Der Bogen in den Wolten. 1623 ہاری Der Bogen in den Wolken, oder Worte des Trostes in Trübfalsflunden, Jon dem Verfasser der Schrift: ,, Er ist treu, der- verheißen hat. 10 Auflage. ( Galranetyp Ausgabe.) ? berausgegeben von der Wupperthaler Traft: t- Gesellschaf Barmen, 1882, Bedruckt bei J. F. Steinhaus. Gb 1623 ,, Gelebet sei Gett und der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der Bater der Barmherzigkeit und Gott alles Trostes, Der uns tröstet in aller unserer Trübsal, daß wir auch trösten fönnen, die da sind in allerlei Tribjal, mit dem Trefte, damit wir getröstet werten von Gett:" 2 Eur. 1, 3-4. Univ.- Bibl. Giessen. Der Bogen in den Wolken. iter Tag Meinen Bogen habe ich geseht in die Wolken. „ Der Herr ist König." Ps. 93, 1. Der Allmacht Walten. Siehe da, ein Bogen der Verheißung! O wie lieblich durchbrechen seine Strahlen den dunkeln Tag, der mit Wolken bedeckt ist! der Gott, Gott mein Gott welcher mir Jesum schenkte- ordnet und leitet alle Dinge zu meinem Besten. 3 - - Wenn es kommt spricht Er - daß ich Wolken über die Erde führe. Er hat keinen Gefallen daran, daß Er seine Hand berge, die den Glanz der Erde eine Weile in Dunkel hüllt Er ist allewege Derselbe, ist der, welcher die Wolken herführt, uns in sie hineinbringt und gnädig hindurchleitet. Das Loos wird geworfen in den Schooß, aber es fällt, wie der Herr will. Wir sind Werkzeuge seines Willens, aber, Heil uns! es ist Gottes Wille. Er legt die Last auf, Er läsfet fie liegen, so lange es Ihm gefällt, und Er nimmt sie ab zu seiner Zeit. Der Bogen in den Wolken. Hüten wir uns nur vor dem Brüten über Allem, was Nebenursachen heißt. Es ist Gottesläugnerei in der schlimmsten Gestalt! Ist unser Lieblingskürbis verdorret und die Blume, die unsern Busen schmückt, hingewelft, so muß jeglichem Nachsinnen Einhalt gethan werden durch die Ueberzeugung:„ Der Herr verschaffte den Wurm." ¹). Wird der Tempel der Seele vom Blißstrahl getroffen, und brechen entzwei seine Pfeiler so ertönt's: der Herr ist in seinem heiligen Tempel! Von einem blinden Schicksal, von einem Ungefähr oder Zufall weiß des Christen Glaube nichts. Sein Lebensschifflein ist niemals ohne Steuermann, nie dem Spiel des Sturmes, nie den Launen der Wogen Preis gegeben. Die Stimme des Herrn gehet auf den Wassern! ²) Für Alles, was ihn trifft, hat der Christ nur eine Deutung, nur einen Trost: Ich will schweigen und meinen Mund nicht aufthun, Du wirst es wohl machen. 3) Bei Allem aber, was uns begegnet, ¹) Jon. 4, 6. 2) P₁. 29, 3. 3) P₁. 30, 10. 4 - Der Bogen in den Wolken. glaubt der Mensch nirgend so sehr ein Spiel der Laune und des Zufalls zu erblicken, als bei dem Eintritt des Todes. Und doch ist auch diese Meinung nichts, als ein großer Irrthum. Denn sind nicht auch die Schlüssel des Todes ¹) in der Hand des nämlichen Gottes, der da Alles in Allem regiert? Blicken wir nur in das Gleichniß vom Feigenbaum. 2) Mögen die Engel im Himmel mit einander handeln über seine Rettung oder seine Verfluchung das steht fest, die Art kann nicht an die Wurzel gelegt werden bis der Herr die Vollmacht dazu gegeben. Ist's aber also mit dieſem, um wie viel mehr wird's sich gleichermaßen halten mit jeglichem Baume der Gerechtigkeit und mit jeder Pflanze des Herrn! 3) Es wird Derselbe wachen darüber, daß Niemand ihr schaden kann. Auch das zarteste Fäserchen, das in ihr zittert, nimmt Er in seine Obhut, und muß es endlich, seiner Natur nach, dem unvermeidlichen Schlage erliegen wer weiß solches Alles nicht, - - 5 ¹) Offenb. 1, 18. 2) Luc. 13, 6. F. Matth. 21, 19. ff. 3³) Jef. 61, 3. 6 Der Bogen in den Wolken. daß des Herrn Hand das gemacht hat? ¹) Mir gebührt es, meinen Willen in seinen Willen zu versenken- nicht aber seine Wege zu meistern oder darauf auszugehen, daß auch nur ein Titelchen an seinem Willen geändert werde und mir gebührt's, daß ich selber willenlos mich in seine Hand lege und ebenso fügsam den bittern, wie den süßen Kelch annehme; weiß ich ja, daß derselbe mir von Einem ausgeschenkt wird, der mich liebt und der mir niemals Gift statt Arzenei hineinthun wird. Kein Wunder, daß der herrliche Psalmist Israels das Staunen einer ganzen Welt über dem zarten Farbenspiel dieses Bogens des Trostes, der am düstern Himmel aufgespannt in dem einen Worte zusammenfaßte: Erde, sei fröhlich, und man sage, daß der Herr regieret! 2) ¹) Hiob 12, 9. - - Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. 3) ³) 1 Mos. 9, 14. - 2) Chron. 17, 31. Der Bogen in den Wolken. 7 2tcr Tag. Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken. „ Der Herr hat an dem Glück seines Knechts Wohle gefallen." Pi. 35, 27. Was ist Glück? Ein Liebesrath. Sind's die Fäden eines. Lebens, die zu einem glänzenden Gewebe zusammengewirkt worden? Ist's ein voller Freudenbecher? Ist's großer Reichthum? Ist's der Beifall der Welt? oder ein lückenloser Familienkreis? Mit nich ten! Netze und Schlingen sind's oft nur, die man hinnimmt ohne Danksagung, während sie die Seele abziehen von ihrer himmlischen Berufung. Glück im geistlichen Sinne ist vielmehr, wenn der Herr uns bei der Hand faßt und uns in das Thal der Demüthigung hinab leitet und uns, wie einst seinem Knechte Hiob, Schafe, Ochsen, Kameele, Vermögen, Kinder und Gesundheit nimmt- damit wir uns vor Ihn hinlegen in den Staub und ausrufen: der Name des Herrn sei gelobt! ¹) Ja, so ist es: die Kehrseite von dem, was man in der Welt gewöhnlich ¹) Biob 1, 21. Der Bogen in den Wolker. Glück zu nennen pflegt, ist der Hintergrund, worauf der Bogen der Verheißung zum Vorschein kommt. Der Herr lächelt uns durch die Negentropfen und Thränen des Kummers an! Seine Liebe zu uns ist zu treu und sein Interesse für das Heil unserer Seelen zu groß, als daß Er uns in Einem fort erleben ließe, was man verkehrter Weise Glück nennt. Sieht Er, daß wir in der Erfüllung seiner Gebote träge sind oder sie mit Kälte hintenansetzen, und merkt Er, daß die Liebe zu ihm in unserm Herzen er stirbt und hingerissen wird von der Liebe zur Welt, dann legt Er uns einen Dorn in's Nest, daß wir die Flügel erheben und emporfliegen, damit wir Allem, was uns von unten her beschleicht, für immer entweichen möchten. 8 Oft kann ich das Geheimniß solcher Schickungen nicht verstehen. Oft frage ich unter Thränen: warum diese traurige Störung meines Erdenglücks? Warum werden die vielversprechenden Zweige meiner Hoffnung so vor der Zeit abgerissen? Warum muß dieser Kürbis, an dem mein Herz sich weidete, so plötzlich verdorren? Die Antwort ist flar: Der Bogen in den Wolken. 9 darum, weil der Herr das Glück deiner Seele im Auge hat. Glaube nur: deine wahren Ebenezers ¹) werden sich doch dicht neben deinen Zarpaths 2) ( den Schmelzöfen- der Trübsal-) erheben. Halte die Leiden, welche er dir zuschickt, doch nicht für die Folgen einer launigen Willkühr. Nein, vielmehr be ruhet Alles, was Er thut, auf einer gerechten Nothwendigkeit. So oft er dich seine züchtigende Hand fühlen läßt und dich Wege führt, die du selbst weder verstehst, noch dir je erwählt haben würdest, flüstert Er dir sanft in's Ohr: Tein Lieber, ich wünsche in allen Stücken, daß dir es wohl gehe und du gesund seist. ³) Sei ruhig, meine Seele, in der festen Ueberzeugung, daß Alles, was Gott thut, wohlgethan ist. Murre über nichts, was dich mehr in seine Liebesgemeinschaft hineinbringt. Danke Ihm für jede wahre Sorge, denn du kannst sie alle getreft auf Ihn werfen. Sowohl dein zeitliches, als dein ewiges Glück liegt Ihm zu sehr am Herzen, als daß 1) Sam 7. 12.- 2) 1 Kön. 17, 9. ³) 3 Joh. 2. 10 Der Bogen in den Wolken. Er dir irgend einen Schlag, irgend einen Schmerz zuviel zufügen sollte. So vertraue denn Alles, was dich trifft, seinen Händen und laß es still in ihnen ruhen! Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. Der Bogen in den Wolken. 11 3ter Tag. Meinen Bogen habe ich gescht in die Wolken. „ Jedermann wird sein als Einer, der vor dem Winde bewahret ist, und wie Einer, der vor dem Plagregen verborgen ist; wie die Wasserbäche am dürren Ort, wie der Schatten eines großen Felsen im trocknen Lande." Jet. 32, 2. Der sichere Hort. Wer mag es sein, der Jeden vor dem Sturme bewahren und im Platzregen bedecken will? Wer mag es sein, der uns tränken will mit frischem Wasser in der Dürre und erquicken mit fühlendem Schatten in der heißen Wüste? Kennest du ihn nicht, meine Seele? Es ist kein Anderer, als Jesus Christus! nennen Wann und wo aber hat Er sich sei: nem Volke als Schirm und Hort offen: baret? Hat Er's- um nur Eins zu nicht schon gethan zu den Tagen Elia's im Winde und Erdbeben? Aber im glänzenden Sonnenschein der Welt, unter unbewölktem Himmel, im lachenden Glück, da fragt man nicht nach Ihm. Anders wird's, wenn die Wolken sich zusammenziehen, wenn die Sonne am Firmament sich verhüllt und wenn man erkennt, daß es mit allen Zufluchts- Der Bogen in den Wolken. stätten der Welt nichts ist dann, ja, dann steigt ein Flehen empor: mein Herz ist in Angst; du wollest mich führen auf einen hohen Felsen! Ein Erdbeben erdröhnt, ein Sturm brauset, eine Feuersbrunst wüthet, und- eine bange Stimme zittert empor aus des Menschen Brust! 12 O, bange, gläubige Seele! fasse Muth, denn siehe, bereit ist für dich ein sicherer Hort und ein starker, unerschütterlicher Thurm vor deinen Feinden! Mag die Welt auch ihren Hort haben, er fann doch nicht bestehen am Tage der Anfechtung. Der Wind fähret darüber hin und bricht ihn zusammen! Wie anders ist's mit dem Schirm, der dich decket: je lauter die Stürme brüllen, je heftiger sie toben- um so lieber wird er dir; und je tiefer die Spalten dieses Felsens sind, um so icherer fühlest du dich darinnen. Wenn der Sturmwind tobet und wenn du durch dürre Wüsten pilgern mußt, so birg dich in deinen Felsen und erquicke dich, mein Herz, an dem Worte, das Fleisch worden- siehe, du hast einen Bruder, der auf dem Throne sitzt, einen Gefreundeten, der da lebet für und für- Einen, Der Bogen in den Wolken. 13 der weiß, was für ein Gemächte du bist, und, der verherrlicht nach seiner Menschheit, die Tiefen deiner Leiden wie kein Anderer, ermessen kann. Kommt ein Freund zu dir in Trübfal, der nie einen Verlust erlitten, nie eine Noth geschmeckt hat: so kann derselbe dir deinen Schmerz unmöglich nachfühlen. Kommt dagegen ein Anderer, welcher selbst ein Mal über das Andere im Schmelzofen der Trübsal gesteckt, so ergreift's ihm das Herz, wie dein eigenes: er fann's empfinden, kann mit dir fühlen bis in die Tiefe seiner Seele hinein. Und siehe, so ist's mit Jesus! Als Mensch ist Er durch die Schule der Leiden hindurchgegangen von Anfang bis zu Ende. Was hat Er nicht Alles darin erfahren! Er selber hat den Sturmwind kennen gelernt und gefühlt, vor dem Er dich schützen will. Zwar ist Er ein Fels, doch auch ein Mensch, der da erretten und bewahren, aber auch Mitleiden haben kann. Immanuel, Gott mit uns! Er ist, wie der Bogen am Firmament, der mit seinen beiden Seiten auf der Erde ruhet, während seine Spitze sich in den Wolken befindet oder wie die - 14 Der Bogen in den Wolken. Eiche, die das schwächste Vöglein unter ihre Neste lockt, während sie selber mit dem Sturme kämpft. D, trauernde Seele! setze dich unter den Schatten deines Freundes und birg dich in seine verwundete Seite. Die Hand, welche dich schlug, führt auch die Versuchung hinaus, daß sie ein gutes Ende für dich gewinne, und Der, welcher den Sturm erregte, ist auch der Hort, daß du vor ihm wohl bewahret werdest. Ziehen sich aber im weitern Verlauf deiner Pilgerreise dunkle Wolken um dich her, o! dann müsse dieser glänzende Bogen des Trostes dein mattes Auge gerichtet halten auf das Wort: Er mußte allerdinge seinen Brüdern gleich werden- denn darinnen Er gelitten hat und versucht ist, kann Er helfen denen, die versucht werden. Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. Der Bogen in den Wolken. 4tcr Tag. Meinen Bogen habe ich gescht in die Wolken. Welchen der Herr lieb hat, den züchtiget Er." Ebr. 12, 6. 15 Der Züchtigung Ursach. Wie! Gott sollte mich lieben, wenn Er seine Pfeile auf mich abschießt? Lieben, indem Er mir ein Gut nach dem andern hinwegnimmt? Sollte es wirklich Liebe sein, wenn Er die Sonne meiner Erdenfreuden in Dunkel hüllt? Ja, und dennoch ist's Liebe, armer, be trübter Pilger! Liebe- du, vom Sturme Verschlagener! Er züchtiget dich, weil Er dich lieb hat. Seine weiche Liebeshand, sein unwandelbar treues Herz hat diese Trübsal über dich gebracht. Liegst du auf dem Siechbette- find schmerzvolle Monde und schlaflose Nächte für dich angebrochen? nun, dann lege dein müdes Haupt auf das Kissen und sprich: also geschieht es, weil Er mich lieb hat! Haben Verluste dein Herz vereinsamt und dein Haus leer gemacht? So wisse: Er hat die Todeskammer zurecht gemachtEr hat das Grab aufgethan, weil Er dich lieh hat! Leidet eins deiner lieben Der Bogen in den Wolken. Kindlein und nimmt die wärmste Theilnahme und die zärtlichste Sorge der Mutter in Anspruch, siehe, so ist in demselben Augenblick auch die innigste Liebe und Sorge des Vaters im Himmel, der dich züchtigt, zur Hand. Mit Liebe trug Er dich in diesen Schmerz hinein und mit Liebe trägt Er dich durch ihn hindurch. Nirgends ist Willkühr, nirgends Laune in Dem, was Er uns zuschickt. Liebe ist die Ursach von Allem, was Er thut, und kein Tröpflein Zorn in dem Kelchy, den Er dir darreicht. Ich glaube"- sagte einst eine fromme Frau - ,, Er hat die Trübsal ebenso wohl für uns erkauft, wie alles Andere. Gelobet sei sein Name, daß Er uns heimsucht mit Schlägen, die Er, uns zugedacht hat nach seinem Bunde!" Was sagte Er selbst, der da würdig ist zu nehmen Ehre und Anbetung? Nicht als Er noch auf Erden, nicht als Er noch ein Pilger war in dieser Welt der Thränen- nein, vom Himmels- Throne seiner Herrlichkeit spricht Er: Welche ich lieb habe, die strafe und züchtige ich. ¹) ¹) Offenb. Jrh. 3, 19. 16 Der Bogen in den Wolken. 