Spee Trutz- Nachtigall 1993 Gl ZEHE Trutnachtigall von Friedrich Spee. Erneut von Karl Pannier. BIPA TINAG Leipzig Druck und Verlag von Philipp Reclam jun. Gb 34 32 дв Univ.- Bibl. Giessen Vorbemerkung. Friedrich Spee von Langenfeld ¹) wurde am 25. Februar 1591 zu Kaiserswerth am Rheine geboren. Er entstammt einem alten, seit langer Zeit am Niederrhein ansässigen Geschlechte, sein Vater Peter Spee war Amtmann in Kaiserswerth und stand wegen seines Biedersinnes und seiner Glaubenstreue in hohem Ansehen. Friedrich erhielt auf dem Jesuitengymnasium von den drei Kronen zu Köln seine Jugendausbildung und trat am 22. September 1610 zu Köln in den Jesuitenorden ein. Von 1621 bis gegen Ende 1624 finden wir ihn als Dozenten in Köln, wo er, nachdem er die Priesterweihe erlangt hatte, Philosophie und Moraltheologie vortrug. Einem Rufe des Kurfürsten Ferdinand von Baiern folgend, ging er Ende 1624 nach Paderborn, um als Domprediger die Gegenreformation zu fördern, nachdem dort der Protestantismus eine gefahrdrohende Ausdehnung gewonnen hatte. Mit hinreißender Beredsamkeit und achtungswürdigem Eifer suchte er die Sache des Katholizismus zu fördern und konnte am Ende seiner Thätigkeit auf nicht unerhebliche Erfolge zurückblicken. Wie sehr diese Art der Thätigkeit sein Herz erhoben und befriedigt hatte, so sehr erschütterte ihn im tiefsten Junern derjenige Beruf, der ihm bald darauf aufgezwungen wurde. Anfang 1627 wurde er von dem als Herenverfolger berüchtigten Bischof Philipp Adolf von Ehrenberg, unter dessen Regiment neunhundert Menschen ihr Leben auf dem Scheiterhaufen enden mußten, als Professor und zugleich als Beichtvater der unglückseligen Opfer der Herenverfolgung 1) Vergl. Truß- Nachtigall von Friedrich Sp Herausgegeben von Gustav Balke. Leipzig 1879. 1* 4 Spee, Trugnachtigall. nach Würzburg berufen. Grauen erregende Bilder der menschlichen Verzweiflung und Verblendung enthüllte ihm seine Thätigkeit als Beichtvater, hatte er doch innerhalb der kurzen Spanne Zeit von noch nicht zwei Jahren zweihundert Heren und Zauberer zum Tode vorzubereiten und die bejammernswerten Opfer menschlicher Dummheit zum Scheiterhaufen zu geleiten. Es ist kein Wunder, daß der fortwährende Anblick dieses namenlosen Elendes und Schreckens ihn geistig erschütterte und körperlich aufrieb, so daß sein Haar vor Gram und Kummer über solche Schändlichkeiten vorzeitig ergraute. Und dabei war er im Innersten von der Unschuld der bejammernswerten Opfer überzeugt, denen er den letzten Trost spenden sollte. Schreibt er doch in feiner cautio criminalis: ,, Sch lege dieses mit meinen Eidschwur nieder, daß ich wenigstens bis jetzt keine Here zum Scheiterhaufen geführt habe, von der ich nach allseitiger Erwägung vernünftigerweise hätte behaupten können, daß sie schuldig sei!" Infolge seiner in Würzburg gewonnenen Erfahrungen über den Greuel und den Wahnsinn der Herenverfolgung schrieb er die soeben erwähnte cautio criminalis, welche erst 1631 gedruckt wurde¹) aber höchstwahrscheinlich unter dem unmittelbaren Eindrucke der erschütternden Ereigniſſe geschrieben worden ist. Das Buch ist eine ebenso scharfe wie hochherzige Verurteilung des Herenwahnes und der Herenverfolgung. Es sichert seinem Verfasser in der Reihe derjenigen Männer eine bleibende Stätte, welche, ihren Zeitgenossen weit vorauseilend, Vorkämpfer der besseren Erkenntnis gewesen sind und den Mut gehabt haben, den allgemeinen Anschauungen mit Energie entgegenzutreten. Die cautio criminalis ist nicht unter dem Namen Spees veröffentlicht, als Verfasser ist vielmehr ein auctor incertus theologus Romanus genannt, aber Leibniz bezeugt mit 1) Der volle Titel lautet: Cautio criminalis, seu de processibus contra sagas. Liber ad magistratus Germaniae hoc tempore necessarius, tum autem consiliariis et confessariis principum, inquisitoribus, iudicibus, advocatis, confessariis reorum, concionatoribus caeterisque lectu utilissimus. Auctore incerto theologo Romano. Spee, Trutnachtigall. 5 Sicherheit die Autorschaft Spees und Spee ist schon bei seinen Lebzeiten bestimmt als Verfaffer bekannt gewesen. Das Buch erregte ungeheures Aufsehen, die erste Auflage war nach Jahresfrist vergriffen und es wurde in das Französische und Holländische übersetzt. Leider hatte die Schrift nur geringen materiellen Erfolg, denn das Unwesen der Herenverfolgung stand noch das ganze siebzehnte JahrHundert hindurch in Blüte. Nach noch nicht zweijähriger Thätigkeit in Würzburg kehrte Spee nach Köln zurück und ging von da in das Bistum Hildesheim, und zwar nach Peine, um dort im Auftrage des Kurfürsten Ferdinand, Bischofs von Köln, die Gegenreformation durchzuführen. Im November 1628 zog er in Peine ein und begann seine neue Thätigkeit, die ihm nach dem erschütternden Berufe in Würzburg eine wahre Herzenserquicklung sein mußte. Seine liebenswürdige, von wahrhaft christlicher Gesinnung durchdrungene Persönlichkeit und die Biederkeit seines Charakters schufen ihm bald selbst unter den ihres Amtes entsetzten protestantischen Geistlicheit viele Freunde und trugen nicht wenig zur erfolgreichen Durchführung der Gegenreformation bei, wenn ihm auch, wie erklärlich, aus seiner Thätigkeit manche Feindschaft erwuchs. Dies zeigt ein auf ihn am 29. April 1629 unternommener Mordanfall. Die dabei erhaltenen Verletzungen zwangen ihn, seine Thätigkeit aufzugeben. Elf Wochen lag er krank in Hildesheim und begab sich dann zur Erholung nach Corvey, wo er über ein Jahr blieb. 1631 wurde er in sein Kloster nach Köln zurückberufen und war dort wieder als Professor der Philosophie und Moraltheologie mit großem Erfolge thätig. Nicht lange scheint seines Bleibens in Köln gewesen zu sein, denn im Jahre 1634 finden wir ihn in Trier. Mit selbstloser Aufopferung pflegte er dort, als die Stadt im März von den Kaiserlichen und Spaniern belagert wurde und es dem Grafen Ritterberg gelungen war, in die Stadt einzubringen, die im Straßenkampfe verwundeten Krieger und sprach ihnen, sich mitten unter die Kämpfenden mischend, im Sterben Trost zut. Seinen Fürbitten gelang es, beim Grafen Ritterberg die Heimkehr der Ge 6 Spee, Truznachtigall. fangenen in ihre Heimat zu erwirken. Und als in der Stadt ein verheerendes pestartiges Fieber ausbrach, war es wieder der edle Spee, der allen voran, ein leuchtendes Beispiel christlicher Werkthätigkeit und edler Selbstaufopferung in rastloser, nie ermüdender Thätigkeit in den Spitälern helfend und tröstend wirkte, bis er selbst am 7. August 1635 dem Fieber und den fast übermenschlichen Anstrengungen erlag. Die Truhnachtigall wurde erst vierzehn Jahre nach seinem Tode von einem seiner Beichtfinder herausgegeben. Derselbe Herausgeber veröffentlichte, ebenfalls 1649, auch Spees güldenes Tugendbuch, eine in Gesprächsform abgefaßte Unterweisung über die drei göttlichen Tugenden, Glaube, Liebe, Hoffnung; ein Buch, welches von der tiefen und wahrhaft edlen Frömmigkeit des Verfassers beredtes Zeugnis ablegt und nicht vergessen zu werden verdiente. Die Trutznachtigall ist im Wesentlichen eine Umsetzung des güldenen Tugendbuches in Verse. Über ihre Entstehungszeit ist nichts sicheres anzugeben. In gewandter und sprachrichtiger Form preisen die in ihr enthaltenen Lieder im wesentlichen Gott und Gottes Schöpfung, überall die edle, wahrhaft christliche Frömmigkeit und die innige Liebe des Verfassers für die Natur zeigend. Der Vortrag ist voll Anmut und stets hält sich der Dichter von der Nachahmung des Fremdländischen und gesuchter Gelehrsamkeit fern. Verfällt er auch zuweilen in das Spielende und Süßliche, so sind doch seine Gedichte von einer so entzückenden Naivität und von einer so hinreißenden Innerlichkeit, daß sie das Ansehen in vollem Maße verdienen, welches sie unter den Zeitgenossen besaßen und auch heute noch unter den Kennern des Schriftentums genießen. Auf jeden Fall sind sie neben den Dichtungen Schefflers fast die einzige bedeutendere Schöpfung, welche die neuhochdeutsche katholische Litteratur des siebzehnten Jahrhunderts hervorgebracht hat. Möge die Truhnachtigall in ihrer hier gebotenen neuen Form dazu beitragen, den Namen Spees wieder in weiteren Kreisen bekannt zu machen. Harzgerode, im Januar 1889. Karl Pannier. CRVCB- NACHTIGAL oder GEJSTLICHES POETISCH LYSTWUELDLEJN. Als noch nie zuvor in Teutscher Spraach auff recht Poetisch gesehen ist. Allen geistlichen, gottliebenden Seelen, vnd sonderlich der poetischen Kunst gelehrten Liebhabern zur Erquickung. Durch einen Priester der Societet JESV. Anno 1634.¹) 1) Titel des Straßburger Originalmanuskripts. Die Zahl 1634 giebt nur die Entstehungszeit des Manuskripts an. Ad Musas de Auctore. Sicelides Musae Sacrum decorate Poëtam Qui vos Germano nunc facit ore loqui. Vorrede des Autors. 1. Trußnachtigall wird dies Büchlein genannt, weil es trotz allen Nachtigallen süß und lieblich singet, und zwar auf gut poetisch, also daß es sich auch wohl bei sehr guten lateinischen und anderen Poeten dürfte hören lassen. 2. Daß aber nicht allein in lateinischer Sprache, sondern auch sogar in der deutschen man recht gut poetisch reden und dichten könne, wird man gleich aus diesem Büchlein abnehmen können, und merken, daß es nicht an der Sprache, sondern vielmehr an den Personen, so es einmal auch in der deutschen Sprache wagen könnten, gemangelt habe. Derohalben habe ich solches zu fördern mich unterstanden und mich beslissen, zu einer recht lieblichen deutschen Poetika die Bahn zu zeigen und zur größeren Ehre Gottes einen neuen geistlichen Parnassum oder Kunstberg allgemach anzutreten. 3. Sollte nun solches dem Leser, wie ich verhoffe, wohlgefallen, so sei Gott tausendmal gelobt und gebenedeiet, denn doch nichts anderes allhier gesucht und begehret wird, als 10 Spee, Truhnachtigall. daß Gott auch in deutscher Sprache seine Poeten hätte, die sein Lob und seinen Namen ebenso künstlich wie andere in ihren Sprachen singen und verkünden könnten, und also derjenigen Menschen Herzen, so es lesen oder hören werden, in Gott und göttlichen Sachen ein Genügen und FrohLocken schöpfen. 4. Und zwar, die deutschen Wörter betreffend, soll sich der Leser sicher darauf verlassen, daß keines passiert worden, so sich nicht bei guten Autoren finden lasse oder bei guten Deutschen bräuchlich sei, obschon alle und jede Wörter nicht bei einer Stadt oder Land zu finden sind, vielmehr ist das Privilegium oder Vollmacht, Dialekte zu gebrauchen, in acht genommen. 5. Neben dem ist Fleiß angewendet worden, daß so gar nichts Ungleiches, Hartes, Rauhes oder Gezwungenes je dem Leser zu Ohren komme, wenn nur der rechte Schlag und Ton im Ablesen der Verse beobachtet und getroffen wird, was insonderheit in acht muß genommen werden vornehmlich in den Sprungreimen oder versen in deutscher Sprache, die sonst trochäische Verse bei den Gelehrten genannt werden. Sonst sind es iambische Verse, denn diese Art sich am meisten in unsere deutsche Sprache fügt. Und werden die trochäischen Reime also geleſen, wie das Pange lingua gloriosi oder„ Mein Zung' erkling' und fröhlich sing"", wie hier: 23123 mit Schlägen gezeigt stehet; mit den anderen hat's feine besondere Beschwernis. |-~|-~|~|-~|-~| Spee, Truhnachtigall. 6. Es soll aber der Leser gute Acht geben, daß er im Lesen keinen Buchstaben oder Silbe zusetze oder auslasse, damit die poetische Zahl oder Maß der Verse nicht verändert und der Schall und Klang unartig werde. Denn keine Silbe zu viel oder zu wenig ist, wenn nur im Abschreiben oder im Druck nichts verfehlet ist. Darum merke wohl, ob exempelweise geschrieben sei: drauf drum ging treib Kreuz Tags gehn stehn oder: darauf darum 7. ginge treibe 11 Kreuze Tages gehen stehen und dergleichen andere Wörtlein, welche jeweilen eine Silbe ausmachen und ein ander mal zwei. Was aber die Quantität, Mensur oder Maß an Kürze oder Länge der Silben angeht, so wird dieselbe am füglichsten genommen aus gemeinem und bewährtem Brauch der recht und wohl redenden Deutschen, also daß hier ein delikat oder zart Gehör von Nöten ist und Akzentsurteil. Denn in gemeiner Sprache die Silben für lang gehalten werden, auf welche der Akzent fällt, und die anderen für kurz. Zum Exempel: Bruder hat zwei Silben, die erste ist bei den Deutschen lang, denn ein Deutscher sagt ja nicht: Brudér u. s. w. Doch muß man in den trochäischen Versen ( will es rund bekennen) zu Zeiten nachsichtig sein und die Aussprache etwas glimpflicher lenken nach dem Sprung 12 Spee, Truhnachtigall. derselben Verse. Es ist aber also lind angeordnet, daß entweder der Leser es gar nicht vermerken noch achten und es auch die Ohren nicht verletzen wird. Und aus diesen Merkpunkten entſtehet die Lieblichkeit aller Reimverse, welche sonsten gar ungeschliffen lauten, und weiß mancher nicht, warum sonst etliche Verse so ungeformt lauten: weil nämlich der Autor keine Acht gegeben auf den Akzent. 1. Eingang zu diesem Büchlein, Trutznachtigall genannt. Wenn Morgenrot sich zieret Mit zartem Rosenglanz. Und leise sich verlieret Der nächt'ge Sternentanz, Gleich lockt's mich, zu spazieren Im grünen Lorbeerwald, Wo herrlich muſizieren Die Sänger mannigfalt. Die flügelreichen Scharen, Das Federvölklein zart, In süßem Schlag erfahren, Nicht Kunst noch Atem spart. Mit Schnäblein wohlgeschliffen Sie singen wunderfein, Frisch durch die Lüfte schiffen Die schönen Mütterlein. Der grüne Wald ertönet Von krausem Vogelsang, Mit Stauden stolz gekrönet Die Klüfte geben Klang; Die Bächlein, krumm geflochten, Auch stimmen lieblich ein Und rauschen, angefochten Von Steinlein, plätschernd drein. 15 14 Spee, Truhnachtigall. Die sanften Wind' in Lüften Auch ihre Flüglein schwach An Hand und Fuß und Hüften, Erschütteln mit Gemach; ¹) Gleich rauschen an den Bäumen Die Zweige lind berührt, Sich zur Musik nicht säumen, Daß alles jubiliert. Doch süßer noch erklinget Ein eignes Vögelein, Das seinen Sang vollbringet Bei Mond- und Sonnenschein: Truhnachtigall mit Namen Wird es nunmehr genannt, Das wilden viel und zahmen Vorgeht ganz unbekannt. Truhnachtigall man's nennet, Wund ist's vom süßen Pfeil: In Lieb' es lieblich brennet, Wird nie der Wunden heil. Geld, Pomp und Pracht auf Erden Und Lust sind ihm nur Spott, Es achtet's für Beschwerden, Sucht nur den schönen Gott. Es klingt nur aller Orten Von Gott und Gottes Sohn, Nur zu des Himmels Pforten Verweist es allen Ton. Von Baum zu Baum es springet, Durchstreichet Berg und Thal, In Feld und Wald es singet, Weiß keiner Noten Zahl. 1) Gemächlichkeit. Spee, Trugnachtigall. Es thut gar manche Fahrten Und wechselt Ort und Luft: Bald findest du's im Garten Betrübt an hohler Kluft, Bald wieder froh es singet Zusamt der süßen Lerch', Gott lobend es umklinget Den Öl- und andern Berg. Auch schwebt es auf den Weiden Und will beim Hirten sein, Wo Cedron kommt zu scheiden Manch grünen Wiesenrain; Thut fein zusammenraffen Die Verslein in Bezwang Und setzt sich zu den Schafen, Pfeift manchen Hirtensang. Auch wieder da nicht bleibt es, Klimmt in den Wind hinein, Die leere Luft zertreibt es, Mit schwanken Federlein; Setzt sich an knorr'ge Eichen Zur schnöden Schädelstatt, Will kaum von dannen weichen, Wird Kreuz und Bein nicht satt. Mit ihm empor mich schwinge Und manchem schwebend ob Den Lorbeerkranz ersinge In deutschem Gotteslob! Den Leser nicht verdrieße Der Zeit und Stunden lang, Ich hoff', ihm's noch ersprieße Zu gleichem Zithersang. 15 16 Spee, Trutnachtigall. 2. Ein Liebesgesang der Gespons Jefu. Der Morgenröte Stirne rein War nie so schön gezieret, Der Frühling nach des Winters Pein So fein nie ausstaffieret, Die weiche Brust der Schwanen weiß War nie so wohl gebleichet, Die güldnen Pfeil' der Sonne heiß Nie so mit Glanz bereichet: Wie Jesu Wangen, Stirn und Mund Mit Gnad' sind übergoffen: Lieb' hat aus seinen Äuglein rund Fast tausend Pfeil' verschoffen, Hat mir mein Herz verwundet ſehr, Wie süß brennt das inwendig! Kann kaum vor Liebe rasten mehr Und weine nun beständig. Wie Perlen klar vom Orient Vom Aug' mir Thränen schießen, Wie Rosenwässer wohlgebrennt Mir Thränen überfließen. O keusche Lieb', Kupido rein, Wo deine Glut erfühle, Tauch' deine heißen Fittig' ein, Daß ich dich minder fühle. Zu scharf ist mir dein heißer Brand, Zu schnell sind deine Flügel, Drum nur aus Thränen mit Verstand Flecht' ich dir Zaum und Zügel. Spee, Truhnachtigall. Zu Kohlen mich doch nicht verseng', Brauch' nicht zu strenge Qualen, Dich weisen laß, halt' Ziel und Maß Und sende lindre Strahlen. O Jesu Arm' und Hände weiß, Ihr Schwesterlein des Schwanen, Umfasset mich nicht lind und leis, Darf ich zu Griffen mahnen. Stark heftet mich an seine Brust, Daß ich mich satt dran weine: Ich mach' ihn weich, mir ist's bewußt, Und wär' das Herz von Steine. O Sesu mein, du schöner Held, Lang' warten macht verdrießen: Groß' Lieb' mir nach dem Leben stellt, Wann soll ich dein genießen? O süße Brust, du hast, o Luft! Mich nun an dich gezogen: O mildes Herz! nun Pein und Schmerz Sind in den Wind verflogen. Allhie will ich nun rasten lind, Auf Jesu Brust gebunden, Allhie mag mich Kupido blind Bis in den Tod verwunden. Am Herzen Jesu sterben hin Ist mir in Wonne leben, Ist nur verlieren mit Gewinn, Ist tot im Leben schweben. 17 18 Spee, Truhnachtigall. 3. Anderer Liebesgesang der Gespons Jesu. Gleich früh, wenn sich entzündet Der silberweise Tag Und flar die Sonne kündet, Was Nachts verborgen lag, Die Lieb' in meinem Herzen Ein Flämmlein zündet an, Das glüht gleich einer Kerzen, So niemand löschen kann. Trag' ich's auch in die Winde Gen Ost- und Nordgebraus, Doch Ruh' und Rast nicht finde, Läßt nie sich blasen aus. Wie soll die Pein ich stillen Und wo mich wenden hin? Hervor die Thränen quillen, Weil ich in Schmerzen bin. Wenn wieder dann entflogen Der Tag zur Nacht hinein Und niederwärts gezogen Die Sonn' und Sonnenschein, Das Flämmlein, so mich quälet, Erglühet immer doch, So viel man Stunden zählet, Brennt es mich immer noch. Das Flämmlein, das ich meine, Ist Jesu süßer Nam', Mark zehrt es und Gebeine, Sich einfrißt wundersam. Spee, Trutnachtigall. O Süßigkeit in Schmerzen! O Schmerz in Süßigkeit! Ach, bleibe doch im Herzen, Ach, bleib' in Ewigkeit! Obschon in Pein und Qualen Mein Leben schwindet hin, Wenn Jesu Pfeil' und Strahlen Durchstreichen Herz und Sinn, Doch nie so ganz mich zehret Die Liebe, Jesu mein, Weil sie auch wieder nähret Und schenkt auch Freuden ein. O Flämmlein, süß ohn' Maßen, Obitter ohne Ziel, Du zwingst mich, zu verlassen All' ander' Freud' und Spiel; Du zündest mein Gemüte, Bringst mir groß Herzeleid, Du kühlest mein Geblüte, Bringst auch Ergötzlichkeit. Ade zu tausend Jahren, Welt, zu guter Nacht! Ade, laß mich nur fahren, Ich hab' dich längst verlacht. In Jesu Lieb' ich lebe, Sag's rund von Herzensgrund, In lauter Luft ich schwebe, Wie sehr ich auch bin wund. 2* 19 20 Spee, Truhnachtigall. 4. Ein anderer Liebesgesang, ein Spiel der Gespons Jesu mit einem Echo oder Widerschall. Im grünen Wald ich neulich saß Bei einer Felsenklauſen, Da thät durch zartes Laub und Gras Ein sanftes Windlein sausen. Ein Brünnlein klar Zur Seiten war, Gar frisch und fröhlich spritzte; Ein Bächlein rein Auch eben fein Von hohlem Felsen schwitzte. Der schöne Frühling kam schon nah, Es war im halben Märzen, Von Seelengrunde seufzt' ich da, Der Brand schlug mir vom Herzen. Ich Jesum rief Von Herzen tief, ,, Ach Jesu!" thät ich klagen: Da hört' ich bald Auch aus dem Wald „ Ach Sesu!" deutlich sagen. Gar laut es mir zu Ohren kam, Dacht' jemand wär' im Walde! Darum' s mich nicht so Wunder nahm, Weil ich es merkte balde. Ich sah mich um Und wiederum „ Ach Jesu!" rief beineben: Alsbald in Eil', Schnell wie ein Pfeil ,, Ach Jesu!" rief es eben. Spee, Truhnachtigall. Ich dacht', es würd' auch jemand sein, Den Jesu Lieb' möcht' brennen, Und sprach:„ Nun bin ich's nicht allein, Ach, möcht' ich ihn doch kennen!" Ich rief: ,, Holla!" Und schnell: ,, Werda?" Ob Leut' vorübergingen; Da that's:„ Holla!" Und schnell:„ Werda!" In gleichem Ton erklingen. Sch sprach: Hieher, hieher!" gar hell, Vermeint', zu mir soll's kommen; Da sprach's:„ Hieher, hieher!" gar schnell, Doch niemand hab' vernommen. Ich dacht' bei mir, Er rufet dir, Ließ mich nach ihm entführen Und eilte bald Hinein zum Wald: Da konnt' ich niemand spüren. ,, Ach, laß dich sehn, ich suche dich!" Rief wieder ich behende; Da rief es nur:„ Ich suche dich!" Die letzten Wort' vom Ende. Ich rief zurück Im Augenblick: ,, Suchst du mich, magst du kommen!" Da hab' sofort Die letzten Wort' Ich wieder nur vernommen. Ei, dacht' ich, das ist wunderlich: Ruf' ich, so ruft er wieder; 21 LE Spee, Truhnachtigall. Such' ich nun ihn, so sucht er mich! Mein Haupt ich senkte nieder. Da fiel mir's ein, Es könnte sein Mein Jesus, den ich liebe: Dem brächt' es Lust, Daß unbewußt Er auf und ab mich triebe. Ich sprach: ,, Bist du denn Jesus nicht?" Und seufzt' vom Herzensgrunde; Da sprach es deutlich:„ Jesus nicht!" Und seufzte auch zu Stunde. „ Wer bist du dann? O zeig' es an!" Thät ich gar freundlich fragen. Doch nichts gewann, Weil's: Zeig' es an!" Zu mir thät auch nur sagen. Bald rief ich: ,, Jesu!" überlaut, ,, Ach Jesu!" daß es schallte; Da rief es: ,, Jesu!" gleich so laut, ,, Ach Jesu!" widerhallte. Drauf ich gedacht': Man deiner lacht, Drum heb' dich nur von hinnen, Weil jederzeit Ohne Bescheid Man hier nichts mag gewinnen. Ich sprach: ,, Was werd' ich machen denn? Willst nie mich recht bescheiden?" Da riet's, so viel ich konnt' verstehn, Mir gleich darauf zu scheiden. Spee, Trutnachtigall. ,, Ja, scheiden hier Muß ich von dir: Bei dir ich nichts erjage; Doch eines ich Muß fragen dich, Nur dieses mir noch sage! ,, Ich bitt', wo treff' ich Sesum licht? Sst es dir unverborgen? Da wollte es das wissen nicht, Rief ziemlich laut: ,, Verborgen." ,, Ei, dann dich troll"," Rief ich im Groll, ,, Fahr' hin in Gottes Namen!" Ich wollte fort Nun von dem Ort, Da llang's von weitem: ,, Amen!" Alsdann mit hellem: ,, Ach und ach!" Schlug ich die Brust in Schmerzen: Die gleichen Wort' mit gleichem Schlag, Schien's, sprach es auch von Herzen. Sch sprach zuletzt: ,, Hab' g'nug geschwätzt; Wer soll dich machen schweigen? Drauf endlich auch Mit Halbem Hauch Sprach es gar deutlich: ,, Schweigen." ,, Wohlan, so schweige!" schnell ich rief; Schnell rief es auch: So schweige!" Da mach' ich mir Gedanken tief, Das Haupt hernieder neige; Das Haupt ich sent' Und endlich denk', 23 24 Spee, Trutnachtigall. Ob auch, wenn ich mich wende, Es gleich bereit Von jener Seit' Auch her die Antwort sende? Kehr' mich drum um und schauen will, Ruf' hin mit ganzer Stärke; Da bleibt's an jener Seite still, Kein Wörtlein ich vermerke. Darauf gewandt Zur andern Hand Recht nach den hohlen Steinen, Da hörte ich Beständiglich Ein Stimmlein, gleich dem meinen. Her, her, ich hab' gefunden dich!" Nief hell und laut ich dorten; Da rief's auch: ,, Hab' gefunden dich!" Mit meines Mundes Worten. Da merkt' ich bald, Weil unverhallt Mein Ruf jetzund geblieben, Daß nur der Schall Mit gleichem Hall Sein Spiel mit mir getrieben. Ich rief: ,, Bist du der Widerschall?" Bot Willkomm ihm daneben; Da rief es laut: ,, Der Widerschall!" Thät mir auch Willkomm geben. Alsdann bereit Wir alle beid' Noch weiter thäten spielen, Weil ohne Maß Spee, Trutnachtigall. Und Unterlaß Die en uns gefielen. ,, Wohlan, wohlan, o Widerschall, Weil ich dich hab' gefunden, So will hinfür ich spielen Ball Mit dir so manche Stunden. Der Ball, so dir Dann kommt von mir, Soll heißen Jesus Name; Der Ball, so du Mir sendest zu, Soll sein auch Jesus Name. ,, In diesem Wald, bei diesem Thal Will ich gar oft spazieren Und mich mit dir, o Widerhall, Gar freundlich erlustieren. O süßer Schall, O weißer Ball, Mit dir will ich oft spielen; Bis an mein Grab Lass' ich nicht ab, Ob alle Himmel fielen. ,, Will meinen Jeſum tausendmal In Wäldern lassen klingen, Mit mir auch sollen überall Die Bäum' und Stauden springen; Und Laub und Gras, Vernimmt es das, Muß auch mit zu dem Reihen; Unzähl'ge Mal Durch Berg und Thal Will froh ich Jesum schreien... 25 26 Spee, Trutnachtigall. ,, O Jesu, Jesu, Jesu mein, Wie brennt mir mein Geblüte! Nun bitt' ich dich, laß es so seint Nach deiner Gnad' und Güte, Daß Tag und Nacht In stäter Wacht Die Welt nur Jesum singe Und immerdar Das ganze Jahr Vor ihm in Freuden springe." 5. Anderer Liebesgefang der Gespons Jesu, darin eine Nachtigall mit dem Echo oder Widerschall spielet. Ach, wann doch, Sesu, Liebster mein, Wirst du dich mein erbarmen, Wann wieder zu mir kehren ein, Umschließen mich mit Armen? Was birgst du dich, Was kränkst du mich? Wann werd' ich dich umfangen? Wann reiß'st du ein All meine Pein? Wann stillst du mein Verlangen? Willkommen, süße Nachtigall, Kommst gleich zu rechter Stunde, Erfrisch' die Luft mit bestem Schall, Erschöpf' die Kunst vom Grunde; Nuf' unverweilt, Daß er sich eilt, ,, O Jesu!" schallend singe; Ruf' tausendmal, Univ.- Bibl. Giessen Spee, Truhnachtigall. Ruf' ohne Zahl, Damit es zu ihm dringe. Ach, ruf' und ruf', o Schwester zart, Zu mir meinen Jesum lade; Mir treulich hilf zu dieser Fahrt, Da ich in Zähren bade. O Schwester mein, Sing' süß und rein, Ruf' meinem Schatz mit Namen; Bald kurz, bald lang Zieh' deinen Klang, All' Noten greif' zusammen! Wohlan, es hat verstanden mich Die Meisterin der Haine, Schon färben ihre Töne sich, Schon klingt's in hehrer Reine. In starker Zahl Nun manches Mal Den Ton sie schon erhebet, Weil auch der Schall Aus grünem Thal Ihr deutlich widerstrebet. So recht, du fromme Nachtigall, Du jenem Schall nicht weiche! So recht, du treuer Widerhall Du stets dich ihr vergleiche! Im Wettgefang Laßt euren Klang Zu meinem Sefu dringen, Ob auch im Streit Der schwächern Seit' Am Leben sollt' mißlingen. 27 28 Spee, Truhnachtigall. Die Nachtigall den Schall nicht kennt, Meint die Gespielin singe, Verwundert sich, wie so behend In gleichem Ton sie klinge; Erst bleibt sie stumm, Dann wiederum Schlägt sie, um obzusiegen; Ihr Widerpart Singt gleicher Art, Kein Nötlein bleibt verschwiegen. Bald steiget auf die Nachtigall Zur höchsten Töne Sphäre; Gleich folget auch der Widerhall, Wenn's auch noch höher wäre. Drum zierlich stimmt Und höher klimmt Das Fräulein, reich an Stimmen; Wie hoch auch klang Ihr voller Sang, Der Hall konnt's auch erklimmen. Alsdann geht's über Ziel und Schnur, Das Herz möcht' sich zerspalten, Sie sucht's in B- moll, in B- dur, Auf allerhand Gestalten, Thut hundertfalt Den Baß und Alt, Tenor, Diskant durchstreichen; Doch Stimm' und Kunst Sind ganz umsunſt, Der Hall kann's auch erreichen. Da fikelt sie denn Ehr' und Preis Mit gar zu scharfen Sporen, Spee, Truhnachtigall. Erdenket immer schönre Weis', Dünkt sich noch nicht verloren. All Mut und Blut Und Atem gut Versammelt sie zu Hause, Daß sie zum Sieg Im schönen Krieg Mit letzten Kräften laufe. Ei, da zerbricht ihr Herz und Mut, Gleich Seel' und Ton entschwinden, Da löscht der güldnen Kerze Glut, Verweht von starken Winden. O mutig Herz, O schöne Kerz', Heil dir, bist wohl gestorben! Die Lorbeerkron' Im letzten Ton Hast du dir noch erworben. Denn du im Tod hast lassen zart Ein Seufzerlein erklingen, Das so subtil ¹) dein Widerpart Mit nichten könnt' erschwingen; Nicht Hege Pein: Der Sieg ist dein, Das Kränzlein dir gebühret, Das dir allein Von Blümlein fein Ich schon hab' eingeschnüret. 1) Fein. Ade, du falbe Nachtigall, Vom falben Tod entfärbet! Weil du mun liegst im grünen Thal, Sag' wer dein Stimmlein erbet; 29 30 Spee, Truhnachtigall. Könnt' es nicht sein, Es würde mein? O Gott, fönnt' ich's erwerben! Wollt's brauchen stät So früh wie spät, Dann auch im Sang ersterben. Nun will ich doch in diesem Wald Bei deinem Grab verbleiben, Daß mich mit ihren Pfeilen bald Begierd' und Lieb' entleiben. Will rufen stark Zum Totensarg, Bis mein Geliebter komme, Will rufen laut Dem Herzenstraut, Bis ich zuletzt verstumme. 6. Anderer Liebesgesang der Gespons Jesu, darin sie ihre Unruh' beklagt. Die Lieb' ohn' Wehr und Waffen Hat mich genommen ein, Giebt immer mir zu schaffen, Kann nie zufrieden sein; Doch kommt mir nur von oben, Von Jesu, solcher Streit, Hab' weit von mir geschoben Weltliche üppigkeit. Nur Jesu Lieb' mich zehret, Nur Jesus kränket mich, Was Qual mir widerfähret, Von Jesu reget ſich; Spee, Truhnachtigall. Was Pein ich von ihm leide, Was Glut und Herzensbrand, Ich niemand recht bescheide, Wenn er's nicht selbst erkannt. Wenn früh, eh's kommt zu tagen, Die Morgenröt' erglänzt Und Rosse kaum und Wagen Mit Rosen hat umkränzt, Auch wenn in vollen Strahlen Das Sonnenlicht besteht In lauter Pein und Qualen Treib' ich's zum Abend spät. Ja, sollt' ich je erkaufen Alsdann auch Rast und Ruh', Wenn müd' und matt gelaufen Der Tag sich riegelt zu, Wenn lieblich übergossen Das Tier mit süßem Schlaf, Wenn alles Thun beschlossen, Wenn feiert alle Straf': Da wollt' ich Leid und Klagen Schier halber legen ab; Doch soll's mich immer plagen, Was ich zu tragen hab'. Nun ist es ja vergebens, Ich komme nie zur Rast, Die Tage meines Lebens Zehr' ich in steter Laſt. So leicht ich sonst nichts finde, Das nimmer höret auf: Man merkt es an dem Winde, Daß er sich oft verschnauf'; 31 32 Spee, Truhnachtigall. Ist er einmal gepflogen, Ruht er die Flügel aus Und bleibet eingezogen Und ruht sich aus im Haus. Das Meer braust ohne Maßen, Doch das nicht lange währt: Bald pflegt es nachzulassen, Nach Ruh' und Nast begehrt. Jüngst merkt' ich auf sein Toben: Währt' ein'ge Stunden kaum, Da war die Macht zerstoben, Zerschmolzen aller Schaum. Der Wandrer muß ermatten Auf starker, stäter Reis', Sucht grüner Bäume Schatten, Wischt ab den sauern Schweiß. Ja, immer muß das gelten: Die Arbeit insgemein Durch Ruhe nicht zu selten Muß unterbrochen sein. Warum thut mich denn plagen Die Liebe allerwärts, Daß niemals ich kann sagen, Ich wäre frei von Schmerz? Ohn' Unterlaß ich klage Vor stätem Herzeleid, Bei Nacht und auch bei Tage Hab' ich nur saure Zeit. Mich bringt die Lieb' in Leiden, O Sesu, Liebster mein, Von dir kann man nur scheiden, Um stets in Qual zu sein. Spee, Trutnachtigall. Der Feind will mich umringen, Ich bin sein Hohn und Spott, Voll Hohn fragt er mit Singen, Wo sei mein schöner Gott. Drum send' ich stets in Zähren Viel Seufzer dir hinauf, Die stündlich sich vermehren: Unzählbar wird ihr Hauf'. Die Thränen mich ernähren, Sie sind mir Speis' und Trank, Von Zähren muß ich zehren, Weil ich von Liebe frank. Ach, wann wird doch erscheinen Der schöne, lichte Tag, Wo ich nach spätem Weinen Auch wieder lachen mag? Wann Schmerzen, Krieg, Alarmen In Frieden sind verzehrt, Wann, Jesu, ich mit Armen Dich froh umschlingen werd'? I wann, o wann wird tagen Das helle, reine Licht, Wo mir wird Pein und Klagen Mit einem Mal zu nicht? O Gott, nun laß es scheinen, Es scheinen überall, Daß wir nicht ewig weinen In diesem Jammerthal! 3 83 34 Spee, Trutnachtigall. 7. Anderer Liebesgefang der Gespons Jesu, darin die Eigenschaften einer vollkommenen begehrlichen Liebe abgemalt sind. Wenn Morgenrot Der Nacht bringt Tod Mit seinen güldnen Strahlen, Wach' ich zu Gott, Zu meinem Gott, Ruf' ihn zu vielen Malen. Erwach' zu Gott, Zu dir, mein Gott! Zu dir mein Auge kehre Und ruf' dann frei Mit mattem Schrei: „ Mich dürstet nach dir sehre!" Ich wein' zu dir, Seufz' mit Begier, O Liebster meinem Herzen! Mein treuer Gott Ist mir kein Spott, Mich setzt die Lieb' in Schmerzen. Bin matt und müd', Schier ohn' Geblüt, Die Kräfte sind erlegen; Die ganze Nacht Hab' ich gewacht, Kann kaum die Zunge regen. Mein Herz von mir, Mein Gott, zu dir, Zu dir mein Trost, sich kehret. Spee, Truznachtigall. Seufz' also viel Ohn' Maß und Ziel, Weil ich mit Qual beschweret. Mit starkem Brand, Dir ist's bekannt, Bin ich so gar befangen; O süßes Band, Laß ab zuhand, ¹) Sonst sterb' ich vor Verlangen. Drum, Gott, nun eil', Denn deine Pfeil' Mir trachten nach dem Leben; Ich sterbe schier, Das glaube mir, Mit Not bin ich umgeben. Wenn ich nicht bald Von dir erhalt', Daß ich dein kann genießen, Wird also stracks Wie weiches Wachs Das Herz in mir zerfließen. Mit wahrem Mund Aus Herzensgrund Sprech' ich mit wahren Worten: Hab' Nuh' noch Nast; Ich leb' in Last Schier aller End' und Orten. Ich wohnte stät In Wüsten öd', Ob ich dort Ruh' erränge; 1) Schnell, sogleich. 