Berichte der Uberlebenden Herausgegeben vom Rat der Stadt Dresden: Soziale Fürsorge Kommunale Hilfsstelle: Opfer des faschismus Ole Re dektlon besorgte elne kommlsslon def sertelen des demoktetlsch-entlfteschlstlschen Blocks presse gesetzliche verentwoftung: Else Fröllch, bresden Druck: Dtuckefei det„Volkszeltung“, btes den pres:—,5 0 RM. Ubefschuß zugupsten def Kommunslen Hlfesstelle: „Opfef des faschismus“ — 1 UB GIESSEN e 22 473 840 — Tatsachen klagen an! Ihr müßt es wissen! Wir, die politischen Häftlinge der Konzentrationslager, treten nach zwölf Jahren brutalstem Terror vor euch bin. Wir haben auf diesen Tag gewartet. Wir baben alle Kräfte zusammengerissen. Wir haben uns durchgeschleppt. Und beute werden wir noch einmal Anklage erheben und Rechenschaft fordern. 3 Unsere Toten verpflichten uns. In den Nächten der Verzweiflung, in den Stunden des 6 Schreckens, in denen unser Widerstand zu erlabmen drobte, riß uns diese Verpflichtung wieder hoch. Wir sprechen für unsere Toten! Darum hört uns, ihr müßt es wissen! Die Welle der organisterten Barbarei hat euer Denken und euer Handeln gelähmt. Ihr habt es gewußt, ihr habt es zu⸗ mindest geahnt, daß um euch berum schreckliche Verbrechen ge⸗ schahen. Ihr babt dazu geschwiegen. Warum habt ihr geschwiegen? Ihr versucht jetzt einen großen Abstand zwischen euch und den Mördern zu schaffen. Aber ihr seid mitschuldig. Wir haben in 5 der Zeit unseres Kampfes und unserer Leiden nach Menschen ge⸗ 4 sucht, doch wir fanden nur Untertanen. Ihr habt stramm ge⸗ 4 standen, und in eurem Namen geschahen all die Verbrechen, füt 4 die der menschliche Verstand keinen Maßstab findet. 1 Heute stehen wir mitten in den Trümmern unserer Heimat. f Wir beginnen neu aufzubauen, das Fundament unseres Lebens 8— 22 1 3 ist erschüttert. 1 Unser Kampf geht weiter. Die Befreiung aus den Konzen⸗ . trationslagern ist für uns kein Schlußstrich. Wir haben neue Aufgaben. Wir reichen einander die Bausteine für den Aufbau einer besseren Welt zu. Was aber tut ihr? Wir erwarten von euch, angesichts der Opfer, die gebracht werden mußten, daß ihr offen und klar eure Mitschuld erkennt und daß ihr die einzig mögliche Schlußfolgerung daraus zieht. Wir dürfen in der Kette unserer neuen Aufbauarbeit keine Lücke lassen. Wir werden uns die Steine schneller zureichen und die Spaten tiefer stoßen, um ohne Rücksicht auf unsere Person eine große Schuld aboutragen. Laßt uns einem besseren Leben und einer helleren Zukunft dienen!* 7 ERNVST-LUDWIC CHAMUBRE 1 1 SriFrUNG ZU ICH ch, lee Aufbau des Todeslagers Lublin Nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch deutsche Truppen kam ich, wie viele andere Tschechen auch. zum Zwecke der„Umschulung“ in deutsche Konzentrationslager. Was ich verbrochen hatte? Mein Gott, ich war Tscheche, war das an sich nicht schon Verbrechen genug? Ich war in Auschwitz, in Buchenwald und auch im Konzentrationslager Lublin. Das Konzentrationslager Lublin ist unter dem Namen„Vernich⸗ tungslager Maidanek“ bekannt geworden. Als Ingenieur war ich in der Nähe von Prag in einer Porzellanfabrik als leitender Angestellter tätig gewesen. Ich verfluche noch heute die Stunde, da ich auf Fragen eines höheren SS⸗Führers nach meinen Berufskenntnissen im Lager Buchenwald darüber Auskunft gab. Da ich in der Porzellanbrennerei sehr gut Bescheid wußte, sollte ich nun am Aufbau des Todeslagers Lublin mithelfen. Wie ich zu meinem Entsetzen aus der weiteren Unterhaltung erfuhr, war der SS⸗Offizier, dem ich Rede und Antwort stehen mußte, im Auftrage höherer Stäbe auf einer dienstlichen Besichtigungs⸗ und Informationsreise durch die deutschen Lager unterwegs, um„Fachleute“ für den Aufbau des Konzentrationslagers in Maidanek aufzutreiben. Alle meine Versuche, mich dieses Auftrages zu entziehen, mein bescheide⸗ ner Hinweis auf meinen körperlichen Zustand— ich wog nur noch 50 Kilo⸗ gramm—. nützten nichts.„Wir werden dich schon auffüttern!“ war die Antwort. Ich bekam Räuberzivil verpaßt, in der Sträflingskleidung wollte man mich nicht auf die weite Reise schicken, und unter dem„Schutz“ zweier Gestapo⸗Beamter ging es mit dem D⸗Zug nach Lublin. Es war Anfang Januar 1941. Ich litt außerordentlich stark unter der Kälte, da ich nur eine dünne Sommerhose und ein fadenscheiniges Jackett anhatte. Meine Bitte um wärmende Wäsche und einen Mantel wurde ab⸗ gelehnt.„Fahre nur los, mein Junge“, sagte der Lagerkommandan! mit hämischem Grinsen zu mir,—„da, wo du binkommst, wird dir schon von alleine warm werden!“— Polnische und andere inhaftierte Ingenieure, sowie Gefangene, die unter der Aufsicht der SS arbeiten mußten, lernte ich hier kennen. Wir bekamen Befehl, das Lager zur Aufnahme mehrerer hundert⸗ tausend Menschen herzustellen. Die SS trieb zu einem mörderischen Tempo an. Ich erfuhr, daß hier auf Befehl des Reichsführers SS Himmler die größte Pernichtungsanlage zur Ausrottung der Feinde Deutschlands geschaf⸗ fen werden sollte Es sollte die größte„Todesfabrik Europas“ werden. Wie am laufenden Band strömten täglich unzählige Transporte gefange⸗ ner Russen. Polen und Tschechen ins Lager, auch Angehörige anderer Na⸗ tionen waren zahlreich vertreten. Vorerst wurden Baracken erstellt, die für fünfzigtausend Personen Unter⸗ kunft bieten sollten. Bald vegetierten aber über hunderttausend Gefangene in der Barackenstadt, die an ihrem eigenen Gefängnis bauten und, wenn man glaubte, nun sei es endlich genug, es weiter und immer weiter ver⸗ größern mußten. Bald war von einem Lager im üblichen Sinne nicht mehr zu sprechen, es wuchs eine Barackenstadt in die Höhe, in der ganze Völker⸗ schaften den baldigen Tod finden sollten. Wir mußten in größter Hast Bunker errichten, die für die Vergiftung mit Gas gedacht waren, Verbrennungsanlagen, sogenannte Krematorien, die täglich bis zu zweitausend Leichen in einem Ofen verbrennen konnten. Es wurde hier richtiggehend fachmännisch von„Kapazität“,„Aufnahmeleistung“, von„Arbeitsanfall“ usw. gesprochen. In dem Büro der Bauleitung wurden von SS⸗Führern Kalkulationen angestellt, sorgfältige Berechnungen durchgeführt, wie am schnellsten und sichersten an einem einzigen Tage zehntausend Verbrennungen ohne Stockung vorgenommen werden könnten. Wir Gefangene. die wir Einblick in diese Dinge hatten. die wir sahen, welch teuflisches Verbrechen hier an der Menschheit begangen werden sollte, waren außer uns vor Entsetzen. Das war ja fabrikmäßiger Mord. Uns wurde von der Lagerleitung eröffnet, daß uns beim geringsten Widerstand, bei offensichtlicher Sabotage oder Arbeitsverweigerung der Tod bevorstand.„Aber ein Tod“— so schloß der Lagerkommandant seine Er⸗ mahnung—,„so grausam, wie ihn vorher noch kein Mensch gestorben ist!“ Was blieb uns also übrig, wenn auch mit knirschenden Zähnen und flammender Empörung im Herzen, diese Befehle auszuführen. Beim Bau selbst herrschten chaotische Zustände. Täglich wurden neue Planungen er⸗ dacht und wieder verworfen. Ständig kamen neue und anders lautende Weisungen aus Berlin, vom Quartier des Reichsführers SS usw. um am nächsten Tag bereits widerrufen zu werden. Eine einheitliche Lenkung fehlte, jeder baute gerade an dem. wozu er Lust hatte. Doch wuchs trotz aller die⸗ ser Schwierigkeiten das Lager von Tag zu Tag. Es wurden herangeschleppt tausende Juden und Griechen, zwanzig⸗ tausend Gefangene aus der Tschechoslowakei, Polinnen aus Warschau. Ukrainer, Italiener, Holländer, Franzosen, Belgier, Serben und Kroaten. Ja, sogar Chinesen, Schweizer, freie Bürger und Vertreter anderer Nationalitäten sah ich in dem Lager, die alle auf ihren Tod warteten. Ich gehörte mit zum Stammpersonal des Lagers und wurde zum Bau der Krematorien, der Verbrennungsöfen, eingesetzt. Ehe ich diese Anlage schildere, zuvor ein Wort über die Vergiftungskammern. Es waren riesige, in quadratischer Form erbaute, zum Teil überirdisch. zum Teil unterirdisch angelegte Betonkammern. zwei Meter boch, etwa des Meter im Geplert. In die Decke dieset Todeskammern waren Offnun⸗ gen eingelassen. in die eiserne Röhren führten. Durch diese Röhren ver⸗ damofte das zut Hinrichtung der Menschen bestimmte Gift. Zoklon B genannt. In solchen Kammern konnten innerhalb zebn Minuten einige hundert Menschen bergast werden. Eine schwere Eisentllr. die bermetisch abgedichtet werden konnte, schloß die unglücklichen Opfer von der Außenwelt ab. Durch ein Fenster konnte man den Erstickungstod beobachten. Es wurden eine große Anzahl solcher Betonbunker gebaut. Die Krematorien waren Stein⸗ bauten mit Eisenkonstruktion. In ihnen befanden sich die Verbrennungs⸗ öfen. In jedem solchen Krematorium waren später ständig fünf bis sechs Ofen in Betrieb. Die Ofen wurden zum größten Teil aus Schamottesteinen erbaut und mit eisernen Tilren verschlossen. In jeden Ofen gingen fünf bis sechs Leichen binein. Zu Zeiten, als die Verbrennungen sich bäuften, wurden aber auch bis zu zehn Tote hinein⸗ gezwängt. An jedes Krematorium schlossen sich Nebengebäude an, in die die Leichen bineingeworfen wurden. Dort lagen mitunter die Leichen zu Bergen getürmt. Besondere Kommandos hatten die Toten zu entkleiden, ihnen Schuhwerk und Wäsche abzunehmen. Was brauch⸗ bar wat, kam in das Lagetmagazin, unbrauchbare Gegenstände wurden mit verbrannt. Als ich einmal— was streng untersagt war— einen solchen Stapelraum betrat, fand ich Schuhwerk, das bis an die Decke gestapelt war. Es ist schwer, eine Zahl anzugeben, aber nach meiner vorsichtigen Schätzung dürften es fünfzebn⸗ bis zwanzistausend Paar Schube gewesen sein. Häftlinge, ehemalige Schuster, suchten das brauchbare Schuhwerk heraus und führten es neuer Verwendung zu. Kinderschuhe zum Beispiel wurden nach Deutschland versandt und der NSV und den NSV⸗Kindergärten zut Verfügung gestellt. gehntausende Gefangene kamen schon damals in diesem Lager vor Hunger und Entkräftung ums Leben. Weitere Hunderttausende wurden gemeuchelt. In der ersten Zeit, als die Anlagen noch nicht„voll aus⸗ gelastet“ waren, wurden die Gefangenen zu Tausenden in Gruppen in die Wälder der nahen Umgebung geführt und dort erschossen. In großen Gruben, die sie vorher eigenhändig ausbeben mußten, wurden sie ver⸗ scharrt. Der Bauleitung sowie der Lagerleitung war aufgefallen, daß mein Ge⸗ sundheitszustand von Tag zu Tag schlechter wurde. Durch die seelischen Ein⸗ drücke, die ich empfing, war mein Zustand besorgniserregend geworden. Ich wat nur noch ein Schatten meiner selbst. Ich rechnete mir an den fünf Fingern aus, wieviel Menschen hier täglich, wenn die Anlagen erst einmal „voll betriebsfälhig“ waren, getötet werden sollten, und kam zu einem Resul⸗ lat, das mich schwindlig werden ließ. Dabei war geplant, abnliche Lager nach Muster des Lubliner Lagers in allen andeten Gebieten des besetzten russischen Reiches zu errichten! Det Gedanke bei der Austokkung ganzer Völker wenn auch fur ge⸗ zwungenermaßen and als winziges Räbchen in diesem gewaltigen Plechanis⸗ mus, mithelfen zu müssen, drückte mich zu Boden. Ich stand apathisch herum konnte keine Nahrung mehr zu mir nehmen. nachts fand ich keinen Schlaf. Ein höherer SS-Führer den ich voll Verzweiflung bat, selbst mit hin⸗ gerichtet zu werden, da ich dieses Leben nicht länger ertragen könne, lachte mich jedoch ob meiner„Gefühlsduselei“ wie er es nannte, aus, und be⸗ quemte sich, einer Eingebung folgend, sich mit mir zu unterhalten. Ja, er ließ sich sogat herbei. mit. dem Gefangenen, eine Zigatette anzubieten. Im Verlauf der sehr einseitig geführten Unterhaltung sagte et ungefäht folgen⸗ des zu mir: „Sie sind von Beruf Ingenieur: nun ich bin es im Zivilleben auch. Wir sind also gewissermaßen„Kollegen“. Weltanschaulich durch vetschiedene Nationen getrennt.— klaffen zwischen uns Gegensät Sie sind Tscheche— ich bin Deutscher, das besagt alles. Wenn es uns“ — er meinte dabei die Deutschen—„nun gelingen sollte, sagen wir einmal, das ischechische Volk zu 70 Prozent zu dezimieren“— er zog sein Etui aus der Tasche und brannte sich eine Zigarette an—.