UB GIESSEN 22 00855 ARTUR JOSELH Meines Vaters Haus EINDOKUMENT Heike Duill Marianne Groß Breidensteiner Weg 74 6000 Frankfurt/M. 90 Telefon 069/ 7893368 MDCLIX COTTA-VERLAG ı. Auflage Juli 1959 2. Auflage Januar 1960 Auflage November 1962 © 1959]J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH. Stuttgart Satz und Druck- Süddeutsche Verlagsanstalt und Druckerei GmbH., Ludwigsburg Einbandarbeiten» Großbuchbinderei Sigloch, Künzelsau Ausstattung- Günther Weimer Printed in Germany 1962 jgsburg Junge Leute, die heute Geschichte lernen, könnten meinen, daß die Verfolgung 1933 über Menschen hereinbrach, die als Fremde in unserer Mitte lebten, störend und provozierend in ihrem Anderssein. Es könnte jungen Leuten verborgen bleiben, daß Deutsche von Deutschen gejagt wurden. Der Familie Joseph gehörte ein bekanntes Schuhgeschäft in Köln, mit Filialen in anderen Städten. Es gehörte ihr bis zum Jahr 1938. In diesem Jahr mußte das Geschäft verkauft wer- .den. Die Josephs durften froh sein, daß einige von ihnen das Land verlassen konnten, das ihre Heimat war, dem sie in Sprache, Bildung, Lebensvorstellungen und der Ehrbarkeit ihrer Auffassungen von Handel und Wandel angehörten. Dieses Buch erzählt vom Leben eines Deutschen jüdischen Glaubens, das bis zum Jahr 1933 in Krieg und Frieden, Ar- beit und Muße so verlief wie das Leben anderer Deutscher. Junge Leute, die heute Geschichte lernen, könnten meinen, daß die Verfolgung über Menschen hereinbrach, die als Fremde in unserer Mitte lebten, störend und provozierend in ihrem Anderssein. Es könnte jungen Leuten verborgen blei- ben, daß Deutsche von Deutschen gejagt wurden. Diese Aufzeichnungen enthalten Persönliches, das im all- gemeinen über den privaten Umkreis hinaus nicht interes- siert. Kindheit, Jugend und Mannesjahre folgen in diesem Bericht einander wie in anderen Lebensläufen auch. Der Er- zähler und seine Geschichte wollen und können also nicht Anlaß sein zu allgemeinen Betrachtungen über den Gang des Lebens und der Welt. Die Wege und Stationen der persön- lichen Entwicklung, an die sich der Verfasser erinnert, haben nichts, was über die unmittelbare Umgebung hinaus verbind- lich ist. Der Autor hat nichts zu enthüllen, sein Text lockt nicht mit dem verführerischen Zauber der Memoiren, die eine neue Dimension der Vergangenheit öffnen. Dieses Leben hat sich in der Stille abgespielt. In der Stille der Arbeit und der Muße, der Interessen und Neigungen, und selbst in der Verfolgung ist es in der Stille geblieben. Das gerade hat den Verlag veranlaßt, ein Buch herauszu- bringen, das sich in keine herkömmliche Rubrik einfügt. Es gibt viele Dokumente aus der Zeit der Verfolgung, die wir nie vergessen werden. Gestalten sind zu Bildern geworden, unter grauenvoller Drohung notierte Schreie, Beschwörungen und Berichte wirken in der Welt der Geretteten, der Schuldigen, der durch Nichtwissen Schuldigen und der Nachfahren mit der Kraft des Symbols. Es sollte wohl aber auch die Wirkung der Gedanken nicht fehlen, der Überlegungen und Betrach- tungen, zu denen uns das stille, das private Schicksal anhält. Es mag sogar sein, daß die Betrachtung eines solchen Lebens klares Denken, eigene Einsichten und persönliche Entschei- dungen eher fördert als der Blick auf jene großen Bilder, für die wir nicht alle und nicht immer groß genug sind. Der Verlag, nicht der Verfasser, hat dieses Buch ein Doku- ment genannt. Er möchte dabei im Sinne der vorangestellten Zeilen verstanden werden. Für Verlag und Verfasser liegt das Gewicht dieser Darstellung auf der Zeit vor 1933. Was von diesem Jahr an berichtet wird, soll nur abrunden. Gerade für den Betroffenen, der hier erzählt, gibt es für die Zeit der Verfolgung keine Worte. Unfaßliches widerfuhr ihm, und nur die Geschwätzigen, die Beauftragten oder die Begnadeten kön- nen noch von ihrem eigenen Untergang Kunde geben. Artur Joseph ist Deutscher im Fühlen und Denken. Davon hat ihn auch die Verfolgung nicht befreien können. Was man ihm vorwarf, hatte für ihn die Verrücktheit eines Edikts, das die Linkshändigkeit unter Ausnahmegesetz stellt und ächtet. In seiner Familie, die sich in der Welt des Handels ihren Platz erarbeitete, war Deutsches und Jüdisches schon längst zu jener glücklichen Vereinigung gekommen, der wir in Kunst und Wissenschaft zahllose Namen danken. Es gab deutsche Juden. Sie waren kein«Fremdkörper in Deutschland, sie waren seit langem schon jüdische Deutsche. Deutsche mit eigener Art und eigenem Glauben, die ihnen zustanden wie jedem Deut- ächtet 2 Platz u jenel ‚st und Juden. ren seit ner Art A Deut ah ii r_. TE au: schen. In diesen Menschen hat Deutschland sich selbst ge- troffen. Jene, die das Vaterland und die Nation so unerträglich im Munde führten, griffen roh und ahnungslos in die geheim- nisvollen Entwicklungen hinein, die im Inneren eines Volkes binden und vereinigen- und damit bereichern, fördern und erhöhen. Wenn dieses Buch daran erinnert, dann soll damit nicht die Verfolgung der Juden anderer Völker als geringerer Schrecken zurückgesetzt werden. Auch soll das Wort vom jüdischen Deutschen nicht an jene Gespräche unter Juden rühren oder sich auch nur von fern in sie einmengen wollen, die seit Jahrhunderten um den Platz der Juden in dieser Welt geführt werden, den sie heute in Israel gefunden haben. Das darf uns jedoch nicht die Einsicht ersparen, daß Juden in Deutschland zu Hause waren, daß sie in Deutschland ar- beiteten und Deutschland verteidigten. Daß sie dieses Land liebten. Dieses Buch erscheint im 300. Jahr des Cotta-Verlags. Der Verlag der deutschen Klassiker möchte, daß man darin eine Absicht sieht. Today well lived makes every yesterday a dream of happiness and every tomorrow a vision of hope. Omar Kayyam, Rubaiyat Meine Kindheitserinnerungen sind eingebettet in das Er- lebnis des Geschäfts.«Das Geschäft sagten wir zu Hause und «Das Geschäft» hat mein Leben bestimmt von früh an. Atmo- sphäre und Idee zugleich war es, und in Gedanken lebten wir immer im Geschäft, selbst an arbeitsfreien Tagen, in schlaf- losen Nächten, auf Reisen im Ausland.«Das Geschäft er- nährte und erzog uns. Es lenkte uns mehr als wir es be- herrschten. Nie entließ es uns aus seinem Bann: den Vater und die Mutter nicht und nicht uns Kinder. Wir stiegen mit ihm auf und mit ihm zerfielen wir. Ich habe mich manchesmal zu erforschen gesucht, ob da Habgier war oder Machtstreben. Oder war es der Sog des Geldstroms? Aber all das war es nicht. Das Geschäft in seiner zauberhaften Sachlichkeit war der Gradmesser des Könnens des Fleißes, der Vernunft: es glich einem Richter, der empor- heben und verwerfen konnte, zu jeder Stunde. Das Geld war nicht das Eigentliche. Es war vorhanden und was hinzukam, wurde sogleich wieder angelegt und eingebracht— nach den Grundsätzen des Geschäfts in Waren und auf Bankkonten und in Grundbesitz. Und wer von uns gegen diese Regel ver- stieß, degradierte sich selbst. Ich war ein Stück vom Geschäft und das Geschäft war ein Stiick von mir. Ich habe ihm meine Jugend gegeben, die guten Jahre, und es hat mich geformt und verzehrt. Noch heute lebe ich mit ihm, obwohl es so lange schon tot ist, und oft steigt es herauf, verweilt bei mir wie ein geliebter, verklärter Mensch. Für meine Kindheit war das Geschäft ein Reich, das der Vater errichtet hatte und in welchem er regierte— das Schuh- haus Joseph in einem weitausladenden, blockartigen Gebäude an der breitesten Stelle der Schildergasse, die zu den Haupt- straßen Kölns gehört. Für uns Kinder war es jedesmal ein Erlebnis, mit der Mutter einen Besuch dort zu machen. Von weitem schon sahen wir freudig erregt die vielfenstrige Fas- sade, die in ihrer großzügigen Architektur sich von den klei- neren Häusern der Umgebung abhob. Mit Stolz las ich immer wieder das prächtige Schild mit unserem Namen, ließ den Blick über die Front schweifen und war begeistert, wenn vor den sieben Schaufenstern die Leute sich drängten. Drinnen wurde man fasziniert von den endlosen Reihen blinkend weißer Schachteln, die in vom Boden bis zur Decke die ganzen Wände entlang laufenden Regalen eingeordnet waren. Schaukästen, auch tagsüber beleuchtet, unterbrachen hie und da die Front der Schachteln und zeigten in strahlen- dem Licht die begehrten Hüllen zum Schutz der Füße. Es ist eine eigene Sache mit ihnen. Man sagt wohl«ein schönes Füßchen» und denkt doch eher an die vom Menschen erdachte, raffinierte Hülle als an das Naturgebilde selbst, das in entblößtem Zustand so viel vom ganzen Menschen verrät, auch dann, wenn weibliche Eitelkeit die an die Urzeit unsres Geschlechts gemahnenden Zehennägel mit rotem Lack ver- deckt hat. Dem Gang und mithin im wörtlichsten Sinn dem Ergehen des Menschen galt eigentlich also unser Bemühen. Wie elegant schwingt ursprünglich der leicht federnde Bogen des Fußes sich- und wie vielmals malträtiert und deformiert zeigt der so wichtige Teil unsres Körpers sich dem Verkäufer der Hülle, der hernach für Schmerzen und Schwierigkeiten verantwortlich gemacht wird. Womit zur Genüge dargetan ist, daß die Schuhmacherei eine Kunst ist, die, wie jede andre, Sinn für Schönheit und Begabung zum Handwerk erfordert. Ein Kleidungsstück läßt sich rasch ändern, wenn der Käufer, durch den Anblick verlockt, die genauen Maße verkannte und auf dem Erwerb bestand. Ein Schuh hingegen muß passen. Vom Kindergarten bis zum Totenbett bleibt der Fuß in ihn Io gebannt, nur während der Nachtruhe für wenige Stunden be- freit. Kein Wunder also, daß der Mensch oft unschlüssig im Laden sitzt, daß er mit den Verkäuferinnen hin und her berät, welches Schuhwerk besser zu lassen, welches besser zu neh- men sei, daß er fortwährend Schuhe an- und auszieht, darin auf- und abwandelt, sorgenvoll und hoffnungsvoll, und daß gelegentlich eine Frau resigniert ein schönes Modell in der Hand hält:«Ja- wenn ich nicht solche Füße hätte...» Es ist eine eigene Sache mit Schuhen: Ihr Material ist so nobel wie das des Pelzes, und ihre Form ist so problemreich wie die Mode insgesamt, an der sie wesentlich teilhaben. Was gab es nicht alles zu sehen in Vaters Reich! Wer vermöchte all die Modelle zu beschreiben, die es aufwies und täglich um neue vermehrte! Die Herrenform hat sich im Lauf von Jahr- zehnten nur wenig verändert, die Damenform ist fast von Monat zu Monat dem Wechsel unterworfen. Bald muß das Leder tiefschwarz, bald goldgelb oder zartrosa gefärbt sein, bald muß es das geschmeidige der burmesischen Ziegen, bald das kräftigere der amerikanischen Kälber sein, bald sind es die Krokodile von den Ufern des Nil, bald die Schweine aller Länder, die ihre Haut zu Markte tragen. Spitze Kappen, breite Kappen, hohe Absätze, flache, halbhohe, halbflache. All das bot sich in den Fenstern und Kästen, und oft stand ich davor und träumte beim Anblick der mit Gold- und Silber- fäden durchzogenen, mit Brillanten besetzten Brokatschuhe auf zierlichem Stelz von den feinen Füßen blonder Prinzes- sinnen, die bezaubernd gekleidet durch die Säle ihrer Paläste schwebten. Noch heute sehe ich ganz deutlich ein eigentüm- liches Paar vor mir. Der linke Schuh war anders verziert als der rechte. Beide waren aus roter und schwarzer Seide, der linke ganz glatt und sein Oberblatt mit einer Krone aus Goldleder, der rechte jedoch gefältelt und mit Szepter und Schwert, so daß Zusammengehörigkeit und Unterschied gleich auffällig waren. Das ungleiche Paar erregte den Beifall der Frauen, die Verwunderung der Männer und bewirkte über- dies eine Glosse im Stadtblatt; der Vater sagte, als er mir die Schuhe zeigte, sie seien«freilich eben für aparte Gemüter. Anl Auch wo sie nicht so eigentümlich waren— wie anders nahmen die Schuhe sich in den Schaukästen aus als an den Füßen auf der Straße. Wie wertvoll und begehrenswert er- schienen sie, Kunstwerken gleich, die zu bewundern ein Ver- gnügen war. Und drinnen konnte man sie gar in die Hand nehmen, aus der Nähe betrachten, am eigenen Fuß probie- ren. Für die Damen, denen der ganze erste Stock gewidmet war, gab es einen mit einer Samtportiere von der Umwelt abgeschlossenen, ringsum mit Spiegeln verkleideten Raum, dessen indirekte Beleuchtung den Effekt eines Festsaales vor- täuschte: hier konnte die Wirkung der Tanzschuhe beurteilt werden, und gern suchten die Damen das«Lichtzimmen auf, die kostbaren Toiletten in der Hand, um den dazu passenden Schuh zu wählen. Nüchtern und sachlich die Herren-Abteilung im Parterre. Da roch es stets nach Boxkalfs, Chromledern und Gummi- sohlen. Ein eigenartiger Geruch. Etwas von Tabaksqualm wohnt ihm inne, ein kräftiger Duft, der jedoch die Damen nicht abhielt, ihre Männer zu begleiten, vielleicht sogar sie eher anzog. Häufig führten die Gattinnen das Hauptwort und ließen zur Genüge merken, daß in jedem Falle der eigentliche Käufer niemand anders als die Frau sei. Neben der Herren-Abteilung befand sich das den Kindern reservierte Gebiet, mit«Schuhen, die so rührend sein können». Schaukelpferde, Elefanten, Giraffen, kunstvoll geschnitzt und bunt bemalt, halfen den kleinen Kunden über das für sie ver- drießliche Geschäft des Anprobierens hinweg. Über dieses Reich also gebot der Vater. Dunkel gekleidete Verkäufer und Verkäuferinnen liefen emsig hin und her, klet- terten die Rolleitern vor den Regalen bis hoch zur Decke, um Kartons herabzuholen, oder saßen auf kleinen Bänkchen zu Füßen der Kundschaft, die von der Höhe ihrer Sessel gnädig Befehle erteilte. Die Räume, in denen all das bestand und geschah, waren mit Perserteppichen und Edelholz-Furnier ausgestattet, und wie in einem Salon fiel kaum ein lautes Wort. Wurden wir ein- oder zweimal des Jahres neu beschuht, so waren wir schon tagelang vorher ermahnt worden, uns ja ders . den ft er- Ver- land obie- dmet welt aum, ; vOI- rteilt auf, nden teITe. mmi- ualm amen ir sie tund tliche ndern nem. t und e ver- eidete klet- e, um en ZU nädig j und urnief Jautes huht, uns ja ruhig zu verhalten. Und so saßen wir dann artig auf unsren Stühlchen und wagten kaum, uns zu rühren. Ringsumher schielten die kleinen und großen Kunden neugierig zu uns herüber, während die Mutter wählte. Uns selbst war streng untersagt, eigene Wünsche zu äußern. Schließlich erschien der Vater. Ein anderer Vater als der, den wir zuHause kannten. Hier im Geschäft beachtete er uns kaum, er prüfte nur sorg- sam, ob die neuen Schuhe wirklich paßten, sprach leise mit der Verkäuferin und verschwand wieder. Im dritten Stock hatte die Großmutter ihre Wohnung, und neben dem Haus stand die Kirche, deren Mauern mit ihm zusammenstießen. Eine kleine Kirche, in gotischem Stil, nicht besonders schön, indes freundlich und ehrwürdig, und ich liebte dieses Gotteshaus wohl auch, weil es eine Orgel hatte, deren Klang mir vertraut war: sie stand an der Stelle, an der auf unsrer Seite die Küche der Großmutter lag. Als Kind habe ich oft dort gesessen und den Liedern und Fugen gelauscht, die von drüben über das Herdfeuer kamen. Später, als ich einen Stock tiefer im Büro saß, wehten die Orgeltöne mir über den Schreibtisch. Dann unterbrach ich gern die Arbeit und ließ mich von ihnen zurücktragen in die Tage der Kindheit, die ich bei der Großmutter verbracht hatte. Die Wohnung der alten Frau lag über dem Geschäft des Vaters. Ein hohes Treppenhaus führte außerhalb der Geschäfts- räume zu ihr empor und ließ schon ahnen, wie abgeschieden die Großmutter lebte. Stieg ich hinauf, so war mir, als begebe ich mich in ein geheimes Reich. Ruhe war dort zu finden und Verständnis für die Aufregungen des kindlichen Lebens.«Setz dich erst einmal und trink ein Glas Wasser, sagte sie, wenn ich verstört zu ihr kam. Dann setzte sie sich in ihren Sessel und ließ sich erzählen. Geduldig konnte sie zuhören und am Ende lächelnd einen Rat geben, Sorgen verscheuchen, ihre Vermitt- lung bei den Eltern versprechen. Sagte sie«Da kann ich mich nicht einmischen», so kam das einer Ablehnung gleich; sagte sie aber«Ich werde mit deinem Vater reden», so durfte ich meine Bitte als gewährt betrachten. Ihre Wohnung war für den Vater unantastbar. Einen Archi- 13 tekten, der sie mit einem großzügigen Plan in das Geschäft einbeziehen wollte, wehrte er schroff ab:«Das nicht! Ich werde mich nie entschließen können, diesen Hort des Frie- dens aus meinem Hause zu entfernen.» So wohnte die Groß- mutter bis ans Ende ihres Lebens im Geschäft und blieb der Mittelpunkt der Familie. Alle Welt nannte sie«Bettychem». Klein und zierlich von Gestalt, bestätigte sie noch mit achtzig Jahren die graziösen Porträts ihrer Jugend. Immer bewegte sie sich schnell— sie lief mehr als sie ging, auch als ihr Rücken schon müde und gekrümmt war. Sie hatte ein schmales Gesicht, das nach ortho- dox-jüdischer Sitte der künstliche Scheitel rahmte, eine Pe- rücke, deretwegen ihr, zu ihrem Leidwesen, am Hochzeitstag das eigene Haar abgeschnitten worden war. Sie konnte herz- lich lachen, aber ebenso energisch dreinblicken. Dann kniff sie ihren Mund zusammen, und ihre tiefe, sonst gütig-ruhige Stimme war knapp und entschlossen: sie wußte, wie man mit Kindern umgeht; sie hatte selbst ihrer sieben zur Welt gebracht und großgezogen. Zuweilen auch leuchtete es spöt- tisch aus ihren Augen. Mir stand sie besonders nah; ich ver- ehrte sie, denn schon zu einer Zeit, als die anderen mich noch als Kind behandelten, hatte sie mich als Gleichberechtigten am Gespräch teilnehmen und frei meine Meinung äußern lassen. Die Großmutter las viel, bis an ihr Lebensende studierte sie jeden Morgen«das Blatt» sehr genau, war über alle Ereig- nisse und Vorkommnisse eingehend orientiert; sie verfügte über ein glänzendes Gedächtnis. Im Jahr 1832 geboren, war sie noch Zeitgenossin der großen Dichter und hatte die Kriege des Jahrhunderts erlebt. Von ihr stammten die zahlreichen Anekdoten, mit denen ich zum Staunen der Lehrer in meinen Aufsätzen aufwarten konnte. Von ihr auch empfing ich die ersten Kenntnisse von religiösen Werten und von der Stel- lung der Juden im deutschen Volke. Zumeist empfing sie mich in ihrem Wohnzimmer, im Sessel am Fenster sitzend. Gegenüber stand der Sekretär, ein alter Schreibschrank aus braunem Nußbaumholz, der mit seinen 14 it! Ich s Frie- Groß- eb der Schubladen und Geheimfächern für mich stets etwas Myste- riöses an sich hatte. Sie selbst hatte nichts Geheimnisvolles, ihre Lebensauffassung war sachlich, sie hatte nicht selten strenge Verweise für mich zur Folge. Kam ich als Pennäler zu ihr, die Schulmappe unterm Arm, so ließ sie sich nicht abhal- ten, einen Blick in meine Hefte zu werfen, meine Handschrift gründlich zu kritisieren. Sie nannte sie charakteristisch, aber unleserlich und bedauerte den Lehrer, der«das Zeug lesen müsse. Und mißbilligend schüttelte sie den Kopf, wenn sie Eselsohren in den Büchern glättete.«Du bist unordentlich und wirst es bleiben», sagte sie und hat wohl recht behalten. Kam der Freitagnachmittag, so zog sie ihr bestes Kleid an. Beim Eintritt der Dämmerung dann erhob sie sich feierlich, nahm die grüne Decke vom Tisch, legte schneeweißen Da- mast auf, strich ihn mit ihren Händen glatt. Dann stellte sie zwei Leuchter auf und entzündete die Kerzen, faltete ihre Hände, begann leise zu beten. Es war still geworden im Zim- mer, kaum hörte man den Straßenlärm, der durch die geschlos- senen Fenster nur gedämpft hereindrang. Lautlos bewegten sich die Lippen der Großmutter, die tief ins Gebet versunken vor dem Tisch stand. Nach einer Weile hob sie Kopf und Arme gegen die Decke, ließ darauf langsam die Hände zu den brennenden Kerzen sinken, beschrieb zum Abschluß der Gebärde mit geöffneten Fingern einen Bogen über dem Licht. Dann wandte sie sich zu mir und sagte leise mahnend:«Der Schabbat ist zu uns gekommen. Nimm auch du ihn auf und genieße seinen Friedem, und legte segnend ihre Hände auf meinen Kopf, während ich eine unvergeßliche Feiertagsstim- mung in mir fühlte. Von den Fenstern ihrer Wohnung hatte man einen schönen Rundblick auf die Stadt mit dem Dom. Vor allem aber auch war ich in der unmittelbaren Nähe des Geschäfts, das mich immer wieder anzog. Wir Kinder durften dort nie unan- gemeldet erscheinen. Aber eines Sonntagsmorgens— ich war etwa zehn Jahre alt-, forderte der Vater mich auf, ihn zum Geschäft zu begleiten. Genau erinnere ich mich noch an die- sen ersten Gang mit dem Vater, dem viele folgten. Damals 15 waren die Läden sonntags bis drei Uhr geöffnet, aber er ließ schon um ein Uhr schließen, damit den Angestellten wenigstens ein freier Nachmittag zur Verfügung stand. Der «geschlossene Sonntag» ist in Deutschland ja erst nach dem ersten Weltkrieg eingeführt worden, und von der Fünftage- woche hat man damals nicht einmal geträumt. Freilich war das Leben insgesamt ruhiger, die Zeit riß nicht an den Nerven wie heute, und die Tage gingen noch ohne allzuviel Lärm dahin. Auch die Entfernungen innerhalb der Städte waren keineswegs so beträchtlich. Wir wohnten ganz am Rande der Neustadt, konnten aber das Zentrum, in dem das Geschäft lag, zu Fuß bequem in einer halben Stunde erreichen. Man kann sich heute kaum noch vorstellen, daß die städtische Straßenbahn von Pferden gezogen wurde, und daß Dreh- orgelmänner, vom Fahrdamm her, mit Walzern und weh- mütigen Liedern manchem die einzige musikalische Unter- haltung des Tages lieferten, die durch ein paar aus dem Fenster geworfene Pfennige belohnt wurde. Spazierte ich des Sonntagmorgens mit dem Vater durch die Straßen, so be- gegneten uns nur wenige Passanten; es gab kaum Autos, Pferdewagen waren um diese Zeit selten unterwegs. Wir be- vorzugten Nebenstraßen und gingen in der Mitte der Fahr- bahn, während der Vater vom Geschäft erzählte. Auf diesen Sonntagsspaziergängen hat er mich, zunächst etwas spielerisch und später mit aller Eindringlichkeit in das Wesen seiner Unternehmungen eingeführt, im Laufe derJahre mich mit den Grundzügen der Buchführung ebenso vertraut gemacht wie mit seiner Auffassung von Treu und Glauben, mit der Technik des Einkaufs, mit der Psychologie von Mit- arbeitern und Kunden, mit den Problemen der Werbung. Auch die Organisation des Stammhauses und die Koordina- tion der Filialen in Bonn, Koblenz und Frankfurt lernte ich dabei kennen. Mit vierzehn Jahren war ich theoretisch bereits gut beschlagen. Gewiß, ich hätte das Unternehmen nicht führen können, weil mir Erfahrung und Überblick fehlten, aber ich hatte einen mündlichen Lehrgang hinter mir, der mir stets wertvoll gewesen ist. Der Vater muß sich 16 er er llten . Der . dem ftage- 1 war erven Lärm waren le der schäft Man tische Dreh- weh- Jnter- dem ch des 0 be- \utos, ir be- Fahr- nächst in das rJahre traut uben, , Mit- hinter ß sich seinen Stoff vorher zurechtgelegt haben, denn er behandelte jeweils ein abgeschlossenes Thema und endete genau vor dem Portal des Geschäftshauses. Natürlich durfte ich meine Fragen stellen, obgleich er es nicht allzusehr schätzte, wenn ich ihn unterbrach. Auch von der Geschichte des Geschäfts, das der Großvater im Jahr 1872 in Köln gegründet hatte, erzählte er mir und von seiner Heimat Michelstadt im Odenwald- wie er als Knabe dort auf Pferden durch den Wald geritten, verbotener- weise zur Winterszeit auf dem nahen Flusse Schlittschuh gelaufen und im Eis eingebrochen war. Lächelnd gestand er, als Bub im Nachbargarten Äpfel gestohlen zu haben und ent- nahm im Büro dem Schreibtisch das Bild eines kleinen Jungen, dessen rechte Hosentasche stark aufgebauscht war.