35 36 Spee, Truznachtigall. Nun ist kein Land So unbekannt, Wohin nicht Liebe dränge. Wenn ich vermein' Weit weg zu sein, Gefreit vor ihren Pfeilen, Da naht sie sich, Verfolget mich, Und wären's tausend Meilen. O Gott und Herr, Wär's ferne sehr, Sie weiß doch hinzukommen! Nicht Raft und Ruh' Ich finden thu', Lieb' hat mich übernommen. Wenn Lust nach dir Füllt's Herze mir, Kann ich vor Leid nicht sprechen; Vor süßer Not, Vor süßzem Tod Möcht' mir das Herz zerbrechen. Sft süß der Schmerz, Gesund das Herz, Muß ich vor Freud' ermatten; Ist krank das Herz, Ist herb der Schmerz Bei Sonnenschein ist Schatten. Bald bin ich wund Zu dieser Stund' Und sink' als tot darnieder; Spee, Trutnachtigall. Bald bin gesund Ich selbe Stund', Steh' auf und lebe wieder. O heißer Dunst, O tühle Brunst! Wer wollt' es je vermeinen, Daß brenn' und kühl', Wie ich jetzt fühl', Die Lieb' in den Gebeinen? Die Lieb' ist Feu'r, Welch' Abenteu'r! Ist Wasser auch ingleichen, Bringt Herzeleid, Bringt Herzensfreud', Eins muß dem andern weichen. Gar mannigfach Stellt sie mir nach, Werd' um und um getrieben; Hätt' nie gedacht An solche Macht, Als ich fing an zu lieben. All mein Gemüt, All mein Geblüt Von Freud' und Lust durchwallen, So nur allein, O Gott, mir dein Gedächtnis eingefallen. Dein edler Stamm, Dein süßer Nam' Macht wund mir mein Gemüte; 37 38 Spee, Truhnachtigall. Dein Angesicht, Dein Augenlicht Entzündet mein Geblüte. Schaust du zur Nacht Auf mich mit Acht, Mit Lieb' und Lust beladen, Die Augen beid' Vor Freud' und Leid In warmen Zähren baden. O starke Lieb', O Herzensdieb, Willst du mit mir viel pochen? Wo kann doch ich Wohl wider dich? Du hast mein Herz durchstochen. Nimm vollends hin All meinen Sinn, Nimm alles hin zur Stunden. Bin völlig dein Und gar nicht mein, Geb' mich ganz überwunden. Ach, ach, wie jäh Wird mir so weh, Kann reden nicht, noch dichten! Die Sprache schweigt, Die Kraft entweicht, Sehnsucht will mich vernichten. Spee, Trußnachtigall. 8. Anderer Liebesgesang der Gespons Jesu, zum Anfang der Sommerzeit. Der trübe Winter ist vorbei, Zurück der Kranich kehret, Nun reget sich der Vöglein Schrei, Der Nester Zahl sich mehret; Laub mit Gemach Dringt nun zu Tag, Die Blümlein bunt erscheinen; Wie Schlänglein krumm Gehn lächelnd um Die Bächlein fühl in Hainen. Die Brünnlein klar und Quellen rein Keck überall erscheinen, Die silberweißen Töchterlein Von Bergen Hohl und Steinen. In großer Meng' Sie mit Gedräng' Wie Pfeil' vom Felsen zielen; Sie rauschen fein Und klingen drein Und mit den Steinlein spielen. Die Jägerin Diana stolz, Der Wässer und der Haine Nymphlein nun frisch im grünen Holz Gehn spielen im Vereine. Die reine Sonn' Schmückt ihre Kron', Den Köcher füllt mit Pfeilen, Läßt laufen los Ihr bestes Roß Auf marmorglatten Meilen. 39 40 Spee, Truhnachtigall. Mit ihr die kühlen Sommerwind', Jünglinge still von Sitten, In Lüften spielen frohgesinnt, Auf Wolken leicht beritten. Die Bäum' und Äst', Thun auch das Best' Und geben reichen Schatten, Ein Aufenthalt Dem Wild im Wald, Will es vor Hitz' ermatten. Der Vöglein Menge hören läßt Ihr Schie- und Tiereliere; Da rauschet auch manch grün Geäst, Daß es mit musiziere. Die Zweiglein schwank Zum Vogelsang Sich auf und nieder neigen, Auch höret man Im grünen Tann Erflingen Laut' und Geigen. Wohin man schaut, fast alle Welt Thut sich zu Freuden rüsten, Zum Scherzen alles ist gestellt Und alles schwebt in Lüsten; Nur ich allein, Ich leide Pein, Ohn' End' werd' ich gequälet, Seit ich mit dir Und du mit mir, Jesu, dich vermählet. Nur ich, o Jesu, bin allein Mit stätem Leid umgeben, Spee, Trußnachtigall. Nur ich muß nur in Schmerzen sein: Darf ja mit dir nicht leben! O stäte Klag', O ew'ge Plag'! Wie lang' muß ich dich meiden? Von großem Weh, Daß ich nicht seh' Dich, Jesu, muß ich leiden. Nichts schmeckt mir auf der ganzen Welt Als Jesu Lieb' alleine, Nicht Spiel und Scherz mir je gefällt, Bis daß er mir erscheine. Laut mein Gemahl In meiner Qual Ruf' ich so manche Stunden, Doch naht kein Schritt Sich mir und Tritt: Muß mich das nicht verwunden? Was nützt mir da die schöne Zeit, Was Glanz und Schein der Sonnen? Was frommt der Bäume lieblich Kleid, Der Klang der klaren Bronnen? Was Atem lind Der kühlen Wind'? Was Bächlein, frumm geleitet? Was edler Mai? Was Vogelschrei? Was Felder, grün gespreitet? Was hilft all' Freud' und Spiel und Scherz, All' Trost und Lust auf Erden? Bin ohne ihn doch stets in Schmerz, In Leid und in. Beschwerden! 41 42 Spee, Truhnachtigall. Des Herzens Brand Mich übermannt, Weil Jesum ich nicht finde; Drum weine ich, Beklage mich Und seufze in die Winde. Ade, du schöne Frühlingszeit, Ihr Wiesen und ihr Wälder, Laub, Gras und Blümlein neu gekleid't, Vom Thau getränkte Felder! Ihr Wässer klar, Erd', Himmel gar, Ihr Pfeil' der güldnen Sonnen! Nur Pein und Qual Bei mir zumal Hat Oberhand gewonnen. Ach Jesu, Jesu, treuer Held, Was kränkst du mich so sehre! Bin ja doch hart genug gequält, Ach, mich nicht so beschwere. Willst alle Qual Mit einem Mal Du sehn bei mir vergangen? Dann führ' zur Weid' Mein' Augen beid' Auf deine schönen Wangen. Spee, Trutnachtigall. 9. Die Gespons Jesu sucht ihren Geliebten und findet ihn im Garten, wo er gefangen wird. Heut' Nacht auf braunen Rappen Der Mond in starkem Lauf Wollt' Mitternacht ertappen Und strebte mächtig auf. Nicht mangelt's an Trabanten, An Sternen flar und hell, An gleichen Lichtverwandten, Die ihn begleiten schnell. Da fand ich mich entlassen Aus wunderschwerem Traum, Schaut' nach den blauen Straßen. Kannt' Mond und Sterne faum. Nach Jesu schickt' von Herzen Ich einen Seufzer tief, Der zu den Himmelskerzen Hoch in die Lüfte lief. Ach, treuer Mond und Sterne, Zeigt an den schönen Held, Daß ich von euch erlerne, Wo er schlägt auf sein Zelt! Thut mir von Jeſu sagen, Wo rastet er zur Ruh'? Nicht denk' ich ohne Zagen, Was mir der Traum rief zu. „ O Tochter, jung an Jahren," Zu mir ein Flämmlein sprach, ,, Er seinen weißen Scharen, Den Schäflein, folget nach. 43 44 Spee, Truznachtigall. Er treibet sie zur Weide Auf grünem Erdenrund, Zum Nasen, der im Kleide Hat viele Blümlein bunt. ,, Schau, dorten jetzt im Garten, Dort an des Ölbergs Hang Will er sie sorglich warten, Treibt sie die Flur entlang. Sie finden unverdrossen Dort Trank bei schönem Gras, Weil Cedron kommt geflossen Ganz nah' in feuchter Straß'." ,, Habt Dank, ihr schönen Sterne, Ihr güldnen Fräulein rein, Daß ich von euch erlerne, Wo sei der Liebste mein. Treibt er sie zu der Weide Auf grünem Erdenrund, Zum Rasen, der im Kleide Hat viele Blümlein bunt? „ Und treibt er sie im Garten, Dort an des Ölbergs Hang, Will sorglich ihrer warten, Treibt sie die Flur entlang: Wohlan, in Eil' geschwinde Will ich mich machen auf; Bis ich den Jüngling finde, Hemmt nichts der Füße Lauf." Als ich zum Garten kommen, O weh, was Angst und Not! Der Hirt hatt' Urlaub nommen, Schickt' sich gar in den Tod; Spee, Truznachtigall. Das Leben auf der Schwellen, Auf offnen Lippen saß, Thät sich zum Scheiden stellen, Gedacht' der dunklen Straß'. Von fahler Stirn und Wangen, Den Gliedern marmorweiß Die Tropfen niederdrangen Von weiß und rotem Schweiß. ,, O Liebster mein auf Erden, O Jesu, schöner Hirt, Was sind das für Gebärden? Sag' an, was mit dir wird? „ Wer wagt es, dich zu schrecken? Sag' an, was dir geschehn? Ich schwör' bei deinem Stecken, Dir treulich beizustehn. Bei dir will ich verbleiben, Wer that dir das, sag' an? Und sollt' man mich entleiben, Von dir nicht lassen kann." Drauf' band ich ihn mit Armen, Ihn küff' und an mich drück': Gleich schallte ein Alarmen; Da wandt' ich mich zurück: So viel ich konnt' umgreifen Mit meinen Augen beid', Sah Mörder ich durchstreifen Die Felder weit und breit. Bei Fackeln und Laternen Ein Hauf', gerüstet ganz, Von Waffen gab von fernen Gar breiten Eisenglanz. Univ.- Bibl. Giessen 45 46 Spee, Trutnachtigall. Bald rückten sie zum Garten, O weh, dem Liebsten mein! Mit Spießen, Beil und Barten Zur Thüre drangen ein. Ihr Zähneknirschen drohte, Sie fluchten ungescheut: Der Hirte, der halbtote, Ergriffen ward als Beut'. O weh, der Sinn mir schwindet, Mein Herz in Stücke bricht! „ Ach nicht, ihn nicht voch bindet, Den Jüngling greifet nicht! ,, Ach, schonet seiner Haare, Der güldnen Haare sein, Ach, schonet seiner Scharen, Der zarten Lämmelein! Wer will nach ihm dann weiden Die Schäflein silberweiß? Gebt nicht ohn' Unterscheiden Das Wollenvölklein preis." Schau, dorten schon ins Wilde Der weißen Schäflein Schar Sich ohne Schutz und Schilde Verwickelt in Gefahr. „ Ach, schonet nur der Herde," Der Hirt auch selber schrie; ,, An mir genug euch werde," Sprach er, mich schauet hie! ,, Mich greifet, schleifet, schlaget, Ja, mich nun schlachtet gar, Nur nicht, ach nicht verjaget Die reine Wollenschar! Spee, Trutnachtigall. Nur mich zu Tod und Leiden, Mich reißet ungehört, Wenn nur kann friedlich weiden Die silberschöne Herd'! ,, Laßt frei die Schäflein laufen, Die schwanenweise Zucht, Laßt gehn den schönen Haufen, Da man nur mich gesucht. Den Tod will ich mir kiesen Für meine Lämmerlein: Ade nun, Weid' und Wiesen, Es muß gestorben sein!" O Jesu, du so wunder-, So wunderguter Hirt, O wahrlich, ganz besunder Mit Lieb' und Lust geziert: Willst du den Tod erkiesen Für deine Lämmerlein Und läsfest Weid' und Wiesen, Weil's muß gestorben sein? Da will ich dich begleiten, Du Hirte wundergut! Weich' nicht von deiner Seiten, Was man mir immer thut. Was alles ich erblicket Zuvor in schwerem Traum, Walt' Gott, sich jetzund schicket Zum Kreuz und Galgenbaum. 47 48 Spee, Trutnachtigall. 10. Die Gespons Jesu sucht und findet ihn auf dem Kreuzweg. Die reine Sonn' am Morgen, In sanften Haaren bloß, Den Brand noch trug verborgen In ihrem Purpurschoß, Da ging ich hin zum Felde, Rief laut nach meinem Schatz, Der über Gold und Gelde Bei mir gefunden Platz. Auf grüner Heid' und Matten Bei krausem Lorbeerbaum Sucht' ich mir fühlen Schatten, Versank in süßen Traum. Bald wieder ich erwachte, Fand meinen Jesum da: So lieb und mild er lachte Und trat zu mir ganz nah. Gleich thät er auf mich zielen Mit reinem Augenblitz: Auf mich mit Haufen fielen Die Strahlen voller Hitz'. Die Pfeile auf mich drangen Von seinen Äuglein teu'r, So mir das Herz umfangen Mit bittersüßem Feu'r. Von seinem gläsernen Bogen Zu mir mit süßem Schein Die süßen Flämmlein zogen Aus beiden Fensterlein. Spee, Truhnachtigall. O weh, wann ich der Stunden, Wann ich der Zeit gedenk', Aus frisch genetzter Wunden Ich Herz und Wangen tränk'. Ich wollte sein genießen, Den ich so lang' gesucht- Wen wollt' es nicht verdrießen? Er nahm vor mir die Flucht. Er sprang durch Feld und Wiesen Geschwinde wie der Wind: Den Lauf hieß ich erkiesen Wohl manches Hirschenkind. „ Ihr Töchter, keusch und reine, Von Sion, wohl bekannt, Zu Tod' ich mich noch weine Vor Lieb' und Herzensbrand. Nun saget mir in Treuen, Wo find' ich ihn nur auf, Der mich seither will scheuen Und fliehn in starkem Lauf? ,, Dem Jüngling muß ich jagen Durch alle Orte nach: Ach, wollet mir doch sagen, Wo er verweilen mag; Ach, wollet ihr mich weisen, Den Pfad mir zeigen an: Ich wollte nach ihm reisen Durch hoh' und niedre Bahn." „ Ja, erst mußt du vermelden, Wer ist der Liebste dein? Sag' uns von diesem Helden, Sag' an, wer mag er sein? 4 49 50 Spee, Trutnachtigall. Laß uns den Jüngling wissen Und mach' den Edlen fund, Das Bild steht abgerissen In deinem Herzen wund." 1 ,, O Töchter, hoch gepriesen, Nehmt wahr den Liebsten mein, Nach Balsam süß und Bisem Niecht ihm der Atem sein; Sein Haupt auch Duft umwindet Von Zimmet und Zibeth: O selig, wer da findet Jesum von Nazareth! „ Die Morgenröt' erbleichet Und scheinet gleich dem Kot, So man sie nur vergleichet Mit seinen Wänglein rot; Auch Mond und Sonne stahlen Von seiner Stirne rein All' ihren Glanz und Strahlen, Den Gold- und Perlenschein. Korall' und Purpurseiden, Ein jedes sich erwarb Von seinen Lippen beiden Die schöne Rosenfarb'; Weiß ist und Rot daneben Von rotem Traubenschaum, Den er erpreßt von Reben Mit schwerem Kelterbaum. „ Hat Händ' und Füß' gemalet In ausgepreßtem Wein Und lichtes Rot umstrahlet So weißes Elfenbein. Spee, Trutnachtigall. Ach, zeiget mir die Straßen, Wo er sich nun verhält! Gott, dürft' ich dich umfassen, Dich, rot und weißer Held!" ,, O Mägdlein, wir dich fragen: Ist er denn rot und weiß? Thut er die Farben tragen Von rotem Traubenschweiß? Hat Händ' und Füß' gemalet In ausgepreßtem Wein? Und lichtes Rot umstrahlet So weißes Elfenbein? „ Wohlan, wir woll'n dir zeigen Den Ort, wo er mag sein: Zum Kreuzweg thu' dich neigen, Da triffst du ihn allein. Allda pflegt er zu schwitzen Im roten Kelterhaus; Allda die Brünnlein spritzen Gar sanft mit lindem Saus. „ Da pflegt er auch zu brechen Die roten Röselein; Obschon die Dornen stechen, Er tröstet sich der Pein." ,, O Töchter, hochbeslissen, Geh' ich zum Kreuzweg hin? Ja, freilich, ihr sollt's wissen, Tret' an mit tapferm Sinn!" Als ich zum Kreuzweg kommen, Rief ich dem Liebsten mein Und hab' ihn gleich vernommen, Berauscht in Bitterwein. 4* 51 52 Spee, Truhnachtigall. Die Stirn hatt' er bestecket Mit roten Blümelein, In Händen ausgestrecket Trug er zwo Rosen sein. Als ich den Duft empfunden Von beiden Rosen rot, War mir der Sinn entschwunden Vor viel zu süßer Not. Er stützt' mich mit den Armen, Mich halft' ohn' Überdruß Und ließ mich mild erwarmen Durch manchen süßen Kuß. Die Bäcklein er mir flebet Auf meine Wangen beid', Mich gütlich legt und hebet An seine Purpurſeit'. Da mußt' ich mich erholen, Kam wieder zu Verstand Und lag doch, weh, in Kohlen, In herbem, süßem Brand. O Süßigkeit voll Schmerzen, O Schmerz voll Süßigkeit! Will lehnen ihm am Herzen In alle Ewigkeit; Allhier will ich nun raften Mit Jesu, meinem Held. Ade, Gold, Geld im Kasten, Ade nun, alle Welt! Spee, Truhnachtigall, 11. C Spiegel der Liebe on!! oder von Maria Magdalena, wie sie nach dem jüdischen Osterfest ant großen Sabbath morgens früh ihren Jesum in dem Grab gesucht. ( Johannes im 20. Kapitel.) Die Sonn' samt ihren Rossen, Spät österlich bezecht, Mit Schlaf noch übergossen, Wollt' kaum erwachen recht; Da fand ich schon bei Zeiten Am Grab in Trauern stehn Und Salb' und Büchs' bereiten Die weinende Magdalen. Gleich wie, wenn je zuweilen Die Frühlingsmorgenstund' Mit ersten Sonnenpfeilen Den weichen Schnee macht wund, Herab von Berg und Steinen, Von Felsen hoch und jäh Zerfließt in sanftes Weinen Der lind geschmolzne Schnee: Fast in des Schneees Weise Das Weib, von Liebe wund, Auch von des Schmerzes Heiße Zerfloß in Thränen rund. Begier mit heißen Pfeilen Ihr beide Äuglein schmelzt Und von der Wang' in Eilen Die runden Tröpflein wälzt. 53 54 Spee, Trußnachtigall. O weh, der schwachen Mergen! ¹) O weh, dem Herzen wund! Konnt' Lieb' und Brand nicht bergen Und sprach von Seelengrund: ,, Ach Sonn', heb' dich mit Macht nun, Zum Grabe hier nun leucht'; Auf, auf, macht kürzre Nacht nun, Der Tag zu lang' verzeucht. Zur Linken leucht' und Rechteit, Spreit' überall mit Fug Die güldnen Haar' und Flechten, Daß ich den Liebsten such'! Leucht' her mit Glanz und Strahlen, Leucht' her zum hohlen Grab: Wer weiß, ob ich den Qualen Entkomme, die ich hab'!" Drauf sie zum Felsen rücket, Dringt mit dem Aug' hinein, Zur Kluft sich niederbücket Wird wund von frischer Pein: Den Liebsten sie nicht findet, Statt seiner kann sie sehn ( Wie bald der Sinn ihr schwindet!) Nur seiner Englein zween. Ach nicht, nicht euch, ihr Knaben, Jünglinge flügelreich, Ach, euch will sie nicht haben, Entweicht von dannen gleich; Nur Jesum sie, den einen Und einen, sucht allein, 1) Maria. Spee, Trutnachtigall. Will sonst und liebet feinen, Ohn' ihn kann sie nicht sein. Sie rufet ohne Weilen In Eifer ihm zur Stund', Von süßen, herben Pfeilen Steht sie und geht sie wund. Am Grabe draus und drinnen Sucht sie und dran und drum Und scheidet nicht von hinnen, Schaut rings nach ihm sich um. Doch freilich sie's mit nichten Und freilich nicht versteht, Verwirrt in blinden Pflichten, Wen, wo sie suchen geht. Sie hat die Lieb' umgeben Mit blindem Herzensgift, Sie sucht im Grab das Leben, Das sie doch nimmer trifft. Sie sucht in schwarzen Kohlen Den purpurschönen Glanz, Von Zweigen welk will holey Sie grünen Lorbeerkranz; Sie Rosen will von Reben, Von Dornen lesen Wein, Von Scherben Gold erheben, Von Schatten flaren Schein. ,, O Weib, von Lieb' geblendet An deiner Augen Licht, Die Schrift sich nimmer wendet, Die Wahrheit lüget nicht: Den du noch suchst im Steine, Im Grabe sucheft sehr, 55 56 Spee, Truhnachtigall. Der weilt im Himmelsscheine Und stirbt nun nimmermehr. „ Der Tod konnt' ihn entleiben Und einmal fällen ihn; Er kann im Tod nicht bleiben, Nicht in dem Grab verziehn. Dem Tod ist er entwichen, Dem Haut- und Beinenknecht, Hat ihm so ganz durchstrichen Sein falbes, bleiches Recht. „ Er seiner falben Grenze Entlief in vollem Trab Und stahl ihm Pfeil und Sense Und Stachel redlich ab; Und auch den Bogen stahl er Und warf ihn in das Feu'r, Lacht aus den stolzen Prahler Samt seinem Grabgemäu'r. Darum laß dir nur sagen, Laß nur von Trauern ab, Laß ab, laß ab zu klagen, Such' Leben nicht im Grab!" Ach, sie läßt nicht ihr Klagen, Läßt nicht von Trauern ab, Läßt sich so gar nichts sagen, Sucht ihn doch noch im Grab. Doch, wer will's ihr nicht schenken Und freundlich ihr verzeihn? Niemand foll's ihr verdenken Bei Strafe gleicher Pein. Von Lieb' ist ihr gestohlen, Von Liebe Sinn und Witz, Spee, Truhnachtigall. Verbrannt auf süßen Kohlen Tobt sie in süßer Hitz'. Verstand und Hirn und Sinnen, Gedanken, Herz und Mut Im Grab mit Jesu drinnen Ließ sie in seiner Hut. Weil er mun nicht mehr drinnen Und weil er zog hinaus, O weh nun ihren Sinnen, Auch diese flogen aus! Ohn' Sinn und ohn' Gedanken Die Maid, ohn' Seel' und Herz Bald hier, bald dort mit Schwanken Umgehet allerwärts; Sie geht, in sich verloren, Und forschet mit Geschrei, Wo der, den sie erforen, Und wo sie selber sei. Doch möchte sie von Herzen Wohl schon verloren gehn; Ihn kann sie nicht verscherzen, Ihn will sie wiedersehn. Für ihn wollt' sie verloren Wohl ewig bleiben aus, Wenn, den sie sich erkoren, Man ihr nur brächt' ins Haus. Sie seufzet, ächzet, weinet, Klagt, jammert immerdar, Erd', Himmel, sie vermeinet, Möcht' wohl zerspringen gar. Sie litt' es, wenn da droben Die runden Tempel schön 57 58 Spee, Trußnachtigall. Nun kämen gar gestoben Hernieder mit Getön. Sie sprach:„ Weil mir entzogen Ist Herz und Lieb' und Freud', Shr Himmel, rund gebogen, Mögt niederstürzen heut'! O Sonn', du deinen Wagen Magst heut' noch stürzen um, Ich würd' es wohl ertragen Im Dunkeln still und stumm. ,, Weil sie mir einmal stahlen Mein einzig Herzenslicht, Bedarf ich deiner Strahlen, Bedarf ich deiner nicht. Ade, Licht, Luft und Leben, Ade, schneeweißer Tag, Will deiner mich begeben, Dich nicht mehr schöpfen mag!" Drauf müd' und matt zur Erden Sie fittlich niedersitzt Und kläglicher Gebärden Umher mit Augen blitzt. Verliebt, verwirrt, verworren Quält Feuer sie und Pein, Mark, Blut und Pein verdorren, Die Zähr' auch trocknet ein. Bald wieder von den Wangen Ein doppler Bach ihr quillt, Der ihr glutvoll Verlangen Mit feuchtem Gusse stillt. Die Seufzer auch sich heben Und wehen wieder stark: Spee, Trutnachtigall. Sie muß sich nen begeben Zum Grab und leeren Sarg. ,, Ach, Liebster, reich an Ehren, Schier wird es mir zu viel: Willst nicht bald wiederkehren, Hab' ich verloren Spiel. Ohn' Leben ich noch lebe, Tot ohne Tod bin ich; Tot, lebend immer strebe, Wo ich nur finde dich. „ O Tod, o Menschenprasser, O Menschen auch und Tier, Luft, Feuer, Erd' und Wasser, Ihr Elemente vier, Auch Städte, Land und Felder, Was sonst ich nennen mag, Baum, Laub und Gras und Wälder, O hört auf meine Frag': „ Wo und in welchen Landen Mag je zu finden sein Die Leich', noch frisch in Banden, Das tote Leben mein? Wer kann mir endlich zeigen Den Körper wundenvoll? Ach nein, wollt nicht verschweigen, Was mich doch trösten soll! ,, Erhebet Schall und Stimme Und macht es ihm doch kund, Der mich mit süßem Grimme, Mit fühlen Brand macht wund. Von Feuer kühl und Flammen, Von bittersüßer Glut, 59 60 Spee, Truknachtigall. Von Lieb' und Leid zusammen Mir schmelzen Herz und Mut. ,, Bald helfet, bald mir Bangen Mit Laub und Blümlein zart, Mit Zweiglein, die da prangen Von Äpfeln bester Art, Aus Rosen mir bereitet Gar weiche Lagerstatt, Auch Lilien häufig spreitet, Ich sink' zur Erde matt. ,, Von ihm hatt' ich geglaubet, Daß nie zu keiner Weil' Sollt' werden mir geraubet Der besterwählte Teil. Schau da, wie ich gefehlet! Schon ist in dieser Weil' Hinweg, den ich erwählet, Der best' und einz'ge Teil. „ Von ihm steht doch geschrieben: Wer um ihn wache früh, Der sollt' auf sein Belieben Shn finden ohne Müh'. Doch schau, bei guten Stunden Hab' ich gewachet früh Und ihn doch nicht gefunden Nach vielgepflegter Müh'. - „ Er war vor wenig Tagen Mir noch nicht wenig hold, Weiß nicht, was zugetragen Seither sich haben sollt': Erdenk's auf keine Weise, Kann es ersinnen nicht, Spee, Trutnachtigall. Daß ich's an meinem Fleiße Se fehlen ließ und Pflicht. ,, Ließ mich beim Kreuze finden, Hab' ihm die Purpurfüß' Gefühlt mit Seufzerwinden, Mit meinem Atem süß. Hab' ihn zum Grab getragen Nach vollem Totenrecht Und nach vollbrachten Klagen Ihn nieder dort gelegt. ,, Bin wieder dann gelaufen Vom Körper, wohlversargt, Mehr Salben einzukaufen, Zum besten Myrrhenmarkt. Hab' nur das Fest geehret Mit osterhafter Ruh' Und heut' gleich bin gekehret Ganz früh dem Grab ich zu. „ Wie hab' ich's nur verschuldet, Wie regt' ich seinen Zorn, Daß aller Gnad' enthuldet Ihn haben soll verlor'n? Was war nur mein Verbrechen, Welch fündig Thun der Grund? Wie wollt' ich's an mir rächen, Wär' mir die Ursach' fund! „ Fürwahr, ich hab' gefehlet, Jetzt kommt mir's in den Sinn, Es bleibet nicht verhehlet, Wie sehr ich schuldig bin: Als wir den Schatz begraben, Die Leiche wundenreich, 61 62 Spee, Truhnachtigall. Versperrt sollt' ich mich haben Mit ihm ins Grab zugleich. „ Ich sollt' mich lassen schieben Mit ihm zur Gruft hinein, Sollt' bei ihm sein geblieben Im Sarg und Felsgestein Hätt' ihn dann wer gestohlen Und ihn getragen weg, Ich wär' ihm auf den Sohlen Sogleich gefolget fect. „ Hätt' nicht von ihm gelassen, Shm stets gejammert nach Und alle Ort' und Straßen Erfüllt mit Weh und Ach. Dem Räuber hätt' mit Greinen Ich Herz und Sinn erweicht, Bis daß er auf mein Beinen Mir seinen Naub gereicht. ,, Nun ist und bleibt entwendet, Bleibt uns ohn' Wiederkehr, Nach dem ich abgesendet So manche, manche Zähr'. Seit ohne mich ließ schließen Ich ihn ins Felsgestein, In Luft und Wind zerfließen Mir Thrän' und Seufzer mein. „ Mein Heulen und mein Klagen Unfruchtbar stets umher Von Winden wird getragen, Getrieben über Meer; In Städten und in Feldern Ich ihn nicht finden kann, Spee, Truhnachtigall. Sucht' ich ihn auch in Wäldern, Ich träf ihn doch nicht an. ,, Will doch nicht ganz verzagen, Im Grabe suchen baß Und noch einmal durchschlagen Den Sarg in gutem Maß: Vielleicht war er noch drinnen, Konnt' ihn leicht übersehn, Weil mir von stätem Rinnen Die Augen fast vergehn. ,, Vielleicht lag er verschoben Da drunten irgendwo, Daß ich, in Eil' von oben Ihn nicht bemerkte so; Vielleicht war er verborgen, Vom Linnentuch versteckt, Womit in zarten Sorgen Shn jemand überdeckt. ,, Vielleicht sind mir gestanden Im Weg die Jünger sein, Daß, was doch war vorhanden, Nicht sahn die Augen mein. Vielleicht schien es am Morgen Im Grab nicht hell genug: Da solches zu besorgen, Ich billig weiter such'." Kaum war dies Wort vollendet, Die arme Büßerin Zum Grab sich wieder wendet, Schaut immer wieder hin: Der Leib war doch entzogen, Der Sarg blieb leer und bloß, Univ.- Bibl. Giessen 63 64 Spee, Truhnachtigall. All Hoffen war entflogen, Das Leid noch ebengroß. Die Jünger nur, die beiden, Die haben sie gefragt Mit Worten gar bescheiden, Warum sie also klagt? Sie sprach: Fragt ihr noch beide, Was ich so weinen kann? Man nahm( euch recht bescheide) Mir weg den schönen Mann. ,, Drum, Jünger, frisch und lebend, Erhebt euch aus dem Grab! Sucht, jeden Ort durchschwebend, Den ich verloren hab'. Auf, eilends auf, ihr Knaben, Ihr schönen Diener sein, Wollt ihm bei Zeit nachtraben Und laßt ihn nicht allein!" Und wie sie sich nun wendet Vom Felsen mit Verdruß, Aufs Neue sie verschwendet Der Zähren starken Guß. Da thät vor ihr erscheinen Shr lang' gewünschter Held, Stand vor ihr auf den Beinen, Doch fremd und unvermeld't. " O Weiß, was soll dein Greinen? Sag' an, was dir gebricht!" „ Ach, ach, sollt' ich nicht weinen?" Das Weib als Antwort spricht. „ Hast du ihn nun entstohlen, Wo brachtest du ihn hin? Spee, Truznachtigall. Ich will ihn wieder holen, Komm' sonst um Hirn und Sinn." „ O Weib, und wolltest holen Und wolltest Heben du Den Körper, dir entstohlen Aus seiner Totenruh'? Und wie, wenn er dann eben In Haft und Banden läg'?" Sie sprach:„ Ich wollt' ihn heben, Die Ketten ich zerbräch'." „ Und wie, wenn er sollt' stecken In Dornen ganz umringt?" Sie sprach: ,, Von Dorn und Hecken Man doch die Rosen bringt!" Und wie, wenn er umgeben 11 Von Glut und Flammen wär'?" „ Das Feuer ließ' mich leben, Die Liebe brennt mich mehr." Und wie, wenn er von Bären Und Löwen wär' bewacht?" Sie sprach: ,, Wollt' mich erwehren Auch wohl der wilden Macht." „ Und wie, wenn er getragen In Schiffen übers Meer?" Sie sprach:„ Ihm nachzujagen Fänd' ich manch' Schifflein leer." „ Und wie, wenn er versunken Nun läg' im Wogenbraus?" Sie sprach: ,, Viel sind ertrunken, Die man doch fischt heraus. 5 65 66 Spee, Truznachtigall. Hör' auf mit deinen Fragen, Hör' auf, ich bin fie fatt; Sag' mir, wer mich zu plagen Den Leib gestohlen hat. ,, Hast du ihn nicht gestohlen? Dich hab' ich in Verdacht; Sag's an, ich muß ihn holen, Hab' es schon oft gesagt!" O recht hat sie's erwogen, Die Magd, sie traf es fein, Der Pfeil ist grad' geflogen Recht in die Scheib' hinein. Er, er hat ihn gestohlen Und er hat ihn entführt. O Weib, dir set's befohlen, Die Rechnung ihm gebührt. Du fehlend doch nicht fehlest Und doch nicht wissend weißt, Wen du verdächtig zählest, Ist schuldig allermeist. Er selbst es ungelogen, Er es in Wahrheit ist, Der dir den Schatz entzogen, Durch welchen wund du bist. Fall' ihm nur schnell zu Füßen Und halt' den Thäter fest, Leg' ihn, den Raub zu büßen, Mit Armen in Arrest. Jesu, woll' nicht entweichen, Den Nebel von dir treib', Spee, Trutnachtigall. Gieb das Erkennungszeichen Dem schwer bedrängten Weib! Nur balde laß erschallen, Laß ihr zur höchsten Lust Ein kleines Wörtlein fallen, Ein Wörtlein, dir bewußt! Er läßt sich schon bewegen, Und wie beim Morgenschein Der Blitz mit starken Schlägen Läßt sehn ein Flämmchen klein, Mit Namen er sie rühret, Er nur Maria klingt: Gleich sie das Flämmchen spüret, Empor in Freuden springt. Das Mark wallt im Gebeine, Neu lebet ihr das Blut Und wallt in ros'gem Scheine Und färbt ihr Herz und Mut. O Gott, wer kann mit Lauten Den Jubel zeichnen nach, Der ihr bei ihrem Trauten Aus vollem Herzen brach? Mir Stimm' und Zunge fehlen, Mir starret Red' und Wort, Ich kann's nicht auserzählen, Nicht find' ich Grund und Bord; Die Feder schon sich senket, Die Tinte trocknet ein: Wen Liebe je gekränket, Betracht' es bei sich fein. 5* 67 68 Spee, Truhnachtigall. Wer je den Stahl gefühlet, Geglüht in süßem Brand, Im Brand, der wärmt und kühlet, Erdenk' es mit Verstand. Er nur allein kann's wissen Und recht sich bilden ein, Wem Liebe je durchrissen Leib, Seel' und Mark und Bein. 12. Ermahnung zur Buße an den Sünder, daß er die Burg seines Herzens Christo einräume. Wohlauf, wohlauf, du schönes Blut, Gott will sich zu dir kehren! O Sünder, fasse Herz und Mut, Woll' nicht die Sünde mehren! Wer Buß' zu rechter Zeit verricht't, Der soll in Wahrheit leben; Gott will den Tod des Sünders nicht: Wann willst du dich ergeben? Vergebens ist all Rat und That, Was willst du länger säumen? Es sei gleich frühe oder spat, Die Festung mußt du räumen. O armes Kind, o Sünder blind, Wozu des Widerstrebens? Denn dir zerrinnt die Kraft wie Wind, Laß ab, es ist vergebens. Thu' auf, thu' auf, glaub' mir fürwahr, Gott läßt mit sich nicht scherzen, Dein' arme Seel' ist in Gefahr, Und ewig wird's dich schmerzen. Spee, Trutnachtigall. Kehr' um, kehr' um, verlorner Sohn, Lös' dich von Sündenbanden; Ich schwöre dir bei Gottes Thron, Die Gnad' ist noch vorhanden. Geschwind, geschwind, all' Uhr und Stund' Kann uns der Tod ereilen, Kann jederzeit dich machen wund Mit seinen bleichen Pfeilen. Wen er nicht trifft zur Gnadenzeit, Wär' besser nie geboren; Wer, wenn er scheidet, nicht bereit, Ist ewiglich verloren. O Ewigkeit, o Ewigkeit, Wer wird dich können messen? Hat deiner doch schon allbereit Das Menschenkind vergessen. O Gott, im höchsten Himmelsplan, Wann wird es besser werden? Die Welt noch immer scherzen kann, Kein Sinn ist mehr auf Erden! 13. Konterfei des menschlichen Lebens. Hatt' neulich früh am Morgen Zur edlen Sommerzeit Von mir gebannt die Sorgen, Mich von Geschäft befreit; Als ich spaziert' im Garten, Erblüht' ein Blümlein zart; Jedoch wollt' ich noch warten, Bis es vollkommen ward. 69 70 Spee, Trutnachtigall. Die Morgenröt' erbleichte, Weil ihren Purpurschein Der helle Tag verscheuchte Mit Strahlen klar und rein: Die Sonn' mit sanften Strahlent Das Blümlein übergoß, Die Blättlein allzumalen, Als blüht' es ihr im Schoß. Da that es lieblich blicken, Gab köstlichen Geruch; Den Kranken könnt's erquicken Beim letzten Atemzug. Ein Lüftlein, lind von Atem, Rührt' an das Blümelein: Da schwebt's wie ein am Faden Gebundnes Vögelein. Auf seinem Stiel mit Kräften Wand es sich hin und her, Durchströmt von frischen Säften, Als ob der Tod nicht wär'. O Blümlein, schön ohn' Maßen, Du stehst in vollster Zier, Will drum von dir nicht lassen Bis an den Abend schier. Wer könnte je aussprechen Die Schön' und Lieblichkeit? Weiß an dir kein Gebrechen, Bist voller Zierlichkeit. War Salomon auch mächtig, So schön war nicht sein Kleid, Wenn er schon glänzte prächtig In Pomp und Herrlichkeit. Spee, Trutnachtigall. Um dich die Bienlein brummen Und Honig sammeln ein, 3u saugen sie da kommen Die weichen Wänglein dein. Die Menschenkind ingleichen Mit Lust dich schauen an, Alle Schönheit muß dir weichen, Spricht wahrlich jedermann. Wohlan, du magst stolzieren, Du Gartensternelein, Mußt endlich doch verlieren All' deinen bunten Schein! Du wirst dich bald entfärben, An Schönheit nehmen ab, Wirst heut' noch müssen sterben, Denk' zeitig nur ans Grab. Ich will dich zwar nicht brechen, Das lasse ich wohl sein, Die Sonn' wird dich erstechen, Raubt dir das Leben dein. Halt, halt, es will schon werden, Schon schickt sie Pfeil auf Pfeil, Schießt senkrecht sie zur Erden Wie lauter Feuerkeil'. Stark spannet sie den Bogen, Schießt ab den besten Schein, Der hitzig kommt geflogen Und dringt mit Macht herein. Was willst du nun beginnen, Du zartes Gartenblut? Die Blättlein nicht entrinnen Der heißen Sonnenglut. 71 72 Spee, Truhnachtigall. Da neigt es sich vernichtet, Verwelkt und sinket hin, Das eben aufgerichtet Noch stand mit stolzem Sinn. Das Blümlein, jung von Tagen, Sein Hälslein niederneigt; Ach, ach, nun muß ich klagen, Daß ihm die Kraft entweicht! Die Seel' hat's auf der Zungen, Wird sie gleich Hauchen aus: Nun muß es sein gerungen Mit Tod im letzten Strauß. Oweh, der kurzen Stunden, O weh, da schläft es ein! Jetzt ist es schon verschwunden Mein zartes Blümelein. O Mensch, wie deinem Blicke Sich zeigt das Blümlein hier, So sind im höchsten Glücke Vom Tod ergriffen wir. O nie trau' deiner Schöne, Nicht Blüt' und Farbe trau', Dich nur mit Gott versöhne, Nur auf zum Himmel schau'! Stehst du in Preis vor allen, Ein voller Blütenbaum Die Blättlein bald entfallen, Eh' man's geträumet kaum. Ein Fieber wird dich stechen Mit seinen Strahlen spitz: Da muß die Kraft dir brechen, O weh, der jähen Hitz'! Spee, Truhnachtigall. Was willst du viel bravieren, ¹) Du fleischen Pflänzelein? Der Tod wird dich citieren: Fort, fort muß es dann sein. Bist du schon jung von Jahren Und hübsch dazu und fein, Mußt doch von hinnen fahren, Hinweg, es muß doch sein. 14. Das Vaterunser, poetisch aufgesetzt. O Vater, der in Ferne Du wohnst im Luftrevier, Wo Sonne, Mond und Sterne Zu Füßen liegen dir, Nimm an von mir Geringen, Ja, nimm die Seufzer an, Die mir vom Herzen dringen Durch leere Wolkenbahn! Die erste Bitte. Ach, würde stets gepriesen Der schöne Name dein, Wenn mildes Licht ergießen Die nächt'gen Sternelein, Wenn früh auch dann erschienen Des Tages Glanz und Glast Und Sonn' und Mond uns dienen 1) Troßen. Mit Freuden ohne Rast. Ich wollt', daß alle Stunde 73 74 Spee, Trußnachtigall. Du von dem Herzen mein, Von aller Wesen Munde Gepriesen möchtest sein. O Gott, laß dir zu Ehren Erd', Himmel jubeln auf! Will mich ja nicht beschweren, Wenn ich's mit Tod erkauf'. Die zweite Bitte. Mich widert an auf Erden Die eitle Pracht der Welt, Nach Wagen, Kutsch' und Pferden Begehr' ich nicht, noch Geld. Ach, nur das Reich dort oben, Die runden Tempel dein, Die räum' unaufgeschoben Uns nach dem Tode ein! Die dritte Bitte. Weil wir indes genießen Den süßen Sonnenschein, So wollt' ich, das wir ließen Nie die Gebote dein; Gar oft wünsch' ich von Herzen, Gestrenger Herr und Gott, Daß niemand woll' verscherzen Auf Erden dein Gebot. Die vierte Bitte. Dich fernerhin wir bitten Um Nahrung, Speis' und Brot, Daß niemals werd' erlitten Die saure Tafelnot. Spee, Trutnachtigall. Aus deiner Hand ja praffet Die nackte Rabenbrut Und, weil auf dich sie passet, Nicht Mangel leiden thut. Die fünfte Bitte. Gedenke nicht mit Grimmen An unsre Sünd' und Schuld, Mach' uns in Zähren schwimmen Und habe noch Geduld. O Gott, so du mit Augen Schaust unsre Sünde hier, Das wird uns gar nichts taugent Und nicht bestehen wir. Die sechste Bitte. Das Fleisch mit süßen Pfeilen Trifft uns mit süßzem Blick, Die Welt aus seidnen Seilen Dreht uns gar sanfte Strick'; Satan winkt uns mit Ehren, Mit Kron' und Scepter naht, Versuchung thut sich mehren: Hilf, hilf, gieb Rat und That! Die siebente Bitte. Ja, milder, frommer Vater, Ja, Vater, Vater fromm, Hilf, daß der Hölle Natter Nicht mehr zu Kräften komm'! Vor ihren gift'gen Flammen, Vor Seel- und Leibsgefahr Erhalt uns all' zusammen Ohn' Übel immerdar! 