UB GlESSEN UB GE SSEN — 7 2 7 2„ Cr, E. 755 2 4 27 0. g n.. e . See 9 3 * A122— 8 25 125 ———————— ö 0 1. 1 Bücher der jungen Mannschaft Herausgeber Horst Axtmann Band 9 Heile Duill Marianne Groß B.eiclensteine- Weg 7 6000 Franlesurt/ M. 90 Telefon 0697 7893368 * 5 5 8 5 5 5 55 5 . 0 2 5 1 5 Justus Ehrhardt Vormarsch im September Infanterie im Polenfeldzug Enßlin& Laiblin/ Reutlingen Hünstlerische Ausgestaltung: J. Nordmann Alle Rechte vorbehalten/ Printed in Germany/ 8 4,5, 1* e segelt! 42. 1182 Trommelwirbel 1939 Immer noch rattern Züge nach Berlin, blanke, schwarze D⸗Züge, noch überglänzt von Ferien sonne, blitzenden wellen und schneebedeckten Bergen. Dazwi⸗ schen Personenzüge, geschäftig und pflichttreu. Aber alle schon losgerissen von Fahrplan und Dienstvor⸗ schriften; ein anderer Plan schwebt unsichtbar über Gleisen, Stationen und Zügen. Die Männer mit den roten Mützen haben von einer Stunde zur anderen härtere, verschlossene Gesichter: Heute abend wird der gesamte private Eisenbahnverkehr eingestellt! Fauchend und brausend springt aus der anderen Kich⸗ tung schon wieder ein Güterzug in die Station, jagt herein mit dreihundert Achsen, der vierte schon in dieser Stunde. Geschütze, Protzen, Munitionswagen, Bagage⸗ fahrzeuge, Fliegerabwehr mit feuerbereiten MGS. auf den wagen. Überall, überall die Gesichter der Soldaten, gespannt, ernst, entschlossen. Rufen und winken und blitzende Augen und überall Feldgrau. Pferdeköpfe nicken und starren neugierig und verwundert aus den Lüftungs⸗ klappen. Heran, heran und schon vorüber. Der Wirbel schwillt an, das Brausen kommt noch näher, schon greift 5 0 WWW 2 es nach unseren Serzen, reißt uns hoch. Wir gehoren immer mehr dazu. Das buͤrgerliche Kleid fallt von Stunde zu Stunde mehr ab. Wir wuchten unsere Jeltbahnen über die Schultern und tappen die Straße zurück. Lastwagen überholen uns in schneller Fahrt. Staubwolken wirbeln hoch. An den Mauern glühen Plakate: „Auf Befehl des Führers ist in diesem Bezirk, der zum Gperationsgebiet gehört, die gesamte vollziehende Ge⸗ walt an den Militärbefehlshaber übertragen worden Wir tappen weiter, in unseren Ohren ist das Sausen des großen Geschehens. Die Bahnschranke fällt herab, und wieder hämmert ein Zug vorbei. Geschütze, wagen und immer noch einmal Geschütze, grauer, blanker Stahl, schlank und zuversichtlich, und aus allen Wagen die Gesichter der Kameraden. Die Ferne verschluckt das Zämmern, den Trommelwirbel. Minutenlang starren wir den letzten Wagen nach, wir hoͤren und sehen nichts, wir leben schon im Zukünftigen. Die Schienen singen ein hartes Lied, auf und ab, auf und ab. Wir nicken stumm und hasten weiter. Die Zeit verfliegt. Es geht um Minuten. Wir sind jetzt Soldaten. Im engen Quartier, auf raschelndem Stroh leisten wir den Eid. Langsam und feierlich spricht der Offizier den Eid vor. Brausend und wuchtig folgt der Chor unserer gehoͤren Stunde chultern erholen och. An der zum nde Ge⸗ D Sausen t herab, wagen blanker wagen uckt das starren 1 nichts, ab, auf die zeit oldaten. sten wir zier den unseret Stimmen. Das dumpfe Brummen einer über der Stadt kreisenden Staffel von Rampfflugzeugen kommt näher. „Wir schwören— dem Führer und Gbersten Be— fehlshaber— Treue und Gehorsam!“ Es knistert kein seidenes Fahnentuch, kein Degen blitzt. Das Dröhnen der Motoren über uns schwillt an, dringt in unsere Herzen wie feierliche Orgelmusik. Wir sehen den blauen Simmel über uns. So hoch und weit⸗ gespannt ist das Zelt über uns alle. Rameraden! Treue und Gehorsam! Die Pferde gehen zum erstenmal im Geschirr. Sie scheuen und brechen aus. Die Wagen werden hart ge⸗ schleudert. Die Männer, des Fahrens noch nicht sehr kundig, pressen die Lippen aufeinander und halten die Leinen mit harten Händen. Erfahrung der Vergangen⸗ heit und die Forderung der Stunde zwingen das Un⸗ mögliche. Aus Lehrern, kaufmännischen Angestellten, Hilfsarbeitern werden Fahrer, Pferde- und Wagen— pfleger, aus Beamten, Handwerkern, Arbeitern, Rauf⸗ leuten werden Infanteristen. Die Zeit verrinnt noch schneller. Der Wirbel schwillt zum Brausen. In der Nacht wird das Bataillon verladen. Schwarz und verhängt ist die Nacht. Scheinwerfer blitzen auf. Pferde bäumen und scheuen. Wagen um Wagen rollt über die Kampe auf die Loren. Das Pochen der Axte 7 1 7 5 27 7 5 4 22 5 2 5 15 15 5 1 93 5 N und Hämmer vervielfältigt sich. Sind wir nicht tod— müde? Wir taumeln, ein Befehl und das harte Muß reißen uns immer wieder zusammen. Der Zug rangiert an uns vorüber und wächst mit jedem Stoß. Und immer noch kommen neue Fahrzeuge heran, alle Hände müssen zupacken. Die Pferde sträuben sich gegen die Dunkelheit ihrer Wagen, sie müssen mit rauher Gewalt an ihren Platz gebracht werden. Dann stolpern wir über Schwellen und geraten in der undurchdringlichen Einsternis fast unter die Wagen. Da schlägt aus weiter Ferne wieder die Trommel an, leise und verhalten, dann voller und härter, da ist der Wirbel schon über uns. Ein Transportzug jagt neben uns vorbei. Schemenhaft sind Gesichter, Fahrzeuge und Maschinen zu erkennen, und da steigt ein brausender Ruf aus der Nacht herauf, die Männer erkennen sich, und der Strom reißt sie zueinander, sie rufen sich an, und es klingt wie ein vieltausendstimmiges Ja. Mit einem Schlag sind wir hellwach. Das große Geschehen nimmt uns mit sich fort, jetzt sind wir ihm bedingungs⸗ los verfallen. Was hinter uns liegt, ist nie gewesen. Wir stoßen vom sicheren Land ab und treiben der Un⸗ gewißheit entgegen. Niemand denkt an Gefahr und Tod, nur: Wir sind dabei! Wir gehören dazu! Ganz langsam fallt ein Gewitterregen aus der Finster⸗ — N n NN S . N — r tod Muß giert mmer nüssen relheit ihren ten in vagen. jel an, ist der geben ge und usender n sich, ich an, , Mit schehen gungs⸗ wesen. er Un⸗ r und inster⸗ N S o l 3 N 12 6 nis heraus über uns. Breit und klatschend zerspringen die Tropfen auf unseren Stahlhelmen. Wir stehen neben den Schienen und warten auf den Befehl zum Einsteigen. Noch einmal hebt in der Ferne der Trommelwirbel an, ratatata, ratatata.. Gellend wirft die Maschine einen warnenden Schrei spitz und schrill vor sich her. Im rasen⸗ den Tanz der Räder wirbelt der Zug heran: Militär⸗ transport, endlos, verdeckte Wagen, spähend wach same Gesichter, Fahrzeuge und vermummte Gestalten. Noch einmal springt das grüßende Rufen auf, sekundenschnell erkennen wir uns, wir von der feldgrauen Gemeinschaft. 2 Stolz und Bereitschaft, das wissen um den großen Ernst verbinden uns. Der Trommelwirbel geht in der Nacht unter, er klingt in unseren Serzen nach. Da schiebt sich durch den Regen die Front unseres Zuges. Polternd stoßen die Wagen gegeneinander. Einsteigen! Das Trompetensignal reißt uns hoch. wir stolpern über die Schienen und klettern in die Güterwagen mit Bänken und mit den paar Sänden voll Stroh am Boden. Stahlhelme und Gasmasken klappern, ein paar Minuten Finsternis und Verwirrung, dann hat jeder seinen Platz, und unversehens gleitet der Zug aus dem Bahnhof. Menschen stehen an der Rampe und winken uns nach wie von einem anderen Ufer. Immer mehr entfernen wir uns vom Grüßen und winken. Die Finsternis saugt uns auf in immer schnelle⸗ rem Wirbel. Die Räder stoßen und pochen hart und un⸗ erbittlich. Der Wagen schleudert uns gegeneinander. wir können uns nicht sehen, wir schreien uns an, wir werden rasch taub vom Lärm, aber es klingt durch alles hindurch wie ein Ruf: Wir kommen! Der Gedanke daran läßt uns verstummen. Wir wissen nicht, wohin es geht. wir ahnen nur: ostwärts. Wir lauschen auf den Rhythmus der Räder. Jetzt sind wir Teil eines großen Geschehens, unaufhaltsam reißt es 10 uns jetzt hinein: Pferde und Fahrzeuge, tausend Sol daten mit Waffen und Ausrüstung, mit festen Serzen und mit der klaren Entschlossenheit, ein bitteres Un⸗ recht endgůltig beseitigen zu helfen. Die Stunden gleiten vorbei. Die Rameraden sinken ermüdet vornüber, sie schlafen auf den Bänken, auf den gehnen, an den wänden, sie sinken erschöpft zu Boden. Ich steige vorsichtig über die Schlafenden hinweg und starre durch den Spalt der Schiebetür in die Nacht. Da rollen wir gerade durch einen großen Bahnhof, über Brücken hinweg. In der Tiefe blinkt der Strom. Im abgeblendeten Licht stehen Posten mit Stahlhelm und Gewehr. Langsam schiebt sich der Zug vorüber, dann rasselt der Wirbel schneller, noch schneller. Die Zeit eilt. Eine Stunde und noch eine Stunde zerflattern. Dann kreischen Bremsen, in vorsichtiger Fahrt fahren wir durch eine andere Stadt. Lautlos und groß hängen Finsternis und Schweigen um uns herum. Drüben auf den Dächern stehen Posten, scharf gezeichnet heben sich ihre Schatten gegen den Simmel ab. Sie sehen nicht zu uns herüber. Ihre Gesichter sind nach Osten gewandt. Nach Gsten— Ich will nicht můde sein; wie kann man in einer sol⸗ chen Nacht schlafen, in einer Nacht, in der sich Völker · schicksale entscheiden! Ich sehe das Bild gegeneinander II n marschierender Heere. Millionen wachen in dieser Nacht, endlose Züge stampfen durch die Dunkelheit. Motorisierte Rolonnen knattern über die Autobahnen. Alle Straßen sind überfüllt: nach Gsten. Wieviel Abschiedstränen werden in dieser Nacht vergossen! Grüßen und winken überall, Abschied wird genommen, werden wir uns ge— sund wiedersehen? Niemand weiß, was der morgige Tag bringt. Funksprüche knattern rings um den Erd— ball. Kuriere starten mit Sonderflugzeugen von einem Land zum anderen. wird der Lärm des Alltages noch einmal die Hilferufe unterdrückter Millionen übertönen? Ich will in dieser Nacht, in der so Gewaltiges ge⸗ schieht, nicht schlafen. Aber schon sinkt mein Ropf vorn⸗ über, schlägt dumpf gegen eine Wand, gleitet abwärts, bleibt auf einem Paar fremder Stiefel liegen. Ich spüre noch den kalten, zugigen wind der rascheren Fahrt, und dann löscht das Bewußtsein aus. Gleich darauf hebt sich der Ropf wieder hoch. Da hängt draußen der fahlgraue Morgen. Stunden müssen vergangen sein. Regen tropft unter wehenden Nebel⸗ fahnen heraus. Langsam fährt der Zug über Weichen. In den Büschen kauern, liegen und stehen Posten. Da sind Maschinengewehre aufgestellt. Schützenlöcher mit Stroh und da drüben ein Geschütz. Und uberall Sol⸗ daten. Soldaten. Gesicht nach Gsten. 12 Der Kamerad neben den Schienen zeigt auf das Ge⸗ hölz hundert Meter entfernt:„Da drüben steht der Pole!“ Wir recken die Hälse, aber wir sehen nichts. Der Zug hält. Wir sind an der Grenze. Wir sind ange⸗ langt. Der Befehl kommt:„Aussteigen!“ Und gleich hinterher:„Laden und sichern!“ Bereitschaft und Aufbruch Grau und regnerisch loͤst sich der Tag aus der Dämme⸗ rung. Wir bringen die Fahrzeuge von den Loren her⸗ unter auf die Straße. Neben uns hält ein langer Zug Artillerie. Vor dem Stellwerk wartet schon ein anderer Zug auf das Einfahrtssignal. Wir müssen uns beeilen, die Rampen sollen für weitere Transporte frei gemacht werden. Wir packen mit Eifer zu, die Wagen rollen über das Pflaster. Gleich darauf kommt der Befehl: „Bataillon! Ohne Tritt— marsch!“ inter einem Dorf machen wir an der Straße halt. Ununterbrochen marschieren jetzt Rolonnen an uns vor⸗ über. Geschůtze kommen mit hartem, metallenem Rasseln. Der Brieg rückt näher und näher. Wir warten auf Ein⸗ satzbefehle. Der Feind soll drüben mehrere Divisionen zusammengezogen haben, es wird mit einem Durch⸗ bruchsversuch gerechnet. 