SkEDIGCHIE 19 3 3 19 4 5 Als der braune Dunst des Macıtwahns begann, sih wie erstickender Nebel über Deuishland zu senken, ver- stummte das Lied der Freiheit, der Gerechtigkeit und Menschenwürde. Seine Künder wurden außer Landes gejagt, eingekerkert, erscilagen. Seine Melodie wurde zum Flüstern und klang unhör- bar fort in den Köpien derer, die um seinetwillen gefoltert wurden, gelangen waren, hinter Gittern saßen. Einer von ihnen war Hans Lorbeer. Zwishen ihm und der Welt draußen, die furchtbar geworden war, in der aber immer nodı Bäume in Wäldern zuhaui standen, Ströme blinkten, Wiesen dufteten und Lerhen in den Tag stiegen, standen nun harte Stäbe aus Stahl. Sie bestimm- ten sein Leben, wie sie Sonnen- und Mondlicht zerschnitten, das in sein klei- nes Fensterviereck fiel. In dichterisch- bittrer Wehmut nannte er diese Stäbe „Gitterharie”’. Die Verse, die sein Herz - hinter der Gitterharfe sang, sind nicht von traurigen Mollakkorden bestimmt, sondern stark schwingt sich durdı seine Gedichte die helle Dur eines starken Menschseins, eines Kämpiers, der die schöne schlechte Erde liebt wie ihre Menschen. Die Zeit hinter der Gitterharie machte ihn nicht kleiner, sondern stär- ker und reifer. Seine dichterishe Aus- sage ist klar und volltönend und heißt uns durdı die Kraft ihrer Einfachheit mit- gehen mit dem Menschen Hans Lorbeer. HANS LORBEER DIE GITIIERDARTKH De zueN Se 31 ,O/Ri:B, E. ErSR DIE GITTERHARFE GE DIT@GSETE 1983-1945 Bee zZ N ERTL: AG BER LI N . Copyright.ı948 by DIETZ Verlag GmbH,Berlin Printedin Germany— Alle Rechte vorbehalten Ausstattung und Typographie: Dietz-Entwurf Veröffentlicht unter Lizenz-Nr. 5ı der Sowjetischen Milıtär-Administration in Deutschland Satz u. Druck: Sachsenverlag, Zweigwerk WerdauSa. 04 ma. Hunderttausende tapferer, aufrechter Männer und Frauen gingen in die Konzentrations- lager, Gefängnisse und Zuchthäuser, auf den Sand- berg, an den Richtblock und unter den Galgen, in die Todesmühlen und ins Nichts eines unter der faschistischen Lüge und Peitsche entarteten Deutsch- lands. Ein von fremden Völkern unterdrücktes und ausgebeutetes Volk behält, wenn es sich selbst treu bleibt, seine Ehre; ein Volk, das sich in eigener Sprache verhöhnte und mit eigenen Händen ohne Bedenken schändete, wie das deutsche, hat sie ver- loren und muß, will es weiterbestehen, sie wieder- gewinnen. Alle die Gemordeten, Gequälten und Beleidigten des Deutschlands von gestern sind die Saatkörner der neuen deutschen Ehre. Wie sie von Kindheit an ihr Deutschland— wohl ohne Worte, so doch am stärksten— liebten, so haben sie sein auchin den dunkelsten Stunden ihrer Marter gedacht. Daß ich zu ihnen gehöre, sage jedes meiner in Not und Gefahr geschriebenen Gedichte, die Herzschläge sind für ein freies, Ehre verdienendes Deutschland. SPRUCH Aufrecht stehen, vorwärts gehen, heißen, starken Herzens sein! Allen Fragen Antwort sagen; keine Antwort ist zu klein... Mit sich ringen, sich bezwingen, unterm Schritt der Zeit nicht schrein! Jeder Wahrheit, jeder Klarheit Kämpfer und auch Meister sein! DEM KAMERADEN Nimm jeden Tag als einen Meilenstein| und laß dir nicht vor weiterem Wege grauen.| Die Straße kann nicht immer sonnig sein, das Auge darf nicht immer Freuden schauen.| Die Welt ist weit; wir sind in ihr nur Kinder,| die sich verlaufen— bis sie sich gefunden. Erst wenn wir sterben, kommen wir dahinter, warum wir uns für diese Welt geschunden... ’ Dann wissen wir: kein Opfer war vergebens, kein Kampf und keine Niederlage, nein—. Dies ist der schönste, tiefste Sinn des Lebens, Werkzeug der Wahrheit und Vernunft zu sein! gern ANMEINEN SOHN Du wirst einst, was ich nicht mehr werde. Ach, manchmal habe ich gemeint, ich sei die schwere Ackererde, in der allein du wurzeln kannst; doch ahne ich: du bist die Scholle, in die das Schicksal mich gepflanzt... Du bist der Grund! Der wundervolle, fruchtbare und so feste Grund, in den ich alle meine Träume, Vorsätze, Wünsche, Werke und Entschlüsse pflanze,— stille Bäume, die manchmal rauschen... So auch jetzt. Mein stolzer Sohn, in diesen Stunden, da mich die Unruh packt und hetzt, habe ich mich in dir gefunden! | Du bist mein Sohn! Du bist mein Freund!|| | fi | | 1 MUMTER Du bist ein unerschöpflich’ Wesen: aus deinem Ich wächst unser Wir. Du bist zum Leide auserlesen, doch jeder findet Trost bei dir. Du bleibst uns keine Gabe schuldig. Geliebte bist du— und auch Magd. Du wartest lang und doch geduldig darauf, daß man den Dank dir— sagt. Du weißt von unserm großen Sehnen und gibst mit immer reinem Sinn Kraft, Liebe, Freude, Lust und Tränen in unsere offenen Hände hin. WUNSCH Ich möchte mit dir durch die Länder fahren auf Eisenbahnen, Motorwagen, wunderbaren schneeweißen Schiffen, Strömen blau und breit, durch stille Täler, über grüne Hügel! Und meiner reinen Liebe starke Flügel sollen dich tragen durch die Sommerzeit! Ich möchte mit dir durch die Städte gehen, mit dir vor Domen, Türmen, Burgen stehen und wie du selbst so voller Sonne sein—, durch Straßen, über Plätze dich geleiten, mit dir hin über breite Brücken schreiten und mich an deiner stillen Freude freun. Ach, wandern möchte ich mit dir durch Wäldermeere und Steingebirge, durch der Heide schwere und doch so süße, sanfte Einsamkeit. Und keine Sorge soll mich da erreichen; ich will den Sternen und Planeten gleichen, die selig wandern durch die Ewigkeit! Ich möchte mit dir alle Völker kennen und lieben lernen, alle Brüder nennen und all ihr Gut und Böse ganz verstehn. Dann wollen wir, durchdrungen von Erkenntnis und voller Menschenliebe und Verständnis, heimkehrend eine neue Heimat schn... JıLl WANDERN Helle Höhen, grüne Täler, Weg und Weg und Schritt und Schritt. Junge Herzen, junge Lieder, junge Wünsche wandern mit, Wind durchfließt die weiten Fluren, Wind durchfließt und küßt auch mich. Wie die weißen Wolken schweben, schwebe, wandere auch ich... DIE NACHT Nun kommt die Nacht im weichen Sternenkleide. Ein Wind geht sacht durch Forst und Feld und Heide. Blau schweigt das Tal. Ein Bach zieht dunkle Bogen. Ein Baum steht fahl in bleichen Nebelwogen. O tiefe Nacht, in deinem Ruhehafen läßt du die Tiere traumlos schlafen. Mich aber treibt dein dunkles Wehen ins Meer hinaus... Erschreckt, erwacht muß ich im Blickfeld böser Augen stehen. AN DEN-ARBHITTER DER; EA-B RIESE ADEL Du bist ein Blatt am Menschenbaum der großen, grauen Stadt, hast wenig Raum, lebst zwischen Wirklichkeit und Traum und wirst nie satt. Dein Tag ist schwer, dein Tag ist weit, ist wie ein aufgewühltes Meer, ist voller Streit um nur ein bißchen Seligkeit — und doch so leer... Tat mußt du sein! Dein Werk ist Brot! Du wirfst die Saat in Stahl und Stein. Armut und Not — für dich das ewige Gebot, dein Lohn— das Nein! Doch Tag und Jahr hast du mit Fleiß geerntet, was gewachsen war in deinem Kreis. — Für andere nur rann dein Schweiß, ward grau dein Haar... Du bist die Kraft in Werk und Wert, | du bist des Volkes roter Saft, | der strömt und gährt und in Millionen Halme fährt| j und Ähren schafft... Die tiefste Nacht nun endlich wich—. Ein Sturm fegt durch die alte Macht!| Erhebe dich!| Dein tausendjährig Joch zerbrich! Heh! Aufgewacht! HERBSELEND Nun schlägt die dumpfe Glocke an. Rauch steigt aus leeren Feldern. Ein früher Abend weht heran aus Städten und aus Wäldern. Die Luft ist feucht; durchs Wiesental ziehn graue Nebelschwaden. Die Schollen liegen kahl und fahl, — doch offen neuen Saaten. Zerfahren ist der Weg durchs Feld, feucht sind der Räder Spuren, Sprühregen weht und schwebt und fällt in tieferschöpfte Fluren. Wie mahnend hallt da Schritt und Schritt, — erdgründig Glockenläuten.. Es zieht der Herbst, wir ziehen mit; grabwärts ziehn alle Freuden. Und frißt er uns, der Gittertod, — aus Sterben und Vergehen loht ewig uns ein Morgenrot und Wiederauferstehen! EMMER NÄHER... Immer näher rückt die Wolke, die das letzte Grün verhüllt. Immer trüber wird der Himmel, wenn der Erde Herbststurm brüllt. Vor den Städten dampfen Äcker ihre letzten Kräfte aus. Und der Höfe Tier’ und Menschen drängen sich in Stall und Haus. Und auch näher, immer näher rückt mein Herz dem deinen zu. Leise Freuden, stille Leiden, reiche Stunden bietest du... Ach, in keinem Blumenkelche liegt so wunderbarer Duft, als in deinem starken Wesen, das mich vor dein Antlitz ruft! in a EEE EEE 2— m—— m NOVEMBERTAG AN DER ELBE Wind aus dem Norden. Weidenbäume stehen mit leeren Ruten in dem gelben Horizont. Das weite, faltenreiche Tuch der abschiedswehen, erschöpften Wiesen liegt braun übersonnt vom stillen, kalten Spättaglichte. Ein Krähenschwarm zieht schwer und girrend dem Flusse zu, vorm Angesichte des Himmels plötzlich sich verwirrend. Hintragen durch das müde Land Hochspannungsmasten ihre Kupferlast, fortwandernd reiht sich Mast an Mast bis zu der Wälder ferner, dunkler Wand. Wind aus dem Norden. Schmale Kräuselflecken wehn spukhaft über bleischwer blanke Flut. Die Sonne wirft aus grauen Wolkendecken kühn eine Brücke voller Weltenglut; die spannt sich sprühend zwischen flachen und kahlen Ufern, da die Kühe weiden und Hirtenjungen einsam lachen und stolz zu Roß durch kleine Träume reiten... Wind kommt von Norden, trägt des Abends Schleier ganz sacht heran. Die Wiesen werden grauer. Und still zerfließt der Sonnenbrücke Purpurfeuer. Der Tag geht fort hinter der Wolkenmauer. Die Krähen und die Kühe wandern müde den Wäldern und den warmen Ställen zu. Ein letzter Schrei— In deiner tiefen, blauen Güte, o Nacht, gib auch dem Mann im Kerker Ruh... )18( SONETTANMEIN HERZ 13. Dezember 1933 E Iftausendsiebenhundertsechsundneunzig Tage hast, mein braves Herz, getreulich deine Pflicht getan. Du triebst mich vorwärts, aufwärts, ach, mit jedem Schlage stieg deiner Tatkraft Klarheit und Elan... Ja, du hast oft recht laut und ungestüm geschlagen — um andere Herzen. Eines hast du sehnsuchtsvoll umkreist. Du warst auch müde und nicht selten voller Klagen, dann wieder frisch auf breitem Weg, der in die Zukunft weist, Du wurdest krank; Enttäuschung, Not und hartes Kämpfen erschütterten dich tief; du zucktest ungeduldig, schriest, taumeltest, hüpftest, wandest dich in Krämpfen. Und heute noch ists mir, wie wenn du vor dir selber fliehst — manchmal... Bang hör ich deine Schritte, fühle schmerzlich, wie schwer du schlägst,— und liebe dich gerade deshalb doch so— herzlich... ENTTAUSCHUN«G Plötzlich lichten sich die Wege und das weite Land ist offen und in tausend schönen Träumen leuchtet auf dein großes Hoffen. Vögel singen in den Lüften, Blumen duften, zart von Farben. Auf den Feldern deiner Wünsche steht das Korn in goldnen Garben. — Plötzlich fällt ein jäher Regen, und im tiefsten Grau verloren stirbt dein Traumland-Erntesegen. Laß ihn sterben, säe wieder in des Lebens rauhe Schollen; Früchte, die in Träumen wachsen, darfst du niemals ernten wollen... Und du jubelst, wandelst trunken... VORFRÜHLING AM DORFTEICH Im Silberwasser schwankt der Himmel. | Die Erlen atmen neues, warmes Licht. | Aus wachen Häusern dringen junge Stimmen, wie aus dem grünen Zweig die Knospe bricht. Mein Herz aus Erde, voller Triebe, die meiner Sinne Welt erhellen, der Frühling kommt! Er, deine große Liebe, wird dich durchrauschen nun mit tausend Quellen. Da werden alle Gitter fallen und du wirst sein im festen Schreiten der Jungen, die gesiegt in allen, in allen aufgewühlten Zeiten! Die Wiesen leuchten bunt von Farben, ein Heer von Blumen stieg herauf. Die Bienen und die Schmetterlinge, sie brechen alle Kelche auf. Der Tag hat seine weißen Wolken. In leichten Sprüngen weht der Wind hinan die spiegelklaren Fluten, die plötzlich rauhe Tücher sind. Bussarde wandern auf und nieder. Am Ufer jagt ein Storchenpaar. Die Angler hängen an der Rute. Ein Mädchen kämmt das nasse Haar. Fünf volle Kähne schleppt der Dampfer den Strom hinan; dicht quillt der Rauch, Die Mutter und die nackten Kinder ruhn hinterm kühlen Weidenstrauch. Lachen und wildes Wasserplantschen hallt durch den Tag. Ein Junge singt, bis dann des Dampfers nahes Rauschen das kleine Sommerlied verschlingt. Die Luft ist dunkel, riecht nach Kohle und Asche; Ketten rasseln laut. Wild quirlt das Wasser, das in Wogen sich vor den dicken Kähnen staut. GANG DURCHSERBEINT Zischen und Lärm der Schaufelräder—. 