75 76 Spee, Truznachtigall. 15. Bußgesang eines recht zerknirschten Herzens. Wenn Abends uns die braune Nacht In schwarze Schatten kleidet Und ich der Sünden mein hab' Acht, Viel Not mein Herz erleidet. Vor lauter Leid Und Traurigkeit Die Thränen reichlich rinnen: Ich muß hinauf Zum Himmelslauf Dann schaun mit trüben Sinnen. Halt, halt, ihr hellen Perlen klar, Ihr tausend Fackellichter, Halt, halt, ihr strahlenhelle Schar, Des Himmels Glutgesichter! O schöne Stern', Entlauft nicht fern, Hört an, was ich will klagen. Du Mondschein hell, Entweich' nicht schnell, Hör' an mein Leid und Zagen. Ach, welche Angst und Herzeleid, Weil ich von Sünd' umfangen! Auf, auf, ihr heißen Brünnlein beid', Nun rauschet von den Wangen. Ach, schöne Stern', Ich wäre gern Niemals von Gott gewichen; Ach, Mond, so hell, Mein Schritt ging fehl, Mein Herz ist Tods erblichen. Spee, Trutnachtigall. Fließ' hin, fließ' hin, du Thränenbad, Kann dich vor Leid nicht halten, Wasch' ab die Sünd' und Missethat, Das Herz ist schon gespalten. O treuer Gott, Hab' dein Gebot In Wind und Luft geschlagen; Von dir so fern, Dem frommen Herrn, Hat mich die Sünd' getragen. Was thu' ich nun, was soll geschehn? Ich kann es nicht beschönen. Wie will ich denn vor dir bestehn, Dein Angesicht versöhnen? Mein Schöpfer du, Ich geb' es zu, Vor dir ich sprachlos bleibe; Bin's freilich wert, Daß Feu'r und Schwert Mich unverweilt aufreibe. Doch nicht in deinem Eifermut Gedenke meiner Sünde Und nicht, wenn du voll Zornes Glut, Für mich die Strafe finde. Bedeck' mit Gnad' All meine That, Nicht mehr der Sünde denke; Mit mildem Mut In Meeresflut Sie tief hinein versenke. Schaff, Herr, daß ich mit Zähren heiß Dein Zürnen kehr' in Güte; 77 78 Spee, Trutnachtigall. Mach' mich recht schnee- und schwanenweiß Wasch' ab das alt Geblüte! Es ist geschehn, Kann's nicht umgehn, Es kränkt mich so von Herzen, Daß ich von Leid Schier jederzeit Zerschmelze wie die Kerzen. Dürft' ich nur zu den Augen dein Empor die Augen schlagen! Dürft' ich dich nennen Vater mein, Wie zärtlich wollt' ich klagen! ,, O Vater mein", Ja, ganz allein, „ Mein Vater" wollt' ich sprechen; Da würd' alsbald Der Gnad' Gewalt Dein Herz in Stücke brechen. Da würde, wie am Feuer warm Das Wachs, dein Herz zerfließen, Du würdest mich mit deinem Arm An deine Wangen schließen. Ach, nimm mich an, So spräch' ich dann, Nach deiner großen Milde, Nimm an geschwind Dein armes Kind, Das fehllief in die Wilde. Du würdest den verlornen Sohn Mit Freuden gleich empfangen Und geben ihm die alte Kron', Mit Kleinod viel behangen. Spee, Trutnachtigall. Auch würd'st du bald Ohn' Aufenthalt Gar prächtig bankettieren Und würdest frei Mit Jubelschrei Die Gäste dein traktieren. Nun bin ich's doch mit nichten wert, Darf dich nicht Vater nennen; Wirst mich, weil alles ich verzehrt, Nicht mehr als Sohn erkennen. Wie muß ich dann Es greifen an, Wem, wie muß ich's dann klagen? Ach, schier zu spat Ist aller Rat; Doch will ich nicht verzagen. Ihr Sterne still, du Mondenschein, Das Elend laßt euch dauern Und achtet doch auf meine Bein Und wollet mit mir trauern. Ach, haltet ein Den halben Schein Und wollt euch halb zerspalten, Thut bei der Nacht Nur halbe Wacht Und laßt halb Dunkel walten. Sa freilich, freilich, gar und ganz Wollt alle Augen schließen, Verlöschen allen Schein und Glanz, Nicht einen Strahl mehr schießen. Zu Reu' und Leid Bin ich bereit, Ade, Mond, Sonn' und Sterne! Ich muß fürwahr 79 80 Spee, Trutnachtigall. Nur trauern gar Und Spiel und Scherz verlerne. Ade denn ein- und abermal, Ihr Lichter, schön entzündet, Ade, verlöschet euren Strahl, Es sei euch aufgekündet. In dunkler Nacht Bin ich bedacht, Taglos zu sein bei Tage, Nur Trauerfang Mein Leben lang Erkling' und bittre Klage. In Finsternis gehüllet ein Will ich mein Leben schließen, Es sollen Speis' und Trank mir sein Die Zähren, die mir fließen. Mein frankes Herz Leg' ich in Schmerz, In Schmerzen lass' ich's raften, Damit alsdann Bereit sein kann Der Schmerz dem Totenkasten. Mein Leben sollen Traurigkeit Und Schmerz und Qual umringen, In Weh und Ach und stätem Leid Will ich die Zeit verbringen. Im hohlen Wald, Der widerhallt, Will ich ein Hüttlein schlagen, Daß allzumal Des Echos Schall Mit mir mein Leid soll klagen. Spee, Truhnachtigall. Mit meiner vielen Seufzer Hauch Will ich die Winde mehren, Die Bächlein sollen schwellen auch Von meinen vielen Zähren. Die Bäum' und Stein', Die mögen sein, Die Felsen hart und Eichen Mit Thränen heiß, Mit Augenschweiß Hoff' ich sie zu erweichen. Wer weiß, ob nicht der fromme Gott Die Gnadenbrust erschließze? Wer weiß, ob nicht Herr Sabaoth Sein Gnadenmeer ergieße? Die Schrift erzählt's, Der Glaube hält's: Wer Buße wahr will tragen, Dem wird noch Gnad', Nie ist's zu spat: Wer wollte da verzagen? 16. Ein anderer Bußgesang eines zerknirschten Herzens. Gleich früh, wenn zarter Morgenschein Die Gipfel hoch entzündet, Mir zeitig das Gewissen mein All meine Sünden kündet; Auch Abends, wenn die braune Nacht Den Tag zur Ruh' getragen, Es mir's kein Härlein besser macht, Verschärfet nur sein Nagen. 6 81 82 Spee, Trutnachtigall. Gott, wenn ich meine Lafter all Mit Ziffern sollt' befangen, Sie überschritten Ziel und Zahl: Wie könnt' ich Gnad' erlangen? Ich mein' fürwahr, nicht wen'ger Haar Mein feuchtes Hirn bedecke, Als mir die Brust voll Sündenlust Und böser Lüste stecke. O Schöpfer mein, den Augen dein Darf ich nicht mehr erscheinen: Mein Unverstand ist dir bekannt, Darf seufzen nur und weinen. Ihr Äuglein auf! Schickt euch zum Lauf, Ihr Brünnlein reich an Feuchte! Nur haltet ein mit Glanz und Schein, Kein Augenstrahl mehr leuchte! O strömt herauf in schnellem Lauf, Statt Flammen Flut zu tauschen; Statt Strahlen rein, statt Augenschein Laßt heiß die Bächlein rauschen. Du tiefes Hirn, du flache Stirn, Ganz badet euch in Zähren ,. Ich denke schnell die Thränen hell In Ströme zu verkehren. Ach, du getreuer, frommer Gott, Du Schöpfer aller Wesen, Warum doch ließ ich dein Gebot Und wandte mich zum Bösen? Hatt' die Cistern' vom Brunnen fern Mit Arbeit viel ergraben: Nun bleibet ja kein Tröpflein da, Die Zunge mir zu laben. Spee, Truhnachtigall. Ach, ach, wenn ich bedenke das, Ist schnell mir Freud' entflogen, Von Thränen werd' ich übernaß, Daß ich so ganz betrogen. Nie find' ich Rat, weil Sünd' ich that, In Leid muß ich verderben. Man schont mein nicht und mich zerbricht, O weh, der schwachen Scherben! Wie kam mich doch das Wagnis an, Daß seiner Güt' und Mildheit Ich stets entgegen hab' gethan Mit meines Wandels Wildheit? Hab' wie zum Scherz sein treues Herz Mit Sünden viel gequälet, Ich macht' es wund, fast alle Stund'; O weh, wer hat's gezählet? Was hattest du mir doch gethan, O Gott, so reich an Güte, Daß ich betrat der Sünden Bahn Und kränkte dein Gemüte? Du riefest mir, ich lief von dir, Vom Fleische überwunden; Du suchtest mich, da mied ich dich: O weh, der blinden Stunden! Doch zag' ich nicht in dieser Not: Will büßen mein Verbrechen, Will stätig bittend meinem Gott Die milde Brust erbrechen. Zum Gnadenthron, zu seinem Sohn Will ich noch heute kehren, Luft soll mir's sein, dem Vater mein Der Knechte Zahl zu mehren. 6* 83 84 Spee, Truhnachtigall. O Sohn und Vater, Namen süß, Wie schlecht thät ich euch halten! Ich werfe mich vor eure Füß', Die Hände fromm gefalten: Ich schleich' herbei, mit starkem Schrei Sein weiches Herz zu spalten: Ach, Vater mein, bei den Knechten dein Laß mich nur Platz erhalten! Will sprechen: O du Vater fromm, Laß fließen Gnad' und Güte, Zu dir ich ja doch wiederkomm' Und bin doch dein Geblüte. Bin's nimmer wert, daß Luft und Erd' In ihrem Schoß mich tragen; Doch zieh' mich ein zu den Knechten dein, Erbarm' dich meiner Klagen! Vielleicht er gar entgegeneilt Dem lang' verlornen Kinde, Schließt's in die Arme unverweilt, Drückt's an die Brust geschwinde. Vielleicht kommt er schon schnell daher Dem Kinde sein entgegen, Denn seine Gnad' kein Ende hat, Er übt sie allerwegen. Sohn.„ O da, da Bater, Vater mein! O weh mir schönem Kinde!" Vater. ,, O Kind, o Kind kehr' wieder ein, O wohl, daß ich dich finde!" Sohn. ,, O Vater, ich's bekennen muß, O weh mir frechem Kinde!" Vater. ,, Ach, Kind, mein Herz ob deiner Buß' Zerschmilzt in Lieb' geschwinde." Spee, Truhnachtigall. " 1 Ach, Bater, nimm mich wieder ant, Ich bin sonst ganz verloren." „ Ach, Kind, was zweifelst du daran, Mein Herz hat dich erkoren." Vater. Sohn. ,, Ach, Vater, nimm als Knecht mich an, Mein Herz ist ganz erfroren." ,, Ach, Kind, nicht will ich so empfahn Mein Fleisch, von mir geboren." Sohn. Vater. Sohn. ,, Ach, Vater, bin's mit nichten wert, Laß mich zu deinen Füßen." ,, Ach, Kind, hab' lange dein begehrt, Muß dich nun herzlich grüßen." Sohn. ,, Ach, Vater, liebster Vater mein, Wenn ich der Sünden denke!" Vater. Vater. ,, Ach, liebes Kind, nicht also wein', Von Herzen ich dir's schenke." ,, Geschwind, geschwind, in aller Eil' Bringt Sammet her und Seiden, Den besten Purpur, der da feil, Will dich ganz neu bekleiden. Bringt Perlen, Gold und Edelſtein, Ich will dich prächtig zieren; Tragt auf und laßt uns fröhlich sein Und laßt uns jubilieren!" Sohn. ,, O Vater, Vater, allzu fromm, Voll Gnaden unermeſsen! Ich bleibe vor Verwunderung stumm, Die Sprache ist vergessen. Ihr Sünder alle in der Welt, Laßt's euch bei Zeiten sagen: Schnell unter seinen Schutz euch stellt Und wollet nie verzagen!" 85 86 Spee, Truhnachtigall. 17. Eine christliche Seele muntert sich auf und läßt die Trauer sein. O Traurigkeit im Herzen, Wann willst du nehmen ab? April folgt auf den Märzen, Der Winter sinkt ins Grab. Natur war auch in Schmerzen Den trüben Wintertag, Nun kehrt sie sich zu Scherzen, Da es die Zeit vermag. Die Vöglein schön erklingen, Ihr Haar die Sonne strählt Und fühle Brünnlein springen Und Bächlein ungezählt; Die Blümlein zart ersprießen Und friechen sacht heraus Und Laub und Gräser schießen, Die Pflänzlein werden kraus. Ade, laßt Trauern fahren Zur wilden Wüst' hinein; Auf Wagen und auf Karren Entführet Qual und Pein. Führt hin so schnöde Waren Weit aus dem Herzen mein: Will Fröhlichkeit nicht sparen Beim zarten Sonnenschein. Wer wollte doch verlieren So schöne Frühlingszeit, Weil doch Melancholieren Dabei nicht wohl gedeiht? Spee, Trutnachtigall. Ich will hinaus spazieren Zum nächsten grünen Wald Und dorten. musizieren, Daß es gar lieblich schallt. An einem hohlen Felsen Läßt sich ein Täublein sehn, Ein Kreuzlein thut's umhälsen: Die büßende Magdalen; Pflegt lieblich oft zu spielen Auf diesem Pfälterlein, Daß nicht so süß bei Vielen Kann Harf und Cither sein. Mit ihr will ich dann singen Dem lieben Gottessohn: Das wird mehr Lust mir bringen Als aller andre Ton. Im Kreuz nur, darf ich's sagen, Ist Freud' und Fröhlichkeit, Wer's will mit Jesu tragen, Fühlt endlich Süßigkeit. Wohl auf, wohl auf, im Herren Will ich recht fröhlich ſein; In weltlich Schrein und Plärren Mag ich nie stimmen ein. All meine Freud' verborgen In Jesu Seiten liegt: Da find' ich heut' und morgen Manch reines Lobgedicht. Die Harf', die ich will schlagen, Mein Geig' und Eithersang, Mein Lied in Freudentagen, Mein Laut- und Pfalterklang 87 88 Spee, Truznachtigall. Soll sein, so lang' ich lebe, Kreuz, Nägel, Speer und Blut; Bis ich im Tode schwebe, Bleib' ich also gemut. Kreuz, gar schön gezieret, Mit Jesu, meinem Lieb, Wer stets bei dir psaltieret, Wohl stets in Freuden blieb'. Könnt' ich zu dir nur steigen, Musik dir bringen dar, Es müßten alle Geigen Still schweigen da fürwahr. Komm' nur aus deinem Steine, Büßende Magdalen, Du Täublein, das ich meine, Und laß dich kecklich sehn! Laß uns nun musizieren Mit Hellem Freudenton, Laß uns nun jubilieren Dem lieben Gottessohn. In Freuden will ich leben, Der Winter ist vorbei, Die Sünd' ist mir vergeben, Bin frisch und vogelfrei. O wohl, o wohl der Stunde, Die mich zur Buße bracht'; Daß ich nicht ging zu Grunde, Hat Jesu Kreuz gemacht. Nicht lange kann es währen In diesem Jammerthal: In Eil' wird sich verzehren All meiner Stunden Zahl. Spee, Truhnachtigall. Warum denn wollt' ich klagen, Weil doch in Ewigkeit Nach diesen kurzen Tagen Uns Freuden sind bereit? Und hätt' ich was verloren Auf schnöder Erden hier, Dort wird's ganz auserforen Zurückerstattet mir. Auf, laßt mit mir erschallen Nun Freud' und Fröhlichkeit! Dem Herren wird's gefallen; Fort, fort, o Traurigkeit. 18. Jubel einer christlichen Seele. nach überwundener Traurigkeit. O wie sichtbar Trost von oben Endlich durch die Wolken bricht! Keine Strahlen jemals woben, Kein Krystall so reines Licht. O wie wohl wird meinem Herzen, O wie flar mein Angesicht! Weichet, weichet, Angst und Schmerzen, Ich bedarf euch weiter nicht. Trollt hinaus auch ohne Weilen, Flieget hin zu finstrer Nacht; Laute Freude kommt in Eilen, Luft und Wetter wieder lacht; Kält' und Winter sind verscheuchet, Tribsal ist geschwunden hin, Alle Traurigkeit entweichet, Fröhlichkeit ist mein Gewinn. 89 90 Spee, Trugnachtigall. Eia, laffet uns spazieren, Jesu, Vielgeliebter mein, Weil die Gärten sich nun zierent, Weil erblühn die Blümelein, Weil die grünen Wiesen lachen, Bäume blühn mit manchem Zweig, Weil die Vögel Nester machen, Kinderbettlein zart und weich. Schau, die reinen Brünnlein springen In die Lüfte Hoch hinein, Schau, die zarten Vöglein singen Wundersüß und wunderrein; Schau, die Bächlein lieblich brausen, Klar wie lauter Silberschein, Schau, die Bienlein sich behausen, Nauben, klauben Honig ein. Ach, ihr Bienlein, so ihr fehlet, Ledig fahret ihr nach Haus: Nur von Jesu Lippen stehlet, Daher nur klaubt Honig aus. Jesu Lippen, Mund und Augen Voll des besten Saftes sind: Da müßt ihr den Honig saugen, Doppelt ihr allda gewinnt. War von Trauer jüngst umfangen, Stand in voller Bitterfeit: Bin zu Jesu Kreuz gegangen, Klagte ihm mein Herzeleid. Lieblich thät ich ihn umfangen, Küßte seine Wangen beid', Und sogleich mir draus entsprangen Ströme voller Süßigkeit. Spee, Trutnachtigall. Völlig war ich erst zerschlagen, War vor lauter Trauern matt, Jetzt bin ich in Freudentagen, Bin vor lauter Lüsten satt; Trübnis hatte mich umzogen, Ich war mehr als halber tot, Nun hab' Leben ich gesogen Nur aus Jesu Lippen rot, Drum, ihr Bienlein, laßt euch sagen, Kommet her in Haufen gleich: Jesu Lippen sollt ihr nagen, Merket meinen Ratschlag euch. Will die Wahrheit nicht verhehlen, Besser ist kein Blütenkeim: Dorten wollet weidlich stehlen, Rauben, flauben Honigseim. Weidet jene süßen Wangen, Klebet euch nur freundlich an, Sauget, hauchet, bleibet hangen, Beffres niemand raten kann. Von den Augen Jesu fallen Runde Thränen silberweiß, Not vom Haupte wie Korallen: Beide giebt er gern euch preis. Dorten sollt ihr Honig machen, Lauter Süß- und Lieblichkeit, Die den Kranken und den Schwachen Labe sein soll seiner Zeit. Wenn mich Nöte dann ereilen Will ich brauchen solchen Saft: Weiß gewiß, er wird mich heilen, 3weifle nicht, er giebt mir Kraft. 91 100 92 Spee, Trußnachtigall. 19. Poetischer Gesang von dem Herrn Franciscus Xavièr¹) der Gesellschaft Jesu, als er nach Japan schiffen wollte. Als nach Japan, weit entlegen, Wollt' Xavièr, der Gottesmann, Waren alle ihm entgegen, Fielen ihn mit Worten an; Wind und Wetter, Meer und Wellen Malten sie ihm deutlich dar, Sprachen viel von Ungefällen, Von Gewitter und Gefahr. ,, Schweiget, schweiget, von Gewitter, Ach, von Winden schweiget still, Nie ein wahrer Held und Ritter Achtet solch ein Kinderspiel. Lasset Wind und Wetter blasen, Liebesglut vom Blasen wächst; Lasset Meer und Wellen rasen, Wellen gehn zum Himmel nächst. „ Lasset doch solch müßig Scherzen; Schrecket mich mit feiner Not, Denn Soldat- und Kriegerherzen Fürchten weder Kraut noch Lot. ²) Spieß und Pfeil und blanker Degen, Rohr, Pistol und Büchsenspeis'³) Macht Soldaten mehr verwegen Und lockt sie zum Ehrenpreis. 1) Gemeint ist der Apostel der Inder, Franz Xavièr, der Sohn eines navarresischen Edelmannes, geboren 1506 in den Pyrenäen. Er ward mit Ignatius Loyola bekannt, trat in den Jesuitenorden und ging 1541 als Missionar nach Indien, Malaga und Japan. Er war derjenige, welcher 1550 die Einführung der Inquisition veranlaßte. Gestorben ist er 1552 auf der Insel Sancian. 2) Pulver und Blei. 3) Pulver. Spee, Trutnachtigall. ,, Lasset ungestüm nur brausen Voller Grimm die Wetterbraut, Lasset dumpf die Wogen sausen Und die Trommel dröhnen laut; Nord und Süden, Ost und Westen Kämpfen laßt auf salz'gem Feld, Nie wird's dem an Ruh' gebresten, Der im Herzen Frieden hält. „ Soll man nicht durch Meereswogen Über tausend Wässer wild, Wenn es mit dem Pfeil und Bogen Nach viel tausend Seelen gilt? Wer fühlt Grausen vor den Winden, Furcht vor ihren Flügeln naß, Wenn er Seelen denkt zu finden, Seelen, schön ohn' alles Maß? ,, Eia, starke, wilde Wellen, Eia, starker, stolzer Wind, Niemals sollet ihr mich fällen, Euch zu stehn bin ich gesinnt. Seelen, Seelen muß ich haben, Mach' dich auf mein hölzern Roß, Durch die Wellen mußt du traben, Drücke nur vom Ufer los!" 20. Die Gespons Jesu lobet Gott bei dem Gesang der Vögelein. Oft morgens in der Kühle Noch vor dem Sonnenschein, Wenn Jesu Pfeil ich fühle Zu heiß mit scharfer Pein, * 93 94 Spee, Truznachtigall. Mit Freuden mich verfüge Zum grünen Wald hinein; Wollt' Gott, nun tapfer schlüge Der Klang der Vögelein! Ihr Vöglein, ohne Sorgen, Als ich jüngst kam zum Wald, Mußt' ich ein Lied euch borgen: Ich will nun sein bezahlt. Drum wendet auf zur Stunde Den besten Atem gut, Nun schöpft vom Herzensgrunde Das bestgesiebte Blut. Nun lasset hoch erklingen Der besten Stimme Ton, Durch Wolken soll er dringen Zum höchsten Gottesthron. Ja, nun hör' ich erklingen Eur' Liedchen recht und fein, Ja, also müßt ihr singen, Klangreiche Vögelein. O Nachtigall, du schöne, Verdienst für deinen Fleiß, Daß dich vor allen kröne Der höchste Ehrenpreis. Wie kann dein Lied doch klingen So sauber, glatt und rund? Dein Herzlein könnt' zerspringen, Fürcht' ich, wenn's geht zu bunt. Thust hundertfältig zwingen Den Atem wunderreich, Kein Vöglein kommt im Singen Je bejnem Sange gleich. Spee, Trutnachtigall. Wenn du beginnft zu zeigen Dich dem gemeinen Hauf, Sogleich fast alle schweigen, Die Zünglein zäumen auf. Doch jetzund sie nicht schweigen, Nicht feiern diese Frist, Jetzt alle sie sich zeigen, Weil Gott zu loben ist; Keins will dem andern weichen, Es müht sich groß und klein, Laut spielend sie durchstreichen Das frohe Wäldelein. O Süßigkeit der Stimmen, Wie pfeifen sie so rein! Wie hold die Luft durchschwimmen Die kleinen Vögelein! Wie zierlich hört man's schallen Im krausen, hohlen Holz! Mir will es baß gefallen Als alle Musik stolz. Die Bäumlein, reich an Zweigen, Auch singend sausen lind, Zum Gotteslob sich neigen, Gefächelt von dem Wind. Die Bächlein nun auch rauschen Darein mit frohem Sang, Nicht bald den Ton vertauschen Und halten gleichen Klang. Wie läßt sich dem vergleichen Der Menschen Sangesspiel? Doch sollten sie nicht weichen, Sich sammeln auch so viel. Univ.- Bibl. Giessen 95 96 Spee, Trutnachtigall. Sie sollten gleichermaßen Bei dieser Musik sein, Sich auch mit hören lassen Und sämtlich stimmen ein. Gott, welche Freud' im Herzen, Welch hohe Lust wär's mir, Wenn ich zur Prim und Terzen, Sext, Non' und Vesper hier Es könnt' zuwege bringen Dem lieben Gottessohn, Daß ich vor ihm könnt' singen So stimmenreichen Ton! Her, all ihr Instrumente Auf all der weiten Welt, Her, Fuge und Koncente ¹), Soviel die Musik zählt! Her, all ihr Menschenstimmen, Setzt alle Kraft daran: Man wird's doch nie erklimmen, Was Gott gebühren kann. Je mehr man ihn erhoben, Gelobt, geehret hat, Je mehr soll man ihn loben An allem Ort und Statt. Drum spielet und pfallieret, Was man nur spielen kann, Springt, jauchzt und jubilieret Und stellt ihm Freuden an! 1) Harmonie( concento). Spee, Trußnachtigall. 21. Anleitung zur Erkenntnis und Liebe des Schöpfers aus den Geschöpfen. Das Meisterstück mit Sorgen, Wer's recht will schauen an Ihm endlich nicht verborgen Der Meister bleiben kann. Drum, wer nun heut' und morgen Schaut Erd' und Himmel frei, Bedenke stets mit Sorgen, Wer doch der Meister sei. O Mensch, ermiß im Herzen dein, Wie groß des Schöpfers Macht muß sein! - Von oben wird gegeben Uns Licht und güldner Schein, In stätem Lauf und Leben Sonn', Mond und Stern' sich reihn. Des Tages bis zum Dunkel Die Sonne freundlich lacht, Des Nachts des Monds Gefunkel Führt auf die Sternenwacht. O Mensch, ermiß im Herzen dein, Wie groß des Schöpfers Macht muß sein! In vielen tausend Jahren Viel tausend Sterne klar Sich um kein Haar verfahren, Gehn richtig immerdar. Wer weiset sie die Straßen, Zeigt ihnen an den Weg, Daß sie nie unterlassen, zu finden ihren Steg? O Mensch, ermiß im Herzen deint, Wie groß des Schöpfers Macht muß sein! 7 97 98 Spee, Trußnachtigall. In lauter grüne Seiden, Mit aller Zierlichkeit Thut sich die Erde kleiden Zur werten Sommerzeit. Die Pflänzlein in den Feldern Ziehn an ein lieblich Kleid, Die Zweige grün in Wäldern Erstehn in Herrlichkeit. O Mensch, ermiß im Herzen dein, Wie groß des Schöpfers Macht muß sein! Im Garten merk' ich eben Die schönen Blümelein, Wie freudig sie sich heben, Spielt nur der Wind hinein. Ofrohe Gartenjugend, O frisches, zartes Blut, Bist reich an Farb' und Tugend, Erwäg's in stillem Mut. O Mensch, ermiß im Herzen dein, Wie groß des Schöpfers Macht muß sein! Wie werdet ihr gemalet, Ihr Blümlein mannigfalt, Die ihr doch alles stahlet Vom Boden ungeſtalt? Denn Kraft und Saft und Wesen Nehmt ihr von schlechter Erd', Und doch, wer euch kann lesen, Nichts Schöneres begehrt. O Mensch, ermiß im Herzen dein, Wie groß des Schöpfers Macht muß sein! Die Brünnlein sich ergießen Und ihre Wässer klar Spee, Truhnachtigall. Wie Silberstrahlen schießen Aus Felsen wunderbar; Die Sonne sie erblicket, Kühlt drinnen ihren Schweiß, Das Tier sich dran erquicket, Wenn durstig es und heiß. O Mensch ermiß im Herzen dein, Wie groß des Schöpfers Macht muß sein! Frisch hin und wider schwanken Die klaren Bächlein krumm Und mit den Steinlein zanken Und schleifen sie ringsum; Ohn' Unterlaß sie brausen In süßem Sang und Gang Und immer ohne Pausen Man höret ihren Klang. O Mensch, ermiß im Herzen dein, Wie groß des Schöpfers Macht muß sein! Die Flüss' und breiten Wässer In stillem, sanftem Trab Hin führen Schiff' und Fässer Und Nachen auf und ab. So hell und rein sie laufen ( Muß fecklich sagen das), Wer sie will zierlich taufen, Nenn' sie geschmolzen Glas. O Mensch, ermiß im Herzen dein, Wie groß des Schöpfers Macht muß sein! Das wilde Meer bald brauset Und wogt mit aller Macht, Bald still es wieder sauset Und liegt in stiller Pracht; 7* 99 100 Spee, Truhnachtigall. Gar lieblich thut's bestrahlen Der Sonne sanfte Glut, Wenn sie zu öftern Malen Sich darin spiegeln thut. O Mensch, ermiß im Herzen dein, Wie groß des Schöpfers Macht muß sein! Wer will die Bäume zählen In dem und jenem Wald? Sind ihrer ohne Fehlen Doch tausend-, tausendfalt; Gar hoch die Wipfel klimmen In klare Luft hinauf Und gleich den Wolken schwimmen, Bläst lind ein Wind darauf. O Mensch, ermiß im Herzen dein, Wie groß des Schöpfers Macht muß sein! Der Zweig' und Äst' sind tausend Und tausend, tausend viel, Mehr tausend noch und tausend Der Blättlein und der Stiel'; Doch Äderlein daneben Noch mehr man zählen kann: Vom grünen Blute Leben Und Seel' der Baum gewann. O Mensch, ermiß im Herzen dein, Wie groß des Schöpfers Macht muß sein! Und schallt dann auf den Zweigen Gefang der Vögelein, Nicht Harfe, Laut' und Geigen Erklingen also rein: Ihr lieblich Musizieren Bedünkt mich wundergut, Spee, Truznachtigall. Ihr künstlich Kolorieren Erregt mir frohen Mut. O Mensch, ermiß im Herzen dein, Wie groß des Schöpfers Macht muß sein! Die Nachtigall vor allen Steigt höher stets hinauf, Es giebt ein freudig Schallen, Wenn's geht in vollem Lauf; Man sagt, daß manche starben, Wenn sie zu hoch geklimmt Und mit zu starken Farben Ihr Liedlein angeſtimmt. O Mensch, ermiß im Herzen dein, Wie groß des Schöpfers Macht muß sein! Wer will nun überdenken Der wilden Vögel Zahl? Die Sonne wird sich senken, Eh' man sie nennet all'. Wer will die Federn zählen, Die Federfarben zart? Mein Gott, muß dir's befehlen, Unzählbar ist die Art. O Mensch, ermiß im Herzen dein, Wie groß des Schöpfers Macht muß sein! Von Tieren muß ich schweigen, Sie lassen ungezählt, 101 Kann auch ins Meer nicht steigen, Daß ich von Fischen meld'. Von Mensch und Menschenkinden Ich nicht erst reden will, Kein Ende könnt' ich finden, Drum schweig' ich davon still. 102 Spee, Trutnachtigall. O Mensch, ermiß im Herzen dein, Wie groß des Schöpfers Macht muß sein! Elefanten nebst Kameelen, Roß, Löwe, Hirsch und Bär Und Würm' und alle Seelen, Die sind im wilden Meer Wie könnt' ein Mensch beschreiben Je ihre Kraft und Art? Viel weiser läßt man's bleiben Und Wort und Feder spart. 0 Mensch, ermiß im Herzen dein, Wie groß des Schöpfers Macht muß sein! O Schönheit der Naturen, Wunderlieblichkeit, O Zahl der Kreaturen, Wie streckst du dich so weit! Wer wollte da nicht merken Des Schöpfers Herrlichkeit Und ihn in seinen Werken Nicht spüren jederzeit? O Mensch, ermiß im Herzen dein, Wie groß des Schöpfers Macht muß sein! 22. Lob Gottes aus einer weitläufigen poetischen Beschreibung der fröhliche: Sommerzeit. Jetzt rollet sich der Himmel auf, Jetzt drehen sich die Näder, Der Frühling rüstet sich zum Lauf, Geschmückt mit Rosenfeder. Spee, Trutnachtigall. Wie strahlt es schön und frisch und kraus In allen Elementen! Kein Mensch spricht halb die Wonne aus, Nicht Redner und Skribenten. Gott, ich sing' von Herzen mein, Gelobet muß der Schöpfer sein! Du schnelle Post, o schöne Sonn', O gülden Roß und Wagen! O schönes Rad auf reinem Bronn, Mit zartem Glanz beschlagen! Jetzt schöpfst du uns den besten Schein, Der Winter war verloren, Wo Rad und Eimer schien zu sein Vor Kälte angefroren. O Gott, ich sing' von Herzen meint, Gelobet muß der Schöpfer sein! O reines Jahr, o schöner Tag, O spiegelklare Zeiten! Zur Sommerlust nach Winterklag' Wird uns der Frühling leiten. Musik klingt in den Lüften schon Und sich mit Ernst bereitet, Daß uns umpfänget süßer Ton Und lieblich uns begleitet. O Gott, ich sing' von Herzen mein, Gelobet muß der Schöpfer sein! Für uns die schöne Nachtigall Den Sommer laut begrüßet, Ihr Stimmlein über Berg und Thal Die ganze Luft versüßzet; Die Vöglein zart in großer Meng' Busch, Heck und Feld durchstreifen, 103 104 Spee, Trutnachtigall. Die Nester wurden längst zu eng, Die Luft erklingt von Pfeifen. O Gott, ich sing' von Herzen mein, Gelobet muß der Schöpfer sein! Wer leget ihnen in den Mund Den Ton bald laut, bald leise? Wer zirkelt ihnen also rund So mannigfache Weise? Wer mit den Atem ihnen zu, Dies alles zu vollführen, Den ganzen Tag, fast ohne Ruh' So froh zu türelieren? O Gott, ich sing' von Herzen meint, Gelobet muß der Schöpfer sein! Jetzt laufen wieder stark und fest, Die in dem Winter standen, Die Flüss' und Wässer, in Arrest Verstrickt von Eisesbanden. Die kalte Luft, der starre Wind Uns wieder sind versöhnet, Der Thau mit weißen Perlen lind Die Felder lieblich krönet. O Gott, ich sing' von Herzen mein, Gelobet muß der Schöpfer sein! Der Erde Schoß nun öffnet sich, Die Brünnlein fröhlich springen, Die Gräser sprießen wonniglich, Empor die Pflänzlein bringen. Wer wird die Kräuter mannigfalt In Zahl und Ziffer zwingen, Die nun der Sommer mit Gewalt Ans Licht will stündlich bringen? Spee, Trutnachtigall. O Gott, ich sing' von Herzen mein, Gelobet muß der Schöpfer sein! Schau, prächtig sich die Blümlein nahn Und wunderschön sich arten: Violen, Rosen, Tulipan, Keinodien stolz im Garten; Hyacinthen und Gamanderlein ¹) Und Safran und Lavendel, Auch Schwertlein 2), Lilien, Nägelein ³) Narziß und Sonnenwendel. 4) O Gott, ich sing' von Herzen mein, Gelobet muß der Schöpfer sein! Auch du, du güldne Kaiserkron', Aus vielen auserkoren, Und Tausendschön und Widerton"), Nasturz), und Rittersporen, Jelängerlieber, Sonnenthau?), Basilien und Brunellen, s) Agleien) auch und Bärenklau, Mohnsamen, Glock' und Schellen. 10) O Gott, ich fing' von Herzen meiu, Gelobet muß der Schöpfer sein! O faget an, ihr Blümlein zart, Und lasset mich's erfahren, Da keine Farb' ihr an euch spart, Was eure Muster waren. Wo nahmet ihr das Muster euch, Danach ihr euch gezieret? Das Vorbild säh' ich gerne gleich, Das ihr habt nachkopieret. 105 1) Ehrenpreis( Teucrium). 2) Schwertlilie( Acorus). 3) Nelken. Heliotrop. 5) Polytrichum commune. 6) Kresse. 7) Drosera. 8) Brignolien. 9) Orangengewächse. 10) Campanula und Chelidonium. 4) 106 Spee, Truhnachtigall. Gott, ich sing' von Herzen meint, Gelobet muß der Schöpfer sein! Wer könnte je geboren sein So reich an scharfen Sinnen, Daß er das kleinste Pflänzelein zu schaffen könnt' beginnen? Die Wahrheit sag' ich rund und glatt: Sein Witz müßt' ihm zerrinnen, Gedächt' er nur ein einzig Blatt Aus Menschenkunst zu spinnen. O Gott, ich fing' von Herzen mein, Gelobet muß der Schöpfer sein! Die Wiese feucht, das fette Feld, Von Bächlein viel zerteilet, Die Sonn' in ihrem Lauf aufhält, Wenn sie vorübereilet. Der Himmel selber staunet baß, Wie zierlich überstrahlet Mit grün und gelber Frucht und Gras Das Erdreich sich gemalet. O Gott, ich sing' im Herzen mein, Gelobet muß der Schöpfer sein! Wer treibt empor Getreid' und Gras, Wer lockt es an die Sonnen? Das wirr im Erdenschoßze saß, Wer hat's herausgesponnen? Wer schärft die Ähren also spitz, Wer thut die Körnlein zählen? Woher kommt ihnen Kunst und Witz, Die Art nicht zu verfehlen? O Gott, ich fing' im Herzen mein, Gelobet muß der Schöpfer sein! Spee, Trutnachtigall. Die stolzen Bäum' in Wäldern wild Sind zierlich ausgebreitet, Aus Erden ist geschnitzt dies Bild, Kein Werkzeug hat's bereitet! Wer hob euch in die Luft hinauf, Wer gab das Grün den Zweigen? Wo gab's die Farben all zum Kauf? Vor Staunen muß ich schweigen. O Gott, ich sing' von Herzen mein, Gelobet muß der Schöpfer sein! Bald ziert sich auch der Früchtebaum, Daß wir uns freuen müssen, Mit mildem Obst, des Kindes Traum, Kirsch', Äpfel, Birn' und Nüssen. Die Birnen gelb, die Äpfel rot, Wie Purpur die Granaten, Die Pfirsich bleich wie falber Tod, Die Kirschen schwarz geraten. O Gott, ich sing' von Herzen mein, Gelobet muß der Schöpfer sein! Das Obst, man kann es zählen nicht, Es will sich stätig mehren: Citronen, Quitten, Pflaumen dicht Die Äste all beschweren; Pomeranzen, gülden überstrahlt, Sind viel in warmen Landen, Da leuchtet goldig mancher Wald, Wenn ich es recht verstanden. O Gott, ich fing' von Herzen mein, Gelobet muß der Schöpfer sein! Der Nebenstock, von Trauben schwer, Die Pfähle lieblich krönet, Als wär's ein wohlgewaffnet Heer, An Spieße angelehnet. 107. 