UB GIESSEN I unnnan| 27 008 500 Wie war das in Dachau? Ein Versuch, der Wahrheit näherzukommen von Johann Nenhäusler Weihbischof von München Kuratorium für Sühnemal KZ Dachau Jeglicher Reinerlös aus dem Verkauf dieser Bro- schüre wird für die weitere Ausgestaltung des| Sühnemalsim ehemaligen KZ Dachau verwendet. Herstellung: Verlagsanstalt vorm. G. J. Manz AG, München/Dillingen Klischees: Osiris, Klischeefabrik, München 5 Zum Geleit Ein Übermaß von Unmenschlichkeit nationalsozialistischer Gewalt- herrschaft und ein Übermaß von Leidenskraft edlen Menschentums enthüllt sich hier unserem Auge. Das Zögern, dieses Buch der Jugend in die Hand zu geben, wird über- wunden durch die Erkenntnis: Unsere junge Generation muß wissen, wozu eine Diktatur imstande ist, die sich niemandem zur Rechenschaft verpflichtet glaubt. Ein junger Mensch, der dies erfahren hat, wird ganz von selbst zum glühenden Verteidiger der Freiheit, des Rechts und der Menschenwürde. Am Tage der Sühnewallfahrt der Jugend nach Dachau, 5. August 1960 Dr. Würmeling Bundesminister für Familien- und Jugendfragen Heike Duill 3 Marianne Gross Breidensteiner Weg 74 60489 Frankfurt Tel. 069/7893368 Einleitung „Wenn das Wunder geschieht, daß ihr lebend davonkommt, schreibt es auf und sprecht es aus, was sie mit uns angestellt haben.“ „Das war das heiligste Vermächtnis der Kameraden, die in unseren Armen starben oder mit dem ‚Invalidentransport‘ zum Vergasen verschleppt wurden. Das war das Vermächtnis der Brüder, der im Schicksal erprobten Freunde, der ‚Nummernmenschen‘, deren Asche durch die Schornsteine davonflog und die Felder der Fremde bedeckte.“ Diese letzte Bitte von sterbenden Mithäftlingen des Konzentrationslagers Dachau drängte den Polen Jan Domagala zu sorgfältigen Nachforschungen und Aufzeichnungen über das erste, zum Symbol aller deutschen Konzen- trationslager gewordene KZ Dachau. Diese mit letzten Atemzügen gehauchte Bitte leidgequälter Freunde drückte ihm, der nach jahrelanger Haft im KZ Dachau„lebend davonkam“, die Feder in die Hand, um ein Buch zu schrei- ben:„Die durch Dachau gingen“(Warschau— Pax 1952). Dieses aus mehrjähriger Schreibstubentätigkeit mit vielen sorgfältigen Sta- tistiken unterbaute Dokumentarwerk bzw. seine von Salvatorianerpater Angelus Siebert dankenswerterweise gefertigte Übersetzung erschien mir neben jenem von Franz Goldschmitt„Zeugen des Abendlandes“(Felten- Verlag, Saarlouis) als eine besonders verlässige Quelle für einen wahrheits- gemäßen Bericht über das Konzentrationslager Dachau. Natürlich zog ich auch noch andere Veröffentlichungen über das KZ Dachau bei, in bescheidenem Ausmaß auch meine eigenen Erfahrungen. Nach mehr- monatiger Haft im Gestapogefängnis von München und Berlin, nach zwei- monatiger Gefangenschaft im Konzentrationslager Sachsenhausen-Oranien- burg kam ich ja am 12. Juli 1941 ins KZ Dachau und blieb dort bis 24. April 1945. Freilich war ich dort als sogenannter„Sonderhäftling“ im„Bunker“ (= Gefängnis desKZ), war damit ganz abgeschlossen vom allgemeinen Lager, erfuhr so durchaus nicht alles, was im großen Lager vor sich ging. Aber ich sah und hörte um so mehr, was in den„Dunkelzellen“ und„Stehzellen“ j | 1} { N IE des Bunkers und, besonders im ersten Jahr, im Gefängnishof geschah(Auf- hängungen!). Im übrigen wird kein einzelner, wäre er auch vom ersten bis zum letzten Tag des KZ Dachau dortselbst gewesen, die ganze Wahrheit über Dachau aufzeigen und eine volle Antwort geben können auf die oft gestellte Frage: „Wie war das in Dachau?“, noch weniger auf die Fragen:„Wer war in Dachau?“(Zahl der dortigen Häftlinge von 1933—1945!),„Wer ist im KZ Dachau gestorben?“ Die Antworten auf solche und ähnliche Fragen weichen himmelweit von- einander ab; z.B. schwanken die Angaben oder Schätzungen der Todesopfer von Dachau zwischen 20 600(Bürgermeister a.D. Zauner, Dachau) und 238 756(Pastor Niemöller nach einer Lagerinschrift vom Jahre 1945, ebenso auch Slew Gardner in„Sunday Express“ vom 10. Januar 1960). Woher diese große Unsicherheit und krasse Verschiedenheit? Liegt es etwa am Mangel guten Willens zur Wahrheit, an Schulderkenntnis und-bekenntnis, an Genauigkeit und Ehrlichkeit? Ich möchte es nicht glauben. Des Übels Wurzel scheint mir viel tiefer zu liegen: in dem gewollten Dunkel, das über dem KZ Dachau von Anfang bis zum Ende lag, wie übrigens über allen KZ-Lagern und Vernichtungsstätten des Dritten Reiches. „Das Böse liebt eben die Finsternis und scheut das Licht.“ Nicht einmal die nächste Umgebung, nicht einmal die Bürgerschaft von Dachau konnte diese Nebeldecke durchstoßen. Wie oft suchte ich selbst von einzelnen ent- lassenen Häftlingen etwas zu erfahren! Umsonst! Sie schwiegen und baten, nicht weiter zu fragen. Darüber zu reden konnte lebensgefährlich werden, konnte tatsächlich„Befreite“ alsbald neuerdings nach Dachau bringen, konnte auch jeden Außenstehenden, der davon zu sprechen wagte, ins Gefängnis bringen, auch wenn er nur Wahres berichtete, wie Stadtpfarrer Dr. Emil Muhler von München und zwei seiner Hilfspriester. Ich selbst mußte dies ja auch erfahren. Gerade weil ich den Heiligen Vater, Bischöfe usw. auftrags- gemäß über nationalsozialistisches Unrecht informierte, mußte ich, wie die Gestapo sagte,„kaltgestellt werden“. Pfarrer Franz Goldschmitt, der vom 16. Dezember 1942 bis Ende Mai 1945, also noch über die„Befreiung“ hinaus, im KZ Dachau war, sagt im Vorwort seines schon genannten Buches„Zeugen des Abendlandes“:„Geheim, ganz geheim habe ich Notizen gemacht, obwohl dabei schon der Strang am Hals kitzelte; denn wer Material gegen die Nazis sammelte und dabei er- wischt wurde, baumelte am Galgen.“(Näheres über diese„Vernebelung“ siehe mein Buch„Kreuz und Hakenkreuz“, München 1946, I. Teil, Ss. 22). Und selbst dann, als sih am 29. April 1945 die Tore des Zwangslagers Dachau öffneten, schwand noch lange nicht alle Dunkelheit über dieser Brut- stätte von Verbrechen und Knechtung; denn vieles, was der Welt in Zahlen und Namen hätte zeigen können, welche Unmensclichkeiten und Grausam- keiten hier begangen worden waren, war von den Verantwortlichen im letz- ten Augenblick vernichtet worden. So konnte dann vieles vertuscht und abgeleugnet oder bagatellisiert und als bloße Kriegspropaganda der Alliierten erklärt werden.„Kein Aufhebens mehr davon machen! Gras darüber wachsen lassen!“, wurde schließlich da und dort laut oder leise als Parole ausgegeben. Und das ist’s, was uns vom Ausland mit Recht verübelt würde. Damit be- gingen wir auch ein neues Unrecht gegen die Todesopfer des KZ, deren letzte Bitte war:„Sprecht es aus, was sie mit uns angestellt haben!“. Damit bräch- ten wir auch uns selbst um die Lehren, die uns all dies Traurige geben kann, und setzten uns neuer Gefährdung aus.„Nur die Wahrheit wird uns frei- machen“(Joh. 8, 32), wird uns gegenüber Gott und Mitmenschen ein ehr- liches„mea culpa“ sprechen lassen und zur Sühne und Wiedergutmachung drängen. Auch wir Deutschen müssen uns zu eigen machen, auf unser Tun im Dritten Reich sagten: „Wir wollen verzeihen, aber nicht vergessen.“ was Engländer im Blick Oder wie es in einer Besprechung des Buches von Edmond Michelet„Rue de la libert&“(„Straße der Freiheit“) noch schöner gesagt ist:„Niemand, der es selbst liest, wird versucht sein, zu vergessen, was für ein Ort Dachau war. Aber das Herz des Christen hat verziehen!“ Das muß auch uns Deutschen Richtlinie sein: So fern uns jeder Haß und jede Rache ist, so gern wir allen, die in Bosheit oder Verblendung oder Ver- führung gefehlt haben, in christlicher Liebe verzeihen wollen, so wenig wol- len wir leugnen und vergessen, in welche Abgründe satanischer Ruchlosigkeit, Überheblichkeit und Gottlosigkeit jene sanken, denen das deutsche Volk lei- der mit dem Stimmzettel die ganze Macht in die Hand gab. Und wir dürfen und wollen nicht vergessen, woZu Entchristlichung führt, wessen der Mensch fähig ist, wenn er den Glauben an Gott verliert und sich keinem höheren Recht verantwortlich glaubt. Er kann dann wirklich zur Bestie, zum Satan werden. Der Glaube kann die Würde des Menschen nicht hoch genug erheben und spricht darum zum Schöpfer: 6 a ED LTR PER ENDEN"ER. nn Be a A EEE „Was ist der Mensch, daß du dich seiner annimmst? Was ist der Menschensohn, daß du dich um ihn kümmerst? Du hast ihn nur um weniges den Engeln nachgestellt, hast ihn mit Ruhm und Glanz bekrönt. Du hast ihm Macht verliehen über deiner Hände Werke, alles seinen Füßen unter- worfen.“(Ps 8) Der Unglaube aber kann den Menschen zum Tier, zur Ware und Nummer erniedrigen, kann ihn erbarmungslos mißhandeln, ja töten und wegwerfen. Die Feder wollte sich manchmal sträuben, Einzelheiten auch nur anzudeuten, viel weniger in ihrer vollen Grausamkeit und Unmenschlichkeit näher zu be- schreiben; aber es darf um der Wahrheit und Warnung willen nicht alles unterdrückt und vergessen werden. Dachau kann und soll eine Lehre sein! Darum dürfen wir nicht davon schweigen, auch wenn die Erinnerung daran traurig und schmerzlich ist. Und ebenso wollen wir nicht vergessen, was die gelitten haben, die im Kon- zentrationslager für ihre Überzeugung, vielfach auch gerade für ihren Glau- ben an Gott, für ihre Treue zur Kirche, ja für unser aller Freiheit und Recht gelitten haben. Mögen auch nicht alle persönlich schuldlos gewesen sein, auch sie mußten dort über Gebühr an Leib und Seele leiden. Mit der Gedächtniskapelle, die gelegentlich des Eucharistischen Weltkon- gresses vor den Augen der ganzen Welt geweiht werden soll, wollen wir nicht bloß alle, die dort gelitten haben, ehren, sondern auch eine Stätte schaffen, an der für sie gebetet und für die Verbrechen ihrer Peiniger das Sühneopfer Jesu Christi dargebracht wird. „Verzeihen, aber nicht vergessen!“ Dies sei auch das Leitmotiv für die nachfolgenden Darlegungen. Darum wer- den soviel wie keine Namen und Personen genannt, sondern nur Tatsachen und Geschehnisse berichtet, so zuverlässig sie gefunden werden konnten. Die Feststellung und Ahndung von Verbrechen wollen wir den Gerichten über- lassen. Im Bewußtsein, noch lange nicht hundert Prozent Richtiges oder gar hundert Prozent Vollständiges bieten zu können, heiße ich es einen„Versuch, der Wahrheit näherzukommen“: Im Bewußtsein, daß andere viel mehr erfahren und erlebt haben als ich, lasse ich diese viel mehr zu Wort kommen als mich selbst. Für jede Ergänzung und Korrektur werde ich dankbar sein. München, 17. Juni 1960: Johann Neuhäusler, Weihbischof KZ-Häftling von Sachsenhausen Nr. 37 796 KZ-Häftling von Dachau Nr. 26 680 1. Konzentrationslager Dachau. Wann begann es? Wer rief es ins Leben? ünchner Neuesten Nachrichten“ folgende Am 21. März 1933 stand in den„M Bekanntmachung: 2 „Am Mittwoch, dem 22. März 1933, wird in der Nähe von Dachau das erste Konzentrationslager geöffnet. Es hat ein Fassungsvermögen von 5000 I 6 smaße ohne Rücksicht auf kleinliche Bedenken eruhigung der nationalen Be- o Menschen. Wir haben diese Au getroffen in der Überzeugung, damit zur B völkerung und in ihrem Sinne zu handeln!“ Heinrich Himmler cher Polizeipräsident der Stadt München.“ Kommissaris ne ae Damit war das erste Konzentrationslager des 3. Reiches errichtet. Dachau| liegt etwa 15 km nordwestlich von München. Es hat eine mehr als tausend- jährige Geschichte. Die Grafen von Dachau, Ahnen der Wittelsbacher, hatten jahrhundertelang weit und breit Das Konzentrationslager, das in den Nachkriegszeit den Namen Dachaus im übelsten Sinn über die ganze Welt trug, führte eigentlich zu Unrecht den Namen„Dachau“; denn sein Gelände gar nicht zur Stadt Dachau, sondern zur | einen guten Namen.| Jahren 1933-1945 und auch in.der| ) gehörte zur Zeit seiner Gründung Gemeinde Prittlbach. Grundstock des Lagers war eine während des ersten Weltkriegs errichtete Munitionsfabrik, die aber i. J. 1938 durch die Häftlinge abgerissen und zu Wirtschaftsgebäuden u. a. umgebaut werden mußte. In ehemaligem Moor gelegen, hatte es kein gutes Klima, war feucht, nebelig und öde. Gewiß, im Lager gab es im Laufe der Jahre schöne Alleen, Blumenbeete e und Gärten; alles erst von den Gefangenen geschaffen, gedüngt mit Schweiß und Blut! Dies Schöne der Natur, der Blick auf die Alpen, die sich bei Föhnwetter in majestätischer Pracht zeigten, herrlicher Sonnenaufgang oder -niedergang, die oftmals bei langandauerndem Morgen- oder Abendappell\ 1 zu sehen waren, trugen, wie Domagala sagt, vielfach zur seelischen Nieder- geschlagenheit der Gefangenen bei, ließen manchen seufzen:„Mein Gott, wie schön ist deine Welt! Aber die Menschen verwehren es mir, sie zu genießen. Und wird nicht durch Hitlers Wille mein Leben bald schwinden wie dieses Morgen- und Abendrot?“ 2. Ein Rundgang durch Hitlers Großgefängnis Das Konzentrationslager bildete ein Rechteck von etwa 300 m Breite und 600 m Länge. Westlich davon lag das Militärlager der SS.-Von diesem führte eine breite, asphaltierte Straße zum Gefangenenlager: „Schlagbaum zur Hölle“ Am Ende dieser Straße war das sogenannte„Jourhaus“, das Verwaltungs- gebäude der Lagerleitung. Das große, mit schwerem Eisengitter verschließ- bare Tor dieses Gebäudes trug die Aufschrift: „Arbeit macht frei“. Welche Ironie! Besser hätte gepaßt:„Vergeßt, was ihr waret! Nun seid ihr Sklaven.“ Noch besser hätte da das Wort gestanden, das Dante in seiner „Göttlichen Komödie“ über den Eingang der Hölle schreibt:„Laßt alle Hoft- nung fahren, die ihr eintretet!“ Gleiche Ironie, Lüge und Spott wie dies„Arbeit macht frei“ bedeutete der Satz, der die Verhafteten nach dem Durchschreiten des Tores vom Dach des Wirtschaftsgebäudes grüßte: „Es gibt einen Weg zur Freiheit. Seine Meilensteine heißen: Gehorsam— Fleiß— Ehrlichkeit- Ordnung— Sauberkeit— Nüchternheit— Wahrheit— Opfersinn und Liebe zum Vaterland.“ Wahrhaftig, die das schrieben, spotteten ihrer selbst und wußten nicht, wie! Wie ermangelten sie selbst all dieser Eigenschaften! Der äußere und innere Aufbau des Lagers zeigte deutsche Gründlichkeit und geschickte Organisation, aber alles diente ja letzten Endes nicht dem Wohl der Insassen, sondern nur ihrer Knechtung und Entwürdigung und vielfach— ihrer Erledigung. Wir können sagen: „Gut organisiert zum Kommandieren und Regieren, Drangsalieren und Liquidieren!“ „Satan hat hier seinen Thron aufgerichtet“(Geh. Oftbg. 2, 13). Treten wir in seine Lagerresidenz, ıns Verwaltungsgebäude. Es barg im oberen Stockwerk die SS-Behörde, die Schreibstube des Lager- führers und seiner Stellvertreter, auch die Büros des Gestapo-Vernehmungs- kommissars. Im Erdgeschoß waren die Schreibstuben der Rapportführer und die Wachstuben. Zu den Wirtschaftsgebänden gehörten umfangreiche Magazine, Effektenkammern zur Aufbewahrung pri- vater Sachen der Gefangenen, eine große Duschanlage für etwa 150 Per- sonen, ferner eine große, neuzeitlich eingerichtete Küche, Keller, Wäscherei und Kleidermagazine. Bunker Zu ihm führte vom„Jourhaus“ eine Straße, die dadurch bekannt war, daß dort die Gefangenen für das geringste Vergehen bei Regenwetter, Frost oder Hitze mehrere Stunden lang stehen mußten. Von der Küche sowie von den Wirtschaftsgebäuden aus führte ein Weg durch Blumenbeete zum Appellplatz, auf dem täglich die lästigen Morgen- und Abendappelle stattfanden. Hier wurden den Gefangenen auch in Gegenwart aller Versammelten zu be- stimmten Zeitabschnitten körperliche Züchtigungsstrafen verabreicht, ganz besonders solchen, denen ein Fluchtversuch mißlungen war. Von diesem Platz aus marschierten die Arbeitskolonnen jeden Tag ab zu den Arbeits- stätten und kehrten mit einem Lied auf den Lippen(!) hieher von der Arbeit zurück, zu gewissen Zeiten sogar im Marschtakt, den das Lager- orchester angab. Auf diesem Platz wurden des weitern die berüchtigten Aus- lesen nackter Gefangener für den„Invalidentransport“(für die Vergasung) vorgenommen. Hier standen nach dem Appell hilflos die kranken Gefange- nen vor dem Rapportführer und baten um Überweisung in das Revier. Zu 10 Zeiten bestimmter Erleichterungen, die man den Gefangenen gewährte, durfte dieser Platz sonntags als Sportplatz dienen. Hier mußten die Gefangenen auch die„Siege Hitlers“ aus Lautsprechern vernehmen. Vom Appellplatz aus kam man zu einer herrlichen, mit Bäumen bepflanzten Alleestraße, an welcher die 30 Wohnbaracken der Gefangenen lagen, etwa 300 m lang und 30 m breit. Michelet nennt sie ironisch„Straße der Freiheit“. Kantine Die von Gefangenen geleitete Kantine der SS lieferte Zigaretten und ab und zu gewisse Lebensmittel wie Rübenmarmelade, Haferplätzchen, in Holz- essig konservierte Gurken, rohes Sauerkraut, saure Rüben, Schnecken u. a., alles ziemlich teuer, oftmals nicht mehr ganz gut, trotzdem aber von den ausgehungerten Gefangenen gierig verschlungen. Das Museum Das Museum, das in Gips gegossene Figuren Gefangener enthielt, die sich durch körperliche Gebrechen oder besonders charakteristisches Aussehen aus- zeichneten, wurde gern von Würdenträgern Hitlers besucht. Man gab sich eine Zeit lang aber nicht zufrieden mit dem bloßen Zurschaustellen von Gipsfiguren, sondern führte den Hoheitsträgern und Lagerbesuchern auf dem Wege zum Gefangenenbunker auch hervorragende Persönlichkeiten vor, höhere Geistliche verschiedener Bekenntnisse, u. a. z.B. Bischof Kozala, ferner Staatswürdenträger aus unterjochten Ländern, bekannte Künstler und Poli- tiker. Man verlachte und verspottete dabei diese Gefangenen und vergriff sich öfters auch rätlich an ihnen. Die Lagerschreibstube, von Gefangenen geleitet, führte eine Übersicht über alle Gefangenen, sowohl jener vom Hauptlager wie auch aller in den„Außenkommandos“, gleich- zeitig auch die Kartei der Verstorbenen und der in andere Lager Über- führten oder Entlassenen. In der Schreibstube wurde auch die Post auf die einzelnen Blöcke verteilt. Der Lagerschreiber verfertigte in Zusammenarbeit mit den Blockschreibern täglich einen Bestandsbericht und gab diese An- gaben an den Lagerführer weiter. In der Schreibstube waren auch Dol- metscher für die verschiedenen Sprachen beschäftigt. An Hand der Kartothek stellte man dort auch die Transportlisten von Gefangenen zusammen, die von der SS ausgesucht und für andere Lager bestimmt waren. zZ Die Arbeitseinsatzschreibstube teilte den Gefangenen im Einvernehmen mit der SS Beschäftigungen innerhalb oder außerhalb des Lagers zu. Die Bibliothek war verhältnismäßig reich ausgestattet mit verschiedenartigen Büchern, die „billig“ beschafft, d. h. einfach bei den Gefangenen beschlagnahmt wurden. Man benützte sie sehr viel, besonders in der Zeit der Einführung bedeutender Erleichterungen, wie man sie nach 1942 beobachten konnte. Die Wohnbaracken Die Baracken auf der linken Seite, die mit den geraden Zahlen von 2-30 numeriert waren, wurden von den arbeitenden Gefangenen bewohnt. Die 2 bzw. 5 ersten Baracken auf der rechten Seite bildeten das Revier. Ins Revier wurden solcheHäfllinge aufgenommen, die in den meisten Fällen entweder bis zu einem solchen Grade geschwächt waren, daß sie sich nicht mehr mit eigenen Kräften auf den Beinen halten konnten oder dorthin von bekannten, hilfsbereiten Mitgefangenen gebracht wurden. Die Pfleger im Revier waren Gefangene: Ärzte, Feldschers und auch nicht irgendwie für den Gesundheitsdienst qualifizierte Personen verschiedener Nationalität. An der Spitze dieser Pflegergruppe stand ein Reviercapo, von dem die Behand- lung des Kranken abhing. Ein sadistisch veranlagter Reviercapo beseitigte ohne Wissen des aufsichthabenden SS-Arztes kranke Gefangene mit Hilfe von Spritzen sowie durch selbst ersonnene Torturen. Das Revier hatte neben neuzeitlihen Krankenhauseinrichtungen auch einen zahnärztlichen Behandlungsraum. Es wurde gern den„Würdenträgern Hitlers“ und auswärtigen Gästen gezeigt und von ihnen bewundert. Hinter der Revierschreibstube, in welcher man genaue Übersicht über die Kranken und Verstorbenen führte, befanden sich noch in den gleichen Ba- racken Räume, in denen man Leichen sezierte, um fast immer die gleich- lautende Todesursache festzustellen:„Versagen von Herz- und Blutkreis- lauf“. Dort war auch eine Leichenhalle, in der man Leichen und menschliche Skelette aufbewahrte. Als dort kein Platz mehr war, schichtete man die Leichen auf der Straße auf einen Haufen, von wo sie dann zum Krematorium gebracht wurden. Wie Mehlsäcke lud man sie in den letzten Monaten, als der Typhus täglich hundert und mehr Opfer forderte, auf einen Lastwagen, den sog.