1 Ein Schiffer steht am Mast und winkt. Nah hallt ein Ruf. Die Wellen laufen. Ein Silberfisch springt auf und blinkt. Im Westen sind die grünen Wälder, im Osten liegt die enge Stadt. Die Kühe aus den nahen Höfen waten im Wasser, satt und glatt. Hochspannungsmasten und Fabriken, Hafenanlagen mahnen grau. Der Sommer aber malt die Wiesen und färbt den weiten Himmel blau. AUS DEM SICH Br 2CHH DES LEBENS Das Schloß springt auf; heraus denn mit dem Kasten! Gleich obenauf liegen des Lebens Lasten. h Doch drunter, sieh, sind wunderschöne Sachen. Das Leben schrie, das Leben konnte lachen. Noch brennt herauf so manche tiefe Wunde! Noch leuchtet auf so manche schöne Stunde... IH Die Zeit hat keine Zeit, sie rennt und rennt hin in die Ewigkeit.=| Als ob es brennt...| Doch nicht zu löschen, nein, fällt ihr nicht ein... Die Zeit hat keine Zeit für mich. Warum nur nicht? Weißt du es, mein Gedicht? Du tust mir leid... Ich weiß Bescheid... II Entweder— oder: eins mußt du erstreben, mußt dich erniedrigen — oder erheben, mußt feig dich schlängeln durch das kleine Leben — oder ein hohes Ziel aufrecht erstreben. Entweder— oder! Fluch den Untertanen! Ehre jedoch den Kämpfern unter der Wahrheit Fahnen! IV Die Heimat ist der stille Hafen, in dem die jungen Schiffe schlafen, bis sie so gut gewachsen sind, daß sie in Regen, Nacht und Wind ausfahren können zu den fernen und schönen Ländern, zu den Sternen, die da in fremden Städten blühn, in heißen Nächten glühn und sprühn. Wir Sehnsuchtsschiffe fahren trunken von Land zu Land, bis wir gesunken oder doch sehr zerschunden sind. Da weht uns denn der große Wind des Heimwehs nach der Heimat Hafen, die jungen Schiffe, die dort schlafen, aufzuerwecken— und die Schätze, die wir in Höllenqual und Hetze geladen an den fernen Küsten, zu löschen... Und die Jungen rüsten zur großen Fahrt, zu großem Ziel. Ahoi! Ein neues Lebensspiel! V Die Wahrheit ist ein Weg durch Wüstensand: der Tag erglüht, die Nacht ist bitterkalt, der Weg ist lang, er führt bis an den Rand des Daseins— in den Abgrund der Gewalt. Gehst du ihn nicht, bist du ein Lügenknecht und wirst vielleicht gar alt und grau dabei. Doch gehst du ihn, ergeht es dir zwar schlecht, aber du machst dich vom Gemeinen freil REN Z-SONKREI W ind fließt durch Birkenzweige, die glänzen braun im Licht. Du weiter Himmel neige dich in mein Angesicht! Die Brust wird mir zu enge, die Welt in mir zu weit... Ersehnter Lenz, zersprenge mein graues Erdenleid! Im Dunst der Äcker schreiten... Im Lied der Wälder sein... Und Weidenflöten schneiden... Ihr Träume, laßt das Klingen; ich hör ein Lenzlied singen, — dies singt kein Mensch für sich allein... LENZMORGEN Ein kühler Wind fließt durch das Licht, Die Knospen glänzen dick und wach. Aus sanftem Tale blinkt der Bach hinauf zum weißen Wolkendach, durch das ein Sonnenstrahl sich bricht. Ich weiß: leicht greift mit kalter Hand der Winter jäh ins Land zurück. Ganz ohne Unglück ist kein Glück; von jeder Freude bricht ein Stück das Schicksal sich— als Zins, als Pfand, Mein Freund, mich hat die Zeit gequält mit Unrecht, Hohn und Peitschenhieben. Sieh her: geächtet und vertrieben bin ich mir selber treu geblieben! Einst kommt die Zeit, die mich erwählt! Dann brechen alle starren Mauern, die mich umengen, donnernd nieder. Dann recke ich die treuen Glieder und strahlend steigen meine Lieder um auch mich selbst zu überdauern... Ach, laß mir diesen schönen Traum... Ich weiß es wohl, es geht ums Ganze, nicht nur um lenzbewegte Hanse—; ein ganzes Volk tritt an zum Tanze unter der Freiheit Lindenbaum! WIR SASSEN UNTER DIEB GROSSEN TANNE Wir saßen unter der großen Tanne auf einer eisernen Bank, ganz allein. Vor uns lag eine leuchtende Wiese, im weichen Grase ein wuchtiger Stein. Es war im Park eines alten Schlosses, an einem Sonntagnachmittag. Wir träumten in die sonnige Stille, die da in allen Bäumen lag. In mir war noch der grauen Werke staubiges Grollen. Und in dir klang noch des Alltags schrille Glocke. So saßen wir, so lauschten wir... Ein Wind sprang kühl an uns vorüber, er griff verspielt nach deinem Kleid. Und meine Worte fielen fragend in zitternde Verlassenheit. Wir saßen unter der großen Tanne—. Der Sommer webte den letzten Traum. Ein stolzer, feuerroter Vogel sang über uns im dunklen Baum... SOMMERABEND Über den Dächern der Fabrik sehen wir den sanften Sommerabend, einen Herzschlag lang, dann liegt die Last der Arbeit wieder auf unseren Augen. Sommerabend... Durch Maschinengeschrei weht ein Hauch, und das Bild der Geliebten umzittert uns wie die Glut unserer Kämpfe. Durch Maschinengeschrei weht dein Hauch weich wie Balsam in unsere durchhämmerte Brust, in unsere brennenden Gedanken... Wir wissen: du bist die Ruhe!— Nach dir aber steigt auf das Sturmlicht der Welt! Hell wird der Tag neuer Kämpfe! Über den Dächern der Fabrik sehen wir dich, sanfter Sommerabend, einen Herzschlag lang— und doch lange genug, um zu wissen, daß es ein Glück ist, herrlich und groß, nicht zu ertrinken in dir, über dem Traumbild deiner Ruhe siegreich zu stehen! - BALLADE Ach, ich wohne im Gehirn einer Mietskaserne— und der Nächte Goldgestirn ist mir nicht sehr ferne, Einmal— ach, wie war ich nah dem ersehnten Ziele! Auf dem Stuhle stand ich da, streckt’ der Augen Stiele und die Hände weit empor, hob mich auf die Zehen, durch des Daches Himmelstor das Paradies zu sehen und zu packen, fest, ganz fest— und herabzuzerren und in mein’Dachkammernest für immer einzusperren... Ah— gerade griff ich zu, da, der Stuhl versagte—. Knacks! Er legte sich zur Ruh, weils ihm so behagte... Und ich stürzte in den Pfuhl, Hirn der Mietskaserne... hätte ich einen besseren Stuhl, dann hätt’ ich auch die Sterne... FRÜHLING AM BRETTERZAUN Der Tag ist eingekreist von Mietskasernen. Um einen Garten schwankt ein Bretterzaun. Ein Birnbaum trägt sein Sehnen in die Fernen; .die Blüten gleichen ungezählten Sternen. Die Gartenerde leuchtet kupferbraun. Ein Junge schreibt mit Kreide an die Bretter, schreibt einen Namen, welch ein süßes Wort! Ach, Bretterzäune sind nicht Albumblätter— und morgen wischt vielleicht ein Regenwetter so nebenbei den lieben Namen fort... Doch jetzt ist Sonne noch um jenen Namen am Zaun, ein Veilchen blickt zu ihm hinauf. Im Garten sprießt der ausgestreute Samen. Die Mietskasernen sind ein grauer Rahmen für solchen Frühling. Herz, o Herz, brich auf! Denn jetzt ist Sonne noch! Die Wolken fahren gleich weißen, märchenstillen Schiffen aus. Den Namen trägt ein Kind von achtzehn Jahren. Ihr jungen Wünsche, wandert aus in Scharen! Der Bretterzaun selbst schwankt ins All hinaus. Die Mietskasernen und der blasse Junge und jener Name—: Frühling einer Stadt... Im Westen ist ein Wetter auf dem Sprunge. Der Frühling schmeckt so bitter, lähmt die Zunge. Wann macht ein Frühling alle, alle satt—! EIN ELUÜUCHTLING WANDERT DEUER CH D’EN,.WALD Das ist der Wald! Ein aufgewühltes Meer, Strudel und Strömungen die dunklen Schluchten.— Saftgrüne Fluten stürzen weit und schwer sich in des Landes hügelige Buchten. Wirf dich hinein! Die grüne Sturmflut packt dich fest und reißt dich fort durch tausend Strudel. Auf dunklem Grunde, aufgelöst und nackt liegst du— umschlichen von der Tiere Rudel. Ein andrer Mensch— erhebst du dich und gehst hin durch die braunen Stämme, die sich beugen in tiefe Schluchten, da im Schlamm du stehst, aus dem des Moders dichte Dünste steigen. Verfaultes Holz, brandfeuchtes, totes Laub, Verwesung aufgedunsner Leiber, die verreckten.— Du stehst und schweigst, als seist du blind und taub, umtost von Stürmen, Dämpfen und Insekten. Bist du allein?— Ja! Wenn von ferne auch menschliche Stimmen durch das Rauschen schwanken. Du bist allein in Stamm und Stein und Strauch, in Schlinggewächsen, die dich fest umranken! Das ist der Wald! Hier stehst du jäh und dicht vorm Tor, das ausspie dich und das dich wieder würgt und verschlingt. Dein Menschenangesicht wird ausgelöscht! Tod kriecht in deine Glieder! 33( Das ist der Wald, in dem ein Vogelheer singt und umherhüpft, deinen Geist zu narren. Das ist der Wald auch— trübes, dumpfes Meer, in dem des Unheils fette Unken quarten. Das ist der Wald der Käfer, Würmer und der Millionen Fliegen, die dich gierig fressen, sobald dein Herz in diesem dunklen Grund zu schlagen und zu kämpfen hat vergessen! Das ist der Wald! Und doch, ich weiß: er wird einst herrlich sein!— Da soll ein Rauschen gehen durch Stamm und Stein! Und ich, der sich hierher verirrt,. will— Baum der Bäume— himmelragend stehen! TG GRABE.., Als Junge grub ich Löcher in die Erde, breit und tief. Gelb war der Sand— mir wars, als atme er. Welch wunderbar Geheimnis in ihm schlief! Erwachen mußte es, sobald ich rief! Und tiefer grub ich, süßer Ahnung schwer... Ich grub mit Händen und mit Augen.— Wußte nicht, was meine junge Sehnsucht suchte. Ich fand auf feuchtem Grund das Buch— auf seinem ersten Blatt mein Angesicht. Aufschreiend ging ich fort, vergrub mich tief im Licht der Schrift, die, tausendfacher Mensch, verherrlichte, verfluchte. Die Jahre gingen. Waffe ward das Buch in meiner Hand. Aufrührerisch entflammt muß ich mich graben jetzt in die Hirne meiner Brüder.— Schrei und Brand “ durchzuckt auch sie.