„wenn es uns desgleichen gelingt, die russische Nation zu vergasen“,— er sagte wörtlich vergasen!“— „dann stehen uns diese Länder zur freien Verfügung. Der Boden, die Schätze der Natur gehören uns, nur die Menschen in diesen Ländern sind es, die uns stören, die wir zum Aufbau unserer neuen Weltordnung nicht brauchen können—, also müssen sie verschwinden. Das ist doch klar, nicht wahr?“— Ich enthielt mich einer Antwort.„Lassen wir also beispielsweise, um bei den Tschechen zu bleiben, die jungen Mädchen am Leben, rotten wir nur die Männet die Alten und Gebrechlichen aus, die ja sowieso zu nichts mehr nütze sind, so müßte es doch mit dem Teufel zugehen, wenn wir in diesem Lande— sagen wir einmal in rund zwanzig Jahren— nicht eine neue Generation heranzüchten könnten. Durchsetzen wir es nun mit deutschen oder artverwandten Menschen, geben wir die Tschechin einem jungen deutschen Mann oder meinetwegen einem Holländer oder Dänen zur Frau, so haben wir nicht nur eine Blut— mischung erreicht, sondern eine neue Generation erzogen, die in national⸗ sozialistischem Sinne denkt und handelt. Mit Rußland machen wir es ebenso, nur mit dem Unterschiede“— er zog bedächtig an seiner Zigarette und blies den feinen Rauch in die Luft—„daß dort drüben die Ausrottung eine fast hundertprozentige sein muß. Wir können da nur Arbeitsbataillone ge⸗ brauchen, ähnlich dem deutschen Arbeitsdienst, die aber entmannt werden müßten, um nicht fortpflanzungsfähig zu sein. Dadurch können wir die Bodenschätze dieses Landes beben und sie der deutschen Wirtschaft zuführen. 7 Rußland ist für uns kein Problem mehr. Der Führer hat ja selbst in seiner letzten Rede erklärt, daß die russische Wehrmacht vernichtend geschla⸗ gen worden ist und die restlichen Teile der Einkesselung entgegengehen.“ Nachdem er diese Weisheiten, die mehr oder weniger in den Köpfen aller dieser SS- Herren herumspukten, von sich gegeben batte, entließ er mich in Gnaden“, nicht ohne mir vorher noch zu bedenken zu geben, daß es mein eigener Schade sei. wenn ich jetzt vor die Hunde ginge. „Vielleicht“, rief er mir noch nach.„können wir, wenn Sie am Leben bleiben sollten, uns später darüber ausführlicher unterha“ en!“ Die Aussicht für mich, am Leben zu bleiben, war mehr als gering. Im Lager wurde mit Gefangenen, die nicht mehr leistungsfähig waren. kurzer Prozeß gemacht. Sie kamen einfach in die Gaskammer. Aber selbst für den Fall, daß ich mich wieder erholen sollte, war die Aussicht, lebend aus dieser Hölle herauszukommen, gleich Null. Ich wußte genau. daß die Ss alle Leute im Lager, die zuviel wußten, umlegte. Dazu gehörte ich natürlich auch. Also kam als einzige Möglichkeit nur die Flucht in Frage. Die Aussicht auf Flucht bot immerhin noch eine geringe Chance, wenn mein Körper⸗ zustand es erlaubt hätte, aber er erlaubte es nicht. Wenn ich hundert Meter gegangen war, begannen mir die Knie zu zittern, es wurde mir schwarz vor den Augen, und wenn ich nicht sofort eine Möglichkeit fand, mich zu setzen, fiel ich um. So wurde ich einmal in bewußtlosem Zustand von einem Kommando, das in den Lagerstraßen die Leichen zu bergen hatte, aufgelesen und hinter einer Baracke auf einem Platz, wo die Toten gesammelt wurden, mit auf den Haufen geworfen. Als ich nach einigen Stunden erwachte, lag ich unter einem Berg von Toten. Nur mit äußerster Mühe gelang es mir, mich ber⸗ vorzuarbeiten. Endlich sah die Lagerleitung ein, daß ich hier nicht mehr zu verwenden war. Ich sollte mich zu einer Verlegung in ein anderes Lager bereithalten. Darüber war ich sehr erstaunt und konnte mir gar nicht erklären, warum man mich nicht umlegte. Bereits am nächsten Morgen, als ich mit einem Transport von zirka zwanzig Mann abgeholt wurde, glaubte ich, mein letztes Stündlein sei gekommen. Wir fuhren jedoch nur nach dem zwei Kilometer entfernten Todeslager. Dort sollte ich am Aufbau der sogenann⸗ ten Gaswagen mithelfen. Dies waren große, geschlossene Automobile, deren Verbrennungsgase durch das Wageninnere geleitet wurden und dadurch den Tod der Insassen herbeiführten. Diese, wie sie allgemein genannt wurden— fahrbaren Krematorien— sollten in Serienfabrikation hergestellt werden. Wie ich hörte, war geplant, zehntausend solcher Wagen in kürzester Frist herzustellen, um hinter der kämpfenden Truppe herzufahren und die Menschen an Ort und Stelle zu töten. Da ich erfuhr, daß mit den ersten Versuchswagen auch mit uns Ge⸗ fangenen außerhalb des Lagers Probefahrten unternommen werden soll⸗ ten, blieb ich, eine Möglichkeit zur Flucht erkennend, hier. Ein Gebäude. das einer Garage ähnlich war, wurde uns zur Verfügung gestellt. Mebrere Gefangene, reichsdeutsche Autoschlosser, bastelten nun den ganzen Tag fast ohne Beaufsichtigung an diesen Wagen herum. Ihre Devise war, je langsamer, desto besser. Sie wußten, daß sie bei dem ersten Probe⸗ versuch die Versuchskaninchen sein sollten. Gemeinsam mit ihnen besprach ich nun den Fluchtversuch. Er war toll und auch kübn. Wir bauten zwar die Rohrleitung, die die tödlichen Gase ausströmte, in den Versuchswagen hinein, aber an einer anderen. schwer zugänglichen Stelle brachten wir eine Entlüftungsanlage an, die wir sorgfältig mit Holzwolle verstopften, mit Pappe vernagelten und überstrichen. Desgleichen gelang es uns, die Scharniere der beiden Türen, die die Rückwand des Wagens abschlossen, so weit anzusägen, daß wir sie, wenn wir uns mit dem Körper dagegen warfen, leicht aufbrechen konnten. Unser Plan war, für den Fall, daß wir die Probefahrt mitmachen sollten— und daß wir sie mit⸗ machen sollten, daran bestand fast kein Zweifel— uns im Innern des Wagens, nachdem die SS die Gase in den Wagen leitete, flach auf den Boden zu legen und durch das geschaffene Loch Frischluft zuzuführen. Wir wollten dann während der Fahrt, wenn die SS glaubte, wir seien bereits erstickt, aus dem Wagen springen und flüchten. Endlich war der Wagen so weit fertig, daß die Probefahrt unmittelbar bevorstand. Gegen Mittag ging es nun unter Begleitung zweier SS⸗Leute und einem Chauffeur, von denen 1 jeder eine Maschinenpistole trug, aus dem Lager hinaus in die Freiheit. 5 Wir saßen acht Mann im Innern des Wagens. Plötzlich hielt der Wagen. 5 der Chauffeur sowie die zwei Aufseher hießen uns aussteigen, wir hätten 1 jetzt Gelegenheit. noch einmal in Gottes freier Natur ein Gebet zu verrichten. .„Hoffentlich“, meinte der eine der SS⸗Leute grinsend.—„habt ihr eure 5 Sache gut gemacht und seid gleich tot!“.— Nachdem wir„unser Gebet“ ver⸗ 5 richtet hatten, wurde uns befohlen, wieder einzusteigen. Daraufhin stiegen i wir wieder ein. die Tür wurde verschlossen und die beiden SS-Aufseher ö stiegen mit vor zum Fahrer und ließen nun das Gas einströmen. Wir leg⸗ ten uns flach auf den Boden, rissen die Pappe ab, hielten uns Tücher vor 1 die Nase und blieben einige Minuten ruhig liegen. Als wir am Tempo des Wagens merkten, daß sich die Fahrt in einer Kurve verlangsamte, warfen wir uns mit unserem Gewicht gegen die Tür und fielen einer nach dem anderen Hals über Kopf auf die Straße. Im Abstand von je zehn Metern lagen wir so am Wege und kullerten uns sofort, wie wir besprochen hatten, in den Straßengraben. Der Wagen mit den SS⸗-⸗Leuten fuhr weiter. Wir waren fast alle unverletzt. Die Nacht blieben wir noch im Walde, dann trennten wir uns. Jeder ging seinen Weg für sich. Mein Weg führte 1 in die Freibeit ö Addy Fissel, Aussig. Kinderschuhe aus Lublin „Das SS⸗Lager Maidanek bet Lublin war ein Todeslager, in dem nach vorsichtigen Schätzungen und Berechnungen auf Grund der Lagerberichte vom Mai 1942 bis zur Auflösung des Lagers durch die Rote Armee annähernd zwei Millionen Menschen auf die verschiedenste Weise ums Leben gebracht wurden. Daß unter den Ermordeten auch sehr viele Kinder waren. geht unter anderem daraus hervor, daß riesige Stapel von Kinderschuben aller Art in einer großen Lagerbaracke gefunden worden sind„ (Aus dem offiziellen Bericht über das SS⸗Lager Maidanel.) Von all den Zeugen, die geladen. Vergeß ich auch die Zeugen nicht. ö Als sie in Reih'n den Saal betraten, 1 5 Erhob sich schweigend das Gericht. eee eee ee Wir blickten auf die Kleinen nieder. Ein Zug zog vaarweis' durch den Saal. Es war. als tönten Kinderlieder, Ganz leise, fern, wie ein Choral. Es war ein langer, bunter Reigen, 1 Der durch den ganzen Saal sich schlang. g Und immer tiefer ward das Schweigen Bei diesem Gang und Kindersang. Voran die Kleinsten von den Kleinen. Sie lernten letzt erst richtig geh'n, — auch Schuhchen können lachen, weinen— Ward je ein solcher Zug geseh'n?! 0 Es tritt ein winzig Paar zur Seite, ö Um sich ein wenig auszuruh'n. ö Und weiter zieht es in die Weite— Es war ein Zug von Kinderschuh'n. Man sieht. wie sie den Füßchen vaßten. ö Sie haben niemals wehgetan. Und Händchen spielten mit den Quasten. Das Kind zog gern die Schuhchen an. Ein Paar aus Samt. ein Paar aus Seiden, Und eines war bestickt sogar Mit Blumen. Wie sie zieh'n. die beiden. Sind sie ein schmuckes Hochzeitspaar. Wen dee 10 Mit Bändchen, Schnallen und mit Spangen, Zwerghafte Wesen, federleicht— Und viel sind viel zu lang' gegangen Und sind vom Regen durchgeweicht. Man sieht die Mutter, auf den Armen Das Kind, vor einem Laden steh'n: „Die Schuhchen, die, die weichen, warmen. Ach. Mutter, sind die Schuhchen schön!“ „Wie soll ich nur die Schuhchen zahlen? Wo nehm' das Geld ich dafür her....“ Es naht ein Paar von Holzsandalen. Es ist schon müd' und schleppt sich schwer. Es muß ein Strümpfchen mit sich schleifen, Das wundgescheuert ist am Knie Was soll der Zug? Wer kann's begreifen? Und diese ferne Melodie Auch Schuhchen können weinen, lachen. Da fährt in einem leeren Schuh Ein Püppchen wie in einem Nachen Un! winkt uns wie im Märchen zu. Hier geht ein Paar von einem Jungen. Das hat sich schon als Schuh gefühlt, Das ist gelaufen und gesprungen Und hat auch wohl schon Ball gespielt. Ein Stiefelchen hat sich verloren Und findet den Gefährten nicht. Vielleicht ist der am Weg erfroren— Ach, damals fiel der Schnee so dicht. Zum Schluß ein Paar, ganz abgetragen. Das macht noch immer mit, wozu? Als hätte es noch was zu sagen. Ein Paar zerriss'ner Kinderschuh'. Ihr Heimatlosen, Kinderlosen, Wer schickte euch? Wer zog euch aus? Wo find die Füßchen all, die bloßen? Ließt ibr sie ohne Schub' zu Haus? Der Richter kann die Frage deuten. Er kennt der toten Kinder Zahl. .... Ein Kinderchor Ein Totenläuten. Die Zeugen gehen durch den Saal. 1¹ Wir hatten schon nichts Warmes mehr! Die Deutschen waren schon vertrieben. Da fand man diesen schlimmen Fund. Wo sind die Kinder nur geblieben? Die Schuhe tun die Wahrbeit kund: Es war ein harter, dunkler Wagen. Wir fuhren mit der Eisenbahn. Und wie wir in dem Dunkel lagen. So kamen wir im Dunkel an. Es kamen aus den Ländern allen Viel Schuhchen an in einem fort,. Und manche stolpern schon und fallen. 5 Bevor sie treffen ein am Ort. Die Mutter sagte:„Wieviel Wochen Nun werd' ich uns ein Süppchen kochen!“ Ein Mann mit Hund ging nebenher! „Es wird sich schon ein Plätzchen finden“, So lachte er,„und warm ist's auch, Hier braucht sich keiner abzuschinden....“ Bis in den Himmel kroch der Rauch. „Es wird euch nicht an Wärme fehlen. Wir heizen immer tüchtig ein. Ich kann Lublin nur warm empfehlen. Bei uns herrscht ew'ger Sonnenschein.“ Und es war eine deutsche Tante, Die uns im Lager von Lublin Empfing und„Engelspüppchen“ nannte, Um uns die Schuhchen auszuzieh'n. Und als wir fingen an zu weinen. Da sprach die Tante:„Sollt mal seh'n. Gleich wird die Sonne prächtig scheinen, Und darum dürft ihr barfuß gehn Stellt euch mal auf und laßt euch zäblen! So, seid ihr auch bübsch unbeschuht. 1 Es wird euch nicht an Wärme feblen. 9 Dafür sorgt unsre Sonnenglut ee Was, weint ihr noch?'s ist eine Schande! Was tut euch denn, ihr Püppchen, web? Ich bin die deutsche Märchentante, Die gute deutsche Puppenfeel 12 's ist Zeit, ihr Püppchen, angetreten! Was fällt euch ein denn, hinzuknien? Auf, laßt uns singen und nicht beten! Es scheint die Sonne in Lublin!