«Das bin ich», sagte er,«und in der Tasche ist ein Apfel, den ich noch stiebitzt hatte, bevor wir zum Fotografen gingen.» Als er gelegentlich von seinem Grundbesitz gesprochen und mir auseinandergesetzt hatte, warum es für den Einzel- händler rentabler sei, sein Geschäft im eigenen Hause zu betreiben, fragte ich voll Erstaunen:«Bist du reich, Vater» Und ich erinnere mich genau seiner ernsten Miene und seiner Antwort:«Reich ist etwas ganz anderes. Aber ich habe viel Erfolg in meinem Leben gehabt, weil ich immer sehr fleißig war, und weil ich, obgleich ich mein Ziel hoch steckte, nie- mals große Rosinen im Kopf trug. Ich habe keine Existenz- sorgen und bin ein freier Mann.» Dies hat er oft wiederholt und ebenso oft hinzugefügt:«Reich kann man nur im Innern sein, im Glauben an Gott, an Bildung, die man zu erwerben, und an Geduld, die man zu üben hat. Auf die äußeren Werte gebe ich nicht viel, Glück ist vergänglich, und das Geschäft verfiele, sollte ich nur für kurze Zeit nicht auf alles achten.» Im allgemeinen war der Vater ein strenger Mann, den ich im Geschäft nur selten habe lachen sehen. Auch mich hat er zum Ernstsein erzogen und keine Nachsicht walten lassen, aber auch seine Güte gezeigt. Als ich in der Schule einmal, wegen einer langen Krankheit, nicht mitkam und darüber unglücklich war, verbrachte er manchen Abend an meinem 17 Bett und tröstete mich. Ich sehe mich noch mit jenem Zeugnis, das mir so gar nicht gefiel, sein Zimmer betreten- er saß in seinem Sessel und las die Zeitung, schüchtern wartete ich an der Tür. Da blickte er sehr freundlich zu mir herüber und nahm das Zeugnis an sich.«Du bist, wie ich weiß, sehr fleißig gewesen», vernahm ich nach einer Weile,«trotzdem sind die Zensuren alles andere als gut. Es geht aber nicht alles glatt im Leben, manchmal spielt das Schicksal einen Streich und vernichtet alle Anstrengungen. Dir ist diesmal deine Krank- heit zum Verhängnis geworden. Ich bin zufrieden mit dem Zeugnis, es hätte schlimmer kommen können., Dann zog er seine Börse, entnahm ihr ein Goldstück und gab es mir mit den Worten:«Kaufe dir etwas Schönes, du hast es verdient, und wandte sich wieder seiner Zeitung zu. Von Dank wollte er nichts wissen. Eine andere lustige Erinnerung an seine verständnisvolle Art: Ich war gerade fünfzehn Jahre alt, als ich im Stadtwald zum erstenmal ein Mädchen küßte. Freudestrahlend hatte ich tags darauf das Erlebnis der Mutter berichtet. Aber sie sah mich streng an und erwiderte in ihrem Frankfurter Dialekt, den sie nie hat verleugnen können:«Ungezogner Bub! Das werd’ ich dem Vater erzähle’, wart nur, wenn er heimkommt!» Nun hatte der Vater die Gewohnheit, am Eingang zweimal kurz zu klingeln, damit die Suppe auf dem Tisch dampfte, sobald er das Zimmer betrat. Ich weiß noch, wie diesmal mein Herz zu klopfen begann, als das gewohnte Signal ertönte. Die Mutter stand mit ernster Miene in Positur:«Weißt dw, sagte sie, auf mich deutend, als erstes,«was er gemacht hat? Er hat gestern im Stadtwald ein Mädchen geküßt und ist auch noch stolz drauf.» Der Vater blickte einen Augenblick lang vor sich hin, um sich dann zu mir zu wenden und zu fragen:«Ist sie schön!»«Ja», sagte ich ehrlich.«Sie ist sogar sehr schön!» Da erwiderte der Vater:«(Dann hast du völlig recht gehabt, mein Sohn», und floh vor den erstaunten Blicken der Mutter ins Bad. Als ich vor der Berufswahl stand, erklärte mir der Vater, es sei sein sehnlichster Wunsch, daß ich einmal sein Nachfolger 18 ugnis, saß in ich an I und fleißig nd die s glatt h und Krank- it dem zog er ir mit dien, wollte isvolle dtwald ıtte ich sie sah )ialekt, b! Das mmt!) weimal mpfte, ‚| mein rtönte. ßt dw, ht hat! st auch ng voI >n; Ist ‚chön!) sehabt, Mutter ater, 65 hfolger werde.«Für den Fall, daß du dich entscheidest, Kaufmann zu werden, will ich alles daransetzen, dir eine gründliche Aus- bildung zu verschaffen. Ich fühle mich aber verpflichtet, fol- gendes zu betonen: Wie du weißt, führe ich vier Schuh- geschäfte. Sie gehören ihrem Aufbau und ihrem Umsatz nach zu den bedeutendsten in Deutschland. Ich verkaufe nur sorg- sam ausgewählte Modeschuhe erster Qualität aus Europa und Amerika. Mein Unternehmen leite ich nach soliden Grund- sätzen— mit eigenem Kapital, ohne Bankkredite. Aber in den Augen unserer Mitbürger ist das keine noble Beschäftigung. Betrachte ich mich doch nicht nur als Kaufmann, der es nicht verabscheut, Geld zu verdienen und nutzbringend anzulegen, sondern ich beschäftige mich obendrein mit den Füßen an- derer Leute und das auch noch als Einzelhändler. Unseren Mitbürgern scheint das nichts Feines, und wenn du einen vor- nehmen Beruf ausüben willst, mußt du Akademiker werden. Als Arzt oder Rechtsanwalt bist du ohne weiteres salonfähig. Für einen Schuhhändler ist das so eine Sache. Wenn du aber Freude daran hast, einer großen Organisation vorzustehen, die dir interessante Aufgaben stellen und dich obendrein in die Lage versetzen wird, deinen Neigungen nachzugehen, dann ist im Geschäft der rechte Platz für dich.» Ich habe diesen Platz gewählt und es nie bereut, aber auch nie die väterlichen Worte vergessen, um so weniger, als später einmal ein von mir sehr bewunderter Warenhausbesitzer mir erzählte, wie schwer es ihm nach der Errichtung seines ersten Kaufhauses geworden sei, Eingang in die«bessere» Gesell- schaft zu finden. Sein Unternehmen, das nur reguläre Waren in kaufmännisch einwandfreier Weise anbot, unterschied sich von den übrigen durch nichts anderes als dadurch, daß es auf Grund vorteilhafter Kalkulation und großzügigen Einkaufs billiger sein konnte als jene Geschäfte, die solche Initiativen nicht aufbrachten. Trotzdem wurde er«der Preise wegen» als «Ramscher, betrachtet. Als Grossist, meinte er, hätte er so- gleich zu den«Herren» gehört. Aber wer wollte mit einem Einzelhändler verkehren, der sich mit«Fünfundneunzig-Pfen- nig-Tagen» an die breite Masse wandte! 19 Besonders gedachte ich der väterlichen Mahnung, wenn ich mit Akademikern- älteren und jüngeren Semesters- über den Beruf des Einzelhändlers diskutierte, den viele nicht als gleichberechtigt anerkennen wollten. Ein Arzt erklärte mir einmal, er wünsche sich als Schwiegersohn jemand anderes als einen Kluftenhändler, der jeder Klosettfrau nachlaufen müsse, um ihr einen Firlefanz anzuhängen. Ich hielt ihm entgegen, daß dieses Gewerbe von ehrenwerten Damen aus- geübt werde, die an einigen Orten sogar in städtischen Dien- sten stehen, daß aber auch der Akademiker nicht selten in die Lage komme, den Mitgliedern dieser Zunft liebenswürdig entgegenzutreten, zum Beispiel, wenn sie als Patientinnen den Arzt aufsuchen. Dann behandle er die Waschraumbesor- gerin doch hoffentlich ebenso honorig wie den berühmten Universitätsprofessor. Darauf ging ich zu einem kurzen Vortrag über die Leitung eines Detailgeschäfts über; sie sei gleichfalls mit geistiger Arbeit verbunden. Er irre, wenn er glaube, den modernen Einzelhändler mit dem einstigen Kleinkrämer vergleichen zu dürfen. Die Methoden der Marktanalyse und-prognose, ohne die heutzutag ein Geschäft bestimmten Umfangs nicht mehr auskomme, seien eine Wissenschaft, die gründlich erworben und durch fortwährende Studien von Büchern und Zeitschrif- ten gepflegt und erweitert werden müsse; nur so sei es mög- lich, das sehr komplizierte Einkaufswesen systematisch und rationell zu bewältigen. Und dabei sei etwas Fingerspitzen- gefühl ebenso unentbehrlich wie bei der ärztlichen Diagno- stik, die in gewissen Fällen auch nicht ein Quantum speku- lativen Vorstellungsvermögens entbehren könne. Der Arzt war wenig informiert, ich glaube aber, daß meine Worte ihm Eindruck gemacht haben. Es hat mich sehr be- lustigt, daß sich wenig später eine seiner Töchter mit einem Kaufmann verloben wollte. Der war zum Glück nicht auf den Mund gefallen. Als der Arzt den jungen Bewerber mit den Worten:«Sie wollen also mein Schwiegersohn werden!» emp- fing, soll er geantwortet haben:«Wenn ich Ihre Tochter hei- raten sollte, wird sich das leider nicht vermeiden lassen.» Als 20 wenn sters- e nicht te mir nderes laufen It ihm n aus- ‚ Dien- in die würdig tinnen ıbesor- hmten ‚eitung zistiger dernen hen zu ‚ohne t mehr yorben tschrif- s mÖß- ch und pitzen- )iagn0- speku- meine hr be einem uf den it den I) emp“ er hei- n. Als ich nach meinem Plädoyer heimwärts ging, überlegte ich, was mir eigentlich den Mut zu meiner kleinen Ansprache gegeben hatte. Ich fand, daß ich meine Sicherheit dem Ge- schäft verdankte. Diese Neigung und Verbundenheit waren es im Grund, die mir eine mit dem Abitur abschließende Gymnasialbildung nicht allzu wesentlich erscheinen und mich mit dem«Ein- jährigen» begnügen ließen, und ohnehin bin ich nicht allzu gern zur Schule gegangen. Ich lernte weder schwer noch un- gern- im Gegenteil: der Stoff an sich interessierte mich, wenn auch die deutsche und die fremden Sprachen, die Ge- schichte der Literatur und dazu Chemie mich mehr fessel- ten als Mathematik. Es war allein die übliche Atmosphäre eines vom Zwang bestimmten Schulgeistes, die mich abstieß. Der Schüler stand zum Lehrer in einer Art von Untertanen- verhältnis. Daß dennoch der Vater für sein Teil den dama- ligen Zustand für menschlich hielt, wunderte mich nicht weiter, denn er erinnerte sich noch einer Zeit, in der in seiner Heimat im Odenwald die Lehrer eine grüne Uniform und einen kurzen Säbel trugen. Und ganz so militärisch ging es bei uns nicht mehr zu, aber Schüler-Ausschüsse und Selbst- verwaltung wiederum gab es auch nicht, da man es wohl für unbekömmlich hielt, wenn«junge Menschen zu früh selb- ständig, wurden. Die Lehrer saßen sehr würdevoll vor der schwarzen Tafel an erhöhtem Pult; und von dort, vom Katheder her, kam die Weisheit, nicht selten in einer Form, die wie ein Befehl klang. Eine unüberbrückbare Kluft zwischen Lehrer und Klasse ließ keinerlei Gemeinschaft zu. Und machte der Magister, sonst todernst, einen Scherz, so war das für uns Jungen ein Ereig- nis, das wir in strammer Haltung wie etwas Unstatthaftes über uns ergehen ließen. Der Vormittag war stets voll Pein, weil der Unterricht mit dem Abhören der aufgegebenen Lek- tionen begann, und fast den ganzen Nachmittag verbrachte ich mit den neuen Aufgaben, so daß ich des Abends abge- kämpft ins Bett fiel. Für die Turnspiele, die zweimal im Mo- nat veranstaltet wurden und wohl etwas mehr Freiheit boten, 21 fand ich nie Zeit. Und vor den großen Prüfungsarbeiten, die in meinen ersten Schuljahren wöchentlich, später auf Grund eines Ministerialerlasses monatlich einmal stattfanden, ging ich vor lauter Aufregung meist ohne Frühstück zur Schule. Daß dadurch meine Leistungen nicht gerade gehoben wurden, veısteht sich. Nicht selten verpfuschte ich mit zitternden Händen ganz unnötig etwas aus reiner Schwäche. Glücklicherweise verharrten nicht alle Lehrer hinter ihrer Maske. Ein alter Mathematiker fragte gelegentlich meine Mutter, was mir wohl fehle, im mündlichen Unterricht sei ich immer gut bei der Sache, während meine Klassenarbeiten zu wünschen übrig ließen. Als sie ihm erzählte, daß ich vor Prüfungsarbeiten nicht essen könne, versprach er, einzugrei- fen. Und plötzlich stand er während eines schriftlichen Exa- mens, das den ganzen Vormittag dauerte, vor mir, ob ich heute morgen denn gefrühstückt habe. Als ich verneinte, be- fahl er mir, die Arbeit zu unterbrechen und zuerst mein Vesperbrot zu essen. Auf meine Antwort, daß ich dann nicht bis ein Uhr fertig werden könne, entgegnete er lächelnd: «Dann werden wir eben hierbleiben, bis du fertig bist— aber, für eine schwere Sache braucht man eine gute Unterlage.» Er hat Wort gehalten. Alle anderen waren schon nach Hause gegangen, ich arbeitete eifrig, und er saß auf seinem Katheder und las die Zeitung.«Nimm dir Zeib, sagte er in seinem Kölsch,«da müssen die bei uns beiden zu Haus eben mal was länger mit dem Mittagessen warten.» So konnte ich den«Pythagoras» geometrisch und algebraisch beweisen, das Wohlwollen des Lehrers gab mir Kraft. Gleich dem Segens- spruch der guten Fee im Märchen hörte ich seine Worte:«Nicht ein einziger Fehler- das hast du gut gemacht, mein Sohn! Nun mach aber auch endlich Schluß mit der Angstmichelei'» Obgleich das im Ganzen wenig weiter half, für diesen Pro- fessor schwärmte ich und mit doppelter Anstrengung beteiligte ich mich an seinem Unterricht. Zur Begeisterung für die Schule hat das natürlich nicht gereicht. Erst in der Untersekunda wieder, nachdem ich wegen monatelanger Krankheit zurück- bleiben mußte, hat ein junger Lehrer mir durch Verständnis jeiten h vor ugrei- , Exa- b ich e, be- mein nicht elnd: ‚ aber, über manche Schwierigkeiten hinweggeholfen. Es war jedoch zu spät. Ich empfand die Schule als Last, und das tägliche Abgehörtwerden war mir unerträglich. Begriffe wie«die schöne Schulzeit, die sorgenlose», kenne ich nur vom Hörensagen, und mit Erstaunen habe ich später von meinen Kindern er- fahren, daß die Verurteilung, einen Tag lang nicht in die Schule zu kommen, heute oft als Bestrafung gilt. Wie hätte ich mich über eine solche«Strafe» gefreut... Gleichwohl, ich bedaure es heute noch, die Reifeprüfung nicht abgelegt zu haben, wenn ich auch das Papier, das zur Erlangung akademischer Grade berechtigt, nie vermißt habe. Gerade die drei obersten Gymnasialklassen vermitteln ein Wissen, das ich nach dem Abgang von der Schule entbehrte. Lange Zeit war ich in so manchen Erkenntniszusammen- hängen gehemmt, deren ein einigermaßen Gebildeter nun einmal nicht entraten kann. Ich glaube zwar, seither etliche Lücken durch Lektüre, Privat- und Hochschul-Kurse ausgefüllt zu haben, betrachte jedoch meinen frühen Schritt ins prak- tische Leben als Fehler. Natürlich nahm der Vater mich nicht sogleich als Teilhaber auf. Sein Plan war, mich zunächst bei anderen großen Firmen in die Lehre gehen zu lassen, und zur Vorbereitung darauf sandte er mich vorderhand auf eine Höhere Handelsschule nach Genf, wo ich auch mein Französisch vervollkommnen sollte. Gern war ich dort, in einem ungebundenen, freien Schul- leben. Das Institut, ein Internat, in dem ich auch wohnte, lag außerhalb der Stadt auf einer Höhe. Vom Fenster meines Zimmers sah ich über Genf und den See hinweg auf das ferne, schneebedeckte Massiv des Montblanc, vor dem Haus selbst erstreckte sich ein weiter, grüner Park mit Beeten und Zier- gewächsen, von denen zu jeder Zeit eine Sorte blühte. Eigent- lich zum erstenmal in meinem Leben verbrachte ich längere Zeit in ländlicher Umgebung. Bis dahin hatte ich mit Aus- nahme der Ferienwochen, die wir in steinkastenartigen Ho- 23 tels zu verbringen pflegten, nur die Stadtwohnungen der Eltern gekannt und den Ausblick auf andere Miet-Etagen. Hier nun weckte mich am frühen Morgen die Zwiesprache der Vögel. Oft lag ich lauschend in meinem Bett, lernte das Flöten der Amsel vom Schlag der Nachtigall unterscheiden und hörte die ferne Antwort, die aus einer anderen Welt zu kommen schien. Ich stand früh auf, besuchte die blühenden Bäume, die Rosen, die Geranien, am liebsten bei Sonnen- aufgang, solang noch der frische Tau auf den Blättern glit- zerte. Bei den stattlichen Rosenstöcken brauchte ich mich nur umzuwenden, um ein Bild tiefen Friedens zu genießen: da lag wie gerahmt in die Giebel der Stadt, von denen soeben der Dunst sich hob, der azurblaue See, über ihm die silberne Spitze des Bergs. Ich konnte mich immer nur mit ein wenig Gewalt gegen mich selbst von diesem Anblick lösen und be- dauerte, daß mein Studium mir so wenig Zeit zum Verwei- len ließ. Beglückt fand ich unter meinen Mitschülern einen Gleich- gesinnten, der mich ins Bergsteigen einführte. Jeden Sonntag zogen wir auf einen UÜbungsplatz und erregten schließlich die Aufmerksamkeit eines Lehrers, der uns eines Tags be- gleitete, um unser Können zu prüfen. Zufrieden mit uns, führte er uns von da an zu größeren Felsbesteigungen und zu Gletschertouren. So habe ich die Einsamkeit des Gebirges kennengelernt, die bedrückende Enge der Felsenwelt und die Weite der großen Schneefelder. Meist brachen wir, ehe es hell wurde auf, und die Sterne wiesen uns den Weg. Bei diesen nicht immer mühelosen Besteigungen unterwies der Lehrer uns geschickt in der Sternkunde. Es war der Sommer 1914. Wir kamen von einer Tour aufs Breithorn in der Monte-Rosa-Gruppe nach Interlaken hinab, dichte Menschenknäuel standen vor Plakatsäulen; Extrablätter verkündeten, der deutsche Kaiser habe die Mobilmachung befohlen. Ich las die Nachricht und blickte verstohlen auf die Gefährten. Mein Freund war Russe, unser Lehrer Franzose. Bis zu diesem Augenblick waren wir Kameraden gewesen; als wir nun weitergingen, war alles anders geworden. Ich be- nntag -Rlich uns nd zu birges 1d die 5 hell r aufs hinab, „lätte! hung uf die nzose. of als ch be merkte, daß plötzlich zwischen den beiden eine Beziehung entstanden war, von der ich irgendwie ausgeschlossen blieb. Nicht, daß nun von ihrer Seite gehässige Außerungen gefallen wären. Nein, gewiß nicht. Aber unverkennbar war da etwas Neues, Fremdes zwischen uns getreten, und wir sprachen kaum mehr. Bis schließlich der Lehrer das Eis brach:«Sie wissen doch», erklärte er,«daß die gegnerischen Anwälte sich vor Gericht oft heftig streiten und hinterher dann nicht selten zusammen ins nächste Restaurant gehen und sich prächtig unterhalten. Prozeßfeindschaft ist keine persönliche Feind- schaft. Halten wir es doch ebenso!» Das war gewiß gut gemeint, aber es vermochte das alte Verhältnis nicht wiederherzustellen. Ich verließ die beiden, um zu einem Postamt zu gehen und telegraphisch den Vater zu fragen, ob ich nach Hause kommen solle. Dann traf ich die Gefährten wieder; sie saßen in einem Cafe, auf der Straße, in politische Probleme vertieft. Der zwanzigjährige Russe ver- kündete mit weit vernehmlicher Stimme, der kommende Krieg werde die Weltherrschaft der slawischen Völker bringen. Jedes Volk sei einmal an der Reihe, und nun seien es die Slawen, die ans Steuer der Geschehnisse träten. Übrigens werde dieser Krieg dem russischen Volk die Demokratie bescheren! Zweifellos sah der junge Mann den Kommunismus nicht voraus und hätte ihn auch nicht gewünscht. Der Sozialis- mus war ihm wesensfremd, dem sehr frommen Sohn eines begüterten griechisch-orthodoxen Hauses. Vielmehr dachte er, Rußland könne eine konstitutionelle Monarchie entwickeln, der sich alle slawischen Völker samt Ungarn und dem übrigen Balkan anschließen würden; habe dann vollends das«künst- liche österreichische Gebilde» unter seinem vertrottelten Mon- archen sich aufgelöst und Deutschland mit sich in den Ab- grund gezogen, so sei die drohende Gefahr des deutschen Imperialismus ein für allemal beschworen. Als ich ihn fragte, was denn nach seiner Meinung aus dem deutschen Volk wer- den solle, gab er zu, das freilich wisse er auch nicht— jeden- falls sei es, von seinen Fürsten und Kaisern und Königen erzogen, noch lange nicht reif zur Demokratie und müsse 25 erst einmal bei anderen Völkern in die Lehre gehen. Meinem Einwand, wieso denn gerade das von seinen Zaren geknech- tete Russenvolk mehr Eignung für die sofortige Übernahme der ihm doch ebenfalls ungewohnten demokratischen Freiheit besitze als das deutsche, erwiderte er, das sei etwas gänzlich anderes. Vor allem sei es eine logische Folge der Geschichte, daß nunmehr das Morgenrot der Weltherrschaft den slawi- schen Völkern leuchte. Diese Logik begriff ich nie. Unser französischer Lehrer hatte nur wenig gesprochen. Schließlich sagte er, wir sollten beide nicht außer acht lassen, daß die deutsche Armee die beste Organisation der Welt dar- stelle. Er bezweifle, ob etwa die französische es mit ihr auf- nehmen könne. Im übrigen sah er in einem Krieg eine un- erwünschte Störung bürgerlichen Lebens und bemerkte mit schmerzlichem Lächeln, er werde künftig wohl— von einem ganz anderen«Zeitvertreib» gänzlich beansprucht-kaum mehr zu seinen Lieblingsbeschäftigungen, zum Malen und Angeln, kommen.«Liebe Freunde», schloß er,«lassen Sie uns zahlen. Ein neues Jahrhundert ist angebrochen.» Ich blickte mich um, über die weiten Wiesen hinauf zum Jungfrau-Gletscher und über die Felswände des Eiger zu- rück zu unsrem Platz. Dann erhoben wir uns, der Lehrer faßte uns am Arm; noch heute höre ich seine Mahnung:«Es war das letztemal. Wir wandern jetztin eine andere Epoche. Aber, wie es auch zugehen wird— vergessen Sie nie unsre gemein- samen Touren. Vergessen Sie nicht, daß wir bis heute niemals daran gedacht haben, daß wir drei verschiedenen Nationen angehören. Vergessen Sie nicht, daß dieser Krieg kein persön- licher Krieg, kein Krieg der Völker, sondern ein Krieg der Kabinette ist. Nun müssen die Völker einander gegenseitig töten, und nun kommt so viel Unglück über die Familien. Vielleicht werden Sie, liebe Freunde, in Situationen geraten, in denen Sie denken«Über alles die Nation!» Dann, bitte, erinnern Sie sich dieser Stunde. Bleiben Sie menschlich, han- deln Sie nach dem Grundsatz«Über alles das Menschliche!» Das andere klingt wohl schön, aber es ist eine zweifelhafte Maxime. Es ist immer gefährlich, mit Prestige zu hantieren, 26 seitig jlien. raten, bitte, han- jcheb Ihafte jered, sei es in der nationalen oder in der privaten Sphäre. Da wie dort bedeutet es Verengung des Blicks und Rückschritt.