Gb 4 2 4 8 Zur Erbauung in den Bätſtanden während der heiligen Faſtenzeit, der Gemeinde zu Coppel geſschendt, Friederike von Baumbach & aunbach. gewehren vou Sonnabend vor Invocavit, 1842. ann Nur zur Benutzung im Lesesaal64.557.806 heilige Passion, gefeiert in Liedern, Betrachtungen und Gebeten. Herausgegeben von dem christlichen Vereine im nördlichen Deutschland. Halle, zu finden im Waisenhause. 1841. ( 4248 Section Univ.- Bibl. essen Erste Woche. ( Vom Sonntage Estomihi bis Invocavit). Vorbereitungen. Sonntag. Melod. Chriftus, der uns selig macht. Jesu, Deine Paffion Will ich jest bedenken; Wollest mir vom Himmelsthron Geist und Undacht schenken. In dem Bilde jegt erschein, Jesu, meinem Herzen, Wie Du, unser Heil zu sein, Littest alle Schmerzen. Gieb, daß ich recht sehen mag Deine Angst und Bande, Speichel, Schlåge, pohn und Schmach, Deine Kreuzes schande, Deine Geißel, Dornenkron', Speer- und Någelwunder, Deinen Tod, o Gottessohn, Den Du hast empfunden. Doch laß mich ja nicht allein Deine Marter sehen: Laß mich auch die Ursach fein Und die Frucht verstehen. 2ch! die Ursach war auch ich, Ich und meine Sünde: Diese hat gemartert Dich, Daß ich Gnade finde. Jesu, lehr' bedenken mich Dieß mit Buß' und Reue; Hilf, daß ich mit Sünde Dich Martre nicht aufs Nene. Collt' ich dazu haben Lust, Und nicht wollen meiden, Was Gott selber büßen mußt' Mit so großem Leiden? Univ.- Bibl. Giessen U 2 Wenn mir meine Sünde will Machen heiß die Hölle; Jesu, mein Gewissen still', Dich ins Mittel stelle. Dich und Deine Passion Laß mich glaubig fassen; Liebst Du mich, o Gottessohn, Wie kann Gott mich haffen? Gieb auch, Jesu, daß ich gern Dir das Kreuz nachtrage; Daß ich Demuth von Dir lern' Und Geduld in Plage, Daß ich Dir geb' Lieb' um Lieb', Und hier Dank erweise, Bis ich Dich, o Herr es gieb'! Dort im Himmel preise. Matth. 26, 6-13. ,, Da nun Jesus war zu Bethanien im Hause Simons, des Uussäßigen, trat zu Ihm ein Beib, das hatte ein Glas mit köstlichem Wasser; und goß es auf Sein Haupt, da Er zu Tische saß. Da das Seine Jünger sahen, wurden sie unwillig und sprachen: ,, Wozu dient dieser Unrath? Dieses Wasser hätte môgen theuer verkauft und den Armen gegeben werden." Da das Jesus merkte, sprach Er zu ihnen: ,, Was bekümmert ihr das Weib? Sie hat ein gutes Werk an Mir gethan. Ihr habt allezeit Urme bei euch; Mich aber habt ihr nicht allezeit. Daß sie das Wasser hat auf Meinen Leib gegossen, hat sie gethan, daß man Mich begraben wird. Wahrlich Ich sage euch: Wo dies Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch sagen zu ihrem Gedächtniß, was sie gethan hat." Jesus, unser Herr, sitzt in dem Hause Simons zu Bethanien. Sein nächster Weg führt Ihn über Gethsemane nach Golgatha. Das Kreuz war tet auf Ihn; es laftet bereits schon auf Seiner Seele. Simons Haus durchdringt lieblicher Duft; solch " 1 angenehmen Geruch hat nie ein Opfer verbreitet. Marias sinnige, tiefgläubige Seele huldigt ihrem Heilande, als ihrem Könige und Hohenpriester; sie salbt Sein Haupt und Seine Füße mit köstlichem Nardendle; sie salbt Ihn aber zu Seinem Begräbniß; fie feiert Seine Passion; sie versenkt sich mit ihren Glaubensahnungen in die Leidensstunden, die auf Ihn warten; ihre Seele bedarf eines für sie sterben den Erldsers, eines Lammes, das ihre Sünde trägt, und sie hat ein Zeugniß dafür in ihrem Herzen: Dieser ist's!" Die weissagenden Stimmen der Propheten klingen hell durch ihre Seele: Fürwahr Er trug unsere Krankheit und lud auf Sich unsere Schmerzen. Die Strafe liegt auf Ihm, auf daß wir Frieden hätten und durch Seine Wunden sind wir geheilet." Die Andeutungen und Aussprüche des Herrn über Sein Kreuz und Leiden, über das schwere ,, Lösegeld," das Er für die armen Sünder bezahle, werden ihr verständlich und sie sist wei nend zu den Füßen dessen, von dem wir singen: Ein lämmlein geht und trägt die Schuld Der Welt und ihrer Kinder, 11 3 Es geht und tråget mit Geduld Die Sünden aller Sünder. Maria denkt, fühlt, weiß nichts Anderes, als ihren Jefum, der für sie leiden und sterben will. Ihre volle Liebe gehört Ihm, ihr ganzes Herz ist Ihm hingegeben, ihr ganzes Wesen in Ihn versenkt. Sie ist ein Vorbild der Seine Passion feiernden Kir che des Herrn. In die Passionszeit treten wir hin ein; keine wichtigere und heiligere Zeit für den Christen, als diese. Die Gläubigen sitzen jetzt zu den Füßen ihres leidenden und sterbenden Erlösers; ihre Arme umfassen Sein Kreuz, ihre Augen han 22 4 gen an Seinen Wunden, ihre Ohren vernehmen Seine Seufzer, ihre Herzen weinen über ihre Sünden und trößten sich Seiner Gnade; sie falben Ihn mit dem Dele ihrer Dankbarkeit und Liebe, fie bringen Jhm, der Sich selbst ihnen dargebracht hat, das Beste dar, was sie haben, ihre arme, nach Seiner Gnade und Seinem Heile hungernde und durstende Seele. Passionsmelodien tönen weich und ernst, tröstlich und erschütternd mir durch die Brust; Passionsandachten und Gottesdienste häufen sich; Schaaren von Christen ziehen zum Altare, um Sein Fleisch und Sein Blut zu genießen; überall tritt mir Dein Bild entgegen, Du um meiner Sünden willen gekreuzigter Heiland! ,, Die Båter der Kirche," sagt in uralter Zeit schon ein christli cher Lehrer ,,, haben diese Zeit bestimmt und ausge sondert, daß sie zum Gebet, zur Anhörung des göttlichen Wortes, zum Fasten, zu öffentlichen Versammlungen der Andacht, zu Allmosen, zu Thränen, zum Bekenntniß begangener Sünden, und zu andern Uebungen der Art angewendet werden soll." Herr, laß diese ernste Gnadenzeit auch mir dazu dienen! - Gebet. D Herr Herr! Du würdigest mich, abermals in die heilige Passionszeit hineinzutreten und ein Zeuge Deines Leidens und Sterbens zu sein. Gieb mir ein Herz, das für die Segnungen dieser Zeit weit offen ist. Laß ferne von mir sein, was sich nicht geziemt, und diesen Segen mir verkümmert und wegnimmt von der Seele. Herr laß es still sein im Herzen, im Hause, in der Semeine; wie stimmen die lauten Tône der Lust mit Deinem: ,, Meine Seele ist betrübt bis in den Tod!" mit Deinen Schmerzensseufzern, mein Erlöfer, mit den herzzerschmetternden Bußermahnungen, welche ich 5 vernehme, mit dem Anblicke Deines Kreuzes, das sich überall mir darbietet. Herr, hilf mir bei dem ernsten Geschäfte, wozu diese Zeit mich auffordert, die traurige Geschichte meiner Sünden und Vergehungen mir ins Gedächtniß zurückzurufen und immer zu wie. derholen; unter Demüthigungen und Thränen in Deinen blutenden Wunden die Strafen zu lesen, die ich reichlich verdienet habe, und die Deine Liebe und Dein Erbarmen auf sich nimmt; der schauerlichen Abgründe zu gedenken, aus welchen Deine durchbohrte Gnadenhand mich empor zieht; den Tod zu betrachten, in des sen Finsternisse und Qualen Du für mich hinabsinkst. O mein Gott, verleihe mir Deine Gnade, daß ich diese hochheilige Zeit dazu anwende, die große und unvergleichliche Geschichte der Leiden meines Herrn Jefu mir vor die Seele zu stellen, mir ins Herz zu drücken und mich darein völlig zu versenken, um hier das felige Geheimniß meiner Erlösung, um hier die Eigenschaften meines Gottes und Vaters, seinen Haß gegen die Sünde und sein unaussprechliches Mitleiden und Erbarmen mit dem elenden, armen Sünder verstehen zu lernen; um hier die Erfüllung aller seiner Verheißungen, seines von Unbeginn der Welt gefaßten Heilsrathschlusses zu betrachten; um hier seiner Zärtlichkeit und Gnade und der Vergebung meiner Sünden durch Chrifti Blut und Gerechtigkeit gewiß zu werden; um hier alle Schwer muth des geångsteten Sünderherzens, alle Verzweif lung des Unglaubens, alle bittere, lange Noth der verzagten Seele wegzuwerfen und der Liebe mich zu getrösten, welche den einigen geliebten Sohn für mich dahingegeben hat und sicherlich in Ihm mir Ulles schenken wird. Herr! laß es mich nicht vergessen, daß jeht die Zeit ist, den Tugenden nachzudenken, welche in dem Leiden und Tode des Erlösers der Welt in so hel lem Lichte strahlen; verleihe mir Deine Gnade, o Herr Jesu, daß ich bei dem Unblicke Deines Elendes die Liebe zur Welt verleugne, das Fleisch freuzige, die bosen Lüste und Begierden in mir ertödte und wider mich selbst, wider mein trogiges und verzagtes Herz ankám 10 6 pfe; daß ich bei Deinem Unblicke, Du sanftmüthigster Dulder, der Du Dich willig in die Hand Deines himmlischen Vaters hingiebst, der Ungeduld mich schäme in den leichten Trubsalen dieser Zeit, durch welche mich Gott nach Seinem Wohlgefallen gehen läßt. Laß es mich nicht vergessen, daß jetzt die Zeit ist, uns mit einander zu verföhnen und in Beweisen brüderlicher Liebe nicht zu ermüden. Dazu hilf mir, o Herr, um Deines Namens willen. Amen. Montag. Melod. Schmücke dich, o liebe Seele. Herr! Dein herzliches Verlangen, Da Du in den Tod gegangen, Mit den Deinen Dich zu leben Und Dein Nachtmahl einzufeßen, Drångt auch mich zum Tisch der Gnaden; Du hast mich auch eingeladen, Denn auch ich bin unter allen Dir nicht aus dem Sinn gefallen. Mich verlangt nach dieser Speise, Noch ch' ich von hinnen reise; Mich verlangt nach diesem Tränken, Ch' man mich ins Grab wird senken; Denn ist Jesu Leib und Leben, Ift Sein Blut mir eingegeben, Wird mein Leib im Auferstehen Seinem Leibe ähnlich sehen. Ich hab' Du stillst mein Verlangen! Jesu Leib und Blut empfangen, Neu hat mich Sein Tod durchdrungen Und selbst meinen Tod verschlungen, Nun hat er Sein ew'ges Leben Mir in Seinem Blut gegeben. Nun entschlaf ich voll Vertrauen, Sesum bald verklärt zu schauen. P Luc. 22, 14. 15. ,, Und da die Stunde kam, sette Er Sich nieder und die zwölf Apostel mit Ihm und sprach zu ihnen: Mich hat herzlich verlanget, dies Osterlamm mit euch zu essen, ehe denn Ich leide." 7 Habe ich denn recht gehört: ,, Mich hat herzlich verlanget, dies Osterlamm mit euch zu essen, che denn Ich leide?" Ja, so lese ich. Ist es denn nicht das Osterlamm, welches mein Jesus in diesem Leben das letzte Mal genießen will? Weiß Er denn nicht, was Ihm unmittelbar darauf begegnen wird? Gab Er denn nicht schon damals, als Er sprach, ,, Sehet wir gehen hinauf gen Jerusalenr!" genugsam zu verstehen, daß Sein Leiden und alle Umstände desselben Ihm auf das deutlichste vor die Augen gemahlet und in Sein Gemüth geprägt wären? Wo ist aber jemals erhöret wor den, daß man nach dergleichen höchstschmerzlichen Leiden und dem bittersten Tode einiges, geschweige ein so herzliches Verlangen habe? ,, Geheimnißvolle Lieb', o Lieb' geheimnißvoll! die jedes Adamskind mit Lust bewundern soll." Ach warum wird denn diese Liebe des Sohnes Gottes so gar wenig, oder doch sehr kaltsinnig von uns erwogen? Ist es nicht wahr, daß die meisten der Christen, wenn sie von der Liebe ihres Jesu, von der Vermählung des Sohnes Gottes mit unserer armen Seele, von Seis nem Bräutigamsschmuck, Seinem Purpurmantel, Dornenkrone, Geiffeln, Någeln, heiligem Blute und Wunden etwas lesen oder hören, es als eine gemeine und ihnen längst bekannte Sache ohne Eifer, Buße, Andacht, Erweckung geistlicher Freude und brünstiger Gegenliebe, und ohne rechte Dankbarkeit vernehmen? O ihr unglückseligen Seelen, warum liebt ihr die Liebe nicht? Erinnert euch des schweren Fluchs, welchen über diejenigen, die bei der unergrund. lichen Liebe ihres Heilandes sich so unempfindlich bezei» gen, der eifernde Paulus ausspricht, wenn er sagt: ,, So - 8 jemand den Herrn Jesum Christum nicht lieb hat, der sei verflucht und verbannet zum Tode."( 1 Cor. 16, 22.) Wie möget ihr doch solche schreckliche Verwünschung ertragen? Selbst gottselige Seelen er zittern davor, und möchten oft vor heiliger Ungeduld über die Kaltsinnigkeit ihres Herzens dies Herz aus dem Leibe reißen und von sich werfen. Denn sie erkennen freilich, daß sie kaum mit ihrer Liebe gegen ihren himmlischen Bräutigam einen Anfang gemacht haben. Sie wissen wohl, daß ihre Begierden dem nassen Holze gleichen, welches nicht recht Feuer fangen, sondern nur glimmen und rauchen will. Doch sie wissen auch und trösten sich damit, daß die Liebe ihres Liebsten so groß ist, daß sie auch ihre Schwachheiten und Mängel duldet und über windet, und daß Er es gern hört, wenn sie über ihr kaltes, mattes und liebloses Herz seufzen: ,, Dies ist mein Schmerz und kränket mich, daß ich nicht gnug kann lieben Dich, wie ich Dich lieben wollte. Ich werd' von Tag zu Tag entzünd't; je mehr ich lieb', je mehr ich find', daß ich Dich lieben sollte; von Dir laß mir Deine Güte ins Gemüthe lieblich fließen, so wird Liebe sich ergießen." Gebet. O Herr Jesu! Du ewiger Sohn Gottes! der Du bis zum Tode uns geliebet und je näher dem Tode, desto feuriger die Strahlen Deiner Liebe haft hervor leuchten lassen! Was hast Du doch an uns gesehen, weßhalb Du uns nicht nur geliebet, sondern so herzlich und inbrünstig geliebet, daß Du alles Leiden für Freude und alle Schmach für Ehre und Deine Dornenkrone für einen Bräutigams franz geachtet haft. Erwecke doch auch in mir ein solch herzliches Verlangen nach Dir, wie Du nach mir und meiner Seele bezeiget hast. Habe aber auch Geduld mit meiner natürlichen Trägheit und Kaltsinnigkeit. Deine Liebe ist zu groß und mein armes Herz zu klein, so daß ich einen so großen Strom in ein so kleines Herz nicht fassen kann. Deine Liebe ist uns einfältigen, armen Kindern zu hoch, wir können sie nicht erkennen und begreifen. Ach! gieb mir ein weites, großes, weises Herz, daß ich recht viel darein zu fassen vermöge, denn ich begehre nichts anderes, als nur Dich allein zu genießen. Ich suche nur Dich, meinen Gnadenstuhl, meinen Erlöser, meinen Fürs cher und in Dir Ruhe und Frieden für meine Seele. Laß mich reichlich erlangen, was ich so sehnlich suche, und hilf mir endlich in Dein himmlisches Reich, da ich des völligen Genusses Deiner hohen Schåpe theilhaftig und mit den reichen Gütern Deines Hauses, ja mit göttlicher Wollust, als mit einem Strome, ewig gefåt= tigt werde, um Deiner unaussprechlichen Liebe witlen. Umen. Dienstag. Melod. Herr und Weltfter deiner Kreuzgemein. Kommt und seht des Heilands Scheidescenen, Wie Sein Herz voll Inbrunst wallt! Seht Ihn an! der Liebe stilles Sehnen Hüllt den Herrn in Knechtsgestalt. Ihn, den ehrfurchtsvoll die Himmel grüßen, Beugt die Liebe zu der Jünger Füßen. Sinkt mit tiefgerührtem Sinn, Sinkt vor seiner Liebe hin! 9 Ja, Er liebt die Seinen bis ans Ende, Wüßte sie gern Ulle rein, Streckt zu ihnen aus die heil'gen Hände, Reinigt sie, sein Volk zu sein. Herr und Meister, Du, an den ich glaube, Wasch' auch mich von jedem Erdenstaube: Und an eieb' und Demuth reich, Mach' mein Herz dem Deinen gleich. 10 Joh. 13, 5-10. ,, Darnach goß Er Wasser in ein Becken, hob an den Jüngern die Füße zu waschen, und trocknete fie mit dem Schurz, damit Er umgürtet war. Da kam Er zu Simon Petro; und derselbige sprach zu Ihm: Herr solltest Du mir meine Füße waschen! Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was Ich thue, weißt du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren. Da sprach Petrus zu Ihm: Nimmermehr sollst Du mir die Füße waschen. Jesus antwortete ihm: Werde Ich dich nicht waschen, so hast du kein Theil mit Mir. Spricht zu Ihm Simon Petrus: Herr nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt. Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, der darf nicht, denn die Füße waschen, sondern er ist rein. Und ihr seid rein." ,, Lernet von mir, denn Ich bin sanftmüthig und von Herzen demüthig" spricht der Herr. Er sagt's nicht bloß; Er fügt zu der Lehre das Erempel, zu dem Worte die That. Der Herr der Herrn, dem alle Gewalt gegeben ist ini Himmel und auf Erden, und den alle Engel Gottes anbeten, stehet da in Knechtsgestalt und verrichtet den niedrigsten Knechtsdienst; Er wäscht armen Sündern die Füße. ,, Ein Beispiel habe Ich euch gegeben, daß ihr thut, wie Ich euch gethan habe" ermahnt der Demüthigste unter allen Menschenkindern. Aber hier ist mehr als ein Beispiel beispielloser Demuth und Herzenshingebung; hier ist ein tiefes, seliges Geheimniß, hier ist abgebildet die Reinigung von unsern Sün den in dem Blute Christi. Auch zu Seinem Petrus kommt der Herr, ihm zu thun, wie den Andern. ,, Herr, solltest Du meine Füße waschen!" ruft der ungestüme, vorschnelle Jünger und will es picht dulden. Ja, du eigenwilliges, thörichtes Herz 1 11 in meiner Brust, du willst es auch nicht dulden, daß dein Heiland dich rein wäscht von deiner Sünde, du hinderst Ihn in Seinen besten Heilandsabsichten und stößeft die Gnade von dir, mit welcher Er stündlich sich dir nahet. ,, Was Ich thue, das weißt du jetzt nicht, du wirst es aber hernach erfahren," bedeutet der Herr den widerstrebenden Jünger. Der Gnadenstuhl ist mit aufsteigendem Rauchwerk bedeckt, und es soll uns nicht gelüsten, dahinter zu schauen; uns geziemt demüthige Hingabe an den Willen und Befehl des Herrn und gläubiges Ergrei fen der Gnadenmittel, die Er darbietet; wer die hei lige Verborgenheit Gottes ergründen, seine Geheimnisse mit Händen greifen, und mehr sehen will, als ihm zukommt, der wird nichts als Finsterniß wahrnehmen, weil er sich erdreistet, mit seinen blöden Augen in das strahlende Licht der Sonne zu schauen. Petrus verstand die Gnade nicht, die ihm widerfah= ren sollte, und weil er sie nicht verstand, mochte er sie nicht. Nimmermehr sollst Du mir die Füße waschen" erklärte er hartnäckig. Armer Petrus! armes Menschenherz! wie lange und beharrlich wehrst du dich doch gegen deine Seligkeit und zweifelst an des Heilandes Liebe und Gnade, weil sie dich zu groß dünkt. Das kleine Herz kann das große, weite und breite Meer Seiner Liebe nicht fassen. Und doch was wären wir, wenn diese Liebe nicht so groß wäre? Wir såßen in Schatten und Finsterniß des Todes, wir waren Gefangene an unzerreißbaren Ketten, wir lägen in den Tiefen des Verderbens, und es gåbe keine Hand, die uns emporzöge, wir waren durch und durch voll Aussah, kein Glied unseres Leibes, keine Kraft unserer Seele, keine Em11 12 pfindung unseres Herzens, die nicht von der Sünde befleckt und verunreinigt wäre. Er, der Herr, muß uns waschen und reinigen durch Sein Blut. Und wir wollen es doch Ihm nicht erlauben, wir verschmähen die Gnade, welche sich dazu anbietet, wie bettelstolze Thoren das Allmosen verwerfen, ohne welches sie doch verhungern und elendiglich umkommen müssen. Werde Ich dich nicht wa schen, so hast du kein Theil mit mir," diese Erklä rung des Herrn besiegt endlich den thörichten, Seiner Gnade widerstrebenden Jünger. Keinen Theil mit Ihm! nein! das erträgt kein Herz, das vom Geiste Gottes angeregt und von der Liebe des Herrn Jesu ergriffen ist. Keinen Theil mit Ihm! dieser Gedanke zerbricht den letzten Stolz der Seele, reißt die letzten Banden, womit die Sünde das Herz festhält, auseinander, und arm, blind und bloß, wie wir sind, nichts mehr von uns selbst erwartend, sondern Alles von Seiner Huld und Gnade erflehend, sinken wir zu den Füßen dessen nieder, dessen Blut allein nur uns von unserm Aussage reinigen kann. ,, Herr nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt" tönt es von des Jüngers Lippen. Aber ach! welche Geduld muß der Herr mit unserm verkehrten Herzen haben, bis es zum rechten Verståndniß unserer Sünde und Seiner Gnade kommt! Wie äußerlich und fleischlich faßt der liebe, ungestüme Petrus des Heilandes Liebeswerk! Er meint, das Wasser thue es. Aber ob wir auch den Ocean ausschöpfen, wir würden mit allem Wasser darin auch noch nicht einen Flecken von der Seele wegwa> schen können. Es hilft hier kein äußerliches Werk, kein Wassertaufen und kein Abendmahlgchen, wenn wir 13 das Herz nicht in Jesu Blut und Wunden tauchen. Wer da gewaschen ist, der darf nicht, denn die Füße waschen, sondern er ist rein. Und ihr seid rein.". Nun, mein Lieber, der du dieses liesest, bist du auch rein? Gebet. O Herr Jesu, Du unser Gott und Heiland! Du bift aus Deiner Herrlichkeit, die Du bei dem Vater hattest, ehe denn die Welt war, nicht herabgekommen, daß Du die Deinen ließest, sondern daß Du armen Sündern den niedrigsten Knechtsdienst erwiesest, und Dein Leben zur Erlösung hingeben wolltest für Viele. Schmücke auch unsere Seele mit Deiner Sanftmuth und Demuth, daß sie Dir wohlgefalle. D Du weißt es, Herr, wie viel Stolz, Troß, Sicherheit und Uebermuth noch in uns wohnet. Nimm hinweg den stolzen, eigengerechten Sinn! laß es uns erfahren, wie so gar nichts Gutes an uns ist, und wie wir sogar nichts find vor Dir; zeige uns unsere Sündé, unsere ganze Sünde, auf daß es nicht verborgen bleibe vor unfern Augen, wie durch und durch Leib und Seele. verunreinigt ist, und wie wir selbst viel zu ohnmächtig und kraftlos sind, uns von unserer Krankheit aufzurichten, unfern Schaden zu heilen, unser Herz und Leben zu bessern. Nur in ein ganz leeres Gefäß willst Du Deine Gnade ausgießen, nur ein völlig zerschlagenes Herz kannst Du gesund ma: chen. Gieb uns ein solches Herz, das nirgend mehr, als in Deinem Blut und Wunden, seine Hülfe und sein Heil sucht und wasche Du selbst uns rein von allen unsern Sünden und Missethaten. Weil aber das Herz nicht bloß ein troßiges, sondern auch ein sehr verzagtes Ding ist, weil es so schwer glauben will an Deine große, unaussprechliche Gnade und Barmherzigkeit, so erlöse uns von allem 3weifelmuth und aller Bangigkeit, welche die arme Seele quålt und verleihe uns durch Deinen Geist einen festen, fröhlichen Glauben an die erlösende Kraft Deines Blutes, an Dein völlig zureichendes Ver 14 dienst, damit wir getroft und in voller Zuversicht Dein Wort ins Herz fassen: ,, Wenn eure Sünde gleich blutroth ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie gleich ist, wie Rosinfarbe, soll sie doch wie Wolle werden;" damit wir uns dem Gnadenstuhle nahen und be: sprengt werden mit Deinem Blute, als dem Blute eines unschuldigen und unbefleckten Lammes, und das heilsame Del des aus Deinem vollgültigen Verdienste fließenden Trostes in unser armes Herz sich ergieße, und es auch von uns heiße: Ihr seid abgewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht worden durch den Namen des Herrn Jesu und durch den Geist unseres Gottes." Umen. Mittwoch. Melod. Herr ich habe mißgehandelt. 2ch mein Jesu, welch Berderben Wohnet doch in meiner Brust! Denn mit andern Adamserben Steck' ich voller Sündenlust. Uch! ich muß Dir nur bekennen: Ich bin Fleisch von Fleisch zu nennen. Wie verkehrt sind meine Wege! Wie verderbt mein alter Sinn, Der ich zu dem Guten tråge Und zum Bösen fertig bin! Uch! wer wird mich von den Ketten Dieses Sündentodes retten! Hilf mir durch den Geist der Gnaden Aus der angeerbten Noth! heile meinen Seelenschaden Durch Dein Blut und Kreuzestod; Schlage Du die Sündenglieder Meines alten Udame nieder. Lehr' mich wachen, beten, ringen, Und mein bofes Fleisch und Blut Unter Jesu Kreuz zu zwingen; Dieses thut mir immer gut. Was nicht kann Dein Reich ererben, Laß in Deinem Tod' ersterben. 15 Matth. 26, 21. 22. ,, Und da sie aßen, sprach Er: Wahrlich Ich sage euch, einer unter euch wird Mich verrathen. Und sie wurden sehr betrübt und huben an, ein jeglicher unter ihnen, und sagte zu Ihm: Herr bin ich's?" ,, Mich hat herzlich verlanget mit euch dieß Osterlamm zu essen, ehe denn Ich leide!" so sprach der Herr. Siehe! da sitt Er nun mit Seinen Freunden um den Tisch. Das letzte Osterlamm des alten Bundes ist aufgetragen. Der Schatten des alten Testaments entweicht, das Licht des neuen Testaments ziehet herauf; das Lamm Gottes, wel ches der Welt Sünde trägt, das rechte Osterlamm schreitet zum Kreuzaltar- und spendet nach dem Essen des letzten Osterlamms Sein eigen Fleisch und Blut.-Wie ein Sonnenblick in schwarzen Finsternissen, so kommt mir diese Stunde vor, wo Er das Höchste giebt, und die Freunde aus Seiner Hand das Höchste empfangen. War es immer Seine Freude, Werke der Barmherzigkeit zu than, wie sollte Ihm diese Stunde nicht eine überaus se lige sein, wo Er die Seinen stårkte zum schweren Glaubenskampfe der für sie versuchungsreichen Nacht Seiner Leiden, wo Er sie im Voraus tröstete über ein großes namenloses Wehe, das Er kannte, sie kaum ahnten und noch nicht fassen konnten, wo Er auf das innigste sich mit ihnen verband!- Heilige Stunde! seliges Nehmen! seligeres Geben! Ach, ist aber nicht auch diese Stunde Jhm zu einer Lei densstunde gemacht? Siehe, mitten unter den verklärten Angesichtern der Freunde sitzt eine finstere Gestalt. Es ist Satanas, verstellet in einen Engel 16 des Lichts, ein übertünchtes Grab voller Moder und Todtengebeine, ein Verräther mit den Gebehrden eines Hausfreundes, in der Gestalt Seines Jüngers Judas Jscharioth. Der Mittler siehet ihn und mit un aussprechlicher Wehmuth ruft Er in den Kreis Seiner Jünger hinein: ,, Wahrlich Ich sage euch, Einer un ter euch wird mich verrathen!" Ach, welch ein Schmerz, mein Heiland! mußte bei diesem Worte Dein Herz durchbohren! Nichts krånket mehr, als wenn eine Liebesthat mit Haß und Hohn und Feindschaft vergolten wird; und welche Liebesthat wird hier vergolten, und mit welcher Bosheit und Tücke! Ich möchte weinen, wenn ich die ewige Liebe klagen höre: ,, Einer unter euch wird Mich verrathen! Der Mein Brodt isset, tritt Mich mit Füßen. Einer unter euch ist ein Teufel, und es wäre demselbigen Menschen besser, daß er nie geboten wåre, oder daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt würde und er ersäuft würde im Meer, da es am tiefsten ist." Welch ein Schmerz für Deine Mittlerliebe! ODu willst nicht, daß Einer verloren gehe; unter den Millionen, die Dir angehören, kannst Du nicht Einen missen!- und hier geht unter den zwölf Vorerwählten Einer dahin in das Verderben, trohet Dir, legt Hand an Dich, wird Dein Verräther! Wie aber?- Es kennet der Herr Seinen Verräther und Er ertrågt seinen Anblick, stößt ihn nicht von Sich, speit ihn nicht an, regt nicht alle Donner des Gerichts wider ihn auf, reißt ihm nicht die schändliche Maske vom Angesichte und überantwortet ihn nicht dem verdienten Verderben!-- Wir freilich, die wir Donnerssöhne sind von Natur, wir ertrigens nicht, Feuer vom Himmel rie - 17 fen wir! Ach und wen faßte dann des Feuers erste Gluth?- Dich, mein Freund! Dich und mich hätte sie längst ergriffen und verzehrt, wenn auf jedem Verrath an Jesu Christo Tod und Verderben stånde. Oder ist nicht jede Sünde Verrath an Ihm? Wo meine Last mich je über Sein heiliges Gebot hin wegführte, daß ich es mit Füßen trat, wo ich meis nen Begierden folgte und nicht Seines heiligen Gei stes mahnender Stimme, wo ich um Sündenfreuden Seinen heiligen Willen verkaufte, wo ich um schändlichen Gewinnes willen die Gerechtigkeit ver ließ, die vor Gott gilt, wo ich um Menschengunst oder Ungunst die Spieße und Någel, die Sein Wort hat, abstumpfte, wo ich gar mit meinem Beispiele eines Menschen gute Sitten verdarb ,, oder gar zu einem bösen Buben ward, der einen Frommen zum Sündenwege verlockte- da, da überall war ich Sein Berräther. Jesus! o wer hätte Dich denn niemals, nie verrathen! Barmherziger! Dank für Deine Gnade, daß Du nicht gekommen bist zu richten, sondern selig zu machen, und daß Du vor uns stehst, nicht mit dem Worte der verdienten Strafe, und nur mit der wehmüthigen Klage: ,, Ei ner unter euch wird Mich verrathen"! Aber Entfe ten ergreift die Jünger. Wie selig hingen eben noch ihre Angesichter an dem theuern, geliebten Meister! Da spricht Er von Verrath, von Berrath an Jhm, von Verrath aus diesem Kreise. In ihrer Mitte soll ein Berråther sein? Und Jesus bes theuert es mit Seinem ,, Wahrlich Ich sage euch!" Nie ist ein Betrug in seinem Munde erfunden wor den, und ein Zweifel ist nicht mehr möglich! Eine Weile staunen sie in stummer Betroffenheit den Meis 18 ster an, denn sie fühlen sich ja frei von solchem Beginnen. Da durchzuckt ihre Seelen der furchtbare Gedanke, daß Er, vor dessen Augen sie hier stan den, ihre Herzen durchschaue und mit dem Flammenblicke der Allwissenheit in ihrem Innern er» kenne, was ihnen selbst wohl noch ein Geheimniß wäre, und dieser schaurige, wie ein leuchtender Bliß durch ihre Seele fahrende Gedanke preßt ihnen die bange, zagende Frage aus: ,, Herr bin ich's?" O wie schön redet diese Frage für eure Herzen, ihr frommen Jünger des Herrn! ,, Herr bin ich's?" so fragt ein Jeder, so bangt Jeder für sich selbst, so will's Niemand dem Andern zutrauen, so kennt Jeder den finstern Born seines eignen Herzens, so zittert ein Jeder vor dem Gedanken, er könnte etwa ein Jesusverråther werden, so muß ein Jeder die Gewißheit haben, daß Er ihn nicht meine, so lange fragt er: ,, Herr bin ich's?"- Er bauliche Beichtstunde, in die wir hier blicken! Da ruht das Brod auf dem Abendmahlstische, dort ist der Kelch des Neuen Testaments schon eingeschenkt, hier wogen Sündbewußtsein und Bußgefühle durch der Jünger Herzen und lehren uns, wie man sich bereiten müsse zum Genusse des heiligen Abendmahls. Jazittre nur, wie jene Jesusfreunde, meine Seele, wenn du die Hand nach Seinem Leibe und Blute ausstreckst, du weißt ja, wer unwürdig isset und trinket, der isset und trinket sich selber das Ge richt. Wenn du vor groben Ausbrüchen deiner Sünden auch bewahrt bliebst; bedenke: aus dem Her zen kommen arge Gedanken, Mord, Ehebruch, Hure> vei, Dieberei, falsches Zeugniß, Lästerung und andre Stücke, die den Menschen verunreinigen; und seufze 19 wie der Zöllner: ,, Gott sei mir Sünder gnädig!" und bete wie David: ,, Wer kann merken, wie oft er fehle?" Herr verzeihe mir die verborgenen Fehler!" und wo sein Wort irgend eine Sünde straft, da blicke niemals um dich her, sondern in dich selbst hinein, da denke niemals an diesen und jenen, sondern an dich allein, und frage stets nur: ,, Herr bin ich's?" Gebet. Herr, Alwissender, Barmherziger! Wie dunkel ist des Menschen Herz, wie tief wurzelt der Sünde Unkraut in allen! Ach, da sind alle abgewichen, da ist nicht, der Gutes thue, auch nicht Einer. Wie selbst das befte Uckerfeld mit Unkrautsaat erfüllet ist, das immer wieder emporsproßt und kaum gedämpft wird von des Uckermanns fleißiger Hand, so das Herzensfeld auch der Besten unter den Menschen, Dornen und Disteln überall! Ach Herr, Du kennest auch meines Herzens verborgene Sündentiefen, und weißt, wie unwerth und untüchtig ich bin! Uber Du verstößest mich nicht, hältst meine Sünde immer bedecket unter Deiner göttli chen Geduld, und wartest nur, daß ich in mich schlage und meine Missethat nicht leugne, willst nur, daß ich die tiefen Gründe meines Herzens Dir aufdecken und erkannte und verborgne Schulden Dir bekennen soll. O wie sollt' ich zögern? Ja, ich bins, der Dich tau: sendmal verrathen hat, da ist keines Deiner heiligen Gebote, das ich nicht übertreten hätte, da ist keine Sündenfreude, zu der ich nicht låstern gewesen wäre. Ach, was hulf' es mir, mich selbst zu beschönigen, ich weiß es ja, da ichs verschweigen wollte, verschmachte: ten meine Gebeine. Wie ein fressend Gift naget die Sünde innerlich am Herzen, die ich nicht gestanden, wofür ich nicht um Gnade und Vergebung gefleht. Siehe, barmherziger Heiland, darum will ich keine mehr verschweigen und für mich behalten, sondern sie alle Dir nennen, meinen Geiz und meine Habsucht, meinen 2 - 20 Haß und meinen Neid, meine Hoffart und meine Herrschsucht, meine Wollust und meine Tücke, meine Trägheit und meine Lügenhaftigkeit, meinen Stolz und meinen Ungehorsam( lieber Beter, füge deine noch nicht genannte Sünde mit Thränen hinzu!), und Dich zitternd und doch in getroster Zuversicht bitten: Verstoß mich nicht; ach, ob ich schon ein Judas war, siehe ich komme als ein weinender Petrus und sehe Dich glaubig an, fasse Deine durchbohrte Hand und stammle: ,, Erbarme Dich, Erbarme Dich! Gott mein Erbarmer über mich!" Amen. Donnerstag. Melod. Jesus, meine Zuversicht. Die ihr Seine Lauftbahn lauft, Theure, miterlöf'te Brüder! Un auf Christi Tod getauft, Alle Seines Leibes Glieder, Kommt, Versöhnte, kommt, erneut Euren Bund der Seligkeit! Nehmet hin und eff't Sein Brod, Jesus Christus ward gegeben, Für die Sünder in den Zod, Nehmt und trinkt: ihr trinkt Sein Leben. Hingegeben in den Tod Ward Er, in der Sünder Cod. Matth. 26, 26-28. Da sie aber aßen, nahm Jesus das Brod, dankte und brach es und gab es den Jüngern und sprach: Nehmet, esset; das ist Mein Leib. Und Er nahm den Kelch, und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus; das ist Mein Blut des neuen Testaments, welches vergossen wird für Viele zur Vergebung der Sünden." Das ist das Heiligste, welches je in menschli> cher Rede ausgesprochen ist. Ein himmlischer Opfer 21 trank in goldener Schaale; uns armen Sündern von der Liebe dargebracht, die bis zum Tode ger liebt hat. Wann wurde dies Wort gesprochen? Es war Nacht; das Licht des Tages war verschwunden, dunkle Schatten bedeckten die Erde, eine Nacht war angebrochen, wie sie nie, so lange Licht und Finsterniß wechselt, erschienen ist, die Nacht, in welcher die Hölle über den Tod des Lebensfürsten brütete und der Teufel in des Verräthers Herz fuhr. In diese Nacht hinein wurde das heilige Wort von den heiligsten Lippen gesprochen: ,, Nehmet, esset, das ist mein Leib! nehmet, trinket, das ist Mein Blut!" und über allen Nächten des Lebens stehet es seitdem wie ein leuchtender Himmelsstern, wie eine heilige Festtagskerze, vor welcher die Finsterniß weicht, der Schmerz flicht und das Leben, selbst unter dem Drucke des bittersten Elends, in himm lischer Verklärung erscheint. O welche Nächte hat dies Wort lieblich und tröstlich erhellt! In schwülen Kummernachten hat es die Sorge zerstreut, daß Sagen gestillt und die zerrissene Seele mit dem Frie den Gottes beseligt. In dunklen Bußnächten hat es das schuldbeladene Herz des Sünders entlastet, die blutenden Wunden seiner Seele geheilt, sein weinendes Auge getrocknet, seinen gebeugten Geist aufgerichtet, und ihn davon selig gewiß gemacht, daß er in Christo einen gnädigen und versöhnten Gott habe. In bangen Todesnächten ist es den Sterbenden der einzige Stecken und Stab gewesen, woran sie sich hielten, die letzte Zuflucht, wohin ihre Seele sich wandte, der kräftigste Troft, der sie über die Schrecken des Todes emporhob, die süßeste Labung auf dem Wege zur Ewigkeit, und das köst 22 27 lichste Pfand, mit welchem sie freudig durch die duntle Pforte vor den Thron des Richters traten.3u wem wird das heilige Wort gesprochen: ,, Nehmet, effet, das ist mein Leib! nehmet, trinket, daß ist Mein Blut?" Blicket hinein in den Kreis, der um die Gnadentafel sich gesammelt hat; es sind arme Leute, die Alles verlassen haben und sind Ihm nachgefolgt, den ihre Seele über alles liebt, den sie nöthiger haben, als das tägliche Brod, den sie brünstiger suchen, als der Hirsch das frische Wasser; arme Leute mit bangem Herzen und zagender Seele, trostbedürftig, gnadenhungrig. Ach! und siehe! der Kreis erweitert sich und heran treten Blinde und Lahme und Krüppel, Menschen, von den Land. straßen und Zäunen hereingendthigt; Kranke, denen kein Arzt helfen, und die kein Kraut heilen kann; Missethäter, welche unter dem Fluche des gebroche nen Gesetzes seufzen; Seelen, welche unter der unerträglichen Last ihrer Schuld daher keuchen; müde Wanderer, welche auf weiten Irrwegen ihr Glück vergebens suchten und nun mit wunden Füßen hieher ihre lehte Zuflucht nehmen; Betrogene, wel che die Welt um den Frieden ihres Herzens gebracht und ihnen für flüchtige Wollüfte immer brennende Gewissensbisse verkauft hat; Bettler, welche schon vor mancher Thür anklopften und flehten, aber de nen keine Hand das Brod reichte, das ihren Hun ger stillen, und das Wasser bot, das ihren Durst löschen kann; Weinende, welche zurück schauen auf einen Weg, der mit welken Freudenkränzen be streut ist und an Grabstätten vorüberführt, und die nun hier Trost für ihre gebrochenen Herzen suchen und bei dem Blicke auf ein zertrümmertes Lebens, 23 glück nach einem unentreißbaren, ewigen Heile sich umsehen; arme Sünder, welche an ihre Brust schla gen und seufzen: Gott sei mir Sünder gnådig! und die dem Rufe gefolgt sind: ,, Kommt her Alle, die ihr mühselig und beladen seid, Ich will euch erqui cken". Das ist die verachtete Schaar von Kranken, Bettlern und armen Sündern, zu welchen das Wort gesprochen wird: ,, Nehmet, esset, das ist Mein Leib! nehmet, trinket, das ist mein Blut!"- Wer ist es, der so spricht? Es ist der Herr Jesus, von wel chem wir bekennen: ,, Er ist wahrhaftiger Mensch und Er ist wahrhaftiger Gott!" Er spricht's nicht durch die Jahrtausende zu uns herüber in diese Stunde nein! Er ist so gewiß noch jetzt in Sei nem Abendmahle gegenwärtig, als Er in jener Stunde gegenwärtig war, wo Er im Kreise Seiner Jünger saß und ihnen das Brod brach und den Kelch segnete. Sein göttliches Herz ist auch jetzt noch die Quelle der Liebe, welche sich in alle bußfertigen und gläubigen Seelen ergießt; Sein heiliger Mund segnet und heiligt auch heute noch Brod und Wein und spricht: ,, Das ist mein Leib! das ist Mein Blut!" Seine gebenedeiten und allmächtigen Gnadenhände theilen immer noch das heilige Pfand der Liebe aus und Seine Diener sind dabei nur die sichtbaren Werkzeuge, die Alles thun auf Seinen Befehl, in Seiner Kraft, in Seiner Liebe; das leib. liche Auge siehet fie, das geistliche Auge erblickt Ihn und das gläubige Herz fühlt und erfährt Seine beseligende Nähe; es genießt Seinen wahren Leib und Sein wahres Blut zum ewigen Leben. Es gedenkt nicht bloß des abwesenden, es umfaßt den gegenwärtigen Jesum, es umfaßt Ihn MA 24 viel inniger noch, als Simeon, da Er auf seinen Armen ruhte, als jene Sünderin, da sie Seine Füße küssete und Sein Haupt salbte; es tritt mit Jhm in die allerinnigste Verbindung, wie die Nebe zum Weinstock, wie das Glied zum Haupte, wie der Leib zur Seele; und während Er spricht: ,, das ist Mein Leib! das ist mein Blut!" und Brod und Wein darreichet, durchdringen die Kräfte Seines Lebens die anbetende, zitternde Seele, und erfüllt der Trost Seines Leidens und Sterbens das nach Ihm verlangende Herz. Er, der Allgegenwärtige, spricht: ,, Nehmet, esset, das ist Mein Leib, neh, met, trinket, das ist mein Blut.-" Weßhalb spricht er so? O meine Seele! ebenso wenig, als wir den Himmel ausmessen, die Erde umspannen, das Meer erschöpfen können, ebenso wenig können wir die Liebe und Gnade verstehen, die der Herr Jesus uns ormen Sündern widerfahren läßt. ,, Nehmet, esset, das ist mein Leib; nehmet, trinket Alle daraus, das ist mein Blut des neuen Testaments, welches vergossen wird für Viele zur Ver. gebung der Sünden." Vergebung der Sünden! das umfaßt Alles, was Seliges und Köstliches genannt werden kann; wo Bergebung der Sünden ist, da ist Leben und Seligkeit; wer Vergebung der Sünden hat, der hat den Himmel auf Erden schon; Vergebung der Sünden ist alles Heils Anfang, Mittel und Ende, und an Seinem Gnadentische empfangen wir Vergebung der Sün den. Hier werden Missethåter, über welche Moses schon den Stab gebrochen, begnadigt; hier wer den Gefangene losgekauft und Gefesselte ihrer Ban> den entledigt; hier werden Bettler mit reichen Gü 25 tern beschenkt, Hungernde mit Himmelsmanna ge speiset, Dürstende mit dem Wasser des Lebens gelabt; hier werden Unglückliche über ihr Mißgeschick völlig getröstet, und Herzen, welche jahrelang aus tiefen Wunden bluteten, gehen geheilt von dan nen; hier durchdringt die Müden neue Kraft, matte Hände fühlen sich gestärkt und strauchelnde Kniee erquickt; hier wischt eine unsichtbare Gnadenhand die Thräne aus dem Auge des Weinenden und man> cher Kämpfer Christi, der schon erliegen wollte, sie. het über sich die trüben Wolken sich theilen und eine Krone glänzen, bei deren Anblick er die Waffen ergreift, um mit neu erfrischtem Muthe in den al ten Streit zu ziehen; hier weicht mit der einen gro ßen Sorge um das Heil der Seele und die Berge bung der Sünden das ganze Heer alter kleiner Sor gen des Lebens, denn der Herr, der das Größeste für mich gethan hat, der wird auch das Kleine nicht versäumen; hier sonnet sich die Seele in dem Scheine einer Gnade, deren Geheimniß selbst den Engeln unerforschlich ist; hier ergießen sich über sie die Strôme einer Liebe, welche würdig zu preisen die Ewigkeit nicht lang genug ist; hier heißt es: ,, Was ist's, o Jesu, das ich nicht an Deiner Liebe habe? Sie ist mein Stern, mein Sonnenlicht, mein Quell, da ich mich labe; mein süßer Wein, mein Himmelsbrod, mein Kleid vor Gottes Throne, meine Krone, mein Schuß in aller Noth, mein Haus, darin ich wohne." Gebet. Du liebreichster Herr Jesu! Nuch für mich hast Du Deine Gnadentafel bereitet, auch für mich bist Du gestorben, auch für mich ist Dein Leib gebrochen, 26 ist Dein Blut geflossen, auch zu mir willst Du spres chen: ,, Nehmet, esset, das ist mein Leib; nehmet, trinket, das ist mein Blut;" auch mich ladest Du ein: ,, Komm du Mühseliger und Beladener, Ich will dich erquicken!" Ja Du willst meine Wunden heilen, meine Sorgen beschwichtigen, meine Angst stillen, Deinen Frieden mir in die Seele ausgießen, Deine Gnadengaben mir darreichen, mit den Kräften des ewigen Lebens mein Herz erfüllen. Herr, ich habe keine Worte, Deine Barmherzigkeit und Gnade zu preisen; aber ich folge der Stimme meines Heilandes, die auch mich ruft, ich schließe mich an die Schaaren, welche in dieser heiligen Passionszeit um Dein Nachtmahl sich sammeln; ich komme als ein armer Gast, o Herr, zu Deinem Tische, den Du für mich bereitet hast, daß er mein Herz erfrische." Siehe, o Jesu! ich bin der Kranke, dessen Schaden niemand heilen kann; ich bin der Missethåter, der unter dem Fluche des gebrochenen Gesetzes feufzt; ich bin die arme Seele, welche unter der Last ihrer Schuld daherkeucht; ich bin der Betrogene, den Welt und Sünde um den Frieden seines Herzens gebracht hat; ich bin der Bettler, welcher überall angeklopft, aber keinen gefunden hat, der sein Verlangen gestillt hätte; ich bin der Verráther, der Heimathlose, der überall sein Glück vergebens suchte, der verlorne Sohn bin ich, der in der Wüste an Tråbern sich fåttigte. So arm, so elend, so verlassen komme ich zu Dir, mein Heiland und Erlöser, denn ich weiß, Du fannst mir helfen, bei Dir wohnet Erbarmen, und Du haft gesagt: ,, Wer zu Mir kommt, den will Sch nicht hinausstoßen". Bereite Du selbst mich vor auf die heilige Stunde, worin ich Deinen Leib essen und Dein Blut trinken werde in diesen gesegneten Wochen; laß mich im festen Glauben Dein Verdienst ergreis fen und in der Vereinigung mit Dir der Vergebung meiner Sünden und des ewigen Lebens gewiß werden. Amen. Univ.- Bibl. Giessen Freitag. Melod. Mach's mit mir, Gott, nach Deiner Güt'. Herr Jesu, habe Ucht auf mich Und laß in meinem Leben Mich immer auch, mein Herr, auf Dich Und auf mich Achtung geben! Vor des Versuchers List und Macht Schüß' mich, so bin ich wohl bedacht. Herr Jesu, der Du überall, Wie wir, Bersuchung littest, Und wenn ich in Versuchung fall', Für mich beim Vater bittest, Hab' in Versuchung auf mich Ucht, Hilf mir heraus mit Deiner Macht. Vergieb, daß ich nicht immerfort Auf meiner Hut geblieben, Daß ich den Feind mit Gottes Wort Nicht von mir weggetrieben, Nicht an Dein Vorbild stets gedacht: Herr! hab' auf mich in Gnaden Ucht! Weg Satan! hebe Dich von mir! Ich bin todt und gestorben Der Welt, der Sünd', der Luft und Dir; Durch Christi Blut erworben, Leb' ich Ihm, bis mein Lauf vollbracht, Und bete: Herr, hab auf mich Ucht! 27 in Luc. 22, 31. 32. ,, Der Herr aber sprach: Simon, Simon, siehe, der Satanas hat eurer begehret, daß er euch möchte sichten, wie den Waizen. Ich aber habe für dich gebeten, daß dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn Du dermaleins Dich befehrest, so stårke deine Bruder." Du flagst über dürre Zeiten in deinem geistlichen Leben, und bist traurig, daß du oft ein so schwaches Gefühl von der Gnade des Heilandes in deinem Herzen hast, so wenig von der Freudig 28 keit der Kinder Gottes spürst, und daß der Herr dir so ferne zu sein scheint. Du könntest fast zwei feln, ob du auch in dem Stande eines Erwählten dich befindest. Laß dich das nicht verdrießen, mein lieber Christ. Es ist dies auch Gnade. Sol che Zeiten müssen kommen. Unter den sieben Wochentagen ist nur ein Sabbath und im Laufe des ganzen Jahres giebt es eben nicht viel Stunden, worin wir einen ganz blauen, reinen Himmel über uns haben. Es kann nicht immer sabbathlich und festlich in unserer Seele aussehen. Wir dürfen über das Hallelujajauchzen den Seufzer nicht verlernen: , Herr, erbarme Dich meiner!" Solche Feststimmungen und Gnadenstunden, wie sie wohl je und je dem Christen geschenkt werden, wo es heißt: ,, Das Herz geht mir in Sprüngen, ich kann nicht traurig sein," möchten uns leicht zur Sicherheit ver führen, wenn sie nicht mit Zeitenwechselten, wo uns wieder alles Gefühl der Gnade genommen ist, und der Herr hinter einer dunklen Wolke steht. Ge rade in solchen festlichen Gnadenzeiten haben wir mehr, als je, Ursach zu wachen und zu beten, denn der Versucher steht vor der Thür und oft folgt ein tiefer Fall unmittelbar auf eine felige Thaborstunde.So eben war die Feier des Abendmahls vorüber, und noch saßen die Jünger an dem Tische um den Herrn her, als Jesus warnte: ,, Simon, Simon, siehe, der Satanas hat eurer begehret, daß er euch möchte sichten, wie den Waizen," Und wir wissen, welche traurige Erfahrungen Petrus an seinem Herzen machte, wie leicht der Satan ihn überwand, wie tief er fiel. Dennoch aber war seine Sünde teine Sünde zum Tode. Der grundgütige Heiland 29 fügte zu seiner Warnung sogleich das Trostwort: " Ich aber habe für dich gebeten, daß dein Glaube nicht aufhöre." Was wäre aus dem armen Pe trus geworden, hätte nicht die Kraft dieses Gebetes ihn von dem Verderben erlöset? Ach! und was wäre aus mir geworden und wohin wäre ich gera then, wie oft wäre ich da aus Deinen Gnadenarmen gefallen, wie fern stände ich Deinem Heile, auf welchen Irrwegen, in welche Tiefen wäre ich hinab. gesunken, wie verschlossen wäre mir der Himmel, wie unausweichbar die Hölle: hätte Deine kräftige Fürbitte, o mein ewiger Hoherpriester, mich nicht bei dem Vater vertreten, mich nicht so oft wieder vom Falle aufgerichtet, mich nicht so oft wieder der Sünde und dem Satan, die schon ihr Opfer ver> schlingen wollten, entrissen. Nun! wer so etwas an sich selbst erfahren hat, der versteht den Auftrag, welcher dem Jünger ertheilt wird: ,, Wenn du der maleins dich bekehrest, so stärke deine Brüder." Wer den Betrug der Sünde an sich selbst kennen gelernt hat, der ist recht geschickt, Andere davor zu warnen; wer den Jammer und das Elend eines armen Sünders in seiner eigenen Brust trug, der fühlt das innigste Mitleiden, wenn er einer unter der Last ihrer Sünden seufzenden Seele begegnet; wer in tiefer Noth zum Herrn gerufen hat und von Ihm erhöret ist, der weiß auch Andere mit der Gnade zu trösten, womit der Heiland sich seiner er barmt hat. Gebet. D Herr Jesu! mein Heiland! ich bitte nicht, daß Du mir dies oder das thust; soll ich jauchzen im fes 30 ligen Gefühle Deiner Gnade, soll ich seufzen nach dem erquicklichen Gegen Deines geistlichen Trostes, Du weißt es am besten, was meiner Seele frommt. Nur Eins, o Herr, versage meiner armen Seele nicht, gieb nicht zu, daß Sünde und Welt mich aus Deiner Hand reißen, bewahre mich in Deiner Gnade, laß meinen Glauben nicht aufhören! Vertritt mich, o Du ewiger Hoherpriester, mit Deiner beständigen und kräftigen Fürbitte, daß ich bestehen möge gegen alle Anläufe des Teufels und daß ich in allen Versuchungen den Sieg behalte. Herr! Du hast Dich meiner erbarmt, als Du mich in meinem Blute liegen sahest, Du hast mich erhöret, als ich Verlorner rief: Herr Jesu, erbarme Dich meiner! Das laß mich nie vergessen, damit ich in dankbarer Liebe mich meines Nächsten erbarme, wie Du Dich meiner erbarmet hast, und dem armen Sünder wieder zurecht helfe mit sanftmüthigem Geiste, wie Du mir geholfen hast. Dazu verleihe mir Deinen Segen um Deiner erbarmenden Liebe willen. Amen. Sonnabend. Melod. D Gott, Du frommer Gott. Mein Jesus rufet mich Und heißt mich, mit Ihm ziehen, Durch Urbeit und durch Kreuz Mich mit Ihm zu bemühen; Ach ja! ich ziehe mit; Mein Jesu, geh voran, Daß ich durch Deine Kraft Dir freudig folgen kann. Mein Jesus ziehet hin, 3u leiden und zu sterben, Und mir durch Seinen Tod Das Leben zu erwerben; Wohlan, ich sterbe mit Auf Dein Verdienst und Tod; Uch Jesu! hilf Du mir Aus meiner legten Noth. Auf, Auf! ihr Christen, auf! Laßt uns gesammt mit ziehen; Der Herr geht uns voran, Was wollen wir denn fliehen? Er lebt, stirbt; folget nach, Weicht nicht von Seinem Eritt! Bo Er bleibt, bleibet auch, Ja lebt und sterbet mit. 31 Matth. 26, 30. Joh. 18, 1. ,, Da sie den Lobgefang gesprochen hatten, ging Jesus hinaus über den Bach Kidron; da war ein Garten, darein ging Jesus und Seine Jünger." Nun beginnt das Leiden meines Erlösers. Alle Vorbereitungen dazu sind getroffen. Er ist von der Hand der Liebe gesalbt, das Nachtmahl ist ein gesetzt, die letzten Aufträge sind den Jüngern ertheilt, die letten Worte der Liebe und Zärtlichkeit sind geredet, der Berråther ist hinausgegangen in die düstre Nacht; Jesus erhebt sich, um den Händen Seiner Feinde sich zu überliefern. Aber ehe Er in Marter und Kreuzesnoth geht, strömt ein Lob. gesang von Seinen Lippen. In dieser Stunde ein Lobgesang?- Ja, meine Seele, und auch du mußt in deinem Leiden Gott preisen lernen und ausrufen: ,, Wenn mich der Herr gleich tödten wollte, so will ich doch auf Ihn hoffen!" Es ist eine falsche Meinung, daß Singen und Leiden sich nicht mit einander vertragen sollten; es heißt viel mehr: ,, Wenn ich in Nöthen bet' und sing', so wird mein Herz recht guter Ding." Das ist ge rade der Triumpf unseres Glaubens an Jesum, daß er uns ein Herz giebt, welches in Noth und Tod unserm Gotte lobsingen kann. Als Jefus den Lobgesang gesprochen hatte, ging er hinaus über - 32 Den Bach Kidron an den Delberg. Er verließ Jes rusalem nicht bloß mit dem Leibe, sondern auch mit Seiner Gnade; er ließ ein Aas hinter sich, um welches die Adler sich sammeln werden, eine Ståtte des Verderbens. O meine Seele! siehe wohl zu, daß dein Heiland mit Seiner Gnade nicht auch von dir weiche; mache dich los von allen Sün den, welche dich in solche Gefahr stürzen, und ei nen so unerseßlichen Verlust dir zuziehen könnten; höre nicht auf mit brennendem Eifer zu rufen: ,, Ach bleib mit Deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ! daß uns hinfort nicht schade des bdsen Feindes Lift:" Hast du die Gnade des Herrn verloren, so hast du Alles verloren; dein Name ist ausgeldscht in dem Buche des Lebens; das Blut Jesu, statt dir Trost zu gewähren, schreit wider dich; Christus hat aufgehört für dich zu beten; der heilige Geist ist von dir gewichen, so daß du keine gute Re gung, keinen tröstlichen Gedanken in deinem dden Herzen mehr spürst; mit dem Heilande ist das Heil von dir genommen, und du bist ein Kind des Verderbens geworden." Jesus ging hinaus über den Bach Kidron an den Delberg". Der Name Kidron bedeutet: ,, Der Düftre"; und wahr lich es war ein düsterer, rauher und schauerlicher Weg, den der Herr in dieser dunklen Schreckens nacht wanderte. Es war der Weg, welcher Ihn an den Ort führte, wo Er seufzte: ,, Meine Seele ist betrübt bis in den Tod," wo Er im heißen Kampfe um unsere Seele Schweiß vergoß, wie Blutstro pfen, die auf die Erde fielen, wo Er in schrecklicher Seelenangst rang und flehte: ,, Mein Vater, ist es möglich, so gehe dieser Kelch von Mir;" es war - 33 der Weg, auf welchem alle Jünger Jhn verließen, Judas Ihn verrieth, Petrus Jhn verleugnete; es war der Weg, auf welchem Schrecken an Schrecken sich reihten, auf welchem der glühendste Haß Ihn verfolgte, der bitterste Spott Jhn verhöhnte, die gefühlloseste Rohheit und Grausamkeit Ihn mißhandelte, auf welchem es der Hölle vergönnt war, die volle Schale aller ihrer Folterqualen über Ihn auszugießen; es war der Weg, welcher auf Golgatha am Kreuze sein blutiges Ziel und Ende fand. Wenn wir nun den Herrn Seinen dunklen Leidens weg dahin wandeln sehen, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, so sollen wir daran gedenken, daß Er den Seinen zuruft: ,, Wer Mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge Mir." Wie unser Herr und Meister, müssen auch wir durch viel Lei den und Anfechtungen gehen. Abraham mußte nach Moria, Joseph ward von seinen Brüdern ver kauft und schmachtete lange in Banden und Gefäng niß, David ward von Saul verfolgt, Daniel in die Löwengrube geworfen, und die drei Männer in den Feuerofen. Alle Kinder Gottes müssen auf manchen rauhen, dunklen Trübfalswegen dahin ziehen. Das aber sollen wir wissen, der Herr ist auf solchen Pfaden bei uns und im finstern Thale unser Stecken und Stab, Er führt uns, ob auch wunderlich, dennoch seliglich; hinter der Wüste liegt Kanaan, hinter Golgatha der Berg der Himmel. fahrt, aus der Finsterniß geht es zum Lichte, und an Jesu selbst haben wir das leuchtende Erempel, daß Gottes Wege doch zuletzt nichts anderes, als lauter Güte und Wahrheit sind. 34 Gebet. 11 Barmherziger Gott und Heiland! Die erste Wo che der heiligen Passionszeit gehet zu Ende, und ich stehe, wie schon manchmal, mit dem Gebete vor Dir: Was ich gelebet hab', das decke zu, was ich noch les ben soll, regiere Du." Wie betrübt ich bin im Blicke auf meine Sünde, eben so fröhlich ist mein Herz im Blicke auf Deine Gnade. Meine Seele erhebt den Herrn, gelobt sei Er! und mein Geist freuet sich Got tes, meines Heilandes. Für alle Erbarmungen dieser Woche, für den Schuß, den ich und die Meinen erfahren, für die Barmherzigkeit, womit Du mich armen Sünder getragen, für die Leiden und Schmerzen, welche Du mir gefendet, für den Segen, welchen ich in der Betrachtung Deiner Passion gefunden, sage ich Dir Lob und Preis. Du hast es gern, daß wir zu Dir kommen mit Bitten und Flehen; Du hörst es noch lieber, wenn wir Dich loben und Dir danken. Ogieb mir ein Herz, das allezeit Dich zu loben und zu preis sen sich gedrungen fühlt, das auch in Trübfalstagen und Kummernachten noch von Deiner Gnade zu rühs men weiß. Ja! diese Gnade, dieses unaussprechlich theure Gut erhalte mir. Thue mir, was Du willst, führe mich, wie Du willst, bleibe nur bei mir mit Deiner Gnade; Herr! gehe nicht von mir hinaus. Ich weiß nicht, was Du über mich beschlossen hast, aber soll ich durch Finsternisse wandeln, so laß mich nur Dein Licht sehen, damit ich im Scheine dieses Lichtes fröhlich sein könne; soll ich, wie Du, unter dem Kreuze dahin gehen, so sei Du mir nur nahe, damit ich in Deinem Unblicke den Trost finde, der mächtiger ist, als alle Noth; soll ich, wie Du, mit Welt, Sünde und Satan kämpfen, so gehe Du nur voran, Du måchtiger Held und großer Fürst! und decke mich mit Deinem Schilde und laß mich Theil nehmen an Deinem Siege; soll ich sterben, o so sei nur Dein Tod mein Leben und Dein Kreuz in meinem letten Stündlein meines brechenden Herzens feligster Trost. Umen. 3 weite Woche. ( Bon Invocavit bis Reminiscere) Jesus in Gethsemane. Sonntag. Melod. Herr und Kelt'fter Deiner. Für uns ging mein Herr in Codesnöthen In den Garten dort hinein, Wo wir Ihn hör'n weinend für uns beten Auch um unser Seligsein; Für uns überfiel Ihn Todesschauer; Unser Heil ward Seiner Seele sauer; Für uns ist Er im Gebet, Bald erblasset, bald erroth't. Für uns ward vor Ungst Sein Schweiß und Thränen Mit dem heißen Blut gemischt, Bis ein Engel Gott's in Seinem Stöhnen Sein geångstigt Herz erfrischt; Für uns zitterte Sein Leib im Büßen, Und Sein Uuge schwoll von Thrånengüssen, Ja Sein ganzes Ungesicht Ward zum Jammer zugericht't. Für uns litt Er solchen Hohn und Schläge, Die man nicht beschreiben kann; Unser Herz wird weich, die Seele rege: Seh't nur Seinen Rücken an; Seht, die Stirne, die noch naß vom Büßen, Wird noch erst mit Dornen wund geriffen. Seines Hauptes Echmerz und Pein Dringet uns durch Mark und Bein. 62 36 Matth. 26, 36. 37. 38. Da kam Jesus mit ihnen zu einem Hofe, der hieß Gethsemane, und sprach zu Seinen Jüngern: Seget euch hier, bis daß Ich dort hingehe und bete. Und nahm zu sich Petrum und die zween Söhne Sebedai und fing an zu trauern und zu zagen. Da sprach Jesus zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod." Wohin wanderst Du, Einziggeliebter! in fin. sterer Nacht? Wohin führst Du die schweigenden Freunde? Du ahnest die Martern alle, die Deiner zu Jerusalem warten, willst Du ihnen etwa entfliehn? Du durchschautest die Bewegun gen der listigen Feinde, willst Du ihren Händen Dich entziehen? willst Du Deinem Leiden entweichen?- Noch hat Ihn die Nacht nicht über.. fallen, da Niemand wirken kann, noch wandelt Er als am Tage; Er geht mit klarem Blicke, festem Schritte, fröhlichem Muthe in Sein Leiden, Er geht die Welt zu erlösen, überschreitet den Bach Kidron, ersteigt den Delberg und betritt den Garten Gethsemane. Hier beginnt Er Sein großes Leidens- und Erldsungswerk. Er beginnt es mit Gebete- aber in diesem Garten, dessen Name ,, Delkelter" bedeutet, als Hinweisung auf den Himmels- und Wundbalsam für uns, der dort aus Ihm gepreßt ward, hier wartet nicht auf Ihn, wie du meinest, eine stille Betstunde,- nein, ach nein! hier wartet Seiner Qual und Angst, größer als Ers klagen, mehr als wirs Jhm nachempfinden können. Wir zittern, indem wir Ihm nachblicken in diesen ,, Keltergarten." Ein Garten ists. Ein Garten wars, in welchem der erste Adam einst - - 1 - 37 so selig war und dann durch seinen Sündenfall die Schale des göttlichen Zorns über die ganze Erde und all ihre Geschlechter und Zeiten herabriß; ein Garten ists auch, in welchen der zweite Adam eilet, um als ein zertretner und zerquetschter Wurm ein Versöhner Aller zu werden und die Zornschale zu ergreifen und sie an Seiner Brüder Statt aus. zutrinken bis auf den letzten bittersten Tropfen. Hieher führt Er die Freunde und spricht: ,, Seket euch hin, bis daß Ich dort hingehe und bete." Die lieben Freunde läßt Er warten an der Thür, Er spart ihnen den Anblick Seiner unbegrenzten See lenpein; Petrum, Johannem und Jacobum allein nimmt Er mit Sich in den Garten. Diese drei, die einst Seine Verklärung auf dem Tabor und mit ihr den Anfang Seiner Herrlichkeit gesehen, durften auch den Anfang Seiner tiefen Schmach und Seiner Leiden, Sein Zittern und Sein Zagen schauen. Aber auch von ihnen riß Er Sich los, so berichtet Lucas, und wantte bei eines Steinwurfs Entfernung tiefer in den dunkeln Schatten des Gartens. ,, Er riß Sich los von ihnen."- O wie so eng und innig ist doch Dein Herz, o Heiland, mit den Herzen Deiner Freunde verbunden! Du mußtest Dir Gewalt anthun, Dich von den Geliebe ten loszuwinden, um nur ein einsam stilles Bet stundlein für Dich zu gewinnen. Du versäumest Dich fast selbst, damit Deine Jünger nur noch einige Augenblicke Deine Nähe genießen können. O schließe daraus, meine Seele, wie unermeßlich die Liebe Gottes gegen uns Menschen sei, wenn der Sohn Gottes selbst in den Stunden solcher Nöthe doch mehr Sein Lieben fühlt, als Sein Leiden! Dawankt 38 Er hin mit Seiner Lieb' und Seiner Angst im Herzen ,, und fing an zu trauern und zu zagen." Schon den Anfang Seiner Leiden ertrågt Sein Körper kaum!- O Jefu, Mittler und Versöhner! wie groß ist meine Schuld und Last!- Fast kann Er den ersehnten stillen Betort im dunkein Laubgange des Gartens nicht erreichen. Angst stürmt durch Seine Seele. Todesblässe überzieht Sein sonst so klares Friedensangesicht. Des Auges Glanz, sonst Majestät und Menschenliebe strahlend, ist erloschen. Codesschauer stürzen durch Seine Glieder. Er zieht sich wie ein zertretner Wurm zusammen und stöhnt: ,, Meine Seele ist betrübt bis an den Tod!" Wie einem Sterbenden zu Muthe ist, wenn alle Bande sich lösen und das leibliche Leben zusammenbricht, und kein Wort mehr, nur das tiefe Angstgestöhn der letzten Seufzer den furchtbaren innern Kampf nicht beschreibt, sondern nur ahnen läßt:- so war Seine Seele betrübt! Woher Jhm jetzt diese Angst und Trauer? Hatte Er nicht eben noch mit so viel Freudigkeit von Seinem Hingange geredet? Hatte Er nicht eben so still und ruhig zu den Freunden ge sprochen? sie getröstet, ermahnt, gewarnt so våter. lich, so umsichtig ihnen gesagt, was einem Jeden Noth war?- wußte Ers nicht, daß der Heilige Got tes die Verwesung nicht sehen werde? Hatte Er nicht den Himmel vor Sich und den ewigen Thron der Herrlichkeit zu Seines Vaters Rechten? Konnte Er, der so gewiß der ewigen Majestät und Verklärung entgegenzog, der so freiwillig in das Leiden ging, der so getrost und fest den Delberg erstieg und der so muthig unmittelbar nachher Sein königliches: " Ich bins"! den Schergen entgegenruft und Sich ih - 39 ren Händen überliefert, konnte Er jeßt von gemeiner Todesfurcht Sich übermannen lassen? Nimmermehr! Aber wann ergreifen die Schrecken des Todes uns am fühlbarsten? Ist es nicht dann, wenn das schlafende Gewissen in uns erwacht, und unserer Sünden Größe und Menge vor unsere geängstete Seele stellt? Aber Jesus war ohne Sünde! Warum umgaben Ihn des Todes Schrecken? Ach es ist fremde Schuld, die auf Ihm ruht! Der, welcher von keiner Sünde wußte, ist für uns zur Sünde gemacht, auf daß wir würden in Jhun die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt( 2 Cor. 5, 21.); die Strafe liegt auf Ihm, auf daß wir Friede hätten! Der Gerechte duldet für die Ungerechten; der Heilige steht als unser Stellvertreter vor den Schranken des gött, lichen Gerichts und wird an unsrer Statt betrübt bis an den Tod. Siehe! es schauete der Allwissende, der ja wußte, was im Menschen war, in die Abscheulichkeit und in die Menge aller Sünden des ganzen Menschengeschlechtes hinein. Der Jam= mer, in welchem die Welt lag, die Mißgestaltun gen aller Seelen, die furchtbaren Folgen des un aufhörlichen Sündigens, die Gräuel des ganzen Erd, bodens, das Alles, welch ein Anblick muß für Gottes Augen das sein! Aber es noch dazu als Mittler sehen und diese Heere von schmutzigen, häßlichen, widerwärtigen Sünden Sich als Seine eig nen Missethaten zurechnen lassen, und dabei das ganze Gewicht des göttlichen Zornes, den Widerwillen Seines himmlischen Baters und den Grimm des Allein. heiligen und Gerechten empfinden, was muß das für ein Leiden sein! und wie schauert bei solchen Be trachtungen der Seufzer des theuern Mittlers 11 40 durch unsre Brust: ,, Meine Seele ist betrübt bis an den Tod!" Gebet. Ja durchbebe mich mit Deinem Seufzer, Du lieber Heiland meiner Seele! und lehre mich aus Deis ner grenzenlosen Ungst auf meine grenzenlosen Schulden schließen. Laß mich ahnen, was es sei, vor Gott als ein Verworfner dazustehen; laß mich fühlen, mit welcher Liebe Du mich armen Sünder trågst, wenn Du zu allen Deinen Höllenqualen auch die noch auf Dich nimmst, die ich Dir bereitet, wenn Deine vor Ungst zitternde Hand auch auf mich armen Wurm weiset, und Du zu jeder meiner Sünden und Missethaten sprichst: ,, auch diese ist nun Mein, Ich will für sie ausstehn, was sie verdient!" Und so hast Du's gethan, als Deine Seele betrübt war bis in den Tod, als Dein Vater nun Dein Richter ward, als er Dich seinen hei ligen Born fühlen ließ und mit Dir, o Einziggeliebter! härter redete, als mit Adam unter den Bäumen. O laß mich, der Du mein Herr bist und zugleich mir ein rettender Diener, mein Richter und zugleich für mich angeklagt und verurtheilt, mein Gott und zugleich das für mich gemarterte Opfer, o laß mich niederfallen vor Dir in dieser Stunde und um meine Sünde wei nen und um Dich weinen, daß Du für mich so ge quält wardst; laß mich aber auch in die Höhe sehen und einen Himmel voll Huld und Seligkeit in der Finsterniß Deiner tiefbetrübten Seele für mich erblicken, lehr' mich hoffen, daß Deine Angst meiner armen Seele heilsam ward, mich fübnlich glauben, daß Du für mich, für mich und meine Sünden im Gerichte warst und sie allzumal gefübnet haft.- O laß mich nun erzittern vor mir selbst, der ich Dich in sol che Angststunde gebracht, erzittern vor der Sünde, wenn fie mir nahe kommt, und in Dein Klaggeschrei recht br nstig mein Danklied mischen! 11 Nun ich danke Dir von Herzen, Jefu, für gesammte Noth.- Für die Wunden, für die Schmerzen, Für den herben, bittern Tod, Für Dein Zittern, für Dein Zagen, Für Dein tausendfaches Plagen, Für Dein Uch! und tiefe Pein Laß mich ewig dankbar sein. Amen! Montag. Melod. Nun ruhen alle Wälder. Ich sehe Dich mit Beten Dort an den Delberg treten, Herr, der Gebet erhört! Bin ich zur Undacht tråge, So hilf, daß ich erwäge, Was mich ein solcher Unblick lehrt. Du kennst mein Unvermögen, Doch haft Du mir dagegen Den Beistand zugedacht, Der meinem schwachen Beten Durch Helfen und Vertreten 3u Gott den freien Zutritt macht. Ja selbst Dein Blut, Dein Sterben Muß mir den Geist erwerben, Durch den ich: Ubba! schrei'. Dlaß mich einst auch merken, Wie durch Dein inn'res Stärken Mein letzter Seufzer kräftig sei. Ich weiß, in Deinem Namen Ist Ulles Ja und Umen; Gott hört den, der ihn ehrt; Du hast für mich gerungen, Für mich ist Dir's gelungen; Ich werde nun in Dir erhört. 41 Matth. 26, 39. ,, Und ging hin ein wenig und fiel nieder auf Sein Ungesicht, betete und sprach: Mein Vater, ist's mög's lich, so gehe dieser Kelch von mir, doch nicht wie Ich will, sondern wie Du willst." 42 Was siehest du, mein Herz? Jesum im Keltergarten? Du siehest, wie dein Leben mit dem Tode ringt. O komm, komm! betrachte ihn recht in heiliger Andacht. Dir bebt wohl noch das Herz von Seinem Angstgestöhne: ,, Meine Seele ist betrübt bis an den Tod"? Ach laß es nur erzittern, und weine eine glühende Thräne dazu, denn die Wogen der Angst steigen Ihm immer höher und die fremde Centnerlast, die Er trågt, drückt Ihn immer tiefer in den Abgrund. Er hatte Sich von Seinen Freunden losgerissen und Sich tiefer im nächtlichen Dunkel verborgen. Da zittert Er nun und trauert und zagt, da sinkt Er nun nieder auf die feuchte Erde und ringt und fleht und stöhnt, wie ein zertretner Wurm. Dies ist die Stunde, welche der Apostel meint, wenn Er spricht: Und er hat in den Tagen Seines Fleisches Gebet und Flehen mit starkem Geschrei und Chránen geopfert zu dem, der Ihm konnte von dem Tode aushelfen."( Hebr. 5, 7.) Die Hand des Allgerechten trifft Ihn Schlag auf Schlag. Das Schwert des Richters durchbohrt Ihn tausendfach, die Flüche Ebals stürmen auf Ihn nieder, die Blike Sinais zucken glühend durch Seine Seele, die Donner des Gerichts zermalmen Jhn, und wie der Gipfel Horeb's ist meines Heiland Seele mit schaurig dunkeln Wolken umhüllet. O bittrer, bittrer Kelch, den Du, mein Jesu, tranks! Doch Er reißt Sich empor, bricht durch zu Gott hinauf und fleht: ,, Mein Vater, ists möglich, so gehe dieser Kelch von Mir"! Aber warum ist es denn nicht möglich, daß Er erhöret werde? Warum muß Er denn, die eben gethane Bitte gleich wieder zu rücknehmend, die andere hinzuseßen: ,, Doch nicht 43 Mein, sondern Dein Wille geschehe"? Was ist es denn, daß der Vater den Willen des Sohnes, den er geliebet, ehe der Welt Grund gelegt war, und den er allezeit höret, dieß Mal nicht kann thun und erhö ren?- Ach, welch ein Geschrei aus meines Heilands Munde! Ach der da ringt und wie ein Wurm sich win det, in dieser Stunde ist Er nicht der liebe Sohn, an dem der Vater Wohlgefallen hat, Er ist der Allerverachtetste und Unwertheste, ohne Gestalt und Schöne; ein Missethäter ist Er, dem das Urtheil gesprochen ist, und der von der heiligen Gerechtigkeit das Unmögliche begehrt, wenn Er bittet, daß es Ihm gemildert werde. An meiner Statt steht Er da; an meiner Statt trågt der Heilige das Urtheil; an meiner Statt bleibt all Sein Rufen ungehört. Sonst hätte ich ewig in den Flammen der Hölle müssen schreien: ,, Ach nimm diesen Kelch von mir!" und nimmer wäre ich erhöret; ,, Ich leide Pein in dieser Flamme!" und nimmer wäre ich erldst; ,, Hilf mir aus dieser Noth!" und nimmer wäre mir geholfen worden. Darum mußtest du, o Jefu, nicht erhört werden, damit, wenn ich nun bete, ich Erhörung fånde. Nun heißts von meinem Beten nicht mehr: Ists möglich; wo aber nicht, so bleibe es uner hört",- nun heißt's vielmehr mit vollem Kindesrechte: ,, Wahrlich, wahrlich! so ihr den Vater et was bitten werdet, so wird Ers euch geben! Alles, was ihr bitten werdet in eurem Gebete, glaubet nur, daß ihrs empfangen werdet, so wirds euch werden; Alles, was ihr bittet, will Ich thun!" Und mit Recht hat wohl ein frommer Lehrer gesagt: Jesus hat ein Loch in den eisernen Himmel ges betet." Nun kann ich beten, will ich beten, 44 will viel, will nun um Alles bitten; und das Grd Beste und Höchste soll mich nicht mehr furchtsam und blöde machen. Ich poche nun auf meines Heis lands Bitte im Keltergarten, ich halte es meinem Va ter im Himmel kühnlich vor, daß Sein Sohn nicht ist erhöret worden, damit ich erhöret werde; ich steife mich allein auf Sein Verdienst, und Sein Name ist meine Zuversicht, dadurch ich Sünder den Himmel überwinde. Im Bertrauen auf diesen Namen trete ich ein; und wenn mich selbst ein Engel fragen wollte: ,, Wo kommst du her, du Unreiner? was willst du, verderbte Asche, an dem Throne, zu dem wir Seraphinen nur mit verdecktem Antlik treten dürfen?" so würde ich ihm kühnlich antwor ten: ,, Heiliger Engel! ich böser unheiliger Mensch habe einen Erlöser, der für mich gebetet und starkes Geschrei und Thränen für mich geopfert hat, ja der es mir mit einem Eide befohlen und zugesagt hat, daß ich in Seinem Namen beten und Alles erhalten soll. Ich Erd' und Asche komme nicht in meinem, ich komme in eines Bessern Namen, in dessen Namen, dem alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist. Darum werde ich wohl zu dem Throne Gottes treten dürfen.". So'kühn und freudig p bin ich in meinem Gebete, aber ich vergesse dabei der Demuth nicht. Liegt der im Staube, der der Herr ist über Alles; wo soll ich, Unwürdiger, einen Ort finden, verachtet genug, um meine Knice darauf zu beugen? Wenn ich aber keinen fånde auf Erden, so soll wenigstens mein Herze zerschlagen sein, mein Sinn gebeugt, demüthig und gebrochen meine Seele. Ich will nicht stolz sein auf mein Recht, mit Gott zu reden, will Ihm Alles überlassen, nichts 45 2 vorschreiben. Das süße Wort: ,, Nicht wie ich will, sondern wie Du willst," soll all mein Bitten schlie ßen und das soll all meines Betens seligster Gewinn und schönste Freude sein, wenn ich Deinen Willen, mein Gott und Bater, merke. In diesem Sinne nun will ich oftmals knieen und niederfallen, und nie. mals fürchten, daß ich Gottes Ohr ermúde; mein Jesus hat es mit Seinem Angst und Thránenopfer mir für immer aufgeschlossen. Ich will mich getrost in meines Vaters Schooß versenken und Alles, was mich drückt und plagt, Ihm an das Herze geben, und nicht von dannen gehen, bis daß ich aufstehen und sagen kann: Ich habe Gott gesehn, und bin bei Ihm gewesen, und Er hat mich, Sein Kind, erhö ret." So sei denn mir immer gesegnet, du mein stilles Kämmerlein und mein Kirchstuhl, da ich gerne weile und das Herz mir fröhlich bete! Ihr meine Arbeitspläße, Wälder, Feld und Garten, ihr sollt mir alle Tempel sein, daß ich da niederfalle und bete. Du, Erde, bist überall dazu geweiht, weil Jesus Seine Knie auf deinem Boden beugte. Du mein Gebet, dringst vor bis zu Gottes Herzen. Ihr, meine Seufzer, seid nun beredte Sprache vor Jhm. Und wüßte ich nicht, was ich beten sollte, und wie sichs gebühret, o so vertritt mich, Gottes Geist, mit unaussprechlichen Seufzern. - Gebet. Heil mir! Heil mir! Theurer Heiland, Deine Thranenopfer sind angenommen, Dein starkes Geschrei ist in den Himmel gedrungen, Deine Seufzer haben das Herz des himmlischen Baters getroffen, Dein Gott ist mein Gott, Dein Vater mein Vater, Du hast mit wundgerungenen Händen die Pforten des Himmels für 46 mich aufgeschlossen, um Deinetwillen wird mein Flehn erhört. Jauchze, meine Seele, nun darf ich mich uns terwinden, mit Gott zu reden, wiewohl ich Erd' und Usche bin, nun bin ich kein verlorner Sohn mehr, sondern aufgethan sind mir Baterschooß und Arme; um Deinetwillen thut nun Gott, was ich begehre und hört mein Schreien und hilft mir. O wie soll ich Dir danken, lieber Heiland, daß Du das für mich gethan? Opfer und Brandopfer gefallen Dir nicht; die Opfer, die Dir gefallen, sind ein brünstiger Geist; ein geångstet und zerschlagen Herz wirst Du nicht verachten. Mein Weih rauch, Farren und Widder sind mein Gebet und Lieder. Ich will Dir singen und spielen in meinem Herzen, vom Morgen bis zum Abend will ich Deiner Liebe nicht vergessen, will, wie die Biene an der Blume, an Deinem Worte und Munde hangen, will, wie Jas cob, Dich nicht lassen, bis Du mich segnest, will, wie Maria Magdalene, oft zu Deinen Füßen liegen und mit Thránen der Buße und Liebe sie negen. Von meis nem Kindesrechte, mit dem Vater zu reden, will ich nun all mein Lebelang Gebrauch machen, und nicht ablase sen, mein Abba! zu schreien. Das Baterherz ist freunde lich gegen mich, nun will ich den himmlischen Vater an jedem Morgen grüßen mit seligem Kindesfletyn. Der Baterschooß ist aufgethan, nun will ich mich jeden Abend mit meinem Gebete still darein legen und in ficherm Frieden hier ruhn. Die Baterhand ist ausges streckt über mich; nun will ich sie fassen und brünstig halten und mich von ihr getroft führen lassen und Tag für Tag sprechen: ,, Herr, wie Du willst, so schick's mit mir im Leben und im Sterben." Und wenn ich sollte matt und müde werden und kalt im Eifer des Gebets, dann fasse mich, Jesu Christe, mit Deiner Hand und ziehe mich tief in den Schatten des Del gartens, und laß mich Dich sehen, wie Du da im Staube liegst und betest, auf daß Deines Betens Gluth mein kaltes Herz aufs Neue entzünde, und Dein Kämpfen und Dein Ringen mich mit Lust und Muth erfülle, zu rufen und zu flehn so anhaltend, treu und an 47 dringend, bis Du mit dem Vater und dem Geiste gar Wohnung machst in mir und ewig bei mir bleis best. Amen. Dienst a g. Melod. Seelen- Bräutigam. Wer ist wohl, wie Du, Jesu, süße Ruh'! Unter Vielen auserkoren, Leben derer, die verloren, Und ihr Licht dazu, Jesu, süße Ruh'! Wecke mich recht auf, Daß ich meinen Lauf Unverrückt zu Dir fortsege, Und mich nicht in seinem Nege Gatan halte auf; Fördre meinen Lauf! Deines Geistes Trieb In die Seele gieb, Daß ich wachen mög' und beten, Freudig vor Dein Untlig treten; Ungefåbr Lieb' In die Seele gieb! Wenn der Wellen Macht In der trüben Nacht Will des Herzens Schifflein decken, Woll'st Du Deine Hand ausstrecken; Habe auf mich Ucht, Hüter in der Nacht! Matth. 26, 40-44. ,, Und Er kam zu Seinen Jüngern und fand sie schlafend und sprach zu Petro: Könnt ihr denn nicht Eine Stunde mit mir machen? ihr nicht in Unfechtung fallet. Wachet und betet, daß Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Zum andern Male ging Er wieder hin betete und sprach: Mein Vater! 48 ists nicht möglich, daß dieser Kelch von Mir gehe, Ich trinke ihn denn, so geschehe Dein Wille. Und Er kam und fand sie abermal schlafend und ihre Augen waren voll Schlafs. Und Er ließ sie und betete zum dritten Mal und redete dieselbigen Worte." Wie tråg und schläfrig ist doch der Mensch, wenn er Gott dienen und Gutes thun soll,- wie munter und wachsam hingegen, wenn es die Welt und ihre Lüste gilt. Noch immer hat der Herr zu flagen( Jerem. 18, 14.): ,, Bleibt doch der Schnee långer auf den Steinen im Felde, wenn es vom Libanon herab schneiet; und das Regenwasser vers schießt nicht sobald, als mein Volk Meiner vergis set"; noch immer hat Er zu seufzen: ,, Israel vergiß mein nicht"! noch immer Jesus zu warnen: ,, Wachet und betet"! O hast du es gesehen, meine Seele, was Er dort in der Kelter für die Freunde gethan, so siehe nun auch, was die Freunde für Ihn thun. Er krümmt Sich dort im Staube, hat Sich unter das hauende Schwert des Gerichts gestellt und fleht: ,, Mein Vater, ists möglich, so gehe dieser Kelch von mir, doch nicht wie Ich will, sondern wie Du willst." Nun aber rafft Er Sich auf, Er erhebt Sich und geht zu Seinen drei Freunden. Ists doch, als ob der unendlich Gequälte Trost bei Seinen Jün gern, Hülfe bei Menschen suchen wollte, zum er sten Male derer bedürftig, die Seiner immer bedürfen werden und Er findet sie schlafend. O der du es je erfahren, welch ein Trost es ist in Leidensstun den, sich von lieben Freunden umgeben zu sehen, wenn sie auch nicht können helfen, wenn nur liebe Hände den Angstschweiß von der Stirne trocknen, der du es je erfahren, wie in den bångsten Stun 49 den die tröstende Ansprache eines Freundes die Seuf. zer der beklommenen Brust überschreiet,- der du es je erfahren, welch ein Schmerz zu allen Schmerzen, wenn ein Glücklicherer falt bei deinem Leid vorübergeht, welch ein tausendfaches Weh, wenn selbst die geliebtesten Freunde fühllos neben deinem Jammer stehn, kalt sind, wenn du glühest, schlafen, wenn du ringst in namenloser Angsto ahne du es, was dein Heiland fühlen mußte, als Er in dieser Stunde der höchsten Noth die Freunde schlafend fand. Aber Er straft sie nicht ach in dieser Stunde lag die Strafe allein auf Ihm!- Er tadelt sie nur leise: ,, Könnt ihr denn nicht Eine Stunde mit mir wachen?" Er warnt nur und mahnt: ,, Wachet und betet, daß ihr nicht in An fechtung fallet, der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach!" und reißt Sich los und sinkt aufs Neue in den Staub.- Und abermals rollen des Gerichtes Donner daher und entladen sich schrecklich auf seiner Seele und abermals dringet der Fluch über die Sünde Jhm ans heilige Herz, und aber. mals liegt Er im Staube und ringt und kämpft und stöhnt: ,, Mein Vater ists nicht möglich, daß dieser Kelch von Mir gehe, Jch trinke ihn denn ,Dein Wille geschehe!" Dann rafft Er Sich aufs Neue empor und sucht bei Seinen Jüngern Trost. Gequálter Heiland! O nun wirst Du sie wohl still und brünstig für Dich flehend auf ihren Angesich tern finden. Der Jammerblick, damit Du vor. hin zu ihnen tratest, hat ihnen gewiß das Herz durch bohrt; Dein sanftes Wort, damit Du sie geweckt, hat sie gewiß zermalmet, kein Donner kann sie so erschüttern, als diese Milde, diese Liebe in dieser - - - 50 Stunde es mußte thun; gewiß sie zittern und za gen nun mit Dir, o Herr, mit dem sie bereit ja waren ins Gefängniß und in den Tod zu gehen. Gewiß, da liegen sie und wachen mit Dir und hel fen Dir kämpfen und beten für Dich zu Gott! Ach, meine Seele! kennst du dein eigen Fleisch und Blut so schlecht? Nein, nein! kein Jammerblick konnt sie durchbohren, kein sanftes Wort ihr Herz zermalmen, keine Jesusliebe hat sie gerührt. sie lie. gen dort und- schlafen. Wie? Petrus schläft, der Felsenmann, auf dem der Herr will die Ge meinde bauen, welche auch die Pforten der Hölle nicht sollen überwältigen? Wie? Jacobus schläft, der Donnerssohn? Wie? Johannes schläft, der Jünger, den Jesus lieb hat und der an seiner Brust voll Liebe ruht? Wie? diese drei, welche der Herr erwählt hat selbst aus der Zahl der Zwölf,- sie schlafen, während Jesus mit dem Tode ringt? Sie, die Sein Brot essen, die täglich zu Seinen Füßen sigen und auf welche Lebensworte, wie Himmelsthau, unaufhörlich niederträufen, sie kümmerts nicht, daß Er für sie am Staube liegt?- D weh! wenn das geschieht am grünen Holz, was will am dürren werden! Herr, Herr! wie bös' ist doch des, Menschen Herz, wie felsenhart, wie liebeleer, wie un treu und verlogen?! O daß mir dieser Schlaf doch eine Decke um die andre von dem übertünchten Grabe meines Herzens nähme! So schläfrig, dd' und leer, so gerade, so siehts aus in meinem Her zen. Ich, ich und kein anderer bin ja der immer wieder in den Schlaf versinkende Jünger, den Du vergebens stets wecktest. Wohl hat mir einst, wie jenen drei Jüngern, Dein Marterbild recht - - - 51 schmerzlich vor der Seele gestanden, ich habe auch geweint, gebetet um Dich und meine Sünde; aber ob Du auch noch so dringend riefst: ,, Wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet", ob Du auch noch so warnend mahntest: Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach!" und mir auch noch so deutlich Fleisch und Sünde als drohende, nie entschlafende Feinde vor die Seele stelltest, doch achtete ich die Gefahr nicht so groß und das immer treue Wachen, das Beten ohne Unterlaß für so nöthig nicht. Ich träumte ein wenig den süßlockenden Traum der Erdenlust. Ich spielte ein wenig. Ich lachte ein wenig; vergaß der Verführer in und neben mir; meinte, bis zur Sünde werde es wohl nicht kommen; dachte, wenn du auch nicht immer betest, nicht immer furchtsam wachend wie auf glühendemt Eisen gehest, wenn du auch zu Zeiten anders wohin, als auf den Herrn deine Augen richtest, das wird ja nicht gleich Schaden bringen. So bin ich in den Schlaf gefallen, das Feuer meiner ersten Liebe ist verloschen, das selige Band der Gemeinschaft mit Dir hat sich nach und nach gelockert, der überschwang lich reiche, segensvolle und erquickliche Umgang mit Dir, o Jesu, in dem ich dazumal so selig war, wie die neu erweckten Galater, ist seltner, lauer gewor den! Ach vergehen müßt ich nun vor Gram und Furcht, sähe ich Dich nicht büßen meiner Trägheit Schuld in Deines Wachens schwerem Kampfe, sähe ich staunend nicht der Langmuth Uebermaaß, wie Du immer wieder und wieder suchst und weckst und warnst die trågen Jünger, und auch dann sie noch nicht läsfest, als verloren alles scheint. Ja, hier staune meine Seele und bete an! hier sinke nieder D2 32 vor den Wundern solcher Gnade! Hier, o meine Seele, lobe den Herrn, der dein Leben vom Ver derben erlöset, der dich krönet mit Gnade und Barm> herzigkeit, der dir alle deine Sünde vergiebt, und heilet alle deine Gebrechen, der deinen Mund fröh lich macht, und du wieder jung wirst, wie ein Ad ler.( Ps. 103, 5.) Aber nicht will ich aus diesem über schwänglich reichen Himmelstroste mir ein Ruhepol. ster zu neuem Schlafe bereiten, davor bewahre Du mich, der niemals schläft und schlummert! Nur meine Trägheit soll mich beugen, mir meinen Unwerth und meine Undankbarkeit vor die Seele bringen. Ich will mich schämen, weinen und um Gnade flehn! Dein Marterbild soll mich mit heil'gem Eifer erfül len, Dir nachzuthun, was Du in Liebe mir vor gethan. Ich will es ansehn als trug es immer die Ueberschrift:" Das that Ich für dich!" ich will es ansehen, als fragte es immer mitten in mein Herz hinein: ,, Was thust du für mich?" Gebet. Herr, Herr! mein Heiland und Erlöser! segne mir den Blick in Dein unendliches Leiden; der Du mit dem Tode ringst und in der Ungst und im Gerichte liegst, o bilf Du mir, daß ich der Sünden aller, die Dich so martern and quälen, mich entledigen könne. Der Du betest und immer dringender und heftiger be test, laß auch mich in meinem Gebete immer dringender anhalten und meine Hände nicht so bald låffig werden und sinken, sei Du mein Aaron, der sie stützt und hält. O Du, der Du in grenzenloser Noth bist wegen meiner Sünde- o laß auch mich von heilfamer Angst ergriffen sein und mit Furcht und Bittern meine Seligkeit schaffen. Uch scheuche mich auf aus meines Fleisches thörichter und träger Sicherheit und laß 53 Deinen Nothschrei und Dein zagend Angstgestöhn mich nicht vergeblich vernommen haben; laß mich aufstehn vom Schlafe, auf daß Du mich erleuchten könnest; laß mich wach bleiben, daß ich nicht in Anfechtung falle und strauchle beim Nahen der Feinde; laß mich wandeln, als am Tage, daß Du Deine Fußstapfen, o heiliges Vorbild! nicht vergeblich mir gelassen habest. Siehe! ich eile und komme zu Dir, mein Helfer und mein Heiland, weiß, wie Deine Hülfe mir immer Noth thut, wie ich låffig bin zum Gebete, můde und matt im Glaubenskampfe, schwach und träge zum Guten ohne Deinen kräftigen Beistand. Laß, o laß mich nicht! Ziehe mich näher an Deine Seite, und lehr' mich bis aufs Blut widerstehn. Halt' mich, o halt' mich fest mit starken Liebeshånden, daß ich nicht strauchle und falle und mit meinem Herzen von Dir weiche. Decke mich, o decke mich mit Deinem Gnadenflügel und gieb nicht zu, daß mich etwas aus Deinen Hånden reiße. Amen. 14712 and Mittwo ch. Melod. Herzliebster Jesu, was hast Du verbrochen. Uch, mein Herr Jesu, wenn ich Dich nicht hätte, Und wenn Dein Blut nicht für die Sünder red'te, Wo sollt' ich Uermster unter den Elenden Mich sonst hinwenden? Ich wußte nicht, wo ich vor Jammer bliebe; Denn wo ist solch ein Herz, wie Deins, voll Liebe? Du, Du bist meine Zuversicht alleine; Sonst weiß ich keine! Luc. 22, 43. 44. " 1 Es erschien Ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkete Ihn. Und es kam, daß Er mit dem Tode rang und betete heftiger. Es ward aber Sein Schweiß wie Blutstropfen, die fielen auf die Erde." Univ.- Bibl. Giessen 54 Ach ist denn das Leiden meines Heilandes im Garten Gethsemane noch nicht zu Ende? Ist denn der bittre Kelch noch nicht leer?- Noch nicht, meine Seele; du mußt Ihn noch ein Mal in der Kelter sehen; scheint es doch, als ginge Sein Leiden jetzt erst recht an. Seine Angst verdoppelt sich, Seine Schmerzen mehren sich, die Fluthen Seiner Todesnithe schlagen über Ihm zusammen in über mächtigen Wogen. Wie liegt Er da, auf Seinen Knien nicht, auf Seinem Angesichte, und betet so demüthig, so erhaben: ,, Mein Vater! ist's nicht mög lich, daß dieser Kelch von mir gehe,-wohlan! Ich trinke ihn denn, Dein Wille geschehe!" Wie ar beitet Seine Seele( Jes. 53, 11.) unter der un endlichen Last fremder Schulden, meiner Sünden, die Sein Vater alle auf Ihn warf( Jes. 53, 6.)! Wie ringt Er mit dem Tode, um mir das Leben zu erstreiten!- Wehe! Erscheint zu erliegen! Wird er das große Werk auch hinausführen? Zeigt sich nirgends eine Hülfe? Ich sehe teine.- Seine Feinde verfolgen Ihn; die Freunde sind ferne; die vor allen erwählten Jünger, welche vor allen ein Trost Jhm sein sollten, sie schlafen; Er wendet, von allen Menschen verlassen, sich zu seinem Vater im Himmel, und der höret Ihn nicht! O mein Heiland! mußt Du denn nun wirklich auf der Schwelle Deines Mittlerweges vergehen, und mir armen Sünder wird nun keine Hülfe zu Theil? So schwer wiegen die Zehen Tausend Pfund meiner Schulden, daß auch der Held und Löwe aus Jus das Stamm sie nicht tragen kann? Doch Gott will, daß ich lebe! Heil mir! Er siehet den Mittler er> liegen im schrecklichen Kampfe und sendet einen En - 55 gel aus Seinem Himmel, Ihn zu stärken, zu stärken zu neuem Kampf und Qual. Denn nach dem Er diese himmlische Stärkung empfangen hat, da hält nichts mehr die entfesselten Donner des Gerichts zurück, da stürmen Zorn und Fluch auf Ihn ein mit unaufhaltbarer Gewalt, da brechen alle Höl lenqualen los und stürzen über Ihn, und Er liegt im Staube, verzehrt vom Eifer der Liebe für die Brüder, mit dem Tode ringend für sie, heftiger betend, im Angstschweiß gebadet!- ,, Sein Schweiß ward wie Blutstropfen, die sielen auf die Erde."Sein Schweiß wird zu Tropfen des Blutes? Kannst du es fassen, mein Herz? Aber ich höre Deine Seele rufen, o Jesu: ,, Mir hast Du Mühe gemacht in Deinen Sünden und Arbeit in Deinen Missethaten"!( Jes. 43, 24.) Nun begreife ich's. O saure Mühe, o entsetzliche Arbeit, wo der Schweiß nicht mehr von der Stirne kann rinnen, weil Seine er schöpften Quellen in Strömen die Erde schon gebadet haben, wo nur Blut noch übrig ist, welches durch alle Adern und Poren mit schrecklicher Ge walt sich hindurchpreßt! Und diese entsegliche Arbeit hab' ich Ihm gemacht! Meine Sünde, meine Sünde hat Ihm die blutige Mühe bereitet! Und Du hast sie, o Jesu, mir zu Gute so gern übernommen! O wie Du so willig hinabsteigst in die Tiefe des Meeres, meine Sünde da hinunter zu versenten! wie Du die Erde beträufst mit Deinem heili gen Blute, damit das hier von Sündern vergossene Blut nicht mehr zu Gott schreie. Wie ich Dich nun als den erkenne, der uns geliebt hat und gewaschen mit Seinem Blute( Off. 1, 5.)! Dwie es nun wahr wird werden: ,, Wenn eure Sünde blutCond 56 roth ist, soll sie doch schneeweiß werden, wenn sie ist wie Rosinfarbe, soll sie doch wie Wolle werden!" ( Jes. 1, 18.) O wie der Weg mir nun offen steht zu denen, die da mit weißen Kleidern sind angethan und die ihre Kleider gewaschen und helle gemacht im Blute des Lammes( Off. 7, 14.)! Wohl mir! Ich kann nun ruhn. Du hast die Arbeit für mich gethan. Sieg und Frieden ist nun mein, Du haft für mich bis aufs Blut widerstanden. Ich habe nichts mehr zu fürchten, Du bist für mich in der Angst und im Gericht gewesen; nichts mehr zu wei nen, es ist genug für mich gerungen und geweint. O strome denn hin Du heiliger Schweiß und ,, bade mir die Seele hell in Deinem reichen Him melsquell!"- O strome hin Du heiliges Blut auf die von Gott verfluchte Erde, damit sie wieder heilig werde!" Und mir bereite der Anblick dieser schreckensvollen Marterstunde in meines Lebens tiefstem Schmerz ein starkes und getrostes Herz!"Der Junger ist nicht über seinen Meister und der Knecht nicht größer, denn sein Herr. Bundere dich daher nicht, mein Freund, wenn auch das Grö Beste von dir genommen und auf Seine Schultern gelegt ist, daß dennoch hie und da dich eine Trübsal überfällt. Wenn das Haupt matt und krank ist, so empfinden es auch die Glieder; bist du nun ein Glied an dem, der das Haupt ist, Christus, so wirst auch du hie und da in die Kelter müssen. Ich kenne keinen rechtschaffenen Christen, habe auch nie von einem gehört oder gelesen, der von der Traurigkeit seines Erlösers nicht sein Theil empfangen und aus Seinem Kelche nicht einen Trunk gethan hätte. Hat Ers doch selbst den Seinigen vorausgesagt: 11 - - 57 In der Welt habt ihr Angst." Aber", setzt Er gleich hinzu, seid getrost, Ich habe die Welt überwunden!" Wie Er in der höchsten Noth doch nicht unterlag, sondern Sieger blieb, so werden auch wir nicht untergehen in den Wassern der Trübfal, wenn sie uns auch ein Mal bis an das Haupt gehen oder gar über demselben zusammenschlagen; wir werden am Ende immer mit Paulo zu loben und zu singen haben: ,, Gott sei Dank, der und den Sieg gegeben hat durch unsern Herrn Jesum Christum!" Uud wie Gott Seinem ewigen Sohne in der größesten Noth der Engel nicht mangeln ließ, sondern sie Ihm zur Stärkung fandte, so hat Er sie auch Seinen nachgebornen Kindern in ihren kleinen Nöthen nicht fehlen lassen. Und hat Gott der Herr Seinen himmlischen Dienern über alle Seine auserwähl ten Kinder Befehl gethan, daß sie dieselbigen auf allen ihren Wegen behüten und ihnen zu Dienst sein sollen, so scheint es, daß sie wegen derjenigen, welche unter dem Kreuze seufzen, einen nähern und be sondern Befehl empfangen haben. Als Elias sich unter dem Wachholderstrauche niedergeworfen, und die Wolken der Trübfal ihn ganz umdüstert hatten, also daß er nichts mehr hoffte und wünschte, als den Tod; da zeiget sich ein Engel, mit Erquickung ihn zu laben. Als Sadrach, Mesach und Abed Nego gebunden in dem feurigen Ofen lagen, da stand ein heiliger Engel bei ihnen mitten in der Gluth und wehete ihnen Kühlung zu und wehrte den Flammen, daß sie nicht von ihnen verzehrt wür den. Als Paulus mit seinen Gefährten auf dem Meere in großer Gefahr schwebte, da trat der En gel des Herrn, dem er diente, mit dem tröstlichen 58 Zuspruche zu ihm: ,, Fürchte dich nicht, Paule!" Und wie geschäftig sind die Engel in meines Hei lands Noth und Todesstunden, hier im Garten, dort am Grabe stehen sie bei Ihm. So sind sie auch bei dir, betrübtes Herz, geschäftig, mit ihren Er quickungen dich zu stärken, die Gluthen dir zu küh len, den Wogen zu wehren, wenn Kreuzesnoth über dich hereinbricht. Das Kreuz ist die himmlische Leiter, auf welcher die Engel Gottes zwischen dir und dem Himmel auf und nieder steigen. Du darfst daher nur ganz getrost sein und das Kreuz munter aufladen, das du deinem Heilande nach tragen sollst, darfst nur frisch und fröhlich nach dem Becher greifen, den dir dein Heiland zugetrunken hat. Wer wollte verzagen, der sich eines so kråf tigen Beistandes zu getrösten hat! ,, Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: freuet euch!" so jubelt Paulus, als er zu Rom in Ketten und Banden lag und ihm das Blutschwert schon entgegenbliste. Auf denn mit dem gebeugten Haupt! Fröhlich ans Werk, Simon von Kyrene! Frisch auf, meine Seel', verzage nicht und singe: - Ich bin Gottes, Gott ist mein, ottest Wer ist, der uns scheide? Dringt das liebe Kreuz herein Mit dem bittern Leide: Laß es dringen, kommt es doch Von geliebten Händen, Bricht und kriegt geschwind ein Loch, Wenn es Gott will wenden. Gebet. Du, o Du geangstigter Heiland, der Du mit dem Tode ringst und bis aufs Blut widerstanden hast, damit Du mich armen Sünder davon errettest, o lehr' 59 auch mich bis aufs Blut widerstehen in Kreuz und Anfechtung. Laß nicht die Traurigkeit mich tödten, wenn solches schwerer ist, als ich gemeint, und långer anhält, als ich es vermuthet. Laß mich vielmehr auf den Beistand sehen, dessen ich mich auch in den schwersten Leiden zu erfreuen habe, nemlich Deiner getreuesten Fürbitte, der Aufsicht meines himmlischen Baters, des kräftigen Trostes Deines heiligen Geistes und des machtigen Schutzes Deiner heiligen Engel, und laß mich innerlich versichert sein, daß Du zwar tödtest, aber auch wieder lebendig machst, zwar in die Hölle, aber auch wieder heraus führest. Insonderheit lehr' mich die Waffen führen, damit ich Noth und Sünde weit übers winden möge. Geduld und Gebet find Deine Waffen. Gieb sie mir in die Hand, laß fie mich fest ergreifen! Da Du mit dem Tode rangest, betetest Du heftiger. Verdoppelst Du mir das Kreuz, so vermehre auch in mir die Kraft des Gebetes, gieb mir zwiefachen Gebetegeist, lehre mich heftiger beten. Willst Du mir des Leidens Stunde lang machen, so lehre mich solche durch unermüdetes Gebet verkürzen. Dich stärkte ein Engel in der Stunde Deiner größesten Noth. Wenn mir in lengsten um Trost will bange sein, dann sei Du, o Engel des Bundes, mein Tröster, tritt her an meine Seite, sprich mir frischen Muth zu, das Kreuz noch eine Strecke weiter zu tragen. Sei Du in Schwachheit meine Stärke, in Traurigkeit meine Freude, in Furcht mein Trost, in allen Leiden meine 3uversicht und Kraft. Du hieltest an im Gebete und aus im Leiden bis Dein Schweiß wie Blutstropfen auf die Erde fiel. lehr' auch mich an- und aushalten, ob es auch scheine, als höre mich Keiner. Weiß ich's doch, so schwer, wie Du's in der Kelter ertragen, låssefst Du es Deinem armen Kinde nicht widerfahren. Du hast das Sauerste mir vorgethan, nun lehre mich das Leich. tere und Geringere durch Deine Kraft und Gnade überwinden. Erhöre mich, mein Tröster, theurer Heiland, der Du nun aus der Angst und dem Gerichte genommen bist und zu Deines Vaters Rechten triumphirest, 60 erhöre mich um Deines für mich vergossenen Blutschweißes willen! Umen. TUR Donnerstag. Melod. Die Tugend wird durch's Kreuz. Laß mir die Feier Deiner Leiden, O großer Dulder! heilig sein, Um jede Sünde gern zu meiden Und Dir mein Leben ganz zu weihn; Dir, dessen Blut für mich gefloffen, Deß Herz für mich im Tode schlug, Der ruhig, heiter und entschlossen Auch meiner Sünden Strafe trug. Ach, in den stillsten meiner Stunden Will ich nach Deinem Kreuze sehn, Und Dich für Deine Pein und Wunden Mit meinem Thränendank erhöhn; Gerührt die große Lieb' ermessen, Die noch kein Sterblicher gefaßt, Und nie es undankbar vergessen, Was Du für mich gelitten hast. Mir sollen diese Feierzeiten Der größten Liebe heilig sein, Ich will Dich an Dein Kreuz begleiten, Und Ulles, was Dir mißfällt, scheu'n; Dein Leiden sei auch mir zum Segen, Dein Tod mein seligster Gewinn. Mein Herz schlägt Dir voll Dank entgegen, Weil ich durch Dich gerettet bin. Bleibt mir in diesen Tagen theuer, Gethsemane und Golgatha! Ihr Derter, wo die Welt die Feier Der allergrößten Liebe sah. Nach euch will ich voll Undacht schauen, Wo mein Erlöser litt und starb, Und nur allein auf den vertrauen, Der mir die Seligkeit erwarb. Matth. 26, 45. ,, Da kam Er zu Seinen Jüngern und sprach zu Ihnen: Uch wollt ihr nun schlafen und ruhn? 61 Siehe die Stunde ist hier, daß des Menschen Sohn in der Sünder Hände überantwortet wird." Noch trieft der Blutschweiß auf Seiner Stir ne, noch brennen auf Seiner Zunge die letzten Tro pfen des bittern Kelchs, noch bebet Seine Seele von dem Sturime der Leiden, der sie eben erfaßt, da dringet ein neuer heran: ,, Die Stunde ist hie, daß des Menschen Sohn in der Sünder Hände überantwortet wird." Jhr ahnet es nicht, ihr schlafenden Jünger, Er aber, der Allwissende, hat längst vernommen das heimliche Getümmel in der tief unten am Fuße des Delbergs liegenden Stadt; den durch die Straßen des schlafenden Jerusalems schleichenden Schritt des Verräthers; das Zusam meneilen der Schergen und Kriegsknechte, die sich im nächtlichen Dunkel um den Führer sammeln, der sie leiten soll zur schrecklichsten That, die je die Erde gesehen. Und Er rafft Sich auf, tritt zu den träumenden Freunden und spricht: ,, Ach wollt ihr nun schlafen und ruhn?" Ahnet ihr denn nichts, ihr Jünger, von all den Leiden, die Seine Seele bestürmen? Wie könnt ihr jetzt schlafen, wo Er für euch wachet, jetzt träumen, wo Er für euch den hei ßen, blutigen Kampf beginnt? Wie? bei all Seis nem Jammer noch immer diese trågen, fühllosen Herzen, diese schlaffen Hände, diese schlaftrunkenen Augen, auch jetzt noch, wo die verhängnißvolle Stunde so nahe ist? Ach Herr, vergeblich ist all Dein Bemühen um sie! Da hilft kein Rufen: Wachet und betet!" Da hilft kein Warnen: ,, In dieser Nacht werdet ihr euch Alle an Mir árgern!" Da dringet keine Klage and Herz: ,, Ach wollt ihr 62 jetzt schlafen und ruhn?" Ehe der Sturm nicht sel ber sie weckt, erwachen die Herzen aus ihrer Trågheit nicht, scheuen das Feuer, fürchten den Kampf, suchen die Ruhe, sprechen, wie Felir: ,, Wenn ich gelegene Zeit habe!" als ob Fleisch und Blut je. mals eine Zeit gelegen wäre zum Aufstehen vom Schlafe: ,, D! wenn Er ruft, so höre du und greif mit beiden Händen zu! Wer seiner Seelen ,, Heut" verträumet, der hat die Gnadenzeit versäumet, ihm wird hernach nicht aufgethan; heut komm, heut nimmt dich Jesus an." Das bedenke mit Furcht und Zittern! Du sicherer Mensch, der du, wenn es gilt, deinen Eitelkeiten zu fröhnen, deinen Ehrgeiz zu stillen, deine Schätze zu sammeln, Deine Lust zu büßen, immer die gelegene Stunde kennst und nicht versäumst, bedenke, daß Eines ist noth, und daß jetzt ist die angenehme Zeit, jetzt sind die Tage des Heils und daß du diese stillen Wochen nüßen mußt, dieses Heil zu schaffen. Jeder Tag zwar und jede Stunde ist dir bestimmt zu diesem seligen Geschäfte; aber diese Wochen vor allen sind reich an Gnade, unaussprechlichen Segens voll. Ach willst du nun schlafen und ruhn? Wie oft hast du die Gnadenzeit der heiligen Fasten verträumt! Du bist jung gewe sen und alt geworden und manches eilende Jahr ist an dir vorüber geschlichen; in jedem ist Sein Lieben und Sein Leiden dir vor die Seele getreten und Er selbst als blutender Kreuzträger vor dir vorüberge zogen und kaum hast du seiner gedacht, nicht, wie du solltest, erwogen Seiner Marter Centnerlast! Und weinend nun über dich, wie über die unbußfertige Stadt einst, muß dein Heiland um dich klagen: ,, daß du bedenken wolltest zu dieser deiner Zeit, 63 was zu deinem Frieden dient!" Willst du zögern wie Jerusalem, bis die Wagenburg um dich geschla gen, deine Feinde dich an allen Orten ångstigen, bis der Tag des Gerichtes nahe ist? Wisse, er ist nahe! Deine Jahre entfliehen, jede Stunde deines flüchtigen Lebens bringt dem Tote und Ge richte dich näher; die Art ist dem Baume an die Wurzel gelegt; die elfte Stunde tont, es ist hohe, hohe Zeit! Der Bräutigam kommt und ruft: ,, Wach auf!" und höre die Klage seiner strafenden Liebe über dich, wie ein frommes Lied sie Ihm in den Mund legt: -- In jener leßten der Nächte, Da ich am Delberg gebetet, War ich vom Blutschweiß gersthet, Goß ihn in Strömen für Dich: Weh! und wer weiß, ob wohl je Du auch nur denkest an mich! Laß es die Engel dir fagen, Wie viele Streiche und Wunden, Un eine Säule gebunden, Schweigend ich litte für Dich: Weh! und wer weiß, ob wohl je Du auch denkest an mich! Da ich als König verspottet, Schmerzlich mit Dornen gekrönet, Ungespien ward und verhöhnet, Dacht ich nur immer an dich: Weh! und wer weiß, ob wohl je Du auch nur denkest an mich! Schmählich zum Tode verdammet, Hart mit der Kreuzlast beschweret, Blutig vom Dornkranz versehret, Schleppt ich zum Berg mich für dich Weh! und wer weiß, ob wohl je Du auch nur denkest an mich! Uch! an das Kreuzholz geheftet, Någel in Urmen und Beinen, Leidend, wie du noch sahst keinen, Wollte ich sterben für Dich: Weh! und wer weiß, ob wohl je Du auch nur denkest an mich! 64 Ule grimmer Speer in der Seite Weit mir das Herz hat gespalten, Quoll draus mit Liebesgewalten Wasser des Lebens für dich: Weh! und wer weiß, ob wohl je, Du auch nur denkest an mich! Schau all die Striemen und Wunden, Siehe nun, ob ich Dich liebe, Wenn mir fein Blutstropflein bliebe, Das ich nicht hingab für dich: Weh! und wer weiß, ob wohl je Du auch nur denkest an mich! Sterbend noch fleht' ich zum Bater, Dir deine Schuld zu vergeben; Mutter und Freunde und Leben Ließ ich auch, Liebe! für dich: Weh! und wer weiß, ob wohl je Du auch nur denkest an mich! Himmel und Erde voll Schrecken Haben den Schmerz mit empfunden, 2018 in den dunkelen Stunden Ich bin verschieden für dich: Weh; und wer weiß, ob wohl je Du auch nur denkest an mich! Was blieb zu thun mir noch übrig, Wenn ich aus Liebe ohn' Schranken Selber mich gab ohne Wanken. Ganz mich dahin gab für dich? Weh! und wer weiß, ob wohl je Du auch nur denkest an mich! Ward dir Genosse und Bruder, Da mich Maria geboren; Und auf dem heil'gen Ultare Ward ich auch Speise für dich: Weh! und wer weiß, ob wohl je Du auch nur denkest an mich! Wenn ich zum Los geld am Kreuze Für deine Schuld mich gegeben, Will ich im ewigen Leben Selber der Lohn sein für dich: Weh! und wer weiß, ob wohl je Du auch nur denkest an mich! Dacht' ich im Sterben noch Deiner, Werd' ich im Himmel nicht minder, Herrschend als Weltüberwinder, Immer noch denken an Dich: Weh! und wer weiß, ob wohl je Du auch nur denkest an mich! 65 Gebet. Bater in Chrifto Jesu! Handle nicht mit mir nach meinen Sünden und vergilt mir nicht nach mei ner Missethat. Verwirf mich nicht von Deinem An= gesichte und nimm Deinen heiligen Geist nicht von mir. Ach, ich bin finster von Natur und starr wie der Tod. Alles macht einen Eindruck auf mich, nur die Marter Jesu hat mich noch selten lange und heilsam bewegt laß es jetzt geschehen. Hier ist meine Seele, ich halte fie Dir offen. Bater, gieße Deine Liebe, die Dich beweget, Deinen Sohn für mich zu geben, in mein Herz hinein. Verkläre Deinen Sohn in meinem Herzen, daß ich in dieser heiligen Zeit mich in meiner Sünden gestalt, Shn in Seiner großen Barmherzigkeit sehen möge. Laß mich durch die Wunden Deines lieben Sohnes in Dein freundliches Baterherz blicken. Laß mich die Größe der Leiden, darinnen Dein Einigges liebter um meinetwillen blutet, lehren, daß Du keinen 3orn, keine Rache, sondern lauter Heil, Begnadigung und Seligkeit über mich beschlossen hast, und thu' mis meine Lippen auf, daß ich, da nun das Gehege um Sinai, die Kluft, die mich von Deinem Throne schied, hinweggenommen ist, recht getroft mein Ubba, lieber Bater! bete. Und Du, o Lamm Gottes! in dessen Nas men ich bete und vor dem sich alle Knie beugen, Du hast es ja besonders über Dich genommen, die Kraft Deiner Erlösung überall wirksam zu machen. Du bist nicht um etlicher Seelen willen in den Tod gegangen, nein, Du sollst und willst Viele zur Beute haben. Hier raube und nimm auch mich! Da ist mein Herz! Was ich daran nicht bessern kann, kannst Du, und wo mich Dein Leiden nicht bekehrt, so kann mich nichts bekehren. Laß Deine Schmerzen mich innerlich erschüt tern, beginne Dein Gnadenwerk an mir aufs Neue, laß diese stillen Wochen mich mit Gotteskraft erfüllen, daß € 66 ich start werde, jebe Günde durch das Gedächtniß Deis ner Qual zu bekämpfen. Ich hoffe darauf, daß Du so gnädig bist, meine Seele jauchzet, daß Du gerne hilfft. heiliger Geist! Der Du Jesum verklären willst in der Menschen Herzen, sei Du in diesen Tagen auch an mir geschäftig. Erleuchte, belebe, erbaue, stårke und tröste mich, wecke große Gedanken von der Marter des Herrn in meinem Herzen. Mache sie zu einem bleibenden aufkeimenden Samen in mir. Stüße den wanfenden Glauben, wehre dem Unglauben und dem Schwachglauben, laß nicht zu, daß das Wort vom Kreuze aus meinem Herzen genommen werde. Wenn tausend Starke fallen zur Linken und zehn tauſend zur Rechten, so laß mich geringes Schäflein Deiner Heerde vor solchem Falle bewahret bleiben, und mich auffahren mit Flügeln wie Adler, daß ich laufe und nicht matt werde, daß ich wandle und nicht müde werde. O ziehe Deine Hand nicht ab von mir, mache meinen Glauben zu einem hellen brennenden Lichte, der das Kind in diesen heiligen Wochen wieder zum Vater, den Knecht zu seinem Herrn leuchte. Weigere ich mich, so zwinge mich; zögere ich, so treibe mich an; will ich nicht, so schrecke mich. Uch hilf mir, daß diese Passionszeit an mir ausrichte, was feine noch vermocht an mir. Hallelujah dem Vater, der mich also geliebt, daß Er Seinen eingebornen Sohn für mich gab! Hallelujah dem Sohne, der für mich blutete und mir die ewige Erlösung erfunden! Hallelujah dem Geiste, der mich dieß Alles glauben lehrt und in der Kraft des Kreuzes mich selig macht! Amen. Freitag. i Melod. Wer nur den lieben Gott läßt. Ich habe nun den Grund gefunden, Der meinen Unker ewig hålt. Wo anders als in Jesu Bunden? Da lag er vor der Zeit der Welt. Der Grund, der unbeweglich steht, Wenn Erd und Himmel untergeht. Es ist das ewige Erbarmen, honon Das alles Denken übersteigt; Es sind die offnen Liebesarmen Deß, der sich zu dem Sünder netgt, Dem allemal das Herze bricht, Wir kommen, oder kommen nicht. Wir sollen nicht verloren werden; Gott will, uns soll geholfen sein: Deßwegen kam Sein Sohn auf Erden Und nahm hernach den Himmel ein; Deßwegen klopft er für und für So start an unsers Herzens Thür. DUbgrund, welcher alle Sünden Durch Christi Tod verschlungen hat! Das heißt die Wunde recht verbinden; Hier findet kein Verdammen statt, Weil Christi Blut beständig schreit: Barmherzigkeit! Barmherzigkeit! 67 215 Joh. 18, 4. 5. Als nun Jesus wußte Ulles, was Ihm begegs nen sollte, ging Er hinaus und sprach zu ihnen: Wen suchet ihr? Sie antworteten ihm: Jefum von Nazareth. Jesus spricht zu ihnen: Ich bins!" 2 Jesus hatte am Staube gelegen im Garten Gethsemane und gebetet! Ach welch ein Gebet! Das glühendste, brünstigste, welches je aus einem gepreßten Menschenherzen zum Throne Gottes hinaufgedrungen ist, das Gebet: ,, Vater, ists möglich, so gehe dieser Kelch von mir!" Die Schreckens> stunde ist jetzt vorüber. Er hat ausgelitten im gött lichen Gerichte, ist nun aus der Angst genommen, hat die träumenden Jünger geweckt mit dem Hel denworte: ,, Stehet auf und lasset uns gehen, siehe er ist da, der mich verráth." So verläßt Er mit ihnen des Gartens dunkle Schatten. Da nahet ngine 68 der feindliche Haufen der Schergen und Kriegsknech te, geführt von Judas Ischarioth. Der Held ih, nen entgegen. Siehe! da stehet Er vor der feindlichen Rotte, wehrlos, hülflos, schwach, der Menschensohn. Nun so greift Ihn doch, ihr Kriegsknechte, Er trågt keine Waffen, greift an mit Schwer tern und Lanzen. Sie wagens nicht, sie stehen an und zögern. Seine Hoheit macht die feilen Scher gen wankend, Er muß sie anreden und fragen: Wen suchet ihr?" Da erst regen sie sich wieder, die Angewurzelten, da erst können sie reden fie antworten: Jesum von Nazareth!" Dann tritt Er ihnen näher und ohne sich zu verbergen, ohne durch zweideutige Antwort zu täuschen, ruft Ers ihnen frei entgegen: ,, Ich bins!" ,, Wen suchet ihr?" So fragt der Herr die Feinde, so fragt Er die Welt, das ist die große Frage, die überall an die Menschen gerichtet wird, die Gott immer an Seine Kinder thut: ,, Was suchet ihr?" Auf diese Frage giebts nur Eine Antwort, es hat jeder nur Ein Ziel, nach welchem er jagt, das ist sein Glück. Und frage auch du, wen du willst: ,, Was suchest du?" Er weiß dir nichts anders zu nennen, als eben dieses. Aber verschieden sind die Namen, wie Himmel und Erde, welche für dieß Eine Ziel fie haben. Judas weiset, und Tausende von Judas seelen mit ihm eifrig und lüstern auf den gefüllten Beutel und sprechen zum Goldklumpen: ,, Du bist mein Trost!" Jm eiteln Mammon glauben sie das Heil zu finden und bedenken nich, daß für das beste Geld nur die armseligsten Dinge hier, dort gar nichts sich kaufen läßt. Die Hohenpriester und Schriftgelehrten, und abermals Tausende mit ih- 69 nen, weisen auf Glanz und Ehre und hohen Namen und vergessen, daß es doch nur Ein Ehrenamt und Einen Ehrennamen giebt, der vor Gott gilt, das Ehrenamt bei Ihm im Dienst zu stehen, der hohe Name, ein Erlöster des Herrn zu heißen. Die Schergen und Kriegsknechte, und zehn Causende solcher Jesusfeinde mit ihnen weisen auf den Sold, den sie mit ihrem Weltdienste und ihrer Menschengefälligkeit erwerben und nennen das ihr Glück- ach und bedenken nicht, daß die Welt an ihnen zum Lügner werden wird, vielleicht schon heut oder morgen, und am letzten Lebenstage ganz gewiß. Wieder Andere zeigen dir Kammern und Unzucht, oder den Bauch, der ihr Gott ist, und vergessen ganz, daß sie ihre Ehre in der Schande suchen, und daß ihr Ende ist die Berdammniß( Phil. 3, 19.) Ach arge und bethörte Welt! Was suchest du? Ists wahr, ists wahr, daß du dein Heil suchest, so bekümmere dich um eine andere Antwort, als dir jene Alle ga ben, und suche ein ander Ziel und ein ander Glück, als sie. ,, Wen suchet ihr?" fragt der Herr, und die feindliche Rotte, ach selbst ohne zu wissen, was sie sagt ,, antwortet recht: Sesum von Nazareth." Siehe, das ist ja der einzige Name, auf welchem dein Heil stehet, o Seele, denn es ist in keinem an dern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, darinnen sie sollen selig werden. Darum suche, wenn du auf dein Heil ernstlich bedacht sein willst, diesen Namen nur, in welchem allein Vergebung der Sünde, Leben und Seligkeit ist. Gebet. Eins ist Noth! Du selber, o Herr Jesu, bist dieß Eine. Ach könnt ich doch so recht mit innerlicher 70 Wahrheit beten: Herr, wenn ich nur Dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde;" könnt ich fingen: ,, Wenn ich Ihn nur habe, wenn Er mein nur ist, wenn mein Herz bis hin zum Grabe Seiner Treue nie vergißt, weiß ich nichts vom Leide, fühle nichts als Undacht, Lieb und Freude!" Lehre Du selber mich so beten und singen, laß mich verleugnen al les ungöttliche Wesen und die weltlichen Lüste, laß mich züchtig, gerecht und gottselig leben vor Dir; mache kråf= tig an meinem Herzen den Gnadenzug des Vaters zum Sohne, daß Du immerdar bleibest meines Herzens Trost und mein Theil. Mit Gram und Schrecken sehe ich zurück auf die Zeit, wo ich Dich nicht hatte und liebte, sondern die Welt und ihre Lust, wo ich Dich nicht suchte und erwählte, sondern den Mammon und die eitle Ehre. Wie grauet meiner Seele vor dieser Zeit, wo ich wie ein Träumender dahin taumelte durch meine Tage und nicht wußte, woher und wohin; wo mein Herz so kalt und so todt war, weil kein Funke Deiner Liebe noch darin gezündet hatte, wo mir oft angst und bange war und ich doch die rechte Gefahr nicht kannte, der ich entgegen ging. Olaß sie niemals wiederkehren diese Zeit der Finsterniß, laß nicht den Leuchter in mir umgestoßen werden, laß Deine Liebe in mir bleiben, deinen Frieden auf mir ruhen. Herzog der Seelen ich halte Dich beim Worte: ,, Niemand soll sie aus meiner Hand reißen!" Das hast Du gesagt, darum bangt auch mir nicht mehr, denn bin ich auch derer keines werth und habe ich auch nichts verdienet, muß ich mich auch wundern darüber, daß Du Dich nach mir armen verdorbenen Sünder nur ein Mal umsiehest, so weiß ichs ja, daß Du auch der Gerings ften und Elenbesten Dich herzlich annimmst, und Keinen von Dir flößeft, der sich bittend Dir nahet, so weiß ich ja, ich soll nun nicht mehr verloren gehn, sondern immer an Dir kleben, wie eine Klett' am Kleid, und ewig bei Dir leben in himml'scher Wonn' und Freud! Umen. Sonnabend. Me od. Es ist gewißlich an der Zeit. Halt im Gedächtniß Jesum Christ, O Mensch! der auf die Erden Vom Thron des Himmels kommen ist, Dein Bruder da zu werden. Vergiß nicht, daß er dir zu Gut' Hat angenommen Fleisch und Blut; Dank' ihm für diese Liebe. Salt im Gedächtniß Jesum Chrift, Der für dich hat gelitten, Ja gern am Kreuz gestorben ist, Und dadurch hat bestritten Welt, Sünde, Teufel, poll und Tod, Und dich erlös't aus aller Noth; Dank ihm für diese Liebe. Halt' im Gedächtnis Jefum Chrift, Der einst wird wieder kommen Und sich, was todt und lebend ist, 3u richten vorgenommen. O denke, daß du da bestehst, Und mit ihm in sein Reich eingehst, Ihm ewiglich zu danken. Gieb, Jesu, gieb, daß ich Dich kann Mit wahrem Glauben fassen, Und nie, was Du an mir gethan, Mög aus dem Herzen lassen, Daß deffen ich in aller Noth Mich trösten mög' und durch den Tod Zu Dir in's Leben dringen. 71 Joh. 18, 6. ,, Als nun Jesus zu ihnen sprach: Ich bins!" wis chen sie zurück und fielen zu Boden." Wenn aus dunkelm Gewölke, das den Himmel umziehet, hie und da ein leuchtender Sonnenstrahl hindurch bricht, dann merken wir, daß die Sonne wohl versteckt, aber nicht ausgelöscht werden kann. 72 So Deine Gottesmajestát, o Jesu! Du kannst Dich Deiner Herrlichkeit entäußern, sie hinter dem düstern Schatten Deiner Mittlerleiden verbergen, aber hindern kannst und willst Du nicht, daß unser Glaube durch das Dunkel, damit die Macht der Finsterniß Dich umgab, hindurch blicket und die Fülle Deiner Gottheit erkennet. Der Herr steht der feindlichen Schaar gegenüber und fragt: ,, Wen suchet ihr?" Sie antworten: ,, Jesum von Nazareth!" Da tritt Er an sie hinan, schaut fest und kühn den Feinden ins Auge und spricht: ,, Ich bins!" Welch ein Wort! Da Er es gesprochen, weichen sie zurück und fallen zu Boden. Was ist das? Tapfere Helden, starke Männer, alte Krieger, was weicht ihr zurück, was wirft euch zu Boden? Se, het doch an den Sanftmüthigen, den Wehrlosen! Er stößt euch nicht, Er jagt euch nicht, was er schreckt ihr denn? Wie? ist Sein Wort wie ein Feuer und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt? Ist die Macht Seines Geistes über euch gekommen? Hat der Strahl Seines Auges mit Bliten der Allmacht euch getroffen? Sie fühlen eine Macht und wissen nicht, welche; sie sehen etwas und wis sen nicht, was; siezittern und zagen, als sei es jetzt um sie geschehen, und wissen nicht, warum;- fie stürzen zu Boden bei Seinem einfachen Worte: ,, Ich bins!" Er sagt es frei heraus, keine Lüge wird in Seinem Munde erfunden, auch wenn sie Ihn retten könnte, und die Macht der Wahrheit ist es, die jene darniederwirft. Die Wahrheit gelte auch in der augenscheinlichsten Gefahr, auch dann, wenn gewisser Untergang drohet. Ja dann gerade, wenn die Welt die Lüge für erlaubt ausgiebt, wenn ihre 73 Kinder Versteck und Krug treiben, wenn wenige wahr, die meisten aber als Lügner erfunden werden, dann rede die Wahrheit, und die Wahrheit wird ihre erschütternde Kraft erweisen. Ich bins!" ein Wort der Wahrheit ist's von ihm, aber auch Beichen und Kraft Seiner Gottheit. Ich bins!" So redet nur ein Mächtiger von sich selber, und der Allmächtige Gott zeuget von sich: ,, Ich bin, der Ich bin!" Und wir verstehen diese Sprache, und denken bei diesem kurzen Worte an den ganzen Um> fang Seiner Majestät und Herrlichkeit. Wir ver stehen auch Deine Sprache, ewiger Sohn des All> mächtigen. Ob Du schon im Staube lagst und Dein Blutschweiß in der Angststunde in den Sand rieselte; ob Du auch gekrümmt wie ein zertretner Wurm geflehet und geseufzet hast: Dein Wort ,, Ich bin's!" thut uns Deine Gottheit kund. Und wer's dem Worte nicht anfühlet, daß hier der Mund der Allmacht redet, der schaue die niederges worfene Kriegerschaar an. Wie Elià Feuer die Boten des Königs Ahasia verzehrte, so wirft Sein Odem die Feinde zur Erde. Ich bins!" Es ist darum auch ein Wort des Schreckens und des Gerichts. Freilich ist jetzt eure Stunde, will Er sagen, und die Macht der Finsterniß, aber damit ihr nicht meinet, daß Meine Schwachheit Mich euch überliefere, will Ich euch zeigen, wer ihr seid, und wer Ich bin. Sehet da eure Ohnmacht! Ihr fal let, Ich stehe! Nun erkennet euch in eurer ganzen Nichtigkeit. Ein Vorspiel mag es ienen zugleich sein von dem letzten Schrecken, der die Feinde des Herrn ergreifen wird, wie ein Dieb in der Nacht. Die Rotte Korah ward verschlungen von der Erde, 11 - - I 74 da sie sich wider Jehovah und Seinen Gesandten auflehnte, dasselbe hätte hier geschehen sollen, we ein ohnmächtiger Haufe sich gegen den Allmächtigen, das Geschöpf gegen seinen Schöpfer emporte. Doch nein! noch hat die Stunde des letzten Gerichts nicht geschlagen; des Menschen Sohn ist nicht gekommen, daß Er die Welt richte, sondern selig mache. Zeis gen will Er hier nur, wie es den Christushaffern einst ergehen wird. So werden sie niedersinken, wenn die großen Zeichen geschehen an Sonne, Mond und Sternen, so werden sie ohnmächtig verschmachten vor Furcht, wenn der letzte der Tage anbricht, und der große Brand Himmel und Erde ergreift und in den Wolken des Himmels kommen wird mit großer Kraft und Herrlichkeit Derselbige, in wel chen sie gestochen haben. Damit es dahin aber nicht mit ihnen komme, ruft Er: ,, Ich bin's!" ,, Ich bin's!". das ist darum auch endlich die treue Baterstimme an daß verlorne Kind. Sie suchen Jesum von Nazareth. Siehe, Er ist's! Derselbe, der lauter Gnade und Barmherzigkeit an den Menschen gethan, der Arzt aller Kranken, der Trost aller Weinenden, der Ret ter aller Berzagten, der Freund der Sünder! Unglückselige, die ihr die Hand wider Ihn erhebet, gedenkt ihr nicht daran? Faßt's euch nicht, die ihr vom Schrecken Gottes niedergestreckt seid, als muß. tet ihr rufen: ,, Erbarme Dich über uns, Christus, erbarme Dich über uns? Hinweg Schwerter und Stangen! Kommt laßt uns knieen und niederfallen und anbetend im Staube vor ihm liegen!" Doch ob die Feinde auch wie Pharao verstockt und unbußfertig bleiben, Er hält doch Sein Liebeswort nicht zurück: Ich bin Jesus, den ihr verfolgt!" - 75 auf daß, wenn Sene nicht, doch Du und ich zu eis nem Saulus würde, der aus den Tiefen zu Jhm riefe: ,, Herr, was willst Du, daß ich thun soll?" Gebet. Ullmächtiger Heiland! Nun sehe ich's wohl, wie alle Gottlosen vor Dir Spreu sind, die der Wind zerstreuet, wie Deine Feinde vor Dir fallen zur Rechten und Linken, wie Du der Held und Lówe bist aus Judas Stamm; Ein Wort, und Schaaren sinken vor Schrecken zu Boden! Uber ich bebe nicht vor Furcht bei Deinem mächtigen Wort, nein, meine Seele freuet sich und frohlocket, daß ich Dich zum starken Tröster und zum Helfer habe. Ein Ullmächt'ger ist der Träger meiner Sünden, der Bürge meines Heils, der Retter meiner Seele, der Schrecken meiner Feinde, der Helfer in meinen Schmerzen und Thränen. S, ich will auch niedersinken in den Staub vor Dir, aber nicht von Furcht zerschlagen und zerschmettert, sondern wie Sulamith von Deiner Liebe gerührt und Deiner großen Gnad und Treue hingenommen, will alles, was mir fehlt und mich krånket, Dir sagen und klagen, und immer getrost und in Uller Zuversicht auf Deine Hülfe gläubig hoffen. Damit ich aber Deine starke Hand niemals lasse und Dein treues Lieben nie vergesse, darum herrsche auch in mir über Deine und meine Feinde. Ganze Schaaren lagern wider Dich noch immer in meinem Herzen- wirf sie nieder, zerschmettere sie, webre ihnen das Aufstehn, mache sie zum Schemel Deiner Füße, auf daß mein Herz durch Deine Kraft und Gnade ein heiliger Tempel werde, in wel chem Du Wohnung machen könneft mit Deinem Va ter und dem heiligen Geiste. Amen. Dritte Woche. ( Bon Reminiscere bis Oculi). Jesus vor dem Hohenpriester. Sonntag. Melod. Freu' dich sehr, o meine Seele. O Lamm Gottes, hoch erhaben, Welches der Welt Sünde trågt! Du allein, Du kannst uns laben, Wenn uns Noth und Tod bewegt. Siehe, Du bist Gottes Lamm, Siehe, wir vom Sündenstamm, Ach, wir sind ja Gottes Feinde, Lehr' uns werden Gottes Freunde. Bist Du nicht der Weg zum Leben? Bist Du nicht der Wahrheit Grund? Hast Dich selbst für uns gegeben, Daß noch übrig wär' ein Bund, Ein Bund der Barmherzigkeit, Ein Bund der Gerechtigkeit. Dein Kreuz, Dein Blut ist der Segen, So uns bringt zu Gottes Wegen. Matth. 26, 63. 64. ,, Uber Jesus schwieg stille. Und der Hohepriester antwortete und sprach zu Ihm: Ich beschwöre Dich bei dem lebendigen Gott, daß Du uns sagest, ob Du seist Christus, der Sohn Gottes. Jesus sprach zu ihm: Du sagest es. Doch Ich sage euch: Von nun an wird es geschehen, daß ihr sehen werdet des ryg Menschen Sohn siten zur Rechten der Kraft und kommen in den Wolken des Himmels." Unser Erlöser und Befreier ist gebunden den Hånden seiner Feinde übergeben; die Notte führt Ihn von Gethsemane nach Jerusalem zum Hohenpriester. Der Hoherath wird zusammen berufen, um den Richter der Welt zu richten. Die Sigung wird eröffnet. Das Verfahren beginnt; der Ge fangene wird in Fesseln hereingeführt; eine Schaar falscher Zeugen wird Ihm gegenübergestellt. Entsetz liche Nacht, grauenhafte Scene, vom schimmernden Lampenlichte unheimlich beleuchtet! Aus Aller Augen grinzt uns Haß und Bosheit entgegen; in Aller Herzen wogen Satans Gedanken; o wie viel Boses ist in diesem Saale, in diesem Vorhofe der Hölle zusammengedrängt! Nur auf einer Gestalt ruht der geängstete Blick, wenn auch mit tiefer Wehmuth, doch mit stillem Wohlgefallen aus; der Frieden Gottes ist über diese Gestalt ausgegossen, und mild und mitleidig siehet das Auge dieses Mannes auf diese Versammlung zu seinem Unter> gange verschworner Menschen. Die Zeugenverhöre beginnen; da häuft sich Lüge auf Lüge, Meineid Meineid; aber selbst die Hölle weiß diesem Heiligen keine Schuld anzulügen. Ohne eine Wort zu er widern hört der Heiland die wider Ihn erhobenen Anklagen, und Sein Stillesein redet lauter als Worte es vermöchten.--Da wendet sich der Hohepriester selbst an den Verklagten. ,, Ich beschwöre Dich bei dem lebendigen Gott, daß Du uns sagest, ob Du seist Christus der Sohn Gottes?" fragt er mit aller Feierlichkeit des ihm übertragenen Amtes. 78 Es bedurfte hier eigentlich keiner Antwort. Es ant worteten hier die Weissagungen der Jahrhunderte, welche in diesem Gefesselten erfüllt; es antworteten die Zeugnisse vom Himmel, welche über ihn erklungen; es antworteten die Wunder, welche geschehen waren, die Thaten, welche Er verrichtet, die Leh ren, welche Er verkündigt, die Schicksale, die Er erfahren hatte; es antwortete die Hoheit und Würde, welche selbst noch in diesem Augenblicke aus dem Angesichte dieses Gemißhandelten leuchtete; ja die Fesseln, die er trug, die Qualen, die man Shm bereitete, der Tod, dem man Ihn entgegen führte, waren eine laute, große Antwort auf diese Frage. Aber dem Unglauben genügen keine Gründe, ihn befriedigt keine Antwort, auch den Unglauben der heutigen Welt nicht. Gott redet, die Jahrtau sende erheben für die Wahrheit ihre Stimme, die Kirche legt Zeugnisse und Bekenntnisse ab, Schaa ren verkündigen: ,, Dieser ist wahrlich Gottes Sohn und der Welt Heiland," die Weltgeschichte beglaus bigt Jesum als den Christ, das Bedürfniß des Her zens verlangt Ihn gebieterisch, selbst die Steine bleiben nicht stumm, aber wo alles zeugt und vejaht, da leugnet dennoch der Unglaube und würde es thun, ob jemand auch von den Todten auferstånde, denn mächtiger, als das Zeugniß eines von den Todten Auferstandenen, ist das Zeugniß Gottes und Seines Sohnes, das Zeugniß der Propheten und Apostel." Ich beschwöre Dich bei dem lebendigen Gott, daß Du uns sagest, ob Du seist Chri stus, der Sohn Gottes," sprach der Hohepriester. Bisher hatte Jesus geschwiegen, nun durfte Er nicht mehr schweigen. Jesus erfüllte alle Gerech 1 - 79 tigkeit und war der von Gott eingesetzten Obrigkeit gehorsam. Ohnehin aber war in diesem großen entscheidenden Augenblicke ein Bekenntniß nothwendig. Der Sohn Gottes konnte Sich Selbst nicht verleugnen. Was dieses Bekenntniß auf sich hatte, wußte Er; Er wußte, dieses Bekenntniß entfesselte die Wuth Seiner Feinde, gab Ihn den schändlichsten Mißhandlungen preis, rief das To desurtheil über Ihn hervor, brachte Ihn ans Kreuz, aber dennoch zögerte Er nicht. Er erhob Sich, Sein Auge leuchtete in wunderbarem Glanze, Sein Angesicht strahlte in göttlicher Freudigkeit, Seine Gestalt trug Spuren von jener Erhabenheit und Klarheit, in welcher Er den Jüngern auf Thabor erschienen war; in der Mördergrube, worin Er Sich befand, war es still, wie im Gotteshause. ,, Du sagest es!" drang es in die Herzen der Ver. sammlung, und dann lauter und lauter: ,, Bon nun an wird es geschehen, daß ihr sehen werdet des Menschen Sohn sißen zur Rechten der Kraft und kommen in den Wolken des Himmels. O ihr Thoren! ihr meint Mich zu verderben, und bereitet Mir den Pfad zur höchsten Herrlichkeit; ihr überhäuft mich mit Schmach und Schande und führt Mich doch nur der Ehre und Klarheit entgegen, die ich bei dem Vater hatte, ehe denn die Welt war; ihr wollt Mein Werk und Reich hindern, und seid doch mir unbewußte Werkzeuge, es zu bauen; ihr richtet heute mich, aber wehe euch! es kommt ein Tag, wo Ich euch richte." O mein Christ! welch ein Anblick! Welche Erhabenheit mitten in der tief sten Schmach! welche Größe mitten in der Niedrigkeit! welche Freiheit in Fesseln und Banden! 10% 80 welches Lebensgefühl im Angesichte des Kreuzestodes! welche Siegesgewißheit in der äußersten Niederlage! Doch was sollen wir sagen, wenn zu dem, was wir an dem Meister wahrnehmen, auch, durch Seine Gnade gestärkt, Seine schwachen Knechte fähig sind; Petrus und Johannes bekennen vor demselben Gerichtshofe, vor welchem hier Jesus steht: ,, Wir können es ja nicht lassen, daß wir nicht reden sollten von dem, was wir gehört und gesehen haben." Stephanus aber, voll heiligen Geistes, sie het, während er um seines Glaubens willen gesteinigt wird, die Herrlichkeit Gottes und Jesum stehen zur Rechten Gottes und ruft aus: ,, Siehe ich sehe den Himmel offen! Und was jene konnten, das können auch wir; wir können, wenn wir Glauben haben, wenn Christus unser Heiland und der Herr unseres Lebens ist, die Schmach dieser Welt tragen und dabei unserer zukünftigen Ehre uns trösten; wir können in den Leiden und Trübsalen dieser Zeit im Geiste bereits schon in der Herrlichkeit sein, die uns drüben bereitet ist; wir können, während wir hier arm sind, unseres himmlischen Reichthums uns freuen; wir können, während wir hier kämpfen, getrost sein, als schmückten uns schon die Kronen, welche für uns da liegen; wir können, wo die Welt weint, jauchzen, wo sie verzagt ist, den freudigsten Muth haben; wir können im Tode des ewigen Les bens froh sein. das Gebet. 3 Herr Jesu! Deine Treue stehet fester, als die Berge, und Deine Wahrheit dauert långer, als Himmel und Erde. Du bekennest und leugneft nicht, Du bekennest: Ich bin Christus, der Sohn Gottes," ob 81 wohl dieses Bekenntniß Dich in Kreuz und Eod führt. Aus Treue gegen mich, aus Erbarmen für mich ladest Du um dieses Bekenntnisses willen Schmach und Schande auf Dich und stirbst dafür am Kreuze. Ogieb doch auch mir einen starken 3eugenmuth. Es ist Dir nicht unbekannt, wie verzagt mein Fleisch und Blut ist, wie oft die Welt durch ihr Troßen und Schmeis cheln mir die Zunge bindet, wie ich, gleich einem schwankenden Rohre, von jedem Winde der Meinuns gen, von Menschenfurcht und Menschenliebe hin und her getrieben werde. Ich lese aber in Deinem Worte: Es ist ein köstlich Ding, daß das Herz fest werde;" o Herr, ein solches festes, treues Herz schenke mir, das nie wieder Dich verleugnet, das nie wieder die Treue, die ich Dir vor Deinem Altare und in mancher heilis gen Stunde geschworen habe, leichtsinnig vergißt, das wie David spricht: ,, Ich glaube, darum rede ich," das wie Paulus ausruft: Ich schäme mich des Evanges lii von Christo nicht, das, wie Du selbst und alle Deine treuen 3eugen, keine Schmach, kein Kreuz, keinen Tod scheut, wo es gilt, Deinen heiligen und allein felig machenden Namen zu bekennen, das stets Deines Wortes eingebent ift: ,, Wer Mich bekennet vor den Menschen, den will Ich auch bekennen vor Meis nem himmlischen Bater." Umen. " 1 Montag. In eigener Melodie. Herzliebster Jesu! was hast Du verbrochen, Daß man ein solch scharf Urtheil hat gesprochen? Was ist die Schuld? in was für Missethaten Bist Du gerathen? Du wirst verspeit, geschlagen und verhöhnet, Gegeiffelt und mit Dornen scharf gekrönet, Mit Effig, als man Dich ans Kreuz gehenket, Wirst Du getrånket. Was ist die Ursach' aller solcher Plagen? Uch, meine Sünden haben Dich geschlagen! 8 82 Ich, ach Herr Jesu! habe dies verschuldet, sidom Was Du erduldet. Wie wunderbarlich ist doch diese Strafe! Der gute Hirte leidet für die Schaafe; Die Schuld bezahlt der Herre, der Gerechte, Für seine Knechte. Der Fromme stirbt, der recht und richtig wandelt; Der Bose lebt, der wider Gott gehandelt; Der Mensch verwirkt den Tod und ist entgangen; Christ wird gefangen. Matth. 26, 65. 66. Da zerriß der Hohepriester seine Kleider und sprach: Er hat Gott gelåstert; was bedürfen wir weiter 3eugniß? Siehe, jest habt ihr Seine Gotteslästerung gehört, was důnkt euch? Sie antworteten und sprachen: Er ist des Todes schuldig." Wir treten heute wiederum in den Gerichtssaal des Hohenrathes ein, um die Anklage, und das Urtheil zu vernehmen, was über den Herrn ergeht. Der Heiland hat Sein Bekenntniß abgelegt. Er hat es bei dem lebendigen Gotte beschworen, Er hat es im Angesichte Seiner Todesmarter feier lich erklärt, Er will es mit Seinem Blute versiegeln und Er hat es damit versiegelt, daß Er sei Christus, der Sohn Gottes. Und dennoch leugnet's die Welt dem Wahrhaftigen, in dessen Munde nie ein Betrug erfunden worden ist, in daß Angesicht hinein, und sie erklärt Ihm damit: ,, Du lügst!" und beschuldigt Ihn, Er sei nicht um der Wahrheit, sondern um einer Lüge willen am Kreuze gestorben. Der Heiland hatte erklärt: ,, Du sagst es. Doch fage Ich euch: Von nun an wird es geschehen, daß ihr sehen werdet des Menschen Sohn sißen zur Rechten der Kraft und kommen in 83 den Wolken des Himmels." Sein Wort war er klungen. Da zerriß der Hohepriester seine Kleider ( so thaten die Juden zum Zeichen ihrer Traurigkeit oder ihres Abscheus) und der Heuchler sprach: Er hat Gott gelåstert; was bedürfen wir weiter Zeug niß? Siehe jetzt habt ihr Seine Gotteslästerung gehört." So lautete die Anklage des Hohenprie. sters wider Jefum.- Du entsetest dich, wenn du Den, dessen angebeteten Namen von Jugend auf mit Andacht auszusprechen du gelehrt bist, wenn du Den, welchem deine höchste Liebe gebührt, bei welchem du dein zeitliches und ewiges Heil zu suchen gewohnt bist, wenn du Den, welchem die Engel dienen und die Seraphim ihr heilig sin gen, wenn du Den einen Gotteslästerer nen nen hörst. Und wahrlich, wenn irgend Etwas, so ist dies zum Entsetzen. Aber du wirst dich viel. leicht noch viel mehr entsetzen, wenn ich dir sage: Der Hohepriester hatte doch gewissermaaßen recht. Wie recht? recht? Ja! gewiffermaßen, sage ich. Höre und urtheile. Es gehet jeht eine alte Lüge durch die Welt, welche von Tausenden und aber Tausenden wie eine Wahrheit ange nommen, geglaubt und vertheidigt wird. Dieſe alte Lüge, Du wirst wohl schon davon gehört haben, lautet: ,, Jesus ist nicht der Sohn des lebendigen Gottes, ist nicht wahrhaftiger Gott vom Vater in Ewigkeit geboren, sondern Er ist ein bloßer Mensch gewesen, wie wir; aber freilich, so fährt die Lü ge, damit man sich vor ihr nicht erschrecke, fort ,aber freilich der beste Mensch war Er, das vortreff lichste Borbild, der weiseste Lehrer; doch eben nichts weiter, wer Ihn für mehr noch hält, ist ein Thor; 2 - - - 84 Seine Wunder sind Mährlein, seine Geburt ist das natürlichste Ereigniß und eine Auferstehung und Himmelfahrt eine Fabel; auch giebt es keinen lebendigen Christus, der noch jest um seine Glaubigen sich kümmert, sondern nur einen todten, einen im jüdischen Lande begrabenen Christus." So lautet die Lüge und der Teufel hat nie eine árgere und größere erfunden, und hat nie mit einer mehr Glück gehabt, als mit dieser. Und nun siehe, mein Freund! Wer diese Lüge wie eine Wahrheit, wie ein Evangelium glaubt( und es giebt Solcher nicht Wenige), der muß folgerecht mit dem Ho henpriester Christum, es ist schrecklich zu sagen, aber er muß Christum folgerecht der Gotteslästerung beschuldigen. Und das war es nur, was ich sagen wollte, wenn ich erklärte: Der Hohepriester habe doch gewissermaßen recht. Was heißt nämlich: Gott låstern? Es heißt: den Namen Gottes mißbrauchen, Seine Eigenschaften schmähen oder leugnen, oder auch sich selbst anmaßen und beilegen, und derjenige ist offenbar der größeste Gotteslästerer, welcher göttliche Namen und Ehren in Anspruch nimmt und sich, wie Gott, ehren und anbeten läßt. Christus aber erklärt, wie du weißt: ,, Mir ist ge geben alle Gewalt im Himmel und auf Erden" ( Matth. 28, 18.) d. h. Ich bin der Allmächtige; Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende" ( Matth. 28, 20.) d. h. Ich bin der Allgegenwärti ge; ,, ehe denn Abraham ward, bin Ich"( Joh. 8,58,) d. h. Ich bin der Ewige; ,, Ich und der Bater sind eins"( Joh. 10, 30.) d. h. Ich bin Gott, wie Er. Er verlangt: ,, Es sollen alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren"( Joh. 5, 23.); Er will von 85 der ganzen Welt, wie der Bater, angebetet sein. Du siehest, wir müssen an Christum glauben, wie wir an den Vater glauben, oder-- du magst selbst das schreckliche Oder vollenden, aber ein Drittes giebt es nicht; das begreifst du. Wer den Sohn leugnet, der stellet sich auf die Seite des Hohenpriesters wider Shn. Auch war das die Sünde des Hohenpriesters eigentlich nicht, daß er sprach: ,, Er hat Gott gelåstert," sondern nur eine Folge seiner Sünde. Seine Sünde, war, daß er, statt an Ihn zu glauben, Ihn leugnete, statt Ihn zu lieben, Ihn haßte.- Die Anklage wider Jesum war ausgesprochen. Der Hohepriester fragte seine Råthe und Beisitzer: Was dünkt euch?" Und ſiehe! keine Stimme erhob sich für den Herrn der Herrlichkeit, kein Herz fühlte sich getrieben, Seine Unschuld zu vertheidigen; einmüthig sprachen sie: „ Er ist des Todes schuldig!" Es gab ein Ge set, nach welchem sie ihr Urtheil rechtfertigten, und wir dürften sie deßhalb nicht tadeln, wäre Christus nicht der Sohn des Höchsten und Gott über Alles. Bei uns nämlich kann ein Mensch fluchen und Gott låstern, wie er will, er kann sich dreist hinsetzen auf die Bank der Spotter, und bleibt da bei doch vielleicht ein angesehener Mann, ein beliebter Gesellschafter, ein Mann, von welchem es wohl lobend heißt: ,, Er ist kein Spielverderber, kein finsterer Betbruder." Das göttliche Geset richtet die Sache anders: ,, Welcher den Namen des Herrn låstert, der soll des Todes sterben," heißt es da 3 Mof. 24, 16. Dies Gesetz war es, welches der Hoherath mißbrauchte, um Jesum zu richten. Du siehest, mein Christ, die erste große Lüge ist der 23 86 Grund der empörendsten Ungerechtigkeit, des him. melschreiendsten Frevels, des entfeßlichsten Miß brauchs des göttlichen Gesetzes. Es kann dir nicht entgehen, wohin derjenige geråth, welcher die Gott heit Christi leugnet; es geht mit ihm aus einer Lüge in die andre, aus einer Finsterniß in die andre; er stellet sich in die Reihe der Feinde des Herrn; er verwirft den Stein, welcher das ganze Gebäude des Christenthums trågt; er würde, hätte er in den Reihen der Weltesten und Schriftgelehrten gesessen und wäre er sich selbst treu geblieben, mit geur theilt haben: ,, Er ist des Todes schuldig!" Gebet. Du bist des Todes schuldig!" Das war das entsegliche Urtheil, welches Deine Mörder über Dich aussprachen, Du unschuldigster Herr Jesu! O wie dringt das mir ins Ohr! wie erschüttert es mein armes Herz! wie fährt es mir, gleich einem zweischneidigen Schwerte, durch die Seele! Nicht Dich, Du hast ja nie eine Sünde gethan und ist kein Betrug in Deinem Munde erfunden, Du Heiligster und Reinster! nein, mich trifft dies Urtheil; ja über mich ruft das richtende Gewissen, ruft das gebrochene Gesek, ruft die beleidigte Gerechtigkeit und Majestät Gottes: ,, Du, Du bist des Todes schuldig!" Heißt es nicht: ,, Verflucht sei Jedermann, der nicht bleibet in allem dem, das geschrieben ist in dem Buch des Gesetzes, daß er es thue?" stehet nicht geschrieben: So jemand das ganze Gesetz hält und fündiget an Einem, der ist es ganz schuldig?" Ach und siche! ich habe nicht Eines von Deinen heiligen Geboten, ich habe sie alle übertreten; ein Heer von Sünden lagert sich wider mich; Fleischessünden, Hoffartsfünden, Lügen und Heucheleien, Haß und Neid erkannnte und unerkannte Sünden klagen mich an. Der Tod aber ist der Sünden Sold!" ,, Welche Seele 11 fündiget, die soll sterben." Du bist des Todes schuldig!" spricht Dein heiliges Gesetz zu mir und mein Herz fagt schaudernd: Ja und Umen. Aber da blickt es, wie der Missethäter, über welchen schon der Stab gebrochen ist, nach Gnade suchend, zu Dir hin und fiehet Dich, wie Du an meiner Statt dastehest, wie Du Dich für mich armen Sünder richten und verdammen, ja ans Kreuz schlagen låssest; wie zu meiner Era rettung das schreckliche Urtheil: Du bist des Todes schuldig!" über Dich erklingt, und es macht die felige Erfahrung, daß es, im Glauben an Dich, zu fragen ein Recht hat: ,, Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist." D Herr! stårke diesen Glauben in meinem Herzen, daß er im Leben und Sterben mir Trost verleihe und daß ich, weil Du für mich Dich hast richten und verdammen lassen, dereinst dem ewigen Gerichte freudigen Muthes und in gewisser Zuversicht meines Heils entgegen gehe. Amen. Dienst a g. Melod. In eigner Melodie. Besu, meines Lebens Leben, Jefu, meines Todes Tod, Der Du Dich für mich gegeben In die tiefste Seelennoth, In das äußerste Verderben, Nur daß ich nicht möchte sterben: Tausend, tausend Mal sei Dir, Lieber Jesu, Dank dafür. 87 Du, ach! Du haft ausgestanden Låsterreden. Svott und Sohn, Speichel, Schläge, Strick und Banden, Du gerechter Gottes Sohn, Mich Elenden zu erretten Bon des Teufels Band und Ketten: Laufend, tausend Mal sei Dir, Liebster Jesu, Dank dafür. 88 Matth. 26, 67, 68. ,, Da speieten fie aus in sein Angesicht und schlu gen Ihn mit Fäusten. Etliche aber schlugen Ihm ins Angesicht und sprachen: Weissage uns Christe, wer ist es, der Dich schlug." Wir sehen hier die empörendsten, die scheußlichsten Auftritte, welche jemals auf dieser entwür digten Erde vorgekommen sind, Auftritte, welche uns schon mit dem tiefsten Abscheu erfüllen würden, wenn sie auch mit dem gemeinsten Missethäter sich zugetragen hätten. Betrachtet euren Herrn und Heiland! Keine Schmach ist so schändlich, die nicht auf Ihn gehäuft, keine Mißhandlung ist so grausam, die nicht an Ihm ausgeübt, keine Verhöhnung ist so boshaft, womit Er verschont, keine Frechheit ist so roh, der Er nicht preisgegeben wäre. Warum öff net sich die Erde nicht, diese Gottlosen, wie die Rotte Korah, Dathan und Abiram zu verschlingen? Warum fahren nicht Blige herab, sie zu vernichten?- Doch was murren wir gegen diese Menschen? Ein jeglicher murre wider seine Sün de, welche den Erlöser der Welt in diesen kläglichen Zustand versetzt hat. Unser Stolz ist die Ursache Seiner Verachtung, unsere Hoffart ist der Grund Seiner Schmach. Ach wollte Gott, daß doch mit dieser außersten Beschimpfung unseres Heilandes unser Stolz, Hoffart und Eitelkeit aus unsern Herzen herausge rissen wäre! Aber es fehlt viel daran. Arm, niedrig und verachtet sein will Niemand; sich selbst verleugnen und die eitle Weltehre verschmähen, dazu be zeigt keiner Lust; die Einfalt und das Kreuz finden keine Liebhaber; der willige Gehorsam gegen Gott 89 und die demüthige Dienstfertigkeit gegen den Men schen sind Tugenden, die nicht geübt werden. Dar gegen welch Prahlen und Prangen! welche alle Verhältnisse durchdringende Ueppigkeit und Wol luft! wie sucht man den sündlichen Leib mit aller Pracht zu schmücken! wie will es der Eine dem Andern immer zuvorthun! wie rennt die Welt nach Ehren, Würden und Orden, als hinge die ewige Seligkeit daran! Ja, wie viel Hoffart und Eitelkeit wohnet selbst noch in denen, welche ihr Sündenelend kennen und den Herrn Jesum lieb haben. Es ist diese Sünde eine giftige Schlange, deren Kopf, so oft er auch zertreten wird, wieder wächst, die, wenn sie aus dem einen Winkel des Herzens vertrieben ist, alsbald in einem andern sich wieder festnistet und in immer neuen Gestalten und Hüllen wieder erscheint. Darum, o Seele, die du vielleicht schon lange mit dieser bösen, hartnåckigen Sünde kämpfft und sie nicht besiegen kannst, betrachte nur deinen Heiland Jesum Christum, wie sie Ihm ins Angesicht speien und mit Fäusten Ihn schlagen und höhnend fragen: Weissage uns, Christe, wer ist es, der Dich schlug?" wie Er das stehet als ein Reis und eine Wurzel, aus dürrem Erdreich aufgeschossen, ohne Gestalt noch Schöne, ohne Alles, was uns gefallen könnte, als der Allerverachtetste und Unwertheste unter allen Menschenkindern; wie an Ihm geschiehet, was Er weissa. gend von sich selbst sprach: ,, Ich hielt meinen Rü cken dar denen, die mich schlugen und meine Wan gen denen, die mich rauften; mein Angesicht ver barg ich nicht vor Schmach und Speichel." Du müßtest keinen Funken der Liebe Jesu in deinem 90 Herzen haben, wenn bei diesem Anblicke dir nicht. die Seele schauderte und Stolz und Eitelkeit aus deinem Herzen wiche. Siehe! das, Alles hat der Heiland für dich und mich gelitten; Seine Schande ist die unsrige; um uns von der Schmach der Sünde zu reinigen, läßt Er Sich mit Schmach überhäufen; um an uns das unerkennbare göttliche Ebenbild in reinem Glanze wieder herzustellen, läßt Er es zu, daß Seine Gestalt bis zur Unkennt> lichkeit entwürdigt werde. O du Abgrund der Liebe! o du Heil armer Sünder! Gebet. Du kennst mein Herz, o Herr, und keine seiner vielen und großen Sünden und Schwachheiten ist Dir vera borgen. Du weißt es, wie erfüllt von Eitelkeiten, wie begierig nach dieser Welt Gunst und Ehre, wie lustern nach Allem, was meinem stolzen hoffärtigen Sinne schmeichelt, meine Seele ist, wie ich vielmehr meine Ehre, als Deinen Ruhm suche, wie ich viel eifriger nach dem Wohlgefallen der Menschen, als nach Deiner Gnade verlange. D Herr, erbarme Dich meiner! Der Unblick Deines verböhnten und verspeieten Ungesichts, Deiner gemißhandelten Gestalt zeigt mir meine Schmach und Schande, enthüllt mir meine ganze Urm= seligkeit, mein trauriges Jammerbild. Bewahre in mir dies Bewußtsein meiner Nichtigkeit und Urmuth, und demüthige mein Herz durch den Anblick Deiner Schmach, so oft Stolz und Eitelkeit sich wieder darin regen wird. Du ertrugst es fanftmüthig und geduldig, daß man Dich so arg verböhnte, daß man Dich mit Fäusten schlug und ins Ungesicht Dir spie, verleihe mir Deine Gnade, daß auch ich um Deines Namens willen auf das Wohlgefallen und die Ehre bei der Welt verzichte, und daß, wenn ich Schmach und Verfolgung leiden muß, ich mich davor nicht entsege, sondern Dich bei folchem Kreuze um wahre Geduld und Liebe gegen meine 91 Feinde bitte und mich freue, daß ich auch hierin Deinem Bilde ähnlich werden soll. Erhöre mich, o gütig fter Jesu! Amen. Mittwo ch. Melod. Wenn meine Sünd' mich fränken. Von Furcht dahin gerissen Verleugnet Petrus Dich; Bald straft ihn sein Gewissen, Da weint er bitterlich. Dein Blick, o Jesu, rührt sein Herz, Er fleht zu Dir um Gnade, Und Du stillst seinen Schmerz. Betrübt ist meine Seele, Erfüllt mit Reu' und Schmerz. Was hilft's, daß ich's verhehle? Durchschaust Du doch mein Herz. Bekennen will ich's, Jesu, Dir, Oft hatt' ich Dich verleugnetVergieb, vergieb es mir. - Matth, 26, 69-74. ,, Petrus aber saß draußen im Pallast; und es trat zu ihm eine Magd und sprach: Und du wareft auch mit dem Jefu aus Galilda. Er leugnete aber vor ihnen allen und sprach: Ich weiß nicht, was Du fagst. Als er aber zur Thür hinaus ging, sahe ihn eine andere und sprach zu denen, die da waren: Dieser war auch mit dem Jesu von Nazareth. Und er verleugnete abermal und schwur dazu: Ich kenne den Menschen nicht. Und über eine kleine Weile traten hinzu, die da standen und sprachen zu Petro: Wahrs lich Du bist auch einer von denen, denn Deine Sprache verråth Dich. Da hob er an sich zu verfluchen und zu schwören: Ich kenne den Menschen nicht. Und alsbald krähte der Hahn." 92 Schmerzliche Erfahrung! Beweinenswerthes Zeugniß von der Schwachheit des menschlichen Her zens! Petrus verleugnet Jesum. Er stehet nicht etwa vor dem hohen Rathe, um Rechenschaft zu geben von seiner Lehre und seinem Glauben, er siehet nicht das Kreuz aufgerichtet, woran er sterben soll, nein! noch hat es keine Gefahr. Die Stimme eines Weibes bringt den starken, den so hoch sich vermessenden Petrus zum tiefen Falle. Er fällt nicht ungewarnt. Noch kann er das ernste Wort nicht vergessen haben: ,, Simon, Simon, siehe, der Satanas hat eurer begehret, daß er euch möchte sichten, wie den Waizen;" noch kann es in seiner Seele nicht verklungen sein: ,, In dieser Nacht, ehe der Hahn krähet, wirst du mich drei mal verleugnen." Und dennoch verleugnet Petrus Jesum. Er ist eben mit dem Herrn auf dem Thabor gewesen, er hat den Sohn Gottes in himmlischer Berklärung gesehen, er hat die Stimme ver nommen: ,, Dies ist mein lieber Sohn, an wel. chem ich Wohlgefallen habe;" er ist auf eine beson dere Weise vor dem Aergerniß an der Niedrigkeit seines Meisters verwahrt und weiß, daß derselbe durch Leiden und Sterben die Welt erlösen muß. Und dennoch verleugnet Petrus Jesum. Er hat eine große Bestimmung, eine erhabene Würde; der Heiland hat zu ihm gesprochen: ,, Du bist Petrus und auf diesen Felsen will Ich meine Gemei. ne bauen." Und siehe! dieser Mann, der beru fen war, die Gemeine zu erbauen, giebt ihr das größeste Aergerniß; dieser Mann, der berufen war, den Namen Christi aller Welt zu predigen, sagt, er kenne Jhn nicht; dieser Mann, der eine Säule - - 93 der Eben zu der der Kirche sein soll, wird ein Abtrünniger; Felsenmann verleugnet Jesum. Zeit, als Christus ihm die zärtlichsten Beweise seiner Liebe giebt, bezeigt Petrus ihm die grausamste Undankbarkeit; zu der Zeit, als Christus hingehet, den Petrus zu erlösen, verleugnet Petrus Christum; zu der Zeit, als Christus für Petrum sterben, am Kreuze sterben will, erklärt Petrus: ,, Ich kenne den Menschen nicht." Und es ist nicht genug, daß er sich verstellt, er leugnet; es ist nicht genug daß er leugnet, er leugnet dreimal; es ist nicht ge nug, daß er dreimal leugnet, er leugnet unter Schwüren und Verwünschungen. Uns schaudert das Herz dabei, aber er erklärt gleichsam: ,, Ja! o Gott, wenn ich weiß, daß dieser Mensch, von dem man mich fragt, mein Herr ist, wenn ich je ein Zeichen seiner Liebe und Freundlichkeit erfah ren, wenn ich ein Zeuge seiner Reden und Wun der gewesen, wenn ich ihn in seiner Verklärung auf dem heilgen Berge gesehen und Deine Stint me gehört habe: ,, Dies ist mein lieber Sohn:" so will ich, o Gott, ewig ein Gegenstand deines Hasses und deiner Nache sein. b Was ist der Mensch! welch ein schwaches, elendes Geschöpf, sobald der Hauch der göttlichen Gnade auch nur einen Augenblick sich von ihm zurückzieht! Wenn die Säulen der Kirche erschüttert werden können, wie wird es uns zerbrechlichen Gefäßen ergehen? Wenn jene Sonnen, welche als strahlende Lichter mitten unter dem unschlachtis gen und verkehrten Geschlechte scheinen sollen, ver finstert werden, wie wird es den glimmenden Doch ten ergehen? Wenn die Eedern Libanons zerbre 94 chen, wie wird es dem Ephen an der morschen Wand ergehen? Gebet. Herr, barmherziger Gott und Heiland! Wie Dein Jünger Petrus habe auch ich Deine Gnade erfahren; mit mehr als Mutterliebe hast Du mich von Jugend auf getragen und behütet; Du hast in dem Elende und Jammer meiner Sünde mir Dein Erbarmen bewiesen; Du hast mich gewürdigt, Dein Licht zu schauen und an dem Glanze Deiner Herrlichkeit mich zu weiden; Du bist mir Schwachen ein Stab, mir Verlassenen ein Trost, mir Ungefochtenen ein starker Hort und eine sichere Burg gewesen; so oft ich Dich rief, hast Du mir geantwortet, so oft ich zu Dir kam, hast Du Dich mir nicht entzogen und Dich nicht gescheut, Dich zu mir armen Sünder zu bekennen. Was war' ich ohne Dich gewesen? Was würd' ich ohne Dich nicht sein? Zu Furcht und engsten, auserleſen, Stånd' ich in weiter Welt allein; Nichts wüßt' ich sicher, was ich liebte, Die Zukunft wär' ein dunkler Schlund; Und wenn mein Herz sich tief betrübte, Wem that' ich meine Sorge kund! Hast aber Du Dich kund gegeben, Ist ein Gemüth erst Dein gewiß: Wie schnell verzehrt Dein Licht und Leben Dann jede öde' Finsterniß! Mit Dir bin ich auf's Neu' geboren, Die Welt wird mir verklärt durch Dich; Das Paradies, das wir verloren, Blüht herrlich wieder auf für mich. Uch Herr! und was ist mein Dank gewesen für so viel Treue und Gnade? Ich durchforsche die Ties fen meines Herzens, ich blicke zurück in die verganges nen Stunden meines Lebens; ach und siehe! es ist mir, als könnte ich Deine Gegenwart nicht ertragen, als müßte ich zu Dir sprechen: ,, Herr, gehe von mir hinaus, ich bin ein fündiger Mensch." Ich habe nicht 95 einmal, nicht dreimal, wie Petrus, ich habe Dich tau. sendmal verleugnet. Wie oft habe ich in leichtsinniger Gesellschaft, wenn ich darauf angesehen wurde, ob ich auch Einer der Deinen sei, aus erbärmlicher, kläglicher Menschenfurcht, Boses gut und Gutes böse geheißen, aus Finsterniß Licht und aus Licht Finsterniß, aus Süß Sauer und aus Sauer Süß gemacht und durch. dieses schmachvolle, feige Betragen erklärt: ,, Ich kenne Ihn nicht, ich bin Sein Jünger nicht." Wie oft habe ich, wenn die Kinder dieser Welt mich fragten: ,, Wie? bist du auch Einer von diesen, denen man solche Spott, namen giebt? Gehörst Du auch zu den Bekennern jenes altvåterischen Glaubens?" wie oft habe ich mich da von dem Strome fortreißen lassen und durch ein nichtswürdiges Bezeigen geantwortet: ,, Ich kenne Ihn nicht, ich bin Sein Jünger nicht." Und was bewog mich denn, Dich, meinen getreuesten und liebreichsten Herrn zu verleugnen? Stand mir etwa der Märtyrertod bevor? wåre etwa, falls ich Dich bekannt hätte, große Trubsal über mich gekommen? würde mir mein Hab' und Gut entrissen sein? hätte ich meinem Umte entsagen müssen? war etwa mein schwaches Herz durch irgend welche Schrecken eingeschüchtert? Nein, Herr! in den Seiten der Ruhe und Sicherheit habe ich Dich verleugnet. Es drohete mir kein blutdürftiges Gericht, kein offener Kerker, kein aufgerichtetes Kreuz, kein angezündeter Scheiterhaufen, kein bewaffneter Henfer, wie einst jenen Blutzeugen, welche in dem Ungefichte dieser Schrecknisse dennoch Deinen Namen bes kannten. Uch Herr! ich wollte auch nicht die leichteste Schmach für Dich erdulden, der Du für mich Dich hast anspeien und verhöhnen lassen, der Du für mich die blutige Geißel erduldet und die Dornenkrone getragen, der Du für mich alle Noth und Höllenstrafe meiner Sünde auf Dich genommen, und in die Marter Deines Kreuzes gegangen bist. Das thatest Du für mich, ach! und was that ich für Dich? Herr, Herr! verwirf mich nicht vor Deinem Ungesicht! entziehe mir armen Sünder Dein Mitleiden nicht! Sei mir gnådig 96 nach Deiner Güte und tilge meine Sünde nach Deiner großen Barmherzigkeit! Herr höre! Herr erhöre! Herr vergieb! Umen. Donnerst a g. Mel. D Haupt voll Blut und Wunden. Da stehest Du Sohn Gottes! Von Frevlern frech entweiht, Ein Ziel des niedern Spottes, Berschlagen und verspeit! Doch mehr, als Schmerz und Schande, Kränkt Dich Dein schwacher Freund, Der treulos Dich verkannte Und nun den Fall beweint. Doch spricht aus Deinen Blicken Nur Gnade, nur Geduld. D Jefu, wie entzücken Die Strahlen Deiner Huld! Du kämpfst mit eignen Schmerzen; Doch fühlst Du fremde Pein, Und eilst, bedrängten Herzen Erquickung zu verleih'n. Die Ullmacht Deiner Blicke Dringt Petro tief ins Herz. Beschämt geht er zurücke, Erfüllt mit Reu und Schmerz. Wie wuchs nun Deinem Zeugen Beständigkeit und Muth! Furcht konnt' ihn nie mehr beugen; Für Dich, Herr, floß sein Blut. Erlöser meiner Seele, Sei meine Zuversicht! Ich Schwacher, ich verhehle Dir meine Sünde nicht. Mit Scham und bittrer Reue Bekenn' ich es vor Dir: Uuch ich vergaß die Treue! Vergib, vergieb es mir. Luc. 22, 61 ,, Und der Herr wandte Sich und sahe Petrum an. Und Petrus gedachte an des Herrn Wort, das Er 97 zu ihm gesagt hatte: Ehe denn der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen." Die Sünden, welche Christen nach ihrer Bekehrung begehen, veranlassen uns zu vielen angstlichen Fragen, welche wir selbst uns zu beantworten nicht im Stande sind. Wie? sollte Gott wohl einen Menschen in die Hölle stürzen, an wel chem das Opfer des Kreuzes schon seine Kraft bewiesen hat? Aber kann Er auch diesen Menschen in das Paradies aufnehmen, wenn er mit einer groben Sünde sich wiederum befleckt hat? Wie? kann Gott wohl die Gnade widerrufen, die Er ein> mal geschenkt hat? Aber kann Er sie auch gegen einen Menschen fortsetzen, welcher diese Gnade, nachdem er sie an seinem Herzen erfahren hatte, wieder von sich gestoßen hat? Der menschliche Verstand kann diese Schwierigkeit nicht lösen, aber der Herr selbst löset sie, indem er dem gefallenen Christen die hilfreichen Arme bietet. Daß Petrus, der Freund Jesu, von Seiner Gnade ausgeschlos sen sein sollte, das ist unmöglich. Daß aber Pe trus, der Verleugner Jesu, zu Gnaden angenom men werden sollte, das ist ebenso unbegreiflich. Doch Jesus kommt ihm zu Hülfe und giebt ihm Kraft, von seinem Falle wieder aufzustehen. wandte sich Jesus um und sahe Petrum an. Wie viel, wie viel sagt dieser Blick! wie beredt sind diese Augen! So nachdrücklich hat nie eine Sprache geredet, so gewaltig hat nie ein Redner die Herzen bewegt. ,, Jesus sahe Petrum an." Wer ist dieser Jesus? Es ist der Mann der Schmerzen, der über eine neue Last klagt, da er schon unter dere jenigen, die er trägt, erliegen möchte; es ist der lieb ( 3) Univ.- Bibl. Giessen 98 reiche Erlöser, der Mitleiden mit einer Seele hat, die ihrem Untergange entgegeneilt; es ist der BeHerrscher der Herzen, der Allmächtige, welcher den Angriff des Satans zurückschlägt und ihm seine Beute wieder entreißt.- Es ist eine Klage, eine Herzzerreißende Klage, welche in dem Blicke sich ausspricht, welchen der Mann der Schmerzen auf Seinen Jhn verleugnenden Jünger richtet. Petrus, der geliebte Petrus, drückt einen neuen Stachel in das blutende Herz seines Heilandes. Ein Streich ist uns um so empfindlicher, je geliebter die Hand ist, von welcher er kommt. Wenn wir einen Feind seinen Haß wider uns kehren sehen, so erstaunen wir nicht, denn das ist der Lauf der Welt. Aber wenn wir da Treulosigkeit finden, wo wir Treue suchten und sie zu finden Ursach hatten, wenn un ser Freund unser Verräther wird, dann ist es schwer, dem Schmerze zu widerstehen, dann erfüllt Weh. muth und Traurigkeit unsere Seele. Dies ist der Fall, worin sich Jesus befindet. Daß das jüdische Bolt sich wider Ihn bewaffnet, das ist so erstaunlich nicht; sie kannten Ihn nicht. Daß die Pharisier auf Seinen Tod dringen, das ist so wunderbar nicht; Er hatte beständig wider ihre Laster geeifert. Daß der römische Soldat Jhn verhöhnt und mißhandelt, das ist so auffallend nicht; er hält Ihn für einen Feind seines Kaisers. Daß aber Petrus, der Ihm Sein Leiden versüßen sollte, Sein Leiden ver größert; daß derjenige, der Ihn vertheidigen soll te, Ihn verleugnet; daß derjenige, der Ihm die Hand darreichen sollte, Seine Chránen zu trock> nen, seinen Arm gewissermaßen Seinen Mördern darbietet, dies ist es, was dem Erlöser durch 99 das Herz geht, dies ist die Klage, welche wir in Seinem traurigen, thrånenfeuchten Blicke lesen. Wir lesen noch mehr darin, wir lesen darin daß Mitleiden, welches Er mit einer Seele hat, die ihrem Untergange entgegeneilt. Es ist uns, als spräche Er: Simon, Jonas Sohn, Ich gebe Mich willig und gern zum Opfer für dich dahin, wenn nur dieß Opfer deine Seligkeit erkauft; mit Freuden unterwerfe Ich Mich der Gerechtigkeit Meines Vaters, wenn du nur dadurch von ihm freigesprochen wirst. Aber da Ich selbst in der Stunde meines Todes sehen muß, daß du dich eben diesen Erbarmungen, deren ganzen Schak Ich dir öffne, entziehst; da Ich sehe, daß du das Blut des Bundes unrein achtest, das Jch jetzt vergießen will; da Ich sehe, daß Ich sterbe, für dich vergeblich sterbe, wenn du dich nicht wieder von deinem Fall aufrichtest, so wird Mir Mein Leiden noch schmerz licher, Mein Tod noch bittrer." Diese Worte lesen wir in dem Blicke Jesu. Und als Er den Jün ger ansiehet, krahet der Hahn. Diesen Augenblick wählte der Herr, um ihm sein Versprechen, seine Betheuerungen, seine Schwüre in das Gedächtniß zurückzurufen, und seine Seele mit Scham und Un> ruhe zu erfüllen. Es liegt aber in diesem Blicke mehr noch als eine Klage, mehr noch als das Mit leiden mit einem armen Sünder, es liegt darin ein Wunder verborgen. Es ist dieser Blick Jesu Chri sti, wie das Wort Seines Mundes, schärfer, denn kein zweischneidig Schwert, das durchdringet, bis daß es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein. Es ist ein Blis, der auf einmal die Augen des Apostels öffnet, den Abgrund vor ihm erleuch G2 - 100 tet, in welchen er eben hinunter zu stürzen im Be griff ist; der die Schrecken zerstreuet, welche ihn verblendet haben, und jene Schrecken enthüllt, wel chen er eben entgegen gehen wollte; der seinen sin kenden Muth wieder aufrichtet, seine wankenden Knieen befestigt, seinen fast erstorbenen Glauben wieder belebt und ihn dringet, seine Arme nach dem Erldser auszustrecken, dem er den Rücken zu» gekehrt hatte. Durch diesen Blick entstehet, ich weiß es nicht, welch ein Aufruhr in seiner Seele; sein Gedächtniß kehrt zurück; sein Geist kommt wie der zu sich selbst; sein Herz wird erweicht; sein Angesicht erblaßt; in seinen Augen steigen Wolken auf, die sich in Strömen von Thránen ergießen. Jesus redet durch Blicke und Petrus antwortet durch Thränen. Gebe t. Herr Jesu! es ist die Geschichte meines Lebens, es sind die Erfahrungen meines Herzens, welche ich so eben: vernommen habe, als ich die Worte betrachtete: Jesus sabe Petrum an. Jene Klage, welche der Junger in Deinem Blicke las, jene Klage: ,, Mir hast du Urbeit gemacht in deinen Sünden und hast Mir Mühe gemacht in deinen Missethaten", jene Klage aus Deinem Munde, Du Mann der Schmerzen: ,, Ich habe dich je und je geliebet und diese Liebe für dich hat Mich in Noth und Tod getrieben und Du vergissest Meiner, du verleugnest Mich und selbst in dieser heiligen Zeit, wo dir Ulles Meine Liebe und Mein Leiden pre--, digt, gedenkst du Meiner nicht!" o Herr, o Herr, jene Klage ist auch mir durch das Herz gegangen und jener Blick, den Du auf Deinen Jünger wirfft, hat auch meine Seele getroffen. Herr! Du feufzeft über mich und Dein Seufzen bricht meinen Trot, straft meine Sünde empfindlicher als Ruthen und Scorpionen 101 " 1 thun könnten. Herr! ich habe Dich gelassen, o! laß Du mich nicht; siehe! ich fehre wieder, verstoß mich nicht, der Du gesagt haft: Wer zu Mir kommt, den will Ich nicht hinausstoßen". Und nein! Du thust es nicht, denn Du bist die Liebe und das Erbarmen. Siehe! jenes Mitleiden, welches aus Deinen Augen dem gefallenen Petrus entgegen leuchtete, jenes Mitleiden mit dem armen Sünder, in welchem ich Dich sprechen höre: Ist nicht Ephraim mein theurer Sohn und mein trautes Kind? Denn Ich gedenke noch wohl daran, was Ich mit ihm geredet habe, darum bricht Mir Mein Herz gegen ihn, daß Ich Mich seiner erbarmen muß;" jenes Mitleiden, ich sehe es, siehet auch mich an, erquickt auch mein zerschlagenes Herz, richtet auch mein zagendes Gemüth auf, tröstet auch meine weinende Seele. Ja! Herr, jene von Dir ausstrómende Wundermacht, welche den am Rande des Verderbens stehenden Petrus an Dein Herz zurückweist, ich habe sie auch an meinem Herzen erfahren, ich erfahre sie aufs Neue. Dein auf mich gerichtetes heiliges Auge thut Wunder an meiner Seele. Was die schmerzlichsten Erfahrungen, was die empfindlichsten Züchtigungen, was der Ernst des Lebens, was der Gedanke an den Tod, was die Schrecken des Gerichts wohl nicht vermocht hätten, das geschiehet, indem Du mich, indem ich Dich anschaue in Deiner Martergestalt, das thut Dein auf mich gerichtetes Gnadenauge, es zerbricht mir mein Herz, es macht mich Todten lebendig, es erweckt meinen Glauben, es füllt meine Brust mit Thrånen über mich und meine Sünde, es ziehet mich an Dein Herz und macht mich nach Deinem Troste und Deiner Gnade begierig. D Herr hilf! o Herr erbarme Dich meiner! Umen. - 102 Freitag. Mel. Herr ich habe mißgehandelt. Herr! ich muß es nur bekennen Herr! ich hab' nicht gut gethan, Darf mich nicht Dein Kind mehr nennen Ach! nimm mich zu Gnaden an! Laß die Menge meiner Sünden Deinen Zorn nicht gar entzünden. Wein', ach! wein' jetzt um die Wette Meiner Uugen Thränen: Bach! O daß ich g'nug Zåhren hätte, 3u betrauern meine Schmach! O daß aus dem Thrånen: Brunnen Kåm' ein starker Strom geronnen. Dir will ich die Laft auflegen; Wirf fie in die tiefe See; Wasch' mich Deines Leidens wegen, Treuffer Heiland, weiß wie Schnee, Lasse Deinen Geist mich treiben, Einzig stets bei Dir zu bleiben. Luc. 22, 62. " Und Petrus ging hinaus und weinete bitterlich." Die Thränen, welche die Sünde dem Menschen auspreßt, sind Thránen der Verzweiflung, Chránen der Wuth, Thränen der Buße. Chrá nen der Verzweiflung vergießt Judas und mit ihm die Welt. Er kann den Gedanken an seine Sünde nicht ertragen; er erkennt sie, er fühlt sie, er ge steht sie, aber seine glaubenslose Neue ist die Trau rigkeit der Welt, welche den Tod wirket. Chránen der Wuth vergießen die Verdammten in der Hölle, denn da wird sein Heulen und Zähnklap, pen. Chránen der Buße aber vergießen die Gläu bigen in dem Schooße der Kirche. Von welcher Art diese Thränen sind, zeigt uns das Beispiel des 103 terlich."- Apostels. ,, Petrus ging hinaus und weinete bit Bitterlich weinte Petrus. Du weinst auch über deine Sünde; aber deine Chránen löschen das Feuer des göttlichen Zorns nicht aus und deine Bußübungen verschaffen dir nicht das be seligende Gefühl der Versöhnung mit Gott, denn deine Buße ist nicht ernstlich genug, deine Thränen sind nicht bitterlich genug. Du gleichst dem Kran ken, der freilich über seine Krankheit seufzt, aber doch nicht fühlt und weiß, wie gefährlich, wie tödtlich das Uebel ist. Bedächtest du, wie groß die Majestät desjenigen ist, den du mit deinen Sünden beleidigt, wie unübersteiglich die Scheidewand, wel che du zwischen dir und deinem Gotte aufgerichtet, wie schmerzlich die Wunden, welche du deinem Heilande geschlagen, wie heilig das Gesetz, woran du gefrevelt, wie schädlich das Beispiel, das du ge geben, wie furchtbar die Strafe, wie entseßlich das Elend, welches du damit auf dich geladen hast: wahrlich du würdest sprechen, wie David: ,, Wende Dich, Herr, und errette meine Seele; hilf mir um Deiner Güte willen. Ich bin so müde von Seufzen, ich schwemme mein Bette die ganze Nacht und netze mit meinen Thränen mein Lager;" du würdest vielleicht weniger als bisher von deiner Sünde reden, aber du würdest, wie Petrus, bit terlich darüber weinen.- Als Jesus den lieben Jünger ansahe, ging er auf der Stelle hinaus und weinete bitterlich. Petrus vertraut die Sorge für seine Seligkeit nicht einer ungewissen Zukunft an, er denkt nicht: ,, Ein andermal! morgen!" er weiß: ,, Wer seiner Seele Heut verträumet, der hat die Gnadenzeit versäumet." Es giebt drei Dinge, 104 11 sagt ein frommer Mann, deren wir uns bis auf den morgenden Tag nicht versichern können: unser Leben, unsere Buße, Gottes Gnade. Du sprichst: Morgen will ich fromm werden!" Du Narr! Diese Nacht wird man vielleicht deine Seele von dir fordern. ,, Morgen willst du Buße thun." Bist du auch sicher, daß dir morgen kein Hinderniß in den Weg kommt? Morgen ist vielleicht dein Gehirn verstört, dein Gemüth zerrüttet, dein Herz verstockt. ,, Morgen willst du dich um einen gnädi gen Gott bekümmern." Aber weißt du nicht, daß die Gnade, welche du heute verachtest, dir morgen nach gerechtem Gericht könne entzogen werden? Heute streckt Gott seine Hand nach dir aus, bietet er dir Gnade an; du willst nicht; morgen ziehet er sie wieder zurück. Heute willst du nicht, morgen will er nicht. Darum, meine Seele, ach heute, heute, so du seine Stimme hörst, verstocke dein Herz nicht. Alsbald ging Petrus hinaus und weinete bitterlich. Er ging hinaus nicht aus Scheu, Christum an dem Orte zu bekennen, wo er schwach genug gewesen war, ihn zu verleugnen, sondern aus Mißtrauen gegen sich selbst. Der wahre Christ bewacht und befestiget die Seiten sei nes Herzens, deren Schwäche ihm eine traurige Erfahrung entdeckt hat; er verwandelt so seinen Verlust in Gewinn und ziehet aus seiner Niederlage Vortheil. Dieser Gegenstand, denkt er, reizte meine böse Lust, ich muß meine Augen von ihm wenden; diese Gesellschaft verführte mich zur Sün de, ich muß augenblicklich mit ihr brechen; in dem Hofe des Kaiphas verleugnete ich meinen Erlöfer, ich muß hinausgehen. Uebermuth und Sicherheit - 105 ist bei mir die Ursache von so vielen gebrochenen Gelübden, von so vielen argen Uebertretungen, von ſo vielen brennenden Schmerzen, von so vielem bittern Leide gewesen. Petrus ging hinaus und weinete bitterlich. Diese Thränen löschen seine Schuld aus durch das Blut dessen, den er beleidigt hat, diese Chránen bewegen das Herz seines Erldfers in Zärtlichkeit gegen ihn, diese Thränen sind ein Zeugniß, daß er für immer von seinem Uebermuthe geheilt ist, diese Thränen sind die Sprache eines völlig umgewandelten und wiedergeborenen Herzens, diese Chránen weint eine Liebe, welche sich auf kein ,, Lieber haben" mehr einläßt und doch stärker ist, als der Tod, und doch, nachdem sie überall das Werk Christi getrieben, überall die Schmach Christi getragen, überall dem Auftrage Christi: Weide meine Lämmer!" genügt, am Kreuze sterbend, sterbend für den Erldser, der für sie gestorben ist, ausruft: ,, Herr, Du weißt, daß ich Dich lieb have!" - Gebet. Herr! Du weißt, daß ich Dich lieb habe. Das darf auch ich sagen, und ich sage es mit einem zerknirschten und über meine Sünde bitterlich weinenden Herzen. Herr, ich weiß nur von dieser meiner Sünde zu reden; ich habe nichts vor Dich zu bringen, als bittere Thränen und aufrichtiges Herzeleid über meine Schuld, die ich im långsten Leben und mit den besten Werken nicht auszulöschen im Stande bin. Mein ganzes Leben liegt wie eine große und schwere Unklage hinter mir und die Vergangenheit låßt mich für die 3ukunft zittern; ich fann nicht für mich selbst gut fas gen, ich kann nichts von mir felbft boffen. Das Erempel der großen Heiligen und noch mehr meine eige 106 nen traurigen Erfahrungen an meinem schwachen, an meinem trogigen und verzagten Herzen demüthigen und erschrecken mich. Bist Du mir nicht gnädig und hältst Du Deine Hand nicht über mir, so weiß ich nicht, ob ich nicht vielleicht Dich noch oftmals verleugne, ob ich nicht, wie David, mich verfündige, ob ich nicht, wie Hiob, noch den Tag meiner Geburt verfluche. Ich weiß nur, daß ich schwach bin. Aber bei allen den Schwachheiten, die ich an mir finde, bei allen den Sünden, die mich drücken, fühle ich dennoch, daß ich Dich liebe, darf ich dennoch mit Petrus sagen: ,, Herr, Du weißt, daß ich Dich lieb habe." Ich fühle, daß kein Schicksal, keine Macht der Versuchung, kein Reiz der Welt, keine Lift des Satans diese Liebe in meinem Herzen zu vertilgen und völlig auszulöschen im Stande ist; ich fühle, wenn ich von Dir höre, wie voll, wie gerührt, wie durchdrungen meine Seele ist und wie entzückt ich bin, einen Erlöfer zu haben, wie Du bist; ich fühle, wenn ich Dein Wort vernehme, wie Dein Ernst mich erschüttert, Deine Gnabe mich be wegt, Deine Liebe zu dem armen Sünder mir die Thränen ins Auge treibt; ich fühle selbst dann, wenn ich unglücklich genug bin, meiner Luft zu folgen, meis nen sündlichen Begierden nachzugeben, eine Unruhe, eine Verwirrung, eine Pein in mir, die es mir deutlich sagt, daß der Heiland, den ich beleidige, eben der Heiland ist, den ich liebe; ich fühle, daß ich nicht le= ben möchte, wenn ich Dich nicht hätte, wenn Du mein nicht wårst; ich fühle, daß, wenn Du auch mich in die Holle verstießeft, ich dennoch Dich lieben müßte. O Herr Herr! ich bin der årmste, der elendeste Sünder, aber ich darf es dennoch sagen, ich muß es sagen: Herr, Du weißt, daß ich Dich lieb habe." Umen. 404 Sonnabend. Mel. Wer nur den lieben Gott 2c. Wahr ist es, übel steht der Schade, Den Niemand heilet, außer Du. Uch! aber ach! ach Gnade Gnade! Ich lasse Dir nicht eher Ruh' Erbarme Dich, erbarme Dich, Gott, mein Erbarmer, über mich! Nicht, wie ich hab' verschuldet, lohne, Und hand'le nicht nach meiner Sünd'. Um Jefu willen, Bater, schone Und nimm mich wieder an zum Kind. Erbarme Dich, erbarme Dich, Gott, mein Erbarmer, über mich! Sprich nur Ein Wort, so werd' ich leben, Sprich, daß der arme Sünder hör: Geh' hin, die Sünd' ist dir vergeben; Nur fündige hinfort nicht mehr." Erbarme Dich, erbarme Dich, Gott, mein Erbarmer, über mich! Wie lang soll ich vergeblich klagen? Horst Du denn nicht? Hörst Du denn nicht Wie kannst Du das Geschrei vertragen? Hör, was der arme Sünder spricht: Erbarme Dich, erbarme Dich, Gott, mein Erbarmer, über mich! Ich zweifle nicht, ich bin erhöret, Erhöret bin ich Zweifels frei, Weil sich der Trost im Herzen mehret. Drum will ich enden mein Geschrei. Ich lobe Dich, ich lobe Dich, Gott, mein Erbarmer, über mich! 107 Matth. 27, 3-5. Da das sahe Judas, der Ihn verrathen hatte, daß Er verdammet war zum Tode, gereuete es ihn, und brachte herwieder die dreißig Silberlinge den Hohenpriestern und den Ueltesten und sprach: Ich habe übel gethan, daß ich unschuldig Blut verrathen habe. Sie sprachen: was gehet uns das an? Da siehe du zu. Und er warf die Silberlinge in den Tempel, hub sich davon, ging hin und erhenkte sich selbst. 108 Der Unschuldige ist ein Opfer der Bosheit geworden; die Hohenpriester haben Ihn verurtheilt zum Tode. Es muß jedoch dieß Urtheil vom römis schen Landpfleger bestätiget und vollzogen werden.. Gebunden wird der Herr dahin geführt. Ein wil. der Volkshaufe begleitet Ihn auf diesem schreckli chen Gange. Siehe da! mitten im Gedränge eine furchtbare Gestalt mit verzerrtem Angesichte; Ent> setzen, Schreck, Grauen liegt in seinen Zügen. Judas ist's, das Kind des Verderbens. Noch immer trågt er die Silberlinge, wofür er Ihn verkauft, in den Händen, aber wie brennt ihm jetzt dieß Geld, das seines Herzens Lust gewesen war, in der Hand, da er solchen Ausgang sieht. Nun reuet ihn seine Unthat, nun eilt er zu den Hohenpriestern und Ael testen und bringt den schrecklichen Lohn ihnen zurück und spricht: ,, Ich habe übel gethan, daß ich unschuldig Blut verrathen habe." Thörichter Judas! Meinest du Mitleid zu finden bei den Feinden des Herrn? Wenn du Jhn selbst nicht um Gnade bit test und bei Ihm keine Hülfe findest, so wird dir keine Rettung zu Theil aus deiner Angst! Wie der Satan sich freuet über die Verzweiflung seiner Beute, wie die Hölle lacht, wenn sie eins ihrer Opfer empfängt, so fühllos und höhnend sprachen die Hohenpriester und Aeltesten: ,, Was geht das uns an? Da siehe du zu!" Und zurückgestoßen von der Welt und ohne Muth, an den Berrathnen sel. ber sich flehend zu wenden, bleibt dem Kinde des Verderbens nichts übrig als Verzweiflung. Judas wirft die Silberlinge in den Tempel und geht hin und erhenkt sich. Wehe dem Berräther! Jeht erfüllt sich an ihm das Wort des Herrn: ,, Des 109 Menschen Sohn geht zwar dahin, wie von Ihm geschrieben steht, doch wehe dem Menschen, durch welchen Er verrathen wird. Es wäre demselbigen Menschen besser, daß er nie geboren wäre." Schrecklicher, als alle Flüche, welche von Sinai hernieder donnern, welche, auf Ebal in die Steine gegraben, von Hunderttausenden zitternder Männer wiederholt werden, welche die Propheten des alten Bundes im Namen Jehovah's über das halsstarrige Volk aussprachen ist das ruhige stille ,, Wehe!" aus dem Munde dessen, der gekommen ist, zu su chen und selig zu machen Alles, was verloren ist. Und dieses Wehe hub schon an, in jener Abendstunde über Judas zu kommen, als der Herr ihm den Bissen reichte und er sich entlarvt sahe vor Gott und Menschen. Welche Angst mußte ihn da ergreifen! Wir sollten meinen, in diesem Augenblicke, wo er sich erkannt sahe, hätte er überwältigt aus rufen müssen: ,, Ja Herr! ich hatte Verrath gesponnen wider Dich, ich war Dein Verräther, aber nun bin ich's nicht mehr, erbarme Dich über mich, vergib mir!" Aber die Sünde hat einen eisernen Arm. Ach ob auch Gottes Auge ihr Ges webe durchschaut, ob es auch keinen Winkel giebt und keine Stunde, wo sie unbemerkt ihr Wesen treiben kann, ob auch die Menschen nahe und ferne mit Fingern darauf weisen, ob auch keine Selbstbeschönigung hilft und im Innern des Herzens tau send Anklagen wach werden: so hält sie doch ihre Opfer fest umschlungen und läßt sie nicht.- Bom Judas lesen wir, der Satan fuhr in ihn. Dieletzten Regungen der Liebe zu dem Herrn erstarben in seiner Seele, das noch mühsam glimmende Tocht - 110 seines Glaubens an Ihn erlosch völlig, die Liebe zu dem blanken Gelde überfluthete sein ganzes Wesen, der Vorsatz des Verrathes wurde unwiderruflich, und der Satan hatte nun das Regiment in ihm, ihm mußte er sich fügen und seinem Gebote gehor chen. Der arme Sclave des schrecklichen Herrn, wie ein willenloses Werkzeug ward er getrieben hinzu gehn und den Herrn der Gnaden zu verrathen. Doch wie nun das Lamm Gottes dahin wankt, ges fesselt und zerschlagen, vom wilden Haufen verspot tet und verhöhnet- da faßt den Verräther eine namenlose Angst, da erkennt er sein Werk, kein Schleier verhüllt ihm mehr sein Verbrechen, keine Entschuldigung gilt mehr, dieser Ausgang zeigt ihm seine Schandthat in ihrer nackten Gestalt der Mann der Schmerzen ist ein Spiegel seiner Sünde. Und ist Er nicht auch der Spiegel deiner Sünde, meine Seele? Siche! so viele Striemen Er trågt, so viel Wunden Ihm geschlagen sind, so viel Schmach und Hohn Er erfahren, so viel Bdses hast du ihm angethan; an Seinen Schmer zenszeichen erkenne deine Schuld, deine ganze Schuld, und gehe zum Seelenfreunde, daß er dir vergebe, daß er dich erlöse, dich errette. Das ist freilich ein saurer Weg, Fleisch und Blut sträubt sich dagegen, den um Vergebung und alle Him melsgaben anzuflehn, dem man das Bitterste ange than- aber es gibt keinen andern, und kannst du nicht stehend, und festen Schrittes mit erhobenem Haupte diese Bitte vor Jesum bringen, so komme kriechend, zitternd, seufzend und weinend zu Jhm heran, wie David, Magdalena und Petrus. Wehe! Judas, der Sein Brot aß und Ihn mit O 111 Füßen getreten, wagt's nicht, diesen Weg zu gehen. Seine Schuld in ihrer schauderhaften Größe stand ihm vor Augen, aber die Gnade des Heilandes in ihrer unendlichen Tiefe sahe er nicht, er bebt, wie Kain, vor sich selbst zurück, er schaudert wie Saul vor dem Abgrunde des Verderbens, in welches er gesunken; und um der Höllenangst zu entweichen, eilt er, wie jener unglückselige König Jsraels, der Höllenqual in die Arme. Dort, wo der Wurm, der niemals stirbt, immer beißt und nagt, dort, wo das Feuer, welches nie verlischt, immer glüht und brennt, dort, wo der Satan ewiglich seine Lust hat an den Qualen der aus Jesu Netterhand gefallenen Seelen, dort hinunter stürzt sich der Selbstmorder Judas. Wehe demselben Menschen, es wäre ihm besser, daß er nie geboren wäre! - Gebet. Barmherziger Heiland! Auch ich habe Dich verrathen tauſendmal mit meinen Sünden, auch ich trage den Sündenlohn in meinen Hånden, auch ich habe Dich überhäuft mit Schmerzen und mit Wunden. Uch laß meine Sünden mich nicht mehr leugnen und beschönigen, zeige mir vielmehr Deine Striemen und Wunden und laß mich daran die Größe meiner Schulden merken. Und wenn ich dann bei ihrer zahllosen Menge, wie Judas verzweifeln und wie Kain rufen möchte: ,, Meine Sünde ist größer, als daß sie mir vergeben werden könnte!" o dann zeige mir die unergründliche Tiefe Deiner Gnade, laß mich hören die freundliche Stimme: ,, Ich bin um der Sünder und nicht um der Gerechten willen gekommen, Ich will nicht, daß Einer verloren gehe, sondern, daß alle zur. Wahrheit kommen;" laß mich liegen auf dem Felsen Deiner Verheißungen, und fülle mich mit Muth und fröhlichem Bertrauen, zu Dir zu gehen und Dich um 112 Deine Gnade recht getroft und brünstig zu bitten. Un Judas Beispiel sehe ich's recht deutlich, wie nicht die Sünde, sondern nur der Unglaube die Seele in das ewige Verderben stürzen kann. D hátte das Kind des Verderbens nur Glauben wie ein Senfkorn und Muth gehabt wie der Schächer am Kreuze, Einen Blick zu Dir zu wenden, Ein Wort des Flehens an Dich zu richten, Barmherziger! Du hättest selbst Deinen eigenen Verråther nicht verstoßen! Aber da er an Dir verzweifelte, kam das Verderben schnell über ihn. Darum bitte ich, Herr, und lasse Dich nicht, bis Du mich erhörest, zünde die Fackel des Glaubens in mir an und laß fie recht helle brennen und wenn das thörichte und tråge Herz, das trogige und verzagte Fleisch, mein Leichtsinn, und meine Sünde mir Dein Gnadenlicht überdecken, oder gar auslöschen wollen, o dann thue Du, Barmherziger auch für mich, was Du für Petrum gethan haft, bete dann, daß nur mein Glaube nicht aufhöre, auf daß ich nach jeder Abkehr von Dir und Deinem himmlischen Vater an Deiner Gnade nicht verzagen, sondern mich immer weinend und flehend zurückwenden und Dich getroft bitten möge: ,, Erbarme Dich, Gott mein Erbarmer über mich!" Ach Herr, stärke meinen Glauben, hilf meinem Un glauben! Umen. 30 Vierte Woche. ( Von Oculi bis Låtare.) Jesus vor dem römischen Landpfleger Pontius Pilatus. Sonntag. Mel. Jesu komm doch selbst zu mir. Nun so bleibt es fest dabei, Daß ich Jefu eigen fei; Welt und Sünde fahret hin, Weil ich schon versprochen bin. Jesus ist mein höchstes Gut; Denn Er gab Sein theures Blut Uuch für mich verlornes Kind, Daß mein Glaube Gnade find'. Nun ich strecke mich nach Dir; Jacobs Glaube zeiget mir, Wie man heftig mit Dir ringt, Bis man Dich zum Segen bringt. Cher laß ich Dich nicht hin, Bis ich ganz versichert bin; Bis ich weiß: Dein Blut ist mein, Und ich soll errettet sein. Umen, ja Du höreft mich, Und ich Urmer lobe Dich. Ja zum voraus will ich schrein: Sesus wird mein Helfer sein! Joh. 18, 36. " Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dies ser Welt. Wäre Mein Reich von dieser Welt, Meine $ 114 Diener würden darob kämpfen, daß ich den Juden nicht überantwortet würde; aber nun ist Mein Reich nicht von dannen." Auf dem Delberge war der Erlöser im göttlichen, im Pallaste des Hohenpriesters im geistlichen Gerichte gewesen, jetzt ist Er vor Seinen weltlichen Richter gestellt. Man hat Ihn gebunden zum rdmischen Landpfleger Pontius Pilatus geführt. Wie dort zu einem Gotteslästerer, so will man Ihn hier zu einem Empörer machen. Man klagt Ihn an: Diesen finden wir, daß Er das Volk abwendet und verbeut den Schoß dem Kaiser zu geben und spricht: Er sei Christus ein König." Man fordert, daß die Todesstrafe an Ihm vollzogen werde. Da ruft Ihn Pilatus in das Richthaus und fragt: ,, Bist Du der Juden König?" Und der Herr antwortet: ,, Mein Reich ist nicht von dieser Welt." Und auf Seine Unterthanen weifet Er den Richter hin, wie sie nicht Schwert und Lanze für Ihn erhöben, und wie dar aus leicht der Schluß zu ziehen wäre, daß Sein Reich nicht von dannen sei. Wohlan meine Seele! Auch auf das Zeugniß deines Lebens und Wandels will sich dein Heiland berufen; deine von dieser Welt entrückte Weise soll den Heiligen rechtfertigen vor der Welt, dein Verleugnen, deine Demuth, deine Geduld solls der Welt beweisen, daß Jesu Reich kein Reich sei von dieser Welt. Denn nach den Christen beurtheilet man Christum, nach den Bürgern des Reiches das Reich selbst. Zeugen also sollst du im merdar, durch Wort und hat für Ihn und Sein Reich; und wie sehr bist du Jhm dieses Zeugniß schuldig, du, für den Er Sich gegeben, du, den Er aus Gnade und Barmherzigkeit berufen und erwählt zu dem Genusse 115 11 Seiner himmlischen Güter! Aber wie sehr läsfest du es an eben diesem Zeugnisse fehlen! Mein Reich ist nicht von dieser Welt," spricht der Herr, und wir, Seine Zeugen, bekennen uns wohlbedach. tig und mit kaltem Blute durch Reden und Erems pel für die Grundsätze der Welt, die Seinem Reiche gerade entgegen stehen. Sein Reich ist nicht von dieser Welt: wir aber, Seine Reichsgenossen, sind mit unsern eifrigsten Bemühungen, unsern heftigsten Wünschen, unsern nagendsten Sorgen darauf gerichtet, uns in dieser Welt festzusehen und mit immer stärkern Banden an sie zu fes seln. Sein Reich ist nicht von dieser Welt: wir aber unterscheiden uns nicht durch Demuth, Bescheidenheit und Menschenliebe von den Kindern der Welt, sondern stehen mit unserm Stolze, unse rer Anmaßung und unserer Eitelkeit mitten unter ihnen. Sein Reich ist nicht von dieser Welt: wir aber zögern noch immer, uns von Allem loszusagen, was nicht vom Vater ist, sondern von der Welt, nämlich der Augen Lust, des Flei sches Lust und hoffärtiges Wesen. Wir können's noch nicht fassen, daß Alles, was uns von den Banden dieser Welt befreien kann, und wenn es die tiefste Erniedrigung, die unerträglichste Armuth, die heftigste Krankheit wäre, uns der unschäßbarste Gewinn ist. Wir können's noch immer nicht hö ren und ertragen, wenn man uns sagt, daß ein Lazarus, der zwar von Schmerzen der Krankheit zerrissen ist, an dem die Würmer nagen, der nur zu leben scheint, um zu leiden, der aber mitten un ter allen diesen Leiden Gott fürchtet, und betet, und auf einen seligen Tod wartet, unendlich rei 2 116 cher und glücklicher ist, als der hochgepriesene reiche Mann, der Gott verachtet, obgleich er in Purpur und köstliche Leinwand sich kleidet, alle Tage herrlich und in Freuden lebet, und von einer bewundernden und schmeichelnden Menge umgeben ist. Ach Herr! wie sehr mangeln Deine Knechte noch des Zeugnisses, welches sie durch Wort und That für Dich und Dein himmlisches Reich sollten ablegen! Gebet. Treuer, hochverdienter Heiland, habe Dank, daß Du ein Reich angefangen hast, das nicht von dieser Welt ist. Die weltlichen Reiche werden zertrümmert, Dein Reich bleibet in Ewigkeit; über die weltlichen Reiche kommt bald ein Stårkerer, Dein Reich sollen die Pforten der Hölle nicht überwältigen, und seine Segnungen bleiben uns für und für. O wie elend ftande es um uns Menschenkinder, wären wir nur Bürger der Erde, und nicht auch Deines himmlischen Reiches. Was könnte dann uns erheben, wenn die Welt und ihre Lust uns in ihrer Nichtigkeit, Eitelkeit und Leere erscheinet? Was wäre unsere Hoffnung und unser Trost in Zeiten der Krankheit und Schwachheit, des herannahenden Alters, der entschwindenden Kräfte, des drohenden Todes? Ich danke Dir, ich preise Dich, o Herr! daß Du mich zu einem Bürger Deines himm lischen Reiches gemacht hast, daß es eine zukünftige Welt ist, vor deren Throne ich stehe. Was hülfe mir ein Heiland, der nur hier auf Erden herrschet! Meine Seele bedarf eines Erlösers, der im Himmel regieret und dort meinen Namen angeschrieben hat. Mein füs Bester Gedanke, meine herrlichste Hoffnung ist die, daß ich Dich einst sehen soll, wie Du bist, wie Du sigest zur Rechten Deines Vaters in der Höhe, und die vier und zwanzig Weltesten und die vier Thiere, wie fie niederfallen vor Dir und ihre Kronen zu Deinen FüBen legen, und wie die frohlockenden Chöre der triumphis 117 renden Kirche erklingen: ,, Herr Du bist würdig zu nehmen Preis, Ehre und Kraft"( Offb. 4, 11.)! O fes lige Aussicht, die sich mir darbietet auf meinem Sterbe bette, in meiner Todesangst, mitten in den Finsternis fen meines letzten Stündleins, wenn Du auf mich blis dest mit treuem Gnadenauge, wenn Du mich beim Namen nennst, mir Muth einsprichst, mir zurufft: Wer überwindet, dem will Ich geben, mit mir auf dem Stuhl zu figen," ja, der noch mehr thut, der mir Kraft giebt, zu siegen und nach dem Siege mir auss hilft zu Seinem himmlischen Reiche und mich krönet. Dir sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit. Umen. Montag. Mel. Schmücke dich, o liebe Seele. König, dem kein König gleichet, Deffen Ruhm kein Mund erreichet, Dem als Gott das Reich gebühret, Der als Mensch das Scepter führet, Dem das Recht gehört zum Throne, Als des Baters ew'gen Sohne, Den so viel Vollkommenheiten Krönen, zieren und begleiten. Himmel, Wasser, Luft und Erde, Nebst der ungezählten Heerde Der Geschöpfe in den Feldern, In den Seen, in den Wäldern, Sind, Herr über Tod und Leben! Dir zum Eigenthum gegeben. Thiere, Menschen, Geister scheuen, Menschensohn, dein mächtig Drauen. Herrsche auch in meinem Herzen Ueber Zorn, Furcht, Buft und Schmerzen. Laß mich deinen Schuß genießen, Laß mich dich im Glauben küssen, Ehren, fürchten, loben, lieben, Und mich im Gehorsam üben; Daß ich einst nach Kampf und Leiden Mit dir theile deine Freuden. 118 Joh. 18, 37. Da sprach Pilatus zu Ihm: So bist Du den= noch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, Ich bin ein König." Das Verhör im Richthause hat seinen Fort gang. Demüthig und frei beantwortet der Herr und Richter über die Lebendigen und Todten die vom irdischen Richter Ihm vorgelegten Fragen.. Als der Landpfleger fragt: ,, So bist Du dennoch ein König?" antwortet die Stimme dessen, dem Wind und Meer gehorsam waren, und dessen Wort wahrhaftig ist: Du sagst es, Ich bin ein König!" Mächtiges, majestátisches Wort! Mit ihm fallen die Decken und Hüllen, damit Seine Herrlichkeit und Majestät überkleidet war, das Knechtsgewand sinket und der König der Ehren steht vor unsern Blicken da. Wie Er vor dem Hohenpriester Seine Gottheit fühn bezeugte, daer auf dessen Frage: ,, Ich beschwöre Dich bei dem lebendigen Gott, daß Du uns sagest, ob Du feist Christus, der Sohn Gottes deß Hochgelobten?" frei bekannte: ,, Ich bin es!" so bekennt Er hier, vor dem weltlichen Gerichte, frei und kühn:„ Ich bin ein König!". Und siehe! Er ist's! Ob Er auch den Purpurmantel zum Spotte nur trägt, ob auch Sein Scepter nichts, als ein Rohrstab, und Seine Krone aus spitigen Dornen geflochten ist, so ist Er dennoch ein wirklicher König, ia der König aller Könige und der Herr aller Herren.- siehe O Ihn nur recht an in Seiner Erniedrigung, meine Seele! und erkenne an Ihm die Zeichen Seiner zwar verhüllten, aber dennoch majestátischen und toniglichen Herrlichkeit. Was ists doch, was einen Menschen zum Könige macht? Daß Er der erstge. - 1 119 borne Sohn eines königlichen Vaters ist, daß die Krone Sein Erbtheil von Geburt. Und der mit der Dornenkrone, ist er nicht der eingeborne Sohn des allmächtigen Vaters voll Gnade und Wahrheit, ist nicht der Thron aller Himmel Himmel sein ewi ges Erbe? Eines Königs Zeichen ist königliche Macht, er gebietet und Millionen gehorchen. Und der mit dem Rohrstabe in der Hand? Er sprach: und die Blinden wurden sehend, die Lahmen gehend, die Tauben hörend, die Ausfähigen rein, die Stummen redend und die Todten standen auf. Er sprach: und die brausenden Wogen legten sich wie spielende Lämmer zu Seinen Füßen, die Stürme schweigen stille und den bangen Herzen ward es leicht. Er sprach: und die Schergen stürzten zu Boden, wie vom Blike gerührt, der Schächer am Kreuze sieht den Himmel offen, und Seine Mörder schlagen zitternd an ihre Brust. Eines Königs Zeichen ist Seine Würde; Millionen beugen vor seinem Purpur das Haupt und sein Wort ist ihr Gesetz. Und der mit dem spottenden Purpur mantel? Vor' Ihm beugen sich aller derer Knice, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind und alle Zungen bekennen, daß Er der Herr sei zur Ehre Gottes des Vaters. Eines Königs Zeichen ist das Reich, das Jhm unterthan; je grd ßer seine Lande, je fester seines Reiches Verfas sung, je glücklicher seine Unterthanen, desto königlicher der Herr. Und der Verachtete und Ver höhnte? Er hat ein Reich angefangen, so weit die Welt geht, und Seine Paniere wehen bis an die Grenzen der Erde; und soll Eine Heerde und Ein Hirte werden. Alle Reiche dieser Welt, aus Trüme - - - 120 mern verfallener Erdenreiche erbaut, stürzen bald wieder in Trümmern zusammen: Sein Reich aber sollen die Pforten der Hölle nimmer überwältigen, und Seine Unterthanen jauchzen: ,, Im Herrn haben wir Gerechtigkeit und Stärke, und sind er füllt mit Friede und Freude und allerlei lieblichen und köstlichen Reichthümern und überschwenglicher Hoffnung und Seligkeit!" Eines Königs schönstes Zeichen ist sein Werth, je treuer er die Seinen liebt, desto geliebter; je mehr seine Gesetze Gottes Gesetze sind, desto gesegneter und herrlicher ist er.- Und der Verfolgte und Gehaßte und zum Tode Ueberantwor tete? Er spricht von Sich selber: Niemand hat größere Liebe, denn die, daß er sein Leben läßt für seine Freunde," und diese Seine Liebe hat Er mit Seinem Blute besiegelt auf Golgatha; Er bekräf tigts: ,, Meine Lehre ist nicht mein, sondern deß, der mich gesandt hat!" Und wie Er nach Seinem innern Wesen, so war Er auch nach Seinem Wil len und Gesetze mit dem Vater Eins; Er fordert Freunde und Feinde heraus: ,, Welcher unter euch kann Mich einer Sünde zeihen?" und die Freunde rufen: ,, Er hat niemals eine Sünde gethan und ist auch kein Betrug. in Seinem Munde erfunden wor= den!" und die Feinde rufen staunend aus: ,, Wahrlich dieser ist ein frommer Mensch gewesen." Siehe dal das ist dein König, dein König in der Knechtsgestalt, geschmåhet und verhöhnet, erniedrigt und zerschlagen, aber dennoch dein König! Und wenn Er dich auch nicht mit irdischen Ehren und Reichthümern überhäufen sollte, wie Erdenkönige ihren Günstlingen thun, wenn vielmehr bei Ihm Verach, tung, Schmach und Armuth zu finden wäre, so 121 folge Ihm dennoch treu und halte dich recht nahe an Deines Königs Seite, denn einen Frieden, den die Welt nicht kennt, und der besser ist als tausend Schäße Goldes, des Himmels Krone und das ewige Erbtheil in der Stätte, die Er den Seinen mit blutenden Händen erbaut, der heiligen Engel Gemeinschaft im himmlischen Jerusalem, das ist die Beute, die dein König in Seinem Streite für dich gewonnen, das sind die Gaben, die Er denen bereitet hat, die Seine Erscheinung lieb haben, Sein eigen sind und in Seinem Reiche unter Ihm leben und Ihm dienen in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit. Gebet. Jesus Christus, himmlischer König! wie möcht ich's gerne, daß ich mit Leib und Leben, Thun und Lassen, Hoffen und Streben Dein Diener und Dein Unterthan wäre, daß, gleich wie Du nicht von der Welt bist, auch ich nicht von dieser Welt wäre. Ich sehe Dich an in Deiner Demuth und Selbsterniedris gung, der Du nicht nur vom Throne Gottes in Schmach und Bande herab gestiegen bist, sondern auch von als lem Glanze dieser Welt Dich losgesagt haft; der Du flohest, wenn man Dich haschen und zum Könige machen wollte, und Dich willig ergreifen läsfest, wenn man Dich verspotten und verspeien will; und bitte Dich, Du wollest mir solchen niedrigen und demüthigen Sinn geben, daß ich nicht mehr der irdischen Ehre geis zig sei und ihr nachjage, sondern vor derselben fliehe so wie Du, und es von mir ferne fein lasse, daß ich mein Zichten und Erachten darauf richte, wie ich bös her steige in der Welt und es Undern zuvor thun möge, damit das mein Wahlspruch werde: Du must wachfen, ich aber abnehmen!" und ich mit David den Entschluß fasse: Ich will noch geringer werden und nie. 122 brig sein in meinen Augen. Ich sehe Dich an in Deiner Armuth, der Du, ein König Himmels und der Erden, doch so arm warst, daß Du nicht hattest, wo Du Dein Haupt hinlegtest, der Du alle Deine Himmel und ihre Schäße dahin gabst zu unserm Besten. Wohlan! laß es auch mein Werk nicht sein, daß ich Schåbe samme le, danach die Diebe graben und welche Motten und Rost fressen. Hilf mir vielmehr, daß da, wo mir Erdenschäße zufallen, ich nimmermehr mein Herz daran hange, sondern mir eifrig einen Schat im Himmel fammle auf das Zukünftige, und Geben für seliger halte, als Nehmen. Ich sehe Dich an, himmlischer König, in allen Deinen Schmerzen und Leiden, wie Du dahin gehst, Dein Leben zu lassen zu einer Erlösung für Viele. Uch hilf mir doch, daß ich nun auch absage aller Ueppigkeit und Wollust, daß ich der Mäßigkeit, Keuschheit und Reinigkeit mich befleißige, und auch der erlaubten Freuden und Gemächlichkeiten des Lebens mich mit Zucht und ehrbarer Verleugnung bediene. O hilf mir, mein König und mein Herr, daß die Scla= venketten des Satans je mehr und mehr mir von Leib und Seele sinken, und ich von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüthe Dein Knecht und Diener werde, Dir getreu und folgsam, Dir erge ben in allen Dingen, auf Dich blickend und Deinen Fußstapfen nachfolgend bei allen meinen Schritten. Sagst du dich los von der Pracht der Welt, was hab ich dann noch damit zu schaffen? Hast Du Dich so tief erniedrigt, daß Du für den himmlischen Schooß des Vaters die armselige Erde, für Deine ewige Strahlenkrone die spißen Dornen, für den Himmel, der Dein Gewand und die Morgenrothe, die Deines Kleides Saum, ein höhnend Spottgewand eingetauscht, was soll ich dann mit stolzem Sinne noch nach irdischer Ehre streben? Bist Du gemartert und zerschlagen, was foll mir dann noch Wollust und Ueppigkeit? brich Du das stolze, fleischliche, lüsterne, thörichte Herz in mir entzwei, und gieb mir ein neues nach Deinem Wohlgefallen, darinnen Du allein König seist, darin 123 nen Deine Liebe wohne, Deine Kraft regiere, Dein Geses gelte,- Dein Friede bleibe, o Jesu! Umen. Dienst a g. Mel. Ein Lammlein geht. Du trägst der Missethäter Lohn Und hattest nie gefündigt; Du, der Gerechte, Gottes Sohn! So war's vorher verkündigt. Der Frechen Schaar begehrt Dein Blut; Du duldest göttlich groß die Wuth, Um Seelen zu erretten. Du litt'st und starbest auch für mich, Denn Gott warf Uller Sünd auf Dich, Damit wir Frieden hätten. Luc. 23, 18-21. ,, Da schrie der ganze Haufe und sprach: Hinweg mit diesem, gieb uns Barrabam los, welcher war um eines Aufruhrs und um eines Mordes willen ins Gefängniß geworfen. Da rief Pilatus abermal zu ihnen und wollte Jesum los lassen. Sie riefen aber und sprachen: Kreuzige, kreuzige Ihn!" - Ein unheimlich Nachtstück liegt vor uns; da ist auch nicht ein Lichtpunkt, lauter dichter, dunkler Schatten, auch nicht ein Zug, bei welchem Auge und Herz gern verweilte. Pilatus führt Jesum und Barrabam heraus vor das Volk und spricht: ,, Wäh let, welchen soll ich euch losgeben!" Grauenvolle Wahl! Jesus und Barrabas! Der Sohn Gottes, der Herr der Herrlichkeit, das Licht der Welt, der Fürst des Lebens, vor dem die tausend mal Tau send der himmlischen Heerschaaren anbeten, dieser und- Barrabas, eine finstere Schreckenserschei 124 nung, eine Pestbeule der Menschheit, der nichts. würdigste unter den Verbrechern, welche die Ge fängnisse der großen und verderbten Stadt bewohnen. Und der Sohn Gottes wird verworfen, das unglück selige Volk entscheidet sich für Barrabas. Grauenvolle Wahl!- Jesus und Barrabas! Jesus, die heilige Liebe; Jesus, der keine Sünde gethan hat; Jesus, über den der Lobgesang erschallt: ,, Heilig, heilig, heilig ist der Herr, alle Lande sind Seiner Ehre voll, dieser und- Barrabas, der Empd. rer und Mörder, den die schwersten Verbrechen an klagen, das Satanskind. Und Jesus wird verwor fen, das unglückselige Volk entscheidet sich für Barrabas. Grauenvolle Wahl!- Jesus und Barrabas! Jesus der Allerfreundlichste und Liebreichste, der umhergezogen ist und hat wohlgethan und ges sund gemacht! Jesus, der niemandem etwas zu Leide gethan hat, sondern Jeden segnen und se lig machen will. Jesus mit dem holdseligen Angesichte, mit dem heiligen Liebesblicke, mit dem Ausdrucke des tiefsten Seelenschmerzes in der gan zen rührenden Gestalt, dieser und- Barrabas, der Feind Gottes und der Menschen, mit dem Kains. zeichen, mit dem frechem Troße, mit dem Blicke des Hasses und der Tücke. Und Jesus wird ver worfen, das unglückselige Volk entscheidet sich für Barrabas. Grauenvolle Wahl! Uns schaudert vor diesem entseßlichen Ereignisse längst vergangener Tage. Doch was sagst du, wenn es uns nicht so fern und fremd wäre, wenn es sich beweisen ließe, daß etwas durchaus Aehnliches, wie diese grauenvol le Wahl, oft genug unter uns, in uns sich ereignet. Jal in der Tiefe des Herzens siehet es oft trübe - - 125 und finster aus, und es giebt Augenblicke in jedes Menschen Leben, wo wir uns verabscheuen müs sen, wo die ganze Welt uns verabscheuen müßte, könnte sie in unser Herz hineinsehen. Es gehet da auch in dir eine Wahl vor zwischen Jesus und Bar rabas und das Herz entscheidet sich für den Mörder. Höre und urtheile. Nicht wahr, Barrabas siehet aus, wie die Sünde in Person, so häßlich, so schmu hig, so verbrecherisch, so unheilbringend; nun denn, seße für Barrabas die Sünde. Jesus und die Sünde, beide treten oft genug zusammen vor uns hin und fordern: ,, Entscheidet euch!" Wie fällt die Entschei dung aus? Die Hand aufs Herz, sei ehrlich. Bis weilen, ja bisweilen erwählt deine Seele den Herrn, aber häufig, aber wenn deine Lieblings. und Schooßsünde vor dir steht, oder wenn der Drang der Begierde das Feuer der Leidenschaft, die schmeich lerische Luft sich nahet, wie dann, wie dann, o Seele? Leuchte hinein mit der Fackel des Evangeliums in die dunklen Stunden deines Lebens. Da steht Jesus der Sohn Gottes, Dein Herr und Heiland mit den Wunden, die Er für dich Sich hat schla. gen lassen, mit der Dornenkrone, die Er für dich getragen, mit den Någelmalen an Händen und Fü ßen, und Sein Mund fließt in Liebe für dich über, Er warnt, Er ruft, Er bittet, Seine Stimme ist so lieblich, Er streckt beide Arme nach Dir aus und spricht: ,, Erwähle mich, erwähle mich, wenn du es gut meinst mit Deiner Seele, hier ist Licht, Trost, Gnade, Seligkeit!"- und da stehet die Sünde und redet verführerisch darein und erregt das un heilige Feuer deiner Lust und bethört deine Sinneund verwirrt, dein Urtheil und schmeichelt sich in 126 dein Herz hinein und dein Auge siehet nicht, wie häßlich, wie verabscheuenswürdig sie ist, ach! und du läßt den Heiland und Seine Gnade fahren und erwählst die Sünde, Barrabam! Grauenvolle Wahl! Statt der Gnade wählst Du das Gericht, statt der Unschuld die Schuld, statt des Heils daß Verderben, statt des Himmels die Hölle, statt Got tes den Teufel. Du trittst den Sohn Gottes mit Füßen und achtest das Blut des neuen Testamentes unrein. Darfst du dich wundern, wenn du eme pfängst, was du erwählest; darfst du dich wundern, wenn jedesmal, so oft du die Sünde dem Herrn vorziehest, Jesus sich von dir wegwendet, wenigstens auf eine Zeit lang, und dein Herz nun der Schmerz anfällt und der Streit und die Qual deine Seele ergreift, bis du durch schwere Buße und nach langem Suchen unter heißen Thränen Ihn wieder findest, den Verschmähten und Gekränkten? Je öfter aber der Mensch das Grauenvolle thut und die Sünde wählt, wenn Sesus nach seiner Seele sucht, desto weiter kommt er von dem Herrn weg und zuletzt behält er, was er gewollt hat, ein in der Sünde verstocktes Herz, das Verderben und die Hölle. Was sagst du, mein Christ? Nicht wahr, es ist etwas Entseßliches um die Sünde? Sie treibt uns immer zu der Wahl zwischen Jesus und Barrabas; wir können nicht fündigen, ohne den Herrn zu verleugnen, zu verwerfen, zu freuzigen, und das furchtbare Schauspiel vor des Landpflegers Pallaste wiederholt sich in der Menschenbrust. Doch Barrabas war noch ein Mensch, noch nicht durch und durch Sünde; die Sünde aber ist nichts weiter als Sünde, eine Frucht des Teufels, eine - 127 Ausgeburt der Hölle, eine häßliche, scheußliche, verderbenbringende Erscheinung, wie sehr sie sich auch verstelle und in wie liebliche Gestalten sie sich auch kleide. O wenn es nun wieder bei uns zur Wahl kommt, zur Wahl zwischen Jesus und Barrabas, und das wird es, vielleicht morgen schon, vielleicht heute noch, dann wollen wir uns an des Heilands treues Herz werfen und nie wieder den Mörder Barrabas dem lieben Herrn Jesu Christo vorziehen, nie, nie wieder! Gebet. Nein! nie, nie wieder, o Herr, will ich die Sünde Dir vorziehen. D, es ist ein arger Betrug, es ist eine grauenvolle Wahl, für das Licht die Finsterniß, für den Frieden des Herzens ein böses Gewissen, für das Heil das Verderben, für die Seligkeit eine flüch tige Luft, für den Himmel die Hölle, für den lieben Gott den Teufel einzutauschen. Da ich aber aus mancher schrecklichen Erfahrung weiß, wie leicht dieß dennoch geschehen könne, da ich weiß, wie thöricht meine Seele ist, und wie listig der Satan, wie schwach mein Herz ist und wie verführerisch die Sünde, so rufe ich Dich an, mein Herr und Gott! sei mir gnädig, erbarme Dich meiner! Erleuchte mit Deinem Lichte meine Finsterniß, schüße mit Deiner Treue mich vor meiner Untreue, erwärme mit dem Feuer Deiner Liebe mein Herz in brünstiger Gegenliebe, sei du Wall und Mauer um mich her! ach! und wenn die Welt wieder schmei chelt, wenn die Luft wieder reizt und buhlt, wenn die Sünde wieder ihr Feuer anschürt und mein böses Herz schwankt und die Gefahr drångt und droht; o Herr! dann decke mich mit Deinen Flügeln, dann reiß meine Seele zu Dir, dann zeige Dich mir in Deiner Kreus zesnoth, dann laß mich deine Gnadenschåge sehen, dann laß Deine Liebe und Gnade recht hell vor meiner Seele Leuchten, auf daß ich meine Seele errette und Dich, 128 mein Heil, erreiche und freudig ausrufe: ,, Meinen Jefum laß ich nicht." Amen. Mittwo ch. Mel. Herzlich thut mich verlangen. Nun, was Du, Herr, erduldet, Ist Ulles meine Laft! Ich hab es selbst verschuldet, Was Du getragen haft; Schau her, hier steh' ich Urmer, Der Zorn verdienet hat; Gieb mir, o mein Erbarmer, Den Unblick deiner Gnad'. Matth. 27, 24-25. Da aber Pilatus sahe, daß er nichts schaffte, fone dern daß viel ein größer Getümmel ward, nahm er Wasser und wusch die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig an dem Blute dieses Gea rechten; sehet ihr zu. Da antwortete das ganze Volk und sprach: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder." Pilatus spricht: Ich bin unschuldig an dem Blute dieses Gerechten." Aber es hilft dem sich selbst betrügenden Heiden nichts, daß er es öffentlich sagt, daß er vor allem Volk sich die Hände wäscht, ,, denn wenn du dich gleich mit Lauge wüschest und nähmest viele Seife dazu; so gleißt doch deine Untugend desto mehr vor mir, spricht der Herr Herr." Es bleibt eine ewige Schmach seines Namens, daß er den Mörder freigelassen und den Fürsten des Lebens getödtet hat. Dieser Landpfleger, von welchem es durch die ganze Christenheit bis ans Ende der Tage heißt: gelitten unter Pontio Pilato," wird 129 11 wohl sich selbst also belogen haben: Du bist un. schuldig an diesem entseglichen Morde. Hast du nicht Alles versucht, um den Gerechten zu retten? fühlst du nicht inniges Mitleiden mit Seinem Schicksale? bist du nicht empört über die Nichtswürdigkeit dieses Volks? möchtest du nicht noch mehr für Ihn thun, wenn du nur könntest? Aber den Haß der ganzen Menge um Seinetwillen dir zuziehen, nein, das geht nicht! dich der Gefahr aussehen, dein Amt zu verlieren, bei deinem Kaiser in Ungnade zu fallen, das ist unmöglich." So wird er gedacht, so sich selbst gerechtfertigt, so sein Gewissen beschwich tigt haben. Und Mancher täuscht sich ähnlich über sich selbst und lebt in diesem gefährlichen Selbstbe truge dahin, bis ihm vielleicht, zum Schrecken seiner Seele, erst an jenem Tage die Augen aufges hen, wo alles Verborgene offenbar werden wird. Ach auch du, mein Herz, kennest dich wohl noch nicht und hast Ursach zu beten: ,, Ich will von mei ner Missethat zum Herrn mich bekehren. Du wollest selbst mir Hülf' und Rath hierzu, o Gott, be scheren, und Deines guten Geisies Kraft, der neue Herzen in uns schafft, aus Gnaden uns gewähren. Natürlich kann ein Mensch doch nicht sein Elend selbst empfinden; er ist, ohn' Deines Geistes Licht, blind, taub und todt in Sünden; verkehrt ist Will', Verstand und Thun; des großen Jammers, wollst Du nun, o Bater, mich entbinden. Klopf durch Erkenntniß bei mir an und führ' mir's wohl zu Sin nen, was Böses ich vor Dir gethan; Du kannst mein Herz gewinnen, daß ich aus Kummer und Beschwer laß über meine Wangen her viel heiße Thränen rinnen." Der blinde Heide Pilatus 130 war von dieser Selbsterkenntniß weit entfernt. ,, Ich bin unschuldig an dem Blute dieses Gerech ten" sprach er. Es denken's Viele mit ihm, daß sie unschuldig daran sind. Sie hören vielleicht gern Fastenpredigten, sie vergießen Thränen, wenn sie die rührende Geschichte der Leiden des Herrn Jesu lesen oder anhdren, fie singen mit Erbauung Pas fionslieder, aber daran haben sie noch nie gedacht, daß sie die Ursache dieser Leiden sind; sie würden ohne Bedenken behaupten: ,, Ich bin unschuldig an dem Blute dieses Gerechten." Und doch sagt der Herr: ,, Mir hast du Arbeit gemacht in deinen Sünden und hast mir Mühe gemacht in deinen Missethaten;" und die Schrift erklärt: ,, Er ist um unserer Missethat willen verwundet und um unse rer Sünde willen zerschlagen;" und die Kirche singt: Wer hat Dich so geschlagen, mein Heil, und Dich mit Plagen so übel zugericht't? Du bist ja nicht ein Sünder, wie wir und unsre Kinder, von Missethaten weißt Du nicht. Ich, ich und meine Sünden, die sich wie Körnlein finden des Sandes an dem Meer, die haben Dir erreget das Elend, daß Dich schläget und das betrübte Marterheer." Niemand darf sagen: ,, Ich bin unschuldig an dem Blute dieses Gerechten." Unsere Sünde stehet mit diesem Blute in einem innigen und tiefen Zusam menhange; es ist dies Blut das unwidersprechlichste und entfeßlichste Zeugniß über unser Verderben, es läßt uns aber auch in das weite, tiefe, unergründ liche Meer der göttlichen Gnade schauen; es flagt uns an: ,, Du bist ein verlorner und verdamm ter Sünder," und es tröstet uns: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöset."." Ich bin un - 131 schuldig an dem Blute dieses Gerechten; sehet ihr zu!" so Pilatus. Ach! und nun höre was sich be giebt. Grauen und Entsetzen erfaßt unsere Seele, fesselt unsere Sprache, hemmt die Schläge unseres Herzens. Die große, und unübersehbare Menge erhebt wie zum Schwure ihre Hände und wie aus dem Abgrunde der Hölle tönt es herauf: ,, Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder." Ach! es ist das kein Gebet, wie es arme Sünder stammeln: Dein Blut komme über uns und unsere Kinder, daß es uns von unsern Sünden rein wasche;" es ist eine schauerliche Vermaledeiung, ein entsetzlicher Fluch, eine Verwünschung, die durch Mark und Bein geht: ,, Wir entfagen feierlich jedem Troste, den wir bei diesem Namen im Leben und im Tode finden könnten; alle Schuld dieses ungeheuren Mordes, alle gerechten Gerichte Gottes, alle Flüche, die uns treffen können, weil wir ihn an das Holz gehängt und erwürget haben, kommen herab auf unsere Häupter, herab auf die Häupter unserer Kinder; Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!" Nie ist ein entseßlicheres Wort gesprochen, nie ist ein Wort entsetzlicher erfüllt. Die Flammen, welche Jerusalem verzehrten, die Blutstrome, welche in die Gluth sich mischten, ohne sie zu löschen, die Decke Mosis, welche noch jetzt vor den Augen des verstoßenen Israel hängt, die Schmach, welche diesem von Gott so hoch geehrten und so zärtlich geliebten Volke, diesem Volke unter den Völkern aufgedrückt ist, der durch die Jahrhunderte sich hindurchziehende Jammer, worunter es bis zum heutigen Tage seufzt, alles dies giebt der Welt eine schreckliche Kunde von der Erfüllung je 32 132 nes Wortes: ,, Sein Blut komme über uns und unsere Kinder;" es ist geschehen, was gedrohet war: ,, Dein Himmel, der über deinem Haupte ist, wird ehern sein und die Erde unter die eisern." Israel stehet da unter allen Völkern als ein lebendiges Zeugniß für die Offenbarung Gottes in Christo, als ein warnendes Erempel für die Menschheit, das Blut des Sohnes Gottes nicht unrein zu achten, als ein Gegenstand unseres Mitleidens, und welch eine Aufforderung zur brünstigen Fürbitte, daß der Herr nach Seiner Verheißung, sich bald dieser Seiner verstoßenen Kinder, von welchen das Heil zu uns gekommen ist, annehmen und den furchtbaren Fluch wegnehmen wolle von ihren Häuptern! - Gebet. 2 Herr Jesu, Du gerechter Gottes Sohn! ich belenne mich schuldig an Deinem Blute; diese Schweißs tropfen habe ich Dir ausgepreßt, diese Dornen habe ich Dir in die Stirne gedrückt, diese Wunden habe, ich Dir geschlagen; ich lese in Deinem ganzen Marterleis den, in Deinem blutigen Kreuzestode eine Handschrift meiner Schuld. Uber siehe, Herr! was mir mein Verderben offenbart, was mein Gewissen, wie sonst nichts in der Welt, aufschreckt, was mir deutlicher, als Ulles, meine Sünde und Verdammungswürdigkeit predigt, was mir wie ein Schwert durch das Herz geht, gerade das ist dennoch die Quelle meines Trostes, das ist der einzige und rechte Balsam für meine Wunden, das ist der unerschütterliche Grund meines Heils, das ist die ewig vollgültige Bürgschaft meiner Seligkeit. Unter 3ittern und Beben meines Herzens lese ich freis lich an Deinem Kreuze: ,, Gottes Gerechtigkeit!" aber es stehet auch zum unaussprechlichen Entzücken meiner Seele daran geschrieben: Gottes Barmherzigkeit!" Ich stelle mich darunter, daß Du mich mit Deinem 133 Blute besprengest, und rein wäschest von allen meinen Sünden. Ja Herr! sei mir gnädig, mir und allen Menschen, denn Du bist ja für die Sünder der gans zen Welt gestorben. Erbarme Dich der Menge der Heiden, daß sie um Dein Kreuz fich sammeln und dort Vergebung ihrer Sünden finden; erbarme Dich, Herr, Deines armen, verstoßenen Israels, nimm ihm die Decke Mosis von den Augen, erlöse es von dem Fluche, worunter es seufzt, laß Dein Blut es nicht mehr brücken, sondern selig machen. Herr! erhöre die Ge bete, welche in der Christenheit für Israel zu Dir aufsteigen, segne die Boten, welche ihm, welche den armen Heiden das Evangelium predigen und führe bald die Zeit herauf, wo Deine Verheißung sich erfüllt: Es wird eine Heerde und ein Hirte werden." Umen. / 1 Donnerstag. Melod. Nun ruhen alle alder. Wer hat Dich so geschlagen, Mein Heil! und Dich mit Plagen So übel zugericht? Du bist ja nicht ein Sünder, Wie wir und unsre Kinder Von Missethaten weißt Du nicht. Ich, ich und meine Cunden, Die sich wie Körnlein finden Des Sandes an dem Meer, Die haben Dir erreget Das Elend, das Dich schläget Und das betrübte Marterheer. Marc. 15, 15. ,, Pilatus aber gedachte dem Volke genug zu thun und gab ihnen Barrabam los und überantwortete ihnen Jesum, daß Er gegeißelt und gekreuziget würde." 134 Wenn ich diese Worte und die vier folgenden Verse dazu lese, wenn ich damit Matth. 27, 2730. und Joh. 19, 1-3. vergleiche, so habe ich ein erschütternd Bild vor mir, dasselbe, was Jesaias im Geiste sahe, da er von dem Heilande sprach: ,, Er ist um unsrer Missethat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen!"- und meine ganze Seele weint. Obwohl Pilatus Seine Unschuld erkannt hatte, so giebt er Ihn doch nicht los. Um dem Volke einen Gefallen zu erweisen, überhört er die warnende Stimme seines Weibes, verachtet er die Mahnungen seines eig'nen Gewis sens, opfert er die klare Ueberzeugung seines Verstandes und giebt Barrabam los, und überantwor tet Jeſum zur Geißelung und Kreuzigung. Und das Alles um der Gunst des Volkes willen?" ſo fragst du bedenklich und zweifelnd. Warum zweifelst du? Prüfe dich selbst. Ist dir denn gleichgültig die Meinung der Welt? Hätte die Stimme der Welt dir nie mehr gegolten, denn Gottes Stim me? Hättest Du ihre Gunst nie mehr gesucht, denn Gottes Beifall und Gnade? Warest du bereit, ihre Schmach zu tragen, deinen guten Ruf und Namen bei ihr daran zu geben, wenn es galt, Ansichten zu behaupten, Grundfäße zu vertheidigen, Wege zu verfolgen, welche ihr zwar entgegen, dem Herrn aber gefällig und von Ihm geboten waren? Wie oft hast du geschwiegen, wo du dem Lästerer gegenüber von Christo Zeugniß geben solltest, wie oft durch dein Benehmen ,, Ja" gesagt zu den Schmähungen, damit man Ihn überhäufte, wie oft hast du, wie die Jünger auf dem Delberge, die Flucht ergriffen, wenn man die Hand gleichsam an Ihn legte, bald 135 aus Furcht bald aus Bequemlichkeit, und wenn du auch hin und wieder das Schwert für Ihn zogst, wie Petrus, so thatest du es vielleicht doch mehr in eitler Eigenliebe, in dem Ungestüm des fleischlichen Eifers. Mit ungöttlichen Waffen schlugst du nach einem Malchus, den Herrn aber verleugnetest du dann wohl mehr denn drei Mal! Und dennoch befremdet dich des Pilatus Benehmen? Hast du nicht, wie er, Christum verworfen? Hast du nicht, wie er, ihn gleichsam der Welt überantwortet, daß er gegei Belt würde? Schrecklich genug ist's freilich, aber wie sehr thut es noth, diese schreckliche Wahrheit uns zu vergegenwärtigen, besonders zu dieser unserer Zeit, denn wie keck und übermüthig stehen nicht jetzt die Hoheapriester der Welt und des Unglau bens da und rufen mit Klugen und Einfältigen, Ges lehrten und Ungelehrten in ganzen Haufen: ,, Kreuzige Ihn! Kreuzige Ihn! Von Stadt- und Landpfle gern wird Er über allem Weltdienste vergessen, selbst von solchen, die Sein Brodt essen, wird Er auf. gegeben oder gar mit Füßen getreten, ia in Tems peln und von Kanzeln, die der Glaube an Ihn auf. gebaut, wird Er geschmähet und gegeißelt! Ach Seine Leidensgeschichte wiederholt sich immer, darum, weil Seines Leidens Grund, die Sünde, noch nicht aufgehört hat. Seit jenem Tage, von dem es heißt: ,, Sie nahmen aber und aßen;" heißt es auch:" Sie nahmen Jesum und geißelten Ihn;" und so oft wir eine verbotene Frucht in die Hand nehmen, haben wir auch die Geißel wider Ihn in unsrer Hand; so oft wir den bösen Buben fol gen, die uns locken, überantworten wir Ihn den Schmerzen, so oft wir den Lüften und Begierden D 136 unsers Fleisches folgen, schwingen wir die Geißel über Ihn. Wir beklagen uns oft, daß wir der Gnadenstunden uns so selten zu erfreuen haben, daß wir oft so lange vergeblich nach Gott schreien müs sen, wie der Hirsch nach frischem Wasser; daß uns die Gemeinschaft mit unserm Heilande so selten recht fühlbar werden und bleiben will;- da liegt der Grund:-wir geißeln Christum so oft aus un serm Herzen hinaus; wie soll er bei uns bleiben? Doch Pilatus will Jesum nur geißeln lassen, die Welt drångt ihn dazu, aber tödten will er Ihn nicht. Und doch wie lange dauerts- da wird Er zum Tode geführt. Wehe! der Weg der Sünde. ist abschüssig, wer Jesum heute geißelt, den fassen die Mächte der Finsterniß, daß er Ihn morgen auch ertödten läßt in seiner Brust. Dann aber dreimal Wehe über dich, meine Seele! - Gebet. Ich stehe von ferne, o Herr, und erbebe bei dem Unblicke Deiner Martern und Qualen. Wenn die Geißel auf Dich niederfährt und rothe Striemen auf Deinen Rücken zeichnet, wenn tausend aufgeriffene Blutquellen über Deine heiligen Glieder rieseln, wenn die fühllosen Kriegsknechte Dich verhöhnen und über Deine Schmerzen jauchzen, wenn ich Dich erblicke, o Du, Gerechter! in den Händen der Gottlosen, Du, heiliger Dulder! in den Fäusten der wilden Henkersknechte, Du stilles Lamm! in den Klauen der Tiger und Wölfe: dann möchte ich versinken vor Scham und Jammer, denn ich weiß es wohl, ach die Ursach bin ja ich, ich und meine Sünde, diese hat gemartert Dich, nicht das Heid'n Gefinde! Barmherziger! was hat Dich bes wogen bei diesen meinen Sündenschlägen so stille zu halten, meine Schmerzen und Lasten auf Dichzu neh -- 137 men und an meiner Statt die 3ornruthe der ewigen Gerechtigkeit zu erdulden? Was ist der Grund Deiner unergründlichen Barmherzigkeit und Gnade? Ich fin de keinen als das unermeßliche Lieben des Schöpfers gegen Sein Geschöpf und sinke nieder an Mosis Seite und rufe staunend mit ihm: ,, Herr, wie hast Du die Leute so lieb!" und bitte und flehe: Uch laß einen Tropfen aus dem Meere Deiner Liebe auch in mein Herz fallen, auf daß das Jammerbild Deiner Leiden feine bloß vorübergehende Bewegung bei mir verursache, welche wieder verschwindet, wenn die Sünde vor meis ner Thür stehet; sondern daß mein Herz dadurch zerriffen werde und blute, wie Dein Haupt durch die Dornen und Dein Rücken durch die Geißeln, damit ich zu keiner Sünde mehr Luft habe und keiner Reizung derselben mehr folge. Du ewige, gemißhandelte und zerschlagne Liebe, so segne Deine Marterleiden an meiner und an Aller Seelen. Laß sie zum Schrecken gereichen allen sichern, rohen und unbußfertigen Gemuthern, damit sie daraus lernen, was Sünde sei, und wie der Zorn des Allmächtigen die Sünde strafe. Laß fie aber auch zum erquickenden Eroft gereichen allen gebeugten, geångsteten und niedergeschlagenen Seelen, daß sie das Verdienst dieser Deiner Schmerzen und Schanden im Glauben ergreifen, durch Deine Wunden heil und durch Deinen Jammerstand stark werden, Dir nachzufolgen, und die Welt zu verleugnen. Du BlutBräutigam erbarme Dich der Seelen Deiner Braut, die Du erwählet um Deines für uns vergossenen Blutes willen. Amen. Freitag. Melod. Nun danket alle Gott. Cebt, welch ein Mensch ist das! O Blicke voller Thränen! Unlig voller Schmach! Olivpen voller Sehnen! D Haupt voll Todesschweiß! D Backen voller Koth! 138 D Herze voller Blut! D Leib voll Noth und Tod! Seht, welch ein Mensch ist das! Ach seht in seine Wunden! Hab't thr, ihr Sünder, nicht Den Heiligen gebunden? Sind eure Lüste nicht Die Dornen, die er trågt? It's eure Bosheit nicht, Die Ihn ans Krenze schlägt? Seht, welch ein Mensch ist das! Uch opfert Thrånenfluthen! Denn eure Blutschuld macht Das Herze Jesu bluten. Geht nicht vorüber hier, Wo Schmerzen über Schmerz, Seht durch die offne Brust In eures Jesu Herz. Seht, welch ein Mensch ist das! Ach ja, wir wollen sehen, Was Dir, Du Menschenfreund, Durch Menschen ist geschehen. Go lang ein Uuge blickt, So lange soll die Pein, Die Du für uns erträgst, Auch unvergessen sein. Joh. 19, 4-5. ,, Da ging Pilatus wieder heraus und sprach zu ihnen: Sehet, ich führe ihn heraus zu euch, daß ihr erkennet, daß ich keine Schuld an ihm finde. Also ging Jefus heraus und trug eine Dornenkrone und Purpurkleid. Und er spricht zu ihnen: Sehet, welch ein Mensch!" Wir versehen uns im Geiste vor den Pallast des römischen Statthalters Pontius Pilatus; eine unübersehbare Menschenmenge hat sich vor diefent Hause versammelt. Mit gespannter Aufmerksam. keit werden die Thüren und Fenster des Pallastes 139 bewacht. Da tritt Pilatus heraus, an seiner Seite Jesus, eine furchtbar verhöhnte und zerschlagene Martergestalt, eine Dornenkrone auf dem Haupte, unter welcher die Blutstropfen über das Angesicht herabrinnen, einen Purpurmantel über die von der Geißel zerfleischten Schultern, mit matten, abge spannten Zügen, die nur zu deutlich von den Leiden der gräßlichen Nacht und des peinvollen Morgens reden, ein Anblick, der das Mitleiden der Steine rege machen sollte. Lautlos stehet die Menge da, indem Pilatus auf die Jammergestalt hinweisend spricht: ,, Sehet, welch ein Mensch."- Se. het, welch ein Mensch!" tönt es aus Pilatus Munde. Bileam will Israel fluchen und aus seinem Munde strömen Segensworte; Caiphas spricht, ohne daß er selbst es weiß, ein tiefes, göttliches Geheimniß aus: ,, Es ist besser, ein Mensch sterbe für das Volk, denn daß das ganze Bolk verderbe;" Pilatus sagt unendlich mehr, als er sagen will, indem er aus ruft: ,, Sehet, welch ein Mensch!" Er will nur das Mitleid des Volkes rege machen, aber er spricht ein Wort aus, das durch alle Zeiten wiederklingt, ein Wort, vor welchem hundert und aber hundert Völker betrachtend stehen bleiben, das sich tief eingråbt in die Tafeln der Weltgeschichte und in die Herzen der Gläubigen, ein Wort, welches unzählige fromme Betrachtungen im stillen Kämmerlein vor der Leidensgestalt des Herrn oder auf den Kanzeln christlicher Kirchen nicht erschöpft haben und nicht er schöpfen werden.- ,, Sehet, welch ein Mensch!" tönt es zu der den Pallast umgebenden Menge; aber durch alle Zeiten und zu allen Völkern trågt der Geist des Herrn in einer den tiefsten Schmerz und den S 140 süßesten Trost aussprechenden Melodie das Wort weiter: ,, Sehet, welch ein Mensch!" Jeder soll in diesem Bilde sich selbst erkennen. Hieher du stol. zes Herz und betrachte dich in diesem Spiegel; gera de so siehest du aus; mit welchen Eigenschaften auch deine Eitelkeit dich schmückt, welche Hülle sie auch deiner Schmach umhängt, welche Träume von dei ner Bortrefflichkeit du auch in dir trågst; es ist al. les eitel Täuschung; hier erblickst du dein nacktes Elend, hier siehest du dich in deiner wahren Gestalt, diesem Bilde gleichst du bis auf den kleinsten Zug. ,, Sehet, welch ein Mensch!" Hieher ihr Sünder, damit ihr über eure Sünde erschreckt, damit jedes böse Gelüste in euren Herzen erstickt und euer Fleisch ges kreuzigt werde. Sehet ihr die Blicke voller Thränen? sie werden um euch geweint; sehet ihr das Anlit voller Schmach? ihr leset darin eure Schande; se het ihr das Haupt voller Blut und Wunden? es sind die Folgen eurer Sündenfreuden; sehet ihr die Bande? es sind die Sündenketten, die ihr tragt; sehet ihr die Dornen? es sind eure Lüfte. ,, Sehet, welch ein Mensch!" o möchte das Wort nie in un ferm Herzen verklingen; möchte es auf jedem Sün. denwege, bei jeder sich regenden bösen Lust, in jes der Versuchung uns schreiend durch das Herz drin. gen, möchte es nach jedem Falle mit all den herz zerreißenden Schmerzen, welche darin liegen, uns erschüttern, um uns die Sünde zu verleiden und wie ein heiliger Schußgeist uns durch das Leben zu geleiten. ,, Sehet, welch ein Mensch!" Heran du hoch betrübte Seele! du fühlst die brennenden Schmerzen der Buße in deiner Brust. Wirf dich nieder vor dieser Gestalt, wende dein Auge nicht 141 von ihr ab, hånge dich mit kräftigen Glaubensarmen an ihr fest und süßer Trost wird durch dein zerschlagenes Herz dringen; du siehest in diesen Ban den deine Freiheit, in diesen Wunden dein Heil, in dieser Schmach deine Ehre, in dieser Dornenkrone jene strahlende Krone der Gerechtigkeit, die dereinst auf deinem Haupte glänzen wird, in diesen Blutstropfen das Mittel, das Kleid deiner Seele hell und rein zu waschen, in diesem äußersten Jammer deine Erlösung von aller Sünde und Noth. ,, Se het, welch ein Mensch!" wo ist ein Wort, das uns so tief demüthigen, uns so träftig erheben, so schmerz lich verwunden und so süß trösten könnte! Es rich. tet sich an Jeden, und jedes Herz fühlt etwas von seiner zerschmetterden Gewalt und von seiner seligen Erquickung und Stärkung. ,, Sehet, welch ein Mensch!" so tont es über Jesum. Sehet Ihn da. stehen; denket euch, was vorangegangen ist: der Kampf in Gethsemane, seine Gefangennehmung, Judas Berrath, Petri Berleugnung, das Alles hat auf Ihn eingestürmt; falsche Zeugen haben wider Ihn geschworen, freche Henkersknechte haben Shan ins Angesicht gespieen, Seine Wangen geschlagen und Ihn schändlich verhöhnt; römische Soldaten, an Scenen des Blutvergießens und Menschengäulens gewöhnt, abgehärtet in Grausamkeiten, haben Ihn an eine Säule gebunden, gegeißelt, Ihm eine Dornenkrone aufgesetzt und einen Purpurmantel höhnend umgehangen. So zugerichtet führt nun Pilatus die Jammergestalt heraus vor seinen Pallast. Sehet, welch ein Mensch!" ruft er aus und will damit das Mitleid eines rohen Pobels und die Barmherzigkeit seiner Feinde für Ihn in Anspruch 1 142 nehmen; und in der That, es hat schwerlich je einen Anblick gegeben, geeigneter, jedes noch so rohe Herz zu erweichen, und das noch so tief verborgene Gefühl des Mitleids und des Erbarmens anzure gen. Wo ist eine Erniedrigung, ein Elend, diesent vergleichbar? Und doch, was sollen wir sagen? Eben dieser Mann des Jammers, für welchen ein Heide das Mitleiden eines gefühllosen Pöbels verges bens sucht, eben dieser Mann, dieser Hülfloseste, dieser Elendeste aller Elenden ist der Heiland der Welt, der Sohn Gottes, ohne dessen Mitleiden und Erbarmen wir Alle verloren sind; Alles, was gesegnet, getröstet, gerettet wird, das wird von Ihm gesegnet, getröstet und gerettet; bei Shm allein ist Hilfe und Heil, und die Gnade, welche wir nicht aus Seiner Hand empfangen, suchen wir ver. gebens. ,, Sehet, welch ein Mensch!" das Wort weiset die Trost und Hülfe bedürfende Menschheit zu Ihm hin und es kommen große Schaaren aus allen Zeiten und aus allen Gegenden und Vol. kern, sie kommen zu Jhm mühselig und gebückt, und Er richtet sie auf; sie kommen zu Ihm mit offenen Wunden, und Er heilt sie; sie kommen zu Ihm mit fluchbeladenem Gewissen, und sie empfangen Frieden; sie kommen zu Ihm verlorne Sünder, und Er erklärt sie für Gerechte und Sein Wort ist ihnen Bürgschaft genug, daß sie von aller Verdammniß erldset sind; sie kommen zu Ihm in den Sclavenketten der Sünde, und Er, der Gebun dene, macht sie zu freien Gotteskindern; und wie Viele ihrer kommen, Er weiset Keinen zurück, und wie reichlich Er Alle segnet und tröstet, der Brunn quell Seiner Gnade wird nicht leer. ,, Sehet, welch 143 ein Mensch!" da stehet Er, den Fluch der Sünden aller Welt tragend, ausgestoßen von dem Menschen. geschlechte, den Missethätern und Mördern gleich gerechnet und noch tiefer verachtet, denn sie, von Gott und Menschen verlassen, verdammt zum Kreuzestode, ein Wurm, ein Spott der Leute und Verachtung des Volks, und doch hat Er nie ei ne Sünde gethan, Seine Gerechtigkeit strahlet heller, als das Licht der Sonne und die Seraphim fingen über Ihn: Heilig, heilig, heilig ist der Herr Sebaoth, alle Lande sind Seiner Ehre voll." See het, welch ein Mensch!" Er stehet da gerichtet. und verdammt, wie ein Missethäter, und ist doch der Richter der Lebendigen und der Todten, und Pi latus und alle Hohenvriester und das ganze, ,, kreu zige, kreuzige Ihn" schreiende Volk wird dereinst zu seinen Füßen liegen, ja alle Völker werden sich um Ihn sammeln, und Er wird dastehen in großer Kraft und Herrlichkeit, ein König der Könige und ein Herr aller Herren, und Er wird mit Seinen durchgrabenen Händen die Einen von sich weisen in den Abgrund der Hölle, die Andern aber segnen mit Gnade und ewigem Leben. ,, Sehet, welch ein Mensch!" www Gebet. Sebet, welch ein Mensch! Ja, Herr! wir wol len schen; Du sollst uns allezeit vor Augen sein, Deine Martergestalt wollen wir uns tief ins Herz drů den, damit sie unsere Sünde strafe, unser Fleisch freu zige, unsere Seele heilige. Dein Bild, Du Schmerzensmann, soll uns überall begleiten, auf jedem Wege, da mit wir richtig vor Dir wandeln, in jeder Versuchung damit dieser Unblick uns schüße, in jeder Noth, damit 144 er uns tröffe, durch diese Passionswochen, damit sie für uns reich gesegnet feien, durch unsere ganze Lebenszeit, damit wir für den Himmel uns bereiten, in unserer Todesstunde, damit wir selig sterben mögen. Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir, wenn ich den Tod foll leiden, so tritt Du dann herfür! wenn mir am allerbångsten wird um das Herze sein, so reiß mich aus den lengsten kraft Deiner Ungst und Pein. Erscheine mir zum Schilde, zum Trost in meinem Tod und laß mich sehn Dein Bilde in Deiner Kreuzesnoth, ba will ich nach Dir blicken, da will ich glaubensvoll Dich fest an mein Herz drücken. Wer so stirbt, der stirbt wohl. Umen. Sonnabend. Wenn meine Sünd mich frånken, D mein Herr Jefu Chrift! Co laß mich wohl bedenken, Wie Du gestorben bist, Und alle meine Schuldenlaft Um Stamm des heil'gen Kreuzes Auf Dich genommen hast. Dunder ohne Maaßen! Wenn man's betrachtet recht, Es hat fich martern lassen Der Herr für Seine Knecht', Es hat sich selbst der wahre GottFür mich verlornen Menschen Gegeben in den Tod. Joh. 19, 9. Und Pilatus ging in das Richthaus und spricht zu Jesu: Von wannen bist Du?" Von wannen bist Du?" fragt Pilatus Je fum. Er will nicht wissen, was er schon wußte, daß Er geboren sei zu Bethlehem im jüdischen Lan 145 de, daß Seine Mutter Maria und Sein Pflegevater Joseph geheißen, daß Er von den alten Königen des Landes abstamme und Davids Sohn sei. Er ahnet in diesem armen, elenden, zum Missethätertode bestimmten Menschenkinde etwas höheres, et, was Göttliches, eine doppelte Natur. Er will wis fen, ob Er von der Erde, oder vom Himmel stamme, ob Er Mensch, oder Gott sei. ,, Von wannen bist Du?" große Frage, und selig, wer darauf die Ante wort weiß. Diese Antwort wird nicht gefunden durch menschliches Nachdenken, wird nicht verstan den durch menschlichen Fleiß, wird nicht gelehrt durch menschlichen Unterricht, Fleisch und Blut kann sie uns nicht offenbaren, denn Niemand kann Jesum einen Herrn heißen, ohne durch den heili. gen Geist." Auch wir treten hin vor unsern lieben Heiland, der nun zum Kreuze abgeführt werden soll und fragen: ,, Von wannen bist Du?" Es ist nothwendig, daß wir dies erfahren, wenn wir Sein Leiden und Sterben verstehen, wenn wir von un serer Erlösung durch Sein Blut gewiß werden, wenn wir Ihn als unsern wahrhaftigen Heiland und Erlöser kennen lernen wollen," Bon wan. nen bist Du?" Der Geist in uns bezeuget uns durch das Wort Gottes, das kamm, welches dahin geht, um für unsere Sünden am Kreuze zu sterben, ist wahrhaftiger Mensch, aber auch wahrhaftiger Gott, vom Vater in Ewigkeit geboren, der Herr der Herr lichkeit, Gott über alles hochgelobet in Ewigkeit. Ja der Herr ist unsere Gerechtigkeit; Gott hat Seine Gemeine durch Sein eigen Blut erworben: der Sohn Gottes hat uns geliebt und Sich selbst für uns dergegeben; das Blut Jesu Christi, des 146 Sohnes Gottes macht uns rein von allen Sünden." Unser Mittler mußte ein Mensch sein, um Sein Blut für uns zu vergießen; aber weil ein Mensch nichts geben kann, daß er seine Seele, geschweige andere Seelen, erlöse, so mußte Er Gott sein, damit Sein Blut einen unendlichen Werth hätte, und als Lösegeld für unsere unbezahlbare Schuld gelten könnte. Unser Mittler mußte der Allerheiligste sein und von keiner Sünde wissen. ,, Denn einen sol chen Hohenpriester sollten wir haben, mußten wir haben, der da wäre heilig, unschuldig, unbefleckt, von den Sündern abgesondert und höher, denn der Himmel ist, dem nicht täglich noth wäre, wie jes nem Hohenpriester, zuerst für eigene Sünde Opfer zu thun, darnach für des Volkes Sünde, denn das hat er gethan einmal, da er sich selbst opferte." ,, Mit dem theuren Blute Christi, als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes mußten wir erlöset wer den." Denn aus einer trüben Quelle kann man kein reines Wasser schöpfen, von einem ungerech ten kann man eben so wenig Gerechtigkeit haben, als man an einem ausgelöschten Lichte ein anderes anzünden kann. Gott selbst, der heilige und allmächtige Gott, ist für dich ein Mensch geworden, hat für dich in Seinem unaussprechlichen Leiden deine Strafe gelitten, ist für dich nach Golgatha gegangen, hat deinen Schuldbrief ausgeldscht und dir, armen Sünder, Gerechtigkeit und ewiges Le ben erworben. Glaubst du das, meine Seele? wenn du antworten darfst: ,, Ja, O felig bist du, ich glaube das! Halleluja!" 147 Gebet. Ja, Herr! ich glaube das und Du selbst haft mir durch Deinen Geist Antwort gegeben auf meine Fra: ge: Herr, von wannen bist Du? Ich weiß, daß Du, mein Herr und Gott, für mich elenden, armen Sünder gestorben bist. Lobe den Herrn, meine Seele und was in mir ist, seinen heiligen Namen. Herr, wie soll ich Dir Dank jauchzen? Ach fiehe! nicht für alle Schätze der Welt, nicht für alle Wollüfte des Lebens, nicht für alle Königreiche der Erde gebe ich diese selige Erkennt= niß hin. Was ist das Leben ohne diese Erkenntniß? Eine Wüste, ein Jammerthal, ein Grab. Ich lebe erst, feit dieser Glaube mein Herz erfüllt. Ja Herr, seit ich weiß, von wannen Du bist, mein Mittler und Erlöser, weiß ich auch, von wannen ich bin. Nun habe ich noch eine andere Geburtsstätte, als den Ort, da meine Mutter mich in Schmerzen geboren, Golgatha ist ihr Name; nun kenne ich noch einen andern Bater, der mich gezeugt hat, Immanuel heißt er; nun führe ich noch einen andern Namen, als denjenigen, bei welchem die Menschen mich rufen; Jedidia, Liebling Gottes, darf ich mich nennen, denn troß aller meiner Sünden haft Du mir solch seliges Vorrecht verliehen; nun weiß ich noch um ein anderes Vaterland, wo ich zu Hause bin, als dieses Land, darinnen ich wohne, droben im Him mel ist meine Heimath, denn weil das Haupt im Himmel ist, wird seine Glieder Jesus Christ zur rechten Seit nachziehen. Siehe, Herr! darum rühme ich von Deiner Gnade und werde nicht müde, davon zu rühmen. Denn Du, Herr, läsfest mich wissen die himme lische Weisheit, Du hast sie mir auch in dieser Woche, welche mit dem heutigen Tage zu Ende geht, predigen laffen, o laß ferner die heilige Passionszeit an meinem Herzen, an den Herzen aller derer, die ich lieb habe, gesegnet sein. Umen. $ 2 Fünfte Woche. ( låtare bis Judica). Sonntag. Mel. Wer nur den lieben Gott läßt walten ic." Kuf, Seele! nimm die Glaubensflügel Und eile mit nach Golgatha: Dein Jesus geht zum Schädelhügel Und pflanzet teine Wohlfahrt da. Er tritt den Weg zum Sterben an, Uuf daß ich ewig leben kann. So fahrt denn hin, ihr eitlen Gånge, Darauf die Welt sich luftig macht; Ich folge Jesu durch's Gedränge Der Kreuzesbahn und Codesnacht; Gottlob! daß mich die Hoffnung tröst't, Daß Jesus Christus mich erlöst. Joh. 19, 16. 17. Da überantwortete er Ihn, daß Er gekreuziget würde. Sie nahmen aber Sesum und führeten Ihn hin. Und Er trug Sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstädte, welche heißt auf Ebräisch Golgatha." Den Pilgern, welche nach Jerusalem kamen, um an den heiligen Stätten, wo unsere Erlösung vollbracht wurde, anzubeten, zeigt man noch heute die Schmerzensstraße," welche unser Herr unter dem Kreuze wandelte. Sie werden zu den Trümmern des Richthauses geführt, von welchen man 149 den Plaß übersiehet, wo ehemals Salomos Tempel stand. Von Pilatus Pallaste ist nichts übrig geblie. ben, als eine Ruine mit dem Fenster, an welchem Er das Wort gesprochen haben soll: Sehet, welch ein Mensch!" Von dem Nichthause gehet der ewig denkwürdige Weg hundert funfzig Schritte weit bis zu jener Stätte, wo Simon von Eyrene dem ers schöpften Heilande Sein Kreuz tragen half, und wieder einige hundert Schritte weiter ist der Ort, wo Jesus zu den klagenden Weibern sprach: Ihr Tochter von Jerusalem, weinet nicht über mich, sondern weinet über euch selbst und über eure Kinder." Dann geht es über den Plaß des Gerichtsthors, welches mit den Mauern, die ehemals die Stadt umgaben, verschwunden ist, bis der Wan derer, nachdem er von dem Nichthause etwa tausend Schritte zurückgelegt hat, nach Golgatha kommt. Es giebt keinen heiligeren Weg auf der Erde, als diese Schmerzensstraße. Schwerlich zwar werden wir jemals nach Jerusalem pilgern und mit unsern Fü ßen diesen Weg wandeln. Aber im Geiste müssen wir's doch. Jesus sagt: ,, Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolget, ist meiner nicht werth." Er hat für uns und mit uns gelitten; und wie Er mit uns gelitten, so müssen wir mit Ihm leiden. Auch bei uns heißt es: erst die Arbeit, dann die Ruhe; erst der Kampf, dann der Sieg; erst die Thränen, dann der Trost; erst die Hinunterfahrt, dann die Hinauffahrt; erst der Tod, dann das Leben. Wir lesen Ebr. 13, 12. 13: ,, Darum auch Jesus, auf daß Er heiligte das Volk durch Sein eigenes Blut, hat Er gelitten außer dem Thor. So lasset uns, nun zu Ihm hinaus 150 gehen außer dem Lager und Seine Schmach tra gen." Sein Weg ist unser Weg. Lasset uns mit Ihm jest hinaus gehen, lasset diesen Schmerzensweg nach Golgatha, den wir mit Ihm im Geiste theilen müssen, uns näher betrachten und zuerst gleich bemer. ken: ,, Es geht dieser Weg von dem Richt. hause aus." Du hast deinen Heiland im Richt hause verlassen; du hast Seine Jammergestalt anangeschaut; du hast das Wort Seines Richters gehört: ,, Sehet, welch ein Mensch!" Du hast gesehen, wie Pilatus vergebens suchte, Ihn zu ret ten, wie aber nur lauter das Geschrei sich erhob: Kreuzige, kreuzige Ihn!" Jetzt spricht der Land, pfleger das ungerechte Urtheil, welches, wie man sagt, in diese Worte gefaßt war: ,, Jesus von Na zareth ist überwiesen durch das Zeugniß des größten Theils seines Voltes als Verführer des Volkes, als Berräther des Kaisers, als falscher Messias; führt Ihn fort zur Richtstätte und schlagt Ihn, mit den Spottzeichen der königlichen Würde, zwischen zwei Straßenräubern an das Kreuz. Geht, Ge richtsdiener, und besorgt das Kreuz!" So wurde denn nun Jesus, als ein verurtheilter Missethäter, fortgeführt, daß Er gekreuziget würde, und es ging in Erfüllung die Weissagung: Da Er gestraft und gemartert ward, that Er Seinen Mund nicht auf, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird." Es ist noch immer das Richthaus, von dem aus man mit Jesu nach Golgatha geht. Wir sehen auf diesem Wege lauter verurtheilte arme Sünder wandeln, nur daß der Richter, welcher ihnen den Stab gebrochen, nicht Pontius Pilatus ist, sondern der höchste Herr im Himmel; nur daß # 1 151 das Geset, welches sie verdammt, nicht von mensch licher Willkühr und Grausamkeit ersonnen oder ge mißbraucht, sondern ein Gesetz ist, welches der heis lige und gerechte Gott den Menschen gegeben hat. Sie haben unter den Donnern und Blißen Sinais gestanden; sie sind gewogen und zu leicht befunden; sie haben sich in dem Spiegel des göttlichen Rechts besehen, und sind über sich selbst erschrocken; sie haben das Wort gehört: ,, Verflucht sei, wer nicht alle Worte dieses Gesetzes erfüllt, daß er darnach thue," und dieser Fluch ist ihnen centnerschwer auf das Herz gefallen; sie haben sich vor jedes Gebot des Herrn gestellt, und ein jedes hat ihnen das Urtheil der Verwerfung zugerufen; sie haben ihre Lebenswerke geprüft, und keines hat die Probe bestanden; sie haben ihrem Gotte ins Angesicht gesehen, und Sein Zorn hat sie getroffen; sie haben den Herrn gefragt, wie viel sie werth sind, und haben das Urtheil vernommen: Tod, Hölle und Verdammniß. habt ihr verdient!" und ihr Herz hat dazu Ja undAmen sprechen müssen. So sind sie im Nichthausegerichtet; und vom Richthause geht nur ein Weg zur Nichtstätte. Diesen betreten die verur theilten Sünder nun auch; aber sie thun es mit ges. trostem Herzen, denn Jesus ist bei ihnen. Sie betreten ihn, nicht um ihre Schuld zu büßen, das hat Jefus für sie gethan, nein! um dort ihre Schuld nieder zu legen; nicht um ihre Strafe zu leiden, die hat auch Jesus getragen, nein! um von aller Strafe losgesprochen zu werden. Aber das verges sen sie freilich auf diesem Wege auch nicht, was Jes sus gelitten, was Er getragen, was Er durchgemacht hat, das hat verdienet deine Seele! 152 iGe be t. O Herr Herr! Du hast auch mich gewogen, und hast mich zu leicht gefunden. Uuch ich habe am Fuße Sinais unter Deinen Flüchen gezittert. Da bast Du mir Dein heiliges Geset ausgelegt; da hast Du mir von Gerechtigkeit gewaltiglich gepredigt, da hast Du meinen Stolz ins Ungesicht geschlagen; da hast Du von der Hölle und Berdammniß zu mir geredet; da hast Du mich all meines Zugendschmuckes unerbittlich entfleidet; da hast Du mir die Beulen und Wunden meiner übelzugerichteten Seele aufgedeckt; da hast Du mein trohiges und verzagtes Herz zerbrochen un ter den Schlägen jenes Jammers, von welchem Du durch Deinen Propheten geredet: ,, Ist nicht mein Wort ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?" da habe ich die hochmuthige Sprache verlernt: ,, Ich bin reich und habe gar fatt und darf nichts;" da bin ich unter vielem Weinen und Seufzen zu der Erkenntniß gekommen, daß ich bin elend und jämmerlich, arm, blind und bloß; da ist es mir unter Bittern und Beben meis nes Herzens gewiß geworden, daß ich ein verdammter, und verlorner Sünder sei. Uch Herr Herr! wie danke ich Dir, daß Du meiner nicht geschonet, daß Du mit mir in das Gericht gegangen bist, daß Du mich also gedemüthigt hast. Ach ja! das war auch Gnade, das war große, nicht zu preisende Gnade. Denn nun suche ich Dein Ungesicht, nun sage ich der Welt Valet, nun fündige ich der Sünde den Dienst auf, nun zerreiße ich die Bande, woran eine falfche Liebe mich hielt und ins Verderben zog, nun will ich mit Dir wan deln die heilige Bahn, die heilige Schmerzensstraße nach Golgatha, nun will ich Dein Kreuz tragen, nun fliehe ich in Deine Wunden, nun suche ich bei Dir, mein Heiland und hoherpriester, bis ich's gefunden babe, Troft, Heil, Frieden, Seligkeit. Herr, erbar D me Dich meiner. Amen. Monta g. Mel. An Wasserflüssen Babylon 2c. Ein Låmmlein geht und trägt die Schuld Der Welt und ihrer Kinder; Es geht und büßet in Geduld Die Sünden aller Sünder; Es geht dahin, wird matt und krank, Es giebt sich auf die Bürgebank, Entzieht sich aller Freuden; Es nimmt an sich Schmach, Hohn und Spott, Angst, Wunden, Striemen, Kreuz und Lod, Und spricht: ich will's gern leiden. 153 Luc. 23, 26. " 1 Und als sie Ihn hinführeten, ergriffen sie ei nen, Simon von Kyrene, der kam vom Felde; und legten das Kreuz auf ihn, daß er es Jesu nachtrüge. of Erschöpft von Qualen, mit blutigent Haupte, niedergedrückt von der Pein Seines Seelenleidens schwankte Jesus dahin, die schwere Last des Kreuzes auf den zerfleischten Schultern, umgeben von Mene schen, die Seiner Leiden spotteten, umwogt von ei ner ungeheuren Menge, und doch einsam Seine Bahn gehend. Als Er nun Seinen Schmerzens weg dahin wandelte, kam Simon von Kyrene vom Felde, und weil vielleicht eben Jesus ohnmächtig niedergesunken war, legten sie diesem Manne das Kreuz auf die Schulter, daß er es Jefu nachtrüge. Glückseliger Simon, der du gewürdigt, die Leiden deines Erlösers zu mildern, wahrlich! dir ist ein köstliches Loos geworden. So ging der Zug weiter fort und es wird erzählt, Jesus sei vor das Haus einer frommer Frau, Namens Veronika, gekommen, 154 und diese habe mit einem Tuche Ihm den Schweiß von der Stirn getrocknet, und wenn diese Erzählung wahr ist, so hat gewiß diese erste Liebesthat, die der Heiland nach so vielen Mißhandlungen von einer Menschenhand empfing, Ihn süß erquickt; auch sagt die Geschichte, es sei dem frommen Weibe un vergessen geblieben. Jesus trug Sein Kreuz auf der Schmerzensstraße. Mir nach! spricht Christus, unser Held." Alle, die den Weg nach Golgatha einschlagen, wandeln unter einem Kreuze dahin; es erfüllt sich in ihnen das Wort ihres Meisters: ,, Wer Mir nachfolgen will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge Mir." In den Augen dieser Wanderer glänzen Thránen und in ihren Mienen lesen wir den Ausdruck des Kampfes und des Schmerzes; bei aller Freudigkeit, welche in ihrem Angesichte strahlt, tritt uns dennoch in ihnen bestán. dig das Bild eines Kreuzträgers entgegen. Es ist auch nicht anders, das Kreuztragen kann ihnen nicht erspart werden. Sie kommen aus einem Richthause, worin Moses ihnen den Stab gebrochen; sie koms men heraus in einer ganz ähnlichen Gestalt, als ihr Herr, schweißtriefend von der innern Seelenangst, die sie ausgestanden, erschüttert von dem Urtheile, welches über sie ausgesprochen ist, arm und nackt, wie ein Bettler nur immer sein kann, blutend auß vielen Wunden, welche die göttliche Zuchtruthe ih. nen geschlagen hat; ihre Augen aufgethan für ihre ganze unaussprechlich große Sündennoth. Ein tie fer, jede Fiber des Herzens durchdringender Schmerz, den sie früher nicht kannten, hat sie ergriffen, der Schmerz über ihre Sünde, womit sie den Herrn beleidigt, Seine Noth gehäuft, Seine Wunden - 155 Ihm geschlagen, Sein Kreuz Jhm schwerer gemacht haben. Unter der Last dieses Schmerzes wandeln sie dahin, Frieden suchend droben auf Golgatha. Und siehe! die Sünde will ihre Beute noch nicht fahren lassen, sie macht immer neue Angriffe, sie verfolgt die Wanderer bei jedem Schritte, fie lauert ihnen auf, sie umgiebt sie mit Fallstricken, sie liegt mit ihnen in einem beständigen Kampfe; sie sucht ihre Sinne zu reizen, ihr Urtheil zu verwirren, ihre Schritte zu lähmen, ihren Gebetseifer zu schwächen, was ihr denn auch nicht selten gelingt, und dann giebt es viel Noth und Weinen, viel brennende Wunden, vielSeufzen und Klagen. DerSchmerz über die Sün de und der Kampf mit der Sünde, das ist das Kreuz, welches alle diejenigen tragen, welche auf dem Wege nach Golgatha wandeln. Außerdem aber verschonet sie der Herr auch mit mancher an> deren Last und Noth nicht; Er wirft sie in den Schmelzofen der Trübsale, um ihre Herzen zu läutern; Er sucht sie mit Schmerzen heim, um ih. ren Gebetseifer wach zu erhalten; Er sendet sie auf dunkle Wege, um ihren Glauben: prüfen und zu stärken, Er nimmt ihnen theure Güter und geliebte Herzen, damit Er allein ihre Luft und Liebe werde, und obwohl sie in allen diesen Schickungen nur Beweise Seiner Huld und Treue sehen, so gehen ihnen doch oft dabei die Augen über und das Fleisch sträubt sich gegen Seine züchtigende Gnade. Zudem ist ihr Weg einsam; die Welt geht nicht mit nach Golgatha, sie ziehet die entgegengesetzte Straße, ihrer Luft und dem Treiben ihres Fleisches nach; oft ge hen auch nicht einmal die nächsten und Liebsten mit, nicht Bater und Mutter nicht Gatte und Kind, 156 und der Wanderer hat Niemanden bei sich auf seis nem einsamen Pfade als seinen lieben Hern und daß Engelgeleit, welches dieser sendet; nur bisweilen und oft ganz unerwartet und dann um so seliger findet sich ein Simon von Kyrene, der ihm sein Kreuz tragen hilft, oder es nahet sich Ihm eine Bes ronika, eine liebe fromme Seele, welche ihm den Schweiß von der Stirne trocknet, wie seinem Herrn und Meister auch geschehen ist. Gebet. Uch ja, lieber Herr; es ist eine Schmerzensstraße, welche Du nach Golgatha wandelst, es ist eine Schmer zensstraße, auf welcher Du die Deinen Dir nach zie hest. Der Weg aus Egypten nach Canaan geht durch das Meer der Erubsale und durch eine Wüste voll Kampf und Unfechtung, Hunger und Durst, Ungst und Unruhe. Oft troßt der Wille, oft sträubt sich das Fleisch, oft weigert sich das Herz und will nicht weiter ziehen. D Herr! brich Du den Willen, tödte Du das Fleisch, beschwore Du das widerstrebende böse Herz. Und wenn nun wieder die Seele über meine Armesündergestalt erschrickt und das Herz bei dem Anblicke meines Jammers und Elendes anfängt zu zittern und zu zagen: o dann laß mich, wie die Taube in die Felsenrigen, so in Deine offenen Wunden fliehen, dann hulle mich ein in Deine alle Mängel zudeckendes Verdienst, dann lehre mich sprechen: ,, Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid." Troste, tröste meinen Sinn, weil ich schwach und blöde bin und des Satans schlaue List sich so hoch an mir vermist. Und wenn nun wieder der Kampf entbrennt, die Sünde mich anfällt, die Welt ihre Schlinge wirft, der böse Feind fein Geschoß schleudert: o dann decke mich mit Deinem Schilde, dann reiche mir das Schwert Deines Wortes, dann wecke in mir Muth und Zuversicht, dann hilf fiegen, Du Fürst des Lebens! dann tóne es wie, 157 Triumphgesang durch meine Seele: ,, Auf Christenmensch, auf, auf zum Streit! auf, auf zum Ueberwinden! in dieser Welt, in dieser Zeit ist keine Ruh' zu finden. Wer nicht will streiten, trågt die Kron' des ew'gen Lebens nicht davon." Und wenn nun wieder Dein Kreuz mir zu schwer werden will und das Herz matt wird und die Kniee wanken in den Trübfalen, die Du sendest, weil sie mir heilsam find auf dem Wege, den ich wandle, und wenn mir die Füße wund werden in den Dornen, durch welche Du mich führst, o dann stårke die müden Hände und erquicke die strauchelnden Knieen und sage zu dem verzagten Herzen: ,, Sei getroft und fürchte Dich nicht!" Dann heiße es in mir: ,, Frisch, frisch hinauf, mein Geist und Herz! auf Jesu Dornen: wegen; bekrieget mich hier Leid und Schmerz, auf Siegen folget Segen. Nur fröhlich aufgefaßt die leichte Liebeslast! das Leiden dieser kurzen Zeit ist doch nicht werth der Herrlichkeit." Und wenn nun wieder mein Weg mir einsam erscheint, weil meine Freunde nicht mit mir ziehen: o dann laß mich daran gedenken, daß Deine Engel mich geleiten, dann laß mich den süßen Trost Deiner seligen Nähe fühlen, dann laß mich beten: Still an Deinem liebevollen Herzen laß mich ruhn, o Jesu, meine Lust, alle meine Sorgen, meine Schmerzen schütten in des Freundes treue Brust." Amen. 11 Dienst a g. Melod. Sollt' ich meinem Gott nicht singen 2c. Lasset uns mit Jesu ziehen, Seinem Vorbild folgen nach, In der Welt der Welt entfliehen Auf der Bahn, die Er uns brach, Immerfort zum Himmel reisen, Irdisch noch, doch himmlisch sein, Glauben recht und leben fein, In der Lieb' den Glauben weisen: Treuer Jesu, bleib bei mir! Gehe vor, ich folge Dir. 158 faffet uns mit Jefu leiden, Seinem Vorbild werden gleich! Nach dem Leiden folgen Freuden, Armuth hier macht derten reich. Ehránenfaat, die machet lachen, Hoffnung tröstet mit Geduld; Es kann leichtlich Gottes Huld Aus dem Regen Sonne machen. Jefu! hier leid ich mit Dir, Dort theil' Deine Freud' mit mir. Luc. 23, 27. ,, Es folgte Ihm aber nach ein großer Haufe Volks und Weiber, die klagten und beweinten Ihn." Nach so vielem entsetzlichen Geschrei: ,, Kreuzige, kreuzige Ihn!" nach so vielen Neußerungen des gefühllosesten Spottes, nach so vielen Marterscenen der unmenschlichsten Grausamkeit endlichThränen, Thränen, dem Leiden des Erlösers geweint, rührende Zeichen menschlicher Theilnahme, Demjenigen dargebracht, der Gebet und Flehen mit starkem Geschrei und Chránen vor Gott opferte. Wie in Trübfalstagen das Mitgefühl eines von unserer Noth ergriffenen Herzens so wohl thut, wer weiß das nicht! Es ist ein Sonnenblick durch den düstern Wolkenschleier, es löset die gepreßte Brust in erleichternden Thránen auf, es mildert die Noth, es stillet den Schmerz, es stärkt die matten Kräfte; die mitleidigen Chránen in einem Menschenauge glänzen für uns heller und lieblicher, als die Sterne des Himmels. Es folgte Jhm aber nach ein gro ßer Haufe Bolks und Weiber, die klagten und be weinten Jhn." Aber dennoch trösten den Herrn diese Thränen nicht, denn es sind nicht Thränen, welche das bußfertige Herz, indem es seine Sün 1 159 den mit Jesu Qualen in Verbindung fest, auf dem Wege nach Golgatha weint, sondern Thränen, welche die flüchtige Rührung und das äußerliche Mitleid am Wege nach Golgatha vergießt. Die Schmerzensstraße nach Golgatha, auf welcher der Heiland und hinter Jhm eine lange Schaar Gnade suchender Sünder dahin ziehen, ist noch heute ein Weg, an welchem die ungläubige Welt stehet und über alle diejenigen seufzt, welche darauf wandeln. Die Seele, welcher die Augen aufgethan sind für die Tiefe ihres Verderbens, welche, von dem Schmerze über ihre Sünde getrieben und an den Seilen der Liebe Christi gezogen, diese heilige Bahn betritt, muß es sich gefallen lassen, mit Bedauren und Ach selzucken betrachtet zu werden, als wäre ihr ein Un glück begegnet, als hätte sie ihr Heil nicht gefun den, sondern verloren, als wandle sie nicht in den Himmel, sondern in die Hölle. Da stehen zur Seite die Gespielen und Gefährten und klagen, daß sie nicht mehr in ihre Sünden und Eitelkeiten willigt, nicht mehr ihre Wege mit ihnen wandelt, nicht mehr nach gewohnter Weise es mit ihnen treibt. Da stehen Bekannte und Unbekannte und beseufzen sie, wie einen Verirrten, in dessen Wesen sie sich nicht finden können, wie einen der Welt Abgestorbenen, welcher das von sich stößt, worin sie allein ihre Luft und Befriedigung finden; wie einen Eigensinnigen, der es vorzieht, einen dden Weg in düsterer Begleitung einzuschlagen, statt mit heiteren Gefährten die Freu den des Lebens zu genießen. Da stehen wohl gar Vater und Mutter und sprechen: ,, Benoni! du Schmerzenskind!" und können sich nicht darein finden, daß es mit ihrem Kinde so gar anders gewor 160 den ist, daß es ihre Ansichten nicht mehr theilen, ihren Neigungen nicht mehr Beifall geben, ihre Freuden nicht mehr mit genießen, an ihrem Treiben kei nen Wohlgefallen mehr finden kann, und sie bewei nen seinen Glauben bitterlicher, als sie seine Sün den und Unarten beweinten. Da stehet die arme, blinde Welt und klagt über diese feligen, wenn auch kreuztragenden Wanderer, die auf Golgatha ihr Heil suchen; sie nennt sie Narren und Thoren, des ren Vernunft verdunkelt und deren Urtheil verblen det ist; sie nennt sie Stolze und Dunkelhafte, weil sie die durch Gott gewirkte Zuversicht an ihnen wahrnimmt, die ihres Heils gewiß ist und der Vergebung der Sünden sich tröstet; sie nennt sie Friede. störer und Lustverderber, weil freilich der Anblick eines solchen Nachfolgers Jesu auf der Schmerzens, straße das Gewissen aufschreckt, das sichere Herz mit Unruhe erfüllt, die fleischliche Behaglichkeit stört und die Sündenluft unschmackhaft macht. O du thd. richte Welt! Hemme deine Klagen! unterbrich dein Seufzen! weine nicht über uns, weine über dich selbst. Du weißt nicht, wie gut es sich wan> delt auf dem Wege, worauf Christus die Seele nach sich zieht; da ist Er die Sonne, die uns leuch tet, das Brod, das uns nährt, der Stecken und Stab, woran wir uns halten, die unerschöpfliche Freudenquelle, woraus wir Gnade um Gnade neh, men. Was hast du, o Welt, das du uns für un ser Glück bieten könntest? Was hat die Welt für wahre Freude, Sft alles, was sie giebt, nicht Schein? Ist nicht ihr Glück ein schwach Gebäude, Das über Nacht vielleicht stürzt ein? Wie laftet ihre Noth so schwer, Wie läßt doch ihre Luft so leer! 161 O ihr, die ihr uns beklaget, wie wenig habt ihr Ursach dazu. Ihr esset Tråber, wir nähren uns von dem Manna des Himmels; ihr schöpfet aus löch richten Brunnen, die kein Wasser geben, wir sitzen unter Elims Palmenschatten, an lebendigen Quel. len und trinken von dem Wasser, das allen Durst stillet; ihr seid Knechte einer Wollust, welche mit Ekel und Ueberdruß die Seele füllt, wir genießen eine das Herz nach allen Seiten hin befriedigende Wonne; eure Arbeit ist ohne Gewinn, eure Ru he ohne Erquickung, unser Ringen dagegen ist ein immerwährendes Siegen und nie fehlt es uns an einer herzerquickenden Labung; ihr rühmt uns euren Reichthum, wir haben einen Schaß über alle Schäße gefunden, eine Perle, von welcher wir singen: Um diese Perle wåre Mir alles Undre feil, Selbst hab' und Gut und Ehre, Mein ganzes Erdentheil. Wir gehen freilich, wie unser Herr, unter einem Kreuze dahin, aber das Joch ist sanft, und die Last ist leicht und im Blicke auf Ihn, der uns tragen hilft, sprechen wir: Ich weiß nichts mehr von Leiden, Denn alles Kreuz und Leid Kann mich von Dir nicht scheiden, Du Born der Seligkeit. *** son Ja, wenn ich Dich nur habe, Dann gilt mir Ulles gleich, Ich bin am Bettelstabe Noch wie ein König reich. Ihr redet von eurer lustigen Gesellschaft und be klaget unsere Einsamkeit, aber ihr vergesset, daß der Herr der Herrlichkeit, daß eine Schaar von Heiligen und Geliebten, daß ein Heer von glån. £ 162 zenden Trabanten und begleitet, und daß rings um uns her Berg und Flur und Hain von nie ver. stummenden Lobliedern wiederhallen. Und nun erst das Ziel, dem wir entgegen wandern! Wohl mò, gen wir sagen: Er macht es mir auf Erden schön, Was wird bei Ihm mein Uuge sehn. Das Kreuz glänzt, wie ein strahlendes Siegspanier, hinter Golgatha öffnet sich der Himmel und die Gottesstadt mit den Perlenthoren und den goldenen Gassen. Ja, dahin ziehen wir! Gebet. Ach ja! möge die Welt immerhin am Wege ste: hen und über uns seufzen und klagen; sie weiß nicht, wie gut wir es bei Dir haben, lieber Herr Jesu! und wie schon es sich mit Dir wandern läßt. Du forgst für Alles und keiner kann fagen, er habe je bei Dir Mangel gehabt. Du machst uns unsern Weg eben und lieblich; quålt uns der Hunger, Du speisest uns; werden wir matt, Du durchdringst uns mit neuer Kraft; Straucheln wir, Du reichst uns zum Aufstehen Deine Rechte; will uns die Zeit lang werden, Du sorgst für die lieblichste Unterhaltung; wird es Dunkel um uns, Dein Licht muß die Nacht vertreiben; drückt uns das Kreuz zu schwer, Du hilfft es uns tragen; drohen Gefahren, Du deckst uns mit Deinem Schilde; werden die Pfade steil, Du ziehest uns hinan; wissen wir, wie Israel im Thale Hiroth, nicht mehr aus noch ein, Du theilest die Wogen, daß wir trockenen Fußes hindurch ziehen. Wir können es nirgend besser haben, als bei Dir, o Herr! Darum sprechen wir: Jesu geh' voran Auf der Lebensbahn; Und wir wollen nicht verweilen, Dir getreulich nachzueilen; Führ' uns an der Hand Bis ins Vaterland. Amen. DER$ 100 Mittwo ch. Melod. D Durchbrecher aller Banden i. die Beint nicht über Jesu Schmerzen, and the 150 sie si Weint nicht über Jesu Tod; Weint erst über eurer Herzen Unempfundne Sündennoth. Denn in Ihm ist nicht erfunden 9: Eine Sünde, ein Betrug, Nur für euch trägt Er die Wunden, Trågt nur eurer Sünde Fluch. Uch, was hilft's, mit Weinen, Trauern Unter seinem Kreuz zu stehn; Uch, was hilft's, den Todesschauern, Die Er fühlte, nachzugehn; Uch, was hilft's, das Loos beklagen, Das der Heil'ge fich erwarb Ohne sich einmal zu fragen: Warum und für wen Er starb? Könnt ihr keine Sünde finden, Keine, an des Menschen Sohn, Ist der Tod allein der Sünden Strafe und gerechter Lohn: O dann muß Er Strafe dulden, Die Er selber nicht verdient, O dann sind es fremde Schulden, Die Er mit dem Tod verfühnt'! Und für wen hat Er gestritten Diesen Kampf, dem keiner gleich? Und für wen den Tod gelitten? Für die Brüder nur, für euch! Und nun sehet an den Reinen, Wie Er leidet in Geduld! Und nun habt ihr Grund zu weinen Ueber eure Sündenschuld. Wenn thr dann aus tiefstem Herzen Eure Schuld erkennt, gesteht Wenn ihr in des Heilands Schmerzen Eurer Sünde Strafe seht, Wenn ihr weint um eure Sünden, O dann wird, der still und mild Fremde Schuld trågt, euch verkünden, Was die bittre Thräne stillt. 22 163 164 Luc. 23, 28-30. Weinet nicht über Mich, sondern weinet über euch felbst und über eure Kinder. Denn siehe es wird die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: Se: lig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht gesäuget haben. Dann werden sie anfangen zu sagen zu den Bergen: ,, Fallet über uns!" und zu den Hügeln: ,, Decket uns!" 11 - Wenn der Herr sagt: Weinet nicht über Mich, sondern weinet über euch und eure Kinder," so will Er damit die Thräne, über Ihn vergossen, nicht tadeln, Er fordert nur, daß die Thräne auch zugleich eine Thräne über uns selbst sei. Wer kann auch den Thränen wehren, wenn man den lieben Heiland in Seiner Leidensgestalt betrachtet, wenn man Ihm auf Seinem Kreuzeswege nachsieht;- ach! wie viel tausend Chránenströme sind schon ges flossen beim Lesen Seiner Leidensgeschichte!- aber tadelnswerth und verwerflich sind sie, wenn das weinende Auge wohl den Dulder sieht, aber nicht zugleich wahrnimmt, daß Er um unsrer Missethat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen ist,- wenn sie nicht über den Grund Seiner Marter, welches ist die Sünde, geweinet werden. Jene Thränen verlangt Er nicht, denn Er ist von Herzen demüthig, und gedenket Seiner Leiden nicht, diese aber will Er haben, denn sie sind's, welche uns nüßen, welche der himmlische Vater zählet, welche Ihm wohlgefallen, welche mit Christi Blut gemischet zu einem Heilbalsam für allen Seelenschaden werden, und über welche Freude ist vor den Engeln Gottes im Himmel. Wehe! 165 wer diese Thränen nicht kennt, die Thränen der Buße, der wird andere furchtbare, gräßliche Thrä nen weinen müssen die, unter deren Glutstrom er vernichtet stöhnen wird: ,, Berge, fallet über mich, Hügel, decket mich!" Siehe! mein Herz, die Welt ist ein Thränenthal, und ohne Thränen kommst Du nicht los und wenn Du die Chránen der Buße nicht findest, wenn du nicht über deine Sünden weinst, wie Paulus, wie Magdalena, dann mußt Du über deiner Sünden Strafe, über den Zorn Gottes, der Dich trifft, über die Qual der Verdammniß weinen, und welch ein Weinen wird das sein! Ach nicht ein stiller Thau, der die Wange benetzt und von der Hand der ewigen Liebe hinweggetrocknet wird, nicht ein demüthiges Seufzen, wie das des Zöllners: ,, Gott sei mir Sünder gnädig," nicht ein zwar schmerzliches aber doch hoffnungsvolles Klagen, wie das des verlornen Sohnes: ,, Bater! ich habe gesündigt in den Himmel und vor dir,"welches das Herz des Vaters bricht, sondern ein endloses Jammern, ein zweckloses Wehklagen, ein Ringen mit der unendlichen Qual ohne Erfolg, ein schauriges Heulen und Zähnklappen, bei dem die Himmel verstummen, daran aber der Teufel mit seis nen Engeln seine höllische Luft hat ewiglich. Mensch! welche ist nun deine Thräne und welche wird es sein? Gehörst du zu denen, welche auf Christi Kreuzesstraße wandeln, und herzlich betrübt über ihre Sünden, Ihm nachweinen, zu den Simeonen, welche Ihm das Kreuz nachtragen, oder stehest Du am Wege, wie die kalte, fühllose Welt, umrauscht von ih rem Taumel, erfüllt von ihren Lüften, mit offnen Augen nicht sehend die furchtbare Last, welche der - co 166 Menschensohn dort trågt, mit offnen Ohren nicht hö rend des Heiland stilles Seufzen um Dich und Deine Erlösung, und ohne eine Thräne über deine Sün den? Ach dann wird deine Mutter, wenn sie dein Heulen und Zähnklappen einst höret, und dieselbige Kluft zwischen ihr und dir befestiget siehet, welche den reichen Mann von dem armen Lazarus trennte, die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht gesäuget haben, selig preisen um deinetwillen, und der Stunde, wo sie dich gebar, wo sie voll Dank und Freuden zum ersten Male dich an ihre Brust drückte, mit Jammer gedenken. O noch ist es Zeit, noch ist die Stunde nicht hereingebrochen, wo du jammerst: ,, Berge, fallet über mich und Hügel, decket mich!" noch kannst du deine Hände falten, deine Knie beugen, deinen Abschied machen von der Welt und ihrer Luft- noch wird deine Sünde bedeckt gehal ten unter göttlicher Geduld, noch dauert an die Gnadenstunde des Wartens, ob du dich nicht bes kehrest, noch ist Zeit zur Buße, noch die Stunde nicht vorüber, in welcher du Thrånen finden kannst über deine Sünden; o suche sie, weine sie! Laß dich das Marterbild deines zum Kreuze wankenden Mittlers erschüttern, laß dich Sein drohendes weis sagendes Wort von jener Zeit des Gerichtes, in welcher die Unbußfertigen verzweifeln werden, er schrecken und laß die Chránen rinnen, welche die ewige Liebe hier trocknet, damit du nicht dort weinen und heulen müssest, wo keine Hand und kein Schweißtuch die glühende Thräne der Verzweiflung von deinem Angesichte wischet! 167 Gebet. Gerechter Gott, barmherziger Vater! Dein Wort hat es mir zugesagt mit heiligen Versicherungen, daß Deine Liebe unergründlich, Deine Gnade unbeschreiblich, Deine Geduld unbegreiflich, Deine Langmuth unermeßlich sei; und daß Du wahrhaftig bist in diesem Deinem Worte, deß bin ich selber ein unwidersprechlich Zeugniß. Uch welche Geduld, Gnade und Barmher. zigkeit ist es, daß Du mich, der ich die Hölle und die Verdammnis tausendmal verdient hatte, bis heute in der Gnadenzeit noch gelassen hast. Ich habe Todsünden begangen und lebe noch! Ich habe Dein strenges Gebot übertreten und Dein Fluch ist nicht auf mich gefallen! Ich habe getrohet wider Dich mit Herz und. Hand und Mund, und Du hast mich nicht von Dir gestoßen! Ich habe Deine Geduld und Langmuth auf Muthwillen gezogen und habe Deinen einigen Sohn, den Du lieb haft, mit meinem Sündenkreuz beschweret und Ihn hinaus getrieben auf die Marterstraße- Du aber stößest mich noch nicht hinaus in die äußerste Finsterniß, sondern läsfest mich noch einmal warnen, erinnerst mich an die Zeit des Elends und der Verzweif lung, lehrest heute mich gedenken an die Angst der Verdammten, wenn sie die Stunde ihrer Geburt verfluchen und Hügeln und Bergen zurufen werden: ,, De det uns" damit ich heute in mich schlage und um kehre und Buße thue. Uch heute, da ich Deine Stimme höre, laß mein Herz nicht verstockt bleiben, sondern mich herzliche Thränen der Buße finden, solche Thranen, wie sie mein Heiland haben will, wenn er spricht ,, Weinet nicht über mich, sondern über euch selbst und eure Kinder." O warum wollen doch diese Thränen so schwer aus dem Herzen und den Augen quillen? Wa rum stehe ich so bewegt an Krankenbetten und weine heiße Thránen an Todtenlagern und Gräbern und finde doch so selten die rechten Ehránen in meiner größten Krankheit, die ich von den Båtern her ererbt, und bei dem Gedanken an den geistlichen Tod, den ich, armer Sünder, mir selbst bereitet habe? Warum andere Thrá 168 nen so viel, warum Magdalenen: Thränen so wenige? O du zeigest, Herr, auf mein trogiges und verzagtes und an die Welt verkauftes Herz. Uch das ist kalt und starr und will nicht brechen, ist felfenbart und liebeleer. Du aber, o gnadenreicher Gott, haft einen Hammer, der Felsen zerschmeißt, darum bitte und flehe ich zerschlage auch mein Herz, laß das Drohen Deines Ges richt's mich schrecken, laß die Stunde, wo die Verdamms ten verzweifeln werden, mir heute schrecklich mahnend vor die Seele treten, und weil ich weiß aus Christi eigenem Munde, daß Niemand zu Ihm kommt, es sei denn, daß ihn ziehe der Bater, so bitte ich Dich, barmherziger, allmächtiger Bater, ziehe mich auf deines Sohnes Marterstraße. Siehe nicht auf meine Bosheit, sondern um Seiner Gerechtigkeit willen erbarme Dich meiner! Siehe nicht auf meine Schande, sondern um Seiner Heiligkeit willen erbarme Dich meiner! Siehe nicht auf meine Werke, sondern um Seines Verdienstes willen erbarme Dich meiner! Siehe nicht auf meine Irrwege, sondern um Seines Kreuzesweges willen, den Er dort wandelt, erbarme Dich meiner! Mein Gott! ich bitt' durch Christi Blut, Mach's mit mir armen Sünder gut! Amen, Donnerst a g. Melod. Singen wir aus Herzens Grund 2. Treuer Wächter Israel, Deß sich freuet Leib und Seel', Der Du weißest alles Leid, Deiner armen Christenheit, D Du Wächter, der Du nicht Schläfft noch schlummerst, zu uns richt Dein hülfreiches Ungesicht! Schau, wie große Noth und Qual Trifft Dein Volk jetzt überall! Täglich wird der Trübfal mehr; Silf, ach! hilf, schüß Deine Lehre! Wir verderben, wir vergehn, Nichts wir sonst vor Augen sehn, Bo Du nicht bei uns wirst stehn! Hoherpriester Jefu Chrift, Der Du eingegangen bist In den heil'gen Ort zu Gott Durch Dein Kreuz und bittern Tod, Uns versöhnt mit Deinem Blut, Uusgelöscht der Hölle Glut, Wiederbracht das höchste Gut! Sikest jetzt in's Vater Reich, Ihm an Macht und Ehren gleich, Unser Mittler, Gnadenthron, Ceine höchste Freud' und Kron', Den er in dem Herzen trågt, Wie sich selbst zu lieben pflegt, Dem er keine Bitt' abschlågt: Kläglich schreien wir zu Dir, Klopfen an die Gnadenthür, Wir, die Du mit höchstem Ruhm Dir erkauft zum Eigenthum: Deines Vaters Zorn abwend', Der wie lauter Feuer brennt Und schier alle Welt durchrennt. Beig' ihm Deine Wunden roth, Red' von Deinem Kreuz und Tod, Und was mehr Du haft gethan, 3eig Ihm unsertwegen an; Sage, daß Du unsre Schuld Haft bezahlet in Geduld, Und erfanget Gnad' und Huld. Und're trau'n auf ihre Kraft, Auf ihr Glück und Ritterschaft; Deine Christen sehn auf Dich, Auf Dich trau'n fie festiglich, Laß sie werden nicht zu Schand', Bleib ihr Helfer und Beistand, Sie sind Dir doch Ull' bekannt. 169 Luc. 23, 31. Denn so man das thut am grünen Holz, was will am dürren werden?" " 1 Sich nennt der Herr das grüne Holz, denn Er ist der immer grünende Stab Aarons, die Wur 170 Isai, der saftreiche Weinstock, der Baum des Lebens, der grünende Tannenbaum, dessen Aeste und Blätter nie vertrocknen. Ihm gegenüber steht Is rael, das verdorrete Holz, mehr als zweimal aus. gewurzelte Bäume, vertrocknete Stämme, denen die Art schon längst an die Wurzel gelegt ist, und denen das Umhauen ganz nahe. Wenn die Römer und Heiden das an Ihm thun, dem Heiligen und Ge rechten, der da zur Kreuzesmarter wankt, was werden sie dann über ein Kleines an dem trohigen, widerspenstigen Volke thun! Als Werkzeuge seiner Zorngerichte, wird Gott ihre Schwerter blißen las sen von Dan bis Bersaba und die Stadt wird wi ste werden und der Tempel vernichtet, und Blut wird in Strömen rinnen und Pestilenz, Erdbeben und theure Zeit wird über Alle kommen. Wenn Christus das grüne Holz ist, so sind es mit Ihm die dem Weinstocke eng verbundenen Reben, die Gláu bigen, in welchen die Säfte und Kräfte des ewigen Lebens strömen, die Glieder des Leibes, daran Er das Haupt ist, die Schäflein, welche auf Seine Hirtenstimme hören, die Seinigen, welche Ihn kennen und Ihm bekannt sind; Sein Gefolge auf dem Kreuzeswege, das da ruft mit Paulo: ,, Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir;" ja sie sind das grüne Holz. Wenn Israel, das Ihn verworfen hat, das dürre Holz ist, so ist es mit ihm die ganze ungläubige Welt. Die am Staube hangen und mit ihren Herzen an der Erde liegen, wie Reben, die vom Weinstock abgeschnit ten sind und aus ihm keine Kraft mehr ziehen, die entfremdet sind von dem Leben, das aus Gott ist, die andern Stimmen folgen, als der des guten Hir 171 11 ten, und andere Weide lieben, als die von Ihm dargebotene, die auf ihren eigenen Wegen wallen, und der Welt und ihrer Ehre, ihren Lüften und ihren Schätzen nachiagen; die nichts wissen von der stillen Feier dieser heiligen Wochen, und nichts ah. nen von der seligen Luft der Kinder Gottes, Ihm nachzuschauen und nachzuweinen, da am Wege stehn und sich nicht von Jhm nachziehen lassen auf seiner Kreuzesstraße, die sind das dürre Holz. So nun das geschieht am grünen Holz, was will am dürren werden?" Und was geschieht denn am grünen Holz? Ach meine Seele, blick Ihm doch nach, dem Herrn der Herrlichkeit auf Seinem Kreuzeswege. Ist Er nicht wie ein ent laubtes Reis, und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich? Ist da eine Gestalt oder Schöne, die dir gefallen könnte? Jst Er nicht der Allerverachteste und Unwertheste, ein Mann voller Schmerzen und Krankheit? Ist er nicht so verachtet, daß man das Angesicht vor Ihm verbergen möchte? ,, Sein heiliger Leib ist eine große Wunde. Sein heilig Haupt mit Spott und Dorn gekrönt, Bum Tod betrübt vom Schrecken dieser Stunde. - ww So zieht er hin, zermartert und verhöhnt, 11 3ur Schädelstätte wandelt Gottes Lamm, A Es blutet und es stirbt am Kreuzes stamm." 11 Das geschieht am Weinstock, und was an den grünenden Reben? Sie müssen. Alle dieselbe Straße ziehn! Jacobus, der Bruder des Herrn, wird von der Sinne des Tempels gestürzt, und mit der Keule erschlagen, und in der Apostel Herzen tauchen sich Lanzen und Schwerter, oder sie müssen, wie ihr Haupt, ans Kreuz. Stephanus wird ge steinigt, Paulus geschmähet und verfolgt, gepeiniget, und gequälet, bis endlich das Schwert des 172 Henkers auch ihm die Erfüllung seiner heißen Sehnsucht bringt: ,, Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein." Und was an so vielen Tausenden der andern jungen grünenden Reben des himmlischen Weinstocks geschahe, erzählen uns die heiligen Már. tyrergeschichten. Die Einen wurden in Säcke, die mit Pech und Del getränkt waren, eingenähet, an Pfähle gebunden und angezündet um in langen Reihen zu nächtlichen Spielen und Tanzen wie Fa ckeln zu leuchten, oder man hüllete sie in Thierhäu te und ließ sie zur öffentlichen Belustigung von Hunden zerreißen. Noch andere wurden in des schrecklichen römischen Kaisers Nero Gårten reihenweise ans Kreuz geschlagen; wieder andere in sie dendes Del geworfen, auf glühende Roste gelegt oder lebendig auf Scheiterhaufen verbrannt. Wie der andere wurden von Folterknechten auseinander. gerissen, so daß sich die Glieder eher, als der Geist vom Leibe trennten, oder wilden Thieren vorgewor fen und zerfleischt, oder den Schlangen Preis gege ben. Da ist keine Marter, die nicht an frommen Christen versucht ward zur Zeit ihrer Verfolgung, keine Qual, die man ihnen nicht anthat, keine Codesart, die man nicht an ihren erprobt hätte. Und doch waren sie keine Missethäter, oder Verläugner oder Abtrünnige, sondern Glaubenszeugen und Liebeshelden, die für ihre Verfolger beteten wie Stephanus: ,, Herr, behalt ihnen diese Sünde nicht!" oder die freudig riefen, wie der fromme Ignatius: Man werfe mich ins Feuer oder vor wilde Thiere, man nagle mich ans Kreuz oder zerreiße mir alle meine Glieder: was ist das alles, wenn ich nur Jes sum genießen darf!" oder jubelten in der Todes 173 stunde, wenn sie die wilden Löwen schon brüllen hörten: ,, Ich bin Christi Weizenkorn, das der Zahn der wilden Thiere erst zermalmen muß, ehe ich als reines Brod erfunden werde." Und was damals geschahe an den grünenden Reben, das geschieht bis auf den heutigen Tag, wenn auch in minder schre cenerregender Gestalt, an den Kindern Gottes. Sie sind noch immer als ein Fluch der Welt und ein Fegopfer aller Leute( 1 Cor. 4, 13), und noch immer müssen sie Jeremià Klagelied singen: ,, Alle unsre Feinde sperren ihr Maul auf wider uns, wir werden gedrückt und geplagt mit Schrecken und Angst."( 5, 46. 47.) Giebts denn eine Bosheit, die man ihnen nicht Schuld gåbe? ein Verbrechen, dessen man sie nicht fähig hielte? eine Qual, die man ihnen nicht gönnte? ist denn ein Mittel so niederträchtig und verächtlich, das man nicht anwendete, um ihnen Angst und Betrübniß zu bereiten? Die alte wie die neue Zeit kann ihre Märtyrergeschichten erzählen. So lange Schäflein ihren Hirten folgen, gehts die Kreuzesstraße und geschieht an jeder Rebe, was dem Weinstock widerfuhr. Wir stehen er= schüttert da, wenn wir euch, ihr grünenden Reben, also zerstoßen und zerschlagen sehen, aber wir bleiben doch nicht zögernd am Wege stehen, wir schließen uns euch eilend an auf euren Leidenswegen, nehmen gern das Kreuz auf uns und folgen mit euch Ihm nach, denn schrecklicher noch als alle jene Leiden dünket uns das Wort: So das geschieht am grünen Holz, was will am dürren werden? Ach ihr, die ihr euch fürchtet vor den Leiden dieser Zeit und sein Kreuz verachtet und von euch werfet, die ihr am Wege stehet und auf kein Rufen und Einladen o 174 höret, die ihr euch nicht von Ihm ziehen lasset, die ihr nicht schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist, und Ihm nicht trauet, die ihr entfremdet seid von dem Leben, das aus Gott ist, entlaubte Stämme, abgeschnittene Neben, todte Gliedersprechet selbst den Schluß aus: ,, Ihr taugt nur zum Verbrennen." Gebet. Uch Herr, ach Herr! Zieh mich Dir nach auf Dei ner Kreuzesstraße, und unterrichte mich, wie ich Dir wohlgefällig mein Kreuz auf mich nehmen und Dir nachfolgen könne. Wie sträubt sich doch mein Fleisch und Blut gegen das Kreuz, wie möchte ich nach meis nem natürlichen Menschen viel lieber mit Geld und Gold und Ehr, als mit dem Kreuz beschweret sein, viel lies ber luftig auf der breiten, als auf der schmalen, engen Straße wandeln, viel lieber am Wege stehen und zuses hen, wie Du dahin keuchst unter deiner Last und die Deinen Dir nachdringen, als mich zu ihnen gesellen und Dir folgen. Doch ich weiß es, Herr! daß nur das Kreuz zur Herrlichkeit führt, und daß wir durch viel Trubsal in das Reich Gottes müssen. Darum bitte ich Dich, mache mich recht willig, das Kreuz zu neh men und Schmach und Schande zu erdulden, und verschone mich nicht damit, wie Du Deine Heiligen und Geliebten niemals verschonet hast, sondern laß mich der Trübfal immerhin so viel erfahren, als meinem trokigen Herzen nothwendig ist, daß es breche, und meinen starren Knieen, daß sie sich vor Dir beugen. Uch Herr, mit bangem und doch brünstigem Flehen bitt ich Dich darum, denn es ist ja besser, hier eine kleine Zeit leiden und dort getröstet werden, als hier in fal schem Trost sich wiegen und dort gepeinigt sein; es ist ja besser, hier als dein Glied erfahren, was dem Haupte widerfuhr, als ewiglich empfangen, was an dem dürren Holze geschieht. Wenn aber die Zeit der Trubsal da ist, ach Herr, dann laß sie ihre ernste Bots 175 schaft auch ausrichten an mir, dann laß durch das Feuer derselben mich geläutert und das reine Gold ge schieden werden von der Schlacke, dann laß mich frei und los werden von der Welt und ihrer Lust und eng und fest mich an Dich, Du großer Dulder und mach tiger Tröster, halten, Dein Ungesicht suchen, und nach Dir allezeit fragen, damit ich in der Noth nicht verzage und mein Vertrauen auf Dich nicht wegwerfe, auf daß ich als ein grüner saftreicher Zweig an Dir hange und klebe und durch Deine Kraft Frucht trage, die Gott gefällt, und die da bleibet bis in Ewigkeit. Umen. Freitag. Melod. Gott des Himmels und der Erde 16. Gute Nacht, ihr eitlen Freuden, Gute Nacht, du falsche Welt! Sehet, welche Angst und Leiden Jest aussteht der Lebens: Held, Wie er zittert, wie er ringet, Daß sein Blut selbst von ihm dringet. Wie? soll ich denn Wollust pflegen, Und, o schnöde Welt, mit dir Gehen auf den breiten Wegen Der verderblichen Begier? Nein ich will nur Jesu leben, Und euch gute Nacht jetzt geben. Besser ist's, mit Jesu leiden Hohn, Berachtung, Schmach und Spott, Als von Ihm sich abzuscheiden Und bei der gottlosen Rott' Hier in großen Ehren sißen, Und dort in der Hölle schwißen. Luc. 23, 32. Es wurden aber auch hingeführet zween andere Uebelthäter, daß sie mit Ihm abgethan würden." Wir sind noch immer auf der Schmerzensstraße, worauf Jesus Sein Kreuz nach Golgatha trägt. Mit zween Uebelthätern wird er dorthin geführt. 176 O schndde Gesellschaft! Der Unschuldige muß mit den Schuldigen gehen, der Gerechte mit den Unge rechten, der Heilige mit den Bösen. Was hat Ihn in diese Gesellschaft gebracht? Kein Zug in der Leis densgeschichte unseres Erlöses ist bedeutungslos, auch diese Gemeinschaft Jesu mit den Uebelthätern nicht. Wir sehen hier das Wort des Propheten erfüllt: ,, Er ist unter die Uebelthäter gerechnet." Wir finden den Herrn in dieser Gesellschaft, weil Er gestraft wird für die böse Neigung, welche uns von Natur zu fündlichen Zusammenfünften hinziehet, und für das Wohlgefallen, welches wir so oft daran gefunden haben. Wie gefährlich für das Herz und für das Gedeihen eines gottseligen Lebens Gesell schaften sind, worin das Wesen dieser Welt herrschet, die Eitelkeit ihre Nahrung findet, der Wit glänzt, die Lüsternheit Befriedigung sucht, die Leicht fertigkeit gern gesehen wird, wer hätte das nicht schon an sich erfahren? Die Seele bringt aus sol chen Gesellschaften Flecke heraus, welche oft viele Thränen nicht auslöschen können, häßliche Bilder, welche oft mitten in der Aandacht wieder in der Erinnerung auftauchen, schädliche Eindrücke, welche schwer wieder zu vertilgen sind. Der fromme Hie ronymus beklagt sich, daß die unzüchtigen Tänze, welche er zu Rom gesehen, ihm gar häufig bei sei nen Andachtsübungen in der Einsamkeit zu Bethle hem wieder vor die Seele treten. Wer in ein Haus geht, worin die Pest ist, läuft Gefahr, angesteckt zu werden. Wenn süßes Wasser unter salziges ges mischt wird, so verliert es seine Süßigkeit. Böse Ge sellschaft, sagt ein erfahrner Mann, ist wie das Kühlwasser der Schmiede, womit das Eisen geldscht wird. 1 177 11 Sie löscht die guten Vorfäße und frommen Neigun gen aus, wenn sie auch noch so heiß sind. Ein Messer weßt das andre, und ein Mann den andern," heißt es Spr. 27, 17. Hätte sich Eva nicht zur Schlange gesellt, sie wäre im Paradiese geblieben. Hatte Simson sich von der Delila fern gehalten, er wåre den Philistern nicht zum Spott geworden. Hätte Salomo nicht die Gesellschaft der Weiber ges liebt, er wäre nicht in seinem Alter noch von ihnen bethört. Darum bezeugt David: ,, Ich size nicht bei den eitlen Leuten und habe nicht Gemeinschaft mit den Falschen; ich hasse die Bersammlung der Boshaftigen und sie nicht bei den Gottlosen." Und wo ist er denn der königliche Sånger? Ich halte mich, spricht er, mein Gott, zu denen, die Dich fürchten und Deine Befehle halten." So ziehe denn auch du, meine Seele, nicht am fremden Joch der Ungläubigen. Denn was hat die Gerechtigkeit für Genuß mit der Ungerechtigkeit? Was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsterniß? Wie stimmt Christus mit Belial? Oder was für einen Theil hat der Gläubige mit den Ungläubigen?" Halte dich fern von der Welt, suche die Einsamkeit, in der Stube redet Gott am vertraulichsten mit der Seele, und Sulamith ruft ihren Freund von den Gassen weg in die einsame Kammer. Verlanget dich aber dennoch nach Gesellschaft, wohlan! du kannst sie haben und zwar die allerbeste. Gehe hin auf die Straße, welche nach Golgatha führt und über Golgatha zur Gottesstadt. Wen findest du da? Jesum und einige Uebelthäter. Ja allerdings Ge rechte suchst du dort vergeblich. Alle, die hier wandeln und ihrem Heilande nachfolgen, wie ausm 178 gezeichnet auch Etliche unter ihnen sonst sind, welche Orden sie auch schmücken, welche Aemter sie auch bekleiden, welche Tugenden auch an ihnen leuchten, wel> che guten Werke an ihnen zu rühmen sind, sie sehen sich doch Alle als Uebelthäter und arme Sünder an; sie denken gering von sich selbst und die Welt denkt nicht besser von ihnen. O schäme dich ihres Umgangs nicht, weil sie bei der Welt nicht in Gunst stehen und weil sie die Schmach Christi tragen. Geselle dich zu ihnen, tritt ein in ihre Kreise, be suche ihre Versammlungen. Da wird es dir unaussprechlich wohl werden, da entzündet sich die Liebe, da stärkt sich der Glaube, da erwacht der Gebetstrieb, da ergießt sich der heilige Geist in Strömen auf die Herzen, da hörst du die freudigsten Be kenntnisse, da vernimmst du die kräftigsten Segens> sprüche, da findet die Seele die edelste Nahrung und Unterhaltung, da erschließen sich ihr die fe ligsten Geheimnisse, da wird sie mit dem süßesten Trofte erfüllt, da, wo man singt: Die wir uns allhier beisammen finden, Schlagen unsere Hände ein, Une auf Deine Marter zu verbinden, Dir auf ewig treu zu sein. Und zum Zeichen, daß dies Lobgetöne Deinem Herzen angenehm und schöne, Sage Umen und zugleich: Friede, Friede fei mit Euch! Da, in diesen Kreisen gläubiger Gotteskinder, welche alle ihr Angesicht nach Golgatha zum Kreuze hinauf gerichtet haben, wird es uns so froh, so still, so traulich, so heimisch, wie in den Vorhöfen des Himmels. D welche fromme, schöne Sitte Ist es zu reden, Herr, von Dir, Da bist Du selbst in unsrer Mitte, slodagineBift unter uns, das fühlen wir. 40 o bista Es ist dann ganz ein andres Wesen, wants und tonnen's uns im Auge lesen, Wir sind so brüderlich gesinnt, Mit wem wir hier beisammen sind. Wie weit entflieht der Selbstsucht Fehde; Wie weicht zurück der eitle Scherz, In freier, offner Freundes: Rede Schließt sich dem Herzen auf das Herz. Wir haben viel uns mitzutheilen, Und mochten långer so verweilen, Uns öfter so beisammen sehn. Da fühlt man Deines Geistes Wehen Und wie er sich zu uns bekennt; Das ist ein segnendes Gestehen, Auch wenn man seine Fehler nennt, Auch wenn man sich in Demuth beugen Und vielfach sich verklagen muß; Man spürt des unsichtbaren Zeugen Erquickend milden Friedensgruß. 179 Man fühlt sich aller Noth enthoben, In einen höhern Kreis entrückt, Man ahnt die Wonne, die uns droben In Seinem Umgang einst entzückt. Man ist einmal so ganz ein Undrer Neu aufgelebt und angefacht, Ein eingekehrter froher Wandrer, Dem alles hold entgegenlacht. Gebet. O Herr Jesu! ich gelobe es Dir heute, ich will mich fortan fern halten von allen Gesellschaften, die meinen Kopf nur mit eitlen und unheiligen Gedanken füllen und in meinem Herzen die Sündenlust rege machen und ihr Nahrung geben! Und damit auch hierin Dein Leiden nicht unfruchtbar an meiner Seele sei, so will ich andächtig bedenken, in welch schnöder Gesellschaft Du um meinetwillen nach Golgatha haft ge hen müssen. Wie oft habe ich schon in solchen Zuſammenkünften Dich verloren, wie haben sie meiner Rede geschadet, wie meinen Gebetseifer geschwächt, meine M2 180 Undacht gestört, meine böse Luft gereizt, meine Eitel. keit genährt, in meiner Heiligung mich aufgehalten. Darum will ich mich nicht mehr dieser Welt gleich stel. len, damit ich nicht sammt der Welt verdammt werde. Wenn ich aber in solche Gesellschaften gehen muß, dann verleihe Du mir Gnade, daß ich wie Noah unter einem gottlosen Geschlechte, wie Loth unter den Sodomitern, wie Mose in der Mitte des abgöttischen Isa raels, wie Daniel am Feste des heidnischen Königs, mich in der Welt von der Welt unbefleckt erhalte. Da gegen, o Herr, will ich mich halten zu denen, die Dich lieb haben, ich will mit ihnen nach Golgatha ge= hen und Dein Kreuz umfassen, ich will mich offener zu ihnen bekennen, will fleißiger ihre Kreife besuchen, will mich inniger ihnen anschließen, um den Segen ihrer Gemeinschaft reichlicher zu empfangen. Uch mein Herr Jesu! halt mich feste In folchem himmlischen Berein, Denn das ist ja das Schönst' und Beste, In dir o Herr, verbunden sein. O mach' mich fromm und rein und klar, Daß ich verbleib' in Deiner Schaar, Und wie ein echter, treuer Rebe In Dir, Herr Christ, auf ewig lebe. Umen. Sonnabend. Mel. D Haupt voll Blut und Wunden. Du meines Lebens Leben, Du meines Todes Tod! Für mich dahin gegeben In tiefste Seelennoth, In Marter, Ungst und Sterben, Aus heißer Lieb's begier, Das Heil mir zu erwerben: Nimm tausend Dank dafür, Ich will nun mit Dir gehen Den Weg nach Golgatha; Laß mich im Geiste sehen, Was dort an Dir geschah. mit innig- jartem Sehnens Begleitet Dich mein Herz, Und meine Augen thrånen Beim Blick auf Deinen Schmerz. Marc. 15, 22. ,, Und sie brachten Ihn an die Ståtte Golgatha, das ist verdolmetschet, Schädelstätte." Nach Golgatha weiset uns heute das Wort Gottes. Nach Golgatha, und über Golgatha zur Gottesstadt! so stehet auf den Wanderpässen aller Christen geschrieben. Kein heiligerer Ort in der Welt, als dieser Hügel, diese Schädelstätte, die ser Richtplaß. Hier bricht das Herz meines Jesu; hier empfängt Sein Leib jene heiligen fünf Wun den; hier ertönen von Seinen bleichen Lippen jene letten großen, sieben Worte; hier breitet Er am Kreuze Seine Arme verlangend nach einer Welt aus, welche Ihn von sich stößt; hier ist der Schauplat jener Marterscenen, deren Betrachtung noch heute die Seele durchschauert; Hier fließt ein Del für die verwund'ten Herzen, Die Balsamkraft für alle Höllenschmerzen; Ber Buße thut, kann für sein arm Gewissen Hier Trost genießen. 181 Hier quillt ein Fluß, den Aussag abzubaden, Ein offner Born für jeden offnen Schaden; Das Opferblut zur Reinigung der Sünden Ist hier zu finden. Hier thut sich eine Liebe kund, Wie ein Engel nur fie träumen, Menschenherz nicht fassen kann. Hier gehet das Geheimniß vor, welches selbst die Engel zu schauen gelüstet; hier wird jener Fluch 12 182 aufgehoben, welcher mit seinem entfeßlichen Gefol ge, mit seinen bis in die Ewigkeit hinüberreichen. den Schrecken dumpf und schwer auf der seufzen> den Menschheit liegt; hier werden die Pforten der Hölle zertrümmert und die Macht Satans gebro chen; hier wird die Erldsung der Menschheit voll bracht; hier steht das Kreuz, dieser Baum des Lebens, von welchem heilende Kräfte in die kranke Menschheit ausströmen, dieses Panier, worunter der Christ kämpft und siegt, diese sichere Hütte, wo hinein er vor den Stürmen und Wettern draußen in der Welt sich flüchtet, dieser Stern, welcher ihm die dunklen Nächte des Lebens erleuchtet, dieses hei lige Zeichen, worunter er lebt und stirbt. Golgatha! der Name schon weckt in meiner Brust ein Lied der Klage, aber auch ein Lied des Frohlockens, einen Triumphgefang über den größten aller Siege. Auf Golgatha war es, wo ein Schwerdt durch meine Seele drang, und ich doch die Heilung aller meiner Wunden fand; wo ich unter der Last meiner Bür de zusammenbrach und ich doch derselben so voll kömmlich entlediget wurde; wo der Anblick der stra fenden Gerechtigkeit Gottes einen Sturm von Bes angstigungen und Schrecken in meiner Brust auf jagte, aber darnach das stille, sanfte Sausen eines seligen Friedens mein nach Erldsung seufzendes Herz erfüllte. Nach Golgatha gehet Jesus, um zu sterben. Golgatha liegt im Geiste vor je dem Christen; dahin ziehet es ihn, seinem Herrn nach. Der Schmerzensweg nach Golgatha, diese heilige Bahn, auf welcher wir unsern Heiland begleiten, führt zum Tode. Ja zum Tode! es gilt für einen Jeglichen, mit Jesu zu sterben, und Pe 183 ,, Ich Wer trus fühlt das Rechte, wenn er ausruft: bin bereit, mit Dir in den Tod zu gehen." Christo nachfolgen will, muß nicht bloß der Welt entfliehen, Sein Kreuz tragen, Seine Schmach dulden, er muß auch mit Ihm sterben, absterben an seinem natürlichen Menschen, sein Fleisch kreuzigen sammt den Lüften und Begierden, denn nur wer gestorben ist, der ist gerechtfertiget von der Sün de. Er muß mit Jesu auf Golgatha sterben; da, oder sonst nirgends kann er's im Anblicke des gekreuzigten Heilandes. Da erscheint die Sünde in ihrer verabscheuungswürdigsten Gestalt; da wird der Stolz gedemüthigt; da wird die böse Lust getödtet; da wird der Eigenwille vernichtet, da wird jede unreine Regung und Begierde erstickt; da reißt sich die über den Zorn Gottes erschrockene und von der Liebe Gottes gerührte Seele los von der Sünde, auch von ihrer Schooßfünde; da zerreißt sie die Fesseln, an welchen sie oft vergebens zerrte und welche sie noch öfter, im unseligen Wahne und getrieben von glühender Leidenschaft, fester zog; da wird der alte Mensch gekreuzigt und begraben und siehe! der neue Mensch regt und bewegt sich. Denn der Weg nach Golgatha ist zwar ein Weg zum Tode, aber zu einem Tode, aus welchem ein neues seliges Leben hervorgeht; sterben wir mit, so leben wir mit; sind wir mit Christo gestorben, so glauben wir, daß wir mit ihm leben werden, denn gleichwie Christus ist auferstanden von den Todten, also sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln. Hier auf Golgatha durchdringen die Seele neue Kräfte, hier wird ihre Angst beschwichtigt, ihr Schaden geheilt, ihre Zweifel widerlegt, hier wird 184 sie durch die Besprengung mit dem Blute eines unschuldigen und unbefleckten Lammes von aller Schuld und Sünde gereinigt, hier wird sie ihres Heils gewiß, hier lernt sie mit Freudigkeit: Abba, lieber Vater! rufen, hier weiset sie das Kreuz hinauf in den offnen Himmel, wo sie, die Heimathlose, eine bleibende Stätte, wo sie, die Verstoßene, ein Paradies zu finden sich trösten darf, hier. entzündet sich in ihr das Feuer des Glaubens, hier im Anblicke einer Liebe, die stark ist, wie der Cod, und deren Eifer fest ist, wie die Hölle, fühlt sie eine nie empfundene Liebe in sich glühen, hier ergießen sich über sie die Ströme einer unaussprech lichen Wonne, hier tönt es in einer nie vernom menen Melodie vom Kreuze herunter: ,, Friede! Friede!" Gebet. Auf Golgatha, unter Deinem Kreuze stehe ich, Herr, mein Erlöser! hier will ich bleiben, hier ist gut fein, hier will ich Dir nicht von der Seite gehen. Ich will in Deinen Wunden lesen, ich will die letzten Seufzer Deines sterbenden Herzens hören, ich will den letzten Blick Deines brechenden Auges auffangen, ich will es sehen, wie Du das Haupt neigst, wie Du stirbst ja! ich will mit Dir sterben. Weil aber meine Kraft schwach und mein Wille blöde ist, so tödte Du selbst in mir den alten Menschen mit seinen Lusten und Be gierden, Kreuzige mein Fleisch und Blut, Lehre mich die Welt verschmähen; Laß auf Dich, du höchstes Gut, Immer unverwandt mich sehen! Und im Kreuze führe mich Selig, wenn auch wunderlich. Serr! ich bin bereit, mit Dir in den Tod zu gehen; 185 denn sterben wir mit, fo leben wir mit. Wer stirbt, ehe er stirbt, der stirbt nicht, wenn er stirbt. Daß ich mit Dir das Leben mög' ererben Komm' ich, mein Leben! und will mit Dir sterben, Mit Dir mein Fleisch zur Kreuzigung hingeben; Set nur mein Leben! Du Tod meines Todes, Du Leben meines Lebens! es ist heute wieder eine Woche dahin. Du weißt es, wie nahe mir die letzte Woche, die letzte Stunde ist; o! möchte mich, wenn die Schmerzensstraße des Lebens durchwandelt ist, das Ende meines Lebens finden, wo mich das Ende dieser Woche findet, auf Golgatha, unter Deinem Kreuze. Ich will hier bei Dir stehen, Berachte mich doch nicht! Bon Dir will ich nicht gehen, Wenn Dir Dein Herze bricht. Wenn mein Haupt wird erblassen Im letzten Todesstoß, Alsdann woll'st Du mich fassen In Deinen Urm und Schooß. Es dient zu meinen Freuden Und kommt mir herzlich wohl, Wenn ich in Deine Leiden, Mein Heil, mich senken soll, Uch möcht' ich, o mein Leben, Un Deinem Kreuze hier Mein Leben von mir geben, Wie wohl geschähe mir! Umen. e ch st Woche. ( Bon Judica bis Palmarum.) Jesus auf Golgatha. Die drei ersten Kreuzesstunden. Sonntag. Mel. Durchbrecher aller Bande 2. Sehet, fehet, welche Liebe Hat der Vater uns erzeigt, Gehet, wie er voll Erbarmen, Ueber uns sein Untlik neigt! Seht, wie er das Ullerbeste Für das Ullerschlecht'ste giebt, Seinen Sohn für unsre Sünden Sehet, seht, wie er uns liebt! Schet, fehet, welche Liebe Unser Heiland zu uns trägt, Wie er alles für uns leidet, Selbst, daß man an's Kreuz ihn schlägt, Wie er da auch noch den letzten Tropfen Bluts für uns vergießt. Sehet, seht, ob das nicht Lieb, Namenlose Liebe isti! Sehet, fehet, welche Liebe Uns erzeigt der heilge Geist, Wie er auch den ärgsten Sünder Gern zum Leben unterweis't; Wie er strafend, lehrend, tröftend Immer zu den Menschen spricht! D wer priefe solche große, Dreifach große Liebe nicht! Luc. 23, 33. Und als sie kamen an die Stätte, die da heißet Echädelstätte, kreuzigten sie Ihn daselbst. 187 Die Marterstraße liegt hinter Jhm, dem hei ligen theuern Gotteslamme, der Marterberg ist er reicht, die Stufen zum Blutaltare sind erstiegen. Bis hieher hat Er das Kreuz getragen, nun ist die Stunde da, wo das Kreuz Ihn tragen soll. Es ist die dritte Stunde des Freitags vor dem Oftersab bath, da wird Ihm der Todesaltar gebaut, Sein Kreuz aufgerichtet auf der Schädelstätte, und uns wird hier der namenlose Schmerz zu Theil, daß wir mit unsrer Sünde Ihn bis dahin gebracht. Wir stehen hier vor der schauerlichsten Begebenheit, die je die Welt gesehen, vor dem Geheimnisse, in welches selbst die Engel vergeblich gelüstet hinein zuschauen, vor einem Zeugnisse aus der uner> gründlichen Tiefe der göttlichen Liebe, wie' s keins mehr giebt im Himmel und auf Erden und wie stehen wir davor? O Jesu, der Du einst am Kreuze hingst, ach mach uns selber recht bereit, daß wir würdig hintreten zum Kreuzaltare und Dein heilig Gnadenopfer Dich vollbringen sehen. Mache stille das Herz, damit es durch nichts zerstreuet werde, mach ernst die Sinnen und Gedanken, damit nichts uns abziehe von Deiner Martergestalt, mach' den Glauben fest in der Seele, daß wir Dich, o Einziggeliebter, nur Dich schme cken und sehen. Sie freuzigten Ihn" mehr erzählen die heiligen Evangelien nicht von dieser furchtbaren That. Wie soll sie auch anders in Worte gefaßt, und beschrieben werden? Zwar möchten wir hier alles Einzelne, jeden Nebenum stand wissen, und das Kleinste hätte hier für uns die höchste Bedeutung, doch was könnte es uns frommen? Es ist Alles umfaßt in dem einfa11 - - - 188 chen, inhaltschweren Worte: ,, Sie kreuzigten Ihn." Menschen, welche Anklage über euch! Ich sehe Stätten des Gerichts, wo die Ungerechtigkeit den Vorsitz hatte; Stätten der Weisheit, wo ein ganzes Volk unterrichtet werden soll, und die Weisen verurtheilen Jesum. Ich habe Ehrfurcht vor dem Alter, und Greise erglühen vom Hasse wider den Heiligen. Ich ehre die Obrigkeit, und sehe sie schwächer als ein Kind. Ich achte den Stand der Krieger, und Krieger geben sich zu Knechten der Willkühr her und kreuzigen Ihn. - Himmlischer Vater, welch ein Wunder Deiner Gnade! Du willst nicht, daß die Welt versinke in ihrer Sünde und verloren gehe. Darum giebst Du den einigen Sohn dahin, auf daß Alle, die an Ihn glauben, das ewige Leben haben, und nicht genug, daß Du Jhn aus Deinem Schooße läsfest und Ihm das Knechtsgewand anziehest, nicht ge nug, daß Er mit den Sündern des Erdenlebens Armuth und Gebrechlichkeit theilen muß; Du läs sest Ihn den bittern Kelch bis auf den letzten Tropfen leeren, überantwortest Ihn in die Hände der Heiden, daß sie Ihn kreuzigen. O Jesu, welch ein unbegreiflich Lieben! auf daß Du das Lamm Gottes werdest, welches unsere Sünde trägt, und unsern Ungehorsam fühnet, übst Du Gehor sam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz, gehst Du wie ein Schaaf, das zur Schlachtbank geführt wird, und wie ein Lamm, das verstummet vor sei nem Scheerer, zum Blutaltar; auf daß die Sünde Adams, unterm Baum begangen, uns nicht Alle tödte, läsfest Du Dich an den Baum des Kreuzes mit spitigen Någeln annageln und schwebst mit 189 ausgereckten Gliedern unter Todesmartern am dürren Holz; auf daß die große Kluft, welche die Sünde zwischen uns und Gott aufgeworfen hat, nicht bleibe, wirst Du die Brücke, welche den Zu gang zum Vater öffnet, schwebst Du als Mittler zwischen Gott und den Menschen zwischen Himmel und Erde; auf daß kein Mensch auf Erden mehr verzage, so fern und weit er wohne, streckt Dein Kreuz seine rettenden Arme aus nach oben und nach unten, zur Rechten und zur Linken. Du kämpfest, damit wir Friede haben, Du läsfest Dich verwunden, damit wir heil werden, Du nimmst den Fluch auf Dich, damit wir den Segen ererben, Du sagst Dichy los vom Kindesrecht, damit wir Gottes Kinder heißen, Du blutest, damit wir gesund werden, Du stirbst, damit wir leben, giebst Alles, Alles hin, damit wir Alles, Alles gewinnen. Wo giebt es Liebe, wenn das nicht Lieben heißt? Auf! lasset uns Ihn lieben, denn Er hat uns zuerst geliebt, und uns mit Paulo rufen: Ich bin mit Christo gekreuziget, auf daß ich Gott lebe. Ich lebe, aber doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleische, daß lebe ich in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dargegeben. Gebet. Du am Kreuze erhöheter Gottessohn, blicke gnadenvoll herab auf mich armen, mit Deinem Blute erkauften Sünder. Siehe, ich stehe unter Deinem Kreuze, erschüttert von den Martern, die Du für mich ge= duldet, zerrissen von dem Schmerze über meine Sünde, die ich in ihrer furchtbaren Gestalt an Deinem Kreuze 190 erblicke, hingeschmolzen von Deiner Liebe, die das für für mich gethan. O höre mein Gebet, nimm an mein brünstig Flehen! Du hångst am Kreuz, o Du mein Haupt! und ich Dein Glied mag auch nicht länger unterm Kreuze bleiben. Ich will Dir nach, hinauf zu Dir, ich will mit Dir gekreuzigt sein. Du, der Du um meiner Hoffart willen ein Spott geworden, um meines Ungehorsams willen gegeißelt, um meiner Wollust willen mit Schmerzen und Krankheit überschüttet bist, ach laß mich nun mit Dir gekreuzigt fein sammt allen Lüsten und Begierden, sammt aller Sünde, fo mir noch immer anklebt und mich tråge macht, und dem ganzen alten Menschen, der ein Greuel ist vor dem heiligen Gott. Du leideft Qual und Schmerz, o Du mein Haupt, kann nun das Glied noch in leicht= sinnigen Freuden bleiben? Ich will Dein bittres Leiden mit Dir theilen, will allen Leichtsinn fliehn und alle Lüfte der Jugend. D Du, der Du mit blei chem blutendem Ungesicht an Hand und Fuß gefeſselt und durchbohret, entkleidet und entehrt, am Kreuze schwebst, laß mich mit Dir gekreuzigt sein. Ertödte in mir, Du bleiches, blutiges Ungesicht, alle Eitelkeit der Welt in mir, daß ich nichts mehr frage nach Erdenschönheit, Schmuck und Glanz; hemme Hand und Fuß, wenn sie nach Sünd' und Thorheit greifen und von Dir hinweg nach sinnlichen Genüssen eilen; und laß Dein nacktes Jammerbild mich mahnen, daß ich nie mehr eitler Ehre geizig sei oder nach der Herrlich keit dieser Welt frage. Du kämpfest mit Noth und Tod, o Du mein Haupt! und ich, Dein Glied, ich soll te mich noch långer weigern, in dem Kampfe zu laufen, der mir verordnet ist? Jesu, Du mein Herzog O und mein König, führe mich zu Kampf und Streit. Laß mich die Feinde, die Dich an das Kreuz gebracht haben, und mich in die Hölle treiben wollen, meine Sünden, fest ins Auge fassen, und so süß sie locken und so dringend fie mich laden, muthig angreifen und fie aus meinem Herzen reißen mit der letzten Wurzel, auf daß ich mit Dir durch Kampf und Streit zum - D 191 Siege, durch Spott und Hohn zur Herrlichkeit, durch Kreuz und Tod zum Leben dringe. Ich will mich mit Dir schlagen Uns Kreuz, und dem absagen, Was meinem Fleisch gelüft't. Was Deine Augen haffen, Das will ich fliehn und lassen. Das hilf, o Heiland, Jefu Chrift! Umen. Monta g. Mel. OKönig aller Ehren! Mir schmilzt das Uug' in 3åhren; Du edles Ungesicht, Welt sich hier dein Leben. Vor dessen Herrscherwinken Des Meeres ogen finken, Dich schonen Schmach und Speichel nicht. Du, du bist's, den ich wähle, Du König meiner Seele; Auch unter Schmach und Spott; Je mehr sie Dich verspeien, Will ich Dir Ehre weihen; Auch so bist Du mein Herr und Gott. Im Geißelschmerz, im hohne Der scharfen Cornenkrone, Die Dir Dein Haupt zersticht, Schau her, wie Dir vor allen, Des Herzens Triebe wallen! Von seinem König läßt es nicht. Mein Herr im Königskleide, Des Spottes Uugenweide, Des Himmels Hochgesang! Werth froher Huldigungen Von Millionen Zungen! Nimm aller Herzen Königsrang! Bald siehst Du Dir zum Lohne Des Himmels Königskrone, Der Volker Stab verliehen. Bald wird des Himmels Reigen Bor Dir die Kronen neigen, Bor Dir die ganze Schöpfung fnie'n. 192 Joh. 19, 19-22. ,, Pilatus aber schrieb eine Ueberschrift, und setzte sie auf das Kreuz; und war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. Diese Ueberschrift la= sen viele Juden; denn die Ståtte war nahe bei der Stadt, da Jesus gekreuziget ist. Und es war geschrieben auf ebräische, griechische und lateinische Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilato: Schreibe nicht, der Juden König, sondern, daß Er ges sagt habe: Ich bin der Juden König." Das Kreuz ist auf Golgatha aufgerichtet; die Kriegsknechte haben ihre blutige, grausame Ar beit vollzogen; Nägel durch Hände und Füße, hängt Jesus daran. Und siehe!: staunend bleibt die Menge stehen, ärgerlich blicken die Juden das Kreuz, und dann fragend sich selbst an; über dem Haupte des Gekreuzigten liefet man die Inschrift: ,, Jesus von Nazareth, der Juden König!" Damit alle Vil ker es lesen und hier vor diesem sterbenden Manne ihre Huldigungen darbringen sollen, stehet es in allen Sprachen, welche damals gesprochen wurden, in der hebräischen, griechischen und lateinischen Sprache daran geschrieben. Man sollte meinen, der Hohn, welcher in der Anerkennung der Königs würde eines Gekreuzigten liegt, hätte den Juden gefallen müssen. Aber nein! es ist etwas in ihrer Brust, das sie vor diesem Worte erschrecken läßt, das sie niederwerfen will auf ihr Knie. Sie eilen zu Pilatus, sie fordern und bitten: ,, Schreibe nicht: der Juden König; sondern, daß Er gesagt habe: Ich bin der Juden König!" Und Pilatus, dessen gegen dies Volk bitter gesinntem Herzen ihr Aerger eine angenehme Befriedigung ist, spricht 193 das merkwürdige Wort: ,, Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben. Ja wohl! er hatte es geschrieben, ohne daß er selbst es wußte, als Diener einer höheren Macht, als Schreiber des göttlichen Geistes, und keine Macht in der Welt wäre mächtig genug gewesen, diese Inschrift herab zu reißen oder nur ein Wort an ihr zu ändern. So und nicht anders mußte es heißen: ,, Jesus von Na zareth, der Juden König." Was ich geschrieben habe, das habe ich geschieben;" es gilt für alle Völker, für alle Zeiten, für die Ewigkeit; es prangt in tausend und aber tausend Christenkirchen über allen Bildern des Gekreuzigten, und unter einem lauten, durch die Ewigkeit tönenden Halleluja wird es von allen Gläubigen auf Erden und von allen Seligen im Himmel gelesen. Jesus der Ge. kreuzigte, ein König! Wie? dieser Ver schmachtende, dieser ins Angesicht Gespieene, dieser von Juden und Heiden Verworfene, der ein Spott ist des niedrigsten Pöbels, der wie ein gemeiner Missethäter am Kreuze stirbt, Er, ein König? Ja, ein König! Oder sehet ihr denn nicht die Z e i chen Seiner Würde, die Insignien Seines Reiches? Er trågt Krone und Scepter. Ja, eine Dornenkrone! O selbst diese Schmach, welche Er uns armen Sündern zum Heile erduldet, verklärt den. Herrlichen, denn sie ist der dunkle Schatten Seines königlichen Glanzes. Dieses blutige Haupt ist nám> lich gewohnt, Kronen zu tragen. Wie heißt es von Ihm in der Weissagung? ,, Du wirst Ihn lassen eine kleine Zeit von Gott verlassen sein, aber mit Ehre und Schmuck wirst Du Jhn krönen; Du se Best eine goldene Krone auf Sein Haupt." Und N O 194 welche glänzende Beschreibung entwirft Johannes, der Seher Seiner Zukunft, von dem triumphirenden Menschensohne: ,, Und ich sahe den Himmel aufge than; und siehe, ein weißes Pferd, und der daranf faß, hieß treu und wahrhaftig, und richtet und streitet mit Gerechtigkeit. Und Seine Augen sind wie Feuerflammen und auf Seinem Haupt eine Krone." Eine Krone trägt der Gekreuzigte, wel che alle Kronen der Welt überstrahlt. Er ist ein König! Seine Hand, welcher man höhnend einen Rohrstab gab und die fast zu matt war, ihn halten zu können, trägt ein Scepter, zu schützen und zu zerschmettern, zu segnen und zu verderben, ein Scepter, lieblich anzuschauen den Seinen, aber ein Schrecken Seinen Feinden, ein Hirtenstab de nen, die Ihn lieben, ein flammendes Schwerdt denen, die Ihm widerstehn. ,, Es wird ein Stern aus Jacob aufgehen und ein Scepter aus Israel kommen," lautet die Verheißung, Gott, Dein Stuhl bleibet immer und ewiglich; das Scepter Deines Reichs ist ein gerades Scepter." Alle Zei chen der Königswürde finden sich bei dem, welcher am Kreuze stirbt. Aber nicht bloß die Zeichen der selben, dieser Gekreuzigte hat auch die Macht eines Königs und ein Reich. ,, Denn es sind die Reiche der Welt des Herrn und Seines Christus gewor den und Er wird regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit." König ist Er im Reiche der Natur, im Reiche der Gnade, im Reiche der Herrlichkeit. Erregiert Himmel und Erde, denn durch Ihn find alle Dinge gemacht. Wo endigt die Macht dessen, von dem es heißt: ,, Er trágt alle Dinge mit Seinem fráfti gen Wort?" wo find die Grenzen Seiner Herrschaft, 195 da er sagen kann: ,, Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden?" Die Welten bewegen sich nach Seinem Willen, die Morgensterne gehen auf, Ihn zu loben, die Winde sind Seine Boten, die Feuerflammen Seine Diener; Er siehet die Erde an, so bebet sie, Er rühret die Berge an, so rauchen fie; auf Seinen Wink schweigen die Stürme und das ungestüme, gewaltige Meer wogt gebåndigt in seinen Ufern. Ihm singen die Stimmen aller Creaturen ihre Loblieder; Shm rauschen die Wälder und zeugen von seiner Ehre; Jhm rufen die Seraphim ihr Heilig zu; die Himmel erzählen Seine Ehre; die Teufel zittern vor Seinem drauenden Scepter; es ist nichts in der Welt, das nicht Seiner Ehre dienen und Seiner Macht gehorchen müßte. Ein König ist Er im Neiche der Natur, ein König im Reiche der Gnade, in jenem Reiche, um dessen Kommen wir bitten in dem Gebete, das Er uns gelehrt hat: ,, Dein Reich komme;" in jenem Rei che, daß er durch Sein Leiden und Sterben, durch Sein Kreuz und Blut erworben und gewonnen hat, das durch Sein Wort verbreitet und vertheidigt und durch Seine Sacramente erhalten und befestigt wird; in jenem Reiche, das Er schützt mit Seinem allmächtigen Arme, über welches Er Seine durch grabenen Hände ausbreitet und welches die Pforten der Hölle nicht überwältigen können; in jenem Reiche, dessen Unterthanen zerstreut sind über die ganze Erde und doch zusammen gehalten werden durch das Band der Liebe in der innigsten Gemein schaft als Glieder eines Hauptes, die von einem Geiste geleitet, von einem Glauben durchdrungen, von einer Hoffnung beseligt werden; die mit Ihm N 2 196 streiten und siegen, mit Ihm leiden und triumphi ren, mit Ihm dienen und mit Jhm herrschen; die kein andres Gesetz kennen, als Sein Wort, kein andres Glück suchen, als Seine Gnade, und die Er hineinführen will in das Reich Seiner Herrlichkeit. Gegenwärtig herrschet Christus noch unter Seinen Feinden, aber es wird die Zeit kommen, wo der, welcher in Knechtsgestalt auf Erden wan delte und am Kreuze als Missethäter starb, erscheinen wird in aller Seiner Kraft und Herrlichkeit, viele Kronen auf Seinem Haupte; und durch Seine allmächtige Wirkung und Sein gewaltiges Wort öffnen sich die Gråber und die Völker sammeln sich um Ihn her und der Teufel wird gerichtet und die Pforten der Hölle werden zerschmettert werden und alle Seine Feinde liegen zu Seinen Füßen; die Sterne fallen vom Himmel, die Elemente zerschmel-. zen und eine von der Erde zum Himmel lodernde Gluth verzehrt die Erde und den Himmel und auß der Vernichtung steigt eine neue Erde und ein neuer Himmel auf, in welchen Friede und Gerechtigkeit wohnet; Christus, der Herr, aber sammelt in der ewigen Gottesstadt Seine Getreuen um sich; sie umgeben Ihn mit verklärten Leibern; sie leuchten, wie die Sonne; sie theilen Seine Herrlichkeit; sie genießen Seine Ehre; sie wandeln mit Ihm unter Elims Palmenschatten; sie lassen sich von Ihm füh. ren zu der lebendigen Wasserquelle; sie leben im Lichte, denn ihre Leuchte ist das Lamm, und sie herrschen und regieren mit Ihm in Ewigkeit. Die spottende Inschrift über dem Kreuze: Jesus von Nazareth, der Juden König!" ist eine große, herr liche Wahrheit. Jesus, ein König! wir kennen W die Zeichen Seiner Würde, wir kennen Sein Reich und fragen noch nach Seinen Unterthanen. Unterthan ist diesem Gekreuzigten Alles, alle Kräfte und Gewalten, alle Fürsten und Reiche, alle Engel und Menschen, selbst Seine Feinde sind nur die Diener Seines Wortes. Gegen die Macht dieses Allmächtigen kann niemand. Doch wenn wir von den Unterthanen dessen reden, über dessen Kreuze die Inschrift steht: ,, Jesus von Nazareth, der Juden König," so meinen wir nur diejenigen, welche in der ebräischen, in der griechischen, in der lateinischen und in hundert andernSprachen Ihn anreden: ,, Mein König!" die Ihm freiwillig ihre Huldigungen dar bringen, die Ihn sich erwählt haben als ihren Herrn und Heiland, und die Er sich erwählt hat als Schaafe Seiner Heerde und als Genossen Seines Reiches. Dies se Seine Unterthanen sind arme Leute, die Welt ver achtend und von der Welt verachtet; ihre Kraft erscheint ihnen als Ohnmacht, ihre Weisheit als Thorheit; sie tragen einen tiefen Schmerz über ihr Elend in ihrer Brust; sie sind so weit herunterge kommen, daß sie gar nichts Gutes mehr an sich finden und sich selbst richten und verdammen müssen. Und doch sind diese Menschen glücklich, reich, von höchstem Adel. Diese Hungernden werden täglich aus der Gnadenhand des Herrn gespeiset; diese Nackten prangen in den Kleidern des Heils, die ih nen ihr König angezogen hat; diese Armen werden immerfort mit den Gütern des Himmels überschüt tet; diese Kranken rühmen sich einen Arzt zu haben, der alle ihre Gebrechen heilt; diese Sünder eignen sich ein Verdienst zu, das alle menschliche Tugenden überwiegt; diese Verachteten sind Leute, über wel che Freude unter den Engeln des Himmels ist; diese Ohnmächtigen haben geschmeckt die Kräfte der zukünf tigen Welt und sind theilhaftig geworden des heili gen Geistes. Sie heißen das auserwählte Geschlecht, das königliche Priesterthum, das heilige Volk, das Volk des Eigenthums; sie werden genannt die Hei ligen und Geliebten; sie sind das Salz der Erde; sie bewegen mit ihren Gebeten das Baterherz Gottes und der Allmächtige thut, was sie begehren; sie gehen bei dem Könige der Könige täglich ein und aus; sie sind die Mitwisser Seiner Geheimnisse, die Theilnehmer Seifer Rathschläge; die Diener Seines Willen, die Zeugen Seiner Gnade; wehrlos wie sie sind, kann sie doch kein Unglück treffen und kein Feind darf ihnen schaden; sie gehen durch das Wasser, und die Ströme ersäufen sie nicht, sie gehen durch das Feuer, und die Flammen verzehren sie nicht; alle Gottesverheißungen stellen sich um sie her wie eine undurchdringliche Schuhmauer; sie widerstehen den Satan; sie troßen der Hölle; sie sehen dem Tode kühn ins Auge; sie beherrschen die Welt; ihr Glaube ist der Sieg, der die Welt überwindet, denn Jesus von Nazareth, der Gekreuzigte und Auferstandene, ist ihr Herr und König. Gebet. Mein Herr und Könia, Jesu Christe! und ob die ganze Welt von Dir abfiele, so will ich Dir dennoch huldigen, so will ich dennoch Deine Macht und Gnade rühmen. Was soll ich sagen von Deinem Königserbarmen? Du giebst mir das Brot, das mich nährt, das Kleid, das mich wärmt, das Dach, das mich schüßt, die geliebten Meinen, die mein Herz er freuen, und ich muß bekennen: Noch nie habe ich bei 199 Dir Mangel gehabt. Was soll ich sagen von Deiner Königstreue? Du haft für mich gearbeitet, gekämpft, gelitten; Du hängst für mich am Kreuze; mit Deinem Blute hast Du mir Vergebung meiner Sünden und Frieden für mein Herz erkauft; mich elenden, verwore fenen Knecht hast Du zu Deinem Freunde erwählt, und bist mir in allem Schmerze ein Tröster, in aller Noth ein Helfer, auf allen Wegen, auch auf den rau. hen und dunkeln, ein treuer Führer gewesen. Was soll ich sagen von Deinem Königsschutze? Du haft Deine Flügel über mich ausgebreitet, Du hast Deine Engel um mich her gelagert, Du bist mir wie Wall und Mauer gewesen gegen meine Feinde und haft ih. nen gewehrt, daß sie mir nicht schaden konnten. D fei ferner mein Herr und König! laß mich, wie biss her, Dein Erbarmen, Deine Treue, Deinen Schutz erfahren; sei mein König, und ich will Dein Knecht sein; gebiete, und ich will gehorchen; fordere, und ich will geben; leg auf, und ich will tragen; führe mich, und ich will folgen. Herrsche, Herr, in meinem Herzen Uleber Lüfte, Furcht und Schmerzen; Laß Dein Leben auf mich fließen, Laß mich Dich im Geist genießen, Ehren, fürchten, loben, lieben, Und mich im Gehorsam üben, Ueberwinden hier im Streite, Dort mitherrschen Dir zur Seite. Amen. Dienst a g. Mel. Jesu meines Lebens Leben zc. Man verhöhnet, Dich mit Schmach und Schimpf belegt, Und mit Dornen gar gekròn., Was hat dich dazu bewegt?. Daß du möchtest mich ergößen, Mir die Ehrenfon' aufseßen. Tausend, tausendmal sei dir, Biebster Sesu! Dank dafür. 200 Deine Demuth hat gebüßet Meinen Stolz und Uebermuth, Dein Tod meinen Tod versüßet; Es kommt Alles mir zu gut: Dein Verspotten, dein Verspeien Muß zu Ehren mir gedeihen. Tausend tausendmal sei Dir, Liebster Jesu! Dank dafür. Nun ich danke Dir von Herzen, Jesu! für gesammte Noth, Für die Bunden, für die Schmerzen, Für den herben, bittern Lod, Für Dein Bittern, für Dein Zagen, Für Dein' tausendfache Plagen, Für Dein' Ungft und tiefe Pein Will ich ewig dankbar sein. Matthai 27, 38- 41. ,, Und da wurden zween Mörder mit Ihm gekreuziget, einer zur Rechten, und einer zur Linken. Die aber vorüber gingen, låsterten Ihn, und schüttelten ihre Köpfe, und sprachen: Der Du den Tempel Gottes zerbrichst, und bauest ihn in dreien Tagen, hilf Dir selber. Bist Du Gottes Sohn, so steig herab vom Kreuz. Deßgleichen auch die Hohenpriester spotteten Seiner, sammt den Schriftgelehrten und Weltesten." Drei Kreuze sehe ich auf der Schädelståtte auf. gerichtet. An jedem Kreuz einen Sterbenden, kämpfend mit namenlosen Qualen. Es haben ge lehrte Aerzte bewiesen, daß die Martern der Kreuzi gung unaussprechlich sein müssen. Schon die un natürliche Lage, die Arme aufwärts gerichtet, was man Minutenlang nur schwer erträgt, mußte eine unbeschreibliche Folter seyn. Dazu verursachte die geringste Bewegung an den durchbohrten Händen und Füßen unerträgliche Schmerzen, zumal da die Någel an solchen Stellen durchgetrieben wurden, wo viele Nerven und Sehnen zusammenlaufen, welche theils verleßt, theils zusammengequetscht 201 werden mußten. Entzündung der Wunden, die immer der freien Luft ausgesett blieben, war na türlich, der regelmäßige Blutumlauf unmöglich, da her immer zunehmende Beangstigung, Erschwerung des Athems, Ueberfüllung der Blutgefäße des Haup tes, grenzenlose Kopfschmerzen. Unter solchen stets wachsenden Qualen lebten die Gekreuzigten oft Tage lang. Welche Todesarten hat doch der Mensch erfinden müssen, um die Frechheit seines Geschlechtes zu zügeln! welche Martern ist ein Mensch fähig dem andern zu bereiten! O das geht über den Zahn des Löwen und über die Blutgier des Tiegers. Die Stunde jedoch, wo nun die Seele des Gerichteten gewaltsam getrennt wird vom Leibe, ist auch dem wildesten Gemüthe eine grausenvolle und erschütternde, und wenn das Haupt des ruchlosesten Missethäters fällt, dann durchdringt ein tiefer Seufzer die Tausende, welche seine Nichtståtte umgeben. Wir dürften es natürlich finden und nicht eben hoch anschlagen, wenn eine solche erschütternde Stille auch Jesu Kreuzesnoth gefeiert hätte, doch was sehen wir hier? Unter den Kreuzen der Missethäter, die da empfingen, was ihre Thaten werth waren, zur Rechten und Linken ists still, aber unter dem mittlern, unter Seinem Kreuze, drängt sich Hohn und frecher Spott zusammen. Wir sehen, wie die Vorübergehenden ihre Köpfe schütteln und Bewegungen des Hasses machen, wie sie Låster und Spott reden ausstoßen, und wie dabei nicht bloß der rohe Haufen, und die Kriegsknechte, sondern sogar Hohepriester und Schriftgelehrte und die Aeltesten vom Hohenrathe, also die Gebildet. sten und Bornehmstendes Volkes geschäftig sind, 2 - 202 ein jeglicher je nachdem ihm sein Haß eingab, zu reden. Die Kriegsfnechte hatten von Seinem königlichen Kitel gehört, dazu die Uleberschrift des Kreuzes gele sen und sprachen: ,, Bist Du der König von Jsrael, so steige herab vom Kreuze, so wollen wir Dir glau ben." Die Hohenpriester und Schriftgelehrten, welche Ihm Seine Zeichen und Wunder und Lie besthaten nicht vergeben konnten, höhneten: ,, Andern hat Er geholfen, und kann Ihm selbst nicht helfen." Die Weltesten und die vom Hohenrathe, welche Sein Bekenntniß verdrossen hatte, daß Er sei Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, spot teten: ,, Er hat Gott vertraut, der erlöse Shn nun, wenn Er Lust zu Ihm hat." Das Bolk, welches nichts Höheres kannte, als den Tempel, griff Seine Weissagung von der Auferstehung auf und rief: Der Du den Tempel Gottes zerbrichst und bauest ihn in dreien Tagen, hilf Dir selber; bist Du Gottes Sohn, so steige herab vom Kreuze." Aber Er stieg doch nicht vom Kreuze, ob er wohl Macht hatte, Sein Leben zu lassen oder zu nehmen, sondern hielt an und aus des Leibes Qual und Seiner Seele grenzenlose Pein, hielt stille aus zum Heil, und leerte unweigerlich, wie den Becher der Schmerzen, so auch den Kelch der Schande bis auf den letzten Tropfen. Wie bitter Jhm derselbe war, das zeigen uns Seine Apostel an, die aus allen Seinen übrigen Leiden immer die erlittene Schande herausheben, uns zu Seinem Kreuze führen und rufen: ,, Da fehet auf, auf diesen Jesum, wie Er das Kreuz erduldete und achtete der Schande nicht;" das hören wir den Klagen des Messias in den Propheten des alten Bundes an, wo Er mehr als über 203 Dornen, Geißel, Wunden, Någel und Stecken, über Seine Schmach und Schande seufzt! Ps. 22, 7. ruft Er: ,, Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und Verachtung des Volks." Pf. 31, 12-14. ,, Es gehet mir so übel, daß Ich bin eine große Schmach worden und eine Scheu meinen Verwandten. Denn viele schelten mich übel." Ließ dazu Pf. 69, 8. 9. 10. 21. 22. Pf. 88, 4-9. Pf. 109, 25. desgleichen Jes. 53, 3. 4. auch vorher 49, 7. Weit über Seine Kreuzesmartern und Seine grenzenlose Pein, geht Ihm also selber Seine Schmach und Schande. Und fragst du, mein Herz, warum denn diese Seelen> marter in solcher schauderhaften Größe über den Heiligen kommt? warum Shm selbst ein stilles Sterbestündlein, was doch den Missethätern zur Rechten und zur Linken zu Theil wurde, versagt bleibt? warum Alles, was Er Großes und Schönes that, jetzt mit dem Kothe des niederträchtigsten Spottes und der bittersten Schmähung besudelt wird, so daß hier Sein Amt verworfen wird, als wäre Er nicht Christus, sondern ein Betrüger, daß hier Seine tonigliche Würde verhöhnet wird, als könne Er Ihm selbst nicht helfen, daß Seine Wunder als Blendwerk, Seine Worte als Lügenreden und Großsprecherei, Sein Vertraun auf Gott, Seinen himmlischen Bater, als eitle Narrheit gebrandmarkt wird? Fragst du, mein Freund, warum also dem lieben Heilande nichts gelassen worden ist, kein wahres Wort, kein Amt, noch Name, und selbst das Beste in das Aergste verkehret wird? Suche die Antwort in deiner eigenen Brust! Was steht denn da unter allen deinen Sünden oben an, was -- - 204 ist denn der wahre Mittelpunkt aller deiner Gebre chen? Was ist des ganzen Sündergeschlechtes gemeinschaftliches Uebel? Hoffart- das ist dein Name, o Mensch! Hoffart hat die ersten Sünder im Paradiese betrogen, und ward die giftige Schlan ge, welche uns Alle täglich verlockt. Hoffart um hüllt das Herz mit einer Felsenrinde, daß es nicht brechen will und Buße thun; sie macht den Nacken stolz, daß er sich nicht beugen, und die Knieen steif. daß sie sich nicht biegen wollen zum Gebete. Hof fart also ist unsres ganzen Verderbens Grund und unsrer Rettung Hinderniß. Um diesen unsern ei teln Bettelstolz zu führen und uns von seinem Fluche zu erlösen, ward Christus so geschmähet und verhöhnet ,,, denn in Christo," spricht Lutherus, ,, hat müssen am Kreuz die allertiefste Temuth und Erniedrigung sein unter allen Creaturen, damit Er unsere Hoffart und Sündenfall besserte und wiederbråchte." Gebet. Nun, Herr! und diese Schande sollst Du nicht vergeblich für mich erlitten haben. Ich will mich immer mehr gewöhnen in Deiner Marter meine Schuld zu erblicken, darum erblicke ich in Deiner Schmach und Schande meinen Stolz und meine Hoffart. Die will ich von mir thun mit Deiner Hülfe, o Du Demüthigster, und will klein und bemüthig werden wie Du. Wie fern ist mein Herz noch von der rechten Demuth und Selbstverleugnung! Ich schlüge wohl Gut und Blut und Seel' und Seligkeit lieber in die Schanze, als daß ich mir ein Titelchen meiner eingebildeten Ehre frånken ließe, ja felber Dich und Deine Rechte, Dein Gebot und Wort habe ich ja oft genug verleugnet, um der eingebildeten Schande zu entgehen. Was fürchtete ich denn, wenn ich die Wahrheit ver 205 Die schwieg oder ihr doch ihren Harnisch nahm? Schande. Was hielt mich denn so oft ab, meinen Nächsten, wo ich mußte, mit Deinem Worte zu strafen?- Die Schande. Was hielt mich ab, vieles Bose bei mir und Undern zu dulden und vieles Gute zu unterlassen? Die Schande. Was fürchtete ich denn, wenn ich Dich nicht frei bekannte vor den Menschen?- Die Schande. Uch zerschmettere mich nicht mit Deinem 3orn und mache nicht wahr Dein Drauen gegen Deinen Verleugner, aber verhehlen kann ichs nicht- Dich, der Du um meinetwillen der Schande nicht geachtet am Kreuze, Dich habe ich dennoch oft genug verleugnet vor den Menschen, weils keine Ehre bringt, Dich zu bekennen! der fluchwürdigen Ehrsucht und Eigenliebe, da man von aller Welt gefeiert, anerkannt, gerühmt, geliebt und gelobt sein will, Herr, hier bringe ich sie und lege fie Dir unters Kreuz, unter dasselbige Kreuz, an welchem Du von aller Welt geschmähet wurdest. Tausch mir für meine eitle Ehrsucht den Glauben Mosis ein, der Deine Schmach für größern Reichthum hielt, als alle Schätze Uegyptens( Ebr. 11, 26.) und lehre mich jede Schmach, verdiente und unverdiente, gern und willig aufnehmen; jene, weil sie mir heilsame Züchtigung find, diese, für welche ich den Trost eines guten Gewissens habe, zu Deiner Ehre; jegliche Schmach aber zu meinem wahren und ewigen Heile, denn: Hier durch Spott und Hohn, Dort die Ehrenkron. Hier im Hoffen und Vertrauen, Dort im haben und im Schauen; Denn die Ehrenkron Folgt auf Spott und Hohn. Umen. - - - Mittwoch. Mel. An Wasserflüssen Babylon ze. 3u Deinen Füßen lieg' ich hier, Dein Kreuz will ich umfassen. - To 206 Ich will mein Heiland! schenk es mir Dich nimmermehr verlassen. Du sollst bei allem meinem Thun, Mir unverrückt im Herzen ruhn; Dich, Herr, will ich erheben! Nicht soll die Welt mit ihrer Lust Berdrängen Dich aus meiner Bruft: Dir will ich ewig leben. Uch stårke meinen schwachen Muth, Ich muß noch ferner kämpfen. Laß nicht der Liebe heiße Gluth Sich in dem Herzen dämpfen. Durch Deine Schmach, durch Deinen Tod Gieb Kräfte mir in Kampfesnoth, Die Welt zu überwinden. Du weißt, das Fleisch ist tråg und schwach, Es giebt dem Retz der Sünde nach, Und muß dann Schmerz empfinden. Herr! Du reichst mir die Süßigkeit Von jenes Lebens Freuden, Set hochgelobt in Ewigkeit Für alle Deine Leiden; Für Deine Treue, Deine Huld, Für Deine göttliche Geduld, Mit der Du mich geliebet. Ein beff'rer Dank, o Gottes Sohn! Durchströmt mein Herz vor Deinem Thron, o teine Schuld mich trübet. bra Luc. 23, 34. ,, Jefus aber sprach: Bater vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun. Wohin ziehet es uns dann mit Macht, wenn unsere Augen über unsre Schulden sich öffnen, wenn unsere Sünde uns in ihrer häßlichen Gestalt erscheint und uns um Trost sehr bange ist? Wo weilen wir dann am liebsten? Wo ist uns dann nur wohl? Wo suchen wir dann Beruhigung und finden sie, wo Trost und werden köstlich erquickt? In den lusti gen Kreisen der Welt, im Getümmel ihrer Freuden? Nein, ach nein! das mag berauschen und betäuben, 207 aber die bangen Herzen bleiben unerquickt und leer. Im Arme unserer Lieben, im Kreise der theuren Kleinode unsrer Herzen? Nein, ach nein! Auch mit dem besten Willen können sie unsre Sorgen nicht stillen, unsre innere Bangigkeit nicht beschwichtigen, denn Menschen können ja nicht helfen. Nein, dann pilgern wir nach einer mächtigern Liebe, nach einer trostreichern Ståtte; wohin anders als nach der heiligen Stadt, und drüber hinaus, jenseits der Gottesstadt, nach Golgatha, wo der Trost der Sün der aus fünf Börnlein quillet, wo die Liebe unfre Schulden alle bezahlet mit überreichem, heiligem Lösegelde, wo der Gerechte Schmach und Marter leidet für die Ungerechten. Dahin, mein Lieber, ziehen wir heut. Der sterbende Heiland hat der verzagenden Welt ein siebenfach trostreich Testament hinterlassen in seinen sieben Kreuzesworten. Wer ein Sünder ist und der Sünder Trost bedarf, der komme und eile jetzt hieher unter sein Kreuz, denn das Lamm Gottes, welches verstummt war bis hie her, öffnet jeßt Seine Lippen auf der Schlachtbank wieder und ruft Sein erstes Wort in den Himmel hinein: ,, Bater vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun!" Wen meint Er? für wen bestürmt die erblei chende Lippe des Vaters Herz? Ach brich, mein Herz, vor Rührung, Bewunderung und Liebe ge gen das geschlachtete Gotteslamm! Jene hat Er im Auge, die Ihn zunächst umstehen, die alle diese Marter auf Ihn gehäuft, die Kriegsknechte, welche Ihn gekreuziget. Aber diesen blinden Heiden hätte es ja nicht in den Sinn kommen können, über den Heiligen herzufallen, ohne Pilatus; darum bittet 208 Er auch für Ihn. Pilatus hätte aber den Blutbefehl nimmer gegeben ohne das Volk, welches Seine Kreuzigung forderte; und das Volk hätte nicht so wild das: ,, Kreuzige Ihn!" gerufen, wäre es nicht vom Hasse der Pharisäer und Hohenpriester und ihrer Obern dazu angereizt worden, darum meinet Er auch sie, meinet das ganze Volk mit Seinem Flehen. Ach! und jene Alle hätten ja den Sohn Gottes nimmer an das Kreuz gebracht, hätte es nicht die Sünde gethan, meine und deine und die Sünde aller Welt. Und darum gilt Sein Flehen Allen, welche es nicht leugnen, daß sie Ihn mit ans Kreuz gebracht! Dich und mich, die Deinigen und die Meinigen, und alle, die wir unter Seinem Kreuze stehen, hat Er mit Seinem brechenden Auge erbarmend angeschaut bei Seinem Kreuzgebete. Und was erbittet Er denn für uns von Seinem Va> ter? Was wahre Liebe immer und vor allen Din gen für die Geliebten erflehen sollte. Nicht Geld und Gut, nicht Glück und Erdenwohlergehn, nicht Ruhm und Ehre,- nein! Vergebung der Sünden. Es giebt viel Elend, welches die Liebe hinwegbeten möchte vom Haupte des Geliebten, aber ein größeres nicht, als die Sünde. Sie hat das Paradies vernichtet und die ganze Erde in ein Thránenthal umgewandelt; sie hat den Men schen aus dem Umgange mit Gott gebracht, und sein ganzes Geschlecht elend gemacht; sie hat über Jeden unter uns lauter Sammer ausgeschüt tet und uns Alle mit Klage, Ach und Wehe gefåttiget; und ihre Verheerungen haben noch nicht aufgehört, wie ein fressender Krebs nagt sie den Frieden jedes Herzens, das Glück jedes Hauses, - D 209 die Eintracht und Seelengemeinschaft jedes liebenden Kreises an, sucht Mann und Weib und Eltern und Kinder unter einander zu entzweien und oft genug gelingt es ihr; ja in die allerletzte Noth, in das ewige Verderben, in die Flammen der Hölle möchte sie die Menschen jagen, eher ruhet sie nicht. Und von dieser giftigen, Alles verheerenden Natter die Menschen zu befreien, das ist in dieser Stunde Seine Sorge, wenn Er ruft: ,, Vater vergieb ihnen, denn sie wissen nicht was sie thun."- Und wer ruft dieß Gebet in den Himmel hinein? Der den Allmächtigen, wie keiner sonst, ,, Vater" nennen durfte, der ewige Sohn, der in des Vaters Schooße war, und den die Liebe trieb, statt der Herrlich keit, die Er bei dem Vater hatte, das Kreuz zu wählen; der betet, welcher von jedem Seiner Ge bete selber zeugt: ,, Bater Ich weiß, daß Du Mich allezeit hörest." Heil uns armen Sündern, daß wir solchen Fürsprecher haben bei dem Allgerechten! - Und wann ruft Er um Gnade für uns? Ach, in einer Stunde, wo man ja seinem bittersten Feinde nichts abschlagen könnte, wo Meere von Schmerzen um Ihn wogten, und tausendfaches Wehe und unermeßliche Qualen Ihn zermarterten. Was Er in dieser Stunde Seines tiefsten Gehorsams für uns gefleht, das ist gewiß in Gottes Vaterherz gedrun. gen. Und wo betet Er um Vergebung unserer Sünden? Dort am Kreuze, wo Er ein Fluch ward für die Missethäter, wo Er vollendete den Gnadenrath Gottes über die gefallene Welt, wo Er erfüllte alle die Heilsverheißungen, womit vom ersten Sündenmorgen im Paradiese bis auf den heutigen Tag alle zitternden Schuldner erquickt wurden.- O bon D - 210 diesem Kreuze her hat mein Bürge gewiß eine Bitte frei gehabt an den Vater? wenn jemals eins, so ist dieß Gebet erhört. Es ist gleichsam nur Auslegung des ganzen Geheimnisses von Golgatha, ist das in dem Klange des Wortes dargestellte Gnaden werk am Kreuze selbst, ist Wort und That zugleich. Und damit die ewige Gerechtigkeit nicht zögere, fügt der Erbarmer hinzu: ,, Sie wissen nicht, was sie thun!" Ihr Verstand ist verfinstert, ihre Augen sind gehal ten, ihr Geist ist gebunden, darum wissen sie nicht, welche schauderhafte Unthat sie vollbringen. O des treuen Hohenpriesters, der da Mitleid hat mit un serer Schwachheit, der versucht ist allenthalben gleich wie wir, und uns allerdinge gleich geworden, auf daß Er barmherzig würde!( Ebr. 2, 17 und 4, 15) Entschuldigt Er sogar Seine Peiniger wegen ihrer grauenhaften That, o dann entschuldigt Sein Mit leid auch mich und alle ormen Sünder, die wir un ter Seinem Kreuze zusammen stehn. Herr! tappten wir denn nicht Alle in der Finsterniß, wußte denn Einer, was er that, als er auf seinen eigenen Wegen wandelte? Meinten wir denn nicht Alle unfer Glück und Wohlsein zu erjagen, während wir uns selbst den Zorn auf den Tag des Zornes und des gerechten Gerichtes Gottes häuften? Darum blicken wir nun mit gläubigem Hoffen, o Du hei liger Fürsprecher, zu Dir an Deinem Kreuze auf, und falten unsre Hände und beugen unsre Knie und beten: Jefu, Tilger aller Noth! Bitt für mich, den Deinen! Gieb des Schachers Croft im Zod', Sorg auch für die Meinen! Baß mich nie aus Deiner Ucht, Herzog meiner Seele, Daß ich, wenn mein lauf vollbracht, Dir den Geist befehle. 211 Gebet. Sekreuzigter Heiland! Ich werfe noch einen Blick zu Dir hinauf ans Kreuz; wirf auch mir herunter ei nen Gnadenblick. Du trittst zwischen Deine Mörder und ihr Verderben, und wehrest demselbigen, daß es sie nicht ergreife; Du trittst zwischen Deine Mörder und Deinen Vater im Himmel und flehest: ,, Vergieb ihnen!" heilger Mittler! halte auch von mir das Verderben fern, vertritt auch mich bei Deinem Vater in Deiner Kreuzesbitte, blicke auch mich an mit Deinem brechenden Auge, auch ich stehe unter Deinem Kreuze,-ach, auch ich bin Dein Pilatus, Dein Herodes, Dein Kreuziger und Mörder. Uch Herr, und wohl noch mehr und årger, als jene! Sie wußten nicht. was fie thaten, sie wußten nicht, daß Du der Sohn des leben: digen Gottes wärest; wo sie das erkannt håtten, hát ten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuziget( wie das Paulus 1 Cor. 2, 8. ausdrücklich versichert). Ich aber weiß und wußte und glaubete es, daß Du der rechte Heiland bist, und doch habe ich Dich mit meinen Sünden gekreuziget, und verwunde Deine Seele noch immer damit. Uch Herr, da thue ich böser Knecht ja doppelte Sünde und bin doppelter Streiche werth. Uber doch weiß auch ich immer nicht, was ich thue, wenn ich fündige; ich thue nicht, was ich will, son dern was ich hasse, das thue ich, es ist ein ander Geset in meinem Geiste, wie in meinen Gliedern. D fiehe! darum falle ich nieder auf der Wahlstatt Deiner Schmerzen, umfasse Deine Füße und neße sie mit mei nen Thränen und flehe: ,, Uch Herr, laß Dein Kreuze gebet auch meiner armen Seele heilsam sein, blicke auch mich verblendeten Thoren an mit Deinem brechenden Auge und schließ mich ein in Dein Gebet: ,, Ba= ter vergieb ihnen, denn sie wissen nicht was fie thun."" Und wenn das Wunder der unverdienten Gnade auch an mir geschehen und meine Sünden mir vergeben 02 212 find,-o Herr, dann laß die Zeit der Unwissenheit und Blindheit bei mir gånzlich vorübergehen, dann laß es Tag werden über meine Seele, die im Schatten des Todes gebunden lag, dann ziehe Du selbst als hel ler Morgenstern in meinem Herzen herauf, und laß mein ganzes Leben ein Zeugniß sein, daß die Nacht vergangen, der Tag aber herbei gekommen sei, indem ich nun wandle als am Tage, nicht in den Wegen der Weltkinder, sondern in dem Gehorsam Deiner Kreuzgemeinde." Umen. Donnerstag. Melod. Nun ruhen alle Wälder. Auf seinem Sündenpfade Fand jener Schächer Gnade, Da er noch Buße that, Noch glaubte, noch bekannte Und, den die Welt verbannte, Als Herrn des. Reichs der Himmel bat. Das ist die Bundersache, Daß Jesus selig mache, Wer vorher Sünder war! Doch dient das nicht zum Grunde, Daß man die leßte Stunde 3um Beten, Buß' und Glauben spar! Zur Warnung soll mir's dienen, Die Gnade ist erschienen; Mit Gnade scherzt man nicht. Sing nicht der and're Schächer Um Kreuz auch als Verbrecher, Starb aber hin auf sein Gericht? Wie gut ift frühe Buße, Und zu des Heilands Fuße Um Sein Erbarmen flehn; Im Glauben Herr Ihn nennen, Im Leben Ihn bekennen, Im Leiden auf Sein Leiden sehn! Ich preise Dein Erbarmen Herr Jesu, der mich Urmen In Seine Gnade nahm; Erhalte mich hierinnen, Und nimm mich einst von hinnen, 3u Dir, wohin der Schächer kam. So lang' ich noch soll leben, Laß mir die Gnade geben, Was keine Welt mir giebt; Auf Gnade laß mich sterben, Uus Gnaden laß mich erben; Gedenke, daß Du mich geliebt. 213 Luc. 23, 39-43. Uber der Uebelthäter einer, die da gehenket waren, låsterte Shn und sprach: Bist Du Christus, so hilf Dir selbst und uns.. Da antwortete der andre, strafte ihn und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du in gleicher Verdammniß bist? Und zwar wir sind billig darinnen, denn wir empfangen, was unsre Thaten werth sind: Dieser aber hat nichts Ungeschicktes gehandelt. Und sprach zu Jesu: Herr, gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommest. Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich Ich fage dir, heute wirst du mit Mir im Paradiese sein." Daß der Mensch nicht durch seine Werke, sondern durch den Glauben selig werde, ist die Grundlehre unsrer Kirche, und wir sagen freudig, des ganzen Evangeliums. Wir bauen unsre Hoffnung auf die freie Gnade Gottes in Jesu Christo. Dem natürlichen Menschen ist diese Lehre von jeher ein Aergerniß und eine Thorheit gewesen, denn in seinem Bettelstolze will er Alles, auch den Himmel und die Seligkeit verdienen; dem Gläubigen ist es eine Gotteskraft, sein süßester, einziger, sicherster Trost, an dem er festhält, wie der Blinde an der Hand seines Führers, wie der im Meere Versin 214 kende am Rettungsseile, welches ihm zugeworfen wird. Es ist ihm diese Lehre das hellste Licht in Finsternissen, der kräftigste Antrieb, sein Herz zu heiligen und dem Herrn ganz zu übergeben, das sicherste Rahekissen, darauf er sein Haupt legen und ruhig sterben kann. Ach, hinge unsre Se ligkeit auch nur an der Erfüllung eines einzigen Gebotes, würde sie nicht ganz umsonst dem Buß fertigen und Gläubigen geschenkt, wer möchte dann selig werden? wer möchte dann Trost finden in sei ner Sündennoth? Dann wäre ja selber das schöne Trostamt der Knechte Jesu Christi nur ein Amt, das die Verdammniß predigte; und wer möchte solch ein Amt übernehmen? Wenn dann ein armer Sünder auf dem Todtenbette låge und Trost in seiner Sün dennoth begehrte, wüßten wir von der freien Gnade Jesu Christi nichts, was könnten wir ihm sagen? " Bessere dich?" Er würde antworten: ,, Ich stehe an der Todespforte!" Sollten wir ihn erinnern an die guten Werke, die er ja zuweilen unter seinen Sünden auch gethan habe? Er würde, so er an ders in die Tiefe seiner Schulden geblicket, antwor ten: ,, Ich finde nichts, wofür ich nicht Vergebung nöthig hätte, und mit dem Besten, was ich that, hab' ich unnüßer Knecht nichts verdient. Mein Gott, wie werde ich fahren!" Was bliebe uns dann übrig, als zu sprechen: ,, Nun so verzweifle und stirb!" Doch wohl uns, daß wir das Evangelium von Christo haben! Nun zeigen wir dem Berzagenden die Gnadenverheißungen des göttlichen Wortes, sagen ihm, was geschrieben steht Nom. 3, 28. Gal. 2, 16. Jef. 55, 1. Off. Joh. 22, 17. u. f. f. und führen ihn nach Golgatha unter das Kreuz des Schä - 215 chers, dem der Herr Jesus Christus selbst den Trost mitgab in das Todesthal: ,, Wahrlich ich sage dir, du wirst heute mit mir im Paradiese sein." D, trost reiches, wunderbares Evangelium, daß Du uns in der Todesnacht zu einem lieblichen Lichte, und in der Todesangst zu einem freundlichen Tröster und Retter wirst, wie reich und selig sind wir in Deinem Besitze! Was ist denn aber das Tröstende an dies ser Begnadigung des Schächers, davon uns die heilige Passionsgeschichte heute erzählt? Man hat dies Gnadenwunder wie alle Wunder Jesu Christi zu erklären versucht. Man hat gesagt, dieser Schi cher sei so böse nicht gewesen, mehr leichtsinnig als lasterhaft. Aber ein vorurtheilsfreier Blick auf die Erzählung zeigt vielmehr, daß er ein grober Sünder war, gleich wie der andere Schächer. Das Wort, welches nicht lügt, nennt ihn so, wie jenen, einen Uebelthäter, der öffentliche und grobe Frevelthaten begangen hat. Er heißt, wie jener, ein Räuber, der auf den Straßen die Wanderer geplündert, ein Mörder, der die Leute um ihr zeitliches, wohl gar auch um ihr ewiges Leben gebracht. Er hatte sich also nicht etwa nur im Leichtsinn zu einer einzelnen Frevelthat hinreißen lassen, sondern war ein böser Mensch, dessen Leben eine Reihe von Gottlosigkei ten bezeichnet, wie er sich auch selber in völlige Ge meinschaft mit dem andern durch das Bekenntniß stellt, daß sie Beide nur empfangen, was ihre Thaten verdienet haben. Wenn aber Beide gleich böse waren, wie fonnte dann der eine begnadigt, der andre verworfen werden? Bis hierher waren die beiden Uebelthäter eine Straße gezogen, jetzt scheiden sich ihre Wege. Während jener zur Linken ein 210 Pharao ist, der in seiner Verstockung nicht ruhet, bis die Wogen der Bernichtung über ihm zusammen. schlagen, während er Jefum låstert und spricht: ,, Bist Du Christus, so hilf Dir selbst und uns:" hören wir aus dem Munde dieses Schächers ein Wort, das uns in die größeste Berwunderung setzt: ,, Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammniß bist? Und zwar wir sind billig darinnen, denn wir empfan gen, was unsre Thaten werth sind, Dieser aber hat nichts Ungeschicktes gehandelt. So spricht er am Kreuze hängend, unter den Qua len dieser furchtbaren Todesart. Wir staunen! Welch klare Selbsterkenntniß, welch tiefes Sünden. bewußtsein, welch zerknirschtes Herz, welch aufrichtige Buße, welch demüthiges Bekenntniß, welch fröhlicher Glaube! Woher kommt das dem Uebel> thåter? Er war ergriffen worden auf seinem Sün denwege es wäre möglich, daß dieser plötzliche Ueberfall seine Seele erschüttert, daß er in seiner Gefangenschaft den Saamen des göttlichen Wortes wieder hervorgescharrt, denn ,, Trübsal lehret auf's Wort merken" und es hat schon mancher Verbrecher in den äußern Banden seine geistliche Freiheit, in dem Kerker das Paradies gefunden; es kann auch sein, daß er im Richthause dabei stand, als Christus Sein schönes Bekenntniß von Seinem Reiche ableg te, welches um so mehr ihn ergriff, als er sonst schon von Christo gehört das Alles ist möglich, doch nicht gewiß. Sicher aber ist, daß er die eindringliche Baletpredigt Chrifti quf dem Kreuzeswege gehört. ( Luc. 23, 28-31.) Von dieser heißt es: ,, Jesus wandte sich um." Vielleicht zu ihm! Hören - - - 217 aber mußte er immer, was die Weiber hörten, daß die Sünde Jerusalem und den Tempel und das ganze Land verwüsten werde, daß es leichter sei, Berge und Hügel, als den Zorn Gottes zu tragen, daß ein Unschuldiger, der zur Kreuzesmarter wankt, nicht so zu beweinen sei, als die Sünde; daß jeder Sünder ein dürres Holz sei, das ins Feuer geworfen wird. O sollte das nicht ein Hammer gewesen sein, der den Felsen seines Herzens zerschlug? Dazu kam, um seine innere Umwandlung zu vollenden, die Gluth der Liebe, welche vom Kreuz des Mittlers strahlte. Denn als Er ans Kreuz geschlagen war, fing Jesus an zu beten, zu Gott als Seinem Vater zu beten, für Seine Feinde zu beten, um Vergebung ihrer Sünden zu beten. I diese Geduld, diese Sanftmuth, diese Versöhnlichkeit, diese Liebe brach ihm das Herz, ließ in seiner Seele die Hoffnung erwachen: ,, Wenn Er für jene ein Herz hat, wenn Er Seine Mörder nicht von sich stößt, so wird Er auch mich nicht von sich, stoßen, auch für mich ein Gnadengebet haben, auch mich erretten!" und in dieser getrosten Zuversicht ruft er: ,, Herr gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommest!" Welch ein Glaube, der in dieser Stunde also bitten konnte! Dieser Glaube übertrifft wohl Alles, was wir in der Schrift und in der Geschichte des Reiches Gottes vom Glauben lesen. Jest kümmert sich die ganze Welt nicht um Jesum, die Heiden wissen nichts von Sei nem Namen, die Juden gehen spottend vorüber, die Feinde triumphiren über Seinen Untergang, alle Seine Jünger haben Ihn verlassen, Petrus hat Ihn verleugnet, Judas Ihn verrathen: de 218 bekennt Ihn der Schächer, spricht seinen Glau ben an Ihn aus, verteidigt Seine Unschuld, nimmt Ihn in Schuß mider den Låsterer, und mit sterbenden, sehnsüchtig, en Blicken wendet er sich in der höchsten Noth zu hm, bittet nicht um Erldsung aus der Kreuzesmar'cer, sondern um Nettung seiner Seele: ,, Herr ged enke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst!" Wie, ein Mörder will ins Himmelreich? So würde der Schächer auch ge dacht haben, hitte er den ohnmächtigen Schwachglau ben von Tausenden gehabt, welche sich Christen nennen. Seir, Glaube war fröhlicher, zuversichtlicher, stärker. Er traute seinem Heilande mehr zu. Wie ihn auch sein Gewissen verdammen, die Hölle dro. hen, der Satan anklagen mochte, er hielt sich an Jesu fest, traute kühnlich, wenn seine Sünde auch blut.coth wäre, das Blut des Gerechten, das da vo'm Kreuze rann, könne ihn schneeweiß machen. Das ist der Glaube, der die Hölle zu», und den Himmel aufschließt, das ist die Wundermacht, welche Tod und Teufel überwindet. O, wäre seine Sünde auch noch tausendmal größer gewesen, hätte er unten im tiefsten Grunde der Hölle gelegen der Heiland würde ihn herausgezogen haben. Auf der Stelle spricht Christus das Urtheil der Begnadigung. Ob Er auch selber am Kreuze hångt, von Gott und Menschen verlassen, nach einem Tropfen Wassers schmachtend, selbst ohne Trost und uner> quickt, so verschenkt Er doch ein Himmelreich, macht die Seele eines armen Schächers felig, übt Seine Hoheitsrechte als König Himmels und der Erden, reicht dem Glauben seine Krone und spricht: ,, Wahrlich Ich sage dir, du wirst heute mit mir im Para 219 diese fein!" Siehe hier, meine Seele, den Grund deines Heils, den Born deiner Seligkeit. Nicht Werke und Thaten, sondern Jesus Christus allein ist das Leben, Vergebung der Sünden und Selig, keit, und der Weg zum Heil ist der Glaube, auf daß es stehen bleibe: ,, So halten wir es nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben." Gebet. Gelobet feift Du, gelobet seist Du, allmächtiger Heiland, daß Du nicht nach Werken fragst, sondern nach dem Glauben allein, wenn Du eine Seele felig machest. so darf auch ich noch auf Heil und Erlösung hoffen, darf nicht verzagen, bei den Sünden meiner Jugend, die mich anklagen, bei den Sünden meines Ulters, die mich verdammen, darf getroft, trotz aller meiner Blutschulden, noch auf Errettung hoffen. Warst Du måchtig, da am Kreuze einen armen Sünder aus der Hölle in das Paradies empor zu ziehen, o so kannst Du's auch heute in Deiner Herrlichkeit zur Rechten des Vaters; warst Du bereit das Gebet des Missethåters um Erlösung zu erhören, o so wirst Du auch mein Gebet nicht verwerfen, wenn ich rufe: ,, Herr gedenke auch an mich in Deinem Reiche." Sprachst Du dort den Schächer los, o so berufe ich mich darauf und glaube kühn, auch mir gehört Dein Wort: ,, Mit Mir im Paradiese!" Siehe, ich troge nicht darauf, daß ich keinen Mord begangen, nicht am Wege gelagert war und auf Beute gewartet habe, nicht verurtheilt bin von der weltlichen Obrigkeit zum Tode-ach wenn ich auch von solchem Frevel mich fern weiß, so tlagen tausend andre Sünden mich an, jedes Deiner Gebote, jeder Tag meines Lebens, mein arges Herz, der innerste dunkle Gandengrund meiner Seele- das Alles sagts mir, daß ich Tod und Verdammniß verdient, und mehr konnte der Schächer auch nicht verwirken. Aber auf Deine Barmherzigkeit, o Herr! traue ich, wie er, 11 220 wende mein flehend Auge zu Dir, suche sehnsuchtsvoll alle mein Heil bei Dir, setze mein ganzes Vertrauen auf Dich allein, suche an Deinem Kreuze meine Er rettung, und rufe wie der Schächer unter Thränen der Buße und im festen Glauben: ,, Herr gedenke an mich!" Und Deine Verheißungen treten mir entgegen und antworten mir. Du verwirfft mich nicht! Dein Tod giebt mir das Leben; Deine Hand rettet mich; Du tröstest mich mit Deiner Hülfe. Dein Blut reiniget mich; Dein Gebet vertritt mich. Du hast mich erhöret, Du treuer Gott, und ich singe fröhlich: Ich lebe von Barmherzigkeit, Bon nichts kann ich sonst leben; Mir Sünder ward der Tod gedråut, Und nun ist mir vergeben, Dieß ist's allein, was mich erfreut: Ich lebe von Barmherzigkeit! Ich danke der Barmherzigkeit, Die Du mir hast erworben; Dich jammerte mein ew'ges eeld, Du bist für mich gestorben, In Dir ist mir mein Heil bereit: Ich lebe von Barmherzigkeit! Amen. Freitag. Mel. O Lamm Gottes unschuldig. D Jesu, welche Lasten Beschweren unsre Herzen! Doch daß wir mögen rasten, So duldest Du die Schmerzen, Du Hirte Deiner Schaafe, Du trugst für uns die Strafe. Erbarm' Dich unser, o Jesu! Wir haben mit dem Stolze Den Fluch bei Gott verdienet. Du hångst am Kreuzesholze, Laß uns nun Gnade grünet. Der Satan mag uns schrecken, Dein Heil kann uns bedecken. Erbarm' Dich unser, o Jesu! Wir wollen bei den Sünden Noch gern in Kleidern prangen; Du willst die Schmach empfinden, Drum bist Du bloß gehangen. Du mußt Dich für uns schämen Unt alles auf Dich nehmen. Erbarm' Dich unser, o Jesu! 221 Joh. 19, 23-24. ,, Die Kriegsknechte aber, da sie Jefum gekreuzigt hatten, nahmen sie Seine Kleider und machten vier Theile, einem jeglichen Kriegsknechte ein Theil, dazu auch den Rock. Der Rock aber war ungenähet, von oben an gewirket durch und durch. Da sprachen sie unter einander: Laßt uns den nicht zertheilen, sondern darum losen, weß er sein soll, auf daß erfüllt wurde die Schrift, die da sagt: Sie haben meine Kleider unter sich getheilt und haben über meinen Rock das Loos geworfen. Solches thaten die Kriegsknechte." Wir stehen vor einem Sterbenden! Aber hier ist es nicht, wie es bei Sterbenden zu sein pflegt; kein stilles Kämmerlein, kein weiches Bett, kein Kreis lieber Seelen, von welchen der Sterbende zärtlichen Abschied nimmt, die ihn zuletzt noch mit neuen Zeichen ihrer Liebe erquicken und ihm durch ihre Gebete den schweren Kampf überwinden helfen. Golgatha heißt der Ort, wo wir uns befinden, Schädelstätte! Wir sehen hier ein Kreuz und an dem verfluchten Holze hångt unser Sterbender, ein Fluch für uns! Keine Freundeshand trocknet Ihm den Schweiß von der Stirn, reicht dem Verschmachtenden eine letzte Labung; außer der Bitte des armen Schächers wird kein Wort der Liebe, kein Ge bet vernommen und die Seufzer des Dulders mi schen sich in freche Lästerungen und empirende Spott 222 reden. Ein Sterbender hat, wie wir wissen, neben seinen ewigen Angelegenheiten, auch noch manches Irdische zu besorgen, er hat sein Haus zu bestellen und über seinen Nachlaß zu verfügen. Was hat denn unser Herr Jesus hinterlassen? Nun, von dem Nachlasse dessen, der am Kreuze endet, wäre viel zu sagen, viel köstliche Schäße wären aufzufüh ren, viel unerschöpfliche Reichthümer wären zu nen nen, viel unaussprechliche Segnungen waren zu preisen, wollten wir auch nur an das eine Wort erinnern: ,, Meinen Frieden lasse ich euch!" oder an das andere: ,, Nehmet hin den heiligen Geist!" oder das Er von den Seinen gesagt hat: ,, Ich gebe ihnen das ewige Leben." Doch dieses geistliche Erbe, welches alle Kinder Gottes von ihrem Hei lande empfangen, meinen wir nicht, wir meinen seine irdische Hinterlassenschaft. Nun, davon wird wenig zu sagen sein, was kann der hinterlassen haben, der nicht hatte, wohin er sein Haupt legen konnte, der sich von den Allmosen armer Weiber ernährte, der den Seinen die Regel gab:„ Ihr sollt euch nicht Schäße sammeln auf Erden, da sie die Motten und der Rost fressen und da die Diebe nachgraben und stehlen. Sammelt euch aber Schäße im Himmel. Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz." Es sah mit dem Nachlasse des Herrn Jesu gar armselig aus; wir erwarten es nicht anders. Es gab da weder lachende, noch streitende Erben und die Geschichte berichtet nichts davon, daß etwa un ter seinen Hinterbliebenen über Sein Vermögen Processe geführt und Feindschaften entstanden wären, wie dies ja, wir wissen es aus hundert Beispielen, gar häufig der traurige Segen der irdischen Hinter- 223 lassenschaften zu sein pflegt. Auch hat man nicht davon gehört, daß einer Seiner Erben durch den Betrug des ihm zufallenden Reichthums verloren gegangen wäre. Diejenigen, welche den Werth ei nes Menschen nach seinen liegenden Gründen und nach der Summe seiner Capitalien tariren, können über den Herrn Jesum nur ein wegwerfendes Ur theil haben. Also, wie gesagt, der Nachlaß des sterbenden Heilands war äußerst armselig. Er hatte in der That nichts weiter, als was Er an Seinem Leibe trug, und dies fiel auch nicht den Seinen zu, sondern wurde eine Beute Seiner Henkersknechte. Dem engherzigen Reichen, in dessen Augen die Ar muth ein großer Vorwurf für einen Menschen ist, gewährt das nun zwar kein Behagen, aber für die liebe Armuth, für die leibliche und geistliche, ist es ein rechter Herzenstrost. D ihr, die ihr mit eurem Erlöser ausrufet: ,, Mein Reich ist nicht von dieser Welt!" die ihr mit Petro sprechet: ,, Silber und Gold habe ich nicht!" wisset, euer Heiland ist noch viel ärmer gewesen, als ihr, und Er hat durch Seine Armuth euern Stand hoch geehret, geheiligt und reichlich gesegnet. Ihr braucht nur Ihn anzuschauen, um unter der äußern Dürftig, keit die verborgene Gnade zu erblicken. Er muß euch sehr lieb haben, da Er geworden ist, was ihr seid. Gottselige Arme wissen das auch und segnen deßhalb ihren armen Stand; sie wissen, daß man auf einem schmalen und engen Wege, der noch dazu bergan gehet, besser fortkommt, wenn man wenig belästigt ist. Will sich auch das Fleisch bisweilen beschweren über die liebe Noth, es bedarf nur ei nes Blickes auf den Heiland, um es wieder zu stil 224 11 len. Spricht es: ,, Ich habe kein Geld und Gut," sie antworten: Du hast doch Gott und Deinen Jesus." Klagt es: ,, Ich habe keine Kleider nach meinem Stand und Wunsche," sie erwiedern: ,, Ich freue mich des Herrn und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn Er hat mich angezogen mit den Kleidern des Heils und mit dem Rocke der Ge rechtigkeit bekleidet." Bemerkt es: ,, Ich habe kein eigenes Haus," ihnen ist auch keinen Augenblick um Trost bange: ,, Der Heiland hatte auch nicht, wohin er sein Haupt legte, aber die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, der Erdboden und was darauf wohnet." Seufzt es: Wir haben hier keine bleibende Statt," der Geist in ihnen erwiedert fröhlich: ,, Aber die zukünftige suchen wir und sind gewiß, sie zu finden." Nicht, daß sie ihre Noth nicht fühlen sollten, aber sie ist ihnen eine liebe Noth, ja so sagen wir in unserer schönen Muttersprache, eine liebe Noth, eine selige Armuth, denn sie theilen sie mit dem Herrn Jesu, sie erfah ren bei Jhm: ,, Durch die Noth der Erde geht es in die Herrlichkeit des Himmels." Könnten sie das einmal vergessen, jeder Blick zum Kreuze hinauf sagt es ihnen. Da hängt ihr Heiland. Er ist arm geboren, Er ist kümmerlich auferzogen, Er hat in bitterer Noth Sein Leben hingebracht und dem Sterbenden ist nichts geblieben, als die Dornen krone und die Nägel in Händen und Füßen, nicht einmal ein Kleid sich zu bedecken. Aber dieses arm. selige Leben und dieser noch armseligere Tod ist der Weg, auf welchem Er zu Seiner ewigen Herrlich. keit eingezogen ist. Gefällt es Ihm, sie denselben Weg zu führen, was könnten sie dawider haben, 225 wie sollten sie Ihn dafür nicht preisen, wie sollten sie über ihre Armuth klagen, da Er sie durch Seine Armuth so reich gemacht hat, daß sie den Him> mel bezahlen können? Doch wir wenden uns zurück zu dem Nachlasse des sterbenden Herrn Jesu. Es ist, wie schon erwähnt, nichts weiter, als ei nige Kleidungsstücke, worin die Kriegsknechte sich theilen. Aber so geringfügig die Sache ist, so thut ihrer doch die Schrift ausdrücklich Erwähnung und zwar nicht bloß um der Erfüllung der Weissagung willen: ,, Sie haben meine Kleider unter sich getheilt und haben über meinen Rock das Loos geworfen." Die Bibel nimmt nämlich auf die zartesten und sinnigsten Gefühle des menschlichen Herzens die zarteste Rücksicht. Jeder äußere Gegenstand, der die Erinnerung an einen lieben Verstorbenen weckt, ist uns theuer und werth; er hat ihn durch seine Nähe, durch seinen Gebrauch geheiligt; das Un bedeutendste und Geringfügigste wird und dadurch bedeutend, wäre es auch nur der alte Rock, den er getragen hat. Vielleicht redet deßhalb die Schrift von den Kleidern des sterbenden Erlösers so aus führlich. Noch ein Umstand verdient indessen von uns nicht übersehen zu werden. Unter den Klei dungsstücken des Herrn war das Unterkleid nach ei ner uns nicht mehr bekannten Kunst in einem Stücke gewebt. Wir mögen daraus schließen, daß Sein Anzug Seinem Stande als Lehrer Israels würdig war; ohnehin wird dieß ein Kleid gewesen sein, wie es damals landesüblich getragen wurde. Da raus ist abzunehmen, daß das Christenthum nicht im Neußerlichen besteht, nicht in einer bestimmten Art zu reden, nicht in Essen und Trinken, nicht in P - 226 dieser oder jener Weise sich zu kleiden. Ein Christ soll sich in solchen Neußerlichkeiten nicht von der Menge absondern, er soll darin nichts suchen und setzen, sondern so viel es ohne Sünde geschehen kann, nach der allgemeinen Sitte und den Erforder nissen seines Standes in solchen Dingen leben, wie sein Herr und Meister auch gethan. Nur daß seine Kleidung züchtig, keusch und ehrbar sei. Er darf sich selbst schmücken, wenn es die Umstände nöthig machen, nur thue er hierin lieber zu wenig, als zu viel, nur bewahre er sein Herz vor Eitelkeit; nur vergesse er nicht, daß die Kleider, die wir tragen, nach Mose 3. Bußkleider sind, nur halte er sich um seines bessern Kleides willen nicht besser, als seine Mitchristen, nur schmücke er sich wie der deutsche Kaiser Otto, welcher so oft er die Krone auffette und den kaiserlichen Mantel umhing, den großen Gott jederzeit gar inbrünstig um ein demüthiges Herz bat, damit er sich solcher Herrlichkeit nicht überheben möchte; nur gleiche er der Esther, wel che, so oft sie den königlichen Schmuck anlegte, zu Gott sagte: ,, Herr, du erkennest, daß ich keine Freude habe an der Ehre, die ich bei den Gottlosen habe, auch keine Lust an der heidnischen und fremden Heirath. Du weißt, daß ich es thun muß und nicht achte den herrlichen Schmuck, den ich auf meinem Haupte trage, wenn ich prangen muß, sondern halte es wie ein unreines Tuch und trage es nicht außer dem Gepränge."- Hast du solche Ge finnungen, so schadet dir der Schmuck deines Lei bes nicht, hättest du auch eine Krone auf deinem Haupte. Gebet. Herr Jesu! Du kennst das Herz aller Kindes der Menschen, Du kenneft auch die Eitelkeit meiner Herzens und weißt, wie lüstern es noch ist nach dieser Welt Reichthum, Ehre und Glanze. Onimm sie doch heraus alle diese bösen, unreinen Gelüste und gieb mir ein durch den Anblick Deines Kreuzes gedemüthigtes, stilles, nur den Schmuck Deines Verdienstes suchendes und liebendes Herz. Kann ich die Armuth noch als eine Schmach, als ein Unglück tragen, fürchten und bes trachten, da Du, Wermster, die Urmuth so sehr geliebet und gesegnet hast? Kann ich noch in stolzen Kleidern und eitler Hoffahrt vor der Welt prangen wollen, da ich Dich mit der Dornenkrone auf dem Haupte nackt und bloß am Kreuze hangen sehe? Nein, Herr! ich will gern klein, arm und unbeachtet vor der Welt sein, wenn Du mich nur lieb hast; ich will in Reue und Buße einher gehen, mich in das Gewand des Glaus bens einhüllen und mich anthun mit der reinen, schönen Seide der Gerechtigkeit, welche die Heiligen schmückt. Herr Jesu Chrift, Dein theures Blut Ist meiner Seele höchstes Gut; Das tröstet, stärkt, das macht allett Mein Herz von allen Sünden rein. Dein Blut, mein Schmuck und Ehrenkleid, Dein Unschuld und Gerechtigkeit Macht, daß ich kann vor Gott bestehn Und in des Himmels Freud eingehn. Umen, Sonnabend. Mel. Alles ist an Gottes Segen 2. Schaut die Mutter voller Schmerzen, Wie fie mit zerrissnem Herzen Bei dem Kreuz des Sohnes steht! Schauet ihre Trübfals Hiße, 227 Wie des Schwerdtes blut'ge Spige Zief durch ihre Seele geht. P 2 228 Wessen Auge kann der Zähren Bata Bet dem Jammer sich erwehren, Der des Höchsten Sohn umfångt? Wie Er mit gelaff'nem Muthe Todesmatt in einem Blute An dem Holz des Fluches hängt. e das Grat Joh. 19, 25- 27. Es standen aber bei dem Kreuz Jefu Seine Mut ter und Seiner Mutter Schwester, Maria, Cleophas Beib, und Maria Magdalena. Da nun Jesus Seine Mutter sahe und den Jünger dabei stehen, denEr lieb hatte, spricht Er zu Seiner Mutter: Weib, fiehe, das ist dein Sohn. Darnach spricht Er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter. Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich." Nackt und bloß hångt der Herr am Kreuze. Dem Sterbenden ist nichts geblieben, als die Dornenkrone und die Nägel in Händen und Füßen, denn in Seine Kleider theilen sich die Kriegsknechte, und über Seinen ungenäheten Nock werfen sie das Loos. Aber siehe! noch ein theures Gut gab es, das Er Sein eigen nannte und über welches der gekreuzigte Erlöser verfügen mußte. Seine Mutter stand unter dem Kreuze, diese Schmerzensmutter! Bis hierher war sie Jhm gefolgt, o der Mutterliebe! Von ihr mag man auch wohl sagen, wie es von der Liebe Jefu in einem Passionsliede heißt: Liebe, liebe du bist stark! In der Begleitung der andern Maria und der Maria Magdalena, jener Weiber, welche dem Herrn ans Galilia gefolgt waren und hatten Ihm Handreichung gethan mit ihrer Habe, war die Mutter Jesu nach Golgatha gekommen. Wie es scheint, 229 haben ihn diese Weiber auf Seinem ganzen Lebens wege begleitet und harren bis zu Seinem letzten Athemzuge bei Ihm aus. Die Letzten auf Golgatha und die Ersten an Seinem Grabe sind sie. Stárker, als die Männer, beweisen sie Ihm eine Liebe, die stark ist, wie der Tod, und sie können sicherlich, was Petrus, der starke Petrus nur zu können sich rühmte, nämlich, mit Jesu, wenn es sein müßte, in den Tod gehen. O! es wird diesen treuen Seelen und dem treuen Johannes, welcher das Gemüth eines Wei bes und die Seele eines Mannes hatte, nicht un vergolten geblieben sein, daß sie beharrten bis ans Ende, daß sie treublieben, wo Niemand treu blieb. Maria stand unter dem Kreuze, unter dem Kreuze ihres Sohnes, dieses Sohnes; siehe! da drang das Schwerdt durch ihre Seele, von welchem der alte Simeon zu der hochgebenedeiten und gesegneten Jungfrau sprach. O ihr Mütter, die ihr in heißer Schmerzensstunde euer Kind, das ihr unter dem Herzen getragen, das eures Herzens Lust und Wonne war, kämpfend, zuckend, mit dem Tode ringend da liegen sahet, bis das Auge brach, das süße Auge, das nie wieder in euer Auge blickte,- ihr ahndet, was in dem Herzen der Mutter unter dem Kreuze vorging, ihr ahndet's! denn nachempfinden, nein! nachempfinden könnet ihr ihren Schmerz auch nicht. War sie nicht eine arme Wittwe? war die ser Sohn nicht ihr Einziges und Letztes? war Er nicht der Sohn seliger Berheißungen? war er nicht der Herr der Herrlichkeit und sie Seine Mutter? waren diese Martern nicht unerhört, entseßlich, ohne Gleichen? war es nicht der blutige Kreuzestod eines Missethäters, welchen dieser Gerechte und über al. 230 les Geliebte starb! drangen nicht in ihr Mutterher: jene Spottreden und Lästerungen? verwundeten nicht auch ihr Haupt jene Dornen? durchbohrten nicht Nägel auch ihre Gliedmaßen? drang nicht je ner Speer auch in ihre Seite? war es nicht ein zehnfacher Tod, welchen auch sie erduldete unter dem Kreuze? Aermste Mutter! aber doch wie selig bist du in deines Sohnes Reich. Denn sterben wir mit, so leben wir mit, dulden wir mit, so werden wir mit herrschen. Und der Schmerzensmann amt Kreuze siehet die Schmerzensmutter, siehet die Qualen, die ihr Herz zerreißen, die Angst, unter welcher ihre Seele zittert, die Einsamkeit, der sie entgegen geht, den Sport und die Verfolgung, die ihrer warten, der völlig Verwaiseten. So hat denn dein Heiland auch den Schmer; erfahren, welcher dich so sehr quålt, mein lieber Christ. Du fühlst dich siech und krank; wie lange noch, und es kommt die letzte Stunde. O wäre sie schon da!" feufzt deine Seele ,,, ich habe Lust abzuscheiden und bei dem Herrn Jesu Christo zu sein; ach! nur Eins macht mir den Abschied schwer, meine alte Mutter, mein alter Bater, die ich zurücklasse ohne Stüße, meine unmündigen Kinder, die durch meinen Tod arme Waisen werden." Aber, liebe Seele, sei nur getroft, dein Heiland wird schon sorgen. Er weiß hier auch Rath, Er, der sonder Trost am Kreuze Hångt und dennoch reichen, süßen Trost für die ge liebte Mutter hat. Zu Jhm aufblickend kannst du sprechen: - Und würde mir die Seele weich Beim lesten Gruß der Lieben Herr, fie sind hier in Deinem Reich Und find es auch bald drüben! - wyline SOUT Sie waren mein und bleiben mein Und Du trittst als ihr Hüter ein! 231 Silber und Gold kann der Herr Seiner armen Mutter nicht geben; Sein ganzes Vermögen haben bereits schon die Henker unter sich getheilt. Silber und Gold kann auch das gebrochene Herz dieser Mutter nicht heilen. Jesus hat etwas Besseres, er hat ein warmes, treues Sohnesherz, an welches Er die geliebte Mutter legt, indem Er heimgehet. Stehet da nicht der Jünger, den Er lieb hatte, Sein Johannes? In Seiner Brust schlägt dieß treue Herz. Ihm vermacht Er Seine Mutter, Seiner Mutter vermacht Er den Jünger. ,, Weis, siehe, das ist dein Sohn! Siehe das ist deine Mutter!" sprach Er. O köstliches Vermächtniß! wie fühlten die Beiden sich an einander getröstet! Sie war seine Mutter und Er war ihr Sohn und wohnten bei einander und blieben bei einander noch zwölf Jahr bis zum Heimgange der Maria, denn bis dahin verließ Johannes Jerusalem nicht, während die andern Jünger auszogen in alle Welt. Die Bei den aber waren sicherlich recht selig in aller Trübsal. Christen, die ihr dies leset, ihr habt wohl auch einen alten Vater, eine alte Mutter, oder sage ich, Schwiegervater, Schwiegermutter; sie sind an euch gewiesen, ihr seid an sie gewiesen. Aber es ist nicht zwischen euch, wie es sein müßte, es ist vielleicht sehr arg, heidnisch, himmelschreiend; es ist euch eine drückende Last, was ihr, wie Johannes, als eine Gnade preisen solltet. Bedenket, daß der für euch gekreuzigte Heiland auch zu euch spricht: ,, Siehe, das ist deine Mutter; siehe, das ist dein Bater!" Die Maria war des Johannes leibliche Mutter nicht, 232 obwohl seine nahe Verwandte, seiner Mutter Schwe ster nämlich, aber er war nun doch ihr Sohn durch das Wort und Vermächtniß des Herrn Jesu: ,, Sie he, das ist deine Mutter!" Es geschiehet wohl dann und wann etwas Aehnliches noch, daß der Heiland einem Johannesherzen ein Kind schenkt, das sein Kind nicht ist, oder eine Mutter, einen Vater, die seine Eltern nicht sind, oder einen Bruder, eine Schwester, die seine Geschwister nicht sind, und ein solches Herz nimmt das Geschenk recht dankbar an und freut sich seiner sehr, denn es weiß, daß es sei» nen lieben Herrn Jesum Christum aufgenommen hat. Gebet. feit. Wieder eine Woche weiter, näher hin zur EwigHerr! und ich kann mit ruhigem und getrostem Herzen in diese meine näher rückende Ewigkeit durch Deine Gnade hineinsehen. Dein Blut ebnet mir den Weg dahin, Dein Sterben macht mir meinen Tod leicht und süß, der Unblick Deines Kreuzes nimmt meine Angst und mein Grauen hinweg. Und mit der einen großen Sorge um die Seligkeit meiner Seele befreiest Du mich auch von allen kleinen Sorgen meines Herzens. Auch die geliebten Meinen weiß ich wohl aufgehoben, wenn ich scheiden muß. Wenn ich sie los: laffe, fallen fie in Deine Hand; wenn mein Auge nicht mehr über sie wacht, wacht Dein Uuge, das nie schläft noch schlummert; wenn ich von ihnen weggehe, bestellst Du ein Johannesherz, das ihrer sich annimmt. Ich laffe sie zurück in dem Schuße Deiner Barmher. zigkeit, in der Obhut Deiner Treue, in der Pflege Deiner Liebe und Zärtlichkeit. Ich kann, um sie uns bekümmert, Dich anrufen: Ich will Dir, Herr, die Meinen überlassen; Du wollst mit Deiner Gnade fie umfassen! Sei Du ihr Schuß, ihr Führer spåt und früh, Bersorge Du, erhöh', vollende sie. Umen. Siebente Woche. ( Bon Palmarum bis zum Oftersabbath.) Jesus am Kreuze. Die letzten drei Kreuzesstunden. Sonntag. Mel. Wer nur den lieben Gott läßt walten 2c. Es ist vollbracht! so ruft am Kreuze Des sterbenden Erlösers Mund. O Wort voll Trost und Leben, reize Zur Freude meines Herzens Grund! Das große Opfer ist geschehn, Das Gott auch mir zum Heil ersehn. Mein Jesus stirbt, die Felsen beben, Der Sonne Schein verlieret fich; In Todte dringt ein neues Leben, Der Heil'gen Gråber öffnen sich; Der Vorhang reißt, die Erde kracht, Und die Versöhnung ist vollbracht! Matth. 27, 45. 51-53. ,, Und von der sechsten Stunde an ward eine Finsterniß über das ganze Land bis zu der neunten Stunde. Und siehe da, der Vorhang im Tempel zerriß in zwei Stücke, von oben an bis unten aus. Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Gråber thaten sich auf, und standen auf viele Leiber der Heiligen, die da schliefen, und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung, und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen." 234 Christus, der Heiland der Welt, stirbt. Wir stehen unter dem Kreuze und vernehmen die große Seichensprache, welche die berhüllte Sonne, welche das aufgeschlossene Allerheilige des Tempels, welche die krachende Erde, die zerborstenen Felsen, die erschütterten Gråber reden. Drei Stunden lang hatte bereits die Kreuzesqual des Heilandes gewähret. Da, um die zwölfte Stunde nach unserer Eintheilung des Tages, gerade zur hellen Mittagszeit verlor die Sonne ihren Schein und dichte, schwarze Finsterniß lagerte sich drei Stunden lang über die Erde, bis der Fürst des Lebens das Haupt neigte und starb. Tiefe Stille ist über dem mit dem heiligsten Blute gerötheten Marterhügel ausgebrei tet, selbst der freche Spott erstirbt auf den Lippen der lästernden Juden, schweigend starrt die Menge in die furchtbare Nacht mitten am Tage hinein. In schauerlich dunklen Umrissen liegt die nahe Stadt des Verderbens da, unheimlich glänzen die Kreidefelsen rings umher durch die schwarze Nacht, die Kreuze auf Golgatha ragen riesiggroß in die trüben Wolken hin ein, und von ihnen herunter dringen herzerschütternd die letzten Seufzer der Sterbenden. Bedeutungsvol les Zeichen! Da die Menschenherzen dem gekreu zigten Heilande ihre Theilnahme versagen, übernimmt es die leblose Natur, den Erstgebornen der Menschheit zu betrauern; sie hüllt sich in die Farbe des Schmerzes; da die Sonne der Gnade unter geht, so wagt es die irdische Sonne nicht mehr, ihren Glanz zu verbreiten; da der Schöpfer dahinfinkt in des Todes Nacht und Grauen, zieht die Schöpfung Trauerkleider an. Furchtbare Anklage für das Menschenher;, für welches der Herr sich 235 dahingiebt, leidet und stirbt, und das, während die leblose Creatur der Schmerz seines Todes durchdringt, so oft ungerührt dahingeht seiner Lust nach, der Sünde dienend, als wäre nie für uns der Sohn Gottes am Kreuze gestorben. Jeder böse Gedanke, den wir hegen, jede unreine Lust, die wir genießen, jede Sünde, die wir begehen, steht im schreiendsten Mißklange mit der Finsterniß, welche Golgatha ein. hüllte. Bedeutungsvolles Zeichen, diese Finsterniß! Sie ist ein Bild iener Finsterniß, welche die Völker einhüllte und noch einhüllt, welche die Herzen durch drang und noch durchdringt, der Finsterniß der Sün de, welche das Auge für Gott und Ewigkeit, für Him. mel und Hölle blöde macht, welche das Herz mit der Pein des Zweifels, mit der Furcht des Todes erfüllt; ein Bild der Finsterniß, welche den Fürsten des Lebens ans Kreuz schlug; ein Bild der Finsterniß, in welcher die Verdammten seufzen und die von ih ren ewigen Klagen und ihrem Zähnklappen schauer. lich wiederhallt. Die Finsterniß in der Todesstun. de des Herrn ist zugleich aber auch ein freundliches, heilverkündendes Zeichen für diejenigen, welche glauben, daß Christus gekreuziget ist um ihrer Sün» den willen und daß ihre Sünden mit Ihm gekrenzigt sind. Diese Finsterniß hüllte nämlich die Welt ein, die Welt und was in der Welt ist. So hüllt Jesu Tod auch die Welt ein, die Welt in unsermt Herzen; Er deckt, zu die unzählbaren Berirrungen der Menschen, ihre Sünde und Schuld; das geheime Sündenelend des Herzens und die offenbaren Laster der bei Ihm Rettung und Trost suchen. den Missethäter; er deckt Alles zu; er versenkt die Schuld in das Meer der Gnade und verbreitet 236 Die.. darüber die Nacht einer ewigen Bergessenheit. Finsterniß, welche den Tag in Nacht verwandelte, dauerte drei lange, qualvolle Stunden, während Jesus den Todeskampf kämpfte und dahingegeben wurde in die Macht des Fürsten der Finsterniß. Um drei Uhr schlug die Stunde Seines Todes, und die Welt war erldset. Und siehe, ein wunderbares Zeichen verkündigte dieses große Ereigniß. Prie ster und Volk waren nämlich, während Jesus verschied, im Tempel versammelt, denn um drei Uhr war die Gebetsstunde der Juden. Siehe! da zer riß plößlich zum Staunen der Menge der dreißig Ellen lange und vier Finger starke Vorhang, wel cher das Allerheilige verbarg, in zwei Stücke von oben an bis unten aus. Das nie Gesehene zeigte sich allen Blicken und was Gläubige und Ungläubige in Israel mit scheuen Augen und bangen Herzen bisher nur von Außen angeschaut hatten, lag offen da; zu der heiligen Stätte, welche alljährlich nur einmal mit dem Opferblute in der Hand der Hos hepriester betreten durfte, konnte nun Jedermann einen Zugang finden; enthüllt stand der Gnadenstuhl da mit der Bundeslade und den Cherubim darüber aus gediegenem Golde, diese heilige Woh mung des verborgenen Gottes. Und welche Kraft war es, die dieß alles bewirkte? Es war das Blut unfres Heilandes, die Kraft Seines so eben vollendeten Todes. Und was sollte angedeutet werden mit diesem außerordentlichen Ereignisse in dieser merkwürdigsten Stunde, welche je für die Erde ge schlagen hat? Der alte Bund war aufgehoben; der Schatten mußte der Wirklichkeit weichen; die Vorbilder waren erfüllt; die Weissagungen waren Confessme 237 eingetroffen; die Opfer waren abgeschafft durch das eine Opfer, welches ewiglich gilt, denn mit einem Opfer hat Er vollendet Alle, die geheiligt werden; die neue, den Båtern verheißene Zeit war gekommen, und ein neuer Tag des Lichts ging für die Erde auf. O heilvolles Zeichen für ein gläubiges Christenherz! Gott ist mir ferner kein verhüllter Gott mehr, vor dem ich zittern und knechtisch mich fürchten müßte; ich bin nicht mehr von Ihm geschieden; der Zugang zu Ihm stehet nun offen für: Jedermann, auch für mich größten und ärmsten Sünder. Christus, der ewige Hohepriester, ist durch Sein Blut einmal in das Heilige eingegangen und hat eine ewige Erlösung erfunden und durch Ihn bin auch ich ein opfernder, fürbittender, segnender Priester Gottes geworden, der keines Mittlers be darf, als dieses einigen Mittlers. Aber siehe! Gott fuhr noch weiter fort an diesem Tage, dem kein anderer Tag gleicht, durch eine große Zeichensprache Seine Gnade, wie Seinen Zorn zu enthüllen, und die Bedeutung des Todes Seines einigen und ger liebten Sohnes auf eine erschütternde Weise den Menschen aller Zeiten zu erklären. Während námlich vor dem staunenden Blicke der anbetenden Men ge der Vorhang des Allerheiligen heruntersank, während Stadt und Land in schwarze Finsterniß gehüllt war, fing der Boden an unter den Fü ßen der Menschen zu zittern; in den Eingeweiden der Erde vernahm man ein gewaltiges Dröhnen, Krachen, Seufzen und Stöhnen; die Natur war im fürchterlichen Aufruhr; die Berge Jerusa lems zitterten; die Felsen rings umher zerbarsten und wie ein Wurm kam sich der kleine Mensch - 238 vor, weil der Allmächtige mit seinem Fußtritt die zitternde Erde bewegte. Unter solchen Zeichen gab sich der göttliche Zorn kund über die Fre vel, welche die Menschen an dem heiligen Lams me verübten, das am Kreuze starb. Es offenbarte sich hier die Majestät des erblaßten Erlösers; es war hier das Zeichen Seines Sieges, durch welchen ( Er die Herrschaft der Sünde vernichtete und das Reich des Fürsten der Finsterniß zerstörte; es war das gewaltige Zeugniß, daß durch Seinen Tod die Erde bewegt werden, die Welt eine neue Gestalt gewinnen, die Herzen verwandelt, dem Leben der Menschen ein neuer Geist eingehaucht wer den und alle jene unermeßlichen Veränderungen, welche dieses große Ereigniß für Zeit und Ewigkeit unter den Völkern der Erde und in den Herzen der Einzelnen hervorgerufen hat, eintreten sollten, auf daß in Erfüllung ginge, was der Herr spricht durch den Propheten Haggai: ,, Es ist noch ein Kleines dahin, daß ich Himmel und Erde und das Meer und das Trockene bewegen werde. Ja alle Heiden will ich bewegen. Da soll denn kommen aller Hei den Trost und ich will dies Haus voll Herrlichkeit machen, spricht der Herr Zebaoth." Das Erdbeben und das Zerbersten der Felsen ist ferner aber auch Zeichen und Bild der gewaltigen Erschütterun gen, welche der Anblick des sterbenden Heilandes in dem Herzen des Sünders hervorzurufen pflegt. Ja, leichter, um menschlich zu reden, wird es dem Allmächtigen die Erde zu bewegen und sie in ihren Grundfesten zu erschüttern( Er braucht sie nur anzurühren, so bebet sie), als es Ihm wird, einen Sünder zur Buße zu treiben, und eher sprin 239 gen und bersten die Felsen, als das Herz des Menschen, welches härter denn ein Fels ist, zerbricht und Gnade suchend sich dem Herrn, seinem Gotte, zu Füßen wirft. Was nun dem Herrn oft nicht gelingt durch alle Strafen Seines Zorns, durch alle Gerichte, die Er über den Sünder sendet, das geschieht durch den Anblick des sterbenden Heilandes. Vor diesem Bilde, oder sonst nirgends zerschmilzt das Eis der Menschenbrust, da, oder sonst nirgends zerbricht das harte Felsenherz, da, oder sonst nirgends lernt das Auge Thränen über sich selbst weinen, die ihm so viel Zorn und so viel Liebe aus preßt. Da siehet der Mensch ja, wohin die Sünde führt, bis in welche Tiefen der Finsterniß, bis in welche Abgründe des Verderbens, bis in welche Höllennoth und Verdammniß; da erkennt er es ja, wie furchtbar und unaufhaltsam die göttliche Ge rechtigkeit ihren Gang geht; da stehen sie ja vor ihm, die blutigen Zeugnisse, welche über seine Lüfte und Sündenfreuden geschrieben sind, die ungeheuren Bergeslasten, welche er auf die Schultern eines Heiligen und Gerechten gewälzt hat; da ruft ihm ja Alles zu: du, du hast den Heiland, der dich bis zum Tode geliebt hat, getödtet! ach! und da siehet er, der Verworfene, der Abtrünnige, der Feind, der bis jetzt dem Zorne, wie der Barm> herzigkeit Gottes getroßzt hat, sich angefaßt von den Händen der allerheiligsten Liebe, sich angeschaut von den Augen des mitleidigsten Erbarmens, sich getra gen von den Armen einer unermüdlichen Langmuth, sich überhäuft von der Fülle einer unausdenkbaren Gnade. So viel Ernst und so viel Liebe überwäl tigt ihn; es gehen Bewegungen und Erschütterun. 240 gen in ihm vor, wie er sie nie gefühlt; er sinkt un ter einem Strome von Reuethránen am Kreuze nieder; er umfaßt küssend die durchgrabenen Füße; er stirbt mit seinem Heilande, um mit Ihm wieder außzustehen. Denn Sein Tod hat den Tod verschlungen, nicht bloß den zeitlichen, auch den geistlichen und ewigen Cod. Davon redet Gott endlich auch durch das letzte Zeichen des großen Tages, an welchem der Herr starb. ,, Siehe die Gräber thaten sich auf und standen auf viele Leiber der Heiligen, und gingen aus den Gräbern nach Seiner Auferstehung, und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen." Welche Heilige dies gewesen seien, ob es Abraham, Isaak, Jacob und Joseph, ob es die Leiber anderer Propheten waren, die von Christo geweissagt und auf Sein Heil glaubig und sehnsüchtig gewartet hatten; oder ob es Simeon, Zacharias, Johannes und Andere waren, die noch von den Lebenden erkannt sein würden: das Alles wissen wir nicht, wie uns denn Vieles dunkel bleibt in diesem geheimnisvollen Ereignisse. Das aber sehen wir wohl, die Wirkung des Todes Christi reicht bis in die Gråber hinein, sie schließt die verschlossenen Grüfte auf, sie entreißt dem Tode seine Beute. Und ebenso dringt die Kraft des Todes Christi auch hinein in des Herzens Grüfte und erweckt dort ein neues wundersames Leben. Wo der geistliche Tod herrschte mit aller seiner Sünde und Finsterniß, Angst und Qual, da stehet ein Heiliger auf, in rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit vor Gott ewiglich wandelnd. O wun derbare Macht des Todes Christi, welche nicht bloß 241 die Strahlen- der Sonne verhüllt, nicht bloß das Heiligthum Gottes den Sündern aufschließt, nicht bloß die Erde erschüttert und die Felsen zerbricht und bis hinunter in die Grüfte dringt, sondern welche auch den Sünder in einen Heiligen verwandelt und das erstorbene und verdorbene Menschen. herz mit einem neuen Geist und Leben erfüllt. Gelobt seist Du, o Christus! Gebet. Herr Gott! mächtig und gewaltig, gnåbig und barmherzig! Du hast zu mir geredet, eine Mark und Bein durchdringende Sprache hast Du geredet, und ich stehe mit zitterndem Herzen vor Deinem Ungesichte, Dir Untwort zu geben. Ich fühle die Schauer jener Finsterniß, welche einst Golgatha umhüllte, und sehne mich nach Deines Lichtes Trost und Leben. Ich fühle die Zuckungen jenes Erdbebens, welches einst die Felsen Jerusalems zerbrach, auch in meinen Gebeinen, und meine erschütterte, gebrochene Seele schreiet zum Kreuze hinauf: Gnade, Gnade! Ich fühle jene Kraft, welche einst, als Dein Sohn starb, die Heiligen aus den Gräbern rief, auch in meinem Herzen, denn unter wonniglichem Herzklopfen regt drinnen der neue Mensch, das verklärte Geschöpf Deiner Gnade, die Flügel. Ich sehe den Vorhang, welcher das Ullerheilige verbarg, niederfinken, und meine Seele jauchzt bei dem Anblicke des offenen Weges zu Deinem Gnas denstuhle. Mit solchen Bewegungen meines Herzens trete ich hinein in die stille Woche, in die heilige Marterwoche. Herr, hilf! segne meinen Eingang und Ausgang. Amen. Montag. Mel. Ich armer Menfcb, ich armer zc. Mein Gott, Du wirst mich nicht verlassen, Denn ich verlasse mich auf Dich 30 242 Und will den Troft im Glauben faffen: Du siehst erbarmungsvoll auf mich, Weil Jesus mir das Heil erwarb, Uls Er am Kreuze für mich starb. 316 Uls unsre Sünden auf Ihm lagen, Und alle pulfe von Ihm wich, War dieß die größte Seiner Klagen: Mein Gott, warum verläßt Du mich?" Doch kam auf diesen lezten Schmerz Uuch bald die röstung in Sein Herz. Nun, Vater, höre, was ich bete: Ich bitte durch das Ungstgeschret Des Heilands an der Schädelståtte: Steh' mir in allen Nöthen bei! Du weißt ja wohl, was mir gebricht; Can an Mein Bater, ach verlaß mich nicht! Verlaß mich nicht, wenn im Gewiffen Der Sünden Menge mich verklagt; Laß mich den großen Trost genießen: Dein heil'ger Sohn hat selbst gezagt, Als Er für uns zum Tode ging Und troftlos an dem Holze hing! Verlaß mich nicht, wenn meinen Glauben Der Troß der Welt darnieder schlägt; Laß nichts die Zuversicht mir rauben; Mein Sinn sfeh' fest und unbewegt, Bis dort in jener Herrlichkeit Des Glaubens Ende mich erfreut. Verlaß mich nicht in meinem Leiden, Laß mich kein Kreuz durch Ungeduld Bon Deiner Vaterliebe scheiden; Bieb Muth durch Deine Kraft und Huld; Die Hoffnung jener Seligkeit Versüße hier mir jedes Leid. Verlaß mich nicht in meinem Sterben, Wenn einst mein Lebenslauf vollbracht; Reiß meine Seel' aus dem Verderben Und führe durch des Todes Macht Mich, Herr, Du meines Lebens Licht, Zur Ruh' vor Deinem Ungesicht. Matth. 27, 46. ,, Und um die neunte Stunde schrie Jefus laut und sprach: Eli Eli lama afabthani! das ist: Mein Gott, Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" 243 Das gottfelige Geheimniß der Erlösung hat Tiefen, wohin das Auge des Menschen nicht zu dringen vermag und wofür die Sprache dieser Erde keine Worte hat, welche sich uns erst dann erschlie ßen werden, wenn wir sehen, was kein Auge je gesehen, hören, was kein Ohr gehört, und ver nehmen, was in keines Menschen Herz gekommen ist. Zu diesen geheimniß vollen Tiefen, in welche die Engel selbst vergeblich gelüftet hinein zu schauen und von de nen die Ewigkeit uns zu erzählen nicht müde werden wird, gehört das Angstgestöhne des sterbenden Hei landes: ,, Mein Gott, Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" Heilige Schauer durchbeben uns, indem wir den grauenvollsten Moment betrachten, welchen die Weltgeschichte kennt.- Die Sonne hat ihren Schein verloren, als wollte sie mit ihrem reinen Strahle den Ausgang des schrecklichen Blutwerks nicht beleuchten, die Her zen der Menschen sind erschüttert von den entsetzlichen Vorgängen dieser letzten Stunden; die Schre ckensnacht der Verdammniß legt sich brütend, wie eine unglückschwangere Wetterwolke, um die leben. den Gestalten der Mörder des Herrn, Grabesstille umgiebt das Kreuz der mit dem Tode ringenden Liebe, da tonts schaurig durch die lautlose, schreck liche Scene: ,, Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?!- Wehe! aus welcher umnachteten, schrecklich verzagenden Seele steigt dieser angstvolle Klageruf? Wie? ist es Deine Stimme, mein Heiland, die ich höre? D Du, in welchem die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnte, der Du riefst: ,, Ich und der Vater sind Eins!" der Du zeugtest: ,, Mir ist gegeben alle Q2 244 Gewalt im Himmel und auf Erden!" der Du Wind und Meer Dir gehorsam machtest und einst erscheinen wirst in großer Kraft und Herrlichkeit als Richter der Lebendigen und der Todten, vor dessen Flammenschwerte die ganze Welt erzittern wird, der Du den neuen Himmel und die neue Erde in die Erscheinung rufen und dann Alles in Allem sein wirst, o, bist Du es, dessen Seele jetzt in der äußersten Finsterniß schmachtet, dessen Augen alle Himmelslichter erloschen sind Ja Er ists, der da stöhnet: ,, Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" Unheimli> ches, schreckliches Dunkel in meines Heilands Seele! Sein erstes Wort lautet: ,, Bater, vergieb ihnen!" Sein letztes: ,, Bater in Deine Hände befehl' ich Meinen Geist!" In Gethsemane betete Er noch zum Vater und nannte Sein Leiden Seines Vaters Kelch, aber hier in der dunkelsten aller Stunden fühlt Er nicht mehr das kindliche Verhältniß zum Bater, Er nennt Ihn nur Gott. Er steht vor dem Ewigen nicht als der Sohn, sondern als ein von seinem Schöpfer verlassenes Geschöpf, als ein verstoßener Sünder, den Gott verworfen, den Tod und Grauen erfaßt. Solches zu erkennen ist mir zu wunderlich und zu hoch, ich kann es nicht begreifen.( Pf. 139, 6) Ich höre doch den Stephanus von seinem Marterplaße aus, von Steinwürfen zerrissen, mit verklärtem Angesichte rufen: ,, Herr Jesu, nimm meinen Geist auf!" sehe die Jünger des Herrn alle getrost ans Kreuz gehen oder unter das Schwert des Henkers treten, weiß von Tausenden seliger Märtyrer, daß sie fröhlich, ja jauchzend die Qualen des martervollsten Codes er. - 245 trugen, und Er, das Haupt, vermag nicht, was die Glieder können, Er verzagt in Seinem letzten Kampfe, während sie getrost sind; Seine Seele ist mit undurchdringlichen Todesschatten umhüllt, wäh rend die Angesichter der Seinen strahlen und leuchten? Man hat gesagt, das sei wohl erklärlich, denn der sündigen Natur des Menschen sei der Tod etwas Natürliches und Gewohntes, Ihm aber, dem Heiligen und Gerechten, etwas völlig Fremdes und tausendmal Schrecklicheres; auch sei es etwas ganz anders, voran zu gehen, als nachzufolgen, Er habe Tod und Teufel zu überwinden gehabt, wir aber hätten es nur mit einem geschlagenen, völlig besieg ten, vernichteten Feinde zu thun. Noch andere haben geurtheilt, Sein Ausruf sei im Grunde ohne tiefere Bedeutung, Er habe ja nur Davids 22sten Psalm wiederholt, und gebrauche Davids Worte in Davids Sinne. Doch stehe ich unter Seinem Kreuze, höre ich Sein banges Angstgestöhne, verseht sich meine Seele ganz in diese finstere schreckliche Stunde: so können mir weder jene Entschuldigun gen, noch diese oberflächlichen Erklärungen genügen, ich fühle vielmehr, daß ich hier vor einem tiefen, schaurigen und unerklärlichen Geheimnisse stehe. Finstre Nacht war's in der That, wie um Ihn, so in Jhm, und wie je ne unbegreiflich und wun derbar, so auch diese. Ich mag den dunkeln Schleier nicht zu heben versuchen; ich beuge mich zitternd vor solchen Schauern, die durch meines Hei landes Seele stürzen. Aber ich preise diese Seine Finsterniß und danke Ihm, daß Er diese größeste und qualvollste Strafe für meine Sünde und Schuld auch getragen hat, denn ist mein Mittler und Stell 246 vertreter von Gott verlassen gewesen, so habe ich ein selig Zeugniß in Händen, daß ich armer Sünder nun und nimmermehr von Gott verlassen werden könne. Wohl kommen Stunden vor im Leben der Kinder Gottes, in welchen ihrer Seele etwas Aehnliches widerfährt, so dem Elias, als er unter dem Wachholderbaume lag, und klagte: ,, Es ist genug, Herr, so nimm nun meine Seele von mir," so dem Hiob, welcher in der Tiefe seiner Leiden sogar den Tag sei. ner Geburtsverfluchte; und wenn nun solche dunkle Stunden der äußersten Verzagtheit erscheinen, wenn nun einem Herzen in seiner unaussprechlichen Angst zu Muthe ist, als wäre der Herr so unerreichbar ferne, wenn nun so dichte Nebel die Seele umgeben, daß kein Strahl Seiner Verheißung mehr hindurch zu dringen vermag, daß kein: ,, Siehe ich bin bei euch alle Tage!" kein: ,, Gott ist nicht ferne von einem Jeglichen unter uns!" kein: ,, Ich habe dich je und je geliebt!" mehr tröstend and Herz klinget, wenn nun die Bibel aufgeschlagen da liegt und nicht mehr redet; wenn nun das Haupt müde und matt ist, die Hände wund gerungen sind in der Angst, und das Auge nicht Thránen genug hat zu weinen, und alle Kraft gebrochen und aller Muth verloren, und aller Glaube gestorben scheint, und die arme Seele sich von den Mächten der Finsterniß ergriffen und von Gott verlassen wähnt, dann giebts nur ei nen Ort, wo der Friede und das Leben noch bluhet dann giebt es nur eine Stunde, welche ihre Tröstungen noch ausgießt in das zerschlagene Herz: das ist Sein Kreuz, das ist die sechste Stun> de, in deren Finsterniß der Mittler hinausruft: ,, Mein Gott, Mein Gott! Warum hast Du mich - 247 verlassen?" Ach Herr, darum möchte meine Seele von allen Deinen Marterstunden diese am wenigsten missen, in welcher Du um meinetwillen von Gott verlassen warst, damit mich Gott, mein Gott, um Deinetwillen nimmer verlasse. Gebet. Herr! blutender, kämpfender, sterbender Heiland! Die Tiefe Deines Elends, die völlige Verlassenheit Deiner Seele von Deinem himmlischen Vater läßt mich in die Tiefe meiner Sünde, in die Verlorenheit meines von Gott entfremdeten Herzens blicken. Dein 3a: gen war meine Strafe, Deine Angst meiner Sünden Schuld, ich war's, von dem die ewige Liebe sich losriß, von dem der Vater sich losfagte in Dir. Damit mich die Wasserfluth nicht erfäufe, die Tiefe nicht verschlinge und das Loch der Grube nicht über mir zuſammen gehe( Pf. 69, 16), darum stürztest Du Dich hinein. Ich, ich und meine Sünden, Die sich wie Körnlein finden Des Sandes an dem Meer, Die haben Dir erreget Das Elend, das Dich schläget, Und das. betrübte Marterheer. Ich bin's, ich sollte bügen, Un Händen und an Füßen Gebunden, in der Höll'! Die Geißeln und die Banden, Und was Du ausgestanden, Das hat verdienet meine Seel'! Uch alle das Grauen, welches Dich jetzt umnachtet, alle die Ungst, welche Deine Seele quålet, da Himmel und Erde sich von Dir losfaat, gilt meiner Sünde Bis in solche Abgründe hinein führet sie, bis da hinab müßte sie mich stürzen, schwebtest Du nicht, mein Mittler, dort für mich zwischen Himmel und Erde. Nun aber bin ich erlöset von allem Uebel, nun hast Du mir ausgeholfen zu Deinem himmlischen Reiche, 248 nun liege ich unter Deinem Kreuze, umfasse Deine Füße und weine Thränen des Dankes und der Freude, nun sehe ich Dich an, und Frohlocken erfüllt meine zitternde Seele, hell klinget durch meine gläubige und Dich liebende Seele der Gefang: Dir sei Lob und Ehr' und Preis und Dank in Ewigkeit. Amen. Dienst a g. Mel. Seelenbrautigam ic. Großer Friedefürst! Wie hast Du gedürst't Nach der Menschen Heil und Leben Und Dich in den Tod gegeben; Wie Du riefft mich: ,, Mich dürft't!" Großer Friedefürst. Deine Liebesgluth Stårket Muth und Blut, Wenn Du freundlich mich anblickest, Und an Deine Brust mich drückest, Macht mich wohlgemuth Deine Liebesgluth. Nun ergreif ich Dich, Du mein ganzes Ich! Ich will nimmermehr Dich laffen, Sondern gläubig Dich umfassen, Weil im Glauben ich Nur ergreife Dich. Joh. 19, 28. 29. ,, Darnach als Jesus wußte, daß schon Alles volls bracht war, daß die Schrift erfüllet würde, iſprach Er: Mich dürftet! Da stand ein Gefäß voll Effig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Ef fig und legten ihn um einen Ysopen und hielten es Ihm dar zum Munde." 249 Es haben alle Auftritte in diesenlleszten Stunden des Herrn etwas unendlich Erschütterndes und Rührendes. Eine unbeschreibliche Wehmuth ergreift meine Seele, wenn ich heute den lieben Dulder an Seinem Kreuze nach einem Tropfen Wassers seufzen höre. Der letzte Kampf hat Ihn völlig erschöpft, Seine Kraft ist dahin, der schwache Lebensfunke ist dem Verlöschen nahe, matt, ganz matt hångt Er am Kreuze mit brechenden Augen, mit lechzender Lippe. Da sammelt Er noch einmal die fliehenden Kräfte und haucht Sein leibliches Verlangen und die brennende Sehsucht Seines Herzens aus in dem Seufzer: ,, Mich dürftet!"- Ach, wie ist Er doch so tief erniedrigt worden! Der alle Quellen geschaffen hat, der allen Meeren gebietet und den Wolken ruft, daß sie ihren Segen ausschüt ten über die Erde- Ihn dürstet! Der schwüle Tag Seines Lebens nahet seinem Ende, die schwere Arbeit ist bald vollbracht, die Centnerlast getragen, so weit der himmlische Vater gebot, der bittre Kelch geleert, das Ziel erreicht doch nun ist Er auch ganz verschmachtet, seine Lippen lechzen, im heißen Todeskampfe klebt ihm die Zunge am Gaumen. Da steht ein Gefäß voll Essig für den Sterbenden bereit. Man füllt einen Schwamm damit, reicht Ihm den selben vermittelst eines Ysopstengels zum Kreuze hinauf und legt ihn an Seine brennende Lippe. So wird der, welchen aller Himmel Himmel nicht versorgen mögen, der selber Jedermann Leben und Odem allenthalben giebt und Niemandes bedarf, jetzt von Menschenhånden gepfleget; so erquickt Ihn in Seiner Todesnoth die armselige Barmher sigkeit eines Seiner Henter. O Jesu! giebts wei 250 ter keine Erquicfung für Dich, und verlanget Dich mit Deinem Worte: Mich dürstet! nur nach diesem Tropfen des kühlenden Tranks? Ach auch dann schon wäre mir dieß heilige Seufzen meines Mittlers unaussprechlich tröstlich, denn ich sehe, daß Er für mich gedürstet hat, auf daß ich nicht, wie der reiche Mann, ewiglich in der Hölle schmachten und vergeblich rufen müßte: ,,, Ich leide Pein in dieser Flamme!" Doch eine tiefere Bedeutung haben diese Worte des göttlichen Dulders. Ihn verlanget nicht allein nach der Kühlung Seiner Zunge in die ser Höllenpein, Seines Herzens brennende Sehnsucht tönt mir vielmehr in die Seele bei dem Worte: ,, Mich dürftet!" Wie Er am Jacobsbrunnen( Joh. 4.) bat: ,, Gieb mir zu trinken!" und doch Essen und Trinken vergaß, als Er eine Seele fand, die Seiner bedurfte und Ihn als ihren Heiland erkannte, wie Ihn dann dürstete mehr nach der Seele des Weibes, als nach o so hat Sein Seufzer ihrem kühlenden Wasser,- Mich dürstet!" auch hier keinen andern Sinn. Ihn dürstet, wie ein frommer Lehrer der Vorzeit sagt, nach unserm Durste, Jhn verlanget, daß wir, die wir unter Seinem Kreuze stehen, Ihn bitten möchten, und Er gåbe uns lebendiges Wasser( Joh 4 10), Jhn dürstet, meine Seele, nach Dir!- 9 ist es Dir denn nicht, als ob Sein heißes Sehnen nach Dir es sei, was Ihm das Wort auspresset: ,, Mich dürftet?" Ist es dir nicht, als ob Er nach dir Seine Arme am Kreuze ausbreite? als ob Er dich zu sich ziehen und fest umfangen wolle, wie ein theu res Kleinod, auf daß Niemand es Ihm wieder aus der Hand reiße? Ist es dir nicht, als ob Seine www - 251 sehnsüchtige Liebe dich suche, als ob eine heilige, geheimnißvolle Macht, eine wunderbare Gottesge walt dich ergreife und dich an Sein nach dir ver langendes Herz ziehe?-- Ja, es dürstet Ihn nach dir! Der Durst nach deiner Seele hat Ihn vom Himmel zur Erde getrieben. Der Durst nach dir hat Ihn nicht ruhen lassen zu wirken, so lang es Tag war, hat Ihn von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt getrieben, hat Sein ganzes heiliges Le ben und alle Seine Worte erfüllet. Wenn Er bit tet: ,, Kommt her zu Mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid, Ich will euch erquicken!" wenn Er klagt: ,, Wie oft habe ich euch versammeln wol len, wie eine Henne ihre Küchlein versammelt un ter ihre Flügel und ihr habt nicht gewollt!" wenn Er verkündigt: ,, Des Menschen Sohn ist gekom. men zu suchen und selig zu machen, was verloren ist; was redet in diesen und viel andern lieblichen Worten Seines Evangeliums anders, als Sein nach dir dürftendes Herz? Durst nach dir hat Sein ganzes Leben verzehrt und aufgerieben, hat Ihn in Schmach und Noth gestürzt, hat Ihn nach Gols gatha und ans Kreuz getrieben, Durst nach dir hat Ihn getödtet. Ach und noch immer dürstet Ihn nach dir; wie der Hirsch schreiet nach fris schem Wasser, wie die Mutter jammert nach den verlornen Kind, ach und viel heißer noch dürstet Ihn noch heute in Seiner Herrlichkeit, meine Seele, nach dir! Willst du Ihn schmachten lassen? Willst du Seinen Durst nach deiner Erlösung nicht stillen? Du fragst: wie kann ich das? Das Weib am Jacobs, brunnen stillte Sein Dürsten, als sie die Noth ihrer Sünde erkannte, als sie in Ihm ihren Heiland sahe, - 252 und ihre ganze Seele Jhm inbrünstig entgegenflog. So eile auch du Jhm entgegen, so innig lege auch du dich Ihm ans Herz, so brünstig bitte auch du Ihn um lebendiges Wasser, so laß dein Dürsten nach Ihm Sein brennendes Dürsten nach dir stil len. Ach, das Leben ist ja so arm, die Tage so voll Sorgen, die Nächte so voll Kummer; die Erdenfreuden so wenig befriedigend; nirgends ein Hafen, darin man ruhen, nirgends ein Ort, da man sagen mögte: ,, Hier ist gut sein, hier lasset uns Hütten bauen!" der Tod kommt dazu immer näher, das Gericht ist gewiß, die Hölle drohet, und bei Jesu winkt dir ewiger Friede und seli ges Ausruhen- wie sollte dich da nicht dürften nach Ihm?! Wer aber dürstet, den mag nichts befriedigen, als der heiß ersehnte Labetrank. Willst du nun auch nichts als nur Jhn; rufst Du aus den Tiefen, wie David: ,, Meine Seele dürftet nach Gott, nach dem lebendigen Gott!" rufft du, wie er, aus: Herr, wenn ich nur Dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde!" und sprichst du mit dem Geist und der Braut: Komm! und mit den Dür stenden, die es hören: Komme!"- dann wird Er dir bald antworten: ,, Wer da dürstet, der kom me zu mir und trinke, und Ich will ihm geben das Wasser des Lebens umsonst!" Wer an Mich glaubt, von deß Leibe werden Ströme des lebendigen Waffers fließen!" und dein ist dann die letzte Verheißung der Seligen( Off. 7, 16. 17.): ,, Sie wird nicht mehr hungern noch dürften; es wird auch nicht auf sie fallen die Sonne oder irgend eine Hike; denn das Lamm mitten im Stuhl wird sie weiden 11 L 253 und leiten zu den lebendigen Wasserbrunnen und Gott wird abwischen alle Thränen von ihren Augen. Gebet. ODu, mein Heiland und einziger Erbarmer, wie dürftet Dich nach uns! Wie rührt und bewegt mich Dein heiliges Verlangen nach armen Sündern! Hilf, ach, hilf! daß Dein Durst meinen Durst nach Dir erwecke. Uch daran fehlt's mir ja noch immer. Mein verkehrtes und thörichtes Herz dürstet nach ganz andern Dingen viel mehr als nach Dir; nach den bunten Kränzen der Welt mehr, als nach Deiner Dor nenkrone; nach ihren Ehren und ihrem Ruhme mehr, als nach Deiner Schmach; nach ihren leichtsinnigen Spielen mehr, als nach dem Umgang mit Dir; nach ihren leichtsinnigen Freuden und Genüssen mehr, als nach Deinem sanften Joch; mehr nach ihren Gütern, als nach Deinen Himmelsschåßen; mehr nach ihrer Liebe, als nach Deiner. Uch ich kenne Stunden und Seiten in meinem Leben, wo die Welt solchen Durst nach ihren Gütern und Freuden in mir geweckt hatte, daß ich, davon gejagt, wohl gar an Deinem Kreuze håtte vorübergehen und Dich rufen hören können: ,, Mich dürftet!" ohne daß ich mir die Zeit genommen håtte, Dich, o du Verschmachtender, zu erquicken. Oder bist Du nicht immer neben mir hergegangen, wo ich ging und stand, und hast auf allen meinen Wegen immer Dein: ,, Mich dürftet nach Deiner armen Seele!" mir nachgerufen; aber ich bin fortgeeilt und habe Dei: nes Rufes nicht geachtet, bintaub für Deine segnende Liebe der Lust entgegen und der Sünde in die Arme geeilt. Uch lieber Herr! laß doch diese Seit nun vorüber sein und eine neue in meinem Leben beginnen. Segne mir dazu diese stille heilige Woche, den heutigen Tag, das Wort, welches ich heute von Dei: nem Kreuze gehört, den Blick auf Deine dürftende Liebe, in Dein nach armen Sündern verlangendes Herz, wie es sich mir in Deinem Seufzer heute aufgeschlossen. - - 254 Uch zieh' mich selbsten recht zu Dir, Holdfelig süßer Freund der Sünder! Erfüll mit segnender Begier Auch mich und alle damskinder. Zeig mir bei Deinem Seelenschmerz Dein aufgespaltnes Liebesherz. Buffet Und wenn ich dann mein Elend sehe, Hilf, daß ich ja nicht stille stebe, Bis daß ich jauchzend sagen kann: Gott Lob! auch mich nimmt Jesus an! Amen. Mittwoch. Mel. Gott sei Dant in aller Welt ic. Jesus Christus hat vollbracht, Was uns Sünder selig macht. Dieses Wort aus Seinem Mund Thut uns Sein Bermächtniß kund. Gleh', Er sprach dies Wort für Dich, Sprach's für Ulle, sprach's für mich: Ulles, Ulles ist vollbracht, Was die Sünder selig macht! Ulles hat Er ausgefühnt, Ulles hat Er uns verdient; Alles was uns Gott verhieß, Ist auf ewig nun gewiß. Alle Sünden, aller Zod Ulles, was die Hölle droht, Alles, was uns schrecken kann, Ist vertilgt und abgethan. Joh. 19, 30. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach # 15 Er: Es ist vollbracht; und neigte das Haupt und verschied." In die letzten Augenblicke der Marterleiden des Erldsers verseßt mich dies Wort des Johannes. 255 Die Sonne ist verhüllt, schauerliche Finsterniß um giebt den Hügel, auf welchem unfere Erlösung voll bracht ist. Die letzten Seufzer gleiten über die Lip pen des Sterbenden, der letzte Tropfen des Schmerzenskelches ist ausgeleert. Da tönt es durch die tiefe Stille der Nacht, in welche sich der Tag verwan> delt hat: ,, Es ist vollbracht!" und Sesus neigt das Haupt und verscheidet. ,, Es ist vollbracht!" großes, gewaltiges Wort! Wort, das durch Erde und Himmel dringt, dessen Wirkung bis in die fernste Bergangenheit reicht und das in aller Ewigkeiten Ewig keit seinen Wiederhall findet; dem Vater im Himmel wohlgefällig, dem Teufel erschrecklich, den Engeln süß, den Menschen selig; nie ist in menschlichen Lauten ein größeres Wort ausgesprochen; nie kann etwas gedacht oder geredet werden, das einen tieferen Inhalt, eine größere Gewalt, eine größere Fülle des Heils enthielte, als dieser Seufzer aus dem brechenden Herzen eines gekreuzigten Mannes. Es ist vollbracht! das Wort ist ein Dankgebet, ein Triumphgesang, ein Trostspruch. Mein Vater, ist es möglich," bat Jesus am Eingange Seiner Leiden, so gehe dieser Kelch von mir; doch nicht wie ich will, sondern wie Du willst." ,, Es ist vollbracht!" dankt nunmehr der Sterbende am Ausgange Seiner Leiden; der letzte Schmerz ist ausgerungen, der letzte Feind überwunden. Nun. drückt Ihn keine Armuth mehr, nun nahet sich keine Versuchung mehr, nun verfolgt Ihn kein Feind mehr, nun verleugnet Ihn kein Petrus mehr, nun verräth Jhn kein Judas mehr, nun zerfleischt keine Geissel mehr Seinen Rücken, nun durchbohren keine Någel mehr Seine Hände und Füße, nun quält 256 Jhn kein Durst mehr, nun ist selbst die Stunde vor über, worin Er ausrief: ,, Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen!" Es ist vollbracht das ganze schwere, saure Leben, und der Sieg ist errungen. Nun wird der Knecht ein Herr; nun geht es aus der Unruhe in die selige Ruhe, aus der tiefsten Schmach zur höchsten Ehre, aus dem Tode in das Leben; nun ziehet Er Seinem Trium phe entgegen; nun besteigt Er Seinen Thron; nun wird Er verklärt mit der Klarheit, die Er bei dem Vater hatte, ehe die Welt war; nun wird Er erhöhet über Alles, und es wird Ihm ein Name gege ben, der über alle Namen ist, daß in dem Namen Jesu sich beugen sollen alle Kniee derer, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind. ,, Es ist vollbracht!" dankt Jesus, zurückblickend auf die überstandene Noth, hinausblickend auf die vor Ihm liegende Herrlichkeit. Er spricht's. Ich kann noch nicht so sprechen: ,, Es ist vollbracht!" Noch wandle ich in der Wüste, noch sticht mich die Sonne der Trübsal, noch verfolgt mich der Feind, noch läuft der Weg durch das Thränenthal, ach! und dieser Weg ist vielleicht noch lang, das Ziel noch weit, der Berg, der erstiegen sein will, noch hoch und steil. Wer mag es sagen, was noch vor mir liegt? Welche schwere Aufgaben noch gelds't, welche schwere Kämpfe noch gestritten sein wollen, wer mag es sagen? Das weiß ich, noch mancher Abgott muß weggeworfen, noch manche Eitelkeit muß ausgerottet, noch manche Sünde, die unter jahrelanger Duldung sich immer fester genistet hat im Herzen, muß herausgerissen, noch manches Band, das mich an die Erde und an dies jämmer. 257 liche Leben bindet, muß geldßt werden, bis ich danten kann: ,, Es ist vollbracht!" Das weiß ich, wie rauh oder wie eben, wie lang oder wie kurz auch mein Weg noch sein mag bis zum Ziele, am Ziele wartet auf mich eine letzte dunkle Stunde, der letzte Feind, der Tod mit seinen Schrecken, und wie wird er mich finden? Bereitet, oder unbereitet, mit Jesu im Bunde, oder ohne Ihn dem Gerichte dieser finsteren Stunde überlassen, hinausschauend in das aufgethane Paradies, oder in die offnen Pforten der Hölle? Wie wird mir dann sein? D daß ich dann beten könnte: Christus, der ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn, Ihm hab' ich mich ergeben, Mit Freud' fahr' ich dahin. O daß ich dann danken könnte:„ Es ist vollbracht!" Doch ich könnte das nimmermehr sagen im Hinblick auf meine nicht versöhnte Schuld, wenn es mein Heiland nicht von mir gesagt hätte. Es ist vollbracht!" dieses Wort ist ein Triumph gesang auf die Erldsung der Menschheit, ein Jubellied, in welches Himmel und Erde jauchzend einstimmt, welches mit dem verscheidenden Erlöser der Seraph am Throne Gottes und der ärmste Sünder unter des Lebens Noth und Mangel freudig ertönen läßt. Was im Nathe Gottes vom Anbeginn der Welt beschlossen war, was die Propheten geweissagt, was viele Könige zu sehen gewünscht, worauf die Jahr tausende gewartet, das ist vollbracht. Wir sind von der Sünde erlöst. Denke an das Elend, wel ches sie hervorruft, an die Zerrissenheit und den Zwiespalt, welchen sie in der Brust erzeugt, an die Gewalt, womit sie sich der innersten Gedanken, der R 258 geheimsten Regungen bemächtigt, an die unwider stehliche Macht, womit sie ihre Beute von Stufe zu Stufe in immer tiefere Tiefen, in immer gráßficheres Elend unerbittlich und erbarmungslos hinab ziehet; denke an den Einfluß, den sie auf alle Ver hältnisse ausübt, wie sie jedes Glück trübt, jedes Gute vergiftet, jede Kraft sich dienstbar macht; an den Tod denke, der ihr Sold ist, an das Gericht, dem sie entgegenführt, an die Hölle, womit sie ihre Dienste bezahlt, und dann blicke hinauf zum Kreuze und höre den sterbenden Jesus rufen: ,, Es ist vollbracht!" Ein Triumphlied ist es über die erschlagene Feindin; Sein Tod hat sie getddtet; ihre Herrschaft ist gebrochen; gegen ihre Verfol gungen giebt es eine Freistätte, von ihrem Elende eine Erlösung, von ihrer Strafe, dem Tode, eine Errettung. ,, Es ist vollbracht!" Der Tod herrscht mit eiserner Gewalt; er ist zu Allen hin durchgedrungen, dieweil sie Alle gesündigt haben; den König stürzt er vom Throne in das düstere Grab, den Säugling reißt er vom Mutterherzen; er nagt an allem Leben; er macht die Erde zu ei nem Gebeinhause und verwandelt sie in ein wei tes, schauerliches Grab. Aber siehe! ,, Es ist voll bracht!" tönt es aus dem Munde des fierbenden Erlösers; es ist ein Triumphgesang; der Tod des Herrn ist des Todes Tod; auch dieser Feind ist gefällt, auch dieser König des Schreckens ist überwunden; die Gråber öffnen sich, als der Herr dieß Wort spricht, die Todten stehen auf. ,, Es ist voll. bracht!" ein Triumphlied ist das Wort über den überwundenen Satan. Seine Heere sind geschlagen; seine Gewalt ist ihm aus den Händen - 259 gewunden. Gegen seine Anläufe giebt es nun ei nen Widerstand, vor seinen Pfeilen eine Zuflucht, auf seine Anklagen eine siegreiche Bertheidigung, vor seinen Versuchungen und Anfechtungen ein kräftiges Schußmittel. ,, Es ist vollbracht!" Alles, was uns den Frieden raubt, Verderber uns bereitet, den Himmel uns verschließt, die Hölle uns öffnet, es ist hinweggethan. Auch die Blite der göttlichen Gerechtigkeit sind ausgelöscht, auch die Strafen, womit sie droht, sind gelitten, auch der Schuldbrief, den sie uns entgegenhält, ist zerrissen. Es ist vollbracht!" triumphirt der sterbende Jesus, und Himmel und Erde, Engel und Menschen stim men ein in das Jubellied über die Erlösung, so durch Jesum Christum geschehen ist.„ Es ist voll bracht!" dieser Ausruf des Herrn am Kreuze ist endlich auch ein Trostspruch für das geängstete Herz des armen Sünders im Leben und im Ster. ben. Höre zwei Warnungen: Mißbrauche dies sen Trost nicht, und verkammere dir diesen Trost nicht. Denke nicht die durch Christum vollbrachte Erlösung gelte auch für die unbereuten Sünden. Für diejenigen, welche in ihren Sünden beharren, hat Christus nichts vollbracht, ist Er umsonst ge storben. Denn das sollst du wissen: So wir muthwillig sündigen, nachdem wir die Erkenntniß der Wahrheit empfangen haben, haben wir fürder kein anderes Opfer mehr für unsere Sünden, son dern ein schreckliches Warten des Gerichts und des Feuereifers, der die Widerwärtigen verzehren wird." Denke aber auch nicht zu klein von dem Worte: ,, Es ist vollbracht!" Meine nicht, du habest noch etwas hinzuzuthun zu dem, was Christus geleistet 1/ R 2 - 260 hat. Wenn du den Trost des Wortes: ,, Es is vollbracht!" recht fest und ganz in die Seele schließest, dann wird er freilich, dann muß er dein Herz heiligen, deinen Eifer, dem Herrn zu dienen, ent zünden, und dich zu Werken, die in Gott gethan sind, antreiben. Aber diese Werke sind es nicht, die dich erlösen. Erlöset hat Er dich ganz allein. ,, Es ist vollbracht!" sprach Er, vollbracht! So bleibt dir also nichts mehr zu thun übrig, als Sein Verdienst zu ergreifen. Sollte von dir, als Be dingung deiner Erlösung, auch nur ein Titel des Gesetzes erfüllt, eine Strafe gelitten, eine Schuld bezahlt werden, so kämest du nimmer aus der Angst und Noth, aus dem Zagen und Zittern, so wäre seine Erlösung unvollständig, so hätte Er nicht sprechen können: Es ist vollbracht!" Vollbracht ist es, darum ist nichts mehr zu vollbringen übrig. Ja, du hast nichts zu thun, als zu erkennen, daß du ein armer, verlorner und verdammter Sünder bist, als schwach, elend, arm, hülflos, wie du bist, zu dem Kreuze dich zu nahen, in den Leiden und Qualen des Erlösers deine Strafe zu lesen, deine Schuld dir vorzuhalten, an allem eigenen Verdienst und aller eigenen Würdigkeit zu verzweifeln, deine Sünde, die den Herrn ans Kreuz geschlagen hat, in tiefster Seele zu verabscheuen, und dann im festen Glauben die dargebotene freie Gnade zu ergreifen und für den vollen Trost des Wortes: ,, Es ist vollbracht!" das Herz weit aufzuthun. "} 1 Es ist vollbracht und g'nug gethan, Daß man nicht mehr verlangen fann; Gott ist versöhnt und ganz geftillet, Weil Sein Sohn Ulles hat erfüllet. Was ist, daß man in Ungst und Sorgen wacht! Man glaube nur: es ist vollbracht! Es ist vollbracht! was soll ich nun Dazu noch, o mein Jesu, thun? Nichts, nichts, denn was von Dir geschehen, Wird schon als mein Werk angesehen; Kuch das, was ich vollbringe Eag und Nacht, Wird von Dir selbst in mir vollbracht. 261 Es ist vollbracht, ich bin befreit; Ich habe schon die Seligkeit; Weil Sünd' und Tod ist weggenommen, Ist Gnad' und Leben wieder kommen: Darum, wenn auch gleich Ulles bricht und kracht, Sag' ich getrost: Es ist vollbracht! Gebet. Herr Jesu! ich habe es erfahren in jenen Stunden, wo die Angst der Sünde mich ergriff, das Wort des Herrn mir, wie ein zweischneidig Schwerdt, durch die Brust fuhr; wo eine Anklage nach der anderen auf mich einstürmte, eine Stüge nach der anderen unter mir zerbrach; wo alle meine Gerechtigkeit zu Schanden wurde, und selbst mein Bestes noch von der Sünde verunreinigt erschien und als der Vergebung bedürftig sich darstellte,- da habe ich es erfahren, wie mir nur ein Trost blieb, aber ein süßer völlig zureichender Trost, den ich in dem Worte meines sterbenden Erldsers fand: ,, Es ist vollbracht!" Un diesem Worte will ich mich festhalten in der Noth der Sünde, in der Ungst des Gewissens, in dem Gefühle meiner Schwach heit und gånzlichen Verdienstlosigkeit, bei dem Gedanken an Tod und Gericht. Siehe! es stehet mir noch eine große, ernste Stunde bevor, wo mir aller andere Trost verschwände, wenn mir dieser Trost nicht bliebe. Es kommt meine Todesstunde; wehe mir! wenn ich da keinen andern Trost hätte, als den ich in mir selbst finde. Niemand kann da aus sich selbst heraussprechen: Es ist vollbracht!" oder er ginge mit einer großen Lüge zur Verdammniß hinüber; das hat nur jemals Einer gekonnt. D lieber Herr! wenn nun in jener großen Stunde meine Gerechtigkeit vor meinem brechens den Auge und meinem unverblendeten Herzen wie ein zerrissenes Kleid daliegt, mein Leben wie ein armseli 262 ges Stückwerk mir erscheint, meine Sünden sich wider mich erheben und manche vielleicht noch unerkannte und unbereute vor die zitternde Seele tritt, o lieber Herr, dann verleihe mir Gnade, daß ich im finstern Todesthale, in dem Gerichte, das meinem Sterben vorangeht, das Kreuz, woran Du zu meiner Erlösung Dein Blut vergießeft, gläubig umfasse, und das trostreiche Wort fest ins Herz schließe, das Du, Dein Haupt neigend, sprachst: Es ist vollbracht. Umen. Donnerst a g. Mel. Ach bleib mit Deiner Gnade. Mein Gott, in Deine Hände Befehl ich meinen Geist! Du lebst und liebst ohn' Ende, Und thust, wie Du verheiß'st. Wem sollt' ich mich empfehlen, Wenn ich will selig sein? Dein find ja alle Seelen, So ist mein Geist auch Dein. Er ist mit Blut besprenget, Mit Blut von Deinem Sohn; Mit diesem Schmuck umhånget, Taugt er vor Deinen Thron. Gott, warst Du mein Befreier Schon in der Sündennoth, So bist Du, o Getreuer, Es auch in meinem Tod. Du lebst und liebst ohn' Ende, Und thust, wie Du verheiß'st. Mein Gott, in Deine Hände Befehl' ich meinen Geift. Luc. 23, 46. Und Jefus rief laut, und sprach: Bater, ich befehle meinen Geist in Deine Hände. Und als Er das gesagt, verschied Er." 263 Nachdem nun Jesus Alles, was Ihm zu thun und zu leiden oblag, zu Ende gebracht und für un ser Heil, für das Heil aller Menschen, so große Sorge getragen hatte, sorgte Er zuleßt noch für sich selbst und befahl Seine heilige Seele in Seines himmlischen Vaters Hände. Wenn wir aber den Herrn bei Seinem Sterben mit lauter Stimme rufen hören: ,, Bater, ich befehle meinen Geist in Deine Hände!" so zeigt Er uns damit, wohin wir im Tode unsere Zuflucht nehmen sollen, nämlich zu unserm nunmehr versöhnten Gott und Vater im Himmel. Da ist Deine Seele am besten auf gehoben, da ist sie sicherer, als- hinter Wall und Mauren, da kann sie kein Teufel aus Deines Vaters Hand reißen. Auf dem Todtenbette ist der Feind, weil er weiß, daß er wenig Zeit mehr hat, ganz besonders geschäftig, Dich von dem Vertrauen auf Gott und von dem Glauben an die Kraft des Blutes Deines Erldsers abwendig zu machen; er hält Dir das schwarze Sündenregister Deines Lebens vor die zitternde Seele und will Dich überreden, Du gehörest ihm und keinem Andern an. Wisse, ähnlich ist es Deinem Herrn in seiner letzten Stun de ergangen. Er ist versucht worden allenthalben, gleichwie wir. Wie einst der Versucher zu ihm trat, und wies ihm alle Reiche der Welt, so hat er Ihm jetzt alle Sünden der ganzen Welt gezeiget und Ihn höhnisch gefraget, wie Er sich mit dieser Menge, zahlreich wie der Sand am Meer, hinauszugelangen getraue? Ach wie bange wurde dem Heilande da, wie rief er so voll Angst: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen? Aber siehe! Er kannte das Mittel gegen solche Anfech 264 tungen. ,, Bater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist!" rief Er mit lauter Stimme. Auf Ihn setzte Er in dieser heißen Stunde Sein Ber trauen, Seinen sichern Händen übergab Er die heis lige Seele. So mache es auch Du, mein Christ! Ein frommer, jüngst verstorbener Mann sang nach solchen Anfechtungen und Kämpfen mit dem bösen Geiste: Da griff ich nach des heil'gen Kreuzes Zeichen, Und drückt' es brünstig an das wunde Herz; Und den Versucher trieb's, davon zu schleichen, Und nur noch Einmal sah' er hinterwärts. ,, Du kannst mich wohl mit Fäusten schlagen," So rief ich ihm mit Kühnheit nach, ,, Das ist dein Werk, und mein's: es wacker tragen Dem Herrn zur Ehre Dir zur Schmach. - ,, Du schürst die Gluth, um schrecklich zu verheeren Und wirst der wilden Arbeit nimmer satt; Der Herr, vor dem du zitterst, will nicht wehren, Bell Er geläutert Gold am liebsten hat. So schüre nur den Brand der Flammen, Er brennt, verbrennt mich aber nicht; Er schmilzt mich enger nur mit dem zusammen, Der endlich sein: ,, bis hieher!" spricht." Nahet sich dir der Versucher und wirft er dir deine vielen und vielleicht gräulichen Sünden vor, tritt ihm nur kühn entgegen mit dem Worte: Beigst Du mir meine Sünden hier? So hat Gott befohlen, Daß das Urtheil ich bei Dir Ueber mich soll holen? Wer hat Dir die Macht geschenkt, Undre zu verdammen, Der Du selbst doch liegst versenkt In der Hölle Flammen. Hab' ich was nicht recht gethan, Ist's mir leid von Herzen; Dahingegen nehm' ich an Chrifti Blut und Schmerzen; Denn das ist die Ranzion Meiner Missethaten, Bring' ich die vor Gottes Chron, Sk mir wohlgerathen. 265 Drohet er dir, dich vor Gottes Richterstuhl anzu klagen, sprich getrost dagegen: ,, Wer will die Aus erwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ia vielmehr, der auch auf erwecket ist, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns." Es giebt eine Erzählung, die, mag sie Wahrheit oder Dichtung sein, gar erbaulich lau tet. Der Teufel zeigte einem Manne das lange Register seiner Sünden; dieser aber, ohne davor zu erschrecken, antwortete kühnlich: ,, Schreibe oben darüber: Des Weibes Same soll der Schlange den Kopf zertreten," und statt der Summa sehe darunter: Das Blut Jesu Christi des Sohnes Gottes reiniget uns von allen Sünden." Da ver ließ ihn der Versucher. Sprich Du auch nur bei ähnlichen Anläufen mit christlichem Glaubensmuthe: Stürme Teufel und du Lod, Was könnt ihr mir schaden? Deckt mich doch in meiner Noth Gott mit Seinen Gnaden: Der Gott, der mir Seinen Sohn Selbst verehrt aus Liebe, Daß der ew'ge Spott und Sohn Mich dort nicht betrübe. Denke nur an den süßen Vaternamen, den ein Jesus dir selbst in den Mund leget und in der tröstlichen Zuversicht, daß solch ein Vater sein Kind gewiß nicht lassen wird, neige dann, wenn Dein lettes Stündlein kömmt, mit dem sterbenden Hei lande dein Haupt, und rufe mit aller Freudig. keit unter der Vertretung und dem Beistande des heiligen Geistes, wenn nicht mit lauter Stimme, so doch mit stillem, brünstigem Seufzer: ,, Vater, ich befehle meinen Geist in Deine Hände!" Der 266 Herr, dein Gott, aber wird dich erhören; Er wird nach solchem heißen Streite dir zu Seiner himmlischen Ruhe aushelfen und dort dich die süße Frucht Seines Leidens und Sterbens schmet ken lassen. Nichts acht' ich Sünde, Höll' und Tod, Nichts Welt und Teufel; alle Noth Hat nun ein felig Ende. Hiemit beschließ' ich meinen Lauf; Herr Jesu, nimm die Seel' inauf In Deine treuen Hånde! Preis Dir! Heil mir! Jubiliret! triumphiret! himmlisch Leben Wird mein Heiland nun mir geben. Gebet. Ja mein Jesu! ich zweifle nicht, Du wirst es mir gewiß geben, das himmlische Leben, wenn ich im wahren Glauben Dein theures Verdienst ergreife, und mich dessen bis an das Ende meines Lebens beständig getröste. Weil aber in den letzten Stunden des Lebens der Feind am meisten auf uns losstürmt, und uns diese kostbare Beilage aus dem Herzen zu reißen sucht, so stehe mir um Deines eigenen Kampfes willen, den. Du in Deiner letzten Todesnoth gestritten, kräftig bei; erhalte mich gegen alle diejenigen, die mich zu fållen trachten; befestige in mir das Vertrauen auf meinen versöhnten Gott; gieb mir zu bedenken, wie hoch die Seelen der Menschen vor Ihm geachtet sind, daß Er sie durch das Kostbarste, das im Himmel und auf Er. den war, nämlich durch Dich, den eingebornen Sohn des Vaters, erlöset hat. So wird Er ja auch mich in der letzten Noth nicht sinken, noch in meinen Súnden untergehen lassen. Vermehre auch die auf Dich gegründete Zuversicht je mehr und mehr, damit ich erkenne, daß Du Keinen verstößeft, der zu Dir kommt und noch viel weniger in der letzten Noth die Seufzer derer verschmähest, die Dich um Deinen Beistand und eine selige Auflösung anflehen. Gieb mir zu bedenken, daß Du Deine Urme am Kreuze so weit ausgestreckt haft, um Deine Geneigtheit und Begierde zu zeigen, alle diejenigen, welche am Ende ihres Lebens zu Dir fliehen, Deinen Schutz und Deine Erlösung von allem Uebel suchen und um gnådige Aufnahme in Dein himmlisches Reich flehentlich bitten, auf das Liebreichste zu empfangen. Deswegen laß auch mich so selig ſein, aus einem gläubigen Herzen in meinem letten Stündlein zu seufzen: ,, Herr Jesu, nimm meinen Geist auf! Bater, ich befehle meinen Geist in Deine Hände." Amen. Der stille Freita g. Mel. Christus der ist mein Leben. O Tag, so schwarz und trübe, Wie düstre Mitternacht! 1 O Tag, so warm von Liebe, Wie's teine Sonne macht! Dich schwärzen finstre Thaten, Du brütest schweres Leid, Du zeigst den Herrn verrathen, Den Herrn der Herrlichkeit! Com Un greuelhafte Gründe Führst du den scheuen Fuß; Und ungeheure Sünde, Das ist dein Morgengruß! Und Liebe ohne Ende, Uus Gottes Baterhaus, Cie breitet hier die Hände Um Kreuze segnend aus. - 267 Verfolgt vom blut'gen Haffen Bergießt sie für die Welt Sie fann's, fie fann's nicht laffen Ihr Blut als Lösegeld. O Tag, so schwarz und trübe, Du zeugst von meiner Nacht; O Tag, so warm von Liebe, Ich seh' der Gnade Macht. 268 Joh. 19, 30. ,, Und Jesus neigte Sein Haupt und verschied." Ein frommer Mann erzählt von seiner Stim mung am Charfreitage: ,, Es war mir an diesem Lage oft so wunderbar zu Muthe. Ich hatte ein Sehnen und wußte nicht wonach. Ich suchte Bilder in der Natur, sie sollten nur aussprechen, was ich fühlte und sie konnten es nicht. Ich sahe mich um im Menschenleben, da sprach mich auch nichts an. Oft wünschte ich an diesem Tage den Fuß be flügeln zu können. Ich hätte am Strome sein und Schiffende, an einer Heerstraße und viele Wandernde sehen mögen, aber ich wollte mit den Schiffen, den nicht fahren und mit den Wandernden nicht zie hen. Und wenn ich mir dann Alles so angesehen hatte, so war mir's als starre ich in eine dde Welt hinaus, wo Alles mir winke und nichts mich faßte, dann war mir nur wohl, wenn ich ein Kreuz sahe.". Und weiter mag ich heute auch nichts sehen, als Sein Kreuz und Ihn am Kreuze mit dem gebeugten Haupte, der zerfallenen Brust, den eingesunkenen Augen, der bleichen Gestalt. Sieh Sein Uug', aus dessen Blicken Liebe strahlte und Entzücken, Uch erloschen ist es ganz! Auf den Gliedern blut'ge Nåffe, Auf den Wangen Todesblåsse, Auf dem Haupt der Dornenkranz! Unter namenlosen Schmerzen Dringet Jhm der Tod zum Herzen Und er giebt die Seele auf. Sieh es, Welt, für die Er büßet, Fließt, ihr Wehmuthsthrånen, fließet, Nichts verhindre euren Lauf. Ja, mein Heiland, Dein zu denken, Ganz in Dich mich zu versenken, - Sei mir immer heil'ge Pflicht. Un mein Herz will ich Dich drücken, Mich an Deinem Kreuz erquicken, Bis auch mir das Auge bricht. 269 In dem Anblicke des Gekreuzigten liegt mir heute Alles, meine Hoffnung und mein Schmerz, mein Trost und meine Klage, mein Glauben und meine Noth, mein Lieben und mein Leben, mein Himmel und meine Seligkeit. Mir ist, als müßte ich mich heu> te in meinem Kämmerlein verschließen und keine Men> schen sehen, auch die Geliebten nicht, an denen meine ganze Seele hängt; ich möchte kein lautes Wort reden und keines hören, mich still unter Sein Kreuz legen und von Ihm kein Auge wenden, möchte mein Haupt unter Seine durchbohrte Rechte beugen und Ihn mit den Strömen meiner still rinnenden Thränen bitten: ,, Herr segne mich!" Jesus neigte Sein Haupt und verschied!" Ach giebts denn einen wehmüthigern und erschütternden Augenblick, als diesen? Ich kann es wohl begreifen, daß die Sonne an diesem Tage ihren Schein verlor und die Felsen zerrissen, und die Erde in ihren Grundfesten erbebte. Ich kann es auch verstehen, was ein altes Lied sagt: ,, D große Noth, Gott selbst ist todt!" Ach bis dahin ist es mit Ihm gekommen, und keine Vaterhand hat Ihn gerettet! Die Stimme, welche für die Millionen und aber Millionen der Erdenbewohner ertönte, ist nun verklungen, das Auge, welches Großes und Kleines, die verborgenen Gründe der Menschenbrust und die Tiefen der Gottheit durchschaute, ist erloschen, die Brust, welche die ganze Welt liebend umfaßte, ist eingefunken, das Herz, welches für Freunde und Feinde warm und treu ge schlagen, ist gebrochen, die Hand erstarrt, welche 270 Noth und Tod, Sturm und Ungewitter verscheuchte. ,, Jesus neigte Sein Haupt und verschied!" Das Neigen Seines Hauptes, Sein Sterben beschließt die lange Reihe von Mühe und Arbeit, welche Sein ganzes Leben erfüllte, und größer, als die Erfüllung des Gesetzes, als der Gehorsamt, welchen Er lernte, als alle Liebeswerke und Liebeswunder, welche Er an Blinden und Lahmen, an Tauben und Gichtbrüchigen, an Aussäßigen und Besessenen verrichtete, größer, als Seine Siegesworte an La zarus und des Jünglings zu Nain und des Mägdleins Grabe ist das letzte Werk des Herrn auf Erden, das Neigen Seines Hauptes und Sein Sterben. Hier erblicken wir den Wendepunkt der ganzen Weltgeschichte, der alten und der neuen Zeit; hier scheidet sich Finsterniß und Licht, Tod und Leben, Fluch und Segen. Hier strömt der Quell Seines Lebens dahin und die Wogen der Gnade umrau schen die Welt statt der Wasser der Sündfluth, die nun nicht mehr kommen soll. Hier ist der eigent> liche Brennpunkt, in welchem alle die Lichtstrahlen göttlicher Verheißungen zusammenfallen, welche seit Jahrtausenden die zitternden Menschen trösteten. Hieher schauten die ersten Sünder, als sie das verlorne Paradies hinter sich, die fluchbelastete Erde um sich und die Trümmer des göttlichen Ebenbil des jammernd in sich erblickten. Diese Stunde ahnete Abraham, als er die Verheißung des Sa mens, durch welchen der Seegen über alle Völker kommen sollte, sich zueignete; auf sie hoffte mit ihm sein ganzes Volk und alle Propheten. Hicher blickte David bei seinem Seufzen: Ich hebe meine Au gen auf zu den Bergen, von welchen mir Hülfe 271 kommt." Aber ihnen Allen war diese Stunde noch mit düsterm Schleier verhangen, welchen ihr Auge nicht zu durchdringen vermochte. O selig, selig wir! uns ist der Vorhang zerrissen, wir schauen in das Allerheiligste des Altars. Siehe! das Opfer ist geschlachtet, es zuckt in seinem Blute, es hat ausgerungen, es ist verblutet, es neiget das Haupt und stirbt, und die ewige Erlösung ist erfunden. Schau, der Vorhang ist zerrissen, Und aus den heil'gen Finsternissen Blickt hell der Gnadenthron hervor. Zausend Jahr stand er verhüllet: Nun ist des Himmels Recht erfüllet, Und freie Gnade steigt empor. Die Welt ist ausgesühnt, Das neue Leben grünt, Neu wird Ulles! Des Sohnes Blut Macht Ulles gut. DSünder, faffet frohen Muth! So wird auch mir, o Du Lamm Gottes, das Du die Sünde der Welt trågst, Dein Todestag zu meinem stillen Freudentage, Dein Marterholz zum Holz des Lebens, Dein Untergang zu meinem Auf gang in der Höhe; und ich stehe unter Deinem Kreuze und weiß nicht, wie ich Dir danken, Dich lies ben und loben, Dich preisen und anbeten und Dir Psalmen singen soll. O drückten Jesu Todesmienen Sich meiner Seel' auf ewig ein! O möchte stündlich Sein Verfühnen In meinem Herzen kräftig sein! Denn ach, was hab ich Ihm zu danken! Für meine Sünden floß Sein Blut, Das heilet mich, den armen Kranken, Und kommt mir ewiglich zu gut. Für mich starb Jesus; für mich quillet Sein Blut, mit Wasser untermengt. 272 Da wird des Herzens Durst gestillet, Da wird der matte Geist getränkt, O Strom der Liebe klar und helle, Mein Herz soll offen stehn für dich! Dunerschöpfte Gnadenquelle, Ergieße Dich doch stets in mich! Herr Jefu, nimm für Deine Schmerzen Mich Urmen an, so wie ich bin! Ich sehe Dir in meinem Herzen Ein Denkmal Deiner Liebe hin, Die Dich für mich in Tod getrieben, Die mich aus meinem Jammer riß: Ich will Dich zärtlich wieder lieben; Du nimmst es an, ich bins gewiß. Und wenn mir meine Uugen brechen, Schließ mich in Dein Erbarmen ein, Dann werd ich dort Dich näher sprechen, Indessen schlummert mein Gebein; Die Seele, die durch Dich genesen, Ruht dann in Deinen Urmen aus, Und läßt den Leichnam gern verwesen; Er wird dereinst ihr neues Haus. Gebet. Herr Jefu Chrifte, Du heiliges unbeflecktes Lamm Gottes, welches der Welt Sünde trågt, siehe ich komme Dir zu danken; nimm gnädig und barmherzig an mein Dankgebet, und mache Du selber meine Seele recht brünstig zum Gebete. Ich danke Dir von Herzen für Dein heiliges Leiden und Sterben, für Deine große Traurigkeit, da Deine Seele betrübt war bis in den Tod, da aller Welt Traurigkeit auf Dich gefallen war, aller Herzen Ungst, Furcht, Schrecken, Sittern und 3agen. Ach wer kann dieß Dein inneres Seelenleiden ausdenfen, aussprechen und dafür würdig danken? D Herr, Du hast wahrhaftig für uns Alle den Tod schmecken, und aller Menschen Todesangst empfinden müssen. Dich hat der Stachel des Todes, die Sünde recht gequälet; ja aller Menschen Sünde und die Kraft der Sünden, welche ist das Gesetz mit seinem Drauen, mit feinen Schrecken, mit seinem Fluche. Dafür danke ich Dir, Du getreues Herz! Ich danke Dir auch für Dein kräftiges Gebet und demüthigen Fußfall, da Du 273 im Garten auf Deinem Ungesichte lagst und Dich dem Willen Deines himmlischen Vater überließest, auf daß Du meinen böfen Willen büßetest, heiletest und in dem Willen Gottes heiligteft; für Deinen heiligen Schweiß, welcher in blutigen Tropfen zur Erde fiel, auf daß Du meinen kalten Todesschweiß heiligtest und die Angst meiner Todesstunde in eine stille selige Abschiedsstunde verwandeltest. Du unschuldiges und unbeflecktes Lamm Gottes! ich danke Dir, daß Du um meinetwillen bist gefangen, auf daß ich von Sünden frei, ge bunden, auf daß ich erlöset würde; daß Du falsche Unkla gen erfahren haft, auf daß ich vor dem heiligen Gerichte Gottes bestehen könne; daß Du bist ins heilige Untlig geschlagen, auf daß ich Frieden hätte. Ich danke Dir, daß Du um meinetwillen verspottet wurdeft, damit Du mir würdest zur Weisheit gemacht; verspeiet, auf daß Du mich von Schande erlösetest; gelåstert, auf daß Du mich zu Ehren bråchtest; geg eißelt, damit mein Ungehorsam gebüßet würde. Du König der Ehren, Herr der Herrlichkeit! ich danke Dir, daß Du um meinetwillen zu Hohn und Schmach mit Purpur bekleidet wurdeft, damit Du mir das hochzeitliche Ehrenkleid erwürbest; mit Dornen gekrönet, damit Du mir die Krone der Ehren auffeßteft; am Haupte geschlagen und verwundet, auf daß ich und meine Brüder mitFreuden unsre Häupter aufheben könnten. Du barm herziger Heiland! ich danke Dir, daß Du aus tausend Wunden blutend vor Pilatus standest, als derfelbe sprach: ,, Sehet, welch ein Mensch!" auf daß Dein himmlischer Vater mein Elend ansähe und sich um Deinetwillen meiner erbarmte. Du bist verworfen von Deinem Volk, auf daß Du Deiner gläubigen Kir che zum Eckstein und mir ein Fels des Heiles würdest; zum Tode verurtheilt, auf daß ich vom Urtheil des ewi gen Todes frei und felig fei. S Du allergehorsamster und demüthigster Sohn Deines himmlischen Vaters! ich danke Dir, daß Du Dein Kreuz felbst zu Deinem heiligen Tode getragen, auf daß Du mich lehreft mein Kreuz willig zu tragen bis zu meinem seligen Ende; 274 Du bist darum mit Händen und Füßen angenagelt, auf daß Du ein Opfer würdest für unsre Sünde; bist, obwohl Du niemals eine Sünde gethan und kein Betrug in Deinem Munde erfunden worden, unter die Uebelthäter gerechnet, auf daß du mich durch Deine Unschuld versöhnetest; hast große Låsterung und Schmach am Kreuze erlitten, daß Du mich erlösetest von ewis ger Schmach. O Du Gesegneter des Herrn! ich danke Dir, daß Du ein Fluch am Holze bist worden, auf daß in Dir alle Völker auf Erden gesegnet würden. Du wardst ein Wurm, obwohl der Schönste unter den Menschenkindern, daß ich vor Gott lieblich erschiene; du wurdest der Allerverachtetste vor den Menschen, daß ich herrlich würde. Du warst am Kreuz von allem Trost verlassen, damit ich ewiglich getröstet würde; hingst nackt und bloß am Holz, damit Du mich mit dem Kleide des Heils und dem Rock der Gerechtigkeit bekleidetest. Du ewiger Hoherpriester und mein einiger Mittler! ich danke Dir, daß Du mit Gebet und starkem Geschrei Dich Gotte opfertest, auf daß ich Ihm würde ein süßer Geruch. Ich danke Dir für Dein Gebet: ,, Bater vergieb ihnen!" auf daß ich durch Dich vertreten vor Gott erscheinen dürfe; für Deine treue Sorge, da Du sprachest: Das ist deine Mutter! das ist dein Sohn!" nun weiß ich auch mich und die Meinen im Leben und im Sterben versorgt; für Dein tröstlich Wort: ,, Heute wirst du mit mir im Paradiese fein!" denn nun habe ich den rechten Himmelsschlüssel für arme Sünder in der Hand. Ich danke Dir für Deine Ungst und Noth, da Du schrieeft: ,, Mein Gott, mein Gott warum hast Du mich verlassen!" nun weiß ich mich um Deinetwillen immer in Gottes Hut und nie von Ihm verlassen; ich danke Dir für Deinen heiligen Durst und den herben Essigtrank, das mit Du mich vom ewigen Dürsten in der Höllen Bitterkeit erlöset hast. Ich danke Dir für Dein tröstlich Wort: ,, Es ist vollbracht!" Uch meine Sünde ist nun getilget, Gott versöhnet und eine ewige Erlösung ers funden. Ich danke Dir für Deinen Tod und für Dein " 1 275 lettes Wort: ,, Bater in Deine Hände befehl ich Meinen Geist!" Damit ist alle Schuld bezahlet, Leben und unvergångliches Wesen wiedergebracht und alle glaubigen Seelen in die Hände des himmlischen Vaters überantwortet. Ich danke Dir für Deine Wunde in der Seite, daraus Blut und Wasser floß. Das ist das Lösegeld für meine Sünde; wenn nun meine Sünde blutroth ist, hier wird sie weiß gewaschen. O himmlischer Bater, nimm an dieß theure Lösegeld für meine Sünde, und fordere nichts von mir, als was Du eins mal angenommen hast, Deines einigen Sohnes heilig Blut. Und Du, mein Heiland und mein Retter, laß mich nun mit Joseph von Urimathia um Deinen hei ligen Leichnam bitten, denselben mit herzlicher Betrübniß, Reue und Leid über meine Sünde, die Dich so zers schlagen, aufnehmen und in ein neues gereinigtes Herz, als in ein neu Grab legen, daß Er allein und sonst nichts darin ruhe. Versiegle Du dieß Grab mit Deis nem heiligen Geiste, daß Dich Niemand, weder Welt noch Teufel aus meinem Herzen raube, daß ich Dich nicht verlieren, sondern mit Dir leben, sterben, aufer stehen, gen Himmel fahren und bei Dir sein und bleis ben möge ewiglich. Umen. Für die Kinder. Mel. Chriftus, der ist mein Leben ic. Wie sollt' ich heut nicht weinen, Da Er gestorben ist, Der treuste Freund der Kleinen, Der liebe heil'ge Chrift. Un einem Kreuzes stamme Da hat Sein Herz gebebt, Das Herz, in dem die Flamme Der reinsten Huld gelebt. Nun hat es ausgeschlagen, Er liegt im stillen Grab'; Die treuen Junger klagen, Und blicken stumm hinab. S2 276 Wer foll uns nun erlöfen Von unsrer Schmerzenslast, Da Du, geliebtes Wesen! Im Tode bist erblaß't. O Welt voll Trug und Sünden, Die diese That verübt, Wo soll ich wiederfinden Den Freund, der uns geliebt? Harr', Seele, und sei stille! Verweil an Seinem Grab'! Bald wälzt des Vaters Wille Den Grabstein Ihm herab. Großer Sabbath. Mel. Traurigkeit, o Herzeleid 2c. So ruhest Du, O meine Ruh', In Deines Grabes Höhle, Und erweckst durch Deinen Tod Meine todte Seele. Man senkt Dich ein Nach vieler Pein, Du meines Lebens Leben! Dich hat jetzt ein Felsengrab, Fels des Heils, umgeben. Doch Preis sey Dir Du konnteft hier Nicht die Verwesung sehen; Bald ließ Dich des Vaters Kraft Uus dem Grab erstehen. D Lebensfürst! Ich weiß, Du wirst Auch mich zum Leben wecken: Sollte denn mein gläubig Herz Vor der Gruft erschrecken? Sie wird mir sein Ein Kämmerlein, Da ich im Frieden liege, Weil ich nun durch Deinen Tod Sünd' und Cod besiege. Nein, nichts verdirbt; Der Leib nur stirbt; Doch wird er auferstehen, Und mit Himmelsglanz verklar Aus dem Grabe gehen. Indeß will ich, Mein Jesu, Dich, In meine Seele senken, Und an Deinen bittern Zod Bis zum Tode denken. 277 Luc. 23, 50-56. ,, Und siehe, ein Mann, mit Namen Joseph, ein Rathsherr, der war ein guter, frommer Mann. Der hatte nicht gewilligt in ihren Rath und Handel. der war von Arimathia, der Stadt der Juden, der auch auf das Reich Gottes wartete. Der ging zu Pilato und bat um den Leib Jesu, und nahm ihn ab, wickelte ihn in neue Leinwand und legte ihn in ein gehauen Grab, darinnen Niemand je gelegen war. Und es war der Rüsttag und der Sabbath brach an Es folgten aber die Weiber nach, die mit Ihm gekommen waren aus Galilåa, und beschaueten das Grab und wie Sein Leib gelegt ward. Sie kehrten aber um, und bereiteten Specerei und Salben; und den Sabbath über waren sie stille nach dem Gefeß." Du kannst durch Codesthüren träumend führen!" so tont es je zuweilen mit einem dankenden Blicke zum Herrn über Tod und Leben durch die Schmerzensthránen um einen geliebten Ent schlafenen. Ach, das gilt von Deinem Tode nicht, Du Einziggeliebter! Du liegst heute vor uns, ein kalter, blasser Leichnam, und wir zittern noch heute, wenn wir an Deinen Todeskampf gedenken. Da war keine Hand der Liebe, die Dir den kalten Schweiß von der Stirn trocknete, kein Getreuer, der Dir Dein müdes, sinkendes Haupt stüßte, kein 278 - Freund, der Dir die Augen zudrückte. Da war kein milder Schlaf, der Dich träumend durch das finstere Todesthal führte, kein Engel, wie dort in Gethsemane, der Dich gestärkt hätte, ja schien doch sogar die Baterhand Dir entzogen, die den schwe ren Todeskampf verkürzen kann. Grauenvoll war Dein Sterben, wie Dein Leiden, herzerschütternd, zermalmend für Alle, die Deine letzten Kämpfe sahen. Doch nun ist Alles vollbracht, alles Bitt're ausgetrunken bis auf den letzten herbesten Tropfen, vollendet das ganze angst- und schmerzensreiche Werk Deiner Liebe. Den Schächern sind die Beine zerschlagen, meines Jesu Seite ist vom Sto ße des Speeres geöffnet und Blut und Wasser, zum Zeichen des wirklich erfolgten Codes, herausgeflossen. Still ists an den drei Kreuzen, still auf Golgatha, still in den Herzen der Umstehenden; die Feinde haben ihre Rache gekühlt, den Freunden sind die Herzen gebrochen; sie stehen dort und weinen, Ma ria mit dem Schwerte, das ihre Seele durchdrang, im Herzen, von Johannis Armen umfangen und gehalten, und die Anderen, und wir gesellen uns gern zu nen, mit ihnen zu weinen bei Sei nem blassen, todten Leichnam. Doch nun begin net nach so vielen Erniedrigungen allgemach die Herrlichkeit des erwürgten Lammes, das würdig ist zu nehmen Preis, Ehre und Kraft, sich anzukün. digen. Die Sonne leuchtet wieder und beschauet mit ihren letzten Abendstrahlen die erlöste Welt; der Hauptmann schlägt an seine Brust und zeugt für den Gekreuzigten: ,, Wahrlich, Dieser ist ein frommer Mensch gewesen!" und aus der Verbor genheit treten die Freunde hervor, dem Fürsten des 279 Lebens die letzte Ehre im Tode zu erweisen. Jo seph von Arimathia und Nikodemus erbitten sich vom römischen Landpfleger den Leib des Herrn und ihre öffentliche Stellung, ihr Ansehen und Reichthum erlangt, was die armen und unbekannten Jünger und Angehörige wohl nicht erreicht hätten, die Erlaubniß zum Begräbniß des Herrn. Der heilige Leib wird vom Kreuze genommen und ru het nun, obwohl leblos, blaß und entstellt, doch wieder in Freundesarmen, wird gesäubert vom ge ronnenen Blute, mit Specereien umgeben und in ein reines Grabtuch gelegt, das heilige Haupt in ein Schweißtuch geschlagen: so trägt man Ihn in Josephs nahen Garten und senkt Ihn in die neue Felsengruft. Die heiligen Frauen, die mit Ihm aus Galilia gekommen waren, begleiten Ihn zum Grabe, und die Liebe wird das Leichengefolge Des sen, der Sich zum Tode geliebt. Dann sinken der Sonne letzte Strahlen, die Sterne ziehen herauf, der Tag der Schmerzen ist vorüber und der große Sabbath bricht an, an welchem der Fürst des Lebens im Grabe ruhet. Die Freunde mit ihrem gebrochenen Herzen halten sich den Sabbath über stille nach dem Geset. So feiern die nächsten Freun de des Gottessohnes Seinen Sabbath, und meine Seele, wie feiert sie ihn? Ich will mich, wie die heiligen Frauen, Seinem Grabe gegenüber seßen und an meinen Erbarmer gedenken, der dort um meinetwillen den festen Schlaf des Todes schläft und meinen bewegten Herzen Stille gebieten. Wenn ihr stille bliebet, so würde euch geholfen! Durch Stillefeyn und Hoffen würdet ihr stark sein" ( Jef. 30, 15.) das sei die Gottesmahnung, wel - 280 che mir die Feier des heutigen Tages an Seinem Grabe bringen soll. Die Unruhe und Zerstreuung meines Herzens, das thörichte Sorgen, die eitle Marthasgeschäfftigkeit, das ists ja, was mir so oft meine Sabbatsruhe stört, meine Gnadenstunden verkürzt, meinen Heiland mir entfremdet, das Nuhen zu Seinen Füßen, das Horchen auf Seine Worte, mein bestes Theil mir verkümmert, mein Lieben ermattet und meinen Glauben beunruhigt und trübet. Darum, o Jesu, laß mich nur stille bleiben, als säß ich immer an Deinem Grabe, und laß das mein Lied sein: Meine Seele senket sich Hin in Gottes Herz und Hände, Und erwartet ruhiglich Seiner Wege Ziel und Ende. Was die Ungeduld erregt, Ist in Christi Grab gelegt. Mit freudigem Danke blicke ich auf Nicodemus und Joseph von Arimathia. I wohl euch, daß ihr Muth hattet, euren Reichthum und hohe Stellung anzuwenden, um dies letzte Liebeswerk ohne Furcht und Rücksicht meinem Heilande zu erweisen. Was hilfts auch, der Welt zu verhehlen, daß man Jesum liebt; sie wird es doch bald merken und dann gewiß mit Haß und bösem Leumund nicht zögern. Da vor schützt kein Rang noch Reichthum, und jemehr man sich gehütet vor Christi Schmach, desto schwerer ists, sie dennoch tragen zu müssen. Drum frisch hervor, verborgner Freund des Meisters! Du möchtest sonst gar Schaden nehmen an deiner Seele, wolltest du nur heimlich zu Jesu schleichen; denn nicht bekennen ist meistens nicht viel bes ser, als verleugnen, und was es mit dem Ver 281 leugnen auf sich habe," steht geschrieben Matth. 10, 33. und Luc. 12, 9. Ach und Sein Lieben gegen uns, das selbst da noch nicht erkaltet war, als Er schon kalt im Felsengrabe ruhete, verdient es wohl um uns, daß wir Ihm Alles, Alles nachsehen. Mit Liebe weilt mein Blick auf euch, ihr from> men Frauen. Es ist erquickend, in der ganzen Le bens- und Leidensgeschichte des Herrn keinem weib. lichen Wesen zu begegnen, das Ihm mit Kränkungen entgegengetreten wäre, Bielen aber, die Ihm mit männlichem Glauben und hohem Vertrauen naheten und Ihm mit unermüdlichem Lieben folg. ten. Frauen beweinen Ihn auf Seinem Kreuzes. wege, ein Weib jalbet Ihn zu Seinem Begräbniß, und hier können sie sich von dem Grabe nicht trennen, das Seinen Leib umschließt. Des weiblichen Gemüthes Wesen ist Liebe und sein Element ist Frömmigkeit. Wehe! wo ein Weib sein Element verläßt, da ist Verkehrtheit, Unnatur, Mißgestalt; da trågt es seine Entartung meistens über auf viele nachfolgende Geschlechter und wird oft die Ursache vom geistlichen Berderben Vieler. Heil aber einem Weibe, das in seinem Elemente lebet und webet, in der Liebe zu Gott und zu den Brüdern, solches wird ein Himmelssegen für Töchter und Söhne und ferne Enkelgeschlechter! Wir Alle aber, vom Weibe geboren, fühlen uns mit den frommen Frauen, die dort weinend an Seinem Grabe siten, verwandt und wollen uns zu ihnen gesellen, mit unsern Lieben Seine Sabbathsstille feiern und von Ihm nimmer weichen und wanken. Erschütternd ist mir Marias Jammerbild. Ich sehe an ihr, wie Gott dem Demüthigen Gnade, und Stärke genug dem Unver 282 mögenden giebt. Die einst nicht stolz war bei der Begrüßung des Engels, behielt auch jest, als des Herren Magd, Muth und Glauben, Jhm bis zum Grabe zu folgen. Die großen Verheißungen, wel che sie über Ihn empfangen, die Erfahrungen, wel che sie an Ihm gemacht, die Worte, welche sie vom ersten Osterfeste bis zu diesem letten aus Seinem Munde gehört, das Alles hatte sie in ihrem Herzen bewegt. Jetzt lebt sie von einem jeglichen Worte, das durch den Mund Gottes geht, und durch die Kraft, welche in dem Schwachen mächtig ist. Ich wünsche mir in großen Leidensstunden, wenn auch ich einmal an einem Grabe sitzen soll, darin mein ganzer Erdenreichthum schläft, ein Herz, wie ihres.- Und was sagt mir diese stille Gruft, in wel cher Du, o Fürst des Lebens! Sabbathsruhe hältst? Sie zeige auch mir mein Ziel. Dahin werden sie mich auch legen, die lieben Josephs- und Nicodemushände, die mir angehören, wenn ich mein Kreuz, so lange es Gott gefällt, getragen habe und unter ihm erlegen bin. Dahin werden auch mich die lieben Meinen begleiten, welche mir überbleiben nach so vielen Trennungen und Todesrufen an die Menschenkinder. Dort werd' auch ich ausruhn von meiner Müh' und Arbeit auf Erden und schlafen.- Der Du im Grabe Ruhe haft gefunden, Nachdem Du für mich sterbend überwunden, Gieb Ruhe, wenn man mich nach meinen Tagen Ins Grab wird tragen. Drücke mir die Augenlieder Sanft mit Deinen Händen zu; Senke friedlich mich darnieder In des Grabes stille Ruh. Laß aus Deines Leib's Erblassen Labsal mich und Hülfe fassen, Und mit Dir aus Angst und Leid Fahren in die Herrlichkeit. O wie sehne ich mich nach dieser stillen Ruhe, wie hab' ich Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein, wie verlangt mich aus dem Glauben nach dem Schauen, denn ich weiß, daß mein Erlöser lebt und Er wird mich hernach aus der Erde auferwecken." ( Hiob 19, 25.) Denn gleich wie am dritten Tage das Felsengrab zersprang und der Fürst des Lebens im Schmucke Seiner göttlichen Majestät aus ihm hervorging, als Ueberwinder von Tod und Grab, verklärt und herrlich in Seinem Siegesglanze über den letzten Feind, die zerbrochenen Ketten der Fin sterniß in Seinen Händen: so tönt auch mir aus dem heiligen Grabe der Lebensruf: ,, Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubt, wird leben, ob er gleich stürbe! so stimmt mir diese stille Felsengruft die Harfe zu dem Osterpsalme: Auferstehn, ja auferstehn wirst Du, Mein Staub, nach kurzer Ruh'! Unsterblich's Leben Wird, der dich schuf dir geben. Hallelujah! Wieder aufzublüh'n, werd ich geså't! Der Herr der Ernte geht Und sammelt Garben Uns ein, die wir hier starben! Gelobt sei Er! Tag des Danks, der Freudenthränen Zag Du meines Gottes Tag! Wenn ich im Grabe Genug geschlummert habe, Erweckst Du mich! 283 Wie den Träumenden wird's dann uns sein; Mit Jefu geh'n wir ein 3u Seinen Freuden! Der müden Pilger Leiden Sind dann nicht mehr. 284 Ach, ins Allerheiligste führt mich Mein Mittler. Dann leb' ich Im Heiligthume 3u Seines Namens Ruhme In Ewigkeit! Gebet O Jesu Christe, mein Herr und mein Erbarmer, der Du die Fesseln des Todes und der Hölle zerbrochen, das Gefängniß gefangen geführt und als königlicher Sieger zur Rechten des Vaters thronest! Dir nahe ich heute in heiliger Sabbathsstille und flehe betend zu Dir um Gnade. Die Zeit der heiligen Fasten ist nun vorüber; ich bin Dir gefolgt auf allen Deinen Schmerzenswegen, habe die Nacht voll Ungst und Schmerzen mit Dir durchwacht, bin mit Dir auf dem Delberge gewesen, habe Dein Niederfinken in den Staub, Dein Ringen im Gebetskampfe, Deinen triefenden Blutschweiß gesehen; habe Dich in das geistliche und weltliche Gericht begleitet, den Spott und die Schmåhungen Deiner Feinde, den Verrath und die Verleugnung Deiner Freunde gehört, und laut geklagt an Deiner Seite um die Schmerzen und Striemen, womit dich Pilatus schlug und marterte, da Du verstummtest, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, vor Deinem Scheerer; bin bebend Dir nachgegangen auf Deiner Kreuzesstraße, da Du fast erlageft unter der Last meiner Sünden; bin auf den Berg, von welchem mir Hülfe kommt, mit Dir gestiegen und unter dem Kreuze meines Heils gestanden; habe Dein heiliges siebenfaches Testamenti vernommen, Dich Dein heiliges Haupt neigen, habe Dich verscheiden sehn und bin Dir heute zum Grabe nachgefolgt: nun, Herr, gieb Gnade mir armen Sünder, daß ich meine Schuld, die Dich so viel, so viel gekostet, in ihrer ganzen fluchwürdigen Abscheulichkeit fehe und ihre ganze verdammende Kraft erkenne, und hilf mir, daß ich ihr endlich den völligen Abschied gebe; daß ich meiner Lieblingssünde von Herz zen Gram werde und meine Gewohnheitssünde mit - 285 Macht und Erfolg bekämpfe und sie alle durch die Kraft Deines Todes mit Dir begraben laffe. ich habe Dich gesehen geschmåhet und gelåstert, und doch barmherzig und voll großer Huld und Treue, erniedrigt und zertreten und doch majestätisch und herrlich, mit dem Tode ringend, verblutend und sterbend, und doch mit Lebensworten tröstend die Verzagenden und Weinenden: darum hilf mir, daß ich einen festern Glauben, ein brünstigeres Lieben und ein feligeres Hoffen aus dieser Fastenzeit mit herausnehme, als ich je im Herzen trug; damit ich auf diese heiligen Wochen zurückblicken und sie preisen könne als die Tage meines festbegründeten Heils und meiner ewigen Errettung und meine erlöste Seele von ihnen rühmen dürfe: Das waren mir Erquickungszeiten Die Tage långst gewünschter Ruh'; Da floß ein Strom von Seligkeiten Mir aus des Mittlers Wunden zu. Nun ruhe ich in Seinen Urmen, Mein Vater blickt mich freundlich an, Ich weiß von nichts als von Erbarmen, Dadurch ich Ihm gefallen kann! D Du himmlischer Vater meines Heilandes, ziehe Du selber mich heute zum Sohne, auf daß ich nun mit Ihm völlig sterbe und gleich einem neuen Menschen mit Ihm in den gebenedeieten Ostertag trete und auf erstehe nach meinem inwendigen Menschen in rechtschaf fener Gerechtigkeit und Heiligkeit, und schenke mir dann, um Deines lieben Sohnes willen, Dein Wohl gefallen. Und Du, o heiliger Geist, versiegele das Wort vom Kreuze in mir durch dein heiliges Feuer, daß nichts es meinem Herzen wieder raube, daß es die Kraft Gottes in mir werde, dadurch ich mein Fleisch fammt allen Lüften und Begierden kreuzigen könne, die mich zum Sieger über jede Versuchung und zum Herren über alle meine Schwachheiten mache; wirke in mir die Vergebung meiner Sünden, auf daß ich getrost in den Himmel schauen, fröhlich den Fußstapfen meines Vorbildes Jesu nachfolgen und Ihm das Kreuz 286 ohne Murren nachtragen möge. O hilf Herr, dreieis niger Gott! laß es mir allezeit wohlgelingen im Les ben und im Leiden, im Tode, im Gerichte und in der Ewigkeit. Kyrie eleison! Umen. Seite 5 3eile 12 von unten lies bange statt lange. 13 10 oben oben 17 25 26 29 29 47 62 62 63 64 79 91 101 101 1 1 - - 1 BUND 3 18 14 7 9 15 14 8 19 13 6 17 13 15 - 1 Druckfehler: - - - unten unten Verirrte st. Verrräther. oben Dir st. da. oben füge hinter Irrwegen hinzu: hätte ich mich verloren. - - Dir dienen st. die Deinen. jeden st. jedem. aller kleinen ft. alter kleiner. unten lies Ungefärbte ft. Ungefabr. oben Deine ft. Dnnie. - unten geflohen ft. geschlichen. unten schalte vor ,, denkeft" nur ein. unten lies gebaren ft. geboren. unten nur ft. Mir. hab' ft. hatt'. unten oben ich fühle es ft. ich sehe es. unten zurüdreißt ft. zurückweist. Inches Centimetres Blue 2 3 4 Cyan 2 5 44.4 6 17 Farbkarte# 13 Green 3 18 Yellow 9 4 10 Red 11 12 LO 5 13 Magenta 14 CO 6 15 White 16 17 7 3/ Color 18 19 B.I.G. Black 8