur Eile an. Wir gehen nicht schnell genug, und deshalb stoßen zwei SS-Leute, von links und von rechts, die Vordersten mit den Gewehrkolben in den Rücken. Ein neues Kommando:„Ausrichten!“ Während wir dies tun, versuche ich, mich umzusehen: Wo sind wir? Vor uns die glänzenden Schienenstränge und ferne, in Dunst gehüllte Berge. Zur Linken saubere Häuschen mit roten Dächern, Reihen von Linden und darüber funkelnde Berggipfel, die in der Luft zu schweben scheinen. Rechts ein gepflegter kleiner Bahn- hof mit dem Schild„Bruckhausen“, ein blitzsauberer viereckiger Platz und ein blauer Autobus; dahinter die gerade Wand eines Waldes und darüber wieder runde, blaue Bergkuppen. Das ist alles, was ich im Augenblick feststellen kann. Der Eskortenführer und der Offizier kommen auf uns zu. Der Führer lächelt noch immer- er ist offenbar froh, daß er uns an unsern Bestimmungsort gebracht hat-, der Offizier sieht unverändert finster aus. Beide halten Listen in der Hand. SS-Leute umringen uns, sowohl unsere Begleitposten als auch die anderen, die mit dem Autobus gekommen sind. Diese führen große Schäferhunde an der Leine. Die Tiere winseln und sehen uns wütend an. Kommandos:„Achtung!“ und dann:„Mützen ab!“ Das ist etwas Neues. Ich errate, was wir tun sollen, und sage es Viktor und Oleg, die neben mir stehen. Doch viele haben das letzte Kommando nicht ver- standen. Der finstere Offizier zieht wie ein Zauber- künstler von irgendwoher eine Reitpeitsche hervor, läßt sie durch die Luft sausen und schlägt einen von uns auf den Kopf, dann fletscht er seine langen, weit aus- einanderstehenden Zähne, zeigt auf seine Peitsche und sagt:„Das ist mein Dolmetscher.“ Nachdem alle den Kopf entblößt haben, ruft der Eskortenführer den ersten Namen aus seiner Liste auf: „Broskow!“ a Der Gena würdigt i seiner List Sie steller werde ich Als letztet durchdrin Der Führ Offizier, ı Neben de Invaliden ein,breitsı unserem\ Leute ans trennt. Ich wäre geworden mutiges\ So rief eı Schweste uns Kaflı sich viel Wir werd Kaffee nj dieser gu Dummhe dem Kri. ich nichts auszufrag Auch mie in diesen einem G einen M. sein, Ins ae PT ERENTO ERLUE Der Genannte tritt einen Schritt vor. Der SS-Offizier würdigt ihn keines Blickes und vermerkt etwas in seiner Liste. Ein zweiter, ein dritter werden aufgerufen. Sie stellen sich schnell neben Broskow. Nach Viktor werde ich genannt, dann nach ein paar anderen Oleg. Als letzter kommt Reschin dran. Der Offizier sieht ihn durchdringend an und fragt durch die Zähne:„Jude?“ Der Führer der Eskorte sagt ein paar Worte zu dem Offizier, dieser zupft unzufrieden an seinem Kinn. Neben dem Waggon bleibt eine kleine Gruppe von Invaliden zurück. Einer davon ist Alexei Iwanowitsch, ein,breitschultriger, bärtiger Mann mit Krücken, der in unserem Waggon die Aufsicht führte. Man hat diese Leute anscheinend vergessen. Offenbar werden wir ge- trennt. Ich wäre mit Alexei Iwanowitsch gern näher bekannt geworden. Er hat meine Aufmerksamkeit durch sein mutiges Verhalten gegenüber unseren Wächtern erregt. So rief er in Wien dem Eskortenführer, als dieser den Schwestern des Roten Kreuzes nicht erlauben wollte, uns Kaffee zu geben, durch das Fenster zu:„Sie haben sich viel mehr geschadet als uns, Herr Gestapomann: Wir werden nicht davon sterben, daß wir den Schluck Kaffee nicht bekommen, aber Sie sind in den Augen dieser guten Frauen erledigt. Es lebe die menschliche Dummheit!“ Man sagt, Alexei Iwanowitsch sei vor dem Krieg ein bekannter Jurist gewesen. Weiter weiß ich nichts von ihm- es ist hier nicht üblich, die Leute auszufragen. Auch mich hat niemand gefragt, wie und weshalb ich in diesen Waggon geraten bin. Man brachte mich aus einem Gestapogefängnis hierher, in dem ich genau einen Monat gesessen habe, ohne verhört worden zu sein. Ins Gefängnis kam ich, weil ich zweimal versucht hatte, aus dem Kriegsgefangenenlager bei Pskow zu fliehen, in das man mich schon im Frühjahr 1942 ge- steckt hatte, zusammen mit vielen anderen Zivil- personen, die auf bloßen Verdacht hin verhaftet worden waren. Alle meine Versicherungen, daß ich erst sieb- zehn Jahre alt sei und infolgedessen noch gar nicht in der Armee gewesen sein könne, waren vergeblich gewesen. Oleg und Viktor lernte ich erst während des Trans- portes kennen. Wir sind gleichaltrig und freundeten uns rasch an. Viktor kommt aus Charkow, Oleg aus Odessa. Beide beendeten wie ich kurz vor Kriegs- ausbruch die Oberschule, und beide träumten davon, zu studieren. Sie machten mich sofort mit Reschin bekannt, einem hageren alten Mann mit langer Nase, der Professor der Medizin in Dnjepropetrowsk war, und ein wenig später auch mit Broskow, einem dünnen, sehr nervösen Menschen von etwa dreißig Jahren. Broskow macht kein Hehl daraus, daß er Offizier einer Fallschirmjäger-Einheit war und daß er, wenn er nicht verschüttet worden wäre, niemals das Unglück gehabt hätte, hinter Stacheldraht zu geraten. Die Invaliden, die bei dem Waggon stehengeblieben sind, werden nicht aufgerufen, sondern nur gezählt, und dann gibt man ihnen zu unserem Erstaunen den Befehl, zum Autobus zu gehen. Es sind zehn Mann. Ihre Krücken stampfen auf die Steine, leere Ärmel baumeln hin und her. Als letzter klettert ‚Alexei Iwanowitsch in den Wagen. Die Wachsoldaten stoßen ihn mit den Gewehrkolben. Der finster blickende Offi- zier nimmt neben dem Chauffeur Platz, und der Bus setzt sich in Bewegung. An der Biegung der Straße schen wir noch einmal seine Windschutzscheibe auf- blitzen, dann ist er unseren Blicken entschwunden. RETTET EEE FE er ie EFT, Be Eine Min tief, kant reinen, N nach Wal Eisenbah: platz und den Walc Teil von führen Sc und zu ja .. Wir kom bläuliche: rauschend Wipfel bl „Tempo!“ Das Kon geben. D nichts Gu „Lempo! Wir gehe schritt, A soldaten j „Schnelle: Wir fang, natürlich. an ihren] „Marsch, Wir laufe hauszuhal Maschine: den Aug: 2etren mi Wir laufe ten, aber' Tahren einer ın Mann. re Ärmel rt Alexei EEE wen nn Eine Minute später marschieren auch wir los. Ich atme tief, kann mich nicht satt atmen an dieser köstlich reinen, noch kühlen Morgenluft. Es riecht nach Erde, nach Wald und kaum spürbar nach Schmieröl von den Eisenbahnschwellen. Wir überqueren den Bahnhofs- platz und gehen eine asphaltierte Straße entlang auf den Wald zu. Etwa zwanzig SS-Leute geleiten uns; ein Teil von ihnen trägt Maschinenpistolen, die anderen führen Schäferhunde, die wieder anfangen, zu winseln und zu jaulen. Wir kommen in den Wald. Über dem Weg liegen die bläulichen Schatten der Bäume, und es duftet be- rauschend nach Tannennadeln. Durch die spitzen Wipfel blickt ein hellblauer, glasiger Himmel. „Lempo!“ Das Kommando wird an der Spitze der Kolonne ge- geben. Die Stimme klingt geifernd und verspricht . nichts Gutes. Wir beschleunigen unsere Schritte. „Lempo!“ Wir gehen noch rascher, bleiben dabei aber im Gleich- schritt. Aus irgendeinem Grunde gefällt das den Wach-- soldaten jetzt nicht, obgleich sie es sonst immer fordern. „Schneller!“ Wir fangen beinahe zu rennen an. Dabei kommen wir natürlich aus dem Takt. Die Hunde knurren und zerren an ihren Leinen. „Marsch, marsch!“ Das ist das Kommando zu laufen. Wir laufen nicht allzu schnell, um mit unseren Kräften hauszuhalten. Zur Seite haben wir die Mündungen der Maschinenpistolen und die bösartigen, uns beobachten- den Augen der SS-Leute. Die Hunde springen und zerren mit heiserem, wütendem Bellen an ihren Leinen. Wir laufen wahrscheinlich nicht länger als fünf Minu- ten, aber uns scheint es eine Ewigkeit. Hinten beginnen 13 einige zurückzubleiben. Man hört Rufe:„Schneller!“ und Schläge. Ein Blechnapf klirrt auf den Asphalt. Jemand ruft:„Aufstehen!“ und dann wieder:„Tempo!“ Endlich befiehlt die widerwärtige Stimme„Schritt!“ Wahrscheinlich ist auch die Eskorte müde geworden. Schwer atmend richten wir die Reihen aus und mar- schieren wieder im Takt. Ich bemühe mich, tief Luft zu holen: sechs Schritte Ausatmen, fünf bis sechs Schritte Einatmen. Aber es will mir nicht glücken, mein Herz hämmert zu stark. Oleg, der mit jemandem den Platz gewechselt hat und jetzt neben mir geht, wirft mir von der Seite einen spöttischen Blick zu. Er macht sich gern über alles lustig. Im allgemeinen gefallen mir solche Menschen, aber jetzt reizt er mich. Wir gehen etwa zehn Minuten im Schritt. Dann laufen wir wieder. Abermals Gehen, abermals Laufen— und so immer weiter, bis vor uns ein gestreifter Schlagbaum auftaucht, der den Weg versperrt. Wir bleiben stehen und wischen unsere verschwitzten Gesichter ab. Wieder werden wir gezählt— diesmal von dem hageren SS-Unteroffizier mit der geifernden Stimme und einem SS-Gefreiten, der neben dem eben- falls gestreiften Schilderhäuschen steht. Der Schlagbaum geht hoch. Wir marschieren hundert Schritte weiter, machen eine Wendung und erblicken- gleich hinter dem plötzlich abbrechenden Waldgürtel hohe Mauern aus großen, unbehauenen Steinen. Dar- über zieht sich ein Stacheldrahtgeflecht entlang. An den Ecken stehen verglaste Türme, die ebenfalls mit Stacheldraht umgeben sind. Aus den geöffneten Fen- stern ragen Maschinengewehrläufe. Wir gehen auf diese Festung zu. Jetzt sieht man, daß der Draht über den Mauern zu den weißen Knöpfen von Isolatoren läuft. Wir können die aufmerksamen Gesicht am Tot Flügeln Adler Flügel Eigentl gebrach im Wa Ich w taden. Sogar‘ 2 Am T werden Torflü: dann t Man f Haus, weiter, und M Wirbl Aus de Wir eı Mauer gewach schuhe: dicker, Mit ro Reitger Mappe Gesichter der Posten auf den Türmen erkennen. Auch am Tor stehen Posten. Es ist ein eisernes Tor mit zwei Flügeln, auf dem Bogen darüber breitet ein steinerner Adler mit einem Hakenkreuz in den Fängen seine Flügel aus. Eigentlich ist es merkwürdig, daß man uns hierher- gebracht hat. Man sollte meinen, sie hätten uns doch im Wald erledigen können. Ich werfe einen verstohlenen Blick auf die Kame- raden. Ihre Gesichter sind hart, vielleicht auch leidvoll. Sogar Olegs. % Am Tor befiehlt man uns haltzumachen. Wieder werden wir gezählt. Langsam öffnen sich die schweren Torflügel, ein Kommando ertönt:„Mützen ab!“, und dann treten wir in die Festung ein. Man führt uns nach rechts, hinter ein großes grünes Haus. Es gelingt mir, mich ein wenig umzusehen: ein weiter, asphaltierter Platz, helle Baracken, Sauberkeit und Menschenleere. Eine seltsame Festung. Wir bleiben zwischen dem Haus und der Mauer stehen. Aus dem Haus ertönt das Geräusch von Maschinen. Wir erhalten den Befehl, uns mit dem Rücken zur Mauer aufzustellen. Um die Ecke kommen ein hoch- gewachsener, hakennasiger SS-Mann mit Glac&hand- schuhen und ein merkwürdiges Individuum- ein dicker, kahlköpfiger Mann in einem zu weiten Anzug mit roten Streifen. Der SS-Mann hält eine elegante Reitgerte in der Hand, der Dickwanst eine schwarze Mappe. Er sieht uns neugierig an. Er hat ein kleines, 15 rundliches Kinn, dralle, rosige Wangen und gläsern wirkende, hellblaue Augen. Wir richten uns aus. „Russen?“ fragt der Kahlkopf. „Jawohl!“ rufen wir. Der hakennasige SS-Mann klatscht mitder Gerte gegen den Schaft seines spiegelblanken Stiefels. Der Kahl- kopf schlägt hastig die Mappe auf. „Uwagal!“* sagt er.„Werr hat Uhr odder Geld, muß hirher gebben. Verstehen?“ Ich habe im Gefängnis ein bißchen Polnisch gelernt und weiß daher auch, daß er in dieser Sprache rade- brecht. Natürlich hat keiner von uns eine Uhr oder Geld. Niemand sagt etwas. Der Hakennasige tippt wieder mit der Reitgerte gegen seinen Stiefelschaft. Der Kahlkopf sagt:„Bystro, schnell!“ Dann fügt er drohend hinzu:„Werr nicht gibt Uhr und Geld, kriegt fünfundzwanzig hir.“ Und er klatscht sich mit derHand auf den flachen Hintern. Einer von uns sagt langsam:„Wir haben nichts.“ Der Hakennasige brüllt:„Ausziehen!“ Der Kahlkopf fügt hinzu:„Schneller!“ Wir ziehen uns aus und legen die Kleider zu unseren Füßen hin. Da erscheint noch ein Mann, klein, forsch, mit einem Gesicht, das an eine Rattenschnauze er- innert. Er trägt einen blauen Kittel und auf dem Kopf eine Tuchmütze. Der SS-Mann sagt halblaut etwas zu ihm, darauf kommandiert der Mann:„Linksum!“, wendet sich und geht auf das Haus zu, wobei er uns ein Zeichen gibt, ihm zu folgen. Nackt, wie wir sind, klettern wir eine Steintreppe hinunter in den Keller. Plötzlich höre ich eine bekannte * Achtung!(Polnisch) 16 Stimme: das ist R „Alexei] Die Aug Ich sehe. auf dem an und Mann in raden zu „Weiter: Wir geh erellem Wände, Ein war Schemelı schneider Viktor f schwarz schwarz seine H Man wi für einer „Möchte erund s hat man „Vielleic Viktor$ ist sinnlo Jetzt bin Schemel, Lappen fi eck genä hält, D, leise N d gläsern erte gegen Jer Kahl- Verr nicht Stimme:„Stepan Iwanowitsch!“ Stepan Iwanowitsch- das ist Reschin. „Alexei Iwanowitsch!“ ruft Reschin zurück. Die Augen gewöhnen sich allmählich an das Dunkel, Ich sehe Alexei Iwanowitsch und die übrigen Invaliden auf dem Boden sitzen. Sie haben nur ihre Unterwäsche an und sind ganz kurz geschoren und rasiert. Der Mann im Kittel erlaubt uns nicht, uns unseren Kame- raden zu nähern. „Weitergehen!“ schreit er. Wir gehen weiter und kommen in einen großen, von grellem Licht überfluteten Saal. Er hat gekachelte Wände, und an der Decke sind Duschen angebracht. Ein warmer Regen rinnt aus ihnen. Links neben Schemeln stehen Männer mit Rasiermessern und Haar- schneidemaschinen. Viktor fährt sich mit der Hand übers Kinn. Es ist schwarz von Bartstoppeln. An ihm ist überhaupt alles schwarz— die Haare, die Brauen, die Augen; auch seine Haut ist bräunlich. Nur die Zähne sind weiß. Man würde ihn eher für einen Grusinier halten als für einen Ukrainer. „Möchte wissen, was das alles bedeuten soll“, brummt er und sieht mich an. Auch ich verstehe nichts: Wozu hat man uns in den Duschraum geführt? „Vielleicht wird noch alles gut“, sage ich. Viktor schüttelt den Kopf. Und er hat wohl recht; es ist sinnlos, sich Hoffnungen zu machen. Jetzt bin ich an der Reihe. Ich setze mich auf einen Schemel. Auf die Hosen des Friseurs ist ein weißer Lappen mit schwarzen Ziffern und einem blauen Drei- eck genäht, das in der Mitte ein aufgemaltes S ent- hält. Der Mann fängt meinen Blick auf und fragt leise:„Deutsch verstehen?“ Ich nicke bejahend. Er 17 setzt die kalte Maschine bei meiner Stirn an und fragt leise in gebrochenem Deutsch:„Wißt ihr, was euch erwartet?“ Ich zucke die Achseln.„Ihr werdet um- gebracht“, flüstert er. Damit habe ich immer gerechnet, aber einen Augen- blick setzt doch mein Herzschlag aus. In tiefster Seele nämlich war ein bißchen Hoffnung, daß alles noch gut werden würde. Ich flüstere zurück:„Woher bist du?“ „Spanier, Republikaner.“ „Wo sind wir hier?“ „Im Konzentrationslager.“ Ich schweige, denn der forsche kleine Mann geht gerade vorüber. Ich folge ihm mit den Augen, dann frage ich weiter:„Warum werden wir gewaschen?“ Der Spanier beugt sich vor, pustet die Haarschneide- maschine aus und sagt:„Das ist eben deutsche Ord- nung, Kamerad.“ Ich würde ihm gern die Hand drücken, aber ich habe Angst, ihm dadurch Unannehmlichkeiten zu bereiten. Nun gehe ich unter den warmen Regen. Oleg wäscht einem andern eifrig den vorgebeugten Rücken. Der Rücken schwankt hin und her wie ein Pendel. Oleg prustet und wendet mir sein breites, jungenhaftes Ge- sicht zu. „Du hast mit dem Mann gesprochen?“ „Ja.“ „Na, und?“ „Er sagt, wir werden umgebracht.“ Olegs blaue Augen werden plötzlich greisenhaft ernst. Nach dem Bad rasiert man uns, dann gehen wir einer nach dem andern in den Ankleideraum und ziehen unter völligem Schweigen gestreifte Hemden und Unterhosen über. Für die Füße gibt man uns eine Art 18 Pantofl ist aus Die H zum Ta die anc sichtern Der ha dem g halten Invalic ein Bl Ich sel sauber stricheı langes „Brosk Broskc Man Nache mals; legt d „Recht Wir v auf de, Ich blic grünen los: W hat, un Wir n die St zwisch Kopfs durch. fernte Pantoffeln- das Oberteil, das nur die Zehen bedeckt, ist aus Segeltuch, die Sohle aus Holz. Die Holzsohlen klappern, als wir vorsichtig wieder zum Tageslicht emporklettern. Alexei Iwanowitsch und die anderen Invaliden sind schon oben. An ihren Ge- sichtern ist zu erkennen, daß die Dinge schlecht stehen. Der hakennasige SS-Mann und der dicke Kahlkopf mit dem gestreiften Anzug tauchen wieder auf. Wir er- halten den Befehl, uns in fünf Reihen aufzustellen. Die Invaliden treten gesondert an. Der Kahlkopf nimmt ein Blatt Papier aus der Mappe. Ich sehe mich um. Ein seltsames Konzentrationslager: saubere Baracken, die mit hellgrüner Ölfarbe ange- strichen sind, und unter den offenen Fenstern ein langes Blumenbeet, und- alles völlig menschenleer. „Broskow!“ Broskow antwortet:„Hier!“ und tritt einen Schritt vor. Man befiehlt ihm, sich wieder in die Reihe zu stellen. Nacheinander werden wir alle aufgerufen und aber- mals gezählt. Man zählt auch die Invaliden. Endlich legt der Kahlkopf die Liste in die Mappe zurück. „Rechtsum!“ Wir vollführen eine Rechtswendung und marschieren auf den Platz. Die Invaliden bleiben zurück. Ich blicke auf die Blumen unter den Fenstern der hell- grünen Baracken und komme nicht von dem Gedanken los: Weshalb Blumen, wenn man uns hierhergebracht hat, um uns zu töten? Wir machen abermals eine Wendung und steigen die Stufen zu einem sonnenüberfluteten kleinen Hof zwischen zwei Baracken empor. Er ist mit großen Kopfsteinen gepflastert und von dem übrigen Lager durch ein Netz von Stacheldraht getrennt. An seinem ent- ferntesten Ende sieht man durch ein zweites Drahtnetz 19 steinerne Pfosten mit weißen Isolatoren, zwischen denen sich ein straffgespannter Draht hinzieht. Der Draht scheint ganz leise zu vibrieren. In der Mitte des Hofes machen wir halt. Der Kahl- kopf wischt sich mit einem Tuch über den Kopf und verschwindet in der offenen Tür der einen Baracke. Einen Augenblick darauf erscheint er wieder in Be- gleitung von drei Männern: Der eine ist schon bei Jahren, stattlich und hat ein breites Gesicht mit harten Zügen. Der zweite ist dick und hat einen glattrasierten runden Kopf. Der dritte ist ein hübscher, braunäugiger Bursche, fast noch ein Knabe. Der Stattliche betrachtet uns einige Zeit, dann kom- mandiert er mit scharfer, heiserer Stimme:„Linksum!“ Mit zurückgeworfenem Kopf schreitet er unsere Front ab. Ihm folgt der Mann mit dem rasierten Schädel, hinter ihm der hübsche Junge. Alle drei zählen uns wieder. Der Kahlkopf lächelt. Der stattliche Mann sagt etwas zu ihm und geht in die Baracke. Der Mann mit dem rasierten Schädel und der hübsche Junge steigen die Treppenstufen hinauf. „Achtung!“ schreit der Mann mit dem rasierten Schädel. „Ihr seid Russen?“ fragt er, wobei er die Vokale lang- zieht. Nachdem er unsere Antwort gehört hat, setzt er hinzu:„Dann werde ich russisch mit euch reden.“ Die Sprache, in der er seine Rede fortsetzt, ist ein Ge- misch von Russisch, Polnisch und Deutsch. „Achtung! Achtung! Ihr seid hierin einemdeutschen Kon- zentrationslager. Ihr müßt alles machen, was befohlen wird. Wer das nicht tut, landet im Krematorium.“ Also werden wir nicht alle auf einmal umgebracht- ich schöpfe wieder ein wenig Hoffnung. Reschin hat sich wahrscheinlich getäuscht, als er zu hören glaubte, daß die Begleitmannschaften unseren Waggon als den Waggoi hat sich unsinns fördern das Bai schließ] Ich stol ich sag „Warte Viktor „Und| jeder ı muß s schnell, Der U wieder hintere „Wer DerM in die „Ich b Zufriei sagen.“ Aud e Hosen auch e „Werd der M; Ja‘, Et uns Barack Stehen. „Ihn hat“, Waggon der Todeskandidaten bezeichneten. Sicherlich hat sich auch der spanische Friseur geirrt. Es wäre doch unsinnig, Menschen fünfhundert Kilometer weit zu be- fördern, nur um sie dann zu erschießen. Außerdem- das Bad, das Haarschneiden, das Wäschewechseln und schließlich jetzt diese Warnung... Ich stoße Oleg mit dem Ellbogen an. Er versteht, was ich sagen will. In seinen Augen liegt ein Lächeln. „Warten wir’s ab.“ Viktor sieht noch immer düster aus. „Und jetzt“, fährt der Kahlgeschorene fort,„bekommt jeder von euch eine Jacke, Hosen und Schuhe. Jeder muß sich seine Nummer aufnähen. Allez, bystro, schnell, schnell!“ Der Umstand, daß keine SS-Leute da sind, und die wiedererwachte Hoffnung machen uns kühn. Aus den hinteren Reihen fragt jemand: „Wer sind Sie denn?“ Der Mann mit.dem glattrasierten Kopf stecktdie Hände in die Taschen. Er hat ein ganz hübsches Bäuchlein. „Ich bin der Blockbarbier“, erklärt er mit sichtlicher Zufriedenheit.„Ihr werdet ‚Herr Kommandant‘ zu mir sagen.“ Auch er trägt einen gestreiften Anzug, und auf seinen Hosen ist ein Lappen mit seiner Nummer. Also ist er auch ein Häftling. „Werden wir Mittagessen bekommen?“ ertönt es aus der Mitte der Reihe. „Ja“, antwortet der„Herr Kommandant“, dann kehrt - er uns seinen runden Rücken zu und geht in die Baracke. Ihm folgt der hübsche Junge. Wir bleiben stehen. Alle sehen merklich zuversichtlicher aus. „Ich möchte wissen, wohin man die Invaliden gebracht hat“, sagt Viktor. 2 EA „Vielleicht ins Lazarett“, mutmaße ich. „Und was wird hier überhaupt gemacht?“ fragt Oleg. Alles ist unbekannt. Wir wissen nicht einmal, ob wir wegtreten oder uns wenigstens setzen dürfen. Unsere Füße sind stark geschwollen. In der Tür erscheint wieder der braunäugige Junge.' Hinter ihm ein zweiter, der blaue Augen hat und ebenso hübsch ist. Was sind das für Burschen? Sie bringen eine Trage, auf der Anzüge liegen, stellen sie hin und holen eine zweite mit Schuhen, die dicke Holz- sohlen haben. Dann erscheint der„Herr Kommandant“ mit einem Packen eiserner Nummern, weißen Lappen, Garn und Nähnadeln. Ihm folgt der dicke Kahlkopf mit der schon bekannten Mappe. Broskow wird vorgerufen und erhält einen Anzug, Schuhe und eine Nummer. Der„Herr Kommandant“ erklärt:„Die eiserne Nummer wird mit Hilfe von Draht am Handgelenk befestigt wie eine Armbanduhr; die weißen Lappen mit den roten Dreiecken und den schwarzen Ziffern werden angenäht— einer auf der Jacke über dem Herzen, ein zweiter an den Hosen, fünf Zentimeter unterhalb der Tasche; wer seine Nummer verliert, landet im Krematorium.“ Nachdem wir der Reihe nach Nummern und Beklei- dungsstücke erhalten haben, machen wir uns an die Arbeit. DieHosen, denen die Uniform einer unbekann- ten Armee als Vorbild gedient haben mag, sind mir zu groß, ich tausche mit Oleg; die Jacke ist kurz wie die französischen, sie paßt genau. Ich nehme eine Nadel und reiße einen Faden von dem Garn ab. „Kostja!“ Viktor packt mich plötzlich bei der Hand. Alle Gesichter haben sich wie auf Kommando nach rechts gewandt, den steinernen Pfosten zu. Und ich sehe- hinter dem Draht gehen mit hängenden Köpfen EELEERLI TER unsere SS-Leut Alexei Kopf. E Invalid schwun „Schnel von de Der F gehen. In die folgen. mehr. portier Es her: Leben Finger Dreier Seele. vorhe heilige Nach erhalt Das is gedrän haben Ob die nur H bereit Kehle Sonst ı Stachel Abend linge\ unsere Invaliden, bewacht von einer großen Anzahl SS-Leute mit Gewehren. Seinen Gefährten voran hinkt Alexei Iwanowitsch. Er hat uns bemerkt und hebt den Kopf. Bevor wir noch richtig begriffen haben, sind die Invaliden schon hinter der Ecke der Baracke ver- schwunden. Wohin führt man sie? „Schneller, schneller!“ schreit der„Herr Kommandant“ von der Treppe. Der Faden will absolut nicht durch das Nadelöhr gehen... Sollten sie wirklich-?! In die Totenstille hinein ertönen zehn einander folgende Salven... Aus— die Kameraden sind nicht mehr. Man hat sie fünfhundert Kilometer weit trans- portiert, hat sie hierhergefahren und- erschossen. Es herrscht bedrückendes Schweigen. Da wir noch am Leben sind, tun wir das, wozu man uns zwingt. Die Finger regen sich, die Augen blicken auf die roten Dreiecke und die schwarzen Nummern, aber die Seele... Ja, die Seele erfüllt das gleiche Gefühl wie vorher: Haß. Haß, trotz der Furcht, schrecklicher, heiliger, unmenschlicher Haß! Nacheiner Stunde sind wirmit dem Ankleiden fertig. Wir erhalten einen halben Napf wäßrige Kohlenrübenbrühe. Das ist das Mittagbrot. Dann sitzen wireng zusammen- gedrängt in der glühenden Sonne auf den Steinen. Wir haben keine Lust zu sprechen. Stille liegt in der Luft. Ob die Feinde wohl begreifen, daß unsere Gefügigkeit nur Heuchelei ist, Berechnung, Abwarten? Daß wir bereit sind, ihnen bei der ersten Gelegenheit an die Kehle zu springen?... Wahrscheinlich begreifen sie es. Sonst würden sie nicht elektrischen Strom durch den Stacheldraht leiten, der das Lager umgibt. Abends nach dem Appell kommen endlich die Häft- linge von der Arbeit zurück. Es sind sehr viele- alte 23 und junge, zum Teil halbe Kinder, Franzosen, Tschechen, Serben, Polen, Russen. Ich schließe Bekannt- schaft mit Schurka Kamenstschik, einem unserer Lands- leute, einem ehemaligen Matrosen. Er sagtzuuns:„Hier kommt man nicht mehr heraus.“ Er ist schon sehr lange im Lager und jetzt in ein Strafkommando gekommen. Wir legen uns auf Matratzen aus Papierstoff schlafen, die im„Blockschlafsaal“, wie die Alteingesessenen sagen, auf dem ganzen Fußboden ausgebreitet sind. Vor dem Signal zum Schlafengehen verkündet der dicke Kahlkopf- er ist, wie sich herausstellt, der Blockschreiber-, daß alle Neuankömmlinge am Mor- gen zur Arbeit zu gehen haben. Wir liegen wieder wie die Buben im Kartenspiel, jeder mit dem Kopf neben den Beinen der Nachbarn, und nur auf der Seite— so eng ist es hier. In der Nacht wache ich auf: Ich bekomme keine Luft, und von allen Seiten bin ich eingezwängt.‘ An der Decke spielen gespenstische purpurrote Lichtreflexe. Ein Mann schläft sitzend, das Gesicht zwischen den Knien. Die Luft ist stickig, trotz der offenen Fenster... Ich schlafe ein, aber eine Minute darauf bin ich wieder wach:„Hier kommt man nicht mehr heraus...“ 3 Mir träumt, daß ich zu Hause bin. Der Vater ist gerade erst vom Schulgarten zurückgekommen, wo unter der blassen Sonne von Wologda gelbe Tomaten und Topinambur reifen. Er ist heimgekehrt und geht, den großen, kahlen Kopf zur Seite geneigt, im Zimmer auf und ab, während er darauf wartet, daß Mutter das 24 Mittag trägt€ stecke näht! gehalt sagt€ an W versch sächli Mein kom Alle mit I witsch Ihm mit si mich legt, Spatz „Auf Mit ı ist d. herau saal. „Aus „Zieh Mittagessen bringt. Er hat einen grauen Spitzbart und trägt eine einfache Brille mit Stahlfassung. Seine Füße stecken in Arbeitsstiefeln. Seine Bluse, die Mutter ge- näht hat und die von einem breiten Gürtel zusammen- gehalten wird, ist auf dem Rücken ausgeblichen. Jetzt sagt er etwas zu Mutter, und dann fängt er zu lachen an wie ein Kind- er wiegt sich dabei hin und her, verschluckt sich, es sieht aus, als ob er weine, und tat- sächlich wischt er sich Tränen aus dem Augenwinkel. Mein Vater ist Agronom und Botaniklehrer. Häufig kommen Kolchosbauern zu ihm, um sich Rat zu holen. Alle haben Vater gern und rufen ihn liebevoll und mit Ehrerbietung bei seinem Vatersnamen:„Karpo- witsch.“ Ich muß Vater irgend etwas sehr Wichtiges sagen, und mit stockendem Herzen warte ich darauf, daß er an mich herantritt, mir die warme Hand auf den Kopf legt, mein Gesicht zu sich dreht und fragt:„Na, mein Spatz?“--- „Auf!“ Mit noch geschlossenen Augen springe ich hoch. Was ist das? Ach so, ja—„hier kommt man nicht mehr heraus“. Ich bin im Konzentrationslager, im Schlaf- saall... „Ausziehen!“ „Zieh das Hemd aus, Kostja“, sagt Viktor, der früher aufgewacht ist als ich. Ich werfe das Hemd ab, dann ziehe ich, wie die ande- ren es machen, schon im Laufen Hosen und Schuhe an; die Jacke binde ich mir mit den Ärmeln um die Hüften. Eine dichte Kette halbentblößter Menschen schiebt sich langsam durch den Schlafsaal, durch einen zweiten Raum mit gescheuertem Fußboden, in dem der„Herr Kommandant“ und noch ein anderer 25 schwarzhaariger Deutscher untergebracht sind, wendet sich dann nach rechts zum Waschraum und von dort ins Freie. Aus dem Waschraum klingt heiseres Schimpfen in deut- scher Sprache. Schon in der Tür sehe ich, wie der be- jahrte stattliche Mann- der Blockälteste— mit kurzen, scharfen Schlägen den Gummiknüppel auf einen knochigen Rücken sausen läßt. Hinter mir geht Schurka Kamenstschik, mein neuer Bekannter, und belehrt mich: „Du mußt den Kopf unter den Strahl halten, mit den Händen die Brust abspülen und dann schnell auf den Hof laufen.“ Ich führe diese Operationen durch. Wie alle anderen, trockne ich mich mit dem Hemd ab. Dann stellen wir uns auf, erhalten jeder eine kleine Schöpfkelle bitteren schwarzen Kaffee, trinken ihn aus und stellen uns wieder in Reih und Glied. Der Schreiber zählt uns, der„Herr Kommandant“ kontrolliert, ob unsere Num- mern in Ordnung sind. Der Blockälteste wartet den Glockenschlag ab, dann führt er uns durch das von Stacheldraht starrende Tor. Wir treten auf den Platz hinaus, dort wimmelt es von Menschen mit gestreiften Mützen, mit gelben, blauen, schwarzen Jacken, alle mit Nummern versehen. Man hört unterdrücktes Murmeln in vielen Sprachen. Wir formen uns zu einer Kolonne. Der Blockälteste begrüßt einen hochgewachsenen, rothaarigen Häftlingin Stiefeln und sagt etwas zu ihm, wobei er mit den Augen zu uns hindeutet. Der andere beißt sich auf die feuchten Lippen, während er ihm zuhött. „Das ist der Aufseher des Strafkommandos, der Kapo, wie sie ihn hier nennen“, erklärt mir Schurka halblaut. „Er heißt Paul Liesner. Rückfälliger Krimineller. Eine Bestie.“ 26 Schurk arbeite dieses nichts 2 „Das si Schwei; Ich seh breit in Sonne wachsa „Das s plötzli sein, W schon| Abend: Scheib« wir ge; Die F zu an „Acht „Der] „Heil. „Dass Paul I Kolon: Augen Einst entdec Wiede Spannt unterh wärs. Das e über wendet on dort Schurka und ich stehen in der gleichen Reihe. Er arbeitet im Strafkommando- also sind auch wir in dieses Kommando gekommen, obgleich wir uns noch nichts zuschulden kommen ließen. „Das sind so Sachen“, sagt Schurka nach einem kleinen Schweigen. Ich sehe ihn an. Er ist nicht groß, aber ungewöhnlich breit in den Schultern. Seine Gesichtshaut ist von der Sonne braungebrannt und schält sich, er hat flinke, wachsame Augen. „Das sind so Sachen“, wiederholt er, dann blinzelt er plötzlich jemandem zu.„Na, laß nur. Mag die Arbeit sein, wie sie will, heute ist Sonnabend. Der Tag wird schon irgendwie rumgehen, und morgen ist Sonntag. Abends bekommen wir Käse, Marmelade oder eine Scheibe Wurst, so groß wie ein Fünfer— die tauschen wir gegen Kohlrüben ein. Nicht wahr?“ Die Frage gilt mir. Aber ich habe keine Zeit mehr, zu antworten. Über den Platz schallt es dröhnend: „Achtung!“ „Der Kommandant ist gekommen“, sagt Schurka. „Heil Hitler!“ ertönt es vom Tor. „Das sind die SS-Leute“, erklärt Schurka. Paul Liesner geht, die Hände auf dem Rücken, die Kolonne entlang. Seine hellblauen, etwas tränenden Augen blicken ohne jede Spur von Interesse auf uns. Einstweilen kann ich noch nichts Bestialisches an ihm entdecken. Wieder heißt es:„Achtung!“ Über dem Platz liegt ge- spannte Stille. Sie wird von einem dröhnenden Baß unterbrochen:„Mützen ab!... Im Gleichschritt vor- wärts— marsch!“ Das eiserne Tor öffnet sich. Die Holzsohlen klappern über den Asphalt. Als die Spitze der Kolonne die 27 Mauer erreicht, ruft der gleiche Baß wieder schallend: „Steinbruch. Zweitausendzweihundert Häftlinge!“ Die Kolonne schiebt sich als bunte, wogende Masse durch das Tor. Man hört die Rufe der Aufseher, die die Zählung vornehmen. Jetzt sind wir an der Reihe. Liesner strafft sich. „Marsch!“ Wir gehen über den ganzen Platz zum Tor, an dem ein langer, wütend aussehender SS-Offizier mit ge- flochtenen Schulterstücken steht. Endlich haben wir das Lager hinter uns. Wir biegen rechts ab. Hinter einem Steinhaus— wahr-" scheinlich der Kaserne für die Wachmannschaften— bietet sich eine herrliche Aussicht: eine weite Ebene im silbrigen Frühdunst, mittendrin ein Fluß, dahinter Felder und Hügel, auf denen ein paar Ruinen stehen, und im Hintergrund eine Kette leuchtender schnee- bedeckter Berggipfel. „Das sind die Alpen“, sagt Schurka. „Und der Fluß?“ „Das ist die Donau.“ Wir machen abermals eine Rechtswendung, das Lager liegt nun seitlich hinter uns, und gehen einen schma- len, mit großen Kopfsteinen gepflasterten Weg ent- lang. Liesner überholt die Kolonne, geht dann wieder zu- rück und fährt fort, uns zu zählen. Neben ihm taucht ein anderer Aufseher auf, ein kleiner, schwarzhaariger Mann, der wie ein Zigeuner aussieht. „Das ist sein Gehilfe“, flüstert Schurka.„Ehemaliger Falschmünzer. Auch eine Bestie.“ Liesners himmelblaue Augen blitzen lustig. Sein Ge- hilfe gehört offenbar nicht zu den Leuten, die lächeln können- er sieht schrecklich finster aus. 28 Wir g plötzlic rosig Ui Die H finger: Kolont „Ja, ja Reschiı einem sagt gr die Ge Reschi Gesich setzt d „Na, v Sein zi Die bi nach u „Aufs Sie sp Gesic „Mars Reschii schwer der et dem$ offenb: legen!‘ Diese: kender ZU eine von m ist, W nach.} Jächeln Wir gehen etwa fünfzig Schritt weiter, dann wird plötzlich haltgemacht. Liesner hebt die Hand. Sie ist rosig und mit goldig schimmernden Härchen bewachsen. Die Hand sinkt herunter, ihr halbgebogener Zeige- finger streckt sich und deutet auf einen Mann in der Kolonne. Reschin fragt:„Ich?“ „Ja, ja“, sagt Liesner und winkt noch einem zweiten. Reschin und ein mir unbekannter älterer Mann mit einem faltigen Gesicht gehen zu dem’Kapo hin. Liesner sagt grinsend:„Für alte Leute ist es gut, vor der Arbeit die Gelenke ein bißchen zu schmieren. Nicht wahr?“ Reschin schweigt finster. Der Mann mit dem faltigen Gesicht sieht den Professor fragend an. Dieser über- setzt den Satz schnell ins Russische. „Na, wie ist es?...“ fragt der Kapo. Sein zigeunerhafter Gehilfe ruft schrill:„Hinlegen!“ Die beiden alten Männer lassen sich mit dem Gesicht nach unten zu Boden fallen. „Aufstehen!“ Sie springen hoch. Liesner schlägt dem mit dem faltigen Gesicht den Gummiknüppel über den Kopf. „Marsch, marsch!“ Reschin und sein Kamerad beginnen, vornübergebeugt, schwerfällig zu laufen. Der Unbekannte bekommt wie- der etwas ab: Der Gehilfe des Kapo versetzt ihm mit dem Stock eins über den Rücken- der Kamerad ist offenbar sehr schwach— und schreit erneut:„Hin- legen!“ Diese Quälerei wird so lange fortgesetzt, bis die wan- kenden, staubbedeckten, schweißnassen alten Männer zu einem schattigen kleinen Plateau gelangt sind, das von mehreren Reihen breitästiger Kastanien umstanden ist. Wir folgen in Reih und Glied niedergeschlagen nach. Liesner läßt uns halten, verschränkt die Hände 29 auf dem Rücken und hält eine Ansprache:„Wer glaubt, daß er hier im Erholungsheim ist, hat sich gründlich geirrt. Ich mache keinen Unterschied, ob jemand nicht arbeiten kann oder nicht arbeiten will. Das ist mir Wurst. Wer nicht arbeitet, kriegt eine Kugel in den Bauch. Verstanden?“ Sein Gehilfe befiehlt uns, die Jacken auszuziehen, dann weist er auf einen Haufen Spaten und schreit: „Anfangen!“ Wir ergreifen jeder einen Spaten und begeben uns zum Fuße eines Abhangs, wo Haufen frisch aufgeworfener Erde liegen. Schurka erklärt uns, daß die Erde auf den größten Haufen geworfen werden muß, von wo aus sie in kleine, eiserne Loren verladen wird. Er selbst begibt sich zu einer der Loren, die auf Schmal- spurgleisen stehen. Wir stoßen die Spaten in den Boden, eine Minute darauf ist die Arbeit in vollem Gange. Dann verschwinden die Aufseher irgendwohin. Wir lassen sofort in unserem Arbeitstempo nach und be- ginnen uns umzusehen. Über uns sind die Kastanien, unter uns ist Stacheldraht und dahinter Wald. Neben dem Draht geht ein sehr junger Wachtposten mit Maschinenpistole auf und ab. „Was meinst du- wenn man ihm eins mit dem Spaten über den Schädel gäbe?“ fragt Oleg. Er strotzt vor Ge- sundheit: Seine Brust ist breit, sein Hals kräftig; man sieht, daß er ein guter Sportler gewesen ist. So einer ist imstande, einem Schuft eins über den Schädel zu geben. „Die Idee ist gut“, antworte ich. „Und was dann?“ fragt Viktor. „In den Wald.“ „Und wenn im Wald Maschinenpistolenschützen sind?“ 30 Te ET Sn Viktor heit g paßt n aus d länder „Wen bricht Unter ein hi schleı uns,\ körpe „He, dröhn vielle schne] Wem Links Fran. vor s Viktor ist der Vernünftigste von uns. Seine Besonnen- heit geht mir ein bißchen gegen den Strich, denn sie ıed, ob paßt nicht zu meiner Vorstellung von den Menschen h aus dem Süden: Meiner Meinung nach müssen Süd- | länder aufbrausend und hitzig sein. „Wenn die Front näher wäre...“, sagt Viktor und wziehen, bricht ab. schreit:| Unter den Kastanien tauchen Liesner, sein Gehilfe und ein hochgewachsener, blonder SS-Mann auf. Wir be- schleunigen sofort das Tempo. Alle drei beobachten uns. Wir fühlen das, wir spüren ihr Näherkommen fast körperlich. „He“, erklingt etwa zwanzig Schritte entfernt die dröhnende Stimme des Kapo.„He, du faules Luder, vielleicht hast du die Güte und rührst dich ein bißchen den schneller?“ vollem Wem gilt das? Ich werfe einen raschen Blick zur Seite. Links von mir arbeiten Reschin und ein magerer junger hin. Wir Franzose, rechts schiebt Schurka eine vollgeladene Lore vor sich her. „Tempo!“ Die Stimme kommt von links. Offenbar schikaniert er ten mit wieder Reschin. Ich bin mir kaum darüber klargewor- den, da ertönt von rechts Gepolter- auf dem benach- barten Gleis ist eine unbeladene Lore an der Kurve aus den Schienen gesprungen. Schurka legt einen Stein unter ein Rad seiner Lore und eilt zu Hilfe. Der Ge- hilfe des Kapo wirft sich ihm in den Weg. Schurka springt zur Seite und fängt wieder an, seine Lore weiterzuschieben. Neben der anderen, bei der sich die Panne ereignet hat, steht zusammengekrümmt und mit eingefallenen Wangen der Franzose und zeigt dem Gehilfen des Kapo seine Hand. Sie ist blut- überströmt. Liesner und der blondhaarige SS-Mann kommen her- beigelaufen. Liesner fragt:„Was ist passiert?“ Der zusammengekrümmte Franzose preßt die verletzte Hand gegen die Hüfte. Der Gehilfe des Kapo schlägt ihm klatschend ins Gesicht. „Zeig die Hand her“, sagt Liesner und befiehlt ihm mit einer Geste, die Hand auf die Schienen zu legen. Der Franzose rührt sich nicht. „Na, wird’s bald!“ Der Franzose streckt die zitternde Hand aus, sieht sich um und hockt sich dann langsam nieder. Liesner er- greift einen daliegenden Hammer und schwingt ihn hoch. „Schneller!“ Die Hand des Franzosen zuckt zurück, er fällt auf die Knie. „Schneller!“ Ein Schlag, ein Knirschen und ein wilder Schrei er- tönen fast gleichzeitig. Der blonde SS-Mann zieht seine Parabellumpistole und schießt auf den verstümmelten Menschen. Der Gehilfe des Kapo schleppt ihn am Bein zu dem Stacheldraht. Unser Kamerad ist tot. Der SS-Mann fotografiert den Leichnam. Ich brauche den Kopf nicht zu wenden, um die Auf- seher zu erblicken- wir schippen die Erde gerade auf die Seite hinüber, wo sie stehen. Liesner sieht aus wie ein Wahnsinniger, sein Gehilfe macht eine finstere und undurchdringliche Miene. Die Nasenflügel des SS- Mannes beben. Ein Pfiff ertönt, dann das Kommando:„Alles nach oben!“ Liesner weist mit der Hand auf das festgestampfte Plateau über uns.„Antreten!“ Wir klettern hoch und treten in zwei Reihen an. Der Gehilfe des Kapo kontrolliert, ob wir gut ausgerichtet 32 sind. 1 euch v mir ni nicht$ worde meine Er sie bläst« die L „Und „bein; stößt gestar Der( Leute Liesn« brumı Reihe Schne Vikte zu ui und s ausein heben aus ui Narbı läuft Junge Kanı breith derste das R dem “ besch sind. Der Kapo sagt mit heiserer Stimme:„Ich habe euch vorher darauf aufmerksam gemacht, daß ihr bei mir nicht im Erholungsheim seid. Ein paar haben mir nicht geglaubt und sind deshalb ins Jenseits befördert worden. Wer keine Lust hat, ihnen zu folgen, muß alle meine Anordnungen genau ausführen. Verstanden?“ Er sieht den blonden SS-Mann von der Seite an. Der bläst den Rauch seiner Zigarette als dünnen Faden in die Luft. „Und jetzt“, sagt Liesner, wieder zu uns gewandt, „bringt ihr mir das da auf das oberste Plateau.“ Er stößt mit der Stiefelspitze gegen die Schienen, die an gestanzten eisernen Schwellen befestigt sind. Der Gehilfe des Kapo bemerkt:„Das sind doch zuviel Leute.“ Liesner blickt auf die Schienen, dann auf uns und brummt:„Ich glaube auch.“ Und befiehlt:„Die erste Reihe bleibt hier, die zweite geht wieder nach unten. Schnell!“ Viktor, Oleg, ich und noch etwa dreißig andere laufen zu unseren Werkzeugen. Ich ergreife meinen Spaten und sehe, daß die Obengebliebenen sich zu einer Kette auseinandergezogen haben und bereits die Schienen an- heben. Der letzte in der Kette ist ein junger Bursche aus unserer Gruppe. Ich erkenne ihn an der violetten Narbe, die sich über sein ganzes Gesicht zieht. Liesner läuft plötzlich hin und reißt den Mann, der vor dem Jungen geht, aus der, Kette heraus. Jetzt muß unser Kamerad eine doppelte Last tragen. Er geht ganz breitbeinig, das Gewicht zieht ihn nieder. Die vor- dersten beginnen, die Anhöhe hinaufzuklettern, und das Ende der Schienen senkt sich. Liesner fuchtelt mit dem Gummiknüppel herum:„Schneller!“ Die ersten beschleunigen den Schritt. Unser Kamerad läuft mit 33 ' gebeugten Knien und krümmt sich unter der Last, die seine Kräfte übersteigt. Das Ende der Schienen hebt sich- diesersten sind schon auf dem obersten Plateau angelangt. Unser Kamerad aber ist noch am Fuß der Anhöhe, er ist in Hüfthöhe fest zwischen den eisernen Schwellen eingeklemmt. Wieder ertönt der Befehl: „Schneller!“ Abermals ziehen die vordersten an. „Schneller!“ Plötzlich ein unmenschlicher, herzzerreißen- der Schrei und ein Knacken, als ob ein trockenes Brett durchbricht. Ich schließe die Augen, aber öffne sie gleich wieder: Auf der letzten Schwelle wird ein lebloser menschlicher Körper mitgeschleift, der durchgeknickt ist wie ein dürrer Zweig... Auf meinen Lippen schmecke ich Blut. Eine Minute darauf kommen die Kameraden, die die Schienen fortgetragen haben, zu uns hinuntergeklettert. Auf Schurkas zuckendem Gesicht zeichnen sich xleine rosa Flecken ab. Ich blicke zur Seite. Hinter meinem Rücken ertönt leises Lachen, es wirkt auf mich wie das Knacken, das ich eben gehört habe. Ich wende mich um: Ein kleiner Franzose mit einer großen Hornbrille küßt den Stiel seines Spatens. Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Das Lachen wird lauter. Ganz dicht neben mir höre ich die Stimme Liesners:„Schon ver- rückt geworden?“ und dann den Ausbruch eines wahn- sinnigen Gelächters. Eine Automatenpistole bellt kurz auf, das Lachen verstummt plötzlich. Von oben her klingen aus der Ferne die langsamen Schläge der Lagerglocke. Das ist das Signal zum Mittagessen. Wir können es kaum begreifen. Schweigend klettern wir nach oben. Auf dem Plateau unter den Kastanien stehen drei Kübel mit festgeschraubten Deckeln. Man gibt jedem von uns einen halben Napf heiße Kohlrübenbrühe, und 54 wir set jst mei Ich sch mein| zweite Kohlri forder und m beruh einem einge: doch Eine Den| der N beinig gelass „Los, „Ich! Wied brent Luft wiede wir setzen uns unter die Bäume. In einem Augenblick ist mein Napf leer. Ich schließe die Augen. Mein Kopf ist wie ausgehöhlt, mein Herz ist schwer. Und doch ist in mir noch ein zweites Wesen, das weiteressen will, das nach mehr Kohlrüben verlangt; ich kämpfe mit ihm, und das er- fordert viel Kraft. Doch meine Hände, mein Rücken und meine Beine sind wunschlos glücklich. Allmählich beruhigt sich auch mein zweites inneres Ich. Ich bin in einem Zustand, wo ich selbst nicht genau weiß, ob ich eingenickt bin oder wache. Aber schließlich bin ich doch wohl fest eingeschlafen. Eine Pfeife schrillt. Ich bin wieder auf den Beinen. Den leeren Napf lege ich oben auf meine Jacke mit der Nummer 31913. Dabei schnipse ich eine lang- beinige Spinne fort, die sich auf der Ziffer 9 nieder- gelassen hat. „Los, los“, drängt Oleg. „Ich komme schon“, sage ich. Wieder beginnt eine irrsinnige Hetzerei. Die Sonne brennt unbarmherzig. Spaten klirren gegen Steine. Die Luft ist von einem feinen, heißen Staub erfüllt. Immer wieder hört man Liesner schreien:„Tempo! Schneller!“ An den Händen bilden sich Wasserblasen, die gleich wieder platzen. Das Kreuz schmerzt, die Hände schmer- zen, die Schultern schmerzen. In meinem Kopf dröhnt es. Der Speichel wird dick und klebrig. Staub dringt in die Nase und in die Kehle, er knirscht zwischen den Zähnen... Wie lange kann das noch so weitergehen? Wird das jemals ein Ende nehmen? Liesner aber spaziert auf der oberen Plattform auf und ab und läßt den Gummiknüppel über unseren Köpfen wirbeln. 35 Endlich wird es offenbar auch ihm zuviel. Er schlägt noch einmal mit dem Knüppel zu und versichert, er würde jedem, der es wagt, in der Arbeit innezuhalten, einen Denkzettel geben, dann geht er zu den Kasta- nien. Sofort wird das Tempo, in dem die Spaten die Erde hochschleudern, langsamer. Liesner wird von seinem Gehilfen abgelöst, der alle, die sich nach seiner Meinung nicht genügend ins Zeug legen, unbarmherzig schlägt. So vergehen weitere zwei oder drei Stunden. Als uns schon alles egal ist, als wir so weit sind, daß wir im nächsten Augenblick erschöpft zu Boden sinken oder mit entblößter Brust auf die Maschinenpistole des Wachtpostens losgehen würden, ertönt endlich das Läuten der Glocke. Ein Pfiff Liesners bestätigt, daß der Arbeitstag zu Ende ist. Wir nehmen den Spaten auf die Schulter— er scheint uns zentnerschwer- und schleppen uns nach oben. Wir stellen uns auf, dann marschieren wir los. Ich blicke auf das weite Tal der Donau, auf die alten Burgen, auf die zarte Kontur der Alpen, und ich frage mich, ob ich das alles wirklich erlebt habe. Oder war es ein Fiebertraum, ein Alpdruck? A Es ist wirklich schwer, zu glauben, daß wir das alles im wachen Zustand erleben, aber es besteht kein Zweifel daran. Im Traum wiederholen sich niemals die gleichen Bilder in allen Einzelheiten. Wir gehen den schmalen, mit großen Kopfsteinen gepflasterten Weg entlang, an der Kaserne der Wachmannschaften vorbei. Über dem 36 mit ve stein t Wir v Koma ihre g} Kleidı teilt ı dürfe rätsel auf] Mitte geht steckt fassen Ich halt ttockeı lade u alleszı Mäger von ur lächelt malig: RE ET Tor erblicke ich wieder den steinernen Adler mit dem Hakenkreuz in den Fängen- alles, was ich am Morgen gesehen habe. Eine bekannte, dröhnende Stimme kommandiert: „Mützen ab!