108 Spee, Truhnachtigall. Da sammelt sich das Nebenblut In süßen Traubenzähren, Die machen uns dann frischen Mut: Was will man mehr begehren? O Gott, ich fing' von Herzen mein, Gelobet muß der Schöpfer sein! Die Flüsse ziehn krystallenklar, Verbrämt mit grünen Weiden, Von Schatten überdecket gar, Die Sonnenglut zu meiden. Dort üben sich mit Schwimmen viel In Schnee gefärbte Schwanen Und halten dort ihr Freudenspiel Auf glatten Wasserbahnen. O Gott, ich sing' von Herzen mein, Gelobet muß der Schöpfer sein! Das Tier auf grünen Feldern breit Sich Lust und Freuden machet, Das Wild in dunkeln Wäldern weit Den Jägersmann verlachet. Die Vögel auch in freiem Zug In Lüften freudig spielen, Mit hin und hergewandtem Flug Um's Ehrenkränzlein zielen. O Gott, ich sing' von Herzen mein, Gelobet muß der Schöpfer sein! Wo man das Auge wendet hin, Mit Luft wird es ergötzet, Ergötzt wird auch ein jeder Sinn, Daß er die Wunder schätzet. Gar reich ist alle Welt geschmückt, Welch Künstler könnt's erdenken? Wer's recht bedenkt, wird ganz verzückt: Sein Haupt, das muß er senken. Spee, Trutnachtigall. O Gott, ich sing' von Herzen mein, Gelobet muß der Schöpfer sein! Drum lobe ihn, du Menschenkind, In diesen schönen Zeiten, Die Traurigkeit schlag' in den Wind, Spann' auf die besten Saiten! Laß tönen Harf und Lautenklang, Stimm' an die süßen Geigen, Mit Orgelton und reinem Sang Mußt du ihm Ehr' erzeigen! O Gott, ich sing' von Herzen mein, Gelobet muß der Schöpfer sein! 23. Sob des Schöpfers, darin ein kleines Werklein seiner Weisheit, nämlich die wunderliebliche Hantierung der Immen oder Bienen poetisch beschrieben wird. Mit deiner Lieb' umgeben, O Schöpfer aller Ding', Muß ich in Trauern leben, Wenn ich von dir nicht sing'. Von Werken deiner Hände, Von Werken nur gering, Von Bienen ich dir sende Das Lied, das ich heut' sing'. 109 Wenn ich an deinen Werken Die Wunder dein betracht', Zur Liebe sie mich stärken, Der Eifer wächst an Macht, 110 Spee, Trutnachtigall. Gott, wenn ich nicht bedenke Dein Lob mit Herz und Mund, Dann lebend mich versenke Sogleich in tiefsten Grund. Wohlan, will heute singen Ein Werk von deiner Hand Und will dir Reime bringen Von Immen, wohlbekannt. Nehmt wahr, ihr Menschenseelen Und denkt dem Schöpfer nach, Kein Wort will ich verhehlen, Das euch erfreuen mag. Auf, auf, ihr kleinen Bienen, Der Winter ist vorbei, In Flur und Feld erschienen Die Blümlein mancherlei. Auf, auf, zu Feld fliegt heute, Die Blumen schaun schon aus, Holt euch die Blumenbeute Mit Waff' und Wehr im Straus! Ei horch, wie sie schon summen, Im Feld sich stellen ein! Die Trommel lassen brummen Die gelben Kriegerlein. Schon weit und breit mit Sorgen Erspähn sie ihren Raub, Der draußen liegt verborgen In weichem Blumenlaub. Die nur von Raub sich nähren, Nur leben von der Beut', Doch nicht das Land verheeren, Verderben nicht die Leut'. Spee, Trußnachtigall. Sie zielen scharf mit Augen Zum reichsten Blümelein Und Schätze von ihm saugen, Im Kelch geschlossen ein. Das Beste sie erhebeit, Das beste Blumenblut, Und dennoch bleibt daneben Das Blümlein wohlgemut. Gar willig ihnen zahlen Die Blättlein ihren Zoll Und bleiben allemalen Dabei genau so voll. Wenn auch die Schätz' erhoben, Der Kelch geplündert aus, Die Blumen schweben oben Und bleiben immer fraus. Ihr Zähnlein, wohlgewetzet, Die Bienlein schlagen ein, Doch immer unverletzet Bleibt stehn das Blümelein. Kein Blättlein wird zerbissen, Es wird gefränkt kein Haar, Kein Äderlein zerrissen, Das sieht man immerdar. O wohl, ein friedlich Rauben, Ein süßer Blumenkrieg! In Honig, muß ich glauben, Sich wandelt aller Sieg. Als Wachs und Honig fließet Uns zu, was sie geraubt, Und froh manch Fürst genießet, Was sie zusammgeklaubt. 111 112 Spee, Truhnachtigall. Was sie von Blumen schaben, Was sie da saugen aus, Wird bald zu Honigwaben, Wenn sie's gebracht nach Haus. Darum sie zeitig rühren Die schwanken Federlein, Den süßen Raub entführen Und heimwärts kehren ein. Mit Flügeln, überzogen Mit güldenem Gespinst, Sie oft zwei Meilen flogen, Zu holen den Gewinnst. Man sagt, daß manche starben Bon allzu häuf'gem Flug, Weil sie zu fleißig warben, Bis sie gesucht genug. In Stein- und Felsenrissen, An Orten, steinighart, Sie oftmals sich zerrissen Die halben Flügel zart. Voll Fleiß an allen Enden Und Orten sieht man sie Den gelben Saft entwenden Von Bäumen spät und früh. Und zeigt sich wo im Kreise Ein blitzend Blümelein, Da wird es gleich zur Speise Den Honigvögelein. Hat dann genug gezehret Das Völklein Honigsüß, Es mit dem Rest beschweret Die beiden Hinterfüß'. Spee, Trutnachtigall. Die Luft sie mutig treten Mit Brummen und Gesaus, Und fahren mit Trompeten Und Trommeln reich nach Haus. Oft bangt sie unterwegen, Daß sie von ihrem Zweck Des Windes heftig Regen Gewaltsam blas' hinweg. Darum sie sich beladen Mit Steinlein vor dem Wind Und ziehn dann ohne Schaden, Weil sie so schwerer sind. Oft wenn sie sich verweilet Zu lang' auf offnem Feld, Vom Abend übereilet Ohn' Unterschlupf und Zelt, Da müssen sie wohl sorgen Für ihre Flügel zart, Daß sie bis auf den Morgen Vor Nässe sei'n bewahrt. Sie drücken auf die Erden Sich gar behutsam fest, Damit sie da nicht werden Vom feuchten Thau durchnäßt: Sich auf den Niicken legen Und schlafen also ein, Dann bleiben allerwegen Die Flügel trocken fein. Wenn sich die Morgenstunden Mit Rosen schmücken schön, Vom süßen Schlaf entbunden Sie an die Arbeit gehn: 8 113 114 Spee, Trutnachtigall. Mit ihrer Last sie schwingen Die glatten Flügelein, Nach Haus die Bente bringen Bei kühlem Purpurschein. Und wenn sie von den Weiden Zur Wachsburg heimgekehrt, Alsdann man sie vor Freuden Viel stärker summen hört. Gleich kommt, sie zu begrüßen, Was gestern blieb daheim Und streicht von ihren Füßen Den Wachs und Honigseim. Wer könnte das ersinnen, Wie sie mit schöner Kunst Das Werk alsdann beginnen In lauter finsterm Dunst? Furchtlos im Dunkeln gründen Sie viele Baue fest, So daß sich nirgends finden So großes Wunder läßt. Die klare Sonne droben, Des Himmels Augenball, Die sonsten, hoch erhoben, Eindringet überall, Kann sich mit ihren Pfeilen Da doch nicht bohren ein, Muß draußen ja verweilen, Fern lassen ihren Schein. Sie fliehn des Tages Nähe, Verkleben jeden Spalt, Daß ihre Kunst erspähe Kein Menschenkind so bald. Spee, Trutnachtigall. Die schöne Kunst verborgen Noch bleibet und geheim; Der Leser muß mir borgen, Ich bring's nicht in den Reim. Einen König auch zu wählen Behagt der Bürgerschaft; Wie dieser wird befehlen, So wirken sie den Saft. Die Ämter er verteilet, Er ordnet alles an, Gehorsam unverweilet Folgt jeder Unterthan. Die müssen ihn begleiten Und sind ihm stets zur Hand; Die müssen draußen streiten Und schirmen Burg und Land; Die ihre Mannschaft führen Und stellen aus die Wacht; Die alle Luft durchspüren, Aufs Wetter haben acht. Die zu der Arbeit fahren Aufs grüne Feld hinaus, Doch die die Flügel sparen Und wirken in dem Haus. Die einen Honig tragen, Die andern feuchten Thau Und die den Mörtel schlagen Und mauern an dem Bau. Das Völklein müht sich tüchtig, Baut stark ohn' Unterlaß, Es bauet immer richtig Ohn' Blei und Winkelmaß. 8* 115 116 Spee, Truhnachtigall. Von Brettern, Holz und Steinen Kein Splitter wird gebraucht, Und doch, wer sollt' es meinen, Der Bau besteht und taugt! Aus Blümlein wird erwählet Das Bauzeug nagelneu, In Häuslein ungezählet Teilt sich ihr gelb Gebäu; Von Wachs, gar dünn getrieben, Sind Mauern all und Wänd', Poliert und glatt gerieben, In Zellen abgetrennt. Zur Wohnung wählt besonder Ein jedes seinen Platz; Da sammeln sie ihr Wunder Und mehren ihren Schatz. Den Ort sie auch erkiesen, Um aufzuziehn die Zucht, Bis sie, recht unterwiesen, Auch gleiche Nahrung sucht. Die Zimmer all fie lassen Durchziehn mit Wohlgeruch; Was unrein ist, sie haffen, Sie säubern sich im Flug. Da drinnen sie sich sparen Und halten's pur und rein, Gar säuberlich bewahren Sie Zell' und Kämmerlein. Gar sehr sie sich vermehren, Doch ohne Ehe sind, Ohn' Liebe sie beschweren Sich mit manch süßzem Kind. Spee, Truhnachtigall. Von Blumen nur sie lesen Die Kleinen ihrer Art: Da findet sich das Wesen All ihrer Erben zart. Wenn dann die schöne Jugend Sich mehret allgemach, Sie gleich der Väter Tugend Und Freiheit strebet nach. Dann von den Mitgenossen Ein Schwarm sich teilet ab, Um aus dem Haus zu stoßen In vollem Flügeltrab. Sie ziehn zum Kampf mit Lärmen, Gar reizbar von Gemüt; In stolzem Zug zum Schwärmen Das muntre Völklein zieht. Süß Heimatland, wir scheiden! Ade, du Mutterschoß! In ungestümen Freuden Zieht fort der Bienenstoß. Sieh da, wie schön montieret ¹), Wie schön geputzt der Hauf! In Lüften er bravieret, Zu Wolken schwebt hinauf. Frisch hin und her sich schwenket Die güldengelbe Schar, Nach fremden Landen denket, Sucht neuen Sitz fürwahr. Herbei nun Pfann' und Becken, Schlagt, daß es gütlich klingt: Laßt uns den Schwarm erschrecken, Damit er nicht entspringt. 1) Ausgerüstet. 117 118 Spee, Trutnachtigall. Schlagt auf Ting- tang, ting- tieren, Ting- tang, ting- tieren- tang! Laßt uns ihm baß hofteren¹) Mit lindem Beckenklang. Gleich lässet sich das sagen Der junge Bienenschwarm; Schon kühlt und ist zerschlagen Der Sinn, so hizigwarm. Schon thut er herwärts lenken, Will sich schon kleben an: Schau, dorten bleibt er henken, Daß man ihn fassen kann. Der Hüter sich bereite Zum neuen Bienenstock, Daß er hinein sie leite, Sie sanft und lieblich lock; Der Stock soll sein bestrichen Mit edlem Thymian, Wenn sie das Kräutlein riechen, So ziehn sie nicht hindann. Gleich heben an zu wohnen Sie an so frischem Sitz Und reichlich den belohnen, Der sie nimmt in Besitz. Die jungen und alten Bienen, Gar häufig ohne Zahl, Den Menschen treulich dienen Zu Speise süß und Mahl. 1) Den Hof machen. Spee, Trutnachtigall. Gar sparsam sie sich nähren Und leben sehr genau, Wir sind's, die ihnen leeren Der reichen Körbe Bau. Sie haben fremden Gästen Den Reichtum nur gespart Und thaten uns zum Besten So manche Blumenfahrt. Wer will nun überdenken, Welch einen schweren Sold Der Welt sie jährlich schenken An Wachs und Honiggold? Mit vielen, vielen tausend Dukaten, rot von Gold, Und wieder abertausend Man's nie bezahlen sollt'. Wer mag es auch erdenken, Was jährlich ohne Lug Dem lieben Gott sie schenken Aus ihrem Bienenflug? Wachslichter viele tausend Sie zünden an für ihn, Die Tag und Nacht in tausend Und tausend Kirchen glühn. Dem Schöpfer sie zu Ehren In lindgewirktem Flachs Unzähl'ge Fackeln nähren Von gelb und weißem Wachs; Unzählbar auch Laternen Erglühn fie Tag für Tag, So daß fürwahr den Sternen In nichts sie geben nach. 119 120 Spee, Truhnachtigall. O Schöpfer der Naturen, Hoch schwellt den Mut es mir, Wenn ob der Kreaturen Man dich lobpreiset hier. Nun danken wir von Herzen Dem Schöpfer lobesan, Dem sie so viele Kerzen Mit Freuden zünden an! Ihr Völker viel auf Erden, Ihr Menschen alle gar, Frisch, fröhlich an Gebärden Vor ihm euch stellet dar; Dankt ihm für seine Gaben, Die Vöglein wunderfein, Die Wachs und Honigwaben Uns wirken süß und rein. Steigt auf und steigt herunter In allen Werken sein, Ruft überall: welch Wunder Muß er doch selber sein! Ruft überall: welch Wunder Sind alle Wunder sein! Welch Wunder, o welch Wunder Muß er dann selber sein! 24. Anderes Lob Gottes, der 148. Psalm Davids poetisch aufgesetzt. Nun lobt vom Himmel Gott herab, Ihr Gottes Edelknaben, Jhn, der euch Geist und Wesen gab: Wohl euch der schönen Gaben! Spee, Truhnachtigall. Mit Freuden hat er euch umflammt, Mit Lüsten reich umgeben, Daß ihr vor Freuden allesamt Ohn' Unterlaß müßt beben. Auch lobe Gott, du gelbe Schar, Ihr Sterne, wohlgezündet, Du Sonn' und Mond, ihr Kugeln klar, Ihr Cirkel, wohlgeründet! Ihr Himmel, weit und breit erleucht't, Ihr Tempel, wohl gezieret Rund über euch, mit Wassern feucht Von außen verglasteret. Nun preiset ihn mit klarem Schein, Ihm für die Gnad' zu danken: Was er gebeut, muß fertig sein, Darf ewiglich nicht wanken. Er sprach ein gar so kleines Wort, Klein über alle Maßen, Da sprangt ihr aus dem Nichts sofort Und lieft in runden Straßen. Drin laufet ihr noch heutzutag Und webet uns die Zeiten, Ihr scheidet alles, daß sich Tag Und Nacht für uns bereiten. Gott schreibt euch vor das Ziel und Maß Und lenket euch mit Sinnen: Da wirkt ihr ohne Unterlaß, Was Sonn' und Sterne spinnen. Lobt Gott auch von dem Erdball Her Ihr Drachen in den Klüften, Wallfische, in dem salz'gen Meer, Wind, Saus und Braus in Lüften, 121 122 Epee, Trutnachtigall. Auch Flocken grau und Hagel weiß, Dem Schnee und Eis entzogen, Auch Dämpf' und Feuer, Blitze heiß, Mitsamt dem Regenbogen! Lobpreist ihn auch, ihr stolzen Berg', Ihr hohen starken Rieſen, Auch kleine Hügel, kleine Zwerg', Auch flaches Feld und Wiesen, Auch grüne Stauden, Bäum' und Zweig', Bon Früchten tief gebogen, Auch Cedernholz, den Wolken gleich), In Wolken hoch erzogen. Der Tier' und Würme wilde Meut', Mit keiner Zahl zu greifen, Die unbeirrt in Wäldern weit Die grüne Bahn durchstreifen; Des schwanken Federviehes Schar, Die Luft darfst du durchschiffen Und zierlich trillern immerdar, Mit Zünglein, rein geschliffen. Ihr Kön'ge, Fürsten, Richter groß, Ihr Völker ungezählet, Ihr Kleinen auf der Mutter Schoß, Ihr Jüngling' unvermählet, Ihr Töchter auch, noch unversagt, Noch bloß in güldnen Haaren, Dann auch ihr Alten, hochbetagt, Bewandert wohl in Jahren, Recht preiset ihn mit Jubelschall, Die Hände schlagt zusammen, Springt auf und jauchzet überall, Erhebet seinen Namen; Spee, Trutnachtigall. Füllt an die Luft mit süßem Sang, Mit Harfe, Laut' und Geige, Mit Noten kurz und Noten lang Der Sang zum Himmel steige! Denn gütlich hat er stets gethan Den Schäflein seiner Herden, Und setzet endlich obenan Die Liebsten sein auf Erden. Drum lobet ihn mit bestem Ton, Den Psalter hoch erhebet, Sein ist der Scepter, sein die Kron', Ihm Erd' und Himmel bebet. 25. Anderer Lobgesang aus den Werken Gottes. Ein Liedlein süß wollt' stimmen an, Ihr wohlgespannten Saiten, Ihr, Laute, Geig' und Dulcian ¹) Und Harf', sollt sie begleiten; Posaun', Kornet, Trompeten klar, Ihr Hörner, blank' und runde, Gott loben sollet ihr fürwahr! Ich frag' euch, gebt mir Kunde. Wer hat die Gold- und Silberpracht Wohl Sonn' und Mond erteilet? Wer hat sie also schnell gemacht, Daß sie kein Pfeil ereilet? 1) Ein altes Blasinstrument. 123 124 Spee, Trutnachtigall. Wer zündete die Sterne an? Wer zählte ihre Namen? Wer hat mit Glanz sie angethan, Da aus dem Nichts sie kamen? Wer macht des Vollmonds Scheibe leer, Wer schleifet ihm die Spitzen? Wer lockt den Fluß vom Felsen her, Wer macht das Brünnlein spritzen? Wer wickelt hoch in Wolken ein Das Haupt den wilden Bergen? Wer läßt den lieben Sonnenschein In schwarze Nacht sich bergen? Wer färbt der Morgenröte Haupt Mit Purpur, zart gerieben? Wer weiß, was uns die Nacht geraubt, Ans Licht zurück zuschieben? Wer ist's, der aus der Wolk' Herab Den schnellen Blitz gezogen? Wer hemmt den Wind in vollem Trab? Wer spannt den Regenbogen? Wer wirft aus beiden Händen voll Reif, Hagel, rund gefroren? Wer spinnet uns die Winterwoll', Den Schnee, so rein geschoren? Wer zäumet auf mit Eis und Kält' Die stolzen Wasserwogen? Sagt, wer das Meer in Züchten hält, Kommt es in Grimm gezogen? Wer giebt der Erde Lebenskraft, Daß sie nicht Alters sterbe? Wer tränket sie mit Wolkensaft, Daß Glut sie nicht verderbe? Spee, Trutnachtigall. Wer nährt das wild' und zahme Vieh, Wer schaffet ihm die Speisen, Daß es an Kost ihm mangelt nie, Wie deutlich zu erweisen? Allein, allein ist's unser Gott, Der Thaten groß verrichtet; Sobald nur schallet sein Gebot, Ist aller Streit geschlichtet. Da folgt gehorsam seiner Hand Geschöpf nach seinen Sinnen; Und seine Kraft füllt alles Land, Viel Wunder da beginnen. Weiß Will' und Werk in gleichem Schritt Und gleich ein Glied zu zwingen, Kein Härlein eins vors andre tritt: Ihm kann ja nichts mißlingen! Was er nur will, muß seine Hand Auch unverweilt verrichten, Was er nur will, wird unverwandt Auch seine Hand vernichten. Drum ihn zu loben hebet an, Ihr wohlgeſpannten Saiten, Ihr, Laute, Geig' und Dulcian Und Harf' sollt ihn begleiten; Posaun, Kornet, Trompeten klar, Ihr Hörner, blank' und runde, Gott loben sollet ihr fürwahr! Was brauch' ich weitre Kunde? 125 126 Spee, Trutnachtigall. 1) Fein. 26. Anderer Lobgesang, darin die Geschöpfe Gottes zu seinem Lob ermahnet werden. Wohlauf, du hohles Saitenspiel, Stimm' an die Silberzungen, Stimm' an die Saiten nun subtil, ¹) Stimm' an, was je geklungen! Stimm' an dem werten, lieben Herrn, Laß dich in Freuden merken, Sing' immer froh, sing' immer gern Und sing' von seinen Werken! Er setzet an die Tag' und Jahr', Er spaltet ab die Zeiten, Dort stellt er hin den Sommer klar, Den Winter dort zur Seiten; Dann auch der Herbst und Frühling schied Und thät gleich lang sie schneiden Und stellte sie zum Unterschied Hin zwischen jene beiden. Zur Nacht er uns den Himmel blau Mit Flämmchen schön bemalet: Die glänzen wie der stolze Pfau, Der von den Spiegeln strahlet. Den Tag er uns in schönem Schein Und hellem Glanze zeiget, Wenn Phöbus mit den Strahlen sein Des Himmels Höh' ersteiget. Er schicket aus die Vögelein Auf leere Wolkenstraßen, Er malet ihre Federlein Schön über alle Maßen; Spee, Truhnachtigall. Er schleift die kleinen Schnäbelein Und löset ihre Zungen: Da singen sie den Namen sein, Hoch in die Luft geschwungen. Das große Meer, die Wässer klein Heißt er die Welt befeuchten, Die Wässer all mit lindem Schein Wie Glas und Silber leuchten. Die nasse Schar er dorten labt, In Schuppen glatt gekleidet, Die tonlos und nicht stimmbegabt Das feuchte Reich durchschneidet. Grün färbet er den Erdenklotz, Mit Blümlein untermalet, Die selbst den Sternen bieten Troß, Wenn sie das Licht bestrahlet. Die Kräuter auch, unzählbar viel, Beruft er all mit Namen, Bestimmet ihnen Maß und Ziel An Wurzel und an Samen. Er richtet auf die Felsen stolz, Die Berg' er hoch erhebet, Umkrönet sie mit Cedernholz, Das gleich den Wolken schwebet. Er ziehet auf so manchen Wald, Mit Ästen wohlbekleidet, Und schafft dem Wild dort Unterhalt, Das Feld und Menschen meidet. Er speist die jungen Rabenkind', Wenn sie die Alten Haffen Und, weil sie ohne Farbe sind, Die zarte Frucht verlassen. 127 128 Spee, Trutnachtigall. Er speist den Menschen und das Vieh, Läßt Kraut und Früchte wachsen, Giebt wohlfeil alles dort und hie, Erträglich sind die Taxen. Dem Vieh und uns hält er bereit Die Felder, Berg' und Wiesen, Giebt ihm das Gras und uns Getreid', Öl, Trauben hoch gepriesen. Die Trauben geben jenen Trank, Der uns im Trauern labet, Der uns, wenn wir schon liegen krank, Mit frischem Sinn begabet. Er heißt den Wind aus Norden kalt Das Meer in Bande fassen: Da rauschen, daß es grausam schallt, Die hohen Wassermassen; In Stücke springt die wilde Flut, Das Ufer laut erbrüllet, Die Luft der Sturm in Eifermut Mit Schaum und Klang erfüllet. Er spannet auch den schnellen Wind An seinen Wolkenwagen, Und schnaufend läuft das Luftgefind', Mit Freuden ihn zu tragen. Er schießt herab den roten Strahl, In Donnerklang geflochten, Das Meer gab nie so starken Schall, Wie sehr die Wellen pochten. Erbeben faffet alles Holz, Straft er von hohem Sitze, Vor ihm fliegt her der Wetterbolz Mit seiner güldnen Spitze. Spee, Trußnachtigall. Er thut mit stolzer Wolkenstimm' Die Luft im Zorn durchschalten: So fühlt er endlich seinen Grimm, Macht Berg' und Felsen spalten. Darum, du hohles Saitenspiel, Stimm' an die Silberzungen, Stimm' an die Saiten nun subtil, Stimm' an, was je geklungen! Stimm' an dem werten, lieben Herrn, Laß dich in Freuden merken, Sing' immer froh, sing' immer gern Und sing' von seinen Werken! 27. Ein anderer Lobgesang, auch aus dergleichen Werken Gottes, so ihn immerbar preisen. Auf, auf, Gott will gelobet sein, Der Schöpfer reich an Ehren! Drum laßt uns Laut' und Harfen rein Mit Saiten süß vermehren. Der Sonne edler Strahlenkranz Den Schöpfer täglich weiset, Der Mond mit rundem Sternentanz Den Schöpfer nächtlich preiset. Auf, auf, Gott will gelobet sein, Der Schöpfer groß und mächtig! Man merket ihn beim Sonnenschein, Beim Sternenschimmer nächtig. Wie muß er selber leuchten klar, Wie wunderbarlich flimmern, Weil jene Fackeln wunderbar In reinem Lichte schimmern! 9 129 130 Spee, Truhnachtigall. Auf, auf, Gott will gelobet sein, Du blaues Feld und Wasen, Euch Himmel ich dort oben mein', Ihr Zelt', aus Glas geblasen! Ihr unsichtbaren Wässer klar, Die droben allerwegen Von außen bleibet immerdar Den Himmeln überlegen! Auf, auf, Gott will gelobet sein, Shr Erd- und Himmelsgloben! Ihn loben alle Geister sein Im Tempel sein dort oben. Ja, alles, voll von seiner Macht, Laut überall erschallet, Das Meer in stäter Wellenjagd Mit Brüllen Preis ihm hallet. Auf, auf, Gott will gelobet sein! Shn loben Wind und Regen, Ihn loben Blitz und Wetterschein Mitsamt den Donnerschlägen; Ihn lobet auch der Regenkreis, Der Bogen bunt gefärbet, Neif, Hagel, Schloß' und Sommereis, In Kiesel klein zerkerbet. Auf, auf, Gott will gelobet sein! Die Luft auch musizieret, Die Morgenröte stellt sich ein, Mit Rosen rot gezieret. Die wohlgemalten Vöglein schwank Die Zünglein lieblich stimmen Und sagen ihrem Schöpfer Dank, Wenn sie die Luft durchschwimmen. Spee, Trußnachtigall. Auf, auf, Gott will gelobet sein, Laßt uns ihn freudig preisen! Schaut, wie die krausen Vögelein Die Luft mit Sang durchreisen: Sie laden uns bei schöner Zeit Zu gleichem Jubilieren, Uns winken mit den Flügeln beid Mit bestem Kolorieren. Auf, auf, Gott will gelobet sein, Laßt ihn mit Lust uns preisen! Geschöpf' uns laden, groß und klein, Zum Lob uns unterweisen. Laut überall in aller Welt Das Gotteslob man höret: Wer nicht sein Lob hinzugesellt, Ist freilich arg bethöret. Auf, auf, Gott will gelobet sein! Ihm Lilien schön und Rosen In herrlich bunten Mäntelein Gar lieb und freundlich kosen; Sie lächeln ihm, gar schön gefärbt, In Kraut- und Blumengärten, Die Schönheit ja von ihm ererbt Samt ihren Mitgefährten. Auf, auf, Gott will gelobet sein, Ihr Kräuter, Stauden, Ranken! Ihn loben alle Blümelein, Die ihren Duft ihm danken. Ihn lobet aller Kräuter Kraft, Kein Mensch kann es verneinen, Auch Öl, Getreid' und Rebensaft, Den uns die Trauben weinen. 131 132 Spee, Truznachtigall. Auf, auf, Gott will gelobet sein, Will sein von uns gepriesen! Ihn lobet jeder Berg und Stein, Ihn Felder all und Wiesen, Ihn alles Holz in Wäldern grün, Gar mutig ausgerecket, Das frisch sein Haupt und keck und kühn Hoch in die Wolken strecket. Auf, auf, Gott will gelobet sein! Ihn loben Flüss' und Bronnen, Ihn Wässer all und Wässerlein, Die Gang und Lauf gewonnen. Schau an, wie reines Wasserglas Mit Freuden kommt gezogen, Wie manche flüß'ge Silberstraß', Manch Bächlein, krumm gebogen! Auf, auf, Gott will gelobet sein, Ihr warm- und heißen Bäder, Ihr wohlgefott'nen Strahlen fein, Du schwefelreich Geäder! Ihn lobt und preist auch Erz und Stahl, Ihn Silber, Gold und Eisen, Ihn jedes Bergwerk und Metall Aus hohler Erde preisen. Auf, auf, Gott will gelobet sein Bei schönen Sommertagen; Laßt unserm Gott, laßt ihm allein Die Laut und Harfe schlagen! Flut, Feuer, Luft, Erd' aller End' Die Wunder sein verkünden Und alle Welt und Element' Zu seiner Lieb' entzünden. Spee, Trutnachtigall. 28. Anderer Lobgefang, darin noch ausführlicher alle Geschöpfe Gottes ihn zu loben angemahnet werden. Die Engel Gottes. Wohlauf, wohlauf, nun lobet Gott, Ihr Himmelsvolk dort oben, Ihr Engel Gottes Sabaoth, Der euch so hoch erhoben! Stets schautet ihr sein Angesicht, O Wonnen über Wonnen! All' Freud' und Lust und Glanz und Licht Kommt euch von ihm geronnen. Ach, daß nur alles weit und breit Des Herren Lob erfüllte, Voll Kraft und Macht und Herrlichkeit Von Hall und Schall erbrüllte! Ach, preiset ihn mit höchstem Schall, Mit starkem, starkem Singen, Ob schon die Welt vom Wiederhall In Stücke sollte springen! 133 Die Himmel und ihre Lichter. Ach, lobet Gott, ihr Himmel klar, Gewölbet von Krystallen, Mitsamt der Flüsse ganzer Schar, Die über euch noch wallen! Mit Wasser wurdet ihr bedeckt, Mit Wellen überzogen, Als euch der Schöpfer ausgerect Und rundlich euch gebogen. 134 Spee, Trußnachtigall. Wie manches weit' und breite Feld Mit Licht ihr überflammet Und welches große, reiche Zelt, Die ihr aus Nichts doch stammet! Ei, welcher schönen Fackel Pracht, Ihr Lichter und ihr Sterne, Wenn ihr euch zeiget in der Nacht Im besten Schmuck von ferne! Nun lobe Gott, du güldner Schein, Du Silberglanz desgleichen! Ihr, Sonn' und Mond, es muß so sein, Ihr müßt die Welt umstreichen: Er euch mit Licht gefüllet hat, Mit Schönheit hoch gezieret, Darum ihr billig früh und spat Dem Schöpfer jubilieret. Lobpreiset ihn, ihr Sternelein, Zur Schildwacht ausgeschicket, Die ihr schaut aus den Fensterlein, Zu uns herunterblicket. Denn er schuf euch, weil er's gewollt, So hell und klar an Lichte; Wenn er es anders wünschen sollt', So würdet ihr zunichte. Die Luft und was in der Luft zu finden ist. Auch lobe Gott, du reine Luft, Gewebe, zart gesponnen! Zur Nacht bist du nur schwarzer Duft Bis zu der Morgensonnen; Dann zeigst du dich in klarem Schein, Viel weißer als die Schwanen, Wie breit auch ausgespannet sei'n Die weißen Federfahnen. Spee, Trutnachtigall. In dir vieltausend Vögelein Mit Freud' und Jubel schweben, Zur Sangschul' ziehn sie bei dir eit Und nach dem Kränzlein streben. Wer will die Stücklein zählen all, Die sie dann figurieren ¹): Konzenten, Fugen, Madrigal In vielerlei Manieren. In dir auch fliegen rein und zart Fast aller Ding' Gestalten, Allein durch Farben aller Art Unmerklich abgespalten; Auch Atem duft'ger Blumen all, Geruch und Kraft der Erden, All Sang und Klang, all Ton und Schall In dir gefunden werden. Sind unvermischt und doch vermischt, Vereinigt und geschieden, Der Ton dem Duft und Licht entwischt, Vom andern eins gemieden. Was jedem Sinn gebühren mag, Was dem Gefühl und Hören, Was dem Gesicht und dem Geschmack, Läßt sich von keinem stören. Lobpreist auch Gott, ihr Luftgewächs, Ihr Wolken hochgeboren, Ihr Winde zwei und fünfmal sechs, Ihr Hagel Hochgefroren, Ihr schnellen Flammen, Donner, Blitz, Kometen, uns nicht gewogen, 2) Schnee, Reif und Regen, Kält' und Hitz', Und du, gefärbter Bogen! 1) Gestalten. ww 135 2) Weil sie nach dem Volksglauben Unglück bringen. 136 Epee, Trutnachtigall. Wie sanfte Wolle sinkt der Schnee, Den Wolken hoch entkeimet, Der Hagel perlet aus der Höh', Von Kälte fest geleimet: Die weichen Tropfen noch im Fall Vom Frost ertappet werden, Der härtet sie zu Eiskrystall: So fugeln sie zur Erden. Der weiße Thau und Negen klar Gar lieblich sich ergießen, Der Regenbogen immerdar Sich spannt und will nicht schießen. Den klaren Blitz wir fürchten mehr, Wenn groß Gewölk herschwebet. Doch soll den Herrgott loben sehr, Was in den Lüften webet! Er legt den Winden Flügel an Und gürtet ihre Lenden, Die Blitze läßt er furchtbar nahn Und schickt sie aus den Händen. Mit Wetter und Unwetter stark Er seine Allmacht zeiget, Vor ihm erschrickt Gebein und Mark, Vor ihm sich alles neiget. Das Meer und alle Fische und Schiffe. Auch lobe Gott, du tiefer Grund, So endlos ausgegossen, Du weites Meer, du breiter Schlund, Ohn' Hemmnis aufgeschlossen, Ihr großen Wallfisch' ungeschlacht, Ihr Drachen ohne Maßen, Die ihr mit ungezäumter Macht Zwingt alle feuchten Straßen! Spee, Trutnachtigall. Du groß und klein geschupptes Vieh, Unzählig, unermessen, Der Sand am Ufer hat noch nie So große Zahl besessen. Herbei, des Wassers feuchte Herd', Ihr müßt die Flut durchspalten, Um ihm, dem Gotte lieb und wert, Ein Freudenspiel zu halten! Ihr Wasserfräulein wohlbekannt, Den Reihen sollt ihr führen, Auf Harfen, Geigen allerhand Die besten Saiten rühren. Wenn dann manch schön gemaltes Schiff Geschwind vorüberflieget, Zu Gottes Lob wählt jeden Griff, Damit ihr dann obsieget. Auch ihr, ihr Schiffe unzählbar, Du Wald, so kahl geschoren, Ich treff' euch eben recht fürwahr, Ihr Bäum' am Land geboren, Ach, zäumt einmal den vollen Trab, Steckt weg die flachen Sporen¹), Die flächsnen Federn) spannet ab, Die Zeit bleibt unverloren. Zum Freudenfest nun haltet still, Müßt auch zum Reihen springen, Dem Schöpfer, weil es alles will, Preis, Ehr' und Ruhm zu singen! Hebt an nun euren Lautengriff, Ihr Fräulein, reich an Stimmen, Hebt an auch ihr, ihr hohlen Schiff', Gar sänftiglich zu schwimmen. 1) Die Ruder. - 2) Die Segel. 137 138 Spee, Trußnachtigall. Die fremden Waren bringt zu Hauf, Weit über Meer geführet, Die Freudenfähnlein stecket auf, Mit Farben bunt gezieret. Bekrönet euch mit Lorbeer kraus, Mit Perlen, Edelsteinen, Die bunten Teppich' spreitet aus, Im Schmuck schön zu erscheinen! Die Erde und alle Erdgewächse. Auch lobe Gott mit höchstem Preis, O Kugel wohlgeründet, Du tausendschöner Erdenkreis, In leere Luft gegründet! Lobt ihn, ihr Berg' und flaches Land, Lobt ihn, ihr stolzen Klippen, Wenn euch auch kosen unverwandt Der Wolken feuchte Lippen! Auch lobet ihn, ihr Cedernbäum', Auf Bergen hoch entstanden, Kein Holz und Hölzlein sich versäum' Aus nah'n und fernen Landen; Die zarten Zweige breitet aus, Die Blättlein laffet sprießen Und laßt die grünen Haare frauß Bis zu den Füßen fließen! Lobpreist ihn auch, ihr Blümelein, Viel tausendfach entsproffen, Ihr wild' und zahmen Pflänzelein, Mit fühlen Thau begossen; Auch Laub und Gras und auch Getreid', Die Frücht' all auf den Feldern, All grün Gewächs ohn' Unterscheid, Versteckt in weiten Wäldern! Spee, Trutnachtigall. Sa, lobet ihn auch jederzeit, Ihr Erz' und Glockenspeisen, Der Erde reiches Eingeweid', Gold, Silber, Stahl und Eisen; Auch Kupfer rot und Zinn und Blei Und Schwefel, Stein' und Kohlen, Die wir uns täglich teck und frei Aus tiefen Klüften holen! Nun hätten wir vergessen schier Die Perl'n und Edelsteine Herbei, Karfunkel und Saphir, Ein jeder nun erscheine, Türkisen und Smaragden rein, Demanten außerkoren, Auch du, krystallenhell Gestein, Wie sauber Eis gefroren! Auch lobet Gott, ihr Brünnlein klar, Ihr Bächlein, krumm gebogen, In stätem Sprung das ganze Jahr, Zu stätem Lauf erzogen; O stolze Quellen mannigfalt, O feuchte Brüst' der Erden, Durch Fließen ohne Aufenthalt Soll Gott gelobet werden! Gelobet sei der Schöpfer gut, Von dem die Wasser fließen, Der Früchte, Öl und Traubenblut Die Menschen läßt genießen! Er schafft der Erde Fruchtbarkeit, Die Seelen all ernähret, Von ihm allein uns allezeit Viel Wohlthat widerfähret. 139 140 Spee, Trußnachtigall. Drum lobet ihn, du zahmes Bieh, Du wilde Zucht daneben, Ihr Vögel schnell, die dort wie hie Bald hoch, bald nieder schweben! Ihr Kön'ge stolz, ihr Völker viel, Ihr Jüngling', grün von Jahren, Ja, kommet auch zu diesem Spiel, Ihr Alten, greis von Haaren! 29. Ein gar hoher Lobgesang, darin das Geheimnis der hochheiligen Dreifaltigkeit sowohl theologisch als poetisch, wieviel geschehen können, entworfen wird. Ihr schönen Geister Seraphim, In Glanz und Glut gekleidet, Ihr schnellen Knaben Cherubim, Zu Gottes Lob beeidet, Stimmt ein zur besten Harfe mein, Zur Harfe frisch beschnüret, Zu Versen, glatt gezielt und rein, Aus höchstem Ton entführet! Vom Herren Hoch, Gott Sabaoth, Erd', Himmel laut erschallet, Dem einen und dreieinen Gott Das Meer mit Brausen wallet. Ei, laßt uns da mitstimmen ein, Laßt uns die Saiten rühren, Laßt uns zu süßen Versen rein Die zarten Noten führen! Der Vater, Sohn und heil'ge Geist Ist eines nur zusammen, Und doch man sie verschieden heißt Mit Eigenschaft und Namen. Spee, Truznachtigall. Selbständig sind's Personen drei, Doch niemand soll's verneinen, Daß diese drei doch Eines sei; Die Schrift thut sie vereinen. Man zählet die Selbständigkeit, Doch bleibet unterdessen Es ungezählte Wesenheit Und Gottheit unermessen. Nur eine Macht und Herrlichkeit Ist's, eine Kraft und Stärke, Nur eine Größ' und Ewigkeit: O, meine Rede merke! Der Vater Gott und alles ist, Allein ist er von feinem: Der Sohn auch Gott und alles ist, Allein ist er von einem; Der Geist auch Gott und alles ist, Allein ist er von zweenen: Doch alles aller Eigen ist, Vom andern nichts entlehnen. Der Vater kam von niemand zwar, Doch laß dich baß bescheiden: Vom Vater kam der Sohn fürwahr, Der heil'ge Geist von beiden. Der Sohn ist von dem Vater sein Geboren und entsproſsen; Der Geist ist nicht von diesen zwei'n Geboren, doch entflossen. Der Sohn, aus seines Vaters Schoß Von Ewigkeit geboren, Ist end-, beginn- und mutterlos: Verstand ist hier verloren. 