„Moorexpreß“. 1? Baracken 7-1>. r-- a--- + 174 r7r TS r”—?: 4 r-—ı _——-—----=--- 02-2202 7 Baracken L | | | [ I I } | I [i | | —ı | m | aa o & N) | - oO uspeieg | Kl 1 il iR 4 EB] ei ı10 Bl: I I| I} Pie z' 11 I I ca el t Fan 23] H| Ki| dl e\ |! N N en Ir nn nn nen t P Ze RR ee Zum Lagerplan 1 Wachtürme 2 Bunker(Gefängnis) 3 Bunker für SS- Sträflinge 4 Effektenkammer (Bekleidungskammer, Schusterei, Schnei- derei, Stopferei) 5 Büro für Verwaltung des Privateigentums der Häftlinge 6 Baderaum, Küche, Wäscherei, auch Züchtigungsraum N Eingangstor, darüber das„Jourhaus“ Appellplatz Lagerstraße, rechts und links je 17 Wohn- baracken(Blocks). In den ersten zwei Blocks auf der West- seite: Kantine, Bü- cherei und Schulungs- raum; auf der Ost- seite: das„Revier“ (Krankenabteilung), später auf 5 Blocks erweitert. B, C, D, E und Numerierung 1-30 deuten Baracken an. 11 Gartenverwaltung 12 Kaninchenstall(um Angorawolle für Flieger zu gewinnen) 13 Desinfektionsbaracke (S) Das neue Sühnemal | I een IE S Abkürzungen: SS= Sturmschar, Ge- stapo— Geheime Staats- polizei, KZ= Konzen- trationslager 13 Quarantäne Später waren einzelne Baracken in gewissem Sinne isoliert, weil hier ent- weder nur Invaliden oder mit Krätze Behaftete wohnten oder— wie in der Endphase des Lagerbestehens— Flecktyphuskranke. Die Baracke der Strafkompanie Die Baracke Nr. 15 wurde ein paar Jahre lang als ein Block mit besonders schweren Ausnahmestrafen angesehen. Dort hatte man nämlich die sog. „Strafkompanie“ untergebracht, zu der vor allem Juden bestimmt wurden. Dazu kamen auch Gefangene, die auf der Flucht ertappt wurden oder flucht- verdächtig waren, dann auch solche, die wegen Übertretung der Lager- vorschriften zum Aufenthalt in der Strafkolonie verurteilt wurden. Ein Blick in eine Wohnbaracke Die Wohnbaracken, Blöcke mit einem Ausmaß von etwa 100 m Länge und 10 m Breite, bestanden aus zwei Teilen, in die eigene Eingänge führten (vgl. Zeichnung). {ei Fe g ge|e2|#| 8 Eis ge|e® 8 Ee 3 5 5123 3 D= 3° 8 3 3 S >> an 5 5 Shoes S Fe} > hal 173 Zee ie) S S 3 ie} S 8 ö S 2) H H 2)(92) Im= a I Durch den Haupteingang gelangte man gewöhnlich zu zwei Stuben, von denen jede zwei Zimmer besaß, nämlich einen Tages- und einen Schlafraum. Im Tagesraum standen, entlang den Wänden, 45 Spinde, für jeden Gefan- genen einer, und ebensoviele Hocker sowie vier Tische— im Schlafraum die gleiche Anzahl von Betten, mehrere übereinander. Waschraum und Abort trennten eine Stube von der anderen. Sie waren so eingerichtet, daß sie für 90 Personen ausreichten, d. h. für Gefangene von zwei Stuben. Eine Baracke war anfänglich für 180 Personen geplant(45 je Stube), das ganze Lager_ g sep J 5 8 für 5000 Personen.(Später waren statt 45 vielfach 200 und mehr Insassen in einer einzigen Stube.) An der Spitze jeder Baracke und jeden Blockes stand zu Beginn des Lagerbestehens, vor allem vor dem Kriege, ein SS-Blockführer. Später dagegen übernahm ein SS-Mann dieses Amt für mehrere Baracken und Blöcke. Zu seiner Verfügung stand in jedem Block ein Gefangener als 14 W Unte an$ 12.00 N lister ken ZUZU Erla willi N slow Dad ENTE AR A TE EEE DE „Blockältester“. Diesem wiederum unterstanden vier Stubenälteste, ebenso der Blockschreiber, Friseur und Kantinenverwalter. Überbelegung Wie eingangs erwähnt, war das Lager in Dachau eigentlich nur für die Unterbringung von ca. 5000 Gefangenen vorgesehen; aber vom Jahre 1942 an gab es keinen Zeitpunkt, zu dem die Zahl der Gefangenen kleiner als 12 000 gewesen wäre. Nachdem i. J. 1933 zunächst hauptsächlich Kommunisten, führende Sozia- listen und andere„Staatsfeinde“ eingesperrt und durch sie noch mehr Barak- ken errichtet worden waren, begannen große Transporte deutscher Juden zuzuströmen. Sie erhielten zumeist nach kurzem Aufenthalt im Lager die Erlaubnis zur Auswanderung in Übersee-Länder, besonders wenn sie„frei- willig“ ihr ganzes Vermögen dem Staatsschatz Hitlers übergaben. Nach dem Anschluß Österreichs und nach der Eroberung der Tschecho- slowakei waren Bürger dieser Länder die nächsten Opfer und Gefangenen Dachaus. Im Jahre 1940 begannen große Transporte von polnischen Gefange- nen nach Dachau; sie machten bis zum Ende des Lagerbestehens die größte Zahl der Gefangenen aus. Außer den Polen kamen auch größere und kleinere Transporte anderer Nationalitäten. Am 26. April 1945 betrug die Zahl der Häftlinge im Hauptlager, d.h. in Dachau selbst, im ganzen ca. 30 000 Per- sonen. Die Überbelegung des Lagers zeigt sich in erschreckender Weise aus folgen- der Aufstellung über die Zahl der Häftlinge in den einzelnen Wohnblocks am 26. 4. 45. Statt der vorgesehenen normalen Zahl von 180 Personen pro ‘ Block waren in Block 2 939 haupts. Deutsche Block 18 1138 Polen Block 4 842 haupts. Deutsche Block 20 1152 Tschechen u. a. Blok 6 1403 Russen Block 22 1446 Russen u.a. Blok 8 1356 versch. Nat. Block 24 1446 versch. Nat. Block 10 1117 versch. Nat. Block 26 1090 Geistl. u. a. Block 12_ 1140 Serben, Slow. Block 28 1547 versch. Nat. Block 14 990 versch. Nat. Block 30 1800 bes. Kranke Block 16 1137 Polen Invalide Sicherungen gegen Flucht Rings um alle Lagergebäude befand sich ein ungefähr 3 m breites Land, der sog.„neutrale Streifen“, den zu überschreiten strengstens verboten war. 15 Gleich hinter demselben war ein 1,2 m tiefer und 2,5 m breiter Graben. Das anze Konzentrationslager war mit einem elektrisch geladenen Stacheldraht und einer Mauer umzäunt, die eine Flucht so gut wie unmöglich machten.. Dicht hinter den Drähten an der Westseite war das Lager von einem tiefen, mit Wasser gefüllten Kanal umgeben. Dieser war mit der Amper verbunden, die im Abstand von etwa 500 m westlich des Lagers floß. An den wichtigsten Stellen und an den Kurven waren Wachtürme aufgestellt, die von SS-Männern besetzt waren, u.a. auf dem schon erwähn- ten„Jourhaus“, von dem herab oft die das Ohr der Gefangenen so ver- letzende Stimme.des SS-Offiziers erscholl:„Turm A ohne Neuigkeiten“. Währenddessen spielten sich aber in der Nähe des Turmes geradezu dantische Szenen ab, wie Schlagen, Treten, Mißhandeln, Morden der Gefangenen, Aufnahme von Transporten, die sich aus Halbtoten und solchen Gefangenen Zusammensetzten, die zur sofortigen Liquidierung bestimmt waren. Aus den Türmen ragten die Maschinengewehrläufe, die auf das Lager gerichtet waren. Bei irgendeiner verdächtigen Bewegung im„neutralen Strei- fen“ bzw. in der Nähe des Grabens und des Stacheldrahtes wurde von den Wachtürmen ohne Warnung geschossen, und der Gefangene, der sich auf die- sem Gebiet befand, wurde sofort„umgelegt“. Es kam des öfteren vor, daß Gefangene im Zustand von Wahnsinn und Verzweiflung sich bei Nacht gegen die Drähte warfen und dort umkamen. ö Zur Vollständigkeit der Einrichtung des Konzentrationslagers müßte man noch die Baracken und Gebäude zählen, die sich zwar ringsum außerhalb des Stacheldrahtes befanden, mit denen die Gefangenen in ihrem Lagerleben jedoch auch direkt oder indirekt in Berührung kamen. Zu diesen zählte die Schreibstube der politischen Abteilung. Dort wurde über das Schicksal der Gefangenen entschieden. Von dort kamen die Befehle zur Freilassung, aber auch zur Hinrichtung einzelner Gefangener und ganzer Gruppen. Dort wurden des weiteren die Personalakten der Ge- fangenen aufbewahrt. Im Einvernehmen mit dem Lagerkommandanten gab man, wenn eine vorgesetzte Behörde Bericht über einzelne Gefangene ver- langte, zumeist negative Urteile ab. Die politische Abteilung war auf dem Gebiete des Lagers gleichsam der verlängerte Arm der Gestapo. 16 Oben: Leichenverbrennungsöfen des KZ Dachau>» Unten: Friedhof auf dem Leitenberg bei Dachau(für ca. 7500 Häftlinge) E 7A [ EN TOTEN ZUR EHR N LEBENDEN UR MAHNUNG Krematorium Hinter dem Drahtzaun befand sich auch das Zagerkrematorium, anfangs eine Holzbaracke, später ein Steinbau, hauptsächlich von polnischen katho- lischen Geistlichen errichtet, denen man das Maurerhandwerk beigebracht hatte. Dieses Krematorium war dicht am Lager ın westlicher Richtung in einem kleinen grünen Wald gelegen. Bei dem meist vorherrschenden Westwind war das ganze Lager oft mit beißendem Leichengeruch erfüllt. Der Brandgeruch erinnerte die Gefangenen an ihren nahen Tod und wirkte natürlich allgemein deprimierend. Mit dem neuen Krematorium war auch eine Gaskammer verbunden. Sie wurde zwar schon 1942 begonnen, aber durch„Sabotage“ der Gefangenen sehr lange nicht fertig, erst 1945. Sie hatte einen„Auskleide- raum“, ein„Brausebad“ und eine Totenkammer. Die„Brausen“ des Bade- raumes waren in Wirklichkeit Blechattrappen für die Giftgasleitung. Doch . wurde diese Dachauer„Gaskammer“ nie in Betrieb genommen. Nur Tote kamen ins Krematorium zum„Verbrennen“, kein Lebender zum„Vergasen“. Und doch wurden auch Tausende von Dachauer Häftlingen vergast, d. h. mit Gas getötet. Sie wurden nämlich zu diesem Zweck in„Invalidentransporten“ nach Linz(Österreich) gebracht(1942-1944 allein 3166). Michelet berichtet(„Straße der Freiheit“, S. 200) von einer guten Ver- wendung der Gaskammer bzw. des für die Vergasung vorgesehenen Giftes. Als im Winter 1944 der Typhus ausbrach, schlug der Capo des Desinfektions- kommandos dem Lagerführer vor, das Zyklongas zu nützen, um die Lumpen und Fetzen, die haufenweise im Hof der Desinfektionsbaracke lagen und gefährliche Träger der Läuse waren, zu desinfizieren. Der Versuch wurde gemacht, aber ohne Erfolg. 3. Die großen und die kleinen Diktatoren des KZ „Ich bin doch nicht der Herrgott. Warum stehst du da, wie wenn du beten möchtest?“ hörte ich einen Scharführer im KZ Sachsenhausen zu einem geistlichen Mitgefangenen sagen, als dieser beim plötzlichen Auftreten des Scharführers seine Hand über den Unterleib hielt, um nicht merken zu lassen, daß er unter seiner Joppe ein Buch hielt(es war ja damals nicht erlaubt, außerhalb der Freizeit irgend etwas zu lesen).„Ja, ich bin doch nicht der Oben: Ein Wachturm.— Häftlingsdenkmal vor dem Krematorium; Unten: Lagerstraße vor der Priesterbaracke(Nr. 26) I“ Das war gewiß richtig, aber wie„Herrgötter“ benahmen sich Herrgott fast alle, die da im KZ zu befehlen hatten.: An der Spitze des Hauptlagers und der Arbeitslager stand der Lagerkommandant Bis zum Jahre 1942 war es SS-Sturmbannführer Piorkowsky, vom Jahre 1942 ab SS-Obersturmbannführer Weiß. Der letzte Kommandant war der SS-Sturmbannführer Weiter. Einige Kommandanten interessierten sich gar nicht viel für die Angelegen- heiten der Gefangenen und überließen die Gewalt über sie ihren Stellvertre- tern, den Lagerführern. Mit Dankbarkeit und zum Erweis, daß es unter den Gewalthabern des KZ auch solche mit menschlichem Fühlen gab, nenne ich den Namen des Kommandanten Weiß. Er führte viele wohltuende Änderun- gen im Lager ein, kontrollierte persönlich, ob seine Anordnungen und Befehle auch in die Tat umgesetzt wurden. Er verbot auch das willkürliche Schlagen der Gefangenen durch die Capos und Lagerältesten, nahm persönlich Einsicht in Strafrapporte, bestimmte selbst die Strafe und war dabei, wenn sie voll- zogen wurde, damit keine Mißbräuche einrissen. Er beseitigte auch den Miß- brauch, daß Gefangene kurzgeschoren wurden und in der Mitte des Kopfes einen noch kürzer geschorenen Streifen, das sog.„Gäßchen“, hatten. Um die Arbeitskraft der Gefangenen für die Rüstungsbetriebe zu erhalten, erlaubte Weiß, daß sie Lebensmittelpakete erhielten, was einer großen Anzahl von Gefangenen das Durchhalten im Lager bis zum Ende ermöglichte. Auch zu uns Sonderhäftlingen zeigte er des öftern ein im Grunde gutes Herz und ver- schaffte uns mancherlei Erleichterungen. In der letzten Zeit war er Inspektor der KZ-Lager. Da er den vollständigen Zusammenbruch der Macht Hitlers voraussah, ließ er den Befehl Himmlers, das Lager Dachau vom 28. April bis 29. April 1945 zugleich mit allen Gefangenen zu bombardieren und zu ver- brennen, nicht ausführen.(Tragischerweise wurde gerade er nach dem Kriege von den Alliierten zum Tode verurteilt und hingerichtet; angeblich weil er Todesurteile, die von Berlin gekommen waren, unterzeichnete und voll- strecken ließ.) Der Lagerführer Der Lagerführer war verantwortlich für. den Zahlenbestand der Gefan- genen, die Ordnung, das Verfahren in Strafsachen und die Ausführung des täglichen Programms. In den Jahren 1940-1942 war SS-Hauptsturmführer 7. der Lagerführer, bekannt durch seine Bestialität. Sein„Verdienst“ bestand in scharfer Bestrafung der Gefangenen, ohne wichtige Gründe, für gering- 18 fügige Vergehen und ohne die geringste Verteidigungsmöglichkeit oder Er- klärung. Vor allem liebte er das Bestrafen am Pfahl(im Lager„Baum“ genannt) und die Züchtigung mit mindestens 25 Peitschenschlägen. Rapportführer Einer der wichtigsten Helfer des Lagerführers war der Rapportführer, der für die Anfertigung der Bestandsmeldungen verantwortlich war und die Befehle und Anordnungen des Lagerführers ausführte. Er kam auch un- mittelbar mit den Gefangenen in Berührung. Geradezu„Lagerbestien“ nennt Domagala einige der Rapportführer. Sie hatten ihre Freude daran, die Ge- fangenen überall und bei jeder Gelegenheit zu schikanieren. Das Schlagen, Treten und Mißhandeln derselben war bei ihnen an der Tagesordnung. Wichtige Werkzeuge dieser Lager- und Rapportführer waren manche Blockführer. Bis zum Jahr 1940 wurden sie aus besonderen Vertrauten der SS genommen. Im Laufe der Zeit wurden sie dann sogar in den Offiziersrang erhoben, und sie übten die Funktionen der Lagerführer aus. An ihre Stelle kamen gegen Ende des Jahres 1944 Unteroffiziere, die nicht mehr für den Frontdienst tauglich waren. Sie schlossen oft mit den Gefangenen Freundschaft, besonders dann, wenn man ihnen verschiedene Lebensmittel aus den erhaltenen Paketen gab. Sie standen zum Teil sogar in Opposition zur SS. Trotzdem waren 80/o von ihnen diensteifrige„Radfahrer“. Nach oben sich duckend, nach unten tretend. Ein Beispiel für den Sadismus, mit dem Blockführer die Verspottung und Ent- würdigung von Häftlingen betreiben konnten, erzählt E. Michelet(Die Straße der Freiheit, S. 137): Dem Polizeioffizier Hauptmann Veyssieres beließ die SS bei seiner Ankunft Mütze und Degengehäng. Eines Tages nahm ihm der Blockführer gelegentlich des„Duschens“ all seine Habseligkeiten weg. Als er ganz nackt war und nur noch diese zwei Nebensächlichkeiten hatte, begann sofort die Verspottung: zehnmal, ja zwanzigmal mußte Veyssieres die Front der bestürzten Häftlinge ab- laufen.„Schnell, schnell“, rief der SS-Mann und begann in Lachen auszubrechen und schlug sich vor Freude auf die Schenkel. Zuletzt, als Vayssieres nicht mehr konnte, warf er sich voll Wut und Scham vor seine Kameraden, die mit verbissenen Zähnen dastanden. Ein anderes Beispiel des Sadismus berichtet Goldschmitt(S. 30):„Nicht selten hörten wir von folgender ekelerregenden Mißhandlung. Erster Befehl: ‚Im Lauf- schritt antreten!‘ Im Vorbeigehen gibt’s schon reichlich Fußtritte. Zweiter Befehl: ‚In zwei Reihen antreten, Gesichter einander zukehren! Stillgestanden! Haut euch gegenseitig in die Fresse!‘ Keiner tat es, ‚Wird’s bald?‘ Niemand rührt sich. Statt 19 die Kameradschaflichkeit gebührend anzuerkennen, stoßen die wüsten Kerle je zwei Kameraden gegeneinander, so daß die Köpfe blutig aufeinanderprallen. Dann schreiten die Henkersknechte durch die Reihen und schlagen den Gefangenen mit der Faust ins Gesicht. ‚Hättet ihr euch selbst geschlagen, wäret ihr besser davon- gekommen‘, meint einer mit frechem Hohn. Neuer Befehl: ‚Wieder in zwei Reihen mit Gesichtern gegeneinander aufstellen. Einer spucke dem andern ins Antlitz!‘ Kein Mensch gehorcht. Die Pistolen werden entsichert. ‚Zum letztenmal befehle ich, euch gegenseitig anzuspucken....‘ Nun bespeien sich einige, aber kaum bemerkbar. Da treten die SS-Schweine vor und schleudern den Häftlingen dicke Fladen Spucke ins Gesicht. Gegenseitig müssen sich nun die Kameraden sauberlecken.“ Vernehmungsführer Man müßte noch ein Wort über den Vernehmungsführer B. sagen, der den Lagerführern unterstellt war. Er zeichnete sich durch seinen besonderen Eifer aus und verlangte wiederholt Todesurteile für sogenannte„Sabotagen“. B. bediente sich im Lager eines Asozialen als„Vertrauensgefangenen“, der alles berichtete, was man in den Blockstuben sprach und tat und zur Bestra- fung vieler Mitgefangener beitrug. Lagerälteste Weder die Rapportführer noch Blockführer hielten sich ständig im Lager auf; sie wohnten außerhalb des Lagerbereiches. Aus verständlichen Gründen war aber immer ein dazu bestimmter Lagerältester im Lager anwesend, ein Gefangener, der Vorgesetzter der Blockältesten war. Tausende von Tragö- dien, Plünderungen, Morden und Intrigen waren das Werk eben dieser „Ältesten“. Blockälteste Wie neben dem Lagerführer ein Lagerältester war, so stand dem Block- führer ein Blockältester zur Seite, der seinerseits wieder vier Stubenälteste unter sich hatte. Durch die Lager- und Blockältesten gingen sowohl die Be- fehle allgemeinen Charakters bezüglich der Ordnung sowie auch die Rund- schreiben des Lagerführers weiter. Viele von ihnen waren leider Verbrecher im wahrsten Sinn des Wortes. Doch gab es auch unter ihnen Männer, die sich ganz und gar solidarisch mit den Häftlingen fühlten und in jeder Weise für ihre Interessen eintraten, z.B. Scherer und ganz besonders Karl Wagner. Für letzteren ist folgendes bezeichnend: Als er 1944 Lagerältester im Außenlager Allach war, wollte ihn der Lagerführer J. vor allen Häftlingen zwingen, an einem Mitgefangenen die Prügelstrafe öffentlich zu vollziehen. Wagner weigerte sich, nahm 20 Ener seine Binde als Lagerältester vom Arm und legte sie auf den Bock, auf dem er den Mitgefangenen züchtigen sollte. Daraufhin wurde er sofort als Lagerältester ab- gesetzt, in den Arrest ins Hauptlager gebracht, selbst mit 25 Hieben bestraft und schließlich strafweise nach Flossenbürg verbracht. Blockschreiber Alle Verwaltungsangelegenheiten des Blockes ruhten auf den Schultern des Blockschreibers. Dazu gehörten Rapporte über den Bestand und die Ernäh- rung, Listen, Post, Vermittlung usw. Der Blockschreiber war Untergebener des Lagerschreibstubenführers, von dem er alle Befehle und Aufträge erhielt. Die gefangenen Funktionäre wurden wie die anderen Häftlinge behandelt. Die SS sah in ihnen nämlich nur Geschöpfe, denen es nicht erlaubt war, selb- ständig zu denken; für das geringste Vergehen wurden sie an Ort und Stelle geohrfeigt bzw. auf verschiedene Weise bestraft, wie es im Lager üblich war. Nach der Befreiung fertigte man in der Lagerschreibstube Listen der ver- storbenen Gefangenen für die ganze Zeit des Lagerbestehens, Ausweise für die Gefangenen und andere Statistiken und Zusammenstellungen an. Die Gefangenen, die in der Lagerschreibstube waren und die Funktionen der Blockschreiber ausübten, waren zu 80° Leute, die die Mitgefangenen in jeder Lage zu retten versuchten und, wo sie nur konnten, ihnen Erleichte- rungen schafften, wobei sie nicht auf Nationalität, politische Überzeugung usw. achteten. Dabei prallten sie häufig sogar mit der SS-Behörde und den Block- und Lagerältesten zusammen. Im Laufe der Jahre gewannen die ver- schiedenen Lagerfunktionäre auf Grund der schwierigen Lage an den Fronten solchen Einfluß, daß es ihnen gelang, Hunderte von Gefangenen zu retten. Der Verwaltungsapparat im Lager, der sich aus Gefangenen zusammen- setzte, funktionierte so im allgemeinen sehr gut. Die zweimal täglich durch- geführten Appelle mußten bis auf den Mann stimmen. Revierleiter Eine getrennte, automatische Verwaltungseinheit war das Revier, dem Haupt-SS-Arzt unterstellt und der Kontrolle des Lagerführers entzogen. An der Spitze des Reviers stand der Reviercapo. In den Jahren 1940-1942 war es der Gefangene H., der die Mitgefangenen oft bestialisch behan- delte. Zugleich mit einer auserlesenen Bande unmenschlicher Pfleger war er gleichsam das Ausführungsorgan(Exekutionskommission) der SS und er- ledigte die Gefangenen nach allen Regeln der Henkerskunst. Gefangene, die in noch nicht völlig hoffnungslosem Zustand ärztliche Hilfe suchten, brachte er durch Schläge so weit, daß sie für die Aufnahme ins Revier reif waren. 