GR 706 trocky, dachtsbuch R gebildete Familien ON JA JACOB/ GLATZ weiland k. k. Confiftorial Rathe Augsburger Confession in Wien. Siebente Original: Auflage mit einem Stahlftiche. w en im Verlage bei J. G. Heubner. 1845 Widermann fecit Vienna. - II und Gemüth der Leser belebt und erwärmt, und diese dadurch zu treuer Erfüllung ihrer Pflichten, zur Liebe gegen Gott und Menschen und zu festem Vertrauen auf die göttliche Vorsehung ermuntert, in den Tagen der Freude und des Glücks zu einem dankbaren und bescheidenen Genusse gestimmt, zur Zeit der Trübsale mit Trost, Muth und Hoffnung erfüllt, und in der ernsten Stunde des Todes erheitert und gestärkt werden. — Das Werk hat übrigens sein Daseyn einem stark gefühlten Bedürfnisse meines Herzens zu verdanken, und ich habe es gleichsam zu meiner eigenen Erbauung geschrieben. Um so erfreulicher und lohnender mußte für mich die wohlwollende Aufnahme, die es bey vielen tausend würdigen Familien fand, und die Wahrnehmung seyn, daß das, was vom Herzen kam, auch wieder zu Herzen ging. Ungeachtet eines stark verbreiteten Nachdrucks, wurden doch während eines verhältnismäßig kurzen Zeitraums sechs bedeutende Auflagen - III der rechtmäßigen Ausgabe nothwendig, und ich habe mir es dabey zur angenehmen Pflicht gemacht, keine derselben ohne Verbesserungen und Vermehrungen in die Welt treten zu lassen. Die mir bekannt gewordenen öffentlichen Urtheile über das Werk waren erfreuend und ermunternd für mich, und die Winke, die mit manchen derselben verbunden waren, sind von mir gewissenhaft in Erwägung gezogen, und möglichst benußt worden. Bey der gegenwärtigen Auflage habe ich den Ausdruck, wo es nothwendig schien, verbessert, und den Umfang des Buches durch eine beträchtliche Zahl neuer Zugaben erweitert. Dabey habe ich mir die Aufnahme zweyer Betrachtungen:„ Der Mond" und„ Frühlings- Betrachtung" überschrieben, erlaubt, die sich bereits in dem von mir erschienenen Erbauungsbuche für Töchter aus den gebildeten Ständen: Aureliens Stunden der Andacht" vorfinden, um hierdurch denjenigen, welchen diese Schrift unbekannt geblieben, den Ton - - - IV - anzudeuten, in welchem dieselbe bearbeitet ist. Ich schließe mit dem angelegentlichen Wunsche meines Herzens, daß auch die vorliegende Auflage des Werks bey recht vielen gutgesinnten Familien Eingang finden, und nicht ohne wohlthätigen Einfluß auf das Gemüth aller derer bleiben möge, die dasselbe zu ihrer Erbauung benußen! J. Glaß. Anmerkung zur siebenten Auflage. Diese neue Auflage ist ein, der sechsten Auflage ganz gleichlautender, nur von allen Druckfehlern möglichst gereinigter, Abdruck, der sich übrigens auch durch seine äußere Ausstattung vortheilhaft empfehlen wird. Möge auch diese neue Auflage, nach dem Wunsche des verewigten Verfassers, ferner recht viel Eingang finden, und wohlthätig auf das Gemüth Aller einwirken, die Erbauung darin suchen. Der Verleger. An die Leser a l s Vorwort zur zweyten Auflage. Schnell fließt unser Leben dahin, und che wir es uns versehen, stehen wir am Rande des Grabes, und gehen dahin, woher niemand wiederkehret, zurücklassend alles, was uns hier lieb und theuer war. Und dieses kurze Leben mit wie vielen Sorgen, Mühen, Bekümmernissen, Kránkungen und Drangsalen ist es verbunden! Wie reihen sich in demselben an süße Hoffnungen ängstliche Zweifel und peinliche Unruhe, an eine freundliche Gegenwart eine düstre Zukunft, an Tage der Freude und des Glücks Tage des Grams und mannigfaltiger Leiden! Nur Ein Mittel gibt es, unserm schnell dahin rauschenden Leben Bedeutung und - VI- Werth, unsrer bekümmerten Seele in den Tagen der Widerwärtigkeit Aufheiterung, Muth und die nöthige Kraft zu verleihen, und selbst einer so düstern Zeit, als die gegenwärtige in manchem Betrachte ist, eine lichtere Seite abzugewinnen. Nicht in der Außenwelt liegt dieses Mittel, sondern tief in unserm Innern. Es besteht in einer stillen, festen Richtung des Gemüthes nach oben hin, dahin, woher jede gute und jede vollkommene Gabe herabkommt. Wem sie eigen ist, der schreitet getrosten, heitern Sinnes vorwärts auf seiner Bahn, und sollte sie auch noch so rauh und dornenvoll seyn; den ängstigt kein Ungewitter des Lebens, und wenn auch alles um ihn wanke, alles ihn umstürme er hält sich aufrecht, gleich dem Felsen im Meer, den die Wuth tobender Wellen anzufallen, aber nicht zu erschüttern vermag. - - Darum, ihr Wohlgesinnten, und ihr besonders, ihr hartgeprüften Dulder der Erde, aufwärts, aufwärts richte sich euer Blick! VII Es gibt eine unsichtbare, höhere, Ordnung der Dinge; es gibt einen Geist, der sie trägt und erhält; oft denket