141 142 Spee, Truhnachtigall. O Sohn, du deines Vaters Glanz, O Licht, vom Licht entzündet, Des Vaters Wesen und Substanz, Unendlich, unergründet! Das Wesen sein gehört dir zu, Das deine ist das seine, Bist nur was er, und er was du, Gar fest ich's also meine. Doch bist du nicht, wer eben er, Auch er, wer du mit nichten, Wer's anders meinet, fehlet schwer, Der Glaube muß es schlichten. Bist von den zwei'n, o beider Geist, Gleich beiden vorgetreten, Von beiden gleichsam hergereist, Gleich beide anzubeten; Dem Sohn und Vater, beiden gleich, In völlig gleichem Wesen, Wie beide mächtig, beide reich, O Wohlstand auserlesen! Dasselbe, was der Vater ist, Was auch der Sohn desgleichen, Du selber auch natürlich bist: Keins mag dem andern weichen. Doch wer der Sohn und Vater ist, Selbständig in Personen, Derselbe du mit nichten bist Trotz deiner gleichen Kronen. Was du dann bist, Sohn, Vater ist, Das Wesen aller beiden; Wer du bist, ihrer keiner ist, Person ist streng zu scheiden. Spee, Truhnachtigall. Von jenem, was du selber bist, Ein Gott von Gott sich rühret: Von denen, derer keiner bist, Dein Ursprung sich entführet. Ach, führe mich in hohem Lauf, Begleit' mich in den Lüften Und heb' mir von der Erden auf Die schweren Füß' und Hüften. Laß mich noch künden fernerhin Dem Leser unverdrossen, Wie Sohn und Geist von Anbeginn Sind ewiglich entsprossen. Der Vater sich von Ewigkeit Notwendig selbst betrachtet, Sein Wesen, Pracht und Herrlichkeit Er mit Verstand erachtet; Sich selber bildet er sich ein, Unendlich sich begreifet, Was an Geschöpfen kann gedeihn, Mit einem Blick durchstreifet. Er fennet seine tiefe Macht, Wiewohl doch unergründet, Beschaut er seinen Pomp und Pracht, Sein Wesen sich dann kündet. Die Gottheit und die Allgewalt Von ewig alten Tagen Er faßt sie deutlich in Gestalt: Was will man weiter sagen? Wie klar er sich dann selbst erkennt, Wie er sich selbst durchschauet, So steht das Bild ihm auch behend Im Herzen auferbauet; 143 144 Spee, Truznachtigall. Das Herzenswort, das Herzkonzept, Von ihm, gleich ihm gezeuget, Auch gleich mit ihm in Wahrheit lebt: Der Glaub' uns nicht betreuget. Wes Wesens nun der Konzipist, Der selbst sich konzipieret, Sein schön Konzept er selbst auch ist, Unendlich gleich formieret. In ihm dieselbe Kraft und Macht Sich zeiget ohne Fehlen; Geschöpf' in ihm, wie obgesagt, Die lassen sich nicht hehlen. Schau da, dann zeiget sich das Bild, Ein Gott, von Gott gestaltet, Ein Gott von seinem Vater mild Im Wesen unzerspaltet, Ein Wort, aus seinem Mund gezielt, Ein Herz von seinem Herzen, Ein Bild, geformt nach seinem Bild, Ein Licht von seiner Kerzen; Ein Stern von eben seinem Stern, Die Sonn' von seiner Sonnen, Der wahre Kern von seinem Kern, Der Bronn von seinem Bronnen, Der Schein von eben seinem Schein, Der Strahl von seinem Strahlen, Die Weisheit von der Weisheit sein: Kann's dir nicht besser malen. Gleich wie der Vater so der Sohn, Sind einer nur die beiden, Ein ein'ger Gott, zwei als Person: All Irren soll man meiden. Spee, Truhnachtigall. Nicht scheidet sich die Wesenheit, Natur bleibt unzerspalten, Sohn, Vater, gleichen Scepters beid', Ganz gleich sie beide walten. Der Vater, ganz in sich verzückt, Bleibt ewiglich in Wesen, Sein helles Wort, hell abgedrückt, Thut ewiglich er lesen. Er ewig in Beschaulichkeit Ob seiner Pracht erstarret, Daher in alle Ewigkeit Das Herzenswort verharret. Wer will nun zierlich stellen dar Und malen nach dem Leben, Wie diese beiden ganz und gar In Lust und Freuden schweben? Wer will beschreiben tabellos, Wie, wunderbar getrieben, Mit ausgespannter Flamme groß Sich beide dann verlieben. Der Vater in so wertem Sohn Die Schönheit sein betrachtet; Den Vater auch auf seinem Thron Der Sohn als herrlich achtet. Da reget sich mit starkem Trieb Von der und jener Seiten Die hohe, überhohe Lieb' Ohn' Anfang, End' und Zeiten. Der Vater seufzet ohne Ruh' Nach seinem Sohn in Liebe; Der Sohn ihm wieder seufzet zu, Entflammt von gleichem Triebe. 10 145 146 Spee, Trutnachtigall. Zugleich dann er, zugleich dann der, Von gleichem Brand umfangen, Mit Seufzen hier, mit Seufzen Her Bezeugen ihr Verlangen. ,, Ach, ach," der Vater seufzen thut Nach seinem Sohn geschwinde; „ Ach, ach,“ der Sohn auch seufzt in Glut Mit gleichem Seufzerwinde. ,, D schöner Sohn, du schönes Bild, Wie lieb' ich dich so sehre!" „ O schöner Vater, Vater mild, Zu dir mich liebend kehre." O schöner Sohn, du Morgenschein, Die Lieb' ist unermessen!" „ O schöner Vater, Vater mein, Nie kann ich dein vergessen!" „ Ach, schöner Sohn, du klares Licht, Vor Lieb' ich gar erglühe!" ,, Ach, Vater mein, mich freilich nicht Der Glut jemals entziehe!" „ Ach, ach, du herrlich schöner Sohn, Kann mich vor Lieb' nicht lassen." ,, Ach, ach, o Bater, meine Kron', Wir wollen uns umfassen!" ,, O Sohn, du mein!" Du meine Kraft!" 11 ,, Du, Vater, mein!" Du meine!" " 1 „ Und ich bin dein!" ,, Und du bist mein!" Schau, welche Luft sie eine! Schau, wie sich von der Seele reißt Manch Seufzer diesen beiden! Die süße Gab', der süße Geist, O Freud' ob allen Freuden! Spee, Trußnachtigall. Der Sohn und Vater, der und der ,. Gar lieb und freundlich hauchet, Aus einem Herzen hin und her Der Atem lieblich rauchet. Von beiden kommt der Herzenswind, Sich beiden gleich entwindet, Ist beider Geist und Seufzer lind, Der nie und nie verschwindet, Ist beider unzertrenntes Band, Das niemals sich entbindet, Ist beider Glut und Herzensbrand, Ohn' Maß und Ziel entzündet. Den Sohn und Vater ewiglich, Ohn' Anfang und ohn' Ende, Mit gleichem Herzen inniglich Entflammen Liebesbrände. Sie beide zwei, und einer beid' Sich ewiglich umfassen, So wehet auch in Ewigkeit Der Geist ohn' Unterlassen. O süßer Hauch, o süßer Wind, Aus beider Herz entwunden, Mach' meine Sünden leicht und lind, Heil' meine Mal' und Wunden! Ach, mache mich der Sünden los, Der Bürden unerträglich, Zerblase Ketten, Band und Schloß Mit Seufzen unaussprechlich! O güldner Regen, güldner Fluß, Von beiden gleich ergossen, O güldner Strahl, o güldner Schuß, Von beiden weggeschossen, 10* 147 148 Spee, Trutnachtigall. Woll' nur die dürft'gen Herzen dein Mit deiner Gnad befeuchten, Woll' nur mit deinem klaren Schein Die Kinder dein erleuchten! Des Sohns und Vaters ein'ger Kuß, In beiden unzerteilet, O starker, reicher Gnadenguß, Der gleich die Schäden heilet, Uns, deine Kinder, halt' gesund, Das Leben uns erstrecke Und unser aller Herz und Mund Zu deinem Lob erwecke! Gelobet sei der ein'ge Gott Zu tausend, tausend Malen, Viel tausend Mal Gott Sabaoth Und noch zu tausend Malen! Gelobt sei die Dreifaltigkeit, Dreifältig in Personen, Gelobt sei die Dreieinigkeit, Dreieinig in der Kronen! O daß dich alles lobt und preist Jetztund und alle Zeiten, O Vater, Sohn und heil'ger Geist, In alle Ewigkeiten! Dich loben deine Seraphim, In Glanz und Glut gekleidet, Dich loben deine Cherubim, Zu deinem Lob beeidet. Spee, Trutnachtigall. 30. Eine Ekloge, das ist ein Hirtengesang oder Hirtengespräch, darin zween Hirten, einer Damon, der andere Halton genannt, je einer um den andern um die Wette spielen und zur Nacht Gott loben, dieweil Mond und Sterne scheinen. Eingang. Der Mond auf runder Heide war Und hütete die Sterne, Da spielte mild ein Hirtenpaar Auf Harfe und Quinterne. ¹) Sie fuhren fort, nicht allzublöd', Ihm freundlich zu liebkosen, Bis sich die schöne Morgenröt' Gekrönt mit frischen Rosen. Der Damon und der Halton beid' Auf süß gedehnten Saiten Bekämpften sich im Widerstreit, Wer's Kränzlein möcht' erstreiten. Drauf eilig ich mich unterfing, Es flüglich aufzufaffen; Doch alles nicht von Statten ging, Mußt' viel verschwiegen lassen. Der Hirt Damon hebet an. O schöner Mond, du bester Hirt Auf blau gefärbten Weiden, Groß ist der Vorteil, der dir wird, Doch will ich dich nicht neiden; 149 1) Eine Laute mit fünf Saiten. 150 Spee, Truhnachtigall. Nur sing' und fling' dem Schöpfer dein, Dem Schöpfer, hoch gepriesen, Der dir so frei geräumet ein So weit gedehnte Wiesen. Der Hirt Halton. O schöner Mond, du bester Hirt, Bei deinen schönsten Schafen, Bei deinen Sternen wohlgeziert, Wenn Tier und Menschen schlafen; Auch ich will dir nicht neidig sein, Ich will dir drum nicht grollen, Wenn schon die Stern' und Schäflein dein Sind voll der güldnen Wollen. Der Hirt Damon. Ja, lobe nur den Schöpfer dein, Er ist dir wohl gewogen, Und hat die güldnen Lämmerlein Dir selber auferzogen. Sie haben keinem Mütterlein Die Brüste noch gesogen: Der Schöpfer nur, nur er allein Hat sie dir auferzogen. Der Hirt Halton. Allein ein träftig Schöpferwort Entströmte seiner Zungen, Da sind die Schäflein dein sofort Auf blauem Feld gesprungen. Gab ihnen gleich ein gülden Kleid Auf blau glasiertem Rafen Und hieß die Schar voll Munterfeit Dir stets vor Augen grafen. Spee, Trutnachtigall. Der Hirt Damon. Wenn unsre Herden dort und hie Im Walde sich verirren, Verlaufen sich die deinen nie, Noch jemals sich verwirren. Kein ungenannter Bösewicht ¹) Kann ihre Zahl dir schwächen; Auch Hund und Stecken brauchst du nicht: Dir kann ja nichts gebrechen. Der Hirt Halton. Noch lob' den güt'gen Schöpfer wert, Der's also thät bescheiden, Daß er dich deine Wollenherd' Allein bei Nacht ließ weiden. Denn da, an Hirn und Häuptern blöd', Sie Sonne nicht vertragen, So würden sicher ste getöt't An sonnenlichten Tagen. Der Hirt Damon. Ja, lobe noch den Schöpfer mild, Der friedlich sie läßt grafen, Der aller Winde Brausen stillt, Daß sie zu stark nicht blasen. Stets macht er schöner deine Herd', Beschirmt sie allerwegen, Daß nimmer sie berühret werd' Von Wetter, Schnee und Regen. 151 1) Die Hirten nennen den Namen des Wolfes nicht gern, weil bet ihnen der Aberglaube herrscht, daß der Wolf zu erscheinen pflegt, wenn sein Name genannt wird. Vgl. das Sprichwort: Lupus in fabula. Terenz, Adelphi IV, 1. 152 Spee, Truhnachtigall. Der Hirt Halton. Er schaffet ihr gesunde Weid', Gefunde Luft und Speise, Daß sie befreit von allem Leid Die runde Bahn durchreiſe. Er führt sie gleichsam an der Schnur, Bleibt nah, daß er sie hüte, Drum lobe denn, ja lobe nur Des milden Herren Güte. Der Hirt Damon. Ja, lobe nur den frommen Gott, Von Mild' und Güt' durchdrungen, Den deine goldgewollte Rott' Lobpreift mit güldnen Zungen. Doch wir, so ferne, hören's nicht, Weil wir die Ohren sparen! Wer Herz und Sinn nach oben richt't, Der mag es wohl erfahren. Der Hirt Halton. Die ganze güldne Schäferei Sein Lob stets kündet gerne, Stets preisen ihn mit stillem Schrei Die glatten, runden Sterne. Still rufen sie die ganze Nacht: Er ohne Fehl, er wahrlich, Er, er allein hat uns gemacht, Nicht wir, ganz offenbarlich. Der Hirt Damon. O Mond, du frommer Sternenhirt, O laß uns zwei zusammen, Bis daß die Sonn' erwachen wird, Erheben Gottes Namen; Spee, Trutnachtigall. Laß uns mit hellem Jubelschrei Den Schöpfer hoch verehren Und preisen ihn von Herzen frei! Der Tag will wiederkehren. Der Hirt Halton. Die Morgenröt' erwacht schon flar, Beginnt sich auszubreiten, Schon flicht sie sich ihr Purpurhaar Und will den Tag bereiten. Laßt preisen uns des Schöpfers Macht Jetzt noch zu allen Zeiten Und ihm am Morgen und bei Nacht Ein Freudenfest bereiten. 31. Andere Ekloga oder Hirtengefang, worin genannte beide Hirten am Morgen früh Gott loben, dieweil die schöne Sonne scheint. Eingang. Schon ist in rotem Karmoistn Die Morgenröt' erstanden, Schon glänzet heller als Rubin Die Sonn' in allen Landen. Hervor, ihr meine Geiger beid', Die Saiten recht zu zwingen, Und laßt beim lieben Reimestreit Die Geigen lieblich klingen. 153 Der Hirt Damon. O schöne Sonne, klares Gold, Magst wohl den Schöpfer preisen, Der sich dir immer zeiget hold Auf deinen Cirkelreisen. 154 Spee, Truznachtigall. Er malet dir die Strahlen an Mit goldig- gelber Farbe, So goldnen Glanz nicht haben kann Die gelbste Weizengarbe. Der Hirt Halton. Er schärfet dir die güldnen Pfeil' Mit Flämmchen zart ohn' Maßen Und führet Meile dich auf Meil' Auf stark befahrnen Straßen; Er schenket dir die Silberbahn, Die güldnen Ross' und Wagen, Die dich den runden Steg hinan Von Oft nach Westen tragen. Der Hirt Damon. Dir läffet auch die müden Noff' Der Schöpfer gut in Gnaden Zur Nacht mit allem Wagentroß Im großen Kübel baden. Drauf macht er sie mit Rosen satt Im edlen Blumengarten, Bis früh sie wieder frisch und glatt Beginnen neue Fahrten. Der Hirt Halton. Sobald in frischem Purpurschein Du dich erhebst am Morgen, So zeigt er dir die Wunder sein Und hält dir nichts verborgen; Er zeiget dir auf deiner Reis' Den ganzen Himmelsbogen, Den ganzen grünen Erdenkreis, Das Meer und Wasserwogen. Spee, Trutnachtigall. Der Hirt Damon. Er zeiget dir die schöne Welt, Die Vögel in den Wolken, Auch unsre Schaf' und Küh' im Feld, Erst eben frisch gemolken, Die Menschen auch und alles Tier, Die wilden und die zahmen, Der schönen Welt zu Schmuck und Zier, Die man je steht beisammen. Der Hirt Halton. Auch Städt' und Mauern, Türm', Paläst', Der alten viel und neuen, Dann Schlösser auch und Häuser fest, Ein Wunder von Gebäuen, Gerät für Frieden auch und Streit, Gold, Pracht und Wehr und Waffen, Davon ich mehr wußt' vor der Zeit, Eh' ich kam zu den Schafen. Der Hirt Damon. O schöne Sonn', o klares Gold, Magst wohl den Schöpfer preisen, Der immer sich dir zeiget hold Auf deinen Cirkelreisen. Er macht dir wohl den Weg bekannt, Die Orte zu beschleichen: Da kann kein Sand, kein Reich und Land Vor deinem Glanz entweichen. 155 Der Hirt Halton. Er leitet dich in deinem Glanz Im Hin- und Wiederkehren, Gleich wie zur Hochzeit und zum Tanz Den Bräutigam von Ehren. 156 Spee, Trutnachtigall. Er führet dich an seiner Hand, Weicht nie von deiner Seiten, Giebt Nahrung deinem Fackelbrand Ohn' Zahl der Jahr' und Zeiten. Der Hirt Damon. Er schicket dir die Vögelein Am Morgen gleich entgegen, Das Willkomm' dir zu bringen fein Und Schwing' und Stimm' zu regen. Er heißet sie dir spielen schön, Daß überall es schallet, Daß auch von Felsen ein Getön Im Gegenschlag erhallet. Der Hirt Halton. Er breitet dir die Felder grün, Er malt dir Flur und Garten, Wo überall die Blumen blühn, Dir dienend aufzuwarten. Er läßt durch dich Getreid' und Gras Das Leben süß erlangen Und Bäum' und Reben gleiches Maß Von deinem Glanz empfangen. Der Hirt Damon. Durch ihn die Frucht die Welt erhält Von deinen warmen Strahlen, Doch ohne ihn könnt' dir die Welt Etwas entziehn niemalen. Ohn' ihn dein mächt'ger Flammenfluß Schon lange wär' verronnen, Nicht flösse mehr dein Strahlenguß Aus deinem Strahlenbronnen. Spee, Truznachtigall. Der Hirt Halton. Ohn' ihn nicht einen Augenblick Dort oben würde bleiben Ein Fünklein, eine Linse dick, Von deiner gelben Scheiben. Ohn' ihn das ganze Wesen dein, Und was dich sonst mag zieren Es müßt' in lauter Nichts hinein Sich überschnell verlieren. Der Hirt Damon. Drum schöne Sonne, klares Gold, Magst du den Schöpfer preisen, Der immer sich dir zeiget hold Auf deinen Cirkelreisen. Ich will dir helfen allezeit Den schönen Gott verehren Und dich von ihm auf grüner Weid' Noch manches Liedlein lehren. Der Hirt Halton. Dann will ich dich nicht minder viel Die gleichen Liedlein lehren, Mit Damon nach demselben Ziel Den Fiedelbogen kehren. Und sollt' ich sein das Geigen müd', Zur Stunde will ich greifen Mit frischgeschöpftem Herzgeblüt Nach meiner hohlen Pfeifen. 157 158 Spee, Truhnachtigall. 32. Andere Ekloga oder Hirtengesang, darin gemeldete Hirten Gott loben bei ihren Schäflein und ihre Liebe zu Gott anzeigen. Eingang. Wenn oft von klarem Himmelsschweiß An schönen Sommertagen Die Morgenperlen, rund und weiß, Gar schön zertröpfelt lagen, Wenn Sonne schoß so manchen Strahl Mit immer heißerm Blitze, Dann schwanden eilends ohne Zahl Die Tröpflein vor der Hitze. Auf, auf, alsdann Hirt Damon sprach, Auf, auf, zum grünen Rasen, Laßt unsre Schäflein allgemach Auf flachen Heiden grafen! Halton blies dann auf süßem Halm, Zum Wettstreit er sich bäumte, Daß sich mit gleichem Hirtenpsalm Von beiden keiner säumte. Der Hirt Halton hebet an: O Damon schön, Genosse mein, Den Pfeifen und Schalmeien Laß heute hier am grünen Rain Uns süßen Odem leihen; Laß uns mit bestem Hirtensang Und wohlgefügten Reimen, Für's Ohr ein meisterlicher Klang, Ein Hirtenliedlein leimen. Spee, Trutnachtigall. Der Hirt Damon. Ach, Halton, will von Herzen gern Den Pfeifen und Schalmeien, Daß es erschallen möge fern, Ein Lüftlein süß verleihen. Laß uns hier auf dem Plane schön Dem Schöpfer weislich danken, Dieweil die Schafe weiden gehn Hier in den grünen Schranken. Der Hirt Halton. Den Schöpfer lob' ich jeden Tag Noch vor dem Sonnenwagen, Eh' sich die Sonne schmücken mag Mit güldner Kraus' und Kragen, Eh' noch die Morgenstunden klar Dem warmen Oft entgleiten, Entfesselnd ihr goldgelbes Haar, Es in die Luft zu breiten. Der Hirt Damon. Den Schöpfer lob' ich auch zumal, Wenn klar die Sonn' sich zeiget Und freudig mit so manchem Strahl Den blauen Dom ersteiget, Wenn sie, geschmückt mit vollem Glanz, Vollführet ihre Reihen Und wir erspielen manchen Kranz, Besteckt mit grünen Maien. Der Hirt Halton. Den Schöpfer lob' ich auch so sehr, Wenn sie sich nieder bieget Und auf gesenkter Niederkehr Den matten Wagen wieget, 159 160 Spee, Trutnachtigall. Wenn wir bei sanftem Abendsang Nach Haus die Schäflein leiten Und alle Schatten riesenlang Von kurzen Leibern gleiten. Der Hirt Damon. Wenn ich erwacht bin in der Nacht Lob' ich den Schöpfer immer Und sende Seufzer leis' und sacht Auf zu der Sterne Schimmer, Wenn in der Herde jedes Schaf, Gesättigt auf der Heide, Berauscht von lindem Abendschlaf, Verdaut die süße Weide. Der Hirt Halton. Nun tretet her zum Schöpfer frei, Kommt her, ihr Wollenscharen, Und preist auch ihr ihn mit Geschrei, Der euch zum Tanz läßt paaren; Vor ihm nur frisch und freudig springt Und flechtet ihm den Reihen, Dieweil der schöne Damon klingt Und Halton auf Schalmeien. Der Hirt Damon. Frisch auf, ihr zarten Lämmerlein, Springt froh auf grünem Rasen, Frisch auf, ihr weißen Brüderlein, Weil wir euch lieblich blasen. Wir wollen euch noch ebenfalls Mit bestem Schmuck hofteren Und euch die reine Stirn und Hals Mit grünen Kränzlein zieren. Spee, Trutnachtigall. Der Hirt Halton. Alsdann, an bester Zierde reich, Noch baß in Freuden springet Und preist dem Schöpfer alsogleich Und Jubel groß vollbringet. Zu ihm noch mehr laut schreiend ruft, Zu ihm wollt euch erheben, Der euch verlieh die süße Luft Und süßes Licht und Leben. Der Hirt Damon. Er zog euch eure Röcklein an Zu seinem Wohlgefallen: Gleich sieht im Grünen wandeln man Die weißen Wollenballen. Mit weißen Wollenfederlein Ziert' er das Fell euch allen, Mit weichem Schnee, so licht und rein, Als wär' er frisch gefallen. Der Hirt Halton. Er wickelt' euch in sanfte Pelz', Frisch, neu und ungeschoren, Umhüllte euch die nackten Häls' Mit lind gekeimten Haaren. Er härtet' euch die Kläulein zart, Gar zierlich aufgesplisſen: So tretet ihr auf grüner Fahrt Nach Weid' und grünen Bissen. Der Hirt Damon. Zur Nahrung hat er Thal und Berg Und Feld euch überlassen: Da schlagen wir euch in den Pferch Und laffen still euch praffen. 11 161 162 Spee, Trutnachtigall. Er gießet aus die Bächlein schwank, Macht, daß das Brünnlein spritze: Da holt ihr euch den fühlen Trank Bei warmer Sommerhitze. Der Hirt Halton. Er schenket euch gar manchen Baum, Darunter ihr euch schattet, Wenn ihr den Strahlen machet Naum, Weil euch die Sonn' ermattet. Er vor dem unbenannten Fraß¹) Mit seiner Hand euch schirmet, Sonst würdet ihr auf grüner Straß' Gar blutig oft gefirmet. Der Hirt Damon. Er segnet euch, ihr Mütterlein, Mit euren zarten Sprossen, Er segnet euch, ihr Lämmerlein, Mit gleichen Brustgenossen. Er schwellet euch die Brüste rund Mit süßen, weißen Gaben; Da machet ihr dann süßen Mund, Ihr zarten Wollenknaben. Der Hirt Halton. Er schaffet allen ihre Speis', Er nähret alle Seelen: Drum geben wir ihm Ehr' und Preis Und mögen's nicht verhehlen. Mit Halmen wir ihm und Geröhr Durch alle Noten schweifen, Und( ob man's etwa lieber hör') Auf Flöten auch und Pfeifen. 1) Vergl. oben S. 151. Spee, Trutnachtigall. Der Hirt Damon. Zu seinem Lob auf grünem Feld Bald spät, bald früh wir feiern, Und einzeln bald, und bald geſellt Erklingt der Ton der Leiern; Wir auch die gelben Saiten schwank Den Stimmen süß vermählen, Wenn wir mit reinem Brunnentrant Erfrischen Hals und Kehlen. Der Hirt Halton. Ach, daß nur ihm, nur ihm allein, Ach, daß nur ihm gefiele, Was ich zu Lob und Ehren sein Bei meinen Schäflein spiele! Fürwahr, den besten Hammel mein Wollt' ich noch heut' drum geben, Darzu der schönsten Lämmerlein Noch dreimal drei darneben! Der Hirt Damon. Und sollt' es auch dem Schöpfer gut Nicht eben ganz mißfallen, Was ich bei meiner Herden Hut Oft herzlich ließ erschallen, Fürwahr, den besten Hirtenhund Wollt' ich auch darum geben, Darzu der längsten Pfeifen rund Noch dreimal drei darneben! Der Hirt Halton. Ach, Damon, wenn aufs Weideland Die Schafe wir nun brachten, Fühl' ich so süßen Herzensbrand, Nach Gott steht all mein Trachten. 11* 163 164 Spee, Truhnachtigall. Er gießt mir heiße Gluten ein, Die Mark und Bein durchstrahlen: Ich kann sie dämpfen nicht, o Pein, Und leid' unsäglich Qualen. Der Hirt Damon. Ach, Halton, auch wenn unsre Herd' Den fühlen Brunnen kostet, Mich gleicher Brand durch ihn verzehrt, Auf gleichen Kohlen rostet. Er ist's auch, der in Mut und Blut Mir gleiche Glut läßt schleichen, Die in mir flammt mit gleicher Wut: O weh, kann ihr nicht weichen! Der Hirt Halton. Nun schau', die Sonn' zu Raste geht Und will ins Wasser tauchen, Schlot' und Kamine seh' ich spät Rings in den Dörfern rauchen. Da kocht man uns die Abendspeis'. Drum laßt uns heimwärts kehren; Der Brand in meinem Herzen heiß, Er wird sich nur noch mehren. Der Hirt Damon. Ja, Lieber, laßt uns heimziehu nun Und unsre Schäflein zählen, Ich kann's ja keinem kund doch thun, Wie Liebe mich thut quälen. O schöner Gott, wann ich dich seh', Erleid' ich solche Qualen; Nach dir ist meinem Herzen weh, Ob Sonn', ob Sterne strahlen. Spee, Trutnachtigall. 33. Christmeßgesang, darin ein Engel die Geburt Christi den Hirten verkündigt. Vom Kindlein, jüngst geboren, Bom menschgewordnen Gott, Im Kripplein halb erfroren, Ein Engel Kund' entbot. Der Bote kam geeilet Durch Luft und Wolken froh, Und freudig unverweilet Sang er den Hirten so: ,, Auf, auf, nun anzubeten Das gülden- schöne Kind, Auf, auf zur Hirtenmetten, Du frommes Feldgesind'! Ihr frommen Schäferscharen Zusamt der weißen Zucht, Euch soll nun widerfahren Das Heil, schon längst gesucht. ,, Auf, eilet zu der Krippen, Zum kleinen Schäferlein, Küßt ihm die Purpurlippen, Das Rosenmündelein, Küßt ihm die Rosenwangen, Die Winterblümelein, Die wie im Frühling prangen Troß bittern Frostes Pein. „ Das Kindlein, halb erfroren, Doch auch nicht minder glüht, Im kalten Frost geboren, Doch Glut die Brust durchzieht. 165 166 Spee, Truhnachtigall. Lind hebt's nur mit den Armen, Preßt's an euch mit Verstand: Es wird euch bald erwarmen Mit süßem Herzensbrand. ,, Es liebet Schaf und Hirten Das Hirtenkindelein, Es leitet ja von Hirten Den Stamm und Samen sein. Ein Lämmlein ohne Flecken Führt es in seinem Schild, Samt einem Hirtenstecken, Gar zierlich abgebild't. „ Ach, tragt es nur zur Herden, Zu süßen Lämmerlein, In Wahrheit wird's auf Erden Doch nirgends lieber sein. Man wird es noch erfahren, Daß es in Zukunft wird, Kommt es zu seinen Jahren, Der allerbeste Hirt. ,, Dem Hirten Heil, dem fromment, Dem künft'gen Hirten schön! Wär' ihm die Zeit gekommen, Das Amt uns zu versehn! Alsdann wird er erwecken Und treiben in das Feld Mit bestem Hirtenstecken Die Völker aller Welt. ,, Er bringt auf besten Weiden Sie in die Pferche gut Und wird es niemals leiden, Daß man ihnen Schaden thut. Spee, Truznachtigall. Auch wird seinen Stecken, Den Sonnenstrahlen gleich, Bald überall erstrecken, Auch in das fernste Neich. ,, Wollt' dann man seine Scharen In Ziffern schließen ein, Nicht wenig müßt' erfahren Man in der Kreide sein; Man müßt' die Sterne zählen, Das goldbewehrte Heer, Beim Zählen auch befehlen Dem Sand am wilden Meer. „ Ist dann mit schönem Frieden Die ganze Welt gekrönt, Dann sehn wir, wie verschieden, Die Tiere all versöhnt: Mit wilden Leun und Bären Dann werden im Verein Aus einer Krippe zehren Die zarten Lämmerlein. „ Auf einem Grund und Rasen Im schönsten Sommerblühn Die Wölfe werden grasen Mit Schafen und mit Kühn; Dieselben Brüste leeren Die Tiere all geſellt; Dieselben Wiesen nähren Die Tier' aus aller Welt. ,, An Tannen dann und Linden, An Buch- und Eichenlaub Wird man wohl können finden Manch köstlich süße Traub'; 167 168 Spee, Truhnachtigall. Dann läßt von Eichenbäumen Sich pressen Honig hell, Von Felsen, kaum zu träumen, Ninnt goldnes Öl als Quell. „ In neues Wesen wenden Sich Erd' und Himmel neu Und ihren Schatz verschwenden In Milde sonder Scheu. Ohn' Untergang wird schweben Die Sonn' in klarem Brand, Der Winter sich begeben Noch Wüsten unbekannt. „ Der Frühling wird sich schmücken, Es werden mit Gewalt Heraus zur Erde blicken Die Blümlein tausendfalt. Auch werden wie im Tanze Spazieren immerdar In ew'gen Sommers Glanze Die schwanken Wässer klar. „ Ja, voll von Honigwaben, Gefüllt mit Milch zum Rand Die Bächlein werden traben Durchs neue gelobte Land. Und aus den Wolken fließen Wird süßer Göttertrank: Manch Schäflein wird's genießen Und sagt dem Schöpfer Dank. ,, Auf, auf denn, anzubeten Das gülden- schöne Kind, Auf, auf zur Hirtenmetten, Du frommes Feldgesind'! Spee, Trußnachtigall. Shr frommen Schäferscharen Zusamt der weißen Zucht, Euch soll nun widerfahren Das Heil, schon längst gesucht." 34. Christnächtliche Efloga oder Hirtengesang, barin zween Hirten, Damon und Halton, das Christkindlein besucht haben und, mit Liebe zu ihm befangen, ihren Herzensbrand entdecken. Der Hirt Damon hebet an. Ach, Halton, liebster Halton mein, Der Schatz, den wir gefunden! Der Schatz im hohlen Krippelein, In Windeln eingewunden! O Gott, welch schönes Kindelein, Wie güldengelb an Haaren, Wie perlenweiß an Äugelein! Kein Mund kann's offenbaren. Der Hirt Halton. Ach, Damon, liebster Damon mein, Als wir den Schatz gefunden, Den Schatz im hohlen Krippelein, In Windeln eingewunden, Das Kind mit Armen ich umwand, Wollt' ihm die Wänglein küssen: Die Wiege netzt' ich da zuhand¹) Mit zarten Augenflüssen. Der Hirt Damon. Auch mir, als ich wollt' pressen ihm Auf seine Pupurwangen Ein dreifach Küßlein, ungeſtüm Die Thränen niedersprangen. 1) Sogleich. 169 170 Spee, Trutnachtigall. Doch ließ ich mich nicht schrecken ab Von diesen Augenflüssen: Ihm desto mehr der Küsse gab Und thät ihn mehr nur küssen. Der Hirt Halton. Auch ich mich nicht vertreiben ließ Von seinen Wänglein beiden Und meine Lippen dorten hieß Sich satt in Rosen weiden. So frisch die jungen Lämmerlein Noch nie zum Euter sprangen, Wie sich beeilt die Lippen mein Zur Weid' auf seinen Wangen. Der Hirt Damon. Ach, Halton, als ich immerdar Das Kind wollt' liebreich pressen Und ihm der zarten Wangen Paar Mit Küssen wollte messen, Es gleich mit süßem Honigmund O weh, welch lieber Poffen! Mit süßem Pfeile mich schlug wund, Hat mich mit Glut durchschossen. Der Hirt Halton. Ach, Damon, als ich ebenfalls Das Kindlein wollte faffen, Um mich an Augen, Stirn' und Hals Mit Küssen satt zu prassen, That es mit gleichem Herzensbrand Mir Mark und Bein durchdringen, Davor mir nun kein Ort und Land Kann Hilf' und Rettung bringen. Spee, Trutnachtigall. Der Hirt Damon. Shr Hirten alle auf dem Feld, Sollt' einer Glut begehren, Es werde mir gleich angemeld't, Will ihm genug bescheren. Im Busen Glut genug ich trag', Als wären's rote Kohlen; Wer ihrer braucht, mir's kecklich sag', Er kann genug sich holen. Der Hirt Halton. Ihr Hirten, sollt' auch jemand sein, Der reinen Born wollt' suchen, So weiset ihn zur Hütte mein Dort bei den grünen Buchen. Er soll, wenn er dann kommen will, Born über Born genießen, Die alle Stunden sacht und still Mir von den Augen fließen. Der Hirt Damon. Die Gluten süß im Herzen mein, Die Mark und Pein durchstrahlen, Gott gebe, daß sie ewig sei'n Mit ihren süßen Qualen. Gar wohl ist mir bei solcher Pein, Beim süßen Brand der Wunden, Die mir gemacht das Kindlein klein, Im Kripplein eingebunden. Der Hirt Halton. Die Quellen meiner Augen beid', Die salz'gen Wasserstrahlen, Mich kränken auch mit süßzem Leid, Mit sanften, süßen Qualen, 171 172 Spee, Trutnachtigall. Wollt' Gott, fie blieben allzumal In stetem Lauf und Rinnen: Ganz wohl ist mir bei solcher Qual, Bei feuchtem Hirn und Sinnen. Der Hirt Damon. O Gott, welch schönes Kindelein! Nie werd' ich sein vergessen, Nach ihm stets in Verlangen sein: Wer liebt, kann's nur ermessen. Nach ihm werd' ich nun seufzen stät, Wenn sich die Sonne hebet Und wenn sie spät zu Raste geht Und müd' im Westen schwebet. Der Hirt Halton. O Gott, welch schönes Kindelein! Nach ihm werd' ich verlangen, Wenn Mond und alle Sternelein Auf runden Wiesen prangen. Nach ihm werd' ich, von Liebe wund, Schon Herz und Arme strecken, Wenn früh die ros'ge Morgenstund'. Beginnt den Tag zu wecken. Der Hirt Damon. Von ihm bei meiner weißen Herd', Den Schafen und den Geißen, Ich nun gar oftmals spielen werd' Und Saiten viel zerreißen. Mit Saiten neu bezieh' ich dann Die Leyern, Harfen, Geigen, Um ihm zu Lieb' auf grünem Plan Der Stücklein viel zu zeigen. Spee, Trutnachtigall. Der Hirt Halton. Auch ich zu Lieb' dem Gotteskind Will oft auf runden Pfeifen Mit süßem Blasen manchen Wind Zu runden Liedlein schleifen. Der Pfeifen ich noch sieben hab' Von eitel Horn und Beinen: Ein Hirt sie mir zum Abschied gab; Sie weichen wahrlich keinen. Der Hirt Damon. Wenn dann der Felsen steilsten Ort Die Geißen kühn erklettern, Um Nahrung sich zu suchen dort An zarter Stauden Blättern, So spiele ich vom Jesukind Und locke sie herunter: Gefahrlos klimmet dann geschwind Herab die Herde munter. Der Hirt Halton. Wenn dann die Schäflein ebenfalls Sich tummeln auf dem Raſen Und jenseits eines hohen Thals In weiter Ferne grafen, Von Jesu spielen will auch ich, Von ihm mein Lied soll klingen: Gleich werden sie dann sammeln sich Und mir zu Händen springen. Der Hirt Damon. Wenn dann zur heißen Sommerzeit Voll übermüt'ger Possen Die Böck' in stolzem Stirnenstreit Die Köpf' zusammenſtoßen, 173 174 Spee, Trußnachtigall. Dann stimm' ich auch ein Lied ihm an, Zum Frieden sie zu leiten: Ich weiß, sie werden einig dann Und hören auf zu streiten. Der Hirt Halton. Wenn auch der wilde Bösewicht ¹) Sollt' zu der Weide schleichen, Daß von der Herde er vernicht', So viel er kann erreichen, Von Jesu will ich spielen schnell, Der Schalk wird's laffen bleiben; Ob ihm kein Hund entgegen bell', Will ich ihn doch vertreiben. Der Hirt Damon. Und wenn die Wolken auch einmal Von Hitze schwanger brüllen Und roter Blitz und Donnerstrahl Die Welt in Bangen hüllen, Will ich von Jesu spielen gleich, Die Schäflein ihm befehlen, So werd' ich nach dem Wetterstreich Genau so viel noch zählen. Der Hirt Halton. Sind nicht gesund die Schäflein auch, Daß sie sich niederlegen Und auf dem Feld mit hohlem Bauch Nicht Weid' und Brunnen pflegen, Von Jesu sing' ich dann ein Lied: Gleich wird das Völklein grasen, Und wieder zu der Weide zieht Auf blumenreichem Nasen. 1) Vergl. oben Seite 151. Spee, Trutnachtigall. Der Hirt Damon. Von Jesu will ich überall Im Wald und Felde singen, Von ihm soll Schall und Widerhall Durch alle Lüfte dringen. Doch, Halton, schau, wie meine Reim' Zusamt dem Tag ermatten: Laß uns die Herde führen heim, Shr Ruhe zu gestatten. Der Hirt Halton. Ja, Damon; schau, auch meine Neim' Mir wollen jetzt versagen, Darum, wenn du willst treiben heim, Soll's mir nicht mißbehagen. Nun sollt ihr, meine lauten Hund', Die Schar zusammenbellen Und allgemach bei guter Stund' Geleiten nach den Ställen. 