13 Der Tag vergeht mit Warten und Sorchen. Immer noch ziehen Kolonnen vorüber, rasch und schweigend. Rein Lied wird gesungen, kaum daß man einmal Be⸗ fehle hort. Unsere Pferde schnauben und werfen die Röpfe fragend herum. Sie bleiben im Geschirr vor den Fahrzeugen, jeden Augenblick kann der Befehl zum Abrücken kommen. Am Waldrand gehen jetzt Geschütze in Stellung. Dunkel und schwer weht die Nacht mit Mebel und Regen über uns hinweg. Die Nässe dringt durch die Uniformen, wir liegen auf Strohbündeln am Straßenrand, husten und frieren. Die Klänge einer Mundharmonika sind in der Nacht doppelt schwer⸗ mütig. Und wieder marschieren endlose Rolonnen vorbei. Wie seltsam unwirklich alles ist. Manchmal schrecken die manner auf, starren um sich, tasten neben sich. Wir sind nicht mehr zu Sause, irgendwo liegen wir auf einem Acker am Straßenrand, und neben uns marschieren in der regentropfenden Dunkelheit Rolonnen, rollen und knarren Räder, schnauben Pferde. Artillerie, Infante⸗ rie, Maschinengewehre, panzerabwehrkanonen und dann motorisierte Abteilungen. Kein Licht blitzt auf, nicht der kleinste Schein verrät den Aufmarsch. Das kommt heran mit Stampfen und Mahlen, mit Schnau⸗ ben und Wiehern, und dann zieht es an uns vorüber. 14 zum utze ingt iner wer; Wie die sind inem n in und ante und auf Das nau⸗ über. Der Nebel verschluckt alles. Der Wald verdeckt die Regi ⸗ menter mit Finsternis und Schweigen. Sieben Männer liegen neben mir, roͤchelnd und schnar⸗ chend. Der Ropf eines Pferdes beugt sich suchend nach vorn, scharrend klirrt der Suf auf Steinen. Dom Guts⸗ hof herüber kommt ein Befehl, ein Kommando. Gleich darauf schwebt eine weiße Leuchtkugel in die söhe. Der Dunst verschluckt die Sterne, alle Geräusche. Die Nacht versickert in Ruhelosigkeit. Ein fahlgrauer Morgen rüttelt an den Stämmen. Pferde wiehern die Straße entlang, aus dem Walde kommt Antwort, von Osten und Westen, Süden und Norden trompetet der Ruf der Pferde. „Fertigmachen!“ Plötzlich geraten die Fahrzeuge in Bewegung. Da vorn marschiert schon die erste Kompanie. In grauen Streifen treibt der Nebel aus dem Wald über die Felder. Wir fahren dichter an den Wald heran und halten schon wieder. Die Fahrzeuge werden gegen Fliegersicht ge— tarnt und stehen bereit, sofort loszufahren. Langsam ziehen die Stunden dahin. Der Nebel steigt hoher, wird von einem kühlen, heftigen Wind zerfetzt. Die Sonne schwebt über den Wipfeln. Wie mit einem Schlag ver⸗ geht der Nebel, der hellblaue Himmel spannt seinen Bogen. In diesem Augenblick kommt von fernher ein 15 20 25 84 25 W — 225 2 4 1 5 25 Dröhnen, das rasch anschwillt zum dumpfen Brausen. Da ziehen die Geschwader der Auftwaffe feindwärts. Schwere Bomber, begleitet von Jägern und Aufklärern. metallen schimmert die Luft, metallen wird das Brausen. Fassungslos stehen zuerst die Männer und starren nach oben. Das ist wahrhaftig die stählerne Kraft der Nation, wir fühlen es bis in den Schlag unseres Herzens hinein. Grgelnd und brausend jagen die Maschinen geradeaus. Zundert, zweihundert, dreihundert, vielleicht sind es mehr, vielleicht weniger. Wir ziehen erregt den Atem ein. Das Gefühl der Vraft, die uns allen gemein sam ist, steigt, wächst und wächst. Der Xamerad neben mir nickt und sagt atemlos: „menschenkinder, Donnerwetter!“ mehr wird darüber nicht gesprochen. Das Bataillon marschiert. Der große Marsch beginnt. Da ist ein deutsches Zollhaus. Die Beamten heben die Zand zum Gruß. Der Schlagbaum zeigt hoch geöffnet wie ein Symbol zum Simmel, an dem jetzt weiße, trotzige wolkenschiffe segeln. Das polnische Zollhaus rechts an der Straße brennt noch. Die wände sind geborsten, und der schwarze Qualm quillt aus den zersprungenen Scheiben. inks überholen motorisierte Kolonnen, Spähwagen, Fahrzeuge mit Munition, Verpflegung, mit Soldaten. Grau in grau. Stahlhelm, Gasmaske, Sturmgepäck. 16 eit heben haue Baur sperre ler m an, ke Geda dann eines wir t. Meer und J. Frau men. koten Nose Blun an da Eine Blun innt. i die ffnet ̃tzige i der 1 9 1 weit geöffnet die Augen. Dicht und schwarz recken sich neben der Straße die Wälder. Breite Stacheldrahtver⸗ haue laufen über die Höhen. Neben der Straße liegen die Baumstämme, frisch gefällte Tannen, Fichten. Straßen- sperren, rasch von den Pionieren entfernt. Es wird schnel⸗ ler marschiert, noch schneller. Wir sehen uns nicht mehr an, keiner achtet mehr auf den anderen, jeder ist mit seinen Gedanken allein. Das dauert eine Stunde und die andere, dann rücken wir zusammen. Wir sind zwölf Soldaten eines Infanteriebataillons. Einer gehört zum anderen, wir treiben alle zusammen wie ein Schiff auf feindlichem Meer. Wir marschieren wie achthundert Rameraden vor und hinter uns, wie hunderttausend mit uns. In einem Dorf wehen deutsche Fahnen. Bauern, Frauen und Kinder stehen am Wege und werfen Blu⸗ men. Das Dorf ist sauber, aus den Gärten quellen in roten, weißen, gelben Farben spätsommerliche Astern, Rosen, Dahlien. Die Gärten sind leuchtende Grüße, die Blumen wehen in die Volonnen hinein, den Pferden an das Lederzeug, den Soldaten an die stählernen Selme. Eine Frau mit runzelig gütigem Gesicht reicht mir Blumen. Ich gebe sie an die Nameraden auf den Fahr⸗ zeugen weiter. Eine fremde Scheu hindert mich daran, Blumen zu tragen:„Noch nicht, jetzt noch nicht. Der Krieg beginnt erst!“ 2 Ehrhardt, vormarsch im Septembe⸗ 17 5 1 . — n — —— KsK„K„K„wwwĩüͥ ⁵²˙';ñ Aber da steht ein Mädchen im roten Mieder und lächelt mit braunem, schmalem Gesicht und jungen, heißen Augen. Sie lächelt so froh und ungestüm, daß ich die Blumen aus ihrer Sand nehme. Es duftet nach Rosen, wahrhaftig, es sind drei rote Rosen, ich winke mit den Blumen und marschiere an dem Mädchen mit dem roten Mieder vorbei. Das ist wie Abschied von Freude und von Schönheit. Marschieren, marschieren und nicht mehr denken. Die Rosen hängen im Voppel, leuchtendrot, dann blättern sie langsam ab. Der Gewehrkolben stoßt dagegen. Staub wirbelt über die abgeernteten Felder. Die Sonne sinkt zögernd über den Wald und in ein Tal hinein. Dann kommt die Dämmerung und die Nacht. Die erste Nacht im feindlichen Land. Über dem Staub glitzern die Sterne. Der Simmel spannt einen weiten barmherzigen Mantel über das Leid, das ein großes Volk ertragen mußte. Die nächsten Dörfer sind verlassen. Sunde bellen sich heiser, das Vieh brüllt klagend in den Ställen. Die menschen sind verschleppt oder geflohen, gequält oder vielleicht tot. Seiser und rauh sprechen die Soldaten davon, in unseren Augen glimmt der Jorn. Spät in der Nacht wird der Gutshof besetzt. Die Wachen gehen mit schußbereiten Gewehren um die Säuser. Die Pferde 18 werden gefüttert und getränkt. Wir lassen uns müde ins Stroh fallen. Otto, unser guter Kamerad, kann noch nicht schlafen. Er klopft seine Mundharmonika auf dem Knie aus, und dann spielt er ein kleines, froͤh⸗ liches Lied. Dabei kann er gar nicht fröhlich sein, nie⸗ mand denkt jetzt zu Sause an ihn, er hat graues Saar und ist doch ganz allein. Aber das kleine Lied spielt er für die schlafenden Rameraden, für uns alle. Die Wache stapft um die Scheune. Gtto spielt noch leiser:„In der Heimat, in der Seimat, da gibt's ein Wiedersehn..“ Das soll ein Trost sein. Vielleicht gibt es in dieser Welt wirklich noch einmal ein Wiedersehn mit allen unseren Lieben in der Heimat. Stroh knistert. Der Atem der Schläfer wird ruhiger. Ein Sund bellt in der Ferne, und da mischt sich ein wummernder Ton dazwischen. Artilleriefeuer, denke ich, und Otto spielt leise verklingend:„... da gibt's ein Wieder sehn!“ Ein kurzer, traumlos tiefer Schlaf wird zerrissen von dem Ruf: „Aufstehn! Fertigmachen!“ Wir taumeln hoch. Keiner kann sich an den ver⸗ gangenen Tag erinnern:„Wo sind wir denn?“ So tasten wir uns ins Freie. Die Pferde schnauben uns ent⸗ gegen. Ein Gewirr von Menschen, Fahrzeugen, frem⸗ den Mauern dringt auf uns ein. Schwarz und ver⸗ 2* 19 7 2 1 schlossen bleibt die Nacht. Die Befehle glatten die Ver wirrung, in Minuten ordnen sich die Rompanien, und schon rasseln die ersten Fahrzeuge aus dem Sof auf die Straße. Das Bataillon marschiert, mit steifen Gliedern zuerst, dann bewegen sich die Beine. Noch schneller marschieren, wir alle sind nur ein Teil in dem gewaltigen plan, der hier verwirklicht werden muß. Selbst in der Verwirrung dieses Morgens fühlen wir das. Links, rechts, immer geradeaus. Der Morgen kommt endlich grau und diesig, wie zögernd. Dann ist plötzlich die Sonne da, und von der Straße wirbelt der Staub auf. von Osten und westen, Süden, Norden kommt Staub. Uverall erheben sich dichte wolken. Auf allen Straßen rücken Rolonnen vor. Da drüben fährt Artillerie nach vorn. Die Erde zittert unter dem stoßenden, krachenden Anprall. Die Geschůtze tauchen in Staubwolken unter. Das ganze Land ertrinkt in die sen flatternden, ziehenden Staubfahnen. Bauernhöfe, Dorfer liegen neben der Straße. Unter dem Staub leuchten triumphierend die spätsommerlichen Farben der Astern und Dahlien, gelb und schwarz glühen Sonnenblumen über Zäunen und Mauern, aber die Fenster bleiben leer. Nirgends ein menschliches Gesicht, kein Blick. Männer, Frauen, Rinder geflohen oder ver schleppt. Unheimlich diese vielen leeren Höfe, in denen 20 0 das Vieh brüllt und die unde kläglich bellen. Wir stoßen die Türen mit Fäusten und VNolben auf. Leere, Verlassenheit, Elend und Armut oder die Zeichen über; stůrzter Flucht starren uns entgegen. In einer armseligen Kate sind die beiden Ziegen, angebunden an den Bett⸗ pfosten, halb verhungert und verdurstet in die Knie gesunken. In den angstvoll weiten Augen liegt der Jammer der hilflosen Kreatur. Das Messer zerfetzt den Strick. Befreit taumeln die Ziegen durch die windschiefe Tür. Schweine grunzen über die Soͤfe. Rühe jagen auf⸗ geschreckt hin und her. Hühner flattern. Auf der Fenster · bank sitzt eine Puppe, eingeknickt, traurig anzusehen in ihrer Verlassenheit. Unser Jüngster nimmt sie mit einem scheuen Seitenblick in die Sand und setzt sie aufrecht hin, nun kann sie wenigstens mit ihren schwarzen Rnopf⸗ augen die Straßen entlangsehen, ob das Kind wieder kommt, das zu ihr gehörte. Die Dörfer bleiben leer. Dann rückt eine Stadt heran. Aus der Ferne kommt stärker das Wummern der Artillerie. Dazwischen Gewehrfeuer, manchmal kurze, heftige Feuerstöße von Maschinen⸗ gewehren. Trͤge und schwer zieht eine schwarze Rauch wolke über die Ebene. In Staub und Rauch, in glühen⸗ der Sonne und in Feuer versinkt allmählich der Tag. Die Stadt brennt seit Stunden, viele Säuser sind nur noch ein rauchender Schutthaufen. Telefondrähte liegen 21 zerschossen quer über der Straße. Saͤuserwände sind ge ⸗ borsten. Dann kommt eine Barrikade aus Wagen und Stämmen. Wir räumen das Sindernis zur Seite. Sohl und rasselnd bricht sich der Marschtritt zwischen den Mauern. Die Pferde riechen den Brand und schnauben aufgeregt. Nirgends ein Mensch. Am Marktplatz hält ein Spähwagen, ein Verwundeter wird eben von einem Na⸗ meraden verbunden, und da erfahren wir, daß verhetzte Zivilisten auf die marschierende Truppe geschossen haben. Kameraden sind von tückischen und feigen Meuchelmoͤr⸗ dern erschossen worden. Der abziehende Feind hat die Brücke am Fluß gesprengt, der Marsch kommt ins Stocken. Pioniere sind schon an der Arbeit, aber es konnen noch Stunden vergehen, ehe das Bataillon weiterrückt. Es gibt endlich warme Verpflegung. Rauend und schlür⸗ fend liegen wir in einem Garten dicht am Fluß. Drüben auf der Soͤhe rücken die letzten gegnerischen Truppen ab, ein Spähtrupp wird im Schlauchboot üͤbergesetzt und verschwindet rasch zwischen den Uferweiden. Dicht an der Brücke hat sich ein kurzer, heftiger Rampf abgespielt. inter Sandsäcken stand das Maschinengewehr in schwe · rem Feuer. Die Wand ist übersät mit Einschlägen. Zzwan⸗; zig Schritt entfernt liegen die eisernen Träger der Brücke tief im Wasser. Die Sockel sind gesprengt, geborsten und zerrissen, ein Bild der Vernichtung. ind ohl tte , 8 — Der Sorizont färbt sich glühendrot, im grünen und blauen Wasser des Flusses spiegeln sich Brücke und Simmel, eben und Vernichtung. Ich kann der Lockung nicht wiederstehen, einer folgt dem anderen! Hochauf spritzen die wellen. In kräftigen Stößen schwimmen wir nebeneinander den Fluß hinauf und hinab. Der Krieg versinkt hinter uns. In leuchtender Schoͤnheit geht ein sommerlich heißer Tag zu Ende.