17 Freue dich, mein Christ, daß sich die Ruthe, die Zuchtruthe in der Hand deines Heilandes befindet, der da lebet und dich liebet und sich in den Tod für dich dahingegeben hat. Trübsal heißt die Königsstraße, und dennoch ist diese Straße mit Liebe gepflastert. Wie du weißt, daß es gewisse Kräuter gibt, die man zerdrücken muß, ehe sie ihren süßen Duft von sich geben so erkennet dein Gott, daß wahre Liebe erst dann aus dir hervorduftet, wenn Er dich vorher zerstoßen hat. Und wie es von etlichen Vögeln heißt, daß sie die lieblichsten Töne von sich geben, wenn ihre Brust durchstochen- so schlägt der Herr dir Wunden, damit du zum Fluge aufgetrieben werdest und im Emporsteigen singen mögest: mein Herz ist bereit, Gott, mein Herz ist bereit! ¹) - ,, Die, welche Er am meisten heimsucht, will Er am meisten herrlich machen"- sagte einst ein frommer Mann; und ein Anderer: Immer scheint Er in seinem Worte zu gedenken unsrer Mühsale; viel: leicht ist wohl die Hälfte seiner Gebote ¹) P₁. 57, 8. 2 18 Der Bogen in den Wolken. und die Hälfte seiner Verheißungen, welche Er uns darin gibt, auf leidende Menschen berechnet." Möchtest du darum immer zu Ihm sprechen: ,, Herr, ich will dich lieben, nicht trop deiner Ruthe, sondern wegen deiner Ruthe! Ich will mich ganz in deine Arme werfen, die mich züchtigen! Wenn deine Stimme mir, wie einst Abraham, zuruft, daß ich mich auf eine bittere Prüfung gefaßt machen soll, so gib Gnade, daß auch ich mit willigem Herzen antworten könne: Hier bin ich! und dann auch in dem Bogen, der meine dunkelste Wolke umspannt, lesen möge: Er züchtiget mich, weil Er mich lieb hat! - Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erbe fübre, fo foll man meinen Bogen sehen in den Wolken. Der Bogen in den Wolken. 19 5ter Tag. Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken. „ Ich bin der Herr, der sich nicht ändert, und es soll mit euch Kindern Jakobs nicht gar aus sein." Mal. 3, 6. Der Herr änUnveränderlichkeit. dert sich nicht! O, welch ein Anker für den, der vom Sturme verschlagen ist! Wechsel ist hie nieden unser Loos. Dinge und Verhältnisse ändern sich. Unsere Freuden welken dahin. Aber unsere Freunde? Die Einen sind uns in große Ferne gerückt, und die Andern haben den weitesten Weg angetreten, sie sind in die Heimath gegangen. Wer sollte unter solchem Wechsel nicht nach etwas Bleibendem, Stetigem und Dauerndem seufzen? Ein Mal um das andere hat sich das Fahrzeug von dem Ankertau losgerissen. Darum sehnen wir uns nach einem sichern, schirmenden Hafen. Der Herr ändert sich nicht! Alles Fleisch mag verdorren und hinfallen und wirklich geschieht's soaber der Herr vergehet nicht, sondern Er bleibet, wie Er ist, und Ihn rührt 20 Der Bogen in den Wolken. kein Wechsel, der in der Welt um ihn her vorgeht. Wie wir selber uns auch ändern, Ihn ändert nichts! Und ob auch unser treulofes Herz, wenn es gebeugt und vom Sturme bewegt ist, wie ein zerbrochener Bogen zusammenfällt-- ſo ist bei dem Herrn doch kein Wechsel des Lichts und der Finsterniß. Er kann sich selbst nicht läugnen! ¹) Das ist seines Thrones Ueberschrift und so steht's auf Allem, was Er thut. Der Herr ändert sich nicht! Weißt du, für wen Er den düstern Himmel mit jenem Bogen des Trostes umspannt? Er thut's für die Kinder Jakobs, sein Bundesvolk. Wie vor Zeiten Jakob, also zog Er ihnen an das Kleid seines ältern Bruders, 2) durch welchen sie des geistlichen Erbes theilhaftig worden sind. Unveränderlicher Gott! D, welch ein köstlicher Name ist das! Ich habe darin ein Pfand, daß mich nichts treffen kann, als was zu meinem Besten dient. Wie könnte ich zweifeln an seiner Treue? Ich muß bekennen, daß alle seine Wege ¹) 2 Tim. 2, 13.- 2) 1 Mos. 27. Der Bogen in den Wolken. 21 recht sind. zont meines daß Verdunkelt sich der HoriPilgerlebens, so weiß ich, nichts als Seine Bundesliebe ihn umdüstert hat. Gerade zu dieser Stunde ist Er derselbe, welcher seines eigenen Sohnes nicht verschonet hat') D, statt mich zu wundern über meine Trübsal, will ich mich vielmehr wundern, daß Er mich so lange getragen hat in Geduld. Die unveränderliche Barmherzigkeit und Treue des Herrn ist's, daß es noch nicht gar aus ist mit mir. Ja, wäre Er ein Mensch, wäre Er veränderlich und wankend, wie ich, so hätte Er mich längst, ehe ich an diesen Tag gekommen, von sich gestoßen und den Fluch des unfruchtbaren Feigenbaums über mich ausgesprochen. Aber meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr. Bei Ihm ist keine Veränderung noch Wechsel. Ja, wenn der Tag dunkel und der Himmel mit Wolken bedeckt ist, will ich meine Augen aufheben zu dem Zeichen des Bundes und mit Thränen in den ¹) Röm. 8, 32. 22 Der Bogen in den Wolken. Augen singen: Wohl dem, deß Hülfe der Gott Jakobs ist, deß Hoffnung auf den Herrn, seinen Gott, sfehet! ¹) Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. ¹) Pf. 146, 5. Der Bogen in den Wolken. 23 6ter Tag. Meinen Bogen habe ich geseht in die Wolken. „ Ich habe ihr Leid erkannt." 2 Mos. 3, 7. Göttliches Das kann kein Mensch sagen. Es gibt manche Fiber Mitleid. in unserm Herzen, die das innigste menschliche Mitleid nicht zu berühren versteht. Aber der Erstling unter allen Duldern, der selber den Weg der Schmerzen gewandelt, weiß, was für ein Gemächte wir sind. Wenn ein drückender Verlust wie ein schwerer Eisklumpen uns auf dem Herzen liegt und der theuerste Erdenfreund das, was uns eigentlich drückt, nicht zu ergründen vermag- siehe, so kann es Jesus und Jesus thut es auch. Er, der einst meine Sünden getragen, lud auch auf sich meine Schmerzen. War nicht das Auge, welches jetzt im Vollglanze vom Throne herabblickt, einst dunkel geworden vor Weinen? So will ich denn unter allen meinen Betrübnissen bedenken: Er war betrübt, ¹) und unter all mei¹) Matth. 26, 38. 24 Der Bogen in den Wolken. nem Weinen: Jesu gingen die Augen über. ¹) Lange hatte Israel unter dem Joche der Knechtschaft geseufzt, und Gott schien's nicht zu erkennen. Er schien vielmehr zu schlafen, wie Baal; 2) allein gerade da wachte sein mitleidsvolles Auge mit aller Sorge über seinem unterdrückten Volk. Gerade da war es, daß Er sprach: Ich habe ihr Leid erkannt. Ja, zuweilen kann es den Anschein nehmen, als wenn Er uns vergessen und verlassen hätte, und wohl drängt sich dann der Angstschrei aus unserm Herzen: Hat denn Gott vergessen gnädig zu sein? 3) und dennoch- während wir also rufen- hat Er sich in der zärtlichsten Liebe über uns hingeneigt. Zuweilen läßt Er's allerdings geschehen, daß uns die Wasser der Trübsal bis an den Hals gehen, aber Er thut's nur, um seine helfende Hand nach uns auszustrecken und uns die Fülle seiner Gnade kund zu thun. Das Ende des Herrn habt ihr gesehen, denn der — ¹) Joh. 11, 35.- 2) 1 Kön. 18, 27. 3) ₁. 77, 10. Der Bogen in den Wolken. 25 Herr ist barmherzig und ein Erbarmer. ¹) Daß Er unser Leid kennt, ist aber auch eine herrliche Bürgschaft dafür, daß Er uns nicht mehr und nicht weniger zuschickt, als was uns noth thut. Ich will es nicht ein Ende mit dir machen spricht Er züchtigen aber will ich dich mit Maße. ²) So ist Alles, was Er uns zuschickt, genau abgemessen und weislich eingetheilt. Da waltet nirgendwo ein Ungefähr und nirgend ein Zufall, und da ist kein Dorn zuviel und kein Schlag überflüssig. Er fasset unsere Thränen in seinen Sack. 3) Alles ist gezählt, Tropfen für Tropfen, Thräne für Thräne: sie sind ein Heiligthum in der Schatzkammer unseres Gottes! - - Gläubiger Pilger unter dem Kreuze! ist dir gleich ein Schwert durch die Seele gegangen, so freue dich dennoch! Siehe, welch eine Ehre hat der Herr dir angethan- du bist eines Leidens theilhaftig gemacht worden. 4) So blicke ¹) Jac. 5, 11.2) Jer. 30, 11. ³) Pf. 56, 9. 4) 2 Cor. 5, 7. 26 Der Bogen in den Wolken. denn empor zu jenem strahlenden Bogen, der den düstern Himmel umschließt! Jesus, dein Schmerzens- Jesus, dein mitleidiger Jesus kennt die Schläge, von denen du gequält wirst, und die Thränen, die in deinen Augen brennen. Er wird herniederfahren, daß Er dich errette! ¹) Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. ¹) 2 Mose 3, 8. Univ.- Bibl. Giessen Der Bogen in den Wolken. 27 7ter Tag. Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken. „ Wo es sein soll." 1 Petri 1, 6. Eine GnadenWelch ein Motto! welch eine segensreiche Ueberschrift über der finstern bedingung. Schwelle der Trübsal! Wo es sein soll! Jeder Pfeil aus dem Köcher des Herrn ist damit umfiedert. Kind der Trübsal! schreib' es über jegliche Anfechtung, die Gott über dich zu verhängen für gut findet. Wenn Er dich von sonnigen Berghöhen in dunkle Thäler hinabruft, so höre, wie Er spricht: Es soll also sein! Wenn Er dir den Becher irdischen Glücks von den Lippen hinwegreißt, wenn Er dir jeden menschlichen Trost nimmt und wenn Er dir„ Korb und Uebriges" 1) schmälert- dann höre wie Er spricht: Es soll also sein! Wenn Er mit hartem Verluste, wie mit einer scharfen Pflugschaar dein Herz umgeackert und durchfurcht und wenn er ein Licht nach dem andern in deinem Hause ausgelöscht hat- dann höre, wie Er, die ¹) 5 Mos. 28, 17. Der Bogen in den Wolken. Aufregung des Kummers in deinem Innern zu stillen, ruft: Es soll also sein! O, glaube nur, deine Trübsal hat einen sichern und gewissen Grund! Dermalen mag er wohl unausforschlich für dich sein. Kein Schmelzofen ist jedoch heißer, denn er sein soll. Manchmal sind allerdings die Züchtigungen deines Gottes in Dunkel gehüllt, und oft kostet es uns nicht wenig Mühe das Wort auszusprechen: Gott ist die Liebe! Da sieht man das Licht nicht, da erscheinet kein lichter Bogen, daß es in den Wolken helle leuchtet. ¹) Es ist Alles dunkel, nicht ein helles Pünktlein, das den dunkeln Himmel durchbricht! Ja! höre, was der Herr, dein Gott, spricht. Wo es sein soll! Doch läßt Er die Seinen nicht allein, wenn Er sieht, daß die Last ihnen schwer wird. Indessen gebraucht Er die Mittel, welche Ihm gutdünken, um sie von der Liebe zur Welt loszumachen um sie aus sich selber hinauszuseßen und jene eiteľn Gößen vom Throne zu stoßen, den einzunehmen Ihm allein gebühret. Sollte ¹) Hiob 37, 21. 28 - Der Bogen in den Wolken. Er nicht, ehe diese Trübsal über dich tam, es gesehen haben, wie deine Liebe zu Ihm erkaltet und deine Empfänglichfeit für's Gute ins Abnehmen gekommen? Wie war's? als die Sonne ihre Strahlen hell leuchten ließ hat da nicht die Sonne deines zeitlichen Glücks das Feuer deiner Seele ausgelöscht und deine Liebe für Christum geschwächt? Hast du da nicht einen Bund gemacht mit einer schmeichlerischen und verführerischen Welt? Nun, darum hat der Herr dich in die rechte Schule gebracht und über dich kommen lassen, was Noth that. Nichts Befremdliches, nichts Sonderliches ist geschehen, sondern nur das, was geschehen mußte. 29 - So sei denn stille, meine Seele, und erkenne, daß der Herr Gott ist! Bedenke, das Also soll es sein ist in der ewigen Liebe, der ewigen Weisheit und der ewigen Allmacht Händen. Auf den Herrn setze dein Vertrauen in kleinen Dingen, wie in großen, bei geringfügigen Vorfällen, wie bei wichtigen Ereignissen. Trachte darnach, daß dein Glaube sei sonder Zweifel. Ist's auch keine Frage, daß du dir selber andere Wege erwählet 30 Der Bogen in den Wolken. hättest, als Er dich führt, so ist'e doch deine Sache bei allen Gängen, die Er dich leitet, auf die Stimme zu hören, die da spricht: Dies ist der Weg, denselben gehet! ¹) Jetzt können wir's wohl noch nicht verstehen, aber einst wird der Tag kommen, an welchem wir's erfahren, daß die Trübsal einer von den freundlichsten Engeln Gottes ist ein dienstbarer Geist, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die ererben sollen. die Seligkeit. 2) Wie, würde wohl ein Bogen am Himmel aufgespannt, wenn's keine Wolken dran gäbe? Ich weiß es wohl, angenehm für's Auge sind reines Azurblau, weißlockige Schäfchen am hellen Firmament oder goldgefaßter Purpur am Abendhimmel; allein, was sollte wohl aus der Erde werden, wenn nicht von Zeit zu Zeit dunkeles Gewölk über sie herabhinge? was? wenn dieses nicht ihre welten Schößlinge auffrischte und ihnen neues Leben brächte? - Nun aber, verhält es sich mit der Seele denn anders? Onein, keinesweges! ¹) Jef. 30, 21.- 2) Gbr. 1, 14. Der Bogen in den Wolken. 31 Sie kann die Trübsalswolken nicht entbehren. Jeder Tropfen, der aus ihnen Herniederträufelt, ist ein Zeichen der Liebe! Wohlan denn! bist du betrübt, meine Seele, wenn diese Wolken sich zuſammenziehen und der Sturm heulet- so richte deine Augen empor auf das göttliche Zeichen, welches durch den dunkeln Himmel strahlt, und gedenke, daß Der, welcher den Bogen der Verheißung darin gesetzt, auch ein Es soll so sein für die Wolke erkannte, auf welcher der Bogen ruht! Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. 32 Der Bogen in den Wolken. Ster Tag. Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken. „ Mein Angesicht soll gehen, und ich will dir Rube acben." 2 Mos. 33, 14. Moses begehrete, daß ihm der Weg gezeigt würde. Hier nun ist die Erwiederung darauf: der Weg wird ihm nicht gezeigt, aber etwas Besseres, als dieser; der Herr spricht: Mein Angesicht soll gehen! ich will dich leiten! Des Herrn Angesicht und die Ruhe. Trauernde Seele! höre die Stimme, die aus der Wolkensäule zu dir spricht. Jene Verheißung in der Wüste gibt der Gott Jakobs seinem geistlichen Israel bis auf diesen Tag. Wie von Alters her führet Er sein Volk, wie eine Heerde Schafe, durch Mose und Aaron, ¹) und will auch an dir kund werden lassen die nämliche Hirtenliebe. Mag der Weg, den Er uns leitet, auch noch so verschieden sein von dem Wege, den wir selbst erwählet haben würden- so ist doch sicherlich die Wahl in ungleich ¹) Pf. 77, 21. Der Bogen in den Wolken. 