“ Es sang ein Lied die deutsche Tante, Strafft' sich den Rock und schritt voraus. Und dort, wo heiß die Sonne brannte, Zählt' sie uns nochmals vor dem Haus. Zu hundert. nackt. in einer Zelle, Ein letzter Kinderschret erstickt... Dann wurden von der Sammelstelle Die Schuhchen in das Reich geschickt. Es schien sich das Geschäft zu lohnen. Das Todeslager von Lublin. Gefangnenzüge, Prozessionen. Und— eine deutsche Sonne schien Wenn Tote einst als Rächer schreiten Und über Deutschland hallt der Schritt,. Und weithin sich die Schatten breiten— Dann ziehen auch die Schuhchen mit. Ein Zug von aber tausend Zwergen, So ziehen sie dahin in Reih'n, Und wo die Schergen sich verbergen. Dort treten sie unheimlich ein. Sie schleichen sich herauf die Stiegen, Sie treten in die Zimmer leis'. Die Henker wie gefesselt liegen Und zittern vor dem Schuldbeweis. Es wird die Sonne brennend scheinen, Die Wahrheit tut sich allen kund, Es ist ein großes Kinderweinen, Ein Grabgesang aus Kindermund Der Kindermord ist klar erwiesen. Die Zeugen all bekunden ihn. Und nie vergeß ich unter diesen Die Kinderschuhe aus Lublin. Johannes R. Becher. 13 Melk, ein Lager in Oberdonau Uls wir in Melk ankamen, waren wir vollständig erschöpft.„Raus! Alles raus] Antreten zu Fünfen! Einbaken!“ Wir mußten uns einer bei dem anderen einbenkeln, dann hieß es:„Das Ganze marsch!“ Das alles ging nicht ohne Brüllen und Schlagen ab. Nun liefen wir vom Bahnhof durch den Ort Melk an der Oberdonau. Es lag viel Schnee und es war sehr kalt. Als wir den Berg beraufliefen, konnten wir von oben die Donau seben. Ich suchte mit den Blicken das Lager. Auf diesem Marsch wurde nur geschlagen und gebrüllt:„Aufgehen, aufgehen!“ Nach einem halbstündigen Marsch kamen wir in eine Kaserne. Am linken Gebäude stand: Freiherr von Birolo— Pionierkaserne. Jetzt sahen wir das Eingangstor vom Lager. Wir marschierten binein und mußten gleich auf dem Appellplatz Aufstellung nehmen. Vor dem Tor sagte mir ein SS-Mann:„Gib mir deine Schuhe.“ Er wollte meine Filzstiefel, die ich unterm Arm trug, die ich bei dem Durchein⸗ ander noch gerettet hatte...„Drinnen werden sie dir sowieso abgenommen.“ Ich gab sie ibm nicht. Viele Stunden standen wir in der Kälte auf dem Appellplatz und wurden dann in die einzelnen Blocks eingeteilt. Ich kam in eine Autogarage. In dieser Garage war es sehr kalt. Wir lagen auf Zementboden, auf nassem Stroh ohne Decken. Die Nacht über konnte ich vor Kälte nicht schlafen. Die Schuhe und alle Kleider hatte ich angelassen, da mir die Häftlinge vorher gesagt hatten:„Wenn du dich ausziehst, brauchst du dich früh nicht mehr anzuziehen, denn hier mausen sie alles.“ Das hatte ich mir schon gedacht, als wir einmarschiert waren, denn alle Häftlinge waren vollständig zerlumpt und abgerissen. Ich unterhielt mich abends mit den Häftlingen und fragte, wie es hier im Lager sei. Man sagte mir:„Monatelang haben wir schon keine Wäsche und Kleidung bekommen, Schuhe werden überhaupt nicht getauscht. Na, du wirst schon sehen...“ Ein einziger stinkender, dreckiger, verlauster Haufen Schon die erste Nacht fing es an, an mir überall zu krabbeln. Früh schaute ich mein Hemd nach und hatte schon alles voller Läuse. Am nächsten Morgen wurden wir von der Schreibstube registriert. Bis wir alle erfaßt waren, war es unterdessen Mittag geworden. Dann hieß es: „Blockappell“,„Essen fassen!“ Nun ging der Kampf um die Essenschüsseln los, denn wer keine Eßschale hatte, bekam kein Essen. Ich hatte das Glück, mir eine Eßschale zu erbeuten, und so ging es mir nicht wie den meisten anderen Zugängen, die tagelang ohne Essen blieben. Abends faßten wir unser Brot und etwas Kaffee. Gleich darauf hieß es antreten, denn hier wurde in drei Schichten gearbeitet. Ich wurde an diesem Abend der Nachtschicht zugeteilt. Mehrere Tausend standen auf dem Appellplatz. Auf einmal hieß es: „Seitenmann! Vorderrichtung!“ Wir wurden mehrere Male durchgezäblt. „Einbaken!“ Das Tor ging auf.„Das Ganze marsch!“ * 1 1 —. ß Bel der Urbeitsformierung det Nachtschicht wurden Tragen an die Seite gestellt, die wir mitnehmen mußten Als wir aus den Toren berauskamen, standen schon die SS-Kompanien 1 draußen. An jeder zweiten oder dritten Reihe links oder techts ging ein SS-Mann, mit Gewehr oder Maschinenpistole bewaffnet Außerdem wurden eine Anzahl Wachhunde mitgeführt. „Aufgehen!“ Wir mußten so eng aneinander auftücken, daß wir mit der Brust den Vordermann berührten; so konnte man nicht richtig laufen sondern nur trippeln. Kranke mußten mit, solange sie sich auch nut im geringsten bewegen konnten. Vor mir lief einer— das eine Hosenbein war vollständig zerrissen und mit Draht zusammengeheftet, auch die Schuhe waren mit Draht an die Füße gebunden, weil sie vollständig zerrissen waren Er stank furcht⸗ bat, er hatte, wie die meisten hiet. die Ruhr. Ich lag mit der Nase auf seinem Rücken und atmete den ganzen Weg den Gestank ein. Mein Neben⸗ mann hatte einen alten Russenmantel an, die Fetzen waren mit Draht zusammengehalten. Ich sah von der Seite, wie auf seinen Sachen die Läuse spazieren gingen. Mein Hintermann trat mit dauernd auf die Hacken— der faulige Hauch eines kranken Menschen saß mir ständig im Nacken. Schon während des Marsches zur Rampe fielen viele um. Wie wir so durch den Ort zogen, binterließen wir einen furchtbaren Ge⸗ stank. Wir durften ja wähtend des stundenlangen Appells und des Matsches nicht austreten, und fast alle hatten Durchfall odet Ruht. Wir waren ein einziger stinkender, dreckiger, verlauster Haufen! Achtzig Prozent aller Häftlinge waren krank. Nachdem wir den Ort Melk passiert hatten, sahen wir auf der rechten 1 Seite eine breite Holztreppe zum Bahngleis hinaufführen und eine sich lang hinausziehende Verladerampe. Jetzt bogen die ersten Reihen nach rechts ab auf die Rampe zu. Nie in meinem ganzen Leben werde ich diesen Anblick vergessen, der sich mir nun jeden Tag bieten sollte. So wie wir marschiert waren bis jetzt, eingehakt zu fünfen. ging es die Treppe hinauf, keine Stufe konnte ausgelassen werden, so daß der Kopf des Hintermannes immer den Hinteten des Vordermannes im Gesicht hatte. Ein gewaltiges schauriges Bild, wie wir viele Tausende die Treppe hinaufstiegen. in unseten Zebra⸗ lleidern. Mein Nebenmann sagte:„Der Pyramidenbau ist kein Vergleich.“ Auf der Rampe mußten wir antreten. immer zehn Mann in einer Reihe. Wir standen stundenlang in Sturm und Schnee, in eisiger Kälte in unseren zerrissenen Klamotten und warteten, bis der Zug kam. Austreten war streng verboten, alles Bitten darum war umsonst.... Als Antwort bekamen wir zu hören:„Scheiß in die Hosen!“.... Und es blieb uns auch nichts anderes übtig. Endlich kam der Zug. Jetzt stiegen wir— immer zu zweien eingehakt, da⸗ mit wit beim Einsteigen schon wiedet gezählt werden konnten— 160 Mann in den Viehwagen ein. Die Mitte des Waggons aber mußte für vier SS-Männer freigelassen werden. Dies wat unmöglich.... Aber die SS machte das Unmögliche möglich. Mit Gebrüll. Fußtritten und Kolbenschlägen 1 wurden wir zusammengepfercht, so daß wir Brust an Rücken gepreßt standen. obne daß wir uns rühren konnten. Starb einer während der Fabrt, so blieb die Leiche aufrecht steben, weil zum Umfallen kein Platz war. Wir fubren, bis der Zug bielt. Die Türen wurden aufgerissen.„Alles raus— antreten!“ Von bier aus sahen wir schon die Arbeitsstelle, von Hunderten von Lampen erleuchtet— den Schacht! Schindereien unter der Erde Obwobl wir erst einen Tag im Lager Melk waren, batten wir schon viel von diesem Mörderschacht gehört. Wieder wurden wir durchgezählt, das rtemal schon an diesem Tage, dann setzte sich die Kolonne in Bewegung. Über große Sandhalden marschierten wir— vor uns. über das ganze Gelände gespannt. große Tarnungsnetze aus Blech und Grünzeug gegen Fliegersicht. Über Bahngleise. Eisenbahnschwellen. Baumaterial geht's— immer eingehakt— wehe, wer den Nebenmann los⸗ läßt! Bald schwebt er über dir, weil er über einen Holzhaufen klettern muß: er zerrt deinen Arm nach oben, er reißt ihn dir bald aus der Achsel, aber er hält fest, krampfhaft, als wäre einer an den anderen geschmiedet; eine lebende Kette, das ist die Kolonne, wie sie sich so durch alle Hindernisse hindurch⸗ windet, wie sie sich über alle hinwegschlängelt— ein Wurm aus Menschen⸗ gliedern zusammengesetzt, so kriecht sie bis vor die Schachteingänge.„Halt!“ Von neuem wird Aufstellung genommen, von neuem die verquollenen Reihen ausgerichtet, von neuem gezählt. Ein schriller Klingelton zerreißt die Luft: Schichtwechsel! Vor uns gähnen, sechs nebeneinander, die Schachteingänge 4 bis F. Riesige Tunnel. Aus ihnen kommt jetzt die Tagschicht herausgequollen, lange dunkle Kolonnen. Vorn in den ersten Reihen sind alle schwer beladen. Immer zu viert schleppen sie Tragen, auf denen Tote liegen In der Kolonne werden welche mitgeschleppt, die sich nicht mehr allein fortbewegen können— Kranke, bei der Arbeit Verletzte oder von der SS, von den Capos oder Steigern halbtot Geschlagene— viele haben zerschlagene Köpfe, schwarz ver⸗ guollene Augen— Striemen laufen über die Gesichter— die ganze Kolonne macht den Eindruck, als sei sie ein großer Begräbniszug. Auf der Sandhalde macht die Kolonne halt, wird mehrere Male durch⸗ gezählt. Plötzlich werden Nummern aufgerufen. Zögernd— sie wissen, was ihnen bevorsteht— treten die Aufgerufenen heraus. Auf einen Wink bückt sich der erste. und nun schlägt weitausholend der Obercapo mit einem daumendicken Kabel auf den einen; schon beim sechsten Schlag bricht der Arme, der keinen Laut von sich gegeben hat, zusammen. Da tritt der Ober⸗ capo auf ihn ein, schlägt ihn mit dem Kabel über den Kopf— noch immer steht er nicht auf— da reißt er ihn hoch, ein anderer Capo springt hinzu, preßt den Kopf des Häftlings zwischen seine Beine, und so festgehalten, kann er die ihm zugedachten 25 Schläge aufgezählt bekommen. Als der Capo ihn losläßt, sackt er zusammen, keine Schläge belfen mehr; er steht nicht mehr auf. Et wird zu einem anderen auf eine der Tragen geworfen: der nächste ist dran. Der brüllt schon bei den ersten Schlägen so auf, daß es uns allen, die wir zuseben müssen, eiskalt den Rücken herunterläuft. Ibm ergebt es so wie 16 1 4 7 3 seinem Kameraden— er bleibt auf dem Platze; mehrere liegen schließlich zerschlagen am Boden. Und warum? Ich sollte es bald erfahren, warum täglich diese Strafaktionen beim Schichtwechsel vorgenommen wurden, worin die Verbrechen bestanden, die so grausam bestraft wurden. Die Häftlinge, die sich vor bermüdung und Schwäche hatten nicht mehr halten können, hatten sich einen Moment gesetzt, waren aber von der herumgehenden SS oder Gestapo gesehen und ihre Nummer war aufgeschrieben worden. Mit einem Male ertönte das Kommando:„Stollen F einmarschieren!“ Wir bewegten uns auf den hell erleuchteten Stollen zu. Von allen Seiten kommen Züge gefahren, Kipploren, mit Zement beladen; wir laufen über kreuz und quer führende Schienenstränge, über unseren Köpfen surrt ein riesiges Förderband, das den Sand aus dem Stollen über der Halde abwirft. Der Stolleneingang, das Förderband, alles ist durch riesige Netze und durch künstlich hingesetzte Bäume gegen Fliegersicht getarnt, alle Holzverschläge sind tarnungsgemäß angestrichen.