— In der Nacht knattern Motorräder. Melder kommen und fahren davon. Die Mässe dringt durch die Mäntel und Zeltbahnen. Jedes Geräusch vervielfältigt sich: Zundebellen, Schnauben der Pferde, ein Ruf, Befehle, der Schritt der wache, Wagenrasseln, ferne dumpfe 23 D 1 A 75 1 15 * 25 5 Schüsse. Vielleicht wird morgen ein schwerer Tag! Langsam löst sich die Erregung, der Schlaf löscht das Bewußtsein. Wir liegen in einem zerstampften Nar⸗ toffelacker, zwischen Büschen, neben den Fahrzeugen. Um Mitternacht schrecke ich hoch, ich höre plötzlich meinen Namen. Feldwebel Müller stößt mir einen Zettel in die Sand: „Meldung, sofort zum Regiment. So schnell, wie du kannst!“ Ich springe hoch, der Schein der Taschenlampe blitzt auf:„Feindliche Panzer vor uns, erbitten sofort Ver⸗ stärkung!“ Ein rascher Griff zum Gewehrriemen, zur Gasmaske, dann jage ich um das Saus herum über die Straße, an der Barrikade vorbei und in die Stadt zurück. Knallend hämmern meine Stiefel gegen das Pflaster, hallend gibt die Straße das Echo zurück. Glas klirrt und knirscht unter meinen Sohlen, stolpernd falle ich über Telefondrähte nach vorn, fange mich auf, rase weiter. Wie toll hämmert das Serz. Unheimlich schwarz und feindselig reißen die totenstillen Straßen ihre Mäuler auf. Qualmiger Brandgeruch beißt in die Lungen. Wo liegt der Kegimentsstab? Die kahlen und zer⸗ schossenen Säuserfronten geben keine Antwort. Wo ist der Marktplatz? Abweisend starren mich die blinden Fensterscheiben, die Saustüren, Einfahrten und Beller 5 lie me ag das Kar gen. lich nen e du litzt er ⸗ zur die rück. ster, und über iter. und ler zer o ist nden ller/ loͤcher an. Weiter, weiter, zur nächsten Straßenecke. Der Stahlhelm rutscht zur Seite, hart schlägt das Ge⸗ wehr gegen die Hüfte, die Gasmaske klappert höͤhnisch. Atemlos taste ich um die Ecke über einen Berg von Schutt und verkohlten Balken. Die Meldung! Krach, krach, weitergerannt. Das Serz schlägt einen tollen Wirbel, pfeifend geht der Atem. Stehenbleiben, horchen. Ganz nahe flüstern irgendwo Stimmen. Zögernde, schlei— chende Schritte. Das Gewehr von der Schulter, den Sicherungsflügel herum:„Salt, wer da?“ Knatternd biegt in diesem Augenblick ein Motorrad aus der Seitenstraße.„Wo liegt der Regimentsstab?“— „Los, komm!“ Im raschen Anfahren klettere ich in den Beiwagen, fliege in die Söhe, werde schmerzhaft zurück geworfen, in wilder Fahrt springt das Motorrad über die Trümmer, jagt summend und knatternd durch die tote Stadt. Ein großer Platz breitet sich aus mit dunkel wartenden Wagen. Abgeblendete Lichter, Motorenlärm, eine Gruppe Offiziere vor einem Saus. Ich falle aus dem Wagen, schlage die Hacken zusammen:„Meldung vom zweiten Bataillon!“ Im weißen, schmalen Strahl einer Taschenlampe liest der Offizier die Meldung, winkt mit der Sand und gibt nach rückwärts einen Befehl. Ich bin entlassen, mein Befehl ist ausgeführt. Immer noch ohne Atem 25 — 4 7 f 801 1 4 5 und nach dem erregenden Lauf jetzt jah abgespannt, tappe ich über den Platz zurück. „Feindliche Panzer vor uns. Erbitten dringend Ver⸗ stärkung!“ Jetzt kommt Verstärkung, und ich muß daran denken, wie in diesem Kriege eins ins andere greift: der Marsch, die Beobachtung, die Meldung, die Silfe, das Gefecht und ganz in der Ferne der Sieg. Jeder Soldat hat seine Aufgabe, und deshalb muß jeder an seinem Platz seine Pflicht tun. Über den Säusern der geräumten Stadt hängt der Sternenhimmel, aber die Nacht bleibt dunkel und ver⸗ schlossen. Stolpernd und taumelnd vor Müdigkeit, mit brennenden Augen, komme ich zurück. Da liegen die Kameraden, regungslos atmend, eng aneinandergerückt zwischen den Sträuchern. Ich lasse mich fallen, ziehe den Zipfel der Jeltbahn hoch. Der General zum erstenmal sahen wir unseren General, als wir von der großen Straße einschwenkten. In glühender Sitze, wirbelnden Staubwolken, unter dem Kasseln un⸗ zähliger Fahrzeuge bogen wir ein. Ein Feldweg, wie 26 n, er daheim zwischen den Äckern entlangführt, mit aus · gefahrenen Radspuren, mit körnig rieselndem Sand, mit Löchern und Hügeln, Bergen und Tälern nahm uns auf. Tief wühlten sich die Räder ein. Den Pferden rann der Schweiß in Bächen über die zuckenden und bebenden Flanken. Wir marschierten in auseinandergezogenen Reihen, wir marschierten nicht: wir setzten müde und durstend, hungrig und mit brennenden, schmerzenden Augen vor uns hinstarrend, einen Fuß vor den anderen. Ein kurzer Ruf, ein Aufstöhnen, ein Fluch, Pferde schnauben, das Knarren des Geschirrs, wir tappten geradeaus. An ver⸗ lassenen Bauernhöfen vorbei, durch Felder, Wälder und an Wiesen vorüber. In der Ferne wummerte die Artille⸗ rie, manchmal drang ein heller, peitschender Knall aus der gleißenden Sonnenhelle. Der Staub drang ins Ge⸗ hör, in die Augen, verstopfte die Poren und lähmte zu⸗ letzt auch das Denken. „Links hinter dem Gehöft steht unser General!“ Die Meldung kam von vorn, lief die Reihen entlang. Was war uns schon ein General in diesen Tagen, in denen um das Schicksal ganzer Völker gerungen wurde! Aber unversehens formierten wir uns zur Grdnung, rückten Noppel, Patronentaschen und Gewehr zurecht und zerrten die Gasmaske in die richtige Lage. Saß 27 die Mütze auch vorschriftsmäßig über dem sonnver · brannten Gesicht? Unser Schritt wurde straffer, die Füße schmerzten nicht mehr, und die Knie bogen sich williger. Den Gewehrriemen fester gefaßt, dem Ropf eine scharfe Wendung nach links, marschierte ich an ihm vorbei. Vielleicht sah er uns nicht einmal. Einer von vielen tausend ging ich an ihm vorbei, er sah mich in Sitze und Staub nicht, er sah uns alle! Eine Welle von Kraft, von überlegener Ruhe und Bedachtheit stroͤmte von ihm aus. Das war alles nur Einbildung von mir, aber ich spürte: der General hat ein gutes, soldatisches Gesicht. Es ist gut für den Soldaten, einmal vom Ge⸗ fühl des persoͤnlichen Vertrauens zu seinem Führer an⸗ gerührt worden zu sein. Der weg schien mir plotzlich nicht mehr ganz so endlos, die Sitze und der Durst nicht mehr so unerträglich zu sein. Über dem Sang hinter den wiesen ließ sich die Sonne jetzt in die abendliche Tiefe fallen. Ganz unversehens war der Tag zu Ende. Mais⸗ felder mit grünen, raschelnden Stauden reichten bis an den weg heran. Immer noch peitschten vereinzelte Schüsse in den Staubwolken. Niemand horchte ihnen nach. Bis unser Melder auf knatterndem Motorrad neben uns hielt: „Da hinten, ganz in der Nähe vom General, ist eben unser Regimentskommandeur mitten auf der Straße erschossen worden. Seckenschützen!“ 28 Die onde. Eben koͤyge Der lag n fühlte atmen W glüht hang Wal Der hob den anzu er wi Der U Ein quer hind wag Off Die Nachricht schlug wie eine Faust nach uns. Aber sonderbar, mein Gedanke war sofort: Unser General! Ebenso hätte die tödliche Kugel ja auch ihn erreichen konnen! Der Krieg war noch nicht zu Ende. Die Entscheidung lag noch vor uns. Ich sah das Gesicht des Generals, fühlte die überlegene Kraft, die von ihm ausging, und atmete erleichtert auf. weiter, immer weiter marschieren. Der Simmel glühte, die Staubwolken woben einen quirlenden Vor⸗ hang vor den Tag. Die Dämmerung kroch aus dem Wald und aus den Feldern. Dann kam rasch die Nacht. Der Regimentskommandeur war gefallen. Der General hob die Hand, um den Männern der in Stellung gehen⸗ den Panzerabwehr⸗Kanone einen übersichtlichen Platz anzuweisen. Ihm entgingen die kleinen Dinge nicht, er würde auch die großen Geschehen zu ordnen wissen. Der Gedanke ließ mich lange nicht los. wir sahen ihn während des Vormarsches noch oft. Ein kleiner, grauer Wagen sprang von irgendwoher quer über die Helder, oder er jagte zwischen den Rolonnen hindurch wie ein schneller Schatten. Manchmal hielt der wagen. Der General winkte einem Mann oder einem Offizier, er gab einen Befehl, zeigte mit der Sand irgend · 29 1 2 1 75 2 2 25 E. 5 . 1 1 8 r Dai N ein Ziel. Der Offizier neben ihm deutete auf eine Karte, dann war der Wagen schon wieder in einer Staubwolke verschwunden. Schwere Tage kommen, mit Gefechten und Hinge⸗ kauertsein, mit quälendem warten und dann wieder mit hastigem Losbrechen und Marschieren. Der Feind darf sich nicht festsetzen. Die Front muß in Bewegung bleiben. Eine einfache strategische Uberlegung, aber vom letzten mann in die sem Vormarsch begriffen. Vom General bis zum Pferdepfleger spannt sich die stählerne Brücke un seres gemein samen wollens, uber die das Kriegsgeschick rollt. Die Front ist in Bewegung. Wie eine Flut von Stahl und Eisen, von soldatischer Kraft und männlicher Sin gabe quillt das Seer dem Gegner nach und zielt an seiner Schlagader, dem Weich selstrom, entlang direkt auf das Serz zu. Bergauf und bergab, Tag und Nacht marschie · ren wir. Unser Nopf lehnt sich an den staubbedeckten Sang im Straßengraben auf eine Sandvoll Stroh, gegen ein Wagenrad, eine geborstene Hauswand. Dann reißt uns der Befehl wieder hoch:„§ertigmachen“ Und dann:„Weiter!“ wir überfluten die Straßen, Wege und Felder, un⸗ aufhaltsam, unerbittlich und entschlossen. Es darf kein Halten mehr geben. rte, olke i Wir klettern auf einen Gefechtswagen, ruhen uns aus und halten verdrossen und doch gespannt Ausschau. Verlieren wir den Anschluß an unser Bataillon, sind wir wie eine Nadel, die man ins Meer geworfen hat. Wir fluchen mit heiseren Kehlen. Ein Wagen fährt neben uns mit knatterndem Motor an, krachend und splitternd stürzt der zaun um. Aber der Wagen kommt doch nicht weiter. Vorn gibt es kein Durchkommen mehr. Die Brücke ist gesprengt. Pioniere sind bei der Arbeit. Infanterieabteilungen marschieren auf dem jenseitigen Ufer hinter dem Feind her. Eine Stunde nach der an⸗ deren versickert im rötlichen Nebel. Drüben auf den Sängen steigen schwarze Qualmwolken auf, da ver⸗ brennen sie auf der Flucht Bauernhöfe oder Dörfer. Schwer und breit wälzen sich die Rauchfahnen über das Land. Und wir müssen hier untätig warten und stillhalten. Drüben auf der Straße gibt es manchmal einen Ruck, dann rollen die Fahrzeuge an. Staub wirbelt auf. Peit⸗ schenknallen, Motorgeknatter und das Wiehern der Pferde erfüllt die Luft. Die Dämmerung beginnt vom Flußtal heraufzusteigen, in ohnmächtigem Zorn müssen wir sehen, wie der Rauch auf den Sängen drüben dicker wird, er bläht sich über zerstörtem Arbeitsfleiß, über Vernichtung und Tod. Wir rühren uns nicht von der 31 — n 5 5 2 9 2 Stelle. Unabsehbar weit über die Ebene und in den wald hinein reichen die Rolonnen hinter uns. Eine Supe schreit irgendwo hilflos auf, nein, nicht hilflos wie die anderen, sie wird heller und befehlender, sie kommt wahrhaftig näher, sie windet sich an den Rolonnen entlang. wir heben die Röpfe und spähen. Ein kleiner, grauer Wagen fährt durch den Kartoffel⸗ acker direkt auf uns zu. Gerade jetzt bricht ein Streit aus über das Recht des Vorfahrens, ein müßiger Streit, wenn keiner fahren kann. Die Dämmerung wächst, schon glühen Flämmchen auf zwischen den Rauchfahnen, da ist der kleine, graue Wa; gen heran. Ein Offizier steigt aus, ein zweiter folgt rasch, mein Serz geht ein paar Takte schneller: der General! Der Streit flackert noch einen Augenblick weiter. Der General hört die Worte, er steht jetzt dicht neben dem Held gendarmen. Ploͤtzlich erkennt der ihn. Mit einem Ruck reißt er sich herum und erstattet Meldung. Das goldene Eichenlaub und die roten Aufschläge leuchten in der Verwirrung wie ein trostendes Signal. Da sehen auch die Offiziere die roten Aufschläge. Hacken schlagen zu⸗ sammen. Der General dankt mit einer Sandbewegung für die Meldung, er grüßt, aber sein Blick sieht nicht den einzelnen, er sieht das Ganze. Der Abend verschluckt schon die Ferne und rückt immer näher heran. 32 7 e 45 9 7 4 7 Der General geht an den Rolonnen vorbei, zwischen den Abteilungen hindurch, es ist ganz still geworden um uns her. Wir sehen uns fragend an: Wird er es schaffen? Eine Diertelstunde verstreicht, noch eine. In diesem Augenblick gibt es drüben auf der Straße Bewegung: ruckartig und immer noch einmal stockend, 3 Ehrhardt, Vormarsch im September 33 dann allmählich gleichmäßig und ruhig, Fahrzeug hinter Fahrzeug, Geschütze, Munitionskolonnen, Bagagewagen. Die Straße wird frei. Da kommt der General zurück, eine schroffe Bewegung unterstreicht einen kurzen, klaren Befehl: N „Alle Fahrzeuge von der Straße herunter, die Artille⸗ rie fährt zuerst, sie geht sofort in Stellung!