33 bessern Händen. Wo wir nur Abwege sehen, da leitet uns seine Weisheit gerade zum rechten Ziele hin. Kannst du wohl auf die bisherigen Führungen Gottes zurückblicken ohne Ihm dafür zu danken und Ihn zu preisen? Wenn seine Schafe über die rauhern Stellen in der Wüste hinziehen mußten, so war Er, der treue Hirte es, der selber vor ihnen herging ¹)- und wenn ihre Vließe zerrissen und ihre Füße müde und wund geworden waren, so trug Er sie auf seinen Armen. Sein Angesicht hat ihnen jedes Kreuz leicht und jeden Kummer süß gemacht. Drum, meine Seele, sebe dein Vertrauen auf Ihn, wie un gewiß und wechselvoll die Zukunft auch sein mag! Ob Andere, an denen du mit Ltebe hingest, dich täuschten und im Stiche. gelassen haben- so gibt's doch Einen, der besser als die Besten ist und voller Gnaden allenthalben in der Wolkensäule vor dir her geht. Wohlan denn! möge Er mir nehmen, was Ihm wohlgefällt, dennoch muß ich glücklich sein. Ich kann triumphiren über dem Verlust eines Er ¹) 5 Mos. 31, 8. 3 34 Der Bogen in den Wolken. denglücks, wenn ich mich der himmlischen Güter und des ewigen Erbes in dem Geber aller guten Gaben erfreuen kann. Ob Er's nicht für gut erachtet, diese und jene Weltgößen vor mir aufzuräumen, auf daß Er, der Allgenugsame, mein Ein und Alles werde? Ob Er's nicht für gut befunden, mir meine Augenlust zu nehmen, daß ich mich hinfort nur weide an seinem Antlig und um so brünstiger mit Mose beten möge: Wo nicht dein Angesicht gehet, so führe uns nicht von dannen hinauf? ¹)Er will nicht, daß wir Hütten bauen auf Erden und darüber schreiben: Dies ist meine Ruhe! 2) Onein! Diesfeits ist Pilgrimzeit, jenseits Nuhe! Allein flüstert Er dir nicht zu: Fürchte dich nicht!?- ohne Freund, ohne Trost wirst du nicht sein auf deinem Wege!" Pilger im Bilgerlande! mein Ä ngesicht soll gehen, damit will ich dich geleiten in allen dunkeln und trüben Tagen, in den Stunden der Ohnmacht und Niedergeschlagenheit, in Vereinsamung und Verlassenheit, - ¹) 2 Mof. 33, 15.- 2) Pf. 132, 14. — Der Bogen in den Wolken. 35 im Leben und im Sterben. Dann aber, wenn du die Reise vollbracht und der Säule in der Wüste nicht mehr be darfst, dann erfüllt Er sein Wort: Ich will dir Ruhe geben! Siehe, dann verwandelt sich der Ernst der Gnade in die Herrlichkeit des Schauens! Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. 36 Der Bogen in den Wolken. 9ter Tag. Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken. „ Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es ge= nommen; der Name des Herrn sei gelobt!" Hiob 1, 21. Der Geber Welch edle Haltung tritt da vor meine Seele! Nieund derfallen und anbeten. der Nehmer. Nichts sehen, nichts wissen, nichts erkennen, als nur die Eine Hand! Araber, Feuer, Sturmwind, Schwertüber Alles dies sieht Hiob hinweg; er sieht nur den Herrn, der gegeben, nur den Herrn, der genommen hat! Woher rührt doch die gewaltige Niedergeschlagenheit, woher die übergroße Betrübniß und das ungöttliche Murren, wenn wir in eine Stunde der Anfechtung gekommen? Es kommt daher, daß wir unsere Blicke geheftet haben. auf das wirre Durcheinander von Dingen, in denen wir fälschlich den Grund suchen von Allem, was uns betroffen hat; es rührt daher, daß wir uns nicht auf die Höhe des Glaubens schwingen, daß wir nicht mit vertrauensvollem Herzen sagen wollen: Herr, dein Wille - Der Bogen in den Wolken. 37 geschehe! und daß wir seiner Stimme das Ohr verschließen, die in den lieblichsten Tönen mitten durch das Toben des Sturmes hindurch ruft: Ich bin es! Ist auch ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht thue? Findet sich wohl irgend ein bittrer Tropfen im Kelch, den der Herr nicht hineingemischt? Wahrlich, Er liebt sein Volk zu sehr, als daß Er dessen Angelegenheiten irgend einem Andern anvertrauen sollte. Wir aber sind nichts als Thon in der Hand des Töpfers und als Gefäße eines Silberschmelzers. Er misset einem Jeglichen sein Theil zu und hat zuvor versehen, wie lange und weit wir wohnen. sollen. Der Herr verschaffte den Kürbis und der Herr verschaffte den Wurm. Von Ihm kommt Frend und Leid, Trost und Kreuz. Er bläset uns ein den lebendigen Odem in unsre Nase, und auf seinen Befehl muß der Geist wieder zu Gott kommen, der ihn gegeben hat. O, daß wir doch unser Leben, so wie das Leben derer, die uns theuer sind, immer nur als ein Lehen ansehen möchten, daß wir vom Herrn empfangen 38 Der Bogen in den Wolken. haben! Gott ist allein der Herr und Besizer von Allem; Er kann, wie Er's für gut findet, sein Geschenk zurücknehmen oder seinen Haushalter absetzen. Er hat es gegeben! Was wir haben ist eitel seine Gnade, Güter sind's, die Er uns geliehen hat: Er schenkt sie, Er läßt sie, Er nimmt sie uns. Und wie manchmal nimmt Er fie uns, daß unser Herz leer werde und Raum finde, Ihn und seine Liebe darin aufzunehmen! Kein Verlust kann uns Jhn, Er aber kann uns allen Verlust zusammengenommen ersetzen. Auf seine Liebe und seine Treue wollen wir bauen, mag Er nehmen, oder mag Er ge= ben! Oft werden Auge und Herz versucht zu sagen: O nein, Herr! Der Glaube aber, der auf der Verheißung ruhet, jauchzet über dem Bogen, welcher die dunkelste Wolke umspannt: Ja, Vater, denn es ist also wohlge fällig gewesen vor dir! Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erbe fübre, so foll man meinen Bogen sehen in den Wolken. Der Bogen in den Wolken. 10ter Tag. Meinen Bogen habe ich geseht in die Wolken. 39 Rufe mich an in der Noth, so will ich dich erretten, so sollst du mich preisen." Pi. 50, 15. - Ergebung in Wie mannigfaltig sind doch die Arten unserer der Noth. Leiden! Krankheit, und mit ihr die Stunden der Schlaflosigkeit und Hinfälligkeit. Sterbefälle, und in ihrem Gefolge das Dahinschwinden köstlicher Schätze und die brennenden Wunden des Herzens. Verlust unseres Vermögens- Verringerung oder Verfall unseres Besişthums- Reichthum, der selber Flügel annimmt und davon eilt oder, was härter wie all dieses ist, mißbrauchtes Vertrauen- hingewelkte Liebe Hoffnungen, die abgefallen sind, wie die Blätter des Herbstes. Aber Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hülfe in den großen Nöthen, die uns ge troffen haben. ¹) Höre, bedrängte Seele! Er läßt dich im Sturme nicht ohne Wehr und Schutz- rufe mich an! spricht Er. Er ruft dich in das ¹) B₁. 46, 2. — 40 Der Bogen in den Wolken. Zelt, darinnen Er wohnet. Besser bitteres Marawasser ¹) mit göttlicher Heilkraft, als der süßeste Brunnen der Welt ohne Gott! Besser in die heißesten Flammen des Trübfalsofens und Melchisedek zur Seite, als daß die Schlacken sich mehren und die Seele am Staub fleben bleibe! Der, welcher das Silber reinigt, 2) sitzt vor dem Feuer, daß Er seine Wuth dämpfe, ja, Er gibt dazu noch die besondere Verheißung: Ich will dich erretten! Vielleicht ist's nicht gerade die Errettung, welche wir erwartet, nicht die, um welche wir Ihn angerufen und nicht die, welche wir herbeigewünscht haben. Aber wie? solltest du die heißeste Trübsal nicht gerne dulden, wenn die züchtigende Liebe dich dadurch zur Erfüllung jenes Gebotes brächte: du sollst mich preisen! Ihn preisen? Wie denn? durch einen einfältigen, zweifelreinen Glauben durch eine stille, demüthige und widerspruchslose Fügung in seine Schickungen, die Schickungen, welche den Heiland und seine Gnade unserm Herzen theurer als je machen. ¹) 2 Mos. 15, 23.- 2) Mal. 3, 3, - Der Bogen in den Wolken. Die Tage der Noth sind den Gläubigen aller Zeiten ein Anlaß geworden, Ihn zu preisen. Nimmermehr hätte David seine rührenden Psalmen, noch Paulus seine köstlichen Briefe geschrieben, wenn der Herr sie Beide nicht in den Schmelztiegel geworfen. Sollten sie Lehrer der Kirche für die Tage der Zukunft werden, dann war es nöthig, daß sie die Schule der Trübsal durchmachten. Hält es der Herr für gut, uns eine ähnliche Züchtigung zuzuführen, dann wollen wir zusehen, daß wir Ihn preisen, und zwar ebenso sehr durch thätigen Gehorsam, als durch stille Ergebung und Selbstverläugnung. Fern aber sei's von uns, daß wir uns einer selbstsüchtigen Em pfindelei und einem ärgerlichen Gram hingeben! Vielmehr wollen wir unfern hohen Missionsberuf immer mehr zu erfüllen bemüht sein, immer redlicher unser Werk und immer ernster unsern Kampf fortsetzen, und so den Werth und die Wichtigkeit unseres Berufs immer höher achten lernen. 41 Gebet dem Herrn, eurem Gott, die Ehre, ehe denn es finster werde und ehe eure 42 Der Bogen in den Wolken. Füße sich an den dunkeln Bergen stoßen; daß ihr des Lichts wartet, so Er es doch gar finster machen wird! ¹) Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. ¹) Jer. 13. 16. Der Bogen in den Wolken. 11ter Tag. Meinen Bogen habe ich gescht in die Wolken. Wie sich ein Vater über Kinder erbarmet, so erbarmet fich der Herr über die, so Ihn fürchten." Pf. 103, 13. Abba, lieber Vater! das ist ein Wort des Evangeliums. Ein Vater, welcher sich über das Siechbette ſeines schwachen oder sterbenden Kindes hinbeugt eine Mutter, die in zärtlicher Sorgfalt ihr leidendes Kind an das Herz drückt Bilder Gottes sind's, von den Menschen entlehnt. Wie sich ein Vater erbarmet. Ich will euch trö sten, wie Einen seine Mutter tröstet. Erbarmende Liebe. 43 - Kommt eine Stunde über uns, in welcher wir, vom Kummer überwältigt, ausrufen: Solch eine dunkle Wolke ist noch nie aufgestiegen, und nie gab es ein so armes, jammervolles Herz, wie das meine!" o, dann lasset uns doch jegliches Murren verscheuchen mit dem Worte:„ Es ist eures Vaters Wohlgefallen! Liebe und Mitleid der zärtlichsten Eltern auf Erden sind nur ein 44 Der Bogen in den Wolken. schwacher Schatten gegen die erbarmende Liebe des Herrn. Hat unser himmlischer Vater auch für einen Augenblick sein Lächeln mit der Zuchtruthe vertauscht, so können wir uns doch deß versichert halten, daß dieser Tausch auf einem festen und dringenden Grunde beruht. Da nun aber ein menschliches Elternherz von unaussprechlichem Schmerze ergriffen wird, wenn das Messer des Arztes an den Leib des Kindes gelegt werden mußum wie viel mehr wird's deinem Bundesgotte zu Herzen gehen, wenn Er deinem Herzen solche tiefe Wunden schlagen muß! Beschränkte Einsicht kann bei seinen Anordnungen durchaus keine Rolle spielen. Ein irdischer Vater kann sich irren und ist stets dem Irrthum ausgesetzt, aber des Herrn Weg ist ohne Wandel. Die rechte Erklärung von Allem, was Er uns zuschickt, liegt in jenem Worte des Heilandes: Euer himmlischer Vater weiß, daß ihr deß Alles bedürfet. Kannst du Jhn aber auch nicht durchschauen, so sollst du Ihm doch vertrauen. Unterwinde dich nicht, die Wolken zu durchdringen, die Er über die Der Bogen in den Wolken. 45 Erde führt." Halte deinen Blick nur immer fest auf den Bogen gerichtet! Das Geheimniß ist des Herrn, die Verheißung ist dein. Trachte nur darnach, daß der Ausgang all seiner Führungen dein Vertrauen auf Ihn immer größer macht. Das Auge auf jegliches Kind seines Bundes gerichtet, sagt Er,- und zwar zumeist zur Zeit der Trübsal- was Er einst von Ephraim sagte: Ich ge= denke noch wohl daran, was ich ihm geredet habe. Wenn daher, dein Kopf hänget wie ein Schilf" und wenn dein Herz brechen will vor Kummer, dann gedenke, daß sein Auge voll Erbarmen auf dir ruhet! Deine Aufgabe sei es, gerade durch das Dunkel der Thräne hindurch zu sagen: Ja, Vater! so ist es wohlgefällig vor Dir! Und wenn es kommt. daß ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. 46 Der Bogen in den Wolken. 12ter Tag. Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken. Die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes unseres Heilandes Jesu Christi." Tit. 2, 13. Die selige, welch heller Bogen an einem stürmischen, wolkenHoffnung. umhüllten Himmel! O Hoffnung, die da mit Freude die Seele erfüllt! Hoffnung- Dichter besingen sie und Tonkünstler lassen sie laut werden in erhabenen Klängen. Aber, ach! wie manchmal breitet sie nur ein trügerisches Gewebe vor uns aus- wie oft umgaukelt sie uns mit eiteln Träumen, die im Nu wieder verschwinden. Am Morgen blühen und duften die Blumen der Hoffnung, aber wenn es Abend worden, kommt heimlich ein Mehlthau, und siehe,- da liegen die Kränze welk zu unsern Füßen!- Die Sehnsucht eines ganzen Lebens scheint sich zu erfüllen, aber da kömmt eine Trübsalswoge und spült in Einem Augenblick Alles hinweg! Doch eine Hoffnung gibt es, es ist die selige Hoffnung, worüber weder der Mehlthau, noch die Hinfälligkeit eine ver Bogen in den Wolken. 47 Macht hat die Hoffnung auf die Erscheinung der Herrlichkeit Gottes und unseres Heilandes, die nicht zu Schanden werden läßt.¹) Wenn wir hienieden oft auf die Rück- kehr eines Freundes oder Verwandten hoffen, von dem wir eine Zeitlang durch Meer und Länder getrennt gewesen und wenn wir die Monden, Wochen und Stunden zählen, nach denen wir ihn auf heimathlicher Schwelle wieder umarmen können, wie muß der Christ dann nicht nach der Wiederkunft Dessen verlangen, welcher der Bruder aller Brüder und der Freund aller Freunde und unter allen das Haupt ist? Ich will wiederkommen und euch zu mir nehmen 2) das ist die gnadenreiche Verheißung, die wir aus seinem Munde empfangen haben. O, seliger Tag! wenn Er fommen wird, daß Er herrlich erscheine mit seinen Heiligen ³)- dann wird sein Volk nicht mehr dulden und nicht mehr fündigen. Da sind weder 2) Joh. 14, 3. -- ¹) Röm. 5, 5. 3) 2 Theff. 1, 10, - 48 Der Bogen in den Wolken. Krankheit, noch Schmerz, noch Grab, da werden keine Thränen mehr geweint, und- was das Beste von Allem es gibt dort feine falsche Freunde und keine verrätherische Herzen mehr. Es wird dieser Tag der Hochzeitstag der Seele sein. Der Leib, welcher im Staube schlummert, wird verkläret und mit dem erlöseten Geiste wieder vereinigt werden. Auf ewig steht das Grab dann leer und der Tod ist verschlungen in den ewigen Sieg. Also werden wir bei dem Herrn sein allezeit. ¹) Hast du seine Erscheinung lieb? Bist du unter denen, die mit Sehnsucht warten und eilen zu der Zukunft des Tages des Herrn? 2) Noch über eine kleine Weile, so wird kommen, der da kommen soll. ³) Bist du ein Kind Gottes, daß du zu dem Thron der Gnade hinzutreten darfst mit kindlicher Zuversicht, dann brauchst du dich auch nicht zu fürchten vor dem Throne der Herrlichkeit! Gerecht ist der große Gott, mächtig und schreck¹) 1 Thess. 4, 17. 2) 2 Petri 3, 12. 3) br. 10, 37. - Der Bogen in den Wolken. 49 lich," 1) aber Er ist unser Heiland. Er ist unser Bruder und Erlöser, welcher verordnet ist zu richten den Kreis des Erdbodens mit Gerechtigkeit. 