> Wir sprachen nicht mehr von Politik. Wir fuhren nach Genf zurück, zumal Nachrichten eintrafen, die den vollen Ernst der Lage zeigten. Im Internat fand ich ein Telegramm des Vaters: es forderte mich auf, nach Hause zu kommen, der Krieg sei Tatsache. Es war ein allgemeiner Aufbruch im Gang, aber er ließ genug Zeit, um festzustellen, wie die politische Entwicklung die Menschen und ihre Beziehungen zueinander vergiftet hatte. Als ich über den Flur zu meinem Zimmer ging, stellte sich mir plötzlich ein Junge in den Weg. Ein Südfran- zose- wir waren Zimmernachbarn gewesen, oft hatte ich ihm bei den deutschen wie er mir bei den französischen Auf- sätzen geholfen, und das berühmte Diktat, das Napoleon in St. Cyr zu bestehen hatte, und das selbst für Franzosen nicht leicht ist, weil es nur Worte enthält, aber des Sinns entbehrt, hatten wir beide, dank gemeinsamer Vorbereitung, ordentlich hinter uns gebracht und seitdem als unzertrennliche Freunde gegolten. Nun stand er vor mir, verspertte mir den Weg. Neben ihm zwei seiner Landsleute. Sie ballten ihre Fäuste, und einer rief mir entgegen:«Einen schönen Kaiser habt ihr! Aber ihr Deutsche seid ja alle so falsch, ihr seid freundlich und insgeheim kriegslüstern.» Ein anderer rief:«Kein Wun- der, sie spielen schon als Kinder nur mit Soldaten» Dann spuckten sie alle vor mir aus und ließen mich stehen. Abends im Speisesaal begegnete ich feindlichen Blicken, man sprach nur das Nötigste mit mir, und der einzige, der sich zu mir setzte, war ein junger Mann aus Marienbad, der bekannte, er wisse eigentlich gar nicht recht, wohin er gehöre. Als ich mit meinem schmalen Handkoffer die Schule ver- ließ, wehte mir wie zum Abschied der Duft der Rosenbüsche entgegen. Es war kurz vor Mitternacht. Die Straßenbahn fuhr nicht mehr, und die Taxis hatten infolge der schweizerischen Mobilmachung den Dienst eingestellt. So ging ich zu Fuß, und mit mir ging das Echo meiner Schritte. Über dem See, hinterm Montblanc, stieg ein roter Vollmond auf. Ich erin- nere mich der riesigen Scheibe, die wie ein drohendes Fanal 27 hervorkam. Oft mag man rückblickend Erlebnissen eine Be- deutung beimessen, die sie ursprünglich nicht hatten, aber in diesem Fall ist es, ich weiß das, anders gewesen: ich spürte, daß dieser nächtliche Gang durch die stillen Straßen zum Bahnhof symbolische Züge trug; als ich einmal stehen blieb, um mich umzuwenden und zu dem hell erleuchteten Institut hinaufzublicken, da sagte etwas in mir, daß ich da oben mein ganzes bisheriges Leben zurückließ. Es war mein Gang vom Frieden in den Krieg. Die Reise von Genf nach Köln dauerte genau acht Tage und Nächte. Nicht, daß ich sie freiwillig unterbrochen hätte; aber oft blieb der Zug wegen der Truppentransporte viele Stunden auf irgendwelchen Stationen liegen, und manchmal war es unmöglich, auf den Bahnhöfen Verpflegung zu be- kommen, so daß ich in die Orte gehen mußte, um mir etwas zu verschaffen. Schon kurz hinter der deutschen Grenze hatte unser Zug Transporte passiert. Die Soldaten waren fröhlicher Laune, als ahnten sie nichts von der blutigen Zukunft; die meisten waren mit Blumen geschmückt, die Waggons mit Aufschriften bemalt. Man las Der Mutter war's allerdings recht so, und überdies, meinte sie, sähe ein Kriegsheld anders als ich aus. Soldat bin ich erst 30 List icht sten nee, aft! uns SOn- igen £)- hter iter, icke und und 1 pEl, hen r sie nich iele ssen tube man voI- Peld- noch sein. Mut- auch Jen.) ‚äme ı Ich üher einte 1 erst u später geworden, im Jahr 1916, als die Begeisterung im Rüben- winter unterging und niemand mehr vor den Kasernentoren drängte. Einstweilen meldete ich mich beim Hilfsdienst und wurde dem Telegrafenamt zugeteilt, um mit Studenten und Schülern«wichtige Telegramme den Behörden zuzustellen. Natürlich gab es dafür keinerlei Sold, aber wir waren genug belohnt mit der roten Tasche der Depeschenboten, die wir von morgens bis abends durch die Stadt fuhren und als Zei- chen unentbehrlicher Kriegsteilnehmer betrachteten. Mit dem Abschluß der Mobilmachung war auch dieses Spiel zu Ende, ich verbrachte mein Lehrjahr auf einer Großbank, bis ich zum Heeresdienst eingezogen wurde. Ich kam zur Infanterie und hatte das Glück, in meiner Heimatstadt auf das harte Hand- werk vorbereitet zu werden. Um was es eigentlich ging, war mir, als ich den Gestellungsbefehl erhielt, kaum bekannt. Ich hatte vom Soldatenstand nur sehr verschwommene Vor- stellungen und war noch nie in einer Mannschaftsstube ge- wesen. Ich hatte noch keinen Revolverschuß, geschweige denn einen Kanonenschuß gehört, hatte noch nie eine Waffe berührt und mit Ausnahme jenes Unteroffiziers, der den Bruder und mich einst in die Geheimnisse der Turnerei einführte, keiner- lei Umgang mit Militärpersonen gehabt. Als ich zum ersten Mal mit dem berühmten Köfferchen in der Hand den Kaser- nenhof in Köln-Riehl betrat, tat sich mir eine Welt auf, die ihre Schockwirkung nicht verfehlte. Ich darf vorwegnehmen, daß es nicht die Disziplin war, die mich so befremdete. An Ordnung und Gehorsam hatten mich sowohl Elternhaus wie Beruf gewöhnt. Es war vielmehr der Kasernenhofton, auf den ich nicht vorbereitet war- jene merkwürdige Art, sich Mit- menschen gegenüber in Ausdrücken Luft zu machen, die mir bis dahin nicht geläufig gewesen waren, und deren handfeste Kombinationen mir ebenso brutal wie komisch schienen. Als Soldat habe ich gelernt, mich an sie zu gewöhnen, ja sogar mich ihrer zu bedienen, so daß ich mir nach Beendigung mei- ner Militärzeit freiwillig eine linguistische Quarantäne auf-_ erlegen mußte, um den forschen Zungenschlag wieder los- zuwerden. 31 Nun war ich also ein Musketier, und wenn ich heute an meinen Rekrutenkursus zurückdenke, ist mir, als hätte ich ihn während der Postkutschenzeit des modernen Krieges absol- viert. In den ersten beiden Wochen wurde uns in der Haupt- sache das vorschriftsmäßige Grüßen beigebracht, worauf man damals so großen Wert legte, daß den Soldaten, die von der Front kamen, bereits vor manchen Etappendörfern große Schil- der mit der Aufschrift:«Achtung! Gerader Mützensitz! Vor- schriftsmäßige Ehrenbezeigung!» entgegenleuchteten. Wir Re- kruten durften die Kasernen nicht verlassen, bevor wir nicht richtiges Grüßen und Gehen gelernt hatten. Jeder mußte ein- zeln an einem blutjungen Leutnant vorbeimarschieren, der kritisierte und dann entschied, ob man am nächsten Sonntag Urlaub bekam oder erst den Gruß nochmals üben mußte, damit man die Kompanie nicht vor fremden Offizieren bla- mierte. Später lernten wir auch das Abzählen, das geradeaus und nach jeder Seite Blicken, das Rechtsschwenkt und Links- schwenkt, allein und in Kadern, die an die Gefechtsaufstel- lung des Großen Kurfürsten erinnerten. Der Parademarsch nahm gleichfalls einen wichtigen Platz in unserem abwechs- lungsreichen Exerzier-Programm ein. Schließlich lernten wir, wie man sich in voller Ausrüstung fachgerecht in den Dreck wirft-«man weiß ja nie, wie man es im Leben gebrauchen kann», meinte der Unteroffizier. Ebenso übten wir uns im Nahkampf mit aufgepflanztem Bajonett, und damit nichts Ernstliches passierte, trugen wir einen Gesichts- und Körper- schutz. Auch die Gasmaske, die zu jener Zeit eingeführt wurde, mußten wir in einem mit Rauch gefüllten Raum an- und ausprobieren. Die Kompanie besaß nur wenige Exem- plare zum Üben und so habe ich durch das verschwitzte Ding, dessen Gläser sofort beschlugen und aus dem mir noch der Geruch aller Vormänner entgegenwehte, weder sehen noch atmen können. Selbstverständlich wurde uns auch der Umgang mit der Waffe beigebracht, vorläufig allerdings nur theoretisch. Wir lernten vor allem, wie man das Gewehr hegt, pflegt und zer- legt. Mehrere Stunden der Tagesarbeit waren dem vorschrifts- 32 er R easssan n mäßigen Schultern des Gewehres gewidmet. Als ein General ihn zur Besichtigung kam, bildete das exakte Vorführen der Ge- sol. wehrgriffe Kernpunkt der Inspektion. Der hohe Herr ging von aeN Mann zuMann und überwachte persönlich«Das Gewehr über! Ben Gewehr ab!» Unsere Schießkunst schien ihn weniger zu in- | der teressieren. Merkwürdigerweise fanden nichtjeden Tag Schieß- ail- übungen statt. Zum Schießstand ging’s nur zweimal in der Vor- Woche, dort schossen wir zwar mit scharfer Munition in Re- liegender und stehender Haltung- aber nur vom Schießstand Jicht aus, wie beim Wettschießen! Wahrscheinlich hatte die Heeres- ein- leitung noch keine Zeit gefunden, das Rekrutenreglement, das ‚ der offenbar noch aus der Friedenszeit stammte, den Anforderun- ntag gen des modernen Krieges anzupassen; denn unsere Ausbil- ißte, dung schien eher auf ein Schützenfest mit Hindernissen vor- bla- zubereiten als auf den Frontkampf, wo von uns doch mehr jeaus verlangt werden würde, als ein feststehendes und für uns inks- parat gestelltes Ziel zu treffen— selbst wenn dieses, wie auf fstel- dem großen Schießplatz Wahn, hie und da aus dem Boden auf- arsch tauchte und wieder verschwand. In der Nähe der Kaserne echs- befand sich zwar eine Sandgrube mit dem Modell eines Schüt- wil, zengrabensystems, in dem gelegentlich Übungen veranstaltet )reck wurden, aber es vermittelte nur dürftig ein Bild des Geländes, ‚chen in dem man damals kämpfte. Außerdem mußte ich an der s iM Front erfahren, daß die Übungen mit dem Gewehr vergeblich ichts gewesen waren. Im Grabenkrieg war nämlich inzwischen jIper- hauptsächlich die Handgranate Angriffs- und Verteidigungs- mittel geworden. Wir jungen Rekruten hatten aber in der Garnison nie Gelegenheit gehabt, mit der scharfen Hand- granate zu üben. Man hatte uns gelegentlich Attrappen wer- fen lassen— wie man im Ernstfall mit dem Instrument um- ging, wußten wir kaum. Maschinengewehre wurden von Formationen bedient, mit denen wir nicht in Berührung kamen. it der Vom Kriege selbst verspürten wir in unserer Garnison Wir kaum etwas. Die Rekrutenzeit verlief wie im tiefen Frieden. dzer- Wir machten unsere Übungen und zogen zuweilen auf Wache hrifts- vors Kasernentor— harmlose Freuden und Leiden jedes Sol- 33 daten. Da Flugzeuge bis dahin nur über geringen Aktions- radius verfügten und deshalb vornehmlich im Aufklärungs- dienst verwendet wurden, waren wir vor Fliegerbomben so gut wie sicher. Nur die deutschen Zeppeline warfen hin und wieder Bomben auf englische Festungen. Die Alliierten be- saßen diese Waffe nicht, so daß wir in Köln zu meiner Zeit ziemlich ungeschoren blieben. Ich schlief und aß in der Ka- serne, bis der Feldwebel eines Tages jeden gewünschten Ur- laub für das Abendessen bewilligte. Die Portionen in der Kaserne waren so klein geworden, daß man bestrebt war, die Zahl der Esser zu vermindern. Fußmärsche kamen mir sehr gelegen. Wir marschierten zwar mit vollgepacktem Tornister, Gewehr und Säbel, schwärmten unterwegs in Schützenlinie aus und wühlten uns in den Dreck der Felder und Wiesen, doch ich betrachtete diese Exkursionen als Erkundungsausflüge in die nähere Umgebung Kölns, die ich nicht kannte und nun eben näher kennenlernte. Das schwere Gepäck hat mich kaum behindert- ich hatte mich in der Schweiz ans Rucksacktragen gewöhnt, und das hier war etwas Ähnliches. Daß es einmal blutiger Ernst werden könnte, daß ich für einen Kampf auf Leben und Tod vorbereitet werden sollte, daran habe ich damals kaum gedacht. Besonders dann nicht, wenn wir nach langem Marsch vor den Toren der Stadt von der Bataillonskapelle eingeholt wurden.«Wenn die Sol- daten durch die Stadt marschieren, öffnen die Mädchen die Fenster und die Türen» spielte die Musik. Dann flogen un- sere müden Beine wieder im gleichen Schritt und Tritt, und die Mädchen öffneten in der Tat Fenster und Türen. Und stolz, jeder Mann ein König, marschierten wir vorüber- mitten im Kriege in der Festungsstadt Köln. Es hat nur noch eine geringe Zeit gedauert, bis die Flug- technik weit genug fortgeschritten war, um auch die Heimat- stadt mit Bomben heimzusuchen. Aber im ersten Weltkrieg beschränkte man sich im großen und ganzen noch auf mili- tärische Ziele. Eines Tages fand dann unsere«Abschlußprüfung statt. Der Bataillonskommandeur und unser Hauptmann erschienen zu 34 Pferde. Wir wurden, einzeln und vereint, in allen Sparten und Fächern geprüft. Zum Schluß hielt der Hauptmann eine Rede, in der es hieß, daß wir nun fertig seien und auf unsere Ab- berufung an die Front warten müßten. Wir hatten das Rekru- tenabitur abgelegt. Wie es schien, war niemand durchgefallen. An einem nebligen Tage bin ich bald darauf mit Kamera- den meiner Gruppe vom Bahnhof Köln-Deutz zur Front transportiert worden. Zum ersten Male trug ich eine nagel- neue, feldgraue Uniform, dazu den Helm mit der Spitze und den feldgrauen Bezug darüber. Den Stahlhelm sollten wir erst an der Front bekommen. Infolge der Materialknappheit ver- fügte das Heimatheer nicht über die neue Kopfbedeckung. Der Feldwebel, der mir später an der Front einen Stahlhelm«ver- paßte,, bemerkte, ich hätte Glück, gerade einen«schnappen» zu können, es sei soeben jemand schwer verwundet worden. Die Stimmung der Reisenden war nicht die beste. Zu einem unternehmungslustigen Soldaten gehört nun einmal ein vol- ler Magen, und die Kameraden machten bittere Bemerkungen über den Rübenwinter und die schlechte Verpflegung. Oben- drein befanden sich«Fronthasen» unter uns, die aus dem Ur- laub zurückkehrten und vom Trommelfeuer nichts Schönes zu berichten wußten. Wir hatten kaum die belgische Grenze überfahren, als sich herausstellte, wie wenig wir jungen Soldaten auf die Tat- sächlichkeit des Krieges vorbereitet waren. Auf einem Bahn- hof ertönte plötzlich eine Sirene, ich sah viele Leute in eine bestimmte Richtung laufen und hatte keine Ahnung, was das bedeutete. Jemand zeigte in die Luft, wo zwei Flugzeuge unter dem Geknatter von Maschinengewehren nebeneinan- der herflogen— anscheinend bekämpften sie sich. Da die Flugzeuge sehr tief flogen, konnte man den Vorgang deutlich beobachten, und ich fand ihn sehr interessant. Als sie sich dem Bahnhof näherten, rief mir ein Kamerad wütend zu, ich sollte aussteigen. Da sah ich, daß viele Soldaten unter Güter- wagen, die neben unserem Zug standen, in Deckung gegan- gen waren. Ich folgte ihnen- von selbst hätte ich nicht ge- wußt, wie ich mich zu verhalten hatte. 35 Nach zwei Tagen Fahrt trafen wir in Laon ein, wo das Rollen und Donnern des Trommelfeuers die Luft erzittern ließ. In Fußmärschen näherten wir uns dann den vorderen Li- nien am«Chemin des Dames». Am hellichten Tag marschier- ten wir auf der Landstraße. Wo sie unter Beschuß lag, wichen wir wenige Meter ins freie Feld aus. An unserem Endziel war die Hölle los. In der Garnison war nie etwas vom Drum und Dran der Front erwähnt worden. Nun erschütterten mich ein brennendes Dorf ebenso wie evakuierte Zivilisten, die uns zu Fuß oder auf Leiterwägelchen mit ihrer letzten Habe ent- gegenkamen. Ich sah ein verwundetes Pferd verlassen auf der Straße liegen, das Blut rann aus seinem aufgerissenen Leibe, aber die Augen waren noch lebendig und blickten hilfesuchend zu mir herüber.«Konnt Dir die Hand nicht reichen, derweil ich eben lad’!» ging es mir im Kopf herum. Ich griff nach dem Verbandspäckchen in meinem Rock. Aber ich konnte ja gar nicht stehenbleiben, es war doch Krieg! Als ich mich später im Unterstand des Kompaniefeldwebels meldete, vernahm ich im Nebenraum das Stöhnen der Sterbenden und sah, wie man die Toten hinausschaffte. Ich hatte bis dahin noch nie einen toten Menschen gesehen. Es war schwer, meine neue Kompanie zu erreichen. Sie hielt die vorderste Frontlinie; zwischen uns lag ein Sperrfeuer-Gebiet, das wir durchqueren mußten. Wir konnten nur langsam vorwärtskriechen. Der eine verlor sein Gepäck, der andere blieb im Lehm eines Granat- lochs stecken und konnte nur mit Mühe seine Stiefel aus der Erde ziehen. Wir waren mitten ins Trommelfeuer geraten, vor uns, neben uns, hinter uns schlugen die Geschosse ein- noch heute scheint es mir ein Wunder, daß ein unerfahrener Soldat wie ich aus diesem Feuersturm lebendig herauskam und schließlich einen Unterstand fand, der zu seiner Kompanie gehörte. Es war ein erregendes Erlebnis. Ich lag tief unter der Erde und zu mir drang von oben das Toben und Tosen der trom- melnden Geschosse. Es schien, als ob die Erde in Bewegung sei, ununterbrochen zitterten Decke, Wände und Boden, und immer wieder blies der Luftdruck in kurzen Abständen die 36 BG Er re Karbidlampe aus. Mit stoischer Ruhe wurde sie von den Soldaten jedesmal wieder angezündet, die das alles wenig zu berühren schien. Sie hockten beieinander und vertrieben sich die Zeit mit Kartenspielen. Auch die Ratten, die zwischen uns hindurch huschten, störten sie nicht. Ich versuchte, mich, so gut es ging, mit der neuen Lage abzufinden. Ich schrieb Briefe an die Eltern und nach einiger Zeit gelang es mir sogar, zu lesen. Auch lernte ich, heran- nahende und vorübersausende Granaten am Gezisch zu unter- scheiden und aus dem Einschlag zu schließen, um welche Art es sich gehandelt hatte. Die älteren Kameraden brachten es mir bei, so wie man einst auf der Jagd den Knappen lehrte, am Flügelschlag den Vogel zu erkennen. Wenn wir auf Wache standen, hatten wir das Vorfeld zu beobachten, bei Nacht war jedes Geräusch wichtig und verdächtig. Man durfte sich kaum bewegen, denn überall hatte der Feind Zielgewehre aufgestellt. Eine Unvorsichtigkeit konnte das Leben kosten. Immer wieder wurden wir gewarnt, nicht über den Graben- rand zu schauen. Das war nicht immer einfach, denn an vie- len Stellen hatte der Beschuß die Gräben eingeebnet. Kame- raden wurden verwundet, der eine oder andere fiel an meiner Seite oder kehrte von nächtlichen Patrouillengängen nicht zu- rück. Das Trommelfeuer steigerte sich von Tag zu Tag, bis die Franzosen eines Morgens angriffen. Bei diesen Kämpfen bin ich durch ein Artilleriegeschoß verwundet worden und mit 50000 deutschen Soldaten in Gefangenschaft geraten. In einem Feldlazarett bei dem Orte Fismes wurde ich operiert. Als ich am nächsten Tag beim Verbinden, das recht schmerz- haft war, dem Doktor«doucement, zurief, entgegnete er auf Deutsch:«Seien Sie glicklich, seien Sie froh, daß Sie das Läb- ben habben! 1934 erhielt ich das Ehrenkreuz für Frontkämp- fer. Ich buche es heute als Kuriosität, daß es mir«im Auftrag des Führers und Reichskanzlers» verliehen wurde. Im Sommer 1957 habe ich diesen Frontabschnitt wieder auf- gesucht. Verwundert las ich in Fismes ein Schild:«Laon 28km». Auf wie schmalem Raum hat man dort im ersten Weltkrieg gekämpft! Und wie weit war- trotzdem- die Welt, die zwi- 8,7, schen den Fronten lag. Wieviel ist hier gelitten, wieviel Hoff- nung hier begraben worden. Nach vierzig Jahren wußte man in Fismes kaum mehr etwas davon. Während des ersten Welt- krieges wurde der<«Chemin des Dames» in vielen Heeres- berichten erwähnt. Wie erstaunte es mich daher, daß die Be- wohner, bei denen ich mich nach dem Weg erkundigte, keine Auskunft geben konnten, ja, daß sogar die Bezeichnung un bekannt war. Ich verließ Fismes und fuhr einen Feldweg am nahen Wald entlang. Dort begegnete mir ein alter Bauer, der mit der Sense über dem Rücken dahinschritt. In meinem besten Französisch fragte ich ihn nach dem«Chemin des Dames». Er kannte ihn. Im März 1917 hatte er dort gelegen und war verwundet worden. Während meiner Kriegsgefangenschaft lernte ich viele Lager im Westen und Süden Frankreichs mit primitiver Unterkunft und Verpflegung, aber auch die französische Landschaft ken- nen. Man transportierte uns zwar von allen Reisenden ab- geschlossen und unter ihren feindseligen Blicken, aber immer hin in Waggons dritter Klasse, und wenn man so von Paris nach Etampes, von da nach Rochefort, Chartres, Agen, Limoges, Orleans, Lyon fährt, sieht man doch viel. In Paris wurden wir nicht tiber die Champs Elysees geführt, aber ich sah damals um so mehr von den kleinstadtartigen Vororten. Mir gefiel Frankreich, das Land meines Bergsteig Lehrers, trotz aller Gehässigkeiten, zu denen das französische Tempera- ment sich durch den Anblick deutscher Kriegsgefangener hin- reißen ließ; wir wurden nicht nur beschimpft, sondern auch angespuckt und mit Steinen beworfen. Als ich aber mit einigen Kameraden auf ein Landkommando kam, wo wir während der Kartoffelernte gemeinsam mit den einheimischen Mägden und Knechten auf dem Feld arbeiteten, zeigte Frankreich sein sympathisches Gesicht. Hier auf dem Land schienen die Men- schen wohl auch spritzig und charmant, aber dennoch eher bürgerlich und behäbig; ein Hang zum Laisser-faire, Laisser- aller, ja zum Traditionellen war unverkennbar Zweifellos war es dies Bürgerliche, das mich anzog: der Mann, der am Sonntag einen über den Durst trinkt und am 38 Montag davon erzählt, als habe er eine Heldentat vollbracht. Die Frau, die schon eine gefällig gemusterte Schürze so adrett umzubinden weiß, daß jedermann meint, sie sei von der Haute Couture entworfen, und die bei einem koketten Witz wie gekränkt sich mit verweisendem gehört habe? Dann hielt er mir einen psychotechnischen Vortrag und schloß: «Ein Narr, wer sich im Geschäft von seinen Nerven unter- kriegen läßt! Aufregen muß man, wenn es nottut, die an- deren!» Ein andermal erschien beim Vater der Inhaber eines großen Namens, der mit seinen Filialen der Schuh-König einer deut- schen Großstadt war und sich sorgte, es zu bleiben, und der nun von seiner Absicht sprach, in Köln und überdies unweit unseres Geschäfts eine Zweigstelle zu errichten. Das wäre uns nicht ganz angenehm gewesen, wenn auch sein Vor- 44 dringen nach Köln keine eigentliche Konkurrenz für uns be- deuten konnte, weil er auf Massenkonsum eingestellt war, während unsere Sortimente internationale Qualität und in- dividuelles Format präsentierten. Unsere Zurückhaltung ver- wandelte sich in Erstaunen, als er seiner Ankündigung hin- zufügte, er sei bereit, darauf zu verzichten, falls wir auf unser «Projekt in seinem Revier verzichteten. Wir hatten nie an eine«Eröffnung» dort gedacht. Der Vater indessen ging sogleich darauf ein:«Tja, mein lieber Freund, das ist gar nicht so einfach- mein Sohn drängt sehr darauf, in Ihrer Stadt vertreten zu sein» Eine zwei Stunden dauernde Verhandlung schloß sich an, bei der die geheime Angst des Beherrschers so vieler Füße deutlich zutage trat, und bei der ich fortwährend mit der Lust zu lachen kämpfte. Der Vater spielte sein Spiel mit allen Finessen. Endlich ließ er den Gegner siegen: er verzichtete auf die Stadt des anderen, und beide verpflichteten sich, von nun an bis in Ewigkeit weder mit eigenen Unternehmen noch durch Beteiligung in den gleichen Städten miteinander zu konkurrieren. Abends, als der Vater das Erlebnis der Mutter berichtete, lobte er mich beiläufig: ich sei ein ausgezeichneter Schau- spieler gewesen- allerdings, es wundere ihn bei einem so eifrigen Theaterfreund nicht. Übrigens erfuhren wir, erst nach Jahren, noch ein Detail: insgeheim hatte der Gast noch das Bild einer unverheirateten Tochter als äußerste Reserve mit- gebracht- was der Erinnerung an seinen Besuch eine pikante Note gab. Ein einziges Mal gab es eine tiefer gehende Meinungs- verschiedenheit zwischen dem Vater und mir: er wollte als Selfmademan nicht viel wissen von Argumenten gegen Ent- schlüsse oder Anordnungen, die er getroffen hatte. Als er ein- mal- es war während der Inflationszeit- sich über die an sich garnicht aggressiv gemeinte Beteiligung einer Filial-Belegschaft an der Arbeitsruhe am ı. Mai erregte und ich ihn von einer Zurechtweisung abhalten wollte, erklärte er schroff:«Ich habe im Geschäft immer getan, was ich für richtig hielt. Ich ver- bitte mir jede Kritik», und hielt seine Rede. Er sprach darin vom 45 Geist des Unternehmens, dem alle Mitarbeiter sich unter- werfen müßten, wenn ein für beide Partner, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, fruchtbringendes Ergebnis zustandekommen sollte.