“ Sein Blick geht zwischen den Bäumen und über die Fahrzeuge hinweg. Jetzt sehen auf einmal alle die schwar⸗ zen Rauchfahnen, die glimmenden euer. Befehle, hart und heiser. Rrachend bricht der Rest des Gartenzaunes zusammen. Ein paar Bäume stürzen um. Die Fahrzeuge vor uns rücken von der Straße herunter, irgendwohin in die Gärten rechts an der Straße. Jenti⸗ meter um Zentimeter, es wird geschafft. Im gleichen Augenblick fährt die Artillerie an. Peitschen klatschen, dumpf poltern Sufschlag und wagengeroll. Funken stieben auf. Die langen Rohre der Saubitzen schieben sich aus der Dämmerung heraus wie Urwaldriesen. Grau und stählern wuchten die Geschütze vom Feld heraus auf die feste Straße. Die Fahrer feuern die Pferde mit Zuruf und Peitschenknallen an. Stampfend und aͤchzend rollt die Symphonie der Kraft an uns vorüber, dem Feinde nach, dem Feind entgegen. Die Pferde zerren mit an⸗ gespannter Kraft an den Geschützen und Wagen. Straff 5 und fest sitzen die Manner auf Geschůtzen, Pferden und Fahrzeugen. Unversehens ist die Dunkelheit über uns alle hergefallen, und immer noch rollt das Regiment vor · bei. Der wuchtige Rhythmus des Vormarsches hat uns längst wieder erfaßt. Die Müdigkeit ist verschwunden, der General nicht mehr zu sehen. plotzlich ruckt unser Wagen an, wir sind im Strudel des Vormarsches. Vorwärts, weiter! Klirrend und stampfend rücken wir in eine tote Stadt ein. Schatten wandern zwischen den Zäusern entlang. Ta schenlampen blitzen auf und verlöschen wieder. Gespenstig glotzen die Fenster der verlassenen Säuser auf uns herab. Dann sind wir an der Brücke. Gurgelnd rauscht das Wasser uber die gesprengten Pfeiler und Mauertrümmer. Dumpf dröhnt die Notbrücke unter Wagenrollen und dem Schritt der Infanterie. Ein furchtbares Werk der Vernichtung starrt uns die Sprengwirkung entgegen. Die Säuser vor und hinter der Brücke sind zur Hälfte mit eingestürzt. Aber unsere Pioniere haben die Straße frei gemacht und die Pontonbrücke geschlagen, der Gene⸗ ral hat die Verwirrung geglättet. Der Vormarsch kam ins Stocken, er ist aber nicht zum Stillstand gekommen. Links und rechts an der Straße gehen jetzt gerade unsere Batterien in Stellung. Wir hören aus der Finster⸗ nis heraus das Schnauben und Prusten der Pferde und 3 35 8 das dumpfe, schůtternde Rollen und Stoßen der die Hänge hinaufjagenden Geschütze. Vor uns über dem Sang glühen die Brände, fünf, sieben, zehn Einzelfeuer, und an drei Stellen brennen ganze Dörfer. Wir kennen den runden roten Brand der Strohmieten, das flackernde, zuckende Glühen der Bauernhöoͤfe und das breit lagernde, wabernde, zum Simmel steigende, anklagende Brennen der Dörfer. wir marschieren in die undurchdringliche Finsternis hinein. Verbissen, zäh und voll Grimm tappt einer neben und hinter dem anderen. Wir taumeln in Schlag⸗ löcher, brechen manchmal in die Knie. Weiter, nur weiter. Vor uns ist nichts als Finsternis und das Un⸗ bekannte. Der Simmel hängt über uns, schwarz und voll leuchtender, funkelnder Sterne, wie damals im Frieden Schüͤsse in der Nacht Die Mächte sind mit hineingerissen in den Strudel, in dem sich unser Leben vollzieht. Die weiche abendliche Dämmerung dieses schönen, späten Sommers wird selten von uns gespürt; erst wenn die dunklen Schatten der Nacht breit werden, wenn schon der Busch nahe unserem Weg zum drohend kauernden Klotz wird und das Saus, einen Steinwurf entfernt, unbemerkt bleibt, 36 udel bliche wird atten nahe 0 und leibt, dann werden wir unruhig. Links und rechts in den Feldern kauert jetzt vielleicht der Feind, ein einziges Maschinengewehr könnte dem lang dahinziehenden, deckungslosen Bataillon Tod und Verderben bringen. Manchmal tacken warnende Feuerstöße und verstummen rasch, ein einzelner Schuß ganz in der Nähe verjagt einen polnischen Späher. Alle un sere Sinne sind wach, wir horchen und tasten mit jedem Gedanken vor uns her, links und rechts. Ein winziger Licht schein blinkt vor uns, zůngelt und glüht seltsam, er wächst, und dann springt neben ihm noch ein Funken auf, mehr, immer mehr, zuletzt glühen überall am Horizont die Flammen, schwelende Brände von den Strohmieten zeigen den Rückzug des Geindes. Nicht nur den weg des Rückzugs, plötzlich blinken hinter uns auch Lichter, und dann sind wir rings umgeben von Bränden. Die Flammen lodern steil und ruhig gegen den Simmel, weiß und gelb und rot leuchtet die Glut. Wir marschieren mitten in die Vernichtung hinein. Wie gebannt starren wir in die gleißenden Augen der Zer⸗ störung und können doch nichts tun als marschieren. Noch schneller marschieren, ehe alles in Feuer und Asche zerstiebt. Das Feuer spiegelt sich in den Augen, brennt in unsere Herzen hinein. Eine heisere Stimme stößt eine Verwünschung aus. 37 8 1 5 51 3 5 0 r 2 n Rechts am wege zuͤngeln die Flammen aus einem kleinen Bauernhaus. Es knackt und knistert, das Feuer schmatzt und schlingt, die Wände, die Möbel, das Dach, die Bilder, alles, was Bauernfleiß und mühe schuf und durch Generationen festhielt, in einer Stunde liegt nichts mehr als ein Saufen Asche über geborstenen Mauern. viele Säuser brennen in diesen Nächten, Gutshöfe mit riesigen und gefüllten Scheuern, ganze Dorfer glühen den erbarmungslosen Simmel an. Die rote Glut strahlt über die Blumen in den kleinen Vorgärten, über weiße, rote, gelbe Dahlien, Georginen, herbstliche Astern. Sie frißt die alten Linden vor dem Saus, die Birnbäume im Garten, sie brät die Apfel an den Zweigen und das vieh in den Ställen. Sunde heulen klein und verloren das Feuer an, und dann unsere ziehenden Rolonnen. Die menschen sind fort; geflohen, verschleppt, ermordet? wir sind dem Feind immer dicht auf den Fersen. Links und rechts steigen die weißen Jeuchtkugeln unserer Späher auf:„Sier sind wir!“ Unaufhaltsam schiebt sich unser Strom nach vorn. Artillerie überholt uns mit krachenden und stampfenden Rädern. Die Pferde sind abgehetzt. Wir müssen halten. Die Geschütze gehen in der Dunkelheit auf freiem Feld in Stellung. wir lassen uns zwischen das Naͤrtoffelkraut fallen. Die Mütze über das Ohr gezogen, die Beine eng 38 keis an den Leib, liegen wir einer neben dem anderen. Schlafen, nichts als schlafen. Über uns woͤlbt sich groß in seinem feierlichen Schwei⸗ gen der Simmel. Millionen Sterne leuchten und funkeln, wie gestern, wie vor tausend Jahren. Man will nach⸗ denken, da löscht das gepeinigte Bewußtsein aus. Bis uns ein hallender Schlag von der Erde losreißt. Es ist gewiß, wir sollen nicht zur Ruhe kommen, für uns ist kein Schlaf bestimmt. Mit einem Achzen greifen wir zum Gewehr, es liegt, wie immer, zwischen unseren Beinen und auf dem Arm. Salb aufgerichtet sitzen wir und horchen. Ein Feuerschein, und dann kracht ganz nahe der zweite Schuß, der dritte. Unsere Artillerie feuert, die Feldgeschütze bellen, und dazwischen krachen die Saubitzen, pausenlos Schuß auf Schuß. Wir starren in die Nacht, immer noch leuchten und funkeln die Sterne. Faucbend und heulend ziehen unter ihnen die Geschosse ihre Bahn. Aus der Ferne antworten die Aufschläge. Drüben neben dem Gutshof stehen die Ge⸗ schütze aufgebaut. Feuer! Feuer! Feuer! Aber die Augen fallen uns von selber zu, bleischwer sinkt der Kopf zur Seite. Der Schlaf läßt uns nicht los. Das Röcheln und Atmen der Bameraden verstummt keinen Augenblick. In langen Reihen halten die Fahr⸗ 39 1 4 5 225 275 1 5 7 27 zeuge. Die Pferde lassen die Koͤpfe tief nach unten hängen. Die Sahrer auf den Böcken hängen vornüber, zur Seite oder über den wagenplanen. Neben den Radern liegen Rameraden, in der Sand noch das Brot. Die Müdigkeit war stärker noch als der Zunger. Manch⸗ mal kommt ein halblaut gesprochenes Wort aus der Finsternis, jemand stammelt einen Namen, einen Ruf. Schlafen, schlafen, nichts als schlafen! Jemand rüttelt mich am Arm. Ich fahre jäh hoch. Das Gewehr ist noch da. Die Ge schütze sind verstummt. „Fertigmachen!“ Der Schein einer Taschenlampe blitzt auf. Namen werden aufgerufen.„Es geht gleich weiter!“ Im Rar toffelkraut, in Erdloͤchern, auf einer Handvoll Stroh, überall liegen sie verstreut. Die pflicht ruft sie zusammen. „Weiter!“ wir taumeln zwischen die Fahrzeuge. Da vorn rollen sie schon an. Aus unseren Uniformen und von den waffen tropft Nässe von Regen und Tau. Die Füße brennen, und der Nopf dröhnt. „Radfahrer nach vorn!“ Der Befehl wandert die Reihen entlang. An der Seite steigen zwei weiße Leucht kugeln auf, unsere Späher schieben sich weiter nach vorn. Wir müssen wachsam sein. Wir folgen. Mit jedem Schritt kehrt uns die Überlegung zurück. wach sein und 40 marschieren! wir überholen Panzerabwehrkanonen. Auf Bündeln Stroh schlafen die Kameraden neben den Geschützen, die feuerbereit unsere drei Stunden Schlaf bewacht haben. Immer, wenn wir uns ein paar Stunden zu schwerem Schlaf fallen lassen, schieben sich die kleinen, flinken Kanonen nach vorn und wachen über unsere Ruhe. Wir marschieren wieder Stunde um Stunde. Die Sonne steigt herauf. Der Staub wirbelt hoch, legt sich auf unsere Gesichter, auf Uniformen, Waffen und Gerät. müde schurren die Füße links und rechts am Wege. Es rasselt und knattert um uns her; aber der Feind weicht überall. Von rechts her kommt wieder das Grollen der Artillerie. Un sere Geschůtze beißen sich dort mit den feind lichen herum. In der Mittagssonne liegen wir in den Feldern. Die Feldküche fährt vor. Das Essen glüht, der Simmel glüht, der Boden unter uns brennt im Sonnen⸗ feuer. Einmal sich richtig waschen können, wieder einmal einen Fluß oder einen klaren See finden und darin baden können wie neben der gesprengten Brücke von Nakel! Der Traum gaukelt uns klare, blaue und grüne kalte wellen vor, das Nochgeschirr entgleitet un serer Sand, da reißt uns der Ruf schon hoch: sHertigmachen!“ Rasch die Essenreste weggeschüttet, angetreten, weitermarschiert. 41 Blaßblau und ohne Gnade steht der Simmel auf uns herab. Wieder marschieren wir bis tief in die Nacht hinein. Ein kühlerer Aufthauch weht uns jetzt an, aber wir können nicht mehr denken. Wir sind noch nicht ein⸗ mal richtig wach, als das Bataillon in einen großen Gutshof einbiegt. Die Fahrzeuge rasseln über das pflaster und fahren nebeneinander auf. Die Pferde bleiben im Geschirr, abfahrtbereit, falls gleich wieder Alarm kommt. Sie werden getränkt, wir dürfen uns kein Wasser holen. Immer heißt es:„Zuerst die Pferde!“ In langer Reihe stehen vor uns die übermuͤdeten Fahrer am zZiehbrunnen. wachen stampfen über den Hof und dann um das Gut herum. Wir hören das wasser am Brunnen plätschern, wir hören die Pferde schnaufend schlucken. Für uns ist kein Wasser da. Für uns ist auch kein Platz mehr da. Die Scheunen und Ställe sind überfüllt. Die Kompanien liegen, ein Gewirr von Leibern, bis auf den Hof. Roͤcheln und Schnauben kommt uns überall entgegen. Mitten im of türmt sich ein Strohhaufen, anderthalb Stockwerk hoch. Wir klettern in die Söhe, legen uns mit letzter Kraft die Bündel zurecht, pressen das Gewehr fest zwischen die Beine. Es bleibt geladen und gesichert, weit aus strecken wir die verkrampften Glieder und ziehen den Mantel über das Gesicht. Unter uns bewegen sich schattenhafte 42 uns acht aber ein oßen das ferde ieder uns rde! deten den n das erde Für und ewirr auben nt sich Wir aft die en die srecken nantel hafte Gestalten. Stimmen wandern vorbei. Ein Pferd wiehert, dann erlischt das Bewußtsein. Der Schlaf befreit uns von allem. Plötzlich schrecken wir auf. Ein Schuß kracht direkt vor uns zwischen den beiden Gebäuden, noch einer, viele Schüsse. Rufe gellen:„Am Brunnen— Überfall— Alarm!