— Schweinfurter Kugellager Wir marschieren in den Schacht F ein— es ist gar kein Schacht, nein— ein Tunnel, er führt direkt zu ebener Erde in den Berg hinein: eine stickige. von Rauch, Ol und Pulverdampf erfüllte Luft schlägt uns entgegen. Es zieht hier kolossal, von oben tropft uns Wasser auf den Kopf, überall, wo wir hintreten, stehen wir im Wasser. Züge, mit Zement und anderem Bau⸗ material beladen, fahren laut pfeifend, sich Platz verschaffend, ein und aus. Daneben läuft quietschend das immer mit Sand beladene Förderband. Wir gehen jetzt in aufgelösten Haufen im Wasser über Schienen, Sandhaufen, Schwellen, uns immer wieder an die Seite drückend, damit die Züge vorbei können, tief in den Berg hinein. Bis jetzt war es ein hoher beleuchteter Tunnel gewesen, beleuchtet und fertig ausgebaut waren auch die Seitentunnel, an denen wir vorbei⸗ gekommen waren. Aber nun müssen wir über Förderbänder steigen und weiter in den Berg hineinkriechen.... Wir sind an unserer Arbeitsstelle. Luftdruckhämmer, Spitzen, Schaufeln, Hacken usw. dort, wo unsere Kameraden im letzten Moment gearbeitet haben, dort haben sie ihr Werkzeug nieder⸗ gelegt, und wir nehmen es wieder auf und beginnen den Berg noch weiter auszuhöhlen, damit die großen Maschinen für die Erzeugung von Kugel⸗ lagern Platz haben; denn hier ist das Schweinfurter Kugellagerwerk unter⸗ gebracht worden. Ich arbeite im Vortrieb. Die Bohrhämmer knattern, die Laufbänder quietschen, und donnernd rollt der Schall der Sprengungen durch die Stollen. Sehr matt scheint hier das Licht. Oft zerreißen durch herabstürzende Sand⸗ oder Steinmassen die Drähte, und für Minuten erlöschen die Lampen. Schon flammt das Licht wieder auf. Auf uns wird eingeschlagen mit Stecken und Kabelstücken von den Steigern und Capos, so daß wir wild durch⸗ einanderlaufen. Wir stolpern über Schienen und Steine— hier und dort fällt einer hin; das ist ein Grund, ihn fertig zu machen. Der Steiger tritt mit seinen Stiefeln auf uns herum, als wenn er planieren wollte; dazu 17 schlägt der Capo wahllos auf mere Köpfe ein, daß uns das Blut über Gesicht und Rücken läuft. Nichts hatten wir getan— das Licht war aus. Für sie war es Sport, für uns war es der Tod Wir haben gestanden und gewartet, daß wieder Licht wird. damit wir sehen, was wir machen, und uns nicht gegenseitig mit den Piken erschlagen. Das Förderband, das immer voll sein muß und nie ruhig steht, hat uns verraten und wird uns wieder verraten. Es waren freie Stellen auf dem durch den ganzen Stollen laufenden Band. Der Steiger hat es gesehen und es dem Capo gesagt. Sie hatten dann, genau den Stollen kennend, sich an uns heran⸗ geschlichen. So geht es mit gleicher Wiederholung die ganze Nacht. Gegessen hatten wir gestern nachmittag 4 Uhr ein Stück Brot— jetzt ist es 3 Uhr nachts. Ich war schon einmal während der Arbeit vor Hunger und Müdigkeit hingefallen, ohne daß ich es gemerkt hatte, daß ich am Boden lag. Nur meinem Kameraden habe ich es zu verdanken, daß ich diese Nacht über⸗ lebte— dadurch, daß er mich mit dem Fuße kräftig anstieß und mich anschrie: „Du bist wohl verrückt geworden? Bist soviele Jahre im Lager, und jetzt willst du dich die letzten paar Tage noch von diesen Mördern erschlagen lassen!“ Wir waren gute Kameraden Richard Teichgräber und ich. Er lebt heute nicht mehr, war Sozialdemokrat und über 60 Jahre alt. Ist mit mir in Buchenwald. Lublin, Auschwitz und Mauthausen gewesen, hat alles über⸗ standen— der Moloch Melk hat ihn gefressen. Das Band steht— was ist los? Schichtwechsel. Endlich. Langsam schlei⸗ chen wir dem Ausgang zu, schnell können wir nicht gehen, sind schon zu schwach. Draußen wird angetreten auf demselben Platz, auf dem gestern die Tages⸗ schicht stand. Stollen A. B. C und D stehen schon. Endlich kommt E. Fünf⸗, sechsmal wird durchgezählt. Stimmt. Wir atmen auf. Nummern werden aufgerufen. SS und der Obercapo stehen schon im Kreis und erwarten ihre Opfer.„Na, komm, komm, bück dich— Hosen runter!“ Und es klatscht, daß man es über den ganzen Platz hört. Nummer 96764 wimmert nur leise, das Blut rinnt ihm am Hintern runter bis in die Schuhe. Zweie bringen einen Dritten, er kann sich nicht aufrecht halten.„Bücken!“„Capo, Capo, ich war nur austreten....“ Ein SS⸗Mann haut ihm mit der Faust ins Gesicht, daß er zusammenfällt. Aus Mund und Nase quillt ihm das Blut— er kommt nicht wieder hoch Er war ja schon Muselmann. Er geht bestimmt ein. Es wurden noch fünf Mann durchgepeitscht. Das Ergebnis ist immer das⸗ selbe.— Noch über eine Stunde stehen wir, endlich geht's los. Unsere Wach⸗ mannschaft läßt ihren Groll, daß sie die ganze Nacht Posten stehen mußte, an uns aus. Die Zerschlagenen und Toten mehren sich zusehends. Wir marschieren zur Rampe. Wieder stehen wir hier in eisiger Kälte, in Sturm und Schneegestöber über zwei Stunden. Die Füße sind seit dem Ab⸗ marsch aus Mauthausen noch nicht ein einziges Mal trocken geworden. Die Strümpfe sind verfault. Es ist so kalt. Wir dürfen nicht tapsen. Uns stehen vor Schmerzen die Tränen in den Augen. Der Zug kommt. Wieder stehen wir eingepreßt, Mann an Mann, unbeweglich im Waggon. Die Hosen, die bis jetzt steif gefroren waren, tauen auf. Wir stinken fürchterlich. Die Läuse fangen an, sich überall zu bewegen; kratzen kann man nicht, wir stehen dazu 19 — ͤ— zu eng, es wäre auch sinnlos. Der ganze Körper brennt. Nur die Füße brerden ewig kalt. Der Zug rollt, bleibt stehen. Wir sind da.„Raus raus raus!“ Wir stehen im Nu, werden ein paarmal durchgezählt....„Das Ganze marsch!.... Aufgehen... aufgehen!“.... Nun ziehen wir eingehakt, die Toten, Zerschlagenen und Verletzten mit uns schleppend, dem Lager zu. „Aufgehen, aufgehen!“ Es folgen Kolbenstöße und Fußtritte....„ Aufgehen, aufgehen!.... Ihr Dreckhunde... wollt wohl nicht, he, was....“ Endlich sind wir im Lager. Alle zittern vor Kälte, haben tiefe Augen⸗ ringe. Noch mancher ist unterwegs zusammengebrochen. Jetzt geht es durch das Tor. Noch einmal zusammenreißen, willst du nicht noch im letzten Moment ein Opfer werden. Denn hier steht SS an SS, Scharführer an Scharführer. Wehe, wenn ihnen dein Gesicht nicht gefällt! Von hier aus fieht man den Kamin des Krematoriums.— Aufmarschieren— Appell. „Jacken auf!“ Wir werden durchsucht, nach Holz und anderem. Fast jeder hat ein Stück Holz bei sich— ich auch. Wollen doch für ein paar Minuten ein Feuer anmachen, uns nur einmal etwas erwärmen. Aber das ist streng verboten. Die Durchsuchung dauert stundenlang. Mein Magen dreht sich, ich krümme mich vor ungeheuren Schmerzen, mir steht kalter Schweiß auf der Stirn. Ich muß mich an meinem Nebenmann festhalten. Ich will nicht— aber mir läuft es an den Beinen herunter. Was will ich machen— den anderen geht es allen genau so...„ Abrücken!“ Der Appell ist zu Ende. Jetzt ist es 8 Uhr. Wie ein Ameisenhaufen sieht der Appellplatz aus. Alles geht und rennt durcheinander. Aber jeder hat sein Ziel: seinen Block. Ich gehe in meine Autogarage und suche Wasser.„Du, wo ist Wasser?“„Zu was Wasser?“„Habe meine Hose voll.“„Gibt im ganzen Lager kein Wasser— nur für die Küche.. die werden wieder trocken...!“ Brotempfang. Ist gerade 8 Uhr. Gestern nachmittag 4 Uhr hatten wir das letzte Stück Brot gegessen. Es wird 9 Uhr werden, bis wir zum Liegen auf dem Zementboden kommen. Ich verkaufe mein Brot an einen anderen Häftling für Holzkohle. Kann ja doch nichts essen, habe solche Schmerzen und Durchfall. Auf den Abort kann ich nicht, stebt schon eine große Kette, baben alle die Ruhr. Ich gehe ins Revier. Tote und Kranke sehen sich hier gleich Nie wieder gehe ich ins Revier. Lieber will ich im Schacht verrecken oder auf der Straße liegenbleiben. Keiner der Kranken ist verbunden, viele haben große Wunden und Brüche von den täglichen Unfällen durch herabstürzende Sand⸗ und Steinmassen. Oft werden bei diesem Tempo, das bier herrscht, ganze Kolonnen verschüttet. Dazu kommen die Verletzten der täglichen Strafaktionen und die Opfer der SS, die drei, vier Tage und Nächte lang am Zaun wegen irgendeiner Kleinigkeit stehen müssen, bis sie vor Hunger und Ermattung zusammenbrechen. Sehr stark leiden die Häftlinge hier an offenen Beinen— die meisten haben die Nuhr, sind alles Muselmänner. Nur noch Knochen, haben tiefe große Augen, rühren sich nicht mehr und sehen aus wie Kinder. Zu viert liegen sie immer in einem Bett, ohne Laken, drei Etagen übereinander. Die Betten stehen so eng, daß man kaum hindurch kann. Zur Zeit liegen über 3000 im Revier. Oft bleiben Tote tagelang im Bett neben ihren Kameraden liegen, obne daß die Pfleger es merken. Die Toten und Kranken seben sich 0 hier gleich. Haben wir schon wenig zu essen— die Kranken bekommen nur die Hälfte, weil sie keine Arbeit leisten. Hier ist eine mörderische Luft— es stinkt nach verfaultem Fleisch und Eiter, viele machen in die Betten. Der Urin läuft durch die Bretter den unteren ins Gesicht. Niemand ist verbunden, der Eiter läuft auf die Betten. Die Betten sind vollständig verlaust und verdreckt. Wird ein Platz leer, dann kommt sofort ein anderer hinein. Medikamente gibt es keine. Gibt es denn keine Hilfe? Ansere Besten gehen hier elendiglich zugrunde. Schwere Bombenflugzeuge überfliegen jeden Tag zu Hunderten das Lager. Werfen hin und wieder Bomben, aber niemals ins Lager. Sie wissen, daß wir hier sind und von ihnen die Freiheit, aber nicht den Tod erwarten. Tiefflieger greifen unser Lager an und beschießen mit Bordwaffen die Ba⸗ racken der SS. Wir wissen, daß die Rote Armee und die amerikanischen Truppen den größten Teil Deutschlands schon besetzt haben und daß die Rote Armee in das österreichische Gebiet eingedrungen ist. Warum legen die deutschen Sol⸗ daten nicht die Waffen nieder? Warum drehen sie die Gewehre nicht um gegen ihre und unsere Peiniger? Es können doch nicht alle ehemaligen organisierten Arbeiter Nazis geworden sein! Wir geben die Hoffnung nicht auf. Einmal muß die Stunde der Freiheit auch für uns kommen. Es ver⸗ gehen noch Wochen der Qual. Aber die Rote Armee rückt immer näher, und unsere Hoffnung steigt, daß wir eines Tages eingekreist sein werden und daß sie uns nicht noch einmal verschleppen können. Der Lagerführer und die SS werden mit jedem Tag nervöser. Die SS⸗ Posten haben freundliche Worte für uns und schimpfen zum Teil auf ihre Führung. Andere wieder sagen:„Jetzt sind wir noch da— noch bestimmen wir— glaubt ja nicht, daß ihr schon was zu sagen habt.... ihr kommt nicht wieder aus dem Lager!“ Was ist das? Wir hören entferntes Artilleriefeuer. Die Front kommt immer näher. In alle Stollen sind links und rechts kleine Seitenstollen von 12 Meter Tiefe kreuz und quer getrieben und mit Hunderten von Zentnern Spreng⸗ stoff gefüllt worden, um die Stolleneingänge zu sprengen. Lagerbefehl: Morgen rückt kein Kommando aus! Die Nachtschicht, die ausgerückt war, kommt wieder zurück. Die SS fängt fieberhaft an, ihre Sachen zu packen. In aller Eile werden Kessel abmontiert und auf Schiffen der Donau ver⸗ laden. Im ganzen Lager herrscht große Unruhe. Die SS hat Doppelposten auf ihren Türmen und in ihren Erdlöchern ringsum bezogen, auch sonst sind überall Sicherungen gegen uns getroffen. Lagerbefehl 2: Alle Häftlinge haben sich zum Abmarsch bereitzuhalten. Jeder nimmt eine Decke, eine Schüssel und einen Löffel mit! Immer zu zweitausend Mann müssen wir antreten. Die erste Kolonne hat dreitausend Mann; die marschieren zur Donau und werden dort auf ein Schiff verladen. Von weitem hören wir starke Detona⸗ tionen aus der Richtung des Schachtbaues. Sie haben die Stollen zu⸗ gesprengt. Nun marschiert Kolonne um Kolonne zum Bahnhof. Die Güter⸗ züge, die uns aufnehmen sollen, stehen schon bereit. Wir werden sehr scharf bewacht— hier ist ein Entrinnen unmöglich. Werden uns unsere Befreier eee Walter Sammet, Meißen. 20 —— ——— Offentliche Hinrichtung „M., sorgen Sie dafür, daß um 5 Uhr nachmittags das Mikrophon an die Lautsprecheranlage des Appellplatzes angebracht wird!“„Jawohl, Herr Kommandant!