Rudolf Kriss Im Zeichen des Ungeistes R. KRISS: IM ZEICHEN DES UNGEISTES ” w. 2 2 Tr a Sag 71 Ye Be PER: REBE e Ä a BETEN Eu 2 asusihiscid Vnsisniishin VARERE| FELICIE HÜNI-MIHACSEK gewidmet ee an una DEE RETTET AN TE A 2 MCIPUREREn IR ee ‚Rudolf Kriß Im Zeichen des Ungeistes FACET SPERA 1948 FILSER-VERLAG MÜNCHEN-PASING Published under Military Government Information Services Division License Number US—E—128 Alle Rechte vorbehalten Copyright 1949 by Filser-Verlag, Florence Filser, München-Pasing Printed in Germany Satz und Druck: Gebr. Held GmbH., vorm. Gebr. Habbel GmbH., Regensburg Zweigbetrieb Abensberg/Nby. Auflage: 1500 | VORWORT Das vorliegende Buch bildet den 4. Band meiner unter dem Titel: Schicksal und Wesenheit niedergelegten Lebensbeschreibung. Wenn ich ihn als ersten und gesondert dem Druck übergebe, so bedarf dies einer kurzen Erklärung. Jeder der vier Einzelbände behandelt einen ganz bestimmten, klar um- rissenen Zeitabschnitt innerhalb meines Lebens, der jedoch nicht äußer- lich allein nach der Zeit charakterisiert ist, sondern sich von innen her als eine geistige Entwicklungsphase kennzeichnet. Der erste Band ent- hält meine Kindheit und endet mit dem Tode meines Vaters, der mir das Tor zu einem freien eigenständigen Wachstum öffnete. Der zweite Band umfaßt gewissermaßen eine Periode des Überganges; er schildert den Prozeß des allmählichen Heranreifens bis zu dem Punkt, an dem sich ein deutlich greifbares Ziel vor meinem geistigen Auge zeigt. Dem- entsprechend beginnt der dritte Band mit meiner endgültigen Hin- wendung zur Wissenschaft, näherhin der Volkskunde und Religions- geschichte als Lebensberuf und schließt mit der Eröffnung des von mir gegründeten Museums für religiöse Volkskunde in Wien, welches Er- eignis einen vorläufigen Abschluß auf diesem Weg darstellte. Während sich jedoch die drei ersten Bände nach Geschehnissen, die lediglich für meine privaten Lebensverhältnisse von Belang sind, glie- dern, umfaßt der vierte Band die Periode des Einbruchs der Politik in meinen bisher den öffentlichen Dingen fast völlig abgewandten Lebens- stil. Aus diesem Grunde kann er aber auch in erster Linie das In- teresse der Allgemeinheit beanspruchen; Beginn und Ende dieser Phase(1936—1945) sind zudem so deutlich sichtbar, daß sich die zeit- liche Umgrenzung zusammen mit der inhaltlichen Selbständigkeit gleichfalls ohne Schwierigkeiten wie von selbst darbietet. Der Titel des Buches:„Im Zeichen des Ungeistes“, versucht es, diese Aera in Worten zu bezeichnen, während der Titel des Gesamt- werkes:„Schicksal und Wesenheit“ auf jene Grundelemente hinweist, die meinem Leben seine Prägung verliehen. Schicksal: damit sind alle jene Gewalten gemeint, die es von außen her beeinflußten und form- ten, Wesenheit: das meint die Summe der inneren Kraft, die den äußeren Stürmen standhielt und meiner Lebensform die persönliche Eigenart dennoch zu bewahren vermocht hat. 31. Dezember 1945. yon” Note orree Ze-mrr ng our nu em ERSTES KAPITEL Als nach dem großen Zusammenbruch Musikdirektor Hans Knapperts- busch zum erstenmal nach zehn Jahren Verbannung vor das Münchner Opernpublikum trat, bedankte er sich für den Sturm des Beifalls, der sich erhoben hatte, mit den kurzen Worten:„Meine Herrschaften, die tausend Jahre sind vorbei und ich bin wieder da“. So ähnlich möchte auch ich sagen, denn als ich im Jahre 1936 den dritten Band meiner Erinnerungen abschloß, da nahm ich mir fest vor, den vierten nach dem Ende des dritten Reiches niederzuschreiben. Dieses mit absoluter Sicherheit erwartete Ereignis ist nun endlich zur Wahrheit geworden und so kann ich denn guten Mutes zu Werke gehen. \ Vieles und Schweres hat sich ereignet in diesen neun Jahren, Schlim- meres wohl als ich jemals befürchtete, aber dennoch kann ich mit ruhiger Sicherheit behaupten: Mas ne Person betrifft, so ist mir letzten Endes doch alles zum Guten gereicht. Ich beginne im echtesten Sinne des Wortes ein neues Leben und durchschreite das offene Tor mit erwartungsvoller Bereitschaft, wohl versehen mit einem gemesse- nen Maße an neu gewonnener Lebensweisheit, zugleich aber mit er- höhter Aktivität, unerschütterlichem Selbständigkeitsgefühl und einem sicheren Wissen um das, was zu tun und zu lassen für mich wesent- lich ist. Doch ich will wie immer den Gang der Ereignisse in chronologischer Ordnung darzustellen versuchen. Mit der Eröffnung meines Wiener Museums war ein gewisser Abschluß und ein scheinbarer Höhepunkt in meiner Lebensbahn erreicht. Ich sage mit Absicht: scheinbar; denn die fruchttragende Wirkung blieb aus. Die Zeitläufte verhinderten sie und der Totalität des Geschehens konnte sich niemand völlig entziehen. Gewiß, innerlich hielt ich mich frei und unabhängig, ja ich steigerte diese Unabhängigkeit sogar bis zum offenen Widerstand, was bei meinem, die Gegensätze auszugleichen suchenden Temperament immer- hin einiges zu bedeuten hatte. Aber eine breitere Wirkung nach außen erwies sich eben doch als unmöglich. Freilich, zunächst wollte ich mir das nicht eingestehen, gegen mein besseres inneres Wissen tat ich zu- nächst so, als gäbe es keinen Nationalsozialismus, keine Kriegs- drohung, als ahnte ich nichts von den Abgründen, denen die Welt zu- steuerte. Niemand schneidet sich schließlich freiwillig den eigenen Lebensfaden ab und da ich die Hoffnung auf die Morgenröte einer neuen Epoche niemals aufgab, wollte ich arbeiten so lange als möglich, um keine Zeit zu verlieren und dermaleinst wieder dort anzuknüpfen, wo ich in Bälde aufzuhören gezwungen sein würde. So änderte sich also zunächst nichts in meinen äußeren Lebensgewohn- heiten. Ich hielt an der Universität meine Vorlesungen wie bisher, ließ mich zu Vorträgen einladen und im sicheren Wissen, daß es so richtig sei, ließ ich mich auch nicht sonderlich von der Tatsache beeindrucken, daß die Hörer weniger wurden-und ich mehr und mehr auf einer geistigen Insel zu leben begann. Freilich, ganz allein blieb ich nie, ich fand stets einige Auserwählte, die es genau so hielten wie ich und die Breite der menschlichen Beziehungen wurde durch deren Intensität mehr als wettgemacht. Fe Daß sich mein liebes Österreich von der nationalsozialistischen Ver- strickung nicht würde freihalten können, ahnte ich, ohne es zugeben zu wollen. Da ich jedoch unbedingt alles tun wollte, um wenigstens für meine Person solange als möglich geistig unabhängig zu bleiben, bewarb idı mich zu meiner deutschen auch noch um die österreichische Staatsbürgerschaft; ich versuchte, solange es irgend anging, auch äußer- lich jede Verbindung mit dem verhaßten Hitlertum zu vermeiden. Der Beharrlichkeit meiner Bestrebungen gelang es auch, dies trotz aller Schwierigkeiten nach eineinhalb Jahren durchzusetzen. Ich wurde in Wien eingebürgert, allerdings erst acht Tage vor der Annektion Österreichs im März 1938, Geld und Mühen schienen also damals um- sonst aufgewendet zu sein; daß sie es in Wahrheit doch nicht waren, hat sich inzwischen gezeigt. 8 SR; Spree zn Fee ill oe mie HLiEn. sum| 2. nmessasaet seen 0er> were aenenernege Auonue. an 1 ns mn Die alte Zeit wollte nun endlich versinken! Für mich wurde ihr Unter- gang symbolhaft überhöht, durch ein Ereignis, das ich als den schwer- sten Schlag empfand, der mich bisher im Leben getroffen hatte, das mir jedoch zugleich als ein sinnvolles Walten der Vorsehung erschien. Er war der Tod meiner Mutter am 11. März 1937. Äußerlich hätte man ihn als ein blindes Walten des Zufalls betrachten können. Eine harm- lose Injektion, vom Arzt aus einer ungenügend gereinigten Spritze verabfolgt, verursachte eine akute Sepsis, welche nach zwei Tagen das Ende herbeiführte. Ich hielt mich damals gerade in Wien'auf, wurde telefonisch herbeigerufen und traf meine Mutter noch bei vollem Be- wußtsein an. Als ich morgens gegen einhalb sechs Uhr im Reichenhaller Kranken- haus an ihr Lager trat, erwachte sie aus einem halb apathischen Zu- stande nochmals für ein paar Minuten zu voller Klarheit. Mein An- blick schien ihr eine letzte große Freude zu bereiten. Ich umarmte sie, nochmals umfing mich ihr Blick mit unendlicher Güte, dann begannen die Augen langsam zu verglasen, der Atem wurde immer kürzer und drei Stunden später war alles vorüber. Es wurde sehr still im Gemach, die Morgensonne schien hell und leuchtend durch die Fenster und vor ihren Strahlen verblaßte die-Flamme der beiden Kerzen, die die Schwestern am Fußende des Bettes entzündet hatten. Der neue Tag sog ihr schwaches Licht auf, es blieb kaum mehr zurück als ein wesen- loser Schimmer; der Tod war überwunden! Ich öffnete die Türe zur Altane, und setzte mich hinaus in die heiße Märzensonne. Die Fels- wände des Predigtstuhls mir gegenüber ragten steil und wuchtig empor und schnitten in scharfkantiger Silhouette in den klaren seidig- blauen Föhnhimmel. Nach dem wilden Schmerz der Todeserwartung erfüllte mich eine vollkommene Ruhe. Ich spürte die Verwandlung, die sich in mir vollzog, während die leuchtende Frühjahrssonne am Firmament höher und höher emporstieg. Wieder einmal geschah mir eine echte Geburt, eine Neugeburt, in der ein Teil des Wesens meiner Mutter in mich übergegangen sein mochte und das mir nun tiefer zu eigen wurde als jemals zuvor. Einen Tag später nahm ich von meiner Mutter, ihrer Körperlichkeitg nach, Abschied. Sie lag aufgebahrt in der Kapelle des Krankenhauses, gehüllt in ihr schönstes Feierkleid aus schwarzem Samt, das ich beson- ders gern an ihr gesehen hatte, wenn wir gemeinsam festliche Opern “oder Konzerte besuchten. Die gewohnte Perlenkette-schmückte ihren Hals. Das Gesicht der Toten hatte einen strengen und abgewandten’ Ausdruck, sie wollte nicht mehr in diese Welt zurückkehren. Stumm lag sie da und unendlich majestätisch, wie eine Königin, die ihr irdi- sches Reich mit vollem Wissen und Willen verlassen hatte. Meine Mutter war zur rechten Zeit gestorben; mochte man ihr Leben von innen her betrachten, nach dem Maße der erreichten Lebenshöhe, oder von außen, als im Strom des Zeitgeschehens eingebettet. Ein Platoniker würde sie selig gepriesen haben! Denn sie starb in einem Augenblick, wo ihre irdische Gestalt dem in der Ewigkeit beschlossenen Urbild am nächsten kam, wo ihr Leben sinnvoll abgerundet erschien und ihre weltweite Überlegenheit von der in den letzten Monaten ihres Daseins beginnenden seelischen Verdüsterung noch nicht wesent- -lich überschattet war. Von außen gesehen schienen meine eigenen Schicksale, die ihr von allem am meisten am Herzen lagen, an einem Punkte angelangt, an dem man damals noch hoffen konnte, daß die befürchtete deutsche Katastrophe sie nicht in ihren Strudel hinein- reißen würde. Meine österreichische Position sah damals so gesichert aus, daß ich annahm, sie würde sowohl mich wie meine Mutter, selbst bei Aufgabe unseres Berchtesgadener Besitzes, ernähren können. Die Annektion Österreichs, die sie zu tiefst getroffen hätte, und darüber hinaus den zweiten Weltkrieg, brauchte sie nicht mehr zu erleben! Kurz vor dem Tode meiner Mutter hatten wir noch alle Vorbereitun- gen für eine Italienfahrt getroffen. Nach einiger Überlegung entschloß ich mich, sie nunmehr allein anzutreten. Ein Jahr zuvor hatte ich mit meiner Mutter eine ähnliche Reise, unsere letzte gemeinsame, unter- nommen. Es war anfangs April, und wir fuhren damals nach kurzem Aufenthalt in Brixen an den Gardasee, wo wir in dem kleinen Nest Garda, das idyllisch in einer geschützten Bucht des Ostufers liegt, Aufenthalt nahmen. Ich war in jenen Tagen mit meiner Mutter unsag- sbar glücklich gewesen. Dem Arm der deutschen Diktatur entronnen, 10 atmeten wir befreit auf, machten zahlreiche Spaziergänge über Berge und Höhen, die blauen Wasser des Sees zu unseren Füßen, die über- schneiten Gipfel der Berge zu Häupten. Südlich Garda erstreckt sich von Cavajon aus ein sanftes Hügelgelände in allmählicher Senkung hernieder zu den Ufern des Sees gegen die Dörfer Bardelino und L,acise. Es war eingetaucht in ein wogendes Meer blühender Obst- © bäume und wir schritten zufrieden und wunschlos durch die weiße Pracht. Gesprochen haben wir auf jenen Wegen nicht sonderlich viel, aber wir fühlten uns einig im Herzen und eins mit der umgebenden : Natur. Diese zweite Reise nun wollte ich dem Gedächtnis der ersten weihen, doch das Wetter war trübe, die Blütenknospen noch kaum entfaltet und was ich suchte, fand ich nicht! ZWEITES KAPITEL Das Leben ging weiter; langsam aber sicher nach abwärts, der Kata- strophe entgegen. Eigentlich lebte ich in jenen dunklen Jahren nur halb, ich fühlte beständig das drohende Verhängnis und wurde inner- lich immer nervöser, obwohl man mir äußerlich nicht allzuviel an- merkte. Wenn ich aber meinen heutigen Zustand mit dem der ent- schwundenen Epoche vergleiche, so spüre ich doch einen gewaltigen Unterschied. Es fehlte allerdings auch in jener Zeit nicht an retardierenden Momen- ten, an Lichtpunkten in meinen persönlichen Verhältnissen, die sich hauptsächlich aus der Sichtung und teilweisen Neubildung meines Freundeskreises ergaben. Ich begann in diesen Zeiten der Not allmäh- lich alles, was meinem Wesen nicht unbedingt entsprach, abzustoßen und dafür manche neue Bekanntschaften zu schließen, die ich in der oder jener Hinsicht als Bereicherung empfand. Der Kreis in dem ich mich bewegte, wurde vielleicht enger, aber in seiner Eigenart klarer bestimmt und intensiver erlebt. Besonders nach der künstlerischen Seite trat eine merkliche Bereicherung ein. Dabei erwies sich mein geliebtes Wien vor allem als bedeutsam. In einem Kreise von Musikern lernte ich auch Felicie Hüni-Mihascck per- sönlich kennen, die ich als Sängerin und Mitglied der Münchener Staats- oper schon lange verehrt hatte. Wir wurden später gute Freunde, sie hat sich in der schweren Zeit meiner Verhaftung bedingungslos für mich eingesetzt und Unendliches für mich getan. Die Besetzung Österreichs im März 1938 brachte auch eine grund- legende Veränderung meiner eigenen Lebensverhältnisse mit sich. Daß sie mich weniger hart trafen als zu vermuten gewesen, daran waren verschiedene Umstände schuld. Das deutsche Reich hatte mir schon 12 I ER Br TE I Ti Screens ET Zst a u einige Monate vorher eine weitere Devisenzuteilung abgelehnt und so war ich gezwungen, bereits mit dem Ende des Wintersemesters, Ende Februar, meine Wiener Wohnung aufzugeben und mich für unbestimmte Dauer von der Universität beurlauben zu lassen. Nach einem sieben- jährigen Aufenthalt in Wien, der mir nur Schönes gebracht hatte, mußte ich wiederum nach Berchtesgaden zurückkehren. Diese Tatsache betrübte mich aber aus verschiedenen Ursachen nicht allzusehr. Ich war nach dem Tode meiner Mutter ohnedies genötigt, mich mehr als früher um das ererbte Geschäft zu bekümmern, und nahm mir vor, die Jahre des erzwungenen wissenschaftlichen Brachliegens zu benützen, um mich in die Leitung des Brauereibetriebes einzuarbeiten, was für mich ja nur von Nutzen sein konnte. So kam es, daß ich die Tage des nationalsozialistischen Umbruches in Wien nicht persönlich miterlebte und erst später gelegentlich eines Besuches dessen verheerende Auswirkungen beobachten konnte. In- zwischen war mir, wie nicht anders zu erwarten, die Venia Legendi an der Universität entzogen worden, vermutlich aus dem einzigen Grunde, weil man bei mir eine zu nahe Bindung an die verflossenen Machthaber vermutete, besonders meine Beziehungen zu Kardinal Innitzer hatten mich in den Augen der neuen Bonzen verdächtig ge- macht. Ich erhob Einspruch und setzte es durch, daß mir ein Jahr später die Dozentur wieder zugesprochen wurde, jedoch mit der Ein- schränkung, daß ich mich der Behandlung aller religiösen Themen ent- halten solle. Ich zog es unter diesen Umständen vor, von der gnädig erteilten Erlaubnis keinen Gebrauch zu machen, da mir eine freie wissenschaftliche Arbeitsweise doch nicht gewährleistet schien. Die nominelle Weiterführung der Dozentur hielt ich deshalb erstrebens- wert, weil ich die Absicht hatte, sofort nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches meine akademische Tätigkeit wieder aufzunehmen. Der Abschied von Wien fiel mir angesichts der veränderten Zustände nicht sehr schwer. Die meisten meiner Bekannten waren in alle Winde zerstreut, mein gewohntes Heim bei der Henne aufgelöst, da man sie als Jüdin sofort aus der Wohnung hinauswarf und sie schließlich nach allerlei Schikanen im Jahr 1940 nach Litzmannstadt in Polen depor- 13 tierte, wo sie vermutlich gestorben ist. Ich bemühte mich damals, ihre Auswanderung nach Amerika in die Wege zu leiten, wohin sich ihr Sohn bereits begeben hatte. Jedoch ging über der Abwicklung der zahllosen Formalitäten soviel Zeit verloren, daß, als endlich alles ge- ordnet, der Schiffsplatz bezahlt und das Affidavit erlangt war, in eben jenem Moment der Krieg mit den USA. ausbrach und das Schiff in Lissabon nicht mehr abgefertigt wurde. So kehrte ich dem mit so vielen trüben Erinnerungen behafteten Wien nicht ungern den Rücken und suchte mich so gut es ging daheim in Berchesgaden mit meiner neuen Lebensweise abzufinden. Hier ist der Platz, einige grundsätzliche Betrachtungen über die Stel- lung des geistigen Menschen zum Nationalsozialismus einzuschalten, da ja schließlich das ganze Buch von nichts anderem handelt, als von den praktischen Folgen, die das konsequente Beharren auf dieser Haltung nach sich zog. Schon früh machte ich mit dem Nationalsozialismus Bekanntschaft. Es war während meiner Münchner Studentenzeit, noch vor dem sogen. Hitlerputsch 1923, als ich die Schrecken beobachten konnte, ‚wie eine mir bekannte Familie von ihm wie von einer ansteckenden Krankheit befallen wurde. Ich konnte einfach nicht begreifen, wie gebildete und kultivierte Menschen plötzlich jede Urteilskraft verloren und den pri- mitivsten’ Phrasen von Volksrednern anheimfielen. Ich spürte schon damals das Unheimliche des Phänomens, das darin liegt, wenn der selbstverantwortliche Geist zum Sklaven des untergründigen Willens wird, und ich nahm mir auf das Bestimmteste vor, stets Herr meiner Erkenntniskräfte zu bleiben und darüber zu wachen, daß die dunk- leren Triebe es nie vermöchten, den klaren Verstand zu umnebeln. Wohin es führte, wenn man den Keim nicht schon in der Wurzel unter- drückte, das wurde mir hier allzu deutlich vor Augen gestellt. Daß es sich nämlich nicht so verhalte, wie man später so oft zu hören bekam, daß der Nationalsozialismus an sich gut und nur seine führen- den Persönlichkeiten schlecht seien, sondern daß gerade umgekehrt, die Idee als solche verwerflich und die ausführenden Organe in der Folge ebenfalls schlecht werden mußten, das wurde mir einige Jahre später 14 .zur Gewißheit, als ich das für die nationalsozialistische Weltanschau- ung verbindliche Werk von Rosenberg„Der Mythus des 20. Jahrhun- derts“ las, Der Primat des Willens dem sich der an Blut und Boden gebundene Intellekt unterzuordnen habe, bedeutet ja nichts anderes als krassen Materialismus, obwohl die Anhänger jener Lehre dies stets leugnen. Denn Kultur war zu allen Zeiten nur in dem Ausmaße mög- lich, als es dem erkennenden Geist gelang, die unbewußten Triebe des Willens zu beherrschen und auf Grund allgemein gültiger Gesetze zu lenken. Dem mittelalterlichen Volksglauben nach hat man mit Blut einstmals das Bündnis mit dem Teufel unterschreiben müssen; nichts anderes schienen die modernen Machthaber zu tun, als sie die Lehre von der Vorherrschaft des Blutes verkündeten. Ich erinnere mich noch gut an die völlig erstarrten Mienen, als ich im Kreise gläubiger Nationalsozia- listen einmal das Wirken Hitlers aus ähnlichen Erwägungen heraus mit dem Wirken des Antichrist in Vergleich stellte. Ein weiterer Grund kam hiezu, der mich den Nationalsozialismus als der Natur.des geistigen Menschen diametral gegenüberstehend erken- nen ließ. Es war das von ihm verfochtene autoritäre Prinzip, die von ihm auf den Schild erhobene Diktatur einer einzigen Weltanschauung, die für jedermann verbindlich erklärt wurde. Nicht nur, daß ich per- sönlich von frühester Jugend an von einem leidenschaftlichen Freiheits- drang beseelt war und schon deshalb den Nationalsozialismus instink- tiv hassen mußte, darüber hinaus schnitt er mir ja auch beruflich als Gelehrten sozusagen den Lebensfaden ab. Für den Forscher und Wissen- schaftler gibt es ja nur eine einzige Tradition, nämlich die, keiner Tradition zu glauben und jegliches Tun und Erkennen nur auf die eigene Einsicht zu gründen. Ohne erst die tatsächlichen Konflikts- punkte abwarten zu brauchen, war damit die Gegnerschaft bereits theoretisch festgelegt. Doch übersah ich von Anfang an auch die prak- tischen Folgen keineswegs, die sich daraus ergeben mußten, daß es in Zukunft nur mehr solchen Menschen möglich sein würde, sich gerad- Hnig und unverbogen zu entwickeln, deren angeborene Weltan- schauung zufällig mit der herrschenden harmoniere, während alle 15 anderen mit der wachsenden Totalität des staatlichen Geltungsan- spruches zu Lügnern und Feiglingen erzogen würden, zu Menschen, die es verlernen, eigene Ansichten zu vertreten, die zuletzt selbst nicht mehr wissen was sie glauben, und wo auch die Besten ihr sittliches Verantwortungsgefühl einbüßen und einer billigen Vorteilsmoral an- heimfallen. Nicht ohne eine gewisse Überwindung schreibe ich heute diese Gedan- ken nieder, denn sie sind inzwischen in aller Mund und begegnen einem in ähnlicher Form in der Presse auf Schritt und Tritt. Damals aber war es notwendig, sich in aller Kompromißlosigkeit zu ihnen zu bekennen und es ist wichtig, sie hier nochmals niederzulegen, weil die folgenden Blätter den Beweis dafür erbringen, wohin das führte; sie werden zeigen, daß es für einen noch so unpolitischen Menschen kaum möglich war, sich der Verstrickung zu entziehen, auch wenn er nichts anderes, als immer nur er selbst, das aber voll und ganz, bleiben wollte. Nach Berchtesgaden zurückgekehrt, merkte ich in kürzester Frist, daß mein neues Arbeitsfeld mich niemals würde voll befriedigen können. Das alte Spiel wiederholte sich in ähnlicher Art wie einstens vor 15 Jahren; ich spürte, daß ich mich einer Beschäftigung widmen mußte, die mir ihrer ganzen Art nach so wenig lag, daß ich auch mit äußerster Konzentration niemals würde vollwertige Arbeit leisten können. Ich suchte in anderen Bezirken Ersatz und glaubte diesen in der An- bahnung und Verfolgung neuer menschlicher Verbindungen zu finden. Es ist nun an der Zeit, zu schildern, wie sich in diesen dunklen Jahren eine Beziehung, die ich schon lange pflegte, vertiefte und zu einer echten fruchttragenden Freundschaft auswuchs, meine Beziehung zu der Münchener Künstlerin Paula Riezler. Der leidenschaftliche Protest gegen den Geist der Zeit war es, der uns zusammenführte. Was uns bisher verbunden hatte, war lediglich eine Gemeinsamkeit der Interes- sen gewesen: Paula Riezler stand geistig weit über dem Durchschnitt, ihre Vielseitigkeit war überraschend; als Bildhauerin und Malerin allein leistete sie schon Ungewöhnliches. Dazu kamen- ihre wissen- 16 schaftlichen Neigungen, die sie vor allem auf dem Gebiet der Reli- gionsgeschichte, wenn auch nicht schöpferisch tätig sein, so doch ein großes Maß an Kenntnissen erwerben ließ. Als letztes sei noch ihre dichterische Begabung erwähnt, die sie besonders in der Zeit vor ihrem Tode tiefempfundene Verse schaffen ließ. Die Vielseitigkeit be- deutete für sie sogar eine gewisse Gefahr, weil sie aus diesem Grund auf keinem Gebiet das große geschlossene Lebenswerk hinterließ, wozu sie kraft ihrer Genialität in der Lage gewesen wäre. Für die Allge- meinheit wurde sie nicht in vollem Maße fruchtbar, was aber nicht hinderte, daß sie vielleicht gerade deshalb im engeren persönlichen Kreis diejenigen Menschen, die ihre Natur zu begreifen imstande waren, nachhaltig beeindruckte. Doch nur ganz wenigen, und auch diesen nur für kurze Augenblicke, offenbarte sie ihre empfindsame, leicht verwundbare Seele; im allgemeinen pflegte sie eine kühle, sach- liche Haltung zur Schau zu tragen. Und doch weiß ich keinen Menschen, der unter dem Ungeist der Zeit so tief und persönlich litt wie sie; in den Gedichten ihrer beiden letz- ten Lebensjahre kam dies erschütternd zum Ausdruck. Während sie früher stets nur für wenige Tage mein Gast gewesen war, wurde die Dauer ihres Aufenthaltes nun immer länger, ohne daß dies von uns beiden bewußt gewollt war; es ergab sich sozusagen aus innerer Notwendigkeit von selbst. Klar erkannt habe ich unsere mensch- liche Nähe erst sehr spät, nachdem wir sie eigentlich schon lange prak- tisch erlebt hatten und zu tiefst gewußt habe ich um sie eigentlich erst nach ihrem Tode. In unserer Freundschaft steckte ein Stück Tragik, auch deshalb, weil sie wesenhaft vom gemeinsamen Leid her bestimmt war, wobei ich nicht nur an die Zeitlage denke, während welcher sie geschlossen wurde, sondern auch an verwandte Lebensschicksale, die im Zeichen einer gewissen Unerfülltheit und Resignation standen. Gerade darum wurde aber aus ihr viel Schönes geboren und ohne sie hätte ich die schwere Zeit bestimmt nicht so gut überwunden. Symbolhaft für Paula Riezler war es, daß sie den Zusammenbruch des Nazismus, den sie so heiß ersehnte, nicht mehr erleben durfte. Ihr Leben stand, seitdem sie in verhältnismäßig jungen Jahren ihrer 2. Kriss: Im Zeichen des Ungeistes 17 hl Ehe Schiffbruch erlitten und bald darauf der Sohn durch Selbstmord } aus dem Leben schied, eben ganz im Zeichen der Unerfülltheit und ! endete schließlich auch so, während es sich bei mir nun endlich doch noch einer Erfüllung im Geistigen wie im Menschlichen zuzuneigen M scheint. ii Paula Riezler blieb nicht nur bei der theoretischen Ablehnung des h Nazitums stehen,‘sie entfaltete eine lebhafte Tätigkeit auf caritati- vem Gebiet, indem sie eine großzügige private Hilfsaktion für Juden Hi und andere politisch Verfolgte einleitete und darauf fast mehr Zeit | verwendete, als bei ihren geistigen und künstlerischen Möglichkeiten zu verantworten war. Mein Blockhaus am Ölberg wurde ihr in den beiden letzten Jahren ]\ ihres Lebens zur zweiten Heimat. Im Jahre 1938 war es fertig gewor- den, doch kam ich vor Beginn des Krieges nur selten hin; sein ent- scheidendes Gepräge erhielt es erst während des Krieges, als ich meine dortigen Besuche, die gewöhnlich im Mai und August stattfanden, stets in Begleitung von Paula Riezler ausführte. Es waren immer nur kurze Aufenthalte, aber ich habe sie jedesmal bis zur Neige ausge- kostet. Von der Kraft die ich mir dort holte, zehrte ich die ganze übrige Zeit. An der weiten Schau, die sich dort dem Auge bietet, hin- unter in die Donauebene und hinüber in die Ausläufer des östlichen ! Ih bayrischen Waldes, wo die drei Burgen die jenen Gefilden den Namen geben, zu uns herauf grüßen, konnte ich mich nie satt sehen. Zu jeder Tageszeit liegt das Land in anderer Beleuchtung vor dem entzückten f Auge; Geist und Herz kamen in der großen Einsamkeit und Weite wunderbar zur Ruhe. i Paula Riezler weilte von Jahr zu Jahr länger dort oben, fand mehr und mehr ihren inneren Frieden und es hatte vielleicht seine tiefere Bedeutung, daß sie auch dort ihr Ende fand. Sie fiel, man möchte fast sagen gänzlich sinnlos einem Motorradunfall im September 1943 zum Opfer. Bei der Sichtung ihrer Papiere fanden sich bedeutsame dich- terische Schöpfungen, die der Öffentlichkeit zuzuführen ich für meine Pflicht halte. Kurz vor ihrem Ende erhielt ich einen Brief von ihr, es war zufällig der letzte, den sie mir geschrieben hatte. Er schien mir I 18 ee Ren en VE ÄE 5 um cn ans NERNRRTER UN“> rennen ET Eee> see für ihre religiöse Haltung so charakteristisch, daß ich ihn bei ihrer Einäscherung gewissermaßen als geistiges Vermächtnis vorlas. Der Ölberg aber wird für mich durch die Tatsache, daß sie dort lebte, und starb, immer seine besondere, ich möchte beinahe sagen geheiligte Bedeutung behalten. Noch ist ihre Asche nicht beigesetzt, ich will sie unter einem unbehauenen Steinkreuz bestatten, am Waldrand hinter der Blockhütte. Auf diese Weise erhalte ich ihr Gedächtnis lebendig; sie bleibt in dem Kreis der Lebenden eingeschlossen und so wie einst die alten Römer die Geister ihrer toten Vorfahren als wohlgesinnte Manen oder Penaten verehrten, so will auch ich es halten und ihre dauernde Anwesenheit soll meinem Refugium eine höhere mit freund- lichem Ernst gepaarte Weihe verleihen! Weil sie in einem gewissen äußeren Zusammenhang mit meinen häufi- gen Ölbergfahrten steht, will ich nun über die Festigung einer sehr alten Bekanntschaft sprechen, die ich in jener Zeit wiederum neu anknüpfte. Ich pflegte damals meine Reisen, die ich, da ich während des Krieges über kein Auto mehr verfügte mit der Bahn machte, gerne in dem kleinen niederbayrischen Markt Gangkofen zu unterbrechen, wo- hin sich meine einstige Kinderfrau, Therese Rettenbeck, verheiratet hatte. An Pfingsten 1942 hatte es sich so gefügt, daß ich ihren zweit- jüngsten Sohn Lenz-kennen lernte, der damals die Oberklasse des Landshuter Gymnasiums besuchte. Mir fiel gleich am ersten Abend, während wir einen Spaziergang hinaus nach Heiligenbrunn zu dem mir aus meiner volkskundlichen Sammlerzeit her bekannten Einsiedler machten, die überdurchschnittliche Intelligenz dieses Jungen auf. Den äußeren Anstoß zum Beginn einer Freundschaft, die sich damals zu entwickeln begann, gab, wenn ich es recht bedenke, die hohe Politik. Lenz erzählte mir damals, wie er in Landshut eine kleine Gruppe gleichgesinnter Schulkameraden um sich geschart habe, wie sie im ständigen Kampfe gegen die HJ. bemüht seien, sich eine selb- ständige geistige Position zu schaffen. Was er mir im einzelnen dar- über berichtete, interessierte mich nicht nur vom Sachlichen her ganz außerordentlich, sondern gab mir auch persönlich Zuversicht und neuen Mut, sah ich doch, daß ich und meinesgleichen nicht nur eine sterbende 19 Welt zu Grabe zu tragen berufen wären, sondern, daß endlich wieder eine Jugend heranwüchse, der es um die Schaffung echter geistiger Werte ginge, denen wir manche Hilfe und Stütze zu bieten in der Zukunft in der Lage sein würden. Ich hörte, daß die jungen Leute in ihrem Kreis politische, künstlerische und religiöse Interessen pflegten, daß sie sich mit führenden Männern auf diesen Gebieten in Verbin- dung gesetzt, wobei ihnen sogar recht bedeutende Leute, wie der Jesuitenpater Waldmann und andere Vorträge gehalten hatten; alles natürlich ganz im Geheimen, im allerengsten Zirkel. Auch äußerlich wollten sie ihre Gesinnung nicht verleugnen, hatten lebhafte Kontroversen mit HJ.