— Und durch das aufgewühlte Land rauscht unser Lied: Wir wollen uns und alles, alles haben! LICH LIEBE, Ich liebe dich, Mädchen im Arbeitskleid. Es rauscht die Maschine hin durch dein Leid. Dein Herz im Busen mahnt Schlag um Schlag: wir Sehnenden wissen: es kommt der Tag! Da haben wir Sonne und Brot genug, vorüber die Zeit voller Lug und Trug—. Vorüber die Tage der falschen Pflicht, die Nächte mit grausamem Traumgesicht... Du lächelst, du schreitest, bist kampfbereit, du hast dich von Zweifel und Zwiespalt befreit. Dein Lächeln ist Jugend. Dein Wort ist Klang. Du wirst mich umklingen ein Leben lang. Du bist mir Gefährtin, du bist mir Weib; ich will deine Seele und deinen Leib. Ich liebe dich, Mädchen im Arbeitskleid; wir schaffen vereint für die neue Zeit. Da wird es auch sein, daß wir glücklich sind, denn glücklich wird werden unser Kind. So wollen wir schreiten— dem Ziele zu: dem Kampfe, der Liebe, dem Siege,— der Ruh... DIE STRASSE Aus dieser Stadt führt eine Straße hinaus ins weite, ferne Land, Baumketten ziehn im Grabengrase die Straße bis zur Himmelswand. Sie geht durch Nacht und Sommertage, durch Winterweiß und Ährenfeld, durch dürre Not und bittre Klage; sie ist ein Schrei durch alle Welt. Auf dieser Straße wandert müde der eine, Altersstaub im Haar; der andere, in der-Jugend Blüte, geht frisch durch Freude und Gefahr. Doch keiner kommt zum Ziel des Lebens, dem Ziel, das flammend vor uns loht. Was hier erreicht, trotz höchsten Strebens, war immer noch der graue Tod. Du Straße— noch blieb uns ein Hoffen auf jenen Tag, da deiner Bahn die Erde und der Himmel offen! Da wird kein Schritt umsonst getan! Da wirst du sein ein Strom der neuen und schönen Zeit; von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf wirst du befreien ein Volk— das lang gewartet hat... STERBENDER WALD Nun kam der Herbst. Das Feld liegt leer. Schwer rauschend steht der Kiefernwald. Die Vögel singen längst nicht mehr. Die Welt ist eng, die Welt ist kalt. Das letzte Grün ist hell bereift. Der Morgen dämmert grau und hart. Der Erdgrund, den die Wurzel greift, ist von dem Kuß der Nacht erstarrt. Hart hallt ein Schlag... Ein Zittern geht von Stamm zu Stamm. So Schlag und Schlag... Dann— schwerer Fall. Und müd verweht des Waldes erster Todestag.., Ein neuer Sterbemorgen steigt. Horch, Schlag um Schlag—. Es stirbt ein Wald! Er stirbt gelassen, fällt und schweigt, er weicht, er beugt sich der Gewalt... Du bist ein Mensch, du bist ein Baum im Wald der Menschheit. Schweigst du still, wenn dich— im Leben oder Traum-- die Axt des Todes fällen will—? Es rauscht der Sturm. Es wogt die Nacht. Sei stark, es wird vorübergehn—! Und wenn ein neuer Tag erwacht, wirst du in Sieg und Sonne stehn! Wie Sang aus finsteren Gräberhallen schwingt sich der März aus Wintersnacht empor, er zieht sein Schwert und sprengt das morsche Tor vorm Frühlingstag; es muß zerfallen! Die Starre bricht gleich dürren Halmen und schmilzt ins Tal. Und Auferstehung schreit. Durch die Fabriken geht die Frühlingszeit, Maschinen singen Aufbruchspsalmen... Der Sturm springt auf und wirft sich nieder auf Hungerhirne, die mit lautem Schlag nach Wegen tasten aus dem Kettentag; er peitscht sie auf und donnert seine Lieder. Das ist der März, der läßt das Große werden! Ein Säemann mit erdenfroher Saat... So Nacht und Tag—: Die Menschheit reift zur Tat, und Freiheitstage blühen uns auf Erden! DIE BREUCRE Aus Stein und Stahlist sie geboren und ihre Seele loht in Glut. Der Strom hat seine Macht verloren, ohnmächtig wogend wallt die Flut. Die Flut, die wild und donnernd brandet, ist überbrückt mit kühnem Schwung; auf beiden Ufern fest gelandet, wölbt sich der Brücke mächt'ger Sprung. Es fiel der Krieg in Trümmerstätten, in Dorf und Hof, in Forst und Feld; der Frieden schlug den Krieg in Ketten und trug sein Licht in alle Welt. Endlose Länder sind verbunden, die unter Haß und Kampf gestöhnt. Die Brudersprache ist gefunden, die Völker haben sich versöhnt. DANKE UCH, MEINE TIBBEN AUGEN Dank euch, meine lieben Augen, habt euch wirklich sehr bemüht, mir die große Welt zu zeigen, wie sie blüht, verdorrt und— blüht. Menschen lehrtet ihr mich kennen, solche,— andre noch viel mehr... In des Lebens Sorgengarten führtet ihr mich hin und her. Freuden habt ihr mir gegeben, aber auch so manches Leid, habt mich aufmerksam geleitet durch die große Not der Zeit. Habt mir Hunger, Leid und Jammer, Unrecht, Lug und Trug enthüllt und mit härtester Erfahrung mir das arme Hirn erfüllt. Wohl, da schlug das Herz im Leibe wild, empört, heiß und gequält, doch ich habe nie der Feigheit — stets des Kampfes Weg gewählt. Dank euch, meine lieben Augen, wenn es oft auch bitter war... daß ihr klar und rein geblieben, hielt auch meine Seele klar. ANDEN MOND Du mildes Licht dort hinter schlanken Stämmen, wie zärtlich du die Wälder überstrahlst, wie wundersam den blauen Wolkenkämmen du Schlucht und Gipfel silbern übermalst, ich grüße dich, du Abendlied der Stillen; dein süßer Klang fließt über Halm und Blatt, du kommst und lächelst, selig zu erfüllen, den, der ein offnes Herz und Auge hat; dein sanftes Leuchten läßt die Tiere träumen und voller mütterlichen Friedens sein, die Vögel in den leichtbewegten Bäumen, sie schlummern kindlich unter deinem Schein. Und ich, o Mond—? Ich schau dich hinter Gittern, die deinen Glanz zerteilen und zersplittern.... Vor seinen Höfen wich der Wald zurück. Die Äcker sammeln ihm das blaue Licht. In kleinen Stuben schweigt das kleine Glück. j Und Erde liegt in jedem Angesicht. j Der Dunst der Ställe wandert auf die Straße. Die Schwalben segeln emsig auf und ab. Die Pferde wälzen sich im Koppelgrase. Abwässer rinnen grün zum Teich hinab. In dichten Linden summen Honigbienen. Dort geht die Magd in schiefen Holzpantinen. ‚ Ein Wagen rasselt in die Flur hinaus. Die Kinder spielen auf dem Schmiedeplatze. Im Fenster liegt die alte, graue Katze und blinzelt leicht und schaut nach Spatzen aus... DIETANNE AM WEGE Den Wipfel aufgereckt in Sonne, Wind und Regen, die Wurzeln fest im Erdenschoß verkrallt, im Fluche unerschüttert wie im Segen, den Weg zu Füßen, um sich her den Wald, so steht die Tanne herrlich wie ein Wort, das in Jahrhunderten sich aufgebaut zu stolzem'Werke und nun immerfort — ein stiller Wächter— in die Weite schaut. Oh, welch ein Baum! Er hörte Kriegstrompeten, Axtschlag und Klage, atmete den Tod, er sah die Menschheit stur sich selbst zertreten und grüßte hoffend manches Morgenrot. Die Zeit verrann—. Der Wald rauscht durch die Tage... Die Tanne wuchtet auf— der Toten stumme Frage. GANG DURCH DEN BUCHENWALD Nun schwingt der Weg sich hell und schön hinan zum dunklen Tor des Waldes, dessen Schatten mich wie violette Flut umfängt. Versunken schreite ich auf weichem Grund, den Regen überrann, hin durch den Dom... Ein Säulenheer erhebt 'sich steil und glatt, graugrün und lichtdurchwebt zum hohen Dach, das Sonne überfließt, Sonne, die sich ins kühle Laub ergießt; sie sickert, tropft herab auf satten Boden, ein leichter Wind verweht sie hier und dort. Du stolzer Wald, du rauschest immerfort das Lied der Lebenden, das Lied der Toten... Ich bin in dir von Tag und Nacht durchzittert und von Jahrhunderten— ein junger Gott— umgittert. ALTE BUCHE Wie eine Säule bist du aufgeblockt und hell gekrönt mit grüner Blätterpracht. Die graue Wolke, drin der Regen hockt, der Sturm, der Sonne Glut, die kalte Nacht — du fürchtest nichts! Was Sinn— was Widersinn... Den Wetterstrahl, du nahmst ihn Jächelnd hin, Doch Narben blieben, seltsam schöne Zeichen, die hier und dort beredten Runen gleichen. In deinen Fuß jedoch, da gruben Hände der Herzen dürftig’ Zeugnis ein; viele verfielen längst der großen Wende—, kaum eines wohl mag noch durchblutet sein. Sie sanken hin in Grab und Erdenschoß, darin du wurzelst wuchtig, schön und namenlos. HERBSTGESANG Ö herber Herbst, du schweres, dumpfes Schreiten, das über die erschöpfte Erde geht, ich will dich über Feld und Berg begleiten, den Wald durchwandern, den dein Hauch durchweht. Du bist so still und müd wie Kinderweinen, unendlich weit und wolkenüberdacht, zuweilen wohl auch fernes, letztes Scheinen, verträumter Tag und sammetweiche Nacht. Du bist auch hart; du packst mit wilden Händen der weiten Wälder und der Städte Leben. Wenn wir in dir nicht auch die Schöpfung fänden, wärst du der Tod. Jedoch, du kommst zu geben... Komm auch in mich, mich schmerzlich aufzuwühlen und aufzupeitschen zum Gesang des Brotes, der uns durchrauschen soll wie tausend Mühlen des kleinen Lebens und des großen Todes... Zerspreng die Irrschlucht, die wir stumm durchwanken, erhebe uns hoch über alles Leid, gib Adlerherzen suchenden Gedanken, gib Brot und Wein uns— und auch Einsamkeit. Ja, lehre uns das namenlose Schweigen, das starke Wandern durch die eigene Brust, den Mut zu fallen und die Kraft zu steigen, das gute Leid auch und die reine Lust. Wirf deinen Sturm wild gegen meine Gitter, auf daß sie klingen, grollen harfengleich. Brot der Gefangenen ist hart und bitter, doch ihre Sehnsucht, die ist stark und reich! In dieses Brot spreng deinen süßen Regen, in diese Sehnsucht wirf dein leuchtend Rot, du sollst mein Herz bis auf den Grund erregen, daß es durch Winternächte lenzwärts loht! DESSEEIED.VOMBROT D:r Bauer sät das goldne Korn. Da bläst der März ins Wetterhorn. Die Sonne scheint. Der Regen fällt. Die Saat durchgrünt die ganze Welt. Der Frühling ist ein heiteres Kind, bringt uns den blaudurchwirkten Wind. Der Sommer kommt mit Licht und Duft — und schwerer, reifeschwüler Luft. Die Wolke zieht. Die Lerche singt. Der Bauer schafft. Die Sense klingt. Und Garben stehen dicht zuhauf... Die Scheunen auf! Die Herzen auf! Der Müller mahlt die Körnerflut, das gibt ein Brot, so süß, so gut! Wer dies auf seinem Tische hat, der wird noch alle Tage satt. O Mutter Erde, reich und rein bist du; wir aber wollen sein dankbare Kinder allezeit und Zeugen deiner Fruchtbarkeit! OÖ wunderschöne Erntezeit! Die Sonne küßt die vollen Ähren. Die Schnitter stehen mahdbereit. Das Feld muß seine Frucht gebären. Die Sense singt. Es geht ein Wind wie frohe Kunde durch das Land. Die Bäuerin mit ihrem Kind steht wartend an der Scheunenwand. Der Wagen kommt. Die goldne Last der Garben birgt das Brot des Lebens. Nun, Freude, komm, sei unser Gast! Wer ernten darf, lebt nicht vergebens! EERENTETLIRD DER JUNGEN Es singt ein Lied wohl durch den Tag mit einem hellen Klang. Es schlägt ein Herz wohl einen Schlag mit einem wilden Drang. Die Sense rauscht. Was wir gesät, so ernten wir es denn. Nun wird mit heil’ger Kraft gemäht, trotz Aber und trotz Wenn. Hinweg mit jedem feigen Wort, nun wird das Lied zur Tat. Uns reißt der Hunger erntend fort, und Herzschlag war die Saat. AN DIE WERDENDE MUTTER Du bist das Feld, das unter Schneelast schlief, von Wind und Wolken träumend, warm und weich, bis eines Morgens dich der Frühling rief und du erwachtest, einer Göttin gleich. Du strecktest dich und schautest in das Licht. Du botest deinen Leib dem blanken Pflug. Schmerz kam in dich, jedoch du weintest nicht, da er im Kern die Lust der Schöpfung trug. Du nahmst die Saat mit offnen Schollen auf. Dann kam die stille Freude über dich. Aus Erdentiefen stieg die Kraft herauf, der auch dein letztes Mutterbangen