2) Wohl= an! richte deine Augen oft auf jenen leuchtenden Bogen, der eine glorreiche Zukunft umspannt; denn wisse, daß wir von dannen warten sollen des Heilandes Jesu Christi, der zum andern Mal erscheinen wird ohne Sünde denen, die auf Ihn warten zur Seligkeit. ³) Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. ¹) 5 Mof. 10, 17. 2) Apstgesch. 17, 31.- 3) Phil. 3, 20. Ebr. 9, 28. - 50. Der Bogen in den Wolken. 13ter Tag. Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken. Die Gerechten werden weggerafft vor dem Unglück, und die richtig vor sich gewandelt haben, kommen zum Frieden und ruhen in thren Kammern." Jes. 57, 1. 2. Ach, wie söhnt dieser Gedanke uns doch mit den schmerzlichsten - Trennungen aus, die wir auf Erden zu erfahren haben! Die frühen, ja, wie wir meinen die allzufrühen Gräber unserer lieben Hingeschiedenen haben sie vor manchem Kummer, manchem Leiden, mancher Sünde bewahrt! Wer kann es sagen, mit welchem Dunkel sich ihr Lebenshimmel noch überzogen haben würde? Das ansehnlichste Fahrzeug- ein Leben erfüllt und ausgeschmückt mit den lieblichsten Hoffnungen hätte es nicht Schiffbruch leiden können auf dem verrätherischen Mecre dieser Welt? Mein Gott weiß, was das Beste war. Brach Er seine Lilie so frühe- dann geschah es, um sie vor einem rauhen, falten Windeshauche zu wahren. Brachte er sein Lamm so bald in die Hürde, so that Er's, um sein Vließ vor dem Schmutz Gnädige Hinwegnahme. - Der Bogen in den Wolken. der Welt zu sichern. Ward der Hafen des Friedens und der Herrlichkeit so schnell erreicht, so rührte es daher, weil Er drohende Stürme kommen sah, die unser beschränkter Blick nicht zu erkennen vermochte und so brachte Er jene Theuern denn in den Hafen, in den sie einzulaufen sich sehnten. Ja, in den Hafen der Ruhe! Vorüber sind nun die Stürme des Lebens! Nicht von einer einzigen brandenden Woge wird jenes Gestade beunruhigt. Sie kommen- ja, sind gekommen zum Frieden, zur Ruhe, die dem Volk Gottes vorhanden. ¹) Wären die erlöseten Verstorbenen zur Stunde ihres Todes in leere Vergessenheit hinabgesunken und wäre nur ewiges Schweigen ihr Erbe, dann, ja dann würde der Trennungsschlag im höchsten Grade zu beklagen sein! Doch nein! Weinet nicht, sie ist nicht gestorben, sondern sie schläft. 2) Ja! weinet nicht! fie ist nicht gestorben, sondern sie lebet! In demselben Augenblick, in welchem hier die Thränen zur Erde fallen, sonnt sich ¹) br. 49. - - 2) Luc. 8, 25, 51 52 Der Bogen in den Wolken. der Geist, geborgen in der Heimath, geborgen im Vaterhause, in den Strahlen eines ewigen Tages; der Leib aber ruhet in seiner Kammer: sein Ruhekissen ist das Grab. Wir wünschen ihm eine lange gute Nacht, fröhlich in Hoffnung einer glorreichen Wiedervereinigung am Morgen der Auferstehung, jenem Morgen ohne Wolken, dessen Sonne nicht mehr untergeht. Tiefbekümmerter! der du trauerst, weil ein Wesen dir von der Seite genommen, an dem deine Seele hing- trockne deine Thränen; aus dem frühen Tode ist eine frühe Krone hervorgewachsen! Das Band, welches hier sich lösen mußte, verknüpft dich mit dem Throne Gottes. Du hast einen Bruder, eine Schwester, ein Kind im Himmel. Du bist der Anverwandte eines erlöseten Heiligen, der zum Schauen gelangt. Sind wir nicht stolz darauf, wenn wir hören, daß einer unserer Freunde in dieser Welt eine Erhöhung erfahren? Was sind aber die herrlichsten Erhöhungen hienieden, wenn man sie mit der Erhöhung vergleicht, welche dem gläubigen Christen im Tode zu Theil wird, da er von der Gnade er Der Bogen in den Wolken. 53 höhet wird zur Herrlichkeit, wenn er den Streit im Pilgerkleide mit der ewigen Ruhe vertauscht? Manchmal wird dir in dunkeln Stunden ein sicheres Glück des Augenblicks durch den Gedanken an die Möglichkeit einer trübsals, schmerzens- und sündenvollen Zukunft verkümmert und die Freude, welche dir wirklich angehört, durch den Schmerz getrübt, der vielleicht auf sie folgen möchte. Jetzt magst du, wie einst die Sunamitin, ¹) mit thränendem Auge auf verwelkte Blumen hinblicken, aber wenn du gefragt wirst: geht es dir, geht es deinem Manne, geht es deinem Kinde wohl? dann sprichin erhebender Zuversicht, daß sie zum Frieden gekommen und ruhen in ihren Kammern- mit froher Stimme: Ja, es geht wohl! - Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. ¹) 2 Kön. 4. 54 Der Bogen in den Wolken. 14ter Tag. Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken. 17 Was ich thue, das weißt du jeßt nicht, du wirst es aber hernach erfahren." Job. 13, 7. Die Schickungen Gottes machen uns hienieden oft beschämt und be stürzt. ,, Wie!" so möchten wir manchmal ausrufen- hätte der Kelch nicht weniger bitter, die Versuchung nicht weniger hart und der Pfad nicht weniger rauh und schrecklich sein können?" ,, Stille deine Zweifel!" spricht der gnädige Gott, und klage nicht über meine Führungen, denn sie sind recht. Es wird einst Alles offenbar und klar werden im Lichte der Ewigkeit!" Was ich thue! siehe, es ist Alles mein Thun- meine Anordnung. Du verstehst von diesen Schickungen nur ein gar geringes Theil du siehst sie nur mit deinem getrübten und verblendeten Auge an. Du vermagst nichts zu sehen, als nur Pläne, die sich einander durchkreuzen, als Kürbisse, die abgefallen, und herrliche Stäbe, die zerbrochen sind. ¹) ¹) Jer. 48, 17. Offenes Geheimniß. - Der Bogen in den Wolken. 55 Aber Ich sehe es Alles von Anfang bis zu Ende. Wie sollte der, welcher da richtet den ganzen Kreis des Erdbodens, denn nicht Recht thun? Du wirst es erfahren. Warte nur, es wird dir hernach offenbar werden! Ein irdischer Vater belästigt ſein Kind nicht mit Worten, welche demselben zu schwer und mit Aufgaben, welche es nicht lösen kann. Er wartet vielmehr bis das Kind zu einem reifern Alter gelangt ist, und dann macht er ihm Alles klar. Ebenso verfährt auch der Herr. Wir sind noch Unmündige- Kinder, die nur mit schwachem Lallen von seinen Wegen zu reden wissen. Erst im Mannesalter der Ewigkeit werden wir erforschen die Tiefen der Gottheit. ¹) Hier zeigt sich der Herr oft nur hinter dem Gitter 2) - ein Schimmer, und Er ist verschwunden! aber der Tag wird kommen, an dem wir Ihn sehen werden, wie Er ist ³)- dann, wenn jedes Dunkel gelichtet und jedes Räthsel im Buche der Vorsehung gelöst sein wird. - ¹) 1 Kor. 2, 10.- 2) Hohel. 2, 9.- 3) 1 Joh. 3, 2. 56 Der Bogen in den Wolken. 11 Bedenke doch, lieber Leser, wie unbillig es ist, wenn man über ein Gemälde ein Urtheil fällt, welches erst halb fertig ist, oder wenn man einen Plan meistert oder verwirft, den man nicht ganz kennt. Wohl ist's wahr, wie irgend Einer sagt: Wir sehen nur abgebrochene Glieder von der Kette der Vorsehung Gottes. Was wollen wir dagegen sagen, daß der Töpfer den Thon bildet wie er will? Aber ein Strom des Lichts wird sich über uns ergießen vom sapphirnen Stuhl ¹) in deinem Lichte, o Gott, sehen wir das Licht! 2) Jenes„ Wo es sein soll" 3)- welches uns noch in einen dunkeln Schleier gehüllt, wird uns dann nach seinem ganzen Sinn vertraut und klar werden im Lichte der ewigen Liebe. — Wohl möglich, daß wir nicht bis zum Morgen der Ewigkeit auf die Erfüllung dieser Verheißung zu warten brauchen; denn vielleicht werden wir sie diesseits schon erfahren. Finden wir ja oft schon in dieser Welt, daß dunkle Schickungen auslaufen in einen Segen, den wir zu - ¹) Hohel. 1, 26.- 2) Psalm 36, 10. 3) 1 Petri 1, 6. Der Bogen in den Wolken. 57 ahnen nicht im Stande waren. Würde z. B. Jakob seinen Joseph ja nimmer gesehen haben, wenn er sich nicht von seinem Benjamin getrennt hätte. So würde auch oft die gläubige Seele den treuen Joseph nicht gesehen haben, wäre sie nicht aufgefordert worden, sich von dem theuersten ihrer Lieben zu scheiden. Jetzt muß sie oft mit dem Erzvater sagen: Ich muß sein wie Einer, der gar beraubet ist! es gehet Alles über mich! ¹) Allein das, was ihm so widerwärtig vorkam, erwies sich nachher als das Mittel, welches ihm dazu verhalf, daß seine Augen, ehe sie sich schlossen, den himmlischen König sahen in seiner Schöne. 2) Wohl wird uns vom Herrn Manches zugeschickt, auf daß Er uns demüthige und versuche, ³) und mag's uns auch dermalen nicht wohl thun, aber wir haben die Verheißung: es wird's hernach thun. 4) Ich will dem Herrn nicht vorschreiben, welche Wege Er mich leiten soll. Der ¹) 1 Mos. 43, 14.; 42, 36. 3) 5 Mos. 8, 2. 33, 17. 8, 16. - - 2) Jes. 4) 5 Mos. 58 Der Bogen in den Wolken. Kranke schreibt auch seinem Arzte nichts vor, auch weiset er dessen Verordnungen nicht von sich, weil die Arznei bitter ist - er weiß, sie dient zu seiner Besserung und nimmt sie getrost. Dem Glauben gebührt's, sich vertrauensvoll unter die Schickungen Gottes zu beugen. O, daß ich seiner Liebe doch kein Unrecht thun oder seine Treue nicht verkennen möchte durch den Argwohn, daß in dem Kelch, welchen sein Liebesrath mir darreicht, irgend ein Tropfen unnöthig oder zu viel wäre! Jetzt erkenne ich es stückweise, dann aber werde ich es erkennen, gleichwie ich erkannt bin! ¹) Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. ¹) 1 Cor. 13, 12. Der Bogen in den Wolken. 59 15ter Tag. Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken. „ Ich will dich auserwählt machen im Ofen des Elends." Jef. 48, 10. Die Stätte Der Ofen des Elends! Das ist die Stätte, an welcher der Herr seinem Volke begegnet. der Erwählung. H will ich dich auserwählt machen," spricht Er: da will ich dich halten, bis die Läuterung vollbracht, und dich dann, wo es sein soll, in einem feurigen Wagen gen Himmel führen". ¹) Es gibt ein Feuer, wodurch Zerstörung bewirkt wird; dieses jedoch dient zur Reinigung. Er ist der Schmelzer, 2) welcher vor dem Gluthofen sißt, der die Flammen regelt und dem Feuer sein Maaß gibt. Aber nichts geht dabei verloren von dem Golde, denn auch das kleinste Theilchen desselben ist köstlich vor Ihm. Der Busch brannte mit Feuer, 3) Er aber war mitten darin- Er, ein lebendiger Gott in dem Busche, ein lebendiger Heiland in dem Schmelzofen. - ¹) 2. Kön. 2, 11. $) 2 Mos. 3, 2. 2) Mal. 3, 2. 3.- 60 Der Bogen in den Wolken. Und haben's nicht also erfahren die Gläubigen aller Jahrhunderte? Zuerst Anfechtung, darnach Seligkeit; erst Enge, dann Erlösung: Egypten- PlaFinsterniß Ziegelbrennen gen das rothe Meer vierzig harte Jahre in der Wüste- dann Kanaan! Erst die Gluth des Schmelzofens, darnach die Erscheinung gleich als des Sohnes Gottes! oder, wie es Elia auf dem Karmel erging: erst die Antwort durch Feuer und dann durch Regen. Erst heiße Anfechtung, dann das liebliche Niedersteigen des Geistes, der herabfährt wie der Regen auf das abgemähte Gras, wie die Tropfen, die das Land feuchten. - - - Gläubige Seele! dir gebührt's zu fragen: Dient mir die Anfechtung nicht zum Segen? Wird sie mich nicht heiliger, lauterer und besser machen? Werde ich durch sie nicht mehr Sanftmuth, mehr Leutseligkeit, mehr Sinn für das Himmlische und mehr Aehnlichkeit mit meinem Heilande erlangen? Die Geduld ist eine Gnade, deren selbst die Engel sich nicht rühmen können. Sie ist eine Blume der Erde, welche nicht im Paradiese blüht. Der Bogen in den Wolken. Zu ihrem Gedeihen bedarf sie der Trübsal und kann nur im Wind, Hagel und Sturm aufkommen. Erwäge doch, lieber Leser, wie du als armer Sünder durch geduldige, stille Unterwerfung Gott in einer Weise verherrlichen kannst, in welcher der erhabenste Engel es nicht zu thun vermag! Er zieht dich in das innerste Heiligthum seines Gnadenbundes. Er will dich läutern von deinen Schlacken; will dich, sobald sein Ebenbild aus dir wiederstrahlt- aus dem Ofen des Elends heben und dich verklären in Herrlichkeit! Welch eine Kraft, solche heilbringende Absicht an dir zu erweisen, liegt nicht im Schmelztiegel der Trübsal! Es ist so, wie ein gläubiger Pilger spricht: „ Kinder Gottes haben es immer erfahren, daß Trübfalszeiten für sie Segenszeiten sind. Nie befinden sie sich in solcher Nähe zu ihrem himmlischen Vater, nie in solch heiliger Freimüthigkeit zu Ihm und nie verspüren sie solche Erquickung bei Jhm, wie unter dem Kreuze." 61 Ihr Lieben, lasset euch die Hitze, so euch begegnet, nicht befremden, die euch widerfähret, daß ihr versuchet werdet, als widerführe 62 Der Bogen in den Wolken. euch etwas Seltsames, sondern freuet euch! ¹) Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erde fühve, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. ¹) 1 Pet. 4, 12. Der Bogen in den Wolken. 63 16ter Zag. Meinen Bogen habe ich gefeht in die Wolken, ,, Die Tage deines Leidens sollen ein Ende haben" Jej. 60, 20. Des Leidens Kinder Gottes gehen Ende. hienieden durch Leidenstage. Der Weg ihrer Pilgrimschaft geht durch ein Thränenthal. Weinend ging Adam aus seinem Paradiese, weinend ziehen wir nach dem unsrigen. Aber, siehe, du bekümmerter Pilger! Deine Thränen sind gezählt. Nur noch etliche Schmerzensseufzer, nur noch einige dunkle Wolken - und hervorbrechen wird über dir die ewige Sonne, deren Glanz niemals ver dunkelt werden wird. Mag auch dein Leben ein Thränenthal ein langes Weinen sein, so sollst du doch bald von den Thürmen des neuen Jerusalems den süßen Glockenruf zu dir herabschweben hören: Gehe ein zu deines Herrn Freude! Der Herr wird die Thränen von allen Angesichtern abwischen! Die Tage deines Leidens! O, welch ein Trost ist es, daß alle diese Tage 1 Der Bogen in den Wolken. bestimmt abgemessen.- gezählt sind! Euch ist gegeben... daß ihr leidet, sagt der Apostel. Und er hat Recht, denn, wenn du ein Kind des Bundes bist, so sind die Tage deiner Leiden Tage besonderen Vorrechtes, die mit reichem Segen für dich erfüllt sein sollen. Für die ungläubige Seele sind fie Vorläufer ewiger Pein- für die gläubige aber Herolde ewiger Herrlichfeit. Für jene ist Trübsal die Wolke ohne den Bogen für diese ist sie die Wolke, aus welcher die Verheißungen und Hoffnungen des Evangeliums mit ihren hell leuchtenden Strahlen hervorbrechen. 