“ In genau ausgerichteten Reihen ziehen wir in das Lager ein- am Tor werden wir wieder gezählt-, und in Reih und Glied marschieren wir zu unserem Block Nummer achtzehn. Bei der Wegbiegung werden sechs Mann unserer Kolonne ausgesondert. Sie tragen die Leichen der Getöteten zu einem steinernen Gebäude mit vergitterten Fenstern. Über seinem flachen Schorn- stein tanzt kaum sichtbar ein blasses Flämmchen. Wir werden von dem Blockältesten und dem„Herrn Kommandanten“ in Empfang genommen. Jetzt sind ihre glatten, wohlgenährten Gesichter und ihre saubere Kleidung besonders ins Auge fallend. Der Blockälteste teilt uns mit, daß wir noch nicht auseinandergehen dürfen. Auf der Außentreppe erscheinen wieder die rätselhaften hübschen Jungen mit den rosa Dreiecken auf Jacke und Hose. Sie tragen Kübel, die sie in die Mitte des Hofes stellen. Der„Herr Kommandant“ geht in die Baracke, einige Augenblicke darauf steckt er seinen Kürbiskopf durch das Fenster:„Essen fassen!“ Ich gehe erst zum Fenster, dann zum Kessel und er- halte ein Stückchen Brot, einen Löffel Weißkäse, der trocken ist wie Kasein, einen kleinen Klecks Marme- lade und einen halben Napf sogenannten Kaffee. Das alles zusammen reicht gerade aus, um unsere hungrigen Mägen noch mehr zu reizen. Und trotzdem sind viele von uns schon heiterer geworden, der eine oder andere lächelt sogar. Auch Schurka Kamenstschik, der ehe- malige Matrose, lächelt. „Worüber denkst du nach?“ fragt er mich. Dabei blinzelt er mir zu und zeigt seine kräftigen, gelben Zähne. Er ist offenbar in recht guter Stimmung. „Hast du vielleicht nicht nachgedacht, als du hier noch neu warst?“ sage ich. Schurka schüttelt den Kopf. „Wer leben will, darf nicht nachdenken. Wer nach- denkt, wird entweder verrückt oder gerät selbst mit dem Kopf in die Schlinge. Verstehst du?“ Vielleicht hat er recht; wenn man anfängt, nachzu- denken, kommt man auf den Gedanken, es sei besser, Selbstmord zu begehen, als abzuwarten, bis man von Schienen zerquetscht wird. Aber mir und meinen Ka- meraden gefällt die eine Variante des Kaputtgehens ebensowenig wie die andere. Ich sage zu Schurka, daß ich nicht über den Tod, sondern im Gegenteil über das Leben nachdenke, darüber, wie interessant der mensch- liche Charakter ist. Schurka lacht. „Das Ende ist immer dasselbe, ob du nun nachdenkst oder nicht. ‚Tschystko jedno Krematorium‘, wie unser ‚Herr Kommandant‘ sagt.“ „Und du selbst glaubst das auch?“ Das Lächeln auf Schurkas Lippen erstarrt.„Du bist ein merkwürdiger Mensch.“ „Aber sagdoch, was denkst du im Grunde genommen?“ „Im Grunde genommen?“ Er kratzt sich den Hinter- kopf.„Ja- manchmal glaube ich, es gibt keine Rettung vor dem Krematorium, und manchmal glaube ich’s wieder nicht.“ Sein Gesicht verzieht sich plötzlich ge- quält, er flüstert:„Manchmal denke ich, unsere Leute werden kommen und uns befreien. Wenn wir doch nur bis dahin durchhalten könnten... Aber es ist nicht viel Aussicht drauf. Wir landen wohl im Krematorium. So stehen die Dinge.“ 38 i übrig Und« Jh w ihre F sam. unser kräft: tione Kaflı Vikt Schr Ichr gelir mich Mor Und er lächelt wieder und blinzelt mir zu. Ich warte mit Ungeduld darauf, daß Viktor und Oleg ihre Portionen erhalten, denn wir essen immer gemein- sam. Endlich kommen sie, und wir setzen uns mit unseren Näpfen zusammen hin. Unsere Kiefer mahlen kräftiger, als nötig ist, um mit unseren kläglichen Por- tionen fertig zu werden. Bloß Schurka trinkt nur seinen Kaffee aus und hat es dann gar nicht eilig, auch das übrige zu vertilgen. Wir haben schon alles verschlun- gen, er aber legt Quark und Marmelade in einen leeren Napf und trägt das alles zu unserem Erstaunen fort. Eine halbe Stunde darauf waschen wir uns und gehen in den Schlafsaal. Wir legen uns hin und schlafen im nächsten Augenblick wie tot. Das Wecken kommt ganz unerwartet. Ich höre den Ruf:„Aufstehen!“ und begreife nicht, was los ist- wir haben uns doch gerade erst hingelegt. Ich versuche, aufzustehen, und kann es nicht. „Kostja, komm doch“, sagt Oleg und beugt sich zu mir herunter. Ich versuche erneut, mich zu erheben, doch Arme und Beine gehorchen mir nicht. „Aufstehen!“ schallt es wieder von der Tür her. „Witka, mit Kostja ist irgend etwas nicht in Ordnung”, sagt Oleg beunruhigt. Viktor kniet neben mir nieder. In seinen Augen liegt Schrecken. Zum drittenmal ertönt das Kommando„Aufstehen!“ Ich mache einen dritten, verzweifelten Versuch, aber es gelingt mir nur, mich ein klein wenig hochzurichten. Die Freunde greifen mir unter die Arme und stellen mich auf die Füße. Das geschieht gerade im rechten Moment, denn neben mir taucht der Blockälteste mit der Reitgerte auf. Ihm voraus geht der braunäugige Junge, einer von den hübschen Handlangern unserer Aufseher. „Janek“, sagt der Blockälteste zu dem jungen Burschen, „erkläre den Neuen, daß die Lagerordnung sonntags dieselbe ist wie sonst.“ Der Blockälteste überzeugt sich davon, daß alle auf- gestanden sind, dann geht er. Wir stellen uns in die Schlange vor dem Waschraum. Als ich am Fenster vor- beigehe, sehe ich auf dem Hof Schurka und den„Herrn Kommandanten“. Schurka wirbelt wie ein Kreisel um die bereits aus der Küche hergebrachten Kübel herum, stellt sie in eine gerade Reihe, bläst unsichtbare Staub- körnchen von den Deckeln. Der„Herr Kommandant“ sagt etwas zu ihm und lächelt dabei herablassend. Nachdem ich mich gewaschen habe, fühle ich mich wohler. Zum Frühstück erhalten wir jeder eine kleine Kelle von einer trüben, weißlichen Flüssigkeit, die hier aus einem unerfindlichen Grunde als Suppe bezeichnet wird. Wir haben kaum unsere Näpfe ausgespült, da wird das Kommando zum Antreten gegeben. Fast gleichzeitig ertönt eine Glocke-— das Signal zum Appell.; Wir stellen uns über die ganze Länge des Hofes auf und werden gezählt, zuerst von den hübschen Jungen, dann vom„Herrn Kommandanten“. Der Blockälteste erscheint in einer kurzen schwarzen, gut gebügelten Jacke und einer blauen Schirmmütze. Unter der Jacke sieht man ein feines Hemd. Der Blockälteste geht die Front entlang und brüllt: „Mützen ab!“ Als wir die Mützen, die flach wie Fladen sind, abgenommen haben, brüllt er:„Mützen auf!“ Dann geht es weiter:„Ab!“ und wieder„Auf!“, und das wiederholt sich in schnellem Tempo an die zwanzig- mal. Es wird klar, was er will: Es soll erreicht werden, 49 daß di die Sc Wir si gemeit ganz 2 Die hi der Sc Unser] $$-Ma Der B wendu Schritt achtze dem B getrete gesamt Der$ „Dreil und k an de älteste „Verz fünfur Nach Komm Glied. die lin mit de Staube Wirk sehen, Wiry Block: Steher daß die Mützen beim Abnehmen alle gleichzeitig an die Schenkel klatschen. Wir sind damit noch nicht zu Ende, als aus dem all- gemeinen Lager(unser Block gilt als Quarantäneblock) ganz außer Atem der Schreiber angelaufen kommt. Die hübschen Jungen, der„Herr Kommandant“ und der Schreiber stellen sich in unserer Reihe mit auf. Unser Peiniger von gestern, der hochgewachsene blonde SS-Mann, steigt gemächlich zu uns herauf. Der Blockälteste ruft:„Achtung!“, macht eine Kehrt- wendung, geht auf den SS-Mann zu, bleibt drei Schritte vor ihm stehen und meldet:„Block Nummer achtzehn mit dreihundertfünfundzwanzig Mann. Mit dem Blockpersonal und mir dreihundertneuhzehn an- getreten, sechs sind in der Nacht gestorben, ins- gesamt...“ Der SS-Mann läßt ihn nicht ausreden. „Dreihundertfünfundzwanzig— was?“ sagt er langsam und kneift die Augen zusammen. Wir sehen, wie die an der Hosennaht ausgestreckten Finger’ des Block- ältesten zittern. „Verzeihung, Herr Blockführer, ich meine dreihundert- fünfundzwanzig Häftlinge“, erwidert er leise. Nach dem Appell treten der Schreiber, der„Herr Kommandant“ und die hübschen Jungen aus dem Glied. Die letzteren gehen in die Baracke- Janck in die linke Hälfte, Gaston in die rechte— und beginnen mit dem Reinemachen: Sie wischen den Fußboden auf, stauben ab und reiben die Scheiben, bis sie blitzen. Wir können das alles durch die offenen Fenster gut sehen. Wir warten auf das Kommando„Wegtreten“, aber der Blockälteste gibt ein anderes:„Die Neuen bleiben stehen, die übrigen können sich setzen.“ Der Teufel soll ihn holen! Was will er denn noch von uns? „Wiederholt, was ich sage“, befiehlt er.„Blockältester ist Adolf Strick... Na, wird’s bald?“ Wir wiederholen es. Der Blockälteste ist nicht zu- frieden. Wir wiederholen noch einmal. „Gut. Strick bin ich. Weiter... Blockschreiber ist Max Tultschinski.“ Sehr angenehm. Wir wiederholen. Was kommt noch? „Blockfriseur ist Jaroslaw Wiktawa.“ Wir wiederholen. „Noch mal von vorn“, fordert Strick. Wir verwechseln den Namen des Blockschreibers mit dem Namen des Blockfriseurs, und dafür müssen wir zehn Kniebeugen mit vorwärtsgestreckten Armen machen. Dann beginnt Strick, uns einzeln aus der Reihe zu rufen und zu examinieren. Es gibt klatschende Schläge mit dem Gummiknüppel. Zwei Mann fallen zu Boden. „So ein Schuft“, flüstert Oleg. Viktor zischt ihn an, er solle den Mund halten. Strick ruft mich auf. Ich antworte, ohne zu stocken. Der Blockälteste fragt mich:„Du sprichst Deutsch?“ „Ein bißchen.“ In Stricks Augen blitzt Interesse auf. Er gibt den Leuten kurz das Kommando„Wegtreten!“und wendet sich dann mir zu. „Woher kannst du Deutsch?“ „Ich habe es gelernt.“ Strick wirft den Kopf zurück. Er verschränkt die Hände über dem Bauch. „Was ist dein Vater?“ „Lehrer.“ Strick stellt einen Fuß vor. 42 „Wes Ich sc du w Ic ke sitzen neugi und b Schur antw( etwas etwa: „Zzun „Zum könn: Die( tatsäc Wied zeitig Appı gebe Mitt Jaro: gleid Schü: blitz: der: links Wikt Gast dem von mad die Port eo © | „Weshalb bist du ins Lager gekommen?“ Ich schweige. Strick lacht auf, dann ruft er:„Mach, daß du wegkommst!“— und geht in die Baracke. Ich kehre zu den Kameraden zurück. Viktor und Oleg sitzen im Schatten auf ein paar Steinen und sehen mir neugierig entgegen. Ich lasse mich neben ihnen nieder und berichte von dem Gespräch mit dem Blockältesten. Schurka, der auch da ist, bemerkt:„Du hättest ihm antworten müssen. Warum hast du dir nicht irgend etwas Gescheites ausgedacht? Vielleicht hätte für dich etwas dabei herausgeschaut.“ „Zum Beispiel?“ „Zum Beispiel hätte er dich zum Aufräumer machen können.“ f Die Glocke läutet. Ein schrilles Pfeifen ertönt. Ist es tatsächlich schon Mittag? Wieder stellen wir uns auf, wieder üben wir das gleich- zeitige Abnehmen der Mützen, dann ist endlich der Appell zu Ende, und man beginnt, das Essen auszu- geben. Mitten in den Hof stellt sich der kahlgeschorene Jaroslaw Wiktawa, der„Herr Kommandant“, der gleichzeitig der Friseur ist. Nun hat er eine weiße Schürze vorgebunden und hält in der Hand eine runde, blitzende Kelle. Rechts von ihm bezieht Janek Posten, der sich ein Handtuch über die Schulter geworfen hat, links Gaston. Wiktawa hebt die Hand- das bedeutet:„Achtung!“ Gaston schraubt den Deckel des Kübels ab, und mit dem Dampf verbreitet sich der aufreizende Geruch von heißen Kohlrüben über den ganzen Hof. Janek macht uns ein Zeichen, heranzutreten. Wiktawa taucht die blitzende Kelle in die Brühe und beginnt, die Portionen auszuteilen; dabei blickter jedem ins Gesicht. 453 Sogar aus der Entfernung ist zu erkennen, daß er die Kelle bald tiefer hineinsenkt, um die dicken Rüben ‚mit herauszufischen, bald nur an der Oberfläche bleibt und nichts als dünne Brühe in den Napf füllt. Er ge- nießt offenbar das Bewußtsein, daß er die Macht hat, den einen glücklich und den anderen unglücklich zu machen, ein dankbares Lächeln oder eine gequälte Grimasse hervorzurufen- ist doch dieser Löffel Suppe jetzt unser ganzes Leben. Einem alten Franzosen, der sich niedergebeugt hat, um besser zu sehen, ob die ganze Suppe aus der Kelle in den Napf gefüllt wird, gießt Wiktawa die halbe Portion auf die Hand. Der alte Mann, der beinahe weint, versucht mit ihm zu streiten. Der„Herr Kommandant“ schlägt ihn mit der Kelle ins Gesicht. „Das ist auch ein Scheusal“, brummt Oleg. Viktor sieht den Mann mit dem glattrasierten Kopf haßerfüllt an. Jetzt bin ich dran. Ich stelle den Napf auf den Rand des Kübels, wie es sich gehört. Wiktawa wirft mir einen wohlwollenden Blick zu und fragt:„Wieviel Jahre machst du ab?“ Ich schweige. Wiktawa schreit:„Du verstehst wohl nicht Russisch?“ und gießt mir nur eine halbe Kelle ein. Es wäre natürlich sinnlos, zu protestieren. Ich ziehe mich zurück. Die Freunde machen mir Vorwürfe; ich finde die Kraft in mir, zu lächeln und ihnen nicht nachzugeben, als sie mich überreden wollen, von jedem von ihnen vier Löffel Suppe als Entschädigung dafür anzunehmen, daß zuwenig in meinen Napf gefüllt worden ist. Als wir uns in der entferntesten Ecke des Hofes nieder- gesetzt haben, sehen wir, wie Schurka den geleerten Kübel ergreift, ihn zur Seite schleppt, die Reste daraus 44 zusall hinde ‚zweit Wir 2 aus uf ein SC Wasc werde nichts mutte „Was „Ihs Aben: „Bekc „Nati gemaı „Wie, rüben „Zwe „Oho Schur festge Freur geht ist ni dunk dicht wied. hier täte] Es is zum der\ Tür zusammenktratzt und in seinen Napf tut. Wiktawa hindert ihn nicht daran, und Schurka bekommt ein , zweites Mal seinen Napf voll. Wir gehen in den Waschraum, spülen unsere Näpfe aus und beschließen, für ein oder zwei Stunden im Hof ein Schläfchen zu machen. Doch Schurka erscheint im Waschraum, grinst, daß seine kräftigen Zähne entblößt werden, und sagt, aus dem Schlummerstündchen würde nichts, denn wir seien nicht bei unserer Schwieger- mutter zu Besuch, und er habe ein Geschäft für uns. „Was für ein Geschäft?“ fragt Oleg. „Ich schlage euch vor, eine Portion Suppe gegen eure Abendmargarine einzutauschen.“ „Bekommen wir Margarine?“ „Natürlich, zwölfeinhalb Gramm, aus reiner Steinkohle gemacht, prima, prima... Also einverstanden?“ „Wieviel Margarine verlangst du denn für die Kohl- rüben?“ interessiert sich Oleg. „Zwei Portionen.“ „Oho!“ Schurka ist gekränkt:„Der Preis wird ja nicht von mir festgesetzt. Ich wollte euch im Gegenteil aus reiner Freundschaft...“ Er brummt etwas vor sich hin und geht in die Ecke des Waschraumes. Was er dort tut, ist nicht zu erkennen: In dem Raum herrscht Halb- dunkel, er hat nur ein einziges kleines Fensterchen dicht unter der Decke. Schurka geht ohne seinen Napf wieder auf den Hof hinaus. Jetzt ist mir alles klar- hier also versteckt der geriebene Patron seine Vor- räte! Es ist uns tatsächlich nicht beschieden, ein Schläfchen zu machen. Wir haben uns gerade im kühlen Schatten der Nachbarbaracke ausgestreckt, da ertönt von unserer Tür her eine heisere Stimme:„Antreten!“ Wir stehen schimpfend auf und sehen einander an. Wiktawa kommt die Treppenstufen heruntergelaufen und fuchtelt mit seinem Gummiknüppel. Als wir antreten, verkündet der„Herr Kommandant“: „Läusekontrolle!“ Schurka, der von irgendwoher aufgetaucht ist, übersetzt uns das ins Russische. Wir stehen eine Stunde, stehen eine zweite, bis wir allmählich zur Barackentür vorgerückt sind, bei der der„Herr Kommandant“ Posten gefaßt hat. Neben ihm steht ein Schemel. Wir kleiden uns aus, drehen die linke Seite unserer Wäsche nach außen und steigen auf den Schemel- einer wie der andere knochig, eckig, mit bräunlichen durchgelegenen Stellen auf den Hüften. Janek und Gaston passen auf, daß niemand aus der Reihe tritt und daß sich niemand um die Prozedur drückt. Im Schlafsaal ziehen wir uns wieder an und warten, bis die letzten untersucht worden sind. Dann geht es abermals auf den Hof hinaus, abermals müssen wir antreten, und abermals stehen wir eine geschlagene Stunde, bis der dickwanstige, kahlköpfige Schreiber unsere Nummern kontrolliert hat. Ohne daß wir es merken, kommt die Zeit des Abendappells heran. Wieder stehen wir in Reih und Glied, nehmen unsere Mützen ab und setzen sie wieder auf, üben die Aus- führung verschiedener Kommandos, marschieren über den Hof und erhalten endlich von Wiktawa die abend- liche„Portion“: ein wenig Brot und ein Stückchen Mar- garine von der Größe einer viertel Streichholzschachtel, zähklebrig wie grüne Seife. Der Sonntag ist eigentlich herum. „Das nennt man nun Ruhetag“, sagt Oleg leise und wütend und legt sich lang auf die Steine. 46 „Begrei dachtes neben i Bis zut etwaan warmer liche H beginnt weilen uns nic Verurte im Kre vielleic Schurk: Haupts noch! I sogar€ Zu Ver? ) Währe allmäh lebhafı aus Ps In den derGi hatte ı Sich ge betrac Ich fi hier f „Begreifst du denn nicht, das ist doch ein wohldurch- dachtes System“, bemerkt Viktor ruhig und setzt sich neben ihm nieder. Bis zum Signal für das Schlafengehen bleiben noch etwaanderthalb Stunden. Ich lege mich auf die sonnen- warmen Pflastersteine und blicke hoch in die unermeß- liche Himmelsweite. Morgen ist der 23. Juli 1943; da beginnt all das Furchtbare von neuem. Doch einst- weilen läßt sich eine gewisse Bilanz ziehen. Man hat uns nicht erschossen, aber wir sind doch zum Tode Verurteilte, das steht außer Zweifel. Wir alle sollen im Krematorium verbrannt werden, aber das wird vielleicht noch eine Weile dauern— hat doch auch Schurka es verstanden, sich bis jetzt zu halten! Die Hauptsache ist: Jetzt, in diesem Augenblick, leben wir noch! Ich blicke in den Himmel, atme tief und genieße sogar ein paar Minuten der Ruhe. Und das ist nicht zu verachten! > Während ich diese Schlußfolgerung ziehe, fallen mir allmählich die Augen zu. Da höre ich plötzlich die lebhafte Stimme Schurkas:„He, ihr Neuen, ist niemand aus Pskow unter euch?“ In den letzten drei Jahren vor dem Kriege lebte ich in der Gegend von Pskow(nach dem Tode meines Vaters hatte mich meine Schwester, die dort Lehrerin war, zu sich genommen), und darum kann ich mich als Pskower betrachten. Ich richte mich hoch und frage:„Wer interessiert sich hier für jemand aus Pskow?“ „Ich“, antwortet aus einiger Entfernung die Baßstimme eines mir unbekannten Mannes, der ein Hemd mit offenem Kragen und hochgekrempelten Ärmeln trägt. Er geht vorsichtig zwischen den Leuten hindurch, die auf den Steinen liegen und sitzen. Ihm folgt der lächelnde Schurka. Er macht mich mit dem Mann be- kannt, der sich für Pskower interessiert hat, und nennt ihn Anton. Dieser gibt auch Viktor und Oleg die Hand, dann setzt er sich zu mir und wischt sich das verschwitzte Gesicht mit einem großen, sauberen Lappen ab. „Woher bist du denn, Landsmann, aus welcher Ecke kommst du?“ fragt er und sieht mich mit seinen sehr hellen, etwas vorstehenden Augen an. Ich nenne ihm den Namen eines kleinen Fleckens, der etwa zwanzig Kilometer von der Stadt entfernt liegt. „Ist das nicht das alte Kloster?“ präzisiert er, und sein Gesicht zerfließt in einem seligen Lächeln.„Ich bin aus Serjodok, kennst du das? Wenn du von eurem Ort zehn Kilometer die Landstraße entlanggehst, bist du da.“ Wir sind also beinahe Nachbarn. Anton drückt mir noch einmal die Hand und sagt, das sei in zwei Jahren erst das zweitemal, daß er hier einen Landsmann ge- funden habe. Ich frage ihn nach seinem Vatersnamen. „Grigorjewitsch.“ „Also ist euer Familienname Grigorjew?“ „Stimmt“, sagt er erfreut,„das war so eine Eigentüm- lichkeit in der Gegend von Pskow: Man nahm als Familiennamen den Namen des Vaters an. Mein Groß- vater hieß Iwanow, mein Vater Wassiljew, und ich heiße Grigorjew. Ja, das stimmt.“ Und dabei sieht er mich an, als ob ich ihm ein Ge- schenk gemacht hätte. Wir rufen uns gegenseitig die 48 Name! kenne! kannte Freud „Schut ich bit Wask gefun Schur zende Zeite „Ein „Bist Ih Besu bek: TEREEEEREEESEEREEN Namen von Ortschaften ins Gedächtnis, die wir beide kennen, und als wir den ersten gemeinsamen Be- kannten herausfinden, bezeigt Anton erneut stürmische Freude. „Schurka“, sagt er und wendet den Kopf,„sag Hans, ich bitte ihn, dich durchzulassen. Lauf in die Küche zu Waska und bestell ihm, daß Anton einen Landsmann gefunden hat... Aber stell dich geschickt an.“ Schurka macht sich davon. Anton blickt mich mit glän- zenden Augen an und sagt:„Ja, das waren schöne Zeiten... Bist du schon lange von da fort?“ „Ein Jahr und zwei Monate.“ „Bist du während der Besetzung hergekommen?“ Ich erzähle, daß ich nach dem Abschlußexamen zu Besuch zu einem Kameraden fuhr, dem Sohn des Anton bekannten Lehrers Twerdow. Wir wollten zusammen nach Leningrad- ich mit einem Gesuch um Aufnahme in das Institut für Journalistik, er mit der Absicht, ins Pädagogische Herzen-Institut einzutreten. Meine Schwester war mit ihrer Tochter über den Sommer zur Mutter nach dem Norden gefahren. „Ein paar Tage darauf fing der Krieg an, wir gingen Schützengräben bauen, und hier überraschten uns die Deutschen; sie setzten starke Luftlandetruppen ein.“ „Ich verstehe“, sagt Anton.„Haben sie sehr schlimm gehaust in unserer Gegend?“ „Als sie im Frühjahr zweiundvierzig die geflüchteten Gefangenen erwischten, haben sie viele von ihnen lebendig verbrannt, zwei Mädchen wurden aufgehängt, einen von unseren Komsomolzen haben sie erschossen, und mich und noch ein paar...“ Ich beiße mir auf die Lippen. Anton läßt einen ernsten Blick über mein Gesicht gleiten, dann senkt er die Augen. Nun fange ich an, ihm Fragen zu stellen. Er 49 war, wie sich herausstellt, Chefkoch auf einem großen um un Handelsschiff, das ins Ausland fuhr. Der Krieg über- hören au raschte ihn in Hamburg. Die Besatzung wurde inter- müsse! niert und später auf verschiedene Konzentrationslager F Wien verteilt. Er hatte Glück: Hier wurde er Koch in der begeiste Lagerküche... F „Und du bist also den dritten Tag hier und arbeitest Gelenk bei Liesner“, sagt Anton. Er wiegt den Kopf:„Das ist zu den eine böse Sache“— und versinkt in Nachdenken. Das Die eı Schweigen wird von Schurka unterbrochen, der zurück- kehrt. Er zieht unter der Jacke einen Napf und eine Ration Brot hervor und reicht mir lächelnd beides hin. „Iß nur“, sagt Anton.„Aber ich muß jetzt gehen, gleich wird das Signal gegeben.“ emd Er reicht allen zum Abschied die Hand, verspricht, und zi mich morgen zu besuchen, und geht. „Na, Kostenka“, sagt Schurka, der Anton bis zum Tor übe begleitet hat, zu mir,„jetzt geht es dir gut. Du bist jetzt Nach kein Todeskandidat mehr, du bist Lebenskandidat, und tote ich gratuliere dir herzlich dazu. Anton wird schon für ofeif dich sorgen, da kannst du ruhig sein.“ Ein Jahr, das ich in verschiedenen Lagern verbrachte, hat mir gezeigt, daß die Köche die einflußreichsten\ Leute unter den Häftlingen sind. Ich verberge meine sd Freude nicht, danke Schurka, und zu viert verschlingen wir gierig den Inhalt des aus der Küche erhaltenen Napfes: dicke, fette und süße Kohlrüben. Am nächsten Morgen spüre ich nicht wie sonst das saugende Gefühl in der Herzgrube, sicherlich deshalb 22 nicht, weil ich nun ohne große Furcht an den kommen- Ste den Tag denke. Während wir auf dem Platz stehen, gibt Schurka, der jetzt keinen Schritt mehr von mir Ä\ und meinen Freunden weicht, uns eingehende Instruk-" tionen, wie wir uns bei der Arbeit verhalten sollen, ) 5o| um uns möglichst wenig in Gefahr zu bringen. Wir hören aufmerksam zu- es ist viel, was wir uns merken müssen. Wir marschieren aus dem Lager, und wieder bin ich begeistert beim Anblick des Donautals und der Alpen. Liesner nimmt heute o. Abstand, unterwegs„die Gelenke zu schmieren“, und wir gelangen wohlbehalten zu dem Plateau mit den Kastanien. Die erste Tageshälfte verläuft ruhig. Der Kapo, der, wie Schurka versichert, montags immer heftige Kopf- schmerzen hat, kommt fast gar nicht aus seinem Häuschen heraus. Auch der SS-Mann läßt sich bis zum Essen nicht sehen. Nur der Gehilfe des Kapo, der sein Hemd ausgezogen hat, spaziett watschelnd auf und ab und zieht von Zeit zu Zeit aus Langerweile mal dem einen, mal dem anderen mit dem Gummiknüppel eins über den gebeugten Rücken. Nach dem Mittagessen erscheint Liesner mit dunkel- rotem Gesicht und ungesund blitzenden Augen. Er pfeift gellend. Wir stellen uns auf. Liesners Gehilfe postiert sich an die Spitze der Kolonne. „Marsch!“ Wir verlassen das Plateau und steigen auf einem schmalen Pfad zu einer Steilwand hinunter. Rechts von uns zieht sich der Stacheldraht des Sperrgebiets ent- lang, an dem Maschinenpistolenschützen postiert sind, und dahinter ist Tannenwald; links stehen Sträucher, dicht am Abgrund. Wir gehen parallel mit dem Draht- zaun und halten uns instinktiv möglichst fern von der Steilwand. Liesner zählt uns mit heiserer, grober Stimme. „Wohin gehen wir?“ frage ich Schurka; zwischen ihm und mir geht noch ein anderer Kamerad, Schurka ist rechter Flügelmann. „Steine tragen“, antwortet er halblaut, ohne den Kopf zu wenden. Eine Minute darauf stehen wir vor den Stufen einer steilen Treppe, und ich erblicke eine riesige Grube, auf deren Grunde zwischen gewaltigen Steinblöcken es von Menschen wimmelt wie in einem Ameisenhaufen. Von unten ertönt das Krachen der Abbauhämmer, das Pfeifen der Aufseher und das kurze, abgehackte Tuten der Lokomotiven, die die Loren ziehen.’ „Das ist der Steinbruch“, erklärt Schurka, während er neben mir die Stufen hinabsteigt.„Hier arbeiten die meisten Häftlinge. Ich habe hier auch schon Steine ge- hauen.“ Er schweigt einen Augenblick, dann fügt er hinzu:„Halte dich immer in der Mitte, und suche dir auch mittelgroße Steine aus, die kleinen nimm nicht— sonst wirst du schikaniert.“ Ich gebe diese Ratschläge an Viktor und Oleg weiter. Wir gehen über weichen, mit hellem Kies bestreuten Boden. Der Gehilfe des Kapo führt uns zu einem großen Steinhaufen und schreit:„Schafft das hier nach oben!“ Es sind Steine darunter, die dreißig Pfund und mehr wiegen, und viele haben so scharfe Kanten, daß man nicht weiß, wie man sie anfassen soll. Die Kameraden stürzen sich von allen Seiten auf den Steinhaufen und beeilen sich, einen Stein zu ergreifen, der möglichst leicht und bequem zu tragen ist. Ich gerate an einen runden Stein von etwas mehrals dreißig Pfund, lade ihn mir auf die Schulter und gehe auf.die steile, in den Felsen gehauene Treppe zu. Mir folgen Schurka und hinterihm Viktor und Oleg. Vor uns sind etwa zehn Mann. „Am Rand entlang, halte dich am Rand“, belehrt mich Schurka.„Bleib immer an der Außenwand... Nicht so. Laß mich durch, ich werde vorangehen.“ Ich lasse| dem Nac schiebe de ist es etw. ohne Ans Schritt wI wiege me dern das Wir hat reicht, a) Schimpf faulen 5 Plötzlich fallende Krachen Treppe mensch! ammer, das nackte Tuten während er Ich lasse ihn vor. Er trägt seinen Stein geschickt auf dem Nacken und hält ihn nur mit einer Hand fest. Ich schiebe den meinen auch mehr zum Nacken hin- so ist es etwas bequemer. Anfangs steigen wir scheinbar ohne Anstrengung hoch, doch allmählich, mit jedem Schritt wird die Bürde schwerer; jetzt scheint mir, als wiege mein Stein nicht nur einige dreißig Pfund, son- dern das Doppelte. Wir haben wohl etwa die Mitte der Treppe er- reicht, als plötzlich unter uns das heisere Schreien und Schimpfen Liesners ertönt:„Vorwärts, vorwärts, ihr faulen Schweine! Wird’s bald?“ Plötzlich hören wir ein Brüllen, dann das Poltern eines fallenden Steins; Menschen schreien, dann wieder Krachen, wütendes, heiseres Schimpfen, Schläge und abermals Schreie und Poltern. „Komm, komm weiter“, drängt Schurka niedergeschla- gen, ohne sich umzuwenden. Ich folge ihm wortlos. Hinter mir knallen vier Revolverschüsse. Am Ende der Treppe überholt uns der Gehilfe des Kapo. Er schlägt den Vordersten die Steine aus den Händen und schreit sie an:„Los, los, nach unten!“ Die Steine fliegen an uns vorbei und krachen die Treppenstufen hinuntet. Ihr Gepolter wird von un- menschlichen Schreien übertönt. Die Vordersten laufen nach unten, wir aber steigen weiter hoch und zählen die letzten der einhundertsechsundachtzig Stufen. Hin- ter uns donnern wieder drei Schüsse. Meine Arme sterben ab, meine Beine zittern, nur mit Mühe und Not gelange ich bis zu den Kastanien. Wir werfen die Steine hin und warten, bis die anderen Kameraden, deren Kette sich ungeordnet den Weg entlangzieht, herangekommen sind. „Das langt für heute“, sagt Schurka.„Wir müssen nicht noch einmal hinunter.“ „Woher weißt du das?“ fragt Oleg. „Sie haben schon sieben umgebracht, das ist die Norm.“ Erst da beginne ich zu begreifen, was geschehen ist und warum Schurka uns geraten hat, wir sollten uns in der Mitte halten: Die vordersten, denen es geglückt ist, sich einen leichten Stein zu greifen, werden umgebracht, und die letzten, die unter der Schwere ihrer Last fast zusammenbrechen, erleiden das gleiche Schicksal. Liesner kommt heran. Er gibt den Befehl, zu den Spaten zu greifen; er selbst verschwindet mit dem SS-Mann und mit seinem Gehilfen in dem Häuschen und läßt sich bis zum Arbeitsschluß nicht mehr blicken. Am Abend warten wir am Tor des Blocks auf Anton, der versprochen hat, uns zu besuchen. An Stelle von Anton tritt nach kurzer Zeit ein grau- äugiges kleines Bürschchen an den Drahtzaun. Schurka ruft ihn an. Es ist Wasjok, der mit Anton zusammen in der Küche arbeitet. Er steckt dem Torwärter etwas in die Hand und schiebt dann schnell einen Napf durch den Draht. „Anton kann heute nicht kommen“, erklärt er mir.„Er sagt, er wird in ein paar Tagen mal nach dir schen.“ Oleg und Viktor erwarten Schurka und mich in der entferntesten Ecke des Hofes. Wir häufen unsere Löffel viermal voll,” dann ist der Kohlrübenbrei vertilgt. Schurka sammelt unsere Abendration an Wurst ein— drei violette Scheiben von der Größe eines Groschens— und verschwindet unter Mitnahme seines geleerten Napfes. 54 Wir m Hälfte Oleg q ‚Wenn Wir machen uns an unser Brot, essen nur die eine Hälfte und lassen die zweite für den nächsten Tag. Oleg tut das widerstrebend. „Wenn es nun nachts verschimmelt oder geklaut wird?“ „Gib es mir zur Aufbewahrung“, schlägt Viktor vor. „Oder noch besser, du gibst es Wiktawa zurück, er hebt dir’s auf.“ „Vielleicht zeigst du mal, wie ich das machen soll?“ „Bitte sehr, aber du mußt die Sache vorher mit ihm abmachen.“ „Ich würde es schon mit ihm abmachen, aber er ver- steht ja nicht Russisch... Nicht wahr, Kostja?“ Wir trinken einträchtig unseren Kaffee aus und lachen, höchst zufrieden damit, daß Schurka, dem es bereits gelungen ist, durch das Tor in das allgemeine Lager zu schlüpfen, dort unsere Wurst gegen zwei weitere Brotrationen eintauscht, und daß wir also zum Früh- stück jeder eine ganze Portion haben werden. Plötzlich erscheint der Schreiber Max auf den Stufen der Außentreppe. „Uwaga!“ ruft er.„Achtung!“ Der Lärm im Hofe verstummt. „Einunddreißigtausendneunhundertsechsundzwanzig!“ Wir sind nicht mehr Menschen mit Namen, sondern bloße Nummern. „Hier“, antwortet Reschin. „Morgen bleibst du im Block.“ Max überfliegt den Hof mit seinen runden kleinen Augen und ruft erneut:„Einunddreißigtausendneun- hundertdreizehn!“ Das ist meine Nummer. Ich rufe:„Hier!“ und stehe auf. „Chodz tu!“ Das heißt„Komm her!“ Ich gehe, ohne mich umzu- wenden, zu den Treppenstufen und fühle dabei, wie die besorgten Blicke der Kameraden mir folgen. „Geh zum Blockältesten“, befiehlt der Schreiber. Ich begebe mich zu den Räumen des Blockpersonals. Die Fußböden sind blank gebohnert, und es riecht nach Kiefernnadeln, gebratenen Zwiebeln und Fleisch. Ich erblicke' Janek.„Nummer 31913?“ fragt er mich auf deutsch und weist mit dem Kopf lächelnd zu einem breiten Schrank hinüber, auf dem, mit dem Boden nach oben, sauber gescheuerte Eimer stehen. Ich trete näher. Hinter dem Schrank an einem kleinen Tisch sitzt Strick, der eine Brille aufgesetzt hat, und liest in einer Zeitung, die vor ihm ausgebreitet liegt. An einer Ecke des Tisches steht eine kleine Vase mit Nelken. Über den Blumen hängt eine Reitpeitsche mit geflochtenem Griff an der Wand. „Du heißt Pokatilow?“ jass „Von morgen ab wirst du am Tor stehen. Verstanden?“ „Jar „Du mußt antworten: ‚Zu Befehl‘.“ „Zu Befehl.“ Strick nimmt die Brille ab, steckt sie ins Futteral und beginnt mir mit knarrender Stimme die Pflichten eines Torwärters auseinanderzusetzen. „Hast du begriffen?“ „Zu Befehl. Kann ich etwas fragen?“ „Bitte.“ „Darf ich mich erst mit meinen Kameraden be- raten?“ Strick runzelt befremdet die Stirn. „Worüber?... Übrigens, ich verstehe, du darfst es. Geh jetzt.“ 56 An der. Schurka er die V Oleg m frieden: ‚Bist du Ich gebe taucht Glocke Schlafsa „Strick An der Außentreppe werde ich von Viktor, Oleg und Schurka erwartet, der eben zurückgekehrt ist, nachdem er die Wurst gegen Brot eingetauscht hat. Viktor und Oleg machen besorgte Gesichter, Schurka sieht zu- frieden aus. „Bist du Aufräumer geworden?“ fragt er. Ich gebe keine Antwort: oben auf den Treppenstufen taucht Wiktawa auf. Das melodische Läuten der Glocke ertönt, und wir gehen als die ersten in den Schlafsaal. „Strick bietet mir an, Torwärter zu werden“, sage ich und setze mich auf die Matratze. „Das ist ja großartig“, ruft Oleg strahlend.„Und wir hatten schon alle möglichen Befürchtungen.“ „Gott sei Dank“, sagt Viktor lächelnd.„Warum hast du das nicht gleich gesagt?“; Ich teile den Genossen meine Bedenken mit, sie be- ruhigen mich jedoch, und Schurka nennt mich einen Dummkopf. „Du hast ein unverschämtes Glück“, versichert er. „Aber so ist es immer! Wenn ein Mensch Glück hat, dann hat er es in allem, und wenn einer Pech hat, dann ebenfalls... Du bist ein Glückspilz, das habe ich gleich bemerkt.“ 6 Als am Morgen alle zur Arbeit gehen, bleiben Reschin und ich auf dem Hof. Der Professor wird bald ins allgemeine Lager ge- führt- er soll im Lazarett arbeiten—, und ich löse den Torwärter Hans ab. Vor mir liegt das leer gewordene Lager. Durch das Netz des Stacheldrahts hindurch sehe ich die sym- metrischen Reihen der Dächer, die in Stufen zur Festungsmauer hin abfallen, den massiven Schornstein des Krematoriums und den grünen Winkel der Lager- küche. Der Himmel über mir ist friedvoll und blau, die Luft so wunderbar klar, und irgendwo in der Nähe müssen Felder sein: Es duftet nach Kamillen. Eine trügerische Ruhe! Ich weiß, was von ihr zu halten ist. Ich habe allerdings Glück gehabt, und ich werde az natürlich bemühen, meine neue Stellung zu be- nutzen, um meinen Freunden zu helfen. Aber wer weiß, wie lange ich das kann! Ich gehe am Stacheldraht auf und ab wie.ein Wacht- posten. Bald sehe ich auf die Fenster unserer Baracke, bald auf die schmalen Durchgänge unter mir. Meine Pflichten sind einfach: Ich muß auf die Kommandos achtgeben, die im allgemeinen Lager ertönen, und sie an den Block weitergeben; ferner muß ich das Tor auf- reißen, wenn sich ein SS-Mann in der Nähe zeigt, und vorher den Blockältesten von seinem Erscheinen ver- ständigen. Außerdem bin ich verpflichtet, abends nie- manden in den Block zu lassen und Gespräche durch den Zaun oder den Umtausch von Wurst gegen Suppe oder Brot zu verhindern. Aus den Erfahrungen vonHansweiß ich, daß diese Verpflichtung nicht allzu genau genommen wird, und das söhnt mich mit meiner neuen Rolleaus. Die Sonne brennt immer stärker, und ich knöpfe den Kragen meiner Jacke auf. In diesem Augenblick ertönt am entgegengesetzten Ende des Lagers der Ruf:„Block- schreiber!“. „Blockschreiber! Blockschreiber!“ wiederholen sofort einige Stimmen von überall her.„Blockschreiber!“ rufe auch ich zu meiner Baracke hinüber. 58 ch T) r Uurch das die sym- Im Fenster wird der Kahlkopf von Max sichtbar, und gleich darauf erscheint er mit seiner obligatorischen schwarzen Mappe auf den Stufen der kleinen Außen- treppe. Er wischt sich mit einem Tuch die Stirn ab und trippelt mit seinen kurzen dicken Beinen auf mich zu, Seine rosigen, drallen Bäckchen federn elastisch bei jedem Schritt, in seinen Augen liegt höchste Beunruhi- gung. Ich reiße das Tor weit vor ihm auf, er nickt mir zu und läuft immer schneller. Der hochaufgeschossene junge Schreiber von Block Neunzehn überholt ihn in gewaltigen Sätzen. Dann wird es wieder stillim Lager. Ich gehe abermals auf und ab. Nach etwa einer halben Stunde gebe ich erneut ein Kommando weiter:„Block- friseur!“ Wie ein Sturmwind saust Wiktawa mit einem weißen Bündel unter dem Arm an mir vorüber. Dann gehe ich wieder auf und ab und. rufe von Zeit zu Zeit:„Brot holen!“,„Der Lagerälteste!“,„Essenträger!“ Zum Mittagessen erhalte ich für diese Mühe zwei Por- tionen Suppe. Eine esse ich auf, die zweite lasse ich im Napf und verstecke sie im Waschraum. Janck fragt mich, ob ich keinen Appetit hätte, ich antworte, das sei für die Genossen. Janek lächelt schlau. Er hat in der Ecke drei volle Näpfe versteckt, die anderthalb Liter Suppe enthalten, und brüstet sich damit, daß er sie gegen Wurst eintauscht, für eine Schüssel zwei Scheiben; die Wurst brät er in Margarine mit Zwie- beln- wenn sie nicht gebraten ist, schmeckt sie ihm nicht. „Das ist aber teuer“, sage ich,„für eine Schüssel Suppe bekommt man doch sonst immer nur eine Portion Wurst.“ „Im freien Lager, aber nicht im Quarantäneblock... Aber woher weißt du denn das?“ Ich antworte, das habe Strick mir gesagt, weil ich Torwärter sei, und gehe auf meinen Posten zurück. Gegen Abend kommt Anton. Er ist anscheinend nicht sehr verwundert darüber, mich am Tor vorzufinden. „Du hast Glück gehabt, sagst du?“ fragt er mit seiner Baßstimme und setzt sich auf die Treppenstufen jen- seits des Stacheldrahts.„Na, dann freu dich.— Hör mal, Konstantin“, sagt er nach einer kleinen Pause und behält dabei die Tür der Küche im Auge,„bei euch ist da so ein Offizier von den Fallschirmjägern, Schurka hat es mir neulich erzählt... Was ist das für ein Mensch, taugt er was?“ „Meinst du Broskow?“ „Ja, eben den.“ „Anscheinend ist er in Ordnung... Aber weshalb fragst du?“ „Ach, nur so, ich hätte gern einmal mit jemandem aus der Armee über die Lage an den Fronten gesprochen. Ruf ihn abends her, ich komme noch mal’rüber.“ Ich verspreche es ihm. Etwa zwei Minuten lang sagen wir nichts. Dann frage ich Anton, was mit mir geschieht, wenn ich mich straf- bar mache. „Wie meinst du das?“ „Na, wenn zum Beispiel Strick bemerkt, daß ich es den Leuten gestatte, etwas durch den Draht zu geben?“ Ohne die Augen von der Küche zu wenden, antwortet Anton:„Sprich mal mit Kamenstschik, er wird dir sagen, wie du dich verhalten sollst. Aber mit Schiebern mach nicht viel Umstände, jag sie einfach weg. Wenn natürlich jemand anständig ist, mußt du ihn nicht be- hindern... Wahrscheinlich werden Kameraden den Jungens hier Suppe bringen. Du kannst auch für eine 60 FE Se> es Portio! Kohlri „Aber die Ke „Manc die Fr Jungeı komm Ich se wiede steht« seinen zieht e ihn ge redete Männ weshalb Portion Wurst einen Napf Suppe eintauschen lassen, Kohlrüben sättigen mehr. Das ist meine Ansicht.” „Aber was sind das für Kameraden? Essen sie denn die Kohlrüben nicht selbst?“ „Manche Leute hier bekommen Pakete, verstehst du, die Franzosen, die Tschechen, die Polen. Es gibt gute Jungen unter ihnen, die lassen anderen auch etwas zu- kommen.“ Ich sehe, daß Anton unruhig wird, und verstumme wieder. Er blickt immer nioch zur Küche hinüber, dann steht er plötzlich mit einer Schnelligkeit auf, die man seinem schwerfälligen Körper gar nicht zugetraut hätte, zieht einen sauberen Lappen aus der Tasche und drückt ihn gegen sein Kinn. Ich errate, daß dies ein verab- redetes Zeichen ist. In der Tür zur Küche stehen zwei Männer. Wenige Minuten darauf geht einer von ihnen mit raschen Schritten an uns vorüber; man sieht, daß er etwas unter seiner Jacke trägt. Anton wischt sich den Schweiß von der Stirn, nickt mir zu und geht davon. Das ist ja interessant. Mein Landsmann beschäftigt sich offenbar mit Dingen, die hier verboten sind. Es hat den Anschein, daß zwischen Antons geheimnis- vollen Geschäften und meiner Ernennung zum Tor- wärter ein Zusammenhang besteht. Aber was sind das für Geschäfte? Und welchen Einfluß kann Anton auf meine Ernennung gehabt haben? Kurz vor dem Abendappell steht auf einmal wie aus dem Boden gewachsen ein schwarzhaariger, magerer Deutscher vor mir, derselbe, der in Wiktawas Zimmer wohnt. Auf dem Ärmel seiner sauberen schwarzen Jacke trägt er eine Binde mit der Aufschrift„Lager- ältester“. Zwischen den Zähnen hält er eine glimmende Zigarre. 61 „Torwärter?“ fragt er gedämpft mit hoher Stimme. Ich blicke auf sein grünes Dreieck mit einer drei- stelligen Zahl darauf und bejahe. Der Deutsche zieht die dichten, schwarzen Brauen hoch und fragt im gleichen gedämpften Ton:„Russe?“ „Ja. Einige Sekunden lang blicken seine kleinen, gelblichen Augen mich forschend an, dann nimmt er die Zigarre aus dem Mund und sagt mit süßlicher Liebenswürdig- keit:„Da sei nur vorsichtig!“ Dann klappert er mit den blitzblanken Stiefeln schnell über die Stufen ins Freie. Er erinnert mich an eine große schwarze Katze. Ich bin mir über den Sinn seiner Warnung klar, und wieder mache ich mir Gedanken darüber, was. mich wohl erwartet, wenn ich gegen Stricks Vorschriften verstoße und dabei erwischt werde. Ein Glockenschlag ertönt, dann ein durchdringender Pfiff. Die Aufräumer kommen, ich reiße das Tor auf und schließe mich ihnen an. Wir werden von einem kleinen, schmalschultrigen SS-Mann mit kränklichem Gesicht, dem Blockführer, gezählt. Er hat einen durch- dringenden, argwöhnischen Blick, und mir scheint, daß er mein rotes Dreieck mit dem Buchstaben„R“ höchst feindselig angesehen hat. Es ist anzunehmen, daß man den russischen Torwärter bespitzeln wird. Nachdem der Blockführer fortgegangen ist, beziehe ich wieder meinen Posten am Tor. Allmählich kommen die Arbeitskommandos ins Lager zurück. Die Durch- gänge füllen sich mit müden Gestalten in verstaubter Kleidung. Endlich erscheint auch unser Strafkommando. Schon von weitem erkenne ich den ins Gesicht ge- schobenen„Panama“ Olegs, und ich winke ihm zu. Viktor und Schurka schwenken ihre leeren Näpfe zum 62 Gruß. Ich frage sie, Ganz lei „manche mal so da Gruß. Ich öffne das Tor, drücke ihnen die Hand und frage sie, wie es ihnen gehe. „Ganz leidlich“, antwortet Oleg mit einem Lächeln, „manche haben was abgekriegt, aber wir sind noch mal so davongekommen.“ Ich halte Broskow an und bitte ihn, nach dem Abend- brot zu mir zu kommen. „War Anton hier?“ fragt Schurka. „Ja. Komm abends auch her.“ „Na, ohne mich geht’s doch nicht“, grinst Schurka. Nachdem ich alle in den Hof gelassen habe, schließe ich das Tor. Ich bin in recht gehobener Stimmung. Unsere Leute haben sich schon aufgestellt, die vor- dersten nehmen bereits ihre„Portionen“ in Empfang. Allmählich begeben sich alle in die andere Hälfte des Hofes hinüber, als aber der letzte seine Ration be- kommen hat, stürzen sie zum Zaun hin. Ich schiebe den Riegel vor das Tor. Aus den Gängen des allgemeinen Lagers kommen gutgekleidete Häft- linge herangeschlendert. Sie tragen grüne„Winkel“, das Kennzeichen der Kriminellen. „Hallo, Franzosen“, ruft einer von ihnen auf deutsch, „wer will eine Portion Suppe für drei Portionen Wurst?“ „Für zwei Portionen“, erwidert einer von den Unseren, ein magerer Franzose, und reckt zwei Finger hoch. „Gib nur eine“, rate ich ihm. „Drei, drei Portionen Wurst... Wer will wunderbare Suppe?“ bohrt der Gutgekleidete. Offenbar ist es Zeit für mich, in Aktion zu treten. Ich gehe ans Tor und rufe:„Weg da!“ Die Kriminellen weichen einen Schritt zurück und sehen mich neugierig an. Einer von ihnen zeigt mir verstohlen eine Zigarette. 63 Die Unseren rufen:„Zwei Portionen!“ Mich packt die Wut, ich drehe mich um:„Nur eine!“ Man zeigt mir zwei Zigaretten. „Weg da!“ brülle ich auf deutsch. In diesem Augenblick erscheint Strick mit dem Gummi- knüppel in der Hand am Tor. Die Unseren ziehen sich in die Mitte des Hofes zurück. Die Kriminellen retirieren unter lauten Verwünschungen gegen mich zum Block Neunzehn. „Na“, sagt der Blockälteste höchst zufrieden,„wie steht’s?“ „Alles in Ordnung“, antworte ich. „Sieh dich vor“, warnt er. Strick spaziert eine Zeitlang in dem Gang zwischen unserem Block und dem nächsten auf und ab, dann wiederholt er:„Sieh dich vor“ und begibt sich wieder in sein Zimmer. Die Kriminellen spazieren vorbei und schwenken ihre leeren Näpfe. Offenbar haben sie im Block Neunzehn mehr Glück gehabt. Mich beachten sie nicht mehr. Dann erscheint Schurka. Er sieht sich um, holt ein Stück Kreide aus der Tasche und zieht etwa zehn Schritte vor der Umzäunung eine Linie durch den ganzen Hof. Nachdem er mir noch den Rat erteilt hat, nie mehr als einen Mann gleichzeitig an den Draht- zaun heranzulassen, schlüpft er schnell durch das Tor. Ich bitte die Kameraden, die weiße Linie nicht ohne meine Erlaubnis zu überschreiten. Aus dem allgemeinen Lager kommt ein älterer Häft- ling heran, der auf rotem Dreieck den Buchstaben„F“ trägt. Er hält einen Napf mit Kaffee in der Hand. „Henri Gardebois“, sagt er zu mir. Er spricht das„R“ im Halse, wie alle Franzosen, und lächelt höflich. „Kaffee.“ 64 Ich rufe ‚Aus der gedrück seinen draht g versteh Gardeb er mit. Dann e ich Bro Hof. Wiede: Lager: zukomt eine Zw Kohlrü Portion etwas( Schurk die kl. person; so wei Da fü die id treter meine begegı vor W „Dul Kurz Wied: den ı Bara „All Ich rufe:„Gardebois!“ Aus der Menge löst sich ein riesiger Franzose mit platt- gedrückter Nase, der ältere Mann gießt ihm Kaffee in seinen Napf und drückt ihm die durch den Stachel- draht gestreckte Hand. Sie sprechen sehr schnell, ich verstehe nur die Worte„oui, oui“ und„merci“. Als Gardebois wieder hinter den Strich zurückkehrt, dankt er mir. Dann erscheint Anton. Mit einer Kopfbewegung winke ich Broskow heran, doch Anton kommt selbst in den Hof. Wieder stehen mehrere Häftlinge aus dem allgemeinen Lager am Draht. Ich fordere sie auf, einzeln heran- zukommen. Zwei Polen übergeben ihren Kameraden eine Zwiebel und drei Brotrationen. Deutsche tauschen Kohlrüben gegen Wurst ein, und zwar Portion gegen Portion, und ein paar Tschechen bringen Suppe, ohne etwas dafür zu verlangen. Schurka, Oleg und Viktor helfen mir: sie beobachten die kleine Außentreppe und die Fenster des Block- personals. Anton flüstert mir im Fortgehen zu:„Mach so weiter!