“ Da zwitschert es uns schon um die Ohren, es kracht und blitzt, und das Zwitschern kommt gerade auf uns zu. Blitzschnell lassen wir uns an der steilen Strohwand in die Tiefe gleiten, rennen ins Freie, sehen ein paar dunkle Gestalten über das Feld rennen, heben das Ge⸗ wehr und feuern. Noch einmal und noch einmal. Dann wird es still. Wir taumeln zurück zum Stroh, lassen uns irgendwohin fallen und sind gleich wieder eingeschlafen. Tod und Schlaf sind verwandt, in diesen Nächten aber werden sie manchmal eins. wie viele Mächte liegen wir unter freiem Simmel, neben einer Strohmiete, im Straßengraben, auf einem Nartoffelfeld, in Scheunen, auf Seu oder Stroh. Sterne sehen auf uns herab, die Sterne der Heimat und der Fremde. Tau tropft auf uns, der Regen schlägt seinen nassen Wirbel, er dringt durch die Zeltbahn, durch die Uniform. Die Nälte kriecht aus der Erde, und ringsum brennen Strohmieten und Dorfer. 73 Die Erregung des Tages folgt uns in die wenigen Stunden des Schlafes. Das Atmen wird zum Stöhnen, zum hastigen Stammeln, Slüstern und Rufen. Seindliche Artillerie greift ein Das Gesicht des Krieges wird von Tag zu Tag härter. Wir stoßen mit unserem Vormarsch wie mit einem Speer zu. Der Gegner fühlt die Wunde in seinem Voͤrper, er rafft sich auf und schlägt zurück. Seulend faucht es über uns hinweg und schlaͤgt dicht neben der Straße ein. Eine wolke von Staub wirbelt hoch. Sui. sssssch. krach, und noch einmal krach, und immer noch einmal. Die Pferde scheuen und zerren an den Strängen. Krachend birst eine Granate direkt auf der Straße. Pferde brechen zusammen, jagen, von Todesangst gepackt, wieder hoch. Befehle prasseln die Straße entlang. Drüben auf der Anhoͤhe ist polnische Artillerie aufgefahren und nimmt uns nun unter wohl⸗ gezieltes Seuer. wehe, wenn jetzt die Führung versagt! Die Straße liegt hoch, und die Fahrzeuge schlagen um, wenn sie herunter wollen. Die Führung versagt keinen Augen⸗ blick. Vorn biegt ein Seldweg nach rechts ab, Befehle, peitschenknallen, Rufe; die Fahrzeuge brechen in wilder 44 nigen hnen, Tag ie mit seinem t dicht wirbelt krach, zerren e direkt en, von seln die olnische er wohl Straße wenn sie Augen Befehle in wilder Jagd eines hinter dem anderen nach rechts ab auf das schůtzende Wäldchen zu. Wir gehen quer über den Acker, ohne Sast, es ist sinnlos, diesem jaulenden, droͤhnenden, eisernen Tod entrinnen zu wollen. Erdfontänen wirbeln um uns her auf, zwischen unsere aufgelockerten Reihen. Der Simmel steht blau über uns und ist nicht erbar⸗ mungslos. Das Eisen hämmert und dröhnt, aber der Tod erreicht uns nicht. wir bücken uns noch einmal ganz tief, hinter uns schlägt eine Granate direkt in die Strohmiete hinein. Schollen und Eisenfetzen wirbeln durch die Luft. Die Strohmiete qualmt, dann geht sie in Flammen auf. Wir erreichen das wäldchen, lassen uns zwischen den Stämmen auf den Boden fallen, rappeln uns mühsam auf und taumeln weiter, noch tiefer in den Wald hinein. Das Wäldchen ist wie eine Insel, von überall her kracht und knallt es. Und jetzt hämmert die polnische Artillerie auch noch in das wäldchen hinein. Deckung, langsam vorkriechen und dann Feuer aus dem Wald- rand: laden, zielen, abdrücken, tief Atem holen, nur Ruhe. Das Gewehrfeuer da drüben verstummt rasch wieder. Nrach, krach, krach, gleich drei Einschläge hinter⸗ einander ganz in unserer Nähe. Wir ziehen den Ropf tief zwischen die Schultern und pressen uns fest an den Boden. Unsere Gesichter sind blaß und heiß unter Staub 45 1 1 und Schmutz. Irgendwo wiehert gellend ein Pferd. Schon wieder drei Einschläge mit ohrenbetäubendem, metallenem Gellen. werner liegt dicht neben mir. Manchmal sehen wir uns an. Wir klammern uns fest in die Walderde. Ploͤtz⸗ lich muß ich daran denken, daß heute Sonntag ist, daß zu Sause die Sonne über einem friedlichen Garten scheint, und daß meine Kinder jetzt in dieser Stunde in der Laube sitzen und spielen. Zum Greifen deutlich ist das alles, ich beuge mich zur Seite und erzähle dem Kameraden, was ich eben erlebte. Sonderbar, auch er ist mit seinen Gedanken gerade zu Sause gewesen. Wir nicken uns noch einmal zu, und die Erinnerung wird zum Trost. Wir sind nicht mehr wehrlos dem Tode preisgegeben, eine Menschenstimme spricht von zu Sause und von einem Garten in der Sonne. Drei, vier Rame⸗ raden kriechen herzu, wir kauern uns in eine Mulde, kramen unsere letzte Zigarette heraus und lassen sie reihum gehen. Wir sprechen leise und gedämpft. Immer noch krachen in Abständen polnische Granaten um uns her. Manchmal zerfetzt eine Kiefer. Ein Geruch von Sarz und wWalderde, von Rauch und Schweiß treibt über uns hin. Aber jetzt duckt sich niemand mehr. Die Todesfurcht ist überwunden. wir warten und warten. wir sprechen gute Worte miteinander. Eine Stunde 4⁵ ferd. dem, n wir plot daß zarten ztunde eutlich le dem zuch er n. Wir g wird n Tode u fause Kame⸗ Mulde, ssen sie Inne um uns uch von 16 treibt geht. die warten. K Stund geht hinter der anderen her. Ein Namerad bringt Brot und eine Büchse Fleisch. Der Sunger meldet sich. Das Leben geht weiter. Sieben Stunden haben wir hier gelegen, da brüllt noch einmal die Artillerie los. Aber jetzt sind es deut sche Geschůtze, sie sind endlich herangekommen und hämmern auf die polnischen Stellungen los. Von dort kommt keine Antwort mehr. Eine halbe Stunde spaͤter ist der Befehl da:„Fertigmachen!“ Die Fahrzeuge müssen aus dem wald heraus, sie fahren auf der Straße, wir marschieren im Graben, stolpern über Drähte und leere Munitions- kasten. Pferde liegen mit ausgestreckten Beinen und zer⸗ fetzt auf der Straße. Rechts wird eben ein Grab ausge⸗ hoben. Unter der Jeltbahn liegt ein toter Kamerad. Zangsam dämmert der Abend herauf. wieder glůht der Simmel in brennenden Farben. Vier Straßen lau⸗ fen hier zusammen, und plötzlich quillt der Staub auf ihnen in die obe. Der unterbrochene Vormarsch geht weiter. Infanterie marschiert. Artillerie trabt an, vier und sechs Pferde vor jedem Geschütz. Pferd, Mensch und Fahrzeug dick mit gelbgrauem Staub überzogen. Motoristerte Infanterie knattert vorüber, Lastkraft⸗ wagen mit Munition und Verpflegung schieben sich dazwischen. Und die Kradfahrer auf ihren verstaubten, 47 verbeulten Rädern, über Straßen durch die Gräben, über Löcher und Hügel. meldereiter traben über die Felder und an den Nolonnen entlang. Ganz links über · holen Jastkraftwagen, hinter denen die Panzerabwehr⸗ kanonen hängen. Über allem treiben die gelben, un⸗ durchsichtigen Staubwolken. Der Simmel färbt die wolken blutrot. Die Artillerie schweigt jetzt auf beiden Seiten. Die Fronten sind in unaufhaltsame Bewegung geraten. wie ein Strom, der sich vom Eis befreit, quillt das Heer nach vorn; starr, kalt und entschlossen. Marschieren, marschieren. Es gibt keine Müdigkeit mehr, die Beine bewegen sich; links, rechts, links, rechts. Die Fußkranken halten sich an den Ketten der Fahrzeuge fest, zurückbleiben darf niemand; weiter, immer weiter. Die ganze Welt erstickt zuletzt unter Staubwolken, unter dem Marschtritt der Abteilungen, dem mahlenden dem Vnattern der Motoren. manchmal läuft ein Befehl Krachen der Rader und Es wird wenig gesprochen, von der Spitze durch die Reihen:„Meldereiter nach vorn!“ Oder:„Rein Wasser aus den Brunnen nehmen, die Brunnen sind vergiftet!“ verbissen und stumm mar · schieren wir, die Nacht schlägt über uns zusammen wie ein schwarzer See. Dumpf droͤhnen in der gerne schon wieder Aufschläge. Nebelwolken treiben aus den Wiesen heraus. Der Tau 48 —— PP b 5 4 0 1 9 ben, die lber · vehr⸗ un⸗ t die eiden gung quillt digkeit rechts. yrzeuge weiter. „ unter blenden otoren. Befehl et nach nehmen, um mer men wie ufschlige der Tau t liegt feucht und kalt auf dem Gras. Wir halten, wir hren kaum noch die Befehle, da sinken wir schon zwi⸗ schen die Furchen, wir schlafen, tief und ohne Traum.— „Weil sie Deutsche sind!“ Wie lange sind wir nun schon unterwegs? Niemand weiß es, niemand fragt danach. Das frühere Leben ist im Nebel, Staub, im Marschtritt der Kompanien, im eulen und Krachen der Granaten und dem surrenden Ton der Infanteriegeschosse versunken. Neben der Straße liegen Tote. Ermordete Bauern, Männer, Frauen, erschlagen, erschossen, verstümmelt. Eine alte Frau liegt mit zerschmettertem Schädel im Rübenfeld. Wir beißen die Zähne zusammen. Der Zorn brennt wie eine Flamme in uns. Wir können nichts sagen. Auch nicht, als drei Ermordete mit gebrochenen Augen in den erbarmungslosen Simmel starren, auch nicht, als immer mehr Ermordete verstümmelt, unkenntlich, zertreten in den Feldern gefunden werden. Von zeit zu Zeit zeigt einer mit der Hand irgendwohin:„Da— und da schon wieder—“ An einem grauen Morgen marschieren wir in ein Dorf. Da erreicht das Entsetzen seinen Söhepunkt. Frauen stürzen auf uns zu, hängen sich an die Soldaten, 4 Ehrhardt, vormarsch im September 40 9 8 F an die Fahrzeuge, in ihren Augen flackert das Entsetzen, der Wahnsinn: „Vor einer Stunde, ach, warum seid ihr nicht eher gekommen. Meinen Mann haben sie ermordet, meinen Mann.“ Die junge Frau beißt sich auf die Knöchel der Sand und schreit, schreit, tränenlos, schrill, verzweifelt, ungläubig. Es kann doch nicht wahr sein. Die anderen wimmern dazwischen:„Mein Bruder— mein Mann— unser Vater. Umgebracht, alle tot— erschossen— mit Handgranaten zerfetzt.“ Das ist das Grauen! Da drüben zwischen den Söfen liegen die Ermordeten. Die Frauen weinen und schreien: „Tot— fortgeschleppt— ermordet. Warum?“ „Warum?“ Einer von uns fragt es mit erfrorener Stimme. Kat⸗ los sieht er von einem zum anderen. Wir können nicht einmal haltmachen, bis zum Dorfausgang muß mar⸗ schiert werden. Ich ziehe den Atem durch die Nase, ganz leise gebe ich die Antwort, es soll niemand sehen, daß mir die Tränen in den Augen stehen, es sieht auch nie⸗ mand herüber. Wem steht jetzt nicht das Wasser in den Augen? „Weil sie Deutsche sind!“ Deshalb liegen sie tot und verstüůmmelt. Des halb wei⸗ nen hier ihre verlassenen Frauen. Und der Simmel rührt 50 en, hrt sich nicht. Die frühe Bläue eines sonnigen Tages froh⸗ lockt über den Tod. Der Bataillonskommandeur beißt die Zähne zusammen, er sieht starr über das Feld. Die Offiziere fragen und antworten, sie versuchen zu troͤsten, aber ihre Stimmen beben. „Stürmen“, sagt einer für alle anderen. Der Befehl steht dagegen:„Wir müssen hier weiteren Befehl abwarten“, entscheidet der Bommandeur frostig und hart. Er weiß, gerade jetzt darf er nicht eigen⸗ mächtig handeln. Ein Bauer taumelt über die Straße, graues, faltiges Gesicht, langer, harter Schädel, grobe, knochige Glieder: „Meine Frau, sie haben sie da drüben erschossen— gleich neben der Straße!, stammelt er atemlos aus eisigem Erschrecken heraus und schreit plotzlich gellend los:„Das Kind hatte sie doch auf dem Arm. Unser Bind, zwei Jahre alt—. Es muß doch leben. Die Frau war tot— gleich tot— aber das Rind— Herr Hauptmann, helfen Sie mir doch. Lassen Sie doch vorrücken!“ Der Kommandeur muß wohl den schwersten Rampf seines Lebens bestehen. Sinter der Stirn arbeiten die Gedanken wie im Fieber. Ganz da vorn muß der Gegner sein.„Sinter ihm her und auf ihn“, sagt das Gefühl. Der Befehl der Diviston steht dagegen. Der ganze Plan, der auf ein höheres Ziel 4* 51 5 f e eee gerichtet ist, geraͤt in Gefahr, wenn jeder selbständig han delt. Die Offiziere und Soldaten hängen an seinen Lippen. Die Pflicht, das Wissen um die Verantwortung siegen. Der Bauer fällt auf die Rnie und wimmert hoch und schrill:„Die Frau— meine Frau— unser Kind. Ach Gott, ach Gott! Sie haben doch nichts getan.“ Der Oberkörper fällt vornüber, die breiten Schultern wer⸗ den von einem Krampf geschůttelt. Zuletzt roͤchelt er nur noch, lallt unverständliche Worte in die Erde, in den Simmel hinein. Irgend jemand muß dieser Jammer doch endlich rühren! „weil sie Deutsche sind“, wiederholt einer mit heiserer Stimme und sieht sich wie ein Träumender um. Die Frauen weinen, der Bauer schluchzt, von überallher kommt der wimmernde, hilflose Ton der Verzweiflung. Und doch leuchtet die Sonne hell und jung von einem schimmernd blauen Simmel herab. Die Gärten vor den Säusern strömen immer noch über in den herbstlich bunten Farben von Dahlien, Astern, die Sonnenblumen wehen wie gelb schwarze Fahnen über die Jaͤune hinweg. Die Meldereiter jagen über die Felder neben der Straße, preschen durch Maisfelder, setzen über die wassergräben. Im Graben finden sie drei Zivilisten, die feige im Bewußtsein ihrer Verbrechen zitternd zu ent⸗ rinnen versuchen. Kurzes Verhör. Gegenüberstellung. 