35. Ein kurzer poetischer Christgesang vom Ochs und Eselein bei der Krippe. Der Wind auf leeren Straßen Streckt aus die Flügel sein Und streicht mit scharfem Blasen In Bethlems Kripp' hinein; Er brauset hin und wider, Der schnelle Winterbot', Durchbrauset alle Glieder Dem menschgewordnen Gott. 175 176 Spee, Trutnachtigall. Ach, ach, laß ab vom Brausen, Laß ab, du schnöder Wind, Laß ab vom kalten Sauſen Und schon' das schöne Kind! Zerschlage deine Schwingen Doch auf dem wilden Meer: Da magst du satt dich ringen, Kehr' nur nicht wieder her. Mit dir muß ich nun kosen, Mit dir, o Joseph rein! Das Futter misch' mit Rosen Dem Ochs und Eselein. Gieb deinen frommen Tieren Ein lieblich Mischgemüs', Das ohne Zeitverlieren Macht ihren Atem süß. Drauf blaset her, ihr beiden, Mit süßem Rosenwind, Ochs, Esel, flug- bescheiden, Und wärmt das nackte Kind. Ach, blaset her und hauchet: Aha, Aha, Aha! Den Atem fleißig brauchet: Aha, Aha, Aha! 36. Efloga oder Hirtengesang, darin zween Hirten, Damon und Halton, ihre Gaben erzählen, so dem Christkindlein schenken wollen. Als nach vollbrachten Reisen, Geleitet von dem Stern, Die Kön'ge drei, die Weisen, Aus Morgenland so fern, Ee Spee, Trußnachtigall. Dem Kindlein neugeboren Zum Opfer brachten dar, Was dreifach auserforen Und auserlesen war: Gleich auch gezogen kamen Zween fromme Hirten wert, Der Halton und der Damon, Mit wohlbewollter Herd', Gedachten auch zu bringen Dem schönen Kindelein Gar viel von schönen Dingen, Die sie gesammelt ein. Und aller Gaben Namen, Der Bauernhirten Schatz, Sie fanden all' zusammen In süßen Neimen Platz. Neu will ich sie nun singen, Frisch, freudig von Gemüt, Und oft sie lassen klingen, Wenn ich die Schäflein hüt'. Der Hirt Damon hebet an. Wohlan, ich will ihm schenken Ein silberweißes Lamm, Ein schönres, kann's bedenken Ich recht, ich nie bekam: Es ziert an linker Seite Blutrot ein schöner Fleck, Weiß nicht, was es bedeute Und was dahinter steck'. 12 177 178 Spee, Trutnachtigall. Der Hirt Halton. Auch ich will ihm dann schenken Ein saugend Kälbelein, Zum Binden ihm verschränken Die beiden Füße sein: Und also will ich's tragen Bequem auf meinem Hals: Ich weiß, ihm wird's behagen, Will wetten, ihm gefall's. Der Hirt Damon. Und ich will ihm noch schenken Ein Kitzlein samt der Geiß: Die muß es weiter tränken Aus ihren Brüsten weiß. Die Brüst' es selber findet Und sauget sie schon aus, Ja, bald sich's überwindet Und eilt zur Weid' hinaus. Der Hirt Halton. Und ich will ihm noch schenken Ein rotes Hirschenkalb; An Schenkeln und Gelenken Scheint's ausgewachsen halb. Da mir's auf grünen Straßen Im Wald entgegenkam, Ließ sich's mit Stricken fassen, Ging mit und wurde zahm. Der Hirt Damon. Und ich will ihm noch schenken Ein hasengleich Kanin, Es ist von tausend Ränken Und frischem, leichtem Sinn. Spee, Trutnachtigall. Es läuft und spielt und springet Und trommelt luftiglich Und seine Schläge zwinget Zum Boden meiſterlich. Der Hirt Halton. Und ich will ihm noch schenken Ein schönes Eichhörnlein; Ist auch in manchen Schwänken Ein hurtig Meisterlein. Oft muß ich seiner lachen, Wenn es die Nüßlein packt Und schnell sie läßt erkrachen: Trick, track, wohl just im Takt. Der Hirt Damon. Und ich will ihm noch schenken Ein zahmes Häfelein; Man fängt es, kaum zu denken, Leicht mit den Händen ein. Beim Kripplein hin und wider Läuft's spielend immerfort Und springet auf und nieder, Nach dem und jenem Ort. Der Hirt Halton. Und ich will ihm noch schenken Ein wachsam Hündelein, Das zanken lernt und zänken, Die Schaf auch treiben ein; Wenn's kommt zu seinen Tagen, Ist's sicher drauf gefaßt, Den Schafen fortzujagen Den unbenannten Gast. ¹) 1) D. h. den Wolf; vergl. oben S. 151 12* 179 180 Spee, Trutnachtigall. Der Hirt Damon. Und ich will ihm noch schenken Ein mausend Kätzelein: Dem darf kein Härlein fränken, Halton, dein Hündelein. Nie hat sich's lassen beißen, Sich allen widersetzt: Sich bürsten thut's und spreißen, Bleibt immer unverletzt. Der Hirt Halton. Und ich will ihm noch schenken Ein gleiches Stücklein fein; Sprich, kannst du's wohl erdenken, Was solches wohl mag sein? Zu deinem Kätzlein eben Will ich auch ihm zugleich Eine pelzne Mausfall'¹) geben, Dann wird's noch' mal so reich. Der Hirt Damon. Und ich will ihm noch schenken Ein muntres Täubelein, Das läuft auf Tisch und Bänken Mit seinem Schwesterlein. Aus Flaum und Feder seiden, Von Farben, nie erblickt, Ein Ringlein ihnen beiden Schön Hals und Brüstlein schmückt. Der Hirt Halton. Und ich will ihm noch schenken Zwo Turteltauben keusch, Die breiten, heben, senken Die Flügel ohn' Geräusch. 1) Eine Rage. Spee, Truznachtigall. Nur Seufzer, wie man spüret, Muß ihre Stimme sein; Wer weiß, welch Leid sie rühret Von Lieb' und Herzenspein? Der Hirt Damon. Und ich will ihm noch schenken Einen großen Hühnerhahn, Der Haupt und Hals kann schwenken Gleich einem edlen Schwan. Mit Füßen bunt und Sporen Tritt er gar stolz herein; Und ging' er schon verloren, Man kennt die Farben sein. Der Hirt Halton. Und ich dazu will schenken Ihm Fink und Nachtigall, Die Kopf und Ohren lenken Nach meinem Hirtenschall. Was ihnen vorgesungen Vier oder fünf mal nur, Gleich wird es nachgesprungen In gleicher Notenspur. Der Hirt Damon. Und ich will ihm noch schenken Drei Meisen, Lerch' und Specht; Hab' sie von einem Enfen, Von einem Ackerknecht, Der glücklich sie gefangen Nicht ohne List und Müh', Als neulich er gegangen Zum Holz in aller Früh'. 181 182 Spee, Truhnachtigall. Der Hirt Halton. Und ich will ihm noch schenken Ein weißes Körbelein, Am Balken aufzuhenken, Voll kleiner Vögelein. Ich selber hab's geschnitzet In siebenthalbem Tag, Ganz neu und blank es blitzet, Daß man's wohl loben mag. Der Hirt Damon. Und ich will ihm noch schenken Einen Hirtenstecken gut; That farbig ihn beſprenken, Brannt' ihn mit Speck und Glitt. Ich hab' es jüngst gelernet, Wie man es machen soll, Daß er wird ganz besternet Und bunter Flecken voll. Der Hirt Halton. Von mir wird ihm geschenket Auch noch ein Sonnkompaß, Des Zünglein immer schwenket Nach Nord ohn' Unterlaß. Er regt sich stets und neiget Sich stets zur graden Schnur, Bis lang der Faden zeiget Die rechte Stund' und Uhr. Der Hirt Damon. Und ich will ihm noch schenken Viel schöner Sachen mehr, Ja, schenken nur und schenken Nur mehr und immer mehr. Spee, Trutnachtigall. Auch Birnen, Äpfel, Nüsse, Milch, Honig schenk' ich ihm, Und was ich sonst noch wisse, Daß es der Tafel ziem'. Der Hirt Halton. Wohlan denn, laßt uns reisen Zum schönen Kindelein, Daß wir die Gaben weisen Dem kleinen Schäferlein. Die Mutter soll aufheben Ihm all's mit dem Bescheid, Daß sie es ihm muß geben Hernach zu seiner Zeit. 37. Der gute Hirte des Evangeliums, sucht das verlorene Schäflein. O Schäflein, ungeschoren, Du zartes Wollenkind, Wo gehst du doch verloren, Daß man dich gar nicht find't? In Wäldern und in Klüften Durch Wiese, Berg und Thal Und müd' an Bein und Hüften. Such' ich dich überall. Mit Seufzern ungezählet Ich Wolk' und Luft durchspalt', Das Leid, dem Leid vermählet, Sich mehret hundertfalt; 183 184 Spee, Trußnachtigall. Die Zähre hat zerriſſen Mir schier die Wangen beid', Weil ich doch nie kann wissen, Ob dich ein Irrweg leit'. Muß nicht in Zweifel bangen Der fromme Bater mein, Weil sich so spät läßt fangen Das liebe Schäflein sein? Dies Tierlein ich, dies einzig, Ihm wieder bringen soll, Wo doch noch neunundneunzig Sind auf der Weide wohl. Wohlan, wohlan, dort eben In jenem Birkenwald Scheint es sich zu erheben: Ei, liebes Schäflein, halt! Halt, ich muß es erreichen, Damit es nicht entspringt; Nun soll es nicht entweichen: Will wetten, es gelingt. O weh doch meiner Lenden! Ich werde schwach und krank! Mich streifen aller Enden Die Birkengerten schwank. Und ach, der Pein und Qualen! Das Tierlein ist entwischt: Mir bleibt doch allemalen Unglück und Glück gemischt! Doch dort in jener Hecken, Da, will bedünken mich, Da blieb es dennoch stecken, Da hör' ich's regen sich. Spee, Trußnachtigall. Ja wahrlich, da, da drinnen Könnt' es in Wahrheit sein: Da greif' ich es mit Sinnen Und schleiche sacht hinein. Ach, wehe meiner Leiden, Ach, aber ach, ach nein: So viel ich kann entscheiden, Ist's nicht das Tierlein mein. Hab' mich umsonst verletzet Nur an den Dornen spitz, Das Haupt, so arg zerfetzet, Ist mir voll Glut und Hitz'. Doch dorten, ja, wo droben Auf jener Schädelstatt Ein Kreuzbaum sich erhoben, Die Äst' gebreitet hat, Dahin, um dort zu rasten, Bedünkt mich, nimmt's den Gang: Auch ich will dorthin hasten, Daß ich es endlich fang'. Kann kaum die Beine heben, Kann mich noch halten kaum; Du mußt mir Stütze geben, Du starker Eichenbaum. Ach, Schäflein, auserforen, Ach, kämst du, kämst du noch! Bist doch mit mir verloren, Muß nun wohl sterben doch. Die Arme ausgebreitet Will hier dein warten ich; Das Leben ist verleidet Mir, säumst du länger dich. 185 186 Spee, Trutnachtigall. O Vater, dir zu Händen Nun meine Seele reist: Zu dir muß ich nun senden, Gen Himmel meinen Geist! 38. Trauergesang von der Not Chrifti am Ölberg in dem Garten. Bei stiller Nacht zur ersten Wacht Hört' ich ein Stimmlein klagen! Ich nahm sein Acht, was es doch sagt', Thät auf die Augen schlagen. Ein junges Blut, von Sitten gut, Allein und ohn' Gefährten, In großer Not und nahe tot Im Garten lag auf Erden. Der liebe Gottessohn es war, Sein Haupt ruht' in den Armen, Viel bleicher als der Mond; fürwahr, Den Stein müßt' es erbarmen! ,, Ach, Vater, liebster Vater mein, Muß ich den Kelch denn trinken? Und mag es dann nicht anders sein, Laß meine Seel' nicht sinken." ,, Ach, liebes Kind, trink' aus geschwind, Laß dir's in Treuen sagen, Sei flug gesinnt, bald überwind': Den Kauf mußt du nun wagen." Spee, Trutnachtigall. ,, Ach, Vater mein, und kann's nicht sein Und muß ich es denn wagen, So trink' ich rein den Kelch allein, Kann dir's ja nicht versagen. ,, Mein Leben rot, mein Herr und Gott, Mir bangt's, soll ich das lassen. Obittrer Tod, die Angst und Not Ist über alle Maßen. „ Maria zart, von Jungfraunart, Thät'st meinen Schmerz du wissen, Mein Leiden hart vor dieser Fahrt: Dein Herz wär' schon zerriſsen. ,, Ach, Mutter mein, bin ja kein Stein, Das Herz darf mir zerspringen; In großer Pein muß ich nun sein, Mit Tod und Marter ringen. „ Ade, ade zu guter Nacht, Maria, Mutter milde. Ist niemand denn, der mit mir wacht In dieser Wüsten Wilde? ,, Ein Kreuz mir vor den Augen schwebt, O weh der Pein und Schmerzen! Wenn man mich morgen drauf erhebt, Das greifet mir zum Herzen. ,, Viel Ruten, Geißeln, Skorpion' Mir in den Ohren sausen, Mir schwebet vor die Dornenfron' Wem sollte da nicht grausen? 187 188 Spee, Trutnachtigall. Zu Gott rief ich wohl tausendmal Aus tiefen Todesbanden, Und doch war mir in dieser Qual Nicht Hilf' und Trost vorhanden. Des Mondes Glanz verschwindet ganz: Er mag vor Leid nicht scheinen; Der Sterne Heer nicht glänzet mehr: Sie wollen mit mir weinen. Nicht Vogelsang noch Freudenklang Vernimmt man in den Lüften, Das wilde Tier härmt sich mit mic In Steinen und in Klüften." 39. Eine Elloga oder Hirtengesang vom Blutschweiß Christi in dem Garten, darin der Mond als ein Sternenhirt poetisch eingeführet wird, so Christum unter der Perfor eines Hirten, Daphnis genannt, ¹) beklaget. Eingang. „ Mond des Himmels, treib' zur Weide Deiner Schäflein güldne Schar, Auf gewölbter blauer Heide Weiden laß die Sternlein flar!" Also sprach ich jüngst mit Worten, Als zur Nacht ein schwacher Hirt Aller Wegen, aller Orten Sucht' ein Schäflein, das verirrt. Gleich ließ sich der Mond das sagen, Nahm ein lindgestimmtes Rohr, Blies es lieblich mit Behagen, Spielte seinen Sternen vor: 1) Unter dieser weitschweifigen überschrift fügt der Dichter nod hinzu: Zu merken ist, daß hinfürder unter dem Hirten Daphnis immer Christus verstanden werde." Spee, Trutnachtigall. Der Mond. Auf, ihr Schäflein, auf zur Heiden, Weidet reines Himmelsblau, Daß ihr, wenn wir wieder scheiden, Erde netzt mit Morgenthau. Ach, wer aber dort im Garten Liegt mit seinem Hirtenstab? Wer will seiner dorten warten? Schaut, ihr Sternlein, schaut hinab! Haltet, halt, wenn ich nicht fehle, Ist es Daphnis, wohl bekannt. Eia, Daphnis, mir erzähle, Warum wählst du diesen Stand? Weidet, meine Schäflein, weidet! Ich mit ihm noch reden muß. Weidet, meine Schäflein, weidet, Daphnis liegt in harter Buß'. Daphnis, mußt die Lippen rühren, Bleibe nur nicht still und stumm; Daphnis, will hinweg dich führen, Deine Bußzeit ist nun um! Weidet, meine Schäflein, weidet! Daphnis liegt in Ängsten groß, Daphnis Pein und Marter leidet, Wollt', er läg' im Mutterschoß. Liegt nun in der Felsen Armen, Liegt auf Steinen, hart und bloß. Ach, wie soll er da erwarmen? Daß er nur sein Haupt nicht stoß'. 189 190 Spee, Trutnachtigall. Weidet, meine Schäflein, weidet! O du schwer bedrängtes Herz! Was mag's sein, um das er leidet? Weinen möchten Stein und Erz. Kalter Wind, halt' ein die Flügel, Nühre nicht das arme Blut, Meide jenen Berg und Hügel: Daphnis liegt ohn' Schuh und Hut. Weidet, meine Schäflein, weidet! Daphnis leidet Angst und Not, Daphnis Doppelthränen weinet, Perlen weiß, Korallen rot: Perlen ihm vom Auge schießen, Schießen hin ins grüne Gras; Von dem Leib Korallen fließen, Machen rings den Boden naß. Weidet, meine Schäflein, weidet! Niemand hat's gezählet gar, Niemand, niemand uns bescheidet, Was die Zahl der Tropfen war. Nur der Boden, wohl genetzet Von dem rot und weißen Schweiß, Ihm zum Dank ein Denkmal setzet: Rosen rot und Lilien weiß. Weidet, meine Schäflein, weidet! Daphnis' Herz von Ängsten bricht, Duft und Farben er nicht scheidet, Achtet all der Blümlein nicht. Welche Marter dir begegnet? Hör' zu schwitzen einmal auf: Denn genug hat's nun geregnet, Daß die Welt im Leid ersauf'. Spee, Trutnachtigall. Weidet, meine Schäflein, weidet! Wer hat es ihm angethan? Niemand ist, der mich bescheidet, Zeige du mir's, Daphnis, an. Daphnis kann vor Leid nicht sprechen, Seufzet schwer und kämpft und ringt, Denn das Herz will ihm zerbrechen: Ach, daß niemand Hilfe bringt! Weidet, meine Schäflein, weidet! Sieh, ihm naht ein Himmelsknab': Luft und Wolken er durchschneidet, Eilt in schnellem Flug herab, Singt ihm Trost in süßen Neimen Mit gar süßem Stimmlein schwank, Läßt den Kelch auch nimmer säumen, Zeigt ihm einen Kräutertrank. Weidet, meine Schäflein, weidet! Alles, alles ist umſunſt: Daphnis allen Trost vermeidet, Achtet nichts die hohe Gunst. Frommer Knabe du von oben, Mehrst du ihm auch nur die Pein, Muß ich deine Treu' doch loben. Gott, laß dir's geklaget sein! Weidet, meine Schäflein, weidet! O der gute, fromme Hirt! Jetzund er den Becher meidet, Morgen er's bereuen wird. Jetzund will er sich befreien, Stößt den Labetrank von sich; Morgen wird der arme schreien: Ach, mich dürftet fürchterlich! 191 192 Spee, Trutnachtigall. Weidet, meine Schäflein, weidet! Daphnis bleibt der Schmerzen voll. Ich befehl' euch, euch entkleidet, Reißt euch aus die goldne Woll'; Kleidet schwarz euch, gleich den Kohlen, Hüllet euch in schwarz Gewand Von dem Scheitel bis zur Sohlen! Nicht gebührt euch goldner Tand. Weidet, meine Schäflein, weidet! Daphnis heget starkes Leid, Ist vom Vater hoch beeidet, Hoch mit wohlbedachtem Eid: Sollte ihm doch wiederbringen Das verlorne Schäflein sein; Ach, und sollt' ihm das mißlingen, Stürb' er ja vor lauter Pein! Weidet, meine Schäflein, weidet! Daphnis wird verfolget stark, Böse Schar ihn haßt und meidet, Trachtet ihm nach Blut und Mark. Ach, was nehm' ich dort für Stangen, Wehr und Waffen nehm' ich wahr: Ach, man kommt wohl ihn zu fangen: Daphnis, ach, ist in Gefahr! Beschluß. ,, Weidet, meine Schäflein, weidet!" Neu der bleiche Mond begann; Doch aus weidet" ward ein scheidet" Und er wandte ab sich dann. „ Scheidet, scheidet meine Scharen, Schau' nicht länger, was ich sah! Wolle Gott dich nun bewahren, Daphnis, wer kann bleiben da?" Spee, Trutnachtigall. Drauf Ade der Mond wollt' spielen, Da zersprang das matte Rohr, Augentropfen ihm entfielen, Wurde dunkel wie ein Mohr. Und weil eben dazumalen Er begann den vollsten Schein, So vertauscht' er seine Strahlen, Vollen Schein mit voller Pein. Auch die Sterne weinend kamen, Spülten fort den goldnen Schein: Schein und Thräne floß zusammen Recht ins blaue Feld hinein; Machten eine weiße Gaffe, Die noch heute wohl bekannt, Denn des Himmels milchne Straße Aus dem Thränenbach entstand. 40. Andere Ekloga oder Hirtengefang von der Gefängnis Christi, unter der Person des Hirten Daphnis. Eingang. Neulich ließ die Schäflein weiden Damon, der berühmte Hirt. Weil ich wollt' die Sonne meiden, Hab' ich mich im Wald verirrt. Weil ich ihn doch pfeifen hörte, Nach dem Klang den Weg ich nahm: Alle Furcht mir das zerstörte, Denn auf rechte Bahn ich kam. Damon lieblich hat geſpielet Und mir dazu winken thät. Süße Vers', ihr mir gefielet, Blieb um euch nur allzu spät. 193 13 194 Spee, Trußnachtigall. Und weil dorten nichts zu finden, Da man könnte schreiben drauf, Nahm ich eine grüne Ninden, Zeichnet' euch mit Dornen auf. Damon spielte nur Alarmen über seinen Mitgenoß, Den in Bande ohn' Erbarmen Legte der Verräter Troß. Daphnis hieß man ihn mit Namen, War mit reichem Sinn geziert, Kam von altem, edlem Samen, War der best' und schönste Hirt. Der Hirt Damon spielet: Höret, meine Schäflein, höret, Hub er an auf grüner Heid', Daphnis war von Lieb' bethöret, Liebe bracht' ihm dieses Leid. Mörder nahmen ihn gefangen, Als die Lieb' ihn führt' hinaus. Ach, vielleicht wird er gehangen! Warum blieb er nicht zu Haus? Hundert Schäflein, jung an Jahren, Weidet' er in stäter Hut, Hundert hatt' er zu bewahren, An Gestalt und Wolle gut. War nicht Hüter fremder Scharen, Denn er nannt' sie alle sein; Sie sein Eigen alle waren, Allesamt krystallenrein. O der schönen Silberscharen, O der schönen Wollenrott'! Daphnis, laß dein Trauern fahren, Daphnis, aller Hirten Gott! Spee, Trutnachtigall. Dir ist auch der Mond gewichen, Dir auch seine Sternenherd', Die sich nie mit dir verglichen, Nie mit deinen Schäflein wert. Eines nur war ihm entgangen, Eins verlor sich von dem Hauf': Gleich, mit Liebe stark befangen, Daphnis folgt' in schnellem Lauf. Tag und Nacht auf grüner Heiden Rief und lief er: Ach und ach! Neunundneunzig ließ er weiden, Nur dem einen strebt' er nach. ,, Armes Tierlein! O dir armen!" Daphnis rief auf grünem Feld, ,, Armes Tierlein! O dir armen!" Daphnis lief in alle Welt. Allen er sein Unglück klagte, Hoffte, daß es jemand fänd'; Jeden, den er traf, er fragte, Ob man es erspüren könnt'. Ganz allein und voll Gefährden Lief er hin in blinder Lieb', Dachte nicht der andern Herden, Bangt' um sie vor keinem Dieb. Ohne Sinn schier und Gedanken, Oft auch ohne Leben schier, Thät die Wildnis er durchschwanken, Klagt' nur um das eine Tier. Thränen sich hernieder wälzen Von den Wangen immerfort, Schier möcht' er vor Angst zerschmelzen, Wendet sich nach jedem Ort. 13* 195 196 Spee, Trutnachtigall. Seine Kraft will ihm entweichen, Er läßt fallen Hut und Stab Und, gelehnt an hohler Eichen, Sehnet er sich in das Grab. Blinde Liebe, darf ich sagen, Pfeile blind und Bogen blind! Ach, wie muß ich dich beklagen, Daphnis, du verblendet Kind! Ach, wie konntest du so lieben Dieses eine Tierlein arm? Sag' mir, wo die andern blieben? Ach und ach, daß Gott erbarm'! Laß doch laufen, laß es laufen, Daß dein Ding nicht ärger werd', Bleibe bei dem größten Haufen, Schone dein und deiner Herd'! Doch er ziehet feine Straßen, Merkt nicht, was man wendet ein, Will nicht von dem Tierlein lassen, Läuft bei Mond- und Sonnenschein. Endlich stürzt er in den Nöten, Fällt zur Erde, schwach und krank; Leid und Liebe will ihn töten, Schenken ihm zu herben Trank. O der überfalschen Thaten! Judas, er, der falsche Hirt, Gehet hin, ihn zu verraten, Daß er dort gefangen wird. Ach, des Himmels stille Flammen, Bleicher Mond und bleiche Stern', Alle Lichter, glüht zusammen, Sei es Fackel, sei's Latern', Spee, Truhnachtigall. Leuchtet her dem armen Kinde, Leuchtet ihm aus Nacht und Graus, Daß es Weg' und Straßen finde, Ob es käm' vielleicht heraus. Aber ach, es sind verraten Jeder Winkel, Gass' und Weg, Schon die Schergen und Soldaten Schließen jeden Paß und Weg. Seht, den Knaben sie nun binden, Wütend wie ein böser Hund, Seil' und Ketten um ihn winden, Machen ihn mit Stricken wund. Daphnis, freundlich in Gebärden, Seufzet mit gar sanftem Sinn, Doch sie reißen ihn zur Erden, Treten, fallen über ihn. O der harten, schweren Bürden! Daphnis doch nicht klagen thut. Seil' und Ketten schamrot würden, Schamrot ob dem fremden Blut. Band', ihr seid genug gerötet, Trinket euch nicht weiter voll! Fast die Rott' ihn hätt' getötet, Sinnenblind und frech und toll! Wie sie hüpfen, jauchzen, springen, Rufen, schreien überlaut! Freudig sie die Arme schwingen, Wollen fahren aus der Haut. Wie sie fechten, schlagen, balgen, Toben ohn' Verstand und Sinn; Prahlen frech mit Kreuz und Galgen, Führen ihn zur Schlachtbank hin. 197 198 Spee, Truhnachtigall. Wenn ich deiner muß gedenken, Daphnis, Daphnis, viel zu fromm, Thränen meine Wangen tränken, Nie aus meinem Leid ich komm'. Daphnis, Daphnis, ich muß trauern. Wohin führten sie dich doch? Will zerschlagen Schloß und Mauern, Könnte solches helfen noch. Preis der Hirten, auserforen, Daphnis, unser Mitgenoß, Dir, dem Knaben, kaum geboren, Ist fürwahr kein Lob zu groß. Daphnis, Zier und Schmuck der Felder, Daphnis, hochberühmter Knab', Dein war alles Wild der Wälder, Sandtest deinen Pfeil du ab. Deinen Pfeil von deiner Sennen Hattest du kaum abgesandt, Als schon mitten in dem Rennen Wund das Wild stürzt' in den Sand. Dir gehört' die schönste Herde, Schäflein wie die Schwanen weiß; Schütztest oft sie vor Gefährde, Alle gaben dir den Preis. Du den Bären, Löwen, Drachent Siegtest ob in dem Revier, Nisfest ihnen aus dem Rachen Wieder das geraubte Tier. Wind und Wetter, Feld und Wiesent Freundlich dienten deiner Herd', Mond und Sterne, hoch gepriesen, Schienen dir auch unbeschwert. Spee, Trugnachtigall. Doch, wozu mich lang verweilen, Wozu rühmen jenen Stand? Hat sich alles doch in Eilen, Ach, so ganz nun umgewandt! Dir nun alle Schäflein greinen, Daphnis, o du frommes Kind, Alle Flüsse dich beweinen, Dich beseufzet jeder Wind; Alle Bäum' auch dich besausen, Dich auch Schall und Widerhall, Dir auch Meer und Wellen brausen, Dir auch trauert Berg und Thal. Beschluß. Dieses Lied mir dazumalen Damon voller Trauer sang, Bis die schönen Sonnenstrahlen Sich geneigt zum Untergang. Damon, Krone du der Sänger, Mit so wundersüßem Reim! Gerne wollt' ich bleiben länger, Doch die Nacht sie treibt mich heim. 41. 199 Anderer Hirtengefang, darin der Bach Cedron poetisch eingeführt wird, der die Gefängnis Christi unter der Person des Hirten Daphnis beklaget. Da des Abends in dem Garten Daphnis überfallen war Und nun keinen Grimm mehr sparten Stark bewehrter Mörder Schar, 200 Spee, Truhnachtigall. Da hub lieblich an zu weinen Dieser weit berühmte Bach, Ließ die lieben Sterne scheinen, Klagte nur dem Daphnis nach. Cedron hieß der Bach mit Namen, Wohnt' an einem hohlen Stein; Oftmals Menschen zu ihm kamen, Damals war er ganz allein. Saß in seinen grünen Klüften, Strählte sich sein Binsenhaar, Spielte mit den sanften Lüften, Dacht' an keine Kriegsgefahr. Rohr und Gras und Wasserblätter Deckten seine Schulter bloß, Gern lehnt' er bei feuchtem Wetter Sich an seine Urne groß. Weil er müde sich gelaufen Dazumal in starkem Trab, Wollt' ein wenig er verschnaufen, Goß den Eimer langsam ab. Nahm ein Röhrlein, wohlgeschnitten, Spielte seinen Wässerlein: Wollte sie zum Schlafe bitten Und sie lieblich säuseln ein: ,, Eia, meine Wässer schlafet, Schlafet meine Wässerlein, Nicht mit Augen immer gaffet, Eia, schlafet, schlafet ein!" Kaum erst waren eingeschlafen Seine matten Wässerlein, Da erklangen Wehr und Waffen, Flamm' und Fackel gaben Schein. Spee, Truhnachtigall. Nur von tollen, vollen Knechten Voll war alles überall, Nur von Jauchzen, Springen, Fechten Dröhnten Ufer, Berg und Thal. Cedron von dem Lärm erschreckte, Ungewohnt der Waffen gar; Schnell er seine Wässer weckte, Wollt' entgehen der Gefahr. Wie vom Bogen Pfeile zielen, Lief er hin auf nasser Meil', Rohr und Urne ihm entfielen, Fiel auch selbst in blinder Eil'. Aber bald hat er verspüret, Wider ihn sei's nicht gemeint: Daphnis ward hinweggeführet, Daphnis von bekanntem Feind. Darum ließ er ab zu laufen, Faßte eine Weidenrut', Trieb die Wässer sein zu Haufen, Klagend um das junge Blut. Traurig hub er an zu klagen, Blies auf einem hohlen Nied, Herz und Mut war ihm zerschlagen, Sang mit Schmerzen dieses Lied: „ Ach und ach, nun muß ich klagen, Daphnis, o du schönes Blut! Ach, das Herz ist mir zerschlagen Und gebrochen mir der Mut. ,, Daphnis, o du schöner Knabe, Daphnis, lange mir bekannt, Oft ich dir geschnitten habe Nied' und Nöhrlein allerhand. 201 202 Spee, Trutnachtigall. Viel in Stücken sind gegangen, Wenn du spieltest deiner Herd', Viel beim Blasen dir zersprangen, Waren mehr denn Goldes wert. „ Oft bei mir die Weide nahmen Deine Schäflein silberweiß, Oft zu mir zur Tränke kamen In den Sommertagen heiß. Wenn du spieltest deinen Schafen Und die Röhrlein bliesest an, Mußten meine Wässer schlafen, Wankten von gewohnter Bahn. „ Auch die Winde sich dann legten, Banden ihre Flügel ab, Kaum den Atem leise regten, Wie ich oft gespüret hab'. Auch mit Lust die Schafe aßen, Süßer wurden Laub und Gras, Ja, des Weidens oft vergaßen: Deiner Stimme Klang schuf das. „ Näher thät manch Vöglein fliegent, Kam auch manche Nachtigall; Deinem Spiel, ich will nicht lügen, Lauschten sie in großer Zahl. Saßen da vor deiner Geigen, Gegenüber deinem Nohr, Freundlich ihnen zuzuneigen Links und rechts ihr kundig Ohr. „ Schöne Sonne, deinen Wagen Lenktest du in lindem Lauf, Wenn an reinen Sommertagen Dir nur Daphnis spielte auf. Spee, Trutnachtigall. Schöner Mond, haft deine Sterne Morgens später heimgebracht, Wenn dir Daphnis in der Ferne Spielte lieblich in der Nacht. ,, Schöne Sonn', kannst schrein und zetern, Daphnis spielet dir nicht mehr, Daphnis wurde von Verrätern Dir entrückt ohn' Wiederkehr. Schöner Mond, du kannst nun klagen, Daphnis liegt in Band und Haft. O der schweren Eisenkragen! Oder kalten Kettenkraft! „ Mond und Daphnis, ja, ihr beiden Bliebet oftmals ohne Schlaf, Kamet in Gesellschaft weiden, Du die Sterne, er die Schaf'. Nicht hinfort mehr wacht ihr beiden, Schlaf', o matter Mond, entschlaf'; Nicht zusammen sieht man weiden Dich die Sterne, ihn die Schaf'. „ Schäflein, sagt, wer euch nun hüte, Wer euch nun zur Weide treibt? Denn ein Hirt von solcher Güte Ewiglich zu suchen bleibt. O des jungen, schönen Knaben, pirte gut und Schüße gut! Wer soll seinen Stecken haben, Tasche, Horn und Winterhut? 203 ,, Wer soll haben seinen Bogen? Wer den Köcher, Pfeil und Bolz? Bolz, mit dem er, ungelogen, Nie verfehlt' ein Tier im Holz. 204 Spee, Trutnachtigall. Wer soll haben seine Geigen, Cither, Leier, Dulcian? Ach, vor Trauern muß ich schweigen, Ach, Ade, ich fließ' hindann." 42. Ein Gesang über das Ecce homo nach der Geißelung und Krönung Christi. Schau den Menschen, o du schnöde, Freche, stolze, böse Welt! Ach, nicht Jesum vollends töte, Schau, wie er schon jetzt entſtellt! Schau, die Wunden sich erschließen, Daß hervor das Blut ihm bricht, Schau, die roten Bächlein fließen, Färben Leib und Angesicht. Schau den Menschen, so zergerbet, Geißeln riß die Haut ihm auf, Viel zu stark ist er gefärbet: Purpur war zu gut im Kauf. O der allzuscharfen Ruten! O der Wunden überall! Ach, nun hört doch auf zu bluten, Heiße Brünnlein ohne Zahl! Schau den Menschen, dem sein Lieben Mächtig in dem Herzen brannt', Das vom Himmel ihn vertrieben, Nackt zur Erde ihn entſandt. Zu den Menschen unverdroffen Sprang er aus dem güldnen Saal; Nun die Menschen ihn verstoßen, Hassen, meiden überall. Spee, Trutnachtigall. Schau den Menschen, der die Menschen Liebt und suchte stets zu sehr; Schau den Menschen, den die Menschen Fliehen ohne Wiederkehr. Immer flammt er voll Verlangen, Stets in Liebe er erglüht. Ach, ich gebe mich gefangen, Fast die Sprache mir entflieht. Schau den Menschen, der vom Vater Ward geboren ewiglich. Bangend widerstreb' ich matter, Wenn ich recht bedenke mich. Gott, vom wahren Gott geboren, Licht, entstammt vom wahren Licht, Steht verspottet gleich den Thoren, Büßt und fehlte selber nicht. Schau den Menschen, der errichten Konnt' aus nichts das Weltgebäu, Wunderthaten und-Geschichten Schuf sein Wort, für alle neu. Nu mit einem Wort alleine Schuf er alle Wunder groß, Tier' und Menschen, groß' und kleine, Samt Geschöpfen lebenlos. 205 Schau den Menschen: Mond und Sterne Zündet' aus dem Nichts er an, Leitet' ihre Bahnen ferne, Schuf der Sonne Cirkelbahn. Tag und Nacht ohn' Säumen machten Wechseln bunt den Erdenkreis Und von Ost und Westen brachten Braune Schatten, Strahlen weiß. 206 Spee, Trutnachtigall. Schau den Menschen: zu den Wolken Hebt er hoch empor das Meer, Er auch alle Wind' und Wolken Tummelt in den Lüften leer. Er mit seinen Strahlen schrecket Feuchtes Land und trocknes Land, Schau, und nun in Ängsten stecket, Leidet Spott und Narrentand! Schau den Menschen, den die Engel Tief gebeuget beten an, Schau, nun an dem Galgenschwengel Steht er in der Schergen Bann! Schimpflich hat man ihn gekrönet, Das bezeugt der Dornenhut, Schimpflich hat man ihn verhöhnet, Das bezeugen Streich' und Blut. Schau den Menschen, schau den wahren Spiegel der Dreifaltigkeit, Aller Glanz ist ihm entfahren, Aller Schein und Herrlichkeit! O die sonst so reine Fackel, Oder reine Augenbrand Ist geworden voller Makel, Voller Speichel, voller Schand'! Schau den Menschen, schau den Bronnen, Der von Wonne war erfüllt; Schau, die Wässer sind entronnen, Alles voller Speichel quillt! O die einst so schönen Wangen, O die Lippen, einst so rein, Alle Schönheit ist vergangen, Aller Glanz und Augenschein! Spee, Trutnachtigall. Schau den Menschen, der unschuldig Wird verdammt zum Galgentod, O wie friedsam und geduldig Leidet er die Wunden rot! Schau den Menschen, der von Heiden Und von Juden wird veracht't, O wie spöttisch er von beiden Wird gescholten und verlacht. Schau den Menschen, der zu richten Kommt gewiß an jenem Tag: Er wird alle Schuld und Pflichten Hören dann und alle Klag'; Er die Toten wird erwecken, Ihnen Leben blasen ein, Wird mit ihrem Fleisch bedecken Allen Menschen das Gebein. Er alsdann in Glut und Flammen Wird ersäufen alles Land, Er die Sünder wird verdammen Ewig zu der Hölle Brand. Welch ein Heulen, welch ein Klagen Wird er haben dann bereit, Wenn nach diesen schnöden Tagen Brennt die Glut in Ewigkeit. O wir armen Menschenkinder, Wie bestehen wir alsdann, Da auch wir als schnöde Sünder Ihm der Geißlung Schmach gethan? Wir auch haben ihn gekrönet, Preßten ihm die Dornen ein, Wir auch haben ihn verhöhnet, Ihm gesponnen alle Pein. 207 208 Spee, Trutnachtigall. Jesu, wir zu deinen Füßen Werfen Arm und Anker ein: Wenn wir deine Wunden grüßen, Hoffen sicher wir zu sein. Ach, den Frieden uns doch schenke, O du rot bewehrter Held! Ach, in deinem Blut versenke Sünd' und Laster aller Welt! Jesu, du für uns geboren, Du für uns gegeben dar, Laß an uns nicht sein verloren Deine Marter ganz und gar; Laß doch unsre Zähren rollen, Laß uns doch mit deinem Blut Löschen deines Vaters Grollen, Seinen Zorn und Herzensglut! 43. Ein trauriges Gespräch, so Christus an dem Kreuze führt. Eingang. Als mit Schmerz und Qual umgeben, Schier gehüllt in Todespein, An dem Balken mußte schweben Jesus, der Geliebte mein, Er noch beide Lippen rührte, Beide Lippen bleich und fahl, Er noch manche Klage führte, Weint und seufzte tausendmal. Ach, ihr seine Lippen beide, Beide Pupurschwesterlein, Kurze Zeit noch vor dem. Leide War't ihr wie Korallenstein; Spee, Truznachtigall. Nun euch falber Tod bestreichet, Nun euch färbt mit bleicher Not, Daß ihr nicht dem Purpur gleichet Und nicht mehr Korallen rot. Wollt zum Reden euch bewegen: Selig, wer noch hörte das! Will nun beide Ohren regen, Ob ich noch versteh' etwas. Her zu diesem Stamm euch kehret, Komm', o komm', du Menschenkind: Alle, alle Jefum höret, Er zu klagen nun beginnt. Jesus spricht zu den Nägeln: „ Ach, ihr Nägel, stumpfe Kegel, Solltet ihr mich heften an, Shr mich plagen, mich durchschlagen? Ach, was hab' ich euch gethan? Aus dem Nichts ich alle Waffen, Eisen, Kupfer, Erz und Stahl, Euch und andres hab' erschaffen, Alles Bergwerk und Metall. „ Ach, wie kann von euch vergessen Alle meine Wohlthat sein? Ach, wie war't ihr so vermessen, Mir zu schaffen solche Pein? Konntet ihr mich so verwunden, Der euch nie ein Leids gethan? Ach, wie gar so lange Stunden Zwingt ihr mich in euren Bann! ,, Ohne Maßen ihr mich quälet, Sauget alles Blut mir aus, Alle meine Kraft mir stehlet, Denke dessen voller Graus. 