UB GIESSEN N unnnnnn N 27 008 348 IM FEUER VERGANGEN IM FEUER VERGANGEN TAGEBÜCHER AUS DEM GHETTO Mit einem Vorwort von Arnold Zweig Heike Duill Marianne Groß Breidensteiner Weg 74 6000 Frankfurt/M. 90 Telefon 069/7893368 VERLAG RÜUTTEN& LOENING-BERLIN MCMLIX Titel der polnischen Originalausgaben: vol BRYGADA SMIERCI PAMIETNIK JUSTYNY OCZYMA DWUNASTOLETNIEJ DZIEWCZYNY PRZEMINELO Z OGNIEM WSPOMNIENIA UCZESTNICZKI POWSTANIA W GETCIE WARSZAWSKIM Übertragen von Viktor Mika nisn Bei der Zusammenstellung wurde der Verlag vom Jüdischen Historischen Institut in Warschau beraten 2. Auflage 1959 Jah 1. Auflage 1958» Alle Rechte vorbehalten kan Rütten& Loening, Berlin W 3- Lizenznummer 220-415/5/59 Ber Printed in the German Democratic Republic Einbandentwurf: Wolfgang Brock Satz, Druck und Einband: Sachsendruck Plauen VORWORT Immer wieder drängte sich mir, der ich seit fünfzig Jahren die europäische Literatur lesend durchforscht hatte, nach Kennt- nisnahme der fünf Tagebücher dieses Buches die Überzeugung auf, ihr Inhalt und menschliches Gewicht la sse sich nur ver- gleichen mit jenem schon sechshundert Jahre lang lebendigen 1 literarischen Denkmal, das als Dante Alighieris„Göttliche Komödie“ am Anfang unserer modernen Literatur leuchtet, und zwar mit dessen erstem Teil, der Hölle. Um aber die damalige von der heutigen schriftstellerischen Aussage zu unterscheiden, stellen wir nur nebeneinander die Inschrift über Dantes Höllentor:„Laß, wer hier eintritt, alle Hoffnung schwinden!“ und den schlichten Prosasatz der Gusta Draenger geborene Dawidsohn:„Das war es, das einzig wollten wir nicht: uns ergeben.“ So also halten wir in Händen Zeugnisse des Widerstands jüdisch-polnischer Jugend gegen die unwahrscheinliche, bis zu ihrem Ende nicht geglaubte fürchterliche Unterwelt, in welche fünf Jahre Alleinherrschaft hitlerisch geleiteter und umgeschulter Mörderheere deutschsprechender Soldateska polnische und ukrainische Stadt- und Landschaften verwan- delt hatte, bis auch hier die Rote Armee rettend einbrach. Man erwäge nun, daß sich all diese Ereignisse in unserer Lebenszeit abspielten, in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, und daß Leidende wie Täter aus Umgebungen kamen, die unsere tägliche Umwelt bilden: aus Straßen gro- ßer oder kleiner Städte mit elektrischem Licht, Wasserleitung und Kanalisation, mit Fußböden aus poliertem Holz in den Häusern, mit großen Fenstern, Telefonen, wärmenden Kachelöfen oder Zentralheizungen. An modern aufgebaute und geleitete Schulen waren sie gewöhnt, an ebensolche Krankenhäuser, Universitäten. All die Opfer der Barbaren, die in die finsterste Sklaverei der Antike zurückgestürzt wur- den, erweisen sich in ihren Aufzeichnungen als Menschen gleich uns. Wir, aufgewachsen in der Nachbarschaft jener polnischen Grenzbezirke, die den Westen des zaristischen Rußland darstellten, kannten sie als Schulkameraden, als Verkäuferinnen auf unseren Wochenmärkten, als Verwandte unserer Zimmerherren, als Freundinnen unserer Schwestern und Töchter. Innerhalb der zionistischen oder sozialistischen Jugendorganisationen tauchten immer Namen auf wie jene, die dem Leser dieser Tagebücher begegnen. In allen Orten unserer Emigration zwischen Holland und Palästina be- zeichneten sie Menschen unseres alltäglichen Umgangs, Handwerker, Ladenbesitzer, Chauffeure, Ärzte, Funktionäre. Auc in Amerika hatten sich diese Namen kaum verändert, und nicht wenige entstammten der habsburgischen Monar- chie, auf welche ja Städtenamen wie Krakau und Lemberg immer wieder hinweisen, heute Kraköw und Lwöw. Und wenn sich Leon Weliczker schließlich nach Gliwice in Schle- sien begibt, um dort neu aufzuleben, hätte er ebensogut die Stadt Katowice nennen können, in deren Straßen ich als Schüler daheim war. Wer immer unser Buch aufschlägt, wird wohl mit dem Wun- sche kämpfen müssen, der sich ebenfalls bei Dante findet— an diesem Tage nicht weiterzulesen. Mit diesen fünf Berich- ten hält er in der Hand fünf Proben des Abgrunds, über welchem unsere Zivilisation wie eine Brücke schwebt. Sie sind jenen Tiefenloten zu vergleichen, mit denen Natur- forscher Schlamm und Erdproben aus den Meeresgründen heraufholen. Und die Gestalten, die auf solchem Meeres- grunde als Herren umherwandeln, haben samt und sonders menschliche Gesichter, wurden von deutschen Eltern er- zogen, lernten schon als Kinder lesen und schreiben. Die Hölle, die sie in sich trugen und als echte Untermenschen über die Reichsgrenzen verbreiteten, ist das Inferno der kapi- talistischen Wirtschaftswelt in ihrer letzten Phase, die wir Imperialismus und Faschismus nennen, ohne daß uns mit diesen Worten stets auch das Geläute der Todesglocke und das Geheul Gefolterter und Ermordeter im Ohr klingt. Und gerade weil wir in diesen fünf Dokumenten immer wieder auf die Entschlossenheit zum Widerstand treffen, der wir vorhin einen Satz entlehnten, dürfen wir uns nicht von der Erkennt- nis abwenden, die der Lateiner in die Worte faßte: tua res agitur— deine Angelegenheit wird hier abgehandelt. Als deutscher Schriftsteller jüdischer Abkunft bin ich auf beiden Ebenen daheim, der großartigen des unbrechbaren Mutes wie auf der mit blinder Pflichterfüllung rasender Uralstürmerei. Und ich glaube, jeder Leser dieser Blätter, nichtjüdischer oder jüdischer Herkunft, muß irgendwie dies Gefühl teilen. Jeder Mitlebende fühlt sich auf unbestimmte Art mitschuldig an diesem Untergang aller Menschlichkeit, jeder Art von Gesit- tung, jeden Respekts vor dem als Kind wie er Geborenen. Und gleichzeitig Sozialist und Kämpfer gegen die Möglichkeit der Wiederkunft solchen Grauens, atmet er tief auf, weil offen- bar der Sieg den schöpferischen Kräften des menschlichen Durchschnitts gehört, gleichgültig welcher Hautfarbe oder Muttersprache. Im Jahre 146 vor unserer Zeitrechnung er- oberte und verbrannte der römische Feldherr Lucius Mummius die Stadt Korinth. In der Feuerglut der Tempel und Häuser schmolz dabei eine Legierung aus Gold, Silber und Erz zu- sammen, die später„Korinthisches Erz“ hieß und als kost- barstes Material der Antike galt. Die Menschen, von denen dieses Buch handelt und die aus der schrecklichsten Feuers- brunst vor dem Einbruch der Atombombe in unsere Welt hervorgegangen sind— sie und ihre Schilderungen ver- dienen den Ehrennamen„Korinthisches Erz“. Hätte man uns 1920, seelisch schwer angeschlagen aus dem Weltkrieg heim- kommend, vorhergesagt, wir würden noch erleben, daß nach weiteren zwanzig Jahren alle Greuel aller kolonialen Systeme überboten würden von einer Epoche der Verbrechen, wie sie noch nie dagewesen, und zwar von Deutschen ausgeübt an Europäern— wir hätten nicht uns für verrückt gehalten, sondern den, der einen solchen Auswurf unmenschlichen Ge- redes in Worte zu fassen wagte. Noch schlimmer als alle Kolonialkriege? Hatten es nicht Engländer fertiggebracht, Söhne des alten Kulturvolks der Inder vor die Kanonen zu binden und in die Luft zu schießen, so daß ihre Körper keiner Wiedergeburt mehr fähig wären? Und da gäbe es, von Deutschen vollbracht, noch schlimmere Greuel wahr- heitsgemäß zu berichten? Nun, Leser, öffne diese Buch- seiten, vertiefe dich in das, was darin berichtet wird, nicht von Zeiten des Caligula oder Domitian, sondern gewisser Hitler und Himmler, und du mußt erfahren, daß du noch keinen Begriff hattest von den Tiefen, welche auszuloten die moderne Seele verlangt. Allerdings auch nicht von den Höhen, die Geist und Mut von tausend Unbekannten, nie- mals mit Namen zu Nennenden erreichte im Widerstand gegen die Bestie Mensch— Bestie, wenn Angehörige anderer Schichten als sie selbst die Vorrechte anzutasten wagen, die sich, vererbt oder gewalttätig erworben, die Handhaber der Waffen und Maschinen aneigneten.. Ein Sachverhalt nur muß erklärt werden, bevor wir dieses uns abgeforderte Vorwort schließen: die Feindschaft der nichtjüdischen und nichtpolnischen Bevölkerungsteile Ost- galiziens gegen ihre jüdischen Mitbürger. Was wir bei Gogol im„Taras Bulba“ lesen und als Studenten auf habsburgi- schen Universitäten praktiziert fanden, war die Unter- drückung jenes„Ruthenen“ genannten Volksteiles in der österreichischen Provinz Ostgalizien. Diese Menschen, Ukrainer, wurden von der polnischen wie von der deutschen Oberschicht aufs härteste ausgebeutet und ihrer geistigen und politischen Entfaltung beraubt— immer unter Mithilfe von Juden als Werkzeugen aller öffentlichen Einrichtungen. Kein Wunder, daß diese„Kleinrussen“ sich zunächst einmal an den Juden rächten, als die deutsche Okkupation sie dazu anregte und dafür mit Brotkarten belohnte. Ohne echte sozialistische völkerverbindende Gesinnung gestaltet sich eben überall auf der Erde das Zusammenleben von Menschen ver- schiedener Abkunft schwierig; jede Tyrannei kann sich auf diese Spannungen stützen und sie bis zum Mord steigern. Hinter einem wissenschaftlichen Wort wie Differenzaffekt verbirgt sich jenes Dynamit, das sich zusammenbraut aus ökonomischen Bestandteilen der Gesellschaft und psychischen der menschlichen Natur. Und dennoch bleiben wir bei der Überzeugung, daß sich im Laufe der Menschheitsgeschichte unser Wesen als homo sapiens wirklich verfeinert und ver- bessert hat und daß ein Rücksturz wie der faschistische uns wachzurütteln hat für die Aufgabe, an dieser Natur und dieser Gesellschaft aufs intensivste weiterzuformen. Ein merkwürdiger Zufall will, daß der Verfasser diese Sätze diktiert in jenen herrlichen Tagen des scheidenden Sommers, wo sich die Einweihung des die Zeiten überdauernden Buchenwald-Mahnmals kreuzt mit der Feier des jüdischen Neujahrs 5719 und gewisser revanchistischer Kundgebungen in der Bundesrepublik und Westberlin. Unter den 21 Fahnen der Völker, welche sich auf dem Ettersberg zusammenfanden, um das unauslöschliche Gedenken der Helden und Märtyrer mit dem Kampfruf gegen die Wiederkehr der Barbarei zu verbinden, fehlte die Fahne mit dem uralten Emblem des Davidsterns, welches die jüdischen Opfer des faschistischen Terrors vertreten hätte. Hier, in diesem Buche, ist sie neben der roten gehißt. Arnold Zweig Berlin, 15. September 1958 LEON WELICZKER DIE TODESBRIGADE Meinen Eltern Abraham und Chana, meinen Brüdern Aron und Jakub, meinen Schwestern Elka, Rachela, Judyta und Bina und meinem Lehrer, dem Ingenieur Rudolf Eber, die von den Deutschen ermordet wurden, zum Gedenken. Der Verfasser In de Histo dere Herat durch einig „Die ihm ı mit e ein” Man „Ar Jüng sicht arme wußt Aufe briga fach, als z näch: ben, die| sitze gesd Nad gelk: 1Die not Or vor VORBEMERKUNGEN? In der Reihe der Tagebücher, die von der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission herausgegeben wurden, erschien als eines der ersten das Tagebuch Leon Weliczkers. Zum erstenmal hörte der Herausgeber, Dr. Filip Friedmann, von diesem Manuskript durch einen ihm bekannten Rechtsanwalt. Das war Ende Juli 1944, einige Tage, nachdem die Rote Armee Lwöw? befreit hatte. „Die letzten Monate unter der deutschen Okkupation“, erzählte ihm dieser Bekannte,„verbrachte ich in einem Bunker zusammen mit einem jungen Mann, der Unheimliches erlebt hatte und darüber ein Tagebuch schrieb.“ Der Rechtsanwalt versprach, ihn mit diesem Mann in Verbindung zu bringen. Dr. Friedmann berichtet darüber: „Am folgenden Tage meldete sich bei mir ein hochgewachsener Jüngling, in Lumpen gekleidet, halb barfuß, mit der erdfahlen Ge- sichtsfarbe eines Bunkerinsassen. Aber dieser dem Anschein nach arme Kerl war in Wirklichkeit reich und sich seines Reichtums be- wußt. Voll Stolz zeigte er mir seinen Schatz— Notizen über seinen Aufenthalt im Lwöwer Ghetto, im Janowskilager und in der Todes- brigade. ‚Das ist alles, was ich gerettet habe‘, sagte er ganz ein- fach, ‚ich habe es gehütet wie meinen Augapfel.‘ Es waren mehr als zehn dicke, mit ungeübter Hand eng beschriebene Hefte. Zu- nächst hatte Weliczker seine Notizen heimlich im Lager geschrie- ben. Bei seiner Flucht aus der Todesbrigade war es ihm gelungen, die Notizen mitzunehmen. Eine Reihe von Monaten im Bunker sitzend, hatte er sie geordnet und in Form eines Tagebuchs nieder- geschrieben. Nachdem ich die zehn mit Bleistift vollgekritzelten Hefte durch- gelesen hatte, kam ich zu dem Schluß, daß man sie möglichst 1 Die Vorbemerkungen zu den einzelnen Tagebüchern sowie die erklärenden Fuß- noten wurden vom Verlag, zum Teil gekürzt oder ergänzt, aus den polnischen Originalausgaben übernommen. Sie stammen entweder von den Verfassern oder von den Herausgebern, ihren überlebenden Leidens- und Kampfgefährten. 2 Ehemals Lemberg. 13 schnell für den Druck vorbereiten und herausgeben mußte. Als Mitglied der Historischen Kommission der Akademie der Wissen- schaften in Lwöw bekam ich den Auftrag, alle notwendigen redaktionellen Korrekturen vorzunehmen, um so die Aufzeich- nungen zur Publikation vorzubereiten. Unterdessen wurden die Tagebücher Weliczkers der Außerordent- lichen Sowjetischen Untersuchungskommission zur Untersuchung der deutschen Verbrechen in Lwöw übergeben. Die Untersuchungs- kommission erachtete nach Prüfung der Tagebücher die darin enthaltenen Angaben für sehr wesentliches Beweismaterial. Weliczker selbst, mit der Örtlichkeit des Janowskilagers, den Hinrichtungsstätten in der Schlucht, im Wald, in Wölka und an anderen Orten sehr gut vertraut, hat der Untersuchungskommission während ihrer Nachforschung als Führer wertvolle Dienste geleistet. Für seine Arbeit erhielt Weliczker eine offizielle Dank- sagung der Außerordentlichen Sowjetischen Untersuchungskom- mission.“ Dank seinen Hinweisen konnten die Umstände der Hinrichtung verschiedener Professoren der Lwöwer Universität aufgeklärt werden. In der Zwischenzeit erfuhr das Manuskript gewisse Korrekturen und wurde vom Verfasser auf Grund zahlreicher Gespräche ver- vollständigt. Weliczker kam nach seiner Repatriierung nach LödZ, wo seine Tagebücher in das Archiv der Zentralen Jüdischen Histo- rischen Kommission aufgenommen wutden. Der aufschlußreichste Teil, mit dem Titel„Todesbrigade“, wurde von Rachela Auerbach bearbeitet und mit einleitenden Bemerkungen und Erklärungen versehen. Über das Thema dieses Tagebuchs schreibt Dr. Fried- mann abschließend:„Zu dem reichhaltigen Katalog deutscher Verbrechen fügt Weliczkers Werk aus dem unmittelbaren Erleben und Beobachten ein bisher wenig bekanntes Bild hinzu, nämlich das methodische Beseitigen der Spuren von Verbrechen und das ganze sich darauf gründende schauerliche Gewerbe der Leichen- verbrennung mit seinen Methoden und seiner Technik, mit seinen Gewohnheiten, seinem Jargon und seinem fachlichen Wortschatz, kurz dem ganzen Querschnitt dieses neuen absonderlichen Milieus. 14 Daher€ für die‘ Anfäng! richt de digen( fällen W Wir üb Tagebu „Eine d Nebenz nannter Immer jene te tarnte Masse immer wenige mit ur ‚Liquid Außer ‚arische Ghetto Entsche siebes 7 waren und Ar bare oc nisse,/ eine be Untere: Ein inc oder a Macht! wieder sorgte ration, Daher die große dokumentarische Bedeutung dieser Arbeit sowohl für die zeitgenössische Generation, die Zeuge und Gegenstand der Anfänge der nazistischen ‚Neuordnung‘ war, wie auch für das Ge- richt der Historie, die das Urteil über die Haupttäter und Schul- digen dieses in der Menschheitsgeschichte größten Verbrechens fällen wird.“ Wir übergeben das Wort Rachela Auerbach, die das Tagebuch in die hier vorliegende Form brachte: „Eine der Hauptplagen der deutschen Lager, die als Haupt- oder Nebenziel die Vernichtung der Juden hatten, waren die soge- nannten Selektionen. Immer wartete in der Nähe des Lagers auf die Juden diese oder jene technisch vervollkommnete oder primitive, unauffällig ge- tarnte Hinrichtungsstätte. Immer wartete dieses oder jenes offene Massengrab. Über diesem Grab schüttelte die SS ein Sieb mit immer größeren Maschen aus, so daß in diesem Sieb immer weniger Menschensubstanz verblieb, bis schließlich unfehlbar der mit untrüglichem Pessimismus erwartete Tag der endgültigen ‚Liquidierung‘ kam und das ganze Sieb einfach umgekippt wurde. Außer den wenigen Menschen, denen es gelungen war, auf der ‚arischen Seite‘ in der Illegalität unterzutauchen, blieb aus dem Ghetto oder aus dem Lager nichts übrig. Entscheidend dafür, sich längere Zeit auf dem Boden des Selektions- siebes zu halten und nicht durch seine Maschen hindurchzufallen, waren angeblich und gewissermaßen offiziell Jugend, Gesundheit und Arbeitsfähigkeit wie auch gewisse für die Wirtschaft brauch- bare oder den Kriegszwecken der Deutschen dienliche Fachkennt- nisse. Alles das hatte tatsächlich manchmal Erfolg, aber nur für eine bestimmte Zeit, solange nämlich der Organismus nicht durch Unterernährung und Raubbau an seiner Arbeitskraft zerstört war. Ein inoffizieller Faktor, sih am Leben zu erhalten, waren Geld oder andere Werte. Sie dienten als Lösegeld für verschiedene Machthaber und Mittelsmänner, die Beschäftigung und immer wieder neue Stempel und ‚Nummern‘ deutscher Arbeitsplätze be- sorgten, oder waren das Mittel, sich die zur Ergänzung der Hunger- rationen unerläßlichen, ins Lager eingeschmuggelten Lebensmittel 15 zu beschaffen. Ein weiterer Faktor waren noch die Laune des Häschers, der die Selektion durchführte— ‚Zufall‘, ‚Glück‘, ‚Schicksal‘. Entscheidend dafür, sich auf dem Boden dieses großen Todessiebes zu behaupten, in dem sich die jüdische Bevölkerung unter der deutschen Okkupation befand, waren außer den genannten be- rechenbaren und unberechenbaren, aber mehr äußeren Faktoren jedoch auch innere, psychische Faktoren: die moralische Qualität des einzelnen, seine Dosis an Lebenskraft, das Tempo des Denkens und der Ausführung einer Tätigkeit, die Schnelligkeit der Orien- tierung und des Entschlusses, die Elastizität in der Anpassung an die stets neue Lebenslage und darüber hinaus die Widerstands- kraft gegen Ermüdung wie auch die Widerstandskraft gegen tragische Gemütsbewegungen, die Fähigkeit, die eigene Empfind- lichkeit abzustumpfen und Affektreaktionen zu unterdrücken. Dies alles begünstigte die Ausdauer des einzelnen inmitten der ihn von allen Seiten attackierenden Gefahren der ungeheuerlichen und schrecklichen Karikatur eines Daseins, das sich Lagerleben nannte. Wer der gefährlichen Form des Folterns entgehen konnte, wer sich im Charakter und in den augenblicklichen Stimmungen des Antreibers genügend ‚auszukennen‘ verstand oder sogar, was gefährlicher war, seine Gunst oder aber(denn auch das kam unter diesen aller menschlichen Wohlanständigkeit entblößten Verhält- nissen vor) seine unwillkürliche Achtung zu erwerben vermochte — der lebte bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Ein andermal wiederum erweckten würdige Haltung, zu sehr ins Auge fallende geistige oder körperliche Vorzüge des einzelnen den Neid der Lagermachthaber und beschleunigten seine Ver- nichtung. Auch negative moralische Merkmale konnten dazu beitragen, sich am Leben zu erhalten. Wer sich als Spion, Denunziant, als Werk- zeug für Unterdrückung und Mißhandlung eignete, wer sich zu einer solchen oder einer anderen ‚Kollaboration‘ hergab, der blieb für eine gewisse Zeit verschont, hatte aber auch als Zeuge oder Helfershelfer die zu einer bestimmten Zeit erfolgende Liquidie- rung in Aussicht. 16 [ch be aus de dorbei Wasst moral istLe Wie a sich I hohen an bereit vorge gab e einan keit i dankt Haup zugec Gefa Raveı Büro: genz, nur i mußt gearb Auf gehal war sche war, Tung 2Fı ® des Ich begegnete bereits einer ganzen Reihe jüdischer Menschen, die aus dem Sumpf der Okkupation und des deutschen Terrors unver- dorben herausgekommen sind. Sie waren, wie eine Eiche unter Wasser, noch härter geworden, in sich geschlossen und gegen jeden der mora u Zerfall widerstandsfähig. Einer von diesen Menschen ten be- ist Leon alias Arje Lejb Weliczker, der Verfasser dieses Tagebuchs. oren Wie aus seiner Biographie hervorgeht, tritt bei ihm die Fähigkeit, sich in einer schweren und gefährlichen Lage Rat zu schaffen, in hohem Grade hervor. Zu wiederholten Malen von den Deutschen rien- ergriffen, konnte er ihaen jedesmal entfliehen. Selbst dann, als er 2 an bereits entkleidet an seinem Grab, in der Reihe der zur Erschießung vorgesehenen Menschen, stand— obendrein schwerkrank—, gab er seine Sache nicht verloren. Er ergab sich nicht dem Fatalis- mus, er versuchte, sich zu retten, und das Glück war ihm hold. Dies Ich hatte Gelegenheit, Weliczkers Tagebuch kenner zulernen, das seinen Aufenthalt im Janowskilager und an anderen Arbeits- plätzen betrifft. Er hatte in diesem Zeitabschnitt eine ganze Reihe von Handwerken erlernt, konnte sich unter seinen Mitarbeitern hervortun. Ich kenne auch andere jüdische Lagerinsassen, die nach- einander verschiedene Handwerke erlernt hatten und ihrer Fertig- keit in diesem Handwerk eine gewisse Zeit lang ihr Leben ver- dankten. Ih war einmal in einer Sitzung der Lödzer Sektion der Hauptkommission zur Untersuchung der deutschen Verbrechen zugegen, als einige polnische Lagerinsassen, ein ehemaliger Gefangener aus Buchenwald und ein ehema liger Gefangener aus Ravensbrüc, aussagten. Beide waren vor dem Kriege einfache Büroangestellte gewesen, junge Leute, aber was für eine Intelli- genz, geistige Gewandtheit und Sachlichkeit oe en sie, sei es auch nur in ihrer Berichterstattung, an den Tag gelegt! In ihren Lagern mußte über zehn Stunden täglich in RER Tempo gearbeitet werden. Alles wurde im Laufen und bei gespanntester Aufmerksamkeit gemacht. Und ihr Nervensystem hatte es aus- gehalten, ihre diesbezüglichen Funktionen erlangten Übung. Das waren die Erscheinungen der hervorragenden Werte eines psychi- schen Apparats, der angesichts der Lebensnotwendigkeit imstande war, die bis zum Maximum hochgeschraubten Arbeitsanforde- rungen zu bewältigen 2F 18/58 17 Gleichzeitig tritt bei diesen Menschen die Fähigkeit hervor, ihre Gemütsbewegung möglichst zweckmäßig anzugleichen, die Fähig- keit, all das zu vermeiden, was den sogenannten physischen Zu- sammenbruch verursachen könnte. Als die deutschen Faschisten die Sowjetunion überfielen, war Weliczker 15 Jahre alt. Er war das älteste von sieben Geschwistern. Außer dem Schulunterricht nahm er zwei Jahre lang Unterricht im Lwöwer Jeszybot ‚Tiferet Jisroel‘(‚Die Zierde Israels‘). In der Familientradition war das Gedächtnis und die Herrlichkeit des Großvaters, des hervorragenden Talmudisten Rabbiner Josel Mojsze Reiss aus Chrystianopol lebendig geblieben. Nach höchst wechselvollem Schicksal als einziger von der Familie übriggeblieben, wurde Weliczker im Juni 1943 in die sogenannte Todesbrigade eingegliedert, die in der deutschen Version unter der Bezeichnung ‚Sonderkommando 1005‘ figurierte und die zur Aufgabe hatte, das Lwöwer Gebiet von den Massengräbern zu säubern, die darin befindlichen Zehntausende von Leichen zu ver- brennen und die Spuren der seit zwei Jahren in diesem Gebiet begangenen Morde zu verwischen. In Gesellschaft der in dieser Brigade tonangebenden Berufsgauner und Beutelschneider, in der Atmosphäre so buchstäblicher Grabes- nähe, wo er Erzhäscher aus der berüchtigten Lwöwer Schule der Lagerhenker als Erzieher und Lebenswegweiser hatte, die seine Seele mit bestialischen Befehlen und Beispielen bearbeiteten, bewahrt der junge Bursche die zu Hause erworbenen moralischen Maximen, jedes Wort aus dem Munde seiner Mutter, zärtlich in seinem Herzen. Einer schrecklichen, unerfüllbaren Sehnsucht nach dem verlorenen Familienleben preisgegeben, idealisiert er es in seinen Erinnerungen und Träumen, wie es nur der Schmerz einer ungesättigten, unausgelebten Kindheit vermag, die Einbildungs- kraft eines vorzeitig Verwaisten. In dieser Sehnsucht und Ideali- sierung findet er den wirksamen Panzer gegen die von überallher auf ihn eindrängenden Niederträchtigkeiten. Zwei Bemerkungen Weliczkers frappierten mich während meiner Gespräche mit ihm. Einmal, als er mir von den jüdischen Typen erzählte, die auf dem Piaski arbeiteten, charakterisierte er einen in negativem Sinn mit diesen Worten: ‚Er äußerte sich über die 18 Leichen nicht andern mit de im La auslief gegen ihm in erstatt ‚Ich du eine F ehema der vi von il Das i typisc In de seine Volks neigui gegen len de fasser unver) Instin! Viele mußte beholf tung Veni Wie y ben u versar Beidı kers neber soll, 2F Leichen häßlich.‘— Und wann hast du es denn gelernt, daß es sich nicht gehört, über Leichen häßlich zu sprechen? dachte ich. Ein andermal sprach er von einem bestimmten, aus der Todesbrigade mit dem Leben davongekommenen Schurken, der den Kameraden Ye im Lager hart zugesetzt hatte, sie ‚verphff‘, marterte, dem Tode auslieferte und voll und ganz den Strick verdiente, wenn er jetzt gegen ihn bei der Behörde Anzeige erstatten würde. Weliczker war - ihm in der Freiheit begegnet und hatte dennoch keine Anzeige erstattet. ‚Ich durfte es nicht tun‘, erklärte er im Gespräch mit mir. ‚Er hat eine Frau und zwei Kinder‘... Den gleichen Skrupel äußerte ein ehemaliger Häftling aus Treblinka in bezug auf einen Forsthüter, der viele aus Treblinka Geflüchtete auf dem Gewissen hatte, die von ihm beraubt und den Deutschen ausgeliefert worden waren. Das ist— abgesehen von der Problematik dieses Falles— ein n; typisch jüdischer ethischer Skrupel. ” In der Zeit des Chaos und der Niedertracht pflegt Weliczker in seiner Einstellung zu den Menschen die Grundsätze der jüdischen Volksethik als größte Lebensklugheit und persönliche Würde. Zu- neigung zu den Eltern, Pflichten gegen seine jüngeren Brüder, gegen kranke Kameraden, mitleidsvolle Betrachtung über die Qua- ae: len der Opfer von Massenhinrichtungen, deren Zeuge der Ver- fasser war, sprechen aus den Blättern seines Tagebuchs mit der unverfälschten Sprache eines redlichen Herzens und edler sozialer Instinkte. Viele seiner naiven Betrachtungen, die dieses Thema berühren, mußte ich streichen. Andere beließ ich in ihrer ursprünglichen un- beholfenen Form, damit sie von der erhabenen moralischen Hal- tung eines jungen Juden zeugten, die sein wertvollstes, vor der Vernichtung gerettetes Erbe und Eigentum ausmachen. Wie viele solcher zugrunde gerichteter und zerstörter Schätze blie- ben unwiederbringlich in den Massengräbern, in denen Millionen versanken! Bei der Bearbeitung des ursprünglichen Textes mußte ich in Welicz- pen kers Tagebuch manches fortlassen. Im Auge behaltend, daß es neben anderen Aufgaben auch die einer lesbaren Lektüre erfüllen r die soll, war ich zu zahlreichen Änderungen gezwungen. Sie beruhten 2F 19 in erster Linie auf der Beseitigung von Wiederholungen und un- wesentlichen Längen, zum zweiten auf Verbesserungen der Sprache und des Stils. Weliczker verfügt nicht über die Mittel zu einem Kommentar oder zu einem bewußten literarischen Vorhaben, aber vielleicht gerade deshalb wirkt die durch die Deutschen geschaffene ungeheuerliche Welt der Wirklichkeit so unmittelbar. Wir haben sein Werk Tagebuch genannt. Es entstand zum Teil aus Notizen, die während seines Aufenthalts in der Brigade geschrie- ben worden waren, und zum Teil aus einer Rekonstruktion aus dem Gedächtnis. Was hat Weliczker zu der Aufzeichnung der Ereignisse und der Aufbewahrung der Notizen bewogen? Was hat ihn nachher be- wogen, das Tagebuch abzufassen, als er sich im Versteck im Hause eines polnischen Landwirts befand, und noch später dazu, einen Weg zu suchen, seine Erinnerungen zu veröffentlichen und der Sowjetischen Kommission zur Untersuchung der deutschen Ver- brechen als eifriger Führer und Helfer auf dem Lwöwer Gebiet zu dienen? Ich glaube, außer der in diesem Alter häufig auftretenden Neigung, Notizen zu machen und Tagebücher zu führen, bewog Weliczker in erster Linie der natürliche Instinkt des Juden, der es als seine nationale Pflicht betrachtet, als einer der wenigen dem Tode ent- ronnenen Zeugen Anklage gegen die deutschen Verbrecher zu er- heben wegen der schrecklichen Gewalt und des Unrechts, die seinem Volk angetan wurden. Weliczker zitiert sogar selbst einen Lager- insassen, der die Flucht nicht versuchen wollte, zu der sich andere vorbereiteten, und, entschlossen dazubleiben und zugrunde zu gehen, in der kritischen Nacht beim Verabschieden den Flüchtenden Erfolg wünschte und ihnen auftrug, falls sie mit dem Leben davon- kämen, ‚der Welt zu berichten, was sie gesehen haben‘. Wir begegneten sehr häufig der Erklärung geretteter Juden, daß der Sinn und das Ziel ihrer Errettung die Anklage und die Rache an den Deutschen wäre. Als Weliczker seine Erinnerungen in den Hauptumrissen bereits im Jahre 1943 niederschrieb, bediente er sich außer seiner Noti- zen seines Gedächtnisses, seiner frischen Erinnerung. Er besitzt ein 20 ausneh ihm er tümlid eidetis Welicz Beliebe Worte, Außer habe i derte} versehe die Ka ledigli Etappe senen Weite sicht, wie a zu gel Möge den de Lid, ausnehmend gutes Gedächtnis. Die Gespräche und Prüfungen mit ihm ergaben, daß er sich noch teilweise das dem Kindesalter eigen- tümliche und nur selten im reifen Alter auftretende sogenannte eidetische Gedächtnis bewahrt hatte. Weliczker sieht genau und kann einmal gesehene Bilder nach Belieben aus dem Gedächtnis wiedergeben. Er sieht Zahlen und Worte, die er nur einmal auf dem Papier erblickt hat. Außer den schon vorher angeführten Korrekturen und Kürzungen, habe ich audı gewisse Umstellungen vorgenommen, das ungeglie- derte Manuskript in Kapitel eingeteilt und sie mit Überschriften versehen, die eine annähernde Gliederung des Inhalts geben. Da die Kapitel häufig den ziemlich locker zusammenhängenden Stoff lediglich fortsetzen, enthalten sie überwiegend die chronologischen Etappen der Ereignisse, und nur einige handeln von abgeschlos- senen Begebenheiten. Weitere Retuschen in diesem Tagebuch verbietet jedoch die Ab- sicht, den Charakter des Originals möglichst getreu zu bewahren, wie auch der Wille, es möglichst schnell in die Hände des Lesers zu geben. Möge es in die Welt hinausgehen! Möge es der Wahrheit über den deutschen Faschismus dienen!“ Lödz, den 8. Februar 1946 ll MEIN LEBENSLAUF Ich wurde am 10. März 1925 in Stojanöw in der Wojewod- schaft Lwöw geboren. Im Jahre 1931 meldeten mich meine Eltern zur Schule an, 1933 siedelten wir nach Lwöw über, wo ich die Schule weiterbesuchte, 1938 beendete ich die siebenklassige Volksschule und trat dann ins Handels- gymnasium ein. Nach dem Einmarsch der Roten Armee in Lwöw besuchte ich diese Schule weiter. Im Jahre 1940 wech- selte ich in die allgemeinbildende Schule über und machte die Aufnahmeprüfung für das Polytechnikum. Der Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges unterbrach mein Studium. Nach dem Einmarsch der Deutschen in Lwöw wurde ich am 2. Juli verhaftet. Drei Tage lang war ich im Gefängnis ohne Essen, sogar ohne einen Tropfen Wasser. Man hatte mich furchtbar geschlagen, wahrscheinlich ebenso wie die 5000 Juden, die zusammen mit mir saßen. Am Freitag, dem 4. Juli, wurde die Mehrzahl der Verhafteten erschossen, und ich und noch einige andere entflohen abends. Am Sonnabend, dem 5. Juli, lag ich halbtot zu Hause versteckt. Als am Sonntag, dem 6. Juli, in unserem Hause eine Kontrolle durchgeführt wurde, fanden mich die Ukrainer und nahmen mich zur Zolkiewska-Maut zur Arbeit mit. Wir waren dort hundert Mann. Achtundachtzig starben durch Martern an Ort und Stelle, und zwölf kamen nach Hause zurück. Wir waren halbtot. Einer führte den anderen unter dem Arm. An diesem Tage, an dem die Mehrzahl der Juden von diesen schrecklichen Dingen noch nichts wußte und ich noch alle Familienangehörigen hatte, war mein Wunsch, daß man mich ohne Quälerei erschießen möchte. 22 Eine Woche ruhte ich mich im Versteck aus. Dann wurde ich abermals verhaftet, aber auf dem Wege ins Gefängnis ent- kam ich. Jetzt ruhte ich mich fünf Wochen lang aus. Am 27. August, dem„Jahrestag von Petljura“' kam man zu uns ins Haus mit einer Liste, auf der der Name meines Vaters stand, mit dem Befehl, ihn zu verhaften. Mein Vater lag krank. Seine Lungen waren geplatzt. Man hatte ihn am 3. Juli zusammengeschlagen, während ich verhaftet war. Er war zu mir ins Gefängnis gekommen, sie hatten ihn ergriffen und schrecklich zerschlagen. Ich meldete mich an Stelle meines Vaters. An diesem Tage wurden über 1000 Personen getötet, aber ich bin wieder geflüchtet. Als man das erste, das schrecklichste Lager im Gebiet von Ostgalizien, in der Janowskastraße in Lwöw errichtete, kam man wieder, um meinen Vater abzuholen. Ich meldete mich zum zweitenmal an Stelle meines Vaters, und man nahm mich ins Lager mit. Im Janowskilager war ich bis zum 8. Juni 1942. Am 5. Juni erkrankte ich an Typhus und doppelseitiger Lungenentzün- dung. Am 8. Juni führte man mich zusammen mit 180 Per- sonen zum Erschießen. Ich grub mir mit 41 Grad Fieber und nackt selbst das Grab. Schon wurden Leute aus unserer Gruppe erschossen, und ich war beinahe an der Reihe, aber ich floh doch noch und gelangte halbnackt, nur in Bade- hosen, nach Hause. Ich lag drei Wochen lang bewußtlos. Als ich wieder zu Bewußtsein kam, verabschiedete ich mich von meinen Eltern und Geschwistern die ganze Familie weinte— und ging in die Wälder. Während des„Judenfrei“? i Am 25., 26. und 27. Juli(?) fanden in den Straßen von Lwöw Judenpogrome statt, die von Mitgliedern nationalistischer und profaschistischer ukrainischer Organisationen inszeniert wurden, die dann auch eine sogenannte ukrainische Hilfspolizei bildeten und mit den Okkupanten kollaborierten. Der„Anlaß“, das Attentat Schwarzbarts auf den nationalistischen und judenfeindlichen Ukrainer hetman Petljura, lag damals schon 15 Jahre zurück. In diesen„Petljuratagen” wurden in Lwöw mehrere tausend Juden unter schrecklichen Torturen umgebracht w Das heißt während einer Aktion, da bestimmte Gegenden gänzlich von Juden „frei gemacht” wurden. di war ich in Wolyf. Im Dezember desselben Jahres erfuhr ich, daß meine Mutter und vier Schwestern getötet worden waren. Ich sagte mir: Was mit meinem Vater und meinen zwei Brüdern geschieht, soll auch mit mir geschehen. Ich kehrte nach Lwöw zurück. In Lwöw bestand nun schon ein Ghetto. Ich kannte die Adresse der Meinen nicht. An diesem Tage fand auch eine „Lageraktion“ statt, und ich wurde sofort ins Lager mitge- nommen. Im Lager war ich nur einen Tag und entkam wieder. Ich trieb mich im Ghetto umher und sah von weitem, wie jemand daherlief, als wäre es der Schatten meines Bruders. Ich sprang zu ihm hin. Es war mein jüngster Bruder. Er führte mich nach Hause. Der Vater war schon seit vier Wochen verschollen, ich war mit meinen Brüdern allein übriggeblieben, von denen der eine zwölf und der andere vierzehn Jahre zählte. Im Ghetto wurde eine Aktion nach der anderen durchgeführt; eine Arbeitsbescheinigung kostete Tau- sende, und ich dankte schon Gott, wenn ich durch Holzhacken oder durch eine andere Arbeit wenigstens ein paar Groschen verdienen konnte, um Geld zu einem Stück trockenen Brots für mich und meine Brüder zu haben. Schließlich erhielt ich ganz unentgeltlich eine Arbeitsbescheinigung. Meine Brüder bekamen Typhus und die rote Ruhr; ich versteckte meine Brüder, denn wer im Ghetto typhuskrank war, wurde ins Krankenhaus gebracht und von dort aus nackt zum Erschießen abtransportiert. Auch nach ihrer Gesundung hielt ich die Brüder bis zur Liquidierung des Ghettos verborgen, weil alle, die nicht arbeiteten, erschossen wurden, sogar Kinder. Bei der Liquidierung des Ghettos wurde ich samt meinen beiden Brü- dern und allen anderen Juden auf die Piaski mitgenommen. Das war am 3. Juni 1943. Ein Bruder wurde beim Fluchtver- such an der Umzäunung des Platzes, auf dem wir versammelt waren, erschossen. Ich meldete mich in den Tod mit dem anderen Bruder, aber man trennte mich von ihm. Er wurde 24 in den Tod geschickt und ich ins Lager. Im Lager befand ich mich bis zum 15. Juni 1943. Vom 15. Juni bis zum 20. No- vember war ich in der Todesbrigade. Am 20. November floh ich aus dieser furchtbaren Brigade und hielt mich bis zum 27. Juli 1944, das heißt bis zur Ankunft der Roten Armee in Lwöw, in einem Versteck auf. Ich gingnunmehr frei in die Öffentlichkeit hinaus. Aber gerade jetzt empfand ich mein Unglück in vollem Umfang. Ich wußte nicht, wohin ich gehen sollte, ich hatte niemanden auf der Welt, ich kannte niemanden, ich hatte keinen Groschen bei mir. Ich konnte nicht einmal auf den Beinen stehen, weil ich dadurch, daß ich acht Monate lang in einem feuchten Ver- steck sitzen mußte und mich nicht bewegen konnte, Muskel- schwäche bekommen hatte. Nachdem ich den ganzen Tag in den Straßen der Stadt umhergeirrt war, entschloß ich mich endlich, in unsere Wohnung zu gehen, in der wir bis 1942 gewohnt hatten. Ich begab mich dorthin. In unserem Haus befand sich jetzt ein Schuhmacher, ein Pole, der vor dem Kriege unserem Hause gegenüber gewohnt hatte. Er überließ mir ein Zimmer. Ich war zwei Tage lang in dieser Wohnung. Ich konnte es dort nicht länger aushalten, weil ich ständig das Bild meiner Tragödie vor Augen hatte. Ich hatte nun keine Wohnung und schlief daher einige Nächte hindurch auf den Treppen verschiedener Häuser, bis ich schließlich mit einem jüdischen Burschen aus Charkow bekannt wurde und wir zusammen eine Wohnung im Stadtzentrum miete- ten. Von dieser Zeit an beschloß ich, niemals mehr in den Stadtbezirk zu gehen, in dem ich mit meinen Eltern gewohnt hatte. Es wäre für mich allzu schmerzlich gewesen. Einige Tage später begann ich als Buchhalter in der Aufbau- verwaltung der Lwöwer Eisenbahnwerkstätten zu arbeiten. Im August 1945 verließ ich als polnischer Rückwanderer Lwöw und siedelte nach Schlesien über, in die Stadt Gliwice. Leon Weliczker 25 I-KAPITEL Der letzte Tag im Lager 15. Juni 1943. Der Tag begann wie gewöhnlich. Um 4 Uhr war Wecken, man zog sich schnell an und drängte sich durch die Haufen zerlumpter und abgezehrter Lagerinsassen aus den Baracken hinaus. Jeder beeilte sich, denn gleich war Appell. Unterwegs hörte man von überallher Stimmen: „Wer braucht Schmierage, na? Für einen Zloty. Heißer Kaffee, Zucker, Butter, Wurst, ein viertel Brot, eine Portion Brot.“ Da es den Konsumenten im Lager an Geld fehlte, boten die Verkäufer— die übrigens nicht reicher waren als die Käufer— das Brot in Zehndekagrammportionen an. Dieses Verkaufssystem entsprach den Käufern, die sich nicht mehr als eine Portion für zwei Zloty erlauben konnten, wie den Ver- käufern, deren Kapital es ihnenin der Regel nicht ermöglichte, mehr als einen Laib Brot zu kaufen, das 18 Zloty kostete. Für den Gewinn konnte der Verkäufer daher eineZehndekagramm- portion für sich erzielen, das war soviel, wie die Portion Brot ausmachte, die der Lagerinsasse für den ganzen Tag erhielt. Zusammen mit den anderen beeilte ich mich, das zu erledi- gen, was man tun muß. Am Klosett hatte sich eine lange Schlange gebildet. An der Tür herrschte ein Durcheinander, man konnte weder hinein noch hinaus. Schließlich gelangte ich ins Innere. Hier war noch ein größeres Gedränge als am Eingang. Man hörte Schreie:„Mach mich nicht naß, wirf mich nicht um.“ Für ein Stück Papier konnte man einen Sitzplatz bekommen, natürlich im Hocken, weil man hier überhaupt nicht anders sitzen konnte. Bei jedem augenblicklichen Besitzer eines Platzes stand eine Schlange von Menschen. Jeder, der darauf wartete, an der 26 richte mach „Wei andeı wenn Reihe aber auf i dein und Neu Bitt beg er( wie Endl mir: We drän voll Lage gezw aber etwa und en arbe Tag Ar Zine und darı Reihe zu sein, hielt die Hosen in den Händen. Sie stritten sich darüber, wer zuerst gekommen war. Alle schrien wie aus einem Mund auf den ein, der gerade seine Notdurft ver- richtete.„Na, mach schneller! Kannst bei der Arbeit zu Ende machen!“ So mancher versuchte es sogar mit Drohungen: „Wenn du nicht sofort aufstehst, stoße ich dich rein.“ Ein anderer drohte dem Sitzenden, daß er ihn begießen würde, wenn er nicht sofort den Platz räumte. Der erste, der in der Reihe stand, machte sich daran, den Platz einzunehmen, aber da tauchte ganz plötzlich ein anderer auf und redete auf ihn ein:„Ich gebe dir ein Stück Papier, laß mich an deine Stelle.“ Jener war einverstanden, und die Zänkereien und Drohungen fingen von neuem an. Es zeigte sich, daß der Neue draufgängerischer war als die anderen. Es halfen keine Bitten und keine Drohungen. Er hatte keine Angst davor, begossen oder in den Kot geworfen zu werden. Er sagte, daß er Gott danken würde, wenn man ihn genauso in Ruhe ließe wie diesen Kot. Endlich schob ich mich aus dem Klosett hinaus und bahnte mir mit schnellen Schritten durch die Menschenmenge einen Weg zum Waschraum. Auch hier traf ich ein großes Ge- dränge. Hier konnte man für einige Groschen eine Menage voll Wasser bekommen. Es wurde von einem abgezehrten Lagerinsassen verkauft, der sich in den Waschraum hinein- gezwängt und eine Menage voll Wasser geschöpft hatte, sich aber nicht erlauben konnte, es zu benutzen, weil er doch von etwas leben mußte. Von einer Zehndekagrammportion Brot und einem Liter Wassersuppe mit drei Graupen darin konnte er nicht existieren, und Geld besaß er nicht. Obendrein arbeitete er in einer Lagerbrigade!. Wenn er einen guten Tag hatte, und es gelang ihm, fünf- oder sechsmal Wasser 1 Arbeitsabteilungen, die auf dem Lagergelände in den Werkstätten oder Maga- zinen arbeiteten, für Sauberkeit sorgten oder Lagereinrichtungen reparierten und ausbauten. Sie durften nicht auf die Arbeitsplätze in der Stadt und hatten darum keine Gelegenheit zum Schmuggel und Handel mit Lebensmitteln. 27 v zu schöpfen sowie für dieses Wasser Abnehmer zu finden, so verdiente er sich eine Zehndekaportion Brot. Ich kaufte mir eine Menage Wasser und wusch mich. Nach dem Waschen kaufte ich mir für einen halben Zioty eine Portion Kaffee. Es konnte keine Rede davon sein, den Kaffee durch Anstellen zu empfangen, daraus zogen die armen Schlucker von Lagerinsassen ihren kümmerlichen Nutzen. Außerdem setzte man sich, wenn man an der Küche vorbei- ging, den Gummiknüppeln der Lagerpolizisten aus, die glauben konnten, daß man ebenfalls„Schmuh“ machte und sich einige Male nach Kaffee drängte. Nun ging ich den Brigadier suchen, damit er mir meine Por- tion Brot gab, denn er empfing das Brot für die ganze Brigade. Den Brigadier traf ich auf dem Appellplatz an, wo sich schon Fünferreihen formierten. Jede Brigade hatte ihren festen Platz. Der Ordnungsdienst und die Lagerpolizisten trieben die Leute mit Gummiknüppeln in der Hand bereits zum Appell zusammen. „Herr Brigadier, ich bitte um meine Fassung Brot.“ „Hast du noch keine bekommen?“ fragte mich der Brigadier und guckte auf seinen Zettel, auf dem er stets eintrug, wer schon Brot erhalten hatte, denn manche versuchten ihn gern irrezuführen, um zwei Portionen zu empfangen. Ich stellte mich sofort in meine Fünferreihe und wollte essen. Ich war noch nicht einmal dazugekommen, ein Stück abzu- beißen, als es schon ein armseliger Lagerinsasse bemerkt hatte und, ohne darauf zu achten, daß wir uns zum Appell aufstellten, zu mir herüberlief und mich bat, ihn gleichfalls ein Stück von meinem Brot abbeißen zu lassen. Schließlich waren wir zum Appell aufgestellt. Im Lagerhof herrschte Grabesstille. Wir standen auf dem großen Platz brigadenweise in Fünferreihen, in der Form eines Rechtecks, in dem eine Seite fehlt. Jede Brigade hatte ihren feststehen- den Platz. Wir standen mit den Gesichtern zueinander- 28 gekeh insas$ rote 0 sicht il cher# spiel: jenige schwar sehr a wurde irgend hatter zogen Wir ı deng Hinte besta a! schne befind man tango Endlic herein rechte großer Bsers Wie e vom K 1 Ebenso Orches und T: Lager. schied, Spiel ? Hier Wurde [27 gekehrt. Auf der rechten Seite jeder Brigade stand ein Lager- insasse für sich allein, der am linken Arm eine gelbe, blaue, rote oder weiße Binde trug. Das war der Brigadier. An Ge- sicht und Kleidung konnte man ungefähr erkennen, bei wel- cher Arbeit die fragliche Brigade beschäftigt war. Zum Bei- spiel trugen die Arbeiter der„Ostbahn“, das heißt die- jenigen, die bei der Eisenbahn arbeiteten, vorwiegend eine schwarze, von Ruß verschmierte„Verschalung“ und waren sehr abgezehrt. Ihre Arbeit dort war schwer, und obendrein wurden sie noch sehr geschlagen. Es war schwierig, dort irgendwelchen Handel zu treiben, so daß sie nichts zu leben hatten. Eine andere Brigade wiederum war anständig ange- zogen, weil sie in der Stadt bei einer guten Firma arbeitete. Wir warteten ungeduldig auf den Augenblick, das Lager für den ganzen Tag zu verlassen. Hinter dem Tor begann die Musik! zu spielen. Die Kapelle bestand aus sechzig Mann. Jeder von uns wollte sich nun so schnell wie möglich auf der anderen Seite des„Todestors“? befinden. Wir wußten, daß die Musik heute wie jeden Tag so manchem von uns beim Passieren des Tores den„Todes- tango“ spielen würde. Endlich öffnete sich das Tor, und drei SS-Männer kamen herein. Auf der linken Schulter hatten sie eine MP, in der rechten Hand eine Nagaika, und neben ihnen lief ein großer Hund. Es erscholl das Kommando:„Achtung, Mützen ab!“ Wie ein Mann rissen alle mit der rechten Hand die Mütze vom Kopf. Jeder hielt den Atem an, jeder wartete auf den 4 Ebenso wie in allen anderen größeren Lagern befand sich im Janowskilager ein Orchester, das aus jüdischen Musikern zusammengesetzt war. Endlos Märsche und Tanzmelodien spielend, bildete es einen unheimlichen Hintergrund für das Lager. Die Musiker begrüßten die von der Arbeit Zurückkehrenden und verab- schiedeten die zur Arbeit oder in den Tod Gehenden, begleiteten mit ihrem Spiel die makabren Ausschreitungen und sadistischen„Heldentaten“ der Henker. 2 Hier fanden Selektionen statt, ein Teil der Arbeiter oder die ganze Brigade wurden von hier aus zur Ershießung geführt. 29 Befehl, der nunerfolgen mußte. Jeder hatte ein erschrockenes Gesicht, denn bei einem kleinen Fehler oder einer unvorher- gesehenen Laune können die Mörder einige Dutzend oder sogar Hunderte von Menschen erschießen. Plötzlich hörten wir das Kommando:„Nieder!“ Jeder ließ sich sofort auf der Stelle hinfallen, wo er stand. Das wiederholte sich über zehnmal. Dann kam ein Augen- blick Pause, und man hörte die Aufforderung für die erste Brigade, hinauszugehen. Hinter ihr schritt die zweite Bri- gade, dann die dritte usw. Jeder wartete mit Ungeduld darauf und wollte das Tor schon hinter sich haben. Endlich kam die Reihe an unsere Brigade. Wir hörten„Links um, im Gleichschritt marsch!“ Wir marschierten wie Soldaten. Unmittelbar nach dem Pas- sieren des Tores hörten wir:„Kolonne halt!“ Wir blieben stehen. Vor uns standen die Mörder. Ihre Gesichter zeigten ein ironisches Lächeln. Bei ihnen standen Askars! in schwarzen Uniformen und sahen dem Chef des Lagers ins Gesicht. Der Lagerchef, namens Willhaus, war groß, schmächtig, immer mit unheilverkündendem Lächeln um den Mund; er war im Range eines Untersturmführers. Auf ein Zeichen umringten die Askars die Brigade und führten sie den jedem genau bekannten Weg, den Weg, den Hunderte von Men- schen gingen, und die Musik spielte ihnen den Takt dazu. Jeder von ihnen wußte, daß er vielleicht in einigen Minuten das Kommando hören würde:„Ausziehen!“ und einen Augenblick später:„Dreh dich um!“, und eine Kugel würde ihm in den Hinterschädel pfeifen. - Hilfsdienst, aus sowjetischen Gefangenen bestehend. Sie wurden mit der Aus- sicht auf Hungertod oder Massenermordung terrorisiert und durch den Einfluß der perfiden deutschen Propaganda zu Verrätern. Die Bezeichnung„Askar” (eigentl. Askari) stammt angeblich von Willhaus. Mit diesem Namen bezeich- nete man vor dem ersten Weltkrieg in den deutschen afrikanischen Kolonien die eingeborenen Mitglieder der sog. Schutztruppe. 30 Mein den B Platz den. I war, Brigar daß w zwisch einige her& aber ı uns st bekan schon Briga Es fir Ic b Ich gi der Iı anstat arbeit die Äı Trick? der W an der noch r einer| Gesic 1 Wörtl, ist wi Worder 2 Um R damit Deuts: schied Ockenes Mein Brigadier meldete die Anzahl seiner Leute und bekam den Befehl, weiterzumarschieren. Wir marschierten auf den Platz für Arbeitseinsatz. Hier warteten schon einige Briga- den. Plötzlich kam ein Ingenieur, derselbe, der jeden Tag da war, mit$S-Männern und suchte sich 75 Mann aus allen Brigaden aus. Ich war unter den Ausgesuchten. Er sagte, daß wir auf ein Auto warten sollten, wir würden eine Straße zwischen Kuliköw und Zölkiew bauen. Wir warteten also einige Minuten, aber das Auto kam nicht; wir erhielten da- her den Befehl, vorläufig Ziegel tragen zu gehen, aber wenn„Straßenbau Kuliköw—Zölkiew“ gerufen würde, uns sofort an der verabredeten Stelle zu versammeln. Der bekannte Lwöwer Boxer Groß, den der Lagerchef Willhaus schon mehrmals vor dem Tode gerettet hatte, als seine ganze Brigade auf die Piaski! ging, wurde unser Brigadier. Es fing an zu nieseln. Ich begab mich in die Werkstatt für Wasserleitungsanlagen. Ich ging dort gewöhnlich hin und half bei der Arbeit, denn der Ingenieur, der die Arbeit einteilte, hatte mir erlaubt, anstatt Ziegel zu tragen, als Gehilfe an den Werkbänken zu arbeiten. Dort fragte ich die älteren Männer um Rat, ob man die Äußerung, daß wir nach Zölkiew führen, nicht als einen Trick? anzusehen hätte. Ich sah fortwährend durchs Fenster der Werkstatt hinaus, von wo aus die Stelle zu sehen war, an der wir uns versammeln sollten, aber das Auto war immer noch nicht da. Man sah durch das Fenster, wie die Männer in einer Kette in gleichem Schritt mit gesenkten und traurigen Gesichtern je fünf Ziegel auf den Händen vor sich her Wörtl. etwa„Sandgelände“; die mit diesem Namen bezeichnete öde Gegend ist während der deutschen Okkupation als Hinrichtungsgelände berüchtigt ge- worden. Um Reaktionen der Verzweiflung seitens der todgeweihten Opfer sowie die damit verbundene Gefahr für sich selbst zu vermeiden, bemühten sich die Deutschen immer, ihre Mordabsichten bis zum letzten Augenblick mit ver- schiedenen Lügen zu tarnen. wie die Zeiger der Lageruhr, die am trugen. Man sah auch, Lagertor hing, langsam vorrückten. Die Mittagsstunde näherte sich, und der Regen tröpfelte immerzu. Die Tropfen fielen auf die Wangen der Männer, die die Ziegel trugen, und rannen ihnen die Wangen her- unter auf die Erde wie Tränen. Als wenn die Natur wüßte, daß es den Menschen schon an Tränen fehlte, und ihnen helfen wollte zu weinen. Es war zwölf Uhr. Der Brigadier sammelte uns zum Mittag- essen, und wir schritten, nicht ordnungsmäßig aufgestellt, in Richtung Küche. Plötzlich hörte man das jedem bekannte Wort„Sechs“!. Jeder wußte, was es bedeutete: Jemand von den Aufsehern kommt! Ohne uns umzusehen, formierten wir in einem Augenblick Fünferreihen. Die Stimme des Brigadiers erscholl:„Achtung, Mützen ab!“ Jeder richtete sich auf und wir marschierten weiter, wie Soldaten. Nach einem Augenblick hörte man:„Mützen auf“. Wir marschierten noch ein Weilchen wie Soldaten, bis sich der SS-Mann ent- fernt hatte, dann gingen wir wieder in zwangloser Ordnung. Vor dem Tor nahm der Brigadier einen Zettel entgegen, auf dem die Anzahl der Personen eingetragen war, UM in der Küche ebenso viele Portionen Essen zu empfangen. Wir kamen in den Teil des Lagers, wo wir wohnten und aßen. In diesem Lagerteil herrschte Stille, es war noch nie- mand da. Überall war es sauber. Man sah die in Reihen stehenden Baracken und um sie herum die eingezäunten Rasenflächen. Da und dort standen„Ordner“ mit Gummi- knüppeln in der Hand. Man hörte den Schall unserer Tritte auf der mit Steinen gepflasterten Straße, auf denen Inschriften in goldenen Lettern zu sehen waren. Das waren Grabsteine eines jüdischen Friedhofs. Eine sogenannte „Eriedhofskolonne“ hatte die Grabmäler zertrümmert und mit den zerschlagenen Steinen die Straße gepflastert. 1 Allgemein gebrauchtes Warnsignal. 32 Wir ni befand. der Ha gestell prüfte, sehen, ein pa‘ solches Bohne: Ic hatt Suche, war als nicht leisten konnt Kolon kaufte kalt gı des Ge ad mei vorbei, und de Portior Ich hat raum, leer. D Gürtel Wir b wieder Gleich Wach auf di von ei Er sch 3 Fisjs; Wir näherten uns dem Gebäude, in dem sich die Küche befand. Hier traten wir in einer Reihe mit dem Geschirr in der Hand an ein Fensterchen, neben das sich der Brigadier gestellt hatte und die Anzahl der empfangenen Mittagessen prüfte. Jeder schaute neugierig auf die Portionskelle, um zu sehen, was er wohl für eine Suppe bekam, ob sich wenigstens ein paar Graupen darin befanden, weil vor ihm einer ein solches Glück hatte, ein Stück Kartoffel in der Größe einer Bohne zu bekommen. Ich hatte nun mein Essen und begab mich jetzt schnell auf die Suche, um mir zu der Suppe, die eigentlich nichts anderes war als abgekochtes Wasser, ein Stück Brot zu kaufen. Aber nicht jeder konnte sich zu seiner Suppe ein Stück Brot leisten. Außer einigen Zigaretten beim Ordner im Kloset konnte man hier jetzt nichts kaufen. Schließlich kam die Kolonne vom Friedhof, und bei einem aus dieser Brigade kaufte ich ein viertel Brot. Inzwischen war meine„Suppe“ kalt geworden. Ich setzte mich wie alle anderen in der Nähe des Gebäudes, wo sich die Küche befand, auf die Erde und vorbei, dem es gelungen war, zweimal Suppe zu bekommen, und der nun eine Suppe verkaufen wollte, um dafür eine Portion Brot zu erstehen. Ich hatte mein Mittag aufgegessen und ging in den Wasch- raum, um die Schale abzuwaschen. Jetzt war es auch hier leer. Die abgewaschene Schale hängte ich, wie alle, an den Gürtel, den ich um den Leib trug. Wir beendeten das Mittagessen und gruppierten uns, um wieder zur Arbeit zu gehen. Wir begaben uns hinter das Tor. Gleich auf der anderen Seite des Tores, gegenüber dem Wachhäuschen mit der Uhr, war an einem Balken des Turms, auf dem ein Askar Wache hielt, noch immer ein Bursche von etwa achtzehn Jahren festgebunden. Er war bläulichrot. Er schwieg, denn er hatte keine Kraft mehr, zu weinen. Sein 3 F 18/55 33 ganzer Körper war mit Stricken fest zusammengeschnürt, mit denen man ihn so an den Balken festgebunden hatte, daß er nicht auf der Erde stand, sondern in der Luft hing. Vor dem Aufhängen hatte er fünfundzwanzig Schläge mit der Nagaika bekommen. Jeder wußte, daß das die Qualen vor dem Tode waren, denn er würde nach der Befreiung von den Fesseln nicht sofort arbeiten können. Er würde„kaputt“ sein, das heißt arbeitsunfähig— also erwartete ihn die Kugel. Jeder begab sich zu seiner Vormittagsarbeit, aber vor dem Auseinandergehen erinnerte uns der Brigadier daran, daß wir uns sofort zu versammeln hätten, wenn er uns riefe, damit er nicht lange zu warten brauchte. Ich begab mich wie gewöhnlich in die Werkstatt für Wasser- leitungsanlagen. Hier beratschlagte ich nochmals mit den Älteren, was ich machen solle— fahren oder nicht fahren? Ob das nicht ein Hinterhalt war? Aber wenn sie uns hätten auf die Piaski bringen wollen, so folgerten wir, dann würden sie uns gleich morgens mitgenommen haben, genauso wie alle anderen. Wozu dann diese Umstände mit Zötkiew? Und wozu ein Auto für uns? Konnten wir denn nicht zu Fuß gehen wie die anderen alle? Man riet mir daher, zu fahren, denn man wußte, daß ich den ersten besten Tag aus dem Lager fliehen und mich auf den Weg machen wollte. Und mit einem Auto aus Lwöw hinauszufahren und obendrein noch aus dem Lager, wäre schon eine große Sache, sagte man mir. Ich solle dann diese Gelegenheit doch ausnutzen. 2. KAPITEL In der Todesbrigade. Das Todesgefängnis. Was geschah in der Schlucht? Während ich mich so unterhielt, waren zwei Lastautos dicht vor den Werkstätten vorgefahren. Unsere Brigade war bereits versammelt, und die Männer stiegen ein. Zufällig 34 hatte i warfn dier de viele N Ich lief Auto, Führer eines$ hob die der anc Brauch Genick von hi das ge im R. Er zät daß es mitnel sich oh Das ei die La leider Wir sc unmitt führt, hier ab die W Unser| Auch ic ein Ay das A Waren, Springs Sowies: IF hatte ich zum Fenster hinausgesehen und alles bemerkt. Ich warf noch einmal die Frage auf, ob ich gehen solle. Der Briga- dier der Werkstatt antwortete mir:„Wenn Groß fährt, der so viele Male gerettet worden ist, dann kannst auch du fahren.“ Ich lief aus der Werkstatt hinaus und sprang schnell auf das Auto, auf dem sich unser Brigadier Groß befand. Aus der Führerkabine stieg ein großer, schmächtiger Mann im Range eines Scharführers und fragte, wer von uns Tischler sei. Jeder hob die Hand hoch und schrie. Der eine, daß er Tischler sei, der andere, daß er Maurer sei, andere wiederum Maler usw. Brauchte man denn dafür, um auf den Piaski eine Kugel ins Genick zu bekommen, einen Beruf? Schließlich hörte man von hinten eine Stimme:„Genug, genug!“ Ich sah hin: der das gesagt hatte, war ein strammer, gutgewachsener Mann im Range eines Untersturmführers. Unser künftiger Chef. Er zählte uns. Anstatt 75 Mann waren wir 44, aber er sagte, daß es ihm vorläufig genüge, morgen würde er mehr Leute mitnehmen. Er stieg auf den Führersitz, und das Auto setzte sich ohne jede Aufsicht in Bewegung. Das eiserne Haupttor öffnete sich vor uns. Wir fuhren auf die Landstraße hinaus. Ob es nach Zölkiew ging, wußte leider keiner von uns. Und der Regen tröpfelte immerzu. Wir schauten alle neugierig, wohin das Auto fuhr. Erst unmittelbar vor der Pilichowskastraße, die auf die Piaski führt, ging der Winker hoch und zeigte uns an, daß das Auto hier abbiegen wollte. Alle schwiegen. Dann hörte man nur die Worte:„Wir springen runter!“ Als erster sprang unser Brigadier hinunter, nach ihm ein zweiter und dritter. Auch ich hatte schon ein Bein über der Klappe, als plötzlich ein Auto mit Schupos auftauchte; es waren 80. Schüsse fielen; das Auto hielt. Zwei Männer, die hinuntergesprungen waren, sprangen wieder aufs Auto zurück. Mensch, wozu springst du wieder auf das Auto zurück, fährst du denn nicht sowieso in den Tod? Ist es nicht besser, auf dem Wege für 3 F° 35 die Freiheit zu fallen, als dich dort auf den Piaski auszu- ziehen und vor dir das Feuer zu sehen, das die vorherigen Opfer verbrennt? Das Auto fuhr weiter, an der Führerkabine stand mit dem Gesicht uns zugewandt ein Scharführer und hielt einen Revolver über unsere Köpfe. Hinter uns fuhr das Auto mit den Schupos, das an der Ecke der Pilichowskastraße auf uns gewartet hatte. Hebe den Kopf hoch, Mensch, und spucke den Mördern wenigstens ins Gesicht! Keiner tat es, denn was hätte er davon? Höchstens nur Martern vor dem Tode. Aber viel- leicht beschleunigte es den Tod? Doch vielleicht sollte man auf das Leben noch nicht verzichten? Vielleicht würde noch ein Wunder geschehen, auf das viele Hunderttausende von Menschen zwei Jahre lang vergeblich warteten, das sich aber jetzt noch innerhalb dieser wenigen Minuten, die wir noch vor uns hatten, erfüllen sollte? Ich dachte darüber nach, wodurch ich mich schuldiger ge- macht haben mochte als andere, da es mir vorbehalten war, zuerst den Tod meiner Eltern und Geschwister zu erleben, um ihnen jetzt allein zu folgen. Warum war ich denn bloß nicht mit meinen zwei letzten Brüdern gegangen? Ich schänd- licher Feigling, der den Tod fürchtete, hatte mich ins Lager „gerettet“, hatte gesehen, wie meine Brüder sich für den Tod entkleideten, um zwölf Tage später denselben Weg zu gehen. Aber was half’s, ich konnte doch nicht besser sein als die- jenigen, die mich umgaben, die für jeden überstandenen Tag Gott dankten und jeden Tag damit rechneten, daß eine Er- rettung käme. Immer sagten sie, daß die Befreiung nahe sei, aber leider war der Tod noch näher. Der Regen tröpfelte weiter. Wir blieben stehen. Schupos mit Maschinenpistolen und 5S- Männer, die mit uns gekommen waren und den Revolver in der Hand hielten, umringten unsere Autos. Der Untersturm- führer gab den Befehl:„Aussteigen!“ Alle sprangen herunter 36 wie eit großen weit b empor. Tauset große| schine, Neben niumro schine| leitet.] die do brannt „Habt Anspr zu En! Wir h Waren „Arbe außer abzuge ten, Wı uns m die E wir bi Wir W; fel die zwei V Später etwa 4 Wer\ seine’ zu deı 1 Jüdisd wie ein Mann und stellten sich zu fünfen auf. Aus einer großen, sehr tiefen Schlucht, die sich einige hundert Meter weit hinzog, stieg dichter, übelriechender schwarzer Rauch empor. Diese Schlucht war ein einziges Massengrab, das Tausende Leichen barg. Seitwärts auf der Anhöhe lagen große Holzstapel. Nicht weit davon entfernt stand eine Ma- schine, die ein Schupo in schwarzer„Verschalung“ bediente. Neben der Maschine sah man Ölfässer, die durch Alumi- niumrohre mit ihr verbunden waren. Das Öl, das die Ma- schine pumpte, wurde durch Aluminiumrohre ins Feuer ge- leitet. Das Feuer zischte. Oder zischten vielleicht diejenigen, die dort verbrannten? Vielleicht wurden sie lebendig ver- brannt? Nach kurzer Zeit würde ich sicherlich alles wissen. „Habt keine Angst“, begann der Untersturmführer seine Ansprache.„Ihr werdet hier arbeiten, und wenn die Arbeit zu Ende ist, werdet ihr wieder ins Lager zurückgehen.“ Wir hörten mißtrauisch zu. Wir kannten sie schon genau. Waren die in den Tod Abtransportierten nicht ebenfalls zur „Arbeit“ gefahren? Am Ende befahlen sie uns, alles, was wir außer Taschentuch und Zigaretten in den Taschen hatten, abzugeben. Sie sagten, daß sie gut suchen könnten und wüß- ten, wo man etwas versteckte, daher rieten sie uns, daß wir uns nicht einer Kugel aussetzen und alles vor ihnen auf die Erde legen sollten. Wir warfen alles hinaus, was wir besaßen, sogar Taschentücher und Zigaretten, denn wir waren überzeugt, daß wir in den Tod gingen. Nachher fiel die Frage:„Wer war von euch Vorarbeiter?“ Es traten zwei vor— der eine, ein jüngerer blondhaariger Mann, unser späterer Oberjude! Herches, und der andere, ein älterer, der etwa 40 Jahre zählen mochte, ein gewisser Lustmann. Wer kannte nicht ihre Tricks? Ganz gewiß würde der eine seine Brigade zu der einen Feuerstätte führen und der zweite zu der anderen. Denn hier gab es zwei Feuerstätten. 1 Jüdischer Leiter einer Arbeitseinheit. 37 „Wer ist von euch Tischler?“ fragte der Offizier weiter. Ohne mich zu besinnen, hob ich die Hand, denn ich hatte ja sowieso nichts zu verlieren. Vielleicht würde ich in die Pel- czyhiskastraße fahren— dort befand sich nämlich eine Dienst- stelle—, um dort zu arbeiten, denn sie hatten doch wohl hier für die Leichen keinen Tischler nötig. Und dort würde ich mir schon zu helfen wissen. Jedenfalls hatte ich nicht die Ab- sicht, lange dort zu bleiben. Mit mir zusammen streckten noch einige die Hand hoch. Mich, der ich mich durch meinen Wuchs hervortat, nahmen sie als ersten, und nach mir noch zwei. Unter Aufsicht von zwei Schupos und einem Scharführer mit einer MP gingen wir zu unserer Arbeitsstelle und ließen die übrigen hinter uns. Nur nicht denken, ob es so gut war oder schlecht! Was konnte dabei schon schlecht sein, da doch bereits das Schlimmste geschah? Vielleicht hatte er nur des- halb drei Mann ausgesucht, damit dort die runde Summe 40 übrigbliebe, und uns würde er extra ins Feuer führen? Wozu grübeln? An eine Flucht war jetzt nicht zu denken. Endlich blieben wir stehen. „Hier“, erklärte uns der Scharführer,„werdet ihr eine Unter- kunft bauen, in der ihr wohnen werdet.“ Diese Stelle befand sich unweit der Schlucht. An zwei Seiten erhoben sich Hügel mit steilen Abhängen, und in der Mitte breitete sich eine Fläche von etwa 120 qm aus. Wir gingen auf diesen Platz. Hier hatte schon jemand ange- fangen zu bauen, denn ein Teil des Gebäudes war bereits errichtet. Vor uns waren hier bereits drei Brigaden gewesen, von denen keine länger als drei Tage gearbeitet hatte(so hatte man mir erzählt). Aus diesem Grunde wußten wir nun schon genau, wie sich die Sache verhielt. Der Scharführer erklärte uns, daß wir darauf achten sollten, wie wir bauten, denn wir würden in dieser Baracke selber wohnen. Aber was nützte es? Wir kannten bereits die ganze Wahrheit. Sicher- lich würden auch wir ein Stück weiterbauen und nach drei 38 Tagen komme) sie nadı an dies Wir er Instruk men da fragend sich hei hatte d Jicher 7 ihm irg von ur der be besaß: ein ric Nameı uns, L obwoh als wii konnte geschal Angst Wir hi Hölle! Plötzli brecheı Uns ne in die‘ einem in Für derR. die K chen, Tagen ins Feuer gehen. Später würde eine andere Brigade kommen, neue Opfer, denen sie ebenfalls sagen würden, daß sie nach Zölkiew oder nach Böbrka führen, bis dann auch sie an diesem verfluchten Ort entsetzt halt machten. Wir erhielten vom Scharführer Werkzeug und allgemeine Instruktionen, wie das Gebäude auszusehen hatte. Wir nah- men das Werkzeug in die Hände. Einer sah den anderen mit fragendem Blick an: Vielleicht bist du Tischler? Es stellte sich heraus, daß alle den gleichen Gedanken hatten. Jeder hatte damit gerechnet, daß jemand von den anderen wirk- licher Tischler sei und es daher möglich sein könnte, sich bei ihm irgendwie durchzuwursteln. Tischler war jedoch keiner von uns. Plötzlich sprach einer von uns den Scharführer an, der bemerkt hatte, daß wir von der Tischlerei keine Ahnung besaßen, und sagte, daß dort unter den übrigen Männern sich ein richtiger Tischler befände. Der Deutsche fragte nach dem Namen, und nach einer Weile erschien dieser Tischler bei uns. Unter seiner Leitung fingen wir mit der Arbeit an, obwohl er selber auch nicht viel mehr davon verstand als wir. Aber wir machten uns an die Arbeit, so gut wir konnten. Jeder von uns war neugierig, zu erfahren, was dort geschah, wo die anderen Juden waren, doch wir hatten Angst zu fragen, weil man sich nicht unterhalten durfte. Wir hörten nur, wie der Tischler zischte:„Ist das dort eine Hölle!“ Plötzlich befahl uns der Scharführer, die Arbeit zu unter- brechen und das Werkzeug zusammenzulegen. Wir stellten uns nebeneinander auf, und man befahl uns, unter Aufsicht in die Schlucht hinunterzugehen, wo das Feuer brannte. Nach einem Weilchen erblickten wir die übrigen Männer, die sich in Fünferreihen aufstellten. Das Feuer schlug uns ins Gesicht, der Rauch biß uns in den Augen, der Gestank schnürte uns die Kehle zu. Das Feuer prasselte und zischte. Manche Lei- chen, die im Feuer lagen, streckten die Hände aus, als bäten sie uns, sie zu retten. Ringsum war es voll von Leichen. Ihr Mund war geöffnet, als wollten sie sagen:„Wir sind doch eure Mütter, eure Väter, die euch erzogen und für euch ge- sorgt haben, und jetzt verbrennt ihr uns selbst, werft uns ohne Erbarmen ins Feuer.“ Wenn man ihnen erlaubte zu sprechen, würden sie vielleicht so etwas sagen, aber auch sie durften bestimmt nicht sprechen, denn auch sie wurden stän- dig bewacht. Aber möglicherweise würden sie sagen, daß sie uns alles verziehen hätten. Sie wußten, daß wir nichts aus eigenem Willen taten, daß wir unter der Knute und dem Revolver derselben Banditen standen, die sie erschossen hat- ten. Sie würden uns verzeihen, denn die Mütter oder Väter, die hier lagen, hätten bestimmt gern die größten Foltern er- tragen, wenn sie bloß wüßten, daß es ihren Kindern etwas hülfe. Aber was nützte das alles: O Vater, hat man hier auch dich begraben, Konnt ich da nicht mit dir zugrunde gehn, Um heut schon alles hinter mir zu haben? Ich müßte nicht allein am Grabe stehn Und vor dem Tode deinen Leib verbrennen. Wir standen zwischen Leichen Fuß an Fuß in Rinnsalen von Blut. Wir warteten, ohne zu wissen, ob es auf den Tod war oder vielleicht noch vorläufig auf die Rückkehr in den „Todeskerker“, in dem wir diese Nacht schlafen würden, wie die drei Brigaden vor uns. Rings um uns herum auf der Anhöhe standen Schupos mit Gewehren in den Händen wie zu einem Angriff, wir hörten, wie einer dem andern zurief:„Hast du genug Kugeln?“ Wir sahen uns an: War das für uns? Aber das waren Kugeln, die für unsere Bewachung unterwegs vorgesehen waren. Unser Oberjude Herches meldete den Menschenbestand. Wir waren 42 an der Zahl. Man hörte:„Rechts um!“ Jeder drehte 40 sich rei heitlich stander Dann| in Fin uns al Josließ: fanden gewese aufzum ein Re kleinst 1. Eine 2. Der mel 3. Ma 4, Jede 5, Maı Der C) stoß gt jemanc drohe. dann€ „Aber gingen Fünfer: wärts, den W eine di bildete Wasse Dieser Es har Alsw; sich rechts um. Das Umdrehen geschah jedoch nicht so ein- heitlich wie im Lager, denn die Leichen, zwischen denen wir standen, waren uns im Wege. Dann fiel der Befehl:„Unterhaken“. Und so kletterten wir in Fünferreihen die steile, glatte Wand hinauf. Sie hatten uns angekündigt, daß derjenige, der den Arm des anderen losließe, sofort eine Kugel bekäme. Nach einer Weile be- fanden wir uns schließlich dort oben, wo wir vor drei Stunden gewesen waren. Jetzt erst wagten die Menschen den Mund aufzumachen. Der Chef der Schupos sagte uns, an was für ein Reglement wir beim Gehen gebunden seien. Für das kleinste Vergehen drohte die Kugel. 1. Einer muß den anderen unterhaken 2. Der Abstand von einer Fünferreihe zur anderen darf nicht mehr als 50 cm betragen . Man darf sich nicht umdrehen 4. Jeder hat den Kopf gesenkt zu halten 5. Man darf sich nicht unterhalten Der Chef erinnerte uns noch einmal daran, daß für den Ver- u” stoß gegen das Reglement oder sogar für den Verdacht, daß jemand einen Verstoß zu begehen beabsichtigte, eine Kugel drohe. Darauf zählte er uns noch einmal, und wir hörten dann den Befehl:„Vorwärts!“ Dabei fügte er noch hinzu: „Aber langsam.“ Einer den anderen unterm Arm haltend, gingen wir mit gesenkten Köpfen in langsamem Schritt in Fünferreihen auf schlüpfrigem, sandig-lehmigem Boden vor- wärts. Wir gingen wie bei einem Begräbnis. Wir gingen nicht den Weg, den wir gekommen waren, sondern einen Weg, der eine direkte Verbindung zwischen den Piaski und dem Lager bildete. Fortwährend trafen wir auf Hügel und Löcher mit Wasser. Dieser ganze Weg war ein einziges Massengrab. Dieser ganze Weg sah aus wie ein weitgeöffneter Schlund. Es hatte den Anschein, als wolle er auch uns verschlingen. Als wären ihm die Leichen, die hier verscharrt lagen, noch zu- 41 wenig. Aber vielleicht würde er sagen, wenn er reden könnte: „Leider bin auch ich genauso in ihren Händen wie ihr.“ Wir bewegten uns vorwärts. Der Regen tröpfelte immerzu. Schon von weitem sah man den Lagerturm, auf dem ein Askar stand. Vielleicht würden wir ins Lager schlafen gehen? In solchem Falle würden sie mich nicht mehr zu sehen be- kommen! Ich würde entfliehen! Wir näherten uns den Feldern des Lagers. Hier saßen Lager- gefangene und sortierten Kartoffeln. Hier saßen auch diejenigen, die mit uns nach Zölkiew hatten fahren sollen. Sie waren insoweit klüger, als sie nicht mit uns gefahren waren. Man befahl ihnen, sich abzuwenden, denn man durfte uns nicht ansehen. Wir waren Leute von den Piaski. Schon standen wir unmittelbar vor den Drähten des Lagers. Durch das Pförtchen, durch das die Lagerinsassen täglich in den Tod hinausgeführt wurden, gingen wir in das Lager hin- ein. Wir bogen durch ein Pförtchen nach rechts ab und traten auf einen umzäumten Platz hinaus, wo in einer Reihe in Abständen von drei Metern Baracken standen. Hier wohnten die Frauen, die in den DAW! oder in der Wäscherei arbei- teten, die sich neben dem Lager befanden. Diese Baracken hatten eine Länge von fünfzehn und eine Breite von sechs Metern. Jede Baracke war in drei Teile eingeteilt, jeder Teil hatte einen separaten Eingang und drei Fenster. Die Fenster der ersten Baracke von der Pforte aus, durch die wir herein- gekommen waren, hatten Gitter. Das war das sogenannte Todesgefängnis. Wer in dieses Gefängnis kam, mußte in den Tod gehen. Diese Baracken standen auf Pfählen, so daß zwischen dem Fußboden der Baracke und der Erde ein Ab- stand von 40 cm war. Wir gingen auf den Platz, der sich zwi- schen der Gefängnisbaracke und der zweiten Baracke befand. Dieser Platz hatte eine Breite von 3 Metern und eine Länge 4 Abkürzung für Deutsche Ausrüstungswerke. 42 von 17 Erde o unter( Ich üb sollte, fand, sein W die Ba Wache sonder Ein$d dem z vergit lene| warel word steckt Lager Tortu die Br keit s fiel, k wiede, bracht hagerı Benun schlag verun. schlim einen zeigte ters e Der Eime, von 17 Metern. Hier setzten wir uns in Fünferreihen auf die Erde oder vielmehr in den Schmutz, die Beine nach Türkenart unter den Körper gezogen. Ich überlegte, ob man hier nicht sofort eine Flucht versuchen sollte, indem man sich unter die Baracke verkroch. Nein! Ich fand, daß es besser wäre, in später Nacht, wenn wir allein sein würden, ein Brett im Fußboden loszutrennen und unter die Baracke„zu verduften“, denn möglicherweise würde die Wache nicht während der ganzen Nacht bei uns bleiben, sondern uns nur einschließen und fortgehen. Ein Schupo ging Waschwasser holen. Wir saßen da, und aus dem zweiten und dritten Teil der Baracke schauten durch die vergitterten Fenster erschrockene, rotbläuliche und geschwol- lene Gesichter mit blau unterlaufenen Augen heraus. Das waren Menschen, die von der„arischen Seite“ hergebracht worden waren, das heißt solche, die sich in der Stadt ver- steckt gehalten hatten. Solche brachte man ins Lager. Im Lager wurde dann eine Untersuchung unter schrecklichen Torturen durchgeführt, indem man ihnen z. B. ein Messer in die Brust oder in den Rücken jagte, sie bis zur Bewußtlosig- keit schlug. Wenn das Opfer fast schon leblos auf die Erde fiel, kam man ihm zu Hilfe, und wenn es das Bewußtsein wiedererlangte, wurde es weitergeschlagen. In dieser Zeit brachte ein SS-Mann im Range eines Scharführers, ein großer, hagerer einarmiger Kerl namens Heine, einen starken, gro- ßen und elegant gekleideten Mann an. Er war dermaßen zer- schlagen, daß sein Gesicht bis zur völligen Unkenntlichkeit verunstaltet war. Der SS-Mann Heine war jedem als der schlimmste Sadist bekannt. Sein größtes Vergnügen war, einen Menschen zu schlagen, solange er einen Funken Leben zeigte. Er nahm im Lager die Stelle eines Untersuchungsrich- ters ein. Der Schupo kam zurück, hinter ihm gingen Frauen mit Eimern voll Wasser. Das waren Ordnerinnen aus den Frauen- 43 baracken. Sie blieben einen Augenblick stehen und schauten auf uns wie auf neue Opfer. Dann gingen sie fort und kamen bald mit Waschschüsseln an. Sie setzten die Waschschüsseln ab und wollten noch einmal bei uns stehenbleiben, aber der Schupo trieb sie weg. Jetzt sollten wir uns waschen. Wir ent- blößten im Sitzen unseren Oberkörper und gingen uns dann der Reihe nach zu fünft waschen. Bevor die erste Fünferreihe nicht zurückgekommen war und sich nicht hingesetzt hatte, durfte die nächste Fünferreihe nicht aufstehen. Ich trat ängst- lich an das Waschbecken heran, weil das Schlagen hier nicht zur Seltenheit gehörte, sei es für regelwidriges Waschen, sei es für regelwidriges Stehen am Waschbecken. Schließlich waren bereits alle gewaschen. Auf einem Wagen wurde das Abendessen gebracht, aber die Fuhrleute ließen es auf der anderen Seite der Umzäunung stehen, denn sie wuß- ten, daß sie sich uns nicht nähern durften. Das hatte man ihnen schon in den vergangenen Tagen bei den vorherigen Brigaden gesagt. Der Wagen fuhr weg. Vier Mann von uns gingen unter Aufsicht das Abendessen holen. Der Schupo ordnete an:„Der Brandmeister und der Zähler werden das Essen verteilen.“ Ich dachte, ich kenne doch die Namen aller Männer, aber diese beiden kenne ich nicht. Ich hatte von einem auf den Piaski festgesetzten Amt noch nichts gewußt. Jeder bekam zwei Liter Suppe, eine dickere als im Lager, und je 15 Dekagramm Brot sowie einen Löffel Marmelade. Ich hätte lieber auf alles gepfiffen. Wir beendeten das Abend- essen und gingen in den dritten Teil der Gefängnisbaracke hinein, der leer war. Die Türen schlossen sich. Unsere Zelle war etwa 5 Meter breit und 6 Meter lang und hatte drei vergitterte Fenster. Die Wand zwischen unserer Zelle und der benachbarten reichte nicht bis direkt an die Decke, so daß man aus einer Zelle in die andere gelangen konnte. Ringsherum an allen vier Wänden waren auf der Erde Strohsäcke aufeinandergelegt. Dicht an der Tür standen 44 zwei Kü war noc melden, Kübel' Tümpel der am zwei Sc Jiegt al zweit| Strohsa gend, F Durst\ hier.$ schen bracht man d liegen, Nach e Nachb: weil et einmal der Kü waren, wie das seine| beganr sam gil der Sc Mein| „Eine hinunt Sie w; Schlud Leiche zwei Kübel. Jeder sprang auf die Kübel zu, denn seit Mittag war noch niemand ausgetreten. Jeder hatte Angst gehabt zu melden, daß er es nötig hatte. Nach kurzer Zeit waren die Kübel voll und liefen über, so daß sich die Zelle in einen Tümpel verwandelte. Wir hörten die Stimme des Schupos, der am Fenster stand:„Was ist hier? Sofort Ruhe!“ Es fielen zwei Schüsse, die in die Decke unserer Zelle gingen.„Sofort liegt alles!“ In der Zelle herrschte sofort Totenstille. Zu zweit legten wir uns geräuschlos auf die Strohsäcke. Jeder Strohsack war 1,60 m mal so cm groß. Wir lagen schwei- gend. Hinter der Wand hörte man Kinder weinen. Ob es vor Durst war oder vor Hunger? Sie saßen schon seit drei Tagen hier. Sie warteten, bis eine entsprechende Anzahl von Men- schen zusammenkam. Dann würden sie auf die Piaski ge- bracht. Man hörte das Stöhnen der Frauen und Männer, die man dermaßen geschlagen hatte, daß sie weder sitzen noch liegen, noch stehen konnten. Nach einigen Augenblicken fing ich ein Gespräch mit meinem Nachbarn an, von dem ein entsetzlicher Gestank ausging, weil er bei den Leichen gearbeitet hatte. Wir rochen nicht einmal mehr den Kübel, weil der Leichengeruch den Gestank der Kübel betäubte. Als wir in die Baracke hereingekommen waren, hatten wir aus der Nachbarzelle Rufe gehört:„Pfui, wie das stinkt! Was riecht hier so?“, obwohl man auch dort seine Notdurft in der Zelle verrichtete. Die Unterhaltung begann ich mit der Frage, wie man sich retten könne. Lang- sam gingen wir auf das Thema der zweistündigen Arbeit in der Schlucht über. Mein Nachbar begann seine Erzählung mit den Worten: “ „Eine wahrhaftige Hölle!“ Kaum wären sie in die Schlucht hinuntergestiegen, hätte man sofort zwei Männer gerufen. Sie wären hinaufgegangen. Dort hätte in der Nähe der Schlucht ein Auto gestanden, und auf dem Auto hätte eine Leiche gelegen, mit zertrümmertem Schädel. Es sei Groß, 45 unser ehemaliger Brigadier, gewesen. Sie hätten ihn gepackt, der eine an einem Bein, der andere an dem anderen, ihn so hinuntergezogen und ins Feuer geworfen. In derselben Zeit hätte sich ein Arzt, der mit uns hingegangen war, mit Zyan- kali vergiftet. Er wäre sofort gestorben. Auf diese Weise wären von 44 Mann nur 42 übriggeblieben. Eine Brigade hätte mit Spaten gearbeitet, das heißt, sie hätte die Erde ent- fernt, mit der die Leichen bedeckt gewesen waren. Die andere Brigade hätte bei den Leichen gearbeitet. Das wäre eine furchtbare Arbeit gewesen. Die Leichen hätte man mit den Händen herausgezogen. Man hätte sie bei den Armen oder Beinen gepackt und herausgezerrt. Ehe man eine Leiche her- ausgezogen hätte, wäre sie einem einige Male aus den Hän- den geglitten, oder die Haut wäre in den Händen der Ziehen- den zurückgeblieben. Und dabei hätten sie während der ganzen Zeit von der Anhöhe herunter zu hören bekommen: „Los, warum so langsam?“ Und nach einem Augenblick: „Du, komm schnell her!“ Der Gerufene wäre dann angstvoll nach oben gelaufen. Er hätte gewußt, was ihn erwartete— 25 Hiebe. Es wäre nicht seine Schuld gewesen, daß ihm die Leiche aus den Händen geglitten war. Aber hier hätte es keine Entschuldigung gegeben. So hätten sie die Leichen zu zweien getragen, einer an den Händen, der andere an den Beinen. Jede Leiche hätte etwa 70-80 Kilo gewogen. Es wären verhältnismäßig frische, über zwei Wochen alte Lei- chen gewesen, daß heißt, sie stammten aus der Zeit der Liqui- dierung des Ghettos. Wer weiß, ob man heute nicht auch meine beiden Brüder verbrannt hatte. Sie hätten die Leichen ins Feuer getragen. Hier hätte auf der einen Seite der Brandmeister gestanden. Seine Arbeit hätte darin bestanden, aufzupassen, daß beim Hineinwerfen der Leichen nicht das Feuer erstickt würde. Er hätte Holz unter- gelegt und die Asche beiseite gescharrt. Auf der anderen Seite hätte der Zähler gestanden, mit Papier und Bleistift 46 in der t der Leic durfte m Lauf de dem Un verbran! Gedächt verbran! nächste worden Leichen der Lei Alle be und G man e gelauf schnell gehabt, die Arl „Noch keiner würden‘ Strohsa Wir sch Stille zu zuspred schwiste urteilter „Was} „Vor de und Sq die sid Sohn ir hunger in der Hand. Seine Arbeit hätte darauf beruht, die Anzahl der Leichen zu notieren, die ins Feuer geworfen wurden. Er durfte nicht einmal den Schupos sagen, wie viele Leichen im Lauf des Tages verbrannt worden waren. Abends hatte er dem Untersturmführer genauen Rapport über die Anzahl der verbrannten Leichen zu erstatten. Er selbst durfte nicht im Gedächtnis behalten, wie viele Leichen am vergangenen Tage verbrannt worden waren. Wenn der Untersturmführer am nächsten Tage fragte, wie viele Leichen gestern verbrannt worden seien, mußte er sagen, daß er es vergessen habe. Die Leichen hätte man„Figuren“ genannt. Beim Hineinwerfen der Leichen wäre man direkt bis an das Feuer herangetreten. Alle bei dieser Arbeit Beschäftigten hätten sich dabei Hände und Gesicht verbrannt und die Haare angesengt. Nachdem man eine Leiche ins Feuer geworfen hätte, wäre man schnell gelaufen, um die nächste zu holen, weil das Gehen selbst im schnellen Schritt gefährlich gewesen wäre. Jeder hätte Angst gehabt, das ihm genau bekannte:„Schneller! Warum geht die Arbeit so langsam vorwärts?“ zu hören. „Noch einen Tag solcher Arbeit, und bestimmt hält es keiner von uns aus, selbst wenn sie ihn nicht erschießen würden“, schloß mein Nachbar auf unserem gemeinsamen Strohsack. Wir schwiegen und sahen einander an. Keiner wagte die Stille zu unterbrechen oder die Gedanken des anderen aus- zusprechen. Vielleicht dachte er an seine Eltern oder Ge- schwister. Das waren die letzten Betrachtungen eines Ver- urteilten. Wenn man irgendeinen von uns gefragt hätte: „Was wünschst du dir?“, würde er geantwortet haben: „Vor dem Tode noch einmal die Mutter, den Vater, Brüder und Schwestern zu sehen.“ Die Mutter... die Mutter, die sich ihre goldenen Zähne herausriß, um dafür dem Sohn ins Lager Päckchen zu schicken, damit er nicht ver- hungerte. An unser Ohr drangen Musikklänge der Kapelle, die bei der Rückkehr der Menschen ins Lager spielte. Nach und nach er- hob sich dieser und jener von seinem Lager und begann leise und vorsichtig in der Zelle umherzugehen. Viele von uns konnten nicht liegen, weil sie erst jetzt die Schmerzen der bei der Arbeit mit der Nagaika geschlagenen Glieder spürten. Langsam rückten wir ans Fenster heran. Von weitem sah man die Baracken. Hinter den Baracken war es so voll von Menschen, daß man nicht durchkommen konnte. Jetzt bekam man dort alles, sofern man Geld hatte. Dort trieben alle Handel, ob mit Wasser oder mit Kaffee oder auch mit Gold und Brillanten. Jetzt trieb uns niemand mehr vom Fenster weg, weil nämlich der Chef der Schupo nicht da war. Die Schupos traten nun selbst an unser Fenster heran. Sie schau- ten sich um, ob es keiner von den 55-Leuten sah, gaben uns Zigaretten und trösteten uns. Sie sagten, daß wir keine Angst zu haben brauchten, daß wir nicht erschossen würden. Sprachen sie nicht deshalb so, weil sie uns von dem Gedanken an eine Flucht abbringen wollten? Uns gegenüber sah man die Frauenbaracken. Die Frauen schauten aus den Fenstern heraus. Sie wollten uns etwas geben, aber sie hatten vor den Schupos Angst. Die Schupos bemerkten es. Sie traten zu den Frauen heran und fragten, ob sie uns etwas zukommen lassen wollten, aber auch sie blickten sich um und vergewisserten sich, ob nicht etwa je- mand von ihren Vorgesetzten käme, denn sie durften ja nicht mit Juden sprechen. Die Frauen wollten uns Brot geben, aber wir machten ihnen von weitem Zeichen, daß wir Ziga- retten haben wollten. Viele Personen riefen laut ihren Namen, weil sie wollten, daß man ihn ihren Bekannten oder Verwandten mitteilte. Die Nacht brach an. Jeder legte sich auf seinen Platz. Es regnete. Neben unserer Zelle trieben sich zwei Schupos um- her. Sollte man vielleicht die Tür einrammen? Es würde eine 48 Schießere den uns retten K wäre ma Zaun vo Stacheldi ebensold keine Re Pfahl st Hinter d Lagerwei daß jede Zaunes Gewehr Aber w da, viel ein. Im darüber, gleichen Plötzlich doch retı Schupos, schliefen mit dem einiger 7 Mutter: dem, dal Verwaist: aber, dal selben$: Schweste Weinte,] 209 und der Wel Ar ıa/sg Schießerei geben. Es waren zwei Schupos, es würde daher von den unseren nur ein Teil fallen, die übrigen würden sich retten können. Aber was half es schon? Aus der Baracke wäre man schon hinausgekommen, aber dann hatte man den Zaun vor sich. Der Zaun war drei Meter hoch, dicht mit Stacheldraht durchflochten, und 50 cm weiter befand sich ein ebensolcher Zaun. Von einem Hinüberspringen konnte also keine Rede sein. Abgesehen davon, daß alle zwei Meter ein Pfahl stand, auf dem ein Scheinwerfer angebracht war. Hinter den Zäunen wiederum befand sich noch der Platz der Lagerwerkstätten. Dieser Platz war ebenfalls beleuchtet, so daß jede Bewegung darauf zu sehen war. An jeder Ecke des Zaunes waren Wachtürme errichtet, auf denen Wächter mit Gewehren standen. Aber wir mußten etwas tun! Vorläufig standen die Schupos da, vielleicht gingen sie später weg. Mittlerweile schlief ich ein. Im Traum sah ich den Vater und die Mutter. Sie weinten darüber, daß auch ihr letzter Sohn durch die Kugeln der gleichen Banditen fallen sollte wie ihre anderen Kinder. Plötzlich riß der Traum ab. Ich wachte auf. Ich wollte mich doch retten! Ich trat ans Fenster. Ich hörte das Gespräch der Schupos. Ich versuchte die Kameraden zu wecken. Alle schliefen vor Ermattung wie Tote. Ich legte mich wieder hin mit dem Gedanken, daß man nichts machen könne. Nach einiger Zeit schlief ich ein. Ich träumte wieder von meiner Mutter: man holte sie in den Tod ab. Sie sprach zu jeman- dem, daß sie sich damals gedacht hätte, sie würde sieben verwaiste Kinder auf der Welt zurücklassen, nun sehe sie aber, daß ich nach elf Monaten als letzter von ihnen dem- selben Schicksal entgegengehe, das die anderen Brüder und Schwestern getroffen habe. Ich empfand Mitleid für mich und weinte. Ich sah, wie man ihren toten Körper hinter sich her zog und verbrannte. Die Mutter, den teuersten Schatz auf der Welt. Ich sah den Vater, die Schwestern und Brüder... 4F 18/58 49 3. KAPITEL Die Arbeit auf den Piaski. Der Günstling des Untersturm- führers. Wenn der Balken aus den Händen rutscht Mittagessen zwischen Leichen. Ein Vater hatte zwei Töchter. Der Traum Ich wachte auf. Es dämmerte schon. Die Nacht, in der ich mich retten wollte, die meine letzte Hoffnung gewesen war— nun war sie vorüber. Jetzt war ich bestimmt verloren. Nach und nach erwachte die ganze Zelle. Man hörte Stöhnen. Wieder dieser verfluchte Tag. Ach Gott, womit habe ich mich so schuldig gemacht? Kann ich denn nicht mit einem gewöhn- lichen Tode bestraft werden, der für mich eine Erlösung wäre? Konnte uns denn in dieser Nacht nicht eine Bombe töten, damit wir endlich alles hinter uns hätten? Ein Tag neuer Qualen und sicherlich der Tag unseres Todes. Ich trat ans Fenster. Durch das Gitter sah man die Küche im Lager. Lagermorgen. Hier brauchte ich mich nicht mehr ins Klosett zu drängen. Plötzlich verschwanden die Menschen, um zum Appell zu gehen. Nun hatte ich den Tag erlebt, an dem ich nicht beim Appell zu erscheinen brauchte. Ich fürchtete mich nicht mehr vor dem„Todestor“, über das ich mich immer so sehr beklagt und dabei daran gedacht hatte, wie ich Gott dafür danken würde, wenn ich dieses Hindurch- gehen durch das Tor endlich los wäre. Nun war ich es endlich los, aber wer weiß, ob nicht zusammen mit dem Leben. Man hörte Musikklänge. Klänge dieser Musik, die gestern ver- gessen hatte, uns den„Todestango“ zu spielen, als wenn es bekannt gewesen wäre, daß man uns diesmal noch nicht hatte erschießen wollen. Es war sieben Uhr. Die Tür öffnete sich. Man hörte die Stimme des Schupochefs, der im Range eines Zugführers war, „heraus“ rufen. Wir gingen alle hinaus. Wir setzten uns in 50 Fünferr Zugfüh Kanne doppelt einen L „Vor de stück W gestrige auf, aß Schupos beim H und die in der Wir gi herein teten, unter 1 war. H als wä brachte, und 2| und Ki Fünferr erhöht, genau, Kinder Ihre Jop kleiden Sie sich Aber vi geworde Machen‘ men wa gestern 4F Fünferreihen auf die Erde, so wie am gestrigen Abend. Der Zugführer zählte uns. Die Zahl stimmte. Vor uns stand eine Kanne mit Kaffee, auch Brot war da. Man gab uns eine doppelte Portion Brot, zweimal soviel wie im Lager, und einen Liter süßen Kaffee. Wie ein jüdisches Sprichwort sagt: „Vor dem Tode wird es einem leichter gemacht.“ Das Früh- stück wurde an uns auf die gleiche Weise verteilt wie das gestrige Abendbrot. Wir beendeten das Frühstück, standen auf, faßten uns unter die Arme und marschierten hinaus. Die Schupos erinnerten uns an die Dienstvorschrift, an die wir beim Hinausgehen gebunden waren. Wir waren 42 Mann, und die Schupos, die uns begleiteten, waren 40. Jeder hielt in der Hand eine MP, den Finger schußbereit am Abzug. Wir gingen durch die Pforte hinaus, durch die wir gestern hereingekommen waren. Hier blieben wir stehen. Wir war- teten. Aus dem Lager näherten sich uns drei Scharführer, unter ihnen auch Heine, der bei jeder Hinrichtung zugegen war. Hinter ihnen strömten lauter Askars aus dem Lager, als wären sie aus einem Sack ausgeschüttet worden. Sie brachten uns zu den Leuten, die wir gestern in den Zellen 1 und 2 gesehen hatten. Die Männer waren von den Frauen und Kindern getrennt und standen, genauso wie diese, in Fünferreihen. Die Wache hatte sich auf ungefähr 100 Mann erhöht, als wenn 45 zuwenig wären. Jetzt wußten wir ganz genau, daß wir in den Tod gingen, denn die Frauen und Kinder gingen doch bestimmt nicht zur Arbeit. Einige warfen ihre Joppe zusammen mit dem Jackett ab, damit das Ent- kleiden an der Hinrichtungsstätte nicht lange dauerte und sie sich nicht noch vor dem Tode der Nagaika aussetzten. Aber vielleicht war es ihnen in der Kleidung vor Angst zu eng geworden, und sie wollten es sich auf diese Weise leichter machen? Wir gingen denselben Weg, den wir gestern gekom- men waren. Ungefähr 50 Meter vor der Schlucht, in der wir gestern gearbeitet hatten, blieben die Frauen und Kinder 4F'. 51 zusammen mit den Askars zurück. Die 43 Männer gingen mit uns weiter. Sie ließen Kinder und Frauen, Brüder, Schwestern und Mütter zurück, mit denen sie sich eine Zeit- lang zu verbergen vermocht hatten. Es waren überwiegend Leute aus der Firma„Federn-Daunen“! in der Zrödlana- straße. Dort hatte sie der Direktor zum Schein einige Tage verborgen gehalten, ihnen alles weggenommen, was sie be- sessen hatten und sie schließlich selbst in die Hände der Henker geliefert. Wir stiegen in die Schlucht hinunter, in der wir gestern gearbeitet hatten. Die Schupos blieben oben und umzingelten die Schlucht. In der Schlucht setzten wir uns in Fünferreihen auf die Leichen wie auf Bänke. Wir saßen nun da, und die nassen, verwesenden Leichen durchnäßten unsere Hosen. Wir verweilten in dieser Haltung eine Zeitlang. Plötzlich fuhr ein Auto vor. Es stiegen zwei Scharführer, ein Sturmmann, zwei Hauptscharführer, ein Sturmscharführer und unser Chef, der Untersturmführer, aus. Wir standen auf und wurden gezählt. Wir waren 83 Mann. Der Scharführer, der gestern mit uns den Bau geleitet hatte, rief uns heraus und erhöhte unsere Brigade auf 20 Mann. Heute war unter uns ein guter Tischler. Wir stiegen zu fünfen nach oben und begaben uns auf unseren gestrigen Arbeits- platz. Hier erklärte der neue Tischler dem Scharführer, daß unsere gestrige Arbeit nichts wert sei, und es fiel die Ent- scheidung, den begonnenen Bau wieder auseinanderzuneh- men. Unter seiner Leitung rissen wir alles ab und begannen die Arbeit von vorn. Heute war zu uns auch ein junger, neunzehnjähriger Bursche gekommen, ein großer Blonder in Stiefeln. Bis zu dieser Zeit hatte er sich im„arischen“ Stadtteil aufgehalten. Er hieß mit dem Vornamen Marek, an den Zunamen erinnere ich mich nicht mehr. Im Hinblick auf sein angenehmes Äußeres 4 Name einer deutschen Privatfirma, die sich diese Artikel aus dem jüdischen Nachlaß aneignete und verwertete. 52 hatte d zu geb des Mi Brot m Alle h: ober V Gegen Stelle seine I Na e erzähl! ließe ı Unser Status kann der sı Er hie wie di Wenn ober kam e bedien Hände wie ei die Sch fürchte Einma erwähı Beide führer ich de Steher digen, Mir z hatte der Untersturmführer befohlen, ihm eine leichte Arbeit zu geben und ihn nicht zu schlagen. Er arbeitete als Gehilfe des Maschinisten. Der Scharführer gab ihm öfter Zigaretten, Brot mit Butter und Schinken. Der Junge galt als Glückskind. Alle hatten ihn gern. Als der Scharführer ihn gefragt hatte, ob er versteckte Juden verraten könne, antwortete er mit der Gegenfrage, ob denn der Scharführer, wenn er an seiner Stelle wäre und wüßte, daß so oder so der Tod auf ihn warte, seine Brüder verraten würde. Nach einem solchen Gespräch kam er gewöhnlich zu uns und erzählte, daß er sich mit dem deutschen Köder nicht fangen ließe und daß man ihn am Ende doch sowieso töten würde. Unser Scharführer war ein wenig größer als von mittlerer Statur, gut gewachsen, hager, von Beruf Baumeister. Er kannte sich ebenfalls etwas in der Mechanik aus. Er war nicht der schlimmste Sadist, auch schlug er weniger als die anderen. Er hieß Jelitko, das war jedoch sein Parteiname. Er stammte, wie die Mehrzahl der uns zugeteilten Deutschen, aus Berlin. Wenn sich jemand von seinen Kameraden näherte, tat er, als ob er uns anschrie und zur Arbeit antriebe. Am häufigsten kam ein Schupo namens König zu uns, der die Maschinen bediente und jeden mit dem Knüppel schlug, der ihm in die Hände geriet, gleichgültig, ob er arbeitete oder nicht. Er sah wie ein Bauer aus, stammte aber aus Berlin. Er denunzierte die Schupos beim SD, so daß sich sogar die Schupos vor ihm fürchteten und sich vor ihm in acht nahmen. Einmal ereignete sich folgender Fall. Ich trug hinter dem erwähnten Schupo einen 6 Meter langen Balken zum Bau. Bei dem Bauwerk standen zwei Scharführer, ein Hauptschar- führer und der Untersturmführer. Aus Unachtsamkeit ließ ich den Balken aus den Händen, und er fiel zwischen die Da- stehenden. Sie schrien vor Wut. Ich begann mich zu entschul- digen, aber das nützte mir nichts. Jeder von ihnen versetzte mir zehn Peitschenhiebe. Ich war mir sicher, daß sie mich 53 erschießen würden. Aber das schadet nichts, dachte ich mir, sie ersparen mir nur weitere Qualen. Nach einigen Minuten wird alles vorüber sein. Es kam jedoch anders. Statt eines Gewehrschusses hörte ich die Worte„Hau ab!“. Ich schleppte mich mit dem Rest meiner Kräfte auf den Bau. Hier nahm ich ein Brett in die Hand und tat so, als reichte ich es dem Tischler hin, und so hielt ich es recht und schlecht bis zum Mittag aus. Um 12 Uhr unterbrachen wir auf Befehl unseres Scharführers die Arbeit. Wir stellten uns zu fünfen auf. Wir wurden gezählt— die Zahl stimmte. Wir stiegen in die Schlucht hinunter, wo uns vom Brandgeruch schwindlig wurde. Man kann sich schwer vorstellen, was dort für ein Gestank herrschte. Über diesen Gestank beklagten sich die Einwohner aller umliegenden Dörfer, obwohl er zu ihnen erst aus einer Entfernung von mehreren Kilometern gelangte. Die Männer in der Schlucht hatten ihre Arbeit ebenfalls unterbrochen und versammelten sich zum Mittagessen. Sie trieften von Schweiß. Ihre Hände waren von den glibberi- gen Leichen derart besudelt, daß sie selbst aussahen wie Leichenhände. Unter einer dicken grauen Schicht getrock- neten Eiters schien nur da und dort noch ein Fleckchen Haut eines lebenden Menschen durch. Wir stellten uns zusammen in Fünferreihen auf. Man zählte uns. Es stimmte. Wir waren nur 82 Mann. Aber es stimmte doch nicht. Ich wußte, daß wir am Morgen 85 waren. Offen- bar hatten sie es vergessen. Aber was ging es mich schon an? Ich schwieg. Man durfte sich sowieso nicht unterhalten. Nach der Zählung wurde uns befohlen, uns hinzusetzen. Wir setzten uns genauso wie am Morgen auf die Leichen. Man rief zehn Mann nach oben. Die ersten zwei Fünferreihen standen auf und gingen auf die Anhöhe. Dort luden sie von einem Auto Kannen mit Essen ab, das aus dem Lager ge- bracht worden war. Sie trugen die Kannen zu uns herunter. 54 Sie stell gester( Befehl d folge, wi kamen 2 Niemand uns kein dab wir blieben. prügelte selbst\ fertig. Ein Uhr zählte ı sturmfi zurück. waffnet Um 5| Arbeit, unter Be unter, W standen, waren n Reihenfe und war sonst? Y wie auf sich, all geringst denselb: Augen S Nieman man, hob. Sie stellten sie zwischen den Leichen hin. Dieselben, die gestern das Abendessen ausgeteilt hatten, teilten heute auf Befehl des Scharführers auch das Mittag aus. In der Reihen- folge, wie wir saßen, gingen wir alle einzeln das Essen holen, raum kamen zurück und setzten uns wieder auf unseren Platz. Men Niemand wusch sich die Hände vor dem Essen. Man hatte N uns kein Wasser gegeben, und man darf auch nicht glauben, tes daß wir in der Mittagszeit von Nagaikahieben verschont blieben. Jeden Augenblick rief man einen nach oben und die prügelte ihn mit Peitschen durch, obwohl weder wir noch sie aus selbst wußten wofür. Es wurde eben geschlagen und fertig. ae Ein Uhr— Ende der Mittagspause. Wir stellten uns auf, man zählte uns noch einmal, es stimmte. Auf Befehl des Unter- etern sturmführers kehrte jede Brigade zu ihrer Vormittagsarbeit zurück. Unsere Brigade ging unter einer Eskorte von 8 be- waffneten Schupos erneut auf den Bau. Um 5 Uhr beendeten wir auf Befehl des Scharführers die bberi- Arbeit. Wir stellten uns zu fünfen auf, man zählte uns, und wie unter Bewachung führte man uns wieder in die Schlucht hin- unter, wo die anderen Arbeiter bereits in Reih und Glied hen Haut standen. Ob es heute in den Tod ging? Man zählte uns. Wir waren neunundsiebzig. Es wurde uns befohlen, uns in der zählte Reihenfolge hinzusetzen wie beim Mittagessen. Wir saßen stimmte und warteten. War es auf den Tod? Sicherlich, denn worauf fen- sonst? Wir saßen in dieser tiefen Schlucht auf den Leichen on an? wie auf Bänken— in dumpfem Schweigen. Niemand rührte Nach sich, alle saßen da, als wären sie erstarrt, denn für die Wir geringste Bewegung drohten Foltern. Alle hatten ein und Man denselben Gesichtsausdruck. Der Kopf war gesenkt, und die hen Augen sahen drein, als wäre ihr Blick nach innen gerichtet. , yon Niemand dachte an etwas. Wir saßen nur da. Plötzlich hörte . man:„Aufstehen!“ Alle standen wie leblos auf, niemand srunter hob den Kopf. Wir bekamen den Befehl, nach oben zu gehen, 55 wobei man uns an die gestrige Vorschrift erinnerte, an die wir beim Gehen gebunden waren. Wir standen nunmehr oben. Man zählte uns noch einmal, und auf den Befehl des Untersturmführers gingen wir in langsamem Schritt vorwärts. Demnach war es auch heute noch nicht soweit. Wir gingen denselben Weg, den wir heute früh gekommen waren. Wir gelangten ins Lager auf denselben Platz, auf den man uns gestern abend gebracht hatte. Abendessen, waschen. Heute befand sich in der ganzen Gefängnisbaracke niemand. Die Menschen, die heute aus der Stadt hergebracht worden waren, das heißt von der„arischen“ Seite, saßen auf dem Platz, der sich hinter dem Zaun befand. Das war der Platz, auf dem man eine größere Anzahl der für den Tod Bestimm- ten versammelte. Das Gefängnis war zu klein. Dasselbe hatte man während der Liquidierung des Lwöwer Ghettos gemacht. Wir gingen in dieselbe Baracke hinein wie gestern, aber nicht in eine einzelne Zelle. Für eine Zelle waren 40 Personen bestimmt, für die andere der Rest. Die Zelle war aufgeräumt. Das Schauspiel mit den Kübeln wiederholte sich. Ich legte mich auf den Strohsack. Auf der einen Seite lag neben mir ein Herr von vornehmem Aussehen, den man heute morgen unserer Brigade angeschlossen hatte. Er war 46 Jahre alt, hatte graumeliertes Haar, es war ein gewisser Brill. Er hatte vor dem Kriege eine der größten Mehlniederlagen in Lwöw gehabt und in der Nähe der Lyczakowskastraße gewohnt. Auf der anderen Seite lag ein gewisser Roth, ein junger Bursche, 1925 geboren, groß, hager, er stammte aus Bielsk. Sein Vater, ein Rechtsanwalt, war Vertreter der amerikani- schen„Oil Company“ für Polen gewesen. Wir lagen schwei- gend. Das Schweigen wurde nur von langen Seufzern unter- brochen, die stets von einem anderen Strohsack her zu hören waren. 56 Ich de weiter‘ und gi über.| vor sic erst hinzu. etwas spreche „Ich h straße war si dierur Nach Geste gelief (lange heute von m „Wie Nach ı unter morge dort- schon für Te hatte. zu ma ihnen Erspr und B ihmn Die N Unser, Ich drehte mich mit dem Gesicht zu Brill:„Was machen wir weiter?“ Er antwortete mir:„Ich will mein Leben loswerden“ und ging zum Erzählen seiner Erlebnisse vom heutigen Tag über. Er erzählte langsam, als sähe er immerfort jemanden vor sich, Er versuchte sich ins Bewußtsein zu bringen, ob er — er selbst sei. Jedem Wort fügte er ein langes, tiefes„Oh“ hinzu. Er brach auch häufig mitten im Wort ab, schluckte etwas hinunter, und dann, anstatt das Wort zu Ende zu sprechen, setzte er noch ein„Oh“ hinzu. „Ich habe in der Firma ‚Federn-Daunen‘ in der Zrödlana- straße Nr. 5 zusammen mit meinen Töchtern gearbeitet. Eine war siebzehn Jahre alt, die andere fünfzehn. Seit der Liqui- dierung des Ghettos waren wir in dieser Firma verborgen. Nach einigen Tagen nahm uns der Direktor alles weg. Die Gestapo kam, und wir wurden dem Konzentrationslager aus- geliefert. Hier steckte man uns, mich und meine Kinder (lange Pause), ins Todesgefängnis. Das war vorgestern, und heute hat man uns mit euch auf die Piaski geführt und mich von meinen Töchtern getrennt.“(Pause) „Wie alle anderen ging auch ich nach unten in die Schlucht. Nach einigen zehn Minuten suchte man mehrere Leute aus, unter ihnen auch mich, und führte uns zu der Stelle, wo wir morgens die übrigen zurückgelassen hatten.(Pause) Und dort— dort(ein Seufzer voll schrecklichen Wehs) lagen schon alle erschossen, auch meine Töchter. Was waren das für Töchter! Hübsche blonde, intelligente Mädchen— was hatte ich nicht alles für sie getan... Man befahl uns, Feuer zu machen, und wir warfen alle Leichen ins Feuer. Unter ihnen auch meine beiden Töchter...“ Er sprach noch weiter, jammerte, stöhnte und warf die Hände und Beine hin und her wie ein Wahnsinniger, aber ich hörte ihm nicht mehr zu. Wie konnte ich ihm denn helfen? Die Nacht brach herein, es goß in Strömen. Es war finster. In unserer Baracke war es still, alle schliefen. Man hörte, wie 57 die Menschen im Schlaf stöhnten, man hörte fortwährend „oh, oh“. Von fernher hörte man unterdrücktes Weinen von den Kindern, die auf der anderen Seite des Zaunes saßen und auf den Tod warteten. Ich stand auf und trat ans Fenster. Die Strahlenbündel der Scheinwerfer, die das Konzen- trationslager erleuchteten, waren von Regentropfen zer- franst. Um die Baracken herum streiften Schupos, die uns bewachten. Ich ging auf meinen Platz zurück und sagte zu Brill:„Vielleicht sollten wir einen Ausfall machen?“ Er ant- wortete mir:„Ach, was soll mir ein Ausfall, ich will mein Leben loswerden.“ Nach einer Pause begann ich von neuem. „Aber wenn man einen Ausfall macht, kann man sein Leben in Ehren loswerden.“(Pause) „Ach, was geht es mich an, ob es in Ehren ist oder in Un- ehren, mir ist jetzt alles egal— nur sterben.“ Ja, ja, dachte ich bei mir, gestern war dieser Mann bestimmt anderer Meinung gewesen, hatte überlegt, wie man einen Ausfall machen könnte. Er hatte bloß Angst gehabt, es zu riskieren, weil sonst eine seiner Töchter hätte fallen können. Sie wollten lieber alle zusammen zugrunde gehen, als daß sich einer von ihnen allein rettete. Und jetzt ist dieser Mann leblos, er hat keinen Lebensgeist mehr. Auch ich schlief langsam ein. Ich träumte vom Passah- Abendessen. Wir saßen alle bei Tisch. Die Mutter reichte jedem einen Teller duftender Fleischbrühe. Sie sah lächelnd in das Gesicht jedes ihrer Kinder. Die Kerzen brannten sonderbar hell. Der Vater fragte jedesmal ein anderes Kind nach etwas. Aber ich antwortete nicht. Ich lächelte nur. Ach, wie war ich glücklich!... Ich wachte auf. Der Regen trom- melte mächtig auf das Barackendach, und jenseits der Baracken saßen im Regen Menschen mit kleinen Kindern, deren Weinen zu uns herüberdrang, und warteten auf ihre Erlösung, die der Tod sein sollte. Ich schlief wieder ein— mir träumte von einem Platz, auf dem ich mit meinen zwei 58 Brüder weiler Minute und de mit:»J im Tre wacher erscho: sitzen, ein 5 damit ging, stand Das| Kind Schuß mußt: haben Schlud Platz 4. KAPl Nod Junge Einer dreh d Der M gingn Betrig auf, u „Tode Stimm Brüdern saß und den jüngsten Bruder tröstete, der weinte, weil er sich fürchtete. Ich erklärte ihm, daß der Tod nur eine Minute dauere und daß er dann mit der Mutter, dem Vater und den anderen zusammen sein würde. Und er antwortete mir:„Ach, wie gern möchte ich es schon sein.“ Später sah ich im Traum eine ähnliche Begebenheit wie ich sie einmal im wachen Zustand gesehen hatte. Man hatte eine Mutter erschossen, aber ihr Kind blieb bei ihr in einer Blutlache sitzen, hielt den Kopf an ihre Brust und schlief. Später kam ein SS-Mann hinzu und schlug das Kind mit der Nagaika, damit es zusammen mit den anderen Kindern auf die Piaski ging, und das Kind schrie:„Mama, es tut weh!“ Das Kind stand dann auf und lief fort, aber der SS-Mann folgte ihm. Das Kind schrie. Am Ende entschloß sich der Mörder, das Kind auf der Stelle zu erschießen. Er zog den Revolver— ein Schuß fiel, und von diesem Schuß wurde ich wach. Offenbar mußte tatsächlich jemand in der Nähe der Baracke geschossen haben, aber das Weinen von Kindern und ein unterdrücktes Schluchzen erwachsener Menschen drang herüber von dem Platz hinter dem Stacheldraht, wo jene saßen und warteten. 4. KAPITEL Noch töten sie uns nicht. Die Brigade wird vergrößert. Der Junge von der„arischen Seite“. Die Aussichten einer Flucht. Einer erhängt sich, einer entflieht.„Quatsch nicht soviel— dreh dich um!“ Der Morgen graute. Nach und nach standen alle auf. Jeder ging nervös in der Zelle hin und her. Von weitem drang der Betrieb des Lagermorgens herüber. Langsam hörte der Lärm auf, und statt dessen erreichten uns die Musikklänge des „Todestangos“. Nun spielten sie ihn heute wohl auch be- stimmt für uns. Heute würde es der dritte Tag unserer Arbeit 59 auf den Piaski sein, und wir wußten, daß man die früheren Brigaden, die vor uns bei derselben Arbeit eingesetzt gewesen waren, nach drei Tagen erschossen hatte. Die Zellentür öffnete sich. Man hörte den Ruf:„Heraus!“ Wir eingen alle hinaus und setzten uns genauso hin wie am gestrigen Morgen. Man zählte uns— es stimmte. Jetzt ließ man die Männer aus der anderen Zelle heraus. Auch sie setzten sich so hin wie wir. Wir bekamen Frühstück, und nach dem Frühstück verließen wir mit starker Eskorte den Platz, auf dem sich das Gefängnis befand. Hier hinter dem Zaun wartete eine Gruppe von 48 Menschen auf uns, die uns angeschlossen wurden. Das waren Leute aus der Firma HKP!. Anstatt wie alle Tage durch das Haupttor zur Arbeit zu gehen, gingen sie heute hier durch— auf die Piaski. So erhöhte sich unsere Zahl auf einhundertneunundzwanzig. Der Tag verlief wie sonst, abends kehrten wir wieder ins „Todesgefängnis“ zurück. In dieser Nacht hatte sich einer mit einem Hosengürtel erhängt. Also zählte unsere Brigade hundertachtundzwanzig Mann. Bevor wir morgens zur Arbeit gingen, trugen auf Befehl der SS-Männer vier Leute von uns den Leichnam hinaus und warfen ihn hinter das Klosett, von wo er eine Stunde später zusammen mit anderen in die Schlucht zur Verbrennung gebracht wurde. Bei schwerer Arbeit gingen der Donnerstag und Freitag da- hin. Heute machten sie noch ein Grab auf, in welchem sich eintausendvierhundertfünfzig Leichen befanden. Viele von ihnen hatten statt zerschmetterter Schädel den Mund offen und die Zunge heraushängen, woraus hervorging, daß sie lebendig zugeschüttet worden waren. Abends erzählte mir mein Nachbar Roth seine Erlebnisse aus den letzten Tagen. Roth war auf der„arischen“ Seite 1 Gemeint ist eine deutsche Privatfirma(Zela 19), die im Auftrage des HKP (Heereskraftfahrpark) arbeitete. 60 ergrife gelebt, gegnel Man hi verhafi So ver man$ Flucht! einer I platze: Im wei und a gelän gelän nisch Betre dringe von d vom$ einanı ware] in der fonap dem| von d von( Schup 245 Daril SD-N Nadı schli ergriffen worden. Er hatte dort zehn Monate lang als„Arier“ gelebt, bis er eines Tages einem seiner Schulkameraden be- gegnet war, der ihn am selben Tage bei der Gestapo anzeigte. Man hatte ihn zusammen mit seinem jüngeren Schwesterchen verhaftet, das er hier vorgestern selber verbrannt hatte. So verging die Nacht teils beim Erzählen und teils, indem man schlief. Wir vermieden auch nicht das Thema eines Fluchtversuchs. Um unsere Situation und die Aussichten einer Flucht zu erklären, werde ich die Lage unseres Arbeits- platzes genau beschreiben. Im westlichen Teil der Stadt Lwöw liegt die Janowskastraße, und an der Janowska-Maut befindet sich ein Sandgruben- gelände gleichen Namens. Dieses Sandgrubengelände hat hohe Sandberge und tiefe Schluchten und umfaßt eine Fläche von etwa 4 qkm. Ringsherum am Rande dieses Sandgruben- geländes waren Tafeln aufgestellt, die in polnischer, ukrai- nischer und deutscher Sprache die Aufschrift trugen:„Das Betreten dieses Geländes ist streng verboten. Beim Ein- dringen in dieses Gelände auf eine Entfernung von 100 m von der Tafel aus wird scharf geschossen.“ Unterschrieben vom SS- und Polizeiführer. In bestimmten Abständen von- einander hielten Schupos Wache. Auf dem höchsten Hügel war ein sogenannter Beobachtungsstand. Dort stand ein Zelt, in dem sich Schupos und Munition befanden, auch ein Tele- fonapparat, durch den die Deutschen mit der Stadt und mit dem Lager verbunden waren. Die in der Nähe befindlichen, von den früheren Mietern geräumten Wohnhäuser waren von der Schupo besetzt, die hier den Dienst versah. Die Schupos machten 24 Stunden hindurch Dienst, wonach sie 24 Stunden frei hatten. Bei uns gab es deren über hundert. Darüber hinaus befand sich hier noch eine gewisse Anzahl SD-Männer. Nach langen Erwägungen, ob unsere Rettung möglich sei, schliefen wir ein. 61 Um 6 Uhr wurden wir geweckt. Ein Tag neuer Qualen, viel- leicht aber auch der Tag unseres Todes begann. Der heutige Tag erschien uns wieder gefährlicher als die anderen, denn heute endete eine Woche unserer Arbeit auf den Piaski. Der Tag begann wie gewöhnlich. Jeder war bei seiner Arbeit. Von unserer Brigade nahm man einen Tischler und einen Gehilfen in die Wohnung der Schupos, damit sie ihnen dort etwas anfertigten. Es war 12 Uhr. Mittag. Unsere Brigade stieg wie gewöhnlich zum Essen in die Schlucht hinunter, aber statt 20 waren wir nur 18 Mann, denn die zwei hielten sich noch in der Wohnung der Schupos auf. Wir standen wie üblich zum Appell bereit, aber der Appell fand nicht statt. Wir standen also und warteten. Worauf? Voraussichtlich darauf, daß sich unser Schicksal endlich erfüllte. Wir wußten doch selbst, daß heute unsere Woche zu Ende ging. Wir sahen direkt ins Feuer— in unsere Zukunft. Ach, wenn doch der Tod endlich käme! Es geschah nichts. Wir standen und warteten. Wir warteten noch auf jene zwei Mann. Hätten wir jedoch am Nachmittag arbeiten sollen, so würde man uns inzwischen das Essen gegeben haben, und die beiden würden später herkommen. Es bedeutete also, daß wir nicht mehr zur Arbeit, sondern in den Tod gehen sollten. Plötzlich sahen wir, wie oben, unmittelbar neben der Stelle, wo wir unsere Baracke aufstellten, ein Schupo erschien und statt zwei Mann, den Tischler und seinen Gehilfen, nur den Tischler herbeiführte. Der Untersturmführer, ein Schar- führer, ein Oberscharführer und ein Sturmmann gingen ihnen entgegen. Sie blieben alle stehen, unter ihnen auch der Tischler. Der Untersturmführer wechselte einige Worte mit dem Schupo und dann mit dem Tischler, danach zog er den Revolver und erschoß ihn. Wir hatten sofort alle begriffen, daß der Gehilfe des Tischlers geflüchtet sein mußte. Nach einem Augenblick erscholl das Kommando:„Zwei Mann herauf!“ Zwei von uns eilten schnell hinauf und trugen den Leichnam 62 ins Fei Schwei ältere, auf. I von 3 zu: ,' Der| diesel schon Feuer hatte! Jetzt uns| werd eine Pers irgen sen,“ um,( der R nick r damit ließe Flamı sen, Indeı als w dem| Marel oA, In de auf d stand „War ins Feuer. Jetzt stieg der Untersturmführer selbst hinunter. Schweigend begann er fünf Leute auszusuchen, vor allem ältere, das heißt fünfzigjährige, und stellte sie in einer Reihe auf. Dann fragte er:„Wer von euch schimpft?“ Ein Mann von 35 Jahren stand auf.„Ich“, sagte er und fügte leise hin- zu:„Vielleicht werde ich diese Marter endlich los.“ Der Untersturmführer rief ihn auch heraus, stellte ihn in dieselbe Reihe und gab noch einen hinzu. Jetzt standen dort schon sieben Mann. Sie standen mit den Gesichtern zum Feuer gewandt, als wenn sie in ihre Zukunft blickten. Uns hatten sie den Rücken zugekehrt. Jetzt begann der Untersturmführer eine Ansprache, die an uns gerichtet war:„Einer von euch ist geflüchtet, für ihn werden jetzt diese Leute erschossen. Wenn von heute an noch einer einen Fluchtversuch macht, werden für ihn zwanzig Personen erschossen. Wenn ich erfahren sollte, daß ihr irgendwelche Fluchtpläne schmiedet, so werden alle erschos- sen.“ Nach diesen Worten drehte er sich zu den sieben Mann um, die mit dem Rücken ihm zugekehrt standen, und schoß der Reihe nad alle nieder, wobei er den Schuß auf ihr Ge- nick richtete und den Männern dann noch einen Fußtritt gab, damit sie nicht auf seine Seite umfielen. Als er fertig war, ließ er vier Leute vortreten, die alle ins Feuer trugen, dessen Flammen kaum ein paar Schritt weit entfernt emporschos- sen. In derselben Zeit strich der Untersturmführer um uns herum, als wenn er noch jemanden suchte. Plötzlich zeigte er mit dem Finger auf Marek und sagte:„Komm!“ Marek stand auf:„Ich?“ „Ja, du, du!“ antwortete ihm der Untersturmführer. In den Augen des Jungen zeigten sich Tränen. Während er auf die Seite ging, wo vor einem Augenblick jene sieben ge- standen hatten, fragte er nochmals mit weinender Stimme: „Warum doch ich?“ 63 „Aber quatsch nicht soviel— dreh dich um!“ antwortete der Der 5o Untersturmführer. Marek drehte sich um. Im nächsten Augen- wieder blick lag er als Toter da. Arbeit „Zwei Mann!“ Zwei Mann von uns trugen ihn ins Feuer. kein m Bevor sie ihn hineinwarfen, ließ ihm der Untersturmführer viellei noch die Stiefel ausziehen. Schade um das Paar Stiefel.| derei Jetzt teilte man das Essen aus. Nach dem Essen marschierte nacht unsere Brigade, die jetzt nur noch 132 Mann zählte, ins Ge- Mont: fängnis zurück. Heute nachmittag arbeiteten wir nicht. im | Sitzen | andie 5. KAPITEL Mies Eine neue Woche. Die„Ascıkolonne“. Eigene Wirtschaft— IE Eve das Lager auf den Piaski.„Anständig und sauber“ IE Stein unte] Das Thema unserer Gespräche am Sonnabend nachmittag| jenig und abend war die Flucht unseres Kameraden und der Tod IE a Mareks. Jeder wünschte dem Flüchtling Glück. Mochte sich S47 Wr, doch wenigstens einer von uns retten und der Welt erzählen, was hier geschah. Wir würden sowieso alle früher oder später I"| in den Tod gehen. Wir kamen überein, daß jeder, der fliehen klein konnte— fliehen sollte. Mochte er sich retten und nicht dar- de n auf achten, daß man für ihn 20 Menschen erschießen würde.| gem Marek war unser Symbol. Zum Schein hatte uns der Unter- fe sturmführer gern, zum Schein versprach er uns ein„langes| Aurd Leben“, kümmerte er sich um unser Essen, aber das Ende IF sek würde dasselbe sein— ein unverhoffter Tod. Dann würde Heten dieser oder jener fragen können:„Warum doch ich?“ Und| I, er würde sich selbst antworten:„Weil ich ein Jude bin.“ N Manche dachten an den vergangenen Sonnabend im Lager, 2 der im Vergleich zu dem heutigen ein glücklicher Tag ge- Sr wesen war. Aber so ist es nun mal, daß sich der Mensch un- glücklich fühlt, und erst dann, wenn ein größeres Unglück Ir kommt, sieht, daß er vorher glücklicher war. Birk 64 Der Sonnabend und der Sonntag waren nun vorüber, und wieder hatten wir eine neue Woche voll Leiden und schwerer Arbeit vor uns. Wer wußte übrigens, ob es eine ganze Woche sein würde? Vielleicht würden es nur ein paar Tage, aber vielleicht auch nur eine Stunde sein? Aber immerhin— wie- der ein Tag, wieder eine Nacht... Der Befreiung näher, aber noch näher dem Tode. Montag, der 21. Juni. Der Tag begann wie gewöhnlich mit dem Frühstück, mit dem Marsch in die Schlucht und mit dem Sitzen auf den Leichen. Nach dem Appell begaben wir uns an die Arbeit. Um 10 Uhr kam ein Auto an. Man rief uns. Wir sollten etwas abladen. Auf dem Auto lagen große Steine. Es waren vom jüdischen Friedhof gebrachte Grabsteine. Jeder Stein wog 300-400 kg, und diese Steine mußten wir nach unten in die Schlucht transportieren. Man kündigte an, dem- jenigen, der einen Stein fallen ließe, den Schädel einzu- schlagen. Wir schafften die Steine glücklich hinüber, ordneten sie zu einem Quadrat und gossen dann alle Spalten mit Zement aus. Einige Schritte davon entfernt planierten wir einen kleinen Platz. Dieser Platz diente zum Verbrennen der Kno- chen, die man aus dem Feuer herausgebracht hatte. Auf der gegenüberliegenden Seite planierten wir eine Stelle für die Asche und auf der dritten Seite eine für die Knochen, die durch ein Sieb nicht hindurchgingen. Neben diesem Platz stellten wir Bänke zum Sitzen auf. Das war ein neuer Ar- beitsplatz, an dem schwächere Männer arbeiteten— die „Aschenbrigade“ oder„Aschkolonne“. Diese Brigade hatte die Aufgabe, die Knochen zu ganz feinem Staub zu zerstoßen, der so fein war wie Luxusmehl. Dabei mußte man alle zwi- schen den Knochen vorgefundenen Metalle extra heraus- nehmen. Wertvolle Sachen, wie Gold und Platin, mußte man gesondert in ein spezielles Sieb werfen, das sich neben den Bänken befand. Abends nahm der Brigadier das Sieb mit 5 F 18/58 65 nach oben und gab es dem Untersturmführer ab, der den In- halt in ein Leinensäckchen schüttete und das Sieb wieder zu- rückgab. Die Arbeit der„Aschkolonne“ sah folgendermaßen aus: Einige Männer brachten die Asche in einem Korb auf den Platz. Hierher kamen andere, entnahmen davon Asche mit ihren Sieben und gingen damit zu der Stelle, wo gesiebt wurde. Die feine Asche ging hindurch, und Knochen und Me- talle blieben in den Sieben.(Es waren Siebe, wie sie in der normalen Wirtschaft für das Durchsieben von Mehl bestimmt sind.) Nach dem ersten Durchsieben der Asche setzten sich die Männer mit dem Sieb auf eine Bank und sahen nach, ob sich zwischen den darin zurückgebliebenen Knochen nicht auch Metalle befanden. Danach warfen sie die Knochen auf die aus Steinen hergerichtete Fläche und zerstießen sie mit Stampfern aus Buchenholz so lange, wie sie sich zerschlagen ließen. Nachher säuberten sie die Platte und warfen die nicht zerstoßenen Reste von Knochensplitt auf den Haufen, von dem sie das erstemal die Asche genommen hatten. Von hier gelangte der Staub von neuem in die Siebe, mit denen er noch einmal gesiebt wurde. Die Knochen, die auch dies- mal nicht durch das Sieb gingen, wurden nochmals ins Feuer geworfen. Von dieser Arbeit kehrten die Männer abends schwarz wie Mohren zurück, denn den ganzen Tag hindurch schwebte über dem Platz, wo sie arbeiteten, ein furchtbarer Staub, der vom Durchsieben herrührte. Dienstag, der 22. Juni. Der Gefangene, der hinter Gittern sitzt, bedauert, daß er sich nicht in der Freiheit befindet wie die anderen Menschen, aber immerhin ist ihm leichter zu- mute, als wenn man ihn auf irgendeine, von der übrigen Welt gänzlich abgeschnittene Insel gebracht hätte. Hier, wo wir arbeiteten, gab es außer Leichen, unseren Mördern, Feuer und Hügeln ringsherum niemanden und nichts. Hier gab es 66 mit di noch mehr nen| m! same ten d unser Wir v Arbei wir a Schup unter glaul Schli des] befaı blick Um- Bunk der I Es st Hier hatte Höhe niem Man bilde dritt aufg führ War, Geg Die sr mit der Stadt keine Verbindung, wie sie im Lager immerhin noch existierte. Ich hatte das Empfinden, daß ich niemals mehr einen lebenden Menschen zu sehen bekäme, außer mei- nen Kameraden, die jetzt eine Familie geworden waren. 122 Menschen, die ein gemeinsames Schicksal, eine gemein- same Arbeit und gemeinsame Gedanken hatten. Wir dach- ten daran, wie man all das überleben könne, um den Tod unserer Familien zu rächen. Wir verließen das Gefängnis wie immer und begaben uns zur Arbeit. Eigentlich hatte uns niemand vom SD gesagt, daß wir abends nicht mehr ins Lager zurückkämen, aber zwei Schupos hatten uns dieses Geheimnis verraten. Nur wenige unter uns glaubten daran, die anderen wollten es alle nicht glauben. Wie gewöhnlich begab sich unsere Brigade aus der Schlucht auf den Bau. Heute beendeten wir die Umzäunung des Platzes, auf dem sich ein von uns soeben erbauter Bunker befand. Mit besonderer Spannung erwarteten wir den Augen- blick, da es 4.30 Uhr sein würde, das heißt Arbeitsschluß. Um 4.30 Uhr hielt an unserer Pforte, durch die man in den Bunker ging, ein Wagen, auf dem der Schupo saß, der uns in der Regel bewachte. Man brachte das Abendessen für uns. Es stimmte also, wir blieben hier! Hier in diesem Bunker würden wir wohnen. Der Bunker hatte eine Länge von 10 m, eine Breite von 5,50 m und eine Höhe von nur 1,50 m, als wäre es beabsichtigt gewesen, daß niemand jemals den Kopf heben könnte. In das Innere ging man einige Stufen hinunter. Eine Wand— eine natürliche— bildete der steil abgehauene Bergabhang. Die zweite und dritte Wand bestand aus Erde, die bis direkt an das Dach aufgeschüttet und festgestampft worden war. Vom Wege aus führten 6 Stufen auf den Hof, der mit Stacheldraht umzäunt war. Gegenüber dem Pförtchen befand sich der Bunkereingang. Die Entfernung vom Eingang bis zum Pförtchen betrug etwa sF 67 2 m, die Entfernung vom Zaun ungefähr 4 m. Im Dach des Bunkers waren 3 Öffnungen angelegt, durch die man Licht und Luft bekam. Das Innere war in zwei Teile geteilt. Der erste Teil war doppelt so groß wie der zweite. Beide Teile waren durch einen 20 cm breiten Durchgang getrennt. In dem breiteren Teil schliefen wir in zwei Reihen, wobei wir ein- ander mit den Füßen berührten. Heute blieben wir also hier. Es herrschte Betrieb und Lärm, denn man schlug sich um einen Platz. Schließlich legten wir uns wie die Heringe. Alle mußten auf der Seite liegen und die Beine einziehen. Heute gab es in dem Bau vorerst noch keine andere Öffnung als den Eingang, so daß man vor Luft- mangel fast erstickte. Wegen der schrecklichen Beengtheit legten sich einige in den Durchgang und sogar in den Eingang selbst, so daß man nicht imstande war durchzukommen, wenn man in der Nacht hinausgehen mußte. Hier verrichteten wir unsere Notdurft in einem Abort, der sich auf dem Platz be- fand. Wenn jemand in der Nacht austreten ging, mußte er sich beim Hinausgehen bei dem Wachtmeister melden, der gegenüber vom Bunkereingang hinter dem Zaun stand. Die- ser meldete es einem anderen Wachtmeister, der auch jen- seits des Zaunes stand, aber gegenüber der längeren Bunker- wand. Dieser begleitete den ins Klosett Gehenden mit dem Licht eines Scheinwerfers bis an Ort und Stelle. Dabei mußte der Austretende daran denken, sich in der Nähe der Bunker- wand zu halten. Ungefähr 30 m von unserer Baracke ent- fernt befand sich ein Zelt für die Schupos, die bei uns stän- digen Dienst versehen sollten. In ihrem Zelt war auch die Munition untergebracht. Mittwoch, der 23. Juni. Heute früh um 7 Uhr wurde schon ein Appell wie im Lager durchgeführt. Wir stellten uns in Fünferreihen auf. Wir zählten ab. 24 Fünferreihen und ein einzelner Mann, außer Herches. Herches meldete dem Schupo den Stand der Brigade, und nach dem Appell gingen wir auf 68 unsere mit ei 10M: Frühst gen T uns tä gen 5 auf ei was m das Fr Portio Es w: kame ging ginge ging jemaı nung mich| Es wi Mitts Hier| führe, Raud la Wir; Briga Wurd Stroh es 1 heraı unserem Hof auseinander. Das Frühstück kam aus dem Lager mit einem Auto an, das ein SS-Mann steuerte. Es gingen 10 Mann hinaus, um die Kannen abzuladen, aber außer dem Frühstück lagen im Auto auch diejenigen, die am vorheri- gen Tage im Lager getötet worden waren. So brachte man uns täglich zusammen mit dem Frühstück Tote an. Wir tru- gen sie hinunter und warfen sie ins Feuer, ohne erst auf einen Befehl zu warten, denn wir wußten schon selber, was man mit ihnen machen sollte. Andere trugen inzwischen das Frühstück in den Hof. Sie teilten es aus, jeder aß seine Portion auf, und wir versammelten uns abermals zum Appell. Es war 8 Uhr. Die Scharführer und der Untersturmführer kamen. Herches meldete den Personenbestand, und wir gingen brigadenweise zur Arbeit hinaus. Unsere Brigade, die bis dahin beim Bau beschäftigt gewesen war, wurde auf die anderen Brigaden verteilt, mit Ausnahme eines Mannes, der die Öffnungen im Bunkerdach zu machen hatte. Ich, der ich eine schreckliche Angst vor der Arbeit bei den Leichen hatte, ging nicht mit den anderen hinaus, sondern blieb, ohne daß jemand davon wußte, im Bunker, angeblich, um darin Ord- nung zu machen. Was konnte man mir schon tun? Höchstens mich erschießen! Aber davor hatte ich keine Angst. Es wurde 12 Uhr. Heute aßen wir nicht mehr in der Schlucht Mittag, sondern die Brigaden kamen in unser Lager hinauf Hier fand noch einmal ein Appell statt, den der Hauptschar- führer, der Vertreter des Untersturmführers, abnahm. Er hieß Rauch. Er war ein schmächtiger, mittelgroßer Berliner, der 21 Jahre zählte und sehr kindisch war. Wir aßen unser Mittag. Um 1.30 Uhr war wieder Appell. Jede Brigade begab sich auf ihre Arbeitsstelle vom Vormittag. Es wurde Stroh angefahren, ein Auto voll Stroh. Mit diesem Stroh waren die Kartoffeln im Lager zugedeckt gewesen, und es roch dumpfig. Man rief einige Männer aus der Schlucht herauf, wir Juden das Stroh ab und trugen es in den Bunker, 69 wo wir es auf der festgestampften Erde gleichmäßig ausbrei- teten. Den dumpfigen Geruch konnte man aushalten. Schlim- mer war es, daß jeder, der von der Arbeit bei den Gebeinen zurückkehrte, in seinen mit dem Leichenschmutz besudelten Stiefeln zu seinem Lager durchging, wodurch das Stroh so- fort von dem unerträglichen Gestank durchdrungen wurde. Wir mußten ihn während des Schlafens zusammen mit dem üblen Geruch der lebendigen, in schrecklicher Enge zusam- mengepferchten Leiber einatmen. Um 5 Uhr beendeten wir die Arbeit. Wieder war Appell. Nach- her mußte man sich waschen. Wir hatten heute Eimer und Waschschüsseln bekommen. Man mußte nun Wasser holen. Jeder wollte sich waschen, aber keiner hatte Lust, Wasser zu tragen, weil der Weg zum Brunnen sehr schwer war. Man mußte immer hinunter- und hinaufgehen. Infolgedessen griff man sich 10 junge Burschen, die unter Bewachung Wasser holen gingen und nach Ablauf von einer Stunde zwanzig Eimer Wasser brachten, jedoch hatte jeder unterwegs etwas vergossen. Jeder von uns bekam zum Waschen einen Liter Wasser. Davon tranken wir auch noch die Hälfte, denn wir waren alle sehr durstig. Das Abendessen wurde gebracht. 1801 Kaffee, 180 1 Suppe und 30 kg Brot. Jeder bekam sein Abendbrot und hockte sich zum Essen irgendwo auf dem Lagerplatz hin. So saßen wir bis 8 Uhr. Um acht war wieder Appell. Dann gingen wir in den Bunker. Wir sollten uns schlafen legen. Nach 8 Uhr durfte sich niemand mehr auf dem Lagerplatz befinden. Unterdessen begann es zu regnen. Draußen regnete es, aber in der Baracke goß es wie aus Kannen, denn man hatte für den Luftdurchzug ins Dach Löcher eingeschnitten. Wir saßen zusammengekauert einer neben dem anderen, denn in solchem Regen zu liegen war unmöglich. Das war für uns eine schreckliche Misere. Man war völlig durchnäßt, unausgeschlafen und nach einer ganztägigen Arbeit ermüdet, 79 und W Kräfte Tage\ Nacht etwas. Donne! der Un war, W an uns Er war groß, m betrun fallen, Famil Sohn, mödi Seine Liebli Wenn wisser 20 anı durch haben so we er die lächel werde fragte gestri daß d in der noch Uns n Sich U und wenn man in der Nacht nicht ausruhte und keine Kräfte zum Arbeiten hatte, so drohten einem am nächsten Tage unweigerlich Schläge oder eine Kugel. So zog sich die Nacht hin. Als es zu regnen aufhörte, schlummerten wir etwas. Donnerstag, der 24. Juni. Der Morgen verlief wie gestern; der Untersturmführer, der mit der gestrigen Arbeit zufrieden war, weil über 2000 Leichen verbrannt worden waren, hielt an uns eine Ansprache. Er war ein Mann von 40 Jahren, stramm, etwas über mittel- groß, mit unangenehm leuchtenden Augen. Er war fast immer betrunken, aber trotzdem ließ er niemals ein unnötiges Wort fallen. Er hieß Scherlack und stammte aus Berlin, aber seine Familie, das heißt seine Frau und seinen siebenjährigen Sohn, hatte er hier in Lwöw. Er war ein ausgezeichneter Ko- mödiant, aber dabei ein guter Wirtschafter. Seine Ansprache begann er mit den Worten, die später sein Lieblingsausspruch wurden:„Nur anständig und sauber!“ Wenn er„sauber“ sagte, so meinte er damit das saubere Ge- wissen, denn wenn jemand flüchtete, würde man dafür 20 andere Menschen erschießen, folglich könnten diejenigen, durch deren Schuld es geschähe, kein sauberes Gewissen haben.„Wenn ihr euch an diese beiden Dinge halten werdet, so werdet ihr bei uns hundert Jahre leben. Aber“, hier hob er die Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger und schloß mit lächelnder Miene seine glänzenden Augen ein wenig,„ich werde für euch sorgen, wie ein Vater für seine Kinder.“ Er fragte uns aus, wie uns das heutige Frühstück und das gestrige Abendessen geschmeckt habe, und versicherte uns, daß das noch gar nichts wäre im Vergleich zu dem, was wir in der nächsten Zeit bekommen würden. Jeder von uns würde noch einen Anzug und ein Paar Stiefel erhalten, damit wir uns nach der Arbeit umziehen könnten. Er versprach uns, sich um Wasser zum Händewaschen zu kümmern, damit wir SI - es nicht von weither holen müßten; aber was die Löcher im Dach betreffe, so ließe sich da nichts machen, mit dieser Un- bequemlichkeit müßten wir uns abfinden, dafür gäbe es„lei- der“ keine Abhilfe! An die Pforte, die in unser Lager führte, hatte man eine Wanne mit Wasser gestellt, in dem sich aufgelöstes Lysol befand. Es diente zum Händewaschen. Auf der anderen Seite befand sich eine Spritze, die mit einer Lysollösung gefüllt war, die stärker war, als die in der Wanne. Sie sollte zum Abspritzen der Stiefel dienen, damit niemand mit verseuch- ten Stiefeln in den Bunker ging. Dieselbe Spritze sollte auch zum Desinfizieren der Baracke dienen, weil wir sie von nun an täglich zu desinfizieren hatten. Die leeren Kaffeekannen nahm der Chauffeur ins Auto mit. Er gehörte zum SD und hatte den Rang eines Hauptschar- führers. Er war, mitsamt dem Auto, als Chauffeur unserem Kommando zugeteilt. Er hieß Ulmer. Er war von mittlerer Statur, mit Brille, nicht schmächtig, ein guter Berufschauffeur. Ulmer gehörte, wie ich aus seinem eigenen Munde hörte, seit 12 Jahren der Partei an, das heißt, bevor das Hitlerregime aufgekommen war. Wenn er einen erwischte, den er schlagen konnte, so schlug er ihn bis zur Bewußtlosigkeit. Wenn er Menschenblut sah, wurden seine Augen wild. Er gehörte zu den blutgierigsten Menschen. Nach ungefähr einer Stunde brachte er uns Wasser und befahl uns, es zum Waschen vor dem Essen zu verteilen; etwas Wasser hob er zum Abwaschen des Gescirrs auf. Mit einem Wort, in unserem Lager be- gann eine planvolle Wirtschaft. Zwölf Uhr. Alle Brigaden kamen zum Mittagessen zusam- men. Auf Anweisung des Untersturmführers stellte ich mich zusammen mit noch einem jungen Mann an den Eingang. Wir hielten alle an. Jeder wusch sich zuerst die Hände in der Wanne mit aufgelöstem Lysol, dann trat er an die Spritze her- an und spritzte sich die Stiefel ab. An der Pforte befand sich 72 nun a sohlet auf de Appel die H den 1 Selbst wasch Tage Den jüngs wollt schlir nun auch schon ein Schabeisen, mit dem jeder seine Stiefel- sohlen sauberschabte. Nach einer Weile standen bereits alle auf dem Lagerplatz zum Appell vor dem Essen. Nach dem Appell wuschen sich alle Hände und Gesicht. Jeder scheuerte die Hände mit Sand. Die Haut der Hände wurde rot. Aber den Leichengeruch konnte man nicht so leicht beseitigen. Selbst wenn wir die Hände mit Lysol und Chlorkalk ge- waschen hätten, wäre der Leichengestank noch am nächsten Tage dagewesen. Den Appell nahm heute der Sturmmann ab. Er war der jüngste im Rang, und wie es bei solchen in der Regel ist, wollte er nun gern zeigen, was er konnte. Er war der schlimmste von allen. Er zählte etwa 30 Jahre und stammte aus Bolechöw(Galizien). Er sprach gut polnisch und ukrai- nisch. Er hieß Reiss. Nachmittags brachte das Auto 12 Kannen Wasser. Das waren ungefähr 360 Liter. Jeder bekam heute abend eine ausreichende Menge Wasser und konnte sich ordentlich waschen. So verlief der Donnerstag. 6. KAPITEL Neue Gräber. Das Herausziehen und Verbrennen der Leichen. Die Grube wird zugeschüttet, der Boden geebnet, Gras gesät Freitag, der 25. Juni. Der Morgen verlief wie üblich. Heute machte man sich daran, neue Gräber zu öffnen. Diese Gräber befanden sich gegenüber der Längswand unseres Bunkers in einer Entfernung von etwa 20m. Hier waren drei Gräber, die über 700 Leichen enthielten. Bevor wir uns heute zur Arbeit begaben, erwähnte unser Chef, daß er ab Montag Gesang hören wolle, wenn wir zur Arbeit hinaus- gingen. 73 Die Gräber waren bewachsen, so wie das ganze Gelände. Aber die Leitung hatte einen Gräberplan. Außerdem gab es unter unseren SD-Männern welche, die bei den Hinrichtun- gen zugegen gewesen waren. Wenn man die Stelle, wo sich ein Grab befand, etwas näher betrachtete, so bemerkte man, daß die Erde, die die Leichen bedeckte, Risse bekommen hatte und locker war. Der Rasen war nicht so dicht und ge- schlossen wie daneben. Die Leichen lagen hier in ihrer Kleidung. Sie waren ungeordnet hineingeworfen und mit einer Erdschicht von ungefähr 1m bedeckt. In einer Tiefe von etwa 20cm von oben lagen über der unteren Schicht einige Leichen, als wären sie zusätzlich begraben worden. Es waren lauter Männer. Höchstwahrscheinlich waren es die- jenigen, die beim Zuschütten der anderen gearbeitet hatten. Und damit es keine Zeugen gab, waren sie zum Schluß eben- falls erschossen und schließlich von den Deutschen selbst zugedeckt worden. Wir legten eine Feuerstätte an, auf der die Leichen verbrannt werden sollten. Wir planierten ein Geländestück in der Größe von 7m im Quadrat. An zwei Seiten schütteten wir eine Erhöhung von etwa 1m auf. Auf diesem planierten Platz legte man ein sogenanntes Fundament an, das heißt, man legte auf die Erde in bestimmten Abständen dicke Holz- scheite, die das Gerüst für die Leichen darstellten. Es ging darum, daß die Leichen nicht auf der bloßen Erde lagen, sondern von unten Luft bekamen und gut brannten. Im Ver- lauf des heutigen Tages wurden alle drei Gräber geöffnet und alles vorbereitet, was nötig war, um die Leichen heraus- zuziehen und zu der sogenannten„Brandstelle“ zu schaffen. Man hatte Haken gebracht, die so aussahen wie die Haken, die zum Herausziehen von Eis benutzt werden. Sie sollten dazu dienen, die Leichen aus den Gräbern herauszuziehen. Bei diesen Vorbereitungen arbeitete eine aus zwanzig Per- sonen bestehende Brigade. 74 So ging Sonnal stattfa führer: der ge begab. unter. In der waren ob ni Erde erstat auch mit: bedı Die $o ging der Freitag vorüber. Sonnabend, der 26. Juni. Heute beim Appell, der um 7 Uhr stattfand, sonderte Herches auf Befehl des Untersturm- führers eine spezielle Brigade ab, die sich zusammen mit der gestrigen Brigade zur Arbeit bei den neuen Gräbern begab. Die übrigen Männer stiegen in die Schlucht hin- unter. In der Schlucht, in der die Leichen schon verbrannt worden waren, wurde die ganze Erde umgegraben, um festzustellen, ob nichts übriggeblieben sei. Nach dem Umgraben dieser Erde mußte man dem Untersturmführer darüber Meldung erstatten, der die Arbeit kontrollierte. Falls er in der Erde auch nur ein Haar fand, bekam die ganze Brigade 25 Hiebe mit dem Ochsenziemer, und 25 Hiebe mit dem Ochsenziemer bedeuteten mehr als 110 Hiebe mit der Nagaika. Die Arbeit bei den Gräbern sah folgendermaßen aus: 3 Mann stiegen mit Haken in das Grab hinunter, und zwei standen mit einem zweiten Haken oben. Die drei, die unten standen, schlugen den Haken in die Leiche und zogen sie von dem Platz weg, wo sie sich gerade befand. Die zwei von oben schlugen dann ihren Haken in die geeignete Stelle hinein, damit die Leiche nicht in zwei Teile riß, und zogen sie hin- auf. Hier legten Träger 2—4 Leichen auf Tragen(in der Art der Krankenhaustragen), die uns gestern geliefert worden waren. Bei jeder Trage arbeiteten 2 Mann, welche die Leichen zur Brandstelle trugen, die sich in der Nähe der Gräber befand. Der Brandmeister goß Benzin und Öl auf das gestern angelegte Fundament und zündete es an. Die Träger stiegen mit den Tragen auf die vorbereiteten Er- höhungen und warfen die Leichen ins Feuer. Auf der einen Seite stieg das Trägerpaar hinauf, und auf der anderen stieg es herunter, um den nächsten Trägern nicht im Wege zu sein, die ihnen mit Leichen folgten. Der Träger mußte sich die Hände immerzu mit Sand einreiben, weil die Hände und die S wa Handgriffe der Tragen vom Anfassen der Leichen glitschig wurden. Der Brandmeister, vom Rauch geschwärzt und vom Feuer versengt, hielt in der Hand einen eisernen Haken, mit dem er fortwährend im Feuer rührte, und regelte den Betrieb. Er gab an, wohin die Leichen zu werfen seien, auf welche Erhöhung man hinaufzusteigen und wie man zu werfen habe, um das Feuer nicht zu ersticken. Gott behüte, das man sie schlecht hineinwarf! Dann mußte man ans Feuer hinunter- gehen, die Leiche herausziehen und noch einmal hinein- werfen. Das Feuer war so groß, daß seine Glut einen schon in einer Entfernung von mehr als zehn Metern versengte. Unmittelbar neben dem Brandmeister standen sein Gehilfe und der Zähler. Der Gehilfe des Brandmeisters schob die verbrannten Knochen beiseite und legte immerfort Holz zu. Nachdem bereits alle Leichen aus dem Grab herausgezogen waren, suchten einige Männer(später eine spezielle Brigade) das Grab ab. Sie lasen mit den Händen jeden Knochen und jedes Haar auf, die sie in einen Eimer taten und nachher ins Feuer warfen. Wenn sie mit dem Durchsuchen des Grabes fertig waren, erstatteten sie darüber dem Untersturmführer Meldung. Der Untersturmführer führte eine Kontrolle durch. Die Männer, die sich in der Grube befanden, kratzten die von den Leichen grüngefärbte Erde der Wände ab und be- streuten die leere Grube mit Chlorkalk, um den Gestank zu ersticken. Nun wurde die Grube zugeschüttet und die Erde planiert. Dann fuhr man noch mit einer Egge über das ehemalige Grab, die statt von einem Pferd von uns gezogen wurde, und zum Schluß säte man auf dieser Stelle ein Samengemisch verschiedener Grasarten, die hier ringsherum wuchsen. Nach einigen Wochen war diese Stelle bewachsen, so daß man nicht erkennen konnte, daß hier etwas gemacht worden war. 76 Wie at 12 Uh eine at Ich wu 7.KAPl Wir m dant v Sorge zu ve Noch Sonn trate den sich kam mähl versf Schn Bedir wirn würd ware Wie am vergangenen Sonnabend arbeiteten wir heute nur bis 12 Uhr. Am Nachmittag ging eine Zehnergruppe— immer eine andere— mehrmals Wasser holen. Ich wusch mich und meine Wäsche. 