2, Wie„fachgemäß“ die Gefangenen ärztlich behandelt wurden, mag folgendes Bei- spiel zeigen: Zwei Kameraden schleppten einen kranken Mitgefangenen ins Revier, gen der nicht mit eigenen Kräften zur Ambulanz gehen konnte. Auf der Schwelle, wur- 1 den diese drei von H. empfangen. Es waren Polen. Einer der Kameraden be- ä gann in gebrochenem Deutsch zu erklären, daß sie einen kranken Mitgefangenen 4 brü brächten, der nicht aus eigenen Kräften ins Revier kommen könne, H. begann#ı P seine„ärztliche Behandlung“ damit, daß er den Kranken flüchtig untersuchte und\ ei dabei laut schrie und behauptete, daß dieser Kranke recht wohl imstande sei, mit a eigenen Kräften zu gehen. Er überzeugte die zwei Helfer davon, daß er sich noch rika bewegen könne, indem er den Kranken schlug und trat. Der kranke Gefangene] konnte die ihm zugefügte Tortur nicht mehr aushalten, erlangte das Bewußtsein 1 wieder und floh mit den letzten Kräften aus dem Revier und begab sich zum Block, m wo er am Ofen„ruhig“ seine Seele aushauchte. H. faßte nun einen der Kame-| el raden, die den Kranken gebracht hatten, mißhandelte, schlug ihn und behauptete, war daß sie vorgehabt hätten, ihn zu belügen, da sie einen gesunden Menschen ins Revier dan gebracht hätten. Nach dieser Mißhandlung wurde auch der bis dahin gesunde Ka- h merad reif für das Revier. f Jud Auch hier darf nicht verschwiegen werden, daß es auch unter den Revier- ve leitern und Revierpflegern nicht an Männern fehlte, die aufopferungsvollst die und fürsorglichst für die Kranken tätig waren.| shi :: Si Revierschreibstube gekc Die Verwaltungsangelegenheiten des Reviers erledigte die Revierschreib- Hur stube, wobei sie sich mit der Lagerschreibstube in Verbindung setzte, beson- Wol ders bezüglich der Angelegenheiten in Bestands- und Lebensmittelrapporten. vor Schreibstube für Arbeitseinsatz Eine wichtige Rolle spielte auch die Schreibstube des Arbeitseinsatzes. Die D dort beschäftigten Gefangenen führten alphabetische Listen mit Nummern, Hi Beruf und zugeteilten Arbeitsgruppen und-kommandos. Sie taten auch alles, e was in ihrer Macht stand, um die Kameraden vor verschiedenen Schikanen un von seiten einzelner Capos zu bewahren. 1935 1936 1937 1938 4. KZ Dachau- Insassen 1939 „Wer zählt die Völker, nennt die Namen, Al die gastlich hier zusammenkamen?“ möchte man dem Dichter nachsprechen, das Wort„gastlich“ freilich sofort|| in„traurig“ verwandelnd. Im Laufe der Jahre wurden es so viele, daß man E Bi 1 22 in der näheren und weiteren Umgebung noch Filialen,„Außenkommandos“ genannt, schaffen mußte: 132. Das KZ Dachau war an sich nur für Männer bestimmt, während Ravens- brück hauptsächlich Frauen aufnahm. Pfarrer Goldschmitt behauptet freilich in seinem Schriftchen„Elsässer und Lothringer in Dachau“, daß sich unter den am 29. April 1945 von den Ame- rikanern befreiten Häftlingen auch 5000 Frauen befanden. Joos erzählt in seinem Buch:„Leben auf Widerruf“(Otto Walter Verlag), S. 151:„Ein Transport aus russisch-polnischem Gebiet brachte, in Männer- kleidung versteckt, vier Frauen. Ob Frauen, die ihren Männern gefolgt waren? Wir haben es nicht erfahren können. K., der dritte Lagerkomman- dant, hat sie durch Genickschüsse getötet.“ Pfarrer Goldschmitt vermerkt für 27. April 1945 u. a.:„Hunderte von Juden sind in Waggons verladen worden, die immer noch am Bahnhof stehen. Die armen Leute müssen Hungers sterben, einige hundert Jüdinnen, die zwei Tage umherirrten, kommen an. Viele von ihnen sterben vor Er- schöpfung“(S. 157/58). Sie dürften hauptsächlich äus anderen Lagern und aus Außenkommandos gekommen sein. Während des Krieges gegen Rußland waren auch einige Zeit Hunderte von Knaben von 12-15 Jahren im KZ Dachau, ja sogar 7jährige. Wohin sie gekommen sind, weiß niemand. Geben Kindergebeine, die man vor nicht zu langer Zeit beim Graben auf dem KZ-Boden fand, die Antwort? Schreckliche Jahresbilanzen Domagala gibt in seinem Buch„Die durch Dachau gingen“ für einzelne Jahre folgende Neuzugänge an Gefangenen an: 1933 4 821 1940 22675(bes. aus Polen) 1934 1990 1941 6135 1935 ZT 1942 12572 1936 2323 1943 19 358 1937, 2015 1944 78 635 1938 18 681(bes. aus Österreich) 1945 30 958 1939 3932(bes. aus Tschechei) Als Gesamtzahl der durch Dachau gegangenen Häftlinge ergibt sich also: 206 206 Die Schlußbilanz Drei Tage vor der Befreiung, also am 26. April 1945, schaut die offizielle Bilanz, der Rapport der Lagerleitung, folgendermaßen aus: 23 Im Hauptlager Dachau in den Filialen also insgesamt Nach ihrer Staatsangehörigkeit bzw. Nationalität waren von diesen rund 67 000 Gefangenen 1. Albaner 44 20. Letten 230] 2. Amerikaner 11 21. Litauer 3 250 T 3. Araber 3 22. Luxemburger 211 a 4. Armenier 4 23. Norweger 77 der 5. Belgier 989 24. Perser(Iran) 1 we 6. Bulgaren 54 25. Polen 14 994 7. Chinesen 2 26. Portugiesen 8 8. Dänen 1 27. Rumänen 69 9. Deutsche 6118 283. Russen 13 536 10. Engländer 13 29. Schweden% sch 11. Esten 5 30. Schweizer 12 12. Finnen i 1 31. Serben 516 R 13. Franzosen 5 706 32. Slowaken 244 zu 14. Griechen 338 33. Slowenen 1746 Lei 15. Holländer 836 34. Spanier 286 N 16. Italiener 3 388 35. Tschechen 1974 17. Japaner it 36. Türken 86| 18. Kanadier 1 37. Ungarn 12.067| 19. Kroaten 818 38. Staatenlose 17| (Die von Goldschmitt in„Zeugen des Abendlandes“, S. 11, angegebenen Zah- 19. len sind, abgesehen von einigen kleinen Differenzen, die gleichen.) 19: 19: h i: Die Gesamtbilanz des KZ Dachau für 1933 bis 1945 x Niemand wird sie mit genauen Zahlen ziehen können(s.„Einführung“). E A) Der„Internationale Suchdienst" von Arolsen(b. Waldeck) gibt am m 12. Mai 1960 die Gesamtzahl der ins Lager Dachau eingelieferten Per- sonen folgendermaßen an:( a) Nach Schreibstubenkartei 177 447. . T b) Veränderungsmeldungen für„Aktionsjuden“ der Jahre iin 1938/39, für die keine Schreibstubenkartei existiert 10 911 188 358 „Dazu kommt noc eine Anzahl(vielleicht besser Unzahl) von Häft-| ri lingen, die kurze Zeit vor der Befreiung transferiert und nicht registriert M w wurden. Nicht erfaßt ist auch die Zahl der 1933-1934 Inhaftierten.“ B 24 1} 1 f | ’ B) Jan Domagala sucht die Zahl derer,„die durch Dachau gingen“, aus ihrer Numerierung zu errechnen und findet: I. Numerierungen von 1933—1940 iveDıs, 37.575 II. Numerierungen von 1940-1945 1 bis 161 944 Beide Zahlen zusammen— 199 519 Dabei ist aber zu beachten, daß bei der ersten Nummernausgabe die durch Tod oder durch Entlassung freigewordenen Nummern neu verteilt wurden, demnach die Gesamtzahl der Häftlinge von 1933/40 größer als 37 575 ge- wesen sein wird. Nummernmenschen Diese Errechnung der Gesamtzahl nach den zugeteilten Nummern läßt schon erkennen, daß der Häftling für die Machthaber des Dritten Reiches und für die Leiter des Lagers nur eine Nummer war, leicht zu streichen, leicht zu ersetzen. Für uns aber birgt sich hinter jeder Nummer eine Unsumme von Leiden des Gefangenen und seiner Angehörigen. Und jedes Jahr stiegen die Nummern, mehrte sich das Leid. Lesen wir dies aus den nachfolgenden zwei Tabellen: Im einzelnen ergibt die I. Ursprüngliche Numerierung II. Zweite Numerierung 1933 von 1 bis 4821 1940 von JE bis 223985 1934 won 4,822, bis 6811 1941 von 22986 bis 28980 1935 von 6812 bis 3922 1942 von 28981 bis 41564 1936 von 8923 bis. 11.245 1943 von 41565 bis 60 869 1937 von 11246 bis 13 260 1944 von 60870 bis 137 244 1938 von 13261 bis 31 941 1945 von 137 245 bis 161 944 1939 von 31942 bis 35 862 1940 von 35863 bis 37575 Goldschmitt(„Zeugen des Abendlandes“) gibt als letzte Numerierung eines Ge- fangenen für 28. April 1945 an: Nr. 161 879, glaubt aber noch 6375 Internierte auf dem Marsch Befindliche hinzuzählen zu müssen, rechnet darum 168 254 für Zäh- lung II. Nebst Nummern noch Farben und Zeichen Wie schon die obige Statistik nach Staatsangehörigkeit und Nationalität der Häftlinge von Dachau zeigt, herrschte dort eine bunte Mischung von Menschen. Dies steigerte sich noch durch die unterschiedliche politische Auf- fassung, soziale Stellung, Religionszugehörigkeit, Haftgründe u. ä 25 Damit die Lagerleitung auf den ersten Blick erkennen konnte, mit welcher Art von Gefangenen sie es beim einzelnen zu tun hatte, mußte jeder nebst seiner Nummer auch noch einen Tuchwinkel(a) bestimmter Farbe und Zeich- nung an Joppe und Hose tragen: Der rote Winkel kennzeichnete den politischen Häftling, der grüne Winkel den Berufsverbrecher, der schwarze Winkel den Arbeitsscheuen oder Asozialen, der violette Winkel den Bibelforscher, der rosa Winkel den Homosexuellen. Ein Balken über dem Dreieck deutete an, daß der Träger schon zum zweitenmal ins Lager gekommen ist(b). Zur Kennzeichnung der Nationalität wurden in den Tuchwinkel noch Buchstaben eingezeichnet: F= Franzose, P= Pole usw.(c und d). NV 2. Die Juden waren noch mit einem besonderen Zeichen gebrandmarkt, mit dem sogenannten „Judenstern“. Die Nichtarier waren ja vom Beginn des Dritten Reiches an beson- derer Verfolgung ausgesetzt, bevölkerten darum bald sehr zahlreich das Lager Dachau. Am 22. und 23. September 1938 wurden nach dem Bericht von Hans Schwarz 3800 Juden von Dachau nach Buchenwald gebracht. Gleichzeitig wurden aber schon 5000 Drillichgarnituren(= leichte Sommerkleidung) mit dem Judenstern versehen, ein Zeichen, daß mit einer Masseneinlieferung von Juden gerechnet wurde. Diese geschah dann auch nach dem Attentat von Herschel Grynszpan gegen ein Mit- glied der Deutschen Botschaft in Paris, Dr. Rath. Die erste Reaktion darauf war bekanntlich die„Kristallnacht“ vom 9. November 1938 mit der Zerstörung von Synagogen, Plünderung der jüdischen Geschäfte, Mißhandlung vieler Juden usw. Dann kam die Inhaftierung: 2000 Juden, im Alter von 13'/2 bis 86 Jahren, kamen nach Dachau, wie man so sagte,„zur nationalsozialistischen Umschulung“. Ihre Zahl erhöhte sich in vierzehn Tagen auf mehr als 13000(H. Schwarz). Manche er- langten in den nächsten Monaten die Freiheit, als sie„freiwillig“ große Vermögens- werte dem Reich„schenkten“ und sich zur Auswanderung verpflichteten; nicht wenige aber starben an den schweren Mißhandlungen und Entbehrungen, nach Schwarz über 700. Geistliche im KZ Dachau Der Widerstand, der alsbald von den christlichen Kirchen gegen alle Ge- walttätigkeit, Glaubenslosigkeit und Unmoralität des Nationalsozialismus 26 Die we einsetzte(s. mein Buch„Kreuz und Hakenkreuz“), brachte im Laufe der Jahre viele Geistliche aller Konfessionen, insbesondere aber viele katholische Geistliche, ins KZ, wie auch an den Galgen und unter das Fallbeil. Ins KZ Dachau kamen nicht weniger als 2720 Geistliche. Sie teilen sich nach Nationen: n in andere im La J Lage: gas Iusgeram: der Zeit Bipiben liquidiert Deutsche 447 208 94 100 45 Polen 1780 78 868 4 830 Franzosen 156 5 10 4 137 Tschechen u. Slowaken 109 1 24 10 74 Holländer 63 10 17_ 36 Belgier 46 1 9 3 33 Italiener 28_ 1 1 26 Luxemburger 16 2 6- 8 Jugoslawen 50 2 4 6 38 10 andere Nationen 25 7 1 4 13 Insgesamt 2720 314 1 034 132 1 240 Nach Religion und Konfession scheiden sich diese 2720 Geistlichen: Katholisch 2579(= 94,88 /o) Evangelisch 109| Griechisch-Orthodox 22 Altkatholisch und Mariawiten 8| 141 Mohammedaner 2 Die traurigste Bilanz: die Todeszahlen „Abgeschnitten wie der Faden vom Weber wird mein Leben.“ (Is. 38, 11) Bilanzen sollen stimmen. Die Bilanz des Todes im KZ Dachau, wer immer sie aufstellen wird, wird nie ganz stimmen. Schon im Wort„Zur Einführung“ mußte dies gesagt werden. 27 Immerhin ist es traurige Pflicht, hierüber noch Näheres zu berichten. Der „Internationale Suchdienst“ von Arolsen gibt folgende Zahlen an: a) Gestorben in der Gefangenschaft: 27 734 b) Gestorben nach der„Befreiung“(29. 4. 1945): 1 704 29 438 „Dieser Zahl ist’ aber noch eine unbekannte Zahl von Häftlingen bei- zufügen, die vor oder unmittelbar nach der Befreiung starben, deren Ab- leben nicht mehr in unseren Dokumenten verzeichnet ist, ebenso nicht die Personen, die auf dem Evakuationsmarsch gestorben sind.(Dazu kommen aber noch Tausende von Häftlingen, die, besonders bei den Massentranspor- ten der letzten Monate, tot in Dachau ankamen und überhaupt nicht regi- striert wurden.)“ Die Zahl der Todesfälle stieg zum erstenmal in außerordentlicher Weise von 1942 auf 1943, als eine erste Typhuswelle über das KZ Dachau ging und für mehrere Monate sogar Quarantäne über das ganze Lager verhängt wer- den mußte. 964 Häftlinge werden als Opfer der damaligen Seuche genannt. Jahresernte von Schnitter Tod Domagala gibt folgenden zahlenmäßigen Nachweis der im Lager Dachau Verstorbenen: 1940 1941 1942 1943 1944 1945 Januar= 455 142 205 53 2888 Februar 17: 393 104 221 101 SAAL. März 86 321 66 139 362 3668 April 101 227 79 112 144 2625 Mai 87 322 98 83 84 2226 Juni 54 219 84 55 78- Juli 34 140 173 51 107- August 119 104 454 40 225- September 134 73 319 45 325- Oktober 171 88 207 57. 403-f November 273 110 380 43 997 a Dezember 439 124 364 49 1915_ zusammen 1515 2576 2470 1100 4794 15 384 also insgesamt 27 839 Zu beachten bleibt, daß diese Zählung der Todesfälle erst 1940 beginnt, also nicht jene von 1933 bis Januar 1940 umfaßt. 28 sic nt, De Bemerkung ein: „Über die Zahl der in Dachau verstorbenen Inhaftierten gehen die An- sichten weit auseinander. Offiziell wurde vom Lagerbüro aus angegeben: In den Jahren 1940-1945 starben: 1940 1941 1942 1943 1944 1945 Nach Ansicht der Häftlinge, die in den Büros angestellt waren, müssen die offiziellen Ziffern verdreifacht werden. Die meisten Kameraden starben näm- lich nicht im Lager von Dachau selbst, sondern während der Transporte und in anderen Konzentrationslagern, wohin sie verbracht worden waren.“ Im einzelnen darf zu diesen Zahlen Goldschmitts noch bemerkt werden: 15913 2576 2470 1 102 4794 E78) 14 176 Pfarrer Goldschmitt leitet seine Totenliste(S. 13) mit der resignierten a) Sie schließen nicht die Todesfälle von 1933-1939 ein. b) Die für 1945 genannten offiziellen Zahlen von 1719 ergänzt er im An- schluß an seinen Bericht über das furchtbare Sterben der Typhuskranken folgendermaßen($. 154):„Dank meiner Beziehungen zu den Büros kann ich die genaue Zahl der Toten feststellen. Es starben: im Monat Januar genau Februar März April Dies ergäbe zusammen „Die Verbrennungsanstalt vermochte nicht mehr alle Leichen einzuschüren. In vier Massengräbern ließ der lothringische Capo des Bestattungskomman- dos, Schmitt Heinrich, 3350 Leichen verscharren. Das Dachauer Lager bot damals ein Bild des Grauens.“ Dem fügt er S. 161 noch hinzu: „Am 15. Mai beträgt die Zahl der Kranken im Lazarett Nr.1: 386 Kranke, im Lazarett 2: 3804 Kranke. Leider starben viele Leidensbrüder. Vom 1. bis 15. Mai forderte der Tod das Leben von 1433 Kameraden.“ 2 888 3.972 3 668 2 625 27.329 Und doch ist dies alles noch nicht des Grauens volles Maß, war viel Ster- ben ohne Registrierung, z. B. von allen, die auf dem Transport starben und nur noch als Leichen nach Dachau kamen. So berichtet Pfarrer Goldschmitt(S. 150): „In der ersten Juliwoche 1944 liefen zwei Züge mit Franzosen aus Com- piegne ein. Am>. Juli erlebten wir geradezu Unglaubliches. In den Vieh- wägen lagen unter den Lebenden 370 Leichen. Die Feder sträubt sich zu erzählen, wie diese bedauernswerten Landsleute durch Hunger, Durst und Hitze während der mehrtägigen Reise von Compiegne bis Dachau unter den grausamsten Schmerzen dahinstarben.“—„Ein reichsdeutscher Pfarrer, der Zeuge des Totentransportes war, sagte ZU mir: ‚Dies alles kann Deutschland nie wieder gutmachen, nie genug sühnen.‘“ Joos(„Leben auf Widerruf“, S. 147 ff) bestätigt und ergänzt den vor- stehenden Bericht folgendermaßen: anzösischer politischer Deportierter, der am 5. Juli 1944 sollte nach den Laufzetteln 2582 Mann bringen. Es d 483 Tote. Die anderen Toten waren bereits n. Niemand im Lager glaubte der SS, die das genen hätten unterwegs Streit unter sich ge- ig totgetreten. Sie waren erstickt. Der Arzt Lagerarzt versah, wurde zwangs- geweigert hatte, einige Kranke „Der Transport fr von Compiegne kam, kamen nur 952 Lebende un unterwegs ausgeladen worde Gerücht verbreitete, die Gefan habt und hätten sich gegenseit Dr. Marsault, der in Compiegne Dienst als weise nach Dachau mitgenommen, weil er sich als transportfähig zu bezeichnen. Spätere Transp Menschenlast auf dem Spielplatz ab, vor unseren Bü orte lagerten wie üblich ihre rofenstern“(s. Kap. 6): 30 Kinder dem Tode geweiht „80 jüdische Kinder waren für wenige Wochen in Dachau. Der Jüngste 8 Jahre alt, der’Älteste 15. Er fühlte sich als Sprecher für alle. Ungewöhnlich e und schon längst ausgebildet in seinem Handwerk, setzte reif für seine Jahr iesem Transport und den mutmaß- er uns sachlich auseinander, was er von d lichen Absichten der SS hielt: ‚Wir werden getötet werden wie unsere Väter und Mütter. Wir wissen es. In dem Lager, aus dem wir kommen, rief man jeden Tag einige aus der Reihe. Sie verschwanden, und wir haben nie mehr von ihnen gehört. Nun ist die Reihe an uns. Man wird uns von hier ab- transportieren und in die Gaskammern stoßen. Es soll wohl so sein.“— 14 Tagen später ging’s weiter“(Joos). 30 N h) N näh Damit kommen wir zum traurigen Kapitel der Liquidierungen. Außer den Fällen willkürlichen Zutodeschindens und direkten Hin- mordens einzelner Gefangener durch bestialische SS-Männer, Lager-, Block- und Stubenälteste, selbst Revier-Capos, fanden auf Befehl der Gestapo und hoher Naziführer auch Massen- und Einzelhinrichtungen statt. Massenmord geschah vor allem durch die sogenannten Invalidentransporte, die nichts anderes als Vergasungstod waren. Wie schon früher erwähnt, besaß Dachau im letzten Jahr eine eigene Vergasungskammer. Ihre„Brausen“ wurden aber nie benützt. Dafür schickte man um so mehr Dachauer Kz-ler zum Vergasen nach Linz/Österreich, des näheren, nach Domagala, allein von 1942-1944 am 2. Januar 1942 120 26. Februar 1942 99 6. Januar 1942 120 2. März 1942 100 9. Januar 1942 120 3. März 1942 97 ‘ 12.. Januar 1942 120 4. Mai 1942 118 15. Januar 1942 98 6. Mai 1942 119 16. Januar 1942 100 18. Mai 1942 116 19. Januar 1942 100 20, Mai 1942 60 20. Januar 1942 99 28. Mai 1942 119 22. Januar 1942 100 11. Juni 1942 29 26. Januar 1942 100 10. August 1942 98 27. Januar 1942 100 12. August 1942 83 16. Februar 1942 60 7. November 1942 90 17. Februar 1942 100 12. November 1942 120 19. Februar 1942 99 14. November 1942 120 23. Februar 1942 100 8. Dezember 1942 12 24. Februar 1942 100 9. November 1944 150 Zusammen wurden 3166 Gefangene zum Vergasen geschickt, darunter ungefähr 700 Polen. Was in Dachau das Gas nicht tat, besorgte dort in gleichem Maße die Kugel in Massenhinrichtungen. Niemals wird wohl die Zahl ihrer Opfer festgestellt werden können. Was näher bekannt ist, dürfte wirklich nur ein Bruchteil des Geschehenen sein. Si Die erste, genauer bekannte Massenhinrichtung geschah am 11. 11. 1940: 55 Polen, ehemalige Senatoren, Gesandte usw., wurden erschossen. Im Herbst 1941, nach dem Beginn des Krieges mit Rußland, fanden mehrere Wochen hernach täglich Massenliquidierungen statt, ohne Registrie- rung von Namen usw., wohl über 6000! Im Mai 1944 wurden 92 russische Offiziere erschossen, ja man muß wohl sagen„ermordet“. Als ich Mitte April 1945 im KZ Dachau mit einem russischen General zusammen- traf, der von Flossenbürg gekommen war, da kam das Gespräch auch auf die Hin- richtung der 92 russischen Offiziere im Mai 1944. Da sagte mir der General, daß kaum etwas in Rußland solche Erbitterung hervorgerufen und den ursprünglich nicht vorhandenen Willen zum Widerstand geweckt habe, als die Massenhinrichtungen russischer Kriegsgefangener im Jahr 1941/42 und ganz besonders noch die Ermor- dung der 92 Offiziere. So abscheulich aber diese völkerrechtswidrigen Verbrechen Hitlers und so tragisch ihre Folgen waren, so denkwürdig ist die Gesinnung, welche damals die führenden Häftlinge Dachaus aus allen Nationen für ihre todgeweihten Mitgefangenen zeigten, ebenso der Heldenmut und die Selbstaufopferung der 92 Offiziere. Auf die erste Kunde von der beabsichtigten Füsilierung der 92 kamen insgeheim die Leiter der„nationalen Komitees“ zu einer Beratung zusammen und beschlossen einmütig, daß am kommenden Tag kein Arbeit—kommando ausrücken solle, wenn nicht auch die 92 Offiziere mit zur Arbeit antreten dürften. Und so ge- schah es. Niemand rührte sich, als nach dem Morgenappell die Aufforderung gegeben wurde, zur Arbeit abzumarschieren. Schweigend blieben die Zehntausende stehen. Der Lagerführer konnte sich dies nicht erklären, bekam aber keine Antwort auf seine Frage nach dem Grund; so schickte er schließlich nach dem Lagerschreiber und fragt ihn:„Was ist denn hier los? Warum wird nicht ausgerückt?