-Führern gehabt, sich offiziell an der Landshuter Fronleichnamsprozession beteiligt, wobei sie ein großes Kruzifix demonstrativ mitgetragen hatten. Diese Tat habe ihnen sogar acht Tage Jugendgefängnis eingetragen. Ich war von der jugendlichen Unternehmungslust der jungen Leute stark beeindruckt und versprach dem Lenz allerhand Literatur, die zu kennen ich für ihn wichtig hielt, zu schicken. Werke von Hesse, Wiechert, Jünger, Wildgans und die kulturphilosophischen Betrach- tungen Huizingas, sowie meine eigenen Werke traten bald den Weg von Berchtesgaden nach Landshut an. Auch lud ich Lenz vor seiner bevorstehenden Einberufung zum Militär zu mir nach Berchtesgaden ein. Sein erster Besuch war ein voller Erfolg; die Situation war günstig, da gerade Paula Riezler und der Komponist Otto Siegl bei mir zu Besuch weilten, woraus sich für Lenz gewissermaßen eine konzentrierte geistige Anregung ergab, die ihm vielleicht den entscheidenden Auf- trieb gab, den in Landshut begonnenen aber mehr geahnten als klar gewußten Weg mit voller Sicherheit weiter zu verfolgen. Er mußte dann bald in den Krieg ziehen, das Kriegserlebnis hat ihn bis tief in die Wurzel seiner geistigen Existenz ergriffen und tüchtig geschüttelt, aber eine gewisse Grundlinie hat er doch niemals verloren. Während seiner Urlaube hat er mich stets besucht und bei seinen mehrmonat- lichen Offizier-Ausbildungskursen in Wien die Verbindung mit meinen dortigen Freunden aufgenommen. Das Gefühl, daß ich an der geisti- 20 EEE ERS RT en gen Formung eines jungen Menschen, der zu den Wenigen gehört, um die zu bemühen“s sich lohnt, einigen Anteil habe, wird mir stets eine freudige Genugtuung bereiten. Jene im großen und ganzen unerfüllten Jahre des Wartens, in denen ich trotz allem die Hoffnung auf die Wiederherstellung meiner’geisti- gen Lebensgrundlagen niemals aufgab, wurden aber dennoch unter- brochen von Tätigkeiten oder Begegnungen, in denen sich meine wahre Natur auch in einer nach außen sichtbar werdenden Form entfalten konnte. Meine wissenschaftlichen Neigungen kamen in der Abfassung mehrerer volkskundlicher Werke zur Geltung. Die Wanderungen in Niederbayern und im Bayrischen Wald, ausgehend von meinem Blockhaus am Öl- berg, brachten, wenn sie auch stets nur kurz waren, doch jedesmal neue Entdeckungen, die häufig wichtige Ergänzungen zu meinem Haupt- werk, der altbayrischen Wallfahrts-Volkskunde, deren Neu-Heraus- gabe ich damals vorbereitete und abschloß, darstellten. Wichtiger noch waren meine Arbeiten zur Volkskunde meiner engsten Heimat, des Berchtesgadener Landes. Den äußeren Anstoß hierzu bot der Wunsch des Vorstandes der Berchtesgadener Weihnachtsschützen, das Brauch- tum meines. Geburtslandes in Buchform niederzulegen. Über meine Beziehungen zu dem größten brauchtumspflegerischen Verein meiner Heimat wird.im nächsten Kapitel ausführlich die Rede sein. Hier will ich nur vorausschicken, daß er es war, der mich meinem eigentlichen Beruf, den ich fast schon vergessen hatte, wieder zuführte. Er tat eigentlich noch mehr als das, denn während ich mich bisher nur auf ein ganz eng umgrenztes Spezialgebiet, das der Volksglaubensforschung beschränkt hatte, stellte er mir eine viel umfassendere Aufgabe, indem er mich zum erstenmal dazu nötigte, ein allgemeines Thema, nämlich das gesamte Brauchtum meiner Heimat zu bearbeiten. Ich ging mit innerem Schwung und Begeisterung an meine neue Tätig- keit heran, nicht nur, weil ich meine eigentliche Begabung wirksam werden lassen und eine tote. Zeit überbrücken konnte, sondern weil ich dadurch ja noch mehr tat, nämlich die Periode des Ungeistes, wenn auch nur vom engen Winkel meiner Heimat aus, wirksam bekämpfen 21 und die Zukunft geistig vorbereiten half. Es entstanden damals das Büchlein über das Berchtesgadener Weihnachtsschießen, das zu Weih- nachten.1941 erschien und das umfassendere Manuskript über Sitte und Brauch im Berchtesgadener Lande, das ich im Oktober 1943 ab- schloß. Auch das kleine Werk von Zaborsky über die Berchtesgadener Tracht, das zu Weihnachten 1943 herauskam, ist unter meiner wesen- haften Mitwirkung entstanden. Der künstlerische Zweig meiner Schriftstellerei lag ebenfalls nicht völlig brach. Es entstanden einige Novellen, zu deren Gestaltung mich teils die Erinnerung an eine schönere Vergangenheit, teils die Leiden der Gegenwart mit innerer Notwendigkeit zwangen. Einige davon sind als Privatdruck im Jahre 1942 erschienen. Wenn ich nun noch die bedeutsamsten Begegnungen, die in jene Zeit fielen, schildere, so sind diejenigen mit den hochverehrten Göttern meiner musikalischen Welt, Richard Strauß und Hans Pfitzner als die wichtigsten anzuführen. Die meisten Menschen behaupten, man könne nur Strauß oder Pfitzner schätzen, ich liebe aber dennoch beide, wenn auch mit ganz verschiedenen Seiten meines Wesens; Strauß mehr mit der triebhaft musikalischen, Pfitzner vorwiegend mit der unsinnlich geistigen. Strauß bezwingt mich mit der Klangfülle und schwelgerischen Melodik.seiner Werke, ich lasse mich von ihm bezaubern wie die Schlange von einem indischen Fakir, es ist beinahe so, daß meine Natur ihm willenlos erliegt und hingegeben ist. Der irdische Mensch ist es in mir, den er beherrscht. An Pfitzner fesseln mich seine meta- physische Tiefe, die herbe Schönheit und fast rituelle Strenge der Linienführung. Es ist der Philosoph, der dem Diesseits abgekehrte Mensch, meine ideelle Persönlichkeit, die ihm zugehört, daher ich Pfitzner ja auch die Vorrangstellung einräume. Beim„Palestrina“, den ich, wenn ich von Pfitzner spreche, stets in erster Linie meine, ist es vor allem das Gesamt-Kunstwerk, das ich bewundere. Den Text halte ich für gleichbedeutend mit der Musik. Er führt uns in aller- letzte Tiefen der Schöpfungsgeheimnisse und die Musik unternimmt es, das Innerste, das sich auch noch dem künstlerisch geformten Wort entzieht, kongenial auszudeuten. 22 Natürlich getraute ich mich nicht zu den beiden Heroen so ohne weiteres hinzugehen. Ihre Verehrer zählen ja schließlich nach Millionen und es wäre mir als Anmaßung erschienen, sie nur aus diesem Grunde aufzusuchen. Bei Strauß war es eine Bemerkung seines Biographen Eduard Wachten, worin dieser die volkskundliche Sammlung in Straußens Garmischer Villa erwähnt und teilweise abbildet. Ich nahm diese zum Vorwand, übersandte ihm meinen Museums-Katalog mit einem Brief, worin ich ihn bat, mir die Besichtigung seiner Sammlung zu gestatten, da es für mich von Wichtigkeit sei, alle Kollektionen auf einem dem meinen verwandten Gebiet kennenzulernen. Strauß ant- wortete mir handschriftlich und lud mich in liebenswürdiger Weise zu einem Besuch ein. Mir klopfte das Herz, als ich am Vormittag des zwölften Juli 1942 sein Haus betrat. Der große Komponist empfing mich aber so ungezwungen und natür- lich, daß sich meine Aufregung rasch legte und ich seine Schätze in Ruhe betrachten konnte. Dabei verließ mich das Gefühl, einer wirk- lich großen Persönlichkeit gegenüberzustehen, keinen Augenblick. Der ganze Mensch strahlte ein solches Maß von Ruhe und Überlegenheit aus, daß man hätte befangen werden müssen, wäre nicht zugleich durch seine etwas münchnerisch gefärbte Natürlichkeit ein erdenhaftes Gegen- gewicht entstanden. Er zeigte mir zuerst seine‘volkskundlichen Samm- lungen, deren Eigenart besonders in einer lückenlosen Reihung von Hinterglasbildern besteht, die in größtmöglicher Vollständigkeit das Material von den oberschichtlichen Anfängen dieser Kunst in Italien bis zu den bäuerlichen Endstufen in Süddeutschland darbietet. Da- neben besitzt seine Frau noch zahlreiche Objekte der religiösen Volks- kunde des 18. Jahrhunderts, die sie mehr nach künstlerischen als nach systematischen Gesichtspunkten zusammenträgt. Alles in allem ist die Kenntnis der Sammlung auch für den Museumsfachmann wichtig, so daß sich mein Besuch schon von dieser Seite her gelohnt hätte. Als wir in das Musikzimmer kamen, meinte Strauß in aller Gemütsruhe: „Das wird Sie sehr ‚wenig interessieren, da habe ich nämlich meine musikalischen Erinnerungsstücke aufbewahrt.“ Ich hielt nun den Augen- blick für gekommen, ihm zu gestehen, daß ich durchaus nicht nur & wegen des volkskundlichen Sammlers, sondern auch wegen des Kom- ponisten gekommen sei, dessen Opern ich seit langem besonders schätzte und aus wiederholten Aufführungen auch gründlich kenne, wenngleich ich sonst ein musikalischer Laie sei. Strauß zeigte mir daraufhin auch sämtliche Trophäen und Ehrengeschenke und anläßlich einer Bemer- kung meinerseits, daß ich ihn wenige Tage zuvor in der Münchener Oper, gelegentlich einer Aufführung der Daphne, von der Galerie aus im Balkon hätte sitzen sehen, gewann die Unterhaltung im steigenden Maße persönliche Färbung. Als wir zuletzt das Schreibzimmer seiner Frau betraten, bewegte sich die Konversation schon ganz in ziemlich zwanglosen Bahnen, und da er merkte, daß mich seine kritische Frau mit sichtlichkem Wohlwollen behandelte, wurde der Ton noch kamerad- schaftlicher. Die gefürchtete Pauline zeigte sich mir gegenüber von ihrer liebenswürdigsten Seite und als sie aus einigen Andeutungen entnahm, daß ich alles andere eher wie ein Nazi sei, fielen sämtliche Schranken der Zurückhaltung. Seit jenem denkwürdigen ersten Besuch sind meine guten Beziehungen zum Haus Strauß nicht mehr erloschen. Ich besuchte ihn jedesmal, so oft ich nach Garmisch kam, er lud mich ein zur Neueinstudierung seiner Oper„Die Frau ohne Schatten“ im November 1943 in Wien, wo ich von, seinem Sohn in die Villa am Belvedere zu Tisch geladen wurde, und auch während und nach meiner Inhaftierung hat sich der Meister wiederholt durch Bekannte teilnehmend nach mir erkundigt. Für mich aber bedeutet es eine große Ehre und Freude, den Schöpfer der von mir am häufigsten besuchten Opern, die mir stets wieder Quelle tiefster seelischer Befriedigung und echter Glücksgefühle sind, auch persönlich zu kennen und mich von seiner Seite mit Wohlwollen betrachtet zu wissen. Anders dagegen verlief meine Begegnung mit Hans Pfitzner. Ob- wohl ich seinem Werk vielleicht noch mehr verbunden bin, so fand ich zu dem Menschen leider nicht den erhofften inneren Kon- takt. i Ich möchte aber dieses Kapitel nicht schließen, ohne noch eine andere relativ wichtige Begegnung jener Jahre zu erwähnen, wichtig allerdings 24 ie a nahen weniger an sich, als infolge ihrer besonderen Bedeutung im Hinblick auf meine Person und meine künftigen Schicksale. Auf einer Fahrt vom Bayrischen Wald nach Berchtesgaden im Septem- ber 1943 erzählte mir Felicie, sie kenne in Mühldorf einen Handleser und Hellseher namens Meinzel, einen einfacheren aber intelligenten Mann, seines Zeichens ein Schuster, der ihr schon manche seltsame Dinge gesagt und auf den sie große Stücke hielte. Da mich solche Leute stets interessieren, machte ich den Vorschlag, unseren dreistün- digen Aufenthalt in Mühldorf zum Besuch dieses Mannes zu benützen, bat jedoch Felicie, sie möchte ihm zuvor keinerlei Andeutungen über meine Person machen. Als ich nach kurzer Begrüßung, bei welcher Meinzel nicht einmal meinen Namen erfuhr, die Bitte äußerte, er möge auch mir aus der Hand Charakter und Schicksale offenbaren, da führte er mich in ein kleines Kabinett, besah meine rechte Hand lange mit der Lupe und sagte als erstes:„Sie sind schon einmal bestohlen worden, aber nicht materiell, sondern geistig. Man hat Sie gewisser- maßen um eine geistige Lebensarbeit gebracht; aber es ist ja alles da, nur noch nicht richtig anerkannt, doch trösten Sie sich, Sie kommen schon wieder hinauf. Sie müssen sogar noch einmal Deutschland dem Ausland gegenüber vertreten.“ Über seine ersten Sätze war ich damals äußerst überrascht, denn er hatte damit, wenn ich an mein Wiener Museum und die Dozentur dachte, tatsächlich den Nagel auf den Kopf getroffen. Über den Schluß seiner Rede mußte ich indessen nur lachen, so etwas käme gewiß nicht in Frage, da ich mich für Politik absolut nicht interessiere. Er aber bestand absolut auf seiner Ansicht:„Da können’s gar nichts dagegen machen, ob Sie wollen oder nicht, Sie werden gar nicht erst gefragt.“ Im weiteren Verlauf der Unterhaltung fragte er:„Irgendwas haben’s vor Ihrem Namen, sind’s vielleicht ein Doktor?“ Ich bestätigte seine Vermutung und teilte ihm nur einiges über meinen Beruf mit. Meinzel fuhr in seiner Diagnose fort.„Einmal sind Sie mit einer Person ganz nah’ verbunden gewesen, so nah’ wie ich’s noch nie g’sehen hab’. Die ist aber jetzt schon tot, vielleicht seit fünf oder sechs Jahren. Der letzte Gedanke der Verstorbenen waren sicher Sie und irgendwie ist sie auch noch um Sie herum.“ „Hart am Tod geht’s auch einmal vorbei mit Ihnen, oder es ist schon gegangen, das haben’s vielleicht gar nicht gemerkt! Übrigens, Geld genug haben Sie auch und wenn Sie kein Gelehrter wären, dann wür- den Sie auch ein geschickter Geschäftsmann sein. Aber innerlich ist Ihnen das Geld gleichgültig und weil die Leut’ das wissen, werden Sie fest ausgenutzt, denn die Menschen sagen: Der hat so genug und wenn man’s ihm wegnimmt, dann ist’s ja nicht gestohlen!“ In dieser ungezwungenen Art sprach Meinzel noch eine Weile weiter, das Wichtigste davon habe ich nun verraten. Was die Vergangenheit betraf, wunderte ich mich schon damals sehr über die Richtigkeit seiner Aussagen. Daher begannen mich auch seine Prognosen für die Zukunft ernsthaft zu beschäftigen. Wie wahr sie sich erweisen sollten, das konnte ich damals nicht ahnen! Anschließend an die.‚Konsul- tation“ lud er uns zum Tee ein und im Laufe der Unterhaltung ge- wann ich den Eindruck eines sehr lebhaften, klugen und aufgeschlosse- nen Mannes. Wiederum konnte ich nicht wissen, unter welch merk- würdigen Begleitumständen unsere zweite Begegnung stattfinden sollte. Um nicht falsch verstanden zu werden, ist es vielleicht am Platze, hier meine prinzipielle Einstellung zu derartigen Phainomenen mit wenigen Worten darzulegen. Als Anhänger der Schopenhauerischen Erkenntnistheorie, derzufolge, Raum, Zeit und Kausalität nicht den Dingen selbst zugehören, sondern nur die Vorstellungsformen sind, in denen wir sie erkennen, halte ich es für grundsätzlich möglich, daß es Menschen gibt, die empfindsameren Geistes sind als der Durch- schnitt, und für die Raum und Zeit nicht die unüberwindbaren Schran- ken sind wie für andere, denen sozusagen der Schleier der Maya in größerem oder geringerem Grade transparent wird. In der Praxis ist natürlich größte Vorsicht geboten. Denn solche Menschen sind selbst- verständlich stets hervorragende Psychologen, und vieles erklärt sich auf ganz natürlichem Wege. Daß mir etwa Herr Meinzel meine geistigen Neigungen am Gesichte ablas und zugleich auch meine Unbefriedigt- heit erkannte, ist durchaus möglich und seine diesbezüglichen Aussagen werden von hier aus gesehen viel leichter verständlich. Auch meine 26 x x ee En aa a re rere eet Einstellung zu den materiellen Gütern kann man mir vielleicht an- sehen und die daraus resultierenden Äußerungen hinsichtlich des Aus- genutztwerdens durch andere sind an sich naheliegend. Dennoch bleibt noch genug übrig, um eine gewisse hellseherische Begabung anzuer- kennen. Ich gebe sogar zu, daß das meiste aus dieser Quelle fließt, und die schematische Handlesekunst, Herrn Meinzel wohl unbewußi, nur zum geringeren Teile mit hereinspielt. Alles in allem bin ich weit entfernt von einer blinden Gläubigkeit, halte aber die Hellseherei in gewissem Umfange für möglich und würde es, gerade im Interesse des tieferen Eindringens in derartige auffällige Erscheinungen, begrüßen, wenn sich die Wissenschaft ihrer mehr als bisher annähme. Wenn ich heute auf die vergangenen Jahre zurückblicke, so muß ich mich stets aufs Neue wundern über die verschlungenen Pfade der Vor- sehung, die ich— zur Hälfte in Blindheit, zur Hälfte doch auch wieder von einem geheimnisvollen inneren Wissen getragen— schon damals zu beschreiten auserkoren war. DRITTES KAPITEL Der Mensch entgeht seinem Schicksal nicht, das ist eine alte Wahrheit. Trotz aller Versuche meinerseits, mich durch eine möglichst zurückge- zogene Lebensweise aus dramatischen Situationen, die zu mir so wenig passen wie die Faust aufs Auge, herauszuhalten, nahmen, da die Götter wohl anderes mit mir beschlossen hatten, die Ereignisse eine zwangs- läufige Entwicklung. 2 Im Sommer des Jahres 1941 trat der Vorstand der Berchtesgadener Weihnachtsschützen, Gotthard Brandner, an mich heran, mit der Bitte, dem Verein beizutreten und das bereits erwähnte Buch über das Berchtesgadener Brauchtum zu verfassen. Ich folgte dieser Auffor- derung, ohne zu ahnen, daß damit ein Steinchen ins Rollen käme, das später eine Lawine auslösen würde. Was mich an der Sache zunächst anzog, war, daß der Verein unter der Leitung Brandners durchaus er- freuliche Grundtendenzen zeigte und es ihm: nur an einer geschickten geistigen Führung gebrach, um das für recht Erkannte auch praktisch durchzusetzen. Weit über seine ursprüngliche Zielsetzung, die ver- schiedenen kirchlichen Feste durch Böllerschüsse ländlich-festlich zu verherrlichen, hatte er allmählich die Pflege des gesamten heimat- lichen Brauchtums, die Erhaltung der Tracht und die alten überliefer- ten Lebensformen übernommen. Im wohltuenden Gegensatze zu ähn- lichen Vereinen, die sich mehr als gut mit der Fremdenindustrie ver- brüderten, fanden sich bei den Weihnachtsschützen diejenigen bäuer- lichen Menschen zusammen, die etwas auf sich hielten und es ver- schmähten, sich den Fremden für Geld an den Hals zu werfen, sondern mit durchaus guter Witterung allen derartigen Versuchen gegenüber äußerste Reserviertheit bezeugten und nur das wirklich Echte und Gesunde in ihren Reihen duldeten. Es war dies wohl in erster Linie EN 28 \ das Verdienst ihres Führers Gotthard Brandner, der stets das Richtige wollte, dem es mitunter nur an der nötigen Menschenkenntnis und geistigen Selbständigkeit gebrach, um alles in das entsprechende Fahr- wasser zu lenken. Ich lernte ihn im Laufe der Zeit als eine typische Jüngernatur kennen, mit Temperament und echter Leidenschaft be- gabt, uneigennützig bis zum äußersten und voll Verlangen, einem Führer, der ihm vertrauenerweckend schien, bedingungslos zu folgen. Ich weiß nicht, was ihn dazu getrieben hatte, gerade in mir die ge- eignete Persönlichkeit zu erblicken, ich spürte jedoch in kürzester Frist eine so schrankenlose Bereitschaft, daß ich mich ihr nicht ent- ziehen konnte. So übernahm ich denn auch mit vollem Bewußtsein meiner Verantwortung die mir übertragene Aufgabe und bei der mir eigenen kampromißlosen Konsequenz tat ich das, was ich für das einzig Richtige in jedem Falle hielt. Zunächst versuchte ich, die praktischen Bestrebungen des Vereins gei- stig zu unterbauen und ihm dadurch ein klares eindeutiges Gepräge zu verleihen. Dies alles war zunächst völlig unpolitisch gedacht. Ich ließ vom Photögraphen Schmid Farbphotos zum Berchtesgadener Brauchtum verfertigen, die ich für aufklärende Vorträge zu verwen- den gedachte. Dann begann ich mit der Herausgabe einer Schriften- reihe, die die gesamte Sachvolkskunde des Berchtesgadener Landes behandeln sollte. Das meiste bearbeitete ich selbst; wo mir die nötigen Spezialkenntnisse mangelten, wie_etwa auf dem Gebiet des Hausbaues und der Tracht gewann ich wissenschaftlich erstklassige Mitarbeiter aus den Reihen der namhaftesten deutschen Volkstums-Forscher. Die gänzlich unpolitische Ausrichtung wirkte sich aber insofern doch politisch aus, als wir allen Beeinflussungen und Einschränkungsver- suchen der Nazis einen stillen Widerstand entgegensetzten und so, wie es ja bei den Totalitätsansprüchen der Partei nur natürlich war, not- gedrungen mehr und mehr in ein gegnerisches Fahrwasser gerieten und geraten mußten. Die Grundhaltung meiner Vorträge, ja überhaupt den ganzen Ton, in dem ich zu sprechen pflegte, mußten die Nazis als ihnen wesensfremd und damit als feindlich betrachten; ich forderte immer wieder zur Bewahrung der alten Tradition auf, warnte vor 29 fremden Einflüssen seitens Außenstehender und behandelte die christ- lich-religiösen Bräuche mit entschiedener Hochachtung, kurz meine Worte mußten den nationalsozialistischen Herren äußerst unlieb in den Ohren klingen; dazu kam der Neid, weil ihre eigenen Versamm- lungen nur mit äußersten Gewaltmitteln halbvoll zu kriegen waren, während unsere Veranstaltungen stets wegen Überfüllung gesperrt werden mußten, obwohl die Teilnahme daran völlig dem freien Willen vorbehalten blieb. Da ich aber niemals politisch wurde, lag zum Ein- schreiten zunächst kein Grund vor, man intrigierte nach beliebter Art zunächst nur hinten herum, indem man die Zeitungsberichte über unsere Abende entweder kürzte oder ganz verbot und was dergleichen Dinge mehr waren. Zum offenen Kampf kam es erst über der Aufrollung der Kirchen- frage. Als bekannt geworden war, daß die Nazis die Franziskaner aus Berchtesgaden vertreiben wollten, wandte sich die Bevölkerung an Gotthard Brandner mit der Bitte, mit Hilfe der Weihnachtsschützen diesen Plan zu vereiteln. Seinen Bemühungen gelang es zwar nicht, die Wegnahme des Klosters zu verhindern, aber wenigstens, die Fran- ziskaner in Berchtesgaden zu belassen und die Kirche für den Gottes- dienst offen zu halten. Die Patres fanden im Pfarrhof provisorische Unterkunft. Von diesem Moment an wurde Brandner von den Partei- genossen mit ingrimmigem Haß verfolgt. Die Reibereien gingen nicht mehr aus. Ein weiterer Streit war die Abhaltung des Kirchenzuges beim Schützenjahrtag im Juli und das Fronleichnamsschießen. Letz- teres wurde gewöhnlich zuerst vom Landrat genehmigt und einige Stunden vorher von der Partei verboten. Dagegen gelang es nicht, den alljährlichen Kirchenzug zu hintertreiben. Zwar die Vertreter der Par- tei, die der Form halber stets zur weltlichen Feier eingeladen wurden, schnitten uns beharrlich, nur der damalige Landrat Froschmaier, ein Gönner der Weihnachtsschützen, ließ es sich nicht nehmen, jedesmal am Schloßplatz eine Rede zu halten und den langjährigen Vereinsmit- gliedern die Silberne Medaille zu überreichen. Sein Eintreten-für uns mußte er mit seiner Strafversetzung nach München im Oktober 1941 büßen. EEE ET SITE ET Sr Tape Die Partei hätte den Verein am liebsten ganz aufgelöst, getraute sich jedoch nicht, das zu tun, da Adolf Hitler seit 1933 Ehrenmitglied der Vereinigung war, und wir diese Tatsache stets geschickt als Aushänge- schild für unsere Unantastbarkeit benutzten. In allen Streitfragen ver- schanzte sich Brandner klug hinter diese Ehrenmitgliedschaft und er- klärte dem Kreisleiter, jede Änderung der überkommenen Gepflogen- heiten müsse er dem Führer persönlich vortragen. Da diese Mösglich- keit tatsächlich bestand und die Partei doch nicht wußte, wie ange- sichts der, wegen des Krieges offiziell zurückgestellten, Kirchenfrage die Sache entschieden würde, so setzten wir tatsächlich den Weiter- bestand des Vereins wie die unverfälschte Erhaltung seiner Sitten immer wieder durch. An Intrigen fehlte es freilich nie. Da man Brand- ner- für die treibende Kraft hielt, wollte man sich zunächst seiner Person entledigen und erreichte dies dadurch, daß man ihn als ein- zigen Postbeamten Berchtesgadens an ein Feldpostamt in der Ukraine versetzte. Der erwartete Erfolg blieb aus, da die ganze Vorstandschaft der Weihnachtsschützen einen einigen Block bildete und der neue Vor- stand, Fleck Steffi, gemeinsam mit mir die Leitung des Vereins im alten Geist fortführte. Während des Kirchenkampfes stand ich selbst mehr im Hintergrund; ‚ erst mit dem Erscheinen meines Büchleins über das Berchtesgadener Weihnachtsschießen und verwandte Bräuche begannen sich die Ver- folgungen mehr und mehr gegen mich zu richten, da man mich für das geistige Oberhaupt unserer Organisation hielt. Die Partei verlangte Einsichtnahme in das Manuskript meines Buches, da sie von. meinen literarischen Plänen Wind bekommen hatte. Ich ignorierte aber dieses, da es sich um ein wissenschaftliches Werk handelte, völlig unberech- tigte Verlangen und hielt die Drucklegung solange geheim, bis das Buch fix und fertig vorlag. Ehe es noch in der Öffentlichkeit verkauft wurde, verteilte ich die ersten 500 Exemplare unmittelbar an die Ver- einsmitglieder. Erst hinterher überbrachte ich mit der unschuldigsten Miene ein Stück dem Kreisleiter persönlich; auch der Führer und andere hohe Parteibonzen erhielten Dedikations-Exemplare. Da das Buch auf diese Art nun doch schon in der Öffentlichkeit verbreitet war und es, wenn auch die Tendenz deutlich hervortrat, keine direkten politischen Angriffe enthielt, hatte ein nachträgliches Verbot keinen Sinn mehr und die Parteigrößen mußten erkennen, daß sie überlistet worden waren. Immerhin spitzte sich die Situation von diesem Zeit- punkt an so zu, daß ich täglich mit einer Haussuchung oder Verhaftung rechnete und alles verdächtige Schriftenmaterial aus dem Hause räumte. Daß meine als Privatdruck erschienenen Novellen, die ja zwei sehr verdächtige Erzählungen enthielten, nicht doch durch einen dum- men Zufall in unrechte Hände gerieten, ist tatsächlich als ein Wunder zu betrachten, hatte ich sie doch in über hundert Exemplaren an meine Bekannten verteilt. Allerdings war die Belastung meiner Nerven eine große und die innere Spannung wuchs von Tag zu Tag, zuweilen empfand ich sie fast als unerträglich. Aber niemals wäre es mir eingefallen, von dem als rich- tig erkannten Weg abzuweichen und das bedingungslose Vertrauen meiner Schützenkameraden machte mich innerlich nur stärker. Wir fühlten uns wie richtige Verschworene und trotz allen Verdrusses freuten wir uns wie die Lausbuben, wenn wieder einmal ein Streich gelungen war. 5 In diesem Zusammenhang muß ich noch die Geschichte eines jungen Bauern erzählen, weil sie in indirekter Verbindung mit meiner Ver- haftung steht. Ich lernte Hans Angerer im Herbst 1942 kennen. Als Hitler im Jahre 1935 auf dem Weg der Zwangsenteignungen das Areal des Obersalzberges an sich brachte, war sein elterliches Anwesen- jenen Gewaltmaßnahmen zum Opfer gefallen. Er selbst wurde als Zollbeamter nach Obergurgel in Tirol versetzt. Obwohl es ihm dort. nicht schlecht ging, konnte er es vor Heimweh nicht aushalten und sehnte sich zurück nach Berchtesgaden und seinem bäuerlichen Lebens- stand. Aus diesem Grunde kam er zu mir mit der Bitte, ihm beim Erwerb eines kleinen Bauernanwesens in Ramsau behilflich zu sein. Da mich seine Zielstrebigkeit und das tiefe Verwachsensein mit der Heimaterde rührte, sagte ich ihm meine finanzielle Unterstützung zu. Im Verlauf unseres Gespräches erzählte er mir unter anderem, daß ihn das Heimweh in der Fremde so geplagt habe, daß er auf die Idee 32 EEE verfallen sei, eine Schilderung seiner alten Heimat und ihrer Sitten in Romanform zu versuchen. Ob ich das Manuskript sehen wolle? Natürlich war ich aufs äußerste überrascht von dieser Mitteilung, da es doch ein ganz einfacher Bauernsohn war, der da vor mir stand, ohne irgendwelche höhere Schulbildung. Obwohl ich mir nicht allzuviel erwartete, ließ ich mir das Manuskript doch schicken, da ich die Über- zeugung hatte, daß an dem Mann doch irgendwas besonderes daran sei. Aber als ich dann die ersten fertigen Kapitel erhielt, konnte ich mich kaum fassen vor Staunen über die dichterische Gestaltungskraft und die glänzende Beobachtungsgabe, die aus jenen Zeilen sprach. Freilich, die äußere Gewandtheit und die nötige Routine fehlten zu- weilen, aber gerade das, was man nicht lernen kann und was einem angeboren sein muß, das künstlerische Formungsvermögen war in reichstem Maße vorhanden. Er bat mich, nachdem er mein grundsätz- liches Urteil erfahren hatte, mit rührendem Zutrauen um meine Rat- schläge bezüglich der Fortführung seines Werkes. Dieses Ansinnen wurde der Ausgangspunkt einer geistigen Hilfsstellung meinerseits, die mir Freude und ihm Gewinn brachte. Ich korrigierte jedes neu- vollendete Kapitel des rasch wachsenden Werkes, lehrte ihn die rich- tige Dialektschreibung, und machte ihn auf stilistische Ungeschicklich- keiten aufmerksam. Er war ein gelehriger Schüler und ich brauchte mit jedem folgenden Abschnitt weniger Verbesserungen anzubringen. Seine Einberufung zum Militär verhinderte die Vollendung des Werkes, der letzte Abschnitt steht noch aus und ich hoffe nur, daß der Ver- fasser möglichst bald aus der russischen Gefangenschaft zurückkehren möge. Von dem fertigen Werk verspreche ich mir einen großen Erfolg, es steht an literarischer Bedeutung Ludwig Thoma nur wenig nach und bildet sozusagen das klassische Werk des Berchtesgadener Bauern- tums. Aus unserer Zusammenarbeit erwuchs eine gute Kameradschaft und ein menschliches Vertrauensverhältnis, aus dem heraus er mich ersuchte, ihm bei seiner Verehelichung im Januar 1943 den Trauzeugen zu machen. Ich habe dieses Amt gerne übernommen und konnte seiner Frau, die allein auf dem reichlich verwahrlosten Haus zurückblieb, manchmal einige Hilfe gewähren. w & 3. Kriss: Im Zeichen des Ungeistes Für die Bebilderung des Romans hatte Hans Angerer den Kunstmaler Gottfried R... vorgesehen, den er, da er auch ein gebürtiger Salz- burger war, von Jugend auf kannte. Sie hatten sich zwar damals schon etwas entfremdet, weil R... ein überzeugter Nazi und sogar Kreis- schulungsredner war, während Angerer die Verlogenheit des Systems erkannt und sich rasch wieder abgewendet hatte. Doch die ersten Probezeichnungen waren gut ausgefallen, und ich meinte, man sähe den Bildern ja schließlich die Gesinnung seines Urhebers nicht an und er solle doch ruhig bei seiner Wahl verbleiben. Auf diese Art wurde mir ein Mann und ein Name wieder ins Gedächtnis gerufen, der mir aus der Kinderzeit geläufig war, auf den ich jedoch schon längst ver- gessen hatte. Indessen, er war vom Schicksal dazu bestimmt, die äußere Ursache zur Katastrophe zu bilden, die über mich hereinbrach und deren Schilderung das Thema der folgenden Abschnitte dieser Schrift sein wird. 34 & VIERTES KAPTTEI Das fünfte Kriegsweihnachten war eben vorüber! Den Heiligen Abend hatte ich still und friedlict und zum erstenmal ganz allein auf der Koppenleiten verbracht. Am Weihnachtstag schrieb ich in einem Zug eine kleine Novelle nieder, deren Stoff mich schon längst beschäftigt hatte. Auch dieser Tag verging ruhig und gleichmäßig, ohne sichtbare Bewegung und eine wohlig entspannte Stimmung bemächtigte sich meiner, wie ich sie schon lange nicht mehr verspürt hatte. Die ver- gangenen Monate waren schwer und verhangen vorübergeschlichen, von dunklen Ahnungen belastet. Vom Ausbruch des Krieges an, den ich klar hatte kommen sehen, hatte sich meiner eine immer drückendere Gemütsverfassung bemäch- tigt, die sich steigerte, als man seit dem Winter 1942 sicher wußte, daß der Eintritt der furchtbarsten Niederlage nur mehr eine Frage der Zeit sein werde und die Gewissenlosigkeit der verantwortlichen Führer immer deutlicher in Erscheinung trat. Das sinnlose Blutvergießen he- unruhigte mich umso mehr, als ich selbst durch meine Herausgehoben- heit aus dem unmittelbaren Kriegsgeschehen mich auf der einen Seite bevorzugt sah, ohne jedoch auf der anderen Seite ein persönliches Dabeisein, das ja für die anderen die Lage doch nicht verbessert hätte, wünschen zu können. Auch glaubte ich mich für eine andere Aufgabe bestimmt, die ich aber nicht deutlich vor mir sah. So blieb, wie ich es auch drehen und wenden wollte, immer ein unbefriedigender Rest zurück. Abgesehen davon, bemächtigte sich meiner mehr und mehr das Gefühl, einem dunklen Abgrund auch als ganz persönlichem Schick- sal zuzutreiben. Im Herbst 1943 nahm ich von allem, was mir lieb gewesen, bewußt Abschied. Der Oktober war zauberhaft schön, die Sonne erwärmte die durchsichtige Föhnluft noch bis in die ersten Tage des November. Ich unternahm einige Bergtouren auf das Lattengebirge, den- Untersberg und zuletzt am 3. November noch auf den Hohen Göll. Ich ahnte, daß dies für lange meine letzte Bergbesteigung sein würde. Am Gipfel an- gelangt, konnte ich mir nicht genug tun, die selten klare und reine Aussicht immer wieder zu betrachten und sie mir bei geschlossenen Augen förmlich auswendig einzuprägen. Mehrere Stunden verbrachte ich am Gipfel ausgestreckt in der heißen Sonne, bei einer völligen Stille des Windes. Gotthard Brandner war damals mein Begleiter und beim Abstieg über das Brett nach Vorderbrand sprachen wir über das bevorstehende Kriegsende und auch darüber, wer nach dem Zusammenbruch in Berch- tesgaden die Geschicke der engeren Heimat leiten solle. In weiser Voraussicht setzten wir schon damals alle Landbürgermeister ein und viele sind es dann auch später tatsächlich geworden. Auch die neblige Zeit des Vorwinters brachte neben allerlei Auf- regungen doch manche schöne Augenblicke. Ich freute mich, so oft ich abends durch Kälte und Regen von Berchtesgaden zu Fuß heimwärts zur Koppenleiten wanderte, auf die traulich erhellte Stube mit der schweren Decke aus Lärchenholz und dem breiten behäbigen Kachel- ofen, an dem ich mir den Rücken wärmen konnte. Das Gefühl der, Geborgenheit umfing mich wie ein kostbares Gut, das ich noch in vollen Zügen genießen müsse, ehe ich es verlöre. Ich versuchte, mir einen Schatz an unzerstörbaren Erinnerungen anzusammeln, und jede einzelne Stimmung kostete ich aus bis zur Neige. So waren diese letz- ten Tage meiner Freiheit nicht verloren, im Gegenteil, sie waren er- füllt von heimlichstem Erleben unter einer fast unbewegt erscheinen- den Oberfläche. Am zweiten Feiertag besuchte ich Hans Angerer von Ramsau, der gerade auf Urlaub war. Im Verlauf der Unterhaltung sagte er mir, daß Friedel R... mit den bestellten Federzeichnungen nicht: recht weiter machen wolle, vermutlich, weil er annehme, daß er, Angerer, nicht entsprechend zahlen könne. Ich erwiderte, diese Sorge könnte ich ihm leicht abnehmen, indem ich selber zu R... ginge und ihm ein gutes 36 Honorar verspreche, unter der Bedingung, daß er den Auftrag rasch ausführe. ‘So machte ich mich denn zwei Tage später auf den Weg zu R... Vielleicht war der Zeitpunkt nicht glücklich. gewählt, denn ich hatte am selben Morgen die Nachricht vom Selbstmord der Emma Gürtler, einer alten Freundin meiner Mutter erhalten, den sie mir selbst in einem ergreifenden Abschiedsbrief mitgeteilt hatte. Die Sache ging mir ziemlich nahe, da ich ihr ein solches Maß an Seelengröße, wie sie in diesem Brief offenbarte, nicht zugetraut hätte. Aber wenigstens brauchte ich mir keine Vorwürfe zu machen; denn, als ob ich etwas geahnt hätte, hatte ich ihr an Weihnachten ein Lebensmittelpaket ge- sandt nebst einem langen Brief, den ich, da ich wußte in welch großer Vereinsamung sie sich befand, im Ton herzlicher gehalten hatte, als meinem wirklichen Empfinden für sie entsprach. Ich war daher ein wenig geistesabwesend, als ich zu R... kam und R das war mit ein Grund, warum ich es im Gespräch an der nötigen Vor- sicht fehlen ließ. R... lenkte nach einigen Minuten vom Thema ab, indem er betonte, daß ihm infolge seiner Pflichten als-Kreisschulungs- redner für die Kunst weniger Zeit übrig bleibe. Von hier aus ging er- sofort auf die Politik über und sagte, er und der neue Kreisleiter würden gern meine Ansichten über Brauchtumspflege und deren Be- ziehung zur Religion kennen lernien. Er‘gab dabei die üblichen Nazi- sprüche von sich und als fanatischer Kirchenfeind ließ er es an Phrasen, wie etwa, daß das syrisch-jüdische Christentum den germanischen Geist vergiftete und ähnlichen Redewendungen nicht fehlen. Da es mich ärgerte, daß er mir, von dem er doch wußte, daß ich als Dozent gerade dieses Fach lehre, mit derartigen abgedroschenen Sätzen kam und es mich enttäuschte, daß er als gebürtiger Berchtesgadner nicht mehr Verständnis für die Gefühle der bäuerlichen Bevölkerung aufbrachte, antwortete ich teilweise ziemlich scharf. Meine Ablehnung, mich im Rahmen der Parteiveranstaltungen in seinem Sinne zu betätigen, er- bitterte ihn noch mehr und ohne viel Umschweife setzte er mich in seinen Reden mit denjenigen Intellektuellen, die die Meinung ver- träten, daß die Nazis den Reichstag angezündet, ja daß sie überhaupt 37 Terz ene den Krieg begonnen hätten, auf dieselbe Stufe. Es kann wohl sein, daß ich mich in meinen Antworten zu weit hinreißen ließ und die Äußerung, daß der Nationalsozialismus Persönlichkeiten nicht gelten lasse und die Menschen zu Lügnern erziehe, ist auch tatsächlich ge- fallen. Aber den Schlußsatz, der in meiner Verhandlung eine so große Rolle spielte, daß der Nationalsozialismus nur Blut und Elend über das Volk bringe und verschwinden müsse, habe ich in dieser schroffen Form wohl kaum ausgesprochen. Denn ich wußte ja doch schließlich, wen ich vor mir sitzen hatte. R... behauptete aber auch noch in der Verhandlung steif und fest, ihn gehört zu haben. Ich glaube dabei nicht einmal, daß er bewußt log, sondern nach Art der politischen Ver- sammlungsredner bildete er sich wohl ein, eine Ansicht, die er mir, wie ich sagen muß mit Recht zutraute, auch in der Wirklichkeit ver- nommen zu haben. Trotzdem schieden wir nicht im Unfrieden, vielmehr begleitete mich R... bis an die Gartenpforte seines Häuschens und versprach sogar, mich in den nächsten Tagen aufzusuchen, um sich das Manuskript von Angerer abzuholen. Zuletzt äußerte er sogar noch:„Und das, worüber wir gesprochen haben, bleibt selbstverständlich unter uns.