14 209 210 Spee, Trußnachtigall. Ach, ihr Nägel ohn' Erbarmen! Ach, der starken Marter mein! Meine Glieder zart mir Armen Füllet ihr mit höchster Pein." Antwort der Nägel: „ Ach, uns Armen, uns Elenden, Ach, was haben wir gethan! Unser Wort wir dir verpfänden, Daß wir nimmer schuld daran. Da wir durch die Hände drangen, Jesu, durch die Füße dein, Grausen hat uns da umfangen, Wollten uns nicht wühlen ein. Deinen Körper, halb erfroren, Die so zarten, Fuß und Hand, Wagten wir nicht zu durchbohren, Hatten uns schon abgewandt; Doch ein grober Eisenflegel, über alle Flegel hart, Trieb uns arme, stumpfe Nägel Stark in deine Glieder zart. „ Ach, was wurden wir gezwungen, Als wir wollten widerstehn! Sind in Stücken fast gesprungen, Bis wir endlich mußten gehn. Darum laß uns nicht entgelten, Denn wir haben's nicht gethan. Jesu, magst den Hammer schelten, Magst den Hammer flagen an." Spee, Trutnachtigall. Jesus spricht zum Hammer: „ O du grober Eisenhammer, Solltest du mich schlagen an, Du mir schaffen solchen Jammer? Sprich, was hab' ich dir gethan? Hab' ich doch dein Lob gemehret Und war dir so wohlgesinnt, Daß man wahrlich hochverehret Dich in meiner Bibel find't. Denn mit dir hab' ich verglichen Meine Red' und Gottes Wort, Herrlich dich herausgestrichen An gar wohl bekanntem Ort.¹) Wie kannst du mich hassen, Hammer, An das Kreuz mich schlagen an, Helfend noch zu meinem Jammer, Der ich dir doch nichts gethan?" Antwort des Hammers: ,, Ach, mir Armen und Elenden, Ach, wie schlecht hab' ich gethan! Kann mein Wort dir auch verpfänden, Ich bin nimmer schuld daran. Wiss', an Wesen und Beruf ich Bin ein bloßer Menschenknecht, Denn des Menschen Hand erschuf mich über alle Maßen schlecht. „ Bin von großem Holz und Eisen, Ohne Einsicht und Verstand, Lasse mich von jedem weisen, Der mich hebet in der Hand. 1) Jeremias 23, Vers 29. 14* 211 212 Spee, Trutnachtigall. Selber kann ich mich nicht regen Und zum Schlag mich heben auf: Mich ein andrer that bewegen, Nahm die Nägel, schlug darauf. ,, Er verstand mit Kraft zu schlagen, Der da führte jeden Streich: Mich erfüllte Mißbehagen Und vor Schrecken ward ich bleich. Gleich der heiße Purpur spritzte, Mich in Eile färbte rot; Von dem Saft, der mich erhitzte, Ward ich weich bei deiner Not. ,, Hab' mich weiter nicht gerühret, Darum fahre mich nicht an; Schilt nur den, der mich geführet, Schilt den bösen Zimmermann." Jesus spricht zum Zimmermann: „ O du böser, eisenharter, Ungeschlachter Zimmermann, Warum bringst du mich zur Marter? Hab' ich dir ein Leid gethan? „ Ich das Handwerk hab' erhoben, Vor den andern all bedacht, Als mit meinem Vater droben Wir die schöne Welt gemacht. Erd' und Himmel ward vor Zeiten Von uns selber aufgebaut: Selber wollten wir's bereiten, Haben's keinem anvertraut. „ Ich hienieden auch auf Erden Wählte einen Zimmermann, Daß mein Pfleger sollte werden Dieser brave, schlichte Mann. Spee, Trutnachtigall. Sprich, wer hat dich so verblendet, Also dir verrückt den Sinn, Daß auf Hand und Fuß gewendet Du mir deinen Hammer hin?" Antwort des Zimmermanns: ,, Armer Jesu, Sohn des wahren Erd- und Himmelszimmermanns, Deinen Tadel wolle sparen, Denn ich bin unschuldig ganz: Alles, was ich that, befahlen Mir die Herrn der Obrigkeit; Mir in Wahrheit deine Qualen Selber sind von Herzen leid. „ Tadl' es nicht, was that der schlichte, Ungeschickte Zimmermann, Der mit Rechte und Gerichte Unbekannte Unterthan! Sicher man zur Rede stellte Dich zuvor ob deiner That, Ehe man das Urteil fällte, Dich zum Kreuz verdammet hat. Weil das Urteil nun gesprochen, Klag' es meiner Obrigkeit; Sie hat dir den Stab gebrochen, Hole dir bei ihr Bescheid." Jesus spricht zur Obrigkeit: Freilich war'st du unbedachtsam, Unbesonnene Obrigkeit, Nur zu meinen Qualen wachtsam, Der ich dir doch that kein Leid. 213 214 Spee, Trutnachtigall. „ Immer hab' ich dich verehret, Dir mit nichten widerstrebt, Deine Satzung nicht verkehret, Friedlich und in Ruh' gelebt. Unter deinen Unterthanen Neist' ich fleißig auf und ab, Wollte treulich sie ermahnen, Ihnen rechte Lehre gab. „ Ich den Blinden, ich den Lahmen Wieder schenkte Licht und Gang, Alle Trost von mir bekamen: Schau, nun giebst du mir den Dank!" Antwort der Obrigkeit: „ Ei, nun klagst du, schöner Lehrer, Schöner Meister und Prophet, Klagest nun, du Landverkehrer, Da es nun zum Nagel geht! „ Wolle doch nicht uns verklagen, Uns den Handel messen zu, Denn zum Leiden, hört man sagen, Warest ja geboren du. Und wenn nun zu deinem Leide Deine Mutter dich gebar, So ergiebt sich, ohne Kreide, Diese Summe offenbar. ,, Mußt es drum der Mutter klagen, Klag' es deiner Mutter frei; Woll' es nur mit ihr vertragen, Daß sie dir nun springe bei." Spee, Truhnachtigall. Jesus spricht zur Mutter: ,, Mutter, Mutter, o von Herzen Vielgeliebte Mutter mein, Welche Bein und welche Schmerzen Mir beschleichen Mark und Pein! „ Ach, wie konntest du gebären Mich zu solcher Qual und Pein? War'st du denn, man möcht' es schwören, Lauter Stahl und Marmorstein? War dir etwa ausgeschnitten Sinn und Eingeweid' und Herz Nur aus starrer Felsen Mitten Oder aus Metall und Erz? „ Wie doch konntest du gebären Mich zu lauter Pein und Qual? Wie doch konntest, mich zu nähren, Du mir leihn der Brüste Strahl? Ach, was gabst du mich zum Leben, Hast mir Fleisch und Blut verliehn, Da nur Kreuz und Leiden eben Mir im Leben sollten blühn? „ Ach, was gabst du mich zur Erde, Zu der Erde Luft und Licht, Da nur Qual und nur Beschwerde Meiner harrt', und andres nicht?“ Antwort der Mutter: ,, O bedrängtes Herz der Herzen, O du zartes Mutterkind, Wahres Muster meiner merzen, Mir des Blut zum Herzen rinnt! 215 216 Spee, Truhnachtigall. „ Thust zu viel mir, willst du denken So von mir in deinem Schmerz; Willst du mich so weiter kränken, Bricht in Stücken mir das Herz. Denn zu süßem Licht und Leben Ich zur Erde dich gebar; Daß man dich zum Kreuz erheben Sollte, mir verborgen war. ,, Mir vom Himmel kam geflogen In geschmücktem Wolkenkleid, Gleich dem schönen Regenbogen, Gabriel mit dem Bescheid: Daß mein armer Leib empfangen Sollt' den wahren Gottessohn, Der in Wahrheit würd' erlangen Davids, seines Ahnen, Thron. „ Wie konnt' ich mich des erwehren, Wie der Botschaft widerstehn, Nicht so werten Sohn gebären, Dem zur Mutter ich ersehn? Wenn nun der vielleicht gefehlet, Der die Botschaft mir gebracht, Sei es mir nicht zugezählet; Ich bin frei von dem Verdacht." Jesus spricht zum Engel Gabriel: ,, Du, der sonst so wohl gezogen, Gabriel, du schöner Knab', Der mit Kunde kam geflogen, Die mir alle Leiden gab, Durftest du mich denn verkünden Zu Geburt und Mutterschoß, Weil ich kommen ohne Sünden Sollt' in diese Marter groß? Spee, Trutnachtigall. ,, Ach, wie durftest du bereiten Mir so schwere Lebensbahn, Die zur Pein mich sollte leiten Und zur Marterhöh' hinan? Ach, verstummte nicht die Stimme, Als sie dies zu künden kam, Da ich von der Feinde Grimme Nun ersterb' am Kreuzesstamm? ,, Ach, wer wollte das erwarten, Daß du, schöner Gabriel, Zu den Qualen, die mein harrten, Würdest eilen also schnell? O der schönen Himmelsknaben, Oder treuen Diener mein, Die sich so geeilet haben, Mir zu bringen schwere Pein!" Antwort des Engels: O du König, hoch betrübet, Voller Schmerzen überall, Jesu, nichts hab' ich verübet, Nichts that ich zu deiner Qual. Ja, zu diesem Licht und Leben Hab' ich dich verkündet zwar, Doch wie konnt' ich widerstreben, Da es mir befohlen war? ,, Hoch vom Himmel her thät senden Mich der ew'ge Vater dein: Gleich umgürtet' ich die Lenden, Flog in leere Luft hinein; Kam zu deiner Mutter eben, Meldet' ihr in Stille dort, Was mir in den Mund gegeben, Jesu, deines Vaters Wort. 217 218 Spee, Trutnachtigall. „ Wahrlich, auf gerechter Wage Muß ich völlig schuldlos sein: Du den Vater selber frage, Frage nur den Vater dein. Er zu meinen Ambassaden Selbst ersann ein jedes Wort, Schickte mich den schnurgeraden, Nächsten Weg vom Himmel fort." Jesus spricht zum Vater: ,, Heli Lama Sabactani, ¹) Vater, liebster Vater mein, Heli Lama Sabactani, Schau die Marter, Not und Pein! Sieh, die Scharen mich umgeben, Saugen mir an Hand und Fuß, Schau, wie Körnlein von den Reben Mir das Blut entströmen muß. „ Schau, die wilden Bären prassen, Zechen mir an Seel' und Blut! Ach, was hast du mich verlassen, Mich beraubet deiner Hut? Vater, ach, was soll es frommen, Daß du in so schweres Kreuz Ließest deinen Erben kommen? Vater, Vater, was bedeut's? „ Sollte jemals wohl gewesen Ein so strenger Vater sein, Der mit also scharfem Besen Schüchterte die Kinder ein? O welch schöne Vaterliebe, 1) Mein Gott, warum hast du mich verlassen! Spee, Trutnachtigall. O welch schönes Vaterstück, Dächt' man's, daß das Kind sie triebe In das Elend aus dem Glück? ,, Heli Lama Sabactani! Sollte dieses rühmlich sein? Heli Lama Sabactani! Wahrlich, wahrlich, Vater, mein!" Antwort des himmlischen Vaters: „ O geliebter Sohn von Ehren, Jesu, vielgeliebtes Kind, Nun begieb dich deiner Zähren, Spare deiner Seufzer Wind! ,, Laß dich nicht zu sehr verstören; Deine Liebe und dein Schmerz Wolle mich geduldig hören Sind umsonst, du armes Herz. Was du sagest, was du klagest Nun aus hochbedrängtem Geist, Häßlich tönet, nichts verschönet, Wie du denn doch selber weißt. ,, Du, von Liebe groß umgeben Gegen alles Menschenkind, Wolltest selber niederschweben, Wolltest auf die Welt geschwind. Du, von süßer Flamm' entzündet, Selber wolltest auf die Welt; Meine Tempel, wohlgegründet, Hast du selbst hintangestellt. ,, Selber hast du mich getrieben, Daß ich dich ließ ziehn hindann Und es einmal ohn' Verschieben Ließ auf Erden künden an. 219 220 Spee, Trutnachtigall. Sieh, mit solchem Will'n und Wissen, Mit gar wohlbedachtem Sinn Hat dich Liebe fortgeriffen, Daß du zogst zur Erde hin. ,, Habe dir zu öftern Malen Alles dieses untersagt; Aber du zu öftern Malen Nahmest dieses nicht in acht. Oft ich warnte, oft ermahnte: .Sohn, es wird dir übel gehn'; Wie ich warnte und ermahnte, Du erhörtest nicht mein Flehn. „ Ich von Herzen ohne Scherzen Rief:, Laß, Sohn, die Menschen stehn'; Du von Herzen ohne Scherzen Riefft:, Will zu den Menschen gehn'. Du, von Liebe ganz verblendet, Wolltest bei den Menschen sein; Schau, nun hat es so geendet, Wie ich oft gewendet ein. Du die Menschen hast geliebet Ohne Maßen, viel zu viel; Schau, die Liebe dir nun giebet Solchen Lohn in solchem Spiel! Deinen Menschen, deiner Liebe, Dir schreib' alles selber zu; Nicht die Schuld auf mich nun schiebe, Daß man dir so übel thu'!" Jesus spricht zu den Menschen: „ Höre mich, das durch die Straßen Wandert, alles Menschenkind; Hör', wie Liebesglut ohn' Maßen Mir durch alle Adern rinnt. Spee, Trutnachtigall. Schau und zähle meine Wunden, Meine Striemen rosenrot! Von den Flammen überwunden, Lösch' ich sie im kalten Tod. „ Selber schuf ich mir den Schaden, Trage selber alle Schuld, Selber hab' ich mich beladen: Füge mich nun in Geduld. Nur von Liebe fortgetragen, Ließ ich Scepter, Kron' und Thron, Thät mich hin zur Erde wagen, Wurde meiner Mutter Sohn. ,, Habe mir nun selbst zu klagen Meine Schmerzen, meine Pein. Wollt mir nur sie helfen tragen, O geliebte Menschen mein! Höret, höret mein Begehren, Meine letzte Bitte hier: Wollet diese mir gewähren, Diese nicht versagen mir! ,, Weil die Liebe mich getrieben Also weit in diese Pein, Ihr hinwieder mich zu lieben Wollet stets befliffen sein. Meine Liebe, meine Flamme, Die Gewalt der Neigung mein Messet an dem Kreuzesstamme, An der Größe meiner Pein. „ Ihr an diesem Balken findet Meiner Flammen Allgewalt, Dran mich noch die Liebe bindet Mit den Eisenfeſſeln kalt. 221 222 Spee, Trußnachtigall. Wieder, mich nur wieder liebet, O ihr Menschen, hart wie Stein! Nicht die Liebe noch verschiebet! Will alsdann zufrieden sein, „ Meine Martern, meine Qualen, Menschen all und Menschenkind, Diese will ich allzumalen Gern dann schlagen in den Wind. Nur bei dieses Kreuzes Fahnen Stellet euch zur Liebe ein; Liebet, liebet! Euch ermahnen Meine Wunden, meine Pein. Sterbend sei euch das gekündet: " 1 Immer, immer Liebe übt! Meiner Lippen Kraft entschwindet: Liebet, wie ich euch geliebt! Schauet, schauet, von der Leiden Fülle werd' ich kräftelos. Vater, Vater, laß verscheiden Meinen Geist in deinen Schoß!" 44. Klag- und Trauergesang der Mutter Jesu über den Tod ihres Sohnes, den sie unter dem Namen des jungen Hirten Daphnis beklagt. Als du lagst in Grabes Kammer, Daphnis, hochberühmtes Kind, Hört man deiner Mutter Jammer; Schlafend lagen Luft und Wind. Erd' und Himmel, schwarz umnachtet, Standen da in braunem Kleid; Sonne war vor Schmerz verschmachtet, Mond und Sterne trugen Leid. Spee, Trußnachtigall. „ Ach, ihr schönen Mond und Sterne, Güldne Flämmlein, güldner Schein, Güldne Äpfel, güldne Kerne, Güldne Perlen und Gestein! Ach, ihr gelben, güldnen Lichter," Die betrübte Mutter sprach, ,, Ach, ihr güldnen Angesichter, Trauert meinem Daphnis nach! ,, Ach, nur weinet und nicht scheinet, Klaget um mein schönes Kind; Ach, nicht scheinet und nur weinet, Weinet euch die Augen blind! Daphnis, der berühmte Knabe, Fiel im wilden Wald durch Mord, Als mit seinem Hirtenstabe Daphnis kam nach fremdem Ort. „ Daphnis saß auf grüner Heiden, Sah nur eins der Schäflein sein Vom gemeinen Haufen scheiden, Laufen in die Wüst' hinein. Daphnis nimmer lange weilet, Auch zur wilden Wüste rennt Und nach seinem Schäflein eilet, Weil ihn Liebe heftig brennt. ,, Daphnis hatte kaum gefunden Das gesuchte Tierlein zart, Als von Bären, Wölfen, Hunden Er im Wald umgeben ward. Und sie sperrten auf den Rachen, Droheten dem schönen Kind Gleich den ungeheuren Drachen, Zu ermorden es gesinnt. 223 224 Spee, Trutnachtigall. ,, Packten seine Füß' und Hände, Weißer als das Elfenbein, Rissen auf die Brust behende, Schlugen Zähn' und Tatzen ein, 3ogen ihn durch Dorn und Hecken, Scharf und spitz und abgelaubt, Daß die Zacken blieben stecken Und zerfleischten Stirn und Haupt. „ Ach, ihr wilden Wölf' und Bären, Ach, grausames Tigertier, Er in Blut, und ich in Zähren, Sohn und Mutter, baden schier! Ach, der schweren Angst und Schmerzen, Die ihr brachtet meinem Kind! O der Stahl- und Eisenherzen! Stahl und Eisen weicher sind. ,, Mitleid habt mit seinen Jahren, Schonet doch sein gelbes Haar; Wollt so grausam nicht verfahren, Wütet doch nicht also gar! Nicht, ihren Bären, wollt vermehren Sein' und meine Marter groß; Müßt mich lassen ihn umfaffen, Nehmen in den Mutterschoß! „ Mich zerspleißet, mich zerreißet, Mir schlagt Wunden, wie ihr wollt; Mich zernaget, mich zerschlaget, Aber schont den Jüngling hold! Könnt mit Zähnen mich zerdehnen, Daß der Knabe Rettung find'; Mich mit Klauen könnt zerhauen, Aber schont das schöne Kind! Spee, Truhnachtigall. ,, Ach, wie konntet ihr behalten Ein so schnödes Wesen wild, Da so freundlich von Gestalten Ihr gesehn sein schönes Bild? Ach, wie seid ihr nur geblieben von Natur so hart und wild, Daß ihr, um das Kind zu lieben, Nicht geworden zahm und mild! „ Ja, der Sinn war euch entführet Und verblendet der Verstand, Daß mit Zähnen ihr berühret Seite ihm und Fuß und Hand. Hättet ihr dem schönen Knaben Nur geschaut ins Angesicht, Würdet ihn verschonet haben, Hättet ihn zerrissen nicht. „ O du bleicher Tod desgleichen, Warest ohne Zweifel blind, Da du kamest zu beschleichen Ein so wunderliebes Kind, Sonsten hätt' er dich verblendet Mit der süßen Augen Blick Und dir dann das Herz entwendet, Dir gestohlen deinen Strick. „ Schöner Daphnis, du mein eigen, Einzig Blut und Eingeweid', Schau, nun Erd' und Himmel schweigen, Hören meines Herzens Leid! Dich bei Nacht und dich bei Tage Geh' ich flagen überall, Dich bei Nacht und dich bei Tage Klaget Schall und Wiederhall. 15 225 226 Spee, Trutnachtigall. , Schöner Daphnis, meine Schmerzen Wären sicher nicht so groß, Wenn ich küssen, halsen, herzen Könnte dich in meinem Schoß, Wenn bei deinen letzten Kräften, Wenn in deiner letzten Stund' Ich ein Küßlein könnte heften Dir auf deine Wangen rund. Warum war's mir nicht erlaubet, Daß in jener herben Stund' Ich noch einen Kuß geraubet Hätte deinen Lippen wund: Hätte noch in mich gezogen Deinen letzten Atem lind, Hätt' in mich hineingesogen Deinen letzten Seelenwind. ,, Dicht genaht der matten Hülle Hätt' ich Herz und Seele mein Und ihr meines Atems Fülle Frisch und neu geblasen ein; Du den meinen, ich den deinen Nahmen wir uns tauschend ab, Dann wir beiden ohne Scheiden Blieben bei dem Hirtenstab. „ Ach, du runder Mond, ihr Sterne, Runde Flämmlein, Feuer rund, Ach, nun schauet her von ferne, Wie der Schmerz mich machet wund! In den Feldern, in den Wäldern Ruf' ich meinem zarten Kind; In den Feldern, in den Wäldern Meinen Knaben ich nicht find'. Spee, Trutnachtigall. Alle Nächte, alle Tage 11 Bring' ich weinend zu voll Pein, Aber, ach, wie viel ich klage, Nicht zerstört's den Jammer mein. Mit Betrübnis Mond und Sterne Meine Klagen hören an; Aber weder Mond noch Sterne, Noch ein Mensch mich trösten kann.“ 45. Ein kläglicher Hirtengesang, darin zween Hirten, Damon und Halton, den Tod Christi unter der Person des Hirten Daphnis weitläufig betrauern. Eingang. Neulich auf die Wiesen kamen Damon, Halton, Hirten beid', Reimten süß ein Lied zusammen, Waren voller Traurigkeit. Damon ließ die Leyer klingen Und gar traurig spielte vor; Halton eilt', ihm nachzusingen, Blies auf einem hohlen Rohr. Der Hirt Damon. Fräulein schön, des Waldes Stimme, Wohlberedte Nachtigall, Nicht von Kriegs- und Heldengrimme übe deinen Sommerschall; Nur von Daphnis sollst du singen! Daphnis lieget nun im Grab. Lasse klagend uns umringen Deinen Sarg, o schöner Knab'. 227 15% 228 Spee, Trutnachtigall. Der Hirt Halton. Ja, fahr' in die Luft geschwinde, In die Luft, o Nachtigall, Und in aller Welt verkünde, Daphnis liege bleich und fahl. Ruf' zum Grabe, ruf' zusammen Alle Vögel, groß und klein, Mit den wilden auch die zahmen, Die gesungen je im Hain! Der Hirt Damon. Schau, schon kommen sie gefahren Durch die Luft der Wolke gleich; Wahrlich, schöne Vögelscharen, Schön willkommen sag' ich euch! Seid gekommen her bei Zeiten: Fliegt nun her zu diesem Stein, Sett dem Leichnam euch zur Seiten, Klagt und trauert insgemein! Der Hirt Halton. Um den schönen Daphnis trauert! Hier bracht' man den Daphnis her, Hier im Stein liegt er vermauert, Daphnis spielet nun nicht mehr. Eia, laßt euch dazu dingen, Liebe Vöglein, groß und klein, Von des Herzens Grund zu singen Lauter Trauermelodein. Der Hirt Damon. Schau, schon ihre Zungen wetzen Alle Vöglein, groß und klein; Um die Leiche rings sich setzen, Legen ihre Flügel ein. Spee, Truhnachtigall. Um den schönen Daphnis flagen, Klagen um ihn trauriglich, Leid im Herzen um ihn tragen, Weinen, seufzen inniglich. Der Hirt Halton. Schau, die marmorweißen Schwäne Lassen schmelzen ihren Schnee, Schmelzen ihn in helle Thräne, Zeigen großes Herzensweh. Schau, in Thränen sie schon schwimmen, Sicher dauert's nicht mehr lang', Heben dann die letzten Stimmen: O welch reiner Trauersang! Der Hirt Damon. Daphnis, Krone du der Hirten, Daphnis, o du schönes Blut, Dich die besten Sitten zierten, Warest tugendvoll und gut. Ach, wer brachte dich zum Grabe? Wer, so stahl- und eisenhart, Brach die schöne Himmelsgabe, Dieses Blümlein edler Art? Der Hirt Halton. Klagt um ihn, ihr Flüss' und Bronnen, Klagt um ihn, ihr Bächlein klar, Klagt um ihn bei Mond und Sonnen Heimlich und auch offenbar; Klaget, Felder ihr und Wiesen, Stein und Felsen, Berg und Thal, Von den Hirten unterwiesen Lerntet ihr ja Klag' und Schall! 229 230 Spee, Trußnachtigall. Der Hirt Damon. Wer nach ihm will nun gebrauchen Leyer noch und Dulcian? Wer noch in die Pfeiflein Hauchen Lieblich, so wie er gethan? Pfeifen, draus noch seiner Bäcklein Duft und Atem lieblich quillt, Runder als die Purpurschnecklein, Deren Lob man nie erfüllt. Der Hirt Halton. Wer wird seine Schäflein weiden, Wer sie führen aus und ein? Wer von Binsen und von Weiden Flechten schöne Körbelein? Wer wird uns die Kranken heilen, Wer die Völker taub und blind, Die von ferne viele Meilen Täglich zugelaufen sind? Der Hirt Damon. Ach, ihr weißen Wollenscharen, Ach, ihr Schäflein, rein und zahm, Seines Kommens froh wir waren, Wenn zum Felde Daphnis kam. Was dann krank war oder räudig, Heilte seine kund'ge Hand; Da war alles frisch und freudig, Frisch war selbst der Sonnenbrand. Der Hirt Halton. Wenn im Felde Daphnis weilte, Waren freudig Weid' und Herd'; Auch was lahm und schwach, sich eilte, Daß es hin zu ihm gekehrt. Spee, Truhnachtigall. Ach, wie traurig ihr nun klaget, Suchet ihn voll Herzeleid! Kaum ihr noch die Kräuter naget, Kaum euch schmecket Gras und Weid'. Der Hirt Damon. Kam zum Feld er, voller Wonne Spielte uns dann Daphnis auf, Daß er selber oft die Sonne Hemmt' in ihrem starken Lauf. Mit der Leyer süßzem Klange Hielt er Sonn' und Himmel an, Luft und Wetter lauschten lange, Wind und Regen schwiegen dann. Der Hirt Halton. Kam nur Daphnis zum Gefilde Morgens früh und Abends spät, Mit der Blumen Duftgebilde Sich die Erde zieren thät; Schöner wurden alle Weiden, Süßer wurden Kraut und Gras, Weicher auch als Samt und Seiden, Wo nur Daphnis niedersaß. Der Hirt Damon. Daphnis auf die besten Wiesen Führte seine Lämmerlein, Bald zu jenen, bald zu dieſen Lind umrauschten Wässerlein. Oft hat er den Bach durchwadet, Wusch die weißen Lämmerlein, Hat auch blank und rein gebadet Ihre weißen Mütterlein. 231 232 Spee, Trutnachtigall. Der Hirt Halton. Daphnis, sah er nur ein einzig Schäflein irren von der Flur: Gleich verließ er neunundneunzig, Nahm sich an des einen nur, Trug es wieder zu der Herden Und vor lauter Freuden sprang, Nief herzu die Mitgefährten, Spielte, daß es weit erklang. Der Hirt Damon. Wind und Luft sind nun voll Trauer, Daphnis spielet nun nicht mehr: O wie arge Regenschauer! Schau, die Wolken weinen sehr. Ach, die Sonne ganz verschwindet, Löscht in Zähren all ihr Licht, Denn den Daphnis sie nicht findet, Sieht auf Wies' und Feld ihn nicht. Der Hirt Halton. Schau, die schönen Wiesen trauern: Ihnen fehlt der schöne Hirt. Gras und Kräuter ganz versauern, Herb und sauer alles wird. Groß und kleines Vieh zusammen Zieht ohn' Speis' und Trank hindann; Weinend sie zur Weide kamen, Rührten Kraut und Bach nicht an. Der Hirt Damon. ,, Ach, nur graset, ach, nur weidet!" Ich sie oft vermahnen thu'. ,, Nicht so schweren Kummer leidet, Graset, weidet, greifet zu!". Spee, Trutnachtigall. Aber sie mit nichten weiden, Ganz vergeblich mahne ich; Ihren Kummer sie nicht meiden, Nehmen keinen Halm zu sich. Der Hirt Halton. Mein Schäflein, meine Ziegen Sind des Kummers allzu voll, Still und voller Harm sie liegen, Lassen Bauch und Magen Hohl. Mahnte oft, daß sie zum Grafen Und zum Weiden sollten gehn, Doch der Weide grünen Rasen Ließen unberührt sie stehn. Der Hirt Damon. Schau, die großen Flüss' und Wässer, Schau, die kleinsten Äderlein, Weinend laufen sie nun besser, Doch in Klüfte nur hinein: Sie die schöne Sonne meiden, Haffen Licht und hellen Tag Und, bedeckt mit Dorn und Weiden, Haben sie nur Leid und Klag'. Der Hirt Halton. Schau, die fetten, grünen Blätter, Grünen Äst' und grünen Zweig' Bei so trübem Totenwetter Werden auch schon welk und bleich; Grüner Saft ist ausgegangen, Sind wie trockner Erdenstaub, An den Bäumen sie kaum hangen, Bebend wie das Espenlaub. 233 234 Spee, Trußnachtigall. Der Hirt Damon. Schau, wie sich die Blümlein senken Und verlieren Farb' und Saft; Niederwärts die Köpflein henken, Von dem Wetter hingerafft; Haben ihren Zoll gezahlet, Sind nun in den Staub gefällt; Ach, die erst so bunt gemalet, Liegen nun entfärbt, entstellt! Der Hirt Halton. Schau, auch Feld und Wiesen sterben, Gras und Kräuter werden fahl; Schon die Bäume sich entfärben, Nieder sinkt der Blätter Zahl. Nackt sieht man die Luft durchschiffen Schon die Linden, kahl an Haupt; Blöße hat zu früh ergriffen Eich' und Buch', erst reich belaubt. Der Hirt Damon. Weinend sich die Bäum' auch zeigen, Weinend mancher Stamm und Ast, Weinend sie sich niederneigen Von des Leides Riesenlast. Nur zu Thränen sie verkehren Allen ihren grünen Saft, Drum nur gelbe Gummizähren An das Licht die Rinde schafft. Der Hirt Halton. Daphnis, wenn ich dein gedenke, Deiner Qualen, deiner Not, Matt ich mich zur Erde senke Und nur Thränen sind mein Brot. Spee, Truhnachtigall. Immer mir die Thränen laufen, Werden Speise mir und Trank, Und in Thränen mir ersaufen Manches Lied, manch Trauersang. Der Hirt Damon. Halton, wozu weiter klagen, Wozu klaget weiter man? Will die Geige mein zerschlagen, Die ich nicht mehr ſpielen kann. Schau, der Abend sinkt hernieder, Laß die Schäflein kehren heim! Laß verstummen deine Lieder, Laß verstummen Flöt' und Reim. Der Hirt Halton. Schau, wie eben mir zersplissen Meine Pfeife und mein Ried; Nun, sie seien ganz zerrissen: Ach, ade, betrübtes Lied! Heim nun, meine weißen Kinder, Heim nun, meine Lämmerlein, Heim, ihr Schäflein, lauft geschwinder! Schwarz bricht schon die Nacht herein. Beschluß. Also damals traurig sangen Damon, Halton, Hirten beid', Auch der Mond war aufgegangen, Wie den Sternen war ihm leid. ,, Weinet, weinet, meine Sterne, ,, Weinet," sprach der bleiche Mond; ,, Ach, wir glaubten es so gerne, Daphnis blieb' vom Tod verschont!" 235 236 Spee, Trugnachtigall. 46. Eine christliche Seele finget von Christi Kreuz und Wunden. Manche Stunden Jesu Wunden Stell' ich vor die Augen mein, Muß mich wenden Von den Händen Zu der Seit' und Füßen sein. Der geduldet Unverschuldet An dem Kreuz du, rufe dich: O zur Stunde Mich verwunde, Schieß die Nägel dein auf mich. Mich Gesunden Ohne Wunden Laß mit nichten gehn von hier. Und die Krone, Die zum Hohne Man dir aufsetzt', wirf nach mir! Mich nur quäle, Nicht verfehle Meine Hände, Füß' und Seit'! Mit der Krone Nicht verschone Mich: will mit dir tragen Leid. Keine Geißel Und kein Meißel, Scharf und spitz und hart wie Stahl, Mir Gesunden Solche Wunden Werden schlagen allzumal, Spee, Trutnachtigall. Wie der Nägel Stumpfe Regel, Lanzen, Geißeln und Skorpion Dich zerbissen Und zerrissen, Dich, den wunden Gottessohn. Seiner Qualen Allzumalen Achte ich voll Herzenspein. O elende Füß' und Hände, Blutbeströmter Körper sein! Blut läßt fließen, Sich ergießen Jede Wunde, jeder Streich; Schau, nun fließet, Sich ergießet Purpur über Marmor bleich. Gleich Korallen Niederfallen Blutestropfen überall, Aus den Seiten Seh' ich gleiten. Weiße Wässer wie Krystall. O du reines, Hübsches, feines Bächlein von Korall' und Glas, Noch nicht weiche; Nicht entschleiche Rubin- und Perlennaß! Ach, verweile, Nicht enteile, 237 238 Spee, Trutnachtigall. Will mich jetzen nahebei, Abzubaden Meinen Schaden, Wie veraltet er auch sei. Kräftig Pflaster Meinem Laster Mach' ich mir zur Salbe draus, Daß verschwinden Meine Sünden, Völlig dann getrieben aus. Bei den Füßen Will ich büßen Und mit meiner Augen Bach Wohl sie netzen Und ersetzen, Was heraus an Blute brach. Will's mit Zähren Wieder mehren, Wenn auch noch so viel entfließt, Und mit sattem Guß erstatten, Was an Purpur er vergießt. Doch ihr Bronnen, Wohlberonnen, Wohl beschenkt ist Erd' und Gras, Ach, verschnaufet, Nicht so laufet, Nicht so eilet ohne Maß. Ach, verzehrt ist Und geleert ist Meiner Thränen Bächlein schon: Laßt euch stillen! Wer kann füllen, Was den Wunden schon entflohn? Spee, Trußnachtigall. Zu den Händen Will ich senden Hunderttausend Seufzer lind, Sie durchwühlen Und sie kühlen Mit gar lindem Herzenswind. Mit den linden Herzenswinden Will ich trocknen allen Schweiß, Will die vielen Narben fühlen, Kühlen alle Wunden heiß. Wer verschafft hier Jetzt die Kraft mir, Daß ich g'nug der Seufzer find'? Bin von Wunden Überwunden, Mir gebricht's an Herzenwind. Bang und enge Macht die Menge Meiner Seufzer mir die Luft; Seufzer, Zähren Noch gebären Mir des Grabes öde Gruft. Daß es wohne In der Krone, Wollte mein bedrängtes Herz, Dort in Hecken Sich verstecken, Sich umzäunen allerwärts; In den spitzen Dornen sitzen Eine Zeitlang wohl es blieb, Die's umtürmten 239 240 Spee, Trugnachtigall. Und beschirmten Vor dem schnöden Seelendieb. Doch bald wieder Nun hernieder Zu der hohlen Seit' begehrt's, Wollt' sich setzen Und ergößen, Jesu, neben deinem Herz; Will nun dorten Jene Pforten, Jene rote Seitenthür Treu behüten, Ohn' Ermüden Halten Schildwacht für und für. O du runde Herzenswunde, Reicher, edler Herzensschrein, Bei dir sterben Und erwerben Will's den wahren Frieden sein. Laß es walten Dort und schalten, O verstatt' ihm diesen Ort; Laß es wachen Und sich machen Eine Ruhestätte dort. An der Seiten Seine Zeiten Wacht's dann ohne Überdruß; An der Seiten Seine Zeiten Es auch wieder schlafen muß. An der Seiten Seine Zeiten Spee, Trußnachtigall. Singen es und klingen will; An der Seiten Seine Zeiten Will's auch wieder schweigen still. Will dir schenken Zum Gedenken, Jesu, nun mein Herze ganz. Will ihm schaffen Deine Waffen, Deine Nägel, deine Lanz', Daß es streiten Dir zur Seiten Immer gegen Laster soll, Bis man's leite Von der Seite Zu den Auserwählten wohl. 47. Ekloga oder Hirtengesang von Christo, dem Gekreuzigten, unter der Person des Hirten Daphnis und dem Gleichnis eines jungen Wildes. Pferd' und Wagen, Neu beschlagen, Spannte heut' die Sonne an, Mit den Rossen Unverdrossen Zu bereisen ihre Bahn. Ich spazieren Ging nach Tieren Dort in jenen grünen Wald, Trug den Bogen 241 16 242 Spee, Trutnachtigall. Aufgezogen, Schoß ein Rehlein wohlgestalt. Griff zum Degen, Wollt's zerlegen, Hing's an einen Eichenbaum: Gleich zur Stunden. Von den Wunden Rann herab der Purpurschaum. Bald Palämon Und Phidämon, Meine Mitgenossen beid', Zu mir kamen, Dies wahrnahmen Und sich stellten ihm zur Seit'. O Palämon, O Phidämon, Dieses Hindlein dessen sei, Der mit Geigen Sich wird zeigen Als der beste Künstler frei. Eilt die Geigen Zu besteigen ¹), Greift den goldnen Kamm entlang, Und mit Bogen, Glatt gezogen, Draus entlocket süßen Klang." Ohne Wanken In die Schranken Treten sie voll Mut hinein! Sie sich mühen 1) Mit dem Stege versehen. Spee, Trußnachtigall. Aufzuziehen Ihre Saiten, hell und rein. Laßt uns hören, Keinen stören! Nun zuerst Palämon geigt; Bald desgleichen Nach dem Zeichen Auch darauf Phidämon streicht. Der Hirt Palämon. Arger Possen! Wer geschossen Hat dies Neh mit frischem Mut? Konnte streben Nach dem Leben Einer also jungem Blut? Welcher Bogen So verwogen, Welcher Pfeil so hart mocht' sein, Daß dem kleinen Und so reinen Tier er nahm das Leben sein? Der Hirt Phidämon. Welche Beute! Wer war heute, Wer war also frech und stolz, Daß den Bogen Er gezogen Und entsandt den scharfen Bolz? Ach, die Senne Gleich zertrenne; Deinen Köcher, Bogen, Pfeil Wirf zusammen 16* 243 244 Spee, Trutnachtigall. In die Flammen, Frecher Wildschütz, nun in Eil'! Der Hirt Palämon. Armes Hindlein, Frommes Kindlein! Daphnis kommt mir in den Sinn, Den sie neulich Also greulich Haben uns gerichtet hin! Ihn betrauern, Ihn bedauern Muß ich, seh' ich dich so wund; Wer's betrachtet, Wer's erachtet, Dem entfallen Thränen rund. Der Hirt Phidämon. Daphnis' Qualen Seh' zumalen, Schwaches Neh, ich nun an dir; Muß erinnern Mich im Innern Seiner Pein, seh' ich dich hier. Wie abscheulich Starb uns neulich Daphnis, der wie du so mild! Tief bewegt's mich, Und erregt's mich, Daß die Thräne reichlich quillt. Der Hirt Palämon. Du nun hangeft Und erbangest, Frommes Tierlein ohne Trug; Zagest, bebest, Spee, Truhnachtigall. Kaum noch lebeſt, Schwebst im letzten Atemzug. Kaum dich regeſt, Schwer bewegest, Weh den Wunden, weh dem Schmerz! Ja, von heißen Purpurschweißen Könnten schmelzen Stein und Erz. Der Hirt Phidämon. Gleiche Qualen Dich uns stahlen, Daphnis, du gekrönter Hirt; Kaum dich hebst noch, Kaum du lebst noch, Auch mit Wunden schwer geziert! Meine Schmerzen Schau im Herzen, Qual und Marter mich umringt; Wenn die Zähren Länger währen, Mir das Herz in Stücke springt. Der Hirt Palämon. Schönes Böcklein, Notes Röcklein, Not bist du von Blut und Schweiß; Not getränket, Not beschenket Sind auch deine Zähnlein weiß. Auch die Äste, Rind' und Bäste Deiner Eiche sieht man rot. Rote Regen, 245 246 Spee, Truhnachtigall. Müßt euch legen, Sonst ist es des Tierleins Tod. Der Hirt Phidämon. Auch so bluten Daphnis' Ruten, Dran man ihn hat aufgehängt; Kreuz und Nägel, Stumpfe Kegel, Sind mit Tropfen wohl besprengt. Welcher Regen Allerwegen, Welcher rote Wundenguß! Gleich und eben Ist umgeben Daphnis von dem Purpurfluß. Der Hirt Palämon. Halbes Hirschlein, Notes Kirschlein, Innen bist und außen rot; Doch dich bleichet Und beschleichet Auch zugleich der fahle Tod. Krankes Hinnlein, Dir das Kinnlein, Mund und Lippen werden bleich; Onun stirbst du, Nun verdirbst du, Nun schon wirst du todesgleich! Der Hirt Phidämon. Sich entfärben Und auch sterben Daphnis muß an seinem Baum; Muß erblassen, Spee, Truznachtigall. Leben lassen, Lebensfarbe spürt man kaum. Schon erblichen, Schon entwichen, Schon ist unser Daphnis hin. Derblassen, Farbe lassen Mußten Lippen, Mund und Kinn! Der Hirt Palämon. Kommt gezogen, Kommt geflogen, Kommt nun her, ihr Vögelein! Federscharen, Kommt gefahren, Die ihr alle wohnt im Hain! Her euch setzen, Traurig schwätzen Sollt ihr flagend alle gleich; Traurig klingen Und befingen Sollt ihr ihn, so blaß und bleich. Der Hirt Phidämon. Her desgleichen Zu der Leichen, Menschenseelen, alle drängt! Alle eilet Unverweilet Zu dem Kreuz, dran Daphnis hängt. Dorten klaget, Heulet, zaget, Weinet sehr ohn' Unterlaß! Bleibet immer, Scheidet nimmer, Kommet immer diese Straß'! 