64 - Lieber Leser! zählst du nun zu den Gliedern der großen Trübfalsfamilie? dann sei getrost! Bald wird die lange Nachtwache vergangen sein- vergangen Schmerz, Krankheit, Schwäche und Mühseligkeit. Bald wird kein Vorhang mehr die Fenster der Seele verhüllen; bald bedarfst du nicht mehr der Erlösung von irgend einem Uebel- all deine gegenwärtigen Verluste und Kreuze werden in ewigen Gewinn umgewandelt und die Thautropfen, die in der Nacht des Der Bogen in den Wolken. 65 Weinens aus deinen Augen fallen, werden leuchten gleich dem Edelgestein, herrlich glänzen am Morgen der Ewigkeit! Bald wird man die Tritte des Meisters hören, welcher spricht: Die Tage deines Leidens haben ein Ende, dann wirst du dein Trauergewand ablegen und mit Freuden gegürtet werden. ¹) Auf denn! schwinge dich empor zu jenem Augenblick mag dein Leben hienieden auch ein langer Leidenstag gewesen sein, hast du einmal die goldenen Thore durchschritten, so wird dein Auge nicht mehr trübe werden, denn die eigentliche Thränenquelle wird dann versiegt sein. Die Zeit deiner Leiden ist nach Tagen gezählt die Zeit deiner Freude nach Jahrtausenden und wird kein Ende haben. Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott! 2) Jd will durch meine Thränen hindurch auf diesen Regenbogen hinsehen und des Nachts" singen 3) das Lied, welches der Herr, der meine Thränen abwischen - 5 - ¹) Pf. 30, 12.- 2) Pf. 42, 6.- 3) Pſ. 42, 9. 66 Der Bogen in den Wolken. wird, in meinen Mund gelegt: Der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerzen wird mehr sein, denn das Erste ist vergangen. ¹) Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolfen. ¹) Offb. Jeh. 21, 4. Der Bogen in den Wolken. 67 17ter Tag. Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken. ,, Ich will dich nicht verlassen, noch versäumen." @br. 13, 5 - Der beständige Kein Freund unter den Menschen besitzt Freund. diese Eigenschaft. Die festesten und theuersten aller Erdenbande können zerrissen werden und- ach! sind zerrissen worden. Entfernungen können trennen die Zeit entfremden- das Grab von einander scheiden. Liebliche Blicke, die dir einst aus den Augen theurer Angehörigen entgegenstrahlten, grüßen dich jetzt nur noch in stummem Lächeln von dem Bilde herab, das an der Wand hängt. Hier aber gilt's einen Freund, der nicht schwindet, sich nicht wandelt und nicht täuscht. Trauernde Seele! mitten unter hingewelkten Freuden, die du gerade in diesem Augenblick beweinst- siehe, hier ist eine Botschaft deines Gottes an dich: Ich will dich nicht verlassen, noch versäumen! Dein Kürbiß ist verdorret, aber der, welcher dir ihn gab, ist dir geblieben. - 68 Der Bogen in den Wolken. Uebergib dich nur seinen Händen. Er will dir zeigen, daß Er mit der Fülle seiner Gnaden zu deinem Heile gegenwärtig ist. Erhebt dein Herz in der Stille oft die bittere Klage: Joseph ist nicht mehr vorhanden, Simeon ist nicht mehr vorhanden! ¹) dann müssest du dessen gedenken, der verheißen hat: den Einsamen will ich das Haus voll Kinder 2) und einen Ort geben und einen bessern Namen, denn den Söhnen und Töchtern 3) Kehre um, gehe aus von dir selbst und wirf dich in Jesu Arme! Nacht ist's nicht, Nacht kann's nicht sein, wenn Er, die Sonne deiner Seele, dir nahe ist. Er kommt am Morgen mit dem ersten Strahl, der dein Kämmerlein aufsucht;- und wenn die Vorhänge der Nacht allenthalben vor dir niederfallen, dann kommt an deine Seite Der, bei welchem Finsterniß ist wie das Licht. 4) Wachst du in stiller Nacht, und fliegen dann die Bilder deiner Abgeschiedenen, gleich Schatten an ¹) 1 Mose 42, 36. 3) Jei.**. 5. - 2) Pf. 68, 7. 4) Pf. 139, 12. Der Bogen in den Wolken. 69 der Wand vor dir vorüber- so erscheint Er, der Hüter Israels, der nicht schläft, noch schlummert, und legt dir dein Kissen zurecht und flüstert dir in's Ohr: Fürchte dich nicht, Ich bin mit dir! ¹) Vielleicht kannst du mit dem Apostel sagen: sie verließen mich Alle; 2) aber ohne Zweifel wirst du dann auch, als die Noth am größesten war, mit ihm bezeugen müssen: der Herr stand mir bei und stärkte mich! ³) Seine Gnade ist das Leben. Durch seine Liebesnähe kann Er jeden zeitlichen Verlust ersetzen, aber ohne sie muß die geringste Anfechtung dich zu Boden werfen. Ist Er bei dir in der Anfechtung, so stärkt Er dich, daß du sie ertragen kannst und für ein zeitliches und vergängliches Glück ein ewiges und unwandelbares Erbe davon trägst. Im Reiche der Natur sehen wir manchmal Wolken ohne Regenbogen im Reiche der Gnade aber ist dies niemals der Fall. Jeglicher Schmerz findet da seinen Trost- 2) 2 Tim. 4, 16, 11 ¹) Jef. 41, 10. ³) 2 Tim. 4, 17, - 70 Der Bogen in den Wolken. ich hatte viel Bekümmerniß in meinem Herzen, aber deine Tröstungen ergößten meine Seele. ¹) In der Mitternacht der Leiden scheint deine Erdensonne für immer gesunken zu sein, aber ein innerer und doch nicht minder wahrhaftiger Sonnenschein hellt die Dunkelheit deines verwundeten Her-. zens auf. Mag der Strom des Lebens auch an seiner Quelle von den Menschen vergiftet worden sein, so müsse der Name des Herrn gepriesen werden, wenn du, durch seine Gnade getrieben, sagen kannst: alle meine Freudenquellen sind in dir! Der Herr ist mein Theil, spricht meine Seele, darum will ich auf Ihn hoffen. 2) Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. ¹) Pf. 94, 19. - - 2) Klagl. Jer. 3, 24. Der Bogen in den Wolken. 71 18ter Tag. Meinen Bogen habe ich geseht in die Wolken. ,, Denn Er nicht von Herzen die Menschenkinder Klagl. 3, 33. plaget und betrübet." Die Züchtigung ist nicht Wie geneigt ist unser Herz, in Zeiten der Trübsal, unter dem Seine Freude. Druck einer unerforschlichen Fügung murrend zu sprechen: Es gehet Alles über mich!" ¹)- Konnte dieser zerschmetternde Schlag mir nicht erspart bleiben? Konnte diese dunkle Wolke, welche mein Herz und mein Haus in Trauer gehüllt, nicht vorüberziehen? Konnten nicht wenigstens die Nebenumstände meiner Prüfung minder hart und schwer sein? Hat denn Gott vergessen gnädig zu sein?" 2) 11 Und doch sind auch deine Trübfale nur verkleidete Liebesboten. ,, Er pla get nicht von Herzen." Dein Gott theilet dir nichts nach Laune oder Willfür zu. Unaussprechlich innige Liebe ist der Stempel aller seiner Fügungen. Die Welt kann verwunden durch Lieb¹) 1 Mose 42, 36.- 2) Pf. 77, 10. 72 Der Bogen in den Wolken. losigkeit; dein Busenfreund kann zum Verräther an dir werden; ein Bruder kann mit übertriebener Härte und Strenge zu dir sprechen; aber der Herr ist reich an Barmherzigkeit. Er verwundet nie zwecklos, und wenn er hart zu reden scheint, wie Joseph mit seinen Brüdern, so sind's doch nur unterdrückte Liebesworte. Den scharfen Ton nimmt Er einzig deßhalb an, weil es wichtige Lectionen gilt, die anders nicht gelernt werden können. O glaube nur, daß eine tief begründete Nothwendigkeit vorhanden ist in Allem, was Er thut. In dem Kalender unserer Sorgen können wir ge troft bei jeder Stunde der Anfechtung ein rothes Kreuz machen, welches bedeutet: Es that Noth. An jedem Baume giebt es Wasserschößlinge, welche abgeschnitten werden müssen. Auch gute Ladung muß zuweilen über Bord geworfen werden, um das Schiff zu erleichtern und größeres Unheil zu verhüten.- Konnte Er, der Herr, nicht ganz anders mit dir verfahren? Konnte Er dich nicht abhauen als einen faulen, unfruchtbaren Baum, der das Land hindert? Konnte Er Der Bogen in den Wolken. 73 nicht dich den Fluthen preisgeben und ohne Steuermann auf die Felsen des Verderbens treiben lassen? Stand es nicht in seiner Macht, dich sammt deinen Gözen dir selbst zu überlassen und dich mit Verlust der ewigen Seligkeit auf dem andern Ufer auszusetzen? Güte, unendliche Güte war es, die den Mehlthau auf deine schönsten Blumen fallen ließ und deinen Weg mit Dornen vermachte. Ohne solche Dornhecken rechts und links," sagt Richard Barter,„ würden wir schwerlich im Stande sein, auf dem Wege zum Himmel zu bleiben." 11 Wir können im blinden Unglauben von Trübsalen reden, die uns hätten erspart bleiben können, oder von übermäßig harten Züchtigungen. Einst kommt der Tag, da jeder Schritt, den der Herr uns geführt, gerechtfertigt sein wird; da wir gestehen und anerkennen werden, daß jede einzelne schmerzliche Erfahrung einen unaussprechlich köstlichen und wichtigen Abschnitt in der Geschichte unserer Seele bildet. Ja! Kind Gottes. Der Engel der Trübsal hat einen Delzweig in der einen Hand, ein Liebespfand im Paradies gepflückt,- und in der an- 74 Der Bogen in den Wolken. dern einen Kelch, dessen Inhalt Der gemischt hat, welcher viel zu sehr Liebe und Gnade ist, um auch nur einen Tropfen unnöthigen Leidens hineinfallen zu lassen. Vergiß nicht, daß dein Bürge und Heiland jeden Tropfen Zorn in deinem Leidenstelch bereits getrunken hat. Wird er dir dann gereicht, so ergreif ihn mit fester Hand und laß deinen Trost sein, was einst in viel schrecklicherer Stunde den großen Dulder aufrecht erhielt: Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir mein Vater gegeben hat? ¹)- Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. ¹) 1 Joh. 18, 11. Der Bogen in den Wolken. 75 19ter Tag. Meinen Bogen habe ich gescht in die Wolken. ,, Ich bin der Lebendige. Ich war todt, und siehe, Ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel der Hölle und des Totes." Offenb. Joh. 1, 18. Der Tod ist besiegt. Lebendige. Der Heiland auf dem Thron der Herrlichkeit spricht: Ich bin der Andere sind dahingegangen, aber Ich lebe immer und Jch bleibe immer. Ich lebe auch jetzt als dein persönlicher Seligmacher,- Christus dein Leben! Standest du jemals an einem irdischen Palast, den die Stürme und Wetter zur Ruine gemacht? Ich rief den Sturm aus seiner Kammer. Ich vertheilte die Schicksalsloose, so seltsam sie oft scheinen. Ich sorgte für den Schutz; Ich bestellte das Grab. Streiche die Worte Zufall, Ungefähr, Verhängniß" aus dem Wörterbuch deiner Trübsale. Ich bin der Herr des Todes nicht weniger als des Lebens. Ich habe die Schlüssel„ der Hölle und des Todes." Sie hängen an meinem Gürtel. Das Grab schließt Niemand auf, denn Ich allein. Laß Andere reden von dem Könige 76 Der Bogen in den Wolken. der Schrecken. Er hat keine Macht, es sei denn, daß- und soweit Ich sie ihm gewähre. Noch mehr, betrübtes Herz! Ich war todt." Ich selbst ging durch das dunkle Thor. Ich weihte und heiligte es durch meine Tritte. Ich ruhte einst im Grabe. Mein jetzt verklärter Leib ward einst von Menschenhänden in die Grube gelegt. Kannst du den Weg durch das Thal fürchten, welches dein Herr durchwandert hat? erschrecken vor der Begegnung mit dem letzten Feinde", den Er bekämpft und besiegt hat? Der Tod ist durch Ihn zum Eingang in das ewige Leben worden.„ Ich war lebendig." 11 todt" und bin Was kann ein Christ mehr noch begehren als diese zwiefache Zusage? Am großen Versöhnungstage des alten Bundes ward das Blut gesprengt auf den Fußboden und an den Gnadenstuhl. Des Blutes Stimme rief vom Fußboden hinauf, vom Gnadenstuhl herab. So ist's auch mit der Stimme des Blutes, welches unser Bruder, der Erstgeborne vor allen Creaturen, vergossen hat. Es rief zuerst von der Erde hinauf und - Der Bogen in den Wolken. ruft nun vom Himmel herab. Seine sterbende Liebe ist jetzt die ewig lebende, unvergänglich und unveränderlich wie sein Wesen selbst. - 77 Wie der Regenbogen über der Erde nie aufhören kann zu erscheinen, so lange die gegenwärtigen Naturgesetze noch fortdauern, und die Sonne am Himmel steht: so kann der Friedensbogen des ewigen Gnadenbundes mit all' seinen Segnungen dann erst aufhören, wenn Christus, die Sonne der Gerechtigkeit, aufhört zu scheinen, aufhört zu sein. Ist denn meine Zukunft überwölbt von solch einem Bogen, dessen eines Ende auf dem Nebellande dieses irdischen Lebens ruht, wäh rend das andere seine Farben tief in das dunkle Todesthal eintaucht, so fürchte ich kein Unglück, denn du, mein GottundHeiland, bist bei mir, dein Stecken und Stab tröstet mich. ¹) Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. ¹) P₁. 23, 4. 78 Der Bogen in den Wolken. 20ster Tag. Meinen Bogen habe ich geseht in die Wolken. Er hat seines eigenen Sohnes nicht verschonet, sondern hat ihn für uns Alle dahingegeben, sollte Gr uns mit Ihm nicht Alles schenken?" Röm. 8, 32. Das sind Worte, die uns Die größeste in Erstaunen setzen. Gott, Gabe. der unendliche Gott, geht auf's Leutseligste ein in die Zustände menschlicher Kümmerniß und bringt jede Klage mit einem unwiderleglichen Grunde zum Schweigen:„ Ich habe meines eignen Sohnes nicht verschonet;" das Größte, was mein ist, gebe Ich für dich, willst du nicht getrost dein Bestes mir überlassen? Kannst du mir, nach diefem unaussprechlichen Beweis meiner Liebe, dein Vertrauen in geringeren Dingen versagen? Die größeste Gabe soll dir doch wahrlich ein hinreichendes Pfand dafür sein, daß Ich dir von allen untergeordneten Gütern geben werde, was nothwendig ist. Er verspricht Alles zu schenken. Dieses Alles" ist in seiner Hand. Seine liebende Weisheit will Alles auswählen Der Bogen in den Wolken. 79 und zutheilen,-Kummer und Thränen, Freud' und Wonne, das Kreuz und die Krone. Und nun, trauerndes Herz, die Trübsal, welche jetzt dein Auge thränenschwer macht, gehört auch zu diesem Alles." Baue auf seine Treue! Er kann eben so wenig dem Sohn seiner Liebe wehe thun, als dir. " 1 Wie, sollte Er nicht schenken? Nachdem Er die Gabe aller Gaben geschenkt, ist's eine Unmöglichkeit, daß Er auch nur ein unnöthiges Leid uns zufüge, nur ein nothwendiges Gut uns vorenthalte. Denke an seine Liebe, mit der Er seinen Isaak in den Tod am Kreuz dahingab. Und Er ist heut' noch derselbe, unendlich, ja, unveränderlich in alle Ewigkeit! Wir können Freude haben, auch wenn aller irdische Segen uns versagt bleibt, weil Der's so geordnet, der Jesum für uns dahin gegeben. In den Armen seiner Barmherzigkeit ruhend, dürfen wir mit kindlicher Zuversicht sagen: Herr, Alles mit deiner Liebe Alles, nur nicht deinen Zorn! Alles." Er kennt das ganze Heer unserer Bedürfnisse und Nothzu11 - Der Bogen in den Wolken. stände. Die Sorgen, ¹) die ich auf Ihn werfen soll, sind alle meine Sorgen- die Lasten, 2) alle meine Lasten. Das ist sein eigenes, ausdrückliches Versprechen: Gott aber kann machen, daß allerlei Gnade unter euch reichlich sei, daß ihr in allen Dingen volle Genüge habet, und reich seid zu allerlei gutem Werk." ³) Er giebt und verweigert Nichts, was nicht zu meinem Besten dient. Unterlaß es, nach dem Warum jeder Fügung zu fragen. Taste seine Ehre nicht an durch Zweifel an seiner unendlichen Weisheit. Stüße dich vielmehr auf diese Weisheit in kleinen, wie in großen Dingen. Nachdem Er uns das Pfand seiner Liebe in Jesu gegeben, kann nichts aus seiner Hand kommen, was den Namen Uebel verdient. Beschleicht Mißtrauen in seine Güte dein Herz, so vertreib' es als= bald durch den Blick auf das Kreuz. Auf den Bogen in den Wolken lasset uns schauen, in welchem die Worte funteln: Er hat mich geliebt und sich selbst für mich gegeben. 