7. KAPITEL Wir nehmen mit einem Schupo Kontakt auf. Der Komman- dant wünscht frohe Gesichter zu sehen und Gesang zu hören. Sorge für sanitären Schutz. Fliegeralarm und was darunter zu verstehen war. Wie man uns mit neuer Kleidung versah. Noch eine Ansprache Sonntag, der 27. Juni. Der heutige Tag war arbeitsfrei. Wir traten langsam an den Zaun heran und begannen uns mit den Schupos zu unterhalten, die uns bewachten. Sie sahen sich immerzu um und vergewisserten sich, ob nicht jemand käme, weil sie sich mit Juden nicht unterhalten durften. All- mählich rückten wir mit unserem Anliegen heraus, und sie versprachen, uns alles zu beschaffen: Butter, Wurst, Eier, Schnaps, Zigaretten, was wir nur haben möchten. Die einzige Bedingung war, daß wir ihnen Gold gäben. Und so wollten wir mit ihnen Handel treiben. Die Geschäfte mit den Schupos würde ausschließlich die sogenannte„Suite“ erledigen, das waren die Brigadiers oder andere mit Funktionen betraute und über die jeweilige Lage besser orientierte Kameraden. Falls einer erwischt würde, der ein Stück Gold bei sich hatte, drohte ihm auf der Stelle eine Kugel, und sollte der SD entdecken, daß wir mit der Schupo Handel trieben, so würden wir es alle mit Erschießung büßen. Man mußte auch wissen. mit welchem Schupo man sich in geheime Machenschaften einlassen konnte, ohne daß er es dem SD anzeigte. Das wich- tigste Problem waren für uns augenblicklich Zigaretten, weil wir ja jetzt genug zu essen bekamen, aber Zigaretten = S überhaupt nicht besaßen. Für manch einen war eine Zigarette wichtiger als das Essen. Unsere Schupos waren keine Berufspolizisten, sondern dem Polizeidienst zugeteilte Reserve. Sie stammten überwiegend aus Berlin. Die meisten waren Handwerker. Sie waren nicht aus eigenem Willen hierhergekommen. Sie gehörten dem Regiment Nr. 23 in Tarnopol an. Es war ein Regiment, das den Kampf gegen Partisanen zur Aufgabe hatte. Von dort waren einige uns zugeteilt worden. Bei Hinrichtungen nah- men sie nicht an den Erschießungen teil. Es gab unter ihnen Sozialisten. Sie sagten, daß ihr jetziger Dienst auch für sie kein Vergnügen sei, aber was sollten sie machen? Was machte der Mensch nicht alles, um am Leben zu bleiben? An die Front zu gehen hatten sie keine Lust, weil das der sichere Tod war. Einige trösteten uns sogar und versprachen, uns zu verständigen, falls in der Politik eine Veränderung käme. Wenn die Mörder vom SD weggingen und nicht aufpaßten, kümmerten sich die Schupos nicht viel darum, ob wir arbei- teten oder nicht. Manchmal kam es vor, daß sie uns warnten, wenn sich jemand vom SD näherte. Aber nicht alle. Manche von ihnen taten es wiederum vor allem aus Geschäfts- gründen. Sie erhielten 3.50 Mark pro Tag. Wenn sie dagegen von uns ein Stück Gold bekamen, so war es ein Wert von einigen Tausend. Die Schupos rieten uns, zum Schein immer fröhlich zu sein, so zu tun, als wären wir mit unserer Arbeit zufrieden, denn ein böses Gesicht könnten wir mit dem Leben büßen. Der Vormittag verging. Einige wuschen ihre Wäsche, sofern sie Wasser hatten, einige reinigten ihre Kleidung. Nach- mittags fand eine Durchsuchung statt, die ein Oberleutnant der Schupo durchführte. Es ging darum, festzustellen, ob jemand von uns eine Waffe, Federmesser, Messer o. ä. bei sich hatte. Nach dem Abendessen studierten wir ein Marsch- lied ein. Wir mußten doch den Befehl des Untersturmführers 78 Mon g Uh Sonn man uns. Sein Ope Sadi habe Der zusä wir| hohe konr ausführen. So ging der Ruhetag vorüber. Wieder nahte eine schwere Arbeitswoche. Montag, der 28. Juni. Der Morgen verlief wie üblich. Um 8 Uhr gingen wir zur Arbeit, auf dieselben Stellen wie am Sonnabend. Beim Marschieren sangen wir: „He, f... deine Mutter, Was hast du mich zur Welt gebracht? So ein Leben, so ein Leben, Hättest du wohl nie gedacht!“ Dieses Lied nannten die Deutschen„Russische Karawane“. Das Herz weinte, und der Mund sang. In der ganzen Brigade gab es keinen Arzt, dafür hatten wir einen Apotheker; er wurde zum Dienst in der Baracke ein- geteilt und war, wie der Untersturmführer erklärte, für den Gesundheitszustand der Brigade verantwortlich. Der Unter- sturmführer wollte keinen Kranken haben. Heute hatte man uns eine kleine Apotheke hergebracht. Am Abend machte man jedem, der eine Wunde hatte, einen Verband. Es wurde uns auch ein Sanitäter im Range eines Zugführers zugeteilt. Sein Fach verstand er ausgezeichnet, zudem hatte er bei Operationen eine leichte Hand, aber er war ein großer Sadist, so daß ihn alle fürchteten und nichts mit ihm zu tun haben wollten. Der Tag war heiß. Das war bei der schweren Arbeit eine zusätzliche Qual. Jeder hatte sein Hemd abgeworfen, und wir bekamen fast alle einen Sonnenstich, und noch dazu in hohem Grade. Wir gingen halbtot nach Hause zurück und konnten uns nicht rühren. Der Apotheker traf Maßnahmen, aber was nutzte es— es brannte unsäglich. So ging der Montag vorüber. Viele hatten auf ihr Abendessen verzichtet — sie hatten Fieber. Die Nacht war schwül, die Leute wanden sich vor Schmerzen. Aber vor großer Erschöpfung schliefen nach und nach alle ein. Frühmorgens, kaum daß es zu 79 dämmern anfıng, schlichen sich einige langsam aus der Baracke hinaus und legten sich draußen schlafen. So verging die Nacht. Dienstag, der 29. Juni. Man ging zur Arbeit wie gewöhnlich. Einige konnten sich nicht mehr auf den Beinen halten. Es waren vorläufig nicht viele— drei. Sie blieben mit mir zu- sammen hier in der Baracke. Ich blieb ständig in der Baracke, um aufzuräumen. Sie angeblich auch. Aber was half es— ja, wenn es nur die drei gewesen wären! Das Unglück bestand aber darin, daß sich die Krankheit ausbreitete, und mehr Leute durfte man nicht in der Baracke zurückbehalten, sonst wären sowohl die drei als auch ich hereingefallen. Heute wurden die drei Grabstellen zu Ende planiert, die man am Freitag aufgemacht hatte. Das Feuer war am Verlöschen. Man sah, wie die Männer die Asche in Kisten zu der Asch- kolonne trugen. Der Untersturmführer kam immerzu und fragte, ob wir zu- frieden seien. Jeder von uns wußte, daß man nicht nein sagen durfte. Dabei fragte er diesen oder jenen, warum er ein so trauriges Gesicht habe, ob ihm vielleicht etwas nicht gefalle, weil er ihn dann ins Lager zurückschicken könne. Wir wußten alle, daß bei ihm„Lager“ das Feuer bedeutete. Wir erinnerten uns an die Worte des Schupos, deshalb bemühten wir uns von nun an,„fröhlicher Stimmung“ zu sein. Wir wurden zu Komödianten. Das Herz weinte, aber das Gesicht war fröhlich. Heute machten wir früher Schluß, schon um 4 Uhr. Wie ge- wöhnlich nach der Arbeit fand ein Appell statt. Nach dem Appell wuschen wir uns. Plötzlich unterbrach man unser Waschen. Man ließ uns alle in die Baracke gehen und den Eingang mit einem Mantel verhängen. Es war Fliegeralarm. Dabei warnten uns die Schupos, ja nicht aus der Baracke hinauszuschauen, weil sie sonst sofort hineinschießen wür- den. Jeder von uns hatte den gleichen Gedanken: möchte so doch I den D Plötz größe Jausd durch saher Um: aufs man gedre Spät -b hatt hint läng Dies einer Näh nam Mun setzl Eine doch hier eine Bombe herunterfallen und uns zusammen mit den Deutschen töten! Plötzlich bellte ein Hund. Wir hörten das Stapfen einer größeren Anzahl von Füßen, das Schlagen mit Peitschen. Wir lauschten und hörten:„Ausziehen!“ Einige von uns schauten durch Spalten im Dach hinaus. Sie berichteten uns, was sie sahen. Man sah einen Haufen Menschen, die sich auszogen. Um sie herum standen Schupos mit Peitschen und schlugen auf sie ein. Man hörte Schreie:„Los, los!“ Plötzlich hörte man ein lautes„OÖ jej!“ Einer von den Juden hatte sich um- gedreht und war von einem Hund ins Bein gebissen worden. Später hörte man:„Zu fünf antreten!“ Die Menschen — bereits nackt— stellten sich in Fünferreihen auf. Jeder hatte die Hände im Nacken verschränkt. Alles das geschah hinter dem Stacheldrahtzaun unseres Lagers, gegenüber der längeren Barackenwand. Diese Menschen traten zu fünfen an das Feuer heran, das in einer Entfernung vor reichlich zehn Metern brannte. In der Nähe des Feuers stand ein Scharführer aus dem Lager, namens Siller. Er hielt sich ein getränktes Tüchlein vor den Mund, damit er Luft schnappen konnte, weil es hier ent- setzlich stank. In der rechten Hand hielt er einen Revolver. Eine Fünferreihe trat ans Feuer heran, er stellte sich da- hinter, knallte jedem eine Kugel ins Genick und versetzte ihm einen Fußtritt, damit er nach vorn fiel. War er mit fünf Leuten fertig, führte man schon die nächsten heran. Die übrigen standen gegenüber und sahen zu, was geschah. Sie standen da wie die Lämmer, nicht ein einziger versuchte Widerstand zu leisten. Sie standen gleichgültig da— was hätte ihnen Widerstand genützt? Sie würden dadurch nur Schläge heraufbeschwören; und das wäre lediglich eine Ver- längerung der Qualen vor dem Tode, nichts weiter. Etwa nach einer halben Stunde war alles zu Ende. Wir hörten jetzt die Stimme eines Schupos, der am Zaun Posten stand: 6 F 18/58 81 „Herschel, schnell!“ Herches ging hinaus. Dann hieß es: „Alles heraus!“ Alle gingen hinaus. Herches bekam den Befehl, aus zwanzig der besten Arbeiter und den beiden Brandmeistern eine Brigade zu bilden. Sie sollten noch heute alle Erschossenen ins Feuer werfen. Vier Mann gingen hinaus, um die Sachen zu sortieren. Die Schupos machten sich dabei zu schaffen wie auf einer Hochzeit. Sie durchsuchten die Taschen, der eine legte sich ein Paar Stiefel beiseite, ein anderer wiederum einen Anzug. Man hatte vier Eimer und ein großes Waschfaß Gold, Geld und Brillanten zusammenbekommen. Nach einer Stunde waren alle Leichen verbrannt. Es waren 275. Diejenigen, die diese Toten weggeräumt hatten, erzählten, daß sie einen furchtbaren Augenblick durchgemacht hätten; als sie einen Leichnam ins Feuer hin- eingeworfen hatten, habe er„oh!“ geschrien, denn er sei noch lebendig gewesen. Dabei konnte man sich bei so einer Arbeit gar nicht darum kümmern, ob einer noch am Leben war oder nicht. Die Deutschen trieben uns auf eine schreck- liche Weise an, weil sie wußten, daß wir bei dieser Arbeit nervös waren. Jene Hingerichteten waren Leute aus der Firma„Zela 19“ gewesen. Wie jeden Tag waren sie von der Arbeit ins Lager zurückgekommen. Sie hatten bestimmt nicht gewußt, was sie erwartete. Sie waren durch das Haupttor ins Lager hineingegangen, aber dann hatte man ihnen befohlen, durch dieselbe Pforte hinauszugehen, durch die wir früher gegangen waren, und man hatte sie auf demselben Weg hergetrieben, den auch wir täglich zur Arbeit gekommen waren, bevor wir uns hier für ständig niederließen. Auch sie waren zu Fuß hergekommen. Unter ihnen befanden sich zwei, die aus dem Todesgefängnis durch den Brigadier aus der Firma„Zela 19“, der ihr Schwager war, gerettet worden waren. Es hatte viel Mühe und Geld gekostet. Alle hatten sie darum beneidet, daß es ihnen gelungen war, sich zu retten, und das also war ihr Ende. 82 Mittw« zur As neuen der Sc Piliche den le die Le länger einzel meiste Schäde waren, die Kr scheu furchi unds truge den Ir Auf d und$t Beim hielt« „Alle euch| angez und d in deı gearh Dabe aber zwei euch mich herzig sr Mittwoch, der 30. Juni. Um 8 Uhr gingen wir wie gewöhnlich zur Arbeit. Eine vergrößerte Brigade begab sich auf einen neuen Arbeitsplatz. Er befand sich ungefähr zehn Meter vor der Schlucht, auf der anderen Seite des Weges, der zur Pilichowskastraße führte. Die hiesigen Gräber stammten aus den letzten zwei Monaten. Die Erde war hier feucht, so daß die Leichen faulig waren. Die Arbeit dauerte deshalb viel länger, weil man anstatt einer ganzen Leiche häufig nur einzelne Teile der Gebeine herauszog. Die Schädel lagen meistens extra. Hier zählte man daher nur die Anzahl der Schädel, dagegen wurden die Leichen, die ohne Schädel waren, nicht gezählt. Ein Grab war derart in Verwesung, daß die Knochen gänzlich auseinanderfielen. Die Arbeit war ab- scheulich. Die Männer standen hier den ganzen Tag bei furchtbarem Gestank bis an die Knie in nassen Gebeinen und sammelten mit den Händen die Knochen in Eimer, dann trugen sie jeden Eimer einzeln zur Brandstätte und warfen den Inhalt ins Feuer. Auf dem Platz sortierten unterdessen vier Männer Anzüge und Stiefel; dabei wurde noch einmal alles durchsucht. Beim Abendappell war der Untersturmführer zugegen, er hielt eine Ansprache an uns. „Alle diese Sachen, die vor euch liegen“, sagte er,„sind für euch bestimmt. Morgen will ich jeden von euch anständig angezogen sehen. Jeder soll einen Anzug für die Arbeit und den anderen nach der Arbeit anziehen, so daß er nicht in demselben Anzug und denselben Stiefeln, in denen er gearbeitet hat, in den Bunker zu gehen braucht.“ Dabei erklärte er:„Alles werde ich für euch besorgen, aber anständig und sauber müßt ihr sein! Nur diese zwei Sachen verlange ich von euch, dann werde ich für euch sorgen, wie ein Vater für seine Kinder. Werdet ihr mich aber enttäuschen, dann bin ich für euch un-barm— herzig!“ 6F’ 83 Wie gewöhnlich fuchtelte er mit der Hand herum, kniff seine glänzenden Augen halb zu und lächelte:„Paßt auf, dann wer- det ihr 20 Jahre, aber was 20?— 100 Jahre werdet ihr leben. Arbeit haben wir noch viel. Wir werden noch nach Mexiko fahren. Nur aufpassen, nur sauber und anständig. Herschel, paß auf, du sollst die Sachen gut verteilen.“ Am Schluß fragte er:„Habt ihr verstanden, was ich zu euch gesprochen habe? Also gut.“ Er hob die linke Hand, gewissermaßen zum Ver- abschieden, und ging weg. Ein rechter Vater. Ein Schauspieler, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Er hatte uns vor einigen Tagen versprochen, daß jeder noch einen Anzug und Stiefel bekäme, und schon hatte er sein Wort gehalten. Jeder bekam Wäsche, einen Anzug und ein Paar Stiefel. Was am besten war, hatten gestern die Schupos mitgenommen. Aber wir brauchten das alles nicht. Wir hätten lieber in den- selben Lumpen geschlafen, in denen wir bei den Leichen arbeiteten, und uns für diese Anzüge bedankt, wäre nicht der Befehl gewesen. Hätten wir die Anzüge der Getöteten nicht angezogen, dann wäre man imstande gewesen, uns zu erschießen, denn es hätte geheißen, daß wir meutern. 8. KAPITEL Sonnenstich oder Typhus?„Krankenhaus“, Zungenappell. Die Brigade schrumpft zusammen Donnerstag, der 1. Juli. Ich werde mich nicht mit den Be- schreibungen der alltäglichen Ereignisse aufhalten, weil sie sich allzusehr wiederholten. Von jetzt an werde ich nur die wichtigeren Ereignisse aus dem Leben unserer Brigade no- tieren, die aufeinanderfolgenden Arbeitsplätze und die Hauptvorkommnisse angeben. Ich beginne mit dem heutigen Tage. Heute kam der Unter- sturmführer lächelnd zum Appell. Jeder von uns hatte einen 84 neuen Anzug an.„Na, ich werde noch mehr für euch sorgen. Nur anständig und sauber. Ja, laßt zur Arbeit antreten, zut Arbeit, Kinder, zur Arbeit.“ Alle gingen zur Arbeit. Einige konnten sich kaum auf den Beinen halten und vorwärtsschleppen. Sie konnten nicht mehr gehen, weil sie bereits seit sechs oder sieben Tagen Typhus hatten. Man mußte aufpassen, daß die Deutschen es nicht bemerkten. Wenn sie nur erst den Weg überstanden, bei der Arbeit wußten sie sich schon irgendwie zu helfen. Sie bekamen leichtere Arbeit und wurden von den anderen ge- deckt. Außerdem gab man alle Kranken in die Aschkolonne. Dort saßen sie und suchten vorgeblich nach Gold, während die Gesunden den ganzen Tag die Knochen zerkleinerten. Die Schupos sahen zwar, daß sich bei der Arbeit Kranke be- fanden, aber mit ihnen kamen wir zurecht. Der Brigadier steckte ihnen ein Stück Gold zu, und sie schwiegen. In der Baracke organisierten wir für die Kranken einen Hilfsdienst. Sie bekamen einen besonderen, bequemen Platz. Ich stand auch einige Male in der Nacht auf und machte ihnen Um- schläge. Jeder Kranke wurde von einem Gesunden betreut, der ihn wusch und die Notdurft unter ihm forttrug. Alle halfen ihnen, wie sie nur konnten. Aber was nützte es schon— es kamen die Tage der Krisis, und wenn der Kranke zur Arbeit ging, taumelte er und fiel um. Dann fragte der Untersturmführer, was mit ihm los sei. Man erklärte ihm, daß es am vergangenen Tage sehr heiß gewesen wäre und der Mann daher einen Sonnenstich bekommen hätte. Der Untersturmführer ließ ihn in den Bunker führen, damit er einen Tag lang läge. Der Untersturmführer begann alle genau zu beobachten. Er bemerkte, daß der eine schlecht aussah, ein anderer sich kaum auf den Beinen hielt. Abends beim Appell fragte er, was der Kranke mache. Herches sagte, daß es ihm besser gehe, aber als der Untersturmführer in den Bunker hineinging, traf er 85 ihn bewußtlos an. Der Kranke phantasierte, glühte vor Hitze. Der Untersturmführer ging schweigend hinaus. Fortwährend versicherte man ihm, daß dies ein so starker Sonnenstich sei. Er befahl, ihn bis zum nächsten Tag sein zu lassen. Als sich am nächsten Tag der gleiche Fall mit noch einem Ar- beiter ereignete, schickte der Untersturmführer alle in den Bunker zurück. Abends kam ein Auto an. Der Untersturmführer ließ alle Kranken hinausbringen und gut anziehen, weil sie ins„Kran- kenhaus“ fahren sollten. Sie taten uns sehr leid. Diese Män- ner, die sich soviel abgeplagt hatten, brauchten nur noch zwei Krisistage zu überstehen, und nun fuhren sie ins„Kran- kenhaus“. Man fuhr sie direkt ans Feuer heran und machte die rück- wärtige Wagenklappe auf. Der Kranke stellte sich unmittel- bar an die geöffnete Klappe, mit dem Gesicht zum Feuer. Der Scharführer gab einen Schuß ins Genick ab. Ein Fußtritt, und der Erschossene fiel direkt ins„Krankenhaus“. Am nächsten Morgen war von ihm keine Spur mehr übrig. Am nächsten Tage fragten die Scharführer beim Appell, wer krank sei. Sie sagten, daß sie ihm Medizin gäben, und rieten, nicht zu warten, bis einer umfalle, denn dann wäre es schon zu spät. Herches aber erinnerten sie daran, daß er für die Kranken verantwortlich sei, weil er täglich den Krankenstand zu melden habe. Am folgenden Tag beim Appell fragte Herches in Anwesen- heit der Schupos, wer krank sei; aber wenn sich einer melden wollte, rieten wir ihm davon ab, weil es zum Sterben niemals zu spät wäre. Wenn Herches vom Untersturmführer gefragt wurde:„Ist jemand krank?“ dann antwortete er ihm:„Kei- ner. Ich habe gefragt, und keiner hat sich gemeldet.“ Wenn es dann aber bei der Arbeit dennoch vorkam, daß jemand vor Entkräftung umfiel und der Untersturmführer nachher Herches vorhielt, warum er ihn nicht gemeldet habe, so 86 berie gefta meld Der! uns, Wer kam wirk weiß helfe und! berief sich Herches auf die Schupos als Zeugen dafür, daß er gefragt hatte, ob jemand krank sei, sich aber niemand ge- meldet habe. Der Untersturmführer schickte einen Sanitäter der Schupo zu uns, der sich täglich beim Appell die Zunge von jedem ansah. Wer eine weiße Zunge hatte, fuhr ins„Krankenhaus“. So kamen über zehn Mann um, ohne Rücksicht darauf, ob sie wirklich krank waren oder aus weniger ernsten Gründen eine weiße Zunge hatten. Auch bei dieser Sache konnte man sich helfen. Alle Kranken aßen vor dem Appell harte Brotrinde und rieben sich auf diese Weise die Zunge, daß sie rot wurde. Als jedoch nach dem sogenannten Zungenappell, der gezeigt hatte, daß alle gesund waren, sich bei der Arbeit die vor- gestrigen Fälle von neuem ereigneten, gab der Untersturm- führer bekannt, wenn sich die Kranken nicht selber meldeten, er sie aber entdecke, so würde er sie nicht einmal ins Kran- kenhaus fahren lassen. So befahl er am Sonnabend vor dem Mittagappell einem gewissen Jaffe, sich auszuziehen, und streckte ihn vor unseren Augen nieder. Zwei Träger brachten ihn ins Feuer. Auf diese Weise blieben von 122 Personen 94 übrig. Es waren nicht einmal welche zum Arbeiten da. Eines Donners- tags ging daher auch ich zur Arbeit. 9. KAPITEL Scheiterhaufen, Scheiterhaufen Die neue Arbeitsstelle— nun schon die vierte— befand sich direkt an dem Weg, der das Lager mit der Schlucht verband. Die Entfernung von der Schlucht betrug etwa 30 Meter. Die Arbeit war sehr schwer, weil man einen Waggon Erde herauswerfen mußte, bevor man einige Leichen fand. Die Leichen lagen in ihren Kleidern. Das waren Lagerinsassen 87 aus der Zeit vor sechs bis acht Monaten. Sie lagen schichten- weise. In einem gewissen Abstand voneinander lagen immer Schichten von 30 bis 50 Leichen. Die untersten Schichten er- reichten eine Tiefe bis zu 8 Metern. Dieses Grab hatte unge- fähr eine Länge von 25 Metern. Am Ende des Grabes hatte man auf beiden Seiten Pfähle aufgestellt und sie durch ein Drahtnetz miteinander verbunden. In dieses Netz hatte man eine große Menge grüner Zweige gesteckt. Das Netz war un- gefähr 4 Meter hoch. Das war eine sogenannte Blende, die errichtet worden war, damit vom Lager aus nicht zu sehen war, was man hier machte. War denn vom Lager aus nicht zu sehen, was hier geschah? Man sah doch den Rauch, man roch doch den schrecklichen Gestank. Schließlich gingen wir selbst hinter die Blende, so daß man auch uns sah, wenn wir zur Arbeit gingen. Wir sangen doch so laut, daß es auch dort zu hören war. Die Arbeit ging hier vor sich wie in einer amerikanischen Fabrik. Jeder hatte seinen bestimmten Platz. Jeder Spaten Erde passierte eine Reihe von Händen, ehe er bis zu der Stelle kam, wo er bis zur Beendigung der Arbeit liegen bleiben konnte. Diese Stelle sah aus wie eine kleine Schlucht, weil sich auf beiden Seiten eine Erhebung befand, die eine Höhe von 2 Metern erreichte. Die Brandstelle wurde in der Nähe der großen Schlucht angelegt. Da sich auf beiden Seiten Er- höhungen befanden, ging der ganze Rauch in der Mitte durch, wo die Arbeiter standen. Man mußte etwas ersinnen, um den Rauch auf eine andere Seite zu leiten, aber vorläufig war dagegen nichts zu machen. Bei dieser Brandstelle sah die Arbeit anders aus als vorher. Das Fundament hatte man hier in der Weise angeordnet, daß man jeweils in einem Meter Abstand schnurgerade ein sehr dickes Holzscheit legte, so daß die Anzahl der Holzscheite zugleich die Größe der Feuerstätte ergab. So viele Holzscheite eine Brandstelle hatte, so viele Quadratmeter minus einen 83 zählte ihr Fundament. Dicke Holzscheite spaltete man nun zu sehr dünnen und legte sie quer auf die dicken Scheite ziemlich dicht nebeneinander, damit die Leichen nicht herun- terfielen. Jetzt legte man darauf eine Schicht Leichen in Rei- hen nebeneinander und mit den Füßen zueinander, so daß auf zwei parallelen Seiten nur die Köpfe lagen, während sich auf den zwei anderen Seiten, die an jene grenzten, keine Köpfe befanden. Damit die Leichen nicht herunterglitten, legte man an den Rand dickere Leichen. Wenn eine Schicht, die eine ebene Oberfläche haben mußte, fertig war, legte man von neuem gespaltetes Holz schnurgerade im Abstand von einem halben Meter in derselben Richtung, in der man die Leichen gelegt hatte. Jetzt folgte die zweite Schicht Leichen, aber nunmehr quer auf die vorherige Schicht. Und so zogen wir gleichmäßig eine Schicht nach der anderen immer höher, so daß der Scheiterhaufen, von der Seite ge- sehen, wie ein mit einem Lineal auf dem Papier gezeichnetes Trapez aussah. Anfangs errichteten wir Scheiterhaufen, die bis zu 500 und später bis zu 750 Leichen zählten. Nachdem wir uns eingeübt hatten, erreichte die Zahl der Leichen 2000 und mehr. Auf den Scheiterhaufen stiegen die Träger über Laufbretter, die mit Querleisten beschlagen waren wie auf einer Baustelle. Wenn die Träger auf dem Scheiterhaufen an- gelangt waren, warfen sie die Leichen von der Trage ab und holten neue. Oben befanden sich zwei sogenannte Aufschich- ter; sie legten jede Leiche je nach Gewicht und Größe an die entsprechende Stelle. Hier holte man wenig Leichen heraus, weil man manchmal einen ganzen Tag lang graben mußte, bis man auf 30 bis 40 Leichen stieß. Infolgedessen dauerte das Errichten eines Scheiterhaufens eine ganze Woche, und am Sonnabend wurde er angezündet. Das Anzünden des Scheiterhaufens sah folgendermaßen aus: Die ganze Oberfläche und die Seiten des Scheiterhaufens 89 begoß man mit etlichen Eimern Benzin. Dann umwickelte man einen Knüppel von einem halben Meter Länge mit einem Lappen, zündete den Lappen an und warf ihn auf den Scheiterhaufen. Es entstand ein solcher Feuerausbruch, daß der Himmel schwarz wurde von Rauch. Beim erstenmal hatte diese neue Erfindung keinen Erfolg ge- habt. Der ganze Scheiterhaufen war auseinandergefallen und das Feuer verlöschte. Man hatte dann mit einer Pumpe Öl hineingespritzt, Holz aufgelegt, alle Leichen mit eisernen Haken herausgezogen und später wieder ins Feuer zurück- geworfen. Wie hoch so ein Scheiterhaufen war? Das hing davon ab, ob die Leichen frisch waren oder gänzlich verwest, ob es lauter Männer waren oder ob sich Frauen und Kinder darunter befanden. Und wie lange so ein Scheiterhaufen brannte? Das hing davon ab, ob die Leichen in Kleidern waren oder nicht. In Kleidern brannten sie schlechter. Es hing auch davon ab, ob die Lei- chen verfault waren. Sofern sie verwest waren, brannten sie schlechter. Jedenfalls betrug der Zeitunterschied zwischen dem Verbrennen eines Scheiterhaufens mit verfaulten und einem mit frischen Leichen einen Tag. Am meisten hing die Dauer der Verbrennung jedoch von unserer Erfahrung, von der Übung in der Arbeit ab. Und so brannte zum Beispiel der gleiche Scheiterhaufen, dessen Verbrennung am Anfang eine ganze Woche gedauert hatte und wobei eine große Menge Öl verbraucht worden war, neuerdings nicht länger als zwei Tage, und zwar ganz ohne Öl; außerdem wurde nur der vierte Teil der ursprünglichen Menge Benzin und die Hälfte Holz verbraucht. Die Arbeit in dieser Schlucht leitete ein Scharführer. Er war mittelgroß, hatte eine rote Nase und hieß Mosaiko. Es war sein Parteiname. Wie sie alle, leistete auch er sogenannte physische Arbeit. Er schlug am meisten von allen. 90 Der Untersturmführer kam immerfort zu uns und fragte, ob wir wieder ins Lager zurückgehen möchten, sofern wir es wollten, könnten wir dorthin zurück. Aber vielleicht sei jemand von uns nicht zufrieden? Doch, wir waren alle„zu- frieden“. Er erzählte uns, er würde sich darum kümmern, daß wir etwas zum Anziehen bekämen, denn die Kleidung, die wir trügen, sei schon alt und zerrissen. Wir wußten schon, was das bedeutete. 10. KAPITEL Leihenwitze. Hilda. Neue Opfer. Unser„Wohltäter“ und „Erzieher“. Ein Faß Bier. Ein„lustiger“ Leichenschmaus Die große Schlucht war bereits planiert und mit Gras besät. Man konnte nicht mehr erkennen, ob dort überhaupt etwas vorgegangen war. Nur die Erde hatte Risse bekommen. 10 Männer arbeiteten unmittelbar an der Quelle. Die Erde war mit Blut durchtränkt. Sie planierten die Stelle und pflanzten Sträucher. Bei der sroßen Schlucht war nur noch ein Stück Boden nicht planiert. Dort arbeitete die Aschkolonne oder, wie der Untersturm- führer sie nannte,„die Goldsucher von Alaska“. Aus dem Lager wurden nun keine Toten mehr hergebracht, sondern gleich die Lebenden vor das Feuer gestellt. Hier wurde ihnen befohlen, sich auszuziehen, und dann wurden sie erschossen und ins Feuer geworfen. So war es täglich. Wenn wir zur Arbeit kamen, fanden wir nun immer zehn bis zwanzig Leichen vor. Das Thema der Tagesgespräche war, wieviel Leichen es früh gegeben hatte, ob sie von der „arischen“ Seite oder aus dem Lager stammten und ob unter ihnen ein Bekannter gewesen war. Jeder hatte sich so ans Arbeiten gewöhnt, daß sich jeder selbst am Sonntag, an dem nicht gearbeitet wurde, eine Beschäftigung suchte. Abends 9 sangen wir im Bunker bis zehn Uhr. Bei der Arbeit trieben die jungen Burschen ihre Späße; auf eine Leiche zeigend, sagte einer zum andern:„Siehst du, so wirst du nicht aus- sehen, du kommst auf die Seite vom Scheiterhaufen.“ Hätten wir weinen sollen? Wir sahen jene doch als glücklich an, weil sie schon alles hinter sich hatten. Auch unser Ende würde nicht besser sein! Eines Morgens bemerkten wir, wie zwei S5-Leute eine der hübschesten Frauen, eine gewisse Hilda, in die kleine Schlucht führten, wie wenn es sich um einen Spaziergang handelte. Sie brachten sie über die Pilichowskastraße, so daß wir sie alle mit ihr gehen sahen. Hilda war knapp über zwanzig Jahre alt. Eine große stramme Blondine. Sie stammte aus Wien. Sie hatte im Büro gearbeitet und mit SS-Leuten zusammen- gelebt. Aber das war bei ihnen schon üblich: je mehr man mit ihnen zu tun hatte, um so sicherer war der Tod. Es war ihnen ja streng verboten, ein Verhältnis mit einer Jüdin zu haben; sie hatte die SS-Leute in der Hand gehabt, folglich trachteten sie um so schneller danach, sie aus der Welt zu schaffen. Und so fanden wir heute früh, als wir uns an die Arbeit machten, in der Nähe der Brandstelle die nackt daliegende Hilda vor. Neben ihr lagen ihre Kleider. Wir wußten auch, daß es in diesen Tagen einen neuen Menschentransport gab. Der Unter- sturmführer hatte uns doch angekündigt, daß wir in diesen Tagen neue-Anzüge und Stiefel zum Umkleiden bekämen. An einem Donnerstag, es war um den 15. Juli herum, sahen wir, daß einige Dutzend Schritte von uns entfernt neben dem Zelt der Schupos auf einer Bank am Tisch SD-Männer saßen. Alle tranken. Es war 8 Uhr abends. Da verstanden wir, daß vorher bestimmt eine„Hochzeit“ gewesen sein mußte. Schüsse hörte man hier auch auf eine Entfernung von hundert Metern nicht, weil die Hinrichtungen gewöhnlich in Talkesseln durch- geführt wurden. Das ganze hiesige Gelände war voller Tal- kessel und Hügel. 92 Gegel ale sı den D denn schlaf hatte antret Pfort: stellt kolon ginge der$ Gegen Morgen des folgenden Tages, am Freitag, als wir noch alle schliefen— es war 4 Uhr—, hörten wir plötzlich hinter den Drähten unserer Umzäunung das Brüllen eines Schupos, denn zu uns hereinkommen durften sie nicht:„Was ist? Ihr schlaft noch?“ Wir sprangen auf, eilten hinaus— vielleicht hatte unsere Stunde geschlagen? Sie ließen uns zum Appell antreten und zählten uns. Dann befahlen sie uns, durch die Pforte auf die andere Seite des Zaunes hinauszutreten. Hier stellten wir uns wie üblich zu dreien auf, sonderten die Asch- kolonne von uns ab und machten uns alle auf den Weg. Wir gingen den Weg, der ins Lager führte. Etwa 150 Meter von der Schlucht entfernt lagen massenweise nackte Leichen auf- einander. Unsere Brigade bekam den Befehl stehenzubleiben, die Aschkolonne hingegen marschierte weiter. Es begann nun das Durchsuchen und Sortieren der Kleider. Einige Meter weiter entfernt, errichteten wir eine Brandstelle. Holz lag schon hier, es war genug davon da. Man hatte es bereits vor einigen Tagen auf Autos hergebracht. Die Leichen hoben sich furchtbar schwer, denn es waren überwiegend Männer. Außer- dem waren die Leichen doppelt so umfangreich wie zu Leb- zeiten, weil sie angeschwollen waren. Die Leichen, die oben lagen, sahen noch leidlich aus, aber die sich unten befanden, mit der Last der anderen Leichen bedeckt, waren schrecklich aufgedunsen. Bereits um 9 Uhr war der Scheiterhaufen fertig. Auf diesem Scheiterhaufen befanden sich 425 Menschen. Sie nahmen soviel Platz ein wie 800 Leichen, die man aus den Gräbern hervorgeholt hatte. Damit der Scheiterhaufen nicht auseinanderfiel, gaben wir den Leichen auf die Weise einen Halt, daß wir die Arme der einen unter den Körper der anderen legten. Nach der Errichtung des Scheiterhaufens zün- deten wir ihn sofort an. Das System des Anzündens war das- selbe wie sonst. Beim Scheiterhaufen blieben der Brand- meister und sein Gehilfe, die übrigen hingegen begaben sich zu ihrer gestrigen Arbeit in der kleinen Schlucht. 93 Als wir nach der Arbeit in unser Lager zurückkehrten, fanden wir auf dem Hof eine Menge Kleider und Stiefel vor, und in einer Ecke des Bunkers eine Menge Brot, Butter, Wurst, Sar- dinen und Schokolade. Mit einem Wort, dort war alles,„was sich das Herz nur wünschen konnte“, sogar ein gebratenes Huhn. Von der Brigade, die bei den Kleidern gearbeitet hatte, erfuhren wir, daß es sich um Leute handelte, von denen ein Teil im Beutepark beschäftigt und ein Teil in der Stadt kaserniert gewesen war. Aus ihrem Gepäck konnte man dar- auf schließen, daß man sie unter dem Vorwand, sie auf einen neuen Arbeitsplatz zu bringen, hierhergeschleppt hatte. Sie hatten verschiedene rohe Mundvorräte bei sich gehabt, wie Bohnen, Mehl u. a. Das waren Reiche gewesen, denn auf einen solchen Arbeitsplatz konnte ein Armer nicht gelangen. Sie waren seinerzeit nicht unter Bewachung gewesen und hatten in Wohnungen gewohnt. Sie hatten keine täglichen Aktionen zu befürchten und mit Appellen nichts zu tun gehabt. Genauso wie nach der damaligen Hinrichtung kam der Untersturmführer auch heute nachsehen, was für ein Gesicht wir machten. Vielleicht waren wir nicht zufrieden, dann würde man noch eine Hinrichtung durchführen lassen. Er kam in unseren Hof herein, weil ja nur SD-Angehörige das Recht hatten, zu uns hereinzukommen. Er sah einen Moment nach der einen Seite, dann nach der anderen.. Auf der einen Seite hatte man Anzüge und Stiefel angehäuft, und gegenüber standen unsere Männer und wuschen sich. Es erscholl:„Ach- tung! Mützen ab!“ Er ging langsamen Schrittes weiter und sah dabei jedem in die Augen, als wolle er herauslesen, was bei jedem im Herzen vorging. In diesem Augenblick hatte jeder ein lächelndes Gesicht. Hinter ihm ging wie üblich Her- ches. Als er bis ans Ende gekommen war, bis an den Zaun, drehte er sich um, blieb stehen und fragte den ersten aus der Reihe:„Bist du zufrieden, oder vielleicht willst du zurück ins Lager?“ Dieses Lied kannte jeder schon auswendig. 94 Er sch die Aı links züge] eTinne habe, jehen Neidı {as w Sich a ku a’| in (Tu- 1 vo EN g[97> & Bere o E 3 o i m.= 5 ds: ı'£)» u A | 4 mNSo m . at Er: ; u: Bu=E het o: j- ; Ex N Bu En 25 2 2« 95 o— “[2) HER | H 0 : 2 a mı [= un : u DD m : R-| r Br a8 5„& a L« s rn 4 ö |[:?7 4 ; F a Ei N. 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Nachdem der Untersturmführer weggegangen war, begann man die Anzüge und Stiefel auszugeben, denn man mußte sich ja zu morgen umkleiden. Bevor es Abend war, lagen an der Stelle der neuen Kleider und Stiefel unsere alten. Wir hatten sie weggeworfen, weil wir nicht zuviel Zeug behalten wollten. Das Essen verteilte man vorläufig nicht, wir besaßen sowieso zuviel Brot. Wir hatten jetzt die doppelte Portion, da wir eine Zuteilung für 150 Personen samt den Zulagen bekamen und nur 94 Mann waren, darunter befanden sich aber 20 Kranke. Den Kranken gaben wir, was nur in unserer Macht lag. Heute hatte jeder, der bei der Durchsuchung war:und etwas für einen Kranken Geeignetes gefunden hatte, es in die Tasche gesteckt, ohne darauf zu achten, daß er sich Peit- schenhiebe zuziehen konnte, denn es war streng verboten, etwas einzustecken. Die Männer beachteten jedoch die Peit- sche nicht, man wollte gern alles erdulden, um nur zur Errettung eines anderen beizutragen. Der Sonnabendvormittag verlief wie gewöhnlich. Bei der Arbeit gab uns der Unterführer bekannt, daß wir in Kürze neue Freunde bekämen. Unsere Brigade solle sich wieder auf 125 Mann vergrößern. Er habe es schon vor mehr als 10 Ta- gen tun wollen, nur habe er am Anfang überlegt, ob er über- haupt neue Leute zu uns bringen solle. Er wolle sich nur an uns halten. Schon vorgestern sei er entschlossen gewesen, 96 neue Appe gehen solle, Andi ein Fi Tisch, Kekse wirkli gerich soviel auf d aber: hatte ku Igel; "Fisls neue Männer zu uns zu nehmen, aber als er im Lager beim Appell gefragt habe, wer zu uns gehen möchte, hätten alle gehen wollen; da er also nicht gewußt habe, wen er nehmen solle, habe er niemanden genommen. An diesem Tage bekamen wir nach dem Mittagessen wieder ein Faß Bier. Am Sonntag machten wir auf dem Hof einen Tisch, auf dem wir belegte Butterbrote und verschiedene Kekse zurechtlegten, und öffneten das Faß Bier. Das war ein wirklicher Leichenschmaus, der aus den Leckerbissen der Hin- gerichteten bestand. Jeder von uns trat heran, aß und trank, soviel er wollte, dabei wurde auch gesungen. Wir hatten es auf dem Hof gemacht, damit es die Schupos sahen und dem Untersturmführer erzählten. 11. KAPITEL Die„Säbrigade“.„Schwarze Raben“. Die Brigade wird vervollständigt. Gräben für Blut. Neue 9000 Leichen. Das Schicksal unseres Flüchtlings. Der Untersturmführer fährt in Urlaub. Lufko Das war am Dienstag nachmittag. Wir arbeiteten in der kleinen Schlucht, als man 13 Mann aus dem Janowskilager zu uns brachte, die in den Tod gehen sollten. Heute morgen war im Lager eine Durchsuchung gewesen. Bei einigen der hergebrachten Männer hatte man eine Waffe gefunden. Die übrigen waren ihre Kameraden. Nachdem sie schrecklich ge- schlagen worden waren, hatte man sie auf die Piaski geschickt. Wir waren zu der Zeit gerade bei der Brandstelle, bei der man üblicherweise die herbeigebrachten Menschen tötete, aber niemals in unserer Gegenwart. Aus diesem Grunde hatte man sie einstweilen in unser Lager gebracht; aber da bei uns Leute gebraucht wurden, hatte man sie schließlich dagelassen. Denn was war das schon für ein Unterschied? 7F1s/ss 97 Jetzt oder später, sie erwartete nur eines— der Tod. Hier würde sowieso niemand mit dem Leben davonkommen. Heute abend fuhren wieder zwei Mann von uns ins„Kranken- haus“. Ich und noch drei Kameraden, die mit mir zusammen beim Verbrennen des Blutes beschäftigt waren, arbeiteten etwa eine Stunde länger, wir sahen sie daher schon beim Feuer. Das Blut floß bei den Hinrichtungen in besonders dafür an- gelegte Gräben. Dort begoß man es mit Benzin und zündete es an. Das Blut verbrannte; verschiedene Verunreinigungen, die nicht verbrannten, vermengte man mit Erde und schüttete damit die vorher ausgehobenen Gräben zu. Ungefähr am 18. August war die Arbeit in der Schlucht beendet, und man verlegte den Arbeitsplatz dorthin, wo die letzte Exekution stattgefunden hatte. Dort dauerte die Ar- beit ungefähr anderthalb Wochen. Dort befanden sich 1500 Leichen. Im Laufe von drei Tagen hatte man aus 750 Leichen einen Scheiterhaufen errichtet und verbrannt. Auch die Asch- kolonne zog aus der großen Schlucht hier in die Nähe. Man hatte eine spezielle„Säbrigade“ geschaffen. Diese Brigade säte die ganz feine Asche auf die gleiche Weise, wie man auf dem Felde Getreide sät. Die Asche mußte so gesät sein, daß sie für das Auge unsichtbar war. Gott sollte uns bewahren, daß jemand vom SD auch nur ein kleines Häufchen Asche erblickte! Die Steine, auf denen man die Knochen zerstampfte, zog man später wieder nach oben hinauf, aber an dieser Stelle blieb ein ganzer Berg ganz kleiner Knochen zurück, die nicht durchs Sieb hindurchgegangen waren. Am Sonntag, dem 22. August, brachte man noch 9 Männer zu uns. Es waren Droschkenkutscher, solche, die man vor dem Kriege„Draufgänger“ nannte. So mancher von uns hatte sich daher gedacht: bei einem„Draufgänger“ werde vielleicht auch ich ein Draufgänger, und bei einem„Schlap- pier“ werde auch ich ein Schlappier. Da wir nun neun solcher 98 Ankö des T abend kam. hierh Is st lager Yon ı dams verbr selbs habt „Draufgänger“ bekamen, würden wir vielleicht ausfindig machen, wie man sich hier retten könne. Aber was waren das schon für Draufgänger, da sie hierherkamen? Da sie sich lebendig hierher ins Feuer bringen ließen? Sie hatten doch nicht gewußt, daß sie in unsere Brigade eingereiht würden, und war. es denn außerdem besser als der Tod? Waren sie denn nicht genau solche Feiglinge wie wir, da man einem von ihnen sogar den Sohn genommen und hier vor den Augen des Vaters erschossen hatte? Mit ihnen verhielt es sich so: Als sie heute früh zur Arbeit gefahren waren, hatte man sie angehalten, eine Kontrolle durchgeführt und auf dem Wagen zwei Mäntel gefunden. Man hatte sie verdächtigt, daß sie flüchten wollten, sie bekamen furchtbare Schläge und wurden dann hierhergebracht. Unter ihnen befanden sich auch zwei Mann— ein Ingenieur und ein Rechtsanwalt, ein gewisser Abend aus Tarnopol—, die sich auf der„arischen“ Seite ver- steckt gehalten hatten. Sie waren ins Todesgefängnis gebracht worden, und von dort kamen sie heute hierher auf die Piaski. Am Anfang erschien den Neuangekommenen bei uns alles schrecklich und nicht zum Überleben, später jedoch gewöhn- ten sie sich langsam daran, genauso wie wir. Von den neuen Ankömmlingen erfuhren wir, wie es sich mit dem Gehilfen des Tischlers verhalten hatte, der seinerzeit an einem Sonn- abend geflohen war, und auf welche Weise er hier ins Feuer kam. Man hatte ihn ungefähr vier Wochen nach seiner Flucht hierhergebracht. Wir hatten ihn an einem Feuer tot gesehen. Es stellte sich heraus, daß er von uns geflüchtet und ins Lager gelaufen war. Im Lager hatte man nicht gewußt, daß von uns jemand geflohen war. Der Untersturmführer hatte damals nicht einmal den Schupos erlaubt, diese Nachricht zu verbreiten. Man hatte seine Flucht geheimgehalten, denn selbst der Untersturmführer hätte Unannehmlichkeiten ge- habt, weil einer von ihm hatte fliehen können. Der Flüchtling ıF* 99 war zwei Wochen im Lager gewesen, und dann hatte er sich auf den Weg gemacht. Unterwegs hatte man ihn als Juden ergriffen, ihn ins Todesgefängnis eingesperrt und von dort abermals auf die Piaski geschafft. In dieser Woche hatte man von der„arischen“ Seite noch weitere 6 Juden gebracht, aber zwei von ihnen wurden inzwi- schen ‚erschossen. Auf diese Weise betrug unser Brigaden- bestand nunmehr 118 Mann. Nach der Beendigung der Arbeit auf diesem Platz kamen wir auf eine neue Stelle, die sich auf derselben Seite des Weges, aber etwa 25 Meter näher an der Pilichowskastraße befand. Die Gräber zogen sich hier bis auf eine Länge von etwa 50 Meter hin. Hier befanden sich 15 Gräber, die etwa 9000 Leichen enthielten. Sie waren in Kleidern. Die Leichen lagen schon seit ungefähr einem Jahr in den Gräbern. Hier fanden wir auch jene Milizsoldaten, die man im vergangenen Jahr nach der Augustaktion in der Lokietekstraße! gehenkt hatte. In jedem Grab stießen wir etwa 50 cm unter der Oberfläche auf die Leichen einiger Männer, die zunächst die anderen Toten zugeschüttet hatten und dann von den Deutschen selbst mit Erde bedeckt worden waren. Hier fanden wir auch noch einen Haufen der bekannten„Schwarzen Raben“. „Schwarze Raben“ wurden bei uns die ukrainischen SS-Män- ner wegen ihrer schwarzen Uniformen genannt. Sie nahmen an den Hinrichtungen teil. Um die Spuren zu verwischen, hatten die Deutschen zum Schluß auch sie erschossen. Sie waren noch in Uniformen, ihre Helme fand man in den Gruben. Und wie wolltest du da mit dem Leben davonkommen, Mensch, da du doch ein genauso schrecklicher Zeuge warst? eakt für ein tatsächliches oder angeb- 4 Am 1. September 1942 wurden, als Rach mten, an liches Attentat eines Lwöwer Juden auf einen deutschen Gestapobea n des Sitzes des Judenrats, im Echaus Jakob-Herman- den Balkonen und Fenster Landesberger, und und Lökietek-Straße, der Vorsitzende des Judenrats, Dr. 12 Mitglieder der jüdischen Miliz aufgehängt. 100 Man hatte hier zwei Brandstellen geschaffen, so daß immer eine brannte und auf die andere Leichen geschichtet wurden. Wenn der eine Scheiterhaufen verbrannt war, zündete man den anderen an und begann an der Stelle des ersten einen neuen Scheiterhaufen zu errichten. Hier entstanden Scheiter- haufen für über 1000 Leichen, dabei wurde uns befohlen, immer weniger Öl hineinzugießen. Nach den Worten des Untersturmführers würde mit dieser Arbeit, bei der wir uns eben befanden, unsere Tätigkeit auf der hiesigen Stelle be- endet sein. Der Termin sollte der 1. September sein. Dann würde unsere Arbeitsstätte nach Lyczaköw in den Krzywicki- wald verlegt. Der Untersturmführer fuhr in Urlaub, er sollte nach zwei Wochen wiederkommen. Ich bemerkte, daß einige, es vor uns geheimhaltend, mit den Schupos Handel trieben. So hatte auch ein gewisser„Lufko“, ein Metzger aus der Slonecznastraße, mit einem Schupo namens Schneider, der aus Lödz stammte, Verbindung auf- genommen. Schneider war Volksdeutscher, und als solcher sprach er gut polnisch. Lufko hatte in der Stadt unter Polen und Ukrainern viele Bekannte. Nach der letzten Hinrichtung war er bei der Durchsuchung der Kleider beschäftigt gewesen und hatte sich 1000 Zloty eingesteckt. Da er bei den„Ariern“ ein großes Vermögen besaß, hatte er Schneider 1000 Zloty dafür geboten, wenn er die von ihm angegebene Adresse auf- suche und ihm von dort Butter, Wurst und Schnaps mit- brächte. Schneider hatte ihm versprochen, es zu erledigen. Am anderen Tage standen wir alle im Hof und sahen, wie ein Schupo in Anwesenheit von Gefangenen und noch eines anderen Schupos Lufko zu sich rief, ihm zwei Würfel Zucker sowie ein Stück Brot mit Butter gab und dabei dem anderen Schupo zuzwinkerte. Lufko nahm das Butterbrot, trat zu Herches heran und erzählte ihm, worum es sich handelte. Er hatte vor der„Suite“ Angst. Herches hätte böse sein 101 können, daß er sich auf eigene Faust mit den Schupos in Geschäfte einließ. Da Herches jedoch sah, daß Lufko mit den Schupos geheime Machenschaften hatte, er ihm daher sowieso nichts mehr hätte tun können, wandte er sich von ihm ab und wollte seine Rechtfertigungen gar nicht erst hören. Am selben Tage trat nach dem Mittagsappell, bei dem Haupt- scharführer Rauch als Stellvertreter des Untersturmführers und die übigen SD-Leute zugegen waren, der Schupo Schnei- der zu Rauch, und, mit dem Finger auf Lufko zeigend, flüsterte er ihm einige Worte zu, nach denen der Hauptschar- führer sofort Lufko herausrief. Nach einigen Minuten kam er sehr zusammengeschlagen zurück. Nun rief der Haupt- scharführer Herches heraus, erzählte ihm die Sache und ver- langte von ihm die 1000 Zloty, die Lufko nach den Worten Schneiders irgendwo versteckt haben mußte. Aber Lufko bestritt, Geld zu haben. Er behauptete, als er dem Schupo die 1000 Zloty versprochen hatte, habe er damit gerechnet, daß die Arierin, bei der er ein großes Vermögen habe, ihm dieses Geld schicken würde. Der Hauptscharführer drohte Herches. Wenn er nicht unmittelbar nach dem Essen die 1000 Zioty bekäme, von denen er mit Bestimmtheit wisse, daß sie irgendwo versteckt seien, so würde er den Bunker durch- suchen, und wenn er sie fände, würde es tausendmal schlim- mer sein. Wenn er dagegen das Geld nicht finden sollte, würde er wissen, daß viele von uns Geld in solchen Ver- stecken verborgen hielten, von denen er nichts wisse, und dafür könnten viele von den Leuten„hops gehen“, die bei Durchsuchungen der Kleider anwesend waren. Herches machte sich sofort an die Arbeit. Er erklärte Lufko, worum es sich handelte. Als dieser auch jetzt bestritt, 1000 Zloty zu besitzen, machte er sich daran, ihn zu schlagen. Er schlug ihn so lange, bis einer herantrat und Lufko noch ein- mal erklärte, worum es ging. Er sagte ihm, wenn er die 1000 Zloty nicht herausgäbe, würde man ihn so lange 102 schlagen, bis er tot sei. Da zog Lufko die 1000 Zloty aus sei- nem Versteck hervor und gab sie ab. Zum Appell nach dem Mittagessen erschien der Hauptscharführer samt den übrigen SD-Leuten. Seine ersten Worte waren:„Herschel, was hört man?“ Herches erklärte, daß er die 1000 Zloty schon bekom- men habe, und überreichte sie ihm. Außer dem Scharführer Jelitko kamen nun alle SD-Leute auf den Hof des Lagers. Der Hauptscharführer erklärte allen, worum es sich handelte. Wenn der Untersturmführer erführe, daß man anfing, mit den Schupos Geschäfte zu machen, so würden alle„hops gehen“. Er ließ sich einen Bock bringen, auf dem man Holz sägte. Auf diesen Bock wurde Lufko so hingelegt, daß sich sein Rücken in der Mitte befand, wo man das Holz zum Sägen hinlegt, und der Kopf auf der anderen Seite herunterhing; dann band man seine Beine jeweils an ein Bockbein und die Arme an das dritte und vierte Bockbein. Daraufhin traten die SS-Männer der Reihe nach an Lufko heran, und jeder verabreichte ihm 10 Hiebe mit einem Ochsenziemer. Dann mußte ihm auch jeder Brigadier 10 Hiebe mit dem Ochsenziemer versetzen, einer mußte ihm sogar 20 Schläge geben— 10 für sich und 10 für den Scharführer Jelitko, der hinter dem Zaun stand. Nach diesen Schlägen begoß man Lufko mit kaltem Wasser, damit er wieder zu Bewußtsein kam, und band ihn vom Bock los. Wenn ein Mensch das alles aushalten konnte, mußte er schon wie aus Eisen sein. Lufko stand auf und ging mit schwankendem Schritt aus dem Lagerhof auf den Platz hinaus, der sich gegenüber der längeren Bunkerwand befand. Man befahl uns allen, uns nach dieser Seite umzudrehen, wo Lufko stand; etwa 30 Schritte von ihm entfernt stellten sich die SD-Män- ner mit dem Revolver in der Hand auf und schossen auf ihn. Zuerst gaben sie Schüsse auf seine Arme ab, dann in die Seite, aber Lufko stand immer noch und hielt sich auf den Beinen. 103 Sie gaben über zehn Schüsse auf ihn ab. Schließlich zog der Scharführer Jelitko den Revolver und gab ihm einen Schuß ins Herz. Erst dann fiel Lufko um und gab seinen Geist auf. Zwei Mann von uns trugen den Leichnam ins Feuer. 12. KAPITEL Die Teufel mit Hörnern. Die Mühle zum Knochenmahlen. Das Ende der Arbeit auf den Piaski. Verwischte Spuren Seit jener Geschichte mit Lufko fanden bei uns fortwährend Leibesvisitationen statt. Diese Durchsuchungen sahen fol- gendermaßen aus: Sobald wir von der Arbeit zum Mittag- essen kamen, noch bevor wir in den Bunker hineingingen, stellten wir uns wie zum Appell auf. Der Scharführer kam mit einem Sturmmann herein, und sie durchsuchten uns der Reihe nach. Es vergingen zwei Wochen, und der Untersturmführer kam vom Urlaub zurück. Er fand alles in Ordnung, denn über die Angelegenheit Lufko hatte man ihn nicht informiert. Er kam mit dem Gedanken, daß er hier für uns ebenfalls eine Musik haben müsse, damit sie uns verabschiede, wenn wir zur Arbeit hinausgingen, uns begrüße, wenn wir zurück- kamen, und auch an den Abenden für uns spielte. Wir hatten unter uns des öfteren davon gesprochen, daß dies alles nur zu dem Zweck gemacht würde, um unsere Köpfe zu beschäf- tigen, damit wir nicht an Flucht dächten. Damit wir über- haupt an nichts dächten. Der Untersturmführer gab auch den drei Sattlern, die in der Werkstatt für den Bedarf der Deutschen arbeiteten, den Be- fehl, für die beiden Brandmeister Mützen mit Hörnern— wie für richtige Teufel— anzufertigen. Von diesem Tage an schritten sie zu zweit an der Spitze der ganzen Brigade, gleich symbolischen Gestalten— schwarze Hörner auf dem 104 Kopf durch in sch Teufe ten ar der A Wie Asch! ner K Der| diese Masc fah mahl Masc ser gi stopft Luft} je=] Kopfe und Schürhaken in der Hand, mit denen sie das Feuer durchscharrten. Sie waren immer vomFeuerberußt, geschwärzt, in schwarzer„Verschalung“ und schwarzen Stiefeln. Richtige Teufel. Sie durften diese Tracht niemals ändern, und sie hat- ten auch eine ebensolche„Verschalung“ zum Umziehen nach der Arbeit. Wie ich schon erwähnte, blieb auf dem Arbeitsplatz der Aschkolonne in der großen Schlucht ein grauer Haufen klei- ner Knochen zurück, die sich nicht mehr zerschlagen ließen. Der Untersturmführer hatte auch daran gedacht, wie man diese Knochen zermahlen könne. Eines Tages wurde eine Maschine hergebracht. Sie sah aus wie eine Maschine zum Mahlen von Kies und wurde von einem kleinen Dieselmotor angetrieben. Sie besaß eine Art großen geschlossenen Kessel, in dessen Innerm Eisenkugeln waren. Dieser Kessel drehte sich, und die Kugeln zermalmten die Knochen, die man immerzu hineinschüttete. Auf einer Seite befand sich ein Sieb, welches das Pulver durchsiebte, dagegen wurden die gröberen Stücke weitergemahlen. Die zermahlenen Knochen bildeten ein ganz feines Pulver, das wie Luxusmehl oder grauer Puder aussah. Dieses Pulver wurde dann auf die Fel- der gestreut. Die Leute, die dabei arbeiteten, waren immer schwarz wie Mohren, weil dieses Pulver furchtbar staubte. Die Maschine mahlte sehr langsam. Um mit dem Knochen- mahlen bis zum 1. September fertig zu werden, arbeitete die Maschine von 5 Uhr morgens bis 9 Uhr abends. Infolge die- ser großen Beanspruchung war die Maschine immerzu ver- stopft, hingegen kam aus dem alten und geplatzten Motor Luft heraus. Ehe man ihn morgens in Betrieb gebracht hatte, vergingen immer einige Stunden, und einmal dauerte es sogar den ganzen Tag. In diesem Falle machte der Untersturm- führer das Experiment, die Knochenreste auf eine andere Art loszuwerden. Man versuchte, die kleinen Knochen auf den Äckern, die sich in der Nähe befanden und den Bauern 105 aus Holosk Maly gehörten, auszustreuen und das ganze Feld umzupflügen. Da jedoch bei einem solchen Säen die Spur nicht gänzlich verschwand, beschloß man in Ermangelung Die( eins anderen Auswegs, sich mit Geduld zu wappnen und zu zwei! warten, bis die Maschine alles zermahlen haben würde. zwi Am letzten Augustsonnabend hatte man die Arbeit beendet. Die z Alles war planiert und besät. Aber die letzte Brandstätte neuen blieb erhalten. Jeder von uns machte sich darüber seine Ge- danken, wozu sie noch gebraucht würde. Ob nicht vielleicht am Ende für uns? Die Arbeit war ja fertig, und von einem 2 Umzug auf eine neue Arbeitsstätte war nichts zu sehen. Oder In Er etwa für das Lager? Aber vielleicht sollte sie nur stehen Mär bleiben, bis die Aschkolonne ihre Arbeit beendet hatte? ins L Einstweilen säuberte man das ganze Gelände von allen Über- bleibseln. Das sah folgendermaßen aus: Außer der Asch- Jede kolonne stellten sich alle Brigaden, das heißt 80 Mann, mit in d Eimern in der Hand in einer Reihe in Abständen von 50 cm Gel; auf unserem Arbeitsgelände, auf der Landstraße und auf der sche dahinterliegenden Seite auf. Dort hatten wir zwar nicht ge- Geli arbeitet, aber der Wind konnte ein Stück Papier oder etwas wird anderes hingeweht haben. Die Männer gingen langsam vor- Aufs wärts und hoben alles, was auf der Erde lag, bis auf das letzte ist ve Streichholz und das kleinste Papierschnitzelchen auf. Gott wach ji sollte uns davor bewahren, daß jemand vom SD nach dem in de Absuchen dort durchging und ein Stück Papier oder einen Holz kleinen Fetzen anderen Abfalls fand! erzäh Die Säuberung des Geländes dauerte einen ganzen Tag. Es das F blieb nur noch der Platz zum Planieren übrig, auf dem die würd Aschkolonne zusammen mit der Maschine arbeitete, die ihre der U Arbeit noch immer nicht beendet hatte. Zirku In unserem Lager saßen jetzt alle tagelang herum. Nur zwan- sem? zig Mann gingen jeden Tag zur Bedienung der Maschine und angef zum Ausstreuen der von ihr gemahlenen Asche fort. Der Das 7 Untersturmführer hatte vom Urlaub auch eine Harmonika Arbei 106 und eine Geige mitgebracht, aber von den Musikern, die sich bei uns befanden, wollte keiner melden, daß er spielen könne. Die Geige und die Harmonika hängte man im Bunker an zwei Nägel und wartete auf bessere Zeiten. Man hatte auch zwei Zelte zur Ausbesserung zu unseren Sattlern gebracht. Die zwei Zelte waren für uns bestimmt, sie sollten auf der neuen Arbeitsstätte aufgestellt werden. 13. KAPITEL In Erwartung des Umzugs auf die neue Arbeitsstätte. Das Märchen vom„Zirkus“. Wer hat Zahnschmerzen? Ausflug ins Lager. Man bringt uns Frauen. Noch ein Grab Jeden Tag fuhren einige Männer auf die neue Arbeitsstätte in den Krzywickiwald. Sie stellten dort rings um das ganze Gelände herum Tafeln mit Aufschriften in polnischer, deut- scher und ukrainischer Sprache auf:„Das Betreten dieses Geländes ist verboten. In einer Entfernung von 100 Metern wird scharf geschossen.“ Es gab da auch eine Tafel mit der Aufschrift in drei Sprachen:„Das Betreten der Waldkultur ist verboten.“ Diese Stelle war nicht von den Deutschen be- wacht, sondern von einem Förster. Er wohnte bei der Einfahrt in den Wald. Als er die Vorbereitungen, das Anfahren von Holz sah, fragte er neugierig, was hier werden solle. Man erzählte ihm jedesmal, daß ein Zirkus hierherkäme und man das Holz benötige, weil hier Künstler durchs Feuer springen würden. Die Tafeln seien erforderlich, damit die Leute aus der Umgebung nicht das ganze Material stählen, bevor der Zirkus einträfe. Ihm selbst hatten sie gesagt, daß er in die- sem Zirkus als Ordner arbeiten würde und vorläufig für das angefahrene Material verantwortlich sei. Das Thema unseres Gesprächs im Bunker war nun die neue Arbeitsstätte und das Aussehen der Straße. Jedesmal, wenn 107 die auf dem neuen Arbeitsplatz Beschäftigten zurückkamen, versammelten sich alle um sie herum und fragten sie aus, wie die Straßen aussahen, durch welche sie gefahren waren, und wie die neue Stelle beschaffen war. Später sprachen wir unter- einander des breiten über dieses Thema. Denn worüber hätte man hier sonst auch miteinander sprechen können? In der gleichen Zeit gab der Hauptscharführer eines Tages beim Appell bekannt, daß derjenige, der an Zahnschmerzen leide, sich morgen früh anständig anziehen und beim Appell melden solle; er würde dann zum Lager ins Krankenhaus fahren, um sich die Zähne ziehen oder in Ordnung bringen zu lassen. Dabei betonte er, daß derjenige, der sich morgen beim Appell nicht melde, ein andermal nicht mehr würde fahren können. Am folgenden Tage beim Appell meldeten sich von den vielen, die an Zahnschmerzen litten, nur drei Mann, denen die Schmerzen schon dermaßen zusetzten, daß sie lieber ihr Leben riskieren wollten, als sich noch länger herumzuquälen. Die anderen, die die bekannten Streiche mit dem„Krankenhaus“ befürchteten, meldeten sich nicht. Als die drei am Morgen vorgetreten waren, rief der Hauptschar- führer noch einen gewissen Rabbiner Dr. Schönfeld, der sich bei uns befand, und Herches heraus. Sie stiegen aufs Auto, wie gewöhnlich, wenn es ins„Krankenhaus“ gehen sollte, fuhren aber diesmal nicht in die Todesschlucht, sondern in ein richtiges Krankenhaus, das zum Lager gehörte. Unsere Kameraden kamen aus dem Krankenhaus zurück und brachten gleichzeitig das Mittagessen mit. Sie freuten sich sehr, daß sie wenigstens noch einmal im Leben ihre Ange- hörigen gesehen hatten. Kaum daß sie in den Bunker kamen, zerfiel unser Lager in fünf Gruppen, und jede Gruppe um- zingelte einen von denen, die aus dem Krankenhaus gekom- men waren. Auch ich gehörte zu so einer Gruppe. Der Kame- rad begann zu erzählen. Zuerst waren sie ins Krankenhaus gefahren. 108 Als höre viel dene „Wi Ordı esseı pack Ordı auf Sog jem; erk, Tette Das Lagerkrankenhaus befand sich nicht im Konzentrations- lager selbst, sondern in einem Gebäude, in dem zuerst das Haus für Unheilbare untergebracht gewesen war. Dort waren sie zu einem Zahnarzt gegangen. Sie hatten sich in keiner anderen Sprache als nur deutsch unterhalten dürfen; der Hauptscharführer war mit ihnen hineingegangen. Beim An- blick des Hauptscharführers aus der Mannschaft bekannter Mörder hatte dort der Zahnarzt voller Angst jedem der Reihe nach schnell die Zähne gezogen, ohne groß darauf zu achten, ob es die Zähne waren, die wehtaten, oder andere. Er hatte diese Patienten so schnell wie möglich hinter der Tür wissen wollen. Als sie herauskamen, hatten sie sich aufs Auto gesetzt und waren ins Lager gefahren. Der Hauptschar- führer hatte ihnen eingeschärft, für den Fall, daß jemand im Lager sie fragen sollte— gleichgültig, ob es jemand von uns oder von den Schupos oder vom SD wäre, ja selbst wenn der Untersturmführer fragen würde—, wo sie gewesen seien, sollten sie antworten, nur im Krankenhaus. Gott behüte, daß der Untersturmführer erführe, er habe sie ins Lager mitge- nommen! Als der Erzähler zu diesem Punkt kam, machte jeder Zu- hörer den Mund auf vor Neugier, denn alle wollten möglichst viel darüber hören, wie es bei ihren Nächsten aussah, außer denen wir niemanden mehr auf der Welt besaßen. „Wir fuhren direkt in die Küche. Im Lager war niemand als Ordner und Lagerpolizisten. Hier luden sie uns das Mittag- essen auf, und ihr Oberjude Orland gab uns zehn Hunderter- packungen Zigaretten. Sie wissen alle, wo wir sind. Als die Ordner und Lagerpolizisten unser Auto bemerkten und uns auf dem Auto sahen, liefen sie fort, um sich zu verstecken, sogar Orland selbst. Sie glaubten, wir wären gekommen, um jemanden in unsere Brigade mitzunehmen. Sie riefen Orland, er kam und hielt in der Hand 10 Hunderterpackungen Ziga- retten, als wenn er sich damit von uns loskaufen wollte. Von 109 der Küche fuhren wir zur Schneiderwerkstatt, und der Haupt- sturmführer nahm Schönfeld mit in die Schneiderei hinein. Wir haben es überhaupt nur Schönfeld zu verdanken, daß wir hingefahren sind, denn der Brigadier der Schneider ist sein guter Bekannter; und weil der Hauptscharführer sich in der Werkstatt Sachen nähen ließ, hatte ihn der Brigadier ge- beten, Schönfeld sehen zu dürfen. Er war seiner Bitte nachge- kommen und brachte ihn hin.“ Nachher war der Hauptscharführer auf Bitten von Herches mit ihm in die DAW gegangen, und so hatte Herches mit seiner Mutter und seiner Frau gesprochen. Seit dieser Zeit fuhr man von uns ziemlich häufig ins Lager, angeblich ins Krankenhaus. Was uns der Untersturmführer zu besorgen versprach, das besorgte er. Er wollte uns noch Frauen besorgen. Da der Untersturmführer immerzu fragte, was uns noch fehle, wollten wir ihm zeigen, daß wir sehr zufrieden seien und antworteten ihm immer:„Es werden so hübsche Frauen ins Feuer gebracht. Wenn man sie zu uns gäbe, würden sie hier als Aufräumerinnen arbeiten können, uns die Wäsche waschen, die Küche besorgen, überhaupt alles tun, und wir hätten Frauen.“ So hätte man wenigstens vorderhand einige Frauen gerettet, und was später würde? Solange man die Augen auf hatte, solange hatte man die Hoffnung— vielleicht gelang es uns, dem Tode zu entrinnen. Genauso wie die Italiener kapitulier- ten, konnte es mit den Deutschen passieren. Und eben heute, am Donnerstag, dem 26. August, hielt an dem Zelt der Schupos ein Auto mit 24 Frauen. Man wartete auf den Befehl des Untersturmführers, der jeden Augenblick kommen sollte. Plötzlich hörten wir Schüsse eines Schupos. Das Auto drehte um und fuhr in Richtung auf die unpla- nierte Brandstelle. Nach Ablauf einer halben Stunde rief man einen Brandmeister und seinen Gehilfen zusammen mit 110 vier T kamen eines$ chen it sten M im La; Vergni gewest mit ih gezwul Zeuge blick und! wolle stum der/ hier\ mehr Schüs eröfft unwil vier Trägern heraus. Nach Verlauf von einer Viertelstunde kamen alle so nervös zurück wie noch nie. Aus dem Munde eines Schupos erfuhren wir die Wahrheit. Es waren 24 Mäd- chen im Alter von 17 bis 24 Jahren. Das waren die hübsche- sten Mädchen vom ganzen Lager. Gestern hatten die SS-Leute im Lager für sich ein Vergnügen veranstaltet. Bei diesem Vergnügen waren auf Befehl der SS-Leute auch die Mädchen gewesen, was streng verboten war. Sie amüsierten sich dort mit ihnen bis zum Morgen. Nach dem Vergnügen, zu dem sie gezwungen wurden, hatte man sie, zwecks Beseitigung von Zeugen, auf die Piaski gebracht. Hier hatte man sie im Hin- blick auf ihre Jugend und Gesundheit als Aufwärterinnen und Aufräumerinnen für uns und für die Schupo behalten wollen. Als jedoch das Auto dagestanden und auf den Unter- sturmführer gewartet hatte, war eines von den Mädchen, in der Absicht zu fliehen, vom Auto heruntergesprungen. Aber hier war es schon zu spät. Wer hierher gelangte, kam nicht mehr lebendig heraus. Im selben Moment war sie durch Schüsse gefallen. Die Schupos hatten sofort ein Sperrfeuer eröffnet; und da der Hauptscharführer gesehen hatte, daß es unwillige Mädchen waren, die lieber den Tod wollten als das hiesige Leben, hatte er sofort Befehl gegeben, mit ihnen ins Feuer zu fahren. Die Maschine hatte das Mahlen der Knochenreste be- endet, und wir begannen nunmehr alles zum Umzug einzu- packen. In diesen Tagen kam eines Nachmittags ein Scharführer in unser Lager und befahl, eine Brigade von 50 Mann zu bilden und Stechspaten mitzunehmen. Wir gingen den Weg, den wir täglich aus dem Todesgefängnis gegangen waren. Wir gingen in Richtung auf das Lager. Dort, in der Nähe des Lagerwaschraumes, an dem Turm mit den Askars, hielt uns der Scharführer an und sagte, mit dem Fin- ger auf eine Stelle zeigend, daß da zwei Gräber sein müßten. 111 Es waren jene zwei Gräber, vor denen ich im vergangenen Jahr am 8. Juni zusammen mit einer Gruppe von 180 Men- schen nackt gestanden hatte. Es hatte nicht viel gefehlt, daß man hier heute auch mich ausgegraben hätte. Als die Leute aus dem Lager sahen, daß unsere Brigade in ihrer Richtung ging, verbargen sie sich in den Baracken, und wir sangen marschierend. Es war uns peinlich, daß man sich vor uns fürchtete. So schrecklich sahen wir doch wohl nicht aus? Es waren unsere zwei Brandmeister, die eine solche’ Bestürzung hervorriefen; denn in ihren Mützen mit Hörnern auf dem Kopf und mit den Haken in der Hand sahen sie wie regel- rechte Teufel aus. Wir machten uns an die Arbeit. Zuerst errichteten wir vor dem Lagerzaun eine 4 Meter hohe Bretterwand, damit man vom Lager aus nicht sah, was wir hier taten. Heute fingen wir die Ausgrabung nur an. Wir warfen noch nicht einmal die Hälfte der Erde heraus, wie es nötig gewesen wäre, um auf die Leichen zu stoßen. Nach unserem Weggehen blieben zwei Schupos als Wache zurück. Bis jetzt hatten hier Askars ge- standen, die im Lager Wache hielten, aber nun war hier der Zutritt auch den Askars verboten. Am anderen Tage gingen wir zur Arbeit, kaum daß es zu dämmern begann. Im Lager waren noch nicht alle zur Arbeit gegangen. Man hatte alle Lagerpolizisten aufgestellt, die aufpassen sollten, daß keiner aus den Baracken herauskam, bevor wir auf dem Arbeitsplatz angelangt waren. Mittags waren bereits alle Leichen herausgezogen, man zün- dete sie hier auf einer planierten Brandstelle an und schüttete die beiden Gräber wieder zu. Die Leichen hatten schichten- weise gelegen, zwischen jeder Schicht Leichen hatte sich eine Schicht Erde befunden. Obwohl hier die Erde im allgemeinen trocken war, lagen dennoch die Knochen schon ziemlich frei, weil die Körper nackt waren. Nackte Gebeine erlagen der Zersetzung schneller als angekleidete, und die Leichen, die 112 sich an ten eh Jagen. Hier W Knoche beit sd zu setz Deswe; nicht V Mit di lände| 14. KAP Der L die St ganısı Es wa hatte hatten eingep bracht hinter 20 Ma Zelte; Umspat hiesige ganze Wo daß ich Am N. Innerh planie, sich an den Grabwänden oder ganz zuunterst befanden, faul- ten eher als die, die in der Mitte zwischen anderen Leichen lagen. Hier waren 275 Leichen. Es entstand die Schwierigkeit, die Knochenreste zu beseitigen. Die Aschkolonne hatte ihre Ar- beit schon beendet, und die Brigade von neuem in Bewegung zu setzen, war keine Zeit mehr, weil wir umziehen sollten. Deswegen hatte man eine tiefe Grube ausgehoben und die nicht verbrannten Knochen vergraben. Mit diesem Grab war unsere Arbeit auf dem hiesigen Ge- lände beendet. 14. KAPITEL Der Unizug. Die Gedanken eines Juden bei der Fahrt durch die Stadt. Im Krzywickiwald. Das neue Lager und seine Or- ganisation Es war am Dienstag, dem 7. September. Um 5 Uhr morgens hatte man alle aus der Baracke hinausgetrieben. Vorher hatten wir wie Soldaten unsere Sachen ordentlich in Decken eingepackt, die uns in den letzten Tagen aus dem Lager ge- bracht worden waren. Diese Pakete legten wir reihenweise hinter dem Zaun unseres Hofes nieder. Eine Gruppe, die aus 20 Mann bestand, fuhr auf die neue Arbeitsstätte, um dort Zelte aufzustellen und den Lagerplatz mit Stacheldraht zu umspannen. Die übrigen blieben an Ort und Stelle, um den hiesigen Bunker mit der Umzäunung abzureißen und das ganze Gelände zu planieren. Als ich hier zum erstenmal vor 12 Wochen erschienen war, hatte ich bestimmt nicht erwartet, daß ich diesen Bunker selbst auseinandernehmen würde. Am Nachmittag waren der Bunker und die Drähte beseitigt. Innerhalb von zwei Stunden war das ganze Gelände fertig- planiert. Die Hügel hatten wieder ihr früheres Aussehen. 8 F 18/58 113 Unterdessen fuhren die Autos, von denen es heute zwei gab, fortwährend hin und her und brachten das Material auf die neue Stelle. Als wir die Arbeit beendet hatten, säuberte die ganze Brigade noch das Gelände rings um den Bunker und beseitigte die letzten Reste und Abfälle von unserem Lager. Nun begann der Transport. Unter einer Eskorte von fünf Schupos fuhren jeweils 20 Mann auf einem Auto zu der neuen Arbeitsstätte. Ich selbst fuhr als Brigadier mit dem vorletzten Auto und saß seitwärts auf dem Wagen, die anderen Männer saßen zu fünft, wobei einer den anderen unterhaken mußte. Aber auch mir war es nicht gestattet, mich zu erheben oder auf die Straße zu sehen. Ich mußte mit gesenktem Kopf sitzen wie alle anderen. Vor den Augen huschten hohe Häuser und freie Menschen vor- über. Mir gingen verschiedene Gedanken durch den Kopf. Ach wie glücklich sind doch diese Menschen! Sie können in der Stadt spazierengehen, frei und unbefangen. Wie glück- lich ist doch dieser Mann, dem ein Bein fehlt, der hier an der Kirche sitzt und die Hand nach Almosen ausstreckt. Er hat nicht immerfort Leichen und den Tod vor Augen wie wir. Er hat das Recht, mit seinen Angehörigen zusammenzusein. Wenn man so einen Herrn wie diesen, der hier jetzt, den Stock in der Hand, mit seiner Frau und seinen zwei Kindern spazierengeht, fragte, ob er glücklich sei, würde er vielleicht nein antworten. Vielleicht möchte er ein größeres Vermögen besitzen, oder er wünschte sich, eine Frau zu haben, in die er sehr verliebt wäre. Er weiß selber nicht, wie glücklich er sich zu preisen hat, sofern er nur die Freiheit besitzt und mit seinen Nächsten zusammen ist. Man braucht sich über ihn nicht zu wundern, da auch ich selbst nicht wußte, wie glück- lich ich mich zu schätzen hatte, als ich noch frei war. Ich kann nicht mehr glücklich werden, denn ich habe alles, was einem am liebsten ist, verloren. Davon kann gar keine Rede sein, in diesem Augenblick vom Auto herunterzuspringen, denn 114 wir Wi Schrit ergrei Bin ic habt? statt 2 danke Mit ı kows! näher Schon kenn gang hera über umg selbs ware deri den Kom: Von den I gung, fernt, dieser des ur Hier a führte stellt, Poster ein)) Wodh die$ ıF wir werden scharf bewacht, und außerdem— wohin ich meine Schritte auch lenken mag, man wird mich als Juden sofort ergreifen. Ach Gott, womit habe ich mich so sehr vergangen? Bin ich denn aus Stein, habe ich denn nie eine Mutter ge- habt? Gott, konntest du mich denn nicht selbst bestrafen, statt mich in die Hände von Mördern zu geben? Solche Ge- danken spann ich, als ich in dem dahinjagenden Auto saß. Mit rasender Geschwindigkeit passierten wir die Lycza- kowskastraße, bogen in die Gliniansker Landstraße ab und näherten uns dem Krzywickiwald. Schon auf der Gliniansker Landstraße konnte man er- kennen, daß hier eine gewisse Veränderung vor sich ge- gangen war. Aus den Fenstern der Häuser sahen Schupos heraus. Sie hatten die Wohnungen in den besseren Häusern übernommen, die näher am Wald lagen, und waren hierher umgezogen. Sie mußten ja in unserer Nähe wohnen, denn selbst in der Nacht, wenn sie bei uns keinen Dienst hatten, waren sie auch wachsam, und wenn sie einen Schuß hörten, der in der Nacht das Signal für Gefahr war, mußten alle auf den Beinen sein. Sie gehörten zu unserem Kommando. Unser Kommando trug die Bezeichnung„Sonderkommando 1005“. Von der Gliniansker Landstraße bogen wir nach rechts auf den Weg ab, den man nach Lesienic fährt. Unweit der Bie- gung, etwas über zehn Meter vom dortigen Schlachthaus ent- fernt, begann der Wald. Wie ich schon bemerkt hatte, war dieser Wald mit Tafeln umstellt, die das Betreten des Gelän- des untersagten. In diesem Walde sollten wir arbeiten. Hier an der Landstraße begann ein Weg, der durch den Wald führte. An diesem Weg hatte man einen Schlagbaum aufge- stellt, und beim Schlagbaum stand bereits ein deutscher Posten. Daneben sah man im Garten ein einstöckiges Haus, ein privates Landhaus. In diesem Hause, das in der letzten Woche ein Zivilist verlassen mußte, war jetzt die Küche für die Schupo untergebracht. Im selben Haus wohnte auch der ıF 115 Chef der Schupo, der hier an Stelle des Oberleutnants die Funktion des Abteilungschefs versah. Von hier aus sah man unsere Zelte, die von weitem tatsäch- lich so aussahen, als gehörten sie zu einem Zirkus. Wir stiegen aus und gingen den Weg bergan. Ungefähr 200 Meter vom Weg entfernt befand sich ein Platz, auf dem mit Stacheldraht umzäunte Zelte standen. Es gab zwei sol- cher Einzäunungen, die etwa /a Meter voneinander entfernt waren. Die Umzäunungen waren dicht mit Stacheldraht durchflochten. Die erste Umzäunung war mit der zweiten ebenfalls durch Stacheldraht verbunden. Ihre Höhe betrug drei Meter. Der Platz war 32 m lang und 20 m breit. Auf zwei einander gegenüberliegenden Seiten standen Wachhäus- chen, in denen sich die Schupos bei Regen unterstellten. Dem Weg gegenüber befand sich eine Pforte, auf der gegenüber- liegenden Seite eine andere. Die Zelte waren auf der Weg- seite von den Drähten etwa 2 m entfernt. Ebenso betrug die Entfernung der Zelte voneinander 2 m. Der Ausgang war der Pforte zugekehrt. Auf der linken Seite betrug die Entfernung des Zeltes von den Drähten 4m. Auf diesem Platz wurde später das Holz abgeladen und gespalten, das zum Anlegen der Scheiterhaufen erforderlich war. Hier sägte man auch das Holz für die Schupos. Ich werde ausführlich beschreiben, wie das neue Lager und seine Organisation aussah. Gegenüber dem Eingang befanden sich die Küche sowie Bänke mit Waschschüsseln. Jedes Zelt hatte eine Länge von 9m und eine Breite von 6m. In einem Zelt wohnten 80 Mann, der Rest dagegen in dem anderen, das nur für die „Suite“, Fachmänner, Ordner und einige Arbeiter der Asch- kolonne bestimmt war, das heißt für Leute, die überwiegend keine unmittelbare Berührung mit den Leichen hatten. Ein Drittel des zweiten Zeltes nahm eine Werkstatt ein, die von dem übrigen Teil des Zeltes durch eine Wand getrennt war. 116 An d stöck Wir! Hofe: durch Der! einer Diese scheit Fabri Kamı Dutz gege Wä 1 der An den Wänden der Zelte standen auf beiden Seiten ein- stöckige Pritschen, in der Mitte war ein Tisch und eine Bank. Wir hatten hier auch elektrisches Licht. Auf allen Seiten des Hofes befanden sich Scheinwerfer, die die ganze Nacht hin- durch brannten. Der Baracke gegenüber erhob sich auf der anderen Seite in einer Entfernung von ungefähr 10 m ein Berg weißen Sandes. Dieser Berg, der sehr hoch war, bildete eine höchstwahr- scheinlich absichtlich ausgesuchte Abschirmung für unsere Fabrik, die Menschen in Asche verwandelte. Direkt auf dem Kamm der Anhöhe befanden sich zwei Bunker, die einige Dutzend Meter voneinander entfernt waren. Der eine lag gegenüber unserem Zelt, der andere dagegen näher an den Wäldern, gegenüber den Gräbern. Der Bunker befand sich in der Erde und hatte die Ausmaße von 2 mal 2'/a m. Er war in zwei Teile eingeteilt. In dem einen befanden sich Betten, in dem anderen wiederum Munition, das heißt Handgranaten und Patronen für Maschinengewehre, deren Läufe auf unser Lager gerichtet waren. Auf dem Berge hatten sie auch Schein- werfer, die zum Zeichen der Wachsamkeit jede halbe Stunde ein Signal mit blauem Licht gaben. In jedem Bunker führten vier Schupos ständigen Dienst durch. Zwei schliefen, einer saß im Bunker am Telefon, und einer ging in einer Entfernung von etwa 50 Metern vom Bunker.hin und her. Außer diesen zwei Schupos, die hier Wache hielten und sich alle zwei Stun- den ablösten, gingen die ganze Nacht hindurch sogenannte Streifen umher, das heißt zwei Schupos, die das ganze Gelände erkundeten und alle halbe Stunde hierher zurückkamen. Auf dem Platz, der sich zwischen dem Berg und unserem Lager befand, stand die Maschine zum Knochenmahlen, neben ihr war ein Platz planiert, auf dem die Aschkolonne arbeiten sollte. Hier würde man sich nicht mehr mit dem Zerkleinern der Knochen quälen müssen, denn die Maschine würde alles zermahlen. Weil gleichzeitig mit unserer Ankunft von der Arbeit die Nacht hereinbrach, erlaubten sie uns, bis& Uhr auf dem Lagerplatz umherzugehen. Nach 8 Uhr abends durfte man sich ohne Begründung nicht auf dem Hof zeigen. Auf der einen Seite des Zeltes war die Tür geschlossen, an der an- deren Tür dagegen standen in beiden Zelten aus unserer Mitte gewählte Lagerpolizisten, die jeden von uns, der aus- treten ging, den Schupos meldeten. Außer mit einer Maschinenpistole und 200 Patronen waren die Schupos auch mit Handgranaten bewaffnet. Um 9 Uhr ging in den Zelten das Licht aus, und jeder mußte entkleidet auf seinem Lager liegen. In einer Entfernung von 25 m von unserem Lager in der Richtung auf den Weg befand sich ein Zelt für die Schupos, das auch den Munitionsvorrat enthielt. 15. KAPITEL Neue Gräber, neue„Figuren“. Der Handel mit den Schupos blüht. Wir bekommen einen Musiker. Widersprechende Ge- rüchte von der Fahrt der Brigade in die Provinz. Abendliche Spaziergänge, Geflüster, Fluchtpläne Am Donnerstag, dem 9. September, gingen wir zur Arbeit hinaus. Zwischen dem Lager und dem Berg begannen, etwa 30 m von unserem Lager entfernt, nach dem dichten Wald zu die Massengräber, eines neben dem anderen. Die Leichen lagen hier schon ziemlich lange, das heißt über ein Jahr. In manchen Gräbern befand sich auf den Leichen mit Erde be- decktes Gepäck mit Betten, Wäsche, Kleidung usw. Das Ge- päck wies darauf hin, daß man diese Opfer bei der Dezember- aktion 1941 an der„Todesbrücke“! mitgenommen hatte. 4 Die Eisenbahnbrücke über der Zamarstynowskastraße, unter der während des Umzugs in den jüdischen Stadtbezirk Scharen der jüdischen Bevölkerung mit 118 Auf| such, der H fielen hatte Unse des l beit f ausge f Ihren brüd Auf Befehl des Untersturmführers machte man einen Ver- such, die Leichen auf Eisenrosten zu verbrennen, aber infolge der Hitze und der Last bog sich das Eisen, und die Leichen fielen auf die Erde. Deshalb legte man bereits das nächste Feuer wieder nach demselben System an wie früher auf den Piaski. Hier wurde bei der Verbrennung überhaupt kein Öl mehr benutzt. Man errichtete Scheiterhaufen aus 2000 und mehr„Figuren“. Wie ich bereits erwähnte, wurden die Lei- chen von den Deutschen ständig so bezeichnet. Uns selbst riefen sie auch nicht anders als„Figuren“. Sie sagten zum Beispiel:„Zehn Figuren heraustreten!“ Meistens zündete man die Scheiterhaufen am Sonnabend an. Die vollständige Verbrennung eines Scheiterhaufens dauerte mindestens bis zum folgenden Mittwoch. Fünf Wochen waren vergangen. Wir besaßen nunmehr einen Musiker, den der Untersturm- führer hergebracht hatte. Er spielte abends nach der Beendi- gung der Arbeit auf der Geige. Die Werkstatt, die uns und die Schupos betreute, beschäftigte 3 Schneider, 5 Sattler, 5 Schuhmacher und 3 Tischler. Die Schupos fingen schon an, in ihren Zimmern zu heizen. Bei uns wurde für sie das Holz gesägt und gehackt. Abends gingen wir in die von ihnen besetzten Häuser, um ihnen das Holz hinzubringen. Dank diesem Umstand blühte der Han- del. In Hause gab es außer ihnen keinen Deutschen, daher hatten jetzt weder sie noch wir Angst, Handel zu treiben. Unsere Arbeit war der Beendigung nahe. Nach den Worten des Untersturmführers sollten wir nach Stanistawöw zur Ar- beit fahren; weil der Winter nahte, war sogar schon der Plan ausgearbeitet, wie wir dort wohnen würden. Dagegen sollten ihrem Hab und Gut hindurchgehen mußten, wurde von den Juden die„Todes- brücke“ genannt. Der Umzug fand im November und Dezember statt, und bei dieser Gelegenheit führte die deutsche Polizei eine größere Aktion durch, wäh- rend der, unter dem Vorwand, sie seien arbeitsunfähig, mehrere Tausend Opfer, hauptsächlich Frauen, ergriffen und zur Hinrichtung abtransportiert wurden. 119 wir gemäß den Worten des Scharführers nach Zloczöw und nach der Mitteilung der Schupos wieder nach Grödek Jagiel- lonski fahren. Aber wenn man überallhin fahren sollte, dann bedeutete es, daß wir nirgendwohin fuhren, sondern ins Feuer kamen. Auf dem Hof sah man abends, wie die Männer untergehakt scheinbar harmlos spazierengingen und einer dem anderen etwas ins Ohr flüsterte. Wenn sie an einem Schupo vorbei- kamen, wechselten sie das Thema ihrer Unterhaltung und sprachen zum Schein laut über Frauen und Essen. Diese Leute schmiedeten Pläne, wie man fliehen und sich von hier retten könne. So gingen sie umher, begaben sich nach einigen Mi- nuten ins Zelt, wo unser Musiker auf der Geige spielte, begleiteten ihn zum Schein eine Weile mit Gesang, denn man mußte den Schupos doch zeigen, daß wir fröhlich waren. Nach einigen Minuten gingen sie wieder hinaus und umkreisten so im Spaziergang einige Male die Zelte. Dann nahte die achte Stunde— der Appell, und alle gingen schlafen. Das Hauptziel dieser Männer war, die hiesige„Suite“ auf den Gedanken zu bringen, daß die letzte Stunde geschlagen habe und man wählen müsse— Leben oder Tod. Namentlich Herches, der Leiter der„Suite“, der Mutter und Frau im Lager hatte, verschob den Termin der Flucht von einem Tag auf den anderen. Er sagte, daß noch Zeit sei, aber er tat es deshalb, wie wir annahmen, weil er mit dem Augenblick seiner Flucht Mutter und Frau verlöre, von denen der Unter- sturmführer wußte, daß sie im Lager waren. Er wartete daher, denn er wollte bei der nächsten Gelegenheit, sobald er wie- der einmal ins Lager fuhr, seine Mutter und seine Frau auf- fordern, aus dem Lager zu fliehen; dann würde auch er mit reinem Gewissen an eine Flucht denken können. Da man Herches’ Zaudern gesehen hatte, begannen einige aus unserer Brigade eine Flucht ohne die„Suite“ zu planen. Sie wollten bereits eines Samstagabends flüchten, aber die„Suite“, die 120 von! mögli der a hung denke Die$ ginge verlo von ihrem Plan erfahren hatte, machte ihnen die Flucht un- möglich, und am Sonntag wurde ihnen auf der Sitzung, auf der alle anwesend waren, die fliehen wollten, unter Andro- hung der Todesstrafe verboten, an eine separate Rettung zu denken. Die Spaziergänge hörten auf. Wenn wir aneinander vorbei- gingen, warfen wir uns nur leise die Worte zu:„Wir werden verloren sein, und zwar in den nächsten Tagen.“ Wie sich jedoch später zeigte, hatte die„Suite“ selbst auch eine Flucht geplant, und zwar für alle. Aber um nicht den Wolf aus dem Walde zu rufen, hielt sie diese Pläne geheim. 16: KAPITEL Unter den Rüben. Prof. Bartel und andere. Anfuhr der Leichen aus dem Lwöwer Bezirk Am Freitag, dem 8. Oktober, beendeten wir die Arbeit an dieser Stelle. Der letzte Scheiterhaufen war fertig, es waren über 2000 Leichen darauf. Als Arbeit war nur noch das Aus- brennen dieses Scheiterhaufens und das Planieren einiger Gräber verblieben. An diesem Tage erhielt Herches den Be- fehl, für eine Fahrt um 8 Uhr abends eine Gruppe aus den besten zwanzig Arbeitern zu bilden. Seit wir hier waren, passierte es zum erstenmal, daß wir auf einen Arbeitsplatz gehen sollten, der sich außerhalb unseres Geländes befand. Wir warteten alle mit Ungeduld auf acht Uhr. Um 7.30 fuhren zwei Lastkraftwagen, ein Auto für die Schupo und ein Auto mit SD-Leuten mit dem Untersturmführer an der Spitze vor. Einer der beiden Lastwagen sah wie ein Kühl- wagen aus. In dieses Auto luden wir die Geräte ein, das heißt Spaten und Haken zum Herausziehen von Leichen sowie Rechen und Samen. Zum Schluß stiegen wir selbst in dieses Auto ein, man schloß die Tür hinter uns zu, und das 121 Auto setzte sich in Bewegung. Vor unserem Wagen fuhr das Auto des SD, hinter uns das Auto mit den Schupos und dahinter der zweite Lastkraftwagen, auf dem sich Scheinwer- fer befanden. Wir fuhren nach Wölka, als das Auto plötzlich anhielt. Vier Mann von uns mußten heruntersteigen, man befahl ihren, die Scheinwerfer abzuladen und rings um den Arbeitsplatz aufzustellen. Inzwischen umstellten die Schupos das ganze Gelände. Ich konnte nicht genau sagen, wo das war, aber wenn Gott es gäbe, daß wir freikämen, dann würde ich an diese Stelle gehen und sie bestimmt wiederfinden und er- kennen, weil ich ja das genaue Bild des ganzen Geländes vor Augen habe. Auf einem Felde, auf dem Rüben gepflanzt waren(kein gro- Bes Stück), und von dem aus in der Ferne Reihen dreistöcki- ger Landhäuser zu sehen waren, fingen wir an, die Rüben herauszureißen und zu graben. Die Erde war locker, so daß wir anfangs sicher waren, dort ein Grab vorzufinden. Viel- leicht hatte dort einmal ein Gebäude gestanden, das abge- rissen worden war, denn wir stießen auf Ziegelstücke. Aber als wir in eine Tiefe von mehr als zwei Metern gelangten und die Erde von neuem hart wurde, fuhr der Scharführer in die Dienststelle und kam nach einer halben Stunde mit einem SD-Mann zurück, der wußte, wo sich die Leichen befanden. Er führte uns an eine andere Stelle. Neun Mann von uns gingen nun an die andere Stelle, und die anderen zehn Mann blieben: zurück, um die unnötig ausgehobene Grube wieder zuzuschütten. Die Grube schütteten wir zu, aber die Rüben pflanzten wir nicht wieder ein. Der Landwirt dankte sicher am nächsten Morgen Gott, daß jemand die Diebe verscheucht hatte, die ihm die Rüben stehlen wollten... Die neue Stelle befand sich ungefähr 30 m weiter. Das Ge- lände war wellenförmig. Unweit von hier war ein Weg zu sehen, und daneben lag eine Schlucht. Hier, auf einem runden 122 Fleckd ben w' stunde irgend waren zügen man di Leiche uhren da. Ei Reifen Das( Leiche den K viel( aber: wese und P in das und bi Diejer aman abun. er, De die A: Bartel, Zählu "Nach il Fleckchen Boden von ungefähr 2 Meter Durchmesser, blie- ben wir stehen, begannen zu graben, und nach einer Viertel- stunde waren Leichen zu sehen. Wir erkannten sofort, daß es irgendwelche prominenten Leute gewesen seinmußten. Einige waren in Gesellschaftskleidung, andere wiederum in An- zügen aus teurem Stoff. Obwohl sie vermodert waren, konnte man die gute Qualität erkennen. Kaum hatten wir die ersten Leichen aufgehoben, lagen auch schon zwei goldene Taschen- uhren mit Ketten und ein goldener Watermannfederhalter da. Ein Füllfederhalter trug einen goldenen, 1 cm breiten Reifen mit dem eingravierten Namen des Eigentümers. Das Grab war nicht tief— kaum einen Meter, so daß die Leichen nach einer halben Stunde herausgenommen und in den Kühlwagen verladen waren. Ich weiß nicht genau, wie- viel Getötete es waren, weil man sie hier nicht gezählt hatte, aber der Schätzung nach mußten es ungefähr über dreißig ge- wesen sein. Nach einigen Minuten war das Grab zugeschüttet und planiert. Nachdem man uns gezählt hatte, stiegen wir in das Auto, in dem vorher die Scheinwerfer gewesen waren, und befanden uns schon um 11.30 wieder in unserem Zelt. Diejenigen, die in der Nacht hinausgefahren waren, hatten am anderen Tage frei, die anderen dagegen luden die Leichen ab und trugen sie auf den Scheiterhaufen. Die Leichenschich- ter, neugierig, wer diese Herren sein mochten, zogen ihnen die Ausweise aus den Taschen, die ergaben, daß es Prof. Bartel, Dr. Ostrowski, Prof. Stözek und andere waren. Laut Zählung der Bedienung waren es 38 Personen!. i Nach ihrem Einmarsch in Lwöw am 29. Juni 1941 verhafteten die Deutschen am Freitag, dem 4. Juli: Prof. Kazimierz Bartel, Tadeusz Boy-Zeleäski, Antoni Cieszynski, Wladystaw Dobrzanieci, Jan Grek mit Frau, Jerzy Grzedzielski, Henryk Hilarowicz, den Geistlihen Komoricki, Wlodzimierz Krukowski, Roman Longchamps de Berier mit drei Söhnen, Antoni Lomnici, Stanislaw Malczewski, Witold Nowicki mit seinem Sohn, Ostern, Tadeusz Ostrowski mit Frau, Stanislaw Pilat, Roman Recki, Stanistaw Roch mit Familie, Wlodzimierz Sieradzki, Kasper Bajgiel, Roman Witkiewicz und andere, die nah Wölka gebracht und erschossen wurden. Damals kamen insgesamt 38 Personen um. 123 Am Sonnabend, dem 9. Oktober, wurde der Scheiterhaufen angezündet, der über 2000 Leichen zählte, darunter die Gebeine von Dutzenden der besten Söhne Polens. Auf diesen Tag fiel Jom Kippur(das Fest des Versöhnungstages), und viele unserer Leute fasteten. Nach der Fahrt nach Wölka fuhren 40 Personen zur Arbeit nach Jaryczöw. Ich weiß nicht, an welcher Stelle man dort Leichen ausgrub, ich weiß nur, daß es im Walde war. Auch hier lud man die Leichen in den Kühlwagen und brachte sie zu uns. So fuhren wir vom heutigen Tage ab nacheinander nach Brzuchowic, nach Dornfeld, nach Böbrka. Überall öffneten wir Gräber und brachten die Leichen zu uns zum Verbren- nen. 17. KAPIETKENR Das Gebet in der Brigade. Fromme und Nichtfromme. Zwei Typen. Wer hat den Revolver gebracht? Der„Opernsinger“. „Der dumme Awrum“. Wenn er nicht dumm wäre, hätte er nicht mehr gelebt. Gespräch über Politik Ich werde hier besonders über die Einstellung der Männer aus der„Todesbrigade“ zur Religion schreiben. In der Todes- brigade, die etwas über hundertzwanzig Mann zählte, war es wie in einem Städtchen. Die verschiedensten Menschen aus den verschiedensten Gesellschaftsschichten gehörten ihr an, religiöse und nichtreligiöse wie auch antireligiöse. Antireligiös war die ganze„Suite“, welche die frommen Leute auf verschiedene Art und Weise verfolgte, sie schikanierte und dergl. Aber ohne darauf zu achten, beteten diese From- men jeden Abend. Wie ich schon bemerkte, durfte man ohne Erlaubnis des Untersturmführers nichts mitnehmen, und wenn man zum 124 Beispi dafür Desset dern d Gegen Dabei Dinge von 6 die Ge abend Und ı gab d hatte, Es b Fleis Die| essen Jich v Leber die a späte Später versa) Beispiel bei jemandem ein Stück Papier fand, erwarteten ihn dafür die Folter oder die Todesstrafe. Dessenungeachtet nahmen diese Frommen, die in den Klei- dern der Toten Gebetbücher oder einen Tefillin! fanden, diese Gegenstände an sich und brachten sie in die Baracke mit. Dabei mußte man bedenken, daß das Aufbewahren dieser Dinge eine größere Gefahr bedeutete als das Mitnehmen von Geld, denn das Geld vergrub man sofort, während man die Gebetbücher nicht vergrub, sondern täglich morgens und abends daraus betete. Und wer hat nun täglich morgens und abends gebetet? Es gab dabei welche, die vor dem Kriege bestimmt nicht gebetet hatten, aber hier beteten sie. Es befanden sich unter uns auch solche, die nicht einmal Fleisch aßen, weil es nicht aus ritueller Schlachtung herrührte. Die Suppe nahmen sie nur deshalb zu sich, weil sie etwas essen mußten, um sich am Leben zu erhalten, denn bekannt- lich verbietet die Religion den freiwilligen Verzicht auf das Leben. Wie ich bereits bemerkt habe, war es bei uns schwer, eine Zigarette zu bekommen, und dennoch gab es bei uns manche, die am Sonnabend nicht nur nicht rauchten, sondern am Sonnabend nicht einmal Zigaretten als Vorrat für den näch- sten Tag annehmen wollten. Ich werde beschreiben, wie das Versöhnungsfest in der „Todesbrigade“ begangen wurde. An diesem Tage war zu erkennen, daß heute abend ein Feiertag war. Sobald die Männer von der Arbeit kamen, wuschen sie sich möglichst schnell, aßen schnell, kleideten sich um, und einige Minuten später begann in einem unserer Zelte, in dem sich fast alle versammelt hatten, in leisem feierlihem Ton das Gebet. 1Kleine, an Riemen befestigte Lederfutterale, die auf Pergament geschriebene Verse der Heiligen Schrift enthalten und beim Morgengebet an Wochentagen an die Stirn und an den linken Ellbogen gebunden werden= Gebetriemen der gläubigen Juden. Während des Gebets gingen einige umher und paßten auf, ob nicht jemand von der Schupo oder vom SD nahte, und gaben auch darauf acht, ob das Gebet nicht etwa zu laut abgehalten wurde, das heißt, ob es draußen zu hören war. Beim Gebet waren zum Teil sogar diejenigen zugegen, die sonst als gottlos galten. Was das Fasten betraf, so fasteten hier am Versöhnungsfest ungefähr 40 Menschen. Unter den herrschenden Bedingungen war das Fasten keine leichte Sache. Einmal, weil die Mehrzahl an diesem Tage wie an jedem anderen schwer arbeiten mußte, und zum zweiten, weil ein Teil der Personen das Fasten infolge schrecklichen Durstes brach. Die Arbeit bei den Leichen, die die Luft furchtbar verunrei- nigten, drohte einen zu ersticken, so daß man bei jeder Ge- legenheit seine Kehle befeuchten mußte. Selbst als man an die Flucht dachte, wurde Gott nicht ver- gessen. Als wir fliehen wollten, sah ich, wie manche in der Ecke standen und den„Töfillat haderech“— ein spezielles Gebet der Menschen, die sich auf den Weg begeben— her- sagten. Um den Leser mit dem Leben der Gefangenen besser ver- traut zu machen, werde ich hier auch einige Personen beschreiben, die sich von allen besonders unterschieden. Am dritten Tage unseres Aufenthaltes auf den Piaski war eine Gruppe aus dem HKP zu uns gebracht worden, die man unserer Brigade angeschlossen hatte. In dieser Gruppe war ein junger Mann gewesen, ein Lwöwer, im Alter von etwa 22 Jahren, der bis zum Kriege als Student der Rechte die Universität besucht hatte. Es war ein„alter“ und typischer Lagerinsasse gewesen. Man muß wissen, daß jeder, der ins Lager gelangte, nach und nach zu einem seelenlosen Auto- maten wurde, der genau wußte, daß er von früh bis abends arbeiten mußte, Schläge nicht mehr spürte, immer den Kopf gesenkt trug und ein trauriges Gesicht hatte, die Füße beim 126 dürfe‘ Nach neuer Tonhi Typh erkrat dieser in sei einer weite! Indes Bat Jache Gehen nicht hob, sondern nachzog, und dessen einziges Be- dürfnis, das er noch hatte, nur das Stillen des Hungers war. Nach eben so einem typischen Lagerinsassen hatte unser neuer Kamerad ausgesehen. Nach kurzer Zeit, als bei uns Typhus geherrscht hatte, war der nicht fertiggewordene Jurist erkrankt und erschossen worden. Nicht nur, daß keiner mit diesem Menschen über Fluchtpläne gesprochen hätte, sondern in seiner Gegenwart hätte nicht einmal jemand etwas von einer Flucht erwähnt. Er war ein lebender Leichnam— nichts weiter. Man zählte ihn nicht einmal zu den„Naivlingen“. Indessen stellte sich nach seiner Erschießung eine interessante Sache heraus. Eines Morgens hatte ein gewisser Wielicz den Oberjuden Herches auf die Seite gerufen und ihm etwas erzählt. Nach einigen Minuten hatte Herches alle aus der Baracke geschickt und einen Lagerinsassen mit dem Beinamen„Opernsinger“, den Brigadier Segal und vier„Draufgänger“ rufen lassen. Dann hatte er sich an den„Opernsinger“ mit der Frage ge- wandt, wo er das Gold aufbewahrt hätte(das war unmittel- bar nach dem Vorfall mit Lufko gewesen). Der„Opernsinger“ hatte erwidert, er besitze kein Gold. Daraufhin waren Her- ches und die anderen Kumpane über ihn hergefallen und hatten ihn furchtbar zusammengeschlagen, damit er verriete, wo er das Gold versteckt hatte, aber dieser hatte geschrien: „Ich habe nirgends Gold versteckt und habe auch keins.“ Aber sie hatten ihm nicht geglaubt. Wie sich herausgestellt hatte, war von ihnen unter dem Stroh, wo er schlief, ein Spaten gefunden worden, und für das Verwahren eines Spa- tens, nicht nur in der Baracke, sondern sogar im Hof des Lagers, hätte der SD alle erschießen können. Die Haupt- beteiligten beim Schlagen waren die„Draufgänger“ gewesen. Sie hatten den Mann geschlagen, bis er umfiel und das Be- wußtsein verlor. Sie waren ihm dann zu Hilfe gekommen, hatten ihn mit Wasser begossen, und als er wieder zum 127 Bewußtsein gekommen war, hatten sie ihn weiter geschlagen. Der„Opernsinger“ hatte sich jedoch an seine Worte gehal- ten und nach wie vor behauptet, daß er von nichts wisse. Erst als sie sahen, daß das Schlagen keinen Zweck mehr hatte, weil er fast tot war, hatten sie ihn in Ruhe gelassen. Das mit dem Spaten war so gewesen: Der junge Mann, von dem ich sagte, daß er aus dem HKP gekommen war, hatte einen Revolver mitgebracht und außerdem an einem unter- irdischen Gang arbeiten wollen. Von seiner Absicht hatten einige Personen gewußt, unter ihnen auch der„Opernsinger“. Als jener erschossen worden war, hatte der„Opernsinger“ Revolver und Spaten an sich genommen. Einige von der Gruppe der„Naivlinge“ hatten sich nachher zu den„Drauf- gängern“ begeben, um mit ihnen zusammen einen Ausfall zu organisieren, und ihnen den Revolver übergeben. Aber diese„Draufgänger“ hatten Angst gehabt, den Revolver zu behalten, hatten ihn aber auch nicht den„Naivlingen“ zu- rückgeben wollen, aus Furcht, durch diese„Naivlinge“ wür- den auch sie reinfallen können. Infolgedessen hatten sie den Revolver ins Klosett geworfen. Als solche Feiglinge erwiesen sich die sogenannten„Draufgänger“, während ein„Naiv- ling“, der sich kaum auf den Beinen halten konnte, bis zum letzten Augenblick seines Lebens über Rettung nachgesonnen und soviel Scharfsinn und Mut besessen hatte, eine wer weiß auf welche Weise erbeutete Waffe an diesen schrecklichsten Ort zu schmuggeln. Da ich den„Opernsinger“ erwähnt habe, will ich ihn genau beschreiben, weil auch er sich von den anderen unterschied. Den„Opernsinger“ hatte man unmittel- bar nach der Liquidierung des Lwöwer Ghettos auf der „arischen“ Seite ergriffen. Er war von einem Schupo gefaßt worden, der uns zugeteilt war. Sein richtiger Name lautete Gruber; vor dem Kriege hatte er auf dem Goluchowski-Platz Nr. 11 ein Papierwarengeschäft gehabt. Nach der Ergreifung hatte man ihn so schrecklich zusammengeschlagen, daß sein 128 Gesich er zus2 1en zerschl Schupo Auto| jemanc was ef fragt' Opern: Oper wie vo normi keine hres Kopf n die schlag sprad 2atte, er gan) daß er sagt, e Hier w schau ı war er rückteı ein kle yanz b weile; mal tı Träge schled nerun! sFisfs: Gesicht nicht zu erkennen war. Zu der„Todesbrigade“ war er zusammen mit den Männern aus der Firma„Federn-Dau- nen“ gekommen. Als er gefragt worden war, warum er so zerschlagen aussehe und wer ihn so zugerichtet habe, ob die Schupo oder der SD, hatte er geantwortet, daß er von einem au, von Auto heruntergefallen sei. Es kam ziemlich häufig vor, daß t, hatte jemand vom SD diesen oder jenen von unseren Leuten fragte, ıunter- was er für einen Beruf habe. Einmal war Gruber danach ge- fragt worden. Da hatte er zur Antwort gegeben, daß er Singer“, Opernsänger sei. Auf diese Weise blieb der Spitzname singe”„Opernsinger“ an ihm haften, der ebenso von den Deutschen on der wie von uns gebraucht wurde. Da sie sahen, daß er nicht ganz normal war, weil er überhaupt nicht singen konnte und auch keine Stimme dazu hatte, machten ihn alle zum Gegenstand ihres Gespötts. Die SD-Männer legten ihm Steine auf den olverzu Kopf und schossen auf ihn, schnitten ihm mit einem Messer agen“ zu- indie Finger und dergleichen. Diesen Menschen konnte man schlagen bis aufs Blut, damit er zum Beispiel dem wider- sprach, was irgendeiner Böses oder Unwahres über ihn gesagt s erwiesen hatte, aber er antwortete stets:„Wenn er das sagt, dann weiß sin„Naiv- er ganz sicher, was er sagt.“ Dabei muß man jedoch betonen, unte. biszum daß er gar nicht dumm war. Er war vielleicht nur, wie man so ssonnen sagt, ein bißchen„bekloppt“. verweß Hier war auch ein gewisser Abraham. Er stammte aus War- schau und war von Beruf Schuhmacher. In der Todesbrigade war er Brandmeister. Dieser spielte ganz bewußt den Ver- on rückten. Sie nannten ihn„den meschuggenen Awrum“— aber \ynmittel ein kleines bißchen war er es auch. Jedenfalls war er nicht ganz bei Sinnen. Der Untersturmführer mochte ihn sehr gern, weil er solche am liebsten hatte. Ich erinnere mich noch, ein- mal trugen zwei Träger auf der Trage eine Leiche, die den A:Plee Trägern immer wieder Schwierigkeiten bereitete, weil sie u schlecht auf der Trage lag(die Beine hingen an der Seite herunter). Der Untersturmführer, der es sah, sagte zu ihnen: 9 F 18/58 129 „Warum seid ihr so dumm, warum legt ihr die Figur nicht so, daß sie euch nicht so schwer ist?“ Und sich an den Schupo wendend, der neben ihm stand, sagte er:„Ja, ja, wenn sie nicht so dumm wären, dann lebten sie schon lange nicht mehr.“ So mußte man manchmal einen Dummkopf spielen, um die Aufmerksamkeit der Deutschen davon abzulenken, daß wir an die Organisierung eines Aufstandes oder einer Flucht denken könnten. Nur eignete sich zu solchem Spiel nicht jeder. Wenn Awrum den Verrückten spielte, bekam man manchmal den Eindruck, daß er alle zum besten hatte. Sogar jene— unsere Henker. Eines Abends also, es war Ende September, saß der Unter- sturmführer in unserem Zelt auf dem Tisch und wir alle um ihn herum. Wir sangen alle mit ihm zusammen. Plötzlich unterbrach der Untersturmführer den Gesang und begann seine alte Leier:„Nur anständig und sauber.“ Dabei erzählte er, wenn wir uns an diese zwei Dinge hielten, würde er uns alles beschaffen.„Ich werde für euch sorgen wie ein Vater für seine Kinder.“ In diesem Moment ließ sich die Stimme des verrückten Abraham hören:„Ja, Vater, wir fahren noch kein Amerike un unz hat men noch ojf 1000 Jahre Arbeit.“ (Er sprach schlecht jiddisch und dachte, es sei deutsch). Da sagte der Untersturmführer im Ernst, er solle nicht lachen, er wisse leider, daß dies alles, was hier geschähe, uns sehr weh tue, aber dagegen könne er nichts tun und fügte hinzu:„Das Leben ist hart und unerbittlich.“ Was nun das betrifft, was die Deutschen sagten, so weiß ich noch, wie ich mich eines Tages mit einem Schupo über die Judenfrage unterhielt. Er erzählte mir, daß zum Beispiel sie selbst noch niemals einen Zufluchtsort entdeckt hätten, son- dern daß ihnen immer von östlichen Agenten zugetragen worden sei, wo sich Juden verbargen. Und es seien, behaup- tete dieser Schupo, die meisten Zufluchtsstätten, in denen Juden versteckt gewesen war, durch die ukrainische Polizei 130 entdeckt worden. Wenn man aber schon einen Juden in die Hände der Deutschen ausgeliefert hatte, dann hätten sie ihn auch erschießen müssen. Daß sie es„mußten“, sah er als „höhere Gewalt“ an. Wenn Hitler etwas befahl, mußten sie es tun. Hitler war für sie ein Gott. Mit eben diesem Schupo unterhielt ich mich über alles, denn ich trieb mit ihm Handel. Zu unserem oben angeführten Ge- spräch setzte er hinzu, daß sie auch gezwungen sein würden, uns zu erschießen, denn wenn wir am Leben blieben, würden wir nicht darauf Rücksicht nehmen, ob sie töten mußten oder nicht, sondern dann jeden, den wir von ihnen erwischten, totschlagen. Ich dachte mir, manche Dinge, die er erzählt hat, weiß ich schon seit langem und ging auf die Politik über. Er erzählte mir, daß die Sowjets vorgingen, daß dies aber nichts zu besa- gen habe, denn sie würden sich mit den Sowjets noch einigen und gemeinsam mit ihnen gegen England ziehen. Andere wiederum trösteten sich damit, daß sie sich mit England einigen und gegen Rußland ziehen würden. So lebten sie von der Hoffnung bis zum letzten Augenblick. Und uns ging das Herz auf, als wir sahen, daß sie schon ihr schlimmes Ende witterten. 18. KAPITEL Wieder„Fliegeralarm“. Der„lebende Leichnam“. Wie man Menschen fertigmacht. Unsere Hospitanten. Warum leben wir so lange? Der Untersturmführer verschaffte uns Bettdecken, stellte uns Öfen in die Zelte, schließlich nahte schon der Winter. Aber wir glaubten ihm nicht. Wir wußten, daß uns hier nichts anderes als der Tod erwartete. Wir wollten nur tapfer ster- ben und nicht wie gemeine Feiglinge. Der Untersturmführer kam an den Abenden zu uns, setzte sich mit uns zusammen, wir sangen, klatschten ihm Beifall, aber wenn er wegging, besprachen wir unsere Pläne weiter. Wir wußten bereits, daß in diesen Tagen das Janowskilager zum Verbrennen herkam, denn heute, am Sonnabend, sagte der Untersturmführer, daß in diesen Tagen jeder von uns zwei oder drei Paar Stiefel erhielte. Am heutigen Tage waren auch drei Autos mit Holz gekommen, und eine neue Brand- stätte wurde planiert. Unweit der Brandstätte hatte man Gräben für Blut ausgehoben. Diese Menschen sollten nicht auf demselben Wege hergebracht werden wie alle anderen, das heißt durch den Wald, sondern direkt über die Lycza- kowska-Maut auf den Sandberg kommen, der sich gegen- über unserem Lager befand. Von diesem Berg aus schuf man einen Weg, der sich mit dem zur Brandstätte führenden ver- band. Zu beiden Seiten des Weges wurden unter Zweigen versteckte Stacheldrahtverhaue angelegt. Der Sonntag ver- ging mit der Vorbereitung des Todesweges für 1000 neue Opfer. Der 25. Oktober fiel auf den Montag. Wir schliefen noch alle. Es war fünf Uhr morgens, als plötzlich der Chef der Schupo hereinstürzte:„Was, ihr schlaft noch?“ Wir sprangen alle aus den Betten.„In fünf Minuten ist alles angezogen, und mit Hacken in der Hand steht alles vor dem Zelt.“ Wir wußten nicht, was passiert war. Vielleicht wollten sie uns erschießen. Als wir uns angezogen hatten und vor das Zelt hinausge- treten waren, sahen wir, wie sich ukrainische Milizsoldaten auf beiden Seiten des Weges, den wir gestern abgesteckt hatten, in Abständen von 2 Metern aufstellten. Unsere Scharführer kamen in diesem Moment mit einem Taxiwagen so betrunken an, daß sie nicht wußten, was mit ihnen geschah. Der Chef der Schupo erklärte uns, daß wir wegen eines Fliegeralarms, der hier gleich stattfinden und 132 ziemli ins Ze ins DI Tagzı Sie fü an, da stimm Schach waren taten, uns U gefra‘ wir g sei n Esw zurüc lich w und a Geger Kleide 1% Papier Mußte kleine lag, V ziemlich lange dauern würde— wobei durch Irrtum jemand ins Zelt schießen und einen von uns treffen könnte—, sofort ins Dorf in das Schlachthaus gehen und dort den heutigen Tag zubringen sollten. Sie führten uns in das Schlachthaus und stellten das Radio an, damit es für uns spielte; als sie aber sahen, daß wir ver- stimmt hin und her gingen, brachten sie uns auch noch “and— Schachspiele und Karten. Wir durften nicht vergessen, wo wir ® ma)— waren, in wessen Händen. Wir nahmen die Karten also und taten, als spielten wir. Fortwährend schauten wir nach dem ern— Weg hin. Wir sahen, wie Brigaden von 40-50 Menschen den “@4y@2— Berg hinuntereilten. Immerzu kam der Hauptscharführer zu . uns und erzählte, daß er bei jeder ankommenden Brigade gefragt hätte, ob sich dabei Personen befänden, deren Namen wir gestern auf einer Liste angegeben hatten. Aber vorläufig wagen sei niemand dabeigewesen. yantag Ver Es war 12 Uhr. Man befahl uns, anzutreten und ins Lager X nee— zurückzukehren. Als wir ins Lager kamen, sah es hier wirk- lich wie nach einem Bombardement aus. Alles war umgestürzt und auf die Erde geworfen. or Chel det Gegenüber unseren Zelten, zwischen dem Sandberg und der rsprangen, lag ein großer Haufen Stiefel, etwa 2%/z tausend Paar, es wurde einem direkt schwarz vor den Augen. » Zelt.“ Wir Nicht weit von ihm entfernt befand sich extra ein Haufen Kleider und noch etwas weiter ein kleinerer Haufen mit Papieren, Ausweisen, Geld, Taschentüchern usw. Offenbar mußten die Verurteilten zuerst Geld, Papiere und andere kleine Sachen herauslegen, weil es dem Fußpfad am nächsten lag. Weiter entfernt lag das Schuhwerk und dann die Klei- dung. Nach unserer Rückkehr fand ein Appell statt, bei dem + mit eine unsere Brigade in zwei Gruppen eingeteilt wurde. Die eine ‚n, was m! Gruppe ging zur Durchsuchung der Kleider, und die andere, ne daß v um diese neuen Leichname von heute auf den Scheiterhaufen „finden un!— zu legen. 133 Ich blieb im Lager, um die besseren Anzüge, die für uns be- stimmt sein sollten, in Empfang zu nehmen. Dabei muß ich bemerken, daß Herches zum Durchsuchen der Kleider diejeni- gen Leute bestimmt hatte, die schon vorher mit ihm überein- gekommen waren, einen Teil des Geldes und Goldes wie auch andere Wertsachen in den Kleidern zu belassen, damit ich alles herausnehmen und aufbewahren konnte. Diese Wert- sachen sollten für uns auf den Weg bestimmt sein, wenn wir fliehen würden. Es war fünf Uhr. Die Arbeit ging zu Ende. Alles kehrte ins Lager zurück. Beim Appell war der Untersturmführer zuge- gen. Er sagte, daß er uns morgen alle in neuen Stiefeln und Anzügen sehen wolle. Der Untersturmführer ging fort. Wir führten eine geheime Sitzung durch, auf der wir ausrechneten, wieviel Geld, Gold, Brillanten und andere Kostbarkeiten man heute zusammen- bekommen hatte. Es stellte sich heraus, daß es einen Wert von mehr als 2 Millionen Zloty ausmachte. Diese Sachen ver- gruben wir heimlich in der Baracke; sie sollten erst an dem Tage herausgenommen werden, an dem man einen Ausbruch unternahm. Wie sah das Erschießen der mehr als zweitausend Menschen aus? Es waren Leute aus dem Lager. Man brachte sie auf Autos her. Jedes Auto zählte etwa 25 Personen. Als sie an Ort und Stelle ankamen, befahl man ihnen, von den Autos herunter- zusteigen und sich auszuziehen, woraufhin man sie an den Platz trieb, wo für sie eine Brandstelle vorbereitet war. Dort stellte man sie in einer Reihe nebeneinander auf, und einer vom SD gab aus einem Handmaschinengewehr eine Salve auf sie ab. Wen er erschoß, der war eben erschossen, aber manche hatte er nicht einmal verwundet. Jedoch alle fielen um. Nun stellte man bei diesen Leichnamen die nächsten 25 Personen auf, und auf diese schossen die SD-Leute genauso. Die 134 nachfol diese| Jeicher Als die nahme) plötzli wunde! und m: aufzun Schein im an für die die„Vı hnen, Unters steuer ak, d hatten denn d esma gen; Leiche: Zelte: 0 wur Naufer Leiche Wogeı und U r Den nachfolgenden 25 Personen fielen auf die vorherigen. Auf diese Weise bildete sich ein Wall von aufeinanderliegenden Leichen. Als die Leichen auf den Scheiterhaufen geschichtet wurden, nahmen die Träger einen Leichnam in die Hände und stellten plötzlich fest, daß dieser Mensch lebte, ja nicht einmal ver- wundet war! Sie legten ihn wieder zu den Leichen zurück und machten sich daran, einen Toten von der anderen Seite aufzunehmen. Bei der Arbeit unterhielt sich der eine zum Schein laut mit dem anderen, und auf diese Weise gaben sie dem angeblichen Leichnam Hinweise; sie sagten, daß sie ihm für die Nacht eine„Verschalung“ dalassen würden, er solle die„Verschalung“ anziehen, wenn die Wache nicht so sehr aufpaßte. Sie erklärten ihm auch den Weg, den er gehen solle. Der Mann hieß Zusman. Er stammte aus Lwöw und hatte vor dem Kriege in Zniesienie ein Restaurant gehabt. Es hätte nicht viel gefehlt, und Zusman hätte uns reingelegt. Stellen Sie sich vor, wie unsere Leute erschrocken waren, als ihnen, kurz bevor sie am Abend von der Arbeit gingen, der Untersturmführer befahl, die Leichen mit Chlorkalk zu be- streuen. Man bestreute die Leichen gewöhnlich mit Chlor- kalk, damit sich die Fliegen nicht vermehrten. Unsere Leute hatten also Angst, daß der lebende Tote niesen könnte, denn der Untersturmführer stand daneben. Es ging jedoch diesmal einigermaßen gut ab. Sie ließen auch„Verschalun- gen“ auf dem Platz zurück, gleichsam als ob sie von den Leichen herrührten und sie die Sachen daher nicht in die Zelte mitnehmen wollten. 5o wurde der heutige Arbeitstag beendet. Auf dem Scheiter- haufen hatte man erst 400 Leichen aufgeschichtet. Frische Leichen waren schwerer aufzuschichten als alte, denn sie wogen doppelt soviel, besonders diejenigen, die unten lagen und unter der Wirkung der Last stärker angeschwollen waren. Den Scheiterhaufen mit frischen Leichen errichtete man dergestalt, daß die Schicht um so breiter wurde, je höher sie war, denn frische Leichen waren glatt, und deshalb mußte man oben die größere Last auflegen, damit sie nicht aus- einanderrutschten. Die am Rande liegenden Leichen fielen beim Brennen herunter, und man warf sie später ins Feuer zurück. Dienstag, der 26. Oktober. Heute früh hatten wir einen zweiten Alarm, aber nicht so wie gestern, daß man uns hinausjagte. Diesmal schloß man uns ein. Durch die Wände der Zelte hindurch hörten wir die heranfahrenden Kraft- wagen und die Stimmen der Deutschen:„Alles herunter!“ „Ausziehen!“„Zu fünf antreten!“„Unterhaken!“„Im glei- chen Schritt marsch!“ Da ich von Alarm spreche, werde ich genau beschreiben, wie die Aktion der Judenvernichtung in diesem Zeitabschnitt aussah. Zuerst kam jeder ins„Todesgefängnis“, oder man schnappte sich eine Brigade, die zur Arbeit ging oder von der Arbeit zurückkehrte, und lud sie unvermutet auf ein Auto. Man brachte diese Menschen auf Autos mit Verdeck zu uns. Das Auto blieb vor unserem Zelt stehen. Sobald ein Auto an der Auffahrt hielt, die sich an dem zu uns führenden Weg befand und an dem ständig ein Posten stand, wurde„Alarm“ geru- fen, und schon jagte man uns in die Zelte. Dann öffnete man die Klappe des Autos, und es erschollen Schreie und Kom- mandos, wie ich sie oben angab. Es versteht sich, daß die Nagaikas tüchtig in Bewegung kamen und wir außer den Schreien auch das Geräusch wütenden Schlagens vernah- men. Man hörte:„Die ersten fünf antreten.“ Das waren die ersten fünf, die in der Richtung auf das Feuer gingen, das sich ungefähr 100 m weiter befand. Hinter ihnen schritten die zweiten fünf, die dritten, die vierten usw. Sie traten dicht ans Feuer heran. Jetzt bekam jeder von ihnen eine Kugel ins 136 un Genick, und nach einer Minute brannte er bereits. So sah es meistens aus, wenn alles„normal“ verlief, das heißt, wenn sich die Menschen schnell genug enrkleideten. Tatsächlich zogen sich die Leute meistens schnell aus, um die Qualen vor dem Tode möglichst rasch durchzustehen. Dabei muß man sagen, daß die Mütter ihre Kinder entkleideten und die nackte Mutter mit dem nackten Kind auf dem Arm zum Feuer ging. Manchmal kam es jedoch vor, daß eine Mutter ihr Kind nicht entkleiden wollte oder daß das Kind sich nicht ausziehen ließ und dabei schrie:„Mama, warum muß ich das denn tun?“—„Mama, ich habe Angst.“ Solche Laute dran- gen täglich zu uns herein. Dann nahm einer vom SD das Kind bei den Beinchen, zerschmetterte den Kopf vor den Augen der Mutter an einem Baum und warf es danach, es an den Bein- chen haltend, ins Feuer. Wenn die Mutter darauf irgendwie reagierte oder wenn sie ganz einfach auch nur ein einziges Wort fallen ließ, dann hängte man sie unter furchtbaren Schlägen an den Füßen auf, und so hing sie, mit dem Kopf nach unten, bis sie starb. Ich muß noch einmal bemerken, daß sich die Menschen schnell! entkleideten und ohne ein Wort, sogar ohne einen Seufzer zum Feuer gingen. Jeder wollte so rasch wie möglich sein Leben loswerden. Die Martern hatten schon zu lange ge- dauert. Bereits jeder hatte jemanden seiner Allernächsten verloren. Jedem kam es vor, als habe er lauter Feinde auf der Welt— vom Kinde in den Windeln an bis zum Greise. Man hatte uns gelehrt, daß sich Gefährten eines gemeinsamen Un- glücks verbänden, Freunde würden. Das war nicht zu sehen. Aber warum verübten diese Menschen nicht Selbstmord? Wollte man so einen Menschen in diesem Augenblick, das heißt, als er schon nackt zum Feuer ging, fragen: Was willst du jetzt— den Tod oder das Leben, würde er mit Bestimmt- heit antworten: den Tod! Nicht jeder aber besaß den Mut, und vor allem nicht jeder besaß ein Instrument oder Gift, um 137 sich selbst das Leben zu nehmen, das für ihn keinen Reiz mehr hatte. Außerdem befand sich hier ein Teil der Men- schen mit Kindern, und nicht jede Mutter oder jeder Vater vermochte sein Kind zu töten. Ein anderer Teil wiederum rechnete darauf, daß er sich vielleicht, vielleicht doch noch retten könne. Nicht um zu leben, sondern um sich zu rächen, um den Untergang des großen Henkers und Organisators von Morden selber zu sehen. Ich möchte ebenfalls bemerken, daß während unserer Arbeit, sowohl auf den Piaski wie auch im Krzywickiwald, immer wieder Kommissionen zu uns kamen, die aus der gleichen Anzahl SD-Männern bestanden wie die uns zugeteilte Ab- teilung. Diese Kommissionen kamen aus verschiedenen Ge- genden Polens, um bei uns die Durchführung der Exekution und Leichenverbrennung zu studieren. Nach einigen Wochen fuhren sie in verschiedene, ihnen bezeichnete Städte in der Provinz, um dort die gleiche Arbeit zu leiten. Wenn sie jemanden von uns fragten, wie lange wir hier ar- beiteten, durfte man nicht sagen, daß es länger sei als 10-12 Tage, weil in einer solchen Brigade niemand länger als 14 Tage gehalten werden durfte. Der Untersturmführer hielt uns hier heimlich, und in der Dienststelle meldete er alle zwei Wochen, daß er seine Brigade gewechselt habe. Der Untersturmführer behielt uns deshalb so lange und be- mühte sich, es uns recht zu machen, damit wir nicht fliehen sollten, weil wir eine schon eingeübte Belegschaft bildeten, woran ihm als gutem Organisator gelegen war. Zum zweiten hatte er sich mit der Zeit davon überzeugt, daß niemand von uns wegzulaufen gedachte, und das war für ihn in bezug auf den Befehl, das Geheimnis zu wahren, das wichtigste. Wich- tiger sogar als gute Arbeit. Für jeden unserer Arbeiter hafte- ten die Schupos mit dem Kopf, und der Untersturmführer hätte, falls einer geflohen wäre, einen Verweis bekommen, er konnte dafür womöglich an die Front abgestellt werden, 138 el, d die] 9.Kı Die den jemi Als wovor er Angst hatte wie vor dem Tode selbst. 5o einer wie er, der hier Offizier war, würde im Falle einer Versetzung an die Front zum gemeinen Soldaten degradiert. 19. KAPITEL Die Rettung„lebender Leichname“. Warum die Leichen auf den Piaski den Mund offen hatten.„Schau, sie bringen jemanden“ Als der Alarm zu Ende war, das heißt als schon alle erschos- sen waren, hörte man:„Herschel, heraus!“ Herches ging hinaus, und dann war der Befehl zu hören:„Laß den Haufen antreten.“ Dann war die Stimme Herches zu hören:„Antre- ten— Appell.“ In einer Minute standen alle in Fünferreihen auf dem Platz. Es erscholl das Kommando:„Abzählen!“ Im Nu hatte man abgezählt, und nun gab Herches den Befehl: „Achtung, Mützen ab! Die Augen links!“(das hing davon ab, wo derjenige stand, der den Appell abnahm, es war immer jemand vom SD), danach meldete er:„Herr Hauptscharfüh- rer“(oder Scharführer, das hing davon ab, wem er den Rapport erstattete),„ich melde gehorsam, 120 Mann zum Appell angetreten!“ Nun bekam er die Antwort:„Kolonnen- weise antreten!“ Zu gleicher Zeit kam einer von den Schupos und machte die Pforte auf, an der schon eine Schupoabtei- lung stand und auf die Zuweisung wartete. Der Leiter der Schupo nahm jede Brigade einzeln in Empfang, teilte eine entsprechende Anzahl Schupos ein, übergab ihnen eine be- stimmte Anzahl„Figuren“, und sie marschierten zur Arbeit ab. Die Zeremonie des Ausmarsches sah heute aus wie jeden anderen Tag, nur mit diesem Unterschied, daß jeder, der als Träger arbeitete, einige Stück Zucker mitnahm, weil man gestern zwischen den Leichen einen Lebenden gefunden hatte. 139 12 Uhr Mittag. Man hatte jetzt keine Zeit, sich mit Fragen zu beschäftigen, wen man heute wieder gebracht hatte, weil wir uns ja mit den lebenden Menschen beschäftigen mußten, von denen es zwischen den Toten eine ganze Anzahl gab. Es waren Leute, die entweder leicht oder sogar überhaupt nicht verwundet waren. Jetzt war es klar, warum in der„großen Schlucht“ auf den Janowski Piaski bei vielen Leichen keine Kugelspur zu sehen gewesen war und sie mit geöffnetem Mund dagelegen hatten. Wenn man diese hier auch sofort zugeschüttet hätte, wäre es bei ihnen genauso gewesen. Jeder von den Trägern bekam einige Stücke Zucker, sie leg- ten„Verschalungen“ an, die sie angeblich zur Arbeit brauch- ten, die in Wirklichkeit aber dafür bestimmt waren, nach der Arbeit auf dem Felde gelassen zu werden. Zwei Mann nahmen zwei Paar Schuhe mit, in die sie je 1500 Zloty hineinlegten, damit jene etwas für ihre ersten Schritte hatten, und sie erhielten entsprechende Hinweise, wie sie alles orga- nisieren sollten, damit nichts herauskam. Dachten wir denn nicht an den Fall mit Lufko, der für das Verbergen von 1000 Zloty in Qualen umgekommen war? Ganz zu schweigen, was uns für das Verbrechen einer Menschenrettung zuteil würde? Ein Uhr. Ende der Mittagszeit, Appell. Wir gingen zur Arbeit hinaus. Fünf Uhr, alle Brigaden kehrten von der Arbeit zurück. Nach dem Appell wusch man sich, dann kam das Abendessen. Nun saßen bereits alle im Zelt auf den Pritschen. Sie saßen schwarmweise um die Träger. Diese erzählten, wen sie heute auf den Scheiterhaufen gelegt hatten. Sie erzählten, daß heute morgen 112 Frauen aus dem Lager gebracht worden waren. Sie erzählten, wen sie von Bekannten gesehen hatten. Daß es viele Lebende gegeben habe, aber auch viele Erstickte. Den Lebenden hatten sie Zucker zugesteckt, dabei zum Schein zu ihren anderen Kameraden gesprochen und auf diese Weise 140 den] siefl konn hatte glück dem I D7N Appel hörte richte‘ befan nen,| den Daliegenden Hinweise gegeben, wann und welchen Weg sie fliehen sollten und wo etwas liege, damit sie sich anziehen konnten. Die„Verschalung“, die man gestern zurückgelassen hatte, war verschwunden, das bedeutete, daß die„Leiche“ glücklich entkommen war. So verging der heutige Tag unter dem Eindruck neuer Opfer. 27. Oktober. Der Tag begann wie gewöhnlich mit dem Appell. Nach dem Appell war Frühstück. Beim Frühstück hörte man:„Schau, sie bringen jemanden.“ Jeder von uns richtete den Blick dorthin, wo sich der„Große Sandberg“ befand. Von dort brachte man einen großen, gut gewachse- nen, kaum noch lebenden und kaum noch die Beine nach- schleppenden Menschen herunter, in Richtung auf unser Lager. Er hieß Keßler und stammte aus Tarnopol. Seine Klei- dung bestand aus einer„Verschalung“ und aus uns bekann- ten Schuhen. Er war also einer von jenen, die gestern lebend zwischen den Leichen gelegen hatten. Aber wozu führten sie ihn jetzt hierher? Sicherlich doch nur, damit er zeigte, wer ihm die„Verschalung“ und die Stiefel gegeben hatte. An der Pforte unseres Lagers blieben sie stehen. So standen sie einige Augenblicke. Der arme Mensch fiel hin. Er lag einige Minuten, dann setzte er sich langsam. Als er sich aufgesetzt hatte, begann einer der Schupos, ihm Fragen zu stellen. Vor dem Fragen sagte er zu ihm:„Siehst du“— er zeigte mit dem Finger auf unser Lager—,„in diesem Lager sind deine Kame- raden. Sie arbeiten hier, es geht ihnen gut, niemand schlägt sie, sie haben zu essen und alles, was sie brauchen, im Über- fluß. Überhaupt fühlen sie sich sehr wohl, aber um in dieses Lager zu gelangen, muß man ein sehr anständiger Mensch sein, muß die Wahrheit sagen. Siehst du, in diesem Lager sind deine Freunde, und sie sagen die lJautere Wahrheit. Ich sage das alles, weil ich Mitleid mit dir habe. Du bist doch ein gesunder, anständiger, intelligenter Mann. Jeder will leben. Es ist besser zu leben als zu sterben. Und wenn du jetzt die 141 lautere Wahrheit sagst— wir kennen sie sowieso—, dann wirst du gerettet. Im umgekehrten Falle erschießen wir dich, aber vor dem Erschießen wirst du noch schreckliche Foltern gene durchmachen. Du weißt doch wohl, daß wir es verstehen, daß c Qualen zu bereiten.“ Die! Darauf antwortete eine leise, schwache Stimme:„Ich habe sen, vor nichts mehr Angst, ich will nicht sprechen.“ Schweigen. erklä Der Chef der Schupo trat hinzu, wechselte mit dem Schupo nicht einige Worte, darauf befahl er dem Gefangenen aufzustehen die d und zeigte mit dem Finger auf das Feuer. Er befahl ihm zu Wie gehen, aber als er sah, daß er dort schneller sein würde, wenn Appe sie ihn hintrügen, als wenn er allein hinginge, zog er den sah Revolver und erschoß ihn. Er hatte ihn nicht etwa deshalb App selber erschossen und nicht dem SD übergeben, weil er ihm heu Martern ersparen wollte, sondern weil er selber Angst hatte, 208, denn die Schupos hatten auch die Leichen zu überwachen. Mag Dieser aber hatte zu fliehen vermocht, und dafür würden nadı auch sie die Verantwortung tragen. werl hine; auf| 20. KAPITEL Kin: Wie die Aktion im Lager durchgeführt wurde. Wir hatten lihe nun ein Orchester. Ein Apotheker ersetzte den Arzt. Geheime davoı Sitzungen.„Draufgänger“ und„Nichtdraufgänger“.„Hiki— saube Piki“ Nint DAN Gegen Ende der Woche erfuhren wir, wie die Aktion im ander Lager durchgeführt worden war: Schon mehr als zehn Tage vor der Aktion hatte der Chef des Lagers, Hauptsturmführer Warzog'!, Gerüchte ausgestreut, daß über 1000 Menschen ins Lager nach Lublin abtranspor- tiert werden sollten. Er hatte auch angeordnet, daß die Musik 1 Hauptsturmführer Warzog übernahm das Kommando über das Janowskilager nach Willhaus am 1. 7. 1943.\ 142 jeden Abend zum Essen spielte. Eines Tages, das heißt am 25. Oktober(es war ein Montag), standen die Lagergefan- genen wie üblich um 4 Uhr auf und sahen mit großer Freude, daß die Wache, die sonst das Lager überwachte, nicht da war. Die Maschinengewehre, mit denen das Lager umstellt gewe- sen, waren auch verschwunden. Niemand wußte, wie es zu erklären sei, aber jedenfalls freuten sich alle. War es denn nicht ein gutes Zeichen, wenn die Menschen und die Dinge, die den Tod säten, verschwunden waren? Es wurde sechs Uhr. Wie üblich trieben die Lagerpolizisten die Menschen zum Appell zusammen. Schon waren alle angetreten. Der Appell sah heute nicht so aus wie sonst. Gewöhnlich waren auf den Appellplatz einige SS-Männer mit Nagaikas gekommen, heute aber kam nur der Lagerchef, Hauptsturmführer War- zog, hinter ihm schritten wiederum einige Juden, die im Magazin arbeiteten, und trugen Kleidungsstücke. Nach und nach füllten sie den Appellplatz mit Kleidern und Schuh- werk. Neben diesen Kleidern stand Warzog und lachte in sich hinein. Die Leute waren über diese Lage auch zufrieden, die auf irgendeine Veränderung hinwies, und zwar im guten Sinne. Die Musik begann zu spielen, und es fing der eigent- lihe Appell an. Warzog hielt eine Ansprache. Er sprach davon, daß bei ihm auch die Lagerinsassen anständig und sauber angezogen sein müßten. Schließlich nähere sich der Winter. Warzog selbst rief die erste Brigade auf. Nicht die DAW, die jeden Tag als erste hinausging, sondern eine andere. Die DAW-Brigade stellte Warzog ans Ende. Er sah sich jeden Menschen einzeln an. Demjenigen, der gute Stiefel hatte, befahl er, sie auszuziehen, und gab ihm bessere, einem anderen wiederum gab er einen Mantel, einem dritten einen Anzug. Die Brigade war schon hinter das Tor hinausmar- schiert, aber Warzog rief sie wieder zurück. Er hatte bemerkt, daß einer von den Arbeitern zerrissene Stiefel hatte; er schrie ihn an, warum er ihm nichts gesagt habe. Er befahl 143 ihm, die Stiefel gegen neue umzutauschen. Als ihm aber ein anderer zeigte, daß er zerrissene Stiefel habe, schrie Warzog, daß er es selbst sehe. Plötzlich steckte einer von den Gefan- genen dieHand in die Manteltasche und fand darin 500 Zloty. Ein anderer wiederum fand in der Jacke sogar 1000 Zioty. Was waren sie für Glückspilze! Es gab Kleidung und Geld, viel- leicht würde es sogar die Freiheit geben. Die Hauptsache, daß keine Askars mehr da waren. So marschierten sie bis hinter das Haupttor des Lagers. Hier warteten auf sie— Askars, SS "und Autos. Die Askars und die SS umringten sofort die Bri- gade, und es ging direkt auf die Autos... Den obigen Bericht gaben uns die Musiker aus dem Lager, die zu uns gebracht worden waren. Der Untersturmführer hielt auch diesmal sein Wort. Er sagte, daß es bei uns ein Orchester geben müsse, und das Orchester war da. Das war auf folgende Weise geschehen. Jeden Tag hatten sich die SS-Leute abends jemanden vom Orchester des Janowskilagers zu sich nach Hause mitgenommen, damit er ihnen dort Musik mache. Und auch heute, am Freitag, waren unser Hauptschar- führer Rauch und Sturmmann Reiss mit einem Auto ins Lager gefahren und hatten von dort den bekannten Lwöwer Piani- sten Herman und einen Saxophonisten mitgenommen. Aber anstatt sie zu sich nach Hause zu fahren, hatten sie sie hier- her zu unserer Brigade gebracht. Abends hielt vor der Pforte unseres Lagers ein Auto. Die Tür des Autos öffnete sich. Heraus stieg der uns bekannte Herman mit einer Harmonika in der Hand und hinter ihm ein Mann von kleiner Statur mit Brille— der Saxophonist. Der Hauptscharführer und der Sturmmann brachten sie in unser Zelt. Sie schauten sich um, wo sie hingeraten waren. Sie sahen den Teufel(den Brand- meister). Die Schupos hießen sie, sich bei uns auf den Tisch zu setzen. Sie riefen auch den Geiger, der schon seit vier Wochen bei uns war, und befahlen ihnen zu spielen. Sie spielten, und die Tränen fielen ihnen auf die Finger, die auf 144 kälter mach gen fi Stüück mitbr die Tasten schlugen. Noch vor einer Stunde war Herman mit seiner Frau und seinem Vater im Janowskilager zusammen- gewesen. Er hatte sich von ihnen nicht einmal verabschiedet, und er würde sie bestimmt niemals mehr wiedersehen. Und so spielte die Kapelle von heute an für uns, wenn wir zur Arbeit gingen, und begrüßte uns, wenn wir von der Ar- beit zurückkamen. Diese Kapelle übertäubte das Weinen der Kinder, die in den Tod gingen. Als unsere Brigade in Szczerce war, nahm sie auf dem Rück- weg einen jüdischen Apotheker mit, dem nach der Liquidie- rung des Ghettos gestattet worden war, dortzubleiben. Es war ein bekannter Lwöwer Apotheker, namens Sternbach,- im Alter von etwa sechzig Jahren. Er hatte seinerzeit eine Apotheke in Lwöw in der Grödeckastraße gehabt. Sie brach- ten ihn zu uns, und hier bei uns sollte er arbeiten. Weil es keinen Arzt gab, ersetzte ihn der Apotheker. Seit der letzten Aktion im Lager fanden jeden Abend geheime Sitzungen statt. Wie sah eine solche Sitzung aus? Im Zelt spielte die Musik, die einen begleiteten sie mit Gesang, die anderen tanzten, und in derselben Zeit saß in der Werkstatt eine kleine Gruppe Männer und beratschlagte einen„Aus- bruch“. Man mußte handeln, und zwar in der nächsten Zeit. Nach den letzten Nachrichten aus der Zeitung, die uns ein Schupo für 20 Golddollars brachte, nahte die sowjetische Armee. Der Handel mit den Schupos blühte. Draußen wurde es immer kälter. Die Schupos, die bei unserem Lager Dienst hatten, machten sich Feldfeuer, an denen sie sich wärmten. Wir tru- gen für diese Feuer Holz hinaus, dabei nahmen wir auch ein Stück Gold mit, für das uns dieser oder jener Schupo etwas mitbrachte. Zigaretten, Schnaps und dergleichen. Als man anfıng, von der Vorbereitung des Ausbruchs zu sprechen, begannen die Männer ungeachtet dessen, daß eine Gemeinschaftskasse bestand, selbst Geld und Valuta 1OF 18/58 145 aufzubewahren. Diese Tatsache konnte den Wolf aus dem Walde rufen, daher führten wir eine Revision durch und ver- boten bei Todesstrafe, Gold aufzubewahren. Ich hatte schon vorher bemerkt, daß im Lager ein Bruch be- stand zwischen der„Suite“ und den„Draufgängern“, das heißt den Vertretern der Verbrecherwelt, die, nachdem sie ins Lager geraten waren, solidarisch und gegenüber den anderen Juden häufig auch feindlich auftraten, sie mit Verachtung und Haß„di joldn“, das heißt Naivlinge,„Schlappiers“, nannten. Jetzt vereinigten sich alle zum Zwecke gemeinsamen Handelns zu einer Organisation unter dem Namen„Hiki-Piki“. Was die Arbeit betraf, so brachte man jetzt Leichen aus Jaryczöw, Böbrka, Szezerce, ja man fing sogar schon an, Leichen aus den Massengräbern auf dem jüdischen Friedhof in der Janowskastraße auszugraben. Es war um den 10. November 1943, als der Untersturmführer morgens einen Appell der Schupos anordnete. Wir waren gewiß, daß jetzt schließlich unser Tod kam. Dabei ging es um folgende Sache: Gegenüber der Pforte, die sich auf der dem Sandberg ent- gegengesetzten Seite befand, stand eine große eiserne Kiste, in der das eingesammelte Gold aufbewahrt wurde. Erst wenn man eine größere Menge Gold, das heißt etwa 50 kg, zusam- men hatte, führte man es an die Bank ab. Dort bewahrte man auch Zigaretten und Schnaps auf, die als Zuteilung für die Schupos bestimmt waren. Den Schlüssel dazu hatte nur der Untersturmführer. Indessen hatte sich einer von den Schupos einen Nachschlüssel gemacht und täglich in der Nacht, wenn er Dienst hatte, etwas zum Trinken entwendet. Erst heute hatte der Untersturmführer das Manko bemerkt und aus diesem Grunde den Appell angeordnet. Nach diesem unnötigen Schrecken verstärkte sich der Druck auf die Vorbereitung der Flucht. Die Flucht wurde auf den 17. November festgelegt. 146 21. KAPITEL Der Ausbruch kommt nicht zustande. Vorbereitungen zur Liquidierung des Lagers Endlich kam der heißersehnte Tag. Die Arbeit ging vorwärts wie gewöhnlich. Der Abend sah aus wie immer. Die Musik spielte, die Männer sangen und tanzten. Wenn jemand ge- kommen wäre, würde er gesagt haben: eine richtige Irrenan- stalt. Die neunte Stunderückte heran. Alle legten sich schlafen. Jeder hatte sich die Kleidung zurechtgelegt, damit im Augen- blick, wenn man uns ein Zeichen gäbe, sich alle flink anzogen. Wie sollte der Ausbruch aussehen? Abends, wenn angeblich schon alle schliefen, sollte der Schupo, der an der Pforte Dienst machte, hereingerufen werden, wie es auch sonst ziemlich häufig der Fall war. Wir wußten schon von vorn- herein, wer um welche Zeit Dienst hatte. Wir wußten, daß gerade dieser Schupo immer ins Zelt hereinkam. Wenn der Schupo hereinkam, wollte man ihm eine Decke über den Kopf werfen, ihn erwürgen und ihm Maschinenpistole und Handgranaten wegnehmen. Erst dann sollten sich alle leise anziehen und die Flucht ergreifen. Herches und noch zwei, die angekleidet waren, gingen unter- dessen das in der Werkstatt versteckte Geld und Gold aus- graben, um es an alle zu verteilen. Leider war ihnen schon jemand zuvorgekommen, alles war weg. Von dieser Stelle, wo das Geld und das Gold vergraben waren, wußten nur die „Draufgänger“. Da Herches das Loch leer vorfand, kam er aufgeregt ins Zelt herein und, von einem zum anderen ge- hend, schlug er jeden, der die Kleider vorbereitet unter dem Kopf liegen hatte. Allmählich legte jeder die Kleidung dort- hin, wo sie zu liegen hatte. Es war nur ein Flüstern zu hören „Was ist los?“ Und er murmelte:„Ich werde euch geben, fliehen! Da ihr nun mal keine Menschen seid, soll man euch eıschießen wie einen Hund!“ 10F 147 So endete der lang erwartete Tag. Sollten aber, da sich einige vergangen hatten, dafür alle büßen? Und so erklärte Herches am anderen Tage gegen Morgen, wenn sich innerhalb von drei Stunden das Gold ein- finde, würde man von neuem anfangen, für die nächsten Tage einen„Ausbruch“ vorzubereiten. Andernfalls aber würde er jeden zum Erschießen ausliefern, von dem er noch ein Wort über Flucht hörte. Zwei Stunden später wurde der Beutel mit Geld und Gold heimlich wieder- gebracht. Zwar fehlte darin etwas, aber darüber hielt sich niemand mehr auf. Am heutigen Tag begann daher die Arbeit zur Vorbereitung eines neuen Fluchtplanes, weil jener Plan verschiedenen nicht gefallen hatte. Am Nachmittag desselben Tages kam auch der Hauptscharführer mit einem Sturmmann und ließ sich 20 Spaten ins Auto laden. Wozu? Niemand wußte es, aber man sprach darüber verschieden. Auf dem Janowskifriedhof hatte man bereits alle Leichen aus den Massengräbern herausgenommen. Eine spezielle Arbeit gab es nicht. Am Freitag, dem 19. November, befahl der Untersturmführer, daß Herches 4 Männer aussondere und er selbst als fünfter einsteige. Sie fuhren in die Stadt. Unterdessen kam der Hauptscharführer Mayer zu uns und erzählte, wovon in den letzten Tagen schon mehrmals die Rede gewesen war, nämlich, daß man Striks(den Kapellmeister des Janowskilagers) zu uns bringen würde. Unterdessen fuh- ren jene auf die Dienststelle in der Pelczynskastraße Holz holen. Mit diesem Holz fuhren sie in die Janowskastraße in der Richtung auf das Lager. Sie waren sicher, daß sie ins Lager führen, um für uns Lebensmittel zu empfangen. In- dessen hob sich der Winker an der Ecke der Pilichowskastraße und zeigte an, daß das Auto in diese Straße abbog. Vielleicht auf den Friedhof, um etwas mitzunehmen? Vielleicht sollten sie das Holz auf dem hiesigen Sandgelände abladen und eine Feuerstätte für den Rest der Lagerinsassen vorbereiten? Wir 148 wußten doch, daß in diesen Tagen der Rest der Juden sterben sollte. Als sie näher kamen und sich an der Stelle befanden, wo früher ein Schupo stand, der aufzupassen hatte, daß niemand in unsere„Fabrik“ hereinkam, erblickten sie denselben Schupo auch heute. Als sie an die Rampe kamen, hörten sie die Stimme des Schupos:„Herein mit der Scheiße!“ Darauf erwiderte der Schupo, der auf dem Auto mitfuhr und auf die Juden aufpaßte:„Das ist unser Kommando 1005.“ Sie war- fen dort das Holz ab und fuhren wieder zurück. Als wir den Bericht über diesen Ausflug vernommen hatten, wußten wir, daß die Aktion im Lager im Gange war. Darum hatte man gestern abend die Spaten mitgenommen, um die Gräben für das Blut auszuheben und die Stelle für die neuen Opfer vorzubereiten. Aber warum hatte der Untersturm- führer nicht Leute von uns genommen, um die Stelle für jene vorzubereiten? Er hatte es wahrscheinlich aus dem Grunde nicht getan, weil er wußte, daß so mancher von uns jemanden im Lager hatte, für den er sein Leben hingäbe. Hätten wir also gestern davon erfahren, so hätten wir uns aus allen Kräften bemüht, unsere Nächsten von den nahen Vorbe- reitungen zur Liquidierung des Lagers zu benachrichtigen. Möglicherweise wollte uns der Untersturmführer auch nicht zeigen, daß er sein Wort nicht hielt. Vor der anderen Aktion konnte er uns versprechen, daß er unsere Nächsten retten würde, sofern sie hierherkämen, und dann sagen, daß sie nicht gekommen seien. Ob es so oder so war, wir konnten uns davon nicht überzeugen. Heute jedoch, la man alle erledigen sollte, hatte man uns auf keine Weise mehr täuschen können. \ls die fünf zurückkamen, waren alle sehr nervös. Herches elbst hatte im Lager Mutter und Frau. Sie hatten uns vor- st nichts erzählt, aber als ich ihm sagte, daß der Beutel mit iem Gelde da sei, entgegnete er:„Was geht mich schon das 149 Geld an!“ Da ich sah, daß es zwecklos war, mit ihm zu reden, weil er sehr aufgeregt war, dachte ich mir: ich habe Zeit, mit ihm abends zu sprechen, wenn sein Zorn verraucht sein wird. Aber vielleicht wollte er nicht sprechen, um vorläufig keine Bestürzung hervorzurufen. Wie sich später zeigte, war meine Mutmaßung richtig. 22. KAPITEL Der Fluchtplan. Bei Klängen der Musik. Es gelang, aber nicht ganz. Wir flohen. Einer wollte nicht fliehen Am 19. November war kaum der Abend hereingebrochen, als Herches mich hieß, alle jungen Männer, die nicht älter waren als um die zwanzig, und alle„Draufgänger“ in der Werkstatt zusammenzurufen. Von einigen älteren ließ er die beiden Zelte umzingeln, damit sieuns benachrichtigten, wenn jemand kam. Was die übrigen betraf, so veranlaßte man einige, in unser Zelt zu gehen. Hier wurde Musik gemacht, und sie sangen dazu. In der Werkstatt fing die Sitzung an. Zunächst ergriff Herches als Leiter das Wort. Er begann seine kurze Ansprache mit diesen Worten: „Kameraden und Brüder! Die Stunde des Lebens oder des Todes hat geschlagen. Morgen werden wir im Feuer oder in der Freiheit sein. Ich spreche hier zuerst vom Feuer und dann von der Freiheit, weil man sich das Schlimmste vorstellen muß, damit das Beste herauskommt. Dabei haben wir vor dem Feuer keine Angst, weil uns in der nächsten Stunde so- wieso der Tod begrüßen würde. Ist es denn nicht besser, von einer Kugel zu fallen, die von wer weiß wo kommt, und ehrenvoll für die Freiheit zu sterben, als sich zu entkleiden und fügsam zu fünfen ins Feuer zu gehen und unseren Henkern bis in den Tod treu zu dienen? Ihnen zu helfen, die Spuren der Morde zu vernichten? Genug davon!