247 248 Spee, Trutnachtigall. Der Hirt Palämon. Singend eilen Ohne Weilen Fromme Vöglein schon vom Wald, Ließen dingen Sich und singen Nun, daß es gar kläglich schallt. Über deine Qualen weine Ich auch sehr, zart Hindelein. Also schmerzlich, Also herzlich Mußtest du bedauert sein. Der Hirt Phidämon. Auch der Frommen Viele kommen, Mann und Weib, zu Daphnis' Kreuz; Mir will's scheinen, Daß sie weinen, Frage niemand: was bedeut's? Wenn den Knaben Sie begraben, Trocknen sie das Wundenblut, Heben, legen, Waschen, pflegen, Salben ihn bei warmer Glut. Der Hirt Palämon. Mich im Innern Muß erinnern Dieses Wild an Daphnis' Tod; Will nun dessen Spee, Truhnachtigall. Nie vergessen, Soll nun sein mein täglich Brot. Ich will seinen Tod beweinen Nun mit dir, Phidämon, gleich; Schwarz bekleiden Laß uns beiden Unsre viel zu güldne Geig'. Der Hirt Phidämon. Schwarz bekleiden Laß uns beiden Unsre Harfe, Zink' und Nied; Laß, zu mehren Daphnis' Ehren, Spielen uns manch traurig Lied. Immer wieder Soll'n die Lieder Weiter tragen trüben Schall; Überlegen Und erwägen Woll'n wir seine Pein und Qual! Beschluß. Also strichen, Sich nicht wichen Beide Geiger um die Wett'; Nicht entscheiden Zwischen beiden Konnt' ich, wer gewonnen hätt'. Drum zur Gabe Dieser habe," Sprach ich, für sich dieses Reh; Und zur Gabe Jener habe, Was dort weidet in dem Klee: 249 250 Spee, Truhnachtigall. ,," s ist ein Lämmlein, Mutig Hämmlein, Ein gar zartes Wollenkind. Recht entscheide Ich für beide, Denk', daß sie zufrieden sind. Nun bis morgen, Weil verborgen Sich die Sonne schon im Meer! Euch zur Heide Neu bescheide, Kommt zum Wettstreit wieder her." 48. Ein Hirtengefang, darin zween Hirten, einer nach dem andern, mit verschiedenen Gleichnissen den gefreuzigten und auferstehenden Jesum unter der Person des Hirten Daphnis poetisch besingen. Der Hirt Halton hebet an. Schöner Damon, Mund der Hirten, Der du auf dem Hohlen Halm, Wenn die Herden weidend irrten, Dir erpfiffest manche Palm', Laß uns nun in Reime zwingen Daphnis' Wunden rosenrot, Laß im hohlen Thal erklingen Seine Marter, seinen Tod. Der Hirt Damon. Frommer Halton, hochgepriesen, Der im ersten Sommerglanz Haft ergeiget auf den Wiesen Manchen schmucken Lorbeerkranz, Spee, Trutnachtigall. Laß uns jenes Kreuz umringen, Ihm, der aller Welt ein Spott, Preis und Lob vereint zu singen, Daphnis, aller Hirten Gott! Der Hirt Halton. Weil ein Schäflein ungeschoren, Nur von schlechter Wiesenzucht, In der Wildnis ging verloren, Es der Daphnis wiedersucht. Ist im Felde mir begegnet, Trug es auf der Schulter sein, War in Wahrheit stark beregnet, Voller Freuden, voller Pein. Der Hirt Damon. Müd' gehetzt auf Waldeswegen Er auch mir entgegenkam, Wär' ertrunken schier im Regen, Lehnt' an einem Eichenstamm. Trug das Tier noch auf dem Rücken, Seufzte manchen Seufzer tief; Mit empor gewandten Blicken, „ Ach, mir helfet, helft!" er rief. Der Hirt Halton. Als ich neulich auf der Reise War geworden müd' und matt, Reichte mir der Daphnis Speise, Machte mich mit Früchten satt. Stieg auf eine grüne Palme, Warf die schönsten Frücht' herab ( Sang dabei wohl sieben Psalme), Welche ich mit Wonne af. 251 252 Spee, Truhnachtigall. Der Hirt Damon. Als ich neulich wollt' auf Reisen Kehren in ein Weinhaus ein, Thät man mich zur Herberg' weisen, Hieß zum roten Lämmelein. Auf dem Schilde sah ich winken Daphnis in der Kelter sein. Dorten holet sich zu trinken Jeder guten roten Wein. Der Hirt Halton. Wenn der Sommer wiederkehret, Klopft er an die grüne Thür Und mit Blumen reich sich mehret, Rote Rosen blühn herfür. Fünf der besten schon bei Zeiten Sich der fromme Daphnis brach, Einen Schmuck draus zu bereiten, Der uns labe, wenn wir schwach. Der Hirt Damon. Daphnis, deine roten Rosen Wirf von deinem Kreuz herab; Will die Welt mit mir liebkosen, Brauch' ich solcher Blumengab'. Daphnis, deine roten Rosen, Dein so schöner Blumenstrauß, Allen Kraft- und Lebenlosen Treibet er die Schwachheit aus. Der Hirt Halton. Wie der Sommer sich bestecket Mit gar kleinen Blümelein, Also Daphnis sich bedecket Auch mit kleinen Röselein. Spee, Truznachtigall. Von dem Scheitel zu den Füßen Sie in vollem Glanze blühn, Rings umher die Luft versüßen Und mit Duft umhüllen ihn. Der Hirt Damon. Hin und wider auf den Wiesen Alles voller Dornen war, Schäflein, noch nicht unterwiesen, Sich verletzten immerdar. Daphnis ließ sich des erbarmen, Macht' ein großes Bündel drans ( Liebe ließ ihn so erwarmen) Und trug's auf dem Haupt heraus. Der Hirt Halton. Wie die Dornen sich gerochen, Wie sie ihn zerstochen ganz, Er die Rosen hat gebrochen Dennoch sich zum Ehrenkranz. Schau, wie er nun prächtig pranget Mit der Dorn- und Blumenkron'. Kommt ihr Hirten, ihn empfanget, Setzet ihn auf hohen Thron! Der Hirt Damon. Neulich vor der heißen Sonnen Wich ich aus der Strahlen Brand; Daphnis führt' mich gleich zum Bronnen, Der mir noch war unbekannt. Auf dem Berg er schäumt und spritzet, Der geheißen Golgatha; Weil ich heftig war erhitzet, Fand ich linde Kühlung da. 253 254 Spee, Trutnachtigall. Der Hirt Halton. Mich auch schwere Krankheit plagte, Lag in starkem Fieber krank; Als ich das dem Daphnis sagte, Mischte er mir einen Trank. Kaum hatt' ich den angesetzet, Kaum gebracht an meinen Mund, War gelabt ich und gelezet, Bin geworden ganz gesund. Der Hirt Damon. Ach, nun hört und laßt's euch sagen: Seht euch vor, ihr Wandersleut', Denn vor gar nicht vielen Tagen Machten Räuber starke Beut'. Kaum war Daphnis hergekommen, Gleich die lose Räuberschar Leib und Gut ihm hat genommen, Schlug ihn an den Galgen gar. Der Hirt Halton. Wenn wir scheren unsre Herden, Ihnen rauben ihre Woll', Sie nicht kläglich sich gebärden, Bleiben ohne Klag' und Groll: Also Daphnis man beraubte Seiner Kleider ohne Wort; Nicht ein Wort er sich erlaubte, Dachte nicht an Rache dort. Der Hirt Damon. Wenn der unbekannte Fresser, ¹) Wenn der Metzger ungeschlacht Mir mit Zähnen, mir mit Messer Meine Schäflein wund gemacht, 1) Vergl. oben S. 151. Spee, Trußnachtigall. Sieht man sie geduldig liegen, Still verbergend ihre Pein: So litt Daphnis auch verschwiegen Tod und schwere Marter sein. Der Hirt Halton. Wie die weitgestreckten Falken Hoch im weichen Wolkenland, Also stand an seinem Balken Unser Daphnis ausgespannt. Ausgebreitet Füßz' und Arme Stand er da in großer Not: Wäre wer, den nicht erbarme, Daphnis, dein grausamer Tod? Der Hirt Damon. Als die ros'ge Morgenstunde, Morgenröte wohl bekannt, Ihrem Lager sich entwunden Und entflammt des Tages Brand, War bei weitem nicht begleitet Sie von also rotem Schein, Wie man, Daphnis, rot bereitet Dir die bleiche Seite dein. Der Hirt Halton. Auf, ihr Hirten, wollt's erraten, Wie, der hoch in Lüften hing O der großen Wunderthaten! Doch im Meere unterging? Voller Wunden, voller Schwäre, Daphnis, voller Purpurfarb', Starb in seines Blutes Meere Und zugleich am Galgen starb. 255 256 Spee, Trutnachtigall. Der Hirt Damon. Auf, ihr Hirten, mir auch saget, Wer ertrinkt im vollen Meer Und ist so von Durst geplaget, Daß er Wasser noch begehr'? Daphnis in den größten Beinen Wollte doch noch leiden mehr, Rief mit Seufzen und mit Weinen: Ach, mich dürftet gar zu sehr! Der Hirt Halton. Lieber Damon, will noch fragen, Will dann geben auch Bescheid: Wer thut seine Pein beklagen Und trägt doch mit Lust das Leid? Daphnis muß für uns bezahlen, Beißet einen sauren Kern, Und doch alle Pein und Qualen Leidet er von Herzen gern. Der Hirt Damon. Lieber Halton, dieser Tage Gab es eine Wunderthat; Fürderhin ich nicht verzage, Hör', was es gegeben hat: Mir von einem falben Drachen Ward erwürgt ein Lämmlein zart: Bald fing's wieder an zu lachen, Weil es wieder lebend ward. Der Hirt Halton. Lieber Damon, mir es glaube, Was vor kurzem mehr geschehn: Eine schöne rote Traube Hab' mit Augen ich gesehn. Spee, Trutnachtigall. Als die eben kam vom Pressen Vom gedingten Keltermann, Lieblich wieder unterdessen Fing fie neu zu blühen an. Der Hirt Damon. Lieber Halton, hab' von einem Teuern Vogel jüngst gehört, Der an Farben weichet keinem, Wenn man mich nicht hat bethört. Wenn er schon in lichten Flammen Sich zu lauter Staub verzehrt, Dennoch er aus lichten Flammen Wiederum zum Leben kehrt. Der Hirt Halton. Damon schön, fürwahr dein Singen Mir erfrischet Sinn und Blut; Neu soll meine Geige klingen Und dann tönen auch so gut; Will nicht weichen deiner Pfeifen, Deinem wohlgestimmten Ried: Will noch manche Saite greifen, Eh' der Kranz wird deinem Lied. Der Hirt Damon. Frommer Halton, deine Geige Weichet meinem Röhrlein nicht; Keine Eifersucht bezeige, Gleichen wir uns im Gedicht. Keiner soll dem andern neiden, Beiden gleiches Lob gebührt, Gleiches Kränzlein allen beiden Werd' aus Blumen hold geschnürt. 17 257 258 Spee, Trutnachtigall. 49. Hirtengesang über das Kreuz und die Auferstehung Christi, darin, was der eine Hirte, Damon genannt, von seinem Vorhaben vorspielet, der andere, Halton genannt, immer auf das Geistliche ausdeutet. Eingang. Heut' ein Bächlein wohlgeschwätzig Nahm zum grünen Wald die Flucht, An den Steinen hat's verletzt sich, Darum Streit mit ihnen sucht'; Weil sie ihm nicht ausgewichen Auf der wenig feuchten Straß', Ist er nebenhergeſchlichen, Murrend ohne Unterlaß. Als ich dorten mich ergetzte, Trat heran ein junger Hirt, Sich zum Bächlein niedersetzte: Damon er geheißen wird. Bald sich auch hinzugesellten Lykas, Halton, Marfilas; Bald sie Geig' und Leyer stellten Daß erlachten Laub und Gras. Damon, Halton, jung noch beide, Sangen, klangen um die Wett', Weit vernahm man's auf der Heide: Ach, wer's recht beschrieben hätt'! Stumm die schönen Vöglein saßen, Stumm auch saß die Nachtigall, Aller Kunst sie schier vergaßen Über Damons Stimmenschall. Spee, Trußnachtigall. Der Hirt Damon spielet vor. Wenn vom Sonnenbrand verwüſtet Kält' und Winter liegen tot, Man den Sommer wieder grüßzet Und bricht wieder Rosen rot. Thal und Felder, schön geblümet, Prangen neu in frischem Grün; Meine Herd', als ich's gerühmet, Wollte gleich zur Weide ziehn. Der Hirt Halton folget nach. Wenn die Sünder zeitig büßen Und mit ihrer Herzen Eis Sie sich hin zu Jesu Füßen Legen zu den Wunden heiß, Werden sie bald neu entzündet, Wieder leuchtet Sonnenschein, Wieder wird uns Heil verkündet, Strafe muß verschoben sein. Der Hirt Damon. Wenn die Vöglein sich geschwomment Müde in den Lüften, bald Sie dann wieder heimwärts kommen, Suchen auf den grünen Wald, Dort zu ruhn auf grünem Zweige, Neu zu schöpfen Atem gut: Singen dann trotz Pfeif' und Geige Wieder frisch und wohlgemut. Der Hirt Halton. Wenn die Seele sich geflogen Müd' und matt in weiter Welt, Kommet heimwärts sie gezogen Und sich zu dem Kreuz gesellt. 17% 259 260 Spee, Trußnachtigall. Jesu! ruft sie manche Stunden, Weinend hin zur Erde fällt, Lehnet sich an Jesu Wunden, Bis das Herze Ruhe hält. Der Hirt Damon. Weil so schön die Vöglein singen, Führ' ich meine Schäflein dar. Auf, laß dich zur Weide bringen, Auf, du marmorweiße Schar! O wie frisch sind Feld und Wieſen, O wie zart sind Laub und Gras! Wer mag schönres Leben kiesen? Schnell die Stadt ich hier vergaß. Der Hirt Halton. Weil am Kreuz ich Frieden finde, Wie er nie mir sonsten kam, Ich die beiden Arme winde, Oftmals um den Kreuzesstamm. Sieben Liedlein hör' ich klingen, Lieblich klingen überall, Niemand soll hinweg mich bringen, Mir ist wohl bei solchem Schall. Der Hirt Damon. Längst hatt' ich in falschen Städten Satt die Gassen und die Stein', Lief ins Grüne, mich zu retten: Hüte nun die Schafe mein. O du reines Hirtenleben, Wer will würdig loben dich? Will dich immer hoch erheben. Wirst ja nie verlassen mich. Spee, Trußnachtigall. Der Hirt Halton. Lang' lief ich durch deine Gassen, O du schnödes Babylon; Endlich hab' ich dich verlassen, Nahm die Flucht und sprang davon. Hab' mich gleich zum Kreuz begeben, Jesu küßt' die Wunden schnell: Will nun nirgends lieber leben, Trink' dort reinen Freudenquell. Der Hirt Damon. Wenn die weißen Schäflein weiden, Leg' ich an die Eiche mich; Will die schöne Sonne scheiden, Streich' ihr meine Geige ich. O du schöne, laß dir sagen, Schöne Tochter, bleibe noch, Schöne Sonne, halt' den Wagen Laß die Roff' verschnaufen doch! Der Hirt Halton. Wenn einmal die Welt ich meide, Such' ich bei dem Kreuze Ruh', Rufe: Jesu, nicht verscheide, Thu noch nicht die Äuglein zu; Nicht entweiche, nicht entfahre, Wolle nicht von hinnen gehn, Deinen Glanz uns noch bewahre, Bleibe noch ein wenig stehn!" Der Hirt Damon. Wenn ins Meer die Sonne schwebct Und mißachtet meinen Reim, Auch der Wiesen euch begebet, Meine Schäflein, denket heim. 261 262 Spee, Trußnachtigall. Schöne Sonn', ade, du hehre! Zieh' mit meiner Schar nach Haus. Morgen uns nur wiederkehre! Wieder treib' ich dann hinaus. Der Hirt Halton. Jesu, wahres Licht, o Grauen, Schon verlierst du allen Schein: Wer kann solches Schauspiel schauen, Kehrt da nicht nach Hause ein? Jesu, nun du willst verscheiden, Füllet sich mein Herz mit Weh; Ach, verkürze unser Leiden, Daß man bald dich wiederseh'! Der Hirt Damon. Wenn die feuchten Felsen weinen Neben meiner weißen Schar Und von ausgehöhlten Steinen Stürzen ihre Wässer klar, Eilt die Herde, sich zu kühlen, Arg geplagt von Sonnenglut, Will den Durst vom Herzen spülen Mit so frischem Felsenblut. Der Hirt Halton. Wenn, mit einem Speer durchschossen, Jesu, deine Seite rinnt Und ein Bächlein kommt geflossen, Drin man Milch und Purpur find't, Ich mit gleicher Eile laufe Zu dem Brunnen wohlbewußt, Rein mich spüle, wasch' und taufe, Trinke nach erwünschter Luft. Spee, Truynachtigall. Der Hirt Damon. Wenn die Sonne tief sich neiget Und verläßt des Himmels Thron, Gleich die Nacht zum Himmel steiget, Heischet Arbeit ihren Lohn; Tier und Mensch sich niederlegen, Ganz verstummet alle Welt, Kaum sich noch die Blättlein regen, Traurig feiert alles Feld. Der Hirt Halton Als du, Jesu, Tods verblichen, Da hat uns der Tod erschreckt: Felfen von den Felsen wichen, Gräber wurden aufgedeckt; Tier' und Menschen sah man trauern, Es verwelkten Laub und Gras; Alle Wässer mußt' es dauern: Weinten ohne Unterlaß. Der Hirt Damon. Mond und Sterne abends wachen, Wenn ins Bett die Sonne ging, Und sie sanfter schlafen machen Mit viel süßen Worten flink: Eia, schlafe, matter Schimmer, Schlaf, du mattes, müdes Licht, Daß die Kraft dir fehle nimmer, Wenn hervor der Morgen bricht! Der Hirt Halton. Jesu, dich auch fromme Seelen, Wie ich oft vernommen hab', Thäten waschen, salben, strählen, Heben, tragen in das Grab. 263 264 Spee, Truhnachtigall. Auch die Mutter traurig flagte: Schlaf nur, mein geliebtes Kind! Doch daneben mutig sagte: Überwind' den Tod geschwind! Der Hirt Damon. Wenn die Sonne ausgeschlafen, Richtet sie sich zeitig auf, Schärfet ihre Pfeil' und Waffen, Geht zum Wagen, steigt hinauf: Wieder treib' ich dann zur Heide Meine weiße Wollenherd', Daß sie wieder gras' und weide, Fresse, was der Sinn begehrt. Der Hirt Halton. Wenn, o Jesu, du gelegen Kurze Zeit in kalter Erd', Wird sich neu die Seele regen, Denket deiner lichten Herd'. Sie der Hölle Pforten rühret, Schließet Scheuer auf und Stall, Und die Schafe dein entführet, Daß du prangest überall. Der Hirt Damon. Ich dann ohne Leid und Klagen Blas die Pfeiflein honigfüß Und, gekehrt zum Sonnenwagen, Sie mit krausem Hauche grüß': „ Ei, zu vielen tausend Malen, Sonne, sei willkommen mir; Heute nimm die längsten Strählen, Eile nicht so schnell von hier!" Spee, Truhnachtigall. Der Hirt Halton. Ich mit einer hohlen Ninde Mich zu Jesu wende schnell, Fülle auch mit süßem Winde Dieses Pfeiflein auch so hell: ,, O willkommen, bist erstanden, Sesu, zu erwünschter Zeit! Hast die schnöden Todesbanden Nun gewandt in Herrlichkeit!" Der Hirt Damon. O du meine güldne Geige, Höher hebe deinen Klang! Wald und Vöglein, alles schweige, Bächlein, Hemme deinen Gang! Sage Preis der schönen Sonnen, Sage Dank dem runden Schein, Braune Stunden sind entronnen: Eia, laß uns fröhlich sein! Der Hirt Halton. Meine Leyer auch desgleichen, Deinen Ton erheb' auch du; Thut man deine Saiten streichen, Strebe gleichen Ehren zu. Preise den, der heut' erstanden, Den wahrhaft'gen Gottessohn! Preiset ihn in allen Landen, Ihm gebühren Ehr' und Kron'! Beschluß. Also thäten lieblich singen Die genannten Hirten beid', Strebten immer mehr zu klingen, Bis zerrann die schnelle Zeit. 265 266 Spee, Truhnachtigall. Da ich heimwärts mußte fehren, Sang ich's wieder mit Vernunft, Schrieb und hob es auf zu Ehren Der geliebten Hirtenzunft. Nun wohlauf, ihr andern Hirten, Brecht und schnüret Kräuter ein, Lorbeer, Balsam, Palm' und Myrten, Majoran und Rosmarein; Und weil beide gleich gerungen, Flechtet beiden gleichen Kranz; Und weil beide gleich gesungen, Führt die zwei zu gleichem Tanz! 50. Anderer Hirtengesang, darin der Hirt Damon die schöne österliche Sommerzeit und die Erstehung Christi gar poetisch besinget. Eingang. Hirten zween in aller Frühe Nach der schönen Osterzeit Ihre Schäflein, ihre Kühe Trieben auf die grüne Weid'. Damon, Halton beide Hirten Hießen, jung an Jahren beid'. Damons Fiedelsaiten flirrten, Die er strich, voll Lieblichkeit. Der Hirt Damon spielet allein. Schau, die schöne Sonn' erglänzet, Kräuselt sich ihr gülden Haar! Ihre Kräfte neu ergänzet, Schmiedet uns ein schönes Jahr. Spee, Truhnachtigall. Sie die Zeiten thut bereiten Nur von Perlen und Krystall. Sie will laufen, nie verschnaufen, Weben, schweben überall. Sich die schönen Vöglein rüsten, Schärfen ihre Schnäbelein, Lassen sich des Sangs gelüsten, Blasen ihre Pfeifelein. In die Lüfte hoch sich heben, Breiten ihre Flügel frank; Wenn sie durch die Lüfte schweben, Sagen sie dem Schöpfer Dank. Auf den Feldern wieder liegen Weiß die Wollenherden zart, Wir mit Schafen und mit Ziegen Ziehn zur grünen Sommerfahrt. Ich und Halton, gleich an Jahren, Auch zu gleicher Morgenfrüh' Treiben doch nicht gleiche Scharen: Ich die Schäfslein, er die Küh'. Wieder sich die Felder zieren, Thun die grünen Läden auf; Tausend Blümlein da stolzieren: Oder bunt gemalte Hauf'! Schaf' und Rinder nun verschnaufen Auf den Wiesen voller Lust Und der Säugemütter Haufen Rundet seine flache Bruſt. Wieder schau' ich nun vor Augen Tausend weiße Lämmerlein; Wieder läßt der Halton saugen Tausend bunte Kälberlein. 267 268 Spee, Truhnachtigall. O welch wunderschöne Zeiten, O welch wunderfeistes Jahr! Sieben Herden lass' ich leiten: Also groß ist meine Schar. Wieder schöne Waſserstrahlen, Mancher kühle Wasserpfeil Sich versammeln in den Thalen, Bieten ihre Bäder feil. Brünnlein von den Bergen spielen, Die uns bergen rotes Erz: Traurig sie zur Karwoch' fielen Voller Thränen niederwärts. Lieblich alle Bäch' und Bächlen, Krumm geführtes Wasserglas, Auf den grünen Wiesen lächlen Und befeuchten Laub und Gras. Zierlich wieder kommt gekrochen Manch geschwätzig Wässerlein, Das, von Steinen unterbrochen, Murmelnd preist den Schöpfer sein. Schau, nun wieder Tann' und Linden, Eich' und stolzer Cederbaum Durch die Luft die Wege finden, Wachsend ohne Schnur und Zaum. Strecken ihre grünen Sprossen, Breiten ihren grünen Saft, Zu den Wolken aufgeschossen, Suchen alte Nachbarschaft. Wir die Leyer auch beschnüren Und im hohlen Hirtenthal Hochgespannte Saiten rühren ,Spielen, reimen manches Mal; Spee, Truhnachtigall. Wir auf Harf' und Laute tasten, Spielen unserm lieben Christ, Der im Grab nicht wollte rasten, Der dem Tod entfahren ist. Schauet, liebe Hirten, schauet, Wie er bricht der Hölle Macht. Was der bleiche Tod gebauet, Wieder er zu nichte macht. Schaut, ihr Hirten, schaut, ihr lieben, Wie er vor dem Morgenrot Frühe, nicht zurückgetrieben Von der Wach', ersteht vom Tod. Aus dem tiefsten Schlaf erwecket, Läßt er seine Lagerstatt Und, die Arm' emporgestrecket, Sucht er in der Luft den Pfad. Flamm' und Fackel sich verstecken Müssen vor dem hellen Schein; Gleich die Sterne sich bedecken, Ziehen ihre Strahlen ein. Er empor zur Sonne schwebet, Macht sich selber lichten Tag, Sie der Arbeit überhebet, Daß sie ihm kann folgen nach. Er die besten Bahnen reiſet, Zeiget ihr den besten Lauf Und die längste Straß' ihr weiset, Läßt sie wieder dann hinauf. Auch die Nacht läßt hell er flammen, Weist die Stern' aus ihrer Bahn, Löst sie von der Wacht allsammen, Ordnet andre Lichter an. 269 270 Spee, Truznachtigall. Seine groß- und kleinen Wunden Setzt er in den Himmel ein, Daß sie in den nächt'gen Stunden Niederstrahlen roten Schein. Unterdessen er die Seinen Auch besuchet manches Mal, Läßt in ihren Herzen scheinen Manchen süßen Freudenstrahl. Sie, mit Jubel überladen Wegen seiner Wiederkehr, Nur in lauter Wonne baden, Danken ihm die Heimkunft sehr. Jesu, dir nun deine Kinder, Dir die wache Hirtenzunft, Dir die Schäflein, dir die Rinder Danken deine Wiederkunft. Dir die Böcklein, dir die Geißen, Dir die zarten Lämmerlein Hin und wider, ungeheißen, Hüpfen, springen insgemein. Schau, die Schäflein ihre Wollen Dir zum Willkomm bieten dar, Und mit ihrer Brust, der vollen, Danket dir die weiße Schar. Deiner sie nun mit Verlangen Warten auf der bunten Flur, Wären, nur von Lust befangen, Gern von dir geleitet nur. Sie, an deinen Ruf gewöhnet, Kennen deinen Hirtenſtab; Wölfe, noch so stark bezähnet, Treiben sie dir nimmer ab. Spee, Trutnachtigall. Schöner Jesu, komm' zur Weide, Führ' die zarten Lämmerlein; Hirt der Hirten, komm' zur Heide, Führ' auch ihre Mütterlein! 51. Um heiligen frohnleichnamsfest, von dem hochwürdigen Sakrament des Altars. Richt' auf, du Purpur- Morgenstund', Die Stirn, bedeckt mit Rosen, Laß uns von edler Speise rund Zum Frühstück zeitig kosen! Die taubenreine Tochter schön, Von Sions Höhn entsprossen, Will nun mit uns ihr süß Getön Erheben unverdrossen. Gar hoch will heut' gepriesen sein Die Speis' aus gelben Ähren, Nur Kern und Mark von Weizen rein: Nun hört, will's baß erklären. Ein Brot, kein Brot, doch lebensreich, Drin lebend wird gegessen, Der ungleich bei den Zwölfen gleich Zum Abendmahl gesessen. Der Herr beim letzten Mahle saß, Er sechster selb und sieben. Wie nun, wie nun, verstehst du das? Nimm wahr, was er getrieben: Er nahm das Brot, nahm auch den Wein Und gab's den Tischgenossen, Verwandelt in den Leichnam sein, Ins Blut, für uns vergossen. 271 272 Spee, Trußnachtigall. Das Brot, das ist den Weizenschnee, Nahm er zuerst zu Händen, Reicht' ihnen das und ließ es jäh In wahres Fleisch sich wenden; Hernach den Wein, den roten Saft, Darreicht' er den Genossen, Durch nur ins Wort gefaßte Kraft In wahres Blut zerflossen. O Liebe, viel zu stark und groß, Haft frei mit Gott gerungen, Haft ihm durch süßen Herzensstoß Groß Wunder abgezwungen: Das ew'ge Wort auf kurzes Wort In Brot und Wein sich wandelt Und, trink- und eßbar auch sofort, Sich selber hebt und handelt. Dann weiter auch, was er vollbracht, Wollt er uns hinterlassen: Er gab den Zwölfen gleiche Macht, Die mit zur Tafel saßen. Von ihm ward es auf uns vererbt, Die wir durch Priesterweihen Mit gleichen Worten ungefärbt Das gleiche Werk erneuen. In Christi Leib wir Wein und Brot Ganz wesenhaft verkehren, Betrachten seine Pein und Not Dabei mit heißen Zähren. Zum Opfer heben wir es auf, Bis wo sich kehrt und wendet Die güldne Post in stätem Lauf, Die Licht und Strahlen spendet. Spee, Trutnachtigall. Wo früh die Sonne treibet an Die Sonnenroff' mit Sporen Und wo sie nachts von weißer Bahn Hinreitet zu den Mohren, Dem Höchsten man zu Lob und Preis Das Opfer gern erweiſet, Es wird der Leichnam schwanenweißz In aller Welt geſpeiset. Substanz und Art von Brot und Wein Verwandelt sich zum Leibe, Doch scheint's von außen so zu sein, Daß Brot und Wein es bleibe. Geruch, Geschmack, Farb' und Gestalt Sich frisch noch laffen finden, Als wär's von Wesen und Gehalt Nur Schale noch und Rinden. Gestalten, beide nackt und bloß, Wie Wein und Brot geründet, Sind wein- und brot- und bodenlos, Stehn ohne Grund gegründet. Ja, drunter noch versteckt, vermummt Hat Gott sich eingeschoben: Vor Wunder Erd' und Meer verstummt Und Luft und Himmel droben. Was erst es war, ist nun nicht hier, Es läßt sich beides scheiden, Doch was es war, bleibt's für und für, Der Schein ist gleich bei beiden. So schmeckt man da, was nicht mehr da, Was lang' verzehrt vom Segen; Nicht schmeckt man da, was wahrlich da Von Fleisch und Blut zugegen. 18 273 274 Spee, Trutnachtigall. Leiblich man Leib genießen thut, Nur nicht in Leibsgestalten; Unblutig nimmt man wahres Blut, Kein Sinn für Blut kann's halten. Denn alles ist verdunkelt gar Und, wie die Kirch' uns rühmet, Mit Form und Schein ganz fremd fürwahr Ganz obenhin verblümet. Wer nun in Brotgestalt verdeckt Als Gottmensch lag verborgen, Auch in des Weins Gestalten steckt: Leg' ab die Wankelsorgen! Du kannst nicht mehr in beiden gleich Als einen nur genießen; Die Stückchen all sind auch so reich Und auch so viel ersprießen. Wenn schon in zarte Brosamlein Der Brotschein ward zerkrümelt, Von Christi Leib doch sag' ich: Nein, Er wird drum nicht verstümmelt. So ganz wie halb ist er doch ganz, In großem ganz, in kleinem, Auch leuchtet dieser Sonnenglanz Nicht vielen mehr als einem. Lebend'ger Leichnam unzerteilt Zugleich im Himmel droben Und hier an allen Orten weilt, Wo man das Brot erhoben. In vielmal tausend Kirchen dann, Auf mehr und mehr Altären ,. An so viel tausend Orten kann Man Christi Leib verzehren. Spee, Truznachtigall. 3u gleicher Zeit, zu gleicher Frist In tausendviel Oblaten Auf einmal vielmal einer ist: Heil, der Wunderthaten! Vom Glauben nur wird's zwar erkannt, Der Sinn giebt sich verloren; Nicht kann es greifen Aug' und Hand, Verstand kann's nicht durchbohren. Doch wer's unvorbereitet nimmt, Ich sag's mit wahren Worten, Der freche Hochmut führt beſtimmt Ihn zu der Hölle Pforten. Hingegen, wer sich prüft zuvor Und dann das Mahl genießet, Dem alsobald sich Thür und Thor Zum Leben weit erschließet. Wohlan denn, laßt uns dies Gericht In Demut hoch verehren, Demütig Hals und Angesicht Zur Erde niederkehren. Laßt Heiligtümer und Moustranz Weil sie die Ketzer höhnen Mit manchem schönen Blumenkranz Nach alter Andacht krönen. Laßt uns mit zartem Rosmarein Die Rosen rot vermählen, Die Lilien auch mit binden ein, Die Nelken auch nicht fehlen. Laßt Straßen uns und Gassen all Erfrischen allerwegen Mit lindgestreutem Blätterfall Und trocknem Blumenregen. 18* 275 276 Spee, Truhnachtigall. Laßt Harf und Laut' uns hochgestimmt Mit süßem Schlag durchstreifen, Mit Noten wird, was Gott geziemt, Man niemals doch ergreifen. Gelobet sei das Manna zart, Geflossen uns von oben; Auch wollen Gott, von dem es ward, In Ewigkeit wir loben! Ende. Spec, Trunachtigall. Inhalt. Vorbemerkung Vorrede des Autors. 1. Eingang zu diesem Büchlein, Trutnachtigall genannt 2. Ein Liebesgefang der Gespons Jesu 3. Anderer Liebesgesang der Gespons Jesu 4. Ein anderer Liebesgesang, ein Spiel der Gespons Jesu mit dem Echo oder Widerschall. 5. Anderer Liebesgesang der Gespons Jesu, darin eine Nachtigall mit dem Echo oder Widerschall spielet 6. Anderer Liebesgefang der Gespons Jesu, darin sie ihre Unruh' beklagt 7. Anderer Liebesgesang der Gespons Jesu, darin die Eigenschaften einer vollkommenen begehrlichen Liebe abgemalt 8. Anderer Liebesgesang der Gespons Jesu, zum Anfang der Sommerzeit 9. Die Gespons Jesu sucht ihren Geliebten und findet ihn im Garten, wo er gefangen wird 43 10. Die Gespons Jesu sucht und findet ihn auf dem Kreuzweg 48 11. Spiegel der Liebe oder von Maria Magdalena, wie sie nach • 13. Konterfei des menschlichen Lebens 14. Das Vaterunser, poetisch aufgesetzt 15. Bußgesang eines recht zerknirschten Herzens • V dem jüdischen Osterfest am großen Sabbath morgens früh ihren Jesum in dem Grab gesucht 12. Ermahnung zur Buße an den Sünder, daß er die Burg seines Herzens Christo einräume Seite 3 9 13 16 18 20 26 30 34 39 53 68 69 73 76 278 Spee, Trutnachtigall. 16. Ein anderer Bußgesang eines zerknirschten Herzens 17. Eine christliche Seele muntert sich auf und läßt die Trauer sein 18. Jubel einer christlichen Seele nach überwundener Traurigkeit 19. Poetischer Gesang von dem Herrn Franciscus Xavièr der Gefellschaft Jesu, als er nach Japan schiffen wollte 20. Die Gespons Jesu lobet Gott bei dem Gesang der Vögelein. 21. Anleitung zur Erkenntnis und Liebe des Schöpfers aus den Geschöpfen 22. Lob Gottes aus einer weitläufigen poetischen Beschreibung der fröhlichen Sommerzeit ... . . 23. Lob des Schöpfers, darin ein kleines Werklein seiner Weisheit, nämlich die wunderliebliche Hantierung der Immen oder Bienen poetisch beschrieben wird 24. Anderes Lob Gottes, der 148. Psalm Davids poetisch aufgeſetzt 25. Anderer Lobgesang aus den Werken Gottes 26. Anderer Lobgesang, darin die Geschöpfe Gottes zu seinem Lob ermahnet werden Seite 81 86 89 32. Andere Ekloga oder Hirtengesang, darin gemeldete Hirten Gott loben bei ihren Schäflein und ihre Liebe zu Gott anzeigen 33. Christmeßgesang, darin ein Engel die Geburt Chrifti den Hirten verkündigt 92 93 97 102 109 120 123 126 27. Ein anderer Lobgesang, auch aus dergleichen Werken Gottes, so ihn immerdar preisen 28. Anderer Lobgefang, darin noch ausführlicher alle Geschöpfe Gottes ihn zu loben angemahnet werden 29. Ein gar hoher Lobgesang, darin das Geheimnis der hochheiligen Dreifaltigkeit sowohl theologisch als poetisch, wieviel geschehen können, entworfen wird. 30. Eine Etloge, das ist ein Hirtengesang oder Hirtengespräch, darin zween Hirten, einer Damon, der andere Halton genannt, je einer um den andern um die Wette spielen und zur Nacht Gott loben, dieweil Mond und Sterne scheinen. 149 31. Andere Ekloga oder Hirtengesang, worin genannte beide Hirten am Morgen früh Gott loben, dieweil die schöne Sonne scheint. 129 133 140 153 158 165 Spee, Truhnachtigall. 36. Etloga oder Hirtengesang, darin zween Hirten, Damon und Halton, ihre Gaben erzählen, so sie dem Christkindlein schenken wollen. 34. Christnächtliche Ekloga oder Hirtengesang, darin zween Hirten, Damon und Halton, das Christkindlein besucht haben und, mit Liebe zu ihm befangen, ihren Herzensbrand entdecken. 169 35. Ein kurzer poetischer Christgesang vom Ochs und Efelein bei der Krippe 40. Andere Elloga oder Hirtengesang von der Gefängnis Christi, unter der Person des Hirten Daphnis 41. Anderer Hirtengesang, barin der Bach Cedron poetisch eingeführt wird, der die Gefängnis Christi unter der Person des Hirten Daphnis beklaget 176 37. Der gute Hirte des Evangeliums sucht das verlorene Schäflein 183 38. Trauergesang von der Not Christi am Ölberg in dem Garten 186 39. Eine Ekloga oder Hirtengefang vom Blutschweiß Christi in dem Garten, darin der Mond als ein Sternenhirt poetisch eingeführet wird, so Christum unter der Person eines Hirten, Daphnis genannt, beklaget 42. Ein Gesang über das Ecce homo, nach der Geißelung und Krönung Chriſti . 279 45. Ein kläglicher Hirtengesang, darin zween Hirten, Damon und Halton, den Tod Christi unter der Person des Hirten Daphnis weitläufig betrauern Seite 46. Eine christliche Seele singet von Christi Kreuz und Wunden 47. Ekloga oder Hirtengesang von Christo, dem Gekreuzigten, unter der Person des Hirten Daphnis und dem Gleichnis eines jungen Wildes 48. Ein Hirtengesang, darin zween Hirten, einer nach dem andern, mit verschiedenen Gleichnissen den gekreuzigten und auferstehenden Jesum unter der Person des Hirten Daphnis poetisch befingen 175 204 43. Ein trauriges Gespräch, so Christus an dem Kreuze führt. 208 44. Klag- und Trauergesang der Mutter Jesu über den Tod ihres Sohnes, den sie unter dem Namen des jungen Hirten Daphnis beklagt 188 193 199 222 227 236 241 250 280 Spee, Truhnachtigall. 49. Hirtengefang über das Kreuz und die Auferstehung Christi, darin, was der eine Hirte, Damon genannt, von seinem Vorhaben vorspielet, der andere, Halton genannt, immer auf das Geistliche ausdeutet 50. Anderer Hirtengesang, darin der Hirt Damon die schöne österliche Sommerzeit und die Erstehung Christi gar poetisch besinget 51. Am heiligen Frohnleichnamsfest, von dem hochwürdigen Satrament des Altars ● Seite 258 266 271 Inches Centimetres Blue 2 3 Spee 2 4 Cyan 5 6 Farbkarte# 13 3 Green ¹8 Yellow 9 4 10 Red 11 12 5 13 Magenta 14 CO 6 15 White 16 17 7 3/ Color 18 19 B.I.G. Black 8