“ Da fällt mir auf einmal meine eigene Suppe ein, die ich versteckt habe. Ich lasse Oleg als Stellver- treter zurück, laufe in den Waschraum und nehme meinen Napf, aber er ist leer. Als ich zurückkehre, begegnet mir Janek. Er kichert. Ich zerspringe fast vor Wut. „Du bist dumm“, sagt er. Kurz vor dem Signal zum Schlafengehen kommt Strick wieder zum Tor. Er blickt auf den weißen Strich, auf den wieder menschenleeren Durchgang zwischen den Baracken und fragt abermals:„Wie steht‘s?“ „Alles in Ordnung“, sage ich. Die Tage gehen dahin. Ich bin noch immer Torwärter. Allmählich begreife ich den Sinn von vielem, was mir anfangs unverständlich war. Jede Woche kommen wie nach dem Fahrplan Züge mit Häftlingen in Bruck- | hausen an. Wenn aus dem Büro des Lagers der Befehl N gegeben wird, die Friseure aller Blocks heranzuholen, so bedeutet dies, daß es ein großer Transport ist. Ein bis anderthalb Stunden darauf kommt hinter der Küche ein Zug blasser, kahlgeschorener Menschen hervor(ihre Haare werden in Säcke verpackt und ins Depot ge- schickt) und kriecht langsam zum Krematorium hin- über; danach lodern aus dem Schornstein des Krema- toriums tage-und nächtelang unaufhörlich die Flammen. In unseren Block gelangen von diesen Häftlingen- Gerüchte sagen, es seien Juden aus verschiedenen Ländern Europas- gewöhnlich nicht mehr als hundert Mann, meistens Jugendliche. Wenn einzig die Friseure der Quarantäneblocks gerufen werden, weiß ich schon, daß es nur ein kleiner Transport ist und daß alle, die mit ihm eingetroffen sind- ausgenommen die Invaliden, die erschossen werden-, zu uns in die Blocks Siebzehn, Achtzehn oder Neunzehn kommen. Alle, die man nicht sofort umbringt, werden auf die Arbeitskommandos des Lagers verteilt. Dem Kom- mando Liesners, das offiziell„Baukommando zwei“ heißt, tatsächlich aber ein Strafkommando ist, weist man die Leute zu, die vom Standpunkt der SS aus die ge- fährlichsten sind. Siewerden nicht sofort getötet, sondern erst nachdem sie alle Qualen der Strafarbeit kennen- gelernt haben. Die übrigen Häftlinge, die das soge- nannte allgemeine Lager bewohnen, in dem man frei 66 des Stei Ein klei des La; Kesselt stätten. der Ha geholt! Blockf wache Arbeit Ein M daß ei hat, e andere blond: plotz L0rw > ebzehn, N auf die Nem Kom- zwei man umherlaufen darf, arbeiten im Steinbruch: ihre unent- geltliche Arbeitskraft bringt der SS, die der Besitzer des Steinbruchs ist, offenbar recht ansehnliche Gewinne. Ein kleiner Teil der Häftlinge wird in den Hilfsbetrieben des Lagers beschäftigt: im Bad, in der Wäscherei, im Kesselhaus, in den.Reparatur- und Schneiderwerk- stätten. Die Blockältesten, Schreiber und Kapos sind in der Hauptsache Kriminelle, die aus den Zuchthäusern geholt wurden. Sie unterstehen nur den SS-Leuten: den Blockführern, die die Häftlinge in den Baracken über- wachen, und den Kommandoführern, die sie bei der Arbeit beaufsichtigen. Ein Monat vergeht, und ich habe bereits festgestellt, daß ein„Lebenskandidat“, wie Schurka mich genannt hat, ebenso ein zum Tode Verurteilter ist wie alle anderen. Das ist mir völlig klargeworden, als der hell- blonde SS-Mann einmal durch das Lager spazierte und plötzlich ohne jeden Grund meinen Nachbarn, den Torwärter von Block Neunzehn, durch einen Schuß in den Mund umbrachte. Daraus kann es nur eine Schluß- folgerung geben: Da hier nun einmal allen der Tod gewiß ist, tut man am besten, wenn man sein Leben bewußt aufs Spiel setzt— es gilt, entweder zu sterben oder aus eigener Kraft die Freiheit zu erringen. Und ich beschließe, dementsprechend zu handeln. Als ich am letzten Sonnabend im August nach dem Schlußsignal in den Schlafsaal komme, finde ich Viktor und Oleg noch wach. Ich ziehe mich rasch aus, krieche unter meine Decke und erkundige mich, was sie zu flüstern haben. „Denk mal“, sagt Oleg und wendet sich zu mir,„heute bei der Arbeit hat ein Maurer, ein Spanier, gesagt, daß die Unseren zum Dnepr vorrücken. Er glaubt, dieser Winter ist der letzte für Hitler.“ 67 „Aber es ist noch lange bis zum Ende des Winters!“ „Das ist ja das Problem“, murmelt Viktor. In diesem letzten Monat-sind meine Freunde sehr ab- gemagert, obgleich Anton und ich geholfen haben, soviel wir konnten. In Viktors sonnenverbranntem Ge- sicht treten die Backenknochen scharf hervor, Olegs Augen sind eingefallen, sein Hals ist lang und dünn geworden. Die anderen sehen noch schlimmer aus. Ins- gesamt sind nur noch fünfzehn von unserer Gruppe am Leben. „Einen Monat halten wir noch durch, vielleicht auch anderthalb, aber dann?“ fragt Viktor leise.„Was wird dann, wenn Liesner schon jetzt ganz offen sagt, wir seien schon viel zu lange auf der Welt?“ „Du hast recht“, bemerkt Oleg. „Jungens“, sagte ich,„wir müssen unser Glück ver- suchen.“ Beide heben den Kopf. „Wir müssen fliehen, bevor es zu spät 1st:® Ich liege auf dem Rücken, die Freunde links und rechts von mir auf der Seite. Unsere Plätze im Schlafsaal befinden sich an einer Ecke an der Wand; niemand kann uns hören. „Wie sollen wir das machen?“ fragt Oleg. „Während eines Fliegeralarms, wenn im Lager das Licht ausgeht.“ „Aber wir müßten doch den Stacheldraht durchschnei- den... Womit denn?“ „Wir werden ihn nicht durchschneiden, das habe ich- schon alles überlegt... Wir heben einfach die untere Reihe mit Holzklötzen hoch, und wenn wir durch- gekrochen sind, nehmen wir sie wieder fort, das merkt keiner. Bis zum Morgen sind wir schon weit.“ „Und wohin wollen wir gehen?“ 68 „Durch Grenze. Viktor Augen. „Das g zuweni hier. D und fü „Aber ‚Im P Den| t an, U die I } überl: i Am sı werde zu se mit „Durch den Wald nach Norden, zur tschechischen Grenze.“ Viktor läßt den Kopf zurücksinken und schließt die Augen. „Das geht alles nicht so leicht... Vor allem wissen wir zuwenig von dem Bewachungs- und Fahndungssystem hier. Da müßte man alle Einzelheiten ausfindig machen und für alles Vorsorge treffen.“ „Aber im Prinzip bist du einverstanden?“ „Im Prinzip— ja“, flüstert Viktor. Den ganzen nächsten Tag stellen wir Beobachtungen an, um alles in Erfahrung zu bringen, was wir über die Einrichtungen des Lagers wissen müssen, und überlegen. Am schwierigsten scheint es uns, die Verfolger loszu- werden und unsere Spuren zu verwischen, ohne dabei zu sehr von Kräften zu kommen. Es ist klar, daß wir uns einen Vorrat von Lebensmitteln anlegen müssen, der wenigstens für zwei Tage reicht, und daß wir Messer brauchen, falls man die Hunde auf uns losläßt; gut wäre es auch, eine Karte zu haben, um nicht aufs Geratewohl loszugehen. Ich bedaure sehr, daß Ignat Broskow nicht mehr unter uns ist; er ist ein erfahrener Fallschirmjäger und wahrscheinlich ein Fachmann in diesen Dingen. Aber bald nach seiner Unterhaltung mit Anton hat er es auf irgendeine Weise geschafft, ins Lazarett zu kommen. Abends frage ich Waska, der schon über ein Jahr in Bruckhausen ist, vorsichtig darüber aus, was er von geglückten Fluchtversuchen weiß. „Das ist eine aussichtslose Sache“, sagt er.„Im vorigen Sommer haben zwei versucht, aus einem Transport wegzulaufen, aber sie wurden gleich erwischt und mit Ketten an die Mauer gefesselt, damit alle sie 69 sehen konnten. Sie bekamen nichts zu essen und nichts zu trinken. Und sie sind ganz sinnlos drauf- gegangen.“ Trotzdem formt sich bei uns allmählich ein bestimmter Aktionsplan. Anton wird uns mit Brot versorgen; ich soll nachts bei Wiktawa zwei Messer entwenden; unsere Jacken und Hosen werden wir auf die linke Seite drehen, damit uns die roten Streifen nicht verraten: wir werden durch das offene Fenster klettern und dann unbemerkt zum Stacheldraht kriechen. Die Freunde sollen sich in den nächsten Tagen ganz genau die nähere Umgebung ansehen; in der letzten Zeit läßt man sie die Steine fast bis an die Quarantänebaracke heran-. schleppen. Wenn ich nachts aufwache, horche ich lange und be- obachte, wie die matten Lichtflecke an der Decke ineinanderfließen. Von dem grellbeleuchteten elektrisch geladenen Draht tönt ein Rascheln, ein kaum vernehm- bares Knistern herüber. Dann höre ich einen Ruf: „Posten vier— nichts Neues!“, darauf die Stimme des Wachthabenden, der die Posten kontrolliert:„Danke“, nach einiger Zeit wieder aus größerer Entfernung die Meldung des Wachtpostens:„Posten fünf— nichts Neues!“ Ich höre das Winseln des Hundes, als der Kontrollierende zu unserer Baracke kommt, und dann abermals:„Danke.“ Ich beschließe, festzustellen, wieviel Zeit bis zum nächsten Rundgang vergeht, und beginne, die Sekun- den zu zählen, doch als ich über siebentausend bin, drusele ich ein. Schon im Halbschlaf, vernehme ich das monotone„Nichts Neues“— offenbar sind also zwei Stunden vergangen. Am Abend des nächsten Tages lasse ich Anton durch Waska bestellen, daß ich ihn unbedingt sprechen muß, 70 dann| Alle,« haben und ic Ic gel gebück Suppe der L Fenste „90,$i Hintet hämis mich ı Ich be blick€ zu Bo von€ Das ı Schne „Mar: Ich ge mich Schwe von\ steht Rücke und h Schritt Ich sct „Kanr Ein b den N fallen „Aufs en und s drauf- ümmter dann gehe ich energisch an meine Arbeit beim Tor. Alle, die aus unserer Gruppe noch am Leben sind, haben jetzt„Kameraden“, die ihnen Suppe bringen, und ich muß scharf aufpassen. Ich gebe dem letzten der Unseren ein Zeichen; er läuft gebückt an den Draht heran, ein älterer Pole gießt ihm Suppe in den Napf, ich wende mich um- da springt der Lagerälteste Schneider wie eine Katze aus dem Fenster des Schlafsaals. „So, so“, sagt er mit seiner dumpfen Stimme. Hinter seinem Rücken erblicke ich im Schlafsaal den hämisch lächelnden Janek— natürlich war er es, der mich verraten hat. Ich beiße die Zähne zusammen- im nächsten Augen- blick erhalte ich einen Schlag gegen das Kinn, der mich zu Boden wirft. Ich springe schnell auf, stürze jedoch von einem neuen Schlag ins Gesicht abermals hin. Das wiederholt sich viermal. Endlich kommandiert Schneider: „Marsch, hinein!“ Ich gehe in die Baracke. Auf den Treppenstufen schlägt mich Wiktawa mit dem Gummiknüppel. Als ich die Schwelle überschreite, erhalte ich eine kräftige Ohrfeige von Max. Ein paar Schritte‘weiter wartet Strick, er steht breitbeinig da und hält die Hände auf«dem Rücken. Schneider läßt sich auf einen Schemel fallen und holt das Zigarettenetui heraus. Strick geht einen Schritt auf mich zu und fragt:„Was ist los?“ Ich schweige. „Kannst du nicht hören?“ Ein blankgeputzter Stiefel stößt vor, ich fliege gegen den Schrank und fasse an meinen Leib. Blitzende Eimer fallen mir krachend auf den Kopf und zu Boden. „Aufstehen!“ 71 Ich erhebe mich. Schneider sagte etwas zu Janek, Strick krempelt sich die Ärmel hoch. Janek stellt drei Schemel nebeneinander. „Hinlegen!“ Ich ziehe langsam die Jacke aus und lege mich mit dem Gesicht nach unten auf die Schemel. Ich beiße in eine Ecke meines Hemdkragens und schließe die Augen. Eine Peitsche knallt- unwillkürlich zucke ich zu- sammen. Ich höre ein Sausen und verspüre im gleichen Augenblick ein heftiges Brennen. Wieder Sausen und wieder Brennen. Ich beginne zu zählen. Beim fünfzehnten Schlage fühle ich, daß in meinem Kopf alles verschwimmt. Nach dem siebzehnten wird es mir schwer, zu atmen. Mir ist, als hätte ich ein riesiges Senfpflaster auf dem Rücken, die Schläge spüre ich nicht mehr. Dann verschwindet auch der Schmerz, ich höre nur Gebrüll. Ich stürze irgendwohin, dann fühle ich einen Stoß und versuche sofort, aufzustehen. Der Fußboden riecht nach Terpentin— ich erhebe mich. Taumelnd recke ich mich zu meiner vollen Höhe auf. Die Wände des Zimmers schwanken. „raus!“ schreit eine heisere Stimme, und eine dumpfe fügt hinzu:„Verdammte Bolschewistenbrut!“ An der Tür hält mich Max an. „Morgen gehst du zu Liesner“, sagt er. Der Hof ist schon leer. Wahrscheinlich ist bereits das Signal zum Schlafengehen gegeben worden. Über dem elektrischen Draht blinken die Glühbirnen; sie sind noch blaß, sie kommen nicht auf gegen das letzte Tages- licht. In Begleitung von Wiktawa gehe ich durch sein Zimmer. Wortlos überreicht er mir meine Brotration. Vor der Tür zum Schlafsaal fragt er teilnehmend:„Hat es weh getan?“ 72 „Gekitzel Im Schla schweige Schurka 5 Rücken. Wurst z schließe So endet ö Am Die: Arbeit.| Die Luft des Mer Heute s gezeichn auf den Wie ben abgespe meineF: und ich eines Ta Auf den Liesner seine ger daß wir braucht dert,daf Wieere Br grei tränend „Gekitzelt hat es“, antworte ich. Im Schlafsaal sind alle wach. Gardebois streckt mir schweigend seine große Hand entgegen, ich drücke sie. Schurka stellt einen Napf mit kaltem Wasser an meinen Rücken. Viktor und Oleg zwingen mich, drei Portionen Wurst zu essen. Endlich lege ich mich nieder und schließe die Augen. So endet der Montag- ein schwerer Tag. 8 Am Dienstag gehe ich zusammen mit den anderen zur Arbeit. Es ist noch immer schönes, sonniges Wetter. Die Luft ist so klar und rein, daß es scheint, dem Blick des Menschen seien keine Grenzen gesetzt. Heute sehe ich mit besonderer Sehnsucht zu den scharf gezeichneten Konturen der Berge hinüber; ich blicke auf den Wald,‘auf das silbriggrüne Meer der Tannen. Wie beneidenswert sind die Spatzen, die frei über das abgesperrte Gebiet hinaushüpfen! Neben mir gehen meine Freunde. Sie sind mir jetztnoch lieber geworden, und ich bin fester als je davon überzeugt, daß wir eines Tages noch kämpfen werden! Auf dem Plateau unter den Kastanien machen wir halt. Liesner beißt sich auf die Lippen, und dann hält er seine gewohnte Vorrede. Wir wissen bereits allzu gut, daß wir bei ihm nicht im Erholungsheim sind, das braucht er nicht erst zu erzählen, doch der Kapo for- dert, daß wir ihm laut darauf antworten, und wir rufen, wie er es wünscht:„Wir haben verstanden!“ Er greift nach dem Gummiknüppel. Seine hellblauen, tränenden Augen lachen. 73 schlage „Erstes Glied bleibt hier, zweites Glied nach unten... N Marsch!“| stellen, Schurka- er ist doch ein geriebener Bursche!- schiebt| Liesner sich unbemerkt in das zweite Glied. Oleg, Viktor und Gesicht ich bleiben im ersten. Liesner gibt den Befehl, nach| beobach rechts zu schwenken, und führt uns zu einer langen steinernen Rinne, die mit Zementlösung gefüllt ist. | Neben der Rinne stehen große Holzkisten, die ebenfalls Zement enthalten. Es ist doch wohl nicht möglich, daß man uns zwingt, diese Kisten zu schleppen: sie haben keine Handgriffe, und jede von ihnen wiegt mindestens zwei Zentner! Liesner jedoch gibt uns gelassen das sind zı Kommando, uns paarweise aufzustellen und bereitzu-| Augen! machen. Er schickt seinen Gehilfen mit der zweiten Es ver; Gruppe zu Erdarbeiten fort, dann wendet er sich zu| mehr. uns.|„Viktoi „Hochnehmen!“|„Kostje Ich packe die glatten Ecken einer Kiste, hebe sie hoch! Noch e und denke: Das ist schon nicht mehr Grausamkeit, das Arme, ist Wahnsinn! Viktor ist noch schlimmer daran als ich:„Ist es ] er steht mit dem Rücken zur Kiste. Trotzdem bekom-„Halte men wir es irgendwie fertig, mit unserer Last loszu- Liesne gehen, und wir folgen Liesner, der uns einen schmalen darauf Pfad entlangfühtt. flehent Wir gehen im Gänsemarsch, schwankend wie Betrun-| ist ein kene, mit zitternden Beinen. Rechts von uns sind bittlich Blumenkohlbeete, links ist eineMüllabladestelle: Papier,| Wir se leere Konservenbüchsen und Lumpen; unter uns Ge- Sorgen büsch und Stacheldraht. Wir schwenken nach links. Vor| werde, uns wächst an einem Abhang eine Holztreppe hoch. Ich| lauben frage Viktor:„Sollen wir etwa da hinauf?“| Ns Er antwortet, ohne sich umzuwenden:„Natürlich.“ Verfh Die ersten beginnen sehr langsam hinaufzusteigen. dieK, Mitten auf der Treppe gibt es eine Stockung. Ich|„Kapı 74 schlage Viktor vor, die Kiste einen Augenblick abzu- stellen, doch er antwortet:„Was fällt dir ein!“ Liesner sagt einstweilen nichts. Ich sche sein ziegelrotes Gesicht und seine hellblauen, tränenden Augen- er beobachtet uns scharf. Wir betreten die Treppe. Viktor steigt sie mit etwas gebeugten Knien empor, damit nicht die ganze Last auf mir ruht; ich muß die Kiste bis ans Kinn hochziehen, um sie in horizontaler Lage zu halten, denn sonst würde die zähe, graue Masse über den Rand fließen. In meinen Schultern ist ein schneidender Schmerz, meine Sehnen sind zum Zerreißen gespannt, und ich fürchte jeden Augenblick, daß meine Finger sich von selbst öffnen. Es vergeht etwa eine halbe Minute. Ich kann nicht mehr. » Yaktor... „Kostja, halte durch.“ Noch eine Stufe und noch eine. Endlich sinken meine Arme, die Füße spüren wieder Erde unter sich. „Ist es noch weit?“ „Halte durch.“ In Viktors Kehle gurgelt es. Liesner überholt uns, seine Stiefel stampfen. Gleich darauf ertönt vor uns ein klagender Ausruf, fast eine flehentliche Bitte:„Kapo, lassen Sie uns ausruhen!“ Es ist ein Deutscher, der da fleht. Aber Liesner ist uner- bittlich:„Weiter!“ Wir setzen unseren Weg fort. Ich beginne mir ernstliche Sorgen um Viktor zu machen- seine Bewegungen werden unsicher. Wieder bittet jemand:„Kapo, er- lauben Sie uns doch....“ „Los, los, weiter!“ Verflucht sei diese Bestie!... Woher sollen wir nur die Kraft nehmen? „Kapo!“ 75 Mir knicken bei jedem Schritt die Knie ein. „Weiter!“ Viktor neigt sich merkwürdig schief nach vorn, gleich wird er zusammenbrechen. Ich rufe:„Abstellen!“ Viktor sackt zusammen... Die Kiste berührt den Boden. Ich sehe voller Freude, daß vor uns alle schon stehen. Liesner stürzt zu dem ersten Paar hin. Man hört das Klatschen von Schlägen, Stöhnen und den schallenden Ruf:„Hochnehmen!“ Die Leute bleiben stehen, sie stehen da wie abgehetzte Pferde, bei denen schon kein Antreiben und keine Prügel mehr wirksam sind. „Hochnehmen!“ brüllt Liesner und fuchtelt mit dem Knüppel. Ich sche am Wegrand einen Strick liegen. Schnell hebe ich ihn auf, knote die Enden zusammen und schiebe ihn unter die Kiste. Ein Schlag klatscht mir in den Nacken- ich beuge mich fast bis zur Erde nieder. „Hochnehmen!“ Ich packe die Ecken der Kiste und rufe Viktor zu: „Streif dir den Strick über!“ Er steckt den Kopf durch die Schlinge, und wir gehen wieder weiter. Der Schweiß strömt'an uns herunter, in der Tiefe unseres Herzens verfluchen wir den Kapo, die Kisten und die ganze Welt. Wir gehen jetzt an der Mauer des Lagers entlang. Links von uns zieht sich in Terrassen dichter Tannenwald hin; er reicht bis zum Horizont, den niedrige bräunliche Berge abschließen. Ich denke an unseren heimlichen Beschluß- dorthin, zu diesen Bergen, durch diesen Wald müssen wir unseren Weg nehmen-, und meine Bürde scheint mir leichter zu werden. Allerdings ist auch der um den Nacken gelegte Strick eine große Hilfe: Er verringert die Last doch beträchtlich. 76 Wir we dreißig erwartet Wir set schweiß an der\ um lieg anzügel Liesner Kamer: nach St anzüge! sehen€ zerspalt ‚zu uns Handgı Liesner heran, beginn bemerl „Wer Gumm Wir be Ich bli Barack Drahtz Block; hierher ansehe „Schne Mein] knüpp und Leide tor ZU: Wir wenden uns nach rechts und gehen noch etwa dreißig Schritt weiter. Dann ertönt endlich das lang erwartete„Halt!“ Wir setzen die Kisten nieder. Ich wische mir das schweißnasse Gesicht ab und blicke mich um: Hier wird an der Verlängerung der Festungsmauer gebaut; rings- um liegen Steinhaufen und Bretter, Männer in Arbeits- anzügen sortieren die Steine. Liesner verschwindet in einem Steinhäuschen. Die Kameraden zerstreuen sich nach allen Seiten und suchen nach Stricken und Draht. Die Männer in den Arbeits- anzügen- es sind Spanier aus dem allgemeinen Lager- sehen einander an, dann nehmen sie schnell Better, zerspalten sie zu schmalen Leisten und kommen damit . zu uns. Fünf Minuten darauf haben unsere Kisten Handgriffe. Liesner erscheint wieder. Er ruft die vordersten zu sich heran. Sie bringen Schaufeln aus dem Häuschen. Wir beginnen, den Zement in Bottiche zu schaufeln, da bemerkt der Kapo die Handgriffe an den Kisten. „Wer hat das gemacht?“ brüllt er und packt den Gummiknüppel. Wir beugen unsere Köpfe tiefer. Die Spanier lachen. Ich blicke verstohlen zu der gleichmäßigen Reihe der Baracken hinüber, die jenseits des elektrisch geladenen Drahtzaunes stehen. Die drittletzte ist unsere, der Block Achtzehn. Es ist doch ein Glück, daß Liesner uns hierhergeführt hat! Ich muß mir sofort alles genau ansehen: Hier werden wir uns durchschleichen! „Schneller!“ Mein Kopf dröhnt von einem Schlag mit dem Gummi- knüppel, aber ich fahre fort, mir alles genau einzuprägen und den Weg unserer künftigen Flucht festzulegen. Leider ist der Zement zu Ende- alle Kisten sind leer. zit Wieder gehen wir die Lagermauer entlang. Der Wald und die Berge sind jetzt rechts von uns. Dort hinter den Bergen ist die tschechoslowakische Grenze— das weiß ich-, dort sind die Tschechen, die Partisanen und die Freiheit, die Freiheit... „Viktor, siehst du?“ „Ich sehen: „Und du begreifst?“ „Ja, Kostja.“ Liesner hetzt uns jetzt, um sich für die an den Kisten angebrachten Handgriffe zu rächen, im Galopp. Stol- pernd rennen wir die Treppe hinunter, laufen zwischen dem Müllhaufen und dem Blumenkohl hindurch, und dann sind wir wieder bei der langen Rinne angelangt. Mich schreckt es jetzt fast gar nicht, die Strecke zum zweiten Male zurückzulegen, so groß ist mein Wunsch, noch einmal unseren zukünftigen Fluchtweg zu betrach- ten. Neben Liesner erscheint jetzt der kleine, schmal- schultrige SS-Mann mit dem kränklichen Gesicht— offenbar hat er die Absicht, uns zu begleiten. Hol ihn der Teufel, wir werden auch diesmal durchhalten, wir müssen durchhalten! „Fertig?“ fragt der Kapo. Wir heben die Kisten hoch. Da plötzlich— was ist das? Aus‘der Luft ertönt ein anfangs leiser, dann immer stärker werdender an- und abschwellender Ton. „Fliegeralarm!“ schreit der SS-Mann.„Alles nach unten!“ „Hinlegen!“ brüllt Liesner. Wir setzen voller Freude die Kisten ab, drängen uns, wie der Kapo befiehlt, alle eng zusammen und legen uns auf den Boden. Der Kommandoführer warnt uns: Wer den Kopf hebt, bekommt eine Kugel ins Genick. Die Sirene heulte weiter, ihr antwortet eine zweite, 78 eine dritt‘ stunde, bi klatschenc ‚Sind da flüsternd. „Wahrsch Ein ferne ertönt, E größere| ihr könnt unsere A Wieder erbeben: Flak. „Halt!“ Direkt ül zusamme Erde. So stehen? Abermal abermal: Etwas\) nicht, hir auf uns, und sehe Es gehö Gleichze Reyolve; ist klar: dierung, an, ich k sehen, F sich olei Ertönt e eine dritte. Doch es vergeht wohl noch eine Viertel- stunde, bevor wir das Surren von Motoren und das klatschende Knallen der Abwehrgeschütze vernehmen. „Sind das unsere Flugzeuge?“ frage ich Viktor flüsternd. „Wahrscheinlich“, antwortet er. Ein fernes, aber starkes und lang andauerndes Krachen ertönt. Es gibt nichts, was uns in diesem Augenblick größere Freude machen könnte. Bombardiert sie, was ihr könnt, schießt schonungslos, rächt unsere Qualen, unsere Angst, unser Blut! Wieder ein gewaltiges Krachen, von dem die Erde zu erbeben scheint, wieder das rasche, erboste Kläffen der Flak. „Kalt! Direkt über meinem Kopf knallt ein Schuß, ich zucke zusammen und presse mein Gesicht noch fester an die Erde. Sollte tatsächlich jemand versucht haben, aufzu- stehen? Abermals erschüttert eine dumpfe Explosion die Luft, abermals ertönt ein Ruf„Halt!“ und dann ein Schuß. Etwas Warmes spritzt auf meine Wange. Ich wage nicht, hinzufassen, aber es muß Blut sein. Man schießt auf uns. Ich halte den Atem an. Ich blicke nach rechts und sehe in ein schwarzes, auf mich gerichtetes Auge. Es gehört Viktor. Ich denke: Wer ist jetzt dran? Gleichzeitig mit dem nächsten Krachen ertönt ein Revolverschuß, diesmal ohne vorherige Warnung. Es ist klar: Die SS-Leute nehmen Rache für die Bombar- dierung. Viktor blickt mich immer noch unverwandt an, ich kann deutlich mein Spiegelbild in seiner Pupille sehen. Ein neuer Schuß. Das Auge schließt und öffnet sich gleich wieder, feucht und glühend. Von unten her ertönt eine Salve aus Maschinenpistolen— dort richtet 79 man ein Blutbad unter den Erdarbeitern an. Ich habe ein Gefühl von Kälte im Gesicht: Der Schweiß bricht mir aus. Ich liege da wie tot. Die Flak kläfft noch immer, aber Detonationen von Bomben sind nicht mehr zu hören. Dann verstummen auch die Abwehrgeschütze. Zwanzig Minuten darauf heulen wieder die Sirenen los und geben das Entwarnungssignal. Liesner befiehlt uns, anzutreten. Sechs Mann bleiben am Boden liegen. Der Gehilfe des Kapo kommt und erstattet Bericht, daß drei von seinen Leuten beim Fluchtversuch erschossen worden seien. Der Kom- mandoführer räuspert sich und sagt:„Es ist gut.“ Der Gehilfe schleppt die Leichen fort. Der kleine SS-Mann fotografiert jede von ihnen einzeln und begibt sich dann nach unten. Liesner erteilt den Befehl, die Kisten aufzunehmen. Wieder treten wir den schweren Weg an. Bei der Mauer kommt uns eine Gruppe von Wachmannschaften mit Stahlhelmen und Maschinenpistolen entgegen- sie haben offenbar während des Fliegeralarms die Posten verstärkt... Also müssen wir bei unserer Flucht durch die Umzäunung kriechen, bevor die Posten verstärkt werden, sofort nachdem das Signal für Fliegeralarm gegeben worden ist. h Die Spanier begrüßen uns mit einem freundschaftlichen Lächeln. Trotz der Proteste Liesners gehen sie selbst daran, unsere Kisten zu entleeren. Oleg, Viktor und ich legen im Geiste zum zwanzigstenmal unsere Marsch- route vom Fenster des Blocks Achtzehn bis zum Wald- rand fest. Oleg nimmt heimlich ein kleines Abfallstück von einem Brett auf. Auf dem Rückweg hören wir bereits das Signal zum Mittagessen. Wir beschleunigen unsere Schritte. Auf 80 dem Plat tretenen| Schurkas traurig 1 er einen Nach det Lager. L Häusche: das Plate die Tür. mehr al sind, hal gut begr Wenn ke zeigt sich Liesner| beitsschl „Lempo aber nic wissen, Auf den angriff, Brandbe Viktor€ sehen h, sei, Ich| Spritzte, „Jedenf; Bilanz, Wir sind Nachde achte jc blonde Prügelt dem Plateau erwarten uns die in zwei Reihen ange- tretenen Erdarbeiter. Ich sehe das eingefallene Gesicht Schurkas und nicke ihm zu. Als Antwort blinzelt er traurig mit dem rechten Auge. Unter dem linken hat er einen frischen blutunterlaufenen Fleck. Nach dem Mittagessen geht der Kommandoführer ins Lager. Liesner und sein Gehilfe verschwinden in dem Häuschen. Wir tragen Hügel ab, fahren Erde, stampfen das Plateau fest und verlieren dabei keinen Augenblick die Tür des Häuschens aus dem Auge. In der Zeit von mehr als einem Monat, die wir im Strafkommando sind, haben wir die Hauptregel für die Arbeit im Lager gut begriffen und weichen auch jetzt nicht von ihr ab: Wenn keine Aufseher da sind, arbeite nur zum Schein; zeigt sich aber einer, schone deine Kräfte nicht. Liesner und sein Gehilfe kommen erst kurz vor Ar- beitsschluß zu uns herunter. „Tempo! Schneller!“ schreien sie, und Schläge klatschen, aber niemand regt sich jetzt sehr darüber auf: Alle wissen, daß die Norm der Morde für heute erfüllt ist. Auf dem Wege zum Lager sprechen wir über den Luft- angriff. Oleg bedauert, daß die Flieger nicht ein paar Brandbomben auf die Kommandantur geworfen haben. Viktor erinnert daran, wie wir einander ins Auge ge- sehen haben, und bekennt, daß ihm schlecht gewesen sei. Ich berühre wieder meine Wange, auf die das Blut spritzte. „Jedenfalls war unser Beschluß richtig“, zieht Oleg die Bilanz. Viktor und ich verstehen, was er meint, und wir sind selbstverständlich der gleichen Meinung. Nachdem das Abendbrot ausgegeben worden ist, beob- achte ich das Tor. Statt meiner steht jetzt ein semmel- blonder langer Laban mit grünem Dreieck da. Er ver- prügelt alle, die versuchen, sich dem Draht zu nähern. 81 Anton ist nicht zu sehen. Ich beginne die Hoffnung zu verlieren, daß er noch kommt. Plötzlich faßt mich Schurka beim Arm und zieht mich mit sich fort. Am offenen Fenster des Schlafsaals von Block Siebzehn sche ich das besorgte Gesicht Waskas und stelle mich so hin, daß ich ihm halb zugewandt bin. Schurka beob- achtet die Außentreppe, Oleg und Viktor behalten unsere Fenster im Auge. „Kostja“, höre ich die leise Stimme Waskas,„hole dir Suppe und zwei Brotrationen bei Schurka ab. Anton hat gebeten, dir auszurichten, daß er erst Sonnabend oder Sonntag kommen kann; jetzt geht es nicht, wegen dieses grünen Scheusals da, das muß erst noch gezähmt werden. So, das wäre alles. Bleib gesund.“ Während der nächsten drei Tage hält er auf die gleiche Weise mit mir Verbindung. 2 Der Sonnabend kommt. Vom frühen Morgen an fällt ein feiner Regen. Noch bevor wir zu unserem Arbeits- platz gelangt sind, haben wir keinen trockenen Faden mehr am Leibe. Eine Zeitlang ist der Regen unser Verbündeter: Der Kommandoführer, der Kapo und sein Gehilfe suchen Zuflucht in dem Häuschen. Wir hantieren langsam mit den Spaten, drücken das Wasser aus unseren gequolle- nen Mützen und versuchen sogar, einander Witze zu erzählen. Nach der Mittagspause wählt Liesner die sechs Ältesten und Schwächsten aus und befiehlt ihnen, von dem Draht bis zum Plateau einen Abflußgraben für das 82 Regenwa zäunung sie los. 1 seinem F Blende g Bis zum dem Dra Am Abe! ins Kren dem die lange ar Buben it Sie werc bestreut; nicht, all Als wir schon me Wiktaw. uns die Schlafsa Wir setz gend un; Anton ni Ich kann Block Si Am Zau Segeltuct einander. Sind leer aufhörlic „Es hat! lieber sc Er stred seinem Regenwasser auszuheben. Als die Leute auf die Um- zäunung zugehen, knattert eine Maschinenpistole auf sie los. Der Kommandoführer macht sich lange mit seinem Fotoapparat zu schaffen, ehe er die richtige Blende gefunden hat. Bis zum Arbeitsschluß bleiben die Ermordeten vor dem Draht liegen. Am Abend tragen wir die Leichen unserer Kameraden ins Krematorium. In dem kalten, modrigen Keller, in dem die Leichenkammer eingerichtet ist, müssen wir lange anstehen. Auch die Leichen werden„wie die Buben im Kartenspiel“ hingelegt, um Platz zu sparen. Sie werden völlig ausgezogen und gleich mit Chlor bestreut; wahrscheinlich schafft es das Krematorium nicht, alle Toten sofort zu verbrennen. Als wir zu unserem Block zurückkehren, ist der Hof schon menschenleer. Wiktawa empfängt uns am Barackeneingang, händigt uns die„Portion“ aus und befiehlt uns, sofort in den Schlafsaal zu gehen. Wir setzen uns auf unsere Matratzen und essen schwei- gend unser Abendbrot. Ich sehe durchs Fenster, ob Anton nicht kommt. Ich kann von meiner Ecke aus gut die Fenster von Block Siebzehn und unseren ganzen Hof überblicken. Am Zaun geht der Torwärter in einem Umhang aus Segeltuch auf und ab und schlägt die Füße gegen- einander, um sich zu wärmen. Die Fenster gegenüber sind leer. Die Steine des Hofes glänzen von dem un- aufhörlichen feinen Regen. „Es hat keinen Zweck, noch zu warten. Legen wir uns lieber schlafen“, schlägt Viktor vor. Er streckt sich auf der Matratze aus. Ich will gerade seinem Beispiel folgen, da sehe ich, wie der lange 83 Laban im Umhang den Riegel des Tors öffnet und Liesner erscheint. Er geht zur Treppe und tritt dabei mit seinen Stiefeln in die Pfützen, daß es spritzt. Eine Minute darauf höre ich durch die Bretterwand seine grobe Stimme und Wiktawas Girren und Gelächter. Dann kommt«in kleiner, sich sehr gerade haltender Mann mit dicht beieinanderstehenden Augen über den Hof. Das ist Faremba, einstmals in Schlesien ein berühmter Räuber, jetzt Oberkapo im Steinbruch und Besitzer eines dröhnenden Basses. Während ich Tor- wärter war, kam er häufig zu Schneider auf Besuch. Hinter Faremba passieren der Lagerälteste und Max das Tor. Bald kann ich durch die Wand ihre ver- gnügten Stimmen hören. Es ist natürlich sinnlos, noch länger am Fenster zu sitzen- Anton wird heute nicht mehr kommen. Ich lege mich hin und horche auf die Geräusche von nebenan. Meine Kameraden schlafen bereits. Wieder ertönt Gelächter aus dem Nachbarzimmer. Ich höre, wie Wiktawa auf deutsch ruft:„Meine Herren, ich bitte zu Tisch!“ und Stricks brummige Stimme:„Es ist auch Zeit, es ist auch Zeit.“ Dann wird alles still. Das Schweigen wird durch den Diskant von Max unterbrochen. „Liebe Freunde“, sagt er,„diese kleine Feier anläßlich des fünfzigsten Geburtstags unseres lieben Jaroslaw ruft mir die fernen Zeiten in Erinnerung, wo wir noch an reine Ideale, an die Vernunft, an das menschliche Genie glaubten, wo wir alle naiv und treuherzig waren wie die Kinder.“ „Nicht alle, nicht alle“, brummt Strick. „... Ich will nur sagen“, fährt Max fort und verschluckt sich dabei,„das Schicksal hat uns jetzt harte Prüfungen gebracht, ja, aber wir wollen nicht über das Schicksal 84 * murren. 7 heit und auf diese lich in si „Prosit!" „Prosit!" Der Lär Dann- jemand ı versucht, den Klä blauen I Ich möd Augen.; Flieder,« fühl der fröhliche Ich schü den Ka einen sc in das Hände ı rückgew laut auf auf: W Musik e halte mi Alsich. heiseren glücklid Das Ak der Wa mich s Namen * murren. Trinken wir auf Seelenstärke, auf Entschlossen- heit und nüchternes Verständnis für die Wirklichkeit, auf diese Eigenschaften, die unser Jaroslaw so glück- lich in sich vereint!“ „Prosit!“ „Prosit!“ Der Lärm verstummt- offenbar trinken sie jetzt. Dann- was ist das für eine Teufelei?— hört man, wie jemand vorsichtig ein paar Töne auf dem Akkordeon versucht, und plötzlich ist alles erfüllt von den jubeln- den Klängen des Straußschen Walzers„An der schönen blauen Donau“. Ich möchte mich erheben, aber ich schließe kraftlos die Augen. Bilder steigen vor mir auf-— der Duft von Flieder, ein tiefer Blick, der den meinen festhält, das Ge- fühl der elastischen Kraft junger Muskeln und das leise, fröhliche Plätschern von Wasser... Was soll das? Ich schüttle den Kopf, richte mich auf und blicke zu den Kameraden hinüber. Tief erschöpft, schlafen sie einen schweren, unruhigen Schlaf: Oleg hat die Nase in das Futter seiner Jacke gesteckt, Viktor hat die Hände unter eine Wange gelegt, Schurkas Kopf ist zu- rückgeworfen und sein Mund halb geöffnet. Ich möchte laut aufheulen. Ein sinnloser Gedanke taucht in mir auf: Weshalb quält man uns so? Ich fühle, daß die Musik einen schlimmen Einfluß auf mich hat, und ich halte mir die Ohren zu. Als ich die Hände wieder fortnehme, höre ich Stricks heiseren Bariton:„... Trinken wir also auf unsere glückliche Rückkehr zum heimischen Herd!“ Das Akkordeon spielt einen Tango. Der Lärm hinter der Wand wird stärker. Wut erfaßt mich. Ich benenne mich selbst halblaut mit den schlimmsten Schimpf- namen und halte mir wieder die Ohren zu. Ich denke: 85 & Womit rechnen sie eigentlich, wenn sie darauf hoffen, bald nach Hause zurückzukehren? Mitdem Sieg Hitlers? Mit der Blindheit der Völker? Wie lächerlich. Und plötz- lich wird mir ihre Berechnung klar: Sie glauben, daß sie uns einfache Häftlinge, uns Zeugen ihrer Verbrechen, alle umbringen und triumphierend über unsere Gebeine hinwegschreiten werden- ins Leben... Meine Hände werden müde, die Ohren zuzupressen. Ich richte mich abermals auf und blicke auf die zittern- den glutroten Lichtreflexe an der dunkel gewordenen Wand. Dann wickle ich mir die Jacke um den Kopf, um mich vor der hämmernden Foxtrottmusik zu retten, und schlafe ein. Als wir am Morgen aus dem Waschraum in den Hof treten, frage ich die Kameraden, was sie geträumt hätten. Oleg lacht. „Nichts— wie immer.“ Schurka berichtet, er sei im Traum die ganze Nacht in der Küche beschäftigt gewesen und hätte Pelmeni— mit Fleisch gefüllte Klößchen— gemacht. Viktor runzelt die Stirn und schweigt. Ich frage:„Und was hast du geträumt?“ „Weiß der Teufel, ich finde auch nachts keine Ruhe vor Liesner... Mir hat geträumt, er habe uns gezwun- gen, zu tanzen.“ i Ich berichte von der abendlichen Trinkerei. Oleg und Viktor sind verwundert. Schurka, der über alles infor- miert ist, bemerkt:„Die trinken nicht nur Schnaps, die gehen auch zu Weibern.“ „Wie denn zu Weibern?“ „Sehr einfach. Im Block Eins, dort, wo das Büro ist, wißt ihr? Also dort ist ein spezieller Raum, der ‚Puff‘, wie sie es nennen, und dort sitzen hinter Schloß und Riegel fünf Frauen nur für sie, das heißt für 86 die Blod Friseure. man Zivi Oleg sagt Schurka nicht wil Jungens dieser Gi Nun, das Wir bek unsere 2 schieren Stunden möglich, Tor zu, gestern. und ich kleine E leicht de Oleg sa schon.“ Ich schl: zugehen: Licht au und schlı und hint drahtzau elektrisc heben,\ ich; der auf den hundert Winkel gebiets die Blockältesten, die Kapos, die Schreiber und die Friseure.“ Er blinzelt frech und fügt hinzu:„Das nennt man Zivilisation.“ Oleg sagt:„Das ist Quatsch.“ Schurka ist gekränkt:„Es gibt noch vieles, was ihr nicht wißt. Was denkt ihr wohl, was diese hübschen Jungens mit den rosa Winkeln sind— Janek oder dieser Gaston?“ Nun, das ist uns wohl bereits klargeworden. Wir bekommen Kaffee, dann treten wir an, nehmen unsere Mützen ab und setzen sie wieder auf, mar- schieren— alles wie gewöhnlich. Etwa anderthalb Stunden vor dem Mittagessen wird es uns endlich möglich, miteinander zu reden. Ich bitte Schurka, zum Tor zu gehen: vielleicht bringt Wasjok Suppe von gestern. Schurka entfernt sich gehorsam. Viktor, Oleg und ich setzen uns zusammen. Wir müssen uns jede kleine Einzelheit überlegen, von so etwas kann viel- leicht der Erfolg unseres Unternehmens abhängen. Oleg sagt ungeduldig:„Leg los, Kostja, wir warten schon.“ Ich schlage den Freunden vor, folgendermaßen vor- zugehen: Sobald die Sirene zu heulen beginnt und das Licht ausgeht, klettern wir schnell aus dem Fenster und schleichen die Baracke entlang: erst ich, dann Oleg und hinter ihm Viktor. Wir nehmen den ersten Stachel- drahtzaun, indem Oleg und ich die unterste Reihe des elektrisch geladenen Drahts durch Holzstützen an- heben. Viktor kriecht durch, dann Oleg und darauf ich; der letzte nimmt die Holzklötze fort. Wir kriechen auf dem Bauch hinter den Steinhaufen. Nach etwa hundertfünfzig Metern wenden wir uns im rechten Winkel nach links und klettern zum Zaun des Sperr- gebiets hinunter- nachts wird er nicht bewacht. Wir 87 überklettern ihn geräuschlos und gehen tief in den Wald. Mit Hilfe des Polarsterns halten wir genau Kurs nach Norden und bemühen uns, möglichst weit vom Lager fortzukommen. Wenn uns bis zum Morgengrauen sechs oder sieben Stunden zur Verfügung stehen, müssen wir bis dahin an die vierzig Kilometer von Bruck- hausen entfernt sein. Den Tag über müssen wir gut versteckt im Walde bleiben- es wäre vorteilhaft, wenn wir uns bei einem kleinen See oder Flüßchen auf- halten könnten. Mit Einbruch der Dämmerung gehen wir weiter, so daß wir gegen Morgen in den tschecho- slowakischen Wäldern sind. Wir werden gezwungen sein, noch einen Tag im Wald zu verbringen und wäh- rend der zweiten Nacht nur nach Osten zu wandern, natürlich möglichst weit von den Straßen entfernt. Wenn wir nicht auf die Unseren stoßen, werden wir uns von Pilzen und Beeren nähren und unter Anwendung aller Vorsichtsmaßnahmen unsere Wanderung nach Nord- osten fortsetzen, bis uns Partisanen begegnen. „Und wir begegnen ihnen bestimmt... Erinnert ihr euch, wie die SS-Leute die ganze Nacht schossen, als man uns durch die Tschechoslowakei hierher brachte, und wie sie bei jedem Aufenthalt immer wieder von Partisanen sprachen?“ schließe ich. Viktor blickt sich nach allen Seiten um und sagt leise: „Im großen ganzen ist dein Plan annehmbar. Doch es gibt ein Aber... Ist es nicht besser, wenn wir die ersten vierundzwanzig Stunden irgendwo in der Nähe des Lagers abwarten?“ Oleg widerspricht heftig. Auch mir sagt dieser Vor- schlag nicht zu. Viktor fragt Oleg:„Wie oft bist du schon geflüchtet?“ „Zweimal.“ „Und du, Kostja?“ 88 „Auch z\ „Nun, u außerder gen wit etwa ZW bleiben\ wir ihn „Wozu: „Sie wet „Und d „Wir ge nicht.“ Oleg un „jetzt z „selbstv ist klar, Lebensn Unsere langt nı noch dr Er sieh geben.“ Schurka den Na; „Und k alles an „Brot h daß Brc Gegen Wieder „Gehen antwort Anton; verschy müssen 5 „Auch zweimal.“ „Nun, und ich bin ebenfalls zweimal geflohen und außerdem noch durch die Frontlinie gegangen... Eini- gen wir uns so: Wenn wir in einer En nk von etwa zwei Kilometern einen geeigneten Platz finden, bleiben wir vierundzwanzig Stunden dort sitzen; finden wir ihn nicht, dann traben wir.“ „Wozu soll das gut sein?“ fragt Oleg zweifelnd. „Sie werden uns nicht gerade vor ihrer Nase suchen.“ „Und die Hunde?“ „Wir gehen das erste Stück in Holzschuhen. Holz riecht nicht.“ Oleg und ich müssen ihm recht geben. „Jetzt zur Frage des Zeitpunkts“, fährt Viktor fort. „Selbstverständlich dürfen wir nicht lange warten, das ist klar, aber es ist auch sinnlos, loszugehen, bevor wir Lebensmittelvorräte für mindestens zwei Tage haben. Unsere Ersparnisse sind pro Nase eine Brotration, das langt nur für vierundzwanzig Stunden. Wir brauchen noch drei weitere Rationen.“ Er sieht mich fragend an. Ich sage:„Anton wird sie geben.“ Schurka kommt heran und streckt uns einen dampfen- den Napf entgegen. „Und kein Brot?“ Brot interessiert mich jetzt mehr als alles andere. „Brot hat es nicht gegeben. Wasjok läßt ausrichten, daß Brot jetzt knapp sei...“ Gegen Abend kommt Anton zu uns in den Hof. Wieder nieselt ein feiner Regen. Es wird kühl. „Gehen wir in den Schlafsaal“, schlägt er mir vor. Ich antworte, Wiktawa würde uns nicht hineinlassen. Anton macht eine geringschätzige Handbewegung und verschwindet in der Baracke; wenige Minuten darauf 89 ruft er mich durch das Fenster des Schlafsaals an. Als Wiktawa mich am Eingang sieht, brummt er auf deutsch:„Geh rein.“ Wir setzen uns in die Ecke. Anton sagt, es werde bald leichter für uns werden, Strick werde diesen semmel- blonden Torwärter fortjagen. „Woher hast du diese Informationen?“ „Ich vermute es“, erwidert er mit seinem tiefen Baß. Dann berichtet er von der Lage an den Fronten. Er hat gehört, daß die Unsern bis zum Dnepr vorge- drungen sind; die Deutschen dürften jetzt kaum noch imstande sein, sich länger als ein Jahr zu halten. Die Alliierten sind in Süditalien gelandet. Es ist durchaus möglich, daß sie schon in nächster Zeit von Süden her zur Grenze Österreichs vorstoßen. Ich habe bereits vor einer Woche von der Landung der Amerikaner gehört und warte ungeduldig auf den Augenblick, wo ich auf meine Angelegenheit kommen kann. Er bittet mich:„Gib diese Neuigkeit vorsichtig an die anderen weiter, damit die Jungens wieder ein bißchen Mut schöpfen.“ Ich sage:„Das alles ist natürlich sehr erfreulich, Anton, und man krepiert leichter, wenn man weiß, daß man gerächt wird, aber... ich möchte nicht krepieren.... besonders nicht so... sinnlos.“ Anton zündet sich eine Zigarette an- es ist das erste Mal, daß ich ihn rauchen sehe. „Sieh mal“, fahre ich fort,„fast alle, die mit mir zu- sammen hier ankamen, sind schon tot; jetzt sind wir an der Reihe: Viktor, Oleg und ich- und da wollte ich dich bitten...“ Ich begegne seinem forschenden,, Blick und ende rasch:„...dich bitten, mir drei Brot- rationen zu bringen. Das würde eine große Hilfe sein.“ Anton packt mich fest beim Arm. 90 „Was ha Blick wit Ich begre nicht ein nicht in ı ich,„ich schaffen dienen; keiten m nicht üb „Was sol „Ich hal wozu ich „Gut. Ic kein Bro wissen,\ kein Me noch ein mann\ klären. Mit erre Vor der einen N gebracht den Fre stark ye und di en f vor nie „Was habt ihr euch da ausgedacht, Konstantin?“ Sein Blick wird drängend.„Na, heraus damit!“ Ich begreife plötzlich, daß er mit unserem Vorhaben nicht einverstanden ist, und darum beschließe ich, ihn nicht in unseren Plan einzuweihen.„Anton“, antworte ich,„ich brauche drei Portionen Brot. Wenn du sie be- schaffen kannst, tu es, sie sollen einer guten Sache dienen; wenn du es nicht kannst, wenn es Schwierig- keiten macht, sag es gerade heraus, ich nehme es dir nicht übel. Aber ich brauche sie sehr nötig.“ „Was soll das heißen, hast du kein Vertrauen zu mir?“ „Ich habe Vertrauen, aber ich kann dir nicht sagen, wozu ich das Brot brauche.“ „Gut. Ich kann mir schon selbst einiges denken. Es ist kein Brot da. Ich werde auch keins beschaffen, ohne zu wissen, wofür. Dich aber bitte ich um eines: Wenn du kein Mensch bist, der nur an sich selber denkt, warte noch ein paar Tage, es muß noch ein anderer Lands- mann von uns mit dir sprechen. Er wird dir er- klären... Na, auf Wiedersehen für heute.“ Mit erregtem und finsterem Gesicht geht er fort. Vor dem Signal zum Schlafengehen leeren wir noch einen Napf mit süßen Kohlrüben, den Waska uns gebracht hat. Als wir uns schlafen legen, erzähle ich den Freunden von meinem Gespräch mit Anton. 10 In den nächsten Tagen gehe ich wie abwesend umher. Antons Weigerung hat unsere Aussichten auf Erfolg stark verringert, außerdem regnet es ununterbrochen, und die Fliegeralarme haben aufgehört. Die Zeit 91 vergeht, es ist schon Mitte September, wenn aber erst der Frost da ist, werden die Schwierigkeiten unseres Unternehmens noch größer. Wir arbeiten immer noch bei Liesner. Die Norm der Morde wird nach wie vor erfüllt. Wir fühlen, daß auch unsere Stunde näherrückt. Wir müssen trotz aller Be- denken handeln, und wir beschließen, beim ersten Fliegeralarm zu fliehen. ... Wieder bricht ein Morgen an, ebenso trübe wie alle vorhergehenden, aber ohne Frost. Ein kräftiger Ost- wind jagt vereinzelte niedrig hängende Wolken vor sich her. Hier und da blickt ein fahler Herbsthimmel durch Risse im Gewölk, nur selten’ fallen ein paar Sonnenstrahlen, schmal und gerade wie die Klinge eines Bajonetts, auf die nasse Erde. „Zum Abend wird sich’s aufklären“, sagt Oleg und wirft den Kopf in den Nacken. „Ja, es ist Ostwind“, erwidert Viktor. „Es werden noch warme Tage kommen“, sage ich. Wir sind damit beschäftigt, auf dem untersten Plateau, etwa zwanzig Schritte von der Umzäunung entfernt, den Boden zu ebnen. Über uns hat man auf drei anderen Plateaus begon- nen, irgendwelche Gebäude aus großen, unbehauenen Steinen zu errichten, und zwar von den Spaniern, unseren Freunden. Diese warnen uns häufig mit dem geheimnisvollen Wort„Agua“, wenn eine Gefahr droht. Oleg trägt mit dem Spaten eine Erhöhung ab, die über einen als Zeichen in die Erde getriebenen Pflock hinausragt. Viktor wirft die Erde die Böschung hin- unter. Ich stampfe den Boden fest, indem ich einen massiven, eisenbeschlagenen Klotz hochhebe und her- unterfallen lasse. 