хан ув 3246 LL go gb 3246 Unterhaltungen mit Gott in den Abendkunden VOR Johann Friedrich Tiede, Königl. Preußischer Konsistorialrath, Inspektor und Pastor primarius zu Schweidniz. 3 weyter Theil Reutlingen, bey Johann Jacob Fleischbauer, Alter. 18 13. Go 3246 Univ.- Bibl. Giessen Der Monat Julius. Der ite Julius. 3um Himmel nie zu jung, Bur Tugend nie zu matt: Roch heut, o Mensch! sey lebenssatt: Dazu sind Tage genung. S ie alt muß ich denn werden, um meine gesamte Pflichten nach Möglichkeit zu erfüllen? Gehören immer Jahre dazu, ehe sich eine neue Tugend entwickeln kann? Wie unglücks lich, wenn ich von der Zeit abhienge! Nein, sie hänget von mir ab: denn ihre Dauer beruhet auf der Vielheit unsrer Gedanken oder Handluns gen. Ein fünfzigjähriger Mensch, der zwanzig Jahre verschlief, und zwanzig andre nach Leib und Seele mäßig gieng: hat er so viel gelebt, ist er so alt als ein Jüngling, der jeden Tag mehr dachte, hörte, sab; als jener binnen Monatsfrist? Es giebt tråge Kinder, welche im vierzigsten Jahs re erst verständlich reden und halbmenschlich dens ten lernen. Nicht der Körper, sondern die Sees le bestimmt unsre Lebenslänge. Tiedens Ubendand. II. The 21 Der ite Julius. Das Ephemeron( Augst, Haft, Uferaas) ist eine Gattung Fliegen, die nach ihren verschieds nen Urten doppelt oder dreifach geschwänzt sind. Nachdem sie zwei, drei Jahre als Würmer im Wasser gelebt haben: so verwandeln sie sich in dies ser Jahreszeit, nach oder gegen Untergang der Sonne, in Fliegen mit vier durchsichtigen Flügeln. Sie eilen alsdann, ihre sieben bis achthundert Eier ins Wasser zu legen, und zu sterben. Einige häus ten sich noch, nachdem sie schon Fliegen sind. Das her werden unsre von ihnen beseßne Kleider, wenn wir des Abends am Strande gehen, mit diesen Hüllen wie beschneiet. Einige Arten dieser Insels ten leben einige Tage; andre aber kaum eine Stuns de. Zeit genug, um ihr kurzes Daseyn anståndig zu beschliessen. Man denke sich einen Greis von ans derthalb Stunden unter ihnen, welcher wie wir empfände, oder seine Empfindungen wie wir auss drückte: so würde er etwa folgendermassen reden: Endlich wird doch auch mein Ende kommen. Ich habe sehr lange gelebt und viel erfahren. Meine Freunde und Bekannten, ganze Geschlechs ,, ter sind vor mir ausgestorben. Ich bin des Les ,, bens fatt, denn ich habe alles gesehen und überlebt. Kaum war ich geboren, als alles um uns her finstrer, und unser Teich immer fälter ward. Bis ,, auf mich ist nun alles todt. Die Welt wird also wol untergehen, denn was wäre sie ohne Ephes ,, merons? Ach! was für schlechte Zeiten sind das gegen die angenehme Zeiten meiner Ju gend! Ich habe sehr viel erlebt, und sterbe gern. Denn was könnte ich noch hoffen, da meine Sins nen 11 Der ite Julius. 3 ,, nen abgenußt sind, und der Tag sich in Nache ,, verkehret hat." Gott! schon wieder ein halbes Jahr zurück gelegt, und wie viel habe ich nicht darinnen erleben Fonnen! So flein dieser Abschnitt meines Lebens scheint, und so flatterhaft ich auch war, so habe ich doch viel gesehen und erfahren. Im Jenner lange, sternhelle Nächte; im Februar schneidenden Frost; die Erstlinge der Gartenluft im März; Wetter im April, wie meine Denkungsart und wie mein Schicksal; dann bei immer steigender Sonne Blumen und Baumblüten. D! ich sah in diesem Zeitraum mehr als ich begreifen und verantworten fan: aber sah ich in allen auch dich mein Gott und Vater? Kam ich meinen Pflich ten bestmöglich nach, oder verschob ich vieles auf folgende mögliche Jahre? Aber auch achzigjährig bin ich doch nur ein Ephemeron; auf den morgens den Tag darf ich nie rechnen. Vergib, langmüthiger! wenn ich meine Monate und Jahre verschleuderte! Noch heute Fann ich viel leben, wenn ich mich mit dir unters halte, und deiner Güte nachdenke. Aber auch diese Nacht kann ich sterben: welche Erfahrung! Stürbe ich heute alt und lebenssatt? A 2 Der 4 Der 2te Julius. Sep mir armen Sünder gnädig, Gott! mein Gott! errette mich! Ach! mein Herz, von Troste ledig, Seuft zu dir und harrt auf dich. Bater! sieh, was ich gethan In dem Blute Jesu an! Du willst nicht, daß Sünder sterben, Sondern deinen Himmel erben!" Allmächtiger! wie klein wird der Mensch, fo bald er dich gedenkt! Ein aufmerksamer Blick gen Himmel macht jedes Geschöpf schwinds lich. Selbst die Berachter deiner Befehle finden dich alsdann so groß, daß sie dich, um nicht gar zu versinken, so weit erniedrigen: als bekümmers test du dich um den Umeishaufen des menschlichen Geschlechts wenig oder nichts. Majestätischer Gott! mit diesem Ausdrucke müßte ich zits ternd meine Abendandacht beschliessen, und wo mdglich auf Gerathewohl cafchlafen, hätte mir Jesus nicht das Recht erworben, ein vertrauliches Gebet um Gnade zu thun. - Langmüthiger, für Liebe brennender Vater! zuversichtlich nähre ich mich dir! Und wenn alle Sonnen und Welten jetzt unter deiner drohenden Rechte erzitterten: auch unter deinen Donnern ers hält mich der Gedanke: ich bin dein Kind. Das Blut deines Schnes hat meiner Seele einen Abel ers theilet, Der 2te Julius. theilet, daß sie nicht verzaget, wenn auch Berge mitten ins Meer und Sterne in ihr altes Nichts versänken. Sonne, Mond und Planeten werden am füngsten Tage ihren Schein verlieren; ich aber werde alsdann in meinem wahren Lichte glänzen. Aber ach! eben diese zur Herrlichkeit bestimme te Seele zerarbeitet sich unter der last vieljähriger Sünden, die gleich Sandhügeln, in welche ein Sturmwind blåset, mir alle heitre Aussicht bes nehmen. Verstatte ich es meinen Lebensjahren, wider mich zu zeugen: o! so hat kein Schlachts feld jemals so gewinnfelt, als meine getödtetett Stunden. Jede, ohne dich, mein Gott! verlebt, Flaget mich als einen Mörder an, und rufet die Hölle zur Rache. Gnade! Herr Jesu! Gnade über mich den bußfertigen Sünder! Jch, ich sehe die furchts bare Wage in deiner Hand. Uuf einer Schale liegen de: ne Forderungen, kehren, angebotne Kräfte. fast aufgezwungene Gelegenheiten zum Guten, und Berge göttlicher Wohlthaten. Die andere Schale sinkt im geringsten nicht, wenn ich gleich allen Sonnenstaub meiner Tugenden zusammen kehre. O! ich gebe die ganze Rechnung meiner Verdiens ste auf, und finde Beruhigung in dem Gedanken: daß ich ganz deiner Gnade lebe. Wie schudde muß der denken, der mit Gott rechten oder handeln will! Gott schenket, der Gedanke ist richtig; der Mensch bezahlet oder Gott muß ihm bezahlen, der Begriff ist albern. Es ist nur Ein Mitts Fer zwischen Gott und den Menschen. Nur du, 23 mein Der 2te Julius. mein Heiland! fanft geschehene Uebertretungen ungeschehen machen. Erbarm dich, oder ich wers de Teufeln ein Schauspiel. Sen mir gnädig, oder Engel und Selige müssen über deine Härte trauren. Aber Freude im Himmel und beschämendes Schrecken in die Hölle, wenn du mir alle meine Günden so uneigennüßig und göttlich vergiebst. Ja, du Sünderfreund, du wirst mir vergeben, und mir zur Besserung meines Lebens( denn bessern muß ich mich immer!) Einsichten, Kraft und Gelegenheit verleihen. Ewig,( o! wie groß wird hier mein niedergeschlagenes Herz wieder! ewig bin ich ganz der Deine und im höchsten Verstande ein Christ. Je mehr ich hier um Gnade bat: desto mehr werde ich dort von Gnade singen. Die Seligkeit würde nicht so groß seyn, wenn wir sie mühsam hätten verdienen müssen. Aus Gnaden bin ich was ich bin jezt ein schlafender mit Gott ausgeföhnter Sünder, und wenn ich allenfalls noch einige tausend Nächte verschlafen habe: ein ewiger Geist, den Gnade und Erbars mung zum Engel verklärt. Der Der 4te Julius. daß er, wohl angewandt, am Gerichtstage mehr gelten wird, als brillantirte Orden. O, wie ewig glücklich kann uns das Geld machen! Und wenn es das nicht thut, so ist es falsche Münze. II Ich, spricht ein andrer Seliger, ich war ver loren, wenn du mir, Gott! nicht jenen Schuh: engei( hier wird mein Name genennt) fantest, welcher mich durch Ermahnung, und noch mehe durch seinen Wandel retzte, eine Denkungsart zu verlassen, welche mir schon zur andern Natur ward. Ja, rufen noch andre himmlische Stimmen: auch mir ward seine Tugend bekannt; mich hat er zum Gebet, mich jur Dankbarkeit, mich zu erbaulichen Betrachtungen der Schöpfung gereizt. Wären doch feine Prüfungsjahre bald vollendet: ewig freuen wir uns mit ihm! Meine Eltern und Lehrer neh: men an meinem Triumphe theil, und Jesus vers heißt ihnen: daß ich bald mit ihm im Paradiese seyn soll. Ich Armer! schmeichle ich mir zu sehr, und kann ich solche vortheilhafte Urtheile von reinen Geistern erwarten? Waren meine Almosen, meine Ermahnungen und Beyspiele nicht viel zu klein und ungestalt, als daß ich so erhabene Früchte davon hoffen dürfte? Blieb ich nicht immer auf dem hals ben Wege? Schleichen sich bey meinen Tugenden nicht Nebenabsichten und Nachläßigkeit ein? Jedoch, du Herr Jesu, spricht mich los, desn ich klage mich aufrichtigst an. Ich will also in der Einsamkeit vor dir mein tob im Himmel hös ren, und diese Stimmen sollen mich kräftiger zum Guten Der 5te Julius. Guten reizen, als alle Verführer zum Bösen. Lobet mich der Himmel: so kann ich die Beschim-: pfung der Erde ertragen. Wie sehr erhebt die Frommigkeit den armen Menschen über sich selbst! Er dünket sich nichts, und sein Name ist schon so Herrlich im Himmel! 12 Der ste Julius. Hier weiset mein Gewiffens Buch, Dort aber des Gesetzes Fluch Mich Sündenkind hinab zur Höllen; Da, wo man ewig leid't, Ach, Jammer, Angst und Hülfe schrei't. Mein Dein Name wird in der Hölle genannt. Vers dammte klagen sich an, daß sie sich an mir verfündigten; Fairschen mit den Zähnen, daß sie meinen Rath verwarfen; verfluchen sich, daß sie mich zur Sünde reizten. Und ach;- diese Gimmen scheinen mir bekannt zu seyn: wie? sind es nicht meine Gott! ich wage es nicht, den schrecklichen Gedanken auszudenken. - Was höre ich? Welche Urtheile über mich in der Hölle! Man trägt Mitleiden mit mir daselbst! O mein Gott! selbst die Hölle vereis niget sich in diesem Glücke mit dir? Alles hat Mitleiden mit mir, und ich dfters nicht? Eine heifre Stimme ruft einem Seligen zu, daß doch ein Redner Der ste Julius. 13 Redner aus der Hölle zu mir abgesendet werde, damit ich nicht auch fomme an den Ort der Qual. Denn es glebt Verdammte, deren Verdammniß schwerer würde, wenn sie meine Drohungen anhde ren müßten. Also eine Ermahnung aus der Hole le!- Aber Schade für mich, wenn Jefus Moses, Propheten und Evangelisten mein Herz nicht rühren! Schweigt unselige Thoren! nicht euer schreckliches Erempel! sondern die Liebe Got: tes soll mich fromm machen, und mein Herz in Christo Jesu bewahren. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die völlige Liebe treibet die Furcht aus. Wer sich fürchtet, der ist nicht in der gehd: rigen reinen Liebe Gottes. Nicht der allgütige Schopfer, sondern abgefallne Engel und Mens ſchen ſchufen die Hölle. In Kuw Mand ANAL Herr Jesu! errette mich: ohne dich bin ich verloren. Verdammte reden jeht die Wahrheit. Ich, ich bin hart gewesen, und habe jenem Verz worfnen Anlaß zum Diebstal und zu andern groben Sünden gegeben. Es ist leider wahe, was jener verdammte Geist wider mich brüllet: ich habe ihn oder sein Kind verführet; ich habe ihm sein Leben und folglich die Gnadenzeit verkürzt; sein Blut fommt über meinen Kopf. D! wäre ich doch ims mer der Beleidigte gewesen! Wehe mir, daß ich jemals verführte, betrog und fündigen machte! Denn wenn ich gleich die Erde bestach, wenn hier gleich alles vertuscht ist: so schallen doch meine Sünden, wie schwere Donner, in den Gebürgen der Hölle wieder. Menschen, welche noch vor wenig Jahren meine Göken oder Henker waren, ver: Der 6te Julius. verdienen jetzt mein Mitleiden, wofern es ihnen helfen fonte. Einige dieser Verworfnen wünschen, daß ich bald ein Mitgenoß ihres Elendes sey: andre wünschen mir Bekehrung und Seligkeit. So ist das Reich unter sich uneins! Wie hier die laster die Seele zerrütten: so und noch mehr auch dort. 14 Welch eine stille Sommernacht! desto deutlis cher hör ich das Geschrei tn der Unterwelt. Mich dünkt, ich sehe das drohende Händeringen, die funs kelnde Augen; ich höre die Flüche und-- jedoch Der Teufel hat nicht macht an mir: Ich habe bles gefündigt dir, Dir, der du Missethat vergiebest. Was maßt sich Satan dessen an, Der kein Geset mir geben kan, Nichts hat an dem, was du, Herr! liebest? Er nehme das, was sein ist, hin: Ich weiß, daß ich des Herren bin. Der ote Julius. Wirbelnder Unbestand strömt durch die Natur: Immer derselbe Gott! nie dieselbe Kreatur! Vor or hundert Jahren waren dieser Tisch, diese Stühle um mich her zum Theil ein flüßiger Körper; dieß Buch war es gleichfalls, und mein Leib vielleicht auch auf tausend Meilen weit durch Elemente vertheilt. Wie lange, so lösen Brand oder Der 6te Julius. 15 oder Fäulniß alle Dinge um mich her wieder zum Chaos auf, und eine neue Schöpfung hebet wie: der an. Zwar ereignet sich diese Auflösung bey festen Körpern später, als ben weichen und flüßigen. Endlich aber verwittern Metall und Marmor. Die egyptische Pyramiden verbröckeln, und selbst Alpen würde zulehi der Regen wegwaschen. Die Erde würde ganz unkenntlich; wenn sie eine Million Jahre stehen sollte. Gott zeiget uns die Verwandlungen im Reiche der Natur noch näher. Die Schneefloken des Winters fochten uns unser Brod in den jetzigen Kornhalmen mit zu. Der Regen, der im März fiel, glühte mit an der Tulpe und duftet noch jetzt mit aus der Rose; und die Schlossen des Uprils haben sich zum theil in den Saft der Kirschen vers wandelt. Jetzt ist diese Hand, dieser Fuß mein: nach zehn Jahren werden sie mir so unfenntlich senn, daß ich sie in andern Körpern verabscheue, ihnen schmeichle, sie verzehre oder vertrete. Nur erst in der Auferstehung der Todten soll dieser Eirs kellauf aufhören, und ich werde einen verklärten, unwandelbaren Körper besitzen. Könnte ich Einem Wassertropfen mit seinen bei sich führenden Erd Luft und Feuertheilchen das ganze Jahr über nachspüren: so würde ich ihn fast jeden Monat in einer veränderten Gestalt ans treffen. Im Januar etwa auf der Schlittenbahn, im Mai im Blumengarten, im September in der Pflaume, und bald darauf als Fleisch, Knochen oder Haare. Es verstehet sich, daß mein Wassertropfen 16 Der 6te Julius. tropfen sich binnen dieser Zeit in unzähliche Tropfe chen und Stäubchen zertheilte, und gleich dem menschlichen Körper bald Kräfte einsog, nun bald sie wieder verdunstete. Über gebt dem Weisesten Musse, Vergrößerungsgläser, Gebult; gebet ihm allen euren Wiß, eurer Könige Macht: er hohlt den Waffertropfen dennoch nicht ein; dann die Natur wirft einen dichten Schleier über ihre Werkstatt. Indem wir noch sprechen es regnet: so ist der Regen durch Erde, Blätter und Rinden schon dermaffen filtrirt, daß er nun schon die Bes standtheile eines festen Körpers mit ausmacht. Kaum blickt die Sonne wieder hervor: so ist der Schauplatz aufs neue verziert. Die Regentropfen haben nahrhafte Theile mit denen sie geschwängert waren, abgesetzt; haben andre dagegen für andre Gewächse eingesogen, und dampfen allmählig zu neuen Auftragen wieder in die Luft. Kurz: der menschliche Verstand versinkt unter den wunders baren Eigenschaften eines Wassertropfens. Aber warum will er sich auch mit Dünsten, Wasserblasen und Kleinigkeiten beschäftigen? Das zu ist mein Geist zu klein oder zu groß. Ich foll mich bei ihnen nicht aufhalten, und sie entschlüpfen meis nen Nachforschungen, auf daß ich meine Gedanken zu dem Unveränderlichen erhobe. Mein Zimmer, mein leib, die Natur mag sich immer verändern: meine Belustigung soll das seyn, aber nicht meine Hauptbetrachtung. Unwandelbarer! dir und deinen Geboten nachforschen, das sen meine freudigste Ar beit. Ist schon die Erde mit ihren abåndernden Auftritten so schön: Gott, welche ewig abwechs felnde Der 7te Julius. 17 feinde Freuden erwarten meiner dort, wo jeder Planet ein Buch, und jede Sonne eine Schule wird: Jezt verwandelt mich der Schlaf in einen Todten; der Tod aber nächstens in einen lebens vollen Engel, Der 7te Julius. Jest, da die Sünde mich noch drückt, Seufzt meine bange Seele. Wie bald ist nicht mein Herz berückt! Wer merkt, wie oft er fehle! Doch einst werd ich vollkommen rein, Ganz beilig, und ganz selig seyn: Dieß tröstet meine Seele. bin jetzt nicht ohne gute Empfindungen a und eine mittelmäßige Reizung zur Sünde würde ich wol besiegen, zumal da mir die Müs digkeit zu Hülfe kommt.- Schlechtes ob füe meine Tugenden, daß sie von aussen unterstüßt werden müssen. Und dennoch dünfet mir die Schwachheit meiner Tugenden bisweilen so starf? daß ich den Himmel darauf bauen will? Ich schwacher Mensch! Wollen habe ich dfe ters, Entschlüsse fasse ich nicht selten: aber Gott muß mir marche Hindernisse aus dem Wege raus men, oder ich vollbringe nichts! Es sind wenig Menschen in der Welt, welche nicht meine Ane Tiedens ubenoand. II. Th. B dacht 18 Der zte Julius. bacht unterbråchen, wenn sie jezt zu mir hereins tráten! Stand, Erziehung, Temperament, zeitlis ches Interesse, brausende Leidenschaften und Ges legenheiten: o! wenn ich die alle wegrechne, was bleibet von meinen Riesentugenden übrig? Aber Sie sind doch höchstens nur entfernte Hülfsmittel zur Tugend und nicht Tugend selbst! Diese muß ihren Sik im Verstande und Herzen haben, und wird sie nicht von der Liebe zu Gott und dem Nächsten geboren: so ist sie ein Fündling, den ich aufnahm, weil er mir auf die Schwelle geleget ward. Uc! wahre Tugenden sehen meistens Geburtschmerzen voraus! Bei lautem Gelächter gebieret nur die Sünde, und ich muß ein hohes Alter im Christenthum erreicht haben, wenn mic alle Tugenden gemüthlich werden sollen. Gefeßt also, daß ich heute, meiner Art zu rechnen nach eine grosse Tugend ausübte: wo bleibt sie, wenn ich folgende Fragen beantworten foll: würde ich diese schöne Handlung begangen haben, wenn ich zwanzig Jahr jünger oder älter war? Ist sie etwa blos eine Folge dessen, was mir Gewohnheit, Mode und Wohlstand einflöße ten? Bei hizigerm oder frostigerm Naturel; auf dem Thron oder am Bettelstabe: was that ich da? Würde ich zu allen Stunden des Tages, oder auch Frant, zu dieser Tugend aufgelegt gewesen fenn? Mischten sich nicht Affekten zu sehr mit unter? 3. E. Ehrgeiz, feine Rachgier, Weichherzigkeit und wohlausstudirtes Interesse? Würde ich diese Tugend wohl aufgesucht haben, wenn sie sich mir nicht aufgedrungen bätte? Groffer Der 8te Julius. 19 Groffer Gott! wer bin ich! Und doch fann ich vielleicht noch schwächer werden! Unglücksfile, Krankheiten und laster liegen gegen mich zu Felde. Je sichrer ich bin, desto leichter überrumpeln fie mich. Und gewöhnlich kleidet sich die Sünde in unfre Seibfarben, und mischt sich unvermerkt uns ter unsre Hausgenossen!- Noch eine Frage: wie viel und welche Sünden gedenk ich noch in meinem Leben zu begehen? Nehme ich abermals die vorhin erwehnten Krücken meiner Tugenden: Stand, blinde Uffekten oder zeitliche Absichten weg: so fällt der so stark scheinende Körper meiner Tugens den zusammen. Ich bin und bleibe in diesem{ e= ben ein Kind. Grosse Weisheit und übermensche liche Tugend fodert mein himmlischer Vater zwar nicht: nur Faulheit und Bosheit machen mich feia ner Liebe und meiner fünftigen Bestimmung uns fähig. Und wenn ich es noch so gut meine, wie viele Zeit verspiel und verschlaf ich nicht!- Bon diesen Betrachtungen sehe ich auf dich, mein Ers löser und finde dich für mich nothwendig und ime mer liebenswürdiger. Vergib mir alle meine Tus genden, denn keine fann deinen Gottesblick ers tragen; deck sie also sämtlich zu mit deinem Bere dienste! Umen. Der ste Julius. Vater! Himmel und Erde nennen dich Herr: wir Erldßten aber haben unser Erbtheil bes dir. Unser aller Vater! o! waren wir doch eins müthig deine Kinder! dagegen ist aller Rang der Erde nichts. Noch dürfen wir dich Vater nennen: 32 in - Der 8te Julius. in der Hölle aber schaudert man vor dir, dena Richter. Der du unser Gott bist, was zagen wir! Menschen sind morgen nicht mehr: du aber bleibest derselbe im Simmel. Geheiliget werde dein Name! Klein werde uns die Welt und groß allein feyst du! Engel! betet ihn an, bis auch wir mit einstimmen. Jedoch auch hier schon zukomme dein Reich, und werde uns täglich bes kannter. Jede Jahrszeit, jedes Geschöpf und Schiffal, noch deutlicher aber die Bibel soll uns dich näher kennen lehren. Werd uns immer gröss ser im Reiche der Natur und Gnade! Dein Wille geschehe! Gute Rührungen nicht nur: Thaten erwartest du von uns. Alles, auch der Wurm den ich zertrat, sollte deine Absicht erfüllen: ers füllte ich sie? Regiere ferner nach deinem Plan wie im Zimmel, wohin keine lästerzunge reicht, also auch auf Erden. Nicht erst am Rande des Grabes, sondern schon jetzt sey dein Wille der unfrige! 20 Und nunt, Vater! sinfet unser Gebet auf die Erde. Von deinen erhabnen Eigenschaften koma men wir auf die unsrigen und fodern- Brod. Unser nothdürftiges und durch Gebet und Arbeit rechtmäßiges Auskommen schenk und segne uns! Täglich droher uns Mangel; selbst unsre Monars chen bitten um Gesundheit und Brod. Ob aber das Schaaf oder der Seidenwurm uns fleiden soll, das bestimme du! Uuch unsern Freunden, Wohls thätern, lehrern und Obrigkeiten gib so, daß sie uns wieder geben können; vergottern aber wollen wir sie dafür nicht: denn du nur giebst uns allen! Ich Der ste Julius. Ich mag nicht allein satt seyn und jauchzen, wo andere winseln. Gib uns allen demnach: wie wollen uns brüderlich theilen; denn der Ueberfluß gehört dem Urmen zu. Zeut erhalt uns noch, Vater! morgen bedürfen wir entweder der Erds fost nicht mehr, oder wir bitten aufs neue darum, Und was waren die reichste Tafeln, wenn Sünde und Tod darauf stünden! Dergib ims also um Chelsti willen unsre Schulden: Verstand und Herz machen sie bei dir und dem Nächsten um die Wette: Vergib wie wir vergeben unsern Schuldigern! Du bist nicht zu groß zum Berges ben, und unser Find nicht zu klein dazu; denn er ist mit der Richter unsrer Seltgkeit. Aber welch ein Abstand von Gott zu mir! von meinen Kastern zu den Fehltritten meines Nächsten! Das find Gebürge gegen Sonnenstäubchen! Und dens noch willst du so richten wie wir? O Bater! reiz uns damit zur Nachahmung. Und damit wir künftig nicht wieder Schulden machen, so führ uns nicht in Versuchung! Ach! Himmel und Hölle wägen unsre Tugenden, und wir sind schwach wie Petrus. Hilf uns demnach! verzáum uns den Weg zur Sünde! verbirg uns ihre Reize! fobre nicht zu viel von uns: wir möchten dirs leider verfagen! sondern erlöse uns, zwar nicht heure; erlöse uns zu deiner Zeit von dem Ulebel! Wir wollen weder fühllos noch verzártelt seyn: aber nur Sünde ist wahres Uebel, und nur ein seliger Tod Erldsung davon. 21 Bater! unsre Gedanken schwingen sich wieder gen Himmel, und wagen unsern fünftigen himmlis schen Lobgesang; Heilig bist du, denn dein ist das Reich. 3 Der 9te Julius. Reich. Du mußt uns helfen; du HErr: wir Unterthanen. Je kleiner wir, desto grösser du. Dein ist die Gnade und die Kraft. Du kannst richten. Nur dir uns hier helfen und dorten sen Anberung und die Zerrlichkeit und die Ehre. Ja, Bater! du wirst helfen. Wimmern und Seiden verherrlichen dich nicht, wol aber erzeigte Hualfe. So bilf uns denn in Ewigkeit; denn um diese Handvoll Tage flehen wir nicht. Wer hier beter und lobet, ist ewiger Seligkeit fähig. Segne mich dazu und erbör mein Gebet; denn mein Herz stimmet mit ein. Ja! ich erkenne, verspreche, hoffe und besiegle jeden Punkt mit einem zuversichtlichen Amen! - Der 9te Julius. Nicht grimmig, sondern nur mit Maassen, Sind deine Strafen eingerichtet. Du wirst uns nicht zerstören Laffen; Nein, Vater! nein, das thust du nicht; Wir sollen nur durch Angst und Pein Gesichtet und gereinigt seyn. Isdann die Weisheit Gottes rühmen, wann er unsern Wünschen und Einsichten gemäß hans delt, das heißt gewissermassen sich selbst lobsprüche ertheilen, und das kann auch der einfältigste Mensch. Aber auch da göttliche Liebe und Weisheit entdes cfen, wo der gottesvergeßne Menschentroß tadelt und heult: das ist zu den höchsten Klassen der Schule dieses Lebens hinaufgerückt. Krieg! Der 9te Julius. 23 Krieg! Nur Langeweile, Freibeuteret und Ehrfucht finden ihn schön: Unschuld und Tugend verbergen weinend vor ihm ihr Untlih. Bielleicht Baben beide Parteien,( wie fast in allen Kriegen) recht und unrecht. Der Krieg ist eine Züchtigung und Strafe von Gott, aber eben deswegen muß er fein Gutes haben; und wirklich fallen Gottes Wohlthaten durch Kriege leicht in die Augen. Freilich wenn Menschenblut, Häuser, Wald und Inventarien die wichtigen Dinge find, welche allein das Glück oder Unglück der Menschheit bestimmen: so find sie abscheulich. Legen wir aber Religion, Einsichten, Erfindungen und Entwickelungen menschlicher Schicksale mie auf die Wage: so nets get sich das Zünglein auf die andre Seite. Zus gegeben, daß es allen, die einen unnöthigen Krieg anfangen, besser wäre, daß ihnen ein Mühlstein an ihren Hals gehänget würde, und sie in dem Meer von Thrdnen und Blut, das sie vergiess fen, erfäufer würden. Zugegeben, daß der Krieg etne Strafe von oben, und ein Verderben vieler Tugenden und Menschen sey: und dennoch ist er gut, weil Gott ihn zuließ. Wie? wenn niemals Krieg ware?- Wahrs haftig, die Welt wäre nicht so flug und wohlhas bend, als sie jetzt ist. Der Krieg ist einem beftis gen Fieber gleich, welches die Stockungen im Kors per zertheilt, und tödtliche Säfte hinausschaft. Ee feßt Nationen in Bewegung, und beur alle mensche liche Kräfte auf. Ein bekriegtes Volk lernet von feinen Feinden; wird behutsamer, mäßiger, und tapfrer. Selbst die bummen Kreuzzüge vor sieben 34 bis Der 9te Julius. bis achthundert Jahren, flårten den Verstand ets nes Volks im Umgange mit dem andern auf. Ein Krieg zu Anfang dieses Jahrhunderts zwang die deutsche Soldaten, daß sie in Italien Kartoffeln fennen lernten und assen: und jetzt nährer sich halb Deutschland davon. Wenn in düstre fatholische Sånder fein nachdenkliches Buch, fein Stral vers nünftiger Religion mehr eindringen fonnte: fo mußten protestantische Gefangne hingeführet wers den, welche hin und wieder ihre Brüder zum Nachdenken brachten. Zu geschweige: was der Krieg für Ausübung beldenmüthiger Tugenden, für edle Gesinnungen und für glückliche Freund: schaft und Ehebündnisse gebiert. Nach Jahre Hunderten fiehet man oft erst die glückliche Folgen der Kriege ein, bei denen freilich Güter und leben, aber wenn man Gott fürchtet, nicht der Himmel zu verlieren ist. Kriege sind dem Nil in Egypten gleich, der anfangs alles wild überströmt, ends lich aber das Land befruchtet. Gütigfter Vater! unendlich gütiger, als es sich Menschen gedenken können; nur du allein Lannst strafen um wohlzuthun. Vergieb es uns, wenn wir zu empfindlich sind, und unter jedem liebreichen Druck über Gewalt schreien. Ist auch ein Uebel, das du, Herr! nicht zum Besten lenkst? Steiget in dieser Nacht ein Gewitter auf, oder wecker mich eine Krankheit: den Frommen muß alles zum Besten dienen. Wie sicher und in Fries Den läßt es sich nicht unter deiner Hand schlafen! Der Der rote Julius. Was fepd ihr, Leiden dieser Erden! Doch gegen jene Herrlichkeit, Die offenbar an uns soll werden Von Ewigkeit zu Ewigkeit? Wie nichts, wie gar nichts gegen sie Ist doch ein Augenblick voll Müh! 95 Und nd wäre ich so arm, verachtet oder frank, daß selbst mein unerbittlichster Feind Mitleiden mit mir hätte: nur Ein Blick in die felige Ewigs feit, so ist die ganze Erde ein morscher Nachen, und ich verlange ans Land. Wer den Himmel zu finden weiß, hat hier wenig zu suchen; denn Vorschmack der Seligkeit ist das höchste Gut auf Erden. Ich werde sterben, entzückt setze ich hinzu: ich werde felig seyn: so selig, daß die ganze Erde im Tumult mich im geringsten nicht beunruhigent Fönnte. Und dann, mein Allgútigster! werde ich sehen die Himmel deiner Hände Werk. Alle Sterne und Welten, die hier das geschärfteste Auge erblikt, find wol nur ein Borsaal deiner prachtvollen Wohs nungen, in welche du mich aufnehmen wirst. Alss dann hängen meine Gedanken nicht mehr von Zeit, Raum und Körper ab: tausend Jahre sind dann wie ein Tag, und nichts ist zu entfernt, das ich nicht bald erkennen könnte. Entlastet von dem B5 hungris Der rote Julius. hungrigen, müden oder frånkelnden Körper, werbe ich mit verklärten Sinnen Gott von Angesicht zu Angesicht schauen, und Empfindungen erlangen, von denen die Erde feinen Begrif bat. Die Frage wie und warum fezet hier die Akademien oft in Verlegenheit: dort denke ich sie mit der erblickten Sache zugleich Was hier schön und gut war, wird dorten noch schöner und besser feyn. Die in nigste Vereinigung mit fligen Geistern, von wels chen die beste Menschen die unterste Klasse ausmas chen; und feine dieser Gesellschaften durch Böse: w chter gestöret wie hier! Ein gutes Gewissen kann hier schon Feinde und Kerfer erträglich machen: dort stebet mir das Allerheiligste offen, ich bin für nichts mehr unrein, sondern darf alles sehen und haben. 26 Jedes Schicksal der Menschen, ja noch mehe die Schicksale weit älterer Geister werde ich durchs schauen. Die Geleise der Planeten, die Angel der Sonnen, die Bewegungskraft der Weltförper, und alles, was Gott ehedem seinem Knechte Hiob zur Beantwortung vorlegte: das alles werde ich dort erlernen, bewundern und zu Erfindung hd: herer Gedanken anwenden. Nordlicht, Magnet, Susammenhang zwischen Leib und Seele, Zulassung des Bösen, und alles, was auch die Weisesten auf Erden nur glauben müssen, weil sie es nicht ers gründen können, wird eine meiner frühesten dortis gen Lectionen feyn. Die Menschwerdung Jesu die Liebe Gottes gegen die Sünder, die heilige Dreieinigkeit auch dieser tiefre Abgrund von Weiss beit wird mir nicht immer verborgen bleiben. Ins: besons Univ.- Bibl. Giessen Der 11te Julius. befondre aber mein Herz, das nichts empfinden nichts begehren wird, als was der hellste Verstand gut heisset und was wahrhaftig glücklich macht: ohne Reue, ohne Kummer, Feinde und Rückfall; ganz Weisheit, Unschuld und Gütewie selig werde ich seyn, o Gott! M Der 11te Julius. Ad! alles, Herr! hab ich von dir; Den Leib, die Seele gabst du mir Und diß mein erstes Leben. 47 Und in alle Ewigkeit selig! ohne Abnahme, ohne Zwischenzufälle, ohne jemals zu befürchtendes Ende! und das alles um einiger wenigen vernünfs tigen Handlungen und Gedanken willen, welche schon hier meine Jahre versüßten! Aber schmeichle ich mir etwa zu viel, und verlieret fich meine Eins bildungskraft in Träume? Nein! ich sage viel zu wenig. Unaussprechlich sind meine künftige Freus den, und sie sind gewiß. Gott, Himmel, Offens barung, Vernunft, die Natur der Tugend und des lasters sind Bürge dafür. Es ist Hochverrath, an Gottes Verheissung zu zweifeln. Und wieviel Nächte noch, so bin ich da. C.s s sen, daß ich viel Gutes von Menschen ems pfangen habe, so ist es doch immer eine Kleis nigkeit gegen das, was Gott mir gab. Selbst meine 28 Der 11te Julius. meine Eltern, diese meine größten Wohlthäter, wurden durch einen unwiderstehlichen Trieb dazu gedrungen, und waren auch nicht ganz uneigennüßig dabei; denn was thut der eigennüzige Mensch wol umsonst: Sie erwarteten vielmehr für ihre Erzies hung, Ruhm, Freude und Unterstützung im Als Alle übrige Geber waren noch eigennüßiger ,. und suchten mich meistens in ihre Bergwerke zu dringen. Wie viele verwandelten uns nicht gern in ihre Negersllaven! tet. Menschen können nun mittheilen, was ihnen Gott in die Hand gab. Und wie ungeschift sind sie nicht bei ihrer Austheilung! Bald fehlt es ihnen an Einsichten: sie wollen Zucker geben und es ist Gift; sie wollen Vergnügen und bereiten langes Wehe. Bald sind ihre Absichten so klein, daß, wenn wir sie völlig wüßten, wir lieber hungern als ihr Brod essen würden. Ihr Eigennuß ist meistens so groß, daß die Welt untergehen müßte, wenn von ihnen Regen und Sonnenschein abhienge. Sie verpachteten gerne die luft, thäten den Schlag der Nachtigall auf Erbzins aus, und verlangten gewiß für jede Rose, die sie wachsen liessen, einen prächtigen Lobgefang. Woher so viele Furchen in Gesicht und Händen? wober so zeitig graue Haare und schlaflose Nächte? für wen Schweißfluten, Strome von Blut, Narben und verstümmelte Glieder? So viel verlanget Gott nicht: aber im Dienste der Menschen sind diß gewöhnlicher Sold. Nicht selten wünschen sie, daß wir ihres Bortheils wegen dumm und viehisch wären. Sind 29 Der 11te Julius. Sind wir erst aus den Händen unfrer Eltern, Lehrer und mit uns eingewöhnten Freunde: so sind wir in einer Fremde, wo man uns hin und her stößt, und für jede freundliche Miene bezahlet seyn will. Und wie weit geben denn alle Diensts leistungen, die ich noch von Menschen zu erwarten babe? Eine wohlthätige Hand wird mir endlich die Augen zudrücken: diese Hand wird doch füffenss werth seyn? Man wird mich in den Garg legen, und zum Beschluß aller Wohlthaten mich in die Erde verscharren: nun das ist doch wol ein zärt: licher Dienst? Ja! aber nur für baare Bezah lung. Nicht verwesen låffet man uns umsonst; die Stelle dazu muß geldset seyn. Alles auf Erden kostet Versprechen, Geld, Mühe oder gar das Gewissen. - Gott! dessen liebe unsern fühnften Wunsch übertrift! so eigennüßig giebst du nicht. Deine Forderungen sind meine Glückseligkeit Du giebst, um immer mehr geben zu können. Alle Gaben, welche durchaus gut und vollkommen sind, müssen von dir, du Vater der Sonnen und Welten! herabs fommen. O! daß ich vor Menschen frieche und bettle, und zu deiner Güte so wenig findliches Zus trauen habe! Ich würde ein Bastart seyn, wenn ich meinen Eltern so faltsinnig begegnet wäre, als dir. Und was ist alle deine bisherige Liebe gegen diejenige, welche am Gerichtstage mir zurufen wird: Komm her, du Gesegneter! ererb das Reich, das dir bereitet ist von Unbeginn der Welt! Ja wann nun die Welt für mich eine Wasserblase ist; wann alle Monarchen der Erde zusammengenommen mir Feine 30 Der 12te Julius. zu feine größre Gnade erweisen könnten, als für mich beten; wann nun der gejagte oder stockende Puls mich in deine Hände überliefert: dann, Herr Jefu! gieb mir ein seliges Ende. Ach! daß ich doch nie Menschen mehr diente, als Gott! Die Luft, die ich jetzt athme; der Schlaf, den ich jetzt erwarte; der Himmel, dessen ich mich gerröße, wenn ich in dieser Nacht versturbe: kann das alles mir ein Geringerer geben, als Gott? - Der 12te Julius. Des Lasters Bahn ist anfangs zwar Ein breiter Weg durch Auen: Allein fein Fortgang wird Gefahr, Sein Ende Nacht und Grauen. er Wahnwißige kann nicht zusammenhängend denken, verwechselt Begriffe mit einander, fieber feine Folgen seiner Handlungen vorher, und ist um seine Wohlfahrt unbesorgt: der Sklave des Lasters ist ihm in allen diefen Stücken ähnlich. Es ist demnach die Sünde eine Art von Wahnsinn, oder Trunkenheit der Seele. Zwar im Anfang ist die Sünde ein allerliebs fter Zeitvertreib. Gleich einem jungen Tiger schmeis chelt sie, und thut luftige Sprünge: aber mit den Jahren zerreißt sie den, der neben ihr schläft. In ihrer Jugend scheinet sie flug und manierlich zu feyn; erreicht sie aber ein reifes Ulter: so wird ihe Wahns Der 12te Julius. 31 Wahnsinn fo offenbar, daß man zu ihrem Lachen sagen muß: du bist toll! und zur Sünde selbst: was machest du? Die Fehler der Kinder find lächers lich: unaussteßlich sind sie an Greifen. Ein junger Mensch greift seine Sparbüchse durchaus nicht an: welche Kiugheit! Mit der Zeit beraubt er sich alles Vergnügens und aller Freunde, um nur reich zu werden: welche Thorbett! Endlich erfrieret oder verhungert er bet vollen Kästen: nun ist der Wahnwit sichtbar! Der Stolze, welcher umfommt, weil er von dem Póbel( und dafür hält er fast alle Menschen ausser sich keine Hülfe ans nehmen mag; der Verschwender, welcher endlich mit seiner Familie betteln gehet; der Wollustige, welcher ins Spital getragen wird; der Neider, wels cher sich sein Herz abnaget, weil andre sich freuen; der Spieler, welcher arm, ungesund und verächts lich wird; die alte Buhlschwester, welche einen liederlichen jungen Menschen heirathet und wenn sie nichts mehr geben kann, weggejaget wird, der Hofs ling, welcher nicht von Gott, sondern von einem lasterhaften und frånklichen Prinzen sein Glük ers wartet; der Mann nach der Welt, welcher lieber von Jagdhunden, als Sonnen und Ewigkeiten spricht; und jeder Sünder, der hier so lebt, als ob er niemals sterben würde:- sind das odes nicht Blödsinnige, über deren Betragen ein Vernünftis ger die Achseln zuft? Zugestanden, daß sie ausser der Sphäre ihres herrschenden kasters flug seyn können: so ist das ja auch eine Eigenschaft vieler Verrüften, daß sie nur zu gewissen Zeiten und bei einer gewissen erregten Idee ihre Thorheit offenbas ren. Jeder Narr hat seine gute Stunde, - Also Der 12te Julius. Also darf das( after nur reif genug werden, nur feine rechte Höhe erreichen: so giebt sich die Unvernunft desselben blos. Starke Getränke schwäs chen den Verstand, und fortgefekte Wissethatent thun es auch; denn der thdrichte Wille steft früh oder spåte den Verstand mit an. Und stehet es wol in des Sünders Gewalt, die Gnade festzus feßen, wie weit er mit seiner stürmischen Leidens schaft gehen wolle? Die Sünde winket uns freunde lich am Abhange des steilen Berges; hat sie erst unsre Hand: so führet sie uns anfangs einige Schritte bedachtsam nieder; unversehends aber vers lieren wir das Gleichgewicht, und sie läuft schas denfroß mit uns in den Abgrund hinunter. 32 Nur deine Gebote, mein Gott! machen das Herz der Albernen weise. laß mich jede Sünde unter deiner Aufsicht vermeiden, auf daß ich meis nen Verstand behalte. Wie manche Thorheit habe ich mir nicht schon vorzuwerfen! Aber ich gelobe es hiemit gewissenhaft an: daß ich mich aller Tus genden bestreben will. Die größte Klugheit ist, dem Himmel zu gefallen. Daß doch viele fluge Menschen vor Gott jetzt so albern sich, und sich ohne herzliche Danksagung für den schönen Soms mertag schlafen legen! Jnnigster Dank dafür, mein Bater! Nacht und Wintertage müssen mir nun auch willkommen seyn, dazu bereite mich der Soms mer! Der Der 13te Julius. Die Furcht vor Gott, die Lust ihn zu erheben, Führt uns zur Weisheit, führet uns zum Leben, Sie giebt Verstand und Licht, damit die Seele Was gut ist, wähle. 33 er halbe Erdboden ist für Gottes Ehre stumm; und achtet die hohePflicht Gott zu danken. für nichts. Die andre Hälfte der Menschen aber? ach! die meisten machen dem Himmel Vorwürfe, oder beten sich selbst unter einander an. Je reicher die Vorsicht den Sünder ausstartet: desto undanks barer ist er. Darf es uns denn wol noch befrems den, daß es Krankheiten, Mißwachs, Verarmuns gen und hundert andere Trübsale giebt? Die meis sten Menschen werden bei lauter guten Tagen wild, und wie wenig wird doch Gott über Gold und Silber verherrlicht! -- Danf ist die einzige Bezahlung, die wir dem Himmel abtragen können. kob Gottes ist das angenehmste Opfer, was von der Erde hinaufs steigen kann. Die Hauptsünde, an welcher so viele des ewigen Todes sterben, ist der Undanf. Und ist vom Königsthron bis zum Krankenbette, von der Wiege bis zum Lehnstuhl, auch eine Minute, ein Stand, irgend ein Raum von Gottes Wohl: thaten leer? Auch der Arme könnte ein Jahr hins durch, täglich etwas von seinem Wohlstande vers Tiedens Ubendand. II. The lieren, 34 Der 13te Julius. lieren, und bliebe dennoch ein Mensch. Aber freis lich machen die Sünder ihre Rechnung gleich Bans ferottirern; fummiren nur, was ihnen fehlt: aber was e heimlich besitzen, schlagen sie unter, oder erklären es für eingebrachtes Vermögen. Danf ist die gründlichste Weisheit eines Menschen. Mir fehlen Schiffe, Uecker, fünfzig Jahre, eine feine Haut, lobsprüche der Menschen: das können auch Kinder und Thoren einfodern: aber nachgedacht, wie viel unverdientes Gut besikest du allbereits! wie manches könntest du nicht noch ents behren!- Das erfodert mehr Verstand, als Moden nachzuahmen, und einige Handwerksges brauche der vornehmen Welt zu verstehen. Einem Helden, Weisen oder andern verdienten Menschen schimpflich zu begegnen, nennet wir grob und vers wegen: aber, von Wohlthaten umringt, dem himmlischen Vater entgegen zu murren, das nennet die grosse Welt brav. Wie? bigott wäre es, für Daseyn und Wohlstand zu danken? Und vom Himmel mehr zu erwarten als von der Erde, das hiesse Pieristeret? Hört ihr denn nicht die tausend Stimmen, welche allen halben zum Lobe Gottes ermahnen? Ja! ich höre diese Ermahnungen, reisse mich los von dem Schwarme undanfbarer Koft: gånger und Kinder, und rede die Sprache der Res ligion: - Sob, mir jezt noch unaussprechliches Sob, ers füllet meine Seele. Vater in Christo( mit dies sem Namen eröfnet sich mir eine neue Aussicht in deine Wohlthaten.) Mein Vater! mein Gott, mein Der 14te Julius. 35 mein Erldser? wer bin ich, daß ich vorhanden bin, und noch immer die Wahl behalte zwischen Hims mel und Hölle, ob ich mich gleich dieses Wahls rechts schon längst verlustig gemacht hätte! Wie viele Wohlthaten von dir in meinen verfloßnen Les bensjahren! Und sie alle sind erst wie die Dämmes rung des Tages beim Hahnengeschrei. Der Mors gen deiner Güte bricht erst mit meinem Tode an, und in der Ewigkeit steiget sie wie die Sonne, ohne jemals den Mittag zu erreichen. Dort, wo dein Lob meine Nahrung, meine Beschäftigung und Lust seyn wird: o! was kann ich hier edlers lernen, als durch stamlenden Dank mich dazu vorzuberei ten. So will ich denn den Herrn loben, so lange ich lebe, und meinem Gott lobsingen, weil ich hie bin. Und wann ich nun ein chlafe: fo fen jeder Pulsschlag ein Loblied auf dich, mein Herr und mein Gott, Der 14te Julius. Ein Mensch, der sein Gefühl tief in sich selbst verschließt, Genießt nur halb, was er genießt. as vervielfältigte Leben des Menschen ist eben so viel, als ob er an Jahren älter würs de. Es wird aber auf einer doppelten Art vers vielfältiget. Der Mensch kann geschwinder leben, indem er seine Handlungen beschleuniget, oder vers boppelt. Zu viele Nahrungsmittel, Vergnügen, Are Col 36 Der 14te Julius. Arbeit, oder zu viele Anstrengung der Gedanken; machet vor der Zeit alt; denn was man auf der einen Seite durch Eilen gewinnet, verlieret man auf der andern durch übertriebene Abnukung. Za langsam oder zu geschwinde leben, heißt der Natur Gewalt anthun. Im neunten Jahre schon huns dert Bücher, oder im vierzigsten noch fein einziges recht gelesen zu haben, beides bringet Misgeburten hervor. Die Zeit gleichet dem Stahl: ungenußt rostet es; zu sehr gerieben, wird es bald abgenußt. Es giebt noch einen sicherern Weg mit der Zeit zu geizen, nemlich man fann mehr leben. Hiebei werden weder Seele noch keib zu sehr ans gestrenget, und das Leben wird gleichsam vervielfäl tiget. Die Kunst besteht darinn: lebe in andern zugleich mit. Die meisten Menschen leben blos füc sich); das heißt: ihre Empfindungen schränken sich auf einen Raum von drittehalb Ellen hoch und Einer Elie breit ein. Das aber heißt sich in sein Schneckenhaus einziehen, oder sich in sich selbst verkriechen. Um glücklicher zu seyn, Mensch! breite dich aus, sonst schrumpfet dein Leben zusams men. Hast du auch nicht das Glück oder die Ers laubniß, dein Blut in Kindern fliessen zu sehen, wodurch dein hiesiges Dafeyn verdoppelt würde: so weine mit den Traurigen und freu dich mit den Fröhlichen. Versetz dich in die Stelle eines jeden, mit dem du umgehest: so wird dir die Gesellschaft weit interessanter, als wenn du dich blos mit deis nem Jch so ängstlich beschäftigest. Berschaff einem Einfältigen oder Lafterhaften, deutlichere oder beßre Gedanken, welche in alle Ewigs Der 14te Julius. 37 Ewigkeit einen Einfluß auf dich und ihn haben! Verschaff dem Arbeit, der müßig gehen muß! Thu das.: so wirst du dich auch ausser Hause deiner Hände Arbeit erfreuen; mit Vergnügen deine aus: gestreuete Saaten auffeimen und wachsen sehen; und fast täglich wirst du eine neue Ernte haben. Fürbitten bei Gott, freudiger Dank, sorgenfreie Mienen werden dir entgegen eilen: und welche Bes lohnung ist das! Schändlicher Gedanke: mir schmecket nichts als was ich selbst genieffe! Thor! wie wenig kannst du doch selbst geniessen, und wie wenig fennest du die wahre Wollust! Brich dein Brod, theil deine Schüsseln und Flaschen mit einem Nochleidenden: so wirst du nicht allein deinen Antheil mit mehrerm Appetit verzehren; sondern auch die andre Hälfte in den vergnügten und dankbaren Blicken deines Koftgångers geniessen. Das sind königliche Mahle zeiten, wenn abgehungerte Familien unser Brod mit Freudenthránen beneßen; wir geniessen sie noch auf Krankenbetten, und bereiten felbst unfern Kins dern oder Erben dadurch ein Gelach. Das heißt: sein Brod übers Wasser fahren, und seines Lebens vielfach geniessen. Wer durch uns lebt, in dem leben wir mit. Lebendiger Gott! bin ich dir, nach meinem Bermögen, schon ähnlich genug? lebe ich blos in diesem Zimmer? Empfinde ich deine Wohltha: ten nicht anders, als wenn sie auf mein Haupt berabstrdmen? Wen habe ich gesättiget, errettet, getröstet, erbauet? Ich bete jetzt: aber auch mein Gebet würde vervielfältiget seyn, wenn viele jetzt € 3 für 38 Der 15te Julius. für mich als ihren Wohlthäter beteten. Kann ich wohl sagen: Gott! erfüll es, was meine Armen mir wünschen? Und stürbe ich diese Nacht: wie viele würden morgen früh darüber weinen? Der 15te Julius. Nach dir, Gott, schauen aller Wesen Blicke, Daß deine Hand sie väterlich erquicke; Du giebst auch einem jeden seine Speise, Daß er dich preise. Gott ott hat mich heute liebreich ernährt, und nächs stens wird auch für mich das Feld mit Garben bedeckt: Dank sen ihm von Herzen. Der unermüs dete Geber! Jetzt, da ich mich gesättigt niederlege, stehen in Amerika Millionen Kostgånger des grossen Hausvaters auf, und verlangen in verschiednen Sprachen, daß ihre leeren Hände gefüllet werden. Aber auch um meine Wohnung her hat der Allges nugsame noch viele Tischgånger, welche in Wals dern, Wiesen, in und über der Erde die Nacht hindurch ihre Sättigung fodern. Vieles Wild, manche Gattungen von Raupen, Eulen und andre Nachtesser machen sich jezt auf. Jede Pflanze fos dert Nahrung, jeder Baum Bewegung. Und uns alle nähret und erquicket der liebreiche Gott einen nach dem andern. So leget eine Mutter eins ihrer Zwillinge mitleidig zu Bette, und dann das andre eben so zärtlich an die Brust. Ulle Der 15te Julius. 39 Alle Geschöpfe haben ihre Bedürfnisse, und für alle ist unser Gott genug. Die Tischgäste aber, welche nur den Körper zu erhalten suchen, verlangen und bekommen noch am wenigsten. June ge Raben werden gefuttert, gierige Adler finden ihren Heerd, Körner, Fleisch, Kräuter, Gras, Knochen, Erde, Haar und tausend andre Speisen stehen hin und wieder aufgetischt: groß ist der himms lische Geber hiebet. Jeder Kreatur gibt er ihr Leibgerichte, und zwar zu rechter Zeit. Jedoch, die Nahrung, welche Engel und selige Geister von ihm verlangen, reißt mich zum Erstaunen, zur tiefsten Unbetung Gottes hin. Schon eine wißbegierige menschliche Seele ist unersättlich, und muß sich auf der Erde mit sparsas mer Kost behelfen Denke ich mir nur jene weit erhabenere Geister, welche in einem Augenblick so viel seben, begreifen und mit ihren Vorstellungen gleichsam verzehren, als hinlänglich wäre, den Ge lehrtesten unter uns jahrelang zu beschäftigen, und seine Wißbegierde zu sättigen: so schwindle ich bei. der Grösse Gottes. Eine Erde wie die unfrige wird von einem Erzengel vielleicht binnen Einem Tage durchforscht, alle ihre Mannigfaltigkeiten uns ter Einen Gesichtspunkt gebracht, und so überse: hen, wie wir ein Zimmer und dessen Geráthschaft Fennen lernen. Nun aber sehnen sich unaussprechs liche Millionen unsterblicher Geister nach immer neuer Erkenntniß, und Gott thut seine milde Hand auf, und sättiget fie alle mit Wohlgefallen. Welche neue Schöpfung, welch eine Tiefe des Reichthums der Erkenntniß und Weisheit Gottes! Sonnen: welten € 4 40 Der 16te Julius. wekten sind für so erhabne Geister eine kurze Aufs gabe, und wenn sie ausstudiret sind,( wozu freis lich viele Jahrtausende erfordert werden) verlöschen sie. Andre aber von jenen verschiedne Welten, werden wieder eine neue Schule für Engel. Wird der Allwirksame je aufhören Welten zu schaffen? und werden es nicht immer Originale seyn? Nicht zwen Sandkörner oder Grashalmen sind sich gleich; jedes Geschdpf ist nur Einmal vorhanden. Unermeßlicher! unerreichbarer Gott! immer berselbe, aber immer neu in deinen Werken! Einst trere auch ich mit lechzender Seele zu deinem Thron und du trånkest sie mit Strömen von Erkenntniß und Freuden. Jetzt aber bin ich noch ein Kind, mag lieber spielen als lernen und theile mehrentheils meine Zeit unter Leibesnahrung und Schlaf. Hier geniesse ich nur Brosamen: einst aber- o! wie groß wird meine Seele seyn, wann ihr Grab und Diamanten eine gleichgültige Kleinigkeit sind; und wann sie Millionen Welten zu deinen Füssen stue diert, du Allgenugsamer! Der 16te Julius. ie Stimme Gottes empôret die Meere: Gewitter wandeln vor ihm her. Der Höchste donnert gekleidet in Ehre, Auf groffen Wassern donnert er. In dieſer Jahrszert ist kein Tag vielleicht, da es nicht an einem oder auch wol Deutsch Der 16te Julius. 1 41 Deutschland witterte. Schon hieraus folgre ich: daß der Nuzen des Gewitters groß, daß Don: ner und Blik uns nöthig seyn müssen; und das sind fie in vieler Absicht. Der ungelehrteste Sandmann redet von Auf lockerung des Erdbodens und von Fruchtbarkeit des Landes nach Gewittern. Jeder weiß, daß dadurch die Luft von fetten, salzigen und schwefelichten Dünsten gereinigt, und zum Othemholen geschickter gemacht werde. Gewitterregen, welche diese be fruchtende Salze auf die Erde herabbringen, beför: dern daher den Wachsthum in Feldern und Garten am meisten. Jedoch der Nußen der Gewitter in der moralischen Welt, oder der Vortheil, den fie den Geistern der Menschen bringen, ist noch grösser. Nächst dem Worte Gottes scheinen Blik und Donner die eh.furchtsvollsten Begriffe vom Schöpfer beizubringen. Während eines Gewitters giebt es wol schwerlich einen Religions spotter; und wer sonst nur von der Natur oder der Schöpfung redet, kann sich nicht entbrechen, jetzt an den Schöpfer selbst zu denken. Man schmeichelt sich die Materialien des Gewitters zu kennen; und dens noch setzet die Wirkung davon in Erstaunen. Die Stimme des Herrn gehet auf den Wassern; der Gott der Ehren donnert Pf. 29, 3. Die heil. Schrift und ein Gewitter haben, nach diesem Ausspruche Davids, viel ähnliches mit einander. Jene erschüttert und befruchtet harte Herzen, und dieses harte Erde. Wie manche Menschen warf nicht das Schreks ten des Gewitters, gleich dem Seutus, zu Boden, € 5 und 42 Der 16te Julius. und führte ihn alsdann zu Gott! Auch der junge Luther, heißt es, gelobet in einer solchen Ungst den geistlichen Stand und größre Frömmigkeit; und so hatte ein Gewitter die losung zur Reformation gegeben. Das ist gewiß, daß bei anhaltendem Donnerwetter der Sünden, Heuchelei ausgenom: men, weniger werden. Welch ein erbaulicher Ges danke für den Frommen alsdann: Jetzt hat die ,, Sünde den bleiernen Zepter fallen lassen, und un regieret Gott! Wenigstens werden doch die ,, Sünder bei dieser Pracht Gottes ehrbarer. - Aber könnten die Gewitter nicht unschädlich fenn, statt daß sie einschlagen und tödten?- Nein! die Tugend würde dabei weit mehr verlieren als gewinnen, Man würde mit jenem römischen Kaiser Gott nachdonnern wollen; der Bliße zur Erleuchs tung seiner Schandthaten sich bedienen; und auch die Gesundheit würde leiden, weil man leichtsinnis ger in den Blitz sehen, und sich im Regen erhißen würde. So aber zittern Gottes vergeßne Fürsten doch auch einmal vor ihrem Herrn und glauben beinahe den Catechismus wieder. Majestätisch scheuchet uns der Allgütige in die Einsamkeit; und das gesundeste Verhalten bei Gewittern ist: entfernt von Wand, Fenster und Ofen, stille siken und ruhig auf Gott hoffen. Und so firahlet denn auch unter blendenden Bligen deine Güte hervor, mein Vater! und der brüllende Donner löset sich endlich in sanfte Hare monie auf. Kein vermeintliches Uebel liessest du zu, welches nicht die gnädigsten Absichten hatte, und millionenmal von Wohlfart überwogen wurde. Sea Der 17te Julius. 43 Gewitter und Schlossen, Krankheit, Nacht und Tod sind wahre und grosse Geschenke, wenn ich sie findlich von dir annehme. Du bist so gütig als groß! Und weckte mich in dieser Nacht ein Ges witter, so will ich, auch etwas furchtsam, beken: nen: du bist so gütig als groß! Der 17te Julius. Sie jauchzen, wann sie beine Sonne sehen In ihrem Morgenglanze dich erhöhen, Und wann die westlichen verborgnen Erden Erleuchtet werden. Die ie armselige Bewohner des Feuerlandes sind die südlichste Völker, die wir kennen. Über follte der nicht auch den Südpol bevölkert haben, der dem Norden Einwohner gab? Jedoch, laffet uns diese nur als möglich denken: und wir haben eine Ursache mehr zur Verherrlichung Gottes. Die Bewohner beider Pole liegen wechselss weise in einer halbjährigen Nacht gehüllet, und starren von Kälte. Wann der Eine dem werdenden Tag entgegen jauchzet, die ersten Blicke der Sonne segnet, und wann alles, was lebet, frohlockend seine Hütten und Felsenklüfte verläßt:( die indessen für viele Gräber worden sind!) dann winfelt der andre und zittert vor dem Einbruch der langen fürchtere lichen Nacht. Jeßt Der 17te Julius. Jeßt dämmert dem Bewohner des Südpols die Morgenrdthe immer höher herauf; jetzt wird ihm ein schmaler Streif der Sonne sichtbar; end; lich erblickt er sie ganz und kniet ehrfurchtsvoll nies: der: Quelle und Erhalter des Lebens!( ruft die: fer Wilde der Sonne zu) nns zu ftrafen entzogst ,, du dich uns; nun aber stehen wir halb Erstorbne auf und leben. Dentzeuch dich uns so bald nicht ,, wieder! Hier find Opfer, und zum Zorn wols ,, len wir dich nicht mehr reizen. 44 Gott! dieser minder glückliche Mitbürger ehret dich in dem Geschöpf und mißkennet dich. Heil mir, daß ich dich aus deinem Worte und in deinem Sohn erkenne, und mich freue. Er betet die Sonne an: ich ihren HErrn. Seine Gottheit verbirget sich Monate lang vor ihm: ich aber bin immer in der Hand des lebendigen Gottes! Bald wird der Nordpol nun wieder das erste Schneegestöber sehen: der Südpol aber hoffet, daß feine Eisgebürge in etwas dufthauen sollten. Hat jener nun nicht für den ankommenden Winter ge forget; und wird dieser nicht, so lange die Sonne scheint, seinen Fleiß verdoppeln: wehe alsdann den Einwohnern von beiden: Seine Hütte muß bedas chet, sein Fischfang und feine Renuthiersjagd bes forget seyn: denn es folget- ein langer Winter. Mir aber, dem die Gnadenfonne leicht auf ewig untergehet, mir drohen gleichfalls Mangel und dufferstes Elend, wann ich nicht noch an diesem Abend mein Haus bestelle. Der Bewohner der Polargegend hat noch den Vorzug vor mir, daß er die Zeit seiner Heimsuchung voraus berechnen fann: Der 17te Julius. 45 fann: ich aber verrechne mich leicht; denke im Jus lius zu seyn, und es ist vielleicht schon December! Die Sonne des Lebens hat einen schnellern Lauf als ein Komet, und ist schwerer zu berechnen, als die Bewegung des Monds. Sich auf die Ewigkeit nicht versorgen, heißt ewig darben wollen. So sen denn der Entschluß gefaßt: mich von nun an weiser zu betragen. Wie ihr, meine Brüder, unter beiden Weltpolen! will ich die Zeit, da ich würfen kann, auskaufen; ehe denn die dunkeln Wintertage kommen, von denen es heißt: sie gefallen mir nicht. Ihr schlüpfet uns ter die Erde in eure Hdlen, und ich in mein Grab. Endlich aber will ich auch, gleich euch, beim Aufs gang jener Sonne, vor welcher die jetzt leuchtende ihr Antlik ehrerbietig verhüllen und ganz verlöschen wird; gleich euch will ich bei ihrem Anbruch aus meiner Grabeshöhle hervorgehen, und meine ersten Blicke heften auf die Sonne der Gerechtigkeit, auf meinen Richter und Heiland; auf meinen Herrn und Bruder. Und dann von beiden Polen ums ringet, die alsdann mit mir Einen Gott und Einen Wunsch haben: ach Erldser! sich dann durch die bebende und wie vor einem nahen Gewitter schauernde Menge auf mich, der ganz der deine seyn will! Der 46 Der 18te Julius. Mit welchem reichen Ueberfe Von Gütern füllest du dein Haus! Du theilst sie allen zum Genusse, Bis sie gesättigt werden, aus. Herr! unsers Lebens Quelle fließt Aus dir, der du das Leben bist. Leben eben war der Endzweck der Schöpfung; denn lebenlose Dinge können die Eigenschaften des Schöpfers nicht fühlen, oder ihn darüber verherrs lichen. Der spielende Mückenschwarm freuet sich seines Dafeyns, und ist also ein edlerer Theil der Schöpfung, als todie Felfen und noch so fünstlich Bon der Mücke zusammengesetzte Pyramiden. aber bis zum flugen Elephanten, und von diesem bis zum vernünftigen Menschen, stehet immer eine Staffel dicht über der andern. Welche lebenvolle Schöpfung! Die Luft wimmelt jetzt von lebendigen Kreas turen. Jeder Wassertropfen ist eine kleine bewohnte Welt, jedes Baumblatt eine Kolonie von Insekten, und das Sandkorn ein volfreiches Gebürge. Die tiefsten Klüste der Erde, die uns den Zugang vers statten, machen erst die Oberrinde unsrer Weltkus gel aus, und dennoch sind die Gattungen der Bes wohner dieser Erdfläche unzählbar. Alles ist mit Saamen des Lebens erfüllet. Zwar finden sich ungeheure Strecken und Wüsteneien in allen vier Theis Der 18te Julius. 47 Theilen der Erde, welche verhältnißweise nur wes nig belebt sind. Hieraus aber folget nur, daß es folche leblofere Schrecken geben mußte, damit etwa die von so vielen Kreaturen ausgehauchte und abs genußte Suft dorten sich reinigte, eine neue Spanns kraft erhielte, und gleich den Stromen ins Welt: meer, einen neuen Kreislauf zu uns anfienge. Oder auch daß vielleicht die, von solchen sandigten und steinigten Eindden zurückprallende, Sonnenstralen desto beller und wärmer zu uns gelangten. Oder liegen diese Wildnisse brach, um ihren fünftigen Bewohnern defto ergiebiger zu seyn? Gar zu volls reiche Städte haben eine ungesunde Luft, und so bald das Leben in irgend einer Thierart zu sehr übers strömt: so sind Mangel und Tod die Folgen davon. Ueberschwemmungen von Heuschrecken und Feld: mäusen sind schädlich: aber sie würden es von Bies nen, Schafen und Pferden auch seyn. Allenthals ben also Ströme des Lebens, und doch nirgend Ueberschwemmung! So sehe ich denn allenthalben die Absichten, die Grösse des Allmächtigen! Jedoch, wofern ein Schußengel mich so denken siehet: wird er nicht bei meinen Begriffen lächeln? Ein Kind, das auf feinem Spieltisch die ganze Welt zu haben glaubt, tauschet sich in seiner Einbildung nicht so sehr, als der gelehrteste Naturforscher, wenn er von den Werken und Absichten des Schöpfers spricht. Vom schwimmenden Thierchen im Thautropfen bis zum Wallfisch, scheinet ihm ein erstaunlicher Abstand, und es ist doch wol nur Eine Linie an dem Maaßs stabe des grossen Bauherrn der Welt. Mich Der 19te Julius. - Mich schläfert! Welch ein Abfall! So bald ich aufhöre von Gott zu reden, denke ich an mich, und da ist alles klein. Aber ich bleibe doch ewig ein Glied in der unermeßlichen Kette der les bendigen Geschöpfe: welch ein Vorzug! aber auch welche Pflicht, seinen Rang gehörig zu behaupten! Mich schläfert! Aber auch im tiefsten Schlafe, wie lebet und webet es in und um mir! Wie strd: met mein Blut, wie flopfen die Pulse, wie wins det sich mein Innres! Und wann ich morgen aufs stehe: so bin ich die Nacht über hunderttausend Meilen geschiffet; denn so schnell flieget die Erde mit uns dahin. Wie schnell wird sich dereinst nicht mein Geist bewegen! 48 1 Der 19te Julius. Quell und Meer der Kreatur, Jede steigt dich zu verehren. Dir nur, dir singt die Natur Vom Dornstrauch bis zu Himmelssphären. So wie die Seele, so lange es der Körper vers stattet, immer fähiger wird und gleichsam reifet: so steiget auch die veredelte Materie unsers Erdballs bis zu ihrer höchsten Stuffe, welche wahrs scheinlich der menschliche Körper, wo nicht noch etwas edleres ist. Die Leinwand wäre zu grob zu einer Porzellangruppe, dazu gehöret ein viel verfeinerter Thon. Die Räder der Taschenuhr famen Der 19te Julius. tamen in groben Schlacken aus dem Bergwerk, und unsre so künstliche Augen waren ehedem ein Schlamm oder rohe Klumpen. 49 Denket euch eine moraftige Wildniß in Ames rifa: so fann sich die Materie daselbst nur in schlechte Gewächse, und in die Körper schlechter wilder Thiere verwandeln.( Wir nennen aber schlecht, was uns Menschen weniger zum Lobe Gottes ermuntert.) Meistens wird sich daselbst die Materie zu Unkraut und Insekten zusammen: feßen. Ungeziefer, Kröten und Eidechsen werden bis zu ungeheurer Grösse anwachsen. Nun aber, verpflanzet eine Kolonie von klugen Einwohnern dahin: so wird die Materie gleichsam mehr durch: gefeiget und feiner verarbeitet. Statt Nessel und giftige Kräuter zu formiren, löset sie sich nun in einer Rose und Orange auf; låmmer scherzen, wo sonst der Krokodill würgte; und wo die Klappers schlange das Schrecken der Thiere war, pflüget jetzt der nukbare Stier. Frölicher Most fliesset nun, wo sonst der Tieger Blut vergoß; und furz: die Schöpfung ist nun veredelt, ihres weisen und gütis gen Urhebers würdiger, und die Ehre Gottes wird nun von denkenden Wesen vermehrt. Vers gebens hatte bisher der natürlich funkelnde Himmel die Grösse Gottes auf diese Wildniß herabgepredis get. Der bewundersnwürdige grosse Bauherr blieb diesem Pöbel unter den Kreaturen so unbeträchtlich, als ein Virtuose, der nur Huronen und Hottentots ten zu Zuhörern hat. Täglich sehe ich diese Arbeit in der Natur. Es entwickelt sich allenthalben etwas feinres, und Tiedens Ubendand. II, Ce D immer 50 Der 19te Julius. immer bleiben Schlacken zurück, die wieder in den Schmelzofen kommen. Je feiner die Materie wird in desto feinre und zusammengesetztre Formen giesset sich die Natur. Der Koth des Uckers im vorigen Herbst, welcher nur im Weizenhalm ist, machet schon ein weit ansehnlicheres Glied in der Kette der Geschöpfe aus. Im glänzenden Taubenbalse scheis net dieser Erdfloß die höchste Stufe seiner möglichen Vollkommenheit erreichet zu haben: aber nein! Nach kurzer Zeit macht er einen Theil eines reds lichen Menschen aus, welcher seinen Leib zum Teme pel Gottes begiebt und das war der Gipfel der Vollkommenheit, wozu sich dieser Erdklumpen hers anarbeitete. Höher kann er nun nicht steigen, oder er müßte selbst geistig werden, und das ist widers sinnig, Die Ehre Gottes zu befördern, ist der letzte Zweck der Materie. Und da wir Menschen auf der Erde am geschicktesten dazu find: so kann man in dieser Absicht sagen: es ist auf Erden alles um der Menschen willen erschaffen, nehmlich daß fie Gott allenthalben finden und fühlen sollen. Hiers aus fliesset die Rangordnung der Geschöpfe; aber auch meine Verfündigung, wenn ich die Kreatur dadurch angstige, daß ich sie nicht zum Lobe Gottes verbrauche. Meine eigene Glieder werden demnach über mich schreien, wenn ich sie entheiligte, da sie Ges faffe der Ehre Gottes seyn konnten! Und wenn denn die Materie um mich her sich immer zu vers edeln sucht; o! so thun es gewiß Geister auch. Und nun, mein unsterblicher Geist! wie viel edler, das heißt: wie viel Gott preisender bist du denn seit Jahr und Tag geworden? Der 20re Julius. ein. Herr! ich habe mißgehandelt; Ja! mich drückt der Sünden Last! Ich bin nicht den Weg gewandelt, Den du mir gezeiget hast! 51 ! daß ich für Schamrdthe glühete und tief im Herzen den Gedanken empfände: ich bin ein Sünder es ist eine Art von Gotteslästerung, wenn man sich fehlerfrei erklärt. Ach! du heis Tiger Gott! vollkommer stes Wefen! mir unerreichs bares Muster! so bald ich dich denke: so scháme ich mich meiner besten Tugenden. Alle meine Volls fommenheiten rollen sich alsdann zusammen, wie ein Blatt voll Melthau. Ohne ein bußfertiges Abendgebet schlaf ich wie ein Thor und Verbrecher Dachte ich heute gutes: so fehlte es mir viele leicht nur an Reizung, bofes zu denken! Verbans nete ich einen Gottlosen Borsak: so sah ich etwa davon die schädlichste Folgen vorher! Uebte ich wirklich eine Tugend aus: o! wie steif, wie uns vollendet, wie lohnsüchtig war sie! Wie lange werden doch noch alle meine Handlungen blos mit der Eigenliebe gestempelt seyn! Wann werde ich doch aus liebe zum Guten, aus Dankbarkeit und um deinetwillen handeln, mein Schöpfer! mein Herr und Vater! Soll dann alles nur Furcht und D 2 Zwang Der zote Julius. - 3wang ben mir seyn? O! daß meine Affekten im Dienste Gottes nur halb so lebhaft wären, als sie es in dem meinigen find! Nur halb?- Der Wunsch ist schändlich: aber welche Schande, wenn er nicht einmal mein ganzer Ernst wäre! Mein Schweiß, mein Blut, meine Thränen, sollen sie denn nur immer der Erde zu gefallen fliessen, welche doch jährlich nur spröder gegen mich wird? 58 Jedoch du, gütiger Gott! verlangest so schmerzliche Opfer nicht. Eine Freudenthräne bei deinen Werken und Wegen, das würdest du gnås dig annehmen und reichlich belohnen. Und doch sind die Augen so trocken, wenn gleich alles Ents zuckung und Himmel um mich ist? O! welch ein Sunder bin ich, daß ich mich deiner so wenig erfeue! Ein Engel, der kaltfinnig gegen dich wäre. wurde aus dem Himmel geworfen: ein frostiger Christ verdienet nicht diese schöne Erde zu bewohnen. Aber wohin wird mich denn der Zorn meines vers schmäheten Gottes einst schleudern?Todesstunde! mir unentfliehbarer Zeitpunkt! breit öfters deine tausend Schrecken vor meine uns gebrochne Augen aus. Denn, sind sie erst gebros chen: so sebe ich weder Hafen noch Land! Jauchze ich trunken von Sünden: so winsle mir meine stots ternde Ungjigebete vor! Brüste ich mich wie der Pfau im Sonnenschein: so zeig mir das Gemäßlde meines sinkenden Haupts auf meinem Sterbeküssen, welches auch wol eine Diele oder ein Feldstein seyn könnte! Todesstunde! droh und ächte mir entges gen, so oft to der Sünden entgegen lache! Jedoch, was Der 21te Julius. was fobre ich von dir; du bist ein harter Zuchtmeis fter und ich habe einen treuern Warner: Herr Jesu! erbarm dich mein! Verfolg mich doch in der Jrre! Zieh mich von meinen Schleichwegen ab! Erleucht durch dein Wort mets. nen kindischen Verstand, auf daß ich den Himmel der Erde vorziehen mdge! Beßre mein Herz, das mit ich meine zweydeutige Handlungen nicht Tus gend nenne! Noch kann ich weiser und Frömmer werden: es soll noch in dieser Minute geschehen; denn nach Einer Stunde mdgte ich schon entschlafen seyn. Verbirg, verbirg denn alle meine Sünden auf ewig: ich will hinfort dir eifriger dienen. Herr Jesu! ich lasse dich nicht, du fegnest denn den müs den Pilger, der nun bald entschlafen wird! Der 21te Julius. 53 Meine Lebenszeit verstreicht, Stündlich eil ich zu dem Grabe. Und was ists, daß ich vielleicht Hier nun noch zu leben habe? Denk, o Mensch! an deinen Tod, Siume nicht: denn Eins ist noth. Daiser Karl der fünfte danfte 1555. etwa 3 Jah re vor seinem Tode die Regierung ab, um sich in einer Art von Einsamkeit zum Sterben zuzubes reiten. Nicht lange vor seinem Ende stellte er bei D3 gefuns Der 21te Julius. gefunden- Tagen sein Leichenbegångniß an. Er fah ben Sarg, von brennenden Wachskerzen und traus renden Bedienten umgeben, vor sich vorbeitragen. Dieß Trauerspiel war so rührend, daß kein Gegens wärtiger sich der Thránen enthalten konnte. 54 Ich habe meine heutige Regierung niederge: legt, sige hier in der Einsamkeit und erwarte den Schlaf. eine Ur des Todes. Meine jetzige Kleis dung ist schon mehr dem Sarge als einer Uffams blee gemäß: ich will mein Begräbniß feiern. Ich bin todt. Nach abgewaschenem Todess schweiß werde ich an Händen und Füssen in den Sarg getragen. Nichts ist demüthigender als dies fer Auftritt, und niemand kann hochmüthig seyn, der seiner zuweilen gedenkt. Welche Verwirrung unter den Meinigen! Wie stumm oder wie jam: mernd hefren sie ihre starre Augen auf mich, als hatten sie Ursache mich zu beklagen! Arme Hinter: laßnen! sebet mehr auf euch als mich: denn ihr werder jetzt auf allen Seiten zur Sünde versucht. Die besten unter euch stehen in Gefahr der Ubgöts teref, und legen mir armen Sünder göttliche Eigens schaften bei. Auch Thránen sollten nach Goldges wicht abgewogen werden. - Vielleicht aber sterbe ich unter Fremden, des nen mein Abschied zu lange währte, und die falts blutig mit mir zur Erde eilen, um von da zum Schmause zu gehn. Gut! desto unparthelischer Pönnen sie richten. Und würklich fäller jeder von Ihnen fein Urtheil. Den alten Egyptern ward ein feierliches Begräbniß, und folglich nach ihrem Lehrs Der 21te Julius. 55 Lehrbegriff alle fünftige Glückseligkeit verfaget, wenn jemand nach ihrem Tode gerechte Klage wis der sie erhob. Würde ich wol des Grabes werth fenn, wenn die Zuschauer um meinen Sarg wider mich eugen dürften? Jedoch der Wohlstand heißt sie in dieser Welt schweigen. Aber ich wünschte, daß sie mir jetzt eine zärtliche Thräne opferten! Thränen von Fremden? Nun dazu gehört wahrs taftig mehr Verstand und Zugend, als ihr Blut auf dem Schlachtfelde zu vergessen, eder sie sich zu Sklaven zu machen. Könige! denen gebt Ors den und Pensionen, welche euch ein Plus solcher Thränen verschaffen! Auch ich will nach dieser wah ren Vermehrung meiner Güter geizen. Wenigs stens soll kein rechtschafner sagen: gut! daß er todt ist! lleber meinem Grabe müsse noch ein Mens schenfreand weinen und nach dem Himmel sich seh nen! Und deiner habe ich bei meiner Begräbnißfeier noch nicht gedacht, mein Gott und mein Erlöser?. Und alle übrige Anstalten sind doch nur Kleinigkeis ten? Nur deine Wunden sind sichre und prächtige Grabstätte. In meinen leßten Stunden Strom du mir Kraft und Rub, Mir Heil aus deinen Wunden, Mir deinen Frieden zu! Du bists allein, auf den ich trau; Stárk meine Seel im Tode, Daß ich dich ewig schau! de D4 ilm Der 56 Der 22te Julius. Erforsch mich, Gott! fich ob ichs redlich meine! Gieb, daß ich nicht blos, was ich seyn soll, scheine; Mit allen Kräften strebe deinen Willen Ganz zu erfüllen. Die Seuchelei wird allgemein verabschenet, und dennoch fast allgemein begangen. Die meis sten Menschen liebäugeln mit ihren Fehlern, vers stellen ihre Geberden gegen sich, und sind froh, daß fie sich selber betrügen können. Es giebt eine dreis fache Gattung sich selbst betrügende Heuchler. Bei muthwilligen Verbrechen sich eine Sobrede nach der andern halten, und jeder noch so scheuß: lichen Sünde eine blendende Schminke auflegen: das ist grobe Heuchelei. Und dieß ist der Fall, in welchem sich jeder Ruchloser befindet. Er tändelt, scherzet und hüpft; wie kann er das, da er doch vor Gott ein Halsverbrecher ist? Wird ein Deline quent jauchzen und springen, der den Kopf morgen verlieren soll? Manche ansehnliche Gesellschaft würde erschrecken, und gleich vor Gespenstern aus: einander laufen, wenn jeder in der Blösse feines Herzens da stünde! Es giebt wenig Fälle, wo der tugendhafte Mensch es waget, sich ganz im stils len einer Handlung wegen zu loben und der gröbste Sünder lobt sich alle Augenblicke laut! Feiner Der 22te Julius. 57 Feiner ist die Heuchelei, da man sich zwar nicht vermummet; aber sich doch nur von Einer Seite betrachtet. Und es versteht sich, daß man den vortheilhaftesten Standort dazu erwählet. Thun und lassen machen diese beide Seiten aus. Ich une terlaffe das Böse, ist gut: aber thu ich auch das entgegenstehende Gute? Laster und Tugend gränzen se dicht an einander, daß auf dieser schmalen Zwis fdenlinie fein Mensch wandern fann. Ich nehme meinem Nächsten nichts und thu ihm nichts zu leide: das ist ein solcher Gränssteg, auf dem man nicht ohne Schwindel stehen, geschweige fortschreiten Fann. Gebe ich dem Nächsten nichts; diene, une terstüße, erfreue ich nicht: so habe ich ihn allers dings der Hülfe beraubt, mit der Gott mich zu dem Ende ausgerüstet hat. Wie? wenn eine Mutter so neutral gegen ihren Säugling wäre, daß sie ihm weder Gutes noch Böses erzeigte! O ihr, heuchlerische Christen! die ihr eurem Nächsten fros stig begegnet, als wäre er eures Blutes nicht: euch wird jener Tag die farve abziehen, und euch als Brudermörder auf der Gerichtsbühne ausstellen! Nicht nur die Verbote, sondern auch die Gebote des Christenthums haben ihren Ursprung von Gott. Den feinsten Betrug endlich spielet man sich, wenn man Schäße sammlet durch ausgeübte Tus genden: welche doch bei genauerer Untersuchung falsche Münze find. Nicht das Kleid der Tugend, sondern das Herz fordert die Religion. Man kann zehn tugendhafte Handlungen begeben, die jeder dafür gelten läßt, ausser der Allwissende; und im D5 Gironde Der 22te Julius. Grunde betrachtet, fliessen sie alle zehn aus Einer verborgenen Pfüße. Ein ehrgeiziger Feld. herr liefert nicht blos Schlachten, sondern begegnet auch öfters feindlichen Ländern sehr huldreich. Er beschenkt eine Stadt, und er würde sie schleifen, wenn er ausrechnen könnte, daß das lettere ihm Einen Gran Ruhm mehr bringen könnte. Wie manche aufgeführte Kirche, bekleidete Ultåre, aus: gestattete Dirnen, beschenkte Armen, laut gesungs ne lieder, gefaltene Mienen und besuchte Erbaus ungsorter, hatten Stolz, Gewinnsucht, Ehebruch, Trunkenheit, Langweile, Berrug, und abgefeimte Luft zur Triebfeder! Wer sich dünket zu stehen, sehe wohl zu, daß er nicht falle. Die Heuchelei nimmt mit unsern Seelenschaden lauter Pals liativfuren vor: aber plößlich bricht das verborgne Uebel desto schrecklicher aus! 58 17 Wer bin ich, Gott! der du meine Gedanken in ihrer ersten Bildung durchforschest! Ach! ich befürchte, daß auch ich nicht frei von aller Heu: chelei bin! Und du bist doch des Heuchlers Feind? Ich Armer! Unter Menschen habe ich Feinde ge nug, und im Himmel wäre ich auch ohne Freund? Vergib, erbarm dich, beßre mich, lehe mich be: hutsam wandeln und vorsichtig gegen Laster und vermeinte Tugenden seyn! Jetzt soll wenigstens mein Gebet und mein Vorsatz nicht heucheln: Herr Jesu! nur aus Liebe zu dir und dem Nächsten sollen künftig meine Tugenden fliessen! - Der Der 23te Julius. Laß mich diese Nacht empfinden Eine sanft und füsse Rub; Alles Uebel laß verschwinden; Decke mich mit Segen zu! 59 Gott! ohne deinen Schuß stehet mir eine ers schreckliche Nacht bevor, tch' armer Mensch kann ohne dich weder schlafen noch wachen, weder leben noch sterben. Abmatten kann ich mich wohl, fonderlich bei jetziger schwülen Jahrszeit: aber wenn du mich nicht in den Schlummer wiegest, so fahre ich ängstlich vom Schlafe auf, und bin ents weder ein elendes Geschöpf, oder auch wohl ein besserer Mensch, weil ich nemlich mehr von der Welt abgesondert bin, und die angehöre. Wer auf seinem Lager den Schlaf vergebens suchet, dem Offnen sich mehrentheils Goldadern von heilsamen Betrachtungen. Des Nachts wachsen und gedeien die Früchte der Erde und besten. gute Gedanken ant - Höchst beschwerlich und abmattend ist allers dings das Aufwachen in der Nacht. Jedoch die, Güte Gottes ist auch hiebei sichtbar. Wie weise und liebreich verschloß er mir nicht das Ohr, welches zwar jeden Schall, jeden Glockenschlag vernimmt, aber ihn nicht nahe genug zu meiner Seele führt! Ganz taub im Schlafe zu seyn, wäre höchst 60 Der 23te Julius. höchst gefährlich für uns: nur der Allweise fonnte den Grad bestimmen, wie viel oder wenig wir im Schlafe horen durften. Sanfter Regen störet uns nicht: wohl aber ein furchtbarer Donnerschlag. So auch mit unsern übrigen Sinnen. Der Un bruch des Tages wecket uns eben nicht auf: helles Licht oder Feuer aber dringet durch unsre verschloß: ne Augenlieder, und warnet uns vor Gefabr. Auch das ist wunderbar, daß wir zu einer fest vorgesetzten Stunde erwachen. Ingleichem, daß wir beim Aufwachen oft genau wissen: wieviel es an der Uhr seyn müsse. Welchen Maßstab ha: ben wir dazu? O! wie ist der Mensch sich selber so unbegreiflich! Ein zu fester oder zu leiser Schlaf sind eine Abweichung von den Einrichtungen Gottes, und meistens sind sie Folgen einer fehlerhaften Erzie hung oder unsrer Unordnung. Ein ununterbroch: ner Schlaf ist ein größres Geschenk des Himmels, als eine ununterbrochne Reihe von Ahnen. Mütter, welche ehemals ihre Kinder selber stilleten, verlies ren mehrentheils dieses Geschenk, ohne daß es ihnen von ihren Männern oder Kindern verdanker würde. Unser Aufwachen geschieht nicht von ohnges fehr. Sünden, Krankheiten und Alter nur pflegen uns zu wecken, oder auch ein Gerdse von aussen. Gott' bedienet sich dieser Mittel zu unserm besten und öffnet uns Schlafenden das Ohr, damit wir die wandelnde Stimme hören sollen: Udam! wo bist du? Dieser Mittelzustand zwischen leben und Tod kann sehr nützlich von uns verwendet werden. Alles um mich her schweiget und schläft; nur Glocken: Der 24te Julius. 61 Glockenschläge und Stimmen der Wächter vernehs ne ich; oder ich sehe vergangne oder zukünftige Jahre vor meinen verschloßnen Augen umhers schwärmen. Sind das nicht Aufforderungen, die Zeit berechnen zu lernen? Dünkt mir alsdann eine Stunde so lange, o! warum verschleudere ich sie denn am Tage durch Gähnen? Ist es möglich, mein Vater! so schenk mir diese Nacht einen ungestörten Schlaf. Laß es mich jederzeit bereuen, wenn ich mir durch heftige Affets ten, hißige und überflüßige Nahrungsmittel, oder durch andre Thorheiten den balsamischen Schlaf selbst unterbreche. Wecken mich aber stockende Säfte, sprdde und geriebne innre Theile des Kors pers, oder Sommerhiße, Gewitter und andre Urs fachen so gieb mir Geduld und laß mich mit die beschäftiget seyn. Unter deiner bedeckenden Hand will ich jetzt ruhig schlummern, und erwache ich diese Nacht: so sey mein Gedanke: Gott, Himmel und Ewigkeit! Der 24te Julius. Einer iner Seligkeit voll, die wir jenseits am Grabe vergebens ( Auch mit den reinsten Gedanken vom Schöpfer!) rangen zu denken, Schauen wir Gott. D er hohe Werth eines Menschen wird von feinem geringer geachtet, als vom Menschen selbst, Der 24te Julius. felbst. Gott schuf ihn nach seinem Bilde, gab ihm seinen Sohn zum Erldser und siehet mit Wohl gefallen auf ihn herab. Engel freuen sich seiner Busse, und vielleicht sind die erhabensten Geister im Himmel dfterer mit dem Menschen beschäftigt als er es mit sich selber ist. Pflanzte nicht Gott unvernünftigen Thieren eine Art von Achtung und Gehorsam gegen uns ein? Der Elephant läßt sich nur von Menschen bändigen; eine schwache Knabenhand kan wiehernde Rosse lenken, und selbst reissende Thiere werden nur durch den äussersten Hunger gezwungen, Menschen anzufallen, und dann förchten sie sich vor dem geringsten Wider: stande, so gar vor seiner Stimme und seinen Aus gen. Kann er Feuer anzünden: so ist er vollends gedeckt. 62 Nur Geiz und Ehrsucht schlugen zuerst die Menschen in Feffeln, vergessen ihr Blut in unge rechten und barbarischen Kriegen, traten Leibeigene unter die Füsse, und koppeln noch jetzt Negern und Gefangne zusammen, um sie zu viehischen Arbeiten zu verkaufen. Den Menschen blos nach seinem Körper, oder nach seiner jetzigen Verfassung taris ren, heißt: den rohen Diamant für einen schlech ten Stein halten und wegwerfen. Der Erbe einer Monarchie, der noch in der Wiege schläft, darf feines gegenwärtig hülflosen Zustandes wegen von uns nicht beleidiget oder verschmähet werden, denn unser Liebermuth mögte unter seiner künftigen Grösse zitternd erliegen! Ich 63 Der 24te Julius. Ich bin ein Mensch, das ist immer weit mehr, als ich bin ein König; denn dieser ist nicht mehr, wenn jener die glänzendste Rolle spielt. Kronen zerstäuben: aber menschliche Seelen nicht. Das Feuer der Sonne fann verlöschen: mein Geist aber bleibet in Ewigkeit. Und o! wie würde ich ehrs furchtsvoll über mich selbst erstaunen, wenn ich mich jetzt fennete, wie ich nach tausend Millionen von Jahrhunderten beschaffen seyn werde! Eine menschliche Seele, ewig im Umgange mit Gott! bald nach dem Tode so erkenntnißreich, daß unsre größte Gelehrte Schüler dagegen sind! und diß Meer von Erkenntnissen ewig erweitert! jede Tugend schöner als die andere! Nun berechs net, was und wie viel ein solcher verklärter Geist durch alle Ewigkeiten denken und thun kann! Und diesen Geist, der jetzt etwa in einen Lazarus eingeferkert ist, denkt ihr mit einer Brodrinde oder einer Kupfermünze zu befriedigen? Dieser Geist soll ewig stumm seyn, damit er nicht Rache über euch rufe? Dieser zu so göttlichen Eigenschaften bestimmte Geist soll blos in euren Bergwerken ars beiten? Der unsterbliche Mensch soll schweigen, friechen, hungern, schwißen, bluten, weil er die Minuten dieses Lebens hindurch arm war? Aber ehe könnet ihr das Siebengestirn vor euren Wagen spannen, als daß der Mensch euch ewig dienen müßte. Gott ewig bienen und leuchten wie die Sonne soll er, und wie die Sterne immer und ewige lich: das ist sein Werth, wenn er will. - Sohn Gottes! König der Könige! und auch mein Freund! mein Bruder! nur die Sünde befleckt meinen 64 Der 25te Julius. meinen Adel. Wer darf dem Geringsten unter deinen Erldseten schlecht begegnen! Ach! ich habe es leider gethan und bin des Schlafes, den du mir jezo anbeurst, nicht werth! Bergieb, und erhalt mich der Tugend getreu: so will ich nach tausend Weltaltern den Gedanken prachtig zu deinem Lobe ausdrücken, den ich jetzt nur dunkel empfinde: ich bin ein Mensch! Der 25te Julius. Der Herr ist groß: die ftille Nacht Spricht laut von seiner Lieb' und macht. or sechs Monaten waren die Nächte um uns dde und fürchterlich, und jede Kreatur vers barg sich, aus Furcht zu erfrieren. Jetzt streitet die Sommernacht mit dem Tage um den Vorzug; wenigstens bei der vornehmen Welt, die unter den Wohlthaten Gottes immer sehr lecker wählet. Die Hiße wird allgemach abgekühlet, und Himmel und Erde vereinigen ihren Thau zu dem Ende. Und wie weise ich nicht alles abgemessen! Die Nächte sind jetzt schon um eine Stunde långer, als sie vor einem Monat waren: aber damals war es auch noch nicht so heiß. In den Hunds tagen durfte die Nacht nicht am kürzesten, und die Genne nicht am senkrechtesten feyn: sonst vers schmachteten wir. Der Ernte wegen ab.r waren jekt Der 25te Julius. 65 jekt doch auch lange Nächte nöthig, der Herr hat alles wohl gemacht. Winternächte gleichen einer einsamen Meieret, Sommernachte sind einer lebhaften Residenz gleich; lauter Leben und Pracht? Als wenn der Schöpfer unsre Gegend näher besuchte, ist alles mit seinen Dienern angefüller. Selbst der Dornstrauch heget jekt ansehnliche Familien; über und unter der Era de, in Baumgipfeln und Felsenriken ist alles mit Gästen befeßt, die uns nach einigen Monaten zum theil wieder verlassen werden. Wie wunderbar! Der brütende Vogel richtet jetzt eine Speise zu, die zum theil einige tausend Meilen von hier vers zehret werden soll. Der Hamster schüttet ein Mas gazin auf, und jåget geizig und undankbar zuleht fein Weibgen hinweg, welche sich aber einen andern Zugang zu dieser Vorrathskammer zu machen weiß. Wenn aber nun ein Urmer den räuberischen Hams ster vertreibt, so kommt der gefundene Vorrath nach Gottes Absicht in die rechte Hände. Der Eigenthümer des Uckers fonnte nichts missen, die Vorsicht aber fand ein Mittel, dem abgewiesenen Urmen zu helfen, ohne daß er stehlen durfte. Wie kurz ist jetzt die Pause in der Natur! Wenigstens, wenn auch alles schläft oder stumm ist, tschirpet doch noch die melancholische Feldgrille, um einem Nachdenkenden Stoff zu Betrachtungen zu geben, über die künstliche Hervorbringungen dieses Geschwirrs, oder über die wunderbaren Absichten Gottes bei so verschiedenen Geschöpfen. Für wen zwitschert wohl das einerlei fagende Heimchen? Tiedens Abendano, IL, TU Der Univ.- Bibl Giessen Der 25te Julius. Der braune Schnitter scheinet so wenig zu schlafen als die lockende Wachtel. Seine Geduld und Arbeit sind für gähnende Christen ein bitts rer Vorwurf? Könnten wir nicht auch dem Him: melreich Gewalt anthun? Angefülite Scheuren und ein leeres Herz sind ein Brandmahl. Eine ange: nehme Sommernacht und ein fühlloses Gemüth find ein Kapitalverbrechen. Und nicht alle Länder haben reizende Sommernachte: in dftlichen und ges bürgigen Gegenden sind sie zu fühl, als daß sie Spaziergänge erlaubten. 66 O! daß doch deine jetzt so leserliche Liebe und Weisheit fleißig von mir studiret würde! Urquell aller Güte! wie sehr beseligst du mich! Lerchen und Wachteln, deren Stimmen doch für deinen Ruhm so unermüdet sind, müssen jetzt Nest und Obdach an unsre Scheuren abtreten, und unsre Un merkung dabei ist meistens nur: die Erndte könnte beffer feyn! Langmüthiger! und wenn sie sich denn auch alle an dir ärgern: so will ich mich doch an deinen herrlichen Gaben ergößen und sagen: es ist zu viel ich bin unwürdig aller Barmherzigkeit und Treue!- Ob ich es auch aus Herzensgrunde fage? powing ä Der 26te Julius. Spricht Gott geheimnisvoll: so laß dich diß nicht schrecken. S Ein endlicher Verstand kann Gott nie ganz entdecken; Gott bleibt unendlich hoch. Wenn er sich dir erklärt; So glaube was er spricht, nicht was dein Wiß begehrt. 67 Ich glaube an einen breieinigen Gott: aber meine und so bald ich sie deutlich machen will, falle ich vermutlich in Irrthum. Ich glaube, daß es Engel und Teus fel gibt: aber ich stelle sie mir gewiß anders voe als sie sind. Ich glaube, daß Jesus Christus wahrer Gott und Mensch war: nur bleibet mie die Vereinigung beider Naturen unbegreiflich. Ich glaube, daß der heilige Geist mich durch Taufe, Wort Gottes und Abendmahl zu einem neuen Menschen mache: jedoch die Frage bleibt: wie mag solches zugehen? Ich geniesse den Leib und das Blut meines Erldsers; aber auch hier nehme ich meine Vernunft gefangen unter den Gehorsam des Glaubens. Ich bin überzeugt, daß Gott heilig und die Güte selber sey: aber eben deßhalb begreife ich so viele Zulassung des Bösen nicht. Ich glaube eine heilige christliche Kirche und die Gemeine der Heiligen: aber darf ich deßwegen alle Heiden, Juden und Türken verdommen? oder dürfen Ka tholiken, Eutheraner und Reformirte sich dieser halb vers Der 26te Julius. verfezern? Ich glaube eine Auferstehung des Fleisches, und ein ewiges Leben: aber68 - Ich bin ein blödsichtiger Mensch. Bergieb mir, unbegreiflicher Gott! wenn mein Glaubenss bekenntniß mangelhaft ist, oder wenn meine Ideen bei allen diesen Glaubenspunkten nicht immer die deintgen sind! Dein Wort ist hinreichend zu meis ner Seligkeit; Genf, Wittenberg oder Rom mde gen es noch so verschieden erklären. Thut Buffe und glaubet an das Evangelium; d. i. auch ihr, Tugendhafte! werdet immer besser, und wenn ihr alles gethan habt, so haltet euch für unnüße Kneche te und sucher den Erldser; Diß sen und bleibe der Grundpfeiler meines Glaubens. - Gieb mir, mein Sohn! dein Herz: diß ist befohlen; aber nicht, Geheimnissen nachzuspähen. Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein und über jede Günde geängsteter Geist; ein geangstes und zers schlagen Herz wirst du, Gott! nicht verachten. Wiß und Disputirkunst machen das Herz nicht besser, und wenn dieses nicht feurige Liebe gegen Gott und den Nächsten heget: so bin ich, und wenn ich mit Engelszungen redete, ein tonend Erz und eine flingende Schelle. Irrthümer des Vers standes wird der nachsehende Richter so nicht bestras fen, als Fehler des Herzens; denn dieses hat deuts lichere Vorschriften als der Verstand, und seine Ausschweifungen beleidigen andre Menschen. Uns richtige Vorstellungen kann ich mit ins Grab nehe men: aber unrechtmäßige Handlungen werden, wie der Schlag bei der Elektrifirmaschine, andern mite getheilt, und winseln dereinst über meinem Grabe Kind: 69 Der 27te Julius. Kindlicher Glaube ist Gott gefälliger als das manns lichste System. Wir gehen mit der Bibel so weit wir können und stehen still wo sie uns nicht leuchs tet. Wir suchen und forschen in der heil. Schrift: dringen aber niemanden unsers Glaubensmeinuns gen auf. Wer Dank opfert, der preiset mich; und da ist der Weg, daß ich ihm zeige das Heil Gottes. Jesu! du weisfest alle Dinge, du weissest, daß ich dich lieb habe! Deine Lehren und dein gotts liches Verdienst will ich zu meinem Wege machen, ben ich immer betrete. Ich will Religionswahrs beiten gewissenhaft prüfen: aber mit Grübeleien mich nicht aufhalten. Ist mein Herz rein: so wird es mein Verstand auch werden; aber nicht umge= fehrt! Was kann man in dieser Trivialschule viel Lernen! Hier im Glauben: dort im Schauen! Der 27te Julius. Einst werd ich dem den Dank bezählen, Der Gottes Weg mich geben hieß, Und ihn zu millionenmalen Noch segnen, daß er mir ibn wieß; Da find ich in des höchsten Hand Den Freund, den ich auf Erden fand. Mare der nächste nur unser Begleiter auf dies fer dürren Heerstrasse des Lebens: so wären eine höfliche Ausweichung, eine Verbeugung hin & 3 70 Der 27te Julius. und wieder, ein Zeitvertreib mit ihm, und höchs stens eine angebotene Erfrischung, alles was wir thun könnten. Dann wäre unsre innigste Verbins dung nur eine Freundschaft für Einen Tag auf dem Postwagen. Über wir sind ewig Gesellschafter, Freunde, Brüder: mit frostigen Komplimenten ist es also nicht gethan. Der Beleidigte verfolgt seinen Beleidiger auch in der Hölle: die unterstüßte Tnd verdankte es uns in Ewigkeit. Alle hiesige heil über unsre Handlungen sind kurzsichtig, wiedersprechend und morgen vergessen. Und dennoch nehmen wir so wenig Rücksicht auf unfre dortige Verbindung mit dem Nächsten? Wir zittern vor einem mách: rigen Bösewicht und denken nicht daran, daß er nun bald, auf ewig von uns getrennet, über unfre Geligkeit zittern wird. Jener Redliche aber, dem wir so vornehm danken, weil sein ganzes Kleid nicht so viel fostet als eine Elle des unfrigen: dies fer wird dort unser Gesellschafter durch alle Welten des Schöpfers seyn. Und was sind alsdann Mos den und Rangordnung der Erdensöhne? Alexander der Kleine und Jrus oder lazarus der Groffe! Kaiserkronen sind dann so viel werth, als Geld auf einer wüsten Insel. Ich kenne über tausend Menschen: habe ich sie wohl jemals gehörig tarirt? Wen und wie viele unter ihnen finde ich dort noch liebenswerth! Schlechte Freundschaft, die sich hier nur auf Mahls zeiten, Nachbarschaft und bürgerliche Verbin uns gen gründet! Nur der ist der Freund meines Hers zens, der es nach Milionen Jahren noch seyn kann. Wer Der 27te Julius. 71 Wer nicht mit mir in der Ewigkeit ist, ist wider mich. Vielleicht ist mein Geschwister mein Kind bort meines Anblicks nicht werth, und vielleicht wird ein frommer Bettler meine fümmerliche Alls mofen mir dorten mit ewiger, in Entzückung zers schmelzender Freundschaft bezahlen. Wie gezieret: Ich kann des Menschen Physiognomie nicht auss stehen; und er fann mein ewiger und geliebter Gesellschafter werden! Aus diesem Gesichtspunkt will ich von nun an die Menschen beurtheilen. Mein Umgang mit Gottlosen, und wäre ihre Haut noch so fein, ihre Tafel noch so wohl befeßt, ihre Fürsprache noch so mächtig, soll behutsam eingeschränket seyn. Ihr aber, die ich einst vor Gottes Throne wieder finde: euch schenke ich hiemit meine ganze Liebe und Hoch achtung. Und da fein Kapital so sicher und auf so bobe Zinsen angelegt werden kann, als wenn man einen Irrenden zu Gort führet: so will ich mit meiner Tugend meinen Freunden vorleuchren.. Wenn ich eine einzige Seele von der Verdammniß 0! welche undenkliche Dankbarkeit würde dieser felige Geist nicht in alle Ewigkeit der Ewigkeiten gegen mich hegen! errette: - Ewiger Menschenfreund! mein Gott und Erldser! welche Freunde, von Udam bis auf das letzte Menschengeschlecht, hat mir nicht dein Blut erworben! O! ich will gesinnet seyn wie du, und für die Ewigkeit werben. Dort erlebe ich den heus tigen Tag wieder, denn meine Werke folgen mic nach. Bald drückt mir hier ein zärtlicher Freund die Augen zu, und ein noch zärtlicherer empfänget mich dort. Der 4 79 Der 28te Julius. I bin ein Gast und Pilger auf der Erden, Nicht hier, erst dort, dort soll ich glücklich werden. es Menschen Glück, Macht und Vorzüge beruhen meistens auf seinem Berstande. Die Summe hiesiger Glückseligkeit würde also grösser fenn, wenn unsre Vernunft nicht zu enge Schrans Fen hätte. Auf der andern Seite kann man sagen: wo viel Weisheit ist, da ist viel Gråmens. Thiere und dumme Menschen haben den wenigsten Kum mer; aber( frage ich) auch das meiste Vergnügen? Wir wollen nicht streiten, sondern Gottes weise Güre verehren, der seinen Kreaturen alles mit göttlicher Wage zuwiegt. Hätte der treue Hofhund mehr Seelenfräfte: so würde er das Schooßhünds chen auf dem Polster beneiden; bei erster Gelegen heit entliefe er der Kette, schweifte herrenlos umber und würde dafür durch alle Häuser und Küchen gepeitscht. Befässe der Hase hingegen nicht lift genug, sich Menschen, Hunden, Füchsen, Raubs vögeln und andern Feinden geschickt zu entziehen, durch genommines Lager, Andrücken, Raumen, durch den Feind verführende und abmattende Sprůns ge, durch Verwirrung seiner Spur im Schnee: so würde diese Thierart bei uns bald ausgerottet were den. SolltendieGränzen menschlichen Verstan des nicht eben so weise gezeichnet seyn? Sie sind es. Wären Der 28te Julius. 23 Waren sie weiter; fonnten wir zehnmal mehr erforschen als jekt: so wäre das unser Unglück. Wir würden uns noch mehr in uns selbst verlies ben, für uns und andere unthätiger werden, und desto straffälliger seyn, wenn wir Gottes vergåss sen. Der Sternfundige berechnet den Umlauf des Gestirns; könnte er die wirbelnden Urtheile seiner Gönner oder Klienten eben fo berechnen: ihm wurs de vor der Erde ekeln. Das wäre ein furchtbarer Arzt, der jeden Kranken beim Leben erhielt; denn gegen Eine Stimme fodern bisweilen hundert den Tod. Wüßten wir die Witterungen Jahre lang genau vorher, folglich theure und wohlfeile Zeit zu berechnen: so wären wir übel dran. Bey vor: ausgesehenen Schlossen, Wolkenbrüchen und gånz: lichem Mißwachs legte der Landmann die Hände nicht an den Pflug, und was thate er dann? Dec Wuchrer hingegen faufte ganze Erndten zu der bevorstehenden Theurung auf, und verstände er vollend Mäuse und Kornwürmer zu vertilgen; o! so würde der Urme aufgerieben durch steten Mana gel oder viehische Arbeit. Wären die Schranken des Verstandes enger: wie unglücklich gleichfalls! Wir dürfen nur recht dumme Nationen betrachten, unter denen niemanden lesen oder schreiben fann; so sind Niederträchtigkeit und Irreligion die Folgen davon. Die ihr uns so gern zum Bieh herab vernünfteltet, und unsern Blutkugeln lieber Einsichten beilegtet, als unferm Geiste! unsre grössten Männer, die mehrentheils hypochondrisch sind und schlechtes Blut machen, widerlegen euch und retten die Ehre der Menschheit. Ich Der 28te Julius. Ich bete einen unsichtbaren Herrn an, habe ein Gewissen, ich sehe über mein Grab hinaus: so weit reichet weder Jagdhund, Pferd noch Elephant. Zu groß ist unsere Seele und wir müßten wenig Erfahrung, wenig nachgedacht haben, wenn wir fie aus lieberzeugung mit den Seelen des Viehes in eine Klaffe werfen wollten. Eine ausgerechnete Sonnenfinsterniß; ein Brief in Europa geschrieben, der in Usien oder Amerika verstanden wird, und für jeden andern verschlossen bleibt; ein Gemäßlde ein Gedicht, eine Musik, welche die Neigungen der Menschen fenft; o! ich bin ein Mensch, und danke dir mein Gost! darüber daß ich so wunderbarlich gemacht bin! Berfälschung deiner Absichten ists, wenn wir unsern Verstand erschlafs fen oder überspannen: Dummheit, Verrückung, Aberglauben und Freigeisterei sind die Früchte das von. Auch nicht ohne weise Absicht gabst du jedem einzelnen Menschen tiefre oder seichtre Erkenntniß. Jeder foll mit Genkblei oder Ruder dich suchen und finden, und wenn und wie er dich gefunden hat, durch Werke beweisen. So bald man aufs hört, Gott zu fürchten, hat man einen unmenschs lichen, d. i. zu viel oder zu wenig Verstand. Bin ich verständig? 74 -- Der Der 29te Julius. Mit meiner Macht ist nichts gethan, Dich Gott und Vater ruf ich an, Du kannst und wirst mir helfen. 75 Auch die Gränzen menschlicher Macht verdie nen unsre Bewundecung. Der Mensch ist so. mächtig und so ohnmächtig, daß es sower fällt, zu beur heilen, welche unter beiden Eigenschaften ihm die angemesfenste sen. Er ist der halbe Weg vom Nichts zur Gottheit. Die Natur unterwirft sich unsern Einfällen nicht; sie macht uns allenfalls( wenn wir uns so ausdrücken dürfen) ein Kompliment: aber dienen mag sie uns nicht. Wir ertroßen von ihr jetzt feine Tulpe oder Matblume, und zwingen wir ihr ja in Treibhäusern, durch Feuer und Wasser, ihre Gaz ben einige Monate früher ab: so wirft sie sie uns gleichsam halb ausgearbeitet hin. Die Nachtigall fingt uns jetzt durchaus nicht; ehe könnten wir unfre Feinde, uns zu fchmeicheln, erkaufen. Sons derlich sind unsre Monarchen Geschöpfe, die Liebe und Ehrfürcht, aber nicht Anbetung verdienen. Sie können nicht immer Gutes thun; diß bleibet das Vorrecht des Königs aller Könige. Sie fone nen die ganze Erndte verderben: aber feinen trocks nen Tag zur Einfuhr der Garben verschaffen. Gie können durch einen Befehl hunderttausend Bealer: aber 76 Der 29te Julius. aber nicht fünfzig Kapitalisten machen. Krieg kons nen fie beut anfangen: aber morgen nicht sagen: es sen Friede! Hundert Meilen von sich entfernt Fönnen sie stromweife Blut vergiessen: aber ihr eigs nes stockendes Blut nicht zertheilen. Für Eine ihrer Leidenschaf en fönnen sie tausend sterben lassen: nur, ihr leben zu retten, nicht Einen. Millionen vermögen sie zittern zu machen: aber selten sind sie so glücklich, daß selbst ihr Thronfolger sie liebt. Untersuch ich meine eigne Macht; so bin ich mir gleichfalls ein Räzel. Nicht über die Hälfte meiner Glieder habe ich zu befehlen. Seichter kann ich einen Rubin aus dem tiefsten Schacht Brasi: liens schaffen, als ein Geschwür aus meiner Lunge. Die Sterne fann ich ehe mit bloffen Augen zählen, als meine Feinde um mich her. Auf hundert Jahre voraus kann ich Sonnen und Mondsfinsternisse wissen: aber der morgende Tag, meiner Kinder Glück oder Unglück: so weit reichet die mensch, liche Rechenkunst nicht. - Der Herr ist Gott und keiner mehr! Er trat uns nach seinem Bilde Geschaffnen einen fleis nen Theil der Regierung auf Erden ab: aber die Hauptsache behielt er für sich; gleich einem Regens ten, der seinen unmündigen Sohn aus Siebe neben sich auf den Thron setzt. Ewige Weisheit und Güte theilen uns unsere Kräfte mit. Die lettre gab, die erste schránket uns ein. Selbst unfre Sicherheit und Wohlfahrt erfoderten das. Könns ten wir Etrdme über die Berge und in ein anderes Bette führen: so würde der schwächre und dens noch beneidete Nachbar ohne Schiffahrt seyn und vers Der 30te Julius. 77 verschmachten müssen. Kdunten Knechte ohne Schlaf und Nahrung dienen: viele Herren trieben fie todt. Die Heiten fabelten von Riesen, welche den Himmel stürmen wollten: diese Fabel zieler auf us. Wir stånden gern mit Einem Fuß auf der Sonne und mit dem andern im Ocean; aber würs den wir dann auch brünstig beten? Dank sey dir, Allmächtiger! daß mich die Ohnmacht zu dir treiben muß, wenn es auch Bere stand und Wille nicht thun. Ich muß dich jetzt noch demüthigst anruffen; denn ich verlange zu schlafen, und diese Kleinigkeit fan mir fein minds rer geben als du! Den Todesschlaf hab ich immer in meiner Gewalt: aber zu rechter, Zeit einzuschlas fen und bis an den Morgen ruhig zu liegen: um deswillen werf ich mich jetzt vor deinen Thron. O du, der du allein Leben und Schlaf verleihen fannst,( Tod und Träume allenfalls kann ich mir geben!) nimm mich Ohnmächtigen in deinen vás terlichen Schuß, und stärk mich in meiner mans nigfaltigen Schwachheit! Der mächtigste Mensch ist der, der Gott um alles findlich bittet. Der 30te Julius. Wer bin ich von Natur, wenn ich mein Innres prüfe O wie viel Greuel läßt mein Herz mich sehn! Es ist verderbt. Darum verbirgt mire seine Tiefe, Und weigert sich, die Prüfung auszustehn. ie Nacht bricht ein! Hier in stiller Einsamkeit, nur vom Himmel und mir geport, stell ich mich 78 Der 30te Julius. mich zwischen Gott und euch, the meine Werthe ften und zugleich verabscheuungswürdigsten! Es ist wahr, ihr send meine Angehörigen: aber muß ich mich eurer vor der Welt nicht schämen? Wie viel Geld, Schweiß, Ehre, Gesundheit und Ge wissen hat es mir nicht gekostet, um euch groß zu ziehen, und immer geschminkt und gepußt in alle Gesellschaften einzuführen! Habe ich euch mit aller eurer Schande nicht bisweilen zu vertheidigen ge sucht, als ob mein Daseyn und mein ganzes Glüd von euch abhienge? Aber sagt es mir, Undankbare! was erzieh ich mir denn an euch? Um manchen Freund, um wie manche gute Tage und ruhige Nächte habt ihr mich schon gebracht: Ohne euch wäre ich gesünder, reicher, schöner, beliebter bei Gott und Menschen: eure Rånfe und Schmeiche leien aber bråchten mich, war ich nicht immer auf meiner Hut, ins Gefängniß und aufs Schafott Ich kann euer vieljähriges Komplott noch immer nicht zerstören: vermuthlich ist mir der Rädelsfüh rer noch nicht bekannt, und den sollt ihr mir jest entdecken! Wer ist also euer Haupt, ihr! meine Lieblings fünden? Gewiß ist eine darunter, welche mich am ditersten betriegt, und unter der Miene eines ehr lichen Mannes und bewährten Freundes mir Sch, lin gen auf Schlingen legt. Und mit aller meiner ge rühmten Hellsichtigkeit scheinet es, als ob ich diesen Feind noch nicht von Gesichte kenne; denn sonst würde ich mich ja hüten! Die Klugheit lehrt es: den Anfänger nur fest genommen, so fleucht die ganze muthlose Bande. Über der Weiseste, det - Der zote Julius. 79 der Vorsichtigste, der rechtschaffenste Chrift hat zeits lebens zu thun, um diese wichtige Entdeckung zu machen. Man schmeichelt sich zu leicht, den Felde berrn gefangen genommen zu haben, da es doch nur einer vom Troße war. Mancher glaubte, die Vers schwendung sen sein Hauptfeind dankte sie daher mit der Welt zugleich ab und gieng ins Klester: aber er hatte sich vergriffen, und der Stolz fand bei geschorner Platte, gute obwohl veränderte Nahe rung. Hönisch, wie Etiefgeschwister, freuet sich alsdann die Selbsünde, daß auf ihre falsche Unklage eine andere Sünde enterliet, sie aber desto köstlicher gepfleget wird. Ich bin zu nachsichtig, spricht mehs rentheils die böseste Herrschaft; mein einziger Fehs ler ist die Gutherzigkeit, versichert uns fast jeder Schalt; und selbst die an den Marktecken betende Pharisäer erfuhren erst von Jesu, wer sie waren. D! lehr auch mich, mein Erlöser! wer ich in deinen göttlichen Augen bin! Werde ich von Geiz oder Verschwendung getrieben? von Ehrfurcht oder Niederträchtigkeit beseelt? Will ich den Hims mel abverdienen, oder ohne alle Würdigkeit ems pfangen; Leidet der Nächste unter meiner Härte oder unter bidder Weichherzigkeit? Verfündige ich mich mehr durch Einnahme oder Ausgabe meines Geldes! Pflege ich meines teibes zu viel oder zu wenig? Bin ich ein Splitterrichter oder ein forglofer Levit, der jeden liegen läßt wo er ihn findet? In Absicht der Moden und des Wohlstandes, bin ich zu eigensinnig oder zu nachäffend? Bin ich als Mensch und Unterthan zu slavisch orbeitsam oder zu wenig Patriot gewesen? Und endlich die Haupts fache: Der 31te Julius. fache; glaube ich zu viel oder zu wenig von Relf: gionswahrheiten?( denn wie ich glaube so handle ich!) O du allwissender Herzenskündiger! warne mich für mich selbst. Diß ist nur der Vortrupp von Lastern; einige davon sind gewiß meine Hauss genoffen: aber welche sind es, und wer unter ihnen führet das Wort? Ehe ich noch einschlafe, will ich dieser für mich fo nothwendigen Prüfung noch einige Minuten widmen. Gott! schenke mir Ernst dazu und Munterfeit! 80 Der 31te Julius. Herr! Here Gott! barmherzig und guddig! und trea und geduldig; Gott; Verzeiher der Missethat, Uebertrettung und Sünde! Du, der für uns vom Anbeginne der Welten erwürgt ist; Hoherpriester, Prophet und König! du Menschensohn! höre, Hör mein tiefes Gebet! Ich Babe einen Monat länger gesündiget, und Traurige Rechnung am Schlusse des Monats! Manche Sünde brütete in diesem heissen Mo: nate aus, welche ich im December nicht geheget hätte.! Hätte ich den ersten dieses Monats zurück! Da waren viele Worte noch nicht gespros chen, und tausend Gedanken noch nicht gedacht, welche jetzt meine Rechtfertigung vor Gott und dem Nächsten erschweren! Und wie viel Unkraut haben nicht 8N Der 31te Julius. nicht meine Handlungen ausgesået, das nunmehro gesehen und ungesehen, unter und über mir, im Himmel und auf Erden fortleimet, und wofern ich fahrläßig bin, gleich den Quecken in Kornfeldern wuchert! Ich gab den Händen andrer Menschen zu thun; aber auch ihren Gemüthern prägte ich Gus tes oder Böses ein. Ich habe einen Tag verloren, sagte der gütige Kaiser Titus: Gott! erbarm dich meiner, wenn ich diesen Monat verloren habe! So lange und heitre Tage! so lebensvoll Luft und Erde, daß ein Bote den andern treibt, mich zum Himmelreich einzuladen! Der balsamische Heuhaufen: das einem Lager ähnliche Garbenfeld! blutverfüssende Kisschen und herzstärkende Erdbeeren; das Erbfenfeld, dessen Schoten demütig zu meinen Füssen frochen; das Wasser, welches uns Gattungen seiner Kinder auf die Tafeln schickte, welche es den Winter über sorgs fältig unter Steinen und Wurzeln verbirgt!- ach! ich höre auf zu rechren, oder dieser einzige Monat befchámet meine Undankbarkeit bis zu Thränen! Sind nicht diese Wohl haten Gottes zum theil in mein Fleisch und Blut verwandelt? Das Täube chen, das junge Huhn und andre Kreaturen lobs ten nach ihrer Weise den Schöpfer: nun sie aber Theile von mir geworden sind, nun sollten sie schweigen? Mein Körper bestehet aus ehemals Gott verherrlichenden Geschöpfen, und ich wollte ihn zum Dienst der Sünde verwenden? Für den Gottlosen ist also selbst sein Fleischessen, ist alles Sünde. Tiedens abendand. II. The$ Ich Der 31te Julius. Ich bin ein Frevler und du bist gerecht: aber mein Heiland! du lockest mich und herzlich bete ich Wer sich bessern will, ist vor dir gut: und so bin ich denn noch nicht verwerflich, denn ich gelobe( dieser nun geendigte und mir vorangehende Monat sen Zeuge!) ich gelobe: im August und mein ganzes übriges leben hindurch immer frommer zu denken und zu handeln, als ich bisher gethan habe. Ich erneure hiemit meinen Taufbund, be schliesse dankend einen Monat und selig dereinst mein Ende. 82 Det Der Monat August. Der ite August. Du, mein Herr! und mein Gott! wie kann ich, du Liebe! dir danken? Ewigkeiten, sie sind zu kurz, genug dir zu danken! & ' ntweder habe ich Anwartschaft, diesen Monat hindurch von dir Millionen neue Wohlthaten zu empfangen: oder wenn ich sterben sollte, den Himmel. Beides sind angenehme Aussichten und für mich Undankbaren zu viel: jedoch Heil uns, daß Gott nicht rechnet wie wir! Aber selbst auch ich will rechnen: und Gott verdienet Unbetung. Es ist möglich, aber unwahrscheinlich, daß ich in diesem Monate verarmen, frank werden, oder gar sterben sollte. Es ist nicht wahrscheinlich, daß ich durch Wasser und Feuersnoth in Gefahr ges setzt, oder durch Räuber und Mörder verlegzet würde. Es ist unglaublich, daß es mir binnen dieser Frist an irgend einem Guten fehlen sollte. Wie gütig ist Gott! $ 2 Sehe Der ite Auguft. Sehr wahrscheinlich hingegen ist es, obgleich das Gegentheil möglich bleibt, daß ich gesund, im Umgange mit Freunden aufgeheitert, das Glück diefes Lebens und die Freuden dieses schönen Mos nats geniessen werde. Ich hoffe, daß sich manche kleine Mistdne, kleine Stockungen und Schatten aus meinem Schicksale verlieren sollen. Ich denke manche neue Vortheile zu erlangen; die Anlage ist schon dazu da, und meine Aussichten sind zum Theil sehr schmeichelhaft. Die Summe meiner Rechnung ist also Glück und Heil für mich. Wie Liebreich ist unser Gott! 84 Und wenn ich auch wirklich in diesem Mos nate nichts als Nieten zöge, oder wenn auch noch so viel Uebel im Hinterhalte läge. Muth und Hofnung beleben mich doch. Was das aber für ein unschätzbares Geschenk des Himmels sey, leh ren uns Verzweifelnde und Melancholische, welche aus jedem Morgenwölkchen ein verheerendes Ges witter prophezeien, und den leichtesten Westwind für fähig halten, sie zu Boden zu stürzen. Wer gegen das Ende dieses Monats ein Krüppel wer: den wird, wäre vier Wochen früher und also långer und mehr unglücklich, wenn er heute sein Uebel wußte. Freudige Hoffnung und Zuversicht zu Got find Tugenden, welche uns diß Leben verfüffen und jenes vergewissern. Und was fann ich denn veri lieren, wofern ich nicht auf der Stelle unendlich belohnet würde? Leibliche und geistliche Güter verhalten sich mehrentheils wie die beide Schaafen einer Wage; wie die eine niedergedrückt: so steiget die Der ite August. 85 die andre. Würde ich also in diesem Monate frank, verfolget, gepreßt: so würde ich hoffentlich from: mer und sehute mich mehr nach dem Himmel. Sollte mein bester Freund treulos werden:( eine Veränderung des Barometers, die den heftigsten Octan prophezeiet!) so werde ich deine Freundschaft desto höher schäßen und desto eifriger suchen, mein treuer Gott und Erldser! Niemals entziehet mir deine Hand eine irdische Kleinigkeit,( denn das Beste werf ich gemeiniglich selber weg!) wofür sie mir nicht den Himmel defto näher anbdte. O! daß ich doch nur den hunderten Theil so dankbar wäre, als du mildthätig bist? Aber ehe ich noch Ein koblied vollenden kann: siehe, so strómen schon neue Wohls thaten auf mich herab. Indem ich jetzt dankbar den Geschenken des heutigen Tages nachdenken will: so wandelt mir der erquickende Schlaf, als eine neue unverdiente Gabe, an. So viel schon in diesem Monat genoffen, und dreißigmal mehe noch zu geniessen: o! ich stehe im Gedränge von deinen Wohlthaten! Erst in der Ewigkeit bekomme ich luft. Nein! auch da wird meine Danfgier unterliegen, und es wird mir feine andre Fähigkeit mangeln, als aller dargebotnen Wohlthaten em: pfänglich zu seyn. Der Geber giebt immer mehr, als der Empfänger bin nehmen fan. Wie gütig und groß ist unser Gott! 83 Der 86 Der 2te August. War Par mir der Fehltritt leid, Go bald ich ihn begangen? Bestritt ich auch in mir Ein unerlaubt Verlangen? Und wenn in dieser Nacht Gott über mich gebeut: Bin ich vor ihm zu stehn Auch willig und bereit? iefe drei Fragen entscheiden meine Rechtschafs fenheit und meinen ganzen Werth. Sie sind aber auch ein Beweis, daß Gott nicht zu viel von mir gefodert, und daß ich gewisse Maasregeln wider die Sünde zu nehmen habe. Bereute ich begangne Sünden? Man kann immer voraussehen, daß man welche begangen hat: vermeidliche und folglich strafwürdige Unwissenheit, Trägheit der Seele, der Schmuck und die Süßigs feit liebreizender Sünden, Hang des Gemüchs zu allem was den Sinnen schmeichelt, Erziehung und Gewohnheit, Verführung, Jahrszeiten, Mode, und wer mag alle tausend Pforten der Sünde kens nen! Ich bin ein Sünder, das ist ausgemacht. Aber( welche Herablassung Gottes!) ich kann, so strafbar ich handle, dennoch ruhig ja froh seyn, wenn ich jeden Fehltritt so bald und so sehr als möglich bereue. O du Erbarmes! fast freue ich mich, 87 Der 2te Auguft. mich,( obgleich mit Zittern!) daß ich viel gefüns diger habe, weil du mir so viel vergeben willst. Viele Vergebung fodert von mir viele Siebe. Man hat sich gewundert, wie Gott das Böse in der Welt hätte zulassen können: aber bereuete und verbesserte Sünde verherrlicht ja Gott nicht wenis ger, als ein Stand der Unschuld. Perri Thränen. erheben Gott mehr, als das Lächeln Adams im Paradiese. Ein Christ, der sich selbst verdammet, ist wenigstens ein eben so edles Geschöpf, als ein Mensch, der nicht fündigen könnte. Wenigstens. ist die Liebe des erstern brünstiger. Jedoch, vers führe ich mich auch selbst? Wie leicht ist es nicht, Fehler zu bereuen und morgen sie wieder zu bes gehen! Daher einen Schritt weiter: • Rampf ich jedesmal mit der Sünde? Diß ist der Probierstein für meine Reue. Zuweilen ziehe ich freilich den Kürzern: aber das ist doch rühmlicher, als ausser dem Gefechte zu fallen. Wer der Sünde Gewalt anthut, damit sie sich nur von ihm begehen lasse: das ist ein Ungeheuer. Wer aber Gewalt von innen und aussen erleidet, ehe er sich wie ein Opfer hinschleppen läßt: wer mag an dessen baldigen Besserung verzagen? Wer es sich sauer werden läßt, um fluchen und spotten zu ler: nen; ein alter Ehebrecher und ein schadenfroher Mordbrenner: dazu gehört Gewaltthätigkeit an sich selbst. Ein Vater hingegen, der sich tausend Einwürfe machte; endlich aber durch das Geschrey feiner hungrigen Kinder fortgejaget wird, und nun mit zitternden Händen den ersten Diebstahl begeht: der kämpfte mit der Sünde; und du, $ 4 der 88 Der 2te August. der du ihn so frostig verdammest, fennest du die Liebe der Eltern und den Ton elnes hungerleiden: den Kindes? Mit der Sünde ringen, is immer noch ein gutes Zeichen: man lernet dabei fiegen. Eine Wunde und Ein Herz ohne Gefühl sind beide gleich tödtlich. Und Welch Glück! zu sich mit Wahrheit sagen können: Jo fühlt' in mir des Bösen Lust entbrennen! Rann ich diese Nacht sterben? Harte Fode: rung? Aber das ist sie ja auch ganz. Zum Tode reif zu seyn ist der Zweck unsers Sebens. Also noch einmal: fann ist sterben? Nun, wenn ich es denn nicht fann: so kann ich doch beten, mich bessern und hoffen. Bergieb mir denn, du Sündentilger! alle noch unbereute. Schuld! Gieb mir Gnade, daß ich fünftig långer und sieghafter mit meinen Sünden streite! Du sollst deine Liebe an feinen ganz Unwürdigen verschwenden; denn ich will deinen Geboten nachwandeln, deine Rechte balten und gerne darnach thun. Geist Gottes! hilf meiner Schwachheit auf! Morgen fängt sich also eine neue Periode meines Christenthums an! - ä Der 3te August. Lackend lag ich auf dem Boden, Nackend Da ich tam, Da ich nahm Meinen ersten Odem; Nackend werd ich auch hinziehen, Wann ich werd Von der Erd Als ein Schatten fliehen. 89 ie Meinigen begeben sich nun allgemach zur Ruhe; auch ich lege meine Kleider ab und verfüge mich in mein Bette. Meine Haushaltung - Aber wie ruhmrätig ist diese Sprache nicht! Der Sterbliche, fonderlich der arme Gottlose kaun das Wort mein nur in wenigen Fällen mit Recht gebrauchen. Mehrentheils ist es eine solche Pras lerei, als wenn das Schaaf sagte: meine Wolle, meine Hürde, meine Wiese. Die Meinigen fagte ich? Aber wie fange sind sie denn das noch? Andre, wildfremde Mene fchen könnten sie vielleicht mit mehrerem Rechte die ihrigen nennen! Meine Betten? Uber wie lange: so schlafen, Franken und sterben andre Menschen darinn! Der köftliche Hansrath, den ich schone und nur ansehe, den werden andre abnußen. Ist das Eigenthum, was ein geringer Zufall von mie trennen kann? Ich bin bier ein Fremdling, und kann und soll mich nicht anbauen. Mein ältestes F5 foges Der 3te Auguft. fogenanntes Eigenthum, meine Eltern: sind fie noch mein? oder wie lange können sie es bleiben? Ah! Eltern, Gatten und Kinder begleiten uns auf unsrer hiesigen Tagreise zwar einige Schritte weiter, als andre: aber plötzlich stossen wir auf ein Grab: und Einer aus dieser geschloßnen Gesells schaft verliert sich. Unsre Eltern geniessen unsrer sehr selten nach Wunsch, und unsre Kinder gehören zeitig genug andern mehr zu als uns. Die Lerche erziehet jetzt ihre Jungen für sich; aber im Herbste schon wird sie der Leckersüchtige verzehren. So bilden wir sorgfältig unsre Söhne: aber der Ruhms süchtige verzehret ihren Schweiß und ihr Blut. Die Schönheit der Tochter blühet nicht für die Els tern auf. Und was das wunderbarste ist: wir müssen uns noch glücklich schätzen, wenn andre uns unsre Kinder abfodern und in ihr Joch einspannen. 90 Selbst auf meinen Körper,( den ich doch so sehr den meinigen nenne!) haben schon gebohrne oder noch ungebohrne Insekten, haben Luft, Gåre ten oder Felder eine sichre Unweisung; ich darf nur sterben, so theilen sich gar die Elemente darinn. Von meinem Körper sollen noch Geschlechter von Thieren leben, denen er ihr Acker oder Garten wird, ohne daß sie ihn bestellten, oder es mir Dank wüßten, daß ich für sie, gleich einer emfigen Biene, ansammentrug. Wenn ich meinen Leib nicht mehr den meinigen nennen kann, dann nennet ihn der Wurm in der Erde den feinigen. Also gar nichts eigenes? Frommen ist bleibendes Gut, das A - Ja! für den fein Fürst uns nehs Der 4te Auguft. 91 nehmen und in seinen Dienst zwingen, das selbst der Tod uns nicht abfodern fann. Ein reicher Gottloser ist einem armen Bedienten gleich in prächtiger livree: jagt ihn die Herrschaft weg, so hat er nichts. Der Sünder fann ebenfalls sagen: diß Haus ist mein, dieser angenehme Garten ist der meintge: Kleinigkeit! Der Fromme sagt und wird es noch nach Millionen Jahrtausenden sagen: der Himmel ist mein, und Sonnen sind meine Lustgars Selbst Gott ist durch den Glauben mein. Meine Kinder, mein Bette, mein Garg: welche Wafferblasen!- Herr Jesu! du bist mein und ich bin dein: nur das ist wahres Eigenthum. Und ob mich Schlaf oder Tod wie einen Better behans deln: du hast mir ja den Himmel erworben. Der 4te August. Steig auf der Geschöpfe Leiter Bis zum Seraph; steige weiter; Ceele! Gott sey dein Gesang! MelcheStuffenfolge in derriatur! Und wenn ich am einfachen Staube fleben bleibe: so führte auch der mich zu Gott, denn Staub und Erde machen meine Bestandtheile aus. Mein Körper fam von ihnen her, nähret sich davon und kehs ret allmählig zu ihnen zurück. Die Erdklöffe, diefer Pleine Berge von Staub, sind zum Theil so fest zusammengeleimt, daß ich sie nicht mehr zerbröckeln fann, Der 4te August. fann, und so lange ich unvermerkt ins Steinreich an, und ein neues Reich göttlicher Wohlthaten. Meine Wohnung, meine Sicherheit, ein groffer Theil meiner Gesundheit beruhet auf Steinen. Was ren keine Mineralien da, so wäre ich ein elendes Geschöpf. Und welche genaue Berkettung! Erde und Eisen sind eins um des andern willen vorhan den. Und um deswillen Edelgestein?- der funkelnde Diamant foll mir auf Erden sagen, was der Regenbogen am Himmel lehrt: nemlich, Gott sen das gnädigste und langmüthigste Wesen. 92 Unter den Steinen treffe ich zuletzt blättrige und faserige an z. E. Schiefer, Talkflein, Amianth; oder ich finde Dendriten und steinigte Blumen in Bergwerken. Ich gerathe also ins Pflanzenreich und meine Neugier wächst. Welche Verschiedens heit regelmäßiger Gefäße oder Organen von Stein: mooß bis zur Ceder! Der Kornhalm und die Nelke haben beide ihre Beziehung auf mich: doch wie ver: schieden! Das erstere würden uns unsre Könige wohl schaffen, wenn sie Schöpfer wären: aber auch das letztre. Vom Schimmel und Mooß bis zum Buchenwald, und von der Trüffel bis zur Aloe finden meine Betrachtungen feinen andern Ruhes punft als in Gott. Ohne ihn finde ich weder Ab Sicht noch Vergnügen in der Natur. Eine neue Pforte eröfnet sich mir, welche Aussicht! Man zeiget mir einen Polypen, den ich für eine Pflanze halten würde, wenn er sich nicht in seinen Kelch zurückziehen und auch wieder hervors kommen könnte; wenn er nicht Würmchen fienge, sich Der 4te August. fich öfnete, fie verzehrte, verdauete und den ungenieß baren Rest von sich hinausschafte. So habe ich denn nun das Thierreich vor mir. Eine wichtige Schöpfung, zu der sich die vorherbetrachteten Reiche der Natur, wie Mittel zum Zweck verhalten. Hier finde ich schon die Eigenschaften des Schöpfers lesers licher beschrieben. Welch Leben, welche Künste, Affekten, willkührliche Fortpflanzung, Bewegung nach Absichten! O! hätte ich doch Gelegenheit, Musse und Verstand genug, den Schöpfer durch alle Gattungen dieses Naturreichs nachzuspüren! Bom knochenlosen Insekt und Gewürm zu Schaole thieren, deren Fleisch von aussen durch Knochen verwahrt wird; von diesen zu Schlangen und Fis schen, deren Fleisch schon innerlich durch eine Art von Knochen zusammengehalten wird; von hieraus zu den Bögeln, wo ich auf halbem Wege fliegende Fische finde; von den Bögeln, mittelft des Strauss ses, der Fledermaus, des fliegenden Eichhorns, bis zu den vierfüßigen Thieren, welche schöne immer lehrreiche Provinzen sind das! Endlich der geschicks teste Uffe und der Neger oder dummste Mensch: wie leicht ist hier wieder der llebergang! 93 Nun ein Schritt über die Erde hinaus! Vom weisen Salomo bis-( hier muß mich die göttliche Offenbarung leiten!) bis zur untersten Klasse dec Geister; und wie unendlich zahlreich mögen diese Gattungen nicht um und neben uns seyn! aber ich habe noch keinen Ankergrund: auch der Seraph setzet mich zwar in Ehrfurcht: aber er füllet meine Seele noch nicht aus, und macht mich nicht glücks hy. Die heilige Schrift ergreift mich abermals bei bec 94 Der 5te August. der Hand, und führt mich noch eine Staffel höher Jesus, Geschöpf und Schöpfer zugleich: nun Fann ich fussen, die Lücke zwischen Gott und den Cherub ist ausgefüllt; ich halte mich fest an meiner Erldser, und an seiner Hand erreich ich den Thro bes Schöpfers. Unter mir sind Welten und Ge schöpfe: ueben und in mir ist Gott. Der ste August. Ich jauchzte frech, und du beweinest Jerusalem und mich? Ach! diese Thränen tödten mich, Wann du als Richter einst erscheinest! Laß selbst mich meine Schuld beweinen: Eo fren't der Himmel sich. So feb ich froh dich zum Gericht erscheinen; Denn du, mein Heiland! rettest mich. elch ein Gift, oder welch Verbrechen muß Wel nicht die Sünde seyn, weil der sie beweinet hat, der sie mit Blizen in die unterste Hölle schleu bern fonnte! Die Thränen des Erlösers sind rüh rende Redner für die Tugend, und donnernde Pro: pheten wider die laster. Der unsündliche Gottmensch beweinte sie, die ersten Sünter verkrochen sich schamhaft: o! wie tief sind die Menschen gefallen, welche sich mit lastern brüsten, und in ihren Fesseln ein Gelächter aufschlagen! Lachet doch lieber beim Erdbeben, über Pestbeulen und über herabzischende Blike, als daß ihr da nur eine Miene zum Lächeln ziehet, Der ste August: ziehet, wo Jesus geweinet hat. Seine Thränen, Jerufalems Zerstöhrung und das Verderben der Juden machten zusammen ein Ganzes aus. 95 Das landvolk, jest in der Erndte mit schweiße vollen Wangen, erinnert uns des fürchterlichen Urs theils über den gefallnen Adam. Der arme, vers achtete und furchtsame Jude bestätiget es, daß Jes fus über seine Nation geweinet hat. So stoßen uns in Städten und auf dem Lande beständige Denks måler gerichteter Sünden auf, so sehr wir auch Spie tålern und Zuchthäusern aus dem Wege gehen! Und wenn also ein Engel vom Himmel fåme, und Sünden verkleinern, oder mit Mode, Naturell und Zeitvertreib entschuldigen wollte: er verdiene te feinen Glauben; denn Jesus hat über die Süns de geweint. Und nun auch, welche Zärtlichkeit, welch unverdientes Mitleiden von Seiten Gottes! Der Richter liebet uns, und der Verachtete verfolgt uns mit Bitten und Thränen! So gnädig, so zárta lich ist kein Mensch, keine Sünde, keine Hölle. Der über Jerusalem weinende Erlöser, oder seine Thränen, die er am Kreuze Gott opferte, welche Schilderung von Gott und Menschen ist das! Das ist ein Geheimniß, welches die Engel gelüftet einzus schauen. Aus diesen Thränen flieffet die Gewiße heit göttlicher Erbauung, fliesset unsre Seligkeit und Auferstehung. Wäre das nicht unser, so hätte der Heiland geeifert, gespottet, oder verfluchet. Aber jeden Sünder hat er beweinet, und ihn dadurch dec größten Gnade fähig gemacht. Man denke sich den Sohn Gottes, mit fleingläubigen Jüngern und mördes Der ste Auguft. mdrderischen Juden umgeben. Er sah die ihn en wartende Schädelståtte vor sich; achtete nicht auf die Ehrenbezeugungen des flatterhaften Volls bey feinem Einzuge; sondern die Liebe zu uns drang ihn. Und welche Worte voll Wehmuth und Zärtlichkeit: Ach! daß du doch erkennetest! auch du! auch nur an diesem deinem Tage noch, was zu deinem Frieden dienet! Dem Himmel waren dies se Worte Stoff zu Jubelgesängen! die Hölle aber schauderte davor mit Selbstverwünschung zurück. 96 Ich höre deine lockende Warnung, ich sehe deine Augen voll Thránen; ich fühle öfters Krieg in meinem Innern! gieb mir deinen Frieden: 0 Jesu! Vielleicht ist heute nur mein Tag noch, wo ich am willigsten bin, deine Gnade zu ergreifen: und nach wenig Tagen dürfte ich dich vielleicht mit groben Sünden aufs ueue freuzigen! Herr erbarme dich meiner!! daß ich, Thränen der Reue mit den deinigen vermischte! Und wann ich nun völlig mit Gott ausgeföhnet bin, daß doch alsdann Fren denthránen dahin flösen! Dr Sohn Gottes hat mich beweinet: das öfters beherziget, erhebt mich zu einem Rang, wo ich alles fodern und erwarten kann. Er hat geweinet: nun kann ich mich ewig freuen. Seine Thränen löschen die Hölle aus. Bei Anfechtungen der Sünde, bei verzagtem Gewissen, in meinem Todeskampf fen es mir Warnung, Trost und Stärke: daß mein Gott und Erlöser mich Urmen beweinet hat. Det Der 6te August. Zeigt nicht selbst der Thiere Natur Mir von Tugend oder von Lastern Eine wundernswürdige Spur? 97 Es Es war eine Zeit, wo man der Tugend aufzuhele fen gedachte, wenn man alle Augenblicke rief: der heil. Augustinus schreibt, der heil. Ambrosius fagt, der sel. Lutherus spricht zc. In unsern Tagen berufet man sich, ausser der heiligen Schrift, lieber auf die Aussprüche der Werke Gottes. Und das ist die nachmals so sehr vernachläßigte Lehrart Jesu: fehet die lilien auf dem Felde; sehet die Vögel unter dem Himmel an! Können gleich die Thiere, weil sie keinen Bera stand besiken, eigentlich weder Tugend noch laster ausüben: so sind sie doch ein Spiegel unsrer Hands lungen, den Gott nicht ohne Absichten vor dentende Wesen aufgestellet hat. Jede Tugend und jedes Laster werden von den Thieren uns gleichsam nachs gespielt, und oft finden wir unser Gemälde im Stall. Der künstliche Porträtmaler trift unsre Muskeln und die Spannungen unsrer Haut: das Thier aber malet unsre Denkungsart. Wie viele Lehrmeister um uns her, auf die wir gar nicht achten? Sette denn Gott verlorne Posten gegen uns aus? Oder giebt es nicht Bewegungsgründe zur Tugend aus dem Thierreiche? Tiedens Ubendand. II. Th Hier Der 6te August. Hier schwärmt eine Motte um mein licht, bi fie sich die Flügel verbrennet; und doch konnte si auf dem Leuchter die Krümmungen der halb ve brannten Mücke sehen, oder ihr Winseln hdren Uber just so flattert ein Jüngling dem andern, ein Hofmann dem andern nach. Die Vorgänger lit gen schon im Spital, oder schmachten schon im Ge fängniß: aber man flattert immer hinter drein. Die gierige Schlange würgt eine so grosse Beut hinunter; daß sie daran sterben muß, oder auf einig Zeit wie fontraft wird. Der sonst vorsichtige Auer hahn wird durch die Wollust blind und taub, un bezahlt mit seinem Untergange. Der tyrannisch Gulguk leget feine Eier der Grafemücke unter, und biese brütet sie statt der ihrigen aus, welche jene verzehret hat. Diese Bosheit wird nur durch ein Frau übertroffen, welche ihrem Gatten Bastartez erziehen giebt, die ihm sein Leben abnagen. schneidelnde Falschheit der Kaße; die Unbarmher zigkeit des Katers gegen seine Jungen; die hämisch Einsamkeit der Spinne: die aus Ruhmsucht sid todt schmetternde Nachtigall? der verwegene und sein Weibchen aus Gelz verjagende Hamster; de sich über Kleinigkeit ereifernde kalikutische Hahn; der diebische Fuchs; der ungenügsame Marder; oder die zu arbeitsamen und unter ihrer last sinkende Bienen und Ameisen: bei welcher Klasse finde ich mich getroffen? 98 - L Nun auch der Thiere tugendähnliches Vers halten! Das früße Morgenlied der Lerche; die Treue des Hundes; die keusche Ehe des Täubleins: der Hahn, der mehr für die Seintgen als für sich felber Der 6te Auguft. selber scharrt; das nußbare und doch genügsame Schaaf; die Klugheit der Schlangen nebst der Ens falt der Tauben; die Großmuth des dwen; die Dankbarkeit des Elephanten; das unschuldige spies lende Lamm; der sein Grab besorgende Seidenwurm;- jedoch wir können unser ganzes Leben hins durch an den Thieren lernen. Dazu ward ihre Natur so verschieden eingerichtet, daß wir allenthalben Schilderungen unsers Thuns und Lassens finden sollten. Sie können nicht wohl anders handeln! ich aber fann åndern, verbessern und ausschmücken. Das Buch der Natur ist meine kleine Bibel! sie ist ein Handbuch, welches mich durch Zimmer, Gärten und Felder begleitet. Es schlägt sich von selbst auf, und zeiger mir öfters so passende Lehren, und tråget sie so anmuthig vor, daß ich fast gezwungen bin zuzus hdren. Nicht weit von mir zischer und schreiet jetzt eine Eule: armes schlafendes Vögelchen! das ist die Lofung zu deinem Morde! Aber ich armer Schlafender habe ja meine Jáger auch, und am meis sten verfolgen mich ihre Griffe, wenn ich wachend traume! Nur ich kann ihren Klauen leichter en rins nen, als du in deinem Neste! Bewahr mich, mein Heiland! für alle Räuber meiner Seele und zeig mir täglich den Weg, den ich wandeln soll; hauptsächlich zwar durch dein Wort, oft aber auch durch deine Kreaturen. In dieser Minute zerfleischt der Uhu das sichre Bögelchen! Petan - Univ.- Bibl. Giessen 99 Der 100 Der 7te Auguft. Ao fördre, groffer Gott! Die Werke meiner Hände! Hilf mir bei meinem Thun Im Anfang und am Ende! Laß mich bei meiner Last Auf jenen Sabbat sehn, Da wir, nach treuem Fleiß In deine Rnhe gehn! as war heute ein heiffer Tag für Leib und Seele! Fast das Othemholen ward mir be schwerlich! Gottlob nun kommt doch Ruhe nach der Arbeit und die schwüle Luft fühlet sich ab. Meine heutige Geschäfte wurden mir saurer als im Winter: ein Vorspiel, wie es mir im hohen Alte ergeben wird! Wehe dem, der seine Hauptarbei ten bis dahin liegen läßt! Das heißt in der Mit tagssonne dieses Monats graben wollen! Ich muß bald thun, was ich nech auf Ev den zu thun habe. Die Knochen werden immer spröder, die Gelenke steifer, das Blut tråger; und welch ein Leben, wenn die mürrische Seele den uns beholfnen Leib schleppen soll! Es ist gar nicht zu verwundern, daß das Uhrwerf meines Körpers nun balt stocken muß; mich wundert vielmehr, daß die Rader mit ihren Zähnchen nicht längst schon ab genuket sind. Bedenk ich die erstaunliche Macht, Der 7te August. mit der das Herz durch jeden Schlag das Blut durch die feinsten entferntesten Röhrchen sprißt; eine Macht, welche wohl etliche Männer mit ihren Kräften nicht hemmen könnten! Erweg ich ferner, daß das Herz binnen 24 Stunden die Gewalt mehr als hundert tausendmal ausübet: so begreif ich nicht, wie dieses Druckwerk noch immer im Stande bleibt. Eben so verhält es sich mit dem Magen, der gleich einem chymischen Ofen, oder gleich einer Mühle so verschiedne und häufige Urs beiten hat, daß ich mich nach gerade über den Ver: luft des Appetits nicht wundern dürfte. Ich schütte u besonnen auf und er soll zu gesetzter Stunde abs gemahlen haben! Ich mische die widerwärtigsten Dinge zusammen, und er soll gesunde Säfte daraus destilliren! Und was sind denn nun in Grunbe die innern ed In Theile anders, als Haute und Flechsen? Von Eisen und Marmor dürfte ich ein halb Jahrhundert hindurch solche Dinge nicht ers warten. Wann also ihre Kraft abnimmt, wonn nun allgemach ihre Triebfedern weniger elastisch sind: so neigen sie sich zur Ruhe. 101 Nur im Grabe ist Ruhe für den Leib und im Himmel für die Seele. Aber nur nach gut ge: thaner Arbeit läßt es sich gut ruhen. Wer heute Garben band, schläft jetzt besser, als wer blos sich putzte, aß und ein Schauspiel sah. So finfet auch mit sanfter Müdigkeit ins G ab, wer hier tedlich gearbeitet hatte. Ein Fauler schläft und stirbt nicht gut: Arbeitsamkeit hingegen lehret nach Ruhe und Himmel schmachten. Gehe ich einen unverdroßnen alten Tagelöhner: so scheinet mirs, 3 Der 7te Auguft. mirs, als ob die Runzeln seiner eingefallnen Wan gen, die Furchen in seinen Händen, sein steifer Schritt und sein sich zum Grabe schon beugendes Haupt ihn um Ruhe anflehten: er aber tröstet sie mit dem nahen Grabe, und ermuntert sie, noch einige Tage auszuhalten. Ich will ihm jetzt nach ahmen Meine Augenlieder werden länger: die Hand, welche diß Buch hält, laß und matt: meine Glieder fallen, wie verwelftes Laub, zusam men! Ich verstehe euch; ihr wollt meiner Seele eure Dienste verfagen und schicket euch an zum Schlaf Noch wenige Minuten Geduld! Schlaf ist Belobnung für Arbeit: womit habt ihr ihn also verdient? Eure bequemste lage und Schick fale im Bette sind euch bekannt: aber habt ihr euch auch auf der Sarg bereitet? Wofern die Seele noch im Tode in ihren Körper verliebt wäre: welch ein Anblick müßte ihr alsdann das kleine ruhende Häufchen von Usche und Knochen seyn! Keine Spur der glänzenden Augen mehr! diese Arme, diese Füsse dürren Stecken gleich! und alles so ruhig umber, daß selten ein Neugieriger einmal diese Ruinen anblicken mag! 102 Angenehme Aussicht! der lästige, verführische und so oft ermudete Körper ruhet bis zum jüngsten Tage von aller seiner Arbeit; meinem geschäftigern Geift aber, den feine blinde Leidenschaft mehr beket, folgen seine Werke nach. Ich will also fleißiger für meine Seele sorgen, als für meine Glieder; denn von lettern werde ich mich nun bald scheiden. Dann, verzeihender Gott! führ mich zur Ruhe Deines Volkes ein! Der Der ste August. Der Burm im Staube foll Ihn loben! Alles werde Dank Und seines Preises voll! Und bewundern, und Weisheit und Güte Gottes entdecken kann: was soll den ich? Der Schöpfer hat fast nirgend so viele wunderbare Verschiedenheiten angebracht, als bei den Insekten: und ich habe sie nun so viele Jahre hindurch zerquetscht und zertreten genug, aber faum eines Seitenblicks gewürdiget?! ich will mich meiner Abgötterei sbånen, daß ich Menschenwerk genauer betrachtete als Gottes Werk! Noch lader mich die Jahrszeit zu Beobach: tungen ein. Wie? wenn ich keinen Frühling mehr erlebte, und dort als ein Unwissender anlangte! Bewundrung Gottes an Insekten ist eine nd thigere Pflicht, als sich schön kleiden und tragen zu lernen. 103 nd ich, der ich beobachten, Viele Gattung in der Infeften sind, ihrer Kleinheit wegen, uns unsichtbar; so daß wir deren eine große Menge einathmen, die nicht selten zu ansteckenden Krankheiten Anlas geben, so wohl bei Menschen als Vieh. Die Eier vieler, auch sicht: barer Insekten, sind so klein, daß der beste Pfros pfen für sie noch ein Sieb ist. Da sie nun allents halben in der Luft perumschwimmen: so dürfen wir 4 ims 104 Der 8te August. uns nicht wundern, daß wir in unsern verwahrte ften Gefäfsen, nach einigen warmen Tagen, aus gebrütete Maden finden, die sich nach kurzer Zeit in Fliegen verwandeln. Die Verschiedenheit der Insekten ist weit grösser, als die Verschiedenheit der Pflanzen; deren jede ihren besondern Gast hat, den sie am liebsten herberget und bewirthet. Einige aber. E Eichen und Weiden haben allein etliche Hundert Arten Kostgånger. Die Gestalten der Insekten sind eben so ver schieden, als ihre Nahrung. Die meisten ver wandeln sich, ja einige verwechseln mehr als drei mal ihre Gestalt. Alle Fliegen( dahin man alle Injeften mit zween schmalen, durchsichtigen und ungepuderten Flügeln rechnet) waren ehedem Mas den. Alle Schmetterlinge waren Raupen. Det Wachsthum der jungen Brut ist bey manchem un glaublich geschwinde. Die Maden der Schweiß fliege werden binnen 24 Stunden 210 mal so groß. Eilen war biebei ndthig, weil das Magazin, aus dem sie zehren, sich in der Hitze nicht lange halten kann. Die Verwandlung selbst geschiehet bei man chen sehr schnell. Die Mücke entwickelt sich binnen einer Minute aus ihrem långlichen Futteral. Diese Arbeit geschiehet dicht über dem Wasser. Würde dabei ih Kopf und Oberleib naß, so müßte sie sterben. Ein ihnen ungünstiger Wind ersäufet daher Millionen: ein Mittel zur Tilgung dieses überhand nehmenden Insekts, welches in keines Menschen Gewalt steht! Eben diese Mücken follten vom Blut mitleben: aber ihren feinen in einer Kapsel verschloßnen fünffachen Stachel war jeder Der ste August. 105 jeder Blutstropfen viel zu dick, als daß sie ihn an sich ziehen konnten. Die Natur gab ihnen daher eine Art des Gifts. Diß ldfet unter heftigem Jucken unser Blut auf und macht es für die zars ten Saugrüssel fleißig genug. Und welche Zierrath der Insekten! Federbüs sche, Franzen, Puder, Strickereien, Gold und Edelsteinfarben tragen sie an sich. Was soll ich mehr bewundern: die Weisheit oder die Girte des Schöpfers? seine Allmacht oder seine Liebe? Al: les wimmelt von seinen geschmückten Koftgångerr. Zwischen mir und den Sternen lebet eine sichtbare und unsichtbare Schöpfung, und riß ich den Fußs boden auf: so wäre unter mir eine neue Welt. Und wo ist das Ende der Schöpfung? Jedes meiner Glieder, mein Blut selbst, ist eine kleine bevölkerte Welt. Ein Stich, der meine Haut empfindet, befördert oft die Nahrung oder Geburt eines Geschöpfs, dessen wundervolle Beschaffenheit nur verklärtere Augen einsehen können. Allmächtiger Herr! auch für den kleinsten Wurm ein gütiger Versorger! Vielleicht erkenne ich dich, wenn ich erst weitläuftig um deinen Schut für diese Nacht flehe. Du weißt ja wohl was ich alles bedarf! Würdest du mir wohl irgend ein wahres Gut versagen? O! wer dich kennet, hat mehr Lust zu danken, als zu beten! Der 106 Der 9te August. Nur gut, wenn gleich nicht groß, foll meine Laufs bahn seyn: Des Frommen Lob ist mehr als Marmor- Leichenstein. W as wird man nach meinem Tode von mir sa: gen? Kleinigkeit! aber in fo fern doch keine Kleinigkeit, als es gemeiniglich das Echo unfrer Handlungen ist. Und ist nicht der Nachruhm ein natürlicher Wunsch? Der Knabe schneis det seinen Namen in eine Thür, der Reiche läßt ihn über sein erbautes Spital in Stein äßen, und Hels den schreiben ihn mit Blut in zwanzig Schlachtfels der ein. Ich kann nicht gleichgültig seyn, wie die Nachwelt( und dächte sie nur auch zehn Jahre an mich) von mir spricht. - - Nachruf und Nachrußm sind zwo verschiedene, obgleich oft verwechselte Dinge. Herostrat, ein Grieche, verbrannte den prächtigen Dianentempel zu Ephesus, damit nur die Nachwelt seinen Namen nennen möchte; denn auf Ruhm fonnte er seiner That halben feinen Anspruch machen. Dafür lies ber in ewige Vergessenheit begraben! Aber es giebt auch einen schmeichelhaften umlorbeerten Nachruf, der noch scheußlicher ist als der vorhergehende, weil er auf die Ruinen unglücklicher Menschen erbauet wird. Wahrer Nachruhm seket voraus, daß man ein Der 9te August. 107 ein Menschenfreund war, und andre( nicht blos fich) glücklich zu machen suchte. Es sin, daß er nur zehn Jahre unter zehn Personen blühete: so ist er doch unendlich besser als ein Nachruf von Millionen, Jahrtausende hindurch. Erempel seit hundert Jahren mdgen es bestätis gen. Karl der zwölfte wird so leidt nicht vergessen werden. Aber wie? Nimmt man eine Bemühung für die Glaubensfreiheit der Schlesier aus: so macht fein Aufenthalt in Sachsen uns unwillig, wir schaus dern bei seinem Verfahren gegen den Patful, lachen über ihn in Bender, und zucken die Achseln bei Frieds richshall. Man vergleiche hiemit einen Paul Herhard. Ueber diesen wird niemand unwillig, schaus dert nicht, spöttelt oder jammert die Nachwelt nicht. Seine lieder: Befiel du deine Wege oder Ich finge dir mit Herz und Mund ic. locken rechts schafnen Menschen jetzt noch Freudenthrånen ab: können die Alexander das auch? Wer wollte nicht lieber Gerhard als Karl seyn? Noch ein frischeres Beyspiel. Wie jener durch feinen Degen, so Voltaire durch seinen Witz: denn diß sind beides die Hauptinstrumente, um den Nach: ruf zu erlangen. Voltaire macht die Gesunden zu lachen und die Kranken zu weinen. Wie viel hun: dert gut gewesene Menschen hat er schon die Ehre furcht für Gott und sein Wort aus den Herzen ges wißelt! Seine Marimen haben viele Hdfe noch mehr verderbt. Nun setzer diesen wißigen Spotter mit dem frommen Gellert auf die Wage! o! wie flieget jener in die Luft! Man frage jeden Vernünf tigen: wessen Schicksal unter beiden wünschest du die Der 9te Auguft. dir im Tode? Wer auf voltarisch lachte, wün schet doch heimlich gellertsch beten zu können. Des lettern geistliche kieder und sein sie bestätigender Wandel haben tausendmal mehr Nußen gestiftet, als jenes Heldengedichte. Nicht also die glänzende, sondern die gute Rolle theilet den Nachruhm aus. Wer lebte eingezogener als Gellert, und wer starb von Deutschland bedauerter, und selbst ehrgeizigen Prinzen beneidenswürdiger, als er! 108 - O selig, wen sein gut Geschicke Bewahrt vor groffem Ruhm und Glück, Der, was die Welt erhebt, verlacht; Der frei vom Joche der Geschäfte, Des Leibes und der Seelen Kräfte Sum Werkzeug für die Tugend macht! Meine Sphäre sen folglich so groß oder klein als sie wolle, ich muß so leben, wenigstens so sterben, als mir man dereinst über meinem Grabe sage; mein Ende sey, wie das Ende dieses Gerechten! Vielleicht verleb ich in reifern Jahren feinen Tag, der nicht nach meinem Tode Stoff zu Gesprächen giebt. Wird mein heutiger Wandel nach meinem Tode wohl rüh menswerth seyn? Der Der 1ote Auguft. Ich armer Mensch, ich armer Sünder, Bin hier vor Gottes Angesicht: Ach Gott! ach Gott! verfahr gelinder, Und geh nicht mit mir ins Gericht! Erbarme dich, erbarme dich, Gott! mein Erbarmer! über mich. 109 elbsterniedrigung ist und bleibt meine Pflicht. Und könnte ich mit einem Adlersblick hundert tausend meiner Tugenden übersehen: so wollte ich dennoch kein Pharisäer seyn, weder vor Gott noch Menschen. Wahrhaftig, man muß wenig Kenntniß von seinen gesammten Pflichten haben, wenn man sich für einen Syeiligen hält. Wir dienen unsern sichtbaren Göttern felten genug; obgleich öfters auf Kosten unfrer Seele!) und wir wollten vom unsichts baren Gott alte Schuldposten einfodern? Dürfte ich je mit dem allerheiligsten zusammen rechnen: so müßte doch eine gewisse Zahl die von Ihm verlangte Summen ausmachen. Sie sen 90000, so bin ich verloren, wenn ich nur 80000 gute Werke begieng. Aber auf Zinsen werde ich denken, wenn ich 100000 verübt habe: man trage sie mir an baas rem Gelde, oder an Kanonisation und erbauten Kas pellen ab. Herr! wenn du mit mir rechnen willst, so kann ich dir auf tausend nicht Ein Wort antworten! Und wenn ich alles gethan habe, verdiene ich - Der rote August: ich so wenig eine Nische, daß ich vielmehr ein unni Her Knecht bin. O! so weit fann es in alle Ewige feit nicht fommen, daß Gott einem seiner Gesch Sofe zahlbar würde! Der Heiligste unter allen Freunden Gottes lebet blos der Gnade seines Herrn. IIO Wie viele tausend wahre Tugenden habe ich denn schon verrichtet? Ja wenn wir nicht eigen liebige Eltern waren, die jedes Stammlen ihre Kinder für Wiß ausgeben, und lobsprüche aus theilen wohin die Ruthe gehört! Hat ein Genius, ein guter Engel mich von Kindheit an begleitet, und meine Gedanken bei jeder Handlung gelesen: dec mag meine Jugenden summiren und mich beschämen. Und sollte wider Vermuthen( denn wider mein Ver muthen muß es seyn!) die Summe ansehnlic und der Erbarmung Gottes werth seyn; dann will ich niederfallen und beten: Herr! geh nicht mit mir ins Gericht: vor dir ist kein Lebendiger gerecht! Je einsichtsvoller deine Geschöpfe werden, desto mehr werden sie ihren Abstand von dir gewahr. Eine Stunde, dir und mir anständig erlebt, macht mir über hundert andre Stunden bittre Vorwürfe, daß ich sie schlechter verwendete. Wie weit wäre ich, wenn ich seit meinem zehnten Jahre auch nut mein halbes Leben der Erkenntniß und liebe Gots tes, oder der Wohlfahrt meines guten Nächstens gewidmet hätte! Beschämende Nechnung, wenn ich jede Stunde genau in ihre Rubrik einschreibe: dann stehet nicht selten der Bösewicht neben Gott! oder dicht an der Kirche des Teufels Kapelle! - Bin Der rote August. Bin ich aber gleich ein grosser Sünder: so vers menge ich mich doch nicht mit Bösewichtern, welche ruhig bei ihren Schulden schlafen. Ich bitte und erlange Erlaß. Mein Werth im Himmel ist ents schieden, so bald ich demüthig, reuvoll und zuvers sichtlich bin. Mehr fann ich dem Richter nicht dars bringen, als ernstliche Reue. Geschehene Dinge fann nur Jesus ungeschehen machen. Je mehr ich bereue, je mehr ich seiner Hülfe traue: desto mehr wird mir vergeben. D! wie tröstlich ist der evans gelische Glaube: nur aus Gnaden, nicht meinen Werfen nach werde ich selig. Urbeiteten wir bet Gott um Tagelohn: dann, wehe unsern sterbenden Kindern, Blödsichtigen und Kranken, welche nicht die bestimmte Anzahl von Stunden arbeiten fonnten! Aber, der Erbarmer bittet seines einges bohrnen Sohnes Lehrer und Tod dar. Nehme ich jene zur Richtschnur an, so tilget dieser mein Schulds register. Rechtschaffenheit ersehet verabsäumte gu: e Werke, und der Begriff eines göttlichen Erlösers bebet diesen Scheinwiderspruch. Ich will künftig ein redlicher Christ seyn; und Hölle! wo ist dein Sieg? Nichts soll mich irren; den Heuchler und Bösewicht nur verdammet Gott. Bin ich eins uns ter beiden, o! mein Herr und mein Gott! so verfag mir den Schlaf, und laß mich die ganze Nacht hina durch unter deiner Hand zittern, bis ich mich entschliesse, immer der deine zu seyn! III. 112 Der 11te Auguft. Groß ist der Herr! Die Himmel ohne Zahl Sind seine Wohnungen. Sein Wagen Sturm, und donnerndes Gewölk Und Blike sein Gespann. o wie ein Kind das erste mal von einem Gebürge eine weite Ebne erblickt, und über die Grösse der Welt erstaunt: so betrachte ich aufmerksam den Himmel, höre die Berechnung der Sternkundigen freue mich meines Gottes und werde gern ein Kind. Jeder uns begreifliche Maaßstab ist zur Größe des Weltgebäudes wie ein Fingerhut zum Welt meer. Der Schall und der Flug einer Kanonenkugel bezeichnen nicht die Gränzen der göttlichen Schö pung, sondern der menschlichen Einbildungskraft. wir wollen sehen, wie weit wir mit diesem Maaßsta be fommen. Die Kugel einer abgefeuerten Kanone hätte an die 25 Jahre zu fliegen, ehe sie von der Sonne zur Erde gelangte. Eine Kanonen fugel, die in gleichem Fluge bliebe, erreichte den Sirius ode Hundsstern( den hellsten und nächsten vermuthlich unter allen Firsternen) erst nach zehn Millionen Jah ren. Stolzes Herz! wo bleibest du bei dieser Be rechnung! Nun mit Ferngläsern das Weltgebäude durchlaufen: so müßte der Blik Jahrtausende strei fen, ehe sein Licht von einem Ende der Schöpfung bis zum andern leuchtete. Und es braucht doch nicht eine volle Minute zu zwo Millionen deutsche Meiler. Monary Der rite Auguff." # T3 Monarchen unsers Erdpünktgens! o fallet nies der und betet euren Herrn an! Wo bleiben König: reiche und was sind Eroberungen bei dieser Berechs nungsart! Die Erde verliert sich hiebel wie ein Tros pfen im Wassereimer. Die Kanonenkugel, die unsee Erdkugel mitten durchstreifte, wurde diesen Wez binnen 20 Stunden vollenden, und der Schall das von fast eben so schnell. Diese wenige Stunder gegen Millionen, ja Millionen von Jahren sind ohne gefehr das Verhältniß, von unrer sogenannter Welt zu der wahren grossen Welt des Schöpfers. Zur wahren grossen Welt fagte ich? Welche Vermessenheit! Leichter übersiehet der blinzende Maulwurf das Königreich, in welchem er seinen Hüs gel aufwirft, als ich die Monarchie des Unermeßli: chen. Wie? wenn das alles, was unsre besten Ferns rohren mit Mühe erreichen, nichts als der Vorhof des göttlichen Pallastes, oder nur Eine der Vorstädte von der Stadt Gottes wäre?- Aber dann schilders te ich mir Gott wohl zu groß!- Allmächtiger! Mär jestätischer!( die Namen fehlen mir) verzeihe Einem deiner kleinsten Geschöpfe, daß es geglaubt hat, dich gröffer denken zu können als du wirklich bist! O! die feurigste Einbildungskraft der Menschen, der höchste Flug der Erzengel erreichet nur deinen Fußschemel. Dir und deinen Werken Schranken seßen, heißt dich vernichten oder verkennen. Die entfernteste Sonne, die ein scharfes Auge bei sternhellen Nächten unter den übrigen Sonnen faum wie einen Punkt schime mern siehet, kann sich eben so wohl zum Mittelpunkt der Schöpfung setzen, wie ich es jetzt mit meiner vaterländischen Erdkugel gemacht habe. Die Kas Tiedens ubendand, II. Th. $ nonens Der 11te August. nonenfugel( die doch in einer Minute 5 Meilen flies gen fann) viele Millionen Jahre fort: der Gedanke ist ein Meer, in welches ich versinke. Und doch wird hoffentlich dieser Gedanke nur Einen Tropfen ums spannen, wann ich Gott von Angesicht zu Anges sicht, das heißt: näher und begreiflicher schauen werde. 114 Und dich, Unendlicher! Gränzenloser! über alle Ideen weit Erhabener! dich soll ich anbeten? Ach! eu hôrest wohl nicht den schwachen Laut eines Infekts mitten unter der Harmonie deiner Sphås ren. Du bist zu hoch, zu entfernt, zu zerstreuet, als daß du ein Pünktchen auf dem Punkte der Erde unterschiedest. Nur du bist mir zu groß, als daß du dich meiner erbarmtest. Rase ich, daß ich den Allmächtigen aufs neue erniedrige? Drei Welts gebäude könnte er also zur Noth durchschauen: aber nicht Trillionen derselben? Millionen Meilen des Schalls entfernen die dem Allgegenwärtigen meine Bitte zu sehr? Ich weiß nicht, soll ich mich freuen oder traurig seyn. Ich bin so gedemüs thiget, daß ich faum beten mag: und mein Gott ist mir so groß, daß ich so gleich noch nicht einschlafen kann. Herr! was ist der Mensch, daß du sein gedenkst! - - Der 12te August. Die Bege, die ich heut gewandelt, Ac! führten sie mich auch zu weit? Was ich gedacht, was ich gehandelt, Ist Aussaat für die Ewigkeit! Kein Wort ward heut von mir gered't: Es ward fürs künftge ausgesä't: ie Berechnung eines Tages sezet uns mehr in Verlegenheit, als noch so viele darinn gethane Arbeit. Aber jene ist mehrentheils auch nüklicher, als diese. Was hilft doch am Ende alles Botens laufen für die Erde? Ich will also rechnen. Wo ist nun der heutige Tag? Schon in dieser Stunde rufen ihn Millionen Seufzer und Thránen derer zurück, welche diesen Morgen reicher, gefünder, ruhiger und glücklicher waren als jetzt. Tausend Menschen bereuen nun schon Eine ihrer heutigen Handlungen: was werden sie nicht erst in der Ewigkeit thun! Rönnte ich mit diesem Tage die ganze Reis be meiner Tage beschliessen?-Wie? Das könns te unter Tausenden kaum Einer; und doch sind diese Tausende feines Tages Herr? Wie der Baum fällt, bleibt er liegen: der heutige Tag fann also mein Schicksal auf ewig entscheiden. Eine solche furchtbare Macht hat ein einziger Tag, und ec H 2 scheis Der 12te Auguft. scheinet uns immer so ohnmächtig, wie eine Pups pe, mit der wir nach Gefallen spielen! Selbst in der Hölle werden einzelne Tage mit Schaudern genannt. 116 Wohin gieng heute mein Weg?. Ents weder zur Hölle oder zum Himmel. Und hätte ich gestern am Scheidewege gestanden: so wäre ich boch jetzt viele Schritte davon;. denn stille stehen fann unfre Seele nicht. Welches z. E. waren heute meine Gedanken bei Tische? War alles blos für den Körper, oder war ich gebankenlos? Schlechs tes Zeugniß meiner Frömmigkeit, wenn ich Wohls thaten Gottes ohne Danksagung empfangen kann! Bei den meisten Tafeln könnte man ausrufen: Danfest du also dem Herrn deinem Gott, du toll und thericht Volk? Wein und Delikatessen spendete auch heut der grosse Geber im Ueberfluß aus: aber die allermeisten Gäste waren es nicht werth. Budge Was dachte ich heute? Ich weiß es nicht mehr; kein Mensch, kein Engel weiß es genau: aber du, Allwissender! verstehest meine Gedanken von ferne. Meine Gedanfen von Einem Tage würden einen Folianten betragen: wie viele Seiten desselben aber würden mich nicht schamroth machen! Schamroth? das wäre immer wenig; die Sünde macht bald schamlos. Aber unglücklich! von Gott verworfen! ewig verdammt!- wenn das aus meinem heutigen Folianten fließt: o Herr Jesu, so zerreiß diese grausame Handschrift, die wider - Der 12te August. 117 wider mich ist; und lehr mich künftig besser, das ist, die ähnlicher denken. Zehntausend Worte habe ich heut etwa ges sprochen. Wem zum besten? Wem zur Ehre? Wer ward dadurch erbauet oder geärgert? belehret oder verführt? Ach! wenn doch nur tausend das von Gebet und Danksagung gewesen wären? Und wenn ich denn nun einst alle meine beutige Gedans fen und Worte wieder zugewogen bekomme; und wann jedes alsdann wie eine Pulvermine vor mir auffährt, und jede unzeitige. Geburt vor einem Gedanken wie ein drohender Riese dastehet: Herr Jesu! beschüß mich für mich selbst. Sehr mich doch meine Tage berechnen, auf daß ich flug und selig werde! Hilf mir volled durch diß mühsame Hofleben hindurch, wo alles minict, mich um die Gnade meines Herrn zu bringen! durch dis Gedrånge nach Glück, wo jeder vers fchieden hinaus will, wo man immer gestossen wird, und wo man auch wider Willen andre ansteffen muß!- Daß ich doch heute immer so gedacht, hätte wie jetzt: dann wäre dieser Tag gewonnen für mich und meine heutige Gedanken und Handlungen wären eine reiche Ernte für die Ewigkeit! h3 Dit 118 Der 13te August. Wenn ich, o Schöpfer! deine Macht, Die Weisheit deiner Wege, Die Liebe, die für alle wacht, Anbetend überlege: So weiß ich, von Bewundrung voll, Nicht, wie ich dich erbeben soll, Mein Gott! mein Herr und Vater! Sine Fine unsrer größten Verantwortungen in der Ewigkeit wird seyn: daß wir so wenig die Werke des Schöpfers bewunderten; da sie sich doch allen unsern Sinnen recht auforingen. Ich will jetzt einige Augenblicke Gottes Weisheit, und einige Wunder an den thierischen Körpern betrachten. Es ist eine wahre Wollust, nach langem vergebnen Nachsinnen zu sagen: solches Erfenntniß ist mir zu wunderlich und zu hoch; ich fanns nicht begreifen. Der Hahn krähet: Gleich schliessen wir: das Wetter wird sich ändern, oder der Tag wird nach einigen Minuten anbrechen. Aber ist das nicht unglaublich, daß ein unvernünftiges Thier ein Wetterprophet, eine unwandelbare Uhr und ein dreimaliger Wecker sey? Warum verschläft er nicht die Zeit, und wer benachrichtiget ihn von dem täglich verkürzten oder verlängerten Anbruch des Tages? Petrus weinte beim Hahnschrei über seine Sünden: ich will mich fünftig dabei über den Schöpfer freuen. - Der 13te August. 119 Die Glucke macht ein besondres Geschrei: ihre Küchlein verstehen diß Gackern, ohne es jemals gehört zu haben, und verbergen sich. Und was war die Ursache des Tumults in dieser kleinen Få: milie? Die Henne drehet den Kopf von der Seite, ich sehe ihr in die Suft nach und werde mit Mühe eines schwarzen Punkts gewahr. Aber das Thier hatte recht; der schwarze Punkt war wirks lich ein hochschwebender Raubvogel. Das wung derbarste hiebei ist, daß die Gluckhenne, wie sie Lärmen machte, nur für ihre Kinder und deren Nahrung besorgt zu seyn schien. Indem sie das kleinste Gewürm unter der Erde hervorscharrte, oder ein ihren Jungen dienliches Stäubchen unter ihren Füssen von Millionen Sandkörnern und Staubtheilchen unterschied: so entdeckte sie auch den hoch über ihr fich wiegenden Habicht oder Sperber. Zwo so entgegen gesetzte Eigenschaften in einem und demselben Auge?- Alle Akatemien der Wissenschaften haben an dem Auge einec Henne Jahrhunderte noch zu lernen. - Der falikutische Hahn ereifert sich und follert, wenn er die rothe Farbe erblikt: warum das? wels che befondre Spannung der Filern, welche eingreis fende Räder, welche Neizbarkeit der Nerven und Schnellkraft der Muskeln werden dazu erfodert! Und nun die Absicht von alle dem? Sympathie und Antipathie unter den Thieren sind leere Worte. Was in der Natur Feindschaft zu seyn scheinet, ist Freundschaft im Ganzen. Auch das Raubthier ist wie eine heilfame Schleuse, die den Reichchum in der Natur befördert. 3 $ 24 Zum Der 14te Auguft. Zum Beschluß noch eine Betrachtung übe meinen eignen Körper. Meine Knochen waren im Mutterleibe nur Knorpel, wurden aber nit der Zeit immer härter und endlich sprdde wie Eisen, Aber nicht alle Knorpel verhårten so, sonst würden unfre Gelenke unbiegsam, unfre Ohren uns zur Last, und tausend uns jetzt unbekannte llebel wür den entstehen. Nur erst im höchsten Ulter werten einige Knorpel beinern. Wer sprach nun zu einem Knorpel: werde hart! und zu dem daneben liegen ben: verhärte nie, oder sehr spåt! 120 Groß ist der Herr, und seine Weisheit fließt Durch Sonn und Sandkorn hin Klein ist der Mensch, der Aug und Mund verschließt! Ob ich der Zwerg noch bin? Der 14te Auguft. D Schöpfer! was ich seh, sind deiner Allmacht Werke; Du bist die Seele der Natur. Der Sterne Lauf und Licht, der Sonne Glanz und Stärke Sind deiner Hand Geschöpf und Spur. Fallen allen gleich die Sonnenstralen jetzt schräger auf Europa, und hat gleich der Tag schon merk lich abgenommen: so nimmt die Hiße doch mehr zu als ab. Aber Luft und Erde wurden auch seit einigen Monaten so durchhißt, daß auch die mindre Kraft der Sonne uns jest schwüle Tage verschaft. STBie Der 14te Auguft. Wie wenig begreift doch der Mensch die Werke Gottes! Wer kann sagen, worinn eigents lich die Wärme bestehe? Die Sonne ist nicht allein die Quelle derselben. Es giebt in einem und demselben Monat Nächte, welche schwüler sind, als Tage bei heiterm Gonnenschein. Derselbe Tag ist in einem Strich von hundert Meilen sehr vers schieden warm. Die Ausdunstungen der Erde, des Wassers und andrer Körper um uns her, tras gen also das ihrige wohl mit zur Hitze bei. Felder und Gärten dünften jetzt nicht mehr so viele Fauchs tigkeit aus; die Erde verschluckt nicht mehr so viele Sonnenstralen, und da sie jetzt fester als im Frühs linge, auch die Steine jest wieder mehr entblößt llegen: so prallen die Sonnenstralen mehr zurück und vermehren die Hike. Aber die Frage bleibet doch immer unbeantwortlich: warum mancher Sommer weit schwüler ist als der andre? Der weise Gott verbarg uns ma ches, dessen wir uns, wie vorwißige Kinder, zum Schaden bedienet háts ten! Wie unglücklich wären wir, wenn Menschen über die Witterung gebieten könnten! 121 TA Der Nußen der Sommerhiße ist weit gröffer, als diese fleine Ungemächlichkeiten, die sie uns zuzieht. Wir werden nach und nach der Hitze gewohnt, und die jest längere Nacht erfrischet alles hinlänglich wieder. Ohne schwüle Tage könnte der Traubens faft nicht abkochen, das Obst nichtreifen, und mans che Brut von Thieren nicht gedeien, die zur Ers haltung des Ganzen doch nöthig sind. Da fers ner die Luft durch die Hitze, sehr ausgedehnet wird: so entstehen daher Winde, Stürme, Regen 5 Der 14te Auguft. und Gewitter, welche die Luft reinigen, die Felder düngen und uns folglich Brod und Gesundheit vep schaffen helfen. Jedoch, der Nußen der Werke Gottes ist immer so groß als seine Absichten, und wer mag die ergründen? 122 Man sagt: die Hike nehme jetzt von Jahrhun dert zu Jahrhundert ab; manche Früchte fámen nördlichen Ländern nicht mehe, wie ehemals, ur Reife; und in südlichen, z. E. in Spanien und Ita lien friere und schneie es jetzt an Orten, wo man vor Chrift: Geburt nichts davon gewußt habe. Ja in unfern( ändern will man bemerkt haben: daß die Orangerie später aus den Gewächshäusern, und frü her hineingebracht werden müsse, als vor hundert Jahren; und daß Pfirschen, welsche Nüffe und ande zär liche Gewächse nicht mehr so gut fortkámen, als ehedem. Sind diese Beobachtungen richtig: so schei net der Abend der Welt einzubrechen, und wir web len uns auf den Sabbath freuen, der diesem schwi len Werkeltage folgen wird. Eine ähnliche Abnahme erfahren wir ben herannahendem Alter, wo Blut und leidenschaften ihr Feuer immer merklicher ver lieren. Lauter Zurufungen: begieb dich zur Ruhe. So froh als der abgemattete Landmann jegt die Feierabendglocke seines Dorfes hört, vernehme auch ich von so vielen Seiten den Aufbruchsruf. De Tag war sehr lang und schwül, den ich hier durchle bet habe:( obgleich die Hike ihren sehr groffen Nu hen hatte!) Gott wird mich nun bald einführen zu seiner Ruhe. Bald bricht die Nacht des Grabes her ein; arbeiten kann ich fonderlich nicht mehr: ich will also, ehe ich meine Wohnung in der Erde erreiche, den Der 15te Auguft: 123 den gestirnten Himmel betrachten und mich meines Gottes freuen. Aber ich merke es auch: je långer und schwerer ich gearbeitet habe: defto saurer wird es mir, das Haupt im Himmel zu erheben! Jedoch ich will mich zwingen. Seufze ich blos über meine Müdigkeit, oder sehe ich mich gar zu viel nach meis nen gewesenen Mitarbeitern um: so wird mir der Heimweg nur verdrießlicher. Von der Erde blicke ich also nun gen Himmel: danke dem Grundgutis gen, daß der schwüle Tag überstanden ist; freue mich der Heimat entgegen; und unter Gott verherrli chenden Gesprächen lange ich endlich bei den Meini: gen an. Herr Jesu! du bist mein! Bald wirst du mich Müden erquicken! Der 15te Auguft. Dem Schnitter rauscht ber vollen Felder Segen Zur Ernt entgegen. Und Dank und Freud und Jubel jauchzt aus allen, Und hain und Auen und Gefild erschallen Von lautem, dir frohlockendem Getümmel Bis in die Himmel. Fimmer mmer liebenswürdiger Gott! am sichtbarsten in der ungekünstelten Natur! Höfe und Pallåste enthalten viel glänzendes Elend: das ofne Fild aber ist ein Schauplah deiner Milde! Bei euch also, nüks liche Bewohner der Erde, Schnitter! denen nur die Ernte, nicht aber wilde Leidenschaft das Blut erhitt; bet 124 Der 15te August. bei euch will ich jetzt in Gedanken stehen und mein heutige Unterhal ung mit Gott beschliessen. Die Ernte! Nur Güte Gottes! Verderba fann sie der Eroberer: aber alle hundert Ingredie zen gehörig zu vermischen; Wind, Thau, Regen Dünger in der Luft und Sonne: tas geben fam nu Gott! Schlossen, Dürre, Hungerquellen, ha schrecken und andres Ungeziefer; das abhalten kam nur Gott! Zur Reife eines Kornhalms ward me Macht und Weisheit erfodert, als zur Errichtung einer Monarchie Zeiget man mir, welch eine St cke landes dazu gehöre, um einen einzigen Menscha das Jahr hindurch an Brod und Vorspeise zu bef stigen: so mache ich den Ueberschlag nicht ohne Be wunderung, und denke mit den kurzsichtigen Jun gern Jesu: woher nehmen wir Brod für diese Mer ge? Zu verwesen brauchen wir wenig land; abe desto mehr uns ein Jahr lang zu ernähren, Die Schnitter sind das mühseligste und lustigs Voll des Erdbodens; und das ist mir ein erbauliche Gedanke. Wären diese Mühseligen nur halb o mißvergnügt als die Groffen der Welt: nur halb riefsinnig, als regierende Ministers; nur halb angstlich als Wechsler und Pachter: dann dúnkt mir das garbenvolle Feld eine Galeerenbank zu feyn So aber ist es die angenehmste Terrasse. Nicht das Schlachtfeld, nicht die Börse, nicht immer die Stu dirstube zeigen uns den Menschen unter liebenswü diger Gestalt. Wer den Menschen vortheilhaft me len will, muß ihn in der Ernte fopiren. Arbeitsam, mäßig, unschuldig und frdlich; so finde ich ihn hier: aber auf der Redoute, in der Gerichtsstube, bei Fe ten Der 15te Auguft. 125 ten und bei einem Auto da Fe, wie finde ich ihn da? Die Groffen dieser Welt vergnügen sich königlich, wenn sie Baurenwirthschaften und ländliche Freude nachahmen: aber sie geniessen alsdann nur das Ges würs; die Spetje bestehet in Arbeit und Unschuld. Ein Podagrist kann keinen Ball zieren, und ein Des linquent feine Gesellschaft aufheitern. Es versteht sich aber auch, daß es in der grossen Welt hin und wieder noch redliche Landleute giebt. Ein Landmann erarbeitet so viel, als zum Uns terhalt von vier Menschen hinreichend ist. Wir würs den also kaum wissen, was Mangel wäre, wenn es nicht Raubmenschen gåbe, deren Einer mehr ver: zehrt, als hundert ergraben, erfischen, erjagen und erernten mögen. Uch Gott! es muß ein grosser Diebstahl seyn, wenn man verschlingt, was andre darben müssen! Und wenn ich vollend den Schweiß, die Zusetzung der Kräfte so vieler guten Menschen vor und in der Ernte betrachte: so scheinet mir die Mäßigkeit eine höchst menschliche Pflicht zu seyn. Das Ende eines Erntetages ist meistens frölis cher wie die Feste an Höfen; und ein Wagen voll jauchzender Schnitter ist ein Beweis, daß die Freude nicht am Golde flebe, oder durch Rang und Ehrens stellen zinsbar gemacht werde. Und nun die von Garben bedeckte Wagen, und zu beiden Seiten der Scheurentenne eine Allee, die bis unter den Dach: stuhl reicht, und die Menschen in dieser Allee, derer größter Fehler die Armuth ist!- o! die Ernte ver: dient, daß man eine Loge darinnen miethet. Hier ist mehr Segen als Fluch; mehr Paradies als Suns denfall! Von der Heuerute bis zur Haverernte ist jeder 126 Der 16te Auguft. jeder Tag ein neuer Gehalt, den uns Gott giebt Der armen Lerche und Wachtel ward ihr Haus übe den Kopf geschleift! Sie hatten gesungen und wit effen! Sie müssen flüchten und wir bleiben wi Sandesfinder da! Bei dieser Betrachtung ist mir alles angenehm, nur die Undankbarkeit der Menschen nicht. Jedoch, ich will nicht zu trùbfinnig richten. Wäre jede Tag ein Erntefest, und alle Menschen frohen Schnit tern gleich: wer würde gerne sterben? Die wahr und ewig daurende Ernte fångt erst nach meinem Tode an. Disseits des Grabes ist Saatzeit, unt was ich bisher ausfäete, war-? Der 16te August. Nein! deine Huld, o Gott! ist allzu offenbar, Die ganze Schöpfung legt dein liebend Wesen dar: Die Huld: die Raben nährt, wird Menschen nicht verstossen; Wer groß im Kleinen ist, wird grösser sepn im Groffen. Mitten pitten unter Heuhaufen und aufgethürmten Korngarben stand seit einiger Zeit det Schandfleck der Schöpfung, ein mißvergnügte Mensch, und rechnete die bevorstehende Hungersnot aus. Möchte er doch seine Schande ausrechnen; wenn es nur mehr Gesättigte gåbe, welche Gottes Vorsorge rühmten, als es mürrische Hungrige giebt! Der 16te Auguft. 127 giebt! Und das müßte doch seyn, wenn Religion und Erfahrung die Habsucht der Menschen beherrschten. Wie viele sterben dann jährlich an einem Orte Hungers? Und wenn welche so starben, wie viele darunter waren denn unschuldig an ihrem MangelDie genaueste liste verfertiget, und es erhellet, daß das Hauptthoren sind, welche uns jeden Sommer Mißwachs und Hungersnoth drohen. Gewiß wird der Allgütige nur den alles verekelnden Ueberfluß bei Seite rücken; und sollte ohne Schuld ja jemand dabei verderben: so sind seine Brüder verdammens: werth, daß sie ihn umkommen liessen. Aber so ist es! Wenn ein einziger in der Hauptstadt verhungert: so winselt das ganze Land. Daß aber eine Million umber gesättiger wird, das hält man nicht der Mühe werth zu erzählen. Es scheinet, daß die Menschen darauf ausgehen, der göttlichen Vorsorge Fehler anzudichten. Als wenn der nicht Erdfinder zu ers nähren wüßte, der unzählige Völkerschaften vers schiedner Engel und Geister ernährt! - Ward ich heute fatt? Ohne Zweifel! Aber ward ich auch froh? Hat der Hungrige Recht zu wimmern: so muß der Gesättigte auch zur Danks barkeit verpflichtet, und folglich freudigen Gemüths seyn. Stelle ich mir einen König oder Hausvater vor, der von seinen Besoldeten und Ernährten nichts als Murren und Vorwürfe hörte: so prophezeihe tch: daß diese Mißvergnügten fünftig werden huns gern müssen. So aber nicht Gott! Er giebet fich nicht müde und der Mensch flaget sich nicht satt. Wenn denn Einer aus der Menge fatter, und doch hungrig sich schreiender Koftgånger, den allges benden - 128 Der 16te Auguft. benden Gott preiset: welch angenehmes Opfer für den Himmel! Und das will ich jetzt bringen. Unermüdeter Geber! So viel hast du mit schon zur Nahrung und Kleidern gegeben, daß ich auf eine Anhöhe tretten müßte, um alles übersehen zu können! O schändlich, wenn ich dich jemals de Kargheit beschuldigen wollte! Wie fann, wie soll ich deine Milde fattfam erheben! Wunderbare Gott! ich soll nur hoffen, daß du auch fünftig mich nicht verlassen noch versäumen werdest; ich soll nur treuherzig Hände und Schooß eröfnen; das willst du für Bezahlung annehmen? Der immet gebende Gott, und der immer undankbar dahin nehmende Mensch: das ist ein unbegreiflicher Ge gensaß. Nein! ich will zur Ehre Gottes forglos senn. Der mich erschaffen und bis hieher erhalten hat, der wird mich auch ferner erhalten. Und habe ich noch andre Sorge: auch die werfe ich auf den, der für Himmel und Erde genug ist. Der mir so huldreich das Leben gab, wird mir nimmers mehr tyrannisch den Tod geben. Auch sterbend werde ich von der unerschütterten Hand Gorres ges tragen. Ich mag lebendig oder todt seyn: Bater in Chrifto! du bist mir genug! Genug auch dort, wo ich um glückselig zu seyn, unendlich mehr bedarf als jetzt; Brod, Wolle, Wasser und Holz ist hin länglich für den Erdensohn: aber als verklärter Geist, dir ähnlicher, da bedarf ich mehrerer und edlerer Güter. Der feurigste Wunsch, den meine Eigenliebe thun fann, wird dort von deinen Gaben weit übertroffen werden. Es wäre gotteslästerlich im Himmel und auf Erden, zu denken: Gott Fann mich nicht sättigen. Ja! Der 17te August. Ja! du wirst mich sättigen mit Wohlgefallen alle Ewigkeiten hindurch! Meine Feinde und Erben, mein Mangel und Ueberfluß Bedürfnisse des Als ters und Grabes: das alles sind Kleinigkeiten, die du Allwissender aber vor Grundlegung der Welten abwogst! Sollte ich noch für meine heutige Ruhe und Sicherheit sorgen, da sie der Gott der Göts ter besorgt? BIOCIDOS Dai Der 17te Auguft. Und wenn aus Sumpf und Zweigen Sie endlich alle schweigen: So red ich doch mit dir, Gott! wozu sonst die Sprache mir? 129 Mpt Richt icht nur Sümpfe und Bäche verstummen, da ihr einziger Sånger, der röchelnde Frosch, schweiget; sondern auch Wald und Hain sind alle gemach wie ausgestorben. Das Stillschweigen der Vögel beraubet uns manches Konzerts. Wurs det ihr es denn, kleine Sänger! so bald überdrüßig, zur Ehre Gottes zu singen? Nein, das nicht: denn ihr fend feine Menschen! Ist es die Ernähs rung der jungen Brut? eine neue Befiederung? oder der herannahende Rückzug zu eurer Winters heimat, weswegen ihr schweiget?- Wer aber Fann euch eine so lange Vorhersehung zueignen. Und wäre es nicht höchst beschämend für uns, wenn ihr uns so an Vorsicht überträfet? Tiedens Ubendand, IL, Tb, I Arme - 130 1012 Der 17te Auguft. Arme Nachtigall! als du noch fangest, da waren wir deine Schmeichler. Nun du aber von Krankheit, Hunger und Raubthieren verfolgt wirst, nun denken wir nicht mehr an dich. Fließ nnfre Gegenden, so bald es deine neue Federn verstatten; denn bald suchen wir die Neße hervor, und erha schen Schaaren von ferchen; oder der buhlerische Vogelbeerd framet feine Wollüfte aus, um Uneors sichtige zu berücken und zu tödten. Finder ihr, friedliebende Sänger! diß Verfahren der Menschen verrätherisch: so wißt, daß sie selbst unter einander nicht besser handeln. Auch die besten Menschen müssen, wie ihr, über Undank, Verführung und Zugrundrichtung klagen. Eilet also über das Weltmeer zu Völkern, die wir Barbaren nennen. Diese werden euch weniger Lob ertheilen; aber euch auch nicht einferfern, oder als Delikatessen auf lange Tafeln sehen. Ihr müsser also jetzt schweigen; aber müssen wir es auch? Sollten wir das Morgenlied der Serche und den Abendgefang der Nachtigall nicht mit har monischen Tönen ersetzen? Sollten sich mit eurem Zurüdzuge, die Simmen zum lobe Gottes verrin gern? D! ich will nun Gebete und Danklieder vers doppeln, welche bisher durch eure Gesänge, denen ich zuhören mußte, bisweilen unterbrochen wurden! Ihr lobet nur den Schöpfer allein! Vom Instinkt geleitet fehet ihr den fernen Winter zum voraus, und jede eurer Gattung for: get für ihre Berbergung und Erhaltung; so daß selt der Schöpfung wohl keine Thierart ganz ausgestor ben ist. Der Mensch, von der Bernunft geleitet, fie Der 17te Auguft. fiehet die Ewigkeit in einer unendlichen Entfernung vor sich, und sie ist ihm doch vielleicht näher, als euch der Winter! Millionen unsers Geschlechts werden ihren Rückzug noch früher antreten, als ihr den eurigen. Ob sie sich aber alle zu dieser Reife, wo unter den Füssen Meereswogen an Klippen hins auf brausen, so zubereitet haben wie ihr!! zus was hatten sie denn so wesentliche Vorrechte über euth! Hatten sie nur Bernunft, um sich ihr Elend zu vergrössern, die Sünde kennen zu lernen, und durch ein Heer von Bedürfnissen sich Thränenstrdme auszupressen? Um eine Ewigkeit zu hoffen, zu wüns schen und vor thr zu erzittern? So seine Vors züge ungenußt lassen, heißt seine Würde verleugnen. - 131 Ich will mich mit jedem Abend,( wo auch mein ermüdeter Gesang verstummet!) zum Zurückzuge in jenes fanfte Klima vorbereiten, damit mich nicht Hunger und Winter übereile. Die Sünde stellet allenthalben ihre Sprengel auf, und ihre Beeren sind sehr nach meinem Geschmack: aber die Vernunft, und weil die nur selten will, die Religion foll meine Freiheit bewahren. Traurig genug, daß ich so manchen Abend beschloß, als würde ich mein Leben nimmer beschliessen! Ist denn nicht meine Lagerstätte dem Sarge áhnlich, und mein Schlaf dem Tode? Erforderte eine so weite Reise, als ich nun nächstens anzutreten habe, nicht schon von weiten her einige Bubereitung? Und dennoch ist bisher nur wenig ges than! Langmüthigster! ich bekenne dir auch diese meine Sünde und verleugne meine Missethat nicht. So oft ich mit dir rede, muß ich entweder dich preisen, oder mir Verweise geben. Laß aber auch I in 132 Der 18te Auguft. in dieser Abendstunde, meiner unverfälschten Neue wegen, das Verdienst deines Sohnes geltend über mich werden! Laß es deine Gerechtigkeit befriedigen, auf daß der Sünder lebe. Dann will ich deinem Mamen lobsingen! wenn auch jedes Geschöpf um mich her verstummte. Auch mein Rocheln im Ster: ben ist dann ein lieblicher Gesang.. Noch Der 18te August. och immer hilfst du deinem Wort In seinen Siegen mächtig fort. D ie anfängliche2usbreitung des Christenthums ist ein starker Beweis für die Göttliche feit desselben. Urme, unstudirte, verachtete Juns ger predigen Jesum den Gekreuzigten den Juden ein Hergerniß und den Griechen eine Thorheit. Und ohne witzige Sophisteret, angebotene Einkünfte und Ehrenstellen, und ohne alle Dragonerbelehrung erreichen sie häufig ihren Zweck. Sie bieten nichts als Wahrheit; verlangen dafür Schmach, Vers folgung und Marter tod: und es fehlt nirgend an Proseliten, weder in Pallåsten noch Hütten. . Es ist wahr, sie fanden( wie zur Zeit der Res formation) viele wieder den Aberglauben und wider die eingerissene Mißbrauche aufgebrachte Gemüther vor. Kluge Heiden waren der Wahrsagereien, der Orar Der 18te Auguft. Drafes und der jährlichen Vergdtterung mancher liederlichen Menschen überdrüßig. Auch unter den Juden waren große Spaltungen und Beschwerden über den Geiz, Stolz und über die Heuchelei der Pharisder. Die Sadducder waren nach ihrer Art Freigeister, und die Effder Einsiedler geworden, Romer und Juden aber erwarten, der Prophes zeiung gemäß, einen Herrn und Helfer aus dem Morgenlande. Fast alle damals bekannte Sander gehörten zum weiten römischen Reiche, und hatten folglich fast einerlei Gefeße, Sitten und Sprache. Freilich waren diese Umstände einer so klugen, Gott und Menschen gleich würdigen Religion sehr vortheilhaft; aber konnten diese Umstände von uns gefähr zusammen passen? 133 Man hat unserm Glauben, gegen alle Ges fchichte, vorgeworfen: daß die ersten Jahrhunderte durch, ihn nur der Pöbel angenommen habe. Wie denn? Paulus stattet ja an die Christen zu Philips pen einen Gruß aus dem faiserlichen Pallast in Rom ab. Die heidnischen Geschichtschreiber selbst haben die Nahmen sehr vornehmer Christen im ersten Jahrs hundert aufbehalten. Jedoch wir wollen gestehen: daß die ersten drei Jahrhunderte fein regierender Herr, kein Gelehrter vom ersten Range und fein wißiger Kopf erster Gröffe ein Christ ward. Fole get denn hieraus, daß alle übrige Prinzen, Gelehrte und schöne Geister, die das Christenthum annahe men, Pôbel waren? Weit gefehlt demnach, daß diß uns zuwider wäre, da es vielmehr für uns ist. Sebet: daß Tiber oder Nero ein Christ ward: so mußte jeder, dem sein Leben lieb war, ihnen blinds I 3 lings 134 Der 18te August. fings folgen. Nahmen Titus, Trajan oder Hadrian das Christenthum an: so ward ihnen zu gefallen die halbe Welt chriftlich, ohne zu wissen warum. Jose: phus, Seneka und Plinius,( die doch viele für heimliche Christen halten) erklärten sie sich öffentlich für Christen; so beteten ihr Bekenntniß sogleich tausend Schulen nach, die von ihrer Weisheit wies derhalleten. Alsdann aber beruhete die historische Gewißheit unserer Religion auf zu wenig Augen. Ein groffer Geist bat grosse Absichten; und wenn er selbige mit Gold und Eisen, mit Witz und Unse: hen unterstüßen kann: so verlieret die Wahrheit unter ihm mehr als sie gewinnet. So aber stehet die junge christliche Religion da, ohne Leibwache, ohne gelehrte Schriften, ohne anzubietende Pfruns den; nur schön durch ihren eigenen Reiz stehet sie da. Das Heidenthum vereinfget sich so gar mit dem ihm stets verhaßten Judenthum, um sie zu bes schimpfen und mit Witz, Feuer und Schwert zu verfolgen. Millionen Menschen, nicht alle dummer Pobel! unterschen das Vorgeben der Apostel, und werden mit Lebensgefahr Christen. Man kann glaus ben, daß sie es nicht für den Preis geworden waren, wenn es nicht damals Augenzeugen, Nachrichten und Urkunden gab, welche Heiden und Juden nach: her wegschaften. Oder es mußten einleuchtende Wunderwerke, oder ein göttlicher Wandel der Chris sten seyn, wodurch sie gewonnen wurden. Ja, spots tet mon: der Pöbel weiß nicht was er thut. Ants wort; unser heutiger Pöbel, der nicht polirter ist als der damalige, weiß es, wenn es auf Marter und Tod ankommt, mehr als zu wohl. Mit den jekigen Beweisen des Christenthums machte man wenig Der rote August. 135 wenig Mártirer unter ihm: die damaligen mußten also stärker seyn. Wie freue ich mich, daß ich ein Christ bin! Gots tes Hand war immer sichtbar über unsrer Kirche. Nur da überließ er sie erst dem Schutz der Monars chen, als die Wahrheit durch sich selbst gesieget hatte. Sie wird auch siegen bis an der Welt Ende. Ach! daß doch auch ich dem Christenthum Ehre machte! Der 19te Auguft. Wieder aufzublühn, werd ich gesä't: Der Herr der Ernte geht Und sammelt Garben Uns ein, uns ein, die starben. Halleluja! ie werde ich aussehen im Grabe?- Schrecks licher Unblick! Sollte auch hiebet Güte Got: tes zu entdecken seyn? Ein etwas spåt eröfneter Sarg enthält Unordnung, Härte, Zerstörung und Scheuß: lichkeit. Ich will nachforschen; hoffentlich finde ich dennoch verborgene Weisheit und Güte Gottes bei unserer Verwesung. Ich muß sterben: das fliesset aus der Natur meines Körpers. Bleibe mein Leib unverweßlich: so verldre die Erde, diese Mutter der Körper, viele und nahrhafte Säfte, und würde bald unfruchtbar 34 werden. 136 Der 19te Auguft. werden. Die lebendigen aber verldren Raum und hätten allenthalben einen traurigen Anblick. Der liebreiche Bater wollte uns aber die Erde so angenes nehm machen wie möglich. daher schaffet er uns aus Fäulniß Korn, Wein und Rofen. Sagt man: wir würden des Unblicks der Seichname gewohnt werden: so würden auch alsdann die Menschen weniger Ehrfurcht vor dem Tode, und folglich weniger Tugend besitzen Abscheu vor dem Tode lehrt nach ewigem Leben trachten. Konnte aber der Schöpfer der Verwesung keine lieblichere Gestalt geben?- Die Frage ist vorwißig. Aber man könnte mit Nein antworten, weil Gott immer das Beste wählt. Es ist nur eine doppelte Art möglich. Entweder' werden die Srper schleu nig zerstdret durch Feuer; oder sie werden nach und nach aufgeldfet durch Fäulniß und Verwesung. Führte Gott die erste Urt ein, daß jeder Körper, jede Pflanze, jedes weggeworfne Geräth, durch plohliche Gährung in Brand geriethe: welche angsts liche Welt! dann wäre die Erde ein Besuv- und je mehr ich nachdenke, desto schlimmer finde ich die Auflösungsart. Also war die Verwesung das Bes ste. Aber konnten wir nicht, gleich Blumen vers welken ohne ekelhaften Geruch, ohne ein Fraß der Würmer zu feyn? Ja! aber dann müßten wit auch einen Körper ohne Kraft, ohne tausend schö ne Eigenschaften haben, und sehr einfach und pflan zenartig leben! Und ist nicht der durch die Fäulniß verursachte Geruch das einzige fichre Kennzeichen unsers Todes? Er allein benimmt uns die Furcht, daß wir lebendige begraben. Mein - Der 19te August. 137 Mein Körper fängt mit dem Tode eine wichtige Rolle an. Er wird der Grundstoff vieler neuen Ges schöpfe, deren Daseyn von meinem Tode abhieng. Ich liefre also an Menschen, Thiere und fünftige Gewächse ben mir nun unnüßen und lästigen Regens rock ab: sie werden ihn schon zu nutzen wissen. Ein Theil meines leichnams, und vielleicht der größte, verfliegt in die Luft und fällt fünftig etwa in einem fanften Mairegen mit herab. Die Narzisse verfeis nert, die Nelke verschönert, der Pfirsich verfüffet Theile von mir; und mein Körper lebet in verwans delten Reizen. Über die Würmer des Grabes! Über warum befuchet und störet ihr sie mit Gefahr eurer Gesundheit? Laffet die Todten ruhen, oder fuchet ihre guten Thaten und nicht ihre Gebeine auf. Verzehrten Würmer nicht einen groffen Theil des Leichnams, der dadurch so gleich in frisches Fleisch wieder verwandelt wird: so würde die Fäulniß zu lange anhalten, und Todtenäcker würden die Pest erzeugen. Gott, der Liebhaber des Lebens, setzet auch in Gråbern feine kleine Kolonien an. Ein Körper, der zur Bewegung und Schönheit, Alters oder Krankheit wegen untanglich war, wird durch die Verwesung schön und lebhaft. Der Tod ist die Thüre zum Leben. - Wunderbarer! und bei jedem Wunder liebreiz cher Vater! Wo du zu zerstöhren scheinest, da bauest du auf. Die schlechtesten Baumaterialien reinigest, verschönerst du, und errich: st dir damit Tempel deis nes Ruhms. Auch mein elender zeichnam wird durch deine schöpfrische Hand gehen, und noch taus fend Gestalten afnehmen. Was ich im fünftigen 35 Zustande 138 Der sote August. Zustande oder in der Auferstehung davon gebrauche, wird deine Allwissenheit aus diesen verschiedenen Formen wieder herbei schaffen. Vielleicht ist noch wenig Erde auf der Oberfläche, die nicht schon zu menschlichen Körpern gehöret hätte. Vielleicht, wann nun alle Erde zu diesem grossen Zweck ver: braucht und dadurch entkräftet ist: dann rufft du dieser Masse zu: fommer wieder Menschenkinder! Dann erheb auch ich mich aus dem Staube und mich umfliesset ein unverweslicher leib, der jetzt unter Schlacken verborgen liegt. Der 20te Auguft. welch Gericht! felbst zu sich sagen müssen: Ich konnte mir die Thür zum Fall verschliessen; Und doch verschloß ich mir sie nicht! Es fireitet wider Schrift und Vernunft, daß Ges rechte und Ungerechte nach dem Tode einerlei Schicksal haben sollten. Die Bibel nennet den Zus stand der letztern die Hölle. Die meisten Beschreibungen der heil. Schrift davon sind verblümt, und leiden eine manuigfache Erklärung. Ich will mir die Hölle so gelinde als möglich denken, und dennoch muß sie, im Verhälts niß gegen den Zustand der Seligen, Mangel und Unvollkommenheiten in sich schliessen. Der Gottlose fann Der 20te Auguft. 139 fann dort nicht so glückselig seyn als der Fromme. Sein ungeübter Verstand in Dingen, die dort gels ten; sein robes Herz; die Gerechtigkeit des Richters und der mit schnellen Schritten immer höher steis gende Freund Gottes, lassen beständig eine Kluft zwischen Himmel und Hölle. Angenommen: daß fein Feuer, kein Gefängniß, feine willkührliche Grafe vem erbarmenden Richter zu befürchten sey. Zugegeben: daß sich das Schicksal der Gottlosen immer verschönern werde, je nachdem ihre Reue und Verlangen, Gott gefällig zu werden, steigt. Aber nur auch zugegeben: daß es diesen sich bessern den Verdammten nicht gleichgültig seyn könne, sich ewig ihren ehemaligen Mitbrüdern hintangesetzt zu sehen; daß die fortdaurende Erinnerung ihrer unbes reuten Sünden und lebenslangen Undankbarkeit gegen Gott, ein nagender Wurm für sie sey: ist das nicht Hölle genug? Und wenn die Verdammten alle Freiheit, und eben so viele Beweise von Gottes Gite hätten als hier: nur Schamm und Neid im Bufen, angeweile und Mangel an irdischen Küs sten: so tragen sie die Hölle mit sich umher. A Aber die Ewigkeit der Hellenstrafen? Freilich flinget das hart, so lange wir uns den Allgütigen wie einen Zucht und Kerkermeister dabei gedenken. Wir wollen auch zugeben, daß die deutlichen Auss sprüche der Bibel mit einer Erfdfung aus der Hölle bestehen könnten. Ewige Verdammniß z. E. jeigte nur an, daß es in alle Ewigkeit Geschöpfe in den Welten Gottes geben werde, welche aus eigner * Schuld nicht so glücklich sind, als sie seyn könnten: daraus flèffe freilich nicht notwendig, daß jedes dieser 140 Der 20te Auguft. dieser Geschöpfe ewig in demselben Zustande verblei ben müsse. Also nicht die Güte Gottes, sondern die Natur der Verdammten muß die Frage entscheiden. Wir wollen das äusserste nachgeben: daß jeder Ber dammte sich dereinst bekehren werde und wolle: ob das gleich eine Voraussetzung ist, wozu uns Schrift und Erfahrung eben nicht berechtigen. Nun fraget es sich also: kann der Verdammte jemals so felig werden, als der Fromme? Entweder muß Gott ein Wunder und die Natur einen Sprung thun, oder die Seligen müssen stille stehen in den Graden ihrer Seeligkeit: beidee ich unglaublich. Ein Gleichniß mag es erläutern. Ein Vater erziehet zwei Söhne. Der eine ist folgsam, tugendhaft, fleißig und ents wickelt, cine Fähigkeiten so, daß er der brauchbarste Mann wird. Der andere Sohn thut dem Vater täglich Verdruß an, und lernet nichts; bessert sich aber bey männlichen Jahren; was wird, was fann nun der Vater thun? Vergessen und vergeben und sein Fleisch und Blut lieben, das kann und wird er: aber fann er letzterm auch wichtige Bedienungen ans vertrauen? Kann der unbrauchbare Sohn je so ge ehrt und geliebt werden als sein Bruder, dessen Einsichten täglich über die seinen hervorwachsen? Und wird diesen Ungeschickten nicht zeitlebens Schaam, Reue, auch wohl Neid drücken, so oft er seinem Vater oder feinem Bruder, wie einem Joseph, unter die Augen tritt? Allergütigster Vater! Zorn ist unsre Eigens schaft: ewige Gnade die deinige. Du sättigest auch gerne die Hölle mit Wohlgefallen, so bald sie deine Gaben geniessen kann! Die Sünde ist ein unauss Idsch: Der 21te August. 141 löschliches Brandmal; der hier verführte, betrogs ne oder gefránkre Nächste bleiber dort vielleicht ein ewiger V. vurf. O! ich will schaffen, daß ich selig werde unter Furcht und Zittern! Wie vers dammt wäre ich, wenn ich mir torten vorwerfen müßte: ich könnte unendlich seliger seyn, und ich wollte nicht! Gott wollte und ich- nicht! Der 21te August. Herr! err! du erhältst mit deinem Wohlgefallen Was lebt: thust deine Hand auf und giebst allen Was sie bedürfen: keiner sucht vergebens Dich Quell des Lebens! Viele iele Scheuren sind nun seit furzem angefüllet. So aber nicht die Magazine der Perlenfischer, oder die Gewächshäuser der Blumisten. Das Maas bei den Gaben der Natur ist groß für unsre Bedürfnisse, und klein für Zierraih und Leckers bisfen. Das nöthige und nüzliche ist überflüßig vorhanden, und bedarf der wenigsten Arbeit von Seiten der Menschen. Erde, Luft, Wasser, Holz bieten sich fast allenthalben von seibst dar. Der Ackerbau ist weniger mühsam, als der Weinbau, und noch weniger, als wenn man so viele Mors gen land mit holländischen Blumen und Ananas bestellen wollte. Wir können leichter Schafe als Paradepferde ziehen: und die Natur giebt williger das 142 Der 21te August. das Hemde als die Manschetten. So auch im Geisterreiche. Gegen Einen groffen und witzigen Kopf werden Tausende mit gefunde: Menschen verstande geboren. Kehret diese Ordnung ein Jahrhundert lang um: so ist die Erde wüste und leer. Zierathen müssen gesucht und mehr bearbei tet werden! auch hierbei verehre ich die Hand Gottes. Der Mensch will immer beschäftiget seyn. Die Nothwendigkeiten des Lebens fann der vierte Theil der Menschen besorgen; die übrigen drei Theile würden demnach müßig gehen, wenn sie sich selbst nicht eine Arbeit erfonnen. Wir sind wie die Kin der: unsern Unterhalt zu besorgen, überlassen wit unserm Bater; wir aber fleiden unsre Puppen an, oder reiten zum Zeitvertreibe auf Steckenpferden. Und besser und gesünder für eib und Seele ist es doch, als wenn wir stille säffen. Fabriken und Manufakturen, Juwelenhandel und Moden gehd ren meistens zu diesem Spielwerke. Sie sind für uns zum theil eine nöthige Beschäftigung, weil wir als sinnliche Menschen doch nichts besser zu thun wissen. So bringet die Natur hin und wieder eine Blume, einen Obstbaum hervor; aber nicht so aus, gearbeitet wie Korn, Wasser und Helz: sondern sie locket uns dadurch zur Urbeit an. Tas saure Holzs obst und die einfache Blumen sollen unsern Wit und unsre Hände angenehm beschäftigen. Es ist wie mit der uns nöthigen Muttersprache; die lernen wir bald; aber Sprachen, um artig und gelehrt zu seyn, werden uns sauer. Pfaufedern sind uns nicht so nüklich als Wolle, daher wächst uns diese auch Cents Der 21te Auguft. 143 Centnerweise zu. So gar in einer und derselben Gattung der Erdprodukte, findet dieses Gesetz statt. Das Bergwerk zeuget mehr Eifen als Gold; wir haben mehr Eichen, als Rosenholz; und die nüße lichste Art einer und derselben Thiergattung ist mehs rentheils die fruchtbarste. Das Schädliche bringet die Natur sehr sparsam hervor, und man fan es mit leichter Mühe vertilgen. Giftige Kräuter und Thiere gedeien nez ben arbeitsamen Menschen nicht. Wir können leichs ter den Schierling, als nüßliches Gras ausrotten. Die Natur hat immer das Gegengift beforget: wir dürfen es nur beibringen. Ja zuweilen hat sie auch diese Mühe selbst über sich genommen. Sie ersäuft überhand nehmende Heere von Raubthieren. Wils fe, Raßen und Spinnen fressen sich selbst unter einander auf. Alle Folgen, die ich aus meiner heutigen Bes trachtung herleiten kann, sind Lob Gottes und Bes schämung des menschlichen Murrens. Hättest du Allgütigster! Gefallen an unfrer Qual: so würdest du die jeßige Ordnung der Natur umgekehrt haben. So aber zielet alles auf unser Wohlergehen, und ( eine natürliche Folge davon) auf deinen Ruhm. Viele würden dich rühmen, wenn sie dich besser fens neten: aber dein Wort und deine Werke liegen doch immer aufgeschlagen vor uns da! O! daß ich doch auf deiner schönen, und so weise als gütig eingerichs teten Erde nicht so viele Jahre hindurch ein Fremds ling gewesen wäre! Die nach dem Herrn fragen, merken auf alles,( Sprw. 28. 5.) und bekommen neue Kraft zur Tugend. Und wie nöthig ist die uns Der 22te Auguft. 144 uns nicht täglich! Aber eben um deswegen wirst du sie mir auch willig geben. Der 22te August. wohl Verstand als Kräfte Sum núßlichen Geschäfte, Hab ich aus Gottes Huld. Sein ists, wenn gute Thaten Dem Vorsaß wohl gerathen An Fehlern bin allein ich schuld. ni Ich kann nicht immer arbeiten. Der Körper will seine Erholungen haben, und der Geist auch. Ernsthaftes Nachdenken und folglich auch Andachts übungen greifen die Seele zu sehr an, als daß man sie stundenlang fortsetzen könnte. Aber leben will der geschäftige Geist, und daher entstehet mein Zeitver treib, welcher entweder tugenhaft oder sündlich ist. Seele und Körper müssen durch Zeitvertreib erquils ket werden; hieraus erhellet der Werth oder Un werth desselben. Einem ist schädlich, was dem an dern zuträglich ist. Verwerflich ist er nimmer, wenn er unsre ganze Beschäftigung ausmacht. Sündlich ist der Zeitvertreib, wenn wir noch arbeiten sollten. Folglich wer sein Brod oder gar feine Seligkeit noch nicht besorget hat, darf weder spielen, noch spazieren gehen. Sündlich, wenn ein Dritter, oder wir selbst unter unfrer Ergößlichat leiden. Letzteres geschiehet, wenn die Lust z Lofts Der 22te August. 145 foftbar für unsere Umstände, zu mühsam und zers streuend ist. Zeitvertreibe die uns arm, Frank, oder einige Seit unfähig zur Arbeit machen, gehören in diese Klasse. Aus diesem Grunde muß die Sitts lichkeit der Spiele beuttheilet werden. Nicht die Figuren der Karten und Würfel, sondern die verspiels te Summe; zu fanges, und schwächlichen Persos nen, die eine gute Tafel führen, schädliches, Sizen: und die noch schädlichere aufbrausende Uffekten von Neid und Verdruß: diß macht die meisten Spiels tische umstürzenswerth; denn hier finden wir fast alle Fehler des Zeitvertreibs beisammen. Beffer, aber nicht ganz fehlerfrei sind diejes nigen Zeitverkürzungen, welche zwar weder höhern Pflichten, noch dem Nächsten, noch unserm Wohls flande Eintrag thun: die aber doch dem Geist und Körper feine neue Kráfte ertheilen. Ein einsamer und grüblender Spaziergang; eine steife Gesellschaft wo mehr gegähnet als gesprochen wird; Vergnüs gungen, die den Körper zu sehr angreifen, wie die Parforcejagd; oder die Seele, wie das Schachspiel: alles das ist Arbeit, aber nicht Zeitvertreib. Noch gehören hieher: Mahlen, Zeichnen, Sticken und was sonsten die Mode mit sich bringet, wofern nemlich Hypochondrie dadurch veranlasset wird. Tugendhafter Zeitvertreib befördert die Ges sundheit: durch Ruhe, wenn der Koper abgemats tet ist; oder durch sanft ermüdende Bewegung, nach langem Siken. Der Geist aber muß in beiden Fällen aufgeheitert werden. Musik, mäßiges Tanzen, der Federball und Ballon, gemächliche Jagd und Gartenarbeit: manche Spiele und frds Tiedens Ubendand. I. Th. K liche Univ.- Bibl. Giessen 146 Der 22te August. liche Spaziergänge u. f. w. gehdren hieher. Freis lich können auch diese Dinge gemißbraucht, und noch fehlerhafter als ein Hasardspiel( bei denen mehr Affekt als Verstand herrschet) werden: aber an wem lieget alsdann die Schuld? Stundenlanges Sitzen, Dampf von lichtern und Menschen: und dann Rührungen bis zu Thránen, machen Opern und Schauspiele für schwächliche und empfindsame Men: schen bedenklich, wenn gleich die Seele gefund Bleibt. Müden rohen Urbeitern wären sie zuträgs licher, wenn ihre Seele nicht trunken würde. Wenn ich nun die Stunden durchmustre, welche ich für Zeitverkürzungen, Gott aber für Zeitverderbungen hielt; o so lachte und tanzte ich bisweilen, als ein Kind oder als ein Trunkner oben an der Treppe. Und ich es nicht Liebe, mein Bater! welche mir überzuckertes Gift untersagt? Du bist so mürrisch nicht, wie diejenigen, welche nur Urbeit und Seufzen fodern! Angenehm müßte es dir seyn, wenn alle deine Geschöpfe sich freueten! Nur dann untersagest du Spiel und Scherz, wenn wir unsrer Pflichten dabei vergessen; wenn wir uns frank, arm dumm oder gotilos spielen. Auch bei unsern Scherzen, verlangest du unser Glüd. Vergieb, ich will künftig genauer in der Auswahl meiner Vergnügungen seyn. Der schnddeste Zeits vertreib ist, wenn man nur für Langweile mit dir sich unterhält: Allwissender! so kaltsinnig will ich feinen Abend beschliessen. Die wichtigste Arbeit ist, sich deiner Gnade zu versichern. De Der 23te August. Das nüßlich anzuwenden Was du mit Vaterhånden Mir gütig zugewandt: Dein treues Kind zu werden: Das sey mein Fleiß auf Erden! Dazu gieb Demuth und Verstand. 14Z Jeder eder Mensch ward, um sein und anbrer Glück zu befördern, mit mancherlei Gaben von Gott ausgerüster. Der eine mit Gold, ein andrer mit Verstand, ein dritter mit nervigten Muskeln, ein andrer mit frölichem Gemüthe, oder mit feiner Haut, u. s. w. Diese sämtliche Mittel haben einen so verschiednen Rang, als die Glückseligkeit ist, die dadurch hervorgebracht wird. Wer jes manden bei der Dämmerung den Weg ins nächste Dorf weiset, macht den Verirrten auf furze Zeit glücklich. Mehr aber thut der, welcher den Weg zur Ehre und Brod bahnet. Am meisten hilft uns+ ein Tugendhafter, der uns zum Himmel führt. Pflichtmäßige Anwendung meines Vermès gens sen demnach immer mein Augenmerk! Kein Mensch ist so elend, vom Säugling bis zum friechenden Altvatter, der nicht, wenigstens dann und wann, sein oder andrer Schicksal vers beffern konnte. Jener heitert zu Zeiten das Ges sicht seiner Wärter und Eltern auf; und dieser giebt doch manche gute Sehre. Man denke sich den K2 Nerm 148 Der 23te Auguft. Aermsten, und hätte er nur das Vermögen zu re den: so kann er dennoch seinem Nächsten dienen, burch Warnungen, gute Wünsche, gefällige Ge sprache und Erbauung. Wie groß müßte nicht das Glück der Men schen seyn, wenn alle Kräfte dazu gehörig ange wendet würden; Es verstehet sich: daß die Liebe von sich selbst anfängt: nur muß sie nicht bet sich stehen bleiben. Es verstehet sich: daß die Seele dem Körper, die Ewigkeit der Zeit, der Me sch bem Thier, und eine längere, unschuldige Glud: feligkeit einer furzen und gefährlichen vorgezogen werden muß. Aber sündlich ist es allemal, wenn wir Gutes thun sollten und thun es nicht. Ein unschädliches Würmchen, dessen Vergnügen wit befördern könnten, hat Recht zu klagen, wenn wir es muthwillig zertretten. Der Hungrige, dem wir aus Verachtung oder Geiz die Sätti gung versagten; der Knabe, dessen flatterhaften Geete wir eine edlere Richtung geben mochten; die Thränen des Kummers, welche wir wegwischen fonnten; furz: jede Tugend åtet unsre abschlägige Antwort in Marmor, und wehe uns, wenn diese Schrift nicht diffeits des Grabes gelöscht wird! ,, Uber ich habe immer mit mir selbst zu thun!" bedent Gut! das weiß Goit genauer als du: also, wem du diesen Einwurf machst. Und wer kann sich denn um alle Noth der ganzen Welt befummern!" Freund! die Sprache ist verdächtig. Nicht waht, wenn dir jede Menschenliebe, jedes freundliche Lächeln, mit Kapitalen oder baarer Ehre bezahler würde: dann suchtest du dir deine Kunden weit Der 23te August. 149 weit und breit auf? Da aber Gott erst in der Ewigkeit bezahlen will: so gåhnest du lieber, als daß du arbeitest? Jedoch, unmögliche Dinge vers langet das Christenthum nicht. Alle Bettler, alle darbenden Wittwen, jeden Verlaßnen und Irrenden hier ganz glücklich zu machen: das kann selbst Gott nach der jetzigen Einrichtung der mensche lichen Natur, nicht: sonst thåte ers gewiß Hilf also nur so viel du kannst. Dieser Maaßstab ist billig, und seket den Reichen und Urmen zu gehde riger Arbeit an. Je mehr Hände demnach für uns arbeiten, desto mehrere müssen wir ausfüllen. Je mehrere Gesichter uns Ehrfurcht bezeigen, desto mehrere wollen aufgeheitert seyn. In der Stadt Gottes soll es feine Müßiggånger geben. Jedes Geschopf muß bestmöglichst Gott nachahmen, und Seben, Bergnügen, Schuß und Wohlthun vers breiten. Schattigte Bäume, Nachtigallen, selbst liebäugelnde Feldblümchen thun es. Vom Mens schen wird am meisten gefordert. Die Juden durf ten am Sabbat ein verunglücktes Thier aus dem Brunnen ziehen wir Christen aber müssen alle Werte der Barmherzigkeit für Gewinst halten, eben deswegen weil sie Pflicht sind. Wir müssen- du heiliger Richter! um Gnade un Nachs sicht müssen wir bitten! Wir wissen Gutes zu thun, und thun es so wenig! Wie mancher weinte, des sen Lächeln nur von uns abhieng! Wie groß ist denn in aller Absicht mein Bermdgen? Schånds lich, daß ich darüber nicht ein Inventarium fühe re!- Ich will doch) morgen genauer nachrechnen: wie viel und wem ich gutes thue. K3 Der 150 Der 24te August. Schon hon schallt des Jägers Horn durch Frost und Fluren fort. Hier flieht ein leichtes Reh, es schwankt und sinfet dort. Der Hunde lauter Kampf, des Erztes tödtlich Knallen Thont durch das krumme Thal, und macht den Wald erschallen. Jagd geht auf! Eine fofung zur Freude, zum Tode zur Sünde. Die leeren Felder fündigen dem Wilde den bisher genoßnen Frieden auf. Sensen und Sicheln des Landmanns reissen das Zelt ein schüchtern suchen die armen Thiere in Eindden Schuß und Zuflucht Ihr Elend wächst. Der heutige Tag erklärt sie für vogelfrei, und das Hüfthorn des Jägers ist der Herold, der förmlich den Krieg ankündiget. Taufend Thiere, die gestern noch froh hüpften, liegen jetzt ausgewei det da. Die dißjährige Brut hdret das Jagdge schrei zum ersten, und zum theil auch zum letzten mal. Die Alten fließen mit ihren gewarnten Jun gen ins Dickigt, zu Hölen und natürlichen Fes stungen; aber ihre Schlupfwinkel werden, nach abgefallnem kaube, lichter und zum Durchstreiten bequemer. Dann hallen Wälter vom fauten Ge tümmel, ferne Berg vom Wiehern der Roffe und von dem Bellen jagender Hunde. Von der Lerche bis zum Hirsch ist alles freie Beure. Was dem feters Die ie Der 24te August. 151 feierlichen Jagdaufzug entrann, wird durch den einsam laurenden Jäger gefället, so daß es zu bes wundern ist, daß nicht ganze Thierarten ausgerots tet werden. Wie widersprechend handeln eifrige Jäger! Wimmeln soll das Gehege vom Wilde, und dens noch rödten sie was ihnen vorkommt, als wollten sie das verbaßte Wildprett auf immer ausrotten: das tragende Thier und das säugende Kalb! Lebs haftes Bild unfrer meisten Wünsche! Unsehen, Ruhe, Freude und Nachruhm suchen wir: und handeln als ob wir just das Gegentheil fuchten! Wir übernehmen uns dergestalt im Vergnügen, daß wir fünftig eine schlechte Jagd finden! Ist die Jagd Tugend oder Laster? Antwort: beides, je nachdem der Jäger beschaffen ist. Vers gnügte Bewegnng; eingeathmete reine luft; Ers werbuug des Unterhalts für uns und andre; Reis nigung der Uecker und jungen Holzungen von ihren auffäßigen Thieren;( eine Wohlthat für den lands mann!) Zerstreuung des Gemüths von zu ångsts lichen Haussorgen:- das alles ist Tugend. 3u schnell abwechselnde Erhitung und Ers fältung: in Sümpfen und Moråsten gemachte Uns lage zu schweren Krankheiten; Versäumung tdhes rer Pflichten; Wildheit und Blutgierigkeit des Gemüths, die sich bald auch auf andere Geschöpfe duffert; Lust an langsamer Qual parforce gemars terter Thiere, deren Uechzen ihr Schöpfer höret; Beschädigungen fremder Gehege, Teiften oder bes stellter Uecker; trunkne Liebe zum Jagen, die alle fanfte 4 159 Der 24te August. fanfte Empfindungen rauh macht und wobey der Jäger groß, der Mensch aber klein wird; Flüche Unvorsichtigkeit mit Schießgewehr; zu tode gejagte Pferde: zu heftige Eifersucht oder Grausamkeit ge gen arme Wilddiebe: das alles ist after. Die höhere Jagd können wir diejenige nem nen, wo der Jäger gejaget wird. Wie mancher behet früße einen Hirsch, und wird eben so am Abend von einer Buhlerinn gehetzt! Von unsern Leidenschaften gedränget, sind wir hier minder Jás ger als Gejagte Gescheuchten Rehen gleich suchen wir( und das ist flug!) Ruhe und Sicherheit, finden meistens neue auflaurende Lüfte, die ihren Begen nicht leicht vergebens spannen; Begierden, die Befriedigung fodern und mit Verderben beloh nen! Garne, Fallstricke, Kuppel und alles Gezeug der Jagd lieget umher: wohl dem, der zeitig die Flucht nimmt und seine Seele errettet! So ist denn in dem ganzen Raume der Schd: pfung fein Ort, welcher Ruhe giebt? Nein auffer dem Grabe dauert die Jagd. Aber sichre Zuflucht sind die Wunden des Erldsers. Und ich zaudre noch, meine Zuflucht zu den Bergen zu nehmen, von welchen mir Hülfe kommt? Noch verweil ich im Thal, welches schon mit Neßen umsteckt ist?- O feine fette Weide ist Lockspeise, die den Tod ges biert! Zu welchen Morásten hat mich nicht schon meine Leidenschaft gesprengt! Und wohin noch, wenn ich sie nicht im Ernst im Zügel halte: denn ohne Leidenschaften kann und darf ich nicht seyn! Hilf, Herr Jesu! fonst werde ich am Ende doch überlister! Warne, versteck, beschüß mich; auf daß ich meine Seele zur Beute davon trage, und ewig dir lebe! Der - - Der 25te August. Wie oft, o Gott! wann wir das Böse dulden, Erdulden wir nur unsrer Thorheit Schulden! 153 Mieder ein Tag verlebt, der so wenig rein von allen Untugenden vorausgeschickt wird, afs feine ältere Brüder! Wanr werde ich doch aufhds ren zu fündigen! Jm Tode? oder noch früher, jetzt im leiblichen Schlafe? Wie aber, wofern Schlaf und Tod die vorhergehenden Sünden wieders fauen? Nur der kann ohne Sünde schlafen und tod seyn, der vorher völlig mit ihr gebrochen hat. Wer hingegen ihr Freund ist, bei dem nimmt ſie nicht selten ihr Nachtlager. Die Sündlichkeit der Traume macht ein besonderes Schuldregister aus: denn böse Träume sind eine Zugabe zu böfen Hande lungen, oder können es leicht werden. Es ist ein gedoppelter Fall, wie uns unsre Träume zur Sünde gereichen. 1) Träume sind meistens das Echo unfrer Ges danken, und stehen in so ferne allerdings in unfree Macht. Kinder spielen nach was sie von Elteriz sehen und hören: müssen daher die lettern nicht für die erstern haften? Wann wir schlafen, ist unfre Seele diß gaukelnde Kind, und kopiret uns ofters so gerreu, daß man sie nicht verkennen kann. Ein Jahrgang von Träumen würde uns die Dens fungsart eines Menschen am besten schildern. Wird $ 5 154 Der 25te Auguft. ein Joseph so leicht unreine Träume haben? obe wenn ein Wollüstling die Geschichte Josephs trau met, wird er den Reizen aus Gottesfurcht entflie hen? Ein bartherziger Mensch bleibt es auch in Schiaf; so wie der Menschenfreund die Wendung seiner Gebanken behålt. Kurz; wessen das Ha voll ist, dessen gebet der Traum über. Jedoch, wir müssen nach Billigkeit und Erfahrung einige Ausnahme machen. Die Ursache eines schändlichen Traum kann ihren Sih blos im Körper, ode andern äussern Veranlassungen haben. So kann das Schreien und Weßen eines Trunkenbolds un ter unserm Fenster, ob wir gleich nicht davon e wachen, einen Traum aufs Tapet bringen, auf den unsre Seele von selbst nicht verfallen wäre. Oder wir lasen und hörten etwas schreckliches: de Traum führet es wieder auf, wird aber unterbre chen, ehe die Vorstellung zu. Ende ist, und eh unser Gemüth seinen Abscheu gegen den ersten A des Schauspiels dussern kann. Folglich ist 2) Das Verhalten beim Aufwachen die sicher ste Probe, ob die Schändlichkeit des Traums auf unsre Rechnung zu stehen komme. Hätte sich also, wider unsern Willen und ohne das mindeste 3 thun, ein unzuchtiges Geschöpf in unser Schlaf zimmer oder in unsern Traum geschlichen;( ein Fall, der selten ist!) so müssen wir es gleich mit Verachtung hinausjagen. Nachsicht, freund liche Begegnung, Bewunderung der Reize: daß heiffet die Miene selbst anzünden. Ein Tugendhaf ter ist so wenig gleichgültig bei seinen Träumen, daß er beim Erwachen vielmehr traurig ist, wenn er, Der 25te August. 155 er, auch nur im Schlafe, die Rolle eines Bdfes wichts spielen mußte. Findet er daß der abscheus liche Traum keine Folge seiner eignen Vorstellungen war: so beruhiget ihn das in etwas; er nimmt aber auch durch Gebet feine Maasregeln, damit fünftig feine feiner Vorstellungen eine Folge dieses Traums werde. Die ganze Geschichte wird dadurch eine Kleinigkeit, und wird auf immer vergessen. Auch meine Träume stehen unter deiner Res gierung, mein Herrscher! Uuch durch sie prüfest, belohnest und züchtigest du. Gerne wünschte ich mir nur solche Träume, welche ich allenfalls einer ehrliebenden Gesellschaft wieder erzählen könnte; aber freilich gehöret dazu eine in allen Guten ges übte und feste Denkungsart. Ist es möglich, o Herr! so führe mich durch Träume nicht in Vers suchung! Es möchte in meinem Gemüthe etwas davon fleben bleiben, und ich bin ja erstaunlich schwach! Drången sich mir aber dann und wann böse Gesichte auf: so rúste mich beim Erwachen mit Berachtung dagegen. Solche Träume sind alsdann noch ein letter ohnmächtiger Sturm, den die belagernde Sünde auf mein Herz waget. Wie feige, wenn ich mit ihr kapitulirte! Mein Plan bleibet der: ich will meinen Geist, sonderlich beim Schlafengehen, mit guten Gedanken erfüllen; der Traum sey alsdann wie er wolle, so soll es wie beim Aufwachen Stoff zur Unbetung geben. O! wenn mir durch diese Nacht nur vom Himmel, von meinem Eifer in der Tugend und von den schönen Früchten desselben träumte! Der 156 Der 26te August. Viel weiter als mein Auge reicht, Sieht mein Verstand dir nach. Wie groß bist du, o Gott! wie groß! Und ich wie klein und schwach! Bor or einigen hundert Jahren war die Verant wortung eines in den Werken Gottes uners fabrnen Menschen nicht so groß als jetzt. Seit dem uns aber das Vergrößringsglas neue Aus: sichten, eine neue Welt verschaft hat, ist es Schans de, mit bewafneten Augen blind zu seyn. Und um den frostigen Bewunderern des Schöpfers alle Ausflucht zu benehmen, als sen der Gebrauch sols cher Gläser für sie zu gelehrt und beschwerlich: so wurden Mikroskope und Brillen fast zu gleicher Zeit entdeckt. Dieser bedienet sich der gemeinste Greis aus Eigennuß: jener aber will sich auch wohl der Bornehmere entschlagen, weil nur- die Ehre Gottes dadurch befördert wird. Schande für die heidnische Christen; deß es Hei den gab, welche von den Werken des Schöpfers als Christen schrieben! Plinius, der vor fast zweis tausend Jahren den hohlen Stachel der Mücke be wunderte, wie weit würde der Mann nicht gekoms men seyn, båtte er unsre Vergrößerungsgläser ers lebt! Damals fannte man die Schöpfung nur, wie ein Pförtner die Geheimnisse des Kabinets; man hatte das nicht vermuthet, was wir jetzt sehen. Man Der 26te August. 757 Man ftieg vom Elephanten bis zur Käsemilbe herab, und hörte da auf, wo wir jetzt aufs neue herabzusteigen anfangen. Mittelst des besten Vergrößrungsglases wird die Milbe ein Elephant. Immer kleinre Ges schöpfe! immer verschiedne Gattungen, bis zu eis nem nahmenlosen Thierchen, welches 27 Millionen mal fleiner ist, als die Milbe. Allenthalben herre schet, auch in dieser Miniaturwelt, Verschieden. heit und Ordnung. Es giebt lebendiggebährende, eierlegende und sich zertheilende Thierchen darunter. Mehr als hundert bewegen sich in einem Wassers tröpfchen, das die Grösse eines Nadelknopfs hat. Nun die Feinheit ihrer Adern, Muskeln und Nerven! Der zarte Bau dieser Geschöpfe verstat: tet ihnen feine lange Dauer, aber desto hurtiger vermehren sie sich und wachsen zu ihrer möglichen Grösse heran. Daß Wallfische und Elephanten zu langem Leben bestimmt sind, bringet spon das Gerüste ihres Körpers mit sich. Durch Hülfe des Mikroskops finden wir die Schöpfung tausendmal so volfreich, und die kleins ften Werke Gottes erhalten dadurch einen grossen Werth Menschliche Kunstwerke verlieren durch das Vergrößrungsglas; die feinste Brüßler Spißen werden verwirrte Stricke; die Werke der Natur aber verschönern sich dadurch. Wie schön das ges gitterte Auge der Fliegen: der Meelstaub des Schmetterlings bestehet aus ordentlich verbundnen Schuppen. Lind welche unglaubliche Feinheit in dem fartsten Faden der Eptine! Man hat berech: het, daß 36,000 zusammen gedrehet werden müssen, che 158 Der abte Auguft. ehe der feinste seidne Faden daraus wird, den man zum Nähen gebraucht. Jede der sechs Warzen, aus welchen die Spinne ihren Faden zichet, hat tausend Defnungen, deren jede ihren Faden treibt: so daß der stärkste Faden jeder Spinne aus 6000 Fleinern bestehet. Nun giebt aber Spinnen, die nur das Vergrößrungsglas sehen kann: wie fein müssen ihre kleinste Faden seyn! Ich erstaune. Uber habe ich nun Gott aus: studiert? Nein! das Bergrößerungsglas reicht nicht weiter. Hätten Mikroskope, die Millio: nenmal mehr vergrdsserten, als die jeßigen Leeuwen hdkichen, Lieberfühnschen oder Ledermüllerischen: so würde abermals ein neue Welt für uns entstehen, Armer Sterblicher! kannst du sagen: hier mußt der Schöpfer aufhören? Wo du schwindelst, da ist erst der halbe Weg vom Elephanten zum klein fien Wurm. Es ist verwegen, Gott Gränzen anzudichten, der grånzenlose Verehrer hat, und der uns ewig angenehme Beschäftigung geben muß. Bater! entzückende Bewunderung reiffet mich zum Fusse deines Thrones hin! Meine jetzige Be trachtung richtet mich auf, wenn ich unter deiner Grosse versinfen will! Siehest du, auch auf diese Zwerge deiner Kreaturen, mildgebend herab: ver: stebest du auch ihre kleinen Bedürfnisse und Sprach arten; giebst du auch ihnen ihre Ernte zu rechter Zeit, ihnen, denen der stolze Mensch nichts geben fann als allenfalls- den Tod: wie strafenswerth, wenn ich riefenförmiges Geschöpf jeden Augenblick zweifle, ob du mich auch siehest!! daß ich dod Deine Wohlthaten und nicht meine Tugenden durch Das Bergrößrungsglas betrachtete! Det Der 27te August. Nie schenkt der Stand, nie schenken Güter Dem Menschen die Zufriedenheit; Die wahre Ruhe der Gemüther Ist Tugend und Genügsamkeit. 159 iefreuden dieses Lebens find an sichwohl feil. Ueberbieten wir uns aber, so steiget ihr Preis Das Landvolk in der Ernte ist ein Beweis, wie vergnügt der Mensch, auch unter Mangel und Arbeit seyn könne. Die grosse Weit bezahs let im Karneval die Freuden sehr theuer, und ers hält doch meistens nur verlegne Waare. Gut Gewissen und Zufriedenheit sind die Grundlage achten Vergnügens. Die Freude stels let sich ungerufen ein, wo laster, Krankheit und Ungenügsamkeit den Zutritt nicht verwehren. Stes ben diese aber Schildwache: so mögen wir liebäus geln und bezahlen wie wir wollen; sie kommt nicht zu uns. Daher wird im Opernhause mehr gegähnt als in der Scheune. Die Menschen wollen froß seyn, und wollen nicht: welch ein Widerspruch! Sie stellen Justbarkeiten an, um- sich zu ärgern: oder lachen, um- Unmuch oder Langeweile zu verbergen. Es ist eine erbauliche Betrachtung: daß Gott die Freude nicht an Reichthum, Stand und Ges schicklichkeit band, sondern nur ein gutes Herz das mit 160 Der 27te August. mit belohnet. Wäre es anders: Dörfer und kleine Städte würden Hospitäler zu seyn scheinen; de üppige Großstädter hingegen würde mit Verachtung auf sie herabsehen, statt daß er sie jeho heimlich ber neidet. Fromm will der Mensch eben nicht seyn, aber froß: wie gut richtete Gott es ein, daß leg tres uns zu jenem hinweiset! Tugend und Freude sind Geschwister, die sich ungerne, und niemals auf lange Zeit trennen. Die Afterfreude, welche um das laster her gaukelt, kleidet sich zwar wie die wahre Freude; ihre Scherze aber sind Grimassen und verlieren sich in Konvulsionen. des Man denke sich wahre Freude: mit Appetit verzehrte Nahrungsmittel: redliche liebe gegen das andre Geschlecht; Freude an rothwangigren und die Eltern unterstüßenden Kindern; tiefen und forglosen Schlaf; treue und offenherzige Freude; Genügsamkeit und Ruhe vor plagenden Wünschen; Gesundheit; unverdorbne Natur; Muth im Ster ben; rege Hofnung eines künftig bessern Zustan fage: wo sucht ihr diese Reliquien des Pas radieses? Werden sie von Leinwänden oder Quas derstücken aufbehalten? Es ist billig, daß die Groffen ihre Vorzüge bezahlen: sie müssen daher das Schäßbarste an den Armen abtreten. Und nun suchen sie die Freude unter prächtigem Gerdus sche vergebens. Es sey dann, daß sie die schwere Kunst lernen: ihre Vorzüge in den meisten Fällen zu vergessen; die Niedrigen für Brüder und Gott für ihren Herrn zu halten. Dann sind sie Schuls engel, die Ehre der Menschheit, und die geschmacks vollsten Freuden sind dann ihr Loo8. - Oft Der 27te Auguft. Oft jagte ich dem Bergnügen nach und es entfloh! Wer war schuld daran? Wie oft artete meine Freude in Wildheit oder Ekel aus! War ich da flug oder ein Thor? Würzet mein rechtschafnes Herz die Ergöglichkeiten nicht! so machen sie schwindlich und beflommen. Unfre 16t I Gefinung giebt unserm Sachen erst den Werth: wenig Menschen lachen Gott gefällig, der doch seine Kinder nicht gerne weinen siebet! Die Freude entspringer aus dem Besig eines Guten, dessen Werth allemal durch vorher gegangenen Mangel er: höhet wird. Nach Hunger und Arbeit bekommen Speisen und Schlaf erst den hohen Geschmack. Wir müssen also die Kunst verstehen, uns niemal zu überlaben; sondern uns einigermassen in Mans gel und Traurigkeit zu versetzen: dann werden die Freuden schmackhafter. Die Ussamblee wäre noch einmal ſo reizend, wenn man vorher Arme und Kranke besucht hätte. Der Empfang einer Summe würde uns grösser dúnken, wenn wir vorher pflichts mäßig so viel ausgegeben hätten, daß wir jeho des Geldes bendshigter wären. Nach Arbeit und Ges bet läßt es sich fanfter schlafen und froher erwas chen. So ist es denn wohl meistens meine eigene Schuld, wenn ich diese Nacht schlecht schlafen follte. Habe ich mich nicht gehörig ermüder und mich in dem Herrn heute gefreuet; oder sind mein Blut und Gewissen in Wallung: so bin ich mein eigner Verfolger. Gott! lehre mich auf meiner Hut seyn! Ich will noch besser schlafen lernen! Tiedens Ubendand, II, Tb. Der 162 Der 28te August. Der Erdkreis ist des Herrn, und sein sind seine Heere Der Erdkreis, und wer ihn bewohnet, ist sein. Der Grund, auf den er ihn baut, find ausgebreite: Meere, Und Fluthen umufern und schliessen ihn ein. Wil ill ich auch den Himmel nicht ansehen, und laß ich den Kopf zur Erde hängen: so finde ich auch da denselben Gott mit himmlischen& genschaften. Die Oberfläche unfrer Kugel hat noch einmal so viel Wasser als Erde. Schon hiebei verstum met menschliche Weisheit. So viel fann man schliessen: daß entweder unsrer Erde noch wichtig Veränderungen bevorstehen, oder daß wir die Na tur und Einwohner des Wassers viel zu wenig fen nen, um die Frage nur leidlich zu beantworten: warum mehr Wasser als Erde? Die Erde bestehet aus verschiednen Arten Stanberde, Kreide, Thon und Sand gehören darunter. So mannigfaltig die Erdarten sind, verschieden sind auch die Gewächse und Thiere, die ihre Nahrung daraus ziehen. Denn nährer gleich die Erde, wenn wir genau reden wollen, für sid felbst nichts, so ist sie doch die Form, der Destilli ofen, worinn der Saft oder das flüchtige Sal um Der 28te Auguft. 163 zum Wachsthum der Geschöpfe zubereitet wird. Schuf Gott nur eine einzige Erdart; so fielen die meisten Gewächse und Thiergeschlechter weg. Aber nicht blos die Vervielfältigung der Gefchöpfe, sona dern auch Handel, Bequemlichkeit, Klugheit und Verbindung der Menschen, ward durch die Abåns derungen des Erdreichs erhalten. Felsigte Gegens den tauschen ihre Weine gegen die Früchte der Gars tenerde um: Noch ist merkwürdig, daß die Erde an einem und demselben Orte verschiedene Lagen und Schichten hat. Man siehet leicht, daß Ueberschwemmungen die abwechselnde Schichten von Erde, Sand, fett u. f. w. angesetzer haben. In tiefen Klüften der Erde findet man umgestürzte Bäus me, und auf hohen Gipfeln Fische und Schnecken vergraben oder versteinert. Unser Erdball muß also gewaltige Revolutionen erfahren haben. Hier aber verlieren sich Gottes Absichten und Werke in heiliges Dunkel. Die Erde überhaupt ist weder zu hart noch zu locker. Weicher wäre sie ein Spiel der Winde, unfern Augen gefährlich, trocknete zu bald aus und hielte die Pflanzen nicht feste genug. Hårter, ers foderte sie immer Brecheisen, Arbeiten bis zur Ohns macht, bliebe dem Regen verschlossen und zerquetschte die zarte Wurzeln der Pflanzen. So wie sie jetzt ist, können Regen, Hiße und Frost nur einige Fuß tief eindringen; und das war höchst ndthig, weil viele Thiere den Winter über unter der Erde schlas fen müssen, und weil sonst die Sonne die( wir wol len feßen) 10 Fuß tief gefrorne Erde nie oder doch nicht vor der Mitte des Sommers aufgetpauet hätte. { 2 Eben 164 Der 28te August: Eben so würde alles verbrennen, und der Baum aufs neue treiben und verderben, wofern die Sonne das Erdreich sehr tief durchhikte. Weil die Erde mit vielen fremden Körpern z. E. Luft, Wasser, Salz vermischet ist: so macht uns das die wesentlichen Bestandtheile der Erde unkenntlicher. Doch genug: ich bin Erde und soll wieder zur Erde werden. Ich verzehre Erde, und sie wirt mich wieder verzehren, und hat schon mei nen Körper einige mal verzehret, weil sie mir tag lich abgenußte Theilchen gegen brauchbarere aus tauschet. Der Vortheil ist hiebei auf meiner Sei Es ist daher billig, daß ich einst Kapital und Interessen abtrage, wenn ich ihr im Tode meine irdische Hütte überlasse. te. Meine heutige Betrachtung fieng sich ange nehm an, weil ich von Gottes Werken sprach. Hore ich aber jetzt auf, so endiget sie sich traurig, weil ich von mir spreche. Erheb dich demnach, o Seele! vom Staube zu Gott! Bleib nicht jammernd am Grabe stehen, sondern sieh jenseit desselben neuen Himmel und neue Erde! Schön ist der Fußtritt unter mir; noch schöner aber die Decke. Die Erde spricht von Gottes Gröffe und Güte: der Himmel aber jauchzet von seiner Liebe und Majestät; und prachtig schaller diß lob von Welt zu Welten wie der. Höre ich den harmonischen Gesängen zu: so verliert sich die Erde sammt meinem Körper aus meinen Augen; wie bei Besichtigung eines könig lichen Zimmers das Stäubchen auf dem Fußboden über ben wird. Erde ist die Heimat oder Mutter des Körpers: der Himmel ist es für den Geist. D ich kann nicht lange mehr Erde seyu! Dit 165 Der 29te Auguft. Vater! Rach und Haß sind fern von deinem Herzen. Du hast nicht Lust an Qaul, noch Freud an unsern Schmerzen; Du schufest nicht aus Zorn: die Güte war der Grund, Weswegen eine Welt vor nichts den Vorzug fund. W arum sollte ich scheu seyn vor meinem himmli schen Vater? Freudige Zuversicht zu Gott muß das Unterscheidungszeichen eines Chriften seyn. Und wenn jetzt das schwerste Gewitter am Himmel, oder das Erdbeben unter meinen Füssen tobte: den: noch harre ich dein: denn Zum Leben hast du mich! o Gott! Und nicht zum Untergang erschaffen. Es kann anhaltend traurige Frommen geben: aber nicht die fröliche Bothschaft von Christo, fondern der kränkliche Körper; begangne Fehler, die das zu ångfiliche Gewissen durch ein Bergrößrungsglas ers blickte; Gewohnheit und Nachahmung beugen den Kopf zur Seite. Ich freue mich Gottes meines Hel landes, und meine Seele ist frölich in mir. Wäre Gott mit Seuffen und Weinen mehr gedient, als mit einem heitern Gesichte: o! da würde er uns lau: ter Novembertage, nichts als Mißwachs, Seuchen und Feinde schicken! Uber wie lachet uns seine Son: ne an! Wie beugen sich die Aeste mit Obst beladen berab! Welches Gewürz dampfet die prächtige Nelke aus! Gegen jenen blaffen melancholischen Freund, der da spricht: weine! befiehlt die freundlichere Bibel und die mir entgegen lachende Natur: freu dich in dem Herrn! und abermals sagen wir dir: freue dich! Alle 13 Der 29te August. Alle Ketzer und Freigeister zusammengenom men, haben der wahren Frömmigkeit nicht so viel Schaden zugefüger als der Sah: der Christ muß immer traurig seyn und an Gottes Gnade zwei: feln. Diese Empfehlung für die Religion ist sehr verläumdrisch, wenn sie mit auch noch so ehrlicht Miene ausgesprochen wird. Teufel mögen zittern, Ruchlofe zu Hdlen friechen, Heuchler bei verschloß nen Augen seufzen: habe ich ein gut Gewissen: so mdgen Fluten doher rauschen und Berge mitten ins Meer sinken. Dennoch recke ich meine Hände aus den Bogen zu meinem Vater empor. Und helfen Fann und wird er mir gewiß: Gott müßte Gott nicht seyn, wenn er mich nicht erhörte. Mehr als sterben, das heißt: vom Körper entlastet und glück lich werden, mehr kann ich doch nicht. Ward ich doch nicht für die Erde geschaffen! 166 Ob ich aber diß gute Gewiffen habe? Warum nicht? Ich habe ja meinen Erldfer, und es hanget alles von meinem Willen ab. Will ich täglich Gott ähnlicher wandeln? Diß redlich beantwor tet. en cheidet all.s. Mit dieser Gesinnung troße ich der Hölle. Wer will mich verdammen; Chris stus ist hie! Wida ich Gottes Freund seyn: so ist er wahrhaftig der meinige. Berlange ich ernstlich den Himmel: so wäre es Gotteslästerung zu dens fen, daß er mir die Hölle dafür anbote. Habe ich meine Lust an dem Herrn: so wird er gewiß nicht verlangen, daß ich heulen foll: sondern mir geben, was mein Herz nur wünschet. Aber meine viele Sünden und Uebertretungen! -o! das sind Kleinigkeiten gegen das Verdienst meines Erldsers. Ich will ihn viel lieben: so wird mir Der 30te Auguft. 167 mir viel vergeben. Aber ich habe auch heute mans nigfaltig gefehlt! Das thut mir leid, Gott kinnet mein Herz: aber soll ich es deswegen noch ärger machen, jetzt gleich den Kindern schulen gehn, oder wenn ich so reden darf, mit meinem gliebten Bater maulen? - Nein! gütigstes Wesen! dennoch bleibe ich an deiner Hand; du leitest mich nach deinem Rath und nimmst mich endlich zu Ehren an! Siehe, ich werfe mich mit meinen Fehlern und Tugenden in deine Gnadenarme. Nicht meinen Gram, sondern mein Herz verlangest du: o! nimm es auch jest zum Abendopfer an. Freilich ist es noch nicht ohne Fehl: aber ich wünsche daß es so wäre, und hoffe mit deinem Belstande täglich Flecken abzu vaschen. Und nun wie ein Säugling die Brust verlißt, die Muts ter anlächelt und von ihr angelächelt wird, dann einschläft und ohne alles Verdienst zärtlich von ihr getragen oder gewieget wird; so schlaf ich jego im Schooffe meines Erbarmers ein. Er wird mich gewiß nicht verlassen, noch versäumen! Der 30te August. Gott fürchten, das ist Weisheit nur Und Frechheit istes, sie wählen. Ein Thier folgt Fesseln der Natur; Ein Mensch dem Licht der Seelen. Noch immer bietet die schöne Jahrszeit Vergnüs gungen an nicht selten aber fehlen wir in der Wahl, und treffen mit den Thieren zusammen. Bet anges $ 4 Der zote Auguft. angestellter Vergleichung mit ihnen verlieren wir allemal, wenn wir blos auf Erhaltung, Ausschmi kung und Vergnügung des Körpers bedacht sind. Unser Vorzug vor den Thieren muß also von sei ten des Geistes gesucht werden. Körperliche Vors züge sind das Erbtheil der Thiere. 168 Elepanten, Hirsche, Raben 2c. geniessen ei ner dauerhaftern Gesundheit als wir, und jedes Thier ist in seiner Art Kräuterkenner und Arzt. Wolfe, Schlangen, Acler leiden bei Hunger und Durst wenig oder nichts. Unfre Tafeln sind nicht so leckerhaft, als die Blumenfelder der Bienen und Schmetterlinge. Der Pfau, der Pfingstvogel, oder der chinesische Goldfisch fleiden sich so geschmacks voll und prächtig, daß unsre Fabriken, oder Steffe weit zurücke ftehn. Biber und Zeisig bauen zu un ferer Berwunderung. Die Schnecke, der Schiffs kuttel oder Nautilus fchiffet sichrer und besser als wir. Jeder unster Sinnen wird durch eine oder die andre Thierart übertroffen. Das Augenmaas des Steinbocks, von einer Felsensbige auf die andre ju springen, ist erstaunend. Unsre Kalender lügen, wenn sie das Wetter prophezeien; manche Thiere hingegen wissen es lange vorher. Von einigen Zug vögeln bleiben mehr oder weniger bey uns zurück, je nachdem der Winter leidlich oder heftig seyn wird. Und dann unsre Erdkenntnis und Landkarten gegen die Genauigkeit der Strichvogel, die z. E. einen gewissen Dornbusch in Afrika oder Amerika, jur gesetz en Stunde zuverläßig finden, als den, welchen sie in Europa verliessen. Wie klein ist also der Mensch, der sich seines Kör pers und dessen Bergnügungen wegen groß dün't! Er Der 30te Auguft. 169 Er hat einen Weltstreit mit dem Vich, und verlies ret allemal. So auch mit irdischen Gütern: ohne Tugenden bleibt ihr Besitzer im Schlamm. Die Erde ist die Heimat der Thiere: der Himmel die unsrige. In jener sind wir Ausländer, verstehen die Sprache der Sitten nicht recht, und kommen allenthalben zu kurz. So bald wir aber gen Him: mel sehen: dann find alle Thiere tief unter uns. Der gestirnie Himmel kann nur von uns betrachtet und genußet werden. Und nur alsdann, wann wir den Schöpfer in seinen Werken suchen, rücken wir, auch in Absicht der Erde, über die Thiere hins weg. Dann ziehen wir mehr Honig aus der Blume als die Biene; dann sehen wir, bei angestellten Zers gliederungen, schärfer als Luchs oder Habicht; dann ist der Gesang der Nachtigall gegen unfre Sinfonien ein gedankenleergs Gewäsch. Welch irroligiöser Mensch darf es wagen, mich in die Klasse der Thiere herabzufeßen, da ich mich Gott nachbilden kann! Tugend ist der Thron aller zeitlis chen Güter, und nur der Mensch ist aus königlichem Geblüte, daß er ihn besteigen kann. Thiere sind schöne Maschinen, die aber wenig mehr denken köns nen als ein Glockenspiel denkt. Ich habe ganz deute lichere Nachrichten von unserm gemeinschaftlichen Schopfer als sie. Meine Gedanken heften das Endliche ans Unendliche. Ich verbinde Tod und Auferstehung, die heutige That mit ihren ewigen Folgen. Nicht nur die sichtbaren, sondern noch mehr die unsichtbaren Dinge haben einen mächtigen Eins fluß auf mich. Und je stärker sie ihn haben, desto mehr Mensch bin ich, und über die Thiere erhaben. Sie mögen die Erden weiden: meine Aue ist der Himmel. Pater! 15 Der 31te August. Vater! deine Absicht, mehr für den Geist als den Körper zu leben, wie weit habe ich sie bishero erfüllt? Der Schlaf ist eine thierische Handlung, und nur dann erst mehr und meiner werth, wenn ich mich vorher mit dir unterhalten habe. D! lehre mich immer mehr, dir und meinem Erlöser ähnlich feyn! 170 Der 31te Auguft. Ich bin ja, Herr! in deiner Macht: Du hast mich an das Licht gebracht: Du unterhältst mir auch das Leben; Du kennest meiner Monden Zahl; Weisst, wann ich diesem Jammerthal Auch wieder gute Nacht muß geben; Wo, wie und wann ich sterben soll; Das weißst du, Vater! mehr als wohl! H eute beschließ ich den August, das weiß ich; wann ich aber mein Leben beschließen werde, weiß ich nicht. Wäre es nicht besser, wenn ich meinen Tedestag voraus wüßte? Wie manche Laster und Thorheiten würden unterbleiben, und wie manche Rücksicht auf diesen Tag genommen werden! Jedoch, was Gott uns verbarg, war uns immer mehr schädlich als nüßlich. Und das ist auch hier der Fall! es ist heilsamellnwissenheit der Todesstunde. Es wäre nicht gut, sie vorher zu wissen. Mit Angst würde man jeden Monat, jeden Tag, jede Zahl, die damit in Verbindung stünde, verleben. Ein Der 31te August. 171 Ein Delinquent vermuthete das Todesurtheil: aber der bestimmte Tag, nach Ankündigung desselben, schläget ihn vollend nieder: denn auch der schwächs ste Strahl von Hofnung ist Licht. Wüßten alle Menschen ihren Lebenstermin: so unterblieben viele nüßliche Entwürfe, Arbeiten, Tugenden und Heis rathen. Die meisten Häufer würden Gefängnissen gleich seyn, in welchen arme Sünder sich gezwun: gen zum Tode anschicken. Oder auf der andern Seite würde man in den Tag hineinleben, und alle Ermahnung zur Tugend verspotten, weil man noch zwanzia, drepßig Jahre Zeit hätte. Ueberhaupt aber würde fast ein jeder sich über das Schicksal bes schweren. Dem einen dünkte sein Termin zu kurz, dem andern viel zu lang. Und so giengen Liebe und Vertrauen auf Gott verloren. Die Sicherheit würde neue Sünden gebären, die Befehrung würde dadurch immer schwerer, und die Verantwortung der Gottlosen desto schrecklicher. Ben jezizer Ungewißheit hingegen leber jeder unter einer heilsamen Furcht. Linfre jezige Todess bereitung ist wahre Tugend und belohnenswerther, als wenn uns nur die erblickte Hippe des Todes, gleich einem nahen Gewitter, zum Gebetbuch hins scheuchte. Tägliche Reue und Buße; Aussöhnung mit Feinden, ehe die Sonne untergehet; tägliche Uebung in Tugenden, die man theils aus Hofnung des Lebens, theils aus Beforglichkeit des Todes ausübet: das sind Früchte der jetzigen Einrichtung. Noch mehr: Kräuterkunde, Chymie, Unatos mie, Wundarzneikunst und viele andre Wissens schaften, welche uns den Weg zu neuen Einsichten bahnten, würden wentg oder gar nicht bekannt segu. 172 Der 31te Auguft. senn. Jedoch wie thörigt ist der Wunsch, feinen Todestag zu wissen, da er unmöglich erfüllet wer den kan! Wer sollte ihn uns offenbaren, so, daß wir weniger daran zweifelten, als an Gottes Wort? Es sey durch einen Traum oder durch einen Engel die Gottlosen, deren Tod zu früh angesetzt wäre, würden schon Ausflüchte finden, und folglich ihren Unglauben vermehren. Kurz: in dieser Welt konnte uns Gott den Todestag nicht offenbaren. Er mußte immer Wunder thun, um auf rasende Gewaltthätigkeit den Tod versprochner maßen nicht folgen zu lassen. Aus Leichtsinn und Vermessen heit würde der Sichre sich von Felsen ins Meer stürzen, oder sein Herz und seine Eingeweide be trachten wollen. So ist es denn Liebe, mein Erbarmer! die mich in Ungewißheit läßt! Jedoch was Ungewiß heit? Ich lebe und bin in dir: morgen früh auf Erden oder im Himmel. Der Der Monat September. Der ite September. Mein Christenthum wie alt?- Die Frage sey mir wichtig: Der Vorwand: Zeit genug! Wie oft bestraft: wie nichtig! An Tugend älter stets zu werden, Ist Pflicht, und sey mein Fleiß auf Erden! 173 aß ich einen neuen Monat erlebt habe, und daß ich manches Unerwartete darin erfah ren werde; die Idee hat schon allen Reiz der Neuigs feit bei mir verloren.( Ein Zeichen, daß ich nicht mehr jung bin!) Also eine ungewöhnlichere Frage: mein Christenthum wie alt? Hätte ich doch von jeher einen Kalender dazu verfertiget! Oder hätte ich doch meine heiliger verlebte Tage in meinem Almanach nur so bemerkt, wie ich manche Kleinig: feiten bemerke! Blieb ich meinem Taufbunde getreu? Ents zückender Gedanke! ach! wärest du wahr: mit Freuden wollte ich dann sterben! Dann wäre ich alt und lebensfatt und hätte hier nichts mehr zu thun. Aber meine Jugendsünden! meine Verges Hune 174 Der ite September. Hungern bei reifern Jahren!- ach Gott! ich de müthige mich vor dir, und bitte um Gnade. Wo hätte ich von Kindheit an wohl so viel Lust zu dei nem Worte gehabt, und so viel Fleiß deine Werke zu studiren angewendet, als es seyn konnte und follte! War ich kein junger Bösewicht, so war es deine Gnade, welche mir folche rechtschaffene El tern und Lehrer verlieh. Bin ich noch bis heute mit feinem groben Laster befudelt: so danke ich dis, o Gott! so dank ich dir, daß deine Barmherzig feit mich, troß winkenden und an sich ziehenden Verführungen, so sicher geleitet hat. Ich bin ein Sünder gewesen. Von wann fånget sich also meine Besserung an? Zwar ist es nicht nöthig, auch bei allen Menschen nicht mög lich, den Termin der angefangnen Befehrung be stimmen zu können. Denn wir sind nicht alle Sauls, welche schleunig zu Boden geworfen wer den. Bei den meisten Menschen aber, die ihren gebrochen Taufbund erneuerten, findet doch eine Veranlassung, und nicht selten eine merkliche Be gebenheit statt, wo sie zuerst in sich schlugen; we ihnen das Wort Gottes durchs Herz gieng, und fie unruhig ausrieren: ich gedenke heut, an meine Sünde! Herr Jesu errette mich! War es die Ermahnung eines Frommen? eit erbauliches Buch? eine erschütternde Predigt? eine Errettung aus Gefahr? Krankheit? Todesfälle? oder eine unvermuthere Wohlthat von oben? W viele Umstände müßten zusammen kommen, ebe 纳 Der ite September. 175 ich gewonnen ward? Und welches ist denn mein geistlicher Geburtstag, oder der Monat, in welchem ich wiedergebohren ward? Ich will ihn zum Lobe Gottes feiern, und meine Seele soll freudigst den Herrn erheben, der mich Elenden im Blute liegen sah, und zu mir sprach du sollst leben. Vielleicht kann ich, unter ähnlichen Umständen, Einen meis ner leichtsinnigen Bekannten gewinnen, wenn ich meine Erfahrung auf ihn anwende. Wie alt mein Christenthum? Ach es ist leider noch so neu, daß es nicht Mangel göttlicher Gnade, sondern eine Folge meines kindischen Als ters in Christo ist, wenn ich so dfers strauchle. Frage: 1) ache ich noch immer dann und wann mit auf Kosten der Tugend? 2) Gefällt mir die Erde bisweilen doch noch besser als der Himmel? 3) Fürchte ich mich noch vor Trübsale, Krankheit und Tod?- Verzagen will ich zwar deswegen nicht, aber schämen muß ich mich einer solchen finds dischen Flatterhaftigkeit! Gott! stärke mich, daß ich zusehens wachsen mdge, an Weisheit und Gnade bei dir! kese ich jemals diese Betrachtung wieder; so will ich die letzten drei Fragen mit Nein! beants worten. Mögte mein Wandel doch so angenehm und so fruchtbar seyn wie dieser Monat! 1 Det 176 Der 2te September. Herr! du erforschest mich, Dir bin ich unverborgen. Du kennst mein ganzes Thun Und alle meine Sorgen. Was meine Seele denkt! War dir bereits bekannt. Eh der Gedanke noch In meiner Seel entstand. Erbarme dich, Gott! und richte mich nicht nach meiner Thorheit! Heile alle meine Gebrechen, und nimm mich nicht in einer Stunde weg, wo ich schlechter dachte wie sonst: Hilf mir; denn ich habe manche Anfechtung von bösen Gedanken! Ja, mitten unter ernsthaften und gottesdienst lichen Handlungen wandelt mir zuwenen ein sünds licher Gedanke, eine abgeschmackte Idee, oder eine zerstreuende Vorstellung an; wodurch meine An dacht merklich gestdret wird. Zu andrer Zeit erhe ben sich Zweifel, die nur einem Anfänger im Chris stenthum einfallen sollten, und die ich durch meine Erfahrungen von der Göttlichkeit der Lehren Jesu so gleich widerlegen müßte. Alsdann bin ich einem Furchtsamen gleich, der eine Wand, einen Baum oder Schatten im Mondschein für ein wachsendes Gespenst ansieht, und immer wieder hinsehen muß, ob es gleich mit Grauen geschiehet. Diese gaus Felnde Bilder meiner Einbildungskraft, sind die Sún Der ate September. 177 Sünde, wenn ich sie verabscheue? Und woher ent; stehen sie? Warum will ich sie Anfechtungen und Züch tigungen von oben, Versuchungen oder Eingebuns gen des Teufels nennen, wenn es natürliche Fols gen meiner ehemaligen Denkungsart und meines jebigen Leichtsinns seyn fönnen? Und das sind solche aufsteigende böse Gedanken und Zweitel mehrens theils. Hörte! dachte oder las ich ehedem viel Schlüpfriges, viele Spottereien und Wortspiele: so läßt sich das so leicht nicht vergessen, als man wohl wünscht. Ein Wort, ein ähnlicher kaut ist alsdann hinreichend, jenen ungern gesehenen Gast zurück zu rufen. Oder war die erste Anlage meis ner Frömmigkeit flatterhaft, gewöhnte ich mich zu einer fältern und oft unterbrochnen Undacht: so klebet mir diese üble Gewohnheit, auch im manns lichen Alter des Christenthums zuweilen noch an. Widersteh ich nicht der ersten Aufwallung eines vers führischen Gedanken durch verdoppelte Inbrunft, oder allenfalls durch zerstreuende Arbeit: so ge et er eine Zeit lang mit mir durch. Man muß die Reize der Buhlerinn auf dem ersten Anblick fliehen, der zweite ist schon dreimal stärker. Ich darf also meiner fremden Gedanken wes gen feinen anklagen als mich selbst, oder diejenigen, welche meine Einbildungsfraft verderben halfen. Aber hüten will ich mich vor so gefährlicher Brut. Bose Gedanken sind Hausdiebe, welche am listige sten und empfindlichsten bestehlen. Ich will also feine zweydentige Riden oder Anspielungen auf Tiedens Ubendand. II. Th. M götte 178 Der ate September. göttliche Dinge mit anhören; und die ich von ohn gefehr, auch mit Unwillen höre, sollen wo mdg lich nicht zum zweiten mal vor mich kommen. Das her will ich sie niemanden erzählen, und wären sie noch so poßirlich und witzig. Oft kann uns ein gutes Kirchenlied, oder eine Stelle der heiligen Schrift durch ein leichtfertiges Wortspiel auf lange Zeit verleidet werden. Und das heisset dann einen belachten Einfall sehr theuer bezahlt. Eben so ist es mit Gemälden, mit witzigen und widerchristlichen Echriften. Ich muß keine ansehen oder lesen, des nen ich nicht so ziemlich gewachsen bin. Sonst unternehme ich einen ungleichen Streit. Wer durch eines Rousseau und Voltaire Schriften nicht verführt werden will, muß das Christenthum im Zusammenhange einsehen: Geschichte, Alterthus mer, morgenländische Sprachen, Naturlehre und Weltweisheit gründlich verstehen; oder ein Herz haben, das sich wahrer Tugenden befleißiget. Kury wer mir unehrerbietige Begriffe von göttlichen Dins gen beibringet, wer mir den geistlichen Stand lächer lich und verhaßt macht, wer mich Flüche und Schwü re hören läßt, welche gottesdienstliche Dinge antas sten: der ist ein Storer meiner fünftigen Undacht, und fået böse Gedanken in mich aus. Ach! daß ich doch nicht jederzeit genug auf meiner Hut gegen böse Gedanken gewesen bin! Gnade von dir ist es noch immer, o Gott! daß sie mir zuwider sind. Aber das könnte sich ändern, wenn ich ihnen nicht entgegen arbeitete. Segne Dazu mein schwaches Bemühen, und laß mich jeders zeit, sonderlich am Abend des Lebens, nur mit gus ten Gedanken einschlafen! Der 3te September. Der Spotter Strom reist vieie fort; Erhalt uns, Herr! bei deinem Wort! So können wir uns, Vater! dein Im Leben und im Tod erfreun. 179 Selten vergehet eine Woche, da mich nicht der Freigeist durch Mienen, Spattereien oder Schriften ärgert. Gott muß wichtige Endzwecke haben, daß er seine Freunde so fsichert. Wir nens nen Freigeister diejenigen Getaufen, welche die heilige Schrift verwerfen. Da nun diese Leute nicht felten den Ton angeben und manchen Einfluß auf mich haben können: so will ich sie mir von ihrer schlimmen und guten Seite schildern. Entfeßlicher Leichtsinn! die Bibel zu verwers fen, welche so viele Millionen Menschen glücklich gemacht hat, und die mit so eindringlichen Bes weisgründen versehen ist, daß auch die größte Ges lehrten überzeuget werden! Einwürfe lassen sich ges gen alles machen; nicht so leicht aber lassen sich die Beweise, welche eine Wahrheit für sich hat, ums stoffen. Der Freigeist fodert bisweilen Gründe, die wir nicht geben können, und rufet alsdann Triumph. Aber er müßte erst unsre tausend Bes weise für die Göttlichkeit der heil. Schrift ents kräften. Wir sollen ihm allenthalben die Absichs ten Gottes erklären, und er fann uns nicht eins mal die Absicht der egyptischen Könige bei ihren Pos M 2 ramie 180 Der 3te September. ramiden sagen. Er will wissen wie Gott menfch liche Natur an sich genommen habe? Nun so mag er uns sagen: wie Gott das Böse zulteß? Die schlimmste Seite der Freigeister ist ihre Werbesucht, ben schlechtem Handgelde und elen den Berheissungen. Sie schreien über die Befeh rungssucht einiger Frommen: aber mit ihnen fann man kaum eine Mahlzeit halten, ohne Anfälle zu erdulden. Warum gehen sie ihren Weg nicht fort, er gehe wohin er wolle? warum wollen sie durch aus Mitgenossen haben? Es ist immer verdächtig, wenn man jemanden, ohne Noth oder Befehl, zum Mitgehen überredet. Jedoch, nehmet einem Spit ter Gelegenheit auszuschweifen, nebst dem Beifall der Vornehmen; laßt ihn im Schweisse Brod essen; einsam ober krank seyn; so verlöscht sein blendender Wiß wie eine Sternschnuppe. Nun aber auch die gute Seite dieser irrendra Brüder! Sind gleich die meisten mehr Freiterpe als Freigeist: so giebt es doch einige, welche denken. Und diese verdienen Nachsicht und Achtung. Das erste wegen ihrer Erziehung, Gesellschaft und Mangels gewisser Kenntnisse. Das andre, weil Hofinung da ist, daß sie noch die gründlichste Chris sten werden; und weil sie andre vermögen, den Wahrteiten des Christenthums mehr nachzudenken. Wären feine Freigeister gewesen: so müßten wit viele Wahrheiten der Bibel nur als Legenden, und unser Glaube würde mehrentheils ein Köhler glaube fenn. Freigeisterische Schriften sind daher Pulvermagazine; nüßlich für den, der sie zu ges braus Der 3te September. brauchen weiß: 11nwissende und Unvorsichtige aber fliegen mit ihnen auf. 181 Hier ist der Ort nicht zu streiten. So viel aber kann mir zur Beruhigung dienen: 1) Die Freigeister fopiren sich nur: ihre Einwürfe sind ers schöpft und hinlänglich beantwortet. 2) Neue Entdeckungen in der Geschichte, Naturkunde, in Sprachen und Alterthümern sind für uns und wider fie. 3) Die größten Freigeister find Christen gewor den: aber nicht umgekehrt. 4) Wer tugendhaft leben will, findet nirgend beßre Anweisung und Bes wegungsgründe, als in dem Worte Gottes. 5) Die Erfahrung ist ganz für das Christenthum. Wer Gottes Willen thut, wird inne, daß die Lehre Jesu von Gott sey. 6) Freudige Hof: nung, Geduld, gewisse Zuversicht, Vorschmack des Himmels, Lust und Fähigkeit zum Gebete, Stärke des Geistes im Tode. D! mein Erldfer! das sind Früchte deiner Religion, die soll mir kein Wißling rauben. Dank sey es dir, meinen Eltern, Lehrern und- Freunden, Danf meinem Forschen oder desen gus ter Schriften, daß ich weiß, an wen ich glaube. Deine lehren machen mich frömmer: sollten sie nicht von Gott seyn? Erhalt mich dir, Sohn Gottes! fårke meinen Glauben: heb meine Zweifel; laß mich mehr thun als reden; bekehr deine Feinde; erleucht den Pfad derer, die dich suchen; daß viele, daß alle bekennen: du seyst Christus, der Sohn des lebendigen Gottes: Mm 3 Der 182 Der 4te September. Verborgen find, o Gott! die Wege deiner Huld: Was in uns Blindheit ist, ist in dir keine Schuld. Man kann sich der Insekten doch auch gar nicht erwehren. Die Luft wimmelt am Tage davon; noch jetzt tummeln sich junge Mückenschwär ,, me wie um eine Luftsäule herum; und in den Zim ,, mern sind uns Fliegen und Motien zur Last. Komm te denn Gott uns nicht unfern Weg gehen lassen, ,, ohne so viele kleine Hindernisse und Peinigungen?" Wie aber, wenn das verkannte Güte Gottes in der Natur wäre? Und so ists. Nicht zu gedenken, daß der tråge Wollüstling dadurch in di nige heilsame Bewegung gesetzt, und unser Wiß angestrenget wird, uns Hülfe zu verschaffen: so fönnen folgende Gedanken die Güte Gottes recht fertigen. Die luft hat wahrscheinlich groffe Vor theile von Infekten. Sie verzehren Dünste, wel che dadurch, in schnellerer Bewegung, vor Faul niß bewahret werden, daher halten sich auch an sump fiaten Devtern die meisten dieser Kreaturen auf. D ne fie müßten viele uns nüßliche oder angenehme Thiere verhungern. Selbst das Pflanzenreich hat Vortheil von ihnen. Ihr Biß, oder Stachel und Saft befördern die Reifung und machen die Früch te woblschmeckender. Das erfahren wir, wenn das Obst angestochen wird. Nur alsdann find uns die Insekten zur Strafe, wenn sie zu febe übers Der 4te September. 183 überhand nehmen; sonst aber arbeiten sie mehr für uns als für sich. ,, Das leidige linkraut!- Es wächset schnels ler als gute Pflanzen und nirgend kann man sich feiner erwehren! Auch hier ist mehr Nußen als Verbruß für uns. Saßt unfre Erde nichts von selbst hervorbringen: so gehet der grüne Teppich vers loren, und wir sehen jede Krdte und Eidechse. Aber was noch schlimmer ist: das ungebauete Erdreich würde so ausgetrocknet und gereinigt werden, daß es auf viele Jahre für die Menschen unbrauchbar würde. Jede Pflanze ziehet nahrhafte Theile aus der Luft, und nichts dünget besser, als verweste Pflanzen. Wie weise, daß die Erde sich allenthals ben milde und fertig erhält, von Menschen sogleich bearbeitet werden zu können! Ja aber könnten das nicht nüßliche Kräuter bewürfen? Nein! dann hörs ten die Menschen auf zu arbetten, und das wäre das größte Unglück. Vor tausend Jahren stand Wolfsmilch, wo jetzt Nelkenstocke stehen. Jene bearbeitete diesen die Erde entgegen. Was sollen Schierling, Quecken und andere solche Plagen? Wunderliche Frage! unser Glück mit befördern fole len fie; theils unmittelbar als Medicin, theils mits telbar wegen ihres Einflusses auf Erde und Luft. - Wolkenbrüche, Sungerquellen, heftige " Plazregen und lieberschwemmungen; die lassen sich doch wohl nicht vertheidigen?- Warum nicht?" Gewiß machen auch sie ihrem Schöpfer Ehre Sie schaden nur im fleinen, im ganzen sind sie nöthig und nüßlich. Sie wehren gar zu wohl, feiler Zeit, und jeder Ueberfluß wird uns ja schåbs 537 4 lich! 184 Der 4te September. lich! Sie wässern Gegenden zu fünftigen Absichten ein, ersäufen die Brut überhand genommener Raub thiere und erseßen durch Fruchtbarkeit im Wasser reich, was der Erde abgehet. Eine Erschütterung des Wassers ist wohl nach etlichen Jahren nöthig, um diesem Element neue Kraft zu geben, oder uns terirdische Wasserbehälter wieder anzufüllen, welche durch ausgedünfteten Thau einige dürre Jahre über ziemlich erschöpft waren.. Sandigte und hohe Ge genden können alsdann ihre Magazine auch einmal anfüllen, und von ihren Nachbarn das ihnen so oft für Getraide gegebene Geld zum Theil zurüt bekommen. So haben auch dürre Jahre auf un fere Gesundheit, auf Pflanzen und Thierreich heils famen Einfluß. Sollte mich dieses nicht behutsamer machen, deine Werte, o Gütigster! zu tadeln? Und wie blinzend sehe ich immer deine Absicheen ein! Nichts ist beruhigender, als dich wohlthun zu sehen, wo du zu strafen scheineft. Der Schluß ist alsdann natürlich: Gottes Liebe ist grösser, als es der Mensch vermuthet. Schnell schlieffe ich weiter: Geschieber das in der Körperwelt, wie huldreich muß er nicht gegen erldsete Seelen seyn! Auch das Unfraut meiner Sünden wird von ihm zu etwas Gutem gelenkt. Freuet euch ihr Traurigen! Gots tes liebe ist grösser als alle Sünden der Welt! Der ste September. Der Herr ist noch und immer nicht Von seinem Volk geschieden; Er bleibet ihre Zuversicht, Ihr Segen Heil und Frieden; Mit Mutterhånden leitet er Die Seinen stetig hin und her: Gebt unserm Gott die Ehre: 185 X enn einem Mörder das Schießgewehr verfags te, und ich dadurch gerettet würde; oder wenn ein Glück, das ich zwar wünschte aber nicht heffen durfte, sich mir von selbst darbôte; oder aber wenn aller mein Kummer( dieser Kappzaum für manche Sünde!) schleunig gehoben würde: dann könnte ich nicht anders, ich mußte. Gott danken. Würde ich aber diese Nacht bestohlen, wodurch ich doch vielleicht mäßiger, arbeitsamer und gefälliger würde; oder schlüge mir mein eifrigs. ster Wunsch fehl, ob er gleich mein Unglück ges worden wäre; oder aber setzte mich das Schicksal einige Stuffen in aller Absicht herunter: mürris fbes Herz! was tharest du da? Dank für Trüb: sale ist Pflicht: aber ist dir die schon geläufig? Ueber offenbare Wohftbaten Gott zu loben, ist das A. b. c. in der Gestes furcht. Wahrhaftig ich bin alt genug, um eine Klasse höher hinauf zu rücken. Hiob hatte den groffen lehrmeiſter nicht, den ich am Erlöser; und dennoch rief er im Uns M 5 glück: 186 Der 5te September. glück: der Herr hat es gegeben, der Herr hat e genommen: der Name des Herrn sen gelobet! Und wäre es denn übertriebene Höflichkeit, Go auch in trüben Stunden zu preifen? Bei einem ve hängten Todesfall handelt Gott nicht schlechter, als bet geschloßnen Ehen, oder bei der Geburt nes Kindes. Regieret Gott; ist er Vater; verkenne id meistens mein Wohl; müssen wir durch viele Trüb sale in das Reich Gottes eingehen; fängt sich di Entwickelung erst jenseit des Grabes an; mit we cher Stirne theil ich denn die Fügungen des Hid sten in schädliche und unschädliche, in tadelnswür dige oder lobenswerthe ein? Wenn heute sich ein Stern am Himmel verldre, oder ein neuer m schiene: wer wollte entscheiden, welches das beste sen? Und wie vorschnell thun wir nicht die Sade ab, wenn Gott in die Farben unsers Schicksals Schatten mischt! Weinen können wir, denn wi sind weinerliche Kinder, nur richten oder schweige müssen wir nicht, sondern anbeten und loben. Au gen voll Wasser, und Wangen voll Feuer sind ein Gesicht, in welches sich Engel verlieben. Seu zender Dank ist das prächtigste lied, das wir dem Himmel singen können. Wer recht zu haben vermeint, über die Bo ficht zu flagen, glaubet gar keine. Kann sie je mals schlecht handeln? Werden unverschuldete Trib fale sich nicht sehr angenehm auflösen? Darf da Schein mehr Eindruck machen, als jede Eigenschat Gottes, die uns zur Ruhe und Hofnung verwe fet? Nimmt der Allgütige um uns zu berauben, oder Der ste September. 187 — oder um uns mehr geben zu können? Nimmt er uns nicht Spielsachen, um einträglichere Geschäfte anzuvertrauen?- Demüthigende Fragen für den, der immer Luft zu klagen hat! Vergnügen oder Mißvergnügen mit Gott sind Schlüssel zu Himmel oder Hölle. Ein hungriger Monarch und ein sats ter Bettler, ein qudugeinder Gesunder und ein ges laßner Kranker, ein Verächter Gottes auf dem Sofa und ein Verehrer Gottes auf der Ruderbanf: unmöglich können diese Gegenfüßler gleichen Stand im Himmel haben. Aber wer kann denn, hungrig oder gewartert, toblieder anstimmen! Wer? Derjenige, der wahre Begriffe von Gott und menschlichen Schicks falen hat. Wer mürrisch schweigt, denkt entwes der gar nicht; oder denkt, daß ihn die Vorsicht bess fer führen könnte; und beides ist Sünde. Vater! ich will bich immerdar loben. Schlie che sich nur nicht so oft der Argwohn ein, daß du mir mehr und etwas bessers hättest geben können! Auch der regnigte Himmel verfündigt deinen Ruhm, warum wollte ich denn nur beim Sonnenschein los ben? Wie? wenn mich die Erde abdankte; went alle meine künftige Tage Mühe und Noth wären: solltest du, sollte meine Seele darunter leiden? Nein, auch schluchzend will ich lobsingen. Millionenmal empfand ich deine Huld: sollte ich ihrer bei bösen Tagen( die doch nur scheinbar bdse sind) vergessen? Ich will in Ewigkeit nicht vergessen, daß du die Liebe bist, auch wenn du züchtigeft? Winde ich mich unter Menschen und Mangel; krümme ich mich auf dem Sterbelager: dennoch sey dir Lob und Dank! De - 188 Der 6te September. Du hast uns, Herr! die Pflicht Zur Arbeit aufgeleget, Und Fleiß in dem Beruf Uns ernstlich eingepräget: Der tråge Müßiggang Ist dir, o Gott! verhaßt; Für uns der Laster Net Und unserm Nächsten Last. Wie ie lebhaft ist es noch immer in Feldern und Scheuren, obgleich die Ernte schon so lange angehalten hat! Oper welch Gewimmel auf den Marktpläßen großer Städte! welch Getdse in Kramladen und Handwerksstätten! Die Arbeits samkeit scheinet dem Menschen, selbst der grossen Welt und geschäftigen Müßiggångern angebohren zu seyn; und sie bezahlet ihre Freunde mehrens theils mit Reichthum, Gesundheit, rothen Wan gen und ruhigem Gewissen. Schöne Einrichtung des lebendigen Gottes, daß alles in seinem Reiche leben und sich bewegen muß! Bon Planeten, welche um ihre rege Sonne jährlich ihre Schiffahrt wie mit aufgespannten Se geln vollenden, bis zum Sonnenstäubchen, welches sich nach denfelben Gefeßzen beweget; ist alles wütk: sam und in Thätigkeit. Zwischen der Sonne und meinem Auge müssen unzählige Bewegungen ge schehen, wofern ich sehen soll. Licht, Wärme, Feuer, Der 6te September. 189 Feuer, gefunde luft, trinkbares Wasser, alles feßet ein Reiben, Stoffen oder Fallen voraus. Eine still stehende Natur gebieret den Tod. Der Müßiggang ist demnach Sünde, und macht uns der lebenvollen Schöpfung unwerth. Faulheit des Körpers lohnet mit Efel und Krank: beiten! Faulheit der Seele mit Unwissenheit und Langeweile Die Kunst, beide gehörig zu bewegen, ist eine wichtige Aufgabe! Der gemeine Mann are beitet meistens nur halb, weil seine Seele brach lieget; Bornehme und Gelehrte lassen nicht selten unter der Geschäftigkeit ihres Geistes den Kd per zu Grunde gehen. Wie vorzüglich ist der Mittels stand, der sich so wenig tod arbeiten als aus Pflicht müßig geben darf! Wollen wir nach Leib und Seele gefund seyn: so müssen beide Theile sich einander in die Hände arbeiten; sonst gehet wenigstens Einer von ihnen verloren. Die vorzüglichste Urbeiten sind die, wels che uns in die Ewigkeit folgen. Alles übrige find Seifenblasen, oder Spinngewebe, das der Tod verblåset und hinwegkehrt. Die Gottlosen sind ein ungestümmes Meer, dessen Wellen Unflat auss werfen. Sie sind Kinder, welche bei ihren Spies len schwitzen, groffe Gastgebote zubereiten und nichts zu essen haben. Der wichtigste Abendgedans fe ist immer: was habe ich heute gerhan? Dir ist es nicht verborgen, Allwissender! denn du gabst mir Kraft; auch zu meinen Thor: heiten mußtest du sie mir geben: aber auf Reche Ich Urmer! wem habe ich durch Mus: nung! Der 6te September. Müßiggang den meisten Schaden zugefüget, dem Körper oder der Seele? Ach, Langmüthiger! bu test du mich nicht noch erhalten: ich wäre schon långstens nicht mehr! daß es mich doch fünftig bes denken, daß ich so wenig ohne nüßliche Beschäf tigung fenn darf als mein Puls. Leib und Seek find deine mir anvertrauete königliche Kinder. De Geist, als der erstgebohrne wird dereinst den Thron feines Vaters besteigen; er fodert also die sorgfäl tigste Bildung von mir. Aber auch den Körpe darf ich nicht verwildern lassen. Von beiden nimmst du mir dereinst die Rechnung ab. D! hätte ich alsdann keinen Vertreter, ich ungerechte Haushalter! 190 Die Nacht bricht ein: die Arbeiten lassen nach, hören aber nicht auf. Sterne durd fliegen die Himmelsluft, und Blurströme meine det. Auch wann ich schlafe ist mein ganzer Körper in fanfter Bewegung, und meine träumende Seele wendet ihre Freistunden nach der Schule zum Spielen und Springen an. Alles ist eben und Bewegung: Gott wird und kann mich in alle Ewigkeit nicht tödten. De Der 7te September. Der Mensch ist Gras! Er blüht, wie Blumen blühen! Die Winde wehn darüber: sie verblühen; Und ihre Stätte wird nach wenig Stunden Nicht mehr gefunden. 191 Mie verborret und dde stehen jetzt schon die meis sten Kornfelder! Vor wenig Monaten war jeder Halm blühend und stolz wie ein Jüngling: jetzt aber werden die verachtete Stoppeln mit Füssen getreten, und schildert damit den Lebenslauf von uns allen. Wie klein ist doch der Mensch im Leiblichen! In seiner Jugend gleichet er der jungen Saat, wird gern gesehn, verspricht viel und wird zuses hends vollkommner. In seine Blützeit fallen die angenehmsten Tage, wo Spaziergänge und Freus den abwechseln. Er reifet, und diejenigen, für die er reifet, finden ihn selten reichhaltig genug. Die Welt erntet endlich so viel als möglich von ihm ein, und nun ist er dem Stoppelfelde ähns lich: klein, unansehnlich, und für schlechte Ges schöpfe eine Nachlese. Nur die Nehre, dieser edlere Theil, behält ihren Werth, wann Spreu, und Hülsen verstieben. Klein Der zte September Klein bleibet der Mensch; auch für seinen Körper, dessen geringstes Bedürfniß er so ängstlic studiret. Die wenige Macht über unsern Körpe würde eine Satire auf uns seyn, wenn wir uns nicht durch die mächtigen Eigenschaften unsrer Sm le schadlos zu halten wüßten. Noch lange kennt der Zergliederer die feinern Theile des Leibes nicht, und selbst von gröbern z. E. der Milz, weiß e uns wenig zu sagen. Die rothwangigte Jugend hüpfet um uns her, wer fennet darunter das To desopfer, in dessen Udern schon Gift statt gefunden Blutes strdmt? Vom Tanzboden bis zum Todes kampf sind viele Tagereisen: mancher aber leget se in Einem Ochem zurück. 192 Selbst unsre lebensart hånget nicht imme von unsrer Willkühr ab. Menschen die den Pflug schaar regieren wollten, müssen den Degen führen; und mancher Held wird verabschiedet und zum landi leben angestellt. Die wenigsten Menschen haben die Eltern, die sie sich wünschten; das Vaterland, das Gewerbe, die Verbindungen, welche sie e fobren hätten. Zu sagen: ich will an diesem Ort sterben; das kann nur der Selbstmörder. Ein Haufen Knaben mit ihren Schicksalen übertrift alle menschliche Erwartung. Ihre Gesichtszüge, Che raktere und Begebenheiten entwickeln sich so man nigfach, daß sie nach dreißig Jahren niemand wie der fennet. Die Geschichte Josephs am Hofe Pharaons hat sich, einige Abänderungen ausga nommen, schon hundertmal ereignet. Werde ic aft werden? wo? wie und wann sterben? wessen Armen? wird man mir ein Grabmal errich ten, Der zte September. 193 ten, oder zu meinem Leichenbegångnisse das Geld zusammen schiessen müssen? Bird mein leichnam von Würmern, Fischen oder Vögeln verzehret werden? Wer will sich diese Frage entscheiden, da es etwa hundert Jahre sind, daß eines Königes ( Karls des zweiten von England) Eingeweide, mitten im Frieden und in seiner Residenz, in einem schlechten Winkel unbegraben liegen. Uns glücklich zu machen? O! da sind wir ohnmächtiger als unsre Säuglinge, welche allein gehen, effen und sich fleiden wollen. Ohne die Aufsicht unsers himmlischen Vaters ergreifen wir alle Augenblicke Gift, Feuer oder Scheermesser. Man stelle sich ein Kind ohne Aufseher in einem Zimmer vor; brennenden Kamin, Pulverfäßer, ungebändigte Thiere, Gláfer und zuderartige Gife te; wird dieses herumtaumelnde Rind keinen Scha den thun oder nehmen?- ind dieses Kind bist du, der du, ohne Gotres leitung, durch alle reis zende laster einher wankst, und mit jedem Schritt neuem Verderben entgegen eilft! Gott! wie flein bin ich, so bald ich mich nicht durch das Vergrößrungsgias meiner Leidens schaften betrachte! Uber wohl mir, daß du groß bist, und ich ewig dein Kind seyn kann! Ermüdung, Schlaf, Krankheit find erniedrigende Dinge! Aber Unwissenheit in Religionssachen, Trägheit in der Tugend, Frechheit in Handlungen sind Demütis gungen bis in die Hölle! dafür bewahr mich o Jeſu! Und wann nun gebrochne Seufzer meine Sprache sind, und eine Erde von wenig Ellen meine Welt ist: dann sen mir gnädig und erhöre mich. Tiedens ubendand. II. Th. n Der 194 Der ste September. Ich bin zu schwach aus eigner Kraft Sum Siege meiner Leidenschaft: Du aber ziehst mit Kraft mich an, Daß ich den Sieg erlangen kann. Müde zu seyn und Berge zu klettern, ist schwe aber die Füsse gehorchen zur Noth doch. Nun was hält denn immer mein Herz ab, daß es mit nicht gehorchen und sich recht oft zu Gott erheba will? Hätte die heil. Schrift die Natur des Men schen nicht lebhaft geschildert; so wäre uns das ein Razel. Ein Mensch sey nur mit dem Gespinst von Seidenwürmern beffeidet: so sprachen wir zu ih mit Achtsamkeit. Ein König, und wäre er nod fo heßlich, frank und böse, erhält, wenn wir w ihm stehen unsre ganze Seele in Aufmerksamke Aber der allein Allergnädigste, der mit Sonnen bo fleidet ist, und essen Fußschemel tausend Welta sind: o! man hat äusserst mit sich zu kämpfen, um nicht feoftig zu seyn. Der Mensch ist nachden noch kleiner im Geistlichen, als im Leiblichen Und diß äussert sich von Jugend an. Ei Knabe möchte lieber seiltanzen als beten. Wird alt: so danfet er einem undankbaren Fürsten lieb für das hungrigste Gnadenbrod, als seinem milde Ernährer im Himmel für keben, Errettung, G fendheit und angebotne Seligkeit. Gewinn un Be Der ste September. Verlust fernen wir im zehnten Jahre berechnen; und greifen dfrers im höchsten Alter zum Bankes rott! ist es denn so schwec den Himmel schöner zu finden als die Erde? oder der Schlange zu ents geben; blos weil sie so bunt ist? 495 Da jeder gute Gedanke vor Gott eine schöne That ist: so könnten wir beständig gutes thun. Aber wir siken, von No hleidenden umringet, ges mächlich auf unsern Polstern; gäßuen zwischen der ben und Tod; schlummern bei den Jubelgesängen aller vernünftigen Geister und Engel ein; oder bes rauschen uns in der Sünde, und legen uns auf eine spannbreite Felsenspitze schlafen. Jede Gelegenheit zur Tugend ist angebotnes Kapital; legen wir es nicht gut an; so fällt unser Kredit. Gewiß, es wäre schon völlig verloren, und Gott fönnte uns nichts mehr anvertrauen, wenn seine Huld nicht uns endlicher wäre, als unsere Thorpeit. Wollen habe ich zu Zeiten wohl: aber Bolls bringen das Gure finde ich nicht! Und wenn ich es denn nicht aus eignem Vermögen ersch vingen fann; wenn meine Einsicht schielend, mein Entschluß wans fend, und meine Kraft wie ein zerbrochnes Rohr ist: o! warum ergreif ich nicht begierig die Hand, welche täglich zu meiner Hülfe ausgestrecket ist! Wander verlange ich nicht, sondern Beistand: ich will pflanzen und begiessen: Gort mag das Ges deien geben! Ift mein Herz rechtschaffen: so wird er alles so ordnen, daß mir die Tugend erleichtert wird. Hehe ich viel mit ihm um: so werden Nes bel und Zweifel vor dieser Sonne bald fallen. N 2 Geift Der ste September. Geift Gottes! führe mich auf ebne Bahn: Zweifel, Mißtrauen, Furchtsamkeit, Seichtsinn, Berführung durch den Schein: ach! das sind Schwachheiten, die mich niederdrücken, wie eine Hundertjährigen Greis. Ehdr mein Gebet und hilf mir wann ich firauchle! Seit mich in deine Wahrhelt: denn meine Leidenschaften sind falsche Spieler und betrügen mich mit lachendem Munde. Ein demüthiges Gebet scheinet ihnen zu kriechend zu seyn, und dennoch ist es die Schwelle, auf welcher wir uns dem Himmel nähern! Zeig mi die Gelegenheiten zum Guten von ihrer reizendsten Seite, und entdeck mir bei jeder Sünde das Schlan gennest welches unter ihr verborgen liegt. Ich imer fann ja ohne dich nicht gut leben und noch weni ger gut sterben: o! so bilf mir mit Ehren durch diese verführische Welt hindurch. Einst aber, wann is dich mit verklärten Augen, die Sünde aber nicht mehr sehe: dann will ich dir ewig danken: daß de mein Gott und Helfer warst! 196 Der 9te September. Auch da, wo alles Krieg, Bruch und Zerstöhrung Auch da ist Gott gerecht und Freund. scheint: Die Hike, mit welcher jetzt Jäger das Wi verfolgen, scheinet dem der kein Jäger ist, übermäßig; ein Weichherziger möchte beim Anblid etnes geraumten Hasen weinen. Jedoch, die Men schen tödten nicht allein; auch unter den Thier giebt Der 9te September. 197 giebt es Helden und Jäger. Der Udler stoffet in der Luft, der Tiger würgt auf dem Lande, die Schlange im Grafe, der Hecht im Wasser, und der Maulwurf unter der Erde. Der Krieg in der Natur kann Gott nicht verkleinerlich seyn. 1) Wie wüste wäre die Welt, wenn es feine fleischfressende Geschöpfe gåbe! Die Hälfte der Kres aturen fiele aus. Zu sagen: Sie könnten sich von Gras oder Körnern ernähren, heiffet nichts; denn so viel könnte der Erdboden nicht tragen. Es giebt kein auch noch so kleines Thier, welches nicht ans dre ernähren müsse; und so verschieden diese Nahs rung ist, so verschieden sind auch die Kostgånger. Die Mannigfaltigkeit der Geschöpfe war also gutis ge Absicht Gottes biebei. Zu geschweigen, daß die ndedlichste Gegenden, wo weder Baum noch Korn hervorsproßt, geschöpfloser bleiben müßten. So aber sind sie nach ihrer Urt lebendig, und das um desto mehr, weil sie seltner als die südliche Gegenden entvolkert werden. 2) Die Geschöpfe wurden, dadurch lebhafter und künstlicher. Fast alle Thiere würden schlafen und der faule Mensch sich nicht reinigen, oder den Umlauf des Geblüts befördern; wenn Kreaturen, die von ihnen leben wollen, sie nicht in Ochem seks ten. Die Nachtigall würde den Schlag nicht has ben, wenn ihre behende und listige Nahrungsmittel ihr nicht ein gewisses Feuer beibrachten. Wie vhlegs matisch ist der Rabe dagegen, der in todte Körper backt! Ueberhaupt sind fleischfressende Thiere, vom Menschen bis zum Falken muthiger und nachdents licher, als andre, denen die Speise vor den Mund oder Schnabel wächst. № 3 3) Die Univ.- Bibl. Giessen Der 9te September. 3) Die luft wird durch diejenigen gereiniget, welche todte Körper verzehren, und in lebendige va wandeln. Viele Thiere welche wir verabscheuen, And Wohlthäter von uns: sie nähren sich mit dem, was G ft für uns würde. Bei groffen Städten ersetzen sie oft, was die Polizei vernachläßiget. Schlimm genug, daß wir diesen Geschöpfen ihren Rang blos nach Vorurtheilen bestimmen. 198 4) Die scheinbare Graufamfeit bei diesem Thierkriege fällt weg, da die zu tödtenden Thier ihren schnellen Untergang nicht vorher wissen, viele Mittel sich zu vertheidigen besißen, und einer Art bes Vergnügens( gleich einem Anführer im Kriege) bei diesem Streite geniessen. 5) Viele Thierarten würden sich zu sehr ver mehren. Da es Krankheiten und andre Unglücs: fälle giebt, welche sie hinwegreiffen: so mußte ihnen der Schöpfer eine grosse Vermehrungskraft beilegen um sich bald wieder herstellen zu können. Aber eben Deswegen mußte auch zu andern Zeiten dieser über ftrdmenden Vermehrung Einhalt geschehen. 6) Güte würden wir es nennen, wenn wir immer den Zusammenhang einfähen. Die Spin nen 3. E. fressen sich. Wie fonnte der Schöpfer das einführen! Aber ein Thier, welches die Weiss heit Gottes dadurch verherrlicht, daß es, ohne Flüs gel, geflügelte Thiere erboscht, mußte ganz besondre Werkzeuge haben. Die Spinne fochet in ihrem bauchichten Leibe einen Kleister, aus dem sie die zartesten Faden ziehet. Der Kopf dieses im Ge spinste schwebenden Thiers mußte desto kleiner, und für viele Werkzeuge des Gesichts der Raum desto Der rote September. 199 eingeschränkter fenn. Daher siehet die Spinne uns proportionirt aus und hat unbewegliche Augen; aber auch desto mehrere. Hat nun die Spinne lange oder viel gesponnen: so muß das Feuer unter ihrem Destillirkolben endlich verlöschen. Berhuns gern müßten daher die alte Spinnen, weil es ihnen an Materie zum spinnen gebricht; wenn nicht dafür gesorgt wäre. Die alte Spinne verfolgt die junge und drohet sie zu fressen; diese verläßt ihr Gewebe, jene beziehet, und diese spinnet sich ein neues.d Weiser und gütiger Gott! was werde ich nicht alles in der Ewigkeit zu deinem lobe erfahren! Pflicht aber soll es mir senn, auch hier so weit zu geben als möglich. Aber wie schläfrig bin ich, wenn es auf deinen Ruhm ankommt! Der 1ote September. Herr! mit dem Maas, damit ich hier Dem Nächsten messe, wirst du mir Dereinst auch wieder messen. Diß reiße mich zur Billigkeit: So werd ich auch zu keiner Zeit Der Liebe Pflicht vergessen. Indement ndem ich hier jetzt sige, lieget vielleicht ein Urs mer, und nehet fein Stroh mit Thränen über meine Härte. Oft, wann ich mir heimlich eine Sobrede halte, mögen Nochleidende sich über meine Undienstfertigkeit besprechen. Und wie klein ist N 4 meine Der rote September. meine Rolle, wofern ich selbst diesen Leuten klein scheine! Schweig gedungnes Herz! und laß den Verstand reden. Es giebt mehr als zu viel unerkannte Beleidigungen der Armen. 900 * Ihnen nicht thårig zu helfen, wenn man is gend kann, ist barbarisch. Ein in Gold gekleidete Mensch, der zwischen hundert Häusern zu Spiel und Schmause fahrt, und dem es nicht einfälle, baß darin zweihundert Gläubiger wohnen, denen er Schuß und Almosen schuldig ist: ein solcher Mensch ist dem gleich, der ein gefallnes Kind am Rande einer hohen Brücke friechen fähe, und ohne Hülfe vorbei hüpfte. Ich kann nichts missen! täglich neuer Aufwand! schlechte Zeiten!"- Aber so wirst du doch mehr an freundlichen Mienen und Dienifertigkeit auszahlen? Gieb die Börse oder das Herz. Wenn man seine Nächstenliebe fo unter dem Schlosse hält, daß auch fein freundliches Wort gern ausgegeben wird: das ist eine Sünde erster Gröffe. Und fast konnte man sagen; es sey wahren Armen mehr um gute Worte zu thun als um Gelb. Ich sah ein armes Weib, deren Mienen für sic und ihren Säugling bettelten, obgleich die lachen den Augen und die rothe Wangen des letztern ist zu widersprechen schienen. Ein wohlgefleideter Mann theilte ihr einen Groschen mit: fie freuete sich dants bar. Bald darauf gab ein anderer ansehnlicher Mam the nur halb so viel; sagte ihr aber, daß sie ein schöns Kind hätte: die Frau ward röther, als sie in Jahren gewesen war. Der Bornehme klopfte das lachende Kind auf die Wangen: Thränen ents stürzten Der 1ote September. stürzten der Mutter. Er verließ endlich das Kind mit einem Segenswunsche; wie glücklich war die arme Kreatur! Sie lief die Ehre zu erzählen, die ihr und ihrem Kinde widerfahren war; für Ents zückung dachte sie nicht mehr an das Geld. Taus fendmal segnete sie den gutherzigen Engel, der ihr erschienen war. O welche Rubrick in unserm dors tigen Urtheil werden unsre glatten Worte und Koms plimente seyn! Sie an sich bedeuren nicht viel: aber der sie empfieng, richtet uns. Das Schooshünds chen oder ein Lazarus bestimmen thren Werth. Stolzes Herabsehen oder gar Vorwürfe find Delchstiche für den Armen. Heßzet sie dein Gefinde oder dein Hund: das ist Blutschuld über dein Haus! Lieber einem Reichen so begegnet, dem schadet es wenig: der Arme muß aber von guten Worten mits leben. Sie sind ihm was jenem der Wein ist. Willst du nichts geben, knickriges Herz! weder Geld noch Freundlichkeit: so húte dich wenigs stens', und reize Nochleidende nicht zum Zorn. Beleidigte Könige schicken auf die Festung: beleis digte Arme in die Hölle. Sie noch mehr zur demüthigen als sie Gott gedemüthiget hat; ihren niedergeschlagnen Blick noch durch Thränen zu vers finstern: nichts zu geben und ihnen noch den Trost zu nehmen, daß sie Mitleiden verdienen: Barbar! wer gab dir dazu Macht? Du studierst die Blicke der Groffen aber in der Armen ihren stehet Hims Thel oder Hölle. Ihr Seufzer( und du kannst ihn beim Weggehen hören!) ist das Gemurmel eines aufsteigenden Gewitters. 201 Heiland! zertheil die Wetterwolfen über mir!{ aß deine Brüder, denen ich Speise, Trauf, N s Klebs Der 11te September. Kleidung, guten Muth verfagte, schweigen! Mit dir sind sie mächtiger als Fürsten: sie richten so gar meine Mienen. Jene finden sich auf der Stelle mit mir ab: diese in der Ewigkeit! Vergebet, vom Glück und mir Verlaßne! daß ich mich nicht für eu ren Schuldner hielt! Ich will fünftig cure verbleich te Gesichter auffrischen. Nichts mächtigers hat die Welt, als euer Gebet. In der Todesstunde, wo Monarchen keinen Herzstoß lindern können; da ist es Trost, wenn man euch zu Freunden hat! J nicht Gott gegen mich, wie ich gegen euch? 802 Der 11te September. Unaufhaltſam naufhaltsam rauscht die Stunde: D! was hab ich noch zu thun! Bald, bald winken Tod und Nichter, Und ich Träger will jekt ruhn? Mas ist die Glocke?- Kleinigkeit für den, de zu leben weiß! alle dem ift der Glockenschlag doch eine wichtige Begebenheit für jeden, dessen Wohlfahrt öfters davon abhängt. Schöne Erfindung, daß der Mensch die Zeit reden lehrte: sonst fldhe sie vollend ohne Abschied hinweg! Der Seiger giebet jedesmal eine Marke bei uns ab der Besuch ist gemacht, wenn wir gleich nich Huse waren. Kranke, Verliebte und Delinquen ten zählen die Glockenschläge am genauesten: jedoch the Puls ist in Unordnung, und sie sind nicht die beften Der 11te September. beften Lehrmeister. Kaltblütig die Zeit auskaufen, will mehr sagen. Der schåket sie am besten, der baushälterisch mit ihr verfährt, wenn sie ihm gleich ungezählt zuzustromen scheint. Aber gezählt ist sie allemal gewiß. 203 Die Glocke schlägt zehn oder eilf; oft weiß ich bas so genau nicht; und es heiffet doch so viel als; ich habe nur noch Eine oder zwo Stunden bis zur Mitternach zu leben! Jedoch, man siebet nur auf den Stundenzeiger, und der scheiner fich freilich nicht von der Stelle zu bewegen. Offenherziger deus tet der Minutenzeiger an, wie verftolen die Zeit von dannen schleicht. Ich Armer! deffen ewiges Woht oder Weße von Einer Stunde umspannet wird! Ja! mir geziemet es wohl, daß ich Entwürfe für dreißig, vierzig Jahre schmiede! Ich bin ja ein Mensch nach der Uhr. Wer mich fennet, dem wäre es leicht mich zu tariren, und morgen bei jedem Glockenschlage hier oder da zu finden. In der Ewigkeis gewiß nicht: da fann nur der Alls wiffende meine flügelschnelle Beränderungen vors aussehn. - Wie demüthiget mich der Nachtwächter! Sein Kommando ist: Seuer und Licht zu bewahren. Als wenn ich nichts wichtigers zu bewahren hätte! Jedoch, der Mann bessert sich am Ende: ich soll Gott den Herrn loben! Das ist höhere Pflicht, die der am wenigsten ausübet, dem sein Wohnges bäude am meisten am Herzen liegt. Der Nachts wächter, dieser Dollmetscher der Glockenschläger ist eine wichtige Person, wenn wir uns mit ihm als lein unterhalten müssen. Welch ein Trost für Kranke, wanne 204 Der 11te September. wann er mit seinem ihr lieben Christen seyd mun ter und wacht, sie endlich in leichten Schlummer fingt! Ach Gott! solcher Nächte stehen mir noch wohl viele bevor! Und wie wenn ich alsdann nicht einmal den Ermahnungen des Wächters nach fommen fan! Der Hahn frähete, und war die Losung zur Reue des Petrus. Jeder Glockenschlag sollte meis ne vergangne Handlungen mit den künftigen verbin den. Ich habe gelebt und werde leben: zwo bes schäftigende Gedanken! So lange der Geiger fchlägt, ist gleichsam ein Stillstand der Zeit. Zwolf Schläge die fast eine Minute dauern, bringen unsre Rechnung nicht weiter; nur nachdem es ausgeschlas gen hat, geht es erst auf Eins. Das ist also Be Denkzeit für mich, wie ich von der verfloßnen Stuns de Abschied nehmen und die hereintretende bewill fommen, will! Die künftige Stunde denk ich zu schlafen, so Gott will. Aber wer gut schlafen will, muß gut gebetet haben. Ob ich schon so ans dächtig bete, daß ich den Seiger darüber verhörte? 13 Gott! mit jedem Glockenschlage trete ich meis ner grossen Veränderung näher. Ein alter Ges danke, an dem ich aber noch tåglich zu lernen bas be! In grossen Städten treibet ein Glockenschlag den andern, und der Geiger ist so geschwäßig, als ich zu deinem Sobe stumm bin. Schläget er schon wieder? sage ich wenn ich glücklich bin: und als: dann ist es am nöthigsten, daß es mich öfters meis ner Vergänglichkeit erinnere. Bin ich unglücklich, so scheinet er nicht so oft zu schlagen, und es ist auch nicht nöthig, weil ich ohnehin gedemüthiget bin. Der 12te September. 205 bin. Wie viel der Seiger bei meinem Ende schlas gen wird, ist an sich eine Kleinigkeit. Wüßte ich sie aber vorher, z. E. daß es des Abends zehn schla gen würde, indem ich den letzten Seufzer aushauchs te: so würde ich alle Abend diese Glocke mit Ehrs furcht hören, und tausend ängstliche oder gute Ges danken dabei hegen! Unveränderlicher! auch wann ich nun schlafe, zählest du mir die Glockens schläge zu. O! wenn ich dir angehöre! so bin ich Herr über Zeit und Ewigkeit. Und dert sind taus send Jahre wie hier ein Glockenschlag. - - Der 12te September. Weil du mein Gott und Vater bist Dein Kind wirst du verlassen nicht, Du väterliches Herz! Ich bin ein armer Erdenkloß, Auf Erden weiß ich feinen Trost! Rom om Erzengel bis zum unnennbaren Würmchen hat jede Kreatur ihre besondre Verhältnisse gegen Gott. Diese kann und brauche ich so genau nicht zu wissen. Ich aber als Mensch habe die Erlaubniß, Gott als Vater zu betrachten. Führs te ich meine ganze Religion auf diesen Begrif zus rück: wie viele Zweifel, Bedenklichkeiten und Sünden würden nicht wegfallen, oder sehr vermins dert werden! Die Verbindung zwischen Vater und Kind ist bekannt, daß sich Gott feines leichtern und 206 Der 12te September. und schicklichern Bildes bedienen fonnte, um und unfre Pflichten kurz und gut vorzustellen. Wird Gott gern bereuete Sünden vergeben und für mich sorgen? Bedarf er meines Gebets und if es gut, daß ich bitte? Können auch fromme he den felig werden? Ist es gleichgültig wie ich lebe? Warum sind muthwillige Sünden so strafbar? Warum muß nicht Furcht sondern liebe und Dank barkeit die Hauptquelle meiner Gottesfurcht seyn? Bin ich je zu treuherzig gegen Gott? Warum gab er mir sein geoffenbartes Wort und einen Erldfer?Denke ich mir Gort nur als Herrn und Schibs pfer: so sind diese und andre Fragen schwer zu be antworten. Aber, Gott ist Vater; der Mens sein Kind: nun wird alles begreiflich. Es versie bet sich, daß alle Gleichnisse die Sache nicht er schöpfen; und daß, wenn ich mir auch den tugend haftesten, mächtigsten und zärtlichsten Vater unter den Menschen gedenke, er doch bei weiten nicht so sehr Vater ist als Gott. Gott ist unser rechter Batet, und wir sind oder sollen werden seine recht Kinder. Mein Vater ist bart: er giebt mir wenig Geld: versaget mir viele Lustbarkeiten; verlangt, ,, daß ich denken und handeln soll, wie er und nicht ,, wie ich will: ich soll ihm immer gute Worte qe ,, ben, und durchaus mit meinem Geschwister nicht janken. Dazu kommt, daß ich ihm nicht genug lernen kann, da es ihm doch gleich seyn könnte, ,, ob und was ich lernte. Er saget mir manches ,, was ich nicht verstehe, ich nehme mir aber aud nicht einmal die Mühe, ihn um Erläuterung 4 bits Der 12te Ceptember. 207. ,, bitten. Ich werde ohne ihn gleich andern durch ,, die Welt kommen!" So sprach ein wohlges fleideter zehnjähriger Knabe. - p Die Vorsicht ist grausam gegen mich: wie vieles fehlet mir immer! Und dann will die Res ligion noch viele Justbarkeiten untersagen, und fodern, daß ich ihre strenge Vorschriften befol gen soll? Als wenn man fehlen könnte, wann man der Natur gemäß lebet! Aber was nüßet doch das Beten, und wie weit kommt man mit der Liebe des Nächsten! Die Religion verwirret nur den Kopf, und es muß dem höchsten Wesen sehr unschädlich und gleichgültig seyn, wie ich lebe und was ich glaube. Die Bibel ist ja so unverständlich; daß es sich nicht der Mühe vers lohnt, sie zu lesen. Gott befümmert sich um uns nicht, und ich werde ohne Religion fierben ,, und bleiben, wo so viele bleiben."- So sprach ein wohlgekleideter fünfzehnjähriger Knabe, der ges wiß dem vorigen Knaben viele Verweise geben, und nicht denken würde, daß sie beide aus einem Tone fprächen! Weiser und gütiger Bater! wie sehr verkennet dich jeder, der dich für einen bestochnen Almosens pfleger, für einen gemächlichen und eingeschränkten grossen Herrn, für einen Richter der Strafgelder einsteckt, oder für einen Tirannen ansieht! Du bist mein Vater in Ewigkeit. Alles habe, alles ers warte ich von dir. Der Vater wäre ein Barbar, der seinem knieenden reuvollen Kinde nicht vergåbe. Würde aber auch jener durch Schein und Uffekten verführet, unnatürlich zu handeln; so ist es doch bef 208 Der 13te September. bei dir unmöglich. So bald ich als Kind denke, denkest du als Vater. Nicht um deinetwillen, ob gleich du Ruhm davon hast, sondern um meinen willen giebst oder nimmst, verbeutst oder befiehlst du mir. Nur das erklärtest du für Sünde, was mich unglücklich macht. Deine scheinbare Strenge bei meinem jetzigen kindischen Alter ist nöthig, da mit ich fähig werde, künftig in deiner großen Welt ein brauchbares Mitglied zu seyn. Mein Vater in Christo! findliche Liebe und zärtlicher Dank sey dir immer und ewig von mir! Ungezogenheit, Eigens finn und Faulheit streiten wider deine Kinderzucht: ich- will nicht mehr thun, allerlieb ster Bater! - es - Der 13te September. Der Mensch, ein Leib, den deine Hand So wunderbar bereitet: Der Mensch, ein Geist, den sein Verstand Dich zu erkennen leitet: Der Mensch, der Schöpfung Ruhm und Preis, Ist sich, o Gott! stets ein Beweis Von deiner Güt und Größe. chöner fann ich doch meinen Abend nicht be schliessen, als wenn ich Gottes Weisheit und Güte aufsuche, wo dem ersten Aufcheine nach alles auf Gerathewohl hinausläuft. Je liebens würdiger ich Gott finde, desto schändlicher finde ich Der 13te September. 209 ich die Sünde; folglich ist jede Betrachtung der Natur eine Bußpredigt. Aber wohin soll ich meine Blicke zuerst wenden? Jedoch das Ins teresse, welches leider mich so oft verführet, soll mich jetzt näher zum Schöpfer leiten. Ich bes trachte meinen Liebling, meinen Körper; auch der ist ein Ocean von Wundern. Der tausende Theil derselben überströmt uns mit neuen Erkenntnissen. Die Grösse des menschlichen Körpers sey mir jeßt ein Beweis von der Gröffe Gottes. - Könnte der Mensch nicht sechs, nicht achts ,, mal fleiner seyn? Er wäre ja behender, bedürfte ,, weniger Nahrung und Kleider, und selbst der Aufwand an Gebäuden würde mäßiger seyn." So urtheilet die kurzsichtige Vernunft: aber der Schöpfer durch sah das Ganze. Es ist eine Marime der Natur,( und dazu müssen gewiß gute Gründe vorhanden seyn) daß eine Kreatur um desto kluger ist, je mehr Gehirn sie hat. Diß ist die geheime Werkstatt der Seele, oder das unbeschiffre Meer, welches Seib und Seele mit einander verbindet. Der Mensch ein Zwerg ,. würde weniger Gehirn und folglich weniger Verstand haben. Denn daß es dann und wann fluge Zwerge gab, ist eine Auss nahme; und der Zwerg ward ja auch durch größre Menschen gebildet, Kopf und Gehirn aber konns. wenn nur der Rumpf flein ten ja wie jetzt seyn, war!" 11 Jedoch,( ohne des Uebelstandes zu gedenken) wie konnte eine so fleine Maschiene Blut genug herschiessen, um einen für sie riesenförmigen Hirnschedel mit Lebensgeistern anzufüllen? Man denke sich noch die niedre unreine Luft, und die Tiedens Ubendand, II. Tb. Hine Der r3te September: Hindernisse, die ein so herabgefeßtes Auge allent halben anråfe! Kurz, der Mensch ein Zwerg, wäre dumm und ungesund. 210 Also ein Niefe. Das wåre ansehnlich, wi fdnnten besser arbeiten und weit flüger senn." Jedoch Gott fonnte solche olossen in seinen Plan nicht zulassen. Denn vors erste: wovon sollten diese ungeheuere Statuen leben? Ein Morgen Lan des wäre eine Familienmahlzeit; und die Thier Fönnten nicht geschwinde genug für solche gefräßig Küchen heranwachsen. ,, Gut! so mögen die Thiere auch zehn, zwanzig mal gröffer wa fen!" Aber wovon denn? Wir wissen gat zu gut, wie viel die Erde tråget und tragen kann. Solche Riesen würden indessen doch mehr Statle des Körpers besitzen?" Ja! aber dafür müß ten sie auch allein arbeiten. Das Zugvieh könnt ihnen wenig oder gar feine Dienste leisten. Da letzte Einwurf könnte seyn: ,, daß doch eine Riesen greffe die Klugheit befördert hätte." Wie aber, wenn Gott diesen Zweck durch kleinere und leich tere Mittel erhalten fonnte? Und das geschah Eben upfre mindre Stärke schårfet uns den Ber stand. Wie viele Maschienen, Künste und Hilfs mittel haben wir nicht, unsrer Schwäche abzuheb fen, entdeckt, auf welche wir als Riefen nicht ver fallen wären! Unsre Schwachheit mußte uns stad machen. - - So, Allweiser! werde ich in der Ewigke meinen Berstand zu deinem Lobe gebrauchen: un ich fann hier nicht genug anfangen, so dir nach spüren, wie ich es dereinst im Himmel thun werde. Wie Der 14te September. Wie oft wird nicht über die Moden vernünftelt, ob ein Kleidungsstück grösser oder kleiner besser stehe, und das sind doch nur Werke des Zufalls, Eigene finns oder Såpperei. Hingegen deine Werke, über welche du ausriefft, daß sie gut wären: sollten die nicht öfters unsre Beschäftigung senn? Ich sahe an alles was Gott gemacht hatte, und siehe da, es war alles sehr gut. So spricht der Engel am Throne Gottes, und ich wollte mich zu dieser Sprache nicht allgemach gewöhnen? Herr! ich finde deine Hand an mir. Du wolltest mein mögs lichstes Glück. Vergieb mir die Sünde, wenn ich bei der jekigen Betrachtung frostig blieb. Was verdienet denn mehr mein Nachdenken, als du! Der 14te September. Der Tod rückt Seelen vor Gericht: Da bringt Gott alles an das Licht, Und macht, was hier verborgen war, Den Rath der Herzen offenbar. werde nun was ist es mehr, Eine bittere Sefunde, so ist alles überstanden." Alles? O! wenn das wäre, so handelte jeder Mensch lächerlich, der nun eine Miene dabel verzöge. Aber die künftige Rechnung, von der die Religion spricht! Gut! so brauche ich nur keine Relis gion zu haben, und ich habe nichts zu fürchten." Aber alsdann auch nichts zu hoffen, und das ist Der - Der 14te September: der schrecklichste Zustand. Jedoch, ich mag wollen oder nicht; die Religion hat mit mir gesprochen. Und hätte ich seit meinem vierzehnten Jahre nicht mehr auf sie gehdret; sie hat geredet! und ich werde in der Ewigkeit auch reden müssen. Was sie mich lehrre, ward im Himmel mit flammenden Buchstas ben aufgezeichnet. 219 Die fünftige Rechnung also von allem was ich nach Seib und Seele besaß, besißen könnte; handelte, handeln fonnte; unterließ, unterlassen Fonnte; sprach, sprechen konnte: dachte oder denfen fonnte und solte. Und diese Rechnung abzulegen vor dem hellsichtigsten Richter! Warlich der Tod ist das schrecklichste Uebel, wegen seiner allgewaltis gen Folgen. Habe ich nicht aufs genaueste Buch und Rechnung über Einnahme und Ausgabe ge halten; so ihr Berge fallet über mich,( mit wels chem Herzen kann ich das ausrufen?) ihr Hügel be Decket mich! - Einnahme beißt die erste Kolumne des auf gefchlagenen Buchs, nach welchem ich dorten ge richtet werde. Vaterland, Jahrhundert, Eltern, Rang, Erziehung, Wik, Verstand, Gedächtniß, und tausend andere Einnahmen; selbst der schöne Wuchs, das fröliche Gemüth, der Gewinst jedes Spiels, alles stehet hier pünktlich verzeichnet. Den Empfang kann ich um so weniger leugnen, als stolj ich auf alle solche Dinge zu seyn, und andre damit zu demüthigen pflegte. Nur manche Rubrif dürfte sehr befremden, weil ich sie für nichts achtete. Das hin E der für Mangel zitternde Arme, der mir ein Kapital anbot, welches ich im Himmel heben follte, Der 14te September. follte, wofern ich auf Erden einen Groschen missen fonnte. Ferner; der harte oder wunderliche Vors gesetzte, der mit jedem Fluch und störrigem Befehl mich an die süsse Lehren des Christenthums erinners te. Oder: tie freche Gesellschaft von Spottern, welche mir einen höhern Grad der Seligkeit anwies, wenn ich Muth genug hatte, für Gottes Ehre halb so viel zu thun als für die meinige. Warf ich riese ähnliche Anerbietungen toeg: so ist dort die grosse Frage warum? Ausgezahlt wurden sie und nun muß ich dafür stehen. Kurz: der Alle weisse kann nichts ohne grosse Absichten geben, nebs men oder verhängen; und waren es Bettelstab, Ver: laumdung und Höcker. 213 Die Ausgabe auf der andern Seite meines Rechnungsbuchs, o! wie bunt und verworren! Die Einnahme konnte ich der Welt zeigen und that es mehr als zu viel: die Ausgabe hingegen ist so beschaffen, daß ich sie selbst meinen besten Freun den nicht gerne ganz lesen lleffe. So infam die Ausgabe ist, welche eine Bußlerin von ihrer ems pfangenen Schönheit macht: so schlecht wandte ich viele andere Gaben des grossen Hausvaters an! Jes ne verdienet sich endlich Verachtung, Spinnhaus oder Lazareth: ein Wiß aber, der nicht für Gots tes Sache es ist; sondern nur Menschen zu kráns fen oder zu schmeicheln sucht, verdient noch was schrecklichers: weil man hier keine Zuchthäuser oder Spitäler für ihn bauet. Rechne ich nun alle Sum men, die ich von Kindheit an verzehrte, verkleidete, veripielte, vergrub oder wegwarf? Und was noch größte Kapitale ausmacht: wage ich, auch nur mit 23 plums Der 1ste September. plumper Wage, alle Gelegenheiten zur Tugend ab: rechne ich zusammen, wie viel Gutes ich in Einem Tage denken, reden und thun könnte: so läuft das alles bald dermassen in die Tausende, daß ich mich entweder für bankerutt erklären, oder nach einem Bürgen umsehen muß. 214 Herr Jesu! dein Blut durchfreiche die mich verdammend: yanduhrift! Aber so unglaublich groß ist die Liebe Gottes, daß jede alte Rechnung abge than ist, so bald ich nur eine beßre anfangen will. Alergütightes Wesen! Wie würde es mich in der Ewigkeit mattern, wenn ich deine Langmuth im mer auf Muthwillen gezogen hätte! Vergieb mit die alte Schulden, und bewahr mich künftig vor neuen! Der 15te September. A Gott! erhalt mich dir, So kann ich überwinden. Set Feindschaft zwischen mir Und meinen liebsten Sünden! Laß mich mit neuem Ernst Auf deinen Wegen gebn! Nie, treulos gegen dich, Nach Sodom rückwärts sehn. J' h sollte mit Gott immer, mit dem Nächsten meiftens, mit mir aber nur selten zufrieden feyn. So aber fehre ich es leider- um: schmeichle mir, trok dem Nächsten und murre wider die Bor ficht Der 1ste September. 215 ficht. Die Selbstzufriedenheit ist Laster, wofern sie sich nicht auf Tugend gründet. Jedoch, je tus gendhafter: je weniger ist der Mensch mit sich selbst zufrieden; und umgekehrt, je lasterhafter! desto weniger weiß er an sich auszusetzen Derjenige ist der meisten kobfprüche werth, der sie am meisten im Ernste von sich ablehnt. habe ich genug auf Erden gelernt, um im Himmel einen ansehnlichen Posten zu bekleiden? Und habe ich es nicht, warum jante ich nicht mit mir? Kan ein Vorurtheil trauriger seyn, als wenn man sich einbilbet, genug zu verstehen, weil man Brod und Ehre erwerben kann? Das ist ja nur das Biß: gen Wissenschaft für das hiesige Nachtlager! Mor: gen gehet ja die Reise weiter, wo wir unsre bestimms te Bedienung antreten sollen, und davon verstehen wir so wenig? Der geschwähigste unsrer Gesellschaf ter würde meistens eine dumme Figur machen, wenn er mit Engeln Umgang pflegen follte! - Oft will ich mir also vorwerfen; ich habe für dort noch nicht genug gelernt! War mir hier der Anblick eines Goldstücks wichtiger, als die Betrachtung eines Sterns, und giebt es dort solch golones Spielwerk nicht: wohin blicke ich alsdann? Ich darf nur ei: nen Tag nachspüren, ob meine Ideen auch in ber Ewigkeit ftatt finden: so wird die Summe am Abend ausweisen, daß mehr als neun Zehntheile blos.irdisch waren. Dazu kommen noch die Schlafstunden, die dorten auch wegfallen! Was will ich dagegen in der Ewigkeit denken und handeln? - Bin ich noch mit Scheintugenden umgeben wie ein Heiliger mit seiner Glorie: so kann ich nicht 04 in 216 Der 15te September. in den Himmel kommen; wo kein Ausfähiger ger duldet wird. Groll gegen das kaster wäre demnach meine Pflicht. Nun ist es zwar an dem, daß ich einige Laßter verabscheue. Aber ich darf nur eine Inquisition anstellen, warum? und die Wahrheit wird ans Sicht kommen. Je heftiger man wider dis nen Fehler loszicht, desto stärker wird der Verdacht, daß er unsern Fehlern im Wege stehe. So schimpfie der Heuchler auf den lofen Wiß gewiffer Leute; der Getzige auf neue Moden; der Stolz auf niederträch tige Gemeinmachung; denn diese Dinge decken mehr auf, als man aufgedeckt wissen wollte! Der achte Fromme verkehert am wenigsten! denn wahrer Groll gegen die Sünde handelt mehr als er spricht, und fieber feiner einzigen durch die Finger. Jede Sün de hat Gott verboten. The Name, Gewand, Farbe, Bürgerrecht, Ansehen bei Hofe: nichts! Gott hat sie zu meinem Besten verboten. Gewöhn: lich schimpfen wir auf die Sünden, wie eigenlie bige Eltern auf ihre Kinder in Gesellschaft. Wir balten uns heimlich dafür schadlos, und brenner für Begierde, ihnen wieder zu schmeicheln. Denke ich innigst gut? Das will viel sagen! Und doch kann weder Augenspiel, verzogner Mund noch irgend eine, tugendhafte Grimaffe von Golf für Tugend erklärer werden!- Nein! auch mit meiner Denkungsart kann ich nicht immer zufrieden feyn. Unzufrieden mit mir, aber höchst vergnügt über dich, mein Gott! fleh ich um Belstand wider mich selbst! Ich dein unwareiges Kind trete nicht felten zum Komplott deiner Berächter, als Der 16te September. 217 dann, wann ich nun dich und mich) fo ficher vers leugne, als wäre feine Zukunft: dann erschüttre mich mit dem Gedanken vom jüngsten Gericht! Liebäugle ich mit meinem Körper stundenlang: so zeig ihn mir in seiner Todesblässe und jämmerlichen Verwesung! Ist aber mein Herz folgfamer: fo lock mich mit dem Himmel, so oft die Erde ihren Prunt auskramet! Zeig mich mir in meiner fünftigen Gröss se, damit ich mich hier nicht mit Träbern fáttine! Vater! balb winkst du mich zu dir und ich bin unwillig auf mich, daß ich noch immer lieber hier bliebe! Wie lange tenn noch? -- munt Der 16te September. as forgft bu ångftlich für dein Leben? Es Gott gelaffen übergeben, Ist wahre Kuh und deine Pflicht. Du sollst es lieben; weislich nüßen; Es dankbar, als ein Glück, besigen; Verlieren, als verlörst du's nicht. ku " Du sollst hier ewig leben; immer neue Gesichter. ..sehen, neue Namen hören, neue Krankheiten und Unglücksfälle erleben; stets hungern und nims mer gesättiget werden:" welch eine Strafe wäre bas! In der Lange ist es hier nicht gut seyn. Könnten wir jung und weise, reich und mäßig, mächtig und dennoch geliebe seyn und bleiben: dann wäre diß Leben allerdings wünschenswerth. So, aber ist das nur immer das größte toos, und die meisten 05 zieherz 218 Der 16te September. ziehen Nieten. Und dennoch waget man Geld, Gesundheit, die Seele dran, um nur durch alle Klassen mitzuspielen?- Sorge für das befre Leben ist meine edelste Pflicht. Es verliert sich jetzt immer ein Thier nach dem andern. Die Vögei werden immer stiller, und bald wird auch die vorsorgende Schwalbe unste Häuser zu schlecht für sich finden. Wäre eine un ter ihnen, welche jetzt noch emsig bauete: so wür den wir die Kreatur anfänglich bewundern. Si hen wir aber, daß sie gegen Weihnachten verhune gerte ober erfrore: so würden wir das sagen müssen, was wir von einem Greife fagen können, der hier sich immer fester bauete, und endlich von dem Froste des Alters übereiler wurde. Zugvögel suchen im Herbie mildere Gegenden, und unsre Bejahrten verspäten sich oft! Wie weit bin ich mit diesem und dem fünfs tigen Leben? Beld werde ich jenes verlassen und dieses antreten; so bald, daß ich vermuthlich sagen werde: und nun schon? Für diß leben habe ich wahrhaftig genug gethan, was auch meine Be fehlshaber oder Erben sagen mdgen. Habe ich nicht geweint genug, gerungen, gedarbt, geschmei chelt, mein Gewissen verletzt, und mich öfters aus dem Othem gearbeitet? Das alles wäre nun überstanden, ob ich gleich das Ende noch nicht das von sehe: wenn nur die Frohndienste mich nicht abgehalten hätten, für mich selbst zu sorgen! Wie mächtig und ehnmächtig bin ich zugleich! Für die Handvoll Jahre auf Erden vermag ich nichts: aber die Ewigkeit kann ich besorgen, wie ich sie haben will! Kann Der 16te September. 219 Kann ich mein dortiges besseres Leben heute noch antreten? Urme Sterbliche! der unter euch verdienet die Welt zu beherrschen, der flug genug war, sich von ihr nicht beherrschen zu lassen! Lets Weib sab sich nach Sodom um: o! wenn ich in d ser Stunde mein Sodom verlassen sollte; wie oft würde ich den Kopf zurückwerfen, wofern es die Angst das Herzens zuliesse! Schändliches Tes stament, das nur brennbaren Nachlaß vermacht! Ein frommer Urmer, der die Früchte seines Gebets und sein Beispiel als ein Vermächtniß aussehen kann, das ist der wahre Kapitalist, dessen Güter man mit feinen Auflagen beschweren kann. Wer dort keine liegenbe Gründe besikt, bleibet ein Betts ler von Profeßion. Hier haben wir, gleich Kin dern, nur Glasscherben zur Zahlung: dort ents wickelt sich Geburt, Verstand und Reichthum. Entweder sind wir dort alles oder nichts. - Nichts? du alles vermögender Gott! ausweinen mögte ich mich vor dir, daß ich mich noch nicht dem Himmel entgegen freue! Wie viele Narben und Runzeln an Gliedern und Gewissen kostet mir diß Probeleben nicht schon! Und doch habe ich weder gehörig sterben noch leben gelernt! Nach hundert Jah en wäre ich hier ein abgeschmacks tes schöpfe, das Neugierige wie ein ausländisches Thier betrachteten: aber dort kann ich alsdann eins beimisch und grösser seyn, als ich es jetzt mir vor. stellen mag. Gott! zwar auch über mein Grab breitest du deine Hand: aber ich bin darin doch nur ein Erdklumpen: mein beßres leben fliesset schnell, wie Sonnenlicht von Welten zu Welten, Der 17te September. umher. O! daß ich nie mehr für hiesige Renten, als für dortige Kapitale besorgt wäre! Hier zu ver schmachten, ist bei einiger Rechtschaffenheit so leicht nicht möglich: aber nach dem Tode verdorren die jenigen am leichtesten, die hier am meisten gepfleget wurden. Schon bin ich der Ewigkeit nåber! Die Stimme Gottes ruft: bestell dein Haus!- Q! wie viel noch zu bestellen! Und wie wenig von dem mitzunehmen, was ich hier gewürfet habe! 220 Der 17te September. Mich, ruft der Baum in ſeiner Pracht Auch mich! o Mensch hat Gott gemacht: Gieb unserm Gott die Ehre: nun un so will ich sie dir jetzt mit schamrothen Wangen geben, grundgütigster Schöpfer! ich, der ich so ait bin, und noch so wenig auf die Bäume und ihre fäufelnde Ermahnungen ges achtet habe! Dämmernde Einsamkeit der Haine verführte die älteste Heiden, ihre Gößen darin zu suchen: ich will Gott darin finden! Bald werden ohnehin auch diese Redner wieder schweigen, oder ich werde sie nicht besuchen, weil sie nicht mehr- gut gefleidet sind. Daß Bäume nichts anders als groffe Pflan: gen sind, giebt jeder zu. Daß sie aber auch, in Absicht ihres Baues, mit Thieren viel ähnliches baben, lernen wir bei weiterm Nachforschen. Das Saar Der 17te September. Saamenkorn und En; das Gewächsauge und die Leibesfrucht säugender Thiere; Die Ernährung, Lufts schöpfung und Ausdünstung der Pflanzen und Thies re; beider Wachschum durch Ausdehnung ihrer Fibern, worauf im Alter eine Verhärtung dieser Fibern folger; die Fortpflanzung beider; ihrer Krankheiten an Runzeln, Blattern und Beulen, oder innrer Befchleimung, Verstopfung und Ere gieffung der Säfte, die vom Klima, von erlittner Gewalt, Pflege und Nahrung zc. herrühren; fers ner ihr starres Alter, Tod und Berwesung. Das alles ist so ähnlich, daß man Pflanzen und Bäume angewurzelte Thiere; Thiere aber umherschweifens de Pflanzen genennet hat. Man könnte dem Pflans Jenreich Empfindungen beilegen: weil Wurzeln und Blätter sich nach luft, Sonne und Nahrung dres ben; und weil die Grånzscheidung zwischen Thier und Pflanze immer streitiger wird, je genauer wir die Gewächse untersuchen. 221 Ich wende mich wieder zu euch, Könige unter den Pflanzen, ihr Bäume! Wie majestätisch stehet die tausendjährige Eiche da, und wie viel Nußen und Vergnügen hat sie nicht binnen bieser Zeit vers schaft! Mit freudiger Ehrfurcht setze ich mich in den dichten Schatten hundertjähriger Linden. Gedanke wieget mich in süsse Schwermut: hüpfte vielleicht dein Ureltervater als Knabe! Unter dem Schirme dieser wohlthätigen Linde ward eine kleine Welt von Menschen und. Thieren vor Sonne und Regen bedeckt. Und in der Blützeit fagten tausend Špaziergånger, was sie jetzt im Himmel sagen: wie erquichet uns Gott! Die Der bier Cop Der 17te September. Die Bäume haben so etwas ehrwürdiges, daß in ihren Schatten weniger boses gedacht wird als unter gemahlten Zimmerdecken. Die Natur, hier im singenden Bogel, dort im anfachenden Blüm chen, oder freudigen Käfern und Schmetterlingen, redet uns so viel von Gott vor, daß wir nicht Zeit genug behalten, fündliche Gedanken auszuf men. Erlauben es daher Umstände und Weter: so ist es sichrer unter Bäumen Erbauung zu suchen, als unter Kronleuchtern. Unter jenen spricht te Fußboden mit. Jede Pflanze ist nemlich ein Vie gefind des Baums. Er bedeckt sie vor Hike, Sturm und Schlagregen; und ernähret sie, ob sie gleich nicht seines Geschlachts sind. So großmi tig der Baum auf dieser Seite scheinet: so findlis dankbar ist er auf der andern. Seine Mutter, die Erde wird liebreich von ihm beschirmt. Und um ihr nicht zu viel Saft zu entziehen so fauget e ihn, sonderlich bei Nacht, durch Rinde und Blåt ter aus der luft. Und endlich im Herbst erwärmet er sie mit seinem eignen Kleide. Ist diese Eu bauung zu unnatürlich?- So viel fann sie dod lehren: daß das Verhalten undankbarer Kinder, geiziger Reichen und ungroßmüthiger Mächtigen, recht sehr unnatürlich sey. 222 Sand Die Blätter werden nun immer dunkler und endlich falbe: mein Haar auch; bis es im späten Herbste grau wird. Baume dorret bas Moos aus und mich die Leidenschaften. Bedeck mich o Gütigster! denn in deinem Schatten werde i wohl bleiben! Evens blick nach dem verbotnen Baum soll mich warnen. Verboten ist aber jeder Baum, Der 18te September. 223 Baum, den ich gottesvergessen ansehe. Vielleicht beugt dereinst eine inde ihre Zweige über mein Grab: dann müsse sie in meinem Namen den Wandrer erbauen! Mich aber erbauen dann Sons nen ohne Zahl, wie die Blätter des Waldes. Der 18te September. Serreiß erreißt die halbe Welt in Stäubchen Ein ieder Punkt bleibt eine Welt. Die Bewohner andrer Welten waren unsern Batern ein Anstoß. Man behalf sich mit wenigerm, und diente Gott in Einfalt und Wahrs heit. Wir wissen jetzt mehr: aber diß bläher uns nicht selten auf, zerstreuer uns, und macht aus der Frömmigkeit eine Art von Wissenschaft. Schicket. euch in die Zeit! Nehmet die Vortheile eures Jahrs hunderts mit, und hütet euch vor damit verknüpfs ten Gefahren! Unsre Enkel werden noch mehr Eins sichten: aber auch mehr Verführer haben. Denn je mehr Gott schenkt: desto mehr kann er euch fodern. Das Unkraut wuchert nirgend mehr, als in fetter Gartenerde; und doch ist diese besser als Heideland. Daß die Sterne, oder ihre Planeten, leere Blasen oder dde Kugeln seyn sollten, streitet wider Gottes Weisheit und Güte, und wider alle ähne liche Erfahrung. Da hier von Grönland bis zu den 224 Der 18te September. den Gewürzinseln, und von des Königs Residen bis zur austrocknenden Pfüße alles lebendig ist: so glaube ich sündlich zu denken, wenn ich die ma jestätischen Himmelskörper durchaus entvölkert wissen wollte. Konnten dort Kreaturen leben: ( und warum das nicht?) fo leben sie gewiß; denn Gott ist die Quelle des Lebens. Sind die gesam ten Sterne geschöpflos, so sind sie Seifenblasen. Wohin aber der Schöpfer siehet, muß alles zu set nem Ruhme seyn. Meine Brüder wohnen also nicht blos auf disem Erdball; die Familie meines Vaters ist uns endlich ausgebreiteter. Und wäre ich so unglücklich, ( welches doch immer meine Schuld wåre!) daß ich hier feine Freunde fånde: so ist Hofnung, daß ich sie in andern Welten finde. Send mir gegrüßt, meine fünftige Gesellschafter! Jetzt trennet uns eine ungeheure Weite:( die Tagereise eines En gels!) aber bald winket uns Gott zusammen. Wunderbare Bekanntschaft! der Mohr und Sas mojede- Kleinigkeit! Elephant und Kolibri köns nen nicht so verschieden seyn, als wir. Und dens noch Kinder Eines Baters! Ein Reifender aus fernen anden kann mich hier sehr unterhalten, und er fam doh nur einen Büchsenschuß weit.! wie freue ich mich euch entgegen! Wie werdet ihr euch um mich hersehen, um von mir die Werke und We ge unsers Gottes auf der Erdkugel zu erfahren! Dann will ich euch mir zu ewigen Freunden machen! daß ich euch von der Ceder bis zum Ysop, vom ers sten Kapitel Mofis bis zum letzten der Offenbarung Johannis, eine faßliche Idee gebe. O Der 18te September: 225 DSchande, o ewige Schande! wenn ich alss bann nur von Speisen Moden, Uniformen, Etie fetten, Hunden, Pferden und andern Kindereien zu erzählen wüßte! Dabei gåhnet ein Kluger! Siehest du Lorenzo!( so will ich mich einmal nens nen! wie weit wir noch zurücke sind, ehe wir mit Ehren an den himmlischen Hof geben können? Unser Dörflein von Portugall bis Schweden hat sehr bäurische Sitten, wofern wir nicht Gottes Wort lesen und mit Edlen Umgang pflegen. Ohne Bibel und tugendhafte Freunde bleiben wir robe Sandleute. 1 Und du! der du uns nun bald zusammen rufft, Erzengel, mich und die Bewohner des Polarsterns und Sirius oder vielmehr ihrer Planeten: dein, o Jesu! ist alsdann das Reich. Entweder hattest du dich auch andern Welten offenbart, und dann fliegen sie mit uns Erdföhnen zu dir heran. Oder sie lernen dich erst kennen, und dann freuen sie sich ihrer Entdeckung mit Zittern; noch zitternder aber entdecket dich der Spotter. Welche Welt strömet von Süden und Often herbei! Die sogenannte groffe Welt auf unserm Erdklosse verliert sich aus dem Gesichte; nichts ist alsdann groß als Gott und der ihn fürchtet. Künftige Brüder! bald!- jetzt muß ich noch schlafen. Lobet ihr indeffen Gott! den Schlaf müsser ihr mir verzeihen: was werdet ihr aber sagen: daß ich öfters murhwillig für Gottes Ehre schlief! Und was wird Gott sagen! Tiedens Ubendand. II. Th. P & 226 Der 19te September. ! sey uns dann nicht fürchterlich! Erbarme, Vater! unser dich! Wann unser Auge sterbend bricht, Leit und dein Licht: So fehlt uns Trost im Tode nicht! Die Krankheit wächst; die Kräfte sinken; der Arzt wird muthlos; Freunde verzagen oder theilen in Gedanken das Erbe; die Augen werden dunkler und wilder; das Herz beklommner; die Nas tur ist erschöpft! Und brachte die Welt ihre neueste Moden und blihendste Schäße herbei; umsonst! alles ist Ohnmacht, Efel und einem Schlachtfelde gleich; fein Retter, als du, bei gesunden Tagen so oft unter dem uns umringenden Haufen verlor ner Gott! Gottes Liebe bei unserm Tode follte ein Ge danke seyn, der uns stets begleitete. Dann würde in seiner Kirche geliebäugelt; an feiner Tafel ges sportet; bei feinem Krankenbette heidnisch gejam mert werden. Gott allein stehet bei dir im Tode, wel che Idee kann dankreizender seyn! O! setz das volle Glas weg, und lalle Gort Dank! Wirf das Mo dezeug an die Seite, und durchdenk den groffen Ge danfen: daß nun bald bei deinem Sterben Gott alles in allen ist! Daß Königsthronen und Ruder banke, wie von einem Erdbeben, erschüttert wür den Der 19te September. 227 ben, wenn sie vergeffen, daß Gott ihr einziger Beis stand im Tode ist! Wie eine zärtliche Mutter ihr Kind unter Gespielen läßt. Kaum aber erhebet es ein Geschrei, und liegt blutrünstig auf der Erde: so flieget fie durch die ohnmächtige fleine Schaar, die theils weinet, theils lachet, hindurch; nimmt ihren Ges liebten in die Arme, eilet mit ihm zur Wohnung und heilet tröstend seine kleine Wunden.- Ist es nicht verwegen, ein Gleichniß von Menschen auf Gott anzuwenden: so wird sein Erbarmen nie brünstiger, als wenn es mit uns fleinen Weien zum Sterben kommt. Der Tod nager am Herzen: aber der Erbarmer spricht: du sollst leben! Das Sterben kann durchaus nicht so schwer seyn als es scheinet. Freunde beim Glück sind wohlfeil, in groffer Noth aber so felten, wie ein Diamant auf der Heer: strasse. Ach! du vergeßner Vater im Himmel! du vergisfest unsrer ewig nicht. Wer deine Liebe zu schäßen weiß, lebet und stirbt in deinem Schoosse. Armselige Hülfe der besten Menschen: sie geben uns einen kleinen Zehrpfenrig, irgend eine Mahlzeit: nur Gott versorget in Ewigkeit. Und dennoch friechet der Jüngling um die Kniee der stundenlang mächtigen Befördrer, her? Berwünscht sen aller Kälberdienst, und wäre das Kalb von gediegnem Golde! Der mir auf meinen Spaziergången befüms mert nachsieht, sich freuet wenn ich mich rechtmäßig freue, meine Thränen zählet und sammlet, und der mich endlich vom Tode erlöset: in dessen Vorzims mer will ich fleißig meine Aufwartung machen. P 2 Berf Der 20te September: Berspreche ich mir von Gott zu viel? Schändlicher Gedanke! Ein Gottesläugner ists, der sich von Gott nicht alles verspricht. Sünden, Sandkörner und Sterne sind zählbarer, als die Gü te Gottes, die von Jugend an über mir war. Und wären Sonnenstralen der Maaßstab: sie sind zu Furz und zu langsam, um Gottes Liebe zu schil dern! Selbst die Hölle ist nicht Hölle genug, son dern wird durch Stralen dieses Erbarmens dann und wann aufgeklärt. O! ich versinke für Schaam, daß ich oft so vornehm und spröde mit dir, mein einziger Freund im Tode! verfuhr. Bei guten Tagen kann mich auch ein Thor zum lachen bewegen: aber im Tode fannst du allein mich lächeln lehren. Und nun mit welchem Gesichte alsdann? O! meine welke Tods tenwangen mußten erröthen, wenn ich alsdann erst anfienge, deine Gnade zu suchen! Mein Sterbebette müsse eine Wiederholung meiner heutigen Lection seyn! Welch bevorstehendes Eramen! 228 Der 20te September. Pracht mit Sparsamkeit vereint, Bartheit und doch Stärke, Schönheit, die mehr ist als scheint: Das sind Gottes Werke! Ward WI Die verschiedne Bewegungen der Geschöp fe fezen in Erstaunen. Ließ uns der Schöpfer Entwürfe dazu machen, wie unbeholfen und einförs mig würde alles seyn! Einige Der 20te September. Einige leblose Geschöpfe sollten sich regelmäßig bewegen, einige lebendige hingegen nicht von der Stelle fommen. Welche Aufgabe für jeden Wik! Der Schöpfer löset dis Rázel auf. Sennen und Planeten bewegen sich schneller und doch abgemeße ner, wie irgend eine uns bekannte Kreatur. Da gegen hången sich Schüsselmuscheln, Meerohren und Seeeicheln an Klippen oder den Grund des Meeres zeitlebens fest und nähren sich dennoch! Ob wohl ein Erzengel solche Einrichtungen vers muther hätte? 229 Jeder Mensch gehet und schreibet besonders; jedes Gesicht, Blatt und Sandkorn sind verschieden. So auch die Bewegungen der Thtere. Der Flug der Vögel ist so mannigfach, daß ein Erfahrner sie daran fennen fann. Die Länge oder Breite ihrer Schwingen, das Gebäude ihres Körpers, ihre Nahrungsart 2c. machen einen beträchtlichen Unterschied in ihre Bewegung. Sehen sie sich, so find neue Regeln da Einige schreiten, andre büpfen, noch andrez. E. der fletternde Specht und der Papagoy nehmen den Schnabel zu Hülfe, und er macht ihren dritten Fuß aus. Wer mag die Bewegung des Straussen benennen? Er flies get und geht zugleich. Die Eule mußte einen leis fen Flug haben, oder sie weckte ihren Raub auf und mußte hungern. Einige Vögel z. E. der Brachvogel haben doppelte Flügel oder ein Gelenk in den Flügeln? und warum? Wallfisch, Hecht, Schlange, Blutigel, jedes gebet seinen besondern Gang. Selbst jede Schnecke wandert oder schiffet besonders bedachtsam. Elnige, 1. E. die Kammuscheln springen so gar eine ziems P 3 liche 230 Der 20te September. liche Strecke fort. Andre z. E. die Gienmuscheln drehen sich hurtig im Kreif berum, wie ein Rad um seine Are. Nur daß diß Naturreich unsern Ber obachtungen zu sehr verschlossen ist! Wir haben aber auch auf der Erde genug zu bewundern. Fast alle Thiere gehen, friechen, schlüpfen oder schleudern sich vorwärts. Aber der Schöpfer, der sich an keine unsrer einförmigen Regeln band, schuf auch Thiere, welche sich rückwärts oder gera: de auf bewegen. Zu lettern geboren Spinnen und Raupen, zu erstern Krebse und der Ameisenldwe, der nur rückwärts hutschen kann, und dennoch vom Raube, schneller ia fliegender Thiere leben muß. Die Bewegung der Grashüpfer, Eidechsen, laubfrösche, Kaninchen und sonderlich des Maulwurfs, der wie ein Bergmann unter der Erde arbeitet, verdienen die Aufmerksamkeit eines jeden, der Gottes Werke höher schäßet als seine eignen. Spinnen, welche mittelst eines Fadens, mit dem die Luft spleler, gleichsam fliegen und hohe Thürme erreichen; Raus pen, die sich fast eben so von einem Baum zum ans dern schlenkern- laffen; Gemsen oder Steinbocke, wels che sich mit ihren Hörnern von Klippen abstoffen, rücklings überwerfen, das ungeheure Thal überflies gen und auf der abgezielten Felsenspige zu stehen kommen: sprecht Menschen! sind das Kleinigkeiten? Das möget ihr vor Gott verantworten. Da er fich aber mit diesen Kleinigkeiten befaffet hat: so sols len sie mir immerdar ehrwürdig seyn. Nur noch ein Wort von mir. Des Menschen Gang ist ein beständiges Unterstützen und Fallen. Ja wohl! sonderlich in der moralischen Welt, wo mein Der 21te September. 23E mein Christenthum immer aus Straucheln, Fallen und Aufstehen zusammengefehet ist! Weiser, fiebreicher Vater! wie tief bin ich gefallen, wenn ich deine schöne Werke nicht mehr ansehen mag! Ach! mit welchen Schneckengången nåhere ich mich dir und deiner Erkenntniß, ich, der ich gleich dem Habicht auf unedlen Raub unter mir stoffe! Ein Bauer in der Oper oder im Natus ralienkabinett gaffet doch noch umher. Weit uns gesitteter und alberner schauen die meisten Menschen das Weltgebdude an. Rollet denn harmonisch um mich her, ihr Welten meines Gottes! Der Schlaf hemmet meine Bewegung: aber wir werden uns näher kennen lernen, wenn ich mit Engelsflügeln mich zu euch schwinge. Der 21te September. Schon chon schüttelt wetteifernd der Baum Bemahlte Früchte herab. Welch Blumenbeet für den Gaum! Wie gütig der Gott, der es gab: Das Obst ist wichtiger, als Edelgestein und Lorbeer; sonderlich wenn letzterer mit Blute gefärbt ist. Es ist ein Beweis für die Unsterblichs feit der Seele. Denn, suchte der Allgütige unser Bergnügen nicht: so futterte er uns mit Korn, Fleisch und Kräutern ab. Der so sehr für den Körper sorgte: sollte der nicht mehr für die Seele thun? und diese ist lüstern nach ewigem Leben. P4 Wie Der 21te September. Wie nahrhaft ist das Obst! Arme und See fahrer verstehen das besser, als die Reichen, die es nur beim Nachtische verschuißeln! Welche gefunde Speise! fast die einzige, welche der Arzt dem Kran ken erlaubt! Denn jetzt sind die Zeiten aufgeklärter, und der lechzende Kranke befindet sich bei Erbbess ren, Kirschen, Johannisbeeren zc. besser, als unfre Vorfahren bei verordnetem Warmbier und Fleisch brübe.- Káme die bepuderte Pflaume zwei Mo nate früßer, und die fühlende Kirsche so viel später: das wäre gewiß, im Ganzen genommen, ungefund. Die Pfirsche und Melone scheinen ein Einwurf zu fenn: aber sie wachsen nur für die, welche durch Wein und Gewürz der Erkältung begegnen können. In heiffen Ländern sind sie gemein, und sind nebst Citronen dort eine nå hige Kühlung. 232 Das Obst ist so verschiebnen schönen Geschmacks, baß kein Mensch auslernt. Jeder Himmelsstrich hat seine Lieblinge, und das muß der neidische Nach bar leiden. Italiens Obst und Schwedens Eisenwendet euch mit Politik und Finanzkunde wie the wollt; ihr müsset jedem das seine lassen. Die Vor ficht wollte die Nationen durch Schiffart und Hands lung brüderlich verbinden. Aber thut was ihr kön net; denn die Kunst hat Antheil an dem hohen Ge schmacke des Obstes. Wunderlicher Gegensah: Natur und Kunst! fektere war so wohl die Absicht Des Schöpfers als die erste. Got wollte uns nicht Holzäpfel geben: sondern befahl uns zu ofuliren und zu pfropfen, um uns sehrlingen das Poliren und Abfegen seiner Werke zu überlaffen. Gefüllte Blumen und süsses Obst sind daher die natürlichsten; Felds Der 21te September. 233 Feldnellen und Holzbirnen aber unnatürlich, weil der Mensch wider die Natur handelt; und die letzte Hand nicht daran legt. Welcher Ueberfluß des Obstes! Die Wolfss milch aber wollen wir den Vögeln wohl abtreten; aber durchaus fein Stück Obst. Du überschlägst im Mai die Blüten und wünscheft sie alle reif: Thor! dein Baum würde brechen und kein Apfel reif werden. Mehltbau, Sperlinge, Naupen,- Du schimpfest über die Mireffer und murrest wie Jona unter dem Kürbiß. Vom Abgeben magst du nichts hören: nun se hör deinen Vortheil! Der hungrige Eigenthümer wollte nicht im Junins einige hundert Knospen abbrechen, um dem Baume luft zu schaffen, und er båtte auch gewiß nicht die beste Wahl getroffen; die mitleidige Nas tur läßt es daher durch den Wurm stechen. Der Vortheil davon ist groß. Denn 1) werden dadurch Geschöpfe ernähret, die, wenigstens nach ihrer Vers wandlung in Fliegen, Käfer und Schmetterlinge, mi telbaren Nutzen für uns haben. 2) Das Abs fallen madigen Obstes erleichtert den Baum. 3) Die übrigen festern Früchte bekommen mehr Saft und Sonne. 4) Wir erhalten zeitiger Obst; denn da der Wurm verschiedne Saftgefäße zerbiß; so hörte die Frucht auf zu wachsen und fieng an zu reifen, wie unreifes Obst, das wic abpflücken und hinles gen. 5) Würde alles auf einmal reif; fo würden wir überlaben. So aber ftirbt, nach zernagten dern der Stengel ab, und wir haben lange hinter einander reife Früchte. 6) Der Geschmack des ans gestochnen Obstes wird schöner, wovon verschiedne Ursachen seyn können. Ps Der 22te September. Gütigster! du nährest, heileft und erfrischest mit Obst; und Menschen stimmen Uebermuth und Klagen an! So undankbar können die übrigen Obst: effer, die wir zerschneiden und zertreten, nicht seyn. Wie manche Stockungen meines Körpers mag das Obst gehoben haben! O! daß es doch auch einmal die Stockungen meiner Seele hobe, damit Dank and Zuversicht sie ungehindert durchflossen! Von nun an soll der Obstbaum mir ein Herold göttlicher Liebe seyn. 234 Der 22te September. Bist du boch nicht Regente Der alles führen soll: Gott sißt im Regimente Und führet alles wohl. " chon wieder Tag und Nacht gleich? Wo ist der Sommer geblieben!" So flag: ten heut Tausende und nahmen ihre Maaßregeln. Der Reiche beforget Aderlaß und Medicin, der Ur: me Ofen und Küche. Beide sehen die jetzt kommens de Jahrszeit wie einen angekündigten Krieg an. Zehn Murrende jetzt gegen Einen, der seit etlichen Monaten Gott für die angenehmen Tage gedanket bat! Er kann ihnen zwanzig Uecker, Häuser, Nem ter und( wenn sie reich und menschlich genug sind) Kinder geben- das ist gut und billig! aber unauss stehlich ists, wenn Eins von diesen Dingen wieder abgegeben werden soll. Der Der 22te September: 235 Der verwegenste Eigendünkel erklügle eine bess te Einrichtung: so wird jeder Naturkundige Mits leiden mit ihm haben. Das Aequinoctium ist eben so heilsam, als der Johannistag. Eine Jahrszeit arbeitet der andern in die Hand, und ohne Drohs nen und Wassertråger könnte der Bienenstock nicht bestehen. Die verlängerten Nächte sind, für Land: leute und schwere Arbeiter, eine nöthige Erholung durch den Schlaf. Daß doch also in dem gesegnes ten Deutschlande die Klagen über die Verlängerung der Nächte unerhört wären! Ja, es giebet viele Lander, wo Tag und Nacht Jahr aus Jahr ein gleich sind: aber sie werden meistens von armen und dums men Menschen bewohnt. So ist es auch mit den ländern, wo die Tage oder Nächte monatlang daus ren. Wer wollte unter uns flagen, denen Gott ( fast möchten wir sagen als Lieblingen) eines der schönsten Zimmer in seinem Eropallast angewiesen bat! Gutigfter Herr! du bewirthest mich über Vers dienst. Und fehlet mir, bei jetzt bereinbrechendem Abende des Jahrs hin und wieder eine Kleinigkeit: so habe ich sie wohl nicht von dir gefedert! Ach! wer gegen Herbst und Winter doch recht gebetet hätte! Wer es doch den Sommer über ges lernt hätte, daß Gottes Werke ohne Tadel sind! Kann der Allweise schlechter handeln, wenn die Tage ab, als wenn sie zunehmen? Die meisten Gelehrtent freuen sich, der Stille und Maße wegen, auf den Winter. Aber als ob er auch die Klaglustigsten und Seufjerreichsten zufrieden stellen wollte: so übers schüttet er uns jetzt mit Früchten der Uecker, Gärten und Wälder. So schmeicheln wir einem Kinde, dem wir das brennende Licht wegnehmen, und geben ihne einen 236 Der 22te September. einen Apfel dafür in die Hand. Werden die Tage länger als die Nächte: dann sind wir mit einem Blumenstrauß zufrieden. Die Einrichtungen, o Gott! sind unverbest ferlich: aber die meinigen! Die langste Nacht ist Connenschein gegen meinen Wandel! Tag und Nacht sind sich jetzt gleich: sind es meine Tugenden und Thorheiten auch? Und wenn die lettern noch immer länger sind, als die erstern: so sollte es mir ja fast lieb seyn, daß von nun an die Nacht mehr Schatten um sie wirft, als bisher. Dürfte jemand immer Sonnenschein fodern: so wäre es der Fromme. Jedoch, wer viel Gutes thut, dem erzeiget Gott nichts als Gutes; und es ist ein Kennzeichen der Frömmigkeit, wenn man an den Wegen der Vorsehung nichts zu tadeln weiß, desto mehr aber an sich. - Regier denn nach deinem Plan, Allgütigster! ich will dich in Demuth preisen. Und wäre das folgende halbe Jahr nicht so schmeichelhaft als das vergangne: so gewinnet doch vielleicht meine Seele dabei. Je eingezogner und schattigter: desto besser kann ich nachdenken und für mich selbst leben. Mans cher Thor, manche Reizung zur Sünde wird jetzt weniger von mir gesehen. Fast dürfte ich sagen: die jetzige Jahreszeit gehet den natürlichen Gang in Absicht meiner. Jeht richtet sich der Tag nach meis nem Leben und wird täglich kürzer. Und wer weiß, wie bald ich den kürzesten Tag meines hiesigen Das feyns erreiche! Nur der mag für Winter und Grab erbeben, der für beide ein Müßiggånger war. Die Abende werden nun långer: mein Umgang mit Gott, mein Dank werde es auch! Det Der 23te September. Wo fevd ihr jugendliche Freuden! Ach! viel zu schnell für mich entflohn! Was litt ich schon! Und wie viel Leiden, Die noch im Hinterhalte drohn! 237 Ich will jetzt einen Beſuch bei meinen Jugendjah, ren abstatten. Das damalige Spielzeug fostes te weniger als das jetzige; die Gespielen waren eins fältiger und ärmer, als sie jetzt sind: und dennoch ziehen wir jene diesen weit vor! Angenehme Rüksicht auf die Jugendjahre bleibet, auch im höchsten Alter, ein Gedankenfest. Sorgen, dieser Wurm, der unsre Reifung zum Tode beschleunigt, schonen der Blüte des Lebens. Haben wir auch dann und wann kleine Anliegen! ein paar Thränen, die noch nicht sauer zu weinen und lachend weggewischt werden; einige Bitten, die nicht fo demüthigen als jetzt, beruhigen uns leicht. Lieba teiche Einrichtung, taß wir uns in der Jugend um das aufziehende Gewölf nicht bekümmern, und Luft zum Leben behalten, fo viel auch unsre Eltern dars über seufzen! Nahrung, Ehre, vorzubauende Kranks heiten und andere Centnerlasten hoben wir mit einem Finger nnd wußten nicht anders, als der uns ers schaffen hatte, müsse uns auch erhalten. So wie aber die Kraft, uns selbst zu versorgen, zunimmt: fo 238. Der 23te September. so nimmt der Glaube ab. Und doch ist kindlicher Glaube Pflicht! Welche Gesundheit des Leibes und Herzens, die sich durch Sprünge und Frölichkeit aufferte! Wie gelenkig war der Körper, und in wessen Dien sten ist er so tråge geworden? Wie leicht schlief ich! wie fest war der Schlaf! wie gewürzt jede Speise! wie offenherzig, gesprächig und zutrauend! Jest bin ich zuweilen böse auf mich:( und ich sollte es öfterer seyn!) damals hatte ich keine Ursache dazu, Sabe ich mich jetzt in meinem Flügelkleide hüpfen und reden: ich würde den fleinen Narren lieber ge winnen, als den grossen, der sich brüstet und für tet, sich måstet und hungert. Unverwandte, Schulfreunde und treuherzige Nachbarn: wo sind diese gute Menschen! Nun sind Herrn über mir, welche meine blutsaure Arbeiten genau besichtigen, ehe sie fümmerlichen Tagelohn austheilen! Zwar auch als Kind erlitt ich kleine Strafen; aber es war denn doch auch vergessen und vergeben. Jetzt tråget man mir eis nen Fehler nach bis ins Grab. Berläumder, Wuchrer, hämische Schmeichler zc., hätten mich damals zum Lachen bewogen, und nun mögte ich nicht selten über sie weinen. Der Todestag unsrer Eltern ist meistens das Signal für Kummer und Feinde aller Art. Wir verlieren mit ihnen gar viel! Wenn wir ihre liebe verschmähren, ihre Er mahnungen tabelten und ihre Schätze verpraßten: o! das erfodert Thränenopfer, ehe wir dort ihnen eine Art von Rechnung ablegen müssen. Ach! auf Der 23te September. 239 auf dem Schoos der Mutter und an der Hand des Vaters!- so weich seket uns die Welt nicht wieder; so führet uns fein Freund! — Ich hatte weit aussehende Hofnungen und befand mich wohl dabei. Jetzt stehen mir Mangel, Ulter und Grab vor Augen: und doch muß ich Wohlstands wegen oft freundlich seyn! Die Muss feln des Gesichts, die sich ehemals so leicht zum lachen verzogen, sind wie verwachsen; und es fos stet von Jahr zu Jahr mehrern Aufwand, wenn ich mich von Herzen freuen soll. In Jünglingss jahren scheinet die Welt eine ofne Allee; aber bald umschließt uns ein Käfigt, der fast keinen andern Ausgang hat als ins Grab. Glückliche Kinder, die so viel schönes von der Welt erwarten: aber noch glücklichere Alten, die ihrer entbehren können! Im Laufbande ist alles neu, und wir lassen uns mic Kleinigkeiten abfinden: mit der Krücke in der Hand ist nichts neu als der Tod, und Schande, wenn wir uns mit etwas kleinerm abfinden lassen, als dem Himmel. Himmlischer Vater! bis auf diese Anhöhe haft du mir geholfen, und da ein dichter Nebel die noch zu erkletternden Berge verhüllt: so ergreif ich deine Hand. Dank sey dir für die unschuldige Freuden meiner Jugend. Ich schliesse davon auf den Himmel, wo keine Sünde alt und gråmlich macht! Kann ich jetzt gleich so nicht mehr schlas fen, als in meiner Kindheit: so kann ich jetzt doch andächtiger beten. Und bald trete ich meine ewige Jugend an! Der 240 Der 24te September. Denk icb: so denkst du nicht Der Sünden meiner Jugend; Barmherjig, denkst du dann Und giebst mir kust zur Tugend. Gott ott deine Gedanken sind Sonnen: die meinis gen faules Holz. Der älteste Mensch mit allen seinen Veränderungen ist vor dir wie ein Kunst feuer, das schleunig verlischt. Ich, Säugling und Greis, werde nur von dir erkannt. Meine Eltern und Freunde sähen meine erste Thränen, aber schwerlich werden sie meine lekten sehen. Da aber bleibest; mein erstes Wimmern und legtes Rocheln sind Ein Gedanke vor dir. Glücklich, wenn ich mit Vergnügen mich meiner Kindheit era innern könnte! Aber welche unangenehme Rücksicht auf die Jugendjahre! 1) Habe ich so viel möglich gelernt? Ohne Die Schuld auf Eltern und Lehrer zu schieben, die sich ohnehin verantworten würden, will ich viels mehr über Trägheit, und unzeitigen Vorwiß mets ner Jugend bitterlich klagen. Die beil. Schrift und die Werke der Schöpfung sind die Hauptwis senschaft: alles übrige, selbst unsre Brodwissens schaft, muß jenen untergeordnet seyn. Wer es umkehrt, bedenke seine fünfrige Rechenschaft. Salomo kannte von der Ceder bis zum Ysop die Bers Der 24te September. 94 E Werke Gottes, ohne Brod oder Beförderung von dieser Kenntniß zu suchen. Kdn. 4, 33. Wer von Sternen bis zu Insekten nichts fennet, als was er verzehren und zu Kapital schlagen fann: der beweine feine Jugendjahre! denn nun ist es Herbst, und er soll ernten! 2) Wie bearbeitete ich mein Herz? Im 7ten Jahre vermögen wir hierin mehr als im 7osten. Damals waren meine Fehler unausgebrütete Raus pennester: abgeknickt und zertreten, so blieb der Baum gut. Kriechet die Brut aber erst aus: dann tödten wir wohl einzelne: aber es bleibet ein kränklicher Baum, woferne nicht stündlich nach: gesucht wird. Traurige Erinnerung, daß wir als Kinder Eigenschaften befassen, die uns jedem ans genehm machten: sie verloren sich aber mit den Jahren, wie die Feinheit und Jugendróthe der Haut! 3) Wie oft übertrat ich das 5te Gebot, laut oder schluchzend, öffentlich oder unter Gespielen? Betrogne Eltern! háttet ihr an eurem geliebten Rinde so viel Arglist vermuthet? Heimlich vers spottete Lehrer! Gott muß euch besser belohnen als wir, die wir euch verabscheuten, als Tirannen! Aber ihr sämtlich werdet gerächet. Unfre nachfole gende Aufseher faffen uns fürzer, und wir müßen gehorsam und freundlich seyn, ob wir gleich wiss fen, daß sie mehr ihr Bestes als das unsrige sus chen, Eltern und Lehrer; ihr ersten Abdrücke von Gott! ach! vergeber meinem Ungehorsam, dieser Queckenwurzel so vieler nachmaligen Sünden! Noch auf euren Stand will ich Reue hinweinen! Tiedens Abendand, II. Th. D 4) Das Der 24te September. 4) Das 5te Gebot! O! ich kleiner Ueber: treter! Kaum konnte ich greifen, so würgte ich schon. Jeder Bogel fand in meinen Klauen seine Folterbank, und mein wildes Herz hüpfte, wenn das gemarterte Thierchen zappelte. Aber weiter, wofern mir diese Barbarei noch jekt eine Kleinigs Feit scheinet: ich tödtete vielleicht auch schon Mens schen! So viel Berdruß: so viele Giftpülverchen theilte ich aus. Soll ich genauer untersuchen?- Nein! lieber die Anklage fallen lassen und Gott abgebeten. Habe ich jemand sein Leben verkürzt: o! so erbarm dich sein und mein, du gütiger Gott! Noch eins! Spielt ich nicht schon mit schwachen Händen die Rolle eines Selbstmorders? Wie gefund würde ich jetzt seyn, wenn ich in der Jugend gehorchte, Erhikung, pldkliche Erkältung, Schrecken, Zorn und Schwelgen vermied! Und ich wollte jekt Gott anklagen, wenn ich nicht so gefund bin, wie ich seyn könnte? 242 10 Noch bringet sich ein Heer von Sünden hers bei, das sich durchaus mit anschliessen will. Die übrigen Gebote verlangen gleichfalls Genugthunng, Jugendlicher Diebstal, Schadenfreude, Eutheilis gung des Namens Gottes, gewagte Flüche, heims liche Schamlosigkeit.-O! ich verstumme! lind das waren meine schönen Jahre? So viel Einfalt und Bosheit, und dennoch wünsche ich mir diß Alter wieder? Das ist eine Satire auf meinen Verstand und auf mein Herz. Wer muß ich also jetzt seyn!- Bater im Himmel! Dein reuiges Kind bin ich. Der Anfang des Lebens war schlecht, das Ende müsse besser seyn, das hilf Herr Jesu! Der Der 25te September. Erbarme deines Volkes bich Und der bedrängten Glieder! Gieb Glück zu jeder guten That, Und laß dich, Gott! mit Heil und Rath Auf unsern Fürsten nieder. 243 Man an muß wenig Religion haben, wenn man bei der Geburt eines Prinzen, zumal in mách: tigern Häusern, gleichgültig ist. Ein solcher Tag ist, wie bei schwüler und dürrer Sommerszeit ein schwarzes Gewölk am Horizont. Das Land lechzet, und wir hoffen, das ausgefogne Kornfeld und das herabhangende Haupt der Blumen, soll durch sanfs ten Regen endlich erfrischer werden: aber es können auch Schlossen kommen! Die abgefeuerten Kanonen bei der Geburt eines künftigen Herrschers sind ein herauf murmelndes Gewitter, welches wir unter Furcht und Hofnung erwarten müssen. Sürsten, als Instrumente Gottes, verdies nen unsre größte Ehrerbietigkeit. Durch sie kann Gott mehr belohnen oder bestrafen, als durch ire gend ein andres Werkzeug. Ganze ånder blühend oder dde zu machen; Völker zu erheben oder zu des müthigen, und zwar langsam, damit jedermann nachdenken könne; die christliche Lehren in ein andres Land zu verpflanzen, wo beßre Wartung und wes niger Ungeziefer ist: das alles richter Gott durch seine 244 Der 25te September: feine gekrönte Boten auf Erden aus, und zwar so natürlich, daß oft nur die Frommen und Klugen einer höhern Hand dabei gewahr werden. Mancher Monarch hat recht, daß er sich von Gottes Gnaden her schreibet: aber Attila, der Hunnen König batte auch recht, daß er sich eine Geiffel von Gott namns te. Nicht die Hand unfrer Regenten, sondern vielmehr die Hand Gottes ist über uns. Also ist es wohl ein Würfelspiel, wie viel und was für Prinzen uns geboren werden? Nichts we niger als bas! Die laster oder die Tugenden eines Landes sind die Hebammen seiner jungen Prinzen. Hat ein Boll die Bande der Religion dermassen zerrissen, daß sich fast jeder Angesehene zu beten schämet: so müßte Gott Wunder thun, wenn der junge Prinz luft zu beten bekäme, d. i. wenn er einen unsichtbaren Obern über sich erkennte, von dem er die Krone habe und könnte noch mehrere erlangen Fönne. Und wenn er seinen Herrn für nichts achs tet, was wird er sich doch aus dem Bienenstock seiner Unterthanen machen? Das Honig wird er ihnen nehmen, sie aushungern, oder durch Pulverdampf ohne Noth todträuchern, und bei jedem Gewissenst biffe( die aber doch immer geringer werden) fragen: wer ist der Herr, dessen Stimme ich gehorchen soll? Ich! Ganz anders wird der Prinz erzogen, wenn die Greffen des Landes es für edel halten, mit Gott umzugehen. Alsdann wird er seine hohe Geburt nicht für einen Hazard, sondern wie eine göttliche Absicht ansehen: und sein Herz wird groß werden, weil er weiß, daß der Allmächtige sich seiner zu groß fen Zwecken bedienet. Gett - " Der 24te September. 245 Gott lenket zwar alles zum besten, und zu grossen Revolutionen werden irreligiöse und wilde Beherrscher erfodert. Der verschwenderische Pabst Leo erwekte die Protestanten; der Kardinal Riches lieu hegte sie und Karl der zwölfte ertrohte ihnen Kirchen. Indessen wollen wir doch herzlich beten: daß Gott uns gute Fürsten verleihe. Monarchen fönnen uns Thränen und Blut, unsrer Sünden wegen, abzapfen; und ihre Hände reichen immer bis ins folgende Jahrhundert. Wie viel Gutes, 3. E. Religionsfreiheit haben wir nicht längst vers storbenen Fürsten zu danken! O! wenn sie gutes thun, dann freuen sich Himmel und Erde. Giebt es höhere sichtbare Wesen auf Erden, als Menschen: so find es die, welche hier und dorten Kronen tragen! Herr aller Herren! erbarm dich deiner arment Könige und Fürsten, und ihrer noch ärmern Unters thanen! Stoß den Freigeist hinweg, der deine jun ge Gefalbten verführen will! Dank sen dir für jes den edlen Gedanken, den du unsern Regenten ein: fldfest! Gern wollen wir ihnen dienen, denn sie tragen dein Eberbild. Bielleicht, wenn wir schlas fen, denket unser Sandesherr noch auf neue Wohls fahrt für uns: dann, Herr im Himmel! ist er die dhnlich und groß. Gott! segne und erhalte den Fürsten! 2. 3 Der 246 Der 26te September. Die Sonn entzieht jest Wärm und Licht; Du, Gott! entziehst mir beides nicht: Durch Betten wärmt mich deine Gnade. Dein Wort ist Licht auf meinem Pfade. Die ie Abende sind jetzt schon sehr füht, und eins gebeizte Zimmer noch nicht recht zuträglich: Die Wohlthat der Betten ist in dieser Jahrszeit merklich, wann wir- des Morgens ihre angenehme Wärme verlassen müssen. Mein Bette soll mich jeht zum Lobe Gottes ermuntern; denn wo ich Got: ts Wohlthaten finde, da schweige ich nicht. Unsre Gesundheit würde leiden, wenn wir bei fühler und feuchter Nacht die Ausdünstung des Körpers nicht zu befördern wüßren, zumal in der Kindheit und im Alter. Könnte jeder Soldat im Feld unter Betten liegen: so würden die Lazarethe nur halb so volkreich seyn. Die Gewohnheit( und vielleicht eine üble uns verzártelnde!) macht in uns ferm Klima die Betten ziemlich nothwendig; und es wäre nur zu wünschen, daß wir uns dazu der Baumwolle, der Pferdehaare, des Flanells u. f. w. statt der Federn bedienten. Denn oft ist unsere Bets tenhiße schädlich z. E. bei Gichtschmerzen und Ents zündungen; und durch zu viele Ausdunstung ers schlaffet se den Körper der Gefunden. Ja, mans cher Kranke würde besser- genesen und nicht phantas fiten, wenn er weniger in Federn eingepakt wäre: aber nächst der Sonne geben uns Betten doch die tem Der 26te September. 247 temperirteste und gleichseitigste Wärme. Heisse Zimmer hingegen erhißen den Kopf mehr als die Füsse, und ein solcher Bluttrieb wird leicht gefährs lich. Welcher Freund ist das Bette, wenn wir sels ner etliche Nächte entbehren mußten! Ist es schånds lich, ohne Danksagung zu Tisch und wieder davon zu gehen: so ist in Absicht unsers Bettes der Uns dank noch gröber, weil es weniger foftet, als die Tafel, und länger und gesünder erquickt. Und wie viel Thiere mußten nicht Federn und Haare zu uns ferm nächtlichen Wohnhause hergeben! Der Eiders vogel, eine Art Enten vornehmlich in Island, rupfet sich die weichste Federn am Bauch aus, um feinen Jungen ein warmes Nest zu bereiten. Die Einwohner des Landes aber holen die Dunen zwei bis dreimal von den Klippen herab. So bekommt dis arme land einen Handlungszweig mehr; unfre Reichen erhalten leichte und warme Betten; der Bogel berupft sich zum dritten, viertenmal für feis ne Brut: und so half Gott nahen und fernen Ge schöpfen zugleich. Der gütige Erhalter! Wie leicht macht er es uns nicht, unsre Betten zu besorgen! Er gab den Gänsen Zamheit und wohlschmeckendes Fleisch. Fehlte eine dieser Eigenschaften, so könnte nicht die Hälfte von uns in Betten schlafen. Wir ruhen also auf Federn oder Haaren von Thieren, welche ihr Leben vor uns lassen mußten! Im Bette sind wir weniger Thoren, als int Kleide. Wir liegen einsamer vor Gott, und desto sträflicher, wenn wir uns selber verführen! Im Gas lafleide spielet der Mensch Komödie, und kann nicht natúrs 2.4 248 Der 26te September. natürlich reden und handeln. Das Bette entledigt ibn dieses Zwanges; brusten kann er sich darin nicht, gaffende Bewundrer sind nicht da; nur der Allge genwärtige ist da, und fodert Dank und Gebet. Und die will ich dir bringen, unaufhörlicher Wohlthäter! so oft meine Betten mich umfangen; denn auch sie sind Arme deiner Liebe. Uch! es ge hört viel dazu, wenn ich vergnügt zu Bette geben foll! Erbarm dich, Bater! aller, welche jett unter freiem Himmel, zu Wasser und Sande, oder gar in Gefängnissen und ihnen ähnlichen Hütten nach Bet ten vergebens sich sehnen! Erbarm dich derer, wel chen ihr Krankenbette so hart und heiß wird, daß sie sich wund liegen! Es sind doch sämtlich deine Geschöpfe, und ich muß mich ihrer mit Wehmuth erinnern, weil sie zum Theil auch um meinet willen reisen und leiden. Viele Seefahrer sind meine Wohl thäter; und jeder, der in meiner Nachbarschaft frank ist, soll mich reizen, meine Gesundheit höher zu schätzen und dir herzlich dafür zu danken. Mein Erld er hatte nicht, wo er sein Haupt hinlegte; der reifende Jakob hatte einen Stein zum Kopfküssen; Millionen beßre Menschen als ich, liegen jegt auf Erde eder Stroh! mit diesen Gedanken fall ich in mein Bette, erstaune über meine Vorzüge, lächle prünstigen Dank gen Himmel, und schlafe, wie ein eingewickelter Säugling unter den Augen der ihr fanft wiegenden Mutter! Der Der 27te September. Ich?- straft mich doch, ihr Augenblicke, Da mich die Windel erst umschloß! Wo war der Held von seinem Glücke, Als ich, entblößt, in Thránen floß! Erwärmt von unbekannten Armen, Unwissend, wer mir Nahrung gab, Hing mit mitleidigem Erbarmen Mein unempfundnes Wesen ab. 249 J! diß Ich!- dis ſtolze und so manche Sünde gebähs rende. Ich kann selten fleinlaut genug ausges sprochen werden. Der Tag meiner Geburt foll jetzt meiner eingebildeten Hoheit Verweise geben. Meine jebige Tage sind Schmeichler, weil ich sie besteche; der damalige schilbert mich, gleich alter Bedienten, freier, denn er fah mich nackend und hilflos. Könnte ich doch jetzt alle Auftritte dies für mich fo entscheidenden Tages wissen! So aber find es wenige Ueberlieferungen, nebst einigen ähns lichen Fällen, welche mich belehren. Ich trauriges Geschenk! Todesangst feftete ich meiner Mutter; mein Vater zitterte zwischers Furcht und Hefnung, feine Geliebteste zu verlies ren, oder Mutter und Kind mit Freudenthránen zu füffen. Alles stand oder lief athemlos in feierli cher Erwartung; brünftige Gebete stiegen gen Hims mel: Thränen, Seufzer und Gelübde drangen pinauf! Gott erbarmte sich endlich und ich fam auf 2.5 950 Der 27te September. auf die Welt. D! hätte ich damals Verstand und ein empfindsames Herz gehabt: ich hätte den rodtenmäßigen Anblick meiner armen Mutter nicht ertragen können: für Mitleiden hätte ich mich aus geweinet. So aber weinte ich über mich, als sey mir groß Unheil zugefüget und schlief bald darauf ein; dahingegen meiner entfråfteten Mutter der Schlaf verfaget wird. Die liebe Mutter und ich kleiner Barbar! Und dennoch tröstete sie mich, sobald es mir beliebte zu weinen! Kaum war ich da, so fostete ich meinen Eltern mehr, als ich ihnen jemals erstattet habe! Die erste Scene meines Lebens und die lette haben viel ähnliches. Unter Schmerzen, Gebet und Hefnung erschien ich, und so werde ich auch vermuthlich verschwinden. Einige Auszierungen wollten so viel nicht sagen, z. E. Ehegatten oder Kinder statt der Mutter, der Arzt statt der Hebam: me, und für die Wiege der Sarg. Die Haupt sache ist Eins. Damals that ich aus einem Schlummerleben einen Schritt in ein thätigers! und meldete mich durch einen und Schreien an: im Tode auch, und melde mich durch Freudenges schrei und Lobgesänge an. Damals lag ich in den Armen meiner gemarterten Mutter: dort umats met mich mein Erldser. Da freueten sich redliche Anverwandten meiner Geburt; dort bewillkommen mich selige Geister. Ich wuchs damals fast zu sehends: dereinst jedoch irdische Gleichnisse hin Fen, so bald wir sie auf ewige Dinge anwenden. Nur den Gedanken nod): meine damalige Angst and erlittne Gewalt empfand ich nicht. Und wäre mein 1 Der 27te September. 251 mein Krankenbert einst noch so schmerzhaft: das wird in Ewigkeit vergessen. Gott låsset uns nicht länger weinen, als es, uns einige Hülfe zu geben, nöthig ist. Wo sind die wohlthätigen Hände bei meiner Geburt? Wo die Zärtlichkeit, die mich damals so uneigennüßig an ihre Brust drückten? Ach! folche Schmeicheleien empfangen wir nachher nicht mehr. Selbst Verlobte verbinden sich meistens nur aus Eigennuß, der zarten Haut, der künftigen Vers forgung wegen, oder nach Goldgewicht. Ich kleis nes in die Wette damals geliebtes Wesen, dem eis nige das Leben kaum bis zur Taufe versprachen: was ist nun endlich aus mie geworden? Die mich damals füßten, wiegten und anlachten: haben ans dern Plaß gemacht, welche mich drängen und zum Weinen vermogen! Aber, was wimmre ich? Ich war doch damals nur ein Embryo von einem Menschen; ich konnte weder denken, noch weniger Gott danken und beten. Jetzt aber kann ich es; und werde, wenn ich diß Embryonsleben verlasse und mich ganz zur wahren Menschheit entwickle, dann werde ich es noch mehr und herrlicher können. Jeßt will ich also für eine ruhige Nacht beten. Uber warum? Der Gott, auf den ich geworfen ward von Mutterleibe an, wird mir nicht weniger geben, als mir nöthig und nüßlich ist. Danken vielmehr will ich dir herzlich, mein ewiger Vater! dann an deiner Hand betrat ich Hülfloser diese Welt! und so will ich sie auch, nach deinem Rathe, muthig verlaffen. Welcher Stoff zu Dankliedern soll meis nen Eltern und mir, noch in der Ewigkeit der Tag meiner Geburt feyn! Der 252 Der 28te September. Von Ewigkeit hast du mein Loos beschieden; Was du bestimmst, das dient zu meinem Frieden; Du wogst mein Glück, du wogst mein Leid, Und was du schicst, ist Seligkeit. Cott! ott! beine Güte ist die Luft, in der wir leben, Der fleinste meiner Blutstropfen wäre ein Weltmeer, wenn ich alle seine Bestandtheile kennete, welche deine Güte abwog, sie in einander mischte und fast in jedem Augenblick, so bald ich fie abge nußt habe, wieder ersehet. Durchströmt also von deiner Huld, hebe ich dankbar meine Hände empor. Odu! der milde Geber im Himmel! dfne mir die Augen, damit ich deine Wohlthaten erkenne; und rühr mein Herz, auf daß es von Gegenliebe durch drungen sey! Der jezige Othemzug, den vielleicht tausend andre Geschöpfe schon eingeathmet hatten, ist ein grosses Geschent. Mein Feind würde mir ihn gerne vergiften: aber Gott giebt, auch seinen Feinden und Verachtern, gesunde Luft. Es ist kein Element, welches nicht in jeder Stunde zu meinem Besten arbeitete. Der Ocean tråget feine Schiffe auch für meine Gewürze, Arzeneien und Leckerbissen. Die Erde arbeitet oder ruhet für meine Küche; jede be wegte luft gereichet mir zur Kur; und die geschehene Feuerschlünde schmelzen und löthen mir in tiefen Schach Der 28te September. 253 Schachten Metall, Medikamente und auch wohl Edelgesteine zu. Was ich nach zehn Jahren braus chen werde, es seyn ein gemådliches Zimmer, oder ein unbeschimpftes Grab, oder entzückende Beschäf tigung im Himmel; wer fann mir das heute bes forgen? Und beforget muß es schon heute mit seyn, denn ich fann niemals lange warten, sondern gleich den Kindern müssen meine Hände immer bald gefüls let seyn. Unendlich Gütiger! du besorgest alles: Neugebornen die Brust und sterbenden Deinen den Himmel. O! wenn einer dieser letztern zurückkehrte, und die liebe des himmlischen Baters schilderte: wir würs den nichts davon verstehen. Ehe könnten wir einem königlichen Säuglinge begreiflich machen, was sein Vater für ihn beforget, als daß uns ein Seliger den Himmel befchriebe. Unser Vater fann uns hier im Laufbande noch kein Gold oder Edels gesteine anvertrauen; und dennoch zeigen unsre. Spielsachen schon von seinem Reichthum. Kein Mensch ist arm, als der seine erhaltene Geschenke zerbricht, wegwirft, nicht wieder aufheben mag; oder nicht um neue und beßre bittet. Und oft ist es das wichtigste Geschenk, wenn uns die Vorsicht schädliche Dinge aus der Hand nimmt, um uns ets was beßres dafür zu geben! - Das föstlichste Geschenk des Himmels, was fo viele gierige Menschen wegwerfen, ist die Relis gion. Alles übrige füllet unsre Begierden nicht aus, und ist nur Zeitvertreib im hiesigen Gångelwagen, dessen wir bald überdrüßig werden. Die Religion aber schliesset den Himmel auf, und nun sind alle übris 254 Der 28te September. übrige Gaben auf Erden vergessen, oder sie erhal ten vielmehr dadurch erst ihren Werth. Bedent ich nun, wie Gott vor Jahrtausenden schon meine jebige Ueberzeugung besorgte: so ruf ich mit freu diger Wehmuch aus: Herr! was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst! Auch zu meiner Belehrung bauete Noah die Arche; auch meinem bangen Her zen sang David Trostpfalmen; jede Ermahnung Jesu bezog sich auch auf mich; auch meinen Zwei feln zu begegnen ward der Speer in seine Seite ge stoffen; Paulus reifete auch um meinetwillen; fur, ich bin in die Begebenheiten des alten und neuen Testaments wie eingeflochten. Hatte David keinen Sohn, oder verstarb er in der Kindheit: so könnte ich jetzt kein Christ seyn; denn Jesus mußte der Nachkomme Davids werden. Erreichte Herodes zu Bethlehem feinen blutgierigen Zweck: so ware ich jetzt ein Jude oder Heide. Mein Christenthum ist demnach so alt als die Welt. Mildester Geber! verzeih mir Biddsichtigen, daß ich nur immer eine Spanne weit sehe, und dann altklug über Mangel flage! Je mehr ich nach: denke, desto reicher bin ich. Und war ich nicht vor Grundlegung der Welt in deinem göttlichen Ver stande schon da? Und fandest du nicht alle meine Umstände so gut, daß du mich für schaffenswerth hieltest? Dank sey dir in Ewigkeit! Was ich mit Danksagung empfange ist alles gut, es sey Schlaf oder Nachtwache, Leben oder Tod! ä Der 29te September. Ja, Herr! ich bin ein Sünder, Und stets strafft du gelinder, Als es der Mensch verdient. Will ich, beschwert mit Squlden, Kein zeitlich eh erdulden, Das doch zu meinem Besten dient? 955 Und nd schüttete der Himmel seine Füllhörner unaufs hörlich aus; stürzten Korn, Wein und Blus men, Gold und langes Leben Tag und Nacht in den Schooß der Sterblichen nieder: umsonst! der kargesEmpfänger auf Erden bat niemals genug, und bleibet arm wie ein Verschwender. Das traus rigste dabei, daß er Gott gleichsam für seine Gerichtsbühne zieht und auf Wechselrecht anklaget. Zwanzig tausend Mittagssonnen sind vergessen, wann Eine trübe Stunde kommt. Dreißig tausend reichliche Mahlzeiten sind nichts, so bald der Alls weise einen Fasttag verordnet. Der hungrige Mensch schluckt, gleich Wasserstrudeln, alles ein, ohne etwas herauszugeben. Die Vorsicht mag schaffen; Menschen und Zugvieh mögen arbeiten; alle Wins fel der Welt ihr Markt liefern: ehret der Empfänger Gott nicht so schreiet er nach mehr. Noch leichter wird der gesättiget, der seine Ernte aus den Stops pela ziehet, als wer die Garben aufthürmen läßt. Dep 256 Der 29te September. Der Geizige zwischen zween Goldfasten fnfrsche über die Vorsicht, und selten haben Könige genug. Dieser Heißhunger muß uns woh! angeboren feyn? Ja gewissermassen! Sehet, daß zeitliche Gü ter uns befriedigten: so hörten alle weitere Wüns sche, und also auch der nach dem Himmel auf. Wäre aber das gemeine Volk io habsüchtig und miß vergnügt, als Eroberer und Kapitalisten! so wären wir feine Stunde vor Auflauf und Einbruch siche. Eben so weise ist die Einrichtung, daß Reichthum und Ehre recht fümmerlich abfurtern: damit die Seele entweder Gott fürchten oder darben muß. Wer barfuß gehet, flaget so leicht nicht über den Weg; aber in der Kutsche wird jeder spitzige Stein beachzt. Heilsame Einrichtung Gottes, daß Urme und Reiche bestehen können und daß die Hauptgdhen der Erde die Natur des Molochs haben. Wer ily nen dienet, muß das Liebste aufopfern, und dafür erhält er bei vielem Geräusch leere Versprechun gen. - Aber verwünscht sen aller Segen des Himmels, wenn mein Mitknecht nichts davon genießt! Haus rath vergolden zu lassen, wenn nicht vorher mans che Gesichter durch unsern Reichthum aufgeheitert würden, das ist Jüderen. Eben so wenig fann die Vergebung meiner Sünden gedeien, so lange ich meinem Beleidiger( der mich aber auch so nennt!) mit der Miene eines Kerfermeisters begegne. Wie unähnlich bin ich meinem himmlischen Muster! Mic Todeswürdigen gab er nichts als leben: ich aber babe zertreten, gemartert, erwürgt! Durch Wols luft, Geiz, Ehrsucht und Berleumdung verkürzte ich Der 29te September. 257 ich vielleicht die Tage einer Person, deren Auge uns ter funkelnden Thränen über mich beach! Mein Uns gehorsam nagte sogar an dem Lebensfaden meiner Eltern und Vorgesetzten! Ich wieherte für Freuden, indem beßre Menschen die Hände vielleicht über mich rangen! Was empfieng ich von Gott, und wie theilte ich es aus? O! ich müßte mehr Freunde has ben, wäre ich ein guter Verwalter der göttlichen Gas ben gewesen! So aber habe ich Feinde auf Erden, in der Hölle und im- Nun, Herr Jesu! im Himmel bist du mein Freund, und wer anag dann wider mich seyn! Hör nicht auf, mir neue Gnade zu geben! Ich will zus frieden deine Geschenke annehmen, und waren es auch nur Brosamen, die von meines Feindes Tische fielen. Jedoch so hungrig ernähren nur Menschen: du, milder Gott giebst überflüßig, entweder an Reichthum, oder Gesundheit und Zufriedenheit. O! lehre mich geben wie du giebst, und vergeben wie du vergiebst. Du erläsfest mir täglich grosse Summen, und ich wollte jeden ausstehenden Pfennig wie Erefution betreiben?- Jetzt giebst du einer Krants beit oder einem Engel vielleicht Befehl, mich nächs stens von hinnen zu führen: alsdann ist das größte Geschenk der Himmel. Herr Jesu! sen mir gnis dig: so spreche ich zu allen Befehlen meines Gote tes: Amen! Tiedens Ubendand. II. Th. R Der 958 Der 30te September. Sie flieht mit brausendem Gefieder Die Zeit, die mir die Vorsicht gab, Umsonst ruf ich sie schmachtend wieder: Sie ruft zum Richterstuhl mich ab. Wie ie doch die Zeit vergeht! Das waren nun schon drei Viertel des Jahres hingelebt uns ter Frost und Hiße, unter guten und bösen Gerücht ten, unter Geburten und Leichen, zwischen Him mel und Hölle! ,, Nun was ist es mehr, es ist ja noch ein Quartal übrig!" Sa ift es aber auch mein, und bin ich in Weihnachten derselbe wie heut? Zeig mir, o Todesengel! deine ausgezeichneten Opfer, damit ich meine Abendandacht beflügeln oder abspannen könne." Schlecht ter Einfall! Aus Furcht beten die Teufel auch. Und wenn mir auch ein Leibarzt Versicherung gåbe, ( wie ein Goldmacher zu geben pfleget) daß ich lange Leben würde: dennoch soll meine Andacht nicht schleppend, und mein Gebet hochgähnend seyn. Die Zeit hat Flügel, meine Natur sey noch so eisern: ich weiß gewiß, daß ich nach hundert Jahs ren längst todt bin. - - Die Zeit hat Flügel, rufen lustige Stimmen: nein ste schleichet wie ein Podagrist, winseln andre Stimmen dagegen; wer hat recht? War ich dieses Jahe Der 30te September. 259 Jahr unglücklich, so gebe ich lettern, sonst aber erstern meinen Beyfall. Eine Stunde ist sehr kurz oder lang, je nachdem die Umstände sind, welche fie begleiten. Freunde und liebende Personen bas ben die Hand zum Abschiede noch in einander ge leget, da sich der Geiger schon wieder hören läßt. Fraget hingegen einen Soldaten in der Schlacht, wie lang da diefelbe Stunde gebauert habe! Eine Nacht sanft verschlafen, oder an Steinschmerzen zugebracht, das berechnen wir nach ganz verschies denen Verhältnissen. Die lehte Stunde, die wir hier mit Bewußtseyn verleben, wird une wahes scheinlich die langste dünken; und nicht allein uns, sondern auch unsern Freunden und Wärtern. Daß Was aus dieser Betrachtung folge? wir nicht über die Zeit, sondern über uns flagen müssen, wenn sie uns zu langsam oder zu flüchtig dúnkt. Die vorigen Neujahrswünsche sind nun längst wie ein Mährchen am Winterabend vergess fen! Waren meine Gebet: nicht brünstiger, und auch nur jeden Abend ein Neujahrskompliment an den Himmel: dann will ich nicht die räubische Zeit, sondern meine landstreichende Gedanken vers flagen. Was habe ich mir von Gott seit dem Jenner erflehet? was im Februar erhalten? im Márz mit Dank genossen, im April auch andere geniessen lassen? O! bei solchem Tarif hat das Jahr zu viele Monate! Ich habe empfangen und genoffen: das wäre so nach meiner Rechnung Summe und Transport. Aber ich empfange ja die Zeit nicht in Pausch und Bogen: sie fodert mir daher durch jeden Glockenschlag eine besser rus briccirte Rechnung ab!- R 2 Ich 14 Der 30te September. Ich kann sie nicht geben: gieb du fie, Here Jesu! mit deinem Blute. Ich habe die drei Quartale dieses Jahres lange nicht gut genug angewandt: das bereue ich ernstlich. Das lette aber, wenn ich es durchlebe, soll besser verwendet werden! denn ich will, wie ein Sterbender der nach der Uhr fraget, die Zeit mit Tugend auskaufen. Allgegenwätiger! du hast doch mein jeziges Vers sprechen gehört? 260 ä 261 Der Monat October. Der ite October. Herr, mein Gott, durch den ich bin und lebe, Gieb, daß ich mich in deinen Rath ergebe, Laß ewig deinen Willen mein, Und was du thust mir theuer sepn! Finige Millionen meiner Brüder werden in dies sem Monate sterben, noch weit mehrere aber erfranken! Das Laub fällt ab und viele schwächliche Menschen auch; Die Felder liegen nackend da, der Garten stehet mit verschoßnen und zerrißnen Kleidern, und die Natur stirbt an der Entfråftung! Sonst geschwäßige Vögel verlassen uns bei dieser Armuch, gleich Schmarchern; selbst die zutpåtige terché macht sich, für ihre Gesänge, auf Hirsefels dern bezahlt, und etler glücklichern Gegenden zu. Streicher auch ja ein Vogel noch ängstlich durch unfre Fluren: fein einsilbiger Ton wimmert über Mangel und Noth. So bleiben nach dem Durchs Zuge einer schönen Armee, einzelne Kranke und Marodeurs zurück, die kümmerlich am Stabe eins herschleichen. Das ist die Natur dieses Monats, und dafür will er noch bezahlet seyn. Trube Aussichten! Die Ausgaben wachsen nun mit Macht. Win terkleider und Feuerungen müssen besorgt werden, und R 3 gleich 262 Der ite October. gleich Schiffern müssen wir uns auf einige Monate verproviantiren. Daß diß aber teine Kleinigkeit sen, würde uns in mancher Hütte und Dachstube mit Thränen betheuret werden. Dort siket der Vater bei der glimmenden Lampe und sinnet auf Bertheidigung gegen die lange Belagerung des Winters. Der Mutter entrollen Thränen auf die Brust, welche der Säugling mittrinkt. Sie kann sie sich nicht abwischen, weil sie die rothen Hände des Kindes zu der ihrigen erwärmt. Der vierjäh rige Knabe weinet, daß er auch diese Woche noch barfuß gehen soll. Die arme Familie hat noch nicht, den Ofen ausbessern zu lassen, geschweige Holz anzufahren. Bestellte Arbeit ist auch nut noch auf morgen da! und was soll alsdann dieser Künstler oder Handwerker angeben?- Kurz: ich sehe in diesem Zimmer einen luftgarten, in welchem Feinde fampirten. Ich höre Seuffer, die dich in der Hölle durchschauern werden, harter Kapitalist! Wofern nun hundert Schritte von hier, und wenn es zehntausend waren, ein solches Trauerspiel aufgeführet wird, will ich denn nicht einen Gulden daran wenden, es zu sehen? und welche rührende Auftritte werden das seyn! Ob der Säugling ein Bett, der Knabe Schuhe, die Mutter ein unent, behrliches Kleidungsstück bekommen! der Vater ein höchstnöthiges Werkzeug( das er bei der Geburt des letztern Lieblings versetzte) einissen, oder ob für alle Brod und Holz angeschaffet werden soll: das wird eine Scene seyn, wobei der Zuschauer gewiß weinen muß, weil die akteurs ihre Rollen mit Thränen in den Augen spielen werden. Könnte ich Der ate October. 263 ich doch einige meiner Freunde bereden, daß sie sich auch ein Billet Idfeten! Aber die meisten sehen leider eine matte Nachahmung auf Theatern lieber, als die wahre Natur! Traurige Aussichten dieses Monats! Er trägt viele meiner Berg núgungen zu Grabe! Wenn ich ihn doch erst überstanden hätte! Jedoch ich bin in Gottes Hand, er wird mir schon Bahn machen. Der Monat hat doch auch sein gutes: er gewöh net mich allgemach an die Kälte, giebt mir dann und wann noch einige Vorstellungen des Som: mers, und ist ja der Weinmonat. Octobertage find also noch erträglich: aber Octobersünden und Undank in der Weinlese: dafür lieber mit meinet obigen Familie gehungert und gefroren. Und wie entzückt würde nicht diese seyn, wenn sie in meiner Stelle wäre! Mein Tisch und Bette sind würflich zu gut für mich. Sen also wieder zufrieden, meine Seele! denn der Herr thut dir gutes. Ich will so leben, daß er mir ewig gutes thun könne. Der ate October. Eins ist noth: ach Herr! diß Eine Lehre mich bekennen doch: Alles andre, wie's auch scheine, Ist ja nur ein schweres Joch. Hyörder denn jezt mein Gebet um himlischen Sinn, du, Gott! der gern erhört. Vor Menschen muß ich mich etwas verbergen: denn sähen sie mich in R4 264 Der 2te October.. in meiner wahren Gestalt fo wwürde ich manchen unter ihnen fündigen machen. Mit dir aber, himmlischer Vater! fann ich findlicher threuher ziger umgehen. Dir bekenne ich also in der Stille, und unwillig über mich selbst, daß mein Gemüth leider noch zu irdisch ist! Freilich wird es nicht gan himmlisch werden, so lange ich noch die Erdluft athme. Aber darinn hat doch mein barbarisches Herz immer unrecht, daß ich schon gut genug wäre. Ja, wenn ich nicht besser seyn könnte! Zu irdisch sind meine Gedanken, davon habe ich täglich die traurigste Proben. Ein Modezeug, eine Stadtneuigkeit, eine Schmeichelei für irgend Einen meiner Sinne, sind infengerichte, auf die ich so heißhungrig falle, daß ich die Bibel dafür liegen, und die christliche Gedanken darüber fahren lasse! Ich habe jetzt dieses Buch ergriffen, um geistlichen Betrachtungen nachzuhängen: wie aber, wenn sich eine reizende Musik in der Nähe hören liesse! Bekämen die Augen auch noch was zu sehen; würde der Gaum überdiß noch gereizet: o! ich bes fürchte, da würde meine Abendandacht zurück stehen müssen! Sieh, immer gutthätiger Gott! so wankelmüthig bin ich, wenn es auf deinen Dienst ankommt. Ich will dann und wann wohl bei dir bleiben; du mußt mir aber alle Auswege vergras ben oder verzdunen; sonst entspringet dir meine zügellose Einbildungskraft. Mein Gebetkämmerlein ist viel wichtiger, als der prächtigste Audienzfaal der Groffen; ein Ge danke nach dem Himmel nützlicher als eine Prå bende auf Erden: das saget mir die christlichen Ver nunft. Der 2te October. 265 nunft. Aber glaube ich es auch zu aller Zeit von Harzen? Gleich einem Kinde welches aller Ermahs nungen und Bersprechungen vergißt, und sein neues Kleid im Regen oder Sande befudelt:- ich schäme mich die Anwendung zu machen, so treffend ist sie! Und ach! daß ich nur noch immer diefem flatterhafs ten Kinde darin ähnlich wäre, daß ich mit meiner Flecken mit Bangigkeit fhämte, bei gehörter Dros hung weinte und Besserung verspräche! aber nicht felten wage ich es, mich gegen Gott selbst zu vers theidigen! Ich muß eine Neigung zur mütterlichen Erde behalten: aber der Himmel ist doch mein Vaterland! Jene mag meinen Körper nähren, ihm schmeicheln und Dienste von ihm fodern; meine Seele aber febe blos für den Himmel, so lange es irgend ihre Vers bindungen mit dem Seibe verstatten. Käme jetzt mein bester Freund, den ich binnen Jahren nicht ges seben habe, zu mir: so würde ich mit ihm, über seine Reisen und Schicksale, die halbe Nacht vers plaudern. Schändlich, daß mir so oft unterm Ges bete der Schlaf anwandelt! Wäre ich doch nur erst so weit, daß Gott und Ewigkeie mein Hauptges danke in jeder Stunde wären, und ich alle meine irs dische Güter wie das Felleisen eines Pilgers betrachs tete, welche mit verdorbnen Bictualien und zerriss nen Kleidern angefüllet ist! Die Heimat lieget schon vor ihm, aber die Nacht ist im Anbruch! O ich Thor, daß ich immer glaube, ich kann nicht Gepäcke genug haben! das Nothwendige drückt und hält ohnehin genug auf! R 5 Der 3te October. Einen himmlischen Sinn, wie du, Herr Jesu! deine Jünger zu meinem Vorbilde hatten, ein überirdisches Herz gieb mir! Ich muß, bis du mich abrufft, auf der Erde bleiben: aber mit Füssen will ich sie nur berühren, und nicht mit anbetendem Unts lih. Dein Blut hat mich geadelt! ich gehöre zur ewig groffen Welt. Pöbelhaft also rede und handle ich, wenn ich nicht von Herzen dein Jünger bin. Glückliche Zukunft! wo ich erklärt werde ausrufen können: nun, mein Herr und mein Gott! nun bin ich gänzlich dein! 266 Der 3te October. Ach hättest du mein Auge nicht So meisterlich bereitet; Was nüßte mir der Sonnen Licht! Ihr Glanz vor mir verbreitet! Dann sah ich nicht mit welcher Pracht Du, Herr! durch deine weise Macht, Was du erschaffen, schmückest! Die Augen! Allergütigster! erhalt mir mein Gesicht bis an mein Ende, bis ich sehe die Himmel deiner Hände Werk! - Sollen wir etwas sehen: so müßen Lichtstralen davon unser Auge treffen, und zwar müßten sie drin gen 1) durch eine durchsichtige Hornhaut, 2) durch eine wäßrige Feuchtigkeit, in welcher sich der Augen stern Der zte October. 267 stern befindet, d. i. eine schwarze, blaue oder graue Haut, welche in der Mitte eine runde schwarze Def: nung hat,( den Augapfel) die sich erweitert oder zusammen ziehet, nachdem es hell oder dunkel ist. Dann kommt 3) ein sehr durchsichtig häutiges Wefen, in Form eines kleinen Brennglases( Kris stalline oder Kristallinse), hinter welchem 4) eine sehr klare Gallett( gläserne Feuchtigkeit) die große Aushdlung des Auges anfüllt. Nachdem der Lichts stral durch diese verschiedentlich dichte Materien ver: schieden gebrochen wurden: so mahlet er sich hinten im Auge an einer weißlichten nekförmigen Haut oder Wand ab, von da Nerven jum Gehirne geben, und hier hört unser Wissen auf. Alles wunders bare dieser Struktur würde Folianten anfüllen, und doch sind auch hier die Gelehrten noch beim A. b. c. Wäre das Auge nicht rund; so würden wir nicht so viel auf einmal deutlich sehen, und die Bes wegungen desselben wären nicht so leicht. Der Plak, den die Augen einnehmen, war gleichfalls der vor: theilhafteste. Sie mußten dem Gehien so nahe seyn als midglich. Niedriger: übersahen sie feine so grosse Strecke wie jetzt: zu geschweige, daß sie an allen übrigen Theilen des Körpers größrer Ges fahr ausgesetzt waren. Obgleich die Anzahl der Aus gen bei verschiednen Geschöpfen erstaunlich groß ist, so daß es Schmetterlinge mit mehr als 34000 Aus gen giebt: so hat doch kein Geschopf weniger als zwei bekommen, um durch Eine Verletzung nicht gleich das ganz Gesicht zu verlieren. Bewundernss werth ists, daß wir mit beiden Augen den Gegens stand nur einfach sehen, da doch jedes Auge ihn bes 268 Der 3te October. besonders fiehet. Halte ich z. E. meinen Finger fo gegen das Licht, daß es von ihm bedeckt ist, so lan ge ich blos mit dem rechten Auge sebe: so bleibt es nicht mehr bedeckt, so bald ich das rechte Auge fchließe und das linke erdfne. Doch aber sehe ich es nur einfach. So viel vermag die Gewohnheit über uns! Und welche Vertheidigungsmittel umfrer Augen! Knochen die wie ein Wall umber gezogen sind; Haare der Augenbraunen und Augers lieder, die gleich Pallisaden und spanischen Reuter kleine Anfälle von Regen, Schweiß, Staub und Gewürm abhalten, und sonderlich das, geschwin der wie selbst der Blik, Zuschliessen der Augenlieder bel andringender Gefahr; verdienet das nicht Un betung? - Und nun jedes Geschöpf mit ihm angemeßnen Aus gen! Der Vogel mußte scharf in die Nähe und Ferne sehen; der Maulwurf in der Ecde; der Fisch unterm Wasser. Kaßen und Nachtvögel mußten bei sehr ger ringem Licht sehen können. Gott besorgte alles aufs beste. Laffet Kaninchen und Maulwurf ihre Augen vertauschen: Unglücklich sind sie beide. Der Hafe mit heraus stehenden runden Augen siehet zu seiner Warnung vor und hinter sich zugleich; er bekam das durch einen Vorthell über den ihm an Stärke und Geschwindheit überlegnen Hund. Diesem konnte es genug seyn, daß er blos vorwärts sahe. Die heutige Welt liefet, schreibet, stricket mehr, und bestehet fast alles nur in der Nähe; statt daß unsre Vorfahren bei ihrer Jagd und Arbeit mehr ins Freie sahen.. Umstände der lebensart, sonder lich der Gebrauch der Augengläser femmen dazu: daher Der 4te October. 269 daßer jetzt fo viele, welche nicht in die Ferne sehen fönnen. Unsre Alten aber verdarben ihre Augen auch, daß sie bald Brillen brauchen mußten. Der Schöpfer ist nicht tadelnswerth: wir müssen nur, sonderlich in der Jugend, abwechseln die Zimmer dann und wann verlassen, und Fluren und Himmel durchblicken. Allsehender! vergieb die Sünden, die ich so häufig mit meinen Augen, oder zu ihrer Verderbung begieng. Erfrisch und stärke sie mir auch in dieser Nacht: sie sollen von Morgen an dir heiliger seyn. Der 4te October. 4 Was ists, daß ich mich quale? Harr feiner, meiner Seele! Harr und sev unversagt. Du weiß'st nicht, was dir núßet! Gott weiß es und Gott schůzet! Er schüßer den, der nach ihm fragt! De er Mensch kreisfet bei jeder Noth, die ihm ans wandelt, und seine Klagen nehmen kein Ende. Sollte man nicht schliessen: daß er genau wissen müsse, was Noth sen oder nicht? Aber er ist ein Kind, das über einen Nadelstich schreiec, und bald darauf am ofnen Brunnen oder auf steiler Treppe hüpfer und spielt. Verkannte Noth ist ein Thes ma zu einer Betrachtung, die uns nicht viel Ehre macht. 270 Der 4te October. Es giebt Noth, die wir fühlen; aber zu sehu oder zu wenig. Schmerzhafte Empfindungen des Körpers und hungrige Leidenschaften pressen uns Thránen aus. Wenn aber unsre lebensart unse Gesundheit schwächt, oder wenn Ueppigkeit und Armuth um uns her so zunimmt, daß Diebstal und Mord entstehen werden: so schwelgen wir mit fr lichem Gesichte fort. Unste meiste Seuffer gleichen einer wandelbaren Dorfuhr; statt Eins tönen sit zwölfe und umgekehrt. Es giebt Noth, die wir gar nicht fühlen, well fie erst im Unjuge ist, oder weil sie nur- unse Seele betrift. Zu dieser Klasse gehören Eltern, welche die künstliche Jugen ihrer Kinder belachen; Menichen, welche lächelnd Zinsen einstreichen, in dessen daß ihre Seele betteln geht; und alle Sün der, welche an der Hand des unsichtbaren Todes, geschminkt und im Domino tanzen. Seelennoth ist unser furchtbarster Feind: wann werden wir ihn doch mit gehörigen Waffen begegnen! Sigen wi gepußt auf dem Sofa, so sezzet er öfters sich freund lib zu uns, schlägt seine Hand um unfern Nade, reicht den Giftbecher dar: und wir sind herzli vergnügt. Siegen wir aber im Krankenbette: verweilet sich dieser Feind selten; ob wir gleich nicht als Krieg und Rache zu sehen glauben. Kan du nicht selig sterben: so find deine Kapitalien m Rechenpfennige, und deine prächtige Titel ein Ele name. Es giebt keine Noth und wir schreien. G oft uns die Hand Gottes ergreift, um uns vo Abgrunde hinweg zu führen, bilden wir uns ei Noth Der 4te October. 271 Noth ein, wie ein Kind im Fallhut, welches man oben an der Treppe ergreift und in die Stube führet. Alle Schickungen Gottes gehören hieher, selbst der Tod von Eltern, Gatten und Kind. Da werden wir freilich etwas hart angegriffen, und bekommen noch wohl einen Schlag dazu: aber der Allwissende sah auch, daß wir schon das Gleichgewicht verlos ren, und die Treppe herabzustürzen im Begriff was ren. Es giebt keine Noth, wir fühlen sie auch nicht: aber Gott hat sie, uns unbewußt, abgewendet. Was mag der Allgütige nicht auch heute für Noth abgewendet haben, die wie ein schweres Gewitter über mich zusammen traf! diefer Gedanke vers dienet alle Abend den zärtlichsten Dank. Gott ließ uns in diesem Stück in heilsamer Unwissenheit. Wüßten wir jedes angezettelte Komplott; jene Vers läumdung, welche verftohlen ausgejäet ward, das mit sie Gift für uns trüge; oder jedes Schrecken und Aergerniß, das die Vorsicht von unsrer Schwels le verjagte: so würden wir keines Tages froh seyn, des Nachts im Schlaf auffahren, und Gottesvers geffenheit wäre ein unvergebliches laster. - Gott! ich rufe dich an in der Zeit der Noth. Ich habe heute wieder gefehlet, und stehe in Ge fahr, noch grössern Fehlern unterzuliegen: errette mich, so will ich dich preisen. Schon hier unter Noth und Thränen will ich bekennen: mich hat der Herr errettet! Uber, wann ich einst aus jenem Hafen auf die gethürmte Wogen zurücksebe; und von dir oder Engeln und seligen Freunden vernehs me, wie vielen auf mich freuzenden Korsaren ich ENLA 272 Der ste October. entgfeng: alsdann o Gott! will ich, aller Noth entnommen, dein Loblied seyn! Der 5te October. Io feb ch seh des Himmels stille Pracht, Die Erd ist mir wie nichts. Mein Geist schwingt sich, von Erd und Nacht Zu dir, du Quell des Lichts! Hier ier in meinem Zimmer sehe ich doch nur Kleis nigkeiten, sie mögen aus England, Franks reich oder China seyn. Sie haben Sünden, Blut, Lebensgefahr wenigstens Schweiß gefoftet, ehe sie hier anlandeten; und ich gedenfe mir ihren Werth doch immer nur nach Thalern. Was ist nun großt ses dabei, wenn auch wirklich der Chinese besser lafirte, der Britte feiner arbeitete und der Franz mann niedlicher verzierte? Im Grunde ist alles doch nur Staub. Aber in dem Zimmer Gottes,( denn Eines Fann ich nur von seinem Pallast überschauen) da ist alles groß. Sehe ich aus meiner Visitenstube ben gestirnten Himmel an: so gleich ich einem Bau gefangenen, der durchs Gitter einen königlichen Einzug betrachtet. Jedoch schade für eine kleine Erkältung! ich will ins Freie gehen, und die An dacht soll mich durchglühen. Im Zimmer sehen wir die Schöpfung nur durch einen Flor. Die Der ste October. 273 Die Milchstraffe, jener Nächtliche Regenbos gen oder lichte Streif, der sich ziemlich vom Nors den über mein Haupt in Süden ergießt, weicher Talar des Schöpfers! Ja wenn es eine gestickte Pferdedecke wäre: so spräche man in den vornehms. ßten Gesellschaften davon. So aber sind es nur vierzigtausend Sonnen mit tausend Myriaden Plas neten, und das verlohnet sich der Müße nicht Abscheuliche Welt! ist das Frevel oder Unwissenheit? Du aber, der du Einsichten und ein gutes Herz haft: sprich laut von den Wundern des Schöpfers, und lerne die Juwelen des Himmels immer genauer kennen, und von den böhmischen Steinen der Erds pracht unterscheiden! - - Zwischen sieben und acht Uhr finde ich jetzt in der Milchstrasse, im Zenith, oder gerade über meis nem Kopf, ein Kreuz von Sternen 3 welches zum Gestirne des Schwans gehört. Bei diesem Kreuze theilet sich die Milchstraffe in zween Thelle, die aber nachher wieder zusammen flieffen. Wie denn überhaupt dieser milchfarbige Streifer is ge dunklere Flecken, wie Inseln, zwischen sich hat. Um 8 Uhr gehet das Siebengestirn in Often auf und steiger über 7 Stunden, bis es morgen früh das Zenith erreicht. Stattete ich in der Mitters nacht einen Besuch bei den Sternen ab:( wollte Gott, ich hätte in meinem Leben keinen schlechtern abgestattet!) so fände ich oben am Gewölbe des Himmels in der Milchstrasse ein W von Sternen, welches die Sternkundigen Kasiopea nennen. Die Oper am Himmel hat demnach ihre prachtige Vers Tiedens abendand. II. Th. ans Der 5te October. anderungen, Musif, und Harmonie: aber wie Tagelöhner verstehen es nicht. Wir Tagelöhner in reichen und Dunenbetten! 274 Die Heiden glaubten; Eine ihrer Göttinnen habe Milch über den Himmel fliessen lassen; unsre Vorfahren vor noch 300 Jahren hielten es für eine Unvollkommenheit am Himmel, für einen nebligien Strich. Gott! wie sehr hast du uns unterrichtet, daß wir schon wissen, die Milchstraffe bestehe aus wenigstens 40000 Sternen, die aber so undenklich entfernet sind, daß wir sie nur durch gute Ferns töhren blinken sahen. Wären diese Sterne so we nig von uns entfernt, daß eine Kanonenkugel nuc eine Million Jahren brauchte, von ihnen zu uns zu kommen: dann würden wir diese königliche Straß se blendend bliken sehen. So aber ist das eine ents ferntre Welt, die Gott den Frommen zu fünftigen Schulen und Spaziergängen aufbehält, Man will 40000 Sterne oder Sonnen gezählt haben: o! lieber sternkundiger Freund! feße sicher noch eine Nulle hinzu; und dennoch werden wir uns in der filigen Ewigkeit, mit glühendem Angesicht, entges gen rufen: wer hatte das gedacht! Dieser Zirkel der Majestät umschließt den ganzen Himmel, so, daß unsre Gegenfüffler eine andre Milchstrasse sehen. wie wir, und er gehet niemals ganz unter. Anbetungswürdiger, obgleich verborgner Gott! ich bin des Hauchs nicht werth, wenn ich bei sol Chen Betrachtungen gähne. Ich fröche lieber in mein Bette, als daß ich gerne bald dahin käme, wo ich das Angesicht meines Gottes( vor welchem alle Sonnen erblaffen) schauen werde? Herr! lehre mich groß denken und den Himmel suchen! Dec Der 6te October. Palanz Redlichkeit in meine Brust! Gott! laß mich stets mit wahrer Lust Der Liebe Pflichten üben! Ein Herz, das nur auf Unrecht denkt, Nur schaden sucht und andre kränkt: Wie kann das Brüder lieben? 275 Frober Gewaltthätigkeiten gegen den nächsten fann man sich noch wohl enthalten, zumal wenn sie auf der Stelle geahndet werden. Aber es giebt unerkannte Beleidigungen des Nachsten, welche man füc nichts achtet, wal- sie nicht rechtskräftig seyn. Man hat zu wenig Achtung für des Nächsten Ehre, wenn man auch nur ein Wort fliegen fast, oder es kopfnickend anhört, was ihn verdächtig oder lächerlich machen kann. Ein satirischer Zug, ein bedenkliches Aber, ein mitleidiges Achselzucken ja selbst die Verbindung, in der man eine Geschichte von ihm berührt, können unersetzbar schädlich für ihn werden. Selbst in seiner Gegenwart beleidigen wir ihn, wenn wir seines gleichen mir Sob überhaus fen, ohne seiner Vorzüge im geringsten zu erwehnen; oder wenn wir ihm mittelbar seine Gebrechen vors rücken. In der Gegenwart eines Puckligten muß man nicht von einem Adonis, oder von der schönen Proportion menschlicher Körper reden. Man Der 6te October. Man hat wenig Achtung für des Nächsten Veri stand, wenn man das verhöhnt, wo ihm wichtig scheinet. Ihm ist ein Bogel oder ein Hundgen ge: storben: wir erbittern ihn, wenn wir seine Traus rigkeit verlachen. Er ereifert sich über eine Kleinige feit: wollen wir ihm seine nachherige Scham das durch vergrössern, daß wir ihm ins Angesicht las chen? Uleberhaupt muß die Hiße jedes Uff.tis erst verraucht seyn, ehe wir vortheilhafte Kuren anstel len können. Dem Nächsten beständig ins Wort zu fallen, feine Gründe immer feicht zu finden, und es ihm trocken herauszusagen, daß sie es sind, wünschten wir wohl, daß ein Einsichtsvollrer uns so begegnete? 276 Man hat wenig Achtung für des Nächsten Gesundheit, wenn man ihm vielen oder schlechten Wein, und ihm unverdauliche Speisen aufndthiget. Dieß war ein Fehler unsrer Borfahren: wir lernen besser wirthschaften. Eben so beleidigend ist es, wenn wir unsre Diát, unfern Medikus, unste Kleidungstracht, jedem aufbürden wollen. Wer jetzt noch keine warme Stube vertragen kann, den müssen wir nicht zu uns bitten. Er aber würde uns beleidigen, wenn er unser Wirth seyn und uns frieren lassen wollte. Man hat wenig Achtung für des Nächsten Schlaf, Bergnügen, Sicherheit und Andacht, wenn man diese Dinge ohne Noth stdret. Wenn mein geiziger Nachbar die Nächte durch arbeitet: so wird er reich und mir fostet es Schlaf. Wenn ich einen Pfau oder Hund habe, und ich kann nur muth massen, daß meine Nachbarn, sonderlich Krante, 900 Der 6te October. 277 vor ihrem Schreien und Bellen nicht schlafen köns nen, so darf mir das nicht gleichgültig seyn. Bringt unsre Handthierung Unsauberkeiten, Gestank oder Tumult mit sich: so müßen die Augen, Nasen und Ohren andrer so viel als möglich( auch mit Unkos sten) verschonet werden. Ein Haus, vor welchem fast täglich Kinder von Hunden nieder gerissen wer den, oder dessen Pferde schon öfters Schaden anges richtet haben: wie würde es doch dem gefallen, wenn ein andres Haus junge Wölfe anszöge, welche ihre Thiere beschädigten? Und endlich die Andacht des Nächsten muß nur im dussersten Nothfall unterbros chen werden. In dieser Stunde beten oder schlafen die meisten Menschen; man müßte jeßt auf den Zden durch die Strassen gehn. Der Vornehme, der, wenn es irgend Wetter und Gesundheit verstatten, seinen Wagen nicht kommen lleffe, sondern aus Mens schenliebe vom Gelage nach Hause gieng: o! du göttlicher Mann, für dich will ich beten, daß Gott dich lange noch der lieblofen Erde schenke. Kranke werden deiner herodischen That wegen morgen früh dich segnen. Aber wer bin ich, wofern ein solcher Mens schenfreund mir lächerlich scheint! Ich habe heute kaum den hunderten Theil dieser subtilen Mobesüne den gerüger! Liebreicher Jesu! laß es mich syms pathetisch fühlen, wenn auch nur der Geringste über meine Beleidigungen seufzet oder flucht. Wie kann ich dabet beten? Ⓒ 3 Der 278 Der 7te October. Ich weiß, daß du der Brunn der Gnad Und e' ge Quelle feyst, Daraus uns allen früh und spat Viel Heil und Gutes fleußt. Religion; Gelehrsamkeit; Künste zur Erhaltung, Bequemlichkeit und Verschönerung des Lebens, diese Stücke zusammen machen den Umfang unfrer Einsichten aus. Da nun beständig an ihrer Erwei terung gearbeitet wird: so kann man sagen; die Welt wird immer Flüger. Je mehr Jahrhunderte wir uns zurücksetzen, desto enger und roher waren die Einsichten der Menschen im Ganzen genommen. Allerdings gab es einzelne Länder, z. E. Griechen: land, wo eine gewisse Art von Einsichten vortrefli cher war, als sie es nachher gewesen ist. Aber wie schlecht war dagegen die edelste Erkenntniß, die Religion! Man muß folglich alle Länder und alle Arten von Einsichten, vornemlich aber Gott und Mens fchen anständige Religion in eine Summe rechnen. Ulsdann kann man sagen: niemals sind so viele Menschen so klug gewesen, als in diesem Jahrhun: derte. Man erinnere sich nur, was seit 300 Jah ren für wichtige Entdeckungen gemacht wurden! Hätten wir ein Verzeichniß aller Erfindungen, wie fie feit 50 Jahrhunderten gemacht sind: so wür: de das ein angenehmer Unblick seyn. Nöthige und nük, Der zte October. 279 nügliche Dinge wurden so leicht nicht wieder vers geffen, und da nun ein wißiger Kopf oder der Zus fall fast jährlich etwas hinzufügten: so wuchsen die Einsichten des menschlichen Geschlechts mit dem Alter der Welt. Sollte Abraham, ja was? solls In unsre Boreftern bis ins sechzehnte Glied d. i. vor etwa 500 Jahren, unsre Predigten hören, unsre nåßliche Schriften lesen, unsern Hausrach und fürstliche Bequemlichkeiten sehen; sollten sie finden, daß fast in jeder Bauerhütte jemand einen Brief schreiben kann: sie würden erstaunen. So wie wir, wenn wir jetzt einige Jahrhunderte vors aussehen, und alle die hinzukommende Erfindungen und Einsichten erblicken könnten! Die klugen No: mer erfanden nicht einmal Steigbügel, und etwas bejahrte Reuter wurden deshalb bald invalide. Uber nach tausend Jahren wird manche Erfindung auch sehr natürlich scheinen, die wir jezt entweder nicht suchen oder nicht finden. Schöne Veranstaltungen Gottes, daß nur stuf fenweise die Welt erleuchtet wird! Er hätte sonst Wunder über Wunder thun müssen, und das thut er nicht, wenn er irgend durch die Natur, als sein gegebenes Gefeß, seinen Zweck erreichen kann. Mans che Einsichten und Entdeckungen waren in frühern Zeiten nicht nüglich. Kräuterkunde, Chymie und Anatomie konnten mancher Kenntnisse entbehren, die durch nachher ausgebrütete Krankheiten erst nöthig wurden. Eben so wenig beburfte es so ausstudiers ter ökonomischer Künste, als die Länder noch nicht so velkreich waren, nicht so viel verzehrten, vers pakten und vergeudeten. Hauptsächlich aber vers schde 4 280 Der 7te October. schönert Gott unfern Aufenthalt durch dieses all: mählige Anwachsen unsrer Einsichten. Immer et was netres! Das hält uns in Aufmerksamkeit, und feuert unfern Fleiß an. Die Entdeckung von Ame rifa breitete neuen Betrieb unter die Menschen aus. Und damit wir nicht einschlafen, sondern den Schöp fer immer näher kennen sollen: so vergehen keine zehn Jahre, wo nicht unsre Religionseinsichten einen neuen Aufschluß bekommen; es sen durch Wel weisheit, Naturlehre, Geschichte, Sprach: funde, Reisebeschreibungen u. f. w. Dank sey dir, Allweiser! für jede nüßliche Erfindung. Echon vor Jahrtausenden hast du das durch auch für mich geforget. Und daß ich nicht in jenem findischern, sondern im männlichern Ulter der Welt lebe: welch ein verantwortungswürdiger Berzug ist das! Freilich wirst du unsern Nachkom men noch mehr Einsichten anvertrauen, jedoch, wenn ich nur das mir Unvertrauete treulich zu deinem Lobe verwalte, so bin ich flug genug. O! daß ich immer so weise wäre, und bedächte, was mit nach diesem Leben begegnen wird! Der Der ste October. Was hier Frånket, feufst und fleht, Wird dort frisch und herrlich gehen, Irdisch werd ich ausgesät, Himmlisch werd ich auferstehen. Hier geh ich natürlich ein, Nachmals werd i geistlich seyn. 281 Und wenn es köftlich war, war es Müße und Ars beit: das ist die Grabschrift des menschlichen Geschlechts Eine Zeitlang hüpfen wir unter Blus men; aber es wird bald Herbst, und wir frieren. Wer ist seines Lebens nur eine Stunde ficher? das Kind an der Brust? der Jüngling auf dem Ball? oder der Greis im Spit. 1. Welch scheußlicher Schwarm von Krankheiten,( und was noch scheußs licher ist) von frechen und hämischen Menschen, unter dem wir hingeben! D! richtete uns nicht das zukünftige bessere Leben auf: wir müßten uns eines beständigen Taumels befleißigen, um der hundert tausend Abgründe umher, oder der über uns fnarrenden morfchen Ballen nicht gewahr zu werden! Flossen alle Thränen nur von Einem Tage zus sammen: welch ein murmelnder Bach wäre das! Oder stieffen alle Seufzer zusammen: vor dem wins felnden Donner würde jede Kreatur fließen. Und doch wären das noch lange nicht die unglücklichste 5 Mens Der ste October. Menschen, welche ihren Beitrag hiezu gethan hát: ten. Ihre Brüder, welche lachend diese Zähren. und Seufzer erpreßten, oder ohne Gefühl unter die flagenden Haufen spielen und hüpften: über die mögten selbst Engel weinen. In den ersten Wochen unsers Lebens können wir noch nicht lachen: wie sehr arten wir aus, wenn wir in erwachsenen Jahren nicht mehr weinen können und wollen; son: dern auch lachend unfre Sünden bekennen, lachend die Noth des Nebenmenschen sehn und lachend ster ben wollen! 282 Von diesem weinerlichen Säuglingsleben wird mich der Tod nun bald befreien. Alsdann werde ich erst ein erwachsener Mensch. Da hänget meis ne Zufriedenheit nicht mehr vom Brod. von Kleis dern, Goldstücken und gnädigen Mienen ab, und ich muß mich am Throne Gottes freuen, weil ich keine Urfach zur Betrübniß habe. Hier konnte jes der gepreßte Musk: t, jede stockende Ader, jede ges fpannte Nerve meines Körpers das ganze Luftge: bäude meines Glücks zertrümmern: dort bin ich in Gottes Hand, und keine Qual rühret mich an. Nun so seget denn meinen Sarg vor meine Augen! Freilich ist er eine elende Mitgift der Eu de, aber das ist ja auch die letzte Demüthigung, die sie mir anthun kann! Da steht er also mit feinen jämmerlichen Verzierungen, wovon Hobel, spåne die Grundlage find!- Verzagres Herz! warum bebest du zurück? Vielleicht hat dieser furchtbare Sarg mich ehedem bei einem Spaziers gang mit grünen Schatten bedeckt: wir sind also schon Der ste October. 283 schon bekannte Freunde. Damals gieng es vom Spaziergange wieder an Sünde! Arbeit und Angst. Jetzt hullet er mich in ficherern Schatten. Die Treiber laffen ab, die Jagd ist aus: o! wie sanft wird es sich im Sarge ruhen! Ob ich mich im Ernste dem Himmel entgegen freue! Allwissender! erbarme dich, wofern ich noch die Erde dem Himmel vorziehe! Aber dann bin ich auch werth, daß du sie mir auch mehr vers leideft, auf daß ich mich nach wahrer Rube sehne. D! lehre mich, Sara und Grab für die Wohlthat zu halten! Und du, Herr Jefu! auf den ich meine Augen Heften, werde, wenn sie nun brechen; dessen Namen ich noch mit schwerer und trockner Zunge stamlen will: fähr mich sicher durch die grauenvolle Nacht des Todes! Abgemattert vom lehten Kampf und athemlos fall ich alsdann in deine Gnabenarme. Die meinigen hier mögen weis nen; ihrer ist nur eine kleine Zaßt, und Thränen find ihnen ein fruchtbarer Meiregen. Die Meini. gen dort oben, unzählbar wie die Sterne, jauchs zen; daß ich selig zu ihnen komme. Zu jenem beßern Leben mich anschicken, das sey mein täglis des Ziel! Habe ich ihm heute so nachgestrebet daß ich jest ruhig schlafen fan? Der 284 Der 9te October. Kann euch der feur'ge Geist der Reben Nicht meinen Geist zu Gott erheben: So bin ich Eis, und nicht des Waffers werth. ie Weinlese ist da. Aber wie würdet ihr, frohe Winzer! erschrecken, wenn ihr die man nigfaltigen Uebel wissen solltet, die ein halbes Jahr hundert hindurch dieser Wein verursachen wird. Durch ihn erhißt, zucken Brüder das Schwerdt, und nach ausgeschlafnem Rausch wird der entliebte Freund vergebens beweint! Durch ihn erhitzt, un terzeichnet vielleicht ein Monarch eine Kriegeserklä rung: die halbe Welt stehet in Flammen urd eur Kinder bluten! Welchen Wohlgeschmack, welchen stärkenden Geruch und welche Arzneikräfte enthält nicht dieses Geschenk des Himmels! Greise verjüngten sich da durch: Genesende genesen schneller; Freundschaft und Handlungen werden dadurch beseelet. Aber vie le tausend Armen bekämen diese Wohlthat Gottes in ihrem Leben nicht zu schmecken, wenn nicht der licbreiche Heiland bei Einsehung des heiligen Abend mals dafür geforget hätte Beim ersten Anblick scheinet uns der Wein nicht an der rechten Stelle zu wachsen; denn er lie bet warme ånder, und nordlichten Gegenden ist sein Feuer doch am beilsamsten. Jedoch Gott hat da für gesorgt. Wo der Wein wächst, wird er am wenigsten oder schlechtesten getruncken. Der mitt gige Der gte October. 985 gige Bewohner erfrischt sich lieber am Quell, und feltert für frostigere Brüder! Die gefundesten und wohlschmeckendsten Weine wachsen zwischen dem 40sten und soften Grad der Breite, folglich recht in der Mitte unsrer Halbkugel um den Handel das mit nach allen Seiten zu erleichtern. Nordlicher sind die Trauben Heerlinge, südlicher aber haften sich selten die dickern Weine zum Verfahren. Dies ser letzte Umstand ist unerkannte Wohlthat für uns. Da sie so feurig sind, wären sie uns schädlich: und unfre Leckerei rourde, bei dem theuren Transport, hoch zu stehen kommen. Zu sagen: das war keine Absicht des Schöpfers, sondern eine natürliche Fol: ge des Klima und der Bestandtheile des Weins: der Einwurf heisset nichts. Richtete Gott nicht die Natur ein? Sah er nicht die Folgen der Nas turgesehe und machte er sie nicht mit zur Absicht? Könnte nicht Norwegen, mittelst unterirdischen Feuers, Weine zeugen? Und sind alle Südläns der zum Weinbau geschickt? Aber nun einen demüthigen Blick auf das Bes tragen der Menschen! Ganze Völker haben dieses Geschenk aus Eigennut oder Aberglauben verbos ten. Egypten verabscheuet den Wein, weil es feis ne weinreiche Gebürge hat; und dennoch liessen sich thre Pharaons den Traubensaft in den Becher drüs den. Muhammeds Weinverbot geschah gleichfalls aus politischen und theils schwärmerischen Absich: ten. Eine andre schåndliche Seite der Menschen hiebei ist Betrug und Giftmischerei. Bleizucker, Silberglärte und andre schädliche Ingredienzen! So freundlich würget fein Tieger. Jedoch der Käufer verfälscht sich den Wein noch östrer. Der Wein 286 Der rote October. Wein sollte uns seyn! was der Dünger dem Baur ist. Jungen und gefunden Bäumen ist er meisten schädlich, und auch alten und frånklichen ist nich jeder Dünger gleich dienlich. Trunkenheit, Zwi kampf, Armut. Gicht, Stein Schlagfluß, u. s. w preßt sich der Unmäßige aus gesundem Traubensaft Und endlich das moralische Uebel: Sünden und lla banf gegen Gott! Den Römer in der Hand mag dem Mensch lieber tadeln und spotten als Gott danfen Rühme dich deiner feinen Zunge nicht: wenn du nicht den Geber schmeckt. Wen Gott bei köftli chen Weinen erzieht, von dem fodert er viel! Bergieb! o Gott! was ich auch hiebei fündig te! Ich will deiner Güte nicht mißbrauchen. Den schåndlichste Mißbrauch des Weins wird beim h. Abenomal begangen; dafür behüte mich Herr Je fu! Wie manche Sünde gebiert in dieser Stunde den Wein, und wie wenig lob Gottes! So wenig, als wenn ich schlaftrunken erst beten und danken wolte. Den schwersten Rausch bringen ein bißiges Fieber und andre Krankheiten bei, und da sollte ich erst für meine Seele sorgen? Der rote October. Lamm Gottes! heiliger Herr und Gott! Nimm an die Bitt von unsrer Noth! Erbarm dich unser aller Auch mir unbewußt bin ich glücklich, weil Millio nen Christen, durch ihre Sürbitten, meine Stoth Der rote October. 287 Noth Gott stündlich vortragen, und für meine Wohlfahrt beten. Jesus verknüpfte durch das Baterunfer alle seine Glieder. In jeder Minure i wird unser Bater im Himmel angeflehet: daß er sein Reich, seine Eigenschaften mir immer näher offen: baren wolle. Wann ich noch esse, so schreien schon tausend Stimmen aufs neue um Brod für mich. : Indem ich fündige, bitten Freunde Gottes um Vers gebung meiner Schuld. Ich spüre Wege zum Vers derben auf, und redliche Christen rufen gen Himmel, daß sie mir verzäunet werden. Ja, wann ich nun, unbesorgt um mich selbst, da liege und schlafe, so beten amerikanische Christen: daß mich doch der Alls mächtige vor allem llebel bewahren mdge. 3 Megte ich doch feuerroth für Scham werden, so eft ich mich für zu arm und zu verlassen halte! Den nenne ich glücklich, für dessen Tisch und Kleis der täglich hundert ihm heimlich fluchende Landleute und Künstler arbeiten? Solten Millionen Fürbitten nicht einträglicher seyn, als ein Rittersitz mit allen Regalien? Wahrscheinlich wäre ich längst verweset und verdammt, wenn mir nicht die Fürbitten der Gläubigen so manche Gnadenfrist bei Gott erbeten hätten: laß ihn noch dieses Jahr: haue ihn noch nicht um, Langmütiger! Und warum bete ich denn immer einseitig und intressirt? Verdienet, bedarf es mein Nächster nicht, daß ich mich über ihn mit Gott unterhalte? Bater! vergieb mir auch diese Unterlassungssündet. Defters will ich dir deine Kinder empfehlen! mein Anliegen kleiner und das ihrige pressender finden. Helfen kan ich ja ohnehin wenig genug und mag auch 288 Der rote October. auch nicht gerne; nun so will ich doch herzlich für andre beten. Beschüß, Herr Jesu! deine Kirche, und laß der Verfolger, zu ihrem eignen Besten, imme weniger werden! laß dein Wort die dunkelste Ge genden erleuchten, und segne jede erbauliche Rede und Schrift. Rimm dich unsrer Landesherrn gud: digst an! Du fennest die Gefahr, in der sie schwe ben, weil sich gute Menschen nur mit dufferster Mi he, durch den Cirkel von Spottern und Schmeiche Tern, zu ihnen herandrången können. O! daß sie doch keinen sprächen, als die Besten des Lan des! Wie paradiesisch flösse alsdann unser und unfrer Kinder Leben dahin! Unsre Obrigkeiten, mit deinem Schwerdte: ach! stårk und erleuchte sie, gerechter Gott! damit ihre Gerechtigkeit nicht grau sam werde! Laß Reiche, Bornehme und Gelehrte bedenken, wie groß das Pfund sey), mit dem sie wuchern sollen! Ich habe Blutsfreunde, aber sie verbergen mir zum theil ihre Noth, oder vergröffern sie mit: Bater! um Jesu willen erbacm dich threr! lieber nimm mich zu dir, ehe ein Höllenbrand unter ihnen mein graues Haupt mit Herzleid unter die Grube brachte. Meine Wohlthäter( dahin jeder Arbeiter gehört) und meine Feinde( die dfters meiner Seele bie größte Wohlthåter sind) erhalt und segne sie, damit sie mir. Aber ich Armer fange schon wie der an, für mich zu beten, da ich doch nur für audre beten wollte! Herr Jesu! deine Brüder und als so auch die Meinigen bedürfen meines Flebens. Di Fenneft sie, wie sie jetzt auf heissem Krantenlager Achzen, Der 11te October. 289 dcbgen, oder auf zermalmtem Stroh mit Thränen im Auge dem Hunger des morgenden Tages entges gen sehen. Mach Ende, o Herr! mach Ende an aller ihrer Norh! Aber auch deinem Feind, der jezt auf unzüchtigen oder diebischen Wegen schleicht, erschütterte sein Innerstes! Verstattet es deine Weiss heit: so sturz ihn und den Spötter, wie ehmals den Saul, mit deinem Glanze zu Boden! Erhöe unser Gebet, von Pallast oder Hütte! Vernimm das Angstgeschrei im Schifbruch, die mit dem Geflirre der Ketten vermengte fromme Eeufzer der Gefangs nen, und das Rocheln der Sterbenden! Hilf, Herr! so wird uns allen geholfen. Und wann ich nun schlafe, so erbor, was andre für mich beten! Der 11te October. Erbarmend tbarmend siebst du, Gott! auf jedes Wesen nieder, Du wiegst zum Winter ein und weckft zum Frühling wieder. er Winterschlaf der Thiere würde uns uns glaublich scheinen, wenn wir sie nicht vor Aus gen sähen. Der gewöhnliche Schlaf ist schon ein Bruder des Todes: aber er sieht ihm doch zu uns ähnlich. Der Winter schlaf vieler Thiere ist das Mits tel zwischen beiden, halb Schlaf halb Tod: hier fann man lernen. Unter allen Thiergattungen wählte Gott eis nige Arten zu dieser grossen Geschichte aus, Uluter Tiedens Abendand. II. Ty, 1 Dem Der 11te October. A dem Gewürm die meisten; von den Vögeln viele, 3. E. Ufer und Meerschwalben; und von den viers füßigen Thieren einige, z. E. Hamster, Schildkrös ten und Murmelthiere. Alle diese Schlafgånger bereiten sich ihr Bette oder Grab mit Vorsichtigkeit, und führen eine besondere Diát vorher. So wirft fich feiner von ihnen hinein, als der Gottlose ins Grab. Aber auch zu ihrer Auferstehung nach ei ner halbjährigen Nacht machen sie genaue Vorkeh rungen, um ihren Sarg leicht zu erdfnen, oder um nach so langem Fasten so gleich Nahrungsmittel vorzufinden. Auch für die Bequemlichkeit wird gesorgt. Einige Raupen spinnen, andere polstern und noch andere glätten sich ihr Schlafgemach aus. Der Hamster macht sich ein lager von Stroh, und wohl zu bemerken: alle diese Anstalten werden getroffen, ehe Frost und Hunger sie übereilen. 290 Durchbrechen wir im Winter diese Grabstäten! so glauben wir leichname zu sehen. Die meisten In feften aber, sonderlich die Raupen finden wir verwans delt, eingewikelt und gleichsam einbalsamirt wie Mus mien. Würden wir mit blossen Vernunftschlüssen errathen haben, daß alles dis nicht Tod, sondern feimendes deben sey? Blut oder Säfte, die stille stehen, erzeugen den Tod. Folglich muß ihr Ums lauf bei diesen Schläfern gehörig, obgleich verring gert von statten gehen. Aber daraus fließt: daß diese bewegten Säfte auch einige Ausdünstung bas ben müssen. Und das geschieht. Selbst die Rau penpuppe verliert den Winter über etwas am Ges wichte, und müßte umkommen, wenn man ihre Ausdünstung durch Bestreichen mit Del verhinders the ● Der rite October. t. Der Hamster scheint nicht them zu holen: aber sein Herz bewegt sich doch, obgleich zehnmal langsamer und schwächer. Denn da es sich im Some mer binnen einer Minute wenigstens 150mal zusams men zieht: so geschiehet es in seinem todtenähnlichen Zustande faum 15mal. 991 Was uns diese Einrichtung nuke? Sehr viel! Nicht zu gedenken, daß Scheuren, Obskammern und Wohnzimmer dadure sicher gestellet wurden; und es ein Unglück wäre, wenn die naschige Fleders maus unsre Küchen und der fühne Hamster unfre Ofen besuchte. Der Hauptnuzen ist die Anwens dung auf Grab und fünftige Auferstehung Die Verschiedenheit ist wirklich so groß nicht. Es brine gen viele Raupen den langen Wister unter der Erde in Gestalt eines eingehüllten Klumpen Schleims zu, und im Senze arbeitet sich ein Schmetterling hervor. Können wir mehr Aehnlichkeit verlangen? Unser Korper schläft einige hundert Winter långer, und fein Graub ist nur etwas weiter zerstreuet, das ist aber kein wesentlicher Unterschied. Vor Gott ist beides Ein Punkt. Nun so gehet denn schlafen, ihr Thiere! Jbe benehmt mir so viel Furcht vor dem Grabe, daß ihr dadurch eure Sommermahlzeit gut bezahlt. Vielz leicht findet ihr mich bei eurem Erwachen nicht wies der: dann will ich nur wünschen, daß ich bei meis ner Einwinterung ins Grab nicht unnatürlicher ges handelt haben möge, als ihr! Für euch ist es ime mer Sommer, mein Winter höret auch auf, wann ich im Grabe ruhe. Ihr schicket euch jetzt fleißig eurem wunderbaren Schlafe an: ich muß es noch 22 fleißis 299 Der 12te October. fleißiger thun. Mein langer Schlaf oder meine Verwandlung kann sich ja täglich ereignen! Gott! lehr mich dir gefällig wachen und schlafen! F Der 12te October. Abscheulich fes mir jede Sünde, Weil sie mit sich nicht spielen läßt. Genung, wo ich sie brüten finde, Da find ich stets ein Selangennest. Und nd hätte ich Ursache mit meinem heutigen Ta gewerke zufrieden zu seyn:( ein höchst glückli cher aber feltner Tag!) so ist doch heute um mich und neben mir so viel gefündiget worden, und noch jezt heget das faster neue Mißgeburten aus: so, daß ich mich der Traurigkeit über fremde Sünden nicht erwehren kan. Echon der Gedanke: Gott und Religion find heute nahe bei mir recht verächtlich behandelt wer den, ist krankend für eine Seele, welche Gott und Tugend über alles schätzt. Ist es daher einem From men zu verdenken, wenn er sich ohne Noth nicht weit in die Welt wager? Die Achtung, welche man für Sterbende hat, daß man die Stimme des La sters von ihnen entfernt, die sollte man für jeden bo ben, der sich täglich als einen Sterbenden betrachtet Oder warum verschonet man Kinder mit dem Ans Blick der Missethaten, da doch in manchen Fällen ber Der rate October. 298 der Erwachsene leichter zu verführen ist als jene? Jedoch, auch mein eigenes Interesse verleidet mir fremde Sünden. Gleich einer ansteckenden Seuche, welche sich im Zickzack lange herums zieht, endlich aber fällt sie plozlich unsre Häuser oder Ställe auch an: so bes schädigt uns über kurz oder long die Sünde andrer. Ich mag den Spotig ist nicht belachen; denn die Reihe kommt auch gewiß an mich. Die List üppis ger Jünglinge oder ausgelernter Buhlerinnen pros phezetet meiner Familie nichts gutes. Wer häufige Schulden macht, flicht mich in seine Handel mit ein, wie ein grosser Bankerutt der Häuser stürzt, welche nicht wußten, daß ein solcher Betrüger in der Welt war. Will ich demnach gesund und wohls habend bleiben: so muß ich wünschen, daß der Süns den immer weniger werden; und traurige Ahnduns gen muß ich haben, wenn sie zunehmen und sich mir nähern. Welch ein Staatsbarometer für regieren de Herrn! Das Schrecklichfte, womit andrer Sünde mir broht, ist meine Verführung; denn ich bin ein schwacher Mensch Denke ich mir den Fall, daß ich unter lauter Gottlosen lebte, die sich wider meis ne Tugend verschworen, und die listigsten Mittel ers fonnen påtten, um mich zu irgend einer Sünde zu verleiten; of so zittre ich für meine Klugheit und Standhaftigkeit. Je jünger meine Tugenden sind: desto leichter sind diese Kinder zu überreden. Ich muß also im Guten geschwinde leben, damit ich It 23 werde 194 Der 13te October. werde und mir zu helfen wisse. llnd auch alsdann barf nur ein gottloser Mächtiger mir Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit zeigen, und einige Stü de davon, nach denen ich am füsternsten bin, an bieten, so fnie ich vielleicht nieder, bete ihn an und flottere sein Unglaubensbekenntniß nach! Dafür bewahre mich, mein Gott und Erl fer! und laß mich nichts von deiner Liebe scheiden, weder Syobes noch Tiefes, weder Reichthum noch Hunger! Du weintest über die Sünden aller Men fchen: ich will niemale froh und gleichgültig, son dern dann und wann traurig über fremde Sünden seyn. Und habe ich nicht schon Schaden und Verdruß genung von ihnen erlitten? und wird mich nicht diese Otterbrut meinen Gang zum Him wel wol freudig fortsehen lassen? D! wie liebens werth ist ein Mensch, der Gott fürchtet! Er wird ein Vormund und Wohlthäter seiner Brüder! Vergib mir, mein Heiland! alle Sünden, womit ich andere Menschen beleidiget oder verführt habe. Du kennest sie. Sollte ich sie jetzt mit ihren ge habten Folgen wissen: ich könnte die Nacht nicht schlafen! Der 13te October. Und was ists, das vor dem Grabe Ich hier noch zu hoffen habe? Nad ach den tausend Millionen Wohlthaten, die ich felt meinem ersten Lächeln in der Wiege Der 13 te October. 295 empfieng; auf wie viele darf ich disfeits der Ewigs feit noch Rechnung machen? Dorrige Güter sind mein, diese Hofnung ist unsre Hauprpflicht; hiesige Zofnung aber ist mehrentheils Sünde ober vers führet leicht dazu. Wolan, leichtglaubiges Herz! wir wollen einmal zusammen rechnen, und die Ers fahrung( dieser bejahrte ehrwürdige Zeuge) mag den Calcul ziehen helfen. Ich werde noch das fünftige Jahrhundert ers leben, sprichst du? Gehe ich aber in den Alleen der Todten herum: so sehe ich so viele kleine Gråber, und dle Epitappen des blühenden Mädgens oder hofs nungsvollen Jünglings warnen mich, auf mein les ben nicht einen Tag zu borgen! Reine Freuden noch nach fünfzig Jahren? Welche Lüge! nicht letzt find sie von schlechtem Zusatz rein. Kroche ich aber nach einem halben Jahrhunderte noch vom Winkel zu Wintel berum: so würde es ein Glück seyn, daß Kinder ihr Lachen über mich verbissen, und daß ihre Eltern mich wie ein Wiegenfind behandelten. D! die Welt hat ihre Hofmanieren: ihre Bedienten müssen jung und schön seyn; und die alten dürfen sich, bei Verlust des dürftigen Gnadengehalts, nicht allzuwol sehen lassen. - lauter gute Tage? Ja! wenn Kapitalisten, Ordensritter und Gelehrte vom ersten Range dies fen Stein der Weisen noch immer vergebens fuchen; wenn hier kein Mensch einen Monat lang ganz glücks lich ist: so muß ich entweder sterben, oder auf Uns glück gefaßt seyn. Und fan nicht das empfindlich: sie mein( oos werden? Du rechnest auf deinen hins fälligen Ehegatten! du auf deine verführbare Kin € 4 doc 196 Der 1ste October. der und ihre gute Aufführung! und du auf noch mißlichere Dinge, auf Freunde, Glücksgüter, Ge fundheit und Ehrenstellen! Bald aber werdet ihr halb verzweifelnd ausrufen: wer hatte das gedacht! -Keine Waare wird alberner eingekauft, als der ungesehene Sarg und tas Gallafleid im Grabe. Die meisten sind bei einem Todesfalle in diesem Hans del so unerfahren, als ob es blos ein amerikanisches Kommerz wäre. Wie mancher Hausrath wird ge fauft, den man niemals abnnzen will: und die Aus steuer in den Sarg vergißt man, welche doch die ge wisseste Ausgabe bleibt! Viele und recht schaffene Freunde versprache ich mir noch an der Gottesackerpforte zu erhalten? Ach! vor der Schulthüre werden sie leichter gefun den. Die Freundschaft forderte Dienste, und mit den Jahren stehet man für einen andern nicht gerne auf! Scheu dich nicht, rufet die Welt, hier ist als les im Leberfluß, wähle nur. Ja! wer die Glücks bude nicht feante! Såhe ich mich jetzt, wie ich nach zwanzig, dreißig Jahren( und das ist doch für meis ne Wünsche ein sehr mittelmäßiger Gewinst!) bes schaffen seyn werde: so würde ich vielleicht weinend ausrufen: ach! das ist ein erbärmlicher Wunsch! Wenn doch Gott ihn hinwegnähme! Ja, nimm ihn weg zur besten Zeit, ewiger Vater! Die gewiffeste hiesige Hofnung ist doch nur ein Wechsel von Bettlern auf Bettler ausgestellt. Ich fordre und erwarte alles von dir: aber erst dort. Hier will ich weinen, beten, etwas mit Thednen in den Augen lächeln, wieder beten, wieder wels men und mein Haus bestellen. Einst aber will ich meine dürren Arme aus dem Krankenbette empor heben, Der 14te October. 997 heben, und wenn ich nicht mehr reden fann, meine Hofnung durch zuckende Finger zu verstehen geben. Dir lebe ich also, mein Heiland! und weine, wenn du es gut findest: bald aber erfüllest du dort alle Hofnung meines Glaubens. Auch diese Nacht bist du der Wächter über mir. Leb ich: so leb ich dir; sterb ich: so sterb ich dir! S Der 14te October. Auch wenn ich schlafe trägst du mich, Nicht athmen kann ich ohne dich, Mein Vater und Erhalter! Sinige merkwürdigkeiten des Schlafs sind bittere Vorwürfe für unsre Unachtsamkeit. Sie könnten täglich beobachtet werden, und wie viele fierben, ohne jemals baran gedacht zu haben! Die Zubereitungen, welche unsre Natur zum Schlafen macht, und ihre nachdrückliche Erinneruns gen daran, sind so heilsam als weise. Unser Kors per ist eine Uhr, welche zu gewissen Stunden aufges zogen werden muß. Ja man findet in unserm Blate eine Art Ebbe und Flut. Etwa um 10 Uhr des Abends ziehet sich das Blut von den äussern Thellen mehr nach den innern und edlern. Daher werden Hände und Füsse falt: Kopfs und Zahnschmerzen aber und die meisten Krankheiten verschlimmern sich so, daß auch die meisten Menschen des Nachts vers 25 ster: 998 Der 14te October. sterben. Man table ja nicht dieses zugelaßne kleine Uebel: der Nußen überwieget es weit, den wir von dieser Ebbe des Bluts geniessen. Wir wissen, daß uns gegen Morgen die dussern Glieder am kältesten sind, weil das Blut alsdann seit 5 bis 6 Stunden weniger darin cirkulirte. Aber alsdann hilft sich auch die Natur bald: das Blut bewegt sich vom Herzen und Gehirn mehr hinweg; mit neuen Lebens geistern geschwängert macht es gleichsam Flut: und felbst der Kranke schlummert etwas erleichtert ein. Aus dieser Betrachtung erhellet die Schädlichkeit des Nachtsißens, oder auch des Schlafs, der heissen Stuben und Betten, wie auch des Niedrigliegens mit dem Kopf in vielen Krankheiten. Beim Schlafe selbst finden sich viele liebreiche Veranstaltungen Gottes. Wie nöthig z. E. wat es nicht, daß wir uns im Schlafe dann und wann bewegten, zumal in der Kindheit und im höhern Alter! Der vom Blute strokende und auf der Ei nen Seite gepreßte Kopf nöthiget den Knaben, eine andre Lage zu suchen, so daß er wohl gar des Mor gens mit dem Haupte zu den Füssen des Bettgestelles liegt. Und werden unsre Theile mit den Jahren faftloser und sprdder; so würde der Theil der Mus keln und Eingeweide, auf welchem die andern dru ken, Schaden leiden; wenn sich der Körper nicht wendete und dadurch Erstarrungen und Krämpfen vorbauete. So fünstlich handelt unsre Maschine alsdann! Uber auch die Seele nimmt wunderbare Eigenschaften im Schlafe an. Nur Eins! Sie ist fich feines Glockenschlages bewußt, und beim Er wachen weiß sie doch mehrentheils genau, was dec Sei Der 14te October. 299 Geiger schlagen muß. Oder wir haben etwas wichs tiges vor: so wachen wir zur bestimmten Stunde meistens auf. Nach dem Schlafe sind wir ben gefunden Tas gen leicht und munter. Aber auch der Körper ist fast um einen Zoll långer; bis er gegen Abend wie: der so viel von seiner Grösse zusetzt. Jedoch, wenn man erst anfängt, den göttlichen Einrichtungen nachs zuspüren, so entdecket man immer mehr; wie man in der Abenddämmerung immer mehr Sterne erblift, je schärfer man hinaufsieht. Selbst jeder Schlafen: de hat etwas verschiednes. Es giebt Menschen, welche zur Mitternacht nach leib und Seele am muntersten sind und von Jugend an nicht früße aufs stehen können: wer erkläret uns das? Aber ist mir nicht ohnehin genug erklärt, um dich mein Schöpfer über alles liebenswürdig zu fin den? Eine der unerklärbarsten Merkwürdigkeiten beim Schlafengehen ist der Undank, mit dem sich so viele Menschen ins Bette werfen! Daß ein Kind es leicht vergessen kann, seinen Eltern Gutenacht zu fagen, ist begreiflich. Wenn aber wir bejahrte Kins der es vergessen, uns unserm himmlischen Vater dan fend zu empfehlen: das ist dann ein unnatürlicher Schlaf! liebster Vater! bewahr mich diese Nacht. Dank für alles, was ich heute genoß!- In der Ewigkeit bald ein mehreres! Der 300 Der 15te October. Ich weiß, an wen ich glaube, Und nahe mich im Staube Zu dir, o Gott, mein Heil! Ich bin der Schuld entladen; Ich bin bey dir in Gnaden Und in dem Himmel ist mein Theil. Erhör mein zuversichtliches Abendgebet, du GOtt! der gern erhört. Du siehest von deinem Thron auf lobsingende Geister und schmachtendes Gewürm. Vater! ich gehdre mit zu deiner grossen Familie, die du allein übersehen kannst. Ich habe Urfachen genug, dich um Hülfe und Erbarmen an: zustehen: aber noch mehr Ursache, deine unbegráng te Gute zu preisen. Ich bin immer noch dein hinfälliges Geschöpf, weil ich von der Sünde noch nicht genug los gewidelt bin. Aber das sehe ich doch auch, daß dieß Lehr lingsleben immer mehr zu Ende geht. Mag es doch! Habe ich das meinige redlich gethan:( ach! daß ich das ohne Großsprecherei sagen könnte!) so mag met ne Gesundheit und mein Pilgerweg abnehmen: deine Gnade nimmt zu in alle Ewigkeit. Kindliche Reue ersetzt meine verspielte Jugendjahre. Ich schäme mich ihrer: aber ich freue mich Gottes meines Heis landes. Ich habe wiffentlich und unwissentlich heute so viel Gutes empfangen, und so viel Unnüßes gedacht und Der 15te October. 301 and geredet, daß ich mich jetzt vor dir verstecken müßte wie Adam und Jona: aber ich will lieber treus herzig zu dir treten, und mehr hoffen als fürchten; denn ich habe meinen Erldser zur Rechten. Ich habe heute wenig Gutes gethan: aber meine findliche Zuversicht, daß du mir es gerne vergeben werdest, ist ein so gutes Werk, daß ich damit vergnügt diesen Tag, ja selbst dereinst mein Leben beschliessen will. Für mein schlechtes Tagwerk erwarte ich dens noch ewigen lohn; denn ich lebe meines Glaubens. Jesus Christus, Mittler zwischen Gott und dem Sünder, kann mich nicht verflossen; denn ich traue seinen Verheissungen mehr, als allen Ahndungen meines Hewissens. Reue und Besserung: mehr vermag ich nicht. Das ist freilich schlechte Abzahs lung gemachter Schulden: aber ich soll und kann auch nicht bezahlen; sondern ergebe mich auf Gnade. Nur der mag zittern, der weder Reue noch Besse: rung hegt, und folglich an Jefum nicht glauben fann. Selbst die Patriarchen, die Jünger des Heilandes und aller Freunde Gottes, derer die heilige Schrift erwehnt, batten ihre bäufige Feh. ler: aber ihr Glaube an Gottes Zusage hob den: noch alle Berge von Schwierigkeit. Und wer will mich verdammen? Christus ist hie, der mich wars net, unterrichtet, tröstet; der mich gewiß gerecht und felig macht! O! wie unendlich groß, weise und liebenswerth erscheinet mir Gott in seinem Sohne! Und wenn sie dich alle verläugneten, und ihre Sünden für größer hielten als dein Berdienst: so fließ 302 Der 16te October. ich dennoch zu dir, Herr Jesu! und halte dir deine mächtige Verheiffngen vor. Du darfst mich nicht verstoffen; denn ich will errettet seyn. Du mußt mich wieder annehmen: denn ich verlornes Kind schreie dir nach. Heucheln will ich so wenig als verzagen: denn beides ist Gotteslästerung. Und ob ich noch jetzt nicht völlig Gewissensruhe erlangs te; dennoch muß mir am Ende Gnade wiederfahs ren, weil ich nicht aufhdren will zu beten und mich zu bessern. Nun sollte ich noch Schuß und Hülfe für diese Nacht erflehen: aber wie klein müßte mein Glaube, und wie undankbar für die Vergebung so vieler Sünden seyn, wenn ich im geringsten an Gottes Obhut zweifeln wollte! Nein! Mein Leben und mein Ende Ist dein. In deine Hände! Befehl ich, Vater! meinen Geist. Der 16te October. Du willst, wir sollen glücklich seyn: Drum gabst du uns Gefeße. Sie sind es, die das Herz erfreun; Sie sind des Lebens Schäße. » Mensch! willst du zeitlich und ewig glücklich seyn; so glaube blindlings was und wie es dir ges sagt wird. Arbeite bis aufs Blut und hungere da bei bis zur Ohnmacht. Hüte dich vor mancher noch Der 16te October. 3° 3 noch so ungefunden Speise, als hätte sie die Hölle erschaffen. Nimm deinen Kindern das letzte Hems de und gib es Bettlern. 3tch deinen Winterrock aus und bekleide die Kanzel. Echmachte bei spås ,, ter lampe und kaufe Wachslichter für die Altäre. Bet um jede Kleinigkeit, sonst erhältst du nichts. Und giebt dir die Vorsicht auch noch so viel; so sieh es an als Lockspeise zu deinem Verderben. Laß dich gedultig betriegen und beleidigen. Ganz ohne Tas ,, del müssen alle deine Gedanken und Handlungen seyn: oder du bist verloren. Hoffe nichts, bes fürchte alles und stirb von deinen Tugenden ausges mergelt auf Gnade und Ungnade. Strafe mußt du dort doch leiden; und hast du fein Geld, so past du so bald auch keinen Erlöser." Das sind erschreckliche Gebote! Die können nur von Menschen kommen. Die billige Foderungen Gottes hingegen erfreuen das Herz. Ihnen sieher man es an, daß sie aus Liebe gegeben wurden. Mensch um zeitig und ewig glücklich zu seyn: pruf alles und das Beste behalt. Bet und arbeite: aber ruh auch zu Zeiten aus; und genieß was die Gott beschieden hat, mit freudigem Dank. Dennt alle Kreatur Gottes ist gut, und nichts verwerflich, das mit Danksagung empfangen wird,( 1 Tim. 4,4) Die liebe fange sich bei dir selbst an; du fannst deinen Kindern gute Gaben geben: darum abs me deinem himmlischen Vater nach und versorge sie. Pflege und warte deines Leibes, nur daß er oder gar deine Seele nicht frank davon werde. Glaube nicht, daß der Herr Himmels und der Erde Ges fallen an leiblichen Opfern habe. Gott giebt auch обие 304 Der 16te October. ohne unser Gebet, und kommt aus Siebe, selbst un fern unerkannten Bedürfnissen zuvor. Die Obrigi feit trägt das Schwerdt nicht umsonst., Ob jemand fündiget, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Bater. Habe also deine Lust an dem Herrn, de wird dir geben, was dein Herz wünschet. Hoffe auf ihn, er wirds wohl machen. So ist nun nichts verdammliches an denen, die in Chrifto Jesu find. Das, Vater! sind deine liebreiche Foderun gen: befehlen aber Menschen, so fostet es Geld, thierische Unterwerfung, Gesundheit, Ruhe und Blut. Du verbeutft Unzucht, Betrug, Neid und Rache! weil wir arm, verfolgt, gebast und frant davon wurden. Du gebeurst Gebet, Gehorsam, Máßigkeit und Nächstenliebe, weil unsre Hofuung, Ruhe, lebensdauer und Freundschaft davon ab hängt Könnte ein Laster unsre Wohlfahrt im Gan zen befördern: gewiß, du hättest es uns befohlen Und wird uns denn auch manche Tugend fauer: so rühret das ja von unsrer bösen Gewohnheit het. Haben aber die Kinder recht, welche nicht gerne zur Schule gehn? Du bist mein Gott und willst mein Glüd; ach! das lehe mich findlich und gewiß glauben; denn leider glaube ich es zu manchen Zeiten nur halb und halb. Hättest du nur willkührliche Edikte, zu deinem Vortheil, an uns ergeben lassen: dann stün de am jüngsten Tage der Sünder doch nur wie ein Rebell da. So aber wird er sich auch für einen Narren erklären, weil er es sich blutsauer werden lleß, um ja recht unglücklich zu werden. Huldreicht ster Bater! mache mich klug, auf daß ich selig werde! Mens Der 17te October. 395 Menschen hätten noch viele Arbeiten für mich: du aber beisfest mich ruhen und schlafen gehen: wie gütig bist du! Der 17te October. Was, gegen jenen groffen Tag, Sind alle Donner? Nichts! Zehn tansend Better sind Ein Schlag Vom Wetter des Gerichts! Und nd betäubt von diesem Wetter werde ich da ste hen. Das jüngste Gericht werde ich sehen, und ihm in größter Pracht des verklärten Körpers mit beiwohnen! Aber nicht blos als Zuschauer, fondern als Klåger oder Beklagter. Und in bets den Fällen werde ich zittern. Diese feyerliche Bes stätigung des schon bei unserm Tode von Gott ges fällten Urtheils ist die wichtigste Begebenheit für jeden Menschen. Und dennoch macht unter huns bert Sterblichen faum Einer binnen hundert Tagen auch nur die geringste Zubereitung auf dieses groffe Fest Und welch eine Zusammenfunft von Gott, Engeln und einer Welt Menschen! Dagegen war aller Erdenpomp ein Marionettenspiel! Ein Kreis um den Richter her, der nur einmal gemacht wird! Nach unserm jezigen Körper zu urtheilen wird Todess blåsse oder Feuer die Gesichter überziehen. Zähns flappen, Herzklopfen, Händeringen und für Angst zusammen stossende Knie werden bis in die Hölle wieder hallen. Gott! in welcher Stellung bin ich alsdann! Ich, der ich hier trokig einher gieng! Tiedens Abendand, II. Th. U1 Theils Der 17te October. Theils werde ich als Kläger hervorgeruffen und werde Dinge entdecken müssen, über welche ich hier einsam flagte und Gott die Rache befabl Sünden, welche ich denn in ewige Nacht vergrübe, weil sie meine schlechtste Seite sind, oder weil ihre Bekanntmachung der Anfang der Hölle für einige meiner Freunde wird! Schmachtete ich hier im Elende: so muß ich den Unglücklichen angeben, der mir nicht helfen wollte. Schlechte Lehrmeister, saumselige Eltern, verführende Freunde: harte Vors gesetzte zittern als Verbrecher bei jedem Punkt der Anklage. Alle Anverwandschaft hdret auf; nur Gott ist Herr und Bater. Und um wo möglich sich zu retten, wird der Sünder weder Eltern, Ge schwister, noch seiner eignen Kinder schonen, sons dern seine Schuld auf sie zu bringen, wenigstens mit ihnen zu theilen suchen. So klagete Adam seine ges liebte Eva an; denn Halsverbrechen heber alle Freund: schaft auf, und im Schiffbruch drånget der Sohn den Vater vom sinfen wollenden Brett. 306 Theils aber werde ich auch als Beklagter vor dem Richterstuhl stehen und verstummen, wenn Je fus alsdann nicht für mich spricht! Und da alles auf Erden tim Zusammenhange war: so werden alle Handlungen der Menschen sich eine auf die andre beziehen. Mancher Mord, manche Verzweiflung einer ausgehungerten Familie, manche hundert Meis len weit von mir begangne Lasterthat, wird sich bis zu mir heranschlängeln. Und durch die zehnte, zwanzigste Hand werde ich vielleicht Missethaten ver: übet haben, zu welchen ich mich nimmer fähig ge balten hätte. In Der 18te October. 307. In diesem Strudel von Sünden, wo auch durchgebrachte Stunden und todtgebohrne Kinder über ihre Mörder schreyen werden: bey diesem Wirs bel von Anklagen, in den auch Mártirer und Heis lige gezogen würden, wenn sich Gott ihrer Tus genden nicht erbarmte; in diesem Geschren von Selbstverfluchung und Verzweiflung; unter der brennenden Welt, unter zusammenstürzenden Sphäs ren, unter der donnernden Stimme des Richters, unter dem Angstgebrüll der Hölle- D JEsu! bilf zur selben Zeit Von wegen deiner Wunden, Daß ich im Buch der Seligkeit Werd angezeichnet funden! Daran ich denn auch zweifle nicht, Denn du hast ja den Feind gericht't Und meine Schuld bejablet! Der 18te October. Du, HErr! haft mich bereitet Mich väterlich geleitet. Bis diesen Augenblick, Du gabst mir frohe Tage, Un selbst der Leiden Plage Verwandeltest du in mein Glück, Granzenlos waren von je her beine Wohlthaten über mich! mein Gott und Vater! Meine Sünden und Ochemzüge sind zählbarer als deine Gnade; denn mein Lebenslauf ist ein Gewebe von 11. 2 Deis 308 Der 18te October: deiner Weisheit und Güte. Kindlich will ich mich an diesem meinem Tage deiner Huld erfreuen, und mein Herz flopfe für Verlangen, bankbar zu seyn! Wie viele Vorzüge an Gesundheit, Stand und Ehre! Und wäre ich nur halb so reichlich auss gestattet; so würde ich noch immer tausend Mens fchen beneidenswerth seyn. Mehr Glück als Ver stand- das fan man von dem verdienstvollsten Menschen sagen. Gottlob ich darf mich meiner Eltern nicht schämen, und o! daß ich ihre rachtschaf ne Absichten ganz erfüllet hätte! Fast möchte ich fas gen, Gott habe mich als ein Schooßkind erzogen. Gelbst in meiner Familie finden sich einige,( ich mag nicht sagen aus wessen Schuld) mit denen ich mein Schicksal nicht vertauschen möchte. Es ist wahr, ich habe auch angstvolle Stunden und Todes gefahren erlebt: aber es waren ihrer verhältnißweise doch nur wenige, zumal wenn ich meine Lebensart und auffahrende Leidenschaften in Anschlag bringe. Genug, Gott hat mich erhalten, so, daß ich mich jetzt darüber freuen fann. Und weiß ich es denn nicht, daß manche meiner Seiden zu meinem Glück ausschlugen? Ich könnte es von allen behaupten, wenn ich sie zur Veredlung meiner Gesinnungen ans gewendet hätte! Wer wäre ich, wenn ich jetzt trunken und mit blutendem Gewiffen auf mein Lager fånfe! Wer, wenn ich mich schämte Gott anzubeten! Wer, wenn meine Borse und mein Hausgeråth geraubtes Müns delgut wäre, und wenn mein Name von Rechtschaft nen mit Achselziehen ausgesprochen würde! Gott! dir verdank ich dis redliche Herz, das( ben mancien Fehle Der 19te October: 309 Fehltritten!) doch Tugend liebt, und laster verabe fcheuet Deinem Unterricht verdenf ich es, daß ich weder ein Schwärmer noch Ungläubiger in der Religion bin. Dein ists, daß mein Gemüth zárts licher empfindet, als ich es bisweilen meines irdis schen Vortheils wegen wünsche. Jener junge Rds mer weince bey einem Gemälde von Alexanders Thaten, und eiferte ihnen nach: meine eigne ehes malige gute Handlungen sollen die Schilderey seyn. Sie sollen mich demüthigen, weil ihrer zu wenig find: aber anfeuern sollen sie mich auch, auf daß meine fünftige Handlungen noch edler und frömmer werden. Ob ich meinen Lebenslauf noch gerne von vors nen wieder anfienge? Untersuche ich die Bejahung oder Verneinung dieser Frage: so entdecket sich meis ne oft vertuschte Hauptabsicht Rühmlich, wenn ich jeden Fehler vermeiden, und nur deswegen meine Jugend zurück haben wollte, um besser und brauchs barer zu werden! Jedoch, was will ich noch wüns schen! Danken: danken sen meine Pflicht bis ins Grab. und auch das wirst du, liebreicher! ju ceis ner Zeit aufs beste besorgen. Auch auf mein Grab wird ein zärtlicher Freund eine Thráne fallen lassen; denn ich habe ja auch meine Freunde beweint. Wird auch mit zunehmenden Jahren die Zahl der Busen: freunde immer fletner; ganz sterben sie mir doch, bei einigen meiner guten Eigenschaften, nicht aus. Und sollte ich künftig hier auch wie ein Fremdling les ben und sterben; mein Vaterland und mein Ehren: posten sind der Himmel. Da werde ich bald unter gortlichen Freunden auf diesen Tag berablächeln, und ganz der deine seyn, o Gott! 11 3 Der 310 Der 19te October. 3u groß für ein vergänglich Glücke Verwirft mein Geist den Land der Welt. Ich weiß ein seliger Geschicke, Das mir der Himmel aufbehält, Wi Qie weggeworfen wäre meine Seele, und wie anbetungswürdig die Erde, wenn sie uns mit ihren Träbern sättigen, oder sich unsrer allmächtig erbarmen könnte. Aber so ist die Hoheit unsers Geistes über ihre Gartenhäuser, Puppen und Schels Ien weit erhaben. Wir spielen zu jeiten zwar mit: aber wenn wir flug werden, schámen wir uns det Kinderei. Meinet ihr, eine unsterbliche Seele laffe fich mit Centnern gediegnen Goloses dingen, um nun weiter nichts zu wünschen? Nicht vier Wochen dies net sie dafür, so verlanget sie neuen Lohn! Gut! die Erde übertreibt sich, bringt Kirschen im Januar und Rosen im November; alle Naturreiche werden gebrandschazt, und diesem Glückskinde Küche und Garderobe zu beforgen. Umsonst! Je mehr die Er de giebt, desto weniger wird der Mensch satt. Und nährte sie ihn mit Nachtigallzungen; so fodert er was neues und mehr. Eben so überladen sich seine Oh ren und Augen sehr bald. Und bauet man ihm täglich neue Triumphbogen: so glaubt er mit dem Kopf daran zu stoffen: und befürchtet, daß vielleicht ein Mensch lebe, gewesen sen oder kommen werde, der gleicher Epre genoß oder genieffen witd.- -Kurz: bie Der 19te October. 311 die arme Erde giebt was sie fan; aber die Foderung ist zu hoch. Nach einer kurzen Pause ist, wie bey Wassersüchtigen nach genoßnem Trunk, der Durst desto brennender. Wohl zu merken: je körperlicher das Vergnüs gen ist, oder je grdber die Erdlust, desto früher hungert die Seele wieder. Hingegen Musik, Wit, Freundschaft, Gelehrsamkeit und alles was mit so wenig Erdschlacken als möglich vermenget ist: das ist nahrhaftere Speise für den Geist. Und ein Kas pitalist, ein Sieger, eine angeberete Person, Bleis ben hungrig wie der Vielfraß, wenn sie ihren Geist Jahr aus Jahr ein brach liegen lassen. Hieraus folgt 1) der Mensch gehört ins Irrs hans, der durch Kühlung seiner Sinne glücklich werden will. Das heißt einen Mohren weiß was schen. 2) Die Erde kann unsre Heimat nicht seyn; denn ihre Kost ist uns zu ausländisch und ungesund. 3) Ein Vergnügen oder Glück, das unser Verstand nicht würzet, bekommt nun niemals lange. 4) Un ser Geist ist Herr, unser Körper der Bediente Wer es umkehrt, führet verkehrte Wirthschaft und wird banferuit. 5) Wie groß und überirdisch ist unsre Seele nicht! Könnten alle Staaten und Elemente zusammen mich so ausstatten, daß ich völlig damit zufrieden wäre: so müßte ich mich meiner Geburt schämen. Was hätte ich alsdann vor dem mich tras genden Pferde voraus? Dann jagte mich die Erde in ihr Gras, und spannte mich drohend oder schmeis chelnd wieder ins Geschirr. So aber ist 6) die Res ligion Wahrheit; denn sie spricht meiner Natur ges maß. Thate sie das nicht; verspräche sie nur huns bert 11 4 Der 20te October. Dertjähriges Leben, nicht edlere Güter als Steine und Metallen aus Bergen, als Pelze und Spinnger webe von Thieren und Würmern: nichts dauerhaft ters als hiesige Freundschaften, Schönheit und Eh renbezeugungen: so müßte ich glauben, der Schöp fer hätte sich vergriffen, und mich in eine unrechte Welt angesetzt. Geistige und ewige Freuden, davon laß ich mir nichts abdingen. Und du wirst sie mir geben, Allgenugsamer! wenn ich hier mehr für den Geist als für den Körs per lebe. Du allein kannst den Abgrund meiner Seele ausfüllen. Meine Wünsche sind gränzen los und sollen es seyn: aber du bist es auch. Wie unmenschlich, nichts als die Erde zu fodern! Lind wären alle Sonnen mein, die am Himmel funkeln: was sollten sie mir ohne dich? Gähnen würde ich nach Jahrtausenten; denn ich bin ein Geist, und nach deinem Bilde, Unendlicher! erschaffen. Der tråge Körper läßt sich jetzt mit einem Bette absin den! Was ist er gegen die Seele! 319 Der 20te October. llud ob ich mich mit Lastern überschwemmte, Und mir den Weg zur Tugend rings verdämmte; Dennoch schenkt zur Frömmigkeit Oott mir Kraft und Zeit. ch wollte gern fomm seyn: aber ich fan nicht!" Das ist ein lügenhafter Brands brief, den Teufel schon abgenugt und abgerissen; Millionen Gonlose aber sich damit bis in die Hölle ge: Der 20te October. 313 gebettelt haben. Diese Entschuldigung der Sünde ist abscheulicher als Elternmord und Hochverrath! Q! wenn in der ganzen Schöpfung eine einzige Stimine, die Gott ähnlich zu denken wünscht, un erhört bliebe, und als ein Teufel handeln müßte: dann würden selbst Engel, Gott zu leben, vers flummen. Eine so versagte Hülfe Gottes würde auf Erden schreckliches Stillschweigen und in der Holle bittres Hohngelächter erregen! Nein! Sie bittende Tugend ist allgegenwäre tig. Mit der einen Hand unterstet sie uns bey Kampf und Ringen mit dem Laster, und mit der andern beut sie uns den Himmel an. Sie verschafs fet sich Audienz selbst ben Tyrannen und richtet ihre Bothschaft im Namen Gottes bey ihnen aus. Sie schmeichelt wanfelmüthigen Jünglingen; bittet das unschuldige aber halb schon bethörte mådgen; niet weinend vor Verläumdern und Mördern; schleicht lasterhaften ins Schlafgemach oder Gefängniß nach; spricht ernsthaft mit Religionsspdttern; und dros hend mit sterbenden Frevlern. Ihr Tagebuch lans get mit der Seele des Menschen zugleich vor Gots tes Gericht an. Eine grosse Frage: ob mehr die Zugend oder das Laster mit mir in meinem Leben gesprochen bas be! Man muß schon sehr weggeworfen seyn, wenn das Lafter nur allein reden darf. Die Tugend spricht mehrentheils länger und nachdrücklicher, als es das Herz verlangt. Zitternd begehen wir daher in unserm zehnten Jahre eine Sünde; und noch im fünfzigsten darf sich nur ein neuer Umstand der Süns de ereignen; so drånget sich so gleich die bittende 11 5 und 314 Der 20te October." und drohende Tugend hervor. Vierzig Jahre hat sich der Berläumder geübt: nun aber kommt die Reihe an seinen Wohlthäter, Burgen und Sobred: ner! Seit dreyßig Jahren gab der Geizige keinen Pfennig aus, als nur für eigne Rechnung: nun aber wimmert ihn ben einbrechender Nacht ein ars mer Kranker auf der Landstrasse an! In vielen Jah ren hat der Gottesvergeßne nicht an sein Ende gut: willig gedacht: sein Ehegatte wird vor seinen Uu gen vom Schlag gerührt, oder sein einziges Kind ringer dergestalt mit dem Jammer, daß er selbst sel nen Tod wünschen muß! Troß sey euch, Got: tesvergeßne! Getzige und Verläumder! geboten, daß ihr unter diesen Umständen das Murmeln der drohend bittenden Tugenden nicht hören solltet. - D! wohin ich blicke, seh ich Reize zur Got tesfurcht. Ich darf nur Augen und Ohren öfnen: so sind die Einladungen Gottes da. Das hülflose Kind und der winselnde Arme sind Abgeordnete der Tugend. Ich höre beten oder fluchen: so macht sie mir ihre Anmerkungen darüber. Auf dem Ball und in der Kirche; einsam und im Gedrånge; und wäre ich ein Einsie ler: so spräche sie mit mir von Gott im Schattigten Baum, im zwitschernden Vos gel, mooßigiem Fußboden, oder auf meinen Fels herabfunkelndem Sterne. Ja, wann auffer einis gem Geschluchie alles um mich her stille ist, um mich ruhig sterben zu lassen: dann stehet die From: migkeit, ungesehen, zu meinem Haupt und betet mic vor. Denn du, heiliger Gott! wirst uns ehe Dafeyn als Tugend versagen. Schweig, Easter! so hör ich sie.- Ja ich vernehme auch jetzt, in fiils fer Der 21te October: 315 ler Abendstunde, die Uoffoderung der bittenden Tugend; es betrift Himmel oder Hölle! erbarmens der Gott! ich höre, ich folge: Seit mich nach deis nem Rath und nimm mich endlich mit Ehren an! Der 21te October. Wer bin ich, und wer werd ich seyn; Dein bin ich, Gott! und bleibe dein. Schreckliche Arbeiten gehören dazu, und höchst gewagte Unternehmungen, wenn ein Mensch nur einen Monat lang hinter einander weg fündigen will. Ermahmungen der Eltern, Grundsätze der Religion, Ehre, Freunde, Gesundheit, Geld und Gewissen: alles muß umgerissen und wechselsweise aufgeopfert werden. Und nach alle dem fündiget der Lasterhafte dennoch zuweilen mit schwerem, Hers jen. Denn der Tod ist verborgne Miene, wo auch der tapferste nicht streiten, sondern nur aufflies gen fan. Fürchtete sich niemand vor dem Tode: so wäre die Erde eine Hölle. Surcht vor künftigen Sünden aber ist ein noch gröffrer Reiz zur Frömmigkeit; denn sie ist noch schrecklicher, als Todesfurcht. Vor dem Tode zits tern; können auch Thiere; mögliche Sünden hins gegen zu verabscheuen, erfodert Berstand. Süns de und Tod sind Mutter und Tochter. Halten wir mit jener nicht zu: so wird uns diese nicht ges boren. Nur der Lasterhafte stirbt: der Tugendhafe te schläfer ein. Der 21te October. Es ist möglich, daß ich noch viele Simden begehen kan. Die Anlage dazu ist gemacht Und wenn Eli und Salomo in ihrem Alter auf Thors Beiten verfielen: für welche Sünde bin ich denn ficher? Habe ich kein beßres Bertheidigungsmittel, als meinen Vortheil und das; was wird man sas gen: so bin ich nach Zeit und Umständen dem Ans lauf jedes Lasters preis. Es können noch Menschen gebohren werden, oder mit mir in Verbindung kom men, welche, als Verführer, des Teufels Stelle recht eifrig an mir vertreten werden. O! wüßte mancher, daß er nach zwanzig Jahren ein Narr oder ein Teufel seyn wird: vielleicht bequemte er sich, Tugend und Tod heute minder fürchterlich zu finden, und trenherziger ihre Hand anzunehmen! Muthwillige Gedanken und Halsverbrechen find zuweilen keine Tagereise auseinander. 316 Es ist wahrscheinlich, daß ich, wofern mein Wunsch nach längerm Leben erfüllet wird, noch manche auszischenswerthe Thorheit begehen möchte. Man lernt mit jedem Jahr, auch wider Willen, so manchen Nichtsteig der Sünden kennen, dem Laster so manche Maske nach Tugenden zuschneiden, wird in so manche fremde Sünden mit eingeflochten! und die Seele wird im spätern Alter so einfältig, daß es eben feiner Susanna bedarf, um sie zu bes thören. Der Bug meiner fünftigen Denkungsart hänget entweder von Gottes Wort, oder von uns dert zufälligen Dingen ab, z. E. von Berarmung, von einer reichen Erbschaft, von einem listigen Hauss genoffen, oder vom Temperamente meiner Freunde. Wer kann voraus sagen, wo die spülende Wellen den Der 22te October. 317 den tobten Körper anlegen werden! Wer nicht auf Gottes Wort fuffet, muß sich von zehn zu zehn Jahren immer vorwerfen: daß er nicht flug war. Und nirgend stehet die Sünde schändlicher, als wo sie unter Runzeln hervor schielt! Ob ich im Alter vor Gott und Menschen erträglich seyn werde?- Wollte ich daher auch gåhnen und noch lange nicht die Ewigkeit beforgen: so müßte ich doch auch heus te noch ernstliche Maaßregeln nehmen, um nach zehn Jahren kein Kind oder Ungeheuer zu seyn! Mein Gott! verlaß mich nicht; denn der Vers führer sind zu viel! Mittelmäßig darf ich nicht seyn; oder ich werde bald gottlos. Erst Tugend, und dann sind Jahre und Geschenk. Steure demnach meinem Leichtsinn! beflügle meine guten Vorfäße! Ach! laß mich ja nicht lächerlich in den Lehnstuhl, oder verdammlich in den Sarg sinken! Noch in dies fer Stunde mit jedem Tage will ich dir ähns licher werden: dann bin ich nach zehn, dreyßig, fünfzig Jahren entweder ein liebenswürdiger Greis, oder dein Freund und Verehrer im Himmel. Der 22te October. Was ihr besikt, und was euch fehlt, Hat Gott nach weifer Huld gewählt. Die befriedigten Bedürfnisse verschiedener Völker reißt mich zum Erstaunen und zur Ans betung hin. Wie weise und huldreich ist alles bes dacht! Schande, daß es jemals Menschen gab, wel: 318 Der aate October. welche die Einrichtung der Welt einem blinden Ohngefehr zuschrieben! Die nördlichsten Sänder müßten unbewohnt liegen, wenn Gott nicht das Rennthier erschaffen hätte, welches mit Moos vorlieb nimmt, der Käls te Troß bietet, über den Schnee mit dem Schlit ten dahin schnellt, und unter demselben Nahrung finder: welches den Einwohnern Nahrung, Kleis der und Bequemlichkeit verschaft, und ihr Blut durch schnelle Bewegung erwärmt. Es giebt kein Thier, das den Menschen so nützlich und dabey so zahm und flug wäre als dieses. Aber eben dess wegen setzte es der weise Schöpfer auch nur in Lins dern an, welche wenig hervorbringen, und wo die Einwohner auch des Frosts und der Dunkelheit wegen, wenig arbeiten können. Und da in heiffen Erdstrichen gleichfalls wenig wachsen, und der Mensch aus Mattigkeit wenig arbeiten fann: so half Gott hier eben so fräftig nach. Aber nicht durch eine andre Art von Rennthieren; denn so kopirte det Schöpfer feine Werke nicht, und schnelle Bewe gung war hier schädlich; sondern durch den Cocost baum. Es ist zum erstaunen, was diese Gattung von Palmen oder Nußbäumen brauchbar ist. Sie Itefert eine Art Brod, Obst, Milch, Wein, Was fer, Spiritus, Eßig, Stricke, Hausgeråth, Baus materialien zu Häusern und kleinen Schiffen, Del zum Brennen u. s. w. Ausser dem schuf Gott für recht heiffe Länder noch andre Pflanzen oder Baume, welche in diesen dürren Gegenden den Thau des Nachts sammeln, und dann das fühlend ste Wasser in Menge tarbieten. Schildkröten und Dec Der 22te October. 319 der Brodbaum sind Indiens Apotheke und Speises kammer zugleich. Aber nicht genug, daß der gütige Schöpfer in diesen äussersten Klimaten, die Arbeit der ohnes hin von Frost oder Hike genug leidenden Menschen abfürzte: er gab auch einigen gemäßigten E estris chen wunderbare Hülfemi tel. Groffe Strecken in Amerika waren unbewohnt, wenn nicht Menschen durch Biber zur Jagd dahin gelocket würden Un manchen Orten, sonderlich in Persien und der Tars tarei, brudelt ein Bergöhl oder Harz aus der Ers de,( Naphtha oder Nepht) welches auffer seinen Arznenkräften, die Stelle des Theers, des Brenns dhls, und wenn es erhärtet ist, des Brennholzes vertitt. In der Moldau wird in gewissen Gegens den der Thau von den Pflanzen im Frühjahr ges sammlet, auf welchem die schöne Butter schwimmt. Und eben daselbst bringet die Natur eiserne Kugeln hervor. In Ungarn ziehet man nach einigen Wochen aus dem Cementwasser, statt eingeworfnen Eis sens, das schönste Kupfer heraus. Bemerkenswerth ist es, daß die Natur nur öden Ländern so vorarbeitet. Roßer aber giebt sie die Materialien, wo Hände genug, sie zu verarbeis ten, find. Fönnten Rennihiere und Cocos ben uns fortkommen: so würde uns das viele Faullenzer zus ziehen, und diese würden der Tugend bald auffäßig werden. Indessen, was haben wir zu flagen? Wir find genug bedacht, ob wir gleich mehr arbeiten können und sollen, Indier und Lappländer. Pfers de, Schaafe, keinsamen, Eisen: nur Eins von dies sen vier Stücken dürfte uns fehlen, wie dann? Der 23te October. O! du Brunnquell aller Gaben! wie schwille mein Herz empor, wenn ich deine Vorsorge für uns bankbare Menschen betrachie! der Lappe verehret fein Rennthier: und ich trete oft deine edelsten Ge schenke mit Füssen? Wenig Völker liegen so weich und erwärmt, als ich in meinen Betten. Nun so foll auch feine Nation so feurig danken als ich. Groß, anbetungswürdig ist der Herr, der Leib und Seele versorgt? Sagt es, Himmel und Erde: ift Gott nicht groß und anbetungswerth? 320 Der# 3te October. Du Vater deiner Menschenkinder, Der du die Liebe selber bist; Und dessen Herz auch gegen Sünder Noch gütig und voll Mitleid ist! Laß mich von ganzem Herzen dein! Laß michs mit allen Kräften seyn! Der er Gegenstand meiner Liebe bestimmt meis nen Werth. Fühllos und ohne alle Leidenschaft zu seyn, das ist eine gefährliche Windstille, bey der wir uns aufzehren und den Hafen nicht erreichen. Je vollkommener und wohlthätiger eine Person oder Sache ist: desto rechtmäßiger ist meine Liebe dage: gen. Wenn sich demnach meine Zuneigung, gleich einem Wetterhahn, von jedem Winde herumtreis ben läßt: so ist mein Verstand oder mein Herz bes feufzenswerth. Also eine Untersuchung über den veranderitchen Zug meiner Liebe! Nächst Der 23te October. 32E Nächst meinen Eltern und Wärtern befaffen die halb zerrißne Puppe oder das Steckenpferd meis ne erste Liebe; denn ich war ein Kind, brauchte nicht viel und sie waren meine Wohlthäter, weil sie mir die Zeit verkürzten. Damals grief die kleine Hand lieber nach dem Upfel als nach einem Golde stück. Nachher fam die Reihe an bunte Farben und glänzende Dinge. Mit den Jahren sah ich von den Spielsachen weg und Menschen mehr ins Gesicht: suchte aber ihre Bollkommenheit leider mehr in ihrer Haut und Kleidung, als in ihrer Seele. Ich hielt sie für grosse Wohlthäter, wenn sie mich nur zu lachen machten. Ich hätte recht gehabt, wenn dis Bergnügen von Dauer gewesen wäre. Aber sie, Geld, Titel, Moden und Zeitvertreib, in die ich mich wechselsweise verliebte, sind ein Trde delfram, der nicht lange hält. Daher artet die jugendliche Menschenliebe mit der Zeit in Verläums dungssucht, Härte und mürrisches Wesen aus. Und lese ich auch die besten Gegenstände mei ner irdischen liebe aus: so find ihre Vollkommen. heit und ihr Wohlthun doch nur geringhaltige Müns je, welche bald verrufen wird. Tugendhafte El tern, Gatten, Kinder und Freunde sind allerdings liebenswerth: jedoch die Liebe darf nur kaltblütig seyn. Was sind denn ihre Vollkommenheiten Gross fes, da wir uns ihrer mit der Zeit erbarmen, sie begraben lassen, in Staub verfallen sehen müssen; oder da sie bey unferm Seelenleiden und bey unferm Tode nur weinen können! Nicht einen Tropfen Blut fan mir ein menschlicher Wohlthäter zufließen lassen, geschweige Leben und Glückseligkeit. Ich bedarf Tiedens ubendand. II. Th. * und 322 Der 23te October. und verlange so viel, daß niemand mein Geber seyn fan als Gott. Du also, der du mich noch immer leitest, nach dem die freundschaftlichen Hände, die mich anfangs führten, längst schon vermodert sind! du, dessen Schöne nicht verwelkt, sondern mit meinem Bers stande zunimmt! du, dessen Welt mir immer prächs tiger wird, je långer ich sie betrachte: und dessen Liebe nicht gråmlich wird, wie die Liebe abgezehrte Eltern zu ihren Kindern: Gott! allein und immer liebenswürdiger Gott! schamroth bekenne ich, daß ich dich noch lange nicht brünstig genug liebe! Ei fersüchtig werde ich leicht, wenn du andre mehr zu lieben und zu beschenken scheineft als mich: aber lebe ich nicht? soll ich nicht ewig leben, und ist deine zärtliche Liebe nicht mit dem Blute deines Soh nes unterzeichnet? Gegen dich frostig zu seyn, und gegen armselige Schäße zu entbrennen, welche Rost und Würmer verzehren: das heißt seine Liebe wegs werfen. Unschuldigen Gütern der Erde und gu ten Menschen will ich freundliche Seitenblicke zus werfen, und also ihre Güte nach ihrem Werth be zahlen: aber nimmermehr dich aus den Augen ver lieren. Auch in Blihen will ich dich schön finden, und wann du mir leib und Seele trennest, gotts lich und anbetungswerth. Denn wann sich nun mein Grab, mich zu verschlingen eröfnet: zu wem fan ich meine dürren Hände alsdann ausstrecken? Zu dir, ewigliebender Bater! zu dir!! Ich habe nur Einen ganz liebenswürdigen Gegenstand, und das bist du, mein Gott! 34 Det Der 24te October. Vergabut' ich diesen Tag, der mir so wichtig war So wichtig! denn er bot mir Erd und Himmel dar! 323 D er Kalender mag die Tage benennen, wie er will; der wichtigste Tag für mich ist der heus tige. Die vergangne Lebenszeit ist verspielt, vers träumt, vergessen, oder wenigstens nicht so vers wandt, daß ich ganz zufrieden damit seyn darf: die folgende liegt noch in undurchdringlichem Duns fel, und sie sen noch so herrlich, so ist sie ja noch nicht mein!. Der heutige Tag stehet unter seinen Brüdern erhaben wie Joseph da, die ältern erwars ten Gnade von ihm; sonst sind sie verlohren. Und auch ihre nachfolgende Geschlechter sind wahrscheins lich verlohren, wenn der heutige Tag sich ihrer nicht erbarmt. Als ich gebohren ward, hatte ich Eine Todess gefahr überstanden, und was ich zu hoffen hatte, war ein furzes schreivolles Leben. D! bis heute fan ich schon hundert Todesgefahren berechnen, denen ich entschlüpfte. Meine ersten Zähne und Sünden brachten mich dem Tode eine Spannbreit nahe! Doch damals hatte ich noch Freunde, die in meine Thränen weinten: jetzt aber bin ich glüks lich, wenn andre über meine Zähren nicht lachen. Und wenn ich von meinem jetzigen sorgenvollen las ger( denn gewiegt werden nur diejenigen, die nicht forgen!) in die Welt hinaus sehe: verspricht sie mie Xa wohl 324 Der 24te October. wohl noch halb so viel als in meiner Jugend? fan sie mir auch meine verstorbnen Freunde wieder ge ben? Sterbe ich diese Nacht: so war der heutige Tag der wichtigste, weil er mein Loos entschei det. Er ist also mein Geburtstag, und ich kan ( welche erstaunliche Macht!) ich fan mir Gott oder den Teufel zum Vater erwählen. Wen ich liebe, dessen Kind werde ich. Wunderbare Ei genschaft des Menschen, daß er täglich, ein neuer Mensch werden kan! Der Garten fan das jetzt nicht, sondern lieget öde und dürre da, wie ein Sünder. Aber auch der Frechste, über den heute früh noch jede Tugend weinte, kann diesen Abend noch Freude im Himmel erregen. Eine solche Art von Allmacht besitzt der hülflose Mensch; aber nur auf kurze Sicht! Ich kann leben, sterben, beten, fluchen, rafen oder weise feyn: aber nur heute, Denn Morgen!- Morgen? Morgen?- das ist etwas we niges wahrscheinlicher, als wenn ich spräche nach zwanzig Jahren. Jetzt kann ich mit Gott reden; morgend ausser dem Tode zehn Hindernisse mög lich. Und wenn ich denn hier nichts findlich mit ihm sprach; so redet er dort mit mir im Zorn und mit seinem Grimm wird er mich erschrecken! 1 Bater! mein Vater um Jesu willen! du mich erschrecken? O! das müßte dir empfindlicher fenn, als mir felbst! Bis hieher hättest du mich auf Händen getragen, und nun stürste ich mich in die Hölle? Denn wo du nicht freundlich bist, da ist Hölle. Daß ich doch so weise wäre und verstum de den ganzen Werth dieses Tages! Entweder wird er mir noch im Himmel wichtig und angenehm seyn: obet Der 25te October. 325 aber ich werde ihn und seine oder vielmehr meine todtgebährende Freuden ewig wiederfäuen, und die Verdammniß schmecken! Was Hölle! ich bin für den Himmel geboh ren und eile schon jetzt, mein Vater! so nahe zu dir, als ein schwaches Erdenkind kommen kann. Hier bin ich, erbarme dich meines ehnmächtigen Danfs, Erbarme dich, daß ich mich nicht genug über deine Hülfe freue! aber ich bin leider noch immer ein neugebohrnes Kind, das nur füßlet und mit verschloßnen Augen, mitten unter seinen War tern, nach Wartung schreiet. Wann werde ich doch genug haben, ich der ich mehr habe als ich verbrauchen oder verantworten fan! Ich fange mit jedem Tage und also auch mit dem heutigen ein neues Jahr, ein neues Jahrtausend deiner Wohlthaten an. Denn auch mein jeßiges Gebet wirst du noch in der Ewigkeit belohnen. Ich will beten, loben und fromm vor dir wandeln: dann hat die Zukunft um Jefu willen nichts schreckliches für mich. Horet es, ihr, meine fünftigen Tage! hört es Himmel und Erde! ich lebe von heute an mehr für Gott! Dieser Tag sey Richter über mir! Der 25te October. Wir leben nicht auf Erden, Daß wir durch Müh und Pein ( Die nicht gebrechen werden) Am Leben Mörder sepn? o wenig fluge Eltern verlangen, daß ihre Kins der beständig seufzen und verzweiflen sollen: X3 so 826 Der 25te October. so wenig fodert Gott eine immer hungrige ober weinerliche Gemüthsart von uns. Je zufriedner mit Gott: desto gefälliger sind wir ihm. Ja, Freude mit reinem Herzen ist Tugend und Pflicht: glücklich, wer sie ausübt! Nicht aber jene förpers liche Freuden, die den Kopf einnehmen und das Herz leer lassen! Der Vorzug geistlicher Freu den ist in aller Absicht erheblich. Freude, welche sich nur auf Dinge gründet, welche morgen nicht mehr sind: oder welche den Zus schauern und Mitspielern Thränen foster, und uns felbst mit der Zeit welche fosten dürfte; Freude, bie nur in dem engen Bezirk unsers Körpers ihren Sik bat, unterdessen daß die weit unumschränktere Seele bungrigen Feierabend hält: solche Freude ist eine Art von Fieberparoxysmus. Der Leib wird erschüttert und das Kopfweh folgt. So spielen Knaben Krieg; dünken sich Helden; zerreissen die Kleider, und werden bey der Zuhausekunft von den Eltern dafür gezüchtiget. Unser Lachen zeiget wer wir sind. Freude, die mehr auf die Seele würkt; so viel möglich unmittelbar aus Gott fließt, und auch zu ihm zurücke kehrt: diese geistigere Freude ist des Menschen am würdigsten. Zwar erschüttert sie mit ihrem Gelächter die Wände nicht, und wiehert nicht durch Såle und Gaffen; aber ihre sanfte Empfindungen, ihr ruhig beitres Auge und ihre lächelnde Mienen sind unveränderlich, und haben gleich der Magnetnadel einen gewiffen Punkt. Dies se göttliche Freude siehet, athmer und schäßzet fast nichts als Gott und Himmel. Auch auf dem Gras Der 25te October. 327 Grabe eines zärtlichen Freundes siehet sie mit stars ren Augen gen Himmel, aus welchen eine Thräne auf die gefaltenen Hände fließt; und statt Verzweife lung spricht sie Dank. Unter Bliken, Erdbeben und Verfolgung der Menschen( denn von Gott wird sie nicht verfolgt!) stehet fie muthig, und statt Wimmern spricht sie Dank. Sie ist gelehrt; denn ihre Blicke dringen in Zukunft und Ewigkeit. Sie ist reich; denn sie nuket die ganze Schöpfung. Jeder Gottlose, der sich bekehrt; jedes erhörte Ges bet; jede Gelegenheit zum Guten alles ist ihr ein Fest. Und die Sonne könnte ehe auslöschen. als es dieser Freude an Materie fehlt. Selbst in Kriegen höret sie mehr als die Namen der Anfühs rer, Wahlstätte und Hauptquartiere. Ueberzeugt, daß Gott alles zum Besten, d. i. zu seiner Ehre und zur Ausbreitung der Tugend lenke: verspricht sie sich, selbst auch von Landplagen viel Gutes. Ihre Weissagungen sind frölich, und wo sie für Bedrükung nicht reden kan, da hoffet sie stillschweigend. — Solcher hohen Freuden hatte Maria viel ges noffen. Gabriels Verkündigung; der Lobgesang der Engel, welchen ihr die Hirten zu Bethlehem erzählten; die Anbetung der morgenländischen Wei sen: die Stärke des Geistes ihres göttlichen Sohns; und sein schleuniges Zunehmen an Weisheit, Als ter und Gnade ben Gott und den Menschen: bas alles ertheilte ihrer Seele eine heitre Hoheit. Sie unterwarf sich daher dem kleinen Verweise auf der Hochzeit zu Kana still und ehrerbietig: ich aber will von Gott immer so gar nichts drohendes, nichts von Warnungen leiden? Nur diese geistliche Freus den 34 328 Der 26te October. den( die ein Stephanus beim Steinigen fühlte!) machten die Mutter Jesu so heldenmüthig, daß fie feine Gefahr scheuete und sich unter sein Kreuz stellte. Und allda, mit dem Schwerdt des Herrn in ihrer Seele, und so blaß im Angesichte, daß es nur durch das herabträufelnde Blut des Gekreuzig: ten gefärbet ward: da stand sie, starb nicht und verzweifelte nicht! Wie wann ich unter meis nem Kreuze stehen und mich leiden sehen wer De'! -- - D! um alsdann nicht zu verzagen, will ich bey guten Tagen durch geistliche Freuden mein Herz stärken. Ich will mich meines Gottes und Heis landes öfters und mit Nachdenken erfreuen: dann wird es meinen Tagen nicht an Luft; meinen Näch ten nicht an Schlaf oder Ruhe fehlen. Der 26te October. Ich bin ein fallend Laub; Mir geht der Tod zur Seite. Vielleicht verwelt ich heute Und morgen bin ich Staub! Nichts scheinet unserm Nachdenken weniger wir dig zu seyn, als das fallende Laub; und wir sind doch selber welches! Es ist eine gewöhnliche Folge des Herbstes, und weiter von feiner Erheba lichkeit." Zugestanden! Aber wie oft erleben wir diese Veränderung? Der wenigste Theil der Mens schen Der 26te October. 329 fchen fiehet den Wald einige zwanzig mal entlaubt, so viel Betagte und Greise wir auch um uns her seben, die diesem zu widersprechen schienen Und wie wenige begehren zu sehen, was nicht auf der Stelle bezahlt wird! Der Naturforscher entdeckt, mit bewaffneten Augen, auf jedem Blatt eine unzählige Menge Insekten, deren Wohnplatz oder Welt dieses Blatt ist. Für sie sind Gebürge, Seen, heisse und falte Provinzen da, je nachdem diese Miniaturwelt bes schattet oder gewehet wird; ja selbst Gegenfüßler bewohnen die andre Seite des Blatts. Aber nun fällt das Laub, und aller dieser Völkerschaften Un tergang ist unausbleiblich damit verknüpft. Was für Heere vernichteter Welten( wofern Gott jes mals etwas vernichtet) schüttelt nicht also jeder Herbst herab! So viel Tropfen hält der Ocean faum, als der Wald belebte Geschöpfe. Und sie alle, mit ihren unzähligen Welten, haucht ein Nord aus den Daseyn hinweg! Und wir stehen unerschüttert da auf ihren Ruinen und halten es allenfalls für tauglichen Dünger oder Feuerung für Bettler! Ob es wohl Geschöpfe giebt, die, ben fünftiger Verwandlung unsers Weltgebäudes, so vornehm und albern urtheilen werden? Ja, wir sehen dem allen, aus Sorglosigkeit oder Unwissenheit, mit bestmöglichster Gleichgüls tigkeit zu. Vielleicht würden wir den für einen fühnen Thoren halten, welcher behaupten wollte, daß der Untergang so vieler Blätterwelten eben so pünktlich abgemessen sey, als der Untergang gans zer Sonnenwelten, oder als der Fall ganzer Staas € 5 ter 330 Der 26te October. ten bes Erdballs. Aber das affyrische Reich und ein Birkenblatt blühten ihre Periode durch, und fielen alsdann nach weislich von Gott bestimmten Gefeßen. Mir, o Gott! fey alles wichtig, was du thust; wann dein Sturmwind hundertjährige Eichen ums stürzt, oder wann er einen Halm zerknickt; wann Sonnen verlöschen, oder Blätter verwelken. Nichts soll so klein seyn, daß ich nicht meine Aufmerksam feit darauf richten: aber auch nichts so groß, daß es mich von dem Vertrauen auf dich, mein Schöps fer! abwendig machen sollte. Nichts sen mir wichs tiger, als zu wissen: daß du dennoch bleibest wie du bist; daß ich dich denken fan; und daß du, Unveränderlicher! mein Gott und mein Vater bist! Und so mag die Sonne verlöschen: oder die Welt, ( mein jetziges Baumblatt) fallen, aufgeldset und verwandelt werden: von ihren Trümmern steige ich auf zu dir, dem Allmächtigen; auf dessen Befehl sie ward, und auf dessen Wink fie verwandelt wird, wie das Laub, wann rauhe Winde darüber wehn. Und so suche ich denn nun, voll Vertrauen auf deine Gnade, die nöthige Ruhe. Vergieb, Vater! um Chrifti willen, die Fehler des heuti gen Tages, die Ulebertretungen der Jugend und die des reifern Alters! Und ob ich in jener Welt erst wieder erwachte: dennoch fürcht ich den Uns tergang nicht. Auch aus zusammen geschrumpfs ten falben Blättern bildest du das Laub des koms menden Frühlings. Wenn ich tugendhaft bin, fo Der 27te October. 331 so werde ich meinen Rang in deiner Kette von Ges schöpfen gewiß behaupten; denn ist Christus für mich. Und Will er mein Retter werden, 1 So frag ich nichts nach Himmel und nach Erden Und biete selbst der Hölle Troß. Der 27te October. Nie spricht mein Mund ein Wort, Das du, o Herr! nicht wissest. Du schaffest, was ich thu, Du ordnest, du beschliessest Was mir begegnen soll. Unfre Seele ist mit einer Art von Allmacht auss gerüstet, wodurch sie sich von allem was for: perlich ist, unendlich unterscheidet. In einer und derselben Minute fan sie sich vom Laster zur Tugend, vom leben zum Tode, von der Erde zum Himmel oder Hölle schwingen. Selbst Gott kan nur bits ten oder drohen: aber zwingen fan er keinen menschs lichen Geist. Das war von je her eine groffe Des müthigung für Tyrannen, welche gern beföhlen, was ihre Sklaven denken sollen; Wer zu sterben weiß, für den giebt es kein Zwangsmittel. Bey alle dem aber stehet der Mensch unter Gottes Regierung, auf daß er nicht riesenmäßig den Hims mel stürme. Schon Der 27te October. Schon unsre Denlungsart lenket der Allweise fo, daß wir gedrungen werden, besser zu denken, ohne doch unsre Freiheit zu verlieren. Er nimmt einem vermeßnen Gottlosen seinen mächtigen Be schüßer, oder zusammen scharrenden Eltern ihre Kinder durch den Tod hinweg; oder Gott verhängt es, daß ein Unzüchtiger oder Trunkner sich auf dem Gottesacker bey der Nacht verirrt, und bis an den balben Leib in ein n. chichiessendes Grab sinkt; oder daß ein Bibelspötter durch Schrecken und Todess fälle erschüttert wird. Solcher Unstalten und Uebers redungen bedienet sich der erbarmende Gott häufig. Ich kan also vorher bestimmen, was ich nach einer Stunde denken will: doch aber kommt es auf die Erlaubniß des Höchsten an. Freude, Verdruß, Krankheit, Erdbeben, Tod und hundert andre Zaus me lenfen uns nach höhern Zwecken. Indessen blei bet es dennoch in unfrer Willkühr, Troßköpfe zu feyn und das Gegentheil von dem zu denken, was wir sollten. 332 Aber die Richtung und Folgen unsrer Hands lungen gehören zum Oberherrschaftlichen Rechte Gottes und wir können beten daben, aber nichts befehlen. Die Würfel hie oder da hin zu werfen, das stehet bey uns: aber nicht was fallen soll. Ich kan in Einem Tage dreyßig Handlungen frey begehen, aber die Wirkungen davon zu bestimmen, da hört meine ganze kleine Monarchie auf. Jos fephs Brüder fonnten tödten oder verkaufen: aber für die Folgen konnten sie nicht stehen. Denn Gott führet es immer besser aus, als die Menschen es anlegen. Man kan daher sagen: die wenigsten Mens Der 27te October. 333 Menschen, sonderlich Gottlose, thun das was fie thun wollten, sondern sie sind Sklaven von den Fols gen ihrer freyen Handlungen: und sie müssen mehr Gutes und weniger Böses thun, als sie wollten. Monarchen, nebst ihren Helden und Ministern standen 1763 als die Träumenden, ohne daß fie doch die vorhergehenden 7 Jahr zu ihren Entwürs fen und deren Ausführungen waren gezwungen worden! Aber wo der Mensch zu würfen aufhdret, da fånget Gott an. Alle unsre Handlungen sind einzelne Faden. Der Allweise verwebet sie erst, nach seiner Absicht, ins Ganze. Selbst die vers ruchte That des Mordbrenners erhält unter den Unordnungen Gottes die bestmöglichsten Folgen, ob sie gleich strafbar ist und bleibet. Ich denke und handle demnach für deine froms me Absichten, Regierer der Menschen! Du nimmst mir meine Tagewerke aus der Hand, und bezahlest sie mir, um sie in deine grosse Haushaltung zu vers wenden. Ich bin fren, aber auch dein Unterthan. Dwie unnük bin ich, wenn alles mein Gewürfe nur Spinngewebe ist! Wann ich längst todt bin, dann leben die Früchte meiner Handlungen noch im Himmel und auf Erden. Lehr mich denken, reden und thun, daß deine Ehre und der Nußen der Welt dadurch befördert werde. Vielleicht ruft mich die Feyerglocke bald ab: dann, nach gut ges thaner Arbeit, eröfne mir, Herr Jesu! den Hims mel zu neuer und edlerer Arbeit! Det 334 Der 28te October. 11mfonst, umsonst verhüllst du dich; Mein Herz in Finsternisse: Was kann ich Gott verbergen, ich? Daß er nicht alles wisse? Sep( kannst du) dunkler als das Grab: Das Auge Gottes schaut hinab Und kennet deine Tiefen. nun un so sind meine Zeimlichkeiten entdeckt, denn der Allwissende wird sie, meiner Ehre zu schonen, gewiß nicht vertuschen. Meine ver: borgenste Gedanken und Handlungen sind wohl von Engeln und seligen Geistern schon laut beurtheis let worden; und die dichte Hülle, die ich um mich warf, ist nur für blöde Augen der Sterblichen so ziemlich undurchdringlich. So ziemlich, sage ich, denn vielleicht haben auch Menschen mehr von mic gesehen und gehört, als es mir lieb war! Ich wür de sehr betreten seyn, wenn ich alles wüßte, was man sich von mir in die Ohren raunet: aber was ist das gegen die Nachrichten, die man von mir hat im Himmel und in der Hölle! Ein jeder hat wohl seine thierische Minuten, in welchen der Mensch nicht zu Hause ist. Als dann schwärmet die sinnliche Leidenschaft auf ibret Weide, und wohl uns, wenn Vernunft und Res ligion die Herrschaft bald wieder antreten! Kur, ich habe unkluge Stunden verlebt, wo ich schlecht dachte, unüberlegt sprach und thdricht handelte. Der 28te October. 335 Die meisten dieser unrühmlichen Auftritten habe ich vergessen, weil ihre Erinnerung mir nichts schmets chelhaftes fagte. Viele Zuschauer und Interessens ten daben sind jetzt zu entfernt, zu sehr ausser als ler Verbindung mit mir, oder ach! sie sind schongerichtet! Zeugen giebt es also hier und dort, und meine angelegentlichsten Geheimnisse stehen immer auf dem Punkte verrathen zu werden! Und o! wie erschüttert mich der Gedanke, daß Gott sie in ih rem ganzen Umfange fennet! Aller Welt Sünde hanget wie Froschlaich zusammen. Er mißt Vers führer und Verführte, Reizung, Vorsatz und Ues bereilung nach genauestem Maaßstabe. Ich muß schweigen und er richtet. - Jedoch es giebt auch selige Heimlichkeiten, um deren willen jene von Gott nicht gerüget werden. Brünftige Gebete in der Einsamkeit, Thränen der Reue und Dankbarkeit, heimlich geleistete Hülfe, zurück gehaltene gute Seite, verborgne Tugenden, welche aber öffentlich würkten:- ach! gütigster Gott! ich werde doch auch so ganz entblößt von diesem wahren Schaße nicht seyn? Laß auch das geringste davon, um Jesu willen gültig vor dir seyn! Hätte ich es auch( wie, doch nicht zu ver: muthen stehet) vergessen: vergiß du es am Ges richtstage nicht! Meine verborgene Fehler sollen mich zu verborgenen Tugenden reizen, und die wirst du mir vergelten öffentlich. Allwissender Heiland! alle, auch meine heime liche Sünden sahest du von deinem Kreuze her, und betetest: Bater! vergieb ihnen! Um der Tos desnacht willen, die damals vor deinen Augen hieng, 336 Der 29te October. bieng, bitte ich dich: verbirg meine Geheimnisse vor dem versammelten Gerichtskreise! Und auch meine heimliche Tugenden werden erst Tugend in deinem begnadigenden Munde! Du rangest, ehe du zum Tode giengeft, einsam in Gethsemane mit meinen Sünden. Auch ich will sie bereuen und ber kämpfen, ehe ich zu Bette gehe. Uch! der Lebens: lauf im Bette wird viele verdammen, die die Welt kanonisiret hat. Wer da nicht gut denket, denkt auch in der Kirche nicht gut und heuchelt sich zur Hölle. O! darum, ehe ich jetzt einschlafe, will ich noch eis nige gute Gedanken begen. Kein Mensch wird sie wissen: du aber wirst sie mir dereinst feierlich an rechnen. Ja, in der Ewigkeit werde ich erst recht erfahren, wer ich hier war! Der 29te October. Dein war ich, als das Meer der Zeiten Noch uferlos und stille stand; Dein, als im Schooß der Ewigkeiten Das rohe Chaos nichts empfand. Eh Völker deine Hobeit meld'ten, hat, Gott! dein Auge mich bewacht; Und aus dem Stoff zu tausend Welten Bar auch mein Stoff herausgedacht. 2 ie Schale der Erdkugel( ihren Kern kennen wir nicht!) beweiser, daß es ehemalige Zers sittungen des Erdbodens gab. Man hat einige huns Der 29te October. 332 hundert Fuß tief in die Erde gegraben, und immer Schichten von lehm, Sand, Ronchylien, Stein u. f. w. gefunden. Tief und hoch in den Bers gen, selbst in den Alpen findet man lagen von Seegewächsen und Muscheln. Schiffe, Bäume Ackergeräth, Garben 2c. hat man tief in Bergs werfen entdeckt. Dazu kommt, daß viele Gebürs ge aus einander geriffen zu seyn scheinen. So groß auf dieser Seite des Thals die Spike ist: so groß ist jenseits eine Bucht. Ihre zusammen passende Höhen und Krümmungen beweisen, daß sie nicht von ohngefähr neben einander stehen. Hiezu muß noch bemerkt werden, daß man, ausser versteinerten Sachen, auch viele geschmolzne und verglasete Dins ge unter der Erde findet. Welch ein Brand hat die erzeuget? Man hat Bernstein tief unter der Erde gefunden, die seit Adam höchst wahrscheins lich nicht gerühret worden. Zeit und Ursache dieser grossen Revolutionen sind uns ein Geheimniß. Wir kennen nur Eine derselben, die Sündfluth. Uber sie allein fonnte die Erde so nicht umwühlen, und schwere Körper auf Felsengipfel hinauf schwemmen. Rührten alle jetzige Erd- und Steinschichten von ihr her: so müßten die schwersten Körper ihre lage tiefer als die leichtern haben, und das ist bei weiten nicht immer so. Die Schichten von Muscheln sind meis stens gleicher Gattung und gleichen Alters; uns möglich konnte die Sündfluth so orderntliche Bets tungen machen. Spuren hat sie genug hinterlassen; aber vor oder nach ihr müssen sich eben so wichtige Veränderungen ereignet haben, die uns der heil. Schrift zu melden nicht für nüzlich fand. Tiedens Übendand. II. Th. Y Die 338 Plafond Der 29te October. Die Gelehrten möchten gern mehr hievon for gen: aber wo die Bibel schweigt, da fommt die Vernunft nicht weit. Es sind zwo Hauptmeinuns gen davon, die wohl beyde zusammen genommen werden müssen. Einige leiten alles vom Weltmeer her, das ehedem die Erdkugel bedeckt, oder wenigs stens sein Bette öfters verändert habe; wozu Stür me, Erdbeben, Ebbe und Fluth viel beigetragen hätten. Andre hingegen schreiben alles ehemaligen feuerspeienden Bergen zu. Diese follen über eine ganze Familie oder Brut von Schnecken, Fischen und Seegewächsen,( wie über Heraklea und über den Plinius) glühenden Sand oder Asche gespru delt; dann, nach Jahrhunderten vielleicht, Kreide, Mergel, geschmolzne Steine u. f. w. darüber ges sprühet, und wieder nach Jahrhunderten abermals eine Gottung von Seegeschöpfen bedeckt haben. Nachher soll, durch unterirrdisches Feuer und Erd beben, eine so zubereitete Strecke sich aus dem Wasser zu einem Berge erhoben haben, und selbst die Pyrenden sollen so entstanden seyn. Eben so waren auch Schiffe, Kornfelder, Menschen und Thiere verschüttet, und mit der Zeit ihre Gråber aufgethürmet worden. Engel! erhabene Geister! bewundert ihr die tie fe Einsichten der Sterblichen? die sich die Erde nicht zehn Fuß tief erklären fónnen, und die Bege des Himmels richten wollen? Mag doch unsic Planet son einmal im Feuer untergegangen, und dann aufs neue umschaffen seyn; oder mag doch beym Sündenfall und andern wichtigen Begebenheiten Wasser und Feuer gewütet haben: zuverläßig ers fabs Der gote October. 339 fahre ich alles erst dort. Genug: der Allgüs tige bereitete mir hier wunderbar eine Wohnung zu: die fünftige wird noch wunderbarer und herrs licher seyn. Auf kurze Zeit macht alsdann mein Körper eine Erdlage mit uns: aber wer will meis ne Seele zerrütten, die Jesus Christus erlöset hat? Der zote October. Der Heiland ruft und küßt die Kinder; Und ihr! erzittert alte Sünder! Verachtet und verführet sie? Pflichten gegen Kinder sollen recht bedächtig ausgeüber werden, weil unsre Wachsamkeit nirs gend leichter einschläft als in ihrer Gesellschaft, und sie doch dereinst die gefährlichsten Angeber sind. Es ist schwer, mit ihnen unschuldig zu spielen! Wo wir sie zum herzlichen Lachen bewegen, da kostet es gemeiniglich ihnen oder uns lange nachher Thras nen und Angst. Die Kinderzucht, von der so viel im Himmel und auf Erden abhängt, ist nicht so zunftmäßig, daß sich nur Eltern mit ihr bewerben dürften. Jeder Erwachsner ist ein Vormund dess jenigen Kindes, das ihn sehen oder hören kann. Und dieses Kind wird für oder wider ihn sprechen in der Ewigkeit. Das Mitleiden, welches wir von Natur has ben, Kindern aus dem Wege zu gehen, und wenn fie 2 340 Der gote October. sie gefallen sind, ihnen aufzuhelfen, und fie, w möglich, ihren Eltern zu überliefern: das ist eine Anspielung auf unsre erhabenere Pflicht: sie vor Sünde zu bewahren und Gott zuzuführen. Jun gen Gemüthern das erste reizende Bild einer Sun de einzudrücken: o! für das Zergerniß lieber nie gebohren seyn! Erwachsne sind weniger verführbar: das Kind aber trägt den Antrag selten aus, und macht sich meistens dadurch zeitlebens unglücklid. Jede Sünde steckt wie Pest und Blattern an. Ein Nichtswürdiger darf nur, Ein Kind verführen: so steckt dieses die ganze Edul oder Spielgesellschaft Heitig fey mir also die Gegenwait der Ju gend; jede Miene, jedes Wort sey wohl überlegt. Ihr Herz ist ein reiner Spiegel; Flecke und Risse verunstalten ihn, und sind schwer auszubeffern. Und wie feicht sterben sie, und langen mit den Sünden ihres Verführes vor Gott an! all. Aber Jugend: Klugheit und Menschenliebe ins weiche Herz geprägt: das ist der beste Gottes: dienst. Wir sehen gemeiniglich die Kinder zu ein feitig an, als einfältige halbe Menschen: aber sind sie nicht auch die Vorsteher ihrer Nachkommen? Sie sind das Verbindungsmittel zwischen zwei Jahr Hunderten; und wie das jetzige die Kinder bildet: so ist das fünftige Gefulum beschaffen Denn leichter verwächst der Mensch jugendliche Narben als Jugendfünden! aber auch die ersten guten Eins drücke siegen, oft wider Willen des alten lasters knechts. Und so hat auch der Wermste Macht und Gelegenheit, die edelsten guten Werke zu verrich ten, die auf künftige Menschenalter und auf die Ewigs Der gote October. 34t Ewigkeit Einfluß haben. Selbst ein Bettler könne te, durch eine natürliche Schilderung seines Zus standes, und der wunderbaren Vorsorge Gottes für ihn, ein vornehmes Kind bilden helfen, und die Welt fennen lehren. Würde ein Kind, beym ersten Fluch, Schimpfen, Misbrauch des Namens Gottes 2c. nichts als drohende Gesichter gewahr: es würde abgeschreckt werden. Und wie tugendhaft würde es erwachsen, wenn es immer hörte, daß alle gute Gaben von Gott fámen! Getauft zu seyn, das müßte unsrer Jugend der größte Verzug düns fen. Sehe ich auf meine Kindheit zurück, so finde ich einen groffen Unterschied unter den Menschen, die mich umgaben. Wie verächtlich sind mir nun diejenigen, welche mich zum Bösen unterrichteten und anführten! Jedoch vielleicht krúmmeten sie sich auf ihrem Sterbelager auch dieser Sünde wegen, und da vergaß ihnen Gott: ich will sie also nicht ferner belangen. Aber ihr! edle und liebenswürs dige Menschen! denen ich die ersten Thránen der Lies be gegen Gott, oder den nächsten auf die Hände weinte: und die ihr für diese Bildung meiner Sees le schon tausendfältig belohnet seyd! o! in der Ewigkeit send ihr meine zärtlichsten Freunde: wie ihr auf Erden meine Schußengel waret! Aber wels des Kind habe ich zur Tugend angefrischt? Ach Ullwissender! nicht berechnen, sondern bereuen wil ich diesen Punkt. Aber nocy fan ich junge Seelen retten helfen, und dazu verleih mix Weiss heit und Gnade! 3 - 342 Der 31te October. Wir gehn dahin und wandern Von einem Mond zum andern; Wir leben und gedeven Vom alten bis zum neuen. ie Schöpfung ist nun wieder um einen Monat ålter; nur der Schöpfer bleibet derselbe. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Gott und der Kreatur! Die Veränderlichkeit aller Geschö pfe ist so groß, daß wir sie binnen Monatsfrist an vielen gewahr worden. In der Körperwelt ist ein beständiger Kreislauf. Vernichtet ist noch kein Stäubgen in der Welt: aber jedes zeiget sich allmählich unter andern Ge stalten. Mein Leib, den ich vor zehn, zwanzig Jahren trug, ward seit der Zeit von andern Ges schöpfen getragen oder verzehret. Gebürge verwit tern und werden abgespühlet und Thäler füllen sich an: Farben verschliessen, Gewand veraltet, Fleisch und Wasser wird Erde und Erde wir Fleisch. Viele, die zu Anfang dieses Monats auf der Er de wandelten, modern nun darunter; und andere hingegen verwandeln die Muttermilch in Fleis und Bein. Zwar ereignen sich diese Veränderun: gen bey allen körperlichen Dingen nicht gleich schnell. Die Himmelskörper scheinen noch dieselbe zu seyn, welche Adam sah. Aber wir werden dereinst doch auch ihre Verwandlungen erfahren. Noch Der 3rte October. 343 Noch wunderbarer ist die Veränderlichkeit in der erschafnen Geisterwelt. Der Seelen werden täglich mehr. Wenigstens werden sie in einen eins sichtsvollen Zustand versetzt, aus welchem sie nicht wieder herabsinken. Und wäre auch mein Geist mit dem Geiste Adams zugleich: erschaffen: so hats te er doch damals den hohen Rang noch nicht, den er bey der Vereinigung mit meinem Körper erhielt. In der Geisterwelt ist also frin Cirkellauf wie in der Körperwelt, die immer umgeschmolzen wird. Diese ist am Ende des Monats nicht vollkommner: aber jene nimmt immer an Bürgern und Einsich: ten zu. Ihr Weg gehet ewig vorwärts. Alle Geister, vom Erzengel bis auf das Wiegenkind, baben in diesem Monat ihre Einsichten erweitert und erhöhet. Und die Summe im ganzen Geis sterreich kann nur Gott zählen. Wie schlecht hans delt demnach ein Mensch, der sich nur in dem Kefsel der Körperwelt berum treiben läßt, ohne daß sein Geist die Anhöhe gewinnt, und so sei: nen Flug gen Himmel fortsetzt! Mit jedem Mos nat verfällt ja mein Körper. So viel ich auf dieser Seite verliere, müßte ich wenigstens auf der andern durch mehrere Bollkommenheit meiner Sees le gewinnen! Unwandelbarer! nimmermehr bleibe ich ders felbe, sondern in alle Ewigkeit fliege ich näher zu dir heran, ohne dich jemals zu erreichen. Jetzt aber hält mich der lästige Körper so zurück, daß die Seele manchen Monat hindurch keinen Schritt vorwärts thut. Ah! vergieb, Langmüthiger; wenn ich auch in dem verstrichenen Monat auf dem We24 ge 944 Der 31te October. ge zu dir einschlief, oder das Kreiselspiel der Erde aus allen Kräften mitspielte! Wink, oder zieh mich aufs neue zu dir! Laß mich, durch Verdoppelung meiner Schritte im fünftigen Monat höhere Stuf fen der Vollkommenheit erreichen! Bewahr mich, mein Behüter! auch noch die letzte Nacht dieses Monats! Bewahre mich ewig! Der Der Monat November. Der ite November. Was unser Gott geschaffen hat, Das will er auch erhalten. Darüber will er früh und spat Mit seiner Gnade walten. In seinem ganzen Königreich Ist alles recht und alles gleich: Gebt unserm Gott die Ehre! 345 Der traurige November!- Aber warum denn? Ich darf nur aufmerksam seyn, so finde ich Gottes Güte in jedem Monat. Der Mai ist freis lich schmeichelhafter; aber ist er es auch für unsre Küchen? Er giebt uns ja weniger als der ernsthafs So pflegen gar zu schmeichelnde Menschen die unzuverläßigsten Freunde zu seyn. Der trübe Britte verschenkt seine Freundschaft langs sam: aber er ist dafür auch beständiger als sein höflicher Nachbar. te November. Der November scheint uns mehr einzukerkern: aber dadurch hålt er uns mehr zur Arbeit und nützs lichen Einsamkeit an. Er gleichet einem bejáhrten Freunde, bei dem wir im Zimmer bleiben, und mehr Gutes hören, als in der lauten Gartengesellschaft. Und laßt auch diesen Monat etwas düstrer feyn 5 die 346 Der ite November. die andern: so seßet er jene durch seinen Schatten mehr ins licht. Der Johannistag erhält vom Mar: tinstage, wie von einer Folie, viel Licht und Angeneh mes. So finster der Wintermonat ist, so großmů tig ist er auch. Unser Nachtisch und unsre Vorraths: fammern werden von ihm am besten besorgt. Und Fönnten wir alles Sachen berechnen:( eine Arbeit, ben der ein Rechtschaffner weinen müßte!) so würde uns dieser Monat nicht trauriger scheinen, als die andern. Mit efnem gefunden Gewissen kann man auch Novembersturmen Troß bieten. Jeder Monat verändert unsere Tracht und Ta fel. Das Wasser z. E. bietet jeden Monat beſson: dre Leckerbissen an, und ein wohlbestellter Garten besondre Blumen. Reicher Gott! hat dir unser vorher gesehner Ekel diese Mannigfaltigkeit abges trott? Oder waren unsrer Gesundheit halben diese Veränderungen nöthig? Jedoch, du kannst nicht anders als milde und wunderbar feyn. Und wie uneigennüzig bei allen deinen Gaben! Ersat foderst du nicht, sondern nur ein Recepiffe, ein Gestánd: niß, daß wir sie richtig von dir empfangen haben. Ach! und auch das verweigern dir die meisten! Sie wollen Summen auf Summen einstreichen, ohne einmal den Geber zu wissen? Nein! ich wäre des Daseyns nicht werth, könnte ich so schudde ges gen meinen ewigen Wohlthäter seyn! Urquell aller guten Gaben! wie nackend und hungrig wären wir, wenn du nur Einen Monat mit der Zahlung einhieltest! Mit der Zahlung? Gedanke, der so frech ist als geläufig er dem Mens schen Der ate November. 347 schen zu seyn pflegt! Allmosen sinds, die du mit milder Hand auch in diesem Monat gewiß austhet: len wirst. Viele von uns Bettlern werden nur kostbare Kleider, einen herrlichen Tisch und Satiren werthe Freuden verlangen: verfahr mit diesen nach deiner Weisheit! Einige aber werden nichts gerins gers als den Himmel fodern: nur für diese bete ich, daß du sie gnädig erhören wolleft! Ich will täglich unter dieser edlern Zahl der Wünschenden seyn, und will feinen Tag aufhören, um den Himmel zu bit ten, bis du mich deiner Verheissung nach erhöret hast. Wenn ich in diesem Monat noch selig würs de: dann wäre der November gewiß der schönste Monat für mich. Herr! err! Der ate November. neige mir dein Ohr; vernimm was ich dir fage! Ich bin dein Knecht, und du bist mein! Mein König und mein Gott! verwirf nicht meine Klage, Und höre meiner Stimme Schrei'n! Dann ich will vor dein Antlik treten, Zu dir zu beten. S o betete David! Aber ich? O! der Schans de! Ich mögte faft lieber nicht beten. Setz te ich mich mit diesem Buche jetzt hieher, um mich gern und brünstig mit Gott zu unterhalten! Oder ergrif ich es aus Langeweile, Gewohnheit, Erzies hung, und weil ich mich mit mir selbst und meinen Freuns Der 2te November. Freunden nicht anständig mehr unterhalten kann? Ich will beten; o! wie viel gehöret dazu, und wie wenig mag ich dran wenden! Jch, dem Trägheit zum Gebet so natürlich ist! - 348 Ich eile einem Freunde entgegen, der lange abwesend war und spreche mich mit ihm so leicht nicht aus. Je länger ich mich aber von dir, mein ewiger Herr und Freund entfernte: desto langsa: mer gehe ich dir entgegen, und desto weniger weiß ich dir zu sagen. Und doch habe ich mich in alle Ewigkeit mit dir zu unterhalten! So wißig ich mir dünke, so verlegen an Gedanken bin ich, so bald ich mit die reden will. Es ist schwerer beten als pflügen; das Sprüchwort rühret gewiß von meines gleichen her. Denn auch in abgeschmackter Gesells schaft, die einem Brachacker oder Rohrfumpfe glets chet, gähne ich weniger vielleicht als in der Kirche; und es sind Würfungen des heiligen Geistes, wenn ich lieber die Bibel lese als einen Roman, oder als ein Buch, mit welchem ich zeitliche Absichten auszuführen gedenke. Lehrte die heilige Sorift Gold machen! so läse fie selbst der Freigeist mit ernstem Nachdenken! Woher diese Dürre meiner Andacht? Uch! böses Gewissen, oder mangelhaftes Erkenntniß find die Ursache! Nach jeder vorsehlichen Sünde bin ich einem Rinde gleich, welches schulet, oder die Lehrstunden verläuft. Jetzt einen Menschen muthwillig zu beleidigen, und in eben derfelben Mis. nute sich von dem Schöpfer und Vater desselben etwas zu verbitten, dazu gehörer eine Frechheit, die felbst den Wohlstand beleidigt. Herz und Kopf richten sich gemeiniglich nach einander: daher sind auch Der 2te November. 349 auch schlechte Einsichten in Religionsfachen, eine Ursache der Trunkenheit des Gemüths. Ein Mensch muß entweder Gott oder sich selbst gut kennen, wenn er eine Viertelstunde lang gut beten will. Welche kleine Frist, um vielleicht die Ewigkeit darin zu besorgen! Stärk mich, Geist der Gnaden und des Ges bets! daß ich mehr empfinden als reden moge! Mein Innerstes múse durchdrungen seyn von meiner Uns würdigkeit und von der Erbarmung Gottes! Die Betart meines Erldsers warne mich vor gedanken losem Geschwätz! Nicht der Körper, sondern viel:mehr der Geist demüthige sich fußfällig vor dem Herrn! Niemals, o niemals werde mir Gebet und Lob Gottes Arbeit, da es mein edelstes Vers gnügen im Himmel und auf Erden seyn soll! Du aber, der meine Gedanken von ferne verstehet, Gott! richte mich nicht nach Worten, sondern nach meinen Gedanken, welche reicher und nachdrücklicher sind als jene. Gedenke meiner, mein Gott! im bes sten, und ertheil mir auch diese Nacht mehr, als ich mir jetzt von dir erbitte! Segne meine Freuns de und Feinde; denn beider kann ich nicht wohl ents behren! Bleib mir und den meinigen noch fernets hin Erbarmer! Bewahr meine Gesundheit und zeitlichen Güter: noch mehr aber erhalt mein Herz bei dem Einigen, da ich deinen Namen fürchte! Wie tråge ich schon werde! Das ist recht findischer Leichtsinn und Schlaf! Vater! handle nicht mit mir nach meinen Werfen! Nimm Geständniß der Sünden für dob, und jeden Pulsschlag in diesec Nacht für Gebet an! Der - 350 Der 3te November. Sie fröhnen dürftig in Pallästen, Ihr krankes Herz pocht schwer und matt; Sie scheinen sich mit Glück zu måsten: Und werden dennoch nimmer satt. Die Menschen sind in keinem Stück einiger, als Zeiten zu klagen. de allein ist beständig. Wohlan! sind diese ewige Klagen gegründet: so läßt sich die Schuld von Gott nicht ganz ablehnen, und die Sache ist wichs tig, denn sie betrift die Religion. Das Murren über schlechte Zeiten giebt zu ver stehen, daß sie ehedem besser gewesen seyn. Da nun die Menschen von je her in Einem Tone weh: geklagt haben: so müßten vor einigen Jahrhunder ten goldne Zeiten gegen die jeßigen gewesen seyn; und das ist wider alle Geschichte. Wir wür: den uns schwerlich entschliessen, drei oder vier hun, dert Jahre zurückgesetzt zu werden. Unsicherheit, Aberglaube, bittre Armuth, häufige Religionskos sten, öftere Pest und Hungersnoth waren die von uns so beneidete Glückseligkeit unserer damaligen Vorfahren. Sie aber, mit ihrem Rühmen der vorhergehenen Jahrhunderte, irrten sich eben so wie wir. Zuverläßig wird man nach hundert Jahren unser Sekulum selig preisen. Aber wie wird das mit unsern jetzigen Klagen bestehen? Unfre - Der 3te November. 35 t Unsre Städte und Dörfer, Aecker, Wiesen und Weinberge sind im ganzen angebaueter und fruchtbarer als vor Jahrhunderten. Unfre Bergs werke sind, wo nicht eben so ergiebig, doch hinrei: chend; und niemals ist mehr Gold und Silber über dem Erdboden gewesen als jeßt. Der Bach rieselt noch immer sein Kristallwasser zwischen viehreichen Hügeln; die Kerche hat ihren Morgengesang noch; Bäume grünen, Rosen duften, Menschen blühen eben so wie damals. Was wollen wir also mit uns ferm beständigen Geichze! Das Uhrwerk der Schde pfung stocket also noch nicht: aber für unsre Wüns sche- geht es zu langsam. Wir fodern eine neue Welt. Wir wollen nicht nur verzehren, sondern auch wegwerfen. Seide soll das Schaf tragen, und föstliche Weine der Bach. Die Nachtigall foll in unsern Zimmern schmettern, und die Rose ans jetzt blühen. Der Garten muß amerikanisch, das Frühstück chinesisch, und unsre Jugend französisch, englisch und italiänisch seyn. Diese Uleppigkeit hat sich allenthalben eingeschlichen. Selbst der Krieg wird mit mehrern Kosten und Pomp geführt. So ist es denn sehr natürlich, daß wir auf Eis ner Seite darben müssen, wenn wir auf der andern zu viel verthun. Es ist also wahr, daß unsre Vorfahren vergnügter und mehr in Gesellschaft lebten, auch ihren Noth: und Ehrenpfennig besser verwahrs ten als wir: aber dafür leben wir vornehmer, fleis den uns zierlicher, verzehren mehr ausländisches, wohnen gemächlicher, lernen mehr und denken schös Glücklich, wer das wahre Nühliche und Schöne seiner Zeit und der Borwelt genießt! Neue Eins ner. 352 Der 3te November: Einsicht und alte Lebensart sind der Schlüssel zum Wohlstande. Indessen sind einige Jahre und Regierungen freilich trüber und hätter, als andre. Im gans zen aber nimmt doch die Wohlfahrt des menschlichen Geschlechts mehr zu als ab. Auch, wenn Monars chen stiefväterlich mit ihrem Volke verfahren, füh ret Gott gütige Absichten dabei aus. Es verbán: get es, daß seine verschmähete Liebe durch die Hirs te angebeteter Prinzen gerdchet wird. Frankreich und Schweden waren beim Anfange dieses Jahre hunderts der Abgötterei nahe: aber nach wenig Jahren mußten sie mit Thränen bei Gott Hülfe suchen. Er allein gönnet und giebt gute Zeiten. Wie mancher Ueberfluß um mich her! Ich will nicht flagen, sondern danken. Und ob mir gleich manches fehlt, so ist die Summe dessen was ich bes fiße und besigen kann, doch immer weit grösser. Heißhungrige Begierden, die allein machen schlech te Zeit. Bin ich måßig im Genuß, und fordre Ich nicht mehr, als was der Erdensold beträgt: ses he ich mehr auf das was ich habe, als auf das was mir fehlt! nehm ich alles von Gott mit Danksas gung an: so erleb ich lauter gute Zeiten. Und wenn es auch nicht wäre: ich bin ja für die Ewigs feit geschaffen. Da 353 Der 4te November. Algütigster! du siehst, mit göttlichem Erbarmen, Von deinem Himmel jest berab; Siehst deine Schöpfung; fiebst mich Armen, Dem deine Huld in ihr sein kleines Pläßgen gab! Der Ort meines Aufenthalts ist für mich keis ne Kleinigkeit. Und noch weniger ist er das, wenn ich bedenke, daß Gott von Ewigkeit her ihn als den besten für mich ersab. Ob ich meine Wans derschaft in so fern geendiget habe, daß ich gewiß an meinem jetzigen Orte sterben werde? Das kann man mit Zuverläßigkeit sagen, und die wenigsten wünschen es auch. Wir haben, sonderlich in jüns gern Jahren, einen Trieb zu reisen. Nur wenige Menschen laffen es sich später hin gefallen, dem Ges danken nachzuhängen: an diesem Orte werde ich sterben, und am jüngsten Tage auferstehen. Neugier, Unterhalt, Heirathen und Krieg führen die meisten Jünglinge von ihrer Heimat weg. Darunter müssen göttliche Absichten verbors gen liegen. Einige davon fallen leicht in die Aus gen. Denn, bliebe jedermann an seinem Geburtss ort: so hätte das menschliche Geschlecht weniger Verbindung. Es hätte Krämer, aber keine Kaufs leute. Die Betrachtung der Werke Gottes was re zu einförmig und ekel. Voll thdrichten Eigens dünfels würde sich jedes Städtgen für den Augs Tiedens Ubendand. II. Tb. 3 apfel 354 Der 4te November. apfel der Erde halten. So glaubt der Grönlän der, sein faltes, finstres und unfruchtbares Vaters land sey ein Paradies. Nationen, welche immer zu Hause sihen, müssen ihre Trägheit mit Einfalt bezahlen. Zwar Chinesen und Japaner kommen nicht zu uns, und sind dennoch flug. Aber ihr Baterland ist auch sehr groß und wird fleißig von ihnen bereiset; die Schöpfung ist daselbst reicher und mannigfacher als in andern Ländern; die Eu ropäer haben ihnen viele Einsichten mitgetheilt; der Ueberflaß an Menschen zwinget sie zu Kunsten und Erfindungen und dennoch würden auch sie weniger eingebildet seyn und mehr lernen, wenn sie fremde Reiche besuchten. Gottes Regierung wird, durch Veränderuns gen unsers Wohnsitzes, einleuchtender. Geh aus deinem Vaterlande, und von deiner Freund: schaft, und aus deines Vaters Hause, in ein ,, and, das ich dir zeigen will." So hat Gott entweder schon zu mir gesprochen, oder dieser sein Befehl stehet mir noch vielleicht bevor. Gelten ers laubt es die Vorsehung, daß sich geschlossene Fami lien an einem Otte einnisteln; denn daraus entste het mehrentheils ein Monopolium der Menschenlies be. Höchstens einem Kronprinzen fann man es bei der Wiege prophezeien, wo er sterben wird: alle andre Menschen haben mehr Freiheit, und die Welt stehet ihnen ofnet. Würden meine Eltern oder Voreltern ihr Kind, oder ihren Urenkel wol in dieser meiner Wohnung vermuthet haben? D! wir sind Pilgrimme, welche der Allweise nach sett nem Der 5te November: 355 nem Rathe wunderbar leitet, bis er sie endlich zu Ehren annimmt! Gott! ich bin unter deiner Hand, und die Erde ist allenthalben dein. Zufrieden mit meinem jeßigen Aufenthalt, den ich mir durch Betrachtung deiner göttlichen Wohlthaten immer mehr verschö nern kan, ich will keine Abendtheuer suchen. Es wird sich ja in hiesiger Erde auch gut verwesen lass sen, und mehr bedarf es im Tode nicht; denn für die Seele hast du eine Wohnung bereitet, Herr Jesu! Aber ich darf den Wanderstab doch auch noch nicht fallen lassen. Vielleicht werde ich noch von meinem jetzigen Posten abgerufen, oder von meiner Stelle weggedrängt! Es sey! Wo ich bin, ist Gott; und wo er ist, ist gut seyn. Freilich giebt es Stunden, wo ich gerne mein Grab besus chen, und mich an meine fünftige Schlafkammer gewöhnen mögre. Aber mein Körper ist ja Grabes genug, und wer in dem Herrn stirbt, ruhet ala lenthalben gut. Dankend und betend lege ich mich in mein Bette. Es ist dem Unbestande unterwors fen wie ich. Bald wird es mir anderwärts aufs geschlagen! An In Der 5te November. andern laß mich üben, Was du an mir gethan. Mich, meinen Bruder lieben, Gern helfen wo ich kann. Jedem redem das seine! Gewaltige Foderungen, bet der ich bankerutt werde, weil ich selbst noch 3 2 lange 356 Der 5te November, lange nicht genug habe! Gott fodert mein Herz, der Erldser Glauben und Nachahmung; der Him mel Bewunderung und Anbetung; die Erde Dien ste und Geschicklichkeit: der Landesheer Abgaben und Treue; meine Vorgesetzten Ehrerbietung: der Leib Pflege: die Seele Tugend und Erkenntniß; fast jeder Nächste verlanger Dienstfertigkeit; Kin chen und Schulen heischen Unterstüßung; keichen de Spitäler Beitrag; meine Eiben rechnen auf meinen Nachlaß: Bettler und Thiere auf Berfors gung; und das Grab auf meinen leichnam. Dis wäre so ohngefähr die Ausgabe! ,, ber welcher unter diesen Gläubigern wird mich denn eben ser ,, ken lassen; es ist ja klar, daß man zu viel von mir foder:!" Jedoch wie kann es zu viel senn, wenn jeder nur das seinige verlangt? Es sind ja nur Zinsen von mir geliehnen Kapitalen! Gab Gott mir nicht alles? Der Erlöser fein Blut? Der Himmel Ge deien und Hofnung? Die Erde Nahrung? De Landesherr Geshe und Schußz? Die Obrigkeit Ord nung und Wohlfahrt? Der keib sinnliches und die Seele geistiges Vergnügen? Befördert nicht der Nächste einen großen Theil meiner Glückseligkeit? Kirche und Schule meine Tugend und Erkenntniß? Das Spital mein Vergnügen durch Verbergung so vieler Elenden? Haben meine Erben nicht das Recht, was ich ehemals an meinen Borfahren hat te? Seßen Bettler und Thiere nicht meine Vor züge und mein Wehlergehen ins Licht? Und hat mir die Erde meinen Körper nicht lange genug ge liehen? Kann ich wohl ein Darlehn von diesem als fem missen, ohne unglücklich zu seyn? Darf Der 5te November. 357 Dort wimmert ein Elender an meiner Schwel: le. Weiß ich nicht gewiß, daß er ein fauler Betrůs ger ist: so bin ich sein Schuldner; denn er hat für mich gebetet. Kann ich ihm aber keine Allmosen geben: nun, so werde ich der Bettler, und erstatte ihm sein Gebet durch Fürbitten bei Gott und Mens schen. Mit faltem Blut und zugeworfner Thüre ist die Sache nicht ausgemacht: denn der Allwis fende ist die dritte Person bei jeder Bettlersgeschichs te. Einseitig kann die Sache nicht abgethan wers den. Uebertrat einer von uns die Gefeße, der Bettler oder ich: so werden wir gewiß zum gehört: gen Termin vor Gericht beschieden. Und wie dringend werde ich nicht von allen Seiten gemahnet! Sonnenschein und Sturm tras gen mir Gottes Auforderungen vor. Jeder Glo: denschlag drohet mit Verfallzeit, wofern ich säus me. Oft möchte ich weinen, wenn ich meine Schulden bedenke. Nicht selten jammert die Tods tenglocke über unsre Härte und den jetzt zu begraben: den, daß seine Nächsten ihn zu früh, oder unerbauet und ungetroffet sterben lieffen! Lange gehörte Mu: sif gellet geraume Zeit in unsern Ohren wieder: warum nicht auch diese so oft gehörte Begräbnißglos de? Angestoßne Romer haben fast denselben Klang, und sollten uns an unfre Schulden erinnnern. Über ich habe kein boshaftes Herz: ich bin nur gar zu arm! Nun, Heer Jesu! so bist du doch reich, und bezahlest für mich. Bin ich nur dein Schuld: ner nicht; so habe ich keinen Gläubiger weiter. 33 Deine 358 Der 6te November Deine lehre und dein Beispiel beschränke meine üppige Habsucht: so werde ich leichter ein Wohl thäter als ein Bettler seyn. Und wachen an jenem grossen Zahltage meine Glaubiger auf, und zitte ich deinem Ausspruch entgegen: ach! dann sei dein Blut mein dsegeld, und mache meinen geringen Abtrag vollzählig! Hier hast du meine Gelübde: ich will künftig kein muthwilliger Schuldner feyn. Nimm hin mein Herz: dis ist Bezahlung! 3 nicht bei Menschen; aber bei dir! Der 6te November. ! wenn doch aller Menschen Ehre Die Neigung andre zu erfreuen. Die Zärtlichkeit und Liebe wäre: Welch Glück war es, ein Mensch zu seyn! Wenn niemals andre Thränen flöffen, Als welche Lust und Dank vergöffen: Wie göttlich wäre dann die Welt! Die armen Grönländer, Lappen und Samoje den, die in dieser Jahrszeit die Sonne nut ein paar Stunden an den Horizont hinstreichen sehen: wie glücklich bin ich, auch in den dunkeln Tagen dieses Monats gegen sie! Jedoch was be Flage ich sie, da sie ihr Schicksal mit dem meinigen nicht vertauschen möchten. Fast dürfte ich sagen: der Menschenpöbel, zu welchem diese Völker mit gehören, sen des Sonnenlichts und einer schönen Natur Der 6te November. 359 Natur nicht werth. Würklich halten sich auch in dummen und öden Ländern, fast gar keine schön fins gende Vögel auf. Denk ich an die ungeheure Menge Tartarhorden in Asien, an Hottentoiten und viele Arten von Negern in Afrika, und an Hus ronen und Irokesen in Amerika; überschiage, daß der größte Theil der Erde mit viehischen Menschen besetzt sen: so wird meine Religion hiebei intreßirt. Es fallen mir manche Fragen in Absicht Gottes ein, die ich gerne beantwortet wissen möchte. Ich will nachdenken: so finde ich Erbarmung. Selbst halb Europa wird von bummen oder halb wilden Menschen bewohnt. Der polnische Bauer ist der halbe Weg von uns zu den Sklaven in den Bergwerken Brasiliens. Aller dieser Mens schentroß scheinet nur Stiefbruder von uns zu seyn. Die Armseligen sind fast ganz Körper, und nur um seinetwillen bewegt sich die schlummernde Seele ets was weniges. Und wohnen nicht selbst unter und um uns viehische Menschen genug, deren Eichels mast nur etwas verändert ist? Aus dieser traurigen Betrachtung fließt: 1) der Schöpfer ist uns unbegreiflich; und er muß andre Absichten und einen ganz andern Plan bet Erschaffung der Menschen gehabt haben, als du, kurzsichtiger Tadler, dir einbildest! Du hättest laus ter Stußer oder Weltweisen erschaffen. Aber Pas pagoien sind leichter zu entbehren als Rinder. 2) Wahrscheinlich wird die Erde so bald noch nicht uns tergehen, sondern es wird sich in Absicht der Läns der und Menschen noch vieles entwickeln. Man leget 34 360 Der 6te November. leget die Puppen( selbst die heiligen) schon immer mehr beiseite, und denkt mit männlichern Kräften. Vielleicht gehören noch Jahrhunderte dazu, ehe der rußische Bauer so ausgearbeitet wird als der schlesis sche. Aber wir sehen doch, daß allenthalben die Mens schen am Berstande reifen. Es giebt wenig Menschens fresser mehr; die Wilden kleiden sich und kochen häufi ger als ehedem. Vielleicht nach tausend Jahren werden diese Minderjährigen uns ziemlich nachges wachsen seyn. 3) Die heil. Schrift zu tadeln, wie sie an manchen Stellen sehr bildlich oder eins fältig spricht, verráth Unwissenheit in der Bestim mung dieses göttlichen. Buchs. Wer wird doch die Einsichten eines Vaters darnach messen, wenn man ihn mit seinen zarten Kindern vertraulich spre: chen hört! Gesetzt also, daß mir manche Punkte des Christenthums z. E. die Sakramente; manche Beschreibungen von Gott, Himmel und Hölle, der Majestät Gottes nicht würdig genug schienen: o! so war das um meiner kleinen Brüder willen sehr nothwendig, und ich würde dem Ham ähnlich, wenn ich meinen Vater verspottete. Warum wolls te ich mein schwaches Geschwister nicht tragen, da mir diese Treue gewiß belohnet wird! Allgemeiner Vater! deine Wege sind nicht die unsrigen; deine Gedanken Himmelhoch über die meinigen! Welch ein Vorzug: ich bin unter den Erstgebornen, welche schon lesen, beten und dir ans ständig danken können. Wenn aber die Einfältigen aus Norden und Osten dort einen Vorzug vor mir bekämen: wäre das meine Schuld? ä Der zte November. Wenn enn ich in Christo sterbe: 1 Bin ich des Himmels Erbe. Was schreckt mich Grab und Zod? Auch auf des Todes Pfade Vertrau ich deiner Guade; Du, Herr! bist bei mir in der Noth. 361 Viele Menschen sterben zu sehen, oder auch nur eine lebhaft Schilterung ihres letzten Kampfs zu lesen oder zu hören: das verbittert alle Freuden des Lebens, und macht entweder fromm, oder leichts sinnig, oder melancholisch. Der gütige Gott vers birgt diese schrecklichen Auftritte dergestalt, daß viele seitlebens faum Einen, oder sehr wenige Sters bende zu Gesichte bekommen. Über unsre Ohren werden weniger verschont, und fast ein jeder weiß so viel fürchterliches vom Tode, daß er nicht gerne dran denken mag. Ich aber will jetzt an meine Todesnoth dens fen, und mich von ferne her( vielleicht aber ist sie sehr nahe!) dagegen wapnen. Schon der Gedans fe: Schlagfluß oder Erstickung stehen mir bevor, ist erschütternd. Wie? wenn ich Gott täglich herzs lich båte, daß er mich sanft und wie im Schlafe dahin nähme: sollte er mir das wohl versagen? Vielleicht, vielleicht auch nicht! Aber darf ich es ihm auch wohl versagen, wenn er höhere Pflichten 35 362 Der zte November. 3. E. einen christlichen Heldenmuth, oder Warnung und Erbauung anderer von mir fodert? Es ist eine grosse Frage, was mehr liebe und Vertrauen zu Gott voraussetzt: stille Uleberlassung in den Willen Gottes; ober anhaltendes und zuversichtliches Gebet um ein fanftes Ende. Schön ist es allerdings, auch darum zu fleben: aber es ist gewiß nicht weniger schön dem Allgütigen nichts vorzuschreiben, sondern mit Dank fagung alles als das Beste anzunehmen. Kreußflucht ist Untugend. Da der folgende Zustand unfrer Seele von ihrer hiesigen, sonderlich letzten Denkungsart ab: hångt; und da der Erbarmer gewiß jeden Seufzer und Schweißtropfen, in seinem Dienste, reichlich vergilt: so kann ein schwerer Tod von den seligsten Folgen seyn. Je bißiger der Kampf: desto her: licher der Sieg. Und würde durch mein schmerze haftes Ende nur Eine Seele von der Sasterbahn abgezogen: welch ein angenehmes Opfer bråchte ich da dem Himmel! Es wäre nicht zu wünschen, daß alle Sterbende unvermerkt einschliefen. Nicht die Hälfte so viel Gutes würde in der Welt gedacht. Denn schmerzliche Krankheiten und Tod sind die Schule, in welcher viel Zugend erlernet wird! Zwar auch Ungedult, vielleicht gar Verzweiflung! Aber hier wollen wir am wenigsten richten Wahrschein: lich denkt die Seele alsdann besser, als der Mund spricht. Und sollte der Ewigtreue nicht Mitleiden haben, wo es so gar von harten Menschen bewiesen wird? Heftige Schmerzen setzen den Kranken ausser sich. Er bekommt, wie Hiob, seiner Ungedult we gen, Verweise: aber verworfen wird er deshalb nicht. Bis Der 7te November. 363 Bin ich noch nicht stark genug, die Vorstel: fung eines langsam bittern Todes auszuhalten: so will ich um diese Kraft herzlich bitten: mich aber indessen nicht ohne Noth angstigen. Nicht alle Krankheiten sind zu schmerzhaft. Nicht die Hälfte Menschen hat bei dem schwersten Kampf sein Be wußtseyn; und mitten unter Konvulsionen kann die Seele, wie in Ohnmachten oder bei Zuckungen in gefunden Tagen, die angenehmste Vorstellungen has ben. Das blißende Gewand des Todes ist mehr für die Zuschauer, als für den, der die Trauerrolle spielt. Und kann nicht unser barmherziger Vater besondre Stärkungen, Trost und Aussichten für seine sterbende Kinder haben, von welchen die lebenden nichts wissen; So viel lehrt die Erfahrung; daß die Leidensgeschichte Jefu sehr Kranken eine grosse Aufs munterung ist. Auch mir soll sie es schon jetzt seyn, mein einziger Beistand im Tode! Ist es möglich, so- doch, Herr! dein Wille gescheh! Meine Mars terstunden oder Angsttage, die auch wohl der Frevs ler nicht ganz umsonst aussteht, wirst du mir unend: lich belohnen! 364 Der ste November. Spräch ich zur Finsternis, Sey um mich, mich zu decken! So sucht ich mich umsonst Vor dir, Gott! zu verstecken, Denn auch die Finsterniß Ift vor dir helles Licht; Die Nacht glänzt wie der Tag Vor deinem Angesicht. as Nordlicht ist ein Schimmer deines Throns, majestätischer Schöpfer! Der Dumme und Frerler achten es nicht; Abergläubige verstecken sich und zittern; Klige denken nach und Fromme bes ten an. Ueberhaupt ist der Nordpol für unsre Halbfugel der Erde eine hohe Schule, wo unsre größten Geister noch immer auf den niedrigsten Båns ken sitzen. Die Magnetnadel, die sich gen Norden drehet, und doch jährlich eine bestimmte Abweichung zur rechten oder Linken hat; und die Ure der Erde, welche sich jährlich mehr gegen den Polarstern neis get, bis sie nach 2000 Jahren sich wieder von ihm entfernen wird: welche Aufgaben für tiefdenkende Geister sind das! Die gesamten Firsterne, gegen welche wir uns alle 24 Stunden herumdrehen, stes hen sie stilt, oder bewegt sich nicht das Ganze majes statisch langsam und uns fast unmerlich? Drehet sich der Sternhimmel, gleich Planeten, um eine verhältnißweise grosse Sonne? Wann wird dieser groffe Der ste November. 365 grosse Cirkel vollendet? Und nun, welches ist der Thron oder Mittelpunkt, um welchen sich alles drehet. Zu diesen nördlichen Wundern gehöret insons derheit auch das Nordlicht, von welchem die Gelehrs ten wenig mehr wissen, als die Ungelehrten. Alle ihre Erklärungen laufen darauf hinaus, daß sich in Norden eine gewisse glänzende Materie bewege; daß diese Materie elektrisch, oder gleich dem Wet: terleuchten ein unreifes Gewitter; oder die Atmos: phäre der Sonne fey, in welchen sich unfre Erdkugel taucht. Aber wir möchten gerne mehr wissen! 3. E. Warum beweget oder häufet sich die Ma: terie des Nordlichts nur im Norden? Warum hat man vor dem Jahre 1716. sehr selten und nur in den nordlichsten Ländern diese lufterscheinung wahrs genommen? Warum sind sie jetzt so häufig, und werden immer weiter hin in Süden selbst schon in Spanien, sichtbar? Warum erscheinen sie zu so uns bestimmter Zeit, doch aber in so fern bestimmt, daß vom Upril bis zum September fein Nordlicht geses hen wird? Warum folget gemeiniglich strenge Kälte auf dieses Phänomenon? Und wozu dieses prachtige Schauspiel? Welch Stückwerk ist doch unser Wissen! Und doch weiß unser Jahrhundert mehr vom Nordlicht als alle vorhergehende gewußt haben. Wir wissen schon, daß es nicht der Wiederschein der Herins ge, oder der Eisberge und Meere unter dem Nords pol; nicht ein Kampf mit Lanzen bewaffneter, sich in der Luft herum tummelnder Heere sey, der Tod, Krieg 366 Der ste November. Krieg und Elend prophezeiet. So haben denn un fre Einsichten mit ihrem Schneckengange sich end: lich so weit genähert, daß wir den Liebenswürdigen im Nordlicht nicht mehr drohend finden; ihn, der gewiß so oft nicht drohet, als es die Menschen vers meinen. Vielleicht werden nach abermals 6000 Jahren dir die Naturforscher mehr vom Nordlicht zu sagen wissen: aber doch nicht so viel, als ich- nach hundert Jahren. Magnet, Nordlicht, Elektri: citát zc. waren eine neue teftion, welche Gott dem sechsten Jahrtausend aufgab. Lernet nur, ihr Mens schen! so werdet ihr desto mehr lernen können! Denn sicher wird es dem siebenten( und dauert die Schule so lange) dem zehnten, zwölften Jahrtausend nicht an neuen Seftionen fehlen. Und mir gewiß in alle Ewigkeit auch nicht; denn du Unerschöpflicher! bleibest das Erstaunen derer, die dich näher betrachten. Auch meine mut terliche Erdkugel wird Lort unter meinen Füssen mehr von mir untersucht werden, als ich mir jetzt einbilden kann. Aber bewundern will ich doch auch jetzt schon deine Werke, wenn ich sie gleich nicht verstehe. Auch das Nordlicht ist eine Satire auf Freidenker und Naturalisten, weil es ein Buch für Höhere Geister ist. In hiesiger Buchstabierschule ist das Herz schäßbarer als der Verstand. Dich fürch: ten und lieben, mein Gott! das sey mir Weisheit bis ins Grab! Der Der 9te November. Herr! deine Güte zu ermeſſen, Sep ewig meine erste Pflicht! Der Herr hat deiner nie vergeffen: Vergiß, mein Herz! auch seiner nicht! 367 S er größte Theil der Menschen ist nicht so ruch: los, als gottsvergessen. Unter zwanzig Süne dern ist kaum Einer der kaster auf Laster, ohne Scheu und Vorwürfe des Gewissens, begehen könnte. Sie sind folglich noch nicht von Gott los. Uber Gottesvergessenheit, das ist die ans steckende Seuche, welche täglich viele Tausende um mich wegrafft. Un wen wird in der hiesigen Welt Gottes wohl frostiger gedacht, als an Gert? Aber dis taster trägt seine Strafe auch auf dent Rücken. Der Gottesvergeßne bleibt einfältig, und wäre er so gelehrt wie eine Bibliothek. Was er weiß find Kleinigkeiten, deren er die langste Zeit seines Dasenus, deren er in der Ewigkeit überhoben feyn wird. Ein Freund Gottes, der täglich die Schöp: fung mit aufmerksamen Augen betrachtet, findet kein Modezeug, selbst keine Oper zum Entzücken schön. Er ist der Wunder gewohnt, und erstaunet über nichts als über die Werke der Natur. Gots tes Arbeit z. E. eine Blume, das gestickte Kleid eines Schmetterlings u. s. w. wird durch das Vergrösserungsglas immer schöner und erreget Ers staunen. Stoff und brabantische Spigen aber mas chen 368 Der gte November. chen alsdann zu lachen. Jedoch den Gottesvers geßnen fest eine neue Modekleidung, eine Frisur, ein Aufzug geputzter Menschen ausser sich. Er zählt man ihm aber: daß alles in der Welt be lebt, oder von lebendigen Geschöpfen bewohnt sen, und daß er täglich viele tausend unsichtbare Ge schöpfe verzehre: so scheint ihm das unglaublich, weil alle seine Kenntnisse dagegen viel zu plump sind. Und lachen wird er,( wie ein Narr, der einen Weisen für feines gleichen hált) wenn man ihn noch weiter in die Schule Gottes führt. Daß eine abgeschoßne Kugel wohl Millionen Jahre flies gen müßte, ohne sie von einem Stern zu dem ihm nächsten käme: das hat er mehr Lust zu verlachen, als ehrfurchtsvoll zu glauben: Gern machte der Gottesvergeßne aus dem Allerhöchsten einen alten blinden Mann, der sich von Kindern necken lassen muß. Wie dumm ist er! Wer an Gott so wenig denkt, daß er nicht wenigstens einigemal des Tages sein Gemüth zu ihm erhebt, der gehört noch immer in die verwerfliche Klasse der Gottesvergeßnen. Ist es zu viel, so oft für Gott da zu seyn? Und doch sollen unsre Knechte und Untergebne nur blos für uns leben, und immer zu dienen bereit seyn? Gottesvergessens heit ist die einzige Sünde, welche der Mensch beges hen kann. Denn wer lebhaft an Gott gedenkt, kann nur erstaunen, lieben, beten und danken; aber zu der Zeit gewiß nicht fündigen. So findisch der Gote tesvergessene in Absicht seiner Einsicht ist, so fries ghend ist er auch mit seinen Wünschen. 當 DAB Der 9te November. 369 Daß doch der Mensch nicht lernen will, wer er ist! Immer friechet er im Sande, spielet mit Glasscherben und wirft sich mit Schneeballen. Ist das niedrig? Nun so ist die groffe Welt, die Gots tes vergißt, immer das kleinste, was Gott auf Erden erschaffen hat. Jeder Mensch, der nach etwas geringerm als nach dem Himmel verlangt, ist ein Kronpring, der sich zum Viehhirten vers miethet. Das wäre doch nur schändlich: Gottes: vergessenheit aber ist unnatürlich; so unnatürlich, daß die königliche Seele des unsterblichen Menschen hungrig und elend bleibt, bis sie sich mit ihres gleis chen, mit Gott und himmlischen Geistern beschäfs tiget. Thiere kennen und lieben den Menschen, der sie futtert: Gottesvergeßne sehen so weit nicht, und je àlter je unausstehlicher werden sie. Gott! ich zittre für Freude, wenn ich bes denke, was ich nach dem Tode werden soll. Bes wahr mich doch die noch übrige Strecke meiner Zus haufefunft vor allen Irrwegen! Sünde berauscht, die Nacht bricht ein, und der Wandrer liegt auf der gefrornen Landstrasse: davor behüte mich meint christlicher Berstand und mein gutes Herz! Zu viel hat jener aus der Natur und Bibel gelernt, und dieses zu viel Gutes von dir, mein Vater! empfangen, als daß ich dann und wann gähnend fragte: wer ist der Herr, dessen Stimme ich gehorchen foll? Meine Seele hat nur Einen Herrn: o! los be diesen Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir gutes gethan hat! Tiedens ubendand. II. Th 21 a ā 370 Gnädig Der rote November. Und nd nadig ward ich heut erhalten: Dank sey dir! mein Gott und Herr! Meine Hände will ich falten, Und dich preisen, Gütigster! Jede Ader sep dein Ruhm, Und mein Herz dein Heiligthum! Deiner Treue die ich singe, Bin und bleib ich zu geringe: wäre ich heute der Unglücklichste in der gans zen Provinz( wer sich aber dafür hålt: der bes tet nicht!) so wäre doch ein dankbarer Beschluß des Tages meine Pflicht. Ich bin ja noch nicht in der Hölle, und folglich stehet mir der Himmel offen. Und wem der angeboten wird, sollte der nicht danken? Ubermals ein Tag überlebt! Welche Wohls that! Wie viele sind heute selig geworden die gestern noch friechende und beweinenswürdige Menschen waren! Ich stehe noch in der Mitte; weder zu elend, noch zu glückselig: o! ich halte mich fest an dir, mein Gott! Ich will dich loben, das ist die höchste Stuffe menschlichen Glücks. Damit kan man sogar des Todes Bitterfeit vertreiben. Ich will meine heutige Tagreife dankbar bes schliessen! aber wo fange ich an? Ward nicht mein Körper( gleich als ob viel am ihm låge!) aus faft allen Weltgegenden heute ernährt? Fast alle dans det Der rote November. 371 der des Erdbodens waren mit hiesigem Orte und feinen Einmohnern heut in Verbindung! Ein Pulss schlag, oder Ein Stoß des Herzens, wodurch das Blut bis in die äusserste Spißen des Körpers ges sprizt wird: welche unbegreifliche Art von Als macht ist das! Und diese majestätische Handlung meines Herzens( die ich von ferne wie ein Bettler anstaune) ist seit gestern! an die hundert tausends mal in mir bewerkstelliger worden? D! klopf, mein Herz! meinen Abenddank brünstiger zu machen! Der Herr Himmels und der Erdey hat mich Arme seligen heute erhalten:( Europens Könige konnten es nicht!) er wird mich ferner erhalten. Menschen mögen mich anfassen, wie ein Kind, welches sich einz bildet den Säugling im Urn der Wärterin zu tras gen: ich weiß gewiß wer mich frågt; und er wird mich nicht fallen laffen! Bisweilen dünft es mit zwar, als ob ich sänke: aber das ist nur ein Blende werf, wie der Fall einer Sternschnuppe. Wer zum Himmel gehört, der fällt in Ewigkeit nicht. Ob der Himmel jetzt sternklar ist? Fast möchte ich wünschen, daß er es selten wäre, das mit diese Pracht, diese Wohlthat meines Gottes besto höher geschäßet würde mächtiger! das Geschenk mit dem gestiraten Himmel ist meistens nur für Hirten und Fuhrleute; für die mehesten Menschen ist es wie weggeworfen. Ja, wenn der Ehrfüchtige diesen Pump des Himmels allein sehen und seinen Schmeichlern als eine Gnadenbezeugung dann und wann ein kleines Sternbild erblicken lass sen könnte! Oder wenn der Geizige die Beschauung des Himmels verpachten möchte! Dann würde dies 2014 2 fe 372 Der rote November se nächtliche Wohlthat von Gott doch wenigstens einem Schachte gleich gewürdiget. Als man noch die Nativität stellte, da waren die Sterne bekanns ter. Nun sie aber nichts als Dank und Erbauung eintragen, nun sind sie ein ziemlich unbekanntes Land! Ich aber will dankbar den Himmel, deiner Hände Werk, mein Gott! betrachten. Und ob er in Wolken gehüller wäre: auch das ist mir zuges dachter Segen. Wie zittern nicht die Sterne für Verlangen, uns Menschen zu Gottes Lobe zu er: muntern! Mein Körper verlangt nach Ruße: gütige Einrichtungen Gottes, daß ich gedrungen werde, mein Bestes zu besorgen! Wie still ist alles, auf daß mich nichts stören soll! In Amerika hingegen ist die Schöpfung jezt laut, weil die Sonne die dortigen Verehrer Gottes, zum Dank erwecket. Ja, meine ferne Brüder! vertretet jezt meine Stels le, und lobet innigst unsern gütigen Vater! Mors gen, wann ihr schlafet, wiederhole ich in meiner Sprache, was ihr jetzt in so verschiedner Mundart zum kobe Gottes erschallen laßt! Wie schön ist die Welt! wie liebenswürdig der Schöpfer! Ich muß, ich muß ihm danken; denn ich bin von seinen Wun dern umringt. Wann ich nun schlafe, wie mächs tig wird nicht sein Schuz über mir! Der gütige Gott! O lobet ihn, Himmel und Erde! Engel und Sünder! Und wenn ich heut erkrankte: das wäre ja halb geöfnete Thüre des Himmels. Ich mag leben oder sterben! immer verfährt Gott liebreich mit mir. Der 373 Der 1ste November. Mein Urtheil, ists nicht oft der Leidenschaften Spiel? Su wenig sagt es heut; und morgen viel zu viel! D er Martinstag erinnert mich an die Kalenders heiligen, welche von einem Theil der Christen fast vergöttert, und von dem andern fast lächerlich gemacht werden. Ein wahres Bild menschlicher Urtheile! Selten wandeln wir die königliche Mits telstraffe. Zwo Partheien entfernen sich muchwil lig immer weiter davon, um nur eine der andern zuschreien zu können: du bist auf dem Irrwege! Gehet euch doch beide entgegen; wo ihr zusammens trefft, da ist die Heerstrasse! Der heil. Martin also. Aber wie mißlich ist die Verehrung desselben; da es noch nicht aus: gemacht ist, ob ein Bischof in Frankreich, oder ein Pabst dieses Nahmens darunter verstanden werde! Jedoch beide Männer scheinen um des Festes nicht aber das Fest um ihrentwillen eingeführet zu seyn. Im Heidenthum feierte man jetzt die Weinlese. Die Christlichen aber gaben dem eft einen christlichen Nahmen, und eine bessee Absicht. Oder sie wolls ten den Heiden, die zum Christenthum übertraten, diese Veränderungen dadurch erträglicher machen, daß fie ihnen von ihren vormaligen Feiertagen und kust barkeiten nichts abbrechen wollten. Oder dis Fest war gleichsam das Karneval der 40 tågigen Fasten 203 vor 374 Der 11te November. vor Weihnachten. Hieraus erhellet, daß dieses und ähnliche Feste jezt füglich abgeschaft werde können, und daß der heil. Martin weiter feiner f fentlichen Berehrung bedarf. Auf der andern Seite gehet man doch aber auch zu weit, wenn man den Kalenderheiligen kalt finnig oder satirisch begegnet. Einige ausgenom men, von denen höchst wahrscheinlich ist, daß sie niemals vorhanden waren, oder daß sie lasterhaft, wenigstens sehr mittelmäßig fromm gelebt haben: die meisten sind doch fromme Leute gewesen. Und da verdienen sie ja wohl ein gesegnetes Andenken. Zumal wenn man sich erinnert, daß sie zum Thell sehr viel zur Erhaltung und Ausbreitung der christs lichen Lehr beitrugen, und daß viele ihr Leben für das Bekenntniß derselben als Mártirer beschlossen. Gottlob! die christliche Welt wird immer flüs ger Jene dunkle Jahrhunderte, in welchen man Heilige und Heren, Wanderthäter und Schwarzs künstler fand, sind nicht mehr. Jezt finden wir nur Menschen auf dem Erdboden, und die sind ent weder fromm oder gottlos, nichts mehr nichts wes niger. Die heil. Schrift und die Vernunft has ben ein Licht angezündet und die vermeinten Engel, Teufel, Gespenster und Unholden sind verschwuns den. Der vernünftige Katholil schämt sich, seine Heiligen anzubeten oder gottesdienstlich zu verehren; und der vernünftige Protestaut schämt sich, thn für einen Gözzendiener zu halten. So erreget ein ins Wasser geworfener Stein weitläufige Wellen, die aber immer näher zusammen fliessen, bis endlich die Obers Der 11te November. 375 Oberfläche wieder glatt und ruhig wird.! diese Fräuselnde Wellen sind in diesem Jahrhundert schon so enge Cirkel geworden, daß wir uns bald errets chen und friedlich zusammen leben werden. Die Abschaffung so vieler Heiligentage ward ehemals den Protestanten sehr verarget, und nachher trus gen geistliche und weltliche fatholische Mächte selbst darauf an. Nur Geduld! Schrift und Vernunft erhalten sich am Ende doch in ihrer Gerechtsamen. Das mdgte ich wissen: ob den Kalenderheilis gen im Himmel die Begehung ihrer Feste angenehm ist? Es wäre doch schreklich, wenn es ihnen eine Art von Schaam oder Unwillen zuzdge. Nach Petro und nach dem Engel zu urtheilen, welche nicht einmal von einzelnen Menschen Fußfällig vers ehrt seyn wollten,( Gesch. 10 25. 26. Off. 19, 10) scheinet es, daß Apostel und selige Geister viel zu eifersüchtig für die Ehre Gottes sind, als daß sie auch nur entfernter Weise mit ihm theilen wolls ten. Man widmete ihnen also eine unbegehrte, und weil sie tugendhaft waren, eine gewiß sehr vers betne Anrufung. Heilige und selige Freunde! dort will ich mich weiter mit euch hierüber unters halten. Jetzt aber( ihr wißt es ja aus eurem Ereme pel!) jetzt bin ich noch viel zu schwach, als daß sich meine Undacht zerstreuen dürfte. Ich kann nur mit Gott meiner Seele wegen reden, und mein des ben ist auch viel zu kurz, als daß ich seine vormas lige Freunde genauer hier kennen lernte. Du also, einiger Helfer und Führer! dich afs lein rufe ich an. Wenn du schliefest, so vergiens 21ª4 gen 376 Der 12te November. gen alle Heiligen. Du allein bist allwissend, allges genwärtig und so gütig, daß du unsrer Noth von ferne abhilfst. Ich will leben wie ein Heiliger und sterben wie ein begnadigter Sünder. Das hilf Herr Jesu! 1 Der 12te November. Hier ist kein recht Gut zu finden, Was die Welt In sich hält, Muß im Hui verschwinden. Das Paradiesische des Erdbodens ist von sebe furzer Dauer: die hiesige Unvollkommen heiten sollen uns die Erde aligemach verleiden. Ein siebzig: und ein siebzehn Jähriger sehen alles mit ganz andern Augen an. Wer hat Recht? Bermutlich derjenige, der mit mir so ziemlich gleichen Alters ist Aber warum denn das? Ist denn die Wahrheit an eine gewisse Anzahl Jahre gebunden? O! die Menschen suchen fast alle auf Erden entweder zu wenig oder zu viel. Daß auf der Erde nichts Vollkommnes, nichts ohne Bitterfeit Vermischtes seyn soll, lehrt uns schon die Naturgeschichte. Griechenland und Itas lien sind reizend schöne Länder: aber Skorpionen, Taranteln, Erdbeben; und in neuern Zeiten noch Sümpfe, harte Regierung und Religionsbebrus fung Der 12te November. 377 dung sehen sie mit Schweden und Dannemark wieder ins Gleichgewicht. Wo der Wein edel wächst, da hat man elendes Bier: und wo die bes ste Weide ist, da mangelt es am Getreide. Jedes Dorf kann mit dem benachbarten eine solche Vers gleichung anstellen, wobei es theils gewinnet, theils verliert. Das schönste Gefieder hat meistens den schlechtesten Gesang; die prächtigste Königsstadt die ungefundeste Luft. Weg also mit Brodneid und Nationalhaß! dabei verkennet man die Einrichtung Gottes. Mit den Schicksalen der Menschen und gans zer Volker hat es ähnliche Bewandniß. Trubsale sind das núzliche Salz, das dem Uebermuth und der Gährung des Glücks vorbauen soll. Wo ist pol eine Familie, die nicht einen verrückten oder wilden Sohn, Neffen, Bruder zc. oder eine nårs rische oder entehrte Tochter, Nichte, Anverwandtin 2. hätte? Wunderlich, daß wir uns vor einander schämen, und doch niemals mit unfrer gesamten Anverwandschaft pralen dürfen! Je långer man die Romane menschlicher Schicksale liefer; desto einföra miger, einige Nebenumstände ausgenommen, scheis nen sie uns. Mit den Jahren lernen wir daßer prophezeien. 3. E. ein Ehepaar, welches alt, gesund, geehrt, reich und beneidenswerth wird! dem ftes het manches Herzeleid an seinen Kindern bevor, So auch umgekehrt! Sind Eltern unverschuldeter Weise verarmt, betrogen oder sonst aufgeopfert wors den: so werden ihre Kinder oder Entel im Schlas fe reich und glücklich. Solte diese Regel hie und da eine Ausnahme erfordern: so laß uns bedenken Daß 245 * 378 Der 12te November. daß wir zu kurzsichtig sind. Aber nur die Urenkel mit in Anschlag gebracht: so finden wir gewiß den Gott, der bis ins tausende Glied belohnt, oder bis ins dritte und vierte bestraft. Hier also beständiges Glück und Vergnügen suchen, ist nichts anders, als sich täglich April schis den lassen. Schon unsre und unsrer Mutter( der Erde) Natur, erhält uns immer in einer gewissen Mittelmäßtafeit nicht eine Meile können wit uns gerade in die Höhe oder Tiefe begeben. Wir find mit einem Gehege umzogen; und unsre größte Klugheit bestehet darin, daß wir vorlieb nehmen. Alles was wir grosses verrichten können,( denn Schlachten gewinnen, Bücher schreiben und Pals låste bauen, sind oft pöbelhafte Handlungen!) ist, daß sich unsre Seele ausser diesem engen Bezirk eis ne Gegend suche, wo die Wahl freier ist. Man muß sich mit edlern und mächtigern Geschlechten verbinden, als alle Patrizier von Adams Blute sind, wenn unfre Erdfamilien uns nicht mit det Zeit fast oder Schande werden sollen. Daß wir doch immer unter dem Monde suchen, was weit über ihm ist! Allein vollkommnes Wesen! Mein Gott, wenn ich anbate; und mein Vater, wenn ich find: lich hoffe! In deiner Hand stehet mein und der Meinigen Schicksal! Jedoch, aus weiser Güte vers birgst du es mir. Wofern alle meine heitern und trüben Tage zusammen geworfen und alsdann bals birer würden: ach! da möchte ich wissen, ob ich noch die Hälfte, ein Drittel, oder gar nur Zehntheil an Son Der 13te November. 379 Sonnenschein zu gewarten hätte! Liebster Bas ter ist dieser Vorwiz nicht fündlich, so geläufig er mir auch ist? Sollte ich mich deiner göttlichen Führung nicht, ruhig überlassen? Will ich Kind denn noch immer fragen: ob mein ewiger Bater und Versöhner es gut mit mir meinet? Und schlies fe ich diese Nacht nicht gut, was will das in einer unvollkommnen Welt sagen, wo man doch gut sterben kann! Und selig sterben will ich. 1 Der 13te November. Erbeh rhebet Gott, ihr Meere! Brauft sein Lob: Ihr Flüsse! raufbet es. Es neige sich der Cedern hobes Haupt, Und jeder Wald vor ihm! Jest kämpfen viele Schiffer auch meinetwegen mit leben und Tod. Gott! erbarm dich ih: rer! Laß sie wenigstens nicht ehe von den Wogen verschlungen werden, bis sie fähig sind, vor deinem Nichterstuhl zu bestehen! Stürme find heilsam, und was die Menschen dabet einbüffen, ist eine Kleinigkeit. Der Reiß: bau koster auch einigen Sklaven Gesundheit und des ben: aber wie viele begre Menschen ernähret er nicht! Ohne Bergwerke wären wir wilde Menschen; und das wäre doch trauriger, als daß giftige Schwaden einige Berglente todten? Daß aber Winde fein blinder 380 Der 13te November. blinder Zufall sind, lehret uns die Ordnung dersels ben; sonderlich auf groffen Meeren, wo sich ihnen nichts widerseht. Wolken, schmelzender Schnee, Erdbrüche, Ausdünstungen, Geen zc. erzeugen Winde. Der Mond hauptsächlich die Sonne und die Bewegung der Erde tragen das meiste das zu bei. Wann die von der Sonne ausgedehnt ge wesene Luft am Abend sich wieder zusammen zieht, oder sich morgens wieder ausdehnen will: so ver spüren gemeiniglich Winde. Der Zug aller Him: melskörper von Often gegen Westen, vornehmlich aber die Sonnenwärme, welche eben diesen Zug hält! läßt vermuthen, daß der Ostwind der Naturs lichste sey, Und er ist auch würklich der einzige, der unter der Linie und im heiffesten Erdstrich wehet. Wo aber die Sonne die Luft weniger durchglühet; oder wo Gebürge im Wege stehen, von denen der Ostwind gerade oder schief abprallet: da sind freis lich die Winde weit abwechselnder. Einige Ordnung aber werden doch auch wir gewahr. Dahin folgende Regeln: Auf der See mehen sie regelmäßiger und stärker, als auf ,, tem Lande! In niedern und ebnen Ländern ordents ,, licher, als in Gebürgen und hohen Ländern. Je näher dem Pole, desto veränderlicher sind die ,, Winde: unter dem Pol wehen sie wahrscheinlich im Kräufel" Einige Meere und Länder haben ihre eigenthümliche Stürme oder Windstillen. In Egypten und am persischen Meerbusen wütet im Gommer ein glühender Wind( Samum) in einer gewissen Wette über der Erde, der jedes Geschöpf von innen verbrennt. Daher sich Reisende plözlich mit Der 13te November. 38E mit dem Gesicht auf die Erde werfen. Um Vors gebürge der guten Hoffnung ziehet sich diters die so genannte Unglückswelke auf, die im Anfange so klein scheinet, daß man sie nur das Ochsenauge nennet: Pldzlich aber bricht ein Sturm aus ihr hervor, der alle Schiffe, vornehmlich die mit auss gespannten Segeln, in den Abgrund stürzt. Dies se Art Stürme sind eigentlich Orkane, wo die Winde von allen Seiten zusammen zu stoffen scheis nen. Wirbelwinde sind das in der Luft, was Wics bel und Meerschlünde im Wasser sind Hießer ges hören auch die Wassersäulen oder Wasserhofen, die sich aus den Wolken herabzulassen scheinen; und die Typhonen oder trompetenförmige Wolken des Meers, die, vielleicht vom unterirdischen Feuer verursacht, aus der See schrecklich) gen Himmel steigen. Das Meer schäumet und focht; Conne und Luft bekommen ein fupfernes Ansehen; die Ges gend ist mit Schwefeldünsten erfüllet; und verlos ten ist jedes Schiff, das von ihnen ergriffen, in die Höhe gehoben, und in den Abgrund geworfen wird. Ist denn jedes Zuglüftgen ein Orkan, daß man sich so vor ihm fürchtet?- Von dieser Vers fåttelung sind gewiß mehr Menschen gestorben, als von der Zugluft selbst, bei der man, wenn mant sich jung daran gewöhnt, sehr alt werden kann. Schevet man eine zugleich ofne Fenster und Thüre: so muß man in keine Kirche, oder vor feiner sich freuzenden Straffe vorüber gehen. Allemal ist da Zugluft, wo bohe Gebäude die Luft um sich her verdichten, oder jeden Wind, gleich dem Lauf eines Schießgewehrs enger zusammen pressen, und das durch 382 Der 14te November. durch seine Gewalt vermehren. Plözliche und ein seitige Erkältung ist schädlich: aber der kann man in einer mittelmäßigen Zugluft wohl vorbauen. Gott! Wie wenig wirst du für deine Geschen: ke angebetet. Nur Ein Jahr Windstille: so folg: te Hunger und Pest. Aber schon bey mäßigen Stürmen sehen wir scheel, weil sie uns in Ruhe stören. Nein! ich will dich Sturm und Sonnens schein messen lassen. Aber die Stürme meiner Leis denschaften, oder gefährliche Windstille derselben, das ist meine Aufgabe. Da kann ich zu rechter Zeit die Segel aufspannen oder zusammen wickeln. Das Wetter in unsrer Seele machen wir selbst. Der 14te November. In Ueberschwemmungen Trau Gott und sing ihm Lob. Er sorgt für dich; denn er erschuf zum Glück Das menschliche Geschlecht. ie Ueberschwemmung war in dieser Jahress zeit schon öfters ein Bußwecker für Holland und das nördliche Deutschland. Man denkt dabey sogleich an Zorngerichte des Höchsten. Aber was nennet ihr so? Brand, Krieg, Pest, Ueberschwems mungen? Ihr habt recht; denn sie versengen, brin: gen an den Bettelstab, tödten und stürzen um. Uber thun das Sonne, Gärten, Schönheit und Wein Der 14te November. 383 Wein nicht eben so oft? Für den Freund Gottes ist alles gut, ausser die Sünde. - -- Wer Fennet den innern Bau des Erdballs und sein Gleichgewicht genug? Wer versteher den hohen Auftrag eines Orfans? den ganzen Werth von Ebbe und Fluth? die Folgen einer Sundfluth in der förperlichen und moralischen Welt?- Ohne allen Krieg und Mißwachs wird ein land mit der Zeit dumm oder übermüthig und faul. Ohne Sturs me dann und wann, würden wir der Pest nicht los; ohne flache Länder und Niederungen hätten Wolfen, Regen und Bäche nicht den gehörigen Abzug und die Erde würde ein stehender Sumpf. Fluch muß auf Ebbe folgen und beide sind in unserm Weltbau gegründet, das zeiget ihr Zusams menhang mit dem Monde. So wären denn Ules berschwemungen eine traurige TothwendigkeitTraurig? Das heißer Gott schlecht kennen, wenn man sich einbildet, er habe keine Absichten, auch ben den Folgen, feiner Einrichtung gehabt. Und können diese Absichten anders als heilsam seyn? D! du Quell alles Guren! Was wir Strafen von dir nennen, sind entweder unerkannte Wohl: thaten, oder es ist unseen Sünden möglichst heils famer Sold. Freylich dünket es uns wohl so, als hättest du die Erde mit lleberschwemmungen vers schonen können. So dünkt es Kindern besser, aus der Schule zu bleiben. Wüßten wir aber den große sen und nuzlichen Zusammenhang, den Ueberschwems mungen mit dem Bau der Erde, mit Religion mit unsrer und vieler Thiere Gesundheit und Ges deyen haben: wir würden dich auch in den Wellen einer - 384 Der 14te November. einer Sundfluth innigst lieben und anbeten. Da brichst des Meeres Lauf mit deinem Damm, und um unsern Verstand zu üben und unsern Stolz zu demüthigen, übertrugest du es einigen Nationen Deiche anzulegen, oder auch einen Damm zu sehen. Aber ach! den zernagen die Würmer und zertrüm: mern die Fluthen, wenn du dich nicht mit Hilfe erbarmest und sprichst: bis hieher und nicht weis ter! Mag es doch seyn, könnte der Tadler sa gen, daß Ueberschwemmungen für das Ganze nöthig und nüzlich sind; wie fommen aber die Bewohner niedrer Gegenden dazu, daß es auf ihre Kosten geschiehet? Antwort: Warum zie hen sie nicht in höhere Länder? Gewiß darum nicht, weil ihre Niedrigung Vorzüge hat. Wie dürfen Provinsen flagen, welche die schönste Viehzucht, die bequemste lage zum Handel und in ihrem Gewässer die besten Bollwerke gegen einbrechende Feinde besitzen! Sind es nicht ge wöhnlich die reichsten Länder und wo sich Frens heit und Einfalt alter Sitten am längsten erhält? Sollte also Böhmen von Holland beneidet wer ben? Nein, die Ueberschwemmungen kommen zu felten und richten zu wenig Verwüstung an, als daß sie ein Einmurf wider Gottes Weisheit und Güre wären. Marschland und Gebürge, eins ins andre gerechnet, sättiget feine Bewohner mit Wohlgefallen. Und drohet ja eins von ihnen öfterer den Tod: so kan der Sündenschlaf desto wenis ger einreisen, Furcht vor Ueberschwemmung ist dech nicht schrecklicher, als Furcht vor Krieg, Plünder Fung, giftigen und reissenden Thieren oder Erdbeben? Bater! Der 15te November. 385 Bater! bort an deinem Throne werde ich nims mer tadeln, sondern in Ewigkeit loben. Aber wie, wenn sich in dieser Nacht ein Sturm erhobe und deine Fluthen auf uns daher rauschten! Erbarm dich Gott! über uns, wir sind weichliche und doch auch wohl verhärtete Kinder! Uber, ich will auf meiner Hut und dir von nun an so ergeben seyn, daß ich von dir willig und dankbar mein Grab ans nehme; es treffe mich der Tod im langen Krans fenbett, oder in der schnell hinspülenden Welle. Der 15te November. Vertheidiget mich mein Gewisſen, Wird mich mein Kirchspiel ungern miffen, So spát es mich auch einst begråbt: Ist Gott für mich, für mich die Lugend: So bin ich alt, auch in der Jugend, Und habe hier genug gelebt. Meine hiesige Arbeit beflimmet meinen bortis gen Lohn. Und, da ich stündlich sterben kann: so ist sie der Arbeit beim Schiffbruche gleich. Bin ich ben mir selbst und strenge mich an: so erreiche ich ein Brett und schwimme ans Ufer. Berloh, ren bin ich aber, wenn ich in so wichtigen Augens blicken gedankenlos fihe: auf Nahrung und Vers gnügen denke: oder blos philosophische Betrachtuns gen über den Sturm, über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit, auf einer flachen Dicle das land Tiedens ubendand. II. Th. 336 148 386 Der 15te November. zu gewinnen, anstelle. Laßt uns erst geborgen fenn, dann wollen wir mehr grübeln und uns zu gute thun! Ich Tagelöhner vor den Augen des scharfsich tigen Hausvaters! Nimmermehr werde ich bezah let, wenn ich den Tag meines hiesigen Daferns über nur eingerissen, oder den ganzen Tag verschleus dert habe! Also dren wichtige Fragen, bei dieser Untersuchung am Feyerabend! Erstlich: Habe ich Gott nach Schrift und Vernunft bestmöglichst kennen gelernt, und auch andre dazu angeführt? Ist das nicht; so war ich ein geschäftiger Müßiggånger. Und hatte ich Schlachten gewonnen Kolonien angebauet, und schriftlich und mündlich den Beifall von tausend Weisen und Thoren erhalten: alles war Puppens spiel; die Namen und Komplimente dabey mochten auch noch so gezieret feyn. Wer ohne fleißige Bes ziehung auf Gott lebt, lebet wie ein Mensch im Irrhause, der sich an der Kette hin und her wirft; sich für einen König oder Weltweifen hält, groffe Thaten zu thun glaubet und ben allen Beweguns gen nur Thorheit äussert, und sich Schaden zu fügt Sweltens: Was habe ich für die Welt gethan? Die arme Welt becarf meines Beystandes! Denn fie ist zwar noch ein paradiesischer Garten, aber er muß im Schweiß bearbeitet werden, sonst verwil dert er. ,, Was habe ich in der Welt für Nußen gestiftet?" Das ist eine Frage, bey welcher and weht die Geschäftigsten im Tode erzittern. Und Jittern muß ein jeder, der da weiß, daß er nicht als Der 15te November. 387 als ein verlorner Zierrath, oder als eine Bildfäus le hier angesehet ward. Es ist etwas, wenn ich vielen Zeitgenoffen Brod und erlaubtes Vergnügen verschafte: es ist viel, wenn ich durch wohlerzos gene Kinder schöne Gebäude und Vermächtnisse noch vielen Menschengeschlechtern nach meinem Tos de nützlich bin: aber die Hauptpflicht beziehet sich dech auf die Ewigkeit. Wie viele dem after ents rissen und zur Tugend geretzt? das ist die einzige wahre Menschenliebe. Alles übrige ist nur Alle mesen auf Einen Tag! Drittens: Was hab ich für mich gethan? Jesus befahl dem reichen, geizigen Jünglinge, alles zu verkaufen und den Armen zu geben: dem menschenfreundlichern Johannes befahl er das nicht; sondern seine Prüfung war Landesverweisung. Wel thes ist wohl die Probe, die ich von meiner Gott ergebenheit ablegen soll? Schwere Kunst, seine Leidenschaften recht zu erkennen! Diejenigen straffer im Zügel zu halten, die mit uns durchgehen wols len, und andre anzuspornen, welche uns nicht von der Stelle kommen lassen! Getraue ich mir nicht felig zu sterben: so habe ich nur gegähnt, und andre gähnen gemacht. Der thierische Zustand meiner Kindheit entwickelte sich so, daß ich ein Mensch ward. Aber das Wort ist zweideutig: ich muß ein guter Mensch seyn; sonst bin ich rücks wärts gegangen und weniger als ein Kind. Groffer Hausvater! laß mich noch einige Tas ge hie, damit ich meinen Fleiß verdopple; oder nimm meinen eifrigen Willen für Arbeit an, so bald du mich abrufst! Feyerabend für den Körper Bb2 giebs 388 Der 16te November. giebt es, wenigstens im Grabe: aber ich mache ihn hier schon so oft für die Seele! Ewiger Vergelter! ich will von heute an treuer für die Ewigkeit ars beiten. Ich will: gib du Gelegenheit, Kraft und Gedenen! Ewig belohnest du auch meinen jetzigen guten Vorfaz um Jesu willen. Der 16te November. Er orduet Jahre, Tag und Nacht: Auf! laßt uns ihm, dem Gort der Macht, Ruhm, Preis und Dank ertheilen! Wie mag es jetzt an der Zeit feyn? Am bes sten sagt mir das die lihr am Himmel; denn auch die englische Repetiruhr lüget nicht selten. Daß ein Sternfundiger in einem unbekannten lane de ausmessen fann; wo er sich befindet; und daß, wenn er auch durch hihige Krankheit oder andre Zus fälle nicht wußte, in welchem Monat wir leben, er aus Sonne und Gestirn Tag und Stunde erfe hen würde: das scheinet, auch wohl bordirten Ges fellschaften, eine Unmöglichkeit. 11 Bei den Flügsten Völkern, sonderlich den Chal bdern, wäre ein Born.hmer, ohne alle Sternfennts niß, verachteter gewesen, als bei uns, wenn es nicht lesen könnte. Jetzt überläßt die große Welt diese Wissenschaft Schiffern, Fuhrleuten und Ges lehrten von Profesion Und auch letztere ahmen meistens der grossen Welt nach. Und wogegen bat Der 16te November: 389 hat man denn diese nůzliche Kenntniß vertauscht? Reisende, ja felbst Armeen, welche sich bei der Nach zeit verirrten, sind gerettet worden, wenn sie sich nach den Sternen richteten. Noch jetzt dienet der gestirnte Himmel den Wilden in Amerika start Uhr und Landkarte, so genau, daß kein Europäer es ihnen gleich thut. Es ist eine unerkannte Wohls that Gottes, daß er auf Irrende Rücksicht nahm. Auch im finstersten Walde können sie fühlen, wo Norden ist; weil die Bäume an dieser Seite eine mit Mooß bewachsene over rauhere und wentger runde Rinde haben. Durch diese Einrichtung vers wahrte der Schöpfer den Baum für Frost, und uns für Irrthum. Daß der Mond täglich später aufgehet, ist bekannt; denn die Monduhr ist noch mehr Mode, als die Sternuhr Leztere aber ist genauer und alle Nächte brauchbar, wenn der Himmel nicht umwollt ist. Merken wir nur, daß die Sters ne täglich 4 Minuten früher an ihre gestrige Stels le kommen: so wissen wir, daß dis alle Monat 2 Stunden betrágs. Folglich sehe ich den Stern, den ich heute um 10 Uhr an einem gewissen Ort erblis de, in der Hälfte des Decembers, von demselben Standort aus, um 8 Uhr daselbst. Dieser bes schleunigte Lauf der Sterne trågt jährlich just einen Tag oder einen Zirkel um den Himmel aus. Der Stern also, den ich heut zu Mitternacht über meis nem Kopf sehe, wird übers Jahr eben daselbst; nach els nem halben Jahr aber mit der Sonne zugleich im Mittage stehen, Gehöret dieser Stern mit zu den 12 Sternbildern des sogenannten Thierkreises: so heißt es: die Sonne befinde sich in diesem Hims 36 3 mels: Der 16te November. melszeichen. Nach 6 Monaten z. E. wird die Sotte ne im Stier seyn, weil das Siebengestirn, wel ches ein Theil von ihm ist, heut gerade in der Mitternacht über meinem Kopf stehet. Noch po hd: her herauf über mich finde ich( den Schwan) eitt Kreuz am Himmel, Abends um 5 Uhr. Um 9 Uhr stehen 5 Sterne wie ein W(**)( ka: Biopea) noch höher in der Mittagslinie, so hoch, daß ich es aus feinem Zimmer sehen kann. Uleber Dem Kopf oder in der Mittagslinie aber befindet sich ein Stern, wenn er da stehet, wo des Mits tags die Sonne ist; oder auch höher, wenn ich nehmlich diese Linie in Gedanken bis zum Norden oder Polarstern fortziehe. Der Polarstern ist mit den Sternen des groffen Bären oder Wagens, gleis cher Grösse; deffen Hinterräder jetzt nach 7 Uhr in gerader Linie unter ihm stehen. Halb 9 Uhr stes het das kleinere Vorderrad um 10 Uhr das mits telfte Pferd mit dem Fuhrmann gerade unter ihm; doch so, daß sich jedesmal ein Stern( des Dras chen) dazwischen befindet. Nun noch hinzugefeht: daß 4 Stunden vor dem Siebengestirn an derselben Stelle der Pegasus(**) und 2 Stunden früher als das Kreuz am nemlichen Ort die Leiher, ein Stern erster Gröffe nebst 2 kleinern unterwärts (***) erscheint: so werde ich gewiß den Himmel menschlicher betrachten. 390 Und dann nähere ich mich die, mein Gott! Wahre Gottesfurcht predigt Erkenntniß, liebe und Zuversicht. Wie kann ich aber die besigen, wenn ich nichts als die Erde kenne? Ich schlafe und jede Stunde bedecken mich andre Welten! 391 Der 17te November. Ein Herz, o Gott! im Leid und Kreuz geduldig, Das bin ich dir und meinem Heile schuldig, Laß mich die Pflicht, die wir so oft vergessen, Täglich ermessen; Der Mensch zum Leiden erschaffen stellet sich meistens sehr ungeberbig, wenn er leiden soll. Er suchet hier den Himmel und findet durchaus die Erde. Als wenn ein Kronprinz ohne Lehrmeister und Zucht groß und berühmt werden könnte! Ohne Kreuz und Trübfal sind wir Neulinge, und fennen die groffe Welt nicht. Aber nicht halb so viel würs de geachzet, wenn die Menschen glaubten, daß Nechzen ihr Beruf sen, oder ihren fünftigen Zus stand sehr verbessern könne. Kluge Aerzte sind im Gedränge, wenn ihr Patient durchaus nicht, auch kein Viertelstundgen lang, frank seyn will. Pos dagra, Zahnweh, Kopfschmerzen sollen sie den Aus genblick vertreiben. Ja! wenn sie es thäten, so entstünde nochy größtes Unheil! Diß läßt sich auf jebes Trübfal anwenden. Zu schnell vertrieben, ereignen sich mehrentheils Stockungen in der Seele, und Aufschwellungen, die bald darauf den Schlags fluß erzeugen. Wer leidet mehr: der Säugling am Zähnen, oder der Greis an Steinschmerzen? Ihre Qual sen gleich groß: so hat der Allgütige doch auch beiden grosse Hülfsmittel zugegeben. Jener lebt im Schlums 364 mer 392 Der 17te November. mer; und dieser kann beten und hoffen. Kurz: alle sollen hier leiden, und allen soll geholfen wer den, auf daß Erkenntniß Gottes und Tugend bes fördert werde. Der Baurenknabe tritt sich einen Nagel in den Fuß, und das Fürstenkind bekommt Schnupfen und Husten im Bette, weil die Gar: diene nicht fest genug zugezogen war: trotz sey dem geboten, der hier nicht leiden will. Allenfalls enta deckt der Monarch fremde Fußstapfen, und des Eremite Schlangeneier um sein Nachtlager, und so sind beide voll Unmuths.. Ja, es ist eine Fra: ge: ob ein Mensch mehr leidet, als der andre? Der Bettler erwartet stundenlang an der Thür das Almosen, und ein Hund fällt ihn an: der Reiche erwartet den Friseur und sein Windspiel frånkelt: fagt wer ist der Geplagteste? Auch Thiere müssen leiden, ohne hoffen zu Fönnen wie wir. Das blutende Lamm fühlet zwar weniger, als ein Tugendhafter, der sich verläums den hört: aber dieser hat auch mehr Beruhigungss mittel. Das Pferd zu Anfang der Kanonade fühlt nur das gegenwärtige: sein Reuter aber auch das wahrscheinlich folgende Uebel. Wen wollen wir am meisten beklagen? Zuverläßig hat Gott für als les gesorgt? Leide, bet und hoffe! Ach wer doch das so recht gelernt hätte! Sich schändlich betrogen zu sehen, und zu beten; seinen liebling begraben zu lassen, und zu hoffen: o dazu gehöret mehr, als ich vielleicht bis hieher gelernet habe! Wen habe ich am liebsten? Wenn nun der morgen stirbt, wie wer de ich mich verhalten? Und das ist keine Aufgabe zuc 13 Der 17te November. 393 zur Lust, keine Rechnung aus Neugier: sondern es ist ein Spiegel meines Herzens. Wenig leiden und sehr laut und patherisch klagen, ist das Gepräge einer hoffärtigen Seele. Viel leiden, und weniger flagen, als beten und Gott entschuldigen: wenn ich das nicht gelernt habe, was weiß ich dann? Für den Körper giebt es keine Panacee oder Universal medicin: wohl aber für den Geist. Leide und hoffe; dabei kan man glücklich leben und sterben. Und was fan ich mehr in diesem Armenhause verlangen, wo auch Kronen einschneiden, und ges fährliche Wunden verursachen, wenn der nicht bes ten und beßre Kronen hoffen kann, der sie trägt! Mein Arzt im Himmel tröpfelt mir die Arznei weiss lich zu: verschütten aber aus Leichtsinn, oder wegs werfen aus Muthwillen muß ich sie nicht. Ee wird in alle Ewigkeit geben was gut ist. Fühllos will und darf ich nicht seyn: je empfindlicher, desto besser! Die Empfindung aber muß mehr das Herz als die Muskeln des Körpers in Bewegung segen. Liebreicher Gott! lehr mich mit Anstand leis ben: denn schrecklicher kann nichts seyn, als für biesige leiden noch dort bestraft zu werden! Ach! es fomen mir noch traurige Vorfälle in diesem Leben auffleffen, wo mir niemand helfen kann, als du! Daß ich es jeit nicht weiß, ist eine Wirkung deis ner Gnade; denn zittern und diese Nacht schlaflos zubringen würde ich, wenn ich jene Verläumdung jene Krankheit, jenen Todesfall anjekt vorauss fähe! 365 Der 394 Der 18te November. Gedanken sammilen und verbinden Und trennen, wie es mir gefällt; Die Welt empfinden, mich empfinden Weit unterschieden von der Welt: Das kann ich; dazu hab ich Kraft. er giebt sie? Gott, der alles schafft. Ci ie Geisterwelt, zu der ich mit gehöre, hat eis nen unendlichen Vorzug vor allem, was förs perlich ist. Das licht, bei dem ich jetzt lese, wird bald verlöschen; meine jebt gehegte Gedanken aber erscheinen dort erst im vollen Lichte. Der Stuhl, auf dem ich sihe, der Tisch, dis Zimmer, dis Haus, alles kann tariret, verbrannt, vergessen werden; ich aber nimmermehr, denn ich gehöre ja nicht blos zur Körperwelt! Mein Schlafengehen demüthiget mich zwar, denn es erniedriget mich zur Maschiene: es wird aber auch über höchstens einige tausend mal nicht mehr gesehen. Ich will mich jetzt noch mit Unstaunen betrachten, um mich bes fer kennen zu lernen. Ich muß wohl sagen: ich kenne mich so wenig, daß, wäre ich auch der ges schickteste Maler; ich nicht einmal mein Gesicht genau treffen könnte, geschweige meinen inwendis gen Menschen. Bin ich nur eine Pflanze oder eine von Drat gezogne Maschiene: so bin ich weniger als jie; denn ich Der 18te November. 395 ich habe alsdann stolze, marternde Gedanken, traus me mir einen Gott, einen Erldfer, eine Ewigkeit und es ist alles doch nur Schattenspiel. If aber mein Geist wesentlich verschieden von allem was Körper heist; o! so darf ich mich auch nicht so wegwerfen, und mich für Tonnen Goldes preis geben; so bin ich ja göttlichen Ursprungs. Also: bin ich blos Materie; oder bin ich mit einem Geis ste begabt? Das mögen folgende ausgemachte Säge entscheiden. Jeder Körper ist ausgedehnt und kann nur durch einen Stoß von auffen beweget werden: ein Geist aber kan Körper bewegen, kann empfinden, denken und sich entschliessen. Bin ich nur eine Mas schiene: so muß mit jedem Berlust eines Gliedes, ein verhältnismäßiger Theil Berstand, Gedächts niß, Einbildungskraft u. f. w. verlohren ges hen. Hängen meine Begriffe uur vom Gehirn und Blute ab: so müßen sie sich bei veränderter Kost oder nach einer Aderlaß merklich veráns dern. Es ist wahr, die Natur eines Geistes ist uns unbegreiflich aber das ist wohl begreiflicher, daß Nervensaft und Blutpartifeln mich is andre Gegenden, schneller wie der Bliz, versetzen köns nen? Ich will jeht der Kreuzigung Jesu beiwoh nen; jetzt will ich zehn, zwanzig Meilen von hier meinen Freund auf seinem mir bekannten Zimmer besuchen; jetzt will ich die Auferstehung der Tods ten sehen: von alle dem mache ich mir die lebhafs teste Vorstellung, und zwar desto lebhafter, je wea niger ich blos für den Körper lebe: und das alles bewürfte 396 Der 18te November. bewürft der Saft vom Gemüse, Brod, Fisch und Fleisch? Und zwar eine Art so gut als die andre? Ich habe also einen Geist; denn ich kann dens fen und mich bewegen. Ind nun schlieffe ich: da fogar mein verweseter Körper nicht verlohren gehet, fonbern unter andern Gestalten fortdauret: so ift es unglaublich, daß meine weit eblere Seele mit dem Tode aufhören sollte. Adams Leib ist noch auf der Erde, es mag ihn tragen wer da will: gewiß fein Geist muß auch noch leben, und ein totter Geist läßt sich so wenig gedenken, als Feuer ohne Licht und Wärme. Gott ist kein Gott der Tods ten, sondern der Lebendigen. Hat nicht die Seele eines Menschen, den man aus der Ohnmacht ers weckt, die füffeste Vorstellungen indessen gehabt? Alles belebender Schöpfer! Obne dich war ich eine toote Masse: aber mit dir kann ich Thas ren thun. Welch ein Unterschied zwischen Geister: welt und Körperwelt! Wie sehr erniedrige ich mich, wenn ich nur für die letztere lebe! Der lebendige Otham, den du mir eingeblasen hast, und der so früh in Mutterleibe mein kleines Herz bewegte; der ist mir Bürge für mein fortdaurendes Daseyn. Ich bin nun deines Geschlechts, eine Übbildung von dir im kleinen. Ich wage es zu sagen: du Faunft mich nicht vernichten. Und diese meine Suversicht kann dir unmöglich mißfällig seyn. Ja drohten mir die Blikadeiner Allmacht, daß sie mich aus dem Dafeyn vertilgen wollten, so sollte mein Geift unter dieser Gewaltthätigkeit Himmel und Erbe zu Zeugen rufen, daß er göttlichen Ursprungs und Der 19te November. und durch den Sohn Gottes von der Vernichtung oder Verwerfung erlöset sey. Nein! ich werde dir in alle Ewigkeit leben. Der 19te November. Errettet hast du mich gar oft Ganz wunderbar und unverhoft. Da nur ein Schritt, ja nur ein Haar, Mir zwischen Tod und Leben war. 397 Noch stehe ich immer auf dem Schlachtfelde. Tausend fallen zu meiner Seite, und zehns tausend zu meiner Rechten! und dennoch scheine ich täglich meines Lebens recht gewiß zu seyn? Der Verwundeten um mich herum ist eine noch größre Bahl, und die Lazarethe werden nimmer leer. Meine Lebensgefahr ist demnach so groß, daß ich - beten muß. Leib und Seele sind genau verbündete Freuns de; heimlich aber folgen sie der Mode, und suchen sich zu verderben. Könnte jetzt ein Zergliederer meis nen Körper durchsuchen: er würde in diesem oder jenem Theile Stoff genug zum baldigen Tode finden. Und die Anatomie der Seele?- o! da sind so viele unnatürliche Verhärtungen, oder Ergieffungen und Brand, daß ich heute noch füglich sterben kann. Heute noch?- Nun, die Verwunderung würde bei denen, die es hörten so sonderlich groß nichs seyn. Man würde es für eine Ausnahme von der Regel 398 Der 19te November. Regel erklären, und nach acht Tagen wäre alles vergessen, und jederman so sicher wie zuvor. Ich bin schon oft in Lebensgefahr gewesen. Wie oft dächte ich wohl, seit den Augenzähnen bis zum gestrigen Schrecken, Zorn, oder bis zur neu: lichen Ausschweifung? Ach! wir leben meistens, als ob wir nicht sterben könnten; doch eine plóze liche Erhizung oder Erkältung eine Dosis Gift ist. Es muß viel Gegengift dawider besorgt seyn, und Dennoch bleibt eine Schwäche zurück, die sich mit der Zeit empfindlich genug meldet. Ist eine Spets se nur nicht in solchem Grade vergiftet; daß sich die Polizei darein mischen muß: so nöthigen wir uns freundlich dazu, und wollen es nicht lernen oder wissen, daß jeder lieberfluß giftig sey. Affek ten, die kollernd durchgehn, Schrecken und Vers gerniß, angestefte Luft und Kleider, unvorsichtige Menschen, böse Thiere, Dächer, Gruben und als le Elemente stehen gepanzert da. Nicht gegen die Hälfte dieser Feinde kann ich mich vertheidigen. Wer von ihnen wird mich fällen? Aber ich bin auch wohl zu furchtsam, und fehe, gleich verzagten Soldaten, eine Feldwache für die Armee an! Nein! das gewiß nicht; sonst müß ten wir die Urten zu sterben besser vermuthen und bes greifen können. Aber so wissen das die Aerzte nicht von der Hälfte der Todten; denn unser Kör: per ist ein labyrinth; der Tod stellt sich in die ente ferntesten Gänge, und der Arzt kann ihm nicht zu weit folgen, aus Furcht sich zu verirren. Nein! nein! wir sind immer weit mehr in Lebensgefahr als wir denken! Aber Gott schonet unsrer, wie sin fluger Arzt seines furchtsamen Patienten. Er zeigt Der 19te November. 399 zeigt uns nur so viel Gefahr, als wir durchaus einses hen müssen; so lange als möglich aber verbirgt er sie uns gnädigst. Gefeßt, ich wüßre zehn Jahre vorher, daß ich an der Wassersucht sterben sollte: würde mic nicht jeder Trunk drohend, und selbst der Anblick des Wassers eine traurige Erinnerung feyn? Ich würde, um zu lernen, jeden Waffersüchtigen aufs suchen, und stets mehr Gefahr fühlen, als würks lich vorhanden wäre. liebreicher Bater! wie göttlich sind alle deine Einrichtungen! Wer darauf merket, hat eitel Luft daran. Innigster Dank sey dir in dieser Abends stunde, und noch mehr in der Ewigkeit, für die hundert tausend Errettungen aus Todesgefahren, der ich mein Leben hindurch gewürdiget worden bin. Einige wenige kenne ich davon; die andern werden Im Himmel Stoff zu Lobgesängen seyn. Erhalter! dir dank ich es, daß ich bis hieher erhalten ward. Denn, war ich an solchen Ungsttagen, wo du mich rettest, wohl verständig, ruhig und jubereitet ges nug? Wie einen Thoren oder Trunknen wolltest du mich nicht sterben lassen, und wenn ich nun doch wie ein solcher stürbe! Nein! ich will wachen und beten; denn die Gefahr zu sterben wird täglich größ fer. Wo du, mein Hüter schlummerteft, so rissen mich hundert Zode hinweg! Uber nur zur bequem: sten Stunde wirst du mich abrufen, und dann sind Mangel, Nacht, Krankheit und Tod für mich Dinge aus einer andern Welt. Bater! ruf mich, wo möglich, nur nicht zu schnell; und du, Here Jesu, begleite mich! « å 400 Der 20te November. Freunde! die ihr mich die Pfade Wahrer Tugend gehen heißt: Auch um mich erworbne Gnade Ist es, die ihr dort genießt! ie Klage, als wenn Gott uns so wenig mit Freunden versorgte, zenget von unserm Un bank, wenigstens von unsrer linachtsamkeit. Aber wir müssen nun erst ausmachen, wer eigentlich die fen hohen Titel verdiene? Wer uns nichts als hies figes Leben, Kleider, Mahlzeiten und Gelächter mittheilen kann, hat nur den niedrigsten Rang me ter unsern Wohlthätern. Das alles sind kleine Will fährigkeiten, die man zum Theil einem Delinquenten bei seiner Hinausführung erzeigt. Ich verlange ja aber mehr als ein schön bebändertes Sterbebemte, oder einen Trunk Wein! Meine größtewohlthä ter sind diejenigen, welche mich vom Hochpeinlichen Halsgericht erretten. Wer in mir Luft zur Tugend erweckt? Dank gegen Gott und Liebe gegen den Nächsten befördert: das, das ist der göttliche Freund, den Gott von meinen Händen zurück fodern wird! Wie viel Menschen haben nicht schon von je her an meiner Seele gearbeitet! Bon der Warte rin an, der ich in der Wiege ein Abendgebet nachs Tallte, bis zu dem Krankenwärter, der sich über mein Sterbebette beugen, und mir noch brünftige Seufjer zurufen wird: welche Reihe von unerfann Der 20te November. 401 ten Wohlthätern, welche Gott besser Fennet und belohnet als ich! Zwar diejenigen, welche meine junge Seele am frühesten bearbeiteten, sind meistens schon bei Gott, und ich kann ihnen die Güte nicht mehr thätig verdanken. Aber sie haben doch nicht vergebens gearbeitet: sondern es ist an ihrem Ges richtstage sehr mit in Anschlag gekommen, was sie Gutes auch nur gewollt hatten. Gesetzt, daß sich auch etwas Ehrgeiz oder Eigennuß bei ihrem Unterricht oder in ihre Ermahnungen mit einschlich: grosser Gott! wir sind arme Menschen und unfre beste Tugenden sind wie der Unpuz eines Bettlers! Nein! du vergiebst mehr Fehler, als febtavolle Menschen vergeben mögen. Meine Eltera, Lehrer und fromme Freunde hast du gnädiger gerichtet als ich! Die, so viele zur Gerechtigkeit weisen, wers den leuchten wie die Sterne immer und ewiglich. ( Dan. 12, 3.) Verführer werden daher in Ewigs feit dunkel seyn wie ein Grab. Wunderbare Bes ziehung, die ein Mensch auf den andern hat, je nachdem er seiner Seele eine Richtung giebt! Ein Bösewicht kann der Sache eines Heiligen im Ges richt aufhelfen! Dieser wird für seine Warnungen belohnt, und jener, der sie verlachte, zittert alss dann über seine sprdde miene, mit der er dem Bos ten von Gott begegnete. O wie zurückhaltend würden wir oft mit unserm nähern Umgange seyn, wenn wir bedachten, was er uns vielleicht in der Ewigkeit kosten wird! Wie die Flamme eines brene nenden Lichts dem glimmenden Tochte entgegen fährt: so entzünder die fühnre Seele die andre, in Tiedens ubendand. II. Th. ginem 402 Der 20te November. einem oftmaligen Umgange, mit ihren Tugenden oder Lastern. Wir wundern uns zuweilen über den widersprechenden Charakter eines Menschen: aber find seine Gesellschafter nicht höchst verschieden? und jeder gab seiner Denkungsart eine gewisse Fab te. Fast mögte ich sagen: der Umgang mit From men sey wirksamer als der Umgang mit Gottle fen. Diese kann man nicht lange kennen, ohne sie dann und wann zu verabscheuen: jene aber flösen allmählig Ehrfurcht und Nachahmung ein. Zehn gefühlte Todesfälle! Zwanzig Gespräche von Gott und Ewigkeit, die tief ins Herz drán: gen. Dreißigmal das beil. Abendmahl so ziemlich gerührt genoffen! Hundert Ermahnungen von obn gefehr, tausend von meinen Eltern und Lehrem gehört, und tausend Predigten dazu! Zehntausend vernachläßigte oder gar verschmähete Gelegenheiten zum Guten ist noch über dis!! du langmütiger Gott: wie sehr hast du mich durch Menschen bes arbeitet! Aber wie weit haben mich alle diese hun: dert Wohlthäter gebracht? Und habe ich mein Leben hindurch mehr erbauet oder verführer? Der Anblick verschmäheter Wegweiser und nun der Abgrund der Hölle: erschreckliches Gericht! Aber selbst ein Ver führer gewefen zu seyn: das ist die Rolle Satans! Lehe mich behutsam wandeln, mein Gott! und jeden für meinen Freund halten, der mich näher zu die winkt! Dort werden wir unsre hiesige Freun de ganz anders ordnen! Der Der 21te November. Dein Wort ist wahr: Laß immerdar Mich seine Kräfte schmecken! Laß feinen Spott, D Herr mein Gott! Mich von dem Glauben schrecken! 493 It es gleichgültig, was und wie viel wir von Religionssachen glauben: so sind Schrift und Vernunft sehr überflüßig. Dann sind Korau, Talmud, und jeder moralische Roman ein göttlis ches Buch, und unser Verstand muß uns nur für die Küche und Kleiderkammer gegeben seyn. Vers munft ohne Religion vergället nur das leben, und disputirt uns zum Vieh: Vernunft mit Religion schwinget sich über sich selbst hinaus, und macht ihren Besitzer allgemein liebenswerth. Ein fluger und dabey frommer Mann ist mehr als ein Mensch. Der gefährliche Unglaube unfrer linchristen streiten wider alle göttliche Einrichtung. Un unts ferm Körper ist kein Muskel, feine Fiber umsonst; denn werden sie zerquetscht, so leiden wir Schaden. Und unser Verstand sollte umsonst seyn? Denn, noch einmal: blos für dieses Leben tämen die meis sten mit ihren fünf Sinnen eben so weit und noch weiter. Unsern weltlichen Herren ist nicht immer mit unserm grossen Berstande gedient, und kurz, Cc 2 wo 404 Der 21te November. wo ohne Gottesfurcht Weisheit ist, da ist viel Gramens. Vernunft ward uns also der Religion wegen gegeben. Ein Mensch, der Vernunft und Sinne nur für die Schüssel und zum Zeitvertreibe braucht, der durchaus nicht höher und nachden fender sehen mag, als sein neben ihm trabendes Thier: ein solcher Blödsichtige fåßt Augen und Vernunft brach liegen. Er lebet und stirbt als ein Kind. Ronnte ich glauben? das ist, konnte ich von Gote tes Eigenschaften, meinem ihm zu leistenden Dienst, und von meiner künftigen Bestimmung mehr wiss fen, als was mir meine Sinne und die rohe Vers nunft fagen? Konnte dadurch mein Herz gefühls voller, edler und menschenfiebender werden? Wer biese Frage in der Ewigkeit mit Ja beantworten muß, und dennoch als ein Ungläubiger lebte und starb: o! dem wäre besser, daß er nimmer geboren wäre! Der Glaube ist folglich meine Pflicht, selbst mein Geburtsort beweiset das. Wollte die Gotts heit einen Heiden aus mis haben: so ward ich ges wiß einige tausend Meilen weiter hingeboren. Goll: te ich nicht für die Ewigkeit sorgen: so bekam ich tein Berlangen darnach. Das Wasser, mit dem ich getauft bin, wird einst für oder wider mich zeus gen. Ronnte ich etwas beffers glauben, etwas Gott ahstándigers und mir ewig zuträglichers? Auch diese Frage wird vielen am Gesichtetage ein Dons nerwetter feyn. Hohe Begriffe von sich und schlechte von Gert haben, ist das Laster Sarans, und kann unmöglich im Himmel geduldet werden. In wels cher Der 21te November. 405 cher Religion wird uns jede Tugend recht dringend empfohlen, im höchsten Glanze gezeigt und ihre Ausübung erleichtert? Und dann, in welcher Glaus bensmeinung läßt es sich am ruhigsten und danks barften gegen Gott sterben? Ach Herr Jesu! ohne dich möchte ich einen schweren Zod haben, und nicht findlich beten, geschweige freudig danken köns nen! Wer deinen Willen gethan hat, wird sterbend recht inne, daß deine Lehre von Gott sey. Was bedarf ich weiter Zeugniß: feiner deiner todkranken Freunde bat es je gereuet, daß er sich dir etgab. Die meisten aber deiner Feinde zittern alsbann, oder beten dich stotternd an. Nur mit dir, ewiger Sohn Gottes! trete ich tühn ins Gericht. Und wäre ich ohne dich ein Heiliger:( wofern ein Unchrift es seyn fann!) im Pomp meiner Tugenden, von welchen schon auf Erden so vieles für geschminkte Thorheit erkannt wird, mag ich den Himmel nicht betreten. Deis ne lehren, dein Beyspiel, dein blutiges Verdienst um mich, sollen die Grundpfeiler meines Glaus bens seyn. Den Glauben muß ich hier in der nebe ligten Dämmerung, bis ich dort im Sonnenschein sehe, was ich, aus Liebe und Gehorsam gegen Gott auf Treu und Glauben hier annahm. Ein wah: rer Christ liebet Gott und den nächsten am meis sten, weil er um Jesu willen die meisten Bewes gungsgründe dazu hat: o! ich will also täglich im Christenthum wachsen. Das heißt sich fanft in Krankheit und Sterben betten! € 3 Der 406 Der 22te November. Der Mensch, ein Widerspruch, bunkt sich stets groß und Flein; Liebäugelt, jankt mit sich: taun er wohl glücklich seyn? er vergnügte Unzufriedene! Mit dieser rás je batten Signatur sind fast alle Menschen ges stempelt Obenhin betrachtet, scheint das ein Thes ma jur Satire. Steige ich aber hinan bis zu dem Allw isen, der diesen Charakter gezeichnet hat: so mag ich nicht footten, sondern anbeten. Eine Gals lexie von Untifen, ein römisches Münzkabinett, eis ne Blumenflor, oder eine Sammlung von Schnes den, Schmetterlingen und andern Schönheiten der Kunst und Natur, finden gegen Einen Bewundes rer immer zehn Verächter. Wer unter beiden ist der größte Thor: der, der betrachtet, vergleichet und sich freuet; oder der, der nichts davon versteht und die Liebhaberet verlacht? Es wäre nicht gut, wenn alle Menschen einerlei Geschmack hätten: aber es ist gut, daß keiner den andern darum beneidet. - Wie? wenn die Menschen sämtlich zufrieden wåren? Das wäre ein stehender Sumpf! Die Lampe des Weifen würde zu früh ausgelöscht, und die Art des Tagelöhners zu zeitig weggelegt. Ja, felbst der Himmel würde weniger gesucht. Denn Unzufriedenheit mit sich selbst gebet vor Gebet, vor Busse und Bekehrung vorher. Såhe das Mißvers gnügen nicht aus allen Fenstern des Pallastes: so wären Der 22te November. waren die Dorfbütten abscheuliche Wohnungen. Ein müder Arbeitsmann fommt nach Sonnenuns tergang heim, und wird mit Thränen und Verweis sen empfangen, daß er nicht genug verdienet hat: der arme Mann! Aber nun auch der arme Pring! Der Aufseher seiner Gemälde oder seines Münzkas binettes sagt ihm; daß noch einige nothwendige Stücke an der Folge fehlen; sie sind aber so theuer und der Fürst hat schon so viele Schulden, daß- das Kabinet mangelhaft bleiben muß! Der arme Hands werker mochte gern feinen Sohn 50 Meilen weit besuchen: und der arme Prinz möchte gern Italien, Paris und London sehen. O! wie unparthelisch ist die gütige Vorsicht! Sie giebt einem jeden gleich viel, obwohl unter abgeänderter Figur. Gegen wen war sie milder, gegen die Nachtigall oder ges gen den Sperling? 402 - Wie? wenn die Menschen sämtlich unzufries den wären?- Das wäre ein stürmisches Meer! Da wäre die Welt mehr Hölle als E.dball. Wuns derbare Sufriedenheit noch so verschiedner Menschen, die( denn was übertreibt der Mensch nicht!) die bis zur Verachtung andrer ausschlägt! Soldaten und Bürger, Hof und Provinz, Greise und Jung: linge; jeder Part hat heimlich von den andern schlech te Gedanken. Laßt sie doch: das Gegentheil mach te uns unglücklich. Der Franzose fagt: wie ist es doch möglich, daß man ein Deutscher seyn kann; und dieser ist sehr vergnügt, daß er fein tåndelns der Franzose ist. Eine junge Person trägt und wendet sic), als wollte sie jedem sagen: hier bin ich, bewundert mich! Das Ulter am Stabe schleichet, Cc 4 um 408 Der 22te November. um nicht gesehen zu werden. Und wird es ja gesehen fo fcheinet es zu sagen: gehet doch aus dem Wege, ich könnte ja euer Vater seyn! Gienge unsre Denkungsart nicht mit den Jah ren: so wären wir unglücklich. Im zehnten Jah re sind uns die Dreißiger zur Last, und die Sechzi ger unausstehlich. Aber diese befinden sich in ih rer gegenwärtigen Lage auch am besten. Der Dreis Bigjährige mag weder so jung als der erste, noch so alt als der letztere seyn. Der Knabe beim Balls spiel und sein Großvater, der indessen im Stule Mits tagsruhe hält: keiner beneidet den andern, jeder be findet sich auf seinem Posten am glücklichsten. Heils fames Gemisch von Zufriedenheit und Unzufriedens heit, was uns durch alle Stände, durch jedes Al ter begleitet! Der Hofmann siehet den Bauren essen, und wünscht sich seinen Appetit, spottelt aber über feine Speisen. Dieser siehet jenen auch an der Tas fel, wünschet sich einige seiner Speisen: aber das gezierte und lange Sißen wäre ihm unerträglich. Gott! Je mehr ich deine Einrichtungen uns tersuche, desto unvergleichlicher finde ich sie. Und doch, wie vorschnell murren wir nicht, wo wir ans beten sollten! Ich will zufrieden seyn mit meinem jeßigen Stande und Alter, denn beide haben viel vorzügliches. Aber etwas unzufrieden muß ich ims mer seyn, weil ich noch in der Fremde und unter gewinnsüchtigen Leuten bin. Jenes soll mir die Ers de erträglich, und diese meine Heimat ben dir de fio reizender machen. Der Der 23te November. Sein eigen Herz bekämpfen, Und seine Neigung dämpfen, Ist freplich schwere Pflicht: Doch, wenn wir uns besiegen, Welch seliges Vergnügen Gewährt uns die Vollbringung nicht. 409 ie Bezwinglichkeit der Sünde ist eine un angenehme Wahrheit für den, der nicht gegen fie fechten, sondern von den Tugenden, wie in eis ner Sánfte, gen Himmel getragen seyn will. Gott allein ist allmächtig, und ausser ihm ist nichts mach: tigers auf der Erde als der Mensch. Man thut der Sünde zu viel Ehre, wenn man ihr eine Alls macht zuschreibt. Sie schleichet nur wie ein Dieb. Aber die Zugbrücke aufgezogen: so raubet sie uns nichts. Man muß ihr bekannt seyir oder die Thüre ofnen: in ein unbekanntes haus waget sie sich nicht. Vernunft, noch mehr aber Gottes Wort kann uns vor jeder Sünde sicher stellen. Wäre auch nur eine Sünde unbezwinglich: so litte unser freier Wille, und wir müßten diese allmächtige Sünde begehen. Glauben wir einem alten Säufer, so wird er wider Willen trunken; und gewiffer maffen hat er recht. Aber warum ließ er sich vorher feffeln? Der Geizige ist gegen dis laster so mächtig, daß es ihn in seinem vers € ¢ 5 tis Der 23te November. riegelten Gewölbe nicht anfallen kann. Susit machen also die Sünde erst starf, wenn wir sie beständig an unserm Heerde sich erwärmen lassen, mit Leckerbissen sie ernähren, und unter ihrem Strei cheln einschlafen. Jener mechanische Flucher, 410 der jede Periode mit einem Schwur verbråmt; und der die gleichgültigfte und unleugbarste Sa che mit einem Fluche betheuret, muß heute fluchen oder stumm seyn: aber in seinem zehnten oder fünfs ten Jahre mußte er es doch nicht? Er rief dem nach die Sünde herein, daß sie über ihn herrschen fonnte. Auch die Erfahrung Lehret, daß jede Sünde bezwungen werden kann. Nur die Schnur in dün ne Fäden aufgetrennt: so kann man sie leicht zerreiß fen. Einen vornehmen Unzüchtigen, Säufer und Flucher konnte sein Monarch sogar heilen. Er sehe auf die erste Unzucht den Strang, belohne jeden nüchternen Abend mit einer gnädigen Pension, und lasse ihn für jeden Fluch den andern Tag hungern: wo ist nun die Allmacht seiner Sünden? Diese Bewegungsgründe sind nun zwar gewaltsam: aber ist denn ewige llnglückseligkeit ets was geringers? Und sollte die Dankbarkeit gegen Gott nicht stärker auf uns würfen, als zeitliche Strafen und Gnadengehalte? Das Wort Gottes ftellet uns die Sünden fo scheußlich dar, und hält uns so viele Bewegunss gründe zum Gegentheil, und so viele Belohnung der Tugend vor; daß unser Kampf gegen das las fter ungemein dadurch erleichtert wird. Der freie Mensch Der 23te November. Mensch fann finden, was er sucht. Wir können also in das Heiligthum der Tugenden flüchten, wore aus kein Laster ziehen darf. So gehet der Sünder ziemlich allein in die Kirche; seine Thorheiten was gen sich nur verkleidet mit hinein. Kurz: wer vor Gott wandelt und ihn im Gesichte behält, der ist fromm. Die Sünde ist nur ein Popanz für Kins der und Feige. Zwar gegen das Ideal, oder den höchst möglichen Grad, der Frömmigkeit bleiben wir immer Sünder. Die Sonne hat ihre Flecken und der Mensch seine Fehler. Aber diese müssen ihm nur entwischen, oder gleichsam auf den Rü den geklebt seyn; und er muß sich ihrer, so bald er sie entdeckt, herzlich schämen. Eine Sünde vers theidigen, heißt sie für seinen Herrn erklären. Ens gel können wir hier nicht werden: aber doch froms me Menschen. 411, Mein Gott! du kennest mich, und ich sollte mich auch kennen! Dein Wort müsse stärker auf mich würfen, als die kurze Befriedigung meiner verführischen Sinne! D! wie weit fönnte ich seyn wenn ich mich fleißig bearbeitet håtte! Bewohne ich aber mein Herz nicht mit Vernunft, und überlasse ich es jedem Gedanken, der darinn herbergen will: so verfällt es, wie ein unbewohntes Gebäude an der Landstrasse. Gott! ich will mich bessern. Die Sünde will ich wenigstens nicht mehr begehen, daß ich die Sünde für mächtiger hielte, als deine Gnas de, die du mir täglich anbeutst. Die stärkste meis ner Sünde will ich herzhaft angreifen: dann müss sen sich die schwächern auf Gnade und Ungnade ergeben. Der Sünde abzusterben und dir zu leben das ist ja mein Beruf auf Erden! 412 Der 24te November. W ob ohin wir, unser Schöpfer! gehn; Wie weit des Müden Augen sebn, Trieft, o Allmächtiger! dein Fuß Von deiner Gnade Ueberfluß! Die ie Elemente, Feuer, luft, Wasser und Er de, sind verwundernswürdig unter einander gemischt. Sie jeugen von der Gröffe des Schör pfers, und von der Schwäche unfrer Vernunft. Hier ist der Gränzstein für unsre Weisen, und sie widersprechen sich, indem sie sich vereinigen wollen. Die Eigenschaften der Elemente kennen sie ziemlich: aber nicht ihre Zusammensetzung, oder ihr Wesen, So betrachtet ohngefähr ein Kind das Schattens spiel an der Wand. Vielleicht find alle Elemente nur Eins wenigs stens sind ihre Gränzen in einander verschmelzt, wie die Farben des Regenbogens; und machen in so fern ein Ganzes aus.- Die Natur ist äußerst einfach in ihrem Verfahren, und verschwendet nichts. Und ist das nicht die größte Weisheit, ohne vielen Aufwand, aus einerlei Stoff und nach einerlei Ges feßzen, die rounderbarste und reichste Verschiedens heiten hervor zu bringen? Mußte der Schöpfer gleichsam vier Formen, oder viererlei Baumateria lien haben? Nein! so läßt sich seine Weisheit nicht nachzählen. So verschieden seine Werke scheinen, Der 24te November.. 413 so einfach und übereinstimmig sind sie im Grunde. und so einerlei fie auf einer andern Seite uns düns fen, so verschieden sind sie, bet genauerer Unterfus dung. Wer die Natur studiert, findet die heil. Schrift immer glaublicher. Das Feuer kennen wir feinem Wefen nach, am wenigsten; denn es ist zu fein für unsre grobe Augen. Wir wissen nur, daß es durch alle Kors per verbreitet ist. Jedoch vermuthet man daß es sehr nahe mit dem Aether oder der Himmelsluft vers wandt, wo nicht gar dieselbe Materie sen, welche licht, Glanz, Wärme und Hitze von sich giebt, je mehr sie gerieben oder erschüttert wird. Die Luft aber ist wieder dem Wasser sehr ähnlich, so daß man sie geschmolznes oder verdünntes Wasser, das Wasser hingegen verdickte luft genennet hat. Die Erde scheinet von diesen drei Elementen sehr verschieden. Die Nehnlichkeit ist aber so groß, daß einige Naturforscher das Wasser für geschmolzene Erde; andre hingegen die Erde für verdichtetes Waffer halten. Diese letztern sagen, das Wasser nehme auf dem Erdboden allmählich ab, weil es zu festern Körpern werde; denn bei genauer Untersus chung fey alles, Knochen, Diamant und Eisen nicht ausgenommen, anfangs ein Brei, und noch früher, Wasser gewesen. Welche majestätische Einfalt in den Werken der Natur! Mehrere Hiße oder Kälte würde uns unfre Elemente unfenntlich machen. Wären wir der Sonsuzlut so nahe, als es der Merkur ist: so würde unser Waffer verdünsten und die Luft Feuer 414 Det 24te November. zu seyn scheinen; und wohnten wir in der Sonne: so würden unsre Metallen fliessend, und vielleicht als: dann unser Getränke senn. Wohnten wir hinge gen im Saturn: so würde vielleicht unsre jebige Juft durch die Kälte zu Nebel und Wasser verdichtet, unfre Seen aber würden Steingruben fenn, aus deren wir Quaderstücke baueten. Dies geschah einigermaß fen schon 1740 in Petersburg, wo man aus dem Eis der Newa ein schönes Haus mit Zieraten und Ge råthschaften den Winter über aufführte. So würde denn unser Weltmeer in der Som ne wie Wolfen daven fliegen: o! ich muß also den schweren und trägen Körper, den ich jetzt berum schleppe, nicht immer behalten. Weg aus dem Grabe zur Sonne, da werd ich verklärt! Wer will Gottes Macht und Güte einschränken; was er macht, ist immer gut, obgleich in veränderter Gestalt. Ein Glas Wasser würde in der Son ne einathmen, und im Jupiter oder Saturn statt Hammer und Edelgestein brauchen. Gewiß ein Tropfen Wasser, den in taufend Sterne trüge, würde mir Millionen Verschiedenheit zeigen, Wie flug werde ich einst werden, und wie fremm! Und je frommer ich jetzt bin, desto weiser werde ich dort! DE Der 25te November. Gott könnte Gott nicht ſeyn, Wenn er uns stets erhörte. 415 Nur einen Tag lang müßte er uns sämntlich ers hören, so bestånde die Welt nicht. Wir wiss sen felten, was wir begehren, und unsre umbillige Anfoderung an Gott, sind ein Beweis von der Langmut Gottes und von der Thorheit der Sterbs lichen. Selten zwar machen wir unsre feurigste Wünsche bekannt, und noch seltner tragen wir sie dem Allerhöchsten im Gebet voc: aber auch das Flüstern des Herzens schallet laut im Himmel wies der Wie oft fordern wir Dinge, welche der Alle mächtige gar nicht gewähren kann! Er soll unsre Sünden nicht sehen, oder sie wohl gar gut heissen. Ist das nicht so viel, als daß Gott aufhören soll allwissend und heilig zu seyn! Oder, die unvergångs liche Seele soll durch vergångliche Güter gesättiget werden! aber heißet das nicht, das Weltmeer in einen Fingerhut faffen? Ein andermal heischen wir Dinge, welche Gott nicht ohne ein Wunders werf geben fenn; und das beißt ihn versuchen, weil er uns feine Wunder verheiffen hat. Die Wünsche der meisten Todkranten z. E. der tungensüchtigent gehören in dieses Fach. Als ob es nicht natürlicher und besser für sie seyn könnte, zu sterben! Die mic Gewalt reich werden wollen, fallen in ähnliche Vers fuchums Der 25te November. suchungen. Ihre Bäume müßten goldne Blätter, und Früchte von Edelgestein tragen, wenn sie nur lieblich zufrieden seyn jollten. 416 Täglich werden Dinge erbeten, welche der Allgütige nicht geben will. Jesus und seine Apo stel müßten täglich an Höfen und in jeder grossen Stadt erscheinen, sich von den Ungläubigen eramis niren lassen, und dann jede Aussage mit einem Wuns derwerke bekräftigen. Das wäre denn so ein operns mäßiger Zeitvertreib, ben welchem der Kopf leer und das Herz falt bliebe! Aber sie haben Mosen und die Propheten. Glauben sie denen nicht, so würden sie bei Wunderwerken nur noch ungläubi: ger. Unter diese unbillige Foderungen gehören auch die meisten Wetterwünsche. Wenn nur in einem Dorfe ein jeder das Wetter nach Belieben verán dern konnte, welch Aprilwetter würde das seyn, und im Sommer hätte niemand was zu ernten! Und wo ist wohl ein Mensch, der den Allweisen nicht dann und wann, in Absicht der Witterungen, ein wenig zu recht zu weisen suchte! Wir Thoren wir! Als ob wir so viel davon verständen! Wenn Kinder unsre Küche besorgten, sie würden alles so verzuckern, daß wir dabei hungern müßten. Laßt doch Gott das Wetter bestellen: das heurige muß Einfluß auf das folgende Jahrhundert haben, und so weit können wir ja nicht sehen! Was ich thun kann, muß Gott nicht für mich thun sollen. Ich habe die heil. Schrift, ich Fann sie lesen, verstehen, prüfen und anwenden: was verlangte ich denn nun noch für besondre götts liche Eingebungen? Ich kann Gelegenheiten zum Guten Der 26te November. 417 Guten allenthalben finden, warum soll sich denn erst etwas ausserordentliches ereignen, damit ich fromm würde? So auch im Leiblichen. Der Müßiggånger erwartet Brod von Gott, und er follte es von seinen eignen Händen erwarten. Der Verschwender verläßt sich auf Gottes Vorsorge. Ja, aber dann muß man sich auch auf Wasser und Brod gefaßt halten. Gütigster Bater! laß mich, selbst beim Ges bete, behutsam seyn, damit es feine taube Aussaat werde! Den Himmel habe ich zu fodern, mehe nicht. D! wie schåndlich, wenn ich weniger vers lange. Sehe ich meinen Anspruch auf den Hims mel durch, so bekomme ich die Erde oben drein. Und diesen Anspruch, Herr Jesu! wirst du dents unterstüßen? Ich fodre ja nichts unbilliges, doch ich erwarte alles von dir. Nur der verlanget ju viel, der nichts von dir verlangt, und dennoch glücklich seyn will. Den Himmel bietest du mie an; eine fanfte Nacht, die ich Urmer jetzt erwars te, ist eine entbehrliche Beilage dazu. Der 26te November. Almächtiger! was ist der Mensch! Er wäre nichts zu nennen;- Kont' er an deinen Werken nicht Des Schöpfers Griffe lennen. Wie ie viele Kleinigkeiten der Kunst setzen nicht ber Menschen in Bewegung, den geringe geschäzs Tiedens ubendand. II. Th. DI 10 418 Der 26te November. te Wunder der Natur einschläfern! Ich darf nur ges nauer mit mir umgeben, so seh ich einen Ocean von Wundern. Der Knall einer Karthaune und der Fall eines Baumblattes: wie unbegreiflich vers schieden muß nicht in beiden Fällen die Erschütterung des Trommelfells in meinen Ohren seyn! Die Werk: zeuge unsrer Tone, nach deren verschiednem Ges brauch man die Nationen des Erdbodens eintheilen könnte: wer fann hier auslernen? Die Hervorbringung seines gleichen, welche sich vielleicht bis auf Salze, Steine und Mineras lien erstreckt, bleibt unserm Verstande ein Råzel. Warum wir sämtlich in Adam vorbanden? Das Gamenkörnchen eines Baums, schließt es alle von ihm abstammende Bäume in sich? Und widerseks te sich ihm nichts, so wäre nach 150 Jahren der Erdboden mit diesen Bäumen bedeckt. Nur 30 Jahre lang dürften wir alle Hünereier ausbrüten lassen und nichts wegschlachten: so könnten wit vor der Menge keinen Fuß fortseßen. Und das als les war anfangs in Einem Ei enthalten? Wissen wir oft nicht, wie wir unsre Thiere den Winter durchbringen sollen. Aber wie werd den denn so grosse Thiere in der Wildheit ernährt? Und doch sind sie stärker, schneller und meistens auch schöner, als diejenigen, die wir füttern und in Stållen erwärmen. Daß von dürrem Stroh und verwelftem Grafe nicht allein fo grosse Kreas turen, als Kühe und Ziegen sind, ernähret werden; sondern daß sie auch täglich durch ihre Milch ganze Menschenfamilien erhalten können, würde bewuns dert, wenn es nicht so gewöhnlich wäre. So auch die Der 26te November. 419 die Bertheidigungsanstalten einer Heerde, bei Ers blickung eines Wolfs. Die Schwächern fliehen in die Wagenburg, welche Rinder mit ihren Hörs nern, oder Pferde mit ihrem Hufe gegen den Feind machen. Ein starker Frost spaltet Holz und Marmor: aber die wäßrigen Eier der Insekten in einer leichten Hülle bleiben unversehrt. Denn so weit ist der Mensch endlich nach fünf tausend Jahren gekommen, daß er das Gewürm nicht mehr der Fäuiniß, sons dern einer Zeugungskraft zuschreibt, die der Schöp fer jeder Thierart mittheilte. Wie ungereimt und gefährlich war diese Lehre unsrer Våter! Könnte nur Ein tausend dugigter Fliegenkopf aus Moder zusammen fliessen: so könnten es Bäume, Mens ' schen und Sonnen wohl auch. Und was hätten wir dann für sinnliche Beweise vom Daseyn des Schöpfers? Wunderbar bleibt es aber allerdings, wie auch in die verschlossensten Gefässe, der Sas me so mancher Infekten oder Fliegen gebracht wird. Nun noch ein Blick gen Himmel! Zwischen meinem Auge und dem entferntesten Firstern ist ein Zusammenhang, eine ununterbrochene Bewegung von Licht, sonst könnte ich ihn nicht sehen. Schon eine dünne Wolke zerreißt diesen Faden meines Ses bens. Uber auch diese Wolke führet mich zu neuer Bewunderung. Wie ist es doch möglich, daß das schwere Wasser in die leichte Suft hinansteigt, und daß Meereslasten über uns schweben? D! wennt es heute das erste mal geschäße: so würden die Ges lehrtesten erstaunen. Una Der 27te November. Unergründlicher! ich sinfe in den Staub, oder lieber in deine våterliche Arme! Hier will ich mein Gesicht verbergen, und über meinen Kaltfinn weis nen. Ich weine für meine Brüder mit, welche dich so wenig des Anblicks würdigen. Wie viel, D Gott! habe ich versäumt, daß ich, auch wohl den gewöhnlichsten Wundern deiner Macht und Güte, so wenig nachgedacht habe! Und unbereitet darf ich doch jene hohe Schule nicht beziehen! Aber wie traurig, daß ich hier von der Uhr abhange, welche mich jetzt zum Schlafen ruft! Ich muß fols gen. Aber die noch übrigen Glockenschläge sind sehr zählbar; und alsdann-- o! wie herzlich freue ich mich auf die Ewigkeit! 420 Der 27te November. Siehe, ieße, der, der dich behütet, Wachet, und entschlummert nie! Der, der Ifrael behütet, Schläft und schlummert nie! J'n Deutschland ist es jetzt Schlafenszeit. In Moskau, wo die Sonne zwo Stunden früher untergeht als hier, liegt man schon im tiefsten Schlafe. In Lissabon hingegen, wo jetziger Jahres zeit die Sonne dritthalb Stunden später untergehet, arbeitet der Arme noch und der Reiche setzet sich zur Tafel. Aber auch in Deutschland muß fast eine halbe Million Menschen machen. Denn ohns gefehr Einen unter 50 Menschen trift dis Schids fal Der apte November. fal jede Nächte. Posten Nachtwächter, Klosters geistliche: Schildwachen und Krankenwärter sind rings um mich her gestellet. Bin ich denn ein Kind oder ein Bösewicht, daß ich immer bewacht werden muß? Am Tage durch Obrigkeiten und mächtige Vorgesetzten, und bei der Nacht durch arme oder gezwungene Menschen? 431 Die Wächter bei der Nacht sind ein Bes weis unsrer Sünden. Je mehr solcher Wächter, besto unangenehmer ist ein solcher Ort. Wie fürchs terlich ist das Leben in einer belagerten Stadt, um welche tausend Wächter in und ausser der Festung in verschiedenen Mundarten sich anrufen! Glücklis cher Aufenthalt, wo jeder Mensch seines Eigens thums geniessen und schlafen darf! Aber wo ist er? Aberglaube, Reichthum, Ehrsucht und Auss schweifungen haben die Wachten eingeführt, und sie nehmen in jedem Staate zu, je nachdem uns schuldige Sitten abnehmen. Wenn das so fortgehet, so muß mit der Zeit ein Zehntheil des menschlichen Geschlechts der Nachtruhe entfagen, und für Mächs tigere, oder Leichtsinnigere und Kranke wachen. Vor hundert Jahren wachten in Deutschland und auf der See kaum halb so viel Menschen des Nachts, als jetzt. Es ist traurig, ein solcher Wächter zu seyn! Ein Streit mit der Natur, der so viel fostet als ein Kampf mit der Sünde! Die ganze Nacht zu gähnen und zu nicken, das heißt 24 Stunden seis nes lebens verlieren. Das ist das Leben einer Aus ster oder einer nickenden Pflanze, wobei man nicht von der Stelle fommt. Fast eine halbe Million DD 3 Mene 432 Der 27te November. Menschen wachen nächtlich allein in Deutschland, wie viele Kraft der Seele und des Körpers wird nicht damit verschwendet! Die Summe davon bei allen polirten Nationen muß Tag für Tag erstaun lich seyn. Denn was dumme und wilde Völker anbetrift, die find junge Kinder, welche schlafen müssen, und die Niemand zu Wächtern haben mag. Wer nicht wachen muß, und es dennoch aus les bermuch oder bdser Absicht thut, dienet Gott und der Welt nicht recht. Schlecht genug, daß mans cher Held, der am Tage sein Blut vergoß: tim Al ter seine letzten Kräfte des Nachts verschreien und verblasen muß. Der Dienst eines Nachtwächters macht mir das Joch Christi zu einer fanften last. So viel fodert der Dienst Gottes nicht! Nun will ich mich in mein Bette wickeln, es wache wer da kann und muß! Aber würde une ter den Wächtern nicht fast ein jeder so flug fenn? Gütiger Gott! wie viel habe ich immer voraus, und wodurch verdiene ich das? Die arme Leute, die meine Wohnung mit bewachen, wie übel sind sie in diesen langen und stürmischen oder kalten Nächten daran! Und am Tage kennet man sie nicht! Das ist doch auch sehr undankbar! Nein! ich ers flåre euch für meine Freunde, und bejammere euch wenn ich von ohngefähr in der Nacht aufwache, und unter Regen oder Schneegestöber euch heiser rufen höre. Aber das muß ich doch auch sagen; ich wäre schlecht bewacht, wenn ich feinen treuern und muntern Wächter hätte, auffer euch! Euer Wächter, der euch auf euern rauhen und dunklen Pfaden begleitet, behütet mich, wie einen Auge apfel, Der 28te November. 493 apfel. D! daß ich die Stimme feiner Liebe dftrer porte, als euer Geschrei des Nachts! Wachet nur; meine schlaflosen Nächte werden auch wohl kommen! Dazu will ich jetzt Kräfte sammlen, für den Körper durch Schlaf, und für die Seele durch Gebet. Hüter Israels! auch darin werde ich dir einst ähns lich, daß ich nicht mehr schlafe noch schlummre. 1108 Der 28te November. Mit beilig freudigem Gemüthe Erheb ich Gott der Gnade! dich. Bie theuer ist doch deine Güte! Wie liebst du uns so väterlich. Daß Menschen ohne Furcht und Grau'n Im Schatten deiner Flügel trau'n! Die Nacht bricht ein; das heutige Register meis ner Sünden wird geschlossen: Gottes Barm herzigkeit aber nimmt kein Ende. Er allein fennet alle meine Unvollkommenheiten, Sünden und alle meine Noth. Kennte ich sie so: ach! ich würde mit mir armen Menschen herzliches Micleiden haben, oder verzweifeln! Gott siehet an alles, was er auch heute ges macht hat: und siehe da, es ist alles sehr gut, was auch furzsichtige und mißvergnügte Sünder dagegen einwenden mögen. Gott siehet aber auch an alles, was ich heute gemacht habe; und ich D04 wers 1 424 Der 28te November. werde es in der Ewigkeit erfahren, wofür er es an gesehen hat. Ich dachte freilich wohl, daß mein heutiges Tagwerf nicht so ganz verwerflich sey: denn ich hatte doch heute manchen guten Gedanken. Es wäre ein Glück für mich, wenn ich keinen Tag schlechter verlebt hätte als den heutigen. Ich war einem Sandacker gleich; wo das Getraide zwar bunne stehet, aber des Unkrauts ist auch desto mes niger. Freilich, wenn ich die beste und die schlechteste meiner heutigen Handlangen gegen einander halte: so find sie verschiedner wie ein Mohr vom weißen Eu ropäer, und man sollte sie nimmermehr für Kinder Eines Vaters halten. Uber nach alle dem dächte ich noch nicht, daß heute jemand über mich gefeufs get hårte! Barmherziger Vater! ich will mich nicht lån ger vertheidigen. Du siehest ohnehin gerne meine Tugenden für gröffer, und meine Untugenden für Fleiner an als sie sind. Ein redlicher Seufzer ist vor dir eine Heldenthat. Aber du weißt es auch, mitleidiger Gott! wie sauer er uns wird! Es sters ben ja graue, gelehrte und tapfere Menschen hin, ohne jemals über sich( wohl aber über dich und den Nächsten) gefeufzet zu haben. Nun diese Heldenars beit will ich jetzt vor Schlafengehen noch verrichten: Uch! ich bin ein Sünder und du bist gerecht! Ich schame mich meiner Schwachheiten, und will ich beffern; aus Liebe und Dankbarkeit gegen dich will ich es! Stocken müsse die Ader in mir, die diesem Bekenntnisse widerspricht: lieber wollte ich gar nicht mit Der 28 te November. 425 mit dir reden, Allwissender! als daß ich wie ein Heuchler spräche. Schade, für alle Frömmigkeit, die man nur zum Paradepferde braucht, und dann auf geraume Zeit in den Stall versperret! Wie lange fann denn der Sünder gaufeln und deiner spotten? Du ziehest ihm ja bald die larve ab und das Theaterkleid aus; und wie fleucht er nicht als dann mit seiner Nacktheit ins Gebüsch! Nein! ich bin redlich, Gott! ich bin dein redlicher Sünder! Nur Barmherzigkeit begehre ich, nicht aber Geles genheit zu fünftigen Verbrechen! Deine Gnade fus che tch: alles übrige erwarte ich gelassen von dire Herr! ich lasse dich nicht, du fegnest mich denn! Die Nacht bricht tiefer ein! Meinethalben! und wäre es die Nacht des Todes, die Barmhers ziefeit Gottes ist Licht um mich. Sie auf Muths willen zu ziehen, und grausam gegen sich zu seyn, weil Gott so Hebreich ist: das kann nur ein Thor oder ein Teufel. Gott hat Mitleiden mit minem Seelenzustande, und ich auch. In der Hauptsache sind wir also eins. Gott will mich tugendhafter haben, und ich will es werden: die Scheidewand ist also hinweg, und sein Wort wird mich immer näher zum führen! Erzeig mus deis ne Barmherzigkeit, Gott! uns, deren Hoffnung zu dir steht! Ja, ich und die Meinigen( darunter redne ich aber deine Feinde nicht) werden diese Stacht sicher schlafen, denn deine Hand bedecker uns, und deine Barmherzigkeit verheißt uns den Himmel, De 426 Der 29te November. Welch Glück, so hoch geehrt zu werden Und im Gebet vor Gott zu stehn! Du Herr des Himmels und der Erden Bedarf der eines Menschen Flebn? Wer sich der Pflicht zu beten fcbámet, Der schämt sich Gottes Freund zu sepn. Die Würde des Gebets macht es unbegreiflich, warum Menschen, sonderlich Ehrbegierige fo ungera beten. Der Baugefangene, der durchs Gitter mit dem größten Monarchen vertraulich res den dürfte, ist ein viel zu schwacher Vergleich von der Ehre, die uns das Gebet oder der Umgang mit Gott ertheilt. Wenn mich der König gnädig anhört, so mögen seine noch so bordirte Bedienten im Vorzimmer auf mich sticheln, wie sie wollen. Rede ich aufmerksam mit dem Allerhöchsten, so hör ich nicht das Brausen des Meers, nicht das Droz hen der Feinde nicht die Schmeicheleien der Sün de. Ein feuriger Beter ist entzückt bis in den Himmel. Jede Beschäftigung mit Gott ist ein Gebet, und macht uns weiser, folglich ehrwürdiger. Aus Einem Gespräche mit dem Allweisen lernen ir mehr Tugend, als aus zehn philosophischen Schrif ten. Ein Großmüthiger: ein Vormund der Art men, ein auch im Unglück treuer Freund handelt entweder wie im Traum, oder er muß sich lange nach Gott gebildet haben. Bon einem Menschen der Der 29te November. 427 der gar nicht betet, erhält man nichts umsonst. Der Betende will auch bezahlet seyn:( denn wir Menschen thun alles ums Lohn!) aber erst dort und nicht gleich auf der Stelle. Wir bewundern die Gröffe Abrahams, der seinen einzigen Sohn opfern wollte. Wir erstaunen über einen Affaph, dem Gottes alles seyn soll, wenn ihm gleich Leib und Seele verschmachten. Aber laßt uns so viel Ume gang mit Gott gehabt haben, als sie, dann können wir es auch. Das Geber erhebt den Menschen weit über sich selbst, und ist das einzige labsal im Tode. Dihr, meine verschleuderte Stunden der Eins samkeit und angeweile, wo sich mir der Himmel geöfnet hätte, wenn ich nur Herz und Hände hätte falten mögen: könnte ich doch euch zurücke laufen und Gott opfern! O ihr, meine jugendlichen Jah: re! wo ich einfältig betete, und flüger und glücklis cher war wie jetzt: zeuger ja nicht wider mich, denn ihr machet den hohen Adel meiner Tage ans; die spätern sind meistens geringer Pöbel! Und ihr, Heere von Krankheiten und Trübfalen! wo ich Gott fab, Gott hörte und anrief: fast möchte ich euch zurücke rufen, auf daß ihr wieder meine Hofmeis ster würdet! Gott! gleb mir Kreuz, gieb mir Das Feinde und verkürz mir das Leben! ist ein ungewöhnliches Gebet: aber gewiß für mans chen das vernünftigste, was er wünschen könnte! d ott! gieb mir lauter gute Tage, Freude die Fülle und ewiges hiesiges Leben!"- Das ist ein abgeschmacktes Gebet, ein Beweis unfrer Eis telkeit und Feigheit, und gleichet der Supplif eines Handwerkers, der Kabinetsminister oder Feldmars schall zu werden sucht. Aller Der 3ote November. Allerhöchster! ach siehe, ich habe mich unter: wunden mit dir zu reden, wiewohl ich Erde und Asche bin! Vergib mir alle Sünden und Unvolls Fommenheiten; denn du bist heilig und vollkommen: Gen mir gnädig hier und dort: denn ohne deine Huld ist alles Holle! Gegne meine Freunde, bes tehr meine Feinde, und mache uns sämtlich selig! Himmel und Erde sind deiner Ehre voll, und mein Herz schwillet auf, wenn es an deine Thaten und Verheissungen denkt! Siehe, ich recke zuversichtlich meine Hände empor, und glaubensvoll sage ich: du bist mein! Mogen doch tausend jetzt um mich Her schnarchen oder fündigen: meine Seele erhebet den Herrn und mein Geist freuet sich Gottes, feis nes Heilandes. Mein ewiger Führer! dein bin ich, aber nicht der Erde! Und in der einsamen Todess stunde, wo ich der Sterblichen Sprache nicht mehr hore, und auch nur von dir gehöret werde; auch da will ich heiter und fühn ausrufen, stammlen oder denken: dein bin ich, Herr! und feines Frems Den; dein bin ich in alle Ewigkeit, Amen! 428 Der 30te November. Kette alles Sepus,( erstaunend wie ihr Meister!) Die sich aus Gott gedehnt: Mensch, Engel, Seelen, Geister Thier, Vogel, Fisch, Gewürm! dem Auge allzuweit, Dem besten Glas zu fern! Von der Unendlichkeit Su dir; von dir zum Nichts!- J'a diese fückenlose Kette, vom Erzengel bis zum Sonnenstaubgen, umfasset alles; und stallet 00% Der zote November: 429 vor Gott ein Ganzes dar. Es fehlt keine Sprofe se in der Leiter: aber eben deswegen ist auch jedes Geschöpf in seiner Art höchst wichtig; denn wäre es nicht da, so fehlte eine Staffel. Nicht allein die Gestalt und Kraft, sondern auch die verschiedene Lebensdauer der Geschöpfe gränzet eine immer dicht an die andere. Ich beschliesse heut einen Monat, d. i. ohne gefähr den sechshunderten Theil des menschlichen Lebens. Dieser Maaßstab aber gilt nur für den Menschen; jedes Thier hat einen besondern. Für den Elephanten ist ein Monat etwa der drei tausens de Theil seines Lebens; für die Fliege ist er fast das Ganze. Man fennet schon Insekten, welche nurstundenlang leben: welche eine Leiter bis zu Thie ren hinauf, die zwei Jahrhunderte alt werden! Wir Menschen stehen so ziemlich in der Mitte; ob es gleich wahrscheinlich ist, daß wir die ältesten Ges schöpfe auf Erden würden, wenn unsre debensart nicht die hiesige Dauer verkürzte. Das sah aber doch der Schöpfer vorher? Ist denn bei diesem verschiedenen Alter der Kreas turen keine Ordnung? Ja, seyn muß sie allers dings; nur wir erkennen zu wenig davon. Viels leicht sind folgende Regeln gegründet, und reizen zu mehrerm Nachdenken. 64 Je länger sich ein Thier im Mutterleibe aufs pals je später es erwächst oder reifet; ferner, je gröffer der Bau seines Körpers, und je klager seine Seele ist: desto bejahrter wird das Geschöpf. Man hat den Maaßstab angenommen, daß ein Thier sechsmal so lange leben kann, als es Zeit zu seis nem völligen Wachschum gebraucht hat. Folglich follten 43⁰ Der zote November. follten wir gegen anderthalb hundert Jahr alt wer: den: aber unsre Natur ist durch die Sünde entkräftet! Hingegen! je fürzer ein Thier bebrütet oder getragen wird; je früher es sich fortpflanzt; je wes niger Materie es der Natur fostet und je dummer es ist: desto früher kommt es um. Dumme Thies re sind wohlschmeckender und saftiger, und lassen sich leichter zähmen und fangen. Polirte Natios nen haben sich je her des Fleisches der flügsten Thiere enthalten. Dahin Elephanten, Kameele, Pferde, Uffen, Füchse, Hunde, Kaßen, Biber u. s. w. Aus Höflichkeit gegen die Kreaturen hat man das gewiß nicht gethan. Das Rennthier freilich muß seinem dürftigen Herrn mit Leib und Seele dienen. Sonst aber scheinet es ein Gebot der Vorsicht zu seyn, daß die flügern Geschöpfe den důmmern nicht zur Speise dienen, sondern ums gefehrt. Das Grab trinke also mein Blut, und Wür mer mögen mich verzehren: das ist nur scheinba re Unordnung. Der Mensch, zehnmal flüger als Eichen, Papagay, Elephant und Wallfisch, solls te nicht halb so lange leben, als diese Geschöpfe? Das wäre unnatürlich. Meine hier abgekürzte Dauer muß mir in einer andern Welt vergütet wer: den. Ewiger Gott! von dir verspreche ich mir als les. In diesem Monat, wieviel Gutes!! ich würde mich schwer verfündigen, wenn ich im gangs ften zweifelte an deiner fünftigen Huld! Der Monat December. Der ite December. Der Erst ist Gott, sonst keiner! Wir Menschen sind von gestern her; Eh noch die Erde war, war er; Noch eher, als die Himmel! Sin in neuer Monat!- Ein merklicher Zusaz zum Ulter unsrer Welt! der die heil. Schrift noch feine achtzigtaufend derselben zugestehet. Der Unfang der Welt fann auch nicht wohl über sechs tausend Jahre alt seyn, und die biblische Erzähs lung von ihrem Entstehen hat folglich Grund; denn 1) Die jetzige Anzahl der Menschen müßte viel grösser seyn, wenn die Welt viel älter wäre. Die ehemalige Völkerwanderungen und Ausrots tungen groffer Wälder sehen viele damalige Einds den voraus. Die Menschen haben sich seit der Sindfluch immer vermehret, aber noch jetzt könne ten mehr als zehnmal so viel auf Erden wohnen. Trotz Kriege und Pest vermehret sich das menschlis che Geschlecht im Ganzen von Jahr zu Jahr; doch mit dem Unterschiede, daß es vor einigen Tausenb Jahren weit schneller geschab, weil es jetzt schon bin 432 Der te December. hin und wieder länder giebt, welche mit Menschen angefüllet sind. Damals verdoppelte sich die Un zahl binnen 10 bis 20 Jahren, und jetzt gehören in Deutschland wohl 100 und mehr dazu. Man har berechnet, daß zehntausend Millionen Menschen zur Noth auf der Erde leben können: da nun aber erst eintausend ohngefähr darauf wohnen: so kann die Welt noch nicht sehr alt seyn. 2) Die Künste der Menschen sind so neu, daß fie fast alle erst binnen 2 höchstens 3000 Jahren ers funden End. Wie wäre es möglich, das binnen vielen Jahrtausenden die nöthigsten Dinge uners funden, alsdann aber erst schleunig hinter einander erfunden wären? Die erstern Menschen hätten weit schlechtere Seelenkräfte haben müssen wie wir, und das ist gewiß nicht an dem. Vergessen konnten. folche Dinge, als Wein oder Ackerbau, Zimmers oder Schmiedekunst sind, auch nicht wieder wera den; und doch weiß man die Namen ihrer Erfine der, welche alle Kinder Adams waren. Es ist auch so gar lange nicht, daß nach Europa, sonderlich nach Deutschland, alle Arten Obst aus Asien vers pflanzet wurden. 3) Die Geschichte der Menschen reichet nicht höher als die Bibel. Großsprecherische Völker, welche sich über Adams Zeiten hinaus rechneten, haben es nur gesagt, ohne triftige Beweise für sich zu haben. Egyptens Pyramiden stehen an die 3000 Jahs re; warum sind nicht welche von 10000 vorhanden? Oder konnten die Menschen damals nicht schreiben, mahlen, bauen, dßen? Die Verwandschaft aller Spras Der ite December. 433 Sprachen unter einander beweiset auch den nicht gar zu alten gemeinschaftlichen Uesprung der Nationen. 4) Berge und Hügel werden immer fleiner. Oben spühlet sie der Regen ab, an den Seiten reifa fen die Stürme daran, an dem Fuß wächset häus fig die See, und inwendig verbeeren sie Waffer Feuer und Erdbeben. Daher siehet man an mans chen Orten Thürme, die so Jabre früher durch Hügel verdeckt wurden. Diese abgeschlernte Ers de, welche Hafen und Kanále verstopft, wird in tie Ebne geführet, welche daher immer anwächst; dergestalt, daß der Grund immer tiefer zu liegen kommt, je älter ein Gebäude wird. Daß die Erde aber noch keine Ebne ist, auf welche das Welsmeer austritt das ist uns Bürge für die mosaische Ere zählung. Entstehen nun gleich durch Erd: beben dann und wann neue Hügel, so sind sie doch von feinem Belange, und müssen ihrer Ents stehungsart wegen hohl seyn. Ewiger! dir dienten Connen und Welten, als unsre Erde in ihrer jetzigen Verfassung noch nicht war. Und wann nun Sonne und Mond ihs ren Schein verlieren: dann schaffest du neue Wels ten und Erden. Ich aber bleibe in alle Ewigkeit vor dir. Jetzt berechne ich mich mit Monaten: bald aber sind auch mir tausend Jahre wie ein Tag. Tiedens Abendand. II. Th. å 434 Der ate December. Eile, Herr! mein Herz zu stärken! Mache meine Seele groß! Und in allen meinen Werken Reiß mich von der Kleinmuth los! Reiche, wann mich Sorgen frånten, Gott! mir deine Baterhand! Mache durch vernünftig Denken Mich mit dir und mir bekannt. Nach so vielen tausend Abenden, die ich vergnügt oder mißvergnügt erlebt habe, was soll ich heute fagen? Du bist Gott und ich bin ein Mensch! Du der Geber, ich in alle Ewigkeit der Empfäns ger! Und stets giebst du mehr, als wir verlangen: nur weltliche Kleinigkeiten versagest du. Ach! ich müßte äusserst ungenügsam seyn, und meine Vors züge nicht genug schätzen, wenn ich mich von Kleine much und Niedergeschlagenheit fiören liesse. Wenn ich mich Gottes nicht freue: wer denn? Ich sehe mit Einem Blick auf Wiege und Grab und ach Gott! ich finde dich an beis den Orten als meinen Erbarmer. Unter denen, die mit mir zugleich in der Wiege lagen, wie viele sind noch übrig? Unter denen, die ihr Grab ne: ben dem meinigen haben werden, wie viele sind dars unter so Gesegnete als ich? Meine rechtschafene Els tern; ihre schmerzhafte Freude an meinem Geburtss tage; meine edlere Erziehung; meine überstandne talle Der ate December. 435 tausend Angsttage; meine unverdiente viel frohe Stunden; die Wohlfahrt der Meinigen, gach wenn du sie züchtigest: mein rechtschafnes Christenthum ( ich rede mit dir, Erforscher der Seelen!) und meis ne jekige Abendandacht: o! welche Vorzüge! Nicht Ein Stück dürfte fehlen; so würde ich jezt meinen Abend nicht so freudig beschliefen können? Wie? wenn unter tausend Menschen neben mir feiner fo viele Wohlthaten im Leiblichen empfieng? Wer ist es denn, den ich beneiden müßte? Erkenn also, meire Seele! an diesem deinem Tage, was der Her dir gutes gethan hat! Der hier deinen Fuß hewahret, daß er nicht gänzlich glitt, sondern daß es nur beim Straucheln blieb der hier dich so oft erhöret, die neue Wege erdfnet und deine Kasten verwehet hat, wie der Wind den Blumenstaub: o! der wird dich auch ferner bewah. An Noth wird es nimmer ganz fehlen, und das Grab bleibet eine düftre Höhle: aber verlaß du mich nur nicht, mein ewiger Freund! so kann ich jene ertragen, und dieses aufklären. Verwegen will ich nie senn; aber auch nimmer vergessen: wo ich bin, da ist Gott auch! ten. Ich Gesegneter! Dürfte ich wohl lange suchen, ehe ich hundert an sich gute Menschen fände, die ihren Posten gern mit dem meinigen vertauschten? Was könnte ich mehr auf hiesigem Pilgerwege vers langen? Grürde ich heute: so würden einige Redliche weinen, und dort noch mehr Redliche mich jauchzend empfangen. Von der Mutter, die mich mit Freudenthránen nekte, bis zu dem Freunde, der meine müden Augen zudrückt, oder auf meine fale 436 Der ate December. falte Wangen herab weinet: das ist ein Heer von Freunden, die Gott mir geschenket hat. Und so gab er mt Gnade um Gnade, Tugend auf Tus gend. Ach! wenn doch alle Welt so viel von Gott wüßte und einpfände als ich! Mit allen dien meinen Vorzügen, die ich noch viel zu obenhin betrachte, schlage ich meine Augen nieder und bete Gott! sen mie armen Sünder gnädig! Aber Sald darauf erheb ich sie wieder, und sage es dreist, so daß es Himmel, Erdt und Hölle hören: Gott ist dennoch mein und ich bin sein! Ich Urmer! taum sprech ich dis zu Gottes und meiner Ehre: so eriaattet mein Herz! Feindschaft, Falschheit kann es nicht seyn: so ist es denn Blödigkeit und überwältigender Kleins muth! Jesu! Freund der Sünder! auf dem alle meine Vorzüge gegründet find: mache mich stark gegen mich selbst! Wie himmlisch, wenn man hier schon mehr lobet, als wimmert! Wo du, Herr Jesu! bist, kann auch der Betrübteste lächeln. Und warum trauren? Ist nicht auch meine Schlafs ståtte für einen füntigen Menschen viel zu gut? Ja! und die fünftige im Grabe wird noch bequemer feyn! Gott! ich erliege unter deinen Wohlthaten, jetzt und in Ewigkeit: dein tob soll immerdar in meis nem Munde seyn! å Der zte December. Und nahm ich, schnell zu fliegen, Die Fittige vom Morgen: Um fernsten Meere fand ich Gott! 437. Die Geschwindigkeit von Schall und Licht reiffen zum Erstaunen über die Macht und Weiss hit des Schöpfers hin: eine Betrachtung darüber muß demnach erbaulich seyn. Der Schall pflanzt sich binnen einer Sekunde über 500 Ellen oder 1000 Fuß d. i. den 24sten Theil einer deutschen Meile ohngefehr fort. Würs de also drei Meilen von mir ein Stück auf einem Berge losgebrannt: so würde es feine Minute daus ren, ehe ich den Knall vernähme. Das Gewitter ist daher noch eine starke Viertel Meile von mir entfernt, und kann also bei mir nicht einschlagen, wenn ich zwischen dem Bliz und dem Donner 5 Ses kunden oder 6 Pulsschläge zählen kann. Kinder und Furchtsame aber, deren Puls schneller geht, müssen wohl 7 bis 8 derselben zählen. Da die ges schwindeste Kanonenkugel über 12 Jahre fliegen müßte, ehe sie von der Sonne zu uns gelangte: so würde ein in der Sonne erregter Schall, der bis zu uns drånge, etwa 25 Jahre auffen bleiben. Eben so lange Zeit brauchte eine mäßig geladne Kanonenkugel. Jedoch, die Fortpflanzung des lichts ist noch erstaunlicher. Es bewegt sich in einer Minute über Ee3 2 Mil: 438 Der 3te December. 2 Millionen Meilen und also fast noch eine Million mal so schnell, als der Schall. Das Licht brauchet nur 8 Minuten, um von der Sonne bis zur Erde zu gelangen; da es hingegen wenigstens 6 Jahre wandern muß, ehe es von dem nächsten Firsterne bis zu uns kommen kann. Wunderbare Rechnung! Der Sirius also, den ich jetzt am Himmel sebe, ist eigentlich der, der vor 6 Jahren da stand. Löschz te ihn jetzt der Schöpfer aus, oder schuf er neben ihm einen neuen Stern: so würde ich dieser Vers anderung erst nach 6 Jahren gewahr. Von klei: nern und vermuthlich weitern Sternen muß das licht wohl Jahrhunderte zu uns reisen. Und was ren alle Sterne mit Adam zugleich erschaffen: wahr: scheinlch würden wir einige noch jetzt nicht sehen. Und doch bewegt sich das Licht so schnell, daß wenn wir auch 12 Meilen weit Feuer aufgeben fäben, es etwa nur den drei tausenden Theil eines Puls: schlags dauern würde, bis er zu unsern Augen bränge. Wie fein muß nicht die Materie des Lichts seyn, da es so plötzlich erschüttert werden kann! Man bat berechnen wollen, daß cus einem Brennlichte, binnen einer Sekunde, Millionen mal mehr Lichts theilgen ausflöffen, als Sandkörner auf dem Erds boden sind. Nun, der das Licht gemacht hat, follte der meine Gedanken nicht sehen? Und wie sehr strahlet seine Güte auch hiebel hervor! Wir müssen die Sonne erst 8 Minuten nach ihrem Aufe gange zu sehen bekommen: aber so sehen wir sie frü: ber, ehe sie wirklich über unserm Horizont ist. Ein Stab scheinet sich im Wasser zu frümmen, weil die lichtstralen gebrochen werden, wenn sie aus eis ter Der 3te December: 439 er durchsichtigen Materie in eine andere übergehen, die dichter oder dünner ist. Und so beugen sich auch die Sonnenstralen, wenn sie unsre dichtere Erdluft berühren, näher zu unseen Augen. Daraus ents stehet die Dämmerung, ohne welche wir mehr Nacht und plöhlichen Wechsel des lichtes hätten; wels ches unserm Gewerbe und unsern Augen höchst schädlich wäre. Unbegreiflicher! ich werde erst groß, wenn ich mich in deine Grösse verliere. Kann noch ets was schnellers gedacht werden, als die Stralen des Lichts? Ja! mein Gebet theilt die Wolfen, und dringt zu dir schneller wie Blitz und Sonnens firal. Und ehe ich noch einen guten Gedanken zu Ende denke, erhörst und belohnest du ihn schon. Dein Zorn rauschet, dahin wie ein Sturmwind, aber gegen dein Erbarmen hat er einen bleiernen Gang. Deine Hülfe ist urplöhlich), wie deine Schöpfung. Du willst und es ist geschehen. Das licht ist doch noch ein Körper: mein Geist wird sich also nach dem Tode noch schneller bewegen. Schnels ler wie das Sonnenlicht; und dennoch hehlet er dich! Unermeßlicher! in alle Ewigkeit nicht ein. Du bleibst deinen ältesten Freunden neu. Ee 4 Der 440 Der 4te December. Wahr ists, die Tugend kostet Müh, Sie ist der Sieg der Lüste; Doch richte selbst, was wäre sie, Wenn sie nicht tämpfen müßte? Jeder eder Tag, den ich hier verlebe, ist ein Wahl: tag. Die Tugend stellet sich dichte vor mich mit ausgebreiteten Armen, indem das Easter mir auf die Ferse tritt. Jene locket, diese schmeichelt; und die meisten Menschen hören im spätesten Alter noch immer beiden wechselsweise zu. Glücklicher Mensch, der das kaster so weit von sich verjaget bat, daß er es nur dann und wann in der Ferne zauverisch singen hört! Also die Wahl zwischen Leben und Ted! Die Augen sind schon verbunden; das Schwerdt ist schon gezückt; und ich muß bald Pardon rufen, oder ich liege in meinem Blute da. Zaudern bei Religionssachen ist ein Halsverbrechen, und jeder Aufschub ist ansteckend und tödtlich wie die Pest. Wie weit, wie fest bin ich in der Frömmigkeit? Ich darf nicht beucheln, denn, o Gort! wie im jüngsten Gericht, so stehe ich jetzt vor deinem Richterstul! Erbarm dich also, mein Erbarmer! Der Wille ist da, aber ich sehe ihn nicht durch! Es giebt Minuten, wo mir vor der Sünde efeit; aber stundenlang lege ich, wie Simson, mein Haupt in Der 4te December. 441 in ihren Schooß.! ich so oft berhörter, durch Schaden flug gewordner, und wieder berhörter Sünder! Wohlan! noch in dieser Stunde sey der Entschluß auf ewig gefaßt. Ihr Laster! und du, Tugend! traget eure Gründe vor; ich will sie uns partheiisch unterscheiden. Frenlich bist du, o Sünder! schön, geschickt und gefällig. Blühend ist der Irrgarten, an dess sen Eingange du meiner erwartest! Balsamgerüche, rauschende Waffet fälle und Nachtigallschläge reizen mich von weiten. Jedoch, ich zutre bei diesen Schöns heiten; denn die Erfahrung sagt: daß in deinen Lusts häusern betrügerische Spieler, Trunkne und Zanks süchtige mit Stoffen Schwerdtern sitzen. Hinter jenen findengången hausen reisende Thiere, und Moráste dampfen den Tod aus. Und da man nicht so zurücke fann, wie man will: so wird man ends lich verspottet und zerriffen, in einen Abgrund ges worfen, der mit den Gebeinen der leichtgläubigen angefüllet ist. Sünde! rechtfertige dich, oder du bist mir ewig ein Scheusal! Aber hier verstummest bu. Ernste Tugend! frenlich verspricht deine Miene nicht viel, und der Fußsteig, den du mit mir zwischen Kletten und Dornen nehmen willst, ist abschreckend. Aber du verheisfest immer refzendere Gänge, willst mich zu meinem Vater führen und bewährte Freunds de verschaffen. Deine Offenherzigkeit, daß ich man che Spotterei und manche Fleine Wunden werde verschmerzen müssen, gefällt mir besser, als die Praz lerei der Sünde, welche weit weniger giebt, als sie anbeut. Es muß erschrecklich seyu, im Alter zu Ee 5 days 442 Der 4te December. darben, und das Hohngelächter der bisher angebe teten Sünde zu ertragen! Und muß nicht jeder ver nünftiger Sünder( wofern das fein Widerspruch ist) sich am Ende für einen Narren erklären? Wie schmerzhaft, muß ein folches Bekenntnis seyn! Fast so schmerzhaft, als die darauf folgende Strafe! O! ich will also diesem mißlichen Scheidewege immer mehr entfliehen. Je schneller ich auf der Straffe zum Himmel forteile, desto sichrer bin ich vor Berführung. Heiliger Gott! dein Gefeß müffe in meine Ohren donnern, so oft die Sünde ihr Concert vor mir aufführen will! Zeiget mit das geschminkte Laster lauter Himmel auf Erden, ach! Herr Jesu! so zeig mir deine Todesgestalt am Kreuz. Und könnte ich dein Blut auf mich triefen sehen, und dennoch mit der Sünde tån: deln und lachen: nun so erschien mir als der zus fünftige Richter der Lebendigen und der Todten! Gott, heiliger Geist! warne, reize, stärke mich, erhalt mich dir; denn ich bin ein fallend Laub, das von der Sünde hin und her gewehet wird. Mei ne Wahl ist gemacht! ich will der rauhen Tu gend dienen. Bald klåret sich ihr Gesicht auf und in ihrer Hand trägt sie den Himmel. ä Der 5te December. R Lacht Cacbt der finstern Erdenluft! Lacht des Todes und der Höllen; Denn ihr sollt euch durch die Luft Eurem Heiland zugesellen: Dann wird Schwachheit und Verdruß Liegen unter eurem Fuß! 443 Ist das wahr, so ist eine freudige Erwartung des Todes Pflicht; und so mußte ich vergnügt seyn, wenn mir jetzt der Tod angekündiger würde. Aber ich Armer buhle noch immer mit diesem Thras nenleben, als ob es mein Alles wäre! Ist es Natur, ist es Unglaube oder bdses Gewissen, daß ich das Grab so fürchterlich finde? Es stehet nicht zu leugnen, die schwache menschs liche Natur behält auch bei Frommen einige Rech te. Ein natürlicher Efel für Tod und Berwesung war uns höchst nöthig, damit wir uns nach wah: rem Leben sehnen mögten. Aber der christliche Glaus be soll auch die Welt überwinden, und die Natur über sich selbst erheben. Wer da weiß, daß Jes fus für reuvolle Sünder gelitten hat und auferstan: den ist, darf nicht so traurig bei Todesgedanken fenn, als jene, die keine Hoffnung haben. O! Bar: um giebt es denn so wenig Christen, welche sich auf die dortige Bereinigung mit ihrem Heilande freuen? Berzweifelnde, Unglückliche, Trunkne und Gea Der 5te December. Gedankenlose machen den größten Theil des kleiner Haufen aus, der dem Tode froh und gelaffen ent gegen sieht. das ist eine demüthigende Bemerkung, und beweiset, daß sehr wenig Christen das reifere Alter im Christenthum erreichen! Warum bleiben wir doch so findisch, daß wir beim Mondenlicht jeden Baum für ein Gespenst ansehen! 444 Habe ich schon den Himmel auf Erden? J muß doch nicht. Meine viele Seufzer, mein haus figer Verdruß, Kränklichkeit und ungesättigte Wüns sche sind gewiß kein Paradies. Nun, warum freue ich mich denn nicht auf fünftige Ruhe, und auf mir so theuer erworbne und von Gott zugeschwor ne ewige Wohlfahrt? Noch unverantwortlicher wäre es, wenn ich den Verheissungen meines Erlösers nicht glaubte! Er leuchtet mir ja durch das Todes: thal voran, und unterstüzt meinen zitternden Schritt! Unartiges Kind, das an der Hand seines Vaters nicht durch ein finstres Zimmer gehen mag, um zu dem Hochzeitsaal zu gelangen! Es wird mich ja für Schaden behüten, und fennet den dunklen Gang genau! Wofern ich aber auch etwas weniges die Hand oder das Gesicht rikte; wird mir das nicht tausendfältig vergütet werden? und habe ich mir auf meinen Spielwegen nicht weit blutigere Wuns den geholt? Uch! es wird also wohl schwacher Glaube, oder nicht ganz zugetheiltes Gewissen seyn. was mir das Sterben noch immer so bedenklich macht. Mein göttlicher Hilfer! du Todestod, Herr Jesu! ich will, ich muß unter deiner Aufsicht so weit kommen, daß ich es für die größte Wohls that Der 5te December. 445 that halte, hier ausgespannet zu werden. Gotts lob! ich werde nicht lange mehr der Federball meis ner Leidenschaften seyn. Gold und Edelgestein wächset unter der Erde, und wahre menschliche Ruhe auch. Ich werde im Grabe unendlich glücks licher seyn, als jetzt in meinem erwärmten Bette, oder als Fürsten auf ihrem Thron. Ich habe als: dann nur Einen Herrn, der mich rufen kann, und der ruft mich am jüngsten Tage zu ewiger Bes lohnung. Aber auch bis dahin kann seine Gottess güte nicht müßig seyn. Schon jetzt schläft meine Seele nicht mit, und ergößt sich nicht selten in angenehmen und ziemlich vernünftigen Träumen. Indem also mein Leib verweset, lernt meine freus dige Seele, wie sie sich bei der Auferstehung ihres verklärten Körpers gebrauchen kann. Es läßt sich nach einem seligen Tode( und den, Herr Jesu! erwarte ich um deinetwillen!) fein Zeitpunkt ges denken, wo ich unglücklich seyn könnte. Da bin ich in Gottes Hand, und keine Quaal rühret mich an. Hier aber hånge ich gar zu sehr von Süns dern und irrdischen Unvollkommenheiten mit ab! Selige Freunde im Himmel! bald fliege ich nun zu euch! zu einer weit höhern Klasse in der Schuls Gottes! Der 446 Der 6te December. Wer sich den Bauch zum Gott erkehren, Unmäßig deine Gaben braucht; Der geht des Himmelreichs verlohren, Su dem tein Knecht der Lüste taug't. Gott! laß mich ja dis Zaster scheun, Und mäßig stets und nüchtern seyn! Jurus oder eingebildete Liothdurft ist ein schleichendes Gift, das immer Sorgen macht. Ein vornehmer Romer( Upicius) schwelgte zur Zeit Christi so, daß er sich selbst aus Furcht zu verhun gern umbrachte, als er fand, daß er nur noch etliche Tonnen Goldes zu verthun habe. Sollte eine europäische Nation darauf vers fallen, daß ihre Kinder lauter Spielzeug von Gold und Porzellan haben mußten: daß sich ihre Tages Idhuer in Seide und Perlen kleideten: daß man nicht fact werden könnte, ohne aus allen Welttheilen aufjuifchen; daß man mit Zimmet die Ofen heißte; und daß die Todten nur in gestickten Kleidern vers resen dürften; wehe diesem verarmenden Volke! Hunger, Betrug, Diebstahl und Selbstmord würs den bald folgen. So übertrieben uns jetzt ein fol cher Aufwand scheinet: so sind wir doch schon auf halbem Wege. Unsre Handwerker tragen Kleider, mit welchen vor drei hundert Jahren Könige ftolzies ret hätten. Wer läßt sich jetzt genügen, wenn er Mahrung und Kleider hat? Es ist billig, daß reis che Der 6te December. 447 che Leute viel verthun. Aber seiner Kinder Erbe, oder schuldige Ullmosen anzugreifen, um nur der Mode gemäß zu leben: das ist zu arg! Unsre Vors fahren befanden sich bey einfältigen Sitten im Uebers fluß. Ihre Thürme, Mauren und Spitäler bauen wir ihnen nicht nach. Was sie für nothwendige Ausgaben hielten: Kirchen Schulen und Armen häuser zu versorgen; das übermachen wir chinesis schen und indischen Kaufleuten. Linsern Kirchen und Armen mag Gott helfen! Es giebt in Indien Völker, welche sich, durch beständiges Kauen einer unschmachaften und gifs tigen Erde, das Leben verkürzen. Diese Thoren scheinen uns lächerlich. Über die Thorheit unsers gemeinen Mannes ist beweinenswerth. Kaffee und Toback haben viele Tausende schon an den Bettels stab oder gar ins Zuchthaus gebracht. Der Staat so wohl als die Religion leiden unter dieser und andrer ansteckenden Verschwendung. Jener wird jährlich ärmer, und diese frostiger. Der Körper wird verzärtelt; die Seele phantastisch; Umgang und Freundschaft erschwert; und mancher stirbt mos demäßig, der sich bei dieser Jahreszeit in seidnen Kleidern erfältet! Kurz: wo wir nicht bald stille stehen: so zeigen Europa und sein Christenthum die traurigste Aspekten! Ich muß meine Ausgaben dereinst vor Gott berechnen. Nahrung, Bequemlichkeit und felbst einigen Schmuck wird er mir gut beiffen; roos fern ich nur dabet feiner mir möglichen Tugend etwas vergab, Das Geld aber dem Gotteskaften, oder 448 Der zte December. oder Schulen, Kirchen, Spitälern und Armens häufern vocenthalten, um sich angaffende Bewun drer zu verschaffen, die doch mehr tadeln als los ben: das ist ein Unterschleif. Einen hofnungsvols len Studirenden, oder einen jungen Kunstler zu unterstüßen; armen Kranken Holz und Medicin, und seinen Kindern gute Erziehung zu schaffen: das zu gehöret mehr Verstand und ein beffres Herz, als Gelder aufzunehmen und neue Moden zn verschreis ben. Es giebt nirgend mehr geraubtes Gut, als in manchen Visitenzimmern! Langmüthiger! wie mancher Ungerechtigkeit hast du mir schon nachgesehen! Ach lehr mich Ges nügsamkeit und Nächstenliebe! Nur Tugend ist wahre Pracht. Das Lafter gehet in besudelten und zerrißnen Kleidern; auch wenn es sich in neuen Sammet fleidet. Wie viel fann ich nicht entbehs ren, wenn ich an mein Grab gedenke! Der 7te December. Gieb Cifer, Kraft und Mutb zu meinen Paichten, Se mag die Welt, wie ihre gefällt mich richten! Ich, hab ich deinen Beifall, fann mit Freuden Verachtung leiden. W ann ich nun tobt bin, dann lebe ich noch eis nige Zeit auf Erden durch meine Grabschrift. Bin ich reich genug, so gråbt man sie in Holz oder Stein Der 7te December. 449 Steln. Mündlich aber wird sie auch dem Bet lec gefest. Die wichtigste ist die, welche Gott im Ges richte mir zuerfennec. Der Dichter und der Steinmez werden mich schon loben. Sie nehmen meine schönste Site, stellen sie durch ein Verarösse ungsglas dar, und meine Schwäche berühren sie nicht. Wer ein Epis taph gelesen hat, bat sie alle gelesen. Wie glücks lich wäre die Welt, und wie groß und edel die Mens schen, wenn alle Grabschriften in Kirchen und auf Gottesáckern wahr redeten! Welche Frechheit, über der Asche eines von Gott Gerichteten lügenhafte Inschriften aufzurichten! Aber freilich wäre das ganze Epitaphium ein Pasquill, wenn es nur eine einige schlechte Handlung des Verstorbenen mele dete. Weit freimüthiger als der feichenredrer spricht die Welt im Tode von uns. Diese mündliche Grabs schrift ist unbestechlich, selbst für Monarchen. Mens schen fehen uns nackend bei unsrer Geburt, und auch nack no, ehe sie uns in den Sarg legen. Und da der Mensch niemals ein schärter Gesicht hat, als wenn es die Blöffe und Fehler seines Náchsten bes trift: so entwischt ihm so leicht fein Flecken an dem Verstorbnen. Egyptens ehemaligen Koninen ward das Begräbniß versagt, bis das gesamte Volk sie, ihrer Tugenden wegen, für begrebenswerth erklärs te. Ja, ein jeder blieb daselbst unbegraben folgs lich ihrer Meinung nach unglückselig, wenn er, seis nes übel geführten Lebens wegen, mit Recht anges flaget ward. O! wie wenig möchten unfre Tods tengráber zu thun haben, falls wir uns einer ábus Tiedens abendand. II. Th. lichen 450 Der 7te December. lichen Prüfung unterwerfen sollten! Erblassen und errdthen würde ich, wenn ich jezt einige von den tausend Gesprächen hören sollte, die man, nach meinem Tode, über mich halten wird! Ach! da wird man recht gedemüthiget! und man ist ein elens der Mensch, wenn alsdann der Himmel nicht schads los hált! Die Grabschrift, welche mir der Himmel fezs te, ist furz und wahr. Entweder, hier ruhet ein Frommer, oder hier lieget ein Gottloser. Und eine einzige Sünde, die herrschend mich ins Grab begleitete, tedter alle meine Heere von Tugenden! Denn wie kann ich fromm seyn, Gott angehören und nach seinen Gesezzen leben, wenn ich, auch nur in einzelnen Fällen, mie ein entgegenstehendes Ges sez mache, und den Drohungen des Himmeis trojs ze? Einzelne Tugenden heissen nichts, denn es giebt nur eine Tugend, und die erfüllet in allen Fällen die Vorschriften Gottes. Abgerisine Glies der können nicht leben, und zerrißne Glieder der Tugendkette sind wegwerfenswerth. Gute Werke sind immer gejunbe Nahrungsmittel! für die Seele: aber jede vorsezliche Günde ist Gift darunter her, und was helfen sie da? Gähnend, zum Zeitverz treibe, strichweise, nach kanne und Bequemlichs feit die Gebote Gottes halten, heißt: sein eigner Gözze seyn, und nur einige Rücksicht auf den wahren Gott nehmen. Allerheiligster! ich bin ein Sünder; und meis ne Grabschrift dürfte, wo ich noch nicht heiliger werde, sehr erniedrigend seyn auf Erden und im Him: Der ste December: 450 Himmel! O! ich muß eilen, daß ich sie verbeßre! Ich muß mit allen Sünden brechen, hätte unser schändliches Bündniß auch noch so lange bestanden. Vielleicht arbeiten einige Handwerker schon an meis nem Sarg oder an meinem Sterbehemde, und ich bin mit meiner Seele noch entzweiet? Nein! Herr Jesu! ich will gänzlich nach deinen Geboten les ben, und, bis ich einst erfalte, ganz nur der beis ne seyn. Der 8te December. Du börtest schon mein Sehnen Und zähltest meine Chránen, Eh ich bereitet war. Eh ich zu seyn begonnte Und zu dir rufen konnte, Da wogst du schon mein Theil mir dar. Hat at mich ein Spiel der Wellen in dieses mein Schlafzimmer, als an ein Gestade, gewors fen, bis eine andre Welle mich wieder davon abspühe let: so ist meine wichtige Rolle den Trümmern eis nes gescheiterten Schiffs gleich; und ich schäme mich vor mir selbst. Ist aber diese Wohnung jezt mein, weil ich sie mir erlas und Geld genug hatte, sie mir zum Nachtlager zu erflehen; und weil es mir bisher noch nicht beliebt hat, eine andre Hers berge zu suchen: so ist da eine Sprache, die so vornehm als albern klingt. Keins von beiden! Das Ffe Eine 452 Der ste December. Eine erniedrigt, das Andre erhöhet mich zu sehr. Nichts Schiffbruch nichts Kauf oder Miehe! Die göttliche Vorsehung mit in Verbindung gefezt: nur dann kann ich mir mein Schlafzimmer erst ers flåren. Ohne bis auf den Bauherrn und seine Arbeitss feute zurücke zu gehen, darf ich nur auf die voris ge Bewohner desselben blicken, welche mir Raum gemacht haben: so kommen schon Begebenheiten mit in Anschlag, die nicht blos von Menschen abs hiengen. Sollte ich heute hier wohnen, so mußten gewisse Personen zu der und der Zeit ihr Schicksal verändern oder flerben. Geschah das früher oder später, so ward mir vermuthlich eine andre Woh: nung zum Theil Ferner: hatten meine Vorfah, ren oder ich weniger oder mehr Segen im leiblichen, so würde ich jetzt ein schlechtres oder beffres Zims mer befizzen. Ich bin also auf meinem augewies nen Posten. Eine Chronig über mein Schlafzimmer, wie viele darin schon gebohren und gestorben sind: wie viel darinnen gefeuffet, gerafet, gebetet, oder für die Ewigkeit ausgefäet ward: da würde mir Fenster, Thüre, ja jeder Winkel merkwürdig werden, bei denen ich jezt nichts zu denken weiß. Am interess santesten aber wäre das Kapital von meiner Bewohs nung desselben. Fast könnte man sagen, man har be eine Pflicht oder Achtung gegen sein Zimmer zu beweisen, auf daß seine Wände nicht über uns schreien. Ein schlechter Bewohner bringt ein berühmtes Haus in schlechten Kredit. Wenn Stuben, wels che Der 8te December. 453 che sonst Tempel der Tugend waren und wo Engel sich freueten, bald nachher eine Behausung der Teufel und unreinen Geister werden: so möchte ich eine solche Entweihung oder Veranlassung da zu nicht auf meinem Schuldregister haben! Ich will demnach so leben, daß ich wahrscheinlicher Weise keinen gottlosen Nachfolger in diesem Zims mer bekommen mdge. Es thate mir leid, wenn nach einigen Jahren Linzüchtige oder Trunkenbolde, mein jetziges Bettkämmerlein verunehrten. Ich will dem vorbauen, so viel ich fann. Schulden und schlechte Kinderzucht erdfuen dem Safter Thús ren und Thor. Mit Vorfaz bauet man schwerlich liederliche Häuser nur mit der Zeit werden sie es, gleich gottlosen Kindern rechtschafner Eltern. Dir will ich eifrig hier dienen, mein ewiger Führer! Meine Gedanken in diesem Zimmer sind in bein richterliches Buch eingetragen, und am Gerichtstage kommen sie mir vor. Ach! mit welchen Augen werde ich alsdann auf dis Zimmer zurücke sehen! Ich will es täglich mit Gebet eins weihen, damit es davon noch gleichsam wieders halle, wann ich schlaflos, franf oder sterbend da liege. In welcher Ecke getraute ich mir wohl sanft zu sterben? Wie geräumig ist dis Schlafge: mach: und doch werde ich im Sarge weir bequemer ruhen! aber beten kann ich darinn nicht, und das kann ich hier. Im Grabe fängt man nicht an, Gott zu loben! - Ff 3 Der 454 Der 9te December. Der Chrift, der wahre Cbrift, der Tugend unterthan Siebt alles, was geschicht, durch Gott gelassen an. Er weiß: es fev nicht er, es sey nur Gott Regente, Der das, was ihm beliebt, fehr leicht verfügen könnte, Mein Dein König! mein Vater und mein Gott! Nichts fann mir begegnen, was du nicht ges dacht, das heißt: mit allen Umständen und Folgen für gut erkläret bast. Es ist also mein Loos das bes ste, denn es ward von dir, Allweiser und Allgütigs fter genau betrachtet gezogen, und meine Haare sind gezählet. Könnte ich mein Schicksal mit eis nem andern, wer es auch sey, vertauschen: fo würden wir beide und viele andre unglücklich wers den. Unglücklich ist der Mensch, der sich für eis nen Federball hält, den das Glück über müßige Mens schen schlagen. Glücklich, wer jeden Schlag, jes de Wohlfahrt, jedes Wetter und Edift für Bevolls mächtigte Gottes ansiehet! Kam nicht auch der Teufel von Gott zum Hiob gesandt? Je mehr ein Haus meublirt; oder je schöner ein Garten durch Absäzze, Springbrunnen und Blumenbeete gezieret ist: desto schwerer läßt es sich im finstern darinn fortkommen. In dem hiesigen Pallast eder Garten Gottes stoffen wir allenthalben an, wofern Der 9te December. 455 wofern uns die Religion nicht leuchtet. Lächerlis cher waren zwei Menschen nicht, welche bei stocks finstrer Nacht ein Naturalienfabinet besähen, als es die zwanzig tausend sind, welche in jeder Provinz, ohne Tugend und ohne reifes Nachdenken, die Wers fe und Wege Gottes richten. Bauerstelz oder Niederträchtigkeit sind die Folgen, wenn man sich gewöhnt, alles ausser dem Zusammenhange mit Gott zu denken. Aber dem Faden von jeder Begebenheit nachgespüret, fo entdecken wie die Hand einer gütigen Weisheit. Es hat mich heute gefroren: welche Kleinigs Feit! Dis Fröfteln aber stehet in Verbindung mit der balsamischen Rose, oder mit der herzstärkenden Kirsche, die nach einem halben Jahr mit Erquis Fung feyn können. Sie blieben aus, mein Brod bliebe aus, wenn der jezige Monat recht warm wäre. D! ich würde allenthalben endlich Rosen finden, welche aus den Winter meines Schicksals entspriessen, wenn ich nur Lust und Fähigkeit genug båtte, in der Ferne und auf den folgenden Frühs ling zu sehen! Es stehet alles an seiner Stelle. Das foll: ten wir noch wohl der Versicht endlich zugrauen! Aber nein! auch bei grauen Haaren sind die wenige sten Menschen so weit in ihrer Erkenntniß gekome men. Jeder fäffe gern auf des Nachbars Stuhl, oder noch lieber auf des Regenten Thron. Just wie die Kinder, welchen es besser schmeckt, wenn sie ihren Plaz am Tische umtauschen. Das sehe ich sehr wohl ein, daß ich beim Tausch, mit diesem 814 oder 456 Der rote December. oder jenem hie und da gewanne: aber auch im Gans zen? Und was hilft mir das stückweise Gewin: nen? Das sind Matregen im Januar, worauf Krankheit und Hunger folgen. Du beneidest eis nen wizzigen Kopf: aber die Füsse sind podagrisch, und die bekämst du bei der Vertauschung mit! der Richthum deines Nachbars sey dein; aber fein Bds sewicht vom Sohn ist die Beilage, der Pfal ins Fle sh, auf daß du dich nicht überhebest. Bater! ich bin nicht werth, daß ich dein Kind hriff, wofern ich scheel über deine Gute sebe. Und nichts als unverdiente Güte ist mein ganzes Schicks fal. Wie vorzüglich ausgestattet bin ich nicht, wenn ich dis von Herzen glaube! Vielleicht schläft feiner von Europens Königen diese Nacht so gut als ich Es bedarf ja eben keiner Hauptrolle, um gut zu spielen; man fann auch auf Stroh gut schlafen und sterben. Mit den Fußboten in dieser Nacht habe ich Mitleiden wie mit den Tänzern auf dem Ball. Wie schön kann ich nicht dagegen in mei: nem Bette tuhen, und mit stillem Danke zu Gott einschlafen! Der 1ote December. In grauenvollen, lichtberaubten Nächten Umstrablet Gottes Schimmer den Gerechten, Den Milden! Den, deß sich die Armen freuen Und den Getreuen! Alm [ Imefen sind ein Licht, für den der fi: empfänget und der sie giebt. Der abgewiesene Bettler aber Der 1ote December. 457 aber und der Hartherzige tappen im Finstern. Wer vielen Nothleidenden. Gutes thut, bedarf feiner Wächter, finer Neujahrswünsche, feines Seichens redners. Er ist allenthalben sicher, glücklich und geehrt. Almosen vertntreßiren sich am besten. Aber wo sind sie doch, die sie verdienen? Der niedertråchtige und schamlose Schwarm von Gaffens bettlern verdienet weder Mitleiden noch Hülfe. Die Seele dumm, der Körper schmuzzig und das Herz wie ein Fels: unmöglich können das die Armen seyn, die uns Jesus fo angelegentlich empfahl, und für seine Brüder erklärte. In der Jugend waren fie faul, auffdzzig und viehisch; Freunde machten sie sich nicht, und sie lebten dem Christenthum zur Schande. Noch jezt sind sie allenthalben, nur nicht in der Kirche. Sie haben Waffer und Zeit genug, aber sie haben nicht so viel Liebe zu sich selbst, daß fie fich reinigten. Sie sind schuld an ihren Kranks heiten, und verschütten im Spital die Arzenei, weil sie nicht gut schmeckt. Ihre Kinder gewöhnen sie zu Lügen und Diebstahl, und verlachen bei einer reichlichen Abendmahlzeit den gurberzigen Geber. Mit angeborner Arbeit Fann man sie verjagen; Almofen aber bekommen sie niemals genug, und ehe lassen sie ihr Brod verschimmeln, ehe sie einem Aermern davon etwas mittheilen. Ihr ganzes Ges werbe ist unschickliches und gedankenloses Gebet, abwechselnd mit Lügen und Schwüren. Der Nas me Gottes und ihrer Wohlthäter ist ihnen eine Kleinigkeit, und sie fluchen beiden, wenn sie ihnen nicht genug geben. Dieser Abschaum der Menschen, der immer iffet, und nimmer arbeitet, diese gefährs liche Brut. Ff5 Schweig Der rote December. Schweig mißtrauisches Herz! Und wenn in dies fem Sodom nur zehn Gerechte wären: so tråget fie Gott sämtlich mit Geduld, und ich wollte uns gedultig werden? Es sind doch einige Fromme dars unter, die durch Unglücksfälle verarmet sind, und diesen wollte ich nicht aufhelfen? Waren denn alle Armen zur Zeit Jefu tugendhaft? Und er macht doch feine Ausname! Darf ich denn meiner Pflichs ten vergessen, weil gottlose Bettler der ihrigen nicht eingedenk sind? Kann ich, ohne mir selbst zu schas den, die Quelle meines Reichthums verstopfen, weil diejenigen nicht viel taugen, die davon trinken sols len? Gebe ich nicht mehr um Gottes als um des Bettlers willen? Und fann ein nichtswürdiger Em: pfänger meine fromme Absicht vereiteln? Sind dies se Elenden nicht genug gestrafet, wenn sie auch wirk lich Heucher, und selbst schuld an ihrer Armuth wären? Sie sind und bleiben doch Boten von Gott, welche mein Herz fühlbar erhalten sollen; und ich würde meiner Vorzüge nicht so gewahr werden, wenn dieser Schatten sie nicht höve! 458 Landesübliche Zinsen ist das wenigste, was ich von meinen jährlichen Einkünften( diesem mir von Gott geltehenen Kapital!) abtragen muß. Nicht eben an den ersten den besten Armen, sondern an den würdigsten. D! welche last und Verantwortung nimmt uns eine Polizei ab, welche die Bettler durch mustert, und die Austheilung unsrer Almosen über sich nimmt! Italiens schönste Gegenden verwüstet noch jezt die Bettelet. Reicher und milder Gott! wie ein wegweis fenswerther Armer bin ich nicht vor dir! O! ich will Der 11te December. 459 will dir nachahmen, und lieber zu viel als zu wenig, und auch wohl bösen Menschen geben. Vielleicht erflehet mir jezt ein Urmer eine gute Nacht, und ist in der Ewigkeit mein zärtlichster Freund! Der 11te December. Was sind dieses Lebens Güter?— * Eine Hand voller Sand! Kummer der Gemüther! such am Galatage siehet man armselige Kleiders pracht. Aller Pump von Galanteriewaas ren hat einen erbärmlichen Ursprung. Die geschmücks teste Dame trägt die Uniform von Krankheit, Ars muth und Sünden; und je mehr der Kopfblizzet, desto mehr Schweiß und Blut hat er andern ges fostet. Spizzen und Treffen kommen zuerst aus efels haften Händen, und sind ein lächerlicher Staat, wenn man ihn durchs Vergrösserungsglas betrachs tet. Die Urbeiter am reichsten Stoff, vom Seis denwurm bis zur Puzmacherin, sind alle schleche te Uhnen; und es ist unbegreiflich, warum so viele Menschen auf diesen Kleideradel stolz sind. Die bochtrabende Miene, mit der man uns den Pers lenschmuck ausframet, ist fast so menschenfeindlich, wie der Galop eines Stegers über leichen und Vers wundete. Perlen uno torbeeren kosten vielen ges dungs 460 Der 11te December. dungnen Menschen das Leben; beide sind schön; aber mit Blute besprist. Die Diamantschleife kam durch Sklavenhande ans Licht, und eben solche Hebs ammen hatte fast jedes Edelgestein. kauter Beites le: und Tod, denn wenn unf e Berstorbnen oder leberd Gläubiger auf dem Ball ihren Schmuc einforderten so wäre der Glanz sebr verdüsterk! Kurz: alle Thränen, Füche, Krankheiten, Diebs stable und Lebensverkürzungen zusammengerechnet, die der Galapuz gekostet hat: so macht mich die Assamblee trübsinnig, und ich bejammre meine Mitmenschen. Nur der Verehrer Gottes ist der ächte Rens ner der Kleiderpracht. Er fiehet weiter als auf die brab nter Klopplerin: er bewundert die Güte Gots tes, welche im Flachsbau fo merklich wird. Wes nige Ellen Landes, oder ein einziges Pfund Flachs ist hinreichend, vierzehn Personen das Jahr lang zu ernähren, wenn sie es in Spizzen verarbeiten. Lind welche müzliche Verwandlungen! Ich bewuns dre Kanten und Battisch, wenn ich bedenke, daß fie uns alle überleben, und vielleicht nach Jahrs Hunderten noch, als Papier, in einem wichtigen Buche vorhanden sind. Atlaß, Galonen und Pers len sind eine groffe Kleinigkeit, wenn man sie nicht in Verbindung mit Gott denkt. Aber ehrwürdig werden sie mir, sobald ich den Absichten Gottes dabei nachspüre. Der einfältigste Mensch im bor: dirten Kleide kann mich in tiefes Nachdenken sezen, wenn ich der Feinheit und Ziehbarkeit des Goldes, oder der Weisheit der Vorsicht nachdenke, warum fie öfters fromme und kluge Menschen für gottlose Dums Der 11te December. 461 Dumköpfe arbeiten läßt. Ich bewundre die Re genbogenfarben des Brillianten so sehr nicht, denn die hat er mit Thautropfen und verwitternden Glass Scherben gemein: aber darüber erstaune ich, wie aus Wassertropfen ein fo fester Stein geformet wurs de, der, wie man saget, dem Schlage des Hams mers trozt. Welches war das Blut oder die ros the Farbe, welche sich so innig mit dem Tropfen des Rubins verband? welche Raritátenkammer sind nicht die Taschen der grossen Welt! Mein liebster Freund, mit dem ich mich in Gesellschaften am angenehmslen unterhalten fann: mein Herr, mein Vater, mein Gott! dich allein will ich anbeten, den Kaufmann und Künstler aber nur im Vorbeigehn bewundern. Bei denen auch noch so schen Produkten der Erde schwindelt aller Verstand. Jede reichgekleidete Person ist gleichs sam ein Herold deiner gütigen Weisheit, und man verfündiget sich, wenn man in einem Cirkel vors nehmer Menschen gar nicht an dich gedenkt. Nachte Fleidung und Bette sind einförmig, fast wie fünfs tig mein Grabhabit: aber ich fann nun auch durch schöne Kleider niemand mehr erbauen. Mir aber bin ich im Hemde am erbaulichsten: dann fehlet fast nur der Garg. Der 462 Der 12te December. Und ob es währt bis in die Nacht Und wieder an den Morgen; Soll doch mein Geist an Gottes Macht Verzweiflen nicht noch sorgen: Wªr ann ist Gott gütiger, bei Sonnenschein oder in blijschwangern Nächten? Wann er zum Leben oder zum Tode ruft? Es kommt auf die Beschaffenheit der Geschöpfe an. Der nackte Fels sen wird weder durch Sonnenwärme noch Gewits ter fruchtbar; und der Gottlose ist ein Fels, imle: ben und im Sterben. Gottes liebe erweicht und befruchtet ihn nicht. Aber für seine Freunde ist der Herr nichts als Güte, selbst wann sie unter seiner Hand wimmern. Es muß also auch Troft für langsam und schmerzhaft Sterbende geben; denn auch sie sind ja Gottes. Wie, wenn ich dereinst den bittersten Kelch des Todes, mit langsamen Zügen, trinken sollte? Der Fall ist sehr möglich, und ich muß mich einis ger massen dagegen wapnen. Da låge ich also vies le Monate lang, meinen Freunden zur Last, meis nen Wärtern zum Efel, und mir zur Qual! Wund am Rücken, schwach am Berstande und furchtfem und eigensinnig würde ich den Tod wünschen.( Ein Wunsch, der jederzeit viele Trübsale voraussezt!) Run, mein troziges und verzagtes Herz! wie dann? Mein Der 12te December. 463 Mein Trost soll alsdann seyn: daß mir nichts von ohngefähr begegnet, und daß mir Gott einen vorzüglichen Posten anvertrauet hat. Wer langs sam stirbt, reifet dem Tode recht entgegen. Schnels ler Tod aber ist ein Sturmwind, der meistens ans gestochne Früchte abstreift. Sich allgemach sters ben sehen: welch ein rührendes Gemälde! Den Aus fang seiner Verwesung empfinden: welche Gedane ken entwickeln sich da! Unter solchen drohenden Ums stånden bleibet die Seele zu Hause, die sonst bei Krankheiten gar zu gern umherschweift. Man fühs let sich: man denket nur sich und die Zukunft: und das ist Weisheit. Die Wassersucht soll uns måßis ger; die Lungensucht geduldiger; die Auszehrung geistiger und der Krebs demüthiger machen. Dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Ers den:" Das beten täglich Millionen sehr leichte hin: aber für Kranke ist das eine schwere lection! Bes stimmet mir demnach die Vorsicht ein langwieriges Siechbette: so fodert sie dadurch einige Tugenden von mir, die ich bisher nicht genug ausübte. Bornehmlich Erbauung der Umstehenden. Ach! wenn doch alle Kranke wußten: welche Rede her sie sind! Aber unausstehliche Schwäzzer sind sie, wenn sie nur von Pulvern, Herzstärkungeit und vom Aufwande beim Begräbnisse reden. Eint langwieriger Kranfer ist eindringender mit seinent Vortrage, weil aus ihm nicht die ersie brausende Hize der Krankheit spricht. Entzückender Gedan le: daß ich vielleicht alsdann einige Seelen rette! Em alberner Kranke reizet seine Wärter zwar auch jur Geduld, Mitleiden und Fürbitte: aber er reif fes 464 Der 13te December. fet durch eigne Ungeduld und findisches Klagen fast alles wieder ein. D! ich will alsdann behut: sam in jedem Ausdruck, mit jeder Miene, wo möglich senn; denn ich werde für den Himmel, und man lernt meine Reden und mein ganzes Bers halten auswendig. Die ganze Kunst, anständig und erbaulich franf zu seyn, bestehet dorin: mit feinen Gedanken mehr im Himmel als auf Erden zu feyn. Der größte Trost aber ist deine Belohnung, mein himmlischer Vater! Nein! ich leide feine Se: funde umsonst. Jeder kalte Schweißtropfen, je des Zucken der Nerven wird reichlich bezahlt. Je langer und schmerzlicher die Krankheit: desto herrs licher ist der lohn, wenn ich mit Christo überwand. Jedoch, die menstliche Natur ifi empfindlich wie ein Geschwür. Selbst Jefus jammerte beim Angst schweiß in Gethsemane. Ist es also möglich! Bater! so laß mich fanft und furz- aber war um wollte ich dir, mein Vater! doch vorschreiben! Was du schickest, ist immer das Beste. Und das muß ich bei guten Tagen glauben lernen. Der te December. Wer für das Ganze sorgt, der forgt für jeden Theil, Und so entspringt der Welt ihr allgemeines Heil. Gott zeigt sich stets gleich groß, in tegen als im Winde; Er ist der Berge Gott, so wie der Gott der Gründe. Miele Millionen Menschen haben heute gegessen, getrunken, gefroren, beten jezt und legen sich Schlas Der 13te December. 465 schlafen. Das alles haben wir mit einander ges mein aber bei alle dem habe ich dennoch mein Eis genthümliches, was mich von ihnen sämtlich uns terscheidet. Kein Mensch ist genau so alt als ich, noch weniger aber ist irgend jemand mir nach Leib und Seele gleich. Geschmack Gesicht. Gang ,, Spras che, Schrift, Urt zu essen, zu schlafen, zu lachen: alles das ist bei jedem einzelnen Menschen verschies den. Mein Verstand ist kleiner oder grösser, mets ne Begriffe sind in manchen Stücken heller oder dunkler, als irgend Eines meiner Nebenmenschen. Und wenn mein Busenfreund noch so harmonisch mit mir denkt in einigen Fällen durchkreuzen wir uns doch. Meinen Lebenslauf hat noch kein Sterbs licher gelebt, und alles, was mir begegnet ist, wird feinem Menschen so wieder begegnen. Und hätte ich Zwillings Geschwister: so unterscheidet uns dens noch ein Aufmerksamer leicht, zumal bet zuneh menden Jahren. Unsre Gesichter verwerfen sich alsdann, und unsre Schicksale noch mehr. Der Eine wächst, betet, fündiget, weinet, franket mehr als der andre. Und selbst in der Ewigkeit wird jeder Mensch noch etwas unterscheidendes an sich haben. So bin ich denn kein Sandkorn, das untre der Menge ihm ähnlicher Körner keine Beobs. achtung verdient. Ich habe so viel besonders an mir, daß ich auch wohl einem Engel betrachtens werth bin. Nein! wir Menschen sind nicht auf Gerathewohl aus des Schöpfers Hand geworfen: er hat an jeden seine Hand insbesondre gelegt. Keis Tiedens ubendand. II. Th. 3 9 ne 466 Der 13te December. ne Schöpfungsart auf Erden ist von einander so verschieden, als es die Menschen sind. Sie wur den, um menschlich von Gott zu reden, mehr auss gearbeitet, und folglich zu höhern Absichten bes flimmt, als irgend eines seiner uns sichtbaren Wers fe. Diese Vorsicht muß sich daher über jeden eins zelnen Menschen merklich erstrecken. Wir sind vers schiedne Räder, die künstlich in einander greifen, um ein bewundernswürdiges Ganzes auszumachen. Daß ich heute der bin, der ich bin: dazu haben viele tausend Menschen einen gewissen Antheil bels getragen. Die Brust, welche ich tranf, hat bis diese Stunde Einfluß auf mich. Auch der Arme, der das heutige Holz für meinen Ofen fällte, auch Ohne beide wäre ich jezt nicht so stark, so erwärmt, so ruhig, so gesinnet als ich würflich bin. Jeder Mensch hat also gewisse eigne Pflichten, weil er seine eigne Bedürfnisse, Fähigkeiten und Wohlthaten von Gott empfieng. Den Ifraeliten war daher manches Pflicht und Erbauung, was es uns anjezt nicht ist. Wie viel habe ich also nicht an mir, noch immer zu lernen! Ich habe nicht Zeit, mich unnöthig um andre Menschen zu bekümmern. Wenn ich nachdenke, welche befons bre Erziehung, welche Gefahren, welche gute und böse Tage, mir zum Loose einfielen; wie wenig von meinen Schulfreunden mir jezt noch ähnlich sind! Dich darf nur halb nachdenken: so finde ich deine Hand an mir, mein unaussprechlich gütiger Ers balter! Ich könnte jeden Tag, wie ein Jahrsfest einer ehmals erhaltenen Wohlthat wegen, feiern. Uch Gott: du haft mehr an mir gethan, als ich glaube, -M Der 14te December. 467 glaube. Welch angenehme Bestürzung, wenn ich dort einsehen lerne, wie viel du um meinetwil len verhiengst!- Vielleicht lesen manche jest eben diese Abendbetrachtung: aber die Fuge unsrer Ges danken ist doch nicht einerlet. Nun ich will wenigs stens mit herzlichem kobe schliessen. Herr! du hast groffes an mir gethan! Auch in der Ewigkeit habe ich mein Eigenthümliches. Aber das hänget gar sehr von meinen jezigen Maaßregeln ab. Der 14te December. Der müden Natur süsse Erquickung, Der balsamische Schlaf. №s!! was wären wir ohne ihn! Es giebt nur wenig Menschen auf Erden, die immer zu was chen wünschten, weil sie immer befehlen, schwelgen oder arbeiten möchten. Der größre und vielleicht der beßre Theil der Sterblichen siehet die nächtlis che Ruhe für eine grosse göttliche Wohlthat an. Und in unsrer jezigen Kindheit ist sie uns allers dings höchst zuträglich, um zu unsrer fünftigen Bestimmung heranzuwachsen. Der Schlaf ist ein Beweis von der Hulb des Schöpfers. Unsre harte Herrn sähen lieber daß ihre Sklaven, durch verdoppelte Arbeit ihre Kräfte wieder erfezen könnten. Und man fann sich den Fall gedenken, daß unsre Maschine, gleich 6 g 2 Den 468 Der 14te December. dem Magnet, stårfer würde, je mehr man sie bes lästigte. Oder, daß das abgelaufene Gewicht an der Uhr, durch heftige und schmerzhafte Bemühuns Aber der gen, wieder aufgezogen werden konnte. Allgütige verordnete ein weit angenehmeres Mits tel. Der Schlaf ist die größte Wollust, und keine Wollust ist unschuldiger, gesünder und wohlfeiler als diese. Man ist nirgend mehr sein eigner Herr als im Bette. Kaum aber verlassen wir es: so stehen unste viel befehlende Herren( follten es auch unsre zu besorgende Kinder seyn) schon da, und spannen uns wieder auf sechzehn Stunden ein. Endlich hat die Natur Mitleiden, nimmt uns das Joch ab, schenkt uns unsre Freiheit und wieger uns in den Schlaf. Der Schlaf ist an sich so herrlich, daß unsre Lagerstätte der wenigsten Zierarten bedarf. Nehmet den Schlaf aus der Welt, so ist sie mehr Hölle als Erdball. Beföftiget bann im Winter Båren, Hamster, Schlangen, Schnecken! Oder wollt ihr diese gefräßige Kostgånger andern Weltgegenden zuschicken: so zittre ich für unsern Gommer, weil sie in Begleitung ihrer ausländis Wie schen Kameraden zurückkehren würden. febdn ist hingegen die Einrichtung, daß fein anger nebmes oder uns müzliches Thier in den Winterschlaf fällt! Selbst unter den Vögeln ist hierinn ein Uns terschied. Sidrche und Schwalben verträumen ihe Winterleben zum Theil in Europa. Wachteln, Nachtigallen und andre Singevogel aber founen allen Himmelsgegenden dienen. Sie ziehen daher wie Virtuosen von einem Hofe zum andern, und welcher Weittheil fann sich eigentlich rühmen, daß diese Sänger seine Landesfinder sind? Nehs Der 14te December. 469 Nehmet den Schlaf hinweg: so überwuchert bas Laster die Tugenden. Diese würden ermatten, und jene neue Kräfte bekommen. Der Schlaf treis bet jezt eine grosse Gesellschaft aus einander. Nun das war hohe Zeit: das Blut des Tugendhaften fieng schon unordentlich an zu wallen; und der Frevs ler war schon collkühn Freudenfeste, die bis an den hellen Morgen fortgesezt werden, hecken ges meiniglich laster aus; der Tugend wenigstens sind sie so wenig zuträglich, als den Ungen gar zu ans gestrengtes Sehen in der Dämmerung. Der Schlaf hilft der hier fümmerlich wachsenden Tus gend nach, und wehret dem wüchernden Laster. Unsre Visiten sind meistens gezwungen: Der Schlaf bringet uns aus einander zu unsern Hausgenossen und wir schöpfen luft. Manche Gesellschaft dürf te nicht noch dret oder vier Stunden dauern: so liesse jeder aus Müdigkeit die Maske fallen, und Freundschaft und Achtung würden verringert! Aber die unfrige, mein Gott! wird vermehs ret, wenn mich der Schlaf einsamer zu dir führet. Ist es doch, als wenn die Undacht im Schlafzims mer wärmer wäre als anderswo. Aber dies ist auch ein Hafen, wohin die stürmische Wogen der Sün de und Verführung so leichte nicht reichen. Hier ist ein heilig land, denn wahrscheinlich werde ich hier sterben. Komm denn jezt, füffer Schlaf, und sey mir ein Bild meines Todes! Undächtig wie in dieser Stunde müsse ich alsdann seyn, und fanft schlieffe ich mein Auge, wie jezt vom Schlum mer gedrukt! Schlafen und sterben: o welche Wohle that für den, der sie gut anzuwenden weiß! g3 Der 470 Der 15te December. Wer hob, o Gott! bie Erde Aus deinem Meer heraus? Theilt, daß fie fruchtbar werde, So gleich die Waffer aus? Ber fammlet fie? Wer bricht Die Flüffe, wann sie schwellen Sprich zu der Seen Bellen; Hieher und weiter nicht! D as Wasser ist allen Geschöpfen unentbehrlich. Jedoch das läßt sich auch von Luft, Feuer, Erde, Holz, Metallen und andern Werken Gots tes fagen. Wir brauchen viel, und alles ist mit einander verfettet, auf daß wir flug und fromm werden sollen. Das geringste unter den Werken Gottes( wofern dieser Ausdruf erlaubt ist) wird bier von uns nimmer ausgelernt. Der nachden fendste Afrikaner würde nicht darauf gefallen seyn, baß das Wasser durch einen hohen Grad des Fro stes eine Brücke werden könnte. Die falzige Bitterfeit des Meerwaffers, wel: che Aufgabe für unfern Verstand! Und doch liefert es uns Wollen und Flüsse, die aber, wie durch eis nen Filtrirstern durchgefeiget und füß sind. Tåge lich erhält das Meer Millionen Tonnen dieses füf: fen Wassers zurück, und dennoch behålt es seinen pechartigen Geschmack. Und wüßte ich auch nur diese einzige Würfung des salzigen und süssen Was fers, Der 15te December. 471 fers, daß nemlich viele Seefische, sonderlich die Heeringe, ihre unzugängliche Wohnungen verlass fen, um in süssen Gewässern zu laichen: so finde ich schon wieder die gewöhnliche Güte Gottes. Der Nordpol muß unsern Tisch mit besorgen helfen, und seine gemästete Thiere uns zuschicken. Wie mancher durstige Schiffer mag den Harzgeschmack des Sees wassers verwünscht haben. Aber süsses Wasser würz de solche Lasten von Schiffen nicht tragen und mans chen jezigen Handlungszweig nicht hervorbringen. Und war das Gottes Schuld, daß die Menschen seis ne Werke nicht besser studierten und das Meerwass fer schon seit Jahrtausenden trinkbar machten? Die beständige Bewegung des Waffers, obs ne welche es faulet und verdirbt, verdienet gleichs falls meine Bewunderung. Sonne und Mond kommen hiebei in Anschlag. Jene erzeuger Regers und Winde, und dieser vermuthlich Ebbe und Fluth. Ilm aber diese höchst nöthige Bewegung des Wassers noch zu vermehren, legte der Schöpfer die Oberflås che der Erde rund und uneben an, Flüsse und Strös me, diese Udern des Erdbodens, schlängeln sich immer niedrigern Gegenden zu. Alle unsre Flüsse in Deutschland, ausser der Donau, strdmen gegen Mitternacht, um sich mit der Ostsee oder Nords fee zu vereinigen. Zu dem Ende ist die Mitte vester Lander z. E. Bdhmen, erhaben und bergigt. Von da an aber bis ans Meer werden die Provinzen immer ebner, niedriger und fandigter. lleber bis legs te der Allweise hin und wieder gleichsam Schleusen an. Ein verengtes Bette verstärkt die Bewegung des Stroms, wie eine enge Defnung den Zugwind here g4 Der 15te December. hervorbringt. Wasser und Zeit sind, so ruhig fie scheinen, in emfiger Bewegung. Wir sehen sie nun einmal! Der heutige Tag, und der heutige Fluß, der an hiesige Ufern spülte, sind für mich dahin, ich hole sie beide nicht ein. 472 Ein Wassertropfen bestehet aus undenklich Fleinen Theilen, die mit vielen andern Elementen und Geschöpfen vermischt sind. Er fann aus eins ander getrieben, aber schwerlich zusammen gedruckt werden. Er hånget sich an Körper an, Idft eis nige auf, andre verbindet er; er ist ein Vergröß rungsglas, ein Spiegel - Ja! ein Spiegel von deiner Allmacht und Weisheit, du gútiafter Schöpfer! Und doch betrachs te ich alles eigennüzig und lüftern wie ein Säuge ling, der nach der Taschenuhr greift und sie zum Munde führt! Gott! meine Seele ist voll deines Sobes, und sie hat Ahndungen, daß dereinst noch jeder Wassertropfen für sie ein Meer von Wundern seyn wird. Jezt vergleiche ich Thautropfen mit Diamanten, Schneeflocken mit Sternen, den Bach mit einem Spiegel und gefrorne Fensterscheis ben mit Blumen: einst werde ich es besser vers stehen! Der Der 16te December. Ein Pilgrim bin ich in der Welt, Und kurz sind meine Tage! Co manche Noth, die mich befällt, Reizt mich hier noch zur Klage. 473 Die ie Sluchtigkeit der Güter dieses Lebens predigt uns immer von den beßern Scházen der Ewigkeit vor. Alies stirbt uns unter den Händen, damit wir sterben lernen sollen. Und Blumen oder Thiere, die uns am meisten herbeilocken, vers gehen schon, indem wir uns erst recht sezen wollen, sie zu betrachten, oder ihnen zuzuhören. Die Orangenblüte ist vergänglich, wie der Schnee im April. Die Nachtigall verstummet bald. was ist das Leben des bunten Schmetterlings? Und Und was ist das Seben des liebenswürdigsten Menschen! Fast alle unansehnliche Dinge überles ben ihn. Es sind wenige Sachen hier im Zimmer, die nicht noch mein Nachfolger brauchen wird. Ich müßte jeden Balken, jeden Stein in der Wand beneiden, wenn ich mit ihnen nur einerlei Bestims mung, für diese Welt, hätte. Wo sind schon so viele meiner Freunde, meiner wahrscheinlichen Stüs zen, mit denen ich, wären sie noch da, Tage des innigsten Bergnügens erleben würde! Entriß sie mir denn Gott, damit ich meines Lebens nicht froß werden sollte? Ettern, Schulfreunde, jugendliche 335 Gespies 474 Der 16te December. Gespielen, zärtliche und muntre Seelen, Beförs brer! ihr alle meine ehemalige Gözen! o! ihr send entweder schon Staub, oder eure Denkungsart tft vom Mai bis zum November gerüft. Aber, wie kann ich mir doch immer einbilden, als ob ich vesten Fuß hätte. Ich bin ja eben so abs gestorben, oder verwelket wie sie Mein Körper ist, durch den täglichen Anfaz neuer Theile, welche die alten verdrängten. gar nicht mehr der ehemalige. Und meine Seele hat seit den ersten Schuljahreu ganz andre Vorstellungen! In der Jugend sind als le Speisen gewürzt, alle Glieder gehorsam, alle Menschen ehrlich, jeder Schlaf vest und jede Freu: be wohlfeil. In der Kindheit wissen wir uns aus dem Dornstrauch eine Saube zu machen; aber im After ist uns die schönste Linde felten gerade oder schattenreich genug. Es ist fast nur Eine Sache, worinn der Geschmack einerlei bleibt. Im sechsten und im sechzigsten Jahr ist nichts verhaßter, als - der Sarg. Über den schön zu finden, dazu ges hdret auch mehr als ein blühender oder abgelebter Körper. ner. Wer nur stets an den Gütern dieses Lebens nagt, hat schlechtre Nahrung als ein Baugefangs Seine Seele ist hungrig, aber die bloffe Erds fost schmeckt wie versüßte Arzenet. Im Anfange schön, aber zulezt würget man sie mit Ekel hinuns ter. Der arme Reiche, welcher nichts als Geld hat, und doch mit Wechselbriefen feinen wahren Freund, leinen Hunger oder Schlaf, keine beståns dige Ruhe oder dreifte Hoffnung einfaufen kann: was Der 16te December. 475 was fann er sich doch für alle seine Kapitale erhane beln? Nur fünfzig Jahre darf er alt feyn( und die wird er bald!) so spricht ihm sein Reichthum alle Augenblicke Hohn. Was hälfe eine Tonne Gol des in einer wüsten Insel? Ach und die Erde wird uns jährlich immer wüster und mehr Insel! Neue Menschengeschlechter erheben sich über uns, und benehmen uns Sonne und Gedeien. Die junge Welt in dichten Reihen treibt die einzelnen Alten vor sich her ins Grab. Die glatte schöne Haut, welche heute Jobgedichte veranlaßt, wird nach drets fig Jahren ein Gegenstand der Satire. Jedoch Sa iren, Moden, Veralterungen und Sterbefälle find nur Geisel für den, der Gott nicht fennet. Der Weltmensch muß zeitlebens dienen und wird immer untauglicher zum Dienst. Wer besfre Sch ze weiß, entziehet sich dem Hohn der Welt zu rechs ter Zeit, und begiebt sich auf sein Landgut zur Ruhe. Hoffnung des Himmels! du bist mehr als alle Rittersize. Für einen Bettler will ich mich hals ten, ehe ich keine beßre Versorgung für meine alte Tage weiß, als mir die hungrige Erde anbeut. Belohnender Gott! dir will ich dienen, und deis nen Gnadengehalt zuversichtlich erwarten. Dann mag es Winter und Nacht um mich seyn: ich ges hdre. dem Himmel an, und die Erde ist zu klein mich zu fassen. Der 476 Der 17te December. ! wirf dich nicht so weg! Gemacht für Ewigkeiten, Bist du zu gut für irrd'sche Kleinigkeiten. Nenn deinen Sklavenstand und ein entflehend Glück, Den nicht des Himmels Schluß, dies nicht sein Meisterstück? Jeder klaget über die Welt, und niemand mag ſie gerne verlassen. Ist sie denn ein Kerter für Missethåter, und verdient ihr Bauherr kein danks bares lächeln von uns? Es ist wahr, die meisten Ehrensäulen der Welt sind Pranger, und ihre bes ste Freuden sind ein Rauch, in welchem man einen Mord begehet. Aber was sollen wir von dem Schd: pfer denken, wenn dies unfre ganze Station ist? Nein! sie kann, sie muß es nicht seyn. Das Christenthum eröfnet herrlichere Aussichten, und mit diesem ist die Erde eine verschönerte Welt? Wüßten wir im Winter nichts vom folgenden Senz und hätten wir uns fünftig nichts anders als Schneegestöber und Eiszacken zu versprechen: dann wäre der Selbstmord kein so auffallendes Laster. Die Religion zeiget uns den kommenden Frühling nach dem Winter dieses Lebens, und nach den dunklen Tagen des Grabes: und nun wird die Wine terscene angenehm. Der Traum Jakobs verknüpfs te durch eine Leiter Himmel und Erde. Wenn uns fre Gedanken fleißig von der Erde zum Himmel steis gen, oder wenn wir pflichtmäßg Gott und der Selt Der 17te December.. 477 Welt dienen: dann ist unsre hiesige Walfarth schön und wäre auch ein Stein unser Kopflüssen. Spitäler und Armenhäuser sind für Irrdischs gefinnte ein Scheusal der Natur. Aber sie sind doch nicht unansehnlicher wie ein Mistbeet, wel: ches die schönste Früchte und Blumen treibt? Sa: get doch, Gottlofe! warum ihr vor einem leichnam lauft, und nicht vor einem verdorrten Rosenblatt, das unten an der Staude von Würmern verzehret wird? Dieselbe Rose sehet ihr ewig nicht wieder aber wohl euren jezt verschiedenen Freund! Wahre Gottesfurcht verschönert die Welt, und wenn die Pest wütete, so legte Gott Ehre ein bei benen, die ihn fürchten. Und wenn der fernste Stern unfre ganze Sonne wäre: dennoch würden wir, auch in dieser Dämmerung, Wunder und Güte genug an den Werken Gottes erblicken. Verachtet mir ja nicht eine Welt, in der ich selig werden kann, wes nigstens in der Hoffnung! Schnell wie ein böses Gerücht, nähert sich mein Alter. Wer mich vor dem Augenblick von zehn Jahren gesehen hat, verwundert sich über die steifern Züge meines Gesichts. Ich mochte schon lange nicht mehr die Puppe oder den Ball von der Erde aufheben. Nun fommt allgemach die Reis be an groffe, lebhafte. Gesellschaften, an brausende Freuden, an Pfänderspiel und Galanteriewaaren. Nach alle dem friechen nur Kinder am Körper oder am Verstande. Aber verständige Gottesfurcht båle mich vollkommen schablos. Ats Kind konnte ich zur Noth falsche Treffen tragen und für einen Dreier 478 Der 17te December. in den Raritätenfasten gucken: der Erwachsen würde damit verspottet. Erde! nimm also deine Tándeleien hin; es greifen immer Hände genug barnach! Du bleibeft mir dennoch schön, denn du bist die Schule, in der ich erzogen werde; und welcher Lernbegieriger wird die verachten? Schön ist also deine Erde, o Gott! denn sie bereitet uns zum Himmel. Erträglich ist selbst de Lasterhafte; denn er warnet mich ihm nachzufols gen. Mein Feind ist liebenswerth, denn er lehret mich beten. Alles hiesige Schöne ist eine Anspie lung auf die Schönheiten des Himmels, und alle Mangel dieses Lebens heissen mich nach einem bes fern schmachten. Mir stehen Krankheiten, Ung glücksfälle und Schmerzen bevor: aber du hast sie doch mit der Schnellwage gewogen, Allergütigster? Ich werde sterben: aber doch in deiner Hand? Berwesen aber doch unter deinen Augen? Aufers stehen: aber doch zu ewigen Freuden? Ja, dahin wirst du mich führen, Herr Jesu! Vergieb mit auch meine kleinsten Fehler, auf daß ich des Him mels würdig werde! Bin ich dein: so ist der Schlaf im Bette und im Grabe schön. Der Der 18te December. Mir schauert nicht vor dir, o Gruft! O Todesstille! Ich bin getroft/ wann nun mich ruft, Gott! dein Wille. Durch dein gedankenvolles Wort Sft mir der Tod ein Schlummer. 479 ! daß ich mich anjes in die Lage binein denken könnte, in welcher ich mich beim Sterben befinden werde! Erbarmer von meiner Jugend an! laß meine lezte Stunden die besten meines Lebens fenn. Jefu Leben reißt zur Bewundrung hin; fein Tod zu heiligem Erstaunen. Ich bin sein Jünger, und muß ihn so viel möglich fopiren. Wann ich nun zwischen Himmel und Erde in der Hand Gottes da liege, und, wie vor einem nahen Gewitter, alles schwarz, still und furchtsam um mich her ist! Wann nun mein ganzes Leben auf der Wagschaale vor mir liegt, und mein brechens des Auge nicht so genau entscheiden kann, ob die Schaale singet oder steigt! Wann dann Gedanken sich unter einander verklagen, und Sünden wieDie Heeresspizen auf mich aurücken! Wann mis alsdann die Erde ein Grab, der Himmel ein Fels und Gott nichts als Richter zu seyn scheint: ach alsdann, mein Freund, mein zärtlichster Freund! Herr Jesu, alsdann erbarme Dich meiner! Ruf 480 Der 18te December. mir mit der Gottesstimme, welche einst die Grås ber durchdringen wird, zu: geh hin in Friede, die sind deine Sünden vergeben! Hilf du alsdann und las wohl gelingen, oder ich vergehe. ben. Vielleicht werde ich meinen Verstand nicht has Heilsame Vorkehrung Gottes, wenn ich verständig genug gelebet habe; denn so verschlaf ich das Donnerwetter. Aber auch wohlverdiente Stras fe, wenn ich mich des Verstandes unwürdig mach te, durch beständige Nachläsigkeit oder Kindereien! Er lebte wie ein Thier, und starb wie ein Thor: felüft Teufel verdienen eine beßre Grabschrift; denn fie glauben einen einigen Gott und zittern. Wehe mir, wenn auch nur Ein Vernünftiger mir jene Grabschrift auch nur in Gedanken fez e! O Gost! ich will lieber jezt stundenlang ein Träumer und schlechter Gesellschafter seyn: nur in meinen lezten Stunden laß mich heitrer wie jemals, und einen Herold deines Friedens über mir seyn! Meine lefs te Gedanken find ja der Faden, welchen ich an die Ewigkeit gleichsam anspinne: sie können also nicht fein, nicht englisch genug seyu. Mein Heiland zitterte, betete, blutete, dür ftete, jammerteach! was habe ich denn zu era warten! Aber die traurige Ecene dauerte doch auch nur wenige Stunden, und er ward aus der Angst und aus dem Gerichte genommen. Und kein Mensch fann denn schrecklichen Tod sterben, den er starb! Er hieng unter Verfluchungen da, und wer tröste: te ihn wohl im Seiben? Nein! ein solcher Fluch kann ich nicht werden, obgleich Sünden, die ich jejt Der 18te December. 480 jest für Goldstaub anfeße, alsdann wie ein Felsens gebürge auf mich stürzten. Berlachen oder vers wünschen soll mich doch wohl niemand alsdann? Freunde aber, die ich mir zu diesem wichtigen Diens ste zuziehen will, werden um mein Lager stehen, zittern, beten, segnen, hoffen und Gott loben. Giebt es befondre Todesengel, Schuzgeister, oder himmlische Freunde, die unserm lezten Kams pfe beiwohnen, und unsre Seele im Triumph zez deinem Throne begleiten: so befiehl ihnen, o Gott! daß sie mich auf meinem Todeswege behüten, und auf den Händen tragen. Steine zum Anstoffen liegen alsdann, wie bei einer eingestürzten Mauer, genug umher. Ich vermuthe aber( und Vermus thungen von der Menschenliebe Gottes find halbe Beweise!) ich vermuthe, daß du, Aller barmender besondre Trostgründe und Aussichten für Sterbende hast, von denen Lebende nichts erfahren, damit sie nicht gemein werden und ihre Kraft verlieren. Jedoch, soltest du auch, aus Liebe und Weisheit, den Himmel in schreckliches Dunkel hüllen, und dein gnädiges Untliz verstellen; ich nenne dich dene noch Bater! Ich will jeden Tag, und also auch den lezten damit beschliessen, daß ich andächtig auss rufe: es ist vollbracht. Bater! in deine Hände bes fehl ich meinen Geist. Tiedens Ubendand, II. Tb. $ 6 Des 482 Der 19te December. Vor meinen Augen wandeln die, Die dich, o Jesu, schmähen; Ihr freches Herz bethöret sie, Daß fie dein Heil nicht sehen: Einst bebt der Spotter Herr vor bir; Wann du als Richter kommen wirst, und wir Frohlockend dich erheben. D ie Zukunft Jefu zum Weltgebrauch ist die wichtigste Epoche. Menschen, welche nies mals so glücklich waren, von der Liebe Gottes in Jesu deutliche Nachrichten zu bekommen, werden erstaunen, wann sie dort erfahren, daß ihr Richter zugleich ihr Bruder gewesen sey. Einige unter ihs nen wird diese Nachricht erschrecken, weil sie dars aus den Ernst Gottes ersehen werden, daß die Mens fchen tugendhaft leben sollten. Doch wird es ih nen lieb seyn, daß sie nichts von diesem Wege zur Tugend wußten! schlechtes Denkmal ihres Gemüths! Andre werden entzückt diesem bisher unbes kannten Bruder zueifen, und sagen: Groß war die Liebe Gottes: aber das übertrift alles mein » Forschen. Ach! daß ich nicht ein Zuhdrer oder » Schüler dieses Gottmenschen war!" Selig der Heide, Jude oder Muhammedaner, der sich als. dann seines Heilandes freuet, und sich selbst das Zeugniß geben kann! einem solchen heiligen Lehrer båtte ich gerne geglaubt. Die Der 19te December. Die zwote Gattung vor dem Gerichtsthrone besteht aus Menschen, die alles von Jesu wußten oder wissen konnten, denen aber seine Lehre ein Efel oder eine Fabel, und sein Seiden und Sterben eine Kleinigkeit war. Gott! welch ein Anblick, wann sie nun sehen, in wen sie gestochen haben! wann sie den mit Legionen Engeln umgeben sehen, dem sie hier weniger Ehre erzeigten, als einer ihrer Uns terobrigkeiten. Zu empfinden: mein Richter war ehemals mein bittender Freund; zu fühlen; daß man über diesen Eckstein gefallen sen, und nun unter ihm zermalmet werde; zu hören: ihr nanns tet mich zwar Herr, aber ich habe euch noch nie erkannt, weichet von mir ihr Ulebeltbåter!- o! die Erde fann am jüngsten Tage nicht so zerrüttet seyn, als die Seele eines Christen, welche auf ewig entadelt, und ihrer Christenwürde entsezet wird. Wir Thoren, warum glaubten wir nicht an ihn! Ihr Berge fallet über uns! wer mag einen so bes schämenden Anblick ertragen. 483 Aber Heil, Heil uns allen, die wir deine Freunde, o Jefu! waren. Die Stüle sind gesezt, der Kreis geschloffen! das hochpeinliche Gericht bebet an; der Richter erscheinet: und mit wels chem freudigen Herzklopfen fliegen wir zu ihm hins an! Denn es ist der geliebte, der angebetete und nachgeahmte Jesus. Jeden Ankläger heißt er schweigen. Jede unfrer matten Tugenden bekommt wie ein roher Diamant nun erstlich Glanz und Werth, und jede, hätten wir sie auch wider unfre Gewohnheit vergessen, wird von ihm ans Licht ges zogen, und dem Himmel und der Erde Fund ges machs 484 Der 20te December. macht. Ach! welche Freude, welcher Ruhm alss dann, um seinetwillen hier gelitten und geweint zu haben! Jede verborgne Tugend leuchtet dort wie ein Polargestirn, aber die meisten Siege und der meifte Nachruhmn der Welt verlöscht, wie ein Jrr. licht beim Anbruch des Tages. Noch steht es, in meiner Gewalt, wie ich dich, du Richter deines Geschlechts! an jenem Tage ets blicken will. Noch bin ich mit dir auf dem Wege, warnender und belehrender Freund! Ach! nimmer müsse ich deinen Ernst sehen, vor welchem Sonnen auslöschen, und alle deine Feinde, zum Schemel deiner Füsse hinstürzen! Sen mein Freund, o Jefu, einst, wann ich selbst mein Feind bin, und mir, meines fauen Christenthums wegen, Vors würfe machen will. Wie sehr werde ich alsdann wünschen! daß ich den heutigen Tag fromm verlebt, wenigstens fromm beschlossen hätte! Ach, nur leze tres ist noch in meiner Macht. Der 20te December. Die ie Sonne predigt Gottes Macht! Und selbst die Dunkelheit der Nacht Verkündigt seine Güte. Tausend Mellen fast rings um mich her ist es jest finstrer, und ich mußte mich in Westen nach Karolina oder Peru versezen, wenn ich den heutigen Tag einholen und die Sonne jezt noch einmal uns tergeben sehen wollte.. Ganz Der 20te December. 485 Ganz Europa liegt also jezt in Dunkelheit ges wickelt. Aber fonnte denn der Gott des lichts uns nicht beständig Tag erhalten? O ja! eine Sonne; einige Monden mehr, oder sonst ein Wink des Al mächtigen: so war die Finsterniß ein Unding. Jes doch er rief der Nacht: Gottes Wohlthaten durch die Dunkelheit der Nächte sind mir folglich eint Thema zur Erbauung. Auch die Nacht muß das Gepräge göttlicher Absichten an sich hen; sie muß gut und eine Wohlthat für uns seyn. Biels leicht finde ich Licht in der Dunkelheit, und helle Farben göttlicher Güte in der nächtlichen Finsters niß. Wie, wenn es niemals finster würde? Nicht wahr, dann wäre das Licht ein efles Einerlei? Sanfte Dämmerung, Morgenrdthe, aufgebende Sonne, Purpur in Westen, reizender Vollmond: das alles gienge verlohren. Die Abwechselung von Finsterniß und Licht verschaft uns viele neue und erhabne Begriffe vom Schöpfer, und selbst das Thierreich wird dadurch mannigfaltiger und bewundernswerther. Hätten wir sonst wohl ges glaubt, daß es Augen geben möchte, die ohne Hülfe der Sonnenstralen genau sehen könnten? Das schimmernde Johanniswürmchen wäre dann ein schlechter Käfer. Ja, wäre es immer Tag: fo müßten einige Thierarten umfommen, welche ihren Raub nur haschen können, wann er schläft oder nicht sehen kann. Andre hingegen wären ims mer in Gefahr, welche jezt unter dem Schuze der Nacht sicher sind. Eulen z. E. und Fledermäuse dürfen sich am Tage nicht sehen lassen; alles ist 163 wider 486 Der zote December. wider sie: und sie sind doch gewiß nüßlich, denn fie sind da. Gott verordnete die Nacht, auf daß die Menschen gezwungen würden, ihre körperliche Urs beiten einzustellen, sich mehr zusammen zu halten und geistigern Betrachtungen nachzuhången. Dem Geizigen wird es immer zu frühe finster, und sein 3ugvieb müßte erliegen, wenn die mitleidigere Nacht es nicht ausspannen hålfe. Menschen und Thiere werden bei einbrechender Dunkelheit ruhis ger, auf daß der sich heranschleichende Schlaf desto weniger verscheucher werde. Besonders sollen sich auch die Augen erholen, welche bei immer reizens dem Lichte so frühe austrocknen würden, daß wir im dreifigsten Jahr der Brillen nicht entbehren könnten. Was aber das hauptsächlichste ist- der gestirnte Himmel. Ach Gort! wie klein ist der Mensch, der an ihm deine Grösse nicht findet! Dank sey es der Finsterniß, oder vielmehr dir, du Bater des Lichts, daß uns der nächtliche Himmel deinen leuchs tenden Fußschemel zeigt. Gienge unsee Sonne nicht unter! wie flein würde uns deine Schöpfung düns fen. Dann wären Monarchen, welche dritthalb huns bert Meilen beherrschen, solche Götter, daß auch der Weise sie beinahe anbeten würde. Uber nun sind fie und unfre Erde ein Sonnenstäubchen vor dir. In der Nacht verlöscher ihr Glanz und der deinige funs felt wie ein Tag berab. So viele Wohl haten auch bei den jezt fans gen Winternächten? O du unaufhörlich liebender Gott! Wohin ich sehe, finde ich deine Güte, und wo ich auch nicht sehen kann, fühle ich sie bei eis nigem Der 21te December. 487 nigem Nachdenken. Alles, was du thust, ist ewige Weisheit und Liebe. Und wenn mich Todess nacht jezt einhüllete: Herr Jesu! führe du mich nur: dennoch fürchte ich fein Unglück; auch diese Finsterniß ist alsdann licht vor mir. - Der 21te December. spotten mein, doch werd' ich nimmer zu schanden, Und habe, Gott! dein Recht vor mir. Denn denk ich nur, wie du, seitdem die Erde gestanden, Gerichtet hast, so jauchz' ich dir. ie Stolzen tofzen o viele Gefahren für das Christenthum gab es von je her, daß, wäre es nicht von Gott, es långst untergegangen wäre. Ich bin meiner Religion nicht werth, wenn ich diesen Gedanken nicht öfters denke. Das Christenthum( der Glaube an einen Erldser) ist so alt als die Welt; und dennoch hat es ihm keine Stunde an den bittersten Feinden gefehlt. Zwar das Judenthum dauert auch: aber es ist jung; denn seine jezige Glaubenslehren vom Messias sind neu. David, Erzvårer und Prophes ten, fámen sie jezt zurück: nicht in der Judens schule, sondern in der christlichen Kirche sähen sie ihre Hoffnung erfüllet. Auch das Heidenthum ist fast so alt, als die Welt, aber es ward nie sonders lich verfolgt: und der Fluch Gottes ruhet darauf; es nimmt jährlich mehr ab. 564 Das Der 21te December. Das Christenthum in seiner Kindheit, zu den Zeiten des alten Testaments, hatte manche Vers folgung von Seiten der Heiden auszustehen. Kaum aber hatte Jesus himmlische Zugenden gepredigt: so schlugen sich die irrdisch gesinnte Juden mit zu feinen Feinden. Wie? unsre Brüder, denen seit dem Sündenfall der Befößner des Menschenges schlechts genau beschrieben ward, traten im Streite zur Gegenparthen über? Jedoch, es war nur der Troß der Juden. Ein fleiner, aber edel denkender Theil machte aus diesem Belke den Stamin des Christenthums. Tausendmal erhabner am Geiste, als alle damalige und nachherige Gegner Jesu. Kein friechender und wetterwendischer Pilatus, kein leichtsinniger Herodes, kein blutgieriger Kaiphas Fonnte ein Christ seyn. Und der neidische und geis zige Judas konnte es nicht bleiben. So schaffet das Wasser, um nicht zu faulen, todte Körper von fich hinaus. Ein boshafter kann König, Kapita lift, Weltweise seyn: nur kein Christ. 488 Aber es gehörten auch grosse Seelen dazu, die erkannte Wahrheit unter Schmach und Hohns gelächter zu behaupten. Bei dem Tode Jefu lehns te sich ja der Erdkreis auf wider den Heern und feinen Gefalbten. Feige oder feile Seelen finden, bei Erblickung der Kette oder Pension, gewiß ab. Wels che Muster von Menschen aber waren die Junger Chrifti. Wir wissen von den meisten ihr Lebensens de, und das war, wie ihr Leben, groß und erbaus lich. O hátte ein einiger von ihnen, auch unter der schmerzlichsten Todesangst, widerrufen: das hätten uns Heiden und Juden in die Wette und bis zum Der 21te December. 489 zum Efel erzählt. Erbabne Religion, in welcher man sterbend so denken kann, als bei gesunden Tas gen. Wir sagen, denken, denn auch der Irrgeist oder Lasterhafte fann sterben, wie er gelebt hat: schwärmerisch und gedankenlos. Jesus war begraben. Juden und Heiden hats ten ihren Zweck erreicht. Sein eigner Jünger hats te ihn verrathen, und die übrigen zweifelten. Seis ne Mutter und Freunde Flagten um ihn als um einen Todten. Der wißbegierige Nikodemus und der großmüthige Joseph, nebst einigen andern Kli enten des Erldsers, denen er Gesundheit, Leben oder sterbende Kinder und Knechte wieder gegeben hatte, trauerten über die Gerichte Gottes. D: welche fürchterliche Zeit war das! Dagegen sind alle jezie ge Gefahren des Christenthums, alles Hohngeläche ter in Prosa und in Versen nichts. Die hers umschwärmende leichte Partheien kommen jezt zu spåt. Nun stehen gewafnete Heere von Christen auf dem Siegesplaz. Damals, ihr Feinde Chris fti! fonntet ihr euch an Römer, Griechen und Jus den anschlieffen und Sturm mitlaufen: zezt könnt ihr nun von ferne stehn und anbeten, oder lachen und den Kopf zerschellen. - Sohn Gottes! beine Lehre stehet da, wie ein Fels im Meer. Rönige mögen wüten, Höfline ge lachen, Weltweise zweifeln, Gottlose den Hims mel stürmen: du bist der Sohn Gottes, und deis ne lehre stebet da, wie ein Fels im Meer. Ift nach tausend Jahren diese Erde noch: so ist sie mit ders Deinigen besezt. Der Erdball werde früh obec spåte gerichtet: die besten Menschen werden Chris ften seyn, und dort meine Freunde. 165 e 490 Der 22te December. Ja, Da, süffes Grab! du Labfal müder Herzen Du raubst mir nichts! vergräbft mir meine Schmerzen, Und spinnst mein Puppenkleid in deinen Schoos hinein. Wann denn der Wurm wird ganz vertrocknet seyn: Dann lebt das neue Kind mit jungen Flügeln wieder, Und stößt, was bort nicht gilt, den alten Erbilog nieder. chön ist die Tulpenflor, schön eine Armee bet der Musterung. Noch schöner aber sind die Gräber und die geschloßne Reihen im Gebeins bause. Jene kann ich keinen Monat lang besuchen, so neigen sie ihr welkes Haupt, oder ich werde Krankheit und Abnahme gewahr. Die Gräber aber werden schöner, und ein fast immer daurendes G.ún oder Moos bedeckt sie. Ist auch wohl eine Nation, die nicht Achtung für Gråber hätte? Wer sich nicht mit Todten zu unterhalten weiß, befizet schlechte Lebensart und mag sich sein Leben himplagen in gähnender Gesellschaft! Das Herz der Weisen ist im Klaghause. Die Tracht und die Stille der Todten befremdet nur eine Zeits lang, man gewöhnet sich bald mit ihnen ein. Pal láste erinnern an ihre fünftige Zerstörung: Grás ber an die Auferstehung. Und da die verfallne Gesichter dieser Königsstädte unfre verzártelte Au gen beleidigen würden: so bedeckt sie der Allgütige mit einem blumichten Rasen. Endlich kommen durch Regens Der sate December. 49[ Regen oder Grabscheit dürre Gebeine hervor, und diese erschrecken selbst den Gottlosen kaum. so auch eine himmlische Polizei in den Gråbern. Wo Gott ist, da herrscher Ordnung und Schönheit. Al Haßliche Denkungsart, als wenn Gottesäcker Unger der Fäulniß und des Ubscheues wären. Der Sarg des Frommen ist ein Sofa, in welchem er ausruhet. Alle diese einsame Hügel werden sich bald unter Trompetenschall eröfnen, und jeder Tods te wird, über sich selbst erstaunend, da stehen. Verwöhntes Herz! bebe nicht bei Erblickung eines Hirnschädels: oder entsez dich auch vor einer Blue menzwiebel; denn bald werden beide blühen. Grds ber sind in fo bösem Ruf, als die Frömmigkeit: felig, wer sich nicht täuschen läßt! Das Grab ist ja die Wiege zur Unsterblichkeit. Wenn ich doch wüßte, wo man mir meinen Ruheplaz anweisen wird. Dahin wollte ich eine linde, oder sonst ein schattigtes Bäumchen pflanzen; es mit Thránen der Andacht bisweilen begleffen; dann stundenlang mich in seinen Schatten fezen, und bis ich diesen anmuthigen Plaz selbst in Besiz nähme, Blumen darauf ziehen, und sie mit meis nem bald verblühten Leben vergleichen. Mit der Zeit würde mir in diesem kleinen Lustgarten mein Bild im Sterbehemde erträglich, und ich würde fast jedem meiner fünftigen verwesenden Gebeine feine Stelle in diesem Blumenbeet anweisen: Hier wird mein müdes Haupt ruhen, dort meine gefalts nen Hände u. f. w. Selbst die Nachbarschaft ans brer Gräber werden mir nicht gleichgültig seyn; denn ich 492 Der 22te December. ich würde vermuthen: dieser neben dir Schlum mernde fällt dir bei der Auferstehung zuerst in die Augen. Ein solcher Spaziergang würde mit feiers fichem Gebete beschlossen, und der Urme, der mir mit abgebungerten Wangen und fast im Hemde alsdann begegnete, würde mir nicht fremde seyn, sondern ein brüderliches Gesicht bekommen. Pros zesse, Moden, Bälle und Entwürfe für Jahr Hunderte würden ihre Reize merklich verliehren. Jedoch, wo ich bin, ist auch ein Grab, ich barf es nicht lange suchen und anbauen. Todesber zwinger! Du hast den Gräbern das Scheußliche genommen, und bewahrest einst jedes Stäubchen von mir. Der Engel saß glänzend an deiner Gras besthüre: auch die meinigen fann nur ein Engel entriegeln. Und ob mein Sarg und mein Gebein nicht gänzlich unter der Erde vermoderten:- meis ne Seele ist alsdann zu groß, um auf solche Kleis nigkeiten zu achten. Mag doch meine Grabesnacht fo lang seyn, als die heutige am kürzesten Tage: ein unwandelbarer Frühling wird diese Ruhe fols gen. Ruf mich nur, o Jesu, freundlich in den Tod, und liebreich einst ins Leben. Der Der 23te December. Kein Zweifel foll mich mehr erschrecken! Der Swild des Glaubens wird mich decken: Auch in der allerschwersten Zeit. Last Erd und Sonne selbst vergeben! Der Fels, auf dem ich rub: bleibt stehen; Aus ihm quillt ew'ge Seligkeit. 493 Geban edankenlos balten die meisten ihr Christenthum für glaubwürdig, und übertreten die Sehre desselben: prüfet alles! Abwägung der Gründe, und lernbegierige Zweifel sind, obwohl nach vers schiedenem Maaßstab, Pflicht für jeden. Indessen müssen doch die Gränzen des Zweifels auch richs tig bemerkt seyn, sonst fann man ein Thor werden, ( Egoist) welcher so gar an dem Daseyn andrer Menschen, auffer sich, zweifelt. Heren, Gespens ster und Kobold find mit Recht zu bezweifeln; dann die Bibel lehret nichts von ihnen, sondern führet sie nur beiläufig als Menschensage an. Vernunft und Erfahrung sind wider sie. Aber ist das auch der Fall mit Teufel, Beseßnen und Wunderwere fen? Unser Verstand muß weiter reichen, als unfre Augen. Wir würden den für verrüft halten, der alles betasten wollte, ehe er es für wirklich hielte, Sehen können wir Engel und Teufel freilich nicht, aber selbst der Weltweise und Naturforsches finden sie nicht unwahrscheinlich. Berliehrt dema 494 Der 23te December die Wahrheit, wenn sie nur gelesen oder gehöret wird? Die Wunder Jesu find geschehen, Freun de und Feinde waren Zeugen; und ob kein Mensch ihrer jezt achtere! sie sind geschehen! Und gefehn, gehört oder gelesen: sie fodern redliches Nachdenken. Eine andre Ausschweifung des Zweifels ist, wenn wir alles auf Menschenmanier beurtheilen. Nicht einmal bei unsern Mitgeschöpfen finden wir unsre Natur, geschweige bei Geistern höherer Art. Schlange, Chamäleon, Umeislówe und andre Thiere können viele Monate faften und dabei leben: wollen wir dran zweifeln, weil es wider unfre Natur ist? Und nun die Eigenschaften des Schd: pfers, welch ein Abstand von uns! Erbärmlicher Einwurf wider manche lehren der Religion, weni der Zweifler fie Gott für unanständig erklärt. Als wenn das höchste Wesen in unserm Ton reden, uns nachdenken, oder sich wohl gar unsern Kleiders ordnungen unterwerfen müßte. Das Creuz Chris fti dünft nur manchen Menschen eine Thorheit, im Himmel ist das Schimpfliche daran nicht schimpflich. Elias im feurigen Wagen scheinet uns eines prächtigera Todes verfahren zu seyn; aber es scheinet auch nur so. Geistliche Dinge müssen geistlich gerichtet seyn. Wer sie schief beurtheilet, zweifelt sich unglücklich. Ist eine lekre von Gott, so nehme ich sie an, wenn ich sie auch nur halb verstehe. Dann so habe ich Leib und Seele von ihm, und kenne sie nicht den zehnten Theil. Daß aber eine Lehre von Gott fey, kann die Erfahrung am leichtesten darthun. Alle Der 23te December. 495 Alle Vollkommenheiten kommen von ihm, vom Bater des Lichts. Menschenarbeit hingegen ist Spinngewebe: mühsam, gewaltthätig, und weder von Nuzen noch Dauer. Diejenige Religion al so, die mich zum höchsten Grade menschlicher Volle Fommenheit bringt; die meinen Geist über die Ers be erhebt: indem sie mich zum besten Weltbürger macht; und die mir durchaus, selbst nach dem Geständniß ihrer Feinde, keine Rede weder hier. noch dort bereiten Fann:- e! wer den Willen Jesu thut, der wird inne, daß seine Lehre von Gott ist. Alle andre laffen entweder das Herz unbearbeitet, oder erlauben Menschenfeindschaft und Aufruhr, oder versagen Seelentrost in der Noth, oder führen nur bis ans Grab, und übers lassen uns da dem Schicksal. Mein Herr und mein Gott! ich falle zu deis nen Füssen; denn deine Lehre, dein Leben und Tod machen mich menschlicher und Gott ähnlicher, wenn ich daran glaube. Berachte ich sie aber: so becket mein Herz eine Vipernbrut, von Sünden nach der andern aus. Nach Gründen und Absichten will ich fragen: aber ohne Gott zu fürchten und zu lieben, finde ich sie nicht. Wer chriftlich tugends baft lebet, findet viel, und denkt: in der Ewige teit ein mehrers. å 496 Der 24te December. Jauchzet, Völker! jauchzt: gelobt sey Gott! Preißt ibn durch frohe Lieder! Sagt, Berge! nach: gelobt sep Gott! 3hr Thaler! hallt es wieder. Auch ich will den Herrn loben, so lange ich bie bin, und die tausendfache Erinnerung gött licher Wohlthaten soll mir täglich ein Gedankens fest seyn. Die Schöpfung ist eine Sinfonie vor Gott, und auch ich bin eine Note darin. Es ist wahr, selbst der Gottlose, der den Herrn nicht loben mag, muß die Harmonie im Ganzen wider Willen vers mehren helfen: denn er verhält sich dazu wie eine Pause. Aber, wer athmen kann, schadet sich felbst, wenn er den Othem an sich hålt. Ich bin niemals gröffer, als wenn ich Gott rühme. Ich sah oft die purpurne Morgenrdthe der Sonne, oder ihren Rubinglanz, wann sie unter dem frohen Getümmel der Schnitter untergieng. Uch Gott! ein Drittheil derer, die mit mir zus gleich gebohren wurden, sahen es nicht. Früher Tod, Blindheit, Gefängniß oder Faulheit hielte fie ab. Ich kann lesen: nicht der sechste Theil der Menschen kann es. Ich werde, für feuchte und falte Luft der Nacht, in Betten erwärmt, zu wel: chen tausend Menschen und Thiere mir verhelfen mußten; gleich als ob noch so viel an mir gelegen 13 ware! Der 24te December wäre! Könnte ich eine Auction von Gesundheit Ehre, Verstand und Gewissen anstellen, wie würs den sich die Käufer nicht bei einzelnen Stücken übers bieten. Und ich, der ich das alles von deiner Huld, o Gott! besize, ich wollte dir nicht dankbar seyn? 497 Es giebt Fälle,( ich kenne sie am besten) wo meine ganze Wohlfahrt auf dem Punkt stand aufs zufliegen, gleich einen Pulvermagazin, in dessen Nähe ein Feuer wütet: du aber wandtest die Ges fahr gnådig ab. Meine Zunge hätte mich unglücks lich gemacht: hättest du nicht die Folgen ihrer Ges burt erstift. Ich vergiftete mich durch Nahrungs: mittel. Sorgen und Leidenschaften: du aber führs test mich unvermerkt zu einem Gegengift. Ich fåete Unkraut! du liefsest es zertreten, oder hältst durch unfreundliche Witterung( über die ich also mit Unrecht flage) sein Heevorsproffen zurück. Viels leicht feimet es erst nach meinem Tode, wo niemand vermuthet, daß es von mir herkam: o Allgütiger! fann es ohne ein Wunderwerk geschehen, so laß es ewig unterdrückt seyn. Nur was ich gutes that, das sen gesegnet bis ins tausende Glied. Habe ich eine Seele retten helfen: die müsse wieder andre erretten, und der Faden werde nicht abgeschnitten, bis an der Welt Ende. Ich habe Böses ausgefået, und kann für die Frucht nicht stehen, Herr Jefu, ich fliche zu dir. Nimm du die Folgen davon auf dich; verbeßre, verbirg sie, oder mache sie zu einem hebenden Schatten in dem schönsten Gemälde deiner Welt. Habe ich jemand unglücklich gemacht; du kannst es ja Tiedens Übendánd, II. Tb. reichs 498 Der 24te December: reichlich ersetzen! Verführte ich meinen Nächsten: ach! verdopple deine Arbeit an ihm, auf daß er nicht über mich schreien dürfe. Die Nacht bricht ein; welch eine fenerliche Nacht! Meine Einsichten, meine Ruhe und Hof: nung stehen mit ihr im genauesten Verhältniß, Abraham! Hiob! David! Salomo! Jesaja! was hättet ihr gethan, wenn ihr den Tag des Herrn gesehen hättet? Ihr fahet ihn im Geist und freuetet euch. Aber die selige Zeiten des neue en Bundes waren euch doch verborgen. Ich lebe darinn, geniesse alle Vorzüge desselben und feire jezt die Nacht, welche Heere von Engeln im Ges filde Bethlehems feierten. Sen mir gegrüsset, Gottes und Marien Sohn! Die Nacht vor dir wird licht, und die Erde paradiesisch. Der vers schloßne Himmel ist nun zerriffen, und Tugend: hafte sehen den Gnadenstuhl. Ehre sen Gott in der Höhe, in meiner Seefe wirds Friede, denn Gott hat Wohlgefallen an mir. Wundernacht! o Abgrund von Wohlthat. Det Der 25te December. Wenn enn ich die Wunder fassen will; So steht mein Geist vor Ehrfurcht still; Er bétet an und er ermißt, Daß Gottes Lieb unendlich ist. 499 Bei ei Erschaffung der Welt und bei der Geburt unsrer Konigskinder kommt es so genau auf Zeit und Umstände nicht an. Aber die Mierkwürdigkeiten bei der Geburt Jesu waren geweissas get, und mußten pünktlich erfüllet werden. Es ist wahr, wir stoffen auch hier auf einige Schwierigkeis ten, aber findet die unser bldder Berstand nicht als lenthalben? Gesezt also, daß wir das Geburtsjahr des Heilandes um Ein, höchstens um 4 Jahre vers fehlten: so war das die Schuld unsrer Vorfah ren, daß sie nicht genauer rechneten. Und diese kleine Verrechnung trift auch jebe Geschichte, die über ans derthalb tausend Jahr alt ist. Gesezt, die Ums stånde der vom August anbefohlnen Schazung was ren nicht ganz aufgeklärt: fann uns das irren, da alles andre desto flarer ist? Uus weisen Absichten ließ Gott immer etwas zur Anstrengung und Bes schamung des menschlichen Verstandes zu. Das meiste ist deutlich, das übrige sollen wir findlich glauben. Berandert einen Umstand in der Geschichte der Geburt Jesu: so hänget sie nicht mehr mit dem alten Testament, oder mit der Weltgeschichte zits Der 25te December. zusammen. Gezet fie zehn Jahr früher an: so fehlet es an der Erfüllung der 70 Jahrwochen Das niels, und so war noch nicht Friede auf der das mals bekannten Erde. Sezet sie zehn Jahr spås ter: so war das Scepter nach dem Tode Herodis 500 schon von Juda entwandt. Geschah sie nur eine Tagreise weiter: so gieng die Weisfagung von Beths lehem verloren. Dichtet dem Sohn Gottes eine andre Mutter an; laßt sie vermählt oder gar nicht versprochen seyn; welche Schwierigkeiten entstehen da.. Die Erscheinung der Engel; die besondre Wies ge, welche ihn den Hirten kennbar machte; das von Fremden wimmelnde Bethlehem, welche die Nach: richt durch Judia verbreiteten, so daß selbst, nachs dem die Welsen aus dem Morgenlande dazu kamen, Herodes seine gewöhnliche Rolle des Mordens spiels re; der göttliche Traum, der den Joseph verans laßte, Martens Flucht nach Egypten zu erleichtern; der baldige Tod Herodis, und sein kurz vorher ges gangner Fall beim Kaiser August, dadurch Ju: dia bald nachher eine römische Provinz ward: und die dadurch möglich gemachte Rückkehr der Eltern Jesu aus Egypten; wer flocht alle diese und huns dert andre Umstände so zusammen, daß dadurch die Propheten erfüllet wurden. Leißet aber auch der Bibel euren Wiz, und fezet andre Umstände hinzu: so sind die Folgen das von abgeschmackt. Kennten wir Monat, Tag und Stunden genau, der Abergläubige und Nativitäts steller würden rasen. Wüßten wir die Namen der Hirten, oder hätte man ihnen welche angedichtet wie den morgenländischen Weisen: so ständen sie längst ole Der 26te December. Sor als Heilige im Kalender oder im Herzen des Schwärmers. Ob und was August und sein Nach: folger Tiber von Jesu gedacht und geredet haben? das könnte ärgerlich aber schwerlich erbaulich seyn. Eben so unnüz war uns eine genaue Nachricht von Josephs und Mariens Privatleben. Nicht von ihnen, sondern vom Sohne Gottes war uns ein Evangelium nöthig. Und auch er sollte uns nicht als Kind, sondern als Lehrer und Heiland bes fannt seyn. Dank, Ullweiser! für deine göttliche Offenbas rung. Sie überzeuget mich, daß Jesus von Nas zareth sen der Sohn des lebendigen Gottes. Das bekenne ich mit frohem Glauben und bete an. Und ist hier das Weihnachtsfest den besten Menschen unschuldigen Kindern schon die freudigste Zeit; o! warum bin ich nicht mehr so unschuldig oder genügs fam, als in meinem fünften Jahre. Warum bin ich nicht immer dein Kind, Allgütigster? Der 26te December. Herr! der du uns den Tag gemacht, Der uns solch groffes Heil gebracht; Dich preise, was durch Jesum Chrift Im Himmel und auf Erden ist. antvolle Freude über den gebornen Heiland durchschalle Himmel und Erde. Und dünfte diese Geschichte der Erde klein: dort ist sie groß! Re 502 Der 26te December sie hallet wieder von einer Sonne zur andern. Fres dische Sommer und Winterkönige erhalten erst wahren Glanz, wenn sie, gleich Erzengel, ihre Gröss se über die Niedrigkeit Jesu vergessen. Ein Land fann ebe aller Monarchen, als die fündige Welt eines Erldfers entbehren; denn ohne ihn trüge sie nur Dornen und Tod. Freude und Dank! Wie, wenn mir beides fehlte. Es war doch eine Zeit, wo ich mich dem heiligen Chrifto findisch entgegen freuete: aber statt seiner empfieng ich Kleinigkeiten und Zuckers werk, und der Dank stieg höchstens bis zu meinen Eltern. Eine niedrige Atmosphäre; Indessere war es doch Freude und Dank, so kümmerlich beides auch war: aber was jezt? Es giebt wenig Erwachs fene, die innigere Freude, und regere Dankbarkeit, nach der Zeit der Weihnachtsgeschenke, empfunden hätten. Hören die Eltern auf, so kommt das Christs bescheeren und Sündigen an uns, und Dank und Freude sind weg. Freude über die Geburt Jesu! Ohne ihn müßte ich ja ein Thor oder Teufel seyn. Denn alsdann war das Bergnügen des Wucherers in seis ner Orangerie, und des ehrlichen Landmanns in seis nem Beitchengarten einerlei. Ohne einen Erldser wäre es Pflicht; sich von Mächtigern betrügen zu lassen, ohne jemals Ersaz zu heffen: oder( was noch schwerer ist!) ich müßte selbst betrügen, um mich nur das Bischen Leben hindurch zu erhalten. Das Ende von beiden aber wäre der Tod, Vers dammniß oder Vernichtung. Mutter, die du mich gebarst, dir mußte ich( wie unnatürlich) gram were Der 26te December. 503 werden! Ohne dich fennte ich die Welt voll Teus fel nicht. Und voll Teufel ist sie, wenn Jesu fie nicht austreibt. Ist er nicht da: so liebe ich feine Eltern, ehre feinen König, erbarme mich feines Armen, und dulde mein Leben nur aus Zaghaftigs feit. Jesus fam als das licht in die Welt. Und was wäre der prächtigste Bildersaal ohne Erleuche tung: jumal wenn er von armen Pobel wimmelte? Dank über den Erlöser!- s! dazu gehöret viel. Nichts geringers als ein gefundes Gewissen, oder ein sterbender leib. Die Gefunden mögen vom Weihnachtsfest urtheilen was sie wollen: Sterbende verstehen das besser. Sie würden auf ihrem lager keinen Ruhepunkt, und in ihrer Seele nur die Angst gekrönter Tirannen im Tode finden wenn sie nicht wüßten; daß mit Jefu der Friede auf die Erde herab gestiegen, und daß nun Wohlges fallen Gottes an den Menschen sen. Die jezt furze, melancholische und frostige Tage sind das Bild von unserm Schicksal, wenn Gott nicht barmherzig in unste Sünden sah. O! daß sich mein kindisches Herz von allem goldpapiernen Po... p der Erde und ihren Zuckers duten losriffe, und ich den Gedanken in seiner Gröss se empfände: aus Liebe nahm die Gottheit meine Natur an. Uch! waun ich auf meinem Sterbebette viele meiner Freunde, alle meine Gözen und Gde zenopfer verwünschen werde; wann ich die größte Anerbietungen der Welt wegwerfen; und über die Angst und ohnmächtige Hülfe der besten Menschen um mich her weinen möchte! dann heitert der Ges danke von bir meine gläserne Augen auf; Freude schwels 504 Der 27te December. schwellet mein Herz; glätter die Furchenhaut, und mit ausgestrekten Armen fliege ich in deine Armen, Herr Jesu! Amen. Der 27te December. Wirf, blöder Siun! Den Kummer hin: Gott ist für dich, was will dich ferner kränken? Hallelujah! Sein Sohn ist da! Bie? sollt er uns mit ihm nicht alles schenken? as den Arinen gepredigte Evangelium war mir ein Kennzeichen des Erlösers, welches Jefaias geweifsagt hatte, und auf das sich Chris stus gegen die Jünger Johannis berif. Gott wird uns durch diesen Charakter Jesu liebenswerther gemacht: auch das ist ein Beweis der Wahrheit seiner Lehre. Denke ich mir die Welt ohne Jesum: so has be ich Mühe, mich des Spottens oder Weinens über die Einrichtung zu enthalten. Gegen zehn Menschen, welche niemals hungern, sind tausend, die niemals satt werden. Der größte Haufen muß vichisch arbeiten, damit einige wenige viehisch leben können. Die wenigsten Menschen haben wahren Versland. Einige wenige rasen für Weisheit: die meisten aus Dummheit. Sehr viele Kinder sters ben Der 27te December. 505 ben vor dem Gebrauch ihrer Geisteskräfte, und eben so viel Kinder haben sich ihrer im sechzigsten. Jahre noch wenig bedient. Der wizige Kopf ist mehrentheils ein Schalk, und der ehrliche Mann ein betrognes und ausgelachtes Kind. Schreckliche Lage der Armen und Einfältigen, ehe Jesus kam! Man ließ sie sich todt arbeiten, und ihr Winsela war wie das Gekreisch eines Wets terhans; man kehret sich nicht dran, wenn er nur seine Dienste thut. Wären ihre Körper unverwess lich gewesen: man hätte von ihnen Schleusen und Damme errichtet. Bon wilden Thieren ließ mait fie so schon zerfleischen, um sich eine Lust zu machen. Ihren Verstand unterdrückte man, um sie noch mehr statt Vieh gebrauchen zu können. Und von der Religion( der edelsten Kenntniß) wußten sie höchstens ein Geflingel und poffenhafte Ceremonien. Helden, Reiche und Gelehrte machen allein die Menschen aus: alle übrige Menschengesichter was ren Ungeziefer. Selbst von dem gesitteten Ros mer wurde der Arme geschunden, blos weil er nicht zu bezahlen hatte. Wie? ein dummes, lasterhaftes Geschöpf, das ohne sein Zuthun aus einer vornehmen Fas milie entsproß, sollte wie ein Bår rings herum wür gen und den Honig der Bienen allein verzehren? Nur der König und einige Weltweise und Priester sollten das Monopolium haben, Gott, und das künftige Schicksal menschlicher Seelen zu kennen? Der Pharisäer fraß der Wittwen Häuser? Diese schlichen sich mit ihrem Scherflein beschämt an den Gotteskaften, wann jener im feierlichsten Aufzuge 506 Der 27te December. an den Marktecken wie ein Gdze verehret wurde? D! der Erbarmer mußte sich so vieler Millionen ihrer Menschheit beraubten Geschöpfe annehmen. Jesus stellte das verlorne Gleichgewicht wieder her. Er verwarf Edle und Weise im Botke nicht: aber er mutbete ihnen Unterwerfung unter Gott und Liebe gegen Arme und Einfältige zu. Er vers säumte nicht die Gefunden: aber er suchte als Arzt die Kranken auf. Freilich ward er dadurch den Jus denobersten ein Vergerniß und griechischen Welts weisen eine Thorheit. Aber das menschliche Ges schlecht gewann dabei. Urme; ihr send also nicht mehr die Nieders trächtigen, sondern mit den Vornehmsten send ihr Kinder eines Vaters im Himmel. Opfert redliche Seufjer: das ist der prächtigste Gottesdienst. Eins fältige Brüder, vermeidet Sünden, und trauet Gott um Jesu willen alle Liebe zu; so dürft ihr euch eures Wiffens vor feinem Gelehrten schämen. Kranke! ohne Christi Lehren schlügen wir euch viels leicht todt: jezt aber send ihr uns die würdigste Brüder; denn ihr gehet von uns zu Gott! Wie hast du die Welt verschönert, Herr Jesfu! und wie paradiesisch würden die Staaten seyn, welche deine Gebote treu befolgten. Durch dich kann auch der Arme mit blutenden Händen und Herzen Gott loben. Nun ist nur Eine wahre Weisheit, nemlich christlich tugendhaft zu leben. Dank sey dir, du Heiland der Welt und insbesondre auch für mich Urmen ein Heiland. Der Der 28te December. Die Menschen, deren Werth im Körper nur besteht, Empfindet tiefen Schmerz, wenn seine Kraft vergeht; Der, den der Geist erhebt, wird bepres Glück erfabren: Denn, Geister altern nicht; sie reifen mit den Jahren. 597 ie Gesundheit ist uns so natürlich, daß wie sie nur nach ihrem Verluste schäzen. Krants heiten sind ein natürlicher Zusland, und daher Fommt der Tumult und die widerliche Empfindung. Wie uns der heilige Bater der Menschen durch die ganze Natur Tugend predigen läßt: so auch hier. Beförderte das laster unsre Gesundheit, so wäre es natürlich: aber es greift uns gewaltthätig an durch herbei geführte Krankheit: kann es also die Abs sicht des Schöpfers gewesen senn? Oder tann er gleichgültig zusehen, wie wir eines seiner schönsten Werke, den Bau unsers Körpers, vor der Zeit zers stöhren? Welch ein Gegengift, gleich dem Skors pion, ist die Sünde wider sich selbst, wenn sie durch ein nachfolgendes Gift das vorhergehende unwürk: sam macht. Die meisten Bösewichter kommen in der Lehre um. Der Allweise nahm Maaßregeln wider unsern Zerstöhrungsgeist, sonst tödteten sich die Menschen, ehe sie ihn erkennen lernten. Der Schmerz der Krankheit macht uns durch Schaden flug. Und dann der Leim in unserm Blut; der Knochen, Adern 508 Der 28te December. Aldern und Muskeln wieder zusammen hailet. Und bas Fieber, welches bei den meisten Krankheiten sich ungerufen als Arzt einstellet. Leget dieser Mes difus seine Besuche zu ordentlichen Stunden ab, und überwerfen sich unser bezahlter Arzt und Apos theker nicht mit ihm: so verrichtet er Wunderkus ren. Verläßt er aber unser Bette nicht; oder bes mühen wir ihn wieder zu uns, da er faum wegs gegangen war: ja alsdann ist die Gefahr grösser, und wer ist schuld daran? Das Fieber ist in den meisten Fällen eine grosse Wohlthat Gottes. So auch der Schnupfen, wenn wir ihn, durch verzárs telte Lebensart, nicht zur Gewohnheit machen, und dadurch die Schwindsucht herbei rufen. Aber ges gen Einen, der diese Wohlthaten erkennet, sind Hundert, die darauf schimpfen. Gesundheit ist ein edles Gut, aber nicht das höchste: sonst wären alle Gefunde vergnügt. Krant heit ist nicht das größte Ulebel:( nur ein blutendes Gewissen ist es) sonst wäre fein stecher Gellert zue frieden gewesen. Seine geistliche Lieder, welche mehr Nuzen schaffen, als neuere Missionen und als tausend noch so dicke Postillen, haben wir wahrs scheinlich dieser Kranklichkeit zu danken. Mancher Fürst oder Minister wurden frank, als sie eben eis nen schrecklichen Krieg anfangen wollten. Wurs den Alexander der Grosse, Karl der Zwölfte und Peter der Dritte nur 40 Jahr alt: so mezelten sie Die Stammvåter von einer Million jest blühenden Familien noch weg. Denkt euch, was die huns Dert tausend Kranken unsers Landes in diesen Tas gen thun würden, wenn sie gefund wären; und entscheidet es selbst, ob Gott nicht das Böse zum Guten Der 29te December. 509 Guten verwendet. Wie? wenn jede Krankheit den Menschen stärker machte, wie wir an Rasende im hizigen Fieber sehen, daß es möglich war: hårte alsdann die Tugend, oder die Zubereitung auf ein beßres Leben wohl so viel gewonnen? Vater! du bist lauter Güte: ich meistens Härte und Undank. Wie oft minirte ich meine Ges sundheit als einen Feind, den ich in der Luft sprens gen wollte: du aber verschüttetest meine finstren Gange. Werde ich frank, so soll es mir Trost seyn, wenn ich so wenig als möglich dazu beitrug. Und freuen will ich mich, wenn ich es im Dienste dec Tugend ward. Gib mir eine gesunde Seele in eis nem gefunden Körper, auf daß ich wie du desto thätiger zum Guten fey. Jezt laß mich Schäze fammlen für das Krankenbette, und erhalt mich und die Meinigen in dieser Nacht gefund. Der 29te December. Wir haben einen Gott von Huld, Auch, wenn er zornig scheint, Er herrscht mit schonender Geduld, Der groffe Menschenfreund. Quch der Winter ist ein Beweis der Güte Gots tes, mag doch der Thor hinter dem Ofen das. Gegentheil denken, Etwa Der 29te December. Etwa gegen den 18ten December ist die Soms meswärme völlig aus der Erde, und alsdann drins get die Kälte desto leichter ein. Ist uns die Sons ne jezt gleich an die siebenthalb hundert tausend Meilen näher als im Sommer: so fallen ihre Strah: Ten doch so schräge und matt, daß fie uns wenig ers wärmen und lange Schatten verursachen. Es ist jezt mehr als 60 mal fälter wie im Sommer; würden wir nicht stufenweise dazu zubereitet: des Todes müßten wir seyn. 510 Über die arme Bewohner des Nordpols! Wer weiß, vielleicht sind sie so bedaurenswerth nicht. Da sich die Sonnenstrahlen, ihrer Schies fe und dortigen dicken Luft wegen, weit mehr bres chen müssen als bei uns: so sehen sie entweder wirks lich die Sonne, ob sie gleich ziemlich tief unter dem Horizont ist; oder eine beständige Dämmerung hält fie dermassen schadlos; daß sie Jahr aus Jahr ein nichts von Nacht wissen. Und was die Kälte bes trift, so wird der Allweise auch schon gesorget has ben. Der Savojarde könnte leicht berechnen, daß es in Kopenhagen noch einmal so kalt seyn müsse als bei ihm, und wer hatte das Gegentheil vermus thet, wenn es nicht die Erfahrung gelehret håtte? Noch weniger weiß die Vernunft, was sie aus den Bewohnern des Süopols in ihrem Winter machen foll. Jenseit der Sinie, auf der Südseite des Erd bodens, ist der Winter weit fälter und die Luft weit stürmischer, als auf der Nordseite; der häus figen Erdbeben nicht zu gedenken. Aber nur noch etliche Jahrhunderte Geduld, so werden unsre Maturforscher dort eine neue Schule finden. Wenn Der 29te December. 311 Wenn es doch immer Frühling oder Sommer wåre, nur nicht Winter! Kindischer Wunsch! Wie? wenn alles Zucker wäre? Nehmt einen Mos nat im Jahre, welchen ihr wolltet, für beständig an, so sind eure Uecker und Gärten verlohren; entweder unreif oder verdorrt. Die schiefe Richtung unfrer Erde gegen die Sonne wäre allein hinrefe chend, einen Atheisten zu belehren. Dieser haben wir die Jahrszeiten, die Bewohnbarkeit des gane zen Erdbodens und Millionen angenehme Verans derungen und Früchte zu danken. Die Länder uns ter der Linie und unter dem Pol wurden dadurch einr Gewächshaus und eine Etsgrube für uns. Der Winter, o: er furiret vielleicht mehrere, als es die Früslingskuren thun. - Auch in der moralischen Welt heilet er mans che Gebrechen. Denn auch hier giebt es Jagden und Arbeiten, die sich im Sommer nicht so gut vornehmen lassen. Wie viele tåndeln nicht bei ware mem Sonnenschein, wie ein Mückenschwarm, wel. che jezt vernünftiger seyn müssen. Der landmann hat nun mehr Langeweile, und der Städter und Gelehrte haben mehr Arbeit: beide können diesen Wechsel zum Vortheil anwenden. Im Winter ist die Gesellschaft geschleßner, folglich ordentlis cher und angenehmer. Redouten und Bälle zwar doch ich rede ja von der Natur. Mit dem Gefünftelten ist es, wie mit studierten Speisen; schön, aber leicht schädlich; und sie werden meist nur für verdorbne Magen bereitet. vers Winter! Vorrath! Alter' Grab! schwisterte Ideen! Ehe ich einschlafe will ich sie Tiedens ubenband. II. Th. Kt noch - 313 Der 30te December: noch durchdenken. Hain urd Fluren singen jeze weniger deinen Ruhm, o Gott! soll das unsre Andacht in Schlafzimmern nicht ersezen? Wann ich nun frostig ins Bette sinke: so soll heiffer Dank mein Abendopfer seyn. Laß dir's gefallen, mein Gott und Erbarmer! Der zote December. err! der da ist und der da war! Herr! Von dankerfüllten Jungen Sep dir für das verfloßne Jahr Ein heilig Lied gesungen! Für Leben, Wohlfarth, Troft und Rath, Für Fried und Ruh, für jede That, Die uns durch dich gelungen. Bis is hieher hast du nun wieder geholfen, du uns aufhörlich helfender Gott! Das fich neis gende Jahr läßt mich hoffen, daß ich es vollend beschliessen werde. Wäre doch mein Glaube so dreift, als diese Hoffnung. Ja, noch bin ich uns ter den Uebriggebliebenen, welche weder Mangel noch Uleberfluß, weder Heulen noch lachen getödtet hat. Und dennoch starben täglich tausend von meis nem Alter. Gott! was soll ich noch bier, daß der Ted, so sehr ich ihn öfters auch nekte, freundlich vor mir vorübergieng? Er schien einige mal nach mir oder den Meinigen zu greifen: aber ich ents wischte ihm, und er erholte sich an meinem Nachs bar. Der zote December. 513 bar. Ober es ist als ob er Bekanntschaft mit mir wünschte, so nahe fommt er mir mit seinen Besuchen! Er fann doch nicht eher kommen, als Gott ihn schicket. Wie viel habe ich im nun bald abgewichnen Jahre eingenommen und ausgegeben, an Ochems Zügen, Gesundheit, Freuden und Allmosen? Herza flopfen, Gebete, Flüche, Seufzer und Gelächter sind nun in den Marmor des Himmels gedzt. Auch Augen, und Ohrenzeugen wurden dort abers mals über mich abgehdrt; ich bin folglich nicht als lein in meiner Provinz: ich bin im Himmel und Hölle bekannt. Beide sind begierig, wie sich mein Schicksal noch entwickeln wird. Ich selbst weiß es nicht, mein Herz ist noch immer verführbar! Gott! du allein weiß'st es, erbarm dich meiner. Ich fah: re auf ofner See, und der Schiffbruch ist möglich! Ich dürfte nur zehn Tage lang an dich nicht denken: so wäre feine Sünde so plump und albern: fie traues te sich an mich. Jede ist dummdreist genug, mich mit geballter leerer Hand zu äffen, als wollte sie mir was wichtiges schenken. Die Reihe meiner disjährigen Gedanken wat fein Schattenspiel an der Wand, sondern dauere hafte Gemälde finds, woran sich schon viele belehrs ten, ergojten oder ärgerien, und welche noch an jenem Tage zur Schau ausgestellt werden. Dens fe ich mir nun vollend meine Handlungen, die mit tausend andern G. schöpfen in Verbindung standen! die Abendfünden pes Januars! die Karnevalsthor: heiten im Februar, den Kaltsinn gegen die ersten Fribe Der 30te December. Früblingsgeschenke! meine prilmåfige Unbestáns digkeit ungezähmte Mailüfte; meine finstre Sees le bei so langen und bellen Tagen! wilde Hize! meine Trägheit zur Erndte im Himmel- o! ich erreiche den December nicht, ohne mich hunderts mal schämen zu müssen. Und wenn denn nur noch das Blut meiner Schulden auf meinen Kopf fåme. Uber so viele Unschuldige mit eingeflochten: Ift nicht jedes Wort, jede. That wie wenn ein Stein, burch des Knaben Hand dicht an die Oberfläche des Wassers hinstreicht? Er prallet verschiedne mal ab, und gegen die groffen Wasserzickel, welche er in Bewegung fezt, scheint er eine Kleinigkeit zu fenn Ich wechselsweise Verführender und Vers führter! Warum hütete ich mich vor diesen Shees ren oder Klippen nicht genug. 314 Aber ich fernte doch in den verwichnen Tagen mich der Geburt Jefu erfreuen: ich will also das Jahr morgen wenigstens gut beschliessen, nemlich lobend und anbetend. Stürz dich alsdann mit meis nem innigsten Dank zu dessen Thron hin, von dem du mir geschenkt würdest, du mir so wichtiges Jahr! Bald hole ich dich in der Ewigkeit ein und da finde ich doch einen gnädigen Gott!- Das bilf, Herr Jesu: Umen. Der 3rte December. ich, Ewiger, dich bet ich an, Unwandelbares Wesen; Dich, den fein Wechsel treffen kann, Wir werden, sind gewesen Wir blühen und vergebn durch die 9r du bist unveränderlich Du warst, und bist, und bleibest. 515 Eine Welch eine höchst feierliche Nacht! Sie ist nicht weniger als der Beschluß des Jahrs. geraume Zeit für alle Geschöpfe unter dem Monde. Nur noch ein Augenblick trennt diesen Freund von feinem Vorgänger, nnd dann, ist er gleich ihm auf ewig dahin. Auf ewig? Heil mir, wenn alsdann auch alle meine Sünden mit ihm einer ewis gen Bergeffenheit überantwortet wurden. Und ach, auch meine Tugenden sind nicht viel besser und müss sen sich des Lichts schämen. Aber nein; ich werde ihn und sie alle wieder sehen, und sich sehen, wie ich an jedem Tage gedacht und gehandelt habe: eine erschreckliche Erscheinung. - Nun du, dessen Umgang ich noch eine kurze Zeit geniesse, ehe du mein Zagregister in das Archiv Des Unendlichen niederlegst, laß dich noch vor deis nem Hintritt rechts ins Angesicht schauen.- Taas fchender Freund! wie unbedachtsam habe ich die fo viele Geheimnisse anvertranet! felbst meinen Hochs verrath gegen den Himmel. Und nun kehrest du ges schwazig dahin. Du scheinst ewig bei mir bleiben zu wollen! und nun fliegest du mit drohender Mies ne von mir? Dein ernster Blick jaget mir Schaus. er ein. Gleich einem Beleidigten scheinest du voi Rache zu entbrennen, und dein Beleidiger bin ich, Schrecklicher Unkläger! e verweil noch einen Augena g Der 3e Decca- ber. Augenblick. Kann ich die circugefügte Beleidiguns gen, dir, Bote Gottes! mit meinem Blut tils gen? Sind Thránen der Reue 516 Der Geiger schlägt, und ach! es ist dahin. Im Gefolge feiner 365 Zeugen dahin. Ulle glaubs würdig, und alle das Brandmal sichtbar an ihrer Stirne tragend, mit welchem ich sie bezeichnet has be. Ich flebe ihm nun vergebens: es muß für oder wider mich zeugen. Und von diesem Zeugniß- O du unerschöpfliches Meer der Erbarmung, Bater in Christo, vergieb, ich wußte nicht was ich that. Entfalle kann ich deiner Hand nicht, Unendlicher! denn wo ist in der Schöpfung ein Winkel, den du nicht erfülleft. Aber wer kann mir auch deine Gnas de verdächtig machen? Nicht nach anklagenden Jahren, sondern nach guten Gedanken und Thaten richtest du uns. Du rollest, Majestätischer! deis ne Welten Im harmonischen Klange dahin, wie groß ist das! Aber einem Sünder wie ich bin zu vergeben, darüber freuen sich Engel, und mein Geist wird dadurch noch dein Loblied, wenn du alle jezige Welten verwandelt hast. Erstaunen werde ich einst, daß du Sünden vergeben konntest, welche von tausend Sünden verdammt waren. Ja, ich werde dir im Gerichte gegenüber stee ben, verfloßnes Jahr! aber nur meine Tugenden wirst du erzählen dürfen; denn ich stehe an meines Erlösers Seite. Und alle Jahre, die ich von nun an noch wechselte,( viele können es nicht seyn!) follen mir mehr Ehre im Himmel matben als du.. Unseränderlicher! erhalt mich bit in diesem Wirbel vou Zeit. Bald find auch mit tausend Jahre wie ein Tag: biff mir vollend hinüber und sen mein Freund in alle Ewigkeit! 303 Inches 1 Centimetres Blue 2 3 4 Cyan 2 15 2 17 3 Farbkarte# 13 Green 8 Yellow 19 10 Red 11 12 LO 5 13 Magenta 14 6 15 White 16 17 7 3/ Color 18 19 B.I.G. Black ∞