52 c Le r wenigstens drei von den Bestien hat man gefaßt. Schüͤsse krachen. Drei Gestalten liegen im Straßengraben. Marschieren! Endlich wieder marschieren! Rechts von der Straße liegt ein Ententeich mit grünen Wasserlin sen besetzt. Ich habe plotzlich das Gefühl, daß mir jemand einen Stoß gegen die Brust versetzt. Otto flüstert mit weißem Gesicht unverständliche Worte, seine ausgestreckte Sand deutet auf den Teich. Werner stammelt entsetzt:„Wahrhaftig, ein Mensch!“ Jetzt sehen wir alle das Gräßliche, Unfaßbare: Eine armselige Sand, vielleicht von einer Frau, vielleicht von einem Kind, reckt sich aus dem Teich; erstarrt greift sie nach dem Leben, verloren entglitt das Leben. Die Sand blieb regungslos, flehend, anklagend. Niemand konnte ihr helfen. Niemand wird es später glauben, daß so viel Jammer sich auf einem Stück Erde vereinigen konnte. „Gemordet, weil sie Deutsche sind. Nur weil sie Deut; sche sind.“ Der Hauptmann sieht über seine Männer hin; weg. Seine Stimme dringt klirrend wie Stahl in die Herzen. Sie dringt weiter hinaus in die Unendlichkeit, tausend vernehmen sie, hunderttausend, ein ganzes Volk. Der Marsch formt die Männer zu Soldaten. Der Krieg macht sie hart und zäh. Das Elend läßt sie zu Rame; raden werden. Die da gemordet sind, verschleppt wurden, wir unterm Stahlhelm, am Gewehr, Fahrzeug, im 53 SE e e Flugzeug, im Panzer, wir alle gehoren zusammen zu einer verschworenen Gemeinschaft: Deutschland! Noch nie zuvor haben wir das so empfunden wie jetzt. Der große Ring muß geschlossen werden. Eine ganze Armee befindet sich in der stählernen Klammer, die wir schmieden helfen. Jetzt endlich erfahren wir auch, wie nahe der Sieg ist, und der Gedanke lindert den Schmerz. Noch einmal stellt sich der Feind. weit auseinandergezogen empfangen ihn die Rom⸗ panien. Die Artillerie dröhnt in wütenden Schlägen los. Maschinengewehre bellen. Wir liegen im Gutshof, ge⸗ duckt vor den fliegenden, surrenden Infanteriegeschossen. Die Geschosse schlagen handbreit über unserer Gruppe ein, drüben im Acker muß ein Schützennest sein. Wenn jemand den Kopf hebt, surrt das Geschoß. Die beiden pferde eines Gefechtswagens brechen tot zusammen. Verwundete kommen von links und wollen verbunden werden. Plötzlich schießt sich die polnische Artillerie auf den Gutshof ein. Volltreffer, und noch einmal Volltreffer. Josgerissene Pferde rasen wie toll umher. Fahrzeuge werden in wilder Sast aus dem Hof gefahren. Eine panzerabwehrkanone, die letzte auf der Anhöhe, wird in eine gedeckte Stellung gebracht. Mit ungeheurem Krach zerschlägt ein Volltreffer mitten auf dem Sof 54 n zu 00 janze wir wie merz. Rom⸗ los. „ ge⸗ ossen. ruppe benn eiden men. inden f den effet. zeuge Eine wird urem l pferde und Fahrzeug, schleudert die Trümmer gegen das Scheunentor. „Hilfe— Sanitäter!“ Zwei Verwundete werden an unserer Deckung vor⸗ übergeführt, gebückt und blutend, ich springe auf, will vorwärts laufen, den Kameraden helfen, fühle eine Sekunde, wie mich eine Faust zurückhält, in diesem Augenblick birst der Simmel. Fünf Schritte entfernt um die Ecke herum ist die Granate eingeschlagen. Die beiden Verwundeten liegen blutig und regungslos am Boden, ein Soldat taumelt hoch. „Befehl: den Hof räumen!“ Die Verwundeten auf einen Wagen, heraus aus dem Zof, hinter die Straße in Stellung. Eine Sekunde glimmt der Panikfunke auf. Schrapnellwölkchen stehen puffend in der Luft. Rrachend tasten die Granaten das Gelände um den Gutshof ab. Wir wühlen uns mit den Sänden Löcher in den Sang, bauen uns Gewehrauflagen. Neben uns wird ein Panzerabwehrgeschütz in Stellung gebracht. Ge⸗ spannt und wachsam erwarten wir den Durchbruch. Drüben im Acker bewegen sich Gestalten: Laden, zielen, feuern! Der Angriff erstickt, ehe er sich entfaltete, an den sich immer wieder von selbst bildenden Widerstandsketten. 55 5 2 E 1 7 55 2 Die Stunden schleichen dahin; aber ganz unversehens kommt doch der Abend und dann die Nacht. Das Feuer schweigt. Wir liegen an einem Sang hinter dem Guts⸗ hof und schlafen. Das Bewußtsein ist ausgelöscht, die Glieder bleiben verkrampft. Ringsum werden Nester für schwere Maschinengewehre ausgehoben, Panzerabwehr⸗ geschütze, hinter zweigen und Stroh getarnt, aufgestellt. Es wird mit einem neuen Durchbruchsversuch einer starken feindlichen Übermacht gerechnet. Leuchtkugeln sprühen links und rechts auf. „Verwundete müssen von vorn geholt werden.“ Eine Stimme wandert in der Dunkelheit zwischen den Schläfern hindurch, jemand stolpert gegen Gewehr pyramiden:„Verwundete zum Verbandsplatz tragen!“ Die Müdigkeit eines Tages mit vierundzwanzig Stun⸗ den, eines Marsches ohne Rast, des Gefechtes und Ent⸗ setzens vor den Greueln hat unseren Willen gelähmt. Nur schlafen, liegen, ausruhen. Röcheln und tiefes, stoͤhnendes Schnarchen antwortet. Einer zieht die Beine schmerzend an sich. Den Gber⸗ körper aufgerichtet, hochtaumelnd tastet er zum Gewehr, zwei, drei Mann hinter ihm, stolpern wir über das Feld und dann den weg den Sang hinauf zum Gutshof. Jangsam, langsam, Schritt vor Schritt. Einer flüstert: „Sat jemand noch eine Zigarette?“ Stumm tappen wir 56 eee, zum Gutshof. Überall neben der Straße roͤcheln die Schläfer. Die Fahrzeuge sind zwischen die Bäume ge⸗ fahren. Der ganze wald atmet gespenstig regungsloses geben. An der Kreuzung übernehmen wir Verwundete auf Bahren, einer hat einen schweren Gberschenkelschuß. Die Last zieht nach unten. Der Verwundete spricht leise, er lebt noch: Ist es nicht ein großes Wunder? In kleinen Gruppen tappen neben uns andere Verwundete zurück zur Verbandstelle hinter der Strohmiete. Der Arzt nimmt sie in Empfang. Beim Schein einer Taschenlampe legt er Verbände an, ein gutes Wort stärkt. Bald wird auch der Sanitätswagen kommen: Morgen früh seid ihr im Lazarett! Neben dem Gutshof liegt der tote Sanitäter. Mitten aus der Arbeit heraus hat ihn die Granate gerissen. Zu⸗ rück zum Verbandsplatz. Sinlegen, schlafen. Aber da reißt uns der Befehl hoch:„SFertigmachen!“ Stumm marschieren wir nun zum drittenmal am Gutshof vor⸗ bei, bis zum Dorfeingang. In der Sälfte des Dorfes sitzen noch die polnischen Abteilungen. Die Gefechtsfahr⸗ zeuge werden auf das Feld links von der Straße ge⸗ fahren. Zwischen Schützenlöͤchern, MG.⸗ Ständen und KRuscheln von Unkraut setzen die Soldaten ihren unter⸗ brochenen Schlaf fort. Um ein Uhr übernehmen Werner und ich die Wache. 10 in 2 8 Undurchdringlich schwarz lastet die Nacht uber der Welt. Irgendwo in der Ferne weiter zurück blitzt alle drei Minuten Mündungsfeuer auf, ein betäubender Schlag, und dann orgeln und rauschen die schweren Geschosse über das Dorf hinweg in die polnischen Stellungen und Straßen. Ein zorniges Krachen, dumpf drohnend ver⸗ grollt der Aufschlag. Pausenlos hämmert die deutsche Artillerie. wir beiden Posten tasten uns Schritt vor Schritt um das Lager. Die Fahrzeuge heben sich nur als schwache Silhouetten vom Sorizont ab, überall atmen und schnarchen die Soldaten, eng aneinander gerückt. weiße Leuchtkugeln steigen in der Nähe auf, sprühen und verzischen. Der helle Schein spiegelt sich sekundenlang im Stahlhelm auf dem Soldatengrab neben dem Zaun. Das Kreuz steht schwarz und starr wie eine Mahnung. Eine Melodie steigt in der Erinnerung auf:„— dringt Eurer Rosse Traben ins Grab— Viktoria, daß wir gesteget haben, weiß ich, Viktoria!“ Schlaf in Frieden, Ramerad! zwischen den beiden Strohmieten schlafen die Gffi⸗ ziere des Bataillonsstabes. Ein Celdtelefon summt von zeit zu zeit! Der Funker nimmt mit krächzender Stimme meldungen entgegen, bis zur Bewußtlosigkeit erschöpft liegt er neben dem Apparat. Immer, wenn ihn der Schlaf erreicht hat, tönt der Summer; er hort nicht das d Krachen und Fauchen der Granaten, er achtet nur auf den leisen Summer. Ein leiser sprühender Regen weht über die Schläfer. Ein kalter und fauchender Wind steht auf. Endlos deh⸗ nen sich die zwei Stunden. Manchmal bleiben wir stehen. Atmen zwischen den Sträuchern, ein gestammeltes Wort, Schnarchen und Röͤcheln auf der Erde, sprühender Regen und da drüben das Mündungsfeuer. Gleich darauf das Orgeln der Granaten und die Explosionen. Ganz in der Ferne manchmal tack, tack, tack— Feuerstöße eines MG. Endlich können wir die Ablösung wecken. Fünf Uhr zehn Abmarsch. Der Spähtrupp Wir taumeln langsam und schwer aus den Ginster⸗ büschen und Löchern hoch und tasten uns zurecht. Das Fauchen und Jaulen, das Flattern und Röcheln schwerer Geschosse über uns, weit unter dem schwarz verschleierten Simmel hat aufgehört. Die weißen Leucht kugeln flattern nicht mehr in die Söhe. Der naßkalte Atem des Regens bleibt in den Wolken. Unentschlossen steht der junge Tag an der Schwelle von Leben und Tod. wir marschieren ihm entgegen. Un sere müden Schritte schurren über die Landstraße. Sufschlag, Wagenknarren, 59 AE ee —— eee das Rnattern und Bellen der Motore, Befehle, Schnau⸗ ben der Pferde, ferne und nahe Rufe und in der Weite einzelne peitschende Schüsse: die ewig gleichen Geräusche die ses großen Vormarschs sind wieder in unseren Ohren. inter uns bleibt der Wirbel eines heißen Rampftages, vor uns aber steht immer noch der Feind. Also weiter! Die Glieder schmerzen, die Augen brennen, die Kehlen sind heiser und trocken. Den Blick nach vorn gerichtet. Links im Straßengraben kommt uns ein Trupp Kame⸗ raden entgegen, ein Spähtrupp direkt aus der feindlichen Ninie. Seltsam regungslos verharrt der Trupp am Sang. wir sehen die Helme, die Gesichter, harte männliche Ge⸗ sichter, die Hande sind fest um die Gewehre gespannt. Ploͤtz⸗ lich gehen wir mit klopfenden Herzen auf die Gruppe zu. Blaß und spitz sind die Gesichter der Rameraden, ihre Sände regen sich immer noch nicht. Mit einem Schritt Abstand, leicht nach vorn gebückt, lehnen die Männer hintereinander. Der Stahlhelm überschattet tote Augen. Unbekannter Spähtrupp vom Feind zurück! Fünfzig Schritte von uns entfernt hat sie der Scharfschůtze Tod ereilt. Der Mund verschweigt nun, was die Augen er⸗ spähten. Niemand hat in der Nacht ihren letzten Ruf ge⸗ hort. War es ein Fluch, ein Stöhnen, oder der Gruß an eine Frau, ein Madchen in der Heimat? Oder die Meldung: Achtung, Kameraden! Starke feindliche Kräfte im Dorf! 60 — — Rurz vor dem ziel löschte der Tod sie aus, und doch sind die vier Männer gerade jetzt im Tode Inbegriff soldatischer Pflichterfüllung. Ihre ausschreitende Be- wegung trägt noch jetzt den Schwung, der uns tage- und wochenlang, jede Stunde und jede Minute erfüllte. Hart und verschlossen sind die Gesichter, schmal und fest der mund:„Und wir haben doch gesiegt!“ Größe, Stolz und Erfüllung liegen in ihrem unnahbaren Blick. Und der Befehl:„weiter, Rameraden!“ wir hoͤren den Befehl im Wirbel unseres Herzschlages, im Rlopfen unseres Blutes. Wir nicken den Männern zu, wir straffen unseren Schritt und marschieren. Ich habe dem dritten in die Augen gesehen, es war der Jüngste von ihnen:„Grüß die Heimat und: Vergeßt uns nicht 1600 Ich muß schlucken und noch einmal nicken. Marschie⸗ ren, noch schneller marschleren. An der Biegung wenden wir uns noch einmal um. Einsam und fern verharrt der Spähtrupp am Grabenrand, das Gesicht zur HZelmat, groß im Bewußtsein erfüllter Pflicht. Weiter, immer weiter! Die Artillerie schweigt. Es fallt auch sonst kein Schuß mehr in der Nähe. Die Polen haben in der Nacht ihre Stellung geräumt. 