“ Ich bezog diese Worte weniger auf mich als auf ihn, da ich glaubte, er wünsche nicht, daß seine Anwürfe gegen das christliche Brauchtum den Weih- nachtsschützen zu Ohren kämen, da er mit jenen schon wiederholt Kontroversen über dieses Thema gehabt hatte. Ich ging also beruhigt weg und dachte an nichts Böses. Als am 11. Jan. in der Frühe zwei Gestapo-Beamte bei mir in der Koppenleiten er- schienen, um eine Haussuchung vorzunehmen, da erinnerte ich mich nicht im entferntesten an das Gespräch mit R..., sondern vermutete, daß man ganz im allgemeinen jetzt die Zeit für gekommen hielte, mich wegen: meiner Stellung bei den Weihnachtsschützen' zu belangen. Die Haussuchung verlief natürlich ergebnislos, trotzdem brachte man mich, wie man zuerst vorgab, zu einem Verhör auf das Büro der Gestapo zum Kriminalrat Schmidbauer, einem widerlich fetten Kerl, mit dem Gesicht eines brutalen Bullenbeißers. ...... ER. EN Er erklärte mir, er müsse mich wegen eines politischen Gesprächs in 38 Haft nehmen. Nach einigen Vorfragen rückte er endlich mit der An- zeige des Gottfried R.. heraus, und ich war selber am meisten über- rascht, über die Menge der staatsfeindlichen Äußerungen, die ich ge- tan haben sollte, und den gehässigen Ton in dem sie niedergeschrieben waren. Auch ein vernichtendes Gutachten des Kreisleiters Stredele lag bei, worin er mich beschuldigte, ich habe meine militärische u.k.-Stel- lung zu Unrecht besessen und deren Verlängerung mit unfairen Mitteln betrieben. Diese Anschuldigungen konnte ich Gott sei Dank durch Zeugen so schlagend widerlegen, daß sie sogar der Volksgerichtshof in der Anklage fallen ließ. Dem Kreisleiter war es eben nur darum zu tun gewesen, mein Ansehen zu untergraben und dazu war ihm jedes Mittel recht. Anders glaubte er wohl nicht ans Ziel zu kommen. Es wird stets ungeklärt bleiben, inwieweit R... nicht überhaupt nur vom Kreisleiter als Werkzeug mißbraucht wurde; an der Formulierung der Aussagen des R... hatte er, so viel steht fest, einen entscheiden- den Anteil. In einer allgemeinen Charakteristik bezeichnete mich der Kreisleiter als Typus des den Nationalsozialismus ablehnenden Hochintellektuel- len und als jesuitisch vorgebildeten konfessionell absolut gebundenen Vertreter der politischen Weltkirche. Ähnlich drückte sich auch bei meiner Verhandlung der Vertreter des Volksgerichtshofes, Herr Freis- ler, aus. Diese Kennzeichnung meiner Person nötigte mir allerdings nur ein leises Lächeln ab; sieht man jedoch von der nationalsozialisti- schen Phraseologie ab, die alles über einen Leisten schlägt und die Dinge verzerrt, indem sie sie vereinfacht, so hatte der Kreisleiter im Grunde doch gar nicht so unrecht; mit der sicheren Witterung des ab- gefeimten Politikers spürte er den unüberbrückbaren Gegensatz unser beider Naturen und die Größe der Gefahr, die dem totalen Staat von Leuten meiner Geistesart naturnotwendig drohe, schätzte er richtig ein. Das Verhör dauerte den ganzen Tag, wurde aber nicht von Schmid- bauer selbst, sondern von einem der beiden Beamten geführt, die bei mir die Haussuchung gehalten hatten. Am Vormittag wurden mir die Angaben meines Belastungszeugen vorgelesen,, am Nachmittag hatte ich Gelegenheit, meine Verteidigung zu Protokoll zu geben. Während der Mittagspause saß ich zum erstenmal in der Gefängnis- zelle. Sie war ganz eng und schmal, etwa 1,20‘m breit und 2,20 m lang und enthielt nur eine herabzuklappende Pritsche und einen Stuhl. Das Essen wurde mir durch das sog. Kosttürl, einem quadratischen Einschnitt in der Zellenpforte, in einer Schale hereingereicht. Die Situation war mir so völlig neu und ungewohnt, daß ich noch nicht in der Lage war, sie recht zu überdenken, Sie hat mich zunächst mehr physisch als seelisch ergriffen. Ich bekam erhebliche Herzbeklemmun- gen, brachte nur einige Löffel von der ziemlich undefinierbaren Suppe herunter und mußte mich, da mir etwas schwach wurde und die Ner- ven zu versagen drohten, flach ausgestreckt auf den Boden legen. Gott sei Dank hatte ich keine Zeit, mich meiner Gemütsdepression hinzu- geben, denn ich wußte, daß alles darauf ankäme, meine am Nach- mittag zu machenden Angaben klug und geschickt zu formulieren. Ich benutzte die zweistündige Pause, um mir jedes Wort zurechtzu- legen und das brachte mich über die unerträgliche Spannung des Wartens am leichtesten hinweg. i Das nachmittägige Verhör dauerte vier Stunden, doch ich war glänzend in Form, und tat das einzig Richtige, nämlich gar nichts zuzugeben und alles als ein Mißverständnis hinzustellen.. Dabei mußte: ich stets darauf achten, den Angeber zu desavouieren, ohne ihn doch als be-; wußten Lügner hinzustellen. Meine Aufgabe muß ich allem Anschein nach gut gelöst haben, denn der Untersuchungsrichter, dem ich eine Woche später in München vorgeführt wurde, ein enragierter Nazi, bezeichnete meine Aussagen als ein Meisterwerk jesuitischer Wortgewandtheit. Der Wahrheit getreu muß ich zugeben, daß mich der Leiter der Gestapo in Berchtesgaden, Schmidbauer, relativ gut behandelt hat. Er erlaubte mir sogar, daß ich am Abend den Besuch meiner Tante und den Dr. Braitmaiers empfangen durfte, die mir Wäsche, beruhigende Medizinen und etwas zu essen brachten. Infolge der Anwesenheit der Wachebeamten hatte ich keine Gelegenheit, etwas Wesentliches zu sprechen, immerhin konnte ich von meinen Angehörigen Abschied nehmen und mich zum letzten Mal für lange Zeit dem Gefühl einer warmen menschlichen Nähe und Teilnahme hingeben, 40 Der ungeheuren Anspannung des Tages folgte eine ziemliche Ermat- tung, der ich es zu verdanken hatte, daß ich relativ gut schlief, aller- dings nur um am nächsten Morgen zu neuer Qual zu erwachen. Mit dem erstem Zug wurde ich von dem äußerlich sehr unsympatisch aussehenden Gestapo-Beamten E. nach München gebracht. Der Anblick seines verquollenen, vollgefressenen, völlig geistlosen Gesichtes war mir fast unerträglich; doch kann ich mich über ihn nicht eigentlich beklagen. Er gestattete mir die Fahrt zweiter Klasse und um mit meinen Gedanken allein zu sein, stellte ich mich die ganze Zeit schlafend. Zu Mittag waren wir in München; E. erlaubte mir noch die Einnahme einer Mahlzeit in einem Gasthaus, dann lieferte er mich am Sitz der Gestapo im Wittelsbacher-Palais ein. Nach Aufnahme der Personalien wurde ich ohne weiteres Verhör so- fort in den Gefängnistrakt abgeführt. Zunächst nahmen mich einige Wachbeamte, bei denen ich die Wertsachen abgeben mußte, in Empfang. Sie sahen äußerlich ein wenig verschieden aus, doch war ihnen allen ein Zug gemeinsam, der eine Mischung zwischen Stumpfheit und Brutalität darstellte. Einer von ihnen führte mich in eine sog. Ge- meinschaftszelle, die für fünf Personen eingerichtet, jedoch mit neun belegt war. Bei meinem Eintritt waren indessen nur zwei anwesend. Nachdem der Wärter die Tür zugeschlagen und die schweren Schlösser krachend eingeschnappt waren, ein Geräusch, an das ich mich während der ganzen 1'/,jährigen Haftzeit nie so recht gewöhnen konnte, hatte ich Muße, mir den Raum und seine Insassen näher zu betrachten. Die Zelle hatte auf der äußeren Längsseite zwei schmale Fenster mit Ober- lichte, das mittels eines Hebels geöffnet werden konnte; wenn man; was verboten war, auf einen Stuhl stieg, konnte man in einen gepfla- sterten Innenhof blicken. Der Regen rann in Strömen von einem gleichmäßig grauen Himmel. Unter den Fenstern befanden sich zwei Pritschen, an den Schmalseiten des Raumes je eine weitere und an der Türseite die fünfte. In den Ecken lagen aufgestapelt Matratzen und Bezüge für die vier übrigen Lagerstätten. In der Mitte des Rau- mes, der etwa 5 m lang und 3'/, m breit war, stand ein schmaler, am Boden festgemachter Tisch. Am Abend wurden die vier Notlager in 41 der Art am Boden ausgebreitet, daß je zwei den an den beiden Schmalseiten befindlichen Pritschen vorgelegt wurden, die dritte kam unter die Fensterseite, in der Weise, daß das Kopfende zwischen die beiden Pritschen zu liegen kam, während der Schläfer mit Leib und Füßen sich unter die eine Pritsche strecken mußte. Der neunte Schläfer hatte den unbequemsten Platz, er mußte sein Lager unter den etwa 60 cm breiten und 2 m langen Tisch ausbreiten, an ein Umdrehen war in dieser qualvollen Enge kaum zu denken. Da ich der letzte An- kömmling war, mußte ich dieses Lager beziehen. Gott sei Dank brauchte ich nur zwei Nächte in diesem fürcherlichen Raum zuzu- bringen; geschlafen habe ich kaum eine Stunde’ und die Gefängnis- psychose, die sich wie ein eiserner Ring um mein Herz legte und mir fast den Atem benahm, hatte ich damals noch lange nicht über- wunden., Es war etwa zwei Uhr Nachmittag. Der eine Gefangene war ein blonder russischer Student. Er stand meistens am Fenster und summte etwas vor sich hin. Von Zeit zu Zeit zog er die Photographie seiner Freundin heraus, betrachtete sie wehmütig und sagte in gebrochenem Deutsch:„O, meiner Liebe, meine Herz!“ Im übrigen war er gefaßt und beinahe heiter; sah mich an, machte die Gebärde des Halsab- schneidens und meinte, led Kopf ab, vielleicht auch nicht!“ Er war ein aus Stalinow verschleppter- Zivilarbeiter, den man mit mehreren Komplizen der Sabotage bezichtigte. Was später aus ihm geworden ist, weiß ich nicht. Der andere war ein magerer, etwas älterer Mann, der mit eingezoge- nem Kopf dauernd um den Tisch herumlief. Er schien unter der Haft sehr zu leiden. Plötzlich hob er den Kopf, sah mich mit erstarrten Augen an und stieß einen leisen Schrei aus. Ich musterte ihn gleich- falls scharf und dachte verzweifelt: wo habe ich denn den nur ge- sehen. Dann fiel es mir mit jähem Erschrecken ein: Jesses, der Meinzel’ aus Mühldorf! und er:„Ja um Gotteswillen, der Dr. Kriß!‘“ Vor mir stand der Handleser und Hellseher, der mir schon so merkwürdige Dinge gesagt hatte. Das erste was ich tat war, daß ich ihm meine Hand hinstreckte und sagte„können Sie mir nicht sagen, wie lange 42 ich da herin schmachten muß?“ Er aber fuhr zurück, als habe sich eine giftige Schlange vor ihm aufgerichtet und rief:„Gehen’s mir nur ja weg, nie wieder mache ich so was“, dann begann er mir seine Leidens- geschichte zu erzählen: aus eben jenem Grunde habe man ihn nämlich am Heiligen Abend verhaftet, zunächst ins Gefängnis nach Altötting und dann hierher transportiert, einige Tage später habe man seine Frau gleichfalls in Gewahrsam genommen, aber bald wieder freige- lassen; er habe zufällig gesehen, wie man sie über den Hof wegge- führt habe. Drei Wochen sei er in Haft gewesen, ohne daß man ihn verhört habe, erst vor zwei Tagen sei dies endlich geschehen und nach dem Ausgang den es genommen, habe er den Eindruck, daß man ihn mit einer Verwarnung werde laufen lassen. Trotzdem war er mit den Nerven völlig herunter und meinte, noch kurze Zeit und er würde völlig überschnappen. Ich erkläre ihm: wenn meine Sache so günstig stünde wie die seine, dann ließe ich mir überhaupt kein graues Haar wachsen, aber ich käme vor Kriegsende wohl kaum mehr heraus. Da wir keine Arbeit-zugeteilt bekamen, hatte man uns ein paar Bücher und ein blödes Würfelspiel,„Mensch ärgere dich nicht“, in die Zelle gegeben. Ich versuchte beides; das Lesen wollte mir einstweilen noch nicht gelingen, ich brachte die Konzentration nicht auf, glitt mit den Gedanken beständig ab und die mißglückten Versuche machten mich traurig. Mit dem Spielen ging es eher, ich spielte abwechselnd mit einem meiner beiden Kameraden; aber auf die Dauer kann man kein so blödsinniges Spiel betreiben; wenn es ein Schachspiel gewesen wäre oder ein Brettspiel, das wäre eher gegangen, aber diese sture Würfelei bekam man doch bald satt. So wanderten wir immer wieder wie die Eisbären im Käfig um den Tisch herum, oder setzten uns, die Hände vor den Augen, auf die aufgestapelten Matratzen, um auf diese Art wieder etwas innere Ruhe zu gewinnen. Am Abend kamen die sechs anderen Zellengenossen von der Arbeit heim, naß und verschmutzt. Man kann sich denken, was bei der unzureichenden Möglichkeit sich zu waschen— man mußte das Wasser aus einer einzigen Kanne auf drei Blechschüsseln verteilen— in kürzester Frist für eine Atmosphäre herrschte. Nach dem Essen konnte wegen der Verdunkelung nicht 43 mehr gelüftet werden und um 8 Uhr streckten sich die neun Manns- bilder auf ihrem Lager.aus. An den Gestank gewöhnte sich die Nase allmählich, den roch man fast nicht mehr, aber die Hitze war kaum zu ertragen. Unter den sechs Männern befanden sich zwei Bibelforscher, die etwas wunderlich und verschroben, dabei ziemlich naiv, aber sonst wohlwollend und gleichbleibend sanft und freundlich schienen. Wäre ich länger geblie- ben, so hätte ich mit ihnen wohl bald einigen Kontakt gefunden. Die an- deren waren primitive Burschen und bewegten sich auf einer rein vegetati- ven Ebene. Sie kamen müde heim, aßen rasch und gierig und legten sich gleich danach schlafen; es ergab sich kaum Gelegenheit, mehr als das Nötigste zu sprechen. Früh um 6 Uhr wurden sie bereits zur Arbeit geholt. Tagsüber blieb ich mit Kameraden Meinzel und dem jungen Russen ällein. Am übernächsten Tag wurde Meinzel nachmittags halb 2 Uhr entlassen; es war für mich ein schmerzlicher Abschied, doch konnte ich ihn wenigstens bitten, meine Angehörigen zu verständigen und ihnen meine Wünsche bezüglich Wäsche und Toilettegegenständen zu über- mitteln. An seinerstatt wurde ein Rechtsanwalt in mittleren Jahren eingeliefert. Doch kam es nur zu einer oberflächlichen Begrüßung, denn kurz darauf öffnete sich die Tür zum zweiten Male. Ein Wärter brüllte:„sofort einpacken, Kriß kommt weg.“ Ein eisiger Schrecken rann mir durch die Glieder; denn jeder Gefangene scheut die Ver- änderung, da er meistens etwas Schlechteres eintauscht. Auch hat der Weg ins Ungewisse etwas ungeheuer Erregendes an sich. Diesmal allerdings gereichte mir die Veränderung zum Heil. Ein Auto führte mich durch die ganze Stadt München, über die Isar hinüber und blieb vor dem Untersuchungsgefängnis Neudeck in der Au stehen._ Dort wurde ich abgesetzt und ein kleiner dicker, gemütlich aussehen- der-Türhüter, den ich später als Oberwachtmeister Hennemann und typischen altbayrischen Gefängniswärter schätzen lernte, nahm mich in seine Obhut. Ich spürte sofort die völlig andere Luft, die hier wehte; man wurde mit sachlichen Augen und nicht mehr als persönlicher Feind betrachtet._ 44 Ich ahnte, daß wenigstens für den Augenblick das Schlimmste über- wunden sei und tatsächlich lernte ich Neudeck als die Krone der bayrischen Gefängnisse allmählich schätzen und lieben, soweit das bei einem Gefängnis eben möglich ist. Es wurde für neun Monate mein unfreiwilliger Aufenthaltsort. Ihm will ich das folgende Kapitel widmen. 4 HÜNETES’ KAPITEL\ Herr Oberwachtmeister K. vom zweiten Stock nimmt mich unter seine Fittiche. Ich muß mich ganz ausziehen, meine Kleider werden nach verbotenen Gegenständen untersucht, Messer, Uhr, Wertsachen usw. abgegeben; dann darf ich mich wieder ankleiden und werde auf die Zelle gebracht. Herr K. zeigt sich von seiner gemütlichsten Seite, die er mir gegenüber ständig an den Tag gelegt hat. Er fragt mich, wieso ich da hereinkomme, ich sähe doch gar nicht so aus, als würde ich in dieses Haus passen. Ich erzähle ihm kurz meinen Fall. Er ist empört. „Na, so eine Gemeinheit! Hoffentlich kommen’s bald wieder heraus! Eine schöne Zelle werde ich Ihnen schon zuweisen.“ Ich bin richtig glücklich über diesen menschlichen Ton und denke mir:„‚Na, da kannst Du es schon aushalten!“ Dann geht’s hinauf in den zweiten Stock. Ich erhalte eine verhältnismäßig geräumige Einzelzelle.„Allein haben Sie’s doch’schöner als in Gemeinschaft“, meint Herr K. und ich stimme ihm darin völlig bei. Hierauf bringt er mir die Betibezüge, das Putz- zeug für den Parkettboden, wobei er bemerkt, die Sauberkeit sei sein Steckenpferd, und wenn der Boden immer schön glänze, würden wir uns schon gut vertragen. Vor mir habe ein holländischer Professor die Zelle bewohnt. Da habe alles förmlich gespiegelt! Ich frage ihn natür- lich gleich, was denn mit meinem Vorgänger geschehen sei. K. sagt in aller Gemütsruhe:„‚das war auch ein politischer, der ist zum Tod ver- urteilt worden. Aber regens Ihnen nicht auf, später haben’s ihn zu zwei- Jahren Festung begnadigt.“ Während K. noch spricht, kommt ein älterer und noch gemütlicher aussehender Wachtmeister herein, der erste Haupt-Wachtmeister H., der später ein guter Freund von mir wurde; er hat einen grauen auf- gezwirbelten Schnurbart, der ihm ein martialisches Aussehen verleihen 46 soll, jedoch die Gutmütigkeit leuchtet aus seinen Augen und bewirkt, daß der Schnurbart eher etwas komisch aussieht. Ich muß meine Ge- schichte wiederholen. Dann wartet er, bis sich sein Kollege entfernt hat, um seiner Wut mit noch unverhohleneren Worten Ausdruck zu geben:„Diese Saubande! Aber den Nazis müßt Ihr es später einmal genau so kochen, wie sie es Euch jetzt tun! Na machen Sie sich nichts draus! Ein Baron sitzt schon seit fünf Jahren hier, ein feiner Mann! _—_. Sie werden sich auch noch eingewöhnen bei uns, Sonnenseite haben Sie auch und wenn’s beim Fenster hinausschauen, wobei Sie sich aber nicht erwischen lassen dürfen, sehen Sie in den Garten und dahinter die Trambahn vorüberfahren!— Na, ich komm schon von Zeit zu Zeit und unterhalt mich ein bißchen mich Ihnen.“ Er entfernt sich schlüsselklirrend und ich bin wieder allein in der sin- kenden Abenddämmerung; die Zelle ist verhältnismäßig groß, etwa 2 m breit und 3”/; m lang. Da kann man sogar ein bißchen auf und ab gehen. Ich bin froh, daß ich allein bin und die gute Behandlung wirkt wie Balsam auf mein wundes Herz. Ich denke mir:„Jetzt bist halt ein Trappisten-Mönch geworden“, und wünsche mir im Herzen nichts anderes, als möglichst lange hier bleiben zu dürfen. Nach kaum einer Stunde bekomme ich durch das nun schon gewohnte Kosttürl mein Abendessen hereingeschoben. Das Essen ist meine ein- zige Sorge; denn es ist wirklich unbeschreiblich schlecht und wenig. Es ist schon so, daß man äußere Unannehmlichkeiten oft schwerer ertragen kann als seelische Leiden, mit denen man sich als Philosoph 'allmählich irgendwie abfindet. Aber dieser undefinierbare Brei, der da täglich hereinkommt, ist kaum hinunterzuwürgen. Doch es sollte mir rascher geholfen werden als ich ahnen konnte. Nach etwa vier Wochen speiste ich bereits nicht gerade wie ein Fürst, aber immerhin wie ein Wachtmeister. Das Abendessen kommt immer sehr früh, da es in den Zellen kein Licht gibt. Es bleibt nichts anderes übrig, als sich mit Eintritt der Finsternis ins Bett zu legen. Das ist jetzt im Januar sehr früh, schon um halb sechs Uhr. Jeden Abend verfolge ich auf einem Stuhl am Fenster stehend, das Spiel der Dämmerung am südlichen Himmel, 47 beobachte den langsamen Wechsel der Farben am. Firmament, dann lege ich mich nieder und überlasse mich meinen Gedanken. Aufregun- gen sollte es in den nächsten Wochen noch genug geben und die machen müde. Da legt man sich gern zu Bett und es ist erstaunlich, wie lange man in seelisch gespannten Situationen schlafen kann. Ich habe es manche Nacht auf zwölf Stunden gebracht. Die Natur hilft sich eben selbst am besten. Am nächsten Morgen komme ich vor den Untersuchungsrichter. Herr H., der mich abholt, sagt:-„„Tun’s fein ja nichts zugeben, dann kann’s nicht so schlimm werden!“ Das hätte ich auch so nicht getan, aber der freundliche Ton beruhigt meine erregten Nerven und es gelang dem Richter, der mich als echter Nazi-Beamter, emigrierter Südtiroler der er war, fürchterlich anplärrt, nicht, mich einzuschüchtern. In einer halben Stunde ist alles vorüber. Bald danach betrat Herr H. meine Zelle, belobte mich ob meiner Unerschrockenheit und fuhr fort: »„Wenn’s einen guten Rechtsanwalt brauchen, der Herr Götz ist grad zufällig im Haus, der tät’ sich schon Müh’ geben!“ Ich erwiderte:„Ich kenne in München ohnedies keinen, dann führen’s mich gleich zu ihm, damit ich keine Zeit versäume.“ Herr Götz war ein Mann in mittleren Jahren, groß, blondhäarig, und seine hellblauen Augen, die hinter der Brille recht scharf funkeln konnten, fielen mir sofort auf; ich hatte den Eindruck, daß mit ihm nicht unter allen Umständen gut Kirschen essen sei, aber daß, wenn ihn ein Fall interessiere, er sich bestimmt mutig und energisch für seine Klienten einsetzen würde; er sprach ein echtes Münchnerisch und konnte die Preußen nicht leiden, was mich auch menschlich für ihn einnahm. Je öfter er mich besuchte, desto mehr überzeugte ich mich, die richtige Wahl getroffen zu haben; seine juristischen Fähig- keiten konnte ich zwar nicht beurteilen, aber die waren in meinem Fall,. der weniger mit Juristerei, als mit Energie und Beziehungen angepackt werden mußte, ohnedies nicht in erster Linie wichtig. Trotz der guten Behandlung dauerte es noch längere Zeit, ehe ich den Haftkoller völlig überwunden hatte; manchmal spürte ich einen förm- lichen Zwang, mit dem Kopf gegen die Tür zu rennen, solange, bis 48 | | | | die Schädeldecke in Trümmer ginge. Ich war Bewegung gewohnt und der ständige Aufenthalt in dem kleinen Raum machte mich mitunter ganz wahnsinnig. Den kleinen Spaziergang, der uns viermal wöchent- lich eine halbe Stunde lang gewährt wurde, konnte ich kaum erwarten. Er bestand. allerdings nur darin, daß wir in dem kleinen dunklen Ge- fängnishof, einer hinter dem andern, das schmale Rechteck inmitten des Gebäudes entlang gehen durften, ohne miteinander zu sprechen. Aber man atmete doch wenigstens die frische kalte Luft ein und konnte seine Füße bewegen. Allmählich wurde ich ruhiger, die erregenden Besuche des Anwalts, der mir in der ersten Zeit stets neue, unangenehme Nachrichten aus Berch- tesgaden meldete, wurden seltener, und ich brachte durch Arbeit und Lektüre einige Abwechslung in die Eintönigkeit des Dahinlebens. Die Arbeit bestand in Falten und Kleben von Briefumschlägen und Per- gamentbeuteln, die mir der Arbeitswachtmeister O. täglich herein- brachte. Er war ein humorvoller Mann mit lustigen braunen Augen, der mich und die anderen sogenannten besseren Herren nicht mit Arbeit überhäufte und uns hinreichend Zeit ließ zur Lektüre. Länger als vier bis sechs Stunden täglich habe ich wohl nie gearbeitet, da- zwischen las ich. Die Bibliothek des Hauses war sehr gut und der Gefangene; dessen Amt es war, die Häftlinge mit Büchern zu ver- sehen, meinte es gut mit mir. Es war ein ehemaliger christlicher Ge- werkschaftler, der gleichfalls aus politischen Gründen bereits zwei Jahre ohne Untersuchung eingesperrt war, und eine bevorzugte Stel- lung einnahm. Er führte-den schönen Titel Bücherhausl, fragte mich nach meinem Geschmack und brachte mir sogar das Literaturverzeich- nis der Bibliothek. Entgegen der Vorschrift hatte ich stets vier bis fünf Bücher in meiner Zelle, teils belletristischen, teils wissenschaft- lichen Inhalts und ich benutzte die erzwungene Muße, um meine Literaturkenntnisse zu vermehren. Die dichtenden Frauen nahm ich mir vor: Rikarda Huch, Selma Lagerlöf und andere, die ich bisher vernachlässigt hatte. Dazwischen las ich die Kulturgeschichte Griechen- lands von Burckhardt, einige religionsgeschichtliche und philosophische Werke, die Tiergeschichten und Naturschilderungen von Hermann ® 4 Kriss: Im Zeichen des Ungeistes 49 Löns und Fleuron, kurz ich nahm die Gelegenheit wahr, Bildungs- lücken aufzufüllen und mir zugleich geistigen Genuß zu verschaffen. Der Winter 1944 war außergewöhnlich mild; schon Anfang Februar hörte ich die erste Amsel singen. Es war mir eine der größten Freuden in meinem einsamen Zellendasein, als ich eines Abends die ersten zaghaften Flötentöne vernahm. Von nun an wartete ich jeden Tag ungeduldig auf die liebliche Sängerin. Ich öffnete dann das Oberlicht, damit ich besser hören konnte und verfolgte die von Woche zu Woche energischer und voller werdende Vogelstimme, wie sie vom schüchter- nen, kaum vernehmbaren Pfiff allmählich zum langgezogenen Liebes- ruf anschwoll. Es blieb wohl immer der nämliche Vogel, der sich das öde Zuchthausgärtlein zum Nistplatz gewählt hatte, der mir bis zu meiner Versetzung nach Stadelheim treu blieb und mich Tag für Tag in der Dämmerstunde mit seinem süßen Gesang beglückte. Nach etwa drei Wochen meiner Anwesenheit erschien Oberwacht- “ meister K. mit strahlender Miene und sagte:„Jetzt ist eine Kavaliers- zelle frei geworden, da lege ich Sie gleich hinüber.“ Mit den Kava- lierszellen hatte es folgende Bewandtnis: es gab deren zehn, sechs im ersten und vier im zweiten Stock. Im Vergleich zu den anderen Zellen, die außer der Pritsche nur einen Tisch und einen Stuhl, enthielten, gab es in ihnen noch einen Kleiderkasten und einen Spiegel, beides nicht zu unterschätzende Vorzüge, da man ja als Untersuchungsgefan- gener eigene Wäsche und Kleider tragen durfte. Auch die Rasier- erlaubnis erhielt man. Die Hauptsache aber war das Spül-Klosett; in den anderen Zellen gab es nur einen Kübel, der nie völlig geruchfrei war und täglich zum Entleeren hinausgestellt werden mußte. In eine solche Zelle nun durfte ich übersiedeln. Abermals vergingen zwei Tage, da kam Herr K. wiederum, grinste noch mehr und sagte: „Für Ihnen habe ich auch noch ein Pösterl! Sie kommen jetzt heraus und werden Tintenkuli!“ Das Herauskommen ist die große Sehnsucht eines jeden Gefangenen. Er darf tagsüber aus der Zelle heraus und wird irgendwo im Haus beschäftigt, d. h. er darf, soweit es sich einigermaßen mit seiner Arbeit verträgt, ziemlich frei im Haus herumspazieren. Der noch nie in einer 50 = Be 200 5225 ee 0 Sn 0 2. 220) vet m Um; engen Zelle eingesperrt war, kann gar nicht ermessen, was das bedeu- tet. Es ist der erste Vorgeschmack der Freiheit, man spricht mit den Kameraden, kann seine Beine rühren und vor allem, man sieht und hört, was in der Welt vorgeht. Ich wurde also zum Tintenkuli befördert und kam tagsüber in die so- genannte Tintenzelle. Es arbeiten dort immer zwei Gefangene, wobei der eine von ihnen, der länger dort ist, zugleich das Amt des Biblio- thekars verwaltet. In der Tintenzelle befand sich ein großer Ballon mit Tintenextrakt, der mittels eines Schlauches in kleine Röhrchen ab- gefüllt wurde, welche dann zugestöpselt, mit Etiketten versehen und zu je 50 Stück in Kartons verpackt wurden. Wöchentlich sollten ca. 2000 Stück abgefüllt sein, die dann von.der Firma, in deren Auftrag wir die Arbeiten ausführten, abgeholt wurden. Die Tintenzelle waı stets offen, einmal da man öfters warmes Wasser am Brunnen holen mußte, ferner weil der Bücherhausl Gelegenheit haben sollte, die Bücher auszutragen. Es ergab sich somit die Möglichkeit, unter dem Vorwand einer Arbeit in den Gängen herumzulaufen, in unbeaufsich- tigten Momenten mit den Zellennachbarn zu sprechen, oder auch um- gekehrt Besuche zu empfangen. Gelegentlich brachte ein Küchenjunge eine kleine Aufbesserung der Menage im Tausch gegen Zigaretten, die man selber irgendwie hereingeschmuggelt hatte. Dann kam der Papier- wachtmeister oder ein anderer Wärter zu einem kleinen Ratsch und je intimer sich der Umgang mit der Länge meines Aufenthaltes gestal- tete, desto ausgedehnter wurden die Gespräche. Die nicht-nazistischen Wachtmeister ließen dabei gelegentlich Bemerkungen fallen, im Ver- gleich zu denen jene Äußerungen, derentwegen ich in Haft saß, direkt eine Harmlosigkeit darstellten. Besonders Freund O., der Papierwacht- meister, leistete sich in dieser Richtung Erkleckliches. Der Sanitäts-Hauptwachtmeister D. stand ihm indessen nur wenig nach. Von ihm habe ich noch nichts erzählt, und doch war er ein Original vom Scheitel bis zur Sohle. Ein blitzschlauer Schwabe, der keinem seiner Kollegen traute und bei seinen Mitteilungen stets das eine Auge zukniff und mit dem anderen verschlagen blinzelte. Mor- gens und abends ging er durch die Gänge und stieß dabei irgend- sl welche undefinierbare Grunztöne aus, die sowohl guten Morgen wie guten Abend heißen konnten; später wurde es unter uns Gefangenen üblich, uns genau in derselben Weise a la D. zu begrüßen. Eines Tages, als ich allein in der Tintenzelle saß, kam er zu mir, blinzelte mir ungeheuer listig zu und fragte:„Haba’s koi Zängla?“, ich antwortete beflissen:„freilich, freilich,”kann ich Ihnen vielleicht eiwas helfen?“, worauf er mir ganz heimlich zuflüsterte:„‚Mei’ Rosekranz is mir ge- rissa, könnan’s mir’n net zammacha?