4) Daß 80 ¹) 1 Petri 5, 7. 2) Psalm 68, 20. ³) 2 Cor. 9, 8,4) Gal. 2, 20. 1 Der Bogen in den Wolken. 81 dieselbe Hand, welche die Ruthe führt, am Kreuz fich für uns durchbohren ließ, das müsse kein Christ vergessen! Wir haben Gottes Herz in Händen, Weil Jesus unser worden ist. So kann uns Niemand was entwenden; Und wenn uns alle Welt vergißt, Ist's Gott, der liebend an uns denkt, Weil Er uns seinen Sohn geschenkt. Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. 82 Der Bogen in den Wolken. 21ster Tag. Meinen Bogen habe ich geseht in die Wolken. Gott wird die da entschlafen sind, durch Jesum 1 Thess. 4, 14. mit ihm führen." Schlafen und Wir wünschen unsern Freunden eine " gute Nacht," in der fröhAufwachen. lichen Hoffnung, sie am nächsten Morgen gesund wiederzuſehen. Die Heiligen Gottes sind entschlafen und ruhen im Grabe durch Jesum, in der sichern und gewissen Hoffnung, Jhm an dem Morgen der seligen Auferstehung zu begegnen. Kind Gottes, weine nicht um Die, welche abgeschieden sind, um bei Christo zu sein; das ist ihnen, viel besser." ¹) Denke nicht an sie, als ob sie" dahin" wären. Dieses Wort stammt aus dem Wörterbuch des Todes und wird leider von nur zu Vielen in dem heidnischen Sinne von Vernichtung gebraucht. „ Suche nicht den Lebendigen bei den Todten." Denke lieber daran, daß, als ihr leßter Seufzer auf Erden kaum ver¹) Phil. 1, 23. - Der Bogen in den Wolken. 83 klungen war, ihr Loblied im Himmel anfing. Die Seele schwebte in die Höhe eilenden Fluges, von den Engeln getragen. Und durch die sanften Accorde der himmlischen Musik höre die Stimme hindurch: „ Wenn ihr mich lieb hättet, würdet ihr euch freuen, daß ich sage: Ich gehe zu meinem Vater!" ¹) Der Leib, in den dieser unsterbliche Edelstein eingefaßt ist, wird eine Zeitlang dem Grabe überlassen. Es wird gefäet in Unehre." Aber es ist nur um ein Kleines," eine Nachtwache. Auch der Staub ist kostbar, denn er ist erlöset. Beides, Leib und Seele sind durch Immanuels Blut theuer erkauft. Engel bewachen den schlummernden Staub, und es kommt der Tag, an dem der Herr seinen Engel senden wird mit hellen Posaunen, und sie werden sammeln seine Auserwählten von den vier Winden, von einem Ende des Himmels zu dem andern." 2) Ach, wenn schon Freude ist unter den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße thut"- wie groß wird die Freude 11 ¹) Joh. 14, 28.- 2) Matth. 24, 31. 84 Der Bogen in den Wolken. dieser seligen Wesen sein, wenn die großen Schaaren der Todten auferstehen, und auf ihren Ruf zu ihren Kronen und Thronen eilen. Trauernder Christ, dein Bruder soll auferstehen!" ¹) Wünsche ihn nicht zurück in die Stürme der Wüste. Danke vielmehr Gott, daß der Weizen dem Winde und Regen nicht mehr ausgeseßt, sondern wohl bewahrt, für ewig in die Scheuren gesammelt ist. Selbst wenn du es durch deine Thränen könntest, so würdest du doch keinen von den Seligen aus seiner Herrlichkeit zurückrufen, damit er die Sprache der Himmlischen wieder verlerne und die Kämpfe auf Erden aufs Neue durchmache. O gewiß ist es besser, fröhlich zu sein in Hoffnung auf die Herrlichkeit, die Gott geben wird. Der Tod ist kein ewiger Schlaf. Ueber eine kleine Weile, so wird kommen, der da kommen soll und nicht verziehen. 2) Jetzt flüstert Jesus in dein Ohr das von der Welt her verborgene Geheimniß, welches Er, ¹) Joh. 11, 23. 2) Hebr. 10 37 Der Bogen in den Wolken. als der Todesüberwinder, offenbaren sollte: Deine Todten sollen le= ben, und mit dem Leichnam auferstehen. ¹)- Er weiset dich vorwärts, vorwärts auf die wonnevolle Stunde des großen Jubel- Jahres, in dem der Ruf an alle seine Heiligen, die da schlafen, ergeht: Wachet auf und rühmt, die ihr liegt unter der Erde! 2) Seliger Tag, da ich sehen werde Gott, meinen Erlöser, in aller Herrlichkeit seiner erhöhten Menschheit, um bei Ihm, der selber einst gelitten und todt war und nun erhöht und verklärt ist, niemals mehr zu sterben.„ Siehe, der Herr kommt mit viel tausend Heiligen." ³) Keiner wird Ihm fehlen. Mit allen Denen, deren Zungen jetzt verstummt sind auf Erden, werden wir einstimmen in den erhabenen Lobgesang der vollendeten, triumphirenden Kirche: Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg? Gott sei Dank, der uns den 17 2) Jef. 26, 19. ¹) Jef. 26, 29. ³) Jud. 14. 85 - 86 Der Bogen in den Wolken. Sieg gegeben hat durch unsern Herrn Jesum Christum!" ¹) Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erde fübre, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. ¹) 1 Cor. 15, 55. Der Bogen in den Wolken. 87 22ster Tag. Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken. ,, Wir wissen, daß Denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, die nach dem Vorsaß berufen sind." Rom. 8, 28. Unsichtbare Wir sind geneigt, das Harmonien. Wort des allein Heiligen in Israel zu beschränken, und zu sagen: ,, Manche Dinge müssen zu unserm Besten dienen." Gott aber sagt: alle Dinge," Freude, Leid, Kreuz, Verlust, Glück, Unglück, Gesundheit, Krankheit, der blühende Kürbiß und der verwelkende, Freudenbecher und Leidenskelche, kräftige Gesundheit und langes Siechbett, hohes Alter und frühes Grab. 11 Oft freilich möchten Augenschein und einfacher Verstand uns die Wahrheit dieses Wortes gänzlich zweifelhaft machen. In manchen Dingen können wir faum einen schwachen Schatten von Liebe entdecken. Eine nützliche Thätigkeit wird durch den Tod plößlich unterbrochenBlüthen vor der Zeit gepflückt- kräftige Stüßen weggenommen- wohlwollende Pläne vereitelt. Doch der Apostel 10 88 Der Bogen in den Wolken. sagt nicht:„ Wir sehen," sondern wir wissen." Es ist des Glaubens Art und Amt, Gott auch im Dunkeln zu trauen. Ununterrichtete und Uneingeweihte können die gegenseitige Abhängigkeit der Umdrehungen der Räder in einer verwickelten Maschine nicht begreifen, aber sie trauen dem Verstand des Künstlers, daß Alles dazu dient, einen bestimmten großen und nüßlichen Zweck auszuwirken. Unsere Pflicht ist es, über jede geheimnißvolle Fügung im Geist die Ueberschrift zu machen:„ Solches geschieht auch vom Herrn Zebaoth. Denn sein Rath ist wunderbar und führet es herrlich hinaus.“ ¹) Laſset uns stille sein und erkennen, daß Er Gott ist." 2), Wir besizen", sagt eine christliche Frau, von dem heiligen Geiste eine Arznei, welche alle Krankheiten heilt." Er fordert nämlich nur das Eine, daß wir Alles nehmen,„ was Er vorgeschrieben hat, es sei bitter oder süß!" Er will ja seine ewige Treue und Wahrheit in unsern Trübsalen bes ¹) Jef. 28, 29.- 2) Pf. 46, 11. Der Bogen in den Wolken. 89 weisen; unsere eigene Seele sollte dadurch geläutert und Er darin verherrlicht werden. Zweifelt nicht an des Herrn Liebe. Der Tag wird kommen, da jedes Geheimniß erklärt, jedes Näthsel gelöst und der Beweis geführt werden wird, daß jede einzelne Anfechtung zu dem Allen" gehörte, welches zu unserm Besten dienen soll. Menschen sehen oft den hellen Glanz in den Wolken nicht, aber um den Abend wird es Licht sein. ¹) 91 Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken, ¹) Sach. 14, 7. 90 Der Bogen in den Wolken. 23ster Tag. Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken. ,, Jesus Christus, gestern und heute, und derjeibe in Ewigkeit." Hebr. 13, 8. Alles auf Erden ist der Veränderung unterworfen. Das Leben ist ein Kaleidoskop mit beständig wechselnden Gestalten und Bildern, immer neuen Scenen, Neigungen, Gefühlen, Verbindungen, jetzt Son= nenschein, dann Regen, jetzt Sturm, dann Stille. Seine Freuden sind wie die luftigen, in der Sonne glizernden Blasen auf dem Strom; man rührt sie an und sie sind dahin. Immer mehr Site werden in unsern Kirchen und an dem häuslichen Heerde leer; eine wohlbekannte Stimme nach der andern verstummt, um sich nicht wieder vernehmen zu lassen. Oft wankt der Boden unter uns, in demselben Augenblick, da wir glaubten festen Fuß gefaßt zu haben; es bricht die Stütze, auf die wir uns während unseres ganzen Lebens lehnen wollten, und einsam stehen wir mitten in dem unbarmherzigen Sturme der Ereignisse. Der unveränderliche Name. Der Bogen in den Wolken. 91 Aber gibt es nichts Festes mitten in der Veränderlichkeit? nichts Sicheres, Bleibendes mitten in den zerfließenden Schatten? O gewiß! Jesus bleibet, wie er ist. Achtzehn Jahrhunderte sind dahingerollt, seit er unsere Welt verlassen hat. Die Welt hat sich verändert; Er ist derselbe bis zu dieser Stunde. Wir können Ihm auf seiner wunderbaren Pilgerfahrt der Liebe über diese Erde folgen. Wir können sehen, wie die Buße zu seinen Füßen kniete und mit Gnade und Frieden entlassen ward, wie das Leiden weinend seinen Fußstapfen folgte und mit getrockneten Thränen und mit geheiltem Herzen von dannen ging- wie Mühselige und Blinde aller Art mit bleichen Lippen und verstörten Zügen zu Ihm eilten, um es bald inne zu werden, daß Er noch immer erquickt;- wie sich die Krankheit auf sein allmächtiges Wort Flügel machte, und von dannen floh! Und Er, der nun zur Rechten des Vaters thront, ist ja der selbe Jesus." Seine Himmelfahrt hat sein liebevolles Herz nicht geändert, noch seine Gnade von uns abgewandt. An Ihm haben wir einen Fels, welchen " 1 — 92 Der Bogen in den Wolken. die Wogen des Unglücks nie erschüttern können. Die stürmende Wuth der tobenden Wellen kann uns zwar erreichen- aber nicht verderben; und dieser Umstand erhöht uns nur den Werth des sicheren Schußes, deß wir uns in unserer ewigen Freistadt erfreun. Wie oft läßt Gott den Sturm toben, um uns von allem Vertrauen auf die Geschöpfe ab zu dem allein Stand haltenden Felsen des Heils zu treiben. Wie oft trübt Er uns den Strom des Lebens, damit wir die Urquelle des ewigen Heiles suchen. Wir können viel verloren haben; aber haben wir Dich gefunden, heiliger, hochgelobter Jesus, so besitzen wir den Reichthum, der uns für allen Verlust unendlich entschädigt. Wir dürfen dann fröhlich rühmen in der Gewißheit, daß uns nichts von deiner Liebe scheiden kann. Unsern besten irdischen Freund kann uns ein Blick, ein unbedachtes Wort entfremden, das Grab muß trennen. Aber der Herr bleibt uns ewig treu. Ich will mich freun des Herrn und fröhlich sein in Gott, meinem Heil! ¹) ¹) Hab. 4, 18. Der Bogen in den Wolken. Was du, Heiland, gewesen bist gestern, ja von Alters her, das bist du heute und das wirst du sein in Ewigkeit! Es erhebet sich vor unsern Augen der Bogen deiner Verheißungen und wir erkennen, daß sie in dir alle Ja und Amen" sind! Du sprichst zu uns vom Thron deiner Herrlichkeit, den der heilige Seher der Offenbarung uns beschreibt, als umgeben mit einem Regenbogen von Smaragd, dem Zeichen der unwandelbaren Gnade: Fürchte dich nicht, Ich bin der Lebendige, ich war todt, und siche. ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit. „ Ich lebe, und ihr sollt auch leben!" ¹) 93 Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. ¹ Joh. 14, 19. 94 Der Bogen in den Wolken. 21ster Tag. Meinen Bogen habe ich geseht in die Wolken. Wie dein Tag, so soll deine Kraft sein." 5 Mose 33, 25. Tägliche Kraft. Gläubige Seele, hast du das nicht schon gespürt? Hast du nicht an deinem Sorgenpfade Pflanzen gefunden, die ihren balsamischen Geruch über denselben verbreiteten? Ist dir nicht Hülfe und Unterstüßung, an die du nicht einmal im Traum gedacht, dann erst gekommen, als die Wetter des Unglücks sich bereits über dir entladen hatten? Nengstige dich nicht selbst durch das Ausschauen in die unbekannte und verschleierte Zukunft, sondern wirf alle deine Sorgen auf Gott. Des Christen Sandalen," sagt ein feliger Glaubenszeuge, bewähren sich auch auf dem rauhesten Pfade." Der Gott aller Gnade" hat mehr Gutes, denn das Gerücht ist, das wir von Ihm gehört haben. Er ist allen Begegnissen seines Volkes gewachsen; und stark genug, ihm in jedem Augenblick, in jeder Stunde zu helfen. 11 Der Bogen in den Wolken. 95 Er führt uns nie zu den bittern Wassern Marah, oder er zeigt uns auch das verborgene Holz, welches sie süß macht. Aus dem dritten Himmel ward Paulus herabgeschleudert, um den Schmerz des Pfahles im Fleisch zu fühlen; aber er erhebt sich wie ein Riese von seinem Fall und preiset die tragende Gnade des allgenugsamen Gottes. Das eigenthümlich Herrliche der angeführten Verheißung ist dieß, daß Gott seine Gnade im richtigen Verhältniß zu Ort und Zeit der Anfechtung austheilt. Er gewährt sie nicht im Voraus, gleichsam auf Abrechnung; sondern wenn die Zeit der Noth und des Bedürfnisses kommt, dann reicht er die angemessene Kraft und Unterstüßung dar. Er schickt den Regenbogen nicht vor den Wolken; sondern wenn die Wolken kommen, dann sieht man auch den Bogen auf ihnen. Unterstüßende Gnade schenkt er für jeden Tag der Anfechtung, und SterbensGnade für den Sterbetag. Lieber Leser, brüte nicht krankhaft über der Zukunft! Lebe vielmehr von Verheißungen! Wenn der morgende Tag 96 Der Bogen in den Wolken. mit seinen Sorgen kommt, dann wird Jesus auch kommen mit dem morgenden Tage und seinen Sorgen. Die augenblickliche Gnade ist genug für die augenblickliche Noth. Traue Gott für die Zukunft! Wir ehren ihn nicht, wenn wir im Voraus sorgen; sondern wenn wir uns auf seine Treue verlassen und auf seine Versicherung bauen, daß keine Versuchung größer sein werde, als wir es ertragen können. Ja, wenn sich auch nach dem Regen neue Wolken aufthürmen, so sollst du doch sagen:„ Ich fürchte fein Unglück, denn du, Herr, bist bei mir!" ¹) Keiner ist von sich selbst tüchtig, irgend eine Anfechtung zu bestehen, sondern wenn wir tüchtig sind, so ist es von Gott." Es heißt nicht: Laß dir an deiner, sondern an meiner Gnade genügen!" Auf die Allgenugsamkeit Seiner Gnade traue in allen Dingen! Jehovah Jireh!