92 Oleg siel daß mat zu halte schwärze glüht jet Ganz vo sammen bevorste nicht od Vorhabı „Jedes] meine d sich vet Dnepr zwei W die Par „Natürl wahrsch haben.‘ Währe: Augent Augent kann. „Ichmö Viktor jemand Wahrse weiß V günstig „Es ist Optim; Eine 1 Ramm oben, Oleg sieht schlecht aus. Sein Hals ist so dünn geworden, daß man meint, es müsse ihm schwerfallen, den Kopf zu halten. Viktor ist abgemagert und scheint noch schwärzer geworden zu sein; in seinen östlichen Augen glüht jetzt ständig ein düsteres Feuer. Ganz von unserem Plan besessen, sind wir immer zu- sammen und sprechen stets nur über eines: über die bevorstehende Flucht. Alles andere interessiert uns nicht oder nur insoweit, als es den Ausgang unseres Vorhabens beeinflussen kann. „Jedes Ding hat doch zwei Seiten“, bemerkt Oleg.„Ich meine die Tatsache, daß die Ausführung unseres Plans sich verzögert... Wenn die Unsern schon über den Dnepr gegangen sind, dann stehen sie in ein oder zwei Wochen an der alten Staatsgrenze. Jetzt müssen die Partisanen ihre Tätigkeit verstärken.“ „Natürlich“, sage ich,„um so mehr, als die Deutschen wahrscheinlich alle Reserven an der Front eingesetzt haben.“ Während wir miteinander sprechen, lassen wir keinen Augenblick das obere Plateau aus dem Auge, wo jeden Augenblick Liesner oder sein Gehilfe auftauchen kann. „Ich möchte wissen, wie spät es jetzt sein mag“, bemerkt Viktor nach einer kleinen Pause, ohne sich direkt an “jemanden zu wenden.„Ob es wohl schon zehn ist?“ Wahrscheinlich ist es bereits elf, und wahrscheinlich weiß Viktor das, aber er rechnet immer mit dem Un- günstigsten— so ist er nun einmal. „Es ist Viertel zwölf“, erklärt Oleg. Er ist ein großer Optimist. Eine Minute vergeht unter Schweigen. Ich lasse die Ramme herabfallen. Da ertönt auf einmal von links oben, von der Seite her, die wir nicht im Auge 93 behalten haben, eine hämische Stimme:„Du bist wohl zur Erholung hier?“ „Agua!“ sage ich schnell. „Agua, Agua!“ läuft es weiter über die Plateaus. „Komm heraus! Aber ein bißchen plötzlich!“ schreit Liesner wütend. Ich stampfe in schnellem Tempo mit meiner Ramme und blicke dabei zu der Stelle hin, wo die Stimme er- tönt. Hinter dem Bretterverschlag, der den Abtritt um- gibt, kommt der blaßgewordene Schurka hervor, ihm folgen der kleine, schmalschultrige SS-Mann und Liesner. Er schlägt Schurka vor die Brust und befiehlt abgehackt:„Steine tragen! Tempo!“ Schurka geht gefügig zu dem Steinhaufen hin, dann bleibt er stehen und sieht den Kapo flehend an. „Hochnehmen!“ Schurka hebt einen Stein hoch und sieht Liesner wieder an. Der Kapo holt kurz aus und versetzt ihm einen heftigen Schlag ins Gesicht, dann zeigt er auf einen anderen, größeren Stein. Schurka wirft den ersten Stein hin, packt den anderen— wie grellrote Sterne fallen Blutstropfen auf den Stein- und geht hinter Liesner her. Der sagt mit einer Stimme, die vor Aufregung. versagt, ein paar Worte. Schurka hält seine Last mit beiden Händen fest und beginnt, um dieUmzäunung zu laufen. Mir ist klar, womit das enden wird. Mein Herz hämmert in raschen, dröhnenden Schlägen. Schurka ist mir nicht sehr sympathisch, doch jetzt gäbe ich viel darum, wenn ich ihn retten könnte. Aber das ist un- möglich, selbst um den Preis des eigenen Lebens. Meine Arme setzen mechanisch ihre Arbeit fort. Man hört das beschleunigte Klirren von Spaten. Wenn doch die Glocke nur recht bald läuten würde— das ist das einzige, was den Kameraden retten könnte. 94 Schurka Liesner U seine Kri Gesicht| Jastet wi drückt ih tritt gekr Wahrsche zusamme weiter, al unsichere Offenbar Liesner Schurka, „Kostja,. heiserer| Schurka Kraftseiı Liesner{ fallen ur rück und in der fe: Kopf zw Liesner schlägt d Gleichze ertönt ei Melodis- paar Mir wesen,] steige jch seworde Am Abe Wesen- Pe. ist wohl Schurka läuft rund um den Verschlag des Abtritts. Liesner und der Kommandoführer warten darauf, daß seine Kräfte ihn verlassen. Schurkas blutverschmiertes Gesicht beginnt grau zu werden. Der riesige Stein lastet wie ein ungeheuerlicher Buckel auf ihm und drückt ihn nieder. Wievielmal ist er schon um den Ab- tritt gekreist? Wahrscheinlich sehen jetzt alle zu ihm hinüber. Fast zusammenbrechend unter der Last, läuft er immer weiter, aber mit jedem Kreis werden seine Bewegungen unsicherer. DieBürde drückt ihn unerbittlich zu Boden. Offenbar ist die letzte Minute gekommen. Liesner hebt eine rostige Brechstange... Schurka, Schurka, sieh dich vor!... „K.ostja, hör nicht mit der Arbeit auf!“ sagt Viktor mit heiserer Stimme neben mir. In diesem Augenblick ist Schurka bei Liesner angelangt, und mit der ganzen Kraft seines Körpers schleudert er seine Bürde auf ihn. Liesner fuchtelt mit den Armen, läßt die Brechstange fallen und stürzt zu Boden. Der SS-Mann springt zu- rück und angelt mit klammen Fingern nach der Pistole in der festen schwarzen Seitentasche. Schurka zieht den Kopf zwischen die Schultern und packt die Brechstange. Liesner wirft sich von unten her auf ihn. Schurka schlägt den Kapo mit dem Brecheisen über den Kopf. Gleichzeitig mit dem tierischen Aufheulen Liesners ertönt ein Schuß... Melodisch läutet die Lagerglocke. Hätte Schurka ein paar Minuten länger ausgehalten, wäre er gerettet ge- wesen. Ich blicke auf seinen leblosen Körper, dann steige ich mit den Freunden schweigend zu den gelb- gewordenen Kastanien empor. Am Abend dieses Tages- es ist ein Sonnabend ge- wesen— sagt Viktor zu mir und Oleg:„Wenn wir 95 wider Erwarten doch hier zugrunde gehen müssen, dann wollen wir so sterben wie Schurka. Wenigstens einen von diesen Schuften machen wir vorher nieder.“ Wir wechseln einen festen Händedruck und blicken auf den dichten Regenvorhang hinter dem Fenster. Am Sonntag weicht uns den ganzen Tag lang im Hofe der Regen durch. Oleg verflucht den nassen öster- reichischen Herbst. Viktor ist nachdenklich. Gegen Abend halte ich es nicht mehr aus und schlage vor:„Wollen wir nicht heute abhauen? Zum Teufel mit dem Fliegeralarm. Vielleicht gibt es bis zum nächsten Sommer überhaupt keinen mehr.“ Oleg wendet sich rasch zu Viktor um. Ich fühle, daß Oleg einverstanden ist. Viktor schweigt. „Wir könnten gleich nach dem Signal zum Schlafen- gehen, wenn die Posten wechseln, durch den Draht kriechen“, sage ich.„Bis der Wachtposten auf den Turm geklettert ist, sind wir weg. Der Regen wäscht unsere Spuren fort. Ich habe es einmal versucht.“ Viktor erwidert gedämpft:„Da können wir ebensogut in den Abort gehen und uns aufhängen.“ Ich protestiere, Oleg unterstützt mich, aber Viktor ist unerbittlich:„Das ist doch Schwäche, das ist Selbst- mord, versteht ihr nicht... Wir haben noch die Mög- lichkeit, vorher einen von den Begleitposten umzu- legen, den Maschinenpistolenschützen unten zum Bei- spiel, und dann unser Leben teuer zu verkaufen... Ihr seid wie die kleinen Kinder. Warum wollt ihr euch so billig machen?“ Viktor ist logisch wie immer. Olegund ich schweigen. Als der letzte Appell vorbei ist und ich mein Abend- brot beendet habe, schlendere ich aus Gewohnheit zum Tor. Unerwartet taucht Wasjok auf, und er ist nicht allein: In dem Gang zwischen den Baracken steht ein 96 Mann mi Augen un mich an. er mir zU Er komm Ich gebe süchtige wärter,$ den Hof zurück, s von Bloc sind wir linge un Steineinf tacke um „Ich heil Hand.„] alter Fre fragen s Abgema Ich nicke „Anton reden wi dingung, weiter,] ja Valentin Kerl bis euch alle still und Es ist au daß ihr Machen, Taden er: ; Mann mit etwas krummem Rücken, durchdringenden 3 MIR Augen und dem Gesicht eines Schwindsüchtigen,er sieht eder. mich an. Während Wasjok mir den Napf gibt, flüstert sen auf er mir zu:„Ein Freund von Anton will mit dir sprechen. a Er kommt gleich in den Hof, geh nicht weit fort.“ im Hofe Ich gebe Oleg den Napf und warte. Der schwind- AR BE süchtige Mann sagt auf deutsch etwas zu dem Tor- wärter, steigt dann die Stufen hinauf und geht über d schlage den Hof zur Baracke. Zehn Minuten darauf kommt er m Teufel zurück, sucht mich mit den Augen und geht zur Mauer bis zum von Block Siebzehn hinüber. Von unseren Fenstern aus sind wir hier nicht zu sehen, weil die Menge der Häft- ühle, daß linge uns verdeckt. Wir setzen uns auf die niedrige Steineinfassung, die das Blumengärtchen vor der Ba- Schlafen- racke umgibt. en Draht„Ich heiße Valentin“, sagt er leise und gibt mir die auf den Hand.„Ich bin ein ehemaliger Arbeitskollege und ein en wäscht alter Freund von Anton. Wenn deine Bekannten dich ct.“ fragen sollten, bin ich auch ein Landsmann von euch. ebensogu Abgemacht?“ Ich nicke zustimmend. „Anton hat mich gebeten, mit dir zu sprechen. Also reden wir mal offen miteinander, aber unter einer Be- dingung: Was ich zu dir sage, erzählst du niemandem weiter. Ist das klar?“ „1a: Valentin fährt fort:„Ich weiß, daß du ein ehrlicher Kerl bist. Darum sage ich dir geradeheraus: Schlagt euch alle Gedanken an eine Flucht aus dem Kopf. Sei still und hör mir zu. Natürlich könntet ihr ausrücken. Es ist auch möglich, wenn auch wenig wahrscheinlich, daß ihr es schaffen würdet, euch aus dem Staube zu machen. Aber wegen eurer Flucht würden alle Kame- raden erschossen werden, die noch im Schlafsaal sind- 97 das ist jetzt hier so die Regel. Schweig bitte still. Ihr habt also einfach nicht das Recht, davonzulaufen, ihr habt moralisch nicht das Recht dazu, verstehst du? Wenn ihr nicht krasse Egoisten seid, müßt ihr das begreifen... Aber mit Egoisten braucht man kein Mit- leid zu haben, und es würden sich Leute finden, die euer Vorhaben verhindern. Und jetzt höre gut zu: Richte deinen Kameraden aus, daß ihr bald ins all- gemeine Lager kommt. Ich rate dir und deinen Freun- den, euch an den tschechischen Arzt zu wenden und ihn zu bitten, er soll euch als Dystrophiker ins Lagerlazarett schicken. Und wenn du im Lazarett bist, denke mal in Ruhe über alles nach, was du in den zwei Monaten in Bruckhausen gesehen und gehört hast, insbesondere darüber, ob das, was du getan hast, als du Torwärter warst, so ganz ohne Sinn gewesen ist. Vielleicht wird man über dieses Thema mit dir noch im Lazarett sprechen.“ Valentin sieht mich mit seinen tief eingesunkenen, klugen Augen durchdringend an und drückt mir sehr fest die Hand. „Auf Wiedersehen, und laß den Mut nicht sinken. Laß den Mut nicht sinken.“ Er steht auf und geht, ohne sich umzublicken, schnell davon- hager, mit etwas gebeugter Haltung und leichtem Schritt. Nach dem Signal zum Schlafengehen berichte ich alles den Freunden. Viktor bemerkt:„Klingt nicht sehr glaubwürdig.“ „Wer weiß“, sagt Oleg. Ich schweige. Zum erstenmal überkommt mich Ver- zweiflung. Die Vorbereitung der Flucht, schon der bloße Gedanke an sie erfüllte mich mit Hoffnung und gab mir die Kraft, zu kämpfen. Aber jetzt?... Ob es 98 stimmt 0X Vergeltut genomme Plan ist k sächlich| Wege ab soll man Am Mor Arbeit.] Schädelt Freunde: Aus irge aus, Am Dier Brecheise Am Mitt der franı Am Don Fliegera darunter AmfFrei Kapo un Am$or Maschin. Plateau Schulter, ich, im/ glücklich Am gleic nach den die im} Komma aus der gemeine stimmt oder nicht, was Valentin gesagt hat- daß als Vergeltung für eine Flucht Massenerschießungen vor- genommen werden-, eines steht außer Zweifel: Unser Plan ist kein Geheimnis mehr, und man kann uns tat- sächlich hindern, ihn auszuführen. Also sind uns alle Wege abgeschnitten, alles ist verloren... Aber woher soll man dann die Kraft nehmen, um weiterzuleben? Am Montag führt uns nur der Gehilfe des Kapo zur Arbeit. Liesner ist nicht da. Man sagt, er habe einen Schädelbruch und es sei aus mit ihm. Mit meinen Freunden und mir beschäftigt sich unser Aufseher nicht. Aus irgendeinem Grundeläßt er seine Wut an anderen aus. f Am Dienstag schlägt er drei alten Slowenen mit dem Brecheisen den Kopf ein. Am Mittwoch bringt er die beiden letzten Juden aus der französischen Gruppe um. Am Donnerstag erschießt der SS-Mann während eines Fliegeralarms vier Mann; zwei unserer Genossen sind darunter- sie waren Fallschirmjäger. Am Freitag regnetes wieder in Strömen-der Gehilfe des Kapo und der Kommandoführer sitzen im Häuschen. Am Sonnabend eröffnet der auf Wache stehende Maschinenpistolenschütze das Feuer auf das untere Plateau— drei Mann fallen. Viktor greift nach seiner Schulter; in der Mittagspause untersuchen Oleg und ich, im Abort versteckt, die Wunde- die Kugel hat glücklicherweise die Schulter nur gestreift. Am gleichen Sonnabend verkündet Max, als wir abends nach dem Signal in den Schlafsaal kommen, daß alle, die im Kommando Liesners gearbeitet haben, in das Kommando„Steinbruch“ übergeführt und am Montag aus der Quarantäne in den Block Vierzehn’ des all- gemeinen Lagers versetzt werden sollen. 99 „Es scheint, wir können einander beglückwünschen“, sagt Oleg mit einem unfrohen Lächeln, als sich die Tür hinter dem Schreiber geschlossen hat. „Dein Valentin hat recht gehabt“, sagt Viktor nach- denklich. „Morgen gehen wir zum Arzt“, erkläre ich. Nachts wache ich von Gepolter jenseits der Wand auf. Ich wecke Oleg und Viktor. Wir hören, wie Wiktawa auf deutsch jammert:„Ver- zeihen Sie mir, Herr Blockführer! Herr Lagerältester, helfen Sie mir!“ „Gib auch die Uhr her!“ forderte eine gelassene Stimme. „Ich habe schon alles abgegeben, alles, alles!“ schluchzt Wiktawa. Wieder hört man dumpfe Schläge, Schreie und abermals die Worte:„Haben Sie doch Erbarmen mit mir!“ „Der hat offenbar beim letzten Transport ganz schön gefleddert und ist hereingefallen... Diese Teufel haben sich die Beute nicht geteilt“, flüstert Oleg.(Später erfahren wir, daß Wiktawa von einem Landsmann denunziert worden ist und daß die anständigen Leute im Lager keine Gelegenheit versäumen, um unsere Peiniger, die habgierig und neidisch sind, aufeinander zu hetzen.) Voller Freude schlafen wir ein, als das Jammergeschrei des„Herrn Kommandanten“ sich entfernt, noch einmal im Hof erklingt und dann verstummt. ... Und dann gehen wir ins Lazarett. Wir gehen den gleichen Weg, auf dem wir am ersten Tage nach Bruck- hausen gekommen sind. Ich blicke auf die Alpen, auf das in der Sonne glänzende Band der Donau, auf die von alten Burgen gekrönten Berggipfel,und neue Hoff- nung erfüllt mein Herz. IOoo „Wir lebe schwach I Schulter. „Und wir großerKo Viktor SC Grunde f „Wir leben noch“, sage ich zu Viktor, der mager und schwach ist und blaß aussieht vor Schmerzen in der Schulter. „Und wir kämpfen noch“, sagt Oleg zuversichtlich; sein großer Kopf schaukelt auf dem kindlich dünnen Hals. Viktor schweigt. Seine Augen sind aus irgendeinem Grunde feucht und glänzen seltsam und traurig. u Zweiter Teil | Ich lieg Pritsche ib| Der Ra ist ein | verschv | erkenne | allein, | der erst | dystrop] | ist, weil | Eine se | Barack: arztes | komme auch di An der gestelle die Kr ihnen n zu verl laubt d mächtig ' Verbre: wenn e a Das Es an die gar nic Quarar 1 Ich liege unter einer abgenutzten Decke auf meiner Pritsche in der mittleren der dreistöckigen Kojenreihen. Der Raum ist stickig und dunkel. Neben meinem Kopf ist ein Fenster, durch dessen beschlagene Scheibe ich verschwommen die schwarzen Umrisse von Tannen erkennen kann. Ich liege schon die zweite Woche hier, allein, ohne Viktor und Oleg: Wir sind gleich nach der ersten Untersuchung getrennt worden. Ich bin für dystrophisch erklärt worden; was mit meinen Freunden ist, weiß ich nicht. Eine seltsame Laune des Schicksals will es, daß die Baracke, in die ich auf Anordnung des Lazarettober- arztes— des politischen Gefangenen Wislozki— ge- kommen bin, auch Quarantäne-Baracke heißt. Und auch dies ist eine sehr merkwürdige Quarantäne. An den langen Wänden ziehen sich hohe Pritschen- gestelle entlang. Hier liegen etagenweise übereinander die Kranken- insgesamt etwa dreihundert. Es ist ihnen nur im äußersten Notfalle gestattet, ihren Platz zu verlassen. Sich aufzusetzen, ist unmöglich: das er- laubt der Abstand zwischen den Etagen nicht. Eigen- mächtiges Verlassen der Baracke gilt als das schwerste Verbrechen; und wie kann man sie auch verlassen, wenn einem die Kleidung fortgenommen worden ist? Das Essen wird von den Sanitätern und Aufräumern an die Kojen gebracht. Ärztliche Hilfe wird so gut wie gar nicht erwiesen. Erstens gibt es für die ganze Quarantäne-Baracke nur einen, Arzt, und zweitens 105 brauchen die Kranken, alles Dystrophiker, vor allen Dingen gute Ernährung, aber im Lazarett ist die „Portion“ noch um ein Drittel kleiner als im allgemei- nen Lager. Zum Blockpersonal gehören hier mehr Leute als im Lager: Blockältester ist ein junger deutscher, dümmlich aussehender Krimineller, der Willi heißt; Schreiber ein hochgewachsener, wortkarger Pole, ehemaliger Stabs- offizier; Arzt ist der Tscheche Stichler, ein Mann mit roten Wangen im runden Gesicht; als Friseur fungiert ein halbwüchsiger Spanier und als Obersanitäter mein Landsmann Petrenko, derschwermütig und ein bißchen rätselhaft ist. il An den ersten beiden Tagen nach meiner Einlieferung schlief ich mich erst einmal gründlich aus. Am dritten Tag empfand ich ein starkes Hungergefühl, das mit jedem weiteren Tage ungeheuerlich wuchs. Anfangs versuchte ich mich noch davon abzulenken, ich dachte an ganz andere Dinge; aber dann überwältigte mich das nagende, bohrende Gefühl, und Hungerträume begannen mich zu verfolgen. Nach dem Frühstück, das nur aus Kaffee bestand, wartete ich auf das Mittagbrot; nach der Mittagssuppe wartete ich auf das Scheibchen Brot, das es zum Abendessen gab. Als ich mich einmal dabei ertappte, daß ich an die Arbeit im Strafkom- mando wie an eine glückliche Zeit dachte, begann ich ernstlich für meinen Verstand zu fürchten- war ich etwa auf dem Wege, irrsinnig zu werden? Ich weiß nicht, wie es weitergegangen wäre, wenn nicht am Sonntag, als das Mittagessen ausgegeben wurde, Petrenko mir einen überzähligen Napf Kohlrüben zu- gesteckt hätte. Ich leerte ihn, ohne den Löffel zu Hilfe zu nehmen, und erst dann fiel mir ein, daß ich mich ja bedanken müsse. Petrenko, selbst mager und 106 opt wahrsc brauch: nicht m „Aber „Von e „Und ı „Weil: Wer d das ge: Es blie Stern 2 mürris sätzlicl begann Ich lieg derRe; ein Ge muß m zum Tr Gibt e haben, wirklic einem sation verhin: die M Augen Setzen, Angrif Ich wi gene$ zwisch draht, erzwuı wahrscheinlich hungrig, sagte brummig:„Bei mir brauchst du dich nicht zu bedanken, ich gebe dir ja nicht meine eigene Portion.“ „Aber von wem ist sie denn?“ „Von einem, der gestorben ist.“ „Und warum bekomme gerade ich sie?“ „Weil es so angeordnet worden ist.“ Wer das angeordnet hatte und aus welchem Grunde das geschah, konnte ich nicht aus ihm herausbekommen. Es blieb mir nichts weiter übrig, als meinen glücklichen Stern zu segnen. Von diesem Tage an brachte Petrenko, mürrisch und wortkarg wie immer, mir regelmäßig zu- sätzliches Essen, und ich fühlte, wie ich aufzuleben begann... Ich liege mit dem Gesicht zum Fenster. Eintönig peitscht der Regen gegen die Scheibe. Plötzlich durchzuckt mich ein Gedanke: Da man von hier nicht flüchten kann, muß man eben alles tun,um dieMenschen den Feinden zum Trotz solange wie möglich am Leben zu erhalten... Gibt es im Lager nicht Kameraden, die die Möglichkeit haben, den anderen Hilfe zu erweisen, und die auch wirklich helfen? Man muß sie zusammenfassen. Mit einem Wort, man muß im Lager eine illegale Organi- sation aufbauen. Natürlich hat niemand die Macht, zu verhindern, daß hier gemordet wird, aber man kann die Menschen, die imstande sind, im entscheidenden Augenblick den SS-Leuten Widerstand entgegenzu- setzen, vor Dystrophie bewahren, und das muß man in Angriff nehmen. Ich wälze mich auf den Bauch. Ich wische die beschla- gene Scheibe ab, blicke auf den schmalen Streifen Erde zwischen der Quarantäne-Baracke und dem Stachel- draht, auf die nasse Wand des Waldes, und meine erzwungene Einsamkeit wird mir unerträglich. Ich 107 empfinde fast körperlich das Bedürfnis, Viktor meine Gedanken mitzuteilen und Olegs begeisterte Zustim- mung zu hören... Wo sind die beiden jetzt? Wann werde ich sie wiedersehen? Ich werfe die Decke ab, ziehe unter der Matratze die Pantoffeln hervor und klettere auf den Boden hinunter. Petrenko reinigt im Waschraum die Eßnäpfe. Ich rufe seinen Namen. „Was willst du?“ „Hör mal, Petro“, sage ich,„hier im Lazarett arbeitet ein russischer Arzt. Stepan Iwanowitsch Reschin... Kennst du ihn?“ „Nein.“ „Ich muß ihn unbedingt sehen.“ „Was geht mich das an?“ „Ich bitte dich sehr, Petro.“ „Es hat keinen Zweck, mich zu bitten. Ich komme nicht nach Block Sechs, und überhaupt... Mach, daß du wegkommst.“ Er wendet sich wieder seinen Näpfen zu. Ärgerlich kehre ich auf meine Pritsche zurück. Reschin könnte natürlich herausbekommen, wo Viktor und Oleg liegen... Ein schwieriger Mensch ist doch dieser Petrenko. Abermals wälze ich mich auf der morschen Matratze von einer Seite auf die andere. Für kurze Zeit falle ich in einen unruhigen Schlaf. Als ich die Augen wieder öffne, sehe ich den rasierten Hinterkopf und den weißen Kittel des tschechischen Arztes Stichler. Er neigt sich vor, um dem Franzosen mit dem schönen Gesicht, der mir gegenüber in der unteren Kojenreihe liegt und ein großes Furunkel am Hals hat, eine Tablette zu geben. „Herr Doktor, können Sie einen Augenblick zu mir kommen?“ 108 „Gleid spricht Ich hö gerufe „Dokt Sprach „Ich w Stichle tritt zı „Was Sprac „Doki rasch. sprech sein u! „Geht „Nein „Gleich“, antwortet er, ohne sich umzuwenden, und spricht mit leiser Stimme weiter auf den Franzosen ein. Ich höre nur ein paar französische Worte.„Wer hat mich gerufen?“ fragter nacheinem Augenblick auf deutsch. „Doktor!“,„Herr Arzt!‘“ ertönt es in verschiedenen Sprachen von allen Seiten. „Ich war es“, sage ich auf russisch. Stichler blickt auf die Nummer meiner Pritsche und tritt zu mir heran. „Was wünschen Sie?“ fragt er halblaut in russischer Sprache. „Doktor, ich habe eine große Bitte an Sie“, sage ich rasch.„Ich muß unbedingt den russischen Arzt Reschin sprechen, er arbeitet in Block Sechs. Wollen Sie so gut sein und es ihm ausrichten?“ „Geht es Ihnen schlecht?“ „Nein, das nicht, aber...“ „Haben Sie eine Beschwerde?“ „Nein.“ „Es ist verboten, hier Zusammenkünfte zu veran- stalten.“ „Aber das ist doch keine Zusammenkunft, er ist hier als Arzt tätig... „Jetzt bin ich Ihr Arzt.“ Wieder liege ich da, wälze mich hin und her, strecke mich lang aus und krieche wieder ganz in mich zu- sammen. Für kurze Zeit verfalle ich in einen Zustand des Dahindämmerns, dann bin ich wieder hellwach, und diese Wachheit geht abermals in Halbschlaf über. Mir scheint, meine Pritsche sei die Bank eines Eisen- bahnwaggons und das Lazarett ein Zug, der durch die unendliche Ebene fährt- ich weiß nicht, wohin und zu welchem Zweck. „Ruhei“ ertönt plötzlich die Stimme desBlockältesten. 109 Ich hebe den Kopf. Der Älteste- der stupsnäsige, dümmliche Willi- trägt eine große Bank vorbei und setzt sie in der Mitte des Zimmers nieder. Der halb- wüchsige Spanier stellt sich an der Tür auf. Willi klettert auf die Bank:„Ali Baba!“ Unter der Bank kommt auf einmal ein glotzäugiger alter Mann vorgekrochen. „Die Vorstellung beginnt!“ verkündet Willi.„Meine hochverehrten Damen und Herren! Der Held des weltbekannten Märchens ‚Ali Baba und die vierzig Räuber‘ bringt Ihnen jetzt das hochmoderne Lied ‚Mein Herz‘ zum Vortrag. Die Begleitung übernimmt der Falschspieler und Berufsverbrecher Willi Trudel.“ Er springt von der Bank herunter. Statt seiner klettert der Alte hinauf. Ali Baba hat zu kurze Unterhosen an; man sieht seine dürren Waden, die von dichtem Haar- wuchs bedeckt sind. Der stupsnäsige Willi kreuzt die Arme über der Brust und pfeift meisterhaft ein Vorspiel. Er hat sehr dicke Lippen und kleine, blitzende Augen. Der alte Mann wartet seinen Einsatz ab, dann beginnt er mit einem angenehmen, ein wenig blechernen Tenorstimmchen zu RR„Mein Herz, das ist ein Bienenhaus, die Mädchen sind darin die Bienen. Sie fliegen ein, sie fliegen aus, grad’ wie in einem Bienenhaus.“ Er blinzelt mit den Augen, bemüht, ein Lächeln vorzu- täuschen, füllt die Lungen voller Luft und singt zu- sammen mit dem Blockältesten: „Ja, die Welt ist schön, man muß sie nur verstehn, holleri, hollera; Ja, die Welt ist schön, man muß sie nur verstehn, holleri, diho!“ Und dar Willi be Der Al der Re) „Oi la sich All „Und w Es ertör „Lauter den Pri „Ich we ihr jäm Er ist: was bei lität, „Und j und niı „zeigt€ Es wid sehen,] weiß, y oder un Auf die ZUZUzie Decke, Glocke Und dann fügen beide etwas völlig Sinnloses hinzu: „Oi la quiquak quiquak quiquak, oi la quiquak quiquak quiquak, holleri, hollera!“ Willi beginnt wieder zu pfeifen, und Ali Baba singt: „Mein Herz, das ist’ne Wurstfabrik, die Mädchen sind darin die Würste. Sie hängen all’ an einem Strick, grad’ wie in einer Wurstfabrik.“ Der Alte blinzelt, das Pfeifen bricht ab, und es folgt der Refrain:„Ja, die Welt ist schön...“ und darauf „Oi la quiquak...“ Als sie geendet haben, verneigt sich Ali Baba. „Und wo bleibt der Beifall?“ ruft Willi entrüstet. Es ertönt Händeklatschen— dünn und kraftlos. „Lauter, lauter!“ fordert der Blockälteste und läuft zu den Pritschen. Man hört das Klatschen von Ohrfeigen. „Ich werde euch lehren, wie man einen Künstler ehrt, ihr jämmerliches Gesindel!“ Er ist aufrichtig empört und aufgeregt. Ich überlege, was bei ihm größer ist- die Blödheit oder die Bruta- lität. „Und jetzt“, verkündet er mit völlig verändertem Ton und nimmt wieder die Pose eines Conferenciers an, „zeigt euch Ali Baba den Tanz des Hampelmanns.“ Es widerstrebt mir, den Verrenkungen des Alten zuzu- sehen. Die übermütige Pfeifmusik macht traurig. Wer weiß, vielleicht stirbt in diesem Augenblick über mir oder unter mir still irgendein wunderbarer Mensch... Auf die Gefahr hin, mir den Zorn des Blockältesten zuzuziehen, stecke ich den Kopf unter die abgenutzte Decke. Schon im Halbschlaf höre ich drei rhythmische Glockenschläge- das Signal für die Nachtruhe. Da ich zu der Überzeugung gekommen bin, daß weder Petrenko noch Stichler mir zu einem Wiedersehen mit Reschin verhelfen werden, mache ich mir die Abwesen- heit von Willi zunutze, ziehe die Pantoffeln an und verlasse unbemerkt den Block. Draußen ist es dunkel und glitschrig. Ein scharfer, feuchter Wind geht mir durch und durch. Ich tapse bis an die Knöchel in eis- kaltem Wasser, und während ich an den Baracken ent- langlaufe, halte ich den Kragen meines Hemdes mit beiden Händen fest zusammen. Bei der letzten Baracke, an deren Wand eine große„6“ gemalt ist, bleibe ich stehen. Ich klopfe. Die Tür öffnet sich. Ein zahnloser alter Mann steht vor mir. „Was ist denn das für ein Gespenst?“ mummelt er. Ich sage, daß ich eilig den russischen Arzt sprechen müsse. „Mach, daß du wegkommst!“ „Bitte, nur für einen Augenblick...“ „Pack dich!“ Die Tür wird mir vor der Nase zugeschlagen. Ich spucke die Tür an. Ich denke: Wenn ich noch einmal klopfe, kommt wahrscheinlich der hiesige Blockälteste heraus, und dann geht’s mir schlecht; aber es wäre doch schade, wenn ich umkehren müßte, ohne etwas erreicht zu haben. Doch meine Füße erstarren, meine Zähne beginnen krampfhaft zu klappern, ich wende mich um und laufe zurück. Die Tür zum Quarantäne-Block ist verschlossen. Eine halbe Minute lang stehe ich zitternd vor Kälte da und überlege, dann klopfe ich leise. Niemand rührt sich. Ich klopfe stärker- abermals ohne Ergebnis. Nachdem ich ein drittes Mal geklopft habe, lege ich das Ohr an die Tür. Von drinnen ertönt Gesang, ich kann die Stimme des Blockältesten heraushören. Ich bin Zweifel Strafe n mehr Zi tromme und wa der Schi „Wer bi „Ich gel „Was is Stimme ab, Ich Boden Tür läu Ich tret wirft m mere i beißen „Aufst Das al darauf dazu a Schlag Wut gi sonder: stechen höre ic wohl ı kranke Ruhel‘ „Ich w Eine n Wwütenc oder ic \acdlau j Ich bin in die Patsche geraten, daran besteht kein Zweifel. Und ebensa unzweifelhaft ist, daß ich meiner Strafe nicht entgehen werde. Da daran nun doch nichts mehr zu ändern ist, beginne ich, gegen die Tür zu trommeln. Sie öffnet sich; eine Welle grellen Lichts und warmer Luft schlägt mir entgegen. Vor mir steht der Schreiber. „Wer bist du? Woher kommst du?“ „Ich gehöre hierher.“ „Was ist da los? Was ist passiert?“ ertönt die zornige Stimme Willis vom Schlafsaal her. Der Gesang bricht ab. Ich höre, wie der Blockälteste elastisch auf den Boden springt und mit langen, hastigen Schritten zur Tür läuft.„Komm rein!“ Ich trete über die Schwelle. Im gleichen Augenblick wirft mich ein Faustschlag zu Boden. Im Fallen klam- mere ich mich an der Ecke einer Pritsche fest und beiße mir auf die Zunge. „Aufstehen!“ Das alles kenne ich schon. Ich stehe auf, doch gleich darauf stürze ich abermals. Meine Kraft reicht nur dazu aus, mich dreimal zu erheben. Nach dem vierten Schlag geht es nicht mehr. Willi, der immer mehr in Wut gerät, stößt mich mit den Füßen. Bei einem be- sonders starken Stoß in die Brust schreie ich auf, ein stechender Schmerz verschlägt mir ‚den Atem, dann höre ich die hohe, bebende Stimme Stichlers:„Du bist wohl verrückt geworden! Das ist doch ein Schwer- kranker, der Fieberphantasien hat! Laß ihn sofort in Ruhe!“ „Ich werd ihn schon zur Ruhe bringen!“ Eine neue Serie von Fußstößen folgt, dann Stichlers wütende Stimme:„Laß ihn augenblicklich in Frieden, oder ich rufe Wislozki!“ Die Stöße hören auf. Willi brüllt den Arzt an, der Arzt Willi. Ich höre den aufgeregten Baß des Schrei- bers, dann werde ich aufgehoben und fortgetragen. Anscheinend bin ich wirklich schwer krank und habe hohes Fieber. Ich bekomme etwas Kaltes, Bitteres zu trinken und sinke in eine schwarze Tiefe. 2 Als ich wieder zu mir komme, ist es heller Tag. Durch das Fenster sieht blauer Himmel herein. Auf den Fuß- boden zeichnet die Sonne ein Quadrat. In der Luft tanzen silbrig schimmernde Stäubchen. Mir ist sehr warm und behaglich. Ich möchte nur trinken. Ich richte mich hoch, aber ein scharfer Schmerz in der Brust wirft mich gleich wieder zurück. Da fällt mir der Vorfall von gestern ein: die Füße des Blockältesten in den spitzen Stiefeln und die wutbebende Stimme Stichlers. Ich bin mißhandelt worden. Wahrscheinlich habe ich Fieber und deshalb solchen Durst. „Ich möchte trinken“, bitte ich. Stille. Nur das leise Schnarchen meiner schlafenden Nachbärn ist zu hören.„Petrenko!“ sage ich lauter. Beim Atmen verspüre ich einen so starken Schmerz in der Brust, daß feurige Kreise vor meinen Augen tanzen. Offenbar geht es mir schlechter, als ich dachte. Ich überlege, wie ich die Aufmerksamkeit des Ober- sanitäters auf mich lenken kann, ohne noch einmal zu rufen. Ich bewege mein Bein hin und her. Das ver- ursacht mir keine Schmerzen, aber ich werde schnell müde davon. Jetzt ist mir nicht nur warm, sondern sogar heiß. Ich schiebe die Decke zurück, belecke meine 114 trocken etwas 2 Hohn, ein Stü Ich hör das G Augen bekom „Irink daß d Poren Bei ji meine „Irinl Eine Etwas mich ı Ich ste Schw: Aus ı Auge sehe die N Lung, Nur meine Meine schlür eine| Auge Ich w ich j] Sonn Weif an, der Schrei- Stragen, trockenen Lippen und schließe die Lider, um mich etwas zu erholen. Vor meinen Augen taucht, wie zum Hohn, eine blitzende Karaffe mit Wasser auf, in der ein Stückchen Eis schwimmt und die Sonne sich spiegelt. Ich höre mein eigenes Stöhnen. Und plötzlich habe ich das Gefühl: Wenn ich nicht sofort, noch in diesem Augenblick, wenigstens einen kleinen Schluck Wasser bekomme, verbrenne ich. „Trinken!“ schreie ich aus Leibeskräften und fühle, daß der Schmerz mir den kalten Schweiß aus den Poren treibt.„Trinken, trinken!“ Bei jedem Atemzug durchstechen mich drinnen in meiner Brust glühende Nadeln. „Irinken!“ Eine Stunde verrinnt, vielleicht sind es auch zwei. Etwas Dunkles, Schweres schleicht auf mich zu, haucht mich mit heißem Atem an und beginnt mich zu würgen. Ich stoße es weg und fange wieder zu schreien an. Das Schwere und Heiße wälzt sich immer weiter auf mich. Aus den Tiefen meines Bewußtseins taucht für einen Augenblick die gebeugte Gestalt Schurkas auf, dann sehe ich das schwindsüchtige Gesicht Valentins, und die Nadeln stechen immer häufiger und tiefer in meine Lungen. Ich reiße den Kragen meines Hemdes herunter. Nur an dem scharfen, unaufhörlichen Schmerz in meiner Brust merke ich, daß ich immer noch scheeie. Meine Zähne stoßen gegen etwas Festes— gierig schlürfe ich Wasser und verschlucke mich dabei. Für eine Sekunde öffne ich die Augen, aber im nächsten Augenblick bin ich eingeschlafen. Ich wache vor Schmerzen auf. Neben mir, so nahe, daß ich ihn mit der Hand erreichen kann, leuchtet ein Sonnenfleck. Neben dem Fleck ist etwas Weißes. Das Weiße ist Stichlers Kittel. Der Arzt hält eine Spritze 115 in der Hand, Petrenko reicht ihm ein längliches ver- nickeltes Kästchen. „Fertig?“ sagt Stichler. „Er ist zur Besinnung gekommen“, bemerkt Petrenko. „Gewiß“, bestätigt der Arzt und beugt sich über mich. Ich habe früher nie bemerkt, daß er so gütige und so müde Augen hat. „Wie fühlen Sie sich?“ „Gut! „Na, großartig.“ Stichler zeigt beim Lächeln gleich- mäßige, weiße Zähne. Er prüft meinen Puls, dann sagt er halblaut etwas zu Petrenko und setzt sich auf die Nachbarpritsche hinüber, auf der der schöne Fran- zose liegt. Ich habe meinen Platz jetzt in der unteren Reihe. „Du hast aber eine gute Konstitution“, bemerkt Pe- trenko, während er das’ vernickelte Kästchen in Mull wickelt. Jetzt scheint auch er-mir freundlich und gut. „Was fehlt mir, Petro?“ „Rippenbruch und Lungenentzündung... Aber du sollst nicht sprechen.“ Er geht fort und kommt eine Minute darauf mit einem großen Krug zurück. Mit Genuß trinke ich die heiße Kohlrübenbrühe aus. Dann schlafe ich. Als ich wieder aufwache, finde ich neben mir drei vertrocknete Brot- rationen und Kaffee. Am nächsten Morgen verabfolgt mir Stichler wieder eine Spritze. Zum: Mittagessen bringt mir Petrenko einen vollen Napf dicker Suppe. So gehen die Tage dahin, und allen Teufeln zum Trotz komme ich wieder zu Kräften. Einmal um die Mittagszeit— der Schnee, der draußen liegt, macht die Quarantänebaracke sehr hell- öffnet sich die Tür, und ich sehe Oleg hereinkommen. Er bringt zusammen mit Petrenko einen Kübel voll Suppe, 116 srellt ih erregte „Oleg! „Kosti: Zehens Wir ur die Sc „Was sein fi denen „Ich 2 noch| „Was „Nas Es ist sogar seinei Wied „Ihr ihr n nicht Idee; Oleg der| hat k frage erhal holfe unser Lage Tod brucd falle von stellt ihn polternd auf den Boden und fragt Petro mit erregtem Gesicht:„Wo ist er?“ ak„Oleg!“ rufe ich. PR wi„Kostja!“ antwortet Oleg tonlos und läuft auf den ürlian Zehenspitzen und geduckt zu mir hin. Wir umarmen uns, küssen uns, klopfen einander auf die Schulter- ich kräftig, Oleg behutsam. „Was machst du denn jetzt?“ frage ich und betrachte\ za sein rundes Gesicht und seinen wieder stärker gewor- ur denen Hals. „Ich arbeite in der Küche, aber du... Willst du das noch lange fortsetzen?“ „Was denn?“ „Na so, das... Kranksein.“ Es ist ihm anscheinend peinlich, daß er gesund ist und u k- sogar zugenommen hat. Er wird: verlegen, aber aus a Mull seinen Augen spricht Freude: Er ist froh über das 1d gut Wiedersehen, und ich bin ihm dankbar dafür. „Ihr seid Esel, Viktor und’ du“, erkläre ich.„Konntet Aber du ihr mich denn nicht mal früher besuchen? Ich wäre nicht krank, wenn ihr schon vor zwei Wochen auf die nt re Idee gekommen wärt, euch malum mich zu kümmern.“ lie heibe Oleg rechtfertigt sich: Er ist erst seit einer Woche in h wieder der Küche. Viktor aber, der als Aufräumer arbeitet, ete Brot- hat keine Erlaubnis, in andere Baracken zu gehen. Ich erabfolgt frage ihn, wie es ihnen gelungen. sei, diese Posten zu etagessen erhalten. Oleg sagt, ihr Blockältester habe ihnen ge- er Suppe, holfen; er sei ein guter Mensch, der Mitgefühl’ mit um Trotz unseren Leuten habe. Dann berichtet Oleg von der Lage an den Fronten und von dem geheimnisvollen ‚ draußen Tod des Gehilfen Liesners: Jemand habe es im Stein- bruch fertiggebracht, von oben einen Stein auf ihn fallen zu lassen. Oleg erfährt die Neuigkeiten übrigens von Broskow, der auch in der Küche arbeitet und mit 117 ihnen zusammenliegt. Wir freuen uns und stellen Ver- mutungen darüber an, wie lange es noch dauern könne, bis es mit Hitler zu Ende ist. Dann teile ich ihm meine Idee mit, daß wir eine Organisation aufbauen müßten. Oleg wird bedenklich. „Hast du schon mit jemand darüber gesprochen?“ „Noch nicht.“ „Tu es auch jetzt nicht, und überhaupt... sprich dieses Wort nie wieder aus. Ist das klar?“ Mir ist gar nichts klar. Warum ist Oleg so aufgeregt? „Wir werden uns später noch darüber unterhalten. Erst werde mal gesund, das ist die Hauptsache, verstan- den? Hauptsache, du wirst gesund... So, und jetzt muß ich laufen, mein lieber Kostja, sonst krieg ich eins aufs Dach.“ Im Weggehen bittet Oleg mich noch einmal, nieman- den in meinen Plan einzuweihen. Er verspricht mir, in ein paar Tagen wiederzukommen. Plötzlich geht mir ein Licht auf: Im Lager und auch hier, im Lazarett, besteht ja schon eine illegale Organi- sation. Ist nicht die gegenseitige Hilfe organisiert? Hilft man mir nicht? Und die Andeutung Valentins? Und die Warnung Olegs? Mir wird auf einmal leicht und froh zumute. Als ich zum Mittagessen von Petrenko eine one Portion Kohlrüben erhalte, sage ich:„Bestell Stichler, er soll mich gesund schreiben. Es geht mir viel besser.“ „Nicht so eilig, nicht so eilig, alles hat seine Zeit“, brummt Petro. Einige Tage darauf erlaubt mir Stichler, nachdem er mich untersucht und abgehorcht hat, aufzustehen, und nach zwei weiteren Tagen bittet er mich, in sein Sprech- zimmer zu kommen- ein kleines, helles Stübchen. Ich 118 bin auf die U: sproch „Ihm Arzt|ı fest g darüb „Ich t „Jch ı keine kanns „Im sein.“ Stichl weist Gum: krem „Du teile: Prits " ausg: habe ich S übrig ist ni merk: und kränl wirkl und‘ Ich| zurü mach bin aufgeregt und freue mich. Wahrscheinlich soll jetzt die Unterredung stattfinden, von der Valentin ge- sprochen hat. „Ich möchte dich gern zum Sanitäter machen“, sagt der Arzt leise, nachdem er sich mit dem Rücken gegen die fest geschlossene Tür gestellt hat.„Wie denkst du darüber?“ „Ich bin einverstanden.“ „Ich muß dich darauf aufmerksam machen, daß es keine leichte Arbeit ist... Und für manche Dinge kannst du schwer bestraft werden.“ „Im Konzentrationslager muß man auf alles gefaßt sein.“ Stichler macht eine warnende Handbewegung. Dann weist er auf einen niedrigen Schemel und zieht einen Gummischlauch aus der Tasche seines Kittels. Ich kremple den Ärmel hoch. „Du wirst zusätzliche Suppen- und Brotportionen aus- teilen. Petrenko wird dir vorher die Nummern der Pritschen bezeichnen. Das alles muß so geschehen, daß es niemand merkt— Willi belauert häufig die Essen- ausgabe. Vor dem Spanier brauchst du keine Angst zu haben. Diesen Teil deiner Arbeit hatte ich im Sinn, als ich sagte, du könntest schwer bestraft werden. Alles übrige— das Aufräumen und das Geschirrabwaschen— ist nicht schwer. Ich möchte dich noch auf etwas auf- merksam machen: Ich werde zuweilen herumnörgeln und dich anschreien- nimm das alles hin, ohne ge- kränkt zu sein; niemand darf eine Ahnung von unseren wirklichen Beziehungen haben. Geh auf deinen Platz und warte, bis Willi dich ruft.“ Ich kehre ein bißchen enttäuscht zu meiner Pritsche zurück- ich soll also im Grunde genommen das gleiche machen, was ich als Torwärter getan habe. Offenbar 119 gibt es entweder keine illegale Organisation- man hilft den Menschen einfach, weil das Gewissen es einem befiehlt-, oder man schenkt mir kein Vertrauen. Eines ist so betrüblich wie das andere. Und trotzdem freue ich mich. Willi ruft mich gleich nach dem Appell zu sich. Er riecht nach Alkohol. Seine kleinen, geröteten Augen blitzen wütend. „Du bist Russe?“ „Ja“ „Ich hasse die Russen.“ Ich schweige. „Warum sagst du nichts? Ich habe mit dir zu reden.“ „Bitte sehr.“ „Du denkst, die Russen haben die Deutschen besiegt? Nein... In fünfzehn Jahren greifen wir wieder zur Waffe. Der deutsche Geist ist unbesiegbar.“ „Ich interessiere mich nicht für Politik.“ „Du lügst... Ihr lügt alle.“ Ich zucke die Achseln. Willis Augen schweifen zut Tür, er rülpst und sieht mich wieder feindselig an. „Stichlee hat vorgeschlagen, dich zum Sanitäter zu machen. Ich hasse die Tschechen, aber.... Stichler achte ich: Er ist'eine starke Persönlichkeit. Außerdem habe ich dich geboxt, als du Fieberphantasien hattest. Ich habe dir unrecht getan. Und ich bin einverstanden— du wirst Sanitäter. Du kannst gehen.“ Am Morgen bringt Petrenko mir eine kurze Jacke, Beinkleider und neue Schuhe mit Holzsohlen. Wir reinigen die Zementfußböden im Krankensaal, im Waschraum und im Sprechzimmer. Beim Blockältesten und beim Schreiber räumt Ali Baba auf. Dann schleppen Petrenko und ein griechischer Aufräumer auf Tragbahren von Segeltuch die Leichen der in derNacht Gestorbe' wir, den treuen di Baba die das sind doppelte Zwei Stı werden\ nommen. ken in se zu sich. noch ein. Unmerkl Kübel m Dann sa bei unse von sein viel ich trau ihn Ich dan! mir ein Vor der den Kr dächtnis Nachba schönen fragen, lager ge die Kar unter q und sa, hat, fe Kopf, eh a d - man trauen. otzdem ich. Er Augen Gestorbenen aus der Baracke..Bald darauf beginnen wir, den Kaffee auszugeben. Der Grieche und ich be- treuen die eine Hälfte des Saales, Petrenko und Ali Baba die andere. Petrenko nennt mir vier Nummern- das sind die Leute, denen ich zum Mittagessen eine doppelte Portion bringen soll. Zwei Stunden darauf werden Neue eingeliefert. Sie werden vom Arzt und vom Schreiber in Empfang ge- nommen. Stichler geht mit den Karteikarten der Kran- ken in sein Zimmer. Nach einiger Zeit ruft er Petrenko zu sich. Als Petro wieder herauskommt, nennt er mir noch eine weitere Nummer. Unmerklich wird es Mittag. Oleg bringt wieder den Kübel mit der Suppe. Er schüttelt mir lange die Hand. Dann sagt er:„Euer Blockältester war gestern abend bei unserem Schreiber, um Karten zu spielen. Er hat von seinem neuen russischen Sanitäter gesprochen. So- viel ich verstehen konnte, kann er dich nicht leiden, trau ihm also nicht über den Weg.“ Ich danke ihm für den Rat. Zum Abschied steckt Oleg mir ein Päckchen in die Tasche. Vor der Ausgabe des Mittagessens mache ich mich mit den Kranken bekannt, deren Nummern ich im Ge- dächtnis behalten soll. Es stellt sich heraus, daß mein Nachbar unter ihnen ist,.der ältere Franzose mit dem schönen Gesicht. Ich habe große Lust, diese Leute zu fragen, wer sie sind und wie sie ins Konzentrations- lager gerieten: Aber das geht leider nicht, und'ich bitte die Kameraden nur, den ersten Napf möglichst schnell unter der Decke zu verstecken. Der Franzose lächelt und sagt„merci“, der Italiener, der sehr traurige Augen hat, neigt zum Zeichen des Einverständnisses seinen Kopf, der junge Pole sagt schnell„dobrze, dobrze“, ein grauhaariger, streng aussehender Deutscher 121 antwortet mir auf russisch„choroscho“. Der Neue, ich weiß nicht, ob er Belgier oder Holländer ist, versteht zuerst gar nichts. Dann dankt er mir leidenschaftlich auf deutsch und nennt mich„mein Freund“. Zu meinem Glück wird Willi zum Oberarzt gerufen, als ich mit der Ausgabe der Suppe beginne. Es gelingt mir, meinen Auftrag auszuführen. Nachdem wir die Näpfe ausgewaschen haben, setzen Petrenko und ich uns hin, um zu essen. Erst da fällt mir wieder das ‚ Päckchen in meiner Tasche ein. „Was ist das?“ fragt Petro interessiert. Als er gekochte Kartoffeln erblickt, schluckt er krampfhaft.„Willst du sie nicht dem Franzosen bringen?“ sagt er, ohne mich anzusehen. Ich trage sie sofort hin. Nun schaue ich durch das: Fenster auf die rote Wintersonne und fühle mich glücklich. Re) Am nächsten Tag um die Mittagszeit setzt sich Willi mitten im Krankensaal breitbeinig auf einen Schemel. Er stützt die Arme auf die Knie und beobachtet die Vorbereitungen’zur Essenausgabe. Mich sieht er nicht an, aber ich fühle, daß er mich besonders beobachten will. Wie soll ich heute meine Aufgabe ausführen? Der Spanier hebt den Deckel von dem Kübel. Petrenko, Ali Baba, der Grieche und ich nehmen in jede Hand einen leeren Napf. Willi läßt einen forschen PAff ertönen. Petro stellt dem Spanier den ersten Napf hin. Ich trage die Suppe mit größter Vorsicht; weiß ich doch, wie kostbar jeder Tropfen davon ist. Der 122 Blockälte meine SC zurück. Inmer d wieder z reihe, in für die< Er schie Polen d dann ei älteste 2 einiger der in< Pritsche, halten ı Slawen. gezeichr Ich stec Näpfe: sein Es Portion Deutsch reißt er unter,| dann; gleicher halten demBe gleich; Reihe Kaum hinauf Dieses belust; Blockälteste kommandiert:„Schneller!“ Ich beschleunige meine Schritte und komme als erster wieder zum Kübel zurück. Willi ärgert sich:„Vordrängen gibt's nicht! Immer der Reihe nach.