wich. Nun bist du voller Frucht und Seligkeit. Wohl kam der Sturm und peitschte deinen Leib. Du aber wartest auf die hohe Zeit der süßen Ernte, erdenfrohes Weib. Und kommt die Stunde, die vollenden soll, was lichte Liebe einst in dir begann, dann wird dein Sein der schönsten Wunder voll und blickt aus eines Kindes Aug’ dich an... SONNTAG In enger Zelle sch ich eine Straße, die still sich durch die helle Landschaft schwingt; Tautropfen blinken noch im Grabengrase, im Buchenwalde eine Amsel singt. Die Straße ist mein steingewordenes Sehnen, in ihrem Schotter ruht mein Lebenssinn, die Lerche streichelt sie mit frohen Tönen, der Wälder Raunen geht darüber hin. O blauer Tag, gewölbt aus Sonnenschleiern, laß meine Straße nicht ins Nichts verwehn! Einst will ich dich mit freiem Herzen feiern und freien Fußes meine Straße gehn! DEM KINDE, DAS MIR GEBOREN WIRD Du kleiner Mensch, der in das Taglicht springt, wie eine Frucht aus sommerlicher Hülle, ich bin dir fern, dein erster Schrei durchdringt die Düsternis nicht, die mich fast verschlingt. Und doch, du kommst, daß sich mein Sein erfülle. © schöne Zeit, wenn deine Äugelein- die Augen, die dich so ersehnten, suchen! Wie wird dein erstes Lächeln, Stammeln sein! Dein erster Schmerz— und sei ernoch so klein—| — Das Leid bleibt hart, wenn wir es auch verfluchen... Das Leid ist hart—, der Mensch jedoch ist gut! Mein herzig Kind: das Gute schafft den Frieden, Du bist der Frieden, der aus meinem Blut sich hell erhebt. Und was in mir geruht, als dein Erwachen ists der Welt beschieden. Im sanften Traum, in harter Wirklichkeit — du bist mir immer nah; in finsterster Verlassenheit seh ich dein Bild, hell wie ichs immer sah. Der Baum, der Bach, das goldne Ährenfeld, der weiche Wind, der durch die Halme strich, die Sterne und das Sonnenheer der Welt, — alles war schön und herrlich nur durch dich! Und was dein Auge jetzt noch still erschaut fällt in mein Herz als Trost aus deinem Mund. Du bist der Himmel, der mir immer blaut und mich erhellt bis auf der Seele Grund. Im sanften Traum, in harter Wirklichkeit, — du bist mir immer nahl Und du warst tapfer allezeit, was immer auch geschah... Was auch geschieht, ich nehm es lächelnd hin, und all mein Lächeln spottet jener Macht, deren Gemeinheit Opfer ich hier bin, denn du bist nah auch in der tiefsten Nacht! MUTTER ERDE Und ob ich auf der Erde Angesicht auch nur ein Stäubchen bin, ihr Herzschlag treibt den meinen— und ich vernehme, daß sie zu mir spricht aus allen Dingen, die vor mir erscheinen. Sie spricht im Winde, der mein Antlitz kühlt, im Dunkel, das mich dicht und schwer umdroht, im Regen, der mich wie ein Meer umspült, im Lichte, das mich feierlich umloht. Ich höre sie in Wald und Stein und Stille, ich fühle ihre Liebe, ihren Zorn; sanft ist ihr Dulden, herrisch ist ihr Wille, sie küßt die Ähre— und zermalmt das Korn... Wo ich auch stehe, rührt sie an mein Herz, zuweilen mit der Mutter zartem Kosen, oft aber— ach— so hart, daß Leid und Schmerz, Haß und Verzweiflung mich wie Sturm durchtosen. Sie schlägt mich roh— und streichelt mir die Wangen, sie läßt mich nicht aus ihrer Hände Spiel; selbst wenn ich einst von ihr den Tod empfangen, gibt sie mir schöpferisch ein neues Ziel... BUESBRBELETEORKR ENS LCH Wenn du allein bist, bleibst du manchmal stehen einen— Fl und blickst zurück ins weltenweite Ich; du suchst nach Wundern, die dir einst geschehen, — du suchst umsonst! Und plötzlich siehst du dich. Da stehst du, klein und froh, im Kinderkleide, dein ist die Welt, denn noch ist sie nur klein. \ Jedoch, du wächst und kriegst vom Erdenleide den ersten Stoß vors Seelenschienenbein. Du reibst ein wenig und dann gehst du weiter. Du wirst ein Jüngling und beweist es auch, trägst Ideale und gewählte Kleider und übst so manchen jugendlichen Brauch... rennen Mit heißen Händen greifst du in die Fülle, j i die dir das Leben bietet— und der Traum; selbst vom Geheimsten reißt du dreist die Hülle, f gibst in der Brust den freiesten Lüsten Raum. Du wirst ein Mann bei solchem Götterleben.... Freilich, auch stiller wirst du, kommst zum Schluß, } findest die Frau, beginnst für sie zu streben, lebst von der Liebe goldenem Überfluß.... Sie schenkt dir Kinder— und sich immer wieder, sie hört nicht auf, dein Lebensquell zu sein. Du beugst dich durstig in ihr Antlitz nieder — und ihre Liebe ist wie süßer Wein. Selbst da du eines Tags vom Alter redest, lächelt sie tapfer wie am ersten Tag. Sie weiß, daß du um ihre Jugend betest, und betet, daß die deine bleiben mag... So stehst du da! Dein Auge ist zufrieden, es hat dich endlich einmal ganz gesehn. Sei guten Muts, vielleicht ist dir beschieden, einstmals im Ich der Teuren aufzugehn.... Vielleicht auch bist du längst schon auserlesen, in Idealen aufzugehen; dieses ist seit je das Größre in der Welt gewesen. Ob du wohl wirklich auserlesen bist—? Durch des Tales tiefste Stille schwang sich ein Weih hinüber zu den Wäldern. Eine letzte frohe Lerche sang über aufgegrünten Weizenfeldern., | Ferne waren wir der lauten Stadt. Und wir lauschten in das Abendweben. Wunderbar aus jedem Halm und Blatt sprach zu uns das reiche Erdenleben. Welche Fülle lag in jener Ruhe, die uns schenkte, was kein Leid uns raubt! In der Liebe eisenfester Truhe wohlverwahrt liegt— was man weiß und glaubt... SONNTAGMORGEN AUEDEM BERCE Nun blühn die ersten Heckenrosen. Im Eichenbaum die Amsel singt. Die Schwalben und die Lerchen jubeln. Der ganze Sonnenmorgen klingt. Vom Dorf herauf die Glocken rufen. Die Straße wandert durch das Land. Hell durch die weiten Wiesenmatten zieht sich der Elbe Silberbaud. Ich grüße euch, ihr fernen Wälder, ihr Wege, die ich selig ging! Ich grüße auch so manche Stunde, die mich mit süßem Trost umfing... Ein Bussard schwebt zu meinen Häupten. Aus Gräsern steigt ein herber Duft. Und meine Sehnsuchtsträume kreisen gleich Störchen hoch in blauer Luft. Tief liegt mein Land mit seinen Wiesen, mit seinem Strome, seinem Wald. Mein Herzblut möchte ich ergießen in dieses Land, das die Gewalt, wie mich, in Ketten schwer geschlagen; ein Wunder könnt’ vielleicht geschehn: aufwüchs der Zorn, den ich getragen für Deutschlands Wiederauferstehn! DIEROSE SPRACH... Die Rose sprach: Bald wird mein Duft verwehen, ich werde fallen,— doch ich kehre wieder. Es kommt ein Tag, da will ich auferstehen im Klange neuer, süßer Lenzeslieder. Aus grünem Zweige geht.mein Weg ins Leben, purpurne Knospe— trinke ich das Licht, das Vogellied, den Wind, des Mondes Silberweben, — bis mir der Duft aus vollem Herzen bricht. Aufblühe ich in ewig schöner Reife, bin von mir selbst beseligt, offen, trunken, obwohl ich über allem schon begreife, wie nah die Nacht ist, drin ich stets versunken... Ich weiß es wohl: wir leben hin zum Sterben und sterben hin zu neuer Lebenspracht. Und was wir auf des Daseins Strom erwerben — ist unser Licht in der Verwandlungsnacht.— So sprach die Rose. Und sie hauchte süßen, unsagbar reinen Duft aus:— Lebenskraft... Die Blätter schwollen— und zu meinen Füßen lag schon das erste, schönste hingerafft... SELBSTBILDNTS Ich bin ein Mensch, der aus der Tiefe kam und— ach— die lichten Höhen nicht erreichte. Es war die Not, die mich in Pflege nahm und frühe schon mein Menschenantlitz bleichte. Wohl, jeder Tag gab mir mein Handstück Brot, das mochte ich in stiller Muße kauen... Doch meine Seele litt die bittre Not, in der die Träume greisenhaft ergrauen, Schau mich doch an, du Bruder meiner Zeit: in dieser Hülle, müde und zerschunden, welken die Lieder einer Seligkeit, die keinen, keinen Widerhall gefunden. Gesungen für mein deutsches Volk und Land hab ich in der Fabriken Lärm und Feuer, wenn werbend ich auf der Tribüne stand und trauernd in zerfallenem Gemäuer. Ich sang im Hunger noch, in Leid und Streit. Sie knebelten mich schnell,— nicht nur die Feinde... Nun singe ich in Kerkereinsamkeit — zur Gitterharfe, die man rostig weinte... Das ist in mir die allergrößte Not! Was ich an Wort und Werk und Klang gegeben, stirbt unerhört den Rumpelkammertod, sinnlos verschmäht... und kostet doch mein Leben! EIN DER SPRECHSTUNDE DESGEFÄNGNISSES So möchte ich dich immer tragen, mein herzig Kind, und dir die liebevollsten Worte sagen, wenn sie dir auch noch ferne Klänge sind. Mein kleiner Sohn, ich schau dich an und meine, ein unbegreiflich"” Wunderwerk zu sehn. Ich frage mich, als was ich dir erscheine, Vielleicht, daß wir uns doch schon ganz verstehn. | Ich trage dich auf väterlichen Händen. | Und wenn des Leides Sturm mich auch durchwühlt, | wenn morgen ich vor meinen Richtern stände zum schärfsten Spruch,— ich habe dich gefühlt! Einst wirst du glücklich durch die Felder gehen, ein Sohn des Landes, drin ich einsam stand, und wie mir Unrecht— wird dir Recht geschehen, Sohn eines Deutschlands, das sich wiederfand... DER HOLZSAÄGER AN EINEN KIEEERNSEAMM Du bist ein Stück aus einem großen Wald, ein herber Klang aus grüner Symphonie, die durch die Länder rauscht und schallt in unbeschreiblich starker Harmonie. In dir ist alles: Sonne, Erde, Duft, Geschichte, Freude, Liebe, Kraft und Traum; froh strecktest du den Wipfel in die Luft, warst unter Baumgenossen stolz ein Baum. Noch spüre ich den Wind in deinem Holz, des Regens Saft, der Sonne Honiglicht, den Schnee, der dich umschlang und an dir schmolz, — und selbst der Vögel Lied verlorst du nicht... Du bist ein Stück aus einem großen Wald, wie ich ein Stück aus einem Volke bin, Echo wie du, von Not wie du umkrallt. Und beide sind wir dieser Erde Sinn... AN DAS LEBEN Du große, unbegrenzte Weltenkraft, die aus des Urstoffs Fülle Sein erschafft, Sein aus der Erde mütterlichem Schoße, Sein, Dasein bis ins End- und Namenlose, — du hast auch mich erschaffen, hingestellt in deine unerforschte Schöpfungswelt. Da steh ich, haltlos zwischen Lust und Leiden und bin verwirrt und diene treulich beiden... Oh, wie ersehne ich des Herzens Ruh! Umsonst, ich falle beiden Mächten zu. Soll ich denn immer unvollendet bleiben, hilflos im Strome meines Schicksals treiben, du rätselhafte Mutter—? Höre mich: Du schlägst mich hart, ich aber liebe dich! Laß mich in deines Herzens Sonne reifen und lehre mich, dich endlich zu begreifen! EWIGKEIT Mein Schicksal liegt im großen Erdengarten, in dem die Saaten still der Reife warten, zu Halm und Blatt und Blüte sich erheben und die Erfüllung in der Frucht erstreben. Ich lebe, um im Tode aufzugehn— und meinem Sterben folgt mein Auferstehn. Ich bin vereint dem Kreislauf aller Dinge, dem Schwung der Wandlung, drin auch ich mitschwinge, bin Saat und Ernte, Werden und Vergehen; was auch geschieht, es muß auch mir geschehen: ob Leid, ob Freude, Trauer oder Lust... der Strom der Welt durchflutet meine Brust! So ruhe ich im Erdreich der Geschichte, umschwebt von meiner Seele Traumgesichte, geschaffen aus der Kraft der Elemente, ein ewiger Anfang und ein ewiges Ende... Unwandelbar jedoch ist jener Geist, der Jahrmillionen ihre Formen weist! a DERMEREHER Als ich den Wald verlassen hatte, verließ mich doch sein Rauschen nicht, N und in mir blieb das grüne, matte,| sein erdentiefes, reines Licht.