„ Der Herr wird's versehen." 2) Messe dir, daß über allen Ver2) P₁. 23. 2) 1 Mose 22, 8. — Der Bogen in den Wolken. suchungsstunden in der Zukunft geschrieben steht: So soll deine Kraft sein. 97 Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erde fübre, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. 98 Der Bogen in den Wolken. 25ster Tag. Meinen Bogen habe ich geseht in die Wolken. „ Ich will sie erlösen aus der Hölle Gewalt, und vom Tode erretten. Tod, ich will dir ein Gift sein; Hölle, ich will dir eine Pestilenz sein." Hof. 13, 14. Christ, das Grab ist erleuchtet durch Immanuels Liebe. Die finsterste von Das leere Grab, allen Wolken, die über dem Reich des Todes lagert, hat den hellsten Bogen über sich. Die dunkeln Pforten können nicht für immer halten, was du geliebt und verloren hast. Das Land der Vergessenheit, wo deine Schätze begraben liegen, bleibt nicht ewig eingehüllt im winterlichen Leichentuch, nicht immer öde und wüst. Ein herrlicher Auferstehungsfrühling ist verheißen, und das Verwesliche soll anziehen das Unverwesliche, und das Sterbliche soll anziehen die Unsterblichkeit. ¹) Auferstehung des Fleisches- das ist die letzte Sprosse auf der Leiter der Werke ¹) 1 Cor. 15, 53. Der Bogen in den Wolken. 99 Jesu Christi- der Höhepunkt seines Ruhmes. St. Paulus stellt uns die sehnende Gemeinde dar, als wartend auf die Kindschaft, das ist des Leibes Erlösung." ¹)„ Die Auferstehung war der Hauptgegenstand seiner Predigt." Er hatte das Evangelium von Jesu und von der Auferstehung ihnen verfündigt. 2) Es war der Lieblingsartikel seines Glaubensbekenntnisses, der in ihm das heiligste Streben erweckte,„ damit ich entgegenkomme zur Auferstehung der Todten.) Es war der große Trost, den er Allen darreichte, die in Trübsal einhergingen. Nicht da, wo er von der unmittelbar nach dem Tode eintretenden Erquickung und Wonne der selig abscheidenden Seele redet, sondern wo er bei der letzten Posaune" weilt, und den Todten, welche unverweßlich auferstehen, und in ihren verklärten Leibern dem Herrn entgegengerückt werden, da sagt er: So tröstet euch nun mit diesen Worten unter einander!" 4) " 1 - ¹) Röm. 8, 23.- 2) Apostgesch). 17, 18.- 5) Phil 3, 11.- 4) 1 Thess. 4, 18. 100 Der Bogen in den Wolken. Seliger Tag das große Osterfest der Schöpfung! Der Anbruch des ewigen Sabbaths! Das Jubeljahr der triumphirenden Kirche! Trauernder Christ, gehe nicht zum Grabe, um da zu weinen. Jedes Theilchen des modernden Staubes ist erlöst durch das Opfer auf dem Kreuzesberge; und der große Todesüberwinder wartet nur auf die Sammlung seiner Auserwählten, um seinen Erzengeln in Bezug auf alle seine Heiligen den Auftrag zu geben, den er einst in Bezug auf Einen gab:„ Löset ihn auf und laßt ihn gehen." ¹) - Wer kann sich eine rechte Vorstellung von der Herrlichkeit der Auferstehung machen, wenn die verklärten Leiber, mit ihren verherrlichten Seelen vereinigt, ähnlich sein werden Seinem verklärten Leibe; wenn jeder Sein ist jede Gnade erlangt ist;- wenn jeder erhöht, mit Heiligkeit erfüllt, von Eifer glüht in Seinem Dienst, und freudig Seinen Willen ausrichtet, wenn Jeder persönlich derselbe wie auf Erden, dasselbe Antlik, dieselben Züge, aber verklärt ¹) 1 Joh. 11, 14. - - Der Bogen in den Wolken. 101 trägt, die ihm in dem niedern Thale eigen waren. Wenn Freunde, die der Tod getrennt hatte, nun durch Bande vereinigt, die Niemand lösen kann;- wenn keine Spur von Schmerz oder Gram mehr dem Antlitz sichtbar wird; kein kummervoller Ton mehr über die Lippen kömmt! Das Lamm mitten auf dem Stuhl wird sie leiten und führen zu den lebendigen Wasserbrunnen." ¹) Mit ihnen wird es gehen von Schritt zu Schritt auf dem Wege des Lebens, und so oft eine neue Stufe auf diesem Wege des unendlichen Fortschritts erstiegen ist, wird es heißen: Du wirst noch Größeres, denn das sehen." 2) 11 Zum Pfand und Erweise dieser Auferstehung seines ganzen Volkes, ist Er nun selbst auferstanden. Die große Garbe ist gewebet ³) worden vor dem Thron Gottes als der Erstling der reichen Erndte. „ Der Erstling, Christus, darnach die, welche Christo angehören, wenn Er kommen wird." 4) Selig ist der und heilig, wer ¹) Offenb. 7, 17.- 2) Joh. 1, 50. 3) 3 Mof. 23, 11.- 4) 1 Cor. 15, 27. 102 Der Bogen in den Wolken. Theil hat an der ersten Auferstehung!" ¹) Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. ¹) Offenb. 20, 6. Der Bogen in den Wolken. 103 26ster Tag. Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken. „ Ich habe dich je und je geliebet, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte." Jer. 31, 3. Ewige Liebe. Gläubige Seele, fühlst du dich versucht, an Seiner Liebe zu zweifeln? Hast du etwa ihre Spur verloren in dem nächtlichen Schatten, durch welchen Er dich jetzt führet? Gedenke doch, daß sein Auge auf dich schaute, noch ehe du bereitet warst, ja, von aller Ewigkeit her. Was dir jetzt wie ein seltsamer und willkürlicher Gebrauch seiner Hoheitsrechte erscheint, ist nichts als die Ausführung des Rathes„ der ewigen Liebe." liebte dich," sagt er, du Kreuzträger in dein Elend hinein; ich will dich lieben durch es hindurch," und wenn meine Absichten an dir erreicht sein werden, will ich dir beweisen, daß ich dich geliebet habe, von Ewigkeit zu Ewigkeit." „ Ich 11 Kind Gottes! wenn sich jetzt eine kleine Welle erhebt auf des Stromes Oberfläche, folg' ihr nur bis zum Quell der Liebe hinauf! Gott ist getreu. Er 104 Der Bogen in den Wolken. fann sich selbst nicht leugnen. Er muß eine weise Absicht dabei haben, wenn einige dunkle Wolken jetzt die Strahlen seiner Freundlichkeit unterbrechen. Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen; aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser. Denn solches soll mir sein, wie das Wasser Noah; da ich schwur, daß die Wasser Noah sollten nicht mehr über den Erdboden gehen. Also habe ich geschworen, daß ich nicht über dich zürnen, noch dich schelten will. Denn es sollen wohl Berge weichen, und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer." ¹) Gott setzt seinen Bogen in die dunkeln Wolken, und begnügt sich nicht, Blicke und Herzen der Geschöpfe seiner Hand drauf zu lenken. damit sie an seinen mannigfaltigen Verheißungen sich reichlich ¹) Jef. 54, 7-10, Der Bogen in den Wolken. 105 trösten, sondern Er blickt selbst darauf und spricht: ,, Darum soll mein Bogen in den Wolken sein, daß Ich ihn ansehe, und gedenke an den ewigen Bund." ¹) Er erinnert sich, so zu sagen, selbst an seine ewige Liebe! Und wenn in ihren dunkeln Trübsalstagen seine Heiligen sich einbilden, daß nur ihre Augen auf die Zeichen seiner Bundestreue gerichtet seien, so ruht auch das Auge des bundschließenden Gottes selbst darauf. Ja, Er wird an seine eigenen VerheiBungen gedenken. Sie werden ihn erinnern an seinen Vorsatz, unwandelbar zu sein in Erbarmung. Und diese Liebe ist mehr als eine allgemeine unterschiedslose Zuneigung. Das Wort der Ueberschrift aus Jeremia spricht zu jedem einzelnen Gliede der Bundes Familie: Ich habe dich je und je geliebt!" O mein Vater," sagte eine Jüngerin des Herrn, zuweilen scheint es mir, als ob du jedes andere Wesen vergäßest, um nur an mein treuloses und undankbares Herz zu gedenken." ¹) 1 Mof, 9, 16. 106 Der Bogen in den Wolken. Wir wollen uns bemühen, unsere Leiden und Schmerzen als Seile der Liebe anzusehen, wodurch Gott uns ziehen, ja näher an sich ziehen will. Wer weiß, wie viel Gnade in dem verborgen sein mag, was uns nur ein trübes, geheimnißvolles Verhängniß zu sein scheint? Wir sind nur zu sehr geneigt, seine Wege falsch zu benennen und mißzuverstehen. Wir nennen seine Handlungen schwere Versuchungen, und Er nennt sie Liebe und Güte. Kind Gottes im Trauergewand, laß deine Augen ruhen auf dem Bogen, der über des Erbarmers Thron ausgespannt ist von Ewigkeit zu Ewigkeit- und nimm dir zum Trost, was geschrieben ist: Die Gnade des Herrn währet von Ewigkeit zu Ewigkeit über die, so ihn fürchten." ¹) 11 Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. ¹) Pf. 103, 17, Der Bogen in den Wolken. 107 27ster Tag. Meinen Bogen habe ich geseht in die Wolken. „ Ein treuer Freund liebt mehr und steht fester bei, denn ein Bruder." Spr. Sal. 18, 24. Stark ist das Band, welches Brüder umschlingt, die unter einem Herzen geruht, die in demselben Vaterhause dieselben Freuden genossen, dieselben Kümmernisse gefühlt haben. Sie sind durch gemeinsame Empfindungen und Erfahrungen am Morgen des Lebens zur innigsten Verbindung geweiht. Aber doch kommt die Zeit der Trennung. Die Vögel müssen das Nest verlassen und selbst ihre Schwingen versuchen über das Thal ihrer Heimath hinaus. Gebieterisch ergeht der Ruf der Welt, zu arbeiten und zu kämpfen. Das Vaterhaus löst sich auf, und wie die Planken eines gescheiterten Schiffes treiben die einzelnen Insassen auf dem Ocean des Lebens. Die Pflichten in der Welt trennen die Einen; unglückliche Mißverständnisse trennen je und dann die Andern; der Tod trennt endlich Alle. Aber Einer ist, dessen Freundschaft Unzerstörbare Anhänglichkeit. 1:08 Der Bogen in den Wolken. und Liebe kein Umstand schwächen, keine Entfernung uns entziehen, und selbst der Tod nicht zerstören kann. Der gütigste Verwandte auf Erden muß im Vergleich mit diesem älteren Bruder zu uns sagen, wie Boas zu Ruth: Nun ist es wahr, daß ich dein naher Verwandter bin, aber es ist Einer näher denn ich!" Er ist Bruder, ja mehr als Bruder, Freund, Rathgeber, Arzt, Hirte, Trost und Erbtheil, Alles zusammen! Wohl uns, daß, wenn alle andern Trostesquellen sich uns verschließen, wir ihn hören können, dessen Treue unwandelbar ist, und der da sagt: „ Ich will dich nicht verlassen, noch versäumen." Heil uns, daß, wenn uns der Boden unter den Füßen weicht, wir einen Ankergrund haben, der nicht wanken oder brechen kann. Ich will mich jetzt schlafen legen auf den Felsen der Ewigkeit," sagte einst ein Mann des Glaubens, der, nachdem er lange auf dem wilden Meer der Welt umhergetrieben, endlich den allein sichern Hafen gefunden hatte. Geprüfter Christ! Er hat dich niemals getäuscht und niemals wird Er's thun. Er ändert den Ton nicht, Er ist nicht launisch in seiner Zuneigung. Das 11 Der Bogen in den Wolken. 109. Rohr kann brechen, der Fels bleibt unerschütterlich. Er ist selbst der wahre ,, Bogen in den Wolken." Die Verheißungen der Schrift sind mannigfaltig, wie die Farben im natürlichen Regenbogen, aber alle sind, Ja in Ihm und Amen in Ihm." ¹) Wahrlich, gerade am trüben Tage muß dieſer göttliche Bogen in Herrlichkeit erscheinen. Wir würden ja Christum gar nicht ale den Bruder, der im Unglück aushält erkennen, wenn das Unglück nicht käme Gerade die Anfechtung entfaltet und enthüllt den unendlichen Werth seiner Bruderliebe. Während die Liebe irdischer Freunde in's Grab gesenkt wird, leuchtet die Liebe des himmlischen Freundes heller als zuvor. Wie einst Jonathan, als er müde und matt durch den Wald zog, Honigseim fand, der von einem Baume troff und sich dran labte, so seßze du dich, o Erdenpilger, der du durch wildes Gestrüpp und undurchdringliches Gehölz der Trübsal wandern mußt, unter den Schatten deines Freundes, deß du begehrest, und seine Frucht sei deinem Gaumen 11 ¹) 2 Cor. 1, 20. 110 Der Bogen in den Wolken. süß." Von diesem Lebensbaum rinnt Balsam für jedes gebrochene, verwundete, blutende Herz, für jeden mühseligen und beladenen Geist.„ Ja, Jesus will dir in den Stunden, wenn du dich einsam fühlst, oder allein stehst mit deinen Sorgen, seine Worte voll Geist und Leben dir süßer machen als Honig und Honigseim. Auf dem Throne zur Rechten des Vaters wohnend unter dem Lob der Ewigkeit, will Er dir doch das Herz und die Zärtlichkeit eines Bruders beweisen. ,, Er schämet sich nicht, uns Brüder zu heißen." ¹) Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. ¹) Hebr. 2, 11. Der Bogen in den Wolken. 111 28fter Tag. Meinen Bogen habe ich geseht in die Wolken. So du durch's Wasser gehst, will ich bei dir sein, daß dich die Ströme nicht sollen ersäufen; und so du in's Feuer gehst, joust du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht anzünden." Jef. 43, 3. Die schüßende Welch eine Menge verschiedenartiger Trübsale Allgegenwart. in dieser prüfungsvollen Welt! Wasser,"" Ströme,"„ Fluthen,"" Feuer,"" Flammen!" Dem Christen wird verkündigt, daß er sie in einigen ihrer verschiedenen Gestalten kennen lernen soll: den Verlust der Ge sundheit, oder des Wohlstandes, oder der Freunde, das Mißlingen lang gehegter Lieblingspläne, die Täuschung langjähriger Hoffnungen. Wir fühlen uns glücklich in dem Gedanken, daß alle diese Prüfungen ein Ende haben. Die Ströme werden uns nicht ersäufen, das Feuer nicht verbrennen, die Flamme nicht verzehren. Gott wird dem Sturm gebieten, wenn seine Stunde gekommen ist, und sprechen: „ Bis hieher und nicht weiter!". 112 Der Bogen in den Wolken. Ja noch mehr: Jesus wird in all' diesen Versuchungen gegenwärtig sein und sich allgenugsam wider sie erweisen. Mitten in dem Getöse der Trübsalswetter werden wir die Fußtritte unsers Meisters hören. Er selbst ist durch die Flammen hindurchgegangen, hat den Fluthen getroßt und sein schuldloses Haupt den Strömen preisgegeben. Er kommt zu uns, wie einst zu seinen Jüngern mitten auf dem stürmenden See, ruft und sagt: Seid getrost! Ich bin es, fürchtet euch nicht!" ¹) Gläubiger Christ! was ist deine Erfahrung? mußt du nicht einstimmen in Israels Triumphgesang: ,, Er verwandelt das Meer in's Trockne, daß man zu Fuß über das Wasser geht; deß freuen wir uns in Ihm." Ueber das Wasser!