«Wir ziehen alle an einem Strang, rief er heftig.«Dies Geschäft ernährt Sie und mich! Wie kann da einer des andern Feind sein? Im Ganzen stellten unsere Beziehungen ein ideales Bündnis dar. Jeder von uns akzeptierte ohne Ehrgeiz den besseren Gedanken des andern, und die Zeiten waren längst dahin, in denen der Vater, um sich durchzusetzen, auf seine Rechte pochte, und der Sohn sich auf das Neue Jahrhundert berief. In der Arbeit ergänzten sich unsere Gedanken, und zuweilen konnten wir uns fragen, welcher von uns diese oder jene An- ordnung getroffen hatte. Die Früchte reiften in der Gemein- schaft des Handelns und durch sie. Es bestand eine Harmonie der Arbeit, die auch im Familien- leben weiterwirkte, an dem ich, zunächst noch Junggeselle, teilnahm. Stille Zufriedenheit war in und um uns, wenn der Vater nach dem Abendessen, das zu loben er nie vergaß, seine Zigarre nahm, um behaglich im Sessel zu sitzen und über Welt- und Wirtschaftslage zu sprechen. Neben ihm die Mut- ter, zumeist mit einer Stickerei beschäftigt und schweigend, da über Politik mitzusprechen nach des Vaters Meinung«nichts für die Weibsleute» war. Der Vorbehalt minderte nicht, daß sie ihn sehr liebte, und er erwiderte diese Liebe auf seine fürsorg- liche Weise. Nie hat ihn die Mutter vergebens um etwas ge- beten, und oft hat er vom Büro aus zu Hause angerufen, um sich nach ihrem Ergehen zu erkundigen. Nie auch hat er uns Kindern gegenüber eine andere Meinung als die Mutter vertre- ten, so daß, da sie seinem Beispiel folgte, die Eltern uns als unteilbare Autorität erschienen, gegen die es keine Berufungs- instanz gab. Sie führten eine Ehe ohne Krise. Nach dem Tod des Vaters sagte mir die Mutter, dies dreißigjährige Zusam- menleben sei«eine einzige Folge beneidenswert glücklicher Tage» gewesen, und mir ist heute noch, in unserer streit- und scheidungsfreudigen Zeit, in der die Kinder infolge der Aus- einandersetzungen ihrer nicht immer ganz taktvollen Erzeu- 46 o ger in Neurosen geraten, als habe ich meine Jugendzeit auf einer Friedensinsel verbracht. Mit Sehnsucht denke ich an sie zurück. So ist der Begriff«Elternhaus» für mich nicht an das An- wesen gebunden, das der Vater im Jahr 1924 erwarb, und in dem er seinen Lebensabend verbrachte. Auch erlebte ich die ersten Kindheitsjahre in der bescheidenen Stadtwohnung «Unter Sachsenhausen», in einer Straße, die heute zum Ban- kenviertel gehört: dort hatten 1896, kurz vor ihrer Hoch- zeit, die Eltern in einem neuerrichteten Mietshaus sich eine Etage sichern können. Manchmal noch sehe ich dunkel das Bild dieser Zimmer vor mir aufsteigen, von denen man gegen- über das Gebäude einer großen Versicherungsgesellschaft er- blickte, und erinnere mich eines mächtigen Reichsadlers, der eines Abends, zusammen mit der gesamten Fassade, mittels kleiner Gaslämpchen festlich illuminiert wurde; wie wir spä- ter hörten, zum würdigen Empfang eines neuen Kardinals. Um die Jahrhundertwende zogen wir an den Salierring, in die mit dem Abbruch der Festungsmauer erschlossene und zur Neustadt entwickelte Gegend. In diesem Heim, an dessen Ju- gendstilfassade zwei unbekleidete Damen aus Sandstein den Balkon festhielten, lernte der Fünfjährige, daß das Leben außer Wundern und Wunderlichkeiten auch Sorge und Trauer bringt. Eines Morgens sah er die Mutter bitterlich weinen und bekam vom Vater berichtet, er sei groß genug, um zu erfahren, daß eine Depesche gekommen sei, in der stehe, daß der Tod die Mutter der Mutter zu sich genommen habe. Ich bekam auch das Stück Papier gezeigt und wurde so aus traurigem An- laß mit dieser neuen Errungenschaft der Technik bekannt. Auch das Telefon ist für mich, von der Kindheit her, mit Ne- gativem belastet. Wohl war es abenteuerlich, daß eines Tages Männer in Uniformen erschienen und einen Kasten mit einer Art Rohr daran an der Wand befestigten, und daß wir durch dieses Rohr mit dem Vater sprechen konnten, als sei er im Zimmer, obgleich er doch im Geschäft war. Eines Nachts aber klingelte der Apparat uns schrill aus dem Schlaf— wie der Vater nachher sagte, hatte der Anrufer mitgeteilt, daß«böse 47 Menschen» das Geld, das im Kassenschrank des Geschäfts auf- bewahrt wurde, geraubt hatten. Zu den Erinnerungen des Siebenjährigen gehört, daß er zum erstenmal in direkte Be- rührung mit dem Militär kam: jeden Freitag trat ein preußi- scher Unteroffizier an, stramm und schmuck mit goldnen Tressen und blanken Knöpfen, um ihm und dem Bruder unter strengem Kommando turnerische Künste und soldatischen Gehorsam beizubringen. Zwischen zwei Flurwänden war ein Reck angebracht und ein Barren aufgestellt worden, und uns beiden gefiel das Klimmen und Schwingen ganz wohl. Den- noch war eines Tages der Spaß zu Ende. Der schneidige In- strukteur hatte sich auf dunkler Treppe einer zu Besuch wei- lenden Verwandten«unschicklich zu nähern» versucht und war nicht nur abgeblitzt, sondern auch entpflichtet worden. Mut- ter erzählte uns das viel später einmal. Unsre nächste Wohnung lag am Ubierring, ganz nahe dem Rhein, in einer Gegend, die ich noch fast unbebaut kannte. Oft waren wir sonntagnachmittags mit den Eltern dorthin gepilgert. Erst die neue Stadtplanung und die elektrische Ring- bahn, die hier den Rhein berührte und in großer Schleife sich wieder stadteinwärts wandte, hatte unser Ausflugsziel zum Wohnbezirk gemacht, in dem 1908 eine weitläufige Etage zum«Elternhaus» für mich wurde und es sechzehn Jahre lang bleiben sollte. Da gab es allein vier Repräsentationsräume, die prächtig mit seidenen Tapeten, weichen Teppichen und schweren Möbeln ausgestattet wurden, und ein richtiges Badezimmer; bis dahin waren wir in einer Bütte gebadet worden, während die Eltern außer Haus gingen. Für uns Kinder aber gab es jetzt nicht mehr nur den eigenen Schlaf- raum, sondern auch ein richtiges Arbeits- und Spielzimmer. Und dann war da das zu kaufen, und brauche mich bei den Verhandlungen, es war ihm offenbar sehr an der Sache gelegen. Am Bahnhof werde mich der Makler abholen, um mir das in Frage stehende Haus zu zeigen, das ich gründlich besichtigen müsse. Das Haus erhob sich zweistöckig mit breiter Gartenfront, deren Eisengitter sich in zwei Toren öffnete, mehr ein Palais, wie man in Köln sagt, als eine Villa: Die Fassade aus rotem Klinker, das Portal geschützt durch ein von vier starken Säu- len getragenes Vordach, der symmetrische Fahrweg. Aber ich 49 wollte nicht nur feststellen, ich wollte auch lauschen. Oft vermag man ja, wenn man ein Haus betritt, etwas von seinen Geistern zu vernehmen, zu spüren, ob kühle Sachlichkeit, ob heiterer Friede oder heftige Zwietracht in ihm wohnen und oft verhält ein unbekanntes Haus sich abwartend, gar abwei- send, zuweilen einladend mit warmem Willkommen. Als dieses Haus nun sich vor mir entfaltete, umfing es mich mit der Wärme und dem Behagen eines Heims, in dem nichts Kaltes Platz hatte. Zufrieden sah ich auf den Marmorfliesen des Musikzimmers einen Konzertflügel stehen, in der hohen, mit schwerer Balkendecke aus dunklem Holz und mit grüner Ledertapete ausgestatteten Empfangshalle das flackernde Feuer der Kaminecke brennen, im Wohnraum die dunkelrote Wand- bespannung und die gebräunten Eichenplatten der eingebau- ten Schränke das Licht aufnehmen. Ein eleganter Damen- salon mit grauschwarzer, offenbar in den Wiener Werkstätten entworfener Tapete, und neben ihm ein Speisezimmer, das eher ein kleiner Saal war, führten über eine weit ausladende Terrasse zum Garten, der einem Park glich: zunächst der große Rasen, von Kieswegen gesäumt, dahinter eine Rhododendron- Allee und ein von Schilfpflanzen gesäumter Teich, eine Rosen- gruppe, Obstspaliere und vier Kastanienbäume mit weiß leuchtenden Kerzen. Im Haus selbst fanden sich, außer den Gesellschaftsräumen, noch ungefähr fünfzehn bewohnbare Zimmer, mehrere Badezimmer und eine hotelwürdige Küche samt zahlreichen Nebengelassen, Kellern und Dachkammern. Eine Garage für zwei Wagen samt aufgestockter Fahrerwoh- nung war im Anbau untergebracht. Es gefiel mir. Allerdings, ich fand es beängstigend groß und fast zu groß für die Lebensgewohnheiten der Eltern, zumal für die schlichte Art der Mutter, und bedrückt überlegte ich, was ich dem Vater als Bescheid und Rat antworten solle. Als ich ihm aber gegenüberstand und sein ungeduldig knappes «Nun? hörte, begriff ich plötzlich, daß es ihm um mehr als die Antwort für den Makler ging, um etwas, das mit seinem Leben selbst zusammenhing, vielleicht sogar um die Bestäti- gung durch den Sohn. In seinen Gesichtszügen stand der 50 ‚und Dwei- mich ichts jesen ohen, Tüner Feuer Yand- ebau- IMEn- tätten r, das Jende große dron- ‚osen- weiß r den inbare Küche mein. zwoh- ß und zumal te ich, je, Als yappes -hr als ‚einem jestäti" ’d der Wunsch, in diesem Haus zu wohnen, möglichst bald zu woh- nen, da er in ihm gefunden, wovon er geträumt und worauf er gewartet hatte, ein ganzes Leben lang. Und so wurde der Vertrag nach kurzer technischer Besprechung unterschrieben. Der Kaufpreis wurde, obwohl nicht niedrig, ohne Diskussion akzeptiert. Die Mutter freilich, als wir mit der Kunde kamen, zeigte sich gar nicht beglückt.«Was soll ich mit so vielen Zim- mern, klagte sie,«und mit dem riesigen Garten! Ihr seid in eurem Geschäft und wißt nicht, wie einsam eine Frau in sol- chem Palast sein kann, und wie viel Sorge die Pflege macht!» Beruhigend versprach der Vater das notwendige Personal und erklärte, er werde von nun an in seinem Garten leben und nachmittags oft zu Hause sein, sie werde nicht alleinbleiben. Er hielt Wort: drei Hausangestellte und das Hausmeister- paar standen ihr zur Seite, und er selbst hatte es mit dem Büro nicht mehr so eilig. Gern ging er durch die luftigen Räume, über die Terrasse zum Garten hinab und in ihm umher. Noch ein Jahr vor seinem Tode eröffnete er feierlich eine Hühner- zucht, und eine Schar Leghorns lieferte, das ehemalige Lagerhaus der Stadt, und da- hinter drängte und zwängte sich, vielfach ineinander ver- woben und verschachtelt, das Gewirr gewundener Gassen und Gäßchen gleich einem unordentlich hingeworfenen Netz, das an den zahlreichen Kirchen Halt zu suchen schien. Gegenüber leuchtete an der Uferstraße das weiße Gebäude der Eisenbahnverwaltung, in der Ferne erhob sich aus dem endlosen Häusermeer das einzige Hochhaus, das Köln seiner- zeit aufwies. Weiter drunten am Ufer wieder bot sich das merkwürdige, auf einer ehemaligen Befestigung errichtete Restaurant«Bastei» und, noch einmal drüben von Deutz her, der schlanke Messeturm. An den eleganten Linien der grünen Mülheimer Brücke dann fing sich der Horizont. Näher nun und unmittelbar nahe das riesige Halbrund der Altstadt und davor das mächtige Gebirge des Doms in seiner geheimnisvollen Überwirklichkeit. Ich sah in ihm nie nur die katholische Kathedrale, vielmehr das Gotteshaus insgesamt, das zum Ruhme des Herrn erbaute Heiligtum, das alle irdi- schen und himmlischen Kostbarkeiten enthält. Voll Ehrfurcht folgte ich den von Kindheit an vertrauten, aufwärts streben- den Linien seiner Gotik, die in den Kreuzblumen der Türme nicht zu enden schienen, und schauernd gedachte ich beim Anblick der stets irgendwo angebrachten Baugerüste jener Prophezeiung des Teufels, der dem Dombaumeister Gerhard 57 zugerufen hatte, das Werk werde nie beendet werden. Ein ge- wagtes Stück schien mir solch Gebild von Menschenhand- aber: wie bewunderungswürdig auch! Oft blickte ich auf die steinernen Blumen und Gestalten, auf das Lichtspiel an Schiff und Fenstern, zumal, wenn die Bogen schon im Abenddunkel lagen, während die Türme im Schein der letzten Sonnenstrah- len sich reckten. Immer wieder wurde der Dom mir zum neuen Erlebnis, besonders, wenn an Vorabenden hoher Feiertage oder fest- licher Ereignisse seine Kaiserglocke mich von fern herbeirief, war es nur irgend möglich, folgte ich ihr. Dann saß ich in der Gartenanlage am Südportal und spürte«es» lebendig werden im traulich-geheimen Gestein. Dumpf und schwer schwebten von oben die Glockentöne herab, und in den Mauerschatten erschienen mir Cherubim mit Flammenschwertern und jene Szenen, die Schiller in seinem Lied uns vorstellt. Von der Brückenmitte aus sah ich den starken Strom, der zwischen den Pfeilern drängte und rauschte, während Schleppzüge und Flöße und Vergnügungskreuzer zuberg und zutal fuhren, zwischen ihnen die kleinen, spritzigen Motor-, Segel- und Paddelboote. Am Ufer hin eilige Menschen, Trams und Autos, und die weißen Züge der Köln-Bonner Rheinufer- bahn sagten mir vollends, nun sei ich zu Hause, bei den alt- vertrauten Freunden der Kindheit, die ich von der Straße, an der ich aufwuchs, her kannte. Zu Hause, in der Atmosphäre, die uns Kölnern im Blut liegt- Gemütlichkeit und ein Schuß von Spirituellem. Ich hatte als Kölner gearbeitet und gefeiert und als Deutscher gedient und gelitten—- und doch hatte ich nie den geringsten Zweifel daran, daß ich als Jude letztlich ein Staatsbürger zweiter Klasse war. Hie und da zeigte es sich mir auch, wenn sich freundschaftliche Beziehungen zum an- dern Geschlecht anbahnten, und ich der Partnerin zu beden- ken gab, mit wem sie sich einlasse. Aus der Zeit vor dem offenen Antisemitismus des Dritten Reiches erinnere ich mich nicht an irgendwelche Zurückset- zungen, die ich in Köln erlebt hätte; verließ ich aber die 58 Bi ıheinische Heimat, so kam mir rasch zum Bewußtsein, daß and- in Deutschland der Jude als anderer, ja, fremder und minderer t die Mensch betrachtet wurde. Es war eine Erfahrung, die mir den Schiff Zionismus nahebrachte, oder mich ihm, so daß ich ihn unter- unkel stützte, ohne mich ihm anzuschließen. Vor 1933 fand ich strah- nichts, das mich veranlaßt hätte, die Heimat aufzugeben, aber es schien mir notwendig, daß eine Stätte geschaffen werde, zu ebnis, der die Juden sich retten könnten, wenn sie sich bedrängt r fest- fühlten, und an der sie nicht nur geduldet wären, sondern eirief; kraft ihres Rechts auf Heimat leben könnten. in der Ich hatte schon früh vom Zionismus gehört. Auf unseren erden Spaziergängen begegnete uns zuweilen ein hochaufgeschos- rebten sener, stets dunkel gekleideter Herr mit langem, schwarzem natten Bart, und von weitem schon sagte der Vater geringschätzig, d jene das sei der Holzhändler Wolfsohn-«der zukünftige König von Juda, der jüngste Prophet, der uns nach Palästina zurückführen m, der wilb. Was ich derart zunächst zur Kenntnis nahm, wollte ich ihrend später denn doch genauer wissen und wandte mich an die g und Großmutter. Sie erzählte mir sogleich sehr ausführlich von [otor-, Geschichte und Ziel der zionistischen Bewegung und über Trams deren Oberhaupt Theodor Herzl. Sie kannte und besaß nufer- einige Literatur zum Thema und war auf«Ost und West on alt- abonniert, eine Zeitschrift, die mir nicht allein durch Aufsätze, ße, an sondern auch durch Bilder aus dem damaligen Palästina inter- phäre, essant wurde. Als ich hernach dem Vater davon berichtete, Schuß zeigte er sich wenig begeistert. Er wollte mit Zionismus nichts zu tun haben, erklärte mir entschieden, unser Vaterland sei d als Deutschland; die Geschichte lasse sich nicht zurückdrehen, ie den und Palästina kenne er nicht einmal. h ein Was einem jungen Gemüt, dem die Eltern immer wieder 5 sich das«Bedenke, daß du Jude bist!» vorstellten, die ersten Be- m an richte über Zionismus bedeuten mußten, ist wohl einleuch- beden- tend. Schon früh hatte ich von Antisemitismus gehört, schon in der untersten Schulklasse wahrgenommen, daß das Chri- Hritten stentum das Bekenntnis der Mehrzahl, das Judentum das ückset einer winzigen Minderheit sei, und erfahren, daß wir Juden ‚er die es gewesen seien, die den Heiland ans Kreuz geschlagen und 59 damit ewigen Fluch auf sich geladen hätten. Und unvergeß- lich blieb mir der Fremdenführer von Straßburg, der am Münster erklärte, diese Frauengestalt da, kraftvollen Wuchses und wachsamen Auges, verkörpere die christliche Kirche und jene dort, die schmächtige mit der Binde vor den Augen und dem zerbrochenen Stab, die Synagoge! Freilich, sprach ich mit den Eltern über dergleichen, so nannten sie es Taktlosigkeiten, die nun einmal im Leben zu ertragen seien. Und ihre Haltung hat wohl veranlaßt, daß ich den Problemen gegenüber kühl blieb, die der Zionismus in mir aufwarf und die das Nachdenken über die Stellung der Juden im Völkerleben in mir weckte. Und so wenig wie der Vater dachte ich an Umsiedlung. Da war das Vaterhaus auf deutschem Boden, da waren Schule und Kameraden, deren Muttersprache auch die meinige war, und da war das Geschäft und die deutsche Kultur und Kunst. So verstand ich unter Zionismus damals Hilfe für die Ostjuden, zu denen ich eine Art Stammverwandtschaft empfand, und diese von ihren Sitzen vertriebenen Menschen, in eine sichere Zuflucht zu bringen, schien mir gewiß eine verpflichtende Aufgabe, auch wenn ich als deutscher Jude in erster Linie doch Deutscher war. All diese heute so aktuellen Probleme lagen damals und noch langhin nach dem Gespräch mit der Großmutter in einer fernen Zukunft. Damals beschäftigte mich die fast entgegen- gesetzte Haltung zweier mir so nahestehender Verwandter, des Vaters und der Großmutter, und meine Konflikte fanden erst nach Jahren ihre Lösung, als ich Professor Chaim Weiz- mann, den Präsidenten der zionistischen Organisation, ken- nenlernte. Seine suggestive Persönlichkeit füllte den Raum, in dem er mit tiefgründiger Umsicht die These vom«jüdi- schen Volk unterwegs» verkündete. Beschrieb er das Leben der jüdischen Pioniere im Heiligen Land, so leuchteten seine Augen. Seine Argumente waren gewinnend und überzeugend, seine Diskussion schlagfertig, und oft klang, was er vortrug, wie prophetische Vision; sprach er, so glaubte man hinter ihm die Scharen verfolgter Juden zu erblicken, die durch seinen 60 n zu ß ich us in g der e der s auf jeren chäft unter eine ihren t zu auch scher Mund ihr Recht auf Heimat in der Welt forderten. Und war es mir nicht möglich, mit Rücksicht auf den Vater, geradezu in das zionistische Lager einzutreten, so fühlte ich doch die tiefe Verpflichtung, die die Bewegung jedem Juden auferlegte und tat manches, was ihr zugutekam. Dabei kam es gelegentlich zu einem für mich als Sohn denk- würdigen Gespräch mit dem Vater. Ein Freund hatte mich zu einer Zusammenkunft in kleinem Kreise eingeladen, in dem Weizmann sprach, übrigens beherrschte dieser, von Geburt Russe, das Deutsche vollendet wie viele Ostjuden. Später legte der Vorsitzende eine Spendenliste auf und eröffnete sie mit einem hohen Betrag, bevor er sie mir reichte. Spontan trug ich das«Geschäft, mit einer Summe ein. Beim Frühstück fragte der Vater, wie es gewesen sei, und ob ich auch habe «etwas zeichnen müssen». Abwartend vertiefte er sich in seine Zeitung, schwieg einen Augenblick, nachdem ich berichtet hatte und erklärte dann:«Die Leute haben Glück gehabt, daß du dort warst. Meine Meinung kennst du ja. Ich hätte nicht so viel Geld gegeben. Aber- wenn du es für richtig befunden hast, wird es wohl in Ordnung sein.» Die Begegnung mit dem Zionismus führte mich zu ein- gehendem Studium seiner Literatur. Ich las die Schriften und Tagebücher Theodor Herzls, das«Rom und Jerusalem» von Moses Heß, der auf dem jüdischen Friedhof in Köln-Deutz be- erdigt ist, die«Geschichte der Juden» von Dubnow und Graetz, den«Rabbi von Bacharach,» von Heine und anderes noch. Da- bei wurde mir klar, daß deutscher Antisemitismus nicht sel- ten auf Unkenntnis jüdischen Wesens und auf Unverständ- nis jüdischer Sitten und Bräuche beruhte. Dazu kam, daß fast niemand mehr daran dachte, daß das Christentum ur- sprünglich eine politisch-religiöse Bewegung innerhalb des Judentums gewesen und seine tiefsten Wurzeln in ihm hat. Die Juden, deren Vorväter schon mit den Römern nach Germanien gekommen waren, liebten die deutsche Erde nicht weniger als die Germanen, die von Norden und Osten her ihr Land in Besitz genommen hatten, und sind dieser Erde so treu gewesen wie ihre christlichen Mitbürger. Sie 61 haben, Kinder des gleichen Staats, im Heer gedient, das viele die Schule des Lebens nannten, und haben sie im Krieg ver- teidigt. Sie wurden befördert und ausgezeichnet, sie starben den Soldatentod. Dennoch gelang es Hetzern, weithin die Meinung zu säen, daß Staatstreue und Vaterlandsliebe ein Privileg ge- rechnet, so wurde ich später von eben diesen Deutschen als volksfremdes Element abgetan. In meiner Schulzeit allerdings spürte ich wenig von Anti- semitismus; in Köln herrschte Frieden zwischen den Be- kenntnissen. Ich ging mit christlichen Kameraden in ihre Kirchen und sie mit mir in die Synagoge, und wir taten das nicht immer nur aus Schaulust. Die Dom-Predigten eines Geistlichen angeblich jüdischer Abstammung fanden den Zu- lauf der nicht katholischen Bevölkerung; wir Sekundaner wa- ren ebenfalls dabei. Was ich dort hörte, regte mich an, das Neue Testament zu lesen, das vielen Juden als tabu galt. Wir jungen Menschen indes kannten keinerlei Trennung durch Konfessionen. Nicht anders war im Jahr ı91ı1 der«Fall Jatho>» eine An- gelegenheit des ganzen Köln. Das Konsistorium hatte einen Pfarrer wegen seines undogmatischen, optimistisch-panthe- istischen Glaubens vor ein kirchliches Spruchkollegium gezo- gen. Alle Welt nahm nun Anteil am Schicksal dieses Mannes, verfolgte mit Spannung seinen Prozeß, erwartete das Urteil. Als er vom Kirchenrat des Amtes enthoben wurde, gründete 65 er seine eigene Gemeinde, deren Gottesdienste der Vater wie- derholt besuchte, um dann tief berührt daheim ausführlich zu berichten. Im Bücherschrank des Elternhauses stand sein Buch«Zur Freiheit seid ihr berufen», und der Vater, der wäh- rend der Verhandlungen eifrig mitdiskutiert hatte, nannte ihn ein Opfer des Spießertums. Trotz all dem aber konnten wir schon als Kinder nicht verkennen, daß wir- mit einem knappen Wort— anders waren, nicht alles mit allen gemeinsam hatten. Ich spürte es besonders, wenn an den hohen Feiertagen das