“ 150 vier Allmählich kam Herches zur Einteilung der Aufgaben. Zu- erst legte er den allgemeinen Plan vor und bestimmte, wer wohin gehen sollte; dabei betonte er, daß jeder von diesen Ausgewählten, der sich nicht bei Kräften fühle, die ihm zu- gewiesene Aufgabe durchzuführen, es sofort sagen solle, weil diese Aufgaben schließlich sehr verantwortungsvoll und ris- kant seien. Die Männer wurden zu viert eingeteilt. Der Plan sah folgendermaßen aus. Die erste Vierergruppe sollte beide Schupos erledigen, die bei unserem Lager Dienst hatten. Es mußte so gemacht werden, daß die Schwaben nicht einmal mucksten, sonst waren wir verloren. Zu diesem Zweck sollten zwei von uns mit Holz zu dem Schupo gehen, der vor der einen Pforte stand. In derselben Zeit sollten die anderen zwei zu dem anderen Schupo unter dem Vorwand hinausgehen, daß sie ihm ein Paar Stiefel geben wollten, aber zum Schein Holz hinaustrügen. In dem Moment, wenn er sich bückte oder sich umdrehte, um ihnen das zu geben, was er ihnen ver- sprochen hatte, sollte sich einer von ihnen auf den Schupo werfen und ihn erwürgen. Auf die gleiche Weise sollten die anderen zwei den anderen Schupo erledigen. Dann sollten sie ihnen die MP und die Handgranaten wegnehmen und in die Zelte hineinwerfen. Nunmehr sollte die Reihe an die zweite Vierergruppe kommen. Sie sollte sich mit den Maschinen- pistolen und Handgranaten bewaffnen und, da sie nun freien Weg hätte, das Zelt der Schupos umzingeln. Zwei von dieser Gruppe sollten ins Zelt hineingehen und alle Schupos, so wie sie auf ihren Pritschen unbewaffnet dalagen(vor einer Weile war einer von den unseren dort gewesen und hatte darüber berichtet, was sie taten und daß ihre Waffen einige Schritte von ihnen entfernt an der gegenüberliegenden Wand stan- den) mit einer einzigen Feuergarbe erschießen, und sollte dies nicht gelingen, ganz einfach Handgranaten zwischen sie werfen. Zu derselben Zeit sollte eine andere Vierergruppe ‘en Hauptweg zur Kantine der Schupos mit Messern in den 151 Händen hinuntergehen und, wenn zufällig einer der Schupos käme, ihn unschädlich machen. Das würde keine schwierige Sache sein, denn es kam öfters vor, daß jemand von uns unter Aufsicht eines Schupos in die Küche ging, um Bier oder etwas anderes zu holen; der Schupo also, der gerade daher- käme und einen Juden sähe, würde nichts argwöhnen. Wenn das alles bereits gelungen war, sollte die erste Vierer- gruppe, die für die Arbeit mit den Schupos vorgesehen war, zu- rückkommen. Bis zu dieser Zeit sollten sechs dazu bestimmte Männer in den Zelten eine entsprechende Stimmung auf- rechterhalten, denn wir hatten noch in den Bunkern auf dem Berge eine Wache, die wir durch nichts alarmieren durften. Am meisten von allen gefährdet waren die Musiker und die- jenigen, die das Orchester mit Gesang begleiteten, denn im Falle des Mißlingens oder einer Veränderung in der Durch- führung des Planes hatten sie keine Chance, zur rechten Zeit zu fliehen. Diese Angelegenheit war besprochen worden, und man muß zugeben, daß die Menschen, die es betraf, daraus kein Problem machten und wirklich ihrer Hingabe für ihre Kameraden zum Opfer fielen. Erst auf eine gegebene Losung sollten wir alle unsere bis- herigen Posten verlassen, in das Zelt der getöteten Schupos gehen, wo sich Munition befand, uns bewaffnen, ihre Uni- formen anziehen und dann alle zusammen von hier weg- gehen. Bevor jemand von den Übrigbleibenden dahinterkam, daß alle Schupos getötet waren, würden wir es geschafft haben, uns einige Kilometer weit von hier zu entfernen. So sah der Plan aus. Einstweilen spielte die Musik, einige sangen, einige sägten Holz für die Nacht. Es gab ja schließlich Öfchen, und diese brannten die ganze Nacht lang. Ein Schupo bestellte sich ein Bündel Holz und hieß uns, es an eine verabredete Stelle zu legen, von wo er es um 11 Uhr in den Bunker mitnähme, weil auch sie dort in ihren Öfen die ganze Nacht hindurch 152 heizten handel Wie ge als die ging, a wenn 1 verschi beiden müsse Ich be Hof zu und be Plötzli trat, 2 nach< unsch: ihnen um hi bereits ein gu bringe Wesen, dem a; Zu der der an was hi da, Er Die er Unsere sein\ hin, d Der$, Schnel &s kör heizten. Alles war in Ordnung. Jetzt mußte man nur noch handeln und Gott bitten, daß dieser Plan gelang. Wie gewöhnlich waren die Pläne jedoch auch diesmal schöner als die Taten. Einige waren dafür, daß man um 9 Uhr vor- ging, andere wiederum, daß es sofort geschehen solle, denn wenn man anfinge, es von einer Stunde auf die andere zu verschieben, dann würde nichts daraus. Diejenigen, die diese beiden Schupos angreifen sollten, waren der Meinung, es müsse auf der Stelle gehandelt werden. Ich bekam den Posten eines Verbindungsmannes auf dem Hof zugewiesen. Ich stand also an der Küche, aß angeblich und beobachtete unauffällig den Schupo. Plötzlich sah ich, daß einer der Schupos an die Pforte heran- trat, als wolle er jemandem die Tür aufmachen. Ich blickte nach dieser Richtung und sah, wie die zwei von uns, die ihn unschädlich machen sollten, zu ihm hinausgingen. Einer von ihnen hatte einige Holzstücke in der Hand, der andere wieder- um hielt unter der Bluse ein Paar Stiefel versteckt. Sie hatten bereits vorher mit ihm darüber gesprochen, daß sie für ihn ein gutes Paar Stiefel aufbewahrt hätten und es ihm gleich bringen wollten. Der Schupo war damit einverstanden ge- wesen. In demselben Augenblick sollten die anderen zwei zu dem anderen Schupo hinausgehen, daher lief auch ich schnell zu der Pforte. Schon traten sie an die Pforte heran, die ihnen der andere Diensthabende öffnen sollte, damit auch ihm et- was hinausgebracht würde. Der andere Schupo war aber nicht da. Er verspätete sich um einige Minuten. Die ersten zwei gingen zu dem Schupo hinaus, der zwischen unserem und ihrem Zelt stand. Sie gingen mit ihm bis in sein Wachhäuschen. Der eine der Burschen warf das Holz hin, der andere dagegen begann die Stiefel herauszuziehen. Der Schupo beugte sich vor, um sie entgegenzunehmen und schnellstens im Wachhäuschen zu verstecken. Er hatte Angst, es könne jemand auftauchen und sehen, daß er einem von 153 uns erlaubt habe, zu ihm zu kommen, was streng verboten war. Das Holz für ihre Feuerung mußte man ihnen immer über die Umzäunung hinüberwerfen und durfte es nicht an Ort und Stelle bringen. Als sich der Schupo vorbeugte, um die Stiefel zu nehmen, warf sich derjenige von uns, der das Holz getragen hatte, auf ihn und begann ihn zu würgen. Leider hatte er ihn schlecht gepackt. Der Deutsche vermochte laut aufzuschreien. Einen weiteren Laut gab er nicht von sich. Die Unseren warfen sich so auf ihn, daß sie ihn gleich er- würgten. Unterdessen spielte die Musik in der Baracke weiter, einige sangen wie sonst und ließen sich nichts anmerken. Als ich den dünnen Aufschrei des Schwaben hörte, eilte ich in Richtung auf die andere Pforte. Aber den Aufschrei hatte nicht nur ich gehört, sondern auch einige in den Zelten, die im selben Augenblick auf den Hof hinauseilten. Die zum Hinausgehen vorbereiteten anderen zwei Mann standen da und fragten, was mit der ersten Zweiergruppe los sei, ob sie schon hinausgegangen wären, weil man ihnen im Augenblick ihres Weggehens kein Zeichen gegeben hatte. Ich sagte ihnen, der Schupo sei schon erledigt. Als sie das hörten, gingen sie zu der anderen Pforte, an der auch schon der Schupo stand und auf sie wartete, damit sie ihm brächten, was sie ihm zugesagt hatten. Ohne bemerkt zu haben, daß etwas vorgefallen war, öffnete er das Pförtchen. Da wir aber wußten, daß wir nicht warten durften, warfen wir uns auf ihn, und im selben Augenblick hörten wir hinter uns Schüsse. Wie sich erwies, hatten auch die im Zelt befindlichen Schupos den Aufschrei gehört, sich schnell bewaffnet und waren her- ausgelaufen. In Erkenntnis der Lage eröffneten sie sofort das Feuer in Richtung auf unsere Zelte. Einer der beiden, die sich mit dem an der anderen Pforte stehenden Schupo ausein- andersetzen sollten, hielt gerade einen Spaten in der Hand, 154 auf de Schupo Spaten betäubi gegen Herren Minute er nicht Flieher malmte Alle e Wald: raden würde fliehen Goldb Kriege geantı daß el erlebt Man< gehen auf dem brennendes Holz zum Feuermachen lag. Als der Schupo die Pforte aufmachte, versetzte er ihm mit diesem Spaten einen Schlag ins Gesicht, ich warf ihn zu Boden und betäubte ihn mit einem Schlag meines beschlagenen Stiefels gegen den Kopf. Er vermochte noch aufzuschreien:„Meine Herren, laßt mich leben.“(So wurden wir innerhalb einer Minute aus„Figuren“ Herren.) Einen zweiten Ton brachte er nicht heraus. Er fiel direkt an der Pforte hin, und jeder der Fliehenden trat beim Passieren der Pforte auf ihn und zer- malmte sein Gesicht. Alle ergriffen die Flucht. Wir hatten verabredet, in den Wald zu gehen. Aber wie sollte man jetzt die anderen Kame- raden suchen, da hinter uns schon geschossen wurde? Wir wollten uns nach dem dichten Wald zu absetzen. Da ich überzeugt war, daß die Schupos diese Seite bereits abge- riegelt hatten, setzte ich mich in entgegengesetzter Richtung ab und lief schnell vorwärts nach der Seite, wo der Berg war. Wer aber denken möchte, daß alle die Flucht ergriffen hatten, würde sich täuschen. Es gab einige, die überhaupt nicht fliehen wollten. So wollte zum Beispiel ein gewisser Jehuda Goldberg, ein ehemaliger polnischer Legionär, der vor dem Kriege in der Czacki-Schule als Schuldiener beschäftigt ge- wesen war, die Flucht nicht versuchen. Er war ungefähr vier- zig Jahre alt. Nach der Versammlung, auf der allen bekannt gegeben worden war, daß wir heute fliehen würden, hatte er sich wie jeden anderen Tag für diese Nacht ausgezogen und schlafen gelegt. Einige waren mit der Frage an ihn herange- treten, ob er denn nicht wisse, was geschähe. Darauf hatte er geantwortet:„Ich weiß alles, möge euch der Herrgott helfen, daß euch die Flucht gelingt, damit ihr das Ende von denen erlebt und in der Welt als Augenzeugen erzählen könnt, wie man ein Volk vernichtet hat. Aber ich— wohin kann ich gehen? In die Stadt, in irgendeine Zufluchtsstätte— wer 155 nimmt mich auf? Freunde oder bekannte ‚Arier‘, die mich aufnehmen würden, habe ich nicht. Auch in den Wald kann ich nicht gehen, weil ich weiß, daß ich es vergeblich versuchen würde. Ich bin nicht mehr so jung wie ihr, ich halte es dort nicht aus, und wenn ich mich euch anschließe, werdet ihr Schwierigkeiten mit mir haben und könntet durch mich noch hereinfallen. Schnell gehen kann ich nicht, also würdet ihr meinetwegen auch nicht schnell gehen, denn euer Gewissen ließe es nicht zu, mich unterwegs zu verlassen. Wenn ihr ge- flohen seid, werden die Schupos hier hereinstürzen und mich töten, aber ich will lieber in dieser Nacht fallen und nicht, daß sie mich unterwegs fangen. Und außerdem, wozu soll ich leben? Meine Frau und meine sieben Kinder, die mein größter Schatz waren, habe ich ver- loren, daher will ich auch nicht mehr leben.“ Er hatte noch gesagt:„Gute Nacht euch! Glücklichen Weg! Gott gebe, daß ihr den Krieg überlebt und ich einen leichten Tod habe!“ Dann hatte er sich umgedreht und die Augen zum Schlaf geschlossen. 23. KAPITEL Wohin soll ich mich begeben? Gefährten des Unglücks. In Zniesienie. Sie fielen hin und standen nicht mehr auf. Der wiedergefundene Gefährte. Begegnung mit einem Auto. „Ach, wie sind diese Menschen glücklich!“ Wie ich schon bemerkte, setzte ich mich in Richtung auf den Berg ab. Draußen war es so finster, daß einer den anderen nicht sah. Hinter uns hörte man laute Schüsse aus Maschinenpistolen, Handgranaten wurden geworfen. Ich war noch keine 10m gelaufen, als ich in dem Stacheldrahtverhau hängenblieb, das unter dem Gestrüpp versteckt lag. Ich fiel hin, erhob mich 156 und sprang über die Verhaue, die mir bekannt waren, weil wir sie ja selbst angelegt hatten. Ich lief weiter und hörte plötzlich Sträucher rascheln. Als wenn jemand zwischen ihnen liefe. Ich fragte„Wer ist da?“, denn ich wußte, daß es be- stimmt kein Schupo war. Ein Schupo hätte mit einer Taschen- laterne geleuchtet. Aus den Sträuchern hörte ich die bekannte Stimme eines Unglücksgefährten, eines gewissen Buk, der früher im Bristol Kellner gewesen war:„Ich bins.“ Ich rief ihn heran. Ich wollte, daß wir zusammenblieben, denn zu zweit ist es immer besser als allein. Auf einmal tauchte bei uns noch ein dritter auf, ein gewisser MojZesz Korn, der bei uns unter dem Beinamen„Entenschnabel“ bekannt war. Jetzt liefen wir zu dritt weiter. Wir stolperten immerzu und fielen hin. Das Gelände war so, daß bei jedem Schritt ent- weder eine Erhöhung oder eine Vertiefung kam. Da man nichts sah, fiel man aufs Gesicht. So fielen wir fortwährend zu dritt hin, einer nach dem anderen, wir halfen uns gegen- seitig beim Aufstehen und liefen weiter. Unterwegs verloren wir Korn. Wir kletterten den Berg hinauf und befanden uns schließlich auf der Landstraße. Hier hatten wir zwei Wege vor uns. Der eine führte zur Lyczakowska-Maut und der andere nach Winniki. Wir blieben ein Weilchen stehen und überlegten, wohin wir gehen sollten. Ich sagte, wir müßten direkt in den Wald, Buk sagte, daß wir zuerst in die Stadt gehen müßten, uns an die Stelle begeben, wo sich früher das Ghetto befunden hatte, uns dort unter den Ruinen der zerstörten Häuser bis zum morgigen Tage verstecken und erst am Abend in den Wald aufbrechen. Aber wenn wir uns in die Stadt begeben wollten, müßten wir zumindest den Weg kennen, wir aber wußten nicht einmal, welche Richtung wir einzuschlagen hatten, ob nach rechts oder nach links, ob wir vorwärts gehen oder 157 umkehren sollten. Wir bedauerten außerordentlich, daß wir Korn aus den Augen verloren hatten, denn er allein kannte diese Gegend gut. Schließlich entschieden wir uns und gingen nach rechts in Richtung auf Winniki. Wir waren einige Meter gegangen, als wir Menschenschritte hörten. Mein Freund wollte sich zurückziehen. Ich sagte ihm aber, daß wir uns nicht zurückziehen und einen anderen Weg nehmen dürften. Ich sagte ihm:„Gehen wir vorwärts, frei- weg, und unterhalten wir uns über irgendein burschikoses Thema.“ Wir gingen also geradeaus. Wir näherten uns den Menschen, deren Schritte wir gehört hatten. Als wir bei ihnen waren, sahen wir, daß es niemand anderes war, als eben unser verlorengegangener Gefährte M. Korn, zusammen mit einem gewissen Lejzor Sandberg, der von Beruf Chauffeur war. Wir schlossen uns zusammen und gingen so zu viert weiter. Korn führte uns, denn er kannte als einziger den Weg. Wir gingen Schritt für Schritt hinter ihm und fragten nicht ein- mal, wohin er uns führte. Wir fügten uns mit großer Freude seiner Führung, und es wurde uns leichter ums Herz, weil wir einen Anführer hatten. Wo wir auf ein Loch stießen, kamen wir zu Fall, richteten einander auf und gingen weiter. Wir schritten einer hinter dem anderen und orientierten uns nach dem Gehör, weil es so finster war, daß einer den anderen nicht sah. Wir gingen mit blankgezogenen Messern in der Hand, jederzeit kampfbereit. Unser Tod wäre auch der Tod dessen, der uns anhielte. Langsam kamen wir aus dem besiedelten Gebiet heraus. Wir waren nun im Freien. Wenn wir hörten, daß jemand kam, ließen wir uns auf die Erde fallen, wenn er vorüber war, er- hoben wir uns und gingen weiter. Wir waren bereits in Zniesienie gegenüber der Fabrik Rucker. Wir gingen in der Richtung auf die hiesige Eisenbahnrampe. Wir gingen die Bahngleise entlang in Richtung Schlachthof. 158 „Wir Schrit „Was nach ı sagen „Wir „Wer „Schi bei ze Dad er an mich deren schos: hatteı Ih sc Richt Plötzlich trat aus dem Häuschen, das an der Bahn stand, der Diensthabende heraus und fragte:„Wer da?“ Korn antwor- tete als Anführer:„Landsleute.“ Der Betriebsleiter entgeg- nete:„Wißt ihr denn nicht, daß man hier nicht durchgehen darf. Marsch zurück!“ „Wir gehen“, sagte Korn, und wir entfernten uns einige Schritte, indem wir zurückgingen. „Was seid ihr für welche? Halt!“ sagte der Diensthabende nach wenigen Minuten, als hätte er vorher überlegt, was er sagen solle. „Wir sind es doch“, erwiderte Korn. „Wer denn wir? Halt! Sonst schieße ich.“ „Schießt nicht, wir sind es doch“, sagte Korn wieder, und da- bei zog er sich mit uns zusammen immer weiter zurück. Da der Diensthabende sah, daß wir nicht stehenblieben, fing er an zu schießen, und wir begannen zu fliehen. Ich setzte mich ebenso wie Korn allein nach rechts ab, die beiden an- deren dagegen liefen die Bahngleise entlang und wurden er- schossen. Sie fielen hin und standen nicht mehr auf. So hatten wir sie verloren. Ich schlug mich allein nach rechts durch, und in derselben Richtung setzte sich auch Korn allein ab. Ich hatte noch ge- sehen, daß er auch nach rechts lief, aber wir verloren die Ver- bindung miteinander. So lief ich bis direkt an den Garten- zaun der Raffinerie, die sich hier befand. Hier hörte ich die Stimme des Diensthabenden der Raffinerie, der auf Grund des Krachs der hier auf Schritt und Tritt herumliegenden Bleche und Drähte, gegen die ich beim Laufen mit den Füßen immer- zu gestoßen hatte, herausgekommen war. „Wer ist da?“ Ich legte mich hin. Ich lag da und überlegte, was nun zu tun sei. Wohin gehen? In den Wald? Ich war allein. In die Stadt gehen und mich in der Stadt umhertreiben— der erste beste Polizist würde mich schnappen, da ich doch auf dem Rücken 159 einen großen Höcker in Gestalt eines ausgestickten Juden- flikens hatte. Plötzlich hörte ich das Rascheln von Sträu- chern. Unwillkürlich entfuhr meinem Munde der Name mei- nes Freundes. Nach einem Augenblick setzte sich Korn neben mich. „Gehen wir weiter?“ fragte er mich nach einem Augenblick leise. „Nein“, antwortete ich ihm.„Zunächst müssen wir und etwa eine Viertelstunde abwarten, bis sich der Dienst- tuende beruhigt hat. Dann werden wir weiterge da Ina unterhielten uns füsternd über jene Wir saßen nun ihrten. Sie waren bestimmt umgekommen. Und zwei Weggefä wohin würden wir jetzt gehen? Wohin? Wir gingen auf die Bahngleise hinaus, auf denen man vor einigen Minuten hinter uns geschossen hatte. Wir gingen diesmal in der Richtung auf Zölkiewskie Zniesienie. Wir standen bereits an der Rampe. Vor uns befand sich die Land- straße. In einer Richtung führte sie zur Stadt, dagegen in der entgegengesetzten Richtung in die Provinz. Nach Korns Plan mußte man ein Stück des W— es durch die Stadtstraßen zu- rücklegen. Aber wie sollte man da hingehen? Es war doch eine Hauptstraße, eine Fee auf der unaufhörlich | Kraftfahrzeuge hin und her fuhren. Es war möglich, daß so- fort zur SD-Dienststelle telefoniert worden war und sie be- reits an allen Mautstellen Posten aufgestellt hatte, um uns den Weg abzuriegeln. Aber was sollten wir tun? Es ging um Tod oder Leben. Wir gingen die Straße hinunter. Auf der Straße sah man niemanden. Überall war es still. Der Mond, der in diesem Moment auftauchte, erleuchtete unseren Weg. Plötzlich wurde es auf der Straße sehr hell. Die Scheinwerfer eines Autos, das sich in diesem Augenblick näherte, warfen ihre Lichtbündel voraus. Korn flüsterte:„Wir sind verloren“ und machte mir Vorwürfe, daß ich ihn verlockt hätte, auf der 160 blick berei kam ich€ lat daß : den End) Straße zu gehen.„Laß dich von dem Auto nicht ins Bocks- horn jagen, geh nur mit sicheren Schritten weiter!“ erwiderte ich ihm. Das Auto näherte sich uns. Es hielt einen Augenblick an. Wir wußten nicht einmal warum. Wir zogen unsere Messer heraus und bereiteten uns zum Kampf vor. Wir glaubten, daß wir unfehlbar verloren seien. Nach einer kurzen Rast setzte der Wagen seine Fahrt fort. Wir atmeten auf. Wir gingen hinter ein Haus, das abseits ganz in der Nähe von uns stand. Wir wollten abwarten, bis das Auto sich gänzlich entfernt hatte. Nach einigen Augen- blicken trat ich allein hervor, um zu sehen, ob das Auto bereits fort war, und sah mit Entsetzen, daß es gerade zurück- kam. Vielleicht kam es zurück, um uns zu identifizieren? Als ich das sah, zog ich mich sofort wieder auf meinen vorherigen Platz hinter das Haus zurück. Wir standen hier und sahen, daß sich das Auto näherte, denn die Scheinwerfer erleuchteten den Weg, dem wir gegenüberstanden, immer heller. Endlich fuhr das Auto an uns vorbei. Wir traten aus dem Ver- steckheraus und gingen weiter. Die Nacht wurde immer heller, der Mond warf seinen Lichtschein, der von den Wasserlachen am Weg zurückstrahlte. Aus den verdunkelten Fenstern tauchten an den Seiten wie verstohlen Lichtstreifen auf. Wohnungen! Wie glücklich sind doch die Menschen, die eine Wohnung haben! In der Wohnung sitzt gewiß ein Ehepaar und erzählt sich über die Tagesereignisse und spinnt weitere Lebenspläne. An der Wand steht sicher ein Bettmit sauberem, schneeweißem, aber vielleicht auch mit schmutzigem Bett- zeug bedeckt. Vielleicht ist auf diesem Bett auch überhaupt kein Bettzeug. Aber immerhin wird dort irgendein Lumpen zum Zudecken liegen, irgendein Lumpen, den man unter den Kopf tut. Ach, wie glücklich sind diese Menschen! Sie wissen es selber nicht. Wenn sie so sehen würden, wie auf der Straße zwei Menschen gehen, mit Schmutz beschmiert, durchnäßt, 11 Fıs/zs 161 ermattet, mit gesenktem Kopf, die vor den Augen den Tod sehen und nicht wissen, wohin sie sich wenden sollen und die doch die glücklichsten Menschen wären, könnten sie wenig- stens in einen dunklen Keller hineingehen— und sei es auch nur für eine Nacht... Man hörte das Bellen von Hunden, die die schlafenden Haus- besitzer bewachten. Die ganze Stadt war in tiefen Schlaf versunken. Mitternacht war schon vorüber, und wir gingen immerzu, gingen und gingen. Wir gingen und befanden uns fortwährend wie an ein und derselben Stelle. Endlich näherten wir uns der Brücke an der Peltwia von der Zamarstynowska- straße her. Hier blieben wir stehen. Wir schauten hinunter. Hier waren wir doch alle verabredet. Niemand war da. Viel- leicht deshalb, weil sie alle unterwegs gefallen waren, aber vielleicht waren sie hier schon versammelt gewesen, und da sie gesehen hatten, daß wir so lange ausblieben, waren sie weggegangen. Wir zwei blieben übrig. Schluß Korn hatte in Kleparöw einen bekannten Polen. Wir gingen also zu ihm. Aber wie sollte man in sein Haus hineinkom- men? Dort wohnten auch andere. Und es war gegen ein Uhr nachts, das Haustor war daher geschlossen. Wenn wir an die Haustür klopften, konnte jemand Fremdes herauskommen, und dann waren wir verloren. Ich kam auf einen Gedanken. Da der Bekannte ein Fuhrmann war, sagte ich zu Korn, könne man doch an die Tür klopfen, und wenn ein Fremder aufmache, ihn bitten, jenen Bekannten zu rufen. Korn solle anklopfen und sich entschuldigen, daß er selbst nicht hinein- gehen könne, weil er Angst habe, den Wagen mit dem Pferd auf der Straße zurückzulassen. Ich würde mich nicht sehen lassen. Wir gingen also hin und kamen schließlich zu dem 162 Aral vortet Mad Nadı e aber ni Haus, wo der Bekannte wohnte. Am Hauseingang befanden sich einige Stufen. Unter diesen Stufen war ein freier Raum. Hier versteckte ich mich, damit mich niemand sah, mein Ge- fährte stieg die Stufen hinauf und klopfte an die Haustür. Er klopfte und klopfte(man fürchtete sich jetzt aufzumachen wegen der nächtlichen Überfälle, die häufig vorkamen). End- lich meldete sich eine Stimme.„Wer ist dort?“—„Ich möchte zu Maciej B.“, antwortete Korn.„Wer ist dort?“ fragte die- selbe Stimme noch einmal.„Bitte, rufen Sie ihn und sagen Sie ihm, daß hier jemand mit einem Pferd auf ihn wartet“, ant- wortete Korn. Nach einigen Minuten hörte man Schritte. Es kam jemand, aber nicht allein, sondern mit einer Frau. Man hörte, wie sie fortwährend leise zu ihm sagte:„Ich habe Angst, wenn du weggehst.“ Endlich wurde die Tür aufgemacht. Der Bekannte kam heraus. Als er sah, daß Korn es war, hatte er alles be- griffen und ging mit ihm hinunter. Er bog in die Querstraße ein, denn es war ein Eckhaus, und ich saß weiter unter der Treppe und hörte, wie seine Frau, auf die Rückkehr ihres Mannes wartend, mit dem Nachbarn sprach, der sie heraus- gerufen hatte. Darüber, daß die beiden lange fortblieben, daß vielleicht etwas passiert sei, daß man nachsehen solle, was sie machten. Schließlich hörte ich, wie der Mann allein zurückkam, ohne Korn, ins Haus hineinging und die Haustür zuschloß. Warum? Was war los? Ich hatte keine Ahnung; da ich mir keinen anderen Rat wußte, blieb ich also weiter unter den Treppen liegen. Nach einigen Minuten hörte ich, wie sich die Haustür von neuem öffnete, jemand herunterkam und neben dem Loch stehenblieb, wo ich lag. Ich hielt den Atem an; nach einigen Sekunden hörte ich flüstern:„Komm.“ Ich kroch heraus und ging mit. Der Mann führte mich in ein Kämmerchen, das sich hinter dem Hause befand. Dort traf ich nun Korn an. Sein Bekannter schloß das Kämmerchen zu und ging fort. Wir legten uns auf die Erde. Wir lagen da ıı F 163 und achteten auf jeden Atemzug, damit er nicht zu laut sei. Wir lagen da, und jede Minute erschien uns wie ein Jahr. Gegen fünf Uhr morgens kam jemand. Die Tür öffnete sich, und unser Wirt kam herein. Er brachte uns Frühstück. Aber wer hatte schon Hunger? Er sagte mit leiser, kaum hörbarer Stimme:„Was machen wir nun weiter? Ihr seht ja selbst, daß es hier für euch kein Versteck gibt.“ Korn bat ihn, uns zu einem anderen bekannten Polen zu bringen. Der andere war damit einverstanden. Wir gingen also hin. Draußen dämmerte es schon. Die Entfernung bis zu der neuen Stelle war nicht groß. Wir kamen auf den Hof des anderen Landwirts. Es war nicht so ein Haus wie das vor- herige, in dem mehrere Familien wohnten. Dieses Gebäude sah wie ein Haus auf dem Lande aus. Wir standen also mit dem neuen Wirt auf dem Hof, und der andere ging fort. Wir waren nun allein. Jetzt erst fingen wir an, darüber zu sprechen, wo er uns verstecken könnte, denn bis jetzt hatte man im stillen Einvernehmen so getan, daß er uns irgend- wohin weiterbringen möchte. Einer hatte vor dem anderen Angst. Er sagte, daß er im Keller einen Schutzraum machen wolle, wir aber vorläufig in die Scheune gehen müßten. Wir gaben ihm gleich Geld, damit er uns Essen holte. Wir baten ihn auch, an die Stelle zu gehen, wo wir uns mit den anderen Kameraden treffen sollten, in der Kleparowskastraße unter der Brücke an der Peltwia. Er ging. Wir saßen in der Scheune im Stroh. Wir hatten Angst, uns zu rühren, weil sonst das Stroh raschelte. Schließlich kam der Wirt nach einer Stunde zurück. Er erzählte uns, er sei an dieser Stelle gewesen, wo wir uns alle treffen sollten. Als er auf die andere Seite gegangen sei, habe er einen mittelgroßen, etwa vierzigjähri- gen Mann mit dunklem Haar gesehen. Er habe am Fluß mit gesenktem Kopf gesessen, sei dann plötzlich aufgestan- den, ins Wasser gesprungen und untergegangen. Wir begriffen, daß er dort zu lange auf seine Kameraden gewartet hatte, 164 alle F war V Bei d mußt Wisse er trü nach| und unser der H Vater uns k Lufts kunf 24 P über ben. Ic Ank holt briga ih bews die Z Ihn ZU sc schid alle Hoffnung auf Rettung verlor und Selbstmord beging. Er war vorzeitig zusammengebrochen. Bei diesem Wirt blieben wir drei Tage. Nach drei Tagen mußten wir diesen Platz verlassen, und zwar sogar ohne sein Wissen, denn nachdem er von uns Geld erhalten hatte, war er trinken gegangen und hatte uns vergessen. Er war nicht nach Hause gekommen, niemand hatte uns zu essen gegeben, ınd wir hatten sogar Angst gehabt, hinauszugehen, um unsere Notdurft zu verrichten. Wir wären infolge mangeln- der Hilfe umgekommen, wäre in unserem Versteck nicht der Vater des Landwirts erschienen, der sich dann fürsorglich um uns kümmerte und uns zu sich nahm. Bei ihm befand sich ein Luftschutzraum, in dem 22 Juden saßen. Mit unserer An- kunft erhöhte sich die Zahl der sich dort Versteckenden auf 4 Personen. Über das Leben in diesem Luftschutzraum und über meine weiteren Erlebnisse werde ich gesondert schrei- ben. Ich will nur noch erwähnen, daß ich einige Tage nach meiner Ankunft in diesem Luftschutzraum meine Notizen hervor- holte, die ich während meines Aufenthaltes in der„Todes- brigade“ gemacht hatte, wozu ich Gelegenheit besaß, weil ich als Ordner in der Baracke Papier und Bleistifte auf- bewahrte, die für den„Zähler“ bestimmt waren, der täglich die Zahl der verbrannten Leichen zu notieren hatte. Ich machte mich daran, meine Tagebücher aus der Kriegszeit zu schreiben, deren dritten Teil die hier niedergelegte Ge- schichte meiner Erlebnisse in der„Todesbrigade“ bildet. GUSTA DAWIDSOHN-DRAENGEROWA TAGEBUCH DER JUSTYNA Das letten der Werk lesba trage Zelle eigen aus| hat. Ber seine der( Nung einer habe Mitt im VORBEMERKUNGEN Das Manuskript des„Tagebuchs der Justyna“ besteht aus Toi- lettenpapierstreifen verschiedener Größe und Form, wie sie von der Verfasserin in dem Gefängnis zu erlangen waren, wo dieses Werk entstand. Der mit Kopierstift geschriebene Text ist deutlich lesbar. Gewisse Teile des Manuskripts, die eine fremde Handschrift tragen, wurden— wie die am Leben gebliebenen Genossen ihrer Zelle bestätigen— von der Verfasserin diktiert. Diese Teile weisen eigenhändige Zusätze und Verbesserungen Justynas auf. Dar- aus geht hervor, daß die Verfasserin diese Abschnitte korrigiert hat. Übrigens bricht die fremde Handschrift manchmal auch mitten im Satz ab, wonach wiederum die Handschrift der Verfasserin folgt. Die einzelnen Bündel dieser Toilettenpapierblätter sind durch Papierstreifen abgeteilt, die Vermerke der Verfasserin über die Reihenfolge der Kapitel tragen. Durch diese Papierklammern be- wahrte Justyna das Manuskript davor, daß die einzelnen Blätter durcheinandergerieten; daher bereitete seine Rekonstruktion kei- nerlei Schwierigkeiten. Die Lücken im Manuskript und die Worte, die verwischt oder nicht zu entziffern sind, wurden besonders gekennzeichnet. Nicht identi- fizierte Personen blieben ohne Erklärung. a Bernard Joannes, ein Mitkämpfer Justynas, schreibt in seinem Nachruf:„Unsere Genossin Gusta Draengerowa schrieb in der Gefängniszelle ein Tagebuch, das sie vor ihrer Flucht in Ord- nung zu bringen, in einer Blechschachtel zu verwahren und in einem Ofen zu verstecken ve te. Bei der ersten Gelegenheit haben es unsere Freunde hervorgeholt, aufbewahrt und mir über- mittelt. Bewunderungswürdig ist die Tatsache, daß sie, obwohl sie im Gestapogefängnis saß und allen raffinierten Schikanen der 169 deutschen Polizei ausgesetzt war, auf Form, Korrektheit und Les- barkeit geachtet hat. Ein besonderes Gewicht verdient die Er- klärung der Verfasserin, warum sie die Kampfaktionen nur all- gemein erwähnte: Das Tagebuch wurde in der Zeit geschrieben, als die Untersuchung im Gange war, es war daher Vorsicht geboten. Das im Gefängnis verfaßte Tagebuch drückt die Haltung jenes Teils der bewußten jüdischen Jugend aus, die vor den deutschen Verbrechern nicht den Nacken beugen wollte und die Fahne des Kampfes um die Würde und Ehre des Volkes hochhielt. Dieser Kampf war der Protest gegen die Untätigkeit und Gleichgültigkeit der Welt. Er war kein Akt der Verzweiflung. Er war eine bewußte und organisierte Handlung, die als Teil eines Ganzen, als Glied in der Kette der Widerstandsbewegung aufgefaßt wurde. Die Kämpfer hofften, die Flamme ihres Aufruhrs würde übergreifen und die Welt bewegen, dem deutschen Terror entgegenzutreten. Die Hauptpersonen dieses Dramas haben den Krieg nicht überlebt. Diese Menschen lebten und starben wie Helden.“ ” Über die zum Verständnis des Tagebuchs notwendigen äußeren Umstände und Zusammenhänge berichtet Jözef Wulf, der Herausgeber dieser Aufzeichnungen:„Am 12. Dezember 1941 schickte die Deputation der Jüdischen Sozialen Selbsthilfe in Nowy Wisnicz(8 km von Bochnia) einen Brief an den Chef der Gestapo, in welchem sie unter anderem schrieb: ‚Wir bitten, uns Kurse zu genehmigen, die die Umschulung der jüdischen Jugend zum Ackerbau zum Ziel haben, und uns die Erlaubnis zu erteilen, in Kopaliny einen landwirtschaftlichen Betrieb zu gründen.‘ Weder der Gestapochef noch der Landkommissar von Bochnia ahnten, daß sie auf diese Weise eine jüdische Kampfgruppe ge- nehmigten, die so Bewegungsfreiheit und Betätigungsmöglichkeit zu erlangen suchte. Als Lehrer genehmigte mann Draenger, seine Frau Gusta, den Schriftsteller Juliusz Feldhorn und mich. Als Leiter des landwirtschaftlichen Betriebes in Kopaliny wurde Szymszon Dra- enger, genannt Symek, eingesetzt. 170 Nien alen dab. für nom Juge Sie ı schei des. men schic Im/ ein, Im| and und Wi übe sch Ma Niemand vom Präsidium(außer Dr. Hilfstein) der Jüdischen Sozi- alen Selbsthilfe im damaligen ‚General-Gouvernement‘ wußte, daß der aus ihrem Kreis stammende Dolek Liebeskind das Referat für Umschulung zum Ackerbau lediglich zu dem Zweck über- nommen hatte, auf diese Weise einen legalen Kontakt mit den Jugendgruppen aufrechtzuerhalten. Sie wußten auch nicht, daß sich in den Briefumschlägen der Jüdi- schen Sozialen Selbsthilfe die ersten Aufrufe und Instruktionen des Jüdischen Kampfbundes in Krakau befanden, die man zusam- men mit der offiziellen Post in verschiedene Gegenden ver- schickte. Im April oder Mai 1942 traf Dolek Liebeskind in Nowy Wisnicz ein. Im Namen seiner Zentrale konferierte er mit dem ‚Judenrat‘ und anderen Komitees, aber nachts fand hinter verschlossenen Türen und Fensterläden unsere erste Sitzung statt. Wir lasen damals einen Bericht aus Warschau, der Mitteilungen über ein Gasauto in Chelm und über andere Mordtaten der Deut- schen enthielt, die sie in den Ostgebieten an Juden verübt hatten. Man beschloß, wachsam zu bleiben und Jugendgruppen zu bilden, denen die allgemeine Lage der Juden erklärt werden mußte. Dolek fuhr weg. In Kursen disputierten wir über den Nazismus und seinen Pro- pheten, aber auf den Tischen lagen immer Bücher unverfänglichen Inhalts wie Botanik, Zoologie oder Chemie. Natürlich war die Zahl der Kursusteilnehmer begrenzt, einfach schon aus Gründen der Vorsicht. Nach sechs Wochen wählte man aus den Kursusteilnehmern zehn der zuverlässigsten jungen Männer, die— angeblich bereits theo- retisch für die Arbeit vorbereitet— wir nach Kopaliny schickten. In Kopaliny wurde tatsächlich den ganzen Tag über gearbeitet, aber mit Anbruch der Nacht erledigte man Post oder Berichte, die wir schon vorher vorbereitet hatten. Von Zeit zu Zeit fuhren Syıhek'ünd ich nach Krakau, meldeten uns im Präsidium der Jüdischen Sozialen Selbsthilfe, verlangten materielle Unterstützung und verständigten uns bei dieser Gele- genheit mit Dolek in unserer Angelegenheit. 171 Nach außen sah die ganze Sache harmlos aus, trotzdem begannen die Juden in Nowy Wisnicz zu raunen, daß in Kopaliny irgend etwas nicht in Ordnung sei. Es kam dahin, daß der ‚Judenrat‘, der sich vorwiegend aus ‚Käuflichen‘ zusammensetzte, uns nahelegte, den landwirtschaftlichen Betrieb aufzugeben. Wir hatten jedoch die Unterstützung des Präsidiums der Jüdischen Sozialen Selbst- hilfe, das nicht genau Bescheid wußte und uns als seine Mitarbeiter verteidigte, hatten wir doch die offizielle Genehmigung des Chefs der Gestapo. Aber auch wir selbst hatten uns noch nicht entschieden, was zu tun sei. Wir überlegten und diskutierten über Wege und Ziele, aber unsere Diskussionen wurden von den Umrissen der künftigen Ereignisse bestimmt. Man suchte Anschluß. Bis zu diesem Augenblick war jeder von uns in seinen eigenen Interessenbereich vertieft gewesen, hatte nichts mit praktischem Kampf gemein gehabt. Wir trauten daher unseren eigenen Kräften nicht, keiner besaß eine militärische Ausbildung oder Fertigkeit. Anfangs waren wir auch nicht über die bereits bestehenden kon- spirativen Möglichkeiten der polnischen Kampforganisation orientiert. In dieser Zeit trafen sich Dolek und Symek mit Gola Mirer, einer Kommunistin, die später dabei behilflih war, bei bestimmten Aktionen die Verbindung zwischen dem Jüdischen Kampfbund und der polnischen Untergrundbewegung herzustellen. Später wurde Laban zu den Beratungen hinzugewählt. Es ist schwer, die großen Hindernisse gebührend einzuschätzen, die bei der Organisation der jüdischen Verschwörung in der Zeit des Nazismus auftraten. Unsere Arbeit war hundertmal schwieriger als die Arbeit einer anderen Verschwörergruppe, denn wir mußten nicht nur unsere illegale Tätigkeit geheimhalten, sondern auch unsere Zugehörigkeit zum Judentum verbergen. Die Leitung hatte beschlossen, auf keine Schwierigkeiten Rück- sicht zu nehmen und den ersten Schritt zu tun, der die Apathie und Passivität der jüdischen Massen durchbrechen sollte. Nach einem mißlungenen Versuch, in den Wäldern Anschluß an Partisanenabteilungen zu bekommen, lautete ein neuer Befehl, in 172 Der Frak Baun durd Am Kafl spät Krakau zu wirken, wo die Okkupantenbehörde ihren Sitz hatte. Der erste Deutsche wurde in den öffentlichen Anlagen in dem Ab- schnitt zwischen der StarowislIna- und der Sarystraße getötet. Die Tat führte Dolek aus. Auch an den meisten späteren Aktionen nahm er teil. Eine Anzahl Deutscher fiel in den Straßen von Krakau, in Blonie kam ein deutscher Flieger um, auf der Strecke Krakau—Bochnia wurden Eisenbahnschienen losgeschraubt. Das war der Anfang. Der Jüdische Kampfbund verständigte sich im Ghetto mit der Fraktion der Polnischen Arbeiterpartei, an deren Spitze Hersz Bauminger stand. Gemeinsam mit ihr führte man eine Aktion durch, die die deutschen Behörden in Bewegung setzte. Am 23. 12. 1942 warfen jüdische Kämpfer Handgranaten in Kaffeehäuser. Mehrere Dutzend Deutsche fielen oder erlagen später ihren Verwundungen; jüdische Mädchen und Jungen klebten überall Zettel mit antideutschen Aufrufen und brachten weiß-rote Fahnen an. Der Eindruck war mächtig, die Polizeistunde wurde auf sechs Uhr vorverlegt. Die Repressalien wurden ver- größert. Bei der Gestapo herrschte große Nervosität, weil es gerade der Zeitabschnitt war, in dem Handgranaten auf den Hauptbahnhof von Warschau, in die Wehrmachtskaffeehäuser in Kielce, ins Kino in Radom geworfen wurden. Gleichzeitig mobilisierte die Gestapo ihren ganzen Apparat und stieß auf die Spur einer Gruppe, die sich in den Ruinen des Krankenhauses in der Skawinskastraße versteckt hielt. Unter denen, die sich dort verbargen, befand sich auch Laban. Diese ganze Gruppe fiel in die Hände der Deutschen. Mit Hilfe von Gestapoagenten wurde auch Aleksander Goldberg(Alek) ver- haftet, der sich in der Wohnung in der Wielopolestraße Nr. 25 aufhielt, über die die einzelnen Gruppen miteinander in Fühlung standen. Am 24. Dezember 1942 kam Juda Tennenbaum, der nicht wußte, was geschehen war, mit Instruktionen von Dolek in das Gebäude des jüdischen Krankenhauses und geriet ebenfalls in die Hände der Gestapo. Auf seiner polnischen ‚Kennkarte‘ befand sich die 173 Adresse der Wohnung, in der sich Dolek aufhielt. Auf diese Weise fiel Adolf Liebeskind, der das Ghetto wie ein Held verließ. Von denen, die in deutsche Hände fielen, verriet niemand seine Genossen. Dagegen spielten die Gestapoagenten Natan Weiss- mann und Julian Appel, die in der Organisation als Provokateure mitarbeiteten, einen nach dem anderen in die Hände der Gestapo. Auf diese Weise nahm man auch Symek und andere gefangen; die letzte in Bochnia verbliebene Gruppe wurde am 13. März 1943 verhaftet. Am 29. April 1943 wurde ein Teil der Gefangenen aus der Mon- telupiestraße zur Erschießung fortgebracht. Szymon Draenger ver- mochte zu entkommen. Dagegen gelang Laban der Fluchtversuch nicht. Auf dem jüdischen Friedhof in der Jerozolimskastraße, dem Ort, wo Massenhinrichtungen von Juden stattfanden, warf er sich auf die SS-Männer und verteidigte sich mit bloßen Händen. Erst die zehnte Kugel machte seinem Leben ein Ende. Symek(von da an Wiktor genannt) kehrte in den Bochniaer Kreis zurück, wo er sich mit Justyna traf, die zur selben Zeit aus dem Gefängnis geflohen war. Beide organisierten zusammen mit Hilel Wiodzistawski im Bochniaer Bezirk neue jüdische Kampfgruppen und redigierten eine illegale Zeitung. Im November 1943 verschwanden Symek und Gusta. Auf welche Weise sie umkamen, ist nicht bekannt. Gewiß ist nur, daß sie in die Hände der Deutschen gerieten. Dadurch wurde der Jüdische Kampfbund in Krakau zersprengt. Das Tagebuch, das wir den Lesern übergeben, hat Symek Draen- gers Frau, die fünfundzwanzigjährige Gusta(gebürtige Dawid- sohn), im Krakauer Gefängnis in der Helclöwstraße in der Zeit vom Januar bis April 1943 geschrieben. Gusta(Justyna) war eine junge hübsche und zarte Frau. Die frau- lichen Merkmale, die ihr Wesen durchdrangen, gaben ihrem ganzen Charakter das Gepräge. Die Liebe zu Symek vollzog in ihr wichtige Veränderungen. Symek war nämlich bei seiner Jugendlichkeit der Typ eines trockenen Menschen, der nur ein hartes, mit den Grundsätzen und Ideen übereinstimmendes Leben anerkannte. Diesem Menschen 174 konnt: Lebens Kampf Mit de stand, nehmu Inspira Sie fü unerfal \ gruppe mando: "still da litt, ab Ich ahr dem Be fen, ha Notizb Verbin. fheimill Sie hat Als ich in der Augen! Mit Gr Wunde erzyin la, Wi Sprech. Werder bisher Leute Kennt konnten einzig und allein Selbständigkeit, klare und entschiedene Lebensauffassung, restlose Hingabe an eine Idee und ein starker Kampfgeist imponieren. Mit dem Augenblick, da der Jüdische Kampfbund in Krakau ent- stand, war Gusta-Justyna die Seele aller konspirativen Unter- nehmungen, und so manche Kampftat war das Ergebnis ihrer Inspiration und Aktivität. Sie führte technische Arbeiten durch, machte Schlupfwinkel für unerfahrene Revolutionäre ausfindig, begleitete die ersten Kampf- gruppen in den Wald, nahm an zahlreichen Beratungen des Kom- mandos teil, trug von überall her Revolver zusammen und... litt still darunter, daß ihr Mann Symek für sie keine Zeit hatte. Sie litt, aber sie verstand ihn. Sie litt, spornte ihn aber noch inten- siver zum weiteren Kampf an. Das dauerte so lange, bis Symek im Januar 1943 verhaftet wurde. Damals erhielt ich von Gusta- Justyna einen Brief, der mit den Worten schloß: ‚Ich möchte Dir mein Leben und meinen Tod beschreiben, der bereits eingetreten ist.‘ Ich ahnte Böses und schickte sofort einen Verbindungsmann mit dem Befehl hin, Justyna unbedingt zu mir nach Bochnia zu brin- gen, hatte sie doch sämtliche Fäden der Unternehmungen und ihre Notizbücher in der Hand. Aber am folgenden Tage kehrte der Verbindungsmann mit der Nachricht zurück, daß sich Symeks Frau freiwillig auf der Polizei gemeldet habe. Sie hatte gewünscht, ihren Mann noch einmal wiederzusehen. Als ich mich einige Zeit später mit Symek im Krakauer Gefängnis in der Montelupiestraße befand, erzählte er mir, daß in dem Augenblick, als man ihn während des Verhörs bei der Gestapo mit Gusta konfrontiert hatte und der Gestapochef— auf ihre Wunden und blauen Flecke zeigend— von ihm ein Geständnis erzwingen wollte, Gusta-Justyna stolz erklärt habe: ‚Ja, wir haben jüdische Kampfgruppen organisiert, und wir ver- Sprechen euch, wenn es uns gelingt, euren Händen zu entkommen, werden wir weit stärkere Partisanengruppen organisieren als bisher.‘ Leute aus der Verschwörung setzten uns im Gefängnis davon in Kenntnis, daß Gusta-Justyna sogar in ihrer Gefängniszelle 175 Demonstrationen gegen die Deutschen organisierte, daß sie revo- lutionäre Lieder sang und die deutschen Sadisten, die ihr bei lebendigem Leibe die Haare vom Kopfe rissen, mit Gering- schätzung behandelte. Anfang April 1943 übermittelte Symek seiner Frau auf dem ille- galen Wege die Anweisung, aus dem Gefängnis zu fliehen. Beide kämpften leidenschaftlich für eine große Sache, dachten an den weiteren Kampf gegen die Deutschen, beide entgingen dem Tod an ein und demselben Tage, und beide kamen ein paar Monate später durch die Hände der deutschen Henker um.“ oO Bo Als Justyna in Krakau ankam, war die ganze Maschinerie bereits in Gang gesetzt. Das fiel ihr gleich im ersten Augen- blick auf, als sie in den Stadtbezirk des Ghettos gelangte. Nach einer ganzen Woche voller Beschwerlichkeiten kam sie müde und erschöpft an. Seit einigen Tagen hatte sie sich dauernd auf Reisen befunden, war Nacht für Nacht an einem anderen Ort gewesen, war dabei jeden Tag vor Morgen- grauen aufgestanden, hatte viele Kilometer zu Fuß zurück- gelegt und in unaufhörlicher Nervenanspannung gelebt. Sie hatte aus einem von der Polizei umgebenen Städtchen unter Lebensgefahr ihre Nächsten herausholen müssen, die nicht mehr imstande gewesen waren, sich selbst zu helfen. Zuerst Witek!, dann ihre alte Mutter und schließlich, fast im letzten Augenblick, Mareks? Eltern. Dies hatte innerhalb weniger Tage geschehen müssen. Dazu waren die Probleme der Orts- veränderung gekommen, erschwerte Anschlüsse, Dutzende von Kilometern, die auf einer Fuhre und in einer Droschke, dann wieder einmal, der Tarnung wegen, auf einem Motor- rad zurückgelegt werden mußten, stundenlanges Warten auf den Bahnstationen nach schlaflosen Nächten bei immerwäh- render Angst um seine teuersten Menschen, die unbedingt, ganz unbedingt gerettet werden mußten. Die Anstrengung war so groß, die fortwährende Gefahr derart ernst gewesen, daß es Justyna ungeheuer erschöpft hatte und sie sich— wenn 1= Itus, ein fünfjähriger Neffe Justynas; er war der Liebling der Kampfgruppe. Dieser Knabe hatte sich in die konspirative Lebensweise eingelebt. Marek oder Justyna nahmen ihn manchmal mit, er wohnte bei ihnen und half ihnen, sich den Anschein eines Ehepaares mit Kind zu geben. 2 Marek bzw. Symek Draenger war Justynas Mann. 12 F 18/58 177. auch glücklich und voll gesunden Selbstgefühls— auf ihren geschwollenen Füßen nur mit Mühe in ihren Stadtbezirk zu schleppen vermochte. Sie hatte blaue Ringe um die Augen, ein sonderbar bleiches Gesicht, und nur ein einziger Wunsch beherrschte sie: sich ins Bett zu legen und zu schlafen, zu schlafen und wenn es eine ganze Woche lang wäre. Aber als sich Justyna den Stacheldrähten näherte und den Lärm hörte, der ihr aus den dicht mit Menschen gefüllten Straßen ent- gegenschlug, strömte ihr eine heiße Gefühlswelle ins Herz, und ihre Müdigkeit zerplatzte wie eine Seifenblase. Schon sah hinter der stacheligen Balustrade dieses und jenes bekannte Gesicht zu ihr herüber; schließlich waren ihr alle diese abge- plagten Gesichter unsagbar lieb und nahe. Daher wurde sie auch von dem heißen Verlangen erfaßt, alle diese Menschen zu umarmen, die sie beinahe ein Jahr nicht gesehen und jene, von denen sie sich vor kaum einer Woche getrennt hatte. Wie es doch jetzt in Krakau von Menschen wimmelte! Dieser Stadtbezirk, der vor knapp einem Monat den größten Sturm erlebt hatte und aus dem man nach allen möglichen Richtun- gen geflohen war, wurde jetzt zu einer geräuschvollen Heim- stätte, zu der die Menschen aus den verschiedensten Städten wie zu einem sicheren Asyl flohen. Und mit Recht wurde Krakau zum zentralen Sitz der Bewegung, denn in diesem Augenblick gab es keinen anderen Sammelpunkt mehr. Die letzte Welle der Ausweisung hatte alle noch verbliebenen Menschenanhäufungen restlos weggefegt. Nur hatten die Menschen, durch Erfahrung gewitzigt, nicht mehr auf den letzten Augenblick gewartet, sondern sich gerettet, solange noch Zeit war. Wenn man daher durch die Straßen ging und immer wieder bekannte Gesichter traf, wollte man unwill- kürlich fragen:„Und wie hast du dich gerettet?“ Denn so war es auch wirklich. Was Justyna im Laufe der letzten Woche durchgemacht hatte, machten auch alle an- deren durch, wenn sie aus den belagerten Städten flohen— 178 und wohin? In eine andere Stadt, die nach ein, zwei Tagen das gleiche Schicksal traf. Daher floh man vom Lande in die Stadt und nach einigen Tagen aus der Stadt in ein Städtchen, und wenn die Aktion beendet war, schlich man sich von neuem verstohlen in die Stadt zurück. Es zweifelte niemand mehr daran, daß es nur eine vorläufige Rettung war, daß sie so lange im Kreise dahin, dorthin und wieder zurück fliehen würden, bis ihre Kräfte zu Ende oder ihre letzten Geldmittel erschöpft seien oder— was ja am wahrscheinlichsten war— eine Aktion sie irgendwo unvorbereitet überraschte. Aber sie retteten sich trotz dieser Gewißheit, daß sie ihr Leben nur für eine oder zwei Wochen verlängerten. Und vielleicht taten sie es auch nicht einmal mehr um des bloßen Lebens willen. Aufrichtig gesagt, das Leben ekelte schon alle an, alle hatten diese fortwährende panische Flucht schon satt. Und so manches Mal ertappten sie sich bei dem heimlichen Wunsch, es möge endlich ein Ende nehmen, sie einmal plötz- lich und unverhofft überraschen, damit sie sich nicht vorzu- werfen brauchten, sie hätten sich ergeben. Das war es, einzig das wollten sie nicht: sich ergeben. „Wir werden früher oder später in ihre Hände fallen“, sagten die alten, schon resignierten Männer,„aber wir dürfen ihnen ihre Arbeit zumindest nicht erleichtern. Sollen sie uns ver- folgen, selbst wenn es nur darum wäre, ihnen wenigstens etwas auf die Nerven zu fallen, ehe sie uns in einer Falle fangen.“ Noch gab es in diesen Menschen keinen Kampfgeist, der dem Feinde tapferen Widerstand hätte leisten mögen. Aber war- um sollte man sich darüber wundern? Wer mit ihnen zusam- men die drei Jahre steter Mißhandlung, Erniedrigung, Hetze und des immerwährenden krampfhaften Fassens nach dem Leben nicht durchgemacht hatte, der konnte von der Höhe seines behaglichen Wohllebens herab über sie den Stab brechen. Hätte er aber in die düsteren, resignierten und 12 F" 179 wunden Herzen hineingesehen, hätte er nur eine Stunde lang in dieser schwarzen Hoffnungslosigkeit gelebt und gewußt, daß sowieso alles zwecklos war, daß am Ende von alledem sam sowieso der Tod mit abscheulichen Lettern geschrieben stand, Gedi so hätte er genauso fühlen müssen, wie sie und— nachdem er sie f sich sagte:„Mag kommen, was kommen soll“— warten auf müssen, bis es eintrat. Anders war es mit den Jungen. In wem ihnen brannte förmlich das Verlangen zu leben, und sie denr wollten sih um keinen Preis ergeben. Und gerade dieser bere Lebenswille drängte sie zum aktiven Widerstand. Es war Und tatsächlich interessant. Denn weil sie zu leben verlangten, ger waren sie vor allem bereit, in den Kampf zu gehen, der doch da- am sichersten in den Tod führte. Es war die unzerstörbare Aus Jugendkraft in ihnen, der Lebenstrieb, die sich steigerten, je N schwerer ihr Los war.| dus Wenn sie vor der Ausweisung flohen, wandten sich also alle| waı nach Krakau. Sie wußten noch nichts von dem neuen Be-| ner schluß. In dieser Angelegenheit hatte man weder Rundschrei- jetz ben noch Briefe verschickt. Aber alle spürten auf weite Ent-| Jus fernungen heraus, daß jetzt etwas in Bewegung kommen weg müsse und daß sich dort in Krakau ganz bestimmt etwas| abe 3 anbahne.| ang | Als Justyna am Sonntag gegen Abend in den Stadtbezirk| za kam, umgab sie denn auch ein heimischer und ihr zugehöriger aufl Kreis, und sie fühlte, daß ihr Platz hier war. Sie hatte nicht Unte die Spur des Gefühls von Obdachlosigkeit— sie war doch vor her der Ausweisung geflohen—, sondern das Gefühl der Sicherheit und und— o Ironie!— der Freude, daß sie sich endlich inmitten| dur der Ihren befand. Es war warm und freundlich, daher waren Als Scharen von Menschen auf die Straße hinausgeströmt, und den Lärm schwebte zwischen den hohen Häusern. Jemand führte ver Justyna durch das schmale Tor, ein anderer hakte sie unter alle und half ihr, sich auf ihren wundgelaufenen Füßen vorwärts- tun zuschleppen, und sie ließ sich führen wie ein kleines Kind. 1 180 Sie wußte nicht einmal, wem sie gleich am Eingang begegnet war: alle Gesichter waren zu einer einzigen herzlichen Ge- samtheit zusammengeschmolzen, und so blieben sie ihr im Gedächtnis. Sie hörte Worte, heiße Begrüßungsworte, und sie fühlte sich so wohl wie nie zuvor.—„Wir warten sehr auf dich“, sagte eine Stimme(sie wußte wahrhaftig nicht, zu wem sie gehörte),„wir waren deinetwegen alle so beunruhigt, denn du solltest doch schon Freitag hier sein, und heute ist bereits Sonntag!“—„Ach, ich hatte unzählige Abenteuer! Und je schneller ich zu euch kommen wollte, desto schwieri- ger war ein Anschluß zu bekommen; aber endlich bin ich da— und falle um vor Ermüdung.“ Aus den Häusern tauchten immer neue Gesichter auf. „Wenn du wüßtest, wie beunruhigt Marek ist! Schade, daß du nicht gehört hast, wie fuchtig er auf Jözek! und auf Hela war. Und noch dazu aus was für einem Anlaß! Aus gar kei- nem, ganz einfach aus dem Grunde, weil er nervös war; jetzt wird er sich wohl beruhigen.“ Justyna wurde krebsrot. Sie hatte zwar gewußt, daß Marek wegen ihrer zweitägigen Verspätung beunruhigt sein würde, aber daß darüber alle sprächen, hatte sie ganz und gar nicht angenommen. Deshalb lachte sie laut, um ihre Verlegenheit zu verdecken, und gerade in dem Moment, als sie so hell auflachte, hatte Marek sie erblickt. Er. war bereits davon unterrichtet worden, daß sie angekommen sei, hatte sich da- her für einen Augenblick frei gemacht, um sie zu begrüßen, und drängte sich nun durch die Menschenmenge zu ihr durch. Als sie sich jetzt von Angesicht zu Angesicht gegenüberstan- den und Justyna den Druck seiner schmalen harten Hand verspürte, wußte sie in dem einzigen Augenblick bereits alles. Es war also kein Zufall gewesen, daß die Verantwor- tung für die ganze Familie, für beide Mütter, den Vater und 4 Jözef Wulf, Delegierter der Leitung für den Bezirk Bochnia. für Witek gerade auf Justa gefallen, daß sie in dem vielleicht schwersten Augenblick allein war, angewiesen auf ihre eigenen Kräfte, ihre eigene Umsicht und ihren eigenen Ver- stand. Jetzt war ihr alles klar: für Marek war das persönliche Leben zu Ende. Von nun an hatte ihn die Sache in ihr Ge- triebe gerissen, und nur diese besaß für ihn einen ausschließ- lichen und unbedingten Wert; alles andere hatte für ihn nur noch indirekte Bedeutung. Und als Justyna Mareks wie aus Bronze geschmiedeten Gesichtszüge und seine stahlblauen Augen betrachtete, fühlte sie deutlich, daß er sie nicht mehr sah, daß er durch ihre Gestalt hindurch in die Ferne oder in die Zukunft schaute, auf das, was kommen würde und die erste Stelle in seinem Leben einnehmen sollte. „Ich habe nur einen Augenblick Zeit“, sagte er. Und Justa hatte genau gewußt, daß er das sagen und daß er von nun an immer nur noch einen Augenblick Zeit haben würde. „Hast du alle an Ort und Stelle gebracht? Ist alles in Ord- nung?“ „Bestens.“ „Und warum kommst du so spät zurück? Ich hatte solche Angst, daß etwas Böses passiert sei.“ „Ich hatte so viele Schwierigkeiten und muß dir viel er- zählen.“ „Natürlich, ich muß alles wissen, aber jetzt habe ich nur einen Augenblick frei“, hier beugte er sich zu ihrem Ohr vor, „wir haben eine Sitzung. Verstehst du? Später, abends, komme ich zu dir, und wir werden über alles sprechen. Jetzt geh, und ruhe dich aus.“ Sie gingen an einem gelben Haus vorbei. Marek pfiff ein kurzes Signal. Aus einem Fenster des ersten Stockwerks beugte sich Dolek! heraus. „Sie ist da“, rief Marek lakonisch, auf Justa zeigend. Sie sandten sich von weitem ein herzliches Lächeln zu. 1 Adolf Liebeskind 182 Gesprochen wurde nichts. Dort findet sicherlich die Sitzung statt, dachte Justyna. Und die Rührung überkam sie, eine Art Fürbitte für die Beratungen, die ihr irgendwie groß und geheimnisvoll, weit und ihr unerreichbar schienen. Sie ge- hörte schon seit Jahren zur Leitung der Bewegung und nahm an den wichtigsten Beratungen teil, und schon längst war die Zeit vorüber, da sich ihrer beim Gedanken an irgendwelche Beratungen ein feierliches Beben bemächtigte. Dennoch kam sie sich irgendwie klein, befangen vor und fragte aus einer Art Pietät heraus:„Wird die Sitzung hier abgehalten?“ Marek antwortete ihr nicht. Es stand jemand in der Nähe, zu nahe, als daß man ungezwungen hätte sprechen können, daher zwinkerte er nur verständnisinnig mit den Augen; und Justyna ging es durch den Sinn: eine Verschwörung. Wie anders ist jetzt alles. Wann war denn Dolek das letzte Mal in Wisnicz gewesen? Es scheint, vor zwei Wochen. Er war einige Tage nach der Auflösung der Arbeitsstätte in Kopa- liny gekommen. Eigentlich hatte man ihn dazu aufgefordert, denn im ersten Augenblick, als dieser Stützpunkt verloren- gegangen war, hatte es den Anschein gehabt, daß man etwas unternehmen, ihn unbedingt wieder aufbauen oder einen anderen in der Umgebung erwerben mußte. Aber Dolek war gekommen und hatte die Angelegenheit mit völliger Ruhe behandelt. „Hier ist nichts zu bedauern“, hatte er gesagt.„Dieses Kopa- liny war ein Traum, aus dem man ohnehin hätte erwachen müssen. Es konnte vielleicht noch ein oder zwei Wochen dauern, aber es mußte sowieso ein Ende nehmen. Was be- dauert ihr also? Diese zwei Wochen? Meine Lieben, nach einem Monat wird es ohnehin keine Spur von den mensch- lichen Wohnsitzen geben, die seit Jahrhunderten in ihren Boden hineingewachsen sind. Wir können uns nur darüber freuen, daß wir den Sommer so schön und schöpferisch ver- bracht haben. Und wer weiß, ob es nicht der letzte war.“ 183 Dann waren sie zu viert die Ackerraine entlanggegangen, wo die Felder sanft auf den Bach zu abfielen. Es war ein wundervoller Morgen gewesen, ringsum still und der Himmel blau. In der Ferne wetzten Schnitter ihre klingenden Sensen. Eine durch nichts gestörte Ruhe hatte sich auf die Stoppel- felder gesenkt. Sie hatten dagesessen, Antek!, Dolek, Marek und Justyna. Es waren Worte gefallen und Schwüre. Darüber, daß sie hingehen und sich restlos der Sache widmen würden, daß es nunmehr zu spät sei, nach dem zu greifen, was im Vergehen ist, was unwiederbringlich zu Ende geht, daß es ver- geblich sei, nach der Vergangenheit zu greifen, daß das Leben nur heute währe und das Morgen unbekannt sei. Bekannt sei aber, daß es für sie ein Morgen nicht gebe und sie daher schaffen müßten, solange noch das Heute währte. Mein Gott! Schaffen? Vernichten, vernichten, vernichten, soviel die in den jungen Muskeln verbliebenen Kräfte nur herzugeben vermochten. Denn nur die Vernichtung stand in ihrer Macht. Das allein lohnte sich noch zu ergreifen. Alles andere würde vergehen— nur das, was sie vernichteten, würde bestehen. Es war ein Paradoxon, wie es wenige gibt. Sie, die Jungen und Kräftigen, in deren Macht es stand, Welten zu bauen, die seit Jahren Tag für Tag das Gebäude des Glaubens an einen rechtschaffenen Menschen errichteten, sie sollten jetzt mit Blutvergießen, Diversion, Sabotage, Umsturz, Zerstö- rung und Vernichtung ihr Leben krönen... In der Ferne bewegten sich die Mäher im gleichmäßigen und ruhigen Auf und Nieder, und die Sonne ging ihren Weg am blauen Himmel dahin. Heute, nach zwei Wochen, waren jene jungen Männer schon in der zweiten Etappe! Damals war es ein Vorsatz— heute 4 Hilel Wlodzistawski aus Nowy Wisnicz; ein zarter, romantischer Jüngling. Nach Symeks und Justas Flucht aus dem Gefängnis war er Hauptorganisator der Partisanengruppen. Dieser Romantiker erwies sich als glänzender Kämpfer. Er kam im Oktober 1943 um. 184 hatte selbst, gen fa und al Vier N ihr ka läufg Einen herzlie Beschü dendet Dein die sc aus wi Lieb: saste sagte „Dul wohl Sie fr Währe ihn Und; drück chlu Geda hatte die Arbeit begonnen. Vielleicht noch nicht die Arbeit selbst, aber immerhin schon ihre Vorbereitung. Die Beratun- gen fanden nun nicht mehr vor dem Hintergrund von Wiesen und abgemähten Feldern, sondern inmitten geheimgehaltener vier Wände statt. Justyna war nicht orientiert, wie die Sache stand. Sie wußte aber, daß nun alles vorwärts ging. Wenn Marek abends zu ihr kam, würde sie vielleicht dies und jenes erfahren. Vor- Jäufig mußte sie folgsam nach Hause gehen. Einen Augenblick später wurde sie wieder von jemandem herzlich umarmt. Vor ihr stand Hanka!, Schwester Anna, Beschützerin und geradezu Mutter aller Betrübten und Lei- denden. „Deine Füße sind ganz geschwollen“, rief sie sofort,„zieh die schweren Schuhe aus und schlüpfe in meine Holzsanda- letten. Aber flink!“ Sie standen mitten auf dem Bürgersteig und behinderten den Straßenverkehr, denn Hanka hatte sich in den Kopf gesetzt, Justyna müsse die Schuhe wechseln. „Und jetzt komm nach Hause und marsch ins Bett, du siehst aus wie das Leiden Christi, so abgeplagt bist du.“ „Liebes, ich habe dich schon fast ein Jahr nicht gesehen!“ sagte Justyna gerührt. ‚Du hast dich gar nicht verändert, Mädchen, gar nicht, ob- wohl du ungeheuer abgemagert bist.“ Sie freuten sich übereinander, sprachen durcheinander, und während sich Fragen mit Antworten kreuzten, umfaßten sie sich mit herzlichen Blicken. Und immerzu kamen neue Leute heran, gab es neues Hände- drücken, neue Begrüßungsworte, aber durch sie hindurch schlug der gemeinsame, wenn auch nicht allen klar bewußte Gedanke, daß sie einander jetzt wie an einem Wendepunkt, { Hanka, Anna Spritzer, Krankenschwester; sorgte für ärztliche Hilfe, wurde am 19. Januar 1943 nach Auschwitz verschleppt und dort umgebracht. 185 wie bei der Abenddämmerung der einen und dem Tagesan- bruch der anderen Epoche, einer neuen Epoche in ihrem Leben, begegneten. Justyna erhob sich. Immer, wenn ein Gedanke in ihr erwuchs, etwas in ihr vorging, vermochte sie nicht, ruhig in Untätig- keit zu verharren, da so viele große Dinge auf ihre Ausfüh- rung warteten. Morgen werde ich aufstehen, nahm sie sich vor. Genug des Ausruhens, ich muß mich an die Arbeit machen. Es waren Tage vergangen, aber Marek war noch immer nicht zurückgekommen. Die Zeit des Wartens auf die Rückkehr war die schrecklichste, geradezu alpdrückend. Als Justyna im Bette lag und daran dachte, daß er bereits hätte zurück sein müssen, war sie sich der Schwere der Aufgabe, die sie über- nommen hatten, voll und ganz bewußt. Sie waren nicht die ersten Aufständischen in der Geschichte der Menschheit, ergriffen nicht als erste die Waffen, um die alte bestehende Ordnung umzustoßen. Seit Jahrhunderten, seit den frühesten Zeiten, deren sich die Geschichte erinnert, hatte es immer eine Handvoll Tollköpfe gegeben, die nach dem Monde griffen und dem Tode entgegengingen. Sie waren jung, und die Tatsache, daß sie sich den revolu- tionären Weg ausgesucht hatten, war beinahe etwas Natür- liches. Aber sie waren auch Juden— und hier lag das Wesen des Problems. Hier steckte die tragischste Schwierigkeit der Aufgabe. Man muß bis ins Mittelalter zurückgreifen, um zu verstehen, was es bedeutet, einen Menschen bis zum Äußersten einzu- engen, ihn aus allen Lebensgebieten zu verdrängen, ihn von allen Errungenschaften der zivilisierten Welt auszuschließen, ihn regelrecht in einen Käfig aus Stacheldraht einzusperren und ihm zu sagen: Sitz hier und warte auf den Tod, den wir 186 dir b Mitte den F schlie gewü sich n der W so vi weige diese bemil reißer vertei üngeh maue Straß, ließ, stieg, dient Man gefah Schrit heimt ImG] Weisu ender diese, Schw Ey Tagesan- in ihren dir bereiten werden. Aber vielleicht hatte nicht einmal das Mittelalter diese Schlinge gekannt, die sich immer enger um den Hals eines Menschen zusammenzieht, bis der Verurteilte schließlich in ihr hängenbleibt, aber gar nicht stirbt, sondern gewürgt und gewürgt wird, völlig darüber im klaren, daß er sich niemals mehr daraus befreien wird. Welches Gesetzbuch der Welt hat denn so viele Verbote, so viele Beschränkungen, so viele Vorschriften gekannt, auf deren Übertretung un- weigerlich die Todesstrafe stand?! Es ist wahr, man führte diese Tötung ohne rechtlichen Grund aus, aber wenn jemand bemüht war, sich aus den Klauen der Vernichtung loszu- reißen und sich mit seinem normalen Recht auf das Leben zu verteidigen, wartete auf ihn das mit Todesstrafen gespickte ungeheuerlichste Gesetzbuch der Welt. Wer die Ghetto- mauern verließ, verdiente die Todesstrafe. Wer sich auf der Straße ohne die weiß-blaue Binde am rechten Arm sehen ließ, verdiente die Todesstrafe. Wer in eine Straßenbahn stieg, in eine Droschke, in den Zug, in den Autobus, ver- diente die Todesstrafe. Man brauchte gar kein Revolutionär zu sein, um in Todes- gefahr zu schweben. Es genügte, das eigene Ich zu wahren, ein Schritt genügte, um in die Falle zu geraten, die den Juden heimtückisch gestellt wurde. Im Ghetto konnte man nur sterben oder passiv auf die Aus- weisung warten, um dann irgendwo in einer Gaskammer zu enden. Wer jedoch etwas vollbringen wollte, der mußte aus diesem Stadtbezirk heraus— und da begann bereits der schwerste aller Kämpfe. Es war so leicht zu sagen: Flieht vor der Ausweisung! Ja, aber wie sollte er denn aus dem Kessel, der mit Stacheldraht umgeben und von Polizei umstellt war, hinauskommen? Wie konnte er den ersten Schritt auf der freien Straße tun? Man erblickte die Armbinde, und schon setzte es eine Kugel in den Schädel. Die Binde wegwerfen? Wenn einer bemerkte, 187 daß diese weiße symbolische Armbinde herunterrutschte, lieferte er den Menschen ohne Umschweife den Händen der Polizei aus. Selbst wenn er sich in das dunkelste Haustor versteckte und dort eine grundlegende Veränderung seines Äußeren vornähme, irgendeiner würde immer bemerken, daß er als Jude in das Haustor hineingegangen war, und heraus- gekommen war er als— wer? Nun, als wer? Denn selbst wenn er hundertmal die Armbinde herunterwarf, blieb er weiterhin das, was er war. Er war ganz einfach ein Jude— ohne Arm- binde. Er verriet sein Judentum durch jede Bewegung, die voll Unruhe war, durch jeden Schritt, den er unsicher tat, durch das Beugen des Rückens, auf dem— so hätte es schei- nen können— das Joch der Gefangenschaft lastete, durch sein Gesicht, durch seine Augen, denen das Ghetto seinen Stempel aufgedrückt hatte. Er war ganz einfach Jude, nicht nur durch die Farbe der Augen, der Haare und der Haut, durch die Form der Nase, durch seine Rasse. Er war es durch den Mangel an Dreistigkeit, Selbstsicherheit, durch den Ak- zent der Sprache, durch die Art, sich auszudrücken, durch das eigentümliche Verhalten und weiß Gott wodurch noch. Er war es ganz einfach deshalb, weil alle in ihm den Juden sehen wollten, weil alle ihn hetzen wollten und es nicht vertragen konnten, daß er vor dem Tode floh. Bei jedem Schritt sah man ihm in die Augen, unverschämt, argwöhnisch, heraus- fordernd, bis der arme Mensch verlegen wurde, errötete, die Augen senkte— und sich als Jude zu erkennen gab. Bevor er also bis zu der ersten Bahnstation vorgedrungen war, hatte er bereits eine ganze Reihe von Kämpfen hinter sich, die mit dem Blick geführt worden waren, eine Reihe wortloser Kraft- proben mit dem Feind, der in jedem Passanten versteckt war, nicht selten einige Auseinandersetzungen mit Erpressern, so daß dann in der Tasche kaum Geld genug für eine Reise in das nächste Städtchen übrigblieb. Und wenn er endlich bis zu der ersehnten Bahnstation gelangt war, befand er sich plötzlich 188 unter setzte da be ser gi entlli in je zu il ihm den Nich unter dem Beschuß von Blicken uniformierter Leute. Man setzte zahlreiche Polizeiformationen nur zu dem Zweck in Bewegung, verkappte Juden zu verfolgen. Dazu kamen Ge- heimpolizisten, Deutsche, Ukrainer, unter denen die Stamm- verwandten der faschistischen Elemente die erste Geige spiel- ten. Wieviel kaltes Blut mußte man da bewahren, um stolz erhobenen Hauptes durch die Bahnhofshalle zu gehen, zu- dringliche Blicke der Geheimen scharf abzuweisen und sich mit Zungenfertigkeit in einen Wagen hineinzudrängen. Und da begann erst die Herrschaft dieser Meute. Den Augen die- ser gegen alles abgebrühten Kreaturen war es unmöglich zu entfliehen. Sie durchbohrten jeden mit dem Blick, schnüffelten in jedem den Juden heraus, um ihn dann sofort der Polizei zu übergeben oder ihn bestenfalls zu quälen, zu erpressen, ihm zu drohen, bis sein Mut restlos erstarb und er nur noch den Tod als die einzige Erlösung ersehnte. Nicht selten gelang es bei größter Nervenanspannung, die Leute von der Spur abzubringen, aber niemals konnte man unangenehmsten Gesprächen aus dem Wege gehen, Gesprä- chen, die einem das Blut in den Adern in Wallung brachten. Was für Gesprächen? Über Juden. Daß ihnen recht geschähe, daß es schon die höchste Zeit wäre, daß die Strafe sie mit Recht träfe, daß sie flüchteten, aber glücklicherweise ergriffen würden, daß sie ihr Geld mitnehmen wollten, aber man es ihnen Gott sei Dank abgenommen hätte... Gerede, gemeine Verleumdungen, niederträchtige Lügen und vor allem Freude, eine niedrige, geradezu wilde, tierische Freude darüber, daß Hunderttausende Kinder, Frauen und Greise zugrunde gin- gen. Wie Hyänen, die nach Aas ausspähen, warteten sie auf die jüdische Habe, auf die herrenlos zurückgelassenen Häu- ser, um sich darauf zu stürzen und zu rauben, zu plün- dern 2... Und da saß in der Ecke eines Abteils ein Mensch, der den Verlust seiner Liebsten noch nicht verschmerzt hatte, und 189 kein Muskel seines Gesichts durfte zucken. Denn wenn er Empörung verriete oder Schmerz, ho, ho, dann mußte er bestimmt ein Jude sein. Daher wallte das empörte Blut in seinem Innern, aber äußerlich trug er eine steinerne Maske und durfte das Visier nicht für einen Augenblick öffnen, denn sonst— wehe ihm! Wer einmal eine solche Reise gemacht hatte und heil davon- gekommen war, konnte von seinen Fahrten mit Fug und Recht eine ganze Odyssee erzählen. Für andere war die Reise eine mehr oder weniger angenehme Unternehmung. Für einen Juden war jeder Schritt außerhalb der Stacheldrähte des Ghettos ein Sichdurchschlängeln durch ein Feuergefecht, und genauso wie an der Front schützte den Menschen auch hier nur der Zufall. Der Zufall und die innere Kraft. Um diese Kraft zu erringen, um sie schließlich in seinem Innern gegen alles abzuhärten, mußte man einen gewaltigen Denk- prozeß durchmachen, in dem man sich entweder läutern und erheben oder sich erniedrigen und moralisch verkommen konnte. Der Weg war schmal und schlüpfrig, viele sind darauf gestrauchelt und in den Abgrund der Erniedrigung abge- rutscht. Wie leicht war es, in das Gefühl der Selbstverach- tung zu geraten! Konnten sie sich denn so weit erniedrigen, um aus ihrem Judentum ein Hehl zu machen, sie, die seit Jahren stolz auf ihren Namen gewesen und ebenso stolz jenen die Stirn geboten, die es gewagt hatten, einen Juden zu beschimpfen? Sie, die ihre ganze sorglose Jugend der Sache des Judentums gewidmet und in seinem Wiederauf- blühen den Sinn ihres Lebens gesehen hatten, sie sollten jetzt, und sei es nur einen Augenblick lang, sich selbst ver- leugnen und feigherzig ihre Abstammung verheimlichen? Es war jedoch eine Notwendigkeit, eine unvermeidliche Not- wendigkeit, ohne die sie nicht einen einzigen Schritt vor- wärtsgekommen wären. Nachdem sie also in ihrem Innern die erste Empörung niedergerungen hatten, die ihnen das 190 Visie besch Errei ersch mach Grun zierte mehr barge und Niem in ihr den Nicht auftr Einz; nugt Stun hand Das deren alles, Zuers Ment tenG diese Und] aber keit Straß fisan Angs Ins( Rurd Visier zurückzuschlagen und Pöbel herauszufordern befahl, beschlossen sie, sich zu tarnen. Es gab kein Mittel, das sie zur Erreichung ihres Zieles nicht anwandten. Jedwedes Mittel erschien in Anbetracht der Größe der Aufgaben heilig. Es machte nichts, daß sie sich scheinbar selbst verleugneten. Im Grunde genommen wuchs ihre Persönlichkeit dadurch, poten- zierte sich, ja ihre Seele verhundertfachte sich geradezu. Je mehr Stolz in ihnen war, je emsiger sie ihr Judentum ver- bargen, desto größer war ihre Freude, daß sie Juden waren und bis zum letzten Augenblick ihres Lebens bleiben würden. Niemals, auch nicht einen einzigen Augenblick lang, blitzte in ihnen der Gedanke auf, daß sie jetzt, wären sie nicht Ju- den gewesen, nicht am Abgrund stünden. Sie bedauerten es nicht, es erfüllte sie nur mit Bitterkeit, daß sie nicht offen auftreten und ihren Kampf nicht als Juden führen konnten. Einzig und allein ein offener Kampf hätte ihnen volle Ge- nugtuung gegeben. Sie glaubten jedoch daran, daß diese Stunde einmal kommen würde, und in Erwartung dieser Zeit handelten sie vorläufig im verborgenen. Das war die Kehrseite ihrer Konspiration, aber eigentlich deren erster Teil. Die anderen hatten ihre Tätigkeit und alles, was ihr unterstand, zu verheimlichen— sie mußten zuerst sich selbst tarnen, Abstammung, Aussehen, Sitten, Mentalität, ihre teuren, seit Jahren in ihrem Innern geheg- ten Gedanken, und dann erst ihre Arbeit. Wird jemals einer diese Schar Tollköpfe verstehen können, die als Menschen und Juden schon längst kein Recht mehr hatten, zu essen, aber entgegen diesem Recht oder besser: dieser Rechtlosig- keit zu den Waffen griffen? Es genügte doch, sich auf der Straße zu zeigen, auch ohne Waffe in der Tasche, ohne Par- tisarn zu sein, um schon hereinzufallen. Wird jemals einer die Angst eines Revolutionärs davor, noch vor seinem Aufbruch ins Gelände zu straucheln, verstehen? Kann jemand seine Furcht vor dem Tode begreifen, der eintreten konnte, bevor 191 er irgend etwas für die Sache vollbracht hatte? Es hat doch niemand von ihnen den Tod gefürchtet, aber alle fürchteten sich davor, zu früh ergriffen zu werden, durch eine Lappalie und nicht durch eine richtige Arbeit in die Hände der Be- hörden zu fallen. Und wenn sie noch einen persönlichen Wunsch hatten, so war es der, würdig zu sterben, sich nicht in einer dummen Situation zu befinden, sondern im Kampf zu fallen. Daher waren ihre ersten Anstrengungen darauf gerichtet, sich zu tarnen. Ihr charakteristisches Gepräge, ihre Kleidung, ihr Typ wurden zur täglichen Sorge. Die Physiognomie und das äußere Aussehen waren eine so gewichtige Sache geworden, daß beinahe sämtliche Kriterien des Menschen eine Verän- derung erfuhren. Derjenige, den wirklicher Mut und Tapfer- keit auszeichneten, stellte noch keinen ausreichenden Wert dar, sofern er nicht noch entsprechende äußere Bedingungen besaß. Immerhin wußten sie sich darin prächtig zu helfen. Darin kam ihnen ihre Jugend und ihr Stolz zustatten, an dem es ihnen nicht mangelte. Ihren frischen Gesichtern hatte das Ghetto den Stempel der Gefangenschaft nicht aufzudrücken vermocht. Sie verließen den Stadtbezirk mit trotzig erhobener Stirn, gingen mit festem, energischem Tritt vorwärts, schrit- ten mit einer solchen Selbstsicherheit, daß sie die anderen zwangen, ihnen aus dem Wege zu gehen. Niemand erkannte in ihnen gehetzte Menschen, niemand hätte gewagt, sie herabzuwürdigen oder ihnen ein Schimpfwort entgegenzu- schleudern. Und doch hing ihre persönliche Sicherheit an einem Haar. Es hätte nur einer Erinnerung, eines Reflexes bedurft, damit sich ihre Stirn augenblicklich verdüsterte, ihre Augen sich wie mit einem Nebel verschleierten, sich auf ihre Gesichtszüge eine seltsame Traurigkeit senkte— und der Stempel des unterdrückten Judentums sich in die ganze Ge- stalt eingrub. In einem solchen Augenblick konnte den Men- schen weder der aschblonde Schopf noch seine grauen Augen 192 oder seine Stupsnase retten, denn durch all dieses Äußere schlug mit Macht die jüdische Seele hindurch, die durch nichts mehr zu verheimlichen war. Übrigens gab es mehr solcher schwachen Momente. Wie viele hübsche Mädchen lenkten durch ihre exotische Schönheit die Aufmerksamkeit aufsich! Vergeblich bleichten sieihreraben- schwarzen Haare, die dunklen Augen bewahrten ihren sehn- süchtigen Ausdruck und waren immer Zeugen ihrer unge- wöhnlichen semitischen Schönheit. An jeder Ecke, an jeder Straßenbahnhaltestelle verbarg sich eine Gefahr. Hier war es ein alter Bekannter, da ein Erpresser, dort wieder ein Ge- heimer, da wieder ein Polizist mit allzu eindringlichem Blick, dort schließlich eine Leibesvisitation, mit einem Wort— jeder Weg strotzte von Hindernissen, durch die man sich hindurch- zwängen mußte wie durch eine erstmalig betretene Wildnis. Denn für sie war es ja auch ein zum erstenmal betretenes Gebiet. Bis jetzt hatten sie im Leben niemals eine„Rolle“ gespielt, sie waren immer und überall sie selbst gewesen. Bevor sie also den Weg des aktiven Kampfes beschritten, hatten sie ihren eigenen Kampf begonnen, der sie schon im voraus das Leben kosten konnte. Es war möglich, seine Rolle bis zu Ende zu spielen— und man mußte es auch. Wie oft hatte man, bereits in den Händen der Polizei, sich herum- zerren und seine Judenzugehörigkeit bis zum äußersten ab- leugnen müssen! Aber wieviel Kraft war dazu auch nötig! Am häufigsten hielten es die angespannten Nerven nicht länger aus und rissen im entscheidenden Augenblick, wie auch Stricke reißen. So kam dann in diesem letzten Moment der verzweifelte Gedanke: Ich habe als Jude gelebt, also sterbe ich auch als Jude! Schon drängten sich einem die Worte des Eingeständnisses auf die Lippen, als plötzlich ein neuer Reflex einem befahl, sich zu retten, sich noch einmal für das Wohl der Sache zu retten, und die Nerven sich von neuem spannten, um endgültig zu siegen. 13 F 18/58 193 In den meisten Fällen entschied jedoch der Zufall, und hier konnte man schwerlich von einem Sieg sprechen. Aber jetzt, da Marek nicht zurückkam, nahm die Unruhe in Justyna| mil immer mehr zu. Gestern war das letzte Telegramm gekom- Füre men— aber wieviel konnte bis zum gegenwärtigen Moment jede geschehen sein! Dazu bedurfte es keiner Stunden, es genügte von eine Sekunde, ein Augenblick, damit alles, alles verlorenging. gest Es brauchte ihn nur jemand anzusehen, jemand zu denken: Du ich kenne diesen Menschen!, und schon war es geschehen. gar Mußten sie ihn denn unbedingt dabei ertappen, wenn er die wor getarnte Wohnung des Lwöwer Verbindungsmannes verließ? Mußten sie unbedingt eine Waffe oder ein verdächtiges Pa- pier bei ihm finden? Aber nein! Es genügte, ihn selbst zu finden, in ihm zu entdecken, was das wesentlichste an ihm war— ganz einfach in ihm den Juden zu erkennen. Ein Moment, ein Augenaufblitzen, und alles war verloren! Justyna steckte den Kopf unter die Decke, um den Bildern zu entfliehen, die sich ihrer Einbildungskraft hartnäckig auf- drängten. wer Nein, Marek ergibt sich nicht! Er gehört nicht zu denen, die den sich ergeben. Er ist bereits durch so manches Feuer gegangen, gun hat sich schon in so mancher Gefahr abgehärtet. Seit drei Ühr | Jahren, vom Augenblick des Kriegsausbruchs an, kennt er| star keine Stunde Ruhe. Auf fortwährenden Reisen, in unaufhör-| voll lichen Schwierigkeiten hat er seine Sinne und seinen Trotz| eine so geschärft, daß ihn keine Situation überraschen kann; er| Im wird aus jeder siegreich hervorgehen. Wei Ich sollte ganz ruhig sein, dachte Justyna...: I md Und sofort erinnerte sie sich daran, daß man dann schon weit = 2 eher wegen all derer beunruhigt sein müßte, die sich jetzt ohne Vorbereitung auf den Weg begaben und bei denen man cha niemals wissen konnte, ob sie zurückkehren würden. Kon Trotzdem gab es in ihnen kein Zaudern und auch kein Zwei- Me feln. Sie gingen resolut und ohne viel zu überlegen. Ins 194 Und wenn sie beim Abschied ihr ewiges„morituri te salu- tant“ sagten, so taten sie es so freudig, daß es manch- mal hätte scheinen können: Diese Kinder machen sich die Fürchterlichkeit ihrer Lage nicht klar. Und dabei hatte jeder von ihnen bereits dieses Ärgste durchgemacht, jeder von ihnen hatte bereits zu wiederholten Malen den Tod gestreift. Du lieber Gott, dachte Justyna, eigentlich haben wir noch gar nichts getan. Und wieviel Energie ist schon verbraucht worden. Wollte man diese Aufbietung der Kräfte zusammen- fassen, die wir bis jetzt aufgebracht haben, um hierher nach Krakau zu gelangen und unsere Bereitschaft zu erklären, so würde die Summe so groß sein, daß man mit dieser Kraft so manchen Kampf bestreiten könnte. Jeder hat schon mehr- mals sich selbst überlebt, und dabei stehen wir erst am Anfang! Wir sind erst auf dem Sammelplatz angelangt und warten auf die Befehle. Das Wesentliche wird erst kommen. Aber wenn wir nun darüber hinaus nichts mehr vollbringen wür- den, dachte sie weiter, wäre das zuwenig? Wird die Anstren- gung oder der Endeffekt das Maß für unsere Arbeit sein? Übrigens ist schon allein die Tatsache wertvoll, daß Wider- stand geleistet wird, und sei es auch nur ein passiver, wert- voll ist schon, den Feind irrezuführen, und sei es nur um einer kleinen Genugtuung willen. Und sie erinnerte sich an die Worte Mareks, als die Aus- weisungen begannen:„Wir müssen von Stadt zu Stadt fahren und den Menschen ins Bewußtsein bringen, daß es keine Ausweisung, sondern nur ein Gefängnis ist! Sie sollen sich nicht einreden, daß sie etwas riskieren. Sie müssen fliehen, scharenweise fliehen. Sie sollten nicht einzeln aufbrechen, sondern in Massen losstürzen, die Eisenbahnen überschwem- men, die Wege, das ganze Land. Stell dir vor, wie sehr wir unseren Feinden die Arbeit erschweren würden. Allerdings 2 F* 195 würden sie ihre Razzien in ein Massengemetzel verwandeln, aber für uns ist das ohne jede Bedeutung, und für sie wäre es ein offener Aufstand: sie würden bis an den Hals in Arbeit stecken. Am Ende würden sie die Orientierung verlieren, wer Jude ist und wer nicht, und je schwerer ihnen dieses Aus- einanderhalten fiele, um so größer wäre ihre Wut. Jeder Aufstand untergräbt nämlich ihre Kraft, zerrüttet ihre Ord- nung.“ „Hör mal“, hatte Justyna ihn damals gefragt,„glaubst du wirklich, daß unser Aufstand, selbst der mächtigste, eine andere als symbolische Bedeutung haben kann? Kann er auf die allgemeine politische Lage einen Einfluß haben?“ „Zweifellos. Wir würden den Aufstand doch nicht allein machen. In jedem Lande steckt der Funke eines Aufstandes. Es genügt, ihn in einem Lande zu entfachen, damit das Feuer ganz Europa erfaßt. Und dann sind wir ein Glied in einer großen Kette, eine Flamme in dem riesigen Feuer, das die ganze Welt läutern wird. Nur von innen heraus kann man dieses durch und durch faule Gefäß reinigen, und bei dieser Maulwurfsarbeit ist unsere Mitwirkung so wichtig wie die jedes anderen Volkes.“ „Das ist Musik einer fernen Zukunft“, hatte Justyna traurig gesagt. „Oh, einer gar nicht fernen: Schau, in Jugoslawien kämpft eine reguläre aufständische Armee, sie tut viel, wird aber den Feind nicht besiegen. Man darf sie jedoch nicht allein lassen. Ihrem heldenmütigen Beispiel müssen alle Menschen folgen, deren Seele noch nicht erloschen ist. Und wenn man überall so gegen den Feind aufsteht, dann wird seine ganze Macht in Trümmer fallen. Bedenke, daß alles in unseren Händen liegt. Wenn alle Bedrückten sich das sagen könnten, welch große Chancen hätten wir!“ Justyna schnellte hoch. Immer, wenn ein Gedanke in ihr er- wuchs, in ihr etwas vorging, vermochte sie nicht ruhig in 196 Untätigkeit zu verharren, da so viele große Dinge auf ihre Durchführung warteten. Morgen werde ich aufstehen, nahm sie sich vor. Genug des Ausruhens. Ich muß mich an die Arbeit machen. * Am folgenden Tage war Justyna bereits völlig gesund. Sie stand zeitig auf und machte sich im Hause zu schaffen, fand jedoch keine sinnvolle Beschäftigung. Sie hatte das Gleis noch nicht gefunden, auf dem sich ihr neues Leben bewegen sollte. Wieder kamen Menschen zu ihr, wieder ging sie mit ihnen auf die Straße, wieder fühlte sie sich wohl, aber es war noch nicht das richtige. Sie wartete auf Marek... Als sie abends am Bettchen des einschlafenden Witus saß, brachte jemand unverhofft die Nachricht, daß Marek unter den Ghettomauern warte und nicht in den Stadtbezirk gelangen könne. Justyna erhob sich; sie war allein im Haus, und es war nie- mand in der Nähe, den sie hätte schicken können, um Marek den Eintritt zu erleichtern. Schließlich kam ihre Schwägerin. Diese nahm Tadeks Passierschein und ging Marek entge- gen. Es verging eine Viertelstunde nach der anderen; die Polizei- stunde rückte heran, aber niemand kam zurück. Justa verlor den Rest ihrer Geduld. Am meisten hatte sie davor Angst, daß nach langer gefahrvoller Reise im letzten Augen- blick, bereits im Tor des Ghettos, ein Unglück passieren könne. Sie ging daher im Zimmer hin und her, um sich ein wenig zu beruhigen, als plötzlich die Tür aufging und Marek hereinkam. „Allein?“ fragte Justa erstaunt und bemühte sich dabei, das Zittern zu verbergen, das ihr in die Kehle drang. 197 „Ja. Es hat mich niemand abgeholt.“ „Das ist unmöglich. Ich habe Irena und Mietek losgeschickt, und ich glaube, es ist dir außerdem noch jemand entgegen- gegangen.“ „Ich bin niemandem begegnet.“ „Wie bist du denn hereingekommen?“ „Ich sah, daß es bald neun Uhr war und daß es keinen Zweck hatte, länger zu warten, da bin ich auf die Mauer geklettert und hereingesprungen.“ So ein Wahnsinn! dachte Justyna. Aber sie wollte die Wieder- sehensstunde nicht trüben, deshalb fragte sie nur: „Wie war es?“ „Ich werde dir morgen alles erzählen; jetzt wollte ich mich nur schnell bei dir sehen lassen, denn ich muß zu Dolek gehen. Ich werde morgen etwas früher kommen.“ Als er weggegangen war, überkam Justyna eine solche Trau- rigkeit, daß sie nicht wußte, wann es eigentlich besser sei: ob dann, wenn Marek weit fort war und sie daran glaubte, daß er ihr nahe sein werde, wenn er zurückkomme, oder dann, wenn er sich in ihrer Nähe befand, sie aber das Gefühl hatte, daß er weit fort sei! Gleich nach Mareks Rückkehr aus Lwöw bereitete man sich intensiv auf die Arbeit vor. Arbeit bedeutete damals: in die Wälder gehen. Die Tätigkeit in den Wäldern war immer noch eine Legende. Niemand war von dort zurückgekommen, niemand kannte sie. Wie war das Leben dort organisiert? Immerhin wußte jeder, daß dort etwas geschah, daß sich dort ein großer Kampf anbahnte, und alle brannten vor Verlan- gen, dabei zu sein, obwohl der Herbst nahte, der für die Arbeit im Gelände sehr ungünstig war. Was auch immer es sein mochte, ob es nun allein die Kampfbereitschaft war oder aber auch ein Hang zur Romantik, die sich rings um diese unerforschte Wildnis ausbreitete, es unterlag jedenfalls keinem Zweifel, daß jeder, der sich dazu entschlossen hatte, 198 allein schon durch die Tatsache seines Entschlusses besser, sauberer erschien und eine Art unsichtbare Aureole des Heldentums seine Person umgab. Die jungen Männer organisierten sich zu Fünfergruppen. Nach dem Verschwörersystem hatte jede Fünfergruppe ein selbständiges Ganzes sein sollen. Sie mußte ihren eigenen Anführer, Verbindungsmann und Verwalter, eigene Aus- rüstung, eigene Waffen und Lebensmittelvorräte, einen selbständigen Operationsplan, eigenes Gelände— mit einem Wort, sie sollte ihre abgeschlossene Welt des Lebens und Handelns besitzen. Das wesentlichste jedoch war der Um- stand, daß sie nur sich selbst und ihre eigenen Pläne kennen durfte. Man hatte auch niemanden außer der Fünfergruppe in die Aktionspläne oder selbst in die personelle Zusammen- setzung der Gruppe einzuweihen. Niemand durfte wissen, wann wer wohin aufbrach. Es hatte auch niemand zu wissen, wo sich gegenwärtig jemand befand. Und da Konspiration verpflichtete, so sollten durch die Geheimhaltung vor allem diejenigen geschützt sein, die das Fundament der Bewegung waren, die Leiter. Und gerade hier begann die größte Schwierigkeit, der ern- steste Widerspruch zwischen dem Geist, der sie seit Jahren beseelte, und den unbedingten Erfordernissen geheimer mili- tärischer Organisationen. Sie waren durch und durch eine Jugendbewesung gewesen. Der plötzliche Übergang war zu kraß, als daß er in so kurzer Zeit hätte erfolgen können. Um so mehr, als sich das Gefühlsleben angesichts des näher- rückenden Endes steigerte. Fast jeder von ihnen hatte sein Heim, seine Familie verloren. Diese Schar junger Menschen war der letzte Hafen ihres Daseins, der letzte Hort für die Empfindungen, die sich mit all ihren Fasern an ihn fest- klammerten. Je mehr angesichts der sich breitmachenden Ge- walt und Schmach der Glaube an den Menschen erlosch, desto stärker war der Glaube in diesen wenigen Jungen, die einzig 199 waren und so sehr anders als die ganze Welt ringsum. Daher liebten sie sich mit einer einzigartigen Liebe, suchten einan- der immerzu und trafen sich wie zufällig scharenweise, und ihr fröhliches Leben und ihre etwas ungewöhnliche Zwang- losigkeit blieb nicht unbemerkt. Hundertmal hatte man ge- warnt,„sich nicht zu versammeln“, hundertmal hatte man sich vorgenommen,„nicht mehr zusammenzukommen“. Aber kaum hatten sich zwei auf der Straße getroffen, begegneten sie im nächsten Augenblick schon neuen, und bald gingen sie in breiter Reihe auf der Fahrbahn— mit wehenden Haaren, offenen, heiteren Gesichtern, sicheren, gleichmäßigen Schrit- ten; und Menschen, von denen man niemals wußte, was sie dachten und mit was für Absichten sie sich trugen, folgten ihnen mit ihren Blicken. Sie wußten genau, daß ein solches Verhalten nicht richtig war, aber wenn sie zusammen waren, fühlten sie sich so stark, daß weder ein offener noch ein ver- steckter Feind sie zu erschrecken vermochte. Gewiß war es eine Jugendsünde, aber wer auch immer den Stab über sie brechen mochte, mußte verstehen, daß man ihnen diese letzte Lebensfreude nicht wegnehmen durfte, diese letzte Zuflucht für ihre vorzeitig verwaisten Gefühle. Und wie wollte jemand, der sie als unreif für eine Kampfbewegung bezeich- nen möchte, ihrer Frage entgegentreten, wer ihnen die für immer verlorene Jugend zurückgab? Mitten im Zentrum des Stadtbezirks, der wach geworden war wie nie zuvor, befand sich die Leitung. Sie hätte ver- steckt, getarnt irgendwo weit weg vom Ghetto entfernt sein müssen. Man dürfte sich nicht zentralisieren, sondern jeder einzelne müßte eine geheime Wohnung haben. Sie hätten sich einmal in gewissen Zeitabständen treffen und über die wichtigsten Dinge verständigen können. Sie lebten aber unter den Menschen, die sie seit Jahren kannten, von denen jeder mit dem Finger auf sie zeigen konnte: Das sind die Anführer der jüdischen Kampfjugend! 200 Sie waren vier: Dolek, Romek!, Marek und Maniek?. Maniek war der jüngste von ihnen. Den Kern der Bewegung bildeten die drei anderen. Dolek und Marek verband seit Jahren eine innige Freundschaft. Sie hatten sich zusammen durch so manches Hindernis hindurchgeschlagen. Sie waren beide Zeugen der Zeiten, in denen die Jugendbewegung einen Auf- schwung erlebte, und auch von Momenten, in denen sie sich in einer Krise befand. Sie kannten sich gut, ergänzten sich gewissermaßen und ver- standen einander ohne Worte, obwohl sie sich nicht selten ernsthaft stritten. Jedoch in grundsätzlichen Fragen, in ideellen Dingen, waren sie eine Einheit, besonders jetzt am Wendepunkt der Jugendbewegung. Romek war neu unter ihnen. Er vertrat eine besondere Ju- gendgruppe, deren soziale Einstellung radikaler war. Früher, als sie sich mit ihm auf der Plattform einer Zwischenorgani- sation begegnet waren, hatte sich der Unterschied zwischen ihnen noch stärker abgezeichnet. Aber gerade jetzt, da sie mit ihm in Berührung kamen, um die Jugend gemein- schaftlich zum Aufstandskampf zu führen, fühlten sie, daß eigentlich alle Gesinnungsunterschiede verschwunden und sie selbst einander so nahe waren, als hätten sie seit Jahren auf dem Feld einer gemeinschaftlichen Idee ge- arbeitet. Romek war ein breitschultriger Mann von einer geradezu unerklärlichen Unmittelbarkeit und hatte etwas an sich, was ihn sofort beliebt machte. Er sah aus, als ginge ihn die ganze Welt nichts an, als könne ihn nie etwas erschrecken oder aus dem Gleichgewicht bringen. Bei alledem betrachtete er alles so nüchtern, faßte die Dinge so real an, daß er den einen Schritt, der die Komik von der Tragik trennt, mit Leichtigkeit 1 Abraham Leibowicz(Laban). 2 Maniek Eisenstein; fiel in der ersten Phase der Gruppentätigkeit in die Hände der Polizei und wurde am 20. 3. 1943 umgebracht. 201 tat. Er konnte tatsächlich alles vom humoristischen Gesichts- punkt auffassen, und dieser Sinn für Humor war das ange- nehmste Merkmal, wenn man mit ihm zusammenkam. Übri- gens war es der spezifisch jüdische Sinn für Humor, der selbst in den schwersten Situationen das Leben stark, ja manchmal sogar angenehm machte. Daher waren sie ihm auch von ganzem Herzen zugetan und bemühten sich, unaufhörlich mit ihm zusammenzusein. Mit jedem neuen Augenblick lernten sie ihn besser kennen, und je besser sie ihn kennenlernten, um so mehr liebten sie ihn. So verbrachten sie also zu dritt und häufig gar zu viert bei- nahe alle Mußestunden, wodurch sie sich aufeinander ein- spielten, in Einklang kamen und in harmonischem Rhyth- mus ihre Arbeit durchführten. Und rings um sie scharten sich die Menschen zusammen. Jeder hatte Angehörige, für die er in dieser Zeit wiederholt Vater, Fürsorger und Freund war— mit einem Wort, ihnen alles ersetzte, was die Deutschen ihnen entrissen hatten. Mehr noch, sie gaben ihnen einen neuen Gesichtskreis, gaben ihrer überschäumenden Energie eine Richtung, führten sie auf den breiten Weg der Tat. Konnten sie also diese Menschen einfach verlassen und sich in ein sicheres Versteck begeben? Zu wem wären sie alle mit ihrer Verzweiflung, ihrem Schmerz und ihrem Zwiespalt denn sonst hingegangen? Außerdem dachten sie jeden Augenblick daran, daß sie eine durch feste geistige Bande zusammen- gehaltene Jugendbewegung waren. Sie kannten sich alle und vertrauten einander in jeder Beziehung uneingeschränkt. Sie wußten, jeder von ihnen würde eher sterben als seinen Ge- nossen verraten. Wozu sollten sie also ihre Aktionspläne vor- einander verbergen? Sie hatten sich daran gewöhnt, alles, was zu beschließen war, immer in gegenseitigem Einver- nehmen zu tun. In kleinen wie in großen Dingen, immer ent- schieden sie gemeinschaftlich. Konnten sie denn heute über das Menschenleben auf eigene Faust entscheiden? 202 Es war ihnen gleichermaßen klar, daß eine Konspiration eine Notwendigkeit war. Sie wollten nur nicht anfangen damit. Sie spürten eine Abneigung gegen geheime Bünde, für die Tarnung nicht ein Hilfsmittel, sondern der Zweck war. Es war gewissermaßen ihre einzige Arbeit. Sie versteckten sich und dachten, schon dadurch Bedeutung zu gewinnen. Das war eine um so größere Heuchelei, da sie sich unter dem Mäntel- chen einer ideellen Arbeit verbarg. Diese Heuchelei wollten sie vermeiden und sagten sich: wir selbst werden uns immer noch verstecken können, wir werden es immer noch schaffen, rechtzeitig zu verschwinden, aber soll doch bloß erst die Ar- beit anfangen! Man hatte Fünfergruppen gebildet und Zen- tren in Tätigkeit gebracht. Einstweilen genossen sie im vollen Umfang die Freude ihres gemeinschaftlichen Zusammen- seins— und ihre Wohnungen waren immer voll von Männern aus der Bewegung. Der erste, für den eine Tarnung unbedingt notwendig wurde, war Marek. Seine Aufgabe war die Organisierung des tech- nischen Büros. Das hatte eine fundamentale Bedeutung, ohne sein Vorhandensein konnte man nichts unternehmen. Es sollte dem Menschen die Bewegungsfreiheit sicherstellen. War es doch die Periode der Papiere, Wische, Stempel, Pa- pierscheine, Legitimationen, Ausweise, kurz— man konnte ohne ein ganzes Bündel von Ausweisen die Wohnung nicht verlassen. Und wie wichtig war das alles erst, wenn man Jude war. Man mußte alles mögliche bei sich haben, um zu beweisen, daß man kein Jude sei. Übermut und Selbst- vertrauen allein genügten nicht. Und dazu kam noch, daß immer neue Vorschriften von einem Tag auf den anderen neue Papiere, besonders Arbeitsbescheinigungen ver- langten. Dabei mußte man den Menschen das Verlassen und das be- liebige Betreten des Ghettos erleichtern. Schließlich gab es auch solche, die wegen ihres auffallenden Rassentypus ihre 203 jüdische Abstammung keinesfalls tarnen konnten. Auch ihnen mußte man Bewegungsfreiheit auf Grund eines ent- sprechenden Ausweises ermöglichen. Das Material war rie- senhaft. Marek, der aus Liebhaberei Setzer, Zeichner und Graphiker war, wußte sich mit dem Material großartig zu helfen. Außerdem besaß er in Czesiek! eine tüchtige Hilfe. Dieser, klein und wendig und wegen seines Witzes allgemein beliebt, hatte zu verschiedenen, vor allem zu behördlichen Kreisen Zutritt. Er erfreute sich eines erstaunlichen Ver- trauens der Menschen, die zum Besten der Obrigkeit ar- Hi beiteten. Er hatte auf den Arbeitsämtern und auf den Poli- be zeirevieren seine Bekanntschaften, und überall hielten sie m ihn für ihren Mann. Im Stadtbezirk sah man ihn etwas skep- 1 tisch an, vermutete in ihm einen Geheimen. Menschen mit® IE ko schwächerem Charakter suchten seine Gunst zu gewinnen und warben um seine Protektion. Er konnte auch wirklich da und dort Rat schaffen. Er hatte schon öfter eine Sache ent- wirrt und von dem Augenblick an, da das Ghetto geschaffen worden war, den Menschen das Hereinkommen und Hinaus- gehen ermöglicht. Er verkehrte mit allen Polizisten vertrau- lich, alle waren ihm für irgend etwas verpflichtet. Und er wäre mit seiner Popularität unter den offiziellen Sachwaltern Er wirklich unbeliebt gewesen, hätte er nicht beschlossen, diese für die Sache auszunutzen. Plötzlich entdeckte man in ihm einen ganz mannhaften Mut. Er, den man bis jetzt nur von ga lustigen Witzen her gekannt hatte, erwies sich nun als einer der tüchtigsten Menschen. Er schreckte vor nichts zurück. Wenn er zu einer Behörde kam, streckte er dem Wachtmeister zur Begrüßung träge eine Hand hin und steckte unterdessen ga mit der anderen Blankos, Formulare und nicht selten sogar od Stempel ein. Seine Bekanntschaften ausnutzend, kaufte er in ie Geschäften die Artikel ein, die für die Zivilbevölkerung nicht oh zulässig waren.. 4 Juda Tennenbaum(Idek); kam am 24. 12. 1942 um. 204 Man hielt sich sogar bei der Leitung ein wenig darüber auf, welchem Umstand die Wandlung zuzuschreiben sei, die in Czesiek vor sich gegangen war. Bis zu dieser Zeit hatte er nämlich niemals eine besondere Hingabe an die Bewegung verraten. Er war nur ein angenehmer Spaßvogel gewesen, hatte humoristische Abende organisiert, war aber niemals zu einer ernsten Tat fähig gewesen. Man wußte nicht, ob das, was er gegenwärtig tat und was ihn immer einer Kugel aussetzte, völligem Bewußtsein und der Hingabe an die Sache entsprang. Es war schwerlich zu glau- ben. Aber einmal kamen an einem Spätabend aus Czesieks Munde, aus dem sonst nur Witze hervorsprudelten, Worte, die kaum anders denn als ein Bekenntnis angesehen werden konnten. Er hatte zunächst zwei Personen aus dem Stadtbe- zirk hinausgeführt und dann erst Justyna nach Hause be- gleitet. Es war schon neun Uhr, die Straßen waren leer ge- worden, man konnte zwanglos sprechen. „Ich muß dir jetzt etwas sagen“, begann Czesiek unvermittelt mit irgendwie bewegter Stimme,„was ich euch allen schon seit langem sagen wollte. Ich weiß genau, daß ihr kein Zu- trauen zu mir habt. Ich habe euch außerdem Grund dazu gegeben, ich habe mich von euch etwas ferngehalten, obwohl ich euch immer gleich gern gemocht habe. Aber weißt du, es gab so eine Zeit, als wir hier in Krakau nichts Konkretes ge- tan haben, daß man ganz einfach von Erinnerungen lebte. Und für mich ist so ein Leben nichts. Ich mag keine Rühr- seligkeiten und auch keine Sentimentalität. Also habe ich ganz einfach Witze gemacht, wenn es sich einrichten ließ, oder ich hielt mich von allen fern. Aber heute tut sich eine neue Welt auf. Wie habe ich mich nach so einem freien Leben ohne Hindernisse, ohne falsche Skrupel gesehnt! Jetzt weiß ich, daß ich mich voll und ganz entwickeln, daß ich überall hingehen werde, wohin ihr mich auch schicken mögt. Euch 205 | i kommt es manchmal vor, wenn ich mitunter eine Verrückt- heit begehe und euch Dinge herbringe, für die ich auf der Stelle eine Kugel bekäme, daß ich das alles aus angeborenem Leichtsinn tue. Dabei weiß ich ganz genau, was ich mache. Ich bin jeden Augenblick auf den Tod gefaßt und möchte nur möglichst viel tun.“ Justyna war von diesem„credo“ so überrascht, daß sie kein Wort der Antwort herausbringen konnte. Czesiek hatte noch niemals so viel in ernstem Ton gesagt. Und sie fühlte, daß es ihre Pflicht sei, dies allen anderen zu wiederholen, denn Czesiek würde sich bestimmt zu einem solchen Bekenntnis nicht aufraffen. Und als sie ihm gute Nacht sagte, dachte sie bei sich, daß sie es morgen Marek, Dolek und allen anderen erzählen würde, aber sie sagte es niemandem. Czesiek hingegen arbeitete weiterhin wie bisher. Er trug alles zusammen, was er nur erwischen konnte. Er stahl den höchsten Instanzen alles, was sich ihm bot. Und Marek konnte alles praktisch verwerten. Sie freuten sich zu zweien über jede Beute. Innerhalb kurzer Zeit operierte das technische Büro mit allen möglichen Mitteln. Nur das Wesentlichste fehlte Marek— ein Raum. Anfangs trug er sein Büro in der Manteltasche mit sich herum. Wenn etwas getan werden mußte, suchte man um jeden Preis ein freies Zimmer, dann breitete er sein Büro auf einem Tischtuch aus und amtierte, solange nicht Schritte auf der Treppe zu hören waren. In solchen Momenten ver- schwand das ganze Büro in einem einzigen Augenblick in der Tasche, und wenn sich die Tür öffnete, saß am Tisch ein völlig harmlos ins Lesen einer Zeitung vertiefter Mann. Mit der Zeit konnte die Tasche das ganze Zubehör nicht mehr fassen. Da kam eine Aktenmappe zum Vorschein. Mit ihr spazierte Marek im Ghetto umher und amtierte jede halbe Stunde woanders, je nachdem, wann der betreffende Woh- nungsinhaber nach Hause zurückkehrte. Nicht selten kam es 206 ( hir | ann. N vor, daß er mitsamt seinem Büro in einem Badezimmer ver- schwand und nach einer halben Stunde mit der fertigen Ar- beit zurückkam. Er war die Zielscheibe für Späße seiner eng- sten Genossen. Gleichwohl war er mit seinem wandernden Büro gleichzeitig das Symbol der ganzen Bewegung, die aus nichts viel geschaffen hatte und die, ohne irgendwelche äuße- ren Vorbedingungen zu besitzen, alles dank einer starken Willenskraft und Ausdauer zuwege brachte. Es war jedoch ein Spiel mit dem Feuer. Mit der Zeit konnten schon zwei prall gefüllte Aktentaschen das Büro nicht mehr fassen. Das Material nahm zu, man mußte Marek Taschen, Schachteln, eine Schreibmaschine und eine Reihe von Päckchen hinter- hertragen. Allein konnte er sich mit dem fortwährenden Umzug nämlich nicht mehr Rat schaffen. Er wußte nicht, wo er dies alles die Nacht über lassen sollte, und am frühen Morgen bewegte sich eine ganze Karawane von einer Stelle zur anderen, weil Marek seine tägliche„fliegende“ Tätigkeit begann. Auf diese Weise gefährdete man im Stadtbezirk eine ganze Reihe von Wohnungen, weil man niemals wußte, wann jemand unver- hofft in die Wohnung käme und unvermutet eine riesige Werkstatt erblickte. In Gefahr befanden sich auch die Men- schen, die ihm helfen mußten, sei es auch nur bei dem unauf- hörlichen Transport des Büros, und schließlich schwebte Marek selbst in ständiger Gefahr. Solange sich alle im Stadtbezirk befanden, drohte ihm zu- nächst nichts. Sie spielten keine Rolle, sondern bereiteten sich lediglich zur Abreise vor. Es gab bei ihnen keinen realen Anhaltspunkt, weswegen sie hätten verfolgt werden können. Nur Marek konnte jeden Augenblick hereinfallen. Von ihnen allen hatte nur er allein Blankoformulare, Stempel und alles, was ihn unweigerlich das Leben kosten würde. Die Gefahr war für Marek genauso ernst wie für das Büro selbst, also schon dadurch allein auch für die Sache. Das Büro mußte man 207 unbedingt irgendwo in einem Versteck unterbringen und dort auch wohnen. Man mußte die Konspiration ernsthaft beginnen. Justynas Aufgabe fing an. (Lücke im Manuskript) „Ich bin von der Arbeit, aus dem Hause, von überall ge- flohen. Ich kann nur in die Wälder gehen. Nur dort werde ich endlich ich allein sein dürfen.“ Mit mir zusammen ging auch Benek'. Er hatte ebenfalls Mili- tärdienst hinter sich. Man hatte von ihm einmal erzählt, daß er an der Front gefallen sei. Aber nach zwei Monaten Ge- fangenschaft war er plötzlich zu Hause erschienen. Dann war er etwas rätselhaft gewesen. Lange Zeit kam er mit nieman- dem in Berührung. Im letzten Jahr war er mit einemmal auf- gelebt. Er hatte auf einem Staatsgut, wo er als Wirtschafts- inspektor arbeitete, einen landwirtschaftlichen Arbeitsplatz zu organisieren begonnen. Er wollte daher seine Leute zur Arbeit annehmen, um sie auf diese Weise auf dem Lande zu konzentrieren. Er selbst war in seiner Stellung sicher ge- wesen. Wer weiß, vielleicht hätte er dort den ganzen Krieg ruhig überdauert. Als aber die Parole„in die Wälder“ fiel, begab er sich zu Dolek und sagte:„Ich bin bereit.“ Außer- dem ging Edwin mit. Er war Mareks Schützling gewesen. Bei seiner üppig entwickelten Intelligenz und seinem Schwung hätte er sehr wertvoll sein können, wäre nicht sein Ehrgeiz gewesen, der ihn aufplusterte. Dieser Ehrgeiz bewirkte, daß er alles andere war als er selbst. Er ahmte Marek nach, später Dolek, denn er war der Meinung, daß er allen gleich- kommen müsse. Er wollte nicht begreifen, daß, wenn er sich selber treu bliebe, das heißt ein tüchtiger, aufgeweckter und im Umgang herzlicher Bursche blieb, sein Wert bedeutend größer gewesen wäre als unter solchen Umständen, da er 4 Baruch Weksner; gehörte zur ersten Fünfergruppe, die in die Wälder ging; et fand den Tod. 208 sich selbst übertreffen wollte. Es hatte ihm doch niemand seine Fähigkeiten abgestritten. Man hatte immer sehr ernst- haft auf ihn gerechnet. In den letzten Jahren hatte man ihn mit zu jenen Mitarbeitern gezählt, die in der Zukunft die Bewegung wieder aufbauen sollten. Und sie hätten auch wirklich viel Freude an ihm gehabt, wäre nicht die Tatsache gewesen, daß er durch seine schülerhafte Großtuerei die Wir- kung all dessen verdarb, was er tat. Er war kürzlich aus War- schau gekommen. Seit dem Tode von Nusiek vertrat er den Warschauer Arbeitskreis. Nun hatte er sich freigemacht, um in die Wälder zu gehen. Seine gute körperliche Beschaffen- heit, die in militärischer Ausbildung verbrachten Jahre, sein Ehrgeiz, der bei ihm häufig gesund und schöpferisch war, und vor allem seine völlige Bereitschaft, stellten ihn in die Reihe der gegenwärtig verantwortungsvollsten Kräfte. Zusammen mit Edwin war auch sein Schützling Adas aus Warschau ge- kommen. Er war verhältnismäßig jung, aber das war ohne Bedeutung. In der frühzeitigen Reife der Jungen spielte ein Unterschied von ein oder zwei Jahren keine Rolle. Wichtig waren nicht die Jahre, sondern die Erlebnisse. Adas hatte ge- nug davon hinter sich. Er hatte die Ausweisung in Bydgoszcz, die ganze Hölle von Warschau durchgemacht, die Mutter, die an Schwindsucht gestorben war, und den Vater, den der Typhus hingerafft hatte, verloren. Für ihn gab es keinen anderen Weg mehr als den in die Wälder. Er besaß einen gesunden Charakter und große Begeisterung. Er konnte ge- trost in der ersten Fünfergruppe stehen. Schließlich gehörte auch noch Zyga! dazu. Alle kannten ihn, weil er der ewige Partner Czesieks und sein lebendiger Kon- trast war. Denn wenn er ihm auch bei seinen fortwährenden Späßen Gesellschaft leistete, so war Zygas Witz doch tiefer, besaß gewissermaßen spezifisches Gewicht. Er verschwendete ! Edwin Weiss, Salo(Adas) Kanal und Zygmunt(Zyga) Mahler waren Mitglieder der ersten Fünfergruppe, die in den Wald ging. Sie fanden alle den Tod. 14 F 18/58 209 ihn nicht so sehr wie Czesiek. Aus seinem zusammengepreß- ten Mund kam selten ein Wort. Wenn es aber einmal fiel, so barg es eine ganze Welt schlagfertigen Humors. Und während sich alle ringsherum vor Lachen wälzten, sah er sie gleichsam nachsichtig an, als wenn er mit ihrem herrlichen Sinn für Hu- mor Mitleid empfände und sie fragen wollte: Ihr armseligen beschränkten Menschen, das nennt ihr also einen Witz? Niemand kannte ihn jedoch von der anderen Seite. Niemand kannte sein Herz, auf dessen Grunde sich kleine und große Tragödien abspielten. Man wußte nur, daß er ein tapferer, gefühlvoller Mensch war und daß man sich auf ihn verlassen konnte. Denn unter diesem Witz verbarg sich ein ungewöhn- licher Lebensernst, der einem bei jeder Berührung mit ihm auffiel. Als seine Mutter und seine kleine Schwester„aus- gewiesen“ worden waren, hatte er sich in seinem Innern vergraben und geschwiegen. Nicht lange danach wurde seine Runka aus Rymanöw, ein schwächliches Mädchen, das ein zartes Herz und einen wunderschönen hohen Sopran hatte, mit einem Transport weggeschafft. Zyga war gebrochen. Do- lek hatte ihn an sich gezogen und ihn mit der Wärme seines Herzens gewärmt. Er hatte sich an der Seite seiner Kamera- den beruhigt, sich aber noch nicht wiedergefunden. Erst als die Losung„in die Wälder“ fiel, fand er sich. Er war sofort bereit. Er war nicht nur bereit, sondern hatte darauf gewar- tet. Nur noch das konnte ihm helfen. Er war der Verwalter seiner Fünfergruppe. Er hatte sie hin- reichend ausgerüstet, nur Waffen gab es noch nicht. Auf Waffen warteten sie alle mit Ungeduld. Endlich kehrte eines schönen Tages Hela! aus Warschau zu- rück. Sie kam lächelnd, rosig angehaucht und heiter ins Ghetto. Sie war hübsch angezogen und trug eine neue Reise- tasche in der Hand. Sie ging mit sicheren Schritten und ant- wortete stolz auf die Huldigungen, die ihr durch die Blicke 4 Hela Schipper; eine der besten Verbindungspersonen der Leitung. 210 der Passanten zuteil wurden. Man hätte meinen können, daß sie für nichts weiter Interesse besitze, als bewundert zu sein. Wer sie in der Bahn sah, wie sie nach rechts und links flirtete oder mit kokettem Lächeln auf dem Bahnsteig umherging, der konnte sie wegen alles möglichen in Verdacht haben, zum Beispiel, daß sie zu ihrem Verlobten zu Besuch fahre oder sich irgendwohin zur Erholung begebe oder vielleicht sogar einen kleinen Schleichhandel durchführe, aber was man auch über sie denken mochte, eines war klar, daß sie alles nur um der Freuden dieser Welt willen tue. (Lücke im Manuskript) | | | | | Wenn es auf dem Stützpunkt keinen Groschen gab und kein Stück Brot in der Küche, holte sie illegal alles heran, was m Innern notwendig war. Als die Ausweisung in Warschau begann, hatte sie das Ge- fühl, als müsse sie allein alles retten. Und sie hatte nicht ge- ruht, bis sie aus der brennenden Stadt diejenigen herausge- rissen hatte, die sie zu retten vermochte. Sie war mehrmals me seines hin und zurückgefahren, wobei sie jedesmal ins Warschauer| Ghetto hineinging, aus dem sie leicht nicht mehr hätte herauskommen können. Sie war die erste Verbindungsperson, die sich der Bewegung zur Verfügung gestellt hatte. Auf ihren ständigen Reisen bahnte sie sich ihren Weg mit jener ungewöhnlichen Zungenfertigkeit und Schönheit, die für eine z sie hin- tüchtige, erobernde und selbstzufriedene Frau so charakte- „iht. Al Kistisch ist. Sicherlich kam es keinem ihrer zufälligen Reise- gefährten in den Sinn, daß Hela Waffen transportiere. Unter ihrem losen Sportmantel hatte sie zwei Brownings hängen, in ihrer neuen Reisetasche hatte sie drei Stück und etliche volle - Patronenmagazine. und ant- Noch nie war jemand mit einer solchen Rührung begrüßt 1. Blicke worden wie jetzt Hela; ihre Ankunft eröffnete eine neue Periode. Sie hatte Waffen gebracht! Sie lag dann bei Dolek uE 211 auf dem Schlafsofa und ruhte sich aus. Aber alle Augenblicke kam jemand herein, begrüßte sie herzlich und blickte sich verstohlen in dem kleinen Zimmer um, um das zu sehen, was in diesem Augenblick das wichtigste war. Zuerst kam Miral, dann Anna, Justa, aber keine öffnete die Tasche, die an der Wand hing. Erst als Marek kam, wurde die Tür zugeschlossen und die Besichtigung vorgenommen. Es dürfte wohl kaum jemand begreifen, wie groß die Freude war, eine eigene Waffe zu haben. Sie hatten sich doch bis jetzt hundertmal andere Vergehen zuschulden kommen lassen, durch die sie reif für den Galgen waren. Aber Waffenbesitz war ein Ver- gehen allerschwerster Art, und wenn die Bevölkerung trotz des rasenden Terrors auch dies und jenes vor den Behörden verborgen hielt, so war es doch eigentlich unerklärlich, durch welches Wunder es noch irgendwo eine versteckte Waffe geben konnte. Als das feindliche Heer vor drei Jahren ins Land eingefallen war, hatte es zu den ersten Maßnahmen der Okkupationsbe- hörden gehört, sämtliche Waffen einzuziehen; daraufhin waren Durchsuchungen erfolgt, bei denen sogar unter der Erde jeder Revolver und jedes Bajonett hervorgeholt wurden; nicht einmal eine einzelne Patrone hatten sie durchgehen lassen. Es war undenkbar, daß sich noch irgendwo eine nicht ent- deckte Waffe hätte befinden können. Keine Okkupations- armee hatte die Privatwohnungen so gründlich durchstöbert wie diese hier. Die Zivilbevölkerung war gegenüber den terroristischen Militärbehörden nirgends so wehrlos gewesen wie in diesem Gebiet, und als jetzt unter der aufständischen Jugend das Problem der Beschaffung der Waffen entstand, zerbrach sich jeder den Kopf, wie eine zu erbeuten wäre. Und jedem kam es vor, daß er niemals eine auftreiben würde. 4 Miriam Liebeskind, Doleks Schwester; sie wurde im Januar 1943 in Radom erschossen. 212 Was war es daher für eine Freude, eine Waffe zu besitzen! (Lücke im Manuskript) ... dem, daß jene sie sogar unter der Erde entdecken konn- ten. Eine Waffe besitzen, die man im entsprechenden Augen- blick gegen sie kehrt... Marek zerlegte einen Browning in seine Einzelteile. Er freute sich daran wie ein Kind. Er sah aus wie ein Junge, der endlich sein ersehntes Spielzeug be- kam. Und man wußte nicht, wer in ihm der glücklichere war: der Mann, der ein Kampfinstrument erhalten hatte, oder der Junge, der mit etwas Erhofftem spielte. Jedenfalls fühlte er sich so überaus glücklich, wie er es früher gewesen war. Als er sich später mit Dolek traf, war die Atmosphäre noch lebendiger. In ihnen erwachte geradezu eine jungenhafte Phantasie. Sie spannen verschiedene Pläne zu Scharmützeln. Sie waren zu zweit imstande, sechs Mann zu überraschen und zu entwaffnen. Nachdem sie mit einem Handstreich sechs Revolver erbeutet hatten, konnten sie noch sechs eigene Leute bewaffnen. Nach diesem System konnten sie ständig Waffen erringen und nach kurzer Zeit eine ganze bewaffnete Abteilung haben. Also habe es für den Anfang genügt, bloß fünf Stück zu kaufen, die übrigen würde man aus eigenen Kräften beschaffen können. Sie waren alle beide reife Männer. Sie sahen das Leben so wie es war, kannten alle Hinterhalte, deren sich das Schicksal bedienen konnte. Und wenn Marek in seiner schwungvollen Jugendlichkeit sich auch manchmal zu weit vorgewagt hatte, so vermochte der dreißigjährige Dolek ihn immer auf seinem Platz zu halten. Nun aber war die Phantasie mit ihnen beiden durchgegangen, und sie gewannen die ganze Welt. Eigentlich war es gar keine Phantasie. Alles, wovon sie sprachen, lag wirklich in ihrer Möglichkeit. Aber es waren eben nur Mög- lichkeiten, die sich entweder verwirklichen oder nicht ver- wirklichen konnten. Denn gegen sie stand immer und überall 213 der Zufall, das Zusammentreffen unvorhergesehener Um- stände, aber vor allem das Übergewicht, das der bestbewaff- nete Soldat der Welt über einen jungen Burschen besaß. Sahen sie in diesem Augenblick nicht dennoch irgendwelche Widerwärtigkeiten?.... Die Macht, die in ihnen überquoll, ließ sie unerschütterlich daran glauben, daß sie das erreichen würden, was sie wollten. Daß diese fünf Pistolen ihnen den Weg zu unaufhörlichen Erbeutungen eröffnen würden, bis sie schließlich eine Kraft darstellten, die die Massen mit sich risse. Wenn also jetzt im Herbst die erste Fünfer- gruppe hinausrückte, würden die Wälder bereits im Frühjahr mit zahlreichen Scharen bewaffneter Jugend besetzt sein. Und wenn sie auch im Kampf fallen sollten, so würden an die Stelle der Gefallenen zehn Neubewaffnete treten. Davon waren sie überzeugt. Und dennoch konnte es anders kommen. Die Erinnerung an die tragische Niederlage in Warschau lebte in ihrem Gedächt- nis gleich einem blutigen memento mori fort. Dort war bereits alles für eine Erhebung vorbereitet gewesen. Man hatte bereits ein Waffenarsenal und ausgebildete Kader gehabt. Der Gegenschlag war einen Tag vor ihrem Einsatz erfolgt. Zwanzig Mann waren ins Lubliner Gebiet aufgebrochen. Einen Teil von ihnen hatte man im Zug abgefangen. Der Rest war nach Miedzyrzecze gelangt. Die Grundlage für einen Kampf war noch nicht fertig gewesen. Sie mußten einige Tage warten. Unvermutet war eine„Ausweisung“ ge- kommen. Einige von ihnen hatten mit knapper Not und Mühe fliehen können. Der Rest war den Häschern zum Opfer gefallen. Es waren die besten unter den Jungen gewesen. Sie hatten jedoch noch in Warschau ein starkes Hinterland ge- habt. An die Stelle dieser Gefallenen hatten also viele neue treten können. Plötzlich war der Leiter von den Behörden gefaßt worden. Im Nu hatte man begriffen, daß der Boden 214 hener Um bestbewaft | besaß, em Gedäct tet gewesen gesäubert werden mußte. Man hatte begonnen, die Waffen zu verlagern. Damals war eins auf das andere gefolgt. Man hatte die Menschen ergriffen, die Waffen abgefangen, ob- wohl niemand überstürzt gehandelt hatte, obwohl alles mit Überlegung durchgeführt worden war. Es war nichts zu machen gewesen— sie waren eingeschlossen. Es hatte nicht viel geholfen, daß Szmuel sich bis zum Ende gewehrt, daß sich jeder tapfer gehalten. Diejenigen, die die Seele des Gan- zen dargestellt hatten, waren dahingegangen. Siebzig Mann waren ohne Wegweiser übriggeblieben. Was hätten sie mit ihrer Bereitschaft anfangen können. Das gleiche Schicksal konnte sie jetzt auch in Krakau treffen. Sie konnten eine Niederlage erleiden, bevor sie zu ihrer Ar- beit aufbrachen... Aber diese beiden sahen bereits den Frühling, der ihnen die Freiheit, den Sieg brachte. Am Ende der Woche machten sie sich auf den Weg... (Lücke im Manuskript) Und im Schatten dieser Ereignisse reiften neue Menschen heran. Als im Juli die Entscheidung gefallen war, daß sie zur Waffe greifen würden, hatten sie um niemanden gewor- ben. Sie hatten nämlich erkannt, daß diesen Weg nur die beschreiten sollten, bei denen sich der Aufruhr von innen her meldete. Sie wollten diese Entscheidung, die den Menschen in die Vernichtung führte, niemandem aufzwingen. Denn jeder hatte doch das gute Recht, sich zu retten. Man wußte zwar nicht, für wie lange Zeit man sich zu schüt- zen vermochte, aber es bestanden immerhin verschiedene Möglichkeiten. Man konnte sich privat einmieten, in einem stillen einsamen Dorf untertauchen, sich tarnen und sich nur um seine eigene Nase kümmern. Außerdem konnte man auf einem der vielen militärischen Arbeitsplätze als Schwarzarbeiter unterkommen und auf das Ende des Krieges warten. Schließlich gab es doch immer Mittel und Wege, sich selbst in Sicherheit zu bringen, und es hatte stets Menschen gege- ben, die selbst dann, wenn es eigentlich nur einen Ausgang auf den breiten Weg gemeinschaftlichen Handelns gab, für sich ein Türchen auf den schmalen Pfad der eigenen Rettung fanden. Jeder hatte das Recht, über sein Leben selbst zu ver- fügen. Selbst wenn er darüber unvernünftig verfügte, hatte er das Recht, so zu tun. In Kopaliny war bis zum letzten Moment kein Wort vom Kampf gefallen. Antek, Marek und Justa waren schon lange nicht die Herren ihres Lebens gewesen, aber die anderen hatten nicht einmal geahnt, daß sich etwas an- bahnte. Einmal nur hatte Antek zu Justa gesagt: „Weißt du, angesichts dessen, was geschieht, bliebe nur das eine, in uns den Glauben neu zu beleben, daß es eine höhere Gerechtigkeit gibt, die uns rächen wird, daß es irgendein künftiges Leben gibt, das uns für das zeitliche Leiden belohnt.“ Um Justas Mund huschte ganz kurz ein spöttisches Lächeln: „Einen anderen Ausweg siehst du nicht?“ „Es gibt noch einen anderen Weg, aber der wäre ein Wahn- sinn.“ „Und was bleibt uns außer diesem Wahnsinn übrig?“ „Daran habe ich nicht gedacht.“ „Wie hat man daran nicht denken können?“ Justa hatte die Selbstbeherrschung verloren.„Gerade das wird uns die Ge- schichte nicht verzeihen, daß man daran nicht gedacht hat. Welcher gesund denkende Mensch würde dies alles schwei- gend ertragen? Wo war denn der große Anlaß, der uns von er einzigen Reaktion abhalten konnte? Die Geschichte wird uns für immer verdammen, und die einzige Reaktion ist(so- je” fern uns noch ein Ausweg bleibt), in Zukunft unsere Seele zu 216 retten, da man sowieso verloren ist. Zumindest muß man ein Andenken hinterlassen, dem einst jemand seine Achtung erweisen wird.“ Weiter war darüber kein Wort gefallen. Vielleicht reifte der Gedanke in diesem oder jenem Kopf heran, aber niemand hatte davon gesprochen. Man wartete. In Krakau wünschten alle im Bewußtsein der Wichtigkeit der Ereignisse, die ein- treten konnten, daran teilzuhaben. Und sie waren wirklich jung. Die Jüngste unter ihnen war Czarnat, Sie war zu dieser Zeit fünfzehn Jahre alt, aber nie- mand wollte es glauben. Sie war groß, kräftig entwickelt, wirklich schön, trug einen dicken Haarkranz auf dem Kopf. In ihrem gesunden Körper wohnte eine starke und tapfere Seele. Und sie war so reif, daß jeder, der mit ihr zusammen- kam, in ihr eine Stütze finden konnte, als wäre sie eine er- wachsene Frau. Es war übrigens kein Wunder. In ihrer Ent- wicklung hatte es keinen allmählichen Übergang von der Kindheit über das Erblühen zur Reife gegeben. Man könnte kühn sagen, daß sie abends als Kind eingeschlafen und mor- gens als Frau aufgewacht war. Sie war zwölf Jahre alt gewe- sen, als der Krieg ausbrach. Sie war Mareks einzige Schwester. Als man ihn einsperrte, brach sie wie ein Kind in Tränen aus, sorgte sich aber wie eine Mutter. So hatte sie bei ihrem Weinen alle kindlichen Tränen vergossen, und das, was dann von ihr übrigblieb, war nur noch die Härte einer Frau, die nicht den Bruder, sondern den Kämpfer für eine große Sache retten wollte. Tag für Tag war sie zum Gefängnis gegangen, Tag für Tag hatte sie ihm alles gebracht, was sie vermochte, und als Marek ins Lager abtransportiert worden war, hatte sie Vater und Mutter Mut eingeflößt. Und sie hatte immer daran geglaubt, daß ihr Marek wiederkommen würde. Als er 1 Szchora Draenger(Ceska), Symeks Schwester; ein fünfzehnjähriges Mädchen, das sich durch Scharfsinn und Hingebung an die Sache hervortat; sie kam am 19. März 1943 um. 217 dann tatsächlich zurückkehrte, hatte er statt eines kleinen Schwesterchens eine Schwester als Genossin angetroffen. Und damals hatte sie noch nicht einmal ihr dreizehntes Lebens- jahr vollendet. Interessant war bei ihr die Synthese der frühzeitigen Reife mit der beinahe kindlichen Frische, des tapferen, starken Geistes mit der gesundheitsprühenden Mädchenschönheit. Das Interessanteste an allem war aber die Tatsache, daß es in ihr weder eine Spur von Leere noch eine Spur von Stolz gab. Als wenn es etwas ganz Natürliches wäre, daß sie gestern noch ein Kind gewesen war und man heute bereits die Verantwortung für beinahe das ganze Haus auf ihre Schultern legte. Sie hatte doch noch nicht einmal ihre Schule abgeschlossen. Marek und Justa waren der Ansicht gewesen, daß man ihre Schulerziehung vervollständigen müsse. Sie gaben ihr also normale Stunden, und ihr junger Geist sog das Wissen auf wie ein Schwamm. Sie machte riesige Fortschritte. Zu jener Zeit hatte sich Justa entschlossen, sie für die Sache zu gewin- nen. Es war im ersten Kriegsjahr gewesen. Justa wollte sich mit ihrer ideellen Erziehung nicht allein beschäftigen, damit nicht familiäre Bande die Charaktergestaltung dieses Geschöp- fes beeinflußten. Sie übergab sie Miras Händen. Von da an ging ihre Erziehung einen normalen Weg. Czarna lebte unter Menschen, die etwa zwei, drei Jahre älter waren als sie, kam ihnen aber voll und ganz gleich. Nebenbei gesagt, sie über- traf sie in mancherlei Beziehung, aber man war bestrebt, dies nicht hervorzuheben; mit der Zeit vergaß man, daß es ein vorzeitig ins Leben hineingezogenes Kind war. Man holte sie ohne Bedenken zu den verschiedensten schwierigen Auf- gaben heran. Es war nun mal nicht zu ändern, man konnte sie nicht wieder zu einem Kind machen. Überall war sie die Jüngste, aber überall führte sie ihre Sache ebensogut durch wie die Reifen. So war es jetzt auch in Krakau. Selbst Marek belastete sie mit verschiedenen Sachen, bei denen er 218 manchmal Bedenken hatte, sie Älteren anzuvertrauen. Ent- weder entschied er sich für sie oder für Poldek. Von wann ab die Freundschaft dieser beiden datierte, wußte niemand, wie übrigens auch niemand wußte, wie dieses junge Geschöpf zu einem so entschiedenen Gefühl gekommen war. Aber wie alles in ihr stark und klar war, so war auch diese Freundschaft eine Tatsache, die niemand und nichts umstoßen konnte. y Die ersten fünf hatten in den Wäldern ein schweres Los. Sie waren hier wirklich Pioniere. Es hatte den Anschein, daß dort eine organisierte Partisanengruppe tätig war, daß es genügte, bereit und bewaffnet zu ihr zu stoßen, sich ihr unterzuordnen und zu handeln. Man brauchte nur die Adresse zu wissen, an die man sich wenden sollte, um sich in einem organisierten Tätigkeitsbereich zu befinden. Die Unseren besaßen eine Adresse. Die Bewegung hatte damals im Einvernehmen mit der Arbeiterpartei gehandelt. Auf ihre Empfehlung hatten sie sich an einen Leiter zu wen- den, der sie an der Station erwarten sollte. Er erwartete sie wirklich, führte sie durch das Städtchen und gab ihnen am Waldrand ein Nachtquartier. Unsere Leute waren voller Begeisterung. Etwas wie eine weihevolle Erregung ließ sie an nichts anderes denken als an ihre Tätigkeit. Morgen sollte für sie dieses wunderbare Leben anfangen. Sie waren die ersten, sie fühlten, daß sie den Weg für die ganze Bewegung bahnen, daß sie alles tun müßten, um würdige Pioniere zu werden. Sie waren aufs höchste gespannt. Bei Tagesanbruch erschien ein neuer Anführer, nahm sie aus der Hütte mit und führte sie durch die Wälder. Er kannte den Weg nicht gut. Er ging mit ihnen mehrfach im Kreise. Dann ließ er sie im Walde zurück und ging weg. Sie wußten 1 Leopold Wassermann; einer der Verbindungsmänner der Leitung. nicht, was sie anfangen sollten. Es war ein schreckliches Ge- fühl: Waffen bei sich zu haben, nach Taten zu dürsten und tatenlos auf einem Fleck, in einer Stille zu stehen und nicht zu wissen, wo der Gegner zu suchen sei. Sie ballten in ohn- mächtiger Wut die Fäuste. Sie kreisten im Walde herum, denn sie wollten nicht glauben, daß der Anführer sie einfach irregeführt haben sollte. Sie dachten daher bei sich, daß er sie vielleicht dennoch an eine festgesetzte Stelle gebracht hatte, daß sich hier vielleicht irgendwo in der Nähe ein Partisanenstandort befand. Sie gingen umher und suchten— vergebens. Nachdem sie den ganzen Tag lang gesucht hatten, kehrten sie in das Haus am Waldrand zurück. Man empfing sie kalt. Es war nur ein Zufluchtsort für eine, für die vergangene Nacht gewesen. Aber sie hatten endlich ein Dach über dem Kopf. Ermüdet, restlos enttäuscht und voll Bitterkeit trachteten sie nur da- nach, sich auszuruhen und zu vergessen. Sie warfen ihre Rucksäcke ab und schickten sich an, sich schlafen zu legen. Morgen, wenn sie sich ausgeruht und beruhigt hätten, wollten sie einen eigenen Operationsplan machen. Heute verlangte es sie nur nach Ruhe. Im Dorf herrschte tiefe Stille. Sicherlich schliefen schon alle. Plötzlich erscholl das Kläffen eines Hundes. Immer näher, immer lauter. Zyga schnellte hoch, die Burschen lauschten aufmerk- sam. Es näherte sich jemand. Sie schauten durchs Fenster hinaus. Eine Polizeiabteilung rückte an. Man hatte sie also verraten. Es war kein Augenblick zu ver- lieren. Man mußte in einer Sekunde alle Kräfte konzen- trieren, das Gehör anstrengen, die Muskeln anspannen, sich beherrschen und handeln. Sie handelten geschickt. Wie ein Mann. Es ging um Tod oder Leben. Jetzt durften sie noch nicht fallen. Und sich ver- teidigen konnten sie auch nicht. Sie waren nur fünf Mann gegen eine ganze Gendarmerieabteilung. Sie konnten also 220 nur fliehen. Und der Gleichschritt der Gendarmen war bereits ganz in der Nähe zu hören... Bevor die Abteilung in die Hütte gedrungen war, befanden sich die Jungen bereits im Walde. Dunkelheit und ungestörte Stille umgab sie. Sie drückten sich in ein Gebüsch. Diesmal war es ihnen gelungen zu entkommen. Aber die Gefahr war nicht vorüber. Die Polizei war auf ihrer Fährte. Man mußte sich in acht nehmen. Drei Tage und drei Nächte blieben sie im Walde. Sie waren von der ganzen Welt, von den Men- schen abgeschnitten. Ihre Lebensmittelvorräte erschöpften sich. Sie hatten nur noch eine Brotkrume. Eine symbolische. Sie bewahrten sie wie ihren letzten Schatz. Sie tranken den Tau von den Gräsern. Der Wald war von Gendarmerie umzingelt. Von Zeit zu Zeit knallten Schüsse. Jedoch kein einziger Gendarm wagte ins Innere vorzudringen. Hier in der Gegend herrschte eine pa- nische Angst vor Partisanen. Es genügte, daß sich ein einziger Aufständischer zeigte, damit auf allen Polizeiwachen Unruhe herrschte. Hier ging das Gerücht um, daß die Partisanen ganze Dörfer mit Terror überfluteten, daß niemand ihnen standhalten könne. Daß sie mit dem Gewehr in der Hand die Bauernschaft zum Gehorsam zwängen, daß sie Schrecken säten und Entsetzen hervorriefen. Daher zitterten alle diese Soldaten der mächtigsten Armee der Welt vor Angst, als sie von jungen bewaffneten Burschen hörten. Sie vertrauten ihrer eigenen Tapferkeit, wollten aber mit diesen unbekannten Aufständischen lieber nicht in Berührung kommen, um die herum sich eine in allen Farben schillernde Legende spann. Kurz gesagt, sie kniffen. Und darin steckte derSieg des Klein- kriegs, daß er den Stolz dieser Stolzesten nach und nach zer- brach, daß er diesen Unerschrockenen Schrecken einjagte. Als unsere Fünfergruppe in einem Dorf aufgetaucht war, ging in der Gegend die Nachricht um, daß sich in den Wäl- dern eine Abteilung in Stärke von dreihundert bewaffneten 221 Aufständischen gezeigt habe. Wer diese Nachrichten ver- breitete, war unbekannt. Sie kamen wie von selbst auf; und Angst befiel die Gegend. Daher war der Verrat so schnell erfolgt. Die Bauern hatten dem Terror vorbeugen wollen und sich mit der Denunziation beeilt. Zwei Tage lang dauerte die Treibjagd. Der Wald war dicht umstellt, aber niemand wagte ins Innere vorzudringen. Sie schossen aus ihren Ge- wehren auf gut Glück. Die Schüsse knallten unaufhörlich, bis die Gendarmen müde wurden und meinten, es genüge schon, den Feind aufgespürt zu haben. Und die Treibjagd wurde beendet. Nach drei Tagen kamen die Jungen aus dem Walde heraus. Ausgehungert, ermattet, aber völlig ruhig. Sie fühlten sich stark, und für den Anfang gesehen, hatten sie sich Rat ge- schafft. Sie wußten nicht, wohin sie sich nun wenden sollten, im Dorf durften sie sich nicht zeigen, und ein Dach über dem Kopf hatten sie nicht. Der Anführer ließ sich nicht mehr sehen. Sie waren völlig allein. Eigentlich mußten sie es der Leitung mitteilen, denn in Krakau mußte man darüber Bescheid wis- sen. Nur dort war es möglich zu entscheiden, was weiter werden sollte; also mußten sie jemanden mit der Nachricht eiligst hinschicken. Bevor sie jedoch einen Bericht erstatteten, beschlossen sie, es noch einmal zu versuchen. Sie wollten nicht eine Nachricht schicken, daß sie nichts vollbracht hatten. Sie schämten sich einfach. Obwohl sie müde und ausgehungert waren, bereite- ten sie für den Abend eine Arbeit vor. Es war dunkle Herbstnacht. Sie krochen an eine Polizeistation heran. Im Hause war keine Stimme zu hören. Die Fünfer- gruppe hatte die Absicht, die Polizei zu überraschen und zu entwaffnen. Nach der Erbeutung von Waffen würden sie mit erhobener Stirn eine Nachricht nach Krakau schicken können, Ein Augenblick— und alles würde gut sein. 222 Aber die Polizisten ließen sich auch im Hause nicht über- raschen. Sie waren wachsam. Sie hatten nicht einen Augen- blick vergessen, daß sich ringsherum Wälder und darin junge und zu allem bereite Männer befanden. Sie saßen in ihrer Polizeistation durch viele Schlösser und Riegel gesichert. Sie machten niemandem auf. War das eine Niederlage? Nie und nimmer. Es war eher ein Sieg. Die Polizisten lieferten wieder den Beweis ihrer Feig- heit. Sie hatten die Fünfergruppe nicht bezwungen, sondern sich vor ihr eingeschlossen, weil sie nicht den Mut besaßen, ihr die Stirn zu bieten. Es war ein wenig beschämend, von der verschlossenen Tür unverrichteterdinge wieder weggehen zu müssen. Sie hätten sie im Sturm nehmen können. Sie hätten sie sprengen, ins Innere dringen und Waffen erbeuten können. Aber sie waren nur fünf Mann, und wie viele im Hause waren, wußten sie nicht. So sah die Lage des Partisanen aus. Seine Stärke beruhte darauf, zu überraschen, denn seine Macht lag nicht in der Waffe, sondern darin, daß er einen verblüffte, daß vor einem Soldaten, über dessen Schulter ein schweres Gewehr und an dessen Hüfte ein Seitengewehr hängt, plötzlich ein junger Bursche mit klarem Blick und mit einer kleinen Pistole in der Hand auftauchte. Und bevor der erstaunte Soldat begriff, was das Kind von ihm möchte, bereits ein Schuß fiel. Ein Par- eisan muß überrumpeln, muß sozusagen das psychologische Moment ausnutzen können. Seine Macht steckt hauptsächlich in der geistigen Überlegenheit. An eine militärische denkt er nicht einmal. Mit dem Augenblick, in dem er eine waffenmäßige Überlegen- heit bekäme, würde er aufhören, Partisan zu sein. Er wäre dann ein Soldat eines normal kämpfenden Heeres. Die Jungen hatten das begriffen. Sie besaßen nicht den fal- schen Stolz Halbwüchsiger. Sie wollten lieber von der 223 verschlossenen Tür weggehen, statt sich zu einer unzulässigen Tat hinreißen lassen. Man muß selbst eine Schlappe hin- nehmen können. Übrigens hatten sie gar keine Schlappe erlitten: sie hatten ihre geistige Überlegenheit nicht verloren. Jene hatten ja die Tür feige vor ihnen zugeschlagen. Jene hatten sich das Zeugnis geistiger Armut ausgestellt. Noch an diesem Abend fuhr Edwin nach Krakau. So wie die ganze Sache stand, war hier nichts zu machen. Im Walde konnte man nicht wohnen, undhhier gab es weder eine Adresse noch ein Partisanenzentrum. Nicht einmal ein Betätigungs- feld. Für diese Zeit gesehen, waren alle Möglichkeiten ausgenützt worden. Das Gebiet war ganz einfach ungeeignet. Der An- führer war nichtswürdig. Er war seiner Aufgabe nicht ge- wachsen. Anstatt sie in die Wälder an einen geeigneten Standort zu bringen, hatte er sie an der Nase herumgeführt, Eigentlich hätten sie alle zurückgehen können. Aber das wäre eine Art Desertion gewesen. Sie blieben also bis zu Edwins Rückkehr. Sie bauten sich einen Schlupfwinkel, richteten Posten ein und hielten in der Umgebung Ausschau, ob sich vielleicht nicht doch noch ein Betätigungsfeld finden ließe. Aber ver- gebens. ä Man schloß sich in dem kleinen Zimmer Ewas! ein und ver- hängte die Glastür. Sie sprachen mit gedämpfter Stimme, Auf dem Schlafsofa lag Edwin, um ihn herum saßen Dolek, Marek, Romek und Maniek. Edwin erzählte alles aufs ge- naueste. Sie hörten ihm aufgeregt zu. Die Spannung wuchs immer mehr. 4 Ewa Liebeskind-Spinner, Doleks Frau; eine der heldenmütigsten Frauen der Kampfgruppe. Sie bewies besonders nach Doleks Verhaftung viel Stärke. Sie wurde am 19. 1. 1943 nach Birkenau verschleppt. 224 Die Tür öffnete sich ein wenig. Hinter der Portiere zeigte sich der Kopf Justynas. Mit ungeduldiger Handbewegung gaben sie ihr das Zeichen wegzugehen, jetzt nicht zu stören! Sie zog sich gehorsam zurück. Und sie hatte so sehnlichst gewünscht, dort bei ihnen zu sein! Sie wußte bereits dies und jenes über das Vorgefallene. Da jetzt dort über das Schicksal dieser Menschen entschieden wurde, hätte auch sie sich unter den Vieren befinden müssen. Wenn auch nicht unbedingt sie! Es hätte dort vielmehr Anna, Mira, Ewa sein müssen— irgendwer, wenn nur ein Mädchen. Justyna hatte um diese Fünfergruppe große Angst, die auf Gnade und Ungnade in die Wälder geworfen worden war. Sie hatte sich schon längst mit der Tatsache abgefunden, daß der Augenblick kommen würde, da von diesen geliebten Jungen keiner mehr lebte. Aber mochten sie dann doch wenigstens mit dem frohen Ge- fühl sterben, etwas geleistet zu haben und nicht inmitten einer Leere und Hoffnungslosigkeit langsam dahinzuschwin- den. Dort drinnen beratschlagten lauter Männer, und Männer sind nicht gewohnt, sich zurückzuziehen. Jeden Rückzug nennen sie Niederlage. Justyna ging daher vor dem Hause aufgeregt auf und ab und wartete geduldig darauf, was sie dort beschlossen. Warum grämst du dich, Justyna? flüsterte ihr eine innere beruhigende Stimme zu. Hast du denn vergessen, daß Dolek dort ist? Er, für den ein Menschenleben den höchsten Wert darstellt. Er, der bereits mehrmalig bewiesen hat, daß das Leben der ihm anvertrauten Menschen ihm teurer war als diesen Jungen selbst. Wie oft war es vorgekommen, daß er die Männer in ihrem Lauf anhielt, daß er ihren Schwung zügelte! Und er hatte doch alles aus Liebe zu ihnen getan. Er fühlte sich als der Älteste unter ihnen und wußte, er durfte es nicht zulassen, daß sie ihrer Jugend, die mit ihnen durchging, zum Opfer fielen. Er war wie ein besorgter Reiter, 15 F 18/58 225 der die Zügel fest in der Hand hält und seine wildgewordenen Rosse im Lauf hemmt. Wie oft ist das feurigste seiner Rosse aufgesprungen, hat sich gebäumt und hat ausgeschlagen. Aber der wachsame Reiter vermochte es rechtzeitig zu zügeln. O ja, Dolek hat sich so manches Mal mit Marek gestritten, wenn dessen jugendlicher Schwung mit ihm durchbrannte, bis das wildgewordene Roß sich beherrschte und folgsam in dem Tempo ging, das ihm der wachsame Reiter angab. Aber auch Marek konnte man heute ruhig das Schicksal der Jungen anvertrauen. Trotz der in ihm aufbrausenden Jugendlichkeit kannte er die Grenzen zwischen Wagemut und Tollheit, zwischen Heldentum und Leichtsinn sehr genau. Er konnte sich im größten Schwung zurückhalten, wenn er spürte, daß er die Grenze des gesunden Menschenverstandes zu über- schreiten drohte. Er wäre sogar imstande, sich zurückzu- ziehen, wenn es die Notwendigkeit erheischt hätte. Als nun Justyna in dieser Weise an all dies dachte, fühlte sie, wie in ihr das Empfinden der Dankbarkeit für jene dort oben aufkam, dafür, daß der Enthusiasmus nicht den Mut und die Kampfbereitschaft nicht die Sorge um das Leben des Men- schen getötet hatte. Sie wollten selbst die größten Opfer bringen, aber keines sollte vergeblich sein. Man mußte dem- nach vor allem über das Menschenleben als den höchsten Schatz wachen. In diesem Geiste entschieden auch jene hinter der verschlossenen Tür. Am folgenden Tag fuhr Edwin mit dem ersten Zug mit der Antwort zurück. Der Befehl war kurz: Die Wälder verlassen, in das nächste Städtchen fahren und auf weitere Befehle warten. Die Führung der Bewegung befand sich jetzt in einer schwe- ren Lage. Als sie sich im August für die Arbeit und den bewaffneten Kampf entschieden hatte, war sie sich über die Tatsache völlig im klaren gewesen, daß man für diese 226 Aufgabe nicht entsprechend vorbereitet sei. Sie waren alle Pädagogen, Erzieher in hohem Maße. Sie hatten seit Jahren an der Spitze einer nach Tausenden zählenden Kampfjugend gestanden. Ihre Führung hatte jedoch einen durch und durch geistigen Charakter. Sie kannten das Gemüt ihrer Zöglinge, konnten ihnen einen Weg bahnen, ihnen selbst in den schwer- sten Lebensmomenten Vorbild in Kämpfertum und Hingabe sein. Aber ihre Führung hatte immer einen geistigen Charak- ter. Ihre Arbeit war immer schöpferisch. Die realste Tat war die geistige und einmal... (Lücke im Manuskript) Dagegen waren sie niemals Offiziere gewesen, und sie hatten nicht die Fähigkeit, ihre Jungen in einem Feuerkampf zu führen. Sie waren selbst bereit, einfache, gewöhnliche Sol- daten zu werden, um sich den Händen eines tüchtigen An- führers zu überlassen, der das Erfordernis des Augenblicks verstünde und ihren jugendlichen Enthusiasmus in eine Heldentat verwandelte. Sie suchten darum intensiv einen Befehlshaber mit militärischer Erfahrung, denn gerade das fehlte ihnen. Sie warfen alle falsche Scham von sich und gingen auf die Suche nach ihm. So vereinigten sie sich mit der Arbeiter- partei. Was hatte wohl eigentlich ihre Entscheidung gerade in dieser Richtung beeinflußt? Vermutlich war der unmittel- bare Antrieb hierzu Lidka'. Sie war Ewas Kusine. Ewa hatte von Kindheit an ihre Blicke auf(verwischt) geheftet, sie hatte kein Privatleben. Sie hatte sich immer der Sache der Menschen gewidmet, und sicherlich lebte sie auch für sie. Der Krieg überraschte sie im Gefängnis. Sie war zu fünfzehn Jahren Festung verurteilt. Nach drei Jahren, als der Krieg begann, brach sie zusammen mit anderen Gefangenen aus "Gola Mirer; wurde ermordet. 15 P® 227 dem Gefängnis aus. Sie stürzte sich sofort wieder in den Arbeitsstrudel. Sie kam mit ihrem Mann zusammen und war so lange bei ihm, bis die Kriegsfurie ihn ihr entriß. So blieb sie damals mit ihrem Säugling allein. Sie machte sich von der Arbeit frei und ließ sich von der Partei Urlaub geben, um ihr kleines Kind aufzuziehen und in Sicherheit zu bringen. Sie liebte es über alles, war Mutter in vollster Bedeutung des Wortes. Die revolutionäre Arbeit hatte ihre mütterliche Zärtlichkeit nicht(verwischt). Sie wollte es dort bei ihren Verwandten unterbringen, um dann wieder zu ihrer Arbeit zurückzukehren. Sie eilte schnell zu ihren Bekannten, legte das Kind auf ein Bett und ging in die Stadt. Das Kind war hübsch und sorg- fältig gehegt und gepflegt. Man sah, daß die Mutter, die selbst Hunger litt, die ganze Kraft ihrer Liebe dem Kinde hatte zukommen lassen. Als sie zurückkam, lebte das Kind nicht mehr. Sie schüttelte den Schmerz ab und machte sich wieder an die Arbeit, mietete sich bei Ewas Eltern ein— und kam hier mit unserer Bewegung in Berührung. Sofort setzte sie sich mit Dolek ins Einvernehmen. Sie verstanden sich sehr gut. Und auch Marek war von ihrem Zauber eingenommen. Sie war für alle das Ideal einer reifen Frau, einer großen Kämpferin mit gefühlvollem Frauenherzen. Ihre Persönlichkeit und ihr persönlicher Wert ließen einen an die Kraft der Partei glauben. So faßte sie den Entschluß mitzuarbeiten. Man beschloß, Hand in Hand zu gehen, sich in alles zu teilen. Der Anteil war jedoch nicht gleich. Der eine brachte seine Jugend und vielleicht sogar sein Leben, der andere nur die Erfahrung. Bald sollte sich erweisen, daß nicht nur(verwischt) ungleich waren, sondern(verwischt) der Hingabe. (Lücke im Manuskript) Die Beziehungen wurden immer schwieriger. Lidia tat, was sie konnte. Sie suchte die Mängel zu verhüllen, kümmerte sich um jeden weggeschickten Mann, aber das rettete die Lage nicht mehr. Sie hatte ihnen nämlich eines nicht auf- richtig enthüllt: daß die Partei bis zum Augenblick, da sie zurückkam, in dieser Gegend nicht gearbeitet hatte und daß alles einzig und allein dank der Begeisterung und Bereitschaft der jüdischen Jugend geschehen war. Man hielt lange Beratungen ab, und Lidias Worte hatten folgenden Inhalt: Es ist wahr, daß wir wenig Erfahrung be- sitzen. Laßt sie uns erwerben(verwischt) und wir holen die versäumte Zeit nach. Man antwortete ihr: „Ihr wollt sie auf unsere Kosten erwerben. Wir(verwischt) zahlen einen zu hohen Preis, für den wir uns als unabhängige Bewegung entwickeln müssen.