“ Ich lasse Petrenko vor und trage wieder zwei gefüllte Näpfe fort- zur mittleren Kojen- reihe, in der zwei ältere Polen liegen. Als ich Suppe für die dritte Reihe bringe, steht Willi im Durchgang. Er schiebt mich mit dem Arm beiseite und reißt den Polen die Decke fort. Ich reiche einem Tschechen und dann einem Deutschen ihren Napf hin. Der Block- älteste zieht dem Tschechen die Decke herunter. Nach einiger Zeit ergreift er die Decke eines Jugoslawen, der in der untersten Reihe liegt, und blickt unter seine Pritsche. Ich entdecke ein bestimmtes System im Ver- halten des Blockältesten: Er geht mir nach, wenn Slawen an der Reihe sind, ihr Essen zu erhalten. Aus- gezeichnet... Der nächste ist der schöne Franzose. Ich stecke ihm- mag kommen, was da will- zwei Näpfe auf einmal zu. Jetzt muß ich dem jungen Polen sein Essen geben... Ich reiche ihm erst einmal eine Portion und gebe die andere dem streng aussehenden Deutschen. Willi läßt mich zum Kübel durch, dann reißt er schnell dem jungen Burschen die Decke her- unter. Sehr schön. Ich trete ein wenig auf der Stelle, dann gehe ich mit beschleunigtem Schritt zu dem gleichen Durchgang— der Pole und der Deutsche er- halten jeder ihre zweite Portion. Dem Italiener und dem Belgier, die meine Schützlinge sind, gebe ich jedem gleich zwei Näpfe. Neben dem Bulgaren in der oberen Reihe halte ich mich absichtlich etwas länger auf. Kaum gehe ich von ihm fort, da klettert Willi zu ihm hinauf. Dieses Katze-und-Maus-Spiel beginnt mich direkt zu belustigen. Ich amüsiere mich großartig— die Gefahr 123 ist für mich schon vorüber. Willi ist von stiller Wut erfüllt, das sieht man an seinen Bewegungen. Eine überzählige Portion bleibt. in meiner Hand. Um dem Blockältesten meine„Ehrlichkeit“ zu beweisen, bringe ich sie feierlich zurück. Willi spießt mich mit seinen Blicken auf. „Warum hast du eine überzählige Portion?“ „Ich weiß nicht, Herr Blockältester, vielleicht habe ich mich wieder vorgedrängt....“ Der Blockälteste reißt mir den Napf weg und gießt die Suppe in den Kübel. „Mensch, du bist ein Idiot“, versichert er mir mißmutig und schleudert den leeren Napf zu Boden. Nachdem wir das Geschirr von den Pritschen ein- gesammelt und in den Waschraum gebracht haben, gehe ich mit Petrenko in unsere Ecke. Er ißt ohne Hast, schweigend und mit ernstem: Gesicht. Ich würde ihn schrecklich gern fragen, wer er ist und woher er stammt, aber ich fürchte, er könnte das als überflüssige Neugier auslegen, und schweige eben- falls. Als Petro aufgegessen hat, wischt er sich mitdem Hand- rücken die Lippen und sagt:„Der Blockälteste kann dich nicht ausstehen. Ich glaube nicht, daß du dich lange halten wirst.“ „Was mache ich denn falsch?“ „Siehst du, er mag Leute gern, die unterwürfig sind, aber du gibst ihm immer Antworten... Bist du denn nicht schlau genug, um das zu sehen?“ Ich äußere die Vermutung, daß Willi sich für seine Niederlage bei dem Zusammenstoß mit dem Arzt an mir rächen will. „Möglich, aber es ist sicher: Lange läßt er dich hier nicht arbeiten.“ 124 Petrenko: ich sei be ich nur d schüttelt Abends& besten, N hat, holt von Deu sammen schön, un die klare geistertes einemM: Gewaltti „Ein kür Er pfeif sätzen hi daß sie Schlafen auf sein ein exze hop!“ Alı Bab sich eine in unan; schallen man de: weil er Als die Paar B Virft er „Jetzt k Der Al Luft gi Petrenkos Prophezeiung verstimmt mich. Ich erkläre, ich sei bereit, stumm zu werden wie ein Fisch, wenn ich nur die begonnene Arbeit fortsetzen dürfe. Petro schüttelt mürrisch den Kopf. Abends gibt Willi wieder ein Konzertprogramm zum besten. Nachdem er den Spanier an die Tür gestellt hat, holt er aus der oberen Pritschenreihe eine Gruppe von Deutschen zusammen und singt mit ihnen zu- sammen ein altes Tiroler Volkslied. Das Lied ist sehr schön, und seine Worte gefallen mir gut. Ich höre auf die klare Stimme des Blockältesten, blicke in sein be- geistertes Gesicht und kann nicht begreifen, wie sich in einem Menschen Liebe zum Schönen so mit grausamster Gewalttätigkeit vereinigen kann. „Ein künstlerisches Pfeifsolo“, kündigt Willi an. Er pfeift ein paar Walzer, wobei er sich auf den Ab- sätzen hin und her wiegt und die dicken Lippen spitzt, daß sie eine Röhre bilden, dann stürzt er sich auf die Schlafenden und verprügelt sie. Nachdem er wieder auf seinen Schemel geklettert ist, schreit er:„Es folgt ein exzentrischer Tanz. Alle haben zuzusehen. Ali Baba, hopp!“ Ali Baba wirft seine Jacke und seine Hosen ab, stülpt sich eine Papiermütze auf den Kopf und beginnt, sich in unanständigen Bewegungen zu verrenken. Willi lacht schallend. Mir geht der Gedanke durch den Kopf, daß man den Alten wohl nur deshalb als Aufräumer behält, weil er sich nicht weigert, den Hanswurst zu machen. Als die Tänze beendet sind, holt der Blockälteste zwei Paar Boxhandschuhe aus seinem Zimmer. Das eine wirft er Ali Baba zu, das andere zieht er selbst über. „Jetzt kommt der sportliche Teil!“ verkündet er. Der Alte fällt immer wieder hin, die Beine hoch in die Luft gereckt, schneidet Grimassen und hüpft wie ein 125 E kämpfender Hahn. Er tut mir leid, es ist ihm anzu- sehen, daß er schon erschöpft ist. Aber Willi gerät immer mehr in Eifer. Er ist kein schlechter Boxer. Nach einem seiner harten Geraden stürzt Ali Baba stöhnend zu Boden und steht nicht mehr auf. Willi zählt bis neun. Der Alte bleibt liegen. „Weg mit dir, du alter Sack!“ ruft Willi zornig. Ali Baba streift schweigend die Handschuhe ab, ver- zieht seine blau gewordenen Lippen zu einem müh- samen Lächeln und schleicht zu seinem Bett. „Wer will den Kampf fortsetzen?“ wendet sich Willi, der wieder auf den Schemel geklettert ist, an die Kranken. Selbstverständlich findet sich kein Bewerber. Der Blockälteste sieht erstaunt und gekränkt aus wie ein Kind, dem man unverdient ein interessantes Spielzeug weggenommen hat. Jetzt wirkt er auf mich wie ein Schwachsinniger. „Wer will sich mein Wohlwollen erwerben? Bitte an- zutreten!“ ruft er. Niemand meldetsich. Ich stehe von meiner Pritsche auf. „Du?“ „jasz „Ali Baba, binde ihm die Handschuhe fest. Schnell!“ Ich habe mich im letzten Jahr vor dem Kriege in der Jugendsektion mit Boxen beschäftigt. Unter meinen Altersgenossen galt ich als einer der Stärksten. Aber was würde ich jetzt leisten?... Ich nehme Kampfstellung ein und tauche unter einem Geraden von Willi weg. Aber er beginnt stürmisch an- zugreifen, führt einen Geraden gegen meinen Kopf, dann einen zweiten und einen dritten. Nach drei Minuten bin ich nahe daran, zu Boden zu gehen wie Ali Baba, doch mich rettet das Läuten der Glocke. 126 „Der Gon Großartii Einverstat „Bitte seh: Am Morg brotration. dreifache| Appell sc und seine zum Train Von diese Ih weiß zusätzliche zufrieden Bere überdrüss holt er di meine Fr. antwortet Baba brir befördere genug ge} „Here Bl: tanzen, „Warum »lch kanr FF„Aber id F Ic fasse eine Ohr eleiches 1 EEE where ae 13 % „Der Gong!“ ruft der Blockälteste freudig erstaunt. „Großartig! Wir setzen die Sache morgen abend fort. Einverstanden?“ „Bitte sehr“, antworte ich. Am Morgen belohnt mich Willi mit einer Extra- brotration. Beim Mittagessen ordnet er an, mir eine dreifache Portion Suppe zu verabfolgen, und nach dem Appell schlägt er mir vor, ich solle seine Sporthosen und seine ledernen Sportschuhe anziehen und mich zum Training fertigmachen. Von diesem Abend an bin ich stets voll blauer Flecken. Ich weiß nicht, wie lange ich physisch durchhalten werde, aber moralisch fühle ich mich so wohl wie noch nie. Meine Schützlinge erhalten ohne jedes Risiko ihre zusätzlichen Portionen. Stichler und Petrenko sind sehr zufrieden mit mir. Aber es kommt der Tag, an dem Willi des Boxens überdrüssig wird. Eines Abends, kurz vor Neujahr, holt er die Handschuhe nicht aus seinem Zimmer. Auf meine Frage, ob wir heute nicht trainieren würden, antwortet er:„Nein, heute werden wir tanzen. Ali Baba bringt dir den Hampelmanntanz bei, und dann befördere ich ihn ins Krematorium-— er hat lange genug gelebt... Zieh dich aus.“ „Herr Blockältester, ich werde den Hampelmann nicht tanzen.“ „Warum nicht?“ „Ich kann Keine Faxen machen.“ „Ali Baba wird es dir beibringen.“ „Aber ich will nicht.“ Ich fasse unwillkürlich an meine Wange. Er hat mir eine Ohrfeige gegeben. Leider kann ich ihm nicht mehr gleiches mit gleichem vergelten. „Jetzt ist's aus!“ schreit Willi.„Leg die Oberkleider ab und geh ins Bett. Du bist nicht mehr Sanitäter.“ Stichler kommt aus seinem Sprechzimmer geschossen, der Schreiber und der Friseur eilen herbei. „Was ist passiert?“ „Ich will diesen Kerl da nicht mehr als Sanitäter sehen.“ „Aber was ist denn vorgefallen?“ „Du sollst dich ausziehen, du Idiot! Hast du nicht ge- hört?“ Ich fasse nach meiner anderen Wange und werfe die Jacke ab. „Du bleibst Sanitäter“,.sagt Stichler gedämpft. Seine Lippen zucken.„Zieh dich aus und leg dich hin.“ Er wendet sich brüsk um und geht hinaus, ohne den Blockältesten eines Blickes zu würdigen. Nach ihm verschwindet auch Willi. Ich begebe mich.auf-‚meine Pritsche. Am nächsten Morgen, als alle Aufräumer bereits auf den Beinen sind, findet Willi mich im Bett und brüllt mich an:„Was soll das heißen?“ „Ich führe den Befehl aus.‘ „Hier bin ich der Herr! Ich gebe Pan und. ich widerrufe sie auch. Steh auf!“ Beim Mittagessen beobachtet er mich wieder. Diesmal zählt er die Näpfe, die ich erhalte. Als ich die letzte Portion aushändige, sagt er laut:„Siebzig“— und be- ginnt, die Kranken nochmals zu zählen. Ich gehe hinter ihm her. Petrenko folgt mir, und es gelingt ihm, un- bemerkt sechs leere Näpfe einzusammeln, die meine Schutzbefohlenen unter der Decke versteckt hatten. „Vierundsechzig“, sagt Willi drohend, während er von der letzten Pritsche springt.„Du hast sechs Portionen gestohlen, du Schuft!“ 128 Ein Sch Zähne.] heil, abı heruntet beim N: „Was It „Beim 2 Ein Sch „Denks ler" rn kommei Der Ar „Überze Dieb is Saalhäl unter( Matrat: mal seh immer vor ihn Es sind Alı Bal „Such, heute: Dienei „Sind| Der B schwin Zwei 7 appell feuchte blitat Der/ Kaum ; Sanitäter Ju nicht ge- | werfe die „ ohne den Nach ihm auf. meine Ein Schlag geht auf mein Ohr, ein zweiter in die Zähne. Ich fühle mit der Zunge hin— die Zähne sind heil, aber mein Mund ist voller Blut. Ich schlucke es herunter und sage:„Haben Sie sich nicht vielleicht beim Nachzählen geirrt, Herr Blockältester?“ „Was heißt beim Nachzählen?“ brüllt er. „Beim Zählen der Näpfe, die ich ausgetragen habe.“ Ein Schlag auf die Nase und noch einer aufs Ohr. „Denkst du vielleicht, ich kann nicht zählen?— Stich- ler!“ ruft er und sieht mich wütend an,„Stichler, kommen Sie her!“ Der Arzt erscheint. „Überzeugen Sie sich selbst davon, daß Ihr Gehilfe ein Dieb ist. Ali Baba, sammle alle leeren Näpfe aus der Saalhälfte des russischen Sanitäters ein! Such überall: unter der Pritsche, unter der Decke, unter der Matratze. Ich tue sofort das gleiche. Wir wollen doch mal sehen, ob der Herr Blockarzt seinen Liebling noch immer verteidigt, wenn ich jetzt siebzig leere Näpfe vor ihn hinstelle.“ Es sind natürlich vierundsechzig Näpfe. Willi schlägt Ali Baba ins Gesicht.. „Such, alte Schindmähre, oder ich befördere dich noch heute abend in die Totenkammer!“ Die neuerliche Suche ergibt nichts. Ali Baba weint laut. „Sind Sie fertig?“ fragt Stichler. Der Blockälteste wendet sich brüsk um und ver- schwindet in sein Zimmer. Zwei Tage darauf ruft Petrenko kurz vor dem Abend- appell eilig alle Aufräumer zusammen. Wir erhalten feuchte Lappen und Bürsten. Nach fünfzehn Minuten blitzt der Saal vor Sauberkeit. Der Appell wird schneller beendet als gewöhnlich. Kaum hat der diensthabende Blockführer die Baracke 129 verlassen, da öffnet sich die Tür von neuem, und Willi brüllt mit der ganzen Kraft seiner Lungen:„Achtung!“ Alles erstarrt: Die Kranken liegen mit ausgestreckten Beinen und hochgehobenem Kopf da; der Arzt, der Schreiber und der Friseur stehen mitten im Zimmer stramm, Petrenko, Ali Baba, der Grieche und ich in einer Reihe bei der Tür des Waschraums. Ein sehr langer und magerer SS-Offizier betritt die Baracke- der Chefarzt Trüber. Er hat eine dünne, lange Nase mit sehr schmalen Nüstern. Hinter ihm er- scheint ein anderer eleganter und noch junger Offizier, der sympathisch aussieht— es ist sein Gehilfe. Als letzter tritt der Oberarzt Wislozki ein, ein dicker, un- nahbar wirkender, ruhiger und gewichtiger Mann. Die Offiziere nehmen die Mäntel ab und werfen sie dem Blockältesten zu. „Kittel!“ befiehlt Trüber. Eine Minute darauf sitzen alle drei am Tisch: Trüber und der junge Offizier auf Stühlen, Wislozki auf einem Schemel. „Die Liste“, sagt Trüber, der ein wenig durch die Nase spricht, und zieht ein Glasstäbchen aus der. oberen Tasche seines: Uniformrocks. Der Schreiber legt ein Blatt Papier mit den Nummern der einzelnen Kranken vor ihn hin, genauso ein Blatt reicht er Stichler. Dieser liest laut die erste Nummer ab. Petrenko flüstert mir zu:„Geh und bring ihn her. Ich führe einen hageren Slowenen an den Tisch. „Was hat er?“ näselt Trüber. Stichler nennt den lateinischen Namen der Krankheit des Slowenen. „Liegt er schon lange hier?“ „Vierundzwanzig Tage.“ 130 Trüber| rauhen F „Ein int Block$ Stichler junge O Ich füht Die Re die hoh Gehilfe Trüber berührt mit dem Glasstäbchen die unter der rauhen Haut hervorstehenden Rippen des Kranken. „Ein interessantes Exemplar. Schicken Sie ihn mir nach Block Sechs.“ Stichler macht einen Vermerk auf seinem Blatt. Der junge Offizier sagt:„Der nächste.“ Ich führe den Slowenen fort. Die Revision dauert zwei Stunden. Trüber wischt sich die hohe, blasse Stirn mit einem Tuch ab. Sein junger Gehilfe kann nur mit Mühe ein Gähnen unterdrücken. Wislozki sieht immer noch wichtig und unnahbar aus. Zwanzig Mann sollen ins Lager entlassen werden, vier kommen nach Block Sechs. „Wer ist noch übrig?“ fragt der Chefarzt und blickt auf die Uhr. „Die Sanitäter und die Aufräumer“, erwidert Stichler. „Sind es zuverlässige Leute?“ „Jawohl.“ Plötzlich steht Willi neben dem Tisch. Mir bleibt das Herz stehen. Willi klappt die Hacken zusammen. „Was ist?“ sagt Trüber. „Herr Obersturmführer, ich bitte, einen Sanitäter ins Lager zu entlassen, einen Russen.“ „Aus welchem Grunde?“ „Er ist völlig gesund, außerdem...“ „Stichler, was sagen Sie dazu?“ „Ich bin mit allen meinen Sanitätern absolut zufrieden. Ich möchte meinerseits dem Herrn Oberarzt Meldung davon machen, daß der Blockälteste Trudel von der Quarantäne-Baracke Schindluder mit dem Sanitäts- personal treibt.“ „Wislozki?“ „Wenn Herr Dozent gestatten, werde ich mir selbst Klarheit über diesen Konflikt verschaffen und dann 131 die Ehre haben, dem Herrn Obersturmführer über den Kern der Sache zu berichten“, antwortet der Oberarzt mit einem verbindlichen Lächeln und erhebt sich. Trüber nickt und steht auf. Der Schreiber kommt dem Blockältesten zuvor und hilft Trüber in seinen Mantel. Dem jungen Offizier wird der seine von dem Spanier gereicht. Willi bleibt nichts weiter übrig, als noch ein- mal die Kraft seiner Lungen zu demonstrieren und aus Leibeskräften„Achtung!“ zu schreien. A Am nächsten Tage benutzt Stichler einen Augenblick, in dem der Blockälteste nicht in der Baracke ist, und sagt zu mir:„Du siehst selbst, daß wir nicht länger zusammen arbeiten können, früher oder später würde Trudel dich erwischen.“ Sein Gesicht ist traurig, sein Lächeln weich und ein wenig schuldbewußt.„Wir müssen uns trennen. Du kommst von hier fort, aber nicht ins Lager. Wislozki hat eine andere Verwendung für dich, ich habe alles mit ihm abgemacht.“ „Danke.“ Stichler streckt mir seine Hand hin. Ich presse sie fest. „Du bist Kommunist, Sdenek?“ frage ich. Zum ersten- mal nenne ich den Arzt beim Vornamen. „Ja, Kostja.“ Nach dem Mittagessen verlasse ich die Quarantäne- Baracke. Draußen herrscht Frost, aber ich fühle die Kälte nicht. Mir ist innerlich sehr wohl nach den warmen Worten, die mir meine„Schützlinge“ zum Ab- schied gesagt haben: der schöne Franzose- ein Inge- nieur aus Paris-, der streng aussehende Deutsche- ein 1,7 Professo belgisch aus der mich de Nachde Leute f zimmer Sind| „ou fragt e „Aus I „Krieg Stepa Käpp -t über den T Oberarzt Professor aus Jena-, der italienische Geistliche, der belgische Arbeiter und der junge Pole, der ein Partisan aus der Gegend von Lublin war. Außerdem wärmt mich der Sweater, den mir Sdenek geschenkt hat. Nachdem Wislozki die zur Entlassung vorgemerkten Leute fortgeschickt hat, ruft er mich in sein Arbeits- zimmer. „Sind Sie aus der Ukraine oder aus Zentralrußland?“ fragt er in ziemlich reinem Russisch. „Aus Pskow.“ „Kriegsgefangener?“ „Nein „Sie haben offenbar die Schule besucht?“ „Ich habe 1941 die zehnte Klasse beendet.“ Der Oberarzt sieht mich mit einem kaum merklichen Lächeln an. Dann drückt er auf einen Knopf am Tischende. „Bring diesen jungen Mann in den Sonderblock zu Doktor Reschin“, sagt er auf polnisch zu dem in der Tür erscheinenden kleinen, pockennarbigen Sanitäter. „Auf Wiedersehen, Pokatilow.“ Und nun bin ich also in dem geheimnisvollen Sonder- block- im Block Nummer sechs. Äußerlich unter- scheidet er sich wenig vom Quarantäne-Block: die gleichen in drei Reihen übereinander angebrachten Kojen und das gleiche Halbdunkel; nur die Stille scheint hier noch bedrückender... Stepan Iwanowitsch empfängt mich. Er trägt ein weißes Käppchen und einen Kittel. Er drückt mir hastig die Hand, seine Stimme ist leise, beinahe gedämpft. „Ich bin froh, daß du hier bist, sehr, sehr froh“, sagt er, während er mich in sein Zimmer führt.„Du wirst viel Arbeit haben. Hier gibt es weder einen Block- ältesten noch einen Schreiber oder Friseur. Nur einen 133 Aufräumer, der gleichzeitig Pförtner ist. Jeden zweiten Abend arbeitet Trüber hier; ich bin sein Assistent. Über vieles hier wirst du anfangs erstaunt sein, aber rede über das, was du hören und sehen wirst, vor- läufig kein Wort. Das ist das erste. Und zweitens“— er reibt seine schlanken, beweglichen Finger—„ich weiß, womit du dich bei Stichler beschäftigt hast. Das gleiche wirst du hier machen, wir werden zusammen arbeiten. Ich gebe dir eine halbe Rasierklinge, versteck sie im Futter deiner Jacke. Es kann ein Augenblick kommen, wo du vor der Notwendigkeit stehst, dir das Leben zu nehmen. Ich werde dir zeigen, wie man das schnell und schmerzlos macht, sonst wird es zur Qual... Du kannst übrigens noch ins Lager zurück, wenn du willst.“ Er sieht mich durch seine Brillengläser aufmerksam an. „Ich bleibe hier“, sage ich. „Ich habe nicht daran gezweifelt.... Drittens: Du mußt in großen Zügen Bescheid über die Dinge wissen, mit denen Trüber sich hier beschäftigt. Mich läßt man hier nämlich nicht heraus...“ Wieder reibt Reschin seine schlanken Finger.„Er führt Experimente an Menschen durch. Du wirst einiges davon heute noch selbst sehen. Mir schenkt er bis zu einem gewissen Grade Vertrauen und berät sich sogar mit mir— er hat vor dem Kriege einige meiner Arbeiten gelesen... Also, Trüber will im Auftrage irgendwelcher höherer SS-Instanzen ein Ernährungsregime erarbeiten, bei dem Häftlinge, die schwere körperliche Arbeit leisten, zur festgesetzten Frist von selbst sterben. Vieles in seinen Forschungen ist Phantasterei: Er stellt zum Beispiel zur Zeit Unter- suchungen über die außergewöhnliche Lebenskraft von Menschen an, denen der Tod droht- er versucht, eine Erklärung dafür zu finden, daß Menschen entgegen allen Berechnungen am Leben bleiben. Ich wiederhole, 134 das is mand werd! man verti inten! ständ etwa zusti Opte } lau absu R Gen zweiten das ist Unsinn, aber es gibt in seinen Forschungen auch manches, was für uns alle tatsächlich verhängnisvoll in, aber werden kann. Er kommt zu der Schlußfolgerung, daß , VOr- man die Ernährungsrationen im Lager auf ein Drittel [lt verringern könne und daß die Häftlinge dabei ebenso intensiv arbeiten würden, vorausgesetzt, daß man sie ständig mit dem Tode bedroht. Man gibt offenbar etwas auf die Meinung Trübers. Wenn man ihm n Assistent, steck sie im zustimmt, bedeutet das Zehntausende überflüssiger ik kommen,- Opfer... Wir werden seine Berechnungen über den lass Lebazı” Haufen werfen, wir müssen es dahin bringen, daß sie absurd werden.“ Du kannst„Auf welche Weise, Stepan Iwanowitsch?“ willst“„Wir werden den Leuten zusätzlich Essen geben.“ erksaman.„Aber irgend etwas bekommen sie doch?“ „Nur jeden zweiten Tag, und nur Suppe... Wir werden s: Du mußt täglich drei oder vier Kranken zusätzlich Essen geben. Du wirst die Nahrungsmittel- Brot und sonst noch dies oder das- vom Sanitäter erhalten, von demselben, der dich hierhergebracht hat. Zuweilen werden wir allerdings genötigt sein, unser eigenes Brot aufzu- teilen...“ Ich sehe Reschin an. Er ist noch dünner als damals im Strafkommando, er sieht fast wie eine Mumie aus. Stepan Iwanowitsch fängt meinen Blick auf, ich werde verlegen. „Wenn du noch Fragen hast, dann stelle:sie bitte, nach- her wird zu Erklärungen keine Zeit mehr sein.“ Nach einem kurzen Zögern frage ich:„Stepan Iwano- witsch, handeln Sie aus eigener Initiative, als Mensch und als Arzt,oder...oder führen Sie einen bestimmten Auftrag aus?“ Reschin nimmt die Brille ab. In diesem Augenblick erinner: er mich stark an meinen Vater. „Du bist Komsomolze?“ Jar „Bereitet es dir Befriedigung, daß du guten, anstän- digen Menschen ihre Leiden erleichtern wirst?“ „Natürlich.“ Am Abend, nach dem Appell, erscheint Trüber im Block. Er nickt Stepan Iwanowitsch zu und geht durch den ganzen Krankensaal zu einer weißen Tür. Eine Minute darauf höre ich seine Stimme:„Professor!“ Reschin verschwindet in seinem Zimmer. Nach einer weiteren Minute werde ich gerufen. Ich betrete das Arbeitszimmer des SS-Dozenten nicht ohne Bangen. Trüber sitzt an einem großen Schreib- tisch, Reschin steht neben ihm. „Sind dir deine Obliegenheiten bekannt?“ fragt mich Trüber. „Zu Befehl. Der Professor hat mir alles erklärt.“ „Wislozki hat dich als den zuverlässigsten Sanitäter empfohlen. Du bist Russe?“ „Zu Befehl.“ „Dann wird es dir leichtfallen, den Professor zu ver- stehen... Was hast du vor dem Kriege gemacht?“ „Ich ging auf die Oberschule.“ „Bist du Soldat gewesen? Hast du den Eid geleistet?“ „Nein.“ „Gut,ich werde das nachprüfen.... Bring den Kranken Nummer achtzehn her. Professor, bitte die Karte Nummer achtzehn.“ Ich gehe in den Saal, suche die betreffende Pritsche und bitte auf deutsch den braunhäutigen Mann mit den tief eingesunkenen Augen, der darauf liegt, sich zu erheben. Er sieht mich mit ausdruckslosem Blick an. „Sie müssen aufstehen.“ 136 mandier öffne die Ich helt Schrank. Steuerra den Aug „Essen“ dem Ste Ja, ja „Ja, ja, is und ko Sekund ham.“ Mir sch „Ham, Steuerr „Ham, ham“, antwortet er. „Bitte, stehen Sie auf, ich helfe Ihnen.“ Ich hebe behutsam die Deckehoch und sehe ein Skelett, über das sich gelbe Haut spannt. Mir graust es. Ich überwinde mich und helfe dem Mann, sich zu erheben, dann führe ich ihn zu der weißen Tür und lege mir dabei seinen seltsam leichten Arm um die Schulter. Trüber stößt den Rauch seiner Zigarre aus und kom- mandiert:„Setz ihn auf den weißen Schemel da und öffne die Tür des Wandschranks.“ Ich helfe dem Mann, sich zu setzen, und öffne den Schrank. Darin ist ein eiserner Ring, der wie ein Steuerrad aussieht und auf einer Achse befestigt ist. In den Augen des Kranken schimmert ein gieriges Licht auf. „Essen“, sagt er und streckt die Knochenhände nach dem Steuerrad aus. „Ja, ja, du bekommst Zucker. Dreh nur“, sagt Trüber und kommt hinter seinem Tisch hervor.„Professor, zählen Sie.“ Der Mann beginnt langsam, das Rad zu drehen. Bei jedem Umlauf taucht auf dem Reifen zwischen seinen Händen ein roter Strich auf. Trüber blickt auf den Sekundenmesser. Der Mann stammelt:„Essen, ham, ham.“ Mir scheint wieder, alles sei nur ein böser Traum. „Ham, ham“, wiederholt der Kranke und dreht das Steuerrad. „Weiter, noch ein bißchen“, fordert der SS-Arzt. Dabei hält er ein Stückchen Zucker hoch. Der Mann ist bald erschöpft. Seine Bewegungen werden krampfig, seine Hände gleiten von dem Rad. „Stütze ihn“, sagt Reschin leise. Ich fange den Mann auf. Seine Augen verdrehen sich: Er ist ohnmächtig geworden. Stepan Iwanowitsch hält 157 ein Fläschchen mit Salmiakgeist vor sein Gesicht. Der Kranke kommt wieder zu sich. Trüber legt den Zucker auf den Tisch. „Gib ihm das und führ ihn fort.“ „Sieben Minuten, vierunddreißig Sekunden“, sagt Trü- ber, während ich den Kranken zur Tür führe.„Aus- gezeichnet. Wollen mal sehen, wie er sich in drei Tagen verhält.“ Ich lege den Mann auf die Pritsche. Er wiederholt unablässig:„Essen, ham, ham, essen, ham, ham“- und blickt mich mit stumpfsinnigen Augen an, die nichts sehen. Dann führe ich der Reihe nach noch drei Mann in Trübers Zimmer. Auch sie drehen das Rad, bis sie in einen ohnmachtähnlichen Zustand verfallen. Der letzte von ihnen, ein junger Serbe, hält die Folter zwölf Minuten lang aus. Trüber klopft ihm auf die Wangen, und als ich dem Mann vom Schemel hochhelfe, sagt er zu Reschin:„Hier ist mir das Bild nicht klar. Er müßte schon längst tot sein, aber hol’s der Teufel, er stirbt nicht. Wir wollen den Fall noch einmal überprüfen. Schreiben Sie ihn für die nächste Untersuchung auf und bereiten Sie die Analysen vor.“ Trüber geht genau um Mitternacht. Der Torwätter, ein zahnloser Deutscher, verschließt die Tür mit einem Riegel. Stepan Iwanowitsch und ich legen uns schlafen. Nach etwa zwei Stunden wache ich wieder auf. Vor mir steht der dunkelhäutige Mensch, der wie ein Skelett aussieht, und stammelt:„Ham, ham.“ Ich schüttle den Kopf- das Skelett verschwindet, aber mein Schlaf ist auch verschwunden. „Du mußt versuchen einzuschlafen“, sagt Reschin. „Denk an nichts.“ 138 ) | | ! Ich b Geda wo in „Hat ‚ja witsc Medi Am| Torw halbe wärte essen anzu‘ da v schla Man schlä Ic b das ı Tisd gläse trisc tisch Porz „Bri Ich Mar er\ ins! Ich bemühe mich, seinem Rat zu folgen und alle Gedanken aus meinem Kopf zu vertreiben, aber irgend- wo in der Tiefe meines Hirns tönt es immer weiter: „Ham, ham.“ „Ja, da ist nichts zu machen“, brummt Stepan Iwano- witsch, knipst das Licht an und gibt mir irgendeine Medizin ein. Am Morgen räume ich zusammen mit dem deutschen Torwärter auf, dann bringe ich jedem Kranken einen halben Napf heißes Wasser. Um zwölf geht der Tor- wärter zur Küche, um unser Mittagbrot zu holen. Wir essen im Zimmer Stepan Iwanowitschs, ohne einander anzusehen, dann befiehlt mir Reschin, mich hinzulegen, da wir nachts keine Möglichkeit haben würden, zu schlafen. Um sechs Uhr führt der diensthabende SS- Mann die Kontrolle durch. Als um zehn die Glocke schlägt, öffnet Reschin sein Laboratorium. Ich blicke mich um. Ein quadratisches kleines Zimmer, das ganz mit Kacheln ausgelegt ist. Auf dem kleinen Tisch neben der Tür ein hölzernes Gestell mit Reagenz- gläsern, ein Instrumentenkocher mit Spritzen, eine elek- trische Kochplatte; mitten im Zimmer ein Operations- tisch und zwei Schemel; an einer der Wände ein Porzellanbecken. Es riecht nach Spiritus. „Bring die Leute von gestern her“, sagt Reschin. Ich gehe wieder zur Pritsche Nummer achtzehn. Der Mann schläft. Ich nehme ihn vorsichtig auf die Arme- er wiegt nicht mehr als dreißig Kilo- und trage ihn ins Laboratorium. Reschin weist mich an, den Kranken auf den Operationstisch zu legen. „Wir geben ihm jetzt Glukose“, sagt Stepan Iwano- witsch und tritt mit- der Spritze an den Tisch. Der Mann schläft. Reschin fühlt seinen Puls und sieht mich an. »ErIsEtotS Ich trage den Körper auf Bett achtzehn zurück und verhülle ihn vom Kopf bis zu den Füßen mit der Decke. Dann suche ich nach dem Kranken mit der Nummer dreiundzwanzig. Aus dem Halbdunkel starren mich zwei schwarze, blitzende Augen unverwandt an. „Können Sie aufstehen?“ Der Ausdruck der Augen ändert sich nicht. Sie sind hart, und ich lese einen Vorwurf darin. „Ich helfe Ihnen.“ Der Kranke wendet sich ab. Ich hebe behutsam die Decke hoch. Seine Hände sind auf der Brust gekreuzt wie die eines Toten. Ich fasse ihn um die Schulter - der Mann gibt ein unterdrücktes Stöhnen von sich— und trage ihn fort. Der Kranke leistet schwachen Widerstand. „Es wird Ihnen nichts Böses geschehen“, flüstere ich ihm ins Ohr. Beim Anblick Reschins wird der Mann ruhig. Stepan Iwanowitsch spricht französisch zu ihm. Der Kranke streckt ihm gehorsam den hageren Arm hin. Reschin entnimmt Blut aus einem seiner Finger, dann spritzt er Glukose ein und flüstert mir zu:„Gib ihm Brot und ein bißchen Fett- es ist im Schreibtisch, in der rechten Schublade.“ Ich hole eine Ration trockenes Weißbrot und ein winziges Stückchen Speck aus dem Schreibtisch. Der Franzose riecht zitternd an dem Brot, seine Au- gen füllen sich mit Tränen. Er ißt so gierig, daß er würgt. Ich reiche ihm einen Becher Wasser. Er trinkt ihn in einem Zuge aus, dann sieht er mich gespannt an. „Mehr ist nicht da“, antworte ich und schlage die Augen nieder.„Gehen wir.“ 140 Als iı legen, gern. „Merı Der erhält fragt „ZWa „Has „Nei Als| zurüc drei der| aus] leg d Als den Prof zusa RT Als ich ihm helfe, sich auf seiner Pritsche zurechtzu- legen, berührt er meine Hand mit seinen kalten Fin- gern. der„Merci beaucoup, Towarisch.“ Der junge Serbe geht selbst ins Laboratorium. Auch er erhält eine Portion Glukose und ein Stück Brot. Reschin fragt ihn:„Wie alt bist du, Militsch?“ « Sie sind„Zwanzig. „Hast du eine Frau?“ „Nein, nein. Eine Mutter habe ich, eine Mutter.“ tsam die Als ich ihn wieder auf seinen Platz gebracht habe und zurückkehre, sagt Stepan Iwanowitsch:„Der Tote hat drei Töchter hinterlassen. Ein hervorragender Meister der Intarsienarbeit. Er war ein Landsmann von uns, aus Lwow, ein sehr guter Familienvater... Geh jetzt, leg dich schlafen.“ R Als ich die Tür hinter mir schließe, fällt mein Blick auf - den rasierten, silbern schimmernden Hinterkopf des Professors. Er sucht Krümchen aus der Schublade zusammen und steckt sie sich hastig in den Mund. Ich habe ein Gefühl, als ob mir ein dicker, heißer Klumpen - in der Kehle säße. 5 Regelmäßig jeden zweiten Tag treffe ich mich im Ambulatorium mit dem kleinen, pockennarbigen Sani- täter. Er geht mit mir in den Abort und übergibt mir Er wnk dort ein kleines Paket mit Lebensmitteln. Das Paket 2 stecke ich mir unter das Hemd, auf den Leib, so daß es vom Gürtel meiner Hosen festgehalten wird. Manch- hiage die mal begegnen mir SS-Leute, wenn ich zum Sonderblock S I4I gehe; aber es ist ihnen noch nie in den Sinn gekommen, mich zu durchsuchen, obgleich sie das strenge Regime des Sonderblocks kennen. Offenbar läßt die jämmer- liche Lazarettration es ihnen völlig ausgeschlossen erscheinen, daß die kranken Häftlinge ihren Kame- raden, mit denen die Versuche angestellt werden, irgendwelche Hilfe erweisen könnten. Wahrscheinlich rechnet auch Trüber damit. Ich denke häufig daran, welch großen Dienst die Feinde uns damit erweisen, daß sie an uns den eigenen Maßstab anlegen. Übrigens haben Trüber und seine Handlanger bis zu einem gewissen Grade recht: Die Versuchsobjekte des Sonder- blocks erhalten ihre zusätzliche Verpflegung selten auf Kosten anderer Kranker— die Lebensmittel kommen von den Ärzten, die von zu Haus Pakete erhalten. Leider reichen diese Lebensmittel jedesmal nur für kurze Zeit, und wenn sie zu Ende sind, müssen wir Sondermaßnahmen ergreifen. Ein solcher Augenblick tritt Ende Januar ein. Der kleine Sanitäter— er heißt Bogdan- zuckt, als wir uns zur gewohnten Zeit im Ambulatorium treffen, hilflos die Achseln. „Hast du etwa nichts?“ frage ich. Gar „Was soll nun werden? Die Leute sterben uns ja...“ Das pockennarbige Gesicht des Sanitäters verzieht sich gequält. Seine weißlichen Augenwimpern klappen ein paarmal rasch auf und nieder, er seufzt. Und dann kommt ihm plötzlich ein Gedanke. Er sagt schnell: „Czekaj— warte.“ Bevor er verschwindet, trägt er mir eine Arbeit auf- ich soll in einem Glasgefäß die Reagenzgläschen aus- kochen. Falls einer von den SS-Leuten ins Zimmer käme, würde er mich so in Frieden lassen. Ich muß 142 ziemli begin! vorsic flüsteı sind 2 „Für' „Sind „Viell „Neit „Na Wenn ist, de Das Trepr komm Bogd: aus d Meßg ein] Flasc „Glei mit d Zwei „Bog „Was „Abe Bogd „Dul Das{ „Man Aber en, ziemlich lange auf Bogdan warten. Sein Ausbleiben me"beginnt mir schon Sorgen zu machen. Endlich höre ich ler- vorsichtige Schritte in dem kleinen Korridor, dann sen flüstert jemand auf deutsch:„Aber zweihundertGramm me- sind zuviel.“ „Für vier Portionen?!“ „Sind doch Lazarettportionen, Mensch!“ „Vielleicht willst du doch lieber zehn Mark?“ „Nein, nur Brot.“ „Na gut, ich bringe es gleich. Aber ohne Schwindel. Wenn auch nur ein Tröpfchen Wasser in dem Alkohol ist, dann kannst du was erleben.“ Das Flüstern bricht ab. Ich gehe ans Fenster. Die ner Treppenstufen, die zur Tür des Ambulatoriums führen, ten, kommt Willi heruntergesprungen. für Bogdan nimmt schweigend eine Flasche mit Alkohol wir aus dem Glasschrank und füllt etwas davon in ein Meßglas. Aus dem Meßglas gießt er den Alkohol in Der ein Flakon mit Glasstöpsel. Dann füllt er in die Mn Flasche Wasser nach. £los„Gleich wir haben die Sache“, sagt er zu mir und geht mit dem Flakon auf den Korridor. Zwei Tage darauf wiederholt sich die Szene. „Bogdan, hilf uns.“ „Was ich kann machen, Mann? Nix da.“ „Aber denk doch an die Menschen...“ Bogdan seufzt. „Du hast doch noch Alkohol.“ Das pockennarbige Gesicht verzieht sich. „Mann... Denkst du, ich habe Laden?“ = Aber er überlegt, und nach einigen Augenblicken sagt en.„@zekaj Wieder wird Wasser in die Flasche nachgefüllt. Ich z habe einige Gewissensbisse- es kann sein, daß Bogdan 143 die Sache schlecht bekommt; aber ich beruhige mich mit dem Gedanken, daß erstens die Kranken wieder Hilfe erhalten, und zweitens ist es wenig wahrscheinlich, daß Trüber oder sein Gehilfe selbst die Qualität des Alkohols in der Flasche kontrollieren. Nach abermals zwei Tagen bin ich genötigt, Reschin zu berichten, daß Bogdan keine Lebensmittel mehr hat. „Macht nichts, das kommt schon in Ordnung“, sagt er leise.„Einstweilen werden wir’s mit unseren eigenen Beständen schaften. Nicht wahr?“ Für mich ist der Gedanke, eine Zeitlang hungern zu müssen, nicht schrecklich, aber ich habe Angst um den Professor: Er ist sehr schwach. „Stepan Iwanowitsch, wollen Sie mir nicht gestatten...? Ich glaube, ich könnte dies oder jenes beschaffen.“ „Wie denn?“ „Ich gehe zu Oleg.“ „Nein, nein. Oleg hat seine eigenen Sorgen. Wir müssen eben versuchen, selbst irgendwie zurechtzu- kommen.“ Nach dem Appell teilen wir unser Brot in vier Stücke. Ich bringe es den Kranken. Stepan Iwanowitsch spritzt mir Glukose ein, er selbst kann sich kaum auf den Beinen halten. Ich gebe mir das Wort, dem Professor niemals mehr etwas über Schwierigkeiten mit der Be- schaffung des Essens zu erzählen. Die folgenden beiden Wochen versorgt mich Bogdan gut. In einem der Pakete entdeckte ich ein Glas mit Schweineschmalz, und ohne lange zu überlegen, ver- berge ich es. Stepan Iwanowitsch ist erstaunt, als er bemerkt, daß die Suppe in seinem Napf auf einmal Fettaugen hat. Ich schweige. Die Zeit unseres Wohlstands geht schnell vorbei, wieder kommen schwarze Tage. Als ich zum drittenmal bei 144 „Das Frage „Man daß d Drei latoriı ihm. E wechs „Nein „Du! Ohne mona Morg einer fallen kalt. wiedk Alper Es wi Noch leben Ihz Vere eben brau Stolz jtücke, spritzt f den jfessor er Be- er dem kleinen Sanitäter erscheine, um Opfer von ihm zu fordern, finde ich ihn unerwartet in guter Stimmung. „Komm... auf Klosett.“ „Sind Pakete angekommen?“ „Nein.“ Das Päckchen faßt sich warm an. „Was ist da drin, Bogdan?“ „Kartoffeln.“ „Das kommt wohl von dem Russen, von Oleg?“ Die Frage entschlüpft mir unwillkürlich. „Mann“, sagt der Sanitäter vorwurfsvoll.„Geh, mach daß du fortkommst, aber schnell.“ Drei Tage darauf stoße ich im Korridor des Ambu- latoriums auf Oleg. Jetzt ist mir alles klar. Ich danke ihm. Er senkt die Augen und sagt:„Laß uns die Plätze wechseln, Kostja.“ „Nein.“ „Du bist also zufrieden?... Ich verstehe dich, Kostja.“ Ohne daß ich es merke, vergeht der letzte Winter- monat. Der März beginnt mit sonnigen Tagen. Des Morgens überzieht leichter Frost die Schneewehen mit einer Glasur, mittags hört man überall das Geräusch fallender Tropfen, doch abends wird die Luft wieder kalt. Der Nadelwald leuchtet in hellem Grün, und wieder funkeln in der klaren Ferne die Gipfel der Alpen, daß die Augen schmerzen, wenn man hinblickt. Es wird Frühling. Neue, kühne Hoffnungen erwachen. Noch stärker wird der Wunsch, tätig zu sein, zu leben. Ich zweifle nicht mehr daran, daß es im Lazarett eine Vereinigung der Antifaschisten gibt. Wenn man auch ebensowenig wie früher das Wort„Organisation“ ge- braucht— die Hauptsache ist, sie existiert, und ich bin stolz darauf, daß ich ihr angehöre. Ja, es erfüllt mich 145 mit großer Freude, daß unser Bund nicht selten stärker ist als der Feind. ... Mitte März wird eine allgemeine Untersuchung der Kranken angesetzt. Alle, die noch im geringsten arbeits- fähig sind, sollen ins Lager entlassen werden. Ich erfahre davon aus einem Gespräch Reschins mit Wis- lozki/der angeblich mit der Absicht in den Sonderblock gekommen ist, hier die sanitären Verhältnisse zu über- | prüfen. Ich sitze auf einem Schemel an der Tür zum \ Zimmer Stepan Iwanowitschs und kann jedes Wort verstehen, das drinnen gesprochen wird. „Nein, ich wiederhole, das Hilfspersonal wird von der Untersuchung nicht betroffen“, sagt Wislozki,„aber das ist nicht ein Viertel der Leute, die wir schützen müssen. Das Unglück ist, daß unsere Leute besser aussehen als die anderen, und von denen, die nicht Dystrophiker sind, dürfen nur Leute mit einer Infektionskrankheit hierbleiben.“ „Ich könnte Ihnen etwas vorschlagen“, sagt Reschin leise,„ein Mittel, das ich aus der Praxis der Lazarette in den Kriegsgefangenenlagern kenne. Ich weiß nur nicht, wie weit. sich das unter unsern Verhältnissen durchführen läßt... Ich meine die Krätze, besser gesagt, die vorgetäuschte Krätze. Das ist sehr einfach zu paarmal nicht sehr tief in den Arm und reibt dann diese Stellen mit gewöhnlichem Kochsalz ein. Dadurch bilden sich rote Flecken und kleine Bläschen, die stark an Krätze erinnern.“ „Hm... Wissen Sie, das ist eine Idee... Ich versuch’s mal. Ich riskiere dabei allerdings, wegen der Krätze- kranken in Ungnade zu fallen, aber was bleibt mir weiter übrig. Ich versuche Ihr Mittel unbedingt mal“, antwortet Wislozki. 146 machen: Man sticht sich mit einer spitzen Nadel ein. Als e wichti, bei se nicker Der e heran Morg Unras und zusan Nach die( aufzu zufüc umhe zu Bo heil s „Rea für u nicht Trüb komt Neb: einar Tür, „Wa „Der „Der Wisl Zim Bogd der Er y Zim; Als er das Zimmer verläßt, nimmt er wieder seine wichtige Miene an und würdigt den Torwärter, der bei seinem Näherkommen aufspringt, kaum eines Kopf- nickens. Der erste Tag der allgemeinen Untersuchung kommt heran. Stepan Iwanowitsch wandert seit dem frühen Morgen im Krankensaal herum und ist von tiefster Unrast erfüllt. Nachdem ich den Fußboden aufgewischt und heißes Wasser ausgegeben habe, trage ich zu- zusammen mit dem deutschen Torwärter zwei in der Nacht Gestorbene in die Totenkammer. Wir benutzen die Gelegenheit, um uns möglichst lange im Freien aufzuhalten, und kommen erst nach etwa einer Stunde zurück. Reschin irrt noch immer wie ein Gehetzter umher. Als die Mittagszeit herankommt, sagt er:„Geh zu Bogdan und frage ihn, ob alle unsere Reagenzgläser heil sind.“ „Reagenzgläser“— das ist die verabredete Bezeichnung für unsere Leute, das weiß ich bereits. Ich finde Bogdan nicht im Sprechzimmer. Durch das Fenster sehe ich Trüber und Wislozki aus der Quarantäne-Baracke kommen, also ist die Untersuchung dort schon vorüber. Neben dem Ambulatorium verabschieden sie sich von- einander. Ich stelle mich in strammer Haltung an die "ur. „Was tust du hier?“ fragt der Oberarzt. „Der Professor hat mich zu Ihrem Sanitäter geschickt.“ „Der Sanitäter wird in ein paar Minuten hier sein.“ Wislozkis Miene ist undurchdtringlich. Er geht in sein Zimmer und läßt die Tür halb offen. Bogdan kommt mit zwei Näpfen. Offenbar war er in der Küche. Ich frage ihn nach den„Reagenzgläsern“. Er weiß noch nichts darüber. Wislozki ruft ihn in sein Zimmer, Bogdan verschwindet hinter der Tür. Als er 147 wiederkommt, berichtet er, daß zwei„Reagenzgläser“ zerbrochen seien. Mit dieser Nachricht kehre ich in unsere Baracke zurück. Der Torwärter steht nicht beim Eingang: Wahr- scheinlich ist er fortgegangen, um unser Mittagessen zu holen. Schon von der Schwelle her höre ich aus Reschins Zimmer die gereizte Stimme Trübers— er ist bisher noch niemals am Tage in den Sonderblock gekommen... Sicherlich hat er meine Abwesenheit bemerkt. Was soll ich jetzt zu ihm sagen? Wie hat ihm der Professor mein Fortsein erklärt? Die Sache ist doch nicht etwa schief- gegangen? Entschlossen trete ich in Stepan Iwanowitschs Zimmer. Ich öffne unbekümmert die Tür, als ob ich nicht wüßte, daß Trüber da ist. Dann stehe ich stramm, die Hände an der Hosennaht, und frage Reschin auf russisch: „Soll ich sagen, daß ich Analysen holen gegangen bin?“ „Ja. Aber du darfst in Gegenwart des Herrn Ober- sturmführers nur deutsch sprechen“, erwidert Reschin streng in deutscher Sprache und setzt,zu dem SS-Offizier gewandt, hinzu:„Die Analysen werden rechtzeitig fertig sein, Herr Chefarzt.“ Ich atme erleichtert auf. Trüber blickt mich durch- dringend an. Er ist offenbar schlechter Laune. Bei Tageslicht sieht sein Gesicht grünlich aus. „Ich verstehe nicht ganz, weshalb Sie so um die recht- zeitige Fertigstellung der Analysen besorgt sind, Herr Professor“, sagt er gedehnt und, wie immer, durch die Nase. „Es ist mein System, stets alles rechtzeitig zu kontrol- lieren, Herr Obersturmführer.“ „Hier herrscht ein anderes System. Ich schicke alle Laboranten Wislozkis in den Steinbruch, wenn sie meine Aufträge nicht fristgemäß ausführen. Das wissen 148 die Le fessor. „Zu Bi Trübeı „Mir g darf e ohne 2 „Aber. „Sie h Resch; „Schic einen. mit mi „ZuB „Ich b überw etwas kanns Als ic wie€ Sollte wird jetzt z die Leute, und Sie sollen das auch wissen, Herr Pro- fessor.“ „Zu Befehl.“ Trüber blickt wieder zu mir hinüber. „Mir gefällt das Benehmen Ihres Sanitäters nicht. Wie darf er es sich erlauben, in Ihr Zimmer zu kommen, ohne anzuklopfen!“ „Aber, Herr Obersturmführer...“ „Sie haben Einwände?“ Reschin schweigt. „Schicken Sie ihn zu Wislozki zurück und fordern Sie einen anderen Gehilfen an, möglichst einen Deutschen mit medizinischen Kenntnissen.“ „Zu Befehl.“ „Ich bin auch mit Ihnen persönlich unzufrieden. Dar- über werden wir später sprechen. Bei uns stimmt irgend etwas nicht, aber warten wir damit bis nachher... Du kannst gehen.“ Als ich die Tür hinter mir geschlossen habe, bleibe ich wie erstarrt stehen. Sollte Trüber einen Verdacht gefaßt haben?... Was wird dann aus Stepan Iwanowitsch? Und was wird jetzt aus mir? 6 Wieder stehe ich vor Wislozki in seinem Zimmer. „Sie werden im Totenhaus arbeiten, Pokatilow. Ich mache Sie jetzt mit dem Oberschreiber des Lazaretts bekannt. Sie werden ihm unterstellt sein.“ Er drückt auf den Klingelknopf. „Hol den Oberschreiber her.“ Der Oberschreiber, ein großer Mann mit dichten, roten Augenbrauen, streckt mir freundlich die Hand hin: „Otto Schlegel.“ „Der Oberschreiber wird Ihnen Ihre neuen Obliegen- heiten erklären“, sagt Wislozki.„Leben Sie wohl.“ Zusammen mit dem Schreiber verlasse ich das Ambu- latorium. Wir patschen durch Wasser, Die Luft ist neblig. Bei der Quarantäne-Baracke kommt uns ein SS-Mann entgegen. Schlegel nimmt schnell die Mütze ab, preßt sie gegen die Hüfte und streckt das Kinn vor. Ich sehe ihn erstaunt von der Seite an. Er ist doch ein alter politischer Gefangener. Schlegel fängt meinen Blick auf und lächelt belustigt. Nachdem wir ein paar Schritte weitergegangen sind, sagt er:„Idiotische Gewohnheit, nicht wahr?“ Er gefällt mir- offenbar gehört er zu den Menschen, die man seelisch nicht verkrüppeln kann. Ich bin irgend- wie überzeugt davon, daß er Kommunist ist, ehe- maliger Rotfrontkämpfer. Zudem sieht er aus wie ein Seemann. „Sie sind sicher aus Hamburg?“ frage ich ihn, als wir beim Totenhaus angelangt sind. i „Jawoll“, antwortet er.„Aber sage bitte nicht ‚Sie‘, sondern ‚du‘, der Altersunterschied spielt keine Rolle.“ Die Tür zum Totenhaus steht halb offen. Wir steigen in den Keller hinab. „Schalte das Licht ein“, sagt Schlegel laut. Ich höre sich nähernde Schritte, dann das Knipsen eines Schalters. Vor uns steht ein dicker, blaßgesichtiger Mann im dunklen Kittel. „Guten Morgen, Helmut.“ „Guten Morgen.“ „Übergib ihm deinen Posten. Du kommst in den Sonderblock.“ 150 ie “ „Gut. Dieser Mensch stets an chen sc schweig Wort s Reschit „Wie ı „Achtz „Sind| „Nein, „Geh allein.‘ Wir ge niedrig riecht ein Kl Tisch, lator I Sperr! platte, Wir se Spirale et. B ‚a. N „Wofi „Dafü „Man Ich a „Gib das S ler k} Auch in den En ERNEUTEN nn 0 322 Sn 2 a ln nn 2= 20 2.25 aut Dieser Helmut ist mir immer als der unzugänglichste Mensch der Welt erschienen. Er erwartete uns Sanitäter stets am Eingang zum Totenhaus. Wir legten die Lei- chen schweigend bei der Tür nieder, und er trug sie schweigend nach unten. Ich habe ihn noch niemals ein Wort sprechen hören. Jetzt soll er meinen Platz bei Reschin einnehmen. Also gehört er auch zu uns? „Wie viele hast du heute?“ fragt Schlegel. „Achtzehn.“ „Sind die Unterlagen schon hier?“ „Nein, noch nicht.“ „Geh trotzdem gleich zu Wislozki. Ich mache alles allein.“ Wir gehen durch den Raum. Die Leichen liegen auf niedrigen kleinen Pritschen. Kalt ist es hier, und es riecht nach Formalin. Am Ende der Totenkammet ist ein kleiner, verglaster Büroraum, in dem sich ein Tisch, zwei Schemel und unter der Decke ein Venti- lator befinden. Auf dem Tisch steht ein Kästchen aus Sperrholz, unter dem Tisch eine elektrische Koch- platte. Wir setzen uns. Schlegel schaltet die Platte ein. Als die Spirale so heiß geworden ist, daß sie rot erglüht, fragt er:„Bist du schon mal verhört worden?“ „Ja. Nach zwei mißglückten Fluchtversuchen.“ „Wofür hat man sich interessiert?“ „Dafür, wer mir geholfen hatte.“ „Man hat dir also geholfen?“ Ich antworte nicht. Schlegel lächelt. „Gib deine Jacke her.“ Er tastet alle Nähte ab. Als er das Stück Rasierklinge entdeckt hat, sagt er:„Stich- ler klagt, daß es ohne dich für ihn jetzt schwer ist. Auch Professor Reschin lobt dich sehr. Es droht ihm 151 übrigens keine unmittelbare Gefahr. Aber setzen wir unsere Unterhaltung fort...“ Ja, man hat mich halbtot geschlagen. Ja, ich nehme mir natürlich lieber das Leben, als daß ich mich foltern lasse, um so mehr, als ich weiß, wie ich leicht und schnell Schluß machen kann. Ja, ich bin Komso- molze, und ich bin stolz darauf, daß ich für die Anti- faschisten hier im Konzentrationslager von Nutzen sein kann. „Schön“, sagt Schlegel.