‘“ Ich konnte den Schaden rasch reparieren, lachte ihm verständnisinnig zu und von diesem Moment an waren wir gute Freunde. Wenn ich, wie oft einmal, Durchfall hatte, dann besuchte ich ihn in seinem Ordinationszimmer und er hat mir stets die gewünschten Medikamente verabfolgt, was bei ihm schon etwas bedeutete, denn er pflegte die reichlich angeforderten Heil- mittel nur sparsam an die Gefangenen abzugeben. Weitaus der anständigste unter den Beamten, ein Ehrenmann durch und durch, war Herr Oberverwalter Roth; als überzeugter Gegner des Nazitums war er nie zur Partei gegangen; unter Nichtbeachtung seiner Weisungen gab er uns„Politischen“ sogenannten„Herren“ die besten Zellen, teilte uns dem Luftschutz zu, was den großen Vorteil hatte, daß wir, als die Angriffe Keller saßen. Dabei war den kleinen Mankeleien Sympathie für uns, doch sich mehrten, stets in relativer Sicherheit im er absolut korrekt, hatte keine Ahnung von seiner Beamten und verhielt sich, bei aller eher zurückhaltend. Ein überzeugter Schwarzer war der Wachtmeister Ho., der uns stets als Martyrer bezeichnete, uns am Abend öfter heimlich Bier auf die Zelle brachte, wozu er eigens nach Dienstschluß nochmals ins Ge- fängnis kam. Ihm und Freund‘ H. habe.ich es zu verdanken, daß ich stets mit Lebensmitteln gut versorgt war. Je mehr sich die politische Lage zu Ungunsten der Nazis veränderte, desto gemütlicher wurde der Betrieb in Neudeck; an dem Verhalten der Wachtmeister konnte man wie an einem Barometer die politische Situation zuverlässig ab- lesen. i Dabei muß berücksichtigt werden, daß man in Neudeck die Vorschrif- ten ohnehin schon großzügig genug auslegte; offiziell erlaubt waren 32 Brot und Obst, die man sich von seinen-Angehörigen einmal in der Woche bringen lassen konnte. Zum Brot rechnete man indessen auch jede Art von Kuchen, zum Obst Gemüse und Marmelade. Diesem Um- stand hatte ich es zu verdanken, daß ich bis zu meinem Transport nach Berlin gesundheitlich in guter Verfassung war und daher die nachfolgende Hungerperiode leidlich überstehen konnte. In Neudeck gab es nur zwei unangenehme Beamte, den Oberinspektor und den Werkmeister; beide waren überzeugte Nazis und hätten uns gerne viel schlechter behandelt, drangen aber damit nicht durch. Hauptsächlich deshalb, weil sie selber zu viel Dreck am Stecken hatten, da sie manche Dinge aus den Beständen des Gefängnisses für ihre Privatzwecke an sich nahmen. Das blieb natürlich nicht verborgen und aus diesem Grund waren sie nicht in der Lage, so vorzugehen, wie sie es gerne gewollt hätten, und ihre Autorität dem übrigen Personal, ja sogar den Gefangenen gegenüber, soweit diese an bevorzugten Stellen waren, durchzusetzen. Es blieb bei gelegentlichen Anläufen. Vom Wachpersonal will ich nun zu den Mitgefangenen übergehen, und diejenigen, die irgendwie in meinen engeren Gesichtskreis traten, zu schildern versuchen. Wirklich angefreundet habe ich mich nur mit einem einzigen unter ihnen, dem Kunstmaler Geyr, der im zweiten Stock eine Kavalierszelle neben mir bewohnte. Er wurde, als ich zum Bücherhausel avancierte, mein Nachfolger in der Tintenzelle. Auf Grund einer Denunziation war er, wie ich, wegen staatsfeindlicher Äußerungen bereits im November 1944 festgenommen worden. Er hatte insofern Glück, als sein Fall vom Volksgerichtshof an das Ober- landesgericht rücküberwiesen wurde und ein wohlgesinnter Richter ihn wegen Unglaubwürdigkeit der Zeugen freisprach., Er war ein ernster, sehr religiös veranlagter Mensch und hatte sich in den letzt- vergangenen Jahren hauptsächlich als Kirchenmaler betätigt. Einige seiner Schöpfungen konnte ich in photographischen Reproduktionen bewundern, es handelte sich um mächtige Wandgemälde, gleich be- deutsam im Gedanklichen wie in der formalen Ausgestaltung. Gleich mir war er seit Jahrzehnten nicht mehr zu den Sakramenten gegan- gen, aber das Zuchthauserlebnis im Verein mit den sonntäglichen 3 Gottesdiensten hatte bei uns beiden ein neues religiöses Empfinden eingeleitet, das in mancher Hinsicht parallel lief. In langen philoso- phischen Gesprächen, die teils in der Bibliothek, teils während der Fliegerangriffe im Keller geführt wurden, brachten wir uns gegen- seitig auf manchen fruchtbaren Gedanken. Da meine geistige Entwick- lung indessen erst im Zuchthaus von Brandenburg abgeschlossen wurde, will ich über sie erst später berichten und hier nur vorausschicken, daß unsere Gespräche im Luftschutzkeller von einem so starken inneren Erleben getragen waren, daß wir sogar unsere begreifliche Angst darüber vergaßen und auch der dumpfe Donner der schweren Bomben, die krachenden Einschläge und das Geräusch der klirrenden Fenster konnten uns nicht erschüttern oder aus der Fassung bringen. Niemals hätte ich es früher für möglich gehalten, daß‘ der Geist sich so eindeutig als Herr über die Materie erweisen könne. Meine Hoff- nung, daß es im Ernstfall vielleicht so sein würde, hat sich voll erfüllt und meine philosophische Lebenshaltung, derenthalben ich früher von den sogenannten Praktikern des Lebens mitleidig belächelt wurde, glänzend bewährt und die Feuerprobe bestanden. Unter den übrigen Kameraden hat mir am meisten Baron Harnier imponiert. Er saß bereits im fünften Jahr in Neudeck. Im Sommer, als sich die strenge Zucht lockerte, durften wir politischen Gefangenen, Samstag und Sonntag, mitunter auch in der Woche öfter ein oder zwei Stunden in den Hof, um uns in die Sonne zu legen. Bei dieser Gele- genheit ergab sich unsere nähere Bekanntschaft. Harnier war ein großer schlanker Mann, sehr distinguiert und zurückhaltend, der Ty- pus des Aristokraten der alten Schule. In seinen politischen Ansichten unduldsam und etwas veraltet, strenggläubiger Katholik der schärf- sten Observanz, aber ein Edelmann vollkommenster Prägung, von wahr- haft fürstlicher Haltung. Im Juli 1944 wurde er endlich verhandelt und zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt, die er, wie ich, in Straubing abbüßen sollte. Ich bin ihm dort noch einigemale begegnet, leider hat er die schweren Strapazen nicht mehr lebend überstanden. Durch den Hunger war er so entkräftet, daß er kurz vor der ‚Besetzung Strau- bings durch die Amerikaner in die Krankenabteilung eingeliefert wer- 54 nn wi B $ F a 2 den mußte und acht Tage nach der Befreiung, trotzdem man sich alle Mühe mit ihm gab, gestorben ist als ein Martyrer seiner Über- zeugung. Die übrigen Kameraden waren weniger markante Figuren. Ein recht gemischter Charakter war der ehemalige Kaufmann X. Er kam einen “Tag später wie ich nach Neudeck, blieb dort bis zu seiner Befreiung durch die Amerikaner, und war als psychologischer Typus recht be- achtenwert. Er besaß einen skrupellosen Geltungsdrang und um sich durchzusetzen war ihm jedes Mittel recht. Der Abstammung nach Halbjude, traten doch die typisch semitischen Eigenschaften leider mehr nach der unangenehmen Seite vorwiegend in Erscheinung. So- lange er noch ein kleiner Mann war und in der Zelle saß, war er die Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit selbst. Des Abends, wenn sich nach dem sogenannten Einschluß die Wärter entfernt hatten, führten wir von Zellentür zu Zellentür oft lange Gespräche. Dabei stellte sich heraus, daß X. sehr musikalisch war und über eine schöne Baritonstimme verfügte. Er sang uns fast jeden Abend Lieder oder Arien vor. Es war dies in der Zeit des beginnenden Frühlings und diese Periode war eigentlich die schönste; damals stand ich ihm auch am nächsten. Wir, d. h. Geyr auf der einen und ich auf der anderen Seite, machten für jeden Abend die Programme: ,Mozart- und Schubert- Lieder, dazu Verdi-Arien kamen auf den Wunschzettel und X. sang gern und mit Ausdauer. Er verstand es auch glänzend mit den Wachtmeistern und dem Ver- walter umzugehen, so lange, bis er aus der Zelle herauskam. Aber in dem Augenblick, als er festen Boden unter den Füßen spürte, nahm sein Geltungstrieb unerträgliche Formen an. Er wollte stets die erste Geige spielen und suchte es auf jede Weise zu verhindern, daß die anderen Gefangenen, besonders die sogenannten Herren, unterein- ander in nähere Fühlung kamen. Er wollte uns ständig durch Tratschereien gegeneinander einnehmen und als ihm dies nicht gelang, nahm er mitunter fast eine feindselige Haltung ein. Als er spürte, daß er sich dadurch nur selbst isolierte, zog er wieder andere Saiten auf, wurde übertrieben freundlich und versuchte durch romanhafte Erzäh- 59 lungen über seine früheren Positionen Eindruck zu machen. Dabei schoß er aber so weit über das Ziel hinaus, daß man gerade umge- kehrt begann, ihn für einen Hochstapler und Schieber zu halten, und ihn dadurch vielleicht wieder nach der negativen Seite zu gewichtig nahm. Auch mit den Wachtmeistern verdarb er es sich mit der Zeit dadurch, daß er sie ständig gegeneinander ausspielte, was diese all- mählich doch zu merken begannen. Das Spiel endete damit, daß er bald nach meinem Weggang von Herrn Roth, der sonst die politischen Häftlinge stets beschützte, wieder in die Zelle gesperrt wurde. Dennoch wirkte er als amüsante Figur und sorgte unfreiwillig für den Humor, indem er sich, da wir nun gewitzigt waren, oft von uns auf seinen Schlichen ertappen ließ und wir ihn dann die längste Zeit im Ungewissen zappeln ließen. Seinen Geburtstag im August feierten wir auf eine Weise, daß das ganze Gefängnis, Wärter wie Gefangene, noch tagelang darüber lachten. Im Gänsemarsch betraten‘ wir des Morgens seine Zelle und brachten ihm eine kleine Gabe aus aufgesparten Lebens- mitteln. Den literarischen Teil hatte ich besorgt. Ich verfaßte eine Glückwunschadresse, in der ich auf alle seine Untugenden anspielte, ohne daß er es direkt merkte. Auf das Kuvert setzte ich seine sämt- lichen Würden, die er nach seinen Erzählungen innegehabt haben sollte. Der Brief hatte folgenden Wortlaut:„Motto: Süß wie Honig möge Dir die Rede von den Lippen träufeln.— Die Unterzeichneten erlauben Sich Hochdero Gnaden in submissester Devotion ihre ehrer- bietigsten Glückwünsche zum 45. Geburtstagsfest geziemendst darzubrin- gen. Die beigefügte kleine Gabe, ein Gläschen Honig, möge in symbolhaf- ter Weise an Euer großes Vorbild, den heiligen Ambrosius gemahnen, den berühmten Dr. Mellifluus der altchristlichen Kirche, dem es gleich Euch verliehen war, durch die süße Gewalt seiner Rede allenthalben Friede und Eintracht auszubreiten. Es erübrigt sich darauf hinzu- weisen, daß Gedankenverbindungen, die sich um.die volkstümliche Redensart ‚jemand Honig ums Maul schmieren‘ bewegen, durchaus irreführend sind und der Lauterkeit unserer Absichten widersprechen.“ Es folgen die Unterschriften. Unter den einfacheren Gefangenen war der Hausknecht R., ein ge- FETTE nen bürtiger Schweizer, das größte Original. Ein durchtriebener Bursche, der wegen Diebstählen und Unterschlagungen schon mehrmals vorbe- straft und eine intime Kenntnis der verschiedensten Gefängnisse in Deutschlands Gauen besaß. Er sah aus wie der sogenannte lustige Ver- brecher in den fliegenden Blättern. Klein von Gestalt, sehr beweglich, _ ein rundes Gesicht mit roten Bäcklein, hurtige blaue Augen und ein paar braune Stumpen von Zähnen im Mund, etliche graue Haarborsten am Kopf, die seine Glatze umrahmten. Er war immer gut aufgelegt, aber dabei stets bereit, einen zu betrügen, wo er nur konnte. In der Frühe versammelte er seine Getreuen in der Spülzelle, wo er auf einem Gestell verschiedene Landkarten aus Zeitungsausschnitten be- festigt hatte, an Hand deren er die politische Lage erklärte:„Meine Herren, ich fordere Sie auf zur Besprechung der politischen Lage“, dann gings los:„Sehen Sie, hier südlich von Warschau, bei Sandomir, wird der Durchbruch der Russen zweifellos gelingen. Ich kenne die Gegend nämlich ganz genau, denn ich bin dort schon im Gefängnis gesessen.“ In dieser Art sprach er fast jeden Tag zu uns, und das kleine Männlein fuchtelte vor Aufregung mit den Armen in der Luft herum. Sehr wichtig hatte er es zu Mittag, wo er das Amt des ersten Kost- trägers verwaltete und seine beiden Gehilfen herumkommandierte wie ein Wachtmeister. Wenn er gar nicht mehr zurechtkam, dann holte er mich aus der Tintenzelle mit den Worten:„Heute muß ich alle ver- fügbaren Kräfte einsetzen.“ Als einmal ein neuer Wachtmeister her- kam, der nach der Vorschrift zwischen Brot- und Essenausgabe das Kosttürl wieder verschloß, während R. es aus Bequemlichkeit stets nur anlehnte, da erklärte er ihm:„„Herr Wachtmeister, ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, daß das bei uns nicht üblich ist, bei uns herrscht nämlich ein freierer Ton, ich möchte den Herrn Wachtmeister bitten, sich in Zukunft nach mir zu richten. Ich werde Ihnen den Hausbrauch schon beibringen“, und der neue Wachtmeister war von soviel Frechheit derart verblüfft, daß er zu allem ja sagte. Hernach teilte uns R. triumphierend"mit:„Den Herrn E. hab ich mir rasch erzogen.“ Stehlen tat er wie ein Rabe, besonders dann, wenn man ihm von den zusätzlichen Lebensmitteln nicht seinen erwarteten An- 97 teil ausfolgte. War man in dieser Beziehung nobel, dann hatte man ihn zum Freund und er belohnte einen, indem er einen aufforderte, an der politischen Lagebesprechung teilzunehmen. Je länger ich im Gefängnis war, desto schwerer wurde es mir, die kriminellen Häftlinge zu verurteilen. Mit der Zeit fand ich eigentlich fast alles irgendwie aus der Situation, in der sich die einzelnen be- fanden, begreiflich. Außerdem erkannte ich, daß keiner nur gute oder nur schlechte Eigenschaften hatte. Auch in dem abgefeimtesten Gauner steckte in irgendeinem Winkel seines.Wesens der Drang, manchmal auch Gutes zu tun. Z. B. war da im Packraum der Papier- arbeiter, so ein junges Bürscherl, beschäftigt, von rascher Auffassungs- gabe, fleißig, intelligent, voll Humor, der nur durch die Kriegsver- hältnisse, die seiner Abenteuerlust keine Hemmnisse in den Weg-legten, auf die schiefe Ebene geraten war. Er hatte einer jugendlichen Ein- brecherbande angehört, aber ich bin sicher, daß bei seinen Streichen ein gutes Stück Räuberromantik’/mit im Spiel war. An richtiger Stelle hätte er bestimmt etwas Ordentliches leisten können. Er war ein guter Kamerad und es machte mir stets Freude, wenn ich in sein fideles L.ausbubengesicht blickte. Ohne Bedenken bestahl er sogar die Zellen- häftlinge, wenn es gerade möglich war und er bei der Verteilung der Papierarbeit Gelegenheit dazu fand. Auch machte er, unter Aus- nutzung des Hungers dieser armen Eingeschlossenen die lukrativsten Tauschgeschäfte. Eine neue Jacke etwa gegen ein paar Stück Brot, die er seinerseits aus der Küche stahl, andererseits hatte er einen Ka- meraden, mit dem er selbst wiederum alles teilte, was er sich auf diese Art erwarb und an einem alten Kroaten, der die Arbeiten im Pack- raum leitete, hing er wie ein Kind an seinem Vater, nannte ihn Onkelchen und tat ihm, was er ihm an den Augen absehen konnte. Viel Stoff zur Heiterkeit gab ein junger Sittlichkeitsverbrecher, ein geistig etwas zurückgebliebener, aber sonst gutmütiger 17jähriger Bursche, der ein Verhältnis mit einer Kuh gehabt hatte. So oft er mit einem Ballen Papier in den Packraum trat, schrien alle wie aus einem Munde ,‚‚Muh, Muh“, was ihn aber eher zu erfreuen als zu beschämen schien. 58 70 Prozent der Gefangenen waren Ausländer aller europäischen Staa- ten, meist ganz harmlose Menschen, die wegen Schwarzhandels in Haft saßen. Ein Italiener war darunter, der den Verlust seiner Freiheit sehr schwer empfand, und den meine heitere Miene stets tröstete; treuherzig versicherte er mir jedesmal, was für eine seelische Stärke ihm mein Anblick bedeute. Er wisse gut, daß ich auch‘ nur mit dem Munde, nicht mit dem Herzen lache, aber einen erfreulichen Anblick böte ich darum nicht minder. Mitte März wurde ich krank; wahrscheinlich infolge der veränderten Kost bekam ich genau an derselben Stelle an der linken Halsseite, wie vor 25 Jahren, eine Drüsengeschwulst, die Fieber und Schmerzen ver- ursachte. Ich war sehr niedergeschlagen und in ziemlicher Sorge, da lange kein Arzt verständigt wurde. D. behandelte mich zwar auf seine Art aufmerksam, gab mir allerhand Tabletten, aber davon wurde es nicht besser. Nach 10 Tagen bekam er es doch mit der Angst zu tun und ließ den Gefängnisarzt aus Stadelheim kommen, welcher sofort die Überführung in die dortige Krankenabteilung anordnete, damit er mich unter Kontrolle halten könne. Mein Anwalt und auch Herr D. hatten ihn über meine Person informiert und er gab sich auch wirklich viel Mühe mit mir. D. hatte auch den Verwalter der Stadelheimer Krankenabteilung, Herrn Ha. verständigt, der wie er ein überzeugter Antinazi war. Da- von wußte ich aber nichts, und als ich nach einer schrecklichen Fahrt im Zeiserlwagen in Stadelheim landete, war ich auf’s äußerste erstaunt über die aufmerksame Behandlung. Ha. fragte mich, ob ich lieber in einer Einzelzelle sei oder in Gemeinschaft. Im letzteren Fall würde er mich im Zimmer des Hausels, nicht bei den anderen Kranken unter- bringen. Es sei ein schöner Raum und der Hausel ein anständiger Mensch. Es kam mir fast so vor, als sei ich in einem Hotel und der Portier würde mich fragen, welches Zimmer ich bevorzuge. Tatsächlich ging es mir in Stadelheim sehr gut. Nach Ha.’s Aussage schlief ich in dem nämlichen Bett, in dem auch Hitler einmal, als er während seiner Haftzeit erkrankte, gelegen hatte. Aber mir wünsche er eine baldige Genesung, fügte er schmunzelnd hinzu. Der Herr Verwalter pflegte 59 mich mit Hingabe, und der Arzt erlaubte dem Anwalt, mir jede be- liebige Menge von Lebensmitteln hereinzubringen. In den ersten drei Wochen hat mir diese Vergünstigung allerdings nicht viel geholfen, da ich wegen der schmerzhaften Drüsengeschwulst nur flüssige Nahrung, höchstens ganz feinen Kuchen schlucken konnte. Überhaupt war die erste Zeit recht niederdrückend; krank sein ist schon an sich nicht schön und gar noch im Gefängnis, wo einen niemand besuchen konnte, entsteht nur zu leicht das Gefühl eines hilflos Preisgegebenseins. Mit der Stunde jedoch, wo die Geschwulst reif geworfen, der Arzt sie öffnete und den Eiter abfließen ließ, war ich gesund. Fieber und Schmerzen waren mit einemmal weg und es begann für mich eine schöne Zeit. Der Arzt meinte, ich solle noch vier Wochen zur Rekon- valeszenz dableiben, während dessen ich möglichst viel gute Sachen essen sollte und wenn es mir zeitlang werde, dem anderen Hausel bei der Arbeit helfen könne. Dieser andere Hausel war Ferdinand Baader, dessen Anwesenheit ich es wesenhaft zu verdanken habe, daß die Stadelheimer Aera für mich eine der angenehmsten wurde, die ich in den Zuchthäusern des deut- schen Reiches verbrachte. Er war von Beruf Feinmechaniker, seit 20 Jahren bei der Münchener Agfa als Werkmeister beschäftigt und gleichfalls wegen staatsfeindlicher Betätigung verhaftet worden. Be- zeichnend für ihn war seine lebhafte Auffassungsgabe, die mit einem köstlichen Erzählertalent und ausgesprochenen Sinn für Humor ver- bunden war. Nach dem Einschluß um 6 Uhr abends, begann für uns der schönste Teil des Tages. Ob er von seinen Urlaubsreisen mit dem Motorrad, seinen Bergtouren oder seinen Jugenderinnerungen erzähl- te, immer war es spannend und gewürzt mit heiteren Glossen, so daß mir die Zeit im Flug verging. Auch ich ließ mich meinerseits zum Er- zählen anregen und ehe wir es uns versahen war es 10 Uhr geworden und Zeit zum Einschlafen. 2 Einen dankbaren Stoff boten uns natürlich auch die Beobachtungen im Gefängnis selbst, ob es sich dabei um die Wachtmeister oder um die Häftlinge handelte. Als Hausarbeiter hatten wir zum Teil viel Bewegungsfreiheit, da wir 60 Fair den Gang und die Ärztezimmer reinigen mußten und zu den drei Mahlzeiten als Kostträger über, den Hof in den Küchentrakt geführt wurden. Unser Stationswachtmeister Herr E. war intelligent und be- wahrte einen kameradschaftlichen Ton, nur war er fast ein wenig eifersüchtig auf meine Vorzugsstellung beim Herrn Verwalter. Zum Beispiel hatte es mir der Verwalter als einzigem Gefangenen erlaubt, am Samstag Nachmittag in seiner Emaille-Badewanne zu baden, was nicht einmal die Wachtmeister‘durften, da sie nur für ihn allein be- stimmt war. Die übrigen Gefangenen konnten sich nur unter die Brause stellen oder bestenfalls eine alte verrostete Eisenwanne be- nützen. Herr E. ließ gelegentlich eine Bemerkung darüber fallen, bis ich sagte, am Samstag sei ja doch der Herr Verwalter nie da und er könne nach mir ohne Sorge in die schöne Badewanne steigen. Herr E. meinte:„Eigentlich gar keine schlechte Idee, aber Sie müssen halt unterdessen aufpassen, für den Fall, daß der Verwalter unerwartet daherkäme.“ So trat die seltsame Situation ein, daß der Herr Gefan- gene für den Wachtmeister Schmiere stehen mußte, damit dieser nicht vom Herrn Verwalter bei verbotenem Tun erwischt würde. Im Gegensatz zu Herrn E. war der Hilfswachtmeister N. das größte Rindviech, das mir: jemals im Leben begegnet ist. Er sah aus wie ein Ziegenbock, war zuweilen auch boshaft wie ein solcher, im an hatte er ständig ein maskenhaftes Grinsen auf den Lippen, steckte den Kopf zwischen die Schultern und wußte nie was er wollte. Im Grund war er feige und traute sich nie allein in die Gemeinschafts- %ellen hineinzugehen. Da wurden stets wir Hauseln vorausgeschickt, er folgte zögernd nach, die Hand an der Pistole: ‚Sie, gehngans nei“, „na, gehngans liaba da net nei! Oder ja, gehngans doch neil“, so redete er ständig unsicher hin und her. Oder beim Kostfassen:„Vor- wärts marsch! Halt! Bleibens doch stehn! Vorwärts!, ja gehngans doch weiter!, halt! Warum bleibns denn net stehn!“, so klingt’s mir heute noch in den Ohren.\ Wenn ein Patient, der 40 Grad Fieber hatte, und kaum noch richtig zu denken vermochte, am Abend ein Schlafmittel erhalten sollte, dann stellte er sich umständlich vor sein Bett und fragte:„Sie, wia hoassens 61 denn? Wo sans’n geborn? San’s verheirat’? Habn’s Kinder?“ Letztere Frage war stereotyp und er stellte sie auch dann, wenn die vorher- gehende eben mit nein beantwortet war. Auch unter den Gefangenen gab es sonderbare Kunden. Baader und ich mußten gewöhnlich Fieber messen, weil die Herren Wachtmeister dazu viel zu bequem waren. Man verteilte Thermometer dabei zuerst der Reihe nach in den. einzelnen Zellen, dann fing man wieder beim ersten Gefangenen mit dem Ablesen der Temperatur an. War da ein- mal einer dabei, der sagte:„selber messen kann i mi net, weil i hinten nix siech!“, darauf Baader:„Nacha sag i dem Wachtmeister, daß er Dir morgen nix zum Fressen bringt, wenn’s’d in deine Löcher jet alloa’ net eini findst!“ Am nächsten Tag konnte er es auf einmal, lag aber im Bett drinnen mit einer Miene, als litte er die schrecklichsten Schmerzen. Mir schwante nichts Gutes, ich hob ein wenig die Decke auf und konnte das Thermometer zuerst gar nicht finden, bis ich bemerkte, daß er es so weit hineingesteckt hatte, daß man gerade das äußerste Ende sah und es kaum fassen konnte.: Während der Arzt eine sympathische Persönlichkeit war, konnte man dies vom Zahnarzt nicht behaupten. Dieser erschien nur jeden Mitt- woch und war, ehrlich gesagt, ein Schmutzfink. Seine Kunst’beschränkte sich im’ Wesentlichen auf’s Zahnreißen und wenn ich nach seinem Ab- gang das Ordinationszimmer reinigen mußte, dann war der Boden bespritzt mit Blutflecken und im ganzen Raum lagen die ausgerissenen blutigen Zähne verstreut umher. Er war viel zu schlampig, um sie in den dazu gehörigen Behälter zu werfen, sondern schmiß sie in hohem Bogen hinter sich auf die Erde. Die Instrumente lagen stundenlang im Wasser und waren total verrostet. Ich mußte sie nachher mit einem alten Handtuch notdürftig abreiben und in den Instrumentenkasten legen. Mit diesen mangelhaften Werkzeugen stocherte er den Patien- ten in den Mäulern herum und es ist nur zu verwundern, daß dabei kein größeres Unheil geschah. Herr Ha. war im Gegenteil pedantisch sauber und konnte einem lange Vorträge halten, wie man den Besen halten müsse, ob man naß, trocken oder halb-trocken reiben solle und ähnliche Dinge. 62 Mitte Mai war ich so gut herausgefüttert, daß sich mit dem besten . Willen kein Grund mehr finden ließ, mich länger in Stadelheim zu- rückzuhalten! Ha. nahm rührend Abschied, wünschte mir alles Gute und Kamerad Baader trauerte ehrlich um den Verlust seines Kolle- gen. Auch mir wurde das Scheiden nicht leicht, doch tröstete es mich, daß man mich in Neudeck freundlich wie einen alten Bekannten auf- nahm. Ich erhielt sofort wiederum eine Kavalierszelle, diesmal Nr. 61 im ersten Stock, da im zweiten alle besetzt waren. Zuerst wurde ich Papier-Oberhausl, d. h. ich mußte die übrigen Papierarbeiter beauf- sichtigen, Versandadressen schreiben und Listen führen. Die Tinten- zelle war inzwischen anderweitig besetzt worden. Mein neues Amt war insofern recht praktisch, da ich im ganzen Haus und allen Stockwerken frei herumlaufen konnte. Als dann nach einigen Wochen ein anderer Gefangener, der dieses Amt vor mir innehatte, wieder zurückkehrte, da er wegen Diebstahls neuerdings verhaftet worden war, übernahm jener sein altes Amt wieder und ich wurde zum Bibliothekar oder Bücherhausel befördert, wie man sich in der Gefängnissprache aus- drückte. Im Gegensatz zu früher verwaltete ich dieses Amt sogar hauptamtlich, d. h. ohne jede andere Nebenbeschäftigung. Da mich diese Arbeit höchstens drei Stunden im Tag ausfüllte, hatte ich ein schönes Leben. Ich schmökerte in den Büchern herum, empfing den Besuch anderer Gefangener und jeden Nachmittag, an dem die Sonne schien, setzte ich mich mit Erlaubnis des Herrn Verwalters ein bis zwei Stunden lang ins Freie und ließ mich bräunen. Je weiter die Russen im Osten und die Amis im Westen vorrückten, desto ungezwungener wurde das Leben in Neudeck. Anfangs war ich nur der Kriß, nach der Offensive im Osten der Herr Kriß und als auch Frankreich im Sturm erobert worden war, sprachen mich die Wärter nur noch mit Herr Doktor an. Die Zustände wurden, wie ich mich-im Gedanken an die bekannte Operette auszudrücken pflegte, allmählich fledermausartig. Die Wachtmeister buhlten förmlich um die Gunst von uns politischen Gefangenen. So oft ich allein in der Bücherei saß, erschien immer wieder ein anderer und suchte mir zu beweisen, daß er nie ein gläubiger Nazi gewesen sei und daß man nun doch sehe, 63 wohin die Sache treibe. Auch die Nachrichten der diversen Schwarz- sender teilten mir manche unter ihnen ganz unbefangen mit. War ein- mal ein besonders heißer Tag, dann brachte mir dieser oder jener heimlich eine Flasche Bier mit der Bemerkung, ich dürfe aber seinen Kollegen nichts davon verraten. Auf diese Art erhielt ich an einem heißen Augusttag einmal fünf Halbe Bier zugleich, jede von einem anderen. Natürlich gab ich von meinem Überfluß wieder an andere vertraute Gefangene ab. Die Kosttürln mit dem Griff des Taschen- messers heimlich zu öffnen, hatte ich inzwischen ja längst gelernt, und so war es mir möglich, den Gefangenen nicht nur öfter als erlaubt Bücher, sondern auch Nachrichten und Eßwaren zu vermitteln. Natür- lich mit der gebührenden Vorsicht und nur an solche, die es auch verdienten. Ich wunderte mich manchmal selber, was für ein raffi- nierter Zuchthäusler aus mir geworden war. Allerdings riskierte ich wicht sonderlich viel, da ich mit den Häftlingen sowohl wie mit dem Personal des Hauses auf sehr gutem Fuße stand. Es hing dieses mit meinem Amt zusammen, das mir ermöglichte, sozusagen berufsmäßig den Insassen des Hauses Freude zu bereiten, indem ich ihnen nach Möglichkeit diejenigen Bücher heraussuchte, die sie gern lasen, und ihnen häufiger etwas brachte, als ich eigentlich gedurft hätte. Wenn die Wachtmeister mitunter auch schimpften, daß sich der Bücherhausel gar zu oft in den Gängen des Hauses herumtreibe, so begegnete ich ihnen mit einem Witzwort. Wachtmeister Sch. etwa, dem das Krach- schlagen besonderes Vergnügen bereitete, nahm ich den Wind aus den Segeln, indem ich mich recht unverschämt mit meinem Bücherkistchen vor ihn hinstellte und sagte:„Herr Wachtmeister, ich hab Ihnen schon lang nimmer schimpfen hören.“ Da mußte er doch lachen und erlaubte mir wieder einmal das Austragen der Bücher außerhalb der vorge- schriebenen Zeit. Als ich anfangs September noch immer keine Anklageschrift erhalten hatte, da rechnete niemand mehr im Haus, daß mein Fall noch zur Verhandlung käme. Auch ich wiegte mich in ziemlicher Sicherheit. All- gemein glaubte man damals, der Krieg ginge in wenigen Wochen zu Ende. Bezeichnend für die Stimmung war es, daß der sonst so vorsich- 64 tige Schwabe D. eines Morgens, als er meine Zelle aufsperrte, unter- brochen von häufigen Grunztönen, die geflügelten Worte sprach:„Gute Morga, hm—m, schön’s Wetta heut, hm—m, des ischt die Zeit der Feschte, hn—m, Oktoberfescht, hn—m, jezscht feire wir auch bald a Fescht, hm— m, aber a anderes, hm— m, das Fescht der Befreiung.“ Leider kam alles ganz anders, als man erwartete Die Offensive im Westen geriet an der deutschen Grenze nochmals ins Stocken und wie ein Blitz aus heiterem Himmel langte am Dienstag, den 19. September, die Anklage des Volksgerichtshofes bei mir an, zugleich mit dem Be- fehl zu meinem sofortigen Abtransport nach Berlin. Ich war wie vor den Kopf geschlagen und konnte mich kaum fassen. Meinen Kameraden und den Wachtmeistern erging es genau so. Herr Verwalter R. be- nahm sich in dieser aufregenden Stunde wirklich prächtig. Er gestat- tete mir, daß ich von seinem Büro aus telefonisch meinen Rechtsan- walt und meine Freundin, Frau Kammersängerin Mihacsek, verstän- digte. Diese kamen auch sobald als möglich und ich hatte Gelegenheit, wenigstens das Wichtigste zu besprechen, auch Felicie’s persönlichen Besuch konnte ich empfangen, obwohl Privatbesuche eigentlich verbo- ten waren. Mit bösartigem Raffinement war mir und den Anwälten die Anklageschrift so spät zugesandt worden, um mir und ihnen eine sachliche Vorbereitung unmöglich zu machen. Durch das Entgegen- kommen von Herrn Roth konnte ich zwar in Eile einiges klären, aber ein richtiges Aktenstudium war natürlich nicht mehr möglich, hätte, da das Urteil ja von vornherein feststand, auch nicht viel geholfen. Die Anklageschrift war in einem ziemlich gehässigen Ton gehalten, ließ aber doch einige Möglichkeiten offen, so daß ich zwar ein strenges Urteil, aber nicht gerade das Schlimmste befürchtete. Trotzdem war ich sehr aufgeregt und zugleich auch niedergedrückt, der Wechsel der Situation war ein zu plötzlicher und unerwarteter. Am Mittwoch früh nahm ich Abschied. Ich glaube fast, daß Fo nie einem Häftling in Neudeck so viel herzliche Anteilnahme entgegenge- bracht wurde. Die Kameraden trösteten mich aus Leibeskräften, Sani- täts--Hauptwachtmeister D. bekam einen krebsroten Kopf, als ich sein Zimmer betrat und begann regelrecht zu weinen. Sogar die Nazi- 5, Kriss: Im Zeichen des Ungeistes A 65 Wachtmeister schüttelten mir freundlich die Hand und wünschten mir alles Gute. Mit wehmütigem Humor erinnerte ich mich an die Verse von Wilhelm Busch:„Ach das war mal‘eine schöne, rührende Fami- lienszene.“ Rückblickend kann ich behaupten, daß die Neudecker Zeit die ange- nehmste Periode innerhalb meiner Gefängnislaufbahn darstellt. Daß dem so war, ist aber nicht nur den internen Verhältnissen zu danken, sondern war auch eine Folge der erfreulichen Nachrichten, die aus der Außenwelt in meine Abgeschiedenheit drangen. Die vielen Briefe, die mir vor allem Felicie, aber auch andere Freunde hereinschrieben, er- hielten mich stets am Laufenden und bewirkten, daß ich mir in aller Einsamkeit nie verlassen vorkam, sondern wußte, daß draußen teil- nehmende Herzen für mich schlugen, die alles taten, um mir zu helfen. Aus Berchtesgaden hörte ich, daß Gotthard Brandner und die Weih- nachtschützen leidenschaftlich für mich eintraten, was für erbitterte Kämpfe sie mit dem Kreisleiter führten, der unentwegt meinen Aus- schluß aus der Vereinigung forderte, ohne ihn bei dem hartköpfigen Ausschuß durchdrücken zu können. Meine Gefolgschaft gab bei der Gestapo ein glänzendes Gutachten über meine Verdienste als Betriebs- führer:ab. Mein Buchhalter Otto Wagner hatte es abgefaßt, wie es auch seiner Geschicklichkeit und Initiative stets gelang, trotz aller Verbote, die Weihnachtsschützen einerseits und meine Anwälte an- dererseits mit dem nötigen Entlastungsmaterial zu versorgen. Aus all dem spürte ich, daß man mich nicht vergessen hatte und die Bevölkerung Berchtesgadens im allgemeinen treu zu mir hielt. Mein landwirtschaftlicher Verwalter, Fegg Barthl, brachte beinahe all- wöchentlich im Geheimen Lebensmittel nach München, die mir Felicie oder ihr treues Faktotum Käte trotz Fliegerangriffe und Verkehrs- störungen mit unentwegter Beharrlichkeit ins Gefängnis trugen. Natürlich kamen mitunter auch unangenehme Nachrichten. Intrigen und Verleumdungen des Kreisleiters drangen an mein Ohr, doch konn- ten mich diese Dinge eigentlich weniger erschüttern. Hingegen schmerzte mich die Nachricht vom Tode meines Lieblingshundes Troll tief. Ich 66 hatte ihn sehr gern und mit kaum einem meiner Hunde war ich so enge verbunden. Er war eine absolute Hunde-Individualität, über den Durchschnitt klug und hing an mir mit einer Treue, wie sie nur wenige Menschen besitzen. Was mich so bedrückte war, daß man ihm den Grund meines Verschwindens nicht erklären konnte und er sich von mir verraten fühlen mußte. Ich erinnerte mich nur zu gut an die vorwurfsvollen Blicke, mit denen er mich betrachtete, wenn ich einmal eine Reise tat, und konnte mir vorstellen, wie ihm zu Mute war, als mein Fern- bleiben kein Ende mehr nehmen wollte. Denen, die sagen, es war ja nur ein Hund, möchte ich entgegenhalten, daß man meiner Überzeu- gung nach ein Hundeherz genau so wenig kränken darf wie ein mensch- liches. Und wenn ich mir in diesem Fall auch keinen Vorwurf zu machen brauche, es blieb doch ein unbefriedigendes Gefühl zurück. Nun galt es also von Neudeck Abschied zu nehmen, in dem ich Freude sowohl wie Leiden intensiver wie in meinem früheren Leben empfun- den habe, um einer dunklen und völlig ungewissen Zukunft wehrlos ausgeliefert zu werden. Abermals spürte ich, wie sich der eiserne Ring um mein Herz zu schließen begann. SECHSTES KAPITEL Noch ahnte ich nicht, was mir bevorstand. Meine Stimmung war aber auch so düster genug, Zunächst mußte ich noch zwei Tage im Münche- ner Polizeigefängnis an der Ettstraße bleiben. Man legte mich mit einem anderen politischen Häftling zusammen, der gleichfalls zur Ver- handlung nach Berlin gebracht werden sollte. Bei ihm stand die Sache insofern günstiger, als sein Termin vor dem dritten Senat stattfand, während ich vom ersten Senat unter dem Vorsitz des berüchtigten Präsidenten Freisler geladen wurde, von dem alle Welt wußte, daß er ein gefürchteter Bluthund war, fast nur Todesurteile fällte und beson- ders die Mitglieder der Intelligenz mit seinem Hasse verfolgte. Die Aussichten für mich waren somit denkbar schlecht. Zweimal empfing ich noch den Besuch von Rechtsanwalt Goetz, der nicht weniger aufgeregt war als ich selber. In der Nacht vom Donners- tag zum Freitag erfolgte der Transport nach Berlin. Wegen der Kürze des Termins war ein Sondertransport angeordnet worden und da es nun ohnedies nicht mehr darauf ankam, hatte mir der Polizeichef so- gar eine Fahrkarte erster Klasse bewilligt. Da jedem Gefangenen ein Wachbeamter mitgegeben wurde, reisten wir zu viert. Das war die letzte Annehmlichkeit, die man mir zugestand. Die beiden Beamten hatten sich bald von der Harmlosigkeit unserer Personen überzeugt und schliefen fast die ganze Nacht fest und tief. Auch ich hatte einige Stunden geschlummert und erwachte am nächsten Morgen- verhältnis- mäßig frisch. Zum Essen hatte ich genügend bei mir, da mich der An- walt, der wußte, daß es das letzte Mal war, daß mir diese Möglichkeit geboten wurde, reichlich versorgt hatte. Meine Empfindungen kann ich schwer beschreiben. Je weiter ich der Heimat entführt wurde, desto schutzloser fühlte ich mich den feind- 68 lichen Gewalten preisgegeben. In München hatte mir das Bewußtsein, wenigstens noch im weiteren Bereich der Heimat zu leben, einen ge- wissen Trost gespendet, in der fremden Erde unter fremden Menschen kam ich mir indessen völlig entwurzelt vor. Am späten Vormittag tra- fen wir in Berlin ein; auf der Trambahnfahrt nach Moabit erhielt ich einen schwachen, aber ausreichenden Eindruck von den Zerstörungen, welche die Fliegerangriffe in der Reichshauptstadt angerichtet hatten. Das Gefängnis Moabit, wo ich eingeliefert wurde, ist ein trister Roh- ziegelbau in Gestalt eines Fünfersternes. Die Behandlung war unper- sönlich, weder gut noch schlecht. Nach einigem Hin und Her erlaubte man mir sogar die Mitnahme meines Koffers und meiner Eßvorräte in die Zelle. Mit Neudeck hielt Moabit keinen Vergleich aus; schmutzig, verwahrlost und ohne Fenster, welche bei den Angriffen zerbrochen waren. In der für einen Mann bestimmten Zelle hausten wir zu dritt, einer schlief auf der Pritsche, die andern, als Letztangekommener natürlich auch ich, lagen am Boden. Immerhin hatten wir Strohsäcke, Bettwäsche und Decken, im Vergleich zu dem was mir noch bevor- stand, beinahe ein Dorado. Die beiden Zellengenossen waren wegen krimineller Delikte in Untersuchung, zwei primitive Burschen, mit denen sich nicht viel anfangen ließ. Ich blieb ja auch gar nicht lange dort. Am Sonntag Nachmittag wurde ich rasiert, am Montag, den 25. September morgens gefesselt im Gefangenentransportwagen mit einigen anderen Delinquenten zum Volksgerichtshof geschleppt, der in der Bellevue-Straße tagte und wo für früh neun Uhr der Verhand- lungstermin angesetzt war. In einem Vorzimmer traf ich noch kurz mit Rechtsanwalt Dr. Nath zusammen, der die Verteidigung führen sollte, während Goetz nur als Zuschauer gekommen war. Nath hatte schon seit einem halben Jahr meine Interessen den Behörden des Volksgerichtshofes gegenüber wahrgenommen und da man ihn dort schon kannte, war sein Auf- treten bei Gericht eine Selbstverständlichkeit. Er war mir durch Puzi Prohaska schon im Frühjahr empfohlen worden und hatte meine Sache auch bisher mit Eifer vertreten, obwohl ich ihn nur ein einziges Mal gelegentlich eines Besuches in München gesehen hatte. Schlag neun Uhr wurde ich in den Gerichtssaal geführt. Er schien mir ziemlich groß, erinnerte mit seinen etwa zwölf Stuhlreihen an einen Vortragssaal und war, da die Verhandlung öffentlich war, mit etwa 100 Personen, zum größten Teil verwundeten Soldaten aus den Ber- liner Lazaretten, gefüllt. Ich saß gegenüber dem breiten Richtertisch allein auf einem Stuhl; wie gewohnt trug ich meine Berchtesgadener Tracht mit der- langen Lederhose. Links von mir standen die Tische des Verteidigers und des Staatsanwaltes, rechts vorne befand sich eine große Tür, durch die der Gerichtshof den Saal betrat. In ziemlicher Spannung wartete ich etwa eine Viertelstunde. Als die Herren dann endlich hereinkamen, wurde ich ruhig und aufmerksam; es blieb mir keine Zeit mehr, an mich und meine Nerven zu denken. Ich folgte der etwa siebenstündigen Verhandlung fast wie ein Unbe- teiligter, aber sehr scharfer Beobachter und empfand die Spaltung meines Ichs beinahe körperlich. Die Richter trugen dunkelrote Roben und schnitten kalte, steinerne Gesichter. Als Beisitzer fungierten ein SS- und ein SA-Brigadeführer und ein NSKK-Obergruppenführer. Präsident Freisler erinnerte mich an die Gestalt des Groß-Inquisitors bei Dostojewsky, nur etwas mehr ins Negative gezogen. Ein schmales, langes Gesicht mit scharfen Falten, die sich wie tiefe Kerben von der Nasenwurzel herab zu‘den Mundwinkeln zogen und dem Gesicht in der Ruhe eine'maskenhafte Strenge verliehen. In Rede und Gesten ein vollendeter Schauspieler, mit großen eiskalten Augen, die es jedoch verstanden, Ausdruck zu heucheln und zwar so gut, daß man dem bewegten Blick Entrüstung, Verachtung und Haß, die er abwechselnd in ihn hineinlegte, beinahe hätte glauben können. Trotzdem fühlte sich Herr Freisler irgendwie unsicher und jedesmal, wenn ich seinen Blick fassen wollte, entglitt er mir, suchte unruhig umher und es war stets nur ein rasches Vorbeistreifen seiner Augen, das ich auffangen konnte. Dennoch hatte ich das Gefühl,'daß er vermöge seiner Intelli- genz und scharfer Witterung ziemlich genau wußte, was mit mir los war und von seinem Standpunkt aus eigentlich gar nicht anders konnte, als mich zu verurteilen. Vielleicht hätte man ihn als eine dämonische Natur charakterisieren können, wenn diese Bezeichnung 70 Dee nicht doch noch zu ehrenvoll für ihn ist. Im Gegensatz dazu war der Staatsanwalt Busch eine indolente Streberseele, mit kugelrundem, völ- lig ausdruckslosem Gesicht; seinen Antrag auf Verhängung der Todes- strafe las er gleichmütig und unbewegt herunter, als habe er keine Ahnung, was er bedeute. Auf ihn konnte man das Wort Christi an- wenden:„‚Herr verzeihe ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.” Er wußte es wirklich nicht! Der einzige Mensch in diesem Konsor- tium war Rechtsanwalt Nath, der blaß aussah und voll verhaltener Bewegung schien. Er wirkte vornehm und sehr distinguiert. Die Verhandlung begann mit der Schilderung der wichtigsten Daten meiner bisherigen Lebensgeschichte. Freisler führte sie sehr geschickt und leitete mit seinen Fragen stets auf das hin, was für ihn wichtig war. Er ließ mich viel zu Worte kommen, was mich wunderte, da ich dadurch etwas Oberwasser bekam und auf die Zuhörerschaft, wie ich deutlich spürte, einen günstigen Eindruck machte. Im zweiten und dritten Teil der Verhandlung gab er sich auch alle Mühe, diesen Ein- druck zu verwischen. Nach einer kurzen Pause folgte die Zeugenver- nehmung. Erst wurde R... hereingerufen, dessen Aussage einen aus- wendig gelernten Eindruck erweckte. Wenn er wirklich einmal nicht weiter wußte, so half ihm Herr Freisler durch ausgesprochene Fang- fragen geschickt nach, indem er etwa einwarf:„Hat der Angeklagte nicht etwa auch diese Äußerung getan?