- ja, im Glauben vermöchtest du kühn durch die Wogen zu schreiten, ohne zu erbleichen, sondern im Gegentheil mitten auf dem Schauplaß deiner Anfechtungen Loblieder zu singen. Woher dieser sittliche Heldenmuth? woher diese unbegreifliche Freude? ¹) Matth. 14, 27. Der Bogen in den Wolken. 113 Gott stand dir in der Wolkensäule zur Seite. Deine Freude war in Ihm. Er macht dich stärker als die Helden. Viele Gegner können sich wider dich auflehnen: ,, Trübsal, Angst, Verfolgung, Hunger, Blöße, Fährlichkeit, Schwert." Aber Einer steht mitten im Feuer und der Flamme, und in der Fluth, und der ist stärker denn Alle. Mit Ihm kannst du kühn herausfordern die Höhe und die Tiefe, rufen und rühmen: Wer mag mich scheiden von der Liebe Got: tes, die in Christo Jesu ist, un serm Herrn!" ¹) " O meine Herren," sagt Thomas Brooks, in den gekreuzigten Jesus liegt eine Kraft, die zu allen Sorgen, Mängeln, Nöthen und Anfechtungen seiner armen Bekenner in richtigem Verhältniß steht." Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken ¹) Röm. 9, 39. 114 Der Bogen in den Wolken. 29fter Tag. Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken. Wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht fönnte Mitleid haben mit unserer Schwachheit, sondern der versucht ist, allenthalben, gleichwie wir, doch ohne Sünde." Hebr. 4, 15. Gleichwie der Regenbo71 gen stehet in den Wolken, wenn es geregnet hat, also glänzte es um und um. Dies war das Ansehen der Herrlichkeit des Herrn," 1) sagt Hesekiel. Das Mitleiden. Welche erhebende Wahrheit: Der Gottmensch, der Mittler, Jesus - der wahrhaftige Bogen in den Wolfen hat Mitleid mit uns in unserm Elend! Welch eine Quelle der Wonne für das geängstigte und trostbedürftige Herz! Welch eine grüne Aue, drauf zu lagern mitten im Sturm und Wetter, oder am trüb umwölkten Tage! Eines Menschen Mitleid ist erquickend und tröstend; aber es ist endlich, beschränkt, oft nicht ohne Selbstsucht. Unzählige Rothsustände giebt's auf Erden, ¹) Hef. 1, 28. Der Bogen in den Wolken. 115 in die kein menschliches Mitleid erleichternd hineinreicht. Nur Jesu Mitleid ist erhaben, rein, unendlich, und auch frei von aller Befleckung mit Selbstsucht. Er ist selbst durch die Erfahrung jedes Erdenwebs hindurchgegangen. In welche Tiefe von Leid oder Angst ich auch eingetaucht werde; der starke Arm seiner Barmherzigkeit reicht doch noch tiefer hinab. Man hat ihn wohl mit Recht genannt den großen mitleidenden Nerv seiner Gemeinde, welchen jede Noth, jeder Druck und jedes Leiden ihrer Glieder unausgeseßt durchzuckt." Kind der Sorge! ein Menschenherz schlägt auf dem Throne, und dein Name ist in dieses Herz ge schrieben. Er sorgt für dich, als ob kein Anderer seine Hülfe in Anspruch nähme. Als der große Hohepriester wandelt Jesus einher zwischen den Lampen des Heiligthums auf den goldenen Leuchtern und füllt sie in dieser Stunde mit Del, - reinigt sie, wenn's nöthig ist, in einer andern; aber alles, daß sie leuchten möchten mit einem stätigern und hellern Glanz. Er ist versucht allenthalben." Beseligende Wahrheit!- Ich kann nie 116 Der Bogen in den Wolken. 11 einen Schmerz erfahren, in den„ der Mann der Schmerzen" nicht eindringen könnte!.... Ach, besser ist's, mitten in den schwersten irdischen Heimsuchungen auf den unwidersprechlichen Schmerzensruf des duldenden Erlösers: Ist auch ein Schmerz, wie mein Schmerz!" ¹) zu hören. Und doch hat er den Kelch des Zorns zu trinken sich nicht geweigert, schrack nicht zurück vor dem Tod am Kreuz. Er wandte sein Antlig stracks gen Jerusalem zu wandeln." 2) Als er an dem Fluchholz hing, weigerte er sich, den Myrrhentrank zu nehmen, der die brennende Hiße des Durstes und die körperlichen Schmerzen durch die Betäubungen, die er bewirkte, gemindert haben würde. Sind wir zuweilen versucht zu murren, wenn Gottes Hand uns schlägt: Gedenket an den, der... duldet hat, daß ihr nicht in eurem Muthe matt werdet und ablasset." ³) Sollen wir zögern, eine Last zu übernehmen, die unser Herr uns zugedacht hat, wenn wir an das unendlich schwere Gewicht des Kreuzes denken, das er so er= ¹) Klagl. 1, 12.- 2) Luc. 9, 51.3) Hebr. 2, 3. - Der Bogen in den Wolken. 117 sanftmüthig und geduldig für uns getragen? Trauerndes Herz, richte dein Auge auf den Bogen, der auf den Wolken deiner Trübsal leuchtet;- du magst wol, wie die Jünger auf dem Verklärungsberge erschrecken, da sie die Wolke überzog, aber höre doch auf die Stimme, die aus ihr tönt: Dieser ist mein lieber Sohn, den sollt ihr hören!" 1) Jesus spricht durch die Wolken hindurch! Er sagt uns, unsere Sorgen seien seine Sorgen; unsere Schmerzen seien seine Schmerzen. Einen weisen und gnadenvollen Zweck hat er mit je der, noch so geheimnißvollen Züchtigung. Sein Mund redet: ,, Höret die Ruthe, und den, der sie bestimmt hat." Er hat ein zu gütiges, liebevolles Herz, um uns eine zwecklose Wunde zu schlagen. Ach, möchten wir nur wirklich die Stimme aus der Wolke hören und dahin streben, daß die von der Liebe gesendeten Prüfungen alle von uns geheiligt werden. Ueberlassen wir uns ja ¹) Luc. 9, 34. 118 Der Bogen in den Wolken. nicht dem Wahne, daß der Trübfalsweg schon an und für sich der Pfad zum Himmelreich sei. Wolten allein bilden keinen Regenbogen. Seine glänzenden Farben kommen einzig von den Sonnenstrahlen her. Ohne sie sehen wir nur einen dunkeln Himmel und traurige Regenschauern. Die große Schaar ,, in den weißen Kleidern" steht nicht deßhalb vor dem. Throne Gottes, weil sie aus großer Trübsal gekommen," sondern weil sie ihre Kleider gewaschen und helle gemacht haben im Blute des Lammes." 1) Der Trübsal darfst du nur dann dich rühmen, wenn sie das Mittel gewesen ist, dich dem Erlöser näher zu bringen und zu leiten zu dem freien, offenen Born wider die Sünde und Unreinigkeit. "" Jesus ist der süße Bronn, Der die Seelen all erquicket; Jesus ist die ew'ge Sonn, Deren Strahl uns ganz entzücket. ¹) Offenb. 6, 14. Der Bogen in den Wolken. Willst du froh und glücklich sein, Laß Ihn nur zu dir hinein! 119 Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. 120 Der Bogen in den Wolken. 30ster Tag. Meinen Bogen habe ich geseht in die Wolken. ,, Noch über eine gar fleine Weile, so wird fommen, der da fommen soll und nicht verziehen." Hebr. 10, 37. Noch eine kleine Das baldige Kommen. Weile," und der unruhige Traum des Lebens ist vorüber und der Morgen ohne Wolken angebrochen. Noch wenige Stöße auf dem stürmischen Sce des Lebens, und der Friedenshafen im Himmel ist erreicht. Noch wenige Nachtwachen, und der Herr, der die Liebe ist, wird am himmlischen Ufer stehen, wie einst am Ufer des See Genezareth, und ein ewiges Liebesmahl für seine Kinder in Bereitschaft haben. Ja, ,, Er kommt!" das ist der Kirche selige Hoffnung!" Die Stimme und Gegenwart ihres Freundes" wird die Schatten des Todes in lichten Morgen verwandeln. Die Todten, die theuer erkauften, werden Seine Stimme hören, und hervorgehen. Die in Jesu entschlafen sind, wird Gott mit Ihm führen. Sein letter Ruf wird -- - 11 " 1 Der Bogen in den Wolken. 121 " 1 nicht lauten: Gehet ihr Gesegneten meines Vaters in irgend ein herrliches Paradies, wo euch bei den Engeln eine Stätte bereitet ist,"- sondern: ,, Kom= met und nehmet Theil an meiner Herrlichkeit, an meiner Krone: ,, Gehe ein zu deines Herrn Freude!" St. Pauli Himmel wird beschrieben in zwei Worten: bei Christo!" 1) St. Johannes läßt ihn aus zwei Elementen bestehen: Gleichheit mit Jesu und Gemeinschaft mit Jesu. ,, Wir werden Ihm gleich sein, werden Ihn sehen wie Er ist." 2) In den hohen Anschauungen seiner Offenbarung, als die Thür im Himmel auf gethan ward, war das Erste, welches seinen entzückten Blick fesselte: ,, Einer, der auf dem Stuhl saß, und rund um den Stuhl war ein Regenbogen, gleich anzusehen wie Smaragd." 3) Unsere Glückseligkeit wird nicht eher vollkommen sein, als bis wir zum vollen Anschauen, zum vollen Genuß Jesu Christi gelangt sind. Wir werden in einem Land erzogen, welches von der Burg des Königs weit entlegen ist; ¹) Phil. 1, 23.- 2) Joh. 3, 2.-) Offenb. 4, 3. 122 Der Bogen in den Wolken. aber wir werden nicht eher selig sein, bis wir den König selbst sehen. Jakob empfing einen Reisewagen, voll von Vorräthen von Joseph; aber er hatte keine Ruhe bis er seinen Sohn mit eigenen Augen gesehen; durch diese Hoffnung ward des Greises ,, Geist in ihm wieder lebendig." Wir empfangen mannigfaltige Beweise der Bundestreue von dem wahrhaftigen Joseph in dem Hause unserer Wallfahrt, aber uns verlangt ,,, sein Antlitz in Gerechtigkeit zu schauen." Wir werden erst dann ,, satt" sein, wenn wir erwachen nach seinem Bilde. ¹) Komm! ja komm, Herr Jesu, bald! Er wird nicht verziehen." Jeder Sonnenaufgang bringt uns der wonnereichen Vollendung näher. Die Zeit eilt mit Riesenschritten seiner herrlichen Zukunft entgegen. Der Sack und die Asche, worin jetzt die Kreatur seufzt, wird bald vertauscht gegen das Kleinod von Licht und Schönheit, womit die Sabbathwelt geschmückt werden soll. Herrlicher, glücklicher Tag, wenn ,, der Bogen" in erhabenem Sinne in den 1) Pf. 17, 15. Der Bogen in den Wolken. 123 Wolken erscheinen wird!- nicht der Bogen der Verheißung, sondern Er, in dem alle Verheißungen gipfeln und aufhören. ,, Siehe, Er fommt in den Wolken!" Sehet zu, daß euer Geist allezeit wache! Wie Sisseras Mutter durch's Gitter schaute und lauschte, so müsse auch dein Ohr horchen nach dem Rollen der Räder seines Wagens, damit, wenn das Geschrei erschallt: ,, Siehe, Er kommt!" du im Stande seist, fröhlich zu antworten: ,, Siehe, das ist unjer Gott, auf den wir harren! Er wird uns helfen!" 1) ,, Selig sind die Knechte, welche der Herr, so. Er fommt, wachent findet! Wahrlich, ich sage euch, Er wird sich aufschürzen und wird sie zu Tische sehen und hingehen und ihnen dienen." 2) Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. ¹) Jef. 25, 9.- 2) Luc. 12, 37. 124 Der Bogen in den Wolken. 31ster Tag. Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken. „ Die Erlöseten des Herrn werden wiederkommen und gen Zion kommen mit Sauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird weg sein. Jef. 35, 10. Ewige Gläubiger Christ! Verlaß jetzt den ,, Bogen in Freude. den Wolken" und blicke auf den ,, Bogen um den Stuhl," denke an die jubelvolle Wiederkehr der Erlöseten Gottes gen Zion, wo jede Thräne getrocknet, jede Wunde geheilt, jeder Schmerz vergessen sein wird! Die ihr irre ginget in der Wüste auf ungebahntem Wege, gefangen waret in Zwang und Eisen, die ihr mit Schiffen auf dem Meer fuhret und kämpfen mußtet mit dem großen Wasser," ¹) nun ist das Ende eurer Prüfungen gekommen. Gott ist nicht ein Gott, der nur eure müde Seele erquickt, eure Kette zerbricht, euch befähigt im Kampf wacker die Trübsalswellen zu bestehen, sondern Er leitet ¹) P₁. 107, 4. 10. 20. Der Bogen in den Wolken. 125 euch auch zur Stadt, da ihr wohnen könnet. Er erlöst die Gefangenen aus der Finsterniß und dem Dunkel des Todes und zerreißt eure Bande." Er bringt euch so lange vom Sturm umtobten Schiffer an's Land nach eurem Wunsch. Nun dürft ihr froh sein, da es stille geworden. Nun gibt Er euch ein ewiges Lied in euren Mund: Wir wollen dem Herrn danken, um seine Güte und um seine Wunder, die Er an den Menschenkindern thut! ¹) Kummervolles Herz, umhergeschleudert auf dem Meere des Lebens, bald wirst du in den Friedenshafen gelangen! Von den sonnigen Küsten des Landes der Herrlichkeit wird jede Heimsuchung dir nun klar erscheinen, als ein besonderer Beweis der Treue deines himmlischen Vaters,- mit einem Strahlenfranze der Liebe umgeben. Jetzt magst du immer ,, dahingehen und weinen und edlen Samen tragen;" aber du wirst gewißlich einst kommen ,, mit Freuden und bringen deine Garben." Manche irdische Samenkörner müssen ¹) Pf. 107, 8. 126 Der Bogen in den Wolken. erst in's Wasser gelegt werden, ehe sie keimen, so muß der Same der Unsterblichkeit oft erst in Thränenwasser getaucht werden. Aber die mit Thränen säen, werden mit Freuden erndten." ¹) ,, Den Abend lang währet das Weinen, aber des Morgens die Freude." 2) Wir stehen," sagt Rutherford ,,, am Anfang der himmlischen Erndte; da gibt's wol Regenschauern; aber die Sonne des neuen Jerusalems wird alle Garben trocknen. Der ,, Sang in der Nacht"*) wird dann in das neue Lied übergehen, wie es die Ueberwinder in den Feierkleidern singen, und der tiefe, herrliche Plan jeder göttlichen Führung wird sich uns dann erschließen, der vor unsern Augen jezt noch verborgen ist. ,, Schmerz und Seufzer werden weg müssen!" ,, Leid, Geschrei, Schmerz wird nicht sein," sagt ein Heiliger Gottes, der schon vor Jahrhunderten in die Herrlichkeit eingegangen ist. 4) Wie überschwänglich herrlich aber erst, was sein wird! ,, Freude und Wonne wird ¹) P₁. 126, 3. 42, 9, 10. - 2) Pf. 30, 6.- 3) P₁. L 4) Offenb. 21, 4. 5. Der Bogen in den Wolken. 127 sie ergreifen!" Sang um Sang! Freude um Freude! Wonne um Wonne! Die Jubellieder des Himmels sind ,, Stufenlieder." Die Erlöseten nehmen immer zu an Seligkeit; sie schreiten fort von Klarheit zu Klarheit, und jedes Triumphlied wird ihnen den Schlüssel zu einem erhabeneren und herrlicheren bieten. Leser, trauerst du um den Verlust derer, die nicht mehr hier sind; um den süßen Ton von Stimmen, die du auf Erden nicht mehr hören wirst; um die Geliebten, die dich einsam auf dem Wege durch die Wüste zurückgelassen haben?- O, nur noch wenig Sehnen, noch wenig Thränen und du wirst ihnen am Anbruch des Tages der Herrlichkeit begegnen! Ja noch mehr! sie haben nur eher als du die Krone erlangt! Wenn sie auf eine kleine Zeit dich dahinten gelassen, daß du deine Klagelieder hier noch fortsetest, denke mit klopfendem Herzen an den ewigen Tag, da du auf die Wolken, die in dem niederen Thale hin und herziehen, aus weiter Ferne herabblicken und im Stande sein wirst, einzustimmen in den Lobgefang der vier und zwanzig Inches Centimetres Blue 2 3 4 Cyan 2 5 3 14, ³ 6 Farbkarte# 13 Green ¹8 Yellow 9 10 Red 11 12 LO 5 13 Magenta 14 6 15 White 16 17 7 3/ Color 18 19 B.I.G. Black 8