| In mir lag noch sein träumrisch Weben,| sein Hauch aus feuchtem Wurzelgrund, 1 und ein Gesang von Tod und Leben klang mir aus seinem Wipfelmund. \ Noch auf dem Asphalt lauter Straßen,|| in grellem Lichte, grauem Staub,| in süßem Dunst von Motorgasen| schritt ich durch Kraut und Moos und Laub. Wo schnelle, blanke, stolze Wagen hinrasten die durchglänzte Bahn, dort sah ich seine Säulen ragen ins tiefe Dunkel himmelan... SPÄTSOMMERTAG Früchteschwer neigen sich nun der Bäume Äste. Über dem Strome segeln die Schwalben im Wind. Dort aus dem Garten flattert das Lachen der Gäste, die von Sonne und Wein selig und trunken sind. Weit über Hügel wogen die Wälder ins Licht. Sieh doch, die Störche sammeln sich still schon zur Reise, schweben gelassen, leuchtend manchmal, im Kreise. Bald kommt der Herbst, der alle Früchte bricht... Noch singt der Sommer! Singe, mein Herz, fröhlich mit, weißt du doch nie, ob es dein letzter nicht ist. Seele, erklinge, solange du mein noch bist! Sei Klang, bis der Tod kalt meinen Leib zertritt... Früchteschwer neigen sich nun der Bäume Äste—. Früchte tragen auch wir, Seele, für dich neuen Raum, wenn wir zerfallen, Erdgrund für spätere Gäste: Blume und Falter, Tier und Mensch, Strauch und Baum... KINDHEIT Ich war ein Kind, sah hungrig in die Welt, sie war für mich nicht groß, doch voller Fragen. Hab manchmal auf die Zehen mich gestellt, nur einen Blick ins Rätselreich zu wagen. Auf einem Rummel stand ich stundenlang vor einer Zauberbude, heiß vor Fieber. Der Abend sank herab, mir wurde bang — und eine Stimme sagte:„Geh man lieber...” Die Stimme war in meiner kleinen Brust, war Kind wie ich und dennoch schon so klug; doch war mir dieses damals nicht bewußt, ich selber war wohl auch-schon klug genug... Sie raunte:„Vater wartet vor dem Tor; du kommst zu spät und kannst dann was erleben.‘ Allein, ich drängelte mich weiter vor. — Vielleicht wird einer mir den Zehner geben... Vielleicht auch, daß ich einen finden kann—. Ich suchte aufgeregt am dunklen Boden. „Hereinspaziert!“ schrie laut der Zaubermann. „Was Sie hier sehn, erschüttert selbst die Toten!“ Ich stand betäubt im Zuhörergewühl. Die Großen hatten Geld— und blieben draußen. Ich hatte keins— und kaltes Schuldgefühl erfüllte meinen kleinen Leib mit Grausen. Die Glocke schrillte und der Zauberer kreischte. Die Spannung in mir stieg, ich stöhnte leis. Wie'mich die wilde Neugier da zerfleischte... O Gott, es gibt etwas— was ich nicht weiß! Ich hab die Zauberei nicht mehr gesehen; spät lief ich heim, matt japsend vor Erregung. Der Vater ließ mich lang vorm Tore stehen; ich hatte Zeit zur Reu’ und Überlegung—. Nun, schließlich holte er mich doch herein. Ich brauchte keinen Zehner zu entrichten... Ich war für große Wunder noch zu klein — und doch zu groß schon, klein stets zu verzichten. ION ANDIESONNE Du schönes Licht am blauen Firmament, du bist das Leben— und du bist der Geist, in dem der Mensch den eignen Sinn erkennt, den er berauscht und sehnsüchtig umkreist. Du bist die Mutter allem, was da lebt, dem kleinsten Tiere wie dem größten Baume; Kampf, Freude, Tod hast golden du durchwebt, du Göttliche im tiefen Weltenraume: der Blume hast du süßen Duft geschenkt, dem Reh die Anmut und den leichten Sprung, dem Menschen Sinne, daß er fühlt und denkt und zwiefach lebt in der Erinnerung, dem Vogel Schrei und Lied und stolzen Flug, der Frucht die Süße und die zarten Farben, dem Ährenfelde Licht und Wind genug, daß es sich sammeln mag zu goldnen Garben. Der Bauer pflügt in deinem milden Scheine, der Wanderselige vernimmt dein Strahlenlied, du strömst im Bach, der durch die Täler zieht, ach, deinen Kuß erfühlen selbst die Steine. Der Kranke hält dein Licht in bleichen Händen, dem Kinde streichelst du das Angesicht — und selbst das Opfer hinter Kerkerwänden vergißt du nicht... Du hast mein Blut mit deiner Kraft erfüllt, daß keine Nacht sein Leuchten ganz erstickt. Und die mich tief in Finsternis geschickt, hast du vor meinen Augen jäh enthüllt.— Das war dein Werk nicht, was ich da erblickt... IT BEKENNTNIS Ich glaube an des Leides edle Kraft, die uns erfüllt mit reiner Leidenschaft, die in die Tiefen des Gewissens greift und alles Flitterwerk von unserer Seele streift. Wer noch im Kerker an sich glauben kann, der tritt den Weg schon in die Zukunft an, der bricht durch hundert Gitter und erweckt die Zweifler, die der Kleinmut hingestreckt. Der Mensch ist gut, solange er sich regt, solange ihn Lebendiges bewegt, solang er mit sich ringt um Rat und Recht, erst wenn er sich vergißt, dann ist er schlecht! Drum glaub ich, daß auf Erden nichts geschieht, das nicht den Kampf in seine Kreise zieht, Kampf, der aus Saaten erst die Früchte reift, nach denen dann die ganze Menschheit greift. Kampf will ich sein, bis mich das Stärkre fällt! Kampf, der im Sterben Schwert und Schild noch hält! Ob ich erreiche, was ich stets erstrebt, ist nicht die Frage; daß ich mitgewebt am Fahnentuche einer bessten Zeit, das nur ist wichtig für die Seligkeit, in die ich eingehn werde so gewiß, wie mich das Leben aus dem All einst riß! MEINEM SOHN FLORBTAN Es gibt kein Glück, das uns vom Himmel fällt! was du ersehnst, das mußt du dir erwerben. Und wer nicht mutig kämpft in dieser Welt, muß— ohne je gelebt zu haben— sterben. Glück ist nicht käuflich, läßt sich nicht erbitten, es ist zu stolz, nur ein Geschenk zu sein. Selbst wer des Unglücks tiefste Qual erlitten, ist einem wahren Glücke noch zu klein... Groß mußt du sein, im Kämpfen wie im Glauben! Von Opfern schwer ist jeder Weg zum Glück. Mag auch die Nacht des Tages Ernte rauben, erobere am Morgen sie zurück! Erst wenn du selbst dich überwunden hast, wirst du den Trost des schweren Sieges finden. Und dann mein Sohn: das Glück ist nur dein Gast und wird sich deinen Armen schnell entwinden.... LEBENSGLAUBE In jedem Körnlein winterlicher Erde schwillt schon des Frühlings süße Wiederkehr. Von uns ging nichts, das niemals wiederkehrte, und daß wir selbst gehn müssen, ängstigt uns nicht mehr. Der Winter macht, daß wir den Sommer lieben; die Blüte stirbt, um einmal Frucht zu sein; jedweder Tag wird von der Nacht vertrieben — und jede Nacht führt einen Morgen ein... So ist das Bittere nur da, um uns zu lehren, daß es sich lohnt, das Süße zu erstreben. Und aus der Gittergruft blüht uns ein Wiederkehren, wie aus dem Tode all das goldne Leben... Dies ist mein Glaube, eisern und erhaben, und keine Menschenhand zerreißt ihn mir! Mit meinem Leibe erst wird er begraben — und aufersteht, mein Bruder Mensch, in dir... IRA GESANG DERISCHMIEDE Laßt die schwarzen Essen rauchen, morsch wird, was zu lange ruht! Brüder, laßt die Flammen fauchen, stoßt das Eisen in die Glut! Herrlich sprüht der Funkenregen, wenn der Hammer niedersaust. Freude reift aus unsrer Faust, Frieden, Werk- und Erntesegen!° Schwingt den Hammer, packt die Zange, die die rote Pflugschar hält! Amboß dröhnt in frohem Klange, Klang erfülle unsre Welt! Bauer, deine Äcker sollen fühlen, daß wir Brüder sind, daß für Mutter, Weib und Kind wir gemeinsam schaffen wollen! Grünes Blatt am Hammerstiele, golden Brot im Hammerstahl, in der Brust die harte Schwiele, auf der Stirn des Feuers Mal, — so sind wir dem Werk verbunden, und wir werden in ihm sein! In des Feuers Glut und Schein haben wir uns selbst gefunden! Werkgewaltig schwingt den Hammer, schwingt ihn für die neue Zeit, und zerhämmert allen Jammer! Hämmern, Hämmern uns befreit! Hämmert nieder alle Gitter, alle Ketten, alle Not! Nach befreiendem Gewitter wächst dem Volke golden Brot! Und eine Wolke schattete ins Land. Doch sei getrost, mein Kind, wenn du nicht weinst, trinken wir einst “ein neues Glas, gefüllt bis an den Rand. Da wird der Tag wie eine Kanne sein, wie eine schöne goldne Kanne voller Wein... Der Wald wird blau das Tuch der Fluren säumen. Und unsere Sinne werden überschäumen. Wir machen, daß die schwere Wolke schwankt... Wenn sich die Vögel trunken zu uns setzen, dann lachen wir und sagen: Seid dafür bedankt, mit uns berauscht zu lärmen und zu träumen und so des Lebens Nüchternheit hinwegzuschwätzen! Dann aber wollen wir nach Hause gehen, um unsre Pflichten treulich zu versehen, wie wir es eigentlich doch stets getan. Dann gilts, mein Kind, den neuen Wein zu bauen, den roten, feurigen, den„Roten Hahn“, den man den Herzen voller wirrem Wahn aufs Dach setzt so im Morgengrauen... Das Glas zersprang, der Wein ergoß sich in den Sand. NOVEMBERMORGEN ÜBERM BAUGELÄNDE Die Bäume stehn gleich nächtlichen Korallen im Nebelmeer, das auf den Wiesen ruht. Lokomotiven speien Dampf und Glut. Ein Arbeitstag rauscht in mein müdes Blut; die Taten steigen und die Träume fallen...| Der Morgen ist in Reif und Frost erwacht. a Der Sonne Feuerball färbt Wölkchenherden, und jeder Strahl läßt Saat und Ernte werden. Die Arbeit ist die schönste Tat auf Erden! Das Lied der Hände hat der Mensch erdacht... Vom nahen Strome hallt ein matter Ruf; die Schiffe liegen tief im grauen Wehen. Es wächst der Damm, auf dem wir schaffend stehen. Die Bagger knattern, kreischen, greifen, drehen; in ihnen wirkt der Mensch, der sie erschuf. Die Straße stößt ins Dorf mit Bäumeketten. Die Häuser liegen schlafend und gedrängt. Du, junger Tag, der mich so hart umfängt, 1) bist mir die Fahne— in die Welt gehängt I i I — und bist das Tuch, in das sie einst mich betten... DER DICHTER RN SEINENSOHN Mein Sohn, so wächst du still heran, gleich einem Baume auf des Gartens Grund. Du stehst im Lichte, Frühwind weht dich an und um dich her die Welt ist klein und bunt. Einst wirst du stärker und die Welt wird weit vor deinen Augen, wilder strömt dein Blut; du hörst den harten, schweren Schritt der Zeit und spürst die Fruchtbarkeit, die in dir ruht. Sei dieser Kraft in deinem Herzen treu! Der Mensch lebt nur, um neue Saat zu sein! Der gute Mensch nur formt die Menschheit neu! Der wahre Mensch geht in die Nachwelt ein! Mein lieber Sohn, einst schließt sich hinter mir das Tor des Daseins; dann vergiß es nicht: Ich lebte gern— und lebe noch in dir. Halt hoch den Kopf, du trägst mein Angesicht. Ich weiß es wohl: der Tod entführt auch mich; ich werde nicht mehr durch die Wälder schreiten; der Leib starb hin, aus dem das Leben wich, und der ich war, ist tot für alle, alle Zeiten, Nicht mehr am Bache sitze ich im Kraut, nicht mehr im Felde atme ich das Licht, mir blüht kein Baum mehr, und kein Laut der Lebenslust mehr zu mir spricht. Die Wolken wandern— nicht von mir gesehen, die blauen Sternennächte strahlen— nicht für mich, Herbststürme rauschen, Frühlingsdüfte wehen — nicht mehr für mich, zerfallen ist mein Ich... Und doch, ich werde sein in manchem Worte; wer mein gedenkt, der läßt mich auferstehn, der