“ und dann irgend etwas Gra- Serendes aus dem Akt vorlas. R... brauchte dann nur Ja zu sagen, was er auch prompt tat und etwa hinzufügte:„Jetzt erinnere ich mich wieder ganz genau.“ Hernach folgte meine Verteidigung, bei der mich der Präsident, so oft ihm deren Verlauf nicht mehr ganz behagte, anbrüllte und mir das Wort abschnitt. Ich gewann den bestimmten Eindruck, daß alles nur eine Komödie war und das Urteil von vorn- herein feststand. Als zweite Zeugin wurde Felicie Hüni-Mihacsek vernommen, der ich seinerzeit den Verlauf des Gespräches unmitelbar danach mitgeteilt hatte. Freisler behandelte diesen Teil der Verhandlung ziemlich kurz und nebensächlich, indem er von vornherein erklärte, es käme dieser Aussage eine viel geringere Bedeutung zu, indem nämlich R... über 71 GN S- K° : = ws ke f ein Gespräch selbst, während sie nur ein Gespräch über ein Gespräch zu berichten habe. Die Diskrepanz der Aussagen war in mehrfacher Hinsicht beträchtlich und erklärte sich zum Teil dadurch, daß ich ja tat- sächlich einige der belastendsten Bemerkungen nicht ausgesprochen hatte und folglich auch in meiner Erzählung nicht habe widergeben können. Auch wußte Felicie zu berichten, daß ich nach meiner Rück- kehr von jenem ominösen Besuch einen durchaus sicheren und zufrie- denen Eindruck gemacht habe und meine Worte, daß es mir gelungen sei eine Provokation zu vermeiden, seien ihr durchaus glaubhaft er- schienen. Es war nun interessant zu hören, wie sich Freisler aus der Situation herauswand. Er sagte, er wolle die Glaubwürdigkeit der Zeugin nicht _ etwa in Zweifel ziehen, wohl aber habe der Angeklagte nach dem Ge- spräch begreiflicherweise ein schlechtes Gewissen gehabt und sei von Anfang an darauf bedacht gewesen, sich künstlich ein Alibi zu ver- schaffen, was ihm bei seiner hohen Intelligenz zweifellos gelungen sei. Nach einer abermaligen Pause folgten die Rede des Staatsanwalts und das Plaidoyer des Verteidigers. Erstere wurde so temperamentlos her- untergelesen, daß sie trotz der Schwere des Strafantrages nicht einmal auf mich einen besonderen Eindruck machte. Die Ausführungen des Rechtsanwaltes waren sachlich sehr gut, aber in ihrer Wirkung natür- lich dadurch geschwächt, daß eigentlich jedermann wußte, daß sie nur der Form halber stattfinden durften und das feststehende Urteil kaum wesentlich beeinflussen würden. Nach etwa vierstündiger Dauer des Prozesses zog sich der Gerichtshof zur Urteilsberatung zurück. Es dauerte sehr lange, bis die Herren wieder auftraten, über eine Stunde blieben sie aus. Im Saal herrschte die Atmosphäre einer bangen Er- wartung. Mein Anwalt sprach bald mit Leuten aus dem Publikum, bald mit mir, versicherte mir tröstend, daß die Stimmung der Zu- hörer für mich günstig sei und niemand ein allzu strenges Urteil er- warte. Ich selbst war nicht so optimistisch, allerdings auch nicht pessi- mistisch, weniger im Hinblick auf das zu erwartende Urteil, als weil ich innerlich wußte, wie es auch ausfallen möge, das Leben würde es 1924 u "mir, sogar im Falle eines Todesurteiles, wahrscheinlich nicht kosten. Woher ich diese Sicherheit nahm, wußte ich damals noch nicht genau, aber sie war da. Endlich kamen sie zurück. Alle trugen steinerne Mienen zur Schau. Der Präsident verlas stehend das Urteil. Im Namen des Deutschen Volkes! In der Strafsache gegen den Brauereibesitzer und Universitätsdozenten Dr. Rudolf Kriß aus Unterau bei Berchtesgaden, geboren am 523: 03, daselbst z. Zt. in dieser Sache in Haft wegen Wehrkraftzersetzung hat der Volksgerichtshof, erster Senat, auf die am 12. 9. 1944. einge- gangene Anklage des Herrn Oberreichsanwaltes in der Hauptverhand- lung vom 25. 9. 1944, an welcher teilgenommen haben als Richter Präsident des Volksgerichtshofes Dr. Freisler, Vorsitzer SS.-Brigadeführer Generalmajor der Waffen SS. Tscharmann SA.-Brigadeführer Hauer NSKK.-Obergruppenführer Offermann als Vertreter des Oberreichsanwaltes 1. Staatsanwalt Dr. Busch für Recht erkannt:; Rudolf Kriß hat im fünften Kriegsjahr einem Volksgenossen gesagt Wir hätten 1933 den Reichstag angezündet, der Nationalsozialismus lasse Persönlichkeiten nicht gelten und erziehe zum Lügner, jeder anständige Mensch könne den Zusammenbruch eines solchen Systems nur gutheißen, wir hätten den Krieg angefangen, dies Wirken des Nationalsozialismus werde immer nur Blut und Elend nach sich ziehen. Er zählt sich zu den Hochgebildeten und ist Beriebsführer und Eigen- tümer eines großen Werkes. Er hätte deshalb in besonderem Maße die Pflicht zu vorbildlicher Haltung. Und doch’griff er derartig unsere Kraft zu mannhafter Wehr in un- serm Lebenskampf an. Dadurch ist er für immer ehrlos geworden. Er wird mit dem Tode bestraft. Sein Vermögen verfällt dem Reich. Ich kann nicht behaupten, daß ich von der Kunde, die ich vernommen hatte, besonders erschüttert gewesen wäre. Ich hatte mich auf die Dauer der Verhandlung gewissermaßen seelisch abgeschirmt und durch diese Isolierschicht drang der giftige Pfeil nicht durch. Es erging mir ähnlich wie bei einer Beerdigung eines lieben Angehörigen, da fühlt man auch während der Zeremonie selbst kaum irgend etwas und der Schmerz kommt erst später zum Ausdruck. Ich bewahrte also die Fassung und folgte der ziemlich langen Urteilsbegründung mit einigem Interesse. Der Tenor ging ungefähr dahin, daß ich zwar moralisch ein Mensch sei wie alle andern, mit guten und schlechten Eigenschaften, aber eben ein Defaitist, und derartige Menschen gehörten ausgerottet, da ihr Geist das deutsche Volk vergifte. Bemerkenswerter war die eiskalte Theatralik, mit der Freisler sprach. Trotzdem er seine Worte auch noch durch Gesten wirkungsvoll zu unterstützen versuchte, ver- fehlten beide ihr Ziel und prallten ins Leere. Ich beobachtete den Herrn Präsidenten mit ruhigen, aufmerksamen Augen und habe meine Überlegenheit und innere Sicherheit nie so stark gespürt wie in diesem Augenblick. Ich empfand es als Ehre, von einem solchen Menschen er- kannt, seines Hasses für wert befunden und daher von ihm zur schwer- sten Strafe verurteilt zu werden. Nachdem die Richter den Saal verlassen hatten, erschien der Wärter, fesselte mir die Hände auf dem Rücken und führte mich ab. Die Zu- schauer verharrten schweigend und blickten mir lange nach. Ein schmaler Weg führte durch Gartenanlagen, wo das erste vergilbte Laub sich langsam von den Ästen der Bäume löste, nach rückwärts zu einem Nebengebäude, wo der Transportwagen meiner harrte. Felicie und Rechtsanwalt Goetz begleiteten mich auf diesem kurzen Wegstück. Der Wärter löste mir in einer Anwandlung von menschlichem Ver- 74 ständnis die eine Fessel, als wir vor dem Hinterhaus anlangten. Ich konnte mich von meinen Freunden kurz verabschieden; Felicie steckte mir Eier und kleine Stücke von belegten Semmeln in den Mund. In der ganzen Situation lag ein Funken von schmerzdurchzittertem Hu- mor, die Augen lächelten und mir schmeckte das Essen. Nach einigen Minuten war das Auto zur Abfahrt bereit. Als ich in Moabit anlangte, wurde ich sofort in den Keller geführt, wo man mir meine Zivilkleider abnahm und mich in das gestreifte Zuchthausgewand steckte. In Moabit war indessen meines Bleibens nicht lange, da die Todeskandidaten je nachdem, ob die Vollstreckung sofort oder erst später vollzogen wurde, entweder nach Plötzensee oder nach Brandenburg transportiert wurden. Da man für mich das Gnaden- verfahren zugelassen hatte, kam ich drei Tage später nach Branden- burg-Goerden. In Moabit wurde ich daher in eine sogenannte Durch- gangszelle verwiesen. Diejenigen, welche für die Todeskandidaten be- stimmt waren, lagen gleichfalls im Keller und besaßen nur ein kleines Fenster ganz oben, so daß es auch während des ganzen Tages nie richtig hell wurde. Auch erhielten wir keine Wäsche mehr, sondern mußten auf den unüberzogenen Pritschen liegen. Wir waren zu zweit, mein Gefährte, ein alter Arbeiter aus Bremen, dessen Söhne sämtlich im Felde standen und der sich aus diesem Grund zu defaitistischen Äußerungen hatte hinreißen lassen, was gleichfalls für das Aussprechen der Todesstrafe genügt hatte. Der Aufenthalt in diesem Loch war traurig und bedrückend und wurde durch den Umstand, daß wir ständig Fesseln tragen mußten, noch mehr erschwert. Nur zu den Mahlzeiten wurden sie kurz abgenommen. Alle anderen Verrichtungen mußte man lernen, mit geschlossenen Handschellen auszuführen. Da der eiserne Achter um die Handgelenke sehr eng ist, erfordert dies einige Übung, man zerrt sich sonst leicht die Sehnen. Am quälendsten ist es, die Nacht in diesem Zustand zu verbringen. Man kann sich schlecht zudecken und immer nur auf dem Rücken mit den Händen auf dem Bauch liegen, oder höchstens eine ganz kleine Drehung nach der Seite zustandebringen. Im Schlaf sucht man dann unwillkürlich nach einer bequemeren Stellung, was jedoch die Fesseln verhindern, 7E id die dann jedesmal ein plötzliches Aufwachen bewirkten und auf schmerzhafte Weise an ihr Vorhandensein gemahnen. Mein Zellenkamerad war ein wunderlicher Kauz; seine Verurteilung hatte ihn entschieden etwas aus der Fassung gebracht, was sich auf eine seltsam abseitige Art äußerte. An den Zellenwänden war der Verputz teilweise abgefallen und aus den sich dadurch ergebenden dunklen Wandflecken machte er Rückschlüsse auf unser zukünftiges Schicksal:„Sehen Sie, das hier sieht aus wie eine Frau, die in einem Rucksack etwas fortträgt. Sie trägt das Leid fort. Es kann also für uns vielleicht doch einen guten Ausgang geben— und hier, das sieht aus wie ein schneeweißer Ziegenbock mit einem lachenden Auge. Der soll uns aufmuntern und sagen, es wird schon nicht so schlimm wer- “ den.“ Auf diese Art entdeckte er immer andere glückverheißende Zeichen, leider habe ich sie mir nicht alle gemerkt. Nach drei Tagen, an einem Donnerstag, erfolgte der Sammeltransport nach Brandenburg. Von Moabit fuhren nur wenige ab, jedoch am Potsdamer Bahnhof trafen sich die Todeskandidaten aus allen Berliner Gefängnissen. Es waren etwa dreißig an der Zahl, die da jeden Mon- tag und Donnerstag nach Brandenburg gebracht wurden. Man schloß uns paarweise an den Händen zusammen und pferchte uns in einen Gefangenenwagen, der als letzter einem Personenzug angehängt wurde. Er besaß in der Mitte einen engen Gang, von dem links und rechts kleine, für zwei Personen berechnete Zellen abzweigten. Der. Wagen war jedoch so überfüllt, daß man vier oder sechs Menschen in diese Kabinen preßte, so daß man sich kaum mehr rühren konnte. Die Bahnfahrt dauerte etwa eineinhalb Stunden. An sie schloß sich noch eine längere Straßenbahnstrecke, die wir in reserviertem Wagen mit herabgezogenen Rouleaux zurücklegten. Der Wachtmeister, der uns hier begleitete, war für norddeutsche Verhältnisse beinahe ein kleines Wunder. Er erklärte uns:„Jhr seid ja alles politische und keine kri- minellen Häftlinge. Ich halte euch für anständige Menschen und wenn ihr wollt, könnt ihr jetzt miteinander sprechen.“ Bei dieser Gelegen- heit lernte ich einen alten Österreicher kennen, dem die Gutherzigkeit förmlich aus den Augen leuchtete. Seinen Namen habe ich vergessen. 76 Er stammte aus Baden bei Wien und sein Hauptvergnügen waren einst botanische Streifzüge in den Wiener Wald gewesen. Es freute ihn un- endlich, daß er in mir jemanden traf, der die Gegend genau kannte. Er war von einem österreichischen Gericht wegen einer lächerlichen Kleinigkeit erst zu einem halben Jahr Zuchthaus verurteilt worden, worauf der Volksgerichtshof die Sache nochmals aufgriff, ihn nach seiner Entlassung zum zweiten Mal verhaftete und nun wegen der gleichen Sache zum Tod verurteilt hatte. Er konnte das einfach nicht begreifen, schüttelte immer nur den Kopf und sagte mit einem fast heiteren Erstaunen:„‚Nein, es ist doch wirklich unfaßbar!“. Seine Miene zeigte eine unerschütterliche, fast fröhliche Gelassenheit und so oft ich- ihn später auf dem wöchentlichen Spaziergang der zum Tode Verur- teilten in Goerden begeghete, winkte er mir heiter lächelnd zu. Ein Philosoph im wahrsten Sinne des Wortes. Die herbstliche Mittagssonne strahlte leuchtend vom Himmel und spendete eine-Jetzte Wärme, als wir durch das Tor des Goerdener Zuchthauses schritten, das mich nun für zweieinhalb Monate aufnahm und in dessen Mauern ich die bisher schwersten Tage meines Lebens verbringen mußte. SIEBENTES KAPITEL Jedesmal bei der Einlieferung in ein anderes Zuchthaus wiederholen sich die mir schon hinreichend bekannten Formalitäten. In Branden- burg nahmen sie viel Zeit in Anspruch, was mir indessen nur er- wünscht war, weil dadurch der eintönige Aufenthalt in der Zelle ver- kürzt wurde. Im Büro werden die Personalien aufgenommen und in der Kleiderkammer beim sogenannten Hausvater erhalte ich meine neue Zuchthaustracht. Der Hausvater ist ein älterer, gutmütig aus- sehender Hauptwachtmeister mit kugelrundem Gesicht und vertritt einen ganz bestimmten norddeutschen Typus älteren: Schlages, der jetzt ziemlich im Aussterben begriffen, uns jedoch aus der älteren norddeutschen Literatur, etwa aus Raabe, oder dem Roman Lebrecht Hühnchen, geläufig ist. Er bezeugt mir offenkundig Mitleid, wenn er auch nicht so frisch von der Leber wegredet, wie das in‘Bayern der Brauch. ist. Immerhin ist er bestrebt, mir im Rahmen seiner Möglich- keiten gefällig zu sein, indem er mir neue Wäschestücke und gute Kleider zuteilt. In jedem Zuchthaus ist der Hausbrauch etwas anders. Hier besteht das Gewand aus einer langen schwarzen Hose mit breiten gelben Streifen an den Seiten und einer schwarzgelb gestreiften Jacke, beides aus dünnem Leinenstoff. In der kälteren Jahreszeit kommt voch eine Unterjacke dazu. Zum Hofgang benützt man Holzschuhe, in der Zelle trägt man Pantoffeln aus Stoff. Ich wurde in die Abteilung der Todeskandidaten verwiesen; da diese stets etwa 400 Mann stark ist, umfängt sie zwei Trakte in jedem Haus und in jedem Trakt zwei Stockwerke. Jeden Montag finden die Hin- richtungen statt, wöchentlich kommen etwa 35—40 Personen. unter das Beil des Henkers. Trotzdem werden es nicht weniger, sondern eher mehr. Wenn man bedenkt, daß es sich dabei nur um Leute han- 18 delte, die offiziell auf Grund von Urteilen des Volksgerichtshofes oder eines Sondergerichtes ihr Leben verloren und daß in etwa zwanzig deutschen Gefängnissen solche Exekutionen ausgeführt wurden, so ergibt sich daraus, daß im Jahre 1944 im deutschen Reich etwa 40000 Menschen von Henkershand zum Tode befördert-wurden, die Morde ohne gerichtliche Verurteilung in K.Z.-Lagern nicht mitein- gerechnet. Nachdem ich etwa drei Tage in Brandenburg war, kam ich zum Arzt, zwecks Abnahme der Blutprobe. Damit hat es folgende Bewandtnis: Im dritten Reich hatte man bekanntlich für alles eine Verwendung, 'sogar für das Blut der Geköpften, das man für Bluttransfusionen und ähnliche Dinge benötigte. Um sich die Arbeit zu vereinfachen, unter- suchte man das-Blut der Todeskandidaten gleich im voraus, nach seiner Zugehörigkeit zu den Blutgruppen A, B oder C und registrierte den Häftling entsprechend ein; dann ging es nach der Hinrichtung schneller. Bis kurz vor meiner Einlieferung verfuhr man noch brutaler. Man machte die Blutgruppen-Untersuchung erst, nachdem der Voll- streckungsbefehl eingetroffen war, so daß der Sträfling, der zum Arzt geführt wurde, genau wußte, nun würde sein Urteil in wenigen Tagen vollzogen werden. Auf die Bitte eines Arztes hin, verfuhr man später etwas menschlicher und nahm die Blutprobe bei jedem Todeskandi- daten gleich nach dessen Einlieferung vor. Das Zuchthaus Goerden ist ein moderner achtflügeliger Bau, der 1930 fertiggestellt wurde; es ist nur für Sträflinge, die für Zuchthaus, nicht für solche, die zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden, bestimmt, daher enthielt es nur Einzelzellen und zwar größere und kleinere; die größeren waren ursprünglich für diejenigen Häftlinge gedacht, die bereits eine gewisse Bewährungsfrist hinter sich hatten. Infolge der Überfüllung der Zuchthäuser war man aber von dieser Regelung ab- gegangen und belegte die größeren Zellen mit zwei bis drei Mann; die kleineren sind so eng und schmal, daß dies beim besten Willen nicht möglich ist. In eine solche wurde auch ich gesteckt. Wenn die Pritsche heruntergeklappt ist, dann ist der Raum nahezu ausgefüllt und es bleibt nur noch unter dem Fenster etwas Platz, den Stuhl weg- D) ee) zurücken und Wasserkrug und Waschbecken aufzustellen. Tagsüber kann man einen an der gegenüberliegenden Wand befestigten Klapp- tisch herunter lassen. Die Wachtmeister waren fast alle abgebrüht und gefühllos. Sagte mir doch einmal einer, als wir Todeskandidaten, wie alle 3 Wochen, in den Baderaum geführt wurden, im Hinblick auf meine bevorstehende Hinrichtung:„Schad’ um Dein’ Kopf bei den schönen Zähnen!“* Die Todeskandidaten haben es in mancherlei Hinsicht noch schlechter als die übrigen Gefangenen. Abgesehen von der Qual der beständigen Fesselung, die sich niemand vorstellen kann, der es nicht erlebt hat, dürfen sie ihre Zellen außer für den ein- oder zweimal in der Woche stattfindenden-Spaziergang nie verlassen. Die übrigen werden am Morgen in den gemeinsamen Waschraum geführt und außerdem noch mittags und abends in den Spülraum, zur Entleerung der Töpfe(Goer- den hat keine Spül-Klosetts) und zur Auffüllung des Wasserkruges. Bei uns hingegen besorgten dies nur zweimal des Tages die sogenann- ten Kalfaktoren, wie man in Preußen die Hausarbeiter nennt. Da man zu diesen bevorzugten Posten indessen nur abgebrühte kriminelle Ver- brecher nahm, die sich mit uns möglichst wenig Arbeit machten, kann man sich ungefähr denken, wie es mit Sauberkeit und Hygiene bestellt war. Zudem reichten die großen Porzellanschüsseln nicht aus und man behalf sich mit kleinen Blechtöpfen, wie sie sonst nur Kinder haben, deren Gebrauch durch die Fesselung noch schwieriger wurde als ohnehin. Schwamm und Waschlappen waren verboten, man durfte an eigenen Gegenständen nur Kamm, Zahnbürste und Seife besitzen. Mit der Körperpflege war es somit auch nicht weit her. Arbeiten durfte man nicht, das verhinderten ja schon die Fesseln, von denen man nur zum An- und Auskleiden entledigt wurde. Als sehr unangenehm empfand man es auch, daß in den Todeszellen bei Nacht ständig Licht gebrannt werden mußte, damit die Wärter ständig Gelegenheit hatten, sich durch das Guckloch von Zeit zu Zeit zu überzeugen, daß der Häftling sich nichts angetan habe, eine paradox anmutende Rücksicht, da der Staat ja doch andererseits bestrebt war, uns möglichst rasch unschäd- 80° PENEIEEN ri FARO M lich zu machen. So bedeutete diese einzige, noch dazu falsch ver- standene Menschlichkeit, nichts anderes als eine Vermehrung der Qual. Das einzig wirklich Gute, das man uns erwies, war, daß wir reichlich mit Lektüre versorgt wurden. Darüber hinaus hatte man genug Stoff zum Nachdenken und so verging die Zeit verhältnismäßig schnell. Nach der Schilderung der äußeren Lebensverhältnisse, will ich nun dazu übergehen, meine seelische Verfassung zu beschreiben. In den vier Wochen zwischen Verurteilung und Begnadigung lebte ich in einem Zustand der dauernden Hochspannung und einer erhöhten gei- stigen Empfänglichkeit. Er war freilich unterbrochen von Perioden der Ermattung, die sich vor allem körperlich auswirkten und denen ich meinen guten Schlaf trotz aller Hemmnisse zu verdanken hatte. Eine große Hilfe war mir in dieser schweren Zeit der Anstalts-Pfarrer, der oft zu mir kam, sei es, daß er mir das Sakrament reichte, sei es, daß er mir ein gutes Buch in die Zelle trug und sich dabei öfters die Zeit zu einem längeren Gespräch nahm. Er ging stets auf meine Eigenart ein und verstand es, durch kluge Fragen der Unterhaltung eine Wendung zu geben, die mich zwangen, unklaren Gedanken und Gefühlen klare Formulierungen zu geben. So machte er mir den Weg frei zu Erkenntnissen, die schon lange in mir herangereift waren und die nun ihre endgültige Prägung erfuhren. Über den Weg sehr verschiedener, aber deutlich geschauter und inner- lich tief empfundener Bilder gelang es mir, das bisher Zerstreute‘ zu einer letzten Einheit des Erlebens zu verchmelzen. Das dauernde Ein- geschlossensein in der engen Zelle, deren schmale Fenster kaum einen Blick über Höfe und Dächer gestattete, zwang mich dazu, mir aus dem reichen Schatz meiner Erinnerungen schönere Bilder ins Gedächt- nis zu rufen. Besonders stark lebte ich in der heimatlichen Landschaft, die mir in scharf umrissener Form erschien und mich bis in meine Träume verfolgte. Ich konnte im Geist ganze Spaziergänge unterneh- men, etwa über die hintere Gern nach Ettenberg, oder über Schellen- berg auf den Mehlweg, auch einzelne Szenerien, deren ich mich von verschiedenen Bergtouren her entsann, traten vor mein geistiges Auge. 8l 6. Kriss: Im Zeichen des Ungeistes All dieses war unerhört lebendig, wie etwa die klare Unwirklichkeit einer Föhnstimmung im März, oder die satten Farben des herbst- lichen Laubwaldes. Die philosophische Erkenntnis, daß allein der betrachtende Geist der Außenwelt eine wahre Realität verleiht, sie gewissermaßen aus dem Nichts in ein Etwas erhebt, wurde mir nun auch immer stärker erlebte Gewißheit. Eine weitere Stütze erfuhr diese Entwicklung vom Reli- giösen her. Schon in Neudeck hatte ich häufig die Kommunion emp- fangen. Ich fühlte das Bedürfnis, dem ursprünglich rein gedanklichen kosmischen Einheitserlebnis einen äußerlich sichtbaren Ausdruck zu verleihen. In Brandenburg empfing ich vom Eidetischen her noch einen weiteren entscheidenden Antrieb. Wenn mich der Priester be- suchte, und in der kahlen Zelle seine Tasche öffnete, das seidene Tuch ausbreitete und die weiße Scheibe der Hostie auf die goldene Patene legte, so machte mir das jedesmal einen ganz starken Eindruck. Die kahle Zelle erschien mir als der leere Raum des Purgatoriums, als die leere Form schlechthin, das Gold aber als Symbol des höchsten Wertes, und die Hostie umgeben vom leuchtenden Glanz des Goldes, daliegend in ihrer reinen Weiße, scheinbar das reine Nichts, letzter Unwert an sich und doch zugleich vermöge des Geheimnisses der Wandlung In- begriff der endgültigen Realität und der tiefsten Wahrheit. Beides, Natur und Übernatur verflossen mir zu einer inneren Einheit; ich er- kannte: in der Kraft des Gedankens ist es dem Menschen gegeben, die Wandlungsworte zu sprechen über ein jegliches Ding und es zu verwandeln aus einem Nichts in ein Etwas, aus einem Nichts in ein Werk der Schöpfung und in der liebenden Versenkung in die Natur die kosmische Kommunion würdig zu feiern. Des zum Zeichen eine kultische Handlung zu vollziehen und dazu an der alten überlieferten Form des Sakramentsempfanges teilzunehmen, jetzt und in ferner Zukunft, hielt ich für einen angemessenen Ausdruck meiner inneren Haltung gegenüber der Welt der geschaffenen Dinge. Irgendwie schien mir ein Abschluß erreicht, der mich zufrieden machte und bewirkte, daß ich mich, mehr noch wie bisher, als ruhend in der Fülle meines Wesens empfand. } Auch über mein zukünftiges Schicksal mußte ich oft nachdenken. Ob- wohl seit drei Monaten niemand mehr begnadigt worden war und man es, wie ich mir eingestand, fast als ein Wunder würde ansehen müssen, wenn ich begnadigt würde, so zweifelte ich doch eigentlich nie daran, daß es so kommen müsse, oder doch, daß sich die politi- sche Lage vor meiner Vollstreckung so entscheidend ändern würde, daß es zu ihr nicht mehr käme. Ich nahm mir vor, wenn mir das Leben geschenkt werden sollte, noch viel Gutes und Nützliches zu tun und wiegte mich in dem Glauben, daß es sich der Kosmos nicht werde leisten können, auf ein gewisses Maß an moralischer Bereit- schaft zu verzichten. In Stunden der Schwäche schien mir dieser Ge- danke allerdings stolz und vermessen, beinahe wie eine Herausfor- derung des Schicksals und doch wurde ich immer wieder von ihm ge- tragen und aufgerichtet, gewann durch ihn Stärke und Festigkeit. Das Problem der persönlichen Vorsehung ließ ich dabei ungelöst; ich wagte es nicht, an letzte Geheimnisse zu rühren. Dagegen mußte ich mich förmlich zwingen, auch die Eventualität eines schlechten Endes mit in Betracht zu ziehen. Es hätte, so dachte ich mir, einem Philosophen übel angestanden, wenn er die Fassung verloren hätte, würde sich an einem Montag die Tür geöffnet haben und der Wärter hätte ihn ge- holt zum letzten Gang, ohne daß er darauf gefaßt und innerlich vor- bereitet gewesen wäre. Für diesen Fall hatte ich mir den Gedanken als Ausweg zurechtgelegt, daß mein Tod vielen Schwankenden die Augen über die Verwerflichkeit des Zeitgeistes öffnen würde, daß ich vielleicht als Märtyrer zum endlichen Sieg des Guten mein Teil bei- tragen könne und ich somit am Sinn des Geschehens nicht zu ver- zweifeln bräuchte. Trotzdem empfand ich den Eintritt eines solchen Ereignisses als unwirklich; es drang nie ganz in meine Gedankenwelt ein. In diesen Tagen lebte ich beständig in einem Zustand der äußersten seelischen Konzentriertheit. Unbewußt erwartete ich, daß nun etwas geschehen müsse und es geschah auch etwas. Eines Mittags öffnete sich überraschend die Tür zu meiner Zelle und der Leiter der Anstalt, ein fing mit mir ein Gespräch an, nahm mir, Regierungsrat, trat herein, 83 nachdem ich ihm versprochen hatte, nichts Unüberlegtes zu tun, die Fesseln ab und fragte mich, ob ich nicht lieber in Gemeinschaft sei. Er habe da noch einen Chefarzt eines Krankenhauses aus Ostpreußen, der sich in der nämlichen Lage befände wie ich. Wenn ich wolle, so würde er uns zusammenlegen und uns eine größere Zelle auf der Süd- seite des Gebäudeflügels zuweisen. Natürlich wollte ich. Die Abnahme der Fesseln empfand ich wie eine Erlösung und den Besuch des wohlwollenden Anstaltsleiters als erstes Zeichen einer Schicksalswende. Von jetzt an konnten mich die gefürch- teten Montage, an denen der Wärter zwischen zehn und elf Uhr den Gang entlang schritt und die zur Hinrichtung Bestimmten aus ihren Zellen holte, nicht mehr sonderlich erschüttern, da ich die Möglichkeit, auch ich könnte plötzlich an die Reihe kommen, kaum mehr ernstlich in Erwägung zog. Scheinbar merkte man mir meine innere Sicherheit auch äußerlich an. Die Wachtmeister versicherten mir öfter, sie hätten in ihrer Abteilung noch nie einen Menschen gehabt, der so freundlich dreinschaue und tue, als ginge ihn die ganze Sache nichts an. Manche fragten mich sogar direkt, ob ich denn wisse, daß ich begnadigt werden würde und schüttelten ungläubig den Kopf, als ich das verneinte. Am selben Tage, an dem mich der Regierungsrat besucht hatte, über- siedelte ich noch in die neue Zelle. Mein Gefährte, Herr Dr. Mertens, war ein feiner, gebildeter Mann und verfügte über ein reiches medi- zinisches Wissen. Er brauchte, wie ich, keine Fesseln zu tragen, hatte Arbeitserlaubnis erhalten und medizinische Fachwerke hereinbekom- men. Wir verstanden uns gut, und die Zeit, die ich mit ihm zusammen verbringen durfte und die etwa fünf Wochen dauerte, war die ange- nehmste während meines Goerdener Aufenthaltes. Man hatte uns zur Unterhaltung ein Schachspiel in die Zelle gegeben und wir spielten täglich morgens und abends mehrere Partien. Da wir ungefähr gleich stark waren, verlor das Spiel nicht an Reiz. Dazwischen lasen wir oder unterhielten uns über medizinische Fragen. Auch die beiderseitigen Schicksale und Zukunftshoffnungen kamen zuweilen aufs Tapet. Im allgemeinen empfand ich seine Gesellschaft als einen ® Vorzug gegenüber dem ständigen Alleinsein, das einen mit der Zeit En vorm) doch schwermütig macht. Am meisten Eindruck machte mir seine ehr-, liche Freude über meine Begnadigung; er schüttelte mir immer wieder die Hand und war ganz gerührt. Wer sich am Glück eines anderen so neidlos freuen kann, der ist im Kern ein guter Mensch. Gott sei Dank wurde auch sein Urteil nicht mehr vollstreckt. Wie ich von meinem Anwalt erfahren habe, den ich ihm, da der seine nicht aktiv genug war, vermittelt hatte, gelang es diesem, die Vollstreckung solange hin- auszuzögern, bis er von den Russen befreit wurde. Meine eigene Begnadigung erfuhr ich am Mittwoch, den 25. Oktober, abends sechs Uhr, durch den Herrn Pfarrer, genau einen Monat nach der Verkündung des Todesurteils. Es war dies zunächst eine rein private Mitteilung, offiziell wurde sie mir erst am 16. November be- kanntgegeben. Solange blieb ich noch in der