„Deine offiziellen Verpflichtun- gen hier sind folgende: Um acht Uhr morgens nimmst du die Leichen in Empfang; dabei prüfst du sofort in Gegenwart der Sanitäter nach, ob alle Toten ihre Nummer am Handgelenk haben, dann trägst du sie in den Keller hinunter. Um neun bringen die Schreiber dir die Unterlagen. Um zehn bin ich hier, dann räumst du auf. Von zwölf bis eins machst du Mittag. Um halb sechs begrüßt du vorschriftsmäßig den Blockführer; er zählt die Toten nach. Um sieben kommt aus dem Kre- matorium ein Auto her; du packst alle Leichen hinein und übergibst die Papiere der Toten dem diensthaben- den SS-Mann. Hierauf bist du frei bis zum nächsten Tag. Hast du verstanden?“ »Ja.r „Jetzt zur Hauptsache. Ich komme jeden Tag her. Manchmal werde ich mir an den Nummern und Papieren zu schaffen machen, dann wirst du am Ein- gang Wache stehen. Wenn sich jemand dem Toten- haus nähert, schaltest du für eine Sekunde das Licht ein- das ist das Signal. Hast du das ebenfalls ver- standen?“ jan: „Hast du noch Fragen?“ „Nein.“ 152 Ih w den N daß d Bald ihnen durch; Wied: Auf« mir€ merk wog und unter halb seine den] Ich b gelen heraı 1915 seit ı Ich| traut mit' Fußt von] mal Leid dach End Mitt lieg Vik Zus zen Wir Ich würde allerdings gerne wissen, was Schlegel mit den Nummern und Papieren macht, aber ich begreife, daß das etwas ist, wonach man nicht fragt. Bald darauf kommen die Schreiber. Schlegel nimmt ihnen selbst die Karteikarten ab. Nachdem er sie durchgesehen hat, erhebt er sich und sagt zu mir:„Auf Wiedersehen, bis morgen.“ Ich begleite ihn zur Tür. Auf dem Rückweg zu dem kleinen Büroraum fallen mir ein paar dünne, behaarte Beine auf. Ich habe das merkwürdige Gefühl, daß ich diese Beine schon irgend- wo gesehen haben muß. Ich trete an den Toten heran und kann einen leisen Ruf der Verwunderung nicht unterdrücken— es ist Ali Baba. Seine Augen stehen halb offen, seine Wangen sind eingefallen... Also auch seine Hanswurstrolle und seine Engelsgeduld haben den Mann nicht retten können. Ich blicke auf die eiserne Nummer an seinem Hand- gelenk, gehe an den Tisch, suche seine Karteikarte heraus und lese: Adolf Berger, Deutscher, geboren 1915; Beruf: Schriftsteller; politischer Gefangener seit I941. Ich lege die Karte an ihren Platz zurück. Mir wird traurig zumute. Ich nehme den Besen und einen Eimer mit Wasser und fange an, aufzuräumen. Als ich den Fußboden neben der Pritsche wische, auf der die Leiche von Berger alias Ali Baba liegt, blicke ich ihn noch ein- mal an. Sein starres Gesicht hält den Ausdruck des Leidens fest. Er war kein schlechter Mensch, aber er dachte nicht an Widerstand und wurde bis an sein Ende gequält. Mittags gehe ich nach Block Fünf, wo meine Genossen liegen und wohin auch ich jetzt kommen soll. Ich treffe Viktor an, er umarmt mich freundschaftlich. Wir gehen zu seiner Pritsche, und wie in vergangenen Tagen, die 153 schon lange zurückzuliegen scheinen, setzen wir uns zusammen zum Mittagessen. „Du bist gealtert“, bemerkt Viktor. s „Du bist auch nicht jünger geworden.“ „Hast du viel durchgemacht in diesem halben Jahr?“ „Ja; aber offenbar doch nicht soviel wie andere.“ Ich erzähle Viktor vom Schicksal Ali Babas. Er sieht mich mit seinen grusinischen Augen besorgt an und sagt leise:„Du mußt vorsichtiger sein, Kostja.“ „Mach dir keine Sorgen, Witja“, antworte ich. Für mich wird es Zeit, zu gehen. An der Tür bleiben wir noch einen Augenblick stehen. Viktor sagt, er be- neide mich, dann gehe ich zum Totenhaus zurück. Bei der Kontrolle erhalte ich unerwartet von dem Blockführer eine Ohrfeige. „Weshalb rufst du nicht ‚Achtung‘?“ fragt er. Ich erkläre ihm, daß ich den ersten Tag hier arbeite und meine neuen Obliegenheiten noch nicht ganz be- griffen habe. Der SS-Mann warnt mich: Beim Er- scheinen des Blockführers hätte ich schnell und deut- lich„Achtung“ zu rufen und vorschriftsmäßig zu rapportieren. Punkt sieben kommt ein mit Segeltuch überspannter Lastwagen. Ich lade die Leichen ein und übergebe dem diensttuenden Untersturmführer die Papiere. Er steckt sie in seine Tasche und kaut dabei unentwegt sein Butterbrot weiter. „Weshalb starrst du mich so an?“ fragt er.„Bist du hungrig?“ „Nein.“ „Dann bist du ein Idiot. Scher dich weg.“ Als ich in den Block zurückkehre, sind alle meine Ka- meraden anwesend. Ich laufe eilig in den Waschraum, dann schüttleich Olegund Broskow kräftig dieHand. 154 Brosko' letztent Gesicht die Fra Befreiu warten Nach d lange 1 Aufräu zu Zei dann< seiner bedeut Mann, Viktor ihn, so räume wir ni unsere Amn sind,« sind z essiert nuten „sb „Nein „Dan: währe wiede Eine samın karte pers Kart Broskow hat sich wenig verändert, seit ich ihn zum letztenmal gesehen habe. Das gleiche schmale, nervöse Gesicht, der gleiche feste, unnachgiebige Blick. Als ich die Frage aufwerfe, ob wir wohl noch lange auf unsere Befreiung warten müßten, antwortet er:„Was heißt warten?“ Nach dem Signal zum Schlafengehen flüstern wir noch lange miteinander. Viktor ist mit seiner Stellung als Aufräumer nicht zufrieden Er wird allerdings von Zeit zu Zeit beauftragt, Näpfe mit Suppe zu verstecken, die dann den Kranken gegeben werden, aber das ist nach seiner Meinung keine Arbeit, sondern nur eine un- bedeutende Kleinigkeit. Der Blockälteste ist unser Mann, und überhaupt läßt es sich hier leben, aber Viktor fühlt sich irgendwie nicht wohl dabei. Ich tröste ihn, so gut ich kann: Es sei.doch besser, wenn der Auf- räumer ein anständiger Kerl ist, und außerdem wüßten wir nicht, was noch alles vor uns liegt.- wir müßten unsere Kräfte schonen. Am nächsten Morgen, nachdem die Schreiber gegangen sind, erscheint Schlegel im Totenhaus. Unter den Toten sind zwei Russen, für deren Papiere sich Schlegel inter- essiert. Ich stelle mich an die Tür. Nach ein paar Mi- nuten ruft mich Otto. „Ist Tula besetzt gewesen?“ „Nein.“ „Dann nützen sie mir nichts“, sagt er entschieden, und während er die anderen Karteikarten durchsieht, wiederholt er noch einmal:„Die nützen mir nichts.“ Eine Woche vergeht, bevor Schlegel die Nummern zu- sammen hat, die er braucht. An die Stelle der Kartei- karten von drei verstorbenen Russen, ehemaligen Zivil- personen aus Kursk, Belgorod und Orel, kommen die Karten von drei Kriegsgefangenen in mein Kästchen. 155 Nachdem Schlegel fortgegangen ist, mache ich mich mit ihren Personalien bekannt: Alle drei sind Flieger- offiziere, und auf jeder der drei Karten stehen über ihrer Häftlingsnummer zwei rote Buchstaben,„SB“. Als ich das nächste Mal mit Schlegel zusammentreffe, frage ich ihn, was dieses„SB“ zu bedeuten hat. „Sonderbehandlung“, antwortet Otto.„Die Leute, die einen solchen Vermerk haben, werden von der Gestapo spätestens einen Monat nach ihrer Ankunft im Kon- zentrationslager umgebracht... Wie du siehst, sind sie schon tot“, fügt er lächelnd hinzu. „Otto, was steht auf meiner Karteikarte?“ „Zivilperson, Schüler.“ „Also deshalb bin ich Sanitäter geworden?“ „Ja, das hat dazu beigetragen.“ Schlegels rötliche Augenbrauen beginnen ärgerlich zu zucken. „Ich habe keine Fragen mehr, Otto.“ „Und das ist sehr gut.“ Freude erfüllt mich: Wir helfen den Menschen also nicht nur, am Leben zu bleiben, wir werfen nicht nur die Berechnungen des barbarischen faschistischen Wissenschaftlers über den Haufen, sondern wir retten auch dadurch, daß wir die Nummern vertauschen, Ka- meraden vor dem sicheren Tod. ja Der April kommt heran. Es wird richtiger Frühling. Warme Sonne verzehrt in wenigen Tagen die Über- reste von Schnee und trocknet die Pfützen aus. Immer stärker duftet es nach Fichtennadeln. Die Schneekappen der Alpen schrumpfen zusammen und bedecken nur 156 noch di und mi Ich steh blicke ı „Hallo „Hier b „Komm Ich seh Sein G „Was i „Komt Wir st eine Zi „Du kt „Wann „In de Ich hal Frager tische „Muß Hr „Aber Schleg aus.$ı „Es is Der K ter für der B = auc Liquic gesag! Zeiti Nach Ihr a, Flieger- en über 1,„OB“, entreffe, ute, die Gestapo m Kon- sind sie 1 1 rotliche s, Immer kappen cken nuf je 57 Tg noch die Spitzen der Berggipfel. Der Sommer naht, und mit ihm kommen neue Prüfungen. Ich stehe an der Tür zum Totenhaus in der Sonne und blicke nach Osten. „Hallo“, ertönt die Stimme Schlegels. „Hier bin ich.“ „Komm her, gehen wir nach unten.“ Ich sehe Otto an. Er ist schon einmal hier gewesen. Sein Gesicht sieht besorgt, ja sogar düster aus. „Was ist passiert?“ „Komm mit.“ Wir steigen in den Keller hinunter. Otto zündet sich eine Zigarette an. „Du kommst ins Lager.“ „Wann?“ „In den nächsten Tagen.“ Ich habe mich schon daran gewöhnt, keine überflüssigen Fragen zu stellen, aber jetzt empfinde ich das gebiete- rische Verlangen, zu fragen. „Muß das sein?“ ar „Aber so sag doch, was ist denn geschehen?“ Schlegel wirft die Zigarette auf den Boden und tritt sie aus. Seine Brauen zucken. „Es ist das geschehen, was jedes Frühjahr geschieht. Der Kommandant fordert, daß wir regelmäßig Arbei- ter für den Steinbruch liefern— das ist übrigens eine der Bestimmungen des Lazaretts. Nun, und die zweite - auch das Lazarett muß den Gesamtplan für die Liquidierung von Häftlingen erfüllen helfen... Kurz gesagt, dreihundert Dystrophiker werden in nächster Zeit in Gaswagen verladen.“ Nach einem kurzen Schweigen frage ich:„Dann nehmt ihr an Stelle der jetzigen Aufräumer, die ins Lager 157 geschickt werden, wohl Kranke?“ Ich begreife, daß dies die einzige Möglichkeit ist, um die Schwächsten zu retten. ja: Er steckt sich eine neue Zigarette an und sagt: „Wenn du ins Lager kommst, suche Sachnow in Block Zwei auf- vergiß diesen Namen nicht. Uhd sprich im Bad mit dem Bademeister Emil. Sag ihm, daß Otto gesund ist, er wird dir helfen.“ Ich danke Schlegel, er dankt mir, und wir trennen uns bis zum nächsten Morgen, an dem ich meinen Posten abgeben soll. Ich muß noch in den Sonderblock gehen, um Abschied von Reschin zu nehmen. Der Torwärter Rudolf reißt freundlich die Tür vor mir auf. Stepan Iwanowitsch führt mich in sein Zimmerchen, faßt meine beiden Hände und flüstert asthmatisch:„Du brauchst mir nichts zu erzählen, ich weiß alles... Du hast nichts zu fürchten, du bist auf dem richtigen Wege, und die Genossen werden dafür sorgen, daß du nicht von ihm abkommst.... Behalte alles im Gedächtnis, was du hier gesehen hast, die wahren Menschen und die, die es nicht wert sind, als Menschen bezeichnet zu werden. Vergiß weder die guten noch die bösen Dinge; davon mußt du später, nach dem Krieg, sprechen, unermüd- lich, immer wieder... Es ist die heilige Pflicht der Überlebenden, zu warnen, zu erinnern und zu ent- larven- vergiß das nicht. Und dann habe ich noch eine persönliche Bitte an dich... Fahr nach Dnjeprope- trowsk, suche meine Angehörigen auf und sage ihnen: Euer Vater hat immer an euch gedacht... Die Mädels sollen ihre Ausbildung abschließen, Sonja, die Kleinste, soll ins Konservatorium gehen... Der Staat wird ihnen helfen und... Das ist alles.“ 158 zusam mir, ei kein$ „Gib Ich n bittet achtu „Gorl hole i „Weil Ich er ausfül möcht „Das Nach mit o die C ein] noch Wad n Block Dtich im aß Otto nen uns 1 Posten e ihnen: „Stepan Iwanowitsch, Ihre Worte gefallen mir nicht.“ „Sei immer wahrheitsliebend und... Das ist alles. Leb wohl.“ Ich küsse den alten Mann und er mich, und ich verlasse den Sonderblock sehr niedergeschlagen. Abends sagt Oleg zu mir:„Übermorgen kommen wir ins Lager.“ Viktor blickt ihn vorwurfsvoll an. „Mußt du das unbedingt so laut sagen, daß alle es hören können?“ Er schiebt rasch zwei Päckchen durch die aufgetrennte Naht der Matratze- für Broskow, der hierbleibt. Broskow streckt sich auf seiner Pritsche aus. Ich blicke auf sein feines, scharf gezeichnetes Profil, auf die fest zusammengepreßten, schmalen Lippen und denke bei mir,ein Mensch mit einem solchen Gesicht kennt sicher kein Schwanken. Er wendet mir den Kopf zu. „Gib mir deine Heimatadresse.“ Ich nenne ihm die Anschrift meiner Mutter, und er bittet:„Merk dir meine Adresse: Moskau, Gorkistraße achtundzwanzig, Wohnung einhundertfünf.“ „Gorkistraße achtundzwanzig, einhundertfünf“, wieder- hole ich.„Warum bleibst du hier, Ignat?“ „Weil es notwendig ist.“ Ich errate, daß Broskow irgendeine gefährliche Arbeit ausführen soll, und sage ihm, daß ich auch hierbleiben möchte. „Das ist nicht erforderlich“, antwortet er. Nach dem Signal zum Schlafengehen liege ich lange mit offenen Augen in der Dunkelheit. Ich denke, wenn die Gaswagen ins Lazarett kommen, könnte man doch ein Loch in die Gasballons der Autos stechen. Oder noch besser, wir könnten uns alle zusammen auf die Wachtposten stürzen, sie entwaffnen und ihnen eine 159 Schlacht liefern. Und dabei würden Leute wie Ignat, Oleg, Viktor und ich sehr nützlich sein, um den Rückzug der Kranken zu decken. Nachdem ich am nächsten Morgen meinen Posten im Totenhaus einem hochgewachsenen, grauhaarigen Fran- zosen übergeben habe, teile ich Schlegel meine Gedan- ken mit. Er knurrt:„Unsinn, das sind Phantastereien. Niemand ist imstande, die Aktion zu verhindern.“ „Aber weshalb läßt man den ersten Küchenarbeiter hier?“ „Das ist mir nicht bekannt. Ich weiß es nicht... Hof- fentlich hast du nicht sonst noch mit jemand über deine Hirngespinste von heut nacht gesprochen?“ „Nein.“ „Dann vergiß sie bitte. Verstanden?“ Ich seufze schwer. Schlegel sagt, ich könne jetzt in meinen Block gehen. Wir tauschen noch einmal einen festen Händedruck. Den ganzen Tag verbringe ich am Fenster. Im Hof des Lazaretts ist mehr Leben als gewöhnlich. Von den Schreibern begleitet, wandern kleine Gruppen von Kranken aus einem Block in den andern. Drei werden in unsere Baracke gebracht. Wislozki geht eiliger als sonst in den Sonderblock. Stichler begegnet Schlegel beim Ambulatorium und redet mit sehr mißmutigem Gesicht auf ihn ein. Zu Mittag wird der Hof leer. Oleg erscheint. „Fertig“, sagt er, als er in unsere Ecke kommt. Auch er sieht niedergeschlagen aus. Viktor, der die Suppe ausgeteilt hat— heute essen vierzig Mann in unserem Block-, setzt sich aufs Bett und wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Bist du mit allem fertig?“ fragt er Oleg. "jas 160 „Du au‘ „Ebenf: Nach d Anzahl Wislozk dan hu Will,€ Stunde Ich las Lust, z auf un schickt räumer macher Ich gel zurückl „Achtu zurück zum E und n Krank Trübe Der$ Friseu Reihe, Nachb dem$ mittle, Schrei „Dies Der ganze bald da, d arbeiter ‚ Hof- er deine Von den „Du auch?“ „Ebenfalls“, antworte ich. Nach dem Essen kehre ich zum Fenster zurück. Die Anzahl der umziehenden Kranken vergrößert sich. Wislozki verschwindet abermals im Sonderblock. Bog- dan huscht einen Augenblick vorbei, dann sehe ich Willi, er geht pfeifend in die Küche. Nach etwa einer Stunde wird es im Hof wieder still. Ich lasse mich auf die Pritsche sinken und verspüre Lust, zu rauchen. Nach einer Weile stehe ich wieder auf und laufe dem Blockältesten in die Arme. Er schickt mich nach Block Eins- ich soll den neuen Auf- räumern helfen, vor der Revision alles sauber zu machen. Ich gehe und wische Fußböden auf. Als ich gerade zurückkehren will, höre ich von der Tür den Ruf: „Achtung!“ Instinktiv ziehe ich mich zum Waschraum zurück. Der Schreiber, der Friseur und der Arzt stürzen zum Eingang. Die Tür geht auf, Trüber, sein Gehilfe und noch irgendein Hauptscharführer treten in den Krankensaal. Der Blockälteste macht seine Meldung. Trüber setzt die Brille auf und sagt:„Fangen wir an.“ Der Schreiber holt eine Liste aus der Mappe. Der Friseur klettert auf die erste Pritsche der obersten Reihe, setzt den Kranken aufrecht hin und springt zur Nachbarpritsche hinüber. Trübers Blicke gleiten von dem Sitzenden fort, er weist mit dem Finger auf die mittlere Pritschenreihe und sagt:„Diesen da.“ Der Schreiber macht eine Anmerkung in seiner Liste. „Diesen da“, sagt der Oberarzt abermals. Der Schreiber vermerkt es. Trüber geht durch den ganzen Krankensaal, wendet den Kopf bald nach links, bald nach rechts und wiederholtimmer wieder:„Diesen da, diesen da.“ Der Gehilfe wandelt lässig hinter ihm her. Die be- schlagenen Stiefel des Hauptscharführers dröhnen auf dem Fußboden. Mein Herz hämmert immer heftiger; ich bin aus irgendeinem Grunde überzeugt davon, daß der Chefarzt, wenn er mich‘sähe, unbedingt sagen würde:„Und diesen da.“ Gleich den anderen Auf-- räumern stehe ich stramm. Trüber sieht überhaupt nicht zu uns hinüber, er wendet sich um:„Wie viele?“ ertönt seine näselnde Stimme. „Neunundvierzig, Herr Obersturmführer.“ Der Schrei- ber, ein Deutscher, schlägt die Hacken zusammen. Der Hauptscharführer läßt sich von ihm die Liste geben. Trüber nimmt die Brille ab. Der Blockälteste schreit: „Achtung!“ In meinem Block finde ich alle auf der Pritsche unter der Decke liegen. „Was ist los? Ist denn bei uns auch Revision? Wir sind doch keine Dystrophiker!“ „Es ist Befehl gegeben worden. Leg dich hin, vielleicht kommen sie auch hierher“, flüstert Viktor. Lange, quälende Minuten vergehen. Als der Schlag der Glocke erklingt— das Signal für den Appell-, sage ich, jetzt sei Trüber nicht mehr zu erwarten. Aber gerade in diesem Moment ertönt es wie zum Hohn vom Eingang her:„Achtung!“ Ich hebe den Kopf. In der Tür stehen SS-Leute. „Was ist das hier?“ fragt der Chefarzt. „Der Block der Rekonvaleszenten und der Küchen- arbeiter. Einhundertzwei Häftlinge“, rapportiert der Blockälteste. „Alle Rekonvaleszenten ins Lager, schon morgen... Hier bleibt uns nichts weiter zu tun“, sagt Trüber zu dem Gehilfen. 162 AmMo mal. Ä „Vergi geht. Wir si latoriu Sanıtä völlig Absch und d Leben nur ei Wir g brenn Bergl: Stache Am{ kurz Gew Mas: her, werd beißkk in di Einz: heraı Wie ii ein 7 manr gelar eiwa brin sche tete; Am Morgen umarmen Broskow und ich uns zum letzen- mal. Äußerlich ist er ruhig, aber er raucht sehr viel. „Vergiß meine Adresse nicht“, bittet er, bevor er fort- geht. Wir sind etwa vierzigMann, die sich neben dem Ambu- latorium sammeln. Die ehemaligen Aufräumer, die Sanitäter und besonders die Küchenarbeiter sehen Ir völlig gesund aus. In Gedanken nehme ich noch einmal näselnde Abschied von Reschin, Stichler, Schlegel und Wislozki und danke ihnen nochmals von ganzem Herzen. Das Leben hier war eine gute Schule für uns. Schlimm ist nur eins: die bevorstehende Aktion... Wir gehen in Reih und Glied ins Lager. Die Sonne brennt wie im Hochsommer, hier und da werden die Berglehnen schon grün, und die Wachtposten am he unter Stacheldraht haben keine Mäntel mehr an. Am Abend— wir sind schon im Lager— hören wir kurz vor dem Signal zum Schlafengehen zahlreiche Gewehr- und Revolverschüsse, dann eine Salve aus Maschinenpistolen. Das Schießen ertönt von der Seite her, von der wir am Morgen gekommen sind. Wir werden in die Baracke getrieben. Viktor, Oleg und ich beißen die Zähne zusammen und blicken uns schweigend in die Augen. Einzelheiten erfahre ich erst viel später. Es stellt sich heraus, daß im Lazarett alles beinahe so verlaufen ist, wie ich gehofft hatte. Im voraus bestimmte Kranke und ein Teil der Aufräumer warfen sich auf die Begleit- = Küchen- mannschaften. Die Wachen wurden übermannt, und es iert der gelang den Unsern, ein paar Autos zu erobern und etwa achtzig der Schwächsten aus dem Ring herauszu- u bringen(viele von ihnen wurden dann von österreichi- schen Bauern verborgen gehalten). Die übrigen flüch- teten durch das offene Tor in den Wald, doch kamen 163 die meisten von ihnen im Feuer der Maschinenpistolen um. Unter den Toten fand man auch Stepan Iwano- witsch Reschin, dem Trüber das Schicksal zugedacht hatte, im Gaswagen zu ersticken- das Vorgefühl hatte den alten Mann also nicht betrogen. Geleitet wurde die ganze Operation von Ignat Broskow. Auch er fiel im Kampf. Dritter Teil | Am$ Sonnt suche ältere Ich s Sachı „Ge der eine Ich Am der l Am Sonnabend sind wir ins Lager gekommen, und am Sonntagmorgen mache ich mich auf, um Sachnow zu suchen, wie es Schlegel mir aufgetragen hat. Ich gehe zum Saal A des Blocks Zwei. An quadratischen Tischen sitzen Deutsche und frühstücken. Sie streichen die Margarine mit richtigen, anständigen Messern auf dünne Brotscheiben und trinken ihren Kaffee aus großen, weißen Bechern. An der offenen Tür steht ein älterer Tscheche mit einer blauen Mütze und raucht. Ich sage zu ihm:„Ich möchte einen Russen sprechen, Sachnow heißt er.“ „Geh dort drüben hinein.“ Der Tscheche deutet mit der Zigarette, von- der ein Rauchfaden aufsteigt, zu einer zweiten Tür jenseits des Korridors hinüber. Ich gehe in den Saal B. Auch hier wird gefrühstückt. Am Eingang schraubt ein kleiner, magerer Deutscher, der das grüne Dreieck der Kriminellen trägt, den Deckel auf einen Kübel. „Ich möchte gern...“ „Was willst du?“ „Ich/möchte..." „Mach, daß du wegkommst. Hier wird nichts ge- geben.“ „Ich will ja nichts haben, ich möchte nur wissen....“ „Fritz“, ertönt eine mürrische Stimme von dem Tisch, der der Tür am nächsten steht,„hau ihm eins in die Fresse. Diese verdammten Polen sind eine wahre Land- plage.“ 167 Ich sehe zu dem Sprechenden hinüber. Auch er trägt ein grünes Dreieck. Die Ellbogen hat er auf den Tisch gestützt, die Ärmel sind hochgekrempelt, auf seine Gabel hat er eine Scheibe gebratene Wurst gespießt. Wahrscheinlich ein Kapo. Ich wende mich um und gehe auf die Treppe hinaus. Ich muß versuchen, Sach- now zu erwischen, wenn er herauskommt. Merkwürdig, wie ist ein Russe in diese Gesellschaft geraten? Was für ein Mensch ist das? „Mach, daß du wegkommst!“ zischt Fritz wieder. Ich überquere den Hof, um von weitem zu beobachten, wer in den Block Zwei geht und aus ihm herauskommt. An den Fenstern der rechten Hälfte von Block Eins befinden sich weißgestrichene Gitter; die Lüftungs- klappen sind geöffnet, und hinter einer von ihnen erblicke ich... ein hübsches Frauengesicht. „Komm doch malnäher“, sagteine melodische Stimme. Ich sehe mich um. Außer mir istniemand in der Nähe. „Du, hör doch mal“, klingt es schmeichelnd aus dem Klappfensterchen. Wie lange habe ich keine Frauenstimme mehr gehört! Mit einer seltsamen Schüchternheit trete ich näher. „Du bist ein hübscher Junge, und ich würde mich gern ein bißchen mit dir unterhalten, aber ich habe zu tun“, sagt die Frau— offenbar eine von denen, über die Schurka damals gesprochen hat.„Such doch bitte Lies- ner und richte ihm aus, daß ich ihn dringend sprechen muß. Du bekommst ein paar Zigaretten dafür.“ Ich glaube, mich verhört zu haben. „Wen soll ich suchen?“ Liesner, Paul Liesner, den Kapo. Kennst du ihn nicht?“ Nein, ich habe mich nicht verhört. Es gibt keinen anderen Kapo gleichen Namens im Lager. Also ist Liesner damals am Leben geblieben? 168 Ich wi gesetz erfüllt Schurl daß 5 ist am lich o rett, empf finde siche) An c kann geher spazi soll| schli zur Zwe An kru: „Gu Ich wende mich schweigend um und gehe ans ıentgegen- gesetzte Ende des Hofes. Mein Herz ist von Bitterkeit erfüllt. Wir waren doch damals alle überzeugt, daß es Schurka geglückt sei, den Aufseher totzuschlagen, und daß Schurka nicht umsonst gestorben ist. Aber Liesner ist am Leben... Ja, ein einzelner kann hier offensicht- lich nicht viel ausrichten. Jetzt, nach der Zeit im Laza- rett, steht das für mich außer Zweifel. Ganz stark empfinde ich wieder das Bedürfnis, den Mann zu finden, den mir Schlegel bezeichnet hat und der mich sicherlich in das Kollektiv einführen soll. An der Wegkreuzung bleibe ich stehen. Von hier aus kann man einen Teil des Platzes überblicken. Dort gehen zu zweit oder zu dritt gutgekleidete Häftlinge spazieren. Vielleicht ist Sachnow unter ihnen, doch wie soll ich ihn erkennen? Ich werde verdrießlich und be- schließe, in meinen Block Elf zurückzukehren und zur Zeit der Essenausgabe noch einmal im Block Zwei vorzusprechen. An der Baracke Sechs kommt mir ein magerer, etwas krummgehender Mann entgegen. Es ist Valentin. „Guten Tag“, sagt er. Er hat noch das gleiche ausge- mergelte Gesicht.„Hast du schon von Anton gehört?“ „Nein.“ „Anton hat heute morgen Selbstmord begangen.“ Unter der gelben Haut von Valentins Gesicht treten die Backenknochen plötzlich scharf hervor. „Hat er denn nicht mehr in der Küche gearbeitet?“ frage ich nach einem kleinen Schweigen. „Konnte das denn nicht auch in der Küche geschehen? Er hat sich die Halsschlagader durchgeschnitten.“ Ich begreife alles. Ich sehe Valentin an. Er blickt über meinen Kopf hinweg in die Ferne, dann fragt er gedämpft:„Wo bist du gewesen?“ 169 Ich weiß jetzt, daß Valentin, ebenso wie der tote Anton, zum gleichen Bunde gehört wie ich. Es besteht keine Veranlassung, ihm etwas zu verheimlichen. „Ich wollte mit Sachnow sprechen. Jemand aus dem Lazarett hat mich darum gebeten.“ „Ich bin Sachnow, und ich suche dich schon eine ge- schlagene Stunde lang. Jetzt können wir aber nicht miteinander reden. Wir treffen uns nach dem Mittag- essen beim Block Elf.“ Ich kehre in meine Baracke zurück. Der Raum ist voller Menschen- man steht Schlange. Am Fenster hantieren zwei Friseure: Sie scheren Streifen aus dem Haar heraus und rasieren. Viktor und Oleg sitzen am Tisch. Ich setze mich zu ihnen. „Ein Landsmann hat dich gesucht“, teilt mir Viktor mit. „Ich bin ihm begegnet... Habt ihr euch euern Platz in der Schlange gesichert?“ ja „Anton hat sich heute umgebracht.“ Die Freunde rücken näher heran. Ich sage ihnen, daß mir die Einzelheiten nicht bekannt seien, daß man ihn aber offenbar bei irgendeiner großen Sache erwischt habe. „Ich habe noch eine andere Neuigkeit“, setze ich hinzu. „Stellt euch vor, Liesner ist am Leben.“ Der Blockälteste erscheint. Er heißt Heinrich und ist ein streng aussehender Mann, dem eine tiefe, schartige Narbe über die Wange läuft. Ich habe noch nicht gesehen, daß er jemanden geschlagen hätte. „Bis zum Appell müssen alle rasiert sein, Antonio“, verkündet er mit scharfer Stimme. „Schön!“ antwortet einer der Friseure, ein hübscher junger Spanier mit einem Grübchen im Kinn, ohne 170 seine Gehil! „Anto hier n Er fü worte Wir} die\ viel| wir€ des E für 2 gibt aufb: seine Arbeit zu unterbrechen. Er ist oflenbar auch Gehilfe des Blockältesten. „Antonio“, wiederholt Heinrich,„im Schlafsaal und hier muß äußerste Sauberkeit herrschen.“ Er fügt einige Worte auf spanisch hinzu. Antonio ant- wortet ihm rasch irgend etwas, ebenfalls auf spanisch. Wir Neuankömmlinge sind immer noch erstaunt über die Verhältnisse im allgemeinen Lager. Es geht hier viel freier zu als im Quarantäne-Block. Dort durften wir einfachen Häftlinge uns überhaupt nicht im Zimmer des Blockpersonals aufhalten, hier aber ist es ein Raum für alle, mit Tischen und Schemeln. Sogar Schränke gibt es, in denen die Näpfe, Löffel und Handtücher aufbewahrt werden. Im Schlafsaal befinden sich nur zwei Reihen von Pritschen. Und vor allem ist hier bisher nichts von den kleinen Schikanen zu bemerken, mit denen uns im Quarantäne-Block alle, von Janek bis zum Lagerältesten, das Leben schwer machten. Es sieht ganz so aus, als ob wir aus der Tiefe der Hölle eine Stufe höher, näher zum Licht gelangt wären. Allerdings wissen wir noch nicht, was uns in der Arbeit erwartet. „Ist noch nichts über die Arbeit bekanntgegeben worden?“ „Bisher nicht“, antwortet Oleg.„Wahrscheinlich kom- men wir wie alle in den Steinbruch.“ Nach etwa anderthalb Stunden ist Antonio mit dem Scheren und Rasieren fertig und wirft uns alle hinaus. Viktor fordert er auf, zu bleiben, er soll ihm beim Auf- räumen helfen. Oleg und ich gehen auf den Platz. Die Sonne scheint, es ist sehr warm, und nichts erinnert an die Schrecken, die wir in Bruckhausen zu sehen ge- wohnt sind. Oleg schlägt vor, zum Tor von Block acht- zehn zu gehen, und so schlendern wir hin. Ich frage den deutschen Torwärter, ob Wiktawa noch hier arbeite. 171 „Jaroslaw Wiktawa? Der ist jetzt im Steinbruch, als Gehilfe Liesners. Seid ihr Freunde von ihm?“ „Nein, eher das Gegenteil. Und was macht Liesner im Steinbruch?“ „Woher seid ihr eigentlich, daß ihr gar nichts wißt?“ „Wir sind gestern aus dem Lazarett gekommen.“ „Aha... Paul Liesner ist immer noch Kapo des Straf- kommandos, nur ist er jetzt im Steinbruch.“ „Und Wiktawa ist sein Gehilfe?“ „Sehr richtig.“ Ich frage Oleg auf russisch:„Man wird uns doch nicht etwa wieder zu Liesner schicken?“ Oleg zuckt mit den Achseln. Während wir uns zurückbegeben, ertönt ein helles Pfeifen und der tiefe, melodische Klang einer Glocke. Wir beschleunigen unsere Schritte. Auf dem Platz vor den Baracken treten die Leute bereits an. Wir stellen uns zu den Unseren. Heinrich kommandiert:„Nach links!“,und wir gehen mehr zur Mitte. Fast gleichzeitig mit uns kommen andere Kolonnen aus den Gängen. Einige Minuten darauf erstirbt auf dem riesigen Platz, auf dem nun die Kolonnen im Rechteck angetreten sind, jede Bewegung. Das Tor öffnet sich, donnerndes „Heil!“ erdröhnt, und gleich darauf erscheinen der Lagerführer Mayer, ein paar Zivilpersonen und eine große Gruppe von SS-Blockführern. Der Appell beginnt. Die Barackenältesten erstatten den SS-Leuten Meldung, diese zählen die Häftlinge nach und machen Eintragungen in ihre Notizbücher. Alles das geht friedlich vor sich, ohne Schimpfen und Ohrfeigen- man traut seinen Augen nicht. Die Kon- trolle ist ungewöhnlich schnell zu Ende. Wir gehen in Reih und Glied bis zu unserem Block, und hier werden wir sofort entlassen. 172 Wir| saube! zu ne Gabel sind. Karto fen ni Nach hinau Durd ein p: sie$ ihnen Baraı Zivil komr ticht irgei eini: auf beg kon ıch, als sner ner im ch nicht Wir betreten einzeln die Baracke- der Raum ist sauber und hell. Wir öffnen den Schrank, um uns Näpfe zu nehmen, und es zeigt sich, daß inzwischen auch Gabeln, Messer und sogar Servietten dazugekommen sind. Man gibt uns Suppe, und was für welche! Eine Kartoffelsuppe, die nach Fleisch duftet... Wir begrei- fen nicht, was geschehen ist. Nachdem ich meine Suppe aufgegessen habe, gehe ich hinaus. Sachnow ist noch nicht da. Da sehe ich aus dem Durchgang, an dem der Block Zwei liegt, Mayer und ein paar Zivilpersonen kommen. Vor dem Büro bleiben sie stehen. Der Lagerführer sagt lächelnd etwas zu ihnen und zeigt mit dem Finger auf den Teil der ersten Baracke, in dem die gefangenen Frauen sind. Auch die Zivilisten lächeln, aber reserviert. Aus dem Büro kommen Häftlinge, die in der Hand... Bücher halten, richtige Bücher! Hinter ihnen tauchen Leute auf, die irgendwelche schwarzen Etuis tragen. Abermals nach einiger Zeit sehe ich, wie eine Gruppe von Häftlingen auf dem Platz, gegenüber dem Tor, etwas aufzubauen beginnt, was an einen Boxring erinnert. Aus den Etuis kommen Klarinetten und Saxophone zum Vorschein. Es geschehen Wunder! Mayer und die Zivilisten be- obachten die Vorbereitungen der Musiker. Im Durchgang taucht Sachnow auf. „Was geht hier im Lager vor?“ frage ich ihn. „Die übliche Komödie bei der Ankunft einer Kom- mission des Internationalen Roten Kreuzes“, sagt er und verzieht wie schmerzhaft das Gesicht, dann fügt er leise hinzu:„Komm, gehen wir über den Platz, so können wir besser miteinander sprechen.“ Auf dem Platz spazieren jetzt immer mehr gutgeklei- dete Häftlinge herum. Ich frage Valentin, was das für Leute sind. 173 „Schreiber, Friseure, Schneider, Schuster- mit einem Wort, Leute, die keine Steine zu tragen brauchen. Hier werden sie als die Prominenten bezeichnet.“ „Wo arbeitest du denn, Valentin?“ Sachnow zieht wieder eine schmerzliche Grimasse:„Ich bin auch ein Prominenter, Techniker im Baubüro. Ich bin Ingenieur...“ Wir nähern uns dem Boxring. Schon von weitem ent- decke ich Liesners dunkelrotes Gesicht; er knöpft ge- mächlich sein Jackett auf. Neben ihm zieht ein sehr langer Mensch mit einem schlaffen Körper sein Hemd aus. Ich erkenne ihn wieder— es ist Gardebois. Ich hatte schon früher aus seiner plattgedrückten Nase geschlossen, daß er Boxer ist. Die Musiker stimmen ihre Instrumente. „Wollen wir zurückgehen?“ schlägt Sachnow vor. Als wir in die Mitte des Platzes gelangen, sagt er:„Es wird jetzt gleich ein Mann zu uns stoßen, er heißt Iwan Michailowitsch. Er muß mit dir sprechen. Du kannst dich zu ihm verhalten wie zu Reschin oder Schlegel— wir wissen über alles Bescheid... Hast du deine Rasierklinge bei dir?“ ar, i „Da ist er schon...‚Gib ihm nicht die Hand.“ Ich vermute, daß Iwan Michailowitsch ein leitender Genosse in unserem Bunde ist, und ich sehe ihn voller Interesse an. Er kommt von Block Sechs her auf uns zu. Äußerlich kann ich nichts Heldenhaftes an ihm finden: ein einfaches, unschönes Gesicht, das ein wenig pocken- narbig ist; auf der Stirn, an den Augen und am Mund scharfe Falten. Er ist offenbar über vierzig Jahre alt. „Bleibt nicht stehen, bleibt nicht stehen... Guten Tag“, sagt er beim Herankommen, nimmt Valentin und mich g, wir ©) unter den Arm und fügt hinzu:„Heute ist Sonnta 174 gehen gnügt Er hi sehe kluge „Wie „Dan Er li kurze uns| Ich b rußt« Stach soll i inne in je bare sch geh: Rüc jetzt t einem en, Hier gehen spazieren, also empfehle ich euch, etwas vor- gnügtere Gesichter zu machen.” Er hat eine ruhige, ein bißchen heisere Stimme, Ich sehe ihn wieder an und begegne seinem gelassenen, klugen Blick. „Wie geht es dir nach dem Aufenthalt im Lazarett?” „Danke, ich habe mich erholt.“ Eir lächelt, Valentin holt eine Zigarette hervor, Nach kurzem Schweigen sagt Iwan Michailowitsch;„Erzähl uns bitte etwas von dir,” Ich blicke auf das Krematorium, auf den flachen, veı rußten Schornstein mit der eisernen Treppe, auf den Stacheldraht über den Mauern, und! ich denke: Was soll ich erzählen? Worüber soll ich sprechen? ‚Über deinen Vater, über deine Angehörigen, darüber, wie du gelebt hast... Bitte, Genosse Pokatilow.” Das Wort„Genosse“ erwärmt mir sofort das Herz dieses vertraute, noch nicht genügend gewürdigte Wort... Ich antworte, daß mein Vater schon vor dem Kriege gestorben sei. „Und deine Mutter ,.. bekommt sie Rente für ihn?" „Ja... Und meine Schwestern helfen ihr auch, Meine älteste Schwester ist Lehrerin... Ich habe übrigens vor dem Kriege bei ihr gewohnt, Und meine zweite Schwe ster war Chef vom Dienst an der Kreiszeitung, sie ist nur vier Jahre älter als ich...“ Plötzlich verspüre ich den glühenden Wunsch, in Ei innerungen zu schwelgen und wenigstens in Gedanken in jener fernen, schönen und jetzt für mich so unerreich baren Welt zu weilen. Ich weiß, daß mir nachher sehı schlimm zumute sein wird, Ich habe hier immer Angst gehabt, an mein früheres Leben zu denken, denn die Rückkehr in die Wirklichkeit war zu schvecklich, Abeı jetzt fürchte ich mich aus irgendeinem Grunde nicht 73 mehr davor, und ich bin diesem Manne sogar dankbar, daß er mich dazu veranlaßt hat. Ich erzähle nun ganz ausführlich von meiner Kindheit und meinen Schul- jahren. „Ich verstehe dich“, sagt Iwan Michailowitsch, nachdem ich geendet habe. Seine Augen glänzen.„Nun ja, Kostja... Der Rest ist uns bekannt. Noch eine letzte Frage: Möchtest du jetzt wohl dort sein— in der vor- dersten Linie?“ Ich hole tief Luft. „Aber ist dir nicht mal in den Sinn gekommen, daß es hier bei uns auch eine vorderste Linie gibt?“ „Doch, ich habe daran gedacht.“ Iwan Michailowitsch blickt mit großen Augen starr geradeaus. „Ich kann dir eines versprechen, Genosse Pokatilow. Wir werden keine unbekannten Soldaten sein— diese Zeit ist vorbei... Sei aktiv, handle. Die Genossen haben Vertrauen zu dir.“ Wir gehen eine Zeitlang schweigend weiter. An der Baracke Sechs verläßt uns Iwan Michailowitsch. Ich be- merke erst jetzt, daß er eine sehr gerade Haltung hat- bestimmt ist er in der Armee gewesen. Sachnow folgt ihm mit den Augen und sagt:„Morgen gehst du in den Steinbruch, in Sumpfs Kommando. Gehilfe des Kapo ist dort Petrenko, dein Kamerad aus der Lazarett- Quarantäne. Er wird dir eine geeignete Arbeit geben- wahrscheinlich als Aufräumer. Benutze sie, um dir die Achtung der Ausländer zu erwerben. Bald wird dir deine Kenntnis des Deutschen und des Polnischen zu- statten kommen.“ „Darf ich eine Frage stellen?... Ich habe Freunde. Können sie nicht in das gleiche Kommando genommen werden wie ich?“ 176 „Sie b Lager der F Ja, ül mir h Mens Er lä Liesn drän! Kapı Gürt und schie er Li „Deu sessel Das| Ich: schl. Bad hat, vort das gen Der den Sun hin: gre; „Nun ja, e@ ine letzte der vor- n, daß es gen starr okatilow. n- diese Genossen e- Pr „Sie bekommen eine andere Arbeit. Wir werden sie im Lager unterbringen, einen von ihnen vielleicht sogar in der Küche... Aber wir müssen uns jetzt trennen... Ja, übrigens, Verbindung wirst du einstweilen nur mit mir halten, und selbstverständlich redest du zu keinem Menschen auch nur ein Wort über alles.“ Er läßt mich allein, und ich kehre zum Boxring zurück. Liesner ist gerade dabei, Gardebois an das Seil zu drängen. Als der Franzose zurückspringt, versetzt der Kapo ihm einen furchtbaren Schlag unterhalb des Gürtels. Gardebois krümmt sich zusammen, stürzt hin und wälzt sich auf die Seite. Der Schiedsrichter, ein schiefmäuliger, dicker Mann, zählt ihn aus. Dann reißt er Liesners Hand nach oben und verkündet feierlich: „Deutschland hat gesiegt!“ Vom Tor her, wo in Korb- sesseln Mayer und die Zivilisten sitzen, ertönt Beifall. Das Orchester spielt einen Tusch. Ich suche in der Menge nach Viktor und Oleg und schlage ihnen vor, ins Bad zu gehen. Ich muß den Bademeister Emil sprechen, von dem Schlegel gesagt hat, daß er uns helfen würde. Als ich am Block Eins vorbeikomme, sehe ich hinter dem vergitterten Fenster das hübsche Gesicht meiner Bekanntschaft vom Mor- gen- sie blickt zum Ring hinüber und lächelt freudig. 2 Den ganzen Sommer und den Herbst hindurch bis in den Winter hinein, bin ich Aufräumer im Kommando Sumpfs. Jeden Morgen steige ich in den Steinbruch hinab, gebe Spaten und Picken an die Leute aus, er- greife einen eisernen Rechen und beziehe meinen 177 Posten neben den großen Steinblöcken, die unser Plateau von dem übrigen Steinbruch abgrenzen. Hier ist unser Beobachtungspunkt. Wenn der Kommando- führer, der Oberkapo Faremba oder Vogel, der Ober- aufseher des Steinbruchs, sich nähern, gebe ich das Signal„Agua“. Die Kameraden, die mit dem Fort- schaffen und Sortieren der Steine beschäftigt sind, steigern dann sofort ihr Arbeitstempo. Unser Kapo, ein langer, schon älterer Deutscher- ein Krimineller-, verbringt den größten Teil des Tages in seinem kleinen Häuschen und schaut auf das Signal „Agua“ nur heraus, um dem Vorgesetzten Meldung zu erstatten, daß zu seinem Kommando einhundertfünfzig Häftlinge gehören, die alle anwesend sind. Da der Oberkapo und die SS-Leute uns stets in emsiger Arbeit vorfinden, ist Sumpf bei den Vorgesetzten gut ange- schrieben. Er begreift, daß die im Kommando herr- schende Ordnung ein Werk Petrenkos ist, und deshalb mischt er sich niemals in dessen Anordnungen ein. Ich hatte sofort bemerkt, daß er seinem Gehilfen sogar ein besonderes Wohlwollen entgegenbringt. Später erzählte Sumpf mir selbst, daß Peter(wie er Petrenko nennt) ihm vor zwei Jahren im Lazarett das Leben gerettet habe. In dem halben Jahr, da ich im Steinbruch arbeite, habe ich viele neue Freunde gewonnen. Am sympathischsten sind mir der Italiener Giovanni Gotta, ein ehemaliger Flugzeugführer, und Henri Gardebois. Eine der Pflich- ten, die mir als Mitglied der illegalen Organisation (deren Bestehen’ jetzt für mich kein Geheimnis mehr ist) zufallen, besteht darin, sie mit Informationen über die Kriegslage zu versorgen, die sie dann an ihre Landsleute weitergeben. Ich selbst erhalte diese Nach- richten von Sachnow; er hat durch den tschechischen 178 Schreibt zwei E kommt. Die Ze daß w durchzı komm: dem F Aufsid Doch Lager „Rüstı ehema Fräser bruchs zusam Intern eine schick Stud« Zeit Wir: ar Kom Platz Nase Ich aı Gioy, Sump Word „Ein fünf „Wa de N Schreiber Verbindung mit der Lagerkanzlei, die zwei Exemplare des„Völkischen Beobachters“ be- kommt. Die Zeit geht dahin, und zuweilen glaube ich schon, daß wir hoffen können, bis zum Ende des Krieges durchzuhalten— trotz der Massenfolterungen im Straf- kommando Liesners und des täglichen Blutbads auf dem Hügel in der Mitte des Steinbruchs unter der Aufsicht des Oberkapos Faremba. Doch Mitte Dezember ändert sich die Situation. Im Lager wird bekanntgegeben, daß ein neues Kommando „Rüstung“ gebildet worden ist. Da hinein kommen alle ehemaligen Metallarbeiter: die Schlosser, Dreher und Fräser. Man errichtet in der Nordwestecke des Stein- bruchs Werkstätten für sie, in denen Flugzeugteile zusammengebaut werden sollen. Auf Beschluß des Internationalen Komitees unserer Organisation wird eine große Gruppe Illegaler in da Kommando ge- schickt. Auch ich gehöre dazu, da ich als ehemaliger Student des Fliegertechnikums registriert bin. Eine Zeit neuer Prüfungen beginnt... Wir sind zweihundertfünfundfünfzig Mann und arbei- ten abgesondert von den andern, gleich neben dem Kommando„Steinbruch“. Eisiger Nebel liegt über dem Platz. Wir stampfen mit den Füßen und reiben uns Nase und Ohren mit den zerrissenen Handschuhen. Ich arbeite in der ersten Rotte, zusammen mit Petrenko, Giovanni und Gardebois. Den äußersten Platz nimmt Sumpf ein, der wieder zu unserm Aufseher bestimmt worden ist. „Ein bißchen kühl“, sagt Petrenko fröstelnd.„Bestimmt fünfzehn Grad Frost. Was meinst du?“ „Wahrscheinlich achtzehn“, antworte ich und bitte ihn, den Platz mit mir zu tauschen. Er tut es. Jetzt stehe ich neben Giovanni. Der Italiener zittert, sein blau gewordenes Gesicht ist von Bläschen bedeckt, die Spitze seiner schmalen, ein wenig geboge- nen Nase ist hochrot: Er reibt sie ununterbrochen. „Vergiß die Ohren nicht, Giovanni“, rate ich ihm. Er nickt mir dankbar zu, zieht dieHandschuhe aus und preßt seine Ohren mit der bloßen Hand, dann faßt er wieder nach seiner Nase. Giovanni Gotta und Henri Gardebois gehören, wie mir Valentin erst jetzt gesagt hat, zu den drei führen- den Genossen, die die Tätigkeit aller unserer Illegalen in dem Unternehmen leiten sollen. Von der sowjeti- schen Gruppe der Organisation bin ich in dieses Drei- gespann delegiert worden. Giovanni wird unser Ober- haupt sein. Unsere Aufgabe besteht zunächst in folgendem: Erstens müssen wir allen Genossen bei- bringen, daß sie von Anfang an möglichst langsam arbeiten sollen, doch so, daß man ihnen deswegen nichts am Zeuge flicken kann— es darf keine Ver- weigerung der Arbeit, keinen offenen Aufruhr geben; zweitens müssen wir das Vertrauen der vom Werk geschickten Meister gewinnen, die in diesem Betrieb arbeiten werden. Außerdem müssen wir— Giovanni, Henri und ich- so schnell wie möglich herausbekom- men, womit die Werkstätten sich eigentlich beschäftigen sollen und wie groß ihre Produktionskapazität ist. ... Die letzte Rotte der Arbeiter aus dem Kommando „Steinbruch“ setzt sich in Bewegung. „Marsch!“ Auch wir gehen los. Die Häftlinge anderer Kom- mandos, die zu beiden Seiten unserer Kolonne stehen, blicken uns mitfühlend an. Viele von uns lassen die Köpfe hängen— sollen wir doch Flugzeuge für den Feind bauen. 180 „Giov: „meine suchen Das k Henri Giova gehor« Garde er rei besser Wort „Hen müßte zu W samm Giov: Wir| mach ange „Stei Hüg Hof, vom kleic Emp als: wart Der im( ein Sum Nan bin nähe t Italiener h ihm, De aus und n faßt er hören, wie rei führen- 1 , deswegen eine Ver- „Giovanni“, sage ich, als wir das Tor hinter uns haben, „meiner Meinung nach müßte man zu erreichen ver- suchen, daß du und Henri Gehilfen des Kapo werdet. Das könnte man durch Petrenko machen. Gib das an Henri weiter und sage mir, wie er darüber denkt.“ Giovanni bewegt langsam die Lippen, die ihm nicht gehorchen wollen, und sagt auf französisch etwas zu Gardebois. Henri kriecht ganz in sich zusammen, aber er reibt sich nicht die Ohren- er verträgt die Kälte besser als der Italiener. Ich verstehe nur zwei seiner Worte:„Kapo“ und„oui“. „Henri ist einverstanden. Außerdem meint er, wir müßten versuchen, in verschiedene Abteilungen gesteckt zu werden, und nur noch in der Mittagspause zu- sammenkommen. Ich finde, er hat recht“, bemerkt Giovanni. Wir klettern in den Steinbruch hinunter. Ohne haltzu- machen, marschieren wir an den in Reih und Glied angetretenen zweitausend Mann des Kommandos „Steinbruch“ vorüber, biegen um den reifbedeckten Hügel und durchschreiten das Tor des Betriebes. Im Hof, der mit Stacheldraht umzäunt ist, werden wir vom Kommandoführer und einem Mann in Zivil- kleidung mit einer roten Armbinde auf dem Mantel in Empfang genommen. Der Appell dauert nicht länger als zwei Minuten, dann betreten wir den weiten, warmen und hellen Arbeitsraum. Der Zivilist legt Hut und Mantel ab und kommt, nun im dunklen Kittel mit ebenso einer roten Armbinde, ein paar Schritte auf uns zu. Wir stehen im Halbkreis. Sumpf klappt die Hacken zusammen, nennt seinen Namen und seine Funktion. Der Neue sagt:„Ich bin Obermeister Flink“ und tritt noch einen Schritt näher. „Sind das Franzosen oder Polen?“ fragt er Sumpf hastig; dabei lächelt er schüchtern und schüttelt seine fuchsroten Locken., „Das sind Franzosen und Polen und Italiener und Russen- alles, was Sie wollen“, antwortet der Kapo vergnügt. „Wie soll ich mich denn da mit ihnen verständigen?“ „Sie verstehen fast alle gut Deutsch.“ Flink sieht uns verlegen an, plötzlich zuckt seine eine Schulter. „In ein paar Tagen fangen wir an, Flugzeugteile zu- sammenzubauen, zunächst aber wollen wir erst mal die Maschinen aufstellen“,.sagt er, immer noch lächelnd. Er hat einen breiten Mund und weit auseinander- stehende gelbe Zähne. Wir stehen schweigend da. Der Obermeister fragt Sumpf nochmals, ob wir ihn auch verstünden. Der Kapo nickt bejahend mit dem Kopf und bemerkt, öffen- bar aus dem Wunsche heraus, eine Erklärung für unser mürrisches Aussehen zu geben, wir seien hungrig. Flink macht große Augen—„Ach so!“— und zuckt wieder mit der Schulter. „Unsere Firma gibt Ihnen eine anständige Suppe und donnerstags außerdem noch Gulasch.“ „Gulasch? Richtiges Gulasch?