“ war die Antwort auf diesen Befehl. Wozu sollten die Groß⸗ lautsprecher in Betrieb gesetzt werden? Sollten alle Häftlinge sich wieder einmal eine Rede von Göring anhören? Möglich! Aber unbestimmt. Vor der großen Blumenrabatte, die den Abschluß des Appellplatzes bildet, hebt lebhaftes Treiben an. Zimmerer fahren Holzbohlen und Bretter herbei. Sehr geschwind sind zwei Pfähle in die Erde gerammt, an die die Bretter genagelt werden. Das Ganze sieht aus wie eine riesige Anschlagfläche. In gewaltigen Kolonnen ziehen die Arbeitsgruppen durch das Haupttor in das Lager. Aller Augen sind auf das Brett gerichtet, denn es ist etwas Neues in dem grauen Einerlei des Konzentrationslagers. Aber was kann es nur sein? Vermutungen werden geflüstert, Behauptungen aufgestellt, aber nie⸗ mand weiß etwas Genaues. Plötzlich ein Knacken im Lautsprecher. Aller Augen wandern dorthin, denn jetzt wird die Spannung gebrochen werden. Und welches Bild zeigt sich sonst gegenüber dem täglichen Einerlei? Die Wachen der SS sind vierfach stärker als sonst. Von den Maschinengewehren, die sonst mit dem Überzug verdeckt sind, wurden diese entfernt. Der Muni⸗ tionsgurt ist in die Waffe eingeführt und klar zum sofortigen Einsatz. Auf der Mauer sitzen die SS⸗Leute in Erwartung der kommenden Dinge in einer so großen Anzahl, daß man glaubt, die ganze Truppe sei zu diesem blutigen Schauspiel kommandiert. Am Haupttor, das aus starken Rundeisenstäben gefertigt ist, stehen und hängen die sensationslüsternen Ss-Leute wie eine Traube. Einige sind auf die Quertraversen gestiegen, um alles besser sehen zu können. Neugierde, ja Blutdurst und auch einiges Grauen mag bei diesen Schaulustigen zu entdecken sein, denn sie wissen ja, was in einigen Minuten vor sich gehen wird. Das bekannte Knacken in den Lautsprechern ist zu hören, Vierkants eklige Stimme ertönt:„Häftlinge, herhören!“ Lautlose Stille tritt ein. Das kurze, asthmatische Schnaufen dieses Scheusals ist zu vernehmen. Darauf fährt er fort:„Am 5. September d. J. ist der Häftling Bibelforscher August Dickmann zu der politischen Abteilung des Lagers bestellt worden, um seinen Wehrpaß zu unterschreiben. In Verkennung der politischen Lage des Reiches und des bestehenden Kriegszustandes hat D. die Unterschrift trotz nachdrücklichsten Hinweises nicht vollzogen. Er gab weiter zu Protokoll, daß er niemals Soldat werden kann und auch niemals im Kriege Menschen töten wird, da Jehova den Krieg nicht geheiligt und befohlen habe. Ferner erklärte er, daß er Adolf Hitler nicht als den Führer des deutschen Volkes anerkenne, denn Adolf Hitler sei die personifizierte Bosheit und ein Werkzeug Satans. Auf die Folgen dieses Verhaltens aufmerksam gemacht, erklärte D., daß er bereit sei, die Folgen zu tragen. Der Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei babe daher seine Erschießung vor dem versammelten Lager angeordnet.“ Totenstille liegt auf dem weiten Felde. Bleiche Gesichter starren sich an. Ist es schon so weit mit diesen Untermenschen, daß sie aus Mord eine Sen⸗ sationsangelegenheit machen? Wieder ertönt das unangenehme Organ des sattgefressenen Bonzen. 5 2¹ „Ich habe den Häftling D. vor einer Stunde davon unkerrichtek, daß sein elendes Leben um 6 Uhr ausgelöscht wird.— Bringen Sie das Schwein her!“ Hinter einer Baracke, die den Todeskandidaten den Blicken aller ent⸗ zogen hat, tritt eine kleine Gruppe von SS⸗Leuten bervor. In ihrer Mitte zwei Häftlinge. Blaß und abgemagert sehen beide aus. Der kleinere von ihnen hat die Hände mit Stahlfesseln auf dem Rücken geschlossen. Der größere, sein Bruder, führt ihn am Arm zum letzten Gang. Langsam, ohne sich umzusehen, folgen beide den Henkern, die vor der Holzplanke stehen bleiben. Das Gesicht starr gegen die Holzwand gerichtet, steht der Gefesselte da. Ruhig, als ginge ihn das alles wenig an. Der Bruder ist einige Schritte zur Seite getreten und steht neben dem schwarzen Kasten, dessen Deckel auf der Erde liegt, und sieht zur Seite. Alle wissen, daß es nur noch Sekunden sind, bis auch dieses junge Menschenleben von dieser Horde, die mit dem Gewehr bereitsteht, ausgelöscht wird. Vierkants massige Gestalt geht auf den Deliquenten zu und schreit ihn an, er möge sich umdrehen, damit seine dreckige Jehovavisage zu sehen sei. D. tut, als verstehe er nichts. er reagiert auf die Stimme dieses Tieres überhaupt nicht mehr. Ganz lang⸗ sam, als wolle er die qualvollen Minuten um einige Sekunden verlängern, dreht der Todgeweihte seinen Kopf, und laut vernehmlich sagt er kurz: Nein!“ „Dann kannst du mit der Schnauze an der Bretterwand krepieren!“ schreit Vierkant in höchstem Zorn. Sein Adjutant und späterer Komman⸗ dant des Lagers in Auschwitz, SS⸗Hauptsturmführer Heß, bekannt durch be⸗ sondere Grausamkeit, stellt sich an die Seite der sechs mit Gewehren aus⸗ gerüsteten SS⸗Strolche. Ein kurzes Kommando, die Gewehre fliegen hoch. Ein zweites Kommando, die Salve kracht, und D. sinkt langsam mit dem Gesicht an die Bretterwand. Ruhig liegt die Leiche auf dem Erdboden. Heß tritt auf D. zu, die Pistole in der Hand, und feuert auf den Kopf des Er⸗ mordeten. Totenstille liegt auf dem weiten Platz. Der Pulverdampf verzieht sich. Manches Auge steht voll Tränen, viele Fäuste ballen sich in der Gewiß⸗ heit, daß auch allen anderen ein solches Ende bevorstehen kann. Vierkant hat den Schlüssel zu den Fesseln des Ermordeten in der Hand und wirft nun diesen dem Bruder vor die Füße.„Mache das Schwein frei!“ Die Fesseln werden dem Toten abgenommen. Einige Häftlinge müssen die Leiche in den schwarzen Kasten legen, und langsam, als zähle er jeden Schlag, nagelt der lebende Bruder das Totengemach des ermordeten Lieben zu. Dumpf hallen die Schläge über den immer noch totenstill daliegenden Platz und wecken einen grausigen Widerhall in den Herzen der ergriffenen Zu⸗ schauer. Den letzten Liebesdienst erweist der Lebende dem Toten, indem er selbst mit drei anderen Kameraden den schwarzen Kasten nach dem Krema⸗ torlum trägt. Einige Zeit später erschien im„Völkischen Beobachter“ die kurze Notiz, daß der zur gefährlichen internationalen Sekte der Bibelforscher gehörige August D. erschossen wurde. Welche Gefühle mögen wohl die Schüsse im Konzentrationslager Sachsenhausen bei der Frau, den Eltern und den anderen Bibelforschern der ganzen Welt ausgelöst haben? Mit Sicherbeit ist anzunehmen, daß die Welt die Henkerstat Hitlers mit Abscheu und Ver⸗ achtung zur Kenntnis genommen bat. Willi Michalski, Dresden, 2 — prämien för die Mörder „Es ist nicht der Zweck der Schutzhaft, die Häftlinge zu vernichten, son⸗ dern sie in den Arbeitsprozeß zum Segen der Menschheit einzureihen.“ Vor den schwarzen Anschlagbrettern in den Baracken des Konzentrations⸗ lagers Sachsenhausen drängen sich Männer jeden Alters, jeder Größe, blond. schwarz, braun. Ihre Gesichter sind mager, bleich und übermüdet. Haben sie doch einen schweren Arbeitstag hinter sich. In jedem Augenblick ist ihnen heute und in den verflossenen Tagen gesagt worden, daß sie der Ausschuß der Menschheit, die Kloake Deutschlands sind. Und heute? Man will sie zum „Segen“ der Menschheit in den Arbeitsprozeß einreihen. Ist das denkbar? Ist es etwa gar ein Segen, wenn diese Arbeitssklaven freiwillig durch die Postenkette der SS gehen, um durch einen Schuß gewaltsam dieses Dasein von sich zu werfen? O ja, es ist schon ein Segen um das beendete Leben eines Häftlings im Konzentrationslager. Der glückliche Schütze aus den Reihen der SS erhält als Belohnung für sein gutes Schießen 10 Mark Geldprämie und drei Tage Urlaub, die er mit seinem Mädel im Freien, in der Sonne verbringen kann. Spielerisch greift er immer wieder an den Sicherungsflügel des Gewehres! Kommt denn das Schwein immer noch nicht? Er hat es doch heute früh mit dem Vorarbeiter beredet, daß er ibm einen solchen Speckjäger durch die Postenketten treiben wird. Da, sieh! Eine Gestalt, über und über blutend, kommt auf ihn zu, be⸗ achtet ihn fast nicht, bleibt vor dem Todesstrich stehen, sieht sich nach allen Richtungen um, und nur ganz zögernd, ach, wie werden diese paar Schritte schwer, schreitet er weiter, auf ein Ziel zu, aus dem es kein Zurück mehr gibt. Der SS⸗Mann, plötzlich vor die vollendete Tatsache gestellt, zuckt nicht mit der Wimper. Drei Tage Ruhe, die Geldprämie und alle anderen An⸗ nehmlichkeiten steben vor seinen Augen. Langsam, wie ein schleichendes Tier, bewegt er sich vorwärts. Nimmt langsam das Gewehr vom Rücken. als wollte er sein Opfer nicht verscheuchen. Da durchpeitscht der Knall eines Schusses die Stille, der Rauch verweht nur träge. Ruhig, als ginge ihn alles nichts an. liegt der Erschossene. Da. regt er sich nicht noch? Doch, er ist noch nicht tot! Bedächtig, mit langen Schritten, gebt der Posten auf und ab. Ihn interessiert nicht der Tote, nur seine drei Tage Urlaub stehen vor seinen Augen. Plötzlich, als hätte er einen vergessenen Befehl nachzuholen, reißt er das Gewehr hoch, und Schuß auf Schuß veitscht auf den leblosen Körper. In dieser Mordbestie regt sich kein Gedanke, daß der Ermordete vielleicht auch in weiter Ferne ein Mädel hat, mit dem er gern drei Tage in Sonne und Freude verbringen möchte. Er denkt nicht darüber nach, daß der Un⸗ 23 glückliche Frau. Kinder oder Eltern haben könnte, die sehnlichst auf seine Rückkehr warten! Er ist ja nur ein Häftling— Freiwild— den jeder SS⸗Angehörige über den Haufen schießen darf. Gellende Rufe hallen durch die Haufen der Häftlinge. Rufe, die dem Neuling und Neueingeweihten ans Herz greifen und zutiefst erschüttern. Die Rufe:„Leichenträger, Leichenträger!“ bringen manchen der Gefangenen zur Raserei, den anderen zur stillen Resignation, den dritten zum Fatalis⸗ mus: denn alle sind überzeugt, daß dieser gräßliche Ruf vielleicht auch ein⸗ mal erschallen wird, wenn sie selbst von der SS-Bande zur Strecke gebracht und als bilfloses Bündel daliegen werden. Der satanische Ruf„Leichen⸗ träger“ alarmiert die beiden für den Transport von Leichen abgestellten Häftlinge, die im Häftlingskrankenbau untergebracht sind und den Trans⸗ port der Toten vom Krankenbau oder von der Erschießungsstätte bis zum Krematorium zu besorgen haben. Zur besonderen Erbauung der SS und als abschreckendes Beispiel für die Häftlinge wird die Leiche des Erschossenen abends im Lager zur Schau gestellt. Der ausgemergelte Körper ist ganz entkleidet. Auf der Brust und dem Leib sieht man kleine blutige Punkte, die Schädelbasis ist völlig de⸗ formiert, durch das Tuch der Tragbahre sickert immer noch langsam das Blut und bildet eine rote Lache, die von Fliegen besetzt ist. Der Komman⸗ dant, persönlicher Freund Adolf Hitlers, allen Häftlingen unter dem Namen „Vierkant“ in Erinnerung, tritt vor die schräggestellte Bahre und befiehlt, alle Zugänge der letzten 14 Tage vortreten zu lassen. Eine größere Anzahl von Häftlingen, denen das alles noch fremd ist, treten vor dem Komman⸗ danten an und warten der Dinge, die da kommen. Ihre Gesichter sind blaß und erwartungsvoll auf dieses Vieh in der strotzenden Uniform gerichtet: denn wenn Vierkant selbst da ist, dann wittern alle Unheil, dann ist bestimmt etwas zu erwarten. Seine krähende Stimme bört man durch den Groß⸗ lautsprecher:„Häftlinge, berhören! Sie sehen hier den Häftling M. M. Sein ruchloses Vorhaben ist ihm nicht geglückt; denn meine Jungs waren wach. Er ist nicht von der SS ermordet oder erschlagen worden. sondern er wurde auf der Flucht erschossen. Ja, so geht es euch allen, wenn ihr versucht, zu türmen. Meine Jungs schießen wie die Wilddiebe. Der Schuß kracht, der Lump fällt, der Bart ist ab. Adele.“ Das ist die Leichenrede für einen er⸗ mordeten Menschen. In weiter Ferne schluchzt vielleicht in diesem Augen⸗ blick ein armes Mütterlein um ihren Sohn, vielleicht fragen aber auch Kinder ihre Mutter, wo der Vater ist, ein kleines Mädel denkt an ihren Liebsten. mit dem auch sie einige Tage in Sonne und Freude verleben möchte. Er kehrt niemals wieder, er starb als Häftling im Konzentrations⸗ lager— gemordet von den Henkern Himmlers. Willi Michalsti. Dresden. 