1 2 P— —— 4 A* 1 111„— — 5 2„„ 1 8 4 1 7 Stadt und Festung Gießen in der Franzosenzeit 1790/1797. NAUGURAL-DISSERTATION Erlan gung der Doktorwürde der philosophischen Fakultät der Landes-Unversität Gießen vorgelegt von Wolfgang Meyer aus Gießen. — Gießen 1918 runksche Untversitats Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Oieben. 5 — —.—2————— 4 “ ——— Stadt und Festung Gießen in der Franzosenzeit 1796/1797. INAUGURAL-DISSERTATION ZuT Erlangung der Doktorwürde der philosophischen Fakultät der Landes-Universität Gießen vorgelegt von Wolfgang Meyer aus Gießen. 8 Gießen 1918 Brühl’'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen Referent: Professor Dr. Roloff. Von der Fakultät genehmigt. am 14. Deeinber 1917. Meinen Eltern gewidmet. — Vorwort Einleitung Abschnitt J. Kapitel I: 8 II: „ III: Abschnitt II. Kapitel IV: „ W. , VI: Abschnitt III. Kapitel VII: Nachwort. Inhaltsverzeichnis. . Seite Die Stadt Die Universität Die Festung Die Kriegsereignisse des Jahres 1796. Der Winter 1706/07....... Die Kriegsereignisse des Jahres 1797. Die Kriegslasten und Kriegsschäden der Jahre 1796,97 und die Tätigkeit der Fürstl. Landes- Kriegskommission Gießen. 73 ————— Vorwort. Gelegentlich einer Durchsicht der handschriftlichen Be- stände des Oberhess. Museums und der Gailschen Sammlungen zu Gießen fand ich einige Dokumente und Aufzeichnungen, die für das geschichtliche Bild Gießens im Jahre 1796 sich als wich- tig erwiesen. Lokalgeschichtliches Interesse veranlaßte mich, weitere Nachforschungen anzustellen, und brachte mich schließ- lich auf den Gedanken, eine Geschichte der Stadt und Festung Gießen in den Jahren 1796— 1700 zu schreiben, also die Gesamt- zeit der französischen Besetzung in den Vordergrund zu schieben. Bei der Sammlung des Materials zeigte sich, daß die Fülle der vorhandenen Quellen und Belege genügend umfang- reich war, um hinreichend Stoff für ein größeres Werk zu liefern. Da es mir nicht möglich war, all das Vorhandene zu erschöpfen, ich andererseits jedoch ein abgerundetes Bild ent- werfen wollte, entschloß ich mich, nur die Jahre des genannten Zeitabschnitts näher zu behandeln, die in der Geschichte Gießens die interessantesten sind und deren Ereignisse und Folgen den größten Einfluß auf die gesamte weitere Entwicklung ausübten. Es sind dies die Jahre 1796 und 1797. Ein weiterer Grund für diese zeitliche Abgrenzung lag für mich auch in dem Umstand, daß nach Einsichtnahme in die amtlichen Berichte aus jener Zeit sich ergab, daß die vorhandenen Schilderungen, Tage- bücher usw. zu wiederholten Malen von den amtlich gemeldeten Tatsachen abwichen und ein zusammengefaßtes Bild, unter gleichmäßiger Benutzung aller Quellen, noch nicht vorhanden ist. Auch zeigen die Jahre 1708 und 1709, trotz der gleichen Besetzung durch die Franzosen, ein wesentlich anderes Ge— präge, was aus den verschiedensten Gründen zu erklären ist. Die Arbeit zerfällt in drei Abschnitte. Der erste versucht an Hand der vorhandenen Oberlieferungen und Karten ein äußeres Bild der Stadt und Festung Gießen zu geben und in den Haupt- zügen die inneren Verhältnisse festzuhalten. Der zweite Ab- schnitt beschäftigt sich mit den kriegerischen Ereignissen der Jahre 1796/07, während der dritte sich mit den Kontributionen, 1 — 6 Abgaben, Kriegsschäden und der Tätigkeit der Fürstlichen Landes-Kriegs-Kommission in Gießen befaßt. Selbstverständ- lich war ein genaues Einhalten sowohl der zeitlichen wie auch örtlichen Grenzen schon des allgemeinen Verständnisses und der wichtigen Zusammenhänge halber nicht möglich. Als Quellenmaterial dienten mir in erster Linie, abgesehen von den vorhandenen Werken über diese Zeit, die Bestände des Großherzoglich hessischen Haus- und Staats-Archivs zu Darm- stadt, die eine reiche Ausbeute gaben, da für nahezu jeden Tag die Berichte der Fürstl. Landes-Kriegs-Kommission zu Gießen vorliegen. Nicht nur allein, was die Kriegsereignisse anlangt, geben diese Aktenstücke ein genaues, umfassendes Bild, auch für die Ermessung der Kriegsschäden des ganzen damaligen Oberfürstentums Hessen, die Kontributionen und Abgaben sind sie von äußerster Wichtigkeit. Es dürfte eine Arbeit für sich sein, nur die Tätigkeit der Landes-Kriegs-Kommission zu prüfen und das ein klares Bild gebende Frage- und Antwortspiel zwischen Kommission und Regierung zu beleuchten. Das vor- handene Material kann als nahezu vollständig angesehen wer- den. Neben dem Haus- und Staatsarchiv lieferte das Ober-— hessische Museum zu Gießen wertvolle Beiträge. Letzterem ver- danke ich auch die Veröffentlichung des beigefügten, bis jetzt wohl wenig bekannten Plans der Stadt und Festung Oießen. Während das hessische Staatsarchiv und das Oberhess. Museum Wichtiges lieferten, war der Ertrag der Nachforschung im Stadt- archiv Gießen sowie in den Kirchenbüchern gering. In histori- scher Hinsicht konnte das Stadtarchiv zwar Aufschluß geben, jedoch setzt sich das vorhandene Quellenmaterial nur aus den Abschriften der in Darmstadt im Original enthaltenen Berichte der Fürstl. Landes-Kriegs-Kommission zu Gießen und den ent- sprechenden Erwiderungen zusammen. Für das wirtschaftliche Bild fehlen für die Jahre 1706 und 17907 jegliche aufschluß- gebende Belege, mit Ausnahme der Abrechnungen des Bau- amtes, die als alleinige wenig zu sagen haben. Ahnliche Verhältnisse weisen die Kirchenbücher auf. Von annähernd 70 Pfarrämtern aus Gießens Umgebung hatten nicht drei Verwendbares. Entweder waren Einträge und sonstige Zeugnisse überhaupt nicht vorhanden, oder die Aufzeichnungen hatten nur rein persönlich lokalgeschichtliches Interesse, mit geringem Wert für das vorliegende Thema. Allem Anscheine nach haben die Kriegsjahre 17906/1707 derart in die inneren Ver- waltungsverhältnisse eingegriffen, daß alles drunter und drüber ging. Auch darf nicht vergessen werden, daß gerade die Land- gemeinden und kleineren Städte besonders schwer von der fran- zösischen Invasion und Okkupation getroffen wurden, viele 7— Dörfer verödeten oder in Flammen aufgingen, die vorhandenen Akten verloren gingen oder versteckt und nicht mehr auf- gefunden wurden, und ähnliches mehr. Ebenso traurig sieht es mit den Kriegsrechnungen aus, deren selbst das Haus- und Staatsarchiv nur von 10 zu 10Jahren enthält, also von 1790 und dann erst wieder von 1800, Diesen Mangel gleicht jedoch voll- ständig die Genauigkeit der Kriegs-Kommission in ihren Be— richten aus. Alle die im Original nicht mehr vorhandenen Ab- rechnungen der einzelnen Amter liegen ihnen in Abschrift bei. Nicht unerwähnt möchte ich noch lassen. daß auch von privater Seite mir manch wertvolle Anregung gegeben wurde. Für freundlichstes Entgegenkommen und ÜUnterstützung bei meinen Arbeiten bin ich besonders zu Dank verpflichtet dem Herrn Direktor des Haus- und Staats-Archivs zu Darmstadt, dem Herrn Direktor des Oberhessischen Museums Herrn Dr. h. c. Kramer, Herrn Oberbibliothekar Dr. Ebel, Herrn Dr. Lehnert vom Universitätsarchiv, sowie den Herren Pfarrern für die Er- laubnis zur Einsichtnahme der Kirchenbücher. Einleitung. Je eindringlicher man sich mit der Geschichte des Krieges der Franzosen in Deutschland beschäftigt und die einschlägige Literatur verfolgt, um so mehr wird man mit Verwunderung er-— kennen, daß durch die geringe Zahl der lokalgeschichtlichen, wissenschaftlich durchgeführten Abhandlungen eine Lücke in der Kette der beweiskräftigen Urteilspunkte vorhanden ist. Wohl sind im Laufe der Zeit eine große Anzahl mehr oder minder umfangreicher und wertvoller Werke über jene Kriegs- jahre erschienen, wohl haben Hunderte von Zeitungen in für den unbefangenen Leser schmackhaft zurechtgestutzten Artikeln Erzählungen aus Urgroßväter-Tagen gebracht, die wissenschaft- liche Lokalgeschichte aber zeigt oft ein recht düsteres, verwasche- nes Kußere. Wer einen Krieg kennen lernen will, so wie ihn in seinen Folgen eine spätere Zeit überliefert erhält, wem es nicht genügt, festzustellen, daß dies und jenes sich ereignet hat, der muß in das gewaltige Getriebe der Kriegsmaschine genau hin- einsehen und auch dem Arbeiten des kleinsten Rädchens volle Aufmerksamkeit schenken. Hier bietet die wissenschaftliche Lokalgeschichte, die nicht nur mit den laufenden Ereignissen, sondern auch mit den Menschen bekannt macht, die beste Handhabe. Nicht das„Wie“, sondern das„Warum“ ist maß- gebend, und es ist z. B. hundertmal wertvoller, aus den Berichten einer städtischen Behörde oder den Aufzeichnungen eines Privatmannes zu erfahren, warum ein französischer Oberbefehls- haber so und so handelte, als die nackt überlieferte Tatsache, die weiter nichts als sich selbst hinstellt. Von diesem Gesichts- punkte aus kann man auch die Jahre 1796 und 1707 sowie die folgenden betrachten, denn auch sie sind bedeutend in der Geschichte der Stadt Gießen, wie überhaupt in der des deut- schen Vaterlandes. Sie brachten aus dem im Rausche der Selbst- täuschung lebenden Frankreich, das ein unerträglich gewordenes Joch abwarf und zunächst, ohne es zu merken, sich das neue schon auflud, den Geist einer neuen Zeit, die Erkenntnis des eigenen lchs, ohne daß der Taumel der alles niederreißenden 10— Freiheits-, Gleichheits- und Brüderlichkeits-Sucht das deutsche Volk ernstlich berührte. So schrecklich die Kriegsjahre mit all dem Elend, das über die deutschen Lande hereinbrach, auch waren, ein Erfolg kann nicht bestritten werden: Gemeinsames Dulden und Ertragen schlug Brücken über unüberwindlich scheinende Gegensätze. Zunächst allerdings trug man das fran- zösische Joch im Gefühle der Ohnmacht, ohne sich seiner ent- ledigen zu können, vielleicht auch ohne sich Rechenschaft abzugeben, was dies eigentlich bedeutete. Man seufzte unter dem Drucke der Gewalttätigkeiten, der Einquartierungen und unglaublichen Kontributionen, und— beugte sich. Für das Oberfürstentum Hessen und die Stadt Gießen waren die Jahre 1706— 90 nach dem 30 jähr. Krieg die furcht- barsten, die auszuhalten waren, und deren Nachwehen sich in manchen Gemeinden bis in die heutigen Tage fühlbar machen. Was besonders die Stadt und Festung Gießen in den Jahren 1796/07 zu ertragen hatte, und in welchem Zustande sie sich befand, sollen die nachfolgenden Ausführungen zeigen. Abschnitt J. stadt und Festung Gießen. Außeres und inneres Bild. Kapitel I. Die Stadt. Zeugnisse über die Gestalt und inneren Zustände in Gießen zur Zeit des Einbruches der Franzosen im Jahre 1796 sind uns wenige überliefert, denn mit dem Augenblick, da die allgemeine Aufmerksamkeit auf größere Ereignisse gelenkt wurde, ver-— schwand naturgemäß das Interesse an Fragen, die die Ver-— besserung lokaler Verhältnisse, Veränderungen am Stadtbild u. a. m. betrafen. Die kriegerischen Ereignisse schoben sich in den Vordergrund, und nur hie und da finden sich in den Be- richten vereinzelte spärliche Angaben. Das will nun durchaus nicht heißen, daß man über die Gießener Verhältnisse und den Eindruck, den die Stadt bot, nicht unterrichtet ist, denn um so zahlreicher sind die Belege aus den 70er und 80er Jahren des 18. Jahrhunderts, die unbedenklich auch für die 90 er Jahre als ausschlaggebend angesehen werden können. Gießen als Festung hatte keine Möglichkeit zu großer Entwicklung, und die Lebens- bedingungen änderten erst die Kriegsverhältnisse. Bis dahin dürften sie in Gießen dieselben gewesen sein. Zunächst berichtet das Privil. Zitt. Monatl. Tagebuch über Gießen): „Gießen ist eine Stadt in Oberhessen, am Lahnfluß, in einer lustigen Gegend: 1 Meile von Wetzlar, 3 von Marpurg, 6 von Frankfurt a. M. Früher war es ein sumpfiges Dorf, 1325 aber hat ihr Otto der Landgraf Privilegien erteilt. Philipp der Großmütige hat Wall und Graben, Georg II. die Festung aus- gebaut. 4 Tore, Selzer- oder Frankfurter-Tor, das Neustädter-, Neuwäger- und Wall-Tor. Hauptkirche St. Pankratii mit Bibliothek in der Kapelle. Universität 1607 erbaut, Collegium ¹) Privil. Zittauisches, Topographisches, Biographisches, Histo- risches, Monatl. Tagebuch, Monat Dez. 1800. S. 180. — 12— 1608.(140 Schuh Länge, 34 Schuh Breite) Zeughaus 1586 erbaut.“ Der von 1771 bis 1775 in Gießen als Professor der Theo- logie weilende C. F. Bahrdt schildert Gießen in seiner Bio- graphie wie folgtꝰ): „Gießen ist ein kleines Städtchen, in welchem man kein Dutzend recht schöner und moderner Häuser findet. Auf den Gassen ist Schmutz. Die Misthaufen liegen vor den Häusern. Keine Straße ist gerade. Die Wälle sind fast überall höher als die Häuser, daher die Stadt in ihren Wällen wie ver- graben liegt, und der Mangel einer freien Circulation der Luft viel Gestank und ungesunde Dünste verursacht. Es ist ein unverzeihlicher Fehler der Landespolizei, daß man nicht wie in Leipzig, die Wälle demoliert und in Gärten verwandelt. Dies würde der Stadt Schönheit verschaffen. So schlecht übrigens der Ort ist, so viel Vorzüge besitzt er für seine Ein- wohner. Der erste Vorzug besteht in der Wohlfeilheit. Ich bezahlte damals nach Weihnachten das Pfund Kalbfleisch mit 2 bis dritthalb Kreuzern, und trank einen genießbaren Rhein- wein für drei bis vier Batzen.———— Es war in Gießen nicht nur eine ziemlich besetzte Akademie, sondern es befand sich auch eine ganze Regierung daselbst, welche aus einem Geheimden-Rate und 4 bis 5 Re- gierungsräten bestand. Dazu kam ein starkes Regiment(mehr als 1600 Mann) mit seinen Offizieren.“ Uber die Geselligkeit, das Leben und den Verkehr unter- einander äußert sich Bahrdt, der, aus Erfurt kommend, dort schlechte Erfahrungen gemacht hattes): „Der Gießener Ton war wirklich tadellos. Man lebte nicht bigott, aber man war auch durchaus von der Frechheit und Unverschämtheit entfernt, welche in einigen Erfurter Zirkeln Mode war. Man sah nie ein willkürliches und freies Herumküssen, sondern es war höchstens erlaubt, beim Kom- men und Abschiednehmen sich zu embrassieren. Man hörte nie eine eigentliche Unfläterei, und nur selten kam eine ganz verdeckte Zweideutigkeit zum Vorschein und ward, ob man sie gleich tolerierte, doch so schnell unterdrückt, daß sie nie einen herrschenden Ton angeben konnte. Mit einem Wort, es herrschte in Gießen wahre Sittsamkeit, bei einem wahren und munteren Umgang.“— 2) C. F. Bahrdt: Geschichte seines Lebens, seiner Meinungen und Schicksale, Frankfurt a. M. 1700. II. Bd. S. 153; vgl. auch O. Buchner: Gießen vor 100 Jahren, Gießen 1879, S. 4 u. 5. 3) C. E. Bahrdt: Bd. II, S. 162/163. 13 Daß gerade ein Mann wie der übel berüchtigte Professor Bahrdt über den„Gießener Ton“ ein solches Urteil fällt, ist bei seiner freien, toleranten Gesinnung zwar nicht verwunder— lich, so doch immerhin ein wichtiger Punkt gegenüber späteren Schilderungen, die zum größten Teil Anstöße aller Art finden und geißeln¹). Auch der später in der Fürstl. Landes-Kriegs- Kommission von 1797 eine große Rolle spielende Professor der Staats- und Kameral-Wissenschaften A. Crome sieht Gießen durchaus nicht im rosigen Lichte, als er 1787 daselbst an- langts): „Gießen ist Provinzialhauptstadt und liegt unter 26° 18, 58 östl. Länge von Ferro und 50 35/ 10 nördl. Breite an der Lahn. Die Lage des Ortes ist schief, da von 3 Seiten Anhöhen und nur nach der Westseite hin eine kurze Ebene.— 1787 bot die Stadt keinen angenehmen Eindruck. Von einem 40 Fuß hohen Wall umgeben und mit einem breiten sumpfigen Graben umringt, hatte dieselbe an ihren vier Toren lange und dicke Gewölbe, die mit großen Torflügeln, starken Zug- brücken und einigen Außenwerken versehen, der Stadt das Ansehen einer Festung(also nur Ansehen!!) gaben, welches sice in alten Zeiten auch war, wo man sie unter Wassen setzen konnte. 1787 zählte Gießen bei zum Teil engen Straßen nur gegen 800 Häuser, wovon einige zwar ziemlich ansehn- liche Gebäude, die meisten aber klein und schlecht gebaut waren. Hierzu kam noch ein elendes Pflaster und ein stinken- der Bach, welcher meist bedeckt mitten durch die Stadt zieht.“ Trotzdem Crome seine Biographie erst viel später nach der Franzosenzeit schrieb und man so annehmen müßte, daß er als Hauptfaktor bei der Beurteilung des damaligen Bildes in Betracht käme, darf man jedoch gerade seinen Ausführungen am wenigsten Glauben schenken, da sich erwiesen hat, daß, besonders bei der Wiedergabe der kriegerischen Ereignisse, dieselben häufig ungenau, oberflächlich sind oder gar mit den behördlichen Berichten im direkten Widerspruch stehen.— Laukhard, der 1775 als Student nach Gießen kam, weiß auch nichts Gutes über die Verfassung, in der sich die Stadt befand, zu sagené): 4) Vgl. G. Zimmermann, Cießen vor 100 Jahren, seine Hoch- schule und sein Zusammenhang mit der deutschen Nationalliteratur. Didaskalia 1880 Nr. 120. 5) Crome, A. Fr. Wilh.: Selbstbiographie, Stuttgart 1833, S. 152 und folgende. Vgl. auch: Buchner, Gießen vor 100 Jahren, S. 5. 6) Laukhardt, Leben und Schicksale, Bd. I, S. 67. Vgl. auch Buchner, Gießen vor 100 Jahren, S. 6. — 14— „Gießen ist ein elendes Nest, worin auch nicht eine schöne Straße, beinahe kein einzig schönes Gebäude hervor- ragt, wenn man das Zeughaus und das Universitätsgebäude ausnimmt. Es führt den Namen einer Festung, die aber unter allen Festungen, welche ich je gesehen habe, die elendeste ist. Zudem wird sie von einem Berge kommandiert, von woher man sie recht gut beschießen kann. Es steht ein Regiment Soldaten darin, das aber gar nicht stark ist, und nur, wenn ich nicht sehr irre, sechs Kompagnien zählt. Das Regiment ist das darmstädtische Kreisregiment und muß zu der Reichs- armee stoßen, wenn dieses Heldencorps zu Felde zieht.“ Ahnlich lauten auch die sonst noch vorhandenen Berichte. Selbst das Gießener Wochenblatt 1770 schreibt): „.... die Gassen sind schmutzig und verfahren, die Häuser klein und häßlich, überall sind Scheunen, Ställe und offene Misthaufen zu finden. Die Umgegend ist versumpft, die Wälder verwüstet, die Felder und Gärten in schlechtestem Zustand, der Gottesacker eine Wüstenei und von beinahe undurchdringlichem Unkraut bedeckt. Ist es ein Wunder, daß Fremde sich da nicht aufhalten wollen und daß Gießen auswärts als ungesund verrufen ists)?““ Wie müssen die Zustände gewesen sein, wenn das eigne Organ sich zu solch harter Kritik herbeiläßt!— Ein ebenso wunder Punkt Gießens war die Wasserversor- gung. Quellwasser war innerhalb der Mauern nicht vorhanden. Das trinkbare Wasser mußte aus besonderen, außerhalb ge— legenen Brunnen geholt werden, was natürlich die größten Nachteile für die Stadt auf sich hatte.²) In erster Linie galt dies für die etwaige Belagerung der Festung, die mit Trinkwasser in diesem Falle auf nicht allzu lange Zeit versorgt war. Das in der Stadt vorhandene Brunnen-Standwasser war wohl zum Feuerlöschen oder sonstigen Zwecken zu gebrauchen, nicht aber zum Genuß ¹⁰). Die Beleuchtung war ebenfalls mangelhaft. So befiehlt eine Verordnung vom Jahre 1794 den Einwohnern,„bei nächt- lichen Gängen durch die Straßen der Stadt“ eine brennende Laterne mitzuführen). *) G. Wbl. 1770, S. 87. Buchner, Gießen vor 100 Jahren, S. 6. s) Vgl. auch O. Buchner, Gießen vor 100 Jahren, S. 4. *) Vgl. Chastel, Th., Tagebuch, S. 31; Wochenbl. 1765, S. 283; O. M. u. W. G. S., Akten Gießen; Buchner, Gießen vor 100 Jahren, S. 4. 1⁰) O. M. u. W. G. S., Akten Gießen; Wochenbl. 1765, S. 283. 11) O. M. u. W. G. S., Akten Gießen, Kl. M. 34. 15 Die Anzahl der Stadtarmen war groß, da die freie Be- wegung im Handel vollständig gehemmt war, sowohl durch harten Zunftzwang, als auch durch Verordnungen der Regierung und polizeiliche Festsetzung der Arbeitspreisei²). Geben all diese Zeugnisse kein erfreuliches Bild von dem allgemeinen Außeren der Stadt Gießen, so wird dieses erst recht nicht gehoben, wenn man noch die schlechten Verkehrs- und Postverhältnisse, sowie das klägliche Schulwesen betrachtet. Für den Postverkehr trat im Jahre 1702 eine Besserung ein, die jedoch mit dem Erscheinen der Franzosen im Jahre 1796 wieder verschwand. Für das Schulwesen fehlen für die Fran- zosenzeit schlagende Belege, jedoch ist anzunehmen, daß es nicht anders war wie in den 70er Jahren, wo die Lehrämter schlecht bezahlt und an den ersten besten vergeben wurden, die Eltern aber ihre Kinder bis zum 12. Jahre und darüber hinaus von der Schule fernhielten. Die Lehrfächer waren auch nicht bindend und richteten sich nach den Wünschen der Eltern¹3). Die Einwohnerzahl Gießens dürfte sich mit dem Jahr 1796 auf ungefähr 4500 bis 5000 Seelen gestellt haben. 1770 meldet das Wochenblatt(S. 62) etwa 4000 Einwohner, 1701 nur 3672, 1794 bereits 5720¹⁴). Für das Jahr 1797 gibt der Darmstädtische Staats- und Adreß-Kalender von 1797 wieder 3059 Einwohner an¹¹). Der merkwürdig hohe Stand der Bevölkerungszahl im Jahre 1794 ist um so verwunderlicher, als die Zahl der Ge- storbenen eine höhere ist, als die der Geborenen, beide Ziffern aber seit 1791 mit geringen Schwankungen im absteigenden Verhältnis bleiben, d. h. also die Zahl der Geburten die der Todesfälle nicht ausgleicht. Eine Erklärung für die hohe Ein- wohnerzahl von 1794 kann nur die Annahme geben, daß, wie auch Buchner vermerktis), Zuzüge vom offnen Lande infolge der Kriegsunruhen erfolgten. Tabellarische Ubersichti?): 1791 1792 1793 1795 1796 1797 Geboren: 164 135 120 112 146 153 Gestorben: 138 191 187 194 200 198 12) O. M. u. W. G. S., Akten Gießen; Verordnungen, Iis. KI. M. 34. 13) Vgl. Wochenblatt 1770, S. 45 u. S. 59, 1772 S. 3; Zimmer- mann, Didaskalia 1880, Nr. 130/31; Buchner, Gießen vor 100 Jah- ren, S. 11—17. 3 14) Crome gibt für 1787 5000 Einwohner an, auch St. A. G. 15) Vgl. auch Buchner, Gießen vor 100 Jahren, S. 8. 16) Vgl. auch Buchner, Gießen vor 100 Jahren, S. 8. ¹17) O. M. u. W. G. S., Gießen, FIs., Pfarrbücher 1791— 97 der Stadtkirche Gießen. — 16 Diese Schwankungen in der Bewohnerzahl und vor allem das Vorhandensein nicht seßhafter Elemente trug zweifellos auch nicht zur Hebung der öffentlichen Ordnung und Sicher- heit bei, um so mehr, als die städtische Polizei in einer ebenso traurigen Verfassung war wie alles andere. Die Polizeidiener, die ein klägliches Gehalt bezogen— 1794 waren es derer zwei, die jährlich jeder 50 fl. 24 kr. an Geld, 4 Achtel Korn und alle drei Jahre eine komplette Montur erhieltenis)—, waren auf Nebenverdienste angewiesen, für Bestechungen äußerst zugänglich und versahen ihr Amt schlecht. Im kirchlichen Leben trat mit dem Heranrücken der Fran- zosen im Jahre 1706 keine wesentliche Veränderung ein. Der evangelisch-lutherische Gottesdienst wurde nach vorübergehen- derStockungwieder aufgenommen und regelmäßig abgehalten¹), — jedenfalls unter Beibehaltung der bereits 1776 eingeführten französischen Art mit einem besonderen französischen Gesang- buch²o). Die junge katholische Gemeinde, die überhaupt erst 1791 durch Ludwig X. Anerkennung fandi), spielte keine Rolle. Die Juden wurden nur gegen eine jährlich zu zahlende Ab- gabe geduldet und standen gesetzlich unter den städtischen Beamten, rituell unter dem Oberrabbiner zu Friedberg-²). Den gesellschaftlichen Verkehr scheint die französische Einquartierung sogar gehoben zu haben, denn das Wochen- blatt, sowie Privataufzeichnungen weisen des öfteren auf Ver- anstaltungen geselliger Natur, Konzerte und Bälle hin. Auch im Winter 1796/07, wo Gießen von den Franzosen frei war, schwanden die gegebenen Anregungen nicht, wie Buchner berichtets³). Wichtiger als diese gewiß bemerkenswerten Einzelheiten ist jedoch die Frage, in welcher ökonomischen Lage sich Gießen befand, wie es mit der Lebensmittelversorgung und den Preisen bestellt war. In jedem Krieg, gleichgültig ob er nur das Land, nur die Bewohner, oder beide zusammen betraf, war, wie auch heute, dieser Umstand von größter Bedeutung. Eine Stadt, deren Einwohner keine oder nur geringe Einschränkungen in der Verpflegungsfrage zu ertragen hat, wo außerdem durch ¹8) Buchner, Gießen vor 100 Jahren, S. 60. 19) Pfarrbuch der Stadtkirche Gießen, 1706. 2⁰) Wochenbl. 1775, S. 401; Buchner, Gießen vor 100 Jahren, S. 93. 21) H. u. St. A. D.; vgl. auch Buchner, Gießen vor 100 Jahren, S. 91. 2²2) Wochenbl. 1765, S. 301; vgl. auch Buchner, Gießen vor 100 Jahren, S. 93. 23) s. Buchner, Gießen vor 100 Jahren, S. 78/70. 17— kluge Maßnahmen ein allzu hohes Aufschnellen der Lebens- mittelpreise vermieden wird, zeigt sich allen unliebsamen Ge- schehnissen gegenüber willfähriger, nimmt Unangenehmes leichter auf und verstärkt sich selbst in ihrer Widerstandskraft. Hier zeigt nun Gießen die überraschende Tatsache willigen Ertragens, rührigsten Fleißes, so daß die Kriegsjahre schädig- ten, aber keine vernichtenden Folgen zurückließen. Das Wochenblatt von 1771 gibt für Ende August nach- folgende Preise an4): 1 Achtel Weizen.... S fl.— alb. 1„ Korn. 6„ 1„ CGerste. 4„ 20 1 2 Hlafer. 3 20 Fleisch und Lebensmittel: 1 Pfund Ochsenfleisch... 3 alb. 4 PDf. 1 Kühfleisch 2 6„ 1„ Rindfleisch 2 e 4„ 1„ Kalbfleisch 2 6 1„ Schweinefleisch. 3 4 1 2 Hammelfleisch 2„» 6„ 1„ Seifen 7 e„ 1„ Lichter. 0„=„ 1 frische Butter 7, 1 geschälte Hirse. 2„ 4 1 o grob geschälte Gerste 2„„ 6 Eier„„ Bäcker-Preise: alb. Pf. Lotm Quim — 4 1 Schwarzbrot...“ 1 4 12 DWeck.........1 4 7 1 Butter-Bretzeln... 1 4 3 2 gemischt Brot oder Taigscher. 4 V 9 2 Das sind die billigen Preise, die Bahrdt so sehr lobt.?) Bis zum Jahre 1791 sind in den Preistarifen nur unwesentliche Schwankungen zu verzeichnen. Als aber im Jahre 1792 eine 24) Ich habe absichtlich diesen weit zurückliegenden Marktpreis- tarif hier angeführt, um einen Eindruck der„billigen“ Preise zu geben und zu zeigen, daß dieselben bis 1792 sich kaum änderten. 25) C. F. Bahrdt, Bd. II, S. 162/63; s. auch St. A., Gießen, Back- Proben. 18 Armee königl. preuß. Truppen, 5800 Mann stark, unter dem Herzog Karl von Braunschweig zur Tilgung der französischen Unruhen über Gießen nach Grünberg rückte und ein preußi- sches Magazin in Gießen errichtet wurde²é), traten auf einzelnen Gebieten die ersten Teuerungen ein. Während die Getreide- und Brotpreise unverändert blieben, schnellten die Tarife für Fleisch und sonstige Viktualien um mitunter 100% in die Höhe. Es kosteten Ende August 1792²⁷): 1 Achtel Weizen 7 rI.— xXF. 1„ Korn. 5„ 30„ 1„ Geiste 4„ 30 1 5 Hafer. 3„ 30„ Fleisch und Lebensmittel: 1 Pfund Ochsenfleisch 8 XL. 1„ Kühfleisch 7„ 1 5 Rindfleisch 6„ 1„ Kalbfleisch 6„ 1 5 Schweinefleisclu. 7„ 1„ Hammelfleisch. 6„ 1 5 Seifen 16„» 1 3 Lichter 13 ⸗ 1 frische Butter 15» 1„ geschälte Ilirse. 4„ 1„ grob geschälte Gerste 3„ 6 Eier 4„ Bäcker-Preise: Loth Quint Xr. ——— —————— ScHWwalebIOf... 14 3 ½ 1 Wecc“ 7 3e 1 Butter Bretzeln.. 3 SBh 1 gemischt Brot oder Iaigscher...... 11 2 1 Ende August 1793 war der Stand bereits folgender-): 1 Achtel Weizen 9 l. 1O XI 1 5 Korrn 3„ 1„ Gerste.. 6„— 1 Hafer. 5„ 30 26) Vgl. H. v. Sybel, Gesch. d. Revolutionszeit, 1780 1800, S. 96. ²⁷) Gießer Intelligenzblatt Nr. XXXIV v. 25 Aug. 1792. 28) Gießer Intelligenzblatt Nr. XXXIV v. 24. Aug. 1706. 19 Fleisch und Lebensmittel: 1 Pfund Ochsenfleisch 8 1 5 Kühfleisch 7 1„ Rindfleisch 0 1 2 Kalbfleisch..... 6„ 1„ Schweinefleisch. 7 1„ Hammelfleisch. 6 1 7 Seifen 16„ 1 1 1 „ Lichlter..... 18„ „ krische Butter.....1/„ „ 2esCllälte Eirse... 4„ 1 o grob geschälte Gerste. 3„ 6 Fier... 3 5 Gegenüber dem Vorjahr waren demnach nur die Getreide- preise gestiegen, während Fleisch und Lebensmittel denselben Preissatz beibehalten hatten. Die Bäcker-Preise stellten sich auf: Loth Quint XT. Schwarz-Proott 60 3 ⁄% 1 Weck. 2 L 1 Butter-Bretzeln 3 117, 1 gemischt Brot oder Taigscher.... 8 3* 1 Von nun ab stiegen die Preise ständig und erreichten im Jahre 1796, im Vergleich mit denen von 1771 und selbst 1792, eine schwindelnde Hõöhe. Es kostete²?): 1 Achtel Weizen...... 12 fl. xr. 1„ EKOEII. 88„„» 1„ CGerstee..5„ 30„ 1„ Hafer....... 7„„ Fleisch und Lebensmittel: 1 Pfund Ochsenfleisen...... 13 Xr. 1„ Kühfleisen.... 12 1 2 Rindfleisen... 10 1 Kalbfleiseh. 7 1„ Schweinefleisech... 12„» 1„ Hammelfleiseh.... 11„ 1„ Seifen........ 32 1„ Lichter..... 32„ 1 5 frische Butter.... 30„ 1„ geschälte Elirse...... 8„ 1„ grob geschälte Gerste... 8„ 4 Fier. 4„» ²5) Gießer Intelligenzblatt Nr. XXXVI v. 27. Aug. 1706. Der Brot-Preis war für 1796: Loth Quint V XT. ſ Schwatzböoeododt. 11 1 ¾ 1 Weck 5 1 2 1 Butter-Bretzeln 2 25 ½ 1 gemischt Brot oder Taigscher 8 1% 1 Der Höhepunkt der Teuerung war aber damit im wesent- lichen erreicht. Zeigt das Jahr 1797 auch noch kein nennens- wertes Sinken der Preise, so ist in der Hauptsache auch kein Steigen zu vermerken. Gerade dieser Umstand ist es, der für die riesige Leistungsfähigkeit der hiesigen Gegend und ihrer Bewohner beredtes Zeugnis ablegt. Man betrachte die un- geheuren Abgaben und Kontributionen, die Stadt und Land in den Jahren 1796 und 1797 zu leisten hatten, denke daran, wie systematisch das Oberfürstentum Hessen durch die Franzosen ausgesogen wurde, und vergleiche dann die Lebensmittelpreise des Jahres 1796 mit denen des Jahres 1797. Fast keine Stei- gung, im Gegenteil mehrfach Verbesserungen. Das sagt genug. Ende August 1797 wurde gezahlt fürso): 1 Achtel Weizen.... 11 fl. 30 XT. 1„ Korn. 7 o 30„ 1 Gerste„=„ 1 Hafer.=„ Fleisch und Lebensmittel: „ geschälte Hirse. „ grob geschälte Gerste Eier + 0 1 Pfund Ochsenfleisch.. 14 xI. 1„ Kühfleisen 12„ 1 5 Rindfleisch.... 11„ 1„ Kalbfleisceh... 12 1 3. Schweinefleisch.. 1a4„ 1 9 Hammelfleischi......2„ 1„ Selken.... 32„ 1 2 Lichter....30„ 1„ frische Butter... 30 1 1 4 3⁰) Gießer Intelligenzblatt Nr. XXXIV v. 26. Aug. 1797 21 Bãcker- Preise: Schwarzbrot... 3 1 Weck. V 5 its 1 Butter-Bretzeln.... 2 25/8 1 gemischt Brot oder Taigscher 3 2¹/1 1 Die Jahre 1798 und 1700 brachten bereits ein merkliches Nachlassen der Teuerung. Ende August 1798 wertetés¹): 1 Achtel Weizen.... 9 kl. 50 xXIT. 1 5 Korn 7 40„ 1„ Gerste.... 7.. 1„ Hafen. 4» 30„ Fleisch und Lebensmittel: 1 Pfund Ochsenfleiseh..... 10 xrT. 1 5 Kühfleiseh 9„ 1 5 Rindfleisch....... 8„ 1„ Kalbfleiseh.3„ 1 Seh weinefleisch.... 9„ 1„ Hammelfleisch...„ 1„ Seife....... 28 2 l. 1 Lichter..... 1.,24„ 1„ frische Butter.... 18 1„ gescflälte difsgse..... 3„ 1„ grob Leet il Gerste 3 4 Eier 4 Bãcker- Preise: Schiwarzbrol,........ 10 2 1 Weck 5 2 1 Butter-Bretzeln 4 3. 2 3 1 gemischt Brot oder Taigscher. 4 8 1 Ende August 1790³²): 1 Achtel Weizen.. 9 fl. I 1„ KOEII...... 6„ 55„ 1„ Celrste 7=„ 1„ klafer. 6— 31) Gießer Intelligenzblatt Nr. XXXIV v. 25. Aug. 1708 3²) Gießer Intelligenzblatt Nr. XXXIV v. 24. Aug. 1799 — 22— Fleisch und Lebensmittel: 1 Pfund Ochsenfleisch 0 XT. 1„ Kühfleisch 8„ 1„ Rindfleisch„ 1„ Kalbfleisen... 6„ 1„ Schweinefleisch. 9 1 5 Hammelfleisch.. S8 a 1 Seifen... 20» 2 b. 1 5 Lichter 224„ 1 5 frische Biutter...... 18„ 1„ geschälte Ilirse. 8 1 o grob geschalte Gelste 8„ 5 Fier 4„ Bäcker-Preise: Loth Quint xr. Schwarg BIrOt 10 3¹4 1 Weck C“ 5 2% 1 Eutter-Bretzel......... 2 8 1 gemischt Brot oder Taigscher. 8 1 1 In der Folgezeit sanken die Preise zwar noch mehr, und die gesamten Lebensbedingungen wurden wieder günstiger, die idealen Preistarife von 1771 oder 1791 kehrten aber nicht wieder zurück. Die Jahre 1796/07 bieten das charakteristische Bild von Kriegsjahren mit Not und Teuerung. Bezeichnend ist, daß schon 17903, also kurz nach dem Auf- treten der ersten Teuerung und Steigerung der Preise, man, wie auch heute, nach Ersatzstoffen für fehlendes Getreide und sonstige Lebensmittel suchte. So bringt z. B. das Gießer Intel- ligenzblatt Nr. XXXV- XXXIX vom September 1793 einen Auf- satz„Von den Anstalten und Mitteln wider die Theuerung des Getreides“ und führt in einem anderen Artikelss) ein„Ver- zeichnis derjenigen Pflanzen und Gewächse, welche den Menschen beim Mangel des Getreides, oder sonst auch zur Speise dienlich“, an, wo unter anderem genannt wird: Salz- kraut, Bach- oder Wasserbunge, Alpsanikel, Ackerlattich, Lulch-, Taub- oder Mäusekorn, Quecken-, Hunde-, Peden- oder Wurm- gras, Schlüsselblumen(!), Glockenblumen(D), Bärenklau, heil. Geistwurz u. a. ³4). 33) Gießer Intelligenzblatt Nr. XXXXIV’ u. XXXXV! v. Ot. 1703. 34) Ob und mit welchem Erfolg diese Ersatzmittel angewandt wurden, ist nicht überliefert. 23 Von Interesse und Wichtigkeit wären noch die städtischen Abrechnungen, d. h. Ausgaben und Einnahmen. Leider sind jedoch nur noch die Rechnungen der Bauinspektion vor- handen, während sämtliche Steuer und Bürgermeister-Rech- nungen der Jahre 1706/07 fehlen. Ob dieselben vernichtet oder verloren worden sind, läßt sich nicht mehr feststellen. Die Ausgaben und Einnahmen der Bauinspektion für die Jahre 1796/07 belaufen sich aufss): 1796 Einnahmen: n xr. Pf vor verkaufte Früchte 3 695 26 5 an Bestandgeld aus den Mühlen. 108—— aus der Schneidmühle.—.— an Pacht aus der Ziegelhütte. 50 aus der Kirchhofskapelle——— an Brückengeldern 53— extra und insgemein........ 41 8 2 Summa: ſ 4 038 34 7 gegenüber 5206 fl. 5 kr. vom Jahre 1795. 1796 Ausgaben): pf an Baukosten und für Baumaterialien....2 0063 22 2 an Fuhrlohmn........... 38337— 1 zur Fürstl. Rentei.... ͤ 560 15 5 zur Unterhaltung der Ziegelhütte“——— für Bach und Graben zu räumen.... 124 15 4 zur Bürgermeisterei.......... 800— zur Schulden-Tilgungs- Kasse 500—— extra und insgemein......... 1h145 19 4 Summa: 4 020 71 16 gegenüber 5068 fl. 13 kr. vom Jahre 1795. Hier zeigt das Kriegsjahr merkwürdigerweise eine Vermin- derung der Ausgaben, was wohl dadurch zu erklären ist, daß die Löhne und Preise für die Materialien noch nicht wesentlich im Vergleich zum Vorjahre gestiegen waren, andererseits durch die französische Invasion die Tätigkeit der Bauinspektion be- schnitten wurde. Die Einnahmen hatten natürlich nach- gelassen und sanken im Nachjahre noch mehr. 22 35) 30) — 24— 1797 Einnahmen:): Pf. ———————— 1 vor verkaufte Früchte 3 332 1 an Bestandgeld aus den Mühlen..... 190us8— aus der Schneidmühle.......——— aus der Ziegelhiltte..... 50—— aus der Friedhofskapelle.——— an Brückengeldern.... 55—— extra und insgemein... 44 114—— Summa: 3 679 1141 1 1797 Ausgabe nss): 1 xr V Pf ——————— an Baukosten und für Baumaterialien... b 2 043 1 1 an Fuhrlohn. 870 24 1 zur Fürstl. Rentei. 60 15 5 zur Unterhaltung der Ziegelhütte—— für Bach und Gräben zu räumen 46 21— zur Bürgermeisterei... 700 3— zur Schulden-Tilgungs-Kasse 3 extra und insgemein 237 11 6 Summa: ſ 4 006 72 13 In diesem Jahr besteht bei der Bauinspektion somit ein Fehlbetrag, und ist bei den durch den Krieg geschaffenen Ver- hältnissen anzunehmen, daß auch sonst die Stadt mit einem Defizit arbeitete, was ja eigentlich bei den ungeheuren Kontri- butionen und Abgaben selbstverständlich ist. Der Schluß auf die dementsprechende Erhöhung der Steuern ist demnach wohl berechtigt. Eine Besserung trat sobald nicht ein. Noch 1790 verzeichnet die Abrechnung der Bauinspektions?): Einnahmen: 4 182 fl. 8 XT. 4 Pf. Ausgaben: 4 735 25„ 1„ Irgendwelche Hinweise auf eine Erhöhung der Bautätig- keit während der Kriegsjahre oder unmittelbar nach ihnen geben diese Bauinspektions-Abrechnungen nicht. Die für „Bauten und Baumaterialien“ verzeichneten Summen sind, wie 25— aus den Detail-Aufstellungen hervorgeht, ausschließlich nur für kleine Erweiterungen, Anbauten oder Reparaturen aus- geworfen worden.— Staatliche oder städtische Neubauten entstanden nicht, da die Kriegsjahre eine schlechte Finanz- lage geschaffen hatten. Inwieweit die private Bautätigkeit lebendig war, läßt sich heute, bei dem fehlenden Belegmaterial, schwerlich nachprüfen.— Noch einiges über die städtische Verwaltung: Wie in früheren Zeiten, stand auch in der letzten Hälfte des 18. Jahrhunderts an der Spitze der städtischen Verwaltung der Oberbürgermeister, der jährlich aus der Zahl der Ratsschöffen gewählt wurde. Die Wahl bestand eigentlich mehr in einer Art Bestätigung, da bei der Ernennung zum Oberbürgermeister eine bestimmte Reihenfolge eingehalten wurde. Um das Amt des Oberbürgermeisters erhalten zu können, mußte der Rats- schöffe, der zur Wahl anstand, unbescholten sein, sich in seiner bisherigen Amtstätigkeit bewährt haben, und mußte ferner seit vier Jahren im Rate sitzen¹˙). Daß aus der letzten Bestimmung sich Mißstände ergaben, beweisen verschiedene Ratsprotokolle aus den Jahren 1795 und 1706. Als nämlich im Jahre 1795 wie gewöhnlich vier Wochen vor der Jahreswende zur Wahl des neuen Oberbürgermeisters geschritten werden sollte, ergab sich, daß der Schöffe Flett, der an der Reihe war, noch nicht ganz vier Jahre im Amte war. Über seine Ernennung entstanden daher Meinungsverschiedenheiten, und man übertrug bis zu deren Schlichtung dem ältesten Ratsschöffen, Philipp Magnus, die Geschäfte des Oberbürgermeisters. Die Verhandlungen zogen sich bis in das Jahr 1706 hinaus, wo am 0. März der Tod Fletts allen Streitigkeiten ein Ende bereitete. Die Würde des Oberbürgermeisters ging darauf für das Jahr 1796 auf den Ratsschöffen Melchior Wörmser über. 1797 bekleidete der Schöffe Ferber das Amtil¹). Die erfolgte Wahl mußte jeweils dem fürstlichen Oberamt mitgeteilt werden, das dann die Be- stätigung der Regierung vermittelte und aussprach*²). Neben dem Oberbürgermeister war noch ein Unterbürger- meister vorhanden, der ebenfalls jährlich gewählt wurdes). Er durfte jedoch nicht Ratsschöffe sein, sondern mußte dem Rate der„Sechszehner“ angehören, dem er entnommen wurde. Erfolgte seine Ernennung zum Ratsschöffen, so büßte er die 4⁰) Ratsprotokoll v. 23. November 1793, St. A. G. 4¹1) Ratsprotokoll v. 7. November 1706, St. A. G. 4²) Ratsprotokoll v. 25. November 17906, St. A. G. 43) Ratsprotokoll v. 9. Januar 1702, St. A. G. — 26— Würde des Unterbürgermeisters ein“⁴). 1796 füllte Joh. Schmall, 1797 Melchior Lony diesen Posten aus ⁵). Die eigentliche Verwaltung der Stadt lag in Händen des Rates, der sich wie folgt zusammensetzte“¹⁶): 1. 12 Schöffen. Diese bildeten unter Vorsitz des Oberbürger- meisters eine Art Patriziat mit richterlichen Befugnissen, Sit- und Stimme im Stadtregimente. Die Wahl erfolgte auf Lebens- zeit. Schied durch den Tod oder durch sonstige Umstände ein Schöffe aus, so wählten die übrigen ein neues Mitglied durch Abstimmung. 2. Der Sechszehner-Rat. Er fungierte als Gesamtvertretung der Stadt, ähnlich der heutigen Stadtverordnetenversammlung. Die Beratungen und Beschlußfassungen erfolgten neben den Schöffen im Stadtrate¹⁴*). 3. Die„Sechser“ b=w.„Siebener“, als Vertretung der Zünfte und Handwerke. Außerdem bestand seit 1729⁴) ein sogenannter„Vierer- Rat“, der sich aus vier Mitgliedern des Sechszehner-Rates zusammensetzte und durch das Los bestimmt wurde. Er hatte dem Stadtkollegium beizuwohnen und bei der Verwaltung der städtischen Amter mitzuhelfen. Neben dem Bürgermeisteramte gab es gegen Ende des 18. Jahrhunderts vier weitere Amter, und zwar: 1. Das Bauamt. Dieses war für das gesamte öffentliche Bau- wesen der Stadt verantwortlich. 2. Das Bedamt, dem die Einziehung und Verwaltung der Steuern oblag. 3. Das Schätzeramt, das eine Art Lebensmittel-Kontroll- Amt bildete. Es wurde durch zwei sogenannte Schätzer oder Brot- und Fleischbeseher vertreten, die dafür Sorge zu tragen hatten, daß kein minderwertiges Brot oder Fleisch zur Ausgabe gelangtée⁴⁵). 4. Das Märkeramt. Dieses versahen ebenfalls zei Per- sonen, die Märker, deren Aufgabe in der Verwaltung des Mark- oder Stadtwaldes bestand. Die Errichtung des Amtes geht bis auf das Jahr 1620 zurücks¹⁰). Das Weinamt, welches den Betrieb des städtischen Wein- zapfes leitete, bestand 1706 nur noch dem Namen nach. Wein- 44) Ratsbescheide v. 1598 an. Hs. actum Gießen 1804, St. A. G. 45) Ratsbescheide v. 1598 an. St. A. G. 46) Vgl. auch Bex hoff: Gießen im Zeitalter des 30 jähr. Krieges, Abschn. I, Die Stadt Gießen vor dem Kriege. 47) Ratsprotokolle v. 7. November 1706, St. A. G. 48) Ratsbescheid v. 4. Januar 1720, St. A. G. 49) s. Backproben der Stadt Gießen, St. A. G. 6⁰) Salbuch der Stadt Gießen v. 1620, St. A. G. — 27 herren, d. h. Vorsteher des Weinamtes, wurden keine mehr ernannts¹). Ferner besoldete die Stadt: 1 Stadtquartiermeister, 5 Wald- schützen, 4 Feldschützen, 3 Küh-Hirten und Nachtwächter, 2 Schweinehirten, 2 Ratsdiener und 1 Marktmeister. Das Amt des Marktmeisters wurde durch den ersten Ratsdiener, der im Stadthause wohnte, versehen. Alljährlich mußten die Inhaber dieser Amter neu vereidigt und angenommen werdens²). Von dem Zustande der städtischen Verwaltung in den Jahren 1796 und 1797 läßt sich ein absolut sicheres Bild nicht entwerfen, da das greifbar vorhandene Material sehr dürftig ist. Mit Sicherheit ist nur zu sagen, daß die Amter des Ober-— bürgermeisters, des Unterbürgermeisters und der Ratsschöffen noch ebenso wie früher besetzt waren. Der Sechszehner-Rat übte ebenfalls seine Tätigkeit wieder aus, nachdem er 1781 vor- übergehend aufgelöst worden warss). Jedoch erscheint die An- zahl seiner Mitglieder schwankend, wie aus mehreren Rats- protokollen der Jahre 1796/1797 hervorgehts¹). Uber die„Sechser“ bzw.„Siebener“ gibt bereits das „Reglement des Oeconomiewesens der Stadt und Festung Gießen“ vom Jahre 1722(S. 34) an, daß freiwerdende Siebener- stellen nicht neu besetzt werden und die Siebener-Funktionen an den Sechzehner-Rat übergehen sollten. Alle vorkommenden wich- tigen Stadtereignisse würden dann mit den Zünften oder deren Deputierten beraten.— Das Bestehen dieser Körperschaft in dem letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts erscheint demnach recht fraglich. Die Nachweisung des„Vierer-Rates“ geht nur bis zum Jahre 1737, so daß auch über sein späteres Vorhandensein kein Urteil gefällt werden kann. Kapitel II. Die Universität. Die Universität, über deren Entstehen und weitere Schick- sale die Universitätsgeschichtess) Aufschluß gibt, sah sich beim Eindringen der Franzosen im Jahre 1796, unter dem Drucke 51) Ratsbescheide v. 1508 an, St. A. G. 5²) Ratsprotokoll v. 8. Februar 1706, St. A. G. 5³) Gießner Urkundenbuch II, S. 1600— 1604. Gießen, Universi- täts-Bibliothek. 54) 8. ebda St. A. G. Ratsbescheide v. 1598 an, St. A. G. 55) Die Universität Gießen von 1607— 19007. Festschrift zur 3. Jahr- hundertfeier, Gießen 1907. ——᷑—᷑—ÿ—ÿ—ÿ—ʒ—ÿ—KBℳů⁊O/OL8ꝛ — 232— der Verhältnisse und bei dem Fehlen der Studenten veranlaßt, ihren Betrieb vollständig einzustellen. Sehen wir uns die bestehenden Tatsachen etwas näher an: Im Jahre 1796 hatte die Universität vier Fakultäten, und zwar eine theologische, eine juristische, eine medizinische und eine philosophische. Die am 23. April 1777 gegründete fünfte Fakultät, die sogenannte ökonomische, an der auch Tier— heilkunde gelehrt wurde, war bereits 1785 wieder aufgelöst wordens). Die in ihr zusammengefaßten Fächer wurden mit Ausnahme der Tierheilkunde von der philosophischen Fakultät übernommen. Dagegen bestand die am 18. Juli 1770 neu er- richtete Professur für Militärwissenschaft weiter. Aber bereits in diesem Jahre schädigte die unruhige politische Lage den Universitätsbetrieb. So berichtet Crome in seiner Selbst- biographies*): „Mit dem Jahre 1700 blieben die Studenten aus Helvetien und selbst aus Frankfurt ganz weg, da die französische Revo- lution schon im vollen Gange war. Auch äußerten sich die üblen Folgen derselben in Deutschland durch den gehässigen Parteigeist, welcher ein gegenseitiges Mißtrauen und selbst Feindseligkeiten erzeugte, die aus den verschiedenen Meinun- gen über politische Streitfragen hervorgingen.“ Im Laufe der folgenden Jahre trat noch eine wesentliche Verschlechterung ein, die sich durch die Zuspitzung der politi- schen Gesamtlage und den Anteil, den Gießen an den Er- eignissen nahm, bedingte. Bereits 1792 wurde im Kollegienhaus ein preußisches Lazarett und im philosophischen Auditorium ein Fouragierungs- bureau eingerichteté). 1794 folgte im Universitätsgebäude ein österreichisches Artillerie-Laboratorium sowie ein Lazarett, das bis 2zum 1. Dezember 1796 bestehen blieb's). Als mit dem Jahre 1796 die Franzosen von der Stadt Besitz ergriffen, wurde der Universitätsbetrieb gänzlich unterbunden. Auch waren fast keine Studenten mehr vorhanden. Die Universitätsrechnung 1706 gibt bei der Aufzählung der Kollegiengelder 2 Juristen und 1 Medi- ziner an, während die Vorlesungsakten von 1813/14 die Zahl der Studierenden für 1796 auf 5 feststellten, wovon 3 aus der Stadt gewesen sein sollen. Welche Zahl nun auch richtig ist, auf jeden Fall war sie derart gering, daß sie auf die Ent-— scheidung, ob Vorlesungen gehalten werden sollten oder nicht, keinerlei Einfluß ausübte. 56) Bibliographie der deutschen Universitäten, hrsg. v. Erman und Horn, I. Bd.; desgl. Die Universität Gießen 1607— 1907, Bd. I. 57) Crome, Selbstbiographie, S. 156. 58) Die Universität Gießen 1607— 1007, Bd. I; Regesten s. ebda. fa 29 professor Crome berührt in seiner Selbstbiographie eben- falls die Lage kurz mit folgenden Wortenss): „Im Sommer 1796 wurden keinerlei Vorlesungen ge-— halten, da die Studenten sich gänzlich verloren, sowie viele Professoren und andere Honoratioren in das neutrale Hessen- Cassel'sche Gebiet auswanderten, um der Brutalität der Republikaner zu entgehen, die damals roh und raubsüchtig waren.“ Doch nicht erst 1796, sondern schon früher, wie erwähnt 1790, hatte die Anzahl der Studenten in Gießen nachgelassen. Nicht allein die politischen Verhältnisse waren hieran schuld. Den Studenten von 1770, den Lauckhardt in seiner Lebens- geschichte schildert, gab es nicht mehr. Die Universitats- gesetze hatten sich seit jener Zeit außerordentlich verschärft. Als Charakteristikum mögen einige hier angeführt sein: 1774 wurde die Bestimmung getroffen, daß Bürgers- und Bauernsöhnen das Studieren untersagt ist, falls sie nicht eine besondere Erlaubnis dazu erhalten haben. Diese Verordnung blieb bis zum Jahre 1817, wo sie aufgehoben wurde, be- stehenso). 1786 befahl der Senat, daß kein Student vor Sams- tag vor Palmarum und vor Samstag vor der Michaeliswoche in die Ferien reisen dürfe. Sei 8 Tage nach den geendig- ten Ferien der Student nicht wieder eingetroffen, so werde ihm das Semester auf die Studienzeit nicht angerechnetsél). — Dazu kam der stete Kampf gegen die studentischen Ver- bindungen, vor allem gegen die Amicisten, Harmonisten, Kränzchen und Ordenéz). Als dann nach einem scharfen Reichs- tagsbeschluß im Jahre 1793 mit rücksichtsloser Strenge gegen die Studentenorden vorgegangen wurde, verschwanden diese auch aus Gießen, mit ihnen aber auch eine große Anzahl von Studierenden. Mit der Zahl von 3 oder 5 Studenten an der Uni- versität im Jahre 1796 war dann ein gewisser Nullpunkt erreicht. Lag der Universitätsbetrieb nun auch vollständig stille, so waren doch die der Universität in den Jahren 1796 und 1797 zu- gefügten Schäden keineswegs groß.— Die Universitätsgebäude fanden als Lazarette, Waffenarsenale und Provianträume Ver- wendung, blieben aber sonst unberührt. Nur die Universitätsbibliothek war wiederholt Belästi- gungen ausgesetzt und ihre Bestände gefährdet, wie die be- kannte Episode aus dem Kriegsjahr 1707 beweisté³): 59) Crome, Selbstbiographie, S. 240. 60) Die Universität Giéßen 1607— 1907, Bd. I. 61) Die Universität Gießen 1607— 1907, Bd. I. 6²) Vgl. Fabricius: Die deutschen Corps. 68) O. M. u. W. G. S. Gießen, Hs. Kl. M. 1 a. 30 „Die Commissaires de gouvernement waren stets darauf aus, Kunstwerke, wertvolle Bücher und Schriften an sich zu bringen, um sie nach Frankreich zu schaffen. Ende April 1797 forderten in Gießen die Kommissäre Keil und Devilles die Schlüssel der Universitätsbibliothek sowie die Einziehung der ausstehenden Bücher, und begannen nun eine Auswahl zu treffen. Durch eine zu dem General Hoche ins Haupt- quartier nach Friedberg geschickte Deputation wurde der mündliche Befehl erwirkt, daß aus der Bibliothek nichts ent- wendet werden dürfe. Aber schon am 11. Mai gab Hoche den schriftlichen Gegenbefehl, daß die Kommissäre alle Bücher und Kunstwerke beschlagnahmen sollten, die ihres Erachtens für die französische Republik nützlich und für die allgemeine Belehrung wertvoll wären. Inzwischen hatten bereits die Kom- missäre auf Veranlassung des damals in Gießen einquartierten Divisionsgenerals Championnet die Schlüssel ausgeliefert, deren Wiederherausgabe man ihnen nun verweigerte und eiligst am 12. eine neue Deputation, auf Anraten des Gene- rals Legrand Championnet war abgereist— nach Friedberg schickte. Durch Vermittlung des Kammer-Assessors Moter erlangte man denn endlich die günstige Order:„Le général en chef Chérin défend que sous aucun prétexte il soit rien enlevé de la bibliothèque de la régence de Giessen, tant en livres qu'en autres objets de sciences et arts.“ Am 16. wurde die Order den Kommissären mitgeteilt, die zwar noch versuchten, Verschiedenes zu erlangen, aber nichts mehr ausrichten konnten.“ Diese in kurzen Zügen hier wiedergegebene„Episode“ war die letzte Belästigung der Universitätsbibliothek während der Kriegszeit. 4 Von Wichtigkeit erscheint noch die ökonomische Ver-— fassung der Universität, die einen krassen Gegensatz zu der der Stadt in den Kriegsjahren bildet. Während die Stadt Gießen durch die ungeheuren Kriegslasten im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts erheblich geschädigt wurde, wie wir später sehen werden, war die Lage der Universität in dieser Hinsicht keineswegs schlecht. Nach wie vor flossen ihr reiche Stiftungen zu, die zusammen mit den Einkünften aus dem vorhandenen Grundbesitz große Summen ergaben. Diese deckten nicht nur die Ausgaben, sondern schufen auch noch ein bedeutendes jähr- liches Plus. So betrugen 1796 die Gesamtausgaben der Uni- versität 20646 fl. 15 alb. 6 Pf. gegenüber einer Einnahme von 33 474 fl. 13 alb. 5/5. Pf. 4). Das bedeutet einen Überschuß von 64) Oeconomal-Rechnung der Universität Gießen 17906. —„e———r2ũe— 2 31 rund 12 827 fl. Für das Jahr 1797 ergibt sich ein ähnliches Bild. Die Ausgaben ergaben hier 19007 fl. 17 alb., gegenüber einer Einnahme von 25047 fl. 14 alb. 6⁵). Diese günstigen Ergebnisse sind natürlich nur dem Um— stande zuzuschreiben, daß die Universität nicht mit zur Ab-— zahlung der Kriegsgelder herangezogen wurde. Die Zahl der Dozenten betrug 1796 20. Ferner gehörten zum Bestand: der Magister Schmidt, der Oeconomus oder Universitätssekretär, zwei Pedelle und ein Universitätsgärtner. Insgesamt wurden im Quartal 1430 fl. 5 alb. 2 ½ Pf. an Gehältern ausgezahlt, also im Jahr 5720 fl. 21 alb. 2 Pf. Die Gelder verteilten sich im Quartal auf folgende Weisess): Es erhielten: fl alb. Pf Rektor Magn. Prof. Dr. Müller.... 66 15 Kanzler Geh. Rat Dr. Koch...... 100— Super Dr. Bechitoldcd 02 15 3 Super. Dr. Schulæ... 72 24 4 ½ Brof. Palmcr.......... 67 4 4 ½ Reg.-Rat Dr. Musiutis..... 87 15 Prof. Dr. Iung 75— Prof. Dr. Büchner....... 62 15 Geh. Reg. Rat Dr. Dietza..... 75 Prof. Dr. Posewit⸗........ 62 15— Reg.-Rat Dr. Scamid.... 75— Prof. Köster..... 37 15 Gell. Reg.-Bat Pezel. 65 V— Reg.-at Cromme..... 160 3 172 Drof. 2O05.. 36 183 6 PErof. Walther........ 25— 3 Prof. Schimidt.......... 60 22 4 Prof. Schaumann......... 60 22 4 Prof Snell............ 31 28 1 Prof. Leumn..............35 20 Oeconomuts... 25 5— Mag. Schmidt........... 28 5 5 EClestein............. 10—— Steirnrni 10— Gautmer Saueck............ 7—— 65) Oeconomal-Rechnung der Universität Gießen 1797. 66) Ebenda. — 32— Damit waren aber die Einkünfte der Dozenten keineswegs abgeschlossen. Neben den Quartalbesoldungen liefen noch so- genannte Hausbesoldungen her, d. h. Gelder für Materialien und Viktualien. Der Oeconomus bucht 2z. B. für 17961): FHolzgeldel......... 1 420 fl. Heugeldcecese 798„ Fir Celsee 2 470„ ͤͤͤ ͤ)]ͤſIͤͤIſſſſſſſſ“ 126„ FEIIinner. v“ 48„ „ Llannen. 3 32„⸗ 12 alb. Dies ist so zu verstehen, daß der Oeconomus die Einkäufe veranlaßte und die Verteilung an die Dozenten vermittelte. Hin- sichtlich der Holzgelder, Heugelder usw. ist wohl anzunehmen, daß es sich hier um die aus den Verkäufen gewonnenen Gelder handelt, die die Universität an den Lehrkörper verteilte. Sie besaß nämlich Grundbesitz in den Vogteien Alsfeld, Gießen, Grünberg und Marburg, dessen Erträge veräußert wurden. Wie aus den Abrechnungen hervorgeht, erfolgte die Lieferung von Holz, Heu, Hafer u. a. m. nochmals besonders. Als Beispiel seien die Einkünfte eines hochbesoldeten und die eines niedrigbesoldeten Dozenten hier angeführt: Der Kanzler des Jahres 1796, Geh. Rat Dr. Koch, hatte nach der Oeconomalrechnung der Universität in diesem Jahre fol- gende Einkünfte: an Quartals-Besoldung, je 100 fl.... 400 fl. Ka⸗lzellarlats-Besoldiung...... 300„ Holzgelder.... 760 a Lulaesesesasasa............... 100„ Heugelder...... 84„ Summa: 1044 fl. Ferner erhielt er: 16 Malter Korn 3 Hafer 1 Masthafer 10 3 Gerste 14 Gänse 16 Hühner 18 Hahnen 6 Klafter Hol⸗ 4 Wagen Heu Dagegen bekam der niedrigbesoldete Prof. Köster: an Quartals-Besoldung, je 37 fl. 15 alb....... 138 fl. d alb. Pädagogiarchiats-Besoldung........... 80„„ Holzgeldeetet...............338060„„ Heugeldder......... 42„ Summa: 340 fl. O alb. 67) Oeconomal-Rechnung der Universität Gießen 1796. 33 Außerdem: 10 Malter Korn 2 8 Metzen Hafer 1 Masthafer 5„ Gelste 7 Gänse 8 Hühner 9 Hahnen 3 Klafter Holz 2 Wagen Heu Sodann besaß ein jeder Professor, sowie der Oeconomus einen halben Morgen Grabland vor der Stadt auf dem Trieb. Auch hatte, wie es in den Abrechnungen heißt,„ein Professor nebst dem Oeconomo zwei mastfreie Schweine in der Stadt Giessen Waldungen bei völliger Mast zu geniessen“. Man ersieht aus all diesen Einzelheiten, daß die Lebens- verhältnisse für die Mitglieder des akademischen Lehrkörpers die denkbar günstigsten waren, auch während der Kriegs- jahre, die daran wenig zu ändern vermochten. Zum Vergleiche mit den Zuständen vor den Franzosen- jahren diene eine Stelle aus der Lebensgeschichte von K. F. Bahrdt, der 1771— 1775 als Professor der Theologie in Gießen weiltess): „Das vollkommenste unter allem war aber die ökono— mische Verfassung.— Wir waren da völlige Herren über die schönen Güter der Akademie. Wir hatten die Einnahme, die ein Sekretarius verwalten und verrechnen mußte. Wir lehnten unsere Kapitale aus. Wir kauften Güter. Wir führten dic Kasse. Wir ließen Geld holen, wenn wir's brauchten. Selbst ein viertel Jahr voraus konnten wir die Besoldung holen lassen. Die ganze jährliche Einnahme bestund un- gefähr in 23000 Talern, welche wir stets in unserer Gewalt behielten. Der Landgraf machte einigemal Miene, unsere Kapitale an sich zu ziehen, aber wir taten herzhaften Wider- stand. Er hatte nichts darüber zu befehlen, als daß er alle Jahre einen Kommissar ernannte, welcher uns die Rechnun- gen abnehmen und acht haben mußte, daß die Gelder ord- nungsmäßig verwaltet wurden. Der Landesherr vergab die Stellen und Pensionen, aber die Akademie verwaltete sie und zahlte sie aus. Die geringste Stelle betrug 600 fl. mit Ein- schluß der Naturalbesoldung.“ 68) Bahrdt, F. Fr., Geschichte seines Lebens, seiner Meinungen und Schicksale, Bd. II, S. 156/157. Kapitel III. Die Festung. War das Stadtbild Gießens im Jahre 1706 kein erfreuliches, so bot die Festung als solche, d. h. mit ihren Bastionen und Verteidigungsanlagen erst recht keinen gewinnenden Eindruck. Im Jahre 1530 zuerst befestigt, wurden die Werke 1547 nach der Schlacht bei Mühlberg auf Befehl des Kaisers, nachdem Philipp der Großmütige kapituliert hatte, im September, unter Aufsicht des Grafen Reinhard von Solms geschleift. 1560— 1564 durch Philipp in größerem und stärkerem Maßstabe wieder aufgebaut, wurde die Festung in den 50er Jahren des 17. Jahrhunderts mit Ravelinen und Außenwerken durch Landgraf Georg II. versehen. Seit dieser Zeit waren nur noch geringfügige Ande- rungen an den Werken vorgenommen worden, die Pflege war unterblieben, und schon im 18. Jahrhundert war klar zu sehen, daß der Verfall bevorstand. Die Gründe hierfür im einzelnen nachzuprüfen, dürfte heute schwerfallen. Zweifellos spielte die Erkenntnis, daß mit der Verbesserung und größeren Stärke der Feuerwaffen die Festung bei ihrer ungünstigen Lage nahezu wertlos war, eine große Rolle. Von Anhöhen umgeben, war es einem mit Artillerie versehenen Gegner, wie z. B. den Fran- zosen 1796, möglich, in kurzer Zeit, nach Wegnahme der erhöhten Stützpunkte, die Festungsanlagen zu zerstören und die Stadt in Grund und Boden zu schießen. Für die Ansicht der Festungswerke im Jahre 1796 ist der Plan wohl maßgebend, den Major Fritz Beck 1884 zeichnete und der eine Wiedergabe des Plans der Stadt und Festung Gießen nach einer Aufnahme vom Juli 1759, ergänzt nach dem Plan des Ing.-Majors Laurens vom 22. 11. 1792, darstellté?). Der Plan ist in weitesten Kreisen bekannt. Wenig bekannt oder ganz unbekannt scheint jedoch der Plan des Ingenieurs du Roy Artus vom Jahre 1759 zu sein, dessen Wiedergabe dieser Schrift im Ausschnitt beigefügt ist. Auch Ritgen, der sich mit der Gestalt der Festungsanlagen be- faßte, erwähnt denselben bei den über die Festung Gießen vorhandenen Quellen nichtio). Ob dem Ing. Major Laurens, dem Verfertiger der Aufnahme von 1792 der Plan bekannt war, und ob er ihn dem seinigen zugrunde gelegt und an ihn angelehnt hat, ist zweifelhaft. Es erscheint daher nicht unwichtig, den Plan des Ingenieurs Artus(siehe anliegend) mit dem Beckschen 69) Veröffentlicht im 4. Jahresbericht des Oberhess. Vereins für Lokalgeschichte, Gießen 1884/85. 7⁰) Vgl. H. v. Ritgen, Die erste Anlage Gießens und seiner Be- festigungen, Abschn. V; Die Festung Gießen, 4. Jahresbericht des Oberh. Vereins für Lokalgeschichte, Gießen 1884/85, S. 56— 64. — 35— zu vergleichen, die Möglichkeit der Richtigkeit des letzteren zu prüfen und Schlüsse für das Jahr 1796 daraus zu ziehent). Der erste ins Auge fallende Unterschied der beiden Pläne, die im wesentlichen sonst übereinstimmen, ist der, daß Artus der Wiedergabe der eigentlichen Festungswerke und Befestigungen auch bis in die kleinste Einzélheit besondere Sorgfalt gewidmet hat, das Stadtbild dagegen in den Straßenzügen weniger aus— führlich wiedergibt. Umgekehrt verhält es sich bei dem Beck- schen Plan. Schon dieser Umstand darf bei einer Arbeit, die sich mit den Befestigungswerken der Stadt Gießen befaßtt, nicht außer acht gelassen werden. Gehen wir nach beigefügter Wiedergabe Schritt für Schritt vor. Bei den Bastionen(Punkt A— L) finden sich nur geringfügige Abweichungen, die jedoch nicht ins Gewicht fallen und wohl auch mit der technischen Auffassung der Zeichner zusammenhängen. Die Namen sind bis auf zwei dieselben. Plan Artus, Punkt A: Porte et bastion de Marpurg „„ Beck,„ A: Wallthor Bastion „ Artus,„ B. bastion de la Souterain „ Beck,„ B: Plattform Bastion „„ Aruls,„ Se bastion de l'Arsenal „„ Beck,„ CO: Zeughaus Bastion „„ Artls,„ D: Porte et bastion du chemin neuf „ Beck,„ D: Neuweger Bastion „ Artlls,„ E: Redent de l'höpital „ Beck, E: Hospital Redoute „„ Artus,„ F: Bastion des Fours „ Beck, F: Brennofen Bastion „ Artus, G: Porte et Bastion de Butzbach „ Beck,„ G: Seltersthor Bastion „ Artus, H: Redent de la sortie des Eaux „ Beck, H: Ausgerinn Redoute „ Artus,„: Porte et bastion de la ville neuve „ Beck,„ J: Neustädter Bastion „„ Artus, K: Bastion de la Fonderie „„ BDeclk,„ L: Gießhaus Bastion „ ATtlls,„ L bastion de la Parade „ Beck,„„ l. Parade Bastion Der innere Festungsgürtel der Bastionen und Redouten, wenn man von einem solchen reden kann, hat, nach den beiden Plänen zu schließen, von 1759 bis 1792 keine wesentlichen 1) Der Plan d. Ing. du Roy Artus v. Jahre 1759 befindet sich im Original im Besitz des Oberh. Museums u. der W. G. S. zu Gießen. —O—V——Q—Q—— 36— Veränderungen erfahren. Da anzunehmen ist, daß mit dem Ein- tritt der politischen Unruhen von 1790 ab keine wichtigen Ver- stärkungen oder Ombauten an der Festung vorgenommen wur-— den, was übrigens aus späteren Berichten hervorgeht, so kann der Artus'sche Plan auch für 1796 als maßgebend betrachtet werden. Anders verhält es sich mit dem äußeren Gürtel der Schanzen und Waffenplätze*²). In Zahl und Form sind die Schanzen zwar dieselben, die Namen fehlen aber vielfach auf dem Beckschen Plan. Plan Artus, Punkt M: Demi-lune de Marpurg „ Beck,„ Mi: Benennung fehlt. „ Artus,„ N: Demi-lune du chemin neuf „ BeécCk,„ N: Benennunp fehlt. „ Arülls,„ P: Demi-lune de Butzbach „ Beck,„ P: Benennunp fehlt. „ Artus,„: Lunette de St. George et Sortie des Faux „ Beck,„ O: Georgenschanze „ Artils,„ R: Demi-lune de la ville neuve „ BecCk,„ R: Benennung fehlt. „ Artus,„ S: Lunette du Moulin et Entrée des Eaux „ Beck,„ S: Mühlenschanze Gänzlich fehlen auf dem Beckschen Plan oder nur an- deutungsweise angegeben sind die bei Artus mit T als„Places d'armes“ bezeichneten„Waffenplätze“., Im ganzen verzeichnet Artus deren 13 Stück. Aus der Beckschen Zeichnung geht die Anzahl dieser wichtigen, zweifellos auch im Jahre 1796 noch vorhandenen Befestigungen nicht anschaulich hervor und gibt die Artus'sche Wiedergabe bessere Anhaltspunktes³). Eine weitere wichtige Frage für das Festungsbild ist die Zahl der Brücken über den Festungsgraben. Hierin weichen die Pläne voneinander ab, denn der Becksche Plan, dem hier wohl mehr Glauben beizumessen ist, gibt zum Teil die bei Artus mit der Ziffer 5 bezeichneten„Ponts de Communications“(Ver-— bindungsbrücken) nicht mehr an. Der Vergleich ergibt fol- gendes für die hier in Betracht kommende Zeit: ²) Um jeden Irrtum zu vermeiden, weise ich ausdrücklich darauf hin, daß die Bezeichnung„zwei Festungsgürtel“ nicht wörtlich zu verstehen ist. Ich habe nur zum besseren Verständnis den Ring der Bastionen als inneren Gürtel, die vorgeschobenen Schanzen als äußeren! Gürtel bezeichnet. 7³) Auft einem in O. M. befindlichen handkolorierten Druck„„Gie- Ben unter Ludwig X“, sind übrigens diese Places d'armes deutlich zu erkennen. ͤGam Sn —=— —. 8 — 37 Brücke von A nach M: vorhanden zwischen B und CO liegend: fehlt „ von D nach N: vorhanden — zwischen F und G liegend: fehlt „ von G nach P: vorhanden „ H, 98 vorhanden 5.„ 1, vorhanden 3„ K. S. vorhanden L aus: fehlt Die Richtigkeit der Pläne bezüglich des inneren Stadt- bildes, der Straßenzüge, Plätze usw. nachzuprüfen, ist nicht die Aufgabe gegenwärtiger Abhandlung, auch ist der Becksche Plan in dieser Hinsicht wohl kaum anzuzweifeln, da er aus genauerer Quelle ergänzt und der Artus'sche für das Stadtbild naturgemäß nur für das Jahr 1759 einen Anhalt bietet. Was die Festungsanlagen jedoch anbelangt, so wird auch für die letzaten Jahre des 18. Jahrhunderts der Plan des Ingenieurs Artus wegen seiner genauen Durcharbeitung bessere Informa- tionen geben, sofern man nach Vergleich mit dem Beckschen die sich ergebenden Widersprüche ausgleicht und das zu Andernde berichtigt. Der Verkehr nach außen war natürlich dem Charakter der Stadt als Festung angepaßt. Für den Aus- und Eingang mußten die Stadtbewohner ein Sperrgeld entrichten“4⁴), wogegen Pas- santen, d. h. durchkommende Reisende, frei gehalten wurden. Je nach der Jahreszeit wurden außerdem die Tore um 8, 9, 10 oder 11 Uhr abends geschlossen¹). Ober das weitere Schicksal der Festung Gießen im Jahre 1797, sowie deren Verfassung gibt der Schriftwechsel des Fürstl. Regierungs-Collegiums zu Gießen mit der Regierung zu Darmstadt Aufschluß. Am 21. Januar 1707 berichtet?⁰) das Fürstl. Regierungs- Collegium zu Gießen an die Fürstl. Regierung nach Darmstadt, daß seit ungefähr sechs Tagen ein K. K. Ingenieur-Major Namens„von Lopes“, der aus Dillenburg gekommen und in Gießen einquartiert worden sei, sich in Gießen aufhalte und sicherem Vernehmen nach den Auftrag habe, die Festungs- werke der Stadt sowie der Umgegend aufzunehmen, dieselben ausbessern und die Gegend mit Schanzen und Verteidigungs- werken versehen zu lassen. Er habe sich bei dem Major 74) s. Buchner, Gießen vor 100 Jahren, S. 11. 75) Vgl. Zimmermann, Gießen vor 100 Jahren; Didaskalia 1880, Nr. 129. 76) H. u. St. A. D. VIII 1, Conv. 239. 38 Werner auch Pläne geholt, habe mehrere Tage in seinem Zimmer gearbeitet, und wie man erfahren, sei der diesbezüg- liche Bericht heute abgegangen. Da nun vorauszusehen sei, daß bei solchen Veranstaltungen die Wälder ausgehauen, die Felder ruiniert und die ganze Gegend unglücklich gemacht werde, so werde Fürstl. Regierung gebeten, gegen den ge- planten Ausbau einzuschreiten. Diesem Bericht folgt am 22. ein zweiter nach“*), der besagt, daß von Lopes geäußert habe, nahe von der Stadt solle ein téte de pont(Brückenkopf) mit starken Verschanzungen angelegt und der Stadtgraben vertieft werden. Ferner sollten die Festungswerke nicht nur aus— gebessert, sondern auch beträchtlich erweitert, in der Stadt selbst bombenfeste Blockhäuser erbaut und bei der Stadt ein verschanztes Lager angelegt werden, zu welchem Zwecke die Gärten rasiert und die meisten Bäume umgehauen würden. Da nach dem Gutachten des hiesigen Majors und Professors Werner die Stadt durch ihre tiefe Lage nie als Festung zu be- trachten sei und im Falle einer Beschießung samt der Uni- versität und den beträchtlichen, wertvollen Bibliotheken nur ein Raub der Flammen werde, unabsehbares Elend und Un- glück aber über die Stadt hereinbreche, so werde nochmals um Verhinderung der Ausführung geplanter Anlage gebeten. Die Befürchtungen des Kollegiums, die auf richtiger Basis ruhten, gehen aus dem Ton und der Dringlichkeit der Schreiben hervor. Der Bericht des Ingenieur-Majors und Professors der Kriegswissenschaften Werner enthält folgendes Urteil's): denn die Wohnungen tragen zur Stärke eines Postens nicht bei, und man kann keinen bewohnten Platz angreifen, ohne die Einwohner zu verderben, deren Erhaltung doch, nur allein schon in Hinsicht auf die Verpflegung der Armee, nicht gleichgültig sein kann. Nur allein solche Fälle könnten hier eine Ausnahme notwendig machen, wo ein bewohnter Ort entweder 1. für sich oder 2. durch das vorliegende Terrain sehr fest wäre, oder 3. an einem notwendig zu verteidigenden Paß läge. Daß nun alles dies in Hinsicht auf Gießen nicht statt- findet, davon kann man sich sehr leicht überzeugen; denn 1. ist Gießen für sich nicht fest. Was ihm den Rahmen einer Festung gibt, ist nichts, als ein schlechter Wall von purer Erde, ohne Bekleidung mit Mauerwerk, der an allen 7⁰) flI. u. St. XA. D. VIII 1, Conv. 230. 78) El. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 239. 3⁰ Orten mit leichter Mühe erstiegen werden kann. An seinem Fuß umgibt ihn zwar eine freistehende dünne Mauer; außer-— dem aber, daß solche an vielen Orten eingefallen ist und an anderen dem Einsturz droht, so kann solche auch von den benachbarten Anhöhen wegen ihrer Dünne schon mit bloßem Regimentsgeschütz in wenigen Stunden eingeschossen werden. Der den Wall umgebende Wassergraben ist viel- leicht nirgends so tief, daß er nicht durchwatet werden könnte, und selbst wenn der Feind sich auch die Mühe nehmen wollte, ihn auszufüllen, würde das wenig Zeit und Materialien kosten. Keine Vorwerke sind vorhanden, als sechs zum FTeil sehr schlechte Ravelins, die wegen der geringen Breite ihres Walles bloß mit Mousquetterie ver- teidigt werden können. Der bedeckte Weg ist gar nicht halt- bar, da es an Anlagen fehlt, wodurch sich dessen Besatzung sicher zurückziehen könnte. Zudem hat die Festung keine bombenfesten Gebäude zu Magazinen und ebensowenig Kasematten oder andere bombenfeste Defensionen 2. ist aber auch das Terrain, wo Gießen liegt, nichts weniger als von Natur stark. Denn Gießen liegt in einem Kessel und wird rundum von den bald näher, bald weiter liegenden Anhõöhen dominiert, hinter welchen zum Feil der Feind ganz bedeckt anrücken kann und von welchen er teils die Stadt, teils die Festungswerke demolieren, teils die Stadt durch Wurfgeschütz zugrunde richten kann ... Ebensowenig ist 3. hier ein richtiger und für den Feind notwendiger Paß. Es liegt zwar vor der Stadt eine steinerne Brücke über die Lahn. Es ist aber bekannt, daß man bei gewöhnlichem Wasser an mehreren Orten ober- und unterhalb der Stadt die Lahn sehr gemächlich passieren kann, bei Fluten aber auch nicht die Brücke brauchen kann. Diese Brücke ist also als gar nicht vorhanden anzusehen, und es bleibt kein einziger Grund übrig, Gießen zu einem Posten in der anzulegenden Defensionslinie??) zu wählen.“ Dieser aus dem Jahre 1797 stammende Bericht gibt ein unwiderlegbares Zeugnis von der traurigen Verfassung und der Minderwertigkeit der Festungsanlagen. Dagegen schlägt Werner vors¹), andere vorteilhafte Orte zu befestigen, wo außer- dem weniger Schaden durch die Inangriffnahme angerichtet 7⁹) Eine Defensionslinie, aus befestigten Plätzen bestehend, sollte vom Rhein oder Main bis in das Hessen-Kasselsche Gebiet gezogen werden. 80) Hl. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 230. 40 wéerde, so z. B. Staufenberg und Kirchberg, dann die Anhöhen um den sogenannten Zollern-Kopfs') am Hangelstein, ferner Gleiberg und Vetzberg, Jdurch deren Befestigung die ganze Gegend beherrscht werde, so daß einem anmarschierenden Feind der Marsch auf Gießen und der Ubergang über die Lahn mehr erschwert werde, als durch Befestigung der Stadt selbst. Der Erfolg dieses Berichtes blieb auch nicht aus. Anm 25. Januar 1797 wandte sich Landgraf Ludwig X. auf Grund der Berichte des Fürstl. Regierungs-Kollegiums und desjenigen des Majors Werner an den Erzherzog Karl von Österreich, den Oberbefehlshaber der K. K. Armee, mit der Bitte, von der geplanten Erweiterung der Festungsanlagen Gießens aus den geschilderten Gründen abzusehens). Die Antwortss) aus dem Hauptquartier zu Mannheim vom 5. Hornung(Februar) 1797 lautete, daß nicht beabsichtigt sei, Gießen zu einer förmlichen Festung zu machen, und nur geplant sei, die Festungswerke, nahe der Lahn errichtet, etwas näher zu konzentrieren. Die etwa vorzunehmenden Befesti- gungen in Gießen selbst, das ja gegen einen Oberfall sowieso schon geschützt sei, erfolgten im Interesse der erhöhten Sicher- heit der Stadt und Bürger.— Befriedigend war zwar diese Antwort nicht, und es bleibt dahbingestellt, was noch gekommen wäre, wenn nicht das weitere Vorrücken der Franzosen allen diesen Streitfragen und Plänen ein Ende bereitet hätte. Unter der Herrschaft der Franzosen wurden keine Veränderungen vorgenommen, auch kam man auf das frühere Verstärkungsprojekt nicht mehr zurück. 1805— 1810 wurden die Festungswerke geschleift und damit hatte die„Festung“ Gießen aufgehört zu bestehen. 831) Der heutige Lollarer Kopf. 82) II. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 230. 83) Ebenda. Abschnitt II. Kapitel IV. Die Kriegsereignisse des Jahres 1796. Die kriegerischen Operationen des Jahres 1795 hatten ihren Abschluß gefunden4). Das Jahr 1796, das nicht nur für Gießen, sondern auch für das ganze Oberfürstentum Hessen so bedeutsam wurde, zeigt zunächst nach Uberwindung des Winters Ruhe in beiden Lagern. Das Kriegsglück war den Franzosen gegenüber den K. K. Truppen nicht sonderlich günstig gewesens5), und es war zu einem Waffenstillstande gekommense). Am 21. Mai 1796 kündigten die Osterreicher den Waffenstillstand auf, mit der Erklärung, daß die Feindseligkeiten am 1. Juni ihren Anfang nehmen würdens:). Die Kräfteverteilung war zunächst so, daß der österreichischen Oberrhein-Armee, mit dem Hauptquartier in Mannheim, unter F. M. Wurmser,(58000 Mann stark, nach Abzug von 25 000 Mann, die am 31. Mai nach Italien geschickt wurden), die französische Rhein- und Mosel-Armee unter dem Obergeneral Moreauss) in Stärke von 78100 Mann gegenüber standse), während der österreichischen Niederrhein-Armee unter Erzherzog Karleo)(03000 Mann stark) die französische Sambre- und Maas-Armee unter dem Obergeneral Jourdand¹) 78000 Mann entgegenwarfsz). Noch bevor die Feindseligkeiten begannen, 84) s. Heigel, Deutsche Geschichte, II. Bd. S. 211. s5) s. Europ. Annal. v. D. C. L. Posselt, Jahrgg. 1797. 86) S. Heigel, Deutsche Geschichte, II. Bd. S. 211. 8⁷) Vgl. Zeitschrift f. Kunst, Wissenschaft u. Geschichte des Krieges, Bd. 9, 1827, 1. Heft. 8s) Ober Moreau vgl. d. Biographie von Beauchamp(1814). 89) S. Zeitschr. f. Kunst, Wissenschaft u. Geschichte des Krieges, 1827, Bd. 9, 1. Heft. 9⁰) S. Frdr. Hild, Neuere Militärchronik, I. Teil, S. 192/103. 9¹) Uber Jourdan vgl. Jourdan: Mémoires militaires, hrsgegeb. v. Grouchy, Paris 1809. 9²) S. Zeitschr. f. Kunst, Wissenschaft u. Geschichte des Krieges, Bd. 9, 1827, 1. Heft. 42— ging Wurmser nach ltalien ab, und Erzherzog Karl übernahm die gesamte Führungss). Nach Eröffnung des Kriegszustandes gelang es Jourdan, das zwischen Lahn und Sieg stehende Korps des Prinzen von Württemberg(23 ½ Bataillone, 38 Eskadrons) am 4. juni bei Altenkirchen zu schlagen, den Prinzen bis hinter die Lahn zurückzudrängen und in Ausnutzung der Erfolge innerhalb sechs Tagen das gesamte Gebiet von Düsseldorf bis zur Lahn zu erobern. Zur Vervollständigung des Sieges erzwang er am 7. den Ubergang über den Rhein bei Neuwieds4). Nassau und das ganze rechte Lahnufer waren bald in französischen Händen, und am 15. Juni standen die Franzosen bei Wetzlar, wo es zu einem Treffen kam, bei dem der Erzherzog, die Lage günstig ausnützend, Sieger blieb und Jourdan bestimmt wurde, den Rückzug über Westerwald und Rhein bis Düsseldorf anzu- treten²⁵). In Gießen hatte man die Ereignisse mit größter Spannung verfolgt. Bereits am 5. Juni 1706 liefen beunruhigende Nachrichten ein. Ein Brief des Oberstleutnants Schäfer an die General- adjutantur zu Darmstadt enthält folgende Stelle“): „Seit heute früh liefen hier verschiedene Nachrichten ein, daß die Kaiserlichen Truppen bei Hachenburg ge- schlagen worden, und daß die Franzosen über Neunkirchen und Dillenburg stark vorrückten. Da diese Nachrichten zum Teil widersprechend waren, so schickte ich einen Expressen nach Wetzlar und ersuchte den Hofrat Sipman, so er be- stimmtere Nachrichten hätte, mir solche mitzuteilen. Von diesem erhalte ich soeben beiliegenden Brief(der Brief enthält die Bestätigung der Nachrichten mit dem Hinzu- fügen, daß Lefebvre die Kaiserlichen„in centro“ angegriffen und zersprengt habe. Jedoch sollen 2 K. K. Cavallerie-Regi- menter in Dillenburg eingerückt sein. Den ganzen Tag kämen Flüchtlinge aus dieser Gegend, allen Ständen angehörig.) Ich verfehle nicht, solches untertänigst zu melden und zu *³) Die Angaben über die oben angeführten Kräfteverhältnisse der einzelnen Armeen weichen in den vorhandenen Quellen nur unwesent- lich Woneinander ab. Auch neuere Forscher halten im großen ganzen an den aufgestellten Maximen fest. So gibt z. B. von Alten in seinem Handbuch für Heer und Flotte, Bd. IX(S. 505) an: Armee Wurmser: 55 000 Mann, Armee Moreau: 78 000 Mann, Armee Erzh. Karl: 00 000 Mann, Armee Jourdan: 76 000 Mann. 94) Vgl. Zeitschr. f. Kunst, Wissenschaft u. Geschichte des Krieges, 1827, 0. Bd. I. Heft. 55) Vgl. ebenda. 56) II. u. St. A. D. VIII, 1. GOmV. 235. ͤ—— — 43 bitten, wie ich mich mit den Rekruten zu verhalten habe, im Fall die Franzosen weiter vorrücken sollten, ob selbige nach Merlau oder Darmstadt transportiert werden sollen. Um in Zeiten von allem benachrichtigt zu werden, habe ich den Hauptmann Duhall nach Weilburg geschickt.“ Am selben Abend um ½ 12 Uhr ging auch ein von dem Obersten Hornig verfaßter Brief ähnlichen Inhalts an die Adju- tantur nach Darmstadt aber). Hornig gibt dabei die in Gießen vorhandene Rekrutenzahl mit 210 an. Das fürstl. Regierungskollegium zu Gießen wandte sich seinerseits auch an die Regierung. Ein Bericht vom 5. Juniꝰs) besagt, daß allenthalben von dem Anrücken der Franzosen die Rede sei und heute und gestern eine große Anzahl von Flücht- lingen aus Hachenburg, Weilburg, Braunfels nach dem Fessen- Casselschen Gebiet durchpassiert seien. In Ansehung der drohenden Gefahr sollte daher, 1. der Rat Schulz die wichtigen Dokumente und Brief- schaften beim Näherrücken der Gefahr im Hessen-Cassel- schen in Sicherheit bringen, 2. sollte in selbem Falle es ihm überlassen bleiben, wie die herrschaftlichen Gelder und Rech- nungsmanualien in sichere Verwahrung zu bringen seien, 3. solle, sobald die Franzosen wirklich in die Fürstlichen Lande einrückten, jemand abgeschickt werden, um die„Landes-An- gelegenheit“ zu beobachten, dementsprechendes weiter zu be- richten und allen Exzessen möglichst vorzubeugen suchen. Damit aber nicht genug; die Sorge der Gießener Be- völkerung und Behörden war begreiflicherweise groß, und die Ungewißheit der kommenden Tage drückte schwer auf die Stimmung. Am 6. Juni berichten Hornig und Schäfer gemein- sam an den Landgrafen²): „Gestern früh brachte der Hauptmann Duhall, welcher nach Wetzlar geschickt war, die Nachricht, daß ein K. K. Korps Truppen unter Commando des Obersten von Goddesheim zu Wetzlar angekommen wäre. Der Obristleutnant v. Schäfer ritt hierauf selbst nach Wetzlar und erfuhr von dem Oberst Goddesheim, daß dieser sich mit seinem Corps von Siegen aus über Dillenburg und Herborn zurückgezogen hätte. Tags zuvor hätte er mit dem Feind bei Herborn scharmuziert und vermute, daß dieser Ort jetzt schon vom Feind besetzt sein würde. Das Corps des Oberst Goddesheim besteht aus ohngefähr 1800 Mann, größtenteils Cavallerie, und wird 97) fHI. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235, 98) H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. 9⁰) H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. 44 wahrscheinlich Wetzlar nicht sehr hartnäckig verteidigen. Um von allem in Zeiten berichtet zu werden, ist ein Offizier und ein Dragoner nach Wetzlar kommandiert.— Heute früh wurde von Wetzlar gemeldet, daß in dortiger Gegend alles ruhig sei und die österreichische Armee sich von Limburg aus rechts bis Weilburg extendiert hätte. In der Gegend von Königsberg ist alles ruhig; laut Nachrichten von dort sollen die Franzosen bei Herborn nicht stärker als 3— 400 Mann sein.“ Man ersieht aus allem, daß die Aussichten für ein Unbe- setztbleiben der fürstlichen Lande und Gießens recht gering waren. Die Franzosen rückten stetig vor. Als am selben Tage gegen Abend Rapporte einliefen, daß Dillenburg und Herborn bereits fest in der Hand der Franzosen seien, ebenso bei Weilburg feindliche Patrouillen gesichtet worden wären, be- schlossen Hornig und Schäfer, am nächsten Tage die in Gießen liegenden Rekruten nach Nidda zu bringen¹o). Der mit „Kocehler“ unterzeichnete Bericht an den Landgrafen vom 7. Juni meldeti⁰³²¹): „Da die Franzosen denen eingelaufenen Berichten nach, sich der Lahn immer mehr nähern, so hat man der Vorsicht halber die Verfügung getroffen, daß 1. die im Zeughaus noch befindlichen Kanonen von hier nach Nidda gebracht werden, dabei aber auch 2. die Veranstaltung getroffen, daß das hiesige Rekruten- depot und das gesamte Militär auf den ersten Wink ab und von hier nach Nidda marschieren kann. Auch sind 3. Sämtliche Beurlaubte vom 1. Leib-Grenadier-Bataillon, vom 1. Batl. Landgraf, und von dem Füsilier-Bataillon, welches in denen Orten jenseits der Lahn sich aufhält, beordert worden, sich sogleich hier, oder falls das Militär bereits abmarschiert sei, in Nidda einzufinden.“ Die Unruhe in der Stadt stieg immer mehr, zumal noch das Gerücht auftauchte, ein anderes feindliches Korps rücke über Hohensolms auf Gießen zu, um von hier den Österreichern bei Wetzlar in die Flanke zu fallen¹⁰²). Auch der von der General-Adjutantur erlassene Befehl an den Kommandanten der Festung Gießen zeigt nur die Befürchtung, daß man mit einer baldigen Besetzung Gießens durch die Franzosen rechnete. Der Erlaß ist datiert vom 7. Juni 06 und lautetio³): A. D. VIII, 1. Conv. 235. . St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. . St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. 45 „Im Falle, daß die Franzosen Gießen besetzen sollten, so überlassen es Ihro Durchlaucht dem Herrn General-— Major von Rohr, zu sorgen, wie sie es am ratsamsten finden werden. Auch wollte Ihro Durchlaucht, daß sich die hiesige Bürgerschaft in dem Falle ruhig verhalten solle, welches der Herr General-Major dem hiesigen Magistrat bekannt machen werden¹⁰⁵⁴). General-Adjutantur, G. 7. Juni 96.“ Dic K. K. Armee-Leitung war aber keineswegs gewillt, die Festung Gießen von den Franzosen ohne weiteres besetzen zu lassen. Am 9. Juni traf ein Handschreiben des Erzherzogs Karl an den Kommandanten der Festung Gießen ein¹⁰³), mit der Anweisung, die zur Besetzung Gießens gesandten Truppen „in die Festung aufzunehmen und alles zur Erreichung der Absichten Nötige zu veranlassen“. Gleichzeitig schrieb Karl an den Landgrafen¹⁰⁶): Durchlauchtigster Fürst, besonders lieber Herr und Freund! Euer Liebden habe ich die Ehre in herkömmlichem, freundschaftlichem Vertrauen zu benachrichtigen, daß ich den Entschluß gefaßt habe, dem Feinde mit dem größten Teile meiner Armee an der Lahn entgegen zu gehen und alle meine Kräfte zur Befreiung der dasigen Gegenden zu ver- wenden. Zur Erreichung dieses Zweckes ist die Besetzung der Euer Liebden zugehörigen Festung Gießen von wesentlichem Nutzen; bei der Eile blieb mir daher nichts anderes übrig, als eine offene Ordre zur Aufnahme der diesseitigen Truppen an den Kommandanten dieser Festung ergehen zu lassen. lch säume keinen Augenblick auch an Euer Liebden die deshalben gewöhnliche Requisition ergehen zu lassen und bin versichert, daß Sie mit dieser zur Unterstützung der Operationen der Kaiserl. Reichs-Armee notwendigen Maß- regel einverstanden sein werden. Von dem mit Gottes Hülfe hoffentlich glücklichen Erfolg werde ich Hochdieselbe unverweilt die Nachricht mitteilen. Ich beharre in vollkommener Hochachtung Euer Liebden Hauptquartier in dienstwilliger Hochheim, den 9. Vetter des Brachmonats Eh. Carl fm. 1796. 104) I. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. 105) St. A. Gießen, Ratsprotokoll v. 6. Juni 1706. 106) Hl. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. — 40 Gießen wurde vorläufig durch mehrere K. K. Bataillone unter dem General Mylius besetzt. So blieb die Lage in der Stadt bis zum 15. unverändert, nur Gerüchte liefen hin und her, und die Bevölkerung war nach wie vor in nervöser Span- nung. Erst der Ausgang des Treffens bei Wetzlar, wo öster- reichische und sächsische Truppen die Franzosen schlugen und zum Rückzug zwangen, brachte eine Erleichterung, um so mehr als die in Gießen liegenden K. K. Truppen unter Mylius bis auf 2 Kompagnien vom Regiment Stuart ¹⁰⁷) ausrückten und zu dem Erzherzog nach Wetalar stießen. Nach dem Rückzuge Jourdans und den errungenen Vor- teilen an der Lahn wandte sich Erzherzog Carl voll Besorgnis mit den Truppen zum Oberrhein, den Moreau am 23. Juni bei Kehl überschritten hatte, und langte am 4. Juli in Mühlburg bei Karlsruhe an0s). Den Oberbefehl über die Niederrhein-Armee, die auf 25000 Mann Infanterie und 11000 Mann berittene Truppen herabgesetzt wurde, übertrug er dem F. M. L. von Wartens- leben, der damit die Abwehr Jourdans übernahm¹⁰³⁵). Als Jourdan, der sich nach seinem Rückzuge auf das linke Rheinufer auf ein erneutes Vordringen vorbereitet hatte, von der Offensive Moreaus hörte, beschloß er, auch seinerseits vor- zugehen. In raschem Vorwärtsdrängen stießen die Divisionen Lefebvrei¹o) und Collaud über die Sieg vor, während die Divi- sionen Poncet, Championneti¹l¹) und Bernadotter¹²) bei Neuwied den Rhein überschritten¹¹s). Uberall mußten die Österreicher weichen. Am 7. Juli war die Lage bereits so, daß Wartensleben den längs der Lahn gebildeten Kordon, der sich bis naeh Gießen ausdehnte, auf den beiden Straßen von Limburg und Wetzlar zurücknahm¹¹⁴). Kleberi¹⁵) folgte über Wetzlar-Gießen, Cham- pionnet auf der Limburger Straße, Lefebvre stand gegenüber 10 s. Kriegsgeschichte der Stadt u. Festung Gießen u. deren um- liegenden Gegenden v. 7. Juli bis 19. Sept. 1796. 108) Zeitschr. f. Kunst, Wissenschaft u. Geschichte des Krieges, H. I. 1827, S. 26.— UÜber die Truppenstärke vgl. ferner: v. Alten, Handbuch f. Armee u. Flotte, Bd. IX, S. 506. 1⁰9) Zeitschr. f. Kunst, Wissenschaft u. Geschichte des Krieges, H. I, 1827, S. 26. 11⁰) Vgl. Wirth, Le Maréchal Lefebvre, duc de Dantzig 1755 bis 1820(Paris 1904). 111) Vgl. Chaâteauneuf, Vie de Championnet, Paris 1806. 112) Vgl. Sarrans, Histoire de Bernadotte, Paris 1845. 118) Vgl. Zeitschr. f. Kunst, Wissenschaft u. Geschichte d. Krieges, 1827, 11. Bd. H. 7. 114) Ebenda. 115) s. Teicher, General Kleber, ein Lebensbild, Straßburg 1800. —— ——————,— e ꝙ 47 Oießen. Am 10. Juli kam es zum Treffen bei Friedberg. Wartens- leben wurde geschlagen und zog sich nach Franken zurück, wo er zu der Armee des Erzherzogs stieß. War Gießen im juni unberührt geblieben, so sollte es jet⸗t den Krieg um so härter zu fühlen bekommen. Bei dem beginnenden Weichen der K. K. Truppen gelangten am 4. Juli einige Bataillone österreichischer Truppen nach Gießen, wo noch die 2 Kompagnien vom Regiment Stuart lagen, mit denen sie sich nun vereinigten.„Am 5. Julic, 50 berichtet Chastel in seinem Tagebuchi¹s),„erreichte die Un- Sewineit und Unruhe in der Stadt den Höhepunktu*). Der Tag war einer der unruhigsten in dem Kriege und der bösen Ahndungen vollsten“¹¹s). Schon um 12 Uhr mittags kamen einige Husaren geritten. Gegen 2 Uhr defilierte das grobe Geschüt⸗ durch die Stadt und zum Walltore hinaus, um auf dem Galgen- berge die Anhöhe zu besetzen. Gegen Abend zog die Infanterie zu 1000 herein; die leichten Truppen aber kampierten und bivouaquierten draußen um die Stadt herum. Die Generäle Gray und Haddik waren dabei. Der erste logierte in dem Schmalkalderischen ¹ν²) und der andere im Posthause ¹²⁵). So- viel man vernommen hat, sind diese Leute von den Franzosen diesseits der Hachenburg auf einer vortrefflichen Position, die „Kalte Eiche“ genannt, von einer horrenden Menge überfallen und umringt worden, mußten sich daher durchhauen und sind mit großem Verlust in einem Marsche bis nach Wetzlar hier-— her und in die Gegend retiriert, wo sie sich aufs neue, bei Wetzlar auf dem Karlsberge, in dem Altenburger Walde und hier herum an der Lahn und wer weiß wo, wieder stellen wollen.—“ Daß das Gerücht zum Teil wenigstens auf Wahrheit be— ruhte, beweist der weitere Verlauf der Ereignisse. Nachdem der 6. Juli ziemlich ruhig verlaufen wari²i¹), in Gießen nur Bagage einrückte, versuchten am 7. die in Gießen befindlichen öster- reichischen Truppen, durchzustoßen. Sie rückten durch das Neustädter Tor über die Lahnbrücke aus und gingen in der Richtung auf Heuchelheim vor. Hier stießen sie auf französische 116) Chastel, Fr. Th., Tagebuch üb. d. kriegerischen Ereignisse in und um Gießen v. 6. juli b. 18. Sept. 1796, hrsgegeb. v. Dr. E. Heuser, S. 7. 117) Vgl. Erzherz. Karl, Grundsätze der Strategie, II, I, S. 198. Schneidawind, Fr. J. A., Geschichte d. Feldzuges der Franzosen in Deutschland 1796/1797. Bd. I, S. 34. 118) Chastel, Fr. Ih., Tagebuch,. 119) Wohnhaus, Eck e Nord- nahe u. N alltorstraße. 120) Sog.„Alte Post“, W altorstraße 24. 121) Vgl. Schneidawind, Bd. I, S. 34. 48= Posten der Division Lefebvre, der am Vetzberg stand, und ließen sich in ein Gefecht ein. Zu schwach jedoch, wurden sie zurückgeschlagen, die Franzosen drangen weiter vor und be— setzten den Hardtberg. Eilends verrammelten die Österreicher, die sich in die Festung Gießen zurückwarfen, die Zugänge der Lahnbrücke und die Brücke selbst durch Verhaue, spanische Reiter und Fuhrwägen:²2). Dice Bestürzung in der Stadt war nicht gering, und man fürchtete das Schlimmstei²s). Am selben Abend traten daher die Mitglieder des fürstlichen Regierungskollegiums zu GCießen, einschließlich dem Regierungsrat Meier, dem Kriegszahlmeister Pfaff, von seiten der Universität der Kanzler und der derzeitige Rektor Müller, die Professoren Jaup ¹²⁴) und Büchner, ferner der Bürgermeister Wörmser und der Ratsschöffe Ferber zu einer Beratung zusammen, um sich über die zur Rettung der Stadt erforderlichen Maßnahmen schlüssig zu werden. Da man in— zwischen vernommen hatte, daß die Osterreicher beabsichtigten, nachts heimlich auszurücken, beschloß man, dies zu beob-— achten, die Lahnbrücke und den Stadtzugang von den an— gebrachten Barrikaden zu befreien und am nächsten Tage die Stadt dem Peinde zu übergeben, wenn ein von einem Offizier geführtes Detachement Einlaß begehre. Wie vereinbart, so geschah es. Die Osterreicher verließen in der Nacht vom 6. auf den 7. um 2 Uhr morgens in aller Stille die Stadt, und sogleich beseitigten die Bürger die Verrammelungen der Lahnbrücke und Zugängei²s). Als am Morgen des 7. Juli am Neustädter Tor zwei französische Jäger erschienen und unter Drohen mit den Waffen Einlaß begehrten, wurde ihnen durch den Regierungs- rat von Buri mitgeteilt, daß die Stadt nur einer Abteilung, von einem Offizier geführt, übergeben würdelze). Darauf kam der General Mortier mit einem größeren Truppenverband, und ihm wurden die Schlüssel ausgeliefert und um Schutz und Nachsicht gebeten, was dieser auch versprach und geäußert haben Ssolliz?),„Stadt und Eigentum haben sich einer voll- kommenen Sicherheit zu getrösten und dürfen sich ganz auf die französische Großmut verlassen“.— Mortier ließ seine Truppen defilieren und vor der Stadt Biwak nehmen. Er selbst, mit seinem Adjutanten und der nächsten Begleitmannschaft, nahm Vgl. Crome, S. 150/157. IH. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. Hl. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. s. Kriegsgeschichte Gießens S. 10. 6 49 in der Stadt Quartier. In der Stadt verhielt sich soweit alles ruhig, wogegen es vor der Stadt bei den Truppen zu allerhand Ausschreitungen kam. So wurde bei dem Gastwirt Busch stark geplündert, Personen wurden geängstigt und Wein in großer Quantität und Geld erpreßt'²s). Nur durch das strenge Vorgehen Mortiers wurden weitere Zügellosigkeiten vermieden. Unmittelbar nach dem Einrücken der Franzosen wurde der Regierungsrat von Krug nach Darmstadt geschickt, um münd- lich zu berichten, da man bei dem Durcheinander an der Sicherheit der Briefpost zweifelte. Krug legte seinen Bericht auch schriftlich nieder, der heute noch vorhanden isti²⁹). Mit der Besetzung Gießens durch die Franzosen begannen naturgemäß die Abgaben und Requisitionen für die französi- schen Truppen, und damit fing die unendliche Kette der Müh- und Drangsale für die Bevölkerung an³o). Besonderes Verdienst um die Bürgerschaft erwarb sich damals und in der ganzen folgenden Zeit der französische Lektor der Universität Fr. Thom. Chastel. Als am 8. mittags die Gene- räle Lefebvre, Leval, Soultist), Richepanse und Cayla an- langten¹s³²), eilte Chastel zu einem jeden, bat um Unterstützung, milde Behandlung von Stadt und Bürger und erließ sogar einen schriftlichen Aufruf, in dem er seine Dienste anbot, nachfolgen- den Wortlauts¹³³): „à Giessen le 20. messidor l'an 4 de la république fran- çaise une et indivisible. Citoyens français! Depuis 25 ans en Allemagne et 21 années attaché an service public en l'université de cette ville, l'exposant à l'honneur de présenter ses offres de sciences à ses compatrio- tes, comme versé dans les langues française et allemande où il pourra être utile dans les circonstances actuelles, vous in-— vitant très instamment de vouloir bien agrée les assurances de toute la ville qu'elle honore trêès sincèrement les armes victorieuses de la nation française et qu'elle ne compte pas moins sur la générosité et les sentiments si universellement connus, avec lesquels les républicains français en agissent envers l'humanité, je me ferai une gloire d'étre l'organe et l'interprète des cœurs des tout habitant, emprassé à vous servir et à vous obéir. Salut et respect Th. Chastel bachelier en philosophie. 128) II. u. St. A. D. VIII, 1.(Onv. 235. 129) H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. 130) S. Abschnitt III dieser Schrift. 131) Vgl. Bleibtreu, Marschall Soult, Napoleons größter Schüler, 132) S. Kriegsgeschichte Gießens, S. 13.[Berlin 1902. 133) Chastel, Tagebuch, S. 9 50 Mortier verließ am selben Tage(S.) die Stadt wieder, und weitere Infanteriemassen erschienen, wovon jedoch nur ein Bataillon in der Stadt Quartier nahm, während die übrigen am Seltersberg kampierten. Die Nacht vom 8. auf den 9. Juli war äußerst bewegt. Ein- mal war alles am Werke, um für die dringenden Bedürfnisse an Lebensmitteln, vor allem Brot, das bis zum Morgen ab— geliefert werden sollte, zu sorgen, sodann wurden die Ein— wohner mehrmals erschreckt. Erst flog ein Pulverturm mit Getöse in die Luft, dann folgten mehrere Kanonenschüsse, die aber, wie man später erfuhr, bloß Signale für die vorwärts- eilenden französischen Kolonnen waren³¹⁴). In der Frühe, am 0. juli rückten die in der Stadt befindlichen Truppen wieder aus. Lefebvre folgte bald nach, und in Gießen verblieb nur ein kleines Kommando unter dem Hauptmann „Citoyen Iven“, der sich in der Folge auf das eifrigste be- mühte, mit der Bürgerschaft auf gutem Fuße zu leben und mit ihr vertraut zu werden“ss). So äußerte er z. B. gleich bei Ubernahme seines Kommandantenpostens den Wunsch, daß die Honoratioren der Stadt mit ihm zu Mittag speisten. Da man annahm, was sich später auch als richtig erwies, dadurch ihm vertrauter zu werden, wurde beschlossen und auch durch- geführt, daß die Mitglieder des Stadtrates und der neu ge- gründeten Kriegskommission abwechselnd mit Iven speisen Sollteni³⁶). Die noch in der Stadt vorhandenen franzõsischen Truppen kamen in Bürgerquartiere. Für die Schlafstelle hatte der Quartierwirt nur eine Decke zu stellen, jedoch hatte er für die Verpflegung zu sorgen, gegen ein tägliches Entgelt von ½ Pfd. Fleisch, das der Soldat ihm abliefern sollte. Um im übrigen alle Exzesse der Bürger zu verhüten, wurden außerdem alle Feuer- und Seitengewehre beschlagnahmt und in Gewahrsam genommen. Die in der Stadt weilenden verabschiedeten Sol- daten und Invaliden hessischer oder K. K. Truppen wurden des Aufenthalts verwiesen¹³⁷). Im übrigen war das Verlassen der Stadt ohne einen vom Kommandanten abgestempelten Paß verboten. Die Einrichtung blieb in der ganzen Franzosenzeit bestehen. Ein solcher Paß hatte folgenden Wortlautis): 134) Il. u. St. A. D. VIII, 1. ConlV. 235. 135) Vgl. Th. Chastel, Tagebuch, sowie Kriegsgesch. Gießens. 436) II. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. 137) II. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. 13s) O. M. u. W. G. S. Gießen, kl. M. 17. G' 1 T 51 Passeport. Les Militaires, et autres personnes attachées à la Suite des Armées de la République française sont inviter à laisser sortir et entrer, passer et repasser librement 1... nomm. . de cette ville venant d'ici... allant ...... et à lui......... préeter toute aide et assistence en cas de bésoin, et faire... Ses... affaires sans aucun empéèchement. à Giessen le...... l'an... de la ditte République. vu par le Commandant pour le Bourgemaitre de la place So übersichtlich die Einrichtung der Pässe auch war, zu Schwierigkeiten und Differenzen kam es in der Folge doch des öfteren, so daß schließlich an Fremde, die nicht von einem Mitglied der Kriegskommission legitimiert wurden, kein Paß mehr ausgegeben werden sollte. Nur den Bemühungen Chastels war es zu verdanken, daß die Pässe der Fremden visiert werden durften und der Kommandant eine bestimmte Aufenthaltszeit vorschriebi³⁵). Sonst zeigte sich jedoch der französische Kommandant lven äußerst entgegenkommend. Er gestattete z. B., daß eine Bitt- schrift um Zurückerstattung der vielen von den Franzosen mitgenommenen Wagen abging, und ließ auf Bitten die in Gießen wohnhaften, früher hessischen Soldaten wieder in Oießen Wohnung nehmen, jedoch unter der Versicherung, daß sie nicht mit den Kaiserlichen konspirierten und nur Zivil trügen¹⁴⁰). Man hätte meinen können, mitten im Frieden zu leben, wenn nicht die fremden Truppen, die hohen Lebensmittel- preise und vor allem die scharfe Kontrolle, die Abgaben und Kriegslieferungen gewesen wären. Gerade diese waren es aber, die die Lage der Bewohner Gießens von Tag zu Tag ver- schlechterten. Oft wurden Requisitionen unter Drohungen erpreßt, trotz des hinterlassenen schriftlichen Befehls Le- febvres¹⁴¹): La municipalite de Giessen ne satisfera à aucunes réqui-— alione⸗ qu'en tant qu'elles seront signées par moi, Général e division commandant l'avantgarde de l'armée de Sambre Meuse. Giessen, 20. messidor Léfebvre. 189) s. Chastel, Tagebuch, S. 25. 140) I1. u. St. A. D. VIII, 1. 141) s. Chastel, Tagebuch, 52 Bald kamen aber noch schlimmere Tage für Gießen. Am 19. Juli wurde dem gesamten Oberfürstentum jene große Brand- schatzung auferlegt, an der auch Gießen erheblichen Anteil hatte, und auf die der dritte Abschnitt näher eingeht. In diese Tage fallen auch einige bemerkenswerte Bestim- mungen. Am 22. Juli wurde ein Dekret erlassen, das die Teil- nehmer an Schlägereien zwischen französischen Soldaten und Studenten mit hohen Strafen bedrohteide). Anfangs August wurde das Krieg-Spielen der Kinder auf dem Marktplatze ver- boten ¹⁴³). Am 7. August trat für Gießen eine neue Sorge auf. An diesem Tage rückten in dem nahe gelegenen Heuchelheim, das von der Stadt aus versorgt wurde, 100 Mann Kavallerie ein¹³⁴), die hohe Forderungen stellten. Sogleich wurde eine Kommission nach dort geschickt, um mit ihnen zu verhandeln und etwaigen Exzessen vorzubeugen, was aber nicht viel Zweck hattée. Dort wie hier mehrten sich die Prellereien und Betrüge- reien der Soldaten, die sich oft für Offiziere ausgaben, Geld und Viktualien oder Pferde und Wagen erpreßtenl4s). Im Weigerungsfalle wurden angesehene Bürger als Geiseln mit- geschleppt. Am schlimmsten waren die Zustände in den kleinen, im Umkreis Gießens liegenden Dörfern, wo die französischen Soldaten und besonders die Artillerieknechte wüst hausten und sich aufdringlich gegenüber der weiblichen Bevölkerung be- nahmen, so daß es aus diesem Grunde oft zu blutigen Schläge- reien kam, wie 2z. B. in Staufenberg1¹⁴⁵). Inzwischen schwirrten schon allerhand Friedensgerüchte durch die Luft. So wurde am 24. August in Gießen die Nach- richt verbreitetid?),„daß eine holländische und französische Flotte mit 8000 Mann an Bord Miene mache, eine Landung in Irland vorzunehmen, und Pitt endlich eingewilligt hätte, daß England sich mit Frankreich in Friedensverhandlungen ein- lassen sollte, welches wirklich auch schon auf dem Tapet und sehr weit gediehen wäre“. Dies dürfte jedoch nicht das einzige Gerücht gewesen sein, das umherlief; denn lediglich auf die Verbreitung„eines“ Gerüchtes pflegt man nicht einen Schritt zu tun wie die Stadt Gießen, die, zufrieden mit dem französischen Kommandanten und der verhältnismäßig kleinen Besatzung, keine Lust zeigte, 142) Gießer Intelligenzblatt v. 25. Juli 1706. 143) desgl. August 96. 144) s. Chastel, Tagebuch,§. 35. 145) II. u. St. A. D. VIII, 1. Coflv. 235. 146) II. uu. St. A. D. VIII, 1. Conv. 234. 147) Chastel, Tagebuch, S. 50. nl — 53 bei einer Veränderung der Lage mit einer Verstärkung der Besatzung rechnen zu müssen, und sich dieserhalb mit fol- gender Petitioniis) an den General en chef Jourdan wandte, um eine Anderung der Besatzung bis Friedensschluß zu ver-— hindern.. „La régence et la municipalité de Gießen en Hesse au général Jourdan, commandant en chef l'armée de Sambre et Meuse. Mon général! L'officier commandant cette place se nomme lven. Il est du deuxième bataillon de la 105e demi-brigade d'infanterie, commandé par le colonel Cardon, faisant partie de l'avant garde de votre armée. II se trouve ici dépuis l'antrée de vos troupes dans notre pays, établi par le général de division Léfebvre. Le bon ordre et la discipline militaire qu'observe toute la garnison par les soins vigilants de ce digne officier, sa promptitude à nous préèter mainforte, toutes les fois que nous la requérons pour passer la rentrée des réquisitions frappées sur notre district pour les bésoins de l'armée, lui ont gagné l'estime et assujetti les cœurs de tous les habitants et les nôtres particuliérement au point que nous ne craignons rien tant, durant ces moments de crise oü son assistance nous est si précieuse, que de nous en voir privé avant la paix par un changement de garnison que nous n'entrevovons qu'avec les plus sensibles regrets. Afin de prévenir cette fächeuse séparation nous avons receuilli les vois: elles sont unanimes pour vous inviter mon général à vouloir bien nous faire la grâce d'ordonner que le commandant et sa compagnie qui fait présentement parti de la garnison nous restent, afin qu'il n'éprouve point de changement et que nous le gardions jusqu'à ce que le paix se fasse. Salut et très profond respect Le 18. fructidor l'an 4 de la signes: les membres de la république française une et régence et la municipalité de indivisible. Giessen. Ob Jourdan auf diese Eingabe noch erwiderte, ist leider nicht vermerkt, auch verschob sich durch die nun folgenden Ereignisse das Bild wesentlich. Wenden wir uns dem Kriegsschauplatze wieder zu. Nach dem Mißerfolge des Wartenslebenschen Korps und nach Eintreffen desselben hatte Erzherzog Karl seine Truppen 148) H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235; Chastel, Tagebuch, S. 26 und 27. 4 54— zusammengezogen und rückte mit ziemlicher Uberzahl gegen Jourdans Flanke vor. Zunächst drängte er Bernadotte an der Pegnit⸗ zurück, griff dann Jourdan bei Amberg am 24. August an und schlug ihn¹⁴*‧), so daß dieser auf den freien Rückzug bedacht sein mußte. Im raschen Nachstoß drängte Erzherzog Karl die Franzosen über Nürnberg, Erlangen, Höchtädt, Bur- gebrach, die besetzt wurden, faßte die französische Armee erneut in der Flanke, schlug sie abermals in den ersten Sep- tembertagen bei Schweinfurt und Würzburgiso) und zwang sie, über Hammelburg, den Spessart, nach der Kinzig und von da hinter die Lahn sich zurückzuziehen¹⁵¹). Der Rückzug war für Jourdan nicht nur insofern ver-— hängnisvoll, da Gewonnenes wieder aufgegeben werden mußte, sondern weil seiner Armee auch durch den Aufstand der empörten fränkischen Bauern, die die Gelegenheit, sich an den Franzosen für die erlittenen Unbilden zu rächen, ergreifen wollten, völliger Untergang drohtei?⁵²). Das in Gießen aufgetauchte Gerücht hatte also insofern Berechtigung, als sich tatsächlich eine wesentliche Verschiebung der Lage vorbereitet hatte. Schon in den letzten Augusttagen war von der Niederlage der Franzosen bei Amberg geredet worden, und die abenteuerlichsten Vermutungen knüpften sich daran. Die Weiterverbreitung wurde von dem Gießener fran- zösischen Kommandanten soviel wie möglich zu verhindern gesucht, aber die Reden verdichteten sich immer mehr, bis sie am 5. September dadurch Bestätigung fanden und Klärung brachten, daß fünf französische flüchtige Soldaten unter Bauern- bedeckung ankamen und gleichzeitig von Grünberg aus 1200 französische Flüchtlinge gemeldet wurdeniss). Unverzüglich begab sich der französische Kommandant lven mit den Re- gierungsräten Schwabe und Buri nach Grünberg. Dort angelangt, kehrten sie, nachdem sie die Gewißheit erlangt hatten, daß es sich um Truppen Léfebvres unter dem Befehl des Stabs- quartiermeisters Chapuis handeltel⁵⁴), in der Nacht nach Gießen zurück, wo alsbald Vorbereitungen für die Verpflegung und 149) s. Schneidawind II. Bd., S. 18— 33; Zeitschr. f. Kunst, Wissenschaft u. Geschichte d. Krieges 1828, I. H.; Grundsätze der Strategie, 3. Teil, S. 48— 50. 155) 8§. Schneidawind, II. Bd., S. 48— 137; Zeitschr. f. Kunst, Wissenschaft u. Geschichte des Krieges 1828, Bd. 12, H. I. 151) 8. Schneidawind, II. Bd., S. 138 u. folg. 152) S. ebda. S. 43 u. ff. u. 145 u. ff. Pahl, Materialien zur Ge- schichte d. Krieges im Jahre 1796; Gebele, Kriegführung der französ. Rhein- u. Mosel-Armee im Jahre 1706(Progr. Augsburg 1884). 153) Vgl. Kriegsgeschichte Gießens; Chastels Tagebuch. 154) H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235; Kriegsgeschichte Gießens. 80] fol ———— 55 Aufnahme der Flüchtlinge getroffen wurden¹⁵). Dieselben lang- ten auch am nächsten Morgen gegen 11 Uhr an, nahmen jedoch bis auf 60 Mann Kavallerie und einige Offiziere, die man in der Stadt beherbergte, vor der Stadt auf dem Seltersberg, in einem eilends aufgeschlagenen Lager Quartier. In der Frühe des 7. August rückten sie weiter. Nachmittags gegen 5 Uhr langte der General Jacopin mit mehreren Kommissären, ver- wundeten Offizieren und Ambulanzen an, die in der Stadt auf- genommen wurden“⁵⁶). In der Nacht vom 7. auf den 8. rückte ferner der General Radé, Chef des Etat-Major der Kavallerie, mit 130 Mann ein, die nun schon nicht mehr in der Stadt Aufnahme finden konnten und einschließlich des Generals nach Atzbach ausquartiert wurden¹⁰*). Am 8. langte die 105. Halbbrigade mit ihrem Chef, dem Obersten Cardon, nebst Stab an, außerdem der General Felix Dumny, Inspekteur der Infanterie und Direk- tor der Ambulancei⁵s). So folgte Truppe auf Truppe, und die ganze Bewegung zeigte aufs deutlichste, daß man es mit einem Rückzuge großen Stils zu tun hatte, der dazu nicht den Eindruck eines geordneten machte. Alles ging drunter und drüber. Hier lagen 400 Mann Verwundete mit 600 Mann Bedeckung, da die Brigade des inzwischen eingetroffenen Generals Ney, da eine Division des Generals Grénier, dort ein Teil der Division des Generals Colaud ¹⁵⁵) usw. Man denke sich das kleine Gießen, vollgepfropft mit Mili- tär, dazu zum Teil Verwundeten, die nächste wie nähere Um- gebung ebenfalls mit Truppen belegt, für die nun alle gesorgt werden mußte! Gießen befand sich tatsächlich in der übelsten Lage. Die andauernden Lieferungen an Viktualien und Mate- rialien erschöpften die Gegend vollständig und riefen ungeheure Preissteigerungen und eine drohende Hungersnot hervor. Noch schlimmer als in Gießen selbst muß es auf dem Lande zugegangen sein, wo die Aufsicht und Disziplin nicht so streng und die Widersetzlichkeit der Bauern bei der rohen Soldateska größte Willkür, Diebstähle, Brandstiftungen und andere Gewalttaten hervorrief. Inzwischen hatten sich die französischen Teilverbände näher konzentriert. Am 9. September nahm die Jourdansche Armee folgende Stellungen ein¹so): 155) H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. 156) Kriegsgeschichte Gießens, S. 32; Chastel, Tagebuch. 157) H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 234; Kriegsgeschichte Gießens. 158) H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 234; Chastel, Tagebuch. 159) Kriegsgeschichte Gießens; Chastel, Tagebuch; H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. 16⁰) Zeitschr. f. Kunst, Wissenschaft u. Geschichte des Kriegs, Jahrg. 1828, Bd. 13, Heft 4— 6, S. 5. 4˙ 56 Grenier und Championnet hinter Wetzlar auf dem linken Ufer der Dille; die Avantgarde bei Gießen. Bernadotte hinter Wetz- lar auf dem rechten Ufer der Dille; ein Detachement in Weil- burg. Lefebvre und Bonneau vor Wetzlar auf dem linken Ufer der Lahn. Der Erzherzog seinerseits teilte seine Armee(48000 Mann stark) in vier Kolonnen, deren eine, 11 Bataillone, 31 Eskadrons (S000 Mann jinfanterie, 3000 Pferde) unter Kray, die Aufgabe hatte, gegen Butzbach vorzugehien, um den Feind bei Gießen zu beschäftigen¹¹). Schon am Morgen des 10. September, dem Tage, der den Gießenern die UÜberzeugung von der vollständigen Niederlage der Jourdanschen Armee brachte, zeigten sich in der Nähe des Buschischen Gartens an der Lahn K. K. PTruppen, vornehmlich Husaren und Scharfschützen, mit denen die französischen Vor- posten ein Geplänkel anfingen, das den ganzen Tag über an- hielti¹é²). An demselben Tage rückte die seit 8. Juli in der Stadt liegende französische Kompagnie unter Befehl des Leutnants Lecomte aus. Iven blieb auf Bitten der Kriegskommission noch da. Eine andere Kompagnie, aus 115 Mann Infanterie bestehend, rückte ein“¹s). Gleichzeitig erließ der General Ney an Gießen dic Mahnung, alle Anordnungen auf das pünktlichste zu be- folgen, jede Zusammenrottung zu vermeiden und für die fran- zösischen Truppen zu sorgen, andernfalls die Stadt in Brand geschossen würde“⁶4). Die Lage verschlechterte sich immer mehr, und muß auch die Stimmung und Führung der Einwohner nicht die beste ge- wesen sein, denn es ist kaum anzunehmen, daß Ney ohne be— sondere Gründe solch harte Drohung ausstieß. Am 11. September zeigte sich bereits eine stärkere Ab- teilung K. K. Truppen am Nahrungsberg, und es verbreitete sich das Gerücht, daß die gen Butzbach und Grünberg heran- rückende Macht 4000 Mann stark seil⁵). Iven verließ jetzt die Stadt, nachdem er die Schlüssel der Festung übergeben hatteiss). 161) Zeitschrift f. Kunst, Wissenschaft u. Geschichte des Krieges, Jahrg. 1828, Bd. 13, Heft 4— 6, S. 6. 162) Chastel, Tagebuch; Kriegsgeschichte Gießens; H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. 163) Chastel, Tagebuch, Kriegsgeschichte Gießens; H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. 164) Vgl. Kriegsgeschichte Gießens, S. 35. 165) Vgl. Chastel, Tagebuch, S. 187. Das Gerücht war übrigens falsch, denn die K. K. Truppen unter Kray, die hier in Betracht kom- men, waren, wie vorher ausgeführt, wesentlich stärker. 166) Vgl. Kriegsgeschichte Gießens, S. 35. er 57 Die Feindseligkeiten nahmen ihren Fortgang. Ein Gefecht am Nahrungsberge verlief für die Franzosen ungünstig, die sich nun auf das Neuweger Tor zurückzogen. Kray hatte indessen Münzenberg erreicht. Am Nachmittag des 11. September rückte die österreichische Avantgarde gegen Gießen vor und überrumpelte die französische Besatzungt⁵?). Eine Abteilung Husaren von den Regimentern Barko, Roval- Saxe, sowie eine Abteilung Ulanen brachen durch das Neu- weger- und Selzer-Tor herein, warfen die Franzosen zurück und nahmen eine Kompagnie gefangen. Im Oegensat⸗ zu allen Berichten über diesen Vorgang zeigt die Schnelligkeit, mit der diese Ubercumpelung ausgeführt wurde, daß die Einwohner Gießens in irgendwelcher Weise dabei beteiligt sein mußten, denn es erscheint unmöglich, dab es den Osterreichern ohne Verrat so ohne weiteres gelungen sein sollte, in die Stadt einzudringen. Die Kriegsgeschichte Gießens dieser Tage, von einem Augenzeugen berichtet, gibt (S. 35) die Stärke der österreichischen Sturmabteilung mit 400 Mann an. Die Franzosen waren zuverlässigen Berichten zufolge annähernd 2000 Mann stark. Es ist also nur anzunehmen, daß den K. K. Truppen von den Bürgern Gießens bereitwilligst die Tore geöffnet wurden oder sonstwie das Eindringen er— möglicht wurde. Die Osterreicher verstanden ihren Erfolg nicht auszunutzen, sonst hätten sie mit vereinten Kräften, einschließlich der großen Zahl bewaffneter Bauern, die ihnen folgten, die Fran- zosen jetzt angegriffen und geworfen. Die Kavallerie allein war zu schwach, um so mehr, als die unter dem Neuweger Tor verschanzte Infanterie kräftigen Widerstand leistete. Die Fran- zosen fügten sich den Umständen wesentlich rascher. Kaum wurde die Bedrängnis der franzõsischen Besatzung in der Stadt bemerkt, als Artillerie an der Pulvermühle aufgefahren und mit der Beschießung der Stadt begonnen wurdetss). Die Be- stürzung war ungeheuer, und ein toller Wirrwarr entstand. Durch das Feuer gedeckt, gelang es den Franzosen, sich zu sammeln, nach der Hardt durchzustoßen und diese Anhöhe, wie auch dann den Oleiberg zu besetzen. Damit beherrschten sie Gießen, das ihrer Artillerie wehrlos preisgegeben war. Dieser Einsicht beugte sich denn auch der österreichische Komman- dant von Görger und schickte, nachdem die Beschießung einige 167) Zeitschrift f. Kunst, Wissenschaft u. Geschichte des Krieges 1828, Bd. 13, Heft 4— 6, S. 8. . 168) Vgl. Kriegsgeschichte Gießens; Crome, Selbstbiographie; H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. — z8 Stunden angehalten hatte, einen Unterhändler zu Ney¹ss). Dieser forderte die Auslieferung der gefangengenommenen fran- zösischen Kompagnie, was zugesagt wurde. Daraufhin wurde die Beschießung eingestellt und ein Waffenstillstand ge— schlossen, der bis zum 12. September morgens 8 Uhr dauern sollte, bis zu welchem Zeitpunkte die Gefangenen zurück- gegeben sein müßten, andernfalls die Beschießung wieder ein- setzen würde¹⁰). Am Abend des 11. September erhielten die K. K. Truppen noch Verstärkung durch 4000 Mann, die einrückten und die Lahnbrücke und das diesseitige Ufer besetzten. Die französi- schen Truppen standen nun so, daß ihr rechter Flügel sich nach Heuchelheim hinzog, der linke gegen Vetzberg und Glei- berg anlehnend, nach Launsbach zu stieß, im Rücken die Bieber(Bieberbach) sowie den Krofdorfer Wald lassendi-¹). Der mit Ney abgeschlossene Waffenstillstand wurde pünkt- lich eingehalten. Als jedoch am Morgen des 12. um 8 Uhr die Gefangenen, die erst von Reiskirchen, wohin sie gebracht worden waren, geholt werden mußten, noch nicht eingetroffen waren, begann die Beschießung aufs neue, dauerte aber nicht lang, da die Gefangenen kurz darauf anlangten. Es trat Kampfesruhe ein, und jede Partei war auf ihre Ver- stärkung bedacht, so daß vorauszusehen war, daß ein größeres Gefecht bei Gießen stattfinden würde. In der Nacht vom 12. auf den 13. ging Lefebvre über die Lahn zurück und stellte sich zwischen der Dill und der Division Grenier auf, die bis Gießen vorrückte und sich durch eine Ab- teilung von Championnet verstärktei¹²). Kray seinerseits kam mit dem Gros bis auf die Anhöhen vor Gießen“⁵). Bei ihm befanden sich noch die Generäle Elsnitz, Kirnmeyer und Prinz Lichtenstein. Die gegenseitige Kampfstärke war ungefähr die gleiche, näm- lich 15— 17000 Mann⁴). Ein von den Franzosen unternom- mener Durchbruchversuch mißlang, und Kray traf alle Vor-— bereitungen, um die Franzosen zu vertreiben. Im Heßler, am Galgenberg und am Wetzlarer Weg wurden Batterien aufgestellt, die den rechten französischen Flügel bei Heuchelheim und an der Hardt bestreichen konnten. 169) Vgl. Kriegsgeschichte Gießens; Chastel, Tagebuch; FI. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. 170) Ebenda. 171) Vgl. Kriegsgeschichte Gießens; Zeitschrift f. Kunst, Wissen- schaft u. Geschichte des Krieges, 1828, Bd. 13, Heft 4— 6. 172) Zeitschrift f. Kunst, Wissenschaft u. Geschichte des Krieges, 1828, Bd. 13, Heft 4— 0, S,§. 173) Ebenda. 174) Ebenda. —·— — 59— In Gießen selbst muß die Lage damals trostlos gewesen sein. Chastel schreibt darüber in seinem Tagebuchi¹⁵): „Die Position der Armeen ist immer noch dieselbe, unsere Lage ist immer noch fürchterlich. Prinz von Oranien war hier, ist aber gestern wieder weg. Der F. M. L. Kray und Fürst Lichtenstein nebst den Obristen von Gottesheim und Görger befinden sich als noch hier ruhig, und ihre Armee, worunter sehr viele Emigranten sind, als Royal-Saxe, Rohan, Carneville und dergleichen mergelt uns weiter grausamer aus, als es die französischen Vampire taten. Wer kommt, begehrt; wer begehrt, muß auch bekommen, sonst fällt ein Hagel von fürchterlichen Flüchen und Drohungen über uns, unsere Stadt und Land. Mehreremale ist der Herr Oberbürger- meister mit Worten ſund Taten gemißhandelt worden, in dieser Nacht, zwischen 1 und 2, da er allein war, ist sogar der Hahn gespannt und nach ihm gezielet worden. Inzwischen ist es nicht mehr möglich, die Viktualien herbeizutreiben. Der Landmann hat nichts mehr. Sein ungedroschenes Korn und Gerste wird von den Reitern verfüttert. Dabei ist kein Richter, keine forçe armée, die man gegen die Frevler und Missetäter requirieren könnte. Die fürstliche Landkriegs- kommission ist gleichsam wie ein banales Pferd, sans com- paraison, welches von jedermann so lange reiheum geritten wird, bis es vor Strapazen entkräftet sinnlos zusammen stürzt. Wenn nun zum größten Unglücke, bei der ersten Schlacht, welche geliefert werden muß, um den Feind von der Hardt zu vertreiben und an den Rhein zu verfolgen, die Franken, wie es von desparaten Leuten zu fürchten ist, welche das äußerste anwenden müssen, weil sie von allen Seiten in dem größten Gedränge sind, siegen sollten, so sind wir alle verloren; dann können wir alle den Wander- stab in die Hand greifen, unsere Wohnungen und Habselig- keiten mit dem Rücken ansehen oder uns unter dem Schutte unserer Stadt begraben lassen....“ Die verzweifelte Stimmung, die aus diesem Tagebuchblatt spricht, gibt beredtes Zeugnis für den Ernst der Lage, zeigt aber auch gleichzeitig, daß das Gewissen der Gießener Bevölkerung gegenüber den Franzosen nichts weniger wie frei war, und daß man nur zu genau wußte, was der Stadt bevorstand, falls sie wieder in französische Hände fallen sollte. Von den Befürch- tungen gibt auch der Bericht der Kriegskommission vom 14. September 1706 Eindruck, wo es unter anderem heißti*⁸): 175) Chastel, Tagebuch, S. 192/193. 146) H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. 60 „Das K. K. Corps in hiesiger Gegend, wobei außer dem kommandierenden General-Feldmarschall-Leutnant von Kray sich auch noch General Kirnmayer, Fürst Lichtenstein und Elsnit⸗ befinden, ist ansehnlich verstärkt worden, jedoch stehen französische Truppen immer noch über der Lahn auf der Hardt und bei Heuchelheim. Aus diesem Grunde wurde der Goldvorrat Gießens, sowie das auf dem Contributionsfuß erhobene Geld, von dem noch über 100 000 fl. erhalten waren, durch den Reg.-Rat Leußler und Zahlmeister Pfaff einstweilen nach Grünberg gebracht.“ Dieé Stadt war gewiß während der Tage der Franzosen- herrschaft 1790 in keiner beneidenswerten Lage. Immerhin war der Zustand noch erträglich, um so mehr, als der französische Kommandant lven auf straffe Zucht und Ordnung hielt. Unter den Osterreichern war die Lage aber unerträglich. Wenden wir uns dem weiteren Verlauf der Feindselig- keiten zu. Kray hatte mit den leichten Truppen schon am 13. bei Lollar die Lahn überschritten und unterhielt lebhafte Gefechte gegen die Division Grenier, während Jourdan die Division Bonneau von Limburg nach Gießen beorderte und Bernadotte von Offheim nach Weilburg zog, um Championnet abzulõsen, der hinter Wetzlar gezogen wurde¹*). In der Nacht vom 15. auf den 16. September beschloß Kray, zum allgemeinen Angriff vorzugehen, um so mehr, als sich das Gerücht verbreitete, die Franzosen, die nun in einer Linie von Heuchelheim bis Launsbach standen, erwarteten Verstärkung von der Nordarmee über Düsseldorf“s). In aller Stille gingen noch dieselbe Nacht mehrere österreichische Bataillone bei Lollar über die Lahn. Nach Vorpostengeplänkel griffen am Morgen des 16. die Osterreicher mit ihrem rechten Flügel von Wißmar, Kirchberg und Badenburg her den linken französischen Flügel an und drängten ihn bis Krofdorf zurück³). Leider konnte nun nicht, wie geplant, der linke österreichische Flügel gleichzeitig eingesetzt werden, da die Sümpfe und Gräben im Lahn- und Fardtfeld, wo derselbe vorging, die Bewegung hinderten, so daß bei seinem endlichen Eingreifen der rechte Flügel bereits ermüdet war und die errungenen Vorteile nicht halten konnte¹so). 70) Zeitschrift f. Kunst, Wissenschaft u. Geschichte des Krieges, 1828, Bd. 13, Heft 4— 6, S. 8/0. 178) Vol. Chastel, Iageb., S. 194; I. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235 179) Ebenda. 15c⁰) Vgl. Chastel, Tagebuch; Kriegsgeschichte Gießens; H. u. St. A. D. VIII, 1. Conw. 235. 61 Auf der Hardt vor Gießen wurde besonders heftig um eine daselbst aufgestellte starke französische Batterie gekämpft, his es mit Einbruch der Dämmerung ungarischer Infanterie gelang, die Franzosen von der Hardt zu vertreiben. Lange war ihres Bleibens da aber nicht. Durch die Ahnlichkeit der Uniformen, begünstigt durch die hereinbrechende Dunkelheit, vermochten französische Dragoner sich der Position wieder zu bemächtigen, die Osterreicher wurden geworfen und zogen sich ermüdet zurückis¹). Damit brach der Kampf ab. Erreicht war fast nichts, trotzdem die Osterreicher zweimal die Franzosen in den Krof-— dorfer Wald zurückgedrängt hatten und bis Krumbach vor-— gedrungen warenls2²). Die Stadt Gießen hatte während dieses Kampftages wieder eine heftige Beschießung auszuhalten. Der Bericht der Kriegs-Kommission vom 18. September 1796 gibt folgende Schilderungiss): „Am 16. dieses Monats wurde Gießen durch eine elf- bis zwölfstündige Kanonade in große Unruhe versetzt, indem ein Corps K. K. Truppen unter dem General-Major v. Elsnitz, welches sich unweit über die Lahn gezogen hatte, von Wißmar und Launsbach aus über die rechtsher ziehenden Berge, die auf jener Seite der Lahn in dortiger Gegend stehenden Franzosen angriff. Die Kanonade dauerte von morgens acht Uhr bis abends sieben Uhr. Während dieser Zeit sind mehrere Kugeln und Haubitzen von der Hardt her nach den hierherzu stehenden K. K. Truppen, teils auch von Zeit zu Zeit in die Stadt abgefeuert worden, jedoch ist der an zZwei Orten davon entstandene Brand sogleich wieder erstickt, und kein Mensch verwundet, mehrere Häuser aber beschädigt worden¹s¹). Abends gegen 6 Uhr ließ der Generalfeld- marschall v. Kray einige Bataillone von der Stadt aus gegen die Hardt vorrücken, welche auch diesen Posten in der 181) Ebenda. 182) Vgl. Chastel, Tagebuch; Kriegsgeschichte Gießens; H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. 183) II. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. 184) Dieser Bericht steht im Widerspruch sowohl mit dem Be- richt Cromes(S. Biographie S. 245), der behauptet, daß die Stadt mit„glühenden Kugeln beschossen wurde und 168 Häuser Schaden erlitten“, als auch mit dem Chastel'schen Tagebuch und der Kriegs- geschichte von einem Augenzeugen berichtet, wo angegeben wird, daß über 100 Kugeln in die Stadt gefallen seien, jedoch kein Brand ausgebrochen wäre, Bei der Unsicherheit Cromes und dem offen- baren Irrtum Chastels und des Verfassers der Kriegsgeschichte Gie- Bens aus jenen Tagen ist unter allen Umständen der amtliche Bericht als der maßgebende anzusehen. Allem Anscheine nach neigte man mit dem Freignis zur Obertreibung. — 62 Dämmerung mit stürmender Hand wegnahmen, bald aber wieder verdrängt wurden, so daß auch das Elsnitzische Korps sich wieder zurückzog und mehrere 100 Blessierte in die Stadt und in das Schloß, auch zum Teil in das Uni-— versitäts-Colleg-Gebäude einquartiert und von den hiesigen Chirurgis verbunden, auch von der Stadt verpflegt wurden, von wo sie gestern weitertransportiert worden sind. Auch wurden des Abends 24 französische Gefangene eingebracht.“ Die Zahl der Verwundeten scheint nicht unbedeutend ge- wesen zu sein. Außer in Badenburg, wo ebenfalls eine Anzahl Blessierte gelegen haben soll, wird für Gießen die Zahl der Verwundeten mit 344 angegebentss). Am 17. boten die Franzosen, die sich verstärkt und in Schlachtordnung aufgestellt hatten, nochmals ein Gefecht an, das jedoch die Osterreicher, infolge der Schwächung durch die Verluste und die wesentlich günstigere Position der Franzosen, nicht annahmen¹s⁰). Inzwischen hatte Erzherzog Karl den rechten französischen Flügel am 16. bei Limburgts!) und am 17. bei Weilburg geschlagen und rückte heran, dem linken französi- schen Flügel bei Gießen mit Einschließungis:) drohend. In Er- kennung der drohenden Gefahr gaben die Franzosen ihre Position auf und traten über den Westerwald den Rückzug nach dem Rhein an'ss). Die Österreicher folgten nach. Die Kriegs- kommission meldet über diese Vorgängeiss): „... Aber noch an demselben Abend und heute Nacht (17./18.) haben sich endlich die sämtlichen französischen, in unserer Nachbarschaft gestandenen Truppen in der Stille zurückgezogen und den Weg über Rodheim und Königsberg, wahrscheinlich Herborn zu, genommen, wie dann auch die bei Wetzlar, jenseits der Lahn postiert gewesenen Franzosen sich gleichfalls in der vergangenen Nacht weggezogen haben. Die K. K. Truppen in unserer Stadt und die in der Gegend befindlich gewesenen Truppen sind bereits alle in der Verfolgung des Feindes begriffen, so daß eben jetat, nachmittags um 2 Uhr, die Stadttore wieder von den Bürgern besetzt werden. Viele hiesige Einwohner und Bürger hatten sich aus Furcht vor einem abermaligen Bombardement, be- sonders am 17., mit ihren Effekten häufig aus der Stadt 185) Vgl. Chastel, Tagebuch; Kriegsgeschichte Gießens. 186) II. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. 187) Zeitschrift f. Kunst, Wissenschaft u. Geschichte des Krieges, 1828, Bd. 13, H. 4— 6, S. 10. 188) H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235; Zeitschr. f. Kunst, Wissen- schaft u. Geschichte des Krieges, 1828, Bd. 13, H. 4— 6, S. 11—13. 183) fI. u. St. A. D. VIII, I. ConV. 235. — 63— begeben, so daß im Falle einer Feuersbrunst aus Mangel an tätiger Löschhilfe die Stadt gefährdet war.“«...... Mit dem Rückzuge der Franzosen und der aufgenommenen Verfolgung durch die Österreicher wurde Gießen sowohl von Freund wie von Feind befreiti?o), auch fanden die eigentlich kriegerischen Ereignisse des Jahres 1796 hiermit ihren Ab- schluß²¹1¹) Kapitel V. Der Winter 1796/1797. Der Winter 1796/1707 brachte der Stadt Gießen wenig- stens vorübergehend die langersehnte Befreiung von der fran- zösischen Herrschaft. Kriegsereignisse spielten sich nicht mehr in der Umgebung GCießens ab. Wirksam tätig auf dem deutschen Kriegsschauplatze war nur noch Moreau, während Beurnonville, der inzwischen Kommandant der Sambre- und Maas-Armee ge- worden war, sich nicht sehr tätig zeigte¹⁵²). Im Dezember 1796 bezogen die gesamten Armeen ihre Winterquartiere, und zwar die Osterreicher zwischen Sieg und Main, die Franzosen auf dem linken Rheinufer von Düsseldorf bis zur Nahe und bis Kirchheim-Polandi³). Mit der Aufnahme der Winterquartiere durch die Öster- reicher bekam das bis jetzt seit dem Abzuge der Franzosen von Truppen entblößt gewesene Gießen neue Besatzung und zugleich neue Sorgen für die Verpflegung der im Umkreise Gießens liegenden K. K. Truppen-Verbände. Laut einem Berichte¹²³⁴) der Kriegskommission vom 15. De- zember 1796 rückte am 14. Dezember das Dragonerregiment Coburg, aus 8 Eskadrons bestehend, im Weichbilde Gießens ein und bezog Winterquartiere in den Dörfern: Gladenbach, Frohnhausen, Klein-Gladenbach, Blanken- stein, Ammenhausen, Wolmershausen, Entelbach, Walmen- fels, Honterode, Ginterode, Weidbach, Weidenhausen, Obern- dorf, Weisenroth, Bischofen, Gradhausen, Rosbach, Roden- hausen, Seelbach und Modersbach. 190) Zeitschr. f. Kunst, Wissenschaft u. Geschichte d. Krieges, 1828, Bd. 13, H. 4— 6, S. 13/14. 191) Zeitschr. f. Kunst, Wissenschaft u. Geschichte d. Krieges, 1828, Bd. 13, H. 4— 6, S. 13/14. 192) Schneidawind, Fr. J. A., Geschichte des Feldzuges der Franzosen in Deutschland 1796/1797, Bd. II. ¹193) Zeitschr. f. Kunst, Wissenschaft u. Geschichte des Krieges, 1828, H. 4— 6, S. 14. 194) H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 220. 64 Selbstverständlich mußte die Stadt Gießen die Sorgen für diese Truppen mit übernehmen, wenn auch die Lebensbedürf- nisse vom flachen Lande, also von den Dörfern, gedeckt werden sollten. Die verlangte tägliche Erfordernis sollte bestehen aus: 1300 Portionen Brot, 1420 Portionen Hafer, und 1400 Por- tionen Heu. Des weiteren gibt der Bericht anl¹⁸s), daß am 15. Dezember in Oießen selbst das damalige K. K. Ulmische Bataillon, 650 Mann stark, einrücke und Quartiere nehme. Die nõtige Verpflegung er- folge jedenfalls aus dem Verpflegungsmagazin zu Wetzlar. Wie lange das Bataillon, das nach Aussage des anmeldenden Offiziers nur wenige Pferde bei sich führe, dableibe, sei nicht voraus- zusechen. Jjedoch habe der Offizier auch zu verstehen gegeben, daß der größte Teil der bisher bei Uckerad gestandenen K. K. Truppen sich zur Beziehung der Winterquartiere weiter zurück und zum FTeil auch auf das diesseitige Lahnufer ziehe. K. K. Quartiermacher seien schon eingetroffen.— Die Kriegs- kommission bittet daher um Verhaltungsmaßregeln, falls noch mehr Truppen einrücken sollten. Die Voraussage erfüllte sich zwar in der Folge nicht, ſedoch war für Gießen die Tatsache der vorhandenen, ein- quartierten, starken Garnison schon genügend und gab bei den bestehenden, geforderten Abgaben Anlaß zu berechtigten Be- fürchtungen, falls eine Verstärkung der Einquartierung er- folgen würde. Immerhin verstanden die Bewohner Gießens doch einigen Nutzen aus dem Vorhandensein der Besatzung zu ziehen. S0 richtete am 21. Dezember 1796 der Stadtvorstand, auf Veran- lassung des Kommandanten Generalmajors von Rohr, ein Gesuchl¹²³) an den Landgrafen um Befreiung der Bürgerschaft von den Torwachen, da„am 14. das Bataillon von Olm ein- gerückt sei, die Bürgerwachen hierdurch überflüssig geworden seien und die Bürgerschaft selber ihrem sehr darniederliegenden Geschäft und Ackerbau nachgehen müsse.“ Wenden wir uns den beiderseitigen Truppen wieder zu. Wenn auch scheinbare Ruhe herrschte, so wurden doch allent- hralben Vorbereitungen für einen neuen Feldzug getroffen, und Erzherzog Karl selbst plante für das Jahr 1797 einen solchen in Deutschlandis). Da brachte die Eroberung Italiens durch Bona- bDarte und die so entstandene Bedrohung Osterreichs inmitten seiner Erbstaaten eine Verschiebung der Lage und vor 195) II. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 220. 196) I. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 220. 197) Schneidawind, Geschichte d. Feldzuges d. Franzosen in Deutschland, Bd. II, S. 120— 127. 65 allem einen bedeutungsvollen Wechsel im Oberkommando¹n). Erzherzsog Karl übernanm den Oberbefehl der K. K. Truppen in ltalien, und die österreichische Kriegsmacht am Rhein kommandierte, der Feldzeugmeister Graf von La Tour, den Nieder-Rhein deckte Feldmarschall-Leutnant Wernek¹²⁵). Auf französischer Seite trat Beurnonville, der nach Jourdans Weggang einstweilen die Sambre- und Maas-Armec kommandiert hatte²), wieder zur Nordarmee zurück. Den Ober- befehl über die Sambre- und Maas-Armee erhielt General Hoche. Der Plan der französischen Republik, den das Jahr 1797 zur Ausführung gelangen sehen sollte, und von dem dann auch das Oberfürstentum Hessen und die Festung Gießen betroffen wurde, war folgender*o¹): „Während General Bounaparte, von dem nördlichen ltalien, aus, durch Kärnten und Stciermark gegen Wien hindränge, sollten die Sambre- und Maas- und Rhein- und Mosel-Armeen wieder den Rhein überschreiten, durch Deutschland die Donau hinunter ziehen, um, wenn es sein müßte, vereint mit der italienischen Armee unter den Mauern Wiens den Frieden zu erzwingen.“ Dies war das Programm. Auch Hoche, der in der Folge für die Stadt Gießen Bedeutung gewann, fügte sich ihm ein. Kapitel VI. Die Kriegsereignisse des Jahres 1797. Im März des Jahres 1797 begann der Obergeneral Hoche mit den Vorbereitungen zur Eröffnung des Feldzuges. Die Sambre- und Maas-Armee, die für die hiesige Gegend in Betracht kam, befand sich in nachstehender Verfassung und Stellung²0⁰²): „Der linke Flügel unter Championnet stand auf dem rechten Rheinufer, im Herzogtum Berg, zwischen der Wipper und Sieg. Die Mitte unter Grenier, sowie der rechte Flügel unter Lefebvre 198) Ebenda, S. 128/129; Europ. Annalen, 1797, 5. Stück, S. 188 bis 180. ¹199) Schneidawind, Geschichte d. Feldzuges d. Franzosen in Deutschland, Bd. II, S. 120— 127; Europ. Annalen, 1707, 5. Stück, S. 188/180. 200) Ebenda. 201) Europ. Annales, 1797, 5. Stück, S. 188. 2⁰²) Schneidawind, Geschichte d. Feldzuges der Franzosen in Deutschland, Bd. III, S. 132. Europ. Annalen, 1707, S. 318/319. 66 sammelten sich Neuwied gegenüber, wo die Franzosen durch einen Brückenkopf noch festen Fuß auf dem rechten Rheinufer hatten.“ An Unter-Generälen sind zu nennen die Generäle Ney, Klein, Richepanse und D'Haupoul0). Anfängliche Unterhandlungen mit den Österreichern führ- ten zu keinem Ergebnis, und die Armee Hoches stand zum Angriff bereitsol¹). Nach Aufkündigung der Waffenruhe drang Hoche am 18. April 1797 bei Neuwied die Osterreicher schla- gend, über den Rheino*). Bereits am 19. stand der rechte Flügel unter Lefebvre bei Limburgo). Der linke Flügel, unter Cham- pionnet, drang inzwischen gegen Gießen vor, um den ôster- reichern und besonders der Brigade des Generals von Elsnitz, die Gießen besetzt hatte, den Rückzug abzuschneiden²o), was aber mißlang, da Elsnitz klug genug war, durch einen Marsch nach Münzenberg der Umzingelung zu entgehen. Seit den Dezembertagen 1706 hatte Gießen bereits ver- schiedene Truppen, die alle nichts Gutes brachten, in seinen Mauern gesehen. Das am 14. Dezember 1796 eingerückte Gre- nadierbataillon von Olm zog laut Mitteilunges) des General- majors von Rohr am 8. Februar 1797, 8 Uhr morgens, über Butzbach-Grüningen ab, wofür am Nachmittag um 3 Uhr das Grenadierbataillon Claue einrückte. Am 9. März kam eine weitere, allerdings wenig belangvolle Einquartierung hinzu. Der Bericht des Festungskommandanten vom 11. März gibt 2l20): „Das kayserlich-Kkönigliche Grenadier-Bataillon befindet sich noch allhier, und sein Inhaber, der Obristleutnant von Claue, ist vor 4 Tagen hier angekommen und hat sich einquartiert. Den verwichenen Sonntag, den 9. hujus nachmittags 4 Uhr kam ein Trupp von 25 Mann und Pferden vom Regiment Royal Allemand unter Commando eines Leutnants über die Lahnbrücke herüber, marschierte zum Neustädter Tor herein vor das Rathaus und ließ sich sogleich Einquartierungszettel machen;“ 2⁰³) Schneidawind, Geschichte d. Feldzuges der Franzosen in Deutschland, Bd. III, S. 132. Europ. Annalen, 1707, S. 318/319. 204) Ebenda S. 147/148 u. ff. Europ. Annalen, 1797, 5. Stück, S. 321 und 322. 205) Ebenda. 206) Ebenda. 207) Schneidawind, Bd. III, S. 147/148 u. ff. Europ. Annalen, 1797, 5. Stück, S. 321/22. 20s) II. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 229. 209) Ebenda. — 67— Die Besatzung blieb dann bis zur Besetzung Gießens auf dem Rückzuge der Osterreicher durch das Elznitzsche Korps dieselbe. Den Verlauf der Kriegsereignisse hatte man, wie im Vor-— jahre, mit Interesse und Bangen verfolgt, um so mehr, als die letztjährigen Schrecken noch in aller Gedächtnis waren. Bei der Schnelligkeit des Vorgehens Lefebvres war es klar, daß man in Gießen sehr bald von dem Rückzuge der Oesterreicher und dem Vordringen Hoches unterrichtet sein mußte. Ein Bericht des Fürstl. Regierungskollegiums zu Gießen vom 19. April 1797 besagt¹o): daß zuverlässigen Mitteilungen zufolge der Waffenstillstand durch die Franzosen gekündigt worden sei, und wohl auch schon die Feindseligkeiten begonnen hätten, da man gestern morgen von 5 Uhr bis 10 Uhr des Mittags eine starke Kanonade gehört habe, deren Ausgang nicht bekannt Sei.... Ein angefügtes Nachschreiben bestätigt den Rheinüber- gang der Franzosen und berichtet, daß sie bereits am 18. April abends in Montabaur eingerückt wären. Ein Bericht vom 20. April 1797 an die Regierung zu Marburg kündigt anzi¹), daß man „... in Anbetracht des Wiedereindringens der Fran-— zosen das Anerbieten der Hess. Cass. Regierung annehme, und die Gießener Fürst. Reg. Depositen und Gelder nach Marburg verbracht würden.“—. Man war somit in Gießen auf das Wiedererscheinen der Franzosen vollauf gewappnet, zumal man die Erfahrungen vom vorigen Jahre hatte und sich nach ihnen richten konnte. Die im Winter 1796 aufgelöste Kriegskommission wurde auch wieder eingesetzt ²). Im übrigen ging man genau so vor wie 1796 und ver— schloß die Stadttore. Der gegen Gießen vorrückende linke französische Flügel unter Championnet hatte durch die Dragoner-Division Klein und die gesamte Husaren-Division Ney Verstärkung erfahren, und es gewann den Anschein, als ob Hoche das österreichische Heer auf dem rechten Flügel fassen, gegen die Lahn zurück- stoßen und über Friedberg auf die Seite der anderen fränki- ) II. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 240. 211) H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 240. 212) Vgl. Crome, S. 246/247. 68 schen Kolonne werfen wollte²¹s). Um dem zuvorzukommen, brach das gesamte österreichische Heer am Morgen des 21. April von Wetzlar, Braunfels und Gießen gegen Münzenberg aufi⁴). Kaum waren die K. K. Truppen abgezogen, als gegen Mittag des 21. April die Franzosen vor den Toren Gießens erschienen, und zwar General Ney mit 6000 Mann Ka- vallerie²i⁵). Sofort trat die Kriegskommission in Tätigkeit, ver- handelte mit ihm und erlangte auch Sicherung der Stadt, des Lebens und Eigentums-¹⁰). Die Festung wurde widerstandslos übergeben. Noch war die französische Infanterie bedeutend zurück, als bereits zwei Dragoner-Regimenter bei Atzbach die Lahn überschritten, während Klein von Steinberg, Ney von Gießen her nachjagtezit). Auf der Höhe von Grüningen erreichte die französische Kavallerie das österreichische Korps unter Els— nitz und stellte es zum Kampf. Nur durch das Eingreifen des österreichischen Feldmarschalls Werneck mit der Reiterei von Nidda her entging Elsnitz der Niederlage. Das Gefecht, das bis in die Nacht hinein dauerte, wurde abgebrochen, jedoch ward General Ney, der mit dem Pferde gestürzt war, gefangen genommen*is). Die K. K. Armee zog sich hinter die Nidda zurück. Der französische Oberbefehlshaber Hoche quartierte sich nun mit sieben Generälen und mehreren Tausend Mann in Gießen ein. 2¹*). Neue schwere Tage kamen für die Stadt. Die erste Handlung Hoches war, daß er für die im Jahre 1706 nach seiner Meinung in Gießen verratene und dadurch gefangen- genommene französische Kompagnie ein Strafgeld von 100000 Francs forderte. Die Zahlung wurde zunächst verweigert. Als aber Hoche zwei angesehene Bürger gefangennehmen ließ und mit deren Erschießung drohte, wurde die Summe als- bald beglichen²o). Hoche verblieb noch einige Zeit in Gießen und verlegte von da sein Hauptquartier nach Wetzlar, wo er im September 1797 starb²¹). 213) Europ. Annalen, 1797, 5. Stück, S. 323/324; Schneidawind, Bd. III, S. 161. 214) Ebenda. 215) Crome, S. 247. 216) Ebenda. 217) Europ. Annalen, 1707, 5. Stück, S. 324; Schneidawind, Bd. III, S. 161/62. 218) Ebenda; vol. auch Crome, S. 247. 213) Crome, S. 248; H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 240. 220) Ebenda. 221) Vgl. Crome, S. 240/250. ———&—— „———— ————— — 609 Inzwischen hatte sich Osterreich mit der französischen Re— publik bereits in Friedensverhandlungen eingelassen, und am 18. April 1707 waren die Friedenspräliminarien zu Leoben zu- stande gekommen. Osterreich erkannte die französische Re— publik an. Ein endgültiger Friede sollte zu Campo Formio bei Udine geschlossen werdenäe²), was denn auch am 17. Oktober 1797 geschah. Für Gießen und das Oberfürstentum Hessen waren die Friedenspräliminarien zu Leoben und der Friede zu Campo Formio insofern nicht weiter von Bedeutung, da Stadt und Land von den Franzosen besetzt blieben und sich lediglich der Zu stand eines Waffenstillstandes, der offene Feindseligkeiten und grobe Gewalttätigkeiten verhinderte, herausbildete. Von Frankfurt bis nach Coblenz hin, den ganzen Rhein hinunter, standen 40 000 Mann französische Truppen, die zum größten Teil ernährt und auch bekleidet werden mußten, da dieselben weder Sold, noch eine Unterstützung von Frank- reich erhielten und lediglich auf Kosten der besetzten Länder lebten²2³). Unter diesen Umständen war es klar, daß eine solche Truppe, die das Land aussaugte, auf die Dauer unerträglich war und man alles daransetzen mußte, sich Erleichterungen zu verschaffen. Es ist also nur zu verständlich, wenn z. B. der Fürstl. Kammerassessor Moter am 5. Juni 1797 an den Land- grafen schreibts²4),„daß es wohl gut sei, wenn er(der Land—- graf) dem französischen General Chérin(einer der Unter- generäle Hoches) einiges Schmeichelhafte sage, was für das Land sicher zum Vorteil ausschlage, da Chérin eitel sei, und die fürstlichen Untertanen bei weitem nicht so gelitten hätten, wenn nicht der Druck des Obergenerals Hoche hinter allem liege“.— Wie vorgegangen wurde und wie stets einer den anderen zu übervorteilen suchte, was allerdings bei der erbärmlichen Landes-Verfassung direkt erforderlich war, geht aus einem weiteren Berichte Moters vom 26. Juli 1797 hervor²³). Er schil- dert in diesem, auf welche Weise es ihm glückte, einen Teil französischer Kavallerie, die im Hessischen lag, ins Dillen— burgische und Berleburgische abzuschieben. Der General- Adjutant Chasseloup hatte nämlich von Dillenburg 40 Carolins 222) Schneidawind, Bd. III, S. 166; Crome, S. 151. 223) Crome, S. 251/252. 224) II. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 236. 23) H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 236. o d 20— erhalten, wofür er Verschonung des Dillenburgischen Ge- biets mit Einquartierung versprach. Moter kam dahinter, hot Chasseloup für denselben Zweck für das hessische Gebiet 100 Carolins und veranlaßte ihn, die 40 Carolins an Dillenburg zurückzusenden und Truppen aus dem Hessischen nach dort zu schicken Es war doch schon weit gekommen, daß man zu solchen Mitteln greifen mußte. Die militärische Lage verschob sich in Hinsicht der Kriegs- ereignisse nicht, da solche in der Folge nicht stattfanden und nur Truppenverschiebungen vor sich gingen, wobei die umherlaufenden Gerüchte ihr Nötiges taten. Bereits in seinem Bericht vom 5. Juni 1797 gibt Moter an ²²6): „... Es fängt an Ernst zu werden, daß die Armee sich zurückzieht. Der rechte Flügel unter General Lefebvre und der linke unter Championnet haben ordre erhalten abzu- marschieren und haben bereits ihre Offiziere zum Quartier- machen abgeschickt.“— Mit dem Abzug der Truppen war es aber nichts, denn am 30. berichtet Moter-²?), daß der General Chérin, der für den abwesenden General Hoche den Oberbefehl führte und auch in Gießen kommanqdierte, seine Offiziere zurückkommen lasse, ebenso die Division Championnet mit 11 000 Mann dableibe. Erst im Juli trat für Gießen und die fürstl. Lande eine kleine Besserung ein, insofern die Divisionen Lewin, Klein und Lefebvre abmarschierten und nur die Divisionen Grenier und Cham- pionnet im Hessischen zurückblieben-²s). Man darf wohl ruhig annehmen, daß die große Verarmung der hessischen Lande mit zu diesem Abmarsch beitrug. Wie groß die Not gewesen sein muß, geht schon daraus hervor, daß Moter am 4. September den Obergeneral Hoche bewegen konnte, ein Schreiben an das Direktorium nach Paris abzu- schicken, worin die Bitte ausgesprochen wurde, die gänzlich verarmte Gegend verlassen zu dürfen, da nichts zu bekommen sei und Land und Einwohner ihrem Untergang entgegen- sähen. ²²⁵). Leider wurde dem Ansinnen nicht entsprochen. Gießen und die hessischen Lande blieben nach wie vor besetzt. Auch u. A. D. VIII, 1. Conv. 236. A. D. VIII, 1. Conv. 236. A A „D. VIII, 1. Conv. 236. „ 1. GConv. 236. —2F= 5— COOG S=VS=Fg= ——,——— 71 der Tod Hoches am 19. September 1797 hatte nur zur Folge, daß die Rhein- und Mosel- und die Maas- und Sambre-Armee zusammengefaßt wurden unter der Bezeichnung„armée d'Alle- magne“ und daß der General Angereau den Oberbefehl er- hieltesc). Angereau, der am 23. September, zunächst als Nach- folger Hoches, in Wetzlar blieb und auch in Gießen komman-— dierte, siedelte nach Gründung der„armée d'Allemagne“ im Oktober mit dem Hauptquartier nach Kreuznach über, während Oießen und die Unterleitung der Sambre- und Maas-Armee mit dem Hauptquartier in Wetzlar an Lefebvre überging³¹). Von neuem tauchten Friedensgerüchte auf, die sich aber wieder nicht verwirklichten. Am 1. Oktober meldet Moter-2²), daß ein erneuter Ausbruch der Feindseligkeiten zu erwarten sei. Auch solle die französische Armee in hiesiger Gegend ein Lager beziehen, und ungeheuere Abgaben ständen bevor, die diesmal um so drückender ausfallen würden, da die Franzosen weder Zelte, Feldgerätschaften noch Magazine besäßen. Der Brigadegeneral König habe bereits in Grünberg auf Befehl Championnets mit großen Requisitionen begonnen, ebenso habe Championnet selbst 25 Fuhren und 6000 Maas Branntwein und die erneute Leistung des Zehnten gefordert, der auf 12 000 Livres festgesetzt worden sei.“ Das waren trübe Aussichten für Gießen, um so mehr, als die Franzosen die Vorbereitungen für einen neuen Feldzug mit großer Hast betrieben, und sicheren Meldungen zufolge die Armee auf die Stärke von 70 000 Mann gebracht werden Sollte³). Weitere Nachrichten über besondere Vorgänge in Gießen im Jahre 1797 liegen nicht vor. Als sicher kann nur an-— genommen werden, daß nach vollzogener Zusammenziehung und Verstärkung der französischen Armee die Stadt Gießen immer mehr unter dem Drucke der unwillkommenen Gäste zu leiden hatte, was auch aus dem vorhandenen Belegmaterial der folgenden Jahre einwandfrei hervorgeht, wenn man auch darauf bedacht war, sich Erleichterungen zu verschaffen, wo es ging, gleichgültig auf welche Art, und gleichgültig mit welcher Bestechungssumme gearbeitet werden mußtezs“). 230) Europ. Annalen, 1797, 12. Stück, S. 311; H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 236. 231) IH. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 236. 232) H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 236. 233) H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 236. 234) H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 236. 72 Erst am 19. Dezember 1798, morgens um ½ Uhr, verließen die Franzosen Gießen, und die vier Tore wurden wieder durch Bürger besetztss). Bis zu diesem Tage waren stets eine französische Truppen-— abteilung und ein französischer Kommandant in Gießen. Der letztere wechselte öfters, und die Namen bedeutender Generäle wie Hoche, Angereau, Lefebvre, Championnet, Legrand, Soult, Haquin, Grouchy und Bernadotte, der sogar von der Univer- sität zum Ehren-Doktor promoviert wurde, sind mit der Ge— schichte Gießens verknüpftss). Von welch tief einschneidenden Folgen die Franzosenzeit für Gießen war, erkennt man aber erst vollständig, wenn man einen Oberblick gewinnt über die Kriegslasten und Kriegs- schäden, die Gießen und das Oberfürstentum an den Rand des Abgrundes brachten. 235) LI. u. St. X. D. VIII, 1. Conv. 230. 236) Uber die französischen Befehlshaber vgl. Crome, S. 248 bis 271. Abschnitt III. Kapitel VII. Die Kriegslasten und Kriegsschäden der Jahre 1796/07 und die fürstl. Landes-Kriegs-Kommission zu Gießen. Als im Juli 1706 die Franzosen nach Gießen vordrangen, und die Stadt von ihnen besetzt wurde, bildete sich, um den Forderungen der Eindringlinge zu begegnen, dieselben zu regeln und um für die Stadt und Bewohner zu tun, was irgend möglich war, eine städtische Kommission, bestehend aus den Regierungsräten von Buri, von Krug, Schwabe, Leußler und Meier, dem Bürgermeister Wörmser, den Ratsschöffen Tasché und Ferber, dem Rektor Müller, den Professoren Jaup und Büchner und dem Lektor Fr. Th. Chastelzs:?). Diese Kommission, deren segensreiche Tätigkeit und deren unendlichen Bemühun- gen die Stadt so sehr viel zu danken hat, fand denn auch Be— stätigung von seiten der Regierung in Darmstadt und führte den Namen:„Fürstliche Landes-Kriegs-Kommission Gicßen“ss). Sie bestand bis zum Dezember 1706, wo sie aufgehoben, jedoch 1797 beim abermaligen Anrücken der Franzosen mit geringen Anderungen wieder eingesetzt wurdezss). Ihre Arbeit, die in erster Linie darin bestand, alle die Verpflegung der Truppen, die Einwohnerschaft, die Kontributionen, Abgaben u. a. m. be- treffenden Fragen zu erledigen, war äußerst mannigfaltig und erfuhr demgemäß auch aus der Praxis heraus verschiedene Verbesserungen. So wurde bereits 1796, kurz nach ihrer Be— stätigung, von seiten der Regierung der Archivrat Langsdorf, der Regierungssekretär Diez, sodann die beiden Sekretariats-— akzessisten Fuhr und Pfaff zur Erledigung der Sekretariats- geschäfte angestelltzso); ein Beweis dafür, welche Bedeutung man der Kommission zulegte und wie stark dieselbe in An— spruch genommen war. Eine weitere Regelung erfolgte 237) Vgl. Chastel, Tagebuch; Kriegsgeschichte Gießens; H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. 238) II. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. 238) H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. 240) H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. — 74 einige Wochen später, indem die Einrichtung getroffen wurde, „daß wenigstens und zu den täglichen currenten Geschäften, alltäglich des Morgens um 9 Uhr 3 Mitglieder der Kommission sich einfinden und bis mittags 12 Uhr gegenwärtig bleiben, um 3 Uhr des Nachmittags aber, sowie auch jeden Post vormittags, sämtliche Mitglieder sich versammeln und die wichtigen Vor- fallenheiten gemeinsam beraten sollten““*¹)“. Daß trotz der Genauigkeit der Kommission und den Bemühungen ihrer Mit— glieder, Unterschleife aller Art, von seiten der Franzosen vorkamen oder Fälschungen versucht wurden, war zwar eine traurige Tatsache, bei dem bestehenden Durcheinander aber nur zu verständlich. So führte namentlich die Einziehung der Bons, die für geforderte oder beschlagnahmte Viktualien, Vieh, Wagen usw. ausgegeben wurden, und die wohl mit den heutigen Requisitionsscheinen zu vergleichen sind, zu großen Mißhelligkeiten4²). Wenden wir uns der Frage der Kriegslasten und Kriegs- schäden in den Jahren 1706 und 1797 zu und betrachten vor allem die Kontributionen und Abgaben. Vorauszuschicken ist in erster Linie, daß Stadt und Ober- amt Gießen während der beiden Jahre nicht allein durch Liefe- rungen und Zahlungen an die Franzosen verpflichtet waren, sondern auch an die Osterreicher, die nach Abzug der Franzosen 1706 die ungeheure Hachenburger Lieferung verlangten und durchsetzten. Wir haben somit doppelte Belastung, durch Freund und Feind, zu vermerken. Die erste, mit dem Einrücken der Franzosen im Juli 1796 durch den Kommissär Malraison im Auftrage Jourdans ge— forderte Abgabe, mit der Lieferungspflicht nach Wetzlar, wo sich das französische Haupt-Kommissariat der Truppenver- pflegung befand, bestand dem Berichte der Kriegskommission zufolge aus²⁴³): 1. an Brot 45000 Pfd. Dieses ist nicht nur alles geliefert, sondern auch mehrere tausend Pfund überliefert worden, weil dieses Geschäft, wegen anderen überhäuften Arbeiten dem Stadtrate über-— tragen werden mußte, welcher bei Ablieferung der Liefe- rungs-Quittung nicht die gehörige Sorgfalt entfaltete. 2. an Hafer 1000 Ztr. 241) H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. 24²) Vgl. Chastel, Tagebuch; H. u. St. A. D. Vill, 1. Conv. 235. 243) H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235.(Wortlauft.) —, Hiervon sind geliefert 850 Zentner, das übrige hat mit Geld müssen ausgeglichen werden. 3. an Heu 1000 TZtr. Hiervon sind nur 100 geliefert. 4. an Stroh 1000 Ztr. Hiervon ist nichts geliefert, auch nichts quittiert, jedoch von der Requisition abgestanden, dagegen aber das nötige Lagerstroh ohne Quittung abgegeben worden. 8000 Pinten Branntwein. Hiervon sind nur 5000 geliefert worden. Sodann an Brandschatzung 140 000 Livres oder 64 166 fl. 40 kr., welche Summe zunächst nicht durch Gießen, sondern durch die Amter Königsberg, Gladenbach, Biedenkopf und Battenberg bereitgestellt werden mußte, und zwar mit folgen- der Verteilung: Königsberg 10515 fl. 2 kr. Gladenbach 26757„ 10„ Biedenkopf 13936„ 28„ Battenberg 12968,—„ Aus dieser Aufstellung der Kriegskommission geht zur Genüge hervor, inwieweit die Forderungen erfüllt wurden, so daß darauf nicht näher eingegangen zu werden braucht. Be- zeichnend ist, daß bereits hier sich der Wirrwarr in der Aus- stellung der Quittungen bemerkbar macht, der Oberlieferung oder doppelte Lieferung zur Folge hatte. Immerhin wurde jedoch Gießen selbst durch diese erste Requisition nicht allzu-— schwer getroffen. Von der Leistungsfähigkeit der Stadt erhält man erst recht ein Bild, wenn man sich die Natural-Lieferung, die sozusagen über Nacht erfolgen mußte, noch etwas verdeutlicht. Gehen wir z. B. auf die Brot-Lieferung von 45000 Pfund ein, die voll geleistet wurde, während von den übrigen Natu- ralien nur der vorhandene Bruchteil zur Ablieferung kam. Da schon das Jahr 1796 eine große Viehseuche mit sich brachte, gegen die man schließlich mit dem Totschlagen des Viehes vorging²⁴⁴), so wird der Verbrauch an Fleisch zu Er- nährungszwecken geringer, der Verbrauch an Brot dagegen wesentlich höher wie bisher gewesen sein. Gießen zählte damals rund 4000 Einwohner. Nehmen wir, unter Berücksichtigung der Bemittelten, Unbemittelten, Er- wachsenen und Kinder, eine Menge von ¾ Pfund Brot für den Ou 244) Gießer Wochenbl. 1706, S. 180, 192, 196; vgl. auch Buchner, Gießen vor 100 Jahren, S. 00. — 76— Tag und Kopf an, so ergäbe das die tägliche Verbrauchsmenge von 3000 Pfund. Die abgelieferten 45000 Pfund Brot hätten demnach Gießen auf 15 Tage versorgen können. Die 5000 Pinten Branntwein bestanden aus Kartoffel- schnaps, der in der Umgegend gebrannt wurde. Wenn, wie schon erwähnt, die erste Requisition Gießen nicht allzuschwer traf, so war dies nur dem Umstande zu verdanken, daß der Erwerb der Bewohner in der Landwirt- schaft bestand, die in der fruchtbaren Umgebung in sehr aus—- gedehntem Maße ausgeübt wurdez4s). Der nach der Abreise Mortiers in Gießen zurückgebliebene General Lefebvre erneuerte nochmals die Kriegslieferungen und forderte vornehmlich Brot, Schuhe, 4000 Zentner Mehl und 12 Pferdez4e). Die übrigen Requisitionen gingen ins Unendliche und betrafen hauptsächlich: Hemden, Stiefel, Kleidungsstücke, Hufnägel, Hufeisen, Sporen u. a. m. 2⁴⁷). Bezüglich der 12 Pferde stützte Lefebvre seine Forderung, außer auf das Bedürfnis, dar- auf, daß sämtliche Pferde aus dem Marstall weggebracht wären. Als ihm die Unmöglichkeit der Beschaffung dargestellt wurde, drohte er mit einer Brandschatzung der Stadt in Höhe von 200000 Livres²4s). Nur mit großen Schwierigkeiten und da- durch, daß man die Pferde in Marburg aufkaufen ließ, entging die Stadt der Ausführung der Drohung, wenn es auch nach erfolgter Lieferung noch zu Unstimmigkeiten kam, da der Adjutant Lefebvres, der die Pferde abnahm, nur 9 als brauchbar quittierte²⁴⁹). Auch in den übrigen Requisitionsfragen erwies sich Le- febvre als heftig, rücksichtslos und unzugänglich, um so mehr, als der Kriegskommissar Malraison sich über die langsame Liefe-— rung der geforderten, notwendigen Subsistenzen für die Truppen beschwertez¹o). Damit aber nicht genug. Kaum waren die von Lefebvre ge- stellten Forderungen einigermaßen erfüllt, als die Kriegs- kommission in Gießen eine neue Requisition von Friedberg aus durch den Kommissar Nadaut, ausgefertigt durch den General- kommissar Gauthier, zur Einziehung erhieltzn¹). Sie betraf aber- mals die Amter Gladenbach, Biedenkopf und Battenberg und belief sich auf: 245) s. Buchner, Gießen vor 100 Jahren, S. 904 ff. 246) El. u. St. A. D). VIII, 1. Conv. 535/230. 247) Ebenda, Conv. 235. 248) Ebenda, Conv. 236. 249) IlI. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 236. 250) Ebenda, Conv. 235. *51) II. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. 77- Gladenbach: 2500 Zentner Roggen und Weizen 2000 Hafer 400 Stück Vieh 100 Fuhren. Biedenkopf: 1500 Zentner Roggen und Weizen 1200 Hafer 300 Stück Vieh 100 Fuhren. Battenberg: 1500 Zentner Roggen und Weizen 1200„ Hafer 800 halbe Maß Branntwein 300 Stück Vieh 100 Fuhren. Um diese unerfüllbaren Forderungen herabzudrücken, an- deren vorzubeugen, und um gleichzeitig wegen der von der ersten Forderung noch stehenden Summe von 140 000 Livres oder 64 166 fl. 40 kr. zu verhandeln, gingen von Gießen die Regierungsräte Müller und v. Buri nach Friedberg zu dem „Commissar-Ordinateur“, um daselbst vorstellig zu werden¹-“). Höflich empfangen, erhielten sie tröstliche Versicherungen, jedoch nicht bezüglich der Geldkontribution, sondern ledig- lich über die Naturallieferung, welche Sache zwecks Herab- minderung an den Kommissar Gauthier zu Wetzlar mit folgen- der Resolution verwiesen wurde“s¹). „Renvoyé au Citoyen Gauthier chargé de la recette des requisitions pour prendre connais- sance de la demande et procurer aux exposans toutes les facilités, que les Baillages dénommées ci-contre doivent fournir.“ Auf dieses Schreiben bedeutete Gauthier der Deputation²⁵⁴): 1.„An der Brandschatzung, welche einstweilen auf die 4 Amter ausgeschrieben worden sei, würde schwerlich etwas abgehen, indem solche von dem General Jourdan selbst an- gesetzt worden sei. Es müsse wenigstens der gute Wille ge- zeigt und längstens binnen 4 Tagen ⅓ der ausgeschriebenen 252) H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. 253) Ebenda. 23) H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. 140 000 Livres bezahlt werden. Dies könne um so eher ge- schehen, als er vorläufig eröffnen müsse, daß überhaupt für den Landesfürsten die Kontribution auf 1 Million be- stimmt sei, und hieran nicht nur jene Summe von 140 000 Livres abgehen, sondern es auch der Landes-Regierung frei stehen würde, zur Bezahlung auch andere Amter beizuziehen. In Ansehung des Restes der 140 000 Livres(also S) wolle er noch kurze Geduld haben.“ 2.„Hinsichtlich der verlangten Früchte müsse man eben- falls guten Willen zeigen und mit der Lieferung den Anfang machen. Wahrscheinlich würde die Armee weiter vorrücken und in fruchtbare Gegenden kommen, wo alsdann die aus— geschriebene Fruchtlieferung nicht mehr benötigt werden dürfte, und eine Herabsetzung der geforderten Quanti statt- finde; auch könne dann für die Ablieferung selbst eine an- gemessene Frist gestattet werden.“ 3.255).„Eine gleiche Bereitwilligkeit erwarte man auch in Anbetracht der zu stellenden Fuhren, die für die Armee von unumgänglicher Notwendigkeit seien. Jedoch könne man geschehen lassen, daß diejenigen Fuhren, welche nach der von dem Commissaire Malraison er- teilten Bescheinigung bereits bei der Armee befindlich seien, nebst denen, deren Aufenthalt daselbst noch bescheinigt werden könnte, von der geforderten Anzahl abgezogen würden. Bestellte Kondukteure würden mit den Fuhren dann zur Armee gehen. Des weiteren müßten aber in den nächsten Tagen noch 100 Fuhren nach Wetalar geliefert werden.“ Der Erfolg der Deputation war, wie aus diesem Berichte hervorgeht, äußerst gering, und es blieb nichts anderes übrig, als sich den Forderungen zu beugen, da ja der Franzose die Macht in der Hand hatte, um unter Umständen die Ausstände gewaltsam einzutreiben. Nach Gießen zurückgekehrt, wurden denn auch alle An- stalten zur schleunigen Regelung getroffen. Mit der Einnahme der Gelder wurde Kriegszahlmeister Pfaff betraut, als Kon- trolleure die Regierungsräte Leusler und Meier bestellt. Am 27. Juli erfolgte dann die Auszahlung der aufgebrachten% der Summe von 140000 Livres durch eine eigne Deputation an Gauthier in Wetzlar²ss). Dabei ergaben sich neue Schwierig- keiten²s?). Gauthier nahm nämlich nur 56000 Livres an, da das 55) II. u. St. A. D. VIII, 1. CoHvVv. 235. 20 I. u. 3 A. D. VIII, 1. Conv. 235. 57) Ebenda ——————. 79 übrige Geld aus Konventionsgeld und Brabanter Kronen bestand, die, erst zurückgewiesen, mit erheblichem Verlust eingerechnet wurden. Aus Nachsicht verstand sich Gauthier zu der Zusage, daß, wenn bis zum 7. August noch 44000 Livres, also ins-— gesamt bis dahin 100000 Livres abgeliefert wären, er mit dem Rest noch warten wolle²s). Auf die übrige Natural-Requisition erfolgten nur geringe Lieferungen, und man gedachte diese nach und nach zu er- füllen. Die größte Sorge bereitete nun wieder die Stellung der Fuhren, die nur sehr langsam herbeizuschaffen waren, zu— mal auf dem Lande Viehseuchen ausgebrochen waren, so daß es an Zugtieren fehltez⁵s). Schon hatte Gauthier am 29. Juli eine Kommission zur gewaltsamen Eintreibung von 300 Fuhren abgesandtzéo). Abermals wurde eine Deputation, bestehend aus dem Regierungsrat v. Buri und dem Professor Jaup, nach Wet=- lar geschickt, welche es denn auch dahin brachte, daß Gauthier nicht nur die von anderen Amtern gestellten 81 Fuhren in An- rechnung nahm, sondern sogar die Erklärung abgab, daß er, wenn zu denen von den Amtern Gladenbach und Königsberg bereits in Wetzlar sich eingefundenen 30 Fuhren, die noch 50 fehlenden gestellt würden, in Ansehung der übrigen noch sechs Wochen lang nachsehen wolle. Vielleicht werde auch bei weiterem Vorrücken der Armee hiervon gar keine Rede mehr sein²éi). Die 50 Fuhren wurden beschafft. Kaum war die Regelung dieser Frage erfolgt, als Mitte August 1796 Gauthier, auf Befehl Jourdans, über die fürst- lichen Lande zwischen Main und Lahn einschließlich der Com- mende Schiffenberg(eine Beschwerde der letzteren nützte nichts), die angekündigte Brandschatzung von 1 Million 10000 Livres, zahlbar innerhalb 8 Tagen, ausschrieb und gleichzeitig ankündigte, daß unter Vermeidung von Zwangsmaßregeln der gesetzte Termin pünktlich einzuhalten sei²²). Die Kriegskommission war durch die Unterhandlungen mit Gauthier auf diese Millionen-Requisition vorbereitet und hatte bereits Ende Juli im Einverständnis mit der Regierung eine Verteilung auf die einzelnen Amter vorgenommen. Anfangs August war der Stand, gemäß Bericht der Kriegskommission vom 13. August 1796, folgender²ss): 258) Ebenda. 253) Ebenda. 260) Ebenda. 261) H. u. St. A. D. vIII, 1. Conv. 235. 262) H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. 63) Ebenda; vgl. auch St. A. G. Ratsprotokoll v. 24. Juli 1796. Name der Aemter: Sollen liefern: Haben geliefert: 11l. xLI. fl. xr. Königsberg 10 508 2 2 037 53%¾ Blankenstein und Breidenbach 26 757 10 25 756 48 Biedenkopf 13 036 28 13 936 17 Battenberg. 2 9os 10 350 33 Alsfeld inkl. Romrod, Kirtorf und Gericht Angerod. 25 040 9 25 049 9 Allendorf a. d. Lda. 12e 3 1732 3 14 Bingenheim 7 502 33 7 502 33 Butzbach inkl. v. D. Gerichits... V 7175 3⁰ 7 175 30 Burggemünden..... 2 822 3 2 822 3 Gießen a. d. L. 20 619 54 20 6190 54 Grebenau. 2 813 27 2 813 27 Grünberg inkl. des v. Z. Gerichts. 11 505 6 11 505 6 Hauberg inkl. Sülfenrod 476 33 7 476 33 Herrschaft G. inkl. Höringhausen 6 730 39 3 365 19 ½ Nidda......... b 17377 18 17 377 18 Hüttenberg 7959— 7 959— Oberroßbach. 2 12 2 513 12 Schotten.... 6383— 5 183 27 Bobenhausen.“ V 3 853 33 3 853 33 Stadt Ulrichstein inkl. Gericht Fulda, Storndorf und Kestrich 6 429 45 6 429 45 3 v. Riedesel sche Gerichte... 10 300 30— 10 300 30 Buseckertel.. 1484 4484 (v. Rabenau) Londorfer Grund 2 500 2 1499 27 Cleeberg' 863 30 863 V 30 Summa: 220 862 1 Restieren: XT. 8 467 — 22 3 365 81 19 ½ DasBezahlte ist von der Gemeinde aufgenommen worden Das Amt Blankenstein hat das Geld aufgenommen, der Grund Breidenbach aber hat von 12747 fl. 24 xr. als dem ihm Citrzaneen Quanto 3910 fl. 27 xr. er- hoben, das Ubrige aufgenommen. Istvon der Gemeinde aufgenommen u. nur in Hommerrts- hausen nach d. Contributionsgesetz ausgehoben worden Ist auf Credit des Amts aufgenommen worden. Similiter. — bis auf 155 fl., welche in der Stadtkasse vorrätig waren, aufgenommen worden. im Amt bei Untertanen und privaris aufgenommen worden. Is — lS — lst auf Credit des Amts aufgenommen worden. — st zum Teil aufgenommen, zum Teil ausgehoben word. Ist von den einzelnen Ortschaften auf Credit derselben im Amt selbst gegen geringe Zinsen aufgenommen worden bis auf 165 fl. welche die Gemeinden Wieseck und Trohe aus ihren aerariis beischossen. Ist auf Credit des Amts ts aufgenommen worden. Similiter. Ist auf Credit des Amts aufgenommen worden. Die Gemeinden Oberwerda, Thalitter, Obernburg, Dorfitter und Eimelrod haben das Geld aufgenommen, das Uebrige aber nach dem Contributionsgesetz aufgeh Ist aufgenommen worden, außer in d. Orten Schwickerts hausen, Rodheim und Langd, deren Bewohner den Anteil aus den Säcken zusammengeschossen haben lst auf Amts-Kredti ti aufgenommen worden. Similiter. Ist von der Stadt und sämtlichen Gemeinden und 2zwar von jeder besonders aufgenommen worden. Zum Teil aufgenommen, zum Teil ausgehoben worden. Bericht von Rentmeister Haberkorn eingetroff en. noch nicht LZLum Teil aufgenommen, zum Teil ausgehoben worden. St auf Credit des Amts aufgenommen worden. Similiter. 200 fl. sind auf Credit des Amts, die übrigen 663 fl. 30 Xr. von einzelnen Gemeinden privatis aufge- nommen worden. 2 Man erkennt den Vorteil dieses Verfahrens ohne weiteres. Von der bis zum 13. August eingegangenen Summe von 203 607 fl. ¼ kr. konnte die Brandschatzung der vier genannten Amter mit 140 000 Livres oder 64 166 fl. 40 kr. gedeckt werden, da diese Summe zum großen FTeile auf Kredit aufgenommen worden warzé⁴). Bei dem dann noch verbleibenden Betrag von 130 440 fl. 85 kr. fehlten zur Deckung der Million-Brand- schatzung noch mindestens 300 000 fl., den Gulden zu ungefähr 2,18 Livres gerechnet. Da es nicht mõöglich war, diese Summe wieder aus dem Lande zu pressen, wurden die Landstände veranlaßt, eine Vollmacht auszustellen, auf welche hin die landständischen Obereinnehmer berechtigt waren, die zur Bezahlung erforderlichen Gelder auf Landeskredit unter den möglichst besten Bedingungen aufzu- nehmen²s). Man schrieb also eine Art Kriegsanleihe zur freien Beteiligung aus, bei der ein jeder seinen geforderten oder ver- einhbarten Zinsfuß zugestanden bekam. Zum Glücke des Landes und seiner Bewohner, die in gänz- liche Verarmung und großes Elend gebracht worden wären, falls es zur Zahlung kam, war die Kriegskommission so klug, durch geschicktes Manövrieren die Begleichung immer und immer wieder hinauszuschieben, so daß die Auszahlung noch nicht erfolgt war, als die für die Franzosen eintretende un- günstige militärische Lage dieselben zum Rückzuge zwangasé). Inwieweit und ob von der Brandschatzung eine größere Summe abgetragen wurde, läßt sich leider heute nicht mehr mit Sicherheit feststellen. Mit der Million-Brandschatzung und den ungeheuren Liefe- rungen hatten die drückenden Lasten aber noch nicht ihr Ende erreicht. Am 25. August 1796 schrieb Gauthier für die herrschaft- lichen Domänen und adligen Güter eine neue Requisition aus, die Gießen(einschließlich der Kommende Schiffenberg, die später davon befreit wurde), Laubach, Arnsburg, Münzenberg betraf und die innerhalb kürzester Frist zu liefern warzé*). Ver- langt wurden: 264) I. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. 265) II. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. 266) Ebenda; vgl. auch Buchner, Aus Gießens Vergangenheit; Crome, Selbstbiographie. Die da enthaltenen Angaben bezüglich der Höhe der Brandschatzungssumme für Gießen widersprechen der amt-— lichen Aufstellung. 26 ⁄) LI. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. 83 6000 Zentner Früchte, 6000„ Hafer, 1000„ Heu, 500„ Stroh, 150 Stück Vieh. Falls nicht lieferbar, wurde vereinbart, zu verrechnen: den Zentner Korn(Früchte) mit 6 ¾ fl., den Zentner Hafer mit 8 fl. 10 kr., den Zentner Heu mit 3 fl., das Stück Vieh mit 75 fl. Die Erfüllung der Requisition erfolgte zum Teil in Lieferung des Verlangten, zum Teil machte man von der Vereinbarung Gebrauches). 3 Am 30. August verlangte Gauthier nochmals 300 Fuhren, von denen 50 schon am nächsten Tage in Wetzlar sein sollten. Nur unter größten Schwierigkeiten und mit Anwendung von Oewalt konnte der Forderung nachgekommen werdens?). Die Lage spitzte sich von Tag zu Tag zu, und offene Wider- setzlichkeiten der Bevölkerung kamen immer häufiger vor. Da brachte der Rückzug der Franzosen im September 1796 die Hoffnung auf eine Besserung. Aber man sollte sich getäuscht haben. Mußte Stadt und Land bisher an die Franzosen liefern und für ihren Unterhalt sorgen, so verlangte Erzherzog Karl nun dasselbe für seine Truppen. Ein großes Magazin wurde in Hachenburg eingerichtet, wohin alle Forderungen zu erfüllen waren²*⁰). Kein Wunder, daß unter diesen Umständen und bei der Verarmung des Landes und seiner Bewohner die letzteren sich den Auspressungen widersetzten und sich weigerten, die Lieferungen zu stellen. Bereits am 21. September 1796 war es soweit gekommen, daß die Fürstl. Kriegskommission sich an die Regierung nach Darmstadt wenden und um Herlegung einer Truppenabteilung bitten mußte, zur Unterstützung der Kriegskommission, zur etwaigen Einziehung der Requisitionen, wie auch zum Schutz der Stadt und Bürger gegen Obergriffe der Landbevölkerung-t¹). Der Gegensatz zwischen Stadt und Land hatte sich also damals beträchtlich verschärft. Schon am 18. September 1796 hatte sich Erzherzog Karl in einem eigenhändigen Schreiben an die Kriegskommission nach Gießen gewandtzt²) und unter Klarlegung des dringenden 268) IHH. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. 269) Kriegsgeschichte Gießens; H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 235. 270) HI. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 229. 271) Ebenda. 272) Ebenda. a Bedürfnisses bis zum 25. September nachfolgende Lieferung nach Hachenburg verlangt³): 20 000 Laib Brot, je 4 Pfund schwer, 4000 niedere österreichische Metzen Hafer, 2000 niedere österreichische Zentner Heu; weiterhin sollten binnen 2 Monaten in ô6 gleichen zehntägigen Ratis weitere 4000 niedere österreichische Zentner Mehl, 20 000 niedere österreichische Metzen Hafer und 12 000 niedere österreichische Zentner Heu in das Hachenburger Magazin abgehen. Wo der Hafer nicht ausreiche, werde statt einer Metze Hafer eine Metze Speltz und anstatt 5 Metzen Hafer 4 Metzen Gerste als Aquivalent angenommen. Die Stadt Gießen selbst wurde bei dieser Lieferung, die auch ausgeführt wurde, wie nachstehend belastet mit-⁴): 38% Zentner Menl a 12 kl.= 462 fl., 475 Metzen Hafer à 4 ½ fl.= 2037 fl. 30 kr., 278 Zentner Heu à 4 ⅓ fl.= 1251 fl., wofür die Stadt aufkommen mußte. War die neue Lieferung auch nicht besonders groß, so mußte sie doch das durch die früheren Requisitionen schon ausgesogene Land aufs neue stark belasten. Zum besseren Verständnis vergegenwärtige man sich: Die österreichische Metze Hafer entspricht ungefähr 61,5 heutigen Litern und war ausreichend, um ⅛ Joch Land zu be- säen, das nach heutigem Maß ungefähr 57,5 Ar umfaßte.(Unter einem Joch Land versteht man ein Feldstück von solcher Größe, daß es mit einem Ochsengespann binnen einem Tag umgepflügt werden kann.) 475 Metzen Hafer hätten demnach ausgereicht, um eine Landfläche von rund 9100 Ar= 01 Hektar oder 364 Morgen zu bestellen. Ebenso wäre, um 278 Zentnei Heu abliefern zu können, bei einem mittleren Ertrag von 50 Doppelzentnern vom Hektar, die Ernte von annähernd 3 Hektar oder 12 Morgen Wiesenland erforderlich gewesen. Die Menge von 38 ½ Zentner Mehl(angenommen Weizenmehl) er- gibt ungefähr 4813 Pfund Brot. Gießen zählte damals rund 4000 Einwohner, die bei dem vorausgesetzten täglichen Ver- brauch von 3000 Pfund*s³) somit gut 1 ½ Tage mit Brot versorgt gewesen wären. Unmittelbar nachdem die Kontribution ausgeschrieben war, wurde sie auf die einzelnen Amter verteilt, und zwar so, daß die Amter, die vornehmlich gelitten hatten, wie z. B. Butzbach, Ros- bach, Gießen, Hüttenberg, Königsberg, ⅛ der Lieferung zu 273) Ebenda. 274) St. A. G. Ratsprotokoll v. 19. Sept. 1706. 275) s. Seite 75/76. — 853 erfüllen bekamen, während anderen, die weniger gelitten, wie Bingenheim, Nidda, Schotten, das Buseckertal, ¾ zugeteilt wurden. Die Lieferung für die ersten sechs Tage und die so- fortige Brotabgabe wurde den Amtern Blankenstein, Biedenkopf und Battenberg überwiesen). Wie bei allen vorherigen Abgaben, kam es auch bei der Hachenburger Requisition, besonders hinsichtlich der auszu- stellenden und abzuliefernden Quittungen, zu Unstimmigkeiten, da durch die schlechte Organisation bei der Abnahme ſede genaue Kontrolle fehlte, trotzdem von Gießen ein Mitglied der Kriegskommission zum ständigen Aufenthalt nach Hachen- burg übergesiedelt war-¹¹). Ein bezeichnendes Licht auf die Zustände, in die man durch die Not gedrängt wurde, wirft eine Außerung Erzherzog Karls, der in seinem Handschreiben vom 19. September darauf hin- weist, daß er davor warne, die Lieferungen an Juden zu ver-— geben oder an Makler zu verpachten, was nur dem Wucher Vorschub leisten, Teuerung und Not hervorrufen werde. Da dies nicht in seiner Absicht liege, werde er in dem gegebenen Falle die betreffenden Juden oder Makler festnehmen und „kriegsmäßig“ bestrafen lassen, sich im übrigen aber dann an die Beamten halten, die die Lieferung vergeben hätten-). Man kann nur annehmen, daß des öfteren derartige Fälle vorgekommen waren, die die schlimmsten Folgen nach sich gezogen hatten, so daß sich Karl veranlaßt sah, hiergegen vor- zugehen. Neben der Hachenburger Lieferung, die sich den ganzen Winter hindurch und bis zur gänzlichen Regelung bis in den Pebruar 1797 hineinzog, hatten das Oberfürstentum Hessen und die Stadt keine größeren Verpflichtungen zu erfüllen-*⁵). Die nächsten wertvollen Nachrichten, die Verpflegungs- und Abgabenfrage betreffend, stammen aus dem Frühjahr 1797. Unter dem 5. Februar 1797 berichtet das Gießener Regie- rungskollegium nach Darmstadt, daß auf die gestellte Auf- forderung, bei den verschiedenen Amtern nachzuforschen, in- wieweit noch Truppen verpflegt werden könnten, die Nach- frage ergeben habe, daß dies nur in geringstem Maße erfolgen könne, und daß besonders die durch die französische Invasion am meisten geschädigten Ortschaften und Amter gänzlich ruiniert würden, falls weitere Einquartierungen und unent- geltliche Verpflegungen kämensso). 76) H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 220. 7) Ebenda. 78) Ebenda. 79) Ebenda. S) HI. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 240. 2 2 2 2 36— Dieser Bericht, der, wenn man alles Vorausgegangene über- schaut und auch die tabellarischen Ubersichten der Kriegslasten des Jahres 1796 berücksichtigt, nicht übertreibt, beweist zur Genüge, in welch trauriger Verfassung das Land war. Daß trotzdem mit dem erneuten Vordringen der Franzosen und den abermaligen großen Requisitionen das Oberfürstentum Hessen und die Stadt Gießen wirtschaftlich nicht zusammenbrachen, vielmehr die Kriegszeit gut überstanden, sich sogar rasch er- nolten, ist ein Umstand, auf den nicht oft genug hingewiesen werden kann. Die erste größere Requisition durch die Fran- zosen im neuen Jahr wurde am 19. Mai 17907 ausgeschrieben, in Höhe von 318 600 fl., welche Summe auf Kredit des Landes auf- genommen und auch abgetragen wurdezsl), bis auf einen Rest, der stehenblieb und einige Zeit später seine Erledigung fand. Die in Gießen inzwischen wieder eingesetzte Kriegskom- mission berichtet hierüberes²),„daß der Rest auf die Ver- gleichssumme, nach Abzug der im Lande schon vorher eingetriebenen Partikular-Kontributions-Zahlungen, noch zu zahlenden Gelder, in Höhe von 44407 fl. 45 kr. bis auf einige tausend Livres abgetragen seis²).“ Die schnelle Regelung der Angelegenheit war nur dem energischen Vorgehen der Franzosen zu verdanken, die, nach- dem die Kontribution ausgeschrieben war, und sie merkten, daß man der Begleichung großen Widerstand entgegensetste, eine Anzahl vornehmer Bürger im Lande festnahmen und erst nach Regelung der Forderung wieder freigaben-s4). In diese Zeit fällt eine neue Beschlagnahme, und zwar die des Viehes. Trotzdem die Kriegskommission alle Hebel in Bewegung setzte, da mit der Wegführung des ohnehin schon durch Seuchen bedenklich gelichteten Viehbestandes dem Lande gänzliche Verarmung drohte, konnte zunächst nur erlangt wer- den, daß das noch nicht zusammengetriebene oder wegtrans- portierte Vieh vorläufig den Eigentümern verbleiben sollte, jedoch zur Verfügung der Armee zu halten seiess). In welcher Anzahl das Vieh weggeschafft wurde, geht daraus hervor, daß 7. B. in Gießen allein am 15. Mai 1797 1200 Stück Vieh zum Weitertransport anlangten. Für deren Herausgabe verwandte sich nun die Kommission und erlangte auch schließlich, nach anfänglichen Mißerfolgen, durch Vermittlung des Kammer- assessors Moter und des Hofrats von Schmalkalden von dem General Chérin die Order zur Herausgabe. Aber schon einige 281) Ebenda. 282) Ebenda. 283) Ebenda. 284) Ebenda. 285) Ebenda. — 8— Tage später kam die Gegenorder des Obergenerals Hoche, die die erstere aufhob, so daß nun insgesamt innerhalb weniger Tage 1400 1500 Stück Vieh weggeführt wurdenss). Neben dem Amt Gießen hatten hierunter besonders schwer Ulrich- stein, Alsfeld, Grünberg, Burggemünden und die Riedeselschen Gerichte zu leidens*). Die Stadt Gießen selbst hatte noch unter den persön- lichen Forderungen der je in Gießen sich aufhaltenden französi- schen Generäle zu leiden, die nicht nur, solange sie sich da— selbst aufhielten, bedeutende Lieferungen verlangten, sondern auch an denselben festhielten, wenn sie ihr Hauptquartier von Gießen in die Umgegend verlegten. So berichtet die Kriegs- kommission unter dem 25. Juni 1797 nach Darmstadt an die Regierung-ss): „,...... General Chérin ist noch nier und die über- mäßigen Lieferungen zu seiner Tafel dauern fort. Auch sonst ist noch keine Erleichterung zu verspüren, vielmehr kommen allenthalben Klagen über Exzesse, Gewalttätigkeiten und allzu starke Einquartierung. Vorstellungen hierüber bei den französischen Kommandanten hatten wenig oder gar keinen Erfolg.“—— „Der General Championnet, der sich eben zu Laubach auf— hält, hat für seine Tafel in Schotten verlangts): 1 Tonne Bordeaux-Wein von 600 Bouteillen 1„ dto. ordinären Rheinwein 12 Bouteillen Champagner-Wein alle 10 Tage. Ferner täglich: 20 Pfund Rindfleisch ½ Hammel ½ Kalb 12 Tauben 12 junge Hühner 6 Dutzend Eier 15 Pfund Butter 6 Karpfen 6 Hechte 4 Dutzend Krebse 4 Pfund Kaffee 10„ Zucker 6„ Schokolade 6 Bouteillen französischen Branntwein 4„ Arrak 3 Dutzend Zitronen. 286) Ebenda. 287) Ebenda. 288) Ebenda. 289) Ebenda. — 88 Daß bei solchen Anforderungen Widersetzlichkeiten ent- standen, war kein Wunder. Neben den alltäglichen Lieferungen an Lebensmitteln aller Art liefen des weiteren noch Requisitionen an Kleidungs- stücken, die der Armee so sehr mangelten ²s). Wie dringend die französischen Truppen solche nötig hatten, geht z. B. aus dem Umstand hervor, daß es dem fürstl. Kammerassessor Moter gelang, gegen Zusicherung von 30 vollständigen Monturen, von Championnet die Zusicherung zu erhalten, dem Lande große Erleichterungen zu verschaffen²*l). Dieser hob denn auch tat- sächlich die partiellen Requisitionen auf und versprach, 4000 bis 5000 Mann aus dem Lande zu legen und dasselbe von allen Fourage-Lieferungen in das Hauptquartier zu enthinden¹²). Uberhaupt waren die französischen Generäle für Bestechun- gen äußerst zugängig und ließen sich gegen entsprechende Er- kenntlichkeiten zu mitunter weitgehendsten Vereinbarungen herbei. So wurde Ende 1797 mit dem General Legrand, der in Gießen befehligte gegen ein Douceur im geheimen ab- gemacht³³): 1. Ordres zur Zurückgabe des bereitstehenden Viehes, falls man sich verpflichte, bei einem neuen Marsche für frisches zu sorgen. 2. Daß keine leichte oder schwere Artillerie mehr in die fürstlichen Lande einquartiert werden sollte. 3. Daß in die 3 Amter Gladenbach, Biedenkopf, Batten- berg nicht mehr Pferde gelegt würden, als das 7. Dragoner- Regiment daselbst geholt habe, nämlich 100 oder etwas drüber. Auch sollten neuankommende und verschiedene andere Truppen möglichst ins Weilburgische Gebiet gelegt werden, damit Gießen und Königsberg frei blieben. 4... sollten die Carabiniers, außer der Subsistenz keine Requisitionen an die Amter machen und keine Reparaturen fordern dürfen. 5. Die Kavallerie sollte möglichst ins Mainzische oder das Amt Amöneburg oder Neustadt gelegt, und von dort aus Fourage nach Alsfeld gesandt werden, so daß vorläufig schon die tägliche Lieferung von verlangten 150 Portionen nach Alsfeld den Beamten zu Amöneburg aufgegeben werden könne. Weiterhin solle die in Alsfeld befindliche 1. Eskadron nach Amöneburg verlegt, sowie die Zahl der im Lande be— findlichen Pferde von 1700 auf 1000 herabgesetzt werden. 6. Alle benachbarten Amter sollten zur Brennholzlieferung nach Gießen mit herangezogen werden dürfen. 29⁰) I. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 236. 291) Ebenda. 292) Ebenda. 293) Ebenda. 89 7. Die Verteilung der Truppen sollte, damit sie mõög-— lichst gleichmäßig erfolge, der Kriegskommission vorgelegt werden. Der Ausgang des Jahres 1797 brachte der Stadt Gießen neben den gewöhnlichen täglichen Abgaben und der Sorge für die Verpflegung und den Unterhalt der Truppen keine wesent- lichen erschwerenden Verordnungen. Nur insofern wurde noch eine wichtige Anderung eingeführt, als der tägliche Mittagstisch der Offiziere und die Lieferungen hierfür aufgehoben wurden und dafür täglich von der Stadt zu bezahlen warz?4): für den Divisionsgeneral....... 60 Livres „ 2 Brigadegeneräle....... 10„ „ 1 General-Adjutant, Chef d. Etat-Major 214„ „ 5 Capitaineesds..330„ „ 4A Leiuttenants 0„ zusammen: 214 Livres täglich. Bezüglich anderer Offiziere wurde festgesetzt, daß, wenn dieselben bei ihren Quartierwirten essen wollten, den— selben Suppe, Gemüse, Beilage und Fleisch, nebst einer Bou- teille trinkbaren, guten Weines verabreicht werden solle, falls sie aber sich selbst zu verköstigen beabsichtigten, ihnen auch nach dem festgesetzten Tarif das Geld bezahlt werden könne, wogegen man ihnen nichts weiter schuldig, und nur dafür zu sorgen sei, daß sie beim Einkauf nicht übernommen würden²*s).“ Wenden wir uns zum Abschluß und zur Gewinnung eines Oesamtbildes dem Oberblick über die vorhandenen Zusammen- stellungen der Kriegslasten zu. 1796. I. Stadt Gießen-“s). Die Beschädigungen, welche durch die vorjährige(1796) französische Invasion verursacht worden sind, betragen 29 500 fl. 30 ½¼ kr. Sodann sind durch das fürstliche Depot dem Stadtaerario 235 fl. 18 kr. an Kosten verursacht worden. Das fürstliche Rekruten-Depot hatte folgende Kosten: im Mai und Juni 1796 ist an Stroh geliefert worden.. 42 fl.= xr. an Kehrbesen zur Reinigung der Stuben...... 2„ 28„ anl.... tuch zu Strohsäcken.... 188„ 13» an Zwirn und Macherlohn.. 7„ 0„ vor 12 wollene Deckerl............. 66„=„ an Oel................... 25„ 28„ Summa: 325 fl. 18 xXt. Oießen, 20. Oktober 1797. gez.: Ferber, Bürgermeister. 294) H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 236. 295) Ebenda. 296) Ebenda 1. Conv. 223. 90 Gießen, 23. Oktober 1797. II. Oberamt Gießen. Summarisches Verzeichnis der von dem Oberamt Gießen im Jahre 1796 erlittenen Kriegsschäden“). Nr.. a J V Nach der Tabelle I durch gelrahie Durchmärsche 6 476 44 IINach der Tabelle II durch Velraene Cantonierungs- Quartiere..2 474 51 IIINach der Tabelle III durch gestellte orohaune 11 6890 56 IV Durch gelieferte Naturalien † 15076 51 VAn sonstigen Schäden ††. 4 19 995 11 VIFür Botengänge, Transportkosten und Diatem sind aus der Amts-Kasse bezahlt worden l'“. extr. des Rechners. 130 58 Summa: ſ 56 744 311, gez.: clieferten Naturalien: 93). Tabelle IV(siehe † in der vorhergehenden Verzeichnis der von dem fürstlichen Oberamt Gießen in die K K Magazine, Spitäler, Feldlager und Piquets im Jahre 1706 Meyer. Hauptliste). 20:) H. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 223. 293) I. ui. St. A. D. VIII, 1. Conv. 223. Name der Brot Mehl fiate Gersic Heu Stroh flol⸗ Oel Ortschalten Por- e uer. R- ſlerr. Ra- ſdi — tion Ze u¹ lionen ² nin. ltionen Zenin IEuder Gebd. Klaft.[Maas Großen-Linden 938 15 ⅓) 200 7 741 51 o9 3 u,, 3 klein-Linden[2 916 12 2216„ 22 24 17„ 2 fleuchelheim 1oOs 6 ½ 388 36 410 21 4 8 a, Rodheim 7000% 3 872 15 80s 5 Fellingshausen 60 4 19 22 13— Lollar 248 7 301 30 964 23 3 30 10 Ruttershausen 457 4 ½ 146 26 216 15 2 6 Staufenberg 792 1o 463»⸗ 110 32. Mainzlar 840 8 366 48 288] 23— 15. Daubringen 312 4 1200 25 148 14— 3—— Wieseck 717 6 1 350 34 1850] 10 14 30 ½ 1% Trohe 32 2 20 1 20 56 Steinbach 300 11 600 62 510 365 1—— Garbenteich 300 300 51 380 3J5 1 Watzenborn- V V Steinberg 674 5 653 26 673] 16 3 20 7c½f Summa: ſ 603 08 7 823 540 0 334 320(2 25 85, 07. 91— Dies macht an Geldwert aus-¹²): 1) 7 603 Portionen Brot à 2 Pfund zu je 8 xr. 1 013 fl. 44 Xr 2) 98 Niedere österr. Zentner Mehl mit Fuhrlohn à Zentner 12 fl... 1 176„= 3) 7 823 Rationen Hafer à 33 xr... 4 302„ 30 4) 5490 Niedere österr. Zentner Hlafer à 5 fl. 20 xr. einschl. Fuhrlohn... 2 92838„— 5) 9 334 Rationen Heu à 22 xr. 3 422„ 28„ 6) 320 Niedere österr. Zentner Heu à 5 fl. Leinschl. Fuhrlohn 1 600»„ 7) 62 Fuder 25 Gebund Stroh à 8 fl. 502 8) 85%¼ Klafter Holz à 12 fl. 1 023„— 9) 6 ¾ Maas Oel à 1 fl. 20 Xr. 9 o— Summa: 15 976 fl. 51 xr. Tabelle V(siehe †† in vorhergehender Haubtliste). Verzeichnis der von dem fürstl. Oberamt Gießen durch die vereinigten, hauptsächlich K. K. Truppen, außer den in Tab. I, I!, 1ll berechneten, ferner erlittenen Schäden im Jahre 1706⁰0): ſ 9 52 55 3[2,35 ½⁸ 4;1 ⸗ 25(225 1 7?5 2 5 2 1 24552 Nare 32½ 5122 15 der 25 ½=² 2 2= 25 5 Ortschaften 1s7 S5 eee 1 2 ½ 8 38 2 2 3 55 17 2s 5[25 2425 .[Xr. ül xr. fl xr. fl. Xr. fl.[xr. —————— Großen-Linden. 80 28— 132= 60376 36 Klein-Linden 114 7 12 10 202 27— 7130 2 Heuchelheim 331 19 45 6] 10 42 666 30 Rodheim. 421 56— 262-— 48— 150— Fellingshausen. 30 3— 3 30 41 32 Lollar. 438 38 8— 28—— 102— Ruttershausen 14— 10 21— 48— Staufenberg. 17 30 e—— Mainzlar. 22 45 5 241214—— Daubringen. 15 22 8 24 26 3— Wieseck 357 12 16 45 77 20 8s 30 1004 36 Trohne.———=—, Steinbach. 92 36 76 30 36————- Garbenteich. 69 26 141 6—— 30— Watzenborn-Steinberg 305 12 157 40 46 8 40 Summa. 2320 50 527 23 843 23 136 30 16 157 56 Summa-Summarum 19 005 fl. 11 xr. 299) II. u. St. A. D. VIII, 1. ConV. 223. 300) II. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 223. — 02 Nta. Der unter den Schäden der letzten Kolonne begriffene Schaden in dem Großlinder- und Wiesecker Wald beträgt nach G einer ungefähren Taxation 6000 fl. III. Oberfürstentum Hessen. Summarischer Rechnungs-Extrakt der Rechnung über die im Jahre 1796 im Oberfürstentum Hessen erhobenen französischen Brandschatzungsgelder und des zu deren Beitreibung weiter erforderlichen Darlehens¹⁰¹). Einnahmen: Prandschalzumsgelddelz..... 2206 728 fl. xXr. vOr Nafliral-Iicferumnmgg....... 12 753„ 23„ aufgenommene Kapitalien........ 774 080„—„ Insgemein. 2 657„ 41 ½ Summa: 206 219 fl. 5 ½ xr. Ausgaben: an das französische Kriegs-Kommissariat... 133 772 fl. 55 xr. VOI BIOd....... 3 183„ 4„ vor Fleisch.....2 025 ⸗ 50„ vor Wein, Bier, Brandewein. 7600„ 71%„ vor Pferde, Ochsen und Schlachtviehn 7 752 ⸗ 12 vor Foiraeegsgag....20074„ 14 vor Ioooooo 572„ 2„ vor Krämner- Waren....... 546„—„ vos Sehuhehcehehe 277„ 30„ an Büchsenmacher, Wagner, Schlosser pp. 1 015„ 22 arn ehinh 947„ 41 an Diäten... 2 885 20 baar zurückbezahlt und verpület 92 723„ 1 7 74 Insaemer.........3333 034 2lh» Summa: 296 219 fl. 5 ½ xr Vergleicht sich: Fez.: Dfaff. 1797. I. Stadt Gießenso-). Die Kriegsschäden vom 1. Januar bis 21. April 1797 be- tragen 8544 fl. 18 ¾ kr. Gießen, 20. Oktober 1797. gez.: Ferber, Bürgermeister. Weitere amtliche Aufzeichnungen der Stadt Gießen über Gesamtausgaben sind leider nicht vorhanden. 301) Il. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 240. 302) II. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 223. 93 II. Oberamt Gießen. Summarisches Verzeichnis der vom 1. Januar bis 1. April 1797 erlittenen Kriegsschädensos). Nr. 8 4 I. xr Nach der Tabelle l durch CChabie Durchmärsche 730 37 11 b Nach der Tabelle II durch getragene Cantonierungs- Quartiere. 9 778 33 IIINach der Tabelle III durch gestellte Vorspanne 2 693— W Durchl gelieferte Naturalien †....... 1 801 45 VAn sonstigen Schäden ††.. 2 430 58 VI Durch gestellte Fuhren zum Abgraben der Dill und den Schanzen bei Garbenheim.... 814 30 VII Für Botengänge, Transport-Kosten und Diäten, wo aus der Oberamtskasse bezahlt worden lt. Ex- trakt des Rechnes. 84 21 Summa: 18 423 44 Gießen, 23. Oktober 1797. gez. Meyer. Tabelle IV(siehe † in vorhergehender Hauptliste). Verzeichnis der von dem fürstl. Oberamt Gießen in die K. K. Magazine und Spitäler, Feldlager und Piquets von Anfang 1797 bis 31. April elieierten Naturalien: 4). an allerhand Name der Srod Hafer Heu Stroh Hol= Oel kl. Lieferung. Ortschaften bor Ba. Ra. in das Spital ———— lionen Etionen ltionenl Euder Oebd. Watt. Maas] Großen-Linden—— 151 5 30 9%¾ 13 ½ 16 42 Klein-Linden 172 34 117 5 50 3 còe 04— Heuchelheim————— Rodheim———— 8 Fellingshausen——————— 2 Lollar— 13 71——— 8 Ruttershausen———— 2— 3 Staufenberg 1—— 35*5=—— Mainzlar 1—— 40————— Daubringen———— Wieseck 110— 60— Trohe———— 4— Steinbach 7092 780 780— 41 9— Garbenteich—— 171 é 1—— Watzenborn- Steinberg 60 98 534 1 40 7 2 15 Summa: ſi 125 925(1 900 13— 26 ½ 48 ½¼ 16 42 303) Hl. u. St. A. D. VIII, I. Conv. 223. 304) I. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 223. 94 Dies macht an Geldwert aus³o?⁵): 1) 1125 Portionen Brod à 3 xr....... 18550 fl.— xr. 2) 925 Rationen Plafer à 33 XE......... 5083„ 45„ 3) 1 000 Rationen Heu à 22 xTr.... 174177432„ 58 4) 13 Euder Siron 4 S 11...... 104„— ) 26 Kalier IIOl⸗ 315„— 6) 48¹ 94 Maas Oel aà l fl. 20 XE... 64„ 20 7) Die Lieferungen an verschiedenen Viktualiem und Ge- ratschaften in das Spital........... 16„ 42 Summa: 1 891 fl. 45 xr. Tabelle V(siehe †† in vorhergehender Hauptliste). Verzeichnis der von dem fürstl. Oberamt Gießen durch die vereinigten, hauptsächlich K. K. Truppen, außer den in den vorgeschriebenen Tabellen berechneten ferner erlittenen Kriegs- schäden¹oe). ——— S5, 5 5 ſS5g s..— B=5E eh k 255 353 =8S8S 2”=''’Ä= Sg ν 13,1 5 5 e=SSS 3 Sal 2— 8 2*— G— Name 55 325 835 356 24 85 22.E 5=5 8 3 2 5S=SS=SS der 5 2 1E E= 3 5. 3 5 5 2 5. 58 25 88 31— Ortschaften 25252 3 9 5S· 25 1SSS2 e 5 8. 5 2 3 FE2S 2. 5— S. 2 FS:S SEEE EZ 5 25S Z. 2 2* Sch⸗ 2 S= 5 fl Xr. fl.[xr. fl. XIr fl. xE. fl.[XT. ———— 3 2 5 Großen-Linden.. Klein-Linden..— 12 24 34 32—— 008 42 Heuchelneim V 4—=————— Rodheim. 102— 470 . Fellingshausen.——— Lolr--.... s Y.RRQ. Ruttershausen 3— Staufenberg...— 5 5 Mainzlar.— Daubringen....— 4-S—= Wleseck.....= V-===S Irohde—-=- Steinbacti 138 48 43 12 99 338— Garbenteicn.....-S 4— Watzenborn- teinberg 61 8——————— Summa: f 214 56 63 48 B3532 90— ſ1916 42 Summa-Summarum 2 430 fl. 58 xr. 305) Pl. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 223. 306) Il. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 223. — 95 Die Zusammenstellungen über die Schäden im ganzen Jahre 1797, die sicher ebenso wie diejenigen von 1796 vor- handen waren, sind in den Archiven nicht mehr enthalten. auch fehlt die Aufstellung für die Einnahmen und Ausgaben des Oberfürstentums Hessen.. Sind in dieser Hinsicht die hier wiedergegebenen Tabellen auch lückenhaft zu nennen, da sie das Gesamtbild nicht ab-— schließen können, so geben sie doch einen wertvollen Beitrag zu der geschilderten Geschichte der Kriegsschäden der Jahre 1796 und 1797, die für Gießen und das Oberfürstentum Hessen So verhängnisvoll waren. 8 Nachwort. Von welch großer Tragweite die Franzosenjahre für Gießen waren, läßt sich kaum übersehen. Daß alles umgestür⸗t wurde und die Folgen sich teilweise nahezu ein Jahrhundert lang fühlbar machten, läßt sich denken, allein, wenn man schon das gesamte Steuerkapital der Städte und Amter des Ober-— fürstentums Hessen mit 1751 0109 fl.²⁰7) in Vergleich setzt mit den hohen Kontributionen und Abgaben. Fierbei ist noch in Betracht zu ziehen, daß die adlig freien Höfe im allgemeinen von den Kriegsfrohnden befreit waren und nur in ganz be— sonderen Fällen herangezogen werden konnten. Dazu rechne man einen Geldwert, der fünf- bis sechsmal so hoch zu stellen ist wie der heutige. Das Land bedurfte zu seiner Gesundung nach dem Kriege aller Hilfsquellen, vor allem des eignen im Inneren befindlichen Geldes. Die Regierung erkannte schon 1797 die Wichtigkeit dieser Frage. Am 11. August 1797 erließ Ludwig X. ein Dekret, das bestimmte, daß jeder Fremde, der in Hessen erbe oder Vermögen habe, ebenso jeder Einheimische, der auswandere, bei Exportierung seines Vermögens 5% von dem zu expor- tierenden Vermögen bar zu hinterlegen habess). Wie die Regierung, so wirkten auch die Städteverwaltun- gen für den Zusammenhalt und die gemeinsame Arbeit zur Ubherwindung der Kriegsschäden. Nur all diesen Bemühungen und der gesunden Kraft des hessischen Volkes ist es zuzu— schreiben, daß das Oberfürstentum Hessen und mit ihm die Stadt Gießen die Schwierigkeiten des finanziellen und wirt- schaftlichen Aufbaues verhältnismäßig leicht überwanden. 307) fl. u. St. A. D. VIII, 1. Conv. 240. 308) O. M. u. W. G. S. kl. M. 33, Is. Literaturverzeichnis. Archiv für hess. Geschichte und Altertumskunde, Neue Folge, Bd. 5 Darmstadt 1907. Bahrdt, C. Frch., Geschichte seines Lebens, seiner Meinungen und Schicksale, Frankfurt a. M. 1700. Beyhoff, Fr., Stadt und Festung Gießen im Zeitalter des Dreißig- jährigen Krieges, Dissertation, Gießen 1914. Buchner, O., Gießen vor 100 Jahren, Gießen 1886. Buchner, O., Aus Gießens Vergangenheit, Gießen 1886. Chastel, Fr. Thom., Tagebuch über die kriegerischen Freignisse in und um Gießen vom 6. Juli bis 18. September 1796. Hrsg. von Dr. E. Heuser, Gießen. Crome, A. Fr. Wilh., Selbstbiographie, Stuttgart 1833. Denkwürdigkeiten der Geschichte des Feldzuges von 1796(Jour-— dans Feldzug). Aus dem Französischen von Backofen v. Echt, Coblenz 1823. Ditfurth, M. v., Erzählungen aus der hessischen Kriegsgeschichte. Kassel 1850. Erzherzog Karl v. Osterr., Grundsätze der Strategie, erläutert durch die Darstellung des Feldzuges von 1796 in Deutschland. Wien 1819. Europ. annal, jahrgang 1707, 2. Bd., hrsg. v. D. E. L. Posselt, Tübingen. Fabricius, C. A., Die Bevölkerungsaufnahmen in Hessen-Darmstadt bis 1858(Beitr. 2z. Stat. des Großh. Hessen 3.) Darmstadt 1864. Geschichte des Feldzuges 1796, aus dem Englischen übersetzt von A. G. L. Lentin. Göttingen 1798. Gießener Wochenblatt von 1766—1702. Gießener Intelligenzblatt von 1792—1709. Heigel, K. Th., Deutsche Geschichte. Stuttgart und Berlin 1911. Hild, Fr., Neuere Militärchronik des Großherzogtums Hessen, I. Teil. Darmstadt 1830. Jahresbericht des Oberhess. Vereins für Lokalgeschichte 1884— 85. Kriegsgeschichte der Stadt und Festung Gießen und deren um-— liegenden Gegenden vom 7. Juli bis zum 19. September 1796 von einem Augenzeugen. Gießen 1706. 98 Krüger, K., Gießen im Feldzug 1796. Bote aus Oberhessen, 1807, Nr. 243. Lauckhardt, Leben und Schicksale. Mémoires du Maréchal Ney. Bruxelles 1883. Mitteilungen des Oberhess. Geschichtsvereins, Bd. I, 1880. Mohr, Kriegsgeschichtliche Wanderungen durch Gießen und Um- gegend. Gießen 1905. Pahl, Materialien zur Geschichte des Krieges im Jahre 1706. Preuß, H., Entwicklung des deutschen Städtewesens. Leipzig 1006. Quartalblatt des histor. Vereins f. d. Großh. Hessen, Jahrg. 1885, Nr. 2. Rommel, Chr. v., Geschichte von Hessen. Marburg u. Kassel 1820 bis 1858. Schneidawind, Fr. J. A., Geschichte des Feldzuges der Franzosen in Deutschland, 1796— 1797. Darmstadt 1838. Sybel, H. v., Geschichte der Revolutionszeit, 1780— 1800. Düssel- dorf 1853. Privil. Zittauisches Topographisches, Biographisches, Pistorisches, Monatliches Tagebuch. Monat Dezember 1800. Die Universität Gießen von 1607— 1907. Festschrift zur 3. Jahr- hundertfeier. Gießen 1907. Zeitschrift für Kunst, Wissenschaft und Geschichte des Krieges, Jahrg. 1827 und 1828. Berlin, Posen u. Bromberg. Zimmermann, G., Gießen vor 100 Jahren, seine Hochschule und sein Zusammenhang mit der deutschen Nationalliteratur. Didaskalia, Unterhaltungsblatt des Frankfurter Journals, 1880, Nr. 120— 133. Abkürzungen. Es bedeuten: II. u. St. A. D.= Haus- und Staatsarchiv Darmstadt. O. M u. W. G. S. Oberhessisches Museum u. W. Gailsche Samm- lungen. St. A. G. Stadt-Archiv Gießen. Hs Handschrift. Kl. M.= Kleine Mappe. Lebenslauf. Am 18. juni 1893 wurde ich als Sohn des Architekten Hans Meyer zu Gießen, evangelischer Konfession, geboren. Ich be- suchte zunächst das Gymnasium, sodann das Realgymnasium meiner Vaterstadt und trat 1910 in die Obersekunda des Real- gymnasiums zu Darmstadt ein. Dort bestand ich im Frühjahr 1913 die Reifeprüfung unter Befreiung von der mündlichen Prüfung. Ich wandte mich nun dem Studium der Geschichte, Kunstgeschichte, Archäologie und deutschen Philologie zu. Iim Winter-Semester 1913/14 besuchte ich die Technische Hoch- schule zu Charlottenburg, wo ich mich mit Architekturwissen- schaft befaßte. Im Sommer-Semester 1914 kehrte ich nach Gießen zurück und gehöõre seit dieser Zeit der Universität als Studierender an. Bei Kriegsausbruch war ich zunächst im Dienste des Roten Kreuzes tätig und trat dann im Frühjahr 1915 als Fahnenjunker im Infanterie-Regiment 87 ein. Im Juli des- selben Jahres als D. U. entlassen, stellte ich mich im August als Kriegsfreiwilliger bei der Train-Abteilung Nr. 10 in Hannover. Im Dezember 1915 wurde ich zum 1. Ersatz-Bataillon 116 nach Gießen versetzt, zum Sanitätspersonal überführt und fand Ver-— wendung auf dem Geschäftszimmer des Reservelazarettdirek- tors. Seit dieser Zeit wurde es mir wieder ermöglicht, in freien Stunden meinen Studien obzuliegen. Im Januar 1917 wurde ich für die Presse beurlaubt.— Meine Lehrer waren: Behaghel, Collin, Goldschmidt, Hamann, Helm, Knoellinger, Koch, Laske, Müller, Rauch, Roloff, Scheffler, Schubring, Schulz, Siebeck, Watzinger, Wolff. PLAN de la Ville de Sissen 1759 Légende. A) Porte et Bastion de Marpurg. 8) Bastion du Souterain. C) Bastion de l' Arcenal. D) Porte et Bastion du chemin neuf. E) Redent de l' Hopital. F) Bastion des Fours. G) Porte et Bastion de Butzbach. H) Redent de la Sortie des Eaux. ꝛ) Porte et Bastion de la ville neuve. K) Bastion de la Fondérie L) Bastion de la Parade. N) Demi-lune de Marpurg. N) Demi-lune du chemin neuf O) Ecluse du Viseck P) Demi-lune de Butzbach. O) Lunette de St. George et Sortie des Eaux. R) Demi-lune de la Ville neuve. S) Lunette du Moulin et Entrée des Eaux T) Places d' armes. V) Temples. W) Hotel de Ville: ⁴) Arcenal v) Ancien chateau et Place d' arme. Z) Université. Hotel de la Régence. . Corps de garde de la place. Manege. Place du marché. Moulins Ponts de Communication. Echelle. ARTU S ing. eur Or. ſe du Roy. ttung Gießen 2eit 1706/1797. ſ⸗ ſa — 2 0 — — ³ X Q 4— G 12 1 1918 Steindruckerei. R. Lange, Qieben.