“ „Bleibt“, sagte sie mit ihrem weiblichen Charme.„Zusam- men werden wir stärker sein.“ ‚Nein, wir werden uns als selbständige Kraft entwickeln. Dann werden wir zu euch als Gleiche zu Gleichen kommen. Wenn es keine Abhängigkeit gibt, wird es auch keine Rang- ordnung geben.“ Damit trennten sie sich. Die Plünderung hatte die Massen aller Dinge beraubt, dieRe- gierung nahm ihnen unter Blutvergießen Silber, Gold, Pelze und Bargeld ab. Und die jüdische Kampfjugend aß trockenes Brot, wohnte auf Dachböden, in Kellern, ging in zerrissenen Stiefeln, besaß nur ein Hemd und trieb nur mit Mühe ihr Reisegeld auf. Hatte man da Bedenken haben sollen? Nein, es gab kein Mittel, das sich hätte als unwürdig erweisen können: jeder Weg war recht, sofern er zum Ziele führte und von der geschichtlichen Notwendigkeit diktiert wurde. Sie schickten sich an(verwischt). Ihre Arbeit hatte nicht zu- genommen und ihre Verantwortung auch nicht. Gebessert 229 hatte sich nur ihr Selbstgefühl. Sie zählten nur auf sich selbst, und das machte ihnen Freude. Sie traten daher mutvoll in die neue Phase ein und führten auf der Stelle eine Reorgani- sation durch. Die Geldfrage hatte schon längst eine Reorganisation erfor- dert. Der Etat sah Tausende von Zlotys wöchentlich vor. Es kamen immer neue Menschen hinzu, und ihr Unterhalt, ob- gleich im einzelnen ganz bescheiden, stellte in der Summe einen beträchtlichen Posten dar. Darüber hinaus verschlan- gen Verwaltung, Reisen und vor allem der Ankauf von Waffen Tausende und aber Tausende. Die Kasse wies ein ständiges Defizit auf. Romek war Kassenreferent. Man wußte nicht, woher er so viel Geld beschaffte. Tatsache war, sooft sich die Gesichter bei dem Gedanken verdüsterten, daß wiederum für die wich- tigsten Ausgaben kein Geld vorhanden sei, erschien er mit einer dickgefüllten Brieftasche und rettete die Lage. Bei der ersten Abrechnung war ihm die Kasse 11 000 Zloty schuldig. Das technische Büro hatte recht ansehnliche Einnahmen, sie reichten aber nicht aus. Man mußte eine größere Geldsumme beschaffen, und zwar auf einem— vom bürgerlichen Gesichts- punkt— nicht besonders redlichen Wege. Es war bereits höchste Zeit, diese Skrupel abzuwerfen. Das schwer mit Ar- beit verdiente jüdische Geld war durch Morde in die Hände der Regierung übergegangen. Vor der Fünfergruppe tauchten neue Aufgaben auf. Sie wurde um zwei Mann verstärkt. Es kamen Harry! aus Ma- nieks Gruppe und Ignas? aus Romeks Gruppe hinzu. Harry war ein breitschultriger, langsamer und bedächtiger Mann und Ignas ein junger, gewandter verbissener Bursche. Man teilte sie zwei Gruppen zu. Edwin, Emil und Harry, drei hochgewachsene Männer von imponierender Figur, der 4 Chaim Sternlicht; wurde ermordet. ? Juda Szmerlowicz; wurde ermordet. 230 Kultur eines Weltmannes und mitSprachkenntnissen, rückten, mit Waffen und geeigneten Ausweisen ausgestattet, auf Eroberung aus. Jede erbeutete Summe sollten sie der Leitung in Krakau ab- liefern. Ihre Verbindungsperson war Hela. So ging man an die Verwirklichung der ersten Aufgaben heran. Benek, Zyga, Ignas und Adas machten sich auf den Weg in die Wälder. Sie sollten ein Aktionsgebiet aussuchen, die Gegend gründlich erforschen, sich über die Objekte orien- tieren, mit einem Wort, in selbständiger Arbeit den Boden vorbereiten. Das war die zweite Aufgabe. Das Schutzgelände im Wald sollte mit einem Netz von Privat- wohnungen umgeben sein; jede von ihnen mußte eingerichtet und ständig von einer Person bewohnt werden. Nach jeder Arbeit sollten die Jungen den Wald verlassen und eine oder zwei Wochen in der Stadt in der Wohnung abwarten. Das war das dritte. In denselben Tagen fuhren Ewa, Klara und Hela auf Woh- nungssuche. So begann man die Bewegung mit eigenen Kräf- ten aufzubauen. Es gab noch Zentren der Bewegung, zu denen die Ausweisung noch nicht vorgedrungen war. Man fühlte sich an eine Flamme erinnert, die noch nicht das ganze Gebäude erfaßt hatte, sich aber nicht mehr löschen ließ und früher oder spä- ter überallhin dringen würde. Folglich wartete man auf sie wie auf einen unvermeidlichen Schicksalsschlag. Man mußte diese Menschen vorbereiten, damit sie beim Be- ginn der Aktion nicht überrascht wurden. Eben ein solches Zentrum war Tomaszöw. Hier war Mirkas Wirkungsstätte, wo sie seit langem gearbeitet und sich eine junge Generation von Mitarbeitern der Bewegung herangebildet hatte. Ihre ganze Hoffnung für die Zukunft lag hier. 231 Als sich nun die Ausweisungswelle ihrem Gebiet näherte, stürzte sie sich darauf, es zu verteidigen. Wieder fing sie an, auf ihrer früheren Strecke Krakau—Tomaszöw zu fahren, sich ins Ghetto zu ihren geliebten Menschen durchzuzwängen. Doch anstatt vor ihnen, wie früher, Bilder lichter Zukunft auszumalen, sollte sie ihnen diesmal die kurze Losung„zum Kampf!“ entgegenschleudern. Sie fuhr unermüdlich hin und her, brachte ihnen Ausweise, sammelte Geld für Waffen und kehrte immer außer sich vor Freude zurück. In ihr steckte schon eine so wunderbare, ge- radezu kindliche Freude, eine solche Heiterkeit, daß selbst dann, wenn sie ein finsteres Gesicht machte, von ihr ein Glanz ausstrahlte wie von der Sonne. Und sie ging an alles beinahe sorglos, man konnte sagen mit kindlicher Leichtigkeit heran. Es war eine wahre Freude, zuzusehen, wie sie sich für die Reise vorbereitete. Sie fuhr gewöhnlich abends weg, und da war ihre Wohnung mit Gästen überfüllt. Sie wollten nämlich alle sehen, wie sie sich tummelte, von diesen Vorbereitungen völlig in Anspruch genommen und dennoch von ihnen gar nicht berührt war. Als wenn sie nicht daran dächte, daß vor ihr eine Reise lag, die eine Gefahr in sich barg. „Mira ist wahrscheinlich die tapferste von uns allen“, sagte einmal Anna zu Justyna.„Denn der Mut beruht doch nicht darauf, daß man in seinem Innern die Angst bezwingt und sich, nachdem man sich überwunden hat, noch auf den Posten stellt, sondern darauf, auch nicht einen Augenblick zu zittern, auch nicht einen Augenblick mit sich zu kämpfen; und Mira kennt wahrhaftig keine Angst.“ In Wirklichkeit war Mira sehr ernsthaft gefährdet. Sie besaß keine entsprechenden Voraussetzungen, um sich tarnen zu können. Sie war klein, hatte flinke, aber würdevolle Bewe- gungen. Besondere Sorgen bereitete ihr die schwarze Farbe ihrer Augen und Haare. 232 Aus diesen dunklen Augen sprühten jedoch fortwährend Funken und ergoß sich ein Lächeln, das jeden entwaffnete, der sie ansah. Wenn es vorkam, daß jemand sie argwöhnisch anblickte, wich er, von ihrem heiteren Blick entwaffnet, so- fort zurück. So bahnte sie sich ihren Weg mit ihrem persön- lichen Zauber, mit ihrem Charme, dem schwer zu widerstehen war. Langsam begannen Mitarbeiterinnen aus Tomaszöw herüber- zukommen. Als erste erschienen Irka und Halina'; sie kamen nach Krakau und meldeten sich beim Verbindungsmann. In der Nähe des Ghettos existierte seit einiger Zeit eine Leit- stelle, wo Alek? als Verbindungsmann fungierte. Er hielt sich den ganzen Tag über zu Hause auf und empfing die Ankömm- linge. Wenn jemand in Krakau ankam, holte er sich Anwei- sungen, die alle paar Stunden dort einliefen. Wer wegfahren sollte, erhielt Hinweise und Geld, wer hierbleiben sollte, bekam einen Passierschein ins Ghetto oder ein Nachtquartier in der Stadt. Auf diese Art passierten täglich Dutzende von Menschen Aleks Leitstelle. Es gab immer mehr Kampfbereite, immer wieder fanden sich neue ein. Das Netz der Wohnungen wurde auf diese Weise immer dichter. Als Irka nach Krakau kam, wurde sie sofort auf den Stützpunkt in Debica geschickt. Es bildeten sich Fünfergruppen. Man wartete nur auf die Losung aus dem Walde. Aber die Losung kam nicht. Man wartete unaufhörlich. Da erschienen an einem Freitagmorgen Zyga und Adas in Krakau. Sie waren leichenblaß. Sie meide- ten sich bei Alek und verlangten, sofort Dolek und Marek zu sprechen. Man brachte sie unverzüglich zusammen. % Halina Rubinek, Doleks Verbindungsperson; ein neunzehnjähriges Mädchen, das auf ihrem Abschnitt mit großer Selbstaufopferung arbeitete. Sie kam am 19. März 1943 um. ® Aleksander Goldberg; kam am 29. April 1943 bei der Flucht aus dem Ge- fängnis um. 233 Es war ein trüber Morgen. Die Luft war von einer beklem- menden Schwüle übersättigt. Bleigraue Wolken hingen über der Stadt. Der Himmel hätte weinen müssen, die Straßen sich in einen Trauerflor hüllen, aus allen Kehlen ein Schrei der Verzweif- lung dringen und aus allen Augen Tränen hervorbrechen. Aber nichts geschah. Menschenscharen wälzten sich durch die Straßen. Die Passan- ten stießen und schoben sich gegenseitig in der Eile. Keiner achtete auf den anderen. Ihre tägliche Sorge ums Brot, ihr Nervenkampf, ihr zielloses Dasein trieb sie vorwärts. Unter dieser Last beugte sich der kleine Mensch, neigte sich bis zur Erde, brach fast zusammen. Und zwischen dieser Menschenmenge bewegten sich zwei junge Männer mit schweren Schritten vorwärts. Sie gingen langsam. Ihre Stirn war gesenkt, ihr Blick auf das Pflaster geheftet. Sie schoben sich Schritt für Schritt vorwärts. Ihre Herzen schlugen matt. Da kamen sie nun mit einer Trauerbotschaft und soll- ten vor den lauteren Gesichtern ihrer Genossen traurige blut- triefende Worte als das bittere Ergebnis hervorbringen. Sie waren seinerzeit zu viert weggefahren: Benek, Adas, Zyga und Ignas. Sie kamen in den Wäldern an und verbargen sich dort, abgeschieden von den Menschen. Nachdem sie ein geeignetes Gebiet gefunden hatten, schlugen sie ihre Zelte auf und begannen ihre Arbeit. Tagelang machten sie Ver- messungen, zeichneten Landkarten, orientierten sich über die Umgebung, erforschten Objekte für Aktionen und legten Operationsbasen fest. Sie bezeichneten Stellen für Vorstöße, durchstöberten die ganze Umgebung von weit über zehn Kilometern im Durchmesser, bauten Unterstände und berei- teten den Boden für die Arbeit vor. Sie hielten sich aus- schließlich im Walde auf. Das war ihre ganze Welt. Von dort entfernten sie sich nicht einen Schritt, gingen nicht ins Dorf. Sie kannten nur ein oder zwei Bauern am Waldrand. Alle 234 paar Tage schlichen sie sich einzeln ins Dorf, versahen sich mit Lebensmitteln und kehrten verstohlen in den Wald zu- rück. Das Dorf war ein gefährliches Gelände. Dort war die Wachsamkeit verstärkt worden, die Umgebung schien ent- völkert zu sein, die Wege waren menschenleer, Tag und Nacht herrschte hier tiefe Stille. Jeder, der sich zwischen den Bauernhäusern sehen ließ, war verdächtig. Es herrschte hier Angst vor einem Kleinkrieg. In jedem Fremden witterte man einen Aufständischen, wenn nicht gar einen aus der Luft Gelan- deten. Da vermochten keinerlei Ausweise die Harmlosigkeit zu beweisen. Ein Verdacht war gleichbedeutend mit einem Todes- urteil. Selbst die Bauern bewegten sich im Dorf unsicher. Übrigens(verwischt) die Jungen nicht nach der Ortschaft. Sie fühlten sich im Walde wohl, sehnten sich nicht nach Men- schen, nach Lärm, nach Zusammenkünften. Die Tage eilten bei ihrer Arbeit dahin. Am Dienstag waren ihre Vorräte er- schöpft. Sie mußten sich ins Dorf begeben. In der Dämmerung machten sich Benek und Ignas dahin auf den Weg. Bevor sie aus dem Wald heraustraten, waren sie schon von tiefer Dämmerung eingehüllt. Im grauen Nebel des herbstlichen Abends erblickten sie auf einmal eine kleine Hütte. Sie schlüpften verstohlen hinein. Sie setzten sich an den Tisch. In der Stube herrschte Dunkel- heit. An der Wand blakte ein kleines Lämpchen. Irgendwo zirpte eine Grille. Sie sprachen kein Wort. Plötzlich klopfte es stark. In der Tür stand ein Gendarm, hinter ihm ein Polizist. Im Flur wurde eine dritte Gestalt sichtbar. Wer sollte denn das noch sein? Ein Förster, über seiner Schulter hing ein Gewehr. Es waren drei gegen zwei... Offenbar hatte das Dunkel die Jungen nicht genügend geschützt. Man hatte sie unterwegs gesehen. Die Denunziation war schnell gegangen. h Sie stellten sich in einer Reihe auf, alle drei hielten die Ge- wehre in der Hand. Sie standen schußbereit. 235 Die Jungen hatten nicht einmal gezuckt. Sie saßen da, die Hände in den Taschen. Sie sahen die Ankömmlinge gleich- gültig an, stellten sich sogar erstaunt, taten, als sähen sie zwischen ihrer eigenen Anwesenheit und der Ankunft jener Bewaffneten keinen ursächlichen Zusammenhang. Sie schätzten die Chancen ab. Die Überlegenheit der anderen war unbestreitbar. Sich auf sie stürzen, wäre Wahnsinn ge- wesen. Von einem offenen Kampf konnte keine Rede sein. Sie mußten also einen geeigneten Moment abpassen. Und warten. Sie warteten ruhig. Die Stille war förmlich zu hören. Sie maßen einander mit den Blicken. Das Licht flackerte an der Wand. „Aufstehen!“ brüllte der Gendarm. Benek und Ignas erhoben sich schwerfällig. „Ausweise!“ Mit gemächlicher Bewegung langten sie in die Tasche und legten die Papiere nachlässig auf den Tisch. Sie hatten keine Eile. Grobe Tatzen ergriffen die Papiere hastig. „Habt ihr Waffen?“ „Nein!“ „Wir werden gleich sehen!“ „Bitte“, gab Benek mürrisch zurück. Zwei(verwischt) Augen durchbohrten ihn mit einem wilden Blick. „Ausziehen!“ schrie der Gendarm. Benek bückte sich. Über seinem Kopf ragten drei Läufe. Er gab sich den Anschein, sie nicht zu sehen. Er bewegte sich langsam. Zuerst würde er die Stiefel ausziehen. Welchen zuerst? Vielleicht den rechten... Es ging nicht recht vom Fleck. Es hatte sich da etwas verklemmt. Noch einen stär- keren Ruck! Da! Er zog einen Revolver heraus. Er richtete sich plötzlich auf. Ein Schuß knallte. Er hatte gut getroffen. Der riesige Körper des Gendarmen stürzte zu 236 11, nem wilde Boden. Blut spritzte ringsherum. Die zwei anderen waren er- start, regungslos. Der Schreck hatte sie gelähmt. Ihre erstarr- ten Hände krampften sich um das Gewehr. Sie waren wie ver- steinert. Ein zweiter Schuß fiel. Diesmal traf er weniger gut, in den rechten Arm des Polizisten. Der taumelte, stieß gegen die Wand, wurde ohnmächtig. In diesem Augenblick wachte der dritte auf. Er packte die Waffe kräftig, richtete den Lauf auf Benek. Es war ein entscheidender Augenblick. Ignas stand abseits. Er hatte keine Waffe: die ganze Vierer- gruppe besaß nur zwei Revolver. Der eine war im Walde geblieben, den anderen hatten sie ins Dorf mitgenommen. Er stand machtlos da. Er preßte die Fäuste zusammen, biß sich auf die Lippen. Er sah nur zu, sah alles, konnte aber nichts machen. Das war wohl der schwerste Augenblick seines Le- bens. Noch eine Sekunde, und aus diesem Lauf würde ein Schuß fallen. Direkt in Beneks Schläfe. Hätte Igna$ jetzt eine Waffe gehabt, so hätte er den dritten Mann im Nu niedergestreckt, und sie wären dem Verderben entronnen. Er hätte bedenken- los auf ihn angelegt. Aber die geballten Hände waren leer. Er heftete daher nur den Blick auf den Förster. Seine ganze schmerzgepeinigte Seele zeichnete sich in seinen Augen ab. Er atmete schwer. Beneks Leben hing an einem Haar. Jetzt, im nächsten Augenblick, würde das Gräßlichste geschehen. Und es schien, als verstrichen Ewigkeiten. Aber es war nur ein ganz kurzer Moment, kaum einen Augenaufschlag lang. Ein Schuß krachte. Benek wankte und fill um. Das Aufschlagen des gestürzten Körpers belebte Ignas. Nun kam er an die Reihe. Er richtete sich stolz auf. Er war bereit. Adas und Zyga warteten den ganzen Abend im Walde auf die Rückkehr ihrer Kameraden. Immer wieder kamen sie aus 237. ihrem Unterschlupf heraus. Sie lauschten angestrengt. Mitter- nacht war längst vorüber. Die Nacht war finster. Vielleicht hatten sich ihre Kameraden verirrt? Zyga begab sich auf die Suche. Er kehrte ermattet zurück. Es war nichts zu machen. Sie mußten bis zum Morgen warten. Sie vergaßen Hunger und Müdigkeit. Sie legten sich nicht schlafen. Die Unruhe bohrte immer tiefer in ihnen. Das Holzfeuer war erloschen, ein Frösteln durchdrang sie bis ins Mark. Das Morgengrauen traf sie völlig erschöpft an. Es gab keinen Zweifel, im Dorf war etwas passiert. Sie zwangen sich jedoch zur Ruhe. Sie beschlossen, bis Mittag zu warten. Die Stunden schienen endlos. Die Sonne war lang- sam hoch emporgestiegen. Ganz vorsichtig näherten sich Zyga und Adas dem Wald- rand. Sie schlichen geräuschlos vorwärts. Es war niemand zu sehen. Das Dorf schien ausgestorben. Auf einmal sahen sie in der Ferne einen Bauern. Sie erkannten ihn. Vorsichtig tauchten sie aus dem Dickicht hervor. In diesem Augenblick bemerkte sie auch der Bauer. Er machte die Augen geheimnisvoll zu und führte den Finger an den Mund. Es war ein Warnungszeichen. „Gehen Sie nicht ins Dorf.“ „Und warum?“ „Sie schnüffeln dort heute wie Hunde...“ „Ist etwa was vorgefallen?“ „Und ob. Gestern haben sie in meinem Hause“, hier senkte er die Stimme,„zwei junge Burschen erschossen.“ Zyga und Adas sahen sich an. „Haben Sie sie gekannt?“ „Sie kamen manchmal zu mir.“ „Wie hießen sie?“ „Ach, das weiß ich nicht“, sagte der Bauer und winkte ab. „Und wie sahen sie aus?“ 238 Der Bauer erzählte alles genau. Hier gab es nichts zu deuteln. Benek und Ignas lebten nicht mehr. „Sie sind tapfer gestorben“, schloß der Bauer,„es waren wirklich tüchtige Kerle. Sicherlich unsere“, fügte er leise hinzu und versank in Nachsinnen. „Gehen Sie ja nicht ins Dorf“, warnte der Bauer sie noch einmal.„Es wäre schade um Sie.“ Er drehte sich auf der Ferse um und entfernte sich eilig. Zyga und Adas gingen in den Wald zurück. Sie hatten hier nichts mehr zu tun. Zu zweit konnten sie nichts durchführen. Außerdem mußten sie die Leitung benachrichtigen. Sie muß- ten in ihrem Schmerz zu jemandem Zuflucht nehmen. Sie warteten einige Stunden im Walde. Abends schlichen sie sich zur Station. Am Freitagmorgen kamen sie in Krakau an. ” Benek und Ignas waren seelisch nicht zusammengebrochen. Sie hatten kein Verzweiflungsgeschrei erhoben. Sie hatten nicht einmal Tränen vergossen. So mußte es sein. Sie waren einen tapferen Tod gestorben, hatten bis zum letzten Augen- blick kaltes Blut bewahrt. Sie hatten wie richtige Soldaten gehandelt. Die zwei von Beneks Hand abgegebenen Schüsse waren wohl überlegt. Niemand hätte besonnener handeln können. Nur der eine Fehler war hier gewesen, daß Ignas keine Waffe gehabt hatte. Dieser entschlossene, verbissene Junge hätte das Werk vollendet. Es hatte ja nur noch eines Schusses bedurft. Er hätte nicht fehlgeschossen. Es war finster, sie hätten dann mit drei erbeuteten Gewehren im Augenblick verschwinden können. Ehe man sich in der Gegend versehen hätte, wären sie schon längst über alle Berge gewesen. Es handelte sich nur um den einen Schuß. Die Schlußfolge- rung war klar: jeder, der ins Feld auszog, mußte seine eigene Waffe haben. Diese unschätzbare Lehre war mit zwei Opfern bezahlt worden. 239 Auf diese Weise hatten sie den ersten Schritt auf ihrem eigenen Weg getan. Und sie würden sich niemals von ihm zurückziehen. Die zwei Opfer waren gleichsam der Grund- stein, der für das große Gebäude gelegt worden war. Wer einen Bau anfängt, muß ihn vollenden. Wer zwei tapfere Genossen geopfert hat, muß im Namen des Heldenblutes den Weg des Kampfes weitergehen. Es ist wahr, daß der Schmerz uns das Herz zerreißen will, Wir müssen ihn dennoch unterdrücken. Wir müssen stark werden, müssen uns abhärten, uns mit dem Tod vertraut machen, uns an ihn gewöhnen. Er wird uns jetzt immer öfter besuchen. So lautete die Antwort der Leitung. Wieder saßen die Männer bei verschlossenen Türen in Ewas kleinem Arbeitszimmer auf dem weichen Schlafsofa. Sie lie- ßen die Köpfe nicht hängen, rangen nicht die Hände. Doleks letzte Worte hingen noch in der Luft. Ruhige Heiterkeit schien ihre jungen Stirnen zu umgeben. Schweigend hießen sie Justyna willkommen. Sie blickten nur zu ihr auf und kehrten wieder zu ihren Gedanken zurück. Sie setzte sich still auf die Ecke des Schlafsofas. Sie wagte nicht zu atmen. Von diesen vier Männern, die in dem engen Zimmer gesammelt dasaßen, ging etwas wie Er- habenheit aus. Seitwärts auf dem Nachttischchen brannte eine kleine Lampe. Sie warf einen schwachen Schein auf ihre Gesichter. Licht und Schatten spielten auf der bleichen Wand... Haar und Profil der Männer zeichneten sich mit scharfen Konturen ab. Sie rührten sich nicht. Sie verharrten in Ruhe, in steinerner Ruhe. Sie sahen aus, als könne sich nichts mehr ereignen. Denn was auch immer sich ereignen mochte, sie würden es ertragen, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie würden auf alles eine Antwort finden. Justa trank diese heitere Zuversicht begierig. Sie hatte die Worte nicht gehört, die Dolek vorher halblaut gesprochen hatte, aber als 240 sie ihre Blicke auf diese harten Schatten an der Wand heftete, wußte sie bereits. alles. Allmählich kehrte auch bei ihr eine stille, tiefe Heiterkeit ein. Marek blickte auf. Er erwachte wie aus einem Schlaf. Es war, als hätte er erst jetzt seine Frau bemerkt. „Justa“, sagte er leise,„geh zu Hela hinauf. Sie wartet dort bei Gena! auf das Ergebnis dieser Beratung. Sage ihr, daß sie noch heute nacht wegfährt. Sie soll sich zur Reise fertig- machen. Sie geht nach Rzeszöw zurück. Dort soll sie auf Edwin, Emil? und Harry oder auf eine Nachricht warten. Sie soll sich tapfer halten.“ „Gut“, sagte Justa und erhob sich, um hinauszugehen. „Einen Moment noch“, hielt Marek sie zurück.„Bevor sie unseren Stadtbezirk verläßt, soll sie noch herkommen. Ich werde ihr Geld geben und vielleicht auch noch einige Er- klärungen. Mietek wird auch heute losfahren, aber nach Lwöw und nicht nach Rzeszöw. Wenn er will, können sie zusammen fahren.“ Gena wohnte in demselben Haus. Justa eilte in den dritten Stock hinauf. Sie traf beide an. Sie saßen am Tisch, in eine herzliche Unterhaltung vertieft. Hela war blond, rosig ange- haucht und mollig; Gena war blaß, mit schönem, glattem Haar. Sie sah Hela aus ihren wunderschönen Augen unver- wandt an. Fast hörte sie zu mit ihnen. Sie wußte nichts von dem, was geschehen war. Es sollte vorläufig niemand etwas davon wissen. Justa beugte sich über Hela und küßte sie innig. Sie spürte am Hals ihren Druck. Hela schmiegte sich an Justa an. Demnach leidet sie doch, dachte Justyna. Das hätte ihr nie- mand angesehen, als sie Gena lebhaft von ihren Abenteuern erzählt hatte. Das Mädchen kann sich in der Gewalt haben. 1 Gena Wortsman; wurde am 19. Januar 1943 nach Auschwitz verschleppt und umgebracht. ? Samuel Gotlieb(Milek); Leiter der ersten Kampfschar, fiel in den Wäldern. 15 F 18/58 241 Justa empfand für Hela Hochachtung und sah ihr in die Augen. Sie begegnete ihrem traurigen Blick; sie lächelte da- her ernst und rückte sich einen Stuhl heran. Gena verließ das Zimmer. Justa und Hela unterhielten sich ruhig, und bei diesem mit gedämpfter Stimme geführten Gespräch fanden sie ihren Weg. Sie waren wieder stark. Am nächsten Tag waren alle bereits auf ihrem Platz. Hela war auf dem Standort in Rzeszöw und Mietek in Lwöw. Von dem Augenblick an, da Marek aus Lwöw zurückgekommen war, hatte man bereits mehrmalig(verwischt) dorthin ge- schickt. Dort eröffneten sich Möglichkeiten, über die un- garische Grenze zu gehen. Das war ein Problem für sich, völlig unabhängig von der Partisanenarbeit. Noch immer wühlte in ihrem Innern die Frage des Überlebens. Selbst(verwischt) hier im Kampf zu sterben, konnten sie jedoch den Gedanken nicht ertragen, daß tatsächlich alle dahingehen sollten. Es war undenkbar, daß dann, wenn endlich der Waffenstill- stand käme, der Krieg beendet sein würde, es von ihnen niemanden mehr geben sollte. Niemanden, der als Zeuge all dessen würde auftreten können, was geschehen war. Wenn man doch wenigstens eine kleine Gruppe Menschen am Leben erhalten könnte, die dann später ein lebendiges Denkmal der Bewegung wären! In Palästina war die Bewe- gung eine richtige Macht, aber dorthin nach dem Osten würde die Kunde darüber, wie die Menschen hier umkamen, wahrscheinlich niemals dringen. Man wollte, daß Marek und Romek eine Gruppe Menschen über die grüne Grenze schickten. Es gab ja schließlich viele, die wegen ihres typisch jüdischen Aussehens zu der gegen- wärtigen Arbeit nicht herangezogen werden konnten. Aber auf Grund ihres geistigen Wertes würden sie ihre Auf- gabe eben dadurch erfüllen können, daß sie den Krieg über- lebten. Sie selber würden ihre Genossen jetzt um nichts in der Welt verlassen, sie sahen ihr Leben nur im Kampf 242 (verwischt), waren jedoch dafür, daß man wenigstens eine kleine Gruppe zur Ausreise vorbereitete. Dolek widersetzte sich. Er stellte die Angelegenheit auf Messers Schneide: entweder Kampf— oder Menschenrettung. Wenn es der Kampf sein soll, dann gehen wir alle in den Kampf. Jeder andere Weg ist Desertion. (Lose Notiz auf diesem Blatt) (verwischt) Juden(verwischt) mit einem Martertod und griffen wie die Jungen zur Waffe, denn es verlangte sie nach Ver- geltung. Unabhängig davon, daß man noch keine gemeinschaftliche Ansicht festgestellt hatte, mußte man sich über die Möglich- keiten orientieren, so daß im Falle einer positiven Antwort das Überschreiten der Grenze sofort verwirklicht werden konnte. Gleichzeitig meldete sich aus der Mitte der Bewegung selbst eine Stimme, die ein ähnliches Problem berührte. Jözek befand sich zu dieser Zeit in Kielce. Dort konzentrierte sich um ihn und teils auch um Antek eine Jugendgruppe. Der Kontakt zwischen Kielce und Krakau war sehr rege gewor- den. Auf dieser Strecke pendelte vorwiegend Justyna. Jözek hatte neuerdings mitgeteilt, daß er seinen Freund Wladystaw' für die Sache gewonnen habe. Die beiden verband ihr gemeinsames künstlerisches Interesse. Jözek hatte sich in der Literaturkritik ausgezeichnet. Wla- dystaws Neigung war hingegen das dramatische Schaffen. Sie hatten ihren geschlossenen Kreis junger Künstler, die selten aus den Grenzen ihres Schaffens heraustraten. Sie hatten sich keiner gesellschaftlichen Tätigkeit verschrieben, waren alle vom Typ der Ästheten, deren Gedanken die ganze Welt er- oberten, die aber im praktischen Leben unbeholfen waren wie kleine Kinder. "Izrael Schreibtafel, ein junger Dramatiker; schrieb ein Drama über den Jüdi- schen Kampfbund unter dem Titel:„Rabbi Akiba“, kam in Mauthausen um. “u 243 Erst als die(verwischt) in Kopaliny Jözek in die Bewegung hineingezogen hatte, war in ihm soviel jugendliche(ver- wischt) erwacht, binnen kurzem hatte er eine ehrliche Zu- neigung zu der Bewegung gezeigt, gegenwärtig war er bereits voller Hingabe. Justyna fuhr hin, um mit Jözek und Wlady- slaw über deren neue Projekte zu sprechen. „Wir sitzen hier weit von euch entfernt; und da wir uns nicht im Zentrum der Arbeit befinden, sehen wir gewisse Dinge in einem anderen Licht. Eure Aufmerksamkeit ist auf die Parti- sanenarbeit konzentriert, aber hier gibt uns eine ganze Reihe brennender Fragen keine Ruhe. Bedenke, daß von allen unseren Freunden, nicht nur von jungen Literaten, sondern von dem ganzen jüdischen Künstlerkreis, nur ganz wenige der erst im Aufblühen oder bereits in voller Entfaltung be- findlichen Talente übriggeblieben sind. Und auch diese machen sich allmählich fertig, sterben den Hungertod, wenn die Ausweisung sie inzwischen nicht vollständig wegfegt. Man weiß nicht, wer von uns überleben wird, aber....“ „Ich denke, niemand“, warf Justa ein. „Jedenfalls, wenn irgendeiner überleben soll, dann sollen es lieber jene sein, die Auserlesenen, diejenigen, durch die der Geist des ganzen Volkes spricht. Bist du der Meinung, daß wir heute ganz und gar steril geworden sind, daß diese Reste, die sich noch behaupten, augenblicklich farblos und der besten Persönlichkeiten beraubt sind? Noch ist es möglich, da und dort wertvolle Kräfte herauszufinden, und die Auf- gabe der Kampfjugend ist, meine ich, sie vor ihrer Aus- rottung zu schützen. Das ist eine ebenso erhabene Aufgabe wie die Aufstandsarbeit. Meinst du nicht auch?“ „Sprich weiter, sprich weiter; sprich aber lieber davon, wie du es dir vorstellst. Ich glaube nämlich nicht mehr daran, daß es möglich ist, jemanden am Leben zu erhalten.“ „Aberich glaube es. Über die praktische Arbeit werde ichnach- her sprechen. Vorerst noch über die Grundsätze. Unabhängig 244 davon, was ich von den auserlesenen Menschen gesagt habe, die gewissermaßen mit dem göttlichen Funken beschenkt worden sind,(verwischt) unsere Familien in Sicherheit zu bringen. Ihr sagt: wir werfen alles auf eine Waag- schale. Aber ist es denn nicht genug, unser eigenes Leben darauf zu werfen? Und wir bringen doch ein Brandopfer dar, das aus unseren Eltern, Frauen und Kindern besteht. Wie können wir denn unsere ganze Aufmerksamkeit auf die Ar- beit konzentrieren, wenn jeden Augenblick die Vernichtung auf unsere allernächsten Angehörigen lauert und unsere Ge- danken fortwährend zu ihnen eilen müssen. Die Geschichte kennt keine solchen Revolutionäre, die alles, alles, was ihnen teuer war, auf den Scheiterhaufen geworfen hätten. Die Auf- ständischen haben immer sich selbst aufgeopfert, konnten aber um ihr Haus und um ihre Familie unbesorgt sein. Folg- lich sind wir auch verpflichtet, unsere Familie zu schützen, und sei es auch nur in den unbestimmtesten Grenzen.“ „Ich wäre euch von ganzem Herzen dankbar, wenn ihr die Sache selbst übernehmen wolltet. Mir scheint, in der Leitung würde niemand ein Wort dagegen einwenden. Alle würden es vielmehr mit Erleichterung aufnehmen; es liegt uns doch allen sehr am Herzen. Legt bloß einen praktischen Plan vor, befaßt euch mit seiner Verwirklichung selbst, dann....“ „Wir brauchen Menschen zur Hilfe.“ „Die bekommt ihr.“ „Solche, die sich Rat schaffen und tüchtig sind.“ „An solchen fehlt es uns nicht.“ „Außerdem brauchen wir Geld.“ Sie entwickelten ihr einen ausführlichen Plan. Justa hörte ihnen müde zu. Die Mitternacht rückte heran. Sie strengte sich an, den Gedanken ihrer Freunde zu folgen. Aber nicht nur die Müdigkeit behinderte sie. In ihr sträubte sich etwas gegen dieses neue Projekt. Ihr Gefühl sagte ihr, daß dies alles nur eine Phantasie sei. „Willst du das alles der Leitung unterbreiten?“ „Nicht gern, das gebe ich ehrlich zu. Ich bin nämlich nicht überzeugt, vielmehr, ich glaube nicht, daß sich da etwas machen läßt. Und ich denke, daß meine Darstellung der Sache euch nur schaden könnte. Es wäre nämlich nur eine kümmer- liche Berichterstattung. Und man muß für jeden neuen Ge- danken Interesse erwecken....“ „Man muß Begeisterung erwecken.“ „Ihr werdet es besser machen als ich.“ „Nun gut.“ „Wir müssen also Wiadystaw dieser Tage nach Krakau fah- ren lassen, ich werde ihn mit Dolek oder Marek zusammen- bringen.“ „Aber Eile tut not, jeder Tag Aufschub kann uns teuer zu stehen kommen.“ „Ich verstehe. Also übermorgen.“ Dabei blieb es. Justyna kehrte nach Krakau zurück. Die Traurigkeit verließ sie nicht. Sie konnte Benek und Ignas keinen Augenblick vergessen. Von den drei Jungen, die nach dem Goldenen Vlies ausgezogen waren, hatte man vorläufig auch noch kein Lebenszeichen. Sie hätten wenigstens mit einem Wort mitteilen müssen, wo sie sich befanden, aber es rührte sich nichts. Weder zu Hela noch nach Krakau war bis jetzt eine Nachricht gedrungen, obwohl bereits zwei Wochen vergangen waren. Dort mußte etwas geschehen sein. Man konnte sich tausenderlei Situationen vorstellen, in denen sich die Jungen plötzlich ohne Ausweg hätten befinden können. Niemand wollte jedoch diesen allerschrecklichsten Gedanken in sich aufkommen lassen, der sich einem gewaltsam in den Kopf bohrte. Folglich wartete man auf Nachricht, auf ein kurzes erfreuliches Zeichen. Aber Justyna dachte immerzu an diese Lawine, die vom Gipfel herunterrollt und der man nicht entgehen kann... Nicht entgehen kann. 246 Zum Beispiel Anka, dieses tapfere wohlgestalte Mädchen, war nach Rozwadöw gefahren, hatte eine Wohnung bezogen und glänzend verdient. Plötzlich war ein Erpresser aufgetreten. Es war ihm nicht am Geld gelegen gewesen, sondern an ihrer Mädchenehre. Sie hatte ihm eine stolze Abfuhr erteilt. Da war als Antwort das Wort: Jüdin! gefallen. Sie war ins Gefängnis gekommen, hatte sich jedoch zu nichts bekannt, alles tapfer abgeleugnet und sich noch zur Arbeit losreißen wollen. Man hatte einzugreifen versucht. Julek” war hingefahren. Seine angeblich litauische Staatsbürgerschaft sollte ihm so- zusagen den Weg ebnen. Es war jedoch nichts gelungen. Ankas selbstsichere Haltung hatte zwar den Verdacht der Polizei untergraben, aber man hatte sie trotzdem nicht frei- lassen wollen. Man konnte sich schwerlich irgendwelche Illu- sionen machen. Sie war verloren. Zwar zögerte man noch mit der Urteilsvollstreckung, aber der Fall war hoffnungs- los. Und das war erst der Anfang. Als Justyna an all das dachte, wurde ihr sehr schwer zumute. Alle hatten ihr vom Frühling erzählt, von einem schönen, freien und siegreichen Frühling, dabei hatte kaum der Herbst begonnen, und schon lichteten sich die Reihen. Als Justyna in Krakau ankam, dämmerte es schon. Dichter Nebel hatte die Stadt eingehüllt. Sie ging langsam. Sie mußte sich bis zum Schluß in Gewalt haben. Ein einziger Blick konnte sie verraten. Es fiel ihr schwer, inmitten dieser trau- tigen Gedanken Sorglosigkeit vorzutäuschen. Dieser Zwang nun, dieses künstliche Lächeln, das sie zur Schau tragen mußte, quälte und erschöpfte sie vollends. 1 Anka Fischer; wurde ermordet. 2 Samuel Dembus(Samek). 247 Als sie endlich zu Alek gekommen war, atmete sie auf. Sie war unter den Ihrigen, um so mehr, als sie hier Dolek antraf. „Gehen wir zusammen?“ fragte er. „Mit Freuden“, antwortete sie. Sie hakten einander unter und gingen zu ihrem Stadtbezirk. „Es tut so wohl, zu euch zurückzukommen!“ entschlüpfte es Justyna, und sie drückte fest seinen Arm. In diesem kurzen Satz lag so viel Wärme, so viel uneinge- schränkte Liebe, daß Dolek ihr unwillkürlich mit einem eben- so ehrlichen Druck antwortete. Er verstand sie von allen immer am besten. Sie sehnte sich nach ihm wie nach einem stillen Hafen. Er hatte etwas an sich, das einem befahl, sofort das Herz vor ihm zu öffnen, alles zu sagen, was sich wie eine schwere Bürde darauf gelegt hatte. Und er hörte so andächtig zu, hörte zu, unterbrach niemals und nahm einem schon allein durch sein Zuhören die Last vom Herzen. Dann sagte er viele einfache und liebe Worte, und es war einem zumute, als sei man von einer Beichte zurückgekehrt, als hätte man die ganze Seele geläu- tert. Man fühlte sich dann irgendwie besser, stärker, die Schwierigkeiten schienen überwunden, die Leiden gering- fügig und das Leben heller. „Weißt du, Dol, ich verstehe mit allem ziemlich fertig zu werden, bloß der Aufenthalt fern von unserem Lebenskreis ist mir unerträglich. Wenn ich aus unserem Bezirk hinaus- gehe und mich auf einmal eine nicht zumir gehörige Welt um- gibt, wird mir so elend zumute, ich kann dann gar nicht frei atmen. Ich bewege mich doch ungezwungen darin, kann mich ihr anpassen, bin mit ihrer Kultur vertraut, bringe die ent- sprechenden äußeren Voraussetzungen mit, und alle behan- deln mich beinahe wohlwollend, aber ich ersticke förmlich, es ist mir ganz elend zumute!“ „Ich begreife das sehr gut.“ Dolek hatte bis zu dieser Zeit noch in unserem Stadtbezirk gearbeitet, aber das volkstümliche 248 jüdische Milieu war ihm über alles teuer, und er konnte sich selber nicht vorstellen, wie er in Zukunft ohne diesen Lebenskreis auskommen sollte. ‚Wenn ich daran denke“, sagte sie weiter,„daß alle Sammel- punkte unseres Volkes von der Erdoberfläche verschwinden werden, daß von alledem, was uns als das Kostbarste gilt, keine Spur übrigbleiben wird, so ist Gott mein Zeuge, daß ich mir dann nur noch den Tod wünsche. Ich will kein Nach- geborener sein, ich will nicht auf den Trümmern unseres Vol- kes leben, ich will nicht....“ „Mädchen“, sagte Dolek unversehens,„in mir hat sich schon so viel Empörung angesammelt, daß ich manchmal....“, hier zauderte er einen Augenblick,„manchmal ganz allein sein möchte. Ach, dann brauchte ich keine Rücksicht zu nehmen, niemanden zu schonen. Ich würde mich mit Leib und Seele in den Kampf werfen und um mich herum eine unge- heuere Verwüstung anrichten, bis ich endlich ruhig sterben würde.“ Er zog die Hand unter Justas Arm heraus und beschleunigte seine Schritte. Er atmete schwer, warf seine Arme energisch vor, als bahne er sich einen Weg. Der Nebel wurde immer dichter. Die Lichter verschwanden in ihm völlig. Sie passierten die Weichselbrücke. Justa sah Dolek schmerzvoll an. Er war blaß. Seine Augen funkelten in der Dunkelheit, und die Kiefer zitterten sonder- bar. Sie kannte seinen Gesichtsausdruck sehr genau. So war er immer, wenn in seinem Innern ein Sturm tobte. Das war nicht mehr der herzliche und feinfühlige Dolek, zu dem sich alle flüchteten, um ihren Schmerz zu stillen. Dies war ein kämpferischer Mann, der im Kampf um die höchste Sache alles auf eine Karte setzte, was er liebgewonnen hatte, seine Mutter, seine Frau, seine Schwestern, seine Freunde und sein eigenes, noch vielversprechendes Leben! 249 Justynas Wohnung war bereits gemietet. Sie bewohnte in einem malerischen Landhaus ein großes, geräumiges zwei- fenstriges Zimmer, neben dem sich die Küche mit einer Veranda befand. Alles war bescheiden, aber geschmackvoll eingerichtet. Die ganze Wohnung atmete die Stille eines häuslichen Her- des. Blumen auf dem Tisch, Gardinen vor den Fenstern, da und dort ein Bild verliehen dem Hause eigenen Charakter. Justyna spielte die Rolle einer schwächlichen zarten Frau, die den goldenen Herbst in einem Dorf am Fuße des Tatra- gebirges verbringt. Der kleine Witus spielte sorglos im Gärtchen, nachmittags ging er wiederum mit der Tante spazieren. Manchmal fuhren sie mit einem Boot auf dem stillen Gewässer der Raba. Abends kam immer Marek. Er kehrte sozusagen aus dem Büro zurück, in dem er den ganzen Tag arbeitete. Er fuhr Tag für Tag mit dem Autobus nach Krakau und war bald allen be- kannt. Als Angestellter einer wichtigen Firma war er mit der Zeit unter den Fahrgästen so populär geworden, daß sie ihm sogar dann Platz machten, wenn der Autobus überfüllt war. Es gab auch manche, die sich vor ihm ängstlich zurückzogen. Sein martialisches Gesicht, sein strenger Blick und sein bestimmtes Auftreten ließen in ihm einen Mann vermuten, der auf Grund geheimer Mitarbeit mit der Regierung in seiner Stellung unerschütterlich ist. Und er könnte eher(verwischt) drohen, als sich durch jemanden angreifen zu lassen. Er war da- her für Menschen verschiedenster Kategorien Gegenstand des Interesses, dabei jedoch sehr verschwiegen. Man zog sich also der eigenen Sicherheit wegen lieber vor ihm zurück. Natür- lich hätte niemand angenommen, daß er Jude war und daß jede seiner Reisen eine umstürzlerische Arbeit bezweckte. Genauso wie niemand geargwöhnt hätte, daß sich in der ge- mütlich eingerichteten Wohnung inmitten von Wäldern der ganze Apparat eines technischen Büros befand. 250 In einer Ecke des Zimmers stand zwar in der Nähe des Fen- sters ein Schreibtisch mit verschiedenem Bürozubehör. Es fehlte hier nichts, nicht einmal eine Schreibmaschine. Es war alles so eingerichtet, daß sich kein wirkliches Büro hätte dessen zu schämen brauchen. Jedoch konnte nichts Verdacht erwecken. Die Hauswirtsleute und Nachbarn wußten bereits genau, daß der Herr seiner Frau den Aufenthalt auf dem Lande angenehmer gestalten wollte, sich daher von Zeit zu Zeit Arbeit aus seinem Büro mitbrachte und auf diese Weise inder Woche ein oder zwei Tage Urlaub erhielt. Und es wun- derte sich auch niemand mehr darüber, daß er so unermüdlich hin und her fuhr; offenbar konnten sich die Herrschaften ein so kostspieliges Leben erlauben. Indessen führten die vermeintlichen Herrschaften, deren an- scheinender Wohlstand jedweden Verdacht von ihnen ab- lenkte, ein illegales Leben. Es stand unter dem Zeichen doppelter Tarnung. In der ersten spielte Witek eine zweifache Rolle. Im jüdischen Volksgeist erzogen, vermochte er dies wunderbar beizubehalten und dennoch achtsam vor den Augen der Welt zu verheimlichen. Er war kaum sechs Jahre alt, war sich aber bereits darüber klargeworden, daß er Jude war und es bleiben wollte, dies aber jetzt vorübergehend verbergen mußte. Er hatte mit einer geradezu unglaublichen Schnelligkeit gelernt, die ganzen Hilfsmittel der Tarnung zu beherrschen. Er konnte nicht nur selber die Zunge hüten, sondern hielt auch alle anderen Menschen in Zucht. Er gestattete es nicht, daß auch nur ein einziges Wort gebraucht wurde, in welchem sich eine zweite Bedeutung hätte verbergen können. Er war der ver- nünftigste von allen, verlor aber dabei nicht die würdige Hal- tung des jüdischen Kindes. Er sehnte sich daher nach der jüdi- schen Tradition, und obwohl es ihm an Zerstreuungen nicht fehlte, befiel diese empfindsame kindliche Seele eine gewisse Traurigkeit. Sooft der Onkel nach Krakau fuhr, bat er ihn: 251 „Aber sage der Oma nicht, wie wir hier leben, denn ich schäme mich sehr vor Oma.“ In der zweiten Tarnung spielte er seine Rolle, obwohl der kleine Kerl nichts davon ahnte. Mit seiner kindlichen Un- gebundenheit warf er so viel Licht und Freude auf das Haus, daß niemand vermutet hätte, was sich unter dem äußeren Schein verbarg. Die Tage verliefen gewöhnlich in einer echt häuslichen Atmo- sphäre. Erst abends begann das wirkliche Leben. Witus schlief gewöhnlich schon, und wenn er sehr gewünscht hatte, auf die Rückkehr des Onkels zu warten, so aß man eilig das Abend- brot und legte ihn schlafen. Jetzt erst erzählte Marek alles, was in der Bewegung vor sich ging. Justyna verschlang seine Berichte, und es tat ihr leid, daß sie hier in dieser ländlichen Abgeschiedenheit vergraben war, während sich dort so viele große Dinge abspielten. Aber sie war hier notwendig, hier erfüllte sie jeden Tag, jeden Augenblick ihre Aufgabe. Nach dem Abendbrot, wenn es ringsherum still wurde, wenn die Lichter im Dorf bereits erloschen waren, saßen sie zu zweit bei der Arbeit. Die Fenster waren völlig verdunkelt und die Tür zugeschlossen. Auf dem Schreibtisch erschien das ganze Material, und die Arbeit wickelte sich in schnellem Tempo ab. So arbeiteten sie manchmal bis zwei, drei Uhr nachts. Vor sechs mußten sie wieder aufstehen, damit Marek zum Autobus um sieben zurechtkam. Die Arbeit erschöpfte sie demnach beide, besonders Marek. Nach schlaflosen Näch- ten mußte er nach Krakau fahren, weiterhin stark, selbst- sicher sein und durfte keine Müdigkeit zeigen. Etwa zwanzig Minuten Fußweg von Justyna entfernt wohnte Hanusia!. Sie hätte sich eigentlich von ihnen fernhalten müssen, denn jede der beiden Aufenthaltsstellen im Dorf sollte ein voneinander unabhängiges Ganzes bilden, Wie sollte es aber Hanusia in ihrem Landhaus allein aushalten, 4 Hanka Blas; sie wurde im April 1943 in Bochnia erschossen. 252 Ja sich einige hundert Schritte von ihr entfernt Justyna mit Witek befand? Man wußte nicht, wie man ihr Verhältnis ueinander hätte bezeichnen können, ob mit Freundschaft oder mit Schwesterliebe. Monatelang hatte sich Hanka nach Justyna gesehnt, und als die Grauenhaftigkeit der Not und Hoffnungslosigkeit in Warschau immer schrecklicher ihr Herz belastet hatte, waren ihre Gedanken zu Justyna geeilt wie zu einem lichten Land des Friedens. Und jetzt waren sie nach anderthalbjähriger Trennung endlich wieder zusammen. Da- her wollten sie auch jeden Augenblick ausnutzen, und Hanu- sia eilte jeden Tag frühmorgens hin und blieb dort bis zum Abend. Für die Umwelt hieß es, daß sie der Dame im Haus- halt und bei Witeks Erziehung helfe. Für sie selbst aber waren es Stunden, in denen sie ein Herz und eine Seele waren, eine Begegnung zweier einander sehn- süchtig erwartender Herzensfreunde. Hanusia war zudem eine Verbindungsperson Mareks. Das nachts fertiggestellte Material mußte immer am folgenden Tage nach Krakau gebracht werden, und Marek sollte nicht allzusehr belastet sein. Hanusia füllte daher Äpfel, Eier und Pilze in einen Korb, legte sich ein Tuch um und setzte sich in den Autobus, wie wenn sie zum Markt führe. Auf diese Weise schaffte sie das Material hinüber, fuhr manch- mal an der Seite von Marek, scheinbar ohne ihn zu kennen. Mittags kehrte sie aufs Land zurück; Witus bemerkte sie schon von weitem durch den Wald hindurch und lief ihr ent- gegen. Hanusia war in seiner Vorstellung ein ebensolches Familienmitglied wie der Onkel oder Justyna. Es war Sonntagabend. Witus und Justa deckten den Tisch zum feiertäglichen Abendbrot. Sie warteten ungeduldig auf Mareks und Hanusias Rückkehr. Es war schon lange nach acht, Endlich knarrte etwas auf der Veranda, und in der Tür erschien Hanka. „Endlich!“ riefen beide. „Ich komme allein zurück.“ „Warum?“ Angst preßte Justyna die Kehle zusammen. „Sei ohne Sorge, Marek mußte dableiben.“ Justyna atmete auf. „Hat er keine Arbeit für mich mitgeschickt? „Nein; er will, daß du morgen nach Krakau kommst.“ Justa wurde wieder blaß. Ihre Mutter war immer noch im Ghetto. Es hatte lange gedauert, bis Justyna sich entschlossen hatte, aus Krakau wegzufahren. Sie hatte sich schon so oft geschworen, ihre Mutter nicht zu verlassen. Aber auch die Sache hier forderte ihren Einsatz. Zwiespalt nagte unauf- hörlich an ihrem Herzen, und die Angst um die geliebte Greisin, um das Heiligste ihres Lebens, gab ihr keine Ruhe. Jetzt war sie blaß geworden, weil sie bereits alles erraten hatte. „Beruhige dich,“ sagte Hanka,„in Krakau ist eine Aktion im Anzug. Aber sie wird nicht früher als am Mittwoch oder Donnerstag sein. Du wirst es bestimmt schaffen, deine Mutter mitzunehmen, bestimmt.“ Justyna antwortete nichts. Sie schaffte es zur rechten Zeit. Mit Hilfe von Elza! brachte sie ihre Mutter nach Bochnia. Sie blieb bis zum Abend da. Mit dem nächsten Zug sollte Mira mit ihren Eltern kommen. Als letzte Ewa mit den Ihren. Justa erwartete sie mit Ungeduld. Als sie mit ihrer Mutter aus dem Stadtbezirk hinausgegangen war, hatte man schon große Mühe gehabt, ihn zu verlassen. Jeden Augenblick hatte die völlige Abriegelung erfolgen sollen. Es war bereits die letzte Rettungsmöglichkeit gewesen. Weder Mira noch Ewa kamen an. Justa wußte nicht, wie sie es sich erklären sollte. 1 Elza Lapa. 254 Bs gab nur die eine Möglichkeit: die Aktion hatte am selben Tage angefangen. Sie dachte mit Entsetzen daran. Sie waren auf Mittwoch vor- bereitet gewesen. Bis Dienstagabend hatten alle im Ghetto bleiben sollen. Alle, ohne Ausnahme. Also auch Dolek, Marek, Romek, Maniek und die ganze Schar der Jugend- lichen. Wenn die Aktion sie plötzlich überrascht haben sollte, dann würde die ganze Kraft und Zukunft der Bewegung auf einmal weggefegt sein. Mit klopfendem Herzen kehrte sie morgens nach Krakau zu- rück. Sie sah sich unruhig in den Straßen um. Der Straßen- verkehr wäre nicht alltäglich gewesen, man hätte in der Luft eine gewisse Veränderung gespürt. Es war ein schöner Tag, die Sonne wärmte trotz des Herbstes stark. Alles ging seinen normalen Lauf, nicht der geringste Widerhall all dessen war zu hören, was im Ghetto vor sich ging, es schien, als sei die Lage der Dinge unverändert. An einer Straßenecke stieß sie auf Mira. Sie war in hellem Herbstmantel und braunem Hut, stand auf der Straße und sah sich ratlos nach allen Seiten um. „Was ist los, Miruska?“ Justyna wußte, daß jetzt nicht die Zeit für große Begrüßungen war. „Nichts“, entgegnete Mira kurz mit ihrem wohlklingenden Alt,„die Aktion ist in vollem Gange.“ Also doch! dachte Justyna, und irgend etwas packte sie an der Kehle. Laut fragte sie: „Und was machst du, Mira?“ ‚Ich weiß selbst nicht. Gestern abend habe ich noch im letzten Augenblick meine Eltern aus dem Stadtbezirk heraus- gebracht. Wir haben in einer Fabrik übernachtet. Jetzt muß ich sie von dort wegbringen, aber ich weiß nicht wohin... Ich habe hier eine Adresse. Vielleicht gelingt es mir, ein Zimmer zu mieten und sie hinüberzuschaffen. Das schlimmste ist, daß ich nicht weiß, wo Dolek ist.“ „Was, du weißt es nicht?“ „Nein, ich weiß es nicht!“ „Ist er im Stadtbezirk?“ „Angeblich ist er mit Ewa herausgegangen. Aber ich weiß nicht wohin.“ Sie standen eine Weile schweigend. „Und wo sind die anderen?“ „Einige sind bei Alek.“ »Ver2e Justa versuchte sich vorzustellen, daß dort dennoch eine Ak- tion vor sich ging, daß sie wieder Tausende von Menschen wegfegte. Aber von der Bewegung durfte jetzt niemand um- kommen. Sie wartete daher zitternd auf die Antwort. „Schau{“ rief Mira plötzlich, und ihr Gesichtsausdruck ver- änderte sich.„Schau, da kommen sie!“ Justa folgte ihrem Blick. Auf der Fahrbahn ging ein langer Zug jüdischer Arbeiterinnen. Ihre Gesichter waren blaß, ihre Augen verdüstert, ihre Schritte schwer, wenngleich schnell. In den Reihen herrschte tiefes Schweigen. Tiefes, unheilvolles Schweigen. „Wohin gehen sie?“ Mira war bleich wie ein Leichentuch. „Komm in ein Haustor“, bemerkte Justa vorsichtshalber,„es könnte uns jemand erkennen.“ „Siehst du Toska!?“ Sie ging in der zweiten Reihe, aufrecht, ohne Kopfbedeckung, die dunklen Haare fielen ihr auf die Schultern herab. Wenn man doch wenigstens ein Wort mit ihr wechseln könnte, um zu erfahren, wer wo und wie zu finden sei! „Warten wir im Tor, bis sie vorbei sind“, drängte Justa, „man darf sich jetzt keiner Gefahr aussetzen.“ (Lücke im Manuskript) 1 Towa(Toska) Stark; wurde umgebracht. 256 „Ich weiß nichts.“ „Aber wie ist es dort? Wie seid ihr zur Arbeit herausgekom- men?“ „Man nahm uns vor dem Arbeitsamt mit. Alle Arbeiter aus dem Ghetto. Man teilte uns nach den Betrieben ein, in denen wir beschäftigt sind. Dann ging eine Kommisson die Reihen entlang und suchte sich Leute zur Arbeit aus.“ „Nach was für einem System?“ ‚Nach Gutdünken.“ „Und die anderen?“ ‚Die anderen gehen auf den Zgodaplatz zum Abtransport.“ „In welchem Verhältnis?“ „Von zehn kommt einer davon.“ „In was für einer Atmosphäre geht es vor sich?“ „In völliger Ruhe.“ ‚Gibt es keine Vorfälle, keine(verwischt)....“ „Mußt du schon gehen?“ vi“ „Hör zu. Bei Alek liegen für euch alle Ausweise bereit. So- bald es möglich ist, suche bei der ersten Gelegenheit aus dem Stadtbezirk herauszukommen. Ihr werdet eingehende An- weisungen erhalten. Alek wird euch alles sagen.“ „Gut. Lebt wohl.“ „Auf Wiedersehen! Halte dich tapfer! Und verschwinde aus dem Ghetto, solange es noch Zeit ist.“ Sie blickte sich noch einmal um, sah ernst in ihre Gesichter und machte die Tür zu. „Mirus, komm zu Alek, wenn du das Zimmer für die Eltern besorgt hast. Ich werde dort auf Marek warten.“ Bis zu Alek war es nicht weit. Er wohnte in einem kleinen Zimmer, das man über den Hof betrat. Alek war hier nur Untermieter und besaß eine Nische, in der kaum ein Bett und ein Nachtschränkchen Platz hatten. Das Tageslicht drang hier nie herein. Tag und Nacht brannte eine kleine Glühbirne. 17 F 18/58 257 Ein dunkler Vorhang trennte die Nische vom übrigen Raum. Hinter diesem Vorhang spielte sich das intensive Leben der Bewegung ab. Hier fanden wichtige Begegnungen statt, empfing man die wichtigsten Anweisungen. Hier kam jeder Neuangekommene mit der Bewegung zusammen. Es war stets eng. Man mußte sich notgedrungen aufs Bett setzen, denn anders hatte man keinen Platz. Die Menschen mußten einander ablösen. Der eine ging hinaus, und der andere kam herein. Man sprach dabei immer nur im Flüsterton. Wenn sich die Tür öffnete, brach man das Gespräch ab, denn man konnte nie wissen, wer wieder hereintrat. Als Justyna hinein- kam, fiel ihr die Stille auf, die hinter dem Vorhang herrschte, Mit einem Schreck dachte sie daran, daß dort niemand sei. Voller Unruhe zog sie den Vorhang ein wenig zurück. Auf dem Bett saßen nebeneinander Alek, Zyga, Czesiek und Adas. Niedergeschlagenheit lastete auf ihnen wie ein Fels- block. Sie sprachen kein Wort miteinander. Einen Augenblick später kam Marek an. Er hatte es schon so an sich, daß jede Gemütsbewegung, mochte er sich noch so sehr beherrschen, seinem harten männlichen Gesicht einen Stempel aufdrückte. Die Farbe seiner blauen Augen wurde etwas dunkler und die Gesichtsfarbe(verwischt) ging hier in eine erdfahle Schattie- rung über. Die Lippen preßten sich aufeinander, und die dunklen Brauen zogen sich zusammen. Auf seiner hohen Stirn tauchte eine senkrechte Falte auf. Er hatte in dieser Nacht nicht geschlafen. Abends war er aufs Land gefahren und hatte die ganze Nacht gearbeitet. Es gab viel Arbeit. Er hatte das Material für alle diejenigen vorbereitet, die jetzt den Stadtbezirk verlassen sollten. Er war allein gewesen, denn Justa hatte sich auf Reisen befunden. Hanusia kannte sich in dieser Arbeit nicht aus und hatte ihm nicht viel helfen können. Er hatte demnach die ganze Nacht daran gesessen, sich dann gegen Morgengrauen gewaschen, etwas erfrischt und war nach Krakau zurückgekehrt. Als er 258 ı ab, denn ma Justyna hinein hang herrscht rt niemand se zu Alek kam, erfuhr er, daß die ganze Eile vergebens gewesen war. Das Ghetto war bereits am Nachmittag abgeriegelt worden. Dolek, Ewa und Romek waren im letzten Moment herausgekommen. Sie waren überzeugt gewesen, ohne Waffen- gebrauch nicht ausbrechen zu können. Es war ihnen jedoch gelungen. Sie hatten sich in einem Magazin versteckt und sich dort bis jetzt aufgehalten. Außer dieser Handvoll Menschen, die hier auf dem Bett saßen, waren alle im Stadtbezirk ge- blieben. Marek hatte nicht ruhig sitzen können. Justa war noch nicht zurückgekehrt. Sich mit Dolek und Romek zu treffen war nicht möglich. Er war daher in eine Straßenbahn gestiegen und durch die Stadt gefahren. Sie hatten die Weichselbrücke passiert und sich dem Ghetto genähert. Marek hatte ge- lauscht, aber seinem angespannten Gehör war nichts auf- gefallen. Es war ruhig gewesen. Weder Schüsse noch Schreie, nicht einmal Klagerufe waren zu hören gewesen. Und doch hatte die Aktion stattgefunden. Schon von weitem war die Gendarmerie zu sehen gewesen, die um den Stadtbezirk einen dichten Kordon gezogen hatte. Aber alles war beinahe ohne Worte vor sich gegangen. Kein Wunder, alles hatte sich bereits auf seine übliche Weise abgewickelt. Die Übung hatte das Ihrige getan. Jeder war an seine Rolle schon ge- wöhnt— die einen daran, andere zum Tode zu verurteilen, und die anderen, ihn ohne Klagerufe zu ertragen. Die Straßen waren völlig leer gewesen. Die Aktion hatte sich zur an zwei Stellen konzentriert: vor dem Gebäude des Arbeitsamtes, wo die Menschen aussortiert wurden— in arbeitsfähige und sogenannte arbeitsunfähige—, und dem Zgodaplatz, wohin alle geführt wurden, die in den Tod gehen sollten. Hier war bereits eine große Menge Verurteilter versammelt gewesen. Man hatte die Kinder für sich in Reih und Glied aufgestellt, gesondert die alten Leute, weiterhin die übrigen 17 FF 259 Frauen und Männer. Der Platz war von Menschen schon überfüllt gewesen, mit Tausenden von Menschen, und über ihnen schwebte eine schwere Stille, eine Grabesstille und etwas wie das Gespenst des Todes. So sah die Aktion in Krakau aus. Verbannung und Tod hatten hier genau das gleiche Gesicht wie anderswo. Aber es war eine Hauptstadt, auf welche die Augen der ganzen Welt gerichtet waren. Daher breitete sich hier der Mord unter dem Deckmantel einer regulären„Ausweisungsaktion“ aus. Der Alarm fand ohne Geschrei statt— die Gewalttätig- keit ohne einen Schuß. Woanders, in der Provinz, ließ man sich dafür voll und ganz gehen. In Tarnöw zum Beispiel trieb man alle auf den Ring hinaus. Man ließ sie stundenlang knien. Die Menschen hatten bereits geschwollene Knie, aber sie durften nicht aufstehen. Die Kinder riß man aus den Ar- men ihrer Mütter und stellte sie auf der Seite in einer Reihe auf. Ein Maschinengewehr stand bereit. Es knatterte los, und die Kinderkörper stürzten nacheinander blutüberströmt zu Boden. In einiger Entfernung von ihnen knieten die Mütter und Väter, aber die Erde tat sich nicht auf vor ihnen. Oder wenn die Gendarmerie auf eine große Familie stieß, führte sie alle auf den Hof hinaus, stellte sie an einer Mauer auf und streckte sie auf der Stelle mit einer einzigen Garbe nie- der. Alle Höfe, Haustore, Bürgersteige waren vom Blut der Mütter und Kinder befleckt. Dann fuhren in langen Ketten Lastwagen hochbeladen mit Menschengebeinen, die manch- mal noch in der Agonie zuckten. Und es war wahrhaftig unerklärlich, wie derjenige, den der Tod durch die Kugel verschont hatte, diesen Anblick, der das Blut in den Adern gefrieren machte, psychisch aushielt, wie er dieses Entsetzen ertrug, das tagelang über der Stadt schwebte. Aber auch die Stille, die über dem Krakauer Ghetto lastete, war schwer zu ertragen. Es lag darin mehr Grauen als im 260 Stöhnen und in Verzweiflungsschreien. Diese Routine, mit der die Menschen vorwärtsgetrieben wurden, diese leidende Ergebenheit, mit der sie auf den Platz gingen, weckte im Menschen Empörung und zerrte an den Nerven. Marek war erschüttert zu Alek zurückgekommen. Von der Plattform der Straßenbahn aus hatte er nur einige Bruchteile gesehen. Und was war da noch alles in den Häusern, auf den Straßen geschehen, die man von der Straßenbahn aus nicht sehen konnte? Was war mit den Jungen aus der Bewegung geschehen, denen es nicht gelungen war, aus dem Ghetto herauszukommen? Erst am folgenden Tag sollten sie die bittere Wahrheit er- fahren. Die Aktion war blitzschnell vorübergegangen; im Verlauf eines Tages waren siebentausend Menschen aus Krakau abtransportiert worden. Wer dazu in der Lage war, hatte sich versteckt, wer sich zu helfen wußte, war aus den Reihen geflüchtet oder im letzten Moment von der Plattform der Züge heruntergesprungen. Poldek hatte seine Leute beaufsichtigt. Die Jungen waren aus einem Keller in den anderen umgezogen und immer wieder den Fallen entschlüpft. Aber Opfer waren nicht aus- geblieben. Vor allem hatte man Maniek„ausgewiesen“. Er hatte seiner Arbeitsbescheinigung allzusehr vertraut und, anstatt sich zu verstecken, sich vor der Kommission eingefun- den. Das hatte genügt. Dann Manusia. Wie durch ein Wunder in Warschau gerettet, war sie jetzt in Krakau, in der Wohnung ihres Bruders, gefaßt worden. Ihr war Fryda gefolgt. Sie hatte bereits zur Arbeit aufbrechen ind am Tage vor der Aktion den Stadtbezirk verlassen sollen, iie hatte Anweisung dazu gehabt. Aber ihr alter Großvater war dagegen gewesen. Er hatte Angst um sie gehabt und Nicht gewollt, daß sie sich einer Gefahr aussetzte. Daher war sie zu dem Entschluß gekommen, den Greis zu trösten und 261 noch einige Zeit bei ihm zu bleiben. Das hatte sie mit ihrem Leben gebüßt. Und die anderen? Niemand war ohne Verlust davongekom- men. Hier hatte es den Bruder getroffen, den letzten aus der Familie, da die Schwester— eine Zwillingsschwester, dort Mütter, Väter. Überall hatte die Aktion ihre blutigen Spuren hinterlassen. Im Ghetto blieben siebentausend Menschen zurück. In jedem Hause gab es Trauer, und niemand zweifelte daran, daß früher oder später alle dahingehen würden. Aber dessenungeachtet begann am nächsten Tag im Stadt- bezirk ein normales Leben. Sie waren frei. Die letzten Bande, die sie mit dem(verwischt) alltäglichen Leben verbanden, waren zerrissen. Wer also noch unentschlossen gewesen war, ob er seinen jüngeren Bruder, seine einzige Schwester, seine alten Eltern verlassen sollte, spürte nach dieser Aktion plötzlich, daß ihm die Hände nicht gebunden waren und er sich ohne Bedenken in den Strudel der Arbeit stürzen konnte(verwischt), es war das Gefühl der Freiheit, das auf den Trümmern des Familienlebens gewach- sen war. Und der Mensch, der der Sache erst entgegenging, nachdem alle seine Gefühle bereits erstorben waren, hatte es schwer. Es tauchten daher Fragen auf, die einen wie Gewissensbisse quälten: Warum bin ich nicht früher dazu bereit gewesen? Warum hat es erst des Todes meiner Nächsten bedurft, um mich endlich ungehemmt zu fühlen? Und diese Frage bohrte sich immer tiefer ins Herz hinein, und später einmal, als sich dieser und jener hinter Gefängnismauern befand, sollte er lange Stunden auf der Suche nach der Antwort zubringen. Jetzt jedoch, in den Strudel der Arbeit geworfen, konnten sie nicht lange überlegen. Es gab für Betrachtungen keine Zeit. 262 die Hände nid Außerdem nagte der Schmerz so sehr an ihrem Herzen, daß die Menschen nach Arbeit verlangten wie ein Ertrinkender nach dem rettenden Balken. Einer nach dem anderen meldete seine Bereitschaft, und für jeden stand sofort eine Arbeit bereit. Der Oktober ging seinem Ende zu. Der Herbst war ausnehmend schön. Die Blätter hatten lange Zeit ihr frisches Grün behalten. Die Sonne vergoldete die Erde, wärmte sie mit ihren Strahlen. Diese Tage waren wie ein Geschenk. Jeden Augenblick konnte sich der Himmel mit Wolken be- decken und starker Regen fallen. Der regnerische, morastige Herbst stand vor der Tür. Man mußte ihn jederzeit erwarten. Nach den zwei schweren Erfahrungen in den Wäldern war man der Meinung, daß jetzt nicht die Zeit danach war, ein Arbeitsgebiet zu suchen. Dafür war es schon zu spät. Es war besser, im Frühjahr von vorn anzufangen. Jetzt war Herbst, und ihm folgte der Win- ter, der ihrer Arbeit, die erst beginnen sollte, im Wege sein würde. Eine neue Konzeption entstand. Sie befanden sich ja in der Landeshauptstadt. Mußte man denn hier etwa lange nach geeigneten Zielen für eine Betätigung suchen? Ohne einen großen geheimen Apparat im Walde aufbauen zu müssen, konnten sie doch auch an Ort und Stelle arbeiten. Mit jeder, selbst der geringsten Handlung, trafen sie mitten ins Herz der Behörden. Die Haupttriebfedern dieses Automaten zu beschädigen, das war es, was ihr Ziel werden sollte. Dort in den Wäldern war es möglich, Partisanenaktionen in größeren Abteilungen durchzuführen. Mit einer Handvoll Menschen hätte sich dort nicht viel vollbringen lassen. Aber hier würde jeder Handstreich einer einzelnen Person oder auch von zweien bei der Regierung Unruhe hervorrufen. Sogar mehr als Unruhe. Man mußte die Feinde mit verwegener Selbstsicherheit er- schüttern, zeigen, daß dieses bestialische Regime nicht eine 263 gefühllose Masse beherrschte, daß dieses mißachtete Volk erwacht sei, daß es die Leiden nur bis zu einer bestimmten Zeit ertrüge, daß der langersehnte Völkerfrühling anbreche. Da und dort wurden Stimmen der Vernunft laut, daß es nicht nötig sei, die Aufmerksamkeit der Regierung zu wecken, daß es vielmehr die Pflicht sei, die Kräfte zu sammeln und sich den Anschein zu geben, als geschähe nichts. Daß man jeden Argwohn gleich im Keim ersticken müsse. Eine solche(verwischt) war jedoch nichts für sie. Woher hatten sie denn diese Gewißheit, daß sie das Frühjahr erleben würden? Sie kamen jeden Tag mit dem Tod in Berührung. Es war niemals bekannt, ob es gelingen würde, ihm zu ent- gehen. Man mußte also handeln, und zwar so, daß man den Feind die Empörung fühlen ließ. Deswegen beschloß man, sich auf Krakau zu werfen und dann der Reihe nach auf andere größere Städte überzugehen. Allein im Rahmen des Stadtbezirks gab es so viel Arbeit! Man mußte sich mit den Verrätern im Innern des Ghettos auseinandersetzen. Mit jenen, die für ein paar Silberlinge oder für das einträgliche Versprechen, daß sie am Leben gelassen würden, ihre eigenen Brüder verschacherten. Es gab welche unter ihnen, die Hunderte von der Feme gemordeter Juden auf dem Gewissen hatten. Ein ganzes Jahr lang hatte die Bevölkerung vor Razzien gezittert, die nachts durc- geführt wurden. Nach einer Liste, die man heimtückisc angefertigt hatte, war die Polizei von Haus zu Haus gegan- gen und hatte unschuldige Menschen mitgenommen, um sie innerhalb weniger Stunden zu erledigen. Man gelobte sich daher heilig, in erster Linie den Schuldigen und dann seine Helfer umzubringen. Es wurde also beschlossen, eine Basis im Ghetto und eine außerhalb des Ghettos zu unterhalten. In allen größeren Städten auf den Strecken Krakau-Lwöw und Krakau- 264 wars Stadt reicht di ıe\ für a hell eleich Warschau errichtete man Stützpunkte. Krakau selbst umgab man auch mit einem Netz von Wohnungen in der Provinz. Die Leitung entfernte sich nach und nach aus Krakau. Es war schließlich auch schon die höchste Zeit. Denn im ganzen Stadtbezirk kannte man sie bereits mit Namen. Flüsternd reichte man die Nachricht von Ohr zu Ohr weiter, sie seien es, die die Männer in die Wälder schickten. Fast alle sprachen ihre Namen mit einer Achtung aus, die an Rührung grenzte: für alle waren diese Namen der Ausdruck einer neuen, frei- heitlichen Idee, an der sie mit ganzer Seele hingen. Aber gleichzeitig drangen diese Namen auch zu den Ohren unberu- fener Menschen, wurden unter der Miliz populär, die im Grunde genommen mehr der Regierung als der eigenen Be- völkerung diente. Ewa machte eine Wohnung in Wisnicz ausfindig. Sie mietete hier ein kleines Häuschen, und darin wohnten sie zu dritt: Dolek, Ewa und Halina. Dolek fuhr stets zur Arbeit, war daher jeden Tag in Krakau, zur Nacht kehrte er jedoch nach Wisnicz zurück. Romek hatte seine Wohnung ebenfalls gewechselt. Czesiek hatte dank seiner Bekanntschaften eine Wohnung im deut- schen Stadtteil in Krakau gefunden, und da wohnten sie beide, er und Romek. Einige Tage nach der Aktion trafen zwei Telegramme glei- chen Inhalts ein. Eins war nach Krakau an die Schwester Anna im Krankenhaus gerichtet und das andere an Mareks Adresse auf dem Lande. Sie lauteten:„Bin ohne Existenzmit- tel. Maniek.“ Im ersten Augenblick bemächtigte sich aller höchstes Erstau- nen, dann aber Freude. Man hatte Maniek bereits für ver- loren gehalten! Und da stellte sich auf einmal heraus, daß er mit dem Leben davongekommen war und sich in Rzeszöw befand. Man schickte sofort Hela mit Geld und Ausweisen zu ihm. 265 Nach zwei Tagen brachte sie ihn gesund und munter nah Krakau mit. Er war etwa vierzig Kilometer hinter Rzeszöw aus einem plombierten Wagen herausgesprungen. Er hatte sich dabei verletzt und das Gesicht etwas blaugeschlagen. Irgendwie hatte er sich jedoch zu Fuß bis Rzeszöw hinge- schleppt und von dort an Marek und Anna telegraphiert, Und nun war er da. Die Leitung war wieder komplett. Die Arbeit lief fast auf vollen Touren. Jeder hatte bereits seine genau umrissene Aufgabe, die ihn tagelang von morgens bis abends auf den Beinen hielt, ob es sich nun um Erkundigungen handelte oder um die Arbeit der Verbindungsmänner oder um tech- nische Angelegenheiten oder auch um reale Arbeit. Es nahm alle immer völlig in Anspruch. Deshalb eilten sie auch abends abgehetzt und müde nach Hause und überschritten die Schwelle mit freudig schlagendem Herzen. Es war das letzte Haus in ihrem Leben, das letzte, in dem alle menschlichen Empfindungen noch einmal in hohen und hellen Flammen emporschlugen. Alle fühlten bereits ein solches Bedürfnis nach gegenseitiger Liebe, eine solche stete Sehnsucht nach der Wärme gemeinschaftlichen Lebens, daß, sooft ein Feuer am Erlöschen war, sie gleich ein neues, noch stärkeres ent- fachten. Der Kriegssturm blies einmal ums andere ihre heiße Flamme aus. Und von neuem erwachte in ihnen das gleiche alte Verlangen nach einem Zusammensein. Marek blieb immer häufiger die Nacht über im Stadtbezirk. Dolek ebenfalls. Aber besonders ungern ging Romek in die Stadt. Gerade an einem solchen Abend, da Dolek nicht aufs Land zurückfuhr, hatten Ewa und Halina einmal eine abenteuer- liche Auseinandersetzung mit der Ortspolizei. Der Erpressungsversuch hatte einen unangenehmen und zwei- deutigen Charakter. Die Mädchen zogen sich aber geschickt aus der Affäre. Die Polizisten gingen beschämt weg. Am 266 mehr den{ nds auf de en handelt er um ted sit. Es nahn auch abent ur N anrıtten di nächsten Tag betranken sie sich und kamen wieder. Diesmal trafen sie Antek an. Sie kannten ihn von Kindheit an, wußten, wer er war. Es gab keinen anderen Ausweg mehr, man mußte alles vertuschen und sich zurückziehen, bevor die Angelegenheit den Händen der Behörden übergeben würde. Sie packten sofort die Sachen und kehrten nach Krakau zu- rück. Eigentlich hätte man unverzüglich eine Wohnung in einer anderen Gegend suchen müssen. Aber plötzlich stürmte auf die Leitung eine Menge Arbeit ein und nagelte alle buchstäblich an ihrem Platz fest. Sie arbeiteten ohne Unterbrechung, eine Beschäftigung jagte die andere. Und obwohl sich alle zur Arbeit bereit fanden, waren es immer noch zu wenig Hände. Sie arbeiteten gleichzeitig auf mehreren Stellen, merkten, daß diese Gleichzeitigkeit mehrerer Aktionen in verschiedenen Zentren auf die Behör- den aufregend wirkte, und je größer die Aufregung war, desto größer wurde der Arbeitseifer der jungen Leute. Es war für sie eine wirklich ungewöhnliche Zeit. Niemals jedoch vermochte die Arbeit ihr Gefühl völlig auszulöschen. Immer noch verblieb in ihren Herzen ein Funken, immer noch glomm im tiefsten Innern eine kleine Flamme des Gefühls. Und wenn sie sich nach jedem schweren Erlebnis von neuem trafen, entfachte sich das kleine Fämmchen immer stärker, schlug immer höher, bis ein großes neues Feuer herzlichen brüderlichen Zusammenlebens entstand. Nach der letzten Aktion in Krakau herrschte in zahlreichen Häusern Einsamkeit. Junge Menschen waren allein zurück- geblieben, ohne Eltern, ohne Geschwister, mit geringer Habe, mit der bescheidenen Einrichtung einer kleinen, meist aus einem Zimmer bestehenden Wohnung. Der Nachlaß der ab- transportierten Eltern mußte zu Geld gemacht oder anders liquidiert werden, da man sich auf den Weg begab. 267 Da kam ein neuer Gedanke auf: man richtete eine Liquidatur ein. So nannte man es. Sie entstand in der Wohnung$zy- meks!, dem man die Eltern genommen hatte. Jeder der jun- gen Leute brachte nun aus seiner Wohnung alles her, was er besaß, Wäsche, Kleider, Schuhe, Wertgegenstände, kurz alles, in das man sich teilen oder das man zum gemeinschaft- lichen Wohl zu Geld machen konnte. Nachdem diese Habe zusammengetragen und in Ordnung ge- bracht worden war, begann die Liquidation. Jeder meldete sei- nen Bedarf an und erhielt die entsprechende Ausstattung. Das Hab und Gut eines Menschen wurde also Eigentum aller. Die letzten Unterschiede, diein derjüngsten Zeit ohnehin schon ver- schwindend klein gewesen waren, verwischten sich gänzlich. Es entstand eine Gemeinschaftskasse und, was danach folgt, eine Gemeinschaftsküche. Das Gefühl der Obdachlosigkeit verschwand allmählich. Die fehlende Wärme des Elternhauses wurde durch eine neue Wärme ersetzt, durch eine andere, die nicht auf dem Boden der Blutsbande, sondern auf dem Boden geistiger Bande gewachsen war. Sie kamen nun alle zu den Essenszeiten zusammen. Und das waren ihre liebsten Stun- den des Tages. Bald jedoch zogen sie ganz und gar in diese kleine Zweizimmerwohnung ein, und hier befand sich von nun an ihr Haus. Die Wohnung lag im Parterre, man ging durch einen großen langen Flur hinein. Bevor jemand bis zur Tür kam, drang schon froher, jugendlicher Lärm an seine Ohren. Man öffnete die Tür und befand sich schon in einem herzlichen Kreis fröhlichen Lachens und lebhafter Gespräche. Am Herd stand die immer geschäftige Elza. Sie wirtschaftete und regierte, kochte und beklagte sich unaufhörlich. Sie erinnerte wahrhaftig an eine besorgte Mutter, der niemals etwas recht nach Wunsch geht. Da ist die Kohle nicht zer- kleinert, da ist wieder kein Wasser gebracht worden, da will 1 Jözefinskastraße 13, im Hause von Szymon Lustgarten, war der Sitz des Jüdi- schen Kampfbundes im Ghetto. 268 das Feue der sind den Ofe ınd hiel Ihren[N herzliche gesunde Übrigen: die Trau mierte si die Wid inlustig lich aus pannth Mädcher versetzt Hlligke im Hau {ad auf der sie lustig N \üche} Tische, die Tor mußte, Nerh nd di Hürde Beer o Sera das Feuer nicht richtig brennen, mit einem Wort— diese Kin- der sind schrecklich undankbar. Und diese Kinder umgaben den Ofen in engem Kreis, stemmten die Hände in die Seiten und hielten die erzürnte Mama zum besten. Elza konnte ihren Ärger nicht mehr länger beherrschen und brach in ein herzliches, tiefes kehliges Lachen aus. Oh, konnte dieses gesunde rassige Mädchen aber lachen! Übrigens war an ihr alles rassig. Das Lachen, das Weinen, die Trauer und auch die Freude. Sie war wundervoll elemen- tar, beinahe überspannt. Wenn sie von irgend etwas im Ernst durchdrungen war, so behandelte sie es gleich derart ernst, daß es schien, als würde sie zwischen kleinen und großen Angelegenheiten keinen Unterschied machen. Dann dekla- mierte sie über die Einzelheiten pathetisch und verlieh ihnen die Wichtigkeit lebensentscheidender Fragen. Und wenn sie in Justige Stimmung kam, dann sprühte die gute Laune förm- lich aus ihr, und ihr Lachen schallte laut. Hinter dieser Über- spanntheit verbarg sich jedoch ein tapferes Herz; wenn dieses Mädchen etwas vollbringen, jemandem helfen wollte, dann versetzte sie Berge. Und sie half allen mit der größten Bereit- willigkeit. Jetzt wiederum hatte sie ihr ganzes Herz der Küche im Haus Nummer dreizehn gewidmet. Sie war der Ansicht, laß auf diesem Haushalt die ganze Welt ruhe; wenn die Kin- der sie nun am Ofen umgaben und sich über ihre Arbeit lustig machten, runzelte sie die Brauen, jagte sie aus der Küche hinaus, und die Wirtschaft ging so flott voran, daß es direkt eine Freude war! Es war hier eng, weil es nun eben mal eng war, der Herd, die Tische, die Kisten— alles reichte nicht aus. Sie stellte daher die Töpfe auf die Erde, füllte damit die ganze Küche aus und mußte, wenn die Tür aufging, die Töpfe eilends wegrücken. Wer hereinkam, mußte vorsichtig zwischen den Töpfen gehen, und dieses zeremonienhafte Umschreiten der Hindernisse wurde wieder mit fröhlichem Lachen begleitet. Dann gingen 269 alle unverhofft daran, aufzuräumen und die Wohnung in Ordnung zu bringen. Und da fügten sie sich schließlich mit Recht den Anweisungen Marysias. Sie liebte die Ordnung über alles. Sie scheuerte den Fußboden, fegte, räumte uner- müdlich immer wieder auf. Die Leute machten ihr immerzu Scherereien, aber sie ärgerte sich darüber gar nicht— sie konnte sich nicht einmal ärgern. Sie lächelte nur verlegen, und anstatt böse zu sein, bat sie schüchtern:„Wischt euch die Füße ab, bevor ihr ins Zimmer hineingeht. Aber Leute, be- greift das doch!“ Und wieder griff sie nach dem Besen und kehrte von neuem. Und so war sie immer im Kreis herum die ganzen Tage über beschäftigt. Szymek spielte hier eine wichtige Rolle. Er war vor allem Hausherr aus Tradition. Da er sich zu dieser angenehmen Aufgabe verpflichtet fühlte, guckte er in jeden Winkel und schaute, die Hände in den Taschen vergraben, allem zu, was die anderen taten. Und wenn er sich sattgesehen hatte, ging er unzufrieden weg und sagte:„Ist das hier ein Durcheinan- der! Ist das hier ein wirres Durcheinander!“ Er war zusammen mit Noli! Lagerhalter. Sie verwalteten die vollen Schränke und versahen die Menschen mit allem, was sie brauchten. Übrigens ging alles auf lustige Art vor sich. Die verschiedenen Überbleibsel einer vergangenen Epoche, die sich da und dort in der Liquidatur befanden, versetzten alle in herzlichen Humor. Sooft Hanusia nach Krakau fuhr, brachte sie Justyna aufs Land verschiedene Gegenstände mit, die für die Hauswirtschaft wertlos waren und die man nur in der Liquidatur hatte finden können. Sie brachte auch die herzlichsten Grüße dieser Welt gestei- gerter Gefühle mit, die sich in dieser kleinen Zweizimmer- wohnung abgeschlossen hatte. „Wenn du wüßtest, Justynka, wie wohl es tut, nach Krakau zu fahren! Da tritt man ein, und schon ist man zu Hause, 4 Natan Pariser; kam um. 270 mitten Gespräch Jkin leere Hanıs, ustyna, Nein, ni m mich Lebensfül Jann geh vler euch Sie fühlte fierte sie au kam, ın jeden Tapin d scht), lic si Ind so Ankomm Ice, di tklich tel freu Se aus i Us trag 1dem| Türden, er vie inmitten der Seinigen, inmitten dieser über alles geliebten Gespräche. Wahrhaftig, da hat man gar keine Lust mehr, in dein leeres Landhaus im Wald zurückzukehren.“ „Hanus, tut es dir wirklich leid, hier bei mir zu sein?“ fragte Justyna, der ganz traurig zumute geworden war. „Nein, nicht bei dir zu sein tut mir leid, sondern um dich und um mich tut es mir leid. Sie leben dort in einer solchen Lebensfülle! Wenn sie nach der Arbeit zusammenkommen, dann geht es ihnen so, wie es uns einst in Warschau ging oder euch in Kopaliny, vielleicht noch besser.“ Sie fühlten sich dort wirklich wohler. An diesem Ort konzen- trierte sich das Leben der ganzen Bewegung. Wer nach Kra- kau kam, wollte um jeden Preis in den Stadtbezirk gelangen, um jeden Preis in diese Wohnung gehen. Alek verließ jeden Tag in der Dämmerung seine Leitstelle und ging nach(ver- wischt), Czesiek verließ seinen Unterschlupf, und auch Romek schlich sich dorthin. Und so begegneten sich hier alle Ortsansässigen mit den Ankommenden; solche, die seit Jahren zusammen waren, und solche, die seit Jahren die Sehnsucht zueinander trieb. Es war wirklich rätselhaft, wie in diesen abgeplagten Menschen so viel freudiges Gefühl aufkam. Wer weiß, vielleicht mußten sie aus ihrem Innern so viel Liebe herausschlagen, weil sie das tragische Vorgefühl hatten, daß sie mit dem Augenblick, in dem sie hier aus diesem Hause Nummer dreizehn gehen würden, den letzten Familienherd ihres Lebens verließen. Aber vielleicht fühlten sie, daß dieser Lebenskreis nicht nur ihr letztes Haus sein, sondern sogar die letzte Heimstatt eines Volkslebens, die letzte Ansammlung einander nahestehen- der Menschen, unter denen sie ihr eigenes Ich bewahren konnten. Daher sogen sie auch alle volkstümlichen Werte in sich ein, ließen alle Traditionen wieder aufleben, mit einem Wort— sie lebten in der spezifischen Atmosphäre spezifisch jüdischen 271 Lebens. Dolek kehrte hier öfter ein. Dann versammelte sich die ganze Schar um ihn, und der Abend wurde feierlicher, gehaltvoller. Eine unerklärliche Schönheit schwebte dann über der Stube. Solche ungewöhnlichen, festtäglichen, bedeut- samen Abende gruben sich allen nachhaltig ins Gedächtnis ein.; Immer enger wurde es in der Stube. Immer mehr Menschen fanden sich hier ein, und obwohl immerzu welche an ihre Arbeitsplätze gingen, trafen gleichzeitig immerzu neue ein. Die Tür war am Tage in steter Bewegung. Nachts tauchte jedoch für die Unterbringung der Menschen ein schwieriges Problem auf. Man stellte zwei Betten nebeneinander und darauf legten sich sechs, sieben Leute. Man improvisierte ein Lager auf der Erde, auf Stühlen, nützte jeden Winkel zur Übernachtung aus. Die gesundheitlichen Bedingungen waren jämmerlich, man besaß nicht einmal die primitivste Bequem- lichkeit, aber keiner dieser Menschen hätte auf die Unbe- quemlichkeiten verzichtet. Sie waren ihm lieber als der größte Prunk, als luxuriöses Leben. Dieses Haus Nummer dreizehn war der Ausfallpunkt für alle Arbeiten in diesem Zeitabschnitt. Gegen Abend schlüpften sie zu zweien oder dreien hinaus; da hatten die einen inner- halb des Stadtbezirks mit den Verrätern und Judassen abzu- rechnen, und die anderen suchten außerhalb des Ghettos Waffen. Auf die Minute vor der Polizeistunde stürzten sie atemlos herein— manchmal voll Triumph, manchmal wieder- um ergrimmt, weil ihr Vorhaben mißlungen war, obwohl sie bereits ganz, ganz nahe daran gewesen waren. Zu wieder- holten Malen waren sie der Polizei wie durch ein Wunder entwischt. Manchmal war es ihnen vorgekommen, als wenn die Kugeln über ihre Köpfe hinweggeflogen seien und nur ein geschicktes Ducken ihr Leben gerettet habe. Einmal brachen Zyga, Dolek und Czesiek abends zur Arbeit auf. Czesiek machte den Schlepperdienst, Zyga und Dolek 272 parteten znerklärli ten mit Sie hatten am jmin Mörzlich I lek 7) er. VO) aktp BI ıtte in d ibredrück den Unter vder her Iyalag| ot nich ndeln,€ ımerkss it. Erhe Ira biß tzte sic Schme Nik Zeit mell. Se warte It kei warteten an der Weichsel, im Dunkel versteckt. Czesiek kam unerklärlicherweise nicht wieder. Die beiden Männer war- teten mit Ungeduld. Sie brannten vor Verlangen nach Arbeit. Sie hatten ihre Waffe in der Tasche, hielten sie krampfhaft fest. Sie wollten so schnell es ging schießen. Aber Czesiek kam immer noch nicht zurück. Plötzlich knallte ein Schuß. Zyga sackte auf die Erde herun- ter. Dolek blickte sich um, es war niemand zu sehen. Wer hatte geschossen? Im Nu hatte er alles begriffen. Zygmunt hatte in der Nervenanspannung und Aufregung die Pistole abgedrückt. Die Kugel war durch das Knie gegangen, hatte den Unterschenkel bis zum Schienbein durchbohrt und war wieder herausgekommen, ohne den Knochen zu verletzen. Zyga lag kraftlos da. Dolek war allein. Czesiek war bis jetzt noch nicht zurückgekommen. Und hier mußte man sofort handeln, den verwundeten Jungen mitnehmen, bevor jemand aufmerksam wurde. Vorläufig war es ringsherum menschen- leer. Er hob ihn eilends von der Erde auf. Zyga biß die Zähne zusammen und richtete sich auf. Er stützte sich auf Doleks Schultern und machte einen Schritt. Die Schmerzen waren unerträglich. Es war jedoch kein Augen- blick Zeit zu verlieren. Er mußte gehen, und zwar möglichst schnell. Sie warteten nicht auf Czesiek. Von einer Arbeit konnte heute keine Rede mehr sein. Mit geradezu übermenschlicher Anstrengung schleppten sie sich bis ins Ghetto hinein. Sie schafften es noch vor der Polizeistunde. Als sie in das Haus Nummer dreizehn kamen, erschraken alle beim Anblick von Zygas totenblassem Gesicht. Lärm und Lachen verstummten, die Gespräche brachen ab. Die Mädchen richteten ein Lager her. Sie betteten den Jungen darauf. Die Wunde war ernst, das Bein blutete. Ein Arzt war erforderlich. Und dabei durfte man doch niemanden in ihr Geheimnis einweihen. Man ließ Anna holen. Der Verband 13 F 18/58 273 genügte aber nicht. Eine Spritze auch nicht. Die Wunde mußte genäht werden. Es gab keinen anderen Ausweg. Man beschloß, eine ver- trauenswürdige Chirurgin kommen zu lassen. Es war bereits nach neun Uhr. Die Ärztin kam aus Sicher- heitsgründen in Begleitung von zwei Milizsoldaten. Die Lage wurde unangenehm. Sie schauten sich neugierig in der Woh- nung um. Wieso kamen so viele junge Menschen in einer so kleinen Wohnung zusammen? Und diese Wunde— was war das eigentlich für ein Unfall? Man mußte die Neugier der Milizsoldaten befriedigen, ihre Wachsamkeit einschläfern. Man erzählte ihnen eine unglaub- liche Geschichte von einem Vorkommnis bei der Arbeit. Sie hörten mit einigem Mißtrauen zu. Sie blickten sich um, woll- ten sich unbedingt die Wunde ansehen. Nur mit Mühe konnte man sie überzeugen, daß es nicht möglich sei. Als sie nach dem chirurgischen Eingriff weggegangen waren, atmeten alle erleichtert auf. Alle bewegten sich nur auf den Zehen. Eine bis jetzt noch nicht dagewesene Ruhe herrschte in beiden Stuben. Der Verletzte schlief ein. Sie wachten über ihn mit selbstloser Bereitschaft. Er war ihnen jetzt teurer als sonst. Als Czesiek an die verabredete Stelle kam, war es kurz vor neun Uhr. Er traf niemanden mehr an. Er war allen Ernstes bestürzt. Die Expedition war heute nicht gelungen. Der Wachtmeister, den er mitbringen sollte, war beschäftigt ge- wesen und konnte nicht mit ihm ausgehen. Daher war der ganze Abend verloren. Und jetzt wußte er obendrein nicht einmal, wo Dolek und Zygmunt hingeraten waren. Czesiek ging etliche Male auf dem Boulevard hin und her und pfiff 274 vor sich| je Uhr. leer: ind jene nie sollte Irwarse n verl ıhe fine Gegen A \ummer rundes dh gerä mind Indsok, nschlid I bere fhalteı Diese Al en hı akgass gwüı erh Obrohl ° mit vor sich hin. Niemand antwortete. Er sah noch einmal auf die Uhr. Es war neun. Er stieß einen leisen Fluch aus und machte sich schnell auf den Heimweg. Diesmal ging er nicht mehr ins Ghetto. Er strebte seiner Wohnung zu. Morgen würde er vielleicht schon etwas erfahren. Vielleicht würde Alek etwas wissen. Am Tage sollte er sich nämlich nicht auf der Straße sehen lassen. Diese und jene hatten schon ihr Augenmerk auf ihn gelenkt. Aber wie sollte er dann die Wahrheit erfahren? Er war sehr beunruhigt. Zu allem Überfluß empfand er nach dem verlorenen Abend ein Mißbehagen. Er konnte keine Ruhe finden. Gegen Abend des folgenden Tages ging er in das Haus Nummer dreizehn. Tiefbewegt stürzte er auf das Bett seines Freundes zu, sie sagten kein Wort. Die anderen bewegten sich geräuschlos um sie herum. Sie standen noch alle unter dem Eindruck dieses Unglücks. Und so kam es, daß sich in das Haus Nummer dreizehn Trauer einschlich. Die Arbeit lief allerdings weiter. Sie befanden sich bereits in einem solchen Schwung, daß sie nichts mehr aufhalten konnte. Es ging nun mit Volldampf voraus. Diese Abende, diese Jagd in aller Verborgenheit, dieses Auf- lauern hinter der Ecke, diese Handstreiche aus einer dunklen Sackgasse heraus, das Umherstreichen an den Häusern ent- lang würde wohl niemand vergessen. Die Arbeit war für sie regelrecht zu einem Vampir geworden. Obwohl sie sich bis jetzt nicht an sie gewöhnt hatten, gingen sie mit ganzer Seele darin auf und fühlten sich nur dann wohl, wenn sie in der Dunkelheit der Arbeit nachjagten. Und in(verwischt) die Waffe fühlten. Diese Abende würden unvergessen bleiben. Da sprang man in das Haus Nummer dreizehn und stieß das kurze Wort aus: „Fertig!“ 18 F* 275 Und dann schlief niemand die ganze Nacht hindurch vor Aufregung, und alle fühlten sich als Sieger. In den folgenden Tagen wurde dann in der ganzen Stadt nach den Schuldigen gesucht, und diese saßen direkt im Zentrum des Ghettos, spazierten auf der Straße umher und lachten sich wegen der fruchtlosen Anstrengungen der Polizei ins Fäustchen. Aber es gab auch Schatten, die sich wie eine Last auf ihre Herzen legten. Es waren die drei Mann, die nach dem Gol- denen Vlies ausgezogen waren und bis heute noch kein Zei- chen von sich gegeben hatten. Es machte sich niemand mehr irgendwelche Illusionen. Edwin, Emil und Harry waren ver- loren, und niemand hatte eine Ahnung, wie sie umgekommen waren. Sie waren spurlos verschwunden, und das war entsetz- lich. Dieser Gedanke ließ niemandem Ruhe. Alle bemühten sich, nicht darüber zu sprechen, aber in ihrem tiefsten Innern sagten sie sich: „Sie werden nicht zurückkommen, sie werden nicht zurück- kommen, sie werden niemals mehr zurückkommen.“ Ernst und Ruhe herrschte jetzt im Hause Nummer dreizehn. Traurige Gedanken schlichen durch die Stille. Sie waren um so trauriger, weil Zygmunt ernstlich krank war. Man umgab ihn mit herzlicher Fürsorge. Das Leben konzen- trierte sich jetzt um sein Bett. Immer wieder trat jemand an ihn heran und unterhielt sich leise mit ihm, bedacht, ihn nicht zu quälen, sondern ihm sein unfreiwilliges Ausruhen ange- nehm zu machen. Die Mädchen überboten sich gegenseitig an Besorgtheit. Sie kochten ihm auserlesene Speisen, brachten ihm Obst und Leckerbissen. Jede von ihnen bewarb sich nicht so sehr um seine Gunst als um die bescheidene Ehre, ihm behilflich zu sein. Und in diesem Wettbewerb traten schnell Stasia und Giza! in den Vordergrund. Sie waren für ihn Mütter, so nannte er sie auch scherzhaft. Er konnte sich noch nicht vom Bett erheben, die Schmerzen setzten ihm mächtig 1 Gizela Stockhammer; kam um. 276 au, aber( Shusses 1 In. Die ımer hä ed höre angsam Y averhoff iceln.$ Ankaist Nassag Noists nter de, insam hier. ist gewo ir Ärger Duhast Nenn id Narım Se wird Erähl€ üchen?‘ Sieist d derhigı in Alek Be zu, aber der erste schreckliche Eindruck dieses unheilvollen Schusses war vorüber. Von neuem begannen Witze zu spru- deln. Die Unterhaltung wurde lauter, und das Lachen erscholl immer häufiger. Von Tag zu Tag ließ sich ein fröhlicheres Lied hören. Das Leben in Haus Nummer dreizehn nahm langsam wieder seinen normalen Gang. Eines Abends stürzte unverhofft Mirka herein. Ihr Gesicht strahlte im anmutigsten Lächeln. Sie war glücklich. „Anka ist da!“ stieß sie schon in der Tür hervor. „Was sagst du?“ „Wo ist sie?“ Unter dem Einfluß dieser Nachricht wich die Traurigkeit langsam einer stillen Heiterkeit. Zyga wurde allmählich rühriger. Er ärgerte sich, daß er aus eigener Schuld allen zur Last geworden war. Aber in dieser Wärme voll Liebe schmolz der Ärger immer mehr dahin. Er beruhigte sich. »Du hast wohl geträumt?“ ‚Wenn ich es euch sage, daß sie da ist, dann ist sie da!“ „Warum ist sie nicht mit dir zusammen hergekommen?“ „Sie wird sofort dasein, ihr werdet es gleich sehen!“ „Erzähl doch, durch was für ein Wunder ist denn das ge- schehen?“ „Sie ist doch nicht etwa aus dem Gefängnis geflohen?“ „Beruhigt euch. Ich werde euch alles erzählen. Ich kam gerade von Alek heraus, denn ich war bei ihm, weil... aber das ist mebensächlich. In diesem Moment geht die Tür auf, und ierein kommt Anka. Stellt euch mein Erstaunen vor. Nein, & war kein Erstaunen, auch keine Freude. Ich weiß selbst micht, wie man es nennen soll. Anka lebt! Sie ist freigelassen worden. Begreift das doch! Ohne jede Protektion, ohne jede Wermittlung. Sie hat ihre Rolle durchgehalten bis zum Schluß: Alle haben ihr geglaubt. Sie haben eingesehen, daß man sie unschuldig eingesperrt hatte. Stellt euch das bloß vor!“ „Und wie fühlt sie sich jetzt?“ „Völlig nermal! Sie ist etwas blaß geworden, ein wenig mager, aber sonst ist sie, wie sie war. Sie ist mit neuen Kräf- ten zurück und will sich sofort in die Arbeit stürzen. Ihr werdet euch ja selbst überzeugen. Sie wird gleich kommen.“ Man wartete mit Ungeduld auf sie. Anka war eine Kriegs- errungenschaft der Jugendbewegung. Bis vor kurzer Zeit hatte sie ausschließlich in polnischen Kreisen gelebt. Sie hatte nicht allzuviel davon gewußt, daß sie Jüdin war. Und wenn sie daran gedacht hatte, so war sie eher bemüht, es in ihrem Innern zu ersticken. Die polnische Pfadfinderbewegung hatte Ankas Wesen ihren Stempel aufgedrückt. Als sie zum erstenmal mit Mirka in Berührung gekommen war, empfan- den beide sofort große Sympathie füreinander. Sie hatten sich im Grenzland zweier Welten getroffen, sich aber trotz- dem ausgezeichnet verstanden. Mirka war erheblich älter als sie. Ihr persönlicher Charme hatte auf Anka einen starken Einfluß ausgeübt. Sie wurden Freundinnen. Damals hatte sich Anka als Jüdin erkannt. Sie war als bereits voll ausgereiftes Mädchen der Bewegung beigetreten und hatte sofort alles in sich aufnehmen wollen, die Organisation kennenzulernen gewünscht, ihren ideellen Weg, die Geschichte ihrer Men- schen. Sie war bestrebt, an allen Stellen zu sein, die ganze verlorene Zeit nachzuholen. Für die Kampfarbeit war sie voll und ganz vorbereitet. Sie war mit der echten Festigkeit ihres Mädchenmuts an sie herangegangen. Dafür lieferte sie im Gefängnis einen sichtbaren Beweis. Sie harrte auf ihrem Posten bis zum Schluß aus, wollte sich nicht ergeben und hielt sich so lange auf der Höhe ihrer Aufgabe, bis sie alle aus dem Konzept brachte. Man wusch sie von dem Vorwurf jüdischer Abstammung rein. Selbst der Schließer erklärte ihr, daß es sicherlich eine Verleumdung gewesen sei. So rang sit sich vermöge ihrer eigenen Willenskraft aus dem Gefängnis heraus. Sie floh in die Freiheit— und kehrte in ihr Familien nest zurück. Hier wartete aber noch ein Erlebnis auf sie. Als 278 sie sein nicht ei ischt)| Anka hi sie ZU ü aber es und beg nicht zu rt und Währen Ineiner kommer Aber se wartete, Sie ein Diese s sucht n hatte A Aufihr sk, Se mul ton du trafsie Ste nid ug Nachri Die f, Sie mi den h n we sie seinerzeit von Krakau fortgefahren war, hatte sie sich nicht einmal von ihrer Mutter verabschiedet. Diese(ver- wischt) hatte ihre einzige Tochter nicht reisen lassen wollen. Anka hatte ihr die Notwendigkeit von allen Seiten erklärt, sie zu überzeugen versucht und sie flehentlichst gebeten— aber es war vergeblich gewesen. Da hatte sie eine List ange- lebt wandt. Sie nahm einige unentbehrliche Kleinigkeiten mit war.| und begab sich zur Nacht zu ihrer Freundin. Ihre Mutter war ht, nicht zu Hause gewesen. Sie küßte ihren kleinen Bruder, ging fort und kam nicht mehr zurück. Während ihrer Fahrt sagte sie sich: In einer oder in zwei Wochen werde ich nach Krakau zurück- kommen, und sie wird mir verzeihen. So tröstete sie sich. Aber sie wußte nicht, daß der erste Fallstrick bereits auf sie wartete. Als Zyga einmal aus Rozwadöw zurückgekehrt war, hatte er erzählt, daß er sie in Begleitung eines Schutzmannes gesehen habe. „Sie ging mit ihm so stolz, daß man meinen konnte, nicht er habe sie verhaftet, sondern sie habe ihn auf die Wache ge- lem führt.“ Ne Diese stolze Haltung bewahrte sie bis zum Schluß. Die Sehn- sucht nach Mutter und Bruder verzehrte ihr Herz, und sie hatte Angst, daß sie sie niemals mehr wiedersehen würde. nie Auf ihrer Rückreise nach Krakau dachte sie unausgesetzt an sie. Sie wußte nicht, daß in der Zwischenzeit im Ghetto eine Ak- tion durchgeführt worden war. Nun in Krakau angekommen, traf sie weder ihre Mutter noch ihren Bruder an. Darauf war sie nicht vorbereitet. Ihr Gesicht war daher ganz blaß, als sie jetzt in das Haus Nummer dreizehn kam. Sie hatte diese Nachricht noch nicht überwunden. Die Freude, mit der man sie willkommen hieß, überflutete sie mit einer heißen Welle. Sie fühlte, daß sie dennoch zu den Ihren zurückgekommen war, in das Haus, in dem sie von 279 der Nervenanspannung ausruhen würde, die sie im Gefäng- nis durchgemacht hatte. Nur mit Mühe konnte sie sich aus den herzlichen Umarmungen befreien. In der Küche drängten sich alle zu ihr, jeder wollte ihr wenigstens die Hand drücken. Über die sich um sie herum zusammendrängenden Köpfe hinweg bemerkte sie, daß jemand im Zimmer auf dem Bette lag. „Wer ist denn krank?“ „Zygmunt.“ Sie ging rasch ins Zimmer hinein und setzte sich zu ihm aufs Bett. Zygmunt und Anka unterhielten sich lange. Und Freude bemächtigte sich aller. Eine schwere Last war allen vom Herzen gefallen. Von da an war jeder Augenblick wie- der von Heiterkeit erfüllt. Die jungen Menschen freuten sich übereinander wie nie zuvor. In derselben Woche begingen sie zu Ankas Ehren einen der schönsten Abende. Es war die Begrüßung des Sabbaths. Die Vorbereitung für diese Festlich- keit dauerte ganze zwei Tage. Alle erwarteten sie mit höch- ster Spannung. Sie sollte am Freitag bei Dämmerung anfan- gen und erst bei Morgengrauen beendet werden. Diese Festtradition wurde in der Bewegung seit Jahren gehütet. Aus der Reihe der Wochentage wechselte man plötzlich zum Feiertag über. Man wartete in frommer Andacht auf den Augenblick, da in der festtäglich geschmückten Stube auf einmal die Kerzen aufflammten. Innerlich bewegt setzten sich die Mädchen in weißen Blusen und die jungen Männer in weißen Hemden mit breiten Umlegekragen um den weiß- gedeckten Tisch. Einen Augenblick herrschte Stille. Dann brach aus allen Kehlen ein mächtiges Begrüßungslied. Die Augen glänzten vom Kerzenschein. Tiefe Rührung zeichnete sich in den weitgeöffneten Augen ab. Es war, als trete in die Menschen eine andere Seele ein; eine reinere und bessere. So war es immer, seit Jahren. Ob im stillen Dorf oder in der lauten Stadt, ob hoch in den Bergen oder inmitten von Fabrik- 280 acornst dem gl begrüßt Sie hatt zlückli \ en A Man gri un an iprocheı la LbleK$ chen, setzten# n Männer schornsteinen— immer gingen sie mit demselben Lied, mit dem gleichen Gefühl dem Sabbath entgegen. Aber heute begrüßten sie ihn in diesem Kreise zum letztenmal. Sie hatten kein böses Vorgefühl. Sie waren ausnehmend glücklich, Lied für Lied erklang in einer wohltönenden herz- lichen Melodie und vereinte sie immer stärker und immer fester! Aber inmitten des Glücks, das sie bis an den Rand er- füllte, fiel plötzlich das Wort: Dies ist unsere letzte Sabbath- feier. Man griff es auf— und prägte es sich im Gedächtnis ein. Von nun an wurde von dieser Sabbathfeier niemals anders ge- sprochen. Dolek saß am Ende, um ihn herum versammelt waren all die * lieben, herzlichen, strahlenden, wackeren und so ungeheuer vertrauten Gesichter. Die Menschen saßen eng gedrängt, einer neben dem anderen. Schon längst war die Stube voll, aber noch immer kamen neue an, und für alle mußte Platz sein. In einer Ecke saß Marta'. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf Dolek, auf die erhellten Gesichter, auf die brennenden Kerzen. Sie verbrachte den Sabbath zum erstenmal außerhalb ihres Hauses. Vor einigen Tagen war sie aus Tomaszöw wegge- fahren. Sie hatte das Ghetto in dem Augenblick verlassen, als bereits die Aktion eingeleitet worden war. Sie wußte, daß sie ihre Eltern vielleicht niemals mehr sehen würde. Sie waren im Wesen jung geblieben. Als der Vater sie verabschiedete, hatte er gesagt: ‚Schade, daß ich nicht einige Jahre jünger bin. Ich würde bestimmt mit euch gehen!“ Marta hatte diese Worte in sich aufgenommen und in ihrem Herzen bewahrt als das teuerste Andenken an ihren Vater. Und jetzt dachte sie unaufhörlich daran. *Towa Fuchs; kam um. Sie hatte kein Heim mehr! Sie hatte kein Heim mehr! Dort hatte die Aktion sicher schon Vater und Mutter und die jüngere Schwester weggerafft, und sie blieb allein auf der Welt. Sie war erst siebzehn Jahre alt. Sie ließ den Blick ihrer weitgeöffneten Augen umherschweifen. Sie empfand keinen Schmerz, keine Sehnsucht nach ihrem verlorenen Heim, nadı ihrer Kindheit, nach ihrer sorglosen Tugend, die für immer verloren war. Ihr Platz war hier, hier unter dieser jungen Schar. Sie fühlte sich in dieser gedrängt vollen Stube wohl... Und es tat ihr so gut, Doleks Worten zuzuhören. Sie kannte ihn seit Jahren. Sie fühlte deutlich heraus, daß er heute an- ders sprach, als er früher zu reden gewohnt war. Früher hatte in seinen Worten eine Macht, eine Schaffenskraft gebebt, die einen an das Leben glauben und es lieben ließ. Heute aber klang darin die Ahnung eines unvermeidlichen Endes, dem man stolz entgegenzugehen habe. Und es war so, als fühle er den nahenden Tod, denn er sprach oft von ihm. Er glaubte nicht daran, daß man überleben könne, und wollte nicht, daß die anderen daran glaubten. Er wollte keine Illusionen. Er wünschte, jeder, der sich zur Arbeit auf den Weg begab, solle sich dessen bewußt sein, daß das Ende nahe. Daher wart er auch jetzt in die heitere festliche Stimmung seine harten Worte: „Von unserem Weg gibt es keine Rückkehr. Wir gehen den Weg des Todes; denkt daran. Wer das Leben wünscht, der suche es nicht unter uns. Wir sind am Ende. Nur ist unser Ende keine Abenddämmerung. Unser Ende ist ein Tod, dem ein starker Mensch selber entgegengeht. Ich fühle, daß es die letzte gemeinschaftliche Begrüßung des Sabbaths ist. Wir werden diesen Stadtbezirk verlassen müssen. Wir erregen ringsum zu großes Aufsehen. In dieser Woche werden wir langsam anfangen, unseren liebgewordenen Sammelpunkt in Nummer dreizehn aufzugeben. Damit wird noch eine Phase 232 fuhr: strukt Vater zuver‘ für la derei Ihrge Die T wie m und z diese erheh Punk Geme Nanı nicht Stille figer aus,; derl Und in unserem Leben abgeschlossen. Wir dürfen jedoch nichts bereuen. Es muß so sein.“ Als dieses letzte Abendessen dem Ende zuging, graute schon die Morgendämmerung vor den Fenstern. Am nächsten Tag, es war der Sonntag, bildete Dolek eine neue Fünfergruppe. Zu ihr gehörten Toska, Marta, Henek!, Rena? und Giza. Sie brachen zur Arbeit auf. Jeder von ihnen fuhr an eine andere Stelle. Dolek gab ihnen die letzten In- struktionen auf den Weg und etwas, was dem Segen eines Vaters gleichkam. Nein, es war kein Segen. Es waren Worte zuversichtlichen Mutes, es war die Kraft, deren Vorrat ihnen für lange Zeit reichen sollte. Obwohl sich durch dies alles der eine Gedanke spann: Ihr geht in den sicheren Tod! Die Tage der ersten Krise nahten. Mit dieser Arbeit war es wie mit der Musik, wie mit Tönen, die einzeln entschlüpfen und zu einer harmonischen Melodie zusammenfließen. Und diese Melodie hat nichts von Monotonie an sich; die Töne erheben sich farbig immer höher, bis sie zu ihrem höchsten Punkt gelangen. Dann erklingt der Akkord. Eine mächtige Gemeinschaft hoher Töne erschallt rundum mit reinem Klang. Das ist der Höhepunkt der Melodie. Sie endet noch nicht, nein. Aber nach diesem starken Akkord muß eine Stille eintreten, damit die harmonischen Töne um so mäch- tiger wirken. Das Instrument schweigt, der Künstler ruht aus, aber die Musik klingt in den Ohren nach, und die Wellen der Luft erzittern noch immerzu, angefüllt mit hellen Tönen. Und wenn dieser höchste Akkord verklingt und nur noch wie aus der Ferne die letzten gedämpften Akkorde heranschwe- ben, schlägt der Künstler die Saiten von neuem leise an und erweckt wieder eine neue Melodie. Anfangs schlägt er die Tasten ganz weich an, aber dann entwickeln sich die Töne, 4 Henryk Monderer; kam um. 2 Regina Feuerstein; kam um. von neuem schwingt sich die Melodie hoch und steigt empor, steigt zu den höchsten Höhen— bis der starke Akkord er- schallt, auf welchen einen Augenblick Stille folgen muß. So verhielt es sich auch bei ihnen mit der Arbeit in dem Augenblick, da ich diese Worte schreibe. Es leben noch zahl- reiche von denen, die abends aus dunklen Gassen vorstießen, dem Opfer einen Schlag versetzten, seine Waffe erbeuteten und in tiefer Finsternis verschwanden; von denen, die in belebten Straßen Flugzettel verbreiteten, die die Menschen aus ihrer Erstarrung wecken sollten; von denen, die unter den Augen der aufmerksam forschenden Geheimpolizei ihre Maulwurfsarbeit leisteten und für die Saat der Freiheit den Boden lockerten; von denen, die sich vor nichts in der Welt fürchteten und sich nur einen würdigen Tod wünschten. Viele von uns warten hinter Gefängnismauern auf den Tod. Die Untersuchung ist in vollem Gange. Jedes Wort kann für das Los jener einen Ausschlag geben, die noch ihre Freiheit ausnützen und ihre Arbeit durchführen. Ich muß mich daher in meiner Schilderung immerzu beschränken. Noch steht mir nicht frei, das zu erzählen, was diese jungen unerschrockenen Menschen vollbracht haben. Jeder Abend war von einer Tat gekrönt. Jede Tat erweckte bei denen ein Echo, die sich als Herren über Leben und Tod von Millionen wehrloser Menschen wähnten. Diese Abende hatten jedoch eine gewisse Steigerung, sie wurden immer gehaltvoller, immer bestimmter. Die Beteiligten näherten sich langsam dem Kulminationspunkt, dem ersten Wende- punkt. Es war Anfang November, die Nächte waren schon lang, immer dichterer Nebel lag über der Erde. In einer öffentlichen Anlage duckte sich die Dreiergruppe Dolek, Jedrek und Stefek zwischen Sträuchern nieder. Es war eine auserlesene Dreier- gruppe. Jedrek war eigentlich erst vor kurzer Zeit an die Oberfläche emporgekommen. Er war Justas Zögling. Sie hatte 284 immer große Hoffnungen in ihn gesetzt. Seit seinen jüngsten Jahren hatte ihn jedoch eine gewisse Art von Zynismus ge- kennzeichnet. Dieser drückte sich in seinem Witz aus, in seiner gleichgültigen Einstellung gegenüber allem, was andere begeisterte, und schließlich auch in seinem ganzen Gesicht. Und obwohl Justa Zynismus haßte, hatte sie daran geglaubt, daß sich Jedreks Zynismus sicherlich einmal als schöpferisch erweisen würde. Dieses Paradoxon hatte niemand verstan- den. Nur Justa hatte an ihn geglaubt, obwohl sie es nicht näher zu erklären vermochte. Als Jedrek sich von der Bewe- gung zurückgezogen hatte, gaben Angehörige der Gruppe ihr fein zu verstehen, daß alle ihre Hoffnungen fehlgeschlagen seien; sie aber hatte ihn trotzdem als einen ihrer Leute an- gesehen und darauf gewartet, daß Jedrek zurückkäme. Nach einigen Jahren war er zurückgekehrt. Aber genau zur rechten Zeit. Sein Zynismus zeigte sich wirklich als positive Eigen- schaft. Er erlaubte ihm, stets kaltes Blut zu bewahren. Stefek war ebenfalls erst vor kurzer Zeit auf dem Schau- platz der Bewegung erschienen. Vielmehr, er war ebenfalls erst vor kurzem auf ihn zurückgekehrt. Eigentlich wußte nie- mand recht, was man von ihm denken sollte. Er schwieg wie ein Grab. Dieses Schweigen versprach viel. Es ließ in ihm einen ausgereiften Mann von großer Klugheit und starkem Charakter vermuten. Seine gesunde und ernste Haltung ver- vollständigte das Ganze. Es hatte Augenblicke gegeben, in denen man schwankte, ob man diesem Schweigen trauen dürfe. Aber letzten Endes arbeitete er gewissenhaft und war öfter unersetzlich. Wenn es sich um außergewöhnliche Lei- stungen handelte, gehörte er zu den wichtigsten Kräften. Und die heutige Leistung sollte wirklich wichtig sein. Sie sollten den höchsten Akkord anschlagen. Sie warteten nicht lange. Nach einer Weile schon hörten sie schwere stolze Schritte. Inder Dunkelheittauchte die riesige Ge- stalt eines Wachtmeisters auf. Sie war in diesem Augenblick 285 das Symbol des Stolzes, der Gewalt, der Übermacht und des schändlichen Übels, das aus der Welt verschwinden mußte. Die stille Empörung, der seit Monaten unterdrückte Grimm brach plötzlich mit einer bis dahin unglaublichen Kraft aus. Ein Augenblick der Entladung— und das verkörperte Übel lag in seinem Blut. Die erbeutete Waffe krampfhaft in der Tasche haltend, mischten sich die drei unter die Menschen- menge. Niemand bemerkte sie. Durch die Schüsse erschreckt, flohen alle in panischer Angst; alle dachten nur an sich, nur daran, daß der Verdacht nicht auf sie fallen möge. Aber unsere Dreiergruppe ging in völliger Ruhe langsam nad Hause. Sie machte einen Umweg, ging durch Seitenstraßen, um auf alle Fälle ihre Spuren zu verwischen. Die drei Mann konnten jedoch beruhigt sein. Es verfolgte sie niemand. Als Dolek nach Hause kam, spürte er heftige Kopfschmerzen. Vielleicht tat er nur so. Er wollte unbedingt allein sein. Er wollte Stille und Ruhe. Er legte sich aufs Schlafsofa, und alle gingen leise aus dem Zimmer. In der Stadt begann sich alles zu regen. Dies war den Behörden nun doch zu viel. Hier merkten sie bereits, daß die illegale Macht größer wurde, daß der Widerstand die Ausmaße eines Kampfes annahm, daß man den Aufstand im Keim ersticken, daß man die Hydra erwürgen mußte, bevor sie ihren Kopf höher reckte. Oh, wie haßten die Behörden diese jungen Menschen, die sich jetzt zu einer großen Tat erhoben! Und was für Angst sie hatten, was für grenzenlose Angst. Und wie schämten sie sich, daß es jemanden gab, der ihnen Widerstand zu leisten wagte. Wie sehr schämten sie sich, daß da ein geheimer Apparat tätig war, den sie bis dahin nicht auszuschalten vermocht hatten. Obwohl nun in den Zeitun- gen in großer Schrift von dem Tod des Helden stand, der in treuer Pflichterfüllung auf seinem Posten gefallen war, lan- cierte man gleichzeitig billige Versionen, daß er durch die Hände unbekannter Straßenräuber ums Leben gekommen sei 286 oder sich aus bis jetzt noch niemandem bekannten Gründen selbst das Leben genommen habe. In immer neuen Varianten verbreitete sich die Nachricht von dem geheimnisvollen Attentat, doch immer bemühten sich die Behörden, ihm den Charakter eines Konflikts auf der Straße oder einer privaten, persönlichen Intrige zu ver- leihen. Nichtsdestoweniger wurden Vorsichtsmaßnahmen ge- toffen, und allein schon dadurch gaben die Behörden die Tatsache offiziell zu, daß sie ernstlich mit einem Gegner rechneten, der als Untergrundbewegung arbeitete, daß sie ihn als einen Feind, als einen gleichwertigen Gegner behan- delten. Die Polizeistunde wurde von elf auf neun Uhr abends vor- verlegt. Panische Angst ergriff die Bevölkerung; kaum war die Dämmerung hereingebrochen, wurden die Straßen leer, und die Menschen eilten nach Hause. Patrouillen streiften häufig durch die Straßen, maßen die Passanten mit argwöhnischem Blick, revidierten diesen oder jenen und verbreiteten Schrecken. Dies waren jedoch nur Vorkehrungsmaßnahmen für die Zu- kunft. Man mußte aber gleichzeitig den Täter finden, auf jedem möglichen Weg zu ihm vordringen. Es begann das Suchen vermittels Geiseln. Man hatte sich allem Anschein nach schon den richtigen Weg ausgesucht. Unter den zwanzig aus dem Ghetto ausgewählten Geiseln befanden sich solche, die die richtige Adresse angeben konnten. Man brauchte sich über nichts zu wundern. Niemand im Ghetto kannte auch nur die geringste Einzel- heit, Es hatte auch nicht einmal jemand gewußt, in welcher Richtung die Arbeit der Bewegung ging, alle hatten bloß Berausgefühlt, daß sich hier ein Aufstand vorzubereiten schien. Für einen feigen Menschen, der das Messer an der Kehle spürte, war es darum die einfachste Sache zu sagen: „Die sind es!“ 287 Und obwohl niemand bei der Arbeit ertappt worden war, befand sich in einem einzigen Augenblick die ganze Leitung auf dem Index. Zwar lag alles vorläufig noch in der Hand der Miliz, aber diese stürzte sich mit Feuereifer auf diese Auf- gabe, als täte sie es für eine heilige Sache. Die Leitung der Bewegung erfuhr von der Gefahr rechtzeitig. Sie beschloß, sich sofort am nächsten Tag zu tarnen und den Stadtbezirk zu verlassen. Sie war nicht im geringsten er- schrocken. Im Gegenteil— dieser beginnende Endkampf machte den Männern das Blut in den Adern warm. Sie fühl- ten, daß der Augenblick näher rückte, in welchem der Kampf offen geführt werden müßte. Sie freuten sich bei diesem Ge- danken. Ihre Laune hatte sich gebessert. Sie legten einen ge- nauen Plan fest. Am nächsten Tag morgens wollten sie zur (verwischt) schreiten. In dieser Nacht sollten sie sich lediglich unter einer fremden Adresse verstecken. Sie behandelten die Angelegenheit ziemlich leichtfertig. Sie erwarteten seitens der Miliz keine besondere Eile. An diesem Abend war Ewa von der Reise zurückgekehrt. Sie war sehr müde, hatte es kaum geschafft, sich mit Dolek zu begrüßen, und wollte sich gleich schlafen legen. Dolek beabsichtigte gerade, das Haus zu verlassen. Er hatte beschlossen, in der Wohnung seiner Mutter zu übernachten. Die Wohnung war dort frei, denn die Eltern waren seit der letzten Aktion außerhalb des Ghettos geblieben. Mira be- fand sich auf Reisen. Sie war nach Radom gefahren, um mit dem dortigen Stützpunkt Kontakt herzustellen, mit Sabina. Es gab also im Hause Platz genug. „Du kommst mit.“ „Warum denn? Wohin?“ fragte sie erstaunt. Er erzählte es ihr kurz. Sie hörte es sich völlig ruhig an. „Nun?“ „Ich bleibe hier. Ich bin furchtbar müde. Ich werde heute nirgendwo hingehen, ich habe keine Kräfte mehr. Und 288 außerdem wird heute noch nichts passieren“, setzte sielachend hinzu. Indessen passierte sogar sehr viel. Gleich nachdem Dolek fortgegangen war, schlief Ewa fest ein. Ihre mehrtägigen Strapazen hatten eine Ermüdung zur Folge gehabt, die sie jetzt übermannte und völlig kraftlos machte. Sie hörte nicht einmal das laute Klopfen an der Tür. Und dabei war es erst halb zehn. Sie hörte auch nicht, wie zehn Milizsoldaten in die Wohnung traten. Sie kamen stapfend und lärmend herein. Sie waren„Sieger“. Einen Teil ihrer Aufgabe hatten sie bereits erledigt. Vor einer Weile hatten sie Maniek auf die Polizei abgeführt. Wie immer hatte er damit gerechnet, daß ihm nichts passieren würde, und war zu Hause geblieben. Für den Anfang war ihnen alles glänzend gelungen. Sie be- traten nun also die Wohnung schon selbstbewußt. Ewa schlief fest. Erst die lauten Stimmen weckten sie. Sie erhob sich. Ihr Blick fiel auf Artur‘. Er war ihr Studienkamerad, ihr Partner im dramatischen Zirkel, beinahe ein Freund, ihr Gesellschaf- ter bei früheren Vergnügungen und, was sich daraus gewöhn- lich ergibt, sicher auch ihr Anbeter. In jüngster Zeit, bereits als Milizsoldat von hohem Rang, hatte er sich öfter bei ihr sehen lassen. Sie hatten offen miteinander gesprochen. Man hatte Vertrauen zu ihm gehabt, wollte ihn für die Sache ge- winnen. Er war ihr auch gar nicht abgeneigt, es fehlte eigent- lich nur noch, daß er den Entschluß faßte. Aber auch diesen erwartete man innerhalb kurzer Zeit. Als Ewa seinem Blick begegnete, dachte sie: Es wird schon irgendwie gut gehen! Schließlich ist ja Artur dabei. Und er dachte: Schade um das schöne Mädchen. Aber es läßt sich nun mal nicht ändern; ich werde hier nicht in Sentimen- talität machen. Und er sagte: ‚Wir kommen Dolek abholen.“ Artur Lefler, Milizsoldat, der im Auftrag der Gestapo den Mitgliedern des Krakauer Jüdischen Kampfbundes nachspürte. 19 F 18/58 289 „Er ist nicht hier“, sagte sie hart. „Wo ist er?“ „Das ist nicht eure Sache.“ „Dann mußt du mit uns gehen.“ „In welcher Eigenschaft?“ „Als Geisel.“ Gut Und sie ging mit. Man führte sie auf die Polizeiwache. Sie war ruhig. Die anderen aber nicht. Sie hatten den Befehl be- kommen, alle Personen dieses Namens zu verhaften. Vor allem aber die Eltern. Sie machten sich daher noch einmal zu einem Feldzug auf. Der Stadtbezirk war klein, die Ent- fernungen gering. Bis zu der am weitesten entfernten Stelle konnte man in fünf Minuten gelangen. Daher befanden sie sich auch bald vor dem Hause von Doleks Eltern. Es war be- reits überall dunkel. Romek schlief mit Dolek auf der Couch. Sie waren in bester Zufriedenheit eingeschlafen. Die Aus- sicht auf die erste Auseinandersetzung mit der Miliz hatte sie ungemein gereizt. Sie hatten sich vor Erwartung direkt die Hände gerieben und nur darauf gewartet, daß der End- kampf begann. Sie schliefen daher den Schlaf zufriedener Menschen, als die zehn uniformierten Männer die Schwelle überschritten. Es wurde Licht gemacht. Dolek und Romek wachten auf. Mit einem Blick überschauten sie die Lage. Sie sagten nichts, blieben weiterhin ruhig liegen und sahen die Erschienenen gleichgültig an. Aber als Artur Dolek bemerkte, erwachte in ihm so etwas wie Gewissen. Er hatte nicht ge- wußt, daß er ihn hier antreffen würde. Er war daher innerlich nicht darauf vorbereitet. Wie sollte er sich diesem Menschen gegenüber verhalten, gegen den er sich armselig vorkam? Um nun Zeit zu gewinnen, tat er, als sähe er die Männer auf der Couch nicht, und führte alle neun Mann in das benach- barte Zimmer. Er nannte den Vor- und Zunamen. Aber hier wohnte eine ganz fremde Familie. 290 „So eine Familie wohnt hier nicht.“ Es blieb nun Artur nichts weiter übrig, als seine Leute wieder in die erste Stube zu führen. Er nahm allen Mut zusammen, holte tief Atem und sagte ein wenig zaghaft: „Wir sind zu dir gekommen, Dolek.“ „Sogar hierher?“ „Wir haben dich in deiner Wohnung gesucht.“ „Und?“ „Wir mußten Ewa als Geisel verhaften.“ „Ich verstehe. Ich werde jedoch mit euch nur unter der Be- dingung mitgehen, daß ihr zuerst meine Frau freilaßt.“ „Gut. Mache dich fertig; ich werde unterdessen zur Wache gehen. Bevor du beim Polizeigebäude bist, wird Ewa frei sein.“ Artur ging hinaus. Dolek sprang aus dem Bett und zog sich eilig an. Er war bereits fertig, brachte aber noch immer ver- schiedene Kleinigkeiten an seiner Kleidung in Ordnung. Im Grunde genommen suchte er etwas. Schließlich sagte er: „Ich bin bereit.“ Als die Milizsoldaten sahen, daß er zum Mitgehen fertig war, atmeten sie erleichtert auf. Sie hatten Widerstand befürchtet, daher überraschte sie dieser Gehorsam ein wenig. Es war ihnen zwar unverständlich, warum er während seines An- kleidens so lange getrödelt hatte, aber schließlich hatten sie ihn schon in ihren Händen. Und was ging sie alles andere an? Sie traten in die dunkle Herbstnacht hinaus. Ihre Schritte hallten in dem zur Ruhe gegangenen Stadtbezirk laut wider. Es waren neun uniformierte Milizsoldaten und Dolek als einziger in Zivil. Dolek ging langsam. Er bemühte sich, den Marsch zu brem- sen. Er spekulierte auf Zeitgewinn. Schon von weitem be- merkte er Artur. Er kam allein zurück. „Wo ist Ewa?“ 19 F 291 „Man läßt sie nicht früher los, als bis du an Ort und Stelle bist.“ „Aha“, murmelte Dolek. Er begriff jetzt, daß es hart auf hart ging. Das Polizeigebäude war nicht mehr weit entfernt. Jeder Augenblick bedeutete nun das Leben. Er erwog die Chancen. Er mußte Ewa von dort herausbe- kommen. Und zwar sofort. Dann würden sie zusammen weg- laufen. Er hatte sich schon einen Plan ausgedacht, nach dem er vorgehen wollte. Er würde seine Frau unter dem Vorwand zu sehen verlangen, daß er sich von ihr verabschieden wolle. Wenn sie dann zusammen wären, würde er unverhofft einen Schuß abgeben und mit ihr fliehen. In einer Entfernung von ungefähr hundert Schritt wurde das Gebäude der Miliz sichtbar. Dolek überprüfte sein Vorhaben noch einmal. Im letzten Augenblick bemerkte er in seinem Plan Fehler. Aller Wahrscheinlichkeit nach würden sie Dolek und Ewa nicht gestatten, sich zu verständigen. Vielleicht würde er sie gar nicht mehr zu sehen bekommen. Der erste Teil des Planes war also hinfällig. Dabei konnte man nicht wissen, wie es dort im Innern des Gebäudes sein würde, wer ihn erwartete. Vielleicht würde sich dort eine Verteidigung als unmöglich herausstellen. Vielleicht sollte man doch nicht warten. Vielleicht lag hier wirklich die letzte Chance. Man konnte Ewa ohne Mühe befreien; sofern er selbst auf freiem Fuß wäre, würde schon alles gelingen. Er durfte sich ihnen jetzt also nicht ergeben. Plötzlich blieb Dolek stehen. Er griff in die Tasche. Die zehn Uniformierten blieben ebenfalls stehen, sie waren erstaunt. Dolek zog in aller Ruhe seine Pistole hervor und sagte langsam: „Und jetzt, Jungens, lauft, sonst schieße ich.“ Niemand von ihnen hatte eine Waffe. Dies war noch ein weiterer, vielleicht sogar der stärkste Beweis für ihre ernied- rigende Stellung. Sie standen im Dienst der Regierung und 292 übten die Gewalt über die Bevölkerung des Stadtbezirks aus. Sie hatten sich dem Okkupanten zur Verfügung gestellt, hatten einfach ihre Seele verkauft. Doch obwohl das Regime ihnen die Oberherrschaft über die Menschen anvertraut hatte, war sein Vertrauen zu ihnen nicht so weit gegangen, sie auch zu bewaffnen. Außer Mütze und Gummiknüppel besaßen sie nichts. Man brauchte sich daher vielleicht gar nicht darüber zu wundern, daß(verwischt) ständig, zwischen Verachtung und Haß, sich die Feigheit in ihnen vertiefte. Einer fürchtete den anderen. Dem einen zeigten sie ihre Angst durch knech- tische Erniedrigung, den anderen durch das Herumfuchteln mit dem Gummiknüppel. Beim Anblick der Feuerwaffe zitter- ten sie förmlich vor Angst. Als sie jetzt die Worte„sonst schieße ich!“ hörten, gaben sie Fersengeld. Im Nu machten alle kehrt und stürmten davon, was ihre Kräfte hergaben. Als sie sich im Tor des Miliz- gebäudes befanden und sich bereits sicher fühlten, drehten sie sich noch einmal um und riefen, sei es zu ihrer Ehren- tettung oder sei es, um die Angst zu verbergen, die sie schüttelte: »Wahnsinniger! Wohin läufst du?“ Aber Dolek war inzwischen in der Dunkelheit verschwun- den.! ” Kaum hatte sich die Tür hinter der Polizei geschlossen, die Dolek abgeführt hatte, war Romek mit einem Satz aus dem Bett gesprungen und hatte sich eilig angezogen. Er war sich völlig darüber klar gewesen, daß er nur durch einen Zufall ungeschoren geblieben war. Die Milizsoldaten waren nämlich zu sehr mit Dolek beschäftigt gewesen, als daß sie sich für die Identität des anderen Mannes hätten interessieren kön- nen. Er mußte sofort etwas unternehmen. Schnell verließ er !Ein allgemein bekannter Vorfall im Krakauer Ghetto. 293 das Haus, in dem ihm jeden Augenblick neue Gefahr drohte. Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, machte er seine Taschenlampe nicht an und schlich sich über den Hof weg. Er kroch durch ein Loch im Zaun, passierte das kleine Gärt- chen und befand sich vor dem Haus Nummer dreizehn. Hier schlief man noch nicht. Noch sangen sie ihr Lied zu Ende, Noch hatten sie sich dies und jenes zu sagen. Der Tag erschien ihnen immer zu kurz; außerdem fühlten sie, daß die Stunde heranrückte, in der sich alle trennen mußten. Es tat ihnen daher um jeden Augenblick, um jede Nacht leid, die sie ver- schliefen. Den Schlaf sahen sie als Zeitverlust an, deshalb verkürzten sie die Schlafenszeit auf wenige Stunden. Die Abende zogen sich lange, lange hin, stundenlang ertönten Lieder. Als Romek blaß und mit zusammengepreßten Lippen in der Tür erschien, riß der Gesang mitten im Lied ab. Die Anwesenden starrten Romek bestürzt an. Er schloß die Tür hinter sich, sagte kein Wort. Mit den Händen in den Taschen schritt er, von zehn entsetzten Augenpaaren begleitet, in gerader Haltung durch die Küche, ging ins Zimmer hinein, setzte sich auf Zygas Bett und sagte zunächst nichts. Er be- mühte sich, seine Gedanken zu sammeln. Er beugte sich über den Kranken und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Die anderen beobachteten die Szene von weitem. Sie sahen die ganze Gefühlsskala, die sich auf Zygmunts Gesicht abzeichnete: von grenzenlosem Erstaunen über Entsetzen und Erschütte- rung bis zu Beherrschung und mühsam erzwungener Ruhe. Sie beratschlagten ein Weilchen. Sie sprachen flüsternd. Nie- mand wußte, was geschehen war. Alle warteten gespannt. Plötzlich erhob sich Romek und rief zur Küche hinüber: „Marysia!“! Sie eilte sofort herein. Auch sie war ganz blaß. Ihr kindliches Gesicht drückte tiefe Unruhe aus. Wie immer, wenn sie 1 Minka Brenner; kam um. 294 erschrocken war, nahmen ihre Augen einen leicht schielen- den, reizvollen Ausdruck an. „Bitte!“ sagte sie folgsam und hockte sich am Bett hin. „Du mußt sofort zu Doleks Eltern gehen. Weißt du, wo das ist?“ „Freilich.“ „Mach unterwegs kein Licht. Du mußt dich einschleichen, dich geräuschlos bewegen. Dort ist Material versteckt.“ „An welcher Stelle.“ Er beschrieb ihr ausführlich, wo etwas lag. Sie warf sich einen Mantel über und eilte hinaus. Nach einem Augenblick war sie schon vor den Fenstern der Familie Markiewicz!. Sie klopfte an die Scheiben. Es meldete sich niemand. „Dolek!“ rief sie leise. Wieder kam keine Antwort. Sie klopfte noch einmal. Dies- mal etwas stärker. Aus dem anderen Fenster beugte sich ein fremdes Gesicht vor. ‚Zu wem wollen Sie jetzt bei Nacht?“ „Zu Markiewicz.“ „Sie sind nicht zu Hause.“ „Es handelt sich um ihren Sohn.“ „Wissen Sie nichts?“ „Was denn?“ „Die Polizei hat ihn vor einer Stunde mitgenommen.“ Marysia wurde sprachlos. Sie faßte sich jedoch im selben Augenblick und rief: „Lassen Sie mich bitte ein! Ich muß hinein! Ich muß un- bedingt hineingehen!“ Sie erkannten sie an diesen Worten. Sie war ja so manches Mal zu Mirka gekommen. Man machte ihr die Tür auf. Sie fand alles auf Anhieb. Sie packte das ganze Material zusam- men und kehrte wieder durch Zäune und Gärten in das Haus Nummer dreizehn zurück. ' Der„arische“ Familienname von Dolek Liebeskinds Eltern. 295 Als Marysia hereinkam, wußten bereits alle, daß Dolek ver- haftet worden war. Sie merkte es sofort, als sie in den ge- senkten Gesichtern die unsagbare Trauer sah. Es sah aus, als wäre das Ende aller Dinge gekommen. Sie ging zu Romek und übergab ihm das ganze Material. Alles wurde jetzt ohne Worte verrichtet. Ihre Kehlen vermochten keinen Laut hervorzubringen. Eine unheilvolle Stille hing lange über der Stube. Niemand rührte sich. Plötzlich fuhren alle zusammen. Vor den Fenstern erscholl auf einmal das Gestapfe schneller Schritte. Jemand lief eilig an den Fenstern vorbei. Dann erschollen wieder Schritte, noch schnellere, danach wieder andere und noch andere. Etliche Männer liefen über den Hof, hin und zurück. In den Schall der Schritte mischten sich Zurufe und Pfiffe. Alle ver- standen blitzschnell. Sie suchen Romek, dachten sie gleichzeitig. Sie machten das Licht aus, hielten den Atem an. Und dort, vor den Fenstern, wurden die Schritte immer schneller, die Zurufe immer lauter. Man war sich klar, daß nicht gewartet werden durfte.— Vor allem mußte man Romek verstecken. Er mußte dem Verder- ben entrinnen, da nun schon Dolek... diesen Gedanken wagten sie nicht zu Ende zu denken. Sie waren zu sehr be- täubt, um zu begreifen, was geschehen war. Sie fühlten da- her nur, daß sie Romek retten, ihn um jeden Preis retten mußten. Sie nahmen ein Bett auseinander, Romek legte sich unter die Matratzen, dann breiteten sie ein Laken darauf aus und bedeckten es mit dem Bettzeug. Zwei Mädchen legten sich darauf schlafen, als wenn nichts gewesen wäre. Die anderen legten sich auch schlafen. Es mußte der Eindruck erweckt werden, als schliefen sie auf die normalste Weise von der Welt. Jedoch machte in dieser Nacht niemand ein Auge zu. Erwarteten sie doch jeden Moment, daß sich die Tür auftat und eine ganze Milizabteilung in die Wohnung hereinstürzte. 296 ARE) Sie wären dann alle mitgegangen, aber Romek hätten sie um ndeng- nichts in der Welt herausgegeben. Sie wußten nicht, daß diese Verfolgung durch Doleks Flucht verursacht worden war. Als die zehn Milizsoldaten auf der Wache ohne den Gefangenen erschienen waren, hatte man ihnen befohlen, sich sofort auf seine Verfolgung zu begeben und ja nicht ohne ihn zurückzukommen. Zu dieser Verfolgung war die ganze Polizei mobilisiert worden. Das ganze Ghetto sGestap' wurde durchstöbert. Am längsten dauerte das Suchen in dem mvorbi Häuserblock, wo die Familie Markiewicz wohnte. Dort gab 2, dan es unzählige Schlupfwinkel, Höfe und Gärtchen. Die ganze Nacht hindurch liefen sie zwischen den Häusern umher, leuch- &Indt teten mit der Laterne in jeden Winkel hinein, sie hatten doch Allewe zu finden. Für die Miliz war es eine Schmach, daß ein einziger Mann zehn Polizisten entlaufen war. Als der erste Anfall von Angst von ihnen gewichen war, jagten fünfzig Mann einem Mutigeren nach. Und in der Stube des Hauses Nummer dreizehn warteten die Menschen mit angehaltenem Atem. Immer wieder leuchtete man in ihre Fenster, näherten und entfernten sich Schritte. Die Zurufe ebbten ab und verstärkten sich von neuem. Jeden Augenblick schien es, daß sich die Tür gleich, sofort öffnen würde. Man war ihnen so nahe. Und man kannte doch dies srettt Haus Nummer dreizehn schon seit langem. Es gab nichts einfacheres als hineinzugehen und sie alle mitzunehmen. ı unter d Die Polizisten kamen jedoch nicht herein. Sie übergingen dieses Haus, das sie so gut kannten und das immer voller junger Menschen war. Welchem Umstand das zuzuschreiben » war? Man wußte es wirklich nicht. Wahrscheinlich diesem, kernel daß die Milizsoldaten nach dem erschütternden Vorfall mit Dolek den Kopf verloren hatten. Sie handelten in ihrer Verwirrung unbeholfen. An die hun- r dert Mal leuchteten sie in das nämliche Fenster, aber nicht Küpzt ein einziges Mal bemerkten sie etwas Verdächtiges. Die 297 Bestürzung hatte ihnen einen Schleier über die Augen gezogen. Gegen Morgen verstummten die Schritte, die Milizsoldaten waren weg. In der Stube wartete man noch eine Stunde. Die Häscher konnten ja noch einmal zurückkommen. Aber es blieb ruhig. Es erschien niemand mehr. Draußen dämmerte schon der Morgen. Die jungen Menschen hätten jetzt eigentlich aufstehen und sich anziehenmüssen. Es rührte sich jedoch niemand. Niemanden drängte es danach, sich von seinem Lager zu erheben, obwohl sie alle gefährdet waren, obwohl das Leben im Haus Nummer dreizehn seinen ganzen Reiz verloren hatte. Sie wollten dieses letzte Heim in ihren Leben nicht verlassen. Sie waren die letzten Stunden unter ihrem eigenen Dach. Ihre letzten inherzlicher Gemeinschaft. Das erste Morgengrauen stahl sich durch die Fensterscheiben. Die Menschen erhoben sich langsam von ihrem Lager. Es begann ein neuer Tag— ein düsterer, schwerer Tag. Einschub Es gab wohl keinen Menschen in der Bewegung, der dort nicht wenigstens einen Abend verbracht hatte, Nicht einen einzigen— außer Justyna. Ihr allein war es nicht vergönnt gewesen, von diesem verhundertfachten Leben, in dem sic die Stunden in buntem Mosaik aneinanderreihten, wenigstens einmal zu schöpfen. Jeder, der dort eingekehrt war, schöpfte es in vollen Zügen und trug es mit freigebiger Hand hinaus. Vor allem ging er selbst mit allen Reichtümern seiner Seele hinaus. Jeder, der von dort hinausfuhr, hinterließ einen hellen Strahl von Erinnerungen, ob in einem unerwartet hin- geworfenen Gedanken, in einem schön gesungenen Lied oder in einem unwillkürlichen Scherz, jeder hatte mit seiner Per- son dieses gemeinschaftliche schöne Leben gebaut. (Damit reißt das Tagebuch ab) 298 JANINA HESCHELES MIT DEN AUGEN EINES ZWÖLFJÄHRIGEN MÄDCHENS a Du wi en VORBEMERKUNGEN Das Tagebuch der Janina Hescheles wurde der Jüdischen Histo- tischen Kommission vom Krakauer„Rat für Judenhilfe“ über- geben. Das Manuskript besteht aus drei Heften und ist mit großer, klarer Schrift(teils mit Bleistift, teils mit Tinte) geschrie- ben. Es enthält insgesamt 132 beschriebene Seiten. Der Text setzt sich aus zwei in sich geschlossenen Teilen zusam- men. Janka hatte zunächst die Erinnerungen aus den letzten Monaten ihres Aufenthalts im Janowskilager niedergeschrieben. Danach begann sie den zweiten Teil, der mit dem Augenblick der deutschen Okkupation einsetzt. Der Text wurde ohne Änderun- gen wiedergegeben. Korrigiert wurden lediglich orthographische Fehler, unverbessert blieben syntaktische und andere Fehler. (Ibernommen wurden auch alle semantischen Eigentümlichkeiten. Der Titel stammt von der Redaktion. Als die Verfasserin dieses Tagebuch schrieb, war sie zwölfJahre alt. Bei Erscheinen des Buches wünschte die inzwischen Fünfzehnjährige eine ganze Reihe von Verbesserungen, hauptsächlich stilistischer Art, durchzuführen. Der Bitte der Verfasserin konnte jedoch aus prinzi- piellen Gründen nicht entsprochen werden. Der Leser wird ohnehin annehmen, daß sie es Jahre später viel korrekter geschrieben hätte. Die Herausgeberin der polnischen Buchfassung, Maria Hoch- berg-Marianska, die den Text gliederte und kommentierte, schreibt in ihrer Einleitung: ‚Da ist noch ein gerettetes Menschenleben, das Leben eines Kindes, dem Todeslager entrissen— ein Tropfen in dem uner- gründlichen Meer des Verbrechens. Hier regierte nicht der Zufall, sondern eine bewußte, zweckmäßige, genau abgestimmte Arbeit; sie erwuchs aus einer glücklichen Zugehörigkeit des elfjährigen Mädchens zu Menschen, die der Literatur verbunden waren. Was wäre es für dieses Kind unter den Gefangenen des Janowski- lagers für ein Leben gewesen, ohne die Sehnsucht nach Poesie, 301 ohne das leidenschaftliche Verlangen, alles, was ringsumher ge- schah, ‚in Gedichten ohne Reim‘— wie sie schrieb— festzuhalten! Mädchen aus ihrer Gruppe, denen sie abends im Schein der auf den Piaski brennenden Leichen ihre Gedichte vortrug, machten einen Mithäftling auf sie aufmerksam. So wurde der Kontakt hergestellt zwischen der kleinen Gefangenen und einer Gruppe, die in einer geheimen Lagerorganisation arbeitete und der es gelang, Janka im August 1943 aus dem Lager herauszubringen und nach Krakau zu schaffen. Einige Wochen später erhielt sie dort ein graues Schreibheft und einen Bleistift. Dieses graue, mit deutlicher, kindlicher Schrift beschriebene Heft wurde von einem Ort zum anderen gebracht und sorgsam be- hütet. Das geschah zu einer Zeit, da ohne ausführliche Erläute- rungen bekannt war, daß die Entdeckung eines Papierfetzens, auf dem einige Worte verdächtigen Inhalts standen, häufig einem Todesurteil gleichkam. Schon die ersten Seiten dieses Heftes zeigten den ganzen Wert des Tagebuchs, das mit der Unmittelbarkeit eines Kindes geschrieben ist, unstreitig Talent und Beherrschung der literarischen Form ver- rät, schließlich aber auch von einem zuverlässigen Gedächtnis für Ereignisse zeugt, die mit genauen Daten und Namen belegt sind. Trotz aller Gefahren zögerten wir nicht, Öl ins Feuer zu gießen, und forderten Janka schon einige Wochen nach dem Verlassen des Lagers auf, ihre Erinnerungen niederzuschreiben. Es fügte sich ausnehmend glücklich, daß sie in ihrer ersten Krakauer Wohnung eine gewisse Freiheit hatte, sie brauchte wenigstens nicht vor den Hausgenossen zu lügen und sich zu verstellen, was ihr wahr- scheinlich in erheblichem Maße eine so sachliche und genaue Rekonstruktion ihrer Erlebnisse ermöglichte. Die kleine Gefangene überschätzte ihre Sicherheit. Nach den furchtbaren Monaten im Janowskilager wurden die Begriffe Zimmer, Bett und Stille für Janka sofort zum Inbegriff der Sicher- heit, während sie für uns nur Requisiten der Ruhe waren. Aber nach einigen Monaten der Ruhe begannen auch für Janka die üblichen ‚Umzüge‘. Einmal war sie die Tochter eines polnischen Offiziers, nach dem Warschauer Aufstand ein elternloses War- schauer Kind, die letzten Kriegsmonate verlebte sie in der guten, 302 herzlichen Atmosphäre eines Kinderheims, das aus dem nieder- brannten Warschau nach Poronin verlegt worden war und unter ler Obhut von Jadwiga Strzatecka stand, die in der Schar der An- taltswaisen etwa zehn jüdische Kinder versteckt und gerettet hatte. Wir glauben, daß dieses Tagebuch nicht nur ein historisches Dokument und eine von vielen Anklagen gegen die Hitlerver- brechen sein wird, sondern auch Material ist für Erzieher und Psychologen, die darüber tief und klug nachdenken mögen, was zu tun und wie den Kindern zu helfen ist, die reifer sind als ihre Jahre, tief verwundet und tief empfindsam.“ Die russischen Truppen begannen sich aus Lwöw zurückzu. ziehen. Meine Mutti hatte den Papa mit Gewalt in die Lyczu kowskastraße zu Tante W.', der Frau von Papas Bruder gebracht, damit er dort eine gewisse Zeit zubringe, bis sid nach dem Einmarsch der Deutschen alles beruhigte und legt: Die Tante war nicht zu Hause, weil sie sich während dı Luftangriffe zusammen mit ihren Kindern in der Glowinski straße aufhielt. Und so blieb Papa allein im Hause. Wir wohnten damals bei Großvater und Großmutter im jüdischen Stadtviertel, in der Jaköb-Herman-Straße 14, gegenüber de! Mühle. Mama arbeitete im Krankenhaus, in der Dwernicki straße 54, als Registratorin und seit dem Kriegsausbruch alı Schwester. Sie freute sich, daß sie Papas wegen beruhigt sein konnte; sie wollte im Krankenhaus bleiben und mich mi! Frau Jadzia Piotrowska zu Tante Reisowa, der Kusine meine; Papas, in die Fredrostraße schicken. Am Montag marschierten die Deutschen ein. Mama ging in Krankenhaus; sie machte sich wegen Großvater und Groß mutter Sorgen, weil sie allein zu Hause bleiben würden. Dei° Montag ging vorüber, aber Frau Jadzia Piotrowska holt: mich nicht ab. Am Dienstag früh um halb fünf klopft jemand; wir lagen noch im Bett. Ich dachte, es sei Frau Jal-° zia, aber es war der Papa. Er brachte Speck und ein kleinss Weißbrot von der Tante mit. Er befahl mir, mich anzuziehen, und wir gingen fort, um uns Lwöw nach der Bombardierung anzusehen. Die Stadt war nicht wiederzuerkennen. An den Haustoren wehten gelbblaue Fahnen. Die Jalousien der 4 Nichtjüdin. 304 DON re ee en Geschäfte waren zertrümmert, die Läden ausgeraubt. Durch dieStraßen fuhren mit Blumen geschmückte Autos und Motor- zider. Wir gingen durch die Stadt. In der Batorystraße be- suchten wir Adolf Rothfeld, einen Kollegen von Papa. Das war im„Uprawdom“!. Herr Rothfeld war der Leiter. Papa stritt sich mit ihm herum; er wollte, daß Rothfeld alle Bü- cher verbrenne und auf diese Weise den Deutschen die Nach- forschungen nach Radios erschwere. Der Streit endete damit, daß Herr Rothfeld sein Radio abgeben mußte und Papa in Sachen des Kahal zu Rabbiner Lewin in die Versammlung sing. Herr Rothfeld riet Papa, nicht hinzugehen. Papa ging mit mir, und Herr Rothfeld schleppte mit einem Angestellten das Radio. Die Straßen waren voller Ukrainer mit Stöcken und Eisenstangen in den Händen, und aus der Ferne waren Schreie zu hören. An der Ecke der Legionenstraße begegnete Papa einer Bekannten, er blieb mit ihr stehen, Herr Rothfeld ging weiter. Nach einem Augenblick kam der Angestellte, der mit Herrn Rothfeld gegangen war, wieder zurück und sagte zu Papa ein paar Worte in deutscher Sprache; Papa kehrte um, und wir liefen die Sykstusstraße hinunter. Ich sah Papas Gesicht an, daß er verwirrt war, und fragte ihn, warum er verwirrt sei, aber er wollte es mir nicht sagen. Vor der Post standen Menschen mit Spaten, Ukrainer schlu- gen auf sie ein und schrien:„Jude! Jude!“ Papa machte wie- der kehrt und ging in die Mickiewiczstraße zu seinem Kolle- gen Dr. Jolles. Sie setzten mich in einen Sessel, gaben mir Bonbons und Bücher, nahmen in einer Ecke Platz und spra- chen leise miteinander. Diese Geheimniskrämerei wunderte mich sehr. Durchs Fenster drangen Schreie herein. Plötzlich erhob sich Papa, sah auf seine Uhr und ging mit mir hinaus. Im Haustor stand Frau Niunia Blaustein; sie stürzte auf Papa zu und riet ihm umzukehren; sie erzählte, daß sie von krainern belästigt worden sei und ihnen gesagt habe, daß 1 So nannte man in Lwöw die Häuserverwaltung(ukrainische Abkürzung). m F 18/58 305 sie aus der Kirche zurückkomme, woraufhin sie sie losge- lassen hätten. Papa küßte mich und sagte:„Jania, du bist schon zehn Jahre alt und mußt selbständig sein. Richte dich nicht nach deinen Bekannten, sei immer tapfer!“ Er küßte mich und wollte sich verabschieden. Ich begann nun zu ver- stehen und verzog den Mund zum Weinen, aber da sagte mir Papa:„Wenn du mich liebst, dann geh und sei tapfer und weine niemals. Weinen ist in Glück und Unglück eine Er- niedrigung. Geh jetzt nach Hause, und laß mich hier.“ Ich küßte Papa zum letztenmal und ging hinaus. Als ich an der Straßenecke war, drehte ich mich um und sah ihn, wie er vor dem Tor stand, mir mit den Augen folgte und mir eine Kußhand zuwarf. Ich ging an der Kollatajstraße vorbei, dort, wohin Papa zur Versammlung gehen wollte. Die Straße war voll von jungen Burschen, sie schlugen mit Besen, Teppich- klopfern und Steinen auf die Juden ein, die ins Kloster der Brigittennonnen in der KaZmierzowskastraße geführt wur- den. Ich lief schnell durch und bog in die Legionenstraße ein. Auch hier, in den öffentlichen Anlagen, wurden Menschen geschlagen. Ich wollte in die Zamarstynowskastraße zurück, aber da griff man Passanten auf, um sie zum Leichenwaschen ins Brigittenkloster zu bringen. Ich ging daher durch die Przedszkola, und hier sah ich sechsjährige Jungen, die den Frauen die Haare vom Kopf und den Greisen die Bärte aus- rissen. Das Schreien und Weinen wurde immer stärker. Idı schloß die Augen, hielt mir die Ohren zu und lief aus Leibes- kräften nach Hause. Im Haus waren alle unruhig. Niemand wagte auf die Straße hinauszugehen. Plötzlich stürzten Ukrai- ner ins Haus und holten die Bewohner unter dem Vorwand heraus, daß sie zur Arbeit gebraucht würden. Die Groß- mutter war krank. Sie schob den Schrank vor die Tür des Zimmers, in dem sie den Großvater und den Nachbarn ver- steckt hatte. Eine Nachbarin, Frau Biberowa, hatte sich ein- geschlossen, versteckt und ihre Kinder der Nachbarin gegeben. 306 Frauen mit Kindern ließ man da, alle anderen wurden aus dem Hause weggeholt. Abends kamen sie blutbefleckt zurück. Sie hatten alles abgeben müssen, was sie bei sich gehabt hatten. Es war schon sechs Uhr, aber Frau Piotrowska war heute nicht gekommen, auch der Papa kam nicht zurück. Ich dachte, er wäre zu Tante Marysia W. gegangen. Die Schreie hörten nicht auf. Die Großmutter hatte schon das Bett gemacht, aber ich setzte mich im Kleidchen aufs Sofa und schlief sitzend die ganze Nacht hindurch. Morgens klopfte jemand. Ich freute mich, denn ich glaubte, daß es Papa wäre, aber es war der Nachbar Wurzel. Er warnte uns, weil in der Zamar- stynowskastraße von neuem Übergriffe begannen. Nach seiner Stunde klopfte wieder jemand. Es war Frau Pio- trowska, anstatt am Montag, kam sie nun am Mittwoch, als der Pogrom bereits zu Ende war. Sie nahm mich von der Großmutter weg und brachte mich zu Tante Marysia, die in- zwischen mit ihren Kindern aus der Glowinskistraße zurück- gekommen war. Ihre Töchter waren zwei Blondinen, die eine zehn Jahre alt und die andere neun. Am Nachmittag kam Mama hin. Als sie sah, daß der Papa nicht da war, lief sie zu Rothfeld. Sie fand ihn erblindet und mit gebrochenen Rip- pen; aber über Papa erfuhr sie nichts. Sie ging zu der Fa- milie Lewin; aber dort traf sie nur Frau Lewinowa an. Ihr Mann war auch nicht da. Sie sagte, daß er zu Szeptycki ge- gangen und nicht zurückgekommen sei. Szeptycki war der Chef der Ukrainer!. Als sich Herr Rothfeld wieder besser fühlte, erzählte er Mama, in der Lackistraße, wo man ihn so zugerichtet hatte, habe sich Papa nicht befunden. Auch Be- kannte sagten, daß er weder in der Pelczynskastraße noch in der Zamarstynowskastraße gewesen sei. Mama hatte ! Die jugendliche Verfasserin gebraucht hier eine anscheinend aufgefangene Be- zeichnung. Es handelt sich um den Metropoliten der griechisch-katholischen Kirche. 