“ Der Lager- schreiber antwortet:„Das Lager ist unruhig, weil es gerüchtweise von Erschießungen gehört hat, die heute stattfinden sollen.“ Darauf neuer scharfer Befehl zum Aus- rücken. Aber niemand rührt sich. Diese kameradschaftliche Solidarität packt die 92 Offiziere, die, schon abgesondert von den übrigen fast 20000 Häftlingen, auf der Bunkerstraße stehen. Nein, sie wollen ihr Leben nicht um den Preis einer Ge- fährdung von 20 000 Kameraden erkaufen. So tritt einer von ihnen, Oberstleutnant Tarassow, hervor und ruft den Häftlingen zu:„Genossen, rückt aus! Wir sterben wie wir gelebt haben, im Kampf für Rußland. Lebt wohl, Kameraden, rückt aus!“ Doch die wollen ihre lebensgefährdeten Mitgefangenen nicht opfern. Kein Arbeits- kommando macht Anstalten, zu gehen. Da fordert die SS telefonisch zwei Wach- kompanien von 700 Mann an. Diese kommen mit Maschinenpistolen und Kara- binern; aber auch jetzt rührt sich niemand. Noch einmal tritt Tarassow hervor und ruft aufs neue:„Rückt aus, Genossen, rückt aus! Lebt wohl!“ Und so ein drittes Mal. Als auch sein letztes Rufen nichts nützt, bittet Tarassow um eine Unter- redung mit dem Lagerschreiber-Häftling und setzt diesem mit allem Nachdruck auseinander, daß sie„abblasen“ sollen. Schweren Herzens entschließt sich dieser und gibt das Stichwort:„Kameraden! Die Kommandos rücken aus.“ Kaum sind sie abgezogen, rücken 15 schwerbewaffnete SS-Leute an, nehmen 12 der russischen Offiziere in ihre Mitte, führen sie 600 m weit bis zum Krematorium. Im Schieß- 32 |= Due N 7 Aue cn Bel, BE 9 1 DER graben daneben wird einer nach dem anderen„liquidiert“. Und die 15 SSler mar- schieren zurück zum Appellplatz, holen andere 12. Und so fort, bis der letzte unter ihren Kugeln niedersinkt. 92 marschierten stumm in den Tod, nachdem sie es ab- gelehnt hatten, daß 20.000 ihretwegen Schwierigkeiten erdulden müßten. Am 22. Februar 1944 wurden in der Nähe des Krematoriums 31 Gefan- gene und am 4. September 1944 90 Gefangene liquidiert. Einzelhinrichtungen Während der ganzen Zeit des Bestehens des KZ Dachau fanden auch Einzel- hinrichtungen von Gefangenen statt. Für gewöhnliche Häftlinge war nur der Strang gut genug. Im Hof des Bunkers waren dafür eigene Pfähle. Mit Grauen sah ich öfters diese Pfähle, besonders wenn uns drei Anzeichen be- kundeten, daß sie wieder„Dienst“ leisten mußten. Zeichen dafür waren: Unsere Zellen wurden verschlossen; ein Lastwagen fuhr in den Hof; der„Hausl* des Bunkers(Hausdiener, ein schwer vorbestrafter Häft- ling) war abends betrunken; er bekam nämlich für seinen„Henker- dienst“ jeweils eine Flasche Schnaps. Zwei besondere Einzelhinrichtungen in letzter Stunde. Die erste war jene des sogenannten Bürgerbräu-Attentäters Georg Elser. Ihn und sein Attentat umgab von Anfang an ein dichter Schleier. Es war doch bezeichnend, daß dieser Münchener Schreinergeselle, der angeblich am 9. November 1939 einen Anschlag auf das Leben des„Führers“ gemacht hatte, nicht wie die Männer vom 20. Juli 1944 sofort hingerichtet, ja nicht einmal vor Gericht gestellt, sondern nur sorgfältig vor aller Welt abgeschlossen wurde, zunächst im KZ Sachsenhausen, dann im KZ Dachau, dabei aber immer besondere Privilegien genoß, z. B. eine größere Zelle, dazu eine eigene Werkstätte, auch allerlei Musikalien zum Zitherspielen erhielt usw. Als er bei dem Herannahen der Russen an Berlin von Sachsenhausen in das KZ Dachau verlegt wurde, mußte auch da für ihn in Tag- und Nacht- arbeit eine Mauer herausgenommen und eine größere Zelle geschaffen wer- den. Freilich durfte er mit keinem anderen Häftling in Berührung kommen (außer später im Luftschutzbunker); ein Wachmann mußte ständig vor seiner Türe sitzen. Mir gelang es aber doch einmal, kurz zu ihm zu kommen, indem ich den Wachmann beim Austeilen von Geschenken übertölpelte, einfach rasch auf die Tür von Elser(im KZ mußte er„Eller“ genannt werden) zuging und 33 sagte:„Da ist ja ein Neuer; der soll auch etwas haben“, und schon in seiner Zelle war. Im April 1945 verschwand er auf einmal. Das war uns damals ein Rätsel, klärte sich aber auf, als wir Ende April 1945 nach Südtirol verschleppt wurden. Da wußte unser Mitgefangener Captain S. Paine Best, einer der nach dem Bürgerbräuattentat bei Venlo gewaltsam entführten zwei eng- lischen Offiziere, einem SS-Begleitwachmann einen„Schnellbrief“ abzuneh- men, den der Chef der Sicherheitspolizei und des SD am 5. April 1945 an den Kommandanten des KZ Dachau gerichtet hatte. Dieses als„Geheime Reichssache“ erklärte Schreiben enthielt zunächst Anweisungen für die Be- handlung der KZ-Häftlinge Generaloberst Halder, General Thomas, Hjal- mar Schacht, Schuschnigg mit Frau und Kinder u.a., dann aber hieß es weiter: „... Auch wegen unseres besonderen Schutzhäftlings ‚Eller‘ wurde erneut an höchster Stelle Vortrag gehalten. Folgende Weisung ist ergangen: Bei einem der nächsten Terrorangriffe auf München bzw. auf die Umgebung von Dachau ist angeblich ‚Eller‘ tödlich verunglückt. Ich bitte, zu diesem Zweck ‚Eller‘ in absolut unauffälliger Weise nach Eintritt einer solchen Situation im Lager zu liquidieren. Ich bitte be- sorgt zu sein, daß darüber nur ganz wenige Personen, die ganz be- sonders zu verpflichten sind, Kenntnis erhalten. Die Vollzugsanzeige hierüber würde dann etwa an mich lauten: ‚Am... anläßlich des Terrorangriffs auf... wurde u. a. der Schutzhäftling ‚Eller‘ tödlich verletzt“ Nach Kenntnis dieses Schreibens und nach Vollzug bitte ich es zu ver- nichten.“ Unterschrift (unleserlich) (Siehe photokopierten Brief in Best’s Buch„The Venlo Incident“, Verlag Hutchinson& Co., London.) Das weitere Rätsel, warum man Elser zuerst sechs Jahre lang so bevorzugt behandelt, dann aber so plötzlich und geheim„liquidierte“, löste mir H. Best| durch die Erklärung: „Sehr einfach! Zuerst wollte man Elser für einen großen Schauprozeß nach dem Siege aufsparen, in welchem ‚Intelligence service‘(‚Nachrichtendienst‘, Spionageabwehr) als Anstifter des Bürgerbräuattentats bloßgestellt werden sollte. Mit Elser waren hiefür schon alle Aussagen eingeübt worden. Aber als man erkannte, daß es mit dem Sieg Essig sei, der ‚Schauprozeß‘ also ins Was- ser falle, mußt der Mann, der das Geheimnis des Attentats in seiner Brust 34 t e er barg, mundtot gemacht werden. Ein Bombenangriff sollte eine gute Tarnung für die ‚Liquidierung‘ geben.“ Besonders tragisch war noch die Erschießung des französischen Generals Delestraint in den allerletzten Tagen des KZ: Zusammen mit Msgr. Piguet, dem Bischof von Clermont-Ferrand, war er im Sommer 1944 von Nazweiler nach Dachau gebracht worden,„beide er- schöpft und in leidendem Zustand“.(Joos:„Leben auf Widerruf“, S. 149.) Anfangs 1945 wurden beide aus dem allgemeinen Lager zunächst in den „Bunker“ verbracht und dann im April 1945 gleich uns in die„Baracke“ verlegt, die von den Häftlingen schonend„Höhere Töchterschule“ genannt wurde, deren Insassen aber angesichts der immer näherrückenden Amerikaner fortgebracht worden waren. Am 19. April 1945 ministrierte der General dem Bischof, wie er es jeden Tag in vorbildlicher Weise tat, seitdem ich mit energischem Protest erreicht hatte, daß der Bischof in unserer Notkapelle zelebrieren durfte. Während der hl. Messe jenes Tages kam ein Untersturmführer herein und sagte:„Der General muß sofort packen.“ Gefaßt ging der General weg, packte seine wenigen Habseligkeiten und kam dann wieder, um noch die hl. Kommunion zu empfangen. Seine letzte hl. Kommunion! Nach der hl. Messe fragte ich den Untersturmführer:„Was ist denn los mit dem Herrn General?“—„Ach“, war die Antwort leichthin,„er kommt nach Innsbruck, wie ihr alle. Wir haben gerade einen Kleinautobus mit acht Plätzen, aber nur sieben Leute. Jetzt nehmen wir den General gleich mit.“ Drei Stunden hernach wurde Delestraint zusammen mit drei weiteren franzö- sischen Häftlingen und elf tschechischen Offizieren erschossen. Wie Joos („Leben auf Widerruf“, S. 156) sagt, schritt er hocherhobenen Hauptes, der Kleider entledigt, auf die Mauer zu. Noch ehe er sie erreicht hatte, streckten ihn zwei Pistolenschüsse nieder. Er starb als Soldat und frommer Christ. 5. Fronarbeit „Man setzte Fronvögte über sie ein, die sie mit schweren Diensten drücken sollten“(2 Mos. 1, 11). „Arbeit macht frei“ stand, wie schon anfangs erwähnt, über dem Eingangs- tor des Lagers. In Wirklichkeit erniedrigte sie hier Menschen aller Berufe zu Sklaven. Die Art der Arbeit war je nach der wirtschaftlichen und politischen Lage verschieden. In den ersten Jahren 1940-1941 faßte man die Arbeit mehr als ein Mittel der Schulung auf. Sie bestand da mitunter im unnützen Umgraben der Erde von einem Ort zum andern, im Herumfahren von Steinen bzw. im Durchsieben von Kies. Dabei kam es gar nicht auf das Resultat der Arbeit an, sondern auf den besonderen Druck, der auf das Verhalten des Gefangenen während der Arbeit ausgeübt wurde. Bei jeder derartigen Arbeit waren die Blockführer mit ihren Capos zugegen und überwachten sie, z.B., ob die Schubkarren genügend gefüllt waren, ob die Gefangenen müßig dastanden, Zigaretten rauchten, miteinander redeten usw. Viele dieser Arbeiten mußten im Laufschritt ausgeführt werden. i Gute Gelegenheit zum Schikanieren der Gefangenen gab es beim Walzen der Lagerstraßen. Für die schwere Walze, der unter normalen Verhältnissen wenigstens ein paar gute, zugkräftige Pferde vorgespannt worden wären, nahm man 10 bis 16 ausgehungerte Gefangene, die von einer Reihe SS-Männern und Capos- mit Ochsenziemern angetrieben wurden, z. B. auch den gegenwärtigen baye-° rischen Landwirtschaftsminister Dr. Dr. Alois Hundhammer, ebenso den Sohn des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Held. Die ge- schlagenen und gehackten Gefangenen fielen oft vor Erschöpfung und Über- anstrengung um. Für ein Vergehen während der Arbeit wurden sogleich Strafen erteilt. Man schlug die Gefangenen an Ort und Stelle, legte ihnen zusätzliche Strafarbeiten auf, so daß zur Mittagszeit oder abends die von der Arbeit zurückkehrenden Kolonnen einen Teil ihrer voll erschöpften Kame- raden auf den Schubkarren fahren und viele zum Revier mußten, um die Wunden verbinden zu lassen. Plantagen-Arbeit und-Qual Im Kommando„Plantage“ erledigten die SS-Männer die dort Beschäftig- ten, vor allem Juden, in den Jahren 1940-1941 so, daß sie ihnen die Mützen vom Kopfe rissen und sie auf das neutrale Gebiet warfen und dann be- fahlen, diese schleunigst zu holen, wobei sie gleichzeitig mit Pistolen auf die Dahineilenden schossen, angeblich weil sie fliehen wollten. In der Plantage mußten besonders auch viele Geistliche Schwerstes mitmachen, ja holten sich manche den Tod. Pf. Goldschmitt schreibt dazu: „Innerhalb und außerhalb des Häftlingslagers breiteten sich viele Gärten aus. Der größte Garten trug den Namen ‚Plantage‘. Sie war eine riesige, viereckige Anbau- 36 au“ Pe En weh & fläche von ungefähr fünfhundert Meter Seitenlänge, die dem Dachauer Moorboden um den Preis unzähliger Menschenleben abgerungen wurde. Wege und Entwäs- serungsgräben durchzogen die fruchtbare Ackerschicht. Die Plantage diente besonders zum Anbau medizinischer Pflanzen. Zur Urbarmachung des Moorbodens zog man von 1940 bis 1943 besonders Juden und Geistliche heran, die dabei zu Hunderten dahinstarben. Die Plantage ist so im wahren Sinne des Wortes mit Menschenschweiß und Menschenblut gedüngt. Während der guten Jahreszeit waren hier tausenddreihundert Inhaftierte beschäftigt, im Winter etwa vier- bis achthundert. Die letzteren bemühten sich um die Sämlinge in den Gewächshäusern, während die ersteren unzählige Teesorten pflanzten und pflegten. Auch Gemüse für die Lager- bewohner wurde in der Plantage gezogen. Selbst die Blumen fehlten nicht, wenn sie auch meistens der Medizin dienen mußten. So pflegten die Häftlinge allein fünf Hektar Schwertlilien um ihres Vitamingehaltes willen. Zur Frühjahrs- und Sommerzeit hätte die Plantage mit ihrem frischen Grün, ihren lachenden Blumen und den freundlichen Landhäusern dem Auge ein begeisterndes Bild dargeboten, wenn die häßliche Sklavenarbeit nicht gewesen wäre. Pfarrer wurden an die Pflüge und Eggen gespannt, und sechs Mann zogen die schwere Last stumpfsinnig dahin. Mühselige Beschäftigungen waren auch das Was- serschleppen bei der Trockenheit und das Teesammeln sowie das Trocknen der Tee- pflanzen bei siebzig Grad Hitze.“(Goldschmitt:„Zeugen des Abendlandes“, S. 24) etwa ein- Harte Fronarbeit war auch zu leisten in der Kiesgrube. »Die Kiesgrube galt als eines der schlimmsten Kommandos. Hier standen an den vier Ecken SS-Lausbuben mit umgehängtem Gewehr. Ein paar eigens auf die Häftlingsuniform abgerichtete Hunde rannten bellend umher. Der Capo rückte mit seinem ‚Verein‘ heran, vor 1942 meist mit Juden und Pfarrern. Von weitem hörte man schon, wie die Arbeitssklaven gezwungener- maßen Lieder brüllten. Kaum in der Grube angelangt, wurden sie angefeuert: ‚Tempo, Tempo, ihr Saupfaffen, ihr Dreckjuden!‘ Die Vierbeiner bellten jetzt noch lauter. Es ist ein heißer Sommertag, doch morgens um sieben Uhr geht es noch. Schnell werden die Kleider auf einen Haufen hingeworfen. Das Kiesgrubenkommando verteilt sich in vier Gruppen. Pickelträger hauen den Kies aus dem Boden. Andere Kameraden schaufeln ihn gegen ein Draht- geflecht, um den Sand von dem groben Kies zu trennen; ein Dutzend In- haftierte rollen einen schweren Wagen heran. Die vierte Gruppe wirft nun mit breiten Schaufeln Sand oder Kies auf diesen Wagen. Während der Arbeit hört man immer wieder das Geschrei der SS und des Capo: ‚Tempo, Tempo, schneller— schneller— los, pickeln, schaufeln, aufladen, ihr faulen Hunde... Komm du mal hierher, und du scher dich dorthin!‘ Ohne Rast und ohne Ruhe... Die Sonne steigt immer höher. Der Schweiß rinnt von der Stirne. Blasen zeigen sich auf den Handflächen. Die Finger bluten. Vielen Kameraden 37 schmerzt die aufgerissene Haut an dem Oberschenkel, wo die Schaufel immer wieder ansetzt. Das Rückenkreuz wird vom langen Bücken steif. Da streckt sich ein Häftling aus und stöhnt. Ein anderer läßt die Schaufel etwas ruhen. Flugs bekommen sie einen Schlag mit dem Gewehrkolben in die Rippen oder einen Fußtritt... An die zwei Stunden dauert diese Schinderarbeit, fast ohne Unterbrechung, und dies noch mit leerem Magen. Um zwölf Uhr geht der Marsch zurück in die Bude, wo man das armselige Essen einnimmt. Unter- wegs muß gesungen werden. Um ein Uhr im Schnellschritt wieder zur Kies- grube.“(Goldschmitt, S. 22.) Schweiß floß selbst im Winter beim Schneekommando. „Im Winter war das Schneekommando der Schrecken aller uneingeteilten Häftlinge. Dachau liegt unweit der Alpen, fast sechshundert Meter über dem Meeres- spiegel. Der Winter ist sehr hart. Oftmals fiel von Ende November bis in den April hinein reichlich Schnee. Die SS duldete innerhalb des Lagers keinen Schnee. Wenn die Flocken tags- über vom Himmel fielen, mußten sie sofort von allen Plätzen und aus allen Straßen verschwinden. Nur morgens beim Aufstehen lag manchmal die Schneedecke zwanzig bis fünfzig Zentimeter hoch. Da sprang das Schnee- kommando ein, das sich in den Jahren 1940 bis 1942 ausschließlich aus Geist- lichen zusammensetzte; über tausend Mann stark, jung und alt. Schaufeln und Bretter, die an Holzstangen genagelt waren, scharrten die Schneemassen zu mächtigen Haufen zusammen. KleineSchubkarren und große Plattenwagen brachten den Schnee zum Würmbach. Wenn die Karren nicht langten, wurde der Schnee auf Tischplatten weggeschippt, die je vier Mann auf den Schultern tragen mußten. Während acht Stunden des Tages war das Schneekommando auf den Beinen. Wie immer vollzog sich alles im Laufschritt. ‚Tempo, Tempo!‘, hörte man den ganzen Tag herumbrüllen. SS-Strolche und Capos standen oder liefen hinter den Geistlichen her und schlugen mit Stöcken drauflos. Unflätige Schimpfworte und zweideutige Redensarten regneten nur so auf die armen Schneeschipper nieder. Manch alter Pfarrer rutschte beim Schnee- tragen aus und fiel zu Boden. Selbst die jungen keuchten unter der schweren Last der hochbeladenen Tischplatten. Es brauchte nur einer zu stürzen, dann kippte die Platte um. Nun gab’s Peitschenhiebe und Fußtritte. Die schwere und ungewohnte Arbeit trieb den Schweiß aus den Poren. Nicht wenige Pfarrer blieben bewußtlos am Boden liegen und holten sich eine Lungen- 38 entzündung. Im Block hatte niemand Kleider zum Wechseln oder Gelegenheit zum Trocknen.“(Goldschmitt, S. 47.) Entwürdigend, stumpfsinnig und oftmals schmerzlich war eine andere Fronarbeit, das Ziehen und Schieben am »„Moorexpreß“. Pfarrer Goldschmitt schreibt dazu(5221/22): „Motor und Pferdekraft waren für Häftlinge Luxusartikel. Schwere, vier- räderige Wagen,„Moorexpreß“ genannt, besorgten die Transporte. Häft- linge wurden an den Moorexpreß gespannt. Die Deichsel lenkten zwei Mann. An beiden Seiten des Wagens hingen drei oder vier Drahtseile mit Koppeln, an denen auch je zwei Arbeitssklaven ziehen mußten; hinten am Wagen drückten vier bis sechs Kameraden nach. Obgleich der Moorexpreß sehr schwer war, mußte alles oftmals im Galopp gehen. Ein Untercapo, meistens einen Stock in der Hand, trieb die zweibeinigen„Pferde“ an. Bei Transporten außerhalb des Häftlingslagers traten noch bewaffnete SS-Posten mit Hun- den als Begleiter hinzu. Der Sommer brachte Hitze und Staub, der Winter Schnee und Dreck. Mit gebeugtem Rücken und eingezogenen Köpfen schoben, zogen und drückten diese menschlichen Zugtiere den Moorexpreß tagein, tagaus, acht bis zehn Stunden lang vom Lager zum Bahnhof, vom Bahnhof zur Werkstätte, von der Werkstätte zum Magazin, von der Kiesgrube zum Neubau, von der Küche in die Baracken(man konnte hinzufügen, ‚auch auf den Leitenberg hinauf, zum Leichentransport‘).... Das waren kaum noch Menschen, die da am Wagen zogen, eher Maschinen. Selten wischte sich einer den Schweiß von der Stirne, nur wenige putzten ihre Nase... Alle sahen verbittert aus. Wütend bissen sie die Zähne zusammen. Die Glieder zitterten vor Müdigkeit und Hunger. Der Redefluß stockte. Die moralische Wider- standskraft war bei vielen zu Ende. Langsam aber sicher versanken diese als Zugtiere mißbrauchten, meist hochgebildeten Männer in schwarzen Tief- sinn. Nur noch der Gedanke an den Herrgott hat unsere Geistlichen vor dem Schlimmsten bewahrt. Wenn aber arme Moorexpreßschieber ohne reli- giösen Halt durch Selbstmord diesem aussichtslosen, untragbaren Elend ein Ende machten, fiel die furchtbare Verantwortung in erster Linie auf die Nazi-Menschenquäler. Mein luxemburgischer Priesterkollege Dr. Bernard war auch lange Moorexpreß-Zugtierersatz. Er schreibt in seinen Memoiren unter anderem: ‚Mein erster Tag beim Transportkommando ‚Präzifix‘: Es ist der 19. März 1941, das Fest des hl. Josef— Zu ihm bete ich, während wir mit dem Wagen zum Tor hinausrollen. Ich habe meinen Platz an der rechten 39 Wagenseite und teile die Koppel mit einem jungen polnischen Pfarrer aus Warschau. Wir sind von derselben Größe und Kraft, was beim Koppelziehen wichtig ist. Er spricht etwas Französisch, und so können wir uns fein unter- halten, unter den Augen der Capo und der Posten. Auf der ebenen Straße läuft der Wagen ziemlich leicht. Bald aber schmerzen die Füße. Sie sind vom Barfußlaufen und vom Wasser unförmig angeschwollen und sind dazu die schweren, steifen Schuhe nicht gewohnt. Bis zum Abend werden wir wohl keine Haut mehr an den Füßen haben. Und doch ist es eine Erleichterung, daß man nicht, wie mit den Pantinen, bei jedem Schritt die Zehen ver- krampfen muß, um, die Bretter nicht zu verlieren. Es ist Tauwetter. Wohl ist die Mitte der Straße schneefrei, aber die seitlichen ‚Zugpferde‘ waten am Rand der Straße durch schmelzenden Schnee im Wasser. Wir sprechen wenig. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Ob man durchhalten wird? Und wieviel wird es zu essen geben?.... Nach kaum einer Stunde werden wir zusammen- gepfiffen. Wir sollen zur Bahn. Und was fahren wir zur Bahn?— Ein Paket Schrauben, so groß wie zwei Zigarrenkisten. In unserer Unschuld fragen wir uns, weshalb denn dafür 18 Mann plus drei Posten, plus 5-Tonnen-Last- wagen zum Bahnhof müssen. Wir wissen noch nicht, daß Häftlinge, Posten und Wagen sich niemals voneinander trennen dürfen. Das ist oberstes Gesetz aller Außenkommandos... So ziehen wir denn den schweren Wagen mit dem Päckchen durch den Schlammweg zum Bahnhof hin und wieder zurück. Allmählich gewöhnt man sich das Denken ab.“ Scheinbar leichtere, in Wirklichkeit aber schwere und nicht gefahrlose Arbeit bedeutete das Eßkübelschleppen. Dreimal am Tage mußte von Gefangenen in großen Thermoskesseln das Essen von der Lagerküche in die einzelnen Baracken getragen werden. Wirk- lich eine Schinderei, besonders für Ungewohnte, Ausgehungerte, Geschwächte. Ein Luxemburger Geistlicher gibt davon ein recht anschauliches Bild(aus„Der Herrgott im KZ“ von Goldschmitt): „In der Küche muß alles flott gehen, sonst gibt’s Schläge! Die Küche ist herrlich eingerichtet. Riesige Dampfkessel blitzen vor Sauberkeit... Schon liege ich der Länge nach auf dem Rücken. Die Kameraden helfen mir hoch, bevor jemand auf mich aufmerksam wird. Die nassen Steinfließen sind unheimlich glatt für unsere Holzpantinen. Ich merke, wie die andern die Füße nicht heben, sondern wie auf einer Eisbahn gleiten. Man muß alles lernen. Eine lange Reihe Kessel spaltet uns auf, und während wir aufrücken, beobachten wir ängstlich die mit Kreide auf die Kessel geschriebenen Nummern des Blocks, für die sie bestimmt sind. Ob wir Glück haben? Block 10, das geht. Auf! Aber das 40 A einen san er ae se auf ere auf ten für das Ding will nicht hoch. Es ist schrecklich schwer. Ich halte mich für unfähig, auch nur aus der Küche hinauszukommen. Da wird vor uns jemand verhauen. Es ist auch einer von den Neuen. Ich merke: Es geht ums Leben. Sehe, wie die andern ihre Mütze um den dünnen, schneidenden Griff legen, und tue dasselbe. Und dann, los! Gefährlich sind die paar Stufen an der Ausgangstür. Draußen setzen wir kurz ab und wechseln eilig die Seiten. In dem Augenblick fällt hinter uns jemand über die eigenen Pantinen, rutscht die Stufen hinunter, und die kochend heiße Suppe ergießt sich: über ihn. Wir gehen im ‚Gegentakt‘, damit die Suppe nicht ans Schleudern kommt und uns die Hände verbrüht. Ich bin mehr tot als lebendig, als wir unsern Kessel ordnungs- mäßig auf Block 10 abliefern.“ Erst 1944 entschloß man sich, die Kessel mit entsprechenden Wagen zu transportieren. In Rüstungsbetrieben Im Laufe der Zeit, als man Arbeitskräfte besonders benötigte, begann man, die Gefangenen in den Rüstungsbetrieben zu beschäftigen. Auf diese Weise kamen die Gefangenen mit Zivilarbeitern in Berührung, denen an guten Be- dingungen der arbeitenden Gefangenen lag. Dies brachte zumeist eine bessere Behandlung und verschiedene Erleichterungen mit sich. Das wichtigste war dabei, daß die Gefangenen aus der unmittelbaren Kontrolle der SS kamen. Die Verhältnisse waren allerdings nicht in allem rosig, da die aufsicht- habenden Posten und auch manche Zivilarbeiter die Gefangenen nicht so sehr als Menschen behandelten, sondern nur als billige Arbeitskräfte. Aber es kam nicht mehr zu so viel willkürlichem und gedankenlosem Schlagen der Gefangenen, wie es in den Jahren 1940-1941 der Fall war. War es auch immer noch Zwangsarbeit, sie führte doch ein wenig zum Lager hinaus und zusammen mit freien Menschen, mit manchen guten, barm- herzigen Menschen. 6.„Leben auf Widerruf” So darf man wirklich mit Joos das Leben im KZ Dachau heißen. Immer stand es in Not und Gefahr, vom ersten bis zum letzten Tag. Immer Todes- angst! Jeder Gefangene, der ins Lager gebracht wurde, mußte durch die soge- nannte„Aufnahme ins Lager“ gehen. Nach der schriftlichen Erfassung der Personalien und nachdem der politische Abteilungsbeamte dieselben mit den durch die Gestapo zugesandten Akten verglichen hatte, ging der Gefangene 41 in den Bereich des Lagers, wo er vom Lagerführer und Rapportführer und der ganzen Schar von Blockführern empfangen wurde. Schon beim Eintreten mußte mancher allerlei Schmähungen und Ver- spottungen hören.(„Willkommen in Dachau“, rief mir selbst ein SS-Mann spöttisch zu, als ich eingeliefert wurde.) Oft setzte es auch die ersten Ohr- feigen ab, wie ich es auch im KZ Sachsenhausen erdulden mußte, gleich dem anderen„Zugang“ auf- und abgetrieben wurde, dann von einem SS- Mann den Fuß gestellt bekam, so daß ich zu Boden fiel und die Hände blu- teten; oder beim Fotografieren mit Fäusten ins Gesicht geschlagen wurde, bis ich fast am Umfallen war. Der so Begrüßte begab sich dann in die„Bekleidungskammer“, wo zu- nächst alle Privatsachen niedergelegt werden mußten. Dann hatte sich der Gefangene vollständig zu'entkleiden und alles abzulegen, durfte nur ein Taschentuch und eventuell einen Gürtel behalten. Anschließend marschierte er ins Bad, wo man ihm die Haare schnitt und ihn überall rasierte. Dies führten oft Gefangene aus, die nicht von Beruf Friseure waren; vielfach waren auch noch ihre Instrumente stumpf, und so verursachten sie oft große Schmer- zen. Nach dem Bad wurde dem Gefangenen die Lagerwäsche zugeteilt: eine Drillichmontur, Beinkleider sowie Holzschuhe. Danach wurde er entweder zur Lagerschreibstube oder zum Block geführt, wo er die Gefangenennummer erhielt. Dabei mußte er mehrere Male seine Personalien angeben, die auf verschiedene Listen und Kartotheken geschrieben wurden. Wer so etwas nicht mitgemacht hat, kann sich kaum vorstellen, wie entwürdigend dies alles war, schmerzlicher als die Faustschläge, die ich im KZ Sachsenhausen zusätzlich ins Gesicht erhielt. Quarantäne. Anfangs wurden die Neuzugänge meist schon am folgenden Tag zur Arbeit in der Kiesgrube, Plantage usw. herangezogen. Später, als manche schon krank ankamen oder Gefahr der Ansteckung bestand, kamen sie erst auf einige Wochen in die Quarantäne. Zur Zeit der Quarantäne lernte der Gefangene das vorgeschriebene Mar- schieren, Grüßen, Melden, sowie deutsche Lieder und die Grade der SS. Außerdem eignete er sich beim sogenannten„praktischen Kurs“ die Kenntnis der im Block verpflichtenden Ordnung an, ebenfalls die der Lagervorschrif- ten. Gründliche praktische Ausbildung wurde ihm durch Hiebe und verschie- dene Strafübungen wie Hüpfen, stundenlanges Stehen auf der Blockstraße, ohne Rücksicht auf Regen, Frost oder Hitze, beigebracht. 42 Mehr noch als solche körperliche Mißhandlung traf aber die Häftlinge die „theoretische Belehrung“ über das Lagerleben, deren Hauptgedanken waren: Die deutsche Gesellschaft hätte den Ankömmling aus ihren Reihen ausgesto- ßen, so sei er gleichsam zum Auswurf menschlicher Gesellschaft geworden. Im Lager sei er nur noch eine Nummer, müsse alle Befehle, auch vom niedrigsten SS-Mann erteilte, ausführen und alle Vorschriften genau befolgen, vor einem jeden SS-Mann die Mütze abnehmen und bei Antworten stillestehen. Die Flucht aus dem Lager sei ein Ding der Unmöglichkeit; die das Lager umgeben- den Stacheldrähte seien elektrisch geladen; jeder Flüchtling werde wieder eingefangen und in das Lager zurückgebracht. Briefschreiben erlaubt, aber... Der in der Quarantäne befindliche Gefangene erlangte nach einer be- stimmten Zeit das Recht zum Schreiben von Briefen an seine Familie, außer es war für ihn ausdrücklich Gegenteiliges bestimmt. Die Briefe durften nur in deutscher Sprache auf einem vorgedruckten Formular, in der Kantine erhältlich, geschrieben werden, nur an einen Familienangehörigen. Alle Briefe wurden sehr scharf kontrolliert; wegen einer holprigen Satzstellung, oder wenn der Inhalt nicht klar genug formuliert war, wurden sie vernichtet. Für den nicht vorschriftsmäßig geschriebenen Brief konnte man ein Strafmandat er- halten bzw. ein Briefschreibeverbot. In die„Strafkompanie“ Ein Teil der Neuankömmlinge wurde von der Gestapo schon von vorn- herein zur Strafkompanie bestimmt oder kam mit dem Vermerk„Zu liqui- dieren!“ Solche Gefangenen wurden in den allernächsten Tagen durch Auf- hängen oder Erschießen erledigt oder zur Gaskammer verschickt. Gute„Geschäfte“— schlimme Schikanen Einige Block- oder Stubenälteste nützten die Naivität der Neuankömm- linge, die sich in den Bedingungen des Lagerlebens nicht auskannten, zu „Geschäften“ aus; sie stahlen ihnen die Utensilien, die sich in ihren Spinden befanden, wie Löffel, Messer, Gabel usw., und befahlen ihnen, diese angeblich verlorenen Sachen zu bezahlen. Das bei der Aufnahme ins Lager abgenommene Geld durfte man in be- stimmten Zeitabschnitten vom Konto abheben, um in der„Kantine“ Ziga- retten oder andere Waren zu kaufen. Die Gelder, welche sich Stuben- und 43 Blockälteste bei solchen„Geschäften“ mit-„verlorengegangenen“ Gegen- ständen verschafften, verteilten sie dann unter sich. Jeder Widerspenstige oder wer Unzufriedenheit über die Geschäfte zeigte, wurde dem Blockführer vorgeführt; der brachte ihm sofort mit der Faust die Kenntnis der Lagervor- schriften bei. Bei einer solchen Gelegenheit machte dann der Neuankömmling Bekanntschaft mit der Methode des„Hüpfens“, mit gymnastischen Übungen, die durch Begießen mit Wasser verschiedenartig gemacht wurden. Nach sol- chen Übungen blieben gewöhnlich mehrere von den Neuankömmlingen be- wußtlos, hin und wieder auch tot liegen. Nach der Aufnahme wurden die Gefangenen einzeln fotografiert; in be- stimmten Fällen nahm man von ihnen auch Fingerabdrücke. Ich erinnere mich noch gut, wie mir bei alldem immer wieder das Wort der Schrift (Mk 15, 29) einfiel:„Er wurde unter die Verbrecher gerechnet.“ Tagesordnung Im Hauptlager Dachau herrschte eiserne Zucht und Ordnung. Lagerälteste und Blockälteste hatten dafür zu sorgen; Rapport- und Blockführer übten die Kontrolle. Das Wecken im Lager war je nach der Jahreszeit verschieden, von etwa 3 Uhr bis 5 Uhr; man weckte den Gefangenen so zeitig, damit alles früh- zeitig zum Arbeitsplatz abmarschbereit war. Nach dem Aufstehen folgte als- bald das Waschen, Bettenmachen, Ordnen der Spinde und Einnehmen des Frühstücks. Zu alldem war nicht mehr als eine halbe Stunde Zeit. Nach dem Frühstück räumten die dazu bestimmten Gefangenen die Stuben auf. Die übrigen Häftlinge gingen inzwischen auf die Blockstraße und war- teten dort etwa eine halbe Stunde auf den Appell, ohne Rücksicht auf das Wetter. Zum Appell(auch Kranke und Tote) Täglich zweimal, morgens 6 oder 6.30 Uhr und abends 18 Uhr. Nach dem Morgenappell formierten sich die Arbeitskolonnen. Der Abendappell dauerte manchmal sehr lange, besonders wenn die Zählung nicht sogleich stimmte. In diesem Falle mußten alle so lange stehenbleiben, bis die Zahl richtig be- funden wurde oder evtl. Verschwundene wieder aufgefunden wurden. Unvergeßlich bleibt da den Häftlingen wohl der 23. Januar 1939. Es war eine schneidende Winternacht. Weil zwei Häftlinge abgingen, mußten die Tausende die ganze Nacht bis zum nächsten Tag 11 Uhr auf dem Appellplatz stillstehen, ohne Mütze; sie durften sich auch zur Erwärmung nicht irgendwie bewegen. Sieben konn- ten nur noch als Tote vom Platz gebracht werden. 44 sgorsasee Noch schlimmer empfanden aber die Häftlinge einen anderen Nachtappell im Mai des gleichen Jahres, wo sie die ganze Nacht bei strömendem Regen auf dem Appellplatz stehenbleiben mußten. Goldschmitt weiß darüber näher zu berichten: „Wir Geistlichen wurden eine Stunde vor den anderen Häftlingen, meist um halb vier Uhr, geweckt, wohnten der heiligen Messe bei, schluckten den Kaffee hinunter und marschierten in Reihen zu je zehn Mann schweigend zum Appellplatz. Dies geschah auch tagtäglich gegen sieben Uhr abends. Hier stellten sich viele Tau- sende Männer und Jünglinge, nach Blocks geordnet, in endlos langen Reihen auf. Jeder Blockälteste kommandierte: ‚Stillgestanden! Mützen ab!‘ Er gab sodann die Zahl der Angetretenen einem SS-Mann an, der an den Reihen vorbeischritt und nachkontrollierte. Die Zahl der Insassen sämtlicher Blocks wurde sodann einem Lagerführer gemeldet. Wir standen hier schweigsam still, bis der Offizier festgestellt hatte, daß sämtliche Häftlinge des Lagers angetreten waren. Fehlte ein Kamerad, was manchmal vorkam, mußten wir alle so lange stehen bleiben, bis der Betreffende aufgefunden wurde. Manchmal hatte sich einer verschlafen oder war durchgebrannt. In der Regel warteten wir trotz Hitze, Regen, Sturm und Kälte eine halbe bis eine Stunde lang. An einem Sonntag standen wir einmal vier volle Stunden in den glühenden Sonnenstrahlen ohne Mützen, da das Tragen einer Kopfbedeckung von Anfang Mai bis September untersagt war. Viele Kameraden sind an jenem Sonntag ohnmächtig zusammengebrochen. Ich war Augenzeuge, wie ein polnischer Pfarrer vor Müdigkeit und Elend tot zu Boden äiel. Geistliche erzählten mir, daß kurz vor meiner Ankunft ein Appell etwas über sieben Stunden gedauert hatte. An die zwan- zig Tote mußten weggetragen werden. Bei einer solchen Gelegenheit hatte einmal Lagerführer R. Dienst. Er gehörte zu der Klasse der Hunde, die viel bellen, aber nicht beißen. Wenn ihm manchmal der Dunst des Alkohols in den Kopf ge- stiegen war, hielt er uns Pfarrern auf dem Appellplatz witzig-sein-sollende ‚Pre- digten‘. An einem kirchlichen Feiertage begann er eine solche Ansprache mit den Worten: ‚Du bist Paulus der Fels, lehrt ihr Pfaffen, und auf diesem Felsen ist eure Kirche aufgebaut.‘ Einige Geistliche platzten heraus. Nun regneten seine bekannten Kraftausdrücke über uns: ‚Ihr Gipsköpfe, ihr Säue, ihr motorisierten Wildschweine‘ und dergleichen mehr. Dabei lachte er selber dummlaut, wie die Besoffenen es manch- mal zu tun pflegen, und schrie: ‚Ob der Paulus heißt oder Petrus, das ist mir ... egal. Euer Paulus-Petrus-Felsen wird gesprengt. Unser Felsen aber bleibt hart wie Kruppstahl. Wir haben noch das Heft in Händen.‘ Dabei betonte R. das Wort ‚noch‘ absichtlich, wohlwissend, daß der Hitlerfelsen am Bersten war. ‚Alle Toten zum Appell antreten!‘ hätte eigentlich auch ein Kommandoruf lauten sollen. Denn bis Sommer 1942 mußten auch die in der Nacht verstorbenen Kamera- den zum Morgenappell getragen und mitgezählt werden. Die Leichen lagen hinter jedem Block unbedeckt am Boden. Schwerkranke und Krüppel wurden ebenfalls zum Appell gezwungen. Gesunde trugen ihre schwachen Kameraden meist auf dem Rücken oder fuhren sie auf Schubkarren zum Appellplatz. Die reichsdeutschen Mit- häftlinge wandten beschämt ihre Blicke von den Bedauernswerten ab, und uns Aus- ländern stieg die Wut über solche Herzlosigkeit bis in den Hals.“ Endlich Ruhe!' Nach dem gewöhnlichen Appell war das Abendessen, Waschen und Vor- bereiten zur Nachtruhe. Um 20.45 Uhr erscholl das Zeichen zum Schlaf, und um 21 Uhr war die Ruhe verpflichtend. Dieser Tagesplan wurde in den ver- schiedenen Jahren mehrmals abgeändert. Die Freizeit war aber sehr begrenzt und kurz. Aber quälende Ungewißheit Und doch, auch wenn der Gefangene sich zur Nachtruhe begab, war er nicht sicher, was seiner am nächsten Tage harre. Diese ständige Ungewißheit war etwas vom Schwersten in der Gefangenschaft. Die Kunst des Überlebens im Lager beruhte, falls die Gesundheit standhielt, eigentlich darauf, daß man nicht„auffiel“ und die Aufmerksamkeit der Lagerleitung nicht auf sich zog, aber auch darauf, daß man nicht seelisch zusammenbrach; abgesehen davon, konnte freilich ein„Urteil“ der Gestapo schnell das Ende bringen. So ver- mochte mancher die Todesangst nie zu überwinden. Allerlei Fallen Die Gefangenen der Strafkompanie hatten bedeutend schlechtere Lebens- bedingungen, da sie als Sträflinge schon auf Grund dieses Titels auf Schritt und Tritt leichter„auffielen“. Es war schwierig, nicht„aufzufallen“, da den Gefan- genen überall und zu allen Stunden Fallen erwarteten. So konnte man mit dem Stock oder einem anderen harten Gegenstand einen Schlag auf den Kopf erhalten, wenn das Bett nicht gut gemacht oder das Besteck oder Geschirr schlecht abgewaschen, der„Spind“ schlecht aufgeräumt, die Seife vorzeitig verbraucht befunden wurde. Man mußte sehr auf_der Hut sein, um aller Beanstandung zu entgehen, z. B. am 5. oder 6. Tag nach Zuteilung der Seife noch ein Stückchen haben; sie war ja für den ganzen Monat bestimmt. Es kam vor, daß der Stubenälteste, der ein trockenes Handtuch vorfand, dem Gefangenen den Vorwurf machte, daß dieser sich nicht gewaschen habe, und ihn dafür schlug; indessen war es aber infolge der Überfüllung öfters ein Ding der Unmöglichkeit, zum Waschraum zu kommen. Jeder Waschraum war ja für die Insassen von zwei„Stuben“-bestimmt. Wären, wie es geplant war, in jeder Stube nur 45 Gefangene gewesen, dann hätte jeder in den Waschraum gehen können und Beanstandungen des Stubenältesten wären berechtigt gewesen. Da aber in den Stuben manchmal bis zu 300 Gefangene und sogar noch mehr waren, ist es verständlich, daß von einem normalen 46 Waschen keine Rede mehr sein konnte. Wie sollte man da nicht beim »Waschen“ auffallen? Besonders große Aufmerksamkeit wandte man auch dem Bettenmachen zu. Im„Spind“ mußten die Gegenstände und Utensilien auf eigens dazu bestimmte Plätze gelegt werden. Wehe dem, bei dem man während. der Kon- trolle irgendeine„Unordnung“ vorfand! Sein ganzer Spind wurde mit Farb- kreide bemalt, die Gegenstände herausgeworfen. Statt des Mittagessens mußte der Gefangene so lange seinen Spind mit Glaspapier reinigen, bis alles weiß war; natürlich fiel für ihn dabei das Essen aus. Der Gefangene, der morgens zum Stubendienst bestimmt war, atmete erst beim Appell frei auf; aber nur, wenn es nicht Kälte oder Regen gab, und in Dachau war oft Schlecht- wetter. Der Gefangene fror und wurde oft naß in seinem Häftlingskleid; ebenso litt er beim Appell oft hart unter der Hitze. Das Zusammentreten und der Marsch zum Appellplatz fand so statt, als ob die Gefangenen eine Nebengarde bildeten. Der Blok stellte sich zu Zeh- nern auf und marschierte wie zur Parade. Alle mußten dabei ohne Rücksicht auf Nationalität häufig deutsche Liebeslieder singen. Während des Appells war es verboten, zu reden oder den Kopf zu drehen; beim Zählen fiel das Kommando:„Mützen ab!“, man mußte so lange stillstehen, bis der Block- führer durchgezählt hatte. Kranke, die nicht ins Revier aufgenommen waren, wurden von Mitgefangenen auf den Appellplatz getragen und im letzten Gliede am Ende der Baracke zum Abzählen aufgestellt. Auch bei den Arbeiten mußte man sich hüten, zu reden oder sich zu verschnaufen. Die aus der Arbeit heimkehrenden Gefangenen zitterten bei dem Gedanken, was sie im Block oder in der Stube nach der dort während ihrer Abwesenheit durch- geführten Kontrolle erwarten werde. Diese Kontrolle wurde von den Stuben- und Blockältesten vorgenommen. Es kam oft vor, daß die zum Block zurückkehrenden Gefangenen ihre Stroh- säcke auf die Blockstraße herausgeworfen fanden; man hatte in ihnen gesucht und schließlich auch etwas gefunden; dafür setzte es dann scharfe Strafen ab. So konnte man in jedem Augenblick und bei jeder Gelegenheit„auf- fallen“ und straffällig werden. Strafrapport und Strafvollzug Jedem„Auffallen“ drohten Schläge, schließlich auch Strafrapport und Strafarbeit. Womit endete der Strafrapport? 