Todesabteilung, da ja niemand von dieser Wende etwas wußte und ich auch niemand etwas verraten durfte. Nur meinem Zellengenossen habe ich es erzählt und er hat Schweigen bewahrt. Der Pfarrer ließ mich, als er mir die erfreuliche Mitteilung machte, in eine leere Zelle führen, und übermittelte mir dort die bedeutsame Neuigkeit. Ich war wohl aufs äußerste überrascht, da ich nicht so schnell mit einer Entscheidung meines Gnadengesuches gerechnet hatte. Dennoch war ich nicht so tief erschüttert, als es der Bedeutung des Ereignisses entsprochen hätte, wahrscheinlich weil ich innerlich schon vorher zu stark damit gerechnet hatte und weil meiner ganzen Natur heftige Eruptionen fremd sind. Was die Nachricht in der Tat bedeu- tete, kam mir erst allmählich zum Bewußtsein. Die Begnadigung lautete auf lebenslängliches Zuchthaus; ich war fest davon überzeugt, daß mich die Nazis natürlich niemals in Freiheit gesetzt haben würden, und mich, wenn es nach ihnen gegangen wäre, viel eher langsam zu Grunde gerichtet hätten. Von ihreıa Standpunkt aus, war die ganze Aktion vermutlich nichts anderes als ein Akt der politischen Berechnung. Mein Fall hatte weit über die Grenzen meiner engeren Heimat hinaus Staub aufgewirbelt; Menschen von interationa- ler Geltung wie F. Hüni-Mihacsek waren für mich eingetreten, und da hielten sie es vermutlich für zweckmäßiger, der öffentlichen Mei- 2 85 nung zum Schein entgegen zu kommen, da sie ja dadurch ihrer An- sicht nach doch nichts riskierten. Für mich allerdings sah die Sache ganz anders aus. Ich wußte, daß sieh die Herrlichkeit des dritten Reiches nur noch nach Monaten bemesse; für mich hieß lebenslänglich so viel wie regierungslänglich und ich war von diesem Augenblick an fest davon überzeugt, den Gang der Ereignisse nunmehr in Ruhe ab- warten zu können. Über den endgültigen Ausgang meiner Leidenszeit war ich mir nicht mehr im Zweifel, obwohl ich noch schwer genug an ihr tragen sollte. Zwei Tage nach jener Frohbotschaft empfing ich den Besuch von Felicie. Sie hatte, da ich offiziell noch Todeskandidat war, und man am Volksgerichtshof noch nichts von meiner Begnadigung gewußt hatte, die Besuchserlaubnis erhalten, die gewöhnlichen Zuchthäuslern verweigert wird. Gerade als sie in Berlin angekommen war, hatte sie über den Rechtsanwalt die Neuigkeit erfahren und sie gleich an den Pfarrer weitergegeben. Dieser hatte sie mir überbracht, damit ich bei ihrem Besuch nicht zu sehr aus der Rolle fiele. Als sie dann zwei Tage später persönlich kam, waren wir genügend gefaßt, um dem bei dem Besuch vorschriftsmäßig anwesenden Regierungsrat ein Theater vorspielen zu können. Es fiel kein verräterisches Wort von unseren Lippen‘und der Regierungsrat mag sich wohl baß gewundert haben über unseren heiteren Ton und über den völlig unproblematischen, gesegneten Appetit, den ich bei dem einstündigen Besuch entfaltet habe. Das Essen war nämlich schon in Brandenburg sehr wenig und man hatte dauernd Hunger. Zusätzliche Verpflegung war verboten, nur während eines Besuches von Angehörigen durfte man essen so viel man wollte, ohne allerdings etwas in die Zelle mitnehmen zu dürfen. Ich aß damals wie eine boa constrietor und das Gefühl der Sättigung hielt tatsächlich noch zwei Tage an. Die folgenden drei Wochen in der Todesabteilung vergingen relativ- angenehm. Man hat es ja dort in mancher Beziehung wieder schöner als in den anderen Abteilungen, nur wirkt sich dies begreiflicher- weise für die anderen, die doch in ständiger Todesgefahr schweben, 86 re rs- a > RL: nicht in dem Maße aus. Ich empfand meine Lage manchmal fast pein- lich bevorzugt. Nur der angesichts der sich wöchentlich verringernden Rationen steigernde Hunger bewirkte, daß das Wohlgefühl nicht zu sehr in Kraut schoß. Auf dem Spaziergang waren Mertens und, ich unter vierhundert Gefesselten die einzigen Freien. Unter den Ka- meraden entdeckte ich zwei alte Münchener Bekannte aus Neudeck, den Kaufmann Seißer und den Schreiner Zott; beide waren gleich- falls Politische und wurden nach meiner Versetzung noch im Januar 1945 hingerichtet. Am Nachmittag des 16. November wurde ich ins Büro des Direktors geholt, der mir meine Begnadigung zu lebenslänglichem Zuchthaus offiziell mitteilte. Dies hatte eine sofortige V weil die Todeskandidaten von den übrigen Gefange- erden. Ich hatte kaum noch Zeit, mir ersetzung in ein anderes Haus zur Folge, nen streng getrennt gehalten w n und mich mit ein paar Worten von meinem mein® Sachen zu hole n. Zufällig kam am nämlichen Tag auch Kameraden zu verabschiede mein Rechtsanwalt, anläßlich dessen Besuches ich wieder einmal Ge- legenheit hatte, meinen unbändigen Hunger zu stillen. Die Verän- derung meiner Lage wirkte sich durchaus zu meinen Ungunsten aus. Ich kam wieder in eine der gefürchteten Einzelzellen, in d Überfluß noch eine Nähmaschine stand, weil ich der Schneiderei zu- geteilt wurde. Meinem Wunsch, in der Bücherei zu arbeiten, konnte Grund nicht entsprechen, weil die Stelle a ich ohnedies mit dem nächsten den sollte, keinen Dauer- er zu allem der Regierungsrat aus dem schon besetzt war und man mir, d Transport nach Bayern zurückgebracht wer posten geben wollte. Die letzten drei Wochen, die ich nun noch in Brandenburg verlebte, waren für mich eine schwere seelische Belastung. Auf die Phase der ung, in der ich mich als Anwärter des Todes befun- äußersten Anspann der mich an den Rand den hatte, folgte ein moralischer Niederbruch, der Verzweiflung brachte und während dessen ich mit dem Gedanken des Selbstmiordes ein gefährliches Spiel trieb. Der äußere Anlaß war so unbedeutend, daß es ein Außenstehender kaum begreiflich finden wird, warum er so katastrophale Folgen zeitigte. Er-war in erster 87 Linie in meiner Unfähigkeit, die mir zugemutete Arbeit zu bewäl- tigen, zu suchen. Solange es einfachere Tätigkeiten waren, wie Säumen von Bändern und Litzen oder das Zusammennähen von Stoffschuhen ging es noch an; als ich aber Hosen schneidern sollte, zeigte sich mein Ungeschick für manuelle Arbeiten. Ich brachte, soviel ich mich auch mühte, eben keine gerade Naht zustande, der weiche Stoff verschob sich nach oben oder unten und nichts stimmte mehr zusammen. Dazu mußte ich auch noch die spöttischen Bemerkungen des Arbeitswacht- meisters über mich ergehen lassen und mitunter kam es soweit, daß ich weinend über der Maschine zusammensank. Ich kann das heute kaum mehr begreifen, aber es war tatsächlich so; damals war ich eben buchstäblich am Ende meiner Nervenkraft. Auch die Beamten waren rüde und widerlich und vergällten uns sogar noch den kurzen Spazier- gang, der viermal in der Woche stattfand, mit ihren gemeinen Schimpfereien, die sie in unverfälschtem, preußischen Kommißton dauernd über uns niederprasseln ließen. Bald ging man in zu kurzen, bald in zu weiten Abständen, dann standen die Reihen beim Antreten nicht stramm genug, die Herren fanden immer etwas auszusetzen. Grauenhaft waren jedesmal die Montage; auf der anderen Seite des Hofes, auf den mein Fenster ging, lag der Raum, in dem die Hin- richtungen stattfanden. Vor das Eingangstor wurde während der Exe- kution zwischen ein und zwei Uhr ein schwarzer Vorhang gezogen. Kein menschlicher Laut drang ins Freie, doch vernahm man in kurzen Abständen das dumpfe Aufschlagen des Richtbeiles. Das Geräusch war mir so fürchterlich, daß ich um jene Zeit stets mit möglichst lauten Schritten in der Zelle auf- und ab wanderte, um damit diesen un- heimlichen Lärm zu übertönen. Auch die Zeit wollte in diesen kurzen Wintertagen gar nicht vorwärts rücken. Um halb sechs Uhr morgens mußte man aufstehen, um halb sieben Uhr begann die Arbeit, die mit “ einer einzigen Stunde Mittagspause bis abends halb sieben Uhr währte. Besonders am Spätnachmittag, nach Einbruch der Dunkelheit, konnte man den Feierabend kaum erwarten. Das einzige Labsal war die Nacht. Wenigstens die gehörte einem ganz. Da versank man ins Reich der Gedanken und Träume und tauchte wenigstens für Stunden tief hinein 88 Te in eine bessere Welt. Ich schöpfte viel Kraft aus meinen Nächten und allmählich wurde es. auch mit den nervösen Schwächeanfällen wieder besser. Einigen Trost schöpfte ich auch aus den Briefen, die mir der Pfarrer trotz des Verbotes hereinschmuggelte und deren Antworten auf demselben Weg wieder hinausfanden. So blieb die Verbindung mit meinen Freunden aufrecht und deren Anteilnahme an meinem Los stärkte mich im Ausharren. Damals berichtete mir Felicie, sie habe Freund Meinzel in Mühldorf besucht, der ihr meine Befreiung und völlige Rehabilitierung zu Beginn des Jahres 1945 prophezeit habe. Unter dem Eindruck seiner zutreffenden Mitteilungen, die er mir vor einem Jahr gemacht hatte, legte ich auch dieser Aussage ziemliches Gewicht bei, wie ich mich denn überhaupt an alles klammerte, was geeignet. war, meine Zuversicht zu erhöhen. Meinzels Versicherungen waren um so bemerkenswerter, als sie zu einer Zeit erfolgt waren, wo man meine Begnadigung noch nicht ausgesprochen hatte. Allmählich hatte der Wachtmeister doch erkannt, daß es sich bei mir nicht um Böswilligkeit, sondern nur um Ungeschicklichkeit handelte, und wies mir wiederum leichtere Arbeiten zu, die ich zu seiner Zu- friedenheit verrichtete. Einzig an die einmal wöchentlich stattfindende Nachtarbeit konnte ich mich nicht gewöhnen. Sie begann abends neun Uhr und endete morgens sechs Uhr und war eine fürchterliche Be- lastung. Ein hoffnungsloses Kämpfen mit Schlaf und Hunger, das am schlimmsten etwa zwischen ein und drei Uhr morgens empfunden wurde, wobei einen das Gefühl der gähnenden Leere seelisch und kör- perlich namenlos peinigte. Gegen Morgen wurde es dann wieder besser. Aber schließlich dauert nichts ewig und auch für mich schlug die Stunde der Befreiung rascher, als ich erwartet hatte. Am Sonntag, den 10. Dezember, teilte mir der Hausvater mit, daß ich am folgenden Tag auf Transport nach Straubing gesetzt würde. Ich atmete beglückt auf, endlich fort aus diesem schrecklichen Preußen! In meinem engeren Heimatland, das wußte ich, würde ich mich bestimmt wohler fühlen, auch wenn die Behandlung an sich nicht besser sein sollte. Aber allein das Bewußtsein, im Falle des Eintritts des in Bälde zu erwartenden Kriegsendes nicht weiß Gott wo zu sein, sondern in 89 einer Gegend, von wo aus’es mir ohne Schwierigkeiten möglich sein würde, unter Umständen auch zu Fuß nach Berchtesgaden zu gelangen, beruhigte mein Gemüt. Am Montag wurde alles zur Reise vorbereitet, die Papiere ausgefertigt und meine im Zuchthaus lagernden Sachen gemustert. Leider erhielt ich meine eigenen Kleider trotz allen Bittens und des Hinweises, daß es anderswo so gehandhabt würde, nicht ausgefolgt. Ich mußte die winterliche Fahrt im dünnen Zuchthausgewand, mit Halbschuhen und leinenen Stoffeinlagen anstelle der Strümpfe, antreten. Der: Koffer wurde nachgeschickt. Man versicherte mir, der Transport würde läng- stens vier bis fünf Tage dauern und das könnte ich leicht aushalten. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mich mit dem Sachverhalt ‚abzu- finden und da ich den Angaben der Beamten Glauben schenkte, nahm ich ihn auch nicht weiter tragisch. Gott sei Dank hatte ich keine blasse Ahnung von dem, was mir bevorstand. Denn die Reise sollte alles weit in den Schatten stellen, was mir bisher an körperlichen Strapazen zu- gemutet worden war. Die letzte Nacht verbrachte ich mit vier Reise- gefährten, von denen ein jeder anderswohin kam, in einer sogenann- ten Transportzelle. Am Dienstag, den zwölften, vormittags neun Uhr, verließ ich das$rauenumwitterte Haus, in dem ich den Tiefpunkt meiner Schicksalskurve durchlaufen habe, in dem mir als Lohn aber auch leidgeborene letzte Erkenntisse zuteil wurden. 90 | ACHTES KAPITEL Auf einem Gefangenentransport wird man erst einmal kreuz und quer durch ganz Deutschland geschleppt, ehe man endlich sein Ziel erreicht. Der Weg: ist abhängig von der Route des Kurswagens. Schon vor dem Krieg waren diese Transporte gefürchtet, jetzt, im sechsten stellten sie eine geradezu sadistische Quälerei dar. In Kriegsjahr, wir zunächst in den die Route Berlin—Magde- Brandenburg wurden burg—Halle—Leipzig zweimal wöchentlich befahrenden Kurswagen ' gesteckt. Da hier etwa achtzig für Goerden bestimmte Häftlinge aus- geladen wurden, fanden wir noch halbwegs Platz. In einem zwei- sitzigen Abteil befanden wir uns bis Magdeburg nur zu dritt. Da das Milchglasfenster oben einen schmalen Streifen aus durchsichtigem Glas enthielt, konnte man beim Stehen sogar hinausschauen, Obwohl die Landschaft eintönig ist, bereitete es mir nach den zweieinhalb Monaten, während welcher meinen Augen nur der Anblick von Dächern und Höfen des Zuchthauses beschieden war, doch einen großen Ge- nuß, wieder einmal die freie Landschaft an mir vorübergleiten zu lassen, obwohl sie in dieser vorwinterlichen Zeit so trist als möglich wirkte. In Magdeburg wurden weitere Häftlinge zu uns hereinge- pfercht, man konnte sich kaum mehr rühren. Um sieben Uhr sollten wir in Leipzig sein, doch verzögerte sich eines Fliegerangriffes wegen die Abfahrt in Halle bis elf Uhr nachts. Unser -\Proviant war längst aufgezehrt und der nagende Hunger verursachte, verbunden mit der Übermüdung und der schlechten Luft, die wir ein- atmen mußten, ein steigendes Unbehagen. Um zwei Uhr nachts er- reichten wir Leipzig, wo wir zuerst schlotternd vor Kälte und schwach vor Hunger, endlos in der offenen Bahnhofshalle stehen mußten, bis wir in eine Baracke inmitten der Stadt eingeliefert wurden. Natürlich s 9] bekamen wir nichts mehr zu essen, sondern mußten auf das mehr als karge Frühstück warten, das aus einer dünnen Scheibe Brot und dem berüchtigten Negerschweiß, genannt Kaffee, bestand. Die Baracke besaß einen Mittelgang, von dem links und rechts kleine Räume abzweigten, die nichts enthielten als je eine Sitzbank an den Längsseiten. In jedes dieser Löcher wurden etwa fünfundzwanzig Leute hineingesteckt, die sitzenderweise auf den Bänken gerade Platz hatten. Die Nacht mußten wir ohne Decken oder Matratzen, am blanken Fuß- boden liegend, verbringen. Da jedoch der Raum so schmal war, daß immer nur zwölf Leute nebeneinander schlafen konnten, mußten wir uns so ineinanderschachteln, daß die eine Hälfte mit den Köpfen an der einen, die andere Hälfte an der anderen Längsseite sich aus- streckte, während wir die Füße übereinander legten. Ursprünglich soll- ten wir nur einen Tag bleiben, doch wurde zuletzt eine ganze Woche daraus. Die Wachtmeister waren so brutal und roh wie sonst nirgends und traktierten die Gefangenen bei kleinsten Verstößen, so, wenn etwa einer beim täglichen Verlesenwerden seinen Namen nicht gleich verstand, mit Ohrfeigen und Rippenstößen. Die Verpflegsrationen waren wie in allen Durchgangsgefängnissen minimal; da dort eine Kontrolle wegen der täglich sich ändernden Belegzahl nicht möglich war, fraßen die Wachtmeister das alles selbst und sahen dement- sprechend auch dick und wohlgenährt aus. Meine einzige Stütze in jenen Wochen war ein alter Pfarrer aus Zell in Kärnten, namens Alois Vauti, der wegen angeblicher Begünstigung eines Deserteurs vom Volksgerichtshof zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt worden war, und sich gleich mir auf dem Weg nach Strau- bing befand. Er kam aus Berlin, durfte seine Zivilkleider tragen und, da er zwei Unterjacken und zwei Mäntel bei sich hatte, lieh er mir von beiden ein Stück aus, so daß ich in der großen Kälte weniger stark zu frieren brauchte. Wir hielten uns ständig zusammen und deckten uns abends mit diesen Kleidungsstücken gemeinsam zu. Die ruhige, freundliche Ergebenheit, mit der er sein Los als eine ihm auferlegte Läuterung trug, erleichterte mir mein eigenes Schicksal. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Die Wahrheit dieses Sprichwortes konnte ich wieder en ze, einmal erproben. Er war von schlichtem, einfachem Gemüt, dabei an- ständig und vornehm in seiner moralischen Haltung. Seit meiner Be- kanntschaft mit dem Kunstmaler Geyr bin ich im Zuchthaus eigentlich niemand so nahe gekommen wie ihm. Wer weiß, ob ich den Transport ohne seine Anwesenheit überhaupt so gut überstanden hätte, schon allein der Kälte wegen, die ich im dünnen Zuchthausgewand ohne’ Strümpfe, sonst vielleicht gar nicht ausgehalten hätte. So wird einem in der äußersten'Not doch meistens eine Hilfe zuteil!\ Die beiden letzten Tage befanden wir uns als die einzigen Deutschen j unter lauter russischen Soldaten; ein Offizier war dabei, der gute Ordnung bewahrte, am Abend Lieder anstimmte oder lange Vorträge hielt, von denen wir allerdings nichts verstanden. Beim Schlafengehen sorgte er dafür, daß sich jeder ohne Streit an die richtige Stelle legte, so daß wir uns eigentlich in ihrer Gesellschaft wohler befanden als unter unseren Ländsleuten, die dauernd Krach anfingen, weil jeder den bequemsten Platz haben wollte. Am Dienstag, den 19. Dezember, wurden wir endlich wieder zum Bahn- hof geführt. Um sieben Uhr früh verließ der Zug die Halle. Wieder einmal fuhren wir tüchtig im Kreis herum, von Leipzig über Meißen nach Dresden und von da über Chemnitz nach Plauen; es war ein milder, sonniger Tag und ich versuchte, durch den Fensterschlitz soviel von der vorübergleitenden Landschaft zu erhaschen, als irgend möglich war. Wiederum gab man uns nur einen knappen Mittagsproviant mit, | obwohl wir bis zwei Uhr nachts unterwegs waren. In Plauen mußten wir hungernd und frierend, nahe der Erschöpfung, mit den Händen aneinandergefesselt, etwa eine halbe Stunde laufen, bis wir das in der Mitte der Stadt gelegene Rathausgebäude erreichten, wo man uns im Keller in einen waschküchenartigen Raum verwies, in welchem wir, am Boden sitzend, den Rest der Nacht verbringen mußten. Wenigstens hielt man uns dort nicht lange zurück. Morgens zehn Uhr fuhren wir mit einem gewöhnlichen Postzug nach Hof weiter. Da wir diesmal einen normalen Personenwagen benutzten, konnten wir die Aussicht in vollen Zügen genießen. Die eineinhalb Stunden, die wir brauchten, um quer durch den verschneiten Thüringer Wald nach Hof zu gelan- 93 ee ee at gen, stellten den ersten Lichtpunkt auf diesem Transport dar. Der Schnee glitzerte auf den Ästen der Tannen und die Sonne warf helle Strahlen ins Abteil. Es war indessen nur ein kurzes Vergnügen. In Hof nahm uns die SS in Empfang, die es besonders gut meinte, und uns an beiden Händen fesselte, mit jeder Hand an den danebengehenden Kameraden. Aber- mals kamen wir in eine Baracke, ähnlich derjenigen von Leipzig, nur, daß in den einzelnen Räumen hölzerne, schräg nach aufwärts gerich- tete Gestelle angebracht waren, auf denen man immerhin etwas besser und weniger der Zugluft ausgesetzt liegen konnte, als am flachen Fußboden. Unsere Hoffnung, am nächsten Tag weiterbefördert zu werden, erwies sich indessen als trügerisch. Eine volle Woche wurden wir zurückgehalten. Wir hatten alle erwartet, zu Weihnachten in Straubing zu sein, schon um an den erhöhten Festtagsrationen, die an jenen Tagen in den Zuchthäusern gereicht werden, teilzunehmen. Aber zu unserer größten Enttäuschung mußten wir den Heiligen Abend in dieser jämmerlichen Baracke verbringen und die SS-Leute ließen uns ihre Verachtung für das christliche Fest deutlich spüren, indem sie uns an den Feiertagen noch weniger zu essen gaben als sonst. Während unseres Aufenthalts in Hof hatte es sich herausgestellt, daß zwölf aus der Gruppe nach Straubing kommen sollten. Einer davon war bereits dort gewesen und. sprach sich über die dortigen Verhält- nisse im allgemeinen lobend aus. Unsere Sehnsucht, endlich einmal an Ort und Stelle zu gelangen, stieg daher ins Ungemessene. Merk- würdig, daß man sich auch nach einem Zuchthaus sehnen kann! Das interessanteste Mitglied unserer Schar war ein-junger Halbrusse, der mich von Anfang an aufs Korn genommen hatte. Er war ein über- zeugter Kommunist und hielt uns zuweilen propagandistische Vor- träge, mit einer leidenschaftlichen, aber kalten und schneidenden Stimme. Er zählte kaum fünfundzwanzig Jahre, hatte aber bereits ein bewegtes Schicksal hinter sich. Als der Sohn einer Sudetendeutschen mit einem kriegsgefangenen Russen konnte er es, nachdem seine Mut- ter eine zweite Ehe geschlossen hatte, zuhause in Falkenberg nicht mehr aushalten und brannte als fünfzehnjähriges Bürschchen durch, 94 m. TEE mit dem Ziele Rußland, das er, der sich ganz als Slave fühlte, inbrün- stig liebte. Über Ungarn und Rumänien schlug er sich tatsächlich in das Land seiner Sehnsucht durch, ruderte mit einem Boot des Nachts heimlich über den Dnjepr und stellte sich drüben der Sowjetischen Folizei. Diese erkannte rasch seine geistige Regsamkeit, erzog ihn auf Staatskosten zum politischen Propagandisten und teilte ihn später als Spion der Mannschaft eines russischen Handelsdampfers zu. Damit be- gann seine schöne Zeit, er kam weit in der Welt herum, lernte das ganze Mittelmeer und schließlich auch die Hafenstädte der Nordsee kennen. Im Zusammenhang mit seiner politischen Tätigkeit wurde er in einer deutschen Hafenstadt verhaftet und einige Jahre eingesperrt; doch konnte man ihm scheinbar nichts besonders Belastendes nach- weisen, jedenfalls wurde er, da man ihn für einen deutschen Staats- bürger hielt, während des Krieges auf freien Fuß gesetzt. Mittellos, wie er war, blieb ihm nichts anderes übrig, als zu seiner Mutter zu- rückzukehren. Als Fanatiker seiner Idee konnte er es natürlich nicht unterlassen, sein bisheriges Leben fortzusetzen. Infolge seines lebhaften und Sehr beweglichen Geistes fand er rasch Zugang zu oppositionellen Kreisen aus allen Lagern, auch aus solchen der Intelligenz und seinen Erzäh- lungen zufolge haben sich auch höhere geistliche Herren gern mit ihm unterhalten. Seinen Angehörigen, kleinen spießbürgerlichen Leuten, scheint dies aber mißfallen zu haben. Seine Mutter machte ihm wieder- holt Vorwürfe wegen seiner nächtlichen Zusammenkünfte und anderer ‚ Dinge und brachte es schließlich"zustande, den eigenen Sohn bei der Polizei anzuzeigen. Abermals kam bei den Verhören nichts Wesent- liches heraus. Man schenkte der angeberischen Mutter keinen unbe- dingten Glauben’ und alles, was schließlich die Verhandlung erbrachte, war, die Unterstützung russischer Gefangenen, ein Delikt, weswegen er zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Mich interessierte bei ihm weniger der Politiker als der Mensch. Die trüben Lebenserfahrungen hatten sein Herz frühzeitig verhärtet und doch steckte in ihm ein Hunger nach menschlicher Lebenswärme, die er beständig niederzuknüppeln versuchte. Er mimte den eiskalten In- 95 tellektuellen, den er auch nach außen durch das Tragen einer dicken Hornbrille betonte, ohne es in Wahrheit ganz zu sein. Es war ihm ein gewisser Blick zu eigen, die Menschen nach ihrer Zugehörigkeit zu einer Klasse, vielleicht sogar zu einem geistigen Lebensstand ein- zuschätzen. An einer tieferen Menschenkenntnis verhinderte ihn jedoch sein Hang zu schematisieren. Gleich am zweiten Tage unseres Bei- sammenseins trat er auf mich zu und sagte im Ton einer übertriebenen Selbstsicherheit:„Du interessierst mich, du schaust intelligenter aus wie die anderen, allerdings wie ein Kapitalist, aber ich möchte trotz- dem mit dir reden!“ Die etwas aggressive Art, mit der er meine Be- kanntschaft machte, bildete den Ausgangspunkt zu langen Gesprächen, die sich besonders auf Fragen der Religion und der Geisteswissen- schaften im allgemeinen erstreckten. Er besaß einen ausgesprochenen Bildungshunger, aber weniger um der Sache selbst willen, als um das Erlernte seinen politischen Zwecken nutzbar zu machen. Ich war etwas enttäuscht über das hohe Maß an dogmatischer Erstarrtheit, die er- schreckend zum Durchbruch kam. Ich hatte mir die kommunistische Jugend viel aufgeschlossener und geistig beweglicher vorgestellt. Er aber bestand auf seinen antiquierten Theorien und irgendwie schien er mir dem Typus des nationalsozifistischen Jugendführers recht peinlich verwandt zu sein, nur daß die Vorzeichen eben andere und die Schulung des Intellekts etwas größer war. Die Debatten hatten für mich wenig Reiz; da er geringe Kenntnisse besaß, konnte ich ihn leicht abführen ohne ihn allerdings zu überzeu- gen. Doch kam es mir auch gar nicht in erster Linie darauf an, als vielmehr, ihn grundsätzlich vom Glauben an die allein seligmachende Theorie abzubringen, um ihm dafür eine größere Ehrfurcht vor dem menschlichen Herzen einzupflanzen, das doch letzten Endes allein Be- stand habe. Er war noch zu jung, um das zu begreifen, auch war die Zeit unseres Beisammenseins viel zu kurz, als daß es mir hätte gelin- gen können, den Eispanzer über seiner Seele zum Schmelzen zu brin- gen. Einigen Eindruck scheint ihm meine ihm ungewohnte Betrach- tungsweise der Dinge aber doch gemacht zu haben, denn er bezeigte mir seine Sympathie in überraschender Weise. Als mich später in 96 Nürnberg in unserer eiskalten halbzerstörten Zelle ein Schüttelfrost befiel, da setzte er sich mit ausgespreizten Beinen an die Wand, be- fahl mir mit harter, scheinbar ganz ungerührter Stimme, mich vor ihn hinzulegen und einen anderen Kameraden veranlaßte er, sich als Dritter davor zu setzten. Dann umschlang er mich mit seinen Armen, so daß ich zwischen den zwei warmen Körpern fast wie in einem Ofenwinkel lag und mir richtig wohl wurde. So hielt er es den ganzen Nachmittag aus, bis ich den Anfall tatsächlich überstanden hatte. Als ich ihm aber später eine Andeutung machte, daß er mir durch sein Verhalten in der Praxis doch innerlich recht gegeben habe, da wollte er das nicht wahr haben und versuchte sein Verhalten eher als eine Schwäche hinzustellen. Er ist mir später leider ganz entschwunden, in Straubing wurden wir alle auseinandergerissen, und ich konnte ihm nur hier und da beim Hofgang einen flüchtigen Gruß zunicken, sogar seinen Namen habe ich vergessen! In Hof bekamen wir abwechselnd eine dünne Suppe mit Gersten- graupen oder Kartoffeln in kleinen Blechschüsseln und waren vor Hunger schon erheblich geschwächt, als wir am zweiten Feiertag den schrecklichen Ort verließen. Den Heiligen Abend hatte ich in Gedanken an die schönen Jahre meiner Jugend verbracht, während welcher ich das Fest im engsten Kreis mit meiner Mutter, der Tante Klara und dem alten Preen still und zufrieden verbracht hatte. Die warme Menschlich- keit des Pfarrers Vauti, der neben mir saß, bot mir einigen Halt. Unsere sichere Erwartung, nun doch auf dem kürzesten Weg nach Straubing zu kommen, wurde indessen wiederum nicht erfüllt. In Schwandorf verließen wir den direkten Zug, mußten alle umsteigen und fuhren in entgegengesetzter Richtung nach Nürnberg. Wenigstens die Fahrt als solche war diesmal angenehm. Wir saßen im reservierten Personenwagen, hatten genügend Platz und die Landschaft im Lichte der klaren Wintersonne zeigte sich von ihrer schönsten Seite. Die Strecke ist reich an romantischen Partien, alten burggekrönten Städt- chen, gewundenen Felstälern und anderen erfreulichen Augenweiden, die man doppelt genießt, wenn man über ein Jahr lang nichts Derar- tiges sehen konnte. 7. Kriss: Im Zeichen des Ungeistes 97 In Nürnberg wurden wir zuerst in einer Baracke im Hof des Polizei- gebäudes einquartiert. Sie bestand aus einem größeren hallenartigen Raum, in dem bei unserer Ankunft ungefähr eine Temperatur von fünf Grad unter Null herrschte. Doch standen in ihr zwei kleine eiserne Öfen, die wir beheizen durften. Wir scharten uns in zwei Gruppen von etwa fünfundzwanzig Personen darum und nach einigen Stunden war die Temperatur in der Nähe der Öfen erträglich. Am Abend erhielten wir warme Suppe und mehrere Scheiben Brot, die Sache schien sich etwas erfreulicher anzulassen. Leider entsprach der weitere Verlauf der Nürnberger Tage durchaus nicht unseren Erwar- tungen. Schon am folgenden Morgen wurden wir, wie sich später her- ausstellen sollte, allerdings zu unserem Glück, ins Hauptgebäude um- quartiert, wo am Dachboden zwei Noträume für Gefangene eingerich- tet waren, die durch eine Längswand, die dem Dachfirst entlanglief, von einander getrennt wurden. Der eine davon wurde uns, deren Zahl sich inzwischen auf cirka 60 Mann erhöht hatte, zugewiesen. Die Dach- kammer war lang und schmal, doch konnte man nur an der Mauer- seite stehen, da dies im übrigen Raum wegen des schräg abfallenden Daches nicht möglich war. Es wurde den ganzen Tag über nicht richtig hell, da das Licht nur durch einige Dachluken hereindrang. Die Kälte war besonders des Nachts empfindlich und in unserem ausgehungerten Zustand litten wir noch mehr darunter. Am Vormittag wurde wohl für einige Stunden eine provisorische Dampfheizung eingeschaltet, doch reichte sie kaum aus, um wenigstens eine überschlagene Tempera- tur zu erzielen. Der Abtransport verzögerte sich von einem Tag zum andern. Es blieb uns vorbehalten, auch noch die. Neujahrs- nacht auf dem Dachboden des Nürnberger Polizeigebäudes zu ver- bringen.: Als Entschädigung machte ich einige interessante Bekanntschaften. Wir waren mit einer Gruppe von Luxemburgern zusammengesperrt wor- den, die als politisch verdächtig nach Dachau transportiert werden sollten. Unter ihnen befand sich ein Rechtsanwalt, der sich mir als der Bruder des ehemaligen luxemburgischen Ministerpräsidenten vorstell- te. Ein lebhafter, feingebildeter Mann, der über vielseitige Beziehun- 98 | gen verfügte. Er schloß sich etwas enger an mich und wußte mir in- teressante Dinge zu erzählen, vom luxemburgischen Herrscherhaus, von seiner Freundschaft mit der österreichischen Exkaiserin Zita und deren Sohn Otto, der sich einige Zeit in einem luxemburgischen Klo- ster aufgehalten hatte, und natürlich auch von den jüngsten politischen Ereignissen. Er nahm unter seinen Leuten entschieden eine führende Stellung ein, hielt sie mit seinem unverwüstlichen Temperament hoch und wenn gar nichts anderes half, dann marschierte er mit ihnen, wie namentlich einige Tage später in der berüchtigten Turnhalle im Kreis herum und intonierte alte französische Volkslieder. Am dritten Januar sollten wir endlich nach Straubing abgehen. Es kam indessen ganz anders. Am Abend des zweiten Januar wurde Nürnberg das Opfer eines entsetzlichen Fliegerangriffes. Um sieben Uhr heulten die Sirenen und wenige Minuten nachher brausten die schweren Flug- zeuge unmittelbar über unseren Häuptern hinweg. Noch ehe wir uns aus unserer schlafenden Stellung aufrichten konnten, fielen klirrend die Glasscherben in den Raum. Mit ohrenbetäubendem Krach explo- dierte eine Sprengbombe unmittelbar neben uns im Hof des Polizei- gebäudes, und die’ dort stehende Baracke ging in wenigen Minuten in Flammen auf. Was wir zuerst bedauert hatten, unsere Versetzung ins Hauptgebäude, erwies sich nun als ein Glück, denn sicher wären nur wenige lebend den Flammen entkommen. Doch blieb uns keine Zeit, darüber nachzudenken, denn schon fielen die Brandbomben auch auf das Hauptgebäude herab. Den im Keller versammelten Beamten fiel es natürlich nicht ein, sich um uns zu kümmern. Mit‘dem Mut der Verzweiflung rissen wir einige Eisenstangen irgendwo los und der angstbefeuerten Kraft der Stärksten unter uns gelang es, die schwere eiserne Tür aufzubrechen, worauf wir, während das Haus in allen Fugen zitterte, schleunigst in den Keller hinuntereilten. Die Polizisten schnitten dumme Gesichter, als wir mit einemmal vor ihren erstaun- ten Augen erschienen. Doch es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich mit der Tatsache abzufinden. Das einzige, was sie unternahmen war, daß sie einen Kellerraum für uns freimachten und uns hinein- sperrten. Wir waren, da sich auch aus den anderen Zellen die Häft- 99 linge befreit hatten, so viele, daß wir kaum Platz hatten, nebenein- ander zu stehen. Es war ungefähr so, wie auf der Plattform einer überfüllten Straßenbahn. Nach Schluß des Angriffes gingen die Beamten daran, den Brand zu löschen, soweit es noch möglich war. Es gelang ihnen dies nur in un- serem Gebäudeteil, während die übrigen Trakte vollkommen aus- brannten. Gegen Morgen, alsı alles vorüber war, wurden wir auf die restlichen noch benutzbaren Zellen des ersten Stockwerkes verteilt. Es waren dies kleinere, für etwa fünf Leute gedachte Räume, in die wir nun zu zwanzig bis fünfundzwanzig hineingestopft wurden. Die Fenster waren zerbrochen und die eiskalte Winterluft blies ungehin- dert herein. Da unser so viele waren, hatten wir kaum die Möglich- keit der Bewegung, auch das Schlafen in der Nacht war eine proble- matische Ängelegenheit, da nicht alle liegen konnten und stets einige sitzend mit angezogenen Beinen an der Wand lehnen mußten. Auch die Küche war getroffen worden, so daß wir Vor- und Nachmittag kein warmes Essen mehr bekamen, sondern uns mit Brot und kalten Kartoffeln begnügen mußten. Sogar der morgendliche Negerschweiß, der in Kübeln von wo anders her gefahren werden mußte, war nahezu kalt bis er zum Ausschank kam. Erst nach vollen drei Tagen, am sechsten Januar, als der Befehl kam, daß das Gebäude wegen Ein- sturzgefahr geräumt werden müsse, ergab sich für die Wachorgane die Notwendigkeit, sich nach einer anderen Unterbringungsmösglich- keit für uns umzusehen. Man fand sie in der schon genannten Turnhalle am Westende der Stadt. Sie war sehr groß, etwa dreißig mal fünfzig Meter, natürlich eiskalt, bot aber wenigstens Gelegenheit, sich durch Bewegung zu er- wärmen. In zwei Ecken befanden sich kleine eiserne Öfen, für deren Heizung uns etwas Brennmaterial zu Verfügung gestellt wurde. Der Saal war viel zu groß, als daß man ihn hätte erwärmen können, nur in unmittelbarer Nähe des Ofens verspürte man etwas von der Hitze. Wir richteten einen Turnus ein, wonach sich in Abständen immer wieder etwa zwanzig Mann eine Stunde wärmen konnten. Unsere Zahl hatte sich inzwischen auf eiwa hundert Personen erhöht. 100 TREEEÄTTERETER FIT ENT Es ging mir in jenen Tagen ziemlich schlecht. Ich hatte, vermutlich durch die Unterernährung, zwei Abszesse an der Hand bekommen, wovon besonders einer, im inneren Gelenk des Mittelfingers, erheb- liche Ausmaße annahm und tobende Schmerzen verursachte. Auf Grund meiner fortgesetzten Bitten erreichte ich es endlich nach fünf„ Tagen, daß ich einem Arzt vorgeführt wurde, der ihn öffnete und ver- band. Wenigstens hatte ich nun keine Schmerzen mehr, obwohl die Heilung noch Wochen in Anspruch nahm. Die Verpflegung, die von der Stadt herausgebracht wurde, traf un- r regelmäßig ein und war äußerst gering. Wir bildeten uns nachgerade A zu Hungerkünstlern aus. Der Abtransport verzögerte sich von einem Tag zum andern, da der Bahnverkehr infolge des verheerenden An- griffs lahmgelegt war. Am Dienstag, den neunten, gingen von der Station Dutzenteich endlich wieder Züge in Richtung Passau ab. Wir wurden eineinhalb Stunden lang quer durch die ganze Stadt ge->\ schleppt. Der Eindruck der Verwüstung war niederdrückend, fast kein Haus war unversehrt. Dazu fror es uns an den gefesselten Händen und mich noch obendrein an den bloßen Beinen, da ich ja keine Strümpfe besaß und der Wind durch die weiten langen Hosen herauf- u blies. An der bewußten Vorortsstation stand ein Zug aus lauter ur- alten Eisenbahnwaggons bereit, der sich nach einer Wartezeit von weiteren zwei Stunden endlich in Bewegung setzte. Abends neun Uhr trafen wir hungrig, durchfroren und ziemlich er- schöpft in Straubing ein, das uns, den hoch gespannten Erwartungen zum Trotz, einen recht enttäuschenden Empfang bereitete. Für mich persönlich allerdings wandten sich die Dinge nach einigen Tagen zum A Besseren, so daß ich rückblickend sagen kann: Die vier Wochen, wäh- rend welcher ich am Transport war, blieben recht eigentlich das Schlimmste, was mir während meiner gesamten Haftzeit zu ertragen aufgesetzt war. u [2 [3 Y NEUNTES KAPITEL Trotz der vorgerückten, Stunde bestand Polizei-Inspektor Dott, ein berüchtigter Nazispitzel und wie ich später erfuhr, die bei Beamten und Gefangenen gefürchtetste Persönlichkeit des Zuchthauses, auf einer sofortigen Durchführung der Ankunftsformalitäten. Erst muß- ten wir sein Anmeldebüro passieren, wobei wir frierend auf dem un- geheizten Gang warten mußten, bis wir an die Reihe kamen, und die Politischen unter uns nachher bei der Aufnahme der Personalien noch eigens auf die besondere Verwerflichkeit ihres Tuns aufmerksam ge- macht wurden. Dann wurden wir in das mittlere Rondell des Haupt- baues geführt, von dem strahlenförmig die vier Unterabteilungen aus- gingen. Hier herrschte abermals eine grimmige Kälte, wie ich denn gleich zu Anfang feststellen mußte, daß das Zuchthaus, mit Ausnahme der Beamten-Büros, so gut wie gar picht geheizt wurde. Das erste, was uns nun widerfuhr, war, daß wir alle kahl geschoren wurden. Ich empfand dies nicht nur wegen der darin zum Ausdruck kommenden Entwürdigung und des schauderhaften Aussehens, das man dadurch erhielt, sondern auch wegen des Frierens am Schädel als äußerst un- angenehm. Dann kamen wir ins Bad, wo wir unter einer warmen Brause den Körper reinigen mußten. An sich eine Annehmlichkeit, die aber dadurch um ihre Wirkung gebracht wurde, daß wir unmittelbar danach, kaum trocken und nur dürftig bekleidet, wiederum auf den kalten Gang geführt wurden, wo wir die alten Gewänder ablegen und die neuen Anstaltskleider anziehen mußten, was bei dem üblichen Amtsschimmel mit längerem Herumstehen verknüpft war. Daß ich bei dieser Prozedur nicht schwer erkrankte, ist wirklich ein Wunder. Zuletzt wurden wir auf die zu ebener Erde befindlichen Transport- zellen aufgeteilt, wo wir uns in der Finsternis, so gut wie es ging, zurechtzufinden versuchten. 102 dr> SE 152 " \ FE SHOWTRIT TFT BR Be Zum ersten Mal nach vier Wochen hatten wir wiederum Decken und ein Bett. Wenigstens das empfanden wir als eine Verbesserung in unserer Situation. Der folgende Tag verstrich nochmals zur Gänze mit der Abwicklung der Aufnahme-Formalitäten. Unter anderem kamen wir zum Arzt, hauptsächlich um gewogen zu werden. Dabei stellte sich heraus, daß ich während des Transports achtzehn Kilo verloren hatte, von fünfundsiebzig war ich auf siebenundfünfzig heruntergekommen, ein ganz respektables Ergebnis! Später wurden wir dem Leiter der Anstalt, Regierungsrat Badum vorgestellt, der den Neuankömmlingen ihren Arbeitsplatz zuwies. Ich merkte aus der Art seiner Fragestel- lung sofort, daß er mir wohlwollte und mit innerer Achtung entgegen- kam. Das gab mir den Mut, ihn unter Hinweis darauf, daß ich schon in Neudeck das Amt eines Bibliothekars innegehabt hatte, darum zu bitten, daß er mich auch in Straubing der Bücherei zuteilen möge. Er erwiderte, dieser Posten sei schon vergeben, doch habe er mir einen passenden Platz in der Zeichenabteilung zugedacht, man könne aber später immer noch sehen! Ich gab mich zufrieden und bedankte mich für seine Freundlichkeit. Nun:wurde ich in meine endgültige Zelle im ersten Stock auf Abteilung D geführt. Es war Gott sei Dank eine Ein- zelzelle und auch die genannte Abteilung erwies sich als günstig, weil der D-Gang der kürzeste war, was, wie ich bald merkte, sich auf das soge- nannte Nachfassen der Kost vorteilhaft auswirkte, insofern man bei der Aufteilung der in den Kübeln übrigbleibenden Reste öfter an die Reihe kam. Nach dem Mittagessen holte mich der Wachtmeister, um mich auf den neuen Arbeitsplatz zu führen. Wie erstaunte ich aber, als er nicht den Zeichensaal, sondern die Tür zur Bücherei öffnete und mir in kurzen Worten mitteilte, hier sei nun mein künftiger Posten und die beiden anderen Bibliothekare würden mich schon in allem unterweisen. Der Direktor hatte sich, wie ich hinterher erfuhr, im letzten Moment, anders entschlossen, einen weniger beliebten Herrn eigens herausge- worfen, um mich an dessen Stelle zu setzen. Ich war sehr zufrieden, mich so unerwartet am Ziel meiner Wünsche zu sehen und betrachtete die erfreuliche Wendung als ein glückliches Omen für die Zukunft. 103 Die Bibliothek war ein großer Raum, der aus vier, durch die Bücher- schränke getrennten, Abteilungen bestand. In der letzten davon arbei- tete der Buchbinder, der ein von uns Bibliothekaren ziemlich getrenn- tes Dasein führte. Die vier großen Fenster aus durchsichtigem Glas gingen, wie ich sofort mit Vergnügen feststellte, nach Süden. Ich würde also auch die Sonne sehen und für den Fall sich meine Anwesenheit noch bis ins Frühjahr erstrecken sollte, auch spüren können! Meine zukünftigen Kameraden empfingen mich sehr freundlich und ent- gegenkommend, konnten sich nur nicht genug wundern über mein Glück, gleich auf Anhieb einen so bevorzugten Posten erhälten zu haben. Sie waren gleichfalls aus politischen Gründen inhaftiert und gehörten den sogenannten gehobeneren Ständen an. Willy Klaes, mit dem ich mich ob seines unerschütterlichen Gleichmutes und nicht um- zubringenden Humors besonders gut verstand, stammte aus der Hotel- Branche und war gebürtiger Rheinländer. Herr Lipp, der wegen seiner Gewalttätigkeit schwieriger zu behandeln’ war, zog schon deshalb, weil er mit meinem Vorgänger dauernd Streit gehabt hatte, mir gegenüber gleichfalls versöhnliche Saiten auf. Sie verbanden mir meine Ab- szesse, sorgten, daß ich gute Kleider und Wäsche bekam, kurzum das Glück war mir wieder einmal hold gewesen. Der Betrieb war viel genauer wie seinerzeit in Neudeck. Es gab für jedes Buch und jeden Gefangenen eine Karte, auf die die Bücheraus- und-rückgabe genau eingetragen werden mußte. Es wurde dies im wesentlichen mein Amt, während die beiden anderen in erster Linie die Auswahl der Bücher selbst, deren Einordnung und Kontrolle be- sorgten. Jeden Tag kam eine andere Abteilung daran und da die Gefangenen auch Wunschzettel schreiben durften, hatten wir ziemlich Arbeit mit der richtigen Zusämmenstellung. Am Freitag war Beamten- und-am Samstag Reinigungstag. Am Wochenende hatten wir es also ziemlich bequem, aber auch an den vier ersten Wochentagen nahm die Arbeit nicht viel mehr als etwa sechs Stunden in Anspruch, in der übrigen Zeit konnten wir lesen oder uns sonstwie unterhalten, ohne uns allerdings dabei erwischen lassen zu dürfen. Da wir jedoch nur zeitweise unter Aufsicht standen und die Beamten bestimmte Stunden 104 einhielten, waren wir stets längere Zeit, vor allem zwischen ein und drei Uhr und nach fünf Uhr ziemlich ungestört. Wir hatten überhaupt | nur mit zwei Herren zu tun, die stets die gleichen blieben, dem auf- sichtsführenden Wachtmeister und dem Leiter der Bücherei, Amt- mann Ö. Beide schlugen einen mehr kameradschaftlichen Ton an, be- sonders der Herr Amtmann, der zwar schon stark senil war, jedoch aus seiner antinazistischen Einstellung kein Hehl machte und uns stets über die politischen Ereignisse am Laufenden hielt. Ich merkte deutlich, daß ich nun wieder im Lande Bayern war. So ungezwungen wie in Neudeck wurde der Verkehr allerdings nie, dazu war die Furcht der Beamten vor dem Nazi-Inspektor viel zu groß! An ein Herein- schmuggeln von Briefen und Lebensmitteln war nicht zu denken und da auch der versprochene Besuch des Rechtanwalts wegen der Ver- kehrsschwierigkeiten ausfiel, blieb ich von Dezember ab bis zu meiner Befreiung im Mai ohne jegliche Nachricht von daheim. Sogar Amt- mann Ö. war trotz seines offenkundigen Phlegmas durch seine lang- jährige Zuchthaustätigkeit schon so abgestumpft, daß ihm jedes Ein- fühlungsvermögen mangelte. Er brachte es fertig, uns zu erzählen, wie gut"er täglich zuhause speise; obwohl er wußte, daß uns vor Hunger i der Magen krachte, fand er es durchaus am Platz, uns von gebratenen Gänsen vorzuschwärmen oder von den zusätzlichen Pfannkuchen, die er sich außer seinen häuslichen Mahlzeiten in der Zuchthausküche auf unsere Kosten bereiten ließ. Als besonderes Zeichen seiner Mildtätig- keit brachte er uns, nachdem wir einmal zwei Stunden lang sein priva- tes Mobiliar von seiner Wohnung in den Amtsraum hatten schleppen müssen, eine einzige Scheibe Brot, die er in drei Teile teilte und dann jedem von uns einen Bissen in den Mund schob. Dabei stand das Brot am Beamitentisch zur freien Entnahme bereit! Dennoch hielt er sich für einen idealen Beamten und versicherte uns immer wieder, er habe alle Gefangenen stets so gut behandelt, daß er beim kommenden Um- sturz nichts zu fürchten habe! Immerhin waren die Verhältnisse in Straubing noch golden im Ver- gleich zu denjenigen in Preußen, wenigstens in der ersten Zeit! Schlimm wurde es erst, als am 7. Februar die Heizung gänzlich einge- 105 N ee stellt und die Rationen von Woche zu Woche noch mehr gekürzt wur- den. In der Bücherei sank die Temperatur auf drei Grad, es war fast nicht mehr. auszuhalten und manchmal war ich vo? Kälte nahe am Weinen. Wir mußten ja täglich um fünf Uhr aufstehen, um sechs Uhr zur Arbeit antreten, die mit einer Stunde Mittagspause bis abends halb sieben Uhr währte. Mit steifen Fingern saßen wir an unseren Schreibtischen und konnten kaum die Zahlen auf die Karteikarten schreiben. Zwischendurch mußte man immer wieder aufspringen, um sich durch Hin- und Herlaufen oder Übereinanderschlagen der Arme einigermaßen zu erwärmen. Dies hatte’aber auf der anderen Seite den Nachteil, daß die erhöhte Bewegung vermehrten Hunger verursachte und man sich stets wieder überlegte, ob es nicht doch besser sei, ZU- sammengekauert auf seinem Stuhl hocken zu bleiben. Auc in der Zelle war es kaum besser. Vielleicht, daß die Temperatur noch um zwei oder drei Grade höher war, und der Wind weniger hereinblies als durch die notdürftig mit Pappendeckel vermachten Scheiben der zerbrochenen Bibliothekfenster, aber wirklich erwärmen konnte man sich dort natürlich ebenso wenig. Nur im Bett fühlte man sich für Stunden einigermaßen wohl. Wir mußten uns zwar, um einigermaßen warm zu. werden, halb angezogen und ein Taschentuch um den Kopf gebunden, auf die Pritsche legen. Aber immerhin, wenn wir uns nach der Abendkost um einhalb acht Uhr niederlegten, so stellte sich gegen zehn Uhr doch endlich das Gefühl einer gewissen Behaglichkeit ein. Wie schon in Brandenburg, so bildeten auch hier wiederum die Nächte meine einzige Kraftquelle, während derer mich im Wachen wie im Schlaf das holde Spiel der Gedanken und Träume umfing, die ich im» äußersten Kontrast zu der Öde meiner Tage stark bildhaft schaute und mit einer fast körperlich empfundenen Spannung erlebte. Als Folge der Unterernährung bekam ich dauernd Abszesse, besonders am Hals und an den Händen, und der Zuchthausarzt hatte als Ange- höriger der SS reichlich wenig Interesse, uns zu kurieren. Eine Auf- nahme in die Krankenabteilung konnte man nur in den seltensten Fällen erreichen, da die Belegzahl fünfzig Personen nicht wesentlich überschreiten sollte, was bei. den zwölfhundert Insassen des Hauses \ 106;, und deren schlechtem Gesundheitszustand sehr wenig war. Ich kann mich an einige Fälle erinnern, in denen der Arzt den Patienten als Simulanten die Aufnahme verweigerte und diese dann wenige Tage danach in ihrer Zelle starben. Eine freudige: Überraschung indessen erlebte ich bei meinen wieder- holten Gängen zum Arzt aber doch. Ich traf meinen alten Stadelhei- mer Kameraden Ferdinand Baader, der einen Monat nach mir über den Umweg des Volksgerichtshofes und seiner dort erfolgten Verur- teilung zu zwölf Jahren Zuchthaus, gleichfalls nach Straubing versetzt worden war. Die politische Lage war inzwischen in ein so stürmisches Fahrwasser geraten, daß wir in der allernächsten Zeit mit unserer Be- freiung rechneten. Für diesen Fall hatten wir verabredet, aufeinander zu achten und den Heimweg gemeinsam anzutreten. Mitte März brach sich endlich die Kälte. Das einsetzende Föhnwetter bescherte uns Sonnenschein und warme trockene Luft. Der Vorzug der Bibliothek wurde nun deutlich offenbar; wir öffneten tagsüber die Fenster und das Thermometer kletterte gegen Mittag bis auf zehn Grad hinauf. In den beaufsichtigungsfreien Stunden setzten wir uns nahe ans Fenster und ließen uns von der heißen Sonne anscheinen; allmählich tauten Körper und Geist wiederum auf! In jener Zeit be- kam ich, genau wie im Vorjahr, abermals eine Drüsenschwellung und da sie am Anfang mit hohem Fieber verbunden war, setzte ich meine Aufnahme in die Krankenabteilung durch. Ich kam in einen kleinen Raum, der mit fünf Patienten und einem Hausarbeiter belegt war. Letzterer war ein älterer fränkischer Lehrer, der auch aus politischen Gründen saß und sehr gute Beziehungen zur höheren Geistlichkeit hatte. Er war ein warmherziger, hilfsbereiter Mann, der uns, wenn es irgend anging, kleine Sonderrationen zuschanzte. Auch der Arzt zog etwas menschlichere Saiten auf. Merkwürdigerweise ging meine Hals- geschwulst diesmal von selbst zurück, ohne daß sie geöffnet werden mußte. Zu Beginn der Karwoche ging es mir schon ziemlich gut, aber der Arzt ließ mich trotzdem über die Osterfeiertage im Spital liegen. Das bequeme Bett und die drei Wochen der Ruhe, verbunden mit einer zwar geringen, aber doch etwas besser zubereiteten Kost, habe 107 ich sehr genossen. Da die Fenster der Krankenabteilung gleichfalls nach Süden gingen, konnte ich mich auch, als es mir besser ging, und ich aufstehen durfte, öfters an das Fensterbrett vor die geöffneten Scheiben lehnen und dem bei mir so beliebten Sonnenkult fröh- nen. Unter den anderen Kranken befand sich ein Wiener Oberlehrer, ein sympathischer, verhältnismäßig gut gebildeter Herr und leidenschaft- licher Bergsteiger. Wir vertrugen uns gut und die Zeit flog schnell dahin. Weniger angenehm war die Tatsache, daß man zuweilen Schwer- kranke aus anderen Zellen, in eines der noch freien Betten legte. Zwei sind bei uns gestorben und obwohl man in dieser Umgebung ziemlich abstumpft, so waren die Stunden, bis es endlich so weit war, doch eine starke Belastung. Der Dritte, der aus demselben Grund her- einkam, hat sich wider Erwarten erholt, vielleicht auch deswegen, weil wir uns seiner annahmen und ihn, der schon allen Lebensmut verloren hatte, zum Essen anhielten. Seine Gemütsverfassung hob sich erstaun- lich rasch, und als ich wegkam, war er völlig außer Gefahr. In jenen Tagen überstürzten sich die Ereignisse. Auch in die Abge- schlossenheit unseres Spitals drangen alarmierende Nachrichten. Das bezeichnendste Symptom war, daß täglich neue Gefangenentransporte in Straubing anlangten, die sämtlich aus den evakuierten Zuchthäusern des Westens stammten, wo man sie vor dem rapiden amerikanischen Vormarsch in Sicherheit brachte, obwohl dies eigentlich das genaue Gegenteil von Sicherheit war, denn gerade ihre vorzeitige Befreiung wollte man ja verhindern! Innerhalb von vierzehn Tagen erhöhte sich die für Straubing vorgeschriebene Belegzahl von zwölfhundert In- sassen, auf ca. dreitausend. Die Wachtmeister verloren völlig den Kopf und wußten weder aus noch ein. Zunächst ließ man die Leute in den Gängen liegen und da sie zum Teil völlig erschöpft und ausgehungert eintrafen, stieg die Zahl der Todesfälle beträchtlich. Viele kamen überhaupt nicht mehr in die Krankenabteilung, sondern starben in den Gängen. In der Ruhe des Spitals konnte ich mir von diesen Zuständen kein richtiges Bild machen. Erst nach meiner Gesundung und der am vier- 108 | | | | ten April erfolgten Entlassung gewahrte ich das Ausmaß der Ver- änderung. Die Gänge hatte man inzwischen geräumt und die Neuankömmlinge auf die Zellen derart verteilt, daß man immer vier bis fünf Mann in einen Raum zusammenlegte. Natürlich war es nicht mehr möglich, die. Pritschen herunterzuklappen und es blieb nichts anderes übrig, als# daß sich die Insassen auf Strohsäcken auf den Boden legten und tags- über die Säcke unter dem Fenster aufschlichteten. Auch mir erging es ähnlich. Meine Zelle war belegt worden und man hatte uns drei Bi- bliothekare zusammen mit dem Buchbinder in einer anderen Einzel-’ zelle zusammengelegt. Wenigstens waren wir vier vom alten Stamm vereinigt, was mancherlei Vorteile hatte. Erstens kannten wir uns schon, zweitens durften wir unsere Bettwäsche und Kissen mitnehmen, so daß wir uns doch richtige Betten bauen konnten und drittens, was die Hauptsache war: die beiden Bibliothekare waren Hilfskostträger geworden, was eine erhebliche Aufbesserung unserer Verpflegung be- deutete. Anstelle der nicht mehr ausreichenden Schüsseln hatte man uns Feldgeschirre gegeben, die an sich nur zur Hälfte gefüllt werden sollten. Bei dem allgemeinen Durcheinander jedoch konnten die Wacht- meister die Kostträger nicht mehr so gut überwachen und da wir nun- mehr nicht nur morgens, sondern auch mittags und abends der Ein- fachheit halber aus Kübeln verpflegt wurden, konnten wir die Ge- schirre nicht nur voll, sondern mit den übrig bleibenden Resten häufig auch noch doppelt füllen. Die Kost selbst allerdings war inzwischen noch viel schlechter geworden; die Küchenhauseln hatten keine Zeit mehr, die Kartoffeln zu schälen und zu sortieren und wir bekamen eine undefinierbare Suppe aus halbzerstampften Erdäpfeln, die noch obendrein zum Teil verdorben waren. Das Futter war schlechter wie ein Sautrank. Festere Kost, Kraut oder Quark, wie wir sie früher zuweilen erhielten, war ganz abgeschafft worden. Allein was machte das uns! In unserem ausgehungerten Zustand sahen wir nur mehr auf die Quantität und waren glücklich, daß wir uns wenigstens für den Augenblick sattessen konnten. Eine weitere Verbesserung schufen wir uns selber. In der Buchbinderei befand sich Stärkemehl und ein elek- 109 trischer Kocher zum Binden der Bücher. Da wir bei der allgemeinen Unordnung auf dem Weg von der Zelle zur Bücherei nicht mehr kontrolliert wurden, nahmen wir unsere vollen Eßgeschirre zu Mittag mit uns hinüber in den Arbeitsraum, dickten die dünne Brühe mit Stärke ein, kochten das Ganze nochmals auf und erhielten so ein für unsere Begriffe vorzügliches Mahl. Besonders gern wurde dieses Ver- fahren angewandt, wenn wir zu Mittag, wie so oft, nichts anderes er- hielten, als holziges, sandiges Dörrgemüse, das völlig fettlos im Wasser aufgekocht wurde. Auch im Büchereibetrieb gerieten wir unweigerlich ins Schwimmen. Eine Menge Zeit brauchte ich bloß dazu, um die Karteikarten für die Neuangekommenen herauszuschreiben. Schließlich mußten wir dieses hoffnungslose Beginnen aber doch aufgeben und beschränkten uns darauf, nur unseren alten Stamm wie bisher zu versorgen, während wir in die Zellen der Neuen einfach pro Woche ein Buch hineinlegten und diese von den Hausarbeitern in den einzelnen Gängen austauschen ließen. Im übrigen schlug die allgemeine Erregung schon derartige Wellen, daß ohnedies niemand mehr die innere Ruhe zum Lesen eines Buches fand. Ich wenigstens hatte sie schon längst verloren. Die Russen kamen von Osten und die Amerikaner vom Westen immer näher und es begann ein allgemeines Rätselraten, wer wohl unser Befreier sein würde. Nach der Einnahme von Wien auf der einen, und der von Frankfurt auf der anderen Seite, rechneten wir nur mehr mit Wochen, ja Tagen. Kein Mensch mehr arbeitete etwas und auch die Wachtmeister führten mit uns nur noch politische Gespräche. Wir von der Bibliothek waren gut daran! Besaßen wir doch den großen Andree-Handatlas, auf dem wir den Vormarsch genau verfolgen konn- ten. Stundenlang saßen wir über die Karten gebeugt. Die Spannung: wurde mit der Zeit unerträglich und schnürte einem förmlich die Brust zu. Einige von uns waren pessimistisch und befürchteten, man würde uns noch im letzten Augenblick alle verräumen. Merkwürdiger- weise konnte dieser Gedanke in mir keinen Raum gewinnen. Ich lebte in der Vorfreude meiner Befreiung und fühlte mich meiner Sache völlig sicher! 10 ET er; TEE TOT EEE ZEUGE RRETZ TER: EETERTET BT Endlich nach drei Wochen atemloser Erwartung schien es soweit zu sein! Am Montag, den 23. April, teilte uns der Amtmann mit, Regens- burg sei gefallen und Straubing werde, nachdem die Nazi-Beamten geflüchtet und der alte Bürgermeister aus der Zeit vor 1933 wieder sein Amt übernommen habe, kampflos übergeben. Wir sollten sofort die Führerbilder abhängen und die nationalsozialistische Literatur zum Verbrennen in den Keller tragen. Noch nie haben wir einem Befehl so gern Folge geleistet! Die Vernichtung des großen Führerbildes ge- staltete sich zu einer richtigen Zeremonie. Ich, der ich am kürzesten gesessen, durfte es von der Wand nehmen. Klaes entfernte den Rah- men, und Lipp, der am längsten von uns im Zuchthaus gelebt, hatte das Vorrecht erhalten, es zu zerreißen. Zum ersten Mal legten wir uns an jenem Abend freudig ins Bett! Rechneten wir doch bestimmt für den nächsten Morgen mit unserer endlichen Befreiung! 111 ZEHNTES KAPITEL Noch einmal kam alles anders! Früh vier Uhr, als es noch völlig finster war, läutete gellend die Alarmglocke durch das ganze Haus. Es war Dienstag, der 24. April, der Tag des heiligen Georg, des Patrons aller Reiter und Reisenden, dessen Denkmünzen stets den Wahlspruch tragen:„in tempestate securitas‘ oder:„In Gott ist Rat und Tat!“ Diese Medaille hatte in meiner Familie stets eine besondere Bedeutung besessen. Meine Mutter hatte eine ganze Sammlung von solchen Georgstalern angelegt und ihr Münzkasten barg wertvolle Stücke aus Silber und Gold. Die Tante Klara hatte eine solche in alter Fassung als Brosche getragen und meine Mutter pflegte stets eine im Geldtäschchen mit sich zu führen. Die nämliche war es auch, die ich nach ihrem Tod an mich nahm und, von der ich mich nie trennte. So- gar im Zuchthaus brachte ich es fertig, sie überall durchzuschmuggeln. In Neudeck war das keine Kunst, aber in Brandenburg, wo wir nackt ausgezogen wurden, gelang dies nur, indem ich sie in die Schmolle einer Brotscheibe des nicht voll aufgezehrten Reiseproviants hinein- preßte und auf diese Weise in die Zelle brachte. In Straubing verfuhr ich ebenso! An jenem verhängnisvollen Dienstagmorgen, als wir noch keine Ahnung hatten, was das aufgeregte Hin- und Hergerenne auf den Gängen be- deuten sollte, dachte ich allerdings nicht im entferntesten an meine Weihemünze; denn ich wußte noch richt, daß ich gerade am Feste des heiligen Georg eine so schicksalschwere Reise würde antreten müssen. Als dann die Zelle geöffnet wurde und die Kostträger das Frühstück brachten, sickerte die Nachricht durch, daß während der Nacht eine Weisung aus München eingetroffen sei, wonach das ganze Zuchthaus geräumt und die Häftlinge nach Dachau transportiert werden müßten. 112 Gegen sechs Uhr wurden wir aus den Zellen geholt und in einem end- los langen Zug in vierer Reihen im Hof aufgestellt. Außer unseren Feldgeschirren durften wir nur mitnehmen, was wir auf dem Leibe trugen. Zur Ausfolgung unseres Eigentums blieb keine Zeit mehr. Wir mußten im Zuchthausgewand und Holzschuhen den auf vier Tage berechneten Marsch nach Dachau antreten. Eine Fesselung unterblieb, da für 2800 Mann nicht genügend Handschellen vorhanden waren. Auf einem von zwei Pferden gezogenen Wagen wurde der Proviant, be- stehend aus Brot und geräuchertem Pferdefleisch, nachgefahren. Um einhalb acht Uhr verließ der etwa zwei Kilometer lange Zug das Haus auf der in Richtung Landshut führenden Straße. Es war ein herrlicher Frühlingstag, die Sonne schien, milde Wärme spendend, auf uns herab; die Bäume begannen gerade die ersten grü- nen Knospen zu entfalten. Die Konturen des Bayrischen Waldes säum- ten im Osten den seidig-blauen Morgenhimmel. In den Dörfern blühte da und dort ein Fliederbusch oder ein Obstbaum am Spalier einer windgeschützten Wand. Das Wandern hätte ein Genuß sein können, wenn die Verhältnisse einigermaßen angenehmere gewesen wären. Ich ließ mir im Anfang auch die Freude an diesem herrlichen Morgen in der freien Natur nach einem so langen Eingesperrtsein nicht rauben, aber allmählich wurde sie von den Beschwerden des Marsches immer stärker überschattet. Wir alle waren des‘ Gehens völlig entwöhnt, durch die Unterernährung geschwächt und am schmerzhaftesten waren die harten, für einen langen Marsch völlig ungeeigneten Holzschuhe. Wir konnten es nach einigen Stunden fast nicht mehr aushalten und schleiften die Füße mühsam am Boden her, ohne sie zu heben. Etwa um zehn Uhr erschienen feindliche Flieger am Horizont; die Bauern am Feld verließen ihre Gespanne, suchten im Straßengraben Deckung und die Dorfbewohner flüchteten in ihre Häuser. Nur wir wanderten unbekümmert weiter, als ginge uns die ganze Sache nichts an, in der Tat hatten wir auch nichts zu fürchten. Einer der Flieger flog bis auf wenige Meter zu uns herab, um sich Klarheit über unseren Zug zu verschaffen. Nachdem wir erkannt worden waren, blieben wir vollkommen unbehelligt. Dafür wurden wir Zeuge eines kurzen Luft- 8 Kriss; Im Zeichen des Ungeistes 173 EN re “ x N kampfes, der sich über Straubing abspielte. Eines der Flugzeuge stürzte hundert Meter von uns entfernt brennend ab. Zu Mittag raste- ten wir eine Stunde am Straßenrand. dann setzten wir die Wander- schaft fort. Unsere Hoffnung, die Amerikaner, die kurz nach unserem Wegzug Straubing erobert hatten, würden uns nachfolgen, erfüllte sich nicht, da sie in Richtung Passau weiterzogen. Ich begann darüber nachzudenken, was aus uns werden sollte, wenn wir, wie vorauszusehen, Dachau nicht innerhalb der vorgesehenen Frist erreichen sollten. Der Proviant war so spärlich bemessen, daß ich eine Hungerkatastrophe befürchtete und zu überlegen begann, wie ich von dem Zug der Dreitausend wegkommen könnte. Eine direkte Flucht war wegen der guten Bewachung schwer möglich, es mußte ein anderes Mittel gefunden werden. Am späten Nachmittag bot sich mir eine solche Gelegenheit. Wir waren in Mengkofen angelangt, wo sich etwa 50 Häftlinge für außerstande erklärten, noch weiter zu mar- schieren. Ich gesellte mich_zu ihnen, blieb einfach am Straßenrand sitzen und wartete, bis der Zug des Leidens an uns vorüber war. Da wir die ersten waren, die zurückblieben, hatten die Beamten Mitleid und organisierten bei den Bauern zwei Leiterwagen, die später je- weils in größeren Dörfern abgelöst wurden, So-sollten wir in Etappen dem Hauptzug nachgefahren werden. Es war dies ein guter Gedanke und seine segensreiche Wirkung zeigte sich noch am selben Abend. Denn fünfzig Leute sind leichter unter- zubringen und zu versorgen als dreitausend. Während die anderen im Freien am feuchten Boden nächtigen mußten, fanden wir in Weng einen geräumigen Stadel, wo wir am Boden auf etwas Heu recht gut schliefen und am Morgen ein lang entbehrtes reichliches Frühstück erhielten. Es war ein größerer Bauernhof und der Besitzer hatte mit uns offensichtlich Mitleid. Ein jeder bekam erst einen Liter heiße Vollmilch und dann noch einen Liter Magermilch zu.trinken, und dazu noch eine reichliehe Menge von gekochten Kartoffeln als Proviant mit auf den Weg. Die Tränen traten uns in die Augen aus Freude über soviel Menschlichkeit. Das Gesinde im Hof erzählte uns, tags zuvor sei gleichfalls ein Gefangenentransport hier durchgezogen, doch seien 114 Er EEE die Leute von SS-Mannschaften bewacht worden, die alle Personen mit Erschießen bedroht hätten, die es wagten, den Häftlingen etwas zu- zustecken. Auch seien viele Gefangene während des Transportes ‚er- schossen worden und der Volkssturm habe den Auftrag erhalten, die Leichen am Straßenrand zu beerdigen. Das waren trübe Aussichten, aber sie. konnten mir trotzdem meine innere Sicherheit nicht nehmen. Abermals wurden wir auf Leiterwagen verladen und bei dieser Gele- genheit traf ich meinen Kameraden Ferdinand Baader, dem es etwas später gelungen war, sich gleichfalls vom großen Haufen zu lösen. Wir beide bildeten in der Folge mit noch drei weiteren Gefangenen eine feste Gruppe, die stets beisammen blieb. Diesmal kamen wir nur bis Postau, wo es den Wärtern nicht mehr gelang, für uns ein Fuhrwerk aufzutreiben. Langsam trotteten wir zu Fuß weiter; wer aus unseren Reihen es nicht wirklich war, markierte die Müdigkeit, da wir alles “taten, um den Abstand zur Hauptgruppe möglichst zu vergrößern. Denn das Einholen derselben, an das die Beamten immer noch glaub- ten, wollten wir auf alle Fälle vermeiden. Die Brutaleren unter ihnen, die auch jetzt noch nicht begriffen, was die Zeit geschlagen hatte, trieben uns sogar mit Stockhieben zur Eile an. Von einem solchen Büttel erhielt auch ich einmal einen so kräftigen Schlag auf den Rücken, daß ich zu Boden stürzte und mir die Hose zerriß. Aber es nutzte alles nichts, wir kamen trotzdem nicht schneller vorwärts! Das Erfreulichste an diesem traurigen Marsch war die offenkundige Sympathie der Bevölkerung mit uns. In jedem Dorf fanden sich mit- leidige Seelen, die uns heimlich eine Scheibe Brot zusteckten oder ganze Laibe den Wachtmeistern zur Verteilung an uns übergaben. Nur in Essenbach gab es einen Zwischenfall. Eine gutherzige Bäuerin war uns mit einem ganzen Korb voll Brot eigens nachgeradelt und als sie den Inhalt austeilen wollte, stürzte ein ganz unbeteiligter Mann aus einer Villa heraus, entriß ihr mit groben Beschimpfungen, wieso sie sich unterstehen könne, derartige verworfene Menschen auch noch zu unterstützen, den Korb und nahm den Inhalt kurzerhand an sich. Am späten Abend des zweiten Tages kamen wir bis Altheim, zehn 115 Kilometer östlich von Landshut. Hier fanden wir Unterkunft in einer mächtigen Scheune; Heu war keines vorhanden, und da wir nicht am blanken Erdboden liegen wollten, bezogen Baader und ich einen Lei- terwagen, wo wir zwischen den Sprossen liegend, die Nacht leidlich verbrachten. Am nächsten Morgen gab es eine angenehme Über- raschung. In einem Nebenraum wurde gerade der Sautrank aus zer- stampften Kartoffeln zubereitet. Die Magd, die damit beschäftigt war, erbarmte sich unser und ließ uns davon essen und mitnehmen, soviel wir wollten. Sie konnte sich nicht genug wundern, daß wir darüber so glücklich waren; hätte sie gewußt, daß wir in Straubing die unge- schälten Kartoffeln nicht einmal aussortiert vorgesetzt bekamen, dann wäre es ihr allerdings begreiflich erschienen, daß uns die zwar unge- schälten, aber doch immerhin ausgesuchten Kartoffeln als Delikatesse gegen die bisher gewohnte Nahrung vorkommen mußten. Wir aßen nach bestem Vermögen und füllten unsere Feldgeschirre noch bis an den Rand mit dieser unerwarteten Zubuße als Wegzehrung. Hernach wurden wir wiederum auf zwei Leiterwagen verladen und konnten die letzte Wegstrecke nach Landshut fahrend zurücklegen. Gegen elf Uhr vormittags wurden wir vor dem Tor des dortigen Poli- zeigefängnisses abgeladen; es war am Freitag, den 27. April. Die Luft war, wie alle Tage, seitdem wir am Transport waren, unsäglich warm und mild, in den Gärten blühten bereits einzelne Obstbäume. Da die Zellen überfüllt waren, durften wir uns im Hof des Gefängnisses lagern. Unsere Gruppe wurde dazu bestimmt, die Kost auszuteilen. In der Zwischenzeit ließen wir es uns in der heißen Sonne wohl sein. Am frühen Nachmittag kam ein Auto, das uns Nachzügler dem großen Transport nachbringen sollte. Inzwischen waren schon allerhand Ge- rüchte im Umlauf, daß die SS in. den Isarauen oberhalb Landshut Hunderte von Gefangenen erschossen hätte, so daß es uns weniger denn je verlockend erschien, wieder zum großen Haufen zu kommen. Gott sei Dank war das Auto viel zu klein, um alle Mann aufzunehmen. Wir hielten uns daher im Hintergrund und abermals blieben unser dreißig zurück. Nach der Verteilung des Abendessens um fünf Uhr sollten wir in die Zellen gesperrt werden. Doch der Gefängnisinspek- 116 tor hielt uns fünf nochmals zurück, mit dem Bemerken, er habe noch eine Arbeit für uns. Wie erstaunten wir aber, als er uns statt dessen in sein Büro kommen ließ, nach unserem Namen fragte und uns dann einen Zeitel ausfolgte, auf dem vermerkt stand, daß wir ohne Begleitung einer Wache be- rechtigt seien, nach München zu wandern und uns dort bei der Polizei zu melden. Das hieß nicht mehr und nicht weniger als: Ich geb’ euch eine Chance, schaut, daß ihr weiter kommt! Das völlig Unerwartete traf ein: kurz nach sechs Uhr öffnete sich das Gefängnistor, und wir standen frei auf der Straße. Noch konnten wir das nicht fassen! Es erging uns wie einem Vogel, der lange im Käfig gesessen hatte. Zag- haft und etwas ängstlich, stets voller Sorge, unser Zuchthausgewand könnte irgendwelchen Leuten Anlaß geben, uns neuerdings zu ver- haften, zogen wir auf der Münchener Straße unseres Weges dahin. Allmählich wurden wir mutiger und begannen zu überlegen, wo wir übernachten sollten, wer uns ohne Geld aufnehmen und verpflegen würde. Alle diese Fragen begannen uns, je tiefer der Tag sich neigte, desto mehr zu beschäftigen. Ich riet, wir möchten uns doch möglichst von der Hauptstraße fernhalten, fand aber nur geteilten Beifall. Un- sere Zweifel wurden jedoch auf eine unerwartete Weise behoben. Ein Radler, ein junger Mann, überholte uns und als er von einem aus unserer Schar um Feuer angegangen wurde, ließ er sich mit uns in eine Unterhaltung ein, fragte nach dem Woher und Wohin, nach den Gründen unserer Verhaftung und ob auch ein„Besserer“ unter uns sei. Ich erwiderte,„„jawohl, der Bessere war’ i!“ und erzählte ihm das Wichtigste über unsere Schicksale. Er meinte:„‚Solchane wia ös, seid’s, gfall’n'ma, i kann nämlich die Nazi a net schmecka!“ Dann lud er uns als Gäste auf seinen Hof, der einige Kilometer von hier in einem Seitental, in Unterbachham bei Ast, gelegen sei und bot uns Nacht- mahl und Quartier an; er heiße Erhard Neumaier und sei nach dem frühen Tod seines Vaters der Bauer. Wir ließen uns das nicht zweimal sagen und dankten dem jungen Mann für seine Freundlichkeit. Er radelte dann voraus und sagte, wir möchten nur langsam nachkom- men, bis wir einträfen, sei alles für unseren Empfang vorbereitet. RERT FTSE TEENS RR, Mit Einbruch der Dämmerung, gegen neun Uhr abends, trafen wir auf dem stattlichen Einödhof ein. Die Mutter des Bauern und seine Schwe- ster hatten uns ein vorzügliches Mahl bereitet, geröstete Kartoffeln, herrliches Bauernbrot und Kaffee mit viel guter Milch. Eineinhalb Jahre hatte ich nicht mehr so üppig gespeist; es gingen mir förmlieh die Augen über, als ich alle die Genüsse vor uns sah. Nachher ging es an’s Erzählen, jeder von uns mußte den Anwesenden seine Schicksale berichten. Die Tafelrunde war recht stattlich, außer den Angehörigen des Bauern waren noch der Landshuter Tierarzt, Regierungsrat Salin- ger und seine Frau, ein prächtiges altes Ehepaar, die wegen der un- sicheren Zeiten auf’s Land geflüchtet waren, und ein älterer Kunst- maler anwesend. Es ging auf Mitternacht, als uns der junge Bauer im Pferdestall unsere Schlafplätze anwies. Er brachte uns warme Decken und jedem von uns noch einen herrlichen Apfel als Gutnacht- gruß. Dann streckten wir wohlig unsere Glieder und sanken mit einem unsagbaren Glücksgefühl in Schlaf. Die erste Nacht in der Freiheit! Erst langsam wurde es uns klar, was das bedeutete. Noch konnten wir es nicht fassen, ein nicht völlig überwundener Rest von Furcht blieb im Unterbewußtsein zurück. Theoretisch waren wir ja immer noch Gefangene. Als wir am nächsten Morgen erwachten, regnete es in Strömen. Unser - Freund und Gönner riet uns, noch ein oder zwei Tage bei ihm zu bleiben, überall in der Umgebung treibe sich die SS herum und man könne nicht wissen, was alles passiere. In längstens einer Woche seien ja doch die Amerikaner hier, und wir sollten uns nicht unnötig einer Gefahr aussetzen, auf alle Fälle uns vor der Weiterwanderung Zivil- kleider verschaffen. Wir nahmen die Einladung dankbar an, und als sich herausgestellt hatte, daß der junge Neumaier ein leidenschaft- licher Bergsteiger sei, lud ich ihn sofort ein, sich auch umgekehrt möglichst bald bei mir als Gast in Berchtesgaden einzufinden. Die vier anderen boten sich an, ihm als Entgelt für die Verpflegung bei der Arbeit zu helfen. Ich wurde beauftragt, inzwischen die Zivil- kleider zu besorgen.; Wir fühlten uns in dem abgelegenen Hof gut aufgehoben, nur einen 118 3 Augenblick wurden wir stutzig, als während des Vormittags der Bauer erschien und uns bat, für eine Weile zu verschwinden, ein evakuiertes Naziweib sei im Anzug, die sich bei ihm die Milch hole. Nach einiger Zeit verschwand sie indessen wieder und schien von unserer Änwesen- heit nichts gemerkt zu haben. Dafür kam gegen Mittag die Tochter des Tierarztes Salinger, Fräulein Irene, und brachte aus Landshut die Nachricht mit, daß die Nazi-Diktatur gestürzt sei und sich in München eine neue demokratische Regierung gebildet habe. In Landshut sei alles weißblau beflaggt und überall sehe man strahlende Gesichter. Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe, dennoch schwanden keines- wegs alle Bedenken. Man erfuhr keine Einzelheiten und wußte nicht, wie sich die abgetretenen Machthaber und die überall im Lande ver- streuten SS-Truppen verhalten würden. Die anfängliche Freude ver- wandelte sich in eine beängstigende Spannung und Unsicherheit, zu- mal später Kommende zu berichten wußten, die alte Regierung habe keineswegs abgedankt. Während des Mittagessens wurde heftig de- battiert und alle Eventualitäten besprochen. Die Aufregung wuchs. Nach Tisch zog ich als erster Zivilkleider aus dem Besitz des Tier- arztes Salinger an, für zwei weitere Kameraden stellte der Bauer und der Kunstmaler Anzüge zur Verfügung. Ich freute mich indessen nicht lange an meiner neuen Pracht, als plötz- lich, während wir in aller Gemütsruhe in der Küche saßen, draußen am Hof eine Reihe von Gewehrschüssen krachte. Ein panischer Schrecken ergriff uns! Alles stürzte aufgeregt durcheinander, niemand getraute sich hinaus! Nach einigen Minuten erschien der Bauer, noch blaß vor Schrecken. Wir seien verraten worden, eine SS-Gruppe von drei Mann habe den Stadel umstellt und blindlings auf die darin befindlichen Gefangenen geschossen. Diese hätten sich jedoch hinter die Dresch- maschine geworfen und Gott sei Dank sei niemand getroffen. Kurz darauf ertönte eine barsche Kommandostimme; als ich hinaussah, - standen bereits meine vier Kameraden in Reih und Glied im Hof, um abgeführt zu werden. Natürlich stellte auch ich mich, nachdem ich noch mit ein paar Worten den Bauern und den Tierarzt gebeten hatte, sich, wenn irgend möglich, für uns zu verwenden. Ich wies, draußen 119 angelangt, den Anführer der Gruppe auf unseren gültigen Entlassungs- schein hin, er nahm das Dokument zur Kenntnis, erwiderte nur kurz, er habe von der SS-Kommandantur Ast den Auftrag erhalten, uns so- fort zu verhaften. Wir möchten unsere Sachen holen und mitkommen. Unterdessen war der Tierarzt hinaus auf den Hof getreten, erklärte in mannhaften mutigen Worten, wir seien anständige Menschen, er trete unbedingt für uns ein und wenn uns ein Leid widerfahre, dann würde er sich bei der Regierung in Landshut beschweren. Dem SS-Häuptling war diese Intervention sichtlich unangenehm und als sich auch noch der Bauer selbst einschaltete und schneidig erklärte, er sei der Volks- sturmführer des Bezirks und würde uns auf alle Fälle nach Ast be- gleiten, üm den Sachverhalt aufzuklären, da schnitt er ein noch viel längeres Gesicht. Die Dinge gingen durchaus nicht nach seinem Wunsch; seitdem die Exekution auf kaltem Weg mißglückt war, trat von seinem Standpunkt aus eine Schwierigkeit nach der andern auf. Immer noch goß es in Strömen, als wir auf lehmigen Feldwegen nach Schloß Ast geführt wurden. Erhard Neumayer, der sich so tapfer und selbstlos für uns eingesetzt, flüsterte uns zu, er ginge zunächst zum Bürgermeister und käme uns dann sofort auf’s Schloß nach. Als ich ihn nicht mehr sah, wurde mir doch recht bänglich zu Mut. Mit gutem Grund: denn wir wurden ohne weitere Umstände in einen Gang des Schlosses gebracht, wo uns ein höherer SS-Offizier entgegentrat und sofort den Befehl gab,„alle fünf mit dem Kopf an die Wand!“ Ich dachte, na, jetzt hat unser letztes Stündlein geschlagen. Doch wieder einmal sollte sich alles zum Besseren wenden. Nach wenigen Minuten erschien unser tapferer Freund, schlug einen erheblichen Krach und ließ sich auch durch die Drohung des Offiziers, er lasse ihn, wenn er frech werde, einsperren, keineswegs erschüttern. Es setzte eine leb- hafte Debatte ein, in deren Verlauf Erhard Neumayer verlangte, die Gefangenen müßten, wenn schon nicht befreit, so zum mindesten, falls der Herr Hauptmann die Gültigkeit des Entlassungsscheines anzwei- felte, nach Landshut zurückgebracht werden. Endlich ließ sich der Hauptmann, der nun doch peinliche Konsequenzen befürchtete, zu einem Telefongespräch nach Landshut herbei, in welchem er dem Ge- 120 ee a En fängnisinspektor erhebliche Grobheiten machte und ihm mit der An- zeige bei einer höheren Stelle drohte, da er uns angeblich niemals hätte entlassen dürfen. Er erklärte sich aber endlich doch bereit, uns nach Landshut zurückzubringen. Erst nachdem unser braver Lebens- retter— er war es im vollsten Sinn— diese tröstliche Versicherung erhalten hatte, machte er sich auf den Heimweg, während wir von der nämlichen Kolonne nach Landshut zurückgebracht wurden. Wieder einmal hatten wir das Walten der Vorsehung sinnfällig zu spüren bekommen; die Rückführung ins Gefängnis erschien uns, da wir um Haaresbreite dem Tod entronnen waren, nunmehr weniger schmerzlich, nur die guten Schmalzkrapfen, die gerade vor unserer Verhaftung in Unterbachham ins Ofenrohr geschoben worden waren und auf deren Genuß wir nun leider verzichten mußten, ließen wir ungern zurück. Noch fühlten wir uns nidit restlos sicher, denn mit der Möglichkeit, auf dem Transport in den berüchtigten Isarauen vielleicht doch noch um die Ecke gebracht zu werden, war immerhin zu rechnen. Doch nichts von allem geschah. 3 Abends einhalb acht Uhr wurden wir im Polizeigefängnis wohlbe- halten eingeliefert und der gutmütige Inspektor gewährte uns als Er- satz für die kaum gewonnene wie zerronnene Freiheit eine doppelte Verpflegungsration. Aus Platzmangel wurden wir alle fünf in eine enge Zelle gesteckt, in der wir uns mit Müh’ und Not nebeneinander lagern konnten und endlich Zeit fanden, den aufwühlenden Ereig- nissen dieses bewegten Tages nachzusinnen. Es kam uns alles vor wie ein wüster Traum! Es ist eine häufig zu machende.Beobachtung, daß man aus einem Zu- stand, sobald er einmal einiges Gewicht erlangt hat, nur schwierig in einen andern hinüberwechseln kann. Auch diesmal dünkte es mir, als wolle uns das Zuchthaus um jeden Preis mit Polypenarmen festhalten. Sogar der Tod, dem ich im letzten Jahre einige Male bedenklich nahe war, versuchte im letzten Augenblick nochmals nach mir zu greifen, ehe er seine Beute endgültig fahren ließ. Noch immer war unsere Situation als bedenklich zu bezeichnen. Wir erfuhren am Sonntag morgen von unseren Aufsehern, daß sich die alten Machthaber ent- 121 RETTET NEE ern NEE Bu N schlossen hatten, Landshut zu verteidigen und die amerikanische Truppe sich der Stadt von Norden und Westen her langsam nähere. Den Sonntag über blieb es ziemlich ruhig, nur in der Ferne hörte man ab und zu den Donner der Artilleriegeschütze. Am Montag. wurde es langsam lebhafter, der Beschuß wurde stärker und das Feuer kam immer näher. Zum eigentlichen. Angriff gingen die Truppen aber immer noch nicht über. In unserer Abgeschlossenheit konnten wir uns keine richtige Vorstellung vom Laufe der Ereignisse machen, aber Spannung und Unbehagen wuchsen. Erst in der Nacht vom Montag auf Dienstag ging es richtig los. Etwa um 11 Uhr begann ein heftiges Artilleriefeuer, das ohne Pause bis gegen zwei Uhr dauerte; überall um uns herum schlugen die Granaten ein; auch das Gefängnis selbst bekam einen Treffer, zerbrochene Glasscheiben fielen klirrend in die Zelle. Wir verkrochen uns unter unsere Decken und steckten die Köpfe dicht an die Fensterwand. Es war recht ungemütlich, aber noch lange nicht so schlimm als ein Fliegerangriff. Denn die Granatenein- schläge sind in ihrer Wirkung doch viel weniger verheerend. Mit Zittern und Zagen erwarteten wir jede Minute den Einsatz der Luft- waffe. Doch ganz gegen unser Erwarten trat gegen Morgen völlige Ruhe ein. Wir konnten uns das alles nicht erklären, und abgespannt wie wir waren, sanken wir in festen Schlaf, aus dem wir erst erwach- ten, als wir gegen sieben Uhr morgens in den Gängen des Gefängnis- ses lebhafte Bewegung und ein aufgeregtes Hin- und Hergelaufe ver- nahmen.; Ehe wir uns über den Sinn dieser rätselhaften Unruhe klar geworden waren, öffnete sich plötzlich die Zellentür und ein amerikanischer Offizier trat leibhaftig herein. Auch draußen im Gang war alles voll mit amerikanischem Militär. Viele der politischen Häftlinge warfen sich den Soldaten in die Arme, weinten und lachten im selben Augen- blick; mit einem Wort, es bot sich mir eine Szene, wie sie mir aus Romanen und Schauspielen genügend bekannt war. Vielleicht war dieser allzu programmgemäße Ablauf mit daran Schuld, daß ich selbst nicht sonderlich davon ergriffen war. Aber vielleicht hatte ich auch nur zuviel Hunger! 122 Der amerikanische Offizier bestellte mich zum Sprecher für meine vier Kameraden. Nachdem er sich in Kürze informiert hatte und be- sonders mich nach Namen und Herkunft gefragt, machte er eine un- bestimmte Bewegung mit dem Kopf und sagte:„Than go one“,„geh weiter“, dann ließ er mich allein im Gang stehen, ohne sich um mich zu kümmern. Ich stieg langsam die Treppe zum Haupteingang des Gefängnisses empor. An der Tür standen einige Beamte im Gespräch, an dem sie mich ungeniert teilnehmen ließen. Sei es, daß sie mich in meiner Zivilkleidung nicht als Gefangenen erkannten, sei es, daß die Ereig- nisse sie zu sehr aus dem Gleis geworfen hatten, jedenfalls kam es keinem in den Sinn, mich vom offenen Portal wegzuweisen. Ich blieb eine Zeitlang unschlüssig stehen, dann spazierte ich langsam und ge- mächlich hinaus auf’die Straße. Erst als ich etwa dreißig Meter ent- fernt war, beschleunigte ich meine Schritte, um etwas mehr außer Sicht zu kommen. Nun befand ich mich also endgültig und unwider- rufbar in Freiheit! Ein wenig verwundert blickte ich umher. Über Nacht hätte es geschneit und auf den Baumblüten lastete der frisch: gefallene Schnee! In den Straßen herrschte lebhaftes Getriebe, ameri- kanische Militärautos rasten lärmend über das Pflaster. Ich nahm mir vor, zunächst einmal den Tierarzt Salinger aufzusuchen, der mir beim Abschied am Samstag Abend seine Adresse gegeben hatte, sonst kannte ich ja niemand in Landshut. Er wohnte nur wenige Häuser vom Gefängnis entfernt. Als ich sein Haus betrat, war er mit seiner Tochter gerade erst aus Unterbachham zurückgekehrt. Beide begrüßten mich mit lebhafter Freude wie einen vom Tode Erstande- nen. Sie alle hatten sehr um mein Schicksal gebangt, da sie von den Gefangenen-Erschießungen, die überall in der Umgebung stattfanden, gehört hatten. Nun, es war mir Gott sei Dank nichts passiert! Nur Hunger hatte ich wie ein Wolf und der war einstweilen stärker als jedes andere Gefühl. Salinger’s hatten auch hierfür volles Verständ- nis und setzten mir ein üppiges Frühstück mit Kaffee, Butter, Brot und Marmelade vor; alles lang entbehrte Genüsse! Da ich bald merkte, daß es ihnen an nichts gebrach, ließ ich mir alles, was sie mir heute | und in den folgenden Tagen darboten, ohne Hemmungen schmecken; 123 nur bemühte ich mich, durch Entfaltung meiner Hamsterkünste auch meinerseits etwas zur Aufbesserung der Kost beizutragen. Es verlautete, daß in der nächsten Woche niemand die Stadt ver- lassen dürfe, nur ein Radius von fünf Kilometer war erlaubt. Das machte mir indessen nichts aus, denn ich verspürte zunächst noch keinerlei Drang, bald nachhause zu kommen. Ohne daß es mir be- wußt wurde, verlangten meine Nerven nach Ruhe und Kräftigung. Die hoffte ich in dem problemlos bürgerlichen Rahmen der Familie Salinger am ehesten zu finden. Da ich keinerlei Ausweise besaß, und ich den Tierarzt doch gerne auf seinen ärztlichen Fahrten auf’s Land begleiten wollte, stellte mir dieser einen Schein aus, auf dem zu lesen stand, daß ich bei ihm als Veterinärgehilfe angestellt sei. Das erste amtliche Dokument nach meiner Enthaftung, das ich auf diese Weise erhielt, wird mir stets denkwürdig bleiben. Die Zeit verging in ruhigem Gleichmaß, ich wurde langsam körperlich kräftiger; als ich am dritten Tage nach meiner Befreiung zum ersten- mal mit der 73jährigen Frau Salinger den Schloßberg bestieg, da mußte ich sie bitten, langsamer zu gehen, damit ich nachkäme. Dann aber machte ich von Tag zu Tag rasche Fortschritte, täglich wurden meine Wege weiter. Ich besuchte verschiedene Bauern in der Um- gebung, denen ich in Salingers Auftrag Medikamente überbrachte, welchen Anlaß ich zum Lebensmitteleinkauf benutzte. Ich erinnerte mich lebhaft meiner Gymnasiastenzeit und die vor 25 Jahren erlernte Beredsamkeit kam mir bei meinen neu entfalteten Hamsterkünsten gut zustatten. Salingers waren jedesmal äußerst erfreut, wenn ich mit vollbeladenem Rucksack nachhaus’ kam. Am Sonntag entschloß ich mich, nach Unterbachham zu wandern, um meinen damaligen Lebens- retter zu besuchen und ihm nochmals für sein mutiges Eintreten zu danken. Es war ein herrlicher, still verträumter Sonntag, das Wetter immer noch etwas aprilig, leichte Regenschauer wechselten mit grellem Sonnenschein, in welchem die Trollblumen in der feuchten Senke des kleinen Tales golden aufleuchteten. Allmählich wurde der Lebenswille stärker in mir und mit ihm der Wunsch, sobald als möglich in meine Heimat zurückzukehren. So fuhr ich denn am Montag früh mit dem 124 5 E 4 | 1 1; \ u Rn ne jungen Bauern nach Landshut zurück, wo inzwischen bekanntgegeben worden war, daß heute die ersten Passierscheine ausgestellt würden. Da ich den neuen Bürgermeister, Brauereibesitzer Wittmann, dem Namen nach kannte, war es mir ein leichtes, durch seine Vermittlung bei der amerikanischen Polizeistelle, dem sogenannten CIC, als einer der ersten einen Reiseausweis zu erhalten. Politische Häftlinge waren ja angesehene Personen geworden! Salingers waren mir in rührender Aufmerksamkeit behilflich, ein Rad zu beschaffen, damit ich bei dem, angesichts der sinnlosen Brückensprengungen noch monatelang ruhen- den Bahnverkehr, den weiten Weg nicht zu Fuß machen müsse. Die warmherzige Freundlichkeit dieser Familie kann ich überhaupt nicht genug rühmen. Sie-dachte an alles, vom Kräftigungsmittel aus der Apotheke angefangen, bis zu meiner Entlausung, der Bereitstellung von Kleidern, Wäsche und Schuhen. Wohlausgerüstet und mit reichlich Proviant versehen, verabschiedete ich mich dankbaren Herzens am Dienstag, den 8. Mai, morgens früh, von dem gastfreien Haus und fuhr innerlich zufrieden hinaus in den wolkenlosen Maimorgen.‘Zum erstenmal nach meiner Entlassung über- kam mich ein tiefes Glücksgefühl. Frank und frei fuhr ich in gelasse- ner Ruhe dahin und ließ die Augen nach allen Richtungen über Täler und Höhen schweifen. Es gab nichts, was mich nicht erfreut hätte; das junge Buchengrün, die rosa blühenden Apfelbäume, die blanken, weiß-getünchten Einzelgehöfte, und über allem das lichtblaue Him- melsgewölbe, darin die strahlende Sonne immer höher emporstieg! Alles eroberte ich mir neu! Und dennoch empfand ich das alles nicht mehr mit der persönlichen Unmittelbarkeit des Besitzenwollens, son- dern irgendwie anders, etwa so, als käme ich von einem fremden Stern zu einem unverbindlichen Besuch herab auf diese Welt: Ich fühlte das mit einigem Erstaunen, war aber von Herzen viel zu froh, um darüber lange nachzugrübeln. In Vilsbiburg besuchte ich meine alten Freunde, die Wachszieherfami- lie Lechner, die mich sichtlich bewegt empfingen und mich nicht reich- lich genug füttern konnten. Sie ließen es sich nicht nehmen, mir noch einmal Proviant mitzugeben, so daß mein Rucksack schwerer statt “ 125 EEE re Ka leichter wurde. Am Rand der Innleite, kurz vor Erharting, hielt ich eine kleine Nachmittagsrast, doch säumte ich nicht zu lange, denn ich hatte mir vorgenommen, am selben Abend Tittmoning zu erreichen, wo mich eine alte Bekannte, Fräulein Spaeth, die ehemalige Haus- dame Pfarrer Kottmayrs, sicher zu Nacht behalten würde. Ich kam aber nicht so weit, denn etwa sechs Kilometer vor Neuötting entriß mir ein amerikanischer Kontrollposten mein Rad, da es nicht aus- drücklich im Passierschein vermerkt war, daß ich mit Rad reisen dürfe. In jenen Tagen beschlagnahmten die Amis Fahrräder für heimkeh- rende Ausländer. Mein Protest half nichts, das Rad wurde zum großen Haufen der übrigen geworfen und ich mußte froh sein, zu Fuß weiter wandern zu können. Ich hoffte, wenigstens am selben Abend bis Alt- ötting zu gelangen, wo ich mich an alte volkskundliche Freunde, Frau Apotheker Beck und Familie Reindl erinnerte. Den Inn mußte ich, da auch hier die Brücke gesprengt war, auf einem Fährboot über- setzen. Die Füße schmerzten schon ein wenig, als ich gegen sieben Uhr auf der Straße zwischen Neu- und Altötting meines Weges zog. Plötzlich stürzte aus einem Haustor ein Mann» auf mich zu, schüttelte mir strahlend beide Hände und ließ mich nicht mehr los. Es war Sebald Tewes, der eifrige Mitarbeiter an meinem Berchtesgadener Brauchtumsbuch, der mir seinerzeit soviel Material zugebracht hatte. Er sei gerade hier auf Besuch bei seiner Schwiegermutter, und ich solle unbedingt bei ihnen wohnen. Ich ließ mir das nicht zweimal sagen. In dem rosenumrankten Biedermeierhaus, das sich hinter blühenden Obstbäumen versteckte, fühlte ich mich so wohl, daß ich ganze vier Tage dort blieb. Die alte Dame, deren rote Backen eine überraschende Lebensfrische verrieten, nahm mich auch wirklich reizend auf und rüstete mir zur Begrüßung nicht nur ein köstliches warmes Bad, son- dern auch einen fetten Schmarrn, der unter normalen Umständen für mindestens fünf Personen gereicht hätte, den ich aber bei meinem noch wochenlang anhaltenden Appetit restlos in die Flucht schlug. Die materiellen Genüsse nahmen in den ersten Wochen meiner Frei- heit überhaupt einen erheblichen Raum ein, so ernüchternd dies für -126 manche zartbesaitete Leser auch klingen mag. Aber ich kann es: nicht verbergen, denn es ist die lautere Wahrheit! Am nächsten Morgen hieß es, im amerikanischen Hauptquartier Alt- ötting würden für die Männer abermals neue Überprüfungsscheine ausgestellt, ohne die sich eine Weiterreise, nicht empfehle. Ich nahm dies nicht ungern zur Kenntnis, fast dankbar, für mein Dableiben einen Vorwand gefunden zu haben. Reihum besuchte ich meine volks- kundlichen Freunde, die Apothekerin Beck und den Herrn Öberlehrer Reindl, die sich förmlich darum stritten, mir ein Liebes zu tun, indem sie mich wiederholt zum Essen einluden und mich mit Kleidern und Wäsche versahen. Von hier nahm meine Reise beinahe triumphale Gestalt an; bei jeder Gelegenheit wurde ich als Wundertier und Held präsentiert, was ich zwar nicht ungern, aber innerlich doch ein wenig belustigt geschehen ließ.% Mit einer neuen deutschen Kennkarte und entsprechendem amerika- nischem Ausweis versehen, verließ ich am Samstag, den zwölften, morgens, auf Schusters Rappen das liebgewordene Häuschen der Frau Obermayer: Doch meine Fußwanderung sollte nicht lange dauern. Nach kaum einer Stunde holte mich ein Bauerngefährt ein, dessen Lenker, der Landwirt Nöhbauer aus Kastl, mich aufsitzen ließ. Natür- lich fragte er mich alsbald nach Ausgangspunkt und Ziel meiner Reise und als er meine Schicksale erfahren hatte, meinte er voller Anerken- nung:„Für an solchan wia du bist, reut mi gar nix, du fahrst jetzt mit mir nach Kastl auf mein’ Hof, da gib’ i dir was zum essen undıa Radl, daß’d net z’Fuaß lafa muaßt!“ Und auf meinen Hinweis, daß mir schon einmal ein Rad weggenommen worden sei:„Dös is mir a wurscht, nacha soll’s hin sei’, aber a Radl muaßt kriagn!“ Er hielt tatsächlich Wort, ein Knecht setzte eines der alten Räder, deren es auf dem stattlichen Hof mehrere gab, instand und bald nach neun Uhr fuhr ich wohlbestallt auf einem etwas wackligen Stahlroß nach Süden. Unterwegs mußte ich mehrmals flicken und erreichte gerade um Mittag Tittmoning. Am Stadtplatz traf ich einen Lastauto- fahrer, der mich am Nachmittag nach Laufen mitnehmen wollte. Na- türlich nahm ich das Angebot an. Die Pause benutzte ich zum Besuch 127 meiner alten Bekannten, Fräulein Spaeth, die mich mit dem obligaten Tränenstrom begrüßte. Allmählich begann ich mich bereits zu genie- ren, daß ich über mich selber nicht auch so gerührt sein konnte! Aber ich war immer noch nicht ganz auf dieser Welt und begann allmählich zu glauben, dieses Abstandsgefühl würde ich nie mehr verlieren kön- nen. Doch nahm ich es als Gewinn und hielt die gewonnene Uner- schütterlichkeit für den gerechten Lohn meiner Leiden. Abends sechs Uhr langte ich in Laufen an, wo ich auf Empfehlung von Frau Beck bei Familie Vöckersberger übernachtete. Dort erfuhr ich zum erstenmal,.daß in Berchtesgaden alles wohlerhalten und mein Eigentum unversehrt sei. Die Nachricht freute mich, doch war ich innerlich schon vorher so überzeugt gewesen, daß daheim nichts We- sentliches passiert sei, daß ich sie beinahe selbstverständlich aufnahm. Immerhin begann ich nun stärker heimzudrängen. Allmählich bemäch- tigte sich meiner doch so etwas wie ein Gefühl der Spannung. Schon um sechs Uhr früh, in der ersten Morgenfrische, brach ich auf. Gegen neun Uhr kam ich nach Salzburg; ich hatte das Bedürfnis, als ersten jemand zu sehen, dem ich im Innern wirklich verbunden war und da wußte ich mir niemand Besseren als meine langjährige Freundin Blanka D. In diesem Augenblick war sie der Mensch, dem ich von allen am ‚nächsten stand. Es war beinahe so, als traute ich mich nicht recht, noch einmal ins Leben zurückzukehren und suche gleich im vorhinein irgendeinen Schutz. Beim Betreten des Hauses bekam ich zuerst nur die übrige Familie, den Mann und die Kinder, zu sehen. Die Frau des Hauses kam erst später, etwa in einer halben Stunde, zurück. Ich spürte ihre tiefe Bewegung, als sie mich sah und auch in mir regte sich ein unbestimmtes Gefühl, aber immer noch war ich so erdenfern und völlig dem Irdischen abgewandt, daß alles Menschliche noch nicht recht in mich eindringen konnte. Aber zum erstenmal empfand ich, halb unbewußt, einen leichten Zweifel darüber, ob die mir ohne mein Zutun angewachsene Unerschütterlichkeit wirklich in allem ein Gewinn sei. Am frühen Nachmittag setzte ich meine Reise fort. Endlich müsse ich ja nun doch heimkehren, so sagte ich mir vor. Beim Grenzbauern am 128 F na. 2 ei a i iq FREE EEE TITTEN een. en Hangenden Stein, als meinem Rad zum wiederholten Mal die Luft ausging, wurde ich lebhaft begrüßt und zum Kaffee eingeladen. Aus Gründen, die mir immer’ noch etwas rätselhaft sind, kam mir die neuerliche Verzögerung wiederüm nicht unerwünscht. Ich erfuhr nun die ersten ‚Neuigkeiten aus der engeren Heimat, daß ich sehnlichst erwartet werde, daß die Amis bereits eine Suchexpedition ausgesandt hätten, daß ich Bürgermeister werden sollte und anderes mehr. End- lich brach ich doch auf; zwei Bauernburschen vom Haus machten meine Begleiter. In Au begegnete ich als erstem Bräuhäusler dem bie- deren Pauli, der fast vom Rad fiel, als ich ihn anrief und der, wie alle anderen, sofort zu weinen anfing. Als wir vor der Brauerei erschienen, waren wir eine stattliche Kolonne. Mein Auftauchen rief auch hier den üblichen Volksauflauf hervor, die halbe Nachbarschaft stürzte herbei und drängte sich um mich. Ich hielt etwas verlegen und krampf- haft das Rad fest und schaute mit erstaunten“Augen auf das bewegte Getriebe. Vom Lärm angelockt, eilten auch meine eigenen Angehöri- gen aus dem Haus. Tante Mizi, Edda und Liesel, die aus Graz, und Onkel Sigi, der aus Wels geflüchtet war, herbei und nicht zuletzt die gute Berta. Sie holten mich festlich ein; es war etwa halb sechs Uhr abends. Es dauerte nicht lange, dann erschien Otto Wagner, der sich als Pro- kurist meines Geschäfts in all der Zeit tapfer und unerschrocken an- genommen hatte, dann völlig aufgelöst Gotthard Brandner, der Viel- getreue, der ohne Bedenken seine Haut für mich zu Markt getragen hätte, und zuletzt auch noch Herr Pfarrer Schüller. Alle waren sehr gerührt und erschüttert, nur ich selber saß ein wenig unbeteiligt in- mitten dieses aufs äußerste bewegten Kreises. Gewiß freute ich mich über die Beweise der Treue und Anhänglichkeit, aber zwischen mir und meiner Freude lag sozusagen ein luftleerer Raum; wie damals im Saal des Volksgerichtshofes, so fühlte ich auch jetzt wieder die Spal- tung meiner Persönlichkeit. Ich sah mir selbst gewissermaßen zu. Sehr still ging mir das Herz in der Brust, kaum spürte ich es schlagen. Auch eine leichte unbestimmbare Neugierde, die auf- und abwallte wie ein dünner Nebel, konnte mich nicht aus der Fassung bringen. 129 nt REDNER EEE NEE wen ie nid Allmählich kehrte auch äußerlich Ruhe ein im Haus. Ich legte mich bald ins Bett, um, so gut ich es vermochte, mit mir ins Reine zu kommen. A| Eines allein wußte ich bestimmt: das alte Leben war zu Ende gelebt; m es war vergessen und begraben. Und ein neues Leben würde beginnen; SH] daß es wissender sein würde als das alte und abgelöster von Menschen und Dingen, schien mir gleichfalls sicher. Aber alles andere lag tief verborgen im Mutterschoß des Zukunftsträchtigen. Die Geburt war noch nicht vollzogen! 130 ANHANG(zu Kapitel 2) Wie ernst man die Angelegenheit der Weihnachtsschützen in Partei- kreisen nahm, beweist ein Schreiben des Reichsleiters Martin Bor- mann an den Gauleiter Paul Giesler, aus dem des weiteren hervor- geht, daß wir ohne unser Wissen schon jahrelang.bespitzelt wurden. Da dieses Schreiben von allgemeinerem Interesse ist, bringe ich es hier zur Veröffentlichung. Verwaltung Obersalzberg Führerhauptquartier, 13. 10. 42 Reichsleiter Martin Bormann Bo/Ad Herrn Gauleiter Paul Giesler München Prannerstr. Persönlich! Lieber Parteigenosse Giesler! In der Anlage übermittle ich Ihnen das Buch über das Berchtesgade- ner Weihnachtsschießen, das ich nebst seinen Anlagen gestern vom Berchtesgadener Kreisleiter erhielt. Unsere einsichtigen Berchtesgade- ner Parteigenossen ärgern sich, wie mir bekannt ist, schon seit Jahren darüber, daß der ganze Weihnachtsschützenbetrieb von der katholi- ‚schen Kirche aufgezogen und zur. Verschönerung ihrer kirchlichen Feiern durchgeführt wird. Eine Änderung darf natürlich von außen her nicht erfolgen; sie gäbe, zumal während des Krieges, nur Unruhe. Meines Erachtens müßte der »Kreisleiter, der selbstverständlich gar nicht in Erscheinung treten dürfte, dafür sorgen, daß ein neuer Weihnachtsschützenverein auf der Grundlage des volklichen Brauchtums gegründet wird; diesen Verein müßte ein geschickter Mann führen, den wir nach Kräften unterstützen 131 müßten; außerdem müßten wir dafür sorgen, daß, wenn möglich, schon die Hitlerjugend im Berchtesgadener Land zu schießen beginnt. Wer schießen will, soll keinesfalls auf die schwarzen Brüder, die die jetzi- gen Vereine leiten, angewiesen sein. Wie sehr der Brauereibesitzer Dr. Kriß, der Verfasser des Buches, für die katholische Aktion arbeitet, geht aus jeder Seite von 14—38 her- vor.\ Leider ist in den vergangenen Jahren, wie ich schon einmal betonte, von den bayrischen Behörden herzlich wenig gegen die katholische Aktion geschehen; demgemäß auch nicht das geringste im Berchtes- gadener Land! Dorthin hätte man die besten Lehrer und sonstige Beamte schicken müssen, dorthin ausgezeichnete Jugendführer usw. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie bei nächster Gelegenheit die Berch- tesgadener Verhältnisse einmal mit dem kommissarischen Kreisleiter Zeitz besprechen würden. Heil Hitler! Ihr gez.: M. Bormann. DS Obenstehendes Schreiben wurde im Jahre 1946 in den Akten des Landratsamtes Berchtesgaden gefunden und mir in Abschrift übergeben. Der Verfasser: Prof. Dr. Rudolf Kriß, geboren am 5. 3. 1903 in Wien, a. o. Prof. für “ Volkskunde an der theol. Fakultät in Salzburg und Honorarprofessor für Volkskunde an der phil. Fakultät der Universität München. 132 . REN) ö\ 8 ET ie uni Bi:| 1 Ba: "Colour& Grey Control Chart cas Blue Cyan Green Yellow Red Magenta White Grey 1 Grey 2 Grey 3 Grey 4 Black | HUUETETWITTITTITTE B BEREREEBERER ER| as SER BEREER| 4 233 A; BEE BESZEREEN|