Geschäft ge- schlossen blieb und der Vater, in schwarzem Gehrock und Zylinder, mit uns zu Fuß zur Synagoge ging, während die übrige Welt arbeitete. Es wurde mir unmittelbar deutlich, daß Konfessionen zu trennen imstande sind. Der Schabbat und die hohen Feiertage unseres Kalender- jahres unterscheiden sich von den Festen anderer Bekennt- nisse besonders durch das Gebot absoluter Ruhe oder Stille, das bis in letzte Einzelheiten ausgeführt ist: jede Art von Arbeiten ist streng verboten, unter anderem das Schreiben, und«folgerichtig» ist ebenso jegliche Betätigung von Schaltern, etwa der Beleuchtung oder des Rundfunks, untersagt; auch die Berührung schon von Geld oder Musikinstrumenten oder Sportgeräten, ja schon das Unternehmen einer Reise oder Fahrt und selbst eines Telefongesprächs ist verboten. Nicht einmal soll eine Blume gepflückt, eine Frucht oder ein Blatt vom Baum gezupft werden. Der Sinn all solcher Gebote und Verbote, die zuweilen wunderlich anmuten, hängt freilich mit einem tiefgründigen und innigen Gottesbewußtsein zusam- men: an seinen Feiertagen soll der Mensch im Frieden mit der Natur leben, soll die Schöpfung unverändert lassen, inne- halten wenigstens in seinem Einwirken auf sie. Es ist ein Bewußtsein, das Weisheit bekundet, und das in der profanen Weekend-Formel moderner Gewerkschaften so nachdrücklich wiederkehrt, wie es in grauer Vorzeit von den Priestern mit sorgsamem Eifer gehütet wurde. Wohl dachte der Vater sehr über die Dinge nach und sah manches als unter modernen Umständen nicht durchführbar 66 :T Wie- ihrlich d sein r wäh- lannte nicht anders irte es äft ge- k und nd die h, daß an; zudem mußten wir ja zum Beispiel am Schabbat, der außerhalb des jüdischen Lebens ein Werktag ist, in die Schule gehen, unsre Mappe tragen, schreiben und derlei Verbotenes mehr tun. Erließ der Vater dann von sich aus dies und jenes, so gelangte ich als Kind trotzdem nie zu rechter Fröhlichkeit an solchen Feiertagen, von denen ich wohl wußte, daß sie von Gott geordnet seien, und doch nicht begriff, warum sie so streng und karg sein mußten. Mißmutig saß ich in meinem Zimmer, weil ich meine geliebte Geige, die Trösterin knaben- hafter Einsamkeit, nicht aus ihrem Kasten nehmen durfte, und was sonst«zur Feier des Tages» geschah, vermochte mich kaum so zu erfüllen, daß es über dergleichen und andere Ent- behrungen mich hätte erheben können. Am Vorabend des Pessach-Festes- alle unsre Feste begin- nen ja mit dem Anbruch der Dunkelheit— vereinigte die Fa- milie sich um den feierlich mit Kerzen und Kräutern ge- schmückten Tisch; in der Mitte stand die Schüssel mit den Mazzen, die man an diesem Abend zum erstenmal und dann eine Woche lang ißt. Daß es ein wundervolles Frühlingsfest ist, habe ich gewiß später in Israel erlebt, aber in meiner Jugend allzu wenig spüren können. Die Haggada— das Wort bedeutet: Sagen- mit ihren Gebeten und Liedern über den Auszug aus Ägypten, vom Vater in Hebräisch rezitiert und dann in Deutsch interpretiert, wirkte doch recht über- holt, und es ist, beiläufig angemerkt, durchaus verständlich, daß man in Israel nach modernen Formen dieser Liturgie sucht. Oft tut man es, indem man der Schilderung des Exodus die Geschichte erst jüngst gegründeter Dörfer und Städte, häu- fig im sprühenden Humor unsres Volkes, hinzufügt und so das Überlieferte neu belebt. Von solchen Reformen allerdings war bei uns damals nicht die Rede, ich stand am Seder-Abend denselben Problemen gegenüber, die ich von der Synagoge kannte, und wartete ungeduldig auf die Stelle, die auf deutsch «Nun wird nach Belieben gespeist lautet und die Pause zwi- schen dem ersten und zweiten Teil anzeigt. Das Festmahl mit Nudelsuppe und Mazzenklößchen, Kalbsbraten und Scho- koladepudding war mir weit interessanter als die ungekonn- 67 ten Bildchen in unserer Haggada samt den sieben Plagen und dem Marsch durchs Rote Meer. Wohl auch durften wir an diesem Abend Wein trinken, zudem aus silbernem Becher, und hernach sang der Vater beschwingter und lauter, wenn auch nicht ganz rein. Und doch, wie sollte man festlich ge- stimmt werden, wenn man fortwährend gemahnt wurde «Schau ins Gebetbuch, sitz grade, sing schön- es ist ein ernstes Besten) Am Lichterfest Chanukka im Dezember war es kaum an- ders. Wir feierten es bei der Großmutter. Die Kerzen wurden angezündet, in ihren Leuchtern dicht an die Fenster gestellt; die Großmutter erklärte, sie sollten weithin sichtbar sein, um viele zu erfreuen und zumal jene Armen, die das Geld dafür nicht aufbringen konnten. Eher diskret als derart demonstra- tiv, versuchte der Vater dann sie zu überzeugen, daß die Leuchter auf den Tisch in der Mitte des Raums gehörten, und daß die Passanten nicht unbedingt auf private Vorgänge in einem Geschäftshaus aufmerksam gemacht werden sollten. Natürlich ließ die Großmutter sich in ihrer Überzeugung nicht beirren, und einige Mißstimmung entstand, die uns Kindern nicht verborgen blieb, auch wenn die Gespräche darüber nur geflüstert wurden. Ebenso war das Kinderfest in Vaters Loge kaum eine reine Freude für uns. Gewiß gab es Kuchen und Kakao in Hülle und Fülle, aber unvermeidlich auch die Rabbiner-Rede mit dem stets gleichen Schluß«Strebt den Makkabäern nach- bewährt euch als aufrechte Juden und vergeßt es keinen Augenblick!» Ermahnungen also, die ich von zu Hause genug- sam kannte, und deretwegen meines Erachtens kein Kinder- fest veranstaltet zu werden brauchte. Die nicht minder un- vermeidliche Schüleraufführung mit ihren Makkabäer-Szenen fügte der Langeweile womöglich noch jene Beklemmung hin- zu, die entsteht, sobald die Darsteller zu«schwimmen» an- fangen. Und bei alledem entbehrte mein kindliches Herz die Bescherung, die es weder hier noch zu Hause gab, und die in den Erzählungen meiner Schulfreunde eine große Rolle spielte. Eine Entbehrung, die nicht ausgeglichen wurde durch 68 m u. en und Wir an Becher, ', wenn lich ge- wurde ernstes um an- wurden gestellt; ein, um d dafür 1onstra- daß die en, und änge in sollten. ng nicht Kindern ber nur 1e reine n Hülle ede mit nach- keinen > genug‘ Kinder- ‚der un .SzeneD ıng bin’ jen) aD es Herz ab, und ße Rolle je durch des Vaters Erläuterung, der Anblick der Lichter sei genug der Freude für einen Juden- der Lichter, die die wunderbare Errettung und den Fortbestand unseres Glaubens anzeigten, und der Freude darüber, die durch eine Bescherung nur gestört werde. Man wird mich kaum mißverstehen und mir etwa unter- stellen, ich wolle unsere Feste herabsetzen. Ich berichte nur eben, daß man früher in der Diaspora wohl trefflich verstand, den Kindern ihren Ernst vorzuführen, aber alles unterließ, was sie ihnen hätte anziehend machen können. Man hütete ängstlich die«religiöse Selbständigkeit so sehr, daß man«die christliche Sitte» der Bescherung geradezu ablehnte, weil weder in der Bibel noch im Talmud davon die Rede sei. Daß man damit Religiöses und Kulturelles verwechselte und den An- schluß an eine normale Entwicklung verlor, begriff man offen- bar nicht. Ich habe denn von mir selbst einfach zu gestehen, daß ich meine christlichen Freunde um ihr Weihnachtsfest beneidete, an dem ich nicht teilhatte. Es war gewiß nicht allein das Schenken und Beschenktwerden, es war die Atmo- sphäre insgesamt, die Ausstellungen der Warenhäuser und aller Geschäfte bis zum kleinsten, der Nikolaus und Knecht Ruprecht, die Adventswochen und die letzten, schon gedrängt eiligen Tage vor dem Fest- Weihnachten als Zeit der Freude, die ich schon früh empfand, wenn ich die Lieder auf meiner Geige spielte oder die Hausmädchen von der Frühmette im Dom erzählen hörte. So kam es, daß ich als Bub von fünfzehn einige Tage vor Weihnachten der verwunderten Mutter ankündigte, ich werde in der«Heiligen Nacht» in den Dom gehen, um die herrlichen Messen zu hören, von denen ich auch in der Zeitung gelesen hatte. Daraufhin befahl der Vater mich zu einer Aussprache in sein Büro: mit strenger Miene saß er an seinem Schreib- tisch— ich stand in entsprechender Haltung vor ihm- und fragte mich allen Ernstes, ob ich etwa die Absicht habe, mich taufen zu lassen. Nein, erklärte ich ihm, ich wolle keineswegs zum Christentum übertreten, und es seien keinerlei religiöse Probleme, deretwegen ich diesen Gang vorhabe, vielmehr sei 69 es die Musik und, zugegeben, vielleicht auch der Wunsch, Unbekanntes und Fremdes kennenzulernen. Während ich reinen Gewissens das wiederholte, versuchte der Vater mir einsichtig zu machen, der Besuch der Heiligen Messe bedeute entscheidend mehr als der einer sonstigen Veranstaltung, und schloß wie gewöhnlich:«Ich werde es mir überlegen.» Dann aber, obgleich er zunächst mein Vorhaben zu mißbilligen schien, gab er mir die Erlaubnis, und ich bin seither, so oft es mir möglich war, zur Weihnachtsmesse gegangen. Und immer wieder ergreift mich die Friedensbotschaft des Weih- nachtsfestes, die ich als Geschenk für alle Welt, für Juden wie Christen, betrachte. Mit den alten Liedern wandern meine Gedanken zurück in die Zeit, da sie zum erstenmal mir er- klangen, und kreisen um die Wurzeln unserer Kultur, die man christliche nennt und auf Jüdisches gegründet sieht, und die man, wo immer sie herkommt, erhalten muß. Daß diese Teilnahme am Weihnachtsfest meine Verbundenheit mit dem Glauben meiner Vorväter nie minderte, brauche ich kaum zu betonen, und ebenso, ja noch weniger zu sagen, daß ich meinen Vater dankbar bewunderte für einen Entschluß, der ihm sicher nicht leicht fiel. Solange ich Junggeselle war, verbrachte ich den Weihnachts- abend zumeist allein. Die Eltern pflegten früh in die Winter- frische zu reisen, die Freunde waren bei ihren Familien; so saß ich denn still zu Hause mit einem Glas Wein, bis es Zeit zur Frühmette war. Und so auch dachte ich an jenem Weihnachtsabend es zu halten, der mir unvergeßlich wurde. Es war in den frühen Zwanziger Jahren. Ich war gerade noch einmal durch das Geschäft gegangen, gegen fünf Uhr, kurz vor Ladenschluß. Die letzten Kunden waren im Aufbruch, das Personal hatte seine Arbeiten beendet und wartete nur noch auf die Zeit heimzugehen. Es war eine von den Stun- den, in denen ein Chef sich besser zurückzieht, und ich be- schäftigte mich mit den letzten Umsatzzahlen, nach denen der Vater sich meist noch telefonisch erkundigte. Aber es war nicht seine Stimme, als ich den Hörer abnahm. Ich mußte wiederholt fragen, um die im Weinen erstickten Worte zu 70 "unsch, verstehen: eine befreundete junge Studentin- ich hatte sie nd ich geraume Zeit nicht gesehen- rief mich aus einer Klinik an, ter mir in der ihr Bruder im Sterben lag. Unfall— schwer verletzt— edeute nach Meinung des Arztes hoffnungslos. Ob ich nicht kommen 1g, und könne, um in diesen schrecklichen Stunden bei ihr zu sein, ) Dann wenigstens, bis Verwandte kämen. Ich wußte, Anita war dilligen elternlos und hatte mit dem Bruder eine gemeinsame Woh- ‚so oft nung. 1. Und Draußen schneite es. Die Straßenlaternen, halb zugeweht, Weih- warfen ihre geisterhaften Schatten über vereiste Gehwege. Juden Die Schaufenster waren bereits dunkel. Ich kämpfte mich ı meine gegen den kalten und starken Wind durch, bis der Garten mir er- des Hospitals mit seinen alten Bäumen mich aufnahm. Im lie man Gebäude hatte das Feiern bereits begonnen, Schwestern unter ınd die ihren großen Hauben eilten mit Bäumchen und Paketen über ß diese Treppen und Flure, und gelegentlich sah ich durch die Tür eit mit eines Saals, in dem die Patienten freudig erregt in ihren Bet- che ich ten saßen, hörte aus einem anderen Raum Grammophon- en, daß musik. Es schien unwirklich, zumindest ungewohnt, etwas schluß, von Hoffnung und Frohsinn im Krankenhaus. Um so stiller war es in dem Zimmer, das ich nun betrat, und fast dunkel. Die Lampe war verhängt, das Mädchen kauerte in einem nachts- Winter- Sessel. Sonst kannte ich sie als groß und schlank, mit lien; so frischen Farben und gepflegtem Pagenkopf. Jetzt schien sie mir bis es klein, zusammengesunken, sie war zerzaust und bleich. Nach ‚ jenem der ersten Frage, auf die sie nur mit schmerzlicher Gebärde wurde. antwortete, schwieg ich, setzte mich zu ihr. Eine lange Zeit je noch verging so. Ab und zu hob sie den Kopf, sah mich an, aus 1, kurz wehen Augen, ab und zu schlich sie ins Nebenzimmer, kam ‚hruch, ungetröstet zurück, ab und zu erschien eine Schwester. Dann zte nur kam ein Arzt; er antwortete ihrem Blick mit einem Kopf- 1 Stun- nicken, mit einer Geste, ging hinaus. Anitas Bruder war tot. ih be Die Stirn an die Fensterscheibe gepreßt, stand ich da, hilf- ‚denen los, unbeholfen. Es schneite noch immer, im Scheinwerfer- vos war licht eines Wagens wirbelten die Flocken. mußte Seit langem war ich dem Tod nicht so nah gewesen, hatte orte zu wohl seit dem Krieg auch kaum über ihn nachgedacht, ihn 7 immer nur gefürchtet und alle Gedanken an ihn weit von mir gewiesen. Fühlte ich manchmal mich betrübt, so schlug ich das«Buch Kohelet auf, den Prediger Salomo, das mir liebste Buch der Bibel, das riet«Freue dich, Jüngling, deiner Jugend... ehe es zu spät is. Nun erinnerte ich mich eines anderen Worts aus dem gleichen Buch:«Eitelkeit der Eitel- keiten- alles ist eitel. Wozu müht sich der Mensch unter der Sonne? Ein Geschlecht geht, und ein Geschlecht kommt, und die Erde bleibt ewig.» Während im Dom die Weihnachtsmette gefeiert wurde, stand ich neben Anita, dem dunklen Tor des Todes gegen- über. Ich hörte, in der Stunde allgemeiner Freude, das Mäd- chen mit Gott hadern, laut und schmerzvoll klagen, warum er ihr den einzigen Bruder nahm, in dieser Nacht. Es traf mich schwer: Sie durfte nicht so reden, sich nicht vergessen. Ich mußte ihr etwas sagen. Ich berichtete ihr, wie einmal, in der Kirche von Arosa, Kardinal Faulhaber von einer Heiligen Nacht gesprochen hatte, in der er jung und einsam am Bett seiner sterbenden Mutter saß, ihre Hand haltend, frei von Gedanken und Gott ergeben nur betete... Lange war's stillim Raum. Dann kam die Dämmerung, das Haus erwachte, Schritte eilten umher. Jemand brachte Kaffee herein, Verwandte der Geschwister kamen, manche schon schwarz gekleidet. Als ich nach Hause ging, war es trüber Tag. Vorsichtig und fast lautlos tasteten Menschen und Fahrzeuge sich über die weiße Decke in den Weihnachtsmorgen. Es schneite immer noch. Unsere Synagoge befand sich in der Glockengasse. Ein Sand- steinbau, dessen Stil wohl an die morgenländische Urheimat erinnern sollte. Sie war im Jahr 1861 mit Hilfe eines Kölner Bankiers erbaut worden- zu einer Zeit also, zu der man vom Heiligen Land nur sehr ungefähre Vorstellungen hatte. Im- mer hatte ich ein wenig den Eindruck, der Architekt habe sich da von Mittelalter und jerusalemischen Kreuzritterbauten und 72 it von schlug a$ mir deiner | eines 'Eitel- unter ommt, wurde, gegen- ; Mäd- warum Es traf gessen. nal, in eiligen m Bett ei von ng, das Kaffee schon er Tag. rzeuge en. Es ‚ Sand- heimat Kölner pn vom te. Im- be sich on und sogar islamischen Moscheen inspirieren lassen. Aber welche Bewandtnis auch mit dem Stil es auf sich haben mochte: von diesem Gotteshaus, dessen Bogen und Zinnen von der höch- sten Kuppel mit dem Davidsstern überglänzt waren, gingen Würde und Ruhe aus, und ich habe es immer sehr geliebt. Unter der mächtigen Wölbung befand sich der Gebets- raum, der Hunderte von Menschen aufnahm. Zu ebener Erde beteten die Männer. Die erste Galerie, die drei Wände ein- nahm, war nach orthodoxer Sitte den Frauen eingeräumt, die zweite den Chorsängern. An der Wand gen Osten, gen Jeru- salem, unter den Gesetzestafeln der heilige Schrein, in dem die Thora-Rollen verwahrt waren, abgeschlossen durch einen Vorhang, der am Schabbat aus dunkelrotem Samt war, ge- schmückt mit einer aus Silberfäden gestickten Krone und einem hebräischen Spruch. An Feiertagen waren es hellroter Seidensamt und Goldfäden, während am Großen Versöh- nungstag- dem Jom Kippur— weiße, fließende Seide mit Gold dies Allerheiligste barg, das die eigentliche Mitte des Raums bildete. Die Thora-Rollen, die nach feierlicher, von Gesang und Gebeten begleiteter Öffnung dem Schrein ent- nommen wurden, waren mit Mänteln aus jeweils dem Vor- hang entsprechendem Stoff bekleidet, und immer war es mein kindliches Entzücken, wenn ihre Kronen das Licht der Lam- pen widerspiegelten. Fast während des ganzen Gottesdienstes stand der Kantor beim Schrein, vorbetend und vorsingend, im würdigen Schwarz seines langen Talars und seines hohen Baretts, den weißen Tallit um die Schulter. Zuweilen wiegte er im Gesang den Körper vor und zurück oder blickte hinauf zu der Ampel mit dem Ewigen Licht, die über ihm schwebte. Rechts von ihm, an der Südwand, saß an seinem Pult der Oberrabbiner Dr. Ludwig Rosenthal, der ein Freund des Vaters war. Unser eige- ner Platz übrigens, der bereits dem Großvater gehört hatte, befand sich ebenfalls ungefähr in der Mitte des Raums, nahe dem«Almeman, einem von Gittern umgrenzten und von Kandelabern flankierten Podium, zu dem in feierlihem Um- gang die Schriftrollen zur Verlesung getragen wurden. Fenster 73 aus farbigem Glas und sparsam verteiltes Licht zusammen mit der schweren, mit dunkelblauen und dunkelroten Feldern und Goldborten verzierten Ledertapete gaben dem Saal, der die Höhe eines Kirchenschiffes hatte, die dämmrige Stim- mung, die zur Andacht ermutigt. Von der Kuppel herab, deren farbiges Fenster den Davidstern aufwies, kam das Licht des Tags, an dessen Umlauf ich oft die Stunden vom Morgen- bis zum Abendgebet ablas, wenn ich am Jom Kippur von früh bis spät«ohne zu essen und zu trinken» in der Synagoge weilte. Unser Ritus war orthodox, seit langem ohne jede Ände- rung, ohne alle Kürzung der Wiederholungen. Selbst das Ge- bet für den Patriarchen von Babylon, den es doch lang schon gar nicht mehr gab, wurde treulich weiter gesprochen. Die Sprache war Hebräisch, nur bei der Predigt, beim Gebet für den Landesherrn und bei den Seelenfeiern an hohen Tagen bediente man sich des Deutschen. Allerdings, die gründliche Kenntnis der kultischen Sprache war in dieser Synagoge selten: hatten die meisten in ihrer Jugend sie oberflächlich erlernt, so hatten sie im Lauf der Jahre vieles vergessen. Wiederum, der Inhalt der Texte war ihnen vom Brauch her vertraut, und im Notfall mochte der deutsche Paralleltext im Gebetbuch helfen. So folgten die meisten doch inbrünstig dem Gottesdienst und sangen die Melodien der Vorväter, dar- auf achtend, daß die Kinder sich ebenso einlebten. Der kon- servative Ritus entbehrt ja jedes Pomps und bringt außer dem Aus- und Einheben der Thora und dem damit verbundenen Umgang nichts, was den Beter von außen her zu beein- flussen vermöchte. Er muß zur inneren Feierlichkeit bereit sein, und die Gebete werden teils still gelesen, teils erklingen sie in einem orientalischen, dem abendländischen Ohr selt- samen Singsang, vornehmlich in Moll. Freilich, wer in Israel die graugrüne Landschaft und die Wüste erlebte und die Weidenflöten hörte, erfühlt die schmerzliche Einsamkeit die- ser Klangfolgen. Als ich noch ein Bub war, überwältigte mich zuweilen ihre Melancholie; ihren Text verstand ich ja nicht, weil im inter- 74 Ien mit Feldern aal, der - herab, as Licht Norgen- on früh magoge : Ände- das Ge- g schon en. Die ebet für ı Tagen indliche ynagoge fächlich gessen. uch her Itext im hrünstig ter, dar- )er Kon- ßer dem ındenen ı beein- it bereit klingen Ihr selt- ‚n Israel und die keit die: Jen ihre m intel konfessionellen Gymnasium Kreuzgasse wir jüdischen Schü- ler erst vom vierten Jahr an Hebräisch lernten. Anstatt nun aber uns möglichst intensiv zu unterweisen, damit wir unsere Ursprache hätten lesen können, die zu sprechen ohnehin als Sache der Gelehrten galt- für den Religionslehrer war sie ein Stiefkind seines Unterrichts, der hauptsächlich Biblische Geschichte auf Grund deutscher Lektüre des Alten Testa- ments behandelte. Vermutlich war die Zurücksetzung des Hebräischen eine Konzession liberaler Kreise: sie wollten nicht ein Anderssein betonen und zogen es vor, ihre Sprache zu verleugnen und für tot zu erklären wie Latein oder Altgriechisch- ein Fehler, der später seine bösen Früchte trug. So wußte ich nur mühsam die Texte zu entziffern, die der Vorbeter laut las. Aber, bevor ich ihm gefolgt war, war er mir längst wieder davongelaufen, hatte einen anderen Satz, ein anderes Kapitel begonnen. Verzweifelt stand ich meist da und sehr einsam, und nichts blieb mir, als Eigenes zu erfinden und vom Herrgott zu erbitten, was ein Kinder- herz erbitten mag. Wer aber hat so viele Wünsche, daß er mit ihnen den zwei oder drei Stunden währenden Gottes- dienst am Schabbat, die vier Stunden der hohen Feiertage oder gar die acht des Versöhnungstags zu füllen vermöchte! Manchesmal habe ich mich denn als kleiner Junge im Gottes- dienst gelangweilt. Bis zunehmende Kenntnis der Sprache mir das Verständnis ermöglichte, boten allein der würdige Anblick der Heiligen Handlungen mit Schrein und Rollen und Almemar und die damit verbundenen Chorgesänge wie die Aufrufung der Ge- meindemitglieder zur Vorlesung aus der Bundeslade die Ab- wechslung eines sonst monotonen Daseins. Wohl stand der Vater neben mir; indes, er las schweigsam im Gebetbuch und hielt mich nur an, in Richtung zur Lade und weder nach rechts noch nach links zu blicken; summte ich die Melodien mit, so lächelte er zufrieden. Übrigens gab es am Jom Kippur noch eine Besonderheit, die ich gespannt als«Sensation» erwar- tete, während die Bibelabschnitte verlesen und das Gebet für 75 Kaiser und Vaterland gesprochen wurde: zu Beginn der nun folgenden Totenfeier schickten die meisten Eltern ihre Kinder vordie Tür, vermutlich in einiger Befürchtung, die Vorstellung des Todes oder die Hinwendung zu den Toten könne den empfindsamen Seelen etwas anhaben. Und regelmäßig führte der Vorgang zu einer geflüsterten Diskussion zwischen dem Vater und seinem langjährigen Nachbarn, der ihm das gleiche zu tun anriet. Und jahraus, jahrein antwortete der Vater ihm, es werde mir nicht schaden, wenn ich meiner mehr oder minder nachahmenswerten Vorfahren gedenke und für deren Seelenheil in einer besseren Welt etwas tue. Unmittelbar an diese Feier für die Seelen der Toten schloß die Predigt sich an: feierlich schritt der Oberrabbiner zur Kanzel, unterwegs sich tief vor dem Heiligen Schrank ver- neigend. Nach einem Augenblick der Rast, der zugleich die Gemeinde innerlich sammelte, setzte er mit großer Geste zur Rede an. Doktor Ludwig Rosenthal war ein Meister der Rhetorik, ein Mann von bedachter Würde, von hoher Kul- tur und geistiger Kraft, dessen Gedankenwelt weit über die Grenzen seines geistlichen Amts reichte, und dessen dich- terische Beiträge in den Tageszeitungen ebenso geschätzt wur- den wie seine religionsphilosophischen Abhandlungen. Für seine Predigten wählte er stets ein lebendig-alltägliches Thema, das er einem biblischen Spruch unterzuordnen ver- stand, um es zugleich religiös und profan zu diskutieren und mit einem Gebet zu besiegeln. Bedächtig formte er seine wohlabgewogenen Sätze, die er temperamentvoll steigerte, zur Betonung die Arme weit ausbreitend, sich nach beiden Seiten wendend, ja, er mochte mit der Faust aufs Pult oder in die freie Luft hämmern, mit dem Zeigefinger sich weit herab beugen, voll pathetischen Grimms in seinem zuweilen nasalen Deutsch alarmierende Aufrufe ausschreien, so daß den Zuhörern der Atem stockte. Zumal war es so, wenn er über Judenfeindschaft sprach, vor dem«Antisemitismus in uns selbst» warnte.