20F* 307 erfahren, daß im Brigittenkloster in der Kazmierzowskastraße 200 Personen erschossen worden seien. Die einen sagten, daß sie Papa gesehen hätten, als er mit Lewin zusammen von Szeptycki zurückging, andere wiederum, daß man Lewin im Haustor getötet habe, und wieder andere, daß sie Lewins Leiche im Brigittenkloster gesehen hätten, aber es war nichts Konkretes zu erfahren. Nach einer Woche kehrte ich von der Tante nach Hause zu- rück. Den Juden wurde eine Kontribution von 200 000 Rubel auferlegt, die in zwei Raten im Verlauf von zwei Wochen zu zahlen war. Es wurde ein Kahal? gebildet. Er bestand aus dem Präses, Herrn Parnas, dem Vizepräses, Herrn Rothfeld, und sieben„Judenräten“. Es kam eine Anordnung heraus, daß alle Personen vom vierzehnten Lebensjahr an eine Armbinde zu tragen hätten. Mama wurde aus dem Krankenhaus in der Dwernickistraße hinausgeworfen. Sie mußte sich in acht neh- men, daß man sie nicht schnappte. Wenn Ruhe herrschte, gin- gen wir zum Onkel, zu Mamas Bruder, Jerzy Blumenthal. Tante Sala machte immer Kartoffeln und Gemüse zurecht, denn in ihrer Gegend konnte man es leichter bekommen, Ich ging immer mit meiner Kusine Klara hin, einem sechzehn- jährigen Mädchen. Manchmal nahm sie die Armbinde ab, und wir stellten uns in die Schlangen, die nach Fischen anstan- den. Klara kam jede Woche mit ihrem Bruder Gustaw und ihrem Vater zu uns. Ihre Mutter war vor dem Kriege gestor- ben. Gustaw war zwölf Jahre alt. Er hatte seine Mutter sehr geliebt und war seit ihrem Tode nervenkrank. Eines Tages, es war am 26. Juli morgens, einem Donnerstag, wollte Mama mit mir zu Onkel Jerzy, weil es in den Straßen ruhig war. Wir gingen auf die Straße. Vor dem Haustor lag ein blutbesudelter Mann ohne Stiefel, er stöhnte. Plötzlich 1 Vertretung der jüdischen Glaubensgemeinden in Polen, die als Mittlerin zwi- schen ihren Mitgliedern und dem Staat fungierte und mit zunehmender Ver- folgung der Juden durch die Hitler-Okkupanten zumeist aufgelöst wurde, 308 traten zwei junge Burschen mit gelbblauen Armbinden auf uns zu.„An die Arbeit, bitte, und du, Kleine, nach Hause!“ Ich kehrte um, und Mama ging in die Sobieskischule den Fußboden scheuern. Ich machte mir Sorgen, daß Mama hung- rig zurückkommen und wir zu Hause nichts zu essen haben würden, aber Mama kam nach einer Stunde wieder. Am an- deren Tage war auch Unruhe. Überall erfolgten Festnahmen. Abends klopfte jemand. Die Großmutter machte auf. Vor der Tür stand der Nachbar und stützte den ohnmächtig ge- wordenen Gustaw. Sein Gesicht war fahl und geschwollen. Wir legten ihn hin, zogen ihn aus und brachten ihn zur Be- sinnung. Sein Arm blutete, und der Körper war vom Schlagen blau angelaufen. Nachdem er etwas zu sich gekommen war, ER erzählte er, als er aus dem Kahal nach Hause gegangen sei haus(er arbeitete im Kahal als Bote), hätten ihn Ükrainer gestellt n achtn und zusammen mit anderen in die Lackistraße ins Gefängnis rrschte gebracht. Dort hätte man sie so zusammengeschlagen, und Blument dann sei er von dort geflohen. üse zure Am Sonnabend fanden auch Festnahmen statt. Das wurde zum ehrenden Andenken an den in Truskawiec von einem Juden ermordeten Petljura getan.* Ich ging mich erkundigen, mbinde 2 wie es um Klara und den Onkel Mundek stand. Sie waren heil und gesund. Dann ging ich in die Staszicstraße und traf Tante Sala weinend in ihrer Wohnung. Am Freitag war man ege in der Staszicstraße durch die Häuser gegangen und hatte den Mutter Onkel aus dem Hause geholt. Ich tröstete die Tante damit, daß er nach einigen Tagen zurückkommen würde. Traurig ging ich heim. Großvater und Großmutter habe ich nichts davon gesagt. Mama ging in die Lackistraße und erfuhr, man Br:! Hier ist der Verfasserin offenkundig Falsches zu Ohren gekommen. Der juden- feindliche Ukrainerhetman Petljura wurde in Paris, nicht in Truskawiec getötet. Der Pogrom aus diesem„Anlaß“ fand in den ersten Wochen der deutschen Okkupation in Lwöw wirklich statt. Petljura war im Mai 1926 um- gekommen, und die Initiatoren und Organisatoren des Pogroms hatten den Jahrestag absichtlich verlegt, um einen Vorwand zu haben. 309 habe diese Leute abtransportiert. Es vergingen einige Tage, aber der Onkel kam nicht zurück. Mama erfuhr, daß Kurzrok ein jüdisches Krankenhaus grün- den solle. Sie ging zu ihm und wurde die erste Angestellte Leiterin des Krankenhauses in der Alembeköwstraße. Idı begleitete Mama täglich zur Arbeit und holte sie auch vom Krankenhaus ab. Dieses Krankenhaus war vor dem Krieg: eine Schule gewesen. Die Betten hatte man aus dem ausge- brannten Gefängnis herübergebracht. Eines Tages kam ein Herr zu uns und erzählte, daß er von Papa Nachricht habe. Ich wollte ins Krankenhaus laufen, aber der Herr(es war Gymnasialprof. P.) sagte, daß er bei Frau Lewinowa in der Kollatajstraße warten würde. Ich liel eiligst zu Mama, und wir gingen dorthin. Wir trafen ihn be- reits dabei an, wie er mit einem unbekannten Juden Schnaps trank. Er war ein großer, hagerer Mann mit einem Schnurr- bärtchen und schwarzen Haaren. Sie gaben Mama zu trinken, aber Mama wollte nüchtern bleiben und goß deshalb den Schnaps aus dem Gläschen vorsichtig auf die Erde. Pro- fessor P. sagte der Mama, daß er es von Szeptycki wisse, und falls Mama und Frau Lewinowa dreitausend Dollar bei- brächten, würden sie alle beide die Unterschriften von ihren Männern erhalten. Frau Lewinowa ging darauf ein, ohne zu überlegen, und nach einer Woche erhielt sie auf einer Ziga- rettenschachtel die eigenhändige Unterschrift ihres Mannes. Mama ging zu Herrn Rothfeld, um sich beraten zu lassen, aber Herr Rothfeld erklärte ihr:„Wenn Ihr Mann in Lwör bei der Gestapo ist, dann werden Sie ihn zurückbekommen Der Kahal und die Gesellschaft können ihn loskaufen. Abeı in Lwöw ist er nicht. Daß Lewin nicht mehr lebt, weiß id mit Bestimmtheit.“ Mama fragte, ob sie verlangen solle, dal Papa meinen Kosenamen aufschriebe, den würden die Männer nicht fälschen können, weil sie ihn nicht kannten So machte sie es auch. Die Antwort sollte nach einer Woch: 310 ide N reimal (siake ne nn kommen. Aber es verging ein ganzer Monat, und sie kam inmer noch nicht. Inzwischen hatte Kurzrok ein zweites Krankenhaus in der Kusiewiczstraße 5 aufgemacht, das war in unserer Nähe. Der Mama war der Posten als Leiterin zu schwer, und sie wurde Sekretärin, Leiter wurde Herr Labiner. Mama hatte noch in Niemiröw, an der Rawa Ruska, einen Bruder, der zwei kleine Töchter besaß. Die ältere war 14 Jahre alt und hieß Lusia, die jüngere hieß Roma und war 8 Jahre alt. Dieser Onkel war Dentist. Er schickte uns jede Woche Päckchen. In der Stadt hatte es sich beruhigt. Es gab Straßen- bahnen mit der Aufschrift:„Nur für Juden“ und eine jü- dische Miliz. Mama wollte, daß ich lernte. Ich ging daher dreimal in der Woche zum Unterricht. Wir waren mehrere. Cesia Kolin, Alma Zelermajer, Alma Jolles, Kuba Liebes und ih. Alle zwei Wochen fanden die Stunden bei einem anderen statt. Den Unterricht gab uns Fräulein Wasserman. Der Vater von Cesia Kolin arbeitete beim Barackenbau in der lanowskastraße. Eines Tages ließ man ihn von der Arbeit nicht mehr fort und sperrte ihn dort zusammen mit anderen ein. Sie schliefen in den Baracken, die sie gebaut hatten. Man befahl ihnen, die Armbinden abzunehmen und heftete ihnen gelbe Flicken auf die Brust und auf den Rücken. Cesia weinte. Sie brachte dem Vater jeden Tag Päckchen und nahm nicht mehr an den Stunden teil. Eines Tages wurde vor dem Tor, das zu den Baracken führte, die Aufschrift„Zwangsarbeitslager“ angebracht. Jetzt be- gann man Männer festzunehmen und ins Lager einzusperren. Im Lager war es sehr schlecht. Es wurde unbarmherzig ge- schlagen. Die Lagerinsassen sahen wie lebende Leichen, wie wandelnde Skelette aus. Der Winter nahte. Kurzrok richtete in der Zamarstynowskastraße ein Krankenhaus für infek- tionskranke Lagerinsassen ein. Das Krankenhaus in der Alembeköwstraße wurde in die Kusiewiczstraße verlegt. Mama hatte bis zur Arbeit nur einige Schritte zu gehen. I Es begannen„Aktionen“! gegen alte Leute. Mama nahm Großmutter und Großvater mit ins Krankenhaus, aber dort froren sie sehr. Man warf die Juden aus den Wohnungen hinaus. Tante Sala wurde hinausgeworfen. Sie wohnte jetzt bei uns. Sie hatte Kohlen mitgebracht, daher war es bei uns warm. Den Präses des Kahal, Parnas, hatte man verhaftet, in die Pelczynskastraße gebracht und erschossen. Jetzt war Rothfeld Präses und Landesberg Vizepräses. Unter der Brücke in der Zamarstynowskastraße wurden die Juden nicht hin- durchgelassen. Man durfte nur unter der Brücke in der Pel- tewnastraße hindurchgehen. Dort standen Schupos, und wer ihnen nicht gefiel, den hielten sie fest. Diese Brücke hieß des- halb„Todesbrücke“. Alma Zelermajer wohnte mir gegenüber. Wir lernten jetzt nur noch zu zweit. Fräulein Wasserman hatte eine Schwester, die im Krankenhaus arbeitete. Diese lieh ihr eine Armbinde mit der Aufschrift„Sanitätspersonal“, damit sie zu uns kom- men konnte. Es war schon starker Frost. Mama hatte zwar am Sonntag im Krankenhaus dienstfrei, mußte aber mit an- deren Arbeiterinnen in die Stadt gehen, um Schnee weg- zuräumen. Kurzrok und Labiner gingen an der Spitze. Kurzroks Gattin, eine sehr schöne Frau, ging auch mit. Wer nicht zum Schneeschippen ging, verlor seinen Arbeitsplatz Onkel Mundek hatte sich die Füße erfroren, und Gustaw hatte an den Händen Erfrierungen zweiten Grades. Er wurde schließlich vom Schneeschippen befreit... Eine Anordnung kam heraus, daß Kinder vom zehnten Jahre ab Binden zu tragen hatten. Es wurde Weihnachten. Tante Marysia lud mich zum Weih- nachtsabend ein. Ich ging ohne Armbinde hin, um ihr keine 1 Massenzusammentreibungen der Juden an einem Ort, bevor die„Ausweisung zum Tode in den Gaskammern erfolgte. 312 Unanne Unannehmlichkeiten zu bereiten. Ich aß mich bei ihr endlich wieder einmal satt und konnte viel spielen. Am 2. Januar kam ich wieder nach Hause zurück, das war mein Geburtstag, an dem ich mein elftes Lebensjahr beendete. Tante Sala hatte Mürbeteigkuchen gebacken, Onkel Leon aus Niemiröw ein Buch geschickt, und Mama hatte mir eine Tafel Schokolade vekauft. Es kam der 11. Januar— Mamas Geburtstag. Die Tante buk einen großen Napfkuchen, und ich tanzte im weißen Pyjama und in weißer Schürze mit dem Napfkuchen einen„Küchenjungentanz“ und brachte dann den Napf- kuchen Mama ans Bett. Mama war krank und vom Schnee- schippen befreit. Jetzt hatte man wieder Onkel Mundek mit Gustaw und Klara und seiner zweiten Frau, Rena Blumen- thal, aus der Wohnung gewiesen. Alle kamen zu uns, und wir richteten es so ein, daß sie zusammen mit Großmutter und Großvater ein Zimmer und die Küche bewohnten und Mama, Tante Sala, Onkel Hirsch und ich das Zimmer mit dem Alkoven hatten. Wir besaßen eine kleine eiserne Koch- maschine, auf der die Tante für uns kochte. Jetzt begann in der Wohnung ein Sodom und Gomorrha. Man wußte nicht, wo man die Sachen unterbringen sollte, sie wurden daher in den Keller gebracht. Gustaw konnte die zweite Frau seines Vaters nicht leiden und schlug sich manchmal mit ihr herum. Rena wollte für ihn nicht kochen, und man muß zugeben, daß diesen armen geistesschwachen Jungen niemand von uns in Kost nehmen wollte, weil jeder vor ihm Angst hatte. Eines Tages hatte er Kleider seiner Schwester fortgeschafft und verkauft. Die Schwester verstand ihn und sagte ihm nichts. Wenn Rena nicht zu Hause war, kam er zu uns herein und aß bei uns; seine Schwester steckte ihm öfter etwas zu, wenn es niemand sah. Manchmal bekam dieser Ärmste An- fälle und fing an zu schreien und zu schlagen, aber dagegen ließ sich nichts machen. Ein jüdisches Kulparköw! gab es 1 Anstalt für Geistesgestörte bei Lwöw. nicht, und wenn er gemeldet worden wäre, so hätte man ih erschossen. Wenn er sich nach dem Anfall beruhigte, bat ı uns um Verzeihung. Jetzt begann ein Abbau von Arbeitskräften, und dabei fanl eine Aktion statt. Die Leute wurden in die Schule vı Podzamcze und dann nach Belzec gebracht. Der Abbau gin auf die Weise vor sich, daß jeder vom Arbeitsamt ein „Meldekarte“ bekam; jeder Arbeitende konnte jemande haben, der für ihn kochte und dafür vom Arbeitsamt einc Ausweis„Haushalt“ und eine Armbinde mit der Numme der Meldekarte und mit dem Buchstaben A erhielt. Wer da nicht hatte oder nicht bekam, wurde abtransportiert. Onkl Hirsch beschaffte dem Großvater für Geld einen Posten in „Rohstoff“, so daß der Großvater eine Armbinde und ein. Meldekarte erhielt. Die Großmutter hatte den Haushalts ausweis der Mama und des Großvaters; Klara den von Gi. staw, von ihrem Vater und von Rena, und Tante Sala der von Onkel Hirsch. Der Präses des Kahal, Rothfeld, erkrankt und starb. Präses wurde jetzt Landesberg. Jede Woche er schien nun eine jüdische Zeitung für Juden.? Es gab auch ein jüdisches Gefängnis, von wo man ins Lager gebracht wurde. Es kam der Frühling und der Sommer 1942. Ich lernte mi! Alma. Wir befreundeten uns. Ich hatte noch eine Freundin Stenia Wildman. Wir machten zu dritt weite Spaziergäng: nach Holosk, und zu dritt sammelten wir das Brot, das unser: Eltern uns zum Frühstück zurechtlegten, und brachten es der Lagerinsassen, die auf dem jüdischen Friedhof beim Zer- trümmern der Denkmäler arbeiteten. Einmal hielt uns au! dem Friedhof ein Askar? an und wollte uns ins Lager bringen 1 Abkürzung für eine deutsche Firma, die Rohstoffe aus Altmaterialien sammelte 2 Sie wurde aus Krakau nach Lwöw gebracht. Verächtliche deutsche Bezeichnung für Angehörige von Söldnerformationen, die & sich aus ehemaligen sowjetischen Gefangenen(Wlassowleuten) zusammen setzten. Im Lwöwer Lager bildeten die Askars u. a. die Wache auf den Be obachtungstürmen, die das Lager umgaben. 314 andnich Jam m sw it meh ins] ıbende tückke tr ge weil wir den Arbeitern Brot gaben und man so etwas nicht tun durfte. Stenia hatte für die Lagerinsassen auch etwas Tabak mitgebracht, den gaben wir dem Askar, und deshalb ließ er uns laufen. Von dieser Zeit an schickten wir Päckchen durch den Kahal. Eines Tages bekam Mama eine Vorladung vom Roten Kreuz. Ich gingmitihrhin. Wir erhielten ein Päckchen aus der Schweiz. Ein zweites Mal aus Portugal. Noch mehr als über die Sar- dinen, die kondensierte Milch und die Feigen haben wir uns darüber gefreut, daß jemand an uns dachte. Ein Absender stand nicht darauf. Mama wurde eines Tages krank, sie bekam Atembeschwer- den, es war 11 Uhr nachts. Juden durften sich um diese Zeit nicht mehr auf der Straße blicken lassen, aber ich lief doch noch ins Krankenhaus. Es stellte sich heraus, daß der dienst- habende Arzt mit Kurzrok trank, und ich mußte ohne ihn zurückkehren. Am Morgen wollte ich der Mama das Thermo- meter geben und zerschlug es. Mama suchte ein zweites in meinem Nachtschränkchen, aber statt des Thermometers fand sie das Schränkchen voll Brot. Ich bekam damals von Mama Schelte, und sie grämte sich sehr darüber. Seit dieser Zeit schickte ich den Lagerinsassen kein Brot mehr. Wieder wurde den Juden eine Kontribution in Höhe von 7 Millionen auferlegt, die sie innerhalb von 5 Tagen zu zahlen hatten. Mama mußte sammeln gehen, am Tage wie auch in der Nacht. Die einen jammerten darüber, daß sie Geld hergeben mußten, und andere freuten sich, weil sie glaubten, dafür würde Ruhe herrschen. Zwei Tage nach dem Beginn der Sammlung kam vom Judenrat aus Niemiröw ein Telegramm, Mamas Bruder, Leon Blumenthal, sei mit den Kindern und der Frau nach Belzec abgereist.' Mama glaubte, 1 Das Telegramm war vermutlich anders abgefaßt; der Name Belzec verband sich bei der Verfasserin mit dem erwähnten Telegramm wohl erst später, nachdem der tragische Sinn dieses Wortes verbreitet war. es handele sich um ihre Rettung und rief da an. Dort hatt: eine Aktion stattgefunden. Die Großmutter weinte. Mam: begab sich in die„Gesundheitskammer“! zu unserem Freun! Blaustein, der dort Direktor war; er versprach ihr, bei Direk. tor Niemiec anzufragen. Direktor Niemiec telefonierte nadı Rawa Ruska, von wo er die Antwort erhielt, daß der jüdisch: Dentist überflüssig sei. Am Sonnabend hatte man die Kontribution abgeführt. Am Montag um 5 Uhr hörten wir eine Schießerei. Mama spran; aus dem Bett und weckte alle. Onkel Hirsch ging gleich zur Arbeit. Mama ging mit mir, dem Großvater und der Groß. mutter ins Krankenhaus, Gustaw zum Kahal und Rena in di: Fabrik der Firma Schwarz. Onkel Mundek trödelte herum, wurde nicht fertig und blieb mit Klara und Sala zu Hause. Es begann eine Aktion. Schupos und SS-Männer gingen mit ukrainischer Miliz von Haus zu Haus. Das Schreien und Wei- nen drang bis ins Krankenhaus. Es kamen Leute, denen man ihre Verwandten weggenommen hatte, und Kurzrok gin: retten, was zu retten war. Als er zurückkam, sagte er, das Arbeitsamt sei aufgelöst, die SS-Polizei habe die Leitung über die Juden übernommen und die Angestellten müßten ihre Meldekarten zum Abstempeln abgeben. Derjenige, dessen Meldekarte keinen Stempel bekäme, würde abgebaut. Der Haushaltsausweis würde im Krankenhaus mit dem Stem- pel des Krankenhauses abgestempelt. Am Nachmittag wur- den die Meldekarten abgegeben, und das Sekretariat des Krankenhauses stellte darüber eine Bescheinigung aus. Der Großvater übergab seine Meldekarte dem Onkel, und Mama stellte inzwischen eine falsche Bescheinigung vom Kranken- haus über die Abgabe aus, die Herr Labiner unterschrieb. Abends kam der Onkel mit seiner eigenen abgestempelten Meldekarte zurück, die des Großvaters brachte er aber nicht mit. Er sagte, daß man sie für fünftausend Zloty abstempeln 1 Zwangsorganisation der sanitären Berufe während der deutschen Okkupation. 316 ai 1 Ei i {' nn «rürde. Ohne zu überlegen, war Mama damit einverstanden. Die Nacht kam. Wir schliefen im Sekretariat auf Schreib- £ischen und Stühlen, der Großvater und die Großmutter im \mbulatorium. Am anderen Tage fuhren vor dem Kranken- haus Autos vor. Mama zog ihren Kittel aus und schickte ihn dem Großvater. Für die Großmutter hatte sie noch keinen. Der Großvater gab den Kittel vorläufig der Großmutter. Die Ärzte stürzten ins Ambulatorium und riefen:„Flieht! Rettet euch, wir können nichts für euch tun!“ Die Großmutter lief mit dem Großvater auf die Treppe hinaus, aber da der Groß- vater keinen Kittel hatte, kehrte er zurück, schrieb ein paar Worte auf einen Zettel, nahm die Brieftasche heraus und gab sie mit dem Zettel Dr. Mehrer, damit er es Mama überreichte. Die Großmutter lief ins Magazin mit altem Gerümpel, dort cab man ihr Nähnadel und Zwirn, und sie tat, als ob sie an einer Matratze nähte. Plötzlich fielen Deutsche ins Sekre- tariat ein.„Aufl“ schrien sie, sahen alle flüchtig an und be- merkten mich und noch ein kleines Mädchen.„Komm!“ rief ein Deutscher und schlug mich mit einer Holzprothese. Mama erklärte:„Das ist mein Kind“, aber er glaubte ihr nicht, daß ie dort arbeitete, und wir gingen beide mit. Beim Auto standen Mitarbeiter, die Kranke heruntertrugen, einer wies uf meine Mutter und sagte:„Das ist Personal.“ Der Deutsche versetzte ihm dafür einen Schlag und fragte die Mama:„Hast du Ausweis?“—„Ja“, sagte sie, hatte ihn aber nicht bei sich, und wir kehrten beide zurück. Obwohl Mama bei der Ausgabe von Bescheinigungen arbeitete, hatte sie selber keine. Sie stöberte in ihrem Täschchen herum und zog tinen Ausweis der Gesundheitskammer hervor. Nachdem die Deutschen gegangen waren, fiel Frau Redilowa, lie Maschinenschreiberin, der Mama um den Hals. Die ! Offensichtlich eine stilistische Umstellung.„Und wir kehrten beide zurück“ müßte nach„zog einen Ausweis der Gesundheitskammer hervor“ stehen. Wie überall ist auch hier die Fassung der Autorin beibehalten. 317 jüdischen Milizsoldaten und ein Teil des Personals trugen di: Kranken hinunter. In der Zwischenzeit stürmten die Deut. schen ins Ambulatorium, trafen dort den Großvater an un! nahmen ihn mit. Der Großvater war ruhig und regte sid nicht auf. Seinen Letzten Willen schickte er uns durch Doktor Mehrer. Kaum hatte sich Mama von ihren Scherereien erholt, als Dr. Mehrer ihr, ohne etwas zu sagen, ein Päckchen über- gab. Mama war überzeugt, daß der Großvater und die Grof- mutter da seien, weil sich in der Tasche des Kittels die Be- scheinigung darüber befand, daß die Meldekarte zum Ab- stempeln abgegeben worden war. Erst als sie am Nachmittag das Päckchen öffnete, erfuhr sie die Wahrheit. Abends kam der Onkel und brachte die abgestempelte Meldekarte des Großvaters— zu spät. Am Mittwoch holte man Tante Sala. Die Aktion dauerte eine Woche. Am Sonnabend wurde es wieder ruhig, und am Sonn- tag kehrten wir mit Großmutter nach Hause zurück. Wir er- fuhren, daß Onkel Mundek die ganze Woche hinter der geöffneten Tür des Klosetts gestanden hatte und Klara auf der anderen Seite des Hauses in einem anderen Klosett ge- wesen war. Gustaw hatte sich auf dem Hof in einem Müll- haufen versteckt. Am Montag begann eine neue Aktion. In der Nacht schliefen wir jetzt in den Krankenbetten, auf bloßen Matratzen. In diesem Saal schlief eine Köchin, sie hieß Kudyszowa, war hysterisch und weckte uns in der Nacht schreiend:„Vor dem Krankenhaus sind Lastwagen!“ In der ersten Nacht hatte sie uns einen Schreck versetzt, aber später reagierten wir nicht mehr darauf. Kurzrok brachte nun die Meldekarte. Die von Mama war abgestempelt. Unverhofft bekam ich 39,8 Fieber. Mama legte mich in ein Bett, in dem vorher ein Kranker ge- legen hatte. Am nächsten Tag fand sie auf meinem Pyjama zwei große Läuse. Das Fieber sank nicht— die Aktion dauerte noch immer an. Durch die Fenster des Krankenhauses war 318 ie ee ae a nn. zn. an an ei ame Msn ia ten Na stautos teten 65 n Korri das Haus zu sehen, in dem wir wohnten, und als die Aktion in dieser Straße stattfand, paßte Mama auf, ob man etwa ihren Bruder oder Gustaw oder Klara herausführte. Als Mama hinschaute, sah sie, wie zehnjährige Jungen das Haus plünderten, unsere Kleider, Mäntel und Schuhe aus dem Tor trugen, und bemerkte auch, daß Klara abgeführt wurde. Am Sonnabend beruhigte es sich wieder, und wir wollten am Sonntag zurückgehen. Ich hatte immer noch Fieber. In der letzten Nacht fing die Kudyszowa wieder an zu schreien: „Lastautos, Lastautos vor dem Krankenhaus.“ Aber wir be- achteten es nicht mehr. Fünf Minuten später schrie man auf dem Korridor:„Heraus! Heraus!“ Mama kleidete mich schnell an, und in einer Minute standen wir schon an der Mauer. Jetzt sahen die Deutschen die Meldekarten durch. Die Großmutter war nicht zu sehen. Mama wollte zu ihr ins Ambulatorium laufen. Frau Redilowa hielt sie zurück und sagte:„Das Kind ist wichtiger als die Mutter.“ Die Groß- mutter befand sich nicht an der Mauer. Man begann uns aus- zusortieren. Dr. Jurim wurde das Kind weggenommen, aber eıund seine Frau folgten ihm freiwillig. Janka Glasgal nahm man die Mutter. Sie folgte ihrer Mutter. Diejenigen, die man zurückgelassen hatte, wurden auf den Hof geführt, dort fiel das Kommando:„Hinlegen! Auf!“ und zum Schluß das Kom- mando:„An die Arbeit!“ In der Küche bereitete man für die Deutschen Frühstück vor. Nach einer Stunde kam Landesberg mit der Nachricht, daß die Aktion zu Ende sei und man eine Anordnung herausgegeben habe, nach der am 7. September ein Ghetto entstehen solle. Wir kehrten nach Hause zurück. Mir wurde besser. Am an- deren Tag kam Tante Reisowa mit ihrem Mann zu uns und bat, bei uns wohnen zu dürfen. Dann kamen auch noch der Redakteur Brat mit seiner Frau, der ein Redaktionskollege von Papa war, und Dr. Blaustein. Frau Redilowa wollte mit ihrer Mutter auch bei uns wohnen. Der Redakteur Brat 319 arbeitete auf dem Wohnungsamt und wollte die Order für die Wohnung beschaffen. Die Order war schon ausgestellt, als ein Friseur mit einer zweiten kam. Nun fing ein Streit an. Aber der Friseur rasierte den Kommandanten von Lwöw, Ulrich, und übernahm das Zimmer. I Tante Reisowa sagte der Mama eines Tages, daß sie mic verschicken könne. Mama ließ sich alles genau erzählen, durch wen und wohin. Tante Reisowa hatte ein Dienst- mädchen, Jözia T., und deren Bruder hatte einen Bekannten, B., der aus der Gegend von Stary Sacz stammte und mich mitnehmen könnte. Ich müßte dazu Papiere haben, um die sich Mama kümmern sollte, und die Tante wollte das Geld Jözias Bruder geben, damit er davon in gewissen Abständen B. bezahlte. Da Mama sah, in was für Verhältnissen ich im Ghetto leben würde, ging sie darauf ein. Ich fuhr zu Tante W,, um die Papiere zu holen, diese wollte von einem Geburts- schein oder von einem Ausweis nicht einmal etwas hören. Sie gab mir nur ein Schulzeugnis aus der russischen Zeit, und zwar eins von Lala, der jüngeren Tochter. Mama beschaffte für Geld einen Geburtsschein. Am ersten September 1942 ging ich aus dem Hause. Als gegenüber, in der Herman- straße 15, am Kahal Landesberg und 11 Milizsoldaten gehenkt wurden, war ich noch zu Hause. Einige Tage blieb ich noch bei Tante Reisowa, und Mama besuchte mich öfter, Wir wunderten uns darüber, daß die Tante sagte, ich würde vermutlich nach Stary Sacz fahren, denn Jözia erzählte, daß es nach Ryter ginge und B. wiederum, daß ich nach Czarny Potok käme. Ich fuhr tatsächlich fort, aber Mama wußte nicht wohin. Ich fuhr nach Czarny Potok. B. begleitete mich dort- hin, und es war nicht bekannt, warum er zurückfahren wollte. 320 Dort stat nirweg, rchtbar neiner N yach mei ıch und ost war ı erledi Daher ha zug trem M Nama sı kam Fi nKran tbeitete tar Man eschäfti em On Dort stand ich frühzeitig auf und hütete Kühe. Eine Kuh lief mir weg, ich lief ihr nach und verletzte mir das Bein. Ich hatte furchtbare Sehnsucht nach Mama, und wenn niemand in meiner Nähe war, weinte ich ununterbrochen. Ich sollte gleich nach meiner Ankunft eine Karte schreiben. Ich schrieb sie auch und gab sie B., damit er sie auf der Post einwarf. Die Post war in Lack. B. ging dorthin, um seine Angelegenheiten zu erledigen. Er kam zurück, und nach einigen Tagen be- merkte ich, daß er die Karte nicht in den Kasten geworfen hatte. Daher hatte Mama keine Nachricht bekommen und begann sich zu grämen und zu beunruhigen. Tante Reisowa war mit ihrem Mann geflohen, und T. und Jözia wollten nicht mit Mama sprechen. Mama war allen Ernstes erschrocken und bekam Fieber. Da war der Ärger mit der Wohnung, die Arbeit im Krankenhaus, dann wieder die Sorge mit dem Bruder. Er arbeitete nicht mehr im Kahal. Kommandant des Ghettos war Mansfeld, ein Deutscher, und die Arbeiter, die im Ghetto beschäftigt waren, hießen„Mansfelder“. Mama verschaffte dem Onkel für Geld und durch Protektion eine Stellung, und so wurde der OnkelKanalisationsarbeiter. Gustaw arbei- tete weiterhin im Kahal. Frau Bronia Brat versprach Mama zu helfen und schickte ihre Bekannte, Frau Stasia Magie- rowska, nach Ryter, um mich zu holen. In Ryter wohnte der Bruder T. Der Zufall wollte es, daß ich mit B. bei ihnen zu Besuch war, und dort haben sie ihr meine Adresse gegeben. Frau Magierowska hatte den Weg von Ryter nach Czarny Po- tok zu Fuß zurückgelegt. B. war deswegen sehr überrascht. Am 20. September war ich wieder in Lwöw. Ich wohnte auf der„arischen Seite“, in der Hoffmanstraße 12, bei Frau Stasia und ihrer Mutter. Mama arbeitete noch immer im Kranken- haus, Gustaw als Bote, Onkel Mundek als Kanalisations- arbeiter und Onkel Hirsch in einer Flaschenhandlung. Ich ging jede Woche einmal in die Kazmierzowskastraße 21, und AUF 18/58 321 Mama kam auch jede Woche einmal zu mir. Es wurde jetz! von einer Kasernierung gesprochen. Alle hatten davor Angst Ich quälte die Mama, sie möchte etwas für sich tun, und Mamı kümmerte sich darum. Frau Jadzia Piotrowska verschaffte ihı Papiere und sollte für sie auch ein Zimmer mieten, und Mamı brauchte sich nur um eine Anstellung für sich zu kümmen und zu bezahlen. Bei Frau Jadzia war auch noch meine Schul. kameradin Hela Gangiel. Wir gingen manchmal zusammen spazieren, sie nahm auch noch die Kinder von Frau Piotrov- ska mit. Eines Tages kam eine fremde Frau zu mir und wollte mit mir sprechen."Ich dachte, sie kam von Frau Jadzia. Sie sagte zu mir:„Ich stehe im Dienst der Gestapo, du heißt Janina He- scheles und nicht Lidia Wereszczynska. Ich bitte, bis vier Uhr fünftausend Zloty beizubringen, sonst geht es auf die ‚Piaski‘t.“ Ich lief zum Onkel. Der Onkel ließ sofort Mama verständigen, und um vier Uhr kam Mama. Diese Frau kan auch. Mama wußte sofort, daß es eine Erpresserin war und sie begannen miteinander zu sprechen. Es endete da- mit, daß sie sich mit 100 Zloty zufriedengab. Das war an Freitag. Im Ghetto wurde kaserniert, es gab viel Unruhe. Mama wollte mich nicht ins Ghetto mitnehmen. Ich sollte bei Frau M. bleiben, bis Mama für mich etwas gefunden hätte. Für sid konnte sie nichts tun, weil sie mit mir Sorgen hatte. Am Dienstag kam wieder eine Frau, sie traf mich in der Küdı an und sagte, daß Mama mittags kommen möchte, weil sonst die Gestapo käme. Ich ließ es sofort Mama wissen. Fraı Stasias Mutter hatte eine Bekannte. Da gab es nun nichts ZU überlegen, und so ging ich zu ihr in die Kasper-Boczkowski- Straße 11. Sie hieß Kordybowa, war 60 Jahre alt, gab sich aber als 35jährige aus, und von ihrem Mann sagte sie, er sei 1 Ort für die Massenhinrichtungen neben dem Janowskilager in Lwöw. 322 ihr Vater. Vormittags lungerte sie auf dem„Spekulanten- Platz“! umher, und nachmittags saß sie über Karten. Sie war Kartenlegerin. Kurzrok richtete mit einem Teil des Personals ein Lagerkrankenhaus in der Janowskastraße ein. Zweimal in der Woche kam er ins Ghetto; das Krankenhaus leitete sein Vertreter, Dr. Tadanier. Seine Frau und sein Junge waren bei ihm, und seine Tochter befand sich im arischen Stadtteil. Im Ghetto brach eine Aktion aus. Das Ghetto wurde jetzt vollständig abgeschlossen. Die Juden gingen in Kolonnen zur Arbeit, und man hatte sie mit den Buchstaben„W“ und„R“? gekennzeichnet. Die Meldekarten waren nicht mehr wichtig. Der Kahal wurde aufgelöst. Die meisten Angestellten wur- den auf den Piaski erschossen. Etliche kamen ins Lager. Gu- staw kam ins Lager und arbeitete in der Reinigung. Onkel Hirsch bekam ein„W“. Ich lief jetzt jeden Tag zu ihm. Ich erfuhr, daß man Tante Reisowa und ihren Mann verraten hatte und sie nicht mehr lebten. Onkel Mundek war an Ty- phus erkrankt, und man wußte nicht, ob er am Leben bleiben würde, denn während der Aktion fuhren Autos vor das Kran- kenhaus und transportierten die Kranken ab. Rena hatte man bereits kaserniert und ihr ein„R“ gegeben. Mama hatte weder ein„W“ noch ein„R“, aber das Krankenhaus bekam für das Personal zwei Gebäude in der Szaraniewiczstraße 3 ind 5. Die Aktion war nun zu Ende. Eine Aktion wurde jetzt nur von jüdischen Milizsoldaten durchgeführt; die Ergriffe- nen setzte man ins Gefängnis in der Weißenhoffstraße 12. Jeden zweiten Sonnabend transportierte man die Gefangenen auf die Piaski. Onkel Mundek wurde gesund, und man kasernierte ihn. Mama auch. Ich sehnte mich nach ihr. Frau Kordybowa schlug mich manchmal, es ging mir sehr schlecht bei ihr. Mitunter yab sie mir nichts zu essen. Ich sagte der Mama nichts davon, '5o nannte man in Lwöw den Solski-Platz. »W“= Wehrmacht,„R“= Rüstung. 21 F* “ + u ich wollte ihr keine Sorgen machen. Ich sehnte mich immer mehr nach Mama, und es ging mir immer schlimmer. Ich ent- schloß mich, von der Kordybowa wegzulaufen und in die Ka- sernen zu gehen. Das Ghetto war bereits seit der Zeit, da man es in Kasernen umgewandelt hatte, ein„Jüdisches Ar- beitslager“, man nannte es:„Julag“. Frau Kordybowa hatte jedoch gemerkt, was ich beabsichtigte, und verprügelte mich. Sie sagte, wenn ich mich schon so sehr nach meiner Mutter sehne, dann möchte doch sie zu mir kommen, damit wir zusammen wären. Mama hatte Bedenken, sie hatte das Ge- fühl, sie könne mich und sich selbst zugrunde richten, aber ich tat ihr leid. Sie beschloß daher, zu kommen, wollte aber sagen, daß sie kein Geld bei sich habe und angeblich Onkel Hirsch alles aus seiner eigenen Tasche bezahlen würde. Mama kam zu mir. Ihre Sachen wollte der Onkel nach einigen Tagen aus dem„Julag“ herausschaffen, und Frau Kordybowa sollte sie nach Hause bringen. Kommandant des Ghettos war jetzt Grzymek, ein Deutscher. Sein Vertreter war Heinisch. Ein Kahal bestand nicht mehr, dafür gab es jetzt die„Unterkunft“. Jeden Tag, bevor die Kolonnen zur Arbeit gingen, fand vor der Unterkunft in Gegenwart von Grzymek und Heinisch ein Appell statt. Wenn man etwas bei sich hatte, mußte man achtgeben, daß es einem nicht weggenommen wurde und man zur Strafe nicht in die Weißenhoffstraße? oder ins Lager kam. Am Tor stan- den jeden Tag Deutsche. Der Onkel brachte nun die Sachen herüber, und ich ging alle paar Tage zu ihm hin, um etwas zu erfahren. Als ich einmal hinkam, sagte der Onkel, daß man im Krankenhaus den Buchstaben„W“ ausgeteilt habe und daß Kurzroks Vertreter, Dr. Tadanier, geflüchtet wäre, aber wieder ergriffen worden sei und nun mit Frau und Sohn in der Weißenhoffstraße sitze. Es würden Geldsammlungen durchgeführt, um ihn loszukaufen. 1 d.h. in das schon erwähnte Gefängnis im Ghetto. 324 t iner Mu Frau Kordybowa, die schon seit einigen Tagen nicht auf den Spekulantenplatz gegangen war, machte sich auf den Weg, um Einkäufe zu besorgen. Sie bekam von Mama Geld und ging fort. Sie sprach beim Onkel vor. Der Onkel und noch einige Arbeiter baten sie, ihnen etwas zu kaufen, und gaben ihr Geld. Der Onkel mußte von der Firma aus über den Smolkaplatz fahren, um einen Transport Flaschen abzuholen. Auf dem Smolkaplatz, wo sich eine Wache der„Schutzpolizei“ befand, sah er Frau Kordybowa aus der Wache herauskommen. Er dachte nicht darüber nach, weshalb sie dort gewesen sein konnte. Nach einer Stunde kehrte er zur Firma zurück. Dort traf er schon Frau Kordybowa an, die weinte, weil sie angeb- lich auf der Flucht vor einer Razzia alles Geld verloren hatte. Als der Onkel das hörte, machte er sich ganz ernstlich Sorgen, er ahnte etwas Unlauteres. Er bat daher Frau Kordybowa mir auszurichten, daß ich morgen zu ihm kommen möchte. Ich ging also am nächsten Tage hin. Der Onkel freute sich sehr, daß seine Befürchtungen unbegründet waren, aber er sagte mir nichts. Ich ging nach Hause zurück. Wenn jemand kam, versteckte sich meine Mutter hinter dem Schrank; ich war angemeldet und galt als verwaiste Nichte von Frau Kor- dybowa. Am Dienstag machte Frau Kordybowa einen Schrank leer und sagte, Mama möchte sich darin verstecken. Als ich vom Onkel zurückkam, zog ich den Mantel aus, ging ins Zimmer und setzte mich zu Mama an den Ofen. Ich freute mich mächtig, daß ich bei ihr war und bat sie, mir zu erzäh- len, was sie am ersten Tage nach dem Kriege machen würde. Wir malten es uns gemeinsam aus, und ich konnte mir nicht vorstellen, daß es nicht in Erfüllung gehen würde. Ein Klopfen unterbrach unsere Hoffnungsträume. Mama ver- steckte sich hinter dem Schrank, und ich ging in die Küche. Frau Kordybowa machte auf, und in die Küche kamen drei Schupos. 325 „Wer wohnt hier?“ fragten sie. Frau Kordybowa zeigte auf ihren Mann und auf mich. Sie gingen ins Zimmer und ver- langten, daß man Licht machte. In der Wohnung gab es kein Elektrisch; ich wollte daher in die Küche gehen und Streich- hölzer holen. Einer der Schupos packte mich und schlug mir mit der Hand ins Gesicht, nahm sein Gewehr ab und stieß mich mit dem Kolben in den Rücken. Sie machten zuerst den Schrank auf, in dem sich Mama auf Anraten von Frau Kor- dybowa verstecken sollte, und suchten dann weiter. Sie rück- ten den Schrank weg und zogen Mama hervor, die sie mit Gewehrkolben schlugen. Dann schrien sie polnisch:„Hände hoch und zur Wand umdrehen!“ und durchsuchten alles. Im Muff von Mama fanden sie zwei Phiolen Cyankali. Einer von ihnen trat auf Mama zu und fragte:„Wozu brauchst du das, Jüdin?“ Ohne auf die Antwort zu warten, gab er ihr mit dem Stiefel einen Tritt. Mama taumelte und wurde ohnmächtig. Einer von ihnen rief:„Wirtin! Wasser her, die Jüdin wird ohnmächtig.“ Dann machten sie eine Leibesvisitation und durchsuchten die Wohnung. In Mamas Handtäschchen fanden sie nur 1500 Zloty. Sie schrien:„Wo ist das Geld?“ Aber wir haben es nicht verraten, und sie fanden es nicht. Sie befahlen uns, alle unsere Sachen zu einem Bündel zu schnüren, uns anzuziehen und die Sachen auf den Rücken zu nehmen. Dann führten sie uns auf den Smolkaplatz zur Wache. Dort saßen wir ungefähr eine Stunde auf einer Bank. Man fragte uns, seit wann wir dort wohnten, und man wunderte sich über Mama, daß sie so etwas getan habe, obwohl sie arbeitete, Mama flüsterte mir zu, vielleicht ließe sich etwas machen, wenn man uns in die Weißenhoffstraße brächte. Würde man uns aber in die Pelczynskastraße zur Gestapo bringen, dann ginge der Weg von dort direkt auf die Piaski. Nach einer Stunde führte man uns in die Pelczynskastraße. Zwei Schu- pos gingen neben uns und einer hinter uns. Mama machte sich unterwegs Vorwürfe, daß sie mich nicht ins Ghetto 326 innen hmen fra ohlsd ten k mitgenommen hatte. Ich tröstete sie damit, daß es doch nicht ihreSchuld sei. Siehabeja für mich getan, was sie konnte, habe doch ihr Leben eingesetzt, ich aber hätte nicht vermuten können, daß es bei Frau Kordybowa ein solches Ende mit uns nehmen würde. Es war vielmehr meine Schuld, weil sie hätte hei Frau Piotrowska bleiben können, und außerdem war das wohl schon Bestimmung. Bei der Gestapo führte man uns in einen kleinen Raum, in dem drei Deutsche ihren Dienst ver- sahen; sie befahlen uns, uns mit dem Gesicht zur Wand um- zudrehen und die Hände hochzuheben. Hier schlug man uns nicht mehr. Es war auch ein Pole als Dolmetscher da. Man sah, daß er Papa kannte, denn er ersparte uns das Gefängnis in der Pelczyniskastraße. Draußen war es kalt und hier heiß. Ich fühlte, daß ich in dieser Stellung ohnmächtig würde und flüsterte es Mama zu. Mama fragte, ob ich mich auf die Erde setzen dürfe. Sie erlaubten es. Um acht Uhr ging der Dol- metscher mit einem Deutschen hinaus. Man gab mir einen Stuhl. Mama mußte weiterhin stehen. Die zwei Deutschen, die dageblieben waren, stellten in unserer Gegenwart einen englischen Sender ein. Später ging noch ein Deutscher hinaus, und es blieb nur noch einer da. Er gab der Mama auch einen Stuhl; dann nahm er den Telefonhörer ab und rief hinein: „Jüdischer Ordnungsdienst?“! Nach diesen Worten schien mir, als wäre der Mama leichter ums Herz. Um ein Uhr nachts waren wir schon im Julag im Kommissariat. Dort sah Mama den Redakteur Brat. Man führte uns in das Gefängnis in der Weißenhoffstraße, in eine ganz kleine Zelle, in der schon 60 Menschen auf der Erde saßen, einer auf dem anderen, Frauen, Kinder und Männer. Als wir in die Zelle kamen, rief jemand aus einer Ecke:„Oh, noch ein Hering, er kann sich einmarinieren.“ An der Tür antwortete jemand:„Gleich zwei!“ Mama ließ nicht zu, daß ich mich auf die Erde legte. ! Jüdische Polizei, von den Deutschen aufgestellt. So standen wir Tag und Nacht. Am Morgen brachten Frauen aus der Küche Kaffee. Für das Essen der Gefangenen mußte jeder bezahlen, daher hatte auch niemand Hunger, aber weder Mama noch ic brachten einen Bissen hinunter. In der Zelle war es heiß von Schweiß und dumpfer Luft, obwohl der 22. Februar war. In einer Ecke stand ein zerlöcherter Kübel, in den Frauen und Männer ihre Notdurft verrichteten. Wer einen Bekannten hatte oder 100 Zloty bezahlte, wurde auf den Hof geführt. Am Mittwoch abend trank ich Kaffee und konnte nicht mehr stehen. Mama erlaubte mir aber nicht, mich hinzulegen; sie sagte, daß ich sonst Läuse bekäme, aber ich antwortete ihr;' „Wollte Gott, daß ich noch Typhus haben könnte, aber leider werde ich es nicht erleben!“ und legte mich hin. Mama wollte sich auch hinlegen, doch es war kein Platz mehr, und so legte sich Mama auf meinen Platz und ich mich auf sie. Morgens wurden wir gezählt. Die Frauen wurden in eine Frauenzelle gebracht. Dort befanden sich 100 Frauen mit Kindern; sie schrien, lagen eine auf der anderen. Herr Brat und Onkel Hirsch intervenierten in unserer Angelegenheit bei Forschirer und bei Hasenus. Forschirer war der Leiter des Gefängnisses und Hasenus Aspirant. Man verlegte uns später in eine bessere Zelle, hier trafen wir Dr. Tadanier. Schließlich kam der letzte Tag vor dem Abtransport, und man hatte nodı nichts für uns getan. Wir zählten schon die Stunden, die bis zum Abtransport fehlten. Wir wollten, daß es bereits soweit wäre, denn das Warten war eine furchtbare Qual. Am Freitag abend kam Hasenus in die Zelle, suchte Dr. Tadanier sam! seinem Sohn und seiner Frau sowie junge hübsche Mädchen heraus und ging mit ihnen fort. Wir wußten nun, daß wir verloren waren. Ich konnte mid nicht mehr länger beherrschen und brach in Tränen aus. Ic hatte nicht so sehr vor dem Tode Angst als davor, daß Kin- der nicht erschossen, sondern lebendig begraben würden. 328 Finige flehten in Gebeten um einen sofort tötenden Schuß, einige sangen hebräische Hymnen. Mama beruhigte mich und versprach, mir die Augen zu verdecken, wenn sie anfangen würden zu schießen. Ich wurde ganz ruhig und schloß mich dem Gesang der anderen an. Um 3 Uhr nachts kam ein ge- wöhnlicher Milizsoldat in die Zelle und rief Mama heraus. Mama ging an die Tür. Er fragte sie, ob sie nicht ein Kind hätte, und wir gingen beide in den Korridor hinaus. Im Korridor stand Forschirer, er brachte uns in eine Zelle, die man vom Hof her betrat. Dort befanden sich Dr. Tadanier und die anderen, die Hasenus vorher hinausgeführt hatte. Aber noch waren wir nicht gerettet. Hier gab es keinen Eimer, weil für ihn kein Platz vorhanden war, es wurde auch nie- mand auf den Hof hinausgeführt. Man durfte sich nicht laut unterhalten und auch nicht niesen. Am Sonnabend morgen um 7 Uhr fuhr das erste Auto vor. Nachdem es weggefahren war, hatte man unsere Zelle aufgemacht, immer je fünf Per- sonen hinausgeführt und in einen Keller gesperrt. Jetzt waren wir gerettet. Dann kam Engels! herein. Er las einige Namen vor, darunter auch unsere, aber der Milizsoldat sagte, wir seien mit dem ersten Auto weggefahren. Es wurden noch einige Männer für das Lager ausgesucht. Die Abfertigung fand auf folgende Weise statt: Die Miliz- soldaten machten alle Zellen auf, die„Sonderdienstler“? gingen hinein und schrien:„Heraus, heraus!” und schlugen auf die Gefangenen mit Gewehrkolben ein. Auf die Autos gingen immer etwas über 40 Personen; sie legten sich auf- einander, und in jeder Ecke stand ein Sonderdienstler mit vorgehaltenem Gewehr. Als die Wagen fort waren, führte man uns aus dem Keller in eine Zelle, und alle zwei Stunden wurden einige Personen in die Freiheit, ins„Julag“, gebracht. ! Ein Deutscher. ? Aus Polen, Ukrainern, sog. Volks- und Reichsdeutschen zusammengesetzte Formationen, die den Verwaltungsbehörden zur Ausführung von Sonderauf- trägen im ehemaligen Generalgouvernement zugeteilt waren. Als man mich hinausführte, habe ich vom Einatmen frischer| Luft richtig getaumelt. In den Kasernen, in der Szaraniewiczstraße 5, wusch ih mid| gründlich und zog Mamas Wäsche an. Mama hängte meinen und ihren Mantel auf den Balkon, damit er auslüftete, Frau Bronia gab uns Mittagessen. Nachmittags kam Onkel Hirsch von der Arbeit zurück, er kam zum Mittagessen und erzählte, daß Frau Kordybowa am Donnerstag bei ihm gewesen sei, um Mamas Sachen abzuholen, er habe sich nicht mehr zu beherr- schen vermocht und sie ausgeschimpft. Abends ging Mama ins Krankenhaus. Sie bekam ihre Stellung zurück und kaufte sich den Buchstaben„W“. Sie kaufte auch gleich für sich und für mich Impfstoff gegen Typhus. Nach der dritten Spritze bekam ich Fieber. Der Arm war geschwol- len, der Kopf tat mir weh, und im Munde hatte ich einen bitteren Geschmack. Nach drei Tagen war das Fieber nodı nicht gewichen. Ins Krankenhaus wollte mich Mama nicıt geben, damit ich mir dort nichts holte; ich ging fünf Tage mit Temperatur umher. Am sechsten Tage bekam ich einen Ausschlag, das Anzeichen von Typhus. Ich konnte nicht mehr gehen, und man brachte mich ins Krankenhaus. Es gibt ein Sprichwort: Vom Regen in die Traufe. So war& mit mir. Ich war ins Krankenhaus gekommen und lag dor! schon eine Woche. Ich war etwas benommen, als ein Ab- transport von Kranken stattfand. Mama zog mich an, und anstatt mich ins Auto hinunterzutragen, trug sie mich ins Laboratorium hinauf und warf mir einen Kittel über. Im Krankenhaus begegnete ich Frau Tadanierowa, die neben meinem Bett lag. Oles, ihr Sohn, hatte auch Typhus, aber er fühlte sich schon besser und besuchte öfter seine Mutter. Dr. Tadanier starb an Typhus. Meine Mutter war einen hal- ben Tag bei mir. Als ich schon eine Woche krank war, bekam Mama Fieber. Der Arzt meinte nach der Untersuchung, daß es Typhus sei. Mama lag neben mir, aber nach vier Tagen 330 ar Mamas Fieber gefallen, und es stellte sich heraus, daß «ie keinen Typhus gehabt hatte. Jetzt aber glaubte Mama, hn deshalb zu bekommen, weil sie im Saal für Infektions- ranke gelegen hatte. Rena bekam auch Typhus und Brand 1 den Füßen. Es bestand die Hoffnung, daß ihr nur die Zehen Onkel His! smputiert würden, aber als Kranke abtransportiert wurden, underzälx® nahm man sie mit. wesensin" In einer Nacht umzingelten Sonderdienstler die Kasernen der hrzubeie®„Mansfelder“ und nahmen 50 Personen nach Zölkiew zum © Ausheben von Gruben mit. Dort hatte man an Ort und Stelle hre$lo" 10 Personen erschossen, und 40 wurden ins Lager gebracht. > kauften” Onkel Mundek hatte man in Zölkiew erschossen. Jetzt wurde 'yohus. 0 das„Julag“ nach und nach eingeschränkt, ein Krankenhaus aufgelöst und den Angestellten ein Gebäude gegenüber dem Krankenhaus gegeben. Es war bereits Mai. Ich ging in den Krankenhausgarten ein Mama bißchen arbeiten. Wir arbeiteten im Garten nur ganz ober- 1g fünf T fächlich, weil wir ja wußten, daß wir die Früchte nicht mehr her ernten würden. Ich spielte jetzt mit Oles, Maryska Maksamer tm und Henryk Weiner. Eines Tages war Henryk mit seiner Mutter geflüchtet. Man begann die Liquidierung des„Julag“ fe, So wa Aurchzuführen. Die Frauen aus den„DAW“! hatte man be- und lag reits auf dem Gelände der DAW untergebracht. Onkel Hirsch als ein wollte man ins Lager stecken. Es kam der vorletzte Tag. nich an Mama sagte, daß ich zu Tante W. gehen solle. Das war am sie mich Montag. Ich ging um 6 Uhr früh in der„Rohstoffkolonne“ sel übe hinaus; auf der Straße trennte ich mich von der Kolonne und lief, so schnell ich konnte, zur Tante. Ich kam von der Garten- seite aus an die Tür. Sie war zugeschlossen. Ich klopfte, nie- nand öffnete. Ich stützte mich auf das Geländer und klopfte ıns Fenster. Durchs Fenster sah ich Irka, Lala und ihre Mut- ter im Bett. Die Mutter las eine Zeitung. Als sie das Klopfen ! Deutsche Ausrüstungswerke; Vereinigung der Werkstätten im Lager, die im Lwöwer Lager alle Werkstätten außer denen für die Rüstung umfaßte. hörte, wandte sie ihr Gesicht zum Fenster und bemerkte mich, hob aber die Zeitung wieder vor die Augen und machte die Tür nicht auf. Ich stand noch ein Weilchen da und klopfte noch einmal, aber es machte mir niemand auf. Ich ging zum Onkel. Das zweite Flaschenlager war von ukrainischer Polizei umstellt, und der Onkel riet mir, zurück- zulaufen und durch ein Loch im Zaun ins„Julag“ hineinzu- kriechen. Ich ging also zurück, bemerkte unterwegs eine Gruppe„Schwarzer“i, die von der Nachtschicht ins„Julag“ zurückkehrten, und ging mit ihnen hinein. Um 10 Uhr war ich schon im Krankenhaus. Ich begrüßte Mama mit einem Lächeln. Als Frau Bronia mich sah, wäre sie beinahe in Ohn- macht gefallen. In der Nacht konnte Mama nicht schlafen. Am Dienstag morgen begaben wir uns in den Luftschutzraum im Krankenhaus. Man gelangte dorthin durch eine kleine Küche, aus der man ein Rohr in den Keller gelegt hatte. Der Eingang befand sich in der Wohnung von Herrn Labiner. Nachmittags kam Kurzrok und nahm seinen Vater, seine Kusine Adlerbergowa und Labiner mit Frau und Kind aus dem„Julag“ in das Lagerkrankenhaus mit. Von dort fuhr die Familie Labiner nach Krakau. Der Onkel war von der Arbeit nicht zurückgekommen und hatte auch seine Sachen fürs Lager noch nicht abgeholt. Mama lag auf einem Bett, sie war ganz blaß. Ich legte mich zu ihr und fragte sie:„Warum grämst du dich? Es gibt ja noch keine Aktion.“ Aber Mama antwortete:„Für mich ist es schon eine Aktion, und obwohl ich Cyankali habe, werde ich deinetwegen einen schweren Tod haben. Was aus mir wird, darüber denke ich nicht einen einzigen Augenblick nach.“ Und dann brach sie in Tränen aus:„Janula, erspare mir diese letzte Qual und geh. Ich will nicht mehr wissen, was aus dir wird, ich will dich nur nicht mehr bei mir sehen! Geh, wenn du mich liebst, geh noch einmal zu ihr. Diese 4 So nannte man die in der Fabrik Schwarz in der St.-Marcin-Straße Arbeitenden. 332 niedrig gen. Aber ich\ leben? \lama, W nun einm men?\ \lama fle Papa räd fidergeb rir davon tgend, 9 Leiden, so Ihführte hit geko isehen,| Herz. mich ı talle I geben, Si mich bis ind von] ht zuri Nder Ko Leiden ta übegah fen, un tich yor üb eundin OR, Frau "Toms "lign üe Tant te mich chte die Klopte var von zurük- ineinzu-| 85 eine „Julag" Uhr war| t einem in Ohr- schlafen utzraum & kleine tte. Der Labiner Tr, Seile ind au ort fuhr Erniedrigung nehme ich auf mich, denn ich heiße dich hin- gehen.“ Aber ich wollte nicht gehorchen. Ich antwortete:„Wozu soll ich leben? Ich kann mich ohne Papiere sowieso nicht halten. Mama, willst du meine Qual verlängern? Ist es nicht besser, nun einmal Schluß zu machen, mit dir zusammen, in deinen Armen? Was kann das Leben für mich allein sein?“ Mama flehte mich an:„Du mußt gehen! Du mußt mich und Papa rächen!“ Ich antwortete:„Wird die Rache dich mir wiedergeben? Lohnt es, sich dafür zu quälen? Was werden wir davon haben? Ist es nicht besser, jetzt, so neben dir liegend, Schluß zu machen? Mama, du würdest mir so viele Leiden, so viele Qualen ersparen, die mich erwarten!“ Ich führte mit Mama einen Kampf. Er hat mich viel Gesund- heit gekostet. Ich konnte meine weinende Mama nicht mehr ansehen. Ihr Gesicht war voll Falten wie das der Großmutter. Ihr Herz schlug so laut, daß ich es hörte. Schließlich erklärte ich mich unter der Bedingung einverstanden, daß Mama mir für alle Fälle Cyankali gäbe, aber sie wollte es mir nicht geben. Sie gab mir 2700 Zloty auf den Weg und begleitete mich bis ans Tor. Ich verabschiedete mich von Herrn Brat und von Frau Bratowa. Der Onkel war von der Arbeit noch nicht zurückgekommen. Mama küßte mich, und als ich schon in der Kolonne stand, sagte sie mir noch leise:„Ertrage die Leiden tapfer, deiner Mutter zuliebe!“ Ich begab mich von neuem zu Tante W. Diesmal war die Tür offen, und ich ging ohne anzuklopfen hinein. Als die Tante mich vor sich sah, konnte sie mich nicht mehr hinauswerfen. Ich gab ihr einen Teil des Geldes. Die Tante hatte eine Freundin, Helena Nowicka, die sie in allem ins Vertrauen zog. Frau Nowicka war Antisemitin und hatte während des Pogroms die Juden geschlagen. Die Liquidierung des„Julag“ ging schon ihrem Ende zu, und die Tante wollte mich nach fünf Tagen nicht mehr bei sich 333 haben. Ich ging zu Onkel Hirsch, doch im Betrieb! gab es überhaupt keine Juden mehr. Ich erfuhr von einem arischen Kommissar, daß eine Revision stattgefunden habe. Man habe eine Waffe gefunden und alle„Rohstoffler“ erschossen, darunter auch den Onkel. Ich ging zur Tante zurück und hatte die Absicht, am anderen Tag ins Lagerkrankenhaus zu gehen. Ich machte mich morgens auf den Weg, die Tante nahm mir das Geld ab und sagte, daß sie versuchen wolle, etwas für mich zu tun. Sie gab mir zwei Brotschnitten. Ich nahm der Tante 200 Zloty wieder weg und behielt sie bei mir. Ich ging ins Krankenhaus, um Kurzrok aufzusuchen, aber Kurzrok lebte nicht mehr; er hatte mit seiner Frau fliehen wollen und war von zwei Kapos”, Peherz und Szwadron, verraten worden. Vom Krankenhauspersonal hatte man nur 17 Personen übrig- gelassen. Gustaw wurde bei der Liquidierung der„Reinigung“? er- schossen. Im Krankenhaus unterhielt ich mich mit Frau Adlerbergowa. Sie sagte mir, ich sollte am anderen Tage in die DAW gehen. Ich kehrte von neuem zur Tante zurück. Am anderen Tage früh fand die Tante einen Zettel, auf dem stand:„Geehrte Frau! Bei Ihnen befindet sich eine Drecks- jüdin. Bringen Sie 20 000 Ztoty bei, sonst kommt die Drecks- jüdin auf die Piaski.“ Ich hatte weder auf dem Wege ins Krankenhaus noch auf dem Rückweg einen Bekannten gesehen und wurde mir darüber klar, daß diesen Brief Frau Nowicka auf Bitten meiner Tante geschrieben hatte. Beim Abschied sagte die Tante, sie würde sich darum kümmern, mir etwas zu be- schaffen, sollte es ihr nicht gelingen, würde sie mir das Geld durch Frau Adlerbergowa zurückgeben. 1 Hier Werkstatt auf dem Lagergelände. 2 Gruppenführer der Häftlinge. ® Abkürzung für Stadtreinigung; im Janowskilager war eine Häftlingsbrigade dazu bestimmt, die im Mai 1943 ermordet wurde. 334 Inder]: Im Tor mubte i Vorarbe einen h suchte i war. Au 500 Fra ter war zu kase aber ma eine Ar der„Sc den hie gebrach Das waı durch d. es cab und Me einen] Habero Vorarb: Stein,] Röza R eingete; einen F terinne: technis. ! Nachdem arbeiter Schneide geschafft tenden} 205sen & uni IV In der Janowskastraße 117 befand sich eine Trikotagenfabrik. Im Tor stand ein Werkordner. Damit er mich durchließ, mußte ich ihm sagen, daß ich Jüdin war. Ich begab mich zur Vorarbeiterin der Trikotagenfabrik, Broni Muszkat, wo ich einen halben Tag zubrachte. Auf dem Terrain der DAW suchte ich Frau Redilowa, die Vorarbeiterin im Zuschnitt war. Auf dem Terrain der DAW befanden sich Kasernen für 500 Frauen, wo man sich sicherer fühlte als im Lager. Schäch- ter war ein Kollege der Frau Redilowa, und sie bat ihn, mich zu kasernieren. Als Kind konnte ich in die Kaserne gehen, aber man riet mir, es nicht zu tun. Vorerst besorgte man mir eine Arbeit als Saumnäherin auf der Schwarzschen Zeche? in der„Schneiderei I“, bei Elza Maro und Hanka Weber; von den hiesigen Frauen waren nicht sämtliche im Lager unter- gebracht, und mit diesen schlief ich auf der Zeche. Das waren lange Baracken ohne Zimmerdecke, und es regnete durch das Dach. Direktor war Gebauer und Leiter war Müller, es gab auch zwei Schinder, die für Ordnung sorgten: Bajer und Melchior. Für je zwei Zechen gab es einen Aufseher, einen Deutschen. Leiterin der Werkstätten war die Jüdin Haberowa und Leiter war Schächter. Jede Zeche hatte eine Vorarbeiterin: Elza Marmor, Hanka Weber, Rö2a Rubin- stein, Lusia Münzer, Bronia Muszkat, Cyla Morgentraub, RözZa Redil, Grinbaum, Kohn. Die Zeche war in Gruppen eingeteilt. Jede Gruppe hatte einen Brigadier, zwei Zurichter, einen Bügler, 20 Maschinennäherinnen und 15 Hilfsarbei- terinnen. Leiter des Schneiderbüros war Hilferding und des technischen Büros Löbel. Die Angestellten und die Vorarbeiter 1Nachdem die überlebenden Ghettobewohner ins Lager gesperrt worden waren, arbeiteten die ehemals in der Schwarzshen Fabrik Beschäftigten in den Schneiderwerkstätten des Lagers, in die man sogar die Maschinen der Fabrik geschafft hatte. Zeche hieß die Werkstatt oder die Gesamtheit der dort arbei- tenden Häftlinge. 385 i | waren im Gelände kaserniert. Die Kommandantin der Frauen aus den Kasernen war Tusia, Bronias Schwester!. Die Kasernen bestanden aus vier Holzbaracken, in einer war ein Waschraum und eine Küche untergebracht. In den drei an- deren Baracken, die keine Zimmerdecke besaßen, befanden sich vierstöckige Pritschen, die bis unter das Dach reichten. Nach jeder neunten Pritsche war ein Zwischenraum; man schlief einzeln. Das Essen bekam man auf„Essenkarten“, essen mußte man halb liegend, weil man sonst mit dem Kopf gegen die nächste Pritsche stieß. Die Arbeit begann um 6 Uhr. Ich konnte die Norm nicht erfüllen und hielt es auch nicht aus, die ganze Zeit auf einer Stelle zu sitzen. Die Brigadierin der Gruppe, die Bauerowa, schrie mich manchmal an. Elza Maro sagte mir nichts. Ich lief auf den Zechen umher. Unter dem Vorwand, daß ich zum Arzt ginge, begab ich mich in die Kartonnagenwerkstatt zu Maks Boruchowicz. Nach zwei Wochen kam ich ins Lager. Im Lager gehörte ich zu denen, denen es gut ging. Ich kannte Akser?. Er bewirkte es, daß ich in der Baracke„Wäscherei“ schlief, wo es sauber war und weniger Frauen gab. Ich kannte Orland?, und so brauchte ich beim Suppeholen nicht in der Schlange anzustehen. Später richtete Akser es so ein, daß ich mein Mittagessen in der „Unterkunft“® bekam. Am Sonnabendnachmittag war frei und vormittags Baden für Frauen. Am Sonntag hatte die „Wäscherei“ frei. Elza Maro befreite mich am Sonntag von der Zeche, und ich ging in die„Unterkunft“ zu den Jakubo- wiczs. Dorthin kamen manchmal Ilian’, Grün‘, Fränkelz’, * Ein Irrtum: sie war nicht die Schwester, sondern die Schwägerin der Frau Muszkat. ? Ein Gefangener, der im Büro arbeitete, den Arbeitseinsatz leitete und damit eine Schlüsselstellung innehatte. 3 Oberkapo im Lager. * So wurden im Janowskilager die Räume der„Büroangestellten“ genannt. 6 Pseudonym für M. Boruchowicz. © Jüdischer Romanschriftsteller. ? Sozialistischer Journalist. 336 Kleinm: streuten aus den arische mittags ihnen b Halb vi zum A Appell; reichte, schnitte Lagerpe vordrär Etwas' mußte ı wenn a mit den sten au Kolonn Kolonn Willha Spazier dierte: befahl die a; daß da &ineK; Häusch Notiert Und„\ Askars über di Bol kannt Die lag Ars, UeIOWa, hts, Id ichzun| statt zI eichzı rkte es ber wat raucht „Spätel in de var fe itte U [akubo inkelz ı Muszka Kleinman! und Herman mit einer Harmonika, und wir zer- streuten uns zwei Stunden lang. Um 6 Uhr kam Franka Stein aus den Kasernen und sang. In den DAW gab es auch eine arische Zeche. Die„Arierinnen“ kamen morgens und gingen mittags nach Hause. Um 6 Uhr hatten sie Feierabend. Unter ihnen befand sich Stasia M. Halb vier war Wecken, um vier gab es ein zweites Signal zum Ausmarsch aus dem Frauenlager. Am Tor, das zum Appellplatz führte, stand ein Wagen mit Brot. Der Koch reichte jeder, die am Rande der Fünferreihe ging, fünf Brot- schnitten, und sie reichte sie weiter. Ein Ordner und ein Lagerpolizist” hielten die Ordnung aufrecht; wenn sich jemand vordrängte, bekam er statt Brot sofort eins mit der Peitsche. Etwas weiter gab es Kaffee, aber um ihn zu bekommen, mußte man sich schlagen, so daß die meisten auf diese bittere, wenn auch warme Lorke verzichteten. Bis fünf konnten wir mit den Männern sprechen, dann trieben uns die Lagerpolizi- sten auseinander, und wir stellten uns in Fünferreihen zu Kolonnen auf. Eine Kolonne zählte 100 Personen und die Kolonnenführerin; der Appell begann. Warzog, der nach Willhaus’ Wegfahrt an die Front Lagerführer geworden war, spazierte zwischen den Kolonnen hin und her und komman- dierte:„Nieder! Auf! Achtung! Rührt euch! Nieder!“ und befahl uns, auf dem Bauch zu kriechen oder zu springen, und die Lagerpolizisten beaufsichtigten uns und achteten darauf, daß das Kommando genau ausgeführt wurde» Dann begann eine Kapelle zu spielen, und wir gingen vom Platz. An einem Häuschen erstattete die Kolonnenführerin Rapport. Akser notierte ihn. Vor dem Häuschen standen der Arzt, Dr. Biber, und„Wachmänner“, etwas weiter versammelten sich die Askars zum Appell. Am Wachhäuschen des Askars, gegen- über dem Kontrollstubenhäuschen, spielte die Kapelle. Wir ! Bekannter Zeichner und Bühnendekorateur. ? Die Lagerpolizei bestand aus Häftlingen. 22 F 18/58 337 gingen an einem Bunker vorbei, aus dem hinter Gittern Kin- der und Erwachsene herausschauten und uns beneideten. Wir gingen in die DAW. Am Tor nahm Kurzer einen schriftlichen Rapport entgegen. Etwas weiter nahm Melchior alles ab, was man außer der Menage und der Brotschnitte bei sich hatte. Wir gingen am Hause von Gebauer vorbei. Gebauer und die „Aufseher“! standen vor dem Tor. Dann begann die Arbeit oder vielmehr das„Herunterhauen“ der Norm: vier Paar Hosen oder Blusen oder Mäntel von jeder Maschinennäherin, die Hilfsarbeiterin mußte sie mit Knopflöchern versehen. Sofern man damit nicht bis 6 Uhr fertig war, mußte man bis acht Uhr dasitzen, und am anderen Tage mußte die ganze Gruppe eine schmutzige Arbeit verrichten: Ziegel schleppen und Klosetts scheuern. Es gab manchmal Zeiten, in denen keine Arbeit vorlag; dann arbeiteten wir eben so, um irgend etwas in den Händen zu halten. Um halb eins gab es eine anderthalbstündige Pause. Die„Kasernierten“? gingen gleich in die Kasernen, wo sie eine gute Suppe bekamen, am häufigsten Graupen- oder Kar- toffelsuppe. Wir mußten ins Lager. Sofern jemand auf der Zeche blieb, bekam er fünfundzwanzig Stockhiebe. Wir stell- ten uns in Kolonnen auf, was eine halbe Stunde dauerte. Zwei Lagermilizsoldaten und Ordner holten uns ab und brachten uns ins Lager zurück. An dem Häuschen wurden wir von Striks gezählt. Auf dem Platz standen zwei große Behäl- ter, und zwei Jungen teilten mit einer Kelle die Suppe aus. Für den, der in Gunst stand, schöpfte der Junge mit der Kelle das Dicke heraus. Manchmal waren in der Suppe zwei Kar- toffeln, ein paar Gerstengraupen, und auch Kohlrabiblätter oder Mohrrübenkraut schwammen darin herum. Orland paßte mit der Peitsche in der Hand auf, daß sich niemand zweimal 3 Deutsche Zivilisten. 2 Arbeiterinnen, die in den Kasernen der DAW wohnten, im Gegensatz zu den Gefangenen des eigentlichen Lagers. 338 Wir mul gemacht der Schv abend ui ins Lage der Wac kars Fuf ging hin Waschr: n die au kaltes\ kitunge Protekti Auf ein: ins Fra Frauen]. verteilt, die Ord Unordn geworde fen Kur fenen K Ind bey änderer Ordneri Sie die B Und die Der erst [ag, we Wachsen die Mar geben ließ. Wir standen gruppenweise Schlange; zuerst ging eine Kolonne in den Eßraum, dann die andere. Nach fünf Minuten gingen wir aus dem Eßraum zum Tor der DAW. Wir mußten noch warten, weil das Tor erst um zwei Uhr auf- gemacht wurde. Und wieder ging die Hetze los, wieder triefte der Schweiß; die Kleider wurden naß. Um 6 Uhr war Feier- abend und Appell in den DAW. Wir schleppten uns atemlos ins Lager. Die Musik spielte vor der Unterkunft. Die Kinder der Wachmänner hörten zu. Auf dem Platz spielten die As- kars Fußball. Wir gingen in den Waschraum. Der größte Teil ging hin, um Bekannte zu sehen oder etwas zu kaufen. Im Waschraum waren längs des Raumes Steinsockel mit Mulden, in die aus einem darüber verlaufenden Rohr in dünnem Strahl kaltes Wasser floß. An den Seiten des Raumes waren Wasser- leitungen. Um eine Waschschüssel zu bekommen, mußte man Protektion haben. Auf einen Pfiff von Orland stellten wir uns auf und gingen ins Frauenlager. Nach uns wuschen sich die Männer. Im Frauenlager wurden noch Suppe oder Brotschnitten mit Lorke verteilt. Orland war hier nicht. Bebi zankte herum und schrie, die Ordnerinnen schlugen auf uns ein, aber es war weiterhin Unordnung. Am Montag gab man uns einen Löffel sauer gewordene, mit Sacharin gesüßte Rübenmarmelade, sehr sel- ten Kunsthonig oder verdorbenen, stinkenden und zerlau- fenen Käse. Um neun Uhr mußte das Licht ausgelöscht sein, und bevor Ruhe eintrat, war es zehn. Jede Nacht machte ein anderer Wachmann Kontrollgang. Jede Nacht hatten zwei Ordnerinnen Dienst und schliefen nicht. Morgens weckten sie die Baracken, und am Tage scheuerten sie den Waschraum und die Latrine. Der erste Monat im Lager war abscheulich, weil wir Tag für Tag, wenn wir von der Arbeit zurückkamen, Kinder und Er- wachsene aus dem„Julag“ und aus dem Bunker vorfanden, die man bei uns neben dem Klosett erschossen hatte. Sie 227° 339 hatten sich nackt ausziehen und ihre Sachen gleichmäßig auf ein Häufchen legen müssen. Aus dem Frauenlager wurde eine Delegation ausgesandt, damit der Hinrichtungsort wo- andershin verlegt wurde. Er war hinter der Küche. Die Lei- chen lagen einige Tage da, bis sich mehrere angesammelt hatten, erst dann wurden sie von der„Todesbrigade“ aufge- lesen und auf den Piaski verbrannt. In der„Todesbrigade“ waren kräftige Männer, ausgewählt aus denen, die zum Tode bestimmt waren. Von Zeit zu Zeit wurden sie von anderen abgelöst. Sie waren von uns abgeson- dert. Wir sahen sie nur von weitem bei der Arbeit. Sie hatten ihre Baracke auf den Piaski. Jeden Schritt gingen sie mit einem Deutschen, einem SD-Mann. Sie gruben die Leichen der im August 1942 Getöteten aus. Die Sachen, die die zum Tode Verurteilten auszogen, gingen ins Magazin. Im Ambulatorium der DAW war ein Bekannter Arzt, Dr. Tanne. Er hatte zusammen mit meiner Mama während der russischen Zeit im Krankenhaus in der Dwernickistraße und unter den Deutschen in der Kuszewiczstraße gearbeitet. Er war auch mit Mama, mit dem Redakteur Brat und Frau Bra- towa in Labiners Luftschutzraum gewesen. Sie saßen zusam- men im Frauenlager auf der Erde!. Dann hatte ihn Orland gerettet. Von den Frauen aus der Wäscherei erfuhr ich, daß diejenigen, die Cyankali bei sich gehabt hatten, sich unter- einander verständigt und sich alle zu gleicher Zeit vergiftet hätten. Der zweite Monat war ruhig verstrichen. Wir gingen regel- mäßig jeden Freitag oder Sonnabend in die Badeanstalt in der Szpitalnastraße. Das war ein sehr unangenehmer Weg. Wenn wir durch die Stadt gingen, gafften uns Passanten und Kinder an. Da wir unsere bejammernswerte Lage nicht zu erkennen geben wollten, sangen wir unterwegs fröhliche Märsche. Am Sonnabendnachmittag hatten wir frei. Um uns iD. h. auf den Tod wartend. 340 wenigste | Abendut Schrecke Rezitati Währen ließen u durfte m Frauen; die Bar: Nacht g faßte Ge Uns geg brennen Mich na neidete gemacht jetzt ge verbrenr dachte, Autzen ı Seit eini frei bew der man karten“ der kein 853 5ch Schinenr , Fichter u dier, Yo Ohne Sg Gruppe | lichkeit, der mir er | wenigstens für eine Weile zu zerstreuen, veranstalteten wir Abendunterhaltungen, aber trotz alledem verschwand das Schreckensbild der Wirklichkeit nicht, weil die Lieder und Rezitationen davon erzählten. Während der Arbeit war es schrecklich heiß, und in der Nacht ließen uns Flöhe und stickige Luft nicht schlafen. Nach 9 Uhr durfte man sich draußen nicht aufhalten, aber die mutigeren Frauen gingen doch hinaus. Ich begab mich auch öfter hinter die Baracke, dort sangen und rezitierten wir. In so einer Nacht ging mir verschiedenes durch den Kopf, und ich ver- faßte Gedichte ohne Reim. Uns gegenüber loderten auf den Piaski die Flammen von den brennenden Leichen. Gestank vergiftete die Luft. Ich sehnte mich nach meiner Mama, aber ich verzweifelte nicht, ich be- neidete sie nur darum, daß sie ihren Leiden bereits ein Ende gemacht hatte. Ich schaute auf das Feuer, in dem sie vielleicht jetzt gerade verbrannte, und ich wußte, daß auch ich dort verbrennen würde. Solche Augenblicke, in denen ich so dachte, waren schon selten. Ich wollte die letzten Tage aus- nutzen und viel lachen, aber unser Lächeln war gekünstelt. Seit einiger Zeit konnte ich mich auf dem Gelände nicht mehr frei bewegen. In der Mitte des Geländes stand eine Bank, auf der man geschlagen wurde. Und es gab sogenannte„Scheiß- karten“!. Wenn jemand auf dem Gelände erwischt wurde, der keine besaß, bekam er 25 Stockhiebe. In jeder Gruppe gab es 3 Scheißkarten: eine für 15 Säumerinnen, eine für 20 Ma- schinennäherinnen und die dritte für den Brigadier, die Zu- richter und den Bügler. Wir bestellten die Karte beim Briga- dier. Vor der Latrine stand ein Ordner und ließ niemanden ohne Scheißkarte hinein. Ich konnte sie daher nicht von der Gruppe nehmen, weil ich die Mitarbeiterinnen Unannehm- lichkeiten aussetzte. Ich hatte einen bekannten Werkordner, der mir eine Scheißkarte zum alleinigen Gebrauch schenkte. 4Eintrittskarten in die... Latrine. 341 V Am Tor gab es keinen Deutschen. Kurzer begrüßte uns auf- geregt. Wir fühlten, daß etwas im Gange war. Die„Verord- ner“ ließen keinen auf die Zechen gehen, und in der Mitte des Geländes waren alle Deutschen versammelt. Panische Angst vor einer Aussortierung erfaßte uns, aber Reryk, ein Deutscher, hatte an einer Laterne einen Strick befestigt. Es sollte ein Mann aus der Nachtschicht hingerichtet werden. Die Nachtschicht hatte ein Vergnügen veranstaltet. Alle hat- ten sich betrunken, und er hatte einen Revolver besessen und in betrunkenem Zustand einen Schuß abgegeben. Ich war während der Panik aufgeregt, aber als bekannt geworden war, daß es sich um eine Exekution handelte, beherrschte ich mich, und konnte, ohne daß es auf mich Eindruck machte, diesen Menschen ansehen, als er sich entkleidete. Kurz vorher hatte er Seife verkauft, und ich hatte von ihm ein Stück gekauft; und jetzt erklärte ihm Melchior, ein Deutscher, wie er sich die Schlinge selber umzulegen habe. Nur in Unterhosen, kletterte er ruhig, als ginge es um Geld oder Seife, auf die Rampe. Mich berührte seine Gleichgültigkeit unangenehm, und ich konnte nicht länger zusehen, mit welcher Ruhe er sich die Schlinge umlegte. Ich verließ die Reihen, aber ein Ordner befahl mir zurückzugehen. Ich ging zurück und richtete den Blick auf den zum Tode Verurteilten. Er hing bereits und schwang hin und her. Ich wurde von neuem aufgeregt. Aber nicht vor Mitleid für den Gehenkten oder wegen des Ein- drucks, den die Exekution auf mich gemacht hatte, oder etwa aus Furcht vor dem Tode. Nur— diese Hinrichtung machte mir etwas bewußt, was ich damals mit einem Lachen oder einem Scherz nicht verscheuchen und womit ich mich nicht abfinden konnte. Ich war damals das erste Mal Augenzeuge einer Hinrichtung. Vorher hatte ich sogar Angst gehabt, dort- hin zu sehen, wo die Verurteilten waren. 342 Ich hatte Gefängni seinerzeit Menschei Brot, Um war um( teilung v und ging sich die aber aud die Auge sehen un Latrine r tete mid nicht. Da mittenhii erst danı Weinten, Schweste ganzen Frauen, alles vor Verängst Lucy trö Herzen: das glei. Würde id Als dies keine A, Oder um keinerle; Undich keine K Dicht be Ich hatte damals noch auf der Zeche geschlafen und war ins Gefängnis gegangen, um Lucy Hasenus zu besuchen, die seinerzeit Ordnerin war. Im Frauenlager saßen auf dem Platz Menschen aus dem„Julag“, und die Frauen reichten ihnen Brot. Um 7 Uhr kam Siller, ein Deutscher, kontrollieren. Er war um die Baracken herumgegangen und hatte sich die Ver- teilung von Kaffee angesehen. Ich trat aus der Baracke heraus und ging in die Latrine; auf halbem Wege bemerkte ich, daß sich die Menschen auszogen. Ich hatte Angst umzukehren, aber auch Angst weiterzugehen. Ich hielt den Atem an, schloß die Augen und stopfte mir die Ohren zu, um ja nichts zu sehen und zu hören, und lief eiligst in die Latrine. In der Latrine mußte man sich um einen Platz schlagen. Ich fürch- tete mich zurückzugehen und verließ deshalb meinen Platz nicht. Da versetzte mir eine Frau einen Stoß, daß ich beinahe mittenhinein gestürzt wäre. Plötzlich fielen einige Schüsse; erst dann beherrschten sich die Frauen und waren still. Zwei weinten, denn eine hatte dort ihren Sohn und die andere ihre Schwester. Ich zitterte, die Zähne klapperten mir, und den ganzen Abend konnte ich mich nicht beherrschen. Andere Frauen, die nicht so nahe dabeigewesen waren wie ich, aber alles von den Baracken aus gesehen hatten, waren nicht so verängstigt wie ich. Ich konnte nicht essen und nicht schlafen. Lucy tröstete mich damit, daß es nicht lohne, sich das so zu Herzen zu nehmen, es sei schade um die Nerven, weil mich das gleiche Schicksal erwarte, und wenn ich ins Lager käme, würde ich mich an diesen Anblick gewöhnen. Als dieser Mann gehenkt wurde, hatte ich vor dem Tode keine Angst mehr, gleichviel ob es sich um den Tod anderer oder um den meinen handelte, aber ich konnte mich auf keinerlei Weise mit ihm abfinden. Ich wollte unbedingt leben, und ich fühlte, wie etwas in mir rief: Lebe! lebe! Ich hatte keine Kraft, es zu unterdrücken, und ich konnte mich nicht beruhigen. Ich erinnerte mich an einen Sonntag bei 343 Jakubowicz, wo man die Frage aufgeworfen hatte, warum es bei den Juden keine heldische Begeisterung gäbe. Kleinman hatte darauf gesagt:„War es denn keine Heldentat, als junge Aädchen ohne Wehklagen, mit einem Lied auf den Lippen, auf die Piaski gingen?“ Ich konnte mich damit nicht abfinden. Wie denn: sich so wie dieser Gehenkte resigniert und unterwürfig dem Tode zu ergeben, das sollte Heldentum sein? Und ich sollte auch eine solche Heldin sein?— Nein, ich wollte leben! Es ist wahr, ich besaß nichts, dem ich nachzutrauern hatte, aber ich wollte jetzt lieber hungern und mich quälen, um ja nur zu leben, denn ich liebte das Leben. Und wenn ich auch auf die Piaski dafür hätte gehen sollen, daß ich leben wollte. Ich würde nicht weglaufen, aber ich würde den Mördern Widerstand leisten und mich nicht entkleiden.... Eines Tages hielt mich Frau Stasia M. an und sagte, ich solle mir eine Photographie machen lassen, die sie dann mit Frau A. nach Warschau schicken würde; eine Woche später könne ich eine Kennkarte bekommen und mit einer Frau aus Brzu- chowice nach Warschau reisen. Flaschner, ein Vorarbeiter der Zeche, photographierte mich heimlich. Ich beriet mich mit Bumek Warman. Er wollte mit Frau M. sprechen. Das sollte im Auftrage irgendeines Komitees sein. Ich be- merkte, daß sich bei Frau A. ein Mädchen zu schaffen machte, Frania Tadel. Ich unterhielt mich mit ihr und fragte sie nach dem Charakter der Frau A. Frania schilderte sie mir im besten Licht. Ich hatte sofort begriffen, daß die beiden Frauen auch Frania etwas gesagt haben mußten. Ich fragte sie da- nach, und sie war sehr erschrocken, daß ich davon wußte. Ich erklärte ihr, daß es sich mit mir genauso verhielte, aber ich nicht daran glaubte. Ich rechnete zwar nicht darauf, aber ich schob die Angelegenheit nicht hinaus. Es kam der vermeint- liche Tag, an dem Frania und ich aus dem Lager gehen soll- ten. Da verlangten sie von uns je 5000 Zloty. Wir lehnten es 344 beide ab. würden' tausend. ten, Wir A, schon frieden s zogen.$ mit Hild überrede Es begar wurde at Gedichte Atmospl vor. Jed Schächte dem Sta Die Arıı weit ent ZU ergre, Abschied Wieder befürcht auch hai & mir ı der Gru auf, Wi mit den \ geradea, | Gedank, | Druck y ) ic strer , | ding zu Auf, Fra 'arum es leinman ls Junge Lippen, h wollte u leben, e Piaski n würde lerstand ich solle nit Frau t könne ıs Brzu- arbeiter nich mit beide ab.(Gegenüber Frau M. und Frau A. taten wir so, als würden wir uns nicht kennen.) Der Preis sank auf zwei- tausend. Wir wußten, daß sie von uns nur Geld haben woll- ten. Wir lehnten es wieder ab. Man sah, daß die M. und die A. schon mit der bloßen Prämie für unsere Auslieferung zu- frieden sein würden und unser Geld nicht mehr in Betracht zogen. Sie wollten es mit uns genauso machen, wie man es mit Hilde aus der Unterkunft getan hatte, die zur Flucht überredet und dann verraten worden war. Es begann kühl zu werden, und mit dem Ende des Sommers wurde auch unser Allgemeinbefinden schlechter. Ich hatte für Gedichte keine Geduld mehr. Wir sangen nicht mehr. Die Atmosphäre hatte sich auch verändert. Jeden Tag fiel etwas vor. Jeden Tag wurde jemand erschossen oder gehenkt. Schächter, Haberowa, Hilferding und Löbel hatten sich aus dem Staube gemacht. Die„arische“ Zeche wurde aufgelöst. Die Arierinnen wurden Betrieben zugeteilt, die von Juden weit entfernt waren. Die Gefangenen begannen die Flucht zu ergreifen. Frania war geflohen. Sie hatte sich von mir ver- abschiedet und mir ihre Adresse gegeben. Wieder waren zwei aus der Unterkunft geflüchtet, und man befürchtete Repressalien; es gab daher nichts zu überlegen, auch hatte man nichts zu verlieren. Am anderen Tage nahm ich mir vor zu fliehen. Am Montag um 12 Uhr ging ich mit der Gruppe ins Krankenhaus. Ein Askar machte die Pforte auf. Wir traten alle hinaus, ich war die letzte und, anstatt mit den anderen ins Spital zu gehen, ging ich die Straße geradeaus. Ich stieg in eine Straßenbahn ein. Hunderte von Gedanken schossen mir durch den Kopf, und unter ihrem Druck war ich wie betrunken. Schläfrigkeit befiel mich, und ich strengte alle Kräfte an, um in der Straßenbahn nicht ein- zuschlafen. Auf dem Bernardynskiplatz stieg ich aus und ging zu Frau Piotrowska. Hela Gangel machte mir die Tür auf. Frau Piotrowska war noch nicht zu Hause; ich unterhielt 345 mich daher mit Hela. Frau Jadzia kam und begrüßte mich freundlich. Sie wollte nicht glauben, daß ich aus dem Lager käme. Sie hatte gedacht, daß ich noch weiterhin bei Frau M. in der Hoffmanstraße wohne und daß Mama, statt im ver- gangenen Jahr zu ihr zu ziehen, fortgefahren sei, denn es hätte sie gewundert, daß wir uns bei ihr nicht sehen ließen. Frau Jadzia konnte mir jetzt nicht helfen. Sie hatte Helas wegen einen Erpressungsversuch zu überstehen, und Hela mußte sich bei ihren Eltern verstecken. Sie ging noch zu Be- kannten, um für mich eine Bleibe zu suchen, aber sie kam unverrichteterdinge zurück. In der Zwischenzeit konnte ich mich nicht länger beherrschen und schlief auf dem Stuhl ein. Ich ging von ihr verschlafen fort. Frau Jadzia sagte mir noch zum Abschied, daß sie midı vielleicht zu sich nehmen würde, falls ich nicht bei der Tante unterkommen könnte. Ich ging die Lyczakowskastraße hin- unter. Mir war alles gleichgültig; wenn mich die Tante auf- nähme, würde ich mein ganzes Leben für die Möglichkeit geben, zwei Tage durchzuschlafen. Ich kam zum Haus Num- mer 74 und klopfte an die Vordertür. Niemandließ sich hören. Ich klopfte zum zweitenmal und drückte die Klinke herunter. Die Tür ging auf, im Zimmer lag Lola allein im Bett, aus der Küche drangen Stimmen herein. Ich fragte sie, ob außer der Tante und Irka niemand im Hause sei, aber trotzdem bat idı Lola, ihre Mutter selbst zu rufen. Nach einem Augenblick kam sie zurück, doch anstatt mit der Tante, kam sie mit Frau No- wicka, einer Freundin der Tante. Frau Nowicka wies mir die Tür und sagte:„Mach, daß du hinauskommst, du....“ Ich war auf einen schlechten Empfang vorbereitet gewesen, aber das hatte ich nicht erwartet. Ich schleppte mich nur mit Mühe bis zur Straßenbahn, und dann ging’s zurück ins Lager. Ich stand auf der Plattform, um auszusteigen, als ich Heine’ 1 Eigentlich hieß er Heinen, ein SS-Mann, einer der größten Sadisten des Janowskilagers. 346 } | nitnoch ei fenbahn aı nolte ins. ach innen. fer Stufe s Tor in die aber gleich s nicht zu ttönte, un Negen der aufgelöst, 1 Unterkunft auf zu spie wurden no, siez, dann ineinen Bı angenehm, tickten die schon so.dı Panik anst dem Tode und ich fül inruhig hi Feinte auc äuf eine} Wenigsten: \önnen. Id erschöpft L "ich Beb;, Janka, sq Nacht, uni Pitsche, dad Beh; ß lb? Den mit noch einem Deutschen bemerkte. Ich stieg aus der Stra- ßenbahn aus. Auf der Straße waren sie nicht zu sehen. Ich wollte ins Krankenhaus gehen, aber jemand zog die Pforte nach innen. Nach einem Augenblick öffnete sie sich, und auf der Stufe stand Heine. Ich lief schnell weg und ging durchs Tor in die DAW. Schichmann fragte mich, woher ich käme, aber gleich lachte er und sagte:„Na, du Ausreißerin, treibe es nicht zu toll, und nun marsch an die Arbeit.“ Der Gong ertönte, und ich lief geradenwegs auf den Sammelplatz. Wegen der zwei Geflüchteten wurde die Unterkunft im Lager aufgelöst, und schon für die nächste Nacht sollten alle aus der Unterkunft in die Baracken überwechseln. Die Kapelle hörte auf zu spielen. Zwei, die man bei der Flucht ergriffen hatte, wurden noch hinter dem Waschraum gehenkt. Ulrich Jakubo- wicz, dann noch ein Mechaniker und ein Chauffeur wurden in einen Bunker gesteckt. Dieser Tag im Lager war sehr un- angenehm, und als Zugabe zu dieser Niedergeschlagenheit rückten die jüdischen Feiertage heran, das Neujahr. Ich war schon so deprimiert, daß mich weder die Bestürzung noch die Panik ansteckten. Ich begriff damals, warum sich alle so ruhig dem Tode ergaben. Mir war die Lust zum Leben vergangen, und ich fühlte vor dem Leben einen Ekel. Die Frauen gingen unruhig hin und her und schluchzten. Olga, eine Ordnerin, weinte auch. Ala ging in die Kasernen. Ich legte mich gleich auf eine Pritsche und freute mich, daß sich mein Wunsch wenigstens zum Teil erfüllte und ich bequem würde schlafen können. Ich war nach der mißlungenen Flucht sehr müde und erschöpft und schlief sofort ein. Nach einer Stunde weckte mich Bebi, der einen Kontrollgang machte, und fragte mich: ‚Janka, schläfst du allein?“ Ich antwortete ihm, nur in dieser Nacht, und Bebi ging fort; aber eine Frau kletterte auf die Pritsche. Ich fragte sie, weshalb sie es tue, sie antwortete, daß Bebi sie hier zugewiesen hätte. Ich fragte sie noch, wes- halb? Denn bis dahin hatte sie doch in der fünften Baracke 347 geschlafen. Sie erwiderte mir:„Was geht’s dich an, ich werde hier schlafen und fertig!“ Sie warf ihr Bündel mit ihren Sachen drauf und begann sich auszuziehen. Plötzlich fiel etwas von ihrem Kopf, der kurzgeschoren war wie bei einem Mann, auf meine Hand. Ich starrte sie mit Ekel an, sie lächelte und sagte, daß es ein Wunder sei, wenn ich nichts auf dem Kopfe hätte, denn man sei ja schließlich im Lager.„Sie haben auf meinem Kopf nicht nachgesehen, aber statt Bonbons zu knabbern, hätten Sie sich lieber ‚Cuprex‘ kaufen sollen, wie ich, dann würden Sie auch keine Läuse haben“, antwortete ich ihr. Ich nahm meine Sachen und die von Alina, legte sie auf Olgas Pritsche und ging vor die Baracke. Es war kalt und dunkel, aber ich spürte die Kälte nicht, ich vergaß den„ari- schen“ Stadtteil und die Hinrichtung. In mir stieg Zorn gegen Bebi hoch. Aber ich konnte nichts dagegen tun; weil die Schlafgenossin dieser Frau die Verlobte des Lagerpolizisten war und keine Lust hatte, mit ihr zu schlafen, hatte Bebi diese Frau eben abgeschoben. Und weil ich verschlafen war und nicht energisch geantwortet hatte, trug ich allein die Schuld, aber mit ihr würde ich nicht schlafen. In den Baracken hatte man das Licht bereits ausgemacht. Ich begann vor Kälte zu zittern und ging daher in die Baracke zurück. Ich legte mich auf die Pritsche von Lucy, die aus der Küche noch nicht zurückgekommen war. Die Frauen zeterten, Olga schrie sie an. Sie war verweint und außerordentlich böse, weil sie auch noch die Ordnerin Lola, die krank war, vertreten mußte. Als es still geworden war und schon fast alle schliefen, kam Lucy zurück. Olga stand auf, kam zu uns heran, und Lucy erzählte flüsternd die Neuigkeiten. Also morgen würden bestimmt alle aus der Unterkunft in die Baracken kommen. Auch Or- land mit seiner Frau und Rysiek!. Baden würde man auch nicht mehr gehen. Lilka läge krank, ihr Lagerpolizist habe mit ihr ausreißen wollen. Sie hätten einen Gang unter dem 1 Axer. 348 Häuschen d hatte beste wi der Lag Die Unterh nir zu:„V Aus," Ih begann nden„ar Farum ich dh ihr dah ch nur nc die Expedit gen, aber v gut, Jetzt ı zu diesem selbst, den {er Rückke las war di Mehr, hatt äine Jeben: arischen“ Hingehen Verlobte e äiner Koll ter Lack Diaski ger fätte Ding, tlen— d ilen and. ftoßen sd Tösten, do 1Tost, Be folgen schlagen Häuschen des Askars gegraben, der sich unter der Bedingung hatte bestechen lassen, daß Lilka fliehen würde, und dabei sei der Lagerpolizist allein geflüchtet. Die Unterhaltung mit Olga war zu Ende, und Lucy flüsterte mir zu:„Wenn du Bekannte hast, dann reiße noch morgen aus.“ Ich begann bei dem Gedanken an meinen heutigen Ausflug in den„arischen“ Stadtteil zu lachen. Lucy wunderte sich, warum ich so hysterisch lachte. Ohne etwas zu sagen, zeigte ich ihr daher ein Zehnfahrtenheft der Straßenbahn, in dem sich nur noch acht Fahrscheine befanden, das Andenken an die Expedition. Lucy begann zu weinen, ich wollte sie beruhi- gen, aber womit konnte ich sie trösten? Ich verstand sie sehr gut. Jetzt machte sie das Schlimmste durch, das, was ich bis zu diesem Tage durchgemacht hatte, den Kampf mit sich selbst, denn das, was in mir gerufen hatte: lebe! und nach der Rückkehr von meiner Tante aufgehört hatte zu rufen— das war die Seele gewesen. Und nun hatte ich keine Seele mehr, hatte mich mit meinem Los völlig abgefunden, ich war eine Jebende Tote. Ich hatte nur soviel Mut gehabt, in den „arischen“ Stadtteil zu gehen, aber Lucy hatte vor diesem Hingehen Angst. Ich verstand sie auch darin. Sie war die Verlobte eines Gutsbesitzers hinter Lwöw gewesen und von einer Kollegin denunziert worden. Vier Monate hatte sie in der Lackistraße gesessen und war durch Rysiek vor den Piaski gerettet worden. Sie hatte niemanden, zu dem sie hätte hingehen können, und nur wegzugehen, um den Tod zu holen— dann war es zusammen mit Rysiek, mit Olga und allen anderen im Lager schon besser. Ich streichelte ihren großen schwarzen Haarknoten und gab mir Mühe, sie zu trösten, doch ich wußte nicht womit, brauchte ich doch selber Trost. Der folgende Tag, ein Dienstag, war ein Tag der Nieder- geschlagenheit. Morgens wurden die Kranken aus dem Spital 349 abtransportiert, selbst diejenigen, die zum Verbinden gekom- men waren. Zur Mittagszeit ging ich ins Lager essen. Orland brachte uns im Eßraum in seinem Namen und im Namen der Lagerpoli- zisten laut Glückwünsche dar, sie lauteten:„Ich wünsche euch, daß im neuen Jahr für euch die Freiheit kommt.“ Die Antwort auf die Glückwünsche war Weinen. Alle weinten, auch Orland weinte(vor dem Kriege studierte er, um Rabbi- ner zu werden). Wir reichten uns die Hände. Ich trat zu Orland heran und wünschte ihm, daß er an seinem Sohn Freude erleben möge. Ich wollte weinen, doch ich fühlte nur ein Würgen in der Kehle, aber Tränen konnte ich nicht herausbekommen. Das Wort Freiheit kam mir weit entfernt vor, unerreichbar, und ich konnte mir eine Janka Heszele- söwna in der Freiheit nicht einmal vorstellen. Wir kehrten in die DAW zurück. Es gab keine Arbeit, nur der Aufseher machte sich auf der Zeche zu schaffen. Ich konnte es nicht aushalten, untätig auf dem Stuhl zu sitzen, und lief von der Zeche weg. Ich stieß sofort auf Frau M. Sie stand da, hoch- näsig, stolz darauf, daß sie nach der Auflösung der„arischen” Zeche in den DAW Aufseherin geworden war. Sie begrüßte mich mit den Worten:„Na, du Dumme, du hättest die Feier- tage in Warschau verbringen können, so aber warte du hier ruhig auf deinen Tod.“ „Wäre ich statt nach Warschau nicht zufällig auf die Piaski gebracht worden, nein?“ sagte ich ihr und lief davon, ohne auf eine Antwort zu warten. Ich trieb mich auf den Zechen umher, und mit jedem, dem ich begegnete, wechselte ich kurze Glückwünsche:„er möge das Ende erleben“ oder„die Freiheit“. Die Wiederholung dieser phantastischen Glückwünsche wurde mir über, daher reichte ich schweigend und automatisch die Hand. Fast jede hatte Tränen in den Augen, denn jeder brachten die Feiertage eine Menge rührender Erinnerungen an die im Familienkreise 350 serlebten fi Frinnerung! keine Gebe Während di Tisch, weil ı ahrstage av Ad, wie we Genau bei zurück. Wi len Samme kommen, Jakubowic: Irängten si tortete ihı konnte die 0 den and schen, is waren 2 Sofort ent beim App telassen, ı gehen, Die {en zur sch Aus Anlaß im Freita; felage ver im Freitag an dem ich Astaltete N Vanka Bu Ind schlie darauf, da Tauen au: verlebten festlichen Tage. Mir drängten die Feiertage keine Erinnerungen auf. Bei uns hatte der Vater vor dem Kriege keine Gebete verrichtet, es hatten keine Kerzen geleuchtet. Während der Fastenzeit setzte ich mich nur mit dem Vater zu Tisch, weil die Mama fastete. Vor einem Jahr war ich am Neu- jahrstage aus Czarny Dunajec nach Lwöw zurückgekommen. Ach, wie war ich glücklich gewesen, in Mamas Nähe zu sein! Genau beim Ertönen des Gongs kehrte ich auf die Zeche zurück. Wir eilten von den Zechen und gingen zu fünfen auf den Sammelplatz. Die Wäscherei war schon früher zurück- gekommen. Ich ging in ihre Baracke. Am Tisch saß Frau Jakubowiczowa, vor ihr leuchteten Kerzen, und um sie herum drängten sich verweinte Frauen mit Glückwünschen. Sie ant- wortete ihnen ruhig, als säße ihr Sohn nicht im Bunker. Ich konnte diese Szene nicht mit ansehen und ging hinaus. Auch in den anderen Baracken weinten die Frauen auf ihren Prit- schen. Es waren zwei wahre Tage des Weinens. Nach zwei Tagen kehrten diejenigen, die geflüchtet waren, ins Lager zurück. Sofort entstand wieder die Unterkunft, die Kapelle spielte beim Appell, Jakubowicz wurde aus dem Bunker heraus- gelassen, und das Baden sollte auch wieder normal vor sich gehen. Die Flüchtlinge bekamen jeder 100 Schläge und wur- den zur schmutzigen Arbeit eingeteilt. Aus Anlaß der Feiertage wurde in der Baracke der Unterkunft am Freitag, dem letzten Tage vor der Fastenzeit, ein Trink- gelage veranstaltet. Wir hatten uns sehr darauf gefreut, und am Freitag vormittag nutzte der Tisch der Hilfsarbeiterinnen, an dem ich saß, die Abwesenheit des Aufsehers aus und ver- anstaltete in der Ecke ein Konzert. Elza Kantorska sang, Danka-Buchholz pfiff, ich tanzte mit den anderen ein wenig und schlief dann unter dem Tisch. Die Frauen freuten sich darauf, daß es eine gute Suppe geben würde, weil einige Frauen aus den DAW in die Küche abgestellt worden waren. 3sL Und wirklich, Orland hatte für uns ein festliches Essen be- schafft. Es gab eine Suppe aus Hirse und Bohnen, und am Eingang zum Eßraum reichte Bebi jeder zwei Schnitten Brot und einen Apfel. Mit wahrer Freude wartete ich auf den Abend, um mich nach der Rückkehr ins Lager, ohne mid vorher erst zu waschen, sofort hinzulegen und, weil die Uhr auf die Winterzeit vorgerückt worden war, eine Stunde länger zu schlafen, morgen, Sonnabend, zu baden und einen halben Tag frei zu haben! Als wir zurückkamen, war es bereits Nacht, die Frauen zündeten auf den Pritschen Kerzen an und beteten weinend. Ich setzte mich auf die Pritsche der Nach- barin, die Licht hatte. Ich schaute in das Flämmchen und begann zu glauben, daß Gott sähe, wie wir Ihn trotz der schlechten Verhältnisse ehrten, und daß Gott vielleicht doch im letzten Augenblick diese Handvoll Übriggebliebener nicht töten ließe. Ich legte mich auf meiner Pritsche hin. Ala fragte mich, ob ich fasten würde. Ich wußte es selbst nicht, Fasten ist ein religiöser Brauch, eine Erinnerung an die Leiden der Juden in ägyptischer Gefangenschaft, und ich war genauso eine Jüdin. Ich wollte darüber nicht tiefer nachdenken, denn ich fühlte, daß ich wieder aufhören würde, an das Vorhandensein Gottes zu glauben, und der Glaube war auch eine Hoffnung. Ich beschloß zu fasten. Wecken, Appell, die Kapelle spielte wie sonst. Die Kolonnen aus den DAW stellten sich zum Abmarsch ins Bad auf. Zwei Stunden standen wir, und ich war ganz starr vor Kälte, bevor man uns zehnmal durchgezählt und aufgestellt hatte. Wir brachen unter starker Eskorte von Askars und Lagerpolizisten auf. Wir wurden von Borgen! und den Ordnerinnen geführt. Wir marschierten schnell und sangen. Passanten gafften uns an, und manche folgten Lilka bis in die Badeanstalt. Borgen schlug natürlich auf etliche Frauen ein. Unverhofft gab ihm 4 Lagerpolizist. 352 siner währ Kraut(Of nd Händl tage kauft eine vorbil aber hier s gegenseitig war hineir denn mir\ Ich bat der küunft kenı furch den äine Wonn ausgiebig, Weite sic Dusche in gehen, um ind kaum 2b, bis die fie Dusch "hnenun: Nereinkon Nach dem rania“( parte nid fer Nasa; Nichts gey &in Jude s j Aung mel Peitsche Sich ein A | , erumzan h Lager “lm stan ! alarm einer während des Schlagens eine Ohrfeige. Es war der Jude Kraut(Offizier, Gefangener) aus den DAW. Hökerinnen und Händler umringten uns, aber im Hinblick auf die Feier- tage kaufte keine etwas, und es herrschte ausnahmsweise eine vorbildliche Ordnung. Wir kamen bis zur Badeanstalt, aber hier stürzten sich die Frauen auf die Türen, stießen sich gegenseitig und schlugen sich um den Vortritt. Die erste Tour war hineingegangen. Ich wollte nicht stehen und warten, denn mir wurde wieder kalt, und die Beine taten mir weh. Ich bat den Friseur, den ich bei den Mahlzeiten in der Unter- kunft kennengelernt hatte und der jetzt Ordner war, mich durch den Vordereingang hineinzulassen. Was war das für eine Wonne, unter die heiße Dusche zu gehen! Ich wusch mich ausgiebig, und als die erste Tour hinausgegangen war und die zweite sich entkleidete, schwelgte ich allein unter einer Dusche in der Wärme. Ich wollte aus der Wärme nicht weg- gehen, um mit den anderen Frauen in der Halle zu warten und kaum atmen zu können. Ich wartete daher in der Ecke ab, bis die zweite Tour fertig war und ging von neuem unter die Dusche. Die Frauen schlugen sich und drängten sich zu zehnen unter eine Dusche. Ein Askar oder ein Deutscher mußte hereinkommen und dreinschlagen, damit Ruhe herrschte. Nach dem Baden begann das Abzählen von neuem.„Fräulein Frania“(solchen Spitznamen hatten wir Borgen gegeben) sparte nicht mit Prügeln, auch mich streichelten die Enden der Nagaika kräftig über den Rücken, aber ich tat, als sei nichts gewesen. Mich schmerzte mehr die Tatsache, daß mich ein Jude schlug. Auf dem Rückweg gab es keine solche Ord- nung mehr. Die Askars gaben Schreckschüsse ab, und die Peitsche von„Fräulein Frania“ amtierte unaufhörlich, bis sich ein Askar einer Frau annahm und Borgen sich mit ihm herumzankte. Im Lager gingen wir sofort in den Eßraum. Vor dem Eß- raum standen Kannen mit Suppe, aber keine hat die Suppe 23 18/58 353 genommen. Orland schloß uns im Eßraum ein. Es kamen zehn Männer herein und beteten mit Orland. Ein Teil der Frauen holte Zettel hervor, auf denen ein Gebet für die Verstorbenen geschrieben stand, andere weinten. Anstatt zu beten oder zu weinen, begann ich von neuem zu zweifeln. War denn das alles nicht eine Selbsttäuschung? Wozu ist das Fasten? Exi- stierte überhaupt irgendein Gott? Und ich hörte wieder auf zu glauben, Ich kehrte ins Frauenlager zurück, aber ich spürte keinen Hunger und schlief ein. Um vier Uhr wachte ich auf und aß mit Ala zusammen Brotschnitten mit Wurst. Ich war die ein- zige in der Baracke, die das Fasten unterbrach. Ala und Olga fasteten überhaupt nicht. Sattgegessen, drehte ich mich be- haglich auf die Seite und schlief wieder bis zum Morgen. Es fing allen Ernstes an, Winter zu werden. Die Kapelle spielte wieder, die Unterkunft wurde von neuem aufgemacht. Ich konnte nachts nicht schlafen und fror mächtig. Warman! und Frau Grünowa trösteten mich damit, daß ich noch in den „arischen“ Stadtteil hinauskommen und nach Krakau fahren würde. Ich glaubte ihnen nicht. Meine Gesinnung hatte sich nicht geändert. Ich konnte mir außerdem nicht vorstellen, daß sich jemand um mich kümmern könnte, damit ich am Leben bliebe. Die Menschen sind doch große Egoisten, und für irgend so eine Heschelesöwna, der es vor dem Kriege gut ergangen war, sollte jemand sein eigenes Leben aufs Spiel setzen? Und das noch unentgeltlich? Ich fühlte mich immer schlechter, ich hatte keine Kräfte, auch keine Lust zum Leben. Ich hörte in den Ohren fortwährend die letzten Worte meiner Mutter:„Ertrage die Leiden tapfer, deiner Mutter zuliebe.“ Einzig und allein diese Worte hielten mich aufrecht. Ich vergaß sie jedoch öfters und grollte Mama. Ich bekam manchmal Schüttelfrost, und mir wurde schlecht. 1 Pseudonym Bronek. w wa 6 Ih bat e einen Ta; einen Tas raum. Di Unvermu und füst mit, mor; Ich hörte, mein Ben gingen R richtete ı Sloneczn; Zeitung: Mantel h Am ande zu den] auch da, sein soll, Angst, a ich alles Sing neh straße b führ a h Zurück“, Oles, Di Singen R Zeichnete gen in. feine Jar #0 wir| Nunmehr im Bett Midi ches' ap Ich bat einen bekannten Arzt, Dr. Herzl, daß er mich für einen Tag auf die Krankenliste setzen möchte, und ich blieb einen Tag lang in der Baracke. Abends ging ich in den Wasch- raum. Die in den DAW Beschäftigten kamen schon zurück. Unvermutet stürzte Rena auf mich zu, zog mich auf die Seite und flüsterte mir zu:„Boruchwicz nimmt uns nach Krakau mit, morgen ist Abfahrt!“ Ich hörte, was sie mir sagte, aber ihre Worte drangen nicht in mein Bewußtsein. Nun kamen schon die Männer zurück. Wir gingen Renas Vetter und Warman entgegen. Warman unter- richtete mich, wir sollten zusammen um 4 Uhr an der Ecke Sioneczna- und Szpitalnastraße an der Apotheke sein, eine Zeitung in der Hand halten, an eine Dame in bordeauxrotem Mantel herantreten und das Losungswort:„Bronek“ sagen. Am anderen Tage, am Dienstag, ging’ich in der Mittagszeit zu den Jakubowiczs, um mich zu verabschieden. Bumek war auch da. Er belehrte mich noch, daß ich tapfer und mutig sein solle. Als ich aus den DAW wegging, hatte ich keine Angst, aber ich war irgendwie schwerfällig, mir war, als sähe ich alles im Traum, und ich war schläfrig und wortkarg. Ich ging neben Rena mit der Kasernenküche, die in die Szpitalna- straße baden ging. Zoska Mechanik sang den Marsch„Ich fuhr a hajm“', und mir klang es wie:„Ich fahre ins Leben zurück“. Hinten gingen Eisenberg, Dubs und der Werkordner Oles. Die Kolonne bog in die Rappaportstraße ab, und wir gingen geradeaus, die Janowskastraße hinunter. An der be- zeichneten Stelle begegneten wir Frau Ziutka?, und wir gin- gen in die Wierzbickistraße. Dort trafen wir Bumek, der seine Jacke mit Milch reinigte. Bumek gab uns eine Adresse, wo wir bei Frau Winiarska eine Nacht schliefen. Ich hieß nunmehr Marysia, und Rena hieß Elzbieta. Als wir bereits im Bett lagen, küßten wir uns vor Freude. 4 Jüdisches Volkslied. 2]. Rysinska— Verbindungsfrau des Rats für Judenhilfe in Krakau. 23 Fr" 355 Am Mittwoch abend verabschiedeten wir uns von Frau Winiarska, und Frau Ziutka kam uns abholen. Sie sagte, daß Bronek schon abgefahren sei. Nachdem ich, Rena, Hala und Renas Vetter geflüchtet waren, gab es im Lager keine Unan- nehmlichkeiten. Nach Broneks Flucht saß sein Kamerad aus der Fünferreihe im Bunker, aber er kaufte sich los; Elzbieta kommandierte mich:„Marysia, geh! Marysia, schneller! Marysia, setz dich! Marysia, steh auf!“ Ich führte die Be- wegungen automatisch aus, wie ein dreijähriges Kind, das die Befehle seiner Bonne ausführt. Als ich mit der Eisenbahn fuhr, glaubte ich noch nicht, daß ich ins Leben führe, nach Krakau. Es kam mir vor, als hörte ich den Lärm der Frauen in der Baracke und das Schreien von Olga Grünfeld und von Bebi, daß man ruhig sein solle. In Krakau sahen wir Maks!. Herr S. hatte mich im Lager gebeten, ihn zu grüßen, aber ich vergaß es. Dann schickten wir an Bronek ein Telegramm. Ich trennte mich von Elzbieta. Sie küßte mich zum Abschied, und ich reichte ihr automatisch die Hand. Frau Ziutka brachte mich zu Herrn Mietek?. Mir kam es vor, als wenn ich aus einer Lethargie erwacht wäre und nicht wüßte, wo ich mich befand. Ich konnte mir nicht ins Bewußt- sein bringen, daß ich mich in einem Zimmer ins Bett legte und niemand die Stille unterbrach. 1 Borwicz. ? Mieczyslaw Piotrowski— Mitarbeiter des Krakauer Rates für Judenhilfe. aerad NOEMI SZAC-WAJNKRANC IM FEUER VERGANGEN ABEMERKU ses Buch W hter einer ssigen jüd serin herye den Mil milation: tums ent Noemi ni ter Beziel k, zum Sd nis Tagel Michtung d tt in die tteilt, nid sinke, let sie R ! rum, Wi Yacısam ET aus tes Pflic Wort ist te Schrift er kün EN en DZAc- Sende VORBEMERKUNGEN Dieses Buch wurde von No&mi Szac-Wajnkranc geschrieben, der Tochter einer wohlhabenden, seit sehr langer Zeit in Warschau ansässigen jüdischen Familie. Wie aus der Beschreibung der Ver- fasserin hervorgeht, lebte sie in einem alten fortschrittlichen jüdischen Milieu, das in gewissem Maße Anlagen kultureller Assimilation aufwies, aber weit von einer Verleugnung seines Judentums entfernt war. Vom ersten Kriegstage an strahlt No&mi grenzenlose Güte und Opferbereitschaft aus. Ihre Arme umschlingen in diesem Unglück alle. Die große, menschliche Liebe, mit der sie den jungen Gatten beschenkt, vermindert nicht ihre Anhänglichkeit und ihr Gefühl für ihre alten Eltern. Die gleiche erhabene Opferwilligkeit offen- bart No@mi nicht nur im Verhältnis zu den Ihren, sondern ebenso in ihrer Beziehung zu allen ihren Brüdern und Schwestern im Un- glück, zum Schicksal ihres ganzen Volkes. No&mis Tagebuch ist nicht nur ein schreckliches Dokument für die Vernichtung des polnischen Judentums durch die Deutschen, No&mi gehört in die Reihe jener außergewöhnlichen Zeugen, die, selbst verurteilt, nicht für einen Moment ihre Augen schließen und die Hände sinken lassen. Ihre eigenen Erlebnisse beschreibend, schildert sie gleichzeitig die Geschichte der Vernichtung aller um sie herum. Wir beobachten sie ständig in der Rolle eines tapferen und wachsamen Zeugen, der auf einer moralischen Höhe steht, von der aus sich ein weites Gesichtsfeld auftut. Ihr zutiefst ethisches Pflichtgefühl verläßt sie in keiner Lage. Ihr Wort ist treffend und bedeutsam, worum sie mancher aner- kannte Schriftsteller beneiden könnte. Ihre Schilderungen erreichen mitunter künstlerische Vollkommenheit. No&mi verbindet dabei echt europäische Kultur mit spezifisch jüdischem Scharfblick. Noemi Szac-Wajnkranc kam um, obwohl es ihr gelungen war, den tausenderlei Todesarten zu entgehen, die ihr der deutsche 359 Okkupant zugedacht hatte. Sie erlebte die Niederlage Hitlers— aber dieser Tag war leider der letzte ihres Lebens: Im Jahre 1945, in den Tagen der großen Befreiung, wurde aud Noämi befreit. Sie arbeitete damals als Magd auf einem Gut bei Lödz. Die ersten siegreichen Abteilungen der Roten Armee brachten ihr die Freiheit. Ein Offizier der Roten Armee, Oberst- leutnant B., schlug No&mi vor, sich aus Sicherheitsgründen zu- sammen mit seiner Abteilung nach Lödz zu begeben. Die Stadt war schon von den Deutschen gesäubert, und No&mi kehrte als eine der ersten zurück Plötzlich fielen aus einem Hause, in dem faschistische Banditen versteckt waren, Schüsse. No&mi wurde tödlich getroffen. Unter ihren wenigen Habseligkeiten befand sich auch das Manu- skript ihres Tagebuchs, das sie wahllos auf Papierfetzen ge- schrieben hatte. Oberstleutnant B. nahm es nach Moskau mit und übergab es dem Jüdischen Antifaschistischen Komitee, das dieses Dokument möglichst geschlossen zu erhalten suchte. Wenn das Buch gewisse Lücken aufweist, sc sind sie dem Umstand zuzu- schreiben, daß die Verfasserin keine Zeit mehr hatte, sie auszu- füllen. Noömi Szac-Wajnkranc war noch jung, das ganze Leben stand ihr offen. Aber um sie herum gab es zuviel Tod, in ihr zuwenig Egoismus und Selbsterhaltungstrieb. Ein blinder Zufall zerriß ihren Lebensfaden. Wir am Leben Gebliebenen neigen die Stim vor ihrem Mut, der es No&mi gestattete, mit weitgeöffneten Augen in den Abgrund der Hölle zu sehen, und zählen sie zu den Millio- nen Scharen unserer Märtyrer. Aus dem Vorwort Efroim Kaganowskis zur polnischen Buchausgabe Frinneru früher e Jadhıten Die Lan In Zimr dritt: M au, ‚Erinne Haren?‘ Erinne aufFrei du roch erinner: Ih eri Und: klein u Undd Nacht} Ihe Undi Anerur fr hab h Yon Und Nirta nd es Yen, a Io Erinnerung Früher einmal, es ist schon lange her, ich war noch klein, ge- dachten wir häufig vergangener Begebenheiten. Die Lampe erleuchtete hell das Zimmer, wir saßen am Tisch. Im Zimmer war es angenehm, warm, behaglich. Wir waren zu dritt: Mama, Papa und ich. Und wir tauschten Erinnerungen aus. „Erinnerst du dich noch daran, Mutter, wie wir in Rom waren?“ fragte der Vater. „Erinnerst du dich“, erwähnte die Mutter lächelnd,„wie du auf Freiersfüßen zu mir kamst? Du hast alles schön gefunden; du rochst an künstlichen Blumen und sagtest, daß sie duften, erinnerst du dich?“ „Ich erinnere mich.“ „Und als Ema geboren wurde, ach, da war sie so häßlich, klein und schrie wie ein alter Kerl, erinnerst du dich?“ „Und dann, als sie die Masern hatte und wir beide die ganze Nacht hindurch an ihrem Bettchen saßen?“ „Ich erinnere mich.“ „Und ich weiß noch“, schloß ich mich dem Austausch der Er- innerungen an,„wie ich in Oliwa abhanden gekommen war. Ihr habt mich gesucht, und dann, anstatt euch zu freuen, bekam ich von dir, Papa, eine Tracht Prügel; erinnerst du dich?“ „Und wie du zum ersten Mal in die Schule gingst....” Wir tauschten ohne Ende Erinnerungen aus. Und es kam uns vor, als umgäbe uns ringsum das Glück, als wenn wir fest miteinander verbunden wären und uns niemals trennen würden, so wie man auch die Erinnerungen nicht von sich losreißen kann. 361 Die Uhr tickte leise, silberhell die Stunden schlagend, die- selbe Uhr, die uns alle guten und bösen Stunden anzeigte. Mit der Zeit kam Jurek zu unseren Erinnerungen hinzu. „Erinnerst du dich an Ustron, lieber Jurek, wo wir uns kennengelernt haben?“ „Das war für mich ein verhängnisvoller Ort“, scherzte Jurek. „Erinnerst du dich an die Bergausflüge und an unseren ersten Streit, worum es sich gehandelt hat?“—„Ach ja.“ Später waren die Erinnerungen weniger heiter, bis sie zum Schluß tragisch wurden. „Erinnerst du dich, wie du in den Krieg gingst, wie das Bombardement stattfand, dann kam die Gefangenschaft, dann das Ghetto, die Ausweisung...“ Nach der Trennung von den Eltern blieb ich mit Jurek allein zurück, und wir erinnerten uns nur noch zu zweit der guten und bösen Zeiten. Jetzt, jetzt kann ich die Erinnerungen nur noch allein wach- rufen, nur noch mich selbst fragen: Erinnerst du dich?, nur noch mir selbst antworten: Ich erinnere mich— denn solche Dinge vergißt man nie. Es gibt ein schlichtes, einfaches Verslein, das man während der Schulzeit den Kameradinnen ins Album schrieb. Ich hatte es oftmals eingetragen, ohne mir seiner tiefen Weisheit und Wahrheit bewußt gewesen zu sein, die ich aber jetzt begriffen habe:„Alles vergeht mit der Zeit, das Glück sowie auch das Leid, alles vergeht, so will’s die Vorsehung, eines nur bleibt uns— die Erinnerung.“ Ghetto-Umzug Seit dem Morgen waren wir geschäftig, packten die letzten Sachen. Und dann, als schließlich alles schon gepackt war, schlichen wir niedergeschlagen in den Zimmern umher, sahen 362 af die' Jöbel, a s hafte ih uns tlten? ante Ur Kopf ve tiefbes atte ur ch nid (einen sichtigs ir tröi ieder z üßerde Die Na nige t ge Lip las ges Herdet| \, wi Nan trı ie Reil Hausto; Herr] Müssen Schurke Fahre, N vor lege( Onkel Stich “ssen sp auf die Wände, auf die Fenster, auf die zurückgebliebenen Möbel, als möchten wir, daß sie uns für immer im Gedächt- nis haftenblieben. Ortswechsel— Glückswechsel. Wie würde sich unser Leben in der neuen Wohnung im Ghetto ge- stalten? Tante und Onkel waren verzweifelt. Sie hatten förmlich den Kopf verloren. Der Onkel hielt krampfhaft einen kleinen Briefbeschwerer fest, der auf seinem Schreibtisch gestanden hatte und das Modell einer Lokomobile darstellte, trennte sich nicht davon und wischte ihn immer wieder mit einem kleinen Lappen ab, als wäre das in diesem Augenblick die wichtigste Arbeit. Wir trösteten uns, laut sprechend:„Wir kommen ja bald wieder zurück, es lohnt sich nicht, alle Möbel mitzunehmen, außerdem sind sie hier sicherer als im Ghetto.“ Die Nachbarn kamen, um sich von uns zu verabschieden. Einige taten es mit echtem Bedauern, andere machten trau- rige Lippenbekenntnisse, während ihre Augen lachten: Ja, das geschieht euch recht, ihr seid die niedrigste Rasse; ihr werdet hinausgeworfen, und wir bleiben. Ach, wie sehr fühlten wir uns gedemütigt! Man trug die Sachen auf den Wagen hinunter, und dann kam die Reihe an uns; wir stiegen in die Droschke ein. Vor dem Haustor stand Franciszek, der Hausmeister. Er weinte. „Herr Ingenieur, daß Sie aus Ihrem eigenen Haus ausziehen müssen! Ach, diese Hundesöhne, diese Lumpen, diese Schurken!“ „Fahren wir endlich, fahren wir!“ rief ich dem Kutscher zu. So vor seinem eigenen Hause zu stehen und der Hauptheld dieses Schauspiels zu sein, war unerträglich. Onkel und Tante hatten Tränen in den Augen; für sie war es nicht nur ein Umziehen ins Ghetto, für sie war es das Ver- lassen ihres Hauses, das sie für das Geld aus der Arbeit ihres ganzen Lebens gekauft hatten, eines Hauses, das sie 363 umgebaut, an dem sie gearbeitet hatten, das für sie die Sicherung ihres Alters sein sollte. „Wir werden hierher wohl nicht mehr zurückkehren....“ „Aber Tante, es ist doch nur ein Umzug für höchstens einige Monate.“ Durch die Stadt zogen ohne Ende mit Sachen und Möbeln beladene Wagen! Menschen schleppten Reisekoffer und Pakete. Wir waren nun hinter den Mauern, fuhren am Gemeinde- haus vorbei, das von einer Menschenmenge belagert war. „Wir wissen nicht, wohin wir umziehen sollen!“ schrien die Menschen.„Wohin sollen wir zum Winter mit den Kin- dern?“ „Welche Straße gehört zum Ghetto, welche nicht? Ich weiß nicht, ob ich im Ghetto wohne oder nicht.“ In der neuen Wohnung begrüßte uns die Sonne. Sie schaute hinter den Wolken hervor und spiegelte sich in den Fenstern. Ein sonneübergossenes Zimmer kann nicht häßlich und audı nicht traurig sein. Sonne, wie schön ist es von dir, daß du nicht Hitlers Grundsätze übernommen hast, sondern für alle gleich scheinst! Der Herr Oberst mit seiner Schwester, die Wohnungsinhaber, mit denen wir den Wohnungstausch vollzogen hatten, er- warteten uns. Wir unterschrieben die Vereinbarungen über den Wohnungswechsel für die Dauer des Krieges, über den Austausch der Möbel, die wir ihnen und die sie uns zurück- ließen. Der Herr Oberst beklagte sich darüber, daß in unserem Badezimmer kein Platz sei, wo er seinen Marmor- waschtisch hinstellen könne. „Aber ich bitte Sie“, erklärte ich ihm,„Sie haben doch eine Wanne im Badezimmer, wozu brauchen Sie da noch Ihren alten Rumpelkasten?“ „Ich habe mich daran gewöhnt, ich wasche mich fast fünfzig Jahre lang daran.“ 364 Das wäre irtaus ks Ober am auf Dort is olchen Hör m: ımme] betrogen Aber de dhmerz ichtigs Womit ol ich Wenn Hein P: nd ant d unge Die W st kleiı Neniger iteien F it sid ickgel: ielleid &in so) Möbel lieh P Stehen, | Rusche A. “ann au Mic Ur Nie sd hs Das wäre wohl nun alles? Ach ja, noch die Kohlen im Keller. Wir tauschten also noch unsere 2 Tonnen gegen die 2 Tonnen des Obersten aus. Die Tante ging in den Keller hinunter und kam aufgeregt zurück. „Dort ist doch nur etwas Kohlenstaub; ich gehe auf einen solchen Tausch nicht ein!“ „Hör mal“, sagte der Onkel,„verlierst du denn nur das, du dumme Frau? Hast du dich noch nicht daran gewöhnt, daß du betrogen und benachteiligt sein mußt?“ Aber der Mensch ist nun einmal so, daß er seinen ganzen Schmerz entladen muß, und so wurde gerade die Kohle zum wichtigsten Grund ihrer Verzweiflung. „Womit werden wir heizen? Wir werden frieren. Und womit soll ich kochen?“ „Wenn es bloß etwas zu kochen gäbe“, warf Jurek ein. Mein Papa kam, der ewige Optimist. Über alles, was er sah und antraf, war er entzückt, um uns zu trösten, aber er tat es so ungeschickt und naiv, daß mich das Weinen ankam. „Die Wohnung ist besser als in der Wspölnastraße, denn sie ist kleiner; sie wird billiger zu beheizen sein; daß es hier weniger Möbel gibt, ist nur besser, man hat dadurch mehr freien Raum gewonnen— und es ist auch modern; außerdem läßt sich leichter aufräumen. Altes Gerümpel haben sie zu- rückgelassen? Alte Möbel haben den Reiz des Altmodischen, vielleicht sind es antike Stücke; na, und wenn sie nicht antik sein sollten, kann man sich einbilden, daß es unschätzbare Möbel sind. Und diese Geweihe im Vorzimmer...“ Hier blieb Papa in der Pose Napoleons vor einer Hauptschlacht stehen. Die Geweihe sollten der„Clou“ unseres Wohnungs- tausches sein.„Kind, schau dir die Geweihe an, erinnern sie dich nicht an die prächtigen alten Adelshöfe, an die Jagden zu Mickiewiczs Zeiten? Das sind sicherlich Hirschgeweihe. Wie schwer muß es gewesen sein, sie zu erjagen— und ihr habt sie so ohne weiteres bei einem Umzug bekommen. Das 365 wichtigste ist jedoch, daß es uns gelungen ist, die Wohnung zu tauschen, ein Dach über dem Kopf aufzutreiben. Ja, das ist das Wesentlichste, das ist ein wirkliches Glück.“ Am selben Tag zog in das dritte Zimmer eine dritte Familie ein, und ich schrieb an die Tür— einmal läuten: Szenberg, zweimal: Wajnkranc, dreimal: Ahezojcen. Die ersten Wochen Die ersten Ghettowochen waren noch ein völliges Chaos. Vor allem bezog man die Granicznastraße fast täglich einmal ins Ghetto ein und trennte sie dann wieder vom Ghetto ab. Die Gemeinde kämpfte hartnäckig, handelte um jeden Zollbreit Boden, um jedes Haus, und die Deutschen— als wenn sie sich einen Spaß daraus machten, als wenn sie uns damit ärgern wollten— gaben es einmal her und nahmen es ein andermal wieder weg. Es führte dazu, daß die Leute im Laufe einiger Tage etliche Male ihre Wohnungen wechseln mußten und in jeder etwas von ihrem Hab und Gut zurückließen. Wir, die wir anfangs in der Granicznastraße wohnten, waren dieser Ungewißheit ebenfalls ausgesetzt. Wir saßen wie auf einem Vulkan; eine Wohnung war schwerer zu finden als eine Nadel in der Nacht. Endlich war der Plan des Ghettos bekannt. Unsere jetzige Straße, die Bialastraße, wurde in der Weise zurechtgebastelt, daß auf beiden Seiten der Straße eine Mauer errichtet wer- den, aber die Fahrbahn zum arischen Stadtteil gehören sollte, um einen Zugang zum Gerichtsgebäude zu schaffen, das sich am Ende der Straße befand. Es kam ein Verbot heraus, arische Hausgehilfen zu halten. Wir mußten daher von unserer Jasia, die acht Jahre bei uns gearbeitet hatte und wie ein Familienmitglied zu uns gehörte, Abschied nehmen. Uns tat es leid— Jasia weinte. 366 nd wie Aber]: Ih wi „Vielleicht ist es so besser, Jasia, du wirst bei Leuten arbei- ten, die sich erlauben können, Hausangestellte zu halten, und wie es bei uns sein wird, weiß man jetzt nicht.“ Aber Jasia war untröstlich. „Ich würde trocken Brot und Kartoffeln essen, wenn wir zu- sammenbleiben könnten.“ „Was soll man tun, da es doch nicht geht?“ Eines Tages entstand am frühen Morgen heillose Verwirrung. Wir sahen durchs Fenster Menschen, die gestikulierend hin und her liefen. Es erschien jüdische Miliz mit gelben Arm- binden: der„Ordnungsdienst“. Die Milizsoldaten beruhigten die Volksmenge. Ich ging auf die Straße hinunter und erfuhr den Grund. Seit dem Morgen war das Ghetto mit Stacheldraht umgeben und eine deutsche Wache und eine jüdische Miliz daneben postiert. Man hatte ein Verbot erlassen, das den Aufenthalt der Juden außerhalb der Grenzen des Ghettos unter Gefäng- nisstrafe stellte. Wir waren im Käfig eingesperrt. Die Stacheldrahtumzäunung war selbstverständlich nur provisorisch. Der Gemeinde wurde befohlen, Mauern zu errichten, und zwar so, daß sie mit den alten Mauern zusammenstießen. Der Käfig würde auf diese Weise sicherer sein. Das war für die Juden ein neues Unglück. Sie verloren da- durch die Verbindung mit ihren Werkstätten, die sich außer- halb des Ghettos befanden, und damit zugleich ihre Einkom- mensquelle und ihr Hab und Gut, das in andere Hände über- gehen mußte. Die Juden schlossen eiligst vordatierte Ver- träge mit ihnen bekannten Ariern, die sie zu Eigentümern ihrer Geschäfte und Betriebe machten. Das bezog sich nicht auf Wohnhäuser, weil alle jüdischen Häuser in die Hand einer sogenannten Kommissarischen Be- hörde übergegangen waren. Das war eine Institution, die die Mietshäuser selbst verwaltete, die Einkünfte kassierte und 367 dem Eigentümer von Zeit zu Zeit einen so niedrigen Zins bezahlte, daß sich der Besitzer eines großen Mietshauses für dieses Geld einige Laib Brot oder etwa zehn Schachteln Streichhölzer kaufen konnte. Was würde aus unserer Fabrik? Ich rief eine unserer früheren Nachbarinnen, Frau Alina K., an. Sie kam am selben Abend zu uns. Wir trafen mit ihr ein Übereinkommen: wir machten sie in einem Vertrag zur Eigentümerin unserer Maschinen, des Gebäudes und der Wa- ren, in einem anderen Vertrag verpflichtete sich Frau Alina, die Fabrik zu schützen, Miete zu zahlen und uns die Fabrik nach dem Kriege zurückzugeben. Nach einer Stunde verab- schiedete sich die neue Eigentümerin von uns. Wie schwer war es uns gefallen, unsere Firma„Korlit“ aul den jetzigen Stand zu bringen. Wieviel Arbeit, wie viele schlaflose Nächte, wie viele Anstrengungen steckten darin. Und jetzt— ein weißer Wisch auf dem Schreibtisch: wir hatten unser Kind weggegeben. Es war nicht einmal sicher, ob die Behörde es bestätigen würde. „Wozu grämst du dich darüber“, ärgerte sich die Tante,„so oder so ist es verloren, es ist schon alles egal, dir gehört es nicht mehr.“ „Tante, es gibt doch noch anständige Menschen. Vielleicht gehört Alina zufällig zu diesen ehrlichen.“ Jeden Tag sprach ich telefonisch mit Frau Alina. Es war keine leichte Aufgabe, weil die Menschen die wenigen Telefone in unserem Stadtbezirk belagerten, alle wollten ihre„auswär- tigen Angelegenheiten“ irgendwie regeln. Manchmal mußte man auf eine Verbindung stundenlang warten, und wenn man dann endlich die Verbindung bekam, war die Person, mit der man sprechen wollte, häufig nicht zu Hause. Frau Alina besuchte uns einige Male, dann schwieg sie, war verschwunden. 368 eiten Am n protesi nehr€ Köket \ Möglii Später erfuhren wir, daß jemand mit einem Rollwagen vor- gefahren war und die Maschinen samt den Rohstoffen mit- genommen hatte. Es war eine deutsche Beschlagnahme ge- wesen, aber den Konfiskator hatte man einige Male in Begleitung Frau Alinas gesehen. War es ein Zufall? Aber vielleicht wollte sie als gegenwärtige Eigentümerin wenig- stens einen Teil zurückerlangen. Jemand von uns war mit dieser Vermutung nicht einverstanden: solche Angelegen- heiten erledige man offiziell und nicht, indem man Arm in Arm mit dem Konfiskator geht und ihm süß zulächelt. Ich protestierte. Vielleicht habe sie auf diese Weise von ihm mehr erzielen wollen, denn mitunter erreiche eine Frau mit Koketterie mehr als mit klügsten Disputen und Beweisen. Möglicherweise hatten sie sich ineinander verliebt? Liebe zu einem Feind? So etwas komme vor. Ich wollte an die Redlich- keit Frau Alinas glauben, allein schon deshalb, weil ich sie ausgesucht hatte und so sehr an Menschen glauben wollte. Auf diese Weise beendete unser geliebtes Kind, unser„Kor- lit“, sein Leben. Hunger Die Lebensmittelpreise kletterten rasend in die Höhe. Wir waren auf die Sachen angewiesen, die man uns ins Ghetto brachte, denn selber durfte man ja nicht auf die andere Seite der Mauer gehen. Die von der„anderen Seite“ gebrachten Erzeugnisse kosteten doppelt und manchmal sogar dreimal soviel wie auf dem arischen Markt. Einige wenige machten glänzende Geschäfte, aber die Bevölkerung hungerte. Nach kurzer Zeit kam ein neues Verbot heraus: Den Ariern war es nicht gestattet, sich auf dem Gelände des Ghettos aufzuhalten. 4 F18/5e 369 Die Preise stiegen noch höher, und die Menschen verloren fast gänzlich den Kontakt mit dem arischen Stadtteil. Nur wenige hatten Passierscheine, und nur durch diese Leute konnte man manchmal für viel Geld etwas erledigen. Außer- dem gab es Mauern, über die hinweg man einige Worte wechseln konnte. Man konnte einander ebenso auch im Ge- richtsgebäude begegnen, das, obwohl es von beiden Seiten, von der arischen und von der jüdischen, bewacht wurde, der Treffpunkt der Arier mit uns Juden war. Natürlich mußte man diesen Begegnungen einen Anschein geben, daß sie wie Unterredungen von Parteien irgendeines Prozesses aussahen. Später jedoch wurde man ins Gerichtsgebäude ausschließlich gegen Vorweisung einer gerichtlichen Vorladung oder eines Steuerzahlungsbescheides des Finanzamtes— denn in diesem Gebäude befand sich auch das Finanzamt— eingelassen. Man durfte aus dem Gerichtsgebäude kein Päckchen hinaus- tragen. Behüte Gott, daß einer das kleinste Päckchen herüber- brachte! Wieso auch? Wie durfte man Erzeugnisse zum arischen Preis ins Ghetto bringen?— Jude, zahle das drei- fache, du bist ja Jude. Das Leben im Ghetto... Ich hatte einst ein Buch über das Ghetto in Venedig gelesen. Es hatte mich mit Entsetzen erfüllt. Dunkle schmutzige Gassen, verfallene Häuser, traurige Menschen mit einem selben Flicken auf dem Rücken. Gebrandmarkte, Herabge- würdigte. Wir sollten also auch so aussehen? Es heißt, die Zeit gehe weiter. Sie bleibe nicht stehen, kehre niemals zurück. Das ist nicht wahr, die Zeit war auf einmal zurückgegangen, wie wenn der Uhrzeiger, anstatt vorzu- rücken, sich rückwärts bewegte. Eine böse Hand hatte der Welt wieder das Gesicht aus den Jahren der Vorurteile und Unwissenheit verliehen. Wir sind zurückgegangen, zurück durch die Jahre des Fortschritts, der Renaissance, der Kultur: 370 Nilkon auf dem antwortt {es best Du wirs ten Mei yorbring chtba ontstelle Bgibt Ins Fres hırtion üider pl Im Ghei ten, ab Man be: Aus Puı licht de Starbe nes T Ind dal nd Lei tellen, tıkten ın Un tebeneii \immer Shau st ©, zur ht m Zuerst, N Oper; eben, up Willkommen, du Aberglaube, Bosheit, Lug, Hexenverbrennung auf dem Scheiterhaufen, ausgeklügelte Tortur, Kollektivver- antwortung; willkommen, du Krieg im Namen des Kreuzes, des besudelten und verbogenen, du Krieg des Hakenkreuzes. Du wirst im Namen einer verlogenen Idee Tausende, Millio- nen Menschen verschlingen, du wirst Millionen Waisen her- vorbringen, Feuersbrünste entfachen, Städte in Trümmer, fruchtbare Erde in Wüsten verwandeln und Hirne und Herzen entstellen. . Es gibt eine Anekdote von einem Kutscher, der seinem Pferd das Fressen abgewöhnen wollte und zu diesem Zweck seine Portion Heu täglich verringerte. Alles ging herrlich... bis leider plötzlich das Pferd krepierte. Im Ghetto war es ähnlich. Die Menschen besaßen einen Ma- gen, aber sie hatten nichts, womit sie ihn füllen konnten. Man beschränkte ihre Nahrung, betrog sie mit Jointsüppchen (aus purem Wasser), und es wäre alles gut gegangen, wäre nicht der Umstand gewesen, daß sie eines Tages starben. „Starben“ ist falsch ausgedrückt, es muß heißen, daß sie eines Tages die Augen zumachten, und damit war es aus. Und dabei müßte man die ganze Unermeßlichkeit der Qualen und Leiden schildern, müßte man das Bild der Bettler dar- stellen, die die Straßen belagerten, der Elenden, der halb- nackten Menschenwesen, die, wild vor Hunger und Kälte, von Ungeziefer befallen, zu ganzen Familien reihenweise nebeneinander auf den Bürgersteigen lagen und ihre ver- kümmerten Leiber, eiternden Beine, Hände und Arme zur Schau stellten, als wenn sie denjenigen, die noch gehen konn- ten, zuriefen:„Auch an euch kommt die Reihe, und zwar in nicht mehr langer Zeit. Auch ihr werdet so lebendig faulen. Zuerst werdet ihr anschwellen, und dann werden sich eure Körper mit Geschwüren bedecken, und ihr werdet rettungslos sterben.“ 24 F' 371 Denn nur Fett konnte hier die Rettung sein. Ach, du zauberisches Fett, das du uns gesund zu machen ver- magst, uns am Leben erhalten kannst, warum warst du für uns so unerreichbar? Kinder und Erwachsene sangen von ihm und beteten seine Macht an, so sehr wünschten diese Bettler, diese einstigen Menschen, zu leben, auszuharren, zu Kräften zu kommen, zu ihrer Arbeit, zu ihren Hausgenossen zurück- zukehren. Sie hielten sich krampfhaft an ihre Lebensmittel- karte, an ihre Bons, die ihre einzige Gewähr für Nahrung bildeten, ihre einzige dürftige Hoffnung zu überleben. Sie gaben sie nur nach ihrem Tode ab. „Ach, diese Bons, ich gebe die Bons nicht her“, das war ihr Lied, das Wiegenlied des Ghettos, die Melodie unseres Stadt- bezirks, und ihre Worte:„Hot rachmunes jidische mentschen, hot rachmunes jidische Kinder“!, begleiteten das Jammern der Unglücklichen, die dir nachliefen, die Hände ausstreckten und flehten: gib mir eine Kartoffel, eine, eine einzige kleine Kartoffel, eine Brotrinde, etwas Wasser von gekochten Kar- toffeln, Rübenabfälle, gib es mir! Gibst du mir nichts? Du hast ein Päckchen bei dir, was ist darin? Vielleicht etwas zum Essen, vielleicht Brot? Da fällt ein unerwarteter Schlag auf dich nieder. Die schmut- zigen Finger eines Jungen reißen dir wild das Päckchen aus der Hand, und der Junge läuft weg, unterwegs seine„Beute“ verzehrend. Wenn die Milizsoldaten ihn in der nächsten Minute auch erwischen, ihn zusammenschlagen, ihm wegneh- men, was noch wegzunehmen ist, so hat er es in der Zwischen- zeit geschafft, alles oder das meiste aufzuessen.„Chaper” (Schnapper), das war der neue Beruf der kleinen hungrigen Jungen, ein Ghettogewerbe, das man liquidieren müßte, weil es ganz einfach die öffentliche Ordnung, die Sicherheit gefährde. Ha-ha-ha. Fangt! Schlagt und liquidiert! Was kann es denn Schlimmeres geben als den Hunger, der die 1„Erbarmt euch, Juden. Erbarmt euch unser.“ 372 Eingewi Familie Stadt gi nit Par von dei vosamıt schen st {en die aicht ih slnnsan st, der mals. nfach Nunte Dörfer: Tsched - Ihre, ker Ber Niem Yakoy lückter Lei Eingeweide zu zerreißen droht? Die Menschen starben, ganze Familien kamen um. Jeden Tag morgens, wenn man in die Stadt ging, sah man auf den Bürgersteigen und Fahrbahnen mit Papier bedeckte, mit Geschwüren übersäte Leichen, die von den Angestellten des Beerdigungsinstituts Pinkert auf- gesammelt und auf den Friedhof gebracht wurden. Die Men- schen starben auf der Straße; in ihren Wohnungen verschie- den diejenigen, die sich ihres Hungers schämten und darum nicht ihr Haus verließen. Sie starben an einem ihrer Wahn- sinnsanfälle. Ihr wißt nicht, was für eine Raserei der Hunger ist, der Tage, Wochen, Monate, Jahre dauert! Habt ihr schon jemals einen solchen Wahnsinnigen in einem Anfall gesehen? Nein, noch niemals? Das ist euer Glück, denn hättet ihr es einmal gesehen, würde dieser Anblick euch keine Ruhe mehr geben, er würde euch im Schlaf und im Wachen verfolgen, lange, lange, vielleicht sogar das ganze Leben hindurch. Die Menschen starben zur großen Freude unserer Behörden. Vielleicht würde am Ende eine solche Lage entstehen, daß einfach niemand mehr da wäre, der noch sterben könnte— ungeachtet dessen, daß jeden Tag neue Ausgewiesene ins Ghetto gebracht wurden. Ob Regen, Schnee, Nacht oder Tag, ununterbrochen trafen Menschen ein, hinausgeworfen aus Dörfern, Städten und Städtchen Polens, Deutschlands und der Tschechoslowakei. Sie kamen mit Gepäck auf dem Rücken — ihrer einzigen Habe—, um nach kurzer Zeit den Stamm der Bettler zu vergrößern. ‚Niemand wird den Krieg überdauern, niemand außer Czer- niakow, Pinkert und mir“, sagte Rubinsztajn, Bettler, Ver- tückter, Komiker, Sänger, Satiriker und Patriot in einer Per- son, eine der populärsten Persönlichkeiten des Ghettos. ‚Unser Terzett wird alle überdauern, denn Czerniakow ist der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, und wer würde uns regieren, wenn er nicht da wäre, wem würden die Deutschen die Anordnungen geben, wen würden sie für uns verantwortlich 373 machen? Pinkert, der Inhaber des Beerdigungsinstituts, der König der Verstorbenen, der erste und letzte Totengräber, darf nicht sterben, denn wer würde ihn begraben? Na und ich, wie darf ich denn sterben, da ich keine Lebensmittelkarte habe, die ich nach meinem Tod abgeben müßte?“ „Und warum bekommst du keine Lebensmittelkarte?“ „Weil ich nicht gemeldet bin“, erklärte er stolz. „Dann melde dich an.“ „Das will ich nicht“, erklärte er.„Jetzt herrscht Hitler. Wenn ich in den Meldebüchern existiere, so ist es dasselbe, als wäre ich sein Untertan. Und damit erkläre ich mich niemals, nie- mals einverstanden, und auf seine Bons spucke ich; ich will von ihm nichts haben. Ich habe hier Frau und Kinder ver- loren, und da soll ich von ihm noch Bons annehmen? Soll er sich mit meinem sauren Brot und der bitteren Marmelade zum toit! vollfressen. Ich kann ihm dazu noch 1 kg verdor- benes Kraut und ein Dutzend Sacharintabletten von Ru- binsztajn geben.“ „Was schwatzt du da, Wahnsinniger; schließlich sind doch alle angemeldet, und alle erhalten Lebensmittelkarten.“ „Was ist schon dabei, daß alle eine Karte haben? Wenn es allen im Kopfe rappelt, dann muß es bei mir auch der Fall sein?“ So trieb sich Rubinsztajn in der Stadt herum, lächelnd, fröh- lich; daß er Hunger hatte, war für ihn eine Bagatelle, daß er Lumpen am Leibe trug, war ihm nicht wichtig, er sang seine Lieder über Hitler, die Gemeinde und die Verpflegung, er setzte sich auf einen Leichenwagen und sprach zu den To- ten:„Hast du deine Lebensmittelkarte abgegeben, Kamerad? Ich begleite dich in dein ruhiges Wohngemach, wo dich nie- mand beunruhigen wird. Dafür, daß ich dich begleite, suche mir dort ein angenehmes Plätzchen aus. Wie du siehst, stelle ich ganz armselige, bescheidene Ansprüche, aber ich muß 1 Zum Tod. 374 mich irgendwie sichern. Es ist geradezu ein Skandal, wie sich alle ins Jenseits drängen. Ich denke, sie werden dort über- haupt nicht mehr lange Einlaß gewähren. Bisher hatten wir Bettler das Vorrecht; jetzt herrscht der Typhus, und die Typhuskranken nehmen den ersten Platz ein. Das ist schreck- lich. Ich, der König der Bettler des Ghettos, verliere den Kopf, ich weiß ganz einfach nicht, was ich tun soll; ich glaube, man muß sich ihnen zugesellen und... an Typhus erkranken.“ Er erkrankte jedoch nicht an Typhus, den Deutschen zum Trotz. Den Deutschen zum Trotz ging er nicht auf den Um- schlagplatz, machte sich nicht die Gaskammer zunutze, die von einem ganzen Stab von Chemikern, Ingenieuren, Män- nern der Wissenschaft und der Tat so fürsorglich und mit so viel Mühe vorbereitet worden war, er gab seine Lebensmittel- karte nicht ab, weil er sie niemals besessen hatte. Ja, Ru- binsztajn widersetzte sich dem Willen Hitlers, er sträubte sich gegen seine Anordnungen. Seine Prophezeiung erfüllte sich jedoch nicht; keiner aus dem erwähnten Terzett überlebte den Krieg. Aber dafür kam er wie ein Held um. Während einer der ersten Blockaden rief er bei seiner Ergreifung:„Weg mit Hitler!“ Ein Soldat schoß auf ihn, aber man sah, daß sich dieser Mann in den Kopf gesetzt hatte, bis zu seinem Ende unseren Ver- folgern alles zum Trotz zu tun. Er fiel von der ersten Kugel nicht und— welche Frechheit— auch nicht von der zweiten. Er hatte noch Kräfte genug, um zu rufen:„Danke! In der anderen Welt ist es bestimmt besser, und sei es nur darum, weil es dort keinen Hitler gibt!“ Czerniakow, der Vorsitzende der Gemeinde, von Beruf In- genieur, war ein bescheidener Mann, den man mit Gewalt gezwungen hatte, diesen Posten zu übernehmen, dem er nicht gewachsen war. Vielleicht war er ihm nur deshalb nicht ge- wachsen, weil eine solche Aufgabe niemand hätte bewältigen können: Menschen zu schwerer Zwangsarbeit bereitzustellen, 375 Männer in Lager fortzuschicken, aus denen fast keiner zu- rückkam, Maßnahmen durchzuführen, die die Freiheit be- schränkten, immer bedrückender, immer blutdürstiger, ag- gressiver und bestialischer wurden. Gib alles ab, was du hast! Geld, Gold, Möbel, Pelze, deine ganze Habe, gib es ab, sonst folgt die Todesstrafe, gib deine Gesundheit, deine Kräfte ab, und wenn du dann nichts mehr herzugeben hast, gib dein Leben her. Wir Deutsche brauchen alles, wir wollen mit euren Werkstätten den Krieg gewinnen, mit euren zurückgelegten Groschen, mit eurem blutsauren Schweiß, mit eurem Leben; wir brauchen alles! Wir werden euch nichts schuldig bleiben, wir geben euch dafür hochherzig„Lebensraum“. Ihr lebt ja auf einem Raum, der etwas über zehn Straßen und zwei kleine Plätze um- faßt.— Was? Es ist unmöglich? Ihr wollt sagen, daß bei euch auf einen Quadratmeter Raum über vier Personen entfallen? Was sind das für Forderungen, ihr seid doch die niedrigste Menschenrasse. Ihr braucht auch Bequemlichkeit?! Übrigens, worum geht es euch? Wir werden euch zur Hand gehen. Es gibt von euch zu viele, wir können eure Anzahl verkleinern, wir haben die Möglichkeit dazu. Wir werden euch pro Person einige Kilo Schwarzbrot und ein viertel Kilo Marmelade im Monat liefern, und wenn wir noch einige faule Kartoffeln und Kohlrüben hinzufügen(wir kön- nen damit nichts anfangen, das Vieh will es nicht fressen, und man muß es doch irgendwie verwerten) und etwas Zucker dazutun(damit man darüber in den Zeitungen aus- führlich schreiben kann), dann werden wir euch doch wohl schnell in die andere Welt hinüberbefördern. Aber viel- leicht habt ihr Angst, daß uns der Schmuggel dabei im Wege sein wird? Wir werden den Schmugge bekämpfen. hen Stadtteil trennen, wachsen immer höher. Uns reut kein Ziegel und auch kein Kalk, aber wo! Obwohl es bei uns mit Eisen Unsere Mauern, die das Ghetto vom arisd 376 1 Kuge ne Ve cht, be abt wa Di nskas ähren 9 ein schwieriges Problem ist, geben wir euch für den Ab- schluß der Mauer dennoch Stacheldraht, pro publico bono werden wir die Schmuggler ohne Gerichtsurteil erschießen, wir werden unseren Soldaten, unserer tüchtigen Ghettowache das unumschränkte Recht dazu geben; wir werden dabei nicht nur euch töten, sondern auch die Polen, die euch Lebensmittel geben; wir sind nicht kleinlich. Und wenn euch zu Ohren gekommen sein sollte, daß die Feinde unsere Munitionsfabriken bombardieren und es uns an Kugeln fehle, so werden wir euch überzeugen, daß das eine Verleumdung ist. Jawohl, wir knausern mit Kugeln nicht, bei niemandem, nicht einmal bei kleinen Kindern. Ihr habt wahrscheinlich in der Bialastraße und in der Grzy- bowskastraße die Schar Kinder im Alter von fünf bis dreizehn Jahren gesehen, die auf ein Zeichen hin durch Löcher in den fauern hinausgelaufen sind? Diese Kinder liefen auf den arischen Markt und kamen nach etlichen Minuten mit einem Beutel Kartoffeln oder einem Laib Brot zurück. Das waren die einzigen Ernährer ganzer Familien. Wenn so ein kleiner Junge einige Male täglich durch die Mauerlöcher hindurchlief, so verkaufte er seine Schmuggelware und erstand für das verdiente Geld Brot für die Familie. Wir werden daher diese unverschämten kleinen Jungen, die keine Furcht vor unseren Hieben haben, einfach töten, ihr werdet es sehen! Wir haben gesehen, wie treffsicher die deutschen Soldaten und litauischen Haudegen auf sie geschossen haben, wie die Bürgersteige sich von ihrem Blut rot färbten und wie die Kleinen Kinderarme zuckten. Mama! Mama! Warum tut man das? Das ist die eine Möglichkeit. Wir haben noch eine andere. Wie gefällt euch Flecktyphus? Keine schlechte Krankheit, so eine nette kleine Epidemie, 37 nicht wahr? Wir garantieren dafür, sie mäht euch 250/o der Bevölkerung nieder. Die Arbeit unserer berühmten Bakterio- logen soll uns nicht reuen. Habt ihr Angst, daß trotz der Epidemie viele Kranke wieder genesen? Seid unbekümmert, ihr wißt doch, daß wir umsichtig sind, wir werden schon dafür sorgen, daß niemand von euch wieder gesund wird. Typhus- kranke kuriert man mit Glukose, guter Nahrung, mit Vita- minen und Sauberkeit, aber wir werden euch ein kleines Krankenhaus geben(ihr kennt unsere Humanität!) und je drei Kranke in ein Bett auf schmutzige Strohsäcke legen lassen, denn woher nehmt ihr Wäsche und Gebett? Und kurieren werdet ihr sie mit Hunger. Man wird auf das Ergeb- nis nicht lange warten müssen. Na, was denn, ist euch das noch zuwenig? Wir können zusätzlich Geiseln ermorden und so zu unserer Freude ein bißchen schießen, so zum Vivat. Die Kopfzahl wird sich dann dermaßen verringern, daß es ein wahrer Genuß sein wird. Bitte, bedankt euch bei uns für unsere Hilfe, ihr seht ja selbst, daß wir weder Mühe nodı Einfälle sparen. Czerniakow mußte sowohl die Mühen wie auch die Einfälle anerkennen. Er wand und drehte sich wie ein Fisch im Netz, er suchte das mehr und mehr zerreißende Ghettoleben immer wieder zu flicken, bis er eines Tages begreifen mußte, daß es nicht mehr gelingen konnte, es zu flicken. Er nahm Cyankali. Er beging Selbstmord, weil er dem ihm vorgelegten Plan der völligen Liquidierung des Ghettos nicht zustimmen konnte, weil er es nicht über sich brachte, Menschen in den Tod zu schicken. Vielleicht wollte er, daß seine Handlung für uns die Losung zu einem Aufstand sei. Durch seinen Tod hatten wir begreifen sollen, daß der letzte Augenblick gekommen war, daß wir nichts mehr zu verlieren hatten. Wir hätten es verstehen sollen, aber leider waren wir verblendet, oder wir hatten uns nicht vorstellen können, daß ein solch wahnsinni- ges Verbrechen begangen werden könne. 378 wirkli gewol hatte? dem K beson der G wöhnı also,| den“ Die I Welches Los war Pinkert beschieden, der erst im Ghetto der wirkliche König der Verstorbenen und Helfer der Deutschen geworden war, obwohl er sich gar nicht danach gedrängt hatte? Die Sache war sehr einfach. Pinkert hatte schon vor dem Kriege ein bescheidenes Beerdigungsinstitut. Es ist keine besonders angenehme Beschäftigung, aber das ist eine Frage der Gewöhnung. Schließlich kann man sich auch daran ge- wöhnen, vom Tode eines anderen zu leben. Jener Pinkert also, der vor dem Kriege mitunter tagelang auf einen„Kun- den“ gewartet hatte, bekam plötzlich Arbeit im Übermaß. Die Deutschen bemühten sich aus allen Kräften darum, daß Pinkert jemanden zu begraben hatte, sie bemühten sich darum besonders eifrig und unermüdlich. Pinkert mußte sein Geschäft vergrößern, Filialen einrichten, immer wieder neue Arbeiter einstellen, denn die Sterblichkeit wuchs und wuchs. Am Ende wußte man nicht mehr, wer für wen arbeitete, ob die Deutschen für Pinkert oder Pinkert für die Deutschen. Jedenfalls war es eine sehr enge Zusammenarbeit. Alle Kin- der des Stadtbezirks kannten das Lied über Pinkert:„Pinkert, der verdammte Schuft, bringt uns alle in die Gruft.