24 N — Medizinische Versuche Alles bat der Faschismus für seine Zwecke mißbraucht, auch die wissen⸗ schaftliche Forschungsarbeit. Bisber wurden die medizinischen Versuche zu⸗ meist an Tieren durchgeführt, so blieb es den SS⸗Arzten als ersten vorbehal⸗ ten, diese Versuche in größtem Maßstabe an Menschen durchzuführen. Die Insassen der Lager waren dafür gerade gut genug. Ende des Jahres 1942 bekam der Lagerarzt des Konzentrationslagers Sachsenhausen von seiner vorgesetzten Dienststelle in Berlin den Befehl, Versuche mit Giftgas. insbesondere deren Einwirkung auf den menschlichen Organismus, an lebenden Versuchsobjekten durchzuführen. In dem Befehl bieß es u. a.:„Geheim!.... wollen Sie bitte Ibre diesbezüglichen Er⸗ fahrungen aus den Versuchen schnellstmöglich. übermitteln.... sich mit dem Lagerkommandanten ins Einvernehmen setzen. daß genügend Men⸗ schenmaterial für die Versuche zur Verfügung gestellt wird dabei größte Verschwiegenbeit im ganzen Lager bewahren.. die Angelegen⸗ beit ist besonders vordringlich und entscheidend kriegswichtig beson⸗ ders eilig(das letzte war dreimal rot unterstrichen). Der Lagerarzt. SS⸗Untersturmführer Doktor Schmitz. ging also prompt ans Werk und suchte sich seine Opfer aus der chirurgischen Abteilung des Lagers. Nationalität und Alter spielten, wie immer, keine Rolle. Auf diese Weise wurden eine ganze Reihe Deutscher, Russen. Polen. Franzosen usw., die an Lagerkrankheiten litten, zu Versuchszwecken„behandelt“. Lager⸗ krantheiten waren insbesondere Furunkulose, davon gab es sehr schlimme Fälle, Bartflechten. die die damit Behafteten zur Verzweiflung treiben konnten, Phlegmonen mit Seypsis, schwere Knochenbrüche, Hieb⸗ und Stich⸗ verletzungen, Riß⸗ und Bißwunden, hervorgerufen durch das Hetzen von Hunden auf die Häftlinge. Schädelbrüche. Rippenbrüche aller Art, Hoden⸗ und Leistenbrüche, Mastdarmvorfälle. Lähmungen der Arm⸗ und Rücken⸗ muskulatur, durch das stundenlange Aufhängen der Häftlinge mit zurück⸗ gebogenen Armen bervorgerufen. Skrufulose, Fleckfieber. Malaria,. Typhus. Ruhr, Erfrierungen meist dritten Grades usw. Diesen ahnungslosen Opfern wurde nun erklärt, daß ihnen ärztliche Hilfe zuteil werden sollte. Wie sah aber diese Hilfe aus? Man brachte die Kranken in den Operationssaal, legte sie auf den Tisch und der Herr Unter⸗ sturmführer ging mit anderen„Kollegen“ frisch ans Werk. Bei jedem Opfer wurde ein zehn⸗ bis fünfzehn Zentimeter langer und bis zum Knochen tiefer Einschnitt ins Bein gemacht. Dahinein wurde mit Giftgas präparierte Holzwolle gesteckt und die Wunde dann wieder zugenäht. Diese Füllungen wurden in Zeitabständen bis zu drei Tagen wieder herausgenommen. Mei⸗ stens war dann nicht nur der Unterschenkel. sondern auch der Oberschenkel infiziert. in vielen Fällen war der ganze Körper dick angeschwollen und blau angelaufen. Die als Gegenmittel angewendeten Medikamente blieben fast in allen Fällen obne Erfolg. so daß die meisten Opfer unter schwersten Qualen und Schmerzen nach Wochen ihr Leben aushauchten. Jeder tote Häftling wurde seziert. Manchmal aber waren bis zu 50 Todesfälle im Lager so daß die Arzte kaum nachkamen. Vielfach blieben die geöffneten Leichen tagelang liegen. g ö Pergamentbüünne Menschenhant Tausende gefälschte Totenprotokolle wurden hergestellt, um die Angehörigen von deutschen Gefangenen und die Offentlichkeit zu betrügen. Bei vielen verstorbenen Gefangenen wurden die Tätowierungen. die sie auf det Haut trugen, abgelöst, und ein gefangener Arzt, der sich in dieser Arbeit zum Spezlalisten entwickelt hatte, ließ die Hautstücke im Lager nach verschiedener Art gerben Aus der gegerbten, vergamentdünnen Menschenhaut wurden „Andenken“ für die Besucher des Lagers hergestellt. Es wären Etuis für Kämme, Taschenmesser, Spiegel, Bezüge für Puderdosen. Hüllen für Zigaret⸗ tenetuis, auch Lampenschirme wurden aus der Haut der Toten angefertigt. Im Lager Buchenwald zum Beisptel soll ein SS-Atzt namens Doktor Wagner über die Herauslösung der Haut und ihre zweckmäßige Gerbung sogar seine Doktorarbeit gemacht haben Diese„Andenken“ waren bei den Besuchern begehrt. Die dafür erzielten Bettäge wurden abends im Kasino von den skrupellosen Arzten in Spirituosen umgesetzt. Der Lagerarzt versuchte, auch auf Befehl von Berlin, füt den Reichs⸗ führer Ss Heinrich Himmler eine besondere Art„Andenken“ zu schaffen. Ein SS⸗Führer bat den Lagerarzt darum, doch einmal zu versuchen, aus den Köpfen der getöteten Gefangenen für den Schreibtisch Himmlers einen Schmuck hetzustellen. Ich war Zeuge dieses Gespräches und hötte, wie der SS⸗Führer zu dem Arzt sagte:„Der Herr Reichsführer hat eln großes Interesse datan. In anderen Lagern sind solche Versuche bisher nicht gelungen. Det Herr Reichs fübrer würde es Ihnen danken!“ Schon einige Tage später sah ich auf dem Schreibtisch des SS-Arztes eine Präparietungsanweisung liegen, die davon handelte, wie die Köpfe der erschlagenen Feinde von den Menschenfressern der Südsee fachgemäß behandelt wurden, so daß sie auf Faustgröße zusammenschrumpften und dabei doch ihte lebensechten Gesichts⸗ züge bewahrten. Auch ein Arzt aus einem anderen Laget, ein Doktor Del⸗ ling oder Dolling, den Doktor Schmitz zur Hilfeleistung für die Präparierung anforderte, arbeitete“ mit an diesen grausamen Versuchen. bugo Weize, Dresden. Kopfjdgermethoden Seit zwei Tagen wußten wir auf Grund von Maßnahmen der SS⸗Lager⸗ leitung: Es steht eine Aktion bevor. Oskar Fischer und Hans Bremer, diese beiden Namen wurden uns allen bekannt. Fischer, der letzte Mann aus dem Felseneck-Prozeß, jung, stark, groß, in allen schwierigen Lagen Charakter zeigend, war der Typ eines politischen Kämpfers. Bremer, im Prozeß des Arbeiter-Schlächters und Freikorpsführers Berthold freigesprochen— 1933 in Haft genommen, zweimaliger Mord⸗ versuch auf ihn mißlungen— steht in gereiftem Alter, ein Künstler in seinem Beruf. Politisch klar. Er lebte in dem Bewußtsein: Eines Tages trifft mich die Kugel. 20 — — Am 2. Dezember 1937 begann die Menschensagd. Angeblich seblte ein politischer Häftling Weinreuter. Seit zwei Tagen suchte man ibn. er aber war bereits tot und lag in der Blockfübrerstube. Fischer und Bremer wurden dem Suchkommando zugeteilt. Wir kannten die Bedeutung, und auch unsere beiden Kameraden wußten das, sie waren vorsichtig, gingen nicht nabe an die Postenkette, sondern hielten sich immer so, daz die SS nicht zum Schuß kam.„Auf der Flucht ist man schnell erschossen.“ Die beabsichtigte Ermordung klappte nicht, deshalb trat das gesamte Lager am 2. Dezember 13 Uhr geschlossen auf dem Apvpellplatz an. Gegen 14 Uhr wurde gerufen:„Fischer und Bremer zum Rapportführer!“ Im Laufschritt rannten diese beiden die Front der Häftlinge abschiednehmend ab zum Rapportführer. Dieser übergab sie der SS mit den Worten:„Zur politischen Aburteilung! Sie gehen auf Urlaub.“ Dann wurden sie abgeführt. Ungeheure Spannung lag über uns, nach etwa zehn Minuten krachten Schüsse, alles sah aufmerksam in diese Richtung. Darauf krähte eine heisere Stimme vom SS⸗Sturm:„Was gibt's denn da zu sehen? Nasen geradeaus!“ Fischer und Bremer waren nicht mehr— und doch, sie waren noch unter uns.— Erst später erfahren wir das Grauenbaftests. Standartenführer Karl Koch Standartenführer Karl Koch hatte nicht genug an dem Tode dieser beiden politischen Kämpfer, er trieb sein Verbrechen bis zur böchsten Spitze. Er ließ den zwei Leichen die Köpfe abschneiden, die Köpfe kochen, reinigen und präparieren. In der Tischleret Buchenwald wurden Holssockel angefertigt, die wir polierten mußten, und dann kam Hauptscharführer Arno Weber und brachte uns zwei Totenköpfe. In eingehenden Erörterungen und Vernehmungen, die von uns sofort durchgeführt wurden, erkannten wir an den Zähnen und anderen Merkmalen Fischer und Bremer wieder. Beide wanderten nun auf den Schreibtisch des Standartenführers Koch: einen behielt er in seiner Dienstwohnung. und einer kam in seine Privatwohnung. Jahrelang saß der Mörder vor den Köpfen seiner Opfer. Doch eines Tages ereilte auch ihn der Tod. Im Laufe der Auflösung seines Besitzes ver⸗ schwanden auch die beiden Köpfe. Wohin wissen wir heute noch nicht. Wir fragen: Wo sind die Sachen von Standartenführer Karl Koch. Buchenwald? Wir rufen Prag. Bei Prag lag ein Landbaus von Koch, zuletzt bewohnt von Frau Koch. Wo ist Frau Koch? Wer weiß etwas über den Verbleib von Oskar Fischer und Hans Bremer? Sie sind tot— aber doch sind sie noch unter uns in Gestalt ibrer Köpfe, im Geiste bei unserem Kampfe für Menschenrecht und Freiheit. Franz Dobbermann. Dresden. 2¹ 0 1 9 Von Auschwitz nach Mauthausen Als am 12. Januar 1945 die Rote Armee vom Brückenkopf Baranow zur großen Winteroffensive antrat, da wußten wir Gefangenen im Konzen⸗ trationslager Auschwitz, daß es bald etwas geben würde. Als der OKW.⸗ Bericht einige Tage später von einer Verlagerung der Kämpfe in den Raum von Krakau sprach, war an dem Verhalten der SS zu merken, daß sie mit uns etwas vorhatten. Am 18. Januar bieß es auf einmal: Jetzt gebt es ab! Von diesem Tasse an begann ein Leidensweg für uns Häftlinge des Konzentrationslagers Auschwib, wie er in seinem Ausmaß bisber noch keine Vorbilder hatte. Abends bekam jeder Häftling ein Stück Brot und eine Kleinigkeit Marga⸗ rine. Dann wurden wir zu Gruppen zusammengestellt, aus den Gruppen formierten sich Züge, die Züge wurden eine endlose Kette von Menschen. Auf Motor⸗ und Fahrrädern umschwärmte uns, von Hunden begleitet, die schwerbewaffnete SS. Ununterbrochen schallte der Ruf:„Lebhaft, lebhaft!“ Es war eine kalte Winternacht, der Schnee lag kniehoch und der Wind blies seine eisige Melodie. Wir hatten nur unseren dünnen, fadenscheinigen „Zebraanzug“ an, höchstens noch einen verdreckten, verschmutzten Lappen, der ehedem ein Hemd war, keine Unterhose, keine Strümpfe: barfuß zogen wir in Holzschuhen weiter. Straße des Todes Nur mühsam konnten wir uns durch den einsetzenden Schneesturm und Eishagel einen Weg bahnen. Bei den schwachen Gefangenen zeigten sich sehr bald die ersten Ermüdungserscheinungen. Wer nicht weiter konnte und aus der Reihe der Marschierenden herausfiel, bekam den Fangschuß von der SS, und wir mußten ihn in den Straßengraben werfen. Lebend— so hieß der Befehl— durfte keiner zurückgelassen werden. Dieser Leidensweg der Ge⸗ fangenen gestaltete sich zu einem wahren Schützenfest. Vor uns marschierten in einer endlosen Kolonne die weiblichen Gefangenen des Lagers. Bald sahen wir auch schon die ersten Frauenleichen im Straßengraben liegen. Uns packte ohnmächtiger Zorn und grauenhafte Wut. „Zusammenreißen!“— hieß die Parole,—„eng aufschließen! Nicht aus der Reihe treten und nicht umfallen!“ Wir wußten, daß der Tag der Frei⸗ beit nicht mehr weit sein konnte. Wir gaben acht auf die Genossen, daß keiner von ihnen schwach wurde und allein zurückblieb. Konnte einer nicht mehr weiter, so legten wir seine Arme um unsere Schultern und schleiften ihn so mit über die Straße. Nach zwei uns endlos erscheinenden Tagesmärschen erreichten wir Loslau. Hier wurden wir in bereitstehende Kohlenwaggons verladen. Die SS be⸗ setzte die Stirnwände der Wagen und paßte, mit schußbereiter Maschinen⸗ pistole in der Hand, auf, daß keiner der Gefangenen den Kopf über die Bretterwand hob.„Sonst knallt es!“ Das Konzentrationslager Groß⸗Rosen war unser erstes Ziel. Das Lager war überfüllt. Die Baracken, die wir beziehen mußten, waren erst zum Teil fertiggestellt, noch mit Baumaterial vollgepfropft und sebr schmutz ig. 2 5 Wir begannen mit dem Ausräumen der Baracken und dann mußten wir zu tausend Mann jeweils in eine solche Baracke ziehen. Das Essen war bier unter aller Beschreibung, nur Wasser und Rüben. Wir sollten langsam ver⸗ hungern. Das gehörte mit zur Liquidierungsvpoltftik der Lagerleitung, denn je weniger Häftlinge übrig blieben, um so weniger brauchte man zu evakuieren. Auch war die SS nicht mehr in der Lage. Verpflegung heranzubringen. Unser sogenanntes Mittagessen bekamen wir manchmal erst in der Nacht. und dann war die Brühe eiskalt, mitunter sogar in der Essenschüssel ge⸗ froren. Der Hunger brachte ein Massensterben. Nun ging die Ss dazu über, die Verpflegung nach Art der Strafen aus⸗ zuteilen. Zuerst bekamen die Berufsverbrecher. dann wir„Politischen“,— die Juden bekamen gar nichts. Ein Glück für uns, daß die Rote Armee so schnell vorrückte. Aber man wollte nicht, daß wir in die Hände unserer Befreier fallen.