«Fühlt euch nicht zu sichen, mahnte er eindringlich,«seid euch bei allem, was ihr unternehmt, be- wußt, wie die Umwelt euch jeden Augenblick beobachtet! 76 er nun Hütet euch vor dem geringsten Fehler, der kleinsten Takt- Kinder losigkeit; sie könnten zur Belastung für alles Jüdische werden. tellung Ihr seid eine Minderheit, stets der Kritik ausgesetzt und nie- ne den mals einer wohlwollenden' ‚führte Oft ging er von so heftigen Ausbrüchen der Mahnung un- n dem mittelbar zum Schlußgebet über, das er mit tiefer Inbrunst gleiche sprach, während die Gemeinde vor ihm stand: mit gefalteten er ihm, Händen und das Gesicht nach oben gewandt, reckte er sich ır oder auf der Kanzel, seine Rede ausschwingen lassend und den r deren Allmächtigen um Erfüllung seiner Wünsche für das mensch- liche Gemeinwohl bittend. Dann schritt er langsam und ge- schloß messen, wieder vor dem Heiligen Schrein sich verneigend, ‚er zur auf seinen Platz zurück. Aber noch lang wehten seine Worte ık ver- durch den Raum: es war, als bohrten sie sich tiefer und tiefer ich die in die Gedankengänge der Männer und Frauen, von denen viele noch geraume Zeit sich nachdenklich über ihr Gebet- Geste ter der buch neigten. or Kul- Auch draußen vermochte Doktor Rosenthal mit stürmi- ber die schem Temperament seine Zuhörer mitzureißen, als verzau- ı dic- bere er sie. Dabei konnte seine vibrierende Stimme vollendet Jt wur- ins Wehmütige geraten und sentimentale Gemüter bis ins u Innerste erschüttern, das bei den humorvollen Kölnern immer- gliches hin ganz stabil zu sein pflegt. So geschah es etwa, als er bei en vel- der Beisetzung eines Freundes die Grabrede hielt, daß der _ Sekthändler Fritz Maass, der zudem Präsident der Großen Ber Kölner Karnevalsgesellschaft war, in lautes Schluchzen zer- eigert, floß, nachdem er kurz zuvor noch im Leichenzug hinter der beiden Bahre- sorgsam die Trauermiene des zylindergekrönten Voll- It oder mondgesichts wahrend— mir ein Kistchen Wein verkauft e ht hatte. Der beredte Rabbi hatte den Heiterkeits-Apostel in ein 1 ni Klageweib verwandelt. ee Wie er den Weg zum rheinischen Herzen sich erschlossen er hatte, so offen und großzügig war er insgesamt und auch Bu s anderen Konfessionen gegenüber: bewunderungswürdig der mus I Mut dieses Erz-Juden, der in persönlichem Gespräch mir ein- ante© mal seine Verehrung für Jesus bekannte. Er betrachtete ihn mi, 2 als Propheten des Alten Testaments, der gekommen sei, die achtet: 77 Ethik des Judentums in neuer, anderer als der ursprünglichen Gestalt zu verkünden. Ebenso trat dieser Rabbiner, der mit trotzigem Temperament seine eigenen Wege zu gehen ge- willt und gewohnt war, bei allen Debatten für diejenige Lösung ein, die beiden Partnern gerecht wurde. Und sprach man ihn auf dies sein«ewig den Frieden predigen» an, so erklärte er aufs eindeutigste:«Wenn wir Religionslehrer nicht für den Frieden eintreten, zunächst in unserem engeren Kreis und darüber hinaus unter den Konfessionen und schließlich in aller Welt, dann haben wir unseren Beruf verfehlt!» Im selben Sinn begrüßte er die Gründung des Völkerbunds als einer Institution, in der er die Keimzelle einer neuen Zeit vermutete, Übrigens war ich damals der gleichen Meinung Allerdings, der Vater warnte mich und riet mir zur Vorsicht. «Politiker und Bankiers>», bemerkte er mit wissender Resigna- tion,«können weinen oder lachen, je nachdem grade der Wind weht, und Verträge bedeuten nicht allzu viel im Völkerleben, zumal jeder neuen Regierung freisteht, die Abmachungen der Vorgänger zu ignorieren». Ebenso meinte er, der Weltfrieden hänge nicht von den Reden der Herren in Genf ab, das eher die Rampe als der Schnürboden der Geschichte sei. Indessen hörte er zwar kühl, aber doch mit Interesse meine Berichte an, so oft ich voll Hoffnungen aus der Völkerbundsstadt zurück- kam. Ich bin wiederholt zur Sitzungszeit dorthin gefahren, um die«Handvoll Menschen, die die Welt regieren, zu be- trachten, und habe mich an den Reden von Briand, von Austen Chamberlain, von Stresemann und Vandervelde begeistert. Was in der kosmopolitischen Atmosphäre des Genfer Pa- lastes überzeugen und hinreißen mochte, wurde in der in- timeren und direkteren des heimischen Köln zum anregenden Gegenstand lebhafter, oft skeptischer Debatten. Soweit ich sie mit dem Vater führte, fanden sie zumeist im Restaurant statt, das wir nach Feierabend auf ein Glas Bier aufsuchten. Im Geschäft wären sie ohnehin nicht angängig gewesen, und zu Hause hätten wir, was der Vater nicht für tunlich hielt, die Mutter darein verwickelt. Wir bevorzugten dabei eine«, sei, und die Mutter versuchte, sie mir allesamt in Bausch und Bogen als«zu kraß für ein Kind» auszureden, das sie noch früh genug kennenlerne und einstweilen sich lie- ber an Goethe und Schiller halten solle. So wurde der Kassie- rer des Schauspielhauses— ein freundlicher Herr, den ich gar nicht näher kannte- zum hilfreichen Berater meiner vierzehn Jahre. Zu ihm hatte ich einmal, als der Vorraum leer war, meine Nöte getragen, und er nahm sich seitdem meiner an und hatte in«passenden» Stücken stets einen guten Platz im zweiten Rang für mich. Zu meinen frühen Theater-Erinnerungen gehört übrigens nicht nur Köln; auch Aachen, wo eine Schwester des Vaters lebte, hat dazu beigetragen. Die Tante wohnte dem Theater ge- genüber und hatte ihren Platz für mehrere Abende der Woche. Aber weder sie noch der Onkel, da beide angestrengt in ihrem Geschäft arbeiteten, hatten viel Zeit, ihr Parkett-Abonnement zu genießen, das während meiner Ferienbesuche mir zugute 81 kam. Tagsüber strolchte ich in der alten Kaiserstadt umher und erfuhr die Richtigkeit des Heine-Verses, dem zufolge in Aachen sogar die Hunde sich langweilen. Begierig aber sehnte ich die Abende herbei, wo die Tante mich ins Theater zu schicken pflegte, manchmal zwar«erst nach dem Essen» oder «nur bis neun Uhr und nur selten für die ganze Vorstellung. Mir war alles recht, wenn ich auch wie im Puzzlespiel von manchem Stück zunächst den Schluß erfuhr und den Anfang erst ein andres Mal; bei dem kleinen Repertoire jedoch bekam ich, was mir heut entging, zuverlässig schon morgen oder übermorgen zu sehen. Daß ich derart nur langsam in eine mir zumeist unbekannte Literatur hineinglitt, war dem Vor- haben als Ganzem jedoch eher zu- als abträglich. Nicht nur, daß ich auf diese Weise manches Stück mehrere Male sah und überdies auf Verlangen der Tante sowohl die Texte als auch alles, was die Zeitung darüber brachte, studieren mußte, nicht nur, daß das ganze Verfahren bei dem, was ich sah und las, mich überwältigte, noch ehe ich es ganz zu fassen vermochte, zumal die Tante mich unbedenklich im Knabenalter schon in die Hedda Gabler und die Gespenster und Carmen und die Versunkene Glocke und den Fuhrmann Henschel und auch in Operetten schickte: dies Verfahren ließ mich frühzeitig und eindringlich mit den aktuellen Tendenzen bekanntwer- den und ersparte mir viele Seelenkämpfe, die andre Alters- genossen mit siebzehn oder achtzehn bei der Auflösung klas- sizistischer Illusionen durchzumachen hatten. Eine gütige, im Grunde einfache Seele, die vermutlich selbst kaum wußte, wie sehr sie mir vorwärts half, hat mir all das geschenkt. Aus guten Gründen und nicht nur, weil ich ihr zahlreiche Thea- terbesuche verdanke, nannte ich sie«Theater-Tante». Und «Theater bezog sich in diesem Falle weniger auf das Institut als auf ihre Person: Sie war ein Original. Ihre Jugend hatte sie zwar in Michelstadt verbracht, wo sie geboren war, be- trachtete aber die Stadt Köln als ihre Heimat, die sie«über alles» liebte. Bewußt färbte sie ihre Umgangssprache mit köl- schen Tönen, wenn sie bei guter Laune war; ging etwas schief, scheute sie sich auch in bester Gesellschaft nicht, sich mit 82 dt umher zufolge in er sehnte heater zu sen» oder stellung. spiel von n Anfang ch bekam rgen oder n in eine dem Vor- \icht nur, e sah und > als auch ßte, nicht ı und las, ermochte, r schon in ı und die und auch frühzeitig anntwer- re Alters- ‚ung klas- rütige, IM ußte, wie sukt. Aus ‚he Thea ter. Und s Institut nd hatte war, be sie über > mit köl- 35 schief, sich mit einem kölschen Gassenausdruck aus der Affäre zu ziehen. Der Vater hat mir oft erzählt, daß Tante Jenny schon als Kind den Kobold der Familie abgab. Mit Vergnügen kramte er das Jugendbildnis aus seinem Schreibtisch, an das ich mich genau erinnere, und aus dem man’s gewahr wurde. Da hob sich vom Kreis der sechs nüch- tern dreinschauenden Geschwister ein eigenwilliges Persön- chen ab- fünfzehn Jahre alt- schon kokett, wie es schien, mittelgroß und drall, die Taille enger geschnürt als die beiden Schwestern, das Haar über der Stirn keck in Fransen geschnit- ten und die Lippen zu spöttischem Lächeln geschürzt- als be- lustige sie alles: der Fotograf natürlich, die fromm ausgerich- teten und gehorsam zum Objektiv starrenden Geschwister, und obendrein jeder, der in aller Zukunft das Bild betrachte. So war's ja auch in ihrem Leben: Von der fröhlichen Seite nahm sie’s zuerst. Nichts war so ernst, daß es ihr nicht lustige Bemerkungen hätte entlocken können. Und das Schauspiel, das sie tagtäglich in ihrem Aachener Schuhgeschäft aufführte, war vergnüglich von früh bis spät. Da saß sie auf erhöhtem Podest hinter der Registrierkasse, unweit der Ladentür, be- grüßte die Kommenden und Gehenden und überwachte den Verkauf. Trat ein Kunde vor die Kasse, um zu bezahlen, ver- suchte sie das schmerzliche Geschäft des Geldloswerdens durch bestrickendes Lächeln ihm zu versüßen, begutachtete wohl mit gespieltem Interesse die gekauften Schuhe und versäumte nicht, sie schmunzelnd als«das schönste Paar, das ich im Laden habe, zum Einpacken weiterzugeben. Darauf wandte sie sich wieder dem Käufer zu:«Sie haben richtig gewählt!» sagte sie etwa mit befriedigter Miene und entließ den Kunden derart mit dem Empfinden, er habe seine Sache gut gemacht. Wie oft hat sie mir das Warum und Wozu ihres Verhaltens aus- einandergesetzt, mir andererseits geraten, beim Verkauf sach- lich zu sprechen, Redensarten zu vermeiden. Seitdem ihr ein älterer Herr auf die landesübliche Frage:«Was soll es sein® mit donnernder Stimme:«Das ganze Deutschland soll es sein!» geantwortet habe, begrüße sie jedermann mit«Was steht zu Diensten®- das klinge fein und bescheiden. 83 Niemand wußte es besser als sie. Schon in der Jugend hatte sie im Geschäft geholfen, sich eine vom Vater bewunderte Verkaufstechnik angeeignet. Nach dem Tode des Großvaters führte sie das Geschäft gemeinsam mit den Schwestern, be- diente jedoch aus Prinzip nur die Herrenkundschaft, angeb- lich, weil sie sich besonders für Herrenschuhe interessierte, in Wirklichkeit, um die Begegnung mit dem«Mannsvolk>» als Anknüpfungspunkt auszunutzen. Ihre zweifellos nicht allzu sittenstrengen Beziehungen zum anderen Geschlecht er- wähnte sie natürlich nur andeutungsweise, hingegen aus- führlich ihre Jugendstreiche, die ihre Umgebung schockierten, ihr jedoch«viel Amüsemang» bereiteten. Zu Silvester hatte sie einmal einem benachbarten Ehepaar, das ihr irgendwie zu nahe gekommen sein muß, ein«peinliches Knallbonbon ser- viert. Zufällig erfuhr sie, das Paar werde die obligate Operet- tenvorstellung besuchen, um nachher den Übergang ins neue Jahr zu Hause zu verbringen,«gemütlich und in aller Stille, bei einer Flasche Sekb, die schon lange dafür kaltgestellt sei. Diese Äußerung muß die Tante gereizt und ihr Veranlassung gegeben haben, soviel Bekannte herbeizurufen, daß die Drei- zimmerwohnung übervölkert war, als die Nachbarsleute kurz vor Mitternacht heimkehrten. Es entstand Aufregung und Geschrei, die von der Invasion betroffene Hausfrau fiel in Ohnmacht, während der entsetzte Ehemann versuchte, sie durch ein Riechfläschchen ins Leben zurückzurufen. Hinter der Gardine eines verdunkelten Zimmers lachte die Tante sich ins Fäustchen. Und nach all den Jahren konnte sie mir immer wieder in aller Breite und mit größtem Behagen von dem gelungenen Silvesterscherz berichten. Mit dem Onkel lebte sie sehr glücklich; da ihr Kinder ver- sagt blieben, rückte ihr Schuhgeschäft in den Mittelpunkt. Sie nannte es«Mein Reich». Wer es betrat, wurde von ihr einge- reiht in die mannigfaltigen Sparten ihres Charakterkatalogs. Alle, die mit ihr in Berührung kamen, erhielten Spitznamen nach Art und Eigenart, vor allem natürlich die Stammkunden, bei denen diese Klassifizierung ihr gleichzeitig als Gedächtnis- stütze diente, die helfen sollte, diesen Käufern mit der not- 84 end hatte wunderte Toßvaters stern, be- ft, angeb- eressierte, annsvolk) (los nicht hlecht er- gen aus- ockierten, r hatte sie ndwie zu nbon ser- te Operet- ‚ ins neue ler Stille, sstellt sei. anlassung die Drei- eute kurz ung und zu fiel in uchte, sie n. Hinter die Tante te sie mil jagen von inder ver yunkt. Sie ihr einge kataloß$- ‚itzname mkunden, .dächtmis” + der not- wendigen Nachsicht zu begegnen. Natürlich war da Ironie im Spiel- aber sie war nicht die Hauptsache. Hingegen hütete sie ihr System ängstlich, ganz besonders vor dem Vater, der es mißbilligt hätte, weil er bei jeder Gelegenheit seine Kunden als seine Freunde pries. Der Onkel kannte den Spaß und mich hat sie, unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit, zu ihrem Mitwisser gemacht. Wenn nun ein Stammkunde die Tür öffnete, rief sie ihm laut und deutlich:«Guten Tag, Herr, wie geht's denn’, zu. Stand ich nahe genug bei ihr, merkte ich, daß zwischen darauf aft oder ih Ge meine! daß ich mgehen der NS Mitglied sind) ausgeschlossen werde, und daß ich dann gebrandmarkt werde, mündlich und schriftlich, als ein Mann und Lump, der sein Ehrenwort gebrochen hat.» Aber es war nicht der Boykott allein. Er war mit leibhaftiger Gewalttat vereint, und wir Juden waren vogelfrei: wer uns noch das Gesetzwidrigste antat, wurde dennoch nicht be- langt. Eine befreundete Dame frug einen Regierungspräsiden- ten, was eigentlich«Greuelmärchen» seien und erhielt zur Antwort:«Jede Erzählung, jeder Bericht, der Deutschland scha- den könnte.» Ihre weitere Frage:«Auch dann, wenn es wahr ist» wurde eindeutig mit einem:«Auch dann!» bestätigt. Und über die Industrie- und Handelskammer erließen die Nazis an die Kaufmannschaft die erstaunliche Aufforderung, bei ihren ausländischen Geschäftsfreunden alle«Greuelmärchen» zu dementieren und dagegen zu protestieren— und insbeson- dere wurden die jüdischen Kammermitglieder aufgefordert! Von jedem derartigen Protest- den unter dem Druck der Um- stände viele Firmen wider ihr besseres Wissen aussandten— war eine Kopie einzureichen, die hernach groß aufgemacht in der Tagespresse erschien. Die ausländischen Freunde aller- dings antworteten mit höflicher Zurückhaltung, wenn nicht mit offenem Zweifel; sie kannten die Wirklichkeit und durch- schauten das Spiel. Und bereits begannen Geschäftsleute in aller Welt, ob jüdisch oder nicht, ihrerseits angewidert, ihre Verbindungen zu Deutschland zu lösen. Gewalt und Tücke waren eines und wüteten nicht nur ge- gen die Juden, sondern auch unter den Deutschen. Das Land war mit einem Netz von Spitzeln durchzogen, und jede nega- tive oder auch nur kritische Bemerkung konnte zu«Schutzhaft und Folter führen. Rachsucht, Mißtrauen und Willkür wucher- ten, die Gespräche wurden doppelbödig, die Kunst des Briefe- schreibens schwand, vom Gedanken an die Zensur erstickt. Und gerade in diesem Zustand hatte man manche stille, doch um so herzlichere Freude. Etwa beim Gang durchs Geschäft mochte ein langjähriger Kunde auf mich zukommen und mir verschwiegen die Hand drücken wie jemandem, dem man sein Beileid ausspricht. 121 Die deutsche Presse erschien gleichgeschaltet und sprach- geregelt. Nicht, daß man die Zeitungen direkt zensiert hätte, aber man versorgte sie täglich mit Richtlinien über das, was groß gegeben und aufgemacht, und was gänzlich ignoriert wer- den mußte. Die deutschsprachige Schweizer Presse konnte ihre Auflagen in unvorstellbarer Weise erhöhen. Eines Tags saß ein Bekannter in einer Bauernwirtschaft, er hatte sich mit einem Einheimischen über Wetter und Ernte und andre Bei- läufigkeiten unterhalten. Plötzlich deutete jener auf die «Frankfurter Zeitung, die dieser bei sich hatte und flüsterte mit einem scheuen Blick über die Schulter:«Da steht ja auch nicht mehr das Rechte drin. Wenn Sie wissen wollen, was vorgeht, müssen Sie die«Zürichen lesen...» Sprach’s und verschwand. Freilich unterlagen viele, sei’s aus Angst, sei’s aus Unsicherheit, der Massenpropaganda, in deren Ausübung die Nazis mit Goebbels an der Spitze seines Propagandamini- steriums Meister waren. Andere glaubten, nur zum Schein mit- machen zu können, überzeugt, es werde nicht lange dauern. Solche Meinungen herrschten auch im Ausland. In den Boykott-Tagen war ich draußen auf Reisen, um mich mit Ge- schäftsfreunden zu beraten. Auch dort, zumal man da die Verhältnisse nur vom Hörensagen kannte und dem Druck nicht direkt ausgesetzt war, rechnete man mit raschem Sturz der neuen Herren.«Sie werden schon sehen», sagte mir ein kenntnis- und einflußreicher Freund in der Schweiz,«bald wird sich eine Allianz gegen dieses Deutschland bilden- und dann werden weitere Ausschreitungen notwendig unterblei- ben. Sie müssen auf Ihrem Posten ausharren!» Und ähnliches hörte ich in Holland, wo man sich über die deutsche Gruß- formel unter den Briefen amüsierte, oder aus England, wo der Mann auf der Straße mit Verachtung von Deutschland sprach. Ein typisches Bild schien mir jener neue Vorstandsmann auf einer Sitzung eines Einzelhandelsverbands zu sein, der - bis dahin unbedeutend und nun in voller Uniform- er- klärte, es grenze an Landesverrat, wenn parteiangehörige Kaufleute zur strikten Bezahlung ihrer Rechnungen gezwun- gen würden! Offenbar war es sein Wunschtraum, den er da . sprach- Tt hätte, das, was iert wer- Inte ihre Tags saß sich mit ıdre Bei- auf die flüsterte t ja auch len, was ch's und gst, seis usübung ndamini- hein mit- > dauern. ‚In den ı mit Ge: n da die m Druck em Sturz mir eil eiz, bald jen- und unterblei- ähnliches he Gnß .d, wo der nd sprad vorbrachte. Ein alter Kämpfer, ein Kleinbürger in Uniform, in einer Uniform, die alles verdecken sollte, alles stützen, was unfähig und unmöglich war. Eine Uniform zudem, die kei- nen Kriegermut forderte undirgendwie an die Bürgergardisten Daumiers erinnerte. Aber auch auf höchster Ebene, so glaubte man in Wirtschaftskreisen, seien die Nazis außerstande, die Persönlichkeiten zu bieten, dieHandelund Industrie dirigieren könnten. Auf Drängen dieser Kreise wurde daher beim Ab- gang Hugenbergs an Stelle der ursprünglich vorgesehenen Parteigröße als Wirtschaftsminister der Doktor Schmitt, bis dahin Generaldirektor einer Versicherung, ernannt. Ein libe- raler Mann, der seine Gedanken nur wenig verbarg und ohne Zweifel auch vielen Menschen seinen Schutz zukommen ließ. So entstand immer wieder der Eindruck, es werde nicht so schlimm werden oder überhaupt nicht mehr lange dauern. Ich ließ mich von solchen Dingen beeindrucken und setzte Hoffnungen auf sie. Jedoch, so redlich solches Widerstreben oder Widerstehen sein mochte, es war zu schwach, und meine Hoffnungen trogen mich. Aber auch, wenn ich den Gang des Ganzen schon durchschaut hätte und anderer Meinung ge- wesen wäre, so hätte ich doch nicht verzagen und verzichten und die Heimat so schnell verlassen können. Das Wort «Vaterland» war für mich niemals nur ein leerer Begriff, eine Redensart gewesen. Ich war zu viel und zu weit in der Welt umhergekommen, kannte die Verhältnisse in fremden Län- dern, hatte erfahren, was mir die Erde bedeutete, auf der ich geboren und herangewachsen war. Ich wußte, daß ich nicht überall so glücklich sein konnte, selbst wenn ich genug zum Leben hatte. So war Deutschland für mich eine Verpflichtung und war es um so mehr, als mir inzwischen Ämter übertragen worden waren, die mir eine persönliche Verantwortung für die bedrängten Glaubensgenossen spürbar auferlegten. So habe ich diese Jahre durchstanden. Mein Werktag als Kaufmann war der eines jüdischen Unternehmers, reich an Demütigungen. Es war nicht die Tatsache der Ausstoßung aus der bürgerlichen Gemeinschaft allein, es war die Art, in der sie vollzogen wurde. Nicht nur, daß die Usurpatoren selbst ein 123 erschreckend niedriges Niveau aufwiesen- nein, sie schienen das ganze deutsche Volk zu sich hinabzuziehen. Auf der Straße schauten manch alte Freunde in anderer Richtung, und man- chen Morgen fanden wir die Schaufenster beschmiert, mit Zetteln beklebt oder mit einem großen«J» in roter Farbe be- malt— ohne daß ich es hätte wagen können, die Polizei zu verständigen, die dafür gewiß nur ein Achselzucken gehabt hätte. Ich mußte schon die Nerven behalten, wenn mir berich- tet wurde, Passanten hätten sich vor den Schaufenstern dar- über entrüstet, daß es noch jüdische Geschäfte gäbe. Ich selbst habe es erlebt, daß ein alter Mann mit weißem Spitzbart seiner Frau zurief:«Das ist ja ein Judenladen!» und mit ihr verschwand. Daß man Jude war, bedeutete, daß man am Pranger stand. Und diesmal blieb nicht der Trost, es sei eben der Pöbel oder eine Partei der Angreifer- die Regierung griff an, zu jeder Stunde und mit allen Mitteln. Anstatt Menschen eigenen Glaubens zu sein, waren wir plötzlich allesamt Spitzbuben und Verbrecher, sexuell Pervertierte, Ritualmörder und Para- siten. Das Weltbild des«Stürmers», eines antisemitischen Hetzblatts von nahezu einer halben Million Auflage, gewann mit einem Mal offiziellen Charakter, so wie die in Hitlers «Mein Kampf), aneinandergereihten Vorstellungen nun zur Staatsidee wurden. Um sie zu kennzeichnen, dürfte beinah- beinah- das Gesetz vom 15. September 1935 genügen, das Nichtariern die Beschäftigung arischen, weiblichen Hausperso- nals unter 45 