“ Aber was hatte er sich denn selber zuschulden kommen lassen? Die Deutschen konnten töten. Das war eine schöne, eine herrliche Tat, das würde ihnen Ehre bringen, Berühmtheit. Das war Heldentum. Erfolgreich, schnell und planmäßig Wehrlose, Frauen und Kinder vernichten. Aber sie begraben, pfui! Das ist eine unhygienische Beschäf- tigung. Folglich fuhren Tag für Tag Pinkerts Leichenwagen durchs Ghetto. Seine Angestellten, die schwarze Uniformen mit silbernem Besatz trugen, erregten Angst und Grauen, aber dafür waren sie ihres Lebens sicher. Kein Deutscher wagte sie anzurühren. Sie wurden gebraucht. Pinkert überlebte Ru- binsztajn, er überlebte Czerniakow, aber nur eine gewisse 379 Zeit. Es kam der Tag, da die deutschen Wissenschaftler ein besseres, vollkommeneres Mittel erfanden, die Menschen zu liquidieren. Als man die Gaskammern in Betrieb nahm, als man zum erstenmal in den Krematorien Feuer machte, ent- fernte man den König der Totengräber. Wer ihn begrub? Niemand. Man verbrannte ihn im Ofen und streute seine Asche in alle vier Winde. Das Ghetto amüsiert sich In der Phantasie malte ich mir öfter das Bild der Hölle aus. Ich sah gemarterte Menschen, peinigende Teufel und dachte damals: für die Menschen war das Feuer eine Quelle der Pein, darin schmorten ihre Leiber, aber dieselben Flammen feuerten die Teufel zum Tanz an, waren für sie eine Illumi- nation, trieben sie zu tollen Streichen. Die Hölle des Ghettos. Die Menschen waren eingeschlossen, waren der Möglichkeit beraubt, zu arbeiten, zu wirken; die Menschen, die man brandmarkte und verfolgte, waren dazu verurteilt, in Qualen auszusterben. Und siehe, da erhob ein Teil dieser Menschen sein Haupt und begann zu handeln. Im Ghetto gab es Geld, gab es Waren, gab es Fachleute, und plötzlich geschah etwas völlig Unerwartetes: das Ghetto be- gann sein eigenes Leben zu leben. Es begann der Tauschhan- del, Import und Export. Leichen auf der Straße, Typhus, eine unerhörte Sterblichkeit— und gleichzeitig eine Industrie. Unser Ghetto begann an ganz Polen Erzeugnisse und Waren zu liefern, die dort gar nicht hergestellt wurden. Wie Pilze nach dem Regen tauchten Fabriken auf. Fabriken— kann man so die kleinen Kellergeschosse und winzigen Räume nennen, wo die schönsten Trikotagen, Strümpfe, Sweater, Socken entstanden? Es gab Werkstätten, in denen man alte Laken und Bettbezüge färbte, mit Mustern bedruckte und 380 daraus die modernsten Herrenhemden, schöne geblümte Kopf- tücher und Schnupftücher nähte. Aus Zucker, ohne Kakao und ohne Nüsse, fabrizierte man Schokolade mit Mandeln. Es arbeiteten Gerbereien, Drechslerwerkstätten, man fabri- zierte massenweise und zahlte der Miliz, den Geheimen und den Deutschen riesige Schmiergelder. Trotzdem gab es Tage, an denen Maschinen und Waren ab- transportiert und Menschen weggebracht wurden. Man hatte eine Fabrik geschlossen, aber dafür entstanden zwei neue, um den Menschen Arbeit und Verdienst zu geben. Es gab bei uns Bettler, aber es gab auch Leute, die Geld hatten. Zwar gab es davon nur eine Handvoll, aber immerhin, wenn einer Geld hatte, so konnte bei ihm auch noch ein anderer ver- dienen und sich ernähren. Restaurants, Tanzlokale und Gartentanzlokale entstanden. Graue Ghettomauern, Hunger, Tod auf Schritt und Tritt— und in Kellergeschossen prächtige Vergnügungslokale. Ein „Lourse“. Herrlicher Glanz strahlte von Lüstern und Mar- mor, von Silber und Kristall. Unsere großartigen Musiker spielten, Künstler boten nicht nur ihre alten Nummern, sondern auch neue. Sie sangen vom Ghetto. Eine blut- junge Sängerin mit der Stimme einer Nachtigall sang so wunderschön, als hätte es niemals auf der Welt ein Ghetto gegeben, als wüßte man nicht, was ein Deutscher sei. Auf einem Tablett reichte man Gebäck und Kaffee oder duf- tende, appetitliche rosafarbene Cremes und überzuckerte Nüsse, Und dann, wenn man aus dem schönen, prächtig erleuchteten Saal auf die dunkle Straße hinausging und der Klang der Worte„hot rachmunes“ an die Ohren drang und man die abgemagerten Körper in Lumpen sah, bereute man diese angenehme, im Lokal verbrachte Stunde, man nannte sich einen grausamen Menschen ohne Herz und wurde sich be- wußt, daß die Menschen wohl noch Gesang und Musik hören, 381 sich an Wärme und Helligkeit ergötzen konnten, aber nicht mehr fähig waren zu tanzen. Ja, in unseren Tanzlokalen tanzte niemand. Es mußte selbstverständlich eine sichtbare Grenze geben. Im Ghetto gab es auch ein Theater. Es war gar nicht so ein- fach, eine Vorstellung zusammenzubringen, die allen gefiel. Vor allem durfte man sich nicht die Ungnade der Zensur zu- ziehen, außerdem hatte man das Programm so wählen müs- sen, damit in diesen glücklichen Stunden jeder lachend ein wenig weinen und den Tod vergessen konnte. Der Schmuggel Wie fand der organisierte Schmuggel statt, der dem Ghetto Lebensmittel lieferte, den Schmugglern Arbeit gab, sie dabei aber häufig das Leben kostete? Die im Gerichtsgebäude über- gebene, unter der Kleidung herübergebrachte Schmuggelware wie auch der unter Einschaltung kleiner Kinder durch die Mauern hindurch bewerkstelligte Schmuggel— das alles war natürlich kein organisierter Massenschmuggel, das hätte nicht einmal den hundertsten Teil des Bedarfs decken können. Dazu mußte man den Handel schon so organisieren, daß das Ghetto seine Produkte hinausschicken und dafür Nahrung erhalten konnte. Vor allem ging es um die„Wache“. An jedem Tor des Ghettos standen einige Deutsche und jüdische Milizsoldaten Wache, die sich alle paar Stunden ablösten. Die Schmuggler machten untereinander aus, daß um die und die Stunde ein Wagen von der arischen Seite her kommen solle. Mit der Bestechung der Wache beschäftigten sich sogenannte„Läu- fer“— das waren Milizsoldaten, Spezialisten, die an die Wache herantraten und diplomatische Unterredungen durch- führten, denen zufolge die Deutschen für einige Minuten die 382 eischos (inuten Augen zudrückten, so daß der Wagen unbehelligt ins Ghetto hereinfahren konnte. Nach einer Weile fuhr der leere Wagen wieder hinaus, und die Milizsoldaten und die Deutschen teilten sich in die Schmiergelder. Das hieß:„Die Karre läuft.“ Es war nicht einfach, weil die Deutschen manchmal nicht einverstanden waren; mitunter verlangten sie ein so enormes Geld, daß die Ware nicht so viel wert war. Öfters verspätete sich der Wagen, und die Deutschen, die bereits„bearbeitet“ waren, verließen die Wache. Nein, es war nicht leicht und auch nicht gefahrlos. War es denn nicht vorgekommen, daß der Soldat sich einverstanden erklärt hatte und nach einer Weile, wenn der Wagen ins Ghetto hineinfuhr, auf den Chauffeur, auf die Schmuggler und die Milizsoldaten schoß? Ach, wie schrecklich war jener Tag, an dem man 100 Miliz- soldaten wegen Schmuggels erschoß! Aber am nächsten Tage bearbeitete ein anderes Hundert die Wache, und von neuem„lief die Karre“... Ein anderer organisierter Schmuggel ging über die Durch- gangshäuser und Mauern, wo man jeden Tag die Leichen erschossener Schmuggler hinaustrug. Die Kozlastraße, eine kleine stille Grenzgasse mit alten Häusern, hatte dem Anschein nach nichts Verdächtiges an sich. Dabei drehten sich auf ein gegebenes Zeichen ganz ge- wöhnliche Dachrinnen pfiffig ausgeklügelt über die Mauer hinweg, und durch sie ergoß sich Milch, rann Grütze, Mehl und Zucker. Stop. Es kommt jemand! Die Rinnen zogen sich augenblicklich zurück, blieben harmlos in ihrer Normallage stehen, wurden regungslos: ganz gewöhnliche Rinnen! Und hier wiederum öffnete sich beim Druck auf einen Knopf die Mauer und ließ eine Kuh hindurchgehen. Hier fand der größte Handel mit Fleisch statt. Alles war beweglich, Fenster hoben und senkten sich, Mauern verschwanden, Dächer 383 öffneten sich wie der Deckel einer Schachtel. Ein Wunder! Ja. Menschen, Hut ab vor diesem Wunder, vor diesem Wunder der Erfindungsgabe, der Arbeit und des Mutes der Kozla- straße, über die hunderte Male Blut floß. Wollte man alle die begraben, die in ihr beim Schmuggeln umgekommen waren, gäbe es wohl für die Gräber keinen Platz darin. In der Kozla-, in der Biala- und in der Siennastraße müßten Denkmäler mit der Inschrift stehen:„Allen stillen, unerschrockenen namen- losen Helden des Schmuggels— zu Ehren!“ Es wird kein Denkmal geben, niemand wird es errichten. Ich weiß, es gibt größere Heldentaten und wichtigere Dinge. Aber trotzdem: Ehre euch! Meine Karten Es regnete. Die Straßen waren voll Schmutz. Meine Beine waren bis an die Knie bespritzt. Man müßte die Russenstiefel zur Reparatur geben, dachte ich, aber dann gleich darauf— wieviel kann das kosten? Für alle meine persönlichen Ausgaben mußte ich mir das Geld selbst verdienen, ich konnte es von niemandem anneh- men. Ich überprüfte fortwährend mein armseliges Budget. Ich konnte mir niemals alles Nötige kaufen und mußte& immer wieder auf den nächsten Monat verschieben. Vereins- beiträge, Schuhmacher, Zwirn, Kölnisch Wasser, etwas für Jasia, etwas für die Eltern, etwas fürs Haus. Schließlich mußte ich Schuhmacher und Kölnisch Wasser streichen. Jurek quälte mich:„Wirf diese Arbeit hin, du hast sowieso nichts davon.“ „Wieso habe ich nichts davon?“ „Na nichts. Absolut nichts, wofür gibst du es aus?“ Jurek ist mein über alles geliebter Mann, dachte ich mit, aber er braucht nicht alles zu wissen, außerdem verheimlich! 3854 Ih wa nit. M nen, K Yensc bemel > er mir auch, daß er seiner Mutter Geld gibt. Warum, hat er vor mir Angst? Ich war heute in gereizter Stimmung. Es war nicht leicht, sich mit Menschen herumzuzanken, sich tausenderlei Reklamatio- nen, Klagen und Vorwürfe anzuhören, die Feindschaft der Menschen gegen die am Schalter zu fühlen, gegen die von der Gemeinde, die regelmäßig ihre 200 Zloty Gehalt monatlich bezogen. Rechnete man es auf Brot um, so konnte man dafür ungefähr 20 Laibe Schwarzbrot kaufen, und auf Kartoffeln umgerechnet, waren es täglich 70 kg Kartoffeln(ich schreibe von Zeiten, als im Ghetto vor der Ausweisung noch Ruhe herrschte). Es regnete. Wie düster und traurig war es; ach, wenn man doch bloß so schnell wie möglich zu Hause wäre! Ich dachte noch an verschiedene Unterschlagungen in der Gemeinde, an meine Kollegen und Kolleginnen, die sich„hintenherum“ Lebensmittelkarten nahmen. Wem fügte man damit eigent- lich ein Unrecht zu? Niemandem. Wen bestahl man? Höch- stens die Deutschen, die für jede Person eine Hungerportion bestimmt hatten. Trotzdem war es Betrug und würde unan- genehm sein, wenn es herauskam, und die Strafe— die Ge- fahr, die Arbeit zu verlieren. Ich wußte, daß viele Angestellte monatlich viele Dutzend Karten an sich nahmen, einen Teil verkauften, einen Teil für sich verbrauchten und immer einen Fonds zur„Beschwichtigung der Kontrolle“ besaßen. Aber davon munkelte man nur, so etwas mußte man organisieren können; doch ich konnte wegen meiner vier Karten ebenfalls hereinfallen. Die vier Karten bedrückten mich und brannten mir auf der Seele. Mir kam es vor, als wenn alle im Büro die vier erschacherten Karten sähen. In der Nacht träumte ich davon, daß mein Vorsteher dieses Vergehen entdeckt hätte. „Und ich hatte zu Ihnen ein solches Vertrauen!“ sagte er. Im kommenden Monat würde ich keine mehr nehmen, nicht für wer weiß was für Schätze, versprach ich mir, aber... für 25 F 18/58 385 den kommenden Monat vier Karten: das war ein Kilo Zucker, Kaffee(zwar Ersatz) und Brot, und wenn ich sie der Mama nicht gab, dann würde sie sich keinen Zucker kaufen, und der Zucker war so teuer! Was tun? Zu Hause sagte Jurek, daß ich für die 200 Zloty, die ohnehin in nichts zergingen, nicht arbeiten solle; es sei schade um die Stiefel.„Du solltest lieber der Tante im Hause helfen.“ „Ich helfe ihr doch sowieso.“ „Aber weshalb bestehst du denn so auf deinem Kopf, macht es dir denn ein solches Vergnügen, dich mit diesen Schmutz- finken herumzuzanken? Du ruinierst dir dabei nur Gesund- heit und Nerven, du nimmst doch nicht etwa Karten hinten- herum?“ „Und wenn ich welche nähme, würde es sich dann lohnen?“ Ich war über mich erschrocken. Konnte ich dadurch zu einer Diebin werden?... Man hatte eine Kontrolle angekündigt. Ich war völlig zer- schmettert. Mein Gott, wie würden sie mich zu Hause an- sehen; ich hatte der Mama gesagt, daß man mir die Karten offiziell gegeben habe. Was sollte ich tun? Ich konnte nachts nicht schlafen, ich träumte von vier glatten, gelben Karten, aus ihnen fiel Zucker heraus, dann verwandel- ten sie sich in Brot und Kunsthonig, dann verstopfte mir süßer, Übelkeit erregender Honig den Hals, ich würgte daran. Ich wollte schreien. Ich konnte es nicht. Ich roch den frischen Geruch der Druckerfarbe auf den Lebensmittelkar- ten. Dieser Geruch drohte mich zu ersticken, ach nein, es waren die Gewissensbisse, die mich würgten. An diesem Morgen fand eine Kontrolle statt. Ich war bleich und zitterte. Es ist aus, dachte ich, die Tochter eines solchen Vaters, Jureks Frau, beging... Wenn ich einmal in den Zeitungen von solchen Verbrechern las, empfand ich doch für Betrüger stets Verachtung und Ekel, und jetzt war ich 386 selbst... Wir werden alle demoralisiert; das bewirken unsere Verhältnisse, das ist die Schuld unserer Bedrücker, die uns physisch und moralisch vernichten wollen. : Die Kontrolle dauerte vom Morgen an. Es kam die Reihe an lie ohnehi| mich. „Wieviel Karten nehmen Sie für sich extra?“ fragte einer der Kontrolleure, ein grauhaariger Greis, ein Rechtsan- walt. „Vier“, brachte ich kläglich hervor. „Vier?“ fragte er, die Brauen hochhebend. „Ja!“ sagte ich und schlug die Augen nieder. Es erfolgte eine genaue Kontrolle, und nach einigen Stunden verabschiedeten sie sich herzlich von mir. Ich wollte wegen meiner vier Karten fragen, aber ich wagte es nicht. Einige Tage später rief mich der Vorsteher zu sich. ‚Man hat Ihnen halbamtlich 12 Lebensmittelkarten monat- lich zugebilligt!“ Ich war verwundert. ‚Wirklich? Sie scherzen.“ ‚Nein, keineswegs. Die haben Sie sich ehrlich verdient.“ Jetzt war alles umgekehrt— statt einer Strafe gab es eine Belohnung. Es erwies sich, daß ich ein kleinerer Dieb war als die anderen— der kleinste. Aus unserer Abteilung wurden weit über zehn Personen entlassen. Man flüsterte, daß dort liesige Veruntreuungen stattgefunden hätten. Alle seien hineinverwickelt gewesen. Jeder mußte etwas„hintenherum“ genommen haben. Man mußte ja leben. fine meiner Kolleginnen, die man entlassen hatte, begegnete nir auf der Straße.„Nicht jeder befindet sich in einer solchen in lage wie Sie“, griff sie mich an.„Sie machen Ihre Arbeit nur nal in# so nebenbei. Sie haben einen Mann, aber ich mußte von „dh. d#" meiner Arbeit meine alte Mutter und drei kleine Kinder er- ‘= ähren. Sollte ich etwa stehlen? Das war kein Diebstahl, 2F 387 außerdem ist es mir egal, ich könnte nicht zusehen, daß meine Kinder hungern; ich hätte ein entarteter Mensch sein müssen, wollte ich anstatt alle sich bietenden Möglichkeiten auszunutzen, meine Familie zu äußerster Not verurteilen. Denn selbst von dem, was ich hatte, konnte ich ihnen doch nicht mehr geben als Brot, Kartoffeln und etwas Zucker. Ich habe es nicht für Vergnügungen oder Bonbons genom- “ menwe Wie schrecklich war das Leben. Wo war die Wahrheit, wo die Pflicht, wo die Grenze der Güte und Ehrlichkeit? Alles war auf den Kopf gestellt. Nun konnte ich den Eltern jeden Monat 12 Lebensmittel- karten geben, von denen Mama wiederum heimlich einige ihrem Bruder Jözek gab. Jözek war in furchtbarer Not, man mußte ihm helfen. Aber wie? Jurek wußte von den Lebensmittelkarten nichts, es war das erste Geheimnis, der erste Mißklang zwischen uns. Hätte ich es ihm gesagt, so würde er mißgestimmt gewesen sein und gesagt haben:„Du steckst alles den Eltern zu.“ Und er? Er half den Seinen, ich hatte nichts dagegen, so etwas ist ganz natürlich, aber... aber warum hielten sie sich ein Mädchen als Hilfe, obwohl Krysia und die Mutter da waren, warum versagten sich seine Schwestern weder kosme- tische Dinge noch Zigaretten, warum kritisierte mich seine Mutter, weil ich Strümpfe und Schuhe schonte, weil ich in einem alten Mantel zur Arbeit ging? Es sah aus, als gäbe Jurek ihnen sogar im Überfluß Geld, während wir, die Tante und ich, die schwersten Arbeiten verrichteten und an allem sparten, denn die besseren Sachen würde man verkaufen oder sehr lange tragen müssen, und neue würde man bestimmt nicht kaufen. Ja, das waren die ersten Mißklänge zwischen uns. Vielleicht durfte ich nicht so denken, es war nicht schön vor mir, aber Gedanken kommen einem von allein in den Kopf; 388 och m Pamili Im- inserel bensmitte nlich einit r Not, 1 doch wenn die Tante darüber sprach, verteidigte ich Jureks Familie, obwohl ich ihr gern recht gegeben hätte. Wir waren arm— unser Verdienst deckte nicht einmal den zehnten Teil unserer Ausgaben, aber wir schliefen noch auf schönem sauberem Bettzeug, trugen noch saubere Wäsche, gingen in ganzen Schuhen und in ordentlicher Kleidung, aßen auf blütenweißen Tischdecken, von Porzellan und mit silbernem Besteck— begingen noch Feiertage, obwohl sie höchst be- scheiden waren. Von unseren Lebensmitteln machten wir zum Mittagessen immer mindestens zwei Gänge zurecht, und wenn es beim ersten Gang auch stets Kartoffeln gab, so waren sie doch jedesmal etwas anders zubereitet. Und wir konnten uns von unseren Dingen nicht trennen. Die früheren Zeiten würden doch wiederkommen, wozu sollte man da alles ver- wirtschaften? Ein Teil der Sachen auf der arischen Seite war höchstwahrscheinlich verlorengegangen, daher mußte man dafür sorgen, daß wenigstens diese, die wir bei uns hatten, erhalten blieben. Ach, hätte ich damals meine jetzige Erfahrung gehabt, wäre ich nicht nach den Grundsätzen der Sparsamkeit, der Achtung vor den Sachen, des ökonomischen Wirtschaftens erzogen worden, so hätte ich damals die Mutter zwingen müssen, alle kostbaren Sachen zu verkaufen und so zu leben, wie es sich gehört. Ich hätte damals unsere Koffer leeren müssen und nichts bedauern dürfen, aber so? Die Pelze hatte der Teufel geholt, denn man mußte sie den Deutschen abgeben, und die übriggebliebenen Sachen waren bei der Ausweisung verloren- gegangen. Jetzt war ich kuriert, ich wußte nicht, ob es gut war oder schlecht, aber ich hing nicht mehr an äußerlichen Dingen. Früher hatte mir jedes kleine Loch in der Kleidung, Jedes zerschlagene Geschirr Verdruß bereitet, jetzt machte es auf mich keinerlei Eindruck mehr. Schade ist es nur um ein Menschenleben, sonst ist es um nichts auf der Welt schade. 389 Das Versöhnungsfest auf dem Umschlagplatz „Heute wird es keine Blockade mehr geben, Emecia“, sagte Jurek eines Tages.„Ich werde mit dem Fahrrad zu meiner Mutter fahren!“ „Meinst du?“ fragte ich. „Bestimmt. Es ist schon ein Uhr, in der Stadt ist es ruhig, man kann aufatmen. Aber du bleib zu Hause, es ist besser, wenn du dich aus dem Block nicht entfernst.“ Und er ging fort. Wenn es ruhig ist, dachte ich, so kann doch auch ich zu mei- nen Eltern gehen, sie wohnten so nahe, nur gut zehn Häuser weiter. Es stimmte schon, daß es gefährlich war, aus dem shop hinaus- zugehen, aber ich sehnte mich so sehr nach meinen Eltern, ich mußte sie unbedingt sehen. Ich machte für sie ein Päckchen mit Lebensmitteln zurecht, teilte von unseren Beständen die Hälfte für sie ab. Ich lief schnell. Da war das Haus meiner Eltern. Meine Altchen befanden sich, wie immer, im Schutzkeller, waren erschöpft, blaß, verängstigt. Mein Gott, mein Gott, wie hatten sie sich verändert! Ich küßte sie. „Heute wird es wahrscheinlich ruhig bleiben“, sagte ich. „Komm, Mama, gehen wir in die Wohnung, ich werde dir beim Kochen helfen, ihr hungert ja.“ Wir gingen in den zweiten Stock. Wir machten Feuer an. „Wozu hast du soviel mitgebracht, das spart ihr euch doch bloß vom Munde ab“, tadelte sie mich. „Aber woher, wir haben große Vorräte!“ „Wie lange werden diese Razzien noch dauern?“ fragte sie. „Sicher nicht mehr lange“, tröstete ich sie. „Wir sorgen uns so sehr um dich, Töchterchen; bist du denn in eurem Block sicher?“ 390 Natür Jun, s mei D Ih k Hütter Ad,ı du ha fir nid niden Der Sc stung 1 ıthalte Püren Als die men ich zu mer chn Häw yop hinaus nen Elten In zurecht ab. Ich Iie „Natürlich.“ Nun, sollte ich ihnen sagen, daßsie bei der gestrigen Blockade zwei Drittel der Frauen mitgenommen hatten? „Ich kann es nicht mehr aushalten“, beklagte sich mein Mütterchen. „Ach, was bist du bloß für eine Frau“, empörte sich der Vater, „du hast einen so herrlichen Schutzraum, und dennoch ist es dir nicht recht; wie viele Menschen würden dich darum be- neiden.“ Der Schutzraum war großartig! Es war eine herrliche Lei- stung meines Vaters, die einige Dutzend Personen am Leben erhalten hätte, wäre die Tüchtigkeit der Deutschen im Auf- spüren von Menschen nicht noch großartiger gewesen. Als die Blockaden immer häufiger stattfanden und alle„Do- kumente“ bedeutungslos geworden waren, hatte sich mein Vater entschlossen, einen Schutzraum zu bauen. Es war gar nicht so leicht gewesen. Vor allem hatte außer den beteilig- ten Personen niemand etwas davon wissen dürfen. Man hatte nur des Nachts bauen können, und das Auftreiben von Ziegeln war auch keine leichte Angelegenheit gewesen. Aber mein Vater hatte alle Schwierigkeiten überwunden. In unserem Keller war es verhältnismäßig still. Mein Vater hatte Ziegel aufgetrieben, den Eingang zugemauert und nur unten eine kleine Öffnung gelassen, durch die man hinein- kriechen konnte. An der Öffnung hatte er aber so etwas wie eine Schublade mit einem Vorderteil aus Ziegeln gebaut. Diese Schublade zog man zu, wenn die letzte Person in den Schutzraum hineingekrochen war. Man konnte absolut nicht ahnen, daß hinter einer der Kellerwände in einem Raum von ein mal drei Metern Größe auf einem Bänkchen über zwanzig bestürzte Personen in völliger Finsternis saßen und mit an- gehaltenem Atem, pochendem Herzen und brummendem Kopf warteten, eine unendliche Anzahl von Minuten, Stun- den, ja oft sogar tagelang darauf warteten, daß es sich 391 draußen beruhigte, und nicht wußten, wann sie hinausgehen konnten. Ich war einmal in diese Lage geraten, in diesem Schutzraum zu sitzen. Nach vier Stunden war ich dem Wahnsinn nahe gewesen. „Mütterchen, was du aber auch für Ansprüche stellst, wirk- lich; fühlst du dich in diesem herrlichen Schutzraum nicht wohl?“ Wir machten das Mittagessen zurecht. „Was für ein angenehmer Duft! Sicherlich werden wir etwas Vorzügliches essen. Wie bei ‚Simon und Stecki‘“, scherzte Papa.„Ich muß zugeben, ich habe schon einen richtigen Hunger.“ „Wir werden uns ein richtiges Festmahl herrichten: Kar- toffeln und Grütze. Heiße Kartoffeln, welch ein Lecker- bissen!“ Plötzlich— was war das? Blockade! Hinunter auf den Hof! Ich sah zum Fenster hinaus. Deutsche, Litauer und jüdische Miliz verteilten sich im Haus, zerrten die Menschen hin- unter; schon klopften sie an die Vordertür, nach einem Augenblick würden sie die Tür einschlagen. „Fliehen wir!“ In der Wohnung konnte man sich nirgends verstecken. Wir liefen auf die Küchentreppe hinaus. Viel- leicht würden wir den Schutzraum erreichen. Gott! Warum hatte ich sie bloß zu diesem unglückseligen Mittagessen über- redet! Im Parterre packten mich zwei Milizsoldaten. „Geht in den Schutzraum!“ rief ich den Eltern zu.„Ich flehe euch an, geht ohne mich!“ Ich packte die Milizsoldaten bei den Händen; ich weiß nicht, woher ich solche Kräfte nahm, ich zog beide aus dem Trep- penflur in den Hof und schlug dabei die Tür zu, damit sie die in den Keller Hinuntergehenden nicht bemerkten. 392 | Beide waren überrascht. „Was machen Sie denn?“ „Ich gehe mit euch, ich gehe doch!“ schrie ich. „Na ja, aber die dort?“ fragten sie mich. „Ich weiß nicht, ich weiß nichts, laßt mich sein!“ Deutsche gingen vorbei. Einer von ihnen, ein junger Bursche, trat auf mich zu und schlug mir mit einem Gummiknüppel auf Kopf, Rücken und Nacken. Es tat mir nicht weh. War denn so etwas möglich, gab Gott dem Menschen eine solche Kraft, daß er keinen physischen Schmerz spürte? Die Miliz- soldaten rückten von mir ab und, von Mitleid ergriffen, hör- ten sie auf, sich für meine Eltern zu interessieren. Man stellte uns vor dem Hause auf, je zehn Personen in einer Reihe. Immer neue Menschen wurden aus ihrem Versteck heraus- gezogen und geschlagen. Ach, und wie schrecklich sie ge- schlagen wurden! Man hetzte Hunde auf sie, schoß.... Auf einmal drang ein Schreien und Jammern durch, man trug eine kranke Frau heraus.„Ich kann nicht gehen“, klagte sie. „Töte sie“, befahl ein Deutscher einem Litauer. Nach einem Augenblick knallte ein Schuß, und die Frau lag tot vor dem Haustor. Gott, wenn wir doch bloß schon weggingen, damit man die Eltern nicht fand! Ob die Hunde sie aufspüren konnten? Wieder zerrte man jemanden aus dem Hause; mir war, als hörte ich den Schrei meiner Mutter.... Nein, sie war es nicht, eine andere wurde herausgeführt. Tndlich brachen wir auf. Wir gingen, eingekreist von Deut- schen, Litauern und unserer Miliz. Sie bewachten uns, die Waffe schußbereit. Wir gingen, zum Tode verurteilt— wofür? Dafür, daß einer verrückt geworden war, weil einen der Wahnsinn gepackt hatte. Wie sonderbar war es, bei seinem eigenen Begräbnis mitzugehen. ‚Ist Ihnen kalt?“ fragte mich jemand. „In der Gaskammer wird ihr bald warm werden“, scherzte ein anderer. „Ob sie unsere Ausweise kontrollieren?“ „Unsere Ausweise? Vielleicht im Jenseits. Warum? Kandi- dieren Sie für die Hölle oder für den Himmel?“ „Einen Teil der Leute werden sie wohl laufenlassen.“ „Ja, laufenlassen, für ein, zwei Tage; vielleicht ist es besser, daß nun schon einmal Schluß gemacht wird, wozu soll man sich so herumquälen?“ Man führte uns durch die Zamenhofstraße in die Gesiastraße, Aus allen Häusern kamen immerfort Menschen, in der Ge- siastraße wurden alle Ergriffenen unserem Zug angeschlossen; ich schaute mich um, das war ja ein Zug, der aus einigen tausend Menschen bestand. Auf einer Rikscha kam unser stammesangehöriger Henkers- knecht Szerynski zu uns, und siehe, da war auch sein Adju- tant Lejkin und andere„Würdenträger“. Sie überwachten die Ordnung. Das war unsere„Regierung“— die rechte Hand Brands, des großen Kommandanten der Liquidierung des War- schauer Ghettos, der es verstand, einen Todestransport von einigen hunderttausend Menschen geschickt zu organisieren. Das war gar keine Kleinigkeit! Dafür würde er eine Ver- dienstmedaille erhalten. Und vielleicht würde auch für un- seren Szeryfiski eine Auszeichnung abfallen, wer weiß? Viel- leicht würden sie ihm das Leben schenken? Es kam Brands Auto an; hoho! War das ein Feiertag heute! Eine Razzia im größten Maßstab. „Ausrichten!“ schrie Szeryfski,„zeigt, daß ihr im Gleich- schritt marschieren und Reihe halten könnt!“ Sonderbare Ansprüche. Vielleicht sollten wir gar noch singen? Mit einem Lied auf den Lippen in den Tod gehen! Wenn man uns so hätte organisieren können, dann würde Brand womög- lich sogar zwei Medaillen bekommen und Szeryfiski das Leben und eine Auszeichnung. Aus einem Auto wurden 394 gen“ 1 Photoapparate herausgetragen. Man würde uns photogra- phieren. Achtung! Bitte ein freundliches Gesicht. Dann würde man unsere Bilder in eine Zeitung setzen und darunter schreiben: ‚So sah die zu nichts taugende und nur schädliche Masse der Juden aus, die täglich 10 Dekagramm Brot und monatlich a kg Kohl- und Runkelrübenmarmelade pro Person ver- zehrte.“ Und darunter würde man das Bild eines Seifen- magazins oder eines fruchtbar gemachten Ackers mit der Unterschrift bringen:„Das ist jene Masse nach ihrer Ver- arbeitung: Vollfette Seife, kein Ersatz, vorzüglicher Dün- ger.“ Wie nützlich man uns doch verarbeiten konnte! Schade nur, daß wir uns nicht zu Benzin eigneten. Jetzt stieg Brand aus dem Auto und gab ein Zeichen, und wir bewegten uns auf den Umschlagplatz zu. Aus einem Hause lief ein kleiner Junge heraus. Ein Skandal! Wie hatte man das Haus„bearbeitet“, da ein kleines Kind zurückgelassen worden war! „Mitnehmen!“ schrie Brand, und seine Glotzaugen schleuder- ten Blitze. Ein jüdischer Milizsoldat eilte hin und ging mit dem Kind auf dem Arm an Brand vorbei. Der Knabe streckte beim Anblick der glänzenden Orden an der Brust des Deutschen die Händchen aus. So standen voreinander, von Angesicht zu Angesicht, Brand, der Henker, und das Kind mit ausgebreite- ten Armen und lächelndem Gesichtchen. Für eine Sekunde begegneten sich Brands Augen und die des Kindes. Das Gesicht des Deutschen veränderte sich, wurde sanfter. Pflegen wilde Bestien etwa Anzeichen von Mensch- lihkeit zuhaben? Nein, eswar mir nur so vorgekommen. Der große Liquidator hatte seinen Gesichtsausdruck nicht verän- dert, ermachte eine Handbewegung— schnell in die Reihe. Wie in einer Todesahnung begann der Junge zu weinen, weinte laut, verzweifelt. Junge, du gehst zur Vernichtung! 395 Noch heute auf dem Umschlagplatz werden sie dich erschie- ßen, oder ein großer Bandit, ein„Kinderspezialist“, wird dich hochheben und dich mit aller Gewalt auf den Asphalt schleu- dern, du wirst tot gegen das Pflaster schlagen, und aus deinem Köpfchen wird das Gehirn hervorspritzen. Ja, Kind, sie wer- den sich mit dir nicht die Mühe machen, dich in die Gasanstalt zu fahren. Wir gingen weiter. Schluchzen, Jammern:„Ich habe meine Kinder zurückgelassen! Wo ist mein Mann; wo ist meine Frau? Ich werde die Meinigen nie mehr wiedersehen!“ Aber ich weinte nicht; war es denn möglich, sollte dies denn schon das Ende sein? Wir erwarteten keinerlei Hilfe. In den Reihen flüsterte man, daß wir direkt in die Eisenbahnzüge verfrachtet würden und es keine Aussortierung gäbe. Jurek, wenn du nach Hause kommst, werde ich schon weit, weit weg sein! Möchte ich denn, daß Jurek bei mir wäre? Adı nein, nein, es war besser, mit dem Bewußtsein zu sterben, daß meine teuersten Menschen lebten. Ein hübsches junges Mädchen neben mir weinte:„Ich will leben, ich will leben! Es ist schrecklich, zu denken, daß idı sterben werde und nichts von mir übrigbleiben wird.“ Weine nicht, schönes Mädchen, sie werden aus dir eine rosafarbene duftende Seife herstellen, oder an dem Ort, wo sie mit dir die Erde fruchtbar machen, wird eine Blume sprießen, das sparsame deutsche Volk läßt doch nichts um- kommen. Wir marschierten weiter. Ach, wenn man sich widersetzte, nicht weiterginge— sich empörte! Wir waren so viele, aber womit sollte man kämpfen, wie sollte man sich ihnen wider- setzen? Sie hatten Waffen, waren stark, und wir waren schwach, hungrig, durch schreckliche Erlebnisse ermattet. Wie sollte man sich verteidigen? Sich mit den Fäusten auf sie werfen— 396 das würde den sicheren Tod bedeuten. Und dort, dort, viel- leicht würde es doch eine Aussonderung geben, vielleicht würden sie einen diesmal noch freilassen? Wir kamen auf den Umschlagplatz. Das war der Platz, von dem die Eisenbahnzüge ins Jenseits abgingen, das war auf der ganzen Welt der erste und einzige Platz solcher Art. Wir standen in Reihen. Kinder, Kranke und Greise wurden meistens sofort getötet. Die Deutschen waren human, sie hatten für die Alten Ver- ständnis, wozu sollte man sie mit einer Reise quälen? Aus dem Fenster eines der Häuser, die am Umschlagplatz standen, warfen Soldaten Menschen heraus, eine Frau mit einem Kind auf dem Arm, jetzt einen jungen Mann. Mochten sich doch die Burschen amüsieren, wenn es ihnen ein solches Vergnügen bereitete, warum sollteman es ihnen verwehren? „Was für eine Dummheit!“ seufzte ein in meiner Nähe stehender Deutscher.„Sie haben einen Juden in Stiefeln zum Fenster hinausgeworfen, man hätte sie ihm doch vorher aus- ziehen müssen, von einer Leiche wird es schwerer sein.“ Es fing an zu regnen; brrr, mir wurde kalt, jetzt würde ich wohl auch noch krank werden— daß es einem doch stets vor- kommt, als würde man immer leben. Selbst wenn ich mich erkältete, würde ich doch nicht mehr krank sein können. Es war schon spät— warum standen wir denn so herum? Gemurmel. Die letzten Gruppen seien in die Waggons ein- gestiegen, die beladenen Züge seien abgefahren. Wir atmeten erleichtert auf. Eine Lebensnacht mehr, aber morgen früh würden neue Eisenbahnzüge kommen, leere— um neue Ware abzuholen. Jemand fuhr einige Male auf einem Fahrrad an unserer Gruppe vorbei. „Jurek! Wo kommst du her?“ ‚Ich habe ganz einfach erfahren“, flüsterte er,„daß bei dei- nen Eltern eine Blockade stattgefunden hat; ich fuhr hin, um 397 mich zu erkundigen, und hörte von ihnen, was mit dir ge- schehen war. Ich erbettelte von Hofman einen Passierschein, kam hierher und erfuhr, es sei fast der ganze Transport ab- geschickt worden und nur eine kleine Gruppe zurückgeblie- ben, für die es im Waggon keinen Platz mehr gegeben habe, Ich hatte die Hoffnung bereits verloren. Und da bist du!“ Die Deutschen näherten sich. „Geh fort, Jurek!“ „Fürchte dich nicht“, rief er von weitem,„wenn sie dich mit- nehmen, werde ich mit dir fahren.“ „Nein, nein, nein!“ rief ich ihm nach. Die Nacht brach herein. Jurek versah mich mit einem Laib Brot und einer Flasche Wasser. Ich teilte es mit den mir am nächsten stehenden Unglücksgefährten. Es ertönte Gesang, eine sonderbare Melodie! Ich blickte hin und traute meinen Augen nicht: die Juden zogen ihren Tallis hervor(von dem sie sich nicht trennen); und so beteten sie in ihren weißen Gewändern, neigten ihre gegeißelten Rücken und reckten flehentlich ihre Hände. Heute war das Versöhnungsfest. Konnte es noch etwas Makabreres geben? Dunkelheit, Regen, Jammern, weiße Gestalten, Choralgebet, Gesang mit Beglei- tung von Schüssen; Jehova, schau auf Deine Kinder, wir rufen Dich! Siehst Du unsere Qualen? Du großer, mächtiger Gott! Du hast uns aus dem Lande der Pharaonen geführt, auf die Du den Fluch geworfen, Du hast uns mit zehn Plagen gerächt, hast uns mit Manna genährt. Du, Du Allmächtiger, vollbringe auch jetzt ein Wunder, befreie uns, bestrafe unsere Tyrannen! Plötzlich— was war das? Fliegergebrumm, grelles Licht einer Flugzeugrakete, Detonationen von Bomben! Fliegerangriff! Russische Flieger bombardierten Warschau, der erste so- wjetische Fliegerangriff bei uns! Ach, wenn doch eine Bombe diesen verteufelten Umschlagplatz träfe! 398 Die Deut ang amand 1 )ıs Geb tirkte s lücken| Offenbar nicht ver erte, da ingespe nkämeı erächt ı der Mor iin Ohr uf den nich ber Todeszuc ihre! A Es wird lan ste] lit zoge der mit art kau , tentsch eutete| Nr trate dt ihm Die Deutschen krochen heldenmütig in Löcher, aber zur Be- wachung ließen sie die Litauer zurück, die aus Furcht, daß jemand weglief, ohne Unterbrechung schossen. Das Gebet hörte nicht auf; im Gegenteil, das Flehen ver- stärkte sich, die Hände reckten sich immer höher, und die Rücken beugten sich tief, ganz tief. Vielleicht war es eine Offenbarung Gottes, vielleicht ein Zeichen, daß man uns nicht vergessen hatte, daß die Gerechtigkeit ihr Recht for- derte, daß wir Verlassenen und Schwachen, in einen Käfig Eingesperrten nicht allein seien, damit wir, wenn wir auch umkämen, mit dem Gedanken in den Tod gingen, daß wir gerächt würden. Du gesegneter Luftangriff. Der Morgen graute. Nach der Nacht fühlte ich mich krank. Ein Ohr war ganz dick angeschwollen. Die Qual des Wartens auf den Tod wurde unerträglich. In der Phantasie sah ich mich bereits in einer Gaskammer ersticken, sah mich in Todeszuckungen, brrr... Wenn bloß nicht Jurek mit mir führe! Auf dem Platz tauchte ein Teufel auf: Schmerling, der Verwalter des Umschlagplatzes. „Es wird eine Aussonderung geben“, erklärte er. Man stellte uns zu zweien und dann einzeln auf. Wir zogen unsere Ausweise heraus. Ein noch junger Deut- scher mit dem Gesicht einer Bulldogge prüfte sie. Prüfte? Er warf kaum einen Blick hinein, er sah sich nur die Opfer an. Er entschied nach seinem Gutdünken. Nach links gehen, be- deutete den Tod, nach rechts— das Leben. Wir traten nacheinander heran. Von ihm hing alles ab; noch einen Augenblick, dann war ich dran. Wie laut mein Herz schlug! Jurek sah mich von weitem; wie blaß er war! Ih wollte ihm zulächeln, aber es wurde daraus nur ein ver- zeirtes Gesicht. Ich biß mir in die Lippen bis aufs Blut, um üicht in Tränen auszubrechen. Nun war ich dran. Ich reichte die vorbereiteten Papiere hin. Ich sah das Bulldoggengesicht 399 vor mir. Seine Schweinsaugen maßen mich vom Scheitel bis zur Sohle.„Frei.“ Ich ging auf die rechte Seite hinüber. Ich wartete noch auf andere„Freie“, um in einer Gruppe ins Ghetto zurückzugehen. Hinter dem Tor kam ich mit Jurek zusammen. Wir küßten uns. „Du bist durch ein Wunder dem Tode entronnen.“ „Dem Tode entronnen? Nein, ich habe nur eine kleine Gal- genfrist bekommen, aber das Todesurteil trage ich in der Tasche.“ Joasia Ich bekam nun als Erbschaft ein Kind— die kleine Joasia, das Töchterchen meines Vetters, der sich zur Zeit in Rußland befand und dessen Frau im„Kessel“ umgekommen war. Joasia hatte sich mit Bekannten in einem Versteck aufge- halten und war so mit dem Leben davongekommen. Das kleine Mädchen war acht Jahre alt, hatte aber den Verstand einer Erwachsenen. Sie paßte auf das geringste Geräusch auf und war jeden Augenblick bereit, sich im Schutzraum zu ver- stecken. Ins Versteck eilend, zog sie mich an der Hand mit: „Blockade, komm.“ Unser Schutzraum war eine getarnte Vertiefung in der Wand, die wir durch einen Zufall in der Wohnung entdeckt hatten. Die früheren Mieter hatten die Wohnung umgebaut, sich ihrer aber offensichtlich nicht lange erfreut, entweder waren sie ausgewiesen, als man ein Haus für Hoffman! vorbereitete, oder sie waren auf den Umschlagplatz mitgenommen wor- den. Eine Wohnung mit einem Schutzraum hatte einen enormen Wert. 1 Inhaber eines shops. 400 \ Eines Te \ saßen un and, riß Du has g,„Wei Nein, n Dumuf ih kann Sieriß si Hinaus. N kam sie ı Wir hör körten d; Unserer} Eines Tages, als wir aneinandergeschmiegt im Schutzraum saßen und ich an Jurek dachte, der sich zur Zeit unten be- fand, riß sich Joasia von mir los. „Du hast den Topf auf dem Feuer stehenlassen“, flüsterte sie,„wenn sie herkommen, werden sie sofort wissen, daß hier jemand war und werden genauer suchen.“ „Bleib hier“, sagte ich,„es ist eben nicht mehr zu ändern.“ „Nein, nein, bleib du hier, ich werde hingehen!“ rief Joasia, „Du mußt hierbleiben, du hast Jurek, außerdem bin ich klein, ich kann schneller hinausspringen und wieder zurücklaufen.“ Sie riß sich aus meinen Händen und ging aus dem Schutzraum hinaus. Nach einem wie eine Ewigkeit so langen Augenblick kam sie wieder. Wir hörten jetzt, wie sie in die Wohnung hereinkamen, hörten das schwere Wegschieben der Möbel. Die dünne Wand unserer kleinen Höhle erzitterte, wir bemühten uns, nicht zu atmen. Mir wurde übel, ich hielt mir den Mund zu, und Joasia legte sich ganz leise mit ihrem Körperchen auf meinen Kopf. Wir hörten Schüsse. Sie schossen in unserem Zimmer. Man hätte meinen können, daß jeder Schuß uns in den Kopf träfe. Nun wurde es stiller, und wir hörten eine Unterhal- tung. Die Deutschen hatten wahrscheinlich unser Zimmer da- zu ausersehen, sich hier in ihre Beute zu teilen. Wir hörten das Klirren von Münzen auf dem Tisch und das Feilschen um Geld. Einer hatte sich an unsere dünne Wand gelehnt. Sie gab leicht nach. Das schien unser Ende zu sein. Die kleinen Hände Joasias ballten sich auf ihrer Stirn zu Fäusten. Und dann hörten wir das Schurren von Stiefeln. Die Soldaten gingen hinaus. Die Tür schlug zu. Wir saßen still— lie einen waren weggegangen, aber es konnten andere kommen. Nach einer gewissen Zeit waren wieder Schritte zu hören, jemand lief herein und rief: Is F 18/58 401 „Ema!“ Es war Jureks Stimme. Wir machten den Schlupfwinkel auf. „Meine, meine Kleine! Eben bin ich gekommen. Die Blockade ist schon zu Ende. Wieder haben sie die Hälfte mitgenom- men; es wurde mir gesagt, sie hätten hier bei euch ge- schossen; bevor ich euch fand, dachte ich, ich würde wahn- sinnig. Dieses Versteck ist ja so dürftig.“ Jurek brachte abends immer etwas zum Essen mit. Er packte ein kleines Brot aus, Kraut, einige Tomaten, Blumenkohl und ein Ei, ein wirkliches Hühnerei. Wir machten mit zer- hackten Möbeln Feuer. Kraut aßen wir dreimal täglich, denn das konnte man bekommen, wir kochten es mit Salz und einem Zusatz Sacharin. Zum Dessert gab es heute je eine dünne Scheibe Brot mit einer Tomate. „Der Blumenkohl ist ein Geschenk von ‚Schildkröte‘ für dich“, sagte Jurek.„Er arbeitet auch im Proviantlager, und sie haben Blumenkohl bekommen.“ Ich kochte das Kraut und überlegte, was man daraus noch zubereiten könne. Ja, wenn etwas Fett im Hause gewesen wäre, hätte man ihm einen anderen Geschmack geben kön- nen. Aber was half es— ich hatte in meiner Wirtschaft Wasser, Salz, Kraut und Sacharin, ich konnte also daraus nichts anderes machen. Von den ehemaligen Mietern war in einer Büchse ein bißchen Kakao zurückgeblieben. Ich teilte den Kakao, die eine Hälfte hob ich für die Eltern auf, die andere war für uns. An diesem Abend hatten wir ein wahres Festessen: Kraut, Blumenkohl und Kartoffeln. „Wenn ich nicht wüßte, daß es Blumenkohl ist“, sagte Joasia, „dann hätte ich niemals gedacht...“ „Daß es davon noch mehr geben könnte“, setzte Jurek hinzu, „aber ich habe es noch nicht einmal richtig geschmeckt, und da ist der Teller auch schon leer.“ Er scherzte, aber mir zerriß es das Herz. 402 der Jung b, und gar, wie Nensch. dh kocht )essert. atschloß äckchen Hilfte ha nd brad zuten! Der Junge war den ganzen Tag auf dem Wagen, hetzte sich ab, und abends gab es nichts zu essen. Wie abgemagert er Blodal" war, wie elend er aussah, er war nicht mehr derselbe Mensch. “Ich kochte Kakao mit Wasser und Sacharin und reichte es als de wat!" Dessert. Was war das für eine prachtvolle Schokolade! Ich entschloß mich, meine letzte Reserve zu kochen: ein halbes Erpadi” Päckchen Sago. Jurek hatte ihn einmal mitgebracht. Die | Hälfte hatte ich dem Vater gegeben. Ich kochte also den Sago und brachte ihn den beiden ganz unverhofft. Ach, wie sie sich freuten! Ich goß ihn auf Sevresteller, aber es reichte nur für Salz u| zwei Personen. -„Und für dich?“ fragte Jurek. Brotm„Ach, ich habe schon dort gegessen, in der Küche“, log ich. „Bestimmt?“ kröte ii„Bestimmt.“ age,©„Das macht nichts, iß mit uns!“ „Nein, nein, ich kann den Sago nicht mehr sehen!“ rief ich x und rannte in die Küche. Ich hatte einen so schrecklichen, so - furchtbaren Hunger, hätte so gern Sago gegessen, etwas im Munde gespürt, was nicht an Kartoffeln erinnerte, was nichts gemein hatte mit Kraut und Sacharin. Ich mußte vor dem Anblick des Tellers mit der dampfenden weißen Speise weg- mwai, laufen. hl Wieder wurde mir übel. Jurek kam herein. „Ist dir nicht gut? Ist dir übel, was hast du gegessen?” „Was ich gegessen habe? Was konnte ich essen, was haben wir denn schon zu essen?“ Und plötzlich brachen wir beide in ein schreckliches Lachen aus, Joasia räumte das Sevresporzellan ab, und jetzt gossen wir Kakao mit Sacharin in japanische Tassen. Die japanischen Damen auf dem Porzellan hoben ihre schmalen Brauen— an ein solches Getränk waren sie noch nicht gewöhnt. 26 F* 403 „Ist das ein Fest! Wie viele Gänge es bei uns gegeben hat!“ rief Joasia freudig aus und zählte sie an ihren Fingern auf. Eines Morgens fand Joasia in ihrer Kleidchentasche zwei Bonbons. Sie lief erfreut zu mir. „Woher hast du sie, Joasia?“ „Das war bestimmt Jurek; ich habe gesehen, wie er sich an dem Stuhl zu schaffen machte, auf dem das Kleid lag!“ Jeden Abend warteten wir beide mit Ungeduld auf Jurek. Ich wußte niemals, wann und ob er überhaupt aus der Stadt zurückkam. Joasia lief bei dem geringsten Geräusch auf die Treppe hinaus, und wenn Jurek sich verspätete, setzte sie sich auf meinen Schoß, küßte mich und streichelte mir den Kopf. „Gräme dich nicht, er wird gleich kommen, noch fünf Minu- ten, höchstens zehn.“ Schließlich waren Schritte zu hören. Jurek stürzte schnell in die Wohnung. „Endlich! Den ganzen Tag bin ich verrückt vor Unruhe, ob bei euch etwas passiert ist, ob ihr noch lebt.“ Joasia tummelte sich um ihn herum. „Ich danke dir, Jurek, für die Bonbons.“ „Was denn für Bonbons?“ Jurek wusch sich die Hände, und Joasia hielt das Handtuch für ihn bereit. „Ach, tu nicht so; ich habe es gesehen, als du sie hinein- gesteckt hast.“ „Na schön.“ „Ich habe damit bis zum Abend gewartet. Wir werden sie uns teilen.“ „Nein, Joasia, das ist für dich, und wenn du sie schon teilen willst, dann gib Ema einen.“ „Nein, nein, die sind für uns alle.“ Nach dem Kohlabendbrot kamen die Nachbarn zu uns. Wir plauderten, klagten und beratschlagten. 404 „Geh sc ‚Adı.ne Endlich Kristall! gleiche” „Joasia, Nein, ı Tränen bewirte Ö arme Als wir Joasia s schüttet Ich deı fühlen ı ‚Warur ‚Nein, h ged: faß es icht se wenig z stessc Joasia | Wird zu Aber]ı / ‚Nein, Zehen] Ioasia| #ohnte fr las| Nörte z Die Ha War bl; Bruder f Jandtut „Geh schlafen, Joasia“, bat ich. „Ach nein, laß mich noch ein Weilchen.“ Endlich waren wir allein, und nun brachte Joasia in einer Kristallbonbonniere zwei Bonbons, gewissenhaft in drei gleiche Teile geteilt. „Joasia, iß es allein“, wehrten wir ab. „Nein, nein, jetzt bin ich es, die euch bewirtet“, bat sie mit Tränen in ihren sanften Augen,„das ist mein Empfang, ich bewirte euch.“ O arme Joasia, das war ihr letzter Empfang. Als wir wieder bei Dämmerung auf Jurek warteten, hatte Joasia sich an mich geschmiegt und mir ihr Herzchen ausge- schüttet. „Ich denke mir, daß Mama nichts mehr fühlt, denn die Toten fühlen nichts.“ „Warum sprichst du so, Joasia, vielleicht lebt deine Mama.“ „Nein, du weißt doch selbst, daß es nicht so ist. Früher habe ich gedacht, daß es eine andere Welt gibt, aber jetzt weiß ich, daß es dort nichts gibt. Denn schlimmer als hier kann es nicht sein, daher möchte jeder sterben, um sein Leben ein wenig zu ändern; aber wenn er weiß, daß es dort nichts gibt, so ist es schrecklich, daran zu denken, daß alles zu Ende geht.“ „Joasia, Liebe, denke nicht daran; du wirst sehen, der Krieg wird zu Ende gehen, und dein Papa wird wiederkommen.“ Aber Joasia schüttelte das Köpfchen. „Nein, ich werde es nicht erleben. Mir wird es genauso er- gehen wie allen unseren Kindern....“ Joasia hatte hohes Fieber, sie phantasierte. Eine Etage tiefer wohnte ein Arzt; ich ging zu ihm hinunter. Ich traf ihn an. Er las laut Shakespeares„Sommernachtstraum“. Seine Frau hörte zu. Die Hand, die das Buch hielt, zitterte. Das Gesicht der Frau war blaß, wie versteinert. Ihm hatte man heute den letzten Bruder genommen, ihr hatte man heute die Mutter getötet. 405 Ich bat ihn, zu Joasia zu kommen. Als ich fortging, kam mir in den Sinn— eigentlich dachte ich nichts Derartiges—, wenn ich die beiden beim Turnen, beim Tanzen oder Singen ange- troffen hätte, wäre ich auch nicht erstaunt gewesen. Sie lasen Verse. Kein Wunder, denn wie eigentlich sollte ein Mensch auf solche Qualen reagieren, auf die Wochen und Monate des allerschrecklichsten Wartens auf seinen eigenen Tod und auf den Tod seiner nächsten Angehörigen, wie sollte er darauf reagieren, daß man ihm Tag für Tag sein Herz stückweise herausriß, ihm das Blut austrank? Kein Weinen und kein Schreien vermochte diese Leiden auszudrücken. Im Gegen- teil. Das Weinen würde bei einem derart leidenden Men- schen unangenehm berühren. Man hatte das Gefühl, daß, sofern einer noch fähig war, sein Leiden durch Weinen aus- zudrücken, der Schmerz noch zu ertragen, noch in Worte zu fassen sei. Es waren schon zwei Tage vergangen, und Jurek hatte mir von meinen Eltern noch immer keinen Brief gebracht. Weil ich ihm niemals glauben wollte, daß er bei den Eltern ge- wesen sei und sie lebend angetroffen habe, brachte er jedes- mal von ihnen einen Zettel mit. Jetzt machte er Winkel- züge: „Es war spät, sie hatten im Schutzraum nichts zum Schreiben. Ich schwöre es, daß sie leben.“ Aber ich glaubte ihm nicht. Schließlich wurde Jurek böse. „Ich habe keine Kräfte mehr; was willst du denn? Du siehst doch selbst, daß ich kaum noch lebe. Und nach einem ganzen Tag mühevoller Arbeit renne ich noch zu deinen Eltern, zu meiner Mutter, laufe während der Schießerei hin und her. und dann, bevor ich nach Hause zurückkomme, diese Angst- die zum Wahnsinnigwerden ist, ob ich dich antreffe!“ Ich ließ ihn in Ruhe, aber am nächsten Tag gegen Abend, alı es in der Stadt ein wenig ruhiger war, entschloß ich mich, zU 406 einen E 3 sie Jel Joasia,| eine BI sein, asia sch Geh nic o gefähr Ih muf Ja“, sa; Hama s hen... meinen Eltern zu gehen. Ich mußte mich selber überzeugen, ob sie lebten. „Joasia, geh du auf alle Fälle in das Versteck, es wird sicher keine Blockade geben, aber es ist besser, auf der Hut zu sein.“ Joasia schmiegte sich an mich. ‚Geh nicht, sie können dich schnappen. Auf der Straße ist es so gefährlich.“ „Ich muß, Joasia, ich muß.“ „Ja“, sagte die Kleine,„wenn ich meinen Papa und meine Mama sehen könnte, würde ich auch durch die Hölle Mehen....“ Ich blickte mich nach allen Seiten um. Dann ging ich durch die Posten, lief durch die leeren Straßen. Immer wenn ich von weitem Deutsche sah, versteckte ich mich in Tornischen oder hinter einer Hausecke. Plötzlich kam eine Schießerei auf. Eine Kugel sauste über meinen Kopf hinweg, eine andere traf in ein Fenster. Die Scheibe fiel klirrend dicht neben mir her- unter. Dann wurde es wieder still, und ich lief von neuem weiter. Endlich war ich an Ort und Stelle. Der Schutzraum war leer. Ich rannte zur Wohnung hinauf— es war still. Ich hämmerte mit den Fäusten an die Tür— es blieb still. Da schlug ich wie von Sinnen mit dem Kopf gegen die Tür und brüllte:„Mama, Mama!“ und da— ein Geräusch, jemand öffnete die mit einer Stange versperrte Tür. In der Tür stand mein Vater, hinter ihm die Mutter. Die Meinen, Meinen, Meinen! „Wir haben zugeriegelt. Eben sind wir aus dem Schutzraum gekommen. Es ist uns lieber, wenn die Vordertür zuge- schlossen ist; es ist besser, durch die Küche zu fliehen!“ Ich umarmte sie ohne Ende. „Haben Sie aber eine Stimme!“ scherzten die Hausbewohner, ‚Sie haben so gellend geschrien, daß uns der Schreck in die Glieder gefahren ist.“ 407 Es stellte sich heraus, daß Jurek mich nicht belogen hatte; er war wirklich jeden Tag abends dagewesen und hatte ihnen auch immer etwas zu essen mitgebracht. Wie gut er war, wie gut! Wieder ein schwerer Weg nach Hause. Endlich war das Ziel erreicht; Jurek wartete vor dem Haustor. Ich war auf seine Vorwürfe vorbereitet, daß ich das Gelände des shops ver- lassen hatte, aber er sagte nichts, er umarmte und küßte mich. „Ich war bei den Eltern“, sagte ich. Wir gingen die Treppen hinauf. Ich spürte, wie Jureks Hand, mit der er mich um- schlungen hielt, zitterte. „Was ist geschehen?“ fragte ich.„Was ist mit deiner Mutter, mit Zosia?“ „Sie leben“, sagte Jurek. Was konnte also geschehen sein? Eloasıanı., Jurek antwortete nicht. Ich riß mich von ihm los und lief in die Wohnung. Der Schutzraum war offen. Auf dem Fußboden lag ein kleiner Schuh. Er war ihr vom Fuß gefallen, als man sie heraus- gezerrt hatte. Ich drückte den kleinen niedergetretenen Schuh an mich. Joasia, meine Kleine, wie magst du dich gewehrt, wie magst du sie mit deinen entsetzten Augen angesehen haben! Du warst in diesem letzten Augenblick allein, ganz allein. Jurek trat zu mir heran. „Hör auf“, bat er. Ich hob den Kopf und sah, sah, wie ihm Tränen über die Wangen rannen. Seit vier Jahren sah ich zum erstenmal, daß er weinte. Wie verwaist war jetzt unsere Wohnung, wie leer ohne Joasia. Nunmehr wartete ich abends allein auf Jurek, und jede Minute war für mich ewige Qual. 408 Zosia Zosia Währe schöne blanke „Daraı und fü Sein K „Wir Unter Witzig zunehr der Sol das Ge wundei Schreie empor, Gott, Im näc Irde, ı | Einige an den Diesm; j Nach; Jamme Die Aı Mutter Wein Desser, Al erm ML: Deuts Zosia Zosia war ein kleines Mädchen, die Tochter eines Arztes. Während einer„Aktion“ war einer der Deutschen auf ihre schönen schwarzen Augen aufmerksam geworden, die wie blanke Diamanten leuchteten. „Daraus könnte ich mir zwei Ringe machen lassen, für mich und für meine Frau.“ Sein Kamerad hielt das Mädchen fest. „Wir werden schauen, ob sie hübsch sind; aber am besten ist es, sie in der Hand zu sehen.“ Unter dieser Meute herrschte allgemeine Lustigkeit. Ein sehr Witziger schlug vor, dem kleinen Mädchen die Augen heraus- zunehmen. Ein gellender Schrei und schallendes Gelächter der Soldateska zerrissen die Luft; der Schrei durchbohrte uns das Gehirn, durchstach uns das Herz, und das Lachen ver- wundete uns wie eine in den Körper gestoßene Klinge. Schreie und Gelächter steigerten sich, rasten zum Himmel empor. „Gott, wen wirst du zuerst hören?“ Im nächsten Augenblick lag das ohnmächtige Kind auf der Erde, und statt Augen waren zwei blutige Wunden zu sehen. Einige Frauen hielten die fast wahnsinnig gewordene Mutter an den Händen fest. Diesmal ließ man Zosia der Mutter zurück. Nach zwei Wochen kam ich zufällig mit dem Mädchen zu- sammen. Es war ein ruhiger Tag, und die Kleine lag im Bett. Die Augen hatte sie mit einem Tuch verbunden. Sie strich der Mutter über die Hand und beruhigte sie. „Weine nicht, Mama, vielleicht sollte es so geschehen. Es ist besser, daß sie mir die Augen genommen haben, anstatt mich zu ermorden. Ich werde nach dem Kriege von Stadt zu Stadt, von Land zu Land fahren und allen erzählen, wie uns die Deutschen gequält haben, damit jeder versteht, wie man sich 409 an den Hakenkreuzlern rächen muß; und wenn ich die Binde von den Augen nehme, wird es niemandem um die deutschen Kinder leid tun...“ Bei einer der folgenden Blockaden wurde Zosiamitgenommen. Blinde Mädchen mußte man schließlich auch vernichten. Kleine, du wirst nicht von Stadt zu Stadt, von Land zu Land fahren und von unseren bestialischen Gewaltherrschern er- zählen; niemand wird dein grausam verstümmeltes Gesicht- chen sehen. Du bist verschollen. Nichts blieb von dir übrig— außer dieser Erwähnung. Ich schreibe von dir, Zosia. Das ist alles. Bei einer der Blockaden hatte ein fünfjähriger Knabe, der zusammen mit seiner Mutter und seiner etwas älteren Schwester zum Abtransport bestimmt worden war, dem deut- schen„Kontrolleur“ die Zunge gezeigt. Seine kleine rosige Zunge. Einen Augenblick später wurde ihm die Zunge von dem SS-Mann mit einem kleinen, gewöhnlichen Taschen- messer abgeschnitten. Das Blut schoß wie dicker Rahm aus dem Munde des Knaben. Es schien, als wolle es aus seinem kleinen Körper ganz herausströmen. Es ergoß sich auf ihn, ergoß sich auch auf die Mutter, die bei dem Kinde kniete, sprudelte wie eine Fontäne. Hatte der unglückselige Knabe die Zunge aus Unwissenheit oder aus Schabernack gezeigt? Bei uns hatten nicht nur fünfjährige Kinder, sondern sogar zwei- und dreijährige, eigentlich jedes Kind, in dessen Bewußtsein der Geschmack des Essens, das Gefühl für Wärme und Kälte ge- langte, eine wissentliche Furcht vor den Deutschen und vor ihrer Grausamkeit. Unsere Kinder begriffen, daß man ebenst wie man essen und schlafen muß, sich vor den Deutschen zı verstecken hatte, daß, wenn man in einem finsteren, stickiget Schutzraum saß, man nicht nur nicht weinen oder schreien durfte, sondern sogar ganz leise atmen mußte; unsere Kinder 410 | j konnten hassen.| nilch ei bemußt stürzen, auf diese Siehe, D end, ha Insias Nein Or Asia, xfunde indlich aCym Blockade m Schui Nama o &,und Onst al Nerzanf Id blät Mlemand Au soll bends; konnten Hunger und Durst überwinden und konnten auch hassen. Den Haß gegen den Feind hatten sie mit der Mutter- milch eingesogen. Der fünfjährige Knabe hatte die Zunge bewußt gezeigt. Er war zu schwach, um sich auf den Feind zu stürzen, und so wollte er seinen Haß und seine Verachtung auf diese Weise ausdrücken. Siehe, Deutscher! Deine Grausamkeit und Gewalt verach- tend, hat dir ein jüdisches Kind die Zunge gezeigt! Alusias Tagebuch Mein Onkel kam, dem die Frau und das einzige Töchterchen, Alusia, genommen worden waren. Er hatte Alusias Tagebuch gefunden. Auf der ersten Seite des blauen Heftes standen in kindlicher, sorgfältiger Schönschrift ihr Vor- und Zuname: AlaCymerman, und auf der zweiten:„Heute war bei uns eine Blockade, sie nahmen sehr viele Personen mit, und wir saßen im Schutzraum unter dem Fußboden. Es war so schwül, daß Mama ohnmächtig wurde, und ich dachte, daß sie gestorben sei, und ich wollte weinen, aber sie ließen es nicht zu, weil ich sonst alle im Versteck hätte verraten können. Es war ein Herzanfall.“ Ich blätterte um:„Ich habe großen Hunger, aber ich sage es niemandem, denn die Eltern haben selbst nichts zu essen, wo- zu soll ich sie also noch bedrücken. Es ist schon fünf Uhr abends und morgen um 12 Uhr bekommen wir Suppe aus dem shop; wieviel Stunden sind das noch? Na ja, die Nacht hält man irgendwie durch.“ Ich blätterte noch einige Seiten weiter:„Stefanek ist nicht mehr da. Ich habe ihn sehr lieb gehabt, wir wurden zusammen eızogen. Gestern war er noch da, um sich von uns zu verab- schieden. Sein Vater hatte sich entschlossen, ihn auf die andere Seite zu schicken; Mama beneidete sie, weil sie die a1 Möglichkeit hatten, ihn so gut unterzubringen. Heute früh wurde er zusammen mit noch einigen anderen Leuten durch die beeinflußte Wache geschleust. Sie fuhren auf einem Last- kraftwagen und waren mit Heu zugedeckt. Aber irgendwie kam es heraus. Man hat sie auf dem Wagen erschossen und wieder ins Ghetto geworfen. Herr P., Stefaneks Vater, fand ihn auf alten Grabstätten an der Mauer. Er lag tot da, blutig. Mein lieber, teurer Stefanek! Wir werden nicht mehr zu- sammen spielen und davon träumen, daß noch gute Tage kom- men und wir wie früher wieder aufs Land fahren, grüne Wie- sen, Bäume, Blumen sehen und im Fluß baden. Du wirst esnie, niemals mehr sehen, aber vielleicht siehst du es jetzt schon? Stefanek, wo bist du jetzt? Ich habe einen Onkel in Moskau, er hat zwei Söhne. Gut, daß sie nicht so leiden...(Tränen- spuren auf dem Blatt). Wenn wir umkommen, werden meine Vettern uns rächen.“ Die letzte Seite:„Ich habe solche Angst um Mama, um Papa und um mich; ich möchte so gern, daß wir leben bleiben, daß wir noch etwas Gutes kennenlernen. Warum geht es uns so schlecht, ich will leben!“ Aus dem kleinen Heftchen, aus den ungeschickten Buch- staben tauchte Alusias Gesichtchen auf. Alusias helle, wie der Himmel blaue Augen blickten mich an. Ihr Mund öffnete sich zu dem einen Wort: Warum? Alusia, du bist jetzt bei Stefanek. Onkel Roman steckte das Heftchen sorgfältig in die Tasche. „Das ist mir von meinem Kinde geblieben.“ Der Bruder von Onkel Roman, Alusias Onkel, war Arzt. Er lebte in Moskau. Ich wußte, daß er 1936 die Erlaubnis be- kommen hatte, seine Familienangehörigen in Warschau zu besuchen, ich wußte auch, daß er zwei Söhne hatte. Onkel der Alusia! Nimm Rache! Denke an deine ermordeten Angehörigen in Polen, an deine Brüder, deine Schwestern und ihre Kinder. 412 Alusial! Vlensche Niedertr machen Gewisse Der„Ke Wir wur Was koı bar, di Gesamt: Schließli Tagesan hätten i zu bege gemeine Ang n Strafe- Vir eilt sillten, Vielleid Geländ, Ticht au ‚Hier h Jung, ge eine Seg & hier nicht liedert A helfe a braı nd ein Alusia! Nichtnur deine Vettern werden uns rächen, sondern alle Menschen guten Willens, alle Menschen, die eines Tages der Niederträchtigkeit und Grausamkeit jener Kreaturen ein Ende machen wollen, jener Kreaturen, die ihre Sinne, ihr Herz, ihr Gewissen verloren haben und aufhörten, Menschen zu sein. Der„Kessel“ Wir wurden in der Nacht geweckt. Aufstehen! Was konnte es sein? Wir sprangen auf. Es waren die Nach- barn, die uns weckten. Was konnte es bloß sein? Etwa eine Gesamtausweisung? Schließlich bekamen wir eins von den Plakaten, die bei Tagesanbruch an die Mauer geklebt wurden: Alle Juden hätten ihre Wohnungen zu verlassen und sich in einen Block zu begeben, der einige Straßen umfaßte. Dort würde eine all- gemeine Segregation erfolgen. Wer sich der obigen Anord- nung nicht füge, dem drohe die niedrigste und höchste Strafe— die Todesstrafe. Wir eilten zu den Eltern. Wir überlegten, wohin wir gehen sollten. Vielleicht zu Jureks Mutter? Sie wohnte gerade auf dem Gelände des neuen„Kessels“. Aber der Vater entschloß sich, nicht aus dem Hause zu gehen. „Hier habe ich einen Schutzraum, Emcia, wir sind nicht mehr jung, gehören zu keinem shop, wir haben keinerlei Chancen, eine Segregation zu bestehen; uns bleibt nichts anderes übrig, als hier zu warten. Wenn es lange dauert, so überleben wir es nicht, wenn man unsere Straße dem arischen Stadtteil an- gliedert, werden wir herauskommen und uns irgendwie schon zu helfen wissen.“ Ich brachte einen Teil unserer Lebensmittel meinen Eltern und einen Teil meiner Schwiegermutter. Sie und Zosia waren 413 von dem durchgemachten Unglück wie betäubt und konnten sich kaum zurechtfinden. Wir gingen nachts zu Jureks Mutter. Wie könnte man hier entfliehen? dachte ich. Der Himmel war voller Sterne. Ihr dort auf den anderen Planeten, herrscht bei euch auch eine solche Bestialität? Wel- tenraum, Unsterblichkeit, alle Theorien, Philosophien, Güte, Recht, Weisheit— was habt ihr heute noch für eine Bedeu- tung? Warum hat man uns nicht gelehrt, daß Niedertracht und Mord regieren würden, warum hat man uns nicht zu Raubmördern erzogen? Warum hat man uns Barmherzigkeit gelehrt? Man hat uns betrogen. Die Berührung einer einzigen Hand, Hitlers Hand, erschütterte die Welt in ihren Grund. festen. Waren die Fundamente so brüchig? Warum sah die Welt allem zu und konnte dem nicht abhelfen? Dereinst, später? Und wer würde uns für unsere Qualen, unsere Leiden entschädigen, wer würde uns die Kinder, die Eltern, unsere Liebsten zurückgeben? Konnte denn das mächtige Amerika, in dem sich Millionen Deutscher befanden, nicht mit Sank- tionen gegen sie reagieren? Ich kenne mich in der Politik nicht aus, aber ich habe einen normalen Menschenverstand und weiß, daß man dem Hinmorden Unschuldiger nicht ruhig zusehen darf; ich weiß auch, daß jeder nur ein einziges Leben hat und daß die Angst vor dem Tode etwas Ungeheuerliches ist. Hier entfliehen— wie? Der Himmel war voller Sterne. Da war der Kleine Wagen und der Große Wagen. Ich zeigte sie Jurek: wenn man sich doch darauf setzen und weit wegfahren könnte... War es ein Traum, war es Wirklichkeit? Ich hatte bereits so schreckliche Träume gehabt! Als ich an Typhus erkrankt war, als ich Gehirnhautentzündung hatte. Damals hatte mir ge- träumt, daß ich nachts Jurek im Walde suchte. Ich stieß gegen Bäume. Ich fiel hin und konnte nicht aufstehen, und dabei 414 mußte id ind bluti eKräft tandte i hre Gew inmal, z ankich| enn das: egeben a die ü schen, W ert hatt ufwache Stt, füg ir saße Iteißig P in Dach u lieger Jlücke w mußte ich mich beeilen. Schließlich fand ich ihn, er lag blaß und blutig da, ich wollte ihn aufrichten, aber ich hatte nicht die Kräfte dazu. Ich schleppte ihn, er war so schwer; plötzlich wandte ich den Kopf zurück— und sah Deutsche. Sie hielten ihre Gewehre schußbereit, ich fiel hin, hörte Schüsse knallen, einmal, zweimal. Ich lebe, dachte ich, ich lebe noch; dann ver- sank ich in einen Abgrund. Das war das Ende. Nein. Wo war denn das? Ach ja, als man mir vor der Operation die Narkose gegeben hatte. Als ich dann wieder aufgewacht war, hatte ich die über mich gebeugten Gesichter meiner Liebsten ge- sehen. Wie schön war es doch gewesen, daß ich nur phanta- siert hatte! Und jetzt, vielleicht würde ich auch jetzt wieder aufwachen?... Gott, füge es, daß es auch jetzt nur ein Traum sei! Wir saßen alle in einem ganz kleinen Zimmer; wir waren dreißig Personen, aber immer wieder trafen neue ein, um nur ein Dach über dem Kopf zu haben und nicht auf der Straße zu liegen. Wir warteten auf die Kontrolle. Schon mehrere Blöcke waren durch die Kontrolle gegangen. Immer wieder kamen neue Nachrichten. Man erzählte, Kinder und Alte würden überhaupt nicht durchgelassen, sondern auf der Stelle getötet. Man gebe kaum 10 Prozent aller Personen frei. Jeder von den„Freien“ erhalte eine Nummer„zum Leben“ und könne nur gegen Vorzeigen dieser Nummer aus dem„Kessel“ hinaus. Es kamen shops an, die aus einigen zehntausend Menschen bestanden, aber hinaus ging nur eine kleine Gruppe, die kaum einige hundert Personen zählte. Wir verloren langsam die Hoffnung. Es blieb uns ohnehin nichts anderes übrig als zu warten. Unsere wievielte Woh- nung war dieses kleine verkratzte Zimmer in der Wolynska- straße überhaupt schon? Diesmal war es vielleicht schon unser letzter Lebenshafen. Die Straße hatte das Aussehen eines Ameisenhaufens, wir waren in einem Käfig, aus dem fast niemand herauskam. Die Kanonade dauerte ohne 415 Unterbrechung an. Jurek ging zu seiner Mutter, er kam lange Zeit nicht zurück. Ich fühlte mich in diesem Menschengewim- mel so einsam, so wehrlos. Jeder war mit sich selbst beschäf- tigt, jeder dachte in der Todesstunde an sich selbst. Es war bereits dunkel, irgendwo brannte es, roter Feuerschein zeichnete den Himmel. Stöhnen und Schreie ringsum. Mama, ich möchte aufwachen! Wie gut, daß die Eltern im Schutzraum sind, dachte ich, daß sie nicht in den„Kessel“ gegangen sind, aber anderseits, wenn es lange dauert, werden sie vor Hunger, vor Luftmangel sterben. Jemand brachte die„erfreuliche Nachricht“, die Deutschen hätten im ganzen Stadtviertel außerhalb des„Kessels“ eine riesige Anzahl Hunde losgelassen, damit sie die Menschen in ihren Verstecken aufspürten. Häscher zögen die Menschen heraus und schlügen sie tot. Ich sah bereits meine Eltern dabei, die Augen in Todesangst weit aufgerissen. Ich sah ihre geliebten Gesichter, starr, bleich... Gott! Ich würde noch wahnsinnig werden! Die Kinder, die tagsüber gespielt und die Grauenhaftigkeit der Lage nicht begriffen hatten, verstummten jetzt und saßen ganz still an die Eltern geschmiegt. Eine junge Frau ließ sich mit ihrem Kind auf dem Schoß direkt am Fenster nieder. Ich betrachtete sie; ach, wie schön sie war! Ihr Antlitz glich dem einer Statue, im Lichtschein der Feuersbrunst bekam es ein überirdisches Aussehen. Sie hatte schöne schwarze Augen, rabenschwarzes Haar, das im Nacken zu einem Knoten ge- steckt war. Eine Madonna. Es war Hellers Frau mit ihrem Kind. Der Knabe war einige Monate alt, er hatte den ganzen Tag über gespielt und geplappert, jetzt schlief er. Er besaß soviel Gold, vielleicht sogar noch mehr, als er selber wog, aber er hatte kein Recht zu leben. Die Frau stand auf, ich nahm ihr das Kind ab. Der Kleine drückte sich an mich. Ich hätte auch einen solchen Jungen haben können. Er war warın, 416 nz we) Yarum' öses get racht? Geh zu (naben, eren. So {ine Nun a, anl sten tö Aber vi sieht.“ Nein, ic Mann ei vie man nicht um unkomn ‚Sie wer | tm,“ | Die Fraı Tablette ‚lch hab ‚Geben | Ihdieser \tlfürd | Mädchen Gift, I men e f schl Yingt di as abe, "as Kin U ch Air die ganz. weich, und was für ein zartes Mündchen er hatte! Warum wollen sie dich nicht leben lassen? Was hast du Böses getan, warum hast du den Fluch mit auf die Welt ge- bracht? „Geh zu Brand“, sagte ein junger Mann zu der Mutter des Knaben.„Geh hin, du mußt es tun, du hast nichts zu ver- lieren. So und so erwartet euch der Tod, vielleicht gibt er dir eine Nummer. Er hat doch deinen Mann gekannt.“ ‚Ja“, antwortete die Frau,„er kannte ihn und ließ ihn als ersten töten.“ „Aber vielleicht wird er dich schonen, wenn er den Kleinen sieht.“ „Nein, ich will nicht. Ich weiß von nichts, vielleicht war mein Mann ein Verräter, aber vielleicht war er nicht so schlimm, wie man sagt, ich weiß es nicht. Jedenfalls werde ich Brand nicht um unser Leben bitten, wir werden mit allen anderen umkommen.“ ‚Sie werden den Kleinen vor deinen Augen zu Tode mar- tern.“ Die Frau kniete vor dem Jungen nieder.„Ich habe zwölf Tabletten Luminal, ist das zuwenig für ihn?“ „Ich habe zehn“, sagte ich. ‚Geben Sie sie mir!“ bat die Frau flehentlich. In dieser Nacht gab man drei Kindern unseres Zimmers Mit- tel für den ewigen Schlaf, und einem glücklichen dreijährigen Mädchen injizierte ihr Vater, ein Arzt, ein sofort wirkendes Gift. Ich hielt den Kleinen in den Armen, und in meinen Armen erstarrte er und schlief ein. Der schlaflosen Nacht folgte ein düsterer Morgen. Der Welt dringt der Morgen das Leben, die Arbeit, bringt das Glück, was aber brachte er uns? Neue Pein, neues Sterben. Das Kind quälte sich noch, es atmete, und aus seinem Munde loß Schaum. Das Luminal hatte nicht ausgereicht. Ich hielt mir die Ohren zu, um nichts zu hören. Wenn man doch schon 1 Fıs/sg 417 endlich aufhörte zu schießen! Jeder Schuß bedeutete Tod, jeder Schuß bedeutete noch eine Leiche... Eine junge Frau mit ergrauenden Haaren weinte laut. „Still!“ riefen die Anwesenden.„Was soll dieses Geweine! Die Glückliche hat noch Tränen, hat noch nicht alle ausge- weint. Wir können nicht mehr weinen.“ „Ich kann meinen Sohn nicht vergiften, ich kann es nicht“, jammerte sie.„Vielleicht liebe ich ihn mehr als andere die Ihrigen, vielleicht bin ich ein Feigling; ich kann es nicht!“ „Es gibt ja noch eine andere Möglichkeit“, versuchte ihr Mann, ein Milizsoldat, sie zu beruhigen. Nicht weit von hier, im„Kessel“, baute man in einem Keller einen Schutzraum. Man war gerade so weit, ihn zuzumauern. Er war zwar bereits überfüllt, aber man hatte sich einverstan- den erklärt, noch einen kleinen Jungen aufzunehmen, aber nur unter der Bedingung, daß er augenblicklich getötet wer- den dürfe, sobald er anfınge zu weinen(es war nun mal nicht anders, sonst würde er alle verraten, die sich dort versteckt hatten‘). Man brauchte den Kleinen nur hinüberzubringen und den Anteil der Summe zu bezahlen, der für den Bau des Verstecks auf eine Person entfiel. Und was würde weiter sein? Wer würde die Mauern des Schutzraums aufbrechen, wenn keine Möglichkeit bestand, nach den Blockaden wieder in den„Kessel“ zurückzukehren? Wie würden die Menschen herauskommen? Diejenigen, die in das Versteck gingen, mußten mit der Möglichkeit rechnen, daß sie eines Hunger- todes starben. Und was geschah, wenn wir umkamen und der Kleine zurückblieb; wer würde sich seiner annehmen? Was sollte man tun? Der vierjährige Feind Hitlers spielte auf dem Balkon. Jetzt beugte er sich gerade über die Brüstung. „Sei vorsichtig, sonst fällst du hinunter!“ rief die Mutter und packte ihn bei der Hand. 418 Im selt auf deı fallen, Die Ku Kleiner welhe der? Vi getroffe dem Ju Kopf ge ‚Ih k: soll ich Schließ Ihm wi Sie We »Waru „Weil! „Aber Vermun „Hör z ür, we Ind wi mußt; Werden Weinen Niemal Essen| Im selben Moment fiel ein Schuß. Ein deutscher Soldat hatte auf den Kleinen angelegt. Es hatte ihm natürlich nicht ge- fallen, daß ein jüdisches Kind auf die Straße hinunterschaute. Die Kugel ging daneben, und die entsetzte Mutter küßte den Kleinen und drückte ihn an sich. Was für ein Glück war das, welch ein Wunder! War es denn wirklich ein Glück, ein Wun- der? Vielleicht wäre es besser gewesen, die Kugel hätte ihn getroffen oder er wäre aus dem dritten Stock hinunterge- stürzt? Ein solcher Tod war leichter und besser, als wenn man dem Jungen die Beinchen auseinanderriß oder ihn mit dem Kopf gegen eine Mauer schlug, bis das Gehirn herausspritzte. „Ich kann mich nicht entscheiden“, jammerte die Frau,„was soll ich tun?“ Schließlich nahm sie den Knaben auf den Arm und erklärte ihm wie einem Erwachsenen die Fürchterlichkeit der Lage: „Sie werden mich und dich töten.“ „Warum, Mama?“ „Weil Hitler unser Feind ist und Kinder nicht mag.“ „Aber er kennt mich doch gar nicht“, entgegnete der Kleine verwundert. „Hör zu, mein Kind, wir können beide gerettet werden, aber nur, wenn du ganz artig bist; wenn du mich sehr lieb hast und willst, daß sie mich nicht töten, dann mußt du artig sein, mußt in einen Keller gehen und dort ganz still sitzen; wir werden dann später zu dir kommen. Du darfst dort aber nicht weinen, denke daran; denn wenn du weinst, wirst du uns niemals mehr wiedersehen. Ich werde dir eine Tasche mit Essen geben. Wenn du Hunger hast, mußt du essen. Aber wenn du nicht hingehen willst, mein Sohn, dann sage es. Jetzt sollst du selbst über dein und unser Schicksal entschei- den.“ Die Eltern sahen ihn an, auch wir alle schauten hin. „Ich will nicht, daß sie dich für immer töten, Mama“, sagte der Knabe.„Und was gibst du mir zu essen? Zucker?“ 27 F* 419 „Ich werde dir Zucker geben.“ „Na, dann gehe ich in den Schutzraum; aber wirst du den Zucker nicht vergessen?“ Ein Kind bleibt in der schlimmsten Hölle ein Kind. „Ich habe Hunger“, sagte Jurek. Ich hatte in einem Beutel Brot, einige Zuckerwürfel und Sa- charin. Das Sacharin war verschüttet und klebte am Brot fest. Wir nahmen das Brot in den Mund, konnten es aber nicht hinunterschlucken, es war widerlich süß und bitter. Ich bekam nervöse Magenkrämpfe. „Nimm Luminal.“ „Ich habe keins. Ich habe es weggegeben.“ „Wie konntest du! Du kennst doch deine Attacken.“ Ich lag zusammengekauert und erbrach Speichel. Im Zimmer war es schwül, es wurde gelärmt, geschrien und geweint. Jurek hielt mir den Kopf. „Ich müßte zu erfahren suchen, was in der Stadt los ist.“ „Ach, geh nicht“, bat ich ihn. „Ich muß, Emcia; man muß sich doch darum kümmern, irgendwie aus dieser Hölle hinauszukommen.“ Er ging fort. Wenn ich ihn ansah, hatte ich immer so ein Gefühl, als würde ich ihn nicht mehr wiedersehen. Diesmal kam er ziemlich schnell zurück. Er brachte eine Flüssigkeit mit, eine Art Suppe, die den einzigen Vorteil hatte, daß sie warm war. Heute trat unser shop zur Kontrolle an. Wir gingen auf den Umschlagplatz. Ich trug einen Rucksack am Arm und einen Mantel. Jurek warf seine Sachen unterwegs in ein Loch. „Wenn ich am Leben bleibe, werde ich sie holen, jetzt stiehlt ja niemand.“ „Nimm wenigstens deinen Wintermantel mit.“ „Quengele nicht. Ach, Frau, wie kannst du jetzt an einen Wintermantel denken, bis zum Winter ist es doch noch so weit.“ 420 Trotz a wir am seln ha Nächte Wenn Ihm prichst Ich we nicht de haben r Die le Ja, ab: st, Sie ra Wer esj Imschl einem: lung ir telfer der und Aversic tur Kin ls wir Blickfe] in klei ine bl; Wir mı hatte y Or der nd st; ter Trotz alledem trug ich meine sämtlichen Sachen weiter. Wenn wir am Leben blieben, mußte man doch ein Hemd zum Wech- seln haben. Es wurde erzählt, daß man die ganzen Tage und Nächte hindurch alle Sachen aus dem Stadtbezirk fortschaffte. Wenn wir zurückkämen, würden wir nichts mehr vorfinden. „Ich möchte dich gern durchprügeln“, murrte Jurek,„du sprichst wie eine Einfältige.“ „Ich weiß, daß sie uns totschlagen werden, aber wenn es doch nicht der Fall sein sollte, dann wirst du Sweater und Mantel haben müssen.... Es ist doch wohl die letzte Blockade.“ „Die letzte, weil es mit uns aus sein wird?“ „Ja, aber auch, weil es wahrscheinlich eine Generalsäuberung ist. Sie werden eine kleine Gruppe zur Schau übriglassen. Ja, wer es jetzt übersteht, der hat den Krieg gewonnen.“ Umschlagplatz. Man stellte uns in einiger Entfernung von einem anderen shop auf. Vor allem erfolgte eine Ausschei- dung innerhalb des shops. Der Leiter Hoffmann und seine Helfer verteilten die Nummern selbst, sonderten Alte, Kin- der und Schwache sowie jene aus, gegen die sie eine spezielle Aversion hatten. Geld spielte keine geringe Rolle, es half nur Kindern und Greisen nicht. Als wir nun zu der zweiten Kontrolle antraten, erschien im Blickfeld ein stockbesoffener SS-Mann. Auf dem Kopf trug er ein kleines schiefsitzendes Käppi, an das er sich schelmisch eine blaue Troddel angeheftet hatte. Er schwankte. Wir mußten in Reihen zu fünf Personen antreten. Jurek hatte man direkt hinter mir eingereiht. Der SS-Mann blieb vor der ersten Reihe stehen, er schwankte auf den Beinen und starrte die Todeskandidaten an. Seine trüben Augen blickten einmal lachend, ein andermal schleuderten sie wieder Blitze. Er schaute uns so an, als wollte er erraten, was wir über ihn dachten. Erschrockene, schmerzerfüllte Augen Tausender sahen dich an, schreckliche verzweifelte Augen; was für eine Macht 421 steckte in dir, Satan, daß du vor diesen Augen nicht er- schrakst? Der SS-Mann blieb ganz nahe vor der Reihe stehen und fuch- telte den Menschen mit dem Finger vor den Augen herum. Ein junges Mädchen zuckte zusammen, er gab ihr einen Stoß und versetzte ihr mit dem Knüppel einen Schlag. Er wollte sich noch mit uns seine Zeit vertreiben. Nach so einem Zeit- vertreib in der dritten Reihe fühlte ich mich vollständig zu- sammengebrochen, und bis zu mir waren es noch fünfzehn Reihen. Ich hätte heulen, brüllen, fliehen mögen. Die Litauer, die uns überwachten, sahen sich alles an wie eine interessante Vorstellung. Endlich wurde über mich Gericht gehalten. Ich konnte nicht hinsehen. Ich spürte einen Stoß gegen die Brust, ich machte die Augen auf, jetzt fielen die Schläge so schnell auf mich herab, auf Gesicht, Hände und Schultern, daß ich nicht einmal schreien konnte. Warum ich die Augen geschlos- sen hätte, schrie der SS-Mann. Jetzt war mir klargeworden, daß der Tod nicht einerlei Art ist, ich hatte nun verstanden, daß sich die Menschen lieber selbst vergiften wollten oder wünschten, erschossen zu werden. „Du hast die Augen zugemacht, ich werde sie dir jetzt für immer zumachen!“ „Werde nicht ohnmächtig“, flüsterte über mir eine Stimme, „werde nicht...“ Blut überschwemmte mir die Augen, ich spürte im Munde salzigen Geschmack. Es war nichts Außergewöhnliches. Ic war nur eine der vielen Gemarterten, nicht die erste und auch nicht die letzte. Es hatte ihm nicht gefallen, daß ich die Augen geschlossen hatte, bei einem anderen gefiel ihm die Nase nicht, der Mund, die Beine. Es war alles einerlei, wenn er nur das Vergnügen haben konnte, zu martern, wenn ef nur sehen konnte, wie rotes Blut floß, wie der Körper im Qualen zuckte, wie sich das Gesicht vor Schmerz verzerrtt, wie die wehrlosen Hände das Gesicht verdeckten. 422 im Ende ter Gr uf den B nen, was atten sid stellt, d Steh“, h ch auf d blieb: hdasBer utseser treinigeı Mir jetz ih am IS, wanr A leicht der die te Sehn 25 nod Wußt: Stenu Wind op Am Ende hatte man mich zur Seite gestoßen. Diesmal war ich in der Gruppe der Verurteilten. Ich konnte mich nicht mehr auf den Beinen halten. Mir war alles einerlei, mochte kom- men, was da wollte, ich mußte mich hinlegen, doch schon hatten sich meine Unglücksgefährten so dicht an mich heran- gestellt, daß ich nicht umfallen konnte. n„Steh“, hörte ich flüstern,„wenn du dich hinlegst, wird man ändigzu U dich auf der Stelle erschießen. Steh!“ Ich blieb stehen und wurde stehend ohnmächtig. Bald verlor ich das Bewußtsein, bald kam ich wieder zu mir und würgte am Blut; es erinnerte mich an ein bordeauxfarbenesKleid, das ich voreinigen Jahren besessen hatte, und mir war, als stopfe man es mir jetzt mit Gewalt in den Hals. Dann kam es mir vor, als - obich am Meer sei, als ob ich bade und mich eine Welle über- it" Autete; plötzlich wurde mir wohlig zumute, warm, leicht. „Fall nicht um“, flüsterte mir jemand ins Ohr, und diese der j Stimme ging mir durch Mark und Bein. Ich verspürte Schmer- den| zen, als hätte man mir ein Messer in den Kopf gestoßen. Ach, dk| was wollten diese Menschen von mir! Was machte es schon aus, wann man mich tötete! Wenn mir dabei so angenehm „jetzt und leicht sein sollte, dann wäre es schon besser, gleich jetzt. - Aber die Eltern und Jurek? Ich hatte so schreckliche, unsag- Stimm bare Sehnsucht nach ihnen. Ich wollte sie noch einmal, wenig- = noch ein einziges Mal sehen. Min)‘ Ich wußte nicht, wie lange wir so dagestanden hatten, ich wußte nur, es war dunkel, das Blut war an mir geronnen, und der Wind kühlte mir die Stirn. } Der shop Hoffmanns war bereits weggegangen. 4 ‚Ihr Mann hat eine Nummer bekommen“, informierte mich einer aus der Gruppe. Jarek war also weg. Gut, daß er nicht dageblieben war, aber gleichzeitig dachte ich: ich bin also allein. Jurek ging fort. Wäre ich auch von ihm weggegangen? Aber konnte man denn von einem verlangen, daß er freiwillig in den Tod ging, hatte 423 uns denn der heidnische Brauch, zusammen mit den Gebeinen des Mannes auch die lebende Frau zu verbrennen, nicht mit Grauen erfüllt? Zwei Personen in weißen Kitteln näherten sich unserer Gruppe: Jurek und sein Vetter Lolek. Sie erklärten den Litauern, die uns bewachten:„Wir sind vom Krankenhaus, wir wollen einige Kranke zum Verbinden mitnehmen, wozu sollt ihr mit ihnen im Waggon Scherereien haben?“ „Die Schwachen erschießen wir sowieso“, wehrte der Litauer ab. „Wie ihr wollt“, sagte Lolek. Einen Augenblick lang stockte mir das Herz im Leibe. Schließ- lich begaben sie sich fort, aber nicht allein, zwei Litauer gin- gen mit ihnen. Ich wartete. Nach einigen Minuten kehrten die Litauer zurück. Die Knüppel kamen in Tätigkeit. Sie schlugen auf die Menschen ein, wo sie nur hintrafen. Bei einem der Schläger sah ich Jureks Uhr an der Hand. Dieser Mann zog mich in der allgemeinen Panik ans Ende der Gruppe, dann wieder nach vorn. Ich war so dicht umringt, daß ich keine Mög- lichkeit sah herauszukommen. Schließlich stieß mich der Mann zu Boden und gab mir einen Fußtritt. Ich taumelte und fiel hin, Völlig entkräftet, verlor ich das Bewußtsein und wachte erst in einem kleinen Saal auf. Über mir sah ichLolek und Jurek. „Steh schnell auf, wasche dir das Blut vom Gesicht, zieh den weißen Kittel an und nimm diesen Ausweis. Du heißt Maria Shaß. Wie heißt du?“ „Maria Shaß, Krankenpflegerin.“ „Es wird dich niemand fragen, aber merke es dir für alle Fälle. Der Tagdienst ist bald zu Ende, da mußt du hier weg- gehen. Wenn Gott will, werden wir von dem Umschlagplatz wegkommen, und morgen muß man sich darum bekümmern. aus dem Kessel hinauszugelangen.“ An diesem Abend ging ich als Maria Shaß vom Umschlag- platz weg. Zwei Tage später wurden alle Ärzte und das 424 gesamte iert, W durch ei blieben ‚Hört z o mad Ins eine Nir sta onen.] gen Gi Ich fal Jurecz fährlich Ih mu frholte seine H shloß Verstric Weg! U früher Hoffmz Dokum eine G fen, o deutun Ih ber die sich Kleine Diese| # Tir T Lu gesamte Sanitätspersonal aus dem Krankenhaus abtranspor- tiert. Wir begegneten einer kleinen Gruppe Bekannter, die durch einen merkwürdigen Zufall von unserem shop übrigge- blieben waren. Jurek organisierte uns. „Hört zu, einzeln wird keiner hinauskommen. Wir werden es so machen: ich werde zu Hoffmann fahren und ihn bitten, uns eine Bescheinigung zu geben.“ Wir standen auf der Straße. Wir waren etwas über zehn Per- sonen. Ermüdet setzten wir uns auf die Stufen eines ehema- ligen Geschäfts, einige setzten sich auf ihre Rucksäcke. „Ich fahre also los.“ „Jureczek, es kann dir etwas zustoßen, das ist doch sehr ge- fährlich.“ „Ich muß dich retten!“ Er holte sein Dokument heraus, aus dem hervorging, daß er im shop in der Proviantabteilung arbeite und das Recht habe, auf den Verladeplatz hinauszufahren. Eigentlich hatten sämtliche Dokumente keinerlei Bedeutung, es hing ganz von dem Gutdünken der kontrollierenden Deutschen ab. Jurek fuhr also weg, und ich blieb in der Gruppe, die auf seine Hilfe wartete; ich hatte schrecklichen Hunger und ent- schloß mich mit Ekel, das Sacharinbrot zu essen. Die Minuten verstrichen entsetzlich langsam, Jurek war schon so lange weg! Und dabei war kaum erst eine halbe Stunde vergangen! Früher als in einer Stunde konnte man ihn nicht erwarten. Hoffmann würde sich doch nicht sofort bereit erklären, das Dokument zu unterschreiben, denn was ging ihn schon so eine Gruppe Juden an? Es waren bereits so viele umgekom- men, ob es da noch etliche mehr würden, war ohne jede Be- deutung. Ich betrachtete die verängstigten Menschen. Durch die Wache, die sich in einiger Entfernung von uns befand, gingen etliche kleine Gruppen, deren Ausweise man kontrolliert hatte. Diese Glückskinder! 425 Endlich kam Jurek atemlos an. „Da seid ihr ja! Den ganzen Weg verfolgte mich der Gedanke, daß man alle diejenigen, die widerrechtlich da sind, wie ihr, herauszieht und wieder auf den Umschlagplatz zurückbringt. In unserer Straße waren sie noch nicht.“ Wir formierten uns in Reihen zu vier Personen, zwei Kinder nahmen wir zwischen uns, eine Mutter schläferte ihr halb- jähriges Mädchen ein und steckte es in den Rucksack; wenn man es fände, würden wir alle des Todes sein. Es herrschte Ruhe. Wir traten an die Wache heran. Jurek überreichte die Bescheinigung und gab eine längere Erklärung ab. Schließlich winkte der SS-Mann mit der Hand ab, und wir gingen hinaus— in die Freiheit. Wir gingen schnell. Es war also gelungen. Dieser Wisch hatte doch keinerlei Bedeutung. Aber da erreichten uns auch schon zwei Litauer und der SS-Mann. Sie holten uns wieder zurück. „Ihr habt mich betrügen wollen!“ brüllte der SS-Mann. Jurek zeigte auf den Stempel mit dem Adler unter Hoffmanns Unterschrift. „Euer Hoffmann kann mir...“ Hier folgte eine Reihe un- parlamentarischer Schimpfworte.„Haut ab, sonst schieße ich!“ Wir gingen weg. Wieder befanden wir uns an derselben Straßenecke und an denselben Stufen. Wir setzten uns hin. Die Frau nahm ihr schlafendes Kind aus dem Sack. Was sollte man jetzt tun? „Jurek, fahr zu Hoffmann, du darfst dich nicht durch mich der Todesgefahr aussetzen.“ „Rede kein dummes Zeug, außerdem weiß ich nicht einmal, ob sie mich überhaupt noch durchlassen. Einmal ist es gelun- gen, aber das ist noch kein Beweis, daß ich hin und her spa- zieren darf.“ „Es gibt doch noch andere Tore“, sagte jemand,„durch das eine ist es nicht gelungen, gehen wir durch ein anderes.“ 426 Offziel] mit ein fir form Ad, we e Frau or dem oB Lita missen je Litaı tterte, e Lita nen sid anden. Wieviel tteit ha eihab erden u apt, wer eine K „Offiziell kommen wir nicht durch“, sagte Jurek,„man muß vedan\ esmit einem Litauer besprechen.“ - Wir formierten die Gruppe von neuem. „Ach, wenn nur meine Kleine nicht aufwacht!“ lamentierte die Frau mit dem Kind im Rucksack. Vor dem Tor in der Gesiastraße am Lubeckiplatz standen bloß Litauer. Wir wandten uns dorthin. Wir blieben in einer gewissen Entfernung stehen. Jurek trat allein an sie heran. Die Litauer konnten ihn jeden Augenblick erschießen. Ich zitterte. Die Litauer sprachen einen Augenblick miteinander und b,undn sahen sich die Bescheinigung an, von der sie kein Wort ver- oll. Es standen. Nach einer Viertelstunde kam Jurek zurück. „Wieviel Uhren haben wir? Man muß für fünf Mann je eine bereit halten und für den Vorgesetzten drei. Sie wollten je zwei haben, ich habe abgehandelt. Die Sache sieht so aus: sie ann.Jur! werden uns durchlassen, aber sie haben von vornherein ge- Yoffmas| sagt, wenn man uns auf dem Wege zum shop erwischt— gibt es eine Kugel in den Kopf. Die Wache wird nicht zugeben, hem daß sie uns durchgelassen hat. Also? Entscheidet euch!“ „Natürlich sind wir einverstanden; wenn es dir gelingt, uns - hindurchzubringen, bist du ein Held. Wir werden dir unser «lie Leben verdanken.“ „nshit„Redet nicht soviel, gebt schnell die Uhren her.“ Was so Ich nahm die Uhr vom Arm. Ich hatte sie am Tage meines Abiturs bekommen, sie hatte mir alle glücklichen Minuten Aurch 0 angezeigt. Auf Wiedersehen, meine Uhr! Nun wird dich eine ‘ Litauerin oder eine Deutsche tragen. Ich bin nicht abergläu- bisch, ich glaube auch nicht an Verfluchung, aber jetzt drückte ichdieUUhr an den Mund und flüsterte:„Bringe über denneuen Besitzer Unglück, bringe ihm bald einen schrecklichen Tod!“ Die Uhren wechselten ihre Besitzer. -„Es kann natürlich passieren“, sagte Jurek,„daß sie auf uns gi schießen, sobald wir drei Schritte hinter der Wache sind; 427 denen ist alles zuzutrauen, um so eher, als sie die Uhren bereits bekommen haben.“ Wir gingen durch völlig verödete Stadtbezirke. Lubecki, Pa- wiak. Das Haus der Eltern. Vor dem Haustor sah man keine Leichen. Gott, warum konnte ich nicht zu ihnen laufen. Wir mußten schnell weitergehen, ganz schnell. Wir gingen am Pawiak vorüber, dort waren Deutsche. Wenn sie uns bloß nicht hörten! Uns kam es vor, als wenn unsere Absätze zu laut aufschlügen. Die Frauen zogen die Schuhe aus. Ein Kind brach in Tränen aus; augenblicklich wurde ihm ein Schal um den Mund gebunden. Ich schleppte meinen vollgestopften Rucksack, meine einzige Habe. Ich hatte keine Kraft mehr, ich war in Schweiß gebadet, mir war, als müßte ich im näch- sten Augenblick umfallen. Gott, wie lange wir durch die Karmelickastraße gingen! Waren das dort in der Ferne nicht Soldaten? Uns stockte das Herz, wir waren einen Augenblick wie gelähmt. Es waren Deutsche, die sich uns näherten. Sollten wir weitergehen? Sollten wir stehenbleiben? Sollten sie uns einige Minuten vom shop entfernt töten? Was hätten uns dann alle diese Anstrengungen genutzt? Die Deutschen gingen direkt auf uns zu. Wir waren bereits bis fast an Nowolipki herangekommen, und im Lauf ging es in den shop. Die Unseren hatten uns schon von weitem bemerkt und öffneten das Tor. Hinter der Umzäunung fielen wir erschöpft um. Wir waren noch einmal mit dem Leben davongekommen. Ich verlasse das Ghetto Nach schwerer, schlafloser Nacht Morgendämmerung. Id bereitete mich vor, auf die arische Seite hinüberzugehen. Id zog zwei Wäschegarnituren und drei Kleider übereinander, schlüpfte in den Mantel und nahm eine Jacke über den 428 m- fe Jurch wel fauern| Gruppe| Stelle, Fi jalesmal yollten. ta Instri Kingt vie ene Silb, Saließlic Jıtek, de zutückke Varschar anleren, It blickt Autos, F / ene Maı Zuischen | Vir ging ) Ärbeitss eunse Arm— fertig war ich. Jurek führte mich zu einem der Tore, lurch welche Gruppen zu einem Arbeitsplatz außerhalb der Mauern gingen. Da war auch meine Arbeitskolonne. Eine Gruppe Menschen versammelte sich an einer bestimmten Stelle. Für einige hundert Zioty nahm der Gruppenführer jedesmal Nichtarbeitende mit, die über die„Grenze“ gehen wollten. Wir verabschiedeten uns. Jurek erteilte mir die letz- ten Instruktionen:„Verliere nicht den Kopf, von dir selbst hängt viel ab.“ Am Ausgang wurden wir revidiert. Wir wußten genau: für jede gefundene Sache, die man nach der Meinung der Wache zum Verkauf hinausbringen wollte, wurde man geschlagen und festgehalten und dann zum Abtransport weggeschickt. Fast jeder„Arbeitsplatzbesitzer“ gab dem deutschen Revisor eine Silbermünze. Schließlich gingen wir hindurch. Noch von weitem sah ich Jurek, der blaß dastand. Ich hätte weglaufen mögen, zu ihm zurückkehren. Ich hatte Angst! Warschauer Innenstadt. Ich ging in Reih und Glied mit den anderen. Schon zwei Jahre war ich hier nicht mehr gewesen. Ih blickte umher. Ich sah ruhige Menschen, Straßenbahnen, Autos, Fahrzeuge, Läden, Handel und Wandel, Leben. Nur ine Mauer trennte uns, nur ein paar Dutzend Schritte lagen zwischen hier und dort, und hier war das Leben, dort der Tod. Wir gingen die Zelaznastraße geradeaus, näherten uns der Arbeitsstätte. Vor dem Tor standen verdächtige junge Kerle, lie uns eifrig unter die Lupe nahmen. Das waren„Erpresser“, lie schon auf ihrem Posten standen, informierten mich die ‚Arbeitsplatzinhaber“. Diese Kerle paßten den ganzen Tag auf, daß keiner der auf dem Arbeitsplatz beschäftigten Juden in die Stadt ging. Wenn es dennoch einer wagte, umringten iieihn im Nu, um von ihm Lösegeld herauszuschinden, und wenn der von ihnen Festgehaltene keine hinreichende Summe besaß, führten sie ihn auf die Gendarmerie. Von Zeit zu Zeit schleppten sie ein Todesopfer hin, um den Ruf eines wirklichen Judenschnappers zu erlangen. Nicht immer erkannten sie in dem Herausgehenden einen Juden aber das kam selten vor. Der Arbeitsplatz war eine Kofferfabrik. Ich telefonierte an Alina und andere Bekannte, aber die Menschen hatten ganz einfach Angst, mit mir zu sprechen, ich fühlte es heraus. Sollte ich vielleicht zurückkehren? Wie sollte ich Ausweise erlan- gen, wie meine Edelsteine verkaufen, bei wem sollte ich mich aufhalten? Auf dem Arbeitsplatz gab es noch einige Perso- nen, die Vorbereitungen trafen, hinauszugehen, es gab aber auch solche, die sich auf der arischen Seite befunden hatten und wieder zurückkehrten. Als ich ihren Erzählungen zuhörte, erfuhr ich, daß es um unsere„Freiheit“ gefährlicher bestellt war, als ich gedacht hatte. Es gab hier Menschen, die täglich herkamen und aul ihre Bekannten warteten, die sie abholen, in eine bereitge- stellte Wohnung führen und ihnen Ausweise beschaffen soll- ten; manche hatten dafür schon riesige Geldsummen ausge- geben. Nein, dachte ich, ich werde mir nicht zu helfen wissen. Nach einigen Stunden rief der Leiter des Arbeitsplatzes un- verhofft meinen Vornamen auf. „Sie werden abgeholt.“ lch2* Hundert Paar beneidende Augen richteten sich auf mich: die Glückliche! In der Kanzlei erhob sich bei meinem Anblick ein mir unbe- kannter Mann von etwa vierzig Jahren. „Sind Sie Frau Ema?“ Naiv und aufrichtig erzählte ich ihm alles. Plötzlich sah ich auf seinem Gesicht Verwunderung. Es stellte sich heraus, daß Herr$. mit Schmuck handelte und Frau Alina ihn ledig- lich zwecks Besichtigung meiner Kostbarkeiten hergeschickt hatte, ohne ihn davon benachrichtigt zu haben, wer ich sei 430 und da beiteter Ih war „Vielle schlug so kön mit die: Wenn i Ghetto würde\ meinen nichts| Ih ent: \ sollte, falls m. zurück; Mir gi äber ol ding id Versetz Verabse Morgı Öringen Die Ti Prau al Jald zu Mutete, nen$ Essens] ER Sie sir Id hi | Omme j und daß in der Fabrik, in der ich mich befand, Juden ar- beiteten. Ich war enttäuscht. „Vielleicht kann ich Sie zu einer Ihrer Bekannten bringen?“ schlug er mir am Ende vor.„Und was die Ausweise betrifft, so könnte ich mich bei einem Bekannten erkundigen, der sich mit diesen Sachen befaßt.“ Wenn ich jetzt nicht mit ihm wegging, mußte ich heute ins Ghetto zurückkehren. Das nächste Verlassen des Ghettos würde von neuem viel kosten. Außerdem: wenn ich mich mit meinen Bekannten nicht persönlich besprach, so kam auch nichts heraus. Ich entschloß mich, zu Gerta zu gehen. Wenn es sich erweisen sollte, daß Gerta auf dem Lande war, würde ich äußersten- falls morgen über denselben Arbeitsplatz wieder ins Ghetto zurückgehen können. Wir gingen hinaus. Vor dem Tor standen die„Erpresser“, aber glücklicherweise hielten sie uns nicht an. Auf der Straße ging ich wie eine Trunkene. Jeder vorbeigehende Deutsche versetzte mich in unheimliche Angst. Vor Gertas Wohnung verabschiedeten wir uns. „Morgen werde ich Ihnen die Antwort wegen der Ausweise bringen, na und Ihren Schmuck könnte ich auch verkaufen.“ Die Tür von Gertas Wohnung wurde mir von einer alten Frau aufgemacht. Gerta war nicht zu Hause, aber sie würde bald zurückkommen. Ich wartete auf sie. Die Frau— ich ver- mutete, daß es eine Untermieterin war— bot mir in der Küche einen Stuhl an, sie selbst war mit der Zubereitung des Mittag- essens beschäftigt. „Sind Sie eine Bekannte von Gerta?“ Ja „Sie sind noch niemals bei uns gewesen.“ „Ich bin aus Zieleniec, aus einem Dorf, wo Frau Gerta in Sommerfrische war.“ 431 „Ahal“ Wie würde Gerta mich aufnehmen? Würde sie erschrecken? Würde sie mich überhaupt aufnehmen? Wie würde sich das alles gestalten? Ich saß wie auf Nadeln. Mein Gesicht glühte, die Hände zitterten. Ich war nun also auf der arischen Seite und... Schließlich kam Gerta. Ich hörte ihre Stimme. „Ein Fräulein aus Zieleniec ist zu Ihnen gekommen“, infor- mierte die Alte sie. Ich stand vom Stuhl auf. „Guten Tag, Gerta.“ „Guten Tag, Liebe!“ Gerta küßte mich, ohne erstaunt zu sein, als hätten wir uns gestern gesehen. „Wie nett, daß du mich besuchen kommst. Ich habe viel von euch gehört!“ Sie führte mich ins Zimmer. „Lebt Benno?“ fragte sie. „Ich weiß nicht. Gerta, ich bin heute herübergekommen “ unders „Still, still, sprich nichts. Wasche dich, dann ißt du etwas, denn sicher hast du Hunger, legst dich schlafen, und wenn du dich ausgeruht hast, wirst du mir alles erzählen, wir haben ja Zeits Als ich bereits gewaschen und sattgegessen im Bette lag, von Gerta sorgsam zugedeckt, dachte ich daran, daß die Eltern und Jurek so weit, so weit seien, fast am anderen Ende der Welt, und daß in dem Augenblick, da ich hier ruhig lag, mit ihnen wer weiß was geschah... Eryk kam aus der Schule. Ich hatte ihn zwei Jahre nicht mehr gesehen. Er war groß geworden, ernst, er war schon acht Jahre alt. Gerta nahm ihn auf die Seite und flüsterte ihm lange etwas zu. Der Kleine nickte ernst. Dann trat er zu mir heran und küßte mich. „Hast du es ihm gesagt?“ fragte ich. 432 ‚Sei bei lassen v Ih sc mich im mein BI aß, ver Gerta, Ih zog Telefo iem Gl Ih läut Fräulein stellen. Aber Ju ten Ar ‚lauern Wie g Wie is Na so, | ‚Undd Ich bir „Sei beruhigt“, sagte Gerta.„Auf Eryk kann man sich ver- lassen wie auf einen erwachsenen Menschen.“ Ich schlief ein. Als ich gegen Abend erwachte, konnte ich mich im ersten Augenblick gar nicht zurechtfinden, aber als mein Blick auf Gerta fiel, die am Tisch an einer Handarbeit saß, vergegenwärtigte ich mir sofort alles. „Gerta, ich muß Jurek anrufen.“ Ich zog mich an, und wir gingen in eine Apotheke. „Telefoniere mit ihm so, damit niemand merkt, daß du mit dem Ghetto sprichst.“ Ich läutete im shop Hoffmanns an und bat ein bekanntes Fräulein im Büro, Grüße von mir und von Gerta zu be- stellen. Aber Jurek befand sich selber dort und hatte schon auf mei- nen Anruf gewartet. Ich hörte seine liebe Stimme durch Mauern, Straßen und Häuser. „Wie gut es tut, daß du anrufst.“ „Wie ist das Wetter bei euch?“ „Na so, unverändert.“ „Und du?“ „Ich bin bei Gerta.“ „Wie fühlst du dich?“ „Gut; morgen werde ich meine Einkäufe besorgen.“ Der Schluß:„Meine Liebe, Kleine.“ Es wurde still. Ich hörte seine Stimme nicht mehr. Ich hätte diese Töne ergreifen mögen, die mir durch den Äther hindurch offenbarten, daß unsere Trennung eine Unmöglichkeit, daß seine Stimme einzig auf der Welt sei, daß nichts seine Liebe und Zärtlichkeit ersetze. Unsere Arbeitskolonne hatte man also festgehalten und auf den Umschlag geschickt. Gott, wie leicht hätte ich dabei sein können. Nachdem Gerta Eryk schlafen gelegt hatte, begann ich mit meinem Erzählen. 28 F 18/5 433 „Ben habe ich nicht gesehen, aber ich weiß, daß sie deine Schwiegermutter mitgenommen haben. Ich glaube, daß es am besten ist, nach Slawek zu Tante Ala zu fahren, aber es wäre gut, wennichmich bei dir solange aufhalten könnte, bisich mir Ausweise beschafft und einen Brillanten verkauft habe. Aber was soll man tun, wenn Ala uns nicht aufnehmen kann?“ „Man müßte einen anderen Ort ausfindig machen, aber das würde sehr schwer sein. Wenn ich nicht Untermieter hätte, würde ich euch ohne zu überlegen aufnehmen, aber so ist es unmöglich.“ „Was für Untermieter hast du?“ „Drei Frauen und ein Kind. Die Alte, die du gesehen hast, und ihre zwei Töchter mit leichtsinniger Lebensart, eine mit einem Kind, bewohnen das Mittelzimmer, und ein drittes Fräulein, eine Kollegin, hat das letzte Zimmer. Ich habe viele Unannehmlichkeiten, aber wegen meiner unklaren Lage will ich mich mit ihnen nicht überwerfen, um so weniger, als sie in Lokalen als Eintänzerinnen arbeiten und mit den Deut- schen zu tun haben.“ „Wie konntest du sie in deine Wohnung lassen?“ wunderte ich mich. „Als sie herkamen, dachte ich, daß es anständige Frauen wären, ich hatte mich nicht vergewissert, und als sie einge- zogen waren, war es schon zu spät.“ „Und wie lebst du, Gerta?“ „Ich gebe deutschen Sprachunterricht, verkaufe einige Sachen und komme so einigermaßen durch. Ich warte auf das Ende. Von meinem Vater aus Wien bekomme ich ständig Post, aber leider behauptet er, daß der Krieg noch lange dauern wird. Meine einzige Freude ist Eryk. Er lernt ausgezeichnet, ist gut, klug und lieb, ich habe in ihm den besten Sohn, einen wirklichen Freund.“ Am folgenden Tage begegnete ich zufällig den Unter- mieterinnen, die mich mit argwöhnischen Augen maßen. 434 Wir bes gehen,| in der leicht je Mittags mir ein enorme zusamm geben,| sicht, mi die sich \bends dem Ha hatte ir würden, tun hir in die$ die ich war, Ich Frau C: Yahmsy Weinten Wir gin Greisin, Mens g: Iette]} Ind bat Ic keh dh, jr Seine Soldhe| Seen, u Ha, h:ı Delden rm> Wir beschlossen mit Gerta, erst abends aus der Wohnung zu gehen, weil es besser wäre, sich am Tage nicht ohne Ausweis in der Stadt umherzutreiben, in Warschau hätte ich doch leicht jemanden von meinen Bekannten treffen können. Mittags besuchte mich mein gestriger Bekannter. Er schlug mir eine Kennkarte für sechstausend Zloty vor, was eine enorme Summe war. Ich zweifelte daran, daß ich soviel Geld zusammenbekäme, trotzdem bat ich ihn, mir Bedenkzeit zu geben. Er gab mir seine Telefonnummer. Ich hatte die Ab- sicht, mich noch mit der Tochter der Eigeröws zu verständigen, die sich auch mit diesen Dingen befaßte. Abends gingen wir in die Wspölnastraße. Ich war wieder in dem Hause, das ich vor zwei Jahren verlassen hatte. Damals hatte ich gedacht, daß wir in das Haus bald zurückkehren würden, mit großem Triumph ankämen, und dabei ging ich nun hin und sah mich ständig ängstlich um, ging, den Kopf in die Schulter eingezogen, heimlich die Treppe hinauf, über die ich einst, laut mit den Absätzen aufschlagend, gelaufen war. Ich ging hin wie ein Verbrecher. Frau Czepietowa empfing mich herzlich und bedauerte teil- nahmsvoll unser Unglück. Frau Blochowa und Herr Wiezowski weinten über die Tante. Aber helfen konnten sie mir nicht. Wir gingen zu der Tochter der Eigeröws. Eine erschrockene Greisin, die uns empfing, erklärte uns, daß jemand des Na- mens gar nicht da wohne. Trotzdem hinterließ ich ihr einen Zettel mit der Adresse Gertas, berief mich auf ihre Eltern und bat sie, sich mit mir zu treffen. Ich kehrte enttäuscht nach Hause zurück. Wie schwer war es doch, irgend etwas zu erledigen! Gerta schlug mir vor, die Steine ihrer Bekannten, einer Juweliersfrau, die angeblich solche Geschäfte ausgezeichnet erledige, zum Verkauf zu geben. Zu Hause erwartete uns eine neue Unannehmlichkeit. Die beiden Fräulein Jankowski— so hießen die Untermieterinnen 2 F° 435 Gertas— wußten, wer ich war. Ihr Vater war vor dem Kriege bei Jurek in der Fabrik Bote gewesen. Sie waren damals öfter zu ihrem Vater gekommen und kannten mich von dorther. Ich war erschüttert; so schwer war es also, unerkannt zu bleiben. Die Jankowskis waren dessenungeachtet freundlich, erkun- digten sich aber ständig bei Gerta, ob ich die Absicht habe, lange bei ihr zu bleiben. Ich wußte mir keinen Rat. In der Ziotastraße mußte ich eigentlich so lange bleiben, bis alles erledigt war. Und doch mußte ich schnellstens nach Siawek fahren. Der folgende Tag gehörte zu den glücklichen, weil gleich am frühen Morgen Fräulein Eigeröwna erschien. Es gab zweierlei Arten von Kennkarten: eine falsche, das heißt ohne Deckung beim Magistrat, und eine andere, eigentlich auch eine falsche, die aber gedeckt war. Auf die letztere mußte man lange war- ten. Man konnte entweder fiktive Geburtsurkunden oder auch solche Verstorbener erhalten. Angesichts dessen, daß wir wenig Zeit hatten, entschloß ich mich für die erste— ohne Deckung. Wir sollten weiterhin als Ehepaar auftreten. Es war sehr schwer, sich seinen eigenen Namen und die Namen der Eltern auszusuchen. Fräulein Eigeröwna schlug vor, einen sehr populären Zunamen zu wählen, damit es nicht auffalle. Ich wählte den Namen Wis- niowski, auf diese Weise den ersten Buchstaben W beibehal- tend. Ich entschied mich für Vornamen, die den meinen ähn- Jich waren, bei Jurek für seinen eigenen und fügte noch je einen Vornamen hinzu, damit es möglich war, sich anders zu rufen. Obwohl sich die Lage ganz und gar nicht zu einem Scherz eignete, übersetzte ich meinen Mädchennamen wört- lich ins Polnische— aus Szac wurde Skarbek, der Name einer alten polnischen Grafenfamilie. Noch am selben Tag ging ich zum Photographen, wo ich die für mich notwendige Auf- nahme mit dem linken Ohr bestellte und Jureks alte Auf- nahme von links photographieren ließ. Auf ähnliche Weise, 436 aber nu Aufnah für eine verhält: oder vi Termin men. A aus J6z bekomn Kosten schr zul eine ra: Summe Wieder berüber bissen ı hätte, ı aufs L; Nächste würde| Ind Ge durch d Frau A] desaß,| schuhe geweint Gescher Shyek Herbst dem Ba sen, Ih ]| cht hab D ‚ Jange war- aber nunmehr bei einem anderen Photographen, ließ ich die Aufnahmen der Eltern anfertigen. Fräulein Eigeröwna wollte für eine Kennkarte nur ungefähr 4000 Zloty haben, das war verhältnismäßig wenig, und sie wollte sie innerhalb von drei oder vier Tagen liefern. Jetzt ging es darum, bis zu diesem Termin einen Brillanten zu verkaufen und Geld zu bekom- men. Am Nachmittag kam Frau W., die Frau eines Juweliers aus Jözeföw. Für einen Brillanten konnte ich 27000 Zloty bekommen, so daß mir nach Abzug der Provision und der Kosten für die Ausweise 20000 verbleiben würden. Ich war sehr zufrieden, handelte gar nicht; im Gegenteil, ich zeigte eine rasende Freude und erklärte mich mit der angebotenen Summe schnell einverstanden. Am folgenden Tag rief ich wieder Jurek an und bat ihn, so schnell wie möglich zu mir herüberzukommen, weil mich Flöhe(die Jankowskis) sehr bissen und die Luft mir nicht bekäme, ich also beschlossen hätte, die Wohnung zu wechseln und zusammen mit ihm aufs Land zu fahren. Wir verabredeten, daß er mich am nächsten Tag besuchen möge. Es sagte sich so leicht,„er würde kommen“. Dabei würde er durch Mauern, Wachen und Gewehre durchbrechen, Festungen überspringen und sich durch die„Erpresser“ hindurchzwängen müssen. Erau Alina besuchte mich. Da sie sah, daß ich wenig Kleidung besaß, brachte sie mir... eine Pyjamahose und silberne Ball- schuhe mit französischem Absatz. Ich hätte am liebsten geweint und zugleich gelacht. In meiner Lage waren diese Geschenke sehr am Platz. Slawek Herbst— ein Holzhaus mit weinbewachsenem Balkon. Vor dem Balkon ein Blumenbeet. Gelbe, tiefrote und weiße Ro- sen. Ich saß auf einer Bank unter einem Baum vor dem Hause. 437 Die Sonne streichelte mich mit ihren gütigen Strahlen und wärmte mich. Ich atmete gesunde frische Luft. Dort, in der Ferne, grünte eine Wiese und dicht daneben ein Wald. Stille umgab mich— nur ab und zu drangen aus dem Hof Laute zu mir herüber: ein Pferd wieherte, ein Hund bellte, die neben mir liegende Katze schnurrte,„ko-ko-ko“ gackerte eine Glucke. Ich streckte mich auf der Bank aus und schloß die Augen. Liebkose mich, Sonne, heile den schmerzenden Kopf, das verwundete Herz, reiße die Dornen aus ihm heraus, vollbringe es, daß ich alles Vergangene ver- gesse und bloß daran denke, daß ich auf dem Lande bin, daß Ruhe ist! Es kam jemand, ich machte die Augen auf— es war die Tante. Ala lächelte und reichte mir einen Teller, und darauf waren köstliche saftige Weintrauben. Es waren unsere. Ich setzte mich auf und nahm die Früchte in den Mund. Wie wohl- schmeckend sie waren! Schon seit fast drei Jahren hatte ich keine Weintrauben gegessen, und plötzlich überkam mich der sonderbare Gedanke, daß ich träume. Es sei unmöglich, daß dies alles in Wirklichkeit geschähe. Dort, kaum einige Dutzend Meilen von hier entfernt, eine Hölle, Blut, Tod, Angst— und hier ein Paradies. Die an alte Mietshäuser, an den schmalen Streifen Himmels, an den schwachen Abglanz der Sonne gewöhnten Augen wurden blind vor Farben und Glanz. Die Lungen, gewöhnt an stickige Luft und Staub, verschluckten sich förmlich an der kristallreinen Luft der Felder, Wiesen, Wälder und an der Weite. Ich konnte vor mich hin gehen, konnte gehen, gehen, bis dorthin, wo sich Himmel und Erde berührten. Es gab keine Mauern, sofern dies nicht nur ein Traum war, sofern es nicht eine Fata Mor- gana war. Nein, es war etwas Phantastisches. An diese Schön- heit und an diese Freiheit konnte ich nicht glauben, solange sich hier die Deutschen befanden, solange wir ein zu Qualen und zum Tode verurteiltes Volk waren. 438 Genau W undnach a lebt u in den er dh mich 1 nit irgen a wir| Die letzte she und ıtmen, Tante Al: en, die atte uns schen ı Taten vol umer Zi ineinbol tder Hk &nmal ei ürkam, Klanden | Nine gı *pPich b Schwur ONE fur Atchen unter, Item Stehe, "et. Nie Genau wie ein Mensch nach einer schweren Krankheit und nach großen physischen Schmerzen nur daran denkt, daß er lebt und daß ihm nichts weh tut, so dachte auch ich in den ersten in Slawek verbrachten Stunden daran, daß ich mich wohlfühlte, daß ich mit Jurek zusammen war, daß wir irgendwo wohnen, uns irgendwo verbergen konnten, daß wir ganz einfach die Chance des Überlebens hatten. Die letzten Tage waren so voll von Eindrücken, von Un- ruhe und Ungewißheit gewesen— jetzt konnte man auf- atmen. Tante Ala hatte uns aufgenommen, hatte uns, den Geächte- ten, die Tür ihres Hauses sperrangelweit aufgemacht. Sie hatte uns ein weiches Lager bereitet. Wir schliefen, aßen, wuschen uns zu normaler Zeit, wir lebten wie Menschen. Wir waren von diesem normalen Leben trunken. Aber schon nach kurzer Zeit erwachte ein Gedanke, der sich in den Kopf hineinbohrte, der Tag und Nacht keine Ruhe gab. Die Eltern, der Onkel waren dort geblieben, in jedem Augenblick der Todesgefahr preisgegeben. Was sollte man tun, wie ihnen helfen? ö In der Hölle des Krieges, im Sturm der Qualen tat sich auf einmal ein kleiner Zufluchtsort auf— Slawek, wo es einem vorkam, als wäre es ruhig wie im Himmel. In der Nähe befanden sich keine Gebäude, und als dichter flaumiger Schnee gefallen war und die Erde sich mit einem weißen Teppich bedeckt hatte, schien es, daß aller Schmutz der Welt verschwunden sei. Ringsum war alles weiß, nur weiß. Die Sonne funkelte im Schnee wie in Kristall. Mit rosigem Ge- sichtchen fuhr Eryk auf einem kleinen Schlitten einen Hügel herunter. Spatzen schilpten fröhlich. Auf dem Balkon stehend, konnte man glauben, daß die ganze Welt nur hier aus Slawek bestehe, daß dort weiter hinter dem Wald nichts mehr exi- stiere. Niemand aus dem Dorf kam zu uns. Schneeverwehungen 439 erschwerten den Verkehr. Man hörte nur die bekannten Töne des Brunnenschwengels, das Pferdewiehern, das Ge- räusch der Axt beim Holzspalten und das Freudengeschrei Eryks. Ich lief im Wald umher. Meine Füße hinterließen im frischen Schnee Spuren. Wie alles duftete! Die Sonne, die Bäume und der Schnee. „Komm her“, bat mich Jurek,„wir werden Schlitten fah- ren!“ Ich erinnerte mich an frühere Jahre. Ich hörte mein eigenes Lachen und dachte daran, ob mir wirklich noch ein wenig Lebensfreude geblieben sei. Eine Pause in den Qualen. Eine kurze Verschnaufpause! „Wenn es doch so bliebe bis zum Ende“, sagte Jurek. Bei einem solchen Leben würde unser Geld für acht bis zehn Monate reichen, bis zu dieser Zeit dürfte es mit den Deut- schen vielleicht schon zu Ende sein. Außerdem waren wir doch bei den Unsrigen. Wohnung, Brot und Kartoffeln hatten wir. Im Ghetto war Gott sei Dank Ruhe. Ich konnte den Eltern von Zeit zu Zeit etwas Geld schicken. Ich hatte mit ihnen ständige Verbindung. Ich ahnte, daß mein Vater über seine Kräfte arbeitete, ich wußte, daß es für ihn sehr schwer war, aber es gab keine Möglichkeit, sie auf der arischen Seite unterzubringen. Manchmal wollte ich in einem Anfall von Sehnsucht zu ihnen zurückkehren oder wenigstens für einige Tage hingehen, um sie zu sehen. Aber Jurek hatte es mir kategorisch verboten. „Es hat keinen Zweck mehr, dorthin zurückzugehen. Wir haben fürs Ghetto keinerlei Bescheinigungen, auch keine Ausweise. Wozu noch einmal von vorn anfangen, da wir hier einigermaßen eingerichtet sind.“ Hundertmal täglich dankten wir Gott für das Glück von Stawek, hundertmal täglich klopften wir an die unbehobelten Möbel das bekannte:„Unberufen“. 440 Du kleine Irsonen n diesen Ingste, V ir beim ab bei de ns das I dorther" alles atzt war Ihrwerk gräusche arta bra iteich ir zwei emit] Jorbereit Tradition achtlich. ren un topfen d Ngenehr fen nic "Kam *Weih Wars an a r da hl eine 1 mit Du kleines, abseits gelegenes Holzhaus, du könntest vier Personen das Leben retten! In diesen so ruhigen Tagen vergaßen wir alle Schrecken und Ängste, vergaßen wir die uns ständig drohende Gefahr. Daß wir beim Rattern eines Fuhrwerks aus dem Bett sprangen, daß bei dem geringsten Geräusch, das draußen zu hören war, uns das Herz wild pochte, daß jeder verspätete Brief von „dorther“ Tränen bedeutete, Unruhe und Verzweiflung— das alles war eine Geringfügigkeit. Jetzt war außerdem Frost, überall lag hoher Schnee. Fremde Fuhrwerke kamen nicht in den Hof, und so gaben wir auf Geräusche weniger acht. Gerta brachte regelmäßig Briefe aus dem Ghetto. Kürzlich hatte ich einen Ring verkauft und damit den Lebensunterhalt für zwei Monate gesichert. Cybulski brachte einstweilen keine unheilkündenden Nachrichten. Jeder war mit seinen weihnachtlichen Angelegenheiten beschäftigt. Auch in Stawek würde man feiern. Frania, Stasiek und Eryk warteten das ganze Jahr auf die Weihnachtsfeiertage. Ala, die mit Leib und Seele Hausfrau war, liebte Geschäftigkeit, Vorbereitungen und Anordnungen. Cybulski war sehr für Tradition, und auch mich und Jurek steckte die vorweih- nachtliche Stimmung an. Da wir in Slawek abgeschlossen waren und die Tage hier einander glichen wie ein Wasser- tropfen dem andern, waren wir eigentlich über eine gewisse angenehme Neuerung zufrieden, obwohl es einer dem an- deren nicht eingestand. Gerta kam mit Paketen beladen wie ein Kamel. Wir schlossen uns im Zimmer ein und sortierten die Weihnachtsgeschenke. Gerta hatte für mich die Einkäufe in Warschau erledigt und Geschenke für Ala, Stasiek und Frania mitgebracht; außerdem besaß ich noch ein Buch für Eryk, das ich gekauft hatte, als ich in Warschau gewesen war, und eine Kreuzstichserviette, die ich an stillen Winteraben- den mit dem letzten Garn, das ich in Slawek gefunden, 441 gestickt hatte. Diese Serviette wollte ich Gerta schenken. Ala und Frania regierten in der Küche, in die uns allen der Ein- tritt verwehrt war und aus der sich appetitliche Wohlgerüche herausstahlen. Gemäß dem Willen einer Generalversamm- lung, die etwa eine Woche vor den Feiertagen stattgefunden hatte, war einstimmig beschlossen worden, mit der„Sparsam- keit“ in der Wirtschaft zu brechen und sich eine festliche Gestaltung der Feiertage zu erlauben. Wir schickten Jurek mit Eryk auf einen Spaziergang ins Wäld- chen und putzten einen bis zur Zimmerdecke reichenden Tannenbaum, den uns Stasiek gebracht hatte. Unter dem Tannenbaum breiteten wir die Geschenke aus. Wie festlich und angenehm sah das Zimmer aus, wieviel Freude konnte ein grünes, bescheiden geschmücktes Bäumchen geben! Wir saßen nun abends beim Essen. Ich erinnerte mich an den Seder! im Elternhaus, und mir traten Tränen in die Augen, Jeder von uns, der hier am Tisch saß, war ein schiffbrüchiger, wie durch ein Wunder dem Tode entronnener Mensch, den eine zufällige und launenhafte Welle des Schicksals auf die kleine Insel Slawek geschwemmt hatte. Wir zündeten die Kerzen an, der Tannenbaum schillerte vor buntem Behang, Spielzeug und Flämmchen. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede allen Menschen auf Erden, die guten Willens sind!“ Menschen guten Willens, wo wart ihr, warum konntet ihr nicht zu Worte, zur Tat kommen? Wir suchten unsere Geschenke. Was lag denn da? Für midı eine Brosche mit einer roten Koralle und eine hübsche kleine, silberne inkrustierte Puderdose! Für Jurek eine Zigarre und ein silbernes Zigarettenetui! Wir waren erstaunt. Mir war zum Weinen; man hatte also an uns gedacht! Ich dankte Ala und Gerta. Wir waren eine Familie, wie durch einen Zufall zusammengewürfelte Menschen. Wie waren 1 Passah-Abendessen. 442 ir doch e einer an Aristliche ar, an( äumcher wöhnlichl ja- Ehre ıf Erden Trotz Fra Nir aßen A sah Jı ie ein K Aumen stat mi ein konr td der| elzt esse & ware Nie ka üht teil Id erkaı Warum| ‘ten ui deine k Eina im. \der als Miiges y Nr die] \i nädı 14 Nem S Aeden, wir doch einander nahe! Es war Feiertag. Außer Gerta dachte keiner an seine Bedeutung und auch nicht daran, daß es ein christlicher Feiertag war. Wir dachten daran, daß es ein Tag war, an dem man uns erlaubt hatte, ein hell brennendes Bäumchen anzuschauen, einander zu beschenken, die Unge- wöhnlichkeit des Tages und die wunderbare Ruhe zu fühlen. Ja— Ehre sei Gott in der Höhe und Friede allen Menschen auf Erden, die guten Willens sind! Trotz Franias und Alas Tränen verlief der Abend heiter. Wir aßen mit Appetit. Wir waren ausgehungert und gerührt. Ich sah Jurek an, der sich beim Anblick jedes neuen Gerichts wie ein Kind freute. Tatsächlich erlebten unsere Magen und Gaumen nach den tagtäglichen Kartoffeln ein wahres Fest. Es tat mir nur leid, daß die Eltern nicht mit uns zusammen sein konnten. Ach, dieses Gericht hätte Mama aber geschmeckt, und der Papa hatte jenes gern. Mein Gott, was mochten sie jetzt essen! Ich kam mir gemein vor. Wir feierten hier, und sie waren dort im Ghetto. „Wie kann man feiern, da ringsum... Wir dürften daran nicht teilnehmen...“ Ich erkannte sofort, daß ich eine Dummheit gesagt hatte. Warum sollten sich Menschen, die nur durch einen Zufall lebten und keinen Tag und keine Stunde sicher waren, sich so eine kleine und kurze Annehmlichkeit versagen? Warum? Etwa im Namen der Solidarität in Qualen und Verfolgungen? Aber als ich auf die funkelnden Augen Eryks sah, auf sein tosiges und ruhiges Gesichtchen, dankte ich der Vorsehung für die Idee dieses Festes. Am nächsten Tag war wieder Feiertag. Eryk konnte sich an seinem Spielzeug nicht sattfreuen. Wir spielten mit ihm ver- schiedene Spiele. Wie glücklich war doch der Knabe. Er war von neuem ein kleiner, lustiger Junge, der an diesem Tag das Gefängnis im Ghetto und den Umschlagplatz vergessen hatte. 443 Wir erhielten Festtagsglückwünsche von Bolutek sowie vom Doktor und seiner Frau. Es machte uns eine große Freude: Bitte, wir waren Nachbarn, denen man Glückwünsche schickte! Aber an diesem Tage verlor Eryk plötzlich seine gute Laune, er wollte nicht spielen, schlich traurig in der Wohnung umher. Auf unsere und Gertas wiederholte Fragen gab er keine Antwort. Schließlich platzte er heraus: „Du hast mich betrogen“, sagte er zu Gerta,„das ganze Leben lang hast du mich betrogen!“ Inwiefern hatte ihn seine Mutter betrogen? „Du hast mir erzählt“, rief der Kleine,„daß die Engel den Weihnachtsbaum bringen, daß Gott den Kindern ihre Wünsche erfüllt, und dabei ist das alles eine Lüge. Den Tannenbaum hat Stasiek im Walde abgehauen, ich habe mich davon schon überzeugt, und du hast die Geschenke gekauft.“ „Ja, Eryk, das stimmt schon“, sagte die bestürzte Gerta, „aber wir tun das alles nach dem Willen Gottes und der Engel, wir sind ihre Arme, und sie sind unser Haupt.“ „So!“ schrie der Knabe.„Warum sind Gott und die Engel das Haupt und interessieren sich für die Kinder und Menschen, die hier sind, und dort im Ghetto war es so furchtbar, und niemand kümmerte sich darum, und niemand befreite die Kinder aus dem Schutzraum, und niemand gab uns zu essen, als wir vor Hunger in die Finger bissen und weinten, weil uns der Bauch so sehr weh tat? Hat es Gott— das Haupt— erlaubt, daß mich auf der Gestapo Menschenhände schlugen? Sage es, Mama!“ Gerta war kreidebleich. „Jetzt gibt es einen Weihnachtsbaum und Geschenke, aber was wäre das für ein Glück gewesen, wenn sie uns damals zu essen gegeben hätten, aber damals ist niemand gekom- men!“ Tränen rannen aus den Augen des Kindes. 444 Dort sind ıtte etwas Nr wandt hm ab. mil ı iren, Mat nem V: tiges K Fangen Nein Va hr Saher Ir: Min OH auf Arte un "SEN eir a Deugsz “un Jahr ‚Dort sind Henio, Ignas und Fela geblieben. Kein Kind hatte etwas, nicht einmal Brot.“ Wir wandten unser Gesicht von dem geschmückten Tannen- baum ab. „Ich will nicht mehr beten, auch nicht mehr deine Lehren hören, Mama, denn alles ist Lüge. Jetzt darf ich mich nicht zu meinem Vater bekennen, ich soll mich seiner deswegen schä- men, weil er Jude ist, aber dann wird eine Zeit kommen, daß ich mich deiner werde schämen müssen, Mutter, weil du eine Deutsche bist!“ Das Kind stand mit erhobener Hand und sprach mit der Stimme eines Anklägers. Gerta ging in den Garten hinaus. Ich folgte ihr. Sie stand an einen Baum gelehnt. Sie sah wie tot aus. ‚Gerta“, sagte ich,„beruhige dich, das Kind wird es ver- gessen.“ „Nein“, widersprach sie mit einer Kopfbewegung,„er vergißt nie etwas und redet niemals in den Wind. Ich verliere mein einziges Kind, meinen einzigen Schatz, mein Leben.“ An diesem Abend weigerte sich Eryk, das Vaterunser zu beten. „Ich will nicht!“ sagte er. „Eryk, du bist neun Jahre alt, aber du bist durch eine Hölle gegangen und bist ein erwachsener Mensch geworden.“ „Mein Vater war Jude, ich war es auch, ich bin es und bleibe es,“ Wir sahen uns nach der Tür um. Es war still. Wie tragisch war es, diese Worte in einer solchen abendlichen Stille zu hören, in einer Zeit, in der das Wort„Jude“ das schrecklichste Wort auf Erden war. Wie seltsam klang dieses Wort. Man spürte uns auf, verfolgte und tötete uns. Ich sah in Eryks Augen ein solches Feuer des Zorns, eine solche unkindliche Unbeugsamkeit, daß ich ihn verstand. Eryk war zwar nur neun Jahre alt... 445 Bokade, snell unte gehn... Einmal fuhr ich von Warschau nach Siawek. Ich war wie gewöhnlich nervös, und wie durch ein Wunder fand ich in einem vorwiegend mit Schmugglern vollgepfropften Abteil einen Sitzplatz. Glücklicherweise am Fenster. Das hatte den Vorteil, daß ich die an sich nicht besonders interessante Landschaft interessiert betrachten konnte und daher mein dem Fenster zugewandtes Gesicht schwerer zu be- obachten war. In einer solchen Haltung fühlte ich mid sicherer. Auf dem Ostbahnhof drängte sich eine Barmherzige Ordens- schwester mit einem kleinen etwa zweijährigen Mädchen auf dem Arm in den Wagen. Jemand trat ihr höflich seinen Platz ab, und die Nonne setzte sich mir gegenüber. Ich war mit meinem Visavis sehr zufrieden, weil es immerhin sicherer war, eine Nonne gegenüber zu haben, als eine Schmugglerin oder einen halbwüchsigen Schlaukopf, die einen frech an- starren und deren Blick einem das Herz vor Angst ersterben läßt, daß man vielleicht erkannt worden sei. Ich wurde auf die sonderbar traurigen und gleichwie erschrockenen Augen des Kindes aufmerksam. Es hatte ein kränkliches, blasses Gesichtchen. Das Mädchen sah sich im Abteil um, rückte auf dem Schoß der Schwester unruhig hin und her, quengelte und fing am Ende an zu weinen. Die Nachbarn suchten die Kleine zu beruhigen, die Schwester wiegte sie auf den Armen. Die Leute fragten die Nonne aus: „Na, Schwester, das ist wohl eine Waise?“ „Ja“, antwortete die Barmherzige Schwester. „Warum sieht sie denn so elend aus?“ „Sie ist krank gewesen, hat Fieber gehabt, aber jetzt ist sie schon gesund. Sie wird bald wieder aufgepäppelt sein.“ „Sicher war Not im Hause.“ alaran 446 dh blick eißen 5 (apuze a mer Elt e Klein rückte i sicht hat olte die Klapper ı uf zu w hie:„ arum un all, sn a bekar lelodie ar auf Önnen. erwehre Würde we Ar, a mußt ziehun tern De halten: Shwest A werd. N nah 1 Im Mär ätze ke Nufmerk ı üliegj; “pmet, köte, os k vs Kin, Ich blickte auf die weißen warmen Strampelhöschen, die weißen Schuhe, das hübsche gelbe Wollmäntelchen, auf die Kapuze aus dem gleichen Stoff und wunderte mich; ein Kind armer Eltern konnte nicht so gekleidet sein. Die Kleine weinte fortwährend. Ein altes, armes Mütterchen drückte ihr eine große Butterbrotschnitte in die Hand. Viel- leicht hatte sie Hunger? Aber auch das half nicht. Schließlich holte die Schwester aus einem Körbchen eine kleine bunte Klapper mit einem Glöckchen hervor. Das Kind hörte sofort auf zu weinen, nahm die Klapper in die Hand und sagte ruhig:„Bim, bim, bim, bim“, fuchtelte mit der Klapper herum und sprach weiter:„Bokade, unte gehn, Bokade, unte, Allall, snell, snell, Bokade....“ Ich bekam eine Gänsehaut. Ein jüdisches Kind. Die tragische Melodie der Ausweisungstage. Ich blickte mich um. Niemand war aufmerksam geworden, aber es hätte jemand verstehen können. Was tun? Wie sollte man dem Kind dieses Spielzeug verwehren, ich konnte der Schwester doch nichts sagen, sie würde womöglich erschrecken. Sie wußte doch nicht, wer ich war. Ich wußte, daß manche Klöster kleine jüdische Kinder zur Erziehung übernommen hatten. Leider hatten auch in Klö- stern Denunziationen stattgefunden, und viele verborgen gehaltene Kinder waren umgekommen. „Schwester, Sie sind ermüdet, geben Sie mir, bitte, das Kind, ich werde es ein Weilchen halten.“ Ich nahm das Mädchen auf’den Schoß. Ich unterhielt es mit dem Märchen von dem Mäuschen, das Grütze kocht, und„die Katze kommt, die Katze kommt“, und bemühte mich, die Aufmerksamkeit der Kleinen von der Klapper abzulenken. Schließlich warf ich das gefährliche Spielzeug in einem geeigneten Augenblick zum Fenster hinaus, denn ich fürch- tete, es könne die Kleine an die gefährlichen Worte erinnern. Das Kind saß auf meinem Schoß. Ich küßte seine traurigen 447 Augen, die schon Blut gesehen hatten. Wieviel hätte deine Mutter darum gegeben, du kleines Kind, um dich so in den Armen halten zu können, wie ich es jetzt tat! Sie hatte dich fremden Menschen übergeben, dich ihrer Gnade oder Un- gnade, ihrem guten oder bösen Willen überlassen. Sie hatte lieber alles hinnehmen wollen, um dich nur ja vor dem sicheren Tod dort im Ghetto zu bewahren. Ich küßte das Kind noch einmal und gab es der Schwester wieder zurück. „In Wüste und Wildnis“ In der Umgebung von Slawek trieben sich in den nahe gele- genen Dörfern zwei jüdische Kinder aus Jadöw herum. Ihre Eltern, Geschwister und Angehörigen hatte man im Ghetto ermordet. Dem vierzehnjährigen Mädchen war es zusammen mit dem achtjährigen Brüderchen gelungen, sich zu verstecken und dann in den Wald zu entkommen. Diese armen Wesen streiften in Lumpen gehüllt durch Wälder, über Felder und Wiesen, klopften schüchtern an die Türen der Hütten, die Menschen um ein Almosen bittend, mieden Straßen und Wege. Sie wanderten und wußten nicht, wann und durch wen sie der Tod treffen würde. Hier hetzte man Hunde auf sie, dort schlug man sie, aber& reichte ihnen doch auch manche barmherzige Hand eine Brot- krume, bewirtete sie mit warmer Suppe, und man erlaubte ihnen, ihre Lumpen durchzuwaschen. Niemand aber erklärt? sich bereit, den Kindern ein Nachtlager zu gewähren, sie it ihr Haus einzulassen— davor hatte man Angst. Schließlid wollte sich niemand durch fremde Kinder in Todesgefahr bringen. Solange es warm gewesen war, hatten sie irgendwo im Walde geschlafen, aber als Fröste kamen, Schnee fiel erstarben die Kinder geradezu vor Kälte. Eisiges Wetter und 448 Junger scwoll ten sie: nitnehn behalter Eines T: ter Kür schlange Hlickten Btnu Hunger zerstörten ihren Organismus. Hände und Beine schwollen an. Sie kamen auch nach Slawek. Jedesmal erhiel- ten sie so viel, daß sie sich sattessen und etwas auf den Weg mitnehmen konnten. Ich hätte sie gern eine Zeitlang da- behalten, aber ich fürchtete mich, die Saiten zu überspannen. Eines Tages kamen die Kinder gegen Abend nach Slawek. In der Küche waren in diesem Moment Franias Familie und Stasieks Schwager. Ala befand sich in der Stadt. Frania machte den Kindern Suppe warm, schnitt dicke Brotscheiben ab und stellte für sie Wasser zum Waschen auf. Die Kinder setzten sich in eine Ecke wie kleine eingetriebene Tierchen, schlangen die Grütze aus ihren Schüsseln gierig hinunter und blickten dabei mißtrauisch nach allen Seiten. „Eßt nur, eßt“, ermunterte Frania sie,„es ist noch ein halber Topf für euch da.“ Stasiek machte die Haarschneidemaschine zurecht. „Ich werde dir die Haare etwas beschneiden, mein Junge, das ist gesünder.“ Nach der Stärkung wusch das Mädchen in Franias Schüssel sich und ihr Brüderchen; nachdem sie ihre Lumpen durch- gewaschen hatte, der Knabe gewaschen und sein Haar geschnitten war, stand er am Ofen, wärmte sich und schaute ins Feuer. Wärme dich, Kleiner. Du siehst, es gibt Menschen, die in ihren Wohnungen Feuer machen und sich so wärmen können, wie du dich jetzt daran wärmst. Wärme dich, nimm dir einen Vorrat an Wärme mit, laß deine Augen sich an den rotgelben Flammen sattfreuen. Wenn du wieder auf den kalten Feldern umherirrst, wenn der eisige Wind dir in den Rücken bläst, fi deine Beine erstarren und die klammgewordenen Finger vor = sor Kälte stechen und brennen, dann wirst du dich wenigstens pr daran erinnern können, daß du so nahe an einem wohltätigen Feuer gestanden hast und wirst davon träumen, daß es sich irgendwann einmal wiederholen wird. 2 F1s/ss 449 „Eryk“, rief Frania,„komm her, spiel mit dem Jungen ein wenig.“ Eryk blieb in der Küchentür stehen. Mir war, als hätte er einen Augenblick geschwankt. Er sah die fremden Leute an, die auf den Bänken saßen— die Mutter Franias, ihren finster dreinschauenden Vater, ihre Schwester, Stasieks pockennar- bigen, unangenehm triefäugigen Schwager—, und sagte: „Auch das noch! Ich werde doch nicht mit'nem Judenbengel spielen.“ Er drehte sich auf dem Absatz um und ging weg. Die erheiterten Gäste brachen in ein quakendes Gelächter aus. „Ho, ho! Na, der hat ja geantwortet; wie ein echtes herr- schaftliches Kind!“ Das gefiel ihnen. Nur Stasiek und Frania senkten die Köpfe. Das Gesicht des am Feuer stehenden Knaben war traurig wie immer. Seine Augen blickten ruhig. Er war an Spott, Mißhandlung und Verachtung gewöhnt. Er war an so viel Unglück und Ungemach gewöhnt, daß dieser kleine Zwischen- fall keinen Eindruck auf ihn machte. Im Gegenteil, wer weiß, vielleicht würde er gerade dann, wenn Eryk mit ihm hätte spielen wollen, wenn er mit ihm wie mit seinesgleichen gesprochen hätte, gedacht haben, daß es irgendwie anormal, daß es nicht in Ordnung sei. Tränen würgten mir in der Kehle; ich hatte Lust, Eıyk zu packen und durchzuprügeln. Warum behielten wir ihn hier? Dieser abscheuliche, ekelhafte Schwabe, mochte ihn doch Gerta hier wegnehmen. Das war eine kleine Schlange, ein Ungeheuer, aber nicht ein Kind; wie gut er sich verstellen konnte. Jetzt erst sah ich, wie er war. Ich ging niedergeschlagen ins Zimmer. Jurek las ein Buch. „Na, was ist mit den Kindern?“ fragte er mich. „Die Ärmsten, sie quälen sich.“ „Ich wollte hineingehen“, sagte Jurek,„aber ich möchte es nicht vor diesen fremden Leuten tun, ich könnte mich sonst 450 noch I raten. ihre C Was k geben. Frania sollten weiter, Lumpe Zuerst & gan) wollte mit eit Ih höi zu sch Ikgte ı Koffer macheı gefrag ansehe »Was „Nicht „Nies Ih ein Seine( &inH; »Was Ervl LIVE y Das, N "Na, 7 =. »las] Ri; für. genan ink; noch im Gespräch mit den Kindern durch irgend etwas ver- raten. Außerdem, ich werde dir die Wahrheit sagen, ich will ihre Qualen nicht sehen, weil ich ihnen nicht helfen kann. Was können wir ihnen geben? Ich werde ihnen etwas Geld geben.“ Frania machte ihnen ein Lebensmittelpäckchen zurecht. Heute sollten sie in der Scheune übernachten und morgen wieder weitergehen. Während der Nacht würden ihre gewaschenen Lumpen trocknen. Zuerst wollte ichJurek vonEryk erzählen, aber dann wagte ich es ganz einfach nicht, ich schämte mich für ihn, und außerdem wollte ich nicht, daß er Jurek nervös mache. Ich setzte mich mit einer Handarbeit an den Tisch und begann zu stopfen. Ich hörte, wie sich im anliegenden Zimmer Eryk am Schrank zu schaffen machte, etwas herausnahm, dann wieder zurück- legte und eine Schublade öffnete; ich hörte, wie er einen Koffer schleppte, schnaufte; es fiel ihm schwer, ihn aufzu- machen. Sonst wäre ich zu ihm hingegangen und hätte ihn gefragt, ob er Hilfe brauche, aber jetzt wollte ich ihn nicht ansehen. „Was machst du da?“ fragte Jurek. „Nichts, niiichts“, erwiderte der Junge gedehnt. „Wieso nichts?“ Ich ging zu ihm hinein. Er kniete vor einem Koffer und legte seine Sweater, Socken und warme Kniehosen neben sich auf ein Häufchen. „Was sind das für Sachen?“ Eryk wurde rot wie eine Pfingstrose. PDas, das...” „Na, was...“, unterbrach ich ihn. „Das ist für diesen kleinen Jungen.“ „Für den“, wunderte ich mich,„den du vorhin Judenbengel genannt hast?“ Eryk erhob sich: 29 F* 451 „Ja, das habe ich gesagt, das habe ich absichtlich gesagt, ob- wohl ich lieber gewollt hätte, daß mir die Zunge abbräche, die Augen rot würden und die Fingernägel schwarz“(das waren übertriebene Selbstbestrafungswünsche aus indischen Erzählungen).„Ich habe es so gesagt, obwohl ich am liebsten zu ihm gegangen wäre und ihn umarmt hätte, denn er ist mein Bruder...“ Eryks Augen waren voll Tränen. „Aber ich will nicht, daß jemand weiß, wie nahe er mir steht und wie ich ihn liebe; und es ist auch nicht nötig, daß sie überall erzählen, ich hätte mit einem Juden gespielt und sei vielleicht sogar selber einer. Darum habe ich es absichtlich so gesagt.“ Ich streckte die Arme aus, in die sich Eryk warf, verzweifelt schluchzend. „Was ist passiert?“ fragte Jurek erschrocken. Ich erzählte es ihm. „Ich wollte ihm einige von meinen Sachen geben“, sagte Eryk, nachdem er sich ausgeweint hatte. „Und was wird Mama sagen?“ fragte ich. „Mama wird nichts sagen. Ich habe viel, und er hat nichts.“ Ich half ihm. Das Päckchen war fertig. Ich wollte es später Frania geben, und sie sollte es den Kindern überreichen. Eryk machte sich weiterhin eifrig zu schaffen. Er ging unruhig hin und her, dann nahm er sein teuerstes und über alles geliebtes Buch, seinen Schatz, in die Hand—„In Wüste und Wildnis“ von Sienkiewicz— und legte es auf das Päckchen. Auch für ihn. Eryk kannte es fast auswendig, sprach mit den Worten Stasios und bemühte sich, ihn in allem nachzuahmen. Dieses Buch hatte er zufällig am Tage vor der Visite bei der Gestapo bekommen und seit dieser Zeit sich nicht von ihm getrennt. Es hatte ihm Gesellschaft geleistet im Ghetto, im Gefängnis und auf dem Umschlagplatz, und er hatte es auch nach Stawek mitgenommen. 452 2 „Eryk, das Buch gibst du weg?“ „Ja“, sagte der Kleine,„ich liebe es, es hat mir die schwer- sten Stunden erträglich gemacht. Seinetwegen hat man mich bei der Gestapo geschlagen. Ich las es, konnte mich von ihm nicht losreißen, und da hatte ich die Fragen der Gestapo- männer nicht gehört; sie schlugen mich zusammen und warfen das Buch weg. Ich hob es wieder auf. Ich las es im Gefängnis und im Schutzraum. Ich habe daran geglaubt, daß genauso, wie es Stasio gelungen war, zu den Seinen zurückzukehren, der Hölle zu entrinnen, es auch mir gelingen würde. Wenn Stasio im Charmin ist, so ist es wie im Ghetto. Stasio hat mit Mahdi gesprochen, aber ich nicht mit Hitler. Doch wäre ich vor Hitler gebracht worden, dann hätte ich genauso gehan- delt; Hitler ist bloß schlimmer als der grausame, halbwilde Mahdi und hätte mich auf der Stelle totgeschlagen. Aber das ist Nebensache. Stasio war mein Vorbild. Stasio ist Mem.... „Ideal“, half ich ihm nach. ‚Ja, mein Heiligstes, mein Engel“, schloß Eryk.„Ich möchte, daß jetzt der Kleine das Buch bekommt, damit es ihm seine schweren Stunden erträglicher macht.“ „‚Eryk, dieses Opfer ist nicht nötig, ich schätze deine Absicht, ıber dieser Junge kann nicht lesen und kann mit einem Buch nichts anfangen.“ Iryks Augen leuchteten einen Moment auf. ‚Ich brauche es ihm also nicht zu geben?“ Aber dann waren seine Augen wieder trauerverschleiert.„Schade.“ Ja, Eryk, es war schade. Jener Junge würde darüber seinen Weg nicht vergessen können, der ihn in die Freiheit oder in ien Tod führte. Nein, der kleine Junge erlebte die glückliche Freiheit nicht, Zwei Monate später wurden diese unglücklichen Kinder auf iem Lande von polnischen Polizisten ergriffen und auf die Gendarmerie gebracht, wo man sie ermordete. Die Ausweisung im Januar Eines Tages brachte Frania die Nachricht, daß nach der Er- zählung verschiedener Leute schon seit zwei Tagen Waggons mit Juden aus Warschau nach Treblinka führen. Einigen sei es gelungen, während der Fahrt herauszuspringen, aber man habe sie alle niedergeknallt. Jemand aus einem an der Eisen- bahnlinie gelegenen Dorf habe erzählt, daß die Juden drau- ßen in der Kälte gestorben wären; sie hätten auf den Feldern gelegen und furchtbar gestöhnt, aber die Dorfbewohner hät- ten sich gefürchtet, ihnen zu helfen und ihre Wunden zu verbinden. Dafür hätten die Diebe einen Schmaus gehalten, die Opfer beraubt und wären nicht einmal davor zurück- geschreckt, ihnen die Kleider auszuziehen. Nun, Kleidung sei teuer, und den Sterbenden nütze sie sowieso nichts. Jurek räusperte sich, ich preßte die Lippen zusammen. Als Erania hinausgegangen war, brach ich in Tränen aus. Viel- leicht lebten die Eltern nicht mehr, vielleicht waren sie es, die gerade irgendwo im Schnee lagen. Ach, diese armen unglück- lichen Menschen aus dem Ghetto. Ala und Jurek beruhigten mich.„Das sind nur Gerüchte.“ Auch ich wollte glauben, daß es eine Lüge sei. Nach zwei Tagen kam Gerta an. Die Nachrichten bestätigten sich leider. Wieder fand eine Massenausweisung statt. Die Ar- beitsbrigaden hatten aufgehört, zur Arbeit hinauszugehen. Es wurde erzählt, daß man auf die Deutschen Handgranaten ge- worfenhabe, daß einige Häuser niedergebrannt worden seien. Ich machte mir Vorwürfe, klagte mich an, daß ich während meines fünfmonatigen Aufenthalts auf der arischen Seite nichts für die Eltern getan hatte und sie umkommen ließ. „Überlege dir“, sagte Jurek,„was hättest du ausrichten kön- nen; du hast doch die ganze Zeit an sie gedacht, und du selbst, hast du’s denn so gut getroffen? Bist du an einem sicheren Ort? Du weißt doch, wie wackelig hier alles steht.“ 454 lit war a nad Itsere tr Norten Iises 5, at... \ac ein nliefi Jie Euri FARBEN RER TEREETTE TER TIBE SEE ‚Aber wir leben“, bestand ich hartnäckig auf meiner Mei- nung,„wir leben heute. Wenn sie jetzt durchstehen, muß ich sie zu mir bringen, und dann werde ich mich von ihnen nie- mals mehr trennen.“ „Wenn sie es überstehen, kannst du ihnen schreiben, daß sie herkommen sollen“, sagte Ala unklugerweise, da sie meine Verzweiflung sah.„Wie es sein wird, so wird es eben sein. Ich weiß, ohne seine Liebsten zu leben, ist genauso, als wenn man gar nicht lebte.“ Adh, Ala, wie gut du warst! Wir warteten jetzt ungeduldig auf die Ankunft Gertas, die sich nach meinen Eltern im Ghetto erkundigen und ihnen unsere traurigen Briefe zukommen lassen sollte, die mit den Worten anfingen:„Wenn es die Vorsehung erlaubt, daß dieses Schreiben in Eure über alles geliebten Hände ge- Ianetl;©.“ Nach einigen Tagen kam sie zurück. Ich sah sie von weitem und lief ihr entgegen. Gerta stieß hervor:„Alles in Ordnung. Die Eurigen leben. Vater, Mutter, Onkel, Schwiegermutter, Zosia und Benio.“ Wie von Sinnen vor Glück, stürzte ich ins Zimmer, wo ich unter Begleitung unartikulierter Laute einen wilden Tanz vollführte, der meine größte Freude ausdrücken sollte, aber ohne weiteres als ein Anfall von Raserei einer Furie an- gesehen werden konnte. Man hatte aus dem Ghetto wieder einige tausend Menschen abtransportiert, einstweilen herrschte Ruhe, und die Arbeits- gruppen gingen von neuem zur Arbeit hinaus. Hundertmal ließ ich mir von dem Telefongespräch erzäh- len, das Gerta mit den Eltern und dem Onkel geführt hatte. Schließlich schrieb ich ihnen glückliche und verrückte Briefe, die ich reichlich mit Glückstränen benetzte, und lud sie mit Erlaubnis Alas unvorsichtigerweise nach Slawek ein, 455 „Hier habt Ihr immerhin einen geschützten Ort. Setzt Euc nicht noch einmal der Gefahr einer Ausweisung aus. Wenn Euch das Glück auch bis heute günstig gesonnen war, sO dürft Ihr es nicht überbeanspruchen.“ Jurek schrieb an seine Mutter und an die Schwester ähnliche Episteln mit dem gleichen Schluß(auch mit Alas Erlaubnis), daß sie kommen möchten, fügte aber vorsichtig hinzu,„im äußersten Falle, denn bei uns ist es auch nicht sicher“. Gerta schaffte die Briefe unter der Korkeinlage in den Schuhen hinüber; das war das beliebte Versteck für Ghetto- korrespondenz. Nach einiger Zeit kam die Antwort. Die Eltern schrieben, daß es ihnen durch einen glücklichen Zufall gelungen sei, alles zu überleben. Der Vater sei nicht beson- ders gesund(worunter ich verstand, daß er sehr krank war), es sei dort vorläufig still, und sie fürchteten sich im Hinblick auf unsere Ruhe, zu uns zu kommen. Sie würden es nur im äußer- sten Fall tun, wenn es keinen anderen Ausweg mehr gäbe. Aber woher kann man wissen, dachte ich, wann das Äußerste eintritt, jene Minute vor zwölf? Nach einer Woche bekam Ala am Sonnabend früh eine Be- nachrichtigung, daß die Untergrundorganisation ihre geheime Besprechung dieses Mal bei ihr in Stawek durchführen würde, Die Teilnehmer kämen gegen zwölf Uhr mittags. Stawek ist so glücklich abseits gelegen, daß es ein idealer Ort für ge- heime Versammlungen war. Da wir, Jurek und ich, der Or- ganisation nicht angehörten, sollten wir unsichtbar bleiben, woran wir uns bereits gewöhnt hatten. Am schlimmsten war& jedoch mit Eryk, der sich wie ein Kreisel im ganzen Haus drehte Zu guter Letzt nahm ich ihn auf einen Spaziergang mit. Wir gingen auf freiem Feld den Wald entlang; es war ein schöner, sonniger Februartag. Wir bewarfen uns gegenseitig mit Schneebällen. Eryk erzählte mir verschiedene Schulge- schichten. Schließlich traten wir ermüdet auf den Weg hinaus und schlugen die Richtung nach Hause ein. 456 „Schau“, rief der Kleine plötzlich,„dort kommt Mama und noch einige Personen.“ Ih kniff meine kurzsichtigen Augen zusammen, aber außer vielen Strichen in der Ferne konnte ich nichts wahrnehmen. „Wir werden ihnen entgegengehen“, schlug der Junge vor. „Bist du sicher, daß es deine Mama ist?“ fragte ich. „Aber natürlich“, entgegnete Eryk impulsiv.„Meine Mama würde ich am anderen Ende der Welt erkennen.“ „Wen siehst du noch?“ „Noch zwei Frauen und drei Männer.“ Vielleicht meine Eltern, schoß es mir durch den Kopf, aber würden sie denn so unvorsichtig in einer Gruppe durchs Dorf gehen, wo alles die Aufmerksamkeit auf sich lenkt? Eryk lief zu seiner Mutter. Ich folgte ihm, und wir waren auch schnell bei ihnen angelangt. Es waren Gerta, meine Schwiegermutter, Zosia und drei unbekannte Männer in Schaftstiefeln und Joppen. „Mama“, rief das Kind, aber Gerta lächelte nicht. Die Frauen sahen uns voller Verzweiflung und Entsetzen an. Die Männer hielten uns fest. „Sind das Ihre Kinder?“ Ih nahm den etwas heruntergerutschten Schal vom Kopf. „Ach, Sie sind es?“ sagte einer von den Männern und ver- neigte sich. Ich erkannte in ihm den Polizisten Jurkowski, der zusammen mit einem Kameraden gleich nach unserer An- kunft in Stawek gekommen war, um Erkundigungen einzu- ziehen. „Diese Damen wurden festgehalten, man hat sie im Ver- dacht, daß sie jüdischer Abstammung sind; sie erklärten, daß sie nach Stawek gehen. Wir werden also zusammen hin- gehen.“ Unterwegs fragte er mich, wie lange Eryk in Slawek sei. Sie hießen ihn die Hosen aufknöpfen. Ich ging wie geistesab- wesend neben ihnen her; in Slawek war eine Sitzung— eine 457 geheim tagende Versammlung, zu der etwa zwanzig Per- sonen gekommen waren. Was tun? Wie sollte man sie be- nachrichtigen, wo war Jurek? Ich zog die Beine förmlich hinter mir her, bemühte mich, möglichst langsam zu gehen, aber jeder Schritt brachte uns unbarmherzig und unabwend- bar dem lustigen Holzhaus näher, in dessen Wänden sich nach einem Augenblick eine Tragödie abspielen würde. Wir betraten den Hof. Jetzt rollten die Ereignisse mit einer solchen Geschwindigkeit ab, daß es mir selbst schwer war, mich zurechtzufinden, auf welche Weise wir alle in das Zim- mer fanden, in dem die Versammlung abgehalten wurde. Wie durch einen Nebel erinnere ich mich an Ala, die auf die ungehobelte Begrüßung der Polizei schneidig wie immer aus- rief:„Nur langsam, langsam, noch bin ich hier die Haus- frau!