61 Uberall verstreut liegen die Leichen der polnischen Soldaten. Maschinengewehrspuren an allen Waͤnden, geborstene Mauern, eingestürzte Säuser, qualmender Schutt. Die Brücke liegt zersprengt im Wasser, rau⸗ schend und gurgelnd sucht sich der kleine Fluß seinen weg. Neben der vormarschierenden Truppe trampelt eine herrenlose schwarzweißgefleckte Ruh. Plötzlich er schüttert ein furchtbares Krachen die Luft. Deckung. Artillerievolltreffer? Die Ruh fällt zerrissen um. Pferde bäumen sich hoch auf. Die Pioniere neben der Brücke klären auf: eine Mine ging in die Auft, verletzt wurde niemand, die Ruh hat vielleicht vielen Kameraden das Leben gerettet. Weiße Warnungsfäden werden um das minenverdächtige Gelände gezogen. Der Vormarsch darf jetzt keinen Augenblick stillstehen. Weiter, schneller mar⸗ schieren, die Fühlung mit dem Feind muß wieder auf⸗ genommen werden. Neben der Straße liegen polnische Verwundete, einer bewegt müde und hoffnungslos die Sand; wo der Fuß war, ist jetzt ein blutiger Klumpen. Ein anderer daneben richtet sich můh sam halb auf und sagt leise und gequaͤlt ein paar Worte. Ein Volksdeutscher, der im fremden Seere dienen mußte und einen Brustschuß erhalten hat. Seine Augen starren fiebernd und bewundernd die Fahr⸗ zeuge, Pferde und Soldaten an. Der Sanitäter brennt 62 schen aden, ender rau⸗ einen npelt h er · kung. ferde rück vurde u das n das darf mar⸗ auf- einer Guß geben quält emden hat. Sahr⸗ rennt ihm schnell eine Zigarette an. Brot und Fleisch werden herübergereicht, weiter, immer weiter. Der Volks— deutsche raucht nicht und ißt nicht, er sitzt und starrt, das Wunder der Seimkehr vollzieht sich auch an ihm, schmerzend noch und anders, als er es sich einmal er träumt hat. „Was ist das für ein Krieg?“ sagt Otto vorwurfsvoll. „Anschauungsunterricht für den Versailler Wahn— sinn“, sagt Werner zornig.„Wer es noch nicht begreift, dem ist nicht mehr zu helfen.“ Waffen, Uniformstücke, Ausrüstungsteile liegen auf der Straße und auf den Feldern zerstreut umher. Die Regenwolken treiben tief herab, und dann reißen sie aus; einander. Es regnet mit dichten, schweren Tropfen. Das Bataillon marschiert, die Feltbahnen über den Ropf ge⸗ streift, grau, grün, gelb gefleckt, durch die Pfützen und den Schlamm, die wege lösen sich immer mehr auf. Die Pferde dampfen. Am Rande eines Waldes steht ein junger Bursche, halt eine Ruh am Strick und tastet weinend mit der freien Sand in die Luft. Die Ruh läuft in die marschierende Abteilung hinein. Die Soldaten fluchen, der Junge tastet hilflos um sich her. Da erkennen sie, daß er blind ist. Der Dolmetscher erfährt seine Geschichte: Blind und hilflos haben ihn die flüchtenden polnischen Bauern zurück 63 gelassen, mit furchtbarer Angst glaubt er sich den Deut schen ausgeliefert, den Ropf voll wüster Erzählungen über sein Schicksal. Aus einem abseits gelegenen Sof wird ein Bauer ge⸗ holt, der den Befehl erhalt, sich des Blinden anzunehmen. weiter. Quer durch die Felder, dann über eine schmale, lehmige Straße. Die Fahrzeuge gleiten wie Schlitten zur Seite, bleiben stecken, müssen herausgeschoben werden. Eine Abteilung Pak versucht zu überholen, Geschütze und Fahrzeuge rutschen unaufhaltsam in die Gräben, schlagen um. Es wird geflucht und kommandiert. Die Stangen von einer Viehkoppel, Bretter, Säcke, Steine füllen die Cöcher. Alle Männer packen zu: Seraus mit den Fahrzeugen. Mit zitternden Flanken, schweiß⸗ triefend stemmen sich die Pferde. Die Männer hängen in den Speichen. Jentimeter um Zentimeter bewegen sich die Fahrzeuge. Wie mit zentnergewichten hängt der Lehm an den Stiefeln. Ertrinkt alles im Schlamm? Soll der Vormarsch hier steckenbleiben? Fluchend, stöhnend, ächzend bewegt sich das Bataillon weiter. Die Pferde brechen in die Bnie, sie müssen wieder hoch. Die Menschen koͤnnen nicht mehr, aber der Gedanke an die Pflicht treibt sie weiter. Der Vormarsch darf nir⸗ gends mehr ins Stocken kommen. Da erreichen wir end⸗ lich die Straße.— 64 Deut, ungen uer ge⸗ hmen. hmale, ten zur verden. eschütze jraben, rt. Die Steine zus mit chweiß ⸗ hangen ewegen ingt der lamm? ataillon . wieder Gedanke darf nit wir end⸗ Ein paar Tage später erscheint der Vormarsch noch einmal gefährdet. Auf offenem Feld muß das Bataillon halten, ab und zu kommt eine Granate und schlägt heu⸗ lend und krachend nicht weit von den Volonnen ein. Es gibt kein Ausweichen nach links und rechts. Über dieses Feld geht der Marsch, auch das gehort zu dem großen Plan. Einmal müssen wir halten, wir liegen in der Sonne in Sandlöchern, essen und schlafen. Otto blinzelt in die Sonne und spielt auf der Mundharmonika sein Lieb- lingslied:„Nornblumenblau sind die Augen der Frauen am Rheine—“ pausenlos spielt er mit Inbrunst immer den selben Schlager. Kradräder wühlen sich durch den Staub. „Fertigmachen!“ Das Bataillon marschiert weiter. Der Feldweg endet in einem feuchten Acker. Der Acker ist grundlos. Die Fahrzeuge wühlen sich immer tiefer ein. Salt.— Halt! Eine Stunde vergeht, zwei, drei, vier Stunden. Am Nachmittag halten sie noch am gleichen Fleck. Die Munitionswagen einer Artillerieabteilung überholen auf der rechten Seite, jedes Fahrzeug mit vier und sechs pferden bespannt, jagen sie vorbei. Die Peitschen knallen auf die Pferderücken, die Pferde reißen an den Strängen. Ein Fahrzeug bleibt stecken. Tief eingewühlt versinken 5 Ehrhardt, Vormarsch im September 65 8 95 7 2 5 f en 1 die Räder. Die Volonne reißt auseinander. Die Ge⸗ schütze brauchen Munition, sonst setzt sich der Seind fest. Alle Sände greifen in die Speichen. Fluchen und Schreien, die Müdigkeit und die Spannung entladen sich in diesem Toben. Die Pferde reißen nach vorn und zur Seite. Der Krieg hat ein hartes Gesicht, er muß manchmal ohne Erbarmen sein. Die Pferde ziehen endlich an, in wildem Galopp taumelt der Wagen der Bolonne nach. Kasch kommt heute die Nacht. Zwei Stunden später wiederholt sich das Bild. Fertigmachen! Die Gefechts fahrzeuge kommen nicht weiter. Schritt für Schritt muß erkämpft werden. Die Nacht ist finster und ver⸗ schlossen. Sau ruck, hau ruck, alle Männer an die Spei⸗ chen, geschoben, mit der ganzen Last des Roͤrpers da⸗ gegen, und wieder ein Stück geschafft. Die Pferde tau meln und lassen sich fallen. Soch, weiter! Alle Mann zu⸗ gleich: hau ruck, hau ruck. Das Bewußtsein reagiert nur noch auf die Rufe, und die Bewegungen sind mecha⸗ nisch. Der Schweiß rinnt und rinnt, die Sachen kleben am Vörper. Das Gewehr schlägt gegen die Hüfte. Weiter! Der Zug hat endlich feste Straße erreicht. Auf der Straße bricht Lisa, das Sandpferd, zusammen und steht nicht mehr auf. Otto spricht mit ihm wie mit 66 die Ge⸗ ind fest. en und ntladen h vorn anchmal an, in e hach. g spater efechts⸗ Schritt ind ver⸗ ie Spei⸗ pers da · rde tau⸗ ann zu⸗ reagiert d mecha⸗ 15 kleben fte. sammen ö wie mit einem Rind:„Gute alte Lisa, steh doch auf, tu mir doch den Gefallen, Lisa, es kann doch nicht mehr lange dauern, gar nicht mehr lange. Steh doch auf, bitte, altes Mädchen. wir brauchen doch unseren Wagen, der Krieg ist doch noch nicht zu Ende.“ Aber ALisa zuckt nur mit dem Ohr, in das Gtto hinein: geflüstert hat. Sie kann wirklich nicht mehr. Eine harte Stimme fragt aus der Nacht heraus: „zum Donnerwetter, warum geht es nicht weiter?“ „Das Pferd, unsere Lisa— sie steht nicht mehr auf“, stammelt Otto. Der Fahrer erkennt den Offizier und meldet. „Ausschirren. Erschießen. Ersatzpferd ein spannen.“ „Ade, Lisa“, nickt Otto dem schwarzen Fleck zu, der in der Finsternis zurückbleibt. Wir sehen starr geradeaus. Zaben wir nicht alle einen guten Rameraden verloren? In einer Nacht beziehen die Kompanien Quartier in den Garten eines Gutshofes. Zu dritt liegen wir neben · einander unmittelbar an der Straße. Schräg gegenüber hält ein Ceiterwagen. In der Finsternis erkenne ich ein paar schlafende Gestalten auf Stroh. Flüchtlinge. Sie schlafen und werden nicht einmal vom Marschtritt der Rompanie wach. Die Pferde sind an den Gbstbäumen festgebunden. Die Männer liegen unter Zeltbahnen auf 5 67 einem Arm voll Stroh an der Hecke. Mein letzter Ge⸗ danke ist:„Wenn noch mehr Fahrzeuge kommen, fahren sie uns die Beine kaputt“, aber dann versinke ich in einen tiefen Schlaf. Stimmen sind in der Nähe. Rommandos. Ich fahre schlaftrunken hoch. Eine Kadfahrabteilung von dreißig Mann fährt vorüber, erkennt die Fahrzeuge, sieht die schlafenden Soldaten, verstummt und fährt erschrocken weiter. Als sie vorbei sind, kommt mir der Gedanke:„Das sind polnische Soldaten in zivil!“ Ich will etwas rufen, taumele hoch, da kommt die Abteilung schon wieder zu rück. Die Wache hat sie angehalten und zurückgeschickt. In rascher Fahrt jagt sie vorbei. Anhalten? Zu spät. Ich finde jetzt keine Ruhe mehr. Kehren die Rad⸗ fahrer noch einmal um, weil hier außer den Wachen alles schläft, geschieht ein Unglück. So tappe ich in den grauenden Morgen hinein. Rehre unentschlossen um, bis ich neben dem Leiter- wagen der Flüchtlinge stehe. Ein Bild des Entsetzens starrt mir unter der Plane entgegen: ein Bind, ein mädchen von vielleicht zwoͤlf Jahren, hält mit erstarrten Fingern die Sand eines jungen Mannes, dahinter liegen auf dem Stroh zwei ältere Männer, regungslos, blutig, tot. Da ist noch einmal das furchtbare Antlitz des Rrieges: Männer, Frauen, Kinder, gehetzt, gequält, gemordet. ter Ge · fahren e ich in 9 fahre dreißig leht die chrocken e:„Das s rufen, eder zu⸗ eschickt. zu spät. ie Rad⸗ Wachen hin den Leiter ptsetzens ind, ein rstarrten er liegen „ blutig Krieges N Gelb und důnn hält das Kind die Sand hoch, es klam⸗ mert sich an den Bruder; aber das Leben ließ sich nicht festhalten. Der Tod war stärker und ohne Erbarmen. Ein Saugen ist in der Luft, ein Klirren und Kauschen, der Schrei von diesen Tausend Gemordeten, erbar⸗ mungslos Singeschlachteten. Ich höre den Schrei, taumele einen Augenblick vor dem Grauen, aber dann ziehe ich den Gewehrriemen fester an. Wir haben den Tod in vielerlei Gestalt gesehen. Dieser Tod unschuldiger menschen bleibt das Entsetzlichste von allem. Die Er⸗ schlagenen, Zertretenen, Erschossenen auf den Straßen und Feldern, in den Doͤrfern und Städten, die anklagende Sand im Dorfteich, das unschuldige Rind hier auf dem Wagen. Auch Leid härtet. „Sertigmachen!“ Die Schläfer taumeln hoch. wir stehen ein paar Minu; ten neben dem wagen. Ottos gutmütiges, verschlafenes Gesicht hat sich verzerrt, seine Augen sehen immer nur das Kind mit dem spitzen, gelben Gesicht. Wiesner, der alte weltkrieg soldat, spielt nervos mit dem Abzug seines Gewehrs. Werner sieht starr geradeaus. Ein paar Minu⸗ ten stehen wir so, dann wenden wir uns schroff und gehen über die Straße zu den Fahrzeugen. zwanzig Minuten später marschiert das Bataillon. 69 n Der Steg Marschieren und marschieren. Es gibt kein Zurück 1 bleiben. Der Zorn treibt uns, mehr noch als der Befehl. 0 wir sind müde, zu Tode erschöͤpft. Wir taumeln aus der kurzen Ruhe hoch, blinzeln um uns und warten schon auf den Befehl:„weiter!“ Die Müdigkeit verfliegt mit jedem Schritt nach vorn. Der Morgen graut. Wieder ein Tag aus der Ewigkeit dieses Krieges. 0 n Da kommen uns Flüchtlinge entgegen. Erst zehn, 1 dann hundert, dann tausend, zehntausend. In ununter⸗ brochenem Strom quillt uns das Seer der Flüchtlinge entgegen. Männer, Frauen, Rinder, jeden Alters und jeden Standes. Zu Fuß, zu Kad, mit Schiebkarren, S 1 panjewägelchen, mit Leiterwagen und mit herrschaft 2 lichen, gummibereiften Raleschen. Der Ring von Rutno 5 entläßt zuerst die Flüchtlinge. Verhungert, durchnäßt r müssen sie jetzt den Elendsgang noch einmal zurücklegen, da, hundert Vilometer, tausend vielleicht, und dabei sind We sie schon viele Wochen unterwegs. 07 Verängstigt, verhetzt, verraten, erwarten die polni⸗ f Er schen Flüchtlinge vielleicht ein Strafgericht. Aber unser g Kamerad„Onkel Gtto“ reicht ihnen Brot, eine Büchse eu Fleisch, und in den wagen, auf dem die vielen Rinder 22 zitternd und bleich wie verängstigte Vögel hocken, reicht zurück Befehl. zus der schon egt mit Wieder zehn, unter chtlinge rs und karren, rschaft But no rchnaͤßt cklegen, ei sind e polni er unser Büchse Finder U, reicht — er seine Schokolade:„Da, du Piepser, du kleiner und da, Annemarie.