Jahren(!) verbot. Anonyme Briefe unflätigen Tons trafen mich ebenso wie iene Anrufe, die in einem gehässigen«(Judenbengel!» und dem Klick des Einhängers bestanden- vorsätzliche Beleidigungen durch ungreifbare Gegner. Im Geschäft gab es einzelne Mit- arbeiter, die sich ihnen anschlossen. An Personalversammlun- lungen der deutschen Arbeitsfront durfte der jüdische Be- triebsführer nicht teilnehmen, und dieBeamten der Deutschen Arbeitsfront, die zu Inspektionen kamen, lehnten Bespre- 124 hienen Straße d man- It, mit Ibe be- izei zu gehabt berich- m dar- h selbst pitzbart mit ihr r stand. bel oder zu jeder eigenen tzbuben 1d Para- itischen gewann Hitlers yun ZUf ‚einah- gen das uspe1s0" n50 wie ind dem igungen Ine Mit mmlun- sche Ber gutschen Bespie chungen mit«dem Juden» ab; sie erteilten ihre Ratschläge, die Befehle waren, nicht mir, sondern untergeordneten An- gestellten. Das Material, das die NS-Betriebszellen-Obleute verteilten, mußte die Atmosphäre vollends vergiften. Mehr und mehr wurde es mir peinlich, Anordnungen persönlich zu geben und mich in Zweifelsfällen durchzusetzen. Das Geschäft begann einer Maschine zu gleichen, die, außer Takt geraten, allmählich zum Stillstand kommt. Soll ein Unter- nehmen gedeihen, so muß es von einer Gemeinschaft be- trieben werden, die den kleinsten Handlanger und den höch- sten Beamten einschließt und von ihnen allen getragen wird, um den Geist des Hauses zu bilden, jenes spezifische Ge- schäftsklima, das als Besonderheit und Eigentümlichkeit die Menschen anzieht. Nun aber hatte der Sturm der Zeit das Klima unserer Tradition weggefegt, den Begriff der verfem- ten jüdischen Atmosphäre wie Schmutz auf uns geworfen. «Die Juden sind unser Unglück» und das«Kauft nicht beim Juden!» spannte sich auf breiten Spruchbändern quer über die Straßen der Städte, möglichst nah den jüdischen Firmen; im Grunde eine offene Bedrohung des Publikums so sehr wie ein Todesurteil gegen uns. In kurzer Zeit hatten wir, von allen Imponderabilien abge- sehen, einen Schaden von vielen hunderttausend Mark und mußten schon 1935 feststellen, daß die Filiale Koblenz nicht mehr gehalten werden konnte. Der Niedergang begann, der ein Abgewürgtwerden war, ein Katz- und Mausspiel, das die braunen Machthaber mit den recht- und wehrlosen Juden trieben. Mochte ich manchmal mich fragen, warum sie nicht ein«Gesetz» machten, dem zufolge die jüdischen Geschäfte einfach und insgesamt geschlossen würden- nun ja, die Nazis brauchten offenbar die Juden als Zielscheibe und Sündenbock so nötig wie das tägliche Brot und hätten sie wohl erfinden müssen, wenn es sie nicht gegeben hätte, in gewissem Sinn haben sie sie ohnehin erfunden, da die Judenheit schließlich nie gewesen ist, was sie über sie behaupteten. Außerdem brauchten sie die antisemitische Kolportage, um diejenigen treffen zu können, die zwar Arier, aber«Judengenossen» wa- 125 ren, weil sie aus religiösen, politischen, humanistischen Grün- den nicht Gegner der Juden, wohl aber der Nazis waren, und die als«Volks- und Staatsfeinde» verfemt wurden. Mehr und mehr verlor das Geschäft seine«deutschen» Kunden und blieb auf den Kreis derer angewiesen, die Auswanderer genannt wurden, in Wirklichkeit jedoch nichts anderes als jüdische Flüchtlinge waren. Gewiß, es gab christliche Mitbürger, die sich nicht einschüchtern ließen und nun geradezu aus Protest im jüdischen Geschäft kauften. Die meisten Mitbürger be- saßen nicht den Mut zu solcher Größe; sie gingen den Weg der Unterwerfung, den eine vergiftete Propaganda ihnen erleichterte. Einige Vorgänge, deren ich mich wegen ihrer Kuriosität er- innere, mögen typisch für die Zeit gewesen sein. Da waren Verfehlungen aufgedeckt und die Schuldigen von der Krimi- nalpolizei überführt worden, überdies gestanden sie. Darauf- hin wurden sie entlassen. In Übereinstimmung mit dem Vertrauensrat war die Kündigungsform beschlossen und aus- gesprochen worden. Wenige Tage später erschien bei mir ein Uniformierter. Er brachte mich in eine beklemmende Situa- tion; die Tatsache, daß in meinem Büro die aggressive Partei- uniform mit dem Hakenkreuz saß, in das der Judenhaß ein- gewebt war, erregte mich tief. Er forderte für die Entlassenen noch drei volle Monatsgehälter und begründete dies mit dem Hinweis auf soziale Gerechtigkeit. Ich fragte ihn, was denn geschähe, wenn ich nicht zahlte. Darauf ließ er Bemerkungen fallen, denen ich entnehmen konnte, es gäbe Mittel und Wege, um einen unsozialen, jüdischen Arbeitgeber bekannt zu machen. Was das bedeutete, verschwieg er nicht. Es wäre wohl ein leichtes gewesen, die«Volkswut, gegen einen«un- sozialen, jüdischen Arbeitgeber aufzuhetzen. Und im übri- gen riet er mir eindringlich, mich der Forderung nicht zu widersetzen. Nach kurzer Rücksprache mit meinen engeren Mitarbeitern sagte ich zu, lehnte jedoch die Auszahlung an die Betreffenden selbst ab und überwies die Beträge im Ein- vernehmen mit dem«Gast an die Kasse der Arbeitsfront. Gewiß hätte sich ein arischer Arbeitgeber gegen eine solche 126 Zumutung wehren können. Für mich, als jüdischen und da- mit wehrlosen Firmeninhaber, bedeutete sie nicht mehr und nicht weniger als eine Erpressung. nn; Eine andre Begebenheit, die ein Spaßvogel den«Flaggen- ErBauE zwischenfall» nannte, hätte mich noch teurer zu stehen kom- RE men können, um so mehr, als ich gerade auf Auslandsreise MEET, GE abwesend war. Wie immer wurden während der stillen Zeit, — im August, die Anstreicherarbeiten gemacht, natürlich nach BET IK Geschäftsschluß, und dabei die Regale mit alten Dekorstoffen sn We verhängt. Dazu hatte der Hausbesorger auch die Überreste = Be einer alten schwarz-rot-goldenen Fahne benutzt, deren Zu- stand in nichts mehr an ihren vormaligen Sinn erinnerte, SEIT und sie freilich bedachtsam in einer von der Straße her nicht )a warn einsehbaren Ecke verwendet. Dennoch gewahrte der Haus- er Kızmi meister, als er vom Abendschoppen zurückkehrte, einen dro- Dar henden Volksauflauf, der Einlaß ins Geschäft und die Heraus- zit&2 gabe des«verfluchten Lappens> forderte. Schließlich erschien und a5 Polizei, er mußte seinen Schlüsselbund holen und die Fetzen ir ER übergeben, von denen der Haufe auf nie geklärte Weise \ Kenntnis bekommen hatte.«Im Triumphzug>, so las man am zer nächsten Tag im Naziblatt,«zog das Volk damit zum nahen ahah er Neumarkt und verbrannte sie unter Absingen patriotischer sent Lieder.» Die Presse hatte groß aufgemachte Schlagzeilen und die Partei einen neuen Sieg errungen. dens Eine dritte Begebenheit war eher grotesk: In Vorbereitung erkunzet eines Führerbesuchs hatte die Stadt sich in einen Fahnenwald ] verwandelt, aus dem sich naturgemäß das Geschäft wie eine z bekzsat Lichtung hob, und ich hatte angefangen mirzuüberlegen, ob die « Es wär Nazis diesen wie einen Protest anmutenden Zustand einfach ea a hinnehmen würden- aber andererseits hatte ich nicht die ge- m Br ringste Möglichkeit, ihn zu ändern. Vielleicht gehörte es zum zit II Beflaggungssystem, daß durch solche Lücken die Feinde des engeren neuen Staates offenbar werden sollten. Nun gut, Nichtjuden tung 3 mochten sich tarnen, ich hätte es keinesfalls gekonnt. Jedoch, m EI in der Nacht vor dem Besuch läutete mein Telefon: Tante “ tsfron Mathilde, die seit dem Tod der Großmutter die Wohnung über „. sold dem Geschäft innehatte, berichtete, daß SA-Leute auf Feuer- 127 wehrleitern die ganze Front mit riesigen Hakenkreuzfahnen und grünen Girlanden zu dekorieren im Begriff seien, und fragte erregt, ob sie dieses Treiben denn dulden solle. Natür- lich beruhigte ich sie, und am nächsten Morgen fand ich in der Tat unser«jüdisches Geschäft hinter einer Wand aus Ban- nern der«Bewegung» verschwunden! Was immer die Nazis selbst dabei dachten, der Vorfall hatte sich alsbald herumge- sprochen, der Passantenverkehr in der Schildergasse war leb- hafter denn je, und fast alle blickten lächelnd herüber. Und mancher gute Freund, jüdisch oder arisch, gratulierte mir tele- fonisch zu der«äußerst gelungenen Schaufensterdekoration). Dieser Tante Mathilde darf ich mit Ehrfurcht gedenken. Sie war die jüngste Tochter der Großmutter, eine kleine, verwachsene Person, wohnte stets mit ihr zusammen und um- sorgte sie mit selbstloser Liebe. Tagüber im Geschäft tätig, war sie oben immer noch das Kind.«Wenn nur Mathilde da ist, kann ich beruhigt abwesend sein», hat mir einmal der Vater gesagt.«Sie versteht nicht viel vom Disponieren, aber sie sorgt für Ordnung, und das ist die Hauptsache.» Übrigens verstand sie genauso viel vom Umgang mit Menschen und war eine beliebte Verkäuferin, von der die Kunden sich gern beraten ließen. Solange sie es vermochte, kam sie jeden Morgen mit den Schlüsseln herunter, um das Hauptportal zu öffnen, und schloß es ebenso eigenhändig am Abend. Das besondere Vertrauensverhältnis, das uns verband, hat wohl schon in meiner frühesten Jugendzeit begonnen; ich war, wie sie mir oft sagte, ihr Lieblingsneffe, und ich bemühte mich, es immer zu bleiben. Mit eindringlicher Deutlichkeit erinnere ich mich, wie ich im Alter von zwei Jahren einmal mehrere Wochen bei der Großmutter wohnte und dabei an Masern erkrankte: damals saß Mathilde nachts mit ihrem gebeugten Rücken an meinem Bett, gab mir heiße Milch zu trinken und sang mıch in den Schlaf. Und später dann, in ihrem Ruhestand, rief sie, dem Geschäft ihr ganzes Interesse bewahrend, mich oft telefonisch zu sich, um«Wichtiges zu be- sprechen» und zu berichten, was sie etwa in den Fenstern der Konkurrenz beobachtet hatte oder bei uns für«nicht auf der 128 zfahnen en, und . Natür- d ich in aus Ban- ie Nazis [erumge- war leb- er. Und mir tele- oration). denken. kleine, und um- ätig, war je da ist, jer Vater sie sorgt verstand war eine beraten rgen mit 1en, und and, hat nen; ich bemühte ıtlichkeit 1 einmal dabei an it ihrem Milch zu dann, in Interesse es ZU be- stern der + auf der Höhe» hielt. Dabei servierte sie gern eine freundliche Zwi- schenmahlzeit mit Fleischwurst, selbsteingemachten Senfgur- ken und duftendem Kaffee. Und als das Dritte Reich kam und die Schildergasse zur Aufmarschstraße der Nazi-Kolonnen wurde, litt sie in ihrer Einsamkeit schwer unter den Liedern und Schmähungen gegen die Juden. Aber sie ergab sich nie: als sie nach Theresienstadt gebracht werden sollte, sprang sie tapfer aus dem Fenster und blieb tot auf der Straße liegen. Sie war siebenundsiebzig Jahre alt. Mit dem Ausbürgerungsgesetz von 1935 intensivierten sich die Tendenzen zur Auflösung des deutschen Judentums. Man hatte einen Ring der Verfemung um uns gezogen, Tag für Tag fuhren wie Faustschläge in den Nacken die antisemitischen Reden der Nazichefs auf uns nieder, auf uns alle und auf jeden einzelnen, und verwandelten sich in Aktionen, die auf Schritt und Tritt spürbar wurden. Im Geschäft fielen die Umsätze er- schreckend. Es mag dies nicht der höchste Maßstab der Vor- gänge sein, aber es ist ein durchaus wirklicher, der nicht im Wirtschaftlichen blieb, sondern ins Menschliche übergriff und die seelische Belastung ins Unerträgliche steigerte. Das Volu- men des Unternehmens minderte sich derart, daß es für die großen Hersteller uninteressant wurde: unter dem Druck der Partei begannen sie, ihre Kollektionen zunächst kleineren arischen Firmen zu zeigen, bevor sie wie früher zu uns kamen. Der geringste Gang wurde zur Marter. Als ich eines Tages zum Finanzamt kam, um eine Steuersache zu besprechen, brüllte der Beamte mich an:«Was wollen Sie denn noch hier, Sie ver- dammter Jude? Warum sind Sie denn nicht längst im Aus- land?!» Dergleichen war die Regel, und wenn ich auch allmäh- lich begriff, daß dies wohl nur die Art war, auf die im Dritten Reich ein Staatsbeamter, mochte er sonst freundlich und harm- los sein, sich gegen den Verdacht zu schützen suchte, er sei ein schlechter Deutscher- es traf mich tief. Ebenso berührte mich die Anordnung, wonach sich Juden in Parkanlagen und Promenaden nicht mehr auf eine grün gestrichene Bank set- 129 zen, sondern nur noch die mit gelber Farbe und der Aufschrift «Für Juden» bemalten Bänke benutzen durften. Zwar berich- tete mir mancher christliche Freund, er habe sich aus Protest auf eine gelbe Bank gesetzt, ich fand es aber beschämend für die Deutschen, daß sie sich von Kreaturen regieren ließen, die diesen Erlaß in ihrem Namen wagen konnten. Immer schärfer und bitterer wurden Verfolgung und Aus- stoßung zu unmittelbarer Wirklichkeit, zu leibhaftiger Be- drohung. Deutschland, dem wir uns zugehörig fühlten, schien in Mizraim und Babylon verwandelt, war plötzlich echtes Ga- luth. Und es ist wohl verständlich, daß ich in solcher Bedräng- nis nach einem helleren Ausblick suchte. Wohl hatte ich stets die zionistische Bewegung unterstützt, indes eher in karitati- vem Sinn. Nun erkannte ich ihren Wert als Sammelbecken und begriff Schopenhauers Satz, die Heimat des Juden sei der andere Jude. Würde ich nie vergessen können, daß ich Deut- scher sei, so würde ich doch von nun an die deutsche Heimat im Nebel des rauchenden Opferblutes meiner Glaubensgenos- sen sehen müssen. So stellte ich mich 1935 der zionistischen Vereinigung in Köln zur Verfügung und wurde in ihren Vor- stand gewählt, dann auch als Vertreter in die Repräsentanten- versammlung und später in den Vorstand der Jüdischen Ge- meinde. Die Arbeit, die ich leisten durfte, belohnte mich reich - persönlicher Einsatz für die Zukunft der Bedrückten und Bedrängten in einem besseren Morgen, in einem Land, in dem sie als freie Bürger leben und das sie mit ganzem Recht ihr eigen nennen sollten. Palästina war der Hoffnungsstrahl vieler Tausender, war auch der meinige, und freudig widmete ich mich der gemeinsamen Aufgabe, die vor allem darin be- stand, aus der Bahn geworfene Juden zu betreuen und die aus den deutschen Verbänden ausgestoßene jüdische Jugend in eigenen Sportvereinen sowie Handwerker- und Lehrlings- schulen körperlich und geistig auf die Auswanderung nach Israel vorzubereiten. Es war konstruktive Arbeit für eine posi- tive Zukunft, und sie erhob mich innerlich über manche De- mütigung durch die Nazis: was an menschlicher Befriedigung im Geschäft mehr und mehr dahinschwand, gewann ich in 130 ufschrift ihr, durch eine andere und eigentlich stärkere und höhere Ver- t berich- antwortung, hinter der das befreiende Element und die geistige 5 Protest Substanz der zionistischen Idee leuchteten. In tiefer Dankbar- nend für keit bleibe ich ihr verbunden- für immer. ı ließen, Nach der Besetzung Österreichs steigerten die Nazis ihre antisemitische Aktivität. In Wien hatten sie sogleich grausam ind Aus- und schamlos in aller Öffentlichkeit unter den Juden gehaust, tiger Be- hatten schuldlose Menschen gefangen, gefoltert und ver- n, schien schleppt. Überall wurden jüdische Mitbürger ohne Grund Chtes Ga- und Recht verhaftet und mißhandelt. Dabei offenbarte sich Bedräng- der Heldenmut jüdischer Frauen: versagte die Interventions- ich stets kunst der Anwälte, so wagten die Ehefrauen der Inhaftierten karitati- sich in die gefürchteten Büros der Gestapo. Sie haben vor den elbecken harten Folterknechten geweint und, wenn es sein mußte, mit n sei der ihnen gelacht; aber nicht selten haben sie so die Freilassung ch Deut- ihrer Männer erlangt. » Heimat Die Anzeichen dafür, daß die deutsche Reichsregierung nsgenos- entschlossen war, die Judenfrage endgültig zu«lösem>, ver- istischen dichteten sich. Das Meer, auf dem mein Schifflein trieb, ge- ‚ren Vor- riet in Sturm, und das eine oder andere Mitglied der Besat- ntanten- zung wurde wankelmütig— oder soll ich es heute seekrank chen Ge- nennen? Zu jener Zeit jedenfalls habe ich es nur schwer zu ‚ich reich ertragen gewußt und bin in manchen Stunden an solchem kten und Versagen fast zerbrochen. Im großen und ganzen jedoch war Land, in ich von Menschen umgeben, die mir die Treue hielten— be- ‚m Recht sonders meiner Frau bin ich zu Dank verpflichtet. Einer, der ngsstrahl es immer gut mit mir gemeint hat und von dem mir bekannt widmete war, daß er Verbindungen zur Partei hatte, so daß er es wohl darin be wissen mußte, kam eines Tages erregt zu mir und warnte mich die aus eindeutig und eindringlich. Ich solle den Betrieb verkaufen ugend in und Deutschland verlassen, ehe es zu spät sei. Man wolle mich chrlings- als Inhaber so bedeutender Unternehmen, die noch nicht ari- 108 nach siert waren, ins Konzentrationslager bringen. Ich solle an sine post meine Frau und an meine Kinder denken. ‚nche DE ziediguns on jch IN 131 Die Lage des deutschen Judentums war verzweifelt, unser Le- bensraum mehr und mehr eingeengt, und selbst das Beschei-| denste, das Auswandern, wurde zusehends schwieriger. Nicht, daß man einfach sein Bündel nahm und über die Grenze ging und womöglich hilfreich aufgenommen wurde! Die Pässe| jüdischer Menschen wurden mit einem großen, auf derersten Seite eingestempelten«J» gekennzeichnet, das nicht nur in- nerhalb Deutschlands, sondern wider alles Erwarten auch im Verkehr mit Ausländern ein Hemmnis bildete. Ab ı. Januar 1939 mußten außerdem alle Juden einen weiteren Vornamen annehmen, und zwar männliche Personen den Vornamen Israel und weibliche den Vornamen Sara. Der Inhaber eines so diskriminierten Ausweises nämlich wurde, wo er um ein Visum einkam, nicht etwa bevorzugt, sondern verdächtigt. Die Visa-Büros der Konsulate fürchteten alsbald, man werde länger oder gar dauernd in ihren Ländern bleiben und etwa auch noch arbeiten wollen, was infolge der internationalen Depression besonderer Genehmigung bedurfte. Das Gering- ste, was man zu sagen hätte, wäre, daß diese Beamten, offen- bar wirklichkeitsfremd, nicht begriffen hatten, daß da Men- schen vor ihren Mördern fliehen wollten. Viele Länder gaben ihr Visum nur, wenn der J-Paß bereits ein anderes Visum zur Einreise aufwies, das ihrige also ledig- lich Transit zu sein brauchte. Andere Länder wieder forder- ten Sicherungen. In viele Länder war eine Einwanderung nicht möglich, andere hatten Quoten aufgestellt, um sie zu be- schränken. Für Palästina galt nach Maßgabe der Mandats- macht England eine Einwanderungsquote, die von gewissen anglo-arabischen Interessen bestimmt wurde. Die USA ver- langten das sogenannte Affidavit eines amerikanischen Bür- gers, der damit die Verpflichtung zur Sorge für den Ankömm- lingübernahm. Und werhatte so ohne weiteres Verwandte oder Freunde drüben, an die er sich wenden konnte— und wer drü- ben war so einfach imstande, den Unterhalt einer vielleicht mehrköpfigen Familie für einige Jahre neben seinen normalen Verpflichtungen auf sich zu laden? Erst die später gebildeten Komitees waren in der Lage, diese Bürgschaften gemeinsam 132 unser Le- ; Beschei- er. Nicht, ° Grenze Die Pässe ler ersten t nur in- | auch im 1. Januar /ornamen /ormamen iber eines r um ein rdächtigt. ‚an werde und etwa ‚ationalen s Gering- en, offen- da Men- aß bereits also ledig- jer forder- rung nicht je zu be Mandats- | gewissen zu arrangieren, und glücklicherweise zeigten die amerikani- schen Beamten eine rühmliche Großzügigkeit: sie schlossen im Rahmen ihrer Gesetze beide Augen, wo es um die Rettung von Menschenleben ging. Vielleicht war ihnen bewußt, daß sie selbst eine Nation von Auswanderern sind. Selbst wenn alles gut ging, so dauerte es Wochen und Mo- nate voll zerrender, qualvoller Spannung. Wer jemals in Vor- zimmern von Konsulaten saß, unzählige und oft verwickelte Fragen beantwortend, immer wieder, und dann nach Hause ging, mit der Auskunft, ein Entscheid werde mindestens so und so lange dauern, und am Ende dennoch erlebte, daß nach so grausamer Wartezeit der Briefträger eine negative Antwort brachte, der mag ungefähr ermessen, wie es zahllosen verfolg- ten Juden zumute war. Nur ungefähr- denn eine Ablehnung konnte die Auslieferung an Lager und Tod bedeuten. Um so mehr wurde gepriesen, wer tatsächlich sein Visum erhielt, und was an sich eine simple Amtshandlung gewesen wäre, galt fast als Wunder; es war eine Atmosphäre voll von Paro- len, Legenden und Manövern. Die deutsche Regierung, die keinen Zweifel mehr über ihr Endzieb ließ, hatte inzwischen ein System von Vorschriften entwickelt, das nichts anderes als Raub mittels Gesetz, und zwar totaler Raub, war. Sie nahm die Ermordung vom Raths zum Anlaß, um nach der Kristallnacht im November 1938 den Juden deutscher Staatsangehörigkeit in ihrer Gesamt- heit wie einem im Kriege besiegten Feinde die Zahlung einer Kontribution an das deutsche Reich aufzuerlegen. Diese Kon- tribution wurde durch die«Judenvermögensabgabe, einge- zogen. Sie betrug zunächst 20°/o des Vermögens jedes Einzel- nen und wurde später auf 25° erhöht. Außerdem mußten alle Juden sämtliche Juwelen, Gold- und Silberwaren, über- haupt sämtliche Gegenstände aus Edelmetall— bis auf den eigenen Trauring, den des verstorbenen Ehemanns, gebrauch- tes Tafelsilber, und zwar je zwei vierteilige Eßbestecke, be- stehend aus Messer, Gabel, Löffel und kleinem Löffel, darüber hinaus Silbersachen bis zum Gewicht von vierzig Gramm je Stück und einem Gesamtgewicht bis zu zweihundert Gramm 133 je Person, endlich«Zahnersatz aus Edelmetall, soweit er sich im persönlichen Gebrauch befand»- an die Pfandleihstellen zu Spottpreisen«verkaufen». Wer auswandern wollte, hatte außerdem andere Abgaben zu bezahlen: die Reichsfluchtsteuer. Von 1939 an kam eine Abgabe an die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland hinzu- eine getarnte Naziorganisation. Wer Möbel und Kleider mitnehmen wollte, brauchte eine Packerlaubnis, und diese war abhängig von der Unbedenklichkeitsbescheinigung. Sie wurde erteilt, wenn alle Steuern bezahlt waren. Wie Juden bei dieser Gelegenheit von den Behörden schikaniert wurden, mag daraus hervorgehen, daß eine Bescheinigung vom Finanz- amt nicht genügte. Auch die städtischen Behörden und alle Instanzen, denen gegenüber Beiträge hätten fällig sein kön- nen, mußten bestätigen, daß alles bezahlt oder daß eine Steuer nicht anhängig war: so hatten wir eine Bescheinigung der Ortskrankenkasse beizubringen, wonach die Arbeitgeberbei träge für die früher einmal Beschäftigten geleistet waren. Obgleich wir nie einen Hund besessen hatten, bedurfte es einer Bestätigung des städtischen Hundesteueramtes, daß die Hundesteuer nicht rückständig war,- wobei ich leider nicht behaupten darf, daß ich die lange Reihe der Schikanen und Willkürakte hier erschöpfend dargestellt habe. Schließlich war der Zollfahndungsstelle eine Liste aller Gegenstände ein- zureichen, die eingepackt werden sollten. Nach 1933 ange- schaffte Gegenstände unterlagen einem«Ausfuhrzoll» in Höhe des Neuwertes. Für alle übrigen Gegenstände war durch Rech- nungen nachzuweisen, daß sie vor 1933 erworben worden waren. Wer sie nicht mehr hatte- und wer verwahrt schon solche Belege über die Jahre!