“, wie die rasend gewordenen Halunken hereinstürzten, uns in das Zimmer jagend, wo alle Männer, von einem Auf- passer rechtzeitig gewarnt, vom Tisch aufgestanden waren. „Was ist das für eine Versammlung?“ rief einer der Poli- zisten,„Ausweise her!“ Die Versammelten zogen ihre Revolver heraus, hielten sie schußbereit. „Da sind unsere Ausweise!“ rief einer von ihnen. Die Polizei griff ebenfalls zur Waffe. Einen Augenblick lang herrschte Totenstille, und dann erscholl die Stimme eines der Organisationsmitglieder: „Schießt! Wir können aber auch schießen, wir haben genug Patronen, aber, meine Herren Polizisten, zieht zwei Dinge in Betracht: wir sind viele, ihr seid wenige. Außerdem hofle ich, obwohl ihr den Deutschen dient, wißt ihr dennoch, daß ihr Polen seid. Ihr seid auf eine polnische Freiheitsversamm- lung gestoßen. Wenn ihr uns schaden wollt, dann wißt ihr wohl, welches Los euch erwartet. Solche Dinge werden eud nicht ungestraft hingehen.“ Stille. Die Polizisten räusperten sich. 458 anne eit 1d Gem chts tur mit d Eyk) au ten A, |»Deutsc wen Di. y Itoni Smeis | ‚Wir sind jetzt nicht hergekommen, um euch abzuholen, da- her brauchen wir auch eure Ausweise nicht; es ging uns nur um eure Rasse(I!!), aber ich sehe, daß ihr Polen seid, ich kenne einige von euch(es waren etliche Lehrer aus dem Ort und Gemeindeangestellte dabei), wir werden euch natürlich nichts tun. Ihr könnt beruhigt sein; erlaubt uns nur, daß wir uns mit diesen festgehaltenen Jüdinnen und mit diesem Itzig (Eryk) auseinandersetzen.“ ‚Der Kleine ist ein Jude? Unmöglich!“ „Ha, ha, das ist nachgeprüft.“ „Ihr Ausweis?“ fragte mich ein Polizist. Ich ging zum Schränkchen und nahm meine Kennkarte her- aus. „Und wo ist ihr Mann?“ ‚In Warschau“, antwortete Ala an meiner Statt. Ih mutmaßte, daß es ihr gelungen war, ihn zu verstecken, wofür ich Gott dankte. Die anderen Polizisten kamen wieder zurück, sie hatten das Haus durchsucht, aber niemanden gefunden. „Wer sind Sie?“ fragte mich der Polizist. „Sie halten ja meinen Ausweis in der Hand.“ „Der Ausweis kann gefälscht sein. Diese Frauen sind auch aus dem Ghetto ausgerissen und haben falsche Ausweise, und wie unverschämt noch dazu: eine Jüdin hat einen deut- schen Ausweis!“ „Deutschen Ausweis“ sprach er direkt mit Hochachtung aus, als wenn er eine Heiligkeit erwähnte. O Ironie des Schicksals! Konnte es denn einen noch echteren Ausweis geben als Gretas Legitimation? Leider mußte sie schweigen, denn für das Verbergen eines Kindes drohte ihr genauso der Tod wie für die Abstammung. Eryk war blaß wie der Tod. Gerta zog aus der Tasche mitgebrachte Karten und spielte mit ihm sein Lieblingsspiel, um ihn zu beruhigen. Die Polizei durchsuchte die Taschen der Frauen, zog aus 459 Zosias Handtasche Photographien heraus und musterte eifrig die Bemerkungen darauf. „Was für eine Unverschämtheit, die Photographie eines pol- nischen Offiziers bei sich zu tragen!“ platzte einer der Poli- zisten heraus. „Das war mein Mann, der für Polen gekämpft hat“, ant- wortete Zosia mit dumpfer Stimme.„Ich habe mehrere Photographien von ihm bei mir.“ Die Versammelten saßen da, wie bei einer Theatervorstellung oder im Gericht, wo„das höchste Tribunal“ in Gestalt dreier ordinärer Strolche vier Frauen und ein Kind„richteten“. „Wegen ihrer Rasse richtete“ und einstimmig das Todesurteil fällte. Die versammelten Mitglieder der Freiheitsorganisation zeigten an diesem Schaubild lebhaftes Interesse, aber sie erhoben in dieser Angelegenheit nicht die Stimme. Sie flüster- ten nur, daß Ala sich jetzt hätte gleichgültiger verhalten müssen, weil sie wie alle Mitglieder die Instruktion der Or- ganisation kenne, sich nicht in jüdische Angelegenheiten ein- zumischen, was stets die Sicherheit bedrohe und, wie es hier geschehen war, auf dieSpur der Organisation bringen könne. Indessen zog Ala einen Polizisten um den andern in das angrenzende Zimmer. Die Polizisten überschrien einander mit Drohungen gegen die Frauen: „Wir werden euch wie Hunde totschlagen, wir werden die uns angetane Schmach rächen(was für eine?), die Beleidigung unserer Brüder!“ Ich stand in die Fensternische gedrückt. Einige Mitglieder der Organisation, die mich von ihren Besuchen in Slawek her kannten, traten zu mir heran. „Wie kommen diese Jüdinnen zu euch? Was für eine Unvor- sichtigkeit! Woher kennen Sie sie?“ Jetzt war ich mir im klaren, daß man mich für eine Arierin gehalten hatte. Ein Polizist gesellte sich zu ihnen. Vielleicht wäre ich verpflichtet gewesen, sie darin zu bestärken, etwas 460 Gescheite Na, mad nlegen( cn Ausb Gerta spit lieder tr Nas Ihr Zweitel. I 15 gehei Nieso di 2D wenig (heiß ir Unter aden ni iremeld tüssen,“ der von Iias T; Oh, oh,( ülhgen, 1 diesem Id, da; Aen we; üedswo nden g Ükrliebs sen? Unzer f "ern ı Ssona |“ken a est,| Atigk Gescheites zu sagen, aber ich schwieg. Mir fehlte einfach die Kraft. „Na, macht euch fertig, wir werden euch vor dem Blumenbeet umlegen oder etwas weiter, am Wald, um Frau Alina nicht den Ausblick zu verderben.“ Gerta spielte noch immer mit Eryk Karten. Wieder trat einer der Polizisten an mich heran. „Was Ihre Abstammung betrifft, so habe ich da ebenfalls Zweifel. Mir scheint, daß Sie Jüdin sind, Sie haben einen von uns geheiratet, und Ihr Mann versteckt Sie hier.“ „Wieso denken Sie es?“ fragte ich und freute mich im stillen, daß wenigstens Jurek bei ihm einen guten Ruf genoß. „Ich weiß nicht, vielleicht ist es gar nicht so, man müßte Sie zur Untersuchung Ihrer Abstammung fortschicken, denn wir haben nicht das Recht, Sie zu erschießen, weil Sie hier angemeldet sind. Man wird eine Nachforschung einleiten müssen.“ Einer von den Helden, der inzwischen mit großem Eifer Zosias Tasche durchsuchte, fand darin einen Brief. Oh, oh, oh! Er las ihn laut vor. Das Herz hörte mir auf zu schlagen. Es war ein Brief meiner Eltern an mich... In diesem Zimmer voller Feinde, in dem tragischen Augen- blick, da man über uns„Gericht“ hielt und die„Strafe“ voll- zogen werden sollte, klangen die Worte der Eltern wie Ab- schiedsworte. Warum aber wurden die Worte, die von lieben Händen geschrieben waren, die Gedanken und Wünsche der Allerliebsten von einem verfluchten, gemeinen Mund ge- lesen? „Unser allerliebstes Kind! Du bist von uns durch große "" Mauern und einen gefährlichen weiten Weg getrennt, aber - uns so nah, und wir sehnen uns Tag und Nacht nach Dir. Wir denken an Dich und beten, daß wenigstens Du überdauern mögest. Unser liebes Töchterchen, jedes Kleid von Dir, jede Kleinigkeit ist unser Talisman. In den schwersten Tagen und 461 tragischsten Nächten, in den schweren Stunden der Qual in den Schutzräumen, wo man sich lebendig begraben fühlt, freuen wir uns, daß Du es nicht durchmachst. Du schreibst von Deiner Anhänglichkeit an uns, von Deiner Liebe zu uns, ach, gesegnet seien Deine Briefe. Hier sind wir uns selbst überlassen, hier gibt es keine Freundschaft, die Menschen sind in Schrecken und Qual versetzt, in diesem Fieber vor dem Tode wird einer für den andern zum Wolf. Teures Kind, Du bittest uns, zu euch zu kommen, aber wird es euch denn nicht schaden? Ist diese Bitte von der Vernunft diktiert oder nur vom Herzen?“ Ich konnte mich nicht beherrschen. Tränen flossen mir über das Gesicht. Einige neben mir sitzende Herren nahmen ihre Tücher heraus und wischten sich verdächtig die Nase. Der Polizist las, las Worte über Liebe und über Sterben, las über Verbrechen, Ungerechtigkeit und Grauen, las über un- schuldige und gute, liebeerfüllte Herzen, er las: „Denke nicht an uns, denke an Dich, Dein Glück ist auch unser Glück, ein anderes haben wir nicht. Dein Leben ist unser Leben...“ Der Strolch beendete das Lesen des Briefes, der keinerlei Eindruck auf ihn machte. „An wen ist dieser Brief gerichtet, an wen?“ „An eine Bekannte in Warschau, aber ich habe sie nicht mehr gefunden“, antwortete Zosia. „Du lügst, du lügst!“ schäumte dieser rohe Kerl wütend und fuchtelte vor ihr herum. Am Ende führte Ala ihn hinaus, um mit ihm zu sprechen. > Nach einigen Stunden waren alle Polizisten gewonnen, sie erklärten sich mit einem Lösegeld einverstanden. Ich gab die Hälfte unseres ganzen Geldes ab, und die Polizei verließ uns, auch die Versammlungsteilnehmer fuhren weg. Wir waren nun allein. Ala brachte Jurek herein, den sie im einem kleinen Stall versteckt hatte. Wir sahen uns lange 462 sämeiger lb bem vampf,( dwieger Inder s ir hab ir eine 1, die! azahl v schweigend an. Zosia bekam einen starken Blutsturz und lag halb bewußtlos. Meine Schwiegermutter bekam einen Wein- - krampf. Gerta saß mit Eryk auf dem Schoß wie eine Statue Eee aus Stein. Ala und ich liefen zur Schwiegermutter, dann wie- der zu Zosia und wußten nicht, wie wir ihnen helfen sollten. Jurek und Cybulski, völlig aus dem Gleichgewicht gebracht, rauchten eine Zigarette nach der anderen. In der Küche zer- floß Frania in Tränen und erklärte, sich mir an den Hals werfend, daß sie alles wisse und uns nicht verlassen würde bis zum Tod(so geschah es auch). Nachdem sich meine Schwiegermutter und Zosia beruhigt hatten, erzählten sie von der schrecklichen Aktion im Januar. „Wir haben uns gerettet, weil wir im Schutzraum saßen. Es war eine gemauerte Nische, in die man durch eine Öffnung ging, die mit einem Ausguß getarnt war. Es wurde eine große Anzahl von Menschen aus den shops, den Häusern und den Arbeitsplätzen weggebracht. Aus den leergewordenen Woh- nungen wurden die Sachen abtransportiert. Das dauerte mehrere Tage. Die Deutschen, auf die man aus Fenstern geschossen und Handgranaten geworfen hatte, quälten die ohnehin schon zum Tode Verurteilten mit rücksichtsloser Grausamkeit. Als einige Häuser in Flammen standen, glaub- ten wir, daß es keine Rettung mehr gäbe, aber dann beruhigte sich alles wieder. Wir beschlossen, zu fliehen, weil es keinen Sinn hatte, an einem Ort zu bleiben, wo uns von allen Seiten her Vernichtung erwartete. Wir fürchteten uns vor einer - neuen Ausweisung. Aber auch so ist das Leben dort schreck- lich. Man kann sich auf den Straßen überhaupt nicht bewegen, die Deutschen schießen ohne jede Warnung. Da ist zum Bei- spiel ein junger Hitlerbandit, der von 5 bis 7 Uhr abends seine ‚Schießübungen‘ macht und vorwiegend auf Frauen zielt. Die Straßenausgänge sind meistens besetzt, so daß man, um aus einer Straße in die andere, manchmal sogar aus einem Haus in das andere zu gelangen, über Dächer und 463 durch Keller wandern und über Mauern springen muß. Off- ziell auf den Straßen gehen dürfen lediglich die Arbeits- gruppen. Jeder Brief, den wir von den Eltern bekamen, jedes Kleiderpäckchen, das ich von ihnen erhielt, bedeutete, das Leben aufs Spiel zu setzen, war eine schwere und gefährliche Expedition.“ Als sie am Ende zu dem Entschluß gekommen waren, das Ghetto zu verlassen, hatten sie sich mit dem bekannten Füh- rer einer Arbeitskolonne, einem Juden, verständigt. Es war eine auf einem Bahnhof beschäftigte Gruppe von Arbeitern gewesen. Sie hatten einige Tage auf eine milde Wache gewar- tet, und schließlich war es dem Leiter gelungen, sie auf die arische Seite hinüberzubringen. Die milde Wache hatte die Schwiegermutter ordentlich geschlagen, weil sie bezweifelten, daß sie in ihrem Alter im Stande wäre, auf dem Bahnhof zu arbeiten. Dann hatten sie die„Schmuggelsachen“ der Arbei- ter durchstöbert, die aus dem Ghetto Kleidungsstücke hinaus- schafften, um sie bei Polen gegen Nahrungsmittel einzu- tauschen, und ihre Rucksäcke geleert. Drei Tage lang hatten sich die Schwiegermutter und Zosia bemüht, eine Unterkunft in Warschau zu finden. Am Ende waren sie zu dem Schluß gelangt, daß es unmöglich sei, in der Stadt zu leben, und waren nach Slawek gekommen. Wir legten uns spät schlafen. „Wir werden von hier wegfahren müssen“, sagte Jurek. „Zwanzig Mitglieder der Organisation wissen, daß hier Ju- den waren. Jeder von den Männern wird es seiner Frau erzählen, diese wiederum ihrer Mutter oder ihrer Freundin, die Nachricht wird sich in der Gegend wie eine Sensation verbreiten. Die Polizei wird ihrerseits auch Schritte unter- nehmen, denn sie wird sich gegenüber der Gendarmeri? decken wollen. Sie haben Jüdinnen vor Zeugen laufen lassen! Cybulskis und Alas Lage hat auch stark gelitten. Ja, das Glück in Stawek hat sein Ende gefunden, das kleine Haus 464 \m folge j vorläußg Bleibe fü sorzuber erein,( ratlos. Zi eine Re Sollte m: sopar be: schen ste fäumen| n die} nachten {ie Herb die Brief Vrberei ienoch Verläuf, älwir Alechte Meiteten 0rg: SUNg vor Äugenb] 1 beah ne Un ine H wird kein Zufluchtsort für obdachlose, gejagte und verfolgte Menschen mehr sein, seine Wände werden uns nicht mehr vor den Feinden abschirmen, böse Augen haben uns auf- gespürt...“ Am folgenden Tag fuhr Gerta mit Eryk weg. Sie wollte ihn vorläufig bei Fiutkowski unterbringen und sich dann um eine Bleibe für ihn bekümmern. Ich bat sie, auch für uns etwas vorzubereiten, sie sagte zwar zu, aber ich wußte von vorn- herein, daß sie nichts erledigen würde, denn sie war selbst ratlos. Zosia war sokrank und schwach, daß von ihrer Abreise keine Rede sein konnte. Sollte man von neuem ins Ghetto gehen? Vielleicht würde es sogar besser sein, sich in Bunkern zu verstecken? Die Men- schen steuerten gemeinschaftlich zum Bau von großen Schutz- räumen bei. Aber wie entsetzlich war es, an eine Rückkehr in die Hölle zu denken! Die Schwiegermutter und Zosia machten sich Gewissensbisse, daß sie mit ihrer Ankunft uns die Herberge zunichte gemacht hatten. Wie leichtfertig waren die Briefe an die Eltern gewesen, daß für sie ein Zufluchtsort vorbereitet sei! Meine armen Alten, nun hatte ich weder für sie noch für mich einen Winkel! Vorläufig blieben wir in Slawek, aus dem einfachen Grunde, weil wir nirgends hinfahren konnten. Cybulski brachte immer schlechtere Nachrichten aus der Gemeinde. Klatschereien ver- breiteten sich mit ungeheurer Schnelligkeit. Ala bekam von der Organisation eine formelle Verwarnung wegen Beherber- gung von Juden. Wir saßen wie auf einem Pulverfaß, das jeden Augenblick explodieren konnte. Ich beabsichtigte von neuem, nach Warschau zu fahren, um eine Unterkunft für uns ausfindig zu machen, obwohl ich keine Hoffnung hatte. Am Tage vor meiner Abfahrt kam Olszewski. Wir waren ganz und gar nicht in der Stimmung, Bimber zu trinken und Musik zu hören. Meine Schwieger- mutter und die kranke Zosia brachten wir in Franias Alkoven 30 F 13/58 465 unter, weil Bolutek die Angewohnheit hatte, im ganzen Haus umherzulaufen. Wir bemühten uns, gute Miene zu machen, damit er uns nichts anmerke. Bolutek war in ernster und gleichwie feierlicher Stimmung. Plötzlich erklärte er mir daß man in der Gemeinde von verschiedenen Dingen spräche, und wenn wir in diese Angelegenheit verwickelt seien(das Wort„Jude“ war zu schrecklich und wurde natürlich nicht ausgesprochen), dann müßten wir uns in acht nehmen. Er würde uns nach Möglichkeit davon in Kenntnis setzen, was man auf dem Revier der blauen Polizei spräche. „Wenn Sie nirgends hinfahren können, würde ich Sie vor- läufig bei meinem Onkel auf dem Lande unterbringen. Ich würde ihm sagen, daß Jurek ein alter Freund von mir sei und ausspannen wolle. Oder aber daß er Offizier sei, solche nimmt man gern auf. Ich werde Ihnen behilflich sein...“ Ich war gerührt, murmelte etwas vor mich hin, weil ich nicht wußte, was für eine Antwort ich ihm geben sollte. Am selben Tage bekam ich Blinddarmschmerzen. Der nächste Arzt wohnte zehn Kilometer weit entfernt. Nachts hinzu- fahren, um ihn zu holen, war gefährlich. Ich quälte mic ungemein, kein Hausmittel half. Ich hatte ununterbrochen Bauchgrimmen. Ich weinte vor Schmerzen und vor Verzweif- lung, daß ich mindestens einige Tage ans Bett gefesselt sein würde und nicht nach Warschau würde fahren können; die Zeit war gerade jetzt für uns kostbar. Am folgenden Tag hörte das Grimmen auf, aber dafür hatte ich bei der gering- sten Bewegung in der Seite schreckliche Schmerzen. Stasiek und Ala fuhren auf schwer passierbarem Wege nach Miedze, um einen Arzt zu holen. Jurek machte in der Scheune irgend etwas zurecht. Plötzlich klopfte jemand an die Vordertür, die zur Zeit wegen der Anwesenheit Zosias und meiner Schwiegermutter ständig geschlossen war. Beide flüchteten in den Alkoven an der Treppe. 466 Ic sti in der traum stande Der V volles ihr Ge aus wi jährig einanc Das 9 schwul Arbei Schlaf Hände Ihre/ bracht setzte: Meine ten si fuhen Alak gende Men, Mir f Meine Werde Me in Ich stieg langsam aus dem Bett und schaute durch eine Ritze in der Tür hindurch. Mir versagten die Knie. Mein Gott, ich träumte doch wohl nicht!? Ich öffnete die Tür— vor mir standen meine Eltern! Ich weinte und lachte abwechselnd. Der Vater sah auf den ersten Blick gut aus, hatte ein rundes, volles Gesicht; Mama war klein, zart, grau wie eine Taube, ihr Gesicht war runzlig wie ein geschmorter Apfel, sie sah aus wie eine achtzigjährige Greisin und nicht wie eine sechzig- jährige Frau. Sie legten ihre vielen Kleider ab, die sie über- einander angezogen hatten. Sie wärmten sich am Ofen. Das gute Aussehen des Vaters war leider eine Wasserge- schwulst, herbeigeführt durch Hunger, schwere körperliche Arbeit und eine Herzkrankheit. Ich bettete ihn auf das Schlafsofa, küßte ihn ab, rieb ihm die vor Kälte erstarrten Hände. Meine Schwiegermutter, Zosia und Jurek waren über ihre Ankunft dermaßen bestürzt, daß sie es nicht zuwege brachten, sie freudig zu begrüßen. Die Schmerzen in der Seite setzten mir unerträglich zu, trotzdem war ich geschäftig um meine Lieben bemüht. So viele Fragen, so viele Worte dräng- ten sich auf die Lippen, aber zuerst sollten sie sich aus- ruhen. Ala kam. Der Arzt war zu den Typhuskranken in die umlie- genden Dörfer gefahren und würde nicht so bald zurückkom- men. Ala hatte mir aber eine Pantoponspritze besorgt, die mir fast auf der Stelle Erleichterung brachte. Beim Anblick meiner Eltern zeigte Ala sich herzlich, geradezu zärtlich. Das werde ich ihr nie im Leben vergessen. Sie war gastfreundlich wie immer. Sie war um sie bemüht, goß ihnen Kaffee ein. „Man braucht ihnen vorläufig von der neuen Gefahr nichts zu sagen“, flüsterte sie,„es ist doch direkt ein Jammer, sie anzusehen, wie abgemagert und schreckerfüllt sie sind; sie sollen sich ausruhen.“ An diesem Tag legte ich mich mit dem glückseligen Bewußt- sein hin, daß meine Eltern nebenan schliefen; ich wollte nicht a 467 an die Gefahr denken, nicht daran denken, daß mir von neuem ihr Verlust drohte. Heute waren wir beisammen. Ich stand noch einmal auf, zündete eine Kerze an und ging ganz leise in ihr Zimmer. Ich schaute auf ihre lieben Gesichter und fühlte, daß ich niemanden auf der Welt so geliebt hatte, so liebte und lieben würde wie sie. Jetzt saßen wir tagelang zu dritt aneinandergeschmiegt und erzählten uns alles ohne Ende. Sie wollten alles wissen, und auch ich wollte jede Einzelheit aus ihrem Leben erfahren. Ich wollte, daß mein Vater viel liegen und daß sie viel essen sollten, daß sie in kurzer Zeit in Slawek so sehr wie möglich zu Kräften kämen. Unser Essen bestand zwar überwiegend aus Kartoffeln, Milch und Brot, aber im Ghetto hatten sie nicht einmal das gehabt. „Bis zum letzten Augenblick hatte ich Bedenken, aus dem Ghetto hinauszugehen“, sagte der Vater.„Aber nun wurde es klar, daß sie das Ghetto in Kürze fertigmachen würden. Zwar gab es welche, die anderer Meinung waren, aber ich konnte mich keinen Illusionen hingeben. Ich wußte, daß es schwer sei, irgendwo unterzukommen, wenn man nicht viel Geld hat; aber was sollte man tun, wir hatten niemanden, den wir um Rat hätten fragen können. Man will doch nicht sterben, man will bis zum Ende durchhalten, wenn man schon so viel durchgemacht hat. Nachdem du weggegangen warst, fühlten wir uns ganz und gar allein, es interessierte sich nie- mand mehr für uns. Wir hatten von dir lange Zeit keine Nachricht. Eines Tages setzte ich mich auf die Stufen, es war schon dunkel, nur die Sterne leuchteten, und da dachte ich, ob es denn möglich sei, daß ich mein Kind verloren hätte, daß wir ohne dichleben müßten. Erinnerst du dich noch, wie wir einmal, als du noch klein warst, abends spazierengingen und du, den Blick auf dieselben Sterne gerichtet, fragtest: ‚Papa, was sind das, Sterne?‘ Damals waren uns die Sterne wohl- gesinnt. Jetzt schauten sie feindselig auf meinen ergrauten 468 Kopf. straße in pan Wasch ersten hinein gingen sollten aber si nicht r hinein digen, Schutz Tagen Gelän. dieses war 0 keine innig: | ben Gesichter| geliebt hatte,| or nun wurd chen würden n, aber id Kopf... Eines Tages befahl man uns, das Haus in der Pawia- straße sofort zu verlassen. Es wurde geschossen. Wir packten in panischem Schrecken einige Kleinigkeiten, ich ergriff die Waschschüssel und ließ die Schreibmaschine zurück. Wir zerrten einen Koffer hervor, in den wir in aller Bestürzung hineinwarfen, was uns gerade unter die Finger kam. Wir gingen auf die Straße, ohne zu wissen, wohin wir uns begeben sollten. Die Blockaden ließen glücklicherweise etwas nach, aber sie konnten sich jeden Augenblick wiederholen. Da wir nicht registriert waren, wollte man uns in keinen der shops hineinlassen, mit dem Onkel konnte ich mich nicht verstän- digen, der Weg zu ihm war abgesperrt. Ohne Ausweise, ohne Schutzraum, ohne Sachen waren wir verloren. Nach zwei Tagen stießen wir zufällig auf Bekannte, die auf ‚wildem‘ Gelände wohnten. Sie teilten ihre Unterkunft mit uns. Aber dieses Haus war noch mehr gefährdet als die anderen und war ohne Schutzraum. Als Nichtarbeitende bekamen wir keine Lebensmittelkarten; angesichts der geradezu wahn- sinnigen Teuerung war es eine Katastrophe... Eines Tages traf ich Zosia“, erzählte der Vater weiter.„Ich dachte, daß vielleicht sie irgendwelche Nachrichten von euch hätte, aber auch sie wußte nichts; für alle Fälle gab ich ihr unsere Adresse. Ich bekam auf dem Rücken Furunkel, hatte Fieber. Wir verloren schon die Hoffnung, daß wir durchhalten würden. Um das Maß allen Übels vollzumachen, tauchten in der Wohnung Läuse auf. Läuse— das ist schon das Letzte. Ein verlauster Mensch hört auf, Mensch zu sein. Eines Tages lag ich im Bett und dachte daran, es wäre wohl am besten, daß möglichst schnell das Ende käme, um unsere Qualen zu verkürzen. Mama saß neben mir, sie beklagte sich niemals, sie sah sich deine Photographien an. Plötzlich klopfte jemand, ein fremder Mann kam herein— ein Milizsoldat.(Die Miliz konnte sich in der Stadt frei bewegen.) Er fragte nach uns. Er übergab uns einen Brief und Geld von dir. Damals erfuhren 469 wir, daß es nicht der erste an uns abgesandte Brief war, daß deine Briefe uns nicht erreicht hatten, während wir Ver- zweifelte nichts über dich wußten und auch du keinerlei Nachricht von uns hattest. Ein Brief von dir! Dieser Tag war für uns ein großes Fest. Mama weinte über das Geld, das man uns gebracht und das du dir vom Munde abgespart hattest! ‚Sie hat es dort noch nötiger als wir‘, sagte sie.“ „Aber“, unterbrach ich ihn,„das war doch euer eigenes Geld, das ich für euren verkauften Ring bekommen hatte....“ „Jetzt kam Energie in mich“, berichtete der Vater weiter.„Ich war krank, schwach, wir wohnten in einer verlausten Woh- nung, aber ich nahm mir vor, auszuharren, bis zum Schluß zu kämpfen. Nach einigen Tagen, als die Furunkel abgeheilt waren, ging ich auf Wanderschaft durchs Ghetto. Ich erkun- digte mich, wie ich es anstellen müsse, um Lebensmittelkarten zu bekommen. Schließlich fand ich Arbeit. Um in einen shop oder in eine auswärts arbeitende Kolonne zu gelangen, hätte man viel Geld oder Protektion oder beides haben müssen. Da ich nun schon in einem shop war, hatte ich keine Lust, diesen ‚Institutionen‘ alles zu opfern, um so weniger, als wir unseren armseligen letzten Schmuck auf jeden Fall für die arische Seite aufbewahren wollten. Im Ghetto gab es Ge- meindearbeitsgruppen, die beim Abbruch der Häuser in dem jetzt verlassenen und von niemandem bewohnten ehemaligen Ghetto beschäftigt waren. Um einen solchen Arbeitsplatz zu bekommen, braucht man ebenfalls sowohl eine Protektion als auch etwas Geld, aber nicht mehr soviel. Ich bekam eine Legitimation und eine Einweisung in eine offizielle Woh- nung, das heißt einen Winkel in einem Zimmer, in dem wit mit noch zwei Familien zusammen hausen sollten. Man gab mir Lebensmittelkarten. Wir haben schwer arbeiten müssen. Da ich an körperliche Arbeit nicht gewöhnt war, litt ich sehr darunter, ich besaß nicht Kräfte genug, um schwere Lasten zu tragen, und hatte Angst, meine Schwäche zu zeigen, sonst 470 ae m nach eit ühriggel ‚ Vor Zosia| Einen W ind mar ausreich gehen shop ve icwere keit hal f ns nich “mun fangen, rief war, dab| nd wir Ver-| du keinerli in einen sho) hätte man mich hinausgeworfen. Am schlimmsten war die Arbeit bei Kälte. Als ich so zur Arbeit ging, angezogen in wer weiß wo aufgetriebener Arbeitskleidung, um nicht den einzigen guten Anzug abzunutzen, der mir zustatten kommen sollte, wenn ich wieder ein Mensch wäre, sah ich dermaßen nach einem Bettler aus, daß mich von den wenigen noch übriggebliebenen Bekannten niemand erkannte... ... Von dir kamen Briefe und Geld“, erzählte er weiter, „Zosia kam öfter. Was war das jedesmal für eine Freude! Einen Weg zum Onkel fand ich über Dächer und durch Löcher, und manchmal ging ich spätabends, wenn meine Kräfte noch ausreichten, zu ihm und brachte ihm deine Briefe. Fürs Ghetto gesehen, ging es dem Onkel als Hauptingenieur in einem shop verhältnismäßig gut. Er hat sich sehr verändert, die schweren Erlebnisse, der Verlust deiner Tante, die Einsam- keit haben ihm einen sichtbaren Stempel aufgeprägt. Er war uns nicht mehr so nah und zugetan. Zwischen uns stand die Mauer einer Fremdheit, aber vielleicht waren es nur Egois- mus und Apathie, die uns alle erfaßt hatten. Einige deiner Briefe hielt er eine Zeitlang fest, streichelte das Papier, las sie unzählige Male. Er war niedergeschlagen, aber von jedem deiner Telefongespräche erzählte er mit Begeisterung und Bewunderung. ‚Sie spaziert da umher, telefoniert, fährt mit der Bahn, das arme Kind!‘ Das Geld, das er seinerzeit von uns geliehen hatte, zahlte er in kleinen Beträgen zurück; es kam uns sehr zustatten. Wir lebten von der Erinnerung an ver- gangene Zeiten und von der Hoffnung, alles zu überleben. Wir wohnten damals zusammen mit der Familie eines Rechts- anwalts, der mit mir arbeitete. Manchmal machten wir abends Pläne, wie wir es den Hakenkreuzlern heimzahlen würden. Vor allem würden wir ihnen befehlen, alle paar Tage in eine andere Straße umzuziehen: von hier— dorthin, von dort— dahin, die Übriggebliebenen wieder an eine andere Stelle. Nach einiger Zeit, wenn sie ihre Sachen bereits verloren, vom 471 Tragen schwerer Lasten geschwollene Hände bekommen und Unruhe und Angst sich ihrer bemächtigt hätten, würden wir — gestützt auf ihre eigenen Grundsätze und Beispiele— mit ihrer Ausweisung beginnen. Leider konnten wir nichts ersinnen, was noch schlimmer wäre als ihre eigenen Ver- folgungsmethoden. Derweilen bissen uns die Läuse immer grausamer. Es half weder fortwährendes Waschen noch Ab- brühen mit Wasser, noch Jagden auf der Wäsche. Überall gab es Läuse, in jedem Hause, fast in jeder Wohnung. Es war eine Plage. Das waren unsere Unglücksgefährten; während uns andere verließen, harrten sie treu bei uns aus. Die Fa- milie unseres Rechtsanwalts hatte sich so an sie gewöhnt, daß sie die riesigen Läuse, die auf ihrer Kleidung umher- krochen, fast gar nicht beachtete. Ich litt förmlich an Ver- folgungswahn. Ich sagte mir: wenn wir uns von den Läusen unterkriegen lassen, sind wir verloren! Da es in jeder der überfüllten Wohnungen von ihnen förmlich wimmelte, be- schloß ich mich zu isolieren. In der Nachbarschaft stand noch vom Jahre 1939 ein eingestürztes, halb abgebranntes Haus. Als ich in den Trümmern herumsuchte, fand ich eine Art Stube, die man nach einer gewissen Instandsetzung hätte bewohnen können. Jede freie Stunde, und es waren nicht viele, verbrachte ich mit der Herrichtung dieser Behausung. Schließlich hatte ich die Löcher so gut es ging zugeflickt. I setzte Türen ein, die ich in einem anderen eingestürzten Haus gestohlen hatte. Schlimmer war es mit dem Aufstellen eines Herdes. Talent für einen Ofensetzer besaß ich bestimmt nicht, denn der eiserne Ofen qualmte fortwährend und machte der Mama das ohnehin schon ‚angenehme‘ Leben noch an- genehmer. Ich setzte ihn mehrere Male ohne Erfolg um! Als die Wohnung fertig war, feierten wir Abschied von dem Ungeziefer und zogen in unser ‚Häuschen auf tönernen Füßen‘— so nannte es Mama, und zwar aus dem Grunde, weil dort alles schief war, der Fußboden und die Zimmerdecke 472 was au Vater er Sie verl unterird Nlensch Glücklic Wasser, nichtig \anona waren so verzogen, daß man ständig den Eindruck hatte, die Stube müsse einstürzen und die Wände zusammenklappen wie bei einem Kartenhaus. Ich baute auch einen Zugang zu einem Haus, in dem sich ein Schutzraum befand und in dem wir uns im Falle einer Ausweisung in Sicherheit bringen wollten.“ Die Ausweisung kam im Januar. An diesem Tage, es war ein Montag, zögerte Papa, zur Arbeit zu gehen. Die Mutter trieb ihn zur Eile an, aber der Vater fühlte sich sonderbar schwach. Als die Schießerei an ihre Ohren drang, wußte sie, daß sich etwas anbahnte. Sie schafften es gerade noch, durch den vom Vater ersonnenen Durchgang in den Schutzraum zu gelangen. Sie verbrachten etliche Tage unter der Erde. Die in dieser unterirdischen Höhle zu Hunderten zusammengepferchten Menschen wurden vor Luftmangel und Hunger ohnmächtig. Glücklicherweise befand sich in dem unterirdischen Raum Wasser, mit dem man ununterbrochen kübelweise die Ohn- mächtigen begoß. Zu alledem hörte man unablässig die Kanonade. Als endlich Stille eingetreten war und sie es wag- ten, den Schutzraum zu verlassen, war das Ghetto von neuem verwüstet. In einiger Entfernung brannten noch etliche Häuser. Bei dieser Januar-Ausweisung hatte man die Legitimationen überhaupt nicht mehr beachtet. Man hatte die höchsten Tiere des Ghettos mitgenommen. Papas Arbeitsgruppe hatte man ebenfalls gründlich gesäubert. Nun spürte man im Ghetto bereits das Ende nahen. Die Straßen waren voll Kehricht, ienn wer sollte ihn wegräumen? Der Vater ging wieder zur Arbeit. Mama wartete immer den ganzen Tag in ihrem ‚Häuschen auf tönernen Füßen“ auf sein Kommen, bis er endlich erschien, zermürbt, krank und von heftigen Schmer- zen geplagt, ein wenig Holz zur Feuerung, Brot oder Kar- toffeln zum Abendessen mitbringend. Und als wieder ein Brief von mir eintraf:„Kommt, hier gibt es für euch einen Zufluchtsort.....“ Wie sollten sie dem widerstehen, wie sich 473 gegen die Sehnsucht nach mir sträuben! Papa ging zu Zosia und zur Schwiegermutter, die ihm erklärten, daß sie auch aus dem Ghetto hinausgehen würden, aber nicht zu uns, sondern irgendwohin nach Grochöw. Der Onkel riet nicht zu und auch nicht ab:„Macht, was ihr wollt.“ Schließlich packten die Eltern ihre Sachen, zogen ihre besseren Kleider an und ließen die schlechteren bei Bekannten zurück. Den letzten armseligen Schmuck nähten sie in ihre Kleider ein. Ein weitläufiger Ver- wandter, der in einer„auswärtigen Gruppe“ arbeitete, ermöglichte ihnen das Hinausgehen. Es kostete ziemlich viel Geld. Sie gingen mit der Nachtschicht, damit ihre alten müden Gesichter schwerer zu erkennen seien. Der Arbeitsplatz befand sich in der Grzybowskastraße. Sie wurden davon unterrichtet, daß dort die ganzen Tage über„Häscher“ stün- den und auf ihre Opfer lauerten, die sich auf die arische Seite begaben, sie erpreßten und ihnen die letzten Groschen abnah- men. Gegen Morgen schlichen sich zwei alte müde Menschen heimlich durch und versteckten sich alle Augenblicke in Tor- nischen, aus Angst, der Polizei oder der Gendarmerie zu begegnen. Es kam jemand. Stimmen! Ans Tor gedrückt, warteten sie. Zwei Männer gingen vorbei, ohne sie zu bemer- ken. Wieder schoben sie sich weiter vor. Endlich waren sie schon weit vom Arbeitsplatz entfernt. Sie warteten noch an einer Biegung, bis es ein wenig heller geworden war, und gingen dann zu Gerta. Gerta erklärte ihnen den Weg nad Slawek genau, ohne etwas von den letzten Erlebnissen zu erwähnen. Wie sie mir später erzählte, hatte sie bei ihrem Anblick keine Kraft, ihnen die Wahrheit zu sagen.„Sie wären wieder zurückgegangen, ohne dich zu sehen, und sie hatten sich so danach gesehnt.“ Ich war ihr dafür sehr dankbar. Warschau, die Stadt, in der sie aufgewachsen waren, wo sie einige Jahrzehnte verlebt hatten, machte auf sie einen sinn- verwirrenden Eindruck. Sie sahen gefegte Straßen, gutge- 474 Iidete| 4 ut den 2 kannte Zur Bahr Ausweis ker, it Rene eins kr Trün 15, Ohne dheiben ıddie] Iırin ver Tragödie tihren Se führe azuste; m ihn obst in Sregne dr Vat irebte } unkeit | Ye Felc | m Nor: ter To Ylieb, Odiese kleidete Menschen, Verkehr, Leben, Schaufenster, Ordnung auf den Treppen. Hausmeister fegten die Höfe. Ja, jetzt erkannten sie noch mehr, daß dort im Ghetto die Agonie war. Zur Bahn zu gehen war noch Zeit. Auf dem Bahnhof ohne Ausweis zu sitzen war gefährlich, daher war es für sie schon besser, in der Stadt umherzuwandern. Zwei vorwärtsgetrie- bene einsame Menschen irrten in ihrer Stadt umher, inmitten der Trümmer, inmitten ihrer Landsleute. Verlassen, obdach- los, ohne Recht, zum Tode verurteilt. In den Schaufenster- scheiben spiegelte sich ihre gebeugte, leidgeprägte Gestalt, und die Lider verdeckten ihre Augen, damit niemand das sich darin verbergende Grauen bemerke, damit niemand darin die Tragödie des Ghettos erblicke, die gleichwie photographiert in ihren Pupillen festgehalten war. Sie fuhren mit der Bahn. Jemand half Mama in den Wagen einzusteigen und trat ihr seinen Platz ab. Wie ungewohnt kam ihnen die Höflichkeit vor, wie sehr waren sie der Hilfe selbst in Kleinigkeiten entwöhnt! Es regnete.; Der Vater orientierte sich nach einer kleinen Landkarte und strebte auf Umwegen Slawek zu, um niemandes Aufmerk- samkeit zu erregen. Sie gingen auf verlassenen Wegen, über öde Felder; ihre müden Beine versanken bis an die Knöchel im Morast. Ach, wie ermattet sie waren, aber sie gingen zu ihrer Tochter, dort war ein Platz für sie, dort wartete auf sie ein liebendes Herz, und das war der einzige wirkliche Wert in dieser Welt. 5 Tines Tages brachte Cybulski wieder eine der„warnenden“ Nachrichten. Wir erzählten den Eltern von den letzten Vor- fällen. ‚Wir werden zurückgehen“, sagten sie. ‚Nein, nein“, protestierten wir. Wir beschlossen, daß die Eltern nach Warschau fahren sollten. Dort sollten sie sich Ausweise beschaffen. Zosia gab ihnen die Adresse einer Stelle, wo sie sich einige Tage aufhalten könnten. Dann sollten sie in die Berge bei Krakau fahren. Es gab dort ein Dorf, Dobre, das häufig von Sommerfrischlern besucht wurde. Krakau und seine Umgebung war für die Juden zu einer Manie geworden, und zwar wegen der gerin- geren Anzahl von Juden. Die Ausweisung der Juden aus Krakau war 1940-1942 erfolgt. Wegen des„guten“ Aussehens und Benehmens meiner Eltern, das heißt, weil sie nicht wie Juden aussahen, sollten sie aufs Land fahren; der Vater sollte sich für einen Beamten ausgeben, der nach einer Krankheit zur Erholung kam. Im Krakauer Gebiet war das Leben verhältnismäßig billig so daß ihre Barschaft für einige Zeit ausreichen konnte, und später würden wir weitersehen. Vielleicht würde in- zwischen der Krieg zu Ende sein, vielleicht kam die Rote Armee. Der Plan sah gut aus, aber sollte man sie allein in die fremde Welt ziehen lassen? Es erfüllte mich mit Entsetzen. Wir über- legten. „Fahrt“, ermunterte Jurek sie,„vielleicht werden wir auch hinkommen können.“ „Vielleicht sollte man ins Ghetto zurückgehen“, überlegte der Vater,„und sich zum Bau eines Bunkers zusammentun? Wäre es dann nicht besser, wenn wieder eine Ausweisung erfolgen sollte, mit der Waffe in der Hand zu fallen, im Krieg zu fallen? Man munkelte davon, daß man sich im Fall einer Ausweisung verteidigen wolle.“ Ich sah sie an, die Abgeplagten, und dachte, wie könnten solche Menschen kämpfen? Nein, nein, ich wollte nicht, daß die ganze Anstrengung, sich von dort loszureißen, nutzlos wäre. Schon allein der Gedanke an die Rückkehr in die Hölle erfüllte mich mit Grauen. En S o fahrt men. Amitfa son neue Du kan erschled irek; Ki ch mußt nmer 2 ırek, id war| tlaufer tation 2 Ihwer: ir mac spann! fern zı n Halb den im mVat dir aller ülte il rück, Bein kannt Shi Nem ihr desd Adkuı een y Ird Nas ‚Fahrt nach Dobre. Das Dorf heißt Dobre— nomen est omen.“ Die ganze letzte Nacht hindurch weinte ich. Vielleicht sollte ih mitfahren; wie schrecklich würde es für mich sein, sie von neuem zu verlieren! ‚Du kannst ihnen nicht helfen, kannst höchstens ihre Lage verschlechtern“, stellte man mir vor,„und außerdem hast du Jurek; kannst du ihn denn allein lassen?“ Ich wußte, daß meinen Eltern meine Energie, meine Liebe immer zustatten kommen konnte. Aber ich liebte ja auch Jurek, ich konnte ihn nicht verlassen. Es war Morgen. Wegen der verschiedenen in der Gegend umlaufenden Gerüchte fürchtete sich Stasiek, die ‚Eltern zur Station zu fahren; dafür entschloß sich Frania schnell. „Ich werde sie hinfahren, ich kann auch kutschieren.“ Wir machten ihnen Päckchen für den Weg zurecht. Die an- gespannten Pferde warteten schon. Ich stürzte auf meine Eltern zu und küßte sie, küßte sie gedankenbenommen, wie im Halbschlaf. Im letzten Augenblick zog ich vom Finger einen im Grunde gar nicht so wertvollen Ring und steckte ihn dem Vater unbemerkt in die Tasche. Ich war jung, ich konnte mir allezeit eher helfen als sie. Sie gingen schon hinaus. Ich wollte ihnen nachlaufen, aber Jurek hielt mich mit Gewalt zurück,„Beherrsche dich!“ Ich sah, wie müde sie gingen, die Beine nachschleppend. Sie gingen ins Ungemach, ins Un- hekannte. Das Ziel hatte sich als Trugbild erwiesen, das Schicksal jagte sie weiter: Geh, geh, du ewiger Jude! Für deine müden und geschwollenen Füße gibt es keine Rast! Als ich nach einiger Zeit in das Zimmer zurückkehrte, in dem iie geschlafen hatten, fiel mein Blick auf ein blutbeflecktes Handtuch. Der Vater hatte sich morgens beim eiligen Ra- ieren verletzt. Ich drückte die roten Flecke an den Mund. Es var das Blut meines Vaters... Nach einigen Tagen fuhr gegen Morgen meine Schwie- germutter mit der kranken Zosia ab. Nach Alas und Cybulskis Meinung konnten wir als Angemeldete am läng- sten dableiben. Wir warteten jetzt ungeduldig auf Nac- richten von den Eltern und von der Schwiegermutter. Hatte man sie irgendwo festgehalten, oder waren sie ans Ziel ge- langt? Bei uns war Stille vor dem Sturm. Endlich erhielt ich einen Brief aus Dobre, daß sie glücklich angekommen seien. Nun war es gut. Ich fuhr nach Warschau und fand meine Schwiegermutter in einem Nebengebäude in einer Vorstadt Warschaus. Es war ein hübsches weißes Landhaus, aber innen vernachlässigt. Dort wohnte die Witwe eines Militärarztes mit Tochter und Sohn. Die Zimmer waren ungeheizt, weil die Heizkörper defekt waren und man keine Öfen aufgestellt hatte, so daß nur zwei, von einem elektrischen Ofen beheizte Zimmer bewohnbar waren. Im Hause herrschte eine ungewöhnliche Unordnung. Kein Gegenstand lag auf seinem richtigen Platz. Aus jedem Winkel krochen schmutziggraue Katzen hervor und blinkten frech mit ihren grünen Augen. In den Zimmern roch es unangenehm nach Katzen. Meine Schwiegermutter war hier von einem ihrer Be- kannten untergebracht worden. Die Arztwitwe, eine etwas über vierzig Jahre alte Frau, hatte ihr Zimmer meiner Schwiegermutter und einem kleinen zehnjährigen jüdischen Mädchen, Eda, abgegeben. Fürs Wohnen samt Unter halt nahm sie einige tausend Zloty monatlich. Für das Verbergen einer„verfluchten“ Rasse war das nicht allzu- viel, nichtsdestoweniger war es für uns eine unheimliche Summe. Ich kam dort mit Gerta an, die ihren Eryk irgendwo in War- schau untergebrachthatte und allepaar Tage meine Schwieger- mutter besuchte. 478 Schon ut 15 Che Schwere: \leine$ angussen assen hi fer Ma \nge u Bekannt kmand| cenfall öiner Fr. kawor reine ie aber Is Tag Sen, a 2 an iontroll ind ges: Alssaria atten d iten€ Taten ı äsche, Schon unterwegs informierte mich Gerta, daß Zosia vorläufig ins Ghetto zurückgegangen sei, daß beide in Warschau Schweres durchgemacht hätten und beraubt worden seien. Meine Schwiegermutter begrüßte mich mit großen Herzens- ergüssen. Gleich nachdem sie den Warschauer Bahnhof ver- lassen hatten, waren sie von„Häschern“ in einem Haustor in der Marszalkowskastraße angehalten worden, die ihnen Ringe und Uhr abnahmen. Einen Tag hatten sie bei einer Bekannten zugebracht, zu der aber schon am anderen Tage jemand hatte kommen sollen. Ein Bekannter Zosias, der sich ebenfalls auf der arischen Seite versteckt hielt, hatte mit einer Frau, einer Wäscherin, die ihm von jemandem empfoh- len worden war, verabredet, Zosia und die Schwiegermutter für eine Nacht zu ihr zu bringen. Sie hatten vereinbart, daß sie abends hinkämen, weil sie nach der letzten Erpressung das Tageslicht fürchteten. Wie entsetzt waren sie aber ge- wesen, als sie kurz vor dem Haus jener Wäscherin von der Po- lizei angehalten worden waren. Man hatte ihre Ausweise kontrolliert, ihnen mit Taschenlampen ins Gesicht geleuchtet und gesagt:„Wir werden aufs Kommissariat gehen.“ Kom- missariat, Untersuchung— das wäre der Tod gewesen. Sie hatten die Polizisten angefleht, sie laufen zu lassen. Am Ende hatten diese eine genaue Leibesvisitation durchgeführt und waren nicht einmal davor zurückgeschreckt, ihnen Unter- wäsche, Leibchen und Strumpfhalter auszuziehen. Dies alles hatte sich auf einem menschenleeren Platze von Zolibörz abgespielt. Sie hatten das eingenähte Geld gefunden, es geraubt und waren dann weggegangen. Wie groß war die Bestürzung der Frauen gewesen, als sie die Wohnung erreich- ten, wo das Nachtquartier für sie vorbereitet sein sollte, und eine verschlossene Tür vorfanden. Sie hatten mit aller Ge- walt geklopft, aber ohne Erfolg. Zum Schluß waren sie darauf sekommen, daß wahrscheinlich die Wäscherin ihnen die Po- lizei auf den Hals geschickt hatte. Da sie sich nicht anders | | | ; | | | | | | | | | zu helfen wußten, waren sie dorthin zurückgegangen, wo sie bereits übernachtet hatten. Inzwischen waren andere Gäste angekommen, man hatte sie in eine dunkle Kammer ein- geschlossen, wo sie die Nacht verbrachten. Als sie am näch- sten Morgen ihre Kapitalien nachzählten, stellten sie fest, daß nicht viel übriggeblieben war, und Zosia beschloß, ins Ghetto zurückzugehen, um ihr Herrenzimmer zu verkaufen, wenn es keine Möglichkeit gab, sich in einem Bunker einzu- richten. Währenddessen hatten sie sich an eine gute alte Bekannte erinnert. Sie waren mit ihr in Verbindung getreten. Diese hatte erklärt, daß sie ihnen einen Zufluchtsort bei Dr. Rak empfehlen könne. Sie waren übereingekommen, daß die Schwiegermutter bei Frau R. bleiben und Zosia ins Ghetto gehen und versuchen sollte, das Herrenzimmer zu Geld zu machen. Vielleicht gelang es ihr, noch einige Sachen herauszuschaffen. So hatte man es auch gemacht. Die kleine Jüdin Eda galt als eine Nichte des Herrn R., sie war ein kluges und nettes Mädchen, ihre Eltern und ihr vierzehnjähriger Bruder befanden sich im Ghetto. Da sie sich schrecklich nach ihnen sehnte und Herzenswärme suchte, schloß sie sich mit ganzem Herzen der Familie R. an und verhielt sich zu ihr wie zu ihren Nächsten. Ihr Gefühl fand Widerhall, Frau R. war für sie wie eine Mutter. Meine Schwiegermutter war mit ihrer Wirtin vorläufig zufrie- den. Sie war nett, lustig, zwar sehr leichtsinnig und nicht wirtschaftlich, aber dafür machte sie den Eindruck einer auf- richtigen Person. Ihre Kinder, die neunzehnjährige Inka und der zwei Jahre ältere Stefan, waren höflich und liebens- würdig. „Könnten wir uns hier äußerstenfalls aufhalten?“ fragte ich „Übrigens nicht für lange, weil es hier für uns zu teuer ist." Frau R. hatte zwar schon versprochen, auch noch Edas Eltern und Zosia aufzunehmen, und es war nicht ratsam— aud 4830 picht UI teckten Zufuch dh fuh gend Im A serände d,m: Man mı Bleibt nicht ungefährlich—, daß sich viele Juden zusammen ver- steckten, aber trotzdem sagte sie zu, uns für kurze Zeit eine Zuflucht zu gewähren. Ih fuhr ab, zufrieden darüber, daß man sich wenigstens irgendwo aufhalten konnte. Dem Anschein nach hatte sich inzwischen in Slawek nichts verändert, aber alle waren schrecklich nervös, überempfind- lih, man spürte direkt die geladene Atmosphäre. Man mußte fahren... „Bleibt“, bat Ala,„es wird sich noch alles legen, dort in Warschau ist es doch gefährlich.“ „Oh, und wie!“ Ich bekam von den Eltern einen in Warschau geschriebenen Brief. „Aus Gründen, die nicht von uns abhängen, waren wir gezwungen, nach Warschau zu fahren. Wir sind hier schon seit drei Tagen, aber wir können hier auch nicht unterkom- men. Wir gehen wieder zurück.“ Wir gehen wieder zurück. Der Brief war mit Bleistift in aller Eile, wie auf dem Knie geschrieben. Wie war die Handschrift des Vaters verändert!„Wir gehen wieder zurück.“ Wieviel Verzweiflung lag in diesen von ungeduldiger Hand in er- schütterndem Zickzack niedergeschriebenen Worten. Ich ging umher wie betrunken. Es war Ende März. Der Flieder vor dem Hause trieb Knos- pen. Ala säuberte die Bäumchen von irgendwelchen Flecken. Der Frühling lag in der Luft! Der Frühling erweckt immer Hoffnung. Die Natur kehrte nach dem Wintertod zum Leben zurück, und es hatte den Anschein, daß alles leben sollte— leben mußte Die Katzenmutter wärmte sich in der Sonne. Ich nahm sie auf den Arm. Wie gern hätte ich mit ihr getauscht, mich wie sie gewärmt, ohne an das Morgen denken zu müs- sen. Ach, warum wurde ich als Mensch geboren? 3ER 18/58 481 Wir gewannen unser Leben durch ein Grammophon Eines Abends saßen wir am Tischchen. Ala, Cybulski, Jurek und ich, wir spielten Bridge. Die Karbidlampe leuchtete hell. Es war warm, draußen regnete es. „Du rechnest ja nicht“, ermahnte mich Jurek.„Wie reizt du denn weiter?“ hm Tatsächlich dachte ich nicht an die Karten, ich dachte an die Akon Eltern und hatte ihre altersgebeugten Gestalten ständig vor; Augen. Sie gingen irgendwohin in ein unbekanntes Unheil.) kıtecheı Da gingen meine über alles geliebten abgemagerten Alter- ‚Viele chen, und von allen Seiten lauerten die Krallen des Feinde herr auf sie. Ihre Beine schwer nachziehend, schleppten sie si| ImAh auf der Erde vorwärts, auf der es für sie keinen Platz gab, sieki und die Erde war doch so groß. Unterdrückte Tränen schnür-| Dufid ten mir die Kehle zusammen. Ach, wie gern hätte ich die'Kjig. Karten hingeworfen. Aber ich mußte mich beherrschen. Ala en und Cybulski wollten spielen, ich durfte ihnen das Spiel nicht| ny verderben. then Die Tür öffnete sich ungestüm. Die Flamme der Karbidlampe min} flackerte vom Luftzug auf. Zwei Polizisten stürzten mit vor tyjd gehaltenen Gewehren herein. en, „Hände hoch!“ Sn Wir standen alle auf. Hinter den Polizisten schlich sich Frania kn herein, totenblaß. „Ausweise!“ Wir reichten sie hin. „Wer wohnt hier noch?“ „Niemand sonst!“ Sie durchsuchten uns. „Bitte sich anzuziehen, wir fahren zur Gendarmerie.“ n. Ich beugte mich zu Jurek vor: „Ist das schon das Ende, Jureczek?“ „Worum geht es eigentlich?“ fragte Ala. 482 „Ha, ha“, lachte einer von ihnen. „Sie verstellen sich gut.“ „Ich verstehe Sie nicht, reden Sie bitte klar“, widersetzte sich Ala noch. „Hier gibt es welche, die man jüdischer Abstammung beschul- digt hat.“ „Ach, nur das? Na, dann fahren wir.“ Ala konnte Komödie spielen, aber ich hatte Angst, daß sie zu weit gehe. Vielleicht würde man die Polizisten irgendwie bestechen können. „Vielleicht gestatten die Herren“, fragte Ala, immer mit sicherer und ruhiger Stimme,„daß wir Abendbrot essen.“ Zum Abendbrot trug Frania einen Imbiß auf und einen von Stasiek in aller Eile selbstgemachten Schnaps. „Darf ich Ihnen ein Gläschen anbieten?“ fragte Ala. Es ging darum, ihr Herz durch den Schnaps etwas weicher zu stimmen, aber sie lehnten ab. „Nein, nein, nein.“ Wir bemühten uns, ruhig zu essen, aber die Bissen blieben uns im Halse stecken. Daß sie nicht trinken wollten, bedeu- tete nichts anderes, als daß man sie nicht würde bestechen können. Wir aßen möglichst lange. Die Polizisten trieben uns an: Schneller, schneller! Da erschien noch ein dritter Polizist. Bis jetzt hatte er die- jenigen überwacht, die auf dem Hof standen. Cybulski rechtfertigte sich selbstbewußt, daß er nur für ein Stündchen zum Kartenspielen hergekommen sei, daß ihn doch alle als Schulleiter kennen müßten. Schließlich erlaubten sie ihm wegzugehen. Sie waren auch damit einverstanden, daß Ala zu Hause blieb, es handelte sich nur um uns. Die Poli- zisten waren auf Fahrrädern hergekommen, aber für uns ließen sie einen Wagen anspannen. Jurek zog sich eine Joppe an, ich einen Mantel. „Einmal mußte es ja passieren, Kleine!“ 31 P* 483 Er war blaß, resigniert. Wir gingen auf den Hof hinaus, tra- ten an den Wagen heran. Es war finster, es regnete. „Setzen Sie sich vorn hin“, sagte ein Polizist,„wir nehmen hinter Ihnen Platz.“ War es denn möglich, in einer solchen Nacht vom Wagen zu fliehen? dachte ich. Sie zündeten eine große Laterne an. „Wir werden Sie beleuchten, damit wir Sie unterwegs nicht verlieren“, spotteten sie. Ich drehte mich um und zog Jurek hinter mir her. „Entschuldigen Sie“, sagte ich zu dem Kommissar.„Ich muß mit Ihnen sprechen.“ „Dort auf der Gendarmerie wird zum Sprechen genug Zeit sein.“ „Ich möchte es aber lieber jetzt!“ Wir gingen in den Vorbau. „Wir werden nicht fahren. Sie können uns hier töten, wozu uns noch quälen?“ „Ich muß Sie den Deutschen übergeben“, erwiderte er,„und was die mit Ihnen machen, das ist nun schon deren Sache.“ „Sie wissen doch, was sie mit uns machen. Sie werden uns auf der Stelle töten. Wollen Sie wirklich unbedingt unseren Tod, tut es Ihnen denn nicht um zwei junge Wesen leid? Stellen Sie sich vor, Sie wären an unserer Stelle.“ Der Polizist schauderte unwillkürlich. Warte nur, du Lump dachte ich, auch an dich wird die Reihe kommen, du Deut- schenknecht, du Verräter! „Was gehen Sie mich an“, sagte er durch die Zähne, jedes Wort dehnend.„Was geht mich euer Leben an. Außerdem habt ihr in Rußland meine Familie totgeschlagen.“ »Wires „Na ja, ihr; eure Brüder in Rußland haben unsere ermor- det.“ 484 enom Habe, Die li nir vo s auf wieder! 1]. IM DI terDie 1, nur du Au De mmen, OU Y Zähne, I" Anıherdl n a0 Aubel . Daher weht der Wind! Das war das Lied aller dieser erbärm- lichen Agenten, die auf Judenfang ausgingen. Ich suchte ihn zu überreden, bat ihn, machte ihm Vorstellun- gen. Ala half, wie sie nur konnte. „Wenn ihnen etwas geschieht“, sagte Ala,„dann ist auch mit mir Schluß. Ich habe sie doch eine Zeitlang bei mir auf- genommen.“ „Haben Sie es nötig gehabt?“ Die Unterredung zog sich in die Länge. Manchmal kam es mir vor, als wenn der Kommissar nachgäbe und geneigt wäre, es auf irgendeine Art beizulegen, manchmal dachte ich wiederum, daß nun alles verloren sei. „Ich bin mit Kameraden hier; wir bekamen den Befehl von der Dienststelle, wir müßten die Leute abliefern.“ Seine Großmut rühmend, erklärte er sich schließlich einver- standen, Geld anzunehmen, und nannte eine derart unheim- lich große Summe, die mehr als das Zehnfache von dem betrug, was wir überhaupt besaßen. Wir begannen abzuhandeln. Es kam mir vor, als wenn sich kein Rat mehr schaffen ließe. Alles, was wir hatten, war lächerlich wenig im Vergleich zu dem, was er forderte. Das Feilschen ging weiter. ‚Gebt uns Gold!“ rief er. ‚Aber woher sollen wir es nehmen? Denken Sie denn, daß ieder Jude mit Gold gefüllt ist, daß er eine Dollarfabrik hat? Manche sagen zwar, daß man goldene Worte, ein goldenes Herz haben kann, aber Sie wollen doch nicht solches Gold. Man wird im Ghetto gequält, man läßt alles zurück und lieht in einem einzigen Hemd auf die andere Seite. Selbst venn man etwas Schmuck mitnimmt, so muß man doch lavon leben. Wo soll man eine so horrende Summe her- tehmen?“ Zum Schluß fühlte ich mich durch dieses Feilschen um das eben so erschöpft, daß ich mich auf einen Stuhl fallen ließ: 485 Jurek setzte sich zu mir. Ala bearbeitete den Kommissar weiter. Sie erzählte ihm Anekdoten, zog ihn am Rock ins andere Zimmer, suchte ihn zu überzeugen, bat, flehte. In dem Zimmer, in dem sie sprachen, stand ein Grammophon. Der Kommissar ließ eine Platte mit einem Obertas laufen. Einer von den anderen Polizisten ging zu ihnen hinein, der dritte blieb und bewachte uns. Wir saßen schmerzerfüllt da. Ob sie uns heute töten würden? Vielleicht würde es auch noch dieses Mal gelingen, sich ihnen zu entwinden? Wir besaßen vierzig Dollar. Davon konnten wir höchstens zwanzig weggeben, mindestens zwanzig muß- ten wir behalten für eine weitere Lebensverlängerung, die uns von Mal zu Mal unmöglicher erschien. Selbst wenn e uns diesmal gelänge, mit dem Leben davonzukommen, wür- den wir hier schnellstens verschwinden müssen. Aber wohin! Jedenfalls gänzlich ohne Geld würden wir verloren sein. In diesem Augenblick hörte ich die Stimme des Kommissars: „Ach, Sie machen Scherze, Sie beleidigen uns. Für solche arm- selige Summe sollen wir sie hierlassen? Nein, so was! Was denken Sie von uns? Wir sind rechtschaffene Menschen und kein Rumtreibergesindel, das für solche Sachen zwanzig Dollar nimmt.“ Jetzt versuchte Ala, diese rechtschaffenen Menschen noch ein- mal mit Schnaps zu bewirten, und diesmal gelang es ihr. Nadı einigen Runden wurden die Polizisten fröhlicher und ge sprächiger. Sie ließen eine Platte nach der anderen spieler Jedesmal ertönte eine andere Melodie, lärmende, lustige Polkas, Kujawiaks und Obertas. „Unsere Begräbnismusik“, sagte ich zu Jurek. Die Situation war grotesk. Wir saßen im Mantel, fertig zu Abfahrt und warteten auf die Entscheidung: Leben oder Tod halbbetrunkene Schufte, die sich einstweilen amüsierten schlugen lustig mit den Absätzen auf: Hopsassa, hopsassa Ist das Leben schön! 486 Der uns bewachende Polizist mit der abstoßenden pocken- narbigen Fresse eines Kriminellen bemitleidete uns: „Gewiß, meine Dame, der Tod, verdammt noch mal, das ist eine verflucht unfröhliche Sache, aber es ist nun mal nicht anders, wenn man muß, muß man.“ Er wiederholte es unentwegt. Es war seine Devise. Wenn man muß, dann muß man den Deutschen zu Diensten stehen; wenn man muß, dann muß man die Juden töten; wenn man muß, dann muß man rauben, ja und für uns hieß das: wenn man muß, dann muß man durch Schuftigkeit, durch Nieder- trächtigkeit, durch solche Lumpen mit kriminellen Fressen sterben. Es verging eine Stunde nach der anderen. Es war drei Uhr nachts. Unsere Qual dauerte schon acht Stunden, wir waren vollständig erschöpft. „Siehst du“, flüsterte Jurek,„wie gut es ist, daß deine Eltern, meine Mutter und Zosia nicht da sind.“ „Ja, aber was ist mit ihnen?“ In dunklen regnerischen Nächten dachte ich immer daran, daß sie vielleicht nirgendwo unterkommen könnten, ermattet auf Wegen umherirrten— obdachlose, verfolgte Tiere. Wieder hörten wir eine laute Stimme: „Das Grammophon gefällt mir! Ich werde es nehmen und das Geld, aber man muß noch etwas zulegen.“ Wieder begann das Feilschen. Wir legten noch die 1000 Zloty unserer Barschaft dazu, die für Ala für den Monat bestimmt gewesen waren. Wir verabschiedeten uns. Wir mußten dem Schuft die Hand geben, als wäre nichts gewesen. „Sie können jetzt hierbleiben.“ Wir hatten es schon richtig verstanden, daß wir jetzt hier- bleiben durften, aber nach zwei Tagen würden sie ihre Kameraden herschicken, damit sie die letzten Groschen aus uns herauspumpten. Und wenn wir dann am Ende nichts mehr besaßen, um uns loszukaufen, würde man uns auf die 487 Gendarmerie mitnehmen, wo dann die heldenhaften Poli- zisten für die Ablieferung von Juden von der Gendarmerie ein Lob und zwei Kilo Zucker oder einen Liter Schnaps pro Person als Belohnung für eifrige Pflichterfüllung be- kamen. Endlich fuhren sie fort. Diesmal hatten wir unser Leben durch das Grammophon gewonnen. Als wir am folgenden Tag beim letzten Abend- brot saßen, schlüpfte Bolutek Olszewski unbemerkt ins Zimmer herein. Er war mit dem Rad hergefahren. Das Ge- spräch wollte nicht in Gang kommen. Wir mußten bald weg. Bolutek saß bedrückt da. „Und wir waren miteinander so vertraut geworden. Oh, diese Hundesöhne, diese Bullen— entschuldigen Sie den Aus- druck—, wegen unserer heldenhaften Polizei, wegen dieses Packs müssen Sie nun wegfahren.“ Wir schwiegen. „Wenn Sie Abmeldungen brauchen, dann gebe ich Sie Ihnen, es wird sich schon irgendwie hintenrum machen lassen.“ „Gut, wenn wir sie brauchen, wenden wir uns von Warschau aus an Sie.“ Wir beschlossen, uns nicht abzumelden, weil wir uns nirgend- wo anzumelden wußten. Als Bolutek sich von uns verabschiedete, hielt er lange unsere Hand fest: „Ich, ich“, stammelte er mit Tränen in den Augen,„ich bin euer Freund in Glück und Unglück. Wenn euch irgendwie geholfen werden müßte, so werde ich euch so gut ich kann immer zu Diensten sein.“ Und noch von weitem rief er: „Jurek, Bruder, denke daran, daß du die Hälfte von meinem Blut hast.“ Bolutek hatte es vielleicht nicht allzu literarisch ausgedrückt, aber wir verstanden es. Du wolltest sagen, daß du uns Freund 488 ann Mi | hen I versucht Ingra seiest. Wir wußten es, wir glaubten es dir. Ein edles Herz kann man auch in Posemuckel bei einem einfachen unschein- baren Menschen finden. Olszewski war weggefahren, ich versuchte zu scherzen, um meine Rührung zu verbergen: „Ich gratuliere dir, Jurek, jetzt bist du ein Halbarier, denn du hast die Hälfte von Boluteks Blut.“ Es war ein Scherz zu ungelegener Zeit. Uns war traurig zumute, wir verloren einen uns wohlwollenden Menschen. Nach der Wegfahrt aus Slawek Es war finster, Stasiek trieb die Pferde an— lebe wohl, Sta- wek! Ich schmiegte mich an meinen Mann. ‚Jureczek, gräme dich nicht, wir werden irgendwie Rat schaffen, es wird schon irgendwie gehen. Wollte Gott, daß wir bloß immer zusammenbleiben!“ Jurek umfaßte mich. ‚Nun, Emus, das Leben ist ein Zufall, und der Tod ist eine Bestimmung. Einmal müssen wir doch sterben.“ Dann deklamierte er leise einen traurigen Vers: „Wir werden getrennt durch dunkle Wege und Meere, ge- trennt auch durch böse und gute Menschen und Gott.“ Stille. An der Bahnstation verabschiedeten wir uns von Stasiek, ich klopfte dem alten Pferd Maciek auf das Maul. In weiter Ferne drehte sich Stasiek um, und ich sah seinen aschblonden Schopf. Er winkte uns mit der Mütze zu. Im Zuge war ich die ganze Zeit aufgeregt. Ich war vorher immer allein gereist, aber jetzt hatte ich Angst, daß jemand auf Jurek aufmerksam würde. Er erschien mir jetzt so groß und auffallend in seiner Leder- jacke. Schließlich kam Warschau. Ein Brausen, ein Verkehr. Gott, wenn man uns nach dem Verlassen des Bahnhofs doch bloß 489 nicht belästigte! Aber mit ein wenig Glück passierten wir die Gefahrenzone unbehelligt. Wir fuhren mit einer Taxe bis zur Haltestelle der Straßenbahn, die direkt nach Sadyba ging. Jede Polizeiuniform versetzte uns in unerhörte Angst. Nach dem letzten Vorkommnis fürchtete ich mich vor jedem Polizisten. Wir trafen bei Frau R. meine Schwiegermutter und Zosia an, die am Tage vorher über einen Arbeitsplatz aus dem Ghetto zurückgekommen war. Ich erfuhr von ihr, daß meine Eltern seinerzeit bei einem Bauern in Dobre einigermaßen gut untergekommen waren und auch während einiger Tage wohl- tuende Ruhe genossen hatten, aber schließlich hätten sie als neuangekommene Personen vom Dorfschulzen eine Vor ladung bekommen. Da hätte der Vater beschlossen wegzu- fahren. In Warschau seien sie einige Tage lang für teures Geld umhergeirrt, hätten am Ende gesehen, daß es unmöglich sei unterzukommen und seien ins Ghetto zurückgegangen. Der Vater habe irgendwelche Projekte für einen Bunker, außer- dem bereite sich das Ghetto zur Verteidigung vor. „Dein Vater ist über diese Organisation begeistert und arbei- tet aktiv. Er redete mir zu, zu bleiben und mich ihnen anzuschließen. Aber ich sehe es als das Alleräußerste an. Man muß sämtliche Möglichkeiten ausnutzen, sich hier einzu- richten.“ „Erzähle mir noch etwas von den Eltern“, bat ich sie. „Nun, sie wohnen dort, wo sie schon vorher waren. Einmal traf ich deinen Papa, als er mit einem Laib Brot ging. An diesem Tage ‚hatte ich auf keinerlei Weise irgendwelche Gebäck bekommen können, und da fragte ich deinen Vater, auf welche Art er es aufgetrieben habe. Er hatte es von der Gemeinde bekommen. Trotz meines Protestes opferte er mir die Hälfte Brot. ‚Womit kann ich es Ihnen vergelten?‘ fragte ich ihn. 490 ‚Mit einer Torte nach dem Kriege‘, war seine Antwort. ‚Gott, daß ich doch meine Schuld möglichst schnell bezahlen könnte!‘“ Man muß jedoch verstehen, daß keine Torte in normaler Zeit ienem halben dunklen und saueren Brot gleichwertig sein kann, das mein Vater in seiner Lage und in dieser Zeit abgegeben hatte. Es war Zosia gelungen, ein paar Sachen herzubringen und einen Teil des Herrenzimmers für ein Spottgeld einem arischen Zahnarzt zu verkaufen, der es aus dem Ghetto herausschaffen konnte, weil er gute Beziehungen zu den Deutschen hatte. Wir waren also nun in Warschau. Ich packte meinen einzigen Koffer aus. Mit Sachen hatte ich keinen Ärger. ‚Was gedenkt ihr zu tun?“ fragte meine Schwiegermutter. „Verstecken können wir uns nicht, wir haben nicht das Geld dazu. Wir müssen uns irgendwie offiziell einrichten. Viel- leicht finden wir als Arier eine Wohnung. Ich werde jemanden von unseren Bekannten bitten, uns ein Empfehlungsschreiben zu geben. Vielleicht werden wir auch Arbeit finden. Außer- dem habe ich bei Bekannten einen Teil meiner Möbel und gewisse Sachen; die werde ich verkaufen.“ „Ob sie es dir aber herausgeben?“ „Ich werde es versuchen.“ Jeden Tag ging ich morgens in die Stadt, wandte mich an alle Bekannten, die ich für verhältnismäßig wohlwollend hielt, mit der Bitte um Hilfe. Vor allem mußte man ein gesichertes Dach über dem Kopf haben. Es stellte sich aber heraus, daß unsere„blinden“ Ausweise sich für Warschau nicht eigneten, wir konnten uns darauf nicht anmelden, und ohne Anmeldung konnten wir nicht offiziell wohnen. Für neue Ausweise verlangte man ein Heidengeld, eine billigere Quelle fanden wir nicht. Wir hatten nicht soviel Geld... Frau Alina erklärte, daß sie nicht bereit sei, die Möbel, an die sie sich während der zwei Jahre gewöhnt hatte, heraus- zugeben, sie uns aber abkaufen würde. Wir setzten eine lächerlich kleine Summe fest. Aber Frau Alina verschob die Bezahlung von einem Tag auf den anderen. Herr Radowski, ein Vertrauter meines Onkels, bei dem wir einen Teil unserer Sachen untergestellt hatten, verhielt sich ebenfalls unklar. Er wußte, daß ich selbst nicht zu ihm kom- men konnte, weil es gefährlich war, mich in dem Hause zu zeigen, in dem ich gewohnt hatte. Daher antwortete er auf meine Briefe mit Ausflüchten, und durchs Telefon ließ er mir mitteilen, daß er nicht da sei. Ich dachte noch ständig daran, die Eltern und den Onkel aus dem Ghetto herauszubringen, aber das waren gänzlich uner- füllbare Wünsche, weil ich nicht einmal selbst unterzukom- men vermochte. Nur nachts konnte ich daran denken und mir verschiedene glückliche Unmöglichkeiten vorstellen. Ostern. Frühling. An den Bäumen zeigten sich Knospen, der Flieder blühte, es grünte überall. Czerniakowska Sadyba hatte ein neues Gewand angelegt. In den nicht weit von uns gelegenen Villen trugen reiche ruhige Leute ihre Liegestühle auf die Veranda, vier japanische Rassehunde der Millionärin Rejtowa, die mit neuen bunten Bändchen geschmückt waren, bellten, ihre Schnauzen an den Plankenzaun drückend, die Vorübergehenden an. Jeden Tag, wenn ich müde aus der Stadt zurückkehrte, amüsierte mic dieser Anblick. Jede Woche bezahlten wir Frau R. die Rech- nungen. Sie waren riesenhaft. Mit Entsetzen stellten wir fest, daß unsere Kasse sich im Galopp leerte. Ich läutete den Onkel im Ghetto an und fragte nach den Eltern. Leider bekam ich keine gute Nachricht. Ich hatte kein Geld mehr, um ihnen etwas schicken zu können, und mein immer alar- mierenderes Bitten und Flehen, mir die Sachen oder das Gell für die Möbel zu geben, blieb ohne Erfolg. 492 Ines hrer desm ih ge say Jasia, (önnte Ruk w siner temest nMi Huf Rrany lacht mer nug nd V hl hm An di nandere s, bei dem v ten, verhielt sit cht zu ihm kor n dem Haus bst unterzukon Tu ‚n an. Jeden 11 hnauzen an El Eines Tages begab ich mich zu Jasia. Meine Eltern waren vor ihrer Rückkehr ins Ghetto bei ihr gewesen. Sie erzählte jedesmal mit Tränen in den Augen davon. Es sei so schreck- lich gewesen, so schrecklich. Sie hatten ihre arischen Doku- mente bei ihr zurückgelassen. Ich saß bei ihr in der Küche. Jasia war mit dem Mittagkochen beschäftigt. „Jasia, ich weiß nicht mehr, an wen ich mich noch wenden könnte. Ob ich vielleicht zu Fiuk gehe?“ Fiuk war ein Verwandter von Jasia, er hatte eine Zeitlang mit seiner Familie bei uns im Hause gewohnt. Er war sehr arm gewesen, und die Eltern hatten ihm geholfen. Dann hatte er im Ministerium eine Stellung als Bote erhalten und war häufig an Feiertagen zu meinen Eltern gekommen, seine heranwachsenden Kinder präsentierend. Bei jeder Gelegen- heit versicherte er meinen Eltern seine Dankbarkeit. Er machte den Eindruck eines ruhigen und redlichen Mannes. „Fiuk fragt immer so eifrig nach den Herrschaften. Als ich ihm erzählte, daß Ihre Eltern hier waren, konnte er es nicht genug bedauern, daß er sie nicht gesehen hatte. Wenden Sie sich an ihn. So ein einfacher Mann kann vielleicht mehr Herz und Verständnis haben als andere.“ „Ja, Jasia, das denke ich auch.“ Ih wußte es, Olszewski, Jasia, Frania und Stasiek waren unsere wirklichen Freunde. An diesem Tage ging ich zu Fiuk. Ich traf ihn zusammen mit seiner Frau an. Sie erkannten mich kaum, dann waren sie ziemlich verlegen; ich wußte auch nicht, wie ich mich verhal- ten sollte. Eigentlich waren mir diese Menschen völlig fremd. Mir hatte es immer Schwierigkeiten bereitet, um etwas zu - bitten, aber jetzt blieben mir die Worte geradezu im Halse stecken. Ich überwand mich. Fiuk erklärte, daß er einen Bekannten auf dem Lande habe und daran gedacht hätte, dort meine Eltern unterzubringen. 493 Da dieser Bekannte in den umliegenden Dörfern und zu den Landgütern gute Beziehungen habe, könnte es ihm vielleicht gelingen, Jurek eine Stellung zu besorgen. Der nächste Tag war ein Sonntag. Um keine Zeit zu ver- lieren, beschlossen wir, daß beide nach Gröjec fahren sollten! Fiuk sollte Jurek als seinen Vetter vorstellen, der aus Ober- schlesien ausgesiedelt worden sei. Ich fuhr geradezu glück- lich nach Hause— es gab eine Hoffnung, festen Fuß zu fassen! Am folgenden Tage fuhren wir in froher Stimmung zu Fiuks in die Natolinskastraße. Ich schmiedete schon glückliche Pläne, wie wir, auf dem Lande eingerichtet, unsere Eltern zu uns kommen lassen könnten. Ja, für einen arbeitenden Men- schen würde sich niemand besonders interessieren. Wenn wir zur Arbeit hinkämen, würden wir uns schnell akklimati- sieren. Bei Fiuks wartete man bereits auf uns: Herr und Frau Fiuk, ihre neunzehnjährige, geschminkte, mit billiger Eleganz ge- kleidete Tochter— ich kannte sie als kleines Mädel, und es fiel mir direkt schwer, sie wiederzuerkennen— sowie ihre zwei Jungen, ein dreizehnjähriger und ein achtjähriger. Sie stellten uns als Verwandte vor, aber Janka, die Tochter, wußte, wer wir waren. Plötzlich kam der zukünftige Schwieger- sohn, Jankas Verlobter. Es war ein junger Mann von zwanzig Jahren mit ausnehmend unsympathischem Gesicht und arg- listigen, unruhigen Augen; er machte einen sehr unvorteil- haften Eindruck auf uns, und wir erfuhren im Laufe des Gesprächs, daß er wußte, wer wir waren. Er versicherte uns seiner Freundschaft, und je mehr er von seinem Wohlwollen redete, desto mehr fürchtete ich ihn und desto weniger glaubte ich ihm. Die Abfahrtszeit des Zuges näherte sich und Jurek machte sich mit Fiuk auf den Weg. Ziutek, so hiel Jankas Verlobter mit Vornamen, wünschte mich nach Haust zu begleiten, aber aus Vorsicht erlaubte ich ihm nur, mich zur 494 Straßenbahn zu bringen und fuhr dann in die entgegen- gesetzte Richtung, um die Spuren hinter mir zu verwischen. Dieser Mensch gefiel mir nicht. Am anderen Tage kam Jurek zurück. Der Landwirt, bei dem sie gewesen waren, hatte versprochen, ihm Arbeit zu ver- schaffen. Es war ein sympathischer, ehrlicher Mann; er hatte Jurek vorläufig einen Brief an seinen Freund, den Verwalter eines großen gräflichen Landgutes in Tunel bei Trzebinia, mitgegeben. „Ich glaube, daß er Sie einstellen wird“, hatte er ihm gesagt. Mit seiner männlichen Figur, seinen hellen Augen und edlen Gesichtszügen gefiel Jurek allen, erweckte bei allen Ver- trauen. Die Schwiegermutter war verzweifelt: sich auf eine solche Reise und sich so weit wegzubegeben, sei gefährlich. „Ist es denn in Warschau ungefährlicher?“ Was sollte ich nun tun? Ich schlief die ganze Nacht nicht. Vielleicht sollte ich Jurek nicht erlauben zu fahren; was sollte ich nur machen, wen sollte ich um Rat fragen? Die schwache hilflose Zosia? Die nervös gewordene Schwieger- mutter? Ich wußte, wir waren wie Nußschalen auf dem Meer während eines Sturms, wir waren hilflos— entweder würden wir den Sturm überdauern, oder die Wogen würden uns ver- schlingen.... Jurek fuhr hin. Ich wartete mit rasender Unruhe. Gott, wenn er doch bloß glücklich hinkäme! Morgens klopfte jemand an das Pförtchen. Vielleicht ist Jurek zurückgekommen, dachte ich. Ich sprang aus dem Bett und eilte ans Fenster. Am Haus entlang gingen einige Män- ner, Beamte oder Bekannte. Zosia und die Schwiegermutter schliefen noch. Ich weckte sie. Da öffnete sich auch schon die Tür, ohne daß angeklopft worden war, und zwei Herren mit Aktentaschen kamen herein. „Wer wohnt hier?“ fragten sie Frau R., die hinter ihnen hereinschlüpfte.„Angemeldete?“ „Nein, sie sind vor kurzem angekommen.“ Wir gaben ihnen unsere Ausweise. Aus dem Nachbarzimmer erreichten uns die Worte: Jakubowiczowa, nicht gemeldet, Dokumente von der Untersuchungsbehörde. Wie gut ist es, dachte ich, daß in diesem tragischen Augen- blick Jurek nicht da ist. Ich war drauf und dran, das meiner Schwiegermutter zu sagen. „Ziehen Sie sich an, wir werden zur Untersuchungsbehörde fahren.“ Wir zogen uns an. Nach ihrer Gewohnheit, die ich bereits auf Slawek kennen- gelernt hatte, durchsuchten sie die Handtaschen und schütte- ten alles aus den Koffern aus. „Was ist das für ein Männeranzug?“ „Der gehört dem Sohn von Frau R.“ „Und Ihre Sachen?“ „Meine sind im Schrank.“ „Was ist das?“ fragten sie, auf Jureks Photographie zeigend. „Das ist mein Mann.“ „Und wo ist er?“ „Er lebt nicht mehr“, sagte ich mit dumpfer Stimme und erschrak selbst vor dieser Antwort. Gott, vielleicht hatte ich es in einer bösen Stunde ausgesprochen!!! Jetzt kam Zosia an die Reihe. Einer der Beamten richtete an Adas tausend Fragen, der auf alles immer dieselbe Antwort gab: ich weiß nicht, mein Herr Er sagte es einschmeichelnd und mit lächelndem Gesicht, aber der Herr Beamte brauchte die Antworten nicht so sehr. Er zog dem Kleinen brutal das Hemdchen herunter, und nodh brutaler stellte er seine Rassenzugehörigkeit fest. Das Kind weinte. Eda nahm es auf den Arm und suchte es zu beruhigen. Von neuem begann das Feilschen, Weinen und Bitten. 496 1: men die hinter ihne: ‚ das meine rsuchungsbehörd: 1 Eragen, der au nicht, mein Her | | | i f Wanderungen durdı Warschau Ein Teil unseres Geldes wanderte in die Taschen der Beam- ten. Einer von ihnen, und zwar der sich von allen am ruhig- sten verhalten hatte, sagte mir beim Verabschieden: „Verschwinden Sie hier so schnell wie möglich. Hier wird noch manches Mal ein solcher Kontrollbesuch erfolgen. Und es kann auch noch jemand anderes kommen.“ An diesem Abend kam Jurek und erzählte mir von dem Leben in Tunel. Der Verwalter hatte ihm versprochen, ihn sofort zu benachrichtigen, sobald eine Stelle frei sei; jeden- falls hatte er ihm versichert, daß es bald sein werde. „Ach, was ist das dort für ein Leben! Ruhe, über Juden spricht man dort gar nicht. Der Verwalter wollte mich mög- lichst lange dabehalten. Er war ausnehmend herzlich und gastfreundlich. Der Gutsbesitzer, ein Graf, dem ich vorgestellt wurde, war genauso liebenswürdig. Anscheinend hatte ich auf ihn einen guten Eindruck gemacht.“ Wir schwärmten jetzt vom glücklichen Tunel, aber vorläufig mußten wir hier so schnell wie möglich ausziehen, doch wohin? Wir hatten niemanden, an den wir uns wenden konn- ten. Wir fuhren zu Fiuk. Ziutek machte sich wacker ans Werk, er fuhr zu seinen Bekannten, um für uns eine Woh- nung zu besorgen, und stellte Jurek als seinen Verwandten vor. Schließlich brachte er uns bei Bekannten Fiuks unter. Dort würden wir uns angeblich einige Wochen oder Monate aufhalten können, und in dieser Zeit würde sich doch wohl etwas mit der Arbeit ergeben. Die neue Wohnung in der Ziotastraße bestand aus vier Zimmern. Der Wohnungsinha- Ber war Feldmesser, ein Witwer, und seine Geliebte ein jun- ges Mädchen vom Lande, Marysia Mierzycka, eine Verwandte der Frau Fiukowa. Daher die Bekanntschaft. Die Hälfte der Wohnung war von einer Werkstatt für Prothesen besetzt, und uns gab man das Eßzimmer, das ein Durchgangszimmer 31 F 18/58 497 war. Das hatte die unangenehme Seite, daß wir ständig vor aller Augen waren. Jurek erklärte, daß wir nicht im Hause sitzen dürften, weil es Verdacht erwecken könnte; deshalb wanderten wir den ganzen Tag lang ziellos umher und setzten uns der Gefahr aus, von den Häschern auf der Straße ge- schnappt zu werden. Diese Wanderungen waren geradezu ein Alptraum. Durch schlechte Ernährung geschwächt, wanderten wir ziel- und planlos durch Warschau. Ich war von entsetz- licher Furcht erfüllt, ständig unter dem Eindruck, daß uns jemand beobachte, daß man uns jeden Augenblick anhalten würde. Wir gingen jeden Tag in die Fabrik, Frau Alina be- suchen, die jedesmal entweder nicht greifbar war oder uns feierlich versprach, uns Geld zu bringen. Wir vereinbarten Termin und Ort, aber sie hielt diese Verabredungen niemals ein. Wir waren ratlos. Wir trieben uns ohne Geld herum. Wir hatten noch zwanzig Dollar, aber wir zögerten, sie zu wech- seln, hoben sie immerzu für eine noch schlechtere Zeit auf, Die Schwiegermutter und Zosia hatten auch eine einstweilige Wohnung in Zolibörz gefunden. Dort in Sadyba kam unver- hofft Eryk an. Sein Beschützer hatte mit seiner Nachbarin einen Zwist gehabt. Während dieser Auseinandersetzung hatte der Junge gehört, wie sie ihm drohend sagte:„Und wer ist dieser Junge, der bei Ihnen wohnt? Ist es nicht viel- leicht ein Jude? Man muß mal die Gendarmen kommen lassen!“ „Ich nahm meine Mütze“, sagte der Kleine,„und lief unbemerkt zur Station. Glücklicherweise hatte mir Mama einige Zloty mitgegeben, so daß ich mir eine Fahrkarte kau- fen konnte. Zu Hause in der Ziotastraße darf ich mich nicht sehen lassen, deshalb bin ich hierhergekommen.“ „Du bist vom Regen in die Traufe geraten, Eryk.“ Frau Jakubowiczowa rannte tagelang umher und suchte eine Unterkunft. Zudem hatte sie große Schwierigkeiten wegen ihres Geldes, das zusammen mit dem ihres Bruders bei einem 498 TEIEEITNBRISSTLTTUERT war oder un r vereinbarte! ngen niemal II herum. W e zu wedi sine einstweilig vba kam unvel seiner Nachbar 75 bei eine! Brud bekannten Arier hinterlegt worden war. Dieser wollte ihr aber nichts geben und redete sich damit heraus, daß er kein Recht habe, es ihr ohne Genehmigung ihres Bruders auszu- händigen. Das war natürlich nur eine Ausflucht. Der Bruder der Frau Jakubowiczowa war im Ghetto umgekommen, auf diese Weise sollte das Geld in den Händen des„redlichen“ Freundes bleiben. Die Lage Frau Jakubowiczowas, die zwei Kinder und einen sehr semitisch aussehenden Mann hatte, war nicht beneidenswert. Wir sprachen kurz beiFrauR. vor, um uns nach der Schwieger- mutter und nach Zosia zu erkundigen. Frau R. hatte sie öfter besucht. Im Hinblick auf die große Gefahr war es für uns unangebracht, sie zu besuchen. Ein über die Balkonbrüstung gehängtes Handtuch bedeutete uns, daß Ruhe herrsche und ein Besuch möglich sei. Wir hielten uns buchstäblich nur einige Augenblicke auf, damit wir nicht wieder Häschern in die Hände fielen und uns niemand dort antraf. Eines Tages wurde uns die Pforte von Inka aufgemacht, die so verstört aussah, daß sie nicht wiederzuerkennen war. „Wieder ein Reinfall“, sagte sie leise.„Ich werde euch alles erzählen, gehen wir ans Wasser.“ Wir setzten uns am Graben ins Gras. Es war ein warmer Tag, ein richtiger Frühling. Ich schaute auf das dahineilende Was- ser. Inka saß zwischen uns. „Frau Jakubowiczowa ging wie gewöhnlich eine Unterkunft suchen und sagte uns im voraus, wenn sie zur Nacht nicht zurückkäme, sollten wir uns nicht beunruhigen, denn sie könne sich bei ihrem Mann in der Innenstadt aufhalten. Mama war auch in die Stadt gefahren. Ich saß mit den Kin- dern auf der kleinen Anhöhe. Plötzlich hörte ich, wie jemand an die Pforte klopfte. Davor stand ein Mann mit einer Akten- tasche unter dem Arm. Er sah nach einem Beamten von der Elektrizitätsgesellschaft oder nach einem Kommissar einer Verwaltung aus. Ich eilte hin und machte auf. Er trat herein, 1 499 und hinter ihm kamen gleich noch einige, die ganz plötzlich auftauchten, als wären sie aus der Erde geschossen; offenbar hatten sie sich hinter Bäumen versteckt gehalten. Sie kamen in die Wohnung. Kontrolle. Geheimpolizei. Die Kinder befanden sich auf der Anhöhe, Adas, Eryk und Eda. Die Männer verlangten die Ausweise zu sehen, ich zeigte die Geburtsurkunden. ‚Wo wohnen sie?‘ ‚Auf dem Lande, sie sind für ein paar Tage hier.‘ Sie sahen bei den Jungen nach und lachten mir ins Gesicht. ‚Wo sind die Eltern?‘ fragten sie. Am Ende befahlen sie Eryk, Eda und Adas, sich anzuziehen, und marsch in die Ujazdowskie-Allee. Ich hielt den weinenden Adas auf den Knien, und zu beiden Seiten von mir hockten, blaß vor Entsetzen, Eryk und Eda. Der Trumeau spiegelte unsere Gruppe wider. Wie schmerz- erfüllt sahen wir aus! Vor uns standen fünf Agenten. Sie ängstigten uns mit Revolvern, schrien, drohten. Einer von ihnen gab einen Schreckschuß ab. ‚Wir töten euch sofort! Laß sie los, sonst töten wir auch dich!" drohten sie mir. Ich bat, flehte, sie möchten warten, vielleicht käme jemand von den Erwachsenen, ich hatte kaum einige Zloty bei mir. Ich hielt die Männer mit Unterhaltung auf, wie ich nur konnte, ich duldete es, als einer von ihnen geradezu schamlos zudringlich wurde, damit wir nur Zeit gewannen. Schließlich kamen kurz vor der Polizeistunde Mama und Stefan. Die Männer stürzten sich sofort auf Stefan wie auf ein Tier. Ha, wieder ein Jude! Diesmal irrten sie sich aber. Mama hatte auch kein Geld. Frau Jakubowiczowa konnte nicht mehr kommen, es war schon spät, sie mußte in der Stadt geblieben sein. Die Agenten waren böse, weil sie so viele Stunden mit Warten vergeudet hatten, sie waren unerbittlich. Schließlich bat Mama einen von ihnen, mit ihr zu Frau Jakubowiczowa 500 zufah Jich, A man I man z kamen Zum$ send 7 natürl dem w den K Verste Gerta Bleibe Abend Auto Landh, und Z dem B Umzin; Truhe Improy Auge] Für mı Mir sd Zakop emsig Dienst breitet Neißig, Das kl linkige Waren Nachri Genda v zu fahren. Wir kannten die Adresse. Es war zwar sehr gefähr- lich, Agenten zu zeigen, wo ein Jude wohnte, aber was sollte man machen, es gab keine andere Möglichkeit. Wie sollte man zulassen, daß die Kinder getötet wurden? In der Nacht kamen sie mit Mama an. Von neuem begann das Feilschen. Zum Schluß nahmen sie alle besseren Sachen und einige tau- send Zloty mit. Gerta, die bereits benachrichtigt ist, wird natürlich ihren Anteil für Eryk zurückgeben. Aber nach all dem weiß Frau Jakubowiczowa nicht mehr, wohin sie sich mit den Kindern begeben soll. Das schlimmste aber ist, daß das Versteck ihres Mannes nun eigentlich auch verraten ist. Gerta wird heute Eryk mitnehmen. Sie bereitet ihm eine Bleibe irgendwo bei Krakau vor.“ Abends stürzte Stefan herein, am ganzen Leibe zitternd. Ein Auto mit Gendarmen war zu der Familie R. im benachbarten Landhaus gekommen. Wir versteckten meine Schwiegermutter und Zosia im Schrank, Frau Jakubowiczowa mit Adas auf dem Boden und deckten sie mit Planen zu. Die Gendarmen umzingelten unseren Block. Jurek verbargen wir in einer Truhe und bedeckten ihn mit Papier und Büchern. Alle diese improvisierten Verstecke hatten viele Fehler, und ein geübtes Auge würde den Verborgenen ohne weiteres bemerkt haben. Für mich und Eda gab es kein mögliches Versteck. Ich warf mir schnell Inkas Bauernkleid über— ein Andenken aus Zakopane, band mir ein Tuch um den Kopf und machte mich emsig daran, Teller abzuwaschen. Vielleicht würden sie ein Dienstmädchen nicht beachten. Eda machte Schularbeiten, sie breitete ein Buch und ein Heft vor sich aus und schrieb fleißig, streckte dabei vor Anstrengung die Zunge heraus. Das kleine Mädchen zitterte, und die Buchstaben fielen sehr linkisch aus. Adas hatte Husten. Inka und Frau Rakowska waren auf der Terrasse, von wo sie alle Augenblicke mit Nachrichten zu uns hereinliefen. Sie berichteten, daß die Gendarmen alle Leute aus den Häusern herausgeschleppt 501 hätten. zuerst Frau R., dann die Tochter, drei junge Frauen und drei Männer. Die Wagen wären weggefahren, aber viel- leicht kämen sie noch zurück. Unsere Versteckten kamen aus ihren Schlupfwinkeln heraus. Meine Schwiegermutter bekam einen Herzanfall. Baldrian half nicht. Zum Sterben hatten wir immer noch Zeit, den Tod konnte man jederzeit haben, der Weg war frei. Es war besser, schlecht zu leben, aber zu leben, denn dann bestand doch immerhin noch die Hoffnung, dies alles zu überdauern. Wir waren jedoch nicht immer dieser Ansicht. Nach einigen Tagen erhielten wir die Nachricht: bei Frau R. hätten sich drei Juden verborgen gehalten. Man hatte allesamt mit dem Hauswirt, der Tochter, dem Hausmeister und einem Nachbarn aus einem nahe gelegenen Landhaus, der zufällig dortgewesen war, erschossen. Möbel und Hausrat, die vorher versiegelt worden seien, habe man am Tage nach der Erschießung der Eigentümer abtransportiert. Die Deutschen waren ein praktisches Volk, sie duldeten nicht, daß irgend etwas verdarb. Wir gingen nach Hause zurück. Elegante Pärchen spazierten in den Straßen, ringsum Lärm, Lachen, an den Ecken wurden Blumen verkauft. „Komm“, sagte Jurek und zog mich am Ärmel,„was soll dieses Herumstehen auf den Straßen!“ „Ja, du hast recht, es ist nicht ratsam, in den Straßen stehen- zubleiben; wenn wir schnell gehen, ist ein Gesicht schwerer zu beobachten, man vermischt sich mit der Menschenmenge. Ja, ja, aber trotz allem, trotz Ghetto und Tod, trotz Agenten und Gendarmen, trotz allem Nachspüren und Jagen, trotz aller Konzentrationslager ist es Frühling und gibt es Blu- men... Immer wartete ich sehnsuchtsvoll auf die Nacht. Dann legten wir uns schlafen. Ich war so müde, daß ich fast im selben Augenblick einschlief. Wirlagen nebeneinander. Wir konnten 502 ge Frauen aber viel. kamen aus ter bekam sen hatten eit haben, n, aber zu Hoffnung, ımer dieser : bei Frau Man hatte lausmeister dhaus, der d Hausrat, Tage nadı jeten nicht, uns all das zuflüstern, woran wir dachten und was am Tage von unberufenen Ohren belauscht werden konnte. „Ich möchte so bei dir einschlafen und nie wieder auf- wachen!“ Manchmal hatte ich Lust, eine Überdosis Luminal einzuneh- men, aber Jurek lehnte es ab. „Man muß überleben!!!“ „Aber es ist doch unmöglich, Jureczek.“ „Es ist möglich, Liebes, es kann immer noch schlechter wer- den!“ Ich weinte oft. Mama, Papa, eine ganze Menschenschar zog an meinen Augen vorüber. Verwandte, Bekannte, Freunde, die nun nicht mehr lebten. Wie war das geschehen? Vielleicht träumte ich. Ich schluchzte, in die Arme Jureks ge- schmiegt. „Emus, du hast doch mich.“ „Ohne dich hätte ich doch nicht eine Minute gelebt; du und ich, wir sind eins. Aber verstehe mich, ich mache immerzu ihre Qualen und ihre Angst durch. Gott, o Gott!“ Am nächsten Tag mußte ich von frühmorgens an freundlich lächeln,„ein ruhiges Gesicht zeigen“. Marysia, die Nach- barin Bielinska und die Leute, die in der Prothesenwerkstatt arbeiteten, brachten täglich irgendwelche politische oder„jü- dische“ Neuigkeiten. Da habe man ein unterirdisches Ver- steck entdeckt, da habe wieder in der Zlotastraße, einige Häuser von uns entfernt, ein von der Polizei im Haustor angehaltener Jude geschossen. Einen Polizisten habe er ge- tötet, die übrigen hätten sich auf ihn gestürzt. Trotzdem sei es ihm gelungen, ins Haus zu entwischen. Man habe das Haus geschlossen, ein Wagen mit Gendarmen sei gekommen, sie würden das Haus durchsuchen. Wenn sie ihn dort nicht fänden— denn es konnte ihm vielleicht gelungen sein, über die Dächer zu entkommen—, dann würden sie womöglich noch die ganze Straße blockieren. Ja, es war alles möglich, 503 wegen eines einzigen Juden lohnte es sich, eine ganze Straße zu durchsuchen, lohnte es sich, Dutzende von Gendarmen aufzubieten. Interessant war nur, daß das Leben eines Juden, das so niedrig im Preis, ja eigentlich wertlos war, wenn es um seine Ermordung ging, einen so großen Wert hatte, wenn es galt, ihn aufzuspüren. So eigenartig gestalteten sich die Dinge. Die Tage verstrichen. Marysia und ihr Geliebter, der hoch- betagte Feldmesser, erinnerten uns immer wieder an die Aus- zugsfrist. Marysia fiel es schwer, sich ohne Eßzimmer zu behelfen, außerdem hatten der Hausmeister und der Verwal- ter bereits zu wiederholten Malen erwähnt, daß wir nicht angemeldet seien. Eines Tages fuhren wir wieder nach Sadyba, an der Balkonbrüstung wehte das Handtuch, der Weg war also frei. Frau Jakubowiczowa war es glücklicherweise gelungen aus- zuziehen. Sie wohnte jetzt in der Nähe. Eryk hatte man in die Umgebung von Krakau geschickt. Die Mutter und Zosia lebten recht und schlecht. An diesem Tag waren Frau Rakowska und Inka guter Laune. „Gehen wir ans Wasser, wir werden uns einiges erzählen“, schlug ich vor. Aber beide hatten die Vorsicht außer acht gelassen und rie- fen:„Es wird schon niemand kommen, es hat sich sicherlich beruhigt!“ Wir saßen eine Stunde beisammen und plauderten. Am nächsten Tag, am Sonntag, wolle Jurek früh nach Gröjec fahren, vielleicht gäbe es dort irgendeine Arbeit. Ein Brief aus Krakau sei bis jetzt noch nicht eingetroffen, aber er könne jeden Tag kommen. Das schlimmste sei nur, daß wir von neuem unsere Wohnung verlören.... Schließlich verabschiedeten wir uns. Inka wollte uns zur Haltestelle begleiten. Einige Schritte hinter der Pforte blieb Jurek stehen. 504 anze Straße Gendarmen ines Juden, wenn es um te, wenn es n Sich die „Ich habe meinen Tabak liegenlassen.“ „Geh nicht zurück. Das ist ein böses Omen.“ Ob ein gutes oder ein böses Omen, ich bin nicht abergläu- bisch, aber es war schlimmer, wenn Jurek nichts zu rauchen hatte. Zwar würde vielleicht am Montag von Alina etwas Geld abfallen, die es nun für dieses Mal ganz feierlich ver- sprochen hatte, aber er hatte jetzt im Moment kein Geld für Tabak. Trotzdem gingen wir weiter. Um die Ecke bog ein deutsches Auto in unsere Straße. Ein SS-Mann sprang heraus und fragte uns, wo hier die Okrezna- straße 55 sei(die Adresse von Frau Rakowska). Jurek blickte sich aufmerksam nach den Hausnummern um. Wie ruhig er dabei war! Am Ende zuckte er die Achseln. „Die Okreznastraße ist hier, aber welches Haus es ist, habe ich keine Ahnung; ich bin nicht von hier.“ Wir gingen weg, ich eilte. „Lauf nicht“, flüsterte Jurek,„nur Ruhe.“ Inka war leichenblaß. Der Wagen fuhr weiter. An der Straßenbahnhaltestelle blieben wir stehen. „Ich gehe zu Mama zurück. Sie werden uns nichts tun, sie treffen ja niemanden an.“ „Inka, wenn du jetzt hingehst, werden sie nach uns fragen.“ „Vielleicht erkennen sie mich nicht, außerdem werde ich sagen, daß ich euch nicht kenne, daß ihr mich nach dem Weg gefragt habt. Es geht nicht anders, ich kann Mama nicht allein lassen.“ Sie eilte nach Hause, und wir stiegen in die Straßenbahn ein. Erst zu Hause fielen wir uns in die Arme. ‚„Jurek, was war das?“ »Wenn ich zurückgegangen wäre, um den Tabak zu holen, würden wir nicht mehr leben.“ „Hör mal, aber was wird mit Frau Rakowska und Inka? Ich habe Angst, daß Inka sich verplappert hat. Wenn sie sie er- kannt haben, ist es schlimm.“ 505 Am folgenden Tag wollte Jurek nach Gröjec fahren. Wir sprachen bei Fiuk vor, der ihn begleiten sollte. Sie nahmen den jüngsten Sohn mit, der zu mir Tante und zu Jurek Onkel sagte und der im Hinblick auf sein Ariertum und die typische Aussprache eines Gassenjungen aus Powisle ein großartiges Alibi auf der Bahn war. Ich blieb bei Fiuks, und Jurek fuhr weg. Ich saß mit Frau Fiuk in der Küche und erzählte von den Eltern und den Onkeln. Ich wollte gerade aufbrechen, als unverhofft Jurek mit einem Herrn in dunkler Brille herein- kam. „Bist du nicht gefahren?“ fragte ich erstaunt. Jurek war blaß, seine Lippen zitterten. „Ich habe einen Kollegen getroffen.“ Seine Stimme klang fremd. „Gestatte einen Augenblick.“ Wir gingen ins Zimmer. Der junge Mann mit Brille und im grauen Anzug von un- tadeliger Frische war ein Agent. In dem Augenblick, als Jurek durch die Sperre gegangen war und seine Fahrkarte vorge- zeigt hatte, war der Agent an ihn herangetreten und hatte ihn um seinen Ausweis gebeten. Fiuk und der Kleine, die vor Jurek durch die Sperre gegangen waren, hatten anscheinend nicht bemerkt, daß er ihnen nicht folgte. Der Agent hatte ihn in die Ujazdowskie-Allee geführt. Die Uhr und den Füllfederhalter, die Jurek ihm angeboten, hatte er nicht einmal angesehen. Erst unmittelbar vor dem Tor der Be- hörde hatte er sich von Jureks inständigen Bitten erweichen lassen und war auf ein Geschäft eingegangen. Jurek hatte aber kein Geld bei sich gehabt; da er gewußt hatte, daß ich bei Fiuks war, kam er mit ihm dorthin. Nun begann das Feilschen. Wir saßen am Tisch. Ein Fremder hätte gedacht, daß er ein guter Bekannter von uns sei, daß drei junge Leute am Sonn- tag ein angeregtes Gespräch führten. Nur daß vor dem einen 506 ein Rev zeiflui baren V sollen s „Aber\ „Was g Ich bat zucte, „Ich ha wäre es dich qui „Durec Feilsche Am En die ich silberne eraus]ı zahn, d aber Ju sem Au er ihm( Krieg di jetzt hi ahren, Wir Sie nahmen urek Onkel ein Revolver lag, nur daß die Augen der zwei anderen Ver- zweiflung ausdrückten, nur daß sich fortwährend die sonder- baren Worte wiederholten: Wenn ihr nicht soviel gebt, dann sollen sie euch erschießen. „Aber woher sollen wir es nehmen?“ „Was geht es mich an?“ Ich bat, erklärte. Jurek saß still. Jeder Muskel an ihm zuckte. „Ich habe es falsch gemacht, daß ich hergekommen bin. So wäre es ein für allemal zu Ende gewesen; wozu auch noch dich quälen.“ „Du redest Unsinn.“ Feilschen, Feilschen um unser Leben. Eine Stunde, zwei, drei. Am Ende gab ich ihm zehn Dollar, meine rote Korallenkette, die ich von Zosia als Glücksbringer bekommen hatte, und das silberne Zigarettenetui, das Geschenk von Ala. Dann nahm er aus Jureks Portemonnaie meinen ersten oder letzten Milch- zahn, den Mama sich zum Andenken aufgehoben, den ihr aber Jurek vor längerer Zeit abgeschwindelt hatte. Von die- sem Augenblick an trug er ihn bei sich und behauptete, daß er ihm Glück bringe. Mein häßlicher Zahn hatte mit ihm den Krieg durchgemacht, die Gefangenschaft und das Ghetto, und jetzt hielt ihn der Agent in der Hand, betrachtete ihn und steckte ihn in die Tasche. »Was haben Sie davon?“ fragte Jurek.„Das ist doch ein Kinderzahn.“ „Wozu haben Sie ihn denn bei sich getragen?“ „Es ist ein Andenken, es ist der Zahn eines lieben Men- schen.“ Der Agent lächelte listig. „50, sql!“ Er wollte damit sagen: ich weiß, daß ihr Juden euch nicht mit Gefühlsduseleien abgebt, daran glaube ich nicht. Viel- leicht steckt darin ein Brillant oder Gold. Wer weiß? 507 Ich stieß Jurek mit dem Fuß an, mochte er ihn doch nehmen. Als die Angelegenheit erledigt war und der andere bereits weggehen wollte, fragte Jurek ihn, wie es gekommen, daß er auf ihn aufmerksam geworden sei. „Verrät denn mein Gesicht tatsächlich meine semitische Ab- stammung?“ „Nein, im Gegenteil, ich habe sogar einen Augenblick ge- schwankt, ob ich Sie anhalten sollte; aber die Personalbe- schreibung hat gestimmt.“ „Dann hat man Sie mir auf den Hals geschickt?“ „Jar „Und wer?“ „Das sage ich nicht. Ich kann Ihnen nur versichern, daß das Geld nicht für mich allein ist.“ Endlich waren wir unseren Gast und zehn Dollar los und atmeten erleichtert auf. „Ich hätte ihn nicht herbringen dürfen.“ „Wenn du solchen Unsinn redest, verhaue ich dich. Du weißt doch, ich habe es dir schon hunderttausendmal gesagt, daß ich ohne dich keine Minute länger leben werde.“ „Leben ist Leben“, sagte Jurek. „Wie könntest du es über dich bringen, mich in so einer grau- samen Welt zurückzulassen; jetzt mußt du mir doch alle er- setzen.“ Und da ich ihn trösten wollte, sagte ich: „Jurus, gräme dich nicht; dir tut dieser Zahn leid. Du hast meine 32 gesunden und großen, was hast du schon von dem da? Und ein Andenken von mir? Du hast mich doch immer in Lebensgröße bei dir, wozu brauchst du da ein An- denken?“ Jurek lächelte traurig und preßte mich fest an sich. Wir überlegten, wer uns den Agenten auf den Hals geschickt haben mochte:„Vielleicht hat sich Inka vor einem Deutschen verplappert, denn sie wußte, daß du früh nach Gröjec fahren wolltest. Ach nein, Inka hätte es nicht gesagt. Vielleicht hat 508 dich jer Schlang Frau F ruhiger Wir fu „Ichla: Als He lassen. „Wie g Was w Wir er Ansteh Zigarei „Ich bi Hände etui be War niı War es Gröjec „Ad, ie gla für Na Wende! auf Q kämpft Zwei] Herr u sehr]i Umher ben Vi Mieter derGr. Sie ha Obstg, h nehmen. dich jemand von deinen früheren Bekannten erkannt, als du Schlange standest?“ Frau Fiukowa war so verängstigt, daß wir auch noch sie be- ruhigen mußten. Am folgenden Tag fuhren wir nach Gröjec. Wir fuhren zusammen. „Ich lasse dich nicht allein fahren.“ Als Herr Fiuk uns erblickte, konnte er sich vor Freude nicht lassen. „Wie gut, daß du kommst, ich habe mich so um dich gesorgt. Was war geschehen?“ Wir erzählten ihm ein in der Eile erfundenes Märchen. Beim Anstehen in der Schlange habe ein Taschendieb Jurek das Zigarettenetui gestohlen. „Ich bin ihm nachgelaufen, aber als ich ihn erwischte und den Händen der Polizei übergeben hatte, wurde das Zigaretten- etui bei ihm nicht gefunden. Ich hatte mich offenbar geirrt, es war nicht der gewesen, der mich bestohlen hatte. Inzwischen war es schon so spät geworden, daß ich auf die Fahrt nach Gröjec verzichten mußte.“ „Ach, schade um das Zigarettenetui!“ Sie glaubten an das Märchen; es war ein richtiges Märchen für Naive über die blaue Polizei, an die sich ein Geschädigter wendet und deren Aufgabe es ist, Übeltäter zu suchen und auf Ordnung zu achten, gegen Raub und Diebstahl zu kämpfen. Fiuk fuhr am selben Tage ab; wir blieben noch zwei Tage dort. Herr und Frau O. hielten uns bei sich zurück, beide waren sehr liebenswürdig. Herr©. fuhr mit Jurek in der Gegend umher und suchte für ihn Arbeit. Sie wohnten in einem gro- ßen vierzimmrigen Holzhaus. Zwei Zimmer hatten sie ver- mietet. In den anderen wohnten sie selbst mit den Kindern, der Großmutter und der Dienstmagd, einem jungen Mädchen. Sie hatten nicht viel Ackerland, aber dafür einen schönen Obstgarten, der kein schlechtes Stück Geld abwarf; außerdem 509 hatte Herr©. als ehemaliger Bauunternehmer sicherlich auch noch alte Ersparnisse. Beide waren nett und herzlich. Ich blieb mit Frau©. und den Kindern zu Hause. Frau©. erwartete den vierten Nachkommen und klagte über die viele Arbeit. „Wie schwer ist doch das Leben, wenn man so viele Kinder hat! Man ist festgebunden, kann sich weder schön anziehen noch sich irgendwo ein bißchen amüsieren...“ Sie seufzte. Ich sah die noch junge Frau an und hätte ausrufen mögen: Wie kannst du dich beklagen! Hast Haus, Kinder, hast einen Mann, brauchst nicht zu zittern und zu bangen, daß du ihn jeden Augenblick verlieren kannst, daß sie ihn dir nehmen können. Deine Eltern wohnen in der Nähe, eben haben sie dir im Körbchen eine Flasche Himbeersaft geschickt, weil du hustest und Himbeersaft eine gute Medizin gegen Erkältung ist. Die Flasche ist von besorgten Händen eingewickelt. Auch für mich haben einst besorgte Hände Pakete und Päckchen gemacht, aber jetzt... wo sind die Meinigen? Du faselst und beklagst dich. Du hast dein Haus und weißt, daß dein Er- worbenes, dein Hab und Gut dein ist und bleiben wird, daß es dir niemand wegnimmt und du es für dich und deine Kinder behalten wirst, die sich an dich schmiegen und dich küssen. Warum kannst du Kinder haben und ich darf es nicht? Wodurch hast du es dir verdient, und wodurch habe ich es verschuldet? Nach zwei Tagen fuhren wir wieder nach Warschau zurück. An vielen Stellen hatten sie Verbindungen angeknüpft und die Arbeit besprochen. Eine Stellung würde sicher gegen Ende des Monats frei. In einem großen Obstgarten mußte man die Ernte vorbereiten und sich um die Durchführung bekümmern. Es war zwar nur eine Saisonarbeit für einige Monate, aber bis dahin konnte der Krieg zu Ende sein, und wenn er noch länger dauern sollte, würden wir uns hier einnisten, die Gegend kennenlernen, und dann konnte wieder eine Stelle frei werden. 510 Wir ful würde nicht, a das ers nicht, I ten, wü Von ne maßen: der ger mußten würden hätten, Unsere sache,( Keiten, einzige Konnter Wir bes Mantel Winter: vor alle Geldh; äine W. ingek den Wir Jah W Shwieg Ang al Fürde 1 Yirklich Meine\ Neem Rakoys Nieder herlich audı ch. Ich blieb ). erwartete le Arbeit. riele Kinder Sn anziehen Sie seufzte, daß du ihn dir nehmen t, weil du n Erkältung kelt. Audı nd Päckchen faselst und dein Er- -n wird, dab ı und dein: en und dic| ich darf a| odurch habe hau zurück. j eknüpft un! egen Ende hokümmert (onate, abe! L renn er DO® nnisten, die j I R . eine Stel! Wir fuhren sehr zufrieden ab. Das Gehalt für diese Stellung würde zwar sehr klein sein, und eine Wohnung für uns gab es nicht, aber das war alles nicht wichtig. Ruhe, Kartoffeln und das erste beste Dach über dem Kopf— mehr brauchten wir nicht. In Warschau, wo wir uns nicht mehr länger zeigen konn- ten, würden wir noch etwa einen Monat ausharren müssen. Von neuem begann die Qual. Marysia und ihr Geometer maßen uns immer mehr mit Blicken, die einen Menschen mit der geringsten Beobachtungsgabe als abgeneigt erscheinen mußten, ständig erkundigten sie sich, wann wir wegfahren würden, schließlich erklärten sie rundweg, daß sie Angst hätten, uns ohne Anmeldung länger zu behalten. Dazu kamen unsere geheimnisvollen täglichen Wanderungen, die Tat- sache, daß wir nicht arbeiteten, und Hunderte von Kleinig- keiten, die beim Zusammenleben mit Menschen in einer einzigen Wohnung als seltsam und verdächtig erscheinen konnten. Ja, wir mußten hier ausziehen, aber wohin? Wir besaßen fast gar kein Geld mehr. Fiuk bot sich an, Jureks Mantel zu verkaufen. Ich verkaufte der Marysia meinen Wintermantel. Wir warteten jetzt auf das Geld. Wir planten vor allem, uns satt zu essen, darüber hinaus, da wir dann Geld hätten, und sei es auf Grund eines Zeitungsinserats, eine Wohnung für zwei bis drei Wochen zu mieten, denn so lange konnte man das Anmelden verzögern— und dann wür- den wir aufs Land fahren. Obwohl wir ohne Geld und ohne Dach waren, erschien uns unsere Lage besser als die der Schwiegermutter und Zosias. Wir hatten wenigstens die Hoff- nung auf die versprochene Arbeit im Obstgarten, vielleicht würde man uns auch aus Krakau antworten. Sollte es uns wirklich glücken, in dieses Paradies zu fahren? Meine Schwiegermutter und Zosia, die ihre Wohnung von neuem verloren hatten, kehrten wieder zu der Familie Rakowski zurück. Ins„Jüdische Hotel“, wie wir es nannten. Wieder begann das Suchen einer neuen Unterkunft. Frau Rakowska machte ein kleines separates Zimmerchen ausfindig. Es sah aus, als sei es ein großartiger Zufluchtsort. Man mußte es nur von vornherein gleich für mehrere Monate festmachen, weiter nichts. Nach zwei Tagen kam eine feine Dame— die Nachbarin— zu Besuch. Sie saß einige geschlagene Stunden herum und ging dann zusammen mit noch einer Frau, quasi als Ab- gesandte, zum Hauswirt, erzählte ihm, daß die beiden Damen Jüdinnen seien, und sagte:„Wenn sie nicht sofort verschwin- den, lassen wir es das Polizeirevier wissen, denn es ist gefähr- lich, mit Juden zusammen zu leben.“ Der Hauswirt, dem die Mieterinnen von Frau Rakowska emp- fohlen worden waren, die auch alle Verhandlungen mit ihm erledigt hatte, stellte an sie Entschädigungsansprüche. Frau Rakowska beruhigte ihn, so gut sie konnte. Am Ende kehrten Zosia und die Schwiegermutter wieder zu den Rakowskis nach Sadyba zurück, aber was sollte nun weiter geschehen? In Sadyba befand sich am Wall eine Aufschüttung, und darin existierte so etwas wie ein kleines Fort, das in der Erde eine Art Keller enthielt. Dort wohnte Herr Palka mit seiner Erau und ihrem kleinen Palka. Herr Palka sah wie ein rich- tiger Bandit aus. In meiner Kindheit besaß ich das Buch„Ali Baba und die vierzig Räuber“. Herr Palka erinnerte ganz und gar an den Räuberhauptmann, und seine Frau sah aus, als trüge sie auf ihrem Leibe die Lumpen und den Schmutz der ganzen Welt. Man hatte einen Haufen schmutziger Lumpen vor sich, aus denen der noch schmutzigere Kopf der Frau und ihre großen schwarzen Hände herausragten. Was den kleinen Palka betraf, so konnte man nur sagen, daß er den Eindruck eines Halbidioten machte, was sich bei näherem Kennenlernen völlig bestätigte. Palkas Höhle, die ewig finster war und nach Moder roch, sollte der ideale Zufluchtsort zweier verfolgter Frauen sein. 512 Horr Pal var er] ) Scharfsin arbeitsur er heimli | mußtem bürgen, in pleno, Meine$ ) hinübere Miete za mutter ur zugehen hnen da: Zunächst ingic: die Gesic Yaren bl Sie freu König Slichd Nachts I Shreckli immerchen Herr Palka hatte keinen bestimmten Beruf; in jungen Jahren Juctsot,| war er Dieb gewesen. Jetzt, da er alt geworden, Flinkheit, ere Monae| Scharfsinn und Beobachtungsgabe eingebüßt hatte, war er arbeitsunfähig. Er litt Hunger und Not. Dann und wann fing er heimlich eine Katze oder einen Hund mit wolligem Haar, zog ihm dasFell ab und verfertigte daraus warme Hausschuhe, die dann seine Frau verkaufte. Was er mit dem Fleisch machte, wußte man nicht, aber wer Herrn Palka kannte, konnte dafür bürgen, daß er es nicht verderben ließ. Das war die Familie in pleno. Meine Schwiegermutter und Zosia hatten ein Feldbett hinübergeschleppt. Sie mußten Palka monatlich 500 Zloty Miete zahlen. Man war übereingekommen, daß die Schwieger- mutter und Zosia aus ihrer unterirdischen Höhle nicht heraus- zugehen brauchten und daß Frau Rakowska oder Herr Palka ihnen das Essen bringen würden. Ich besuchte sie eines Tages. Zunächst sah ich nichts, weil es dort ganz finster war, dann fing ich allmählich an, die Gegenstände und schließlich auch die Gesichter zu unterscheiden— sie sahen furchtbar aus. Sie waren blaß und krank. Sie freuten sich über meinen Besuch. Leider durfte man sie nicht häufig besuchen, denn wenn viele Personen zu Palka kämen, würde es auffallen und Verdacht erwecken. Sie hatten bei Palka ein sehr schweres Leben. Am Tage wurden sie von den Wirtsleuten belästigt. Frau Palkowa fühlte sich durch alles gestört. Herr Palka wunderte sich darüber, daß es möglich sei, Juden zu beherbergen— wie er zum Beispiel— und dabei weiter ein kümmerliches Leben zu fristen. ‚7„Ich müßte lauter Wurst und Schinken essen und wie ein König wohnen, denn wenn ich das nicht haben kann, wozu soll ich dann, zum Henker, bei mir Juden beherbergen?“ - Nachts wurden sie von allerlei Ungeziefer geplagt. Infolge schrecklicher Stickluft hatten sie immerzu Kopfschmerzen; € 33 F 18/58 513 aber sie würden schon alles hinnehmen, wenn sie nur ja hier- bleiben könnten und hier sicher aufgehoben wären. Ich ging hinaus. Vor dem Palast bemerkte ich den zwölf- jährigen Palka. Er saß auf den Stufen, hielt ein Buch auf den Knien und buchstabierte:„Ma-ma geht, Pa-pa fährt, A-la trägt.“ Mir schoß ein teuflischer Gedanke durch den Kopf: Warum lebt dieser Idiot? Warum? Da man so viele andere Kinder ermordet hat, da man meine achtjährige Joasia, die so wun- derschön vortragen konnte, im Krematorium verbrannt hat? Er ist jadaran nicht schuld, erklärte ich mir selbst und antwor- tete mir auch gleich darauf: ich weiß, aber ich bin wahrschein- lich verrückt, und ein anormaler Mensch ist für sich nicht verantwortlich. Vor dem Ersten kündigte Palka kurz entschlossen die Woh- nung. Er ging darin umher wie ein regierender Fürst. „Ich gönne mir nichts, ich kann niemanden zu mir ein- laden.“ Brrr, für die Palkas war es schrecklich, ohne Zusammenkünfte, ohne Feste zu sein. „Ich kann es nicht. Entweder machen Sie es, bitte, so, daß ich alles habe, was ich möchte, oder Sie ziehen aus.“ Natürlich waren weder die Schwiegermutter noch Zosia Gold- fische aus einem Märchen. „Schnürt euer Bündel und fertig!“ Frau Patkowa seufzte unter einem Bündel Lumpen. Das Weib hatte bestimmt gedacht, wenn sie einige Groschen zulegten, würde alles gut sein, aber wenn sie auszögen, wäre es um die 500 Zloty schade. Herr Palka räusperte sich nach seiner Gewohnheit durch die Nase, was viel bedeuten konnte, aber bestimmt nichts bedeutete. Die beiden Frauen hatten nicht einmal diese 500 Zloty, geschweige denn so unheimliche Summen, daß Herr Palka seine Würste und Schinken bekäme. 514 „Fiutkowski— Fiutkowski, nur er kann uns retten“, sagten sie,„Ema, fahre zu ihm.“ Sie schrieben flehentliche Briefe, mit denen ich hinfuhr, die aber meistens ohne Erfolg blieben. Eines Tages beschloß Zosia, ihn selbst aufzusuchen:„Die Briefe haben nichts geholfen, vielleicht werde ich persönlich durch Bitten etwas erreichen.“ Sie sollte wie üblich in Begleitung Inkas fahren, aber der Adjutant Inka konnte sich dazu irgendwie nicht aufraffen. Sie schlief gewöhnlich bis zwölf, ein Uhr, dann trödelte sie herum, und ehe sie sich zurechtgemacht hatte, war es zu spät, und Fiutkowski machte sein Büro zu. Zosia beschloß also, allein hinzufahren. Unterwegs bemerkte sie, daß eine Frau sie scharf beobachtete. Sie stieg aus der Straßenbahn, die Frau folgte ihr. Sie bestieg eine andere Straßenbahn, wieder dasselbe. Zosia stellte sich auf das Trittbrett, und in einem gegebenen Augenblick sprang sie in einer menschenleeren Straße bei voller Fahrt ab; sie fiel zwar hin, aber dafür hatte sie ihre Verfolgerin abgeschüttelt. Sie ging nicht mehr zu Fiutkowski, sondern kehrte nach Hause zurück; sie fühlte sich elend, nachts bekam sie einen Blutsturz. Am nächsten Tage wurde Frau Rakowska benachrichtigt. Zosia mußte sich innere Verletzungen zugezogen haben, denn die Blutung hielt ununterbrochen an, und die Schmerzen waren so groß, daß die Ärmste sich geradezu in die Hände biß. Einen Arzt zu rufen, war gefährlich, weil man nicht wissen konnte, an wen man geriet, und jeder hätte gemerkt, daß da etwas nicht in Ordnung sei, weil Zosia nicht zu Palkas Haus paßte. Schließlich erinnerte sich Frau Rakowska an einen vertrauens- würdigen Arzt, einen Kollegen ihres verstorbenen Mannes, aber dagegen erhob wieder der Hauswirt Einspruch. „Nein und nein. Ich will hier keine Ärzte haben, wozu auch, zum Henker. Sie ist krank, weil sie eben krank ist. Sterben 33 F* 515 muß doch jeder, die Ärzte helfen einem sowieso nicht“, gab er seine Meinung von sich,„denn die Frau sieht nach Sterben und nicht nach Leben aus. Ich kenne mich darin schon aus“, fügte er hinzu. Offenbar hatte er sich beim Abdecken von Katzen und Hun- den etwas Anatomie und Kenntnis des menschlichen Orga- nismus erworben. Selbst die Möglichkeit eines Todesfalles und der damit verbundenen Unannehmlichkeiten erschreck- ten Herrn Palka nicht. „Ich habe vor Leichen keine Angst. Ich weiß, was in solchem Fall zu tun ist. Ich lasse hier keine Ärzte rein.“ Arbeit in der Fabrik Soll ich hineingehen— soll ich nicht hineingehen? Ich ging hinein und befand mich in einem großen dunklen Flur. An einer der zahlreichen Türen war ein Schild: Büro. Ich trat an die Angestellte heran. „Ich möchte arbeiten.“ „Was können Sie?“ „Ich kann auf der Maschine nähen.“ „Geben Sie mir, bitte, Ihre Personalien.“ Ich zog meine Kennkarte heraus und gab eine erfundene Adresse an. Man führte mich in einen großen Saal, in dem einige hundert Arbeiterinnen auf elektrischen Maschinen nähten. Der Motor surrte, die Maschinen schnurrten. Man setzte mith an eine der Maschinen. Ich sollte zur Probe aus einem bereits zugeschnittenen Stoff eine Kittelschürze nähen. Ich bediente die Maschine mit ungeübten Händen. Ich müßte sie schnell und gut nähen, dann könnte ich hier arbeiten, eine Bescheinigung und eine zusätzliche Lebensmittelkarte bekommen. Die Bescheinigung einer solchen Fabrik würde mich vor Straßenrazzien sichern, 516 und i Wie: tatım ihn w schon mit de Bläı Deka; Ih h schme stück sogar zukäm Am er noch l mich d Neun 7 das G« zum H Kartof Bett,] 3 3 REEL- und überhaupt war in unserer Lage jeder Ausweis begehrt. Wie zum Trotz riß mir das Garn immer wieder. Der Kopf tat mir weh. Den Kragen hatte ich schief angenäht, ich mußte ihn wieder abtrennen. Meine Nachbarin rechts von mir hatte schon zwei Schürzen fertig, und ich konnte noch nicht einmal mit der ersten zu Rande kommen. Es läutete zum Mittagessen. Wir bekamen Suppe und acht Dekagramm Brot. Das Brot hob ich verstohlen für später auf. Ich hörte, wie die Arbeiterinnen mäkelten, die Suppe schmeckte ihnen nicht, sie packten ihr mitgebrachtes Früh- stück aus. Hier wurde Akkord gearbeitet und 3 Zloty pro Schürze gezahlt; man konnte durchschnittlich zehn Schürzen täglich nähen, was 30 Zloty ausmachte. Das wäre für mich eine unerhörte Summe. Wenn wir, Jurek und ich, täglich 50 Zloty hätten, so könnten wir Brot und Kartoffeln haben und die Wohnung bei unserer Kosinska halten. Es würde sogar noch für Seife reichen. Und wenn von Alina etwas hin- zukäme, würde ich Zucker und Fett kaufen. Am ersten Tage nähte ich nur drei Kittelschürzen, und das noch nicht einmal besonders gut. Die Aufseherin tröstete mich damit, daß es am Anfang immer schwer gehe. Ja, aber neun Zloty, wie sollte man da auskommen? Ich kaufte für das Geld einen Straßenbahnfahrschein und ein wenig Holz zum Heizen. Zu Hause machte ich schnell Feuer und schälte Kartoffeln. Jurek kam und warf sich völlig erschöpft aufs Bett. Ich machte ihm keine Vorwürfe, daß er sich schmutzig und im Anzug hinlegte. Mein armer Junge lag mit geschlosse- nen Augen und war einem Toten ähnlicher als einem Leben- den. Sein Gesicht war wächsern, die Züge waren länger ge- worden, seine Lippen vom Fieber verbrannt. Ich streichelte mit der Hand seine feuchte Stirn.„Es tut weh“, stöhnte er, verzerrte das Gesicht und hob die Hände. Sie waren von der Glut des Eisens und des Feuers von Tag zu Tag immer mehr angeschwollen, die Haut schälte sich. Es 517 bildeten sich Risse, die nicht zuheilten, sondern zu eiternden Wunden wurden. Ich stand hilflos da. Er müßte sich aus- kurieren, aber auf welche Weise, da er seine Arbeit aus drei Gründen nicht verlassen durfte. Ein arbeitsloser, zu Hause sitzender Mensch lenkte die Aufmerksamkeit auf sich; auf der Arbeitsstelle könnte man über seine Abwesenheit unzu- frieden sein, und wir mußten seine Groschen fürs Brot haben. Es kam mir vor, als wären wir in einer Tretmühle, aus der wir nicht herauszukommen vermochten. Das Schicksal hatte uns in die Rolle der ärmsten Arbeiter, fast Elender hinab- gestoßen, die Hunger litten und dazu noch gejagt und ver- folgt wurden, den Tod erwarteten. Manchmal dachte ich darüber nach, wie man das Leben ändern, wie man unser schweres, uns zu Tode marterndes Joch abwerfen und jemand anderes sein, eine andere Rolle spielen könnte. Aber am anderen Morgen ging ich wieder in die Fabrik und nähte wieder, um dann im Kontor wenigstens einige armselige und mir doch so wertvolle Groschen entgegennehmen zu können. Von der Straßenbahnhaltestelle lief ich gewöhnlich nach Hause, um Jurek möglichst schnell etwas zu essen zu machen. „Ermüdet dich deine Arbeit?“ fragte er. „Nein“, antwortete ich,„sie ist ziemlich gut.“ Nun, sollte ich mich vor ihm darüber beklagen, daß ich Schmerzen im Kreuz hatte, meine Arme kraftlos wurden, daß mir das Blut in den Kopf stieg? Konnten denn alle diese Unpäßlichkeiten mit seiner Qual verglichen werden? Meine Arbeit war wenigstens sauber. Eines Tages wartete ich ziemlich lange auf die Straßenbahn; es nieselte, ich war unruhig. Endlich kam die ersehnte 17. Ich drängte mich in den be- schmutzten Wagen hinein und spürte plötzlich, wie mich jemand unter den Arm faßte. Ich schaute mich um. Es war ein junger Mann, der wie ein Apache aussah. Die Mütze schief aufs Ohr gesetzt, zerknitterter Anzug. Ich riß mich 518 | | | | Ios und sahen u Ic hatt Dollar; Würde sollte id ihm ein fel also Zuletzt Mochte. helfen,< Straße t der Han Na, w gehen?“ ‚Was so ‚Spielen Er nannt h, esh: In mir Ic hab Ih wer Mir gin Machte Nriegsja An: los und drängte mich in den Wagen hinein. Einige Personen sahen uns aufmerksam an. Das Blut stieg mir in den Kopf. Ich hatte kein Geld bei mir. Sollte ich ihm die letzten zehn Dollar geben, die eigentlich für Jurek vorgesehen waren? Würde man uns so ohne Ende erpressen? Aber vielleicht sollte ich mich zu erkennen geben, dachte ich. Oder sollte ich ihm einreden, daß er sich getäuscht habe? Mein Aussehen fiel also dennoch auf, sie erkannten mich. Zuletzt entschloß ich mich, aus der Straßenbahn auszusteigen. Mochte nun kommen was wollte. Ich konnte mir nicht anders helfen, der Erpresser würde ja nicht von mir weichen. Auf der Straße trat er auf mich zu und faßte mich ohne Umstände bei der Hand. „Na, willst du es erledigen, oder sollen wir zur Polizei gehen?“ „Was soll ich erledigen?“ Ich versuchte nicht zu verstehen. „Spielen wir nicht Blindekuh. Ich weiß, wer du bist.“ Er nannte mirmeinen Vornamen undmeine Vorkriegsadresse. Ja, es hatte keinen Sinn, entwischen zu wollen, man hatte ihn mir auf den Hals geschickt, ich war hereingefallen. ‚Ich habe kein Geld“, sagte ich. „Ich werde dich durchsuchen.“ Wir gingen in das Tor eines halbeingestürzten Hauses. Er machte meine Schweinsledertasche auf, die ich im ersten Kriegsjahr zum Jahrestag meiner Hochzeit von meinen Schwiegereltern bekommen hatte. Aber es war nichts Wert- volles darin. Im Portemonnaie befanden sich nur einige Zioty. »Wovon hast du so zerstochene Finger?“ fragte er. ‚Vom Nähen, ich habe doch gesagt, daß ich kein Geld habe und arbeiten muß.“ »Wer kennt schon eure jüdischen Schliche. Die Tasche ist auch einige Zloty wert“, sagte er und nahm sie mir weg, dann zog er mir den Ring vom Finger. Ich brach in Tränen aus. Jurek hatte seinen verkauft, jetzt ging auch meiner dahin. „Warte hier“, sagte der Apache,„rühre dich ja nicht vom Fleck, sonst setzt es was!“ Er ließ mich im Treppenhaus zurück und lief hinaus. Ich schluchzte vor Verzweiflung; ich wußte nicht, ob ich bleiben oder weggehen sollte. Ich wußte nicht, warum ich mich nicht beruhigen und einen Gedanken fassen konnte. Sicher holte er die Polizei. Nach einigen Minuten kam er zurück. „Da“, sagte er und gab mir den Ring wieder.„Ich bin gar nicht mal der Schlechteste; überhaupt tust du mir leid. Weißt du was, sag mir, wo reiche Juden wohnen. Ich habe zwei Bekannte, prima SS-Männer, und noch zwei geheime Heinis aus der Jerozolimskie-Allee, wir werden Geld wie Heu haben.“ Ich sah ihn entsetzt an. „Ich kenne niemanden.“ „Ei, ei, Kleine, überlege nur ein bißchen. Es gibt doch solche, die auf Dollars und Gold sitzen, und du quälst dich her- um; wir nehmen doch nur das Geld und lassen die Leute sein.“ Ach, wenn ich ihm doch eins in die gemeine Fresse hauen könnte! Ich preßte den Mund zusammen. „Ich kenne niemanden.“ „Um so schlimmer für dich“,„beruhigte“ er mich, und seine Stimme nahm einen gänzlich anderen Ton an. Ich schwieg. „Na, gehen wir.“ Wieder faßte er mich unter den Arm. Ich ging mit gesenktem Kopf. „Hör mal, ich habe dich in der Hand; ich lasse dich jetz! laufen. Heute ist Mittwoch. Am Sonntag, sagen wir, um fünf Uhr nachmittag wirst du an der Ecke Marszalkowskastraße und Ziotastraße sein. Du bringst mir die Adressen, von denen 520 Kault, jetzt a nicht vom ich dir gesagt habe. Wenn du nicht kommst, na, dann ist Schluß mit dir, verstanden?“ Mir schien, daß man seinen Worten glauben konnte. Er drehte sich auf dem Absatz um und ging weg. Jetzt erst be- merkte ich, daß er meine Tasche nicht mehr bei sich hatte; er mußte sie also jemandem gegeben haben, als er mich im Treppenhaus stehengelassen hatte. Als ich nach Hause ging, war es schon spät. Jurek wird sich meinetwegen beunruhigen, dachte ich. Aber Jurek war nicht zu Hause. Halb wahnsinnig vor Entsetzen lief ich in die Fabrik. Er war dort schon vor langer Zeit weggegangen. Ich lief wieder zurück, biß mir vor Verzweiflung in die Finger. Also war jetzt schon das Ende. Was war mit Jurek geschehen? Vor dem Haus stand die Schildkröte Kosinska. „Ihr Mann ist nach Hause gekommen“, rief sie,„und Sielaufen umher und kochen kein Mittag; ach, diese jungen Frauen!“ Glücklich küßte ich ihre Wangen und sprang, immer drei Stufen nehmend, hinauf. Ich stürzte ins Zimmer und fiel Jurek um den Hals. „Verrückte, beherrsche dich“, bat mein Mann. „Warum bist du so spät gekommen?“ „Bei einem Kollegen war eine Versammlung der Selbsthilfe. Man hat mich zum Vorstandsmitglied gewählt. Das war alles, Kind. Das dauert eben seine Zeit. Du darfst dich aber nicht so gehenlassen. Es war schlecht, daß du in die Fabrik gegan- gen bist. Frau Kosiniska hat deine Unruhe bemerkt. Das alles kann Verdacht erwecken. Die Fabrik ist so nahe, daß mir unterwegs nichts passieren kann.“ Ich erzählte ihm von meinem Erlebnis, und wir zerbrachen uns den Kopf, wer es uns eingebrockt haben mochte. „Jureczek, vielleicht war es Ziutek?“ „Ach nein, meinst du, daß Ziutek so ein Auge Gottes ist, daß er alles weiß und alles sieht?“ „Na, wer denn sonst? Was soll man tun? Fliehen wir, fahren wir weg“, bat ich. Aber Jurek wollte davon nichts hören. „Wohin? Haben wir das Geld dafür? Wir müssen hierbleiben. Vielleicht kommen Briefe aus Tunel.“ „Fahr nach Gröjec. Du hast doch dort eine Arbeit im Obst- garten.“ „Vielleicht ist es doch besser, hierzubleiben. Ich habe vor einem Dorf Angst; in der Stadt kann man sich immerhin leichter aufhalten. Vielleicht werden wir uns an die Arbeit gewöhnen, ein bißchen mehr verdienen und so einigermaßen auskommen.“ „Und was wird mit unserer Anmeldung? Der Hausmeister fragt mich doch ständig danach. So ist es schlecht, aber anders ist es auch nicht gut.“ Wir hatten uns in einem Labyrinth ohne Ausweg verirrt. Es wurde dunkel. Wir saßen beieinander; ich machte kein Licht, denn es war schade um die Kerze. Vom Hof her dran- gen Stimmen und das Lachen der Hausbewohner herauf. Jemand hatte ein Grammophon angestellt; es spielte das alte Lied:„Dieser letzte Sonntag“. Mich schauderte. Jeder Tag konnte für uns der letzte sein. Dort draußen war eine unheilvolle Welt. Dort kannten sich die Menschen, halfen einander, lebten in Freundschaft oder Zwietracht, aber sie waren zusammen, bildeten eine Gemeinschaft, doch wir hier drinnen in dem kleinen Zimmer der Witwe Kosinska, wir waren allein, ganz und gar allein. Ich zündete die Kerze an. Es flammte ein angenehmes zitterndes Licht auf und beschien den armseligen Hausrat, den mit Papier bedeckten Tisch, den Teller mit Kartoffeln— das Elend. Jurek legte sich schlafen; ich wusch mich noch. Das war die einzige Annehmlichkeit, die mich an die guten Zeiten, an die alten Gewohnheiten erinnerte. Mir kam es vor, als wäre es das einzige, was mich davon abhielt, die Hände völlig sinken 522 zulassen kim W: auf, Nad schlafene Liebste auch wir Vom frül Manchm teilung i Tenn sie foch nid Kopf, ur > nen, so sichert, .. Betrüger Verbre, Amen y Et:: asminst tlenden Äuftete Sommer, Jurecze Ih wer Lach Tu; Am folg Ind zw dinden e 1, fahren zu lassen, mich völlig aufzugeben, mich selbst zu verleugnen. Beim Waschen drängten sich mir immer bessere Gedanken auf. Nachdem ich mich gewaschen hatte, legte ich mich zum rbleiben. schlafenden Jurek, umfaßte seinen lieben Kopf und flüsterte: „Liebster, lasse dir etwas Gutes träumen. Vielleicht werden im Obst- auch wir einmal richtige Menschen.“ * Vom frühen Morgen an wieder das Joch, wieder die Qual... Manchmal dachte ich, daß diejenigen, die nach ihrer Verur- teilung im Gefängnis sitzen, glückliche Menschen sind. Selbst wenn sie einige Jahre abzusitzen haben, schwebt über ihnen doch nicht ständig der Tod. Sie haben ein Dach über dem Kopf, und obwohl sie auch nur eine Hungerration bekom- men, so ist doch ihre tägliche Verpflegung wenigstens ge- sichert. Ja, aber um dorthin zu gelangen, hätte man ein Betrüger sein müssen, ein Dieb, ein Mörder. Die anderen „Verbrecher“ wurden von Hitler anders bestraft. Ach, warum bin ich ein Jude und nicht ein Räuber? Am Sonntagmorgen fuhren wir nach Sadyba. Wir berat- schlagten mit Frau Rakowska, Zosia und der Mutter. Alle entschieden„in gremio“, daß ich mich mit dem Apachen nicht treffen solle. Als wir abends nach Hause fuhren, be- kamen wir von Frau Rakowska einen riesengroßen schönen Jasminstrauß. Er duftete herrlich. Als ich ihn in unserem elenden Stübchen in einem Glasgefäß auf den Tisch stellte, duftete das ganze Zimmerchen nach Garten, Grün und Sommer. „Jureczek, laß uns aufs Land fahren.“ „Ich werde morgen an O. schreiben und auch noch einmal nach Tunel.“ Am folgenden Tag stach ich mir eine Nadel in den Finger, und zwar so dumm, daß mir der Betriebsarzt nach dem Ver- binden erklärte, ich würde eine Zeitlang nicht arbeiten und | 523 vielleicht sogar vorübergehend den Finger nicht bewegen können. Da ich noch nicht lange genug in der Fabrik war, erhielt ich keinerlei Entschädigung. Der Verlust der Arbeit war für uns eine richtige Katastrophe. Der Finger tat schrecklich weh. Nachts bekam ich Fieber, ich konnte die Hand nicht bewegen, ich heulte vor Schmerzen. Um zum Arzt zu gehen, hatten wir kein Geld. Da der Schmerz am nächsten Morgen ein wenig nachgelassen hatte, fuhr ich zu Frau Alina Kuleszowa, sie um Geld zu bitten. Sie holte 100 Zloty in einer Art hervor, als gäbe sie mir ein Almosen. Tränen drängten sich mir in die Augen, und meine Kehle war wie zugeschnürt. Wie gern hätte ich ihre opferwillige Hand zurückgestoßen, aber... ich hatte nicht einmal einen Groschen. Wenn Jurek abends hungrig aus der Fabrik kam, würde ich ihm nichts zu essen geben können. Ich nahm es und sagte mir, daß doch sie meine Schuldnerin sei und nicht ich die ihre. Sie versprach ständig, mir das Geld für die Möbel in kurzer Zeit zu geben, aber das Wort„kurz“ ist ein dehnbarer Begriff. Ein Jahr, zwei, drei sind im Vergleich zu Jahrhunderten eine kurze Frist. Aber womit soll man einen Hungertag vergleichen? Jurek war in der Fabrik; ich bewegte mich in dem Zimmer in der Chmielnastraße wie in einem Käfig; ans Fenster ging ich nicht, weil es nicht ratsam war. Ein Bett, ein Tisch, ein Schrank. Wie armselig ist es hier, dachte ich. Ich stellte das Bett mal in dieser, mal in jener Richtung hin, rieb den Tisch mit einem nassen Lappen ab, aber nichts wollte helfen, es wurde und wurde nicht behaglicher. Die beschädigten Töpfe und die zwei gesprungenen Teller machten ebenfalls keinen günstigen Eindruck. Mit Wehmut dachte ich daran, daß auch nicht einmal etwas da war, um dieses verachtete armselige Geschirr zu füllen- Madame Kosifiska kam öfter zu einem Plauderstündchen. Sie schwatzte mir den Kopf voll mit der Anmeldung und mit 524 fählung | incl wie } Ichrte, w | sechs Uhr | Säritte a 4 hrniedri 2 AlsJurek Amen li «komme Ih stellte ich tischten zum letzt In diesen Zosia an. ten, dam e halbto h, was y nieder]; übsche u isellsch; Irek, mi \issehen m Temp beim| A, wie, mer pa der ver Udichd; "ek war [Z war fer tat nie?} See Ge 2 Anodh Erzählungen über ihre Jugend; das eine war genauso völlig irreal wie das andere. Genauso wie ihre Jugend nicht wieder- kehrte, würden auch wir uns hier niemals anmelden. Gegen sechs Uhr erwartete ich ungeduldig Jurek, ich lauschte auf die Schritte auf den Treppen. Wenn er dann endlich kam, sich in der niedrigen Tür etwas bückte und wenn ich dann in seinen Armen liegen konnte, dachte ich: Wie gut, daß er zurück- gekommen ist! Als Jurek am Dienstagmorgen wie üblich in die Fabrik ging, stellte ich mich ans Fenster. Sein Kopf, seine braune Jacke huschten vorbei, und ich dachte bei mir: Ich sehe ihn wohl zum letzten Mal. An diesem Tag fuhr ich nach Sadyba und traf dort die kranke Zosia an. Frau Rakowska hatte sie von Palka zu sich genom- men, damit ein Arzt sie untersuchte. Als ich sie so ansah, wie sie halbtot im Bett lag, den Schmerzen ausgeliefert, dachte ich, was war doch dieses jetzt moralisch und physisch völlig daniederliegende Wesen noch unlängst für eine lebensvolle, hübsche und fröhliche Frau, für eine gute Ärztin und liebe Gesellschafterin. Ich dachte auch daran, wie wenig auch wir, Jurek, meine Schwiegermutter und ich, unserem früheren Aussehen ähnlich waren. Wir machten uns in beschleunig- tem Tempo fertig. Als ich nach Hause zurückkehrte, wartete ich beim Umsteigen wieder lange auf die Straßenbahn. Ach, wie verhaßt war mir das Warten auf die Straßenbahn! Immer passierte dabei etwas. Es kam mir in den Sinn, daß es inder vergangenen Woche genauso wie heute geregnet hatte und ich damals auch spät heimgegangen war. Jurek war nicht zu Hause. Ich wärmte die Suppe auf. Das Holz war naß, wie zum Trotz wollte es nicht brennen. Der finger tat wieder weh. Ob man sich noch lange so quälen konnte? Mir fiel Jureks Redewendung ein: Das Übel hat keine Grenzen, und keine Lage ist so schlecht, als daß sie - nicht noch schlechter werden könnte. 525 Stunden verstrichen. Wo war Jurek? Fand wieder eine Ver- sammlung statt? Ich rief in der Fabrik an, aber er war nicht mehr dort. Er war vor zwei Stunden weggegangen. Was tun? Ich legte mich aufs Bett und dachte: ich werde einschlafen, und um neun Uhr wird Jurek bestimmt schon hier sein— er mußte doch vor der Polizeistunde zurückkommen. Der Schlaf kam nicht, ich wälzte mich auf dem Bett hin und her. Ich hatte Angst. Mir kamen fürchterliche Gedanken: Mama, Papa, wo seid ihr, warum seid ihr nicht hier? Mein Jureczek, fühlst du nicht, wie ich an dich denke, wie ich um dich bange? Plötzlich sprang ich aus dem Bett, und wie auf einen Befehl trat ich an das„verbotene Fenster“. Krieg im Ghetto Nun ging es also dem Ende zu. Ja, sieh dir die mit Kehricht verunreinigten Straßen und die Unordnung an, wir sind end- gültig verurteilt! Wir wurden streng bewacht, aber man sah ja bereits, daß das Ende da war. Ja, jetzt ließen wir uns nicht mehr anführen, jetzt gingen wir ihnen nicht mehr auf den Leim. Zwei Eier pro Person und fünf Dekagramm Bonbons hatte man uns auf die Karten zusätzlich zugestanden.„Ihr werdet leben und arbeiten“, sagte uns ein Deutscher, das hieß, ihr werdet euch quälen und sterben. Wir hatten es schon richtig verstanden. Wir gaben uns keinen Illusionen mehr hin. Warum waren die Menschen erst auf die andere Seite geflohen; und schließlich hatten auch nicht alle diese Mög- lichkeit gehabt. Ein Teil war zurückgekommen— dort würde man sie auch zu Tode quälen, also war es schon besser, mit den Seinigen zu sterben. Wir waren dazu verurteilt, aber wir trafen unsere Vorbereitungen. 526 Jeden Tag brachten die Arbeitskolonnen Brotlaibe mit, in denen sich Handgranaten und Revolver befanden. Jeden Tag lieferte man uns durch unterirdische Gänge Waffen, jeden Tag entstanden neue Bunker. Bunker. Habt ihr etwas von Bunkern im Ghetto gewußt? Wir hatten unter der Erde Häuser. Dort wurden Waffen und Lebensmittel angehäuft. Man hatte Pumpen installiert, die Luft zuführten, wir hatten dort Radios und Telefone. Natür- lich war dies alles getarnt, unter schweren Bedingungen in saurem Schweiß gebaut worden. Wir hatten unseren Stab, unsere Pläne, unsere Organisationen. Und das Geld— was war schon Geld? Es floß entweder freiwillig herein oder durch Zwang. Wir wußten genau, wer Geld hatte. Die Leiter der Arbeitskolonnen, die Bäcker und Inhaber der shops. „Bitte, gib in deinem eigenen Interesse diese und diese Summe her. Was hast du vom Geld, wenn du dein Leben ver- lierst?“ „Ich verliere es sowieso“, sagte er. „Um so mehr Grund; verkaufe es wenigstens teuer. Übrigens, wenn du dich weigerst und diese Summe nicht hergibst, um die wir dich bitten, werden gegen Abend einige unserer Bur- schen zu dir kommen. Sie werden dir befehlen, dich an die Wand zu stellen und dir den Lauf auf den Scheitel richten— gibst du es her?“ Ein solches Argument überzeugte stets. Es war zwar nicht son- derlich erlesen, aber doch immerhin gerechtfertigt. Das Geld war ja nicht für persönlichen Verbrauch bestimmt, sondern für die Sache. Man muß zugeben, daß sich verhältnismäßig wenige geweigert hatten. Es war ein Plan und eine Organisation nötig. Man mußte sowohl im Ghetto als auch auf der arischen Seite arbeiten, Waffen und Lebensmittel kaufen und behilf- lich sein, alles ins Ghetto hereinzubringen. Jeder Revolver, jede Patrone, jede Handgranate, die in diesen Stadtbezirk kam, war ein Weg zum Sieg, bedeutete noch einen getöteten Deutschen. 527 Es gab Tage, an denen man auf der arischen Seite mit der Straßenbahn bis nach Zolibörz fuhr und im Körbchen ein paar Äpfel und einen Laib Brot, einen duftenden, frischen Laib Brot hatte, der so harmlos, so knusprig braungebacken aussah, aber darin... Man dachte bei sich: wenn man dich jetzt verhaftete, wofür würde man dich zuerst töten? Es drohte dir ein fünffacher Tod: 1. für den Aufenthalt außerhalb der Grenzen des Ghettos, 2. für fremde Valuta(das Lösegeld für Menschen bezahlten wir in Dollars), 3. für das Kaufen von Backwaren ohne Lebensmittelkarte, 4. für falsche Ausweise und 5. für Waffenbesitz. Jemand sah dich genauer an, aber vielleicht kam es dir nur so vor. Du schautest gleichgültig zum Fenster hinaus. Du muß- test das Brot noch heute an die angegebene Adresse bringen, von dort ging es weiter zum Arbeitsplatz. Wir bereiteten uns vor. Wir saßen in einem kleinen Zimmer am Tisch, stützten uns auf die Ellbogen und sahen auf den Stadtplan— wenn das eintreten sollte, würden wir vielleicht sogar weitergehen. Wenn wir es doch früher gewußt hätten, als wir mehr Menschen und Kräfte besaßen, um den Feind zu vernichten! Wenn wir es doch bloß überdauerten, wenn wir doch bloß ausharrten, bis die Rote Armee kam und uns befreite! Was hat sie heute erobert? Orel. Ach, schnell, Genossen, kommt!!! Montags fing es an. Wir kannten es alle. SS, SA und Litauer. Man belagerte das Haus. Dreifache Wache. Alarm. Wieder Aussiedlung. Das sollte nunmehr die endgültige sein. Wir werden Trotz bieten! Zum Kampf! Wozu wurden die dreimonatigen Vorbereitungen gemacht? Um zu kämpfen! Wir haben Handgranaten in den Taschen, wir haben Ge- wehre, Revolver. Nein, wir lassen uns nicht unterkriegen! 528 te mit der tbchen ein n, frischen ıngebacken 1 man dich töten? Es Ghettos, | bezahlten ttelkarte, s dır nur so s Du muß- se bringen, en Zimmer ‚en auf den t vielleicht ußt hätten, , den Feind ‚rten, wenn >» kam und Genossen und Litauel em, Wieder sein. wurden di . nboll u kämpie" haben U Was war denn das? Aus Häusern, von Dächern herab wird auf die bestürzten Deutschen geschossen, werden Handgrana- ten geworfen. Ja, ihr wart tüchtig und tapfer, als es galt, gegen Schwache vorzugehen, aber kämpft Auge in Auge— bitte! Jedes Haus ist eine Festung, erobert sie! Jeder Mensch ist ein Soldat, kämpft! Alarm! Die Deutschen zogen sich zurück, und nach einem Tag Ruhe erfolgte der Schlag gegen das Ghetto. Man hatte es mit Maschinengewehren umstellt, hatte kleine Abtei- lungen hineingeschickt: Kämpfe, deutscher Soldat! Wenn du fällst, wird deiner Frau ein Brief geschickt: Er fiel an der Ghettofront im Kampf gegen Frauen und Kinder— Ehre ihm! Die ersten deutschen Toten im Ghetto; ihr Blut ergoß sich über die Bürgersteige. Kinderhände hatten auf sie gezielt, alte Frauen hatten Handgranaten geworfen. Panzerwagen fuhren ins Ghetto, Soldaten kamen. Wir werden uns mit euch messen, wir in Sandalen und mit entblößtem Haupt, wir Kranken, Halbverhungerten, Ver- ängstigten, wir auf unseren wasserschwülstigen Beinen. Unsere minderjährigen Kinder, unsere Greise mit zerrissenem Herzen und ihr Uniformierten! Auf euren Koppeln steht geschrieben:„Gott mit uns“, und in uns ist nur der eine Gedanke: kommt um! Es war eine Schlacht. Unsere Mädchen und Jungen liefen den Panzerwagen ent- gegen und warfen Handgranaten gegen sie. Ein kleiner zwölfjähriger Junge vernichtete zwei Panzer- wagen, und als er dann fiel, hatte er nicht einmal einen An- gehörigen, der ihn hätte begraben können; niemand wird ihm ein Denkmal setzen, wir kannten nicht einmal seinen Namen, dafür blieb er für immer in unseren Herzen. Es begannen furchtbare Tage. Es war ein blutiger Kampf, von vornherein entschieden, aber ein Kampf. Wir standen zwar 34 F 18/58 529 mit dem arischen Stadtteil in Verbindung, aber wie sollte man es bewerkstelligen, daß es uns nicht an Waffen fehlte? Wir kämpften nach den Kriegsregeln— du tötest mich, aber ich dich auch. Es war Krieg! Vielleicht kam uns jemand zu Hilfe? Wie schön wäre es, wenn sich die Partisanen aus den Wäldern uns anschließen würden! Oder die Linksparteien oder unsere Tat rief einen allgemeinen Aufruhr, eine all- gemeine Revolution hervor! Was mochten sich die Menschen auf der arischen Seite gedacht haben, als sie sahen, daß Panzer ins Ghetto rollten, als sie sahen, daß die deutschen Soldaten in Gefechtsordnung zu uns fuhren? Der Kampf ging weiter. Die Menschen sollten einander ab- lösen, sich in den Bunkern erholen, aber niemand wollte sich ausruhen. Alle wollten kämpfen, ohne Ausnahme, alle seg- neten den Tod im Kampf mit dem Feind. Welch Glück, sich mit ihm zu messen, zu fühlen, daß man seine Nächsten rächen konnte, zu fühlen, daß man kein wehrloses, zur Schlachtbank geführtes Tier war, sondern ein Mensch, der zu kämpfen, zu schießen, die Panzer mit Benzin zu begießen verstand, ein Mensch, der auf einen Deutschen zielen und ihn tot liegen sehen konnte. In der zweiten Kampfwoche nahmen wir die Lesznostraße ganz ein, verdrängten die Deutschen vonder anderen Straßen- seite und eroberten Waffen und Uniformen. Es brannte. Wir hatten alle Lager im Ghetto in der Gewalt, mitsamt Kleidung, Maschinen und Zubehörteilen. Immer mehr deutsche Abteilungen wurden an unsere Front geschickt, aber wir waren befestigt, wir hatten Kraft, wir waren ver- bissen und hatten nur den einen Gedanken: Wir müssen uns rächen! Es hatte zwar ausgesehen, als bewege sich alles chaotisch hin und her, aber das war nur zum Schein. Alles ging planmäßig vor sich, genauso wie man es an den trau- rigen Abenden, am Tisch sitzend, besprochen hatte. Sollten 530 sich U tatsäc Eine mocht nur d viele Ihr, a ins G sie jet Ich w Kamp noch nicht leid i im G: stierte \ Todr \ Stirb: Ih zi Wir h uns h einen Unser: doch, geben lehrte komm Graus könn. Stoßer Kopf zer ar leicht Zu sch 4 wie sollte n fehlte? mich, aber jemand zu en aus den ıksparteien ', eine all sich unsere Pläne in bezug auf die Zerstörung der Mauern tatsächlich verwirklichen? Die Flucht war für uns der Sieg. Eine Flucht gab es nicht. Wohin auch immer man gehen mochte— sie mißlänge gewiß, und der Sieg, der Sieg konnte nur das eine sein: so lange wie möglich auszuhalten und so viele Deutsche wie möglich zu töten. Ihr, auf der arischen Seite, ihr habt die deutschen Panzer ins Ghetto fahren sehen, aber— Hand aufs Herz— habt ihr sie jemals herausfahren sehen? Ich werde nicht beschreiben, wie blutig und furchtbar der Kampf war, ich kann über diese schrecklichen Nächte und noch schrecklicheren Tage nicht mehr schreiben, ich kann es nicht und will es auch nicht. Ich will es nicht, um nicht Mit- leid in euch zu erwecken, denn wir waren nicht unglücklich; im Gegenteil, für uns war es das größte Glück, für uns exi- stierten weder Angst noch Schmerz. Könnt ihr einen solchen Tod mit dem Tod in einer Gaskammer vergleichen? Stirb! Für meine Mutter, für den Vater, für unsere Kinder! Ich ziele auf dich! O Gott, gib, daß der Schuß trifft! Wir mögen umkommen, darauf sind wir ja vorbereitet, für uns hat das Leben keinen Wert mehr, aber es hatte einmal einen Wert, hatte es für unsere Allernächsten, hatte es für unsere ganze Gesellschaft; welch unschätzbares Glück ist es doch, daß ich es für den Preis deines Lebens, Deutscher, her- geben kann! Du hast mich gelehrt, blutdürstig zu sein, du lehrtest mich Grausamkeit. Ja, wer mit dem Schwert kämpft, kommt durch das Schwert um. Sei dessen eingedenk, deine Grausamkeit wird sich gegen dich selbst kehren. Auch wir können schon auf dich schießen und dir das Messer ins Herz stoßen und mit einem gewöhnlichen Küchenmesser dir den Kopf abschneiden und mit einer Flasche Benzin deinen Pan- zer anzünden und dich verbrennen. Wir können alles. Viel- leicht haben wir noch nicht probiert, auf Wehrlose von hinten zu schießen, aber ihr habt es uns doch beigebracht. Ihr habt 34 F* 531 uns schon gelehrt, auf Tote, auf Blut und auf das hervor- gespritzte Gehirn zu sehen. Für euch ist es ein alltägliches Schauspiel. Ihr habt uns gelehrt, beim Anblick eurer Qualen zu lachen, so wie ihr gelacht habt beim Anblick der unseren. Vielleicht kommt der Tag, daß wir nicht nur gegen euch wer- den kämpfen können, sondern daß in uns noch soviel Kraft und Grausamkeit sein wird, um auch so nach euren Kindern zu greifen, wie ihr nach den unseren gegriffen habt! Zwei Monate währte der Kampf gegen einen starken Feind, gegen immer neue Abteilungen. Wir waren ohne Wasser und ohne Licht, denn die Deutschen hatten die Leitungen durch- geschnitten; die Waffenlieferung war sehr unzureichend; man hatte einen der Laufgräben im Bezirk Przebieg entdeckt. Das war ein großes Unglück, aber wir ließen nicht einen Augenblick im Kampfe nach. Durch die ganze Welt ging das Echo: Das Warschauer Ghetto kämpft schon zwei Monate, und die Deutschen verlieren, ohne Erfolg zu haben, Waffen, Panzer und Menschen; eine Schande... und da entschlossen sich die Deutschen, mit uns auf eine andere Weise Schluß zu machen, denn ein ehrlicher Kampf, ein Kampf Mann gegen Mann, selbst ein Kampf mit einem Schwächeren, war für selche wie sie allzu heldenhaft. Warum sollten sie kämpfen, da sie uns verbrennen konnten! Die Verbrennung des Ghettos Ein schrecklicher, schrecklicher Gedanke, aber eine noch schrecklichere Verwirklichung. Hölle und Teufel. Schon ein- mal hatte es das gegeben. Eine brennende Stadt und einen auf der Harfe spielenden Kaiser. Es hatte uns mit Grausen erfüllt, aber damals hatten die Menschen fliehen können. Wir hatten kein Wasser und keine Möglichkeit, das bren- nende Ghetto zu verlassen. Ich spreche nicht von einzelnen. 