— noch nichtl Wie Schlachtvieh auf den vereisten Straßen Also hieß es: weitertransportieren! Der Kanonendonner war bereits aus nächster Nähe zu hören, die Straßen waren von evakuierten Flüchtlingen überfüllt, die SS trieb uns wie Schlachtvieh auf den vereisten Straßen vor sich her. Erneut wurden wir in Kohlenwaggons verladen. Als unser Wagen so voll war, daß keine Stecknadel mehr zum Erdboden fallen konnte, warf man uns noch sechzig weibliche Gefangene hinein, die auf dem Marsche zurück⸗ geblieben waren Nun begann eine sechstägige grauenhafte Todesfahrt. Wie mag das enden?— dachten wir erschauernd. Wer sich im Wagen nicht mehr auf den Beinen halten konnte, wurde einfach von den anderen zertreten. Wir„Politischen“ standen enganeinander gedrängt in einer Eckes des Wagens und hielten uns umschlungen. Einer begann leise die„Inter⸗ nationale“ zu brummen, wir anderen stimmten vorsichtig mit ein.„Brüder. zur Sonne, zur Freiheit, Brüder, zum Lichte empor!...“ So bielten wir uns aufrecht. Schon nach wenigen Stunden batten wir die ersten Toten. Es blieb nichts anderes übrig, als sie während der Fahrt aus dem Wagen zu werfen. Wir brauchten Platz wenn wir nicht selbst vor die Hunde gehen wollten. Endlich kamen wir nachts in Weimar an. Es hieß, das Lager Buchen⸗ wald könne uns nicht aufnehmen. da es total überfüllt sei. Also ging es weiter. Unser nächstes Ziel war jetzt Mauthausen. Von Weimar nach Nürn⸗ berg regnete es ununterbrochen, und wir waren in offenen Waggons unter⸗ gebracht In Nürnberg gab es endlich ein Stückchen Brot. Wie die Hyänen stürzten wir uns darüber Als wir endlich nach Tagen in Mauthausen an⸗ kamen. glichen wir Skeletten. Jetzt begann noch der Fußmarsch nach dem Lager hinauf Wir schleppten uns drei Stunden auf der steinigen Straße. Viele blieben hier liegen und verendeten im Graben. Von meinen Mit⸗ gefangenen— wir waren bei der Abfahrt hundertzwanzig Mann im Waggon— blieben nur noch fünfzig übrig. Von diesen fünfzig gelang es nur zehn Mann, die so heiß ersehnte Befreiungsstunde zu erleben. Fritz Klein, Dresden. 29 Das Todesloch im Wiener Graben Wer von den Mauthausener KZ.⸗Häftlingen kannte nicht das berüchtigte „Baukommando“?— Jene Gruppe von Gefangenen, die wegen gering⸗ fügiger Verstöße gegen die Lagerordnung in die sogenannte„Strafkompanie“ (SK) kam? Ich sehe die Bedauernswerten jetzt noch im Geiste vor mir, wie ste, weit vornübergebeugt, mit schweren Granitblöcken auf den Schultern, ächzend und stöhnend die beschwerliche Treppe emporstiegen, deren hundertfünfundachtzig Stufen schon jede für sich allein eine unerhörte Qual darstellte. An einer Baustelle angekommen, mußten die Steine von den Schultern geworfen werden, und im Laufschritt ging es zurück, um neue schwere Fels⸗ brocken zu holen. So ungefähr mögen die Phönizier ibre Sklaven zum Bau verwendet baben. Vierzehn⸗ bis fünfzehnmal am Tage treppauf und treppab war die Mindestleistung. die man von den Häftlingen forderte. Die Gesteinsblöcke schnitten tief ins Fleisch, keiner war im Gewicht unter zwei Zentnern. Es dauerte im Durchschnitt immer eine Stunde, bis der beschwerliche Weg zu⸗ rückgelegt werden konnte. Viele unter den Gefangenen waren Todgeweihte. Selten, daß sie länger als zwei bis drei Tage diese mörderische Arbeit schafften. Die SS⸗Aufseher standen mit langen Nilpferdpeitschen dabei und schlugen auf die Gefangenen ein wenn ihr Arbeitstempo nachzulassen drohte. Meist waren die Gefange⸗ nen schon am zweiten Tage erledigt. Jawohl, erledigt! Denn sie mußten sterben, ihr Tod war eine beschlossene Sache. Ein jeder von uns Gefangenen wußte schon im voraus, wer am nächsten Tage an die Reihe kam. Es war der, der sich als Letzter hinter die Gruppe der Träger herschleppte, den schweren Brocken nicht mehr tragen konnte. Mit aufgerissenen wunden Schultern, mit blutenden, zerfetzten Händen, mit Augen, aus denen der ganze Jammer und die Verzweiflung einer gequälten Kreatur sah, so wankte, stolperte und schlurfte er hinter den anderen ber. Jeden Tag war das grausige Schauspiel dasselbe, und doch war es jeden Tag für uns neu. Der letzte Todgeweihte kroch und schleppte sich aus dem Wiener Graben— wie die Arbeitsstätte hie— die steile Treppe empor. Oben angekommen, verhielt er den Schritt vor jenem Loch im Drahtverbau. durch das vor ibm schon die anderen, die auch nicht weiterkonnten, gegangen . —— waren Es hieß das Todesloch. Es war jene Stelle, wo das Stacheldraht⸗ verhau eine Lücke aufwies, durch die man den Weg in die Freiheit fand. Hier blieb er nun stehen. erschöpft, verzweifelt, am ganzen Körper zitternd, blickte auf den Posten, der Posten blickte auf ihn, und wir alle wußten Be⸗ scheid. Jetzt war es so weit! Langsam schleppte sich der Gefangene nach dem Loche. Langsam, gemäch⸗ lich kam der Wachtposten näher, klopfte in aller Rube seine Tabakpfeife aus, nahm lässig das Gewehr von der Schulter und wartete, bis der Gefangene vor dem Fluchtloch stand. „Mach schnell, Alter! Ich habe heute wenig Zeit!“ rief der Posten. wenn er gut gelaunt war, dem Selbstmordkandidaten zu. Wir alle hielten den Atem an und blickten wie hypnotistert auf die nun folgende Szene. Noch ein, zwei Schritte torkelte der Gefangene dahin. dann veitschte der Schuß durch die Luft. Der Gefangene stürzte, zu Tode getroffen, zu Boden. der SS⸗Mann bing wieder gleichmütig sein Gewehr um, stopfte fich die Pfeife und rief uns lakonisch zu:„Weitermachen! sonst setzt es diebe!“— Weiter ging es nun in gleichem Schritt und Tritt, die Augen der Ge⸗ fangenen suchten schon wieder nach dem, der morgen an der Reihe war. Der SS⸗Mann erstattete später im Lager Bericht.„Auf der Flucht erschossen!“ war die kurze Meldung an den Vorgesetzten. Die Vorgesetzten wußten Be⸗ scheid, wieder wurde ein Gefangener Hitlers aus dem Buche des Lebens gestrichen. Als in den letzten Tagen der zerfallenden Naziherrschaft die Sowjet⸗ armeen und amerikanischen Truppen dem Lager bedenklich nabe rückten. war man in der sogenannten politischen Abteilung des Lagers fieberhaft bemüht. die Spuren der begangenen Verbrechen zu vernichten. Umfangreiches Aktenmaterial wurde verbrannt. Bis in die tiefe Nacht binein loderten am Rande des Lagers die Feuer Es kam vor, wenn der Wind günstig stand und der Sog der Flammen zu uns berllberschlug, daß solche angekohlten Aktenstücke in unsere Hände fielen. Es waren Dokumente Ermordeter. Vorgedruckte Formulare. an die Reichsführung SS gerichtet mit der Überschrift:„Erschießung auf der Flucht.“ Sechzig solche vorgedruckte Formulare fielen uns in die dände. Darunter der mit Schreibmaschine geschriebene Absatz„von einer näheren Untersuchung sei Abstand zu nehmen, da der Schütze Sowieso in Ausübung seines Dienstes seine Pflicht erfüllt und pflichtgemäß von der Schußwaffe Gebrauch gemacht bätte“. Hans Richter, Dresden. 31 Warum lebt ihr noch? „Warum lebt ihr eigentlich noch?“ Diese Frage wurde uns alten Po⸗ litischen“ im Konzentrationslager des öfteren von der SS gestellt. Sie konnten es einfach nicht begreifen, daß wir in all den langen Jahren unserer Haft noch nicht den Weg„durch die Feueresse geflogen“ waren. Sie sagten, wenn sie gute Laune hatten:„Ihr Roten baltet zusammen wie Pech und Schwefel! Ihr steckt alle unter einer Decke!“ Damit hatten sie gar nicht so unrecht, aber die wahren Zusammenbänge blieben ihnen doch— Gott sei Dank!— verborgen. Unser Geheimnis war unsere Solidarität, unsere unverbrüchliche Kame⸗ radschaft, unser Gemeinschaftsgeist und der feste. unerschütterliche Glaube an die Zukunft. Wir fühlten uns immer als eine Familie, und einer bielt schützend die Hand über den anderen. Wir lernten alle Genossen, die neu ins Lager kamen, sofort kennen, konnten sie gleich erfassen und über die schwere Anfangszeit hinwegbringen. Später konnten sie dann schon selbständig „laufen“ und nur, wenn es ihnen allzu schwer fiel. griffen wir ihnen, wo wir konnten, unter die Arme. Wie oft haben wir Genossen, die in die Straf⸗ kompanie versetzt werden sollten oder von der SS besonders scharf unter die Lupe zu nehmen waren, einfach untertauchen lassen, sie entweder auf ein gutes Außenkommando— was es manchmal auch gab— gesandt oder sie einfach versteckt. Dabei achteten wir niemals die Gefahr, die uns dabei selbst drohte. Wir hatten es verstanden. die Hauptfunktionen des Lagers in der Hand zu halten, als da waren: Schreibstube. Krankenbau, Küche und Ver⸗ waltung. Auch hatten wir ein engmaschiges Nachrichtennetz über das ganze Lager gezogen, und es gab nichts, was unseren scharfen Augen entging. Wir politischen Gefangenen in Sachsenhausen waren„schwer auf Draht“!— Rege Diskussionen untereinander— in aller Heimlichkeit natürlich!— und der Glaube an unsere Idee gaben uns Politischen die Kraft, auch die schwerste Zeit in den Zwingburgen Hitlers durchzuhalten. Es gab keine Ge⸗ fahr. die uns schreckte, keine Schwierigkeit. die wir nicht meisterten, wenn es galt. einen Genossen, der in Gefahr war, zu schützen. Der Gedanke. der uns von früh bis abends bewegte, der noch im Einschlafen unser letzter war: Wir müssen am Leben bleiben, aushalten, bis die Faschisten mit ihrer Kunst am Ende sind. Wir wurden zünftige Lagerhasen. die keiner für dumm kaufen konnte. Selbst den ausgesuchtesten Exemplaren der Faschisten, den aus⸗ gekochtesten SS- Mördern haben wir so manches Schnippchen geschlagen und ihnen viele Opfer entrissen. Wie haben wir die drel Lagerkommandanten Weißenborn. Eisfeld und Baranowski Überlistet und— Überlebt! Waren ste doch alle drei Mörder großen Formats. Gewiß, wir wollen niemals ver⸗ gessen. wie oft auch sie uns besiegt haben— unsere vielen, vielen Opfer mahnen uns. Wir werden sie nie vergessen! Paul Schulze. Dresden. 3⁴ —— —— „ 8 SOS Buchenwald! Mit dem unaufhaltsamen Vormarsch der alliierten Streitkräfte stieg die Hoffnung für die Häftlinge, lebend der Mordbölle zu entrinnen, und noch ehe die Befreiung von außen kam, flammte der innere Widerstandsgeist auf. Es kam die Stunde, in der sich das sogenannte„Elektrikerkommando“ zu bewähren hatte. Dieses Kommando war wohl für uns volitische Gefangene das allerwichtigste. Die dort beschäftigten Gefangenen waren im Zivilleben Spezialisten in ihrem Fach. Es waren Leute. die„eisern“ standen und unter Nichtachtung ihres eigenen Lebens in monatelanger, Tag und Nacht wäbren⸗ der Kleinarbeit eine Sendeanlage bauten. Wie das möglich war? Nun, bei uns politischen Häftlingen war nichts unmöglich! Buchenwald besaß als moderne Zwingburg der Faschisten auch eine Sende⸗, Fernschreibe⸗ und Signalabteilung. Der Zutritt zu diesen Stellen war einigen unserer Leute, eben dem Elektriker⸗ Kommando, möglich, da sie dort Reparaturen an den Anlagen ausführen mußten. Auch gelang es dem Elektriker⸗Kommando, durch Arbeiten an der Zaunbeleuchtung sowie durch viele andere Arbeiten in den Besitz von Material und Gerät zu gelangen, kurzum: die Tatsache möge genügen, die Sendeanlage war da und funktionierte. Die Lagerleitung wußte davon. Der Lagerkommandant Pister, der SS⸗ Obersturmführer Kampe und viele andere suchten wochenlang Tag und Nacht fieberhaft nach dieser Anlage. Einmal hieß es. sie stehe fünfundzwan⸗ zig Kilometer von Weimar entfernt. das andere Mal, sie könne nur im Lager selbst sein. Und sie war im Lager selbst!! Mit Peilgeräten ausgerüstet, so suchten die SS⸗Leute fieberhaft nach der Station, aber sie fanden sie nicht. Als fliegende Anlage wechselte sie dauernd ihren Standort. Nur in der Nacht waren wenige entschlossene Kämpfer, die ibr Leben für die gute Sache in die Schanze schlugen, eifrig am Gerät und sendeten ihre Rufe binaus in die Nacht. „sos! SOS! 80s! An die Alliierten! Hier spricht das Konzentra⸗ tionslager Buchenwald bei Weimar! 80s! Wir volitischen Gefange⸗ nen sollen noch in letzter Minute ermordet werden! Wir bitten drin⸗ gend um Hilfe!“ „An die Armee des Generals Patten! Hier Konzentrationslager Buchenwald! 80s! Man will uns evakuieren! Die SS will uns ver⸗ nichten! Helft, so schnell ihr könnt!