“ fragt der Kapo hastig. „Ja, also ein paar Kartoffeln, Fleisch und Soße.“ Sumpf schließt mit verzücktem Ausdruck halb die Augen und schluckt- sein spitzer Adamsapfel geht nach oben und wieder zurück. „Gulasch“, flüstert er.„Ich habe seit acht Jahren kein richtiges Fleisch mehr gegessen.“ Flinks Schulter zuckt, er entfernt sich etwas; dann kommt er zurück, sieht auf die Uhr und sagt zu Sumpf:„In fünfzehn Minuten trifft der erste Zug mit 182 er Sumpf üttelt seine uıener und li se ‚ul Kapo Maschinen ein. Schicken Sie die Hälfte des Komman- dos zur Eisenbahn, dort werden die Leute Lastwagen und einen Trailer vorfinden. Die übrigen können hier- bleiben. Haben Sie einen Gehilfen?“ Der Kapo weist auf Petrenko. Der steht stramm. „Ausgezeichnet“, sagt Flink.„Dann kann er die Leute zum Zug bringen, und wir werden hier die Frachtstücke in Empfang nehmen.“ Ich bitte Petrenko auftragsgemäß, er soll Sumpf doch Giovanni und Henri empfehlen: Vielleicht braucht er noch mehr Gehilfen. Petro verspricht, er werde sein möglichstes tun, und bald sehe ich, wie er den Fran- zosen und den Italiener zu dem Kapo bringt. Ich begebe mich mit Petrenkos Gruppe zur nordöst- lichen Ecke des Talkessels. Hier ist eine zweite Aus- fahrt aus dem Steinbruch, durch die die Eisenbahn führt. Während wir auf den Zug warten, betrachten wir die großen dreiachsigen Lastautos, die neben dem gepflasterten Bahnsteig stehen, den breiten, niedrigen Plattenwagen auf Gummirädern- den Trailer— und den hohen fahrbaren Kran. Nach einer halben Stunde laden wir Tische und schwere, versiegelte Kisten auf die Autos, der fahrbare Kran setzt drei Nietmaschinen auf den Trailer, einige Meister, ‚die mit dem Zug gekommen sind, nehmen neben den Fahrern der Lastwagen Platz, und wir können den Rückweg an- treten. „Machen wir doch einen Umweg“, sagt Petrenko.„Wir haben es ja nicht eilig.“ Er gibt das Kommando zum Antreten und schlägt den Kragen seines Jacketts hoch. Viele folgen seinem Bei- spiel. Gewohnheitsmäßig gehen wir im Schritt- die Holzsohlen klappern schallend auf der gefrorenen Erde. 183 Als wir uns der riesigen ovalen Grube nähern, in der die Leute aus dem Strafkommando arbeiten, packt Petro mich am Arm. „Sieh mal da oben hin, zu dem Vorsprung, nein, dort, höher!“ Ich hebe den Kopf. Oben, direkt über der Grube, wo ein paar bereifte Sträucher stehen, springen gerade drei Männer von dem steilen Abhang zurück: ein SS-Mann, Liesner und noch ein dritter, der ein Brecheisen in der Hand'hält. Im gleichen Augenblick löst sich von der Spitze des Felsens langsam ein überhängender riesiger, spitzer Steinblock los. Mir stockt vor Erregung der Atem— der Felsblock verliert das Gleichgewicht und stürzt hinunter, einen silbrigen Schweif von Staub nach sich ziehend. Auf dem abschüssigen Plateau unten, wo es von Men- schen wimmelt, ertönt ein lauter Schrei, der in Poltern und Krachen untergeht... Wir biegen rasch nach links ab. Petrenko ist blaß und sieht vor sich nieder. Jetzt bin ich es, der ihn am Arm packt- von dem Steinhügel her kommt der Ober- aufseher Vogel auf dem Fahrrad direkt auf uns zu- gesaust. Ofbenbar hat er den Massenmord soeben beob- achtet. Petro klappt seinen Kragen herunter, tritt aus der Reihe und beginnt den Marschtakt anzugeben, und als der SS-Mann die Spitze der Kolonne erreicht hat, ruft er:„Mützen ab!“ Vogel bremst und sieht Petrenko argwöhnisch an. Der marschiert unbeirrt und festen Schrittes weiter. Der Hauptscharführer wendet scharf und holt ihn ein. „Was ist das für ein Kommando?“ fragt er. Er trägt breite Bergschuhe mit dicker Sohle und Pelzhand- schuhe. 184 fuDE, wo trade drei SS-Mann, „Kommando ‚Rüstung‘, hundertzwanzig Häftlinge!“ antwortet Petro und sucht dabei nach den deutschen Worten. Arlaleı Wir bleiben stehen. „Was macht ihr hier? Wohl einen kleinen Spazier- gang?“ „Wir haben Tische und Maschinen ausgeladen“, er- widert Petrenko, so gut er es mit seinen paar deutschen Brocken zusammenbringt. „Du bist Pole?“ Petrenko schweigt einen Augenblick, dann sagt er leise: „Ukrainer.“ „Los! Steine tragen! Tempo!“ brüllt Vogel, und mit dem Vorderrad lavierend, lenkt er sein Fahrrad auf den Weg. Im Steinbruch ist kein Mangel an Steinen. Überall liegen sie herum. Petrenko bückt sich und reißt einen gewichtigen runden Stein, der gut seine fünfunddreißig Pfund wiegt, vom Boden hoch. Unsere Blicke treffen sich. Wir wissen beide, was jetzt kommt... Leb wohl, Petro, du guter, selbstloser Genosse, leb wohl und vergib mir— ich kann dir nicht helfen, das verstehst du doch. Ich schlage die Augen nieder und höre die sich überschlagende Stimme, die wieder in ein Gebrüll übergeht:„Los, Tempo! Schneller!“ Petro geht mit dem Stein auf den Weg. Vogel fährt Kreise auf seinem Rad und holt dabei einen kleinen Browning hervor... So viele Menschen sind hier schon vor meinen Augen umgebracht worden- aber diesmal kann ich es nicht mit ansehen... Ich wende mich zu den Kameraden um- sie stehen mit entblößten Köpfen da. Ein Schuß übertönt mein Kommando:„Marsch!“ Das Echo wirft den Knall zurück. 185 ... Wir gehen durch das Tor der Werkstätten. Flink empfängt uns an der Tür und sieht auf die Uhr. Ich bitte die Kameraden stehenzubleiben und berichte: „Der Gehilfe des Kapo ist getötet worden.“ „Was heißt ‚getötet worden‘?“ Flinks Schulter zuckt zweimal. „Der Oberaufseher des Steinbruchs hatihn erschossen.“ Flink wird rot und weicht zur Tür zurück. Wir gehen in die Werkstatt. In der Mitte des Raumes und an den Wänden entlang werden Tische aufgestellt, und die Werkmeister machen sich mit den Maschinen zu schaffen. Ich folge dem Obermeister zu Sumpf, der auf einer leeren Kiste steht und die Arbeit überwacht. Flink tritt an den Kapo heran und sagt, während er einen Greifzirkel auf der Tasche zieht:„Herr Sumpf, man hat mir berichtet, daß Ihr Gehilfe, derdie Arbeiter zum Entladen des Zuges geführt hat, getötet worden Sei Der Kapo springt von der Kiste herunter. Sie kipptum. „Der Hauptscharführer hat ihn erschossen, als wir in die Nähe des Hügels kamen“, füge ich hinzu. Sumpf sieht mich mit leerem Blick an. Seine fleischige Unterlippe sinkt herab und beginnt auf einmal zu zittern. Er läßt seine Augen durch den Raum schweifen, dann wendet er sich um und geht schweigend, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, in die Nachbar- werkstatt. „Herr Obermeister“, sage ich zu Flink,„das ist nicht der einzige Mord, der heute bei uns geschah. Vor einer halben Stunde hat man im Steinbruch absichtlich eine Menge Leute mit einem Steinblock zerschmettert. Wissen Sie das noch nicht?“ „Halten Sie den Mund!“ schreit Flink plötzlich. Er ist dunkelrot geworden. 186 Ich bl „sage suche! Mit z sehe, wiede Nach versp als C Sum den zoset Er\ schlir Warı kis „Une bess bei ı VERSBETR, RETTET DEE, ZIERT TEREITN Ich blicke ihn an, ohne mit der Wimper zu zucken. „Sagen Sie Sumpf, er soll sich einen anderen Gehilfen chen und die Arbeit weiter beaufsichtigen.” Mit zuckender Schulter geht Flink zum Ausgang. Ich sehe, wie er sich vergeblich bemüht, den Greifzirkel wieder in die Tasche zu stecken. Nach einiger Zeit sage ich zu Sumpf:„Du hast Petro versprochen, daß du den Italiener und den Franzosen als Gehilfen nehmen willst.“ Sumpf brummt:„Ja, versprochen hab ich’s schon, und den Italiener nehme ich auch, aber gegen den Fran- zosen hat der Obermeister Einwendungen erhoben: Er versteht zu schlecht Deutsch. Na, das ist nicht schlimm, ich finde schon eine gute Arbeit für ihn... Waren sie Petros Genossen?“ „Ja.“ „Und du warst sein Freund. Dir suche ich einen noch en Platz. Solange ich Kapo bin, wirst du es gut bei mir haben.“ 3 In der Mittagspause finde ich mich mit Giovanni und Henri in der entferntesten Ecke. des Raumes zusam- men. Wir setzen uns an den Tisch, und während wir langsam unsere Spinatsuppe essen, sehen wir uns nach allen Seiten um. Niemand beachtet uns. „Wir müssen sofort mit den Leuten sprechen“, sagt Giovanni.„Die Ermordung Petros hat auf alle einen niederschmetternden Eindruck gemacht. Wir müssen den Kameraden erklären, daß wir den Kampf trotz- dem nicht einstellen, aber daß wir außerordentlich 187 vorsichtig verfahren müssen. Die Leute sollen vorläufig alle Anordnungen der Meister präzise ausführen. Wir müssen das Wohlwollen der Zivilisten erwerben und vielleicht sogar ihre Sympathie: Das wird uns in Zu- kunft die Arbeit erleichtern... Einstweilen aber müssen wir die Augen offenhalten. Seid ihr einverstanden?“ Henri und ich nicken bestätigend mit dem Kopf. In der zweiten Tageshälfte öffnen wir die schweren Kisten, befestigen Schraubstöcke an den Tischen und legen das Werkzeug auf den Arbeitsplätzen aus: Hämmer, Meißel, Setzeisen, elektrische Drillbohrer. Der große Raum, den man in drei Abschnitte unterteilt hat, sieht allmählich wie eine richtige Werkhalle aus. Neben dem Fenster wird, dicht beim Eingang, ein breiter Tisch aufgestellt, an dem ein Täfelchen mit der Aufschrift„Kontrolleur“ befestigt ist. Bis zum Abend gelingt es mir, mit fast allen aktiven Leuten, die gemeinsam mit mir im Steinbruch ge- arbeitet haben, ein paar Worte zu sprechen. Nachdem ‚ wir ins Lager zurückgekehrt sind, gehe ich in den Kesselraum, der im Keller des Badehauses liegt. Twan Michailowitsch, der diensttuende Schlosser, fragt mich eingehend nach allen Einzelheiten aus. Er billigt unsere Richtlinien: Selbstverständlich müssen wir vor allem die Augen offenhalten. Mit den Fingern auf den Tisch trommelnd, sagt er:„In der ersten Zeit wird man euch wahrscheinlich in die Lehre nehmen, denn man kann keine Flugzeugteile zusammenbauen ohne eine spezielle Ausbildung. Wenn meine Annahme zu- trifft- und sie muß zutreffen-, ist es eure Aufgabe, die Lehrzeit so lange wie möglich hinauszuziehen. So, das ist alles.“ Am nächsten Morgen fahren mit Segeltuch bedeckte Lastwagen in den Hof des Kommandos„Rüstung“. 188 Unter Jeichte den] bogen einer Ich h. diese! dab weiß einst Dur: sogai jener im( aus] und: Nad uns? mitt bezic = EEE IRTE Unter der Leitung von Giovanni laden wir Packen leichter Einzelteile aus Dural ab und bringen sie zu den Tischen. In einem der Wagen entdecken wir ge- bogene Stahlplatten; wir erhalten den Befehl, sie bei einer Maschine niederzulegen. Ich habe keine Vorstellung von der Bestimmung aller dieser Teile. Ich frage Giovanni danach und erfahre, daß es Teile von Rippen sind. Was eine Rippe ist, weiß ich als früherer Flugzeugmodellbauer- ich habe einst selbst welche hergestellt, allerdings nicht aus Dural, sondern aus Bambusstäben. Damals habe ich sogar versucht, Aerodynamik zu studieren. Doch aus jener Zeit sind mir nur ganz allgemeine Vorstellungen im Gedächtnis haftengeblieben: die Tragflächen, die aus Rippen und Flügelholmen bestehen, der Rumpf und darin die Spanten und Längsholme.... Nachdem wir alles abgeladen haben, begeben wir uns zu unserem Arbeitsplatz. Flink stellt sich bei der mittleren Tischreihe auf, die drei anderen Meister beziehen Posten neben den Seitenreihen. Plötzlich kommt Sumpf in die Werkstatt und ruft meine Num- mer auf. Peter, „Komm her!“ Als ich mich dem Kapo nähere, flüstert er dem Ober- meister etwas zu. Dieser zuckt mit der Schulter. Sumpf sagt:„Du sollst zum Herrn Oberkontrolleur Steiger kommen, schnell!“ Mir ist nicht wohl zumute. Ich habe den Ober- kontrolleur gestern gesehen: der typische Gestapo- mann- straff, elegant, mit einem bösartigen schiefen Lächeln. Sollte Flink mich schon bei ihm denunziert haben, weil ich ihm von der Ermordung der Leute aus dem Strafkommando erzählt habe? 189 Ich mache Sumpf unbemerkt ein Zeichen- ich würde gern erst mit ihm sprechen. Er stampft mit dem Fuß auf:„Schnell!“; Ich verlasse die Werkstatt. An einem aus Ziegelsteinen errichteten, verglasten Pavillon bleibe ich stehen und klopfe an. „blerein. Ich trete in einen warmen und sehr hellen Raum, in dem es dutchdringend nach Parfüm duftet. „Sie heißen Pokatilow?“ „Zu Befehl.‘ „Warum sagen Sie nicht guten Tag, wenn Sie herein- kommen?“ „Guten lag „n Tag. Treten Sie näher.“ Ich blicke auf. Steiger hat ein rosiges Gesicht. Er trägt einen hellgrauen Anzug aus weichem Stoff, und vom Revers seines Jacketts blinkt ein rundes Abzeichen mit dem Hakenkreuz. Ich trete an seinen Tisch heran, der mit Zeichnungen überhäuft ist. „Sie können sich setzen.“ Ich nehme Platz und blicke auf den mit Linoleum be- deckten Fußboden. Dann höre ich seine Stimme:„Sie sind mir als disziplinierter und gebildeter Häftling empfohlen worden. Das stimmt doch, nicht wahr?“ Nein, das scheint kein Verhör zu sein. Ich recke mich gerade und sage:„Es ist schwer für mich, selbst ein Urteil darüber abzugeben, Herr Oberkontrolleur.“ Steiger grinst, daß seine festen, weißen Zähne zu sehen sind. „Ihre Antwort gefällt mir. Sie sprechen ausgezeichnet deutsch... Aber kommen wir zur Sache.“ Er zündet sich eine Zigarette an. Mein Argwohn erwacht von neuem.„Aus Ihrer Kartothekkarte ersche ich, daß Sie 190 das, ei „Das| trolleu „Was Fliegei „echt „9050. „Nicht „Das Sie hi Nein, den T kurzfi Zeige- rechte Aufsd „Na, Sein? der aı In de Wort ganze die] „Seh; Sein Größ „Das „Aus „Nei „Wie „Zwa „Wie „Zwe Raum, in ie herein- ‚ 3 £ EEE EEE BZ Student des Fliegertechnikums gewesen sind. Was ist das, ein Technikum?“ „Das ist eine technische Fachschule, Herr Oberkon- leur. „Was ist man, wenn man einen Schulungskursus im Fliegertechnikum absolviert hat?“ „Techniker.“ „Soso. Können Sie Zeichnungen lesen?“ „Nicht gut.“ „Das werden wir gleich mal ausprobieren. Kommen Sie hierher.“ Nein, das ist natürlich kein Verhör. Während ich um den Tisch herumgehe, streicht Steiger mit seiner weißen, kurzfingrigen Hand die oberste Zeichnung glatt. An Zeige- und Ringfinger blitzen wertvolle Steine. In der rechten unteren Ecke der Zeichnung entziffere ich die Aufschrift:„Messerschmitt 109.“ „Na, was stellt das dar?“ fragt der Oberkontrolleur. Sein Zeigefinger weist auf eine vierstellige Zahl, von der aus nach beiden Seiten feine Pfeillinien verlaufen. In der rechten oberen Ecke der Zeichnung lese ich das Wort„Rippe 8“, ich überfliege mit einem Blick die ganze Abbildung und antworte:„Die Zahl bedeutet die Länge der Rippe.“ „Sehr gut. Und das hier?“ Sein Finger gleitet herunter bis zu der Ziffer 6, die die Größe irgendeiner Bohrung angibt. „Das ist der Durchmesser.“ „Ausgezeichnet... Sind Sie Kriegsgefangener?“ „Nein.“ „Wie alt?“ „Zwanzig Jahre.“ „Wie lange sind Sie schon inhaftiert?“ „Zweieinhalb Jahre...“ Wieder werde ich unsicher. Wozu braucht der Ober- kontrolleur alle diese Angaben? Wer hat mich ihm empfohlen, und zu welchem Zweck? Steiger erhebt sich rasch, ich ebenfalls. „Ich ernenne Sie zum Kontrolleur in der ersten Werk- statt.“ Ich bin sprachlos. Kontrolleur soll ich werden?... Erstens ist das etwas, das offensichtlich im Wider- spruch zu meinen Pflichten steht, und zweitens ver- stehe ich so gut wie nichts von technischer Kontrolle... Ach, Iwan Michailowitsch, hättest du doch lieber keinen Studenten des Fliegertechnikums aus mir gemacht! Steiger bemerkt offenbar meine Verwirrung. Sein Blick wird stechend. Ich begreife, daß eine Weigerung die schlimmsten Folgen für mich haben würde. Aber was soll ich tun? „Sind Sie nicht einverstanden?“ „Verzeihen Sie, Herr Steiger, ich bin noch nie in meinem Leben Kontrolleur gewesen.“ Steiger lacht. „Es ist nicht so schwer, den Durchmesser von Bohrun- gen und die Qualität von Nieten zu überprüfen. Dazu braucht man weder Ingenieur noch Techniker zu sein... Gehen Sie zu Flink und nehmen Sie Ihre Tätigkeit auf. Sie sind übrigens nicht den Meistern unterstellt. Ich selbst werde Ihre Arbeit kontrollieren, und ich werde Ihnen auch zeigen, was Sie zu machen haben. Sie können gehen.“ Ich kehre in die Werkstatt zurück. Sie ist erfüllt vom Surren der elektrischen Drillbohrer. Flink führt an dem Schraubstock gleich neben der Maschine eine Boh- tung an einem Duralteil aus. Er steht breitbeinig da, die Locken hängen ihm in die Stirn. Zwei Häftlinge sehen mit finsterem Gesicht seiner Arbeit zu... 192 ja, Ir Meiste Unser‘ mache Ernen „Ic Köpf und( achte mess Iwan „Na, Wer „Ich „Als bildu leger Und Mir Zeic stüc eins und , eine Boh- EEE Ja, Iwan Michailowitsch hat sich nicht geirrt. Die Meister haben angefangen, die Leute auszubilden. Unsere Aufgabe ist also klar. Aber was soll ich jetzt machen, ich persönlich, nachdem ich diese idiotische Ernennung erhalten habe? A „Iwan Michailowitsch, was soll ich tun, ich bin zum Kontrolleur ernannt worden.“ „Zum Kontrolleur? Hm... Was mußt du da machen?“ „Das frage ich dich ja eben...“ „Nein, so meine ich das nicht. Worin bestehen deine Obliegenheiten?“’ „Ich soll die Qualität der Nieten kontrollieren, die Köpfe müssen der festgesetzten Größe entsprechen und dürfen keine Risse haben; dann muß ich darauf achten, daß die gebohrten Löcher den richtigen Du rch- messer haben...“ Iwan Michailowitsch schlürft geräuschvoll seinen Kaffee. „Na, meiner Meinung nach ist das sehr gut. Kannst du Werkstücke zur Umarbeitung zurückgeben?“ „Ich bin sogar dazu verpflichtet.“ „Also gib möglichst viele zurück, solange die Aus- bildung dauert. Und inzwischen werden wir uns über- legen, was wir später machen....“ Und nun sitze ich also am Tisch des Kontrolleurs. Vor mir liegen Zeichnungen, Schablonen und Lineale. Die Zeichnungen habe ich schon studiert, fertige Werk- stücke hat man mir noch nicht gebracht, ich habe also einstweilen als Kontrolleur nichts zu tun. Ich sitze da und beobachte. Wenige Schritte von mir entfernt steht Flink, in den Händen hält er eine gebogene Stahlplatte für eine Lasche. Neben ihm steht Franek, der junge Pole, dem ich seinerzeit im Lazarett geholfen habe. Das Gesicht des Obermeisters ist mir im Profil zugekehrt, und ich sehe rosige Flecken auf dem Backenknochen, eine zer- zauste rote Haarsträhne über der Stirn und ein un- bewegliches Auge, starr auf Franek gerichtet. „Sakrament noch mal, wann werden Sie endlich auf- hören, die Bohrer zu zerbrechen? Sind Sie denn wirk- lich nicht imstande, so eine Arbeit zu machen? Wie lange soll denn das noch so weitergehen, zum Teufel?“ fragt er mit stiller Wut. Franek steht da, die Hände an der Hosennaht, und sieht Flink schweigend in die Augen. „Ich warne Sie-— wenn Sie sich nicht bessern, schicke ich Sie morgen in den Steinbruch... Fangen Sie noch mal an.“ Franek spannt die Lasche in den Schraubstock und schaltet den Drillbohrer ein, aber nach einer Minute hört man wieder das Knacken des brechenden Bohrers und darauf das’ Jammern und Schimpfen des Ober- meisters... Franek scheint doch den Bogen etwas zu überspannen, man muß ihn darauf aufmerksam machen.\ Ich lasse den Blick zu der benachbarten Tischreihe gleiten. Ein kleiner, glatzköpfiger Meister zeigt dort einem schon älteren, schwarzhaarigen Franzosen, wie man nietet. Der Hammer tanzt in den Händen des Deutschen: ein Schlag, ein zweiter und noch einer— und der Kopf ist fertig Der Franzose beugt sich so tief über die vernietete Stelle, daß er sie fast mit der Nase berührt, und schnalzt vor Begeisterung mit der Zunge. Der Meister übergibt ihm den Hammer. Der 194 Franzo: Niete- eilig m demFr zu” ei der Ko Hier is hinübe reißt g drei ar folgt ä Meiste stück. stock,| der B nimmt Hand, dem 1 an- Meist: gen.. nur m Sump flügel Auge begre Häktl bstock und ner Minute fen Bohrers des Ober- gen etwas aufmerksam Tischreihe zeigt dort zosen, wie Tänden des h einer= jgt sich SO fast mit det no mit der mmer. Det Franzose schlägt damit sehr vorsichtig auf die nächste Niete— die Niete biegt sich. Der Meister entfernt sie eilig mit dem Meißel, setzt eine neue ein und flüstert dem Franzosen wütend etwas zu. Dieser schlägt stärker zu— einen Schlag, einen zweiten, einen dritten— und der Kopf ist völlig plattgeschlagen. Hier ist alles in Ordnung. Ich sche zur dritten Reihe hinüber. Ein dicker Meister im blauen Arbeitsanzug reißt gemächlich die Kante einer Nasenrippe Nummer drei an. Ein magerer Italiener mit langer Nase ver- folgt ängstlich die Bewegungen seines Bleistifts. Der Meister lächelt herablassend und reicht ihm das Werk- stück. Der Italiener spannt es hastig in den Schraub- stock, schaltet den Drillbohrer ein und setzt ihn an- der Bohrer gleitet von dem Metall ab. Der Meister nimmt dem Italiener ruhig den Drillbohrer aus der Hand, bohrt mehrere Löcher damit und gibt ihn dann dem Italiener zurück. Dieser setzt abermals sorgfältig an— und wieder rutscht der Bohrer ab. Der Hals des Meisters läuft rot an. Jetzt wird er den Italiener schla- gen... Nein, er hat ihn nicht geschlagen- er hat ihm nur mit seiner schweren Faust gedroht. Sumpf kommt aufgeregt in die Werkstatt. Seine Nasen- flügel sind gebläht, er reckt den Hals und steckt alle Augenblick die Hand in die Tasche. Er kann nicht begreifen, weshalb die Meister unzufrieden sind: Alle Häftlinge sind doch anscheinend emsig bei der Arbeit, alle geben sich Mühe— die Hämmer pochen, die Bohrer surren. Was ist also nicht in Ordnung? Aus der benachbarten Werkstatt, in der Giovanni die Aufsicht führt, taucht ein hoher Karren auf. Er wird von Henri geschoben. Sumpf hat sein Wort gehalten: Durch seine Protektion hat Gardebois einen guten Posten bekommen- er stellt das Material zu und 195 bringt die fertigen Stücke dem Kontrolleur zur Über- prüfung. Wenn Henri an den Tischen vorbeifährt, an denen unsere Genossen arbeiten, kann er ein paar Worte mit ihnen wechseln. Flink tritt zu mir heran. „Sagen Sie bitte, weshalb sind Ihre Leute so borniert?“ Ich lächle höflich:„Wahrscheinlich sind die eigenarti- gen Bedingungen schuld, unter denen wir leben, Herr Obermeister.“ Flinks Schulter zuckt, er begibt sich wieder zu Franck. Henri bringt fertige Werkstücke zu mir: Schwanz- und Nasenrippen. Sorgfältig betrachte ich jede Niete, jede Bohrung. Die einwandfreien Werkstücke, die offenbar aus den Händen der Meister kommen, schichte ich auf dem Fußboden ordentlich zu einem Stapel, die fehler- haften kennzeichne ich mit roter Kreide und lasse sie auf dem Tisch liegen. Während ich mit dieser Arbeit beschäftigt bin, erscheint Steiger. „Wo sind die kontrollierten Teile?“ Ich nehme die Rippen vom Fußboden auf, der Ober- kontrolleur betrachtet sie und legt sie schweigend auf den Tisch zurück. „Und was ist mit diesen hier los?“ Er ergreift eines der mit Kreide bezeichneten ‚Stücke. Ich berichte über die angekreuzten Fehler. Steiger lächelt:„Sie sind aber streng... Fahren Sie so forb.s In der Mittagspause berate ich mich mit Giovanni und Henri. Ich bin besorgt, daß zuviel Ausschuß erzeugt werden könnte. Die Augen des Franzosen werden auf einmal ganz dunkel. „Das ist doch gut, das ist ausgezeichnet.“ „Ja, aber man kann uns der Sabotage beschuldigen.“ 196 f zur Über- veifährt, an T Ein paar ‚oreift eines hren Sie so zyanni und uß erzeugt werden auf „Man darf nicht übertreiben“, sagt Giovanni. Henri zuckt mit den Achseln. Wir kommen überein, daß die Mitglieder der Organisation in besonders ge- fährlichen Fällen die allzu„Begeisterten“ bremsen sollen. Am Abend habe ich einen Zusammenstoß mit Flink. Als er sieht, daß ich mehr als die Hälfte der Tages- produktion als untauglich ausgemustert habe, schlägt er sich auf die Schenkel. „Herrgottsakrament, was ist denn das hie „Das alles muß umgearbeitet werden, Herr Ober- rp“ meister.“ „Was ist denn hier umzuarbeiten, zum Donner- wetter?“ „Die Nieten, Herr Obermeister.“ „Was ist denn schlecht an ihnen, Kruzifix noch mal?“ „Die einen sind zu hoch, die andern nicht hoch genug.“ „Himmelherrgottsakrament.. ae So geht es mit unserer Arbeit zwei Wochen lang, bis ein neues Gesicht beim Kommando„Rüstung“ auf- taucht- Kugel, der Direktor des Unternehmens. Er ist hochgewachsen, hat einen mächtigen Schädel und einen dröhnenden Baß. Schon am ersten Tage prügelt er den jungen, schwarzhaarigen Franzosen unbarm- herzig mit einer Lasche. Später wütet er noch schlim- mer; er haut mit den Fäusten, schleudert den Leuten verpfuschte Werkstücke ins Gesicht und brüllt schließ- lich, Speichel um sich spritzend, durch die ganze Werk- statt, daß wir Saboteure seien und daß er sofort die Gestapo rufen würde. Viktor, der inzwischen seine Versetzung in unser Kommando erreicht hat, flüstert mir zu:„Kostja, wir müssen die Sache abblasen.“ Henri und Giovanni sagen in der Mittagspause das‘ gleiche. Wir kommen überein, in den nächsten Tagen die Zahl derer, die„nicht können“ und„nicht ver- stehen“, um die Hälfte zu verringern. h Wir treten den Rückzug an. Kugel beruhigt sich. Aber schon nach kurzer Zeit flammt seine Wut von neuem auf: Die Leute arbeiten immer noch zu langsam, und die Produktion des Unternehmens ist lächerlich gering. Es beginnt eine neue Zeit der Repressalien. Zwei Fran- zosen werden in das Strafkommando geschickt, drei sind so verprügelt worden, daß sie ins Lazarett müssen. Kugel setzt eine tägliche Leistungsnorm fest und droht, wer sie nicht erfüllt, werde kein Mittagessen be- kommen. Ich begreife, daß der Direktor uns windelweich machen wird, wenn wir nicht andere Formen des Kampfes finden. Der Zufall hilft uns hierbei. Als Flink eines Morgens gegen Mitte Januar einen Rundgang durch die Werkstatt unternimmt, entdeckt er, daß Franek an der Kante einer Rippe ein Loch gebohrt hat, dessen Durchmesser zu groß ist. Flinks Schulter zuckt, er schimpft und schreit, bei einer solchen Arbeit würden die Flugzeuge in der Luft auseinanderfallen, man müsse ein vollendeter Idiot sein, um das nicht zu be- greifen— wenn der Kopf einer Niete das Bohrloch kaum überdeckt, dann habe die Verbindung überhaupt keine Festigkeit, und wenn Franek noch ein einziges Mal so etwas anstelle, würde er, Flink, dem Direktor hierüber Bericht erstatten. Ich betrachte in diesem Augenblick gerade die Zeich- nung einer rechten Tragfläche. Das Geschrei des Ober- meisters bringt mich auf einen interessanten Gedanken. Wie wäre es, denke ich, wenn man in die Nasenrippe Nummer drei ein Loch mit zu großem Durchmesser 198 En en 23 —— 4 B B s bohrte festigt werde durch an de deckt, Stahll ist, zu blech also' und| Lasdh geüb! Räde Bei c noch Schu und EERREELLNITENE bohrte und in die Stahllasche, die an der Rippe be- festigt wird, ein maßgerechtes? Diese beiden Teile werden von der Maschine, an der Viktor arbeitet, durch Eisennieten miteinander verbunden. Die Löcher an der Rippe würden durch die Köpfe kaum über- deckt, aber von oben würden sie normal aussehen. Die Stahllasche bildet, wie aus der Zeichnung zu ersehen ist, zusammen mit einem anderen Einzelteil, das Schub- blech genannt wird, den Hohlraum für das Rad. Wenn also ‚ein Jagdflugzeug sich in die Luft erhoben hat und beginnt das Fahrgestell einzuziehen, springt die Lasche, wenn auch nur ein kleiner Druck auf sie aus- geübt wird, ab, und das Flugzeug kann nachher die Räder nicht mehr ausfahren. Bei diesem Gedanken wird mir heiß. Ich betrachte mir ‚noch einmal genau das Schema der Vereinigung des Schubblechs mit der Lasche, messe die Eisenniete aus und gehe rasch in die benachbarte Werkstatt zu Gio- vanni. Er versteht mich nicht recht. Ich ziehe ihn zu seinem Tisch, zeige ihm die Zeichnung, die Nieten und das von Franek verpfuschte Werkstück mit der von Flink angebrachten Aufschrift:„Ausschuß.“ „Das ist eine große Sache“, flüstert Giovanni und macht kugelrunde Augen. Ich kann meine Freude nicht verbergen.„Was meinst du, hat das eine Katastrophe zur Folge oder nicht?“ „Diese ‚Messerschmitt‘ hat eine große Landegeschwin- digkeit, sie kann ohne Räder nicht landen.“ „Das ist gut... Bist du der gleichen Ansicht wie ich?“ „Man muß genaue Berechnungen durchführen, und dann...“ „Was ist dann?“ „Das ist eine große Sache“, wiederholt er,„das muß man sich überlegen.“ Viktor, der immer Besonnene und Vorsichtige, nimmt wider Erwarten meinen Vorschlag mit Begeisterung auf. Er ist sofort einverstanden, den gefährlichsten Teil der Arbeit auszuführen—"die Verbindung der Rippe mit der Lasche. Ich kann kaum die Mittagspause erwarten. Giovanni ist finster wie eine Gewitterwolke. Henri hat blitzende Augen. Nachdem wir alle Einzelheiten besprochen haben, beschließen wir, die Frage der Organisierung von Sabotage im Kommando„Rüstung“ unserer Lei- tung zu unterbreiten. Am Abend mache ich Iwan Michailowitsch Mitteilung von unserem Beschluß. „Langsam, langsam“, stoppt er meinen Eifer,„beginne mit dem Anfang und überstürz dich nicht.“ Ich setze ihm noch einmal unseren Plan auseinander, doch Iwan Michailowitsch sagt weder ja noch nein. „Siehst du“, erwidert er, nachdem er lange überlegt hat,„selbst wenn wir annehmen, daß dein Vorschlag real ist, müssen wir uns fragen, ob wir das Recht haben, das Leben so vieler Kameraden aufs Spiel zu setzen. Die Leitung wird eine Entscheidung hierüber fällen... Halte alle deine Berechnungen bereit, sie werden von erfahrenen Leuten überprüft werden— das ist das erste. Zweitens: Gib mir die Nummern der Kameraden, die das alles unmittelbar ausführen sollen; wir werden uns noch mal ihre Personalbogen ansehen. Drittens: Denke das alles selbst noch einmal mit kühlem Kopf durch. Mehr kann ich dir einstweilen nicht sagen.“ Zwei Tage vergehen, dann beauftrage ich Viktor und Franek auf eigene Verantwortung und Gefahr, eine solche fehlerhafte Rippe mit Lasche herzustellen. Sie wird unbeanstandet zusammen mit den anderen 200 . Km er y Tonerung fertige Tag m und al Leitun Jetzt| gibt s sich$ sicher! keit“ Lasch Gefal zum| lich n getan e9, eisterung sten Teil er Rippe . Giovanni fertigen Werkstücken ins Depot geschickt. Am nächsten Tag machen die Kameraden„probeweise“ fünf weitere, und abends teilt mir Iwan Michailowitsch mit, daß die Leitung meinem Vorschlag zugestimmt hat. Jetzt bringen wir die Sache richtig in Gang. Giovanni gibt seinen Posten als Gehilfe des Kapo auf und stellt sich selbst an die Bohrmaschine. Henri und Franek sichern ihn und Viktor. Ich kontrolliere die„Sauber- keit“ der Arbeit und setze groß mein Zeichen auf die Lasche. Wir sind uns völlig darüber klar, in welche Gefahr wir uns begeben. Besonders jetzt, wo es bis zum endgültigen Zusammenbruch Hitlers wahrschein- lich nur noch wenige Wochen sind. Aber wir tun, was getan werden muß. D Es ist ein klarer, sonniger Tag. Wir haben erst Mitte Februar, aber man könnte meinen, der Frühling sei da: Es taut, überall sprühen funkelnde Tropfen, der vom Wasser gequollene Schnee glänzt feucht, die Luft riecht nach faulendem Holz und Schneewasser. Heute findet der tägliche Appell bei uns im Hofe statt. Sumpf, der die letzten anderthalb Monate unver- änderlich mürrisch gewesen ist, rapportiert heute dem Kommandoführer ganz wohlgemut, daß zu seinem Kommando zweihundertvierzig Häftlinge gehören, die alle anwesend sind. Der Kommandoführer zählt uns, dann holt er sein Zigarettenetui heraus und gibt dem Kapo eine Zigarette— ich habe noch niemals ge- sehen, daß ein SS-Mann einem Häftling eine Zigarette angeboten hätte. Auch die Meister sind ins Freie 201 herausgekommen, stehen an der Seite und blicken lächelnd zu uns hinüber. Wir bekommen eine süßliche, mit irgendwelchem Wurzelgemüse zubereitete Suppe und hocken uns da- mit auf den sonnenbeschienenen Erdwall. Da heulen plötzlich— ein Blitz aus heiterem Himmel könnte nicht unerwarteter kommen— vom Lager her die Sirenen los. „Fliegeralarm!“ schreit der SS-Mann. „Fliegeralarm!“ ruft Sumpf und reckt seinen hageren Hals. „Fliegeralarm!“ wiederholen die Meister. Das Geheul der Sirenen schwillt an und erreicht seinen Höhepunkt— man hört nur noch einen einzigen, gleich- mäßigen, durchdringenden, aufwühlenden Ton. Die Meister stürzen zum Ausgang des Steinbruchs davon, wo der nächste Luftschutzraum ist. Sumpf schlägt krachend den Deckel des geleerten Kübels zu. Auf Kommando des SS-Manns gehen wir in die Werkstatt. Die Leute machen Gesichter, als ob sie Geburtstag hätten. Der Kommandoführer befiehlt Sumpf, niemand herauszulassen, und läuft dann zum Hügel. In der Werkstatt ist es sehr still. Alle sitzen auf den Tischen und warten. Und dann kommt das Ersehnte: ein anfangs fernes, dann immer stärker werdendes und näher kommendes Surren. Die Ge- schütze der Flak bellen. Das Surren wächst zu einem mächtigen Dröhnen an. Die Fensterscheiben klirren. Ich springe auf den Stuhl. Durch das Fenster sehe ich am klaren Himmel einen goldig schimmernden Schwarm dahinbrausender Bombenflugzeuge, die klei- nen Flämmchen gleichen. Als Welle fliegen sie nach Süden. Die Explosionswölkchen der Flakgeschosse, die aussehen wie sich plötzlich öffnende Knospen weißer' Blüten, liegen weit unter den Bombern. Herrlich! Jetzt 202 werde kreuz Eine] macht Fenst versch von( Himn klirre tige\ von] Eine dritte tauch uns 1 aus. Wie Zwai ich\ leide aufh Nad Deto und alles das| das von liche als Ich dem stür stof werden unsere Jungen den Herren mit dem Haken- kreuz mal zum Tanze aufspielen! Eine Detonation, die wie ein mächtiges Ausatmen ist, macht die Wände beben. Die Leute stürzen zu den Fenstern. Neue Detonationen, stärker als die erste, verschmelzen zu einem einzigen höllischen Krachen, von dem die Ohren sausen. Am durchsichtig klaren Himmel aber blitzen neue Feuerfünkchen auf. Wieder klirren die Scheiben leise. Wieder entfalten sich präch- tige weiße Knospen in der Lüft- eine zweite Welle von Bombern kommt heran. Eine neue Detonation. Eine zweite. Und dann eine dritte und stärkste, als Schlußakkord. Eine dritte Welle taucht auf, hinter ihr eine vierte. Das Krachen, das uns mit Freude erfüllt, setzt keinen Augenblick mehr aus... Wie lange mag der Bombenangriff schon dauern? Zwanig Minuten, fünfzig Minuten oder zwei Stunden- ich weiß es nicht. Ich empfinde nur einen einzigen leidenschaftlichen Wunsch: Diese Musik möge niemals aufhören. Nach der sechsten Welle und der sechsten Serie von Detonationen tritt Stille ein. Ich lausche angestrengt und blicke zum Himmel auf- er ist leer. Sollte das alles gewesen sein? Nein, noch nicht! Da ist es wieder: das rasch anwachsende Dröhnen, das Kläffen der Flak, das Pfeifen der Bomben, das Poltern der Leute, die von den Tischen springen, und dann- ein schreck- licher, mit nichts zu vergleichender, krachender Stoß, als ob die Erde sich auftäte... Ich öffne die Augen. Sind wir noch am Leben? Auf dem Boden rings um mich her liegen Glassplitter. Ich stürze zum Ausgang, stolpere über irgendein Bein und stoße die Tür auf. Draußen funkelt der taunasse 203 Schnee in der Sonne. Ich schaue auf und sehe weiße° Zettel durch die Luft flattern und eine Rauchsäule an der Stelle aufsteigen, wo die Eisenbahnlinie aus dem Steinbruch führt. „Viktor!“ rufe ich. Viktor, Giovanni, Henri, Franek kommen zu mir ge- laufen, ihnen folgen andere. „Seht mal, Flugblätter!“ sage ich und weise auf das flatternde Papier. Wir treten auf den Hof hinaus. Ein scharfes Knattern und das Pfeifen von Kugeln lassen uns zurückspringen: Der Wachtposten hat uns mit dem Maschinengewehr beschossen. Ich werfe die Tür zu- zum Frohlocken ist es offenbar noch zu früh. Wieder sitzen wir auf den Tischen, die Jacken über die Schultern geworfen. So vergeht eine Stunde und noch eine halbe— kein Entwarnungssignal, keine Meister, kein Kommandoführer. Was für ein Glücksgefühl! Sumpf tritt zu mir heran. Auf seinem immer noch blassen Gesicht liegt ein klägliches Lächeln. Er holt eine Zigarette aus der Tasche— das Geschenk des SS-Manns— und legt sie vor mich hin. Ich zeige auf den Schemel, um ihn aufzufordern, sich zu setzen. jas; sastien jaja „Was ist los?“ frage ich. „Ich habe gedacht, wir seien kaputt“, bekennt er,„alles sei zu Ende.“ Er schließt die Lider. Seine Unterlippe hängt schlaff herab. Jetzt erinnert er an eine alte, abgerackerte Schindmähre. Plötzlich schluchzt er auf. „Was hast du, Willi?“ Ein heiseres Stöhnen entringt sich seiner Brust. „Man erkennt dich ja gar nicht mehr.“ „Nein“, bestätigt er und sieht mich mit glanzlosen Augen an.„Ich bin ein Berufsverbrecher, ein deutscher 204 Kapo. hält, ic keinen „Wesh: „Ihr br ich hab ich ges hat es „Ich g Gutes Er sch „Ich h wir fa Er tut ändert ich m( Ic bi beide geholt „Du „Dul Lebe: darar „Ich „Ich| Lebe „Abe nicht Da heule volle Nadt blick wen« sche weiße- achsäule an le aus dem \ ne Meister, ücksgefühl! Kapo. Ich bin nicht der Dummkopf, für den man mich hält, ich sehe vieles. Ihr freut euch— aber ich habe keinen Grund, mich zu freuen.“ „Weshalb?“ „Ihr bringt mich doch um, wenn ihr befreit werdet- ich habe ja Leute geschlagen. Peter war der letzte, den ich geschlagen habe— das ist schon lange her, und er hat es mir verziehen, aber andere verzeihen nicht.“ „Ich glaube, du hast nichts zu befürchten; du hast auch Gutes getan.“ Er schüttelt den Kopf. „Ich hänge mich wahrscheinlich doch auf... Wollen wir rauchen?“ Er tut mir leid. In der letzten Zeit hat er sich sehr ver- ändert. Ich spüre, daß der Mensch in ihm erwacht, und ich möchte ihm gern helfen. Ich bin Nichtraucher, Sumpf auch, aber wir fangen beide an zu paffen, nachdem wir uns bei Franek Feuer geholt haben. „Du hast nichts zu befürchten, Willi“, wiederhole ich. „Du hast doch schließlich dort im Steinbruch auch dein Leben aufs Spiel gesetzt. Denkst du nicht mehr daran?“ „Ich habe mich bloß nicht eingemengt“, brummt er. „Ich hatte Peter mein Wort gegeben. Wenn er noch am Leben wäre...“ „Aber seine Freunde sind noch am Leben. Wir werden nicht zulassen, daß dir etwas geschieht, wenn...= Da kommt das Entwarnungssignal. Die Sirenen heulen einmal kurz auf.„... wenn ich es verdiene“, vollendet Sumpf meinen Satz. Nach einer Viertelstunde kommen die Meister. Sie blicken auf die zersplitterten Fensterscheiben, dann wenden sie sich schweigend um und gehen zu Steigers 295 Häuschen. Flink öffnet mit Hilfe eines Schrauben- schlüssels die Tür. Ich kann durch das Fenster schen, wie er den Telefonhörer abnimmt und etwas sagt; dabei zeigt er seine weit auseinanderstehenden Zähne und zuckt mit der Schulter. „Arbeiten werden wir heute wohl nicht mehr“, sage ich zu Viktor. „Wahrscheinlich nicht.“ Doch man zwingt uns zur Arbeit. Kugel, der zusammen mit Steiger schon morgens in die Stadt gefahren ist und allein zurückkommt, fällt über Flink her. Der Obermeister versucht, sich mit den zerschlagenen Fen- sterscheiben herauszureden, aber der Direktor unter- bricht ihn:„Das ist Quatsch, der Winter ist vorbei!“ Dann wendet er sich in die Werkstatt zurück und schreit, rasend vor Wut:„Los, an die Arbeit, ihr Bolschewistenhunde!“ Die Leute schalten die Drillbohrer ein. Nach dem Abendappell läßt man uns lange nicht vom Hof gehen. Der Kommandoführer, der am Tage so korrekt war, sieht uns jetzt mit finsteren Blicken an. Er würdigt sogar Sumpf keiner Antwort, als dieser zu erfahren versucht, warum man uns zurückhält. Abends erzählt mir Iwan Michailowitsch im Kessel- raum, daß während des Bombenangriffs fünf Polen aus dem Steinbruch geflüchtet sind und daß es bisher nicht gelungen ist, sie zu erwischen... „Die Sache scheint überhaupt dem Ende zuzugehen“, sagt er.„Jetzt erstatte mal Bericht,“ Eigentlich habe ich heute nichts zu berichten. Bis zum Mittagessen haben wir zwölf Rippen verpfuscht, das ist alles. Aber Iwan Michailowitsch interessiert sich wie immer für Einzelheiten. Mir scheint sogar, daß er über unsere Arbeit Buch führt. 206 — „Also nicht 2 „Nein. „Weiß ist?" „Nein „Die| Depot noch unter mal,( Ich w« Amp im al word: wied« rung gesch kom. günsı Mich nötig verst niem Ese In. de hera, Arbe Flin| Tisc „Wa Mat „Da anty Kor UNter- ist vorbei!“ i | 4 8 == „Also du sagst, der Oberkontrolleur sei überhaupt nicht zurückgekehrt?“ „Nein.“ „Weißt du überhaupt, was heute bombardiert worden ist?“ „Nein, das weiß ich nicht.“ „Die Rüstungswerke von Steyr, der Flugplatz und die Depots... Ich glaube, wenn man eure Flugzeugrippen noch nicht zur Montage geschickt hat, sind sie auch unter den Ruinen zerstört worden... Versuch doch mal, das von den Werkmeistern herauszubekommen.“ Ich verspreche, mein möglichstes zu tun. Am nächsten Tage finden wir die Werkstätten wieder im alten Zustand vor. Die Fenster sind neu verglast worden, und es ist warm und sauber. Die Arbeit wird wiederaufgenommen, aber ich bemerke eine Verände- rung im Verhalten der Meister: Sie sehen nieder- geschlagen aus, und erst, als der Direktor erscheint, kommt etwas mehr Leben in sie. Offenbar ist jetzt ein günstiger Moment, um den letzten Auftrag Iwan Michailowitschs auszuführen. Ich beschließe, mir die nötigen Informationen durch Sumpf zu verschaffen; er versteht es gut, sich dumm zu stellen, außerdem ist er niemandem verdächtig. Es ergibt sich jedoch, daß ich ohne Sumpf auskomme. In der zweiten Tageshälfte wird kein Material für uns herangebracht. Kugel verschwindet plötzlich eilig. Die Arbeit steht still. Flink setzt sich mit mißmutigem Gesicht an meinen Tisch. „Was ist los, Herr Obermeister, warum gibt es kein Material?“ „Das sind die Folgen des gestrigen Fliegerangriffs“, antwortet er verdrossen. 207 „Da haben wir also umsonst gearbeitet?“ „Ach,wo denken Sie hin... Unsere Produktion kommt ganz woanders hin, an einen Ort, wo keine Bomben hingelangen... Rauchen Sie?“ Um diese für mich höchst interessante Unterhaltung fortsetzen zu können, nehme ich eine Zigarette aus Flinks Etui, stecke sie an und frage weiter:„Montieren Sie denn noch immer ‚Messerschmitts‘?“ „Natürlich. Wir haben uns in die Erde gebuddelt. Deutschland ist ein gebirgiges Land.“ „Hier ist aber Österreich.“ „Österreich hat es einmal gegeben... und wird es wahrscheinlich wieder geben.“ „Auch Deutschland wird es wieder geben.“ Flink sieht mich verwirrt an. „Sie sind kein Deutscher?“ „Ich bin Russe.“ „Ich habe gedacht, Sie sind ein Wolgadeutscher, Sie beherrschen die Sprache so gut.“ „Ich bin reinblütiger Russe.“ Der Obermeister bläst einen langen Rauchfaden von sich, blickt auf seine Stiefelspitzen nieder und sagt leise:„Mein Bruder ist in russischer Gefangenschaft.“ „Da kann man ihn beneiden“, sage ich. „Gefangenschaft bleibt Gefangenschaft“ ‚erwidert Flink seufzend. Interessant, wohin uns dieses Gespräch noch führen wird. „Herr Flink“, sage ich nach einem kurzen Schweigen, „was denken Sie über Rußland?... Bitte, antworten Sie mir nicht, wenn meine Frage Ihnen nicht gefällt, aber ich möchte einfach mal wissen, was intelligente Deutsche von einem Lande denken, das... derartige Prüfungen bestanden hat.“ 208 Der eL:„| „Nel „Wol bring „Bes setze kommt Bomben erh] \ Qa!tung EEE REEL ERTEILT NELER ET ERELLLICTTERGETER Der Obermeister schweigt. Ich warte. Plötzlich fragt er:„Interessiert Sie der Heeresbericht?“ „Nehmen wir an, ja.“ „Wollen Sie, daß ich Ihnen Zeitungsausschnitte bringe?“ „Besser nicht. Warum wollen Sie sich der Gefahr aus- setzen?“ Flinks Schulter zuckt. Ich sage:„Mich interessiert etwas anderes viel mehr...“ „Und zwar?“ „Herr Flink, können Sie sich vorstellen, was ein Mensch empfinden muß, den man zwingt, Waffen herzustellen, mit denen seine Brüder umgebracht werden sollen?“ „Ich kann es mir vorstellen. Fahren Sie fort.“ „Werden jetzt bereits aus unseren Einzelteilen Flug- zeuge gebaut?“ „Vor einer Woche sind sie in die Montagewerkstätten geschickt worden.“ Er tritt mit der dicken Schuhsohle seinen Stummel aus und zuckt wieder mit der Schulter. Ich mache ein paar tiefe Züge aus meiner Zigarette. Am Abend ordnet Iwan Michailowitsch, nachdem er mich angehört hat, unerwartet an, wir sollen die fehler- hafte Arbeit an den Rippen einstellen. 6 In den letzten Februartagen arbeiten wir wegen Mate- rialmangels nur mit Unterbrechungen. Kugel ist irgend- wohin versetzt worden, Steiger sieht nur ab und zu einmal herein, die Meister haben uns aufgegeben, und wir nehmen unsere alte Taktik des„Nichtkönnens“ und„Nichtverstehens“ ungestört wieder auf. Nach’°einer weiteren Woche wird das Unternehmen „Rüstung“ völlig geschlossen. Die meisten der Leute kommen in den Steinbruch, Viktor und ich werden Aufräumer im Block. Wieder ist eine Etappe unseres Gefangenendaseins zu Ende.; Meine Obliegenheiten sind jetzt etwa die gleichen wie schon vor anderthalb Jahren bei Sachnow. Er teilt mir mit, wie die Genossen, für die sich unsere Organisation interessiert, heißen und wo sie sich befinden, ich suche als Landsmann Kontakt mit ihnen, fühle ihnen auf den Zahn und berichte dann Iwan Michailowitsch über meine Eindrücke. Ich habe die Anweisung erhalten, die Mutigsten und Standhaftesten unter ihnen auszu- wählen, die im Notfalle imstande wären, die Führung der übrigen Häftlinge zu übernehmen. Meine zweite Aufgabe besteht darin, Hilfe für die Entkräfteten zu organisieren. Oleg, Viktor und Wasjok, die in meine Gruppe gekommen sind, bringen ihnen jeden Abend als„Kameraden“ Suppe und Brot. Als ich eines Abends von einem meiner„Schützlinge“ zurückkomme— es ist in den letzten Märztagen-, finde ich Viktor und Oleg auf meiner Pritsche. „Ist etwas vorgefallen?“ »jas; Ich setze mich zu ihnen. Oleg, der in der Küche arbeitet und deshalb alle Neuigkeiten zuerst erfährt, flüstert: „Es ist ein Befehl Himmlers eingetroffen... Wir werden alle umgebracht.“ „Ist das ein bloßes Gerücht?“ „Das ganze Lager weiß schon davon.“ „Und wann?“ „Das ist nicht bekannt. Vielleicht in einer Woche, viel- leicht in einer Stunde.“ Nter: ternehmen ı der Leute ich werden ndaseins zu „ich suche ınen auf den witsch über ng erhalten, Woche, viel- Das ist keine frohe Nachricht. Nun ja... Früher oder später mußte das wohl kommen. Wir wußten es. Und wir haben uns darauf vorbereitet. Ich zwinge mich zu einem Lächeln. „Ihr wartet wohl auf Weisungen von oben?“ „Das wäre interessant“, bemerkt Oleg. „Laßt uns vor allem mal was futtern, ich habe noch nicht Abendbrot gegessen.“ Viktor steckt schweigend die Hand unter die Pritsche und bringt einen Napf zum Vorschein. Oleg holt unter der Matratze Brot hervor. Ich vertilge in einer Minute den Inhalt des Napfs und die halbe Brotportion. Oleg macht auf einmal ein amüsiertes Gesicht. „Du bist aber unverschämt“, sagt er.