532 Haus griffe noch, Mau: wenn erstic gen ı der D Es ga Phiur letzte Leich den B schlir \ zuste) eine ausge Die/ gelan Portie tanel Tag bäude Namı am H Deuts hr; der M Marte das hervor- . a Haus um Haus, Straße um Straße wurden von Flammen er- alltaeli h$&\ x&( >- griffen. Feuer!!! Die Menschen erstickten, aber sie kämpften irer Qualen| noch, die Menschen brannten, aber sie verteidigten sich noch. Mauern stürzten ein. Mochte einen die Mauer begraben, wenn man nur nicht gefangen wurde! Es war besser, halb- erstickt aus dem Fenster eines brennenden Hauses zu sprin- gen und tot auf den Bürgersteig zu fallen, als in die Hände der Deutschen zu geraten. Es gab auch einige Glückliche, die sich mit Zyankali, Mor- phium oder Luminal versehen hatten, sie nahmen im aller- letzten Moment schnell das Gift ein. Auf den Straßen lagen Leichen, verkohlte Leichen hingen aus den Fenstern und von den Balkonen herunter. Es war wohl schlimmer als die Hölle, schlimmer als alles, was die menschliche Phantasie sich vor- zustellen vermag. Das war noch eine Großtat Hitlers, noch i Monaftı 7 eine seiner Heldentaten, noch ein Blatt in der Geschichte der en, Wafen" ausgeheckten blutigen faschistischen Morde. entschloss" Die Ausbeute an Lebenden war kläglich— aber trotz allem se Schluß zu© gelang es den Deutschen, einen Teil der Menschen abzutrans- \lann ges und die leergewordenen Plätze in Treblinka, Maj- en, war fl" danek, Poniatöw und Trawniki zu füllen. jekämpfes© Tag und Nacht brannte das Ghetto, brannten die Ge- bäude und die Menschen darin, aber die emporlodernden Flammen erleuchteten Warschau. Der blutige Feuerschein am Himmel, jeder Funke und jeder Schuß schrie: Tod den Deutschen!!! Ihr habt eure Gaskammern und Krematorien insgeheim vor der Welt gebaut, ihr habt die Menschen hinter Mauern ge- martert, wo kein Fremder Zutritt hatte, ihr wolltet, daß niemand von euren Grausamkeiten etwas wisse. Aber jetzt sieht man den Lichtschein der Feuersbrunst 1000 Kilo- onen. meter weit im Umkreis. Rauch und Feuer— das läßt sich ‚bee° nicht mehr verheimlichen, ein Stadtteil brennt, es brennt zen" der unseren, n euch wer-| 1 Kraft ren Kindern Seht ihr die Flammenzungen, spürt ihr den beißenden Rauch, hört ihr das Krachen der einstürzenden Mauern? Nur das Stöhnen der Sterbenden erreicht euch nicht. Ihr großen und kleinen Menschen! Greise und Kinder! Ihr alle, alle, die ihr Augen, Ohren und Herzen habt! Ihr alle, deren Seelen der verfluchte Faschismus nicht verdorben hat, schwört um dieser im Martyrium Sterbenden willen, um der Menschlichkeit, Wahrheit und um Gottes willen, schwört, daß ihr als Rächer aufstehen werdet und daß ihr alles euren Kindern und jenen erzählen wollt, die weit fort waren! * Und dann, als die Feuersbrunst selbst nachgelassen hatte und nur noch einzelne Mauern brannten, gingen die siegreichen deutschen Abteilungen auf den Trümmern umher und such- ten die Bunker. Sie fanden darin Lebende und Tote. Die Lebenden transportierten sie natürlich ab. Für diese waren ihnen ihre Waffen zu schade, wozu hatten sie Gaskammern? * Ihr werdet fragen, auf welche Weise dennoch ein gewisser Prozentsatz von Juden dem Tode entrann? Man floh aus den in voller Fahrt dahineilenden Zügen, obwohl sie unter Be- wachung fuhren und die bei jedem Wagen stehenden Litauer ohne Unterbrechung schossen. Man floh durch unterirdische Gänge und über Mauern, die immer von$5-Männern bewacht waren, durch Kanäle voll übelriechender Abwässer, die schwarz waren wie die Nacht, durch Kanalisationen, in denen man womöglich drei Tage lang umherirrte und dann halb tot, halb erstickt wieder dorthin geriet, wo man eingestiegen war oder in der Stadt herauskam und sich Auge in Auge mit dem Feinde sah. Dies waren die Fluchtmöglichkeiten für wenige. Ich würde sagen, daß sich auf diese Weise etwa 1/o Juden retten konnte. 534 Nun w Der W Auinen hatte. noch wı Mensch " Anblid Aber s ich nid ' Nirwa kein Li | ae EEE besser, „Wir nicht „Wir le mißtraı „Aber darauf, ‚Jeden! etwider Relasseı Id hat haben furchth nden Raud, n? Nur das Kinder! Ihr Nun war alles aus. Die letzten Flammen waren erloschen. Der Wind hatte die letzten Rauchschwaden verweht. Die Ruinen zeigten, wo das Warschauer Ghetto gestanden hatte... Zunächst war der Zutritt dorthin verwehrt, denn noch wurden sie von den Deutschen bewacht, noch suchten sie Menschen, noch blieb ihnen die Luft weg vor Glück beim Anblick unserer verbrannten Knochen, auf die sie zeigten. Aber so wird man einmal auf sie selbst zeigen, nur werde ich nicht dabei sein.& Wir waren nun in Slawek; es war spät, dunkel. Wir zündeten kein Licht an— Helligkeit blendete uns, Dämmerung war besser, so eine, wie sie in unseren Seelen war. „Wir leben“, sagte Jurek in einem Ton, als könne er es sich nicht klarmachen. „Wir leben“, antwortete ich ihm, aber meine Stimme klang mißtrauisch. „Aber wir wissen nicht, ob wir leben bleiben“, sagte Jurek darauf. „Jedenfalls werden wir nunmehr weder lachen noch weinen“, erwiderte ich,„alles Gute und Böse haben wir hinter uns gelassen.“ Ich hatte mich getäuscht. Weder das Glück noch das Unglück haben Grenzen. Derzeit fühlten wir eine so schreckliche, furchtbare Leere in uns, daß es uns wie der halbe Tod vor- kam. Jetzt dachte ich nur an die letzten Ghettotage, an die letzten Erlebnisse. Ich sah immerzu dantische Bilder, die geliebten Gesichter meiner Eltern und des Onkels vor mir. Ich konnte sie mir nicht tot vorstellen. Ich konnte nicht. Für mich lebten sie noch immer, obwohl ich doch ganz genau wußte, daß man den Onkel in Gerlachs shop verbrannt gefunden hatte, und meine Eltern... Ich wollte nur daran denken, daß mein geliebtes Mütterchen, das Furcht gehabt hatte vor einem Eierschalensplitter im Omelette, vor Hunden, vor dem Anblick einer Waffe, das mich einst immer zehnmal ermahnt hatte, bevor ich das Haus verließ: Paß auf die Autos und auf die Straßenbahn auf!, das jede Verspätung, ob es sich um den Vater oder um mich handelte, wie eine Katastrophe durchlebt hatte, daß diese Mutter als erste die Hand nach einer Hand- granate ausstreckte, daß diese Mutter sagte: Arbeite für die Sache, stirb lieber durch eine Kugel, aber um keinen Preis in der Kammer! Ich wußte auch, daß mein Vater genauso heldenhaft gefallen war, wie er rechtschaffen und edel gelebt hatte. Ich wußte, daß er nicht im Bunker still gesessen, sondern auf seinen geschwollenen Beinen ge- standen und bis zu seinem Ende gekämpft hatte, ich wußte ebenso auch, daß mein Onkel, den ich wie einen Vater geliebt habe, einer der Anführer der Bewegung gewesen war. Ich danke dir, Vorsehung, daß du meinen liebsten Menschen vergönnt hast, heldenhaft im Kampf zu fallen. Franks Ankunft in Warschau Wie als Entschädigung für die schrecklichen Erlebnisse, hatte ich nachts angenehme, milde Träume. Ich war mit den Eltern und mit Jurek zusammen, aber sobald ich die Augen auf- machte, kam mir die grausame Wirklichkeit zum Bewußtsein. Es war also wahr, daß Jurek nicht da war, daß ihn die Gen- darmen mitgenommen hatten! Wie jeden Tag, machte ich mich auch heute wieder auf die Wanderung durch Warschau. Ich suchte beharrlich nach einem Weg, um etwas über ihn zu erfahren, um ihm irgendwie zu Hilfe zu kommen. 536 „Bleib zu Hause“, sagte Frau Rakowska,„du kannst ja doch nichts für ihn tun, du kannst höchstens noch selber in ihre Hände fallen.“ „Wenn ich ihm nicht helfen kann, dann ist es besser, daß auch ich nicht lebe.“ Ich ging. Inka begleitete mich mutig mit wahrer Selbstver- leugnung. Wir trieben uns auf den Kommissariaten der blauen Polizei und der deutschen SS herum. Ich legitimierte mich mit Inkas Anrechtsbescheinigung auf eine Kennkarte, Inka dagegen mit ihrem alten falschen Ausweis. Wir erzähl- ten eine erfundene Geschichte, daß man bei einer Razzia unseren Bruder geschnappt hätte, und fragten, ob sie von den in der Stadt Ergriffenen niemanden hergebracht hätten und dann auf dumm-naive Art:„Überhaupt niemanden?“ Auch Juden nicht? Einige? Wen? Woher? Warum wir fragen? Ach, wir wollten es nur so wissen, ganz einfach aus Neugier. Und was sie mit ihnen machen würden usw. Es war schwer, auf diese Weise etwas zu erfahren, und die Nerven versagten öfter den Gehorsam. Wir gingen meistens zu Fuß. Ich hatte nicht die Geduld, auf eine Straßenbahn zu warten, und wenn ich in einer Straßenbahn saß, kam es mir vor, als führe sie sehr langsam. Und ich mußte mich beeilen, mußte schnell handeln, so schnell wie möglich, denn sie konnten ihn ja jeden Augenblick umbringen. Umbringen! War es denn überhaupt möglich, sich dieses Wort voll und ganz klarzumachen? Es war heute für uns schwer, uns in der Stadt zu bewegen, denn es war ein großer Feiertag, der 16. Juli: Frank, der Gouverneur des Generalgouvernements, war nach Warschau gekommen. Unzählige Abteilungen der Gendarmerie streif- ten durch die Straßen, kontrollierten und verhafteten„Ver- dächtige“. Man mußte doch unseren populären und von allen „geliebten“ Gouverneur beschützen und über ihn wachen. Es war fürchterlich, zu denken, daß sich in dem undankbaren 5571 polnischen Volk womöglich jemand befinden könnte, der ihm nach dem Leben trachte, nach Franks Leben, der sich für die Polen so aufopferte. Was würde bloß aus uns werden, wenn es ihn nicht gäbe, wer wäre denn sonst noch imstande, uns so herrlich zu regieren, das Land zu Blüte, Sicherheit und Wohlstand zu führen? Ach, diese erbärmlichen Polen, die nicht einmal in der Lage waren, die ihnen erwiesenen Wohltaten anzuerkennen! Da war eben nichts zu machen, man mußte sie also als Geiseln mitnehmen, mußte eine Anzahl, wenig- stens einige, na, sagen wir für heute einige tausend Menschen verhaften, denn Ordnung muß sein. Ordnung muß sein! Wir waren unterwegs. Die Straßen waren sonneübergossen. Die Menschen lächelten, gingen spazieren. Es hatte sich nichts geändert, und mein Jurek befand sich dort in dem germa- nischen Zuchthaus. „Du siehst schrecklich aus“,sagteInka,„duhast geschwollene Augen und ein verweintes Gesicht; beherrsche dich, du mußt doch handeln und nicht verzweifeln. Außerdem ziehst du die Aufmerksamkeit auf dich, und du weißt, wie gewagt das ist. Wenn sie dich mitnehmen, dann ist es auch mit ihm aus.“ „Ja, Inka, du hast recht. Ich darf nicht einmal verzweifeln, ich werde singen, aber was? Vielleicht ‚Lache, Bajazzo‘, das paßt sehr gut zu mir.“ Wir gingen in die Ujazdowskie-Allee; müde, schmerzerfüllt, setzten wir uns auf eine Bank. Das Ergebnis des heutigen Tages: er war weder bei der SS in der Klonowastraße noch in der Krakowskie Przedmiescie, noch in der Szucha-Allee 23. Es blieb nur eines übrig: sie hatten ihn von der Gestapo in den Pawiak gebracht oder... nein, nein, nein, sie hatten ihn nicht getötet! Sie hatten ihn noch nicht getötet. Wir saßen genau der Kriminalpolizei gegenüber. Vor vier Tagen hatten sie ihn hier durch dieses Tor hineingeführt, hatten ihn in diesem schönen weißen Haus verhört, das eine Schule oder ein Krankenhaus hätte sein können, aber ein 538 Auger liebste Leben der Zı „Hör stapo „Nein begeb nichts Inka; „Du nach ı bei si Aus: hier y vielle; „Und „ln Zeit ge „Und »Danı Unsch; »Lieh: Einer Wenn sein U Verhei Ga ie Gefängnis geworden war. Hier hatten sie ihn gequält, bevor sie ihn einige Häuser weiter, zur Gestapo, zu neuen, noch abgefeimteren Torturen brachten. Woran mochte er gedacht haben? Mein armer geliebter Junge. Wir saßen ratlos da. Wie schrecklich ist es, wenn man in dem Augenblick nicht handeln kann, da das Schicksal unserer liebsten Menschen auf dem Spiele steht. Der Kampf um das Leben war verloren. Wenn man doch jemanden finden könnte, der Zutritt zu allen Behörden hätte! „Hör zu“, sagte Inka,„ich werde noch einmal auf die Ge- stapo gehen.“ „Nein, nein“, protestierte ich,„ich kann mich in Gefahr begeben, das ist meine Pflicht, außerdem habe ich sowieso nichts zu verlieren, aber du?“ Inka gab nicht nach. „Du darfst dort nicht hingehen. Vor allem können sie dich nach einer Photographie erkennen. Jurek trug deine Photos bei sich; außerdem, sich bei der Gestapo mit einem falschen Ausweis zu legitimieren, das ist der sichere Tod. Du wirst hier warten, und ich gehe mit meinem eigenen Ausweis hin, vielleicht werde ich etwas Neues erfahren.“ „Und was wirst du sagen?“ fragte ich. „Ich werde sagen, daß er mein Verlobter aus der Vorkriegs- zeit sei, daß mein Verlobter ein Jude war.“ „Und wenn sie dich dabehalten?“ „Dann bringst du meine Mutter her. Ich kann doch mein unschätzbares Ariertum immer nachweisen.“ „Liebe Inka, beschreibe ihn lieber und frage dabei, ob so einer da ist und weshalb sie ihn mitgenommen haben. Und wenn sie dir sagen, daß er ein Jude ist, dann mußt du erstaunt sein und erklären, daß er seine Abstammung auch vor dir verheimlicht habe, sonst können sie dich dafür festhalten, daß du ihn versteckt gehalten hast. Und doch scheint mir, daß ich es dir nicht erlauben darf.“ 539 „Sei still!“ sagte Inka und ging fort. Ich blieb allein zurück. Ich spazierte umher, zählte die Schritte: er lebt— er lebt nicht, er lebt— er lebt nicht! Oh, er lebt, lebt! Noch bis zum Pfosten: er lebt— er lebt nicht— nein? Das ist nicht wahr! Vorher ergab es, daß er lebt! Ach, was für eine Dummheit; ich bin wahrscheinlich verrückt. Warum ist es denn so entsetzlich schlimm! Inka war lange nicht zu sehen. Ich setzte mich auf den Mauer- sockel der Gestapoumzäunung. Ich wußte, daß es unvernünf- tig war, ich mußte weiter weggehen, man konnte mich fragen, was ich hier tue. Ich mußte hier weggehen, aber mir war alles so einerlei. Ein elegantes deutsches Auto nach dem andern fuhr an mir vorbei. Gestapo, SA, SS ging vorüber, niemand be- achtete mich. Nun, da saß so ein Mädchen im abgetragenen Jackettchen, was ging es einen schon an. Ja, wenn ich auf- geschrien hätte: Hört mal, ich bin eine Jüdin! Dieses Zauber- wort. Das würde eine Panik hervorrufen! Die Autos würden stehenbleiben. Sofort würden sich die Gestapo-Männer, die SS, SA, der SD, die Gendarmerie, mit einem Wort, alle be- rühmten Militärformationen des großen Führers in Gefechts- ordnung aufstellen und zur Waffe greifen. Auf der Stelle würde man das geschlossene Tor vor mir öffnen und mich einlassen, ohne erst nach einem Ausweis zu fragen. Hört, hört, das ist eine Jüdin! Phantastisch! Was für eine Dreistigkeit, so vor der Gestapo zu stehen! Ihre schmutzigen, verfluchten Füße haben sich erdreistet, diese heilige Erde der Strafarbeit und des Martyriums zu betreten. Festnehmen! Totschlagen! Das ist Freiwild, ein prächtiges Wild, eine derart gelungene Jagd hatte es in der Szucha-Allee noch nicht gegeben; freut euch, vergnügt euch, ihr liebt doch solche Belustigungen! Nein, so weit ist es noch nicht, es wird keine Belustigung geben, ich werde euch nichts sagen, ich muß ausharren, muß mich rächen, unser Blut, unsere Tränen, unsere Angst und Qual rächen... 540 Inka „Nur »sie Pawi falls hatn „Lüg „Ich Pawi zuge] Wir mir: Krzyi tärpa marsı zenge im G Wareı das y Geree gleich fertig Schau Ich se im T Knod Mütze verbr: Marse bol, N ZU se] eigen: 'ung „Saly, Inka kam. „Nun, was ist?“ fragte ich mit klopfendem Herzen. „Sie haben anscheinend eine ganze Gruppe Juden in den Pawiak gebracht, das konnte ich nicht genau erfahren; jeden- falls war Jurek unter ihnen. Das hat man nachgeprüft; hier hat man sie nicht erschossen.“ „Lügst du auch nicht, Inka?“ fragte ich.„Schwöre es!“ „Ich schwöre es, wobei du nur willst. Man muß sich jetzt im Pawiak erkundigen, aber wie, da es nicht möglich ist, hinein- zugelangen. Durch wen?“ Wir steuerten auf den Trzy-Krzyze-Platz zu. Inka erzählte mir ausführlich von ihren Informationen. Auf dem Trzy- Krzyze-Platz fand anläßlich der Ankunft Franks eine Mili- tärparade statt; eine Kapelle spielte. Wie aufgezogene Puppen marschierten festtäglich gekleidete Soldaten, sie gingen ker- zengerade, im Takt eines Siegesmarsches. Ach, wie schön sie im Gleichschritt marschieren konnten, wie stolz sie darauf waren! Was bedeutete ihnen schon Güte, Edelsinn, nichts, das war unnötig! Was bedeutete für sie Klugheit, Herz und Gerechtigkeit— das war nutzlos! Aber kerzengerade und gleichmäßig in Reih und Glied gehen! Wer brächte das so fertig? Nur wir, das Herrenvolk. Die Könige aller Rassen. Schaut uns an und bewundert uns! Ich sehe euch an— ihr Mörder!!! Ich sehe euch bereits so im Totenzug der Skelette gehen, sehe eure feindseligen Knochen, eure Totenschädel unter den Helmen und Parade- mützen, ich sehe euer Ende, ihr nicht zu überbietenden Erz- verbrecher!!! Marschiert vor eurem gebrochenen und wahnsinnigen Sym- bol, schaut auf das Bild eures verfluchten Führers und singt zu seinen Ehren eine Hymne, grüßt ihn, die ihr durch euren eigenen Haß, durch die uns angetane Schmach zur Vernich- tung verurteilt seid. „Salve, Hitler. Morituri te salutant.“ „Hotel Polski“— Treblinka In der Diugastraße befand sich ein ärmliches kleines Hotel mit dem hochtrabenden Namen„Hotel Polski“. Die Eigen- tümer hatten früher bestimmt sehnsuchtsvoll ihren Gästen, meistens durchreisenden Kaufleuten oder Handelsvertretern, entgegengesehen. Jetzt hatte sich die Nachricht wie ein Lauf- feuer verbreitet, daß das„Hotel Polski“ in der Diugastraße ein Hafen für Juden sei. Man könne dort Papiere erhalten und nach einem der Staaten Südamerikas fahren. Die Nach- richt ging auf krummen Wegen um, von Mund zu Mund, wie eine Konspiration. Es bestand zwischen den sich verbergen- den Juden also dennoch eine Verbindung. Die Menschen strömten aus ganz Warschau, aus der Provinz, von überall herbei. Sie wußten nicht, wo sie wohnen sollten und hatten begriffen, daß die aus dem Ghetto Geretteten hier früher oder später umkommen würden. Ihr Geld reichte für Lebens- mittel und Lösegeld nicht aus. Ewig hin und her huschende Augen, ewige Angst, erkannt zu werden, Abhängigkeit von jedem, der ihr Leben in seiner Hand hatte. Angefangen bei einem Kind; es genügte, daß es ausrief:„Das ist ein Jude!“, und schon war es vorbei. Da halfen keine Ausweise. Manch- mal half nur viel Geld, aber für wie lange konnte das Geld reichen? Außerdem konntest du dein Leben nicht immer für Geld kaufen, Jude! Diese verzweifelten Menschen, eigentlich waren es nur Halb- menschen, erfuhren mit Freuden, daß es für sie einen Hafen gab, daß die ständige Angst, die ewige Erniedrigung auf- hörte, daß ihr gespensterhaftes Scheinleben aufhörte. Man würde offiziell mit den Seinen zusammen sein können. Welch ein Glück war das! Mit jener amerikanischen Angelegenheit in dem Hotel in der Diugastraße befaßte sich die Gestapo. Ihre Vertreter, die alles organisierten und auch mit den Juden in Verbindung 542 Himn wenig Die 5 schen polnis Dort besitz ten al Boden ameri | schaue Ghett | dräng | vond verfiel übrigg Würde Dach$ sollte, für in Unter! Schwei „la pı Gegen hen, d gro Ameril Der A dar Gäst 2 Wasten Vertretern 3 = 8 * E ar =. meEB8 58 ————— standen, waren drei elegante Männer, Skokowski, Kenig und ein alter charmanter Herr, Koniecpol, der sich Ingenieur titu- lieren ließ. Sie kamen in eleganten Autos an, sprachen höf- lich mit den Kandidaten für die amerikanische Staatsbürger- schaft. Sie erteilten bereitwilligst alle Informationen. Der Himmel hatte seine Pforten geöffnet, Gott hatte sich der wenigen, dem Tode entronnenen Söhne Israels erbarmt. Die Sache sah folgendermaßen aus: Den in südamerikani- schen Ländern wohnenden Juden war es gelungen, für ihre polnischen Verwandten Auswanderungspapiere zu erwerben. Dort ist es Brauch, daß derjenige, der dort Grund und Boden besitzt, vollgültiger Staatsbürger ist. Diese Verwandten kauf- ten also auf den Namen eines polnischen Juden ein Fleckchen Boden und machten ihn auf diese Weise zum Bürger Süd- amerikas. Die betreffenden Dokumente waren zur War- schauer Gestapo sehr spät, bereits nach der Vernichtung des Ghettos gekommen. Die Gestapo befand sich in einer be- drängten Lage, weil es schwerlich anging, zu antworten, daß von den Aufgeforderten niemand mehr vorhanden sei. Sie verfiel daher auf den Gedanken, diese Papiere an die noch übriggebliebenen Juden zu verteilen. Der Personenwechsel würde nicht sofort herauskommen, weil die Auswanderung nach Südamerika erst nach Beendigung des Krieges erfolgen sollte. Vorläufig würde man diese Menschen in speziellen, für internierte fremde Staatsbürger vorgesehenen Häusern unterbringen. Sie würden nach Vitel, einem Ort an der Schweizer Grenze gebracht, wo für sie das komfortable Hotel „La providence“ vorgesehen sei. Sie würden sich dort in der Gegend frei bewegen können, bestimmt nirgendwohin flie- hen, denn wer würde schon zu entkommen suchen, wenn er so großartige Verhältnisse, vortreffliche Kost und ständige amerikanische Hilfe hatte? Der Aufenthalt in Vitel würde einem nicht über werden. Dort könne man Kajak fahren, baden, Tennis spielen, 543 Bergtouren unternehmen und in vornehmen Lokalen tanzen. Konnte der Kopf so etwas überhaupt fassen? Aus der Hölle in den Himmel! Man hätte wahnsinnig werden können vor Glück. Tennis, Tanz, das wollen wir gar nicht, laßt uns nur in Ruhe, mehr wollen wir von euch nicht. Die Dokumente lauteten auf verschiedene Namen, z. B. für Herrn Goldstein mit Familie, für Herrn Rosenblum mit Fa- milie. Man bildete also aus den Juden, die sich verbargen, Familien. Ein älterer Mann war dann eben der Vater, dem man eine etwa gleichaltrige Frau und auch Söhne und Töchter aussuchte. Diese Kinder konnten bereits verheiratet sein und auch wieder Kinder haben. Um die Staatsbürgerschaft zu kaufen, mußte man Geld haben, und zwar viel, aber man konnte einiges abhandeln. Kinder und alte Leute konnten unentgeltlich mitgehen, weil es deren wenige gab. Darüber hinaus auch verdiente Leute, Ärzte, Rechtsanwälte, Ingenieure. Sie alle nahm man unentgeltlich auf, wenn sie sich in schwierigen Verhältnissen befanden. Das Hotel in der Diugastraße wurde schließlich zu einer Oase, zu einer Sammelstelle für alle Juden, und wenn man in der Diugastraße noch ein gehetztes Tier war, dem in jedem Augenblick der Tod drohte, so war man bereits hinter der Hoteltür ein Mensch. Kein Wunder also, daß sich dort alle diejenigen zusammenscharten, die aus dem Ghetto geflohen waren und sich auf der arischen Seite verborgen hielten. Aber um in diesem Hotel zu wohnen, eigentlich nicht zu wohnen, sondern einen Winkel und die Erlaubnis zu erhalten, dort über Nacht zu bleiben, mußte man einen Ausweis be- kommen haben, daß man ausländischer Staatsbürger war. Es wurde gefeilscht. Die Menschen flehten die Vertreter der Gestapo geradezu auf Knien an, standen tagelang Schlange, um zu diesen Göttern zu gelangen und sich einzutragen. Ja, das war die einzige Zuflucht. Das war geradezu eine Er- lösung. 544 Bsgabjie Bedenke so? Sie li und Trit Hof vers Aber die klar und Die Deut Juden fü Nenn es konnten 4 vielleicht trzählter lage hat traf leichen Auf der| Dühten Es gab jedoch auch etliche, die gegen die ganze Organisation Bedenken hatten. Sollte es nicht etwa eine Finte sein?! Wie- 50? Sie ließen die Juden, die sich verbargen, denen auf Schritt und Tritt der Tod drohte, im Hotel herumspazieren, sich im Hof versammeln? Ob das nicht eine Falle war? Aber die Mehrzahl behauptete, die Angelegenheit sei sonnen- klar und man solle in etwas Ganzem kein Loch suchen. Die Deutschen wollten so ganz einfach ein Lager internierter Juden für das Ausland haben. Nicht etwa aus Barmherzigkeit, ganz einfach zur Schaustellung.„Das ist möglich, es ist alles in Ordnung“, riefen die Menschen, übertäubten die Stimmen des Zweifels und glaubten, weil sie daran glauben wollten, weil das ihre Rettung, ihre einzige Rettung war, der Strohhalm für den Ertrinkenden. Von diesem Hotel hatte ich zufällig gehört, und als man Jurek mitgenommen hatte, beschloß ich, dorthin zu gehen. Wenn es dort Leute gab, die Kontakt mit der Gestapo hatten, konnten sie vielleicht erfahren, wo Jurek war— konnten mir vielleicht behilflich sein. Ich traf dort einige Bekannte. Alle erzählten mir von ihren schrecklichen Erlebnissen. Für meine Lage hatten sie kein Mitgefühl. Jeder war mit sich selbst be- schäftigt, jeder hatte so viel durchgemacht, daß er gegen ttemdes Leid bereits gefühllos war. Das war kein Wunder. Ih traf dort einige Personen, denen man ungefähr in der gleichen Zeit wie mir ebenfalls einen Angehörigen, der sich auf der arischen Seite befand, mitgenommen hatte. Sie be- mühten sich genauso, hier etwas für die Vermißten zu er- Zeichen. Sie informierten mich, daß man junge gesunde Män- 2er nicht sofort töte, sondern in Arbeitslager schicke. Wenn Jurek sich noch in der Szucha-Allee oder im Pawiak befinde, sei es möglich, ihn zu retten. Im Pawiak gäbe es eine beson- dere Zelle für Juden, wo man sie solange festhalte, bis eine größere Anzahl zusammen sei, die man dann unter Be- Wachung in die Lager transportiere. Nach mehrmaligem 35 F 18/58 545 langem Warten gelangte ich zu einem der„Könige“, der im Pawiak„Gänge“ zu erledigen hatte, und trug ihm meine An- gelegenheit vor. Die Befreiung bewerkstelligte er auf die Art, daß er den Festgehaltenen auf die Emigrantenliste setzte und ihn dann als Ausländer ins Hotel in die Diugastraße brachte. Eine solche Intervention kostete 20000 bis 30000 Zloty. In meinem Besitz hatte ich kaum den zehnten Teil, aber daran wollte ich im Moment nicht denken, irgendwie würde es sich schon machen lassen, man würde mir helfen müssen. Ich würde das Geld von Alina für die Möbel herauspressen, ebenso von Fiutkowski; für eine solche Sache mußten sie es hergeben. Ich flehte den Herrn an und beschwor ihn bei allem, was heilig ist. Er notierte die Daten und sagte:„Kommen Sie, bitte, morgen mittag her, dann gebe ich Ihnen Antwort.“ © Gott, sollte es doch möglich sein, daß er ihn befreite?! Wie lang doch eine Nacht sein kann! Wir werden in Vitel sein, und alle Qual wird ein Ende haben. Ach, armer Jurek, du denkst gewiß... Sobald es am folgenden Morgen dämmerte, lief ich in die Diugastraße— und wartete. Es wurde 12 Uhr, 1 Uhr, 2 Uhr, 3 Uhr, der Abend rückte heran, und der Herr war immer noch nicht da. Habe es denn schon solche Tage gegeben, an denen er überhaupt nicht kam? Ja, es sei schon vorgekommen, daß er anderweitig stark beschäftigt gewesen sei. Ich wartete und tröstete mich damit, daß er vielleicht gerade etwas für mich erledige, vielleicht gleich mit Jurek käme. Endlich fuhr gegen Abend der Wagen vor. Die Menschen drängten sich zu ihm, jeder kam mit seiner Angelegenheit. Endlich zwängte ich mich zu ihm hindurch. „Ich war nicht im Pawiak, ich hatte keine Zeit.“ „Ich bitte Sie, beeilen Sie sich, man schickt ihn ja sonst weg.“ Aber solcher Angelegenheiten wie die meine gab es viele. Für mich war sie die allerwichtigste, die einzige, für ihn war 546 sie ga es vo klärte in ein Is wa Bei w wege Ih ko leben, Jetzt hätte müsse zu bit hinter Aber braud mich s Aus( Majda Ponia, Kenig Lager: erfahr Man j] Wiek Ibrig, hätte, j Richtu 3, Jur Nun m Id Wü; hatte; Vor | Inoffi; sp sie ganz unwichtig. So vergingen Tage. Herr Kenig verschob es von einem Tag auf den anderen, bis er mir schließlich er- klärte, daß die ganze Gruppe vor zwei Tagen aus dem Pawiak in ein Lager gefahren sei, er aber nicht wisse wohin. Es war also alles verloren! Bei wem konnte ich mich beschweren, wen konnte ich des- wegen anklagen? Ich konnte nur weinen, ohne Ende weinen. Wozu sollteichnoch leben, was sollte ich tun, um möglichst schnell zu sterben. Jetzt wußte ich, daß ich mit Bitten nichts vollbrachte, ich hätte Kenig sofort mit einer großen Summe faszinieren müssen. Hätte ich Erfahrung und Geld gehabt, hätte ich nicht zu bitten brauchen. Ich hätte alle Schmucksachen und Geld hinterlegen und nach Ankunft Jureks zurücknehmen sollen. Aber es gab noch einen Weg zu Jurek. Solange er lebte, brauchte man die Hoffnung nicht zu verlieren, tröstete ich mich selbst. Man mußte ihn suchen. Aus dem Pawiak schickte man die Festgehaltenen nach Majdanek und Treblinka, leichtere Fälle angeblich nach Poniatöw und Trawniki. Kenig erzählte mir auch noch von verhältnismäßig milden Lagern in den Ostsudeten und in Lipowa, aber wie sollte ich erfahren, wohin er geschickt worden war? Vor allem konnte man ihn dort im Pawiak erschossen haben. Wer wußte es? Wie konnte man es nachprüfen? Es blieb mir nichts anderes übrig, als Kenig zu glauben, der, als wenn er es nachgeprüft hätte, ganz entschieden behauptete, daß er in unbekannter Richtung weggeschickt worden sei, und als Datum den 23. Juni angab. Nun mochte ich suchen... Ich würde ihn suchen, denn was für ein anderes Ziel im Leben hatte ich noch? Vor allem gingen nach Poniatöw und Trawniki Briefe, zwar inoffizielle, aber man korrespondierte, es bestand also eine 35 F* 547 Verbindung dahin. Ich fügte daher diesen an die Lager ge- schriebenen Briefen die Bitte hinzu, nach Jurek zu fragen. Jeden Tag ging ich in die Diugastraße und wartete auf Ant- wort. Ich beneidete alle, die mit ihren Angehörigen zusam- men waren. Ich fühlte mich so schrecklich einsam und ver- lassen, in einem solchen furchtbaren Augenblick auf mich selbst angewiesen. Zwar standen mir beide Rakowskis tüchtig Zur Seite, Inka wich keinen Schritt von mir, aber ihre Mög- lichkeiten waren sehr dürftig. Immer mehr Menschen ström- ten in das Hotel, die Räume waren derart vollgepfropft, daß um einen Platz geradezu gekämpft wurde. Es schien, als schlie- fen dort die Menschen im Stehen. Das Haus war erfüllt von Lärmen, Schreien und Umherlaufen. Der Transport sollte bald abgehen, und es gab hier keinen Platz mehr.„Ich muß einen Ausweis für meine Frau haben“, schrie jemand,„ich werde doch nicht allein fahren. Aber sie verlangen von ihr eine so horrende Summe, daß man sich direkt aufhängen könnte.“—„In meiner Familie ist ein freier Platz für eine ältere Frau und einige Kinder; gibt es dafür Bewerberinnen? Es wird nicht viel kosten!“—„Oh, das ist mir eine Gefällig- keit! Alte und Kinder kann man doch unentgeltlich mitneh- men.“—„Du, Rapaport, wohin fährst du?“—„Ich? Nach Uruguay, aber ich heiße jetzt nicht mehr Rapaport, vergiß das; ich heiße jetzt Blauszyld.“—„Von welchen Blauszylds? Etwa von denen aus der Bielanskastraße?“—„Was weiß ich— ich heiße Jözef Blauszyld, fahre mit meiner Familie, die aus einigen Dutzend Personen besteht. Ich bin Ehemann, Vater, vielleicht Großvater, ich weiß es nicht— ich muß meine Familie erst kennenlernen.“ Solche Gespräche hörte man ringsum. Ein alter Bekannter von mir, ein Lödzer, beklagte sich: „Einmal hatte ich einen anständigen arischen Zunamen, Leczycki, meinen eigenen, dann änderte ich ihn in den arischen Namen Stanislaw Majaner um, dann wieder in 548 j Joachimowicz, und jetzt heiße ich Rabinowicz. Ich suche den Sinn darin, aber ich kann ihn in Namen nicht finden, wie es ihn auch nicht im Leben gibt, denn welcher Sinn liegt darin, daß ich noch lebe?“ Ich griff die letzten Worte auf:„Ja, Herr Leczycki, ich bin derselben Meinung.“ „Wie können Sie das sagen, Sie sind ein Kind, sind so jung. Wenn ich in Ihrem Alter wäre!“ „Meinen Sie, daß ein junger Mensch weniger leidet? Ich habe genauso alle verloren wie Sie.“ „Sie haben keine Kinder verloren.“ „Weil ich keine hatte, aber kann man denn sagen, wessen Unglück größer ist?“ Im Hotel war auch meine Schwägerin. Sie und meine Schwiegermutter waren nach dem letzten Raub im Besitz so geringer Mittel, daß sie nicht einmal soviel besaßen, um einige Monate durchzuhalten, und waren ganz und gar auf die Gnade Fiuteks angewiesen, der nur daran dachte, wie er sie loswerden konnte. Abgesehen davon sahen beide semitisch aus und konnten sich darum nicht in der Stadt bewegen. Sie hätten eigentlich in einem getarnten Ver- steck sitzen müssen, aber woher sollten sie das Geld dazu nehmen? „Ich bin dem Wahnsinn nahe“, beklagte sich Zosia.„Nach diesem Erlebnis mit Jurek glaube ich nicht daran, daß wir durchkommen könnten.“ „Zosia“, sagte ich,„du mußt unbedingt mit der Mutter fahren, für euch gibt es keinen anderen Ausweg. Ich denke, daß sie dich als Ärztin für eine kleine Summe, vielleicht auch unentgeltlich annehmen werden.“ „Und du?“ „Ich bleibe natürlich hier, ich werde doch nicht ohne Jurek fahren.“ »Was kannst du denn für ihn tun?“ „Vielleicht doch etwas. Und wenn ich ihm auch nur ein klei- nes Briefchen schicken kann, wird es schon viel sein. Allein der Gedanke, daß ich lebe und an ihn denke... Ich werde bis zum Schluß handeln.“ Am selben Tag war ich bei alten Bekannten. Einer von ihnen schlug mir vor, als seine Frau mitzufahren. „Ich weiß, daß Sie in einer schrecklichen Lage sind; hier kommen Sie um, und dort werden Sie Fürsorge haben, na und... Ich unterbrach ihn. „Nein, nein, danke. Ich fahre nicht.“ Ich ging schnell weg und weinte. Wie schrecklich war das, als er gesagt hatte„alsseine Frau“ und daß ich hier nichts mehr zu tun hätte. Also hatte man Jurek tatsächlich schon abgeschrie- ben— nur ich gab mich noch Illusionen hin. O Gott, Gott! Aus Trawmniki und Poniatöw kam eine Antwort. Man hatte ihn dort nicht gefunden. „Ich werde nach Treblinka fahren, mich dort erkundigen.“ Zosia riet mir ab:„Du wirst zugrunde gehen.“ „Zosia, ich habe es bereits beschlossen.“ Wir verabschiedeten uns. Zosia blieb im Hotel und wartete immer noch auf ihre Papiere. Ich fuhr nach Treblinka. Wir fuhren zu dritt, eine Arierin(wie ich später erfuhr, war es eine Abenteuerin, Prostituierte und Verrückte in einer Per- son) und ein junger Eisenbahner, den ich zufällig auf dem Bahnhof kennengelernt hatte. Wir stiegen in Malkinia aus. Arbeiter aus Treblinka luden dort auf den Bahngleisen Koh- len ab. Unser Eisenbahner trieb sich an demselben Gleis herum, und wir warteten in einer gewissen Entfernung. Wir hatten uns ins Gras gesetzt. Ich strengte meinen Blick an und sah, wie die Juden in schmutzigen, alten Lumpen arbei- teten. Sie wurden von Litauern bewacht. Da, einer von ihnen ging auf einen Juden zu und schlug ihn, schlug ihn ohne Ende. Ich machte die Augen zu. “ 550 Die Ge fernung hnen, Wir bl ging je nit der angege Jeden 7 um siel dad m gedrüd Gesich gebeug lager, Der Ei widersı andern Himme wieder Neine lem er wartet, 2 hörten 4 Ihstr | Treblir pürte Shlieh einen; ter jen Nlitti] Beisch Mir yo ha Meiner Die Gesichter der Arbeitenden konnte ich aus dieser Ent- fernung nicht erkennen. Gott, vielleicht war Jurek unter ihnen, oh, wenn er doch dabei wäre! Wir blieben ein paar Tage in Malkinia. Der Eisenbahner ging jeden Tag auf die Gleisanlagen, er sagte, daß er bereits mit den Arbeitenden Fühlung aufgenommen und den Namen angegeben habe. Jeden Tag gingen wir auf die Station, wo die Arbeitsgruppen um sieben Uhr so nahe an einem der Gebäude vorbeigingen, daß man sie genau sehen konnte. Das Gesicht an die Scheibe gedrückt, betrachtete ich sie. Wie abgeplagt sie waren; ihre Gesichter waren schmutzig, die Augen eingefallen, die Rücken gebeugt. Jurek war nicht dabei. Vielleicht arbeitete er im Lager, vielleicht aber auch auf einer anderen Arbeitsstätte. Der Eisenbahner brachte jeden Tag neue Nachrichten, sie widersprachen sich immer, einmal, daß Jurek da sei, ein andermal, daß er nicht da sei; einmal fühlte ich mich wie im Himmel, sprang vor Freude herum, am anderen Tag fiel ich wieder von der Höhe des Glücks herunter und fühlte mich wie in einem Grab. Jeden Tag gab ich ihm Geld für Schnaps, mit dem er angeblich die Wachhabenden bewirtete, jeden Tag er- wartete ich sehnsüchtig den Augenblick seiner Rückkehr und hörtemir dann sein Geschwätz an, mit.dem er mich abspeiste. Ich streifte über Wiesen und Felder. Dort in der Ferne war Treblinka! Dort verbrannte man Leichen. Den üblen Geruch spürte man bis hierher. Schließlich begriff ich, daß ich die Zeit vergeudete. Ich suchte einen anderen Weg und fand ihn durch den Bahnvorsteher, der jemanden im Konzentrationslager hatte. Ich erhielt die Mitteilung, daß man Jurek dort nicht gefunden habe. Bei schönem sonnigen Wetter verließ ich Malkinia. Ich nahm mir vor, nach Lublin zu fahren. In Warschau gab es ein neues Unglück. In der Nacht nach meiner Wegfahrt hatte die Gestapo das Hotel umzingelt und 5 alle Juden in den Pawiak gebracht; sie war dabei genauso vorgegangen wie einst im Ghetto, ohne die geringste Ach- tung vor fremden Staatsbürgern; aber in dem Augenblick, als es im Hotel die ersten Toten gab, waren sich die Men- schen über die Lage klargeworden, daß eine Rettung unmög- lich war. Sie waren umzingelt. Den größeren Teil hatte man im Pawiak erschossen; einen Teil hatte man in ein Männer- lager nach Hannover abtransportiert, wo man sie vier Mo- nate später, im November, zur gleichen Zeit wie auch die Judenlager in Polen, liquidierte, Meine Schwiegermutter traf ich völlig niedergeschmettert an. Nach dem Sohn hatte sie nun auch die Tochter verloren. Sie war halb wahnsinnig. „Zosia“, flüsterte sie,„suche Zosia, suche sie, vielleicht ist sie noch im Pawiak.“ Von neuem begannen die Wanderungen mit Inka durch War- schau, von neuem suchte ich mit dem Pawiak Verbindung aufzunehmen, von neuem verbrauchte man das letzte Geld für Bestechungen. Diesmal gab die Schwiegermutter ihren letzten Ring her. Warum hatte ihn Jurek in dem schrecklichen Augenblick seiner Verhaftung nicht bei sich gehabt? Vielleicht hätte ihn dieser Ring mit dem Stein gerettet. Ich betrachtete ihn. War er soviel wert, um Jureks Leben zu erkaufen? Wir bekamen von zwei Seiten Nachrichten. Man hatte Zosia an Ort und Stelle erschossen. Noch eine aus unserer Reihe war gefallen. Wer von uns würde die nächste sein? Ich fuhr nach Lublin. Meine Nachforschungen— Lublin, Majdanek Nun hatte ich endlich einige tausend Zloty. Um nach Lublin zu fahren, mußte man einen Passierschein besitzen. Ich konnte natürlich keinen bekommen. Ich entschloß mich, ohne 552 ringste Ach- Augenblick, ch die Men- ung unmög- ] hatte man ein Männer- sie vier Mo- wie auch die mutter traf hn hatte sie ihn zu fahren. Es hieß, unterwegs würden Reisende ergriffen und nach Preußen geschickt, man hole sie aus den Zügen heraus, verhafte sie. Mir war alles gleich, es ging doch schließ- lich nicht um mich, ich hatte ohnehin schon soviel Zeit für nichts und wieder nichts verloren, und wie die Menschen in den Lagern gequält wurden, das wußten wir. Ich fuhr los. Für ein Billett ohne Passierschein zahlte man den doppelten Fahrpreis. Der Kontrolle mußte man auch etwas in die Hand drücken. Das alles war eine Lappalie, wenn bloß nicht die Gendarmerie nachprüfte. Die Gendarmerie erschien in Deblin. Sie ging in die Wagen, interessierte sich aber nur für Schmuggel. Ich atmete erleichtert auf. „Steigen Sie jetzt vor Lublin aus, denn vom Lubliner Bahnhof selbst wird es ohne Passierschein schwierig sein, in die Stadt zu kommen“, informierte mich der Schaffner. Ich stieg noch mit einigen anderen in Motycz aus, und wir gingen die zehn Kilometer bis nach Lublin. Unterwegs kam ich dahinter, daß meine Begleiterinnen ganz gewöhnliche Erpresserinnen waren. Ich hatte also meine eigenen Häscher bei mir. Ihre Absichten waren durchsichtig. Sie wollten mir nur mein Geld abgaunern und mich dann sitzenlassen. Das war klar. Anfangs gingen sie diplomatisch vor, aber schon in Lublin war ihnen das Katz-und-Maus-Spie- len über, und sie fingen an, eindeutig aufzutreten. Nein, ich werde nicht die Hunderte von Fluchtbemühungen beschreiben, ich kann an diese Ereignisse nicht einmal mehr denken und auch nicht daran, wie abends in der Vorstadt Kusminka ihre Schläge auf mich niederfielen. Ja, zwei Prostituierte schlugen mir ins Gesicht. „Gib dein Geld her, du Judenweib. Seht mal, welche Frech- heit, nach Majdanek zu fahren! Du unverschämtes Frauen- zimmer, gib dein Geld her!“ „Ich werde es auf der Gendarmerie abgeben, aber nicht euch“, schrie ich. War ich es denn, die da so schrie? „Ja, gehen wir auf die Gestapo, aber alle, auch ihr beiden. Um den Deutschen glaubwürdig zu erscheinen, hättet ihr mich schon in Warschau ausliefern müssen und nicht erst bis hier- her fahren dürfen. Da ihr es aber nicht getan habt, so hattet ihr irgendeinen Grund dazu. Gehen wir, wo ist hier die Gen- darmerie?!“ Eine solche Wendung der Dinge kam meinen Begleiterinnen und ihrem betrunkenen Kumpan nicht sonderlich gelegen. „Die Gendarmerie bin ich“, lallte er und zeigte mir seine rote Armbinde als Arbeiter aus Majdanek. Brr, wie furchtbar das war! Schließlich übergaben mich die Frauen diesem Säufer zur„Li- quidierung“. ... Ein dunkles Zimmer, auf dem Tisch eine verglimmende Kerze; ich schaute zu, wie sie vor meinen Augen schmolz. Die Flamme zitterte, die Flamme, das war ihr Leben. Bald würde sie verlöschen, genauso wie auch das meine. Der Säufer Rozenek sah mich an wie eine Katze die Maus, die ihr nicht mehr entwischen kann. Er war betrunken, aber noch nicht in dem Maße, um seine Geistesgegenwart völlig zu ver- lieren. „Na, Kleine“, fragte er,„trinkst du mit? Trink, zum Henker, das ist nun dein letzter Schnaps im Leben. Eigentlich haben sie dir kein so großes Unrecht getan, daß sie dich jetzt mit- nehmen; schließlich mußt du doch sowieso draufgehen. Wie lange ist es schon möglich, sich zu tarnen“, philosophierte er. „Ich weiß doch, daß ich nicht allezeit bei Ihnen bleiben werde“, entfuhr es mir unvorsichtig. Rozenek erhob sich und richtete sich gerade auf. „Was, was hast du da gesagt? Wer wird sein? Du, du... Dich muß man auf der Stelle totschlagen! Ich werde nicht erst bis morgen warten, ich werde gleich die Wache rufen.“ 554 i j meine. Der die ihr Das kleine Haus Rozeneks stand direkt an der Umzäunung des Majdaneklagers, so daß die in Abständen von einigen Schritten postierte Wache ununterbrochen am Hause vorbei- marschierte. „Warum sollst du hier bequem in einem Zimmer sitzen(war diese Spelunke etwa ein Zimmer?); es ist besser, daß sich mit so einer die Hunde ein bißchen amüsieren; da werden sie wenigstens ein Vergnügen haben.“ Die 55-Männer bewachten das Lager zusammen mit riesigen Hunden, die besonders darauf dressiert waren, sich auf Men- schen zu stürzen. Jetzt stand auch ich auf. „Nun, dann gehen wir.“ Aber Rozeneks Herz wurde weich. „Warum bist du so undankbar?“ Er streckte seine schmutzige abscheuliche Tatze nach mir aus, mich schauderte vor Ekel. „Na, wir werden einen trinken!“ Manchmal schießt einem ganz plötzlich ein Gedanke durch den Kopf wie jener, von dem ich sogar noch jetzt fasziniert bin. Ich dachte: ist es möglich, daß es aus so einer furchtbaren Situation einen Ausweg gibt? „Gut, trinken wir“, sagte ich. Ich wurde gesprächig und lustig. Ich versetzte den Schnaps mit Karamel, den ich in der Eile gemacht hatte. Ich biß mir auf die Lippen, um nicht zu schreien und lachte mit einer schreck- lichen, künstlichen Stimme. Rozenek war von mir begeistert. „Na, so hab ich es gern; bist ein feines Mädchen“, lispelte er.„Wirst du nett sein?“ „Ja“, versprach ich ihm. „Und wirst du auch lieb zu mir sein?“ „Ja, ja, aber zuerst müssen wir doch trinken, um die gute Laune wiederzubekommen!“ Rozenek nahm den Vorschlag mit Beifall an. „Natürlich, natürlich trinken wir.“ Ich betrog ihn, wie ich nur konnte. Ich goß mein Gläschen immer aus. Rozenek trank, seine Zunge wurde immer mehr gelöst, und er erzählte mir dabei von den Martern in Majda- nek, von seinen„ehrlichen“ Verdiensten, davon, daß seine ganze Familie sich als Volksdeutsche auf die Liste setzen ließ, obwohl sie mit den Deutschen nichts gemein hatte. „Ich werde den Deutschen dienen“, lallte er,„denn bei ihnen geht es mir gut. Jetzt bin ich ein Herr; was ich will, das hab ich, und bei den Polen mußte ich arbeiten. Da geht man in die Baracke, trinkt mit den SS-Männern.... und schon ist ein Geschäftchen gemacht. Verkaufen, kaufen, und Geld ist da. Jetzt ist Hochkonjunktur, immer wieder bringen sie Judenpack her. Bei diesen letzten aus Bialystok muß ich fein verdienen!“ „Trinken wir, trinken wir“, animierte ich ihn; dann nahm ich Schnaps auf einen kleinen Löffel und genauso wie einem kleinen Kinde Grützbrei, stopfte ich ihm den Schnaps löffel- weise in den Mund. So ein Spielchen gefiel ihm, und er trank wie ein Engel. „Na, noch eins“, redete ich ihm zu,„darauf, daß es an den Bialystoker Juden zu verdienen gibt; und dieses Löffelchen, damit noch eine andere Gruppe herkommt, und dieses, um einen Verdienstorden zu bekommen, und dieses...“ Die Kerze verglomm. Der stockbesoffene Rozenek erhob sich langsam vom Stuhl und näherte sich mir. „Komm!“ Ich stieß ihn mit ganzer Kraft zurück. Er taumelte, fiel auf das in der Nähe stehende Schlafsofa und versank augenblick- lich in einen tiefen Säuferschlaf. Fliehen! Jetzt konnte es zwölf Uhr sein, es war Polizeistunde. Die Tür war verschlossen, vor dem Hause waren Posten und Hunde! Selbst wenn es mir gelänge, unbemerkt durch das Fenster zu entschlüpfen, würde man mich in der Stadt anhalten. 556 Ihs das| zum man Iigen glühe Uhrz schne Ih s wegt Jetzt Wie Him: Haus Ad liegs daraı sein Bsdi wach Ih st seher ein V Ic li Die Zaun dem. kühl, Geld Ihn fast etlich Mich dezei in Gläschen immer mehr n in Majda- a dell co: 1, daß seine Liste setzen Ich setzte mich aufs Fensterbrett, dann öffnete ich ganz leise das Fenster. Ich wollte so sitzen bleiben, jeden Augenblick zum Absprung bereit. Es war still, nur aus Majdanek hörte man Pfiffe, leise Signale, die rhythmischen Schritte der Wache. Irgendwo knurrte ein Hund. Der Wind strich mir über die glühende Stirn. Bei dem hellen Mondschein sah ich, wie die Uhrzeiger sich bewegten, der Sekundenzeiger schnell, ganz schnell, aber wie langsam rückten die Minuten vor. Ich saß da und paßte auf jedes Geräusch auf. Rozenek be- wegte sich auf dem Bett, ich ließ die Beine herunterhängen. Jetzt! Nein, wieder war Ruhe. Wie lang, wie schrecklich lang war diese Nacht. Ich sah zum Himmel auf. Der Mond erleuchtete Majdanek und Rozeneks Haus, er sah auf mich herab und vielleicht auch auf Jurek. Ach Jureczek, der du doch vielleicht in einer der Baracken liegst, hungrig, unbarmherzig geschlagen, denkst du wohl daran, daß ich so nahe bei dir und gleichzeitig so fern von dir sein kann? Es dämmerte. Das Gerümpel von Schlafsofa knarrte. Rozenek wachte auf. Ich sprang vom Fenster hinunter und ging, ohne mich umzu- sehen, schnell in Richtung der Stadt. Mir war, als riefe mich ein Wachposten, aber vielleicht war es nur eine Täuschung. Ich lief. Die Straßen waren ganz leer. Ich kroch durch einen Planken- zaun in ein Gärtchen. Ich setzte mich auf einen Stein. Hinter dem Zaun fühlte ich mich sicherer als auf der Straße. Es war kühl. Ich war meine Verfolger losgeworden und hatte mein Geld und meinen Koffer eingebüßt. Was nun? Ich war hierher gefahren, um Jurek zu helfen, dabei hatte ich fast alle Mittel, einen Teil meiner Sachen verloren und etliche Tage unnütz vertrödelt. Und jetzt mußte ich mich um mich selbst kümmern und nicht um Jurek. Wie sollte man es bezeichnen, als Unerfahrenheit, Dummheit oder als ein 557. ungünstiges Zusammentreffen von Umständen? Ich hätte hier eigentlich schnellstens weglaufen müssen. Meine lieben drei würden mich suchen, und Lublin ist nicht groß. Es würde ihnen um so leichter fallen, als ich mich in der Umgebung Majdaneks herumtreiben mußte. Aber ich setzte mir in den Kopf, nicht abzureisen. Ich hatte nichts ausgerichtet. Ich mußte erfahren, ob er hier war. Jemand ging im Gärtchen umher, eine Frau näherte sich mir. „Was machen Sie hier?“ Ich stammelte:„Ich ruhe mich aus.“ Sie sah mich forschend an, und was konnte sie sich schon denken: da saß ein Mädchen in einem seidenen geblümten Kleidchen und blauem verschossenem Jäckchen, nicht gekämmt (ich hatte meinen Kamm unterwegs verloren), an den Füßen Sandaletten, von denen eine beim Sprung aus dem Fenster gerissen war und sich nur noch auf gut Glück am Fuß hielt. Nein, ich sah nicht ordentlich aus und konnte in keinem noch so guten Menschen Vertrauen erwecken. Ich erhob mich von meinem Stein. Die Frau nickte vor sich hin, als wolle sie sagen: Du bist ein bedauernswerter Mensch und, mich immerzu ansehend, lud sie mich in die Wohnung ein. Ich ging hinein. Mich empfing eine Welle von Wärme. Ein Haus, ein Tisch, ein Bett, an den Wänden Bilder, auf einem Tisch ein gesticktes Deckchen, auf dem Fußboden Brücken, im Ofen prasselte Feuer... Ein Haus. Wie sehr fühlte ich, daß ich mit einem Menschen sprach. Sie bot mir heißen Tee an. Ich hatte einen solchen Hunger!!! Und dann betteten mich besorgte Hände auf ein Sofa. Im Schlaf spürte ich, wie mich die Frau mit einer Woll- decke zudeckte. Ich schlief. Ich holte den versäumten Schlaf durchwachter Nächte und unheilvoller Tage nach. Ich wurde wach: Wo war ich? Ich hörte sprechen. 558 wer: Wan verg Ic ı jetzt sageı edelt Ih ı Wah Razz War: sagte Inka geste erpre dung und| Die] »Wie gewa fahre Ad, Ihk, ich m Als q Tock Weite Ein k ’ Air,] ch hätte hier„Du nimmst ein Mädchen, das du auf der Straße findest, ins > lieben drei Haus und weißt nicht einmal, wer sie ist...“, sagte eine d. Es würde Männerstimme. t Umgebung Eine Frauenstimme antwortete: „Das ist ein unglückliches Mädchen. Man muß ihr helfen, en. Ich hatte wer sie auch sein mag. Du sollst den Hungrigen speisen— den Wandernden in dein Haus aufnehmen. Hast du diese Lehre vergessen?“ Ich wurde wach. Am Morgen fragte man mich fast nichts, jetzt würde ich alles von mir erzählen müssen. Was sollte ich sagen? Ich mußte lügen, und wie schwer fiel es mir, dieser e sich schon edelmütigen Frau etwas vorzulügen. . Ich erzählte so, daß es sich wenigstens zum Teil mit der ht gekämmt Wahrheit deckte. Man habe mir meinen Verlobten bei einer n dei Füßen Razzia mitgenommen und abtransportiert, ich sei daher aus dem Fenster Warschau hergekommen, um ihn in Majdanek zu suchen. Ich m Fuß hielt. sagte, meinen„Verlobten“, weil meine Ausweise, das heißt keinem noch Inkas, auf ein Fräulein lauteten. Hier sei ich auf einen Lumpen gestoßen, der mir meine Sachen weggenommen hatte und mich Kto yor sich erpreßte, weilichmichmitmeinem Verlobten illegal in Verbin- or Mensch dung setzen wollte. In Warschau wohnte ich mit meiner Mutter & Wohnung und Schwester. Mein Name sei Rakowska. Das sei alles. Die Frau war gerührt. Wärme. Ein„Wie gut, daß ich Sie dabehalten habe. Daß Sie es aber auch Mall” „ufeinm gewagt haben, ohne Passierschein aus Warschau herauszu- ion Brücken, fahren!“ Ach, wenn du alles wüßtest, dachte ich. Menschen Ich konnte mich waschen. Welch ein Genuß! Und dann durfte ai solhen, Ich meine Wäsche und mein Kleid durchwaschen. u zifen' Als diese Sachen am Herd trockneten und ich in den Schlaf- .Wol, rock der Hausfrau gekleidet war, dachte ich: Und wie soll es a salal" weitergehen? BR Ein kleines Mädchen, das Töchterchen der Hausfrau, kam zu mir, kletterte mir auf den Schoß. Ich drückte es an mich. Das 559 Kind schlang die Hände um meinen Hals und küßte mich. „Bleib bei uns“, sagte es. Ich brach in Tränen aus. Wer war ich denn? Ich war an Zärt- lichkeit und Küsse nicht mehr gewöhnt... Todesfurcht konnte mir keine Tränen mehr herauspressen, aber Zärtlich- keit... Ein Herz ist nur ein Herz, mag es noch so stark und abgehärtet sein. Ich verkaufte meine Uhr, um etwas Geld zu haben. Jetzt begann ich zu suchen, da ich ein Dach über dem Kopf und wohlwollende Menschen gefunden hatte. Vor allem erkundigte ich mich bei Arbeitern, die in Majda- nek beschäftigt waren, mied dabei aber die Umgebung Roze- neks. Jetzt sagte ich nicht mehr, daß es sich um meinen Mann handele, sondern daß man mich mit einer solchen Angelegen- heit betraut habe. Die Arbeiter nahmen die Angaben ent- gegen, machten Versprechungen, nahmen Geld von mir, ver- schoben die Angelegenheit von einem Tag auf den nächsten. Ich suchte nach einem anderen Weg. Ich erfuhr, daß Gruppen von Juden aus Majdanek in verschiedene Betriebe arbeiten gingen. Ich entschloß mich daher, mich mit ihnen in Verbin- dung zu setzen. Es gab mehrere solcher Arbeitsplätze, im Sägewerk„Piaski“, in der Kalinowszezyzna und in der Mühle von Krauz. Ich ging ins„Piaski“. Die Juden wurden von sechs SS-Män- nern und zwei riesigen Hunden bewacht. Ich ging näher heran. „Halt!“ schrie ein junger SS-Mann.„Was willst du?“ Ich spielte die Dumme und sagte, daß ich einen von den Ge- fangenen etwas fragen möchte. „Das ist nicht erlaubt, essind Juden! Was kannst du schon von Juden wollen!“ schrien seine Kumpanen.„Es ist verboten!“ „Aber ich habe ein Anliegen.“ Ich sah mir die Gefangenen näher an. Sie waren in gestreifter Sträflingskleidung, abgezehrt, saßen auf einem Bretterstapel. 560 Es war A schmutzi Ein SS-N „Wie he „Losia‘, Der 55-ı gelenk t „Esisth Kannst ı Kontroll Ich nahır Der Kap seine gaı Konzent Augen e ab, und „Tschech Ich stred „Ich hab „das ist mern,“ Ich bat; schlüssig »Entschu eine Jüd; Gefahr; angestift Uns der? Es War ej ZU bewe, Wie soll Jüdin gej Ein Gef Schaute; IF 1gfsg Es war Mittagspause. Man goß ihnen in kleine Schüsseln eine schmutzige Flüssigkeit— das Mittagessen. Ein SS-Mann näherte sich mir und fragte: „Wie heißt du, und was willst du von ihnen?“ „Zosia“, sagte ich. Der 5S5-Mann sah auf mein Silberkettchen, das ich am Hand- gelenk trug. „Es ist hübsch“, sagte er,„gib es mir, dann rufe ich den Kapo. Kannst mit ihm sprechen. Die Hauptsache, es kommt keine Kontrolle!“ Ich nahm das Kettchen von der Hand. Der Kapo trat zu mir heran. Es war ein Gefangener, der für seine ganze Gruppe verantwortlich war. Ein Lagerpolizist der Konzentrationslagerpolizei. Sein Gesicht war gelb, seine Augen eilten unruhig hin und her. Jemand rief den SS-Mann ab, und wir blieben allein. „Ischeche, Jude, Ingenieur, Forstmeister, Wasserman.“ Ich streckte die Hand aus. „Ich habe mir das Handgeben schon abgewöhnt“, sagte er, „das ist Menschensitte, und wir sind jetzt nur noch Num- mern.“ Ich bat ihn, meinen Mann ausfindig zu machen. Er war un- schlüssig. „Entschuldigen Sie, aber wie kann ich denn glauben, daß Sie eine Jüdin sind, die hergekommen ist und sich einer solchen Gefahr aussetzt! Vielleicht haben die Deutschen Sie dazu angestiftet. Für solche Dinge, um die Sie mich bitten, droht uns der Tod!“ Es war einfach grotesk, meine ganze Anstrengung ging dahin, zu beweisen, daß ich mit Juden nichts gemein habe, und wie sollte ich jetzt umgekehrt nachweisen, daß ich doch Jüdin sei? Ein Gefangener, der ein Brett trug, ging an uns vorbei. Ich schaute ihn an. Tränen rannen ihm aus den Augen. 36 F 18/58 561 „Sie erkennen mich nicht. Ich hatte im Hause Ihres Papas einen kleinen Laden. Wie muß ich Ihnen begegnen! Ich kann mich noch an Sie erinnern, da Sie so klein waren...“ Er zeigte es mit der Hand. Ich erinnerte mich an ihn als einen großen starken Mann, einen Athleten, und sah einen abgemagerten Greis. Das sollte er sein? Er nickte. Er hatte mich verstanden. Ich erzählte schnell, weshalb ich hergekommen war. „Fahren Sie hier bloß weg, hier ist der Tod. Sie werden für Ihren Mann nichts tun können. Man darf hier nicht herkom- men.“ Aber ich drang in ihn. „Tut es mir zu Gefallen, und erkundigt euch nach ihm.“ Schließlich nahm die Angelegenheit folgenden Verlauf: Sie versprachen mir, sich zu erkundigen. Das Kommando wurde jeden Tag von anderen SS-Leuten bewacht. Die Gefangenen bemühten sich täglich, ihre Wache zu bestechen, als Äqui- valent dafür erlaubten die SS-Männer ihnen, den im Säge- werk tätigen Arbeitern Schmuggelware zu bringen und Essen mitzunehmen. Natürlich fand am Eingang nach Majdanek eine besondere Kontrolle statt, und für jedes Krümchen Brot drohte ihnen ein grausamer Tod; trotzdem wurde auf diese Weise jeden Tag etwas an Lebensmitteln ins Lager ge- schmuggelt. Überhaupt waren diejenigen Gruppen, die„drau- ßen“ arbeiteten, Gruppen von Glückskindern, weil es ihnen trotz außerordentlichen Repressalien manchmal gelang, etwas von versteckt gehaltenem Schmuck aus dem Konzentrations- lager herauszubringen. Für diese durchgeschmuggelten und veräußerten Sachen kauften sie Lebensmittel. Es war ein Todeslager, aber trotzalledem führte es ein andersartiges Leben. Die Menschen dort wollten sich nicht unterkriegen lassen, kämpften um eine Imitation des Lebens. Mit dem Sägewerk„Piaski“ hatte ich Bekanntschaft geschlos- sen und mir einen Passepartout verschafft. Ich hatte mich mit 562 den poln und mit. Tag, wie nicht, W; Augenbli den, der genen. E erfahren, Vor aller Arbeit in mürbt, d: zu rühreı Uhr war freiem H den Bestz Tag Seg Kontrolle Eines Ta; habe, Ein Angaben Feld. Er] »Wie ka, »Mit nid Glück, 4. der Elen« So aus,, arbeiten, Meine Ar herkomm „Ad, m Ich Ias Jı Mer,,, Ich ba y daß ich, 36 Fr den polnischen Arbeitern befreundet, die dort tätig waren und mit Juden Kontakt hatten. Von ihnen erfuhr ich jeden Tag, wie die Wache war und ob sie zu bestechen sei oder nicht. War sie bestochen, so war es immer möglich, einige Augenblicke für ein Gespräch mit dem Kapo herauszuschin- den, der etwas mehr Vorrechte besaß als die übrigen Gefan- genen. Es war gar nicht so’ leicht, etwas über Jurek zu erfahren. Vor allem waren die Gefangenen nach einem ganzen Tag Arbeit in höchster Nervenanspannung und Angst derart zer- mürbt, daß sie weder die Energie noch die Kraft hatten, sich zu rühren, wenn sie nach Hause kamen. Morgens um fünf Uhr war Wecken, dann mußten sie einige Stunden lang unter freiem Himmel in Alarmbereitschaft stehen. Man überprüfte den Bestand des Lagers. Abends war der gleiche Alarm. Jeden Tag Segregationen, Schlagen, Strafen, Schießen, Morden, Kontrollen, Hunger, Tod. Eines Tages erklärte mir Wasserman, daß er Jurek gefunden habe. Ein in der Kartei beschäftigter Bekannter habe ihm die Angaben gemacht. Er arbeite in der Schlosserei, sei im vierten Feld. Er war da. Er lebte also. „Wie kann ich es Ihnen vergelten?“ „Mit nichts“, sagte Wasserman.„Es ist für mich ein großes Glück, daß ich, der Niedrigste der Niedrigen, der Elendste der Elenden, jemanden helfen konnte. Jetzt sieht die Sache so aus... Aus dem vierten Feld geht niemand in die Stadt arbeiten; ich habe einen Bekannten im Arbeitsamt, der ihn in meine Arbeitsgruppe versetzen kann. Dann könnte er mit uns herkommen, und Sie könnten ihn öfters sehen.“ „Ach, was wäre das für ein Glück!!!“ Ich las Jureks Nummer zum hundertsten Male, seine Num- mer.. Ich bat Wasserman, mir irgendwie zu helfen, ihm mitzuteilen, daß ich hier sei. 36 F* 563 Mittlerweile ging mein Geld zu Ende, und ich mußte nacı Warschau fahren. Meine Wirtsleute hatten Bekannte, die in Majdanek arbeiteten; sie schlugen mir vor, ihnen nähere Hinweise zu geben. Ich gab natürlich den falschen Namen an, Jerzy Wisniewski. Nach einiger Zeit erhielt ich die Nachricht, daß er nicht zu finden sei. Meine Wirtin erklärte mir, wenn er sich dort nicht befinde, dann habe es keinen Zweck, weiter zu suchen. „Dort, wo Sie hingehen, zieht man Ihnen sicherlich nur das Geld aus der Tasche“, tadelte sie mich.„Wenn er da wäre, hätten ihn unsere Leute auch gefunden.“ Ich fuhr nach Warschau, um Geld zu holen. Wieder diese Qual. Fiutkowski verduftete sofort wie Kampfer. Für mich war jeder Tag in Warschau verloren, es war zum Verzweifeln. Endlich bekam ich von Fiutkowski und Alina etwas Geld und konnte wieder abfahren. Ich erfuhr auch, daß sich Z. mit ihrer Begleiterin in Warschau befand, so daß ich in Lublin nur von Rozenek Angst zu haben brauchte. Wieder die Reise nach Lublin. Inka begleitete mich zum Bahnhof. „Wenn du ihn sehen solltest, dann telegrafiere.“ „ja. Die zehn Kilometer von Motycz bis Lublin legte ich jetzt in nicht ganz einer Stunde zurück. Schnell, nur schnell, um noch zur rechten Zeit auf die Arbeitsstätte zu gelangen, vielleicht waren sie noch dort. Das Sägewerk. Die Arbeitskolonne war nicht da. Sie kam seit zwei Tagen nicht mehr. Ich war verzweifelt. Was konnte ge- schehen sein? Vorläufig mußte ich mir ein Zimmer suchen; ich konnte die Gastfreundlichkeit meiner Wirtsleute nicht mehr länger in Anspruch nehmen, die mein— nach ihrer Meinung— nutzloser Aufenthalt in Lublin wunderte. Ich fand eine Eisenbahnerfrau, die Reisende bei sich zur Über- nachtung aufnahm. Für eine wie mich war es sehr kostspielig, und außerdem kamen öfter Kontrollen, nachzuprüfen, ob alle 564 Übernac besaßen. ausgeste blieb kei dort übe Sobald e „Piaski“ Die Wac Einige T zwei Mä alle in/ Angst ur Vorläuf; lich kam dann den Im Jahre treiben, ı Ihn mög Arbeitsaı begänne, größten ® ein W Ein Tag ‚Piaski“, Mühle Yı Ien Zaun im erleu zentratio sanzer B] {en Nam, Neinste 7 en, gute Tauen, d Gefahren Übernachtenden Zugereiste seien und einen Passierschein besaßen. Ich hatte zwar eine Kennkarte, die in Warschau ausgestellt war, aber ich hatte keinen Passierschein. Mir blieb kein anderer Ausweg. Ich mußte mit Glück rechnen und dort übernachten. Sobald es am nächsten Tag dämmerte, lief ich zum Sägewerk „Piaski“. Schon von weitem sah ich die gestreifte Kleidung. Die Wache war zugänglich. Ich sprach mit dem Kapo. Einige Tage lang habe man niemanden herausgelassen, weil zwei Männer geflohen seien. Die ganze Zeit hindurch seien alle in Alarmzustand gewesen, und die SS-Männer hätten, Angst und Schrecken säend, nicht wenig geschwelgt. Vorläufig gelang es nicht, irgend etwas zu ersinnen. Schließ- lich kamen wir überein, daß ich echten Kaffee kaufte, den er dann den Angestellten auf dem Arbeitsamt übergeben solle. Im Jahre 1943 echten Kaffee in einer fremden Stadt aufzu- treiben, war keine leichte Aufgabe, um so weniger, wenn man ihn möglichst schnell bekommen wollte, damit ihn das Arbeitsamt noch am selben Tage erhielte und zu handeln begänne. Ich bekam den Kaffee für eine Summe, die den größten Teil meines gesamten Geldes ausmachte, aber wenn es ein Weg zum Ziel sein sollte... Ein Tag nach dem anderen verging. Ich ging zum Sägewerk „Piaski“, ging früh und abends bei Regen über Felder zur Mühle von Krauz, sprach mit den Arbeitskolonnen durch den Zaun, mit Waren in der Hand. Abends näherte ich mich dem erleuchteten Majdanek, wo sich die fünf Felder des Kon- zentrationslagers wie fünf Sterne abzeichneten und ich mit ganzer Blickkraft auf das vierte Feld starrte. Überall gab ich den Namen an, bat flehentlich um ein kleines Briefchen, das kleinste Zeichen. Ich lernte immer wieder andere Leute ken- nen, gute und böse, und vielen von ihnen mußte ich anver- trauen, daß ich mich um einen Juden bemühte; ich setzte mich Gefahren aus, aber hier war ja schließlich mein Ziel. Ich war 565 hergekommen, als es noch warm war, und jetzt wurde es bereits Winter. Ich war dürftig gekleidet, ewig unsicher, auf- geregt, konnte meine Nerven kaum beherrschen. Ich wollte das alles abschütteln, jemanden um Rat fragen, aber ich hatte keinen Vertrauten bei mir. Vielleicht erledigte ich alles ungeschickt. Ich wandte ein Höchstmaß an Energie und Mut auf, aber offenbar wenig Verstand, da ich doch nichts erreichen konnte. Ich bekam noch eine Nachricht. Also, als Jurek erfahren hatte, daß ich nach ihm fragte, habe er geant- wortet, daß dies nicht möglich sei. Er habe gesagt: meine Frau lebt nicht mehr. Ich war tief gerührt, er glaubte also nicht daran, daß ich lebe? Meine ganze Tätigkeit verzettelte sich auf kleine Dinge: ein Briefchen, eine Nachricht, ein Päckchen, aber wie sollte ich seine Befreiung erwirken? Ich wußte, daß es ein Unding war, aber... Immer wieder ging das Gerücht in Lublin um, daß man mit den Juden Schluß machen würde. Als eines Tages ein junger Jugoslawe Wachältester war und auch die übrigen einigermaßen ruhig waren, konnte Wasser- man länger mit mir sprechen. Am Ende versprach er mir, meinen Mann herzubringen. „Aber wann?“ fragte ich.„Er kann doch dort hinter Stachel- draht sterben.“ „Dagegen kann ich nichts tun, aber ich werde etwas unter- nehmen. Wenn ich ihn herbringe, werden Sie ihn vielleicht irgendwie heimlich entführen.“ Er erriet meine Gedanken. „Sie wissen, dafür droht uns allen der Tod. Ich habe jedoch darüber nachgedacht, wenn wir eine Hilfe von außen hätten, so könnten wir alle fliehen. Das Kommando ist zwanzig Mann stark, man müßte nur einen eingehenden Plan schmie- den, eine ausreichende Anzahl Anzüge beschaffen und einen einstweiligen Unterschlupf angeben. Mit einem Wort, man müßte darüber nachdenken. Sie könnten uns dabei helfen.“ 566 „Selbst wärel“ Ich dad sah mic träumte Tag un Jurek a „Fortw ist unt für das hier wi denn fü wenden Ich ver: für den war, ab zulasse gelangt neue Ri Es gab Wiecz w schen\ und an Sich vor ließ, ga auf Em Bahn kı Stellte, Geheir Sienkie Nicht di Umkäm Dadurd et mein „Selbstverständlich. Gott, wenn es doch bloß möglich wäre!“ Ich dachte an nichts anderes mehr. Ich entwarf bei mir Pläne, sah mich in der Umgebung um. Es plagte mich bei Tag und träumte mir bei Nacht. Eine Flucht. Indessen verstrich ein Tag um den anderen, und ich begann an der Möglichkeit, Jurek auf den Arbeitsplatz zu bringen, zu zweifeln. „Fortwährend passiert etwas Neues“, seufzte der Kapo,„es ist unmöglich, von einem Feld auf das andere zu gehen; für das geringste Vergehen droht der Tod. Jetzt herrscht hier wieder Typhus; man vergast Gesunde und Kranke, denn für die Kranken allein lohnt es sich nicht, Gas zu ver- wenden.“ Ich verstand sehr wohl, daß jede Stunde einen Nagel mehr für den Sarg bedeutete. Ich begriff, daß dies alles nicht leicht war, aber Verzögerung bedeutete Tod, wie konnte man das zulassen! Ich suchte und spähte in Lublin umher. Schließlich gelangte ich nach und nach, Schritt für Schritt, in eine völlig neue Richtung. Es gab ein kleines Restaurant, dessen Inhaber Herr Sienkie- wiecz war, ein Ukrainer und ehemaliger Sekretär des ukraini- schen Verbandes, ein Kunstmaler. Er war ein wunderbarer und angenehmer Mensch, ein Chiromant, ein Mensch, der sich von der Intuition und nicht von der Berechnung leiten ließ, gastfreundlich, herzlich und gut. Zu ihm gelangte ich auf Empfehlung einer Ukrainerin, die ich zufällig in der Bahn kennengelernt hatte und die mich als ihre Kusine vor- stellte. Die Umstände waren günstig. Ich vertraute ihm mein Geheimnis an, daß ich einen Juden geheiratet hätte. Herr Sienkiewicz sah es als tragisch an, war aber trotz alledem nicht der Meinung wie andere, daß es besser sei,„wenn er umkäme, denn wozu sollen Sie sich mit ihm herumquälen“. Dadurch, daß er mir aus ganzer Seele helfen wollte, gewann er mein Herz. 567 In das Restaurant des Herrn Sienkiewicz kamen verschiedene Deutsche, durch die man eine Befreiung aus einem Lager erwirken konnte. Nach reiflicher Überlegung vertraute ich ihm die Angelegenheit an. Zu dieser Zeit kam eines Tages ein Dolmetscher mit einem Leiter der Abteilung für Juden- angelegenheiten hin. Beide Herren waren gewandt, höflich und bestimmt auch genauso grausam. Der Dolmetscher breitete die Hände aus. „Sie verstehen, es ist totaler Krieg. Alles ist für das End- ziel.“ Ich erzählte ihm von meiner Angelegenheit, und er übersetzte es seinem Kameraden. Herr Sienkiewicz schloß sich meinen Bitten an. „Unternehmt in dieser Sache etwas, liebe Kollegen“, lächelte er,„etwas läßt sich doch da tun.“ Ich zeigte ihnen Jureks Photographie. „Ein hübscher Kerl“, bewunderten sie ihn,„er sieht gar nicht wie ein Jude aus!“ Ich schwieg; was sollte ich mit ihnen diskutieren. Schließlich legte ich ihnen einen Gedanken nahe, der lange in mir ge- steckt hatte und während einer schlaflosen Nacht ausgereift war. „Ich bitte Sie, es gibt hier eine Gruppe Juden, die bei der SS arbeiten, es ist eine kleine Gruppe, kaum einige Dutzend Personen. Es sind hervorragende Fachleute, Schuhmacher, Schneider, Kürschner, Mechaniker, kurz, Menschen, die die Deutschen brauchen. Sie haben erträgliche Bedingungen und Passierscheine für die Stadt. Die Deutschen wissen genau, daß niemand von ihnen fliehen wird, weil sie zu essen, ein Dach über dem Kopf und ein gewisses Gefühl der Sicherheit haben. Sie werden es nicht gegen das Leben eines verfolgten Tieres eintauschen. Ich bitte Sie darum, meinen Mann in diese Gruppe zu versetzen.“ „Welches Fach?“ 568 „Das F Schlosse „Und di „Dann stillen: leicht w es für il Wir saß wiez. Pl nen und auf mi Beute s hinters Auf ein Gott! F Falle se auszuru bist, od bemühe Ich zog „Das is ih mic ausweis Der Au Augenh Gespräc „Natür sagte ic Der Do und erl einen p Kartei »Sie ve] Sich Jay „Das Fach ist hier unwichtig, aber dort ist er zufällig als Schlosser eingetragen.“ „Und dann?“ „Dann werden wir sehen“, sagte ich laut und dachte im stillen: Dann wird es einen Weg zur Flucht geben, aber viel- leicht wäre es besser, er würde nicht fliehen. Vielleicht würde es für ihn hier sicherer sein. Wir saßen an einem Tisch im Restaurant des Herrn Sienkie- wicz. Plötzlich kam mir zum Bewußtsein, daß ich neben Hyä- nen und Mördern saß, die, wenn sie wüßten, wer ich bin, sich auf mich stürzen und sich vielleicht wegen einer solchen Beute sogar in die Haare geraten würden. Ich führte sie hinters Licht. Auf einmal bat mich der Dolmetscher um meinen Ausweis. Gott! Hatte ich sie angeführt oder sie mich? Sollte das eine Falle sein? Vielleicht hatten sie mit mir gespielt, um jetzt auszurufen: Wir haben dich durchschaut, wir wissen, wer du bist, oder ganz einfach, darfst du dich denn um einen Juden bemühen, weißt du denn nicht, was darauf steht? Ich zog ruhig Inkas Ausweis heraus und reichte ihn hin. „Das ist mein Mädchenausweis. Sie werden verstehen, daß ich mich jetzt unmöglich mit dem Namen meines Mannes ausweisen kann.“ Der Ausweis kehrte nach einem wie eine Ewigkeit langen Augenblick in meine Hände zurück; wir beendeten nun unser Gespräch. „Natürlich wird das Geld bei Herrn Sienkiewicz hinterlegt“, sagte ich. Der Dolmetscher sprach ein Weilchen leise mit dem anderen und erklärte mir dann, daß sie sich in der nächsten Zeit um einen Passierschein nach Majdanek bemühen und dort in der Kartei noch einmal die Angaben prüfen würden. „Sie verstehen“, sagte er,„der Stand in Majdanek verändert sich laufend.“ 569 „Das verstehe ich.“ „Und dann werden wir Sie durch Herrn Sienkiewicz verstän- digen, jedoch nicht früher als nach einer Woche.“ „Und wenn es dann zu spät ist?“ Der Deutsche breitete die Hände aus. „Ich kann dagegen nichts tun, ich muß in dieser Woche für einige Tage wegfahren; ich bin ja an der Sache auch interessiert.“ Ich fuhr von neuem nach Warschau und wieder, um Geld zu holen. Ich wußte, daß ich jetzt endlich an die richtigen Leute geraten war. Nur sie konnten mir helfen. Ach, wenn er doch lebte, wenn er doch nur lebte! Wie konnte ich innerhalb einer Woche eine größere Geldsumme bekommen? In Warschau waren meine Schwiegermutter und die Rakow- skis von den Ergebnissen wie bezaubert. Wir schmiedeten bereits Pläne, wie wir uns zusammen mit Jurek das Leben gestalten würden. Ich würde für uns beide arbeiten. Er würde schwach und krank kommen. Ach, wenn man ihn doch bloß schon endlich befreien könnte! Wieder mußte ich den Fiutkowskis nachlaufen, wieder herum- stehen, Hunderte von Malen Alina anrufen, wieder mit Inka lange Gespräche führen, was man verkaufen und wieviel man dafür bekommen könnte. Wir addierten, multiplizierten, rechneten, aber die Summe blieb weiterhin entsetzlich klein. Eines Tages traf ich mich mit einer Bekannten, die einen Kameraden in einer ähnlichen Lage hatte— wir verständig- ten uns. Natürlich stand ich nicht als Einzelfall da. Nur wanderten meine Unglücksgefährtinnen nicht in den Lagern umher, sondern saßen still zu Hause und warteten auf einen Erlöser. Sie hatten von Konzentrationslagern und den dort herrschenden Bräuchen einen völlig falschen Begriff. Jeden- falls waren sie in einer besseren Lage als ich, weil sie Geld hatten. Wir verabredeten, daß ich ihnen helfen würde, ihre Männer zu befreien und sie mir dafür die fehlende Summe 570 gäben. Deutsch bis sie Handel: Ic wür den Toc non ole Ihr ver: ihr Gel schürzt jüdische nichts, Errettun fluche, kommt, Wieder krank; zwei T. ihnen ı leuchte, „Ich we küßten Am an wohnte Ukrain ein alte wirkte innere mich, T Und ihr Mir ger leider r Tag güı Sie ie trös verstän- gäben. Und jetzt kam mir der Gedanke: Man müßte die Deutschen mit einer Summe faszinieren, ohne abzuwarten, bis sie selbst einen Vorschlag machen. Ja, es war keine Handelsfrage, hier galt es ein Leben vor dem Tode zu retten! Ich würde ihnen eine solche Summe vorschlagen, daß sie auch den Tod bestechen und selber reich werden könnten; pecunia non olet. Ihr verachtet die Juden, haßt sie, verabscheut sie, aber nicht ihr Geld. Nehmt es, ich werfe es euch hin, neigt eure Köpfe, schürzt den Mund zu einem Lächeln des Dankes, nehmt das jüdische Geld! Ihr habt euch zwar daran gewöhnt, es für nichts, umsonst zu nehmen, jetzt werdet ihr es für die Errettung eines Lebens nehmen. Obwohl ich euch alle ver- fluche, kann es möglich sein, daß ein solcher Augenblick kommt, daß ich euch beide segnen werde. Wieder Lublin. Ich lief zu Sienkiewicz. Der Dolmetscher war krank gewesen, fühlte sich aber schon wieder wohl, und in zwei Tagen wollten sie nach Majdanek fahren. Ich stellte ihnen unsere Angelegenheit vor; man sah, wie ihre Augen leuchteten. „Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht“, sagte er und küßte mir die Hand. O du mächtiges, übermächtiges Geld! Am anderen Tage herrschte vom Morgen an Verwirrung. Ich wohnte jetzt bei meiner von der Vorsehung bestimmten Ukrainerin, die ich in der Bahn kennengelernt hatte. Es war ein altes Fräulein, sympathisch, obgleich etwas schrullig; sie wirkte auf mich wohltuend. Ihre Lebensphilosophie, ihre innere Ruhe und Ausgeglichenheit übertrugen sich auch auf mich. Das schlimmste war, daß ich auch vor ihr lügen mußte und ihr nicht die Wahrheit über mich sagen durfte. Sie wollte mir gern helfen, aber ich mußte aus verständlichen Gründen leider manövrieren, um sie zu keiner Hilfe zuzulassen. Jeden Tag ging ich mit ihr spazieren und machte kleine Einkäufe. Sie tröstete mich. 571 Gerade an diesem verhängnisvollen Tage hörte ich im Vor- zimmer laute Stimmen. Jemand von den Wirtsleuten war nach Hause zurückgekommen, weil die ganze Nowa Droga von der SS abgesperrt sei. Man triebe alle Juden aus dem Lager in der Lipowastraße nach Majdanek. Unterwegs habe man auf diejenigen, die einen Fluchtversuch machten, ge- schossen. Ich ging schnell in die Stadt. In der Nowa Droga herrschte schon wieder Ruhe. Man hatte bereits alle übergeführt. Auf den Bürgersteigen war lauter Blut, Blut auf der Fahr- bahn, ein Meer von frischem rotem Blut. Ich hätte niederknien müssen und beten. Es war mein Blut, das Blut meiner Brüder. In der Stadt sprach niemand von etwas anderem als von den Vorkommnissen des heutigen Morgens. Man hatte im Laufe der Nacht alle Juden aus den Lagern und Arbeitsstätten des Lubliner Gebiets nach Majdanek geschafft. Heute hatte man keinen Zivilarbeiter mehr ins Lager hineingelassen. Es bereitete sich etwas Böses vor. Ich war aufgeregt, gebro- chen. Was konnte es wohl sein? Ich glaubte es noch nicht und lief selbst von einem Arbeitsplatz zum anderen, aber überall war es leer. Vielleicht fand eine Kontrolle statt, vielleicht eine Dezimierung, vielleicht eine Aussortierung. Ich lief zu dem Dolmetscher. „Ich weiß nichts“, sagte er. Mir kam es vor, als löge er. „Wenn ich morgen hinfahre, werde ich Sie genau infor- mieren.“ Aber am folgenden Tag war es schon in ganz Lublin ruchbar geworden, daß man mit den Juden in Majdanek Schluß machte. Niemand wurde hinein- noch herausgelassen, und dennoch wußten die Leute, wie es vor sich ging und wie lange es dauern würde. Nach Majdanek war ein spezielles Vernichtungskommando gekommen(ach, das waren die Soldaten, die ich abends 572 gesehen und zu£ innerha leistung wöhnlic gebrauc zu eini hatten s den Jud daß eine Male m gedacht einer wi Aber di superkli schauen liche M eine ga dritten] tungsko diese W genen d aufgeste nach ihı Gruben Zu und fiel, Im letz Ghetto, teten H zehn SS. ein Trg Schießer Sewehre gesehen hatte); ihre Aufgabe war, alle Judenlager aufzusuchen und zu gegebener Zeit zu liquidieren. Die ganze Liquidierung innerhalb weniger Tage durchzuführen, war eine Spitzen- leistung. Dazu brauchte man speziell geschulte Leute. Ge- wöhnliche Verbrecher der SS oder SA konnte man dazu nicht gebrauchen, die waren nur imstande, täglich höchstens bis zu einigen tausend Menschen zu liquidieren. Außerdem hatten sie einige Monate oder sogar ein ganzes Jahr lang mit den Juden zusammengelebt. Es war vielleicht vorgekommen, daß einer von ihnen einen Juden besser kennengelernt, einige Male mit ihm gesprochen und vielleicht einen Augenblick gedacht hatte, daß es kein böser Mensch, sondern genauso einer wie alle anderen sei, warum sollte man ihn da töten? Aber die deutsche Organisation war doch schließlich klug, superklug, die Deutschen sind doch schließlich ein voraus- schauendes Volk, man mußte dem also vorbeugen. Gewöhn- liche Mörder reichten hierfür nicht aus, man mußte schon eine ganze Gruppe von Erzmördern bis zur zweiten und dritten Potenz organisieren. Sie hatten sich also ein Vernich- tungskommando großgezogen. Ein Feld hatte man bereits auf diese Weise frei gemacht, indem man einen Teil der Gefan- genen durch Vergasung vernichtet und einen Teil in Reihen aufgestellt und niedergemäht hatte. Wenn die erste Reihe nach ihrer Erschießung in die von ihr selbst ausgehobenen Gruben gefallen war, schüttete die zweite Reihe die Leichen zu und grub für sich das Grab, in das sie ebenfalls hinein- fiel. Im letzten Augenblick brach im Lager, wie seinerzeit im Ghetto, eine Revolte aus. Die offenbar schon längst vorberei- teten Handgranaten erfüllten ihre Aufgabe. Es wurden über zehn SS-Männer und Chargierte getötet. Eine kleine Rache, ein Tropfen im Meer. Die Revolte wurde erstickt. Die Schießerei hielt an. Ununterbrochen knatterten Maschinen- gewehre. Würden sie nun alle erledigen? Aber vielleicht, vielleicht werden sie noch jemanden übrig- lassen, machte ich mir noch Illusionen, vielleicht werden sie ihn nicht töten? Ich hatte ihn bereits fast frei in meiner Nähe gehabt. Sollte er tatsächlich in dem Augenblick, da er schon fast in der Freiheit war, getötet worden sein? Nach einigen Tagen hörte die Schießerei auf. Das Vernich- tungskommando fuhr weg, um Trawniki und Poniatöw zu bearbeiten. Die Zivilarbeiter bekamen von neuem Passier- scheine zur Arbeit im Lager. Der Dolmetscher fuhr endlich nach Majdanek und brachte mir die schlimmste Nachricht: man hat alle erledigt. Nur dreißig Gefangene aus der Lipowa- straße waren übriggelassen worden. Das war das Ende. Ich fuhr wieder nach Warschau, nunmehr zum letztenmal. Der Zug stöhnte: Ende, Ende, Ende... Die Tränen rannen unaufhörlich. Mein Lebensziel war vernichtet. Jetzt mochte auch ich aufhören zu leben. Warschau. Ich ging zu den Rakowskis. Die schmerzlichsten Erinnerungen gingen mir durch den Kopf. Was sollte ich der Schwiegermutter sagen? Inka öffnete mir die Tür, wir küßten uns. Ich brach in Tränen aus. „Ich weiß, wir wissen, was in Lublin geschehen ist“, sagte Inka. B Jetzt saß ich in einem warmen behaglichen Zimmer. Ich war satt. Es war Ruhe. Ich wußte nicht, ob es eine täuschende oder eine dauerhafte Ruhe war, aber es war Ruhe. Mir drohte nichts, es war jemand da, der an mich dachte. Welch ein Glück war das. Und es gab doch Hunger, Kälte, endlose Einsamkeit und den Tod. Der Tod lauerte auf Schritt und Tritt, zeigte mir im Traum und im Wachen seine schartigen Zähne, blitzte mit seinen Augenhöhlen, lachte mit dem schrecklichen Brüllen der Schüsse. Es gibt verschiedene Arten von Tod. Es gibt einen ruhigen, der die Erlösung bringt, es gibt einen 574 gewaltsa, qualvolle „deutsche Vernichti immer at an seiner amüsiert, trinkt, tri und toll, du Angsı leben? D ich werd Verbünd ihre höch Wann w; nicht? W irgendwa Schreckbi Novemb: Mich ver; Wie eine’ Sonderba Schwappt Weine ich Himmel Schrecklic Zigtausen Menscher Ihr hört umher, e fäglichen Knattern hr: Dort Und das gewaltsamen, unvorhergesehenen. Es gibt auch einen, der in qualvollen Martern würgt— aber der schrecklichste ist der „deutsche“ Tod. Der Tod, den die Gestapo, die SS,SA und das Vernichtungskommando brachten, der Tod, der überall und immer auf den Menschen lauert, der sich an seinem Unglück, an seiner Angst weidet, der mit ihm spielt und sich mit ihm amüsiert, ehe er ihn verschlingt. Er trinkt ihm das Blut aus, trinkt, trinkt, verschluckt sich daran, wird von ihm betrunken und toll. Er nimmt dich in Besitz und lacht ohne Ende. Hast du Angst? Ich werde dich erwürgen, zermartern. Willst du leben? Das hast du nicht verdient. Ich werde mit allen fertig, ich werde vernichten, verbrennen und verzehren, ich, der Verbündete der Deutschen, ich, ihr Priester, ich, ihr Heiliger, ihre höchste Gottheit, ihr Symbol, ihre Ehre, ihre Aufgabe. Wann war das gewesen? Unlängst, aber vielleicht überhaupt nicht? Wann war denn das, in diesem Leben oder vielleicht irgendwann in einem früheren, vielleicht war es nur ein Schreckbild im Traum? November. Lublin. Ich gehe über Felder, Wiesen, ich habe mich verirrt, nein, ich habe mich nicht verirrt, ich taumele wie eine Betrunkene und heule wie ein Hund, ich höre meine sonderbare Stimme. Es regnet, in meinen Holzpantoffeln schwappt das Wasser, mein Gesicht ist naß, es sind Tränen, weine ich? Aber vielleicht ist es Regen, vielleicht weint der Himmel über mir. Dort ist Jurek, dort ist Majdanek, das schreckliche Gefängnis, dort erschießen sie Menschen, zwan- zigtausend wehrlose, unschuldige Wesen. Menschen!!! Hört ihr die Schüsse? Ihr hört sie und tut, als wenn nichts geschähe, geht ruhig umher, erledigt eure Geschäfte, befaßt euch mit euren all- täglichen Angelegenheiten. Von Zeit zu Zeit, wenn das Knattern der Maschinengewehre zu euren Ohren dringt, sagt ihr: Dort wird aber geknallt! Ihr schüttelt dabei den Kopf, und das ist alles. 575 Menschen!!! Mir braust es im Kopf— dort erschlugen sie heute oder erschlagen im nächsten Augenblick meinen Mann! Aber das darf man niemandem sagen. Vielleicht werde ich es aber gerade sagen, vielleicht sollte ich gerade hinlaufen, mögen sie auch mich töten! Wenn zwanzigtausend Menschen ermordet werden, warum soll ich dann besser sein, warum soll ich am Leben bleiben? Ich schleppe mich vorwärts. Unbewußt überquere ich ein Feld und komme in eine kleine Gasse. Ich lehne mich an eine Mauer. Was soll ich tun? Es regnet ohne Unterlaß. Ich schaue durch Tränen und durch Regen auf den grauen trau- rigen Himmel. Gott! Gott, gibt es Dich, und wenn es Dich gibt, kannst du darauf herabsehen, das erlauben?! Gott— Weltall— Seele— Unsterblichkeit, sind das alles nur leere, eitle Worte? Gibt es denn auf der Welt nichts anderes mehr außer Verbrechen und jenen, die vor ihm fliehen? „Entschuldigen Sie, Fräulein, ist Ihnen nicht gut, sind Sie vielleicht krank?“ fragt mich ein armes Frauchen, mich bei der Hand nehmend. Ich sträube mich.„Ach, nein, nein, mir ist gut, ganz gut, es geht mir herrlich, ausgezeichnet, ich bin ganz gesund— bloß, daß sie dort schießen, töten und daß es regnet...“ Jureczek, du wirst heute leblos auf nasser Erde schlafen!!! Ich weine. Ich schließe die Augen halb und führe mit mir lange Gespräche. Mein Allerliebster, ist es wahr, daß du nicht mehr wieder- kommst? Ist es möglich, daß du für immer fortgegangen bist? Du bist mir doch im Leben unentbehrlich wie das Wasser, wie die Luft, du bist für mich der höchste Wert. Ich vergehe vor Sehnsucht, dich zu sehen, meine Hände nach dir auszu- strecken, den Kopf an deine Schulter zu legen. Du mein Teuerster, du mein über alles Geliebter. Einst, als es schien, daß uns nichts auf der Welt zu trennen vermochte, hast du mich fest in deinen Armen gehalten. 576 Alles b Straßen der Mu Herz mi die Kra mal ko: gesumm gibt auf könnte. umgebe gangenl sam ges Tage ze Tage, di Ich sehe dieser 7 beugst< gekehrt der Frei fühl, Wi Sich zu lung ein tiefer N die Ohne der Alüc Traum; Nur die und kan danadı, Mal. Zum hu Was du| Seführe] gedacht, pi Faaysg Alles bereitet mir Schmerz, der Anblick des Himmels, der Straßen, durch die wir zusammen gegangen sind, der Klang der Musik, alles füllt mir die Augen mit Tränen und das Herz mit Bitterkeit; jede Kleinigkeit, die du getragen hast, die Krawatte, das Hemd, alles erinnert mich an dich. Manch- mal kommt es mir vor, als hörte ich das Lied, das auch du gesummt hast, dann ist mir, als zerrisse mir das Herz. Es gibt auf der Welt nichts mehr, das mich rühren, entflammen könnte. Ich suche dein Herz, deine Augen, dein Lächeln. Hier umgeben mich von allen Seiten Erscheinungen aus der Ver- gangenheit, und alle Straßen Warschaus, über die wir gemein- sam geschritten sind, haben sich gegen mich verschworen. Die Tage zerren mit ihrer Leere an mir herum, Tage ohne dich— Tage, die es eigentlich gar nicht gibt. Ich sehe dich oft im Traum. Fast jede Nacht wiederholt sich dieser Traum. Du bist bei mir. Ich sehe dich, Liebster, du beugst dich über mich. Ist es denn möglich, daß du zurück- gekehrt bist, daß ich dich wiedergefunden habe? Ein Gefühl der Freude überkommt mich, ein so niederschmetterndes Ge- fühl, wie es nur der Schmerz sein kann. Mein Herz erhebt sich zu dir. Ich strecke meine Hände aus. O du Verzweif- lung eines immer allzu frühen Erwachens! Einsam inmitten tiefer Nacht, einsam auf der sandigen Düne des Lebens, die ohne dich öde ist, strecke ich jede Nacht meine Hände zu der flüchtigen Erscheinung deiner lieben Arme aus. Der Traum ist meine einzige Zuflucht, die ich suche. Ich finde nur die Bitterkeit des Morgens wieder, und ich kann und kann mich von dir nicht für immer trennen. Ich dürste danach, dich zu sehen, und sei es nur noch ein einziges Mal. Zum hundertsten und tausendsten Mal durchlebe ich das, was du durchgemacht hast, als man dich festgehalten, weg- geführt hat. Ich durchlebe deine Verhöre. Ich weiß, woran du gedacht, weiß, wie du dich verhalten hast. Ich weiß, Liebster, 36a F 18/58 577 was das für eine Qual ist, auf den Tod zu warten, was die Zwangsarbeit und das Schlagen für eine Qual ist, was die Angst vor dem Tode bedeutet. Was gäbe ich darum, um dich zu beschirmen, um dich dort herauszureißen, um dir zu hel- fen. Ich kann dir nur mein Leben geben, denn ich besitze sonst nichts mehr, und ich gebe es dir. Es gibt ein Märchen Andersens von einer Mutter, die ihr Kind sucht... Das neue Jahr Anfang 1945. Wie würde dieses Jahr sein? Mir kamen alle Neujahrstage in Erinnerung. Sie waren voller Erwartung und Geheimnis: was würden sie uns bescheren? Als ich noch ein kleines Mädchen war, weckten mich die Eltern um zwölf Uhr nachts: „Hier, trink etwas Wein, wachse uns gesund auf und gereiche uns zur Freude.“ Ich trank den süßen Wein und knabberte kleine Salzstangen, dann bekam ich eine Schokoladentorte, bei der Papa sagte: „18 nicht soviel, laß dir etwas für morgen“, und die Mama staunte:„Wieviel das Kind essen kann!“ Dafür verteidigte Helena, mein Kindermädchen und meine Verbündete, meine Interessen:„Es wird ihr schon nichts schaden, wenn sie sich einmal zur Nacht satt ißt. Mag sie Süßes essen, dann wird für sie das ganze Jahr süß!“ Mit diesem Argument hatte sie meine Eltern überredet. Wenn sich die Eltern in der Stadt vergnügten, klingelte um 12 Uhr pflichtgemäß das Telefon. Als erster wünschte mir Papa ein gutes neues Jahr, dann übergab er den Hörer meiner Mutter. Helena bereitete Wein, Salzstangen und Schoko- ladentorte vor. Wir hörten Radio, und ich schlief mit der im Munde zergehenden Creme ein. 578 Jahre gin ball, Ich] der Brust hatte, erı neue Jah erfüllen! Die Wür Abitur bi ganze Vi gesund b machte,< und Lebe viel größ An einer Hochzeit: in einem greifbar, Neujahr einem so; Wir mit F gner. Zwi keinen K Nicht ver! zum Tele kamen de Ihr?“_ »Woher y daß man Weint för Nenjahrs Sie hatter Neujahr Hasche; Tisq. A sr iM nit der# Jahre gingen dahin. Eines Jahres ging auch ich zum Sylvester- ball. Ich hatte ein blaues Seidenkleid an und rosa Blumen an der Brust. Ich trank Wein, tanzte, und als es zwölf geschlagen hatte, erwartete ich mit zitterndem Herzen die neue Ära, das neue Jahr. Ach Gott, möchten sich doch meine Wünsche erfüllen! Die Wünsche und Träume waren naiv, klein: daß ich das Abitur bestände, daß die Eltern, Onkel und Tanten und die ganze Verwandtschaft und die Großmutter glücklich und gesund blieben und daß ich gut lernen möge; daß ich Reisen machte, daß ich— bei gleicher Gegenliebe— mich auf Tod und Leben verliebte, in die Berge führe und ans Meer. Bloß, viel größer bin ich nicht geworden. An einem Neujahrstag waren wir, Jurek und ich, auf der Hochzeitsreise in den Bergen. Es kam uns vor, als lebten wir in einem Land der Wunder und Märchen, als sei das Glück greifbar, geradezu mit den Händen zu greifen. Neujahr 1939. Auf einem großen Ball in der„Adria“, wo einem sogar die Augen weh taten vor Licht und Farben, saßen wir mit Freunden an einem Tischchen und tranken Champa- gner. Zwölf Uhr nachts. Wir küßten uns, wünschten uns, daß es keinen Krieg gäbe, daß wir alle gesund blieben, daß man uns nicht verfolgte, daß Hitler krepierte. Dann lief ich als erste zum Telefon:„Mamachen, ich wünsche dir alles Gute.“ Dann kamen der Papa heran, die Tante, der Onkel.„Was macht ihr?“—„Wir amüsieren uns besser als ihr“, rief der Onkel.— „Woher weißt du denn, wie wir uns amüsieren?“—„Ich weiß, daß man sich nicht besser amüsieren kann als wir, dein Papa weint förmlich vor Lachen.“ Neujahrsfeste im Ghetto. Wir feierten sie eigentlich nicht, sie hatten aufgehört, unsere neuen Jahre zu sein... Neujahr in Slawek. Ala hatte Sandkuchen gebacken, eine Flasche selbstgezogenen Weins hervorgeholt; wir saßen am Tisch: Ala, Cybulski, Jurek und ich— Gerta war schon in 579 Warschau. Eryk schlief. Mitternacht. Die Spieluhr läutete eine Mazurka, zwölf Schläge. Vor jedem von uns standen Kerzen und Zettel mit aufgeschriebenen Wünschen— jeder durfte drei Wünsche haben. Bei den Mazurkaklängen der Spieluhr verbrannten wir die Zettel und wünschten uns Er- füllung der Wünsche. Auf meinen Zettel hatte ich geschrie- ben: 1. daß alle meine Angehörigen das nächste Jahr erleben mögen, 2. daß es uns die Befreiung bringe, 3. daß die Hitler- pest ein für allemal enden möge. Der erste Wunsch ging genau umgekehrt in Erfüllung, der zweite erfüllte sich nicht. Das mit Wein begrüßte, mit Un- geduld erwartete neue Jahr 1943 war ein böses, verfluchtes, das schlimmste Jahr. Das Jahr 1944 begingen wir in einem kleinen Zimmerchen in Sadyba in der Wohnung des Herrn Szato. Meine Schwieger- mutter und ich lagen schon im Bett. Wir deckten uns mit einer dünnen Decke zu, unter der wir froren und unsere durch- gefrorenen Knochen auf keinerlei Weise erwärmen konnten. Das Geld war zu Ende gegangen. Die Wohnung war gekün- digt— wir sahen keinen Ausweg. Nunmehr waren nur wir zwei übriggeblieben. Im Nachbar- zimmer schlug die Uhr zwölfmal. Wir hörten durch die Wand, wie sich die Familie Szato ein gutes neues Jahr wünschte. Du nimmst nun deinen Lauf, neues Jahr, aber nicht mehr für mich. Meine schmerzenden Augen sind voll visionärer Lei- densbilder meiner allerliebsten Menschen. Du kommst, neues Jahr. Vielleicht wirst du anderen Menschen die Freiheit bringen, aber mir, mir wirst du wahrscheinlich nichts mehr bringen, denn ich habe keine Möglichkeit und keine Hoff- nung mehr, mich bis ans Ende durchzuschlagen. Aber plötzlich keimte in mir ein Aufruhr, ein mächtiger Kampfwille, ein Tatendurst: Ich lasse mich nicht unterkrie- gen. Ja, ich, ich habe weder Geld noch gute Ausweise, verliere das Dach über dem Kopf, bin allein, aber ich werde kämpfen. 580 Id will mic Hitler scher Du neues J kommen he Verzeih, da grüße, aber ich dich mit Du neues J Kampfe zu Ich hörte, w sie. „Kind“, sag du durchhal Nir schliefe schlief ich n halten wür. Ich will mich rächen, ich muß das Ende des größten Banditen Hitler sehen! Du neues Jahr, verzeih, daß ich dich nicht mit Wein will- kommen heiße. Ich habe heute nicht einmal Brot im Hause. Verzeih, daß ich dich in einem dunklen kalten Zimmer be- grüße, aber dafür begrüße ich dich mit heißem Herzen, grüße ich dich mit Tapferkeit. Du neues Jahr, hilf mir kämpfen, und hilf mir, in diesem Kampfe zu siegen!!! Ich hörte, wie meine Schwiegermutter leise weinte, ich küßte sie. „Kind“, sagte sie,„ich kann dir nur das eine wünschen, daß du durchhalten mögest.“ Wir schliefen ein, und das erste Mal seit langer, langer Zeit schlief ich mit der unbegreiflichen Zuversicht, daß ich durch- halten würde. DORKA GOLDKORN ERINNERUNGEN AN DEN AUFSTAND IM WARSCHAUER GHETTO VORBEM Dorka G Widerstan ginn bis z am Aufst partei une Als eine stürzte si Arbeit. Je Lebens zı an der si erfüllung Wagen töc innerunge die Gesch VORBEMERKUNGEN Dorka Goldkorn war eine der tapfersten Kämpferinnen der Widerstandsbewegung im Warschauer Ghetto. Sie nahm vom Be- ginn bis zu dem tragischen Ende als Mitglied des Aufstandsstabes am Aufstand teil, organisierte Zellen der Polnischen Arbeiter- partei und war Mitbegründerin des Jüdischen Kampfbundes. Als eine der wenigen, die Befreiung und Wiederaufbau erlebten, stürzte sie sich mit heller Begeisterung in den Wirbel der neuen Arbeit. Jedoch war es ihr nicht lange vergönnt, sich des freien Lebens zu erfreuen. Während der Wahlkampagne für den Sejm, an der sie tätigen Anteil hatte, erlag sie 1947 bei ihrer Pflicht- erfüllung einem Unglücksfall. Sie wurde von einem Lastkraft- wagen tödlich überfahren. Kurz zuvor übergab sie uns einige Er- innerungen, die zu den wichtigsten und wertvollsten Quellen über die Geschichte des Aufstands im Warschauer Ghetto gehören. Aus der Einleitung Professor Bernard Marks, des Leiters des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau, zur polnischen Buchausgabe Durch den dichten Nebel vergangener Tage ziehen vor mei- nen Augen Ereignisse und Menschen aus jener Zeit vorüber. Es gibt Augenblicke, in denen ich den unabweisbaren Ein- druck habe, daß ich ihnen in den lauten Straßen des einstigen Warschaus weiterhin begegne, und manchmal wieder ent- schlüpfen sie meinem Gedächtnis und hinterlassen darin eine Leere, als wären sie niemals Fleisch und Blut gewesen. Häufig sehe ich mit den geistigen Augen meinen ewig mit Arbeit überhäuften, abgeplagten Vater und auch meine Mutter, die für mich die Verkörperung grenzenloser Güte war und blieb. Unter meinen Lidern ziehen Bilder vorüber, auf denen meine Brüder in der Morgenstunde in die Schule eilen. Ich sehe sie jetzt alle ganz deutlich, obwohl so viele Jahre voller Leiden und Qualen dazwischenliegen. Niemand von ihnen ist am Leben geblieben. Mein Vater ist nicht mehr; zusammen mit Tausenden anderer Juden ver- schlangen ihn die Flammen der bombardierten und in die Luft gesprengten Häuser. Meine Mutter kam um; sie ver- löschte wie ein Täubchen, sie vermochte die qualvolle Ver- nichtung ihrer Kinder, ihres Mannes und aller ihrer nächsten Angehörigen nicht zu überleben. Meine Brüder, Onkel und Tanten sind unwiederbringlich dahingegangen. Von meiner ganzen, einst so zahlreichen Familie blieb niemand übrig. Alle jene Juden, die sich über ihre Errungenschaften so herz- lich freuen konnten und gleichzeitig die schwersten Leiden so tapfer zu ertragen und zu überdauern vermochten, sind nicht mehr unter den Lebenden. Keine der mir nahestehenden und so lieben Kameradinnen, mit denen ich die Schuljahre 586 verbradt hatte, le In den Schüleri fast ein meiner; jugend nem zwi der nazi takt mi Kriegsar bezogen verlor ii Sechs M lust von brannte herrlich „Sparta brochen Nossinn und al dak akt verbracht und dann in der illegalen Organisation gearbeitet hatte, lebt mehr. In den Verband der Sozialistischen Schuljugend trat ich als Schülerin der 6. Gymnasialklasse ein; ich war damals noch fast ein Kind. Konnte ich denn da schon die Bedeutung meiner Zugehörigkeit zum Verband der Sozialistischen Schul- jugend verstehen? Und dennoch wurde der Verband zu mei- nem zweiten Heim. Wie war ich verzweifelt, als das Unglück der nazistischen Okkupation über uns kam und ich den Kon- takt mit dieser zweiten Heimstatt verlor! Unmittelbar vor Kriegsausbruch wurde ich in eine andere Organisation ein- bezogen: in den„Spartakus“. Aber nach wenigen Monaten verlor ich leider auch mit dem„Spartakus“ die Verbindung. Sechs Monate trieb ich mich traurig herum wie nach dem Ver- lust von etwas sehr Liebem und Nahestehendem; alles in mir brannte vor Verlangen nach Aktivität, nach Fortsetzung der herrlichen, vom„Spartakus“ entwickelten Tätigkeit. Eines Tages kam ein Mädchen zu mir, eine Arbeiterin, von der ich nur wußte, daß sie Edka mit Vornamen hieß. Vom Sehen kannte ich sie schon seit langem, sie war Schneiderin. Sie ist nahm mit mir Verbindung auf, sprach mit mir lange über a verschiedene Themen, interessierte sich für meine Anschau- ung und brachte mich schließlich mit der Organisation zu- sammen. Wie glücklich war ich, als ich erfuhr, daß mein „Spartakus“ seine Tätigkeit nicht für eine Stunde unter- brochen hatte, daß viele meiner früheren Genossen und Ge- nossinnen lebten und weiterhin in der Organisation tätig und aktiv seien, daß sich unsere Bewegung mit noch größerer Kraft als früher entwickelte und daß immer neue Menschen zur Arbeit in der Organisation herangezogen würden. Der Tag, an dem ich den verlorenen Kontakt mit meinem n„Spartakus“ wiedergefunden hatte, war einer der glück- er. lichsten Tage in meinem schweren und tragischen Ghetto- i leben. Und da sehe ich meine Genossen aus dem„Spartakus“, sehe sie deutlich, als wenn es heute und nicht schon so lange her wäre, im Ghetto, in einer getarnten Wohnung in Muranöw während des ersten Schießlehrgangs. Mir scheint, es war un- mittelbar nach der Schaffung des Ghettos. Die Schießübungen waren für uns eine natürliche Angelegenheit. Eine innere Stimme rief und befahl uns: Seid wachsam! Seid bereit! Wir waren alle fest überzeugt, daß in der Geschichte des„Sparta- kus“ die alte Etappe der Vorkriegszeit, die sich durch leiden- schaftliche Diskussionen, dringliche Selbsterziehung und planmäßiges Abhärten des Charakters ausgezeichnet hatte, beendet war. Wir waren der Meinung, daß wir nunmehr als mobilisierte Soldaten im Dienste einer großen und heiligen Sache standen, daß wir einen Weg betraten, den wir konse- quent und ohne Schwanken zu Ende gehen mußten. Wir waren damals noch sehr jung, die Älteste von uns war noch keine zwanzig Jahre alt. Wir machten mit unserem Leben jedoch keine Umstände, wir waren bereit, jeden Befehl aus- zuführen. Ich erinnere mich noch an unseren ersten Schießunterricht. Wir waren fünf Mädchen. Ich sehe sie alle. Hier sitzt Ludka Arbajtsman aus der Wronastraße, eine junge Schülerin aus der 4. Gymnasialklasse, die Jüngste unter uns, immer sprü- hend vor Begeisterung und Hartnäckigkeit. Und neben ihr Renia Niemiecka, die wegen der religiösen Rückständigkeit ihres Vaters sehr viel Leid und Ärger auszustehen hatte. Und dort die Tüchtigste von uns: Esia Twerska aus Wilno. Und schließlich Rözka Rozenfeld, die Leiterin unseres Zirkels. Vor uns liegt ein Gewehrmodell aus Holz. Speziell zu dem Zweck, uns die Handhabung des Gewehrs beizubringen, war eine Instrukteurin zu uns gekommen, die Genossin Lena. Wir setzten uns auf den Fußboden, hantierten mit dem hölzer- nen Modell und machten Zielübungen, behandelten diese Übungen aber doch mehr als Spielerei, wir waren sichtlich 588 enttäl die H mit ui uns dı Hand brach Handı Daer: Zusar Debia trafen stellte erste| aus,| („Mo richte merk der C macht nichtu Nazis eines von d übers Wir| Weis: Wir w Wide, holter imme, die sc Wie m Ghett breite 1. Wir war noch em Leben enttäuscht. Wir baten um eine richtige Waffe. Ludka wollte die Holzflinte nicht einmal in die Hand nehmen. Wir stritten mit unserer Instrukteurin herum, die schließlich nachgab und uns den Mechanismus des Revolvers und der Handgranate an Hand von Zeichnungen erklärte. Zu der nächsten Stunde brachte man uns schon einen richtigen Revolver und eine Handgranate. Da erinnere ich mich auch an die Geschichte eines bestimmten Zusammentreffens mit dem polnischen Genossen Kazik Debiak, der von der„anderen Seite“ zu uns herüberkam. Wir trafen uns in einer Wohnung in der Nowolipiestraße. Man stellte uns an einen Vervielfältigungsapparat: wir gaben die erste illegale Zeitung in polnischer Sprache,„Schüsse“, her- aus. Kurz darauf folgte die jüdische Zeitschrift„Baginen“ („Morgendämmerung“). Unsere Zeitung enthielt viele Nach- richten über die Lage an den Fronten, aber das Hauptaugen- merk war auf die Alarmierung der Bevölkerung hinsichtlich der Gefahr, die dem Ghetto drohte, gerichtet.„Baginen“ machte die Juden darauf aufmerksam, daß die Nazis die Ver- nichtung der Ghettobewohner vorbereiteten.„Glaubt den Nazis nicht! Seid zum Widerstand bereit!“ lautete der Titel eines Artikels des polnischen Genossen Kazik Debiak, der von dem jungen Druckereiarbeiter Ignas Fajl ins Jiddische übersetzt wurde. Wir konnten uns damals noch nicht vorstellen, auf welche Weise die Deutschen das Ghetto zu vernichten beabsichtigten, wir waren uns noch nicht im klaren, welche Formen unser Widerstand annehmen müsse, aber dessenungeachtet wieder- holten der Pole Debiak wie auch der Jude Fajl immer und immer wieder auf allen Versammlungen, daß man sich auf die schlimmsten Eventualitäten vorzubereiten habe, so schnell wie möglich schießen lernen müsse und unter den Juden im Ghetto eine möglichst große Anzahl illegaler Zeitungen ver- breiten solle. Das war Anfang 1941. 589 In unseren Organisationszirkeln fand eine wichtige Dis- kussion über das Thema statt: In welcher Richtung muß unsere Tätigkeit entwickelt werden? Hat sich der„Spartakus“ nur auf die ideologisch-aufklärende Arbeit und Selbsthilfe zu beschränken, oder hat er seine Organisationszirkel auch in Selbstverteidigungseinheiten umzubilden? Eine der Ge- nossinnen, Lola Himmelfarb, sprach sich für die Beibehaltung der bisherigen Arbeitsform des„Spartakus“ aus, aber die Mehrzahl der Genossen meinte dagegen, daß man sofort zum Kampf schreiten müsse. Worauf konnte unser Kampf in jener Zeit beruhen? Wir wollten die Juden in ihrem täglichen Ghettoleben beschützen, jeden Deutschen und jeden jüdischen Verräter für die Drangsalierung der Juden, für Schlagen und Razzien sofort exemplarisch bestrafen. Unsere Dispute zogen sich sehr lange hin, aber schließlich siegte unser Stand- punkt:„Sofort den Kampf aufnehmen!“ Wir schickten jeden Tag Patrouillen in die Straßen des Ghettos, um die Juden vor den verschiedensten Überfällen und Gefahren zu schützen. Wir organisierten in der Karmelickastraße Nummer 5 einen Operationsstab unserer Patrouillen. Die Patrouillen führten wichtige Erkundungsvorstöße in verschiedene Teile des Ghettos durch, besonders in die Stadtbezirke Bielanska und Pawiak, und alarmierten und warnten die Juden, die sich auf den Straßen befanden, rechtzeitig vor ankommenden Gestapo- autos, von denen die faschistischen Schinder blindlings auf die ruhigen Passanten schossen. Wir warnten auch die Schur- ken und Taugenichtse, die der„Dreizehn“! angehörten, vor der Durchführung beabsichtigter Erpressungsversuche. In dieser Zeit erlitten wir die ersten Verluste an Menschen. Die Gestapospitzel begannen uns auf Schritt und Tritt zu fol gen. Eine der besten unserer Genossinnen wurde verhaftet, Esia 1 Eine Verrätergruppe, die im sogenannten„Amt für Kampf gegen Wucher und Spekulation“, Lesznostraße 13, gebildet worden war und daher allgemein unter der Bezeichnung„Dreizehn“ bekannt war. 590 Twersk: Ergreifu überzeu klein zu würde, geziemt‘ Klauen Uns err Folterur große b es trotz ständnis zige G Twersk: Gestape Ende 1 grundle die auf die sich hatten, Hauptb schen$ı Meinten Wald sc im Ghe Twerska aus der Karmelickastraße. Die Nachricht von ihrer Ergreifung war für uns ein Stich ins Herz. Wir waren völlig überzeugt, daß nicht einmal die Gestapo imstande sei, sie klein zu kriegen, daß Esia sich bis zum Schluß so verhalten würde, wie es sich für ein Mitglied unserer Organisation geziemte. Wir versuchten alle Mittel und Wege, sie den Klauen der Gestapo zu entreißen, aber leider vergeblich. Uns erreichte die traurige Nachricht, daß Esia grausame Folterungen erlitt und ihr Körper bereits eine einzige große blutende Wunde sei. Aber Hitlers Henkern gelang es trotzdem nicht, aus ihrem Munde ein Wort des Ge- ständnisses herauszubekommen; Esia verriet keine ein- zige Genossin. Die siebzehnjährige unvergessene Esia Twerska starb den Heldentod im Gefängnis der Warschauer Gestapo. Ende 1941 führten wir in unserer Organisation zwei sehr grundlegende und überaus interessante Diskussionen durch, die auf unser Verhalten zu den Ereignissen und Kämpfen, die sich in Zukunft abspielen sollten, nachhaltigen Einfluß hatten. Der eine Disput bewegte sich um das Problem der Hauptbasis unseres Kampfes: Ghetto oder Wald? Im jüdi- schen Stadtteil oder in den Reihen der Partisanen? Die einen meinten, daß man die ganze Jugend mobilisieren und in den Wald schicken müsse. Man hatte in dieser Richtung sogar ge- wisse Vorbereitungen getroffen: Die Mitglieder unserer Zir- kel hatten sich bereits mit verschiedenen Geräten versehen, die dazu dienen sollten, Schienen auseinanderzuschrauben und Sabotageakte durchzuführen. Diese Genossen behaup- teten, daß man nicht mit verschränkten Armen auf den Über- fall des Feindes warten dürfe, sondern als erster den Okku- panten angreifen müsse. Und da es unmöglich sei, den Feind im Ghetto anzugreifen, weil ein solcher Versuch eine ge- waltige Welle grausamer Repressalien hervorrufen könnte, müsse man sich daher in den Wald durchschlagen und 591 zusammen mit den jungen, sich gerade bildenden polnischen Partisanengruppen den Feind verfolgen und bekämpfen. Der Okkupant würde auf diese Weise keinen Vorwand haben, an den Einwohnern des Ghettos Rache zu üben. Der andere Teil der Genossen meinte jedoch, daß man das Ghetto nicht verlassen dürfe, daß es unsere Pflicht sei, dort Wache zu stehen, wo viele Juden konzentriert seien. Die Diskussion dauerte etliche Tage und schlaflose Nächte. An der Spitze der Genossen, die sich dafür aussprachen, in den Wald zu gehen, stand RöZka Rozenfeld. In der anderen Gruppe gab Czarny Mietek den Ton an. Zu guter Letzt arbeitete man einen Aktionsplan aus, der beide Auffassungen berück- sichtigte. Man schickte Leute in die Wälder und schulte gleichzeitig an Ort und Stelle Kader, führte Schießübungen durch, schickte Patrouillen aus, verbreitete unsere Literatur und popularisierte den Gedanken, daß sich die gesamte Jugend im Ghetto zum bewaffneten Widerstand vorbereiten müsse, Die nächste lebhafte Diskussion betraf die Schaffung einer einheitlichen, vereinten Kampffront der gesamten jüdischen Jugend des Ghettos. Dieses Problem rief natürlich keine lange Debatte hervor. Wir waren alle nicht nur enthusiastische Anhänger einer einheitlichen nationalen antifaschistischen Kampffront, sondern gleichzeitig ihre Pioniere und Verwirk- licher. Schon gegen Ende 1940 hatten wir mit„Haschomer Hazair“ einen engen Kontakt beschlossen. Unsere Zusammen- arbeit mit dieser Organisation beruhte auf dem Austausch von illegaler Literatur, vonLektoren und Instrukteuren für militäri- sche Ausbildung. Zu uns kam häufig das Haschomermitglied Szymon, ein ausgezeichneter Schütze, und diese Organisation wurde wiederum von unserer Instrukteurin Lena besucht. Wir führten sogar einige gemeinsame Versammlungen unserer Zirkel durch, auf denen wir eine Reihe aktueller politischer Probleme besprachen, 0 Vor uns dab nod im Ghet Organis Sympatl auch un enge Vi Jugend, Wir wul ständige Einmal „Morge ideologi der von auf die eine ähr Jutionär solidiert nur dur auch dı Brüderli Die Ste an, Ein. Immer ı vor der Unter ı von Vo kommaı Wirreo, das Leb galten, Mitte], ZUgute, ”, Ziele:! Vor uns stand noch eine sehr wichtige Aufgabe. Wir wußten, daß noch viele andere antifaschistische Kreise und Gruppen im Ghetto bestanden. Der„Spartakus“ war hier die stärkste Organisation, er besaß eine große Anzahl Anhänger und Sympathisierender nicht nur bei der Schuljugend, sondern auch unter der Arbeiterjugend. Unser Zirkel unterhielt eine enge Verbindung mit einer großen Gruppe der Arbeiter- jugend, die von der Schneiderin Lola Slowik geleitet wurde. Wir wußten jedoch, daß im Ghetto auch noch andere selb- ständige linksgerichtete Organisationen bestanden. Einmal stieß ich zufällig auf die illegale Ghettozeitung „Morgenfreiheit“, und mir fiel auf, daß diese Zeitung die ideologische Richtung hatte wie unser„Baginen“. Während der von uns durchgeführten Hilfsaktionen stießen wir sehr oft auf die verschiedensten revolutionären Arbeitergruppen, die eine ähnliche Arbeit wie wir entfalteten. Aber keine der revo- lutionären Gruppen im Ghetto war organisatorisch so kon- solidiert wie der„Spartakus“. Unsere Mitglieder waren nicht nur durch eiserne Disziplin miteinander verbunden, sondern auch durch herrliche Bande glühender Freundschaft und Brüderlichkeit. Die Sterblichkeit im Ghetto nahm erschreckende Ausmaße an. Eine Typhusepidemie wütete. Der Hungertod verschlang immer wieder ganze Teile des Volkes. Jeden Morgen lagen vor den Haustoren neue, mit Zeitungen bedeckte Leichen. Unter unseren Mitgliedern befand sich eine große Anzahl von Vollwaisen, viele Obdachlose, die aus der Provinz ge- kommen waren, und eine riesige Schar Hungernder. Wir reorganisierten daher unsere Arbeit auf die Weise, daß für das Leben eines jeden Zirkels die Grundsätze der Kommune galten. Die wohlhabenderen Mitglieder brachten Lebens- mittel, Geld und Kleidung, und dies kam allen gleichmäßig zugute. Auf diese Weise erreichten wir gleichzeitig zwei Ziele: man gewöhnte die Genossen an ein Leben im Geiste 593 der Idee gegenseitiger Hilfe und bereitete sie außerdem auf die Verhältnisse völliger Kasernierung vor, die mit dem künftigen Leben der Ghettosoldaten untrennbar verbunden waren. Im Namen unserer grenzenlosen Liebe zu unserem Volk und der Sache der Freiheit mußten wir bei unseren Mit- gliedern sehr oft die familiären Gefühle unterdrücken, um sie an das harte und mühevolle Leben eines Kämpfers zu ge- wöhnen, der kein Schwanken kennt und bereit ist, alles auf dem Altar der großen Idee des antifaschistischen Befreiungs- kampfes zu opfern. Wir übernahmen die schwere Aufgabe, zahlreiche Anhänger und mit unserer Organisation Sympathisierende in unserem Geist zu erziehen. Das moralische Niveau der Spartakusmit- glieder war sehr hoch. Als Ergebnis unserer politisch-erziehe- rischen Arbeit herrschte in unseren Zirkeln ein solches ideo- logisches Klima, daß es keinen Platz für Hysterie, Verzagt- heit, Klatschereien, Neid, Streit, Egoismus und Feigheit gab. Ideologisch stark und geistig wiederaufgelebt, traten wir im Jahre 1942 als reife und abgehärtete Revolutionäre in die große alte neue Bewegung ein, die als Polnische Arbeiter- partei wieder zu Leben und Kampf erstanden war. Die Nachricht von der Entstehung der Polnischen Arbeiter- partei brachte uns eines Tages der Genosse Lejb Fail(Ignas), einer der sympathischsten jugendlichen Arbeiter, ein Auto- didakt mit rednerischen und literarischen Fähigkeiten. Es war Anfang Februar 1942. Wir befanden uns damals in einer geheimgehaltenen Wohnung in der Nowolipiestraße. Plötz- lich stürzte Igna$ herein und rief:„Es lebe die Partei!“ Ge- wohnt, stets ausführliche Diskussionen über jedes politische Thema zu führen, versuchten wir auch damals, den Namen unserer alten neuen Partei genau zu erwägen. Danach be- sprachen wir die organisatorischen Probleme der wiederauf- gelebten vereinigten politischen Bewegung in der jüdischen Umwelt. Dann debattierten wir über das Verhältnis zur 594 Sowjet stische einen verbiss tionäre negati Wir b Diskus faßten standt unsere Wir m straße Kamp! wende 55, so andere Polnis die Ze Ghette Auftrz im Gh In mei nossen Zeital den N Zeit y dungs fischer Mit zy Mir\ 1„Bund Zur„7 Politik Sowjetunion, zu dem linken Flügel der polnischen Soziali- stischen Partei und zum„Bund“!, mit dem wir ununterbrochen einen scharfen ideologischen Kampf ausfochten. Besonders verbissen und unbarmherzig führten wir ihn gegen die reak- tionären Elemente im„Bund“, die sich noch im Ghetto direkt negativ zur Sowjetunion verhielten. Wir beschränkten uns jedoch niemals nur auf theoretische Diskussionen. Wir waren gleichzeitig Menschen der Tat. Wir faßten daher in der nächsten Versammlung, bereits als Be- standteil der Polnischen Arbeiterpartei, einen Beschluß über unsere Umgestaltung in eine Kampforganisation des Ghettos. Wir machten ein verlassenes leeres Gebäude in der Nowolipie- straße 53 ausfindig und schufen darin das Hauptlager unserer Kampforganisation. Wir schritten sofort zur Sammlung ent- wendeter deutscher Uniformen, hauptsächlich solcher von der SS, sowie von Waffen. In demselben Haus, aber in einem anderen Raum, richteten wir eine geheime Lesestube der Polnischen Arbeiterpartei ein. Dort las ich zum erstenmal die Zeitung„Einigkeit“— ein antifaschistisches Organ des Ghettos. Die Versammlungen unseres Zirkels betreute im Auftrag des Bezirkskomitees der Polnischen Arbeiterpartei im Ghetto Genosse Dawid Wliosko(Pseudonym: Tadek). In meinem Leben sowie im Leben der Genossinnen und Ge- nossen aus dem„Spartakus“ begann jetzt ein völlig neuer Zeitabschnitt. Mit verdoppelter Energie warfen wir uns in den Strudel der neuen Arbeit. Ich wurde für eine gewisse Zeit von meiner Kampfgruppe abberufen, um als Verbin- dungsperson der technischen Zentrale unserer illegalen poli- tischen Organisation tätig zu sein. Ich stand in dieser Zeit mit zwei Personen in Kontakt. Der Genosse Tadek übergab mir vervielfältigte, von der polnischen Arbeiterpartei 1„Bund“= Organisation Polnischer Sozialisten, deren rechter Flügel u. a. nur zur„psychologischen Selbstverteidigung“ aufrief und damit eine reaktionäre Politik betrieb. herausgegebene Radioberichte, die ich wiederum einer zwei- ten Verbindungsperson zu bringen hatte, der Genossin Iza- bella Waserman, die einen Zigarettenkiosk an der Ecke Za- menhoff- und Gesiastraße hatte. Ich hatte noch mit einem anderen Zigarettenkiosk Kontakt, nämlich mit dem an der Ecke Lubecki- und Gesiastraße, in dem sich unser Ver- trauensmann Nulman befand, ein Invalide und altes Mit- glied unserer Bewegung. Ich war mit dieser Arbeit jedoch nicht zufrieden, weil sie meinem Ehrgeiz nicht genügte: sie riß mich von meiner Kampfgruppe und der Arbeit unter der Bevölkerung los. Ich wurde von meiner Funktion in der tech- nischen Zentrale jedoch nicht auf meinen Wunsch hin befreit, sondern im Zusammenhang mit einem unglücklichen Vorfall in unserem Leben, nämlich wegen einer umfangreichen Denunziation, die im Mai durch eine Provokation eines unserer Verbindungsmänner zwischen dem Ghetto und der „arischen Seite“ verursacht worden war. Ich erinnere mich an dieses für uns so tragische Ereignis auch heute noch sehr gut. Es war ein heiterer, strahlender Maientag. Die zum Leben erwachende, herrlich aufblühende Natur erweckte trotz der mit Grauen durchdrungenen Wirklichkeit im Ghetto in unseren jungen Herzen ein erhebendes, freudiges und hoff- nungsvolles Gefühl. Schon seit mehreren Tagen hatte ich mich zur Ausführung eines Auftrags der Organisation vorbereitet: mich auf die „arische Seite“ durchzuschlagen. Die Organisation hatte mich wegen meines„guten Aussehens“, wegen meiner arischen Züge dafür bestimmt. Zu eben diesem Zweck hatte ich mich vorher in die Gegend des katholischen Friedhofs in Powazki begeben und den Abschnitt genau erforscht, durch den ich dem Plan nach auf die andere Seite gelangen sollte. Am Morgen sollte ich mich noch mit dem Genossen Tadek treffen, um entsprechende Adressen und Losungen zu bekommen. Ich ging lange vor dem Haus in der Zamenhoffstraße 10 hin und 596 her, w Intuitic abredei nossin mit, da das gaı Ende fi Michal Nach 1 nossinr die Dei „Stude, des Ste im Gh: wußte, Bald be Ghetto Währe, so viel riß, ber Namen alten R beherr: Unserer Neunze eltegen spannt: Organi senen Tade in Gens; beitim Dicht, y Organi 3 Figfs führung auf die ste mich arischen 1 ich h mid her, wo ich mich mit Tadek verabredet hatte. Von einer Intuition geleitet, verließ ich schließlich beunruhigt den ver- abredeten Treffpunkt und begab mich zum Kiosk der Ge- nossin Waserman. Außer sich vor Aufregung teilte sie mir mit, daß Tadek erwischt worden sei und mit ihm zusammen das ganze Bezirkskomitee der Organisation im Ghetto. Am Ende fügte sie bedeutungsvoll hinzu:„Lubeckistraße 4, Bialy Michal“. Nach langem gemeinschaftlichem Suchen mit anderen Ge- nossinnen stellten wir schließlich fest, daß„Lubeckistraße 4“ die Deckadresse des unter den Pseudonymen„Bialy Michal“, „Student“,„Chemiker“ bekannten Genossen Michal war, des Stellvertreters des Kommandanten unseres Kampfbundes im Ghetto. Den Kommandanten kannte ich nicht, aber ich wußte, daß er als„Czarny Andrzej“ auftrat. Bald begann der tragische Zeitabschnitt in der Geschichte des Ghettos: die erste Liquidierung. Während der tragischen Tage dieser großen Katastrophe, die so viele prächtige und liebe Genossen aus unseren Reihen riß, bewies unsere Jugend aus dem„Spartakus“, daß sie des Namens dieses großen Anführers des Sklavenaufstandes im alten Rom würdig war. Wir erlagen keiner Panik. Wir waren beherrscht, behielten das Gleichgewicht und waren uns unserer Aufgabe bewußt. Unsere blutjungen, achtzehn- und neunzehnjährigen Mädchen dachten während jener grauen- erregenden Zeit nicht an ihr eigenes Schicksal, sondern spannten alle ihre Kräfte an, um die Verbindungen der Organisation aufrechtzuerhalten, beziehungsweise die geris- senen und unterbrochenen Kontakte wiederherzustellen. Ge- rade in diesem sehr schweren Zeitabschnitt kam die polnische Genossin Gina, die wir von unserer gemeinschaftlichen Ar- beit im„Spartakus“ her kannten, zu uns ins Ghetto. Ich weiß nicht, wie wir den Willen und die Energie aufbrachten, unsere Organisation von neuem aufzubauen. Die Genossin Gina 38 F 18/58 597 übermittelte uns damals die Anordnung, sofort alle Genos- sen, die aus allen Selbstschutzgruppen übriggeblieben waren, zu vereinigen und aus ihnen eine Abteilung der Volksgarde zu bilden. Ich erinnere mich noch an die Worte, die die Genossin Gina damals gesagt hat:„Die Volksgarde erfaßt alle, die ehrlich und unverzüglich zum Kampf gegen den nazistischen Okku- panten schreiten wollen. Bei uns im Ghetto muß man daher zur Volksgarde nicht ausschließlich Mitglieder der Polnischen Arbeiterpartei heranziehen, sondern auch diejenigen Ge- nossen außerhalb unserer Partei, die zum bewaffneten Kampf gegen den Okkupanten bereit sind.“ So handelten wir auch. In den letzten Julitagen 1942, während der intensivsten Li- quidierungsaktion im Ghetto, mobilisierten wir etliche Kampfgruppen der Volksgarde unter dem Oberbefehl des Genossen„Bialy Michal“. Schon während der ersten Tage des Bestehens der Volksgarde im Ghetto verzeichnete man eine Reihe heldenmütiger Handlungen ihrer Kämpfer. Da- mals taten sich hervor: Heniek Nadryczny, Zocha Brzezinska, ein Hitzkopf von einem Mädel mit außergewöhnlicher kör- perlicher Kraft, Sewek Nulman, Verfasser etlicher Kampf- lieder, Halinka Rochman und andere. Meine Kampfgruppe befand sich in dieser Zeit auf dem Gelände der Fabrik des Deutschen Hoffmann, die SS-Uniformen herstellte und sich in der Nowolipkistraße 49 befand. Die Periode der ersten Liquidierung der Bevölkerung des Ghettos war vorüber. Unsere Kampfgruppen bereiteten sich fieberhaft auf die in nächster Zukunft unvermeidlich auf uns wartenden Aufgaben vor. Die Stimmung unter den Genossen war prächtig. Noch niemals hatte bei uns ein solcher Geist und eine solche Opferbereitschaft geherrscht wie gerade in dieser Zeit. Wir gaben uns Mühe, nicht an unsere Nächsten zu denken, an Vater, Mutter, an unser Heim, an uns selbst. Wir überwanden die Sorge um unser eigenes Schicksal, um 508 das, n konnt Gedaı tatore und V im G] eigene doch ı ihrer schung verlas könne uns in früh b birnen einem Nowol für ın Unsere solche versorg Gerad Eines' Rochm „Fabri Seine] den ur Tränen kehren Komm fetten daß H Kampf Noch sc 38 P} das, was mit jedem von uns schon am nächsten Tag geschehen konnte. Wir lebten ausschließlich dem einen gemeinsamen Gedanken: Waffen zu erbeuten! Wir brauchten keine Agi- tatoren, um in uns wütenden Haß gegen den Okkupanten und Verachtung gegen alle passiven und schlappen Elemente im Ghetto zu wecken. Niemand dachte auch nur an seine eigene Rettung, an seine eigene Haut. Und schließlich hätten doch unsere Mädchen bei ihrem arischen Aussehen, mit Hilfe ihrer Beziehungen und dank ihrer vollkommenen Beherr- schung der polnischen Sprache mit Leichtigkeit das Ghetto verlassen und auf der„arischen Seite“ ruhig unterkommen können. Übrigens hatten wir damals ganz einfach keine Zeit, uns in solche Dinge zu vertiefen. Wir arbeiteten von 6 Uhr früh bis spätnachts, füllten ausgebrannte elektrische Glüh- birnen mit einer Mischung von Schwefel und Dynamit. Auf einem von uns ausfindig gemachten Dachboden im Hause Nowolipiestraße 51 richteten wir einen kompletten Betrieb für unsere Bomben ein. Wir lebten nur für unsere Sache und unsere Arbeit. Wir dachten nur an eins: möglichst viele solche Lampen herzustellen, unser Arsenal möglichst gut zu versorgen! Gerade in diesem Zeitabschnitt ereignete sich folgendes: Eines Tages kletterte der Vater unserer Genossin Halinka Rochman auf den Dachboden. Die Genossen, die vor unserer „Fabrik“ Wache hielten, bemerkten ihn, erlaubten ihm aber, seine Tochter zu besuchen. Wie es sich für einen wohlhaben- den und gesetzten Mann geziemt, bat Herr Rochman mit Tränen in den Augen seine Tochter, nach Hause zurückzu- kehren.„Ich bin allein“, flehte er,„einsam wie ein Einsiedler. Komm zu mir zurück, ich habe genug Geld, um uns beide zu retten und auf der ‚arischen Seite‘ einzurichten.“ Wir sahen, daß Halinka einen schweren und schmerzlichen inneren Kampf ausfocht. Sie rang allein mit sich und litt sehr. Den- noch schlug sie die Bitten ihres Vaters entschieden ab.„Mein 38 F’ 599 Leben gehört nicht mehr dir, Vater, sondern ihnen allen“, entgegnete Halinka auf die flehentlichen Bitten ihres Vaters. Wir traten damals an Halinkas verzweifelten Vater heran und erzählten ihm von unserem gegenwärtigen Leben, von unseren Aufgaben und Zielen. Wir bemühten uns, ihn mit herzlichen Worten in seinem persönlichen Unglück zu trösten. Herr Rochman war sehr bewegt, er überließ uns eine größere Geldsumme, küßte zum Abschied seine Tochter und trennte sich von ihr mit den Worten:„Leb wohl, Tochter, möge dich Gott beschützen und dir auf deinem neuen Lebensweg hel- fen.“ Herr Rochman hat seine Tochter nie mehr gesehen. Er war ein frommer Mann und liebender Vater. Vor seinem Weggehen wünschte er uns heiß und innig in unserer Arbeit Erfolg. Halinka litt dann noch sehr, hatte sich aber bis zum Schluß tapfer in der Gewalt. Während der Kämpfe, die am 18. Januar 1943 mit den Okkupanten geführt wurden, befand ich mich auf dem Ge- lände der shops von Schultz, Hoffmann und Toebbens. Der Kampfbund besaß auf diesem Abschnitt alles in allem 6 Re- volver und 2 Handgranaten. Um das Maß des Übels vollzu- machen, begingen wir damals noch einen Fehler: wir hielten Bunker für eine Erfindung der Bourgeoisie und das Organi- sieren bewaffneter Ausfälle auf den Feind aus befestigten versteckten Positionen für eine Erniedrigung unserer Würde und Ehre. Wir erkannten nur einen Frontalangriff, einen Kampf Mann gegen Mann an. Außerdem waren wir damals noch in unzureichendem Maße kaserniert. Nachher, nach den Januarkämpfen, unterwarfen wir auf unseren Versammlun- gen den Verlauf des Kampfes einer kritischen Analyse und brachten uns selbstkritisch genau zum Bewußtsein, worin unsere Fehler beruhten. Der Widerstand im Januar hatte zwei Operationsrichtungen. Wir überfielen deutsche Abteilungen, griffen sie mit Hilfe unserer spärlichen Waffen überraschend an und zogen uns auf unsere Standorte zurück. Auf diese 600 Weise warfe in die die wi und d Janua, des Cz Der Z Januar intens Diese. hatten besaße zustell Unvern den sie Aufgal opferus Ghetto War eir Tod; 5 aus de Toebh: spiel sı und Ikl Shops; in die| Weise( der dur der Sm der den Roerich Wir hie trum au Weise flößten wir den Deutschen Angst ein. Außerdem be- warfen wir sie mit benzingefüllten Flaschen und schleuderten in die Abteilungen vom Dachboden die zwei Handgranaten, die wir besaßen. Die Granaten warfen unser Genosse Stach und das Haschomermitglied Izrael. Einige Tage nach den Januarereignissen erfuhren wir von dem heldenhaften Tod des Czarny Michal auf dem Gebiet des Ghettozentrums. Der Zeitabschnitt zwischen den zwei großen Kämpfen im Januar und im April verstrich unter dem Zeichen immer intensiverer, angestrengter und fieberhafter Vorbereitungen. Diese Zeit war besonders schwer. Den jüdischen Stadtbezirk hatteman in etliche Ghettos aufgeteilt. Die einzelnen Ghettos besaßen miteinander keine Verbindung. Einen Kontakt her- zustellen war ein Unding; alle Bemühungen dieser Art waren unvermeidlich gleichbedeutend mit Tod. Aber trotzdem fan- den sich Genossinnen, die nicht zögerten, diese gefährliche Aufgabe zu übernehmen. Durch größte Tapferkeit und Auf- opferung zeichnete sich bei den Versuchen, zwischen den Ghettos einen Kontakt herzustellen, Rywa Szmutke aus. Sie war ein heldenmütiges Mädchen, spottete geradezu über den Tod; sie gelangte geschickt und bravourös von uns, das heißt aus dem Ghetto, auf dessen Gelände sich die shops von Toebbens und Schultz befanden, ins Ghettozentrum. Ihr Bei- spiel spornte zwei andere Genossinnen an: Chawa Bonder und Itka Hejman. Die Durchgänge zwischen den einzelnen shops in den Ghettos schufen wir eigenhändig. Wir schlugen in die Mauern der Dachböden Löcher und stellten auf diese Weise den in seiner Art einzigen ungewöhnlichen Weg her, der durch die ganze Nowolipie-, Nowolipki- und einen Teil der Smocznastraße führte. Man kroch über die Dachböden der deutschen Fabriken von Hoffmann, Schultz, Schiling und Roerich. Wir hielten die Verbindungen nicht nur mit dem Ghettozen- trum aufrecht, sondern knüpften auch mit der„arischen Seite“ 601 Kontakt an. Jurek Zolotow und Jöziek Jarost waren die hauptsächlichen Verbindungsmänner zu der„arischen Seite“. Sie standen mit Kazik Debiak in Verbindung. Das war bereits nach dem bewaffneten Widerstand im Januar. Der Kampfgeist unter unseren Genossen hatte sich noch mehr gefestigt. Eine immer größere Anzahl junger Kämpfer gab wiederholt Beweise von starken Nerven, Beherrschung, Tapferkeit und Mut. Am mutigsten waren Stach und Salek (an die Zunamen erinnere ich mich nicht mehr). Sie begaben sich einmal auf das Gebiet des„wilden“ Ghettos, um eine Aufgabe durchzuführen. Unerwartet kam der nazistische Schinder Klostermeyer angefahren, der sie verhaftete und auf die Befehlsstelle in der Zelaznastraße 103 brachte. Als wir die Meldung darüber bekamen, organisierten wir sofort einen Überfall auf die Befehlsstelle. An der Spitze dieser wage- mutigen und riskanten Expedition stand der Genosse Bronek. Wir hielten die Gendarmen in Schach und befreiten Stach und Salek. Kurz darauf wurde jedoch Bronek selbst verhaftet. Diesmal brachten ihn die Nazis nicht auf die Befehlsstelle, sondern auf die Polizeistation an der Ecke Nowolipki- und Smocznastraße. Unsere Genossen Herszel Kawa und Motel Goldsztajn verständigten sich sofort mit dem Jüdischen Kampfbund. Am selben Tag in den Nachmittagsstunden überfiel eine Kampfgruppe die Polizeistation, hielt die Wache und den Kommandanten in Schach, bemächtigte sich der Arrestschlüssel und befreite Bronek mitsamt allen anderen Gefangenen. Gleich nachdem die Unseren die Polizeistation verlassen hatten, alarmierten die Gendarmen die Nazis auf der Befehlsstelle, aber diese hatten ganz einfach Angst, sich nachts in das Ghetto zu begeben. Der Kampfbund hatte in dieser Zeit nicht nur Erfolge, son- dern erlitt auch Niederlagen. Den deutschen nazistischen Schindern glückte es schließlich, den unerschrockenen Ge- nossen Stach in ihre Hände zu bekommen. Es war ihnen durch 602 eine List gelungen. Stach hatte beim Überfall auf die Bezirks- polizeistation in der Nowolipki-, Ecke Smocznastraße teil- genommen. Zur Tarnung trug er gewöhnlich die Mütze eines Ghettopolizisten, die mit einer Dienstnummer versehen war. Einer der Beamten auf der Polizeistation hatte sich diese Nummer notiert. Eine gewisse Zeit später hatte sich Stach von neuem an die Ausführung einer Aufgabe gemacht und dabei wieder die Polizistenmütze mit derselben Nummer ge- tragen. Das war eine unverzeihliche Unvorsichtigkeit. Es war sein Verderben. Stach wurde umzingelt. Er war in der Falle. Die Schinder wußten bereits, daß dieser hellblonde junge Mann Mitglied des Jüdischen Kampfbundes war. Stach beschloß, nicht lebend in die Klauen der Gestapo zu fallen. Er stürzte sich auf einen der Deutschen, und dieser erschoß ihn auf der Stelle. Stach war damals 25 Jahre alt. Wie gestaltete sich unser Leben in der Zeit zwischen den bewaffneten Unternehmungen im Januar und April? Nach den Kämpfen im Januar 1943 erkannten wir, daß wir ferner- hin nicht gleichzeitig zur Familie und zur Organisation gehören konnten. Wir beschlossen daher, uns zu kasernieren. Wir verließen die Eltern, sagten uns von unseren Nächsten los. Wir bezogen gruppenweise Standquartiere, jede Gruppe zu 10 Personen. Für Essen gaben wir sehr wenig aus. Das ganze Geld wurde zum Ankauf von Waffen verbraucht. Wir kochten nicht einmal Mittag, wir aßen Brot mit Marmelade. Der Jüdische Kampfbund hatte sich eine enorme Autorität verschafft. Die Volksmassen im Ghetto glaubten an ihn wie an Gott. Die Besitzer der shops zitterten vor Angst vor ihm. Natürlich nutzten wir unsere Autorität entsprechend aus. Wir schickten öfter an Lumpenkerle und Abtrünnige Warnungen: „Wenn du dich nicht gehörig beträgst, wirst du erschossen!“ Der Jüdische Kampfbund entfaltete auch propagandistische Tätigkeit. Der Kämpfer Mietek Sztern entwendete aus der Direktion eines shops eine Schreibmaschine, brachte sie in 603 unsere getarnten Arbeitsräume auf dem Dachboden des Hauses Nowolipiestraße 53, und dort tippten und verviel- fältigten wir unsere Aufrufe. In unserer propagandistischen Arbeit halfen uns ältere Genossen, die Schneider Szachna und Szyja. Sztern war es leider nicht vergönnt, den Tag des großen Aufstands im Ghetto zu erleben. Eines Nachts führte er mit einer Gruppe von Genossen einen Sabotageakt aus. Ihre Aufgabe war es, das Lager der Firma Schultz in der Nowolipkistraße anzuzünden. Sztern fiel durch eigene Un- vorsichtigkeit vom Dach. Die Genossen hörten nur seine letzten Worte:„Wo ist mein Colt?“ Er starb eines un- sinnigen Todes, jedoch auf Posten, während einer Kampf- aufgabe. Wie ich bereits erwähnte, verhängte der Jüdische Kampfbund Todesurteile gegen Juden, diemit den Okkupanten zusammen- arbeiteten. Ähnliche Urteile sprachen wir auch gegen Deutsche aus, die uns bespitzelten. Unsere Kundschaftergruppe er- mittelte, wer sich damit beschäftigte, uns nachzuspüren. In unserem Kundschafterdienst zeichnete sich das großartige Mädchen Tola Blumenfeld aus. Tola sah genau aus wie eine „Arierin“, sie bewegte sich daher ungezwungen auf den Straßen, als Verkäuferin von Streichhölzern. Sie lieferte uns die ausführlichsten und genau nachgeprüften Auskünfte über Personen, die im Dienst des Okkupanten standen. Wir schickten dann an die Betreffenden ein kurzes Schreiben: „Der Jüdische Kampfbund hat Sie wegen Zusammenarbeit mit den Nazis zum Tode verurteilt.“ Die Angst war so all- gemein und groß, daß die Polizisten des Ghettos schnell auf ihre blauen Dienstmützen mit Nummern verzichteten. So stärkten wir uns in unserer Kampfbereitschaft. Unmittel- bar vor dem Aufstand hatten wir schon viele Waffen. Jedes Mitglied des Jüdischen Kampfbundes war gut bewaffnet. Und wir waren schon allein auf dem Gelände von Schultz, Toebbens und Hoffmann einige hundert Kämpfer. 604 Am Tas die in d um als fungier Jipiestr: der$m« tragt, dı Ghetto, ging di ganzen dem Fei lände d Häuser: explodii wir das kämpfe Gegen Bunker einer A boden, ten Ge Hascho; nossin Flasche Am Tage des Aufstands befand ich mich in der Kampfgruppe, die in der Lesznostraße tätig war. Ich wurde abkommandiert, um als Verbindungsperson zwischen den Kampfgruppen zu fungieren, die ihre Stellungen in der Lesznostraße 74, Nowo- lipiestraße 61, Nowolipkistraße 51 und in einigen Häusern der Smocznastraße bezogen hatten. Ich wurde auch beauf- tragt, den Kontakt mit den führenden Genossen im zentralen Ghetto, Chaim und Szyja, herzustellen. Am 19. April 1943 ging die Schießerei in der Lesznostraße ununterbrochen den ganzen Tag. Es kam zu sporadischen Zusammenstößen mit dem Feind. Unsere Genossen legten eine Mine auf dem Ge- lände des„wilden“ Ghettos in der Smocznastraße vor den Häusern Nummer 4, 8 und 10. Zu unserer Verzweiflung explodierte die Mine leider nicht. Am folgenden Tag hatten wir das Glück, mit dem verhaßten Feind unmittelbar zu kämpfen. Gegen Mitternacht stürzte der Kämpfer Izrael in unseren Bunker mit dem Ruf:„Genossen, die Nazis bereiten sich zu einer Aktion vor!“ Wir begaben uns sofort auf den Dach- boden, auf unseren Kampfposten. Zu unserer Gruppe gehör- ten Genossen aus der Polnischen Arbeiterpartei und dem Haschomer Hazair. Anführer unserer Gruppe war die Ge- nossin Sara. Wir bezogen die angewiesene Kampfstellung. Flaschen mit Sprengstoff bildeten unsere Hauptwaffe. Wir waren auf diese Weise die ganze Nacht in fieberhafter Erwar- tung und aufregender Ungeduld auf unserem Posten. Erst gegen Morgen erblickten wir die ersten deutschen Abteilun- gen. An der Spitze fuhr ein Tank, und hinter ihm rückten schwerbewaffnete deutsche Militärabteilungen in Gefechts- bereitschaft vor. Laut Befehl warfen wir in die marschierende Nazikolonne Flaschen mit entzündlicher Flüssigkeit. Der Tank geriet in Brand. Seine Besatzung verbrannte bei leben- digem Leibe. Beim Anblick des zum Stehen gebrachten und brennenden Tanks hätten wir vor Freude springen und 605 schreien mögen. Niemals zuvor und auch niemals später er- lebten wir einen so frohen Augenblick. Nach diesem Kampf bestimmte mich die Führung wieder zur Verbindungsperson. Von neuem kletterte ich wie früher über Dächer, zwängte mich durch Zaunlöcher, kroch in Ruinen und hielt die Verbindung zwischen dem zentralen Ghetto und dem Stadtbezirk Leszno aufrecht. Einmal beauftragte man mich, eine bestimmte Aufgabe auf der„arischen Seite“ durchzuführen. Zu diesem Zweck mußte ich durch die Kanalisation gehen. Es fehlte nicht viel, und ich hätte meine Wanderung in den Kanälen mit dem Leben bezahlt. Wieder befand ich mich auf dem Gelände des shops von Toebbens; hier fühlte ich mich— trotz aller unmenschlichen Erlebnisse— viel wohler als überall anderswo. Hier lebte ich nämlich unter meinen engsten Genossen, umgeben von Freundschaft und Herzlichkeit. Da ich nun für dauernd auf dem Gelände von Toebbens blieb, vertrat mich auf dem Posten der Verbindungsperson zu der„arischen Seite“ von neuem die Genossin Tola. Außerhalb des Ghettos trat sie als Blumenverkäuferin auf der Straße auf. Einmal gelangte sie mit einem riesigen Blumenstrauß ins Ghetto, in dem sie ein Bündel Handgranaten versteckt hatte und hinüber- schmuggelte. Unsere Mädchen lieferten überhaupt viele Beweise ungewöhn- lichen Heldenmuts. Halinka Rochman war die verkörperte Tapferkeit und Aufopferung; sie rang mitsich bis zum letzten Augenblick.„Wenn ich zu meinem Vater zurückkehre und die Kampffront verlasse, so wird man mich zu einer Egoistin stempeln“, sagte Halinka erregt zu uns. Die Kampfgenossen vergötterten sie. Während der Kämpfe opferte sie sich für andere. Sie fiel im Kampf, als sie mit ihrem Körper andere deckte. Das geschah so: An der Spitze ihrer Kampfgruppe stand Rözka Rozenfeld. Nach schwerem und langem Gefecht 606 mit den gewese irdischei Leszuo war un einen Ü sie dahe günstige Auf ein schen in beschlos dem Fei hatten: Patrone deutsche Kampfs Meinun fällt, d hatte si dem Kö Blutübe gesagt: Das Ge führt w sie alle Zum le aus der Stabes q 7. Mai der Au Schwere glieder Waren e hier be mit den Deutschen waren die jüdischen Kämpfer gezwungen gewesen, sich zurückzuziehen und sich in einem unter- irdischen Bunker zu verstecken. Sie hatten sich im Bunker in Leszno verbarrikadiert. Oben tobte eine Feuersbrunst. Es war unmöglich, am Tage auf die Straße hinauszugehen und einen Überfall auf den Feind zu organisieren. Ratlos saßen sie daher mit kampfbereiter Waffe in Erwartung eines etwas günstigeren Moments im Bunker. Auf eine uns bis jetzt unerklärliche Weise waren die Deut- schen in den Bunker eingedrungen. Die Kampfgruppe hatte beschlossen, bis zum letzten Atemzug zu kämpfen und sich dem Feind nicht zu ergeben. Die heldenhaften Kämpferinnen hatten sich aus den Winkeln des Bunkers mit den letzten Patronen gewehrt. Plötzlich hatte Halinka bemerkt, daß ein deutscher Soldat seine Waffe auf den Kommandanten der Kampfgruppe, Rözka Rozenfeld, richtete. Halinka war der Meinung gewesen, daß in dem Augenblick, da der Führer fällt, der Widerstand zusammenbreche. Ohne zu zögern, hatte sie sich vor ihren Kommandanten gestürzt und ihn mit dem Körper gedeckt. Man teilte uns ihre letzten Worte mit. Blutüberströmt und sich in der Agonie windend, hatte sie gesagt:„Es ist gut, daß ich getötet wurde und nicht Rözka.“ Das Gefecht ging weiter. In dem Kampf, der im Bunker ge- führt wurde, fiel auch Rözka Rozenfeld. Der Feind metzelte sie alle nieder. Zum letzten Mal begegnete ich meinen nächsten Genossen aus der Kampfstellung im Ghetto— im zentralen Bunker des Stabes des Jüdischen Kampfbundes in der Milastraße 18— am 7. Mai 1943, das heißt am Tage vor dem heldenhaften Tod der Aufstandsführung. Hier hatten sich die letzten in den schweren Kämpfen mit dem Leben davongekommenen Mit- glieder aller Kampfgruppen konzentriert. Auf diese Weise waren einige hundert Kämpfer zusammengekommen. Gerade hier befanden sich Mordechaj Anielewicz, Bialy Michal, 607 Szyja, Jurek, Lutek und andere. Im Bunker in der Mila- straße 18 war der Stab des Aufstands untergebracht und hatte hier gearbeitet. Nachdem sie sich überzeugt hatten, daß der Bunker von den Nazis umstellt war, entspann sich unter den Kämpfern ein leidenschaftlicher Meinungswechsel darüber, wie man dem unvermeidlichen Tod entgegengehen solle. Der Kämpfer Jurek schlug gemeinschaftlichen Selbstmord vor. Bialy Michal und Sara Zagiel widersetzten sich diesem Vorschlag heftig und warfen die Losung auf: Kampf bis aufs äußerste, bis zur letzten Kugel, bis zum letzten Blutstropfen! Leider war es zu einer Kampfaufnahme schon zu spät. Sie spürten Gas im Bunker. Einige Genossen waren bereits am Ersticken. Aber trotzdem wurden die in den Bunker eindringenden Deutschen mit Feuer empfangen. Ich war nicht mehr Zeugin der letzten Ereignisse im Stabs- bunker. Man hatte mich nämlich etwas früher zur Ausfüh- rung der wichtigen Aufgabe weggeschickt, noch einmal zu versuchen, durch die Kanalisation einen Durchgang auf die „arische Seite“ zu finden. Als ich zusammen mit anderen Genossen vom Erkundungsgang in den Bunker zurückkam, war dort schon alles zu Ende. Die letzten Kämpfer lagen bereits im Sterben. Bialy Michal war durch Gas schon fast ganz erstickt. Es gelang jedoch noch, ihn zu retten. Polnische Genossen trugen ihn durch die Kanalisation auf die„arische Seite“ hinaus. Alle Kämpfer, die in den Gefechten während des Aufstands im Ghetto dem Tod entrannen, wurden am hellichten Tage mit einem Lastkraftwagen aus dem Ghetto in ein Wäldchen in Lomianki gebracht. Von diesem Augenblick an begann in meinem Leben ein neuer Abschnitt: der Wald, die„arische Seite“ und Auschwitz. Ich bin einer der sehr wenigen an den Kämpfen beteiligten Genossen aus dem Ghetto, die die ganze tragische Hölle und 608 die gre in die Wieder Solang vergeß) den un Schulbz letzten hat. 1, Lodz, die große Epopöe jener Zeit überdauerten und den Eintritt in die neue Epoche, in die Epoche der Befreiung und des Wiederaufbaus, erlebten. Solange ich lebe, werde ich meiner nächsten, lieben und un- vergeßlichen Genossen gedenken, mit denen zusammen ich den ungewöhnlichen Weg durchgemacht habe, der von der Schulbank über die Organisation„Spartakus“ bis zu den letzten Schanzen des kämpfenden Warschauer Ghettos geführt hat. Lödz, 1947. 11 299 INHALTSVERZEICHNIS Leon Weliczker Die Todesbrigade Gusta Dawidsohn-Draengerowa Tagebuch der Justyna Janina Hescheles Mit den Augen eines zwölfjährigen Mädchens Noemi Szac-Wajnkranc Im Feuer vergangen Dorka Goldkorn Erinnerungen an den Aufstand im Warschauer Ghetto PI 27138 Colour& Grey Control Chart Cyan Green Yellow Red Magenta Grey 1 Grey 2 Grey 3 Grey 4 Black