“ Diese Sendungen wurden in der Nacht zehn⸗ bis zwölfmal wiederholt. Daß sie gehört wurden, wußten wir Gefangenen. Am nächsten Morgen kreisten dann immer Jabos über dem Lager und warfen auch einmal einen Beutel für uns ab. Leider fiel er in die Hände der SS. f Der Lagerkommandant tobte und schrie. Es war ihm aber nicht möglich. die Sendeanlage aufzufinden Er drohte, uns politische Gefangene alle er⸗ schießen zu lassen, wenn innerhalb zwei Stunden die Anlage nicht in seinen Händen wäre.. Wir Gefangenen aber standen mit den unschuldigsten Mienen der Welt vor ihm und versicherten treuherzig, daß so eine Anlage in diesem Lager ia direkt Wahnstnn wäre Woher sollten wir Gefangenen schon das Material bekommen? Hieße das nicht Selbstmord verüben? Unserer Haltung gegenüber war der Lagerkommandant machtlos und er ließ uns kopfschüttelnd allein. Er wußte selbst nicht mehr, wem er meht glauben sollte, uns Gefangenen oder seinem Obersturmführet Kampe, der Stein und Bein schwor:„Die verfluchten Kommunisten haben doch eine Anlage im Lager!“ Auch haben wir regelmäßig mit einem gut getarnten selbstgebauten Kurzwellenempfänger Nachrichten aus aller Welt gehört. Das rasche Vor⸗ dringen der Alliierten löste in uns Gefangenen unbeschreiblichen Jubel aus. Trat mal irgendwo im Vormarsch eine Stockung ein, so sank zwar unsete Laune. aber wir fieberten geradezu in den letzten Tagen nach unserer Be⸗ freiung Als sie endlich kam, sanken wir vom Elektriker-Kommando in einen langen, tiefen, erlösenden Schlaf. Fritz Mart, Dessau. BUchenwaldlied Wenn der Tag erwacht, ehe die Sonne lacht, die Kolonnen zieh'n zu des Tages Mühen hinein in den grauenden Morgen, und der Wald ist schwarz und der Himmel rot, und wir tragen im Brotsack ein Stückchen Brot und im Herzen, im Herzen die Sorgen. O Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen, weil du mein Schicksal bist. Wer dich vergißt, der kann es erst ermessen, wie wundervoll die Freiheit ist. Doch, Buchenwald, wir jammern nicht und klagen, und was auch unser Schicksal sei. wir wollen trotzdem ja zum Leben sagen, denn einmal kommt der Tag, dann sind wir frei. Und das Blut ist heiß und das Mädel fern, And der Wind singt leis, und ich habe sie so gern, Wenn treu., ja wenn treu sie nur bliebe! Und die Steine sind hart, aber fest unser Schritt, und wir tragen Pickel und Spaten mit und im Herzen, im Herzen die Liebe. O Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen usw. Und die Nacht ist kurz und der Tag so lang, und ein Lied erklingt, das die Heimat sang, wir lassen den Mut uns nicht rauben. Halte Schritt, Kamerad, und verlier' nicht den Mut, denn wir tragen den Willen zum Leben im Blut und im Herzen, im Herzen den Glauben. O Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen usw. 34 e Internationale Solidarität Die Mordbestien Himmlets tyrannisterten das deutsche Volk in den Lagern und außerhalb. Unterdes fügte sich in unermüdlicher Zusammenarbeit Stein auf Stein, auch in den Lagern, zu internationaler Verständigung, und manchem Häftling wurde dadurch das Leben gerettet. „Als Sanitäter wurde ich vom Lager Buchenwald nach dem bolländischen K3. Vucht bei Hertoogenbosch überstellt. Das KZ. war erst eröffnet worden und die Zustände einfach grauenhaft. Fast keine Verpflegung, Medizin war überhaupt nicht da. Bei diesen Zu⸗ ständen war es kein Wunder, daß wir im Monat Februar 1943 eine sehr bohe Zahl von Toten hatten. Wir paar deutschen politischen Häftlinge haben uns sofort mit den im Laget befindlichen holländischen Arzten in Verbindung gesetzt, und mit deren Hilfe ist es uns auch gelungen, nach Überwindung gtoßet Schwierigkeiten. diesen unhaltbaren Zustand zu stoppen. Nun war folgender Zustand eingetreten: Die SS btachte uns in das Lager bolländische Leute, die schon zum Tode veturteilt waten. Von Zeit zu Zeit wurde ein kleiner Transport zusammengestellt, der dann zur Hinrichtung ging. Da im Laufe det Zeit die holländischen Kumpels in alle Verwaltungs⸗ stellen des Lagers gekommen waten, erfuhren sie natürlich immer rechtzeitig. wenn wieder ein neuer Transport weggehen sollte. Nun war die Frage: Was konnte man dagegen tun? Ein deutscher Kommunist war dort Leiter der Infektionsabteilung, und demzufolge war er in der Lage, bei gutem Geschick solche gefährdete Häftlinge in das Revier aufzunehmen und ihnen eine infektiöse Krankbeit anzudichten. wie Tuberkulose, Typhus und so fort. Um das zu erreichen, mußten natlltlich die bolländischen Häftlinssärzte und der deutsche Sani Hand in Hand arbeiten. Uns war es auch gelungen, mit dem Labotatorium der Universitätsklinit zu Utrecht in Verbindung zu kommen, denn die von uns eingeschickten Prä⸗ parate mußten natürlich so sein, wie wir sie brauchten. Und sie waren dann auch so, wie es notwendig war. Durch diese Methode baben wir so manchen bolländischen Häftling vom Tode gerettet. J. Birbie aus den Haag wird heute noch mit Freude daran denken, so auch Goudhart, Journalist, und ich wünsche nur, daß sie in Holland ihren Lands⸗ leuten sagen mögen, wie aut die Zusammenatbeit mit den deutschen Kom⸗ munisten war. Alex Knoch. Drasden. 3 von der Lagersolidorität zu internationaler Kampfgemeinschaff Aus der Abschiedserklärung der Mauthausener: „Wit wollen nach erlangter eigener Freiheit und nach Erkämpfung der Freibeit unserer Nationen: die internationale Solidarität des Lagers in unserem Gedächtnis bewabren und daraus die Lehre ziehen! Wir werden einen gemeinsamen Weg beschreiten, den Weg der unteilbaren Freiheit aller Völker. den Weg der gegenseitigen Achtung, den Weg der Zusammenarbeit am großen Werk des Aufbaues einer neuen, für alle gerechten, freien Welt. Wir wenden uns an die ganze Welt mit dem Ruf: Helft uns bei dieser Arbeit! Es lebe die internationale Solidarität! Es lebe die Freiheit!“ Im Namen aller ehemaligen politischen Häftlinge von Mauthausen: Ceskoslovensky Narodni Revolueni Vybor/ Deutsches Komitee/ Comité Espanol/ Comité Franco-Belge/ Comité Greece/ Comitato Nazionale Italiano/ Jugoslovenski Obdor/ Magyar Bizottsag Osterreichischer Nationalausschuß/ Komitet Polski/ Russkij Komitet/ Deélégué pour les Albanese/ Délégué pour les Hollandais et Suisse/ Der Delegierte für Luxemburg/ Délégué pour les Roumains. Aus dem Bericht des jugoslawischen Komitees über das KZ. Buchenwald: „Die deutschen Kameraden als älteste Antifaschisten im Lager, die mit allen wesentlichen Lageraufgaben und Kampfmethoden besonders vertraut waren, haben uns in die internationale antifaschistische Front eingeschlossen. Sie waren Initiatoren und Organisatoren des Kampfes auf dem inter⸗ nationalen Plan.“ Die tschechoslowakischen Spanienkämpfer in Dachau erklärten „Urteilt gerecht! Tod den Verrätern und Schuldigen... Aber Ehre den ehrlichen und langjährigen Kämpfern gegen den Faschismus. Bedenkt, daß es deutsche und österreichische Kameraden waren, die noch am Vortage unserer Befreiung auf den Barrikaden von Dachau und München gekämpft baben und gefallen sind.“ 5 80 Aus der Abschiebsrede des belgischen Kameraden Glineur am 18. April 1945 über den Lautsprecher: „Wir können dieses Lager nicht verlassen. ohne den Kameraden aller Länder berzliche und brüderliche Grüße zu entbieten und insbesonders unseren deutschen Kameraden. Sie waren die ersten Opfer des Nattonal⸗ soztalismus und von ihnen erhielten wir große Hilfe bei der Verteidigung der belgischen Interessen.“ Aus der holländischen Abschiedserklärung in Buchenwald: „Wir danken und gedenken insbesondere der deutschen Kameraden. die unter Einsatz ihres Lebens für die Selbstverwaltung des Lagers kämpften. wodurch Tausenden von Antifaschisten das Leben gerettet werden konnte. Wir grüßen alle deutschen Antifaschisten. denen ein besonders schwe rer Weg bevorsteht. Ihr Kampf wird schwer sein, aber sie baben die Gewißbeit. daß die antifaschistischen Kämpfer der ganzen Welt im Kampf um die Be⸗ sreiung und den Neuaufbau ibrer Heimat mit ibnen steben.“ Aus dem Bericht des polnischen Komitees über das KZ. Buchenwald: „Als die deutschen Kameraden nach schwerem Kampf mit den Kriminel⸗ len die innere Gewalt im Lager erhielten, konnten wir das volnische illegale Komitee gründen.“ ö Aus dem Abschiedsgruß der Luxemburger Kameraden au alle Buchenwalder: „Die Luxemburger grützen alle ihre Buchenwalder Kameraden. die in labrelanger treuer Verbundenbeit und Gemeinschaft mit ihnen gelitten und gearbeitet haben. Sie gedenken dabei besonders ihrer deutschen Kameraden. die als erste die Grausamkeiten und Gewalttätigkeiten des Faschismus er⸗ dulden mußten. Die anttfaschistische Front, die bier in Buchenwald ihre ersten Wurzeln faßte und sich zu einem herrlichen Baum entwickelte. wird immer weiter um sich greifen und bald die schönsten Früchte tragen.“ Man muß trotz Terror kämpfen In Sachsenbausen bestand unter der Führung von einigen ehemaligen Reichstagsabgeordneten und einer Reihe anderer entschlossener Kameraden aller Nationalitäten ein Netz konspirativer Verbindungen, die das ganze Lager überspannten, die auf der Wacht waren, gefährdete Kameraden zu retten und den faschistischen Terror zu paralysieren. Regelmäßig wurde in den einzelnen konspirativen Gruppen der Gang der volitischen Ereignisse vom antifaschistischen Standpunkt aus systematisch diskutiert, und es gab in unseren Reihen keinen politischen Häftling, der auch nur einen Moment an den Sieg des Faschismus geglaubt hätte wie die Menschen draußen] Ver⸗ räter an dieser Überzeugung wurden rücksichtslos aus dieser Gemeinschaft ausgeschlossen und gingen des Anrechts auf solidarische Hilfe verlustig. Und das bedeutete im Lager sehr viel! Es bestand ein Nachrichtennetz, das uns nicht nur die notwendigen und wichtigen Vorgänge des Lagers übermittelte — bevorstehende Transporte. Vernehmungen usw.—, sondern uns auch durch die in den Radiowerkstätten der SS arbeitenden Kameraden systematisch mit den Sendungen von London und Moskau versorgte. Es bestanden unter⸗ irdische Solidaritätsorganisationen, die bedürftige antifaschistische Kameraden ohne Unterschjed ihrer Nationalität oder Parteibindung mit Lebensmitteln und Arznei versorgten Gefährdete in Arbeitsstellen schleusten, wo sie der Auf⸗ merksamkeit der SS⸗Männer entzogen waren, oder gar, wenn es unbedingt für ihre Sicherheit erforderlich erschien, sie heimlich in Transporte schmug⸗ gelten, um ihnen die Möglichkeit zu geben, in einem anderen Lager unter⸗ zutauchen. Es bestanden konspirative Verbindungen mit den französischen, tschechischen, sowjetischen Nationalitätengruppen auf gleicher Basis, die der Vorbereitung unserer Befreiung dienten. Es wurden geheime, kühn gestaltete Feiern organisiert, um den Mut zu stärken und das Gedenken unserer Ge⸗ fallenen zu ehren. Bis zuletzt Lebensgefahr! Aber wir setzten unsere Tätigkeit fort, wachsamer, aber nicht weniger energisch, bis auch wir eines Tages das Opfer der Maßnahmen der Lager⸗ leitung wurden. Am 1. Oktober 1942 wurden 18 Kameraden überraschend. wenn auch nicht ganz unerwartet, vom Lagerführer selbst in den Zellen⸗ bunker abgeführt. Zwölf Monate saßen wir in Arrest, davon vier Monate in Dunkelarrest. Lange Wochen war unser Schicksal dunkel und ungewiß. Alle hatten wir mit unserem Leben abgeschlossen, und kaum konnten wir es fassen, als wir in der Frühe des 27. November, von SS mit Bajonett eskortiert, den Weg in das Straflager Flossenbürg in der Oberpfalz antreten mußten. Auf Anordnung des Reichsführers SS Himmler wurden wir ohne Vernehmung und Bekanntgabe der Gründe verschickt und erhielten als„besonders schwer erziehbare Häftlinge“ einen blauen Punkt als Sonder⸗ kennzeichnung, der uns vogelfrei machen sollte. In einem Granitsteinbruch des Bayrischen Waldes sollten wir nach den Worten des SS-Hauptsturm⸗ führers Fritzsche elend zugrunde gehen. Granit war der Lieblingsstein des Dritten Reiches. Aus Granit bestand angeblich das Fundament des Dritten Reiches, am Granit sind Hunderttausende en Gefangenen dieses Reiches verblutet, aber unsere Herzen waren härter als Granit. Wilbelm Cirnus. olour& Grey Control Chart Green NVellowq Red Magenta Grey 2 Srey s Sete 4 Slack Berichte der Oberlebenden II O0