47 Den Schuldigen forderte man auf, vor das grausame Antlitz des Lager- führers zu treten; bei ihm gab es keine Erklärung oder Entschuldigung; er diktierte eine Strafe,'z. B. eine halbe Stunde am Pfahl, Rutenstrafe oder Arrest. Die Pfahlstrafe wurde 1940/41 auf dem Platz beim Bunker auf dort eigens aufgestellten Pfählen durchgeführt und in späteren Jahren im Waschraum. Die Pfahl- strafe(der„Baum“) ging folgendermaßen vor sich: Man legte dem Ver- urteilten die Hände auf dem Rücken zusammen, fesselte sie unterhalb der Handfläche am Handgelenk mit einer eisernen Kette und hängte sie dann an einem Haken in solcher Höhe auf, daß die Fersen die Erde nicht be- rührten. Diese Strafe dauerte vorschriftsmäßig eine Stunde. Oft jedoch kam es vor, besonders wenn man„Untersuchungen“ anstellte, daß der Gefangene zwei Stunden oder länger hing und vom aufsichtführenden SS-Mann ge- schlagen wurde. „Auf den Bock gespannt“ Die körperliche Züchtigungsstrafe wurde folgendermaßen ausgeführt: Am sogenannten„Bock“ wurde der Gefangene so angebunden, daß der obere Teil des Körpers waagrecht lag und die Beine herabhingen. Die SS-Männer, die zur Ausführung der Züchtigungsstrafe bestimmt waren, bedienten sich besonders verfertigter Ochsenziemer, die vorher im Wasser naßgemacht wurden, und schlugen den Gefangenen auf das Gesäß, ohne dabei darauf zu achten, wohin die Hiebe fielen; häufig erlitten dadurch Nieren und andere Körperteile schweren Schaden. In der Regel lautete das Urteil auf 25 Peit- schenschläge, aber oft waren es ihrer bedeutend mehr, manchmal sogar bis zu 100. Den Henkern bereitete es Vergnügen, wenn der Gefangene schrie, weinte, brüllte oder vor Schmerz ohnmächtig wurde. Mir klingt es heute noch in den Ohren. Kurz vor der Züchtigungsstrafe belehrte man den De- linquenten, daß er gewissenhaft die einzelnen Schläge zählen müsse; vergaß er infolge des Schmerzes zu zählen, dann erklärten die SS-Männer, sie wüßten nicht, wie viele Schläge der Delinquent erhalten habe, und ließen ihn von neuem zählen. 1942 verordnete Heinrich Himmler, daß die Prügelstrafe in sämtlichen deutschen Konzentrationslagern statt von den SS-Blockführern durch Häf- linge durchzuführen sei. Nicht bloß eine neue Grausamkeit gegen die Häft- linge, sondern auch eine teuflische Schlauheit! Wenn nämlich jetzt KZler an den erlirttenen Prügeln starben, konnte man wie Pilatus sich in Unschuld die 48 H.H. Karl Leisner, im KZ zum Priester geweiht Die Holzmonstranz der KZ-Kapelle Das Sühnemal, am 5. August 1960 geweiht Z—— iin>> a Sn Ay ICh Hände waschen und erklären: Nicht durch die SS, sondern durch die eigenen Kameraden seien sie zu Tod geschlagen worden. Freilich, der Großteil der Blockältesten weigerte sich, diese Henkersarbeit an Kameraden zu leisten; aber einige fanden sich doch dazu bereit, um für sich Vorteile herauszuschla- gen; aus Berufsverbrechern und Asozialen wurde dann eine besondere Prügel- gruppe gebildet. Arrest Zur Züchtigungsstrafe gehörte die zusätzliche Arreststrafe von drei bis zu 42 Tagen. Als Liegestätte hatte der Gefangene nur eine Holzpritsche. Der Arrest konnte durch Verdunkelung der Zelle verschärft werden. Das Grau- samste war der„Stehbunker“. In einem Raum, der etwa so groß wie eine Telefonzelle war(etwa 60% 60 cm)—ich erinnere mich noch gut, wie sie gebaut wurden—, mußte der Häftling drei Tage und drei Nächte stehen und bekam nur Wasser und Brot; nur jeden vierten Tag kam er in eine Normalzelle, erhielt Gefangenenkost und durfte für eine Nacht auf einer Holzpritsche schlafen! Dann ging das dreitägige Stehen von neuem an! Auf solch ab- scheuliche Weise schikanierten die sadistischen Nazis die Gefangenen. In die„Stehzelle“ mußte beispielsweise auch der Geistliche T'heissing von Aachen, weil er aus seiner Tätigkeit im Revier statistische Aufzeichnungen über die Todes- opfer der medizinischen„Experimente“(Ansteckung von Malaria, Phlegmone usw.) gemacht hatte, die der ebenso mutige wie gegen alle Mitgefangenen fürsorgliche Caritasdirektor Karls jeweils fortlaufend an sein Büro in Elberfeld schickte, bis der Schmuggel solcher Dokumente einmal entdeckt wurde. Karls, der im Gedanken, daß nun sein Kopf doch verloren sei, der Gestapo-Untersuchungsbehörde mit aller Offen- heit und Entschiedenheit entgegentrat, kam mit mehreren Wochen Dunkelarrest durch. Man stand davon ab, ihn zu„liquidieren“, weil man fürchtete, daß dann sein wohlverstecktes Material irgendwo im Ausland veröffentlicht würde. Kein Wunder, daß sich jeder Gefangene vor jedem„Auffallen“ hütete und fürchtete. Solche Strafen mußten ja nicht den sofortigen Tod oder körperliche Gebrechen herbeiführen, hatten aber doch zumindest schwerheilende Wunden und langwierige Schmerzen zur Folge. Darüber hinaus brachten solche Stra- fen die Gefahr, bei geringsten weiteren Verfehlungen noch härter gestraft zu werden. Ein„Vorbestrafter“ ging bei jeder beliebigen Gelegenheit zum zweiten- und drittenmal an den Pfahl, an den Bock oder in Arrest. Manche Schikanen und Torturen wären leichter zu ertragen gewesen, wenn die Lagergefangenen gesund, kräftig, gut genährt und entsprechend gekleidet gewesen wären. Bei den Wohn-, Verpflegungs- und Arbeitsbedingungen des Lagers genügten aber schon Erkältungen oder andere leichte Unzulänglich- keiten, um unheilbare Krankheiten hervorzurufen. Dies führte dann gar 49 leicht zum physischen Zusammenbruch, raubte einem guten Gefangenen das Selbstgefühl und machte ihn zum Kandidaten für das Krematorium. Zum Revier kamen nur solche Gefangene, denen man auf den ersten Blick die Krankheit ansah, d. h. die zu 80/o unheilbar krank waren. Sonderbare Gesundheitsmaßnahme Ebenfalls mit Schikanen verbunden waren die von Zeit zu Zeit durch- geführten sogenannten Entlausungen und Desinfizierungen der Blöcke. Diese geschahen oft im Winter, und zwar auf die Weise, daß die Gefangenen sich im Block vollständig entkleiden mußten, dort ihre ganze Bekleidung ließen und dann im Schnee 300 m weit zum Waschraum marschierten, wo sie den ganzen Tag blieben. In dieser Zeit führte man mit Hilfe von besonderen Apparaten und Mitteln in den Blöcken die Desinfizierung durch. Nach dem Bade kehr- ten die Gefangenen zum Block zurück; viele büßten dabei ihre Gesundheit ein. P Schmalhans war Koch Eines der wichtigsten Probleme im Lager war die Ernährungsfrage der Gefangenen. In der Zeit, da die Nazis auf der Höhe ihrer Macht standen, in den unterjochten Ländern Magazine plünderten und aus dem vollen lebten, starben im Lager Menschen vor Hunger. Das Aushungern der Ge- fangenen geschah so tückisch, so konsequent und systematisch, daß es einem noch jetzt beim Gedanken daran kalt über den Rücken läuft. An Tagen, an welchen das Lager Besuch hatte, wurde die Speisekarte zugunsten der Ge- fangenen geändert; dies hatte aber zur Folge, daß man an den darauffolgen- den Tagen wieder durch Abzug einsparte. Dies zeigt aber auch, daß die SS-Lagerleitung darauf achtete, selbst vor ihresgleichen die schlechten Er- nährungsbedingungen der Lagergefangenen zu verbergen. „Die Maschine braucht Kraftstoff“ Freilich gab es Zeiten, besonders nach der Niederlage von Stalingrad, in denen im Lager eine gewisse Besserung der Ernährungsbedingungen erfolgte. Diese geschah aber nicht etwa aus Liebe zu den Gefangenen, sondern nur mit Rücksicht auf die Notwendigkeit, größere Gefangenentransporte für die Rüstungsbetriebe und Fabriken abstellen zu können. Zu diesem Zweck suchte\ man die ausgehungerten Gefangenen wieder mit besserem Essen zu Kräften zu bringen. Im Lager Dachau selbst hielt man hauptsächlich Fachleute für' Metall- und Holzarbeiten zurück; alle anderen wurden in verschiedene Lager 4 50 anne na versandt. Den Facharbeitern und anderen ausgebildeten Arbeitern verbesserte man die Lebensbedingungen durch Zuteilung der„Schwerarbeiterzulage“; für sie führte man ein zweites Frühstück(„Brotzeit“) ein, das aus einem Zehntel, zeitweilig einem Achtel des Kommißbrotes und einem kleinen Stück Wurst, etwa 50 Gramm, bestand. Die Lebensmittelpakete, die man ab November 1942 von den Familien aus dem Heimatlande und später auch vom Internationalen. Roten Kreuz aus Genf erhielt, waren wertvolle und konkrete Zuschüsse zur Verpflegung der Hungernden im Lager. Von Nachteil auf die Lebensmittelzuteilung an die Gefangenen des Lagers war es, als sich auch die Ernährung der SS-Männer verschlimmerte. Diese hielten sich aber schadlos an den für die Gefangenen bestimmten Vorräten; so wurden deren Portionen verringert. Hunger treibt zum Grausigsten Man muß noch die Versorgung der Gefangenentransporte mit Lebens- mitteln erwähnen, die in andere Lager überführt wurden. Grundsätzlich mußte das’ aussendende Lager den Transport bis zum Bestimmungsort er- nähren. Auf diesem Gebiete geschahen ungeheure Mißbräuche. Als Beispiel möge folgende Tatsache dienen: Am 14. 11. 1942 kam ins Lager Dachau ein Gefangenentransport vom Lager Stutthof. Nach Ankunft dieses Trans- portes konnte man angebissene Gefangenenleichen sehen, da der Transportleiter, ein entarteter SS-Mann, den Gefangenen überhaupt kein Essen hatte verabreichen lassen. Es waren dies nicht seltene Ausnahmefälle, daß die Gefangenen auf dem Eva- kuierungstransport kein Essen bekamen, manchmal sogar 15 Tage hindurch. Als nun solche Gefangene zum Lager kamen, waren sie bis zu einem Grade erschöpft, daß sie auf dem Appellplatz umfielen und unfähig waren, sich zu rühren. Als ich diesen entsetzlichen Bericht, besonders die Bemerkung über„an- gebissene Gefangenenleichen“ bei Domagala,„Die durch Dachau gingen“, las, wollten mir starke Zweifel aufsteigen, ob so etwas überhaupt möglich sei, selbst wenn der Hunger halb wahnsinnig macht. Aber ein Augenzeuge, Kohl- hofer von München, bestätigte vollauf die Angabe, Dazu fand ich eine neue Bestätigung bei Joos(„Leben auf Widerruf“, S. 147): „Das Allerschrecklichste, was uns je an Transporten zu Gesicht kam, war der im November 1942 von Danzig-Stutthof. An 900 polnische und russische Gefangene waren es, die man erwartete. Sie waren zehn Tage unterwegs und hatten nur für zwei Tage Nahrung. Bei ihrer Ankunft zählte man 300 Tote, 51 die aus den unbeschreiblich verschmutzten Wagen herausgeschaufelt werden mußten. Sechs Leichen waren angenagt, an einzelnen Körperteilen bis auf die Knochen, nicht: von Tieren, sondern von den hungernden Kameraden. Kannibalismus im Jahre 1942 ın Zentral-Europa! Die Überlebenden zogen im Desinfektionsbad nackt an uns vorüber, ein grauenerregender Zug von gespensterhaften, schwankenden Skeletten, mit stierem Blick aus tiefen Augen- höhlen, ein Totentanz, wie ihn die Phantasie des Totentanz-Malers Holbein nicht erschreckender ausdenken konnte. Nach wenigen Wochen war. der ganze Transport ausgestorben. Andere Transporte von Großrosen und Mauthausen erinnerten daran. Der letzte am 28. Februar 1945, von Großrosen kommend, zählte 80 Prozent Tote“(Joos, S. 147). 7. Christus im KZ Dachau Wie die im Kapitel„KZ-Insassen“ wiedergegebene Statistik zeigt, befanden sich im Laufe der Jahre etwa 2720 Geistliche im KZ Dachau, darunter 2579 katholische. Als erster reichsdeutscher katholischer Geistlicher kam im Jahre 1940 Pfarrer Fritz Seitz aus der Pfalz ın das Lager.(Polnische Geistliche waren schon 1939 gekommen.) „Kaum stand er bei der Ankunft in der Lagerstraße, da zog ihm ein SS- Mann mit viel Gespött den Rosenkranz aus der Tasche und legte ihn dem Geistlichen, mit dem-Kreuz über die Stirn hängend, auf den Kopf. Dann führte er ihn in dieser Ausstaffierung mit Faustschlägen und Fußtritten im: Lager umher, wobei er überlaut brüllte: ‚Der erste Saupfaff ist aus dem Alt- reich angekommen!‘ Seitz hatte in seinem Brevier ein Bild des Papstes Pius XII. Der SS-Mann hielt das Bild einigen Häftlingen unter die Nase und rief:„Der römische Oberpfaft wird mit allen andern Pfaffen nach dem. Krieg auch in Dachau eingesperrt. Dann hört der katholische Schwindel für immer auf!‘ Ein Madonnenbild gab diesem elenden Nazi Gelegenheit, derbe Witze über die Mutterschaft Mariens zu reißen, Lästerungen, die keine Feder wiedergeben darf.“(Goldschmitt:„Zeugen des Abendlandes“, S. 36.) Die Zahl der Geistlichen im Lager wuchs sehr rasch. Anfangs wurden sie unter die anderen Häftlinge in die verschiedenen Blocks verteilt. Erst im Dezember 1940 wurden sie dann in einem Block(Nr. 26) zusammengefaßt. Dieser genügte aber nicht mehr, als fast alle im KZ Sachsenhausen—Oranien- burg inhaftierten Geistlichen nach Dachau gebracht wurden, besonders viele Hunderte von polnischen Geistlichen. 52 Die Blockkapelle Die Zusammenfassung der Geistlichen in einem Block und unbekannte Er- wägungen der Gestapo führten dann dazu, daß für Block 26 die Einrichtung einer Notkapelle gestattet wurde. DieLagerleitung war über dieses Zugeständ- nis„an die Pfaffen“ nicht erbaut, mußte sich aber fügen. Am 20. Januar 1941 war die erste hl. Messe. Der Altar bestand nur aus zwei Tischen, die neben- einander gestellt wurden. Darauf wurden zwei Bett-Tücher, ein kleines Steh- kreuz, zwei armselige Kerzenleuchter mit winzigen Kerzenstummeln, ein Kelch in Miniaturform und ein Meßbüchlein gelegt. Etwa 200 Geistliche stan- den hochbeglückt vor dem Altar, als einer der Kameraden in weißem Meß- gewand das hl. Meßopfer darbrachte. Christus kam so zu seinen Brüdern ins KZ „Unsere armselige Kapelle“, schreibt Pfarrer Goldschmitt in„Zeugen des Abendlandes“, S. 42, wandelte sich nach und nach in ein würdiges Gotteshaus um. Die Priesterhäftlinge„organisierten“ einen Altar mit Tabernakel, ein schönes Christusbild, Leuchter, Statuen und schließlich gar einen schmucken Kreuzweg. Neben unserer einfachen, ganz hölzernen Monstranz hatten wir auch eine andere für die hohen Festtage. In ihr glänzten die Einlagen wie reinstes Silber! Es war aber nur Blech aus alten Konservendosen. Ein öster- reichischer Kommunist rühmt sich mit Recht, diesen Kultusgegenstand in der Schreinerei unter den Augen der SS-Männer geheim hergestellt zu haben. Anfangs durfte täglich nur eine Messe gelesen werden, und zwar immer nur von demselben Geistlichen, einem früheren polnischen Militärpfarrer. Die anwesenden Geistlichen beteten halblaut mit dem Zelebranten: Jeder hielt eine kleine Hostie in Händen und spendete sie sich auch selber. Feier- liche Gottesdienste blieben verboten, ebenso jede religiöse Betätigung außer- halb der Kapelle. Tagsüber durfte man die Kapelle nicht betreten,“ Nichtdeutsche aus der Kapelle ausgewiesen Im Oktober 1941 wurden alle nichtdeutschen Geistlichen aus dem Block 26 herausgenommen und in den danebenliegenden Block 28 gebracht(Polen, Holländer, Luxemburger, Belgier usw.). Um den Block 26 legte man einen Drahtverhau mit einem Wachposten. Damit die nicht reichsdeutschen Geist- lichen vom Nachbarblock nicht einmal in die Kapelle schauen konnten, wur- den die Kapellenfenster noch eigens mit dicker weißer Farbe bestrichen. Der Kommandant verbot den Insassen des Blockes 28 sogar jede religiöse Praxis 53 auch innerhalb des Blockes unter Androhung schwerster Strafe. Auch alle Breviere, Rosenkränze usw. wurden ihnen genommen.’ Ohne Pracht, aber mit Andacht Vom Jahre 1942 ab hörte die gemeinsame Konsekration auf. Wir kommu- nizierten wie die Laien. Es war ergreifend, wenn vier Confratres in arm- seligen Häftlingskleidern, oftmals barfuß, mit dem Ziborium von Reihe zu Reihe schritten. Jeden Sonntag hatten wir vor dem Appell eine Frühmesse, und um 8 Uhr ein feierliches Hochamt mit Predigt. Die großen Feste wie Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Allerheiligen... gestalteten sich ebenso würdig und weihevoll wie in einer Kathedrale. Priesterweihe im KZ „Wir erlebten in Dachau auch eine Priesterweihe. Seit Ende 1939 schmach- tete der schwer lungenkranke Diakon Karl Leisner, aus der Diözese Münster, in Dachau. Oft habe ich ihm Hoffnung gemacht, Gott werde ihm sicher das hohe Glück schenken, in der Heimat die Priesterweihe zu empfangen. Leider ging es mit ihm gesundheitlich immer mehr bergab. Im Herbst 1944 schwand jede Aussicht auf Rettung. Doch der liebe Heiland erbarmte sich des Diakons. Im September 1944 kam Msgr. Piquet, der Bischof von Clermont-Ferrand, als Häftling zu uns. Nun begann eine illegale Korrespondenz mit Kardinal Faulhaber aus München und dem Bischof von Münster. Sämtliche zur Priester- weihe nötigen Papiere kamen an. Geheim fabrizierten Häftlinge bischöfliche Gewänder und alles andere, was zu einer solchen Feier gehört. Ring und Brustkreuz lieferten die Messerschmitt-Werke. Der Trappistenpater Spitzig drehte den Hirtenstab. Der Stoff für die violette Soutane und das Män- telchen kam von der Beute, die sich Nazi-Diebe im Judenviertel von War- schau geholt hatten. Der englische Oblatenpater Durand stellte aus Seide und Perlen eine Mitra her. Von Kardinal Faulhaber erhielten wir aus Mün- chen die nötigen Ole und die Ritualbücher. Alles verlief so vorsichtig und gcheim, daß nur vereinzelte Priester unseres Blocks es merkten. Kein Nazi ahnte etwas, weder von der Vorbereitung noch von der Zeremonie selbst. Am 18. Dezember 1944 stand dann der junge Diakon, eine schlankgewach- sene Gestalt, mit vor Fieber glühenden Wangen in unserer Stube Nr. 2. Der Bischof legte die Pontifikalgewänder über sein Häftlingskleid. Ach, alles so armselig, und doch paßte es zu unserem Milieu.— Die Prozession bewegte sich zur nahen Kapelle. Alle Seminaristen, auch viele Laien, sowie die ehe- 54 1 | Er re u ARE #7 maligen Capos des Diakons und Mithäfllinge seiner Kommandos durften der ergreifenden Zeremonie in der Kapelle beiwohnen. Wir anderen Priester blieben wegen Platzmangel draußen und folgten still der heiligen Handlung. Nach einigen Tagen wieder zu Kraft gekommen, feierte der Neugeweihte am 26. Dezember 1944 seine feierliche Primiz. Da stand der Neugeweihte an dem größten Festtage seines Lebens am Altar, fern der Mutter, fern dem Vater, den Geschwistern und den Freunden. Er weinte, und wir weinten mit ihm. Bei verschlossener Türe wurden in aller Stille einige Photoaufnah- ; men von dieser Primizfeier in der Kapelle gemacht. So sahen die Eltern 5 wenigstens im Bilde ihren Priestersohn am Primizaltar im KZ von Dachau. Der Neupriester Karl Leisner hat seine Heimat nie wiedergesehen. Er starb ein paar Wochen nach der Befreiung in einer Lungenheilanstalt bei München. A Wie in der Katakombenzeit I, Die polnischen Priester, denen, wie oben gesagt, jede religiöse Betätigung 5 41 im Block verboten war, mußten sich anders behelfen. Sie erbaten sich vom er| Kapellencapo, einem katholischen Geistlichen vom Block 26, Hostien und d ı 3 Wein. Draußen in der Plantage arbeiteten viele polnischen Pfarrer in Ge- 1. wächshäusern. Während einer von ihnen Wache hielt und andere Kameraden ls| sich mit Scheinarbeit beschäftigten, kniete der Polenpriester, der schon am a4 längsten im Lager schmachtete, am Boden, das Gesicht in das Gewächshaus ge- 1- richtet, um den Schein zu erwecken, als jäte er Unkraut. Droben vom Beobach- he tungsturm aus hätten ja die SS-Posten etwas erspähen können. Der kniende nd Priester hatte einen kleinen Tragaltar in den Boden gedrückt, und dort las ig 4 er die hl. Messe. Viele Kameraden eilten herbei, mit Gras oder Pflanzen in n-| der Hand, gleich als ob sie dort etwas zu schaffen hätten. Auch sie knieten a 1 nieder und spendeten sich selber die heilige Kommunion. Nie sind die Polen ide bei einer solchen heiligen Handlung in diesen modernen Katakomben er- in 4 wischt worden. nd Von 1941 bis 1943 stellten die SS-Wächter im Polenpriesterblock aus-= a A gesucht glaubensfeindliches Personal an. Gottesdienst innerhalb des Blocks kam daher nicht in Frage. Nach dem Fall von Stalingrad wurden aber die e Block- und Stubenältesten durch Polenpriester ersetzt. Jetzt zelebrierte in Jet jeder Stube ein Geistlicher morgens vor dem Appell ohne Meßgewand und = ohne Kerzen. Auch polnische Laien wohnten den Gottesdiensten bei. Msgr. gie Piquet zelebrierte im Polenblock seine erste hl. Messe geheim, nur mit der Stola angetan. Der Heiland feierte bei den eucharistischen Weltkongressen in der goldenen Monstranz zum Jubel des katholischen Volkes herrliche Triumphe. Aber so oft Geistliche und Laien in Dachau schlicht mit den hl. Hostien in einem Stück Papier durch die Lagerstraße schritten, war die Verherrlichung Christi ergreifender und die Freude der armen Häftlinge inniger als die der Pilger bei gewaltigen eucharistischen Kundgebungen. Ein französischer Com- mandant d’Etat Major erinnerte uns einst an das große Wort Pascals:- „L’homme n’est grand qu’& genoux devant Dieu.