an jene, und diesem vertrauet ganz. Und das Licht von oben wird hellen euren Pfad, und eine wunderbare Stärkung von unsichtbarer Hand wird euch erleichtern alles, was hier im Staube euer Herz danieder beugt. ,, Werfet, Erdensöhne,- so ruft euch ein geistvoller Zeitgenosse zu Anker nicht in die Tiefe des Erdenschlamms, sondern in die Höhe des Himmelsblaues, und euer Schifflein wird fest ankern im Sturm." euren Möge das vorliegende Werk, das schon bey seiner ersten Erscheinung in den höchsten, so wie in den unteren Classen, und nicht nur bey den verschiedenen christlichen, sondern auch selbst bey nicht- christlichen Glaubensgenossen sich einer sehr günstigen Aufnahme zu erfreuen hatte, auch in dieser neuen Auflage das Seinige dazu beytragen religiösen Sinn anzuregen, fromme Gefühle zu nähren, den Blick nach oben hin zu lenken, und Liebe und Ver- - ― VIII trauen zu dem zu wecken, in dem wir leben, weben und sind. Freunde des Guten! nehmet es an als eine wohlgemeinte Gabe, dargebracht von einem Herzen, das keine schönere Freude kennt, als Herzen zu finden, die mit ihm übereinstimmen in dem Höchsten und Heiligsten des Lebens. Gottes Segen über euch! Wien, im Frühjahre 1816. flonsgensdo winn 15400 100 - - grunisibly? jobsdot ni chassitad gonded and gin in ampert amport ma 50% den schi daptol ng nid mode con I. Allgemeine religiöse Betrachtungen. 1 Ueber den Werth der Andacht. Es ist dem menschlichen Herzen Bedürfniß, sich bisweilen aus dem Geräusche der Welt und dem Gedränge des alltäglichen Lebens zurückzuziehen, sich zu sammeln, und über den Tand der Erde zu erheben zu dem, der unsichtbar, aber mächtig über alles waltet, und in dessen Händen unser aller Schicksal liegt. Andacht nennen wir eine solche stille, fromme Erhebung des Gemüthes zu Gott, und daß sie für uns höchst nothwendig und von sehr großem Werth und Nußen sey, daran wird niemand zweifeln, der über die Sache ruhiger und ernster nachgedacht, und den wohlthätigen Einfluß derselben auf sein Herz, seine Tugend und seine innere Ruhe und Zufriedenheit bereits erfahren hat. Man hat besonders in unsern Zeiten den großen Werth der Andacht, die mit geistloser Undächteley und frommer Empfindeley nicht verwechselt werden darf, häufig verkannt, sie zu den überflüssigen Beschäftigungen des Geistes und Herzens gezählt, und sich derselben nur zu gern entzogen. Aber dadurch hat man sich auch eines trefflichen Mittels der Selbstveredlung beraubt, und eine der reichsten Quellen des Trostes, der Beruhigung und Stär1* 4 kung, der Aufheiterung und wahrer, hoher Freude übersehen und unbenußt gelassen. Die Besseren und Edleren unserer Zeitgenossen haben diese Verirrung mit Kummer und Schmerz wahrgenommen, und dem üblen Geiste der Zeit, der auch in dieser Rücksicht um sich zu greifen anfing, nicht gehuldigt. Sie fuhren fort, sich von Zeit zu Zeit im frommen Gebethe dem Throne Gottes zu nahen, ihr Herz vor dem Allliebenden auszuschütten, und dadurch ihr Vertrauen zu ihm zu beleben und zu befestigen. Hiedurch gelang es ihnen, sich aufrecht zu erhalten unter den Stürmen, die unsern Welttheil erschütterten, sich zu trösten bey den Drangsalen verhängnißvoller Tage, und ihr Herz zu der Hoffnung einer bessern Zukunft zu erheben. Möge ihre Zahl immer größer, und der hohe Werth wahrer, vernünftiger und dem hohen Geiste des Christenthums angemessener Andacht immer mehr anerkannt und beherziget werden! Uns von dem Werthe derselben durch ruhiges Nachdenken über die Sache zu überzeugen, ist unsre Pflicht, und dieser Überzeugung gemäß zu handeln, der größte Nußen für uns. - - Groß ist das Geräusch und das Gedränge des Lebens. Unter Arbeit, Mühe, Sorge, Kummer, Verdruß und Zerstreuung fließen unsre Tage dahin, und nur zu leicht befreunden wir uns bey dieser Art zu seyn zu sehr mit dem Irdischen und Hinfälligen; nur zu leicht verlieren wir dabey allen Sinn für das Übersinnliche, Unsichtbare und Ewige, und hängen uns mit ganzer Seele an die Scholle der Erde, auf der wir herum wandeln, ohne uns daran zu erinnern, daß wir, zweyen Welten verwandt, die höhere nie aus dem Auge verlieren sollten. Unser Blick verliert den Himmel, und schweift erdwärts in niedern Regionen umher. Zur Gemeinheit herabgefunken, begnügen wir uns dann damit, die Bedürfnisse der sinnlichen Natur zu befriedigen; wir essen, trinken, schlafen, mühen uns ab, und stehen endlich am Rande des Grabes, ohne auf unserm Wege dahin durch höhere Ahnungen, Gedanken, Gefühle und Bestrebungen gehoben, und unsers Daseyns recht froh geworden zu seyn. Kommen bisweilen Augenblicke, wo der bessere Mensch in uns erwacht, so fühlen wