C C.F. P an vox& ollund n. E.M.F. 1879. M 89471 KAMA ADr.v. ZAL Rehmet hin, und esset, das ist mein Leib. Matth. 26, 26. und Communionbuch zur Vor- und Nachbereitung für den Tisch des Herrn. Nebst Morgen- und Abendandachten. Ich bin das Brod des Lebens. Wer zu mir kommt, der wird nicht hungern, und wer an mich glaubet, der wird nicht dürsten. mun Zehnte verbesserte Auflage. Freiberg. Bei A. Schulk. 1878. Gb 4168 Univ.- Bibl. Giessen Vorwort. Mein frommer Christ, hier biete ich dir ein Communionbuch, ein Buch, das dir eine rufende Stimme zum Tisch des Herrn sein soll! O möchte es mit seinem Rufe in recht viele Herzen gläubiger Christen dringen, damit die Segnungen des heiligen Mahles allenthalben immermehr sichtbar werden und der Herr in den Seelen recht vieler Menschen Wohnung mache und eine Gestalt gewinne. In seinem Mahle liegt das gottselige Geheimniß verborgen, welches mit einer heilskräftigen Wundermacht die Herzen beweget, tröstet, ermuthigt und beseligt. Die ganze Fülle der göttlichen Segnungen, welche das ganze Erlösungswerk Christi in sich birget, ist hier in einer einzigen Handlung vereinigt und tritt zu uns in unmittelbarster Nähe heran, wenn wir es nur anders mit gläubigem Herzen feiern, wenn wir in heiliger Sehnsucht nach der Gemeinschaft mit dem Erlöser ringen, den Eid der Treue, den wir an seinem Tische ablegen, ein neues Leben zu führen, nimmer vergessen, und im Glauben an ihn, den Gekreuzigten, IV Vorwort. der uns geliebet hat, den neuen Menschen anziehen, der in Gerechtigkeit und Reinigkeit vor Gott ewiglich lebet. Die Liebe unsers Erlösers, die innige, sich völlig hingebende, Alles durchdringende, erfüllende und belebende Liebe ergreift uns beim Abendmahle mit so unwiderstehlicher, herzgewinnender Gewalt, daß wir im freudigen Empfinden des Reichthums und der Segnungen, die uns zu Theil werden, in Ehrfurcht den anbeten, dem wir zu danken, und in inniger Liebe uns dem hingeben, der mit seinem Leiden und Sterben sie uns erworben hat. Möchtest du, mein Christ, im gläubigen Anschauen dieser göttlichen, Alles aufopfernden Liebe beim heiligen Mahle seines Gedächtnisses ganz dich deinem Erlöser weihen, daß er in dir schaffen könne ein Herz, das ihm gefällig ist; er aber, der Herr, alle die, so da. sich sättigen wollen mit dem Brod und Wein des Geistes, erfüllen mit Kraft aus der Höhe zu dem neuen Leben im ewigen Licht und in der ewigen Liebe. Der Herausgeber. Inhalt. Vorrede. Morgengebet am Tage, da man beichten will. Betrachtungen und Gebete vor der Beichte. I. Die Beichte II. Selbstprüfung III. kürzere Gewissensprüfung mm ● IV. Werth des ruhigeren Nachdenkens über uns ſelbst . V. Nachdenken über das heilige Abendmahl VI. Anleitung zur Selbstprüfung für junge Christen, welche zum ersten Male an der Abendmahlsfeier Theil nehmen . VII. Anleitung zur Selbstprüfung für Jünglinge VIII. Anleitung zur Selbstprüfung für Jungfrauen IX. Anleitung zur Selbstprüfung für Ehegatten, Hausväter und Hausmütter ♦ X. Anleitung zur Selbstprüfung für das Gesinde XI. Gebet um Versöhnlichkeit. XII. Gott sei mir Sünder gnädig XIII. Chrifti Nachfolger XIV. Sei getrost XV. Gebet vor der Beichte in der Kirche XVI. Gebet wenn man zum Beichtstuhle treten will Seite 1 261 14 17 29 39 42 45 48 50 52 55 59 63 65 66 VI Inhalt. Gebet nach der Beichte. XVII. Gebet nach der Beichte XVIII. Die Früchte der Buße XIX. Ein Christ muß himmlisch werden XX. Abendgebet am Beichttage . XXI. Morgengebet am Communiontage. XXII. Nachdenken über das heilige Abendmahl XXIII. Erweckung zur frommen Freude bei dem Genusse des Abendmahls XXIV. Segen der Erinnerung an die letzten Stunden edler Entschlafener Betrachtungen und Gebete vor und nach dem heiligen Abendmahl. XXV. Der Tisch des Herrn XXVI. Hier bin ich, o Jesu XXVII. Dankgebet nach der Beichte XXVIII. Abendandacht am Beichttage XXIX. Am Communiontage früh XXX. Das Abendmahl XXXI. Gebet vor dem Genusse des heiligen Abendmahles Seit XXXII. Gebet eines jungen Christen, der zum ersten Mal zum Tische des Herrn gehen will, vor dem heiligen Abendmahl XXXIII. Gebet eines jungen Christen, der zum ersten Mal an der Abendmahlsfeier Theil nimmt, bei dem Genusse des heiligen Mahles XXXIV. Gebet eines jungen Christen, der zum ersten Mal das heilige Abendmahl genossen hat, nach demselben 67 . 70 71 73 91 98 99 102 103 , 106 107 75 79 89 112 114 115 116 Inhalt. XXXV. Gebet beim Hingehen zum Empfange des heiligen Abendmahles 117 120 XXXVI. Beim Empfange des gesegneten Brodes XXXVII. Gebet nach dem Genusse des Weines 120 XXXVIII. Andacht nach dem Genusse des heiligen Abendmahles .. 121 XXXIX. Danfgebet nach empfangenem heiligen Abendmahle 123 XXXX. Dankgebet nach dem Genusse an Jesum 127 I. Die christliche Gemeinschaft 129 II. Von der Nachfolge Christi. 132 III. Erinnerung an den Tod und an die selige Unsterblichkeit. IV. Abendandacht am Communiontage I. Gebet eines Kranken vor der Haus- Communion Betrachtungen und Gebete bei Hausund Kranken- Communionen. . Das Gebet Jesu Am letzten Abend im Jahre. ● Morgen- und Abendgebete. 142 II. Gebet eines Kranten nach dem Abendmahl 144 III. Fürbitte für Kranke 147 IV. Das Ende des Frommen 149 Einige Bußlieder 151 Litanei 154 157 158 Morgengebet am Sonntage Abendgebet am Sonntage Morgengebet am Montage Abendgebet am Montage • VII Seite ● 136 140 6 161 163 166 . 167 VIII Inhalt. Morgengebet am Dienstage Abendgebet am Dienstage Morgengebet am Mittwoch • Abendgebet am Mittwoch. Morgengebet am Donnerstage Abendgebet am Donnerstage Morgengebet am Freitage Abendgebet am Freitage Morgengebet am Sonnabend Abendgebet am Sonnabend ● Seite 169 170 172 172 174 176 177 179 181 . 182 Morgen- und Abendgebete für die christlichen Festtage. Morgengcbet am Neujahrstage. Abendgebet am Neujahrstage Morgengebet am Osterfonntage. Abendgebet am Osterfonntage Morgengebet am Pfingstsonntage Abendgebet am Pfingstsonntage. Morgengebet an Weihnachten Abendgebet an Weihnachten. 185 188 . 189 193 194 196 197 198 Morgengebet am Tage, da man beichten will. Preis und Dank bringe ich dir, himmlischer Vater, in der Stille dieses Morgens. Deine Huld würdigte mich, sein Licht zu sehen. Tiefer als sonst empfinde ich heute die Größe deines Erbarmens. Hättest du mit mir handeln wollen nach meinen Sünden und mir vergelten nach meiner Missethat, so wäre ich längst in die Nacht des Todes geſunken. Aber, obwohl ich so oft deiner vergessen und wider deine Gebote gesündigt habe, zogst du doch deine Vaterhand nicht von mir, wurdest du nicht müde, mir wohl zu thun. S, laß deine Güte mich zur Buße leiten, daß mein Leben der Dank für deine Barmherzigkeit ſei. Erwacht bin ich durch deine Macht und Gnade, um nun aufzustehen vom Schlaf der 1 Betrachtungen und Gebete Sünde. Du hast meinem Leben diesen Tag zugeſetzt, damit ich eile und meine Seele rette. So hilf mir meine Gedanken sammeln zur Einkehr in mich selbst. Mich selbst zu erkennen, wie ich bin und wie du mich kennst, dazu schenke mir das Licht deines Geistes. Stelle mir vor Augen Alles, was in meiner Brust verborgen ist, auch die geheimste böſe Neigung, auch die sündliche Begier die ich mir selbst nicht gestehen will. 2 Erwecke mich zu aufrichtiger Reue über meine Fehler und zu Entschließungen, die dir wohlgefallen. Gieb dem Saamen deines Wortes reiche Frucht in meinem Herzen. Und wenn ich dich suche im Schmerz über meine Verwerflichkeit vor dir, wenn ich dich anrufe in der Bangigkeit vor deinen Gerichten, so laß dich finden von meinem Glauben an deine Gnade in Christo Jesu, mache mich gewiß, daß er mich annimmt und ich an ihm habe die Erlösung durch sein Blut, nämlich die Vergebung der Sünden. Erhöre mich, Allbarmherziger, um deiner ewigen Liebe willen. Amen. I. Die Beichte. Ausgestellt ist uns in Jesu Christo ein erhabenes Vorbild sittlicher Vollkommenheit. vor der Beichte. nen. Ihm sollen wir nachstreben. Ihm ähnlich zu werden, sollen wir alle unsere Kraft aufbieten und keine Gelegenheit, kein Mittel ungenützt dahin schwinden lassen, wodurch wir das in und durch ihn aufgesteckte Ziel erreichen könUnd deshalb müssen wir uns oft an ihn erinnern. Wo aber kann dies wohl besser, wo nachdrucksvoller geschehen, als bei der Feier seines Gedächtnißmahles? Die heilige Stille, welche hier herrscht, der gemeinſame Zweck, welcher Alle vereinet, stimmt unsere Seele ernst, richtet unsern Blick hin auf das, was der Meister für uns gethan hat, und erinnert uns an das, was uns zu thun obliegt. Große, wichtige Gedanken treten da vor unsere Seele und fordern unsere ganze Aufmerksamkeit. Fromme Entschließungen keimen in unserm Herzen und frohe Hoffnungen heben unsre Brust. Wie können wir aber aufmerksam genug sein, wenn die Dinge der Außenwelt nicht wenigstens auf einige Zeit aus unserm Gedächtnisse gebannt sind? Wie können unsre Entschließungen gegründet ſein, wie unsere Hoffnungen mit Erfolg gekrönt werden, wenn unser Gemüth bei ihrem Entſtehen nicht geſammelt ist? Wenn unsere Gedanken, Wünsche und Hoffnungen nicht in dem Einklange stehen, der dabei durchaus er1* 3 Betrachtungen und Gebete forderlich ist? Damit wir aber das Alles gewinnen, damit wir gesammelt in unserm Herzen und würdig vorbereitet erscheinen bei dem Gedächtnißmahle des Herrn, hat man in der christlichen Kirche die überaus nützliche Einrichtung der Beichte getroffen. Hier soll sich Jeder selbst prüfen. Hier soll er erforschen, wie weit er vorgeschritten sei an sittlicher Veredlung, an geistiger Vervollkommnung. Hier soll er sich selbst vor Gott, dem Allgegenwärtigen, ein aufrichtiges, unparteiiſches Zeugniß über sein Verhalten und über die Anwendung geben, welcher von den Mitteln machte, die sich ihm zu seiner Veredlung darboten. Er soll beichten. 4 Zwar ist die Beichte nicht von Jesu selbſt, sondern erst in späteren Jahrhunderten angeordnet worden; aber nicht zu verkennen iſt es, daß diese Anordnung höchst zweckmäßig ist und ungemein nützlich werden kann. Denn abgesehen davon, daß es nicht erforderlich iſt, alle die Vergehungen laut zu bekennen, deren man sich schuldig machte, und so sich gleichsam selbst vor einem menschlichen Richter anzuflagen: so wird doch durch die Beichte eine aufmerksame Selbstprüfung veranlaßt, und manches Geheimniß unsers Herzens, da ſolches wir uns gern selbst verheimlichen möchten, vor der Beichte. tritt unverhüllt vor unser Auge. Mancher Fehler, den wir längst vergessen wähnten, erwacht neu in unserer Erinnerung und ſtellt sich mit seinem ganzen Erfolge vor unser zur Selbstprüfung geſtimmtes Gemüth. Mögen wir nun als Einzelne dem Diener des göttlichen Wortes bekennen, daß wir es wissen und tief empfinden, wie wir die Gebote des Herrn übertreten haben, oder mag auch der Prediger uns zu solcher Selbstprüfung ermahnen, und in begeisterter Rede uns darthun, wie nöthig uns Gottes Gnade und Segen sei: immer wird doch derselbe Zweck erreicht. Wir werden aufmerksam gemacht auf den geheimen Zustand unseres Herzens. — 5 Und sind wir vertraut in unserm Herzen, kennen wir unsere Schwächen, sind uns nicht unbekannt die Versuchungen, wo die Sünde uns angreifen, das Laster sich unserer bemächtigen kann, so wird es uns auch leicht werden, die Mittel aufzusuchen und zu finden, wodurch wir uns vor solchen Angriffen schützen, oder gegen dieselben glücklich vertheidigen können. Denn es muß sich uns zeigen, daß wir nicht blos dadurch fehlten, indem wir handelten, sondern auch dadurch, daß wir Manches unterließen, was wir wohl leicht hätten vollbringen mögen. Und so lernen wir auch zugleich Betrachtungen und Gebete die Kräfte kennen, welche uns gegeben sind, unsere Leidenschaften, die Reizungen zur Sünde zu bekämpfen und die Fallstricke des Lasters zu umgehen. 6 Sie erinnert uns an Gern wollen wir daher diese nützliche Anstalt, die Beichte, benutzen. Denn sie ebnet, eröffnet und erleuchtet uns ja den Weg in unser Herz, der sonst so sehr durch die Eigenliebe verdunkelt wird. Sie macht uns bekannter mit uns selbst. unsre hohe Bestimmung. Sie ermahnt uns zum richtigen und sorgfältigen Gebrauche unserer Kräfte. Sie ermuthigt uns zum Streben nach Veredlung, auf das wir erringen das erhabene Vorbild, welches aufgeſtellt ist in Christo Jesu. - II. Selbstprüfung. Vor dir, o Allwissender! vor dir, der du aller Menschen Herzen und auch mich auf das Genaueste kennest, vor dir will ich jetzt mein Innerstes erforschen, will meine ernſtliche Untersuchung über meine bisherige Denkungsart und über meinen Lebenswandel bei mir anstellen. Nichts will ich dir und meinem Gewissen verhehlen, keinen meiner Fehler will vor der Beichte. ich entschuldigen und beschönigen, will mich nicht zu überreden suchen, es habe nichts zu bedeuten, wenn ich etwa einer oder der andern bösen Gewohnheit die Herrschaft bei mir gestattete oder irgend eine Pflicht, die mir obliegt, aus Trägheit und Gemächlichkeit wiſsentlich versäumte. Was würde es mir denn auch helfen, wenn ich mich selbst hinterginge, wenn ich mich für besser hielte, als ich wäre? 7 Du, o Allwissender, würdest mich ja doch nach der Wahrheit kennen und beurtheilen und würdest dereinst an das Licht bringen, was im Finstern und in meinem eigenen Herzen verborgen ist. Ich aber würde mich dann desto mehr schämen müssen und deſto strafbarer sein, wenn ich die Welt, ja mich ſelbst, durch Heuchelei betrogen, indem ich mein Gewissen durch falsche Beschönigungen und Entschuldigungen eingeschläfert hätte. Erkenne ich wohl die großen Wohlthaten, die mein Gott mir von meiner Kindheit an bis diese Stunde erwiesen hat? Danke ich ihm auch oft dafür mit gerührtem Herzen? Bemühe ich mich eifrigst, meinen Verstand, alle Gaben, alle meine Kräfte des Leibes und der Seele, nach der Absicht meines gütigen Schöpfers, zur Verherrlichung seiner Ehre, zum Besten meines Nächsten und zur Beför- Betrachtungen und Gebete derung meiner eigenen wahren Wohlfahrt anzuwenden? Denke ich oft und innig daran, wie theuer ich erkauft und erlöset bin, und daß es nun meine theure heilige Pflicht ist, meinem Erlöser ganz zum Wohlgefallen zu leben? Habe ich wohl nicht zuweilen meinen Verstand, meine zeitlichen Güter und mein Ansehen in der Welt zum Schaden des Nächsten mißbraucht? Hätte ich nicht hier und da mehr Böses verhindern, mehr Gutes vollbringen können, als wirklich von mir geschehen iſt? Sind wir auch wohl alle Arten der Sünde gleich stark verhaßt? Habe ich ernſtlich und anhaltend über meine begangene Fehler mich betrübt und dann sogleich alle Kraft aufgeboten, diese Fehler, so viel nur irgend möglich, zu verbessern? Welche sind die Sünden, zu denen ich wegen meines Temperaments am meiſten geneigt bin?- Welches sind die Versuchungen, denen ich, wegen der besonderen Art meiner Erziehung, oder wegen meines Alters und Standes, am meisten ausgesetzt bin? habe ich nun in diesen Sünden und Versuchungen widerstanden, und wie weit habe ich es in der Beherrschung dieser meiner gefährlichsten sündlichen Leidenschaften gebracht? Wie - — - vor der Beichte. Ist es mir ernstlich darum zu thun, eine völlige Herrschaft über meine bösen Begierden zu erlangen und aller meiner Fehler, womöglich, durchaus los zu werden? Habe ich nicht etwa blos aus Furcht vor Schande und Strafe, sondern vielmehr aus Liebe zu Gott und meinem Erlöser, und um der Erfüllung jener himmlischen und ewigen Hoffnungen würdiger zu werden, das Böſe unterlassen und des Guten so viel vollbracht, als in meinen Kräften stand und sich mir irgend Gelegenheit dazu darbot? Habe ich diesen frommen, edlen Ermunterungen zum Guten mein Herz oft und gern geöffnet? 9 - Bemühe ich mich durchgängig, in allen Stücken gut und rechtschaffen zu sein, oder lasse ich es mir genug sein, nur dasjenige Gute zu thun, welches mir wenig Mühe verursacht, suche aber mich der schweren Pflichten zu überheben? - Wie ist meine Ehrfurcht, Liebe und mein Vertrauen zu Gott beschaffen? Bin ich innigst überzeugt, daß alle Befehle und Anordnungen meines himmlischen Vaters recht, heilsam und gut find? habe ich fleißig, andächtig und herzlich zu ihm gebetet? habe ich gern und oft am öffentlichen Gottesdienste Theil genommen, und welchen Segen habe ich - Betrachtungen und Gebete dann von meinem Besuche des Gotteshauſes verspürt? 10 Habe ich das Wort des Herrn auch für mich gern und fleißig gelesen und durch ernstliche Betrachtung göttlicher Wahrheiten mich zu erbauen geſtrebt? Habe ich von dem, was ich gehört und geleſen hatte, die rechte Anwendung zu meiner Besserung und zu meinem Troste gemacht? Wie verhielt ich mich in den Leiden und Widerwärtigkeiten, welche Gott zu meinem Beſten mir zugeschickt hat? Trug ich mit Geduld, was mir Gott auflegte, und erkannte ich mit Dankbarkeit, daß er aus väterlicher Liebe mich züchtigte? Oder war ich unzufrieden und ungeduldig und verfündigte mich durch ein mürrisches Betragen an Gott und Menschen? Strebe ich unermüdlich und freudig darnach, so gesinnet zu werden, wie Jesus Christus auch gesinnet war, und ihm in seiner Menschenliebe, Unschuld, Gütmüthigkeit, Geduld, Versöhnlichkeit und allen ſeinen liebenswürdigen Tugenden immer ähnlicher zu werden? - - - Ist mein Herz keusch, rein und fromm, so daß ich nicht nur unkeusche Thaten, sondern auch unzüchtige Gedanken und alle Arten vor der Beichte. der Unreinigkeit innigst verabscheue, und den ersten Verſuchungen sogleich durch Gebet, durch den Gedanken an Gott widerstehe? Ließ ich mir die Noth der Armen und Elenden zu Herzen gehen? Trug ich das Meinige redlich dazu bei, ihre Noth zu lindern, Dürftige zu erfreuen, Betrübte zu trösten? Hätte ich bisweilen nicht reichlicher mittheilen, hätte ich hier und da durch guten Rath nicht kräftiger dienen können, als ich wirklich gethan habe? Werden Andere, mit denen ich zuſammen lebe, durch meine Gespräche und Sitten erbaut, oder bin ich wohl nicht durch leichtsinnige unsaubere Reden und Sitten Manchem anstößig und schädlich geworden? 11 - Sind im Umgange mit meinen Nebenmenschen Lüge, Verstellung, Falschheit mir stets verhaßt gewesen? Habe ich meine Versprechungen und Zusagen, so viel es in meiner Macht stand, getreulich erfüllt, oder muß ich mir vorwerfen, daß ich wohl Manchen wissentlich betrogen habe? Verhalte ich mich gegen jeden Menschen so, wie ich wünsche, und mit Vernunft, und Billigkeit wünschen darf, daß Jedermann sich gege mich verhalten möge? Habe ich Geduld mit den Fehlern und Betrachtungen und Gebete Schwachheiten derer, die um mich sind, und bin ich darauf bedacht, sie mit Liebe und Sanftmuth zu bessern? Oder habe ich sie durch ungegründeten Argwohn, durch Zorn und Bitterkeit noch mehr verschlimmert? 12 Verzeihe ich allen meinen Feinden und Beleidigern von welcher Art sie sein mögen, von ganzem Herzen, so wie ich wünsche, daß mir mein Gott auch verzeihen möge? Bin ich bereit, ihnen alle nützliche Dienste zu leisten, die ich nur irgend ihnen leiſten kann? Oder wünsche ich ihnen Böſes, und würde ich mich freuen, wenn ihnen etwas Böses begegnete? Wie vertrage ich mich gegen meine Anverwandten, Freunde, Wohlthäter und Mitbürger? Wie erfülle ich meine Pflichten als Unterthan, Vorgesetzter oder Untergebener, Herrschaft oder Diener, Sohn oder Tochter, Schwester oder Bruder? Suche ich, wo und wie ich es irgend vermag, Jedermann zu erfreuen, allen denen zu dienen, welchen ich dienen kann: oder gebe ich denen, die um mich sind, gegründete Ursache, sich über mich zu betrüben? Verstehe ich es auch richtig, wozu Jesus sein heiliges Abendmahl eingesetzt hat, welchen Segen diejenigen erlangen, welche es vor der Beichte. 13 würdig genießen, und insbesondere ich in meinen Umständen dabei zu überlegen und zu thun habe? Erfüllt mich auch wohl vor allen Dingen ein aufrichtiges Verlangen, durch diese Gedächtnißfeier des Todes Jesu mich auf eine besondere kräftige Weise im tröstlichen Glauben, in der dankbaren Liebe meines Erlösers und in seiner Nachfolge zu stärken? Beantworte dir jede dieser Fragen, so gewissenhaft und so ohne alle Verstellung, als ob Gott selbst dich vor sein Gericht gestellt und dich zur Rechenschaft gefordert hätte. Eile nicht mit deinen Gedanken schnell von diesen Betrachtungen hinweg, sondern denke ernstlich und anhaltend darüber nach! Demüthige dich vor deinem Gott in wahrer Reue! Komm zu deinem Erlöser und suche bei ihm Lehre, Trost und Ruhe für dein Herz! Versprich ihm Besserung; aber laß es, so lieb dir dein ewiges Heil ist, nicht bei dem bloßen Versprechen bewenden, sondern beweise in der Zukunft mit der That, daß es dir ein wahrer Ernst geweſen ist. Bedenke, daß du hier nicht einem schwachen Menschen, der wohl von dir getäuscht werden könnte, sondern daß du Gott, dem Allwissenden, Allmächtigen und Gerechten gegenüberſtehest, ihm der sich nicht spotten läßt, ſon Betrachtungen und Gebete dern der die leichtsinnigen, vorsätzlichen und beharrlichen Sünder desto nachdrücklicher züchtigen wird, wenn sie nicht durch seine Langmuth sich zur Besserung leiden lassen.- 14 Wenn auch vor mir ich mich verhehle, Verhehl' ich mich vor dir doch nicht: Denn in der Tiefe meiner Seele Ist Alles deinem Auge Licht;; Entführe mich den Finsternissen, Entfalt', o Herr! mein Herz vor mir. Dann treibe mächtig mein Gewissen Zur Reue mich und- Gott, - III. zu dir! Der du die Herzen prüfft, befehre, Erleuchte, beff're, leite mich Auf deiner guten Bahn und lehre Mich dann ein recht Vertrau'n auf dich! Dir will ich ganz mein Leben weihen; Vor dir sei Herz und Wandel rein! Ich will mich durch und durch erneuen! Dann- o wie glücklich werd' ich sein! Kürzere Gewislensprüfung. Laß es dir, o mein Herz! einen rechten Ernst sein, dich je länger je besser zu ergründen; denn nur, wenn du dich selber richtest und strenge gegen dich selbst bist, wirst du nicht vor der Beichte. gerichtet werden. Dies sagt Paulus eben da, wo er mit den corinthischen Christen vom heiligen Abendmahl redet. Wenn könnte ich denn nachdrücklicher erweckt werden, in der Untersuchung meiner Tugend, und also auch meines Gnadenstandes, recht auf den Grund zu gehen, als da, da ich mich von Neuem für einen Gläubigen und Bekenner Jesu beim heiligen Abendmahle angeben soll und will? 15 Haben mich nun meine Sünden jemals anhaltend und stark betrübt, daß ich sie herzlich bereuet und um ihre Tilgung und Ablegung mit allem Ernst, mit Hintenansetzung aller andern Sorgen bekümmert gewesen bin? Habe ich den Fehlern und Lastern, zu welchen ich nach meiner Gemüthsstimmung, nach meinem Alter und Stande die meiste Versuchung habe, am stärksten widerstanden? Und wie weit habe ich's darinnen gebracht? Ist es mir ein wahrer Ernst, diese Sünden los zu werden? Thue ich das Gute, was ich thue, auch deswegen und in der Absicht, weil es Gottes Wille ist, weil mich der Weltrichter für meine Handlungen belohnen oder bestrafen wird, weil ich ein Erlöster Jesu bin - aus Liebe zu meinem Heilande? Erinnere ich mich dieser Stücke oft und gern, um mich Betrachtungen und Gebete zum Guten zu ermuntern? Strebe ich den verschiedenen Arten der Tugenden nach, die Gottes und meines Erlösers Wort von mir fordert? Z. B. Wie ist meine Ehrfurcht, meine Liebe, mein Vertrauen gegen Gott beschaffen? Bete ich oft und herzlich? Bete ich anhaltend und mit kindlichem Vertrauen meinen Gott und Heiland an? Ist bei meinem Gebet der Hauptinhalt die wahre Besserung? Wie habe ich den öffentlichen Gottesdienſt abgewartet, und welchen Nutzen habe ich von meinem Kirchengehen wahrgenommen? Wie schicke ich mich in Glück und böse Tage? Wie halte ich mein Versprechen? Bin ich mäßig, keusch? Meide ich auch heimliche Sünden? Bin ich unverdrossen und munter zu meinen Verrichtungen. Kann ich auch, ohne daß mir mein Gewissen widerspricht, von mir ſelbst sagen, daß ich mir angelegen sein lasse, gesinnet zu sein, wie Jesus Christus auch war, und so unschuldig, gutmüthig, wohlthätig, zum Leiden um der Gerechtigkeit willen, so bereitwillig zu wandeln, daß ich behaupten könne: Ich lebe nicht so sehr mir, als vielmehr dem, der für mich gestorben und auferstanden ist? War gar kein unrechtes Gut unter dem meinigen? Wie betrage ich mich gegen Feinde und Beleidiger? Suche ich mich 16 vor der Beichte. bei meinen noch mir anhangenden Fehlern ohne Tücke zu beruhigen? Verstehe ich auch, wozu Jesus das heilige Abendmahl eingesetzt hat, welchen Nußen diejenigen davon haben, die es recht gebrauchen, und was ich dabei zu überlegen und zu thun habe? Habe ich ein aufrichtiges Verlangen, durch diese Gedächtnißfeier des Todes Jesu mich im Glauben und in der Liebe und in seiner Nachfolge zu stärken? Was mir zu meinem Heil noch fehlet, Mein Vater, das entdecke mir; Hab' ich der Wahrheit Weg erwählet, So gieb, daß ich ihn nicht verlier'. Ach, leite mich in deinem Licht, So täuschen mich Verführer nicht. Bin ich noch fern vom rechten Wege, Der mich zum ew'gen Leben führt: So bringe mich zurück vom Stege, Der in's Verderben sich verliert. Gieb mir zur Bess'rung Lust und Kraft; Du bist's, der Beides in uns schafft. Amen. IV. Werth des ruhigeren Nachdenkens über uns ſelbst. 17 Es ist eine feierliche Vorstellung, uns eine Versammlung von Menschen zu denken, die 2 Betrachtungen und Gebete sich alle, ohne Rücksicht auf Stand, Geburt und Alter, zu dem Bekenntniß vereinigen: ,, Ach, wir Alle haben bisher mannigfach gefehlt!" Es ist ein wohlthätiges Beginnen, bisweilen herauszutreten aus dem Kreise der Zerstreuungen und Sorgen des Lebens, um in der Stille heiliger Andacht uns selbst zu leben losgerissen von der oft unvermeidlichen Beschäftigung mit so manchen Kleinlichen, zu ernstern Betrachtungen uns zu erheben, forschend unser Inneres zu durchschauen und unser Herz zu prüfen! Alles um uns her so groß und mannigfach, so schön und entzückend es auch sei, erhält doch erst seinen wahren Werth durch unser Herz. 18 In unsrer eignen Brust Da, oder nirgends, fließt die Quelle wahrer Lust. Unser Herz. kann uns groß machen und erniedrigen, Freude über uns verbreiten oder Trauer, uns beunruhigen oder trösten. Was hülfe es dem Menschen, gewänne er auch eine Welt auf Unkosten seiner Seele, seines Gewissens, der Ruhe seines Herzens! Was kann er hingeben um den Frieden mit Gott und sich selbst, die einzige Seligkeit, die kein Unfall zernichten kann, sich zu erkaufen? Aber bedarf es nicht eines östern Still- vor der Beichte. stehens, eines gänzlich unbefangenen Nachdenkens, einer wiederholten Selbstprüfung, um dieses Herz kennen zu lernen? Wirkt nicht Alles, was uns umgiebt, so mächtig auf dasselbe? Stehen wir nicht so lange wir wallen, unter dem Einflusse der äußern Dinge? Umgiebt uns da nicht von so mannigfaltigen Seiten die Gefahr, zu irren, uns ſelbst zu täuschen, und durch die Vorspiegelungen eigennütziger Triebe verführt zu werden? Sinnlich sind die Eindrücke von außen, reizend verderbliche Beispiele, trügerisch die Lockungen der Sünde, drängend so manche Ereignisse des Schicksals. Darum häufen wir Fehler auf Fehler; darum weichen wir so oft ab vom Pfade zum großen Ziel menschlicher Beſtimmung; darum erkaltet oft unser heiliger Eifer für Wahrheit und Tugend; darum sind wir uns oft selbst so ungleich. So wahr ist es- und wer hat diese Wahrheit nicht oft empfunden?- das menschliche Herz trotzt und verzagt gerne! Es vergißt über die Fülle des Guten seines Gottes, ist sich selbst Alles, sucht volle Befriedigung auf den Gefilden des Irdischen, wird unempfindlich gegen fremde Leiden, weil es keine eigenen fennt, und findet Alles, Alles, was es sucht, hier auf der Erde. Ganz anders stimmen es Prüf2* 19 Betrachtungen und Gebete ungen. Sorgen beugen es oft ganz nieder: die Empfindung für Freude erstirbt: es erkranft unter der Last der Schmerzen und findet, wo es hinblickt, keinen Trost im Vergänglichen. .20 Dies ist die Natur unseres Herzens, in dem so reiche Kraft für unsere Tugend liegt, aus dem so viele Gefahren für sie fließen; unsers Herzens, das uns beunruhiget und tröstet, erhebt und niederbeuget! Zwar die Bemerkung dieser Schwäche schmerzt; aber dieser Schmerz ist heilsam, denn er führt zur Wachsamkeit und zum Streben nach höherer Stärke. Indem wir unsere Schwäche erkennen, wie viel gewinnen wir für unser Leben? Wir kennen uns, darum beſssern wir uns. - Freilich sollte unser Herz nie uns selbst fremd werden. Wohl dem daher, der vertraut mit seinem Innern zu werden sucht, der seine dunkelnGefühle sich entwickelt, der mißtrauisch ist gegen die lockende Stimme der süßen Neigung, und immer bemerkt, wohin sein Herz ihn führen will! Doch, vermag dies auch Jeder immer gleich sorgsam im Drange der Zerstreuungen und Sorgen des Lebens? Auch der Edle fühlt nicht immer gleiche Ruhe, ungleiche Fähigkeit zu solcher ernsteren Ueberlegung. Darum weihen wir nun dieser großen vor der Beichte. Sorge für das Wohl unseres unsterblichen Geistes bisweilen vorzugsweise einen heiligen Tag der Ruhe, wo wir losgerissen von der Sorge für das Vergängliche, Stunden der ruhevollen heiligen Andacht finden. Da leben wir dann uns und unseren edleren Bedürfnissen; da blicken wir mit feurigem Verlangen hin auf das große Ziel der Menschheit, da umschwebt uns in höherer Klarheit das Bild des reineren Tugendhaften, und wir fühlen Sehnsucht und Kraft in uns, zu ihm emporzustreben. Da bemerken wir nun leider das Erniedrigende der Sünde, weihen unser Herz auf's Neue der allbeseligenden Tugend, und fammeln uns durch feierliche EntschlieBungen Muth und Kraft für's thätige Leben. Da erkennen wir die gefährliche Macht der Selbsttäuschung, und gehen ihr zu entfliehen, in uns selbst. Da fragen wir uns unverstellt vor Gott: Was waren wir, als wir einst, in ähnlichen Stunden der feurigen Tugendliebe, heilige Entschließungen faßten, und was sind wir jetzt? welche von ihnen haben wir ausgeführt, welche müssen wir erneuern und wodurch gelangen wir zu ihrer Vollbringung? Sind wir wirklich fester im Guten, selbſtständiger, edler und größer geworden? Lieben wir die Tugend um ihrer eigenen Würde, 21 Betrachtungen und Gebete verehren wir ihre Gesetze um ihrer innern Heiligkeit willen? Ist es unser aufrichtiger lebhafter Wunsch, immer weiser und besser, oder wie Jesus es ausdrückt, immer vollkommener zu werden? Erkennen wir dieses redliche Streben nach Vervollkommnung für den höchsten Zweck des menschlichen Lebens? Ehren wir die heilige Verpflichtung des Menschen, sich diesem Streben mit Anwendung seiner edelsten Kräfte zu widmen? Haben die höheren Güter des Geistes und Herzens so viele Reize für uns, daß wir ihrer Erlangung glänzende Vortheile und theure Wünsche und Erwartungen aufzuopfern freudig bereit sind? Ist es also nicht blos unser Wunsch, ist es unserewichtigste Sorge, immer vollkommenere Menschen zu werden? Berechnen wir das, was wir unternehmen wollen, was wir erfahren und bemerken, blos nach seinem Einflusse auf unser äußeres Glück? Denken wir dabei blos an den Sinnengenuß, den er uns verspricht, unbesorgt um die Einwirkung, die es auf unsern ſittlichen Zustand haben könnte, und um die Gefahren, die für unsere Tugend und Ruhe daraus entspringen könnten? Oder betrachten wir das Alles aus einem höheren Gesichtspunkte? Würden wir wohl geneigt sein, einem glänzenden Loose zu entsagen, 22 23 vor der Beichte. wenn wir mit Recht fürchten müßten, daß es uns an unserer Pflichterfüllung hindern und unser Fortschreiten im Guten hemmen würde? Schleicht sich dann nicht bisweilen der geheime Wunsch in unsere Seele, daß uns andere leichtere Gesetze gegeben sein möchten? Würden wir nicht vielleicht, wenn nicht Strafe dem Uebertreter drohte, lieber den sündlichen Begierden folgen? Ziehen wir des Gewissens Stimme Allem vor, was uns sonst zum Guten reizen könnte? Oder sind wir schon zufrieden, es nicht aus unreinen Absichten vollbracht zu haben? Begnügten wir uns nicht damit, nur einen Theil unserer Pflichten erfüllt zu haben, und glaubten uns nun zur Uebertretung anderer, gleich wichtiger Vorschriften berechtigt, wenigstens in Ansehen ihrer entschuldigt? Blieben wir uns gleich in unserm tugendhaften Streben und übertraten wir nicht heute Pflichten, die wir gestern erfüllten, weil sie da leichter zu vollbringen waren? Lag nicht bei mancher Handlung, auf die wir gerne stolz sein möchten, eine eigennüißige Absicht zum Grunde? Mischte sich nicht oft geheime Eitelkeit unter die Triebfedern unserer Handlungen? Artete nicht oft unsere Tugend in bloße Klugheit aus, die nur allein auf Vortheil sieht? Unterließen, hemmten, unterdrück Betrachtungen und Gebete ten wir nie das Gute, wenn es schwere Opfer von uns forderte? Und wenn aus dem Bösen irdische Freude floß, wenn es uns den Schutz, die Rettung versprach, nach denen wir uns im Gedränge des Lebens sehnten, begünstigten wir es nicht, sanken wir nicht herab zu ihm? Mißbilligten wir dagegen das Böse überall, wo und an wem wir es fanden, unter welcher Gestalt es sich uns auch zeigte? Entschuldigten wir nicht an uns, was wir an Andern verdammten? Benahmenteinefalschen Grundsätze unserer Tugend ihre Reinheit? Steht sie noch auf dem Punkte, auf welchem sie einst stand, oder haben wir sie zu einem höhern Grade erhoben, oder wurde sie finsterer, lauer, schwächer, schwankender, als sie einst war, wenn sie sich gleich nicht in Lasterhaftigkeit verwandelte? Sind wir vielleicht von höherer Tugendliebe immer noch so weit entfernt, als wir es je waren, oder fühlen wir jetzt mehr als einst jenen heiß ersehnten Frieden, jene sanfte Ruhe, die nur im Herzen des Lieblings Gottes wohnt? Und wenn wir denn nun so mit Aufrichtigkeit uns ſelbst erkennen, erkennen das Dasein so mancher Schwächen und Unarten in uns, den Mangel so mancher trefflichen Eigenschaften, wenn wir reuig und doch muth24 vor der Beichte. voll durch den Glauben an uns selbst erneuerte heilige Entschließungen fassen, wie wichtigwird uns dann die Frage: woraus schöpfen wir höhere Kraft zur Besserung? Wie gelangen wir zu jenem Ziele der Herzensreinigkeit und Tugendgröße, dem wir uns zu nähern beſtimmt und aufgefordert sind durch unser Herz? Wodurch erringen wir den Sieg über unsere widerstrebenden Neigungen, wodurch die Stärke zur Erfüllung unserer heiligen Gelübde? Was müssen wir thun, um in jeder Hinsicht vollkommener zu werden? Wie bringen wir z. B. mehr Fleiß in unsern Beruf, mehr Ordnungin unsern Fleiß, wie mehr Heiterkeit in unsern Umgang, mehr Freundlichkeit in unser Betragen, wie ungestörten Frieden in unser Haus und festere Ruhe in unser Herz? Wie gewöhnen wir uns so manche Fehler und Unarten ab: Fehler der Laune, der Gleichgültigkeit gegen Andere, der Unbiegſamkeit, der Hitze, der Tadelsucht, des Umgangs? Wie ersetzen wir das, was uns noch fehlt, an Unerschütterlichkeit der Grundsätze, an Ruhe der Ueberlegung, an Stille der Leidenschaft, an Ausdauer der Widerwärtigkeit, an Gleichmuth in traurigen Verhältnissen, an reinem Genusse der Gegenwart, an Hoffnung auf die Zukunft? Wie gelangen wir also zu jener 25 Betrachtungen und Gebete Selbstständigkeit und Festigkeit, die immer dem erkannten Guten folgen? Zu jener Stärke, die über die eigennützigen Regungen der Sinnlichkeit siegt, zu jener Selbstverläugnung, die kein Opfer scheut, zu jener Liebe, die auch durch traurige Erfahrungen nicht erschüttert wird, zu jener Zufriedenheit, die bei jedem Wechsel des Schicksals genügsam den großen Geber der Freude ehrt, zu jener Ergebung, die stille den Leitungen des Allweisen folgt, zu jener Furchtlosigkeit, die jedem Ereignisse des Lebens, ſelbst dem Ende muthvoll entgegen sieht? Solche Untersuchungen sind nun reicher Gewinn für unser Herz. Da wird der Mensch sich selbst erst recht bekannt, gewinnt an Demuth und Stärke, erkennt seine Schwäche und fühlt seine Kraft, fühlt sich auf's Neue erwärmt für das Gute und Große. Solche Stunden der Besonnenheit, solche Abschnitte in unserm Leben befördern also ungemein den Segen der Tugend. Nun können wir zwar dieser nähern Sorge für unser geistiges Wohl jeden Tag widmen; allein gewiß vorzüglich dazu geeignet und die Tage der Vorbereitung auf die Feier des Gedächtnißfestes Jesu. Jemehr nämlich durch solche Betrachtungen unser religiöser Sinn gebildet, unsere Tugend26 Univ.- Bibl. Giessen vor der Beichte. liebe erhöht, unsere Empfänglichkeit für das wahrhaft Großze erweckt, unser Herz erwärmt und unsere Sehnsucht nach Vollendung belebt werden, mit desto höherer Achtung, mit deſto heiligerem Wohlgefallen, und also auch mit desto größerem Segen werden wir vor dem Bilde des göttlichen Mannes verweilen, dessen Andenken zu ehren wir uns versammeln; desto reiner werden wir seine Größe auffaſſen, desto kräftiger werden seine Lehren auf uns wirken, desto stärkender wird sein Beiſpiel für uns werden. Unsere Verachtung der Sünde wird dann noch lebhafter, unser Muth höher durch den befestigten Glauben an die menschliche Kraft und Würde. Wir fassen nun mit freudiger Bereitwilligkeit Entschließungen, die des Vollendeten würdig sind, auf dessen Gedächtnißfest wir uns bereiten. Vertraut mit heiligen Gedanken, beseelt von heiligen Gefühlen, erscheinen wir dann beim Bundesfeste der Tugend und der Liebe, fühlen uns erhoben durch den Hinblick auf die, die gleiche Treue geloben, erneuern und versiegeln mit heißer Dankbarkeit unsere Gelübde und feiern es so würdiger und gesegneter! Darum seien die heiligen Tage uns wichtig, wichtig als Tag der Ruhe, der ernsten Ueberlegung, der segensvollen Beschäfti27 Betrachtungen und Gebete gung mit uns selbst! Wir weihen sie vor andern dem großen Geschäfte unserer Bildung; wir stärken uns im Guten; wir sammeln Kräfte für jene Stunden, wo die Tugend dann nur siegt, wenn sie zur glücklichen Fertigkeit wurde; wir durchleben sie recht eigentlich für die Ewigkeit! 28 Ach, daß du sie dazu segnetest, Allerbarmer: daß der Gedanke an dich, den Allwissenden und Heiligen, den Zeugen und Richter unserer Thaten, vor Allem jetzt recht lebhaft uns durchdränge! Ach, daß wir doch nicht ſelbst uns täuſchten und unser Inneres uns verbergten! Auch die Gefühle der Wehmuth und Reue führen zu dir, verzeihender Vater. Dein Friede erhebt den, der ernste, heilige Gelübde dir darbringt. Dieser Glaube erhöhe unsere Kraft zur Selbsterkenntniß, zur Beſiegung unserer Schwächen und zur Veredlung unsers Willens; er entzünde in uns Muth und Selbstvertrauen; er stärke uns zur Standhaftigkeit im Guten und zur Vollbringung unserer heiligen Entschließungen, daß wir nicht ermüden im Kampfe, daß das Gefühl unserer Vergehungen uns nicht niederbeuge, daß wir uns glaubensvoll erheben zum eifrigen Ringen nach dem höchsten Kleinod hienieden, dem Frieden der Tugend, der Seligkeit eines vor der Beichte. 29 reinen Bewußtseins. Wir gelobendirfeierlich dieſes ernste Emporstreben; wir geloben dir ewige Treue. Wir wollen uns nicht begnügen mit dem, was wir sind, wir wollen ringen nach höherer Vollkommenheit, nach höherer Reinigkeit des Herzens und der Tugend, wir wollen mit jedem Tage uns dem erhabenen Ziele nähern, zu dessen Erreichung du uns in's Leben riefst. Wir wollen unsere Empfindungen dir weihen, wir wollen wachen über uns selbst, und kämpfen gegen das Böſe. Heiliger Vater, erhalte uns in deiner Wahrheit! Stärke uns zum herrlichen Siege. Gieb uns Kraft und Muth, die Bahn der Tugend ewig zu wandeln. Erhalte unsere Herzen ihr treu bis an den Tag unserer Vollendung, so werden wir würdig werden, einst in deinem höheren Reiche zu leben, wo Wahrheit und Friede ewig vereint sind! V. Nachdenken über das heilige Abendmahl. So will ich denn heute im Geiste an das Kreuz meines Erlösers hintreten, mir vorstellen, was er für mich gelitten, unter wie bittern Schmähungen und entsetzlichen Mar Betrachtungen und Gebete tern er sein Leben für mich und alle Menschen aufgeopfert hat. Es hat zwar zu keiner Zeit an edlen Menschen gefehlt, die für Tugend und Wahrheit viel gewagt, ja! dafür ſelbſt ihr Leben aufgeopfert haben, so gering auch die Zahl dieser Edelmüthigen sein möge. Aber kein einziger unter Allen, die jemals auf Erden lebten, hat so unschuldig gelitten, und dann durch seinen Tod so unendlich viel Gutes bewirkt, als mein Erlöser. Nicht nur ganz rein, ganz unschuldig war er, sondern auch zugleich der größte Wohlthäter des menschlichen Geschlechtes, der höchste Gesandte an dasselbe, den, als den Sohn seines Wohlgefallens, der himmlische, fürsorgende Vater auf der Erde erscheinen ließ, als die rechte Zeit dazu gekommen war, um die Völker, die in der Finsterniß der Unwissenheit, des Irrthums und der Sünde saßen, zu erleuchten, die Verlorenen zu ſuchen und zu retten, die Betrübten zu erfreuen, allen Menschen den Weg zum ewigen himmlischen Glück zu weisen und zu bahnen, und ihnen als treuer, richtiger Führer voranzuleuchten. Aber wie ach! es ist schrecklicher zu denken und zu sagen wie undankbar, grausam, boshaft wurde dieser höchster Wohlthäter behandelt! Neidische gottlose Feinde hatten ihn schon längſt ver30 - vor der Beichte. folgt, seine wohlthätigen Bemühungen verlästert und das Gute, das er stiften wollte, zu vereiteln gestrebt. Sie ruheten und raſteten nicht, bis sie den Tugendhaftesten, gleich dem strafbarsten Missethäter, an das Kreuz gebracht hatten, obgleich seine Unschuld selbst dem ungerechten, heidnischen Richter in die Augenleuchtete. Erwurde verspottet, verlacht, gescholten, in das Angesicht geschlagen. Alles trug er mit Geduld. Der große Gedanke, daß er dem menschlichen Geschlechte zu gute, nach dem weisen Rathe seines himmlischen Vaters dieses Alles litte, erheiterte und stärkte ſeine Seele. Ach, welches Erstaunen, welche Bewunderung würde mich erfüllt haben, wenn ich dich, du ewiger Mittler, gesehen hätte, wie du so schuldlos, so still und gelassen Leiden erduldeteſt, die sonst nur der Sünder Lohn sind; wie deine Seele trauerte und zagte; wie auf dein Haupt eine Dornenkrone gedrückt und dein Leib mit Geißeln zerfleiſcht wurde; wie du selbst den schweren Pfahl, an welchem du dein theures Leben aufopfern ſollteſt, zur Gerichtsstätte trugeft; wie deine Hände und Füße mit Nägeln durchbohrt wurden, und wie du endlich, an das Kreuz geschlagen, vor dem Angesichte einer großen Schaar von Menschen, unter den heftigsten Schmerzen 31 Betrachtungen und Gebete auch da noch von deinen Feinden verspottet, den Geist aufgabſt! Mit wie inniger Wehmuth, mit welcher Beschämung, mit welchen Empfindungen des Dankes würde ich vor deinem Kreuze gestanden haben, wenn ich mir vorgestellt hätte, daß du schon damals, wie noch immer jetzt, liebevoll und hülfreich an mich gedacht hättest, und mir, wie Allen, die an dich glauben und dir gehorsam werden, der Urheber der ewigen Seligkeit gewor= den wärest!-Aber mit solchen Empfindungen blickte man damals nicht nach dir auf, als du am Kreuze littest und starbst! 32 - ― Die Zuschauer deiner Marter waren entweder ruchlose Sünder, die dich lästerten, oder weiche Seelen die dich bedauerten, ohne den Zweck deiner Leiden zu wissen. Und doch wurdest du der Retter und Wohlthäter vieler Tausenden, in Stunden, wo Niemand deine Größe erkannte, wo Niemand ahnete, daß du durch deinen Tod der Welt das Leben bringen würdest. Es war dir genug, daß dir selbſt und dem gnadenreichen, weisen himmliſchen Vater deine Unschuld und wohlthätige Absicht bekannt war. D! aus innigster Liebe zu unserm Heil ließest du alles Schreckliche über dich ergehen, bis du dann mit dem letzten Hauche sprechen konntest: Es ist vollbracht! vor der Beichte. Aber nach deiner Auferstehung, deiner Himmelfahrt, deiner Erhebung auf den Thron des Himmels wurde deine Ehre gerettet und nun dein Name herrlich in allen Landen. Denn nunmehr wissen alle deine treuen Bekenner, welchen Segen du durch deinen Tod in die Welt gebracht hast, welche Seligkeiten wir uns von dir zu versprechen haben! Darüber will ich jetzt nachdenken! Dafür will ich dich mit gerührter Seele preisen! Das Alles will ich meinem Gedächtniß und Herzen so einprägen, daß ich beständigen Trost und kräftige Ermunterung zum freudigsten Gehorsam daraus schöpfen kann! Ich will dein Leiden, o Jesu, betrachten zu meinem Trost. Auch ich bin ein Sünder: ich habe Strafe verdient. Bei meinem eifrigsten Beſtreben, immer tugendhafter zu werden, finde ich dennoch fortwährend an mir viele Mängel und Unvollkommenheiten, die mir bittern und gerechten Kummer verursachen. So lange ich lebe, werde ich noch Schwachheiten unterworfen sein und es nie in diesem Leben so weit bringen, wie ich wünsche. Wenn ich in die Jahre meiner Kindheit mit meinen Gedanken zurückgehe, wenn ich mich an manche Vergehungen erinnere, die der Welt unbekannt geblieben und nur Gott und meinem Gewissen 3 33 Betrachtungen und Gebete offenbar sind, so erröthe ich vor mir selbst und fühle, wie wenig Anspruch ich auf Gottes Wohlgefallen und auf ewiges Glück zu machen hätte, wenn ich mich auf nichts Anderes, als auf meine eigenen Verdienste berufen könnte. Aber du, mein Heiland, hast für meine Beruhigung auf das Liebreichste geſorgt. Du hast gelitten und getragen, was sonst noch mich und alle anderen Sünder treffen mußte. Alles, was nur Feinde der Wahrheit und der Tugend zu leiden verdienen, Verachtung, Hohn, Beschimpfung, Marter, Schmerzen Seelenangst, Todeskampf, alles Bitterſte haft du, o Unschuldigster und Heiligster, gelitten. Du hast es erduldet aus innigster, zärtlichſter, unbegrenzter Liebe zu unserm Heil, nämlich mit Gott, dem gnadenreichen Vater uns auszuſöhnen, uns den Trost der Vergebung der Sünden zu erwerben, und so unsere bangen Gemüther aufzurichten. Diesen großen Trost nehme ich denn mit herzlichem Verlangen und Danke an. So gewiß ich an deinem Tische des Abendmahls das heilige Brod esse und den heiligen Wein trinke, so gewiß habe ich Theil an dir, an dem Opfer, das du für mich und für Alle, welche Reue, Buße und Besserung zeigen, dargebracht hast an deinem Leibe, der auch für mich zerbrochen worden 34 vor der Beichte. ist, und an dem Blute, welches du auch für mich vergossen hast. Kann ich eine ſtärkere Versicherung verlangen und wünschen? So will ich denn zwar aus Liebe zu dir und zu meinem eigenen Besten jede Sünde wie eine Pest fliehen und meiden, will mein Möglichstes thun, immer tugendhafter und besser zu werden. Aber ich will bei dem traurigen Gefühl meiner noch immer fortdauernden Schwachheiten und Mängel nicht verzagen, sondern in Demuth und Glauben auf dein Verdienst mein Vertrauen setzen und von dir und durch dich Alles, was mir noch fehlt, mit getroftem Herzen erwarten. 35 Du hast Alles, was dir zu leiden auferlegt war, geduldig gelitten und bist deinem himmlischen Vater gehorsam gewesen bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuz. Auch ich will nach deinem erhabenen Beispiele nun geduldig leiden, was mir mein Gott nach ſeinem immerdar weisen und liebevollen Rathschluß noch zu leiden auferlegen wird. Alles, was ich hier dulden kann, es ist doch nur ein Geringes gegen das, was du, mein Erlöser, erduldet hast. Alles, was mir jetzt auch noch so schrecklich zu sein scheinen mag, das wird doch einmal mir oder meinen Nebenmenschen zum Besten dienen müssen, wenn 3* Betrachtungen und Gebete nur ich es recht anwende. Wie wäre ich würdig, dein Verehrer, dein Jünger und Nachfolger zu heißzen, wenn ich in Widerwärtigkeiten ungeduldig sein, oder in Trübsalen je mich mit Schwermuth und bangen Zweifeln wegen der Zukunft martern wollte? 36 Aus Liebe zu dir, deinem Wort und Muster und Verdienst, o mein Erlöser, will ich meinen sündlichen Begierden durch Gebet und Kampf widerstehen, ich will alle Kraft unermüdlich aufbieten, dir in deiner Unschuld, Reinigkeit, Demuth und Verleugnung des Irdischen so nahe zu kommen, wie mir in diesem Stande der Unvollkommenheit es nur irgend möglich ist. Wie sollte ich wollüstigen, unkeuschen Begirden nachhängen, da du, o mein Heiland, so unaussprechliche Schmerzen erduldet hast, um mich von der Herrschaft der bösen Lüste zu befreien? Wie sollte ich mich dem Stolz und Hochmuth ergeben, da du so demüthig warest?- Wie sollte ich mich über unbillige Ehrenkränkungen oder Beschimpfungen zu sehr beunruhigen, da du, o König der Ehren, gleich dem abschenlichsten Miſsithäter behandelt worden bist? Wie sollte ich mich an zeitliche Reichthümer oder an irgend eine Art vergänglicher Güter hängen, da du so arm warest, daß du auch vor der Beichte. nicht einmal hattest, dein Haupt sanft zu legen und von allen deinen Kleidern entblößet, am Kreuze erblichst? Du bist in den Tod gegangen für alle Menschen, o anbetungswürdigster, menschenfreundlichster Erlöser! für die Allergeringsten und Verachtesten eben so wohl, wie für die Vornehmsten und Mächtigsten der Erde. Ach! möchte dein liebreicher, menschenfreundlicher Sinn mich zu ähnlichen Gesinnungen immer mehr erwecken! Heute, heute will ich mir es denn auf's Neue tief einprägen, daß ich dein ächter Bekenner unmöglich heißen kann, wenn ich mich nicht redlich bestrebe, deinem erhabensten Beispiele nachzuahmen, oder wenn ich mir einbilde, es sei irgend ein Mensch in der Welt zu gering, als daß ich mich zur aufrichtigen Liebe gegen ihn und zu thätigen Dienstleistungen für ihn herunterlassen dürfte. In meinem Stande und Berufe, in meinem täglichen Verhalten gegen die Meinigen und gegen Alle, mit denen ich zu thun habe, will ich es beweisen, daß ich dein Jünger ſei. Mit meinen Gaben, sie seien groß oder gering, zu dienen und mit Rath und That, ohne Eigennutz beizustehen, und wo ich kann, Betrübte zu trösten, Dürftige zu erquicken, das soll meine größte Freude sein! 37 Betrachtungen und Gebete Auch meinen ärgsten Feinden und Beleidigern will ich mit Liebe begegnen, will zur Beförderung ihrer wahren Wohlfahrt beitragen, so viel ich nur immer kann. Die Ehrenkränkungen und Beleidigungen, die dir deine Feinde zufügten, waren ja doch gewiß ungleich größer und entsetzlicher, als Alles, was mir meine ärgsten Feinde jemals gethan haben, oder noch thun könnten. Du hast deinen boshaftesten Verfolgern so ganz innig verziehen, daß du noch sterbend batest: Vater, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie an mir thun! Und ich, der ich selbst noch so viele Fehler an mir habe, sollte irgend einen meiner Beleidiger hassen? Ich sollte mich so weit vergehen, ihm Böses zu wünschen, oder ihm wirklich mit Vorsatz und Wissen auf irgend eine Art Böses zuzufügen? Fern sei von mir ein so abscheuliches Vergehen? Groll und Feindschaft, Neid und Schadenfreude, Stolz und Rachsucht seien auf immer aus meinem Herzen verbannt! Dein Geist der Liebe, Geduld, Sanftmuth und Versöhnlichkeit erfülle meine ganze Seele! Lieber will ich alles Unrecht still und gelassen ertragen, als daß ich meinem Nächsten mit bösem Willen ein Leid zufügen sollte. 38 - vor der Beichte. Den sanften, liebevollen Sinn, Daß ich ein Freund der Feinde bin, Flöß', Herr, in meine Seele; Gieb, daß bei der Verfolgung Schmerz Ich dir der Feinde hartes Herz Und meine Sach' empfehle. Besänftige mein heißes Blut! Und flammt des Zornes wilde Gluth Mein Herz zur Rachbegierde an Ach! so erinn're mich daran, Herr Jesu Christ, Wie du am Kreuz durch dein Gebet Selbst deinen Mörder Gnad' erfleht. VI. 39 Anleitung zur Selbftprüfung für junge Christen, welche zum ersten Mal an der Abendmahlfeier Theil nehmen. Psalm 119, 9. Wie wird ein Jüngling seinen Weg unsträflich gehen? Wenn er sich hält nach deinem Worte. Mein Gott und Vater, mit kindlicher Andacht nahe ich mich dir. Du hast mich bis hierher geführt an deiner Vaterhand, hast mir vor vielen Andern mein Leben erhalten, hast mich Betrachtungen und Gebete geschützt in drohenden Gefahren, hast meine Gesundheit beschirmt, hast mich durch Eltern erziehen und durch Lehrer in allem Guten unterrichten lassen. Du hast mir Gelegenheit gegeben, dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesum Christum zu erkennen, mich mit dem bekannt zu machen, was ich glauben, thun und hoffen muß, um zum wahren Frieden des Herzens, zum wahren Glücke in einem bessern Leben zu gelangen. Wie fühle ich mich jetzt, wo ich am Ziele meiner Schulzeit angelangt bin, jetzt, wo ich aufgenommen in die Gemeinde der erwachsenen Christen, das erste Mal meines Jesu Abendmahl feiern und meinen Taufbund erneuern will, von der innigsten Dankbarkeit gegen dich, meinen größten Wohlthäter, bewegt. Ach! aber nicht immer habe ich das Gute, das mir aus deiner Vaterhand zufloß, dankbar anerkannt, nicht immer die mir verliehenen Kräfte nach deinem Willen angewendet, nicht immer die Gelegenheiten, die sich mir zu meinem Heile darboten, gewissenhaft benüßzt. Mit innigster Reue denke ich heute besonders daran, daß ich nicht so viel gelernt, meinenGeiſt durch nützlicheKenntnisse nicht so sehr gebildet, mich im Guten nicht so sehr geübt habe, als ich gekonnt 40 41 vor der Beichte. hätte, daß ich gegen meine Eltern und Lehrer die schuldige Achtung, den gebührenden Dank, den willigen Gehorsam, die herzliche Liebe nicht immer bewiesen habe. Ach! ich erkenne es mit großer Beschämung, daß ich aus jugendlichem Leichtsinn, aus Uebereilung nicht selten mir habe Fehler zu Schulden kommen lassen. Siehe, ich komme zu dir und spreche: Vater, ich habe gesündigt vor dir; aber verwirf mich nicht von deinem Angesichte. Aufgenommen in die Gemeinde der erwachſenen Christen, habe ich nunmehr selbst die Pflichten übernommen, zu deren Erfüllung ich bisher nur durch das Versprechen meiner Taufzeugen verbunden war. Auf das Treueste will ich das Gelübde halten, dir und der Tugend mich zu weihen und gesinnet zu sein wie Jesus Christus war. Durch deinen Beistand wird es mir gelingen, den Weg zur Rechtschaffenheit zu gehen, die Christenpflichten treu zu erfüllen, unter deine Kinder zu gehören und ein ächter Jünger meines Heilands zu sein. Laß mich mit Ehrfurcht, Reue und Vertrauen dem Altare nahen und durch den Genuß des heiligen Sacraments mich zur Ausführung meiner frommen Entschließungen stärken und die Ueberzeugung in mich aufnehmen, du werdest dein Wohlgefallen auf Betrachtungen und Gebete mir ruhen lassen, wenn ich stets die Reinheit meines Herzens zu bewahren mich bemühe. Schaff' in mir, Gott, ein reines Herz und gieb mir einen neuen gewissen Geist! Amen! 42 VII. Anleitung zur Selbstprüfung für Jünglinge. Wie wird ein Jüngling seinen Weg unsträflich gehen? Diese Frage soll meine ganze Aufmerksamkeit beschäftigen, so lange ich noch in den frohen Jahren des Jünglingsalters, in den Jahren der Vorbereitung auf das männliche Alter stehe. Wie viel habe ich schon jetzt in dieser Absicht gethan? Habe ich mir einen Schatz von nüßlichen Kenntnissen zu erwerben gesucht, ohne welche ich weder meiner Beſtimmung als Mensch, noch als Glied der bürgerlichen Gesellschaft Genüge leiſten kann? Habe ich jede böse Neigung, ehe sie zur Leidenschaft und Gewohnheit ward, standhaft besieget, oder ließ ich mich, auch noch als Jüngling, oft durch findischen Leichtsinn von meiner Pflicht abhalten? Habe ich mir keine Unmäßigkeit im Genusse sinnlicher Freuden zu Schulden kommen lassen, keines 43 vor der Beichte. niedrigen Eigennutzes bei meinem Geschäfte? habe ich alle meine Geschäfte mit gewissenhafter Treue und mit Lust, oder gewissenlos und mit Widerwillen verrichtet? Welches ist die schwache Seite meines Herzens, zu welchen Fehlern spiire ich den stärksten Hang in mir? ist es Gewinnsucht, Spielsucht, Hang zu Zerstreuung oder Stolz, Rechthaberei, Rachsucht, Bequemlichkeitsliebe, oder irgend ein anderer Fehler? Welche Gedanken und Bilder der Einbildungskraft zerstreuen mich am meisten? Was für Umgang habe ich bisher gesucht und geliebt, was für Einfluß hat er auf mich gehabt? Habe ich auch den verbotenen Umgang mit Personen vom andern Geschlechte vorsichtig vermieden. Wie habe ich mich gegen ältere Personen betragen? Habe ich Hochachtung gegen sie bewiesen oder habe ich sie verachtet und mich klüger und besser zu sein gedünket? Wie war mein Verhalten gegen meines Gleichen? Gab ich durch mein Betragen zu erkennen, daß ich den Werth und die Vorzüge Anderer ehre, oder bemerkte ich sie vielmehr mit Neid und Mißgunſt? War ich bei den Fehlern meiner schwächern Brüder nachsichtsvoll, oder übereilte mich Zorn und Rache? Habe ich mich bemühet, Andern durch freundschaftlichen Rath, durch Betrachtungen und Gebete ein gutes Beispiel in der Ordnung und Treue und in der Erfüllung mehrerer anderer Pflichten nützlich zu werden? Gehöre ich wohl gar zu der Zahl derjenigen Jünglinge, in deren Herzen wollüstige Neigungen, unkeusche Begierden zu früh und zu heftig rege geworden? Habe ich wohl gar durch böses Beispiel oder durch zweideutige Scherze das Gift der Verführung in ein unschuldiges Menschenherz gestreuet? Bin ich nie unzufrieden mit meinem Schicksale gewesen? Habe ich den Werth und die reinen Freuden der Andacht, die Freuden eines lebhaften Andenkens an Gott ganz empfunden, oder habe ich sinnliche Freuden höher geachtet? 44 Gott, du erforschest mich, Dir kann ich nichts verhehlen; Du siehest jede That, Das Innerste der Seelen. Ich nahe mich zu dir, Voll Demuth bitt' ich dich: Gieb selbst Erkenntniß mir, Daß ich nicht täusche mich. Allwissender, wer kann Wie oft er fehlet merken? O Vater, du nur kannſt Mein Herz zum Guten stärken. vor der Beichte. Auch mir, auch mir wirst du Zum Guten Kraft verleih'n. O, laß nach Christi Sinn Mich dein Verehrer sein. 45 Dies, o Vater, ist der aufrichtigſte Wunsch meines Herzens. Aber auch ich will nicht dabei unthätig sein, sondern heute anfangen, an meiner Besserung zu arbeiten. Laß zu dem Ende auch die Feier des Todes Jesu im heiligen Abendmahle ein Mittel der Belebung und Befestigung dieses Entschlusses werden. Ja, Vater, meine Besserung Wird mir durch dich gelingen; Ich werde nach der Heiligung Mit Muth und Eifer ringen. Rein wird dann meine Tugend sein, Ich werde jedes Laster scheu'n, Gestärkt durch Jesu Lehre. VIII. Anleitung zur Selbstprüfung für Jungfrauen. Zu dir, du Herr meines Lebens, du Vater meiner Jugend, erhebe ich Herz und Hände, bete zu dir in Demuth und flehe um deine Betrachtungen und Gebete Gnade. Ach, ich fühle es nur zu wohl, daß ich nicht immer unsträflich vor deinen Augen gewandelt, daß ich aus jugendlichem Leichtsinn mir manchen Fehler habe zu Schulden kommen lassen. Als ein guter Christ sollte ich den Willen meiner Eltern auf's Vollkommenste und mit Freudigkeit erfüllen, um dadurch meine Ehrfurcht, meine Liebe und Dankbarkeit gegen sie zu beweisen, Hätte ich ſie aber nicht noch höher achten, sie noch inniger lieben, ihnen noch herzlicher danken, ihnen noch freudiger gehorchen können und sollen? Ich bin noch jung und unerfahren. Habe ich auch immer auf den wohlmeinenden Rath bejahrter, verständiger Personen geachtet und habe ich dadurch selbst an Erfahrung zugenommen? Habe ich, wenn ich in der Gesellschaft meiner Jugendgenossen war, mich vor allen unkeuschen Gedanken gehütet? Habe ich nie Wohlgefallen an ungesittetem Scherze gefunden, nie Handlungen mir erlaubt, deren ich mich schämen, die ich bereuen mußte? Habe ich nie meinen sinnlichen Neigungen gefolgt, sondern vielmehr immer der Stimme der Vermunst und dem Gebote Gottes gehorcht? Habe ich immerdar auf Jesum, meinen Heiland, aufgesehen, um sein Beispiel nachzuahmen und in seine Fußtapfen zu treten? Warich, 46 vor der Beichte. wenn ich in die Kirche ging, fern von aller Eitelkeit, und suchte ich blos Belehrung, Ermunterung, Beruhigung, Erbauung? Ach Gott, ich fühle es wohl, daß ich noch weit entfernt bin von dem Ziele, welches mir vorhält meine himmlische Berufung. Ich erkenne es, daßes mirnoch gar sehr an Weisheit und an Erkenntniß, an einer beharrlichen Tugend und an wahrer Frömmigkeit fehlt. Ich erkenne, daß ich mich deines väterlichen Wohlgefallens unwerth gemacht, daß ich durch meine Sünden mir selbst Schaden zugezogen habe. Aber ich verzage nicht, sondern traue auf die Versicherung Jesu, meines Heilandes, der mich von deinem Wohlwollen unterrichtet hat. Darum bete ich zu dir: Vergieb mir alle meine Sünden und entziehe mir nicht dein Vaterherz. Ich will im Vertrauen auf den Beistand deines heiligen Geistes redlich an meiner Besserung arbeiten, immer die Reinheit des Herzens meinen schönsten Schmuck, die Unschuld mein theuerstes Kleinod sein lassen, damit ich als dein Kind vor dir lebe und einſt als dein Kind in deinen Himmel komme. Laß den Genuß des heiligen Abendmahls, das ich feiern will, für mich recht gesegnet sein, damit ich durch denselben gestärkt wandle in rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit. Amen. 47 48 Betrachtungen und Gebete IX. Anleitung zur Selbstprüfung für Chegatten, Sausväter und Hausmütter. Psalm 130, 3. 4. So du willst die Sünde zurechnen, Herr, wer wird bestehen? denn bei dir ist die Vergebung, daß man dich fürchte. Wenn ich an die verflossenen Tage meines Lebens denke, so bemerke ich zuerst eine große Fülle von Wohlthaten, die mir, o Gott, aus deiner Vaterhand zugeflossen sind, dann aber auch eine Menge von Vergehungen, durch welche ich Liebe und Dankbarkeit dir zu beweisen verabsäumt habe. Täglich schenkteſt du mir des Guten viel. Dir habe ich die Kräfte zu verdanken, durch welche ich auf eine nützliche Weise thätig sein kann, dir den Wohlstand, in dem ich lebe, dir das häusliche Glück, das mir blühet, dir die Lebensfahrt, welche die Freuden und Leiden des Lebens redlich mit mir theilt, dir die Kinder welche die Freuden meiner Tage sind und einst der Trost meines Alters sein sollen. Ja, von dir kommt jede gute Gabe, die mich erfreut, die das Glück meines Lebens erhöht. Aber habe ich mich auch stets dieser Wohlthaten würdig gemacht? Habe ich die Kräfte, die vor der Beichte. du mir gabst, zu meinem und zum Beſten der Meinigen angewendet? Habe ich immerdar meine Lebensstunde durch nützliche Thätigkeit ausgefüllt? Habe ich immer auf Ordnung in meinem Hause gehalten? Habe ich die Pflichten ehelicher Treue und Liebe gewissenhaft zu erfüllen gesucht? Habe ich meine Kinder zugesunden, verständigen, guten Menschen, mit einem Worte, in der Zucht und Vermahnung zum Herrn zu erziehen geſtrebt? Habe ich denen, die in meinem Hause vereint mit mir wohnen, stets mit einem guten Beispiele vorgeleuchtet, indem ich den Weg der Rechtschaffenheit und Frömmigkeit ging und als ein Christ nach den Vorschriften meines göttlichen Heilands lebte? Kann ich auf mehrere dieser Fragen mit einem guten Gewissen antworten, dann warst du es, allgütiger Gott, der du mir Kraft zum Guten gabſt. Beim Genusse des heiligen Abendmahls will ich mir fest vornehmen, auf dem Wege der Tugend fortzuwandeln, Gutes zu thun und nicht müde zu werden. Muß ich aber bei vielen jener Fragen mit Beschämung auf jene Handlungen blicken, klagt mein Gewissen mich mancher Uebertretung deiner göttlichen Gebote an: dann will ich reuevoll an meine Brust schlagen und zu dir flehen: Vater, 4 49 Betrachtungen und Gebete vergieb deinem schwachen Kinde! Bei der Feier des Gedächtnißmahls Jesu aber soll mein Eifer in der gewissenhaften Erfüllung aller meiner Pflichten durch den Gedanken an dich und durch den Hinblick auf das Beispiel meines Heilandes auf's Neue belebt werden. In rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit will ich vor dir wandeln, damit ich einst, wenn deine Stimme mich ruft und spricht: Thue Rechnung von deiner Haushaltung! freudige Rechenschaft ablegen kann. Amen. X. 50 Anleitung zur Selbftprüfung für das Gefinde. Laß mich als einen treuen Knecht Nach deinem Reiche streben, Gottselig, züchtig und gerecht Durch deine Gnade leben! Vor dir, dem Herrn aller Herrn, erscheine ich mit andächtigem Herzen, bete zu dir und flehe um deine Gnade, denn ich fühle es, daß ich ein Sünder bin, fühle es, daß ich mich selbst in's Verderben gestürzt, mich um die Ruhe meines Gewissens, um den Frieden meiner Brust gebracht habe. Vor dir bekenne ich meine Sünden, zu denen mich jugendlicher vor der Beichte. Leichtsinn verführt hat. Ach, wohl nicht immer habe ich mit dem Fleiße, wie ich sollte, im Dienste meiner Herrschaft gearbeitet, habe wohl nicht immer mit unverdrossener Bereitwilligkeit ihren Willen gethan, habe mich vielleicht nicht stets liebreich, gefällig, zufrieden, bescheiden und verschwiegen bewiesen. Allein auch außer dem Verhältnisse zu meiner Herrschaft bin ich nicht frei von manchen Vergehungen geblieben. Ach, hätte ich doch immer meine höchste Freude darin gesucht und gefunden, die Wahrheiten der Religion deutlicher zu fassen, nützliche Kenntnisse mir zu erwerben und manche Erfahrungen mir zu ſammeln! Hätte ich doch eifriger gestrebt, meine Freuden nicht sowohl in sinnlichen Genüssen, als vielmehr in einem ſtillen, sittsamen Betragen, in der redlichen Erfüllung meiner Pflichten, in dem Vollbringen guter Handlungen zu finden! Hätte ich doch immer die Ermunterungen Jesu befolgt, seinen Warnungen Gehör gegeben, auf sein Beispiel geachtet! Könnte ich mir doch das Zeugniß geben, daß ich zu den wahren Kindern Gottes, zu den ächten Jüngern des Heilands gehöre! Bin ich mir auch vielleicht in mancher Hinsicht bewußt, meine Pflichten treu nach meinen Kräften erfüllt zu haben, ach, so hält mir doch mein Gewissen 4* 51 Betrachtungen und Gebete gar viele Uebertretungen der göttlichen Gebote vor. Barmherziger, gehe nicht mit mir, deinem Knechte, in's Gericht. Laß auch mich das Wort erquicken und beruhigen: Sei getroft, deine Sünden sind dir vergeben. Laß auch für mich das heilige Abendmahl ein Segensmahl werden, damit durch dasselbe meine Liebe zu dir, zu Jesu, zu meinem Nebenmenschen erwärmt, damit mein Eifer, meinen Berufspflichten ſtets Genüge zu leisten und fromm vor deinen Augen zu wandeln, erhöhet werde. Mit aller Sorgfalt will ich an meiner Vervollkommnung arbeiten. Herr, lehre mich thun nach deinem Wohlgefallen. Schaffe in mir, o Gott, ein reines Herz und gieb mir einen neuen gewissen Geist. Amen. XI. 52 Gebet um Bersöhnlichkeit. Sei willfährig deinem Widersacher bald, weil du noch bei ihm auf dem Wege bist. Matth. 5. 25. Du hast, gerechter Gott und barmherziger Vater im Himmel! mir nur alsdann Vergebung meiner Sünden verheißen, wenn ich denen, die sich an mir versündigt haben, herzlich vergebe, Versöhnlichkeit beweiſe gegen meinen Nächsten und die Barmherzigkeit, die ich von dir erbitte, auch ihm erzeige. Sie ist vor der Beichte. das Zeichen der Aufrichtigkeit meiner Bekehrung, und also die Bedingung, unter welcher ich Vergebung meiner Sünden von dir erlangen kann. Daher hat auch dein Sohn Jesus Christus die Versöhnlichkeit zu einer der ernsten Pflichten seiner Bekenner gemacht, und hat sie durch sein eigenes Beispiel befestiget, indem er noch sterbend seinen Feinden vergab und mit versöhnendem Herzen am Kreuze betete: Vater, vergieb ihnen, sie wissen nicht, was sie thun. Bewahre mich, daß ich nicht mit unversöhntem rachgierigen Herzen gegen meinen Widersacher hinzugehe, und dadurch das Denkmal der Liebe und Versöhnung Jesu Christi entweihe. Siehest du, daß in mir Groll und Feindschaft gegen meinen Nächstenſei: sorühre mein Herz, daß ich mich noch heute mit ihm versöhne, weil ich noch bei ihm auf dem Wege bin. Rufe den Gedanken in meine Seele zurück, daß wir beide Wanderer und Pilgrime hier sind, die nur einen kurzen Weg mit einander zu gehen haben, und nicht wissen, wie bald wir von einander scheiden müssen, wenn mein oder sein Weg sich schließt. Wie wehe würde es mir thun, wenn er plötzlich sterben sollte, ohne daß ich mich mit ihm versöhnet hätte, und ich ihm das angethane Unrecht nie 53 Betrachtungen und Gebete wieder vergüten könnte. Wie würde der Gedanke mich quälen: deine Feindſeligkeit und Härte hat einem armen Menschen, dem vielleicht der Freuden wenige beschieden waren, noch die letzten Tage seines Lebens erschweret! Sein letzter Seufzer war Seufzer über dich. Und wie sollte ich, Vater im Himmel, vor dir erscheinen, wenn du mich plötzlich zu dir riefest, und ich mit unversöhnlichem Herzen aus der Welt ginge? Wie beschämt würde mein erstes Erwachen in einer andern Welt sein, wenn ich das Bewußtsein der Unversöhnlichkeit und Härte gegen meinen zurückgelassenen Bruder in mir trüge! Welche Barmherzigkeit und Verzeihung könnte ich von dir erwarten, wenn ich keine gegen ihn bewiesen hätte! Ach darum will ich keinen Augenblick versäumen, mich mit meinem Widersacher zu versöhnen, weil ich mich noch mit ihm versöhnen kann. Befeſtige, o Gott! selbst in mir diesen Vorsatz und rotte in meinem Herzen aus allen Haß und Härte gegen den, der mich beleidigte. Laß mich nicht vergessen, daß auch ſelbst das Böse, was meine Feinde mir zuzufügen gedachten, von dir auf tausend ungeſehenen Wegen gut gemacht wurde, und Wohlthat für mich werden mußte; und dieser Ge54 vor der Beichte. danke mache mir es leicht, daß ich ihm zuerst die Hand biete, und mich mit ihm versöhne, damit ich auch von dir Vergebung meiner Vergehungen erhalten möge. Laß mich nach deinem Ebenbild Sein liebreich, gütig, sanft und mild, Dies bitt' ich herzlich. Amen. XII. 55 Gott sei mir Sünder gnädig. Wie stehst du, Mensch, vor deinem Gott? Hast du dir wohl stets darüber gewisse Rechenschaft gegeben? Muß nicht jeder Gedanke an Gott dich zu solcher Rechenschaft veranlassen? und muß nicht Alles deine Gedanken auf den Gott hinlenken, der Alles geschaffen hat, von dem Alles zeugt, den dir dein Heiland als deinen Vater im Himmel offenbaret hat? Der Sünder freilich scheut den Gedanken an Gott, denn er wird ihm sogleich zum Gerichte; der Selbstsüchtige denkt immer nur an sich; der Leichtsinnige vergißt über dem Geschaffenen den Schöpfer, über dem Genusse der Güter dieser Welt den Geber aller guten und vollkommenen Gabe; die Thoren sprechen wohl gar in ihrem Herzen: es ist kein Gott! Aber der Psalm hat auch recht, wenn er hinzufügt: sie taugen nichts, 56 Betrachtungen und Gebete sie sind ein Greuel geworden in ihrem bösen Wesen, da ist Keiner, der Gutes thue! Aber sollte unter denen, die durch Gottes Gnade zum Bekenntnisse des Evangeliums von Jesu Christo berufen sind, solche Verblendung dauernd stattfinden können? Sind sie nicht vorzugsweise veranlaßt, Gott stets vor Augen und im Herzen zu haben? Und muß dann jeder Gedanke an ihn nicht zugleich die Verpflichtung gegen ihn uns zum Bewußtsein bringen? Bedingt nicht jede Gabe einen Dank dafür, und ist es nicht deutlich und laut ausgesprochen, daß durch das größte Gnadengeschenk Gottes an die Menschen, durch die Sendung Jeſu, er sie sich zum Eigenthume, zu seinen Kindern erkaufen wollte, die da reich wären an guten Werken? Kann darin wohl von diesen jemals die Frage vergessen werden: Wie stehen wir zu unserm Gott? - Lasset uns denn prüfen, wie wohl die Antwort auf diese Frage ausfallen kann. Setzen wir den günstigen Fall: Nehmen wir an, daß Jemand auf diese Frage antworten könnte: Ich denke stets an Gott, ich habe sein Gebot vor Augen; ich bemühe mich, redlich nach diesem Gebote meine Handlungsweise zu bestimmen. Wird er sich aber auch vor der Beichte. wohl mit Recht sagen können, daß dies Bemühen ihm jederzeit gelungen sei? daß wirklich in dem wechselnden, zerstreuenden Treiben der Welt niemals der Gedanke an Gott ihm entschwunden sei? daß seine Sinnlichkeit, seine Begehrlichkeit ihn nie bestochen? daß in Noth und Gefahr er in dem Gottvertrauen nie wankend, in der Liebe gegenüber der Unwürdigkeit und dem Undanke der Menschen nie schwach geworden? daß ihn sein Erkenntniß in dem, was Gottes Wille sei, nie irre geführt, daß er nicht nur jede Anregung zum Verbotenen freudig überwunden, sondern auch von dem Gebotenen nicht unterlassen, ja daß er keine Gelegenheit versäumt habe, seine ihm verliehene Kraft nach Gottes Willen anzuwenden? Ja, der wäre selig, der Solches von sich aussagen könnte! Aber glaubt ihr wirklich, daß es einen solchen giebt? Nein, und wenn wir den höchsten Ruhm uns beilegen wollen, daß wir das Wollen des Guten haben, so müssen wir doch immer hinzufügen: Das Vollbringen finden wir nicht! Und das ist der günſtigſte 57 Fall wie oft wird er sich wohl vorfinden? Ach, wir wissen nicht, wie oft wir fehlen; sind wir wahrhaft fromm, so giebt es für uns kein anderes Flehen, mit welchem wir vor dich, - Betrachtungen und Gebete himmlischer Vater, treten können, als das Gebet: Gott sei mir Sünder gnädig! 58 Darum sei solches Gebet auch für uns das Vorbild. Auch wir werden durch reumüthiges Bekenntniß unserer Schuld vor Gott und Menschen mehr gewinnen, als durch den unmöglich gelingenden Versuch, uns und unser Leben zu rechtfertigen oder gar durch eitle Selbstüberhebung. Freilich das Bekenntniß der Sünden ist immerdar ein schmerzliches. Wir waren nicht, wie wir sein sollten! Unser Streben nach der Gerechtigkeit ist ein erfolgloses gewesen! Wen sollte das nicht bekümmern, der nach der Liebe Gottes, nach dem Frieden des Gewissens, nach Hoffnung für die Ewigkeit sich sehnet? Aber jene Traurigkeit, welche der Reue entspringt, nennt Paulus eine göttliche, die Niemand gerene, denn sie ist es ja zugleich, welche zum fortdauernden Trachten nach dem Reiche Gottes immer neue Anregung giebt, durch welche uns der Trieb erhalten wird, unaufhörlich fortzuwirken, fortzuarbeiten an der Heiligung unseres ganzen Wesens, welche uns die früher geübte und geliebte Sünde verleidet, und dadurch unsere Erhebung über dieſelbe, und unsere Gottseligkeit fördert. Darum ist jene Bitte: Gott sei mir Sün vor der Beichte. der gnädig! zugleich auch eine hoffnungsreiche, denn Jesus versichert uns ja, daß ſie keine vergebliche sein solle für den, der in rechtem Ernste sie an Gott richtet, da er gnädig und barmherzig ist, und die Vergebung der Sünden hat predigen lassen aller Welt in seinem Evangelio! Es wird und muß ja mit dem rechten Ernste gelingen, der Sünde mehr und mehr Herr zu werden und dadurch zu immer freudigerer Zuversicht auf Gottes Gnade zu gelangen, deren wenn wir sie auch nie zu verdienen vermögen, wir uns doch würdig machen können durch rechtschaffene Bußen! Darum, meine Geliebten, wollen wir uns solches Bekenntnisses nicht schämen, wollen vielmehr seine ganze Bedeutung recht von Herzen empfinden. Es ist der nothwendige, der natürliche Ausdruck des christlich frommen, nach Gott und seinem Heile sich sehnenden Herzens, und wenn auch mit Schmerz über uns, so doch mit Hoffnung auf Gott lasset uns immerdar beten: Gott sei uns Sünder gnädig! XIII. 59 Chrifti Nadifolger. Mir nach spricht Christus unser Held, mir nach, ihr Christen alle; verleugnet euch, ver Betrachtungen und Gebete laßt die Welt, folgt meines Rufes Schalle. Nehmt euer Kreuz und Ungemach auf euch, folgt meinem Wandel nach!- O lieber Christ, Jesu Namen im Munde führen, das ist nicht schwer. Sich Jesu Christ rühmen, das ist eine geringe Arbeit. Auf ſeinem Verdienste ruhen, das ist eine gar bequeme Sache. Was aber dem, der mit seinem Heile und Heilande schnell fertig war, erst wie ein weicher Flaum deuchte, das wird ihm werden wie Steine unter dem Haupte und unter den Gliedern. Ja, der Herr wird ihn selbst herunterjagen von dem bequemen Ruhekissen. Wir sind gar schnell damit fertig zu sagen: Ich habe Christum, was kann mir fehlen?" Aber, was hilft es dir, daß du ihn hast, wenn er dich nicht hat? Erst wenn er dich hat, dann hast du ihn. Und das Zeugniß, daß er dich hat, das ist dein stiller, demüthiger Gehorsam, das ist deine Nachfolge. Ein Christ ſein am Sonntage, am Festtage, wenn das Glaubensbekenntniß vorgeleſen wird, wenn alte Glaubenslieder gesungen werden, und in der Woche, wenn du deine Morgen- und Abendgebete hältst, das ist gar wenig, das sind nur wenige Stunden. Nein, wenn du gräbst und Hackst, wenn du hungerst und dürfteſt, 60 vor der Beichte. wenn du isfest und trinkest, wenn du studirst und schaffst, wenn du handelst und wandelſt, wenn du rechnest, zusammenzählest und abziehest, wenn du lebest und stirbeſt, dann auch sollst du ein Christ sein. Wenn deine Hoffnungen fehlschlagen, wenn dein Feld schlecht getragen hat, wenn deine alten Freunde dich nicht mehr kennen, wenn Kreuz auf Leib und Seele fällt, dann sollst du ein Christ sein. Das Bekenntniß im Leben iſt die Feuerprobe für alles Bekenntniß. Hält es hier nicht Stich, so ist es Schlacke und Stroh geweſen. Wer mir nachfolgen will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach", spricht Christus. wie viel ist da aber noch an uns selbst zu thun und nachzubessern? Wie viele Auswüchse, wie viele wilde Ranken haben unsere Herzen! Wo der Glaube wachsen soll, da wächst ein hochmüthiges Wissen. Wo die Liebe zum Herrn wachsen soll, da wächst die Liebe zur Welt. Wo die Freude an den ewigen Gnadengütern wachsen soll, da wächst die Freude an den Hindernissen der Gnade, an eitler Luſt. Wo der Friede Gottes gedeihen sollte, da wächst Hader, Zank und Zorn. Das schöne Feld der Demuth ist überwuchert von üppigen Gewächsen des - - - 61 Betrachtungen und Gebete Hochmuths. Anstatt, daß das Herzensfeld besteckt sein sollte mit grünen Pflanzen und Früchten der Gerechtigkeit, wachsen graue Giftpflanzen der Sünde darauf. Sie saugen den Herzensacker aus und überwuchern ihn. Wenn dann einmal eine edle Gottespflanze, der Glaube, die Liebe zu dem Herrn, die Verleugnung des ungöttlichen Wesens, die Aufopferung für die Brüder, Treue, Geduld, Sanftmuth und wie sie heißen, hindurch will, kann sie nicht empor vor jenen Schlingpflanzen, und wenn sie noch etwa zu Tage kommt, ist sie matt, hat keinen Lebenstrieb und verfümmert bald. Da ist gar viel an den Herzen zu beschneiden. Sehet den Weinstock an. Er treibt wilde Reben die Fülle. Sie stehlen den edlen Reben den Saft. Sie müssen weggeschnitten werden, sonst trägt er keine Frucht, oder sie wird kümmerlich. Da versäumst du auch die Beschneidung nicht. Sind dir nun die guten Trauben lieber, als die Früchte deines Herzens vor Gott? Willst du dich um jene mehr mühen als um diese?-Oliebe Christen, wenn wir alle die Zeit, wenn wir alle das Denken, die Kräfte auf die Früchte der Gerechtigkeit gewendet hätten, die wir im Dienste der Welt, die wir auf diese hohlen Früchte verbraucht haben; 62 vor der Beichte. wahrlich es stünde um uns alle besser. Wir wären reich und fröhlich und selig in dem Herrn. Darum säume nicht, folge Christo nach, nimm das scharfe Messer des Gesetzes, beschneide dein Herz, bitte den Herrn um Kraft dazu. Wehe wird es dir thun. Das Gesetz Gottes ist so kalt, wenn es an unsere Schooßsünden kommt. Das Messer des Gesetzes ist so hart, wenn es an dem Herzen hinfährt oder einschneidet. Zage nicht, wenn das Herz auch eine Weile blutet. Der Friede des Herrn heilt es bald. Der Weinstock blutet auch, wenn er beschnitten wird. Aber die Wunde trocknet zu und dann trägt er reichliche Frucht. Wer da siegt, der wird auch weiter siegen; wer da nachfolget, der wird überall nachfolgen. Er in dir und du in ihm. XIV. - 63 Sei getroft! Auch ich bin ein armer, elender, sündhafter Mensch! Ich habe an meinen Mitmenschen, an meinem Hause und den lieben Meinigen, an meiner Zeit, Kraft und Gesundheit mich oft verfündigt. Vater, ich bin nicht werth, daß ich dein Kind heiße! Ach, mein Heiland, Jesus Christus, deine Stimme geht noch immer durch die Welt, und wenn auch nicht Betrachtungen und Gebete sinnlich, doch geistig vernehmen wir sie in jeder Stunde unsers Lebens. Sprichst du denn auch zu mir heute: sei getrost, Sohn oder Tochter, denn deine Sünden sollen dir vergeben werden? Ja gewiß, das thuſt du, wenn ich auch nur als wahrer Christ das Meine thue. Wenn ich klar und lebendig meine einzelnen Fehler und Mängel erkenne; wenn ich voll herzlicher Reue die begangenen Missethaten verabscheue; wenn ich den unwandelbaren Vorsatz der Besserung in meiner Seele trage und von heute an hingehe, ein neuer Mensch zu werden: dann darf ich getrost sein, dann will dein und mein himmlischer Vater mir vergeben. Freilich aufrichtige und herzliche Buße muß ich thun. Auf die Vorspiegelungen derer darf ich nicht hören, die mich überreden wollen, Christi Blut und Gerechtigkeit mache mich rein von aller Schuld und angenehm vor Gott auch ohne Buße. Nein, sündige hinfort nicht mehr"! Das ist das große Christuswort, welches auch mir gilt. Jch will mich von heut' an aufmachen und als frommes Kind zu meinem Vater gehen: dann wird der Vater und sein neugeborner Sohn auch mir zurufen: Sei getrost, deine Sünde ist dir vergeben! 64 - vor der Beichte. XV. Gebet vor der Beichte in der Kirche. Herr, höre auf mein Wort, und vernimm mein Flehen, denn ich will vor dir beten. Vater, ich ich habe mich oft und schwer an dir vergangen. Ach so manches Gute, was ich zu thun Gelegenheit hatte, habe ich nicht gethan, so manches Böse, das mir verboten war, habe ich verübt. Oft bin ich abgewichen von dem Wege der Tugend und Frömmigkeit, nicht selten habe ich den Pfad der Sünde und des Lasters betreten. Ich weiß es wohl, die Sünde ist der Leute Verderben, auch mein Verderben. Ich empfinde es recht gut, daß sie mich um die Ruhe meines Gewissens, um die Achtung und Liebe guter Menschen und um dein Wohlgefallen, mein Vater, bringt. Doch, ob ich auch gesündigt habe, so habe ich doch einen Fürsprecher bei dir, Jesum Christum, der gerecht ist, und derselbe ist die Versöhnung für meine Sünde. Jesus ist mein Versöhner, denn er hat mich durch seine Belehrungen über deine gütigen Vatergeſinnungen von der Furcht vor dir befreiet und Vertrauen zu dir in meinem Herzen erweckt. Darum trete ich auch jezzt, wenn auch mit 5 65 Betrachtungen und Gebete tiefer Beschämung, doch auch mit freudiger Zuversicht vor deinen Gnadenthron, fürchte nicht von dir verstoßen, sondern hoffe, von dir gnädig angenommen zu werden. Verleihe mir Andacht, daß ich jetzt in deinem Heiligthume vereint mit meinen christlichen Brüdern und Schwestern meine Sünden vor dir bekenne, der du Herzen und Nieren prüfeſt, daß ich ermuthigt durch das Wort deines Sohnes: Sei getrost, deine Sünden sind dir vergeben, auf's Neue mir vornehme, dir und der Tugend mein ganzes Leben zu weihen. Gieb, daß die gegenwärtige Andachtsstunde für mich recht gesegnet sei, damit ich durch sie mich würdig auf die Feier des heiligen Abendmahls vorbereite. Amen. 66 XVI. Gebet, wenn man zum Beichtflußle freten will. So gehe ich denn hin, dir, o Gott, meine Sünden zu bekennen. Gieb mir lebhaft zu erkennen, daß ich nicht blos vor das Angesicht eines sterblichen Menschen, sondern vor dich, den Allwissenden, trete. Rühre, o guter Geist, bei diesem feierlichen Bekenntnisse mein Inneres, und gieb, daß meine Gedanken zu nach der Beichte. dir mögen erhoben sein, damit ich wahren und bleibenden Nutzen von dieser heiligen Handlung an meinem Herzen erfahre und von dir mit Trost und Ruhe erquickt zurückkehre. 67 Beschämt erkenn' und fühl' ich meine Sünden; Laß, Vater, mich Erbarmung vor dir finden. Willst du auf Schuld und Uebertretung sehen, Wer will bestehen? Bei dir allein, Herr, steht es, zu vergeben, Du willst nicht tödteu, nein, wir sollen leben; Uns soll die Größe deiner Liebe lehren, Dich treu zu ehren. Verzeihe mir, Herr, alle meine Fehler! Dein harret, Vater, meine müde Seele! Laß Trost und Ruh, um des Versöhners willen Mein Herz erfüllen! XVII. Gebet nach der Beichte. ,, Vater, ich habe gesündiget vor dir, und bin hinfort nicht werth, daß ich dein Sohn heißze!" So muß auch ich mit dem verlornen Sohne sprechen, wenn ich mir gleich sagen darf, nicht so tief gefallen zu sein als er. Ich habe dich, Höchster, von früher Jugend - Betrachtungen und Gebete an als Vater kennen gelernt, ich habe die Zeugnisse davon im Leben vielfach erfahren, ich kann und ſoll es wissen, daß ich überall vor deinem allsehenden Auge, vor deinem künftigen Gerichte wandle; ich denke mir das Glück, dein dir ähnliches und wohlgefälliges Kind zu heißen. Aber bin ich das wirklich, habe ich nicht dein Andenken bisweilen gescheut und einen kindlichen Sinn verleugnet? War ich dankbar für Wohlthaten und Segnungen, die ich von dir erhielt, oder habe ich vor der Zeit, mit ängſtlicher Ungenügsamkeit deine Gaben verlangt, die ich am Ende doch nicht würdig brauchte? Ja, wenn ich das heute bedenke, wenn ich darüber unverholen mit mir rede und mein Innerstes vor dir aufthue, dann kann ich es nicht bergen: ,, ich bin hinfort nicht werth, daß ich dein Kind noch heiße“. Mein Undank macht mich dessen unwerth, mein kindlicher Sinn ist durch Schuldgefühle verdrängt, die frommen Geister des Himmels trauern über meinen Fall. Ich habe auch sie betrübet und mich von ihnen entfernt! Ich habe die Seligkeit des Himmels verscherzt um flüchtige Güter dieser Erde: ,, ich habe gesündigt gegen dich und den Himmel." Nun, so will ich denn umkehren! Ich will 68 nach der Beichte. dir, meinem besten Vater folgen, um dein Kind zu heißen. Den feierlichsten Entschluß dazu habe ich vorhin in meinem Beichtgelübde gefaßt, den Führer dazu will ich in deinem Sohne, meinem Mittler, ehren, den Weg zu dir habe ich mit meinem Seelsorger besprochen, die Kraft dazu darf ich erwarten von der Gnade deiner Vaterliebe. O möchte mein Gebet dir wohlgefallen haben! Laß durch deine Hülfe meine Vorsätze beharrlich gelingen. Ich will nicht wanken noch ermüden auf dem Wege zu dir; ich will mir das Elend vorstellen, in das ich mich verirre durch Entfernung von dir. Auch habe ich heute die Versicherung deiner verzeihenden Gnade erhalten; ich würde die Verheißung davon zut nichte machen, ich würde ihre Bedingungen verkennen und mit ihrer Hoffnung mich täuschen, wenn ich mich dabei nicht mit besonderm Ernst befragen wollte: soll ich in der Sünde beharren, auf daß die Gnade desto mächtiger werde?" Heiliger Vater, das laß fern, fern von mir sein! Mein Prüfungsgeschäft, mein Besserungswerk laß weit hinaus gehen über die Schranken dieses einzigen Tages; Kraft und Nahrung laß es finden in der Seelenspeise deines Sohnes! Diese will ich ehrfurchtsvoll unterscheiden und - 69 Betrachtungen und Gebete empfangen; ihr mag ich mich nicht nahen zum Gericht. Daßlaßmich heute reiflich überlegen, denn von dir ergeht der Ruf, zu dem es uns nicht an Erleichterungsmitteln fehlt: ,, ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig!" Amen. XVIII. 70 Die Früchte der Buße. Wer möchte sagen, daß er der Buße nicht bedürfe! Wer hätte nicht beim Hinblick auf das vergangene Thun und Wandeln wehmüthige Veranlassung zu dem biblischen Ausrufe: Gott sei mir Sünder gnädig! Auch du, o Christ, der du heute fromm dein Leben betrachteſt siehe, du bedarfst der Bußze. Wohlan, sothue recht schaffene Buße. Nicht in heidnische Opfer und äußerliche schmerzliche Büßungen, nicht in Wallfahrten, Fasten und Klosterleben, wie die Söhne des düstern Mittelalters, auch nicht etwa in gedanken- und thatloses Berufen auf das Verdienst deines Mittlers Jesu Christi nicht darein setze deine Buße! Nein, mache nicht deinen Heiland, den Sündenreinen, der sich ein tugendreiches Volk zum Eigenthum reinigen wollte, zum schnöden Sündendiener und nimmer glaube, daß sein - — nach der Beichte. theures Blut allein schon ohne Lebens- und Sinnesänderung dich der Gnade Gottes theilhaftig mache. Der allheilige Gott will, daß wir nachjagen der Heiligung, ohne welche Niemand bestehen kann. Der göttliche Erlöser will, daß wir in seinen Fußstapfen einhergehen und seines Geistes voll werden. Unser eignes Herz drängt und treibt uns mächtig zur Umkehr vom Bösen und zur Verneuerung unseres Sinnes; nur darin findet's Trost und Frieden; nur dadurch fühlt sich's begnadigt bei Gott durch Jesum Christum, den theuern Erlöser. D'rum ſündige hinfort nicht mehr! D'rum mache dich auf und gehe zu deinem himmlischen Vater! D'rum tilge durch Rechtthun und heilige Werke die Flecken und die Schuld deines Lebens! Das ist die rechtschaffene, gottgefällige Buße. Solchen Bußfertigen öffnet der Vater seine Gnadenarme; ihnen ruft der Heiland gern zu: Dir sind deine Sünden vergeben; ihrer ist diesseits und jenseits das Himmelreich! XIX. - 71 Ein Chrift muß himmlisch werden. O Christ, erhebe Herz und Sinn! Was hängst du an der Erden? 72 Betrachtungen und Gebete Hinauf, schwing dich zum Himmel hin! Ein Christ muß himmlisch werden. Was bist du in der Welt? Ein Gast, Ein Fremdling und ein Wandrer; Wann kurz du ausgehalten hast, So erbt dein Gut ein And'rer. Was hat die Welt, was beut sie an? Nur Tand und eitle Dinge; Wer einen Himmel hoffen kann, Der hält die Welt geringe. Wer Gott erkennt, kann der wohl noch Den Sinn auf's Niedre lenken? Wer Jesum kennt, der denket hoch: So müssen Christen denken. Sieh, Christ, nie sorgend unter dich, Wann dich die Leiden drücken; Sieh gläubig in die Höh' und sprich: Der Herr wird mich erquicken: Dort oben ist des Friedens Haus; Gott theilt zum Gnadenlohne Den Ueberwindern Kronen aus; Kämpf' auch um Ruh und Krone! Dort ist's den Engeln süße Pflicht, Gott Preis und Dank zu bringen: nach der Beichte. O Seele, sehnest du dich nicht, Mit Engeln Lob zu singen? Dort herrscht ein Heiland, Gottes Sohn, Und nach dem Kampf auf Erden Sollst du vor seinem Gnadenthron Von ihm gekrönet werden. Hilf, Jesu, daß ich für und für Den Geist zu dir erhebe, 73 Und daß ich jetzt und ewig dir Anhänge, diene, lebe! XX. Abendgebet am Beichttage. Wenn ich jemals am Abend eines Tages Ursache gehabt habe, dich, o du guter Gott und Vater! für deine Güte demüthig zu preisen, so fühle ich mich besonders heute dazu ermuntert. Dank sei dir, daß du diesen Tag mir so nützlich für meine Seele gemacht haſt. Dank sei dir für alle die guten Rührungen und Vorsätze, die du heute durch dein Wort in mir gewecket und befestiget hast. Dank ſei dir für die neuen wiederholten Versicherungen deiner Gnade, die du mir an diesem Tage durch den Vertrauten meines Chriſtenthums und meines Seelenzustandes hast an's Herz Betrachtungen und Gebete legen lassen. O wie froh bin ich, daß ich dich als einen gnädigen Vater kenne, der Gnade vor Recht ergehen läßt, und der auch mir, um Christi, meines Erlösers, willen, Vergebung meiner bisherigen Sünden verkündigen ließ. Dankbar muß ich ausrufen: Wie sich ein Vater über seine Kinder erbarmet, so hat sich Gott über mich erbarmet. Nun ist mir nicht mehr um Trost bange, denn ich bin begnadigt, ich stehe mit Gott in Frieden. Gern möchte ich nun zeigen, daß du deine Gnade, o Gott, nicht einem Unwürdigen erwiesen hast: gern möchte ich Beweise meiner Dankbarkeit gegen dich öffentlich geben. Doch da ich dir nichts vergelten kann, will ich wenigstens mein heut' abgelegtes feierliches Versprechen redlich halten, meinen Sünden gänzlich entsagen und mich hüten, daß ich nicht wieder sündige. Von nun an will ich mich als ein Eigenthum Jesu, meines Herrn, betrachten, und immer so leben, denken und handeln, daß ich mich zu seinen Freunden zählen darf, die gerne thun, was er geboten hat. Schenke mir Luſt und Kraft, diesen redlichen Vorsatz auszuführen; ziehe deine Hand nicht von mir ab, denn ich bedarf viel Gnade, viel Leitung und Aufmunterung zur Führung meiner Seele. 74 vor dem heiligen Abendmahl. Mit der süßen Versicherung deiner Vaterliebe will ich mich nun zur Ruhe niederlegen, und wenn deine Güte mir mein Leben friſtet, wenn ich am morgenden Tage gesund wieder erwache, so laß mich das Gedächtnißmahl Jeſu mit christlicher Freude genießzen, recht lebhaft empfinden, wie selig ich als Christ in dieser und jener Welt werden kann. Erhöre mich um Jesu, meines Fürsprechers, willen. Amen. XXI. Morgengebet am Communiontage. Die Andacht führt uns heute Hin zum Altar und streut Auf ihre Wege Freude, Die ihr der Glaube beut, Der uns mit seiner sanften Hand Zu einem Geist und Leib verband. So leit' uns vom Altare, Du holde Führerin, Durch alle Lebensjahre Zum höhern Tempel hin, Wohin der Glaube heiter blickt. Bis ihn sein Geist der Welt entrückt. 75 So oft uns deine Sonne zur neuen Thätigkeit weckt, Vater der Menschen, blicken wir 76 Betrachtungen und Gebete auf zu dir mit Dank und Rührung! Geſtärkt durch jene weisen Einrichtungen der Natur, die das Werk deiner Güte sind, folgen wir freudig dem Aufruf zur segnenden Wirksamkeit. Wir zählen nur wenige Stunden bis zur Wiederkehr der nächtlichen Ruhe; und doch, wie vieles können wir in diesem kleinen Zeitraume vollbringen! Durchleben wir sie treu unserm großen Berufe, sammeln wir in ihnen neue Einsichten und höhere Fertigkeit im Guten, wirken wir zum Segen der Welt, dann sehen wir uns am Abend heiter dem großen Ziele unsers irdischen Lebens näher. Von dir kommt die Kraft, die der Pilger bedarf, seine Reise segnend zu vollenden. Du schützest unsere Ruhe, darum blicken wir bei jedem Erwachen dankend auf zu dir. Du riefst uns auf die Bahn des Wirkens, darum beginnen wir sie fröhlich. Sinkt dann der Abend herab, so enden wir mit heiterem Andenken an dich, Allgegenwärtiger, unser Tagewerk; sinkt einst die Sonne unsers Lebens, dann treten wir mit heiterer Ruhe ab von dieser Erde. Dort geht dem Vollendeten ein schöner Morgen auf! Doch mit noch feurigerem Danke beten wir zu dir, Vater, an diesem feierlichen Morgen; mit reuiger Erwartung sehen wir vor dem heiligen Abendmahl. dem Tage entgegen, den er herauf führt. Er sei uns festlich und heilig! Wir ahnen seinen Segen, den Segen des ruhigeren Nachdenkens, der höhern Andacht, der heiligen Rührung. Freier von den Sorgen des Lebens, empfänglicher durch Stille und Ruhe für den Eindruck des Großen und Heiligen, ſammeln wir heute neue Kraft zum Ringen nach Wahrheit und Tugend, zur Beharrlichkeit im Guten, zur reineren Liebe, zur treueren Vollbringung unsers Werks auf der Erde. Ach, daß unsere große Hoffnung uns nicht täusche! Du siehst mit Wohlgefallen, Allheiliger, wie mächtig sie in unsern Herzen lebt: Heil uns, wenn ihre Erfüllung uns beseligt! Diese nahende Stunde heiliger Andacht- Gott, sie entreiße uns dem Irdischen, sie erhebe uns zu dir, sie senke höhere Ruhe in unsere Seelen: Es läutere in ihr sich unser Sinn für Wahrheit, es reinige und veredle sich unsere Liebe zum Guten, es ruhe auf uns der Segen deiner heiligen Verehrung! Wirfassen ernste Entschließungen, wir geloben dir standhaften Tugendeifer und aufopfernde Treue. Es fließe uns Kraft zu ihrer Erfüllung aus der würdigen Feier dieses festlichen Tages. Wir weihen ihn dem Andenken an den Erhabenen, den du uns sandest: Wir 77 Betrachtungen und Gebete danken dir, der du sein großes Werk gedeihen ließest; wir huldigen an seinem Grabe der Tugend; wir schwören hier, der Wahrheit und der Liebe unser Herz zu weihen; wir geloben dir Vertrauen und Muth; wir sammeln aus der Erinnerung an den großen Dulder Entschlossenheit für die Tage der Leiden; wir stärken uns durch den Hinblick auf sein ruhiges Ende zur heitern Erwartung der ernsten Trennungsstunde. Erhöre uns, Vater, und segne unsere Gelübde! Wir bitten dich nicht um irdische Güter, wir überlassen freudig unsere Schicksale deiner weisen Leitung, wir wollen findlich deinem heiligen Willen folgen und dich dankend verehren, auch wenn Leiden unser Loos sind. Aber nach dem theuersten Segen für den Menschen, den du zur Unsterblichkeit schufst, nach einem reinen, dir geweihten Herzen, nach Kraft zur Vollbringung des Guten, nach Zuversicht und freudiger Hoffnung verlangen wir. Daß wir des Weges zum großen Ziele unserer Bestimmung nicht verfehlen, daß der Hinblick auf dasselbe uns im Emporstreben stärke, daß wir Allem entsagen, was unsere Würde entweiht, daß wir uns immer mehr entreißen dem Einflusse des Wahns und der Sünde, daß wir uns erheben zur herrlichen 78 vor dem heiligen Abendmahl. Freiheit des Geistes durch diese, dir gefällige Sehnsucht heiligen wir uns zur Gedächtnißfeier deines Geliebten. Segne sie, Vater der Menschen, daß sie uns stärkend sei für Geist und Herz, daß reine Andacht uns durchglühe, daß wir noch in der Ewigkeit uns dieser seligen Stunde freuen mögen. XXII. Nachdenken über das heilige Abendmahl. 79 So will ich denn heute an das Kreuz meines Erlösers hintreten, mir vorstellen, was er für mich gelitten, unter wie bittern Schmähungen und entsetzlichen Marterner sein Leben für mich und alle Menschen aufgeopfert hat. Es hat zwar zu keiner Zeit an edeln Menschen gefehlt, die für Tugend und Wahrheit viel gewagt, ja! dafür selbst ihr Leben aufgeopfert haben, so gering auch die Zahl dieser Edelmüthigen sein möge. Aber kein Einziger unter Allen, die jemals auf Erden lebten, hat so unschuldig gelitten, und dann durch seinen Tode so unendlich viel Gutes bewirkt, als mein Erlöser. Nicht nur ganz rein, ganz unschuldig war er, sondern auch der größte Wohlthäter des menschlichen Ge Betrachtungen und Gebete - wie schlechtes, der höchste Gesandte an daſselbe, den, als den Sohn seines Wohlgefallens, der himmlische fürsorgende Vater auf der Erde erscheinen ließ, als die rechte Zeit dazu gekommen war, um die Völker, die in der Finſterniß der Unwissenheit, des Irrthums und der Sünde saßen, zu erleuchten, die Verlorenen zu suchen und zu retten, die Betrübten zu erfreuen, allen Menschen den Weg zum ewigen, himmlischen Glück zu weisen und zu bahnen, und ihnen als treuer, richtiger Führer voranzuleuchten. Aber wie ach! es ist schrecklich zu denken und zu sagen, undankbar, grausam, boshaft wurde dieser höchste Wohlthäter behandelt! Neidische, gottlose Feinde hatten ihn schon längst verfolgt, seine wohlthätigen Bemühungen verlästert, und das Gute, das er stiften wollte, zuvereiteln gestrebt. Sie ruheten und rafteten nicht, bis sie den Tugendhaftesten, gleich dem strafbarſten Missethäter, an das Kreuz gebracht hatten, obgleich seine Unschuld selbst dem ungerechten, heidnischen Richter in die Augen leuchtete. Er wurde verspottet, verlacht, gescholten, in das Angesicht geschlagen. Alles trug er mit Geduld. Der große Gedanke, daß er dem menschlichen Geschlechte zu gute, nach dem weisen Rathe seines himmlischen Vaters 80 - - vor dem heiligen Abendmahl. dieses Alles litte, erheiterte und stärkte ſeine Seele. Ach, welches Erstaunen, welche Bewunderung würde mich erfüllt haben, wenn ich dich, du ewiger Mittler, gesehen hätte, wie du so schuldlos, so still und gelassen Leiden erduldetest, die sonst nur der Sünder Lohn sind; wie deine Seele trauerte und zagte; wie auf dein Haupt eine Dornenkrone gedrückt und dein Leib mit Geißzeln zerfleischt wurde; wie du selbst den schweren Pfahl, an welchem du dein theures Leben aufopfern solltest, zur Gerichtsstätte trugest; wie deine Hände und Füße mit Nägeln durchbohrt wurden, und wie du endlich an das Kreuz geschlagen, vor dem Angesichte einer großen Schaar von Menschen unter den heftigen Schmerzen, auch da noch von deinen Feinden verspottet den Geist aufgabst!- Mit wie inniger Wehmuth, mit welcher Beschämung, mit welchen Empfindungen des Dankes würde ich vor deinem Kreuze gestanden haben, wenn ich mir vorgestellt hätte, daß du schon damals, wie noch immer jetzt, liebevoll und hilfreich an mich gedacht hätteſt, und mir, wie allen Denen, die an dich glauben und dir gehorsam werden, der Urheber der ewigen Seligkeit geworden wärest! Aber mit solchen Empfindungen blickte man damals nicht nach dir auf, als du am Kreuze 6 Univ.- Bibl. Giessen 81 - Betrachtungen und Gebete litteſt und starbst!- Die Zuschauer deiner Marter waren entweder ruchlose Sünder, die dich lästerten, oder weiche Seelen, die dich bedauerten, ohne den Zweck deiner Leiden zu wissen. Und doch wurdest du der Retter und Wohlthäter vieler Tausende, in Stunden, wo Niemand deine Größe erkannte, daß du durch deinen Tod der Welt das Leben bringen würdest. Es war dir genug daß dir selbst und dem gnadenreichen, weisen, himmlischen Vater deine Unschuld und wohlthätige Absicht bekannt war. D! aus innigster Liebe zu unserm Heil ließest du alles Schreckliche über dich ergehen, bis du dann mit dem letzten Hauche sprechen konntest: Es ist vollbracht! 82 Aber nach deiner Auferstehung, deiner Himmelfahrt, deiner Erhebung auf den Thron des Himmels wurde deine Ehre gerettet und nun dein Name herrlich in allen Landen. Denn nunmehr wissen alle deine treuen Bekenner, welchen Segen du durch deinen Tod in die Welt gebracht hast, welche Seligfeiten wir uns von dir zu versprechen haben! Darüber will ich jetzt nachdenken! Dafür will ich dich mit gerührter Seele preisen! Das Alles will ich meinem Gedächtniß und Herzen so einprägen, daß ich beständigen Trost und kräftige Ermunterung vor dem heiligen Abendmahl. zum freudigsten Gehorsam daraus schöpfen kann! 83 Ich will dein Leiden, o Jesu, betrachten zu meinem Trost. Auch ich bin ein Sünder; ich habe Strafe verdient. Bei meinem eifrigsten Beſtreben, immer tugendhafter zu werden, finde ich dennoch fortwährend an mir viele Mängelundunvollkommenheiten, die mir bittern und gerechten Summer verursachen. So lange ich lebe, werde ich noch Schwachheiten unterworfen sein und es nie in dieſem Leben so weit bringen, wie ich wünsche. Wenn ich in die Jahre meiner Kindheit und Jugend mit meinen Gedanken zurückgehe, wenn ich mich an Vergehungen erinnere, die der Welt unbekannt geblieben und nur Gott und meinem Gewissen offenbar sind, so erröthe ich vor mir selbst und fühle, wie wenig Anspruch ich auf Gottes Wohlgefallen und auf ewiges Glück zu machen hätte, wenn ich mich auf nichts Anderes, als auf meine eigenen Verdienste berufen könnte. Aber du, mein Heiland, haft für meine Beruhigung auf das Liebreichste gesorgt. Du hast gelitten und getragen, was sonst noch mich und alle andern Sünder treffen müßte. Alles, was nur Feinde der Wahrheit und der Tugend zu leiden verdienen, Verachtung, Hohn, Beschimpfung, 5* Betrachtungen und Gebete Marter, Seelenangst, Todeskampf, alles Bitterste hast du, o Unschuldigster und Heiligster, gelitten. Du hast es erduldet aus innigster, zärtlichster, unbegrenzterLiebezu unsermHeil, nämlich mit Gott, dem gnadenreichen Vater uns auszusöhnen, uns den Trost der Vergebung der Sünden zu erwerben, und so unsere bangen Gemüther aufzurichten. Dieſen großen Trost nehme ich denn mit herzlichem Verlangen und Danke an. So gewiß ich an deinem Tische des Abendmahls das heilige Brod esse und den heiligen Wein trinke, so gewiß habe ich Theil an dir, an dem Opfer, das du für mich und für Alle, welche Reue, Buße und Besserung zeigen, dargebracht haſt an deinem Leibe, der auch für mich gebrochen worden ist, und an dem Blute, welches du auch für mich vergossen hast. Kann ich eine stärkereVersicherung verlangen und wünschen? So will ich denn zwar aus Liebe zu dir und zu meinem eigenen Besten jede Sünde wie eine Pest fliehen und meiden, will mein Möglichstes thun, immer tugendhafter und besser zu werden. Aber ich will bei dem traurigen Gefühl meiner noch immer fortdauernden Schwachheiten und Mängel nicht verzagen, sondern in Demuth und Glauben auf dein Verdienst mein Vertrauen setzen, und von 84 vor dem heiligen Abendmahl. dir und durch dich Alles, was mir noch fehlt, mit getrostem Herzen erwarten. Du hast Alles, was dir zu leiden auferlegt war, geduldig gelitten, und bist deinem himmlischen Vater gehorsam gewesen bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Auch ich will nach deinem erhabenen Beispiele nun geduldig leiden, was mir mein Gott nach ſeinem immerdar weisen und liebevollen Rathschluß noch zu leiden anferlegen wird. Alles, was ich hier dulden kann, es ist doch nur ein Geringes gegen das was du, mein Erlöfer, erduldet hast. Alles was mir jetzt auch noch so schrecklich zu sein scheinen mag, das wird doch einmal mir oder meinen Nebenmenschen zum Besten dienen müssen, wenn ich es nur recht anwende. Wie wäre ich würdig, dein Verehrer, dein Jünger und Nachfolger zu heißen, wenn ich in Widerwärtigkeiten ungeduldig sein, oder in Tribsalen je mich mit Schwermuth und bangen Zweifeln wegen der Zukunft martern wollte? Aus Liebe zu dir, deinem Wort und Muster und Verdienst, o mein Erlöser, will ich meinen sinnlichen Begierden durch Gebet und Kampf widerstehen; ich will alle Kraft unermüdlich aufbieten, dir in deiner Unschuld, Reinigkeit, Demuth und Verläugnung 85 86 Betrachtungen und Gebete des Irdischen so nahe zu kommen, wie mir in diesem Stande der Unvollkommenheit nur irgend möglich ist. Wie sollte ich wollüstigen, unkeuschen Begierden nachhängen, da du, o mein Heiland, so unaussprechliche Schmerzen erduldet hast, um mich von der Herrschaft der bösen Hitze zu befreien? Wie sollte ich mich dem Stolz und Hochmuth ergeben, da du so demüthig warest?Wie sollte ich mich über unbillige Ehrenkränkungen oder Beschimpfungen zu sehr beunruhigen, da du, o König der Ehren, gleich dem abscheulichsten Missethäter behandelt worden bist?- Wie sollte ich mich an zeitliche Reichthümer oder an irgend eine Art vergänglicher Güter hängen, da du so arm warest, daß du auch nicht einmal hattest dein Haupt sanft zu legen, und von allen deinen Kleidern entblößet am Kreuze erblichst? Du bist in den Tod gegangen für alle Menschen, o anbetungswürdiger, menschenfreundlichster Erlöser! für die Allergeringsten und Verachtetsten eben so wohl, wie für die Vornehmsten und Mächtigsten der Erde. Ach! möchte dein liebreicher, menschenfreundlicher Sinn mich zu ähnlichen Gesinnungen immer mehr erwecken! Heute, heute will ich mir es denn auf's Neue tief einprägen, daß - vor dem heiligen Abendmahl. ich dein echter Bekenner unmöglich heißen kann, wenn ich mich nicht redlich bestrebe, deinem erhabensten Beispiele nachzuahmen, oder wenn ich mir einbilde, es sei irgend ein Mensch in der Welt zu gering, als daß ich mich zur aufrichtigen Liebe gegen ihn und zu thätigen Dienstleistungen für ihn herunterlaſsen dürfte. In meinem Stande und Berufe, in meinem täglichen Verhalten gegen die Meinigen und Alle, mit denen ich zu thun habe, will ich es beweisen, daß ich dein Jünger sei. Mit meinen Gaben, sie seien groß oder gering, zu dienen, und mit Rath und That, ohne Eigennutz beizustehen, und wo ich kann, Betrübte zu trösten, Dürftige zu erquicken, das soll meine größte Freude sein! 87 Auch meinen ärgsten Feinden und Beleidigern will ich mit Liebe begegnen, will zur Beförderung ihrer wahren Wohlfahrt beitragen, so viel ich nur immer kann. Die Ehrenkränkungen und Beleidigungen, die dir deine Feinde zufügten, waren ja doch gewiß ungleich größer und entsetzlicher, als Alles, was mir meine ärgsten Feinde jemals gethan haben, oder noch thun könnten. Du hast deinen boshaften Verfolgern so ganz innig verziehen, daß du noch sterbend batest: ,, Vater vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was 88 Betrachtungen und Gebete sie an mir thun!" Und ich, der ich ſelbst noch so viele Fehler an mir habe, sollte irgend einem meiner Beleidiger hassen? Ich sollte mich so weit vergehen, ihm Böses zu wünschen, oder ihm wirklich mit Vorsatz und Wissen auf irgend eine Art Böses zuzufügen? Fern sei von mir ein so abscheuliches Vergehen! Groll und Feindschaft, Neid und Schadenfreude, Stolz und Rachsucht seien auf immer aus meinem Herzen verbannt. Dein Geist der Liebe, Geduld, Sanftmuth und Versöhnlichkeit erfülle meine ganze Seele! Lieber will ich alles Unrecht still und gelassen ertragen, als daß ich meinem Nächsten mit bösen Willen ein Leid zufügen sollte. - Den sanften, liebevollen Sinn, Daß ich ein Freund der Feinde bin, Flöß', Herr, in meine Seele; Gieb, daß bei der Verfolgung Schmerz Ich dir des Feindes hartes Herz Und meine Sach' empfehle. Besänftige mein heißes Blut! Und flammt des Zornes wilde Gluth Mein Herz zur Rachbegierde an, Ach! so erinn're mich daran, Herr Jesu Christ, Wie du am Kreuz durch dein Gebet Selbst deinen Mörder Gnad' erfleht. vor dem heiligen Abendmahl. XXIII. 89 Erweckung zur frommen Freude bei dem Genusſe des Abendmahls. Zu einer Todesfeier schicke ich mich an, das Ende des Gerechten soll ich bedenken, wenn ich zum Altare gehe, das Abendmahl zu genießen. Die Bitterkeit seiner Leiden, die Härte seiner Schmach, die Ursach' seines Todes und was in meinem Verhalten den Sünden ähnlich war, die ihn an's Kreuz brachten, das Alles stimmt mich zu tiefer und gerechter Trauer. Dennoch mischt sich in den Schmerz, der jedes mitfühlende Gemüth bei dem Andenken an den Tod Jesu ergreift, eine Empfindung, die über jedes irdische Leid erhebt; dennoch mildert den Ernst meiner Andacht am Tische des Herrn. eine reine heilige Freude, die jede Luſt dieser Welt unendlich überwiegt. Denn soll ich mich nicht freuen, wenn ich die Größe der Liebe bedenke, mit der Gott den eingebornen Sohn dahin gab in den Tod für die Sünden der Welt, der Liebe, mit der mein Heiland sein Leben ließ, um mich vom Verderben zu erretten? Soll ich mich nicht freuen, wenn ich die Betrachtungen und Gebete unaussprechlichen Segnungen erwäge, die dieser Tod dem ganzen Menschengeschlechte gebracht hat und bringen wird bis an das Ende der Tage? Soll ich mich nicht freuen, wenn ich die Fülle des Heils, das er auch mir erwarb, die Vorzüge, die ich durch ihn genieße, das Ziel, dem er mich zuführt, in's Auge fasse? Und meines Herrn, der durch Leiden des Todes mit Preis und Ehren gekrönt worden und zu der ewigen Herrlichkeit eingegangen ist, die er einst mit mir theilen will; des Bürgen meiner Seligkeit sollte ich mich nicht freuen, nicht mit Entzücken die Unterpfänder meines Heils und meiner Gemeinschaft mit ihm in seinem Leibe und Blute empfangen? 90 Ja, ganz will ich mich heute dieser frommen Freude überlassen, öffentlich bezeugen will ich, wie hoch ich das Glück schätze, ein Christ, ein Erlöseter Jesu zu sein. Und erwärmt mich dabei die heilige Empfindung der Gegenliebe gegen Gott und meinen Erlöser, so werde ich ihm auch danken wollen durch Gehorsam gegen seine Gebote, durch freudiges Fortschreiten auf der Bahn seiner Nachfolge, durch strenge Enthaltung von Allem, was ihm mißfallen würde. So komme ich wirklich in die Gemein vor dem heiligen Abendmahl. schaft seines Geistes und seiner Gesinnungen, so werde ich schon jetzt der Seligkeit gewiß, in der ich ihn einst sehen und mich seiner freuen werde mit heiliger unaussprechlicher Freude, die Niemand von mir nehmen kann. 91 XXIV. Segen der Erinnerung an dielekten Stunden edler Entschlafener. Eine heilige Feier hat hier fromme Menschen versammelt, Dankbarkeit den andachtsvollen Kreis gebildet, in den ich jetzt mit Rührung eintrat. Diese Stunde ist der erhebenden Erinnerung an einen großen Vollendeten geweiht. Heilige Entschließungen müssen sie in unserm Leben bezeichnen, ihr Segen für Geist und Herz uns einst noch beim Rückblicke auf die vollbrachte Bahn mit Dank und Freude erfüllen. Ruhe sei mit uns und heilige Stille! Wir wandeln gleichsam unter den Entschlafenen. Wir weilen am Grabe des göttlichen Mannes, der die Menschheit durch sein thatenvolles Leben ehrte, der Weisheit, Frieden und Hoffnung auf die Erde brachte, am Grabe unsers Wohlthäters, Freundes und Lehrers. Wir feiern, indem wir sein Andenken ehren, das — Betrachtungen und Gebete Fest der Tugend und der Liebe; wir blicken auf ihn, und sammeln aus diesem Hinblicke Muth und Stärke; wir schwören ihm treuen Gehorsam und preisen dadurch Gott, der ihn uns sandte; wir sehen ihn mit ruhiger Größe scheiden, und unter milden Bildern erscheint uns die Stunde des Entschlafens. So wirkt denn jetzt noch sein Geist auf uns; so sind wir recht eigentlich hier in seinem Namen versammelt, und diese beseligende Wirkung seiner Lehren und Thaten auf uns, diese erhöhte Empfänglichkeit für den Eindruck seines herrlichen Beispiels, diese Veredlung unserer Herzen durch das Andenken an seine Größe, ist die würdigste Feier seines Todes; die heißeste Dankbarkeit und Liebe können uns zu keiner würdigeren leiten! 92 Welche Betrachtungen, welche Gefühle drängen sich uns auf beim Hinblicke auf die letzten Stunden eines edlen Entschlafenen! Es erfüllt mit wehmuthsvollen und freudigen Empfindungen, es versetzt in eine religiöse, heilige Stimmung, es erzeugt einen Eindruck, der lange segnend fortwirkt, den Mann von großer Seele im Vorgefühle des Himmels entschlummern zu sehen! Die Ergebung, mit welcher er sein Ende nahen sieht, die Ruhe, mit welcher er der Entscheidungsstunde ent vor dem heiligen Abendmahl. 93 gegen lächelt, die Hoffnungen, mit welcher er in die Gefilde der Unsterblichkeit schauet, sind nicht die Furcht der Augenblicke, die er jetzt durchlebt: sie sind die köstlichsten Früchte einer frühern Aussaat des Guten, der Lohn einer edeln durchlebten Vergangenheit, die Ernte der Wahrheit und Tugend. Sein ganzes Leben mußte dazu dienen, ihm Ruhe am Grabe zu bereiten! es ist derselbe Geist der Größe, mit der er einst handelte, mit der er jetzt scheidet, derselbe Geist der Ergebung, mit der er jetzt im Tode dem Willen des Allheiligen folgt. Diesen Geiſt aufzufassen, und ist es erreichbar ihn ganz sich eigen zu machen, ist nun Geschäft und Entschließung des Schülers am Grabe seines großen Lehrers, seines Vaters und Freundes. Hier sieht er die Lehren bewährt, die jener ertheilte, sein Thun gerechtfertigt, ſeinen Glauben versiegelt, seine Hoffnung gekrönt, kehrt ſo im Geiste immer wieder zurück zur Sterbestunde des Entschlafenen, und schöpft aus diesem Hinblicke, aus dieser Todesfeier belebende Kraft zum Guten, erhebenden Muth und Stärkung des Glaubens. So wirke denn auch jetzt dein Geist auf uns, großer Vollendeter! So ihn uns eigen zu machen, streben wir empor. So feiern Betrachtungen und Gebete wir jetzt das Fest deines siegenden Entschlummerns. Wir weilen nicht bei dem Kleinlichen; wir ringen nach der Seligkeit, deine Größe zu erkennen, deinen herrlichen Plan zu fassen, und für die Vollführung desselben mit fester Treue zu wirken. Wahrheit und Tugend, Ruhe und Hoffnung, Glauben an Gott und ein ewiges Leben wolltest du verbreiten. Für diesen großen Zweck wirktest du, littest du, starbst du. Für ihn zu wirken, - fordert es die Pflicht zu dulden und im Vertranen auf die ewige Weisheit, die Alles zur Vollendung leitet, zu sterben das geloben wir dir feierlich am Feste deines Todes. Wir wollen immer mit Ehrfurcht hinschauen auf dich! wie du durch dein Leben die Würde der Tugend verherlichtest; wie du ihre Gesetze so heilig verehrteſt, ſo treu erfüllteſt; wie du mit seltener Größe so einzig für den Zweck Gottes, für die Aufklärung und Beseligung der Menschen lebtest; wie du als Menschenfreund auch auf die geringern Bedürfnisse deiner Briider sahest; wie du mit Hoheit und Milde, mit warmer Theilnahme und Freundessorgfalt unter ihnen wandeltest; wie du mit Allgewalt auf ihre Herzen wirkteſt, die Kraft der Wahrheit durch deine mächtige 94 - vor dem heiligen Abendmahl. Lehre verherrlichtest, und uns zur Stärkung zeigtest, was der Mensch vermag, den ernſtliches Wollen, Pflichtgefühl, Muth und Religion beseelen. Wir wollen von dir lernen, unverrückt hinzublicken auf unser großes Ziel, und alle unsre Wünsche, unser ganzes Streben und jede Kraftäußerung hinzurichten auf das große Eine, auf reinere Tugend. Wir wollen keine Mühe, kein Opfer scheuen, das Pflicht und Menschenglück fordert. Wenn unsere Neigung widerstreitet, wenn Sinnlichkeit uns täuschen und unser Herz wanken will dann soll das Aufsehen auf dich, Erhabener, uns stärken, dann sollen deine Treue, dein Sieg uns erheben, und weinend auch wollen wir dem höheren Rufe der Tugend folgen. Du hast viel geduldet; wenn auch wir die Bahn der Thränen wandeln müssen, wenn unsere Hoffnung wankt, wenn wir die Schickungen des Ewigen nicht begreifen- dann senke sich in unsere Herzen der Glaube, der dich stärke; dann blicken wir auf dich und zagen nicht; dann blicken wir ergebend an den Unerforschlichen; dann harren wir der lichten Periode der Entwickelung seiner heiligen Absichten, der Offenbarung seines gnädigen Willens. Und wenn wir einst am Ziele der irdischen Voll95 Betrachtungen und Gebete endung stehen, dann sei mit uns die Ergebung, die am Scheidewege in deinem Herzen lebte, dann lächle nns dein Friede wir wollen ihn auf deinem Pfade erringen!- dann stärke uns der Geber der Unsterblichkeit zu jener heiligen Ruhe, mit der du einst schliefst! Ja, wenn wir einst im Tod zu dir hinüber schlummern, 96 Dann laß uns ohne Schaudern das Thal der Gräber grüßen! Laß uns zu dir, Vollendeter, durch Tod und Leben dringen! Wer kämpft und ringt und siegt, empfängt des Lebens Krone! So wirke dein Geist auf uns! So wirke er fort bis an das Ende der Tage! So bringe der Saame, den du einst streuteſt, noch späte, herrliche Früchte! So bezeuge die heilige Stunde, die wir jetzt, geweiht dem dankvollen Andenken an dich, so segnend für Geist und Herz durchleben, die Würde des Menschen, der durch treuen Kraftgebrauch noch auf die späte Nachwelt zu wirken vermag!- Wir beten Gott an, der diese Kraft uns verlich, wir verehren im Staube den, unter dessen Leitung das Gute gedeiht, die Wahrheit sich erhält und vor dem heiligen Abendmahl. verbreitet, die Tugend siegt. Wir lobsingen dir, der du zum seligen Gefühl jener Würde uns erhobst; wir ringen nach ihrem immer reineren Bewußtsein, wir danken dir, Vollendeter, dessen Beispiel uns hierin stärkt. Alles, was wir beginnen, führe uns hin zur veredelten Tugend, zur reinen Liebe, zum freudigen Glauben an den Allvater, zum heiligen Hinblick in die Gefilde der Unsterblichkeit. Dann blicken wir heiter zu dir auf; dann denken wir an dich mit vorwurfsfreiem Herzen, dann bist du mitten unter uns. 97 Gott, wir sind dein! O sei auch jetzt mit uns. Wir erneuern in dieser heiligen Stunde die Gelübde des Glaubens und der Tugend. Wir schwören Treue der Wahrheit, die Jesus Christus lehrte; wir geloben dir standhaftes muthiges Ringen nach Veredlung; wir geloben allen unsern Brüdern reine thätige Liebe; wir weihen uns auf's Neue dem Dienste der Tugend und der Menschheit. Mit dieser ernsten Entschließung feiern wir das Todesfest des großen Vollendeten. Sie mache uns diese Stunde ewig unvergeßlich. Noch am Grabe denken wir dann ihrer, und danken ihm, dem großen Lehrer, für den Segen des Mahls der Tugend und der Liebe! 7 Betrachtungen und Gebete XXV. Der Tisch des Herrn. Setzet euch im Geist an den Tisch, um welchen Jesus mit seinen Jüngern sitzt( ihr seid alle seine Jünger) und hört ihn sprechen: Mich hat herzlich verlanget, dies Oſterlamm mit euch zu essen, ehe denn ich leide. Sezzet euch, nehmet hin und esset das Brod, von welchem er spricht: ,, Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird!" nehmet hin und trinket aus den Kelch, den er euch darreicht mit den Worten: ,, Das ist mein Blut, das für euch vergossen wird!" Er will nun hingehen und sterben für die Menschheit. Sahet ihr je einen Freund weggehen und wußtet, er käme nicht wieder? Hier ist mehr als Freund! Sahet ihr je einen Unschuldigen in die Hände der Bösen fallen? Hier ist mehr als Unschuld, hier ist die größte Tugend und Heiligkeit! Sahet ihr je einen Vater sterben, um dessen Todtenbett die nun verlassenen Kinder weineten? Hier ist mehr als der Vater einer Familie, hier ist der Erlöser der Welt! Wenn mit ihm ihr zu Tische sitzt, bei dem letzten Mahle, sollte da nicht eine Thräne euch in die Augen treten, daß er so weggeht? ein tiefes Schweigen die ganze Ge98 vor dem heiligen Abendmahl. sellschaft beherrschen, daß einen solchen Rathschluß er fassete? und allein die wehmüthige Bitte laut werden: ,, Ach, bleib' bei uns, Herr Jesu Christ?" Er ist gegangen und doch geblieben und geht nicht wieder weg. Er hat auf's Neue den Tisch bereitet, der Tisch wird nimmer leer. Er hat geladen Alle, die ihn lieben und bei dem Namen Jesu sich beugen. Er giebt das Beste, sich selbst, auf daß er unser werde und wir sein werden in geistiger Vereinigung durch das himmlische Mahl! 99 Wer sollte nicht gerne kommen! Denn wer kann so freundlich laden wie Jesus! Viele Tausende sind gekommen auf sein Wort: ,, Kommet her zu mir, die ihr mithselig und beladen seid, ich will euch erquicken!" Und wer theilet solche große Gaben mit? Sage mir, was du suchest, ich will dir zeigen, daß du es findest hier, Licht, Kraft, Trost, was und so viel du dessen begehreſt. XXVI. Hier bin ich, o Jesu! Hier bin ich, o Jesu, zu erfüllen, Was du in deiner Leidensnacht Nach deinem gnadenvollen Willen 7* Betrachtungen und Gebete Zur Pflicht und Wohlthat mir gemacht. Verleih' zur Uebung dieser Pflicht Mir deines Geistes Kraft und Licht. 100 Bewundernd denk' ich an die Liebe, Mit der du unser Heil bedacht; Wie stark sind deines Mitleids Triebe, Die dich bis an das Kreuz gebracht! O, gieb von deinem Todesschmerz Jetzt neuen Eindruck in mein Herz! Nie will ich mich des Mahles schämen, Das, Jesu, deine Liebe preis't, Will frohen Herzens Antheil nehmen, Wo man Verehrung dir erweis't. Den heil'gen Eifer flöß' mir ein, Ein Zeuge deiner Huld zu sein. Es werde dann für mein Gewissen Dein Mahl ein tröstend Unterpfand, Daß ich, der Sündenschuld entrissen, Durch dich bei Gott Vergebung fand; So freuet meine Seele sich In deinem Heil und preiset dich. Doch laß mich auch die Sünde scheuen, Für welche du, dich opfernd, starbſt, Durch schnöden Mißbrauch nie entweihen, Was du so theuer mir erwarbst. vor dem heiligen Abendmahl. Nie führe mich zur Sicherheit Der Trost, den mir dein Tod verleiht. Ich übergebe mich auf's Neue, Mein treuer Heiland, jetzt an dich; Ich schwöre dir den Eid der Treue Vor deinem Tische feierlich; Dir will ich ewig eigen sein. Du starbst für mich, d'rum bin ich dein. Gleich dir will ich den Nächsten lieben, Und wenn er strauchelnd was versieht, Versöhnlichkeit und Sanftmuth üben; Nie komm' es mir aus dem Gemüth, Welch eine schwere Schuldenlast Du mir aus Huld erlassen hast. Es stärke sich in mir der Glaube, Daß meine Seele ewig lebt, Und daß einst aus des Grabes Staube Mich deiner Allmacht Ruf erhebt, Wann du, o großer Lebensfürst, In Herrlichkeit erscheinen wirst. Hier lieg' ich, Herr, zu deinen Füßen Mit Dank und Lob, Gebet und Fleh'n; Laß deine Gnade auf mich fließen; Mein Heiland, laß es doch gescheh'n, Daß mir zu Stärkung meiner Treu' Dein Abendmahl gesegnet sei. Amen. 101 Betrachtungen und Gebete XXVII. Dankgebet nach der Beichte. Mit gerührtem und dankbarem Herzen preiſe ich dich, gnädiger Gott und Vater, daß du mein reuevolles Gebet erhöret, und mich nicht trostlos von dirzurückgewiesen hast. Duwillst meines Undanks und meines Ungehorsams nicht weiter gedenken; du willst, auch in Rücksicht auf mich, Gnade lassen vor Recht ergehen. Mit Recht war ich über meinen bisherigen Zustand bekümmert, und ich hatte sehr viel Ursache, mit mir selbst unzufrieden zu sein. Ueber mir hatte ich einen Gott, dessen Mißfallen ich fürchten mußte; in mir ein unruhiges Gewissen, das sich nicht immer betäuben ließ; und vor mir sah ich eine Ewigkeit, die dem Sünder nie anders als schrecklich sein kann. Aber, gelobt sei Gott, es ist nun ganz anders mit mir geworden. Gelobt sei Gott, daß ich nun zu mir selbst sagen kann: ,, Wohl Dem, dem die Uebertretungen vergeben sind; wohl Dem, dem der Herr die Missethat nicht zurechnet." Deine Gnade, o Gott! gab allen Menschen und auch mir einen Erlöser, der durch sein unschuldiges Leiden und durch sein verdienstliches Streben eine ewige Erlösung gründete. Um seinet102 vor dem heiligen Abendmahl. willen hast du auch mich begnadigt und mir meine vielen, oft schon bereuten Sünden vergeben. Mein ganzes Leben soll der Dank für diese unverdiente Gnade sein. Mit lebendigem Eifer will ich nun an meiner Besserung arbeiten. Nie will ich vergessen, was deine Gnade an mir gethan, was mein Herz und Mund dir heute versprochen hat. Es wäre mir ja besser, zu sterben, als in die vorigen Sünden zurückzukehren. 103 Stärke und befestige du selbst dieſen Entschluß in meiner Seele; stehe mir bei in meiner Schwachheit, und laß es mir nie an Kraft fehlen, das zu thun und zu werden, was ich dir versprochen habe. Und wenn es mir gelingt, so laß mich demüthig bekennen: Von Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen. Amen. XXVIII. Abendandacht am Beichttage. Herr, deine Treue ist groß! Ich will bei Tage deine Güte rühmen und des Nachts deine Gnade verkündigen! Deine Gnade hat mir auch heute wieder zugelächelt! Gebeugt ging ich in dein Heiligthum, meine - Betrachtungen und Gebete Sünden zu bekennen. Ich fühlte, wie sehr ich dein Mißfallen mir zugezogen habe mit meinem unreinen Herzen und unlauteren Leben! Ich fühlte, wie sehr ich deiner Strafe schuldig geworden bin! Deine Vatertreue aber rief mir durch meinen Heiland zu: Sei getrost, deine Sünden sind dir vergeben! Mit dieser Versicherung, mit diesem Troste bin ich zurückgekehrt in mein Haus, und noch einmal will ich das Gelübde ablegen: Vater, was ich seither Böses gethan, will ich fernerhin nicht mehr thun, und das Gute, was ich bisher noch unterließ, das will ich fortan mit der freudigsten Bereitwilligkeit thun! Ich will aufhören zu sündigen, umkehren von meinem Wege, ablassen von aller Sünde, und Gutes, nur Gutes, immer Gutes thun! Ich will reich werden an solchen Früchten, die dir wohlgefallen, und nun nicht länger, nicht einen Tag, nicht eine Stunde länger, in meinem Leichtsinn beharren. Keinen Schritt will ich weiter gehen auf dem Wege, der von dir ab, der in das Verderben führt. Mit neuem Eifer, mit neuer Entschlossenheit aber will ich den Weg betreten und fortwandeln, der zu dir, zum ewigen Frieden, zum ewigen Leben führt. Ich will mit allem Ernste dich fürchten; 104 vor dem heiligen Abendmahl. die Furcht des Herrn ist Weisheit, Ehre und Ruhm, Freude und eine schöne Krone! Sollte ich Lust haben, meine Buße zu verschieben auf die Tage der Krankheit und auf die Stunden des Todes? Sollen Leiden, sollen die peinigenden Vorwürfe eines zu ſpät erwachten Gewissens mich schmerzlich fühlen lassen, daß meine Lebenszeit, diese Bildungsund Vorbereitungszeit auf jene große, lange, ewige Zeit, mir verloren ging? daß die Früchte meines Lebens keine andern sind, als ein verlorenes Paradies, der Verlust deines gnädigen Wohlgefallens, ein zerstörter Friede meines Innern, und vielleicht ein tausendfacher Fluch der Mit- und Nachwelt? Nein, Vater, du hast dich erbarmend mir gezeigt. Du hast meine Seele mit Reue und Schmerz, aber auch mit der Hoffnung auf ihre Gnade erfüllt! Jch nahe mich getrost deinem Altare, und lege mich heute reichbeglückt und beruhigt durch deine Gnade auf mein Ruhebett! - 105 - Sei auch in dieser Nacht mit mir! Strecke aus deine schützende Hand über die Meinen und über alle deine Kinder, daß unser Schlaf ein stärkender und reiner sei! Morgen laß mich satt werden an deinem Tische, aber auch erfüllt mit dem heißen Verlangen, dein Kind Betrachtungen und Gebete zu werden durch Heiligkeit und Gerechtigkeit, wie es dir gefällig ist. Amen. XXIX. Am Communiontage früh. Ich danke dir, himmlischer Vater, daß du mich den Tag haft sehen lassen, an dem ich zu dem Tische meines Heilands gehen will. Gieb mir nur, daß es mir ein recht heiliger und seliger Tag ist. Ach, der Tag muß ja wohl heilig sein, an dem man Christo entgegengehet, an dem man den Erlöser von der Seele liebt, suchet und von ihm erquickt wird. Laß dich finden, mein Heiland, laß dich finden, wenn mein Herz dich suchet. Siehe, ich bete zu dir. Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Nahe dich mir und rühre mein Herz, daß ich den Sünden absterbe und mit rechter Treue und Redlichkeit von heute an mich wieder zu dir halte. Bei Niemand anders wird's doch unserer Seele so wohl als bei dir. Ja, meine Seele, schmücke dich mit Einfalt und Reinheit, mit Glauben und Liebe, denn in diesem Schmucke gefällst du deinem himmlischen Freunde. Heute, wenn du das Brod isfest und von dem Kelche trinkest, blicke gläubig an sein Kreuz; da ist er dir nahe 106 107 vor dem heiligen Abendmahl. und will dich segnen, da sprich zu ihm: Kehre ein in mein Herz, ich will dich lieb haben und dir treu bleiben!-Verleihe mir, Herr, diesen Segen, mit dir gehe ich nun an das heilige Werk, dein guter Geist führe mich auf eb'ner Bahn! Amen. XXX. Das Abendmahl. „ Solches thut, so oft ihr's thut, zu meinem Gedächtnisse"- sprach Jesus zu seinen Jüngern, als er am Abend vorher, ehe seine Leiden begannen, das Abendmahl einſetzte. Als das Gedächtnißmahl eines Freundes, eines Wohlthäters sollen wir das Mahl der Liebe betrachten, und Brod und Wein, die Belebungsmittel irdischen Wohlseins, ſollen uns die reiche Fülle des Segens versinnlichen, welche in der Gemeinschaft mit Jesu entgegenströmt unserm geistigen Leben. Als ein Gedächtnißmahl des Herrn wollen wir betrachten das Mahl der Liebe. Vor unsere gerührte Seele wollen wir hinstellen das Bild des Erhabenen, uns erinnern an seine trefflichen Lehren, an sein segensreiches Wirken, anseine herrlichen Thaten. Vorzüglich wollen wir unserm Gedächtnisse vor Betrachtungen und Gebete führen die ergreifenden, rührenden Ereignisse, welche die letzten Tage seines Erdenlebens so sehr auszeichnen. Und wie innig muß diese Erinnerung unser Gemüth erheben, wie tief ergreifen! Ein freudiges Gefühl der Bewunderung wird uns erfüllen, wenn wir im Geiste hinschauen auf den, der durch sein Evangelium des Himmels Segen uns bereitete, der uns zu seiner Gemeinschaft erhob, zu seiner Nachfolge berufen hat, der treu und gehorsam erfunden wurde seinem himmlischen Vater bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuze, um durch diesen Gehorsam zu beseligen alle Geschlechter der Erde. Mächtig muß das Andenken an diesen größten Wohlthäter der Menschheit in uns anregen das Bestreben, ihm unsere innige Verehrung zu bezeigen durch gleiche Tugend und Frömmigfeit. Erwärmen wird dieses Andenken unser Herz zu inniger Liebe, zu frommem Danke. Wenn wir das Gedächtniß eines Freundes feiern, welcher durch hohen sittlichen Werth, durch treffliche Eigenschaften uns anzog, und unsere Verehrung sich erworben hatte, o! schon da erwacht in unserer Brust die freudige Sehnsucht, ihm nachzueifern, auf daß wir ihm ähnlich und seiner Liebe würdig werden. Und wie, wenn wir das Gedächtniß 108 - 109 vor dem heiligen Abendmahl. des Herrn feiern, sollten wir da nicht fühlen in unserem Herzen den Drang und das Bedürfniß, in Wahrheit das zu werden, was das innige Verhältniß, in welchem wir zu ihm stehen, fordert? Ja hier am Altare des Herrn wird die Erinnerung an unsere Gemeinschaft mit ihm zu lebhaft erweckt, als daß wir nicht durchdrungen werden sollten von aufrichtigem Eifer, von innigem Streben, nachzuringen dem Vorbilde, welches er uns hinterlassen hat. Hier werden wir zu nachdrücklich erinnert, daß wir Christen sind, als daß wir uns nicht prüfen sollten, wie weit es uns ein Ernst war, als Christen auch zu leben und treu zu erfüllen die Pflichten und Obliegenheiten, welche unsere Gemeinschaft mit Christo uns auferlegt. Hier müſſen wir aufrichtig uns beantworten die Frage, wie weit wir es an Weisheit und Tugend, an Veredelung unseres Herzens und Sinnes gebracht haben. Hier, wo wir nachdrücklich hingewiesen werden auf den Anfänger und Vollender unsers Glaubens, hier können wir es uns nicht verbergen, ob wir des Meisters ächte Jünger sind. Hier können wir es uns nicht verbergen, ob wir auch redlich wucherten mit dem uns anvertrauten Pfunde, ob wir unsere Zeit, unsere Kräfte und An Betrachtungen und Gebete lagen nützten für das Wohl der Welt und für das eigene. Hier müssen uns klar werden die Absichten, welche unser Thun bestimmten, ob wir das Gute übten, weil wir erkannt, daß es übereinstimmte mit Gottes heiligem Willen, oder blos darum, weil wir dadurch einen zeitlichen Vortheil uns erringen, einen Ruhm uns bereiten, das Drängen einer Leidenschaft befriedigen wollten. Wichtige Fragen treten bei der Feier des Gedächtnißmahles des Herrn in dichten Reihen vor unsere Seele, und nicht umgehen können wir ihre Beantwortung. Laut und offen klagt uns das eigene Gewissen an, hier bei dem Mahle der Liebe, wenn nicht aufrichtige, Herzliche Bruderliebe uns überall befreite. Das Gedächtnißmahl des Herrn aber muß uns auch dienen zur Ermunterung, zur Erweckung zum Guten. Ermattet ja in dir die Kraft zum Guten; bedroht die Welt mit ihrer Lust die Gewalt deiner Leidenschaften, die Reinheit deines Herzens, beuget dich nieder das Gefühl deiner Schwächen, deiner Fehler, deiner Mängel, erwachet lebhaft in dir das Bewußtsein deiner Verirrungen, und entrollen deinen Augen die Thränen aufrichtiger Reue, o so stärke, so ermuthige dich durch die Feier 110 - vor dem heiligen Abendmahl. des Gedächtnißmahles des Herrn. Tritt hin zu seinem Altare. Dort rinnen unversiechbare Quellen himmlischer Kraft und Freudigkeit. Aus diesem Brunnen schöpfe und trinke die Stärke zu trefflichem Wirken. Blicke auf zu dem göttlich Erhabenen, zu dem Reinen, den Niemand einer Sünde zeihen konnte, der dich berufen hat zur Gemeinschaft mit ihm. Kannst du ihm nicht auch vollkommen gleich werden, weil deine Kraft zu schwach ist, o so leitet doch der Anblick zu ihm dein Auge auch hin zu dem allliebenden, barmherzigen Vater, der in dem Himmel thronet. Du weißt es, daß er dein Ringen nach Veredlung, daß er deine Kraft auch kennt, daß deinen Kampf er sieht. Du weißt es, daß er barmherzig dir verzeihen will, wenn du aus Schwachheit fehlest, und dies Bewußtsein stärke deinen Muth. Vertrauensvoll hoffe du nur auf seine Gnade, und aus dieser Hoffnung ströme dir Kraft zur Heiligung deines Herzens und Wandels. O, es ist ja leicht, daß Alles dies an dir in Erfüllung gehen kann. Bringe nur ein kindliches Gemüth mit zum Altare. Deffne dein geiſtiges Auge nur dem himmlischen Glanze, in welchem du dort deinen Meister und das Ziel erblickest, nach welchem du auf kurzer Erden111 Betrachtungen und Gebete bahn ringen sollst. Schaue nur empor zu Gott, der auch in dem Schwachen mächtig ist. Ja, du wirst gewinnen Trost, Kraft, Hoffnung, Friede und Freude. XXXI. Gebet vor dem Genusse des heiligen Abendmahles. 112 Ich will heute hintreten zum Tische des Herrn, um das Mahl der Liebe und des Dankes, das Jesus eingesetzt, zu feiern. O Vater im Himmel, sende deinen göttlichen Geist in mein Herz, damit ich auf eine würdige und dir wohlgefällige Art das Andenken an deinen lieben Sohn erneuere! Jesus! Nur für das Wohl deiner Brüder lebteſt du; aus Liebe zu den Menschen trugst du standhaft Entbehrungen und Leiden aller Art; aus Liebe zu uns opfertest du selbst mit der seltensten Großmuth dein Leben auf und starbst den qualvollen Tod am Kreuze. Mit Ehrfurcht, Liebe und Dank erfüllt deine grenzenlose Güte mein gerührtes Herz. O, daß ich dir ähnlich sei an Wohlwollen, Liebe und aufopferndem Diensteifer! Schwebe mir lebendig mit deiner hohen Tugend vor und laß mich freudig und muthig die vor dem heiligen Abendmahl. Bahn wandeln, die du mir durch Lehre und Beispiel bezeichnet hast. Heiland der Welt! Wie viel hast du aus Liebe zur Wahrheit, zur Tugend und zum menschlichen Geschlecht gelitten. Aber wie edel, wie muſterhaft war auch die Art deines Duldens! Muthvoll und standhaft gingst du deinen Dornenweg mit frommer Ergebung in den heiligen Willendeines himmlischen Vaters ertrugst du Ungemach, Hohn und Schmerz, ſelbst den bittern Tod. O sei mir auch hierin ein Muster! Laß mich die Leiden, die mich treffen, so tragen, wie du die deinigen getragen mit Geduld, Muth, Standhaftigkeit und stiller Erhebung in den heiligen Willen deines und meines Vaters im Himmel. Habe ich nur stets in deinem Geiste gedacht, gefühlt und gehandelt, dann werde ich dieſer Welt Leiden gering achten und wie du getrosten Sinnes und mit reiner Seelenheiterfeit einſt mein sterbendes Auge schließen! Ich trete zum Tische, den deine Liebe mir bereitet hat, mit Gefühlen des Dankes, der Freude und inniger Liebe, aber auch mit dem festen Vorsatze, allezeit gut und Gott wohlgefällig zu wandeln und dir, mein Erlöser, ähnlich zu werden. Segne meinen Zutritt und laß die Feier deines Gedächtniſses 8 113 114 Betrachtungen und Gebete für meinen Geist und mein Herz vom reichsten Segen sein! XXXII. Gebet eines jungen Christen, der zum ersten Male zum Tische des Herrn gehen will, vor dem heiligen Abendmahle. So ist denn die Stunde gekommen, die mich heute zum ersten Male zum Altare des Herrn ruft. Ernst ist die Stunde, d'rum weihe sie durch eine heilige Andacht, meine Seele! Heute treten wir uns zum ersten Male in unserer höchsten Würde entgegen; heute zum ersten Male erkennen wir Einer in dem Ändern den Mitgenossen des Reiches Gottes, den Miterlösten Jesu Christi, den Mitberufenen zur ewigen Seligkeit. Heute gelten auch mir die Worte: Mich hat herzlich verlanget, das Osterlamm mit Euch zu essen. Darum erhebe ich mich im Glauben und Liebe zu dem, dessen Gedächtniß ich jetzt begehe. Fromme Entschließungen für's Leben faßt mein junges Herz, und gelobet dem Herrn die treuesteGegenliebe, entsprungen aus der reinsten Ehrfurcht und Dankbarkeit, und in willigem Gehorsam und freudiger Nachahmung seines Wandels sich offenbarend. vor dem heiligen Abendmahl. Ja, mein Herr und mein Heiland, ich bringe dir hier mein ganzes Herz, ziehe ein und mache Wohnung! Von deiner Liebe hoffe ich Alles, in deinem Namen bitte ich Alles! Und so trete ich mit froher Zuversicht zu deinem Tische und werde gerechtfertigt von dannen gehen. Amen. 115 XXXIII. Gebet eines jungen Christen, der zum ersten Male an der Abendmahlfeier Theil nimmt, bei dem Genusse des heiligen Nahles. Sei gepriesen, Herr, für deine Liebe, mit der du für mich in den Tod gingst und deinen Leib auf dem Holze für mich opfertest. Ich habe in Gedächtniß deinen Leib genossen und der Liebe gedacht, mit der du, Heiliger, meiner gedachteſt. Mein Loblied sei nun ein in Liebe zu dir geheiligtes Leben und mein Dank ein treues Nachfolgen deiner Fußtapfen. Amen. So habe ich denn nun auch das heilige Blut genossen, das du Herr, am Kreuzesstamm für mich vergossest. Der Vergebung meiner Sünden bin ich nun getröstet und 8* Betrachtungen und Gebete der Gnade versichert, die auch ich schon so sehr bedarf! Heilige mich Herr, und stärke mich zu dem Bunde, den ich heute mit dir geschlossen, daß ich immer getreu in der Liebe, geduldig im Hoffen und standhaft im Glauben erfunden werde! Amen. 116 XXXIV. Gebet eines jungen Christen, der zum ersten Mal das heilige Abendmahlgenoffen hat, nach demselben. So habe ich denn dein Gedächtniß heute feierlich in mir erneuert, und meine Liebe, meinen Glauben, meine Hoffnung zum ersten Male an deinem Tische genährt und geſtärkt. zu Voll Andacht erhob ich meine Blicke deinem Kreuze, an welchem du auch um meinetwillen gestorben bist, schaute auf dein heiliges Leben, das mir zum Vorbild auf Erden geführet und hörte die Worte des Trostes und der Gnade, die dir der Vater gegeben hatte, auf daß du sie uns und auch mir verkiindigest. Heilige Rührung zog durch meine junge Seele. O, möchte sie bleiben dieſe fromme Stimmung mit allen ihren heiligen und erhebenden Gefühlen, möchte ich immer so innig nach dem heiligen Abendmahl. 117 und fest mit dir verbunden bleiben, mein Erlöser, und zu dir, dem Anfänger und Vollender meines Glaubens, aufblicken! Ja, ich gelobe es dir, ich will dich im Gedächtniß halten und dir nachleben und einst nachziehen in die himmlische Heimath. Ich will Weisheit und Tugend in deinem Anschauen erſtreben, um einst bei dir ewig glückſelig zu sein. Heilige mich mein Gott, von Tag zu Tag, und weihe mich ganz zu deinem Eigenthume, leite mich in alle Wahrheit und hilf mir zu deinem ewigen Reiche! Amen. XXXV. Gebet beim Singehen zum Empfange des heiligen Abendmahles. Mit einer großen Christenzahl, hochgelobter Mittler, begebe ich mich jetzt an die Stufen deines Altars. Ich bin es nicht allein, ich thue es auch nicht blos mit den Meinigen - nein, zahlreiche, verschiedene, mir auch unbekannte Christen erheben sich mit und neben mir erbaulich dahin. Da wird es mir recht deutlich, wie wahr es heißt: ,, so sind wir Viele ein Leib, dieweil wir Alle eines Brodes theilhaftig sind." Denn alle deine Glieder und Betrachtungen und Gebete Bekenner, Alle sind Menschen von dir erlöst, die auf dein Verdienst vertrauen und ihren Bund mit dir erneuern wollen. Darum erkenne ich in Allen meine Brüder und Schwestern. Ach, daß ich dies nie vergessen möchte! Daß ich diese Ueberzeugung von hier in den ganzen Umgang meines Lebens, in alle Verblendung des Glückes mit mir nehmen möchte! Ich fühle ihre Wahrheit und Wohlthätigkeit jetzt, ich gelobe dir ihre Befolgung bis auf's Heiligste, ich will nur unter ihrem Vorsatz dein Todesmahl empfangen. Laß mich von hier aus nimmer vergessen, daß wir Alle eins find, und daß vor dir und deinem Vater ein Ansehen der Person nicht gilt. Hören will ich in den Worten deines Mahles: ,, Wandle in der Liebe, gleichwie Christus uns geliebt hat, und hat sich selbst für uns gegeben zur Gabe und zum Opfer." So geschehe es in deinem Namen, dann kann ich freudig sagen: Amen. 118 Wie heilig ist die Stätte hier, Wo ich voll Andacht stehe! Sie ist des Himmels Pforte mir, Die ich nun offen sehe. O Lebensthor, o Tisch des Herrn! Vom Himmel bin ich nicht mehr fern, Ich fühle Gottes Nähe. nach dem heiligen Abendmahl. Wie heilig ist dies Lebensbrod, Dies theure Gnadenzeichen, Vor dem Herzen Angst und Noth Und alle Qualen weichen! O Brod, das meine Seele nährt, O Manna, das mir Gott beschert, Dich will ich jetzt genießen! Wie heilig ist doch dieser Trank, Der mein Verlangen stillte, Der mein Gemüth mit Lob und Dank Und heil'ger Freud' erfüllte! O Lebenstrank, o heil'ges Blut, Das einst geflossen mir zu gut, Dich will ich jetzt empfangen! Welch' unaussprechlich Glück ist mein, Welch' Glück hab' ich gefunden! Mein Jesu kehrt jetzt bei mir ein, Mit ihm werd' ich verbunden. Wie ist mein Herz so freudenvoll, Daß ich in Jesu leben soll Und er in mir will leben! Mein Jesus, komm' und heile mich, Was sündlich ist, vertreibe, Damit ich heut' und ewiglich Dein Tempel sei und bleibe! Von dir sei ganz mein Herz erfüllt; Herr, laß dein heilig Ebenbild Beständig vor mir schweben! 119 120 Betrachtungen und Gebete Nun, du hast himmlisch mich erquickt, Du hast mich dir ergeben: In dir, der mich so hoch beglückt, Will ich nun stündlich leben. Laß mich, mein Heiland, allezeit Von nun an, bis in Ewigkeit Mit dir vereinigt leben! XXXVI. Beim Empfang des gesegneten Brodes. Dank sei dir, o Gott, daß du mir das gesegnete Brod reichen ließest! Gieb, daß dieser Genuß mich an Jesum erinnere, der zu meinem Besten in den martervollen Kreuzestod ging. Gieb, daß ich mich erweckt fühle, aus Dankbarkeit und Liebe den Ermunterungen meines Herrn stets zum Heile meiner Seele in dieser und in jener Welt zu folgen. Amen. XXXVII. Gebet nach dem Genusse des Weins. Dank sei dir, göttlicher Heiland! daß du dein Blut zur Vergebung meiner Sünden vergossen hast. Von nun an will ich dir 121 nach dem heiligen Abendmahl. ganz angehören, stets will ich dein Verehrer ſein und bleiben; treu will ich dir folgen, und mit Freuden thun, was du geboten hast. Ich lebe nun und will mich Gott ergeben, Doch soll nicht ich, nein, Christus in mir leben, So lebe denn in mir, daß Alle sehen, Was an mir Armen durch dich, Herr, geschehen. XXXVIII. Andacht nach dem Genusfe des heiligen Abendmahles. Voll von dem innigsten Danke erhebe ich mein Herz zu dir, mein guter Vater in der Höhe. Auf's neue habe ich geschmeckt und geſehen, wie freundlich du, o Herr, bist. Gegessen habe ich das gesegnete Brod, getrunken habe ich aus dem gesegneten Kelche zum Andenken an meinen göttlichen Freund. Nie soll sein Gedächtniß in meiner Brust erlöschen. Die Worte des Lebens, welche er einſt verkündigte, will ich mit unerschütterlicher Ueberzeugung für göttliche Wahrheit halten und durch sie meinen Geist immer mehr bilden. Den Weg, den mir Jesus zeigte, will ich gehen bis an das Ende meiner Tage: es ist der Weg zur Tugend, welcher zur Glückseligkeit führt. Seiner ermunternden und warnenden Stimme will ich folgen, wenn meine Betrachtungen und Gebete sinnlichen Neigungen, wenn glatte Worte verführerischer Menschen mich zum Bösen verleiten wollen. Auf sein Beispiel will ich aufſehen, wenn meine Kraft ermattet, wenn es mir schwer wird, mich selbst zu überwinden. Lebendiger soll der Glaube an dich, mein Gott, in dir mir werden und sich durch gute Thaten zeigen. Liebevoller will ich mit euch, meine Brüder und Schwestern, ihr, meine Miterlösten, umgehen. Keine lieblosen, neidiſchen, gehässigen, rachsüchtigen Gesinnungen gegen euch soll je mein Herz entweihen. Nie soll ein Wort über meine Lippen gehen, durch welches ich euch kränkte oder euch irgend einen Schaden zufügte. Nein, zu eurem Besten will ich immerdar mit euch und von euch sprechen. Freude soll es mir sein, durch die That meine Liebe gegen euch zu beweisen, eure Sorgen euch zu erleichtern, euer Elend zu vermindern, eure Wohlfahrt zu erhöhen. Mit neuem Eifer will ich die Pflichten meines Berufs erfüllen und segnend unter den Meinigen wirken. Auch in den trüben Stunden meines Lebens will ich das Vertrauen auf dich, der du die Liebe selbst bist, nicht aus meiner Brust weichen lassen, will hoffen, du werdest mich einst erlösen von allem Uebel und mir aushelfen zu deinem himmlischen 122 nach dem heiligen Abendmahl. Reiche. Ja, wenn es Abend mit mir werden will, dann will ich freudig meinen Geist in deine Hände befehlen und in Friede dahin fahren. Heil mir, wenn ich mit unermüdetem Eifer die frommen Entschließzungen während meines ganzen Lebens auszuführen strebe. Dann war das heilige Abendmahl für mich ein Segensmahl. Gieb du mir Kraft, o Gott, und sei in meiner Schwachheit mächtig. Amen. 123 XXXIX. Dankgebet nach dem heiligen Abendmahl. Erlöser! sieh, mit Ruh' und Freuden Ging ich von deinem Mahl zurück: Nimm hin den Dank für deine Leiden, Für meine Seele Ruh und Glück, Das du auch mir am Kreuz erwarbst, Da du für meine Sünden starbst. Ja danke und lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes gethan hat. Von Neuem hat er dich schmecken und sehen lassen, wie freundlich er ist und wie ſelig diejenigen sind, die sich im Glauben treu zu ihm halten. Er hat dir neues Leben, neue Kraft, neue Zuversicht zu seiner Gnade, Betrachtungen und Gebete neuen Trost in Leiden und Sterben geschenkt. Seinen Leib und sein Blut gab er dir zum heiligen Mahle und nahm dich von Neuem auf in seine Gemeinschaft. So gewiß du jetzt dieses Unterpfand seiner Liebe und Erlösung mit einem ihm ergebenen, gläubigen Herzen dahingenommen hast, so gewißz kannst du hoffen, daß du Antheil hast und haben wirst an allen den Seligkeiten, die er uns erworben hat, so gewiß kannst du versichert ſein, daß auch du nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben wirst, und dich in ewiger Seligkeit Nichts von dem trennen wird, dem du hier dein Herz weihtest. 124 Aber, meine Seele, vergiß nicht, was du jetzt an dem Tische deines Herrn gethan, was du ihm gelobt, welchen Sünden und Fehlern du entsagst, wozu du dich in feierlichen Augenblicken verpflichtet hast! Bezahle dem Herrn nun auch dein Gelübde! Lebe nun auch als Jünger in seinem Reiche! Bleibe treu deinem Herrn, deinem Meister mit standhaftem Glauben und heiligem Leben bis in den Tod. Er hat dir ein Vorbild gelassen, wandle nun auch in seinen Fußstapfen! Denke wie er, handle wie er, genieße, entbehre, ja leide und dulde wie er! Laß Liebe in deinem, wie in seinem nach dem heiligen Abendmahl. 125 Herzen wohnen, Liebe zu Gott und zu den Brüdern! Lebe im Glauben an den der dich geliebet und sich selbst für dich gegeben hat! O mein Herz, schwer ist deine Verpflichtung und groß ist dein Gelübde! Denke der Gefahren die du zu besiegen, denke der Hindernisse, die du zu überwinden, denke der großen Schwachheiten, mit denen du zu kämpfen haben wirst! O, wache über dich und bete! Wache über alle deine Werke, Gedanken und Worte. Prüfe dich täglich im Gebete vor Gott und erinnere dich, wenn die Kraft dir gebricht, wenn der Versucher mächtig dir naht, an diese feierlichen Stunden der Andacht und an die frommen Entschließungen, die du am Altare des Höchsten gefaßt hast! Rufe sie oft des Tages in dein Herz zurück ünd halte dich an die guten Sprüche der Weisheit! Laß die Religion deine Lehrerin, Führerin, Trösterin und Beschützerin sein auf allen Pfaden des Lebens! Wandle immer vor Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden, und vergiß nie, was er an deiner Seele gethan hat. Laß dir seine Liebe, seine Liebe bis in den Tod, immerdar, täglich und stündlich eingedenk sein! In Allen was du denkeſt, redeſt und thust, siehe auf ihn, den Anfänger und Vollender unsers Glaubens, damit du in Betrachtungen und Gebete deinem Laufe nicht matt werdest. Halte dich fest an ihn, ohne den wir nichts sind, mit dem wir aber Alles vermögen, und er wird dich nicht verlassen, noch versäumen! Er wird dich heiligen, daß du nach Leib und Seele unsträflich bewahrt werdest und das Ende des Glaubens, der Seelen Seligkeit davon trägst! Dir aber, mein Jesus, stammle ich noch aus der Tiefe meines Herzens den Dank für deine Liebe, deine Gnade! Du hast mir eine Hoffnung, einen Trost gegeben, mit dem ich nun meinen Lauf mit erneutem Muthe und verjüngter Kraft fortsetzen kann. An dich will ich mich festhalten, du bist mein Beschützer auf dich will ich mich verlassen, du bist mein Helfer, meine Kraft, meine Stärke, mein Leben! Du sollst mir ein Stern sein, der mir den Weg zeigt durch dieses Lebens dunkle Thäler, ein Bild sein in meinem Herzen, dem meine Seele nachstrebet. Ja, Herr du sollst mein sein im Leben und Sterben, treu will ich dir dienen mit aller meiner Kraft; das soll mein Dank sein für die große Gnad und Liebe, mit der du meiner gedachtest. Dir sei Ehre und Anbetung in alle Ewigkeit. Amen. Der neue Bund, den ich beschworen, O, den vergesse nie mein Herz! Dann geh' ich einstens nicht verloren; 126 nach dem heiligen Abendmahl. Mein ganzer Sinn geht himmelwärts. Es soll hinfort mein Leben dein, Nicht mehr der Welt und Sünde sein. XXXX. 127 Dankgebet nach dem Genusse an Jefum. Erhabener Freund der Seelen! In die innigste Verbindung mit dir bin ich heute abermals getreten. Mein Herz und Sinn war ganz auf dich gerichtet, ich fühle mich von dir beobachtet und begleitet, und habe mich nun zu genauester Gemeinschaft deinem Muster und Schuße geweiht. Ach, möchte ich darin bleiben und beharren. Möchte ich dir es Dank wissen, so lange ich bin, was du mir und meinem hilfsbedürftigen Geschlechte geworden bist. Was soll ich aber thun, um solchen Dank gegen dich zu behaupten? Nie anders, als willig und würdig will ich das Erinnerungsmahl deines Todes und Verdienstes begehen, denn wer sollte sich eines Freundes, wie du, nicht gern und laut rühmen? Zeigen will ich's meinen Glaubensgenossen, warum und wozu ich am Altare deines Kreuzes erschienen bin: ,, zu verkündigen die Thaten deß, der uns berufen hat aus - Betrachtungen und Gebete der Finsterniß zu Werken seines Lichts". Das Kreuz meines Lebens will ich übernehmen, wie ich es von dir lerne, denn du haſt gelitten und uns ein Vorbild gelassen, daß wir folgen sollen deinen Fußstapfen". Bekennen will ich dich dankbar vor Allen, welchen dein Kreuz eine Thorheit ist, sie sollen das Kleinod lebenslänglicher Erkenntniß gegen dich mir niemals rauben. Lieben will ich alle von dir Erlösten, wie könnt' ich sonst den Tod verkündigen, mit dem du mir und ihnen Gnade und Seligkeit erworben hast? Und was beim besten Willen meiner schwachen Dankeskraft noch fehlt, dem hilf in mir durch deinen Geiſt. Hilf mir standhaft siegen über die Hinderniſse, die mich hier und da in deiner Verehrung aufhalten wollen. Laß mich's mit Demuth empfinden, wie weit mein Dank noch immer hinter deinen Verdiensten und Wohlthaten zurückbleibt, wenn er sich gleich bisweilen thätiger Beweiſe rühmen will. Nichts soll mich scheiden von deiner Liebe; immer gegenwärtig bleibe mir der Wink: halt' im Gedächtniß Jesum Christum!" Der frommen Andacht Segen Amen. Mag heute auf mir ruh'n; Auf allen meinen Wegen Will ich mein ganzes Thun, 128 - nach dem heiligen Abendmahl. Herr, auf dein Muster richten, Das mir dein Mahl gezeigt, Will allen seinen Pflichten, Wozu du Kraft gereicht, Der Liebe Opfer bringen Dein Tod ruft dazu auf. So laß mir's wohlgelingen. Dir weih' ich meinen Lauf, Dein Brod soll mich stets stärken Zu dir geweiheten Werken. O segne meine Pfade, Verleih' mir deine Gnade! Amen. I. - 129 Die driftliche Gemeinschaft. Es ist ein großer herzerhebender Gedanke, sich zu einem Bunde rechnen zu dürfen, der mächtig ausgebreitet und ehrwürdig ist, es macht muthig, es giebt dem Herzen Kraft und Zuversicht, zu wissen, man sei das Mitglied einer Gesellschaft, welche die Aufmerkſamkeit und Achtung der ganzen Welt verdient. Aber wo ist ein Bund, wo ist eine Gesellschaft, die sich auch nur in der Entfernung mit der vergleichen ließ, in deren heiligen Schoos wir uns setzen, wenn wir das Abendmahl des Herrn feiern? Ist sie nicht auf der ganzen 9 Betrachtungen und Gebete Erde verbreitet, diese Gesellschaft; hat sie nicht unter allen Völkern ihre Geweihten, sind nicht die besten Theile unseres Erdkreiſes ihr Wohnsitz; ist die Schaar der Brüder, die sich an dieſem Tische versammeln, die alle von einem Brode mit uns essen und aus einem Kelche mit uns trinken, nicht unzählbar? Und welch' ein Bund ist es, der durch dieses heilige Mahl zusammengehalten wird, in dessen Gemeinschaft wir durch die Feier desselben bleiben! Dieser Kelch, sprach der Herr, als er den Bund zu weihen im Begriff war, dieser Kelch ist das neue Testament in meinem Blut. Eine Gemeinschaft, den erhabensten Endzwecken gewidmet, eine Vereinigung für Wahrheit, Sittlichkeit und reine Verehrung Gottes, eine Gesellschaft, die nichts Geringeres sucht und will und befördert, als die Erleuchtung, Besserung und Veredlung der ganzen Menschheit, die daran arbeitet, unter ihrem Oberhaupte Jesu den Erdkreis in einen Tempel Gottes, in einen Wohnsitz der Ordnung und des Friedens, und seine Bewohner in eine glückliche Familie des gemeinschaftlichen Vaters im Himmel umzuschaffen, dieehrwürdigste heiligste Geſellschaft, die jemals dagewesen ist, ist das Ganze, zu welchem wir uns bekennen, als dessen Glieder 130 nach dem heiligen Abendmahl. und Theile wir uns darstellen, wenn wir das Abendmahl des Herrn feiern. Und unsre Brust sollte nicht höher schlagen, sie ſollte nicht die Bewegungen der innigsten Freude fühlen, wenn wir bedenken, daß wir durch unsichtbare heilige Bande mit den besten Menschen aller Völker und Länder verknüpft sind, daß wir zu einem Bunde gehören, dem Gott ſeinen Sohn zum Oberhaupte gegeben hat, der unter Gottes immerwährendem Schutz und Einfluß steht. Doch noch weiter reicht der Umfang der ehrenvollen Gemeinschaft, in die uns die würdigste Feier des Abendmahls Jeſu versetzt. Sie ist durch keine Grenzen der Zeit beschränkt, die Scheidewand der sinnlichen Welt trennt uns, die wir uns am Tische des Herrn versammeln, um seinen Tod zu verkündigen, nicht wirklich von den unzähligen Schaaren der Glücklichen und Belohnten, die schon bei ihm vereint sind, ein einziger, ein feſtverknüpfter, ein von ihm in allen seinen Theilen beseelter Körper sind seine Treuen, sie mögen gelebt haben, wann sie wollen, sie mögen sich noch in den Hütten von Staub, oder schon im Hause des Vaters befinden. So schwindet denn Alles von unserm Geiste, was ihn beschränkt, wenn wir das Abendmahl des Herrn feiern, da drücken ihn die 9* 131 Betrachtungen und Gebete Fesseln der Zeit und des Raums nicht mehr; da genießt er die selige Freiheit, die ihm hier zu Theil werden kann; da fühlt er es mit der innigsten Wonne, daß er kommen iſt zu der Stadt des lebendigen Gottes, zu dem himmlischen Jerusalem und zu der Menge vieler tausend Engel und zu der Gemeine der Erstgebornen, die im Himmel angeschrieben sind, und zu Gott, dem Richter über Alle, und zu den Geistern der vollkommenen Gerechten, und zu dem Mittler des neuen Testamentes, Jesu, und zu dem Blute der Besprengung, das da besser redet, denn Abels. II. Von der Nachfolge Chrifti. i Jesu, dich, dich laß ich nicht, Du hast dich für mich gegeben, Sollt' ich nicht aus Dank und Pflicht An dir hangen, dir nur leben? Du bist meines Lebens Licht, Dich, mein Jesu, laß ich nicht. Du, du bist und bleibst mein Ruhm Bis an meines Lebens Ende; Dir gab ich zum Eigenthum Ganz mich hin in deine Hände, Du bist meine Zuversicht, Dich, mein Jesu, laß ich nicht. 132 Tank nach dem heiligen Abendmahl. 133 Ja, mein Jesu, dich lasse ich nicht! Du sollst mir Alles sein! Wie hast du auch mich geliebet, so treu geliebet, und ich sollte dich hassen, dich verlassen, der du mich so theuer erkauft hast? Nein, ich will den Bund mit dir halten, du sollst mein Heiland, mein auserwählter Freund sein! Wie weit war ich von Gott gewichen, wie hatte ich ganz seine Wege verlassen, wie hatte ich den Vater vergessen und hörte seine Stimme nicht mehr, mit der er mich ruft in meinem Gewissen, in der Natur und in seinem Worte! Die Sünde drückte mich, mit Angst war ich umfangen, nirgends fand ich Frieden und Freude. Von seiner Heerde war ich gegangen und war nun in der Irre verlassen ohne Schutz, ohne Trost, ohne Freude, ohne Hilfe! O Gott, mit Angst denke ich noch der Stunden, wo ich dich suchte und nicht fand, wo ich dich nicht mehr kannte und den Weg zu dir nicht mehr fah! Ich suchte Hilfe bei Menschen umsonst, meine Pein, meine Noth, war groß! Da warst du es, mein Heiland, der mich errettete, der den Weg mir zeigte zum Vater und mir ihn in seiner Gnade offenbarte, der mich mit ihm versöhnte! Du starbst für mich und erwarbst mir mit deinem Tode neues Leben. Betrachtungen und Gebete Was ich nicht konnte thun, hast du für mich gethan, obgleich ich nie deine Huld, deine Gnade vergelten kann. Und wenn ich in meiner Sünde deine Stimme nicht hörte und nicht zurückkehrte zum Vater, wie rufteſt du denn so innig und treu mir wieder und gingst mir wie ein treuer Hirt so lange nach, bis endlich mein hartes Herz von deiner Liebe brach und ich mich finden ließ zu deiner Heerde, die dir nachfolget zum Vater. Und heute noch, wenn ich Schwacher wanke, und in der Stunde der Versuchung fast unterliege, wenn das Böse sich mächtig mir naht und in mir den Sieg gewinnen will, heute noch stehst du mir mächtig bei und läsfest nicht von mir, und rufest immer und immer wieder, und in dem ersten Rufe deines Wortes erinnere ich mich und erkenne die Sünde und ihre Gefahren, bekämpfe ihre Lüste und siege unter deinem Beistande! Immer siehst du auf mich mit Liebe und Freundlichkeit, und verlässest mich nie. Dir kann ich jede meiner Noth klagen, du hörst mich, du suchst mich, und hilfft mir allezeit, wenn's mir zum Besten dient. Oft zwar, wenn kummervolle Sorgen mich umringen, und ich im Gebete vor dir liege, scheinst du dein Antlitz zu verbergen und mich zu vergessen; doch je geduldiger ich 134 nach dem heiligen Abendmahl. aushalte, je treuer ich es mit dir meine, desto cher errettest du mich und nimmſt dich meiner an. Nie läßt du mich vergebens fleh'n! Und endlich kommt der letzte meiner Tage, gehe ich immermehr der Zeit entgegen, in der mein Leib zu Staub und Asche wird und meine Seele droben vor Gottes Richterſtuhle Rechenschaft ablegen muß von ihrem Haushalt, wie ruhig, wie getrost kann ich dann dieser Zeit entgegengehen, wenn ich mit meinem Heiland gehe. Sein heiliges Wort, daß er mich einst auferwecken werde, läßt mich dem so bittern Tode mit Freuden in's Angesicht sehen, bringt er mich doch in's Vaterhaus, und droben, wo ich dann meinen Heiland sehe und in des Vaters Wohnungen, die er mir bereitet hat, wird er mich erkennen, wenn ich treu sein Jünger war, und wird meine Sünden zudecken mit seiner Gnade und wird mich reinigen von aller Ungerechtigkeit, damit ich ererbe das ewige Leben und selig sei bei ihm und dem Vater! So liebet mich mein Heiland, seine Liebe sei mein Preis, sei mein höchster Ruhm! O, ich will ihn wieder lieben und in dem, was ihm gefällt, täglich mich üben. Ich will ihm treu sein, ewig sein Eigenthum sein! Seinen Fußstapfen will ich nachfolgen und dem Vorbilde nachstreben, 135 136 Betrachtungen und Gebete das er mir gelassen hat. So zu denken wie er, so zu reden und zu handeln wie er, sei meine Lebensaufgabe. Und wenn Andre ihn vergessen, verspotten und verachten, so soll doch mein Herz ihm treu sein, treu im Leben und Tode! Amen. Wenn alle untreu werden, So bleib' ich dir doch treu, Daß Dankbarkeit auf Erden Nicht ausgestorben sei. Vergingst für mich in Leiden, Vergingst für mich in Schmerz, D'rum gab ich dir mit Freuden Auf ewig dieses Herz! III. Erinnerung an den Tod und an die selige Ansterblichkeit. Der heutige Tag, an welchem ich das Gedächtnißmahl Jesu gefeiert habe, ist mir von vielen Seiten wichtig und erwecklich gewesen, und ich kann ihn mit Recht als einen Tag des Heils für meine Seele betrachten. Aber wer weiß, ob ich noch viele solche Tage werde feiern können, da Alles um mich herum eben so hinfällig und vergänglich ist, als ich selbst nach dem heiligen Abendmahl. 137 bin. Wer weiß, ob ich noch lange lebe, ob das Ziel meiner irdischen Wallfahrt nicht nahe ist? Jetzt bin ich zwar noch gesund und munter, aber wer kann mich vor Krankheit schützen? Jetzt führe ich noch ein frohes, zufriedenes Leben, aber wer ist mein Bürge dafür, daß in Zukunft gar keine Leiden mich treffen werden? Jetzt kann ich zwar dem Anscheine nach noch auf ein längeres Leben hoffen, Aber wer weiß, ob nicht die letzte Stunde meines Lebens bald und plötzlich schlagen kann? Nun, es gehe, wie du, mein Gott, willst und es für gut befindest; meine Zeit und alle meine Schicksale stehen ja in deinen Händen. Deine Weisheit, die am besten einsieht, was mir nützlich ist, hat mir auch Glück und Unglück, Freude und Traurigkeit zugewogen. Wohl mir, daß ich mit dir, dem Herrn meines Lebens und aller meiner Schicksale, in Frieden stehe, und daß ich heute durch den Genuß des Abendmahles noch mehr davon versichert vorden bin. Nun weiß ich, daß Denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen. Sollten mich in ZukunftLeiden und Widerwärtigkeiten treffen, sollte meine Ruhe, meine Zufriedenheit durch kummervolle Tage gestört werden; nun, Herr! dein Wille geschehe. Schenke mir nur Ge 138 Betrachtungen und Gebete duld und Gelassenheit, schenke mir nur festes Vertrauen auf deine Vaterliebe, und flöße mir selbst die stille Zufriedenheit mit allen deinen Führungen ein, durch die selbſt jedes Leiden leichter wird. Soll ich vielleicht nicht lange mehr leben, soll ich das Abendmahl Jesu nicht mehr mit meinen Brüdern auf Erden feiern; wohl mir, daß ich es heute noch habe thun können. Nun weiß doch die Welt, daß ich ein Christ bin, der sein Vertrauen auf Jesum setzt, nur von ihm ſeine Glückseligkeit erwartet, daß ich mich nicht geschämt habe, ihn für meinen Heiland und Herrn, für meinen Mittler und Seligmacher öffentlich zu bekennen. Wohl mir, daß ich mich heute von Neuem in der Hoffnung des ewigen Lebens habe befestigen können. Gott mag mich nun abrufen, wenn er will, ich fürchte den Tod nicht, denn Jesus hat ihm die Macht genommen. Mir ist nicht bange vor dem künftigen Schicksale meiner unsterblichen Seele. Ich will sie dir, mein Vater! in Zeiten befehlen, und im letzten Augenblicke noch Jesu, meinem Herrn, die Worte nachsprechen: ,, Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist". Mir ist nicht bange bei dem Anblicke des Grabes, und bei dem Gedanken an die Verwesung, denn Jesus ist die Auf nach dem heiligen Abendmahl. 139 erstehung und das Leben. Er wird auch meinen sterblichen Leib einst in einen unſterblichen verwandeln und ihn so seinem verklärten Leibe ähnlich machen. Mir ist nicht bange vor dem Scheiden aus dieser Welt, denn ich komme in eine bessere Welt, wo mein rechtes ewiges Vaterland ist. Mir ist nicht bange vor der Trennung von meinen Lieben, denn ich komme zu Jesu, und der wird sie einst zu mir versammeln und mich auf ewig wieder mit ihnen vereinigen. O barmherziger Gott! laß diese Hoffnung mich stets beleben, und mich stets antreiben, durch tugendreichen Glauben, durch ein frommes Herz und durch ein heiliges Leben zur Seligkeit immer fähiger werden. Laß mich's nie vergessen, daß ohne Glauben, Tugend und Heiligkeit keine Seligkeit für mich möglich ist, daß ich hier Christo, meinem Herrn, nachfolgen und ähnlicher werden muß, wenn ich dort an seiner Herrlichkeit Antheil nehmen will. Soll ich also nach Gottes Willen das Gedächtnißmahl Jesu, das Fest meiner Unsterblichkeit, nicht mehr auf Erden feiern; nun wohlan! mein Wandel ist im Himmel. Ich kenne den Weg, der dahin führet. Ja, ich bin schon selig hier im Glauben, Nichts wird mir meine Krone rauben. Betrachtungen und Gebete Ich werde dort, mit Herrlichkeit umgeben, Einst ewig leben. Amen. 140 IV. Abendandacht am Communiontage. Bedeckt mit deinem Segen Eil' ich der Ruh entgegen; Dein Name sei gepreist! Mein Leben und mein Ende Ist dein! in deine Hände Befehl ich, Vater, meinen Geist. Nein, ich kann den heutigen Tag nicht beschließen, ohne noch einmal mein Herz in stiller Andacht zu dir, mein Gott, zu erheben und die dankbaren Empfindungen meines Innern vor dir auszusprechen. Leben und Wohlthat hast du auch heute an mir gethan und dein Aufsehen beschütze meinen Odem. Besuchen konnte ich heute die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnet. Empfunden habe ich heute die Wonne der Andacht, als ich in den feierlichen Empfang meiner Mitchristen einstimmte, als ich den Vortrag deines Wortes anhörte, mit Inbrunst zu dir betete und den Blick auf das Kreuz meines Erlösers gerichtet, sein Gedächtnißmahl feierte. Dein Segen, mein Vater, hat 141 nach dem heiligen Abendmahl. mich heute bedeckt. Güter konnte ich einſammeln für meinen unsterblichen Geiſt, Güter, welche mir nicht entrissen werden, welche nicht Motten und Rost fressen, welche mich einst über das Grab begleiten. Freuden habe ich genossen, wie sie mir die Welt nicht geben kann, Freuden, welche nicht Reue und Ueberdruß erzeugen, Freuden, welche das Herz erheben, welche mir einen Vorgeschmack himmlischer Seligkeit bereiten. Mit größter Freudigkeit denke ich an dich, bete ich zu dir, und glücklich fühle ich mich, zu deinen Kindern zu gehören. Inniger fühle ich mich mit meinem Heilande verbunden. Freundlicher leuchten mir die Hoffnungen, die das Evangelium in mir angeregt, in das Dunkel meines irdischen Lebens. Heil mir, ich bin ein Christ! Ruhig beschließze ich diesen Tag. Der Friede des Himmels wohnt in meiner Brust. Ich schene nicht die einbrechende Finsterniß und fürchte nicht das Dunkel der Nacht. Du bist mein Freund. Und bist du für mich, wer mag dann wider mich sein? Du, o Herr, der du nicht schläfst noch schlummerst, wachst ja über mir. Deinem Schutze übergebe ich mich. Kein Unfall wird sich mir nahen. Du wirst mich stärken durch einen ruhigen Schlaf, daß ich morgen in meinem Berufe thätig sein kann. Und rufft Betrachtungen und Gebete du mich diese Nacht noch zu dir: nun wohl, Herr, es geschehe dein Wille. In deine Hände befehle ich meinen Geist. Amen. 142 I. Gebet eines Kranken vor der Saus- Communion. Ach, könnt' ich mit der Kirche Gliedern Vereint, o Jesu, dich erhöhn Und freudevoll mit meinen Brüdern, Herr, deines Todes Mahl begeh'n! Wie traurig, daß zu dieser Pflicht Es jetzt an Kräften mir gebricht. Ach hier, wo ich im Stillen bete, Genieße ich dein Mahl allein; Doch weiß ich, Herr, an jener Stätte Hast du verheißzen nah zu sein. Wo nur ein Frommer seufzt und weint, Da bist du, großer Menschenfreund! Um Trost in meinem Herzen bange Such' ich, o Herr! dein Angesicht. Wie lange schon, ach Herr, wie lange Ruf ich und du erhörst mich nicht! Ach, stärke bei des Leibes Schmerz Mein banges und verzagtes Herz! bei Haus- und Kranken- Communionen. 143 Vielleicht, o Herr! erquickt mich heute Zum letzten Mal dein Leib und Blut, Noch einmal gieb dem Herzen Freude Und der verzagten Seele Muth! Noch einmal fleh' ich: Höre mich! Am Rand des Grabes höre mich! Laß das Gedächtniß deiner Leiden Mir Schwachem Kraft und Trost verleih'n Laß es die Quelle höh'rer Freuden Und jenes Lebens Vorschmack sein! Dein Leiden, dein Versöhnungstod Erquicke mich in meiner Noth! Ich sehe schon den Himmel offen, Ich fühle meine Seligkeit. Was kannst du, Seele, Größ'res hoffen, Als was dir hier dein Gott verleiht? Umringt mich auch der Leiden Heer, Mein Herz ist stark und zagt nicht mehr! Erscheint der Tod mit seinen Schrecken, Ich bin getrost und bebe nicht, Vom Tode wirst du mich erwecken, Ich komme nicht in das Gericht, Ich bin getrost: dein Leib und Blut Giebt auch im Tode hohen Muth! Betrachtungen und Gebete II. Gebet eines Kranken nach dem Abendmahle. Unendlich gütiger Gott! deine Erbarmung hat keine Grenzen, deine Güte hat kein Ende, sondern sie wird mit jedem Tage neu. Auch mir hast du jetzt einen neuen Beweis von deiner Liebe gegeben, du hast mich durch den Genuß des Abendmahls von deiner Gnade und von der Vergebung der Sünde versichern lassen. Hätte ich diesen Trost nicht, so würde mir mein Leiden doppelt schwer werden, und der Gedanke an den Tod würde meine Seele mit Angst, Unruhe und Furcht erfüllen. Aber nun kehrt Ruhe, Zufriedenheit und Hoffnung in mein Herz zurück, da ich weiß, Gott will mir um seines Sohnes Jesu willen gnädig sein, da ich weiß, er will mich wieder zu seinem Kinde aufnehmen. O lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes gethan hat, der dir alle deine Sünden vergiebt. Habe Dank mein Erlöser! daß du meine Sünden getragen, daß du mich jetzt auf meinem Siechbette durch die Kraft deiner Verheißungen bei dem Genusse des Abendmahls gestärkt und erquickt hast. Nun wird es mir leichter, die Leiden zu tragen, die 144 bei Haus- und Kranken- Communionen. 145 mich auf's Krankenlager geworfen haben; nun fehlt es mir nicht an Muth, wenn es dir auch gefallen sollte, mir noch härtere Prüfungen aufzulegen. Ich werde sie als heilsame Schickungen meines Vaters im Himmel ansehen, der mir sie auf mehr als eine Art erträglich machen kann. Willst du, gütiger Vater, mich länger leben lassen, so kannst du es wohl möglich machen, denn du thust oft überschwenglich mehr, als wir bitten und verstehen, und deine Rechte kann leicht Alles ändern. Indessen laß mich meine Leiden mit stiller Gelassenheit, mit festem Vertrauen auf deine Hilfe tragen, bis die Stunde kommt, wo du mich von allem Uebel erlösen und in dein himmlisches Reich einführen wirst. Ja, Vater, ist es dein Wille, daß ich bald sterben soll, nun so erhalte mich in der Versicherung deiner Gnade, erhalte in meinem Herzen das Andenken an deinen Sohn Jesum, meinen Heiland, der auch durch Leiden und Tod zur Herrlichkeit eingegangen ist, und befestige mich immermehr in der Hoffnung des ewigen Lebens. Gieb mir Kraft, alle meine AngeLegenheiten bei Zeiten in Ordnung zu bringen, damit ich noch vollenden kann, was zum Besten der Meinigen dient und jeder Ungewißheit unter ihnen vorbeuge. 10 Betrachtungen und Gebete Verleihe, daß ich mich zu jeder Stunde und in jedem Augenblick zu der wichtigen Veränderung, die mit mir im Tode vorgehet, bereit halte. Dir befehle ich meine Seele, sie wird zu dir, ihrem Schöpfer, zurückkehren, denn Jesus hat sie erlöset; dir befehle ich meinen Leib, er wird unter deiner Aufsicht ruhig im Grabe schlafen, und Jesus wird ihn einst auferwecken; denn er lebt, und ich werde auch leben. Laß mein Ende allen den Meinen rührend, erbaulich und lehrreich werden, damit sie sehen, nur der begnadigte Christ könne ruhig sterben, nur der könne sagen: ,, Ich verlasse die Welt, ich gehe zum Vater; ich sterbe, und Gott wird mit euch sein." Ja, ewiger, unveränderlicher Gott, das wirst du thun, du wirst für sie sorgen und dich ihrer annehmen. An dir werden sie einen bessern Freund und Versorger, als an mir haben, einen Freund, der ihnen nie abstirbt, der sie nie verläßt, wenn sie dich nicht selbst verlassen. Erhalte und leite sie daher stets auf dem Wege der Frömmigkeit, damit ich einst mit ihnen die frohe Stunde des Wiedersehens genießen möge. Und wenn dann endlich die letzte Stunde meines Lebens schlägt, so stehe mir bei in dem Kampfe, den ich noch zu kämpfen habe; erleichtere mir meinen Ueber146 bei Haus- und Kranken- Communionen. 147 gang aus dieser in jene Welt und laß mich einst die Stimme meines Heilandes hören: ,, Komm her, du Gesegneter meines Vaters, ererbe das Reich, das dir bereitet iſt." Amen. III. Fürbitte für Kranke. Gott, unsers Lebens, unsers Todes Herr, In dessen Vaterhand wir Alle stehen, Im Vollgefühl der ungeschwächten Kraft, Und wenn des Todes Schauer uns umwehen: Erhöre mich! o laß zu deinem Thron Das heiße Flehen meines Herzens dringen, Und schenke Trost und Kraft und Seelenruh' Dem Schwachen, der sich sehnt, zu dir zu schwingen. Wohl uns, bei dir ist Hilfe, Trost und Rath, Wenn Menschenkunst und Klugheit uns verlassen. Ich glaub' es freudig, flüchte mich zu dir, Ich wag' es, deine Vaterhand zu fassen. Ach, nicht für mich, für einen theuern Freund Fleh' ich zu dir um Rettung und um Leben. Nur du allein, von dem ja Alles kommt, Kannst die verlorne Kraft ihm wiedergeben. Nur du allein, der du das Leben gabst, Der du's erhältst, mit jedem Gut es schmückest, 10* 148 Betrachtungen und Gebete Und über unser Bitten und Versteh'n Selbst durch die Leiden besserst und beglückest: Du frönst allein das menschliche Bemüh'n, Du bist's, der auch das Heilkraut liebend segnet, Du bist's, der jede Kraft zum Leben weckt Und den Gefahren mächtig noch begegnet. Und darum, Vater, fleh' ich heiß zu dir, Dzürne nicht dem ungestümen Flehen! Ach, Herr, ich kann des Freundes große Noth Nicht im Gefühle meiner Ohnmacht sehen. Ich kann den Schmerz nicht tragen, der die Brust Des Freundes drückt, den du, o Gott in Liebe Mir zugeselltest, daß ich nicht allein Und freudenlos in diesem Leben bliebe. Ich kann des Pulses bangen Wechselschlag, Den irren Blick, die Todesangst nicht tragen. O Gott, ich muß mit Thränen dir mein Leid, Muß meine Furcht, muß meine Angst dir klagen. Du schufst mir dieses Herz zum Mitgefühl, Schufft es zur Lieb' und Freundschaft reinen Freuden, Und darum, Herr, verzeihst du deinem Kind, Dem bange wird im Wehgefühl der Leiden. Ich glaube, ja ich weiß, du bist mein Gott, Ja Liebe weht in allen deinen Werken, In Schmerz und Lust, und dieser Glaube wird, Schon fühl' ich's freudig,- wird mich wieder stärken. - bei Haus- und Kranken- Communionen. 149 Die Weisheit, die das Weltall einst erschuf, Die Weisheit, die es heute noch regieret, Die liebend sorgt, daß in dem weiten Reich Durch Zufall nicht ein Stäubchen sich verlieret. Ihr Odem weht auch hier, getröstet schaut Mein Blick jetzt auf, o Gott, zu deinen Sternen. Schon fühle ich Vertrau'n und frohen Muth, Den Schmerz werd' ich getrost ertragen lernen. - - Nicht wie ich will, nein, Herr, dein Will' gescheh', Ist's möglich, Gott, so geh' der Kelch vorüber! Wenn nicht,-nun wohl, es harret still mein Geist ,Wenn nicht,-so nimm den Freund mit Huld hinüber. Hinüber, Herr, in's lichte schöne Haus, Wo Millionen Sonnen ewig flammen, Einst führst du mich mit dem, den ich geliebt, Im Heiligthume wieder froh zusammen. IV. Das Ende des Frommen. Wie schön dahingeschieden Ist er, vollendet ist der Lauf; Es nahm zu seinem Frieden Das Vaterland der Geister auf Ihn, den des Himmels Wonne Mit Sanftem Glanz umfing, Als ihm die Erdensonne 150 Betrachtungen und Gebete Auf ewig unterging. Entflohen sind die Freuden, Die dankbar er genoß; Sie sind dahin, die Leiden, Geduldet, still und groß. Doch blühen noch die Saaten, Die er hienieden ausgestreut. Die Reihe edler Thaten, Vertraut dem sichern Schoos der Zeit, Der reine, seste Wille, Zu thun, was Gott gebeut, Die Opfer in der Stille, Der Brüder Wohl geweiht Sind, was uns noch umschwebet Und froh uns seguen heißt; In seinen Thaten lebet Noch fort des Edlen Geist. An seinem Grabe schwören Wir, uns der Menschheit Wohl zu weih'n; Der Tugend Ruf zu ehren, Kein Opfer für die Pflicht zu scheu'n. Des Lebens Glück und Schmerzen Verschlingt der Strom der Zeit; Die Thaten edler Herzen Bewahrt die Ewigkeit. Den schweren Kampf hienieden, Des kurzen Lebens Müh' - bei Haus- und Kranken- Communionen. 151 Wie herrlich lohnt der Frieden Der Scheidestunde sie! An wessen Todeshügel, Umschwebt von höh'rer Geister Chor, Hebt auf der Andacht Flügel Die Seele heil'ger sich empor, Als da, wo du ein Leben So himmelschön uud rein, O Jesu, hingegeben, Ein Retter uns zu sein? Wir preisen dich und schwören Voll Dank und Liebe dir: Durch Tugend dich zu ehren, So lang' wir leben hier! Einige Bußlieder. I. Mel.: In dich hab' ich gehoffet 2c. 1. Ich komme, treuer Gott, zu dir; ach, ach, hab' doch Geduld mit mir, mit mir, betrübtem Sünder! Erbarme dich und zähle mich, Herr, unter deine Kinder. 2. Zwar bin ich weil mich der Sünden von diesem Bösen, das täglich kriegt und oftmals siegt, mich Sünder doch erlösen? solcher Huld nicht werth, Last beschwert. Wer will Bußlieder. 3. Du mußt es thun durch deinen Geist, der mich der Sünde Macht entreißt und zu dem Guten treibet, der, wenn der Feind es ernstlich meint, ein starker Helfer bleibet. 152 4. Ach, laß doch dessen Gnadenkraft, der, was dir wohlgefällig, schafft, in meine Seele dringen, und gieb mir Muth, der Sünde Wuth und Herrschaft zu bezwingen. 5. Durch unsern ganzen Lebenslauf hört ja der Sturm nicht völlig auf; d'rum hilf mir täglich kämpfen. Hilf ihre Macht bei Tag und Nacht bezwingen, tödten, dämpfen. 6. Ja, mach' du selbst mein Herz bereit, der Sünden Gräul und Schädlichkeit tagtäglich zu erkennen. Die kleinste kann uns von der Bahn zum Leben gänzlich trennen. 7. D'rum, wenn die leichtgesinnte Welt die Sünden nur für Spielwerk hält, so laß mich anders denken und Seel' und Herz voll Reu' und Schmerz in Demuth zu dir lenken. 8. Mein Heil, der du der Sünden Macht und Herrschaft unter dich gebracht, hilf meiner Schwachheit ringen, wenn Sünd' und Noth, wenn Höll' und Tod auf Leib und Seele dringen. Bußlieder. II. Ach Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn und züchtige mich nicht in deinem Grimm. Herr! sei mir gnädig, denn ich bin schwach; Heile mich, Herr! denn meine Gebeine sind erschrocken. Und meine Seele ist sehr erschrocken; ach du, Herr, wie so lange! Wende dich, Herr, und errette meine Seele; hilf mir um deiner Seele Willen. Denn im Tode gedenket man deiner nicht, wer will dir in der Hölle danken? Ich bin so müde vom Seufzen, ich schwemme mein Bett die ganze Nacht und nebe mit meinen Thränen mein Lager. Meine Gestalt ist verfallen vor Trauern und ist alt geworden; denn ich allenthalben geängstiget werde. Weichet von mir, alle Uebelthäter, denn der Herr hört mein Weinen. Der Herr hört mein Flehen und mein Gebet nimmt er an. Es müssen alle meine Feinde zu Schanden werden, und sehr erschrocken sich zurückkehren und zu Schanden werden plötzlich. 153 III. Mel.: Ach Gott, du frommer Gott 2c. 1. Herr, höre mein Gebet, um deiner Wahrheit Willen! du bist an Gnade reich und wirst mein Seufzen stillen. Ach! geh' nicht in's Gericht mit deinem armen Knecht! Vor dir, o Herr, ist ja kein Sterblicher gerecht! Univ. Bibl. Giessen Bußlieder. 2. Die Größe meiner Schuld schlägt meine Seele nieder. Beschämt empfind' ich sie; o tröste du mich wieder, daß mit der Seele Schmerz nicht alle Kraft verzehrt. Wer ist, der außer dir mir wahren Trost gewährt? 154 3. Zu dir, o treuer Gott, erheb' ich Herz und Hände. Mein Heil steht nur bei dir. O daß ich Hilfe fände: Für Recht laß Gnad' ergeh'n; ich hoffe, Herr, auf dich. Zeig' mir den rechten Weg; nach dir, Herr, sehn' ich mich. 4. Ich will, o stärke mich, ich will die Sünde hassen, und nun und nimmermehr von dir, mein Helfer, lassen. Nur das, was dir gefällt, werd' auch von mi gethan. Führ mich durch deinen Geist forthin auf eb'ner Bahn! 5. Beruhige mein Herz um meines Mittlers Willen. Laß seines Opfers Trost auch mein Gewissen stillen. Du bist die Liebe selbst, ganz unveränderlich, dein will ich ewig sein; o Gott, erhöre mich! IV. Litanei. Ewiger, vor dem die Erde bebet, Weltenkönig, Herr, erbarme dich! Menschenvater, der im Sturme segnet, 155 Bußlieder. Freudengeber, Gott, erbarme dich! Mach' uns frei von Irrthum und von Sünden, Ach, das Herz verwelkt durch Miſsethat, Und durch stets erneuten Sündenfall Weicht das Paradies von unserm Pfad! Sei uns gnädig, hilf uns überwinden, Laß uns freudig in dem Kampfe steh'n, Und wenn Dunkel unser Aug' umhüllet, Laß uns auf die helle Zukunft seh'n! Alles weicht und alles stirbt am Grabe, Vater, Schöpfer, laß uns weise sein! Laß uns täglich geistig auferstehen, Herr des Lebens, o dann sind wir dein! Gieb uns Frieden, Frieden im Gewissen, Schent' uns frommen Glauben in der Noth, Laß die heil'ge Liebe nicht erkalten, Und die Hoffnung tröste uns im Tod! Aus dem Dunkel führe uns zum Lichte, Alles Unrecht werde abgethan; Jeder denke an die letzte Stunde, Reich und Armer, Fürst und Unterthan! Deine Welt ist ewig schön geschmücket, Ueber Blumen schwebt der Zeiten Flug: Laß uns danken unter Freudenthränen, Denn du gabst uns Allen Brod genug! Unsre lange Zwietracht sei vernichtet; Hochmuth, Wollust und der schnöde Geiz! Jeder Feind, der unser Herz bedrohet, Sinke, liege, sterbe unter'm Kreuz! Bußlieder. Hilf uns, stärk' uns, tröst' uns, lieber Vater, Führ' uns über Welt und Grab zu dir! Jesus Christus sei gebenedeiet Und sein Reich erscheine dort und hier! 156 Jesus Christus, unser Herr und Meister, Lehr' uns Wahrheit, Liebe, Recht und Pflicht! Deine Tugend, unter Engeln heilig, Walte stets vor unserm Angesicht! Deine Liebe zu dem Weltenvater, Deine Andacht vor des Schöpfers Thron, Dein Gehorsam bis zum Tod am Kreuze, Deine Sanftmuth bei der Menschen Hohn, Deine Freude, Noth und Schmerz zu lindern, Deine Milde, wenn der Schwache fiel, Deine Hoheit in dem Kreis der Sünder, Deine Demuth an der Weisheit Ziel; Dein Gebet im letzten Mondenschimmer, Deine Worte: weinet über euch! Großes Herz, das für die Feinde betet, Mach' uns dir in heil'ger Liebe gleich! Dein Vertrauen mehre unsern Glauben; Deine Liebe lind're Sorg' und Noth; Und die Hoffnung, die dein Herz belebte, Tröste uns im letzten Abendroth! - Geist der Weisheit, der in Liebe waltet, Der uns dort der ew'gen Gnade weiht, Senke dich auf alle Herzen nieder, Leite uns zum Quell der Seligkeit! Bußlieder. Mach' uns weise! Laß die Wahrheit siegen! Gieb uns Liebe zur Gerechtigkeit! Lehr' uns kindlich beten, kindlich glauben, Bis zum Schauen in der Ewigkeit! Amen! Ehre sei Gott in der Höhe! Friede herrsche auf dem Erdenkreis! Menschenvater, der im Sturme segnet, Dir sei Ehre, Lob und Dank und Preis. V. Das Gebet Jesu. Vater, den uns Jesus offenbaret, Den der Geist mit hoher Andacht nennt, Vater, den kein Himmel von der Erde, Keine Welt von seinen Kindern trennt; Hochgelobet sei dein großer Name, Angebetet deine Herrlichkeit; Heilig ehret dich der Mensch im Staube, Von der Wiege bis zur Ewigkeit! 157 Dein Reich komme! Jenes Reich des Friedens, Das durch Weisheit und durch Liebe blüht; Jenes Reich, das Jesus Christus baute, Das die Menschen für den Himmel zieht! Es gescheh' dein Wille hier auf Erden, Wie in jenem lichten Geisterreich, Und die Wahrheit und die Tugend mache Alle Menschen deinen Engeln gleich! Bußlieder. Gieb uns, ewig große Freudenquelle, Gieb uns, was wir brauchen, in der Noth; Ach, wir bitten nicht um Gold und Schäße, Gieb uns, Herr, Zufriedenheit und Brod! 158 Wenn wir auf dem Pfad der Tugend straucheln, Herr, vergieb uns uns're Missethat, So wie wir auch gern vergeben wollen, Wenn der Nächste uns gekränket hat! Leite uns in jeder Prüfungsstunde, Wo die Tugend mit dem Laster ringt; Laß uns auf die Himmelskrone blicken, Wenn die Erde unser Herz umschlingt! So erlöse uns von allem Uebel, Das den Geist und unser Herz bedroht! Gram und Reue werden dann verschwinden, Und wir trogen jeder Lebensnoth. Dein, Herr, ist das Reich der Macht und Stärke, Ewig währet deine Herrlichkeit! Alle Himmel rühmen deine Ehre, Und dein Tempel ist die Ewigkeit. VI. Am letten Abend im Jahre. Bald hat wieder eine große Stunde In der Lebensglocke ausgetönt! Schweigend figt die Nacht auf ihrem Throne Bußlieder. Und mit Sternen ist ihr Haupt gekrönt. Feierlich umschließet mich die Erde; Noch bin ich im heil'gen Dienst der Zeit: Aber hinter Wolken steht und winket Schon der Bote der Unsterblichkeit. Millionen sanken hin zur Ruhe, Millionen an dem Wanderstab; Schaurig weht die schwarze Todesfahne Und die ganze Erde ist ein Grab. Stille Geister, schwebt ihr um die Menschen? Ist der Himmel vor euch aufgehellt? Ach, nur eine Stimme aus der Wolke, Einen Blick in jene Geisterwelt! Doch der kalte Tempel bleibt verschlossen, Stumm das Grab und still die Ewigkeit. Vor uns sä't das Leben seine Blumen; Hinter uns mäht die Vergänglichkeit. Vater, daß Du über Sternen walteſt, Daß du ewig nah' und ferne biſt, Daß mich stündlich deine Güte mahnet, Wenn mein Herz im Staube dich vergißt; Dieses tröstet mich am Scheidewege, Wo der Wechsel und der Tod erscheint; Laß mich an die Morgensonne denken, Wenn der Abend seine Thränen weint! Lieblich, wie der Mond vorüberziehet, Sind die Tage der Vergangenheit; Und auf jedem Lebenspfade glänzet Eine Zinne deiner Herrlichkeit. 159 Bußlieder. Vater, hochgelobet, hochgepriesen Sei dein Walten, deine Mildigkeit; Sein dein heit'res Auge dort im Himmel, Deine Liebe in der Ewigkeit! 160 Gnade ist es, daß wir sind und leben, Gnade, daß uns Speis' und Trank erquickt, Gnade, daß der Geist den Himmel ahnet Und mit Hoffnung über Gräber blickt! Mag die Zukunft freundlich niederschweben, Mag das Leben kalt und stürmisch sein; Alles wechselt, Alles geht vorüber, Treuer Vater, und wir sind ja dein; Dein im Leben, dein im stillen Grabe, Auf der Wallfahrt, in der Ewigkeit! Menschenkinder, laßt den Vater sorgen Und vertrauet seiner Gütigkeit! Habe Dank, du Geist der stillen Liebe, Habe Dank für das entschlaf'ne Jahr! Leite mich nach deinem Wohlgefallen Bis zum Wechsel an der Todtenbahr'! Morgen- und Abendgebete. Morgengebet am Sonntage. Tag, den uns der Herr gemacht! Fröhlich jauchz' ich Dir entgegen. Bring', was du schon oft gebracht, Meiner Seele Heil und Segen, Frei von allen eitlen Dingen Soll mein Herz zu Gott sich schwingen. Gegrüßet sei mir, junger Tag in deiner Schöne! Die Sonne kommt und kündigt dich an, festlicher Tag des Herrn! Licht werde es nun auch in mir! Die Träume der Nacht sind dahin, mein Geist erkennt nun, was ihn umgiebt und freut sich seines Daseins. Licht ist es auf Erden geworden, o möchte es auch in meinem Geiste heute licht werden. Immer noch umgiebt ihn der Sünden Dunkelheit, die dich ihm verbirget. O ewige Sonne der Gerechtigkeit, erleuchte auch meinen Geist heute 11 Morgen- und Abendgebete. mit deinem göttlichen Licht, daß er erkenne den Vater und seinen Willen! Sein Ruhm sei mein Morgenopfer, mein Herz bringe ich ihm heut' zu seinem Eigenthum. Singen will ich seiner Gnade und danken seiner Liebe, die auch diesen Tag mir werden ließ zu meinem Segen. O möchte er mir zum Segen werden, damit mein Herz Gott ganz gehört. O, Herr meines Lebens, heilige meinen Sinn und bewahre meinen Fuß, wenn ich heute mit deinen Gläubigen zu deinem Tempel walle, damit ich nicht unwürdig dir nahe und den Ort betrete, da deine Ehre wohnet! Bereite, Herr, mir mein Herz und gieb mir Weisheit, daß ich dein heiliges Wort mit Andacht höre und es verstehe zu deines Namens Ehre! Kräftige meinen Geist, daß er beweget deine Lehre, und mein Herz deinen Willen merke, damit ich nicht ein vergeßlicher Hörer bin, sondern ein Thäter, der da Frucht bringet tauſendfältig! O Herr, du weißt, wie oft ich fehle und deines Ruhmes mangele, wie oft ich gehöret und nicht gethan, wie oft ich deinen heiligen Willen vernommen und wie selten im Leben ihn befolget habe! Herr, gedenke nicht meiner Schwäche, sondern schreibe in meinen Sinn deine Worte und gieb dem schwachen Sinne Kraft, im Leben es zu üben 162 Morgen- und Abendgebete. zu deiner Freude, deinem Ruhm und meinem Segen. Und, o Gott der Gnade, stehe mir auch ferner bei, daß ich den Tag heilig halte und mit Leib und Seele ihn feiere! Bewahre mich vor Versuchung, daß ich deiner heut' nicht vergesse und in irdischer Lust den Tag nicht entweihe, den du gemacht hast zu deiner Ehre! Herr, Herr, ich hoffe auf dich! Stehe mir bei, daß ich würdig deinen heiligen Tag begehe und des Abends in Frieden mein Lager suchen darf. Amen. Komm' heute in mein Herz, Du König aller Frommen! Laß mit dir Segen, Heil Und Seelenfrieden kommen, Die Sonne deiner Gnad' Kehr heute bei mir ein; So wird mir dieser Tag Ein rechter Sonntag sein! Abendgebel am Sonntage. Vater! sei von mir gepriesen! Eh' der Schlaf mein Auge schließt. Gutes hast du mir erwiesen, Der du ewig gütig bist. 11* 163 164 Morgen- und Abendgebete. Stille herrscht in der Natur, Alles schläft, du Vater nur Schlummerst nicht, mit Dank und Beten Will ich gläubig vor dich treten. Auf, meine Seele, auf zum Gebete, ehe der Schlaf dir deine müden Augen schließt! Tritt noch einmal vor Gott und heilige betend deine Ruhestätte! Erfülle die Pflicht der Dankbarkeit und bringe dem Herrn dein Abendopfer. Nur nach des Himmels Segen kannst du ruhig schlafen. O Gott, mein Vater, mein Erhalter, dessen Güte ewig neu ist, und dessen Gnade kein Ende hat, du bist es, der zu meinem Alter diesen Tag gesetzt hat, der auch heute mich ernähret und versorget, mir Schutz und Hilfe erwiesen und mich heute mit seinem göttlichen Worte, zu meiner Seelen Seligkeit geſpeiset hat! O sei dafür hoch geprieſen, Allmächtiger, und vernimm deines Kindes schwachen Dank, den es in tiefer Ehrfurcht jetzt dir stammelt! Alle Tage erfahre ich deine Gnade und erkenne, wie du mich als Vater liebst und vor Allem heute, wo mir dein Wort zu meiner Besserung, Erleuchtung und Beruhigung in deinem Tempel ertönte, heute vor Allem bewundere ich deine unendliche Liebe, Allvater, und preise sie mit meiner Morgen- und Abendgebete. schwachen Kraft! Doch, Herr, Herr, ich kann nicht ruhen, ehe mein Herz Frieden gefunden hat! Mein Gewissen mahnet mich an manche Sünde und ich fühle nur zu tief, wie auch heute dein Gesetz nicht immer meine Regel, dein Wille nicht immer meine Vorschrift gewesen ist. O Herr! gehe nicht mit mirin's Gericht, ach verzeihe mir meine Sünde, und vergieb mir alle meine Fehler! Bei dir sucht mein Herz Ruhe und Frieden, und deine ewige Gnade läßt mich Vergebung hoffen und durch meinen Erlöser finden! So befehle ich mich denn auf's Neue deiner Liebe und Gnade, die bisher so treu mit mir gewesen ist. Laß meinen Leib ruhig sein und gestärkt erwachen, vor Allem aber bewahre mir meine Seele und erhalte sie mir rein. Dann werde ich, wenn ich einst zum letzten Male meine Augen schließe und zum letzten Schlafe eingehe, ein fröhliches Erwachen in deinen Vaterarmen hoffen können, ein fröhliches Erwachen zu einem Tage, dem nimmer die Nacht folgen wird. Amen. 165 Morgen- und Abendgebete. Norgengebet am Montage. Wenn ich mich zu Bette lege, so denke ich an dich, und wenn ich erwache, so rede ich von dir. P₁. 63, 7. 166 Ja, Herr, wenn ich erwache, so rede ich von dir, mit Preis und Dank erhebe ich meine Seele und im Lobgesange rühme ich deine Gnade! Deine Gnade, die alle Morgen neu ist und nicht aufhört zu segnen und zu beglücken, die schützend über mich wachte, als die Nacht mit ihren dunklen Schatten mich umfangen hielt, und mich mit dem Lichte der Sonne neu gestärkt und belebt erwachen ließ! O mein Gott, womit soll ich dir danken, was soll ich dir für ein Opfer bringen? Sieh, mein Vater, hier meine Seele, sie sei dein Eigenthum. O schlage du d'rinnen deine Wohnung auf und verkläre dich in ihr! Wohne und leb' in mir, bewege und rege mich, damit meine Seele immer mehr und mehr dein Bildniß werde und deine Gerechtigkeit ihr Schmuck sei! O sende heute mir Weisheit und Liebe, Demuth und Geduld und stärke mich durch deinen Geist zu dem, was vor dir gefällig ist. Allgegenwärtiger! laß mich bedenken, daß du nicht fern bist von mir und dein heiliges Auge die Werke meiner Morgen- und Abendgebete. Hand und die leisesten Gedanken meines Herzens erforscht, auf daß ich fromm bleibe und mich heute allzeit recht halte! Herr, Herr, in deinem Namen fange ich an und erflehe deinen Segen! Segne meine Werke, meine Worte, meineGedanken, gieb dem Geiſte Kraft, dem bösen Feinde zu widerstehen und regiere mich so, daß ich lebe zu deines Namens Ruhm, und unverrückt dein eigen bleibe! Amen. Abendgebet am Montage. O, daß ich tausend Zungen hätte Und einen tausendfachen Mund, So stimmt' ich damit um die Wette Aus meines tiefsten Herzens Grund Ein Loblied nach dem andern an Von dem, was du an mir gethan. 167 Ich will von deiner Güte singen, So lange sich die Zunge regt, Ich will dir Freudenopfer bringen, So lange sich mein Herz bewegt; Ja, wenn der Mund wird sprachlos sein, So stimm' ich doch mit Seufzen ein. Ja, nimmer will ich aufhören, deinen Namen zu lobsingen und deine Güte zu preiſen, die sich heute wieder in mir so tausendfach 168 Morgen- und Abendgebete. verherrlicht hat. O ich fühle, wie unwürdig ich hier noch bin und wie viel zu gering der Treue, die du an mir gethan haft; doch wenn auch meine Thaten dich nicht immer rühmen, Herr, so vernimm doch den schwachen Dank, den ich jetzt nach vollbrachtem Tage dir singe! Du nahmst dich meiner heut' kräftig an und gewährtest mir Alles, um was ich dich am Morgen findlich bat! Väterlich hast du mein Haus beschützet und mich bewahret vor Schaden und Gefahr! Du hast Alles an mir gethan und ich, Herr, ach so wenig! Overzeihe mir meine Fehler und gehe nicht mit mir in's Gericht! O, getreuer Gott, verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir. Mit Herz und Munde gelobe ich dir fortan zu wandeln in deinen Wegen und mich zu halten nach deinen Geboten. O, verleihe mir dazu Zeit, Allvater, und sei in deiner Lieb' und Macht auch in dieser Nacht mein Schutz und Schirm. Sollte aber, mein Gott, dieſe Nacht die letzte meines Erdenlebens sein und ich die goldene Morgensonne mir nicht wieder aufgehen sehen, Herr, dann erbarme dich mein in meinen Sünden, rette mich vom ewigen Tode und laß mich vor deinem Throne Gnade finden! Amen. Morgen- und Abendgebete. Morgengebet am Dienstage. Es ist umsonst, daß ihr früh aufstehet und hernach lange sitet und esset euer Brod mit Sorgen; denn seinen Freunden giebt er es schlafend. Psalm 127, 2. Erquickt von sanftem Schlummer, Geh' ich jetzt ohne Kummer Froh an mein Tagewerk; Will rüstig es betreiben, Dabei bewußt mir bleiben, Von dir nur komme Kraft und Stärk. Was hilft denn alles Sorgen, Vom Abend bis zum Morgen Ob schlaflos ich gewacht? Wirk' treu ich nur am Tage, Kommt ohne meine Plage Dein Segen, Herr, mir über Nacht. Mit allen Kummerzähren Kann ich das Brod nicht mehren, Das du mir zugedacht. Es wird auch ohne Quälen Mir täglich's Brod nicht fehlen, Es kommt dein Segen über Nacht. 169 Daß ich dein Freund verbleibe, Mich deiner Huld verschreibe, Das ist's, wonach ich tracht'. 170 Morgen- und Abendgebete. Und bleib ich dir ergeben, Kannst du mir' s schlafend geben, Den Deinen giebst du' s über Nacht. Abendgebet am Dienstage. Wenn in stiller Abendstunde Ruh' und Frieden aus dem Himmel quillt; Wenn in weiter Erdenrunde Alle Sorg' und Arbeit nun sich stillt! Wem verdanken wir den Frieden, Der die Seelen aus der Qual erlöst; Wessen Hand hat uns hienieden Lebensthau und Balsam eingeflößt? Es ist keines Menschen Finger, Der sich heilend auf die Wunden legt; Jesus ist der Freudenbringer, Dessen Wort den ganzen Himmel trägt. O du theurer Jesusname, Hochgelobet und gebenedeit, Der das Herz aus allem Grame Senft in's Meer der süßen Seligkeit. Name, den in Engelchören Unvergänglich tönet Lob und Preis, Den ich nicht genug kann hören, Den ich nie genug zu rühmen weiß. Wenn nach tagelangen Stürmen Nächtlich sich enthüllt des Himmels Pracht; Morgen- und Abendgebete. Wenn die Glocken von den Thürmen Uns entbieten eine gute Nacht: Jesus, deines Namens Ehre Rufen sie mir in das Herz hinein; Und die schönen Sternenheere Müssen alle deine Kronen sein. Dein Gehorsam und dein Leiden Hat die sünd'ge Welt mit Gott versöhnt; Dein Gebet und dein Verscheiden Hat das schuld'ge Haupt mit Licht gekrönt. Du hast Kampf und Streit geschlichtet, Die zuvor die ganze Welt entzweit; Und dein Kreuz steht aufgerichtet Als ein Thron der Gottesherrlichkeit. 171 Hirte, der den Staub der Weide In den Lebensbrunnen taucht; Priester, der im weißen Kleide Einen Geist des Friedens auf uns haucht. König mit der Dornenkrone! Laß ein Gnadenwort an uns ergeh'n! Laß uns unter deinem Throne Ohne Furcht und ohne Zittern steh, n. Führ' uns mit den treuen Knechten In die Pforten deines Reiches ein! Laß uns einst zu deiner Rechten Ewiglich im Licht versammelt sein! Amen. Morgen- und Abendgebete. Norgengebet am Mittwoch. Der Herr, unser Gott, sei uns freundlich und fördere das Werk unserer Hände bei uns, ja das Werk unserer Hände wolle er fördern. Psalm 90, 17. 172 Dank dir, Vater, deine Treue Hat mich diese Nacht bewahrt, Deine Güte hat auf's Neue Jetzt an mir sich offenbart. Sei mir freundlich, Herr, und merk' Fördernd auf mein Tagewerk; Hilf mir meine Pflicht vollbringen, Laß viel Gutes mir gelingen. Denn ich weiß, an deinem Segen, Nicht an meiner Sorg' und Müh', Ist des Werk's Gedeih'n gelegen, D'rum, daß Segen mir erblüh', Stärke meine schwache Kraft, Daß mit ihr gewissenhaft Stets ich wirke, nie erschlaffe, Mein und Brüder Wohl beschaffe. Abendgebet am Mittwoch. Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewig. Ps. 107, 1. Aus der Tiefe meiner Seele steiget Dank zu dir empor, Vater voller Freundlichkeit und Milde. Ja, getreu bist du, und was du zu 173 Morgen- und Abendgebete. ſageſt, das hältst du gewiß; du erhörest Gebete, darum kommt alles Fleisch zu dir. Auch mein Gebet hast du heute gnädiglich erhöret. Denn obwohl ich mich vor dir meiner Arbeit und meines Tagewerkes nicht rühmen darf, so will ich mich doch meiner Schwachheit rühmen und deiner Hilfe. Was mir noch je Gutes gelungen, das geschah durch dich, mein Gott. Auch heute habe ich deinen Segen geſpürt bei Allem, was ich in deinem Namen begonnen und im Aufsehen auf dich unternommen und vollführt habe. Du gabst und erhieltst mir nicht nur Kraft, Gesundheit und Stärke, du verliehest mir auch Freudigkeit und lohnenden Erfolg. Mache mich nur immer frömmer und dir recht innig verwandt, so wird mir nie, auch bei den größten Hindernissen, der Muth; nie, auch bei den bedeutendsten Schwierigkeiten, die Erleuchtung und Kraft; nie, auch bei den niederschlagendsten Aussichten, die Zufriedenheit und Zuversicht fehlen. Segne, Vater, auch mein heutiges Tagewerk und verwirf mich nicht als einen unnützen Knecht, wenn ich meine Pflicht nur unvollkommen vollbrachte. Dir, Herr, bleibt mein Herz in Liebe, Dankbarkeit und Vertrauen ergeben; verleihe du mir deinen Segen! Amen. Morgen- und Abendgebete. Norgengebef am Donnerstage. Durch deine Güte beschützt, haben wir eine ruhige Nacht erlebt, durch deine Allmacht geweckt, beginnen wir den Morgen; von deiner Obhut getragen, werden wir den Tag in Segen beſchließen. Ohne dich, Unendlicher, vermögen wir nichts; nicht die nächste Stunde ist uns gewiß, nicht der nächste Augenblick ist uns sicher; nicht den Zug unseres Odems, nicht den Pulsschlag unseresHerzens vermögen wir zu bewahren und zu leiten. Ein einziger verderblicher Lufthauch kann unsere Gesundheit stören, der kleinste Zufall das Gebäude unseres Glückes erschüttern, irgend ein unabwendbares Ereigniß die Ruhe des Herzens uns rauben. Wie vermögen wir gegen die Wechselfälle des Lebens uns zu schützen? Du, Herr, bist unser Schirm und Schild, du bist unser Helfer und Retter. Zu dir rufen wir auch an diesem Morgen, und es tönet uns deine freundliche Verheißung entgegen: ,, Ehe sie rufen, will ich antworten; ehe sie noch reden, will ich hören". Oder wo wäre der, welcher dich gesucht und nicht gefunden hätte, welcher um Schutz und Rettung, um Hilfe und Trost dich angefleht und dich nicht erkannt hätte als einen Tröster in jeder Noth, als den Helfer in jedem Unge174 Morgen- und Abendgebete. mach? Fließet doch keine Thräne und wäre sie im verborgensten Kämmerlein geweint; ſteigt doch kein Seufzer aus gepreßtem Herzen, und entzöge er sich auch dem leisen Ohre des Lauschers, drückt doch keine Sorge unsere Brust, und bliebe sie verborgen vor aller Welt, die du nicht zählest und hörest und linderst. Nicht erst zu klagen brauche der Mund, nicht erst zu beten die Lippe; du, der in's Verborgene schaut, kennst unseres Herzens Sehnsucht und Verlangen, und antworteſt, ehe wir rufen, hörest uns, ehe wir reden. Ja du, der überschwenglich thun kann über Alles, was wir bitten und verstehen, du haſt die Hilfe bereitet, noch ehe wir den Druck des Leidens empfinden; hast die Auswege gebahnt, noch ehe wir die dunkeln Verkettungen unseres Schicksals recht erkannten; du führtest das helle Licht der Freude und der Rettung hervor, noch ehe die Nacht des Ungemachs und Kummers uns ganz umfing. Deinen Vaterhänden vertrauen wir unser Glück und Leben, führe uns heute nach deinem weisen und gnädigen Rathe. Gewährtest du uns auch nicht, was unser sinnliches Herz ersehnt; größere und bessere Güter haſt du uns beſtimmt. Prüfest du uns auch im Kampfe; aus dem Kampfe führeſt du 175 176 Morgen- und Abendgebete. den Frieden hervor. Legst du uns Lasten auf; auch Leiden hast du zu unserem Wohle beſtimmt, und züchtigest uns als Vater zur Besserung, und nicht zum Verderben. Darum beten wir nicht um Leben und Gesundheit, um Habe und Gut, um Genuß und Freude, sondern wir legen Alles vertrauend und kindlich nieder in deine Vaterhände. Ehe wir rufen, wirst du antworten: wenn wir noch reden, wirst du schon hören! Amen. Abendgebet am Donnerstage. Der Gnaden Fülle ruht in dir, Herr Jesu, du mein Leben. Du willst den Deinen schon allhier, Was ewig Noth ist, geben: Das Heil, das keine Sprache nennt, Den Frieden, den die Welt nicht kennt, Den Himmel schon auf Erden. D'rum eil' ich dir im Glauben zu, Gehorsam deinem Willen. Dn nur giebst meiner Seele Ruh', Du kannst ihr Sehnen stillen. Du schenkst mir Licht und Trost und Kraft, Und deinen Geist, der in mir schafft Ein neues heil'ges Leben. Morgen- und Abendgebete. Was wär' ich Armer ohne dich? Ich bliebe todt in Sünden. Du, du, mein Heiland, rettest mich Und läßt mich Gnade finden. Du deckst der Sünden Mengen zu. Giebst meinem Herzen wahre Ruh, Führst mich zu ew'gen Freuden. So komm' denn in mein Herz hinein, Mich ewiglich zu laben. Nichts such' ich, als nur dich allein Und deines Geistes Gaben. Nach Erd' und Himmel frag' ich nicht, Dich will ich, bis mein Auge bricht, Mein Heiland fest umfangen. Dann führst du mich vor deinen Thron, 3u jenen sel'gen Frommen, Die dort des Himmels Gnadenlohn 177 Aus deiner Hand bekommen. Dort jauchzt mein Geist dir Preis und Dank, Und ewig mischt mein Lobgesang Sich in der Engel Chöre! Amen. Morgengebet am Freitage. Gott, du willst unser Heil, so laß es denn uns auch wollen. Lehre uns erkennen, was es heiße, dich zum Freunde zu haben und 12 178 Morgen- und Abendgebete. deines Wohlgefallens versichert zu sein; lehre uns ergreifen deine gnädigen Verheißungen, und der Reichthum deiner Liebe durchdringe uns mit einer Rührung, die sich in der Furcht der Dankbarkeit und des kindlichen Gehorsams offenbare. Wecke unsere Seele, daß alle Verblendung von ihr weiche, und leite uns durch deine Wahrheit auf den sichern Weg des Friedens. Laß uns durch jeden Fortgang im Guten erfahren, wie unser Glück allein darin besteht, dir treu ergeben zu sein, und waffne uns dadurch gegen die Verführung der falschen Freuden der Eitelkeit, die uns in's Verderben locken. Du kennest uns, unser Gott, und dir ist der Grund unseres Herzens offenbar. O daß wir deinen heiligen Blick nicht scheuen dürften; daß der Gedanke deiner prüfenden Nähe sich unserer Seele so bemächtigte, daß wir allezeit Recht thäten, und in Aufrichtigkeit und Wahrheit wandelten! O mache uns weise zur Heiligung, daß deine Gnade die Richtschnur unseres ganzen Verhaltens sei, leite uns, daß wir sicher gehen und nicht fehlen. Aufrichtigkeit ist dir angenehm, und wer dich suchet, barmherziger Gott, den nimmst du an und läsfest die Sünder deine Gnade erfahren. Auch wir fündigten mannigfaltig, und wir bekennen dir unsere Morgen- und Abendgebete. Vergehungen. Das erkannte Gute haben wir unterlassen, und die Lockungen des Bösen haben uns übermocht. D entreiße uns den bösen Folgen der Sünde, und führe uns zu dem Heile in Christo, wenn es auch durch bittere Mittel geschehen muß. Erweise dich uns als ein Vater; sei uns gnädig und offenbare dich uns in der Größe deiner Erbarmung. Laß Jesum in uns herrschen, dem du Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden, der die Kraft und Versöhnung und das Heil aller Sünder werden soll. Sein Reich komme zu uns mit der Fülle seiner Gaben; sein Licht erleuchte, sein Verdienst tröste uns. Ihm sei unser Herz übergeben, daß wir mit Freuden ihm nachfolgen. Ja, verkläre uns durch ihn, und laß uns einst zu seiner Herrlichkeit gelangen! Amen. 179 Abendgebet am Freitage. Das Leben rinnt mit jedem Tag von hinnen, Die Freude der Vergangenheit entflieht, Der leichten Silberwolke ähnlich, welche Durch's Flittergold der Abendröthe zieht. Wo seid ihr nun, ihr frohen Millionen, Die einst der Schauplaß dieser Erde trug? Jetzt schlafet ihr den langen Schlaf im Grabe, 12* Morgen- und Abendgebete. Und eure Hülle deckt der Aschenkrug! So schwindet Alles, nur die Wahrheit bleibet, Dem Felsen gleich, im stürmevollen Meer, Jahrtausende führt dort die Zeit vorüber; Es steht und trotzt dem lauten Wellenmeer. So steht die Tugend! Berg' und Hügel weichen, Die Kraft veraltert an dem Wanderstab; Und eine Menschheit um die and're sinket Hinab in's große mütterliche Grab. Nur du allein, verklärte Himmels- Tochter, Hast in die Sonne deinen Thron gebaut! Ihr Licht und deine Kraft ist unvergänglich; Wohl dem, der dir mit festen Muth vertraut! Er sieht am Schlusse eine Abendröthe, Er hört im Tod den Ruf der Ewigkeit, 180 Und findet in der schwarzen Nacht des Lebens Den Stern der seligen Unsterblichkeit. Wohl mir dereinst, wenn ich den Lauf vollendet, Wenn Alles um mich welket, stirbt und schweigt, Mein Auge bricht, mein Herz im Tod erkaltet Und meine Hülle sich zu Grabe neigt; Wohl mir dereinst, daß ich die Tugend liebte, Daß ich mit Lust auf ihrem Pfade ging, Daß ich die Einfalt und das Wahre suchte Und nicht das Herz an eitle Träume hing; Ich fühl' es tief, man kann die Weisheit lieben, Und durch die Unschuld reich und glücklich sein. So lebte Jesus Christus unter Menschen; Er starb am Kreuze, aber schuldenrein. Morgen- und Abendgebete. Sein letzter Blick voll Heiterkeit und Liebe Sprach zu der Welt: ,, der Himmel kennet mich, Dir, Vater, schlägt mein treues Herz entgegen. Es blutet für dein Reich und freuet sich. 181 O Gott, den ich in stiller Nacht verehre, Zu dem mein Herz durch finst're Wolken steigt, Vor dem mein Geist im großen Weltentempel Sich unter Liebe, unter Andacht neigt; Du Heiliger, laß mich die Welt verachten, Wenn sie des Lasters gold'ne Schale beut, Und laß mich hier mit frommem Herzen sterben, Damit dies Leben dort mich nie gereut. Morgengebet am Sonnabend. Dies ist der Tag von dir gemacht, Daß er zerstreu' die dunkle Nacht, Die unsre Seele noch umzieht, So lange sie dein Heil nicht sieht. Dies ist der hohe Freudentag, Der frei macht, was in Fesseln lag, Der alle Kerterriegel sprengt, Das Herz zu hoher Freude drängt. Dies ist der Tag des Gnadenlichts, Ein Abglanz deines Angesichts! Es fliehet Furcht, es weicht der Wahn, Siehst du uns mit Erbarmen an. 182 Morgen- und Abendgebete. Ich will mich freu'n und fröhlich sein, Will dir ein Lob- und Danklied weih'n, Will sonnen mich in diesem Glanz, Der Gnade mich ergeben ganz. Hilf, Gott, daß ich auch diesen Tag Nach allem Anderen nicht frag', Nur nach dem Heiland meinem Herrn, Und folge seinem Gnadenstern. Ja, mach's in meiner Seele licht, Auf daß sie alle Fesseln bricht, In Freiheit lebet, rühmt und preist, Voll Fried' und Freud' im heil'gen Geist. Abendgebet am Sonnabend. ,, Herr, erhöre mein Gebet, vernimm mein Flehen, um deiner Wahrheit Willen, erhöre mich um deiner Gerechtigkeit Willen und gehe nicht in's Gericht mit deinem Knecht; denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht! Thue mir fund den Weg, darauf ich gehen soll; denn mich verlanget nach dir. Lehre mich thun nach deinem Wohlgefallen; denn du bist mein Gott, dein guter Geist führe mich auf ebener Bahn!" Die Ruhe winkt; die Woche geht zu Ende, Wie preis' ich, Vater, deine Gütigkeit! Wohin ich mein gerührtes Auge wende, Find' ich nur Liebe und Barmherzigkeit! 183 Morgen- und Abendgebete. Du hast so vieles Gute mir gegeben, Mein Bestes treuer, als ich selbst bedacht, Mit Rührung blick' ich auf mein Erdenleben; Du, Herr, hast Alles, Alles wohlgemacht! Wie hab' ich deine Treue dir vergolten? Wie hab' ich meine Liebe dir bewährt? Ach, selten thun wir Schwachen, was wir sollten, Und keiner ist der ew'gen Liebe werth! Wo sind die Jahre, die du mir geſchenket, Wer ist es, der vor dir sich rühmen kann? Wie oft hab' ich, o Herr, dein Pfund versenket! Wie wenig für das Himmelreich gethan! Ich schäme mich, daß ich von dir gewichen; Du gabst mir Zeit zur Reu' und Besserung. Die Welt mit ihren Reizen war verblichen; Und doch erhielt sie neue Huldigung. Ich thue nicht das Gute, das ich wähle, Wenn mich die Last der Eitelkeit bethört. Der Pfad ist schmal. Oft schwankt die müde Seele, Wenn sie nicht laut den Ruf des Himmels hört. Ach, diesen laß mich froh und immer hören, Wenn sich das Herz im Zeitlichen vergißt; In Demuth laß mich deine Weisheit ehren, Und nie vergessen, daß du Richter biſt! Morgen- und Abendgebete. Einst schlägt die Stunde und die dunkle Halle, Des Grabes öffnet sich. Es klagt die Zeit. Der Richter spricht das Urtheil über Alle, Und den Vollzug gewährt die Ewigkeit. 184 O Vater, gnädig und barmherzig, sende Uns Allen deinen heilig guten Geist. Und schenk uns einst am Ziel ein selig Ende, Das unser Herr den Redlichen verheißt! Dir leb' ich, Jesu, und dir will ich sterben, Du bist mein Freund, ich bleibe ewig dein! Ja, Gottes Kinder sind des Himmels Erben; Der Tod wird mir ein Friedensbote sein! Morgen- und Abendgebete für die christlichen Festtage. Morgengebet am Neujahrstage. Mit dankgerührtem Herzen preisen wir an diesem Morgen deine Güte und Treue, o Gott, der du nie müde wirst, uns zu segnen und zu beglücken; preisen dich für alle Güter und Freuden, welche du im entschwundenen Jahre uns zugetheilt, für jede erfüllte Hoffnung, für jedes gelungene Streben, für jede glücklich vollbrachte That. Aber unsere Lippe preise dich auch für jede drohende Gefahr, die uns schreckte und die du gnädig abgewandt haſt, für jedes Leiden, das uns drückte und in welchem du unser Trost, unser Helfer gewesen bist, für jede Trübsal, die uns läuterte und wieder näher zu dir hinführte. Preis dir und Ehre für jeden Gewinn an geiſtlichen und himmlischen Gütern; für jede Belehrung, jede Warnung, jede Ermunterung, jeden Trost, Morgen- und Abendgebete jede Begnadigung, welche aus deinem Worte uns zugeflossen ist! Es ist deine Gnade, daß wir noch leben und unsers Daseins uns freuen; es ist dein Erbarmen, daß wir gläubig zu dir aufschauen und kindlich dir nahen können. Dein Vaterauge hat auch in dieſer Nacht uns behütet und den Morgen eines Jahres uns im Vorgefühl des Dankes begrüßen lassen. Ja, deine Güte ist es, daß wir leben, und deine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Wie sollten wir denn nicht anbetend niedersinken und die Opfer der heiligsten Rührung dir weihen? Jauchzet ihm, unsere Lippen! Bringe ihm Dant, unsere Seele! Vergiß nicht, was er dir Gutes gethan hat, der dir alle deine Sünden vergiebt und heilet alle deine Gebrechen; der dein Leben vom Verderben erlöset, der dich krönet mit Gnade und mit Barmherzigkeit. Mit David lobpreisen wir: Bei Gott ist unser Heil, unsere Ehre, der Fels unserer Stärke, unsere Zuversicht ist auf Gott! Dir, treuer Hirte, dir, Vater voll Erbarmen, übergeben wir uns alle im Namen Jesu Christi mit kindlicher Zuversicht; du wirst Alles wohl machen. Nimm uns heute in deinen allmächtigen Schuß, und laß uns die 186 187 für die christlichen Festtage. Barmherzigkeit widerfahren, die alle Morgen neu, die Treue, die unermeßlich groß ist. Sei im kommenden Jahre uns nah mit deiner Gnade, daß kein Unglück Verderben bringend uns ereile, und keine zu schwere Versuchung uns treffe; sei uns nahe mit deiner Gnade im kommenden Jahre, daß wir täglich weiser und besser, täglich vollkommener und dir wohlgefälliger werden. Kein Tag gehe vorüber, der nicht mit frommen Rührungen, mit heiligen Vorsätzen, mit guten Thaten bezeichnet wäre. Herr, unser Leben enteilet, als flögen wir davon. Olehre uns die flüchtige Zeit mit Thaten der Unvergänglichkeit bezeichnen, lehre uns jeden Augenblick nützen für unser künftiges Heil, mache uns mit jedem Tage geschickter und würdiger, einsteinzugehen in das Reich der Herrlichkeit. Vielleicht nahet uns im Laufe des Jahres der letzte unserer Tage. Herr, dann verlasse uns nicht im Tode, dann nimm du unsere Seele in Gnaden auf zu der Gemeinschaft der Gerechten, die an deinem Throne dich preist. Du bist unser Heil, darum hoffen wir auf dich. Amen. Morgen- und Abendgebete Abendgebet am Neujahrstage. Schöpfer, deine Nacht hat mich umfangen, Und ich denke an's entschlafene Jahr, An die Freuden, die vorüberzogen, An so manche frühe Todtenbahr' Ach, die Menschen welken wie die Blumen, Die der alte Winterfrost gebleicht Fallen wie das bunte Laub im Herbste, Wenn ein Blatt um's andre niederschleicht! Horch, ein leises Rauschen nah' und ferne Deine Freude weht der Wind herab; Und kaum, daß du ihre Spur gewahrtest, Liegt sie schon im dunklen Erdengrab! Herr des Lebens, so verschwinden Menschen, Wenn der Tod durch ihre Reihen haucht; Da und dort verlischt die Lebenslampe Und die letzte Freudengluht verraucht! 188 - - Aber sollte ich darüber klagen, Daß der Tod die letzte Scene schließt; Und daß aus der größten Lebensquelle Die Verwesung, wie die Freude fließt? - Nein, das Loos, das Allen zugefallen, Muß das beste Loos für Alle sein; Und wo eine ganze Menschheit sinket, Sinkt man leicht mit ihr in's Grab hinein! für die christlichen Festtage. Doch so lang die Lebensstunde währet, Freue ich mich ihrer Lieblichkeit Und genieße, wie du mir beschieden, Unter Hoffnung und Zufriedenheit, Danke dir mit jeder Abendröthe Für den zugelegten Lebenstag. Trage feine Sorge in dem Herzen, Außer, wie ich besser werden mag. 189 Friede sei mit allen Menschenkindern, Jetzt und wenn der große Tag erwacht! Laßt uns dulden, hoffen, lieben, glauben: Gott hat Alles, Alles wohl gemacht! Keine Sorge für den andern Morgen, Unter Dank und Liebe schlaf ich ein, Vater, und wenn ich hinüber gehe, Soll mein Abschied dir ein Loblied sein! Norgengebet am Oftersonntage. Mit dankbarer Freude kommen wir zu dir, Herr Jesu Christe, um deinen Sieg über Tod und Grab, dein neues Leben in der Herrlichkeit zu feiern! Wie bald hast du die Bande des Todes zerrissen, wie mächtig bist du hervorgegangen aus der Gruft, aus der sonst Morgen- und Abendgebete kein Sterblicher zurückkehrt; wie glücklich haft du dich emporgeschwungen zur bessern Welt, die deiner wartete, um dich von Gott gekrönt zu sehen mit Preis und Ehre! Wir beten dich an, Ueberwinder des Todes; denn für uns hast du im Staube gelebt, für uns hast du dein Blut vergossen, für uns lebst du von Neuem und kannst uns selig machen Alle, die durch dich zu Gott kommen. Sind wir durch Glauben und Liebe, sind wir durch Gehorsam und Treue mit dir verbunden, den Gott gesetzt hat zum Erben über Alles, und der herrschen muß, bis alle seine Feinde zum Schemel seiner Füße gelegt sein werden: so werden wir Theil haben an deinem Siege und mit dir zur Herrlichkeit erhoben werden. O du, der du alle Uebel des Lebens besiegt und den Tod selbst üiberwunden hast, erbarme dich deiner Erlösten, die dir folgen sollen, die wie du zu vollenden begehren, was ihnen aufgetragenist. Den Entschluß, dirzufolgen, den Entschluß, mit dir in einem neuen Leben zu wandeln, laß in uns reifen und That und Wahrheit werden, und mit Freuden werden wir es fühlen, daß wir, so wir mit dir ge= storben sind, auch mit dir leben werden. Noch umgiebt uns das hinfällige Wesen, und wir wissen nicht, was uns treffen mag, bis unsere 190 für die christlichen Festtage. 191 letzte Stunde vorüber sein wird. Aber wir zagen nicht; du, der du selbst gelitten und überwunden haft und durch Leiden des Todes mit Preis und Ehre gekrönt bist, du wirst auch uns erlösen und uns aushelfen zu deinem himmlischen Reiche. Ach, nimm dich selbſt unserer Schwachheit an, der du dich emporgeschwungen hast über alles Elend der Welt; laß uns empfinden, daß wir berufen sind, Theilnehmer deines Sieges und Mitgenoſsen deiner Herrlichkeit zu werden. Laß es vor unsern Augen verschwinden, dieses Sichtbare mit aller seiner Noth; laß uns freier athmen, laß einen erquickenden Hauch der bessern Welt, in der du lebst, Herr Jesu, die Stirne der Müden küssen; laß uns empfinden, daß wir dein sind und daß du uns erlösen wirst von allem Uebel. Noch fassen wir es nicht, was du uns fünftig sein wirst. Aber, daß wir wieder geboren sind durch deine Auferſtehung zu einer lebendigen Hoffnung, daß es ein unvergänglicher Erbe ist im Himmel, das glauben, das hoffen wir. Immerfester, Herr Jesu, immer lebendiger und freudiger laß dieſe Hoffnung in uns werden, wenn es Abend mit uns wird und unser Tag sich neigt, und auf den Flügeln derselben laß uns leicht, getroſt und fröhlich zu dir entfliehen. O sei uns - Morgen- und Abendgebete gesegnet, frohe, herzerhebende Aussicht, daß Ruhe auf die Tage der irdischen Noth, daß Sieg auf die Tage des Kampfes, daß Vergeltung auf die Tage der Selbstverläugnung und der Arbeit folgen soll! Du sollst die Mühen erleichtern, du sollst uns trösten, wenn wir Verachtung und unverdiente Bedrückung leiden, du sollst Labsal in die Schmerzen des Körpers mischen; du sollst das Herz erquicken, wenn das Grab alles verschlingt, was uns hier theuer war; du sollst uns Muth einflößzen, wenn es auch vor uns sich eröffnet, wenn wir selbst scheiden sollen. Es kommt die Zeit, wo wir tragen werden dein verklärtes, für bessere Wohnungen beſtimmtes Bild. O diese Hoffnung befestige in unseren Herzen und laß ihre Lust immer stärker, immer erfreulicher in uns glänzen. Je mehr der Tag des Lebens sich neigt und die Nacht des Todes hereinbricht, dann stärke, dann erquicke uns im Vorgefühle des frohen Morgens, an welchem wir erwachen werden, deine Herrlichkeit zu schauen. Deinen Händen, allmächtiger Retter, deiner Liebe, Herr Jesu, befehlen wir uns; nimm uns dann auf, und laß uns dann sein, wo du bist. Amen. 192 für die christlichen Festtage. Abendgebet am Offersonntage. Wie der Abendstern am Fichtenwalde, Wie der Vollmond durch die Wolken bricht; So erscheint ein Strahl aus bessern Welten Und gewährt der dunkeln Seele Licht. Sanft und glänzend dämmert es herüber Aus der schönen, fernen Ewigkeit. Und die Seele blicket wonnetrunken In den Tempel der Unsterblichkeit. Welch' ein Schauer bebet durch ihr Wesen! Welche Klarheit wallt vor ihrem Blick! Alles schwimmt in heiliger Verklärung Und die Erde sinkt in Nacht zurück. Wie einst Moses von dem Todesberge In das Land der gold'nen Freiheit sah, So ersteigt der Mensch den Grabeshügel, Und die Zukunft liegt ihm freundlich nah'. Jede trübe Nebelwolke schwindet, Wenn er sich zum reinen Aether schwingt; Seine Erdenleiden sind verwehet, Und das große Halleluja klingt. Vorwärts ist das Land der freien Wesen, Liegt der Tugend große Blumenflur, Weht der Liebe Harfenton herüber, Glänzt der Wahrheit helle Sonnenſpur. Alles Schöne neigt sich dort zusammen Und das Gute findet seinen Lohn; 193 13 Morgen- und Abendgebete Alles Große blüht im freien Raume Und zum Engel wird der Menschensohn! 194 Gott, vor dem ich betend niedersinke, Welche Freude füllt den Lebenstag; Gott, ich werde dich im Licht erkennen An dem großen Auferstehungstag! Werde deine Liebe dort begreifen, - Die für Menschen und für Welten wacht; Werde unter Freudenthränen rufen: Du, mein Gott, haft Alles wohlgemacht! Eingeschrieben in das Buch des Lebens, Eingeweihet in den Geisterbund, Fei're ich das Passahfest der Freiheit, Und die Stunde, wo ich auferstund; Preise dich mit wonnetrunk'ner Seele, Bete dich im Geist und Wahrheit an, Und mein Glück im Himmel ist der Glaube, Vater, daß es nie vollenden kann. Norgengebet am Pfingstsonntag. Hochgelobet seist du, Gott der Liebe, Hochgelobet auf dem Sternenthron, Engel preisen dich mit Himmelsharfen, Wir im Staube durch Religion! Habe Dank für diese Freudenblume, Die der herrlichen Natur entsproß; Habe Dank für diesen schönen Glauben, für die christlichen Festtage. Der aus deinem Himmel niederfloß! Vater, deine Gotteskraft ist ewig, Ewig in der schaffenden Natur; Aber auch in unserm Herzen wohnet Deines Daseins hohe Segensspur! Leise weht die heilige Empfindung In dem Lenze uns'rer Lebenszeit, Und in stiller Ahnung deiner Liebe Ist die junge Seele dir geweiht. Aber wenn der Herbst des Erdenlebens Wie ein Garten Gottes vor uns steht, Wenn wir deine Vaterliebe fennen, Die so freundlich vor uns übergeht Wenn wir hin auf jene Tage sehen, Die uns deine Freundlichkeit gelieh'n; Wenn wir an die Freudenblumen denken, Die auf unsern Pilgerpfad geblüht, An die süßen Früchte, die voll Reife Für das lebensmüde Herz geglüht; An der Jahre schöne Wechselreihe, An die Wolke, die vorüberzog, 195 - - An die Wahrheit, die uns reich belohnte, An die Tugend, die uns nie betrog; An den Glanz so vieler Morgensonnen, An des stillen Mondes sanfte Pracht, An den Reiz so vieler Abendröthen, An so manche liebe Sternennacht An den Weg, den deine Hand mich führte, 13* 196 Morgen- und Abendgebete An das Herz, das du mir zugesellt; An die Stunde, wo mich Nacht bedeckte, An die Stunde, wo sich's aufgehellt. Vater, ewig treuer Menschenhüter, Ach, dann fliegt das Herz zu dir empor, Ach dann bist du mir so freundlich nahe In dem ungeheuern Weltenchor! - Ewig will ich findlich an dir hängen Auf dem ungewissen Lebenspfad, Ewig dich durch stille Tugend preiſen; Vater, leite mich nach deinem Rath! Und wenn sich des Lebens Werktag endet, Dort am Ziele meiner Pilgerbahn; Wenn der große Himmelssabbath winket, Vater, nimm mich dann mit Ehren an! Abendgebet am Pfingstsonntage. Geist der Wahrheit, Geist der Liebe, Den uns Gottes Sohn verhieß, Daß der Welt ein Tröster bliebe, Als er diese Welt verkieß. Wohnst du auch in meinem Herzen? Füllest du auch meine Brust? Heilest du auch meine Schmerzen? Heilig'st du auch meine Lust? für die christlichen Festtage. Komm, o komm, du Geist der Liebe! Nimm zum Tempel dir mein Herz! Leite alle meine Triebe 197 Von der Erde himmelwärts! Sei mein Tröster auch hienieden, Sei mein Führer und mein Licht! Sent' in's Herz mir Gottes Frieden, Wenn dies Herz im Tode bricht! Amen. Norgengebet an Weihnachten. Freue dich, o Himmel, jauchze Erde, Menschheit, singe einen Lobgesang! Freie Christen, betet an und danket, Unter Orgelton und Glockenklang, Freude halle von den Bergen wieder, Jeder Hügel sei ein Dankaltar, Und ein Friedenskuß sei die Versöhnung, Wo die Zwietracht Haß und Neid gebar. Heil uns, jene Kette ist zerrissen, Die des Menschen freien Geist umschloß; Heil uns, Jesus Christus ist geboren, Und sein Reich erhebt sich frei und groß! Tyrannei und Aberglaube sinken, Wenn die Wahrheit ihren Thron besteigt; Und der Friede wohnet auf der Erde, Wenn die Liebe sich zum Menschen neigt. Morgen- und Abendgebete Wenn der Lichtgeborne mit der Geißel Trug und Habsucht aus dem Tempel scheucht; Wenn der Pharisäer vom Altare Und das Volk von seinen Gößen weicht, Wenn die Tugend auf der Welt regieret, Ohne Eigennuß und Heuchelei; O dann wohnt der Himmel auf der Erde, Liebe herrschet und die Welt ist frei. Vater, habe Dank für deine Gnade, Nimm das fromme Opfer huldreich an. Jesus Christus ist vorangegangen, Und wir folgen seiner Siegesbahn. Dein Reich komme, Licht und Tugend siege Von dem Anfang bis zum Niedergang, Wahn und Laster sterbe und der Jubel Aller Menschen sei ihr Grabgesang! Ehre, Ehre sei Gott in der Höhe! Friede sei der Menschen Eigenthum! Tugend werde unser Wohlgefallen, Und die Erde sei ein Heiligthum! 198 Abendgebet an Weihnachten. Als Maria ihren Sohn geboren, Tönte nächtlich süßer Himmelssang, Und die Engel unter'm Sternenlichte Brachten einen sanften Lobgesang. Lächelnd blickte ihren Neugebornen Die beglückte Auserwählte an; für die christlichen Festtage. Aber konnte sie im Geiste ahnen, Was die Welt an ihrem Sohn gewann? Ausgeschmückt mit ihrem Sternenglanze Feierte der Himmel diese Nacht; Aber konntest du, o Erde, wissen, 199 Welch' ein Schimmer für dich aufgewacht? Deine Sonne kann nicht untergehen, Seit der Aufgang aus der Höh' erschien. Fei're, Menschheit, ewig jene Stunde! Liebe, ehre, diene, preise ihn, Ihn, den Gott zu deiner Rettung fandte, Deinen Friedensfürsten, deinen Freund; Ihn des Himmels und der Menschen Freude, Der die Welt durch Licht und Recht vereint; Deinen Meister, der dich Wahrheit lehret, Wenn der Irrthum deinen Geist umhüllt, Deinen Retter, wenn das Laster winket, Und mit Gift den gold'nen Becher füllt; Deinen Tröster, der dein Herz voll Glauben, Voll Vertrauen zu der Gottheit lenkt: Deinen Heiland in der Todesstunde, Wenn der Geist an die Verwesung denkt. Vater, du verstehest meine Worte, Wenn mein Herz in stummer Andacht spricht Innig fühlen kann ich deine Liebe, Doch sie würdig preisen kann ich nicht. Ach verleihe mir und allen Menschen, Denn wir alle sind ja ewig dein, Morgen- und Abendgebete. Allen, Herr, so weit die Sonne leuchtet, Fromm und gut in Jesu Geist zu sein. Gieb uns Tugend, die das Herz erfreuet, Gieb uns Wahrheit die uns glücklich macht, Und das Reich der Finsterniß vergehe Ewig, Herr, wie diese Winternacht! 200 3. E. F. Eichler's Buchdruckerei in Freiberg. Solches tim- yn meinem rettchenes. Inches 1 Centimetres Blue C. C.F. P. 2 3 4 Cyan 2 15 4.4 16 17 Farbkarte# 13 3 Green 8 Yellow E.M.F. 1879. 19 4 10 Red 11 12 LO 5 13 Magenta 14 6 15 White 16 17 7 3/ Color 18 19 B.I.G. Black 8