“„Der Mensch ist nur groß auf den Knien vor Gott.“ Ja, viele Kameraden fühlten in Dachau, daß der Mensch sich nur stark fühlen kann, wenn er vor Gott auf den Knien liegt. (Aus„Zeugen des Abendlandes“ von Pf. Goldschmitt, S. 50): Gottes Gebot geht über SS-Anordnung Die geistlichen Häftlinge nützten auch jede Gelegenheit, um den Laien- Kameraden Seelsorge angedeihen zu lassen. Freilich mußten sie dabei vor- sichtig sein, da, wie schon gesagt, einerseits jede Seelsorge verboten war, andererseits auch immer die Gefahr des Verrates bestand. Ich mußte dies ja selbst erfahren. Ein ehemaliger Minister Italiens war in den Bunker gekommen. Noch am Morgen nach seiner Ankunft bat er mich bei einer kurzen Begegnung still um die Generalabsolution und nach ein paar Tagen um die Abnahme der Beichte. Als der Gang des Gefängnisses leer war, schlich ich mich in seine Zelle und erfüllte seinen Wunsch. Nach Schluß der Beichte kam aber der Hausl des Gefängnisses, ein Bibelforscher, in die Zelle. In der Ahnung, was geschehen sei, verriet er mich— trotz all der Wohltaten, die ich ihm schon im Laufe der Mitgefangenschaft erwiesen hatte. Der Haß gegen die Beichte war größer als die Dankbarkeit für Wohltaten. Zur Strafe durfte ich dann eine Woche lang nicht mehr an die Luft. Den Priestern im Hauptlager war am meisten Gelegenheit zur seelsorg- lichen Tätigkeit im Revier gegeben, dies um so mehr, als vom Jahre 1943 ab Geistliche dort als Krankenpfleger tätig waren. „Selbstverständlich kümmerten sie sich auch um die unsterblichen Seelen jener Häftlinge, die geistlichen Beistand erbaten. Als zweimal der Typhus ausbrach, mel- deten sich viele Priester freiwillig als Krankenpfleger in die Seuchenlazarette. Vier Kollegen starben dort an Ansteckung. Der bereits genannte pfälzische Pfarrer Fritz Seitz wat schon 1943 als Portier am Tor des Spitals angestellt. Frühmorgens schlich er zur Kapelle, nahm heilige Hostien aus dem Tabernakel, versteckte sie im, Zipfel seiner Unterkleider und brachte sie den Sterbenden. Als die Pfarrer später restlos aus dem Spital vertrieben wurden, schlichen sich einzelne Priester trotzdem mit Hilfe katholischer Häftlingsärzte immer 56 I- wieder zu-den Kranken. War dies nicht möglich, dann gaben wir die heilige Kom- munion Laienkrankenpflegern, dem Personal oder den Ärzten. Die heiligen Gestalten wurden den Kranken übergeben, und sie kommunizierten selbst. Unser lothringischer Landsmann Lucien Untereiner aus Metz und viele andere Laien spendeten Kran- ken und Gesunden die heilige Kommunion. Einen besonders heiligen Eifer zeigte auch unser heutiger Armeeminister Edmond Michelet. So brachte er oft dem kranken Bischof Msgr. Piguet die heilige Hostie ins Spital und wirkte auch in andern Fällen als Tarzisius. Ein kranker Kamerad riß aus dem Fenster des Waschraumes ein kleines Stück Glas unten an der Ecke heraus. Ich selbst schlich mich oft vorsichtig heran und reichte ihm durch diese Offnung für Sterbende und Gesunde die heiligen Hostien in einem Zigarettenetui. Jesuitenpater Pereira veröffentlichte im Paulinusblatt im Jahre 1945 einen Artikel mit dem Titel: ‚Christus in Dachau.‘ Er schreibt unter anderem: ‚Die Priester hatten sich im Revier als Pfleger oder Hausl anstellen lassen, ver- richteten dort-die schmutzigsten und niedrigsten Dienste, um den Sterbenden nahe sein zu können. Heiliges Ol und jeweils die heiligen Hostien ließen sie sich von Kameraden des Blocks Nr. 26 ins Revier bringen, natürlich nicht offiziell, sondern im geheimen, und hier muß ich in rühmender Weise besonders die polnischen und französischen Priester erwähnen, die in opfervoller Liebe oft bis zur Hingabe ihres eigenen Lebens für ihre Landsleute sorgten. Ebenso viele von uns deutschen Priestern. Da ist auch mancher Laie ein Tarzisius gewesen, der den Kranken die heilige Kom- munion überbrachte, wenn es unmöglich war, in die eine oder andere Stube einen Priester hinzuschicken. Und Hunderte sind hier eines seligen Todes gestorben.. Wir Geistlichen hörten auch die Beichte der gesunden Kameraden, die darum baten, und reichten ihnen die heilige Kommunion in einem Papier, in einem weißen Tuch oder in einem Etui. Die Priester teilten auch auf dem Appellplatz oftmals in der Dunkelheit die heilige Kommunion aus, während die SS-Leute die anderen Blöcke abzählten.“(Goldschmitt, wie oben.) 8. Licht im Dunkeln Gemeinsames Leid versöhnt und verbindet Viel Trauriges und Schauriges mußte schon aus dem KZ Dachau berichtet werden. Aber auch dort„leuchtete mancherlei Lichtlein in der Finsternis“, gab es mancherlei Tröstendes und Erhebendes, wurden viele Gegensätze über- brückt, viel Helfergeist geweckt, ja manche ehrliche und treue Freundschaft geschlossen. Wie schön ist das Zeugnis, das z.B. Pfarrer Goldschmitt einem Kommu- nisten ausstellt: „Unser Stubenältester Willy Bader regierte in den Stuben drei und vier wie ein guter Papa. Der kurzgewachsene, breitschultrige Mann mit den ab- DA gehärmten, blassen Gesichtszügen schaute ernst und kummervoll drein. Willy hatte das frohe Lachen ganz verlernt. Kein Wunder! Wir Neuangekomme- nen schauten mit Ehrfurcht, ja mit einem gewissen Grauen auf seine Häft- lingsnummer, die niedrigste, die mir unter das Auge kam, Nr. 9. Der brave Willy schmachtete schon seit 1933 hinter dem Stacheldraht von Dachau. Der arme Tropf mußte Grausiges miterlebt haben, so menschenscheu und wort- karg war er geworden. Trotz unserer politischen und religiösen Gegensätze verband mich mit diesem Kommunisten fast 30 Monate lang echte, aufrichtige Freundschaft. Nie entschlüpfte ihm ein hartes Wort, nie tat er einem Leidens- genossen weh, immer reichte er jedem, wo es nur ging, eine hilfreiche Hand. Wenn wir in Dachau nur Blockpersonal und Capos wie Willy Bader gehabt hätten, wären Tausende Kameraden am Leben geblieben. Willy Bader ging in seiner Herzensgüte sogar so weit, daß er, trotz Androhung schwerster Strafen, uns Geistlichen half, den Sterbenden die heiligen Sakramente zu spenden. Leider ist dieser kreuzbrave Mann vor der Befreiung gestorben.“ Joos(„Leben auf Widerruf“) widmet diesem Kommunisten folgenden Nachruf:„Der interessanteste unter den kommunistischen Häftlingen war wohl Willi Bader, der 1943/44 Ältester vom Zugangsblock war, ein Trans- portarbeiter von Ludwigsburg. Er konnte von sich sagen, über seinem roten Winkel eine der ältesten Nummern des Lagers Dachau zu tragen, nämlich Nr. 9. Dieser Mann war die Gerechtigkeit und Gewissenhaftigkeit selber. Von ihm wird der Ausspruch berichtet: ‚Ich frage mich jeden Abend, ob ich einem Kameraden in der Stube heute Unrecht getan.‘ Er starb im März 1945 an Hungertyphus. Die Kameraden legten ihm die ersten Frühlingsblumen auf den Totenschrein, in dem ihn die von der Totenkammer aufgebahrt hat- ten. Und es gab sehr, schr viele, nicht zuletzt Priester, die um ihn trauerten.“ Unser Stubenältester Kopp war Rechtsanwalt in Frankfurt am Main. Ein mittelgroßer Mann in den vierziger Jahren, korpulent, mit intelligentem Blick, flottem, autoritätsgebietendem Auftreten und gewinnendem Gesichts- ausdruck. Gegen alle Leidensgenossen blieb er stets höflich. Nur jene, die Kameradschaftsdiebstahl betrieben, spürten seine harte Hand. Im dienst- lichen Verkehr mit der SS spielte Kopp den schlauen Diplomaten. So hielt dieser taktvolle Rechtsanwalt seine Stube in mustergültiger Ordnung und be- saß dabei die Anhänglichkeit aller anständigen Mithäftlinge. Wo nur zu hel- fen war, sprang er ein. Täglich plauderte ich viele Stunden lang mit ihm. Als gläubiger Katholik schloß er sich gerne uns Geistlichen an, ohne der Über- zeugung anderer Leidensgenossen nahezutreten. Kopp hat es glänzend ver- standen, manche tieftraurige Stunden unseres vierwöchigen, leidensreichen 58 h E B 2. Sat wre z Aufenthaltes im Sperrblock Nr. 15 aufzuhellen. Er wurde im Laufe des Jahres 1943 zur Wehrmacht entlassen. Auch unser Blocksekretär, ein Tscheche, Lehrer von Beruf, blieb uns Neu- lingen ein herzensguter Nothelfer. In noch besserer Erinnerung steht uns Kamerad Schremmer, unser Kan- tineur, der als Lehrer zugleich unsere sogenannte Umschulung zu leiten hatte. Dieser schlanke Mann, mit einem bleichen Gesicht und freundlichen Augen, war nicht aus der Ruhe zu bringen. Hunderterlei Fragen wurden ihm täglich gestellt. Jeder wollte gerne wissen, wie es im Lager zugehe, welche Arbeit man bekomme, ob Dachau so schlimm sei, wie man uns erzähle usw. Eine freundliche Antwort blieb nie aus. Wenn man sich Alarmberichte über gute oder schlimme neue Maßnahmen von Ohr zu Ohr tuschelte, verzog Schremmer kaum das Gesicht und meinte stets recht trocken:„Kinder, laßt euch nicht aufregen! Glaubt nichts! Das sind lauter Latrinenparolen!“ Unser Kantineur und Lehrer gehörte den hochgebildeten Kreisen an; er leitete als Direktor den Münchener Theatinerverlag und war wegen seiner katholischen und königs- treuen Gesinnung hinter den Stacheldraht gekommen. Auch Schremmer brachte den kranken Kameraden im geheimen das heilige Abendmahl. Neben diesen Kameraden, die zum Personal gehörten, hatte ich auch bald gute Freunde unter den Neuankömmlingen. Der 69jährige Geistliche Cor- donnier, ein Belgier, war mir besonders lieb. Dieser noch rüstige, stark ge- baute Priestergreis hatte schon einige Monate in verschiedenen Gefängnissen zugebracht. Viele Hungergeschwüre plagten ihn. Bei der Ankunft in Dachau wurde er von der SS aus dem Autobus hinausgeworfen. Cordonnier hatte sich das Nasenbein gebrochen. Der kurzsichtige Mann verlor dazu seine Brille und konnte jetzt nicht mehr lesen, was ihm ungemein leid tat. Auch war sein ganzes Antlitz durch Wunden entstellt. Dieser feinfühlige frühere Seminar- professor von Liege brachte sein Talent als Lehrer mit ins Dachauer Lager. Wie oft trat er aufklärend, vermittelnd und auch zurechtweisend auf! Unter den Kameraden wimmelte es von vielem Gesindel mit grünen und schwar- zen Winkeln, demnach Arbeitsscheuen, Trunkenbolden, ja Verbrechern. Da hetzte der eine gegen die Pfarrer, ein anderer riß unsaubere Witze, ein drit- ter stahl den Kameraden Brot, Seife usw. Wir hatten unter uns bärbeißige Grobiane, großmäulige Schwätzer, klatschsüchtige Besserwisser, Krakeeler aller Art. Cordonnier, der einigermaßen gut deutsch sprach, suchte besonders in Abwesenheit des Stubenältesten Kopp zwischen den Streithähnen zu ver- "mitteln. Besonders mutvoll und energisch trat er gegen die Pfaffenfresser und Religionsspötter auf und brachte sie nicht selten zum Schweigen“(S. 69 ff.). 59 Ähnliche Beispiele von Kameradschaftsgeist und Hilfsbereitschaft, Hochherzigkeit und Großmut weiß auch Michelet(„Die Straße der Freiheit“, S. 203 ff.) zu berichten: Ein Arzt opfert sich Von Dr. Marsault sagt Michelet, daß er geradezu eine legendäre Figur ım KZ wurde. Jedermann wußte ja, daß er sozusagen freiwillig nach Dachau gekommen war. Marsault hatte schon längere Zeit das Lazarett des Lagers von Compitgne geleitet. Eines Tages hatte er sich dem Abtransport eines Kranken widersetzt, den er für nicht transportabel hielt. Da fuhr ihn der SS-Mann an:„Gut, dann gehst du an seiner Stelle.“ Und Marsault ging— ins KZ Dachau und widmete auch da seine Dienste in hingebendster Weise den Kranken.(Marsault ist der jetzige Präsident des„Internationalen Dachau-Komitees“.) Großmütiger Verzicht Unter den französischen Gefangenen war auch der ehemalige Deputierte von Caen, Camill Blaisot. Er litt schwer unter der Kälte des Winters 1944/45; so war es sein heißer Wunsch, eine warme Unterkleidung zu bekommen. Seine Freunde bemühten sich, für ihn einen Pullover zu„organisieren“. Nach mancherlei Mißerfolgen gelang es. Triumphierend brachten sie den Pullover zu Blaisot. Und Blaisot war ganz außer sich vor Freude, als er das lang Er- sehnte sah. Aber, da er um sich blickte und von den Gesichtern mancher Ka- meraden Traurigkeit, ja Neid ablesen konnte, sprach er:„Gebt ihn lieber dem da! Er ist 72 Jahre alt, ich bloß 68.“ Hingebend bis zum Tode zeigten sich da die Hilfspfleger der Blöcke. Sie, von denen man bisher oft nur geringschätzig geredet hatte, mühten sich um die Kranken ohne Medi- kamente, ohne die geringsten Hilfsmittel, ohne Möglichkeit für eigene Schutz- maßnahmen. Sie nahmen die Kranken auf ihre Arme, halfen ihnen, sich um- zudrehen, unermüdlich, ja waghalsig bis zur Unklugheit. 13 von ihnen wur- den selbst in wenigen Tagen dahingerafft. 60 Dienst an Sterbenden und Toten Bescheiden erzählt Micheler von sich selbst: „Ich war einige Tage Nachtpfleger im Revier. Das war keine üble Arbeit, verglichen mit vielen anderen geradezu beneidenswert. Natürlich durfte man die Augen nicht zum Träumen schließen, sondern mußte immer bereit sein, den Rufen von Kranken zu folgen, die da seufzten: ‚Wasser!‘, oder mußte andere wieder zurechtrichten, die sich verunreinigt. hatten, auch den Stroh- sack wieder saubermachen; schließlich waren die Leichname mit einer Etikette zu versehen(ein Karton mit der Häftlingsnummer wurde an die große Zehe gebunden) und in die Leichenkammer zu bringen. Das war eine Arbeit bis zur Erschöpfung, zumal die Zahl der Toten im Tag bis zu 10, ja 12 bis 15 stieg. Jedesmal mußte man den Toten durch die Gänge bis zu einem Abstell- raum tragen, in dem noch irgendwie Platz war. Dabei muße der Leichnam oft hoch auf einen Haufen von Leichen gehoben werden und fiel er manchmal wieder herunter...“(S. 225). Der Erzkommunist täglich bei der heiligen Messe— für den Freund Im Dienst der Typhuskranken war Michelet selbst von der lebensgefähr- lichen Krankheit ergriffen,worden. Vor der Türe des Kapellenblockes lag er bewußtlos im Schnee. Freunde trugen ihn auf ihren Schultern ins Revier. Unter seinen fürsorglichen Pflegern war auch der Vollkommunist Auboiroux, mit dem Micheler wochenlang täglich zweimal alle Türklinken des Lagers mit Kresyl zur Desinfizierung bestrichen hatte. Als nach schweren Wochen die Krisis vorüber war und Michelet wieder zu Bewußtsein kam, fragte ihn Auboiroux, ob er ihm nicht einen Gefallen tun könne. Michelet wußte nichts Besonderes; er war noch ziemlich apathisch. Da sagte Auboiroux:„Ja, ich weiß schon, was dich quält. Daß du nicht mehr jeden Morgen zur Kapelle gehen kannst. Gut! Ich werde das an deiner Stelle tun, bis du selbst wieder gehen kannst.“ Und so kam es, daß die Geistlichen des Blockes 26 in den folgenden Tagen die Überraschung erlebten, Auboiroux, den wohlbekannten französischen Kommunisten vom Desinfektionskom- mando, Freundschaftswache vor dem Tabernakel halten zu sehen, bekleidet mit seinem kurzen weißen, aber schon mehr gelb gewordenen Mantel, die Taschen gefüllt mit seinen rettenden Holzkohlenstücken, den Eimer Kresyl zu seinen Füßen.(Michelet:„Die Straßen der Freiheit“, S. 203) 61 Freiwillige mitten im Ansteckungsherd Wie Michelet, meldeten sich auch andere Häftlinge freiwillig und todes- mutig zur Pflege an ihren schwerkranken Kameraden, darunter auch 20 katholische Geistliche(je 10 vom Block 26[deutsche] und Block 28[aus- ländische]). Joos widmet seinem Freund Michelet in seinem Buch (S. 156) folgendes Ehrengedenken. „Leben auf Widerruf“ KZ-Priester Dem„Todeskommando“ der Desinfektion stellte sich, der Gefahr voll bewußt, freiwillig zu Diensten Edmond Michelet, der Verfasser des Buches„Rue de la Liberte- Dachau 1943-1945“(Verlag Du Senil, Paris), zur Zeit französischer Justizminister. „Er wollte ein Besonderes für seine Kameraden tun. Nach wenigen Wochen war er so weit— Fleckfieber. Er ist einer der wenigen Fälle geblieben, wo ein an diesem furchtbaren Fieber Erkrankter aus dem tagelangen Traum- und Dämmerzustand wieder zum Leben erwachte. So war es ihm nach baldiger Genesung gegeben, seine hut der einmarschierenden alliierten Truppen zu über- geben. Treu an ihrer Seite ausharrend, trat er erst später mit den Letzten die Heim- reise an. Nicht, ohne vorher, als Unterpfand gegenseitiger Hilfe in zukünftiger Not, die ‚„Amicale des Anciens de Dachau‘ gegründet zu haben.“ kranken Kameraden der Ob 9, Golgatha Noch weiter hinauf auf den Berg des Leidens, so schwer der Gang auch fallen mag! Da erblicken wir Mitmenschen, bei deren Anblick wir unwill- und erschaudernd ausrufen möchten„Ecce homo!“. d waren, aber aus Habsucht, Geltungsdrang und chskaninchen“ herabgewürdigt und mißbraucht, herzlos einem Massensterben überlassen wurden. kürlich mitleidsvoll Menschen, die voll gesun Mordlust gequält und geschunden, zum„Versu Das Revier wird zu einem Ort des Grauens Es berührt merkwürdig, wenn Dr. Sales Heß in seinem Buch„Dachau, eine Welt ohne Gott“(S. 175 ff.) unter drei Orten des Grauens im KZ an erster Stelle das Revier nennt, also gerade das, was wohl eine Stätte leidensvoller Krankheiten ist, aber doch auch immer ein Ort hilfreicher Erbarmung, sotrg- samer Pflege, Schmerzenslinderung und Krankheitsheilung sein sollte. In Dachau aber war das Revier wirklich ein„Ort des Grauens“,„den jeder mied, der nicht von schwerer I cankeit heimgesucht wurde“. 62 a IT PET a a ER ER MY Di A 1oget Goldzähne werden lebensgefährdend Ein Patient, der viel jammerte oder sich nicht allen Weisungen des Pflege- personals fügte— diese verstanden oft herzlich wenig von Medizin und Krankenpflege!—, hatte sehr bald ausgelitten. Er bekam eine Spritze, die alle Schmerzen stillte. Freilich kostete sie das Leben. Aber was galt den SS- Ärzten und auch den Pflegern— die selbst Häftlinge waren— das Leben eines Häftlings. Pfarrer Seitz, der Ende 1942 Pfleger wurde, erzählt in seiner Predigt„Der Wahrheit eine Bresche“(S. 6):„Unter den Krankenpflegern des Reviers waren es vor allem zwei Häftlinge, die wegen ihres Sadismus und ihrer Menschenschlächterei berüchtigt waren. Mit Spritzen haben sie un- zählige Häftlinge ins Jenseits befördert.“ Ein anderer erzählte mir, daß in den Krankenstuben Todesschweigen herrschte, wenn diese beiden mit ihren Spritzenkörbchen am Arm von Bett zu Bett gingen. Wehe dem, der mit Goldzähnen ins Revier eingeliefert wurde! Seine Krankheit war auf jeden Fall schwer und unheilbar. Eine Spritze beschleu- nigte den Tod. SS-Arzt und Pfleger teilten sich in die Beute der goldenen Zähne... Unmenschliche Experimente Die Wissenschaft der Medizin wurde in dieser höllischen Welt auch auf neuartige Weise bereichert. Es ist bestimmt lobenswert, wenn Ärzte aus wissenschaftlichem Interesse Versuche anstellen und ausprobieren, wie dieses und jenes neue Medikament auf den Menschen wirkt. Aber jeder verantwor- tungsbewußte Arzt wird Sorge tragen, daß seine Versuchspersonen keinerlei Schaden erleiden. Diese Rücksicht galt in Dachau nicht. Malaria-Versuche „Ein Arzt, Dr. Klaus Sch.(vom alliierten Gericht zum Tode ver- urteilt), wollte ein Mittel gegen Malaria ausprobieren. Malaria, eine Tropen- krankheit, gab es in Dachau nicht. Er hätte ja in die Tropen reisen können. Wozu aber solche Umstände? Im Konzentrationslager konnte man alles be- quemer machen. Er ließ sich die Fiebermücken aus südlichen Ländern schik- ken, ließ sich zunächst einmal dreihundert Häftlinge anweisen, später miß- brauchte er noch mehr— es sollen weit über tausend gewesen sein—, ließ diese von den Fiebermücken stechen und hatte so seine Patienten. Er machte sich also zuerst seine Kranken, aber gesundmachen konnte er sie nicht. Die mei- rend der ganzen Dauer der Inhaftierung mit Malaria herum, viele wohl heute noch. Eine große sten liefen wäh immer wieder von neuen Anfällen geplagt, Menge Geistlicher war unter ihnen, besonders polnische, aber auch deutsche.“ Phlegmone-Versuche „Ein anderer Arzt wollte ein neues Mittel gegen Phlegmone ausprobieren. Entzündung des Unterhautbindegewebes, gab es viel ewöhnlich mit den herkömmlichen Mitteln im Revier Aber ein Arzt wollte ein Phlegmone, jene eitrige in Dachau. Sie wurde g geheilt, wenn sie nicht zu weit fortgeschritten war. neues biochemisches Heilmittel ausprobieren. Er nahm aber nicht die Phleg- monekranken zu Versuchspersonen, sondern wählte sich 20 gesunde Geist- liche aus. Ich hatte letzthin Gelegenheit, die Originalaufnahmen dieses Ver- suches zu sehen. Eitrige Wunden, so groß wie meine Handfläche, an Füßen, Beinen und Armen! Von den zwanzig Geistlichen starben zwölf bei diesem Versuch. Nur acht kamen nach großen Schmerzen mit dem Leben davon. Einigen von ihnen mußten Arme und Beine amputiert werden. Kein Mensch zog.den Arzt zur Rechenschaft. Es war alles in Ordnung.