“ Die Binder verstehen kein einziges wort, aber sie sehen Ottos Augen. Und so wie Onkel Otto handeln jetzt viele deutsche Soldaten. Zorn und Erbitterung drängen sie in solchen Stunden zurück. Die deutschen Flüchtlinge stehen neben ihren Fahr⸗ zeugen und weinen still und glücklich vor sich hin. Ihre Zeidenszeit ist von einer Stunde zur anderen zu Ende. Die grauen Rolonnen auf der Straße, das sind ihre 71 mn 125 8 nn et e ne Nr 2 A . Nr Bruder, ihre Retter und Befreier. Sie winken mit der Sand, haben die Mützen abgezogen und sagen mit feier⸗ licher Stimme:„Wir sind von Bromberg.“ Gder:„Aus posen kommen wir!“—„Aus Thorn.“ Sie fragen nicht.„Ist nun alles zu Ende?“ Sie wissen es ja, und sie nicken, und aus ihren Augen schlägt eine Flamme von Dankbarkeit und Freude und Glauben. Aber wenn sie von den Wochen erzählen, die hinter ihnen liegen, oder auch von den Jahren, dann gehen sie noch einmal durch ein dunkles, dorniges Tal, so finster und hoffnungslos, wie nur je Menschen fuͤr ihr Volkstum gehen mußten. Ihre Augen werden kalt und die Gesichter hart und verschlossen:„Sie haben uns mißhandelt, geschändet, gejagt, gemordet.“— „Und alles, weil wir Deutsche sind!“ Der Sauptmann ist unbemerkt zwischen die Gruppe getreten. Er hat jedes Wort verstanden, nun nickt er mit einem hellen, zuversichtlichen Gesicht:„Ihr seid Deutsche geblieben, deshalb wird sich das Leid eines Tages wieder in Freude verwandeln!“ Er hält dem alten weißhaarigen, von Arbeit und Leid gebeugten Bauern mit dem hellen Blick die Sand hin. Sie sehen sich voll an, eine Ewigkeit lang. Ein Volk, lange und schmerzvoll getrennt, endlich vereint, reicht sich die Sand. Im weitermarschieren kommt uns der Ge⸗ it det feier „Aus ragen und zmme hinter gehen al, so ür iht lt und us ruppe ickt er r seid eines t dem eugten sehen lange t sich er Ge⸗ danke: Das war der feierlichste Augenblick in diesem Kriege. Gefangene kommen uns entgegen. Zundert, tausend, hunderttausend. pontons, Geschütze, Panzerwagen, ganze Rolonnen Fahrzeuge, Maschinengewehre, Berge von Gewehren, Munition werden erbeutet. Ein ganzes Kavallerie · regiment begibt sich in Gefangenschaft. Die Schlacht von Nutno ist zu Ende. Der Geschützdonner schweigt. Gefangene, Flüchtlinge, ein endloser Strom ergießt sich über Felder und Straßen. Die Orte am Weg sind verbrannt, die Straßen, die letzten Rückzugsstraßen des Feindes, von deutschen Fliegerbomben zerstoͤrt. Gewaltige Krater gähnen, und rings um sie her breitet sich die Vernichtung. weitermarschieren. Richtung Weichsel, und dann viel⸗ leicht nach Warschau. Eines Tages ruͤcken wir durch eine sumpfige Niederung. Die Bäume rechts und links am wege sind von der deutschen Artillerie im viele Kilo meter weit gelenkten Störungsfeuer zerfetzt worden. Es riecht nach Sarz und Erde. Ausrüstungsgegenstände sind überall verstreut. Gefangene werden in einzelnen Gruppen aus dem walde geführt. In einem polnischen Gutshof hat ein Volltreffer das Dach einer großen 73 ö e Scheune abgehoben. Da ist plotzlich ein Wald mit Kiefern um uns her, mit rotbraunen Stämmen und leuchtendem Grün. Die Straße führt sandig und aus⸗ gefahren über eine Anhöhe und dann in die Niederung. Grüne, saftige Wiesen, umgeben von Weiden und ge⸗ flochtenen Zäunen, kommen auf uns zu. Die Gehöfte sind sauber und gepflegt. Werner, Wiesner und ich marschieren in der Spitze vor dem Bataillon. Da stehen am Wege drei kleine Mädchen, zehnjährig vielleicht, blond, blauäugig, er⸗ wartungsvoll. Wiesner knurrt bedeutungsvoll: „Sieh mal an, Ehrenjungfrauen!“ Werner verzieht ein bißchen verärgert den Mund: „Ausgerechnet hier mitten zwischen den Polacken.“ Nein, wir erwarten nach allem, was hinter uns liegt, nichts Gutes mehr. Da heben die drei kleinen Mädchen ihre Sände und schmettern mit hellen, piep⸗ sigen Stimmen:„Seil Sitler!“ Wiesner läßt vor Schreck seinen Stahlhelm vom Arm abrutschen, polternd fällt der zur Erde. Werner bleibt der Mund offen, und ich stottere nicht sehr geist⸗ voll:„Na, wieso denn? Wie heißt ihr denn?“ „Elisabeth Hermann!“ „Lydia Sermann!“ „Anna Sermann!“ d mit n und d aus rung. nd ge⸗ ehoͤfte Opitze kleine ig er Rund: cken.“ r uns leinen piep vom pernet r geist — Die drei Mädchen lächeln verschämt. Wir stammeln fast gleichzeitig:„Dann seid ihr ja Deutsche!“ „Unser ganzes Dorf ist deutsch“, sagt das größere von den drei Mädchen mit leisem Vorwurf und fügt rasch hinzu:„Die meisten Dörfer hier herum sind doch deutsch!“ wir drei stehen herum, sagen verlegen:„Ach so“ und „hm“ und wundern uns noch immer. Das Bataillon kommt rasch näher. Der Kommandeur sieht verwundert herüber: H Na, was ist denn da los?“ „Deutsche Rinder, Serr Sauptmann“, meldet Wiesner und vergißt sogar, die Sacken zusammenzuschlagen. „ZCauter deutsche Dörfer sollen hier herum sein, hier mitten in der Polackei!“ „wußten Sie das nicht? Die Weich selniederung ist alter deutscher Siedlungsboden!“ Der Hauptmann lächelt. „Aber Schokolade eßt ihr doch wenigstens 7“erkundigt sich Werner und wühlt aus dem Brotbeutel alle Reste seiner Soldaten schokolade heraus. Die kleinen Sände fassen begeistert, aber nicht gierig, zu, sie strahlen sich an, die Gesichter der Mädchen und der Soldaten. Der Sauptmann ruft einen Befehl und reißt sein Pferd herum. Wir drei marschieren mit raschen, langen Schrit⸗ ten weiter. Und plötzlich haben wir das Gefühl, daß wir am Ziel sind. Bauern kommen uns entgegen. Sie 75 e rufen uns ihren Gruß zu, es ist kein lauter Jubel in der Stimme, mehr ein stilles, feierliches Freuen. Die Augen müssen das sagen, was der Mund verschweigt. Soldaten und Bauern nicken wir uns im weitermar⸗ schieren zu. Zarte, schwielige Sände werden gedrückt, immer wieder. „Daß ihr da seid, daß ihr wirklich gekommen seid!“ stammelt ein alter, gebückter Mann mit schlohweißem Saar. Er winkt mit dem Stock, mit der gichtverkrümm⸗ ten, verarbeiteten Sand. Seine Lippen bewegen sich, aber der Mund bleibt stumm. In den langen Jahren des Wartens haben sie vielleicht verlernt, laut zu spre⸗ chen, was das Serz denkt. Die Augen sprechen. Die Freude weht wie eine Flamme die Dorfstraße entlang, aus den fernsten Gehoͤften da hinten zwischen den weiden hinter den Gräben, über die Roppeln hinweg, über die geflochtenen Zäune, von überall her kommen die Menschen. „Wie zu Sause“, nickt werner mir zu, und er muß wohl an die Roppeln seiner Seimat in der Nordmark gedacht haben. Grün und dicht steht das Gras auf den weiden, die Gärten leuchten bunt über die Zäune hin⸗ weg, und die Säuser grüßen sauber schwarzweiß und in hellem Blau. Rinder kommen aus einem Weg heraus, ihr Lachen weht über den Weg. en de 3 7 8 1 n Ein Junge schluckt und stammelt, aber dann bringt er es doch heraus: „Bleibt ihr denn, bleibt ihr denn nun richtig immer bei uns?“ Die anderen Rinder starren gespannt auf die Soldaten: „Bleibt ihr denn wirklich?“ „Natürlich“, sagt wiesner betont laut.„Nun sind wir endlich da, und nun bleiben wir natürlich für immer!“ „Ja, ja“, schreien die Rinder durcheinander, fassen sich an den Sanden, wirbeln herum und jagen den Weg zu; rück, den sie gekommen sind. „Allerhand Freunde hier, was?“ Wiesner verzieht den Mund zu einem breiten, vergnügten Grinsen. „Das ist der schoͤnste Empfang, den wir uns wünschen konnen. Jetzt sind wir am Ziel“, nicke ich und muß ploͤtz⸗ lich ganz tief Atem holen, weil es mir um das Herz herum so weit wird. Dann stehen wir an der weich sel. Otto fahrt mit der zunge über seine Lippen und flüstert leise, als gäbe er ein Geheimnis preis:„So ein Strom, so breit und so schön!“ Breit und silbern kommt der Strom von Warschau herunter, der blaue Simmel spiegelt sich zwischen den wellen. Das Ufer mit Bäumen und Sträuchern, mit 77 n ee 3 2 10 P einem grau verwitterten Bauernhaus breitet sich drůben lockend und grüßend in der Sonne aus. Die wellen blitzen und glitzern. Enten rufen im Schilf. Dazwischen flüstert und murmelt der Strom. Eine Sandbank, weiß und schmal, hebt und senkt ihren Rücken zwischen Blaue und Silber. Ein schwarzer, zerfallener Fischerkahn ragt wie ein Urtier aus der Flut. Pferde grasen am Ufer, die letzten Reste stolzer polnischer Regimenter. Manch mal heben sie sichernd die Köpfe, und dann wiehert das braune Pferd hell und jauchzend. „Wie unsere braune Zisa“, erinnert sich Otto. Und dann steigt vor unseren Augen noch einmal Lisa auf: Finstere Nacht hängt über uns, ein Schuß kracht. Lisa konnte nicht weiter. Es kracht und blitzt. Fauchend und orgelnd jagen Granaten unter dem Sternenhimmel, dumpf rumpelt der Aufschlag. Strohmieten und Doͤrfer brennen. Der ganze Simmel roͤtet sich, eine Stadt steht in Flammen. Es knistert und heult überall. Ein Ma⸗ schinengewehr hämmert kurze, zornige Stöße. Das Panzerabwehrgeschütz neben der Strohmiete bellt hell und durchdringend. Rufe:„Achtung, Feuer von links!“ Dann Volltreffer mit betäubendem, klirrendem Schlag, einmal, zweimal, dreimal.„Sanitäter!“— Die Toten sind still, und die Verwundeten klagen nicht. männer, Frauen und Rinder liegen am Wege, gequält, 78 zer 2 5 3 5 1 geschäͤndet, ermordet:„Mein Mann, mein Bruder, der Vater, alle tot, ermordet.“ Die Stimmen wehen herum, aber nun war auch ihr Tod nicht vergebens. Mit dumpfem Dröhnen feuert die Artillerie. Die wagen knarren. Die Panzerwagen sind durchgebrochen und kämpfen im Kücken des Feindes, die Infanterie marschiert, Tag und Nacht, über Straßen und wege, über Acker, Gräben und wiesen. Die Männer sinken um vor Erschöpfung. Fertigmachen! Die Infanterie marschiert. Tag und Nacht. Tag und Nacht. wie lange sind wir nun schon unterwegs? Die Er⸗ innerung daran weht wie Nebel über den Strom. Eine Ewigkeit dauerte dieser Brieg. Wir beginnen zu rechnen, zählen die Tage. Zwanzig Tage, einundzwanzig, fünf. undzwanzig. Es stimmt. Wir können es nicht fassen. In die ser knappen Zeit sollen wir das alles erlebt haben? Die Nacht ging vorüber. Jetzt liegt helle Sonne auf dem Strom. Alles hat sich von Grund auf verändert. Auf den Heldern hinter dem Deich geht schon wieder der Pflug. mit weit ausholendem Schwung wirft der Bauer die Saat aus. Das Leben geht weiter, es siegt über den Tod. Wir sind am Ziel! Ruhetage an der Weichsel. Abends stehen wir auf dem Platz neben den Fahr⸗ zeugen, und da singt einer das Lied vom Argonnerwald. 79 Drei, vier Stimmen fallen ein, und dann singen wir alle. Soldatenlieder vom Schatz und von der Seimat. Es wird so viel von der Seimat gesungen, und die Gedanken wandern mit den Klängen über das Dorf, hoch hinauf bis zum Sternenhimmel und bis zur Seimat. Der Feld⸗ webel hat vom Lehrer eine Geige erhalten, und eine Klampfe ist plötzlich da. Wie nahe wir in dieser Stunde der Seimat sind, von der wir nichts hoͤren und sehen. Der Rommandeur singt mit, der strenge Adjutant, der kleine blonde Ordonnanzoffizier. Die Sterne glitzern und funkeln. Der Nachtwind rauscht in den Zweigen:„Teure Seimat sei gegrüßt! Sei gegrüßt in weiter Ferne!“— wagen knarren in der Dunkelheit. Schon von weitem ruft der Verpflegungsunteroffizier:„Post, Post ist da aus der Seimat!“ Der Wagen fährt auf den Platz. Säcke werden heruntergereicht. Taschenlampen blitzen auf. wir zittern vor Erregung. Und dann werden die Namen verlesen. Einer nach dem anderen beugt sich über einen Brief. Die Seimat ist da, alle unsere Lieben sind mitten unter uns. Da ist der Brief mit den vertrauten Zeichen. Kerzen flackern, und plötzlich sind die Stimmen ganz leise und feierlich. Wir sind am Ziel! 80 alle. t. Es anken hinauf Feld⸗ d eine tunde sehen. nt, der twind grüßt! weltem ist da „Säcke 0 auf. Namen einen mitten zeichen. n ganz 2 2 75 7 7 A 1141 eie 121 Cosour&. Grey Cortros Chart 4 Blue Cyan Green Yellow Red Magenta White Grey 1 Grey 2 Grey 3 Grey 4 Black 222 5 2 N 55 e 5. e ee 4