„Witja hat auch noch keine Kohlrüben gegessen.“ „Ach herrje!“ Mir bleibt der Bissen im Halse stecken. „Ich will nicht“, sagt Viktor. „Dann iß wenigstens das Brot hier auf. Entschuldige bitte.“ Viktor lächelt plötzlich sein gutes, weiches Lächeln und legt Oleg und mir die Arme um die Schultern. „Jungens, glaubt ihr wirklich, daß wir nie wieder irgendwo zusammen in einem schönen Park am Tisch sitzen werden, wo die Musik spielt und die weißen Laternen wie Glühwürmchen aus dem Grün schim- mern?“ „Im Jenseits werden wir zusammensitzen, Witja, ob- gleich ich persönlich vorziehen würde, es hier auf Erden zu tun, schon aus dem einfachen Grunde, daß bisher noch nicht feststeht, ob es im Paradies auch Kulturparks gibt“, erklärt Oleg. „Du rechnest also darauf, daß du ins Paradies kommst?“ frage ich. „Na, wohin denn sonst?“ „Du bist doch Atheist.“ „Das hat keine Bedeutung. Aus dem Schornstein des Krematoriums gelangt man direkt in den Himmel.“ „Aber ich will nicht in den Himmel. Ich war noch nie in Odessa, in deiner berühmten Deribasstraße.“ „Ja, du hast wohl recht... Aber was. sollen wir machen?“ „Ich schlage vor, den Flug durch den Schornstein von der Tagesordnung abzusetzen. Wir wollen noch in das’ alte Pskow fahren, von da nach Charkow und dann in dein schönes Odessa...“ So sitzen wir auf der Pritsche und reden Unsinn, bis der Schlag der Glocke uns ankündigt, daß es Schlafens- zeit ist. Bevor wir uns trennen, tauschen wir einen kräftigen Händedruck aus. Alles ist klar, auch ohne Worte: Wenn wider Erwarten heute nacht hier ein Tumult losgehen sollte, werden wir wie immer zusammen- halten, auf Leben und Tod. Am Morgen sagt Iwan Michailowitsch im Kesselraum zu mir:„Das Gerücht von Himmlers letztem Befehl bestätigt sich. Die Kameraden, mit denen du arbeitest, sollen auf der Hut sein. Es darf keine Verwirrung und keine Panik geben. Sag unseren Leuten in der Quaran- täne, sie sollen keine selbstausgedachten Dinge herum- erzählen. Es wird ein Signal für alle gegeben wer- den. Was für eins, sage ich dir später. Und jetzt hau aba Iwan Michailowitschs entschlossener Ton flößt mir neuen Mut ein. Ich fülle mich aus seinem Schatz an Energie und Ruhe an wie ein Akkumulator. Es glückt‘ mir, vor der Mittagspause zu den Blocks Sechszehn und Siebzehn zu laufen, nach der Pause gehe ich zu Block Neunzehn und Zwanzig. a tein des limmel“ ar noch nie der Quaran- oe herum- sehen wet- etzt hau Die SS-Leute haben es anscheinend nicht eilig. Ich fange an, zu glauben, daß das Gerücht von der Ver- nichtung des Lagers falsch war. Der Sonntag kommt— der erste Sonntag im April. Es ist Mittag. Wir sind zum allgemeinen Appell auf dem Platz angetreten. Heinrich, unser Blockältester, geht aufrecht und mit strengem Gesicht vor der Front auf und ab. Wir warten auf Mayer. Die Blockführer sind schon auf ihren Plätzen. Mir scheint, wir stehen heute länger als gewöhnlich. Heinrich läßt kein Auge vom Mor „Achtung!“ Die Wache an der Mauer ruft:„Heil Hitler!“ Ich habe aus irgendeinem Grunde das Gefühl, daß ich das alles zum letztenmal erlebe. Mayer, ein riesiger, gepflegt aussehender Mann, geht, ohne uns eines Blickes zu würdigen, in die Mitte des Platzes. Ihm folgen Offiziere. Einer von ihnen trägt eine schwarze Aktenmappe. Mayer bleibt stehen. „Faremba!“ „Hier“, schallt es dröhnend zurück. „Komm her!“ Die Reihen weichen ein wenig auseinander. Der Ober- kapo des Kommandos„Steinbruch“ geht mit senergi- schen Schritten auf den Lagerführer zu. Seine Mütze hält er in der Hand. Ich bemerke zum erstenmal, daß er eine sehr niedrige, wie plattgedrückt wirkende Stirn hat. Drei Schritte vor Mayer bleibt Faremba stehen und schlägt die Hacken zusammen. Der Offizier mit der Aktenmappe übergibt ihm ein Papier, der Lagerführer befiehlt:„Lies das laut vor.“ Es herrscht eine solche Stille, daß man eine Stecknadel fallen hören könnte. „Befehl...“ Das kann doch nicht sein! Ich höre, wie mein Herz klopft. „In Anbetrachtihres einwandfreien Verhaltens“, dröhnt Farembas Baß gleichmütig,„ihrer Diszipliniertheit und der Reue über ihre früheren Verbrechen befehle ich, daß folgende Häftlinge aus dem Konzentrationslager Bruckhausen zu entlassen sind...“ Das Papier in den Händen des alten Mörders bebt, es bebt auch seine Stimme, wie erals ersten seinen eigenen Namen verliest. „Josef Faremba“, sagt Mayer,„setzen Sie Ihre Mütze auf.“ Der Mörder beugt seinen Kopf noch tiefer. Er weint doch nicht etwa? „Fahren Sie fort“, befiehlt der Lagerführer. „Liesner...“, brüllt Faremba durch Tränen. „Paul, komm her!“ ruft Mayer. Wieder weichen die Reihen auseinander. Liesner tritt mit stampfenden Schritten aus dem Glied. Seine himmelblauen Augen blitzen. Sein feuchter und sehr roter Mund steht halb offen. Er bleibt neben Faremba stehen, das Gesicht der Front zugekehtt. „Setzen Sie die Mütze auf!“ Liesner tut es und legt sofort die Hände an die Hosen- naht. „Schuster, Trudel, Proske, Schwanke, Sumpf“, liest Faremba weiter. Nach einer Viertelstunde stehen hundertfünfzehn unse- rer Peiniger- Aufseher und Blockälteste- in Reih und Glied uns gegenüber. Nun ja... auch das mußte früher oder später kommen. Ich blicke zu Sumpf hin- über und versuche, mir vorzustellen, was er in diesem Augenblick empfindet. Er sieht vor sich nieder. Natür- lich freut er sich. 214 EEE EFT, Der Befehl ist von Kaltenbrunner unterzeichnet. Fa- remba gibt dem Offizier das Schreiben zurück. Dieser reicht ihm ein zweites, das er ebenfalls vorlesen muß. Auch der Inhalt dieses Dokuments setzt mich nicht in Erstaunen. Alle Freigelassenen werden auf Grund des Befehlsüber dietotale Mobilisierung in die SS-Truppen übernommen. Es ist die logische Vollendung ihrer Taten im Lager- die Handlanger der Henker werden selbst vollberechtigte Henker... Nur um Sumpf ist es schade. Aber der Mensch in ihm ist nun einmal erwacht, da wird auch eine zufällig erhaltene SS-Uniform ihn kaum noch verderben können. Faremba gibt dem Offizier das Blatt zurück und erhält ein weiteres. Mayer sagt zum drittenmal:„Vorlesen.“ Zehn Minuten darauf steht neben den neubackenen SS-Leuten die Reihe der bedingt freigelassenen. Unter ihnen sind meine alten Bekannten Schneider, Strick, Wiktawa und Tultschinski. Sie sollen zu einem Feuer- wehrkommando zusammengefaßt und im zweiten Block untergebracht werden. Das Verlesen der Namen ist zu Ende. Mayer wendet sich den in Reih und Glied angetretenen Leuten zu, an deren Spitze Faremba steht, und brüllt:„Rechtsum!“ Das zweiflüglige Tor öffnet sich. Die Kriminellen marschieren aus dem Lager hinaus. Nach ihnen ver- lassen, von Schneider geführt, die Feuerwehrleute den Platz. Zurück bleiben nur die politischen Häftlinge. Es beginnt die gewöhnliche Zeremonie des sonntäg- lichen Appells. Die bisherigen Blockältesten werden von den Schreibern und Friseuren ersetzt. Sie melden dem Blockführer die Zahl der übriggebliebenen Häft- linge, die Blockführer melden sie ihrem Vorgesetzten, dem Rapportführer, und dieser erstattet dem Lager- führer Meldung. Mayer sagt:„Danke.“ Wir werden in die Baracken entlassen. Ich gehe zu- sammen mit Viktor und Oleg in meinen Block. Meine Freunde sind wieder niedergeschlagen. Sie schweigen. Auch ich sage nichts. Als wir hier ankamen, wußten wir, daß wir her- gebracht wurden, um zu sterben. Vor unseren Augen wurde die erste Schar von Kameraden, wurden die Invaliden erschossen. Wir waren Zeugen, wie die übrigen aus unserer Gruppe im Strafkommando um- kamen. Nur wir drei sind am Leben geblieben. Was erwartet uns jetzt? Es ist dem Menschen nicht gegeben, zu wissen, was die Zukunft ihm bringt. Aber im Herzen eines jeden an- ständigen Menschen gibt es einen Kompaß- sein Gewissen. Und wenn äußere Umstände ihn in eine ausweglose Lage geführt haben, bleibt ihm nur eines übrig: in sein eigenes Herz zu blicken. Wir werden kämpfen. Das weiß ich. Viele, vielleicht die meisten von uns, werden umkommen, das ist mir bekannt. Aber weshalb verspürt man, wenn das Leben nur noch an einem Haar hängt und man sich auf das Ende vorbereiten muß, so besonders stark den Wunsch, zu leben? Mein Gewissen ist ruhig. Ich bin den Weg gegangen, den mir die Nadel meines Kompasses, meine Pflicht als Sowjetbürger, wies. Ich habe hier selten an meine Angehörigen gedacht, an meine Lehrer, an die Stätten, wo ich groß geworden bin. Aber alles das blieb in mir lebendig. Und es lebt auch jetzt in mir: meine Heimat, die Menschen, die mir teuer sind, unsere Partei, unser Volk. Und wenn ich sterbe und wenn niemand von meinen Nächsten etwas von meinem Schicksal erfährt- dann 216 falle ich Bitterk‘ E.Di feucht. Du he „Ebens „Heule „Nein, „Komt angefa besorg falle ich als ein unbekannter Soldat, aber ich falle ohne Bitterkeit: Mein Herz ist von Glück erfüllt. .. Die schwarzen, östlichen Augen Viktors sind feucht. „Du heulst ja.“ „Ebenso wie du.“ „Heule ich etwa?“ „Nein, jetzt lächelst du schon.“ „Kommt ein bißchen schneller, Jungens, man hat schon angefangen, die Kohlrüben auszugeben“, sagt Oleg besorgt. 7 Kann es jemandem verdächtig erscheinen, wenn zwölf alte und deshalb von allen ihren Gefährten geachtete Häftlinge beschlossen haben, den Sonntag zu benutzen, um sich zu waschen? Das Wasser rauscht aus den Duschen. Die gekachelten Wände sind vom Dunst beschlagen. Im Ankleideraum sitzen zwölf weitere Häftlinge. Sie warten darauf, daß die Reihe an sie kommt. Aber eigentlich gibt es gar keine Reihenfolge. Diese Leute sichern uns, die wir jetzt im Duschraum sind. Heinrich sagt:„Ich erkläre die außerordentliche Sitzung des Internationalen Komitees für eröffnet.“ Wir stehen, nur mit unserer Unterwäsche bekleidet, hinten im Saal; gegen den Eingang schirmt uns das aus zwei Reihen von Duschen laufende Wasser ab. Wir sind bereit, uns Auszuziehen und unter die Dusche zu stellen, sowie die Glühbirne über der Tür aufleuchtet. „Auf der Tagesordnung stehen folgende Punkte: erstens — Bericht des Stabschefs Oberst Kukuschkin; zweitens — Mitteilungen der Sekretäre der nationalen Komitees; drittens— organisatorische Fragen. Ich gebe dem Ge- nossen Kukuschkin das Wort.“ Iwan Michailowitsch stellt sich neben Heinrich. Ich gehe nach vorn- es ist meine Obliegenheit, aus dem Russischen ins Deutsche zu übersetzen. „Genossen“, beginnt Iwan Michailowitsch,„es ist Tat- sache, daß ein Geheimbefehl Himmlers existiert, die politischen Häftlinge von Bruckhausen ausnahmslos zu töten. Auch der on für die Durchführung dieses Befehls ist festgelegt. Ich übersetze. Kurlenschlin fährt fort:„In dem Befehl heißt es: Die Aktion muß spätestens an dem Tage beendet sein, an dem die Russen den Sturm auf Wien beginnen.“ Ich übersetze. Man hört das Wasser plätschern. „Nach unseren Informationen rücken die sowjetischen Truppen auf Wien vor. Heute sind die Kriminellen aus dem Lager entfernt worden. Das Wachbataillon hat erhebliche Verstärkung erhalten. Man darf nicht ver- gessen, solche Elemente wie Liesner und Faremba sind brennend daran interessiert, daß die Zeugen ihrer Bestialitäten, das heißt wir alle, beseitigt werden. Die sogenannten Feuerwehrleute, die auch zu unseren schlimmsten Feinden gehören, werden jetzt den Polizei- dienst im Lager ausüben. So ist die Lage, und sie zeigt ns, daß die Zeit zum entschlossenen Handeln ge- kommen ist.“ Aufgeregt übersetze ich. Der Berichterstatter fährt fort: „Vom heutigen Tage, von dieser Minute an sind wir der Stab des Aufstandes, des Aufstandes zur Rettung der besten Kämpfer der Widerstandsbewegung und 218 vieler 7 haben Ic bit spreche „Wir! gruppe besitze nen, A Wacht Außer jedisch und il den$ı politis Mann der A Ich üb so sch lassen schla; der} rupf ten u Poste Die| Reyo Das: Wad Ich i ‚Gri auf eine kam unte I,„es ist Tat- existiert, die snahmslos zu ihrung dieses vieler Tausend Menschenleben. Was für Möglichkeiten haben wir?“ Ich bitte Iwan Michailowitsch leise, nicht so schnell zu sprechen. Er nickt mit dem Kopf. „Wir haben“, führt er aus,„zwölf nationale Kampf- gruppen mit insgesamt zweitausend Mitgliedern. Wir besitzen sechzehn Revolver, dazu zweihundert Patro- nen, acht Handgranaten, entsprechend der Zahl der Wachttürme, und fünfundvierzig Flaschen mit Benzin. Außerdem haben wir vom Kesselraum einen unter- irdischen Gang zum zentralen Wachtturm gegraben und ihn vermint. Wir haben, wie ihr wißt, auch unter den Soldaten der Garnison unsere Leute, sogar in der politischen Abteilung der Kommandantur arbeitet ein Mann für uns. Wir werden rechtzeitig vom Beginn der Aktion benachrichtigt werden.” Ich übersetze, meine Worteüberstürzen sich-ich möchte so schnell wie möglich alle an meiner Freude teilhaben lassen. Kukuschkin räuspert sich, dann sagt er:„Wir schlagen vor, folgendermaßen zu verfahren: Bei Erhalt der Nachricht führen die Kommandeure der Kampf- gruppen ihre Leute hinaus. Gruppen, die mit Grana- ten und Brennstoffflaschen ausgerüstet sind, beziehen Posten an den Fenstern gegenüber den Wachttürmen. Die Stoßgruppe des Kesselraums begibt sich mit drei Revolvern und Benzinflaschen auf die Außentreppe. Das Signal zum Angriff ist die Sprengung des zentralen Wachtturms.“ Ich übersetze. „Gruppen mit Granaten überwältigen die Wachtposten auf den Türmen. Die sowjetische Gruppe greift durch eine Bresche in der Wand die Wache der Kleider- kammern an. Diese Gruppe wird von den Tschechen “ unterstützt. Die Polen gehen gegen die Wache des 219 Krematoriums vor. Die Spanier greifen unter Führung der Stoßgruppe den Gegner in dem Wachthäuschen am Eingang an und öffnen das Tor. Ihnen folgen die Fran- zosen, Deutschen und Österreicher, sie dringen durch das Tor, bilden eine Kette und verlegen den SS-Leuten den Weg zu den Kleiderkammern und der Garage. Alle übrigen Kampfgruppen laufen zum Waffenlager, bewaffnen sich und nehmen sofort den Kampf mit der Garnison auf; dabei lösen sie die Spanier, Franzosen, Deutschen und Österreicher ab. Gleichzeitig ergreifen unsere Bevollmächtigten Besitz von den Wagen in der Garage und fahren mit dem Auftrag los, sich um jeden Preis bis zu den Truppen der Verbündeten durchzu- schlagen und Hilfe zu erbitten. Wir setzen den Kampf mit den vereinten Kräften aller Gruppen fort, drängen die SS-Leute aus dem äußeren Sperrgebiet und bringen alle Kranken aus dem Lazarett und das Sanitäts- personal in den Schutz der Lagermauern. Dann be- ziehen wir eine Igelstellung.,Das ist unser Plan.“ „Das ist unser Plan“, wiederhole ich auf deutsch. Iwan Michailowitsch wischt sich mit dem Ärmel über das feuchte Gesicht. Seine Finger zittern. „Hat jemand Fragen an den Oberst?“ sagt Heinrich. Es werden eine Menge Fragen gestellt. Iwan Michai- lowitsch gibt schnell und ausführlich Antwort. Ich komme kaum mit dem Übersetzen mit. Immer stärker werde ich von Begeisterung und Stolz ergriffen. Da sieht man, was Kommunisten sogar im Todeslager vollbringen können! Nachdem die Sekretäre der nationalen Komitees kurze Mitteilungen gemacht haben, wird der Beschluß an- genommen, alle Kampfgruppen im Rang von Batail- lonen zu einer einzigen internationalen Brigade zu- sammenzufassen. Zum Kommandeur der Brigade wird 220 7 Erann, anzosen, itig ergreifen Wagen in der sich um jeden n durchzu- n den Kampf von Batail- Brigade zU- rigade wird Iwan Michailowitsch ernannt, zum Kommissar Hein- rich, Kommandeure der Bataillone werden die Mit- glieder des Internationalen Komitees, die eine militä- rische Ausbildung haben. Das Internationale Komitee löst sich selbst auf. Nun sind wir alle richtige Soldaten. Die unverbrüchliche militärische Regel tritt in Kraft: Befehl ist Gesetz. Iwan Michailowitsch, mit rotem Gesicht und ver- schwitzt, gibt die letzten Anordnungen. Dann nehmen wir alle eine Dusche und gehen einzeln auf den Platz hinaus. Ich blicke herausfordernd auf die Steinmauern und die Türme, die Wachtposten und ‘das Krematorium: Na, wo ist eure Macht? Ich bin jetzt absolut überzeugt davon, daß wir siegen werden. Es kommt mir einfach nicht in den Sinn, an mich selbst zu denken, daran, daß ich in dem bevorstehenden Kampf auf Tod und Leben vielleicht fallen werde. Das ist offenbar gar nicht so wichtig für die gemeinsame Sache, die mich wieder mit Freude und Zuversicht erfüllt hat. 8 Ich wälze mich auf meiner Pritsche von einer Seite auf die andere. Der Sonntag ist immer noch nicht zu Ende = es ist jetzt wahrscheinlich vier Uhr, und ich muß etwas schlafen, damit ich nachts nicht einnicke. So hat es Iwan Michailowitsch befohlen, sein Befehl ist Gesetz, und das ist sehr gut so. In der Nacht werde ich mit ihm zusammen im Kesselraum wachen, jetzt aber muß ich schlafen. Ich muß alle Gedanken aus meinem Kopf verjagen und einschlafen— so lautet der Befehl, der erste Befehl, den ich als richtiger Soldat erhalten habe. 221 Zum zwanzigstenmal schließe ich die Augen und be- ginne im Geiste zu zählen:„Eins, zwei, drei, vier...“ „Eins, zwei, drei, vier...“ poltern schwere Schritte nebenan in der leeren Stube. Ich werfe die Decke ab. Die Tür wird aufgerissen— SS-Leute... „Auf!“ Ich greife nach meiner Jacke, Die SS-Leute fallen über mich her. Ich erhalte einen Schlag auf den Kopf und stürze zu Boden. Stiefel stoßen mich in die Brust, ins Gesicht, in den Leib, dann ertönt wieder das hämische: „Aufl“ Wir sind aufgeflogen! Jemand hat uns verraten! Ich erhebe mich. Blut sickert als kaltes Rinnsal über mein Gesicht und tropft auf den Fußboden; auf der Zunge spüre ich ausgeschlagene Zähneund den salzigen Geschmack von Blut. Ich blicke auf die hochgewach- senen, gutgenährten Kerle, die mich umstehen, sehe in ihre Gesichter und begreife: Das ist das Ende. Ruhe erfüllt mich wieder, die Ruhe«eines Menschen, der nichts mehr zu verlieren hat. Ich richte mich hoch, „Komm heraus!“ Ich schlage den mir zunächst stehenden SS-Mann in die Kinnlade; im Augenblick darauf befinde ich mich in einer bunten, phantastischen Welt. In dieser Welt gibt es keine lebendigen Menschen und nichts Gegenständ- liches. In ihr gibt es nur Schläge, Knirschen, Schreie, das Flimmern von etwas Glänzendem und einen wilden, reißenden, schneidenden Schmerz. Ich habe wahrscheinlich das Bewußtsein verloren, denn man begießt mich mit Wasser. Ich lecke meine Lippen ab, denn ich möchte trinken— sie schmecken salzig. Ich beginne wieder zu sehen, und das, was ich die Brust, ins ämische: Rinnsal über den; auf der den salzigen hochgewach- ehen, sehe in Ende, Ruhe enschen, der 7 5-Mann in die ch mich in t gibt ständ- Schreie, einen verloren, Jecke meine chmecken was ich ni sehe, setzt mich in Erstaunen. Ich sehe einen nassen Steinfußboden. Warum ist er aus Stein? Im Schlafsaal war der Boden aus Holz. Aber vielleicht bin ich schon tot? „Auf!“ Nein, ich bin nicht tot. Sehr schlimm, daß ich nicht tot bin. Mir graust es davor, daß ich nicht tot bin. Soll die ganze Qual von neuem beginnen? FAufle Ich will einschlafen. Ich schließe die Lider. Ich will aufwachen und mich in dem vertrauten Zimmer zu Haus wiederfinden, will Vaters Bart vor mir sehen und Mutter von diesem langen, schrecklichen Traum er- zählen. Habe ich denn das nicht alles schon früher erlebt? Wievielmal bin ich im Traum von Räubern er- schlagen worden, wievielmal bin ich von hohen Dächern in die Tiefe gestürzt, aber ich wurde nicht zerschmettert, sondern eine Hand strich mir über den Kopf, ich seufzte tief und befreit auf und erwachte. Wieder kommt ein Wasserguß. Was ist das? „Weckt mich doch auf!“ schreie ich und höre meinen eigenen Schrei- ich schreie natürlich im Traum. „Auf!“ Abermals Wasser. Harte Hände packen mich, schütteln mich heftig und tragen mich fort. Wieder fühle ich den Schmerz und verspüre den scharfen, kühlenden Geruch von Salmiakgeist. Ich öffne die Augen. Wie durch einen Nebel sehe ich ein vergittertes Fenster, einen Tisch, einen Revolver auf dem Tisch und die hellen, voll gespannter Auf- merksamkeit auf mich blickenden Augen eines Mannes mit einem schwarzen Schnurrbärtchen. Diesen Mann habe ich irgendwo schon einmal gesehen, vor sehr, sehr 223 langer Zeit. Seine Augen blitzen auf, er fragt auf deutsch:„Möchtest du trinken?“ Ja, natürlich, ich möchte schrecklich gern trinken. Aber es fällt mir schwer, die Zunge zu bewegen. Der Mann mit dem Schnurrbärtchen stellt ein Glas Wasser vor mich hin. Er lächelt, ist froh über irgend etwas. Er freut sich, er hat sich auch damals so gefreut. Jetzt er- kenne ich ihn: Das ist der Gestapo-Offizier, der uns nach Bruckhausen gebracht hat. Ich lächle ebenfalls. Ich trinke das Wasser und schleudere das leere Glas dem Gestapomann ins Gesicht; ich fürchte mich jetzt vor gar nichts mehr. Auf einen Augenblick versinke ich wieder in die phan- tastische Welt, aber nur auf einen Augenblick. Dann höre ich den erschreckten Ausruf des Offiziers:„Laßt ihn sein, ihr schlagt ihn ja tot!“ Das vergitterte Fenster, das fortgeglitten war, kehrt wieder an seinen Platz zurück. Wieder sehe ich den Tisch, der Revolver liegt nicht mehr darauf, die Augen des Gestapo-Offiziers sind böse. „Pokatilow, Sie benehmen sich wie ein dummer Junge, Sie sind ein Idiot!“ f „Du bist selbst ein Idiot!“ schreie ich. Ich freue mich, daß ich überhaupt keine Angst mehr habe. Ich bin überzeugt, daß das alles nur im Traum geschieht— in Wirklichkeit kann es so etwas ja gar nicht geben- und- daß ich doch aufwachen werde, selbst wenn sie sonst was mit mir anstellen.„Du Schuft“, röchle ich. Ich möchte aufstehen und ihn erwürgen, aber man hat meine Arme inzwischen nach hinten gezerrt und an die Lehne eines eisernen Gartenstuhls gefesselt. Der Gestapo-Offizier zieht den Revolver heraus und geht zum Fenster. Die schwarze Öffnung der Mündung blickt mir in die Augen. 224 vot lin; Ic Pr e Glas dem mich jetzt vor tten war, kehrt er sehe ich den ‚rauf, die Augen Ich freue mich, aus und} e- Mündung| „Ich erschieße dich wie einen Hund, wenn du nicht auf- hörst, zu toben“, faucht er. „Dummkopf“, antworte ich. Mir kommt das komisch vor. Ich will ja gerade das, womit er mich zu schrecken sucht: sterben und aufwachen. Ich beginne, aus Leibeskräften zu strampeln. Es ge- lingt mir, den"Tisch mit einem Fußtritt umzustoßen. Jemand packt meine Beine und fesselt sie an den Stuhl. Ich werde müde und empfinde wieder das starke Be- dürfnis, zu trinken. Ich warte, bis man von mir fort- geht, und dann versuche ich, mich mit dem Stuhl zu- sammen hinzuwerfen. Aber es gelingt nicht; offenbar sind die Stuhlbeine am Fußboden befestigt. Was kann ‚ich bloß sonst noch tun, damit der Gestapomann end- lich schießt? „Gib mir Wasser“, sage ich auf deutsch zu ihm. Er tritt schnell auf mich zu und versetzt mir eine Ohr- feige. Ich verachte ihn für diesen Schlag. Ich spucke, bemüht, ihn ins Gesicht zu treffen, und bedenke ihn mit Schimpfworten. Der Gestapomann wischt sich mit einem Tüchlein die Stirn ab und setzt sich auf den Stuhl, sein Gesicht ist. grün vor Wut. „Macht die Nadeln fertig“, sagt er kurz zu jemandem im Hintergrund. Jetzt soll ich zum drittenmal in diese seltsame Welt geraten, die ganz aus Schmerzen besteht... Nun ja, so lerne ich eben einmal richtige Foltern kennen. Es ist mir nicht gelungen, mir die Schlagadern durchzu- schneiden. Es war mir auch nicht beschieden, an den bestialischen Schlägen zu sterben. Vielleicht ist mein Herz so klug, von selbst den Dienst zu versagen?... Ach, du mein Herz! Warum bist du'so stark? Alle sagen, daß du den Menschen Glück schenkst. Was für 225 ein Glück schenkstdu? Was hast du mir in den zwanzig Jahren meines Lebens geschenkt? Herz, ich verfluche dich! Ich will nicht mehr an dich denken. Ich will an den Tod denken und an ein Glück, für das es keinen Tod gibt. Ich beiße die Zähne zu- sammen. Ich blicke auf das Fenster, auf den gleich- gültig blauen Himmel. Ich bin auf alles gefaßt. „Fertig“, sagt jemand hinter meinem Rücken. „Danke“, antwortet mein am Tisch sitzender Feind. Er drückt seine Zigarette aus und zündet sich eine andere an. Sein Kopf schwimmt in einer Wolke von Rauch. Durch den Rauch hindurch sehe ich seine hellen, eisigen Augen.„Pokatilow“, sagt er,„ich schlage dir ein ehrliches Spiel vor. Antworte auf meine Fragen, dann wirst du deine Eltern nicht verfluchen müssen, weil sie dich in die Welt gesetzt haben.“ Er sieht auf die Uhr. Ich würde gern wissen, was er ehrliches Spiel nennt. Der Gedanke gefällt mir so- gar— ich werde zum letztenmal in meinem Leben spielen. „Schön, spielen wir also. Stell deine Fragen.“ Der Dummkopf von Gestapo-Offizier lächelt trium- phierend. Er legt seine Zigarette auf den Rand des Aschbechers. Bläulicher Rauch steigt von ihr auf. „Die erste Frage“, sagt mein Feind.„Wer hat dich zum Kontrolleur für die Werkstätten von Messer- schmitt empfohlen?“ „Zum Kontrolleur? Für die Werkstätten?“ Ein beglückender Gedanke steigt in mir auf. Eine Welle von Freude durchströmt meinen mißhandelten Körper. Ich sehe den Offizier fast mit Dankbarkeit an. Ich atme tief und erleichtert auf. „Verzeihen Sie“, sage ich leise,„sind Sie vielleicht Untersuchungsrichter?“ 226 „Jawol meine Mir ist Ordnui unsere Also h und al) sie sin haben allein, Hoffnu aus ur doch n Zeit g sie we lingt, Die E ich ein Brust qualvı „Ich v Warer dem( ächelt trium- Jen Rand des von Messer- ir auf. Eine Shandelten nkbarkeit a0. vielleicht Sie „Jawohl, das bin ich“, sagt er kurz.„Antworte auf meine Frage.“ Mir ist sehr froh zumute. Mein Kopf kommt wieder in Ordnung, meine Gedanken auch. Wahrscheinlich ist unsere Sabotage entdeckt worden. Sicher ist das so. Also haben Iwan Michailowitsch, Valentin, Heinrich und all die anderen gar nichts mit dieser Sache zu tun, sie sind in Freiheit, das heißt im Lager. Natürlich haben sie schon erfahren, daß ich verhaftet bin. Ich bin allein. Aber sie sind es nicht... Hoffnung, Hoffnung, die schon gestorben war, steigt aus unbekannten Tiefen wieder in mir auf. Es kann doch noch sein, daß ich am Leben bleibe, ich muß nur Zeit gewinnen, die Genossen können mich befreien, sie werden mich bestimmt befreien, wenn es mir ge- lingt, Zeit zu gewinnen. Die Hoffnung ist wieder erwacht. Und sofort beginne ich einen stumpfen, bohrenden Schmerz im Kopf, in der Brust und in Armen und Beinen zu spüren. Es ist qualvoll. „Ich warte“, sagt der Offizier laut. „Ich weiß nicht, wer mich empfohlen hat“, antworte ich. Ich weiß es tatsächlich nicht. „Gut“, sagt der Gestapomann.„Die zweite Frage: Wie waren die Beziehungen zwischen dem Kapo Sumpf und dem Obermeister Flink?“ „Schlecht.“ „Weswegen?“ „Der Obermeister schlug die Häftlinge, wenn sie nicht gut gearbeitet hatten, und der Kapo Sumpf versuchte ihm zu beweisen, daß nur er und der Kommando- führer das Recht hätten, zu schlagen.“ Der Untersuchungsrichter runzelt befremdet die Stirn und blickt in sein Notizbuch. „Flink hat die Häftlinge geschlagen?“ „Jawohl.“ „Du lügst. Wie alt bist du?“ „Zwanzig Jahre, Herr Untersuchungsrichter.“ „Wieviel Geld hast du von Flink dafür bekommen, daß du Werkstücke von nicht einwandfreier Qualität durchgelassen hast?“ „Was für Werkstücke?“ „Man stellt dem Untersuchungsrichter keine Fragen... Antworte.“ „Ich verstehe den Sinn Ihrer Frage nicht.“ „Ich wiederhole: Wieviel Mark hat dir Flink dafür gezahlt, daß du als Kontrolleur fehlerhafte Werk- stücke durchgelassen hast?“ „Ich habe keine fehlerhaften Werkstücke durchge- lassen.“ „Das hast du nicht?“ „Nein.“ Der Gestapo-Offizier steht auf, geht zu einem großen eisernen Schrank und nimmt eine Nasenrippe Nummer drei daraus hervor. Ich sehe von weitem, daß ihr Vorderteil gerissen ist; die Lasche ist mit einigen Drähten, deren Enden plombiert sind, an der Rippe befestigt. Auf der Lasche steht mit blauer Kreide in deutscher Schrift mein Namenszug. „Ist das deine Arbeit?“ fragt er und legt die Bruch- stücke auf den Tisch. „Ich verstehe Sie nicht.“ „Was verstehst du schon wieder nicht?!“ „Was Sie mit Arbeit meinen.“ „Ich frage dich: Ist das dein Namenszug?“ Ich recke den Hals und tue so, als ob ich bemüht sei, die Lasche genau zu betrachten. „Die Aufschrift stammt von mir.“ 228 $ E Ri 4 “ 1 ommen, Qualität tagen... ık dafür"° "% e Werk- Fu Qu hge- h n m großen Nummer# daß ir© . Sa nigen WE em üht sei, „Und es ist dir natürlich bekannt, daß der Kontrolleur die volle Verantwortung für die Qualität der von ihm geprüften Werkstücke trägt?“ „Jawohl, das weiß ich.“ „Ihr habt absichtlich unbrauchbare Einzelteile her- gestellt, ihr habt Schädlingsarbeit geleistet. Bei uns haben sich dreißig solcher zerbrochenen Teile ange- sammelt!“ Er zündet sich wieder eine Zigarette an. Ich möchte ihn schrecklich gern fragen, ob die Flugzeuge, in die diese Teile eingebaut waren, abgestürzt sind. Nach der ersten Rippe mit der gerissenen Nase zu urteilen, sind "sie abgestürzt. Stolz erfüllt mich. „Herr Untersuchungsrichter, als ich die Werkstücke kontrollierte, waren sie in bester Ordnung. Nach mir hat noch Oberkontrolleur Steiger die Rippen überprüft, und er hat ebenfalls gefunden, daß sie in Ordnung waren.“ „Du hast ihn mit hereingelegt“, brummt der Gestapo- mann. „Hereingelegt? Ich? Wieso?“ Der Untersuchungsrichter schlägt mit der Hand auf den Tisch. „Schluß mit den dummen Fragen. Schluß mit der ge- spielten Naivität. Entweder du sagst jetzt von selbst die volle Wahrheit, oder ich quetsche sie Stück für Stück aus dir heraus. Hast du gehört?“ „Zu Befehl.“ „Sieh hierher. Was sagst du zu diesen Bohrungen für die Nieten? Wie gefallen sie dir?“ Ich blicke auf die verbogene Rippe, auf die krumme Stahllasche und schweige. Ich habe mich noch nicht ent- schieden, ob ich den Dummen spielen oder einfach alles abstreiten soll. „Na, wird’s bald?“ „Herr Untersuchungsrichter, geben Sie Befehl, mir die Arme loszubinden, damit ich die Rippe in die Hand nehmen kann. Ich kann auf die Entfernung nichts er- kennen. Außerdem fürchte ich, daß ich wieder in Ohn- macht falle; mir ist sehr schlecht.“ „Antworte: Wieviel hat dir Flink bezahlt?“ „Binden Sie mir die Hände los.“ „Antworte!“ brüllt der Gestapo-Offizier. „Machen Sie mir die Hände frei.“ „Die Nadeln!“ „Die Nadeln sind überflüssig“, sage ich. „Gib Antwort!“ „Bringen Sie die Rippe näher heran.“ Der Gestapomann nimmt das Werkstück vom Tisch und schlägt es mir ins Gesicht. Ich werde rasend vor Wut. „Du Schuft!“ brülle ich. „Die Nadeln!“ wiederholt er. Jemand preßt mir die Hände zusammen. Ich balle die Finger zur Faust. Ich beginne mich wieder zur Wehr zu setzen. Ich schreie irgend etwas. Aber in meinem Kopf ist nur ein Gedanke: Iwan Michailowitsch, hilf mir! Viktor, Oleg, wo seid ihr? Helft mir, rettet mich, rettet mich! Ich übergebe mich. Meine Hände krachen. Was machen sie mit mir? Was für ein Recht haben sie dazu?! „Vater!“ schreie ich wie ein Wahnsinniger. Meine Finger öffnen sich. Eine Schwäche überkommt mich. Ich fühle einen heftigen Schlag ins Gehirn und einen langen, rasenden Schmerz. Etwas Schwarzes, Er- stickendes sinkt auf mich nieder und löscht alle Empfindungen in mir aus. 230 9 Schwä blaues kann| Das h dem b Die B das al mein. mich! Ein V Ih ı kraftl Baudı wird. ich m an. Ic ich n viere; nach etwa: Plötz hinei Knal stürz! lich ı bin i Ich ı um, Verb durel Nas ni; EEE TERTEET TER une “ Schwärze. Ringsum Schwärze, aber mitten darin ist ein blaues Himmelsquadrat. Blau hat seine Tönungen: Es kann grünlich, stählern und sogar goldig schimmern. Das hier ist weißlich. Sie ist weißlich, diese Bläue in dem breiten Himmelsquadrat. Die Bläue, das Quadrat. Was ist das? Was bedeutet das alles? Wo bin ich? Ist denn das überhaupt noch mein„Ich“? Bin ich denn noch am Leben? Ich versuche mich zu bewegen. Es tut schrecklich weh. Ja, ich lebe! Ein Wunder! Ich möchte mich hochrichten, aber mein Kopf fällt kraftlos herab. Da wälze ich mich vorsichtig auf den Bauch- es tut so weh, daß mir schwarz vor den Augen wird. Mit Händen, die schwer wie Blei sind, stemme ich mich von etwas Weichem ab und ziehe meine Knie an. Ich ruhe mich ein paar Sekunden aus, dann stemme ich mich wieder hoch, und nun hocke ich auf allen vieren. So ist es schon besser. Ich werfe einen Blick nach links. Da ist etwas Weißes und auf dem Weißen etwas Rotes, und das röchelt. Was ist das? Plötzlich kracht es über meinem Kopf. In das Krachen hinein ertönt schnell aufeinanderfolgendes kurzes Knallen. Irgend etwas zersplittert, prasselt herab, stürzt zu Boden... Das sind doch Schüsse! Ja, natür- lich sind das Schüsse!... Woher kommen sie? Wo bin ich?! Ich drehe mich wieder nach links und blicke mich um. Das Weiße mit dem Roten erweist sich als ein verbundener Kopf: Das Weiße ist Mull, das Rote durchsickerndes Blut. Ich sehe noch mehr Köpfe, Nasen, Ohren, die Wände eines halbdunklen Raumes, 231 Menschen, die auf dem Fußboden liegen. Ich blicke nach rechts. Auch hier verbundene Köpfe... Dahinter steht ein weißgekleidet®r Mann, und dann kommt eine Tür. Ich sehe den Mann an und er mich. In den Händen hält er ein blitzendes Kästchen. Er kommt auf mich zu. Ist das nicht Bogdan? „Bogdan!“ rufe ich und falle auf die Decke zurück. Ich begreife nichts. Mein Kopf ist von einem heißen Nebel erfüllt, ich kann hören, wie mein Herz pocht.„Bog- dan...“, wiederhole ich. „Still, still, sei ruhig“, raunt es neben mir. „Bogdan, wo sind wir?“ „Gleich, gleich, warte doch.“ Kühle Finger berühren meine Stirn. „Trinken.“ Etwas Kaltes wird gegen meine Lippen gepreßt— ich trinke. Dann schlucke ich eine Tablette. Über meinem Kopf krachen Schüsse, und ich höre Schreie. „Bogdan...“ „Du nicht sprechen, schlaf, du im Kohlenkeller, im Kesselraum. Hörst du?“ „Es wird geschossen...“ „Es wird geschossen, wir kämpfen schon zwei Tage mit diese SS-Männer.“ „Mit den SS-Männern?... Unsere Leute?... Und schon zwei Tage?“ „Ja. Aber du schlafen, Kostja, ich habe keine Zeit für lange sprechen.“ Er geht fort. Die Schüsse ertönen ganz in der Nähe. Jetzt ist mir alles klar- unsere internationale Brigade kämpft. Die Kameraden haben mich gerettet. Ich richte mich wieder auf. Ich beiße mir auf die Lippe und krieche bis zum Ausgang. Dort bleibe ich auf dem 232 Boden ich we Drobe Da ist öffnet dieein Jacke „Laßt Brust ich bi Wislo Tür k legen knirsc „Ihr| genug „Bog „pass Am: Auge Ärzt Stich „Wa: Wisl „Ich „Pok Stich hera: „Jen Stich boh: Wie mich niscl Ich blicke . Dahinter ommt eine berühren Boden liegen und ruhe mich etwas aus, dann krieche ich weiter. Verwundete stöhnen. Sterbende röcheln. Droben krachen Schüsse. Da ist die Tür. Ich ziehe mich am Pfosten hoch. Plötzlich öffnet sich die Tür- ich sehe Wislozki und Stichler, dieeinen zusammengekrümmten Menschen in zerfetzter Jacke an den Armen halten, um ihn zu stützen. „Laßt mich los!“ schreit der Mann auf deutsch. Seine Brust ist von weißen Binden bedeckt.„Laßt mich los, ich bin noch am Leben, ich muß schießen, Ich Wislozki und Stichler ziehen ihn wortlos herein. Die Tür klappt zu. Der Verwundete wehrt sich. Die Ärzte legen ihn mit Gewalt auf eine Decke.. Der Mann knirscht mit den Zähnen und bemüht sich, aufzustehen. „Ihr habt mich verbunden, und das ist genug, das ist genug!“ wiederholt er keuchend immer wieder. „Bogdan“, sagt Wislozki und zwinkert mit den Augen, „passen Sie hier mal ein bißchen auf.“ Am anderen Ende des Kohlenkellers taucht für einen Augenblick der weiße Fleck eines Kittels auf. ‚Die Ärzte wenden sich dem Ausgang zu. Da erblickt mich Stichler:„Wer sind Sie?“ „Was soll das? Warum sind Sie aufgestanden?“ fragt Wislozki ärgerlich und bleibt stehen. „Ich bin es, Pokatilow. Es geht mir schon besser.“ „Pokatilow?“ Wislozki faßt mich an der Schulter. Stichler bringt die Augen nahe an mein Gesicht heran- er sieht bestürzt aus. „Jesus kochany!“ entschlüpft es Wislozki. Stichler faßt mich am Arm. Ein wilder Schmerz durch- bohrt mich. Ich beiße die Zähne zusammen. Wieder klappt die Tür. Abermals ruft jemand:„Laßt mich los, sie brechen ja durch!“ Diesmal sind es pol- nische Worte. „Bogdan, kümmern Sie sich mal um den Mann“, höre Spreng ich die Stimme Wislozkis durch das Krachen der Er hat Schüsse. 4 volver „Sie kommen nicht durch, leg dich hin“, flüstert Stichler Turm, so nahe an meinem Ohr, daß ich seinen heißen Atem 4 Die T spüre. Dann ist er verschwunden. mit bl Ich sehe, wie Bogdan zwischen den Verwundeten hin„Sie k und her läuft. Langsam stehe ich auf und gehe schwan- tschech kend zu dem Sanitäter hinüber. Er hält den ver- I„Bogd: Run. wundeten Deutschen fest, der durchaus aufstehen will.| ‚Sie k Inp| Ich kann den Mann gut verstehen: Schießen ist ein 2. nachdı N Glück. Aber dieses Glück ist ihm nicht mehr be-| rück.. a! schieden. DasD | ii)„Sieh du nach den anderen, ich bleibe hier“, sage ich Sollter IM zu Bogdan.„Nein ‚\ Bogdan geht weiter. Der Verwundete knirscht mit den Wir a In Zähnen. Über unseren Köpfen dröhnen Detonationen. In sei Kalk rieselt von der Decke. Das Haus erbebt. Offen- er gar bar wird das Lager mit Kanonen beschossen. Ich k „Verfluchte Schweine“, murmelt der Deutsche fiebrig. aus€ „Sie haben mir das Bein zerschmettert und die ganze Tür.( Seite durchlöchert... Das war der Rapportführer. Ich„Boge habe gesehen, wie er die Handgranate geworfen hat.„Laßt Ein Franzose hat ihn dann totgeschossen.... Hilf mir„Boge aufstehen, Genosse.“ Mir y „Du mußt liegenbleiben.“ Nur Wieder krachen Detonationen und rieselt der Kalk. beben Der Verwundete atmet schnell und röchelnd. Seine tin... Stimme wird immer schwächer. Er sagt:„Ich habe mich Et st an ihnen gerächt. Ich habe den Sprengstoff unter meinen jetzt ı Kleidern hergeschmuggelt... Der Meister aus dem| Woi Werk, der Österreicher, kennst du ihn?... Das ist ein N Mir y wirklicher Mensch, ein großartiger Genosse. Such ihn| bekar später auf, er heißt Schuster, Karl Schuster... Er war N um ı 234 Sprengmeister im Steinbruch, und ich war sein Gehilfe. Er hat uns Füllpulver gegeben, er hat uns fünf Re- volver und an dazu beschafft... Wir haben den Turm gesprengt.“ Die Tür klappt. Ich sehe Wislozki und einen Mann mit blutüberströmtem Gesicht. „Sie kommen nicht durch!“ ruft der Verwundete auf tschechisch. „Bogdan, übernimm ihn.“ „Sie kommen nicht durch!“ wiederholt der Tscheche nachdrücklich.„Gebt mir Wasser, dann gehe ich zu- Fuck Das Donnern von Detonationen übertönt seine Stimme. Sollten sie etwa doch durchkommen? „Nein“, röchelt der Deutsche,„niemals... Trinken... Wir alle zusammen... wir...“ In seiner Brust gurgelt es. Eine Minute. darauf wird er ganz still und hört zu atmen auf. Ich krieche zu dem Tschechen hinüber und gebe ihm aus einer Feldflasche Wasser. Abermals öffnet sich die Tür. Oben kracht es. „Bogdan!“ „Laßt mich hinaus!“ „Bogdan, übernimm ihn.“ Mir wird schwindlig, eine Schwäche überkommt mich. Nur mit Mühe verstehe ich, was der Tscheche mit bebender Stimme sagt:„Die Kleiderkammern, Valen- tin... Wir haben alles genommen... gut, Valentin.“ Er stirbt doch nicht etwa? Nein, er darf nicht sterben, jetzt dürfen wir nicht mehr sterben... Wo ist Valentin? Wo ist Iwan Michailowitsch? Mir wird schlecht... Abermals glaube ich, in eine un- bekannte Tiefe zu stürzen. Wieder wird alles schwarz um mich... Stechender Schmerz bringt mich ins 235 Bewußtsein zurück. Neben mir sehe ich den Strahl einer Taschenlampe, in dem eine Spritze glänzt. „Er ist zu sich gekommen“, sagt die Stimme Stichlers. „Sind sie zurückgeschlagen worden?“ frage ich. „Ja, sie sind zurückgeschlagen worden. Sprich nicht, Kostja!“ Ich erkenne die Stimme Viktors. „Viktor!“ „Sprich nicht, Kostja!“ „Seid ruhig, Freunde. Er braucht Ruhe. Auf Wieder- sehen bis morgen“, sagt Stichler. Die Taschenlampe wird ausgeknipst. Die kühle, rauhe Hand Viktors legt sich auf meine Stirn. Ich drücke sie. „Wo ist Oleg?“ „Er ist... im Graben.“ „Ist er gefallen?“ „Er ist im Graben.“ „Wie steht es... sind‘wir... Viktors Stimme ist tonlos und gleichmäßig. Er sagt, daß alles gut stehe, daß die SS-Leute zurückgeschlagen worden seien, daß wir noch viele Patronen hätten und daß es dem Stab des Aufstandes gelungen sei, sich auf dem Funkwege mit den sowjetischen Truppen in Ver- bindung zu setzen Alles ist gut, versichert Viktor. Aber mich kann man jetzt nicht betrügen, und ich weiß, daß es sehr schlecht mit uns steht. Viktor nickt ein. Er hat schon seit zwei Tagen nicht geschlafen, aber er ist gekommen, um mich zu sehen. Er hat an dem Sturm auf das Krematorium teil- genommen, hat mich in den Kesselraum geschleppt und dann mit den andern um das Lager gekämpft. Alle haben gekämpft, ob sie Waffen hatten oder nicht. Viele sind gefallen. Unsere Ärzte tragen selbst die Verwundeten fort. Oleg ist tot. Es steht schlecht mit uns... 236 Schrei Ich ste da, au Masdı nicht von 0 etwa „Ara- Von , hören Was dröh ist. d: Auf: Ich: mir sprir „Par „90V Er ı War „sch Kind Übe rote spa! Pan Stic ihn. - Ich wache von einem furchtbaren Krachen auf. Viktor ist nicht mehr da. Die Lichtbüschel, die durch eine Spalte der geschlossenen Luke fallen, werden bläulich und vibrieren. Droben surren Motoren. Das sind Flug- zeuge— sie haben eine Bombe geworfen! Ich höre Schreie. Ich stehe auf. Ringsum ertönt Stöhnen. Bogdan ist nicht da, auch die Ärzte sind fort. Ich höre das Knallen von Maschinenpistolen und ein langgezogenes„A-a-ah!“, das nicht von Menschen zu stammen scheint. Das kommt von oben. Das sind die SS-Leute, sie greifen an. Ist das etwa das Ende? „A-a-ah!“ Das triumphierende Gebrüll kommt näher. Von unserer Seite sind nur vereinzelte Schüsse zu hören. Sollte wirklich alles aus sein? Aber plötzlich... Was ist das? Warum hört es auf einmal auf? Was dröhnt da? Warum ist alles still geworden? Was ist das für ein freudiger, heller Ruf, der klingt wie ein Aufatmen der Erleichterung? Ich schleiche zum Ausgang. Ich bin so aufgeregt, daß “ mir das Atmen schwerfällt. Ich haste zur Tür, sie springt auf- Wislozki steht auf der Schwelle... „Panzer! Panzer!“ ruft er. mit versagender Stimme. „Sowjetische Panzer sind da, wir sind gerettet!“ Er wankt. Ich fasse ihn am Arm. Über seine welken Wangen laufen Tränen.; „Schluß“, sagt er kaum hörbar und schluchzt wie ein Kind. Über uns scheint hell die Frühlingssonne. Leuchtend rote Fähnchen flattern auf der mit rotem Tuch be- spannten, hohen Tribüne. Oben stehen ein sowjetischer Panzeroffizier, Iwan Michailowitsch, Heinrich, Wislozki, Stichler, Gardebois, Giovanni und Antonio. Hinter ihnen sieht man die graue Wand des Krematoriums, 237 darüber die flachen viereckigen Schornsteine und eine kleine, weiße Wolke, die an dem strahlenden Himmel “ hängt. Vor der Tribüne, auf dem von Geschossen aufgewühl- ten Platz, stehen wir ehemaligen Häftlinge. Wir sind in Bataillonen angetreten- Deutsche, Franzosen, Tschechen, Russen, Jugoslawen, Polen. Viele tragen ein Gewehr über der Schulter. Wir stehen mit entblößten Köpfen da. Zwischen den einzelnen Bataillonen ist ein Abstand von zwei Schritt, aber wir können uns jederzeit, ohne von der Stelle zu gehen, die Hände reichen. In unserem Rücken liegen die halbzerstörten Baracken. Wir warten darauf, daß aus dem Krematorium eine Urne mit Asche gebracht wird. Jetzt trägt man sie herbei- ein dunkles, mit Krepp umwundenes Gefäß, Sie wird auf die Brüstung der Tribüne gestellt. Tiefe Stille herrscht. Mir zittern die Knie. Ich stütze mich auf Viktors Arm und sehe zur Tribüne hinüber. Iwan Michailowitsch tritt an die Urne heran. Sein Gesicht ist bleich. „Genossen“, sagt er und blickt uns an.„Genossen, Ka- meraden! Der Krieg ist noch nicht zu Ende. Die Sowjettruppen kämpfen zusammen mit den Verbün- deten weiter. Noch lebt. Hitler... Laßt uns hier vor der Asche unserer ermordeten Kameraden schwören, daß wir den Kampf nicht einstellen werden, bis wir die Erde vom Faschismus gesäubert haben... Wir Sowjetbürger schwören es!“ „Wir schwören!“ ertönt es wie ein mächtiges Echo zurück. Meine Stimme ist schwach, doch sie verschmilzt mit den Stimmen vieler Hunderter und wird zum gewal- tigen Ruf. 238 Heint: Narbı „Wir auf dı „Wir Jetzt‘ „Wir Und\ schwö Nach Intern dröhn die V „Wir Ignat, „Wir daß Nein flimı Heinrich tritt an die Urne. Seine Wange, über die die Narbe läuft, zuckt. „Wir Deutschen und Österreicher schwören es!” sagt er auf deutsch. „Wir schwören!“ dröhnt es feierlich über den Platz. Jetzt steht Henri Gardebois neben der Urne. „Wir Franzosen schwören!“ Und wieder schallt es machtvoll über dien Platz:„Wir schwören!“ Nacheinander treten alle Mitglieder des ehemaligen Internationalen Komitees an die Urne. Zwölfmal dröhnen über den Lagerplatz in verschiedenen Sprachen die Worte:„Wir schwören.“ „Wir schwören es euch, Oleg, Stepan Iwanowitsch, Ignat, Valentin, Schurka“, sagt Viktor wie abwesend. „Wir werden euch nicht vergessen und nicht zulassen, daß sich das alles jemals wiederholt.“ Nein, wir werden es nicht zulassen. Vor meinen Augen flimmert es. Ich presse Viktors Hand. Er erwidert meinen Händedruck. Der feierliche Akt ist zu Ende, die Menschen stürzen vor zur Tribüne. Die Sonne strahlt, die roten Fähnchen leuchten, und Hunderte abgemagerter Menschenhände recken sich dorthin, wo mit leicht verwirrtem und ver- legenem Lächeln der sowjetische Panzeroffizier steht, ein nicht mehr junger Mann mit breiten Backenknochen, die Spuren eingefressenen Straßenstaubs im müden, aber glücklichen Gesicht. ee‘ i | j Frag] dem Werk nicht nur doku- mentarischen, sondern auch literarischen, künstlerischen Wert zu verleihen. Piljar gibt kein naturalistisches Bild eines Einzelfalls, son- dern zeigt uns in künst- lerischer Verallgemeinerung die wahren Zustände in allen faschistischen Kon- zentrationslagern. Beim Le- sen der Erzählung denkt man unwillkürlich an Mai- danek und Auschwitz, an Buchenwald und Dachau, an Oradour und Lidice. Piljars Erzählung ruft bit- tere Erinnerungen wach, sie will warnen und mahnen. All das gibt ihr eine große politische Bedeutung. Der Leser empfindet klar, daß Piljar das Buch nicht nur geschrieben hat, weil er zu schreiben verstand, sondern weil er es schreiben mußte. wVvvV ee ae 2“ Fr Colour& Grey Control Chart Blue Cyan Green Yellow Red Magenta Grey 2 Grey 3 Grey 4 Black eu A