“ Temperatur-Versuche „Eine ganze Reihe von Versuchen wurden im Dienst der Luftwaffe von Dr. R. angestellt(von der SS selbst Ende April 1945 erschossen). Hochdruck, Niederdruck, hohe Temperaturen, niedere Temperaturen usw. Ein Kamerad, der später auf der Plantage mit mir beschäftigt war, erzählte folgendes: Er mußte einmal in der kalten Jahreszeit eine ganze Nacht bei offenem Fenstern nackt auf einem Tische liegen. Bald fiel er in Ohnmacht, aber sein Herz schlug weiter. Er hielt es aus bis zum Morgen. Wäre sein Herz still gestanden, dann wäre eben ein Häftling weniger gewesen. Weiter nichts. onen wurde die Körpertemperatur künstlich in Bei anderen Versuchspers drückt. Alle zehn Minuten Wasser und Eis bis auf siebundzwanzig Grad ge mußten die Gehilfen die Temperaturen messen und in Kurven aufzeichnen. Die meisten Kurven endigten irgendwo mit einem Kreuzchen, bei dem am Rand die kaltschnäuzige Bemerkung stand:„Bei dieser Temperatur ist das, Versuchsobjekt gestorben.“ Das berichtet P. Karl Schmidt, der diese Kurven photographieren mußte. Hunderte von Menschen büßten bei diesen Versuchen unter allen möglichen Martern das Leben ein.“ „Hippokrates, verhülle dein Haupt!“ möchte man entsetzt ausrufen! 64 > .— re u| Fr 10. Es geht zu Ende mit dem KZ, aber auch mit Tausenden von KZlern Schon 1943/44 war eine Welle von Bauchtyphus über das Lager Dachau ge- kommen und hatte einige Hundert mitgenommen. Aber was war das gegen- über dem Gifthauch, den ein Jahr darauf dieses Ungeheuer aus dem Osten und Balkan im ganzen Lager auf Monate verbreitete! Geben wir wieder das Wort einem, der Augenzeuge all des Leidens und. Sterbens war, dessen Herz blutete, dessen Mund Wahrheit spricht, dem absolut verlässigen Joseph Joos(„Leben auf Widerruf“, S. 152): „Der wahnwitzige Massenzugang vom Balkan her hielt an. In Ost, Süd und West wurden Hals über Kopf Konzentrationslager geräumt. Alles nach Dachau! Wie sollte das enden? Die Blöcke waren über Nacht dreifach, vier- fach und sechsfach überbelegt. Die Massen stauten sich in den Baracken, in dem engen Blocksträßchen. Von Ruhe und Schlaf keine Rede mehr. Und das Ungeziefer raste. An dem Tag, da uns der unglücklich verantwortliche Capo der Lager- desinfektion, Jakob Koch, atemlos zurief:„Kommt und seht! Milliarden von Ungeziefer! Die abgelegten Kleider der Häftlinge, die gekommen sind, bewegen sich!“ Und gedämpft und bedrückt hinterher:„Ich glaube nicht mehr, daß wir es zwingen. Wir gehen alle unter.“_ Da wußten wir genug. Jakob ließ dem Chefarzt keine Ruhe mehr. Meldung über Meldung.„Herr Chefarzt, es geht nicht mehr. Die Quarantäne nützt nichts. Unsere Des- infektionsmittel reichen nicht aus, und die Blöcke sind verlaust. Zuviel Men- schen. Wir können uns nicht mehr rühren.“ Der Chefarzt hörte, und es ge- schah nichts. Tage und Wochen verrinnen. Schon toben Hunderte im Fieber. Bislang kerngesunde, langjährige Dachauer, wertvolles Blockpersonal, ist in wenigen Tagen erledigt. Nun, zu spät, folgen überstürzte, sinnlose Maß- nahmen, die nichts mehr retten, aber Bedrohtes zu raschem Untergang treiben. Was sich ab Ende Dezember 1944, im Januar und Februar 1945 im KZ Dachau abgespielt hat, gehört zu den erschütterndsten Tragödien in der Geschichte aller Konzentrationslager. Hier das Zeugnis von Überlebenden vom Block der Alten und Invaliden, im besonderen von dem 31 Jahre alten Kriegsinvaliden Paul Ferrier, der Juni 1945 noch unter dem frischen Ein- druck der furchtbaren Erlebnisse schrieb: »Wir waren voller Läuse und Flöhe. Viele hatten keine Matratze mehr und lagen nackt auf den Brettern. Da sie nicht mehr aufstehen konnten, wur- den alle Bedürfnisse am Orte verrichtet. Von den oberen Betten fiel der 65 Schmutz auf die unteren. War einer zu sehr beschmutzt, so wurde er auf Ver- langen der Kameraden in den Waschraum gezerrt, mit groben Bürsten ab- gescheuert und wieder auf die Bretter geworfen. So ist Camille, der Con- trolleur gendral de l’armee, bald darnach verstorben. Der Fischer Schulz Michel, 44 Jahre alt, blieb drei Wochen ohne jedewede Pflege nackt auf den Brettern. Totgeglaubt, warf man ihn auf den Leichenhaufen. Unter Auf- bietung letzter Willenskraft gelang es ihm, sein Bett wieder zu erreichen. Am 5. Januar 1945 mußten wir vom Bad zum Block zurückgehen(zirka 400 m), bei strenger Kälte, nur mit kurzer Unterhose und einem dünnen Hemd be- kleidet. Manche von uns brachen unterwegs zusammen und starben(Davier von Nantes). Wir blieben drei Tage ohne Kleider und ohne Decken. Als diese von der Desinfektion zurückkamen, waren sie noch voller Ungeziefer. An- läßlich dieser Desinfektion erhielt Cherpittel von Belfort, 63 Jahre alt, vom Blockältesten Zepp(wahrscheinlich Sepp, d. V.) heftige Stockschläge auf den Kopf und starb einige Stunden danach. Die Desinfektion vom 25. Januar 1945: Um 6 Uhr morgens mußten wir zum Bad. Wer nicht gehen konnte, wurde-nackt oder halbnackt auf eine Karre geworfen. Es war sehr kalt. Viele von uns hatten 40 Grad Fieber. Wer nicht schnell genug vorankam, erhielt Stockschläge vom Blockältesten. Wem es im Bad nicht gelang, gleich zur Dusche zu kommen, wurde über den Zementboden geschleift und in einen Wasserbehälter getaucht. Die Häftlinge de Maudhuy und Durfour ertranken. Auch der Capo vom Bad beteiligte sich an den Mißhandlungen der Kranken. An diesem einen Tag starben 74 Kame- raden von 350 unserer Stube. Die Rückkehr zum Block erfolgte abends acht Uhr, barfuß; viele waren ohne Kleider. Wir waren also 14 Stunden im Bad festgehalten, ohne Speise und Trank. In den folgenden Tagen erhöhte sich die Zahl der Toten ganz erheblich. Die Leichen, mit einem Erkennungszettel am Fuß(einem Karton, auf den die Gefangenennummer geschrieben war), hat man zu je zehn aufgeschichtet, im Waschraum und längs der Baracke. Von da gings zum Krematorium, nachdem Goldzähne und Plomben ent- fernt worden waren. Dieses Leben auf dem Block 30, insbesondere auf Zim- mer 3 und 4, dauerte an, bis die Alliierten kamen. Auf Block 30 waren der Blockälteste, der Stubenälteste und die Torwächter stets mit Stöcken be- waffnet. Ohne die Roheiten und mit etwas mehr Menschlichkeit wären sicher manche unserer Kameraden noch am Leben.“ „Wandelnde Leichen“ „Wir schreiben Samstag, den 28. April 1945. Eine lange Prozession von Neuankömmlingen zieht durch das Tor. Es sind meist wandelnde Leichen. 66 tul tu hen. kr ie Here Einige brechen tot zusammen. Das politische Büro teilt keine Nummern mehr aus, ersieht aber aus den Begleitpapieren, daß es 116 meist schwerkranke Frauen aus Leipzig und 5628 Männer aus sieben anderen Lagern sind. Oben- drein stehen auf dem toten Geleise des Lagers noch 15 bis 20 Waggons, in denen jetzt 2600 Leichen liegen. Es handelt sich meist um Kameraden aus Flossenbürg und Buchenwald, die in den Abteilen vom Hunger dahingeraftt wurden. Das Bestattungskommando transportierte die Leichen zum Krema- torium. Bis gegen Mitternacht dauert die grausige Arbeit. Berge von Toten türmen sich noch am Lagerbahnhof, am Krematorium und auf der Block- straße der Revierbaracke auf. Ich besitze viele photographische Aufnahmen von diesen Bildern des Grauens.“(Goldschmitt:„Zeugen des Abendlandes“, S. 158.) Und das am Vortag der Befreiung! Die letzten Schreckenstage! Am 27.,28. und 29 April 1945 erlebte man im Lager eine große Aufregung deshalb, weil die Schüsse der Artillerie, dann auch die von Maschinengewehren immer näher kamen. Größere Hoffnung gaben in diesen Tagen der Un- gewißheit und des Erwartens die sehr tief über dem Lager fliegenden Flug- zeuge der Amerikaner, welche die Zufahrtsstraßen und andere kriegswichtige Objekte vernichteten. Am 29. April 1945 ging die Kunde durch das Lager, daß auf Befehl Himm- lers das ganze Lager samt Insassen in der Nacht vernichtet werden sollte. Diese Nachricht brachte die Gefangenen fast zum Wahnsinn. Es kam jedoch nicht zur Verwirklichung dieses Planes; der frühere Lagerkommandant Weiß, damals Inspektor aller Konzentrationslager, verhinderte die Ausführung dieses Befehls. Das Tor öffnet sich zur Freiheit: 29. April 1945 Und zur ungeheuren Freude des ganzen Lagers trat die Befreiung durch die amerikanischen Soldaten ein. Vorher hängten die einzelnen Wachtürme der Reihe nach weiße Kapi- tulationstücher aus. Der Kommandant der Wachabteilung verlangte vom Schreibstubenführer des Lagers den Tagesrapport und bereitete die Kapi- tulation und die formelle Übergabe des Lagers in die Hände des näher- tückenden amerikanischen Heeres vor. Die Einnahme des Gebietes, auf welchem das Lager Dachau sich befand, war von den amerikanischen Soldaten zu dieser Zeit noch gar nicht vor- 67 gesehen gewesen. Ein Vortrupp einer kleinen Gruppe stieß auf das Abstell- gleis der Eisenbahn in der Nähe des Lagers und fand dort eine Menge von Leichen in den Waggons. Ohne sich näher zu orientieren, stieß er weiter vor, und da er keinen Widerstand fand, sah er sich plötzlich im Lager. Die Wach- posten auf einem Wachturm, die sich nicht ergeben wollten, wurden liquidiert. Nach Einzug des kleinen amerikanischen Vortrupps beherrschte die Ge- fangenen eine ungeheure Freude. Alle gingen auf den in furchtbarer Erinne- rung haftenden Appellplatz und dankten den Befreiern. Alsbald zeigten sich auf den Wohnbaracken sowie auf den bisherigen Verwaltungsgebäuden Fahnen verschiedener Länder. Auf der Priesterbaracke weht die päpstliche Fahne. In der Kapelle singt man das Tedeum. Ein Altar wird außerhalb des Priesterblocks aufgebaut; öffentlich wird eine hl. Messe zelebriert. In der Nacht errichten Kameraden auf dem Appellplatz ein hohes Kreuz. Tags darauf wird ein hl. Meßopfer für alle Verstorbenen dargebracht. Und dann alsbald ein großes Abschiednehmen zur Rückkehr in Freiheit und Heimat, zu Familie und Beruf. 11. Dachaus geschichtliche Sendung Diesem Gedanken: widmet Dr. Sales Hess das letzte Kapitel seines Buches, „Dachau, eine Welt ohne Gott”, und darin sagt er(S. 254 ff.): „Die Konzentrationslager waren eine Welt ohne Gott, mehr noch: eine Welt wider Gott. Jede religiöse Betätigung der Insassen.war. verboten, ver- boten jeder religiöse Gegenstand, verboten sogar jedes gemurmelte Gebet, wie ich schon zeigte. Nicht einmal der Sterbende durfte mit dem Troste der Sakra- mente versehen werden. Alles Religiöse wurde verlacht und verspottet. Nur mit Rücksicht auf außenpolitische Faktoren war uns Geistlichen eine Aus- nahme gewährt. Im Falle eines Sieges wären auch diese Ausnahmen wieder aufgehoben worden. Die SS-Leute hielten sich gebunden, nicht einmal an Menschenseele, auch in die Scele des Heiden, gelegt hat. Es gab keine Wahrhaftigkeit. Ich erinnere an das Kapitel den Häftlingen gegenüber an kein Gebot Gottes das natürliche Sittengesetz, das Gott in jede „Schwindel im Lager“. Es gab keine Gerechtigkeit. Der Häftling war rechtlos, wie der Lagerführer uns öffentlich schon in den ersten Tagen erklärte. Er hatte kein Recht auf Eigentum und auf persönliche Freiheit. 68 165, Er hatte kein Recht auf Nahrung. Wie viele Tausende sind buchstäblich verhungert zu einer Zeit, wo in Deutschland niemand zu hungern brauchte! Er hatte kein Recht auf Wohnung. Sechs bis acht Häftlinge mußten in den Invalidenbaracken in zwei Betten schlafen. Der ganze Barackenraum war bis auf schmalste Gänge mit Bettstellen gefüllt. Auf so engem Raume mußten Tausende Tag und Nacht zusammen hausen. In anderen Lagern, z.B. in Kaufering, gab es nicht einmal Bettstellen, nur Holzwolle oder Streu auf dem Boden von Erdlöchern. Der Häftling hatte kein Recht auf Kleidung. Jener Transport der Geist- lichen aus dem Warthegau erhielt im kältesten Winter keine Mützen, teil- weise auch keine Wäsche. Wenn tatsächlich Nahrung, Kleidung und Wohnung gewährt wurden, so war das, wie uns oft versichert wurde, eine„Güte“ der Lagerleitung, aber ein Recht auf diese Dinge hatte keiner. Niemand hatte ein Recht auf Freude, Spiel oder Unterhaltung. Nicht die unschuldigsten Freuden wurden gestattet, z.B. Fotos von den Angehörigen zu besitzen. Niemand hatte ein Recht auf gerechte Behandlung. Lagerstrafen wurden stets erteilt ohne Verhör des„gemeldeten“ Häftlings, auch wenn diese„Mel- dung“ von seiten des Blockpersonals, die selbst Häftlinge waren, erstattet wurde.„Eine Möglichkeit, sich zu beschweren, gibt es nicht“, erklärte uns der Lagerführer. Kein Häftling hatte ein Recht auf Gesundheit. Jeder, der bestimmt wurde, mußte sich als Versuchskaninchen hergeben(Malaria, Phleg- mone, Luftwaffenversuche). In Dachau selber gab es nur zwei Versuchs- abteilungen, in Buchenwald bestanden deren zehn, wie mir Dr. Kogon er- zählte. Kein Häftling hatte ein Recht auf sein Leben. Das Konzentrationslager bedeutete Todesurteil mit unbestimmtem Termin und unbestimmter Todesart. Dieses Todesurteil wurde für die nichtigsten Kleinigkeiten vom Reichssicher- heitshauptamt ausgesprochen. Ein Beweis für diese Auffassung seitens Himm- lers sind die Revierversuche, die unbedingt mit Tod ausgehen mußten, z.B. ‚der Versuch: Wieviel Untertemperatur kann ein Mensch ertragen, bis er stirbt? Himmler selbst wohnte solchen Versuchen bei. Es gab kein Mitleid, keine Barmherzigkeit mit Kranken und Schwachen. Verhungerte Menschen, denen das Todeszeichen auf der Stirne brannte, wur- den noch einen Tag vor ihrem Tode, obwohl sie nicht mehr frei stehen konn- ten, zum Revier mit Fußtritten hinausbefördert. Das Revier war ein Ort des Grauens. 69 E strafe, das„Baumhängen“, an die Stehbunker, an die sadistischen Todesarten, Kollektivstrafen usw. Das sind einige Grundsätze aus der Welt ohne Gott. Sie zeigen mit kras- sester Deutlichkeit, wie weit die Menschheit kommt, wenn sie nicht mehr an den Herrgott glaubt. Darin, behaupte ich, dürfen wir die historische Bedeutung„Dachaus“, des ganzen Systems der Konzentrationslager sehen. 12. Ein würdiges Denkmal Zum ehrenden Andenken der KZ-Opfer, zur Sühne für die KZ-Verbrechen, zur Belehrung und Warnung aller KZ-Besucher, zum Frieden der Klassen und Rassen, zur Ehrenrettung unseres Volkes. zur Gemeinschaft der Völker. Schon Ende Juli 1945, also schon zwei Monate nach Kriegsende, wollte Kardinal Dr. Michael Faulhaber den Opfern des KZ Dachau ein Denkmal und für die dort verübten Ver- brechen eine Sühnemal errichten. Er schrieb diesbezüglich einen Brief an den damaligen Oberkommandieren- den der alliierten Streitkräfte in Europa, General Dwight Eisenhower. Die alsbaldige Belegung des Lagers mit ehemals führenden Nazis, SS- Leuten usw. führte dann mit deren eigener Mitarbeit und durch besondere Initiative von H. H. Kurat Leonhard Roth zum Bau einer Notkirche noch im Jahre 1945(später auch einer evangelischen Kirche). Das Internationale Komitee ehem. Dachauer Konzentrationslagerhäftlinge, genannt„Comit& International de Dachau“ mit dem Sitz in Brüssel, faßte den Beschluß, auf dem ehemaligen Appellplatz des Lagers ein Ehrendenkmal zu errichten und ließ zu diesem Zweck einen internationalen Wettbewerb für Architekten ausschreiben, konnte aber noch nicht zu einer endgültigen Entscheidung kommen. Inzwischen bemühten sich verschiedene Kreise und Personen, im beson- deren H. H. Kurat Leonhard Roth, dieser Stätte so vielen Leidens und harten 70 Statt Mitleid herrschte bestialische Grausamkeit. Man denke an die Prügel- 1- te al Sterbens ein religiöses Denkmal zu geben, sie so von der vielfach beklagten „Karnevals-Atmosphäre“(„Melbourne Herold“ vom 31. 3. 1960) zu be- freien und aus dem„Treffpunkt von Touristen“ einen Ort der Stille und Besinnlichkeit, des Gebets und der Sühne zu machen. Des öftern wurde diese Anregung auch an mich herangebracht. Ich be- fürwortete sie zwar sehr, suchte auch andere dafür zu gewinnen, glaubte aber wegen meiner sonstigen vielerlei Aufgaben die Inıtiative zur Durchführung dieser Sache besser andern überlassen zu müssen. Da geschah am 20. Jahrestag des Kriegsbeginns, am 1. September 1959, etwas Außerordentliches, das mich zur Tat, zur eiligen Tat zwang. Da kam der weltbekannte Group Captain L. Cheshire mit ca. 30 Priestern und Laien Englands ins ehemalige Konzentrationslager Dachau, um dort in nächtlicher Anbetung Sühne zu leisten für all die Frevel, die hier und vieler- orts gegen Menschlichkeit, Freiheit, Recht, Gesundheit und Leben begangen worden waren. Die weitgereiste und vieltätige Gattin dieses Mannes war es, die mir beim Empfang der Pilgergruppe sagte:„Wir sind schwer enttäuscht vom gegen- wärtigen Zustand des KZ Dachau. Ich bin schon in allen ehemaligen Kon- zentrationslagern Deutschlands und Österreichs gewesen, aber keines fand ich in einem so beklagenswerten Zustand wie jenes von Dachau, so ohne Ehr- furcht vor Not und Tod, so ohne warnende Erinnerung an die Entrechtung und Entwürdigung, Freiheitsberaubung und Versklavung von Hundert- tausenden! Kein Denkmal mitleidsvollen Gedenkens an die Opfer der gott- losen Gewalttätigkeit!“ Ich nannte zwar mancherlei Gründe, welche die guten Absichten und Ver- suche von Behörden nicht zur Verwirklichung kommen ließen, aber ich konnte selbstverständlich der bitteren Kritik nicht alle Berechtigung absprechen. Um so mehr mußte ich mich daraufhin immer wieder fragen:„Wie wird die Kritik erst recht nächstes Jahr in aller Welt einsetzen, wenn aus Anlaß des Eucharistischen Weltkongresses Zehntausende aus allen Ländern in das so nahe Dachau kommen? Es muß bis dahin etwas Positives und Sichtbares geschehen, muß wenigstens ein Anfang gemacht werden.“ So begann ich denn mit allen zuständigen Behörden, mit der Inter- nationalen KZ-Vereinigung Dachau, mit der KZ-Priestergemeinschaft Dachau, mit Architekten usw. zu verhandeln, um noch bis zum Kongreß ein würdiges, religiöses Mahn- und Sühnedenkmal zu schaffen. Sodann suchte ich mir Mitarbeiter und schloß sie zu einem„Kuratorium für Sühnemal KZ 71 Dachau“ zusammen, errichtete zur Sammlung von Spenden ein eigenes Post- scheckkonto„Sühnemal KZ Dachau“, Postscheckamt München Nr. 200 00, suchte einen geeigneten Architekten und fand ihn in Architekt Professor Wie- demann von der Technischen Hochschule München. Er fertigte in kurzer Zeit einen künstlerisch wie gedanklich ansprechenden, allseits bestens begutachte- ten Plan für eine turmartige, aus Natursteinen zu erstellende Kapelle am Ende der ca. 300 m langen Lagerstraße. Eminenz Kardinal Dr. Josef Wendel be- stimmte als Titel dieser Kapelle„Todesangst Christi“, ein Hinweis auf die Todesangst, unter der in diesem Lager Zehntausende von Insassen jahrelang Tag und Nacht litten. Am Freitag der Kongreßwoche(5. August), der in besonderer Weise dem Kreuzesgedanken gewidmet sein wird, soll nach der vormittägigen Grund- steinlegung der Kreuzeskirche vor dem Lager(Dachau-Ost) mittags mit Sonderzügen, Omnibussen und zu Fuß die große„Wallfahrt nach Dachau“ sein und in einer eineinhalbstündigen Feier ebenso des Leidens Christi wie seiner Getreuen gedacht und die Kapelle geweiht werden. 3000 Jungmänner werden zu Fuß von München nach Dachau pilgern, betend und singend, ein Jahrhunderte altes, schweres Kreuz mittragend. Eine schöne Symbolik: Die Jugend will das Zeichen des Väterglaubens wieder dorthin bringen, von wo es durch Gottlosigkeit und Selbstvergötterung ver- bannt wurde. Und für immer will das mächtige, neue Kreuz im Mahn- und Sühnemal vor aller Welt bezeugen, daß Deutschland wieder zurückkehren will zu Christus, zum Heil der Welt! Auf dem wuchtigen Altar unter dem Kreuz wird in echter Buß- und Sühnegesinnung„durch Christus und mit Christus und in Christus“„ein reines, heiliges, makelloses Opfer, das heilige Brot des ewigen Lebens und der Kelch des immerwährenden Heiles dar- gebracht“ und aller gedacht,„die uns hier mit dem Zeichen des Glaubens vor- angegangen sind und im Frieden ruhen“! INN Colour& Grey Control Chart Cyan Green Yellow Red Magenta Grey 1 Grey 2 Grey 3___ Grey4__ Black