- mußte sich die Schätzung eines Beamten gefallen lassen, der die Preise im Sinne des Fiskus, also so hoch wie nur möglich, ansetzte. Erst wenn all das zur Zufriedenheit der Behörden geregelt war, wurde die Unbe- denklichkeitsbescheinigungund Packerlaubnis erteilt, und erst dann konnten die Fahrscheinhefte für die Auswanderungs- reise besorgt werden. Auch dann war man allerdings von den Behörden nicht befreit. Das Einpacken der Kisten und Kasten 134 it er sich :ihstellen Abgaben kam eine utschland öbel und bnis, und jeinigung. Nie Juden t wurden, m Finanz- und alle sein kön- ine Steuer igung der tgeberbei et waien. edurfte es s, daß die ider nicht anen und schließlich tände ein- 1933 ange }» in Höhe urch Rech- ‚n, worden ahrt schon zung eines des Fiskus, aj] das zu! die Unbe It, und erst anderungs‘ 05 voß den ind Rasten geschah unter der Aufsicht eines Beamten der Zollfahndungs- stelle, der streng darauf achtete, daß nichts eingepackt wurde, was nicht auf der Liste stand. An Bargeld durften nur zehn Mark pro Kopf mitgenommen werden. Und das alles war erst ein Anfang zu dem, was später kam: als Juden, Hab und Gut im Stich lassend, bei Nacht und Nebel flüchteten und aus Angst vor der Deportation in die Vernich- tungslager nur mit dem über die Grenze gingen, was sie am Leibe trugen. Die Sorge um den nächsten Tag und um das Leben be- herrschte das jüdische Dasein, um so mehr, als die Evian-Kon- ferenz von 1936, die das Problem einer organisierten Massen- emigration lösen sollte, am Verhalten der in Frage kommen- den Mächte scheiterte, die im übrigen zu der Nazi-Regierung die normalen diplomatischen Beziehungen unterhielten und schon dadurch die Menschen entmutigten. Nun begünstigten sie, wenn nicht absichtlich, so doch tatsächlich, deren Pläne: den deutschen Juden blieb die Welt verschlossen, und verhält- nismäßig wenige fanden das Tor zur Freiheit. Aber sie alle haben die Zeit des Untergangs in Würde ertragen, und nie- mand, der es erlebte, wird ihnen diesen Ruhm versagen. Ich selbst habe an vielen, vielen Zusammenkünften und Bespre- chungen in engerem oder weiterem Kreis teilgenommen, und nie war irgendwo einer, der sich zu einem Haßausbruch gegen das deutsche Volk hätte hinreißen lassen, auch da nicht, wo man unter vier Augen war. Niemand wird aber auch die Ver- düsterung, in der damals die Gesamtheit der deutschen Juden lebte, beschreiben können. Nie wird Menschenhand sie in Bil- dern wiedergeben, nie wird eine Zunge das Heldenlied singen können, das Lied von jenen Männern und Frauen und Kin- dern, von denen auch die Jüngsten schon wußten, was vor sich ging. Der unendliche Zug der Bedrückten und Gemarterten, derin den Gaskammern der Konzentrationslager endete, ist in die Ewigkeit der Geschichte eingegangen. Im Deutschland von damals noch zu bleiben gebot mir ein Gefühl und Bewußtsein der Verpflichtung. Nach allem, was ich über mein Verhältnis zum Geschäft als Erbe und Aufgabe 135 schrieb, und gerade von der Lage des deutschen Judentums aus, in dem ich einen verantwortlichen Platz einnahm, wäre ein Weggang mir wie Verrat erschienen. So lebte ich im Land wie der größte Teil meiner jüdischen Mitbürger und sah noch den Niedergang unseres Hauses. Mag man mir heute manch- mal vorhalten, dies Ausharren sei doch unnötig und töricht gewesen, so darf ich antworten, daß es gewiß höhere Werte als das eigene Leben und höhere Ziele als das gute Geschäft gibt. Seit der Machtergreifung der Nazis lag mir ein Ring um die Brust, der das Atmen verwehrte und sich über ein Jahrzehnt nicht lösen wollte. Und noch heute spüre ich ihn, wenn ich an diese Zeit zurückdenke, die so schwer und einsam war. Manche Freunde waren nach und nach ausgewandert, die Ge- selligkeit erstarb, es blieb nur die engste Familie. Theater, Konzertsäle, Museen waren für Juden verschlossen. Auf der Straße begegnete man nur starren, wenn nicht feindseligen Gesichtern, und überall drohten Rempelei und Übergriffe. In Frankfurt, das den Juden so viel an kommerziellen und kul- turellen Werten zu danken hat, waren die Angriffe noch hef- tiger als in Köln, und in der Filiale bekam ich 1938 eine Atmosphäre zu spüren, die kaum gemildert wurde durch den Gedanken, dieser oder jener sei allein durch die Sorge um seine Existenz und nicht durch Neigung zum Regime ge- lenkt worden. Im Frühjahr 1938 war ich noch einmal in Ber- lin, wegen einiger Import-Lizenzen, die ich persönlich bean- tragen wollte. Die Ablehnung teilte mir ein älterer Beamter freundlich bedauernd mit: es sei keinerlei Aussicht, daß im Dritten Reich jemals ein jüdisches Unternehmen dergleichen bekomme. Mit den Juden sei es vorbei.«Es wird noch viel schlimmer kommen, glauben Sie mir. Ich kenne die Richt- linien.» Schließlich, im Juni 1938, war es soweit: ich mußte auf- geben. Es war nicht einfach, mich zu lösen. Das Geschäft wurde verkauft, der Vertrag genehmigt. Jeder Vertrag bedurfte der Genehmigung der Gauwirtschaftsleitung, die dabei oft- mals Verträge, die bereits notariell abgeschlossen waren, än- 136 tums| derte. Die Gänge zum Notar, die das Schicksal einer gro- wäre ßen Firma besiegelten, wurden mir zur bittersten Qual, und Land vor der ersten Unterschrift rief ich aus der Kanzlei meine noch Frau an: ich sagte ihr, ich wolle einfach weglaufen und alles an- draufankommen lassen. Dann faßte ich mich wieder im Ge- öriht| danken an sie und unsere Kinder und setzte müde meinen Werte Namen unter die Paragraphen. Bei einer anderen Verhand- schäft lung solcher Art erklärten die Interessenten mir eindeutig, ich müsse froh sein, überhaupt noch jemanden zu finden, der für m die jüdische Objekte bares Geld gebe. zehnt So kam der Septembertag, an dem ich vor meinen Kölner ın ich Mitarbeitern stand, um mich mit einer kurzen Ansprache zu | war. verabschieden. Ohne auf die politische Seite der Vorgänge ie Ge- Bezug zu nehmen, beklagte ich mich über das Schicksal, das jeater, mich trotz allen Bemühens und vieler Erfolge das Geschäft uf der verlassen hieß. Der eine und andre sah zu Boden, als be- eligen schäme ihn, was geschah, zumal, als ich die schönen Stun- ffe. In den der Zusammenarbeit zurückrief und nichts zu vergessen d kul- bat; mit dem Dank für oft jahrzehntelanges Zusammenhalten h hef- schloß ich. Ich hatte nicht wie früher am Vortragspult ge- } eine standen, während des Sprechens war ich zwischen meine h den Mitarbeiter getreten, lehnte mich gegen Ende an eine Fenster- e um bank. So weilte ich noch einmal unter ihnen- es war ein ne ge: Augenblick, an den zu denken mich heute noch erregt. Als n Ber- ich schwieg, war Totenstille- dann entfernte sich einer nach bean- dem anderen, und schließlich reichte eine Mitarbeiterin, die ‚amter über fünfundzwanzig Jahre im Dienst des Geschäfts verbracht aß im hatte, mir einen Blumenstrauß, an den ein persönlicher Ab- eichen schiedsgruß geheftet war. Das war gewiß eine schöne Geste, h viel die ich nie vergessen habe. Jedoch- sie half mir nicht. Richt Ich ging hinüber ins Büro des Vaters. Seit seinem Tod arbeitete ich darin, ohne daß ich aufgehört hätte, es als das ‚ seine zu betrachten. Alles war geblieben, wie er es zehn 2 Jahre zuvor verlassen hatte. Das Kalenderblatt auf sei- durfte nem Schreibtisch zeigte noch den Todestag, den 13. August ad 1928 an, und die Schreibmappe barg die letzten Briefe, die 2 46 er diktiert, aber nicht mehr gezeichnet hatte. Da stand sein 137 Sessel, auf den sich nach ihm niemand mehr gesetzt hatte. Ich ging um den Tisch, zog die Schublade auf— neben seinem Federhalter das kleine, von einem Lederetui geschützte Büch- lein, in das er vom Jahre 1895, dem Datum seines Eintritts ins väterliche Geschäft, bis zu seinem Tod mit eigener Hand die Umsätze eingetragen hatte. In den Seiten blätternd, folgte ich noch einmal der Zahlenreihe der Entwicklung, die sich von achtzigtausend Mark Jahresumsatz zu Anfang bis dicht an die Grenze von zwei Millionen 1914 vorgeschoben hatte. «Halt mir das Büchlein in Ehren», mahnte er mich einmal bittend. Nun steckte ich es in meine Brusttasche. Dann setzte ich mich auf das Sofa an der Wand gegenüber: oft hatten wir da beratend und planend verweilt, und vordem Ausmarsch in den Krieg hatte ich hier Abschied von ihm genommen.«Viel- leicht hätte ich dich reklamieren sollen», meinte er damals. «Du weißt, daß ich nicht mehr auf der Höhe bin, und gerade heute fühle ich, wie ich altere. Aber wir sind Deutsche, und Deutschland ist in Gefahr. Jeder muß seine Pflicht tun.» Und jetzt stieß dieses Deutschland mich aus, vertrieb mich von seinem Boden- nicht, weil ich mir etwas hätte zuschulden kommen lassen, nein, der Religion und Rasse wegen, in die ich schuldlos hineingeboren. Mir war zumute wie einem un- gerecht zum Tode Verurteilten, der unter den Hohnrufen des Mobs das Schafott besteigt. Das war nun der Abschied von Haus und Hof, von der Stadt Köln, in der ich geboren war wie meine Frau und wie unsre Kinder. Und nun hieß es: in eine unbekannte Fremde ziehen, aus dem Land der Muttersprache insIrgendwohin wan- dern. Fortwährend dachte ich an das Geschäft. Warum war es gerade mir zugefallen, es aufzulösen! Dies Erbe des Vaters, das kein kalt auf Profit berechnetes Unternehmen war, das man leichten Herzens für Besseres aufgeben konnte. Hier sank das Erbe der Väter, das zu erwerben und zu besitzen mir gelungen war, dahin. Es gab keinen Raum für Trost. Langsam stand ich auf und trat noch einmal neben den Sessel des Vaters, wie früher oft. Dann öffnete ich leise die Tür und ging. 138 hatte, einem Büch- ntritts Hand folgte je sich ; dicht hatte, inmal setzte hatten marsch ‚ Viel- lamals. gerade e, und , Und ch von hulden in die m un- nrufen on der nd wie Fremde in wa m wal Vaters, ar, 05 >, Hier esitzen - Trost. y Sessel ür und Weitaus schneller, als er selbst es für möglich hält, wird ein Kaufmann, den bis dahin alle Welt hofierte, zur unbeachteten Figur, auf die niemand mehr Rücksicht nimmt. Allen Re- spekts beraubt, steht der Mann vor der eisigen Umwelt, die sich beeilt, die Maske fallen zu lassen, die zum Spiel der Gesellschaft gehört. Dergleichen erleben zu müssen gilt als gerecht, wo jemand durch verfehltes Disponieren oder maß- losen Lebenswandel, durch eigenes Verschulden also, sich an den Abgrund brachte. Mit Staunen wurde ich nun gewahr, daß es mir nicht anders erging, obgleich ich das Opfer frem- der Gewalt geworden war. Auch mich umwehte nun plötzlich die kalte Luft der Vereinsamung: viele eilten zu neuen Na- men, selbst alte Geschäftsfreunde. Es schien, als bewundere man die neuen Machthaber, die es fertiggebracht hatten, den Organismus aus Person und Firma hinabzustoßen, obwohl es nach Zeit und Umstand gewiß kein Heldenstück war. Wir sind nach Erez Israel ausgewandert, wie man damals den von den Juden kolonisierten Teil Palästinas nannte, der heute zum Staat Israel gehört, und lange Jahre lebte ich dort als Dorf- und Wanderfotograf. Bei der Ankunft in Tel Aviv sagte mir jemand zur Begrüßung:«Sie haben in Europa das Leben eines Wohlhabenden geführt. Nun werden Sie hier erleben, was es heißt, sich«durchwurschteln» zu müssen, von einem Abenteuer zum andren. Aber vergessen Sie nicht zu hoffen, denn Palästina ist das Land der Wunder. Eine Zeit geht, und eine Zeit kommt. Try to make the best of it» Daran dachte ich oft, während ich mit Kamera und Stativ von Haus zu Haus und von Ort zu Ort zog, begleitet von meiner Frau, die die Lampen und Mustertaschen schleppte, in heißer Sonne über sandige Wege. Wir fotografierten alles, Kinder und junge Frauen und Hunde, meine Frau führte Regie, baute die Objekte auf und verlockte sie zum Lächeln, und mir lag ob, den besten Augenblick auf die Platte zu bannen. Oft hatten wir lange Fußmärsche zurückzulegen, bis wir in dem damals noch dünn besiedelten Gebiet zu den abseits und einsam gelegenen Dörfern und Weilern gelangten. Wenn ich dann auf dem Boden umherkroch, um jämmerlich schrei- 139 ende Babies als niedliche Kinderchen zu«schießen» oder mit einladender Geste vielköpfige Familien zu konterfeien oder unaufmerksame Hochzeitsgesellschaften und Allotria treibende Schulklassen, erinnerteich mich grimmig-schmerzlich des deut- schen Slogans«Wer fotografiert hat mehr vom Leben!» und war zufrieden, daß wir überhaupt das Leben selbst hatten. So haben wir erfahren, was der Freund uns riet: von einem Auftrag, von einem Wunder zum anderen— aber«that is another story», und hierher gehört sie nur insofern, als sie bezeugt, daß unser Leben von nun an ganz anders ablief. Nach außen, ja— und nach innen? Nun gut, da war es vor allem die andere Sprache, deren wir uns täglich bedienten, das Hebräische, das mit seiner Grammatik und ganzen Atmo- sphäre eine bis dahin so gut wie unbekannte Tradition über- mittelte, eine neue Lebensauffassung und einiges Verständnis für andere Daseinsgewohnheiten. Zumal die Kinder sprachen in der Schule und auf der Straße nur Hebräisch- Iwrith— und brachten es auch ins Haus, und ebenso taten es die Nachbarn in Kfar Malal, dem kleinen Dorf, in dem wir später sechs Jahre wohnten, und desgleichen die Kunden.«Es dämmern im Bücherständer die Bände in Gold und Braun...»— aber wer fand noch den Weg zu ihnen, den geretteten Mitbringseln aus Deutschland? Man entfremdete sich der Muttersprache, gezwungen, alltäglich und fast ausschließlich eine neue und fremde Sprache zu benutzen: eines Tags mußte ich mir ge- stehen, meine Geschichte als Jude aus Deutschland sei be- endet. Ich war ein Jude in Israel geworden. Im November 1950 erhielt ich eine Aufforderung, nach Deutschland zu kommen. Ich folgte dem Ruf, und kurz vor Weihnachten landete ich auf dem Flughafen Rhein-Main. Als der Pilot ansagte, die Maschine fliege nun über dem Bundesgebiet, drückte ich mich tief in den Sessel, blickte nur dann und wann hinab und gewahrte zwischen Wolken- fetzen ein Stück Rhein; es war mir recht, daß Köln und Main und Taunus von Nebeln verhangen waren. Dann wurde der Passagier aus Israel vom deutschen Zoll empfangen und dies- mal so liebenswürdig begrüßt wie er damals voll Bosheit ver- 140 T mit oder ende deut- » und en. :inem hat is ls sie ıblief, 5 VOL nten, Atmo- über- indnis achen - und hbarn sechs mern - aber ıgseln rache, e und ir ger ei ber nach 1z vol Main. d dem plickte olken- Maiß de der d dies je ver abschiedet worden war. Und im alten Hotel, das er wieder aufsuchte, erkannte ihn der Empfangschef und gab ihm ein schönes Zimmer. Es war Abend. Aus der Bar kamen heitere Klänge. Gäste in gehobener Stimmung, ihr Auftreten und ihre Kleidung er- wiesen die Wirklichkeit des sagenhaften deutschen Wirt- schaftswunders. Lange hatte ich nicht mehr so üppige Por- tionen gesehen, Fleisch, Süßspeisen; in Israel gab es damals südamerikanisches Gefrierfleisch, 300 Gramm pro Person und Monat, der Zucker war rationiert, und Schlagsahne war über- haupt verboten. Vorsichtig wie in einem Krankenzimmer bin ich dann am nächsten Tag auf die Straße gegangen. Mir schlug die Luft eines neuen Frankfurt entgegen: eine neue Stadt war da, ganz unähnlich der, die ich in meiner Erinnerung trug. Rui- nen und Neubauten— der Wiederaufbau— beherrschten die City, und Goethestraße, Zeil, Kaiserstraße waren eher nur noch dem Namen nach, was ich kannte. Amerikanischer Stil — eine veränderte Atmosphäre, in der auch andere Menschen sich zu bewegen schienen. Sie hatten es viel eiliger als die alten Frankfurter, und mehrere Male, als ich mich nach dem Großen Hirschgraben zurechtfragte, antwortete man:«Ich bin auch nicht von hier.» Nun freilich, ich fand ihn dennoch wie- der und sah gern, daß ebenso wie anderes auch das Goethe- haus wieder aufgebaut wurde. Von ihm ging ich weiter, zur Rat-Beilstraße, zum Grab der Großeltern. Der Friedhof war damals noch in schlechtem Zustand, umgestürzte Grabsteine lagen überm Weg, an anderen fehlten die metallenen Lettern der Inschriften, die irgendwer sonstwie verwertet hatte, und die Toten ruhten namenlos. Ein trübseliges Bild- ein Fried- hof von mehr als 120 000 Gräbern, und für jedes von ihnen hatte es trauernde Herzen gegeben, von denen seither gewiß- lich viele selbst zu schlagen aufgehört hatten. Es drängte mich weiter, nach Köln, zum Grab des Vaters. Und doch war es mir innerlich schwer, an ein Wieder- sehen mit Köln zu denken. Oft ging ich zum Hauptbahnhof, las die Aufschrift«Köln» auf den Tafeln, vermochte dennoch 141 nicht, in den Zug zu steigen. Endlich entschloß ich mich im Februar. An den mit gräulich-weißem Schnee bedeckten Ufern des Mains entlang bis zur Mainzer Brücke- ich sah Sonne über dem Dom, auf seiner Kuppel ihren schwachen Glanz, gespensterhaft die Trümmer und Löcher und Lücken. Der Zug fuhr weiter. Niederwald-Denkmal und Mäuse- turm, Lorelei, Cauber Pfalz und die Burgen— was ehedem meine Phantasie anregte, verfehlte sie nun. Ein Schleier er- hob sich zwischen mir und der vertrauten und geliebten Land- schaft- ein rötlicher Dunst, und durch ihn nur sah ich die Weinberge und Dörfer, die Täler und Wälder: die ermordete Mutter fuhr mit mir, und alle umgekommenen Verwandten und Freunde begleiteten uns. Und es begleitete uns auch die Mutter meiner Frau, die mit ihrem Ehemann von Berlin aus nach einer abenteuerlichen, zeitweise in Fußmärschen zurück- gelegten Flucht am Weihnachtsabend des Jahres 1942 endlich an die ersehnte Schweizer Grenze gelangt war. Sie wurde, als das Paar in der Nacht versuchte, über die grüne Grenze zu fliehen, von einem deutschen Beamten gefaßt und erhängte sich in dieser«Weihenachb im Zollhaus Grenzach, weil sie - wie sie es auf einem Zettel in letzter Minute hinterließ- keinen anderen Ausweg mehr sah. Im zertrümmerten Koblenz wäre ich fast wieder umgekehrt. Aber da war das Grab des Vaters vor mir, in Köln, und ich blieb und sah Bonn wieder und das Siebengebirge, und dann rief der Schaffner sein«Nächste Station: Köln!» aus; er rief es wie Tag für Tag, er konnte nicht ahnen, was sein Ruf für mich bedeutete. In weiter Schleife nun fuhr der Zug durch die Stadt, von Straße zu Straße, von Platz zu Platz, von Er- innerung zu Erinnerung: was da zerschlagen vor mich trat, hob sich im Bild des alten Zustands zum wehmütigen Wieder- sehen. Vom wohlvertrauten Bahnsteig eilte ich hinaus auf den Platz: Excelsior und Deichmannhaus schienen erhalten und außer ihnen nur noch der Dom. Ergriffen grüßte ich und schaute hinauf an seinen Türmen. Dann riß der Verkehr mich mit sich, ich ging die Hohestraße entlang. Mit ihren einstöckigen Notbauten glich sie der Budengasse eines Volks- 142 mich eckten h sah achen ücken. Näuse- 1edem ier er- Land- ch die ordete ındten ıch die in aus urück- .ndlich de, als nze ZU hängte reil sie rließ- ekehrt. ind ich d dann er rief uf für j durch yon Er- ch trat, Nieder- us auf halten ch und Jerkebt + ihren ‚Volks: festes. Bis zur Schildergasse... da geriet ich in Atemnot, rannte fast, sah von weitem die Antoniterkirche, beglückt, sie unversehrt zu finden, näherte mich, sah auf dem Boden des Geschäfts einen Notbau, Schaufenster mit Schuhen. Vom alten Haus stand nur ein Teil des Erdgeschosses noch und irgendwo darüber, als erster Stock, ein Fenster dessen, was die Damenabteilung gewesen war. Verrostete und verbogene Gitter. Überall auf den Resten des Gemäuers wild wuchernde Pflanzen. Man hat mich gefragt, ob ich nicht etwa ein Gefühl der Genugtuung empfunden habe, als ich das Geschäft nun zer- stört wiedersah. Nein- nichts davon. Tiefe Trauer spürte ich: wie gern hätte ich nach der Befreiung alles wiedergefunden, wie ich es damals verließ. Wie gern wäre ich durch die un- vergeßlichen Räume des Geschäfts gegangen und durch die Wohnung der Großmutter! Wie schmerzlich die Gewißheit: All das gibt es nur noch auf Bildern und in Träumen! Ich fuhr zum Friedhof. Am Tor hielt Erinnerung mich zu- rück: da war ich an jenem ıo. November 1938 umgekehrt, als ich, vor der Gestapo fliehend, am Grab des Vaters rasten wollte. In der Morgenfrühe schon hatten wir gehört, daß die Synagogen brannten, und hatten das Haus verlassen, waren losgefahren, irgendwohin, wandten uns zum Friedhof, sahen am Verwaltungsgebäude verdächtige Gestalten. Wir fanden eine Telefonzelle und erfuhren, Gestapo durchsuche unser Haus und blaue Polizei stehe vor der Tür. Ein jüdischer Bekannter nahm uns auf, wir berieten und beschlossen, ich solle zu den Schwiegereltern nach Berlin fahren, vielleicht würde ich in der Bahn den Tag unerkannt überstehen. Meine Frau ging nach Hause, ich wurde von dem Freund zum Zug gebracht. Unterwegs, in der Roonstraße, Feuerwehr und Menschen- getümmel vor der Synagoge. Menschengetümmel auch vor der Wohnung eines befreundeten Arztes- während wir für einen Moment hielten, um zu sehen, was da geschah, riß jemand die Tür des Wagens auf: der Arzt drängte stöhnend herein— er war beim Sprung aus dem Fenster verletzt wor- den und bat, man möge ihn ins jüdische Krankenhaus bringen. 143 Endlich saß ich im Zug, fuhr ab, verließ Köln. In Berlin fand ich die Schwiegereltern, wohnte abwechselnd bei ihnen und anderen Verwandten. Aber welch ein Zustand: die Angst, auf die Straßen zu gehen, die Gerüchte, die überall um- herschwirrten, und das Erschrecken bei jedem Anschlag der Hausklingel, das ängstliche Abhören des Rundfunks— wehr- lose Erwartung des ungeheuersten Entsetzens! Eine Welt war in mir zusammengestürzt. In Deutschland wurden Menschen gejagt und Gotteshäuser verbrannt und Friedhöfe geschändet! In Deutschland... im Vaterland- es war verloren für immer! Für immer? fragte ich mich jetzt wieder, als ich am Grab des Vaters stand. Was war mir geblieben? Gräber, nichts als Gräber. Das in Köln und das der Mutter in Theresienstadt und das des Bruders irgendwo in Polen und die der ande- ren Verwandten in den Gaskammern oder verstreut in der Welt. Die Heimat ist noch da- der Boden, die Städte, die Wälder und der Strom. Ich grüße sie und sie grüßt mich. Eine Rauch- wolke liegt auf ihr. Viele Brücken führen zum anderen Ufer. Aber da ist die Rauchwolke, die den Weg verfinstert. Ich liebe die alte Vaterstadt: im Erwachen des Morgens denke ich an den Dom, an die Stadt am Rhein, an alles, was einmal war. Oft wandere ich durch ihre Straßen, und sie tut mir gut: Meine Heimat. Ich spüre sie noch durch die Rauchwolke hin- durch. n Berlin i ihnen € Angst, all um- hlag der - wehr- Velt war [enschen chändet! ft immer! ‚m Grab \ichts als sienstadt er ande- ıt in der e Wälder je Rauch- ren Ufer. 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