öffnet mir des Todes dunkle Pforte; dies weiß ich jetzt— und das ist jetzt so schön... Sterb ich auch hin, ein Trost ist mir geblieben: ich werde ein Gedanke an mich sein. Vielleicht sagt einer: dies hat er geschrieben... Und damit trete ich zu ihm herein. UNENDLICHKEIT Hinter den strahlenden Sternen leuchtet ein ferneres Sternenheer, dehnen sich Fernen und Fernen zum unendlichen Ewigkeitsmeer. Kein Anfang ist und kein Ende, kein Oben, kein Unten,— nur All. Es formen die All-Elemente Stein-, Erz- und Feuerball. j Im dunklen, endlosen Raume ist die Erde ein Staubkörnchen nur... Und du, mein Bruder Mensch, was bist du in dieses Staubkorns Natur—? Ach, unsere Kleinheit ist namenlos in solcher Unendlichkeit! Und doch stehn wir so riesengroß über Raum und Zeit... MARSZINDIGTET Piötzlich bin ich aufgewacht und ich lausche lang hinaus; Ströme rauschen durch die Nacht, rauschen um das stille Haus. Sterne wandern hoch im Blau, Wind springt durch des Hofes Bäume Und des Frühlings zarter Tau fällt in meine wachen Träume. Sinnend lausche ich hinaus... Nah und ferne schwebt ein Klingen. Möcht es in dein stilles Haus all mein starkes Hoffen bringen. DER NADNMSHTL Heute sang im Schlehbusch eine Amsel fröhlich in der Lerchen Lied hinein. Wolkenmeere wogten durch den Morgen— und ich war auf einmal so allein... Lärm der Bagger und der Kippenzüge, alles Harte jäh um mich versank, und der Frühling war wie einst so heiter, da ich ihn wie jungen Lichtwein trank. Aber dann— die Amsel flog davon und ich stand in einem grauen Tag, hörte Baggerlärm und Werkgeschrei, sah ein Land, das voller Wunden lag... MEIN TEER Mein Vater'war ein Schmied. Ich sah so oft, wie wuchtig er den schweren Hammer schwang. Sein Sinn war hart, sein Wort fiel ohne Klang, doch hörte ich zuweilen unverhofft, daß er in abgerissnen Sätzen sang... Ich weiß es wohl, er war im tiefsten Grunde ein weiches, oft verwirrtes Kind. Und doch schlug er mir manche Seelenwunde, vor meinen Bitten taub und blind, hartherzig, wie Tyrannen sind. Sehr selten nur ließ er sein Herz erwärmen; dann war er glücklich, plauderte mit mir, stand tiefbewegt vor Blume, Baum und Tier, ließ seine Sinne durch den Sonntag schwärmen und sagte: Junge, schön ists hier! Mein Vater war ein Schmied, ein Arbeitsmann; was er besaß, kam nur aus seiner Hand; sein Garten war sein heißerkämpftes Land, sein Haus die Burg, drin er nie Frieden fand, sein Leben war ein Los, das nie gewann... Und als er starb, war ich von seinem Bette so fern... Der Tod hatte kein leichtes Spiel,, die Hand, die einst den glatten Hammerstiel so fest umklammerte,— ach, hätte sie noch die alte Kraft besessen———. Er war ein Schmied— und das ist viel! Ich will ihn nicht vergessen. )&A(. REGENLIED Rauschend fällt der kühle Regen, Wolken wallen schwer im Wind, hängen über unsern Wegen, die wie trübe Bäche sind. Und wir wandern und wir singen und der Regen fällt und fällt, aber unsre Lieder schwingen sich wie Vögel in die Welt. Kalt und schwer sind Schuh und Kleider, auf der Stirn klebt uns das Haar, doch wir wandern— weiter, weiter, ruhelose, graue Schar. Rausche, Regen, rausche nieder in der Erde tiefen Schoß, daraus wachsen unsre Lieder, erdenfroh und schön und groß. Weite, dunkle Schleier senken nieder sich auf Wald und Hang. Laßt uns ferner Tage denken, da des Maien Lied uns klang. Wir sind Kinder unsrer Straße, die durch Licht und Dunkel zieht; einmal Sang bei vollem Glase, einmal Leid- und Hungerlied... EEE| Und wir wandern und wir singen, wenn auch trübe Schauer wehn; was die Tage uns auch bringen, uns ist jede Stunde schön! Rausche, Regen, rausche nieder, wirst du auch zur bittren Qual, einmal blaut der Himmel wieder über Weg und Berg und Tal... DIES BALLADE NON DER BRUCKE Hoch über den werdenden Kanal haben wir eine Brücke geschlagen. Wir waren zwanzig an der Zahl und bauten sie in zwanzig Tagen. Wir rammten die Pfeiler in den Grund; das war ein schweres, wuchtiges Rammen, wir griffen am Seil uns die Hände wund, bis uns die Augen in Tränen schwammen. Wir wälzten die schweren Balken heran, die Eisenträger, die schlanken Schienen, wir packten die Ketten, die Hebel an und waren ächzende Menschenmaschinen. Die Möven segelten über uns hin, die Sonne brannte auf Armen und Nacken, Schweißtropfen perlten von Stirn und Kinn — und dennoch galt es fest zuzupacken. Dann kam der Wind mit dem Wolkenmeer und Regenschauer rauschten hernieder. Der Tag ward lang, das Werk so schwer, die Müdigkeit fraß unsere Glieder. Aber wir werkten unentwegt, über uns Wolken und unter uns Wogen; wir haben die Träger mit Bohlen belegt und Streben von Pfeiler zu Pfeiler gezogen. Ein Bagger rauchte, lärmte und spie Grundsand in die plumpen, mächtigen Schuten. Die Glocke hallte. Die Möve schrie. Die Wolkenwand warf Regenfluten.° Wir aber waren fest verschweißt mit unserem Werk, es zu vollenden. Die Stunden haben uns eingekreist, wir zwangen sie nieder mit schwieligen Händen. Dann waren die letzten Schläge verhallt. Aus dem nahen Dorfe die Menschen kamen. Die Sonne brach durch den Wolkenspalt. Wir gaben der Brücke unseren Namen.., Gefangener— unser Name war, Gefangenenbrücke, so sollte sie heißen; vielleicht, daß man in ein— zwei Jahr sich schon entschloß, sie niederzureißen... Als erster ein alter Bauer ging hin über die Bohlen, als tät ers seit Jahren. Dann kam eine Magd, ein junges Ding, mit dem klappernden Hundewagen gefahren. Sie fuhr zu den Koppeln am breiten Fluß, die Kühe zu melken. Wir sahen sie schreiten — und dachten an einen fernen Kuß und schlugen die Brücke zu lichteren Zeiten. N MIR DEDERRS JUNGEN Wenn wir Jungen Schritt und Schritt durch das liebe Land marschieren, ziehen unsre Toten mit, still zu vier und vieren. Alter Tag war hart vom Streit, voller Leid und Todesahnen, neuer Tag ist hell und weit, schön von Friedensfahnen. Wenn wir auf den Höhen sind und die Wolken uns umfluten, fühlen wir im jungen Wind alte Wunden bluten... Doch wir ziehen Schritt und Schritt auf und ab durch Leid und Freude, mit dem Gestern sind wir quitt, unser ist das Heute! Dieses Heute ist die Tat und wir werden sie vollbringen und mit unsrer Väter Rat alle Not bezwingen! Wenn wir Jungen Schritt und Schritt so ins Morgen einmarschieren, ziehen unsre Toten mit, stil zu vier und vieren. Ja, sie werden mit uns sein, in den Wäldern, in den Städten, ziehn mit uns in Deutschland ein, Deutschland frei von Ketten! ) 89( ERNTERITED Nun wogt ein goldnes Ährenmeer durchs sonnige, fruchtschwere Land; die Schnitter schreiten fest einher, die Sense in schwieliger Hand; hell blinkt und klingt und schwingt der Stahl, es fliehen die Stunden im Flug, da fallen Schwaden ohne Zahl und Perlen der Mühsal genug. - Nun ist die reife Flut gemäht, zu brotreichen Garben gerafft; so ernten wir, was wir gesät in schweigender Leidenschaft. Das ist des Lebens tiefster Sinn, Beherrscher des Hungers zu sein! Wir geben uns selbst als Saatkorn hin und fahren die Ernte auch ein. Nun öffnet alle Tore weit! Mit leuchtendem Mohn schmückt das Brot_ und singt das Lied der neuen Zeit, das Grablied der alten Not! Die Sensen hoch im Sonnenbrand! Weh dem, der den Hunger nicht zwingt! Nur dem gehört. das weite Land, der sich ihm selber bringt! RIES SOMMERLIED Die Gärten und die Wälder stehn in sattem Grün und sind so schön als wie die Vogellieder. Lichtwolken segeln durch die Welt, die Wiesen neigen saftgeschwellt zum Strome sich hernieder. Der Storch schwebt durch den grünen Grund, am Ufer bellt des Bauern Hund, der Knecht sitzt auf dem Pfluge. Auf sanften Hügeln reift das Korn, die Jungmagd steht am kühlen Born und trinkt aus irdnem Kruge. Der Falke streicht um Berg und Baum, die Krähe schreit am Koppelsaum, zur Tränke ziehn die Pferde; ihr Pfad führt durch den Eichenhain, dort sprudelt über Moos und Stein der kühle Saft der Erde. Die Kühe malmen Gras und Klee, ein Entenpaar durchfurcht den See, Wind streicht durch Schilf und Weiden. Wie sind die Blumen, groß und klein, in Duft und Farben doch so rein, uns Freude zu bereiten—! Bald geht das große Ernten an; da kommt ein mächt’ger Sensenmann, ist nicht der Tod, ist Leben... Du, liebes Volk, nimm diesen Tag, der lang für dich in Reife lag, nur dir sich hinzugeben! Jac DER MENSeH Die Erde formt des Menschen Angesicht; der wächst und wächst, betrachtet sie und spricht: Du wurdest alt, grau von Vergangenheit... Ich aber bin der Geist der neuen Zeit! Was ihm mißfällt muß fort! Er sinnt und sinnt, macht Pläne und entscheidet und beginnt dann eines Tags sein Werk, an Strömen und an Ländern, was ihm nicht paßt, mit dreister Hand zu ändern. Er setzt Maschinen in der Erde Angesicht; sie stöhnt und klagt, er aber hört es nicht... Er werkt und werkt, verwandelt Hoch in Tief “und reißt herauf, was Jahrmillionen schlief. Er baut Kanäle, Brücken, Dämme, neues Land, staut an den Strom zum See, zwingt Moor und Sand, zieht Eisenbahnen, gründet Städte, bricht Tunnels durch Berge— und ermüdet nicht. Manchmal nur hält er eine Stunde ein und schaut sich um und spricht: Groß muß ich sein! Denn nur die Kleinheit macht den Menschen schlecht und er ist knechtisch— oder ungerecht... So spricht der Mensch... O ja, er kennt sich gut! Schöpfer und Schinder, voller Übermut, ist er, o Erde, doch allein bereit, dich jung zu halten nun und allezeit! AUESTIEG Aus tiefstem Dunkel kam in Jahrmillionen der Mensch herauf. Sein Weg war rauh und hart, mit Blut getränkt, versperrt von Reaktionen, und doch, er ging ihn bis zur Gegenwart. Oft blieb er stehen, wie zu Stein erstarrt, tierische, dumpfe Streitgier fraß die schwachen, kaum aufgekeimten schönen, reinen Triebe offenen Geistes und verklärter Liebe... Die Barbarei hat einen giftigen Rachen. In irrem Weinen, Hohn und Ränkelachen versank der Mensch, erhob sich immer wieder, schritt stark voran— und brach von neuem nieder und rang sich mühsam durch die dunkle Zeit, bis er die Welt erkannte— und-sein Leid. Bewußt nun schritt er und bewußt schuf er sich Freude— und auch Jammer, Stätten der Trauer— und der Lust, das Boudoir— und auch die Folterkammer, den Tempel schöner Künste— und der Blindheit; gekettet stets an seine bittere Kindheit war Schöpfer er— und der Zerstörung Hammer... a Wie mächtig nun steht er in deinem Tag, mein Brüder, der du bist aus ihm geboren, der du dich ihm auf Ja und Nein verschworen... Fest liegt in dir, was in ihm liegt und lag—: die große Kraft, die Licht und Schatten gibt, die aufbaut und vernichtet, haßt und liebt, die— täglich neugeboren— muß gestalten, was du ersehnst, dich aufpeitscht, Schritt zu halten im Glaubensmarsch zu einem hohen Ziel: Gerechtigkeit! Noch ist sie nur ein Spiel... noch ist der Mensch Menschenverächter, ist Sklavenwächter, Menschenschlächter; und was sich Gutes in der Menschheit regt, zertritt er dreist mit wildem Hohngelächter... So ist der Mensch, der eine Welt bewegt, Zwiespalt in sich, gute und böse Kraft. Wann einmal wird das Gute überwiegen? Mein Bruder, wenn die Schlechten unterliegen. Dann treibt der Baum der Menschheit neuen Saft und jauchzend wird der Mensch sich selbst besiegen! IN MEINE SCHAUFEL Wenn ich dich, meine Schaufel, so betrachte, dann kommen mir so allerlei Gedanken— an Tage, die ich schon mit dir verbrachte, an graue Stunden, da ich wenig lachte, da alle Träume mir erschöpft versanken im tiefen Strome harter Wirklichkeit— und ich dich schwang im Werkschmerz schwerer Zeit. Dein Stiel ist schlank, dein Stahl ist scharf und blank, wie eine Schuld ruhst du in meinen Händen, die sind davon nicht selten matt und krank, denn— ach— du kennst nur Pflicht und keinen Dank, und wenn sie vor dir niemals Ruhe fänden, sie müßten sterben— du aber würdest leben, dich anderen Händen fordernd hinzugeben. Oh, wenn ich kraftvoll dich ins Erdreich stoße und dich beladen hebe, wiege, schwinge, dann packt mich eine große, grenzenlose Sehnsucht nach Tagen, die ich frei von dir verbringe, Gast an der Tafel süßer irdischer Dinge... Und doch, ich liebe dich und pflege dich, kein Rost, kein Schmutz darf deinen Leib umkleben, mein Spiegelbild soll sich aus dir erheben, — das ist dein Dank, dein stummer Dank an mich... Einmal wirst du in meiner Hand zerbrechen... Das ist der Fluch, den jeder Segen birgt. Und auch ich selbst muß einst mein letztes ‚Feierabend‘ sprechen. Wohl mir dann, wenn, was ich getan, trotz aller Schwächen, gleich deinem Werk weit in die Zeit fortwirkt! ) 5( BEN. G OrERT Ich stehe nicht bei denen, die beklommen vor Bildern knien, die sie dir geweiht. Ich habe deinen Namen oft vernommen und bin, dich anzubeten, dennoch nicht bereit. Ich folge auch nicht jenen, die verklärt dich über Wolkenbergen thronen sehen; Zorn habe ich in meiner Brust genährt auf alle, die wie Heilige umgehen. Ja, ich verachte sie, die immerfort nur von dir reden, um sich selbst zu schmeicheln, die frech und schamlos„ihres Gottes‘‘ Wort wie einen Bissen kauen und durchspeicheln. ‘Und jene erst, die hundert Bübereien und Niederträchtigkeiten frisch begehen im feilen Troste: Gott wird schon verzeihen—; bei ihnen will ich nie und nimmer stehen! So, wie ich Falschheit, Heuchelei verachte, packt Abscheu mich vor krankhaft schwachem Geist. Mein„Gott‘ ist nicht, daß man ihm Opfer schlachte, die man aus erdenfroher Herde reißt. Der starke Glaube nur erfüllt mein Herz, daß gut es ist, zu säen und zu ernten! All meine Taten richt’ ich erdenwärts — und nur mein Träumen gilt dem Erdentfernten. Man sagt, daß du die Welt erschaffen hast... Wie klein ist da der Mensch vor deinem Wesen! Und doch, er glaubt, er habe dich erfaßt und sei, dich auszulegen, auserlesen—; nun lehrt der Mensch den Menschen, dir zu dienen, als ob du solcher Dienste hungrig seist... Du aber bist noch keinem je erschienen, weil du nicht nötig hast, daß man dich preist. Ach, es ist so bequem, an dich zu glauben! Doch ich verachte die Bequemlichkeit; der Geist, der mir geschenkt, soll nicht verstauben im Dämmerzustand falscher Seligkeit. Ich will ihn schwingen, einen Hammer schwer, mein Sein zu schmieden, daß es fest sich schmiege an alle Erdendinge um mich her und ich der Himmelssehnsucht nicht erliege! Noch niemals, ‚Gott‘, sah ich dein Angesicht... Wo soll ich dich im Makrokosmos suchen? Bist du denn wirklich oder bist du nicht? Lebst du zu segnen oder zu verfluchen? Ich weiß es nicht,— du hemmst mein letztes Wissen, und darum sage ich: was ich nicht weiß, kann ich— bis ich es einmal weiß— vermissen! Dies ist die Weisheit hier in meinem Kreis, Mein Kreis ist weit, denn er umspannt die Erde nicht nur allein, er schwingt sich durch das All, und wenn ich selbst ihn nicht zersprengen werde, genügt er bis zu meinem Ich-Zeriall. Noch bin ich da! Ein Tatmensch voller Lust, ob mit, ob ohne deinen Schöpferwillen, ich frage nicht, ich kann in meiner Brust den wilden Quell der Erdenlust nicht stillen! Wenn ich von Leid und Leidenschaft zerwühlt hinschreite durch die grünen Wälderwogen, wenn mir der Wind die heißen Sinne kühlt und sich der Strom in silberhellem Bogen vor meinen Augen still vorüberwindet, dann überkommt mich eine-Seligkeit, die meinen Geist von jedem Zwang entbindet und mich von aller Seelennot befreit. Vielleicht, daß deine Hände mich berühren und deine Stimme trostvoll zu mir spricht, vielleicht, daß meine Sinne Kräfte spüren, die ganz natürlich sind, ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht! Daraus erkenne denn — wenndu erkennen kannst— wie ichmein ganzes Leben so schön und frei von Aber und von Wenn gestaltete, mich kindlich hinzugeben———. Hingebung! Das ist alles, was ich bin! Ich überlasse mich dem großen Strome der Erdenlust; er trägt mich stark dahin, zeigt mir Fabriken, Häfen, Städte, Dome; und alles dies erregt mein Denken, Wollen und Werkgefühl zu immer neuer Tat— und ich darf schaffen aus dem Übervollen mit meiner Brüder— oder deinem— Rat... Genug, du magst mich nehmen, großes Ahnen, wie ich dich nehme, immer ist es gut. Wir Menschen tragen unsere Kämpferfahnen und einen erderstandenen Lebensmut. Und wenn es wahr ist, daß du unser Sein mit starken Vaterhänden vorwärtsleitest — liegt auch auf mir der göttlich reine Schein, den du in Land und Leben reich verbreitest. In jeder Frucht, in Blume, Baum und Stein erkenne ich mein Spiegelbild; ich lausche auf jeden Laut, auch in mich selbst hinein, und höre, daß ich wie die Wälder rausche. So bin ich eine große Welt im Kleinen — und auch mein eigner Gott! Ich glaube fest, daß— wenn du lebst— du gnädig auch in meinen Weltweiten als ein Gast dich niederläßt! DAS: GERLE HELL EOS Jens Jürgensen liegt schwach und bang, durchschwelt von Fieberqual. Die Nacht ist schwarz, die Nacht ist lang, das Lager hart und schmal. Er starrt ins Dunkel, stöhnt und lauscht mit schmerzverwirrtem Sinn. Der Märzsturm heult und pfeift und rauscht durch Nacht und Moor dahin. Gedanken wachsen, bergeschwer, und stürzen— Staub und Brand—: Tens, sieben Jahre ist es her, ® seit Hein den Moortod fand—! er Bruder Hein versank im Moor, das war nach einem Streit... Der Amtmann forschte, doch verlor er damit nicht viel Zeit. Und in der engen Kate war nun endlich Platz genug... Ein Richtplatz, drauf man Tag und Jahr ein schuldig Haupt abschlug...| Jens springt vom Lager; war es nicht, wie wenn der Sturm ihn rief—? Ans Fenster preßt er das Gesicht; die Nacht ist dicht und tief. Da— fern im Dunkel wankt und irrt ein phosphorn Licht heran! Nun formt es sich— und wächst— und wird ein flinker Knochenmann! Sein Totenbein wirft grünen Schein, der flattert wie Gewand. Er schleicht und hüpft, bald groß, bald klein, durchs sturmgepeitschte Land. Er tanzt und springt und kriecht und eilt von Strauch zu Strauch, er schwebt—, und wenn er einmal jäh verweilt, wild er die Faust erhebt. Nun schreitet er stocksteif und strack gleichwie ein Pfaff daher, nun krumm, als trüg er huckepack ein Schicksal hart und schwer. Jetzt steht er schon vorm Tor! Er droht, kratzt sich den Schädel, nickt... Der Bruder Hein ists, den der Tod als seinen Henker schickt! Leicht schlüpft er durch den Hof. Verharrt. Will dann zur Tür herein; er zerrt am Riegel, rüttelt, scharrt laut auf dem Stiegenstein. Hui! Soll es schon die Tür nicht sein, die einst ihm offen war, so steigt der Gast durchs Fenster ein — und bleicht dem Wirt das Haar... ) 101( Da steht er, schüttelt sich und lacht — Jautlos. Er pocht und winkt... He, damals, das war eine Nacht! Laß sehn, wer heut versinkt! Ein ewig Sinken ist die Schuld! Jens, hast du dies erfaßt? Und wieder pocht in Ungeduld der unbarmherzige Gast. unter des Herzens Schlag: Hinweg! Noch bin ich nicht bereit zum jüngsten Höllentag! Jens dampft und zittert, keucht— und schreit f j Zum Herd—! Ein glühend Torfstück schwirtt, in wildem Grimm geschnellt! Die Funken sprühn, das Fenster klirrt. Jens triumphiert——— und fällt. Auf heult der Sturm! Die Flamme springt zum Dachgebälk empor. Glutlohe prasselt, Lichtflut dringt weithin durch Nacht und Moor... DINERTEN SEE ER Z In meinem Herzen flammt ein Feuer, wie keines je darinnen war, es braust empor und bringt die Scheuer der Lebensernte in Gefahr. Doch wie es mich auch hart bedrohe, ich kanns nicht löschen, trage stumm die purpurrote, wilde Lohe durch Nacht und Tag mit mir herum. Ach, rausche auf, du schöne Flamme, die mich wie einen Wald verzehrt, du sinkst mit meinem letzten Stamme — und stirbst, wenn du mich ganz zerstört... Jetzt noch erhellst du mir das Leben, du machst vor keinem Gitter halt; einst wirst du mir die Freiheit geben, dann wirst du flammende Gewalt! DREI SONEILTE DER HEDMR WereR I Du bist bei mir! Im raschen Schlage des Herzens und in jedem Schritt, all meine Wege gehst du mit, du strahlst durch alle meine Tage. Ich hör dich in des Nachtwinds Singen, ich seh dich in der Wolken Meer und in der Sterne goldenem Heer, ich spüre dich in allen Dingen. Aus allen Lauten sprichst du mir, was ich im Tagwerk auch beginne, was ich erträume und ersinne, es gilt nur dir allein, nur dir... Von dir erleuchtet und durchdrungen habe ich Jahr um Jahr bezwungen! u Als zweiter Mund ist uns die Schrift gegeben, und was sie spricht, das kann beständig mahnen, denn es wirkt fort, wie um uns alles Leben, und kennt nur eines: sich den Weg zu bahnen, Den langen Weg, auf dem schon unsre Ahnen den Wünschen und der Sehnsucht Form gegeben, wenn sie— vielleicht auch nur als Untertanen der mächtigen Schrift geopfert Blut und Leben. ) 104( ern en ee ren ent nn aneignen Mir aber ist die Schrift des Herzens Fahne! Sie flattert wild im Sturme meiner Erde, 3 sie weht berauscht im Föhn, aus dem ich ahne des Sommers Reife und des Herbstes Ernte, da meine Früchte ich ausschütten werde reich und gerecht für Nahe und Entfernte... 1081 Ich singe nicht das Lied der feigen Masse, ich schleiche nicht umher auf leisen Sohlen, ich beuge mich vor dem nicht, den ich hasse, ich liebe, tanze, bete nicht, weil mans befohlen. Wer mich um Ehre, Kraft und Recht bestohlen, dem will ich nie und nimmer Ruhe lassen, wer mich betrügt, den soll der Teufel holen, wenn nicht— will ich den Schurken selber fassen! So manchen Kampf bestand ich für das Morgen; das Heute hat zum Dank mich feig getreten, hinabgestürzt in Armut, Leid und Sorgen. Daran erkennet meines Herzens Pflichten! Es ist so billig, Götzen anzubeten, — so teuer— und doch herrlich— sie zu richten! ELÜCIHTLBNGEH In langen Ketten ziehen die Wagen durch das Land, Menschen vor Menschen fliehen bis an des Lebens Rand. Die Pferde straucheln müde, die Wagen knarren schwer, armselig Gottbehüte liegt droben kreuz und quer. Die Frauen sind versunken in Leid und Bitternis: ein Sturm von Rauch und Funken sprang auf— und er zerriß ihr ahnungsloses Walten in Haus und Hof und Feld. Die Männer sind die alten Verspieler dieser Welt. Sie haben ihren Kindern den Weg ins Nichts gebahnt, mit faulem Hirn und Hintern durch Tag und Tag getrant, bis sie das Ungewitter von Herd und Feld vertrieb und jäh zu Staub und Splitter den dummen Traum zerhieb. Die Kinder sind die Erben. Da sitzen sie im Stroh und ihre Herzen sterben am Ende irgendwo, wenn nicht das große Feuer des Friedens sie erhellt und jäh das Ungeheuer Krieg an der Vernunft zerschelit. BEOBERTE STADLE Auf den nahen Höhen die Geschütze schwiegen und der Lärm der Straßenkämpfe jäh versank. Männer aus den staubdurchfegten Kellern stiegen, standen da in Trümmern, keuchten: Gott sei Dank! Bleiche Frauen starrten furchtsam auf die Straßen, hielten Kinder an den Händen, zitterten wie sie, müde Greise auf verkohlten Balken saßen, — und das Schweigen ward so drohend, daß es schrie... Langsam dann auf allen Einfallstraßen schwoll neuer Kriegeslärm durch Rauch und Schutt heran: Panzer und Geschütze, Pferde, Menschen, Wagen übervoll, rasselnde Kolonnen,— Marschvolk, das die Schlacht gewann. Und es wälzte sich ein Heer in endlos langen Zügen durch die Stadt. Lastkraftwagen knatterten so dicht vorüber an gestreckten Toten, Opfern blutiger Ministerlügen; stummer Fluch lag ihnen noch erstarrt im Angesicht. Eine Stadt ergab sich zitternd, voller Wunden... doch in tausend Herzen tief Besiegter lebt und webt schon die Hoffnung wieder... Letzte dunkle Stunden sind Beginn des Morgens schon, den sie solang erstrebt. SOLDATENGRAB AM SEROM Dieser Krieg ist erst zehn Wochen tot, da— am Strome tummeln sich die Jungen und die Mädchen, schlank, in Weiß und Rot, haben-Glockenkehlen, Flötenzungen.“ Und sie singen unter jener Eiche, da ein Grab im weichen Grase liegt, da ein toter Bursch im engen Reiche still das Ohr an seine Grenzen schmiegt. Ach, wie nah ist ihm des Lebens Klang! Braune Mädchenglieder strecken sich im Grase; einstmals solche Glieder er umschlang, dann trug fort ihn die Soldatenstraße. In der Heimat erst traf ihn der Tod. Niemand kennt ihn. Und die Mädchen singen und sie singen nicht von seiner Not, singen nur, dem Leben sich zu bringen... KINDER AU RSDER BC HNUSEREPTE Der Vater und die Mutter sind zum Bürgermeister gegangen. Vier Kinder stehn im Sommerwind mit winterbleichen Wangen. Der Vater spricht, die Mutter weint, der Bürgermeister beschwichtigt. Die Kinder stehen eng vereint und werden flüchtig besichtigt. Der dicke Fleischer kommt und guckt erschrocken und unzufrieden, worauf er auf die Stufen spuckt: — es ist kein Heil hinieden.... Die Frau vom Doktor Knobelöch, sie macht.einen kleinen Bogen; vom Osten her da kommt ja doch nur Ungeziefer gezogen... Herr Schneider Fatz und Frau Helen, die Krämer und Krämerinnen, sie alle sehn die Kinder stehn und rauschen schnell von hinnen. Die Kinder stehen bang vereint, Ach, Deutschland ist klein geworden, klein auch sein Herze, wie es scheint, man spürt es allerorten... Die Kinder stehn in Leid und Not. Mein Deutschland, du siehst sie stehen; dein Krieg nahm ihnen Bett und Brot, Sag, was soll nun geschehen———? Fannen DER NEUBAUER Verlassen mußt ich meines Vaters Hof. Der Vater starb. Mein junges Weib gebar das dritte Kind. So zogen wir davon. Die Flüchtlingsstraße lang und steinig war. Die letzten Winterwinde fauchten um den Wagen, die Pferde wurden taumelnd dürre Mähren. Aus dem Gerümpel hört’ mein Weib ich klagen, als müßte es das vierte Kind gebären. Nein, da war keine Hoffnung mehr in mir. Der Kinder Augen fragten bang warum? Nun schlag ich dennoch wieder Wurzeln, hier im neuen Land; die erste Furche ziehe ich nun in neuen Lebens kühler Frühe. Die Sonne steigt... Mein Glück, du machstmich stumm! IHR ARBEITSMANNKER Ihr Arbeitsmänner seid der feste Grund, 1 auf dem ein neues Deutschland sich erhebt; 4 des Volkes Hände seid ihr, nicht sein Mund,| und was ihr schafft; jedwedes Werk, das lebt! Was auch geschah in Blindheit, Haß und Hohn| in euerm Namen, tilgt es nun als Schuld; f für Deutschlands Reinheit soll der letzte Sohn die Hände regen, stark und in Geduld. Und seid bescheiden, geht es nur um euch, es ziemt euch nicht, in Hochmut hinzugehen. Stolz seid nur, geht es um das neue Reich, in dem Gerechte vor Gerechten stehen! Verachtet es, zu prahlen mit dem Nichts, erkennt nur an, was sich als echt erweist, und richtet mutig harten Angesichts den Feind in euch, der euer Werk zerreißt, Ihr seid der feste Grund, auf dem allein aufstreben kann, was weit die Welt erhellt, | und keine Macht kann gleich dem Glauben sein,\ mit dem ein neues Deutschland steht— und fällt. Sorgt, daß es steht! Ihr Arbeitsmänner seid die Väter einer neuen, großen Zeit! Löscht aus die Schmach, löscht aus das tiefe Leid und baut ein Deutschland der Gerechtigkeit! VERGESSEN ‘ Da saß am Wege|} ; im Straßengraben die junge Mutter mit ihrem Knaben. Staubwolken wirbeln im Herbsteswind. Es weint die Mutter| mit ihrem Kind. IN Sie will das Bündel vor Leid zerpressen. Wer hat die Armen so schnell vergessen! HEIMRKREHORER Ja, die Armee ist tot, ich aber lebe! Aus Feuer, Stahl und Sumpf, aus Schmutz und Blut, aus totem Land und Stacheldrahtgewebe kehr ich zurück. Doch sagt mir: ist das gut? Wär es nicht besser, wenn ich faulend läge in irgendeinem Loch, das keiner weiß? Ja oder nein; soviel ich auch erwäge, ich kann mir keine rechte Antwort geben, ich taumle hilflos zwischen Tod und Leben. So tret ich in der Menschen stummen Kreis... Ich war Soldat. Ist so der Mensch geboren? Nein—! Ach, ich ahne leise einen Tag, der leuchtend führt den Mann, der schon verloren, in Schaufelklingen und in Hammerschlag. DArH Ba TI A DE Es führt’ ein Weg zum Berg hinan, das Dorf zu ihm herüberklang, es war ein Weg mit Moos und Gras, er ging an einem Wald entlang. Und diesen Weg schritt ich so oft, als Knabe schon, von Träumen schwer. Der Wald war tief und rauschte leis, und Wunder raunten um mich her. Dann später, in der Jugend Sturm, mit den Genossen ich ihn schritt. Die Welt war unser und der Weg zog da in unsren Reihen mit. Weg— hin zum Berg. So mit Gesang marschierten wir durch Gras und Moos. Es sang der Wald. Wir traten fest den Sand in dieses Weges Schoß. Und dann mit der Geliebten- ging den Weg ich— und ich schwärmte kühn, ich ließ erklingen weit den Wald, die Sterne uns zu Häupten glühn. Ich ward ein Mann. Den Weg ich schritt so manches Mal.— Es liefen da die Kinder schwatzend mir voraus, und neben mir die Frau— so nah... VOM WEG Die Jahre gingen und in Not schritt ich allein den Weg dahin. Das Leid der Welt— mein Leid es war. Ach, was war aller Wege Sinn—! Der Weg versank. Es trieb ein Krieg auf anderen Wegen mich voran, Steinstraßen, lärmschwer, panzerfest, — und ich darauf ein stummer Mann... Fern lag der Weg von diesem Zug. Doch nicht so fern wie ich gedacht_ Jüngst zogs mich wieder zu ihm hin. — Was hat der Krieg aus ihm gemacht, aus meinem Weg! In seinem Schoß — da Grab an Grab, den Helm aus Stahl aufs Kreuz gestülpt; der Hügel sind, dünkt mich, Millionen an der Zahl. Bis hierher hat der Krieg sein Heer geführt, bis in der Heimat Herz, bis in des Weges Schoß. Es starb der Weg daran. Dies ist ein Schmerz, ein stiller Schmerz für mich. Mein Weg aus Kindheit, Jugend, Not und Leid ist nun ein Grab, drin selbst er ruht am Waldrand— und in Ewigkeit... ren Re ee ART Tuer MUÜSKLANG Zur Gitterharfe habe ich gesungen so manches Lied von Finsternis und Licht. Mein Lied hat alle Mauern stark durchdrungen, und da es ausgebrochen— sah mans nicht... Man sah es nicht, man hört es nicht; es gingen die Lieder in die Nacht, Nun kamen sie still an den Tag, sich in die Welt zu schwingen, ein heller Chor in reiner Harmonie, Zur Gitterharfe habe ich gesungen... Die Henker hat ein Sturm hinweggefegt. Ihr, meine Lieder, singt mit tausend Zungen der neuen Kraft, die eine Welt bewegt! I NEAT | Seite, Zuvor... ee 5 Spruch. ak eure 7. Dem Kameraden:.:..nvonn a 8; An meinen Sohn.... eos. 9 Mütter N ee N Ne 10 Wunscht a. all Wandern. m sure 1 Die Nacht. sa. a mer 13 An den Arbeiter der Fabrikstadt......: 14 Herbstlied...... a I 16 Inmernäber. in. ey 7. Novembertagan derElbe..... 18 Sonett an me Hlerz u. ns, 19 Enttäuschung... ern sen, 20 Vorfrühling am Dorfteich..: 21 Gang durchs Elbetal.......©::° 22| Aus dem Schubfach des Lebens.......: 24 Lenz-Sonetts... a: ce sch 21 Benzmorsen. 2... 28 Wir saßen unter der großen Tanne....: 29 Sommerabend 2... aeg 0.2.00, 30{ Dachkammerballade....:#.: u: 31 Frühling am Bretterzaun.. 32 Ein Flüchtling wandert durch den Wald... 83 Ich.grabe..... cc Ol 35 Ich-hebe. u m sn. ec 36 j Die Straße 2... ac. 37 H Sterbender Wald..:..: m. 00, 238 Marz a u 89 Die Brücke:. 2.2 Se ae 40 Dank euch, meine lieben Augen...:. ı 41| Anden Mond 2... 0. m Se 42 Das Dorf... onen, 43 Die Tanneam Wege. nn uses, 44 ee Gang durch den Buchenwald......... Ally Baches le ee 46 lerpsipesame 0. nenn. 47 Dias. ae) lo re een 49 Bea eine 50 Ermtehed der Jungen»... 2... 51 An die werdende Mutter.......:....- 52 Somnizen ver eenoee 53 Dem Kinde, das mir geboren wird....... 54 a ee 55 Imker oralen a ee 56 RAN 20 ae ee 57 Alain Se ee 59 Sonntagmorgen auf dem Berge.......- 60 DnerRosesprach una ne: 61 Sellbaulldhaige sn a: 62 In der Sprechstunde des Gefängnisses.... 63 Der Holzsäger an einen Kiefernstamm...... 64 adasTeben 0 mean nn 65 Bungee ee 66 leizelsallinn ses ee 67 SDABommerRag: 2: eine: 68 Kor Ba 2 ee 69 ArdierSonnei nn. anna TE Belang Se Tz Meinem Sohn Klorian.:....:».... 2... 13 Webensplanbe, 2... 74 Gesanp derSehbmiede....»..n....... 75 la N en. Novembermorgen überm Bangelände.... 73 Der Dichter an seinen Sohn.......:: 79 nn 80 Ubpanelhehlean:> ey 81 MB ee 82 Diesel ee 83 Mala Wenker SE Nee ee 84 Bere enae e 85 Die Ballade von der Brücke.......... 87 Lied der Jungen...(eo 0 Emtelied....... Wo. ae a 290 Altes Sommerlied«.. ron 91 Der Mensch:..... a ae 90) Aufstieg.».. m ae 93 An meine Schaufel.-. 2 ur 95 An Gott... 2 2.202 2 Sul 96 Das Gericht im Moor... cc. 100 Mein Herz... wu Bee 103 Drei Sonette der Heimkehr.......... 104| Flüchtlinge... Sn a 106 Eroberte Stadt... uno. no 107| Soldatengrab amStrom........ rc:.: 108| Kinder auf der Rathaustreppe.....:.- 109 Der Neubauer-.... nase ah! Ihr. Arbeitsmänner..... 2»..... cc: 112 Vergessen...- 2.0 a se 113 Heimkehrer..:...... ze inleDe, Die Balladevom Weg.....:-::..r. 115 Ausklang.....: Sen cu 117 NEUE DEUTSCHE LYRIK In Vorbereitung: Alfred Becker ERSTE ERNTE 60SEITEN PREIS 2,50 AM Louis Fürnberg HÖLLE, HASS UND LIEBE 100 SEITEN PREIS 2,80 RM Margarete Köhler GRAS UNTERM WIND 80 SEITEN PREIS 2,40 RM Rudolf Leonhard DEUTSCHE GEDICHTE 22 SEITEN PREIS 2,40 RM Johanna Moosdori BRENNENDES LEBEN 60 SEITEN PREIS 1,80 RM Erich Weinert\ KAPITEL II DER WELTGESCHICHTE 116 SEITEN PREIS 2,80 RM Kurt Karl Doberer DIE SCHIENE DIE BALLADEN UND SONGS DES WALTER STEINBACH Erwin Vollsdorff HERZ IN DER SCHWEBE F. C. Weiskopf DAS HERZ- EIN SCHILD Max Zimmering IM ANTLITZ DER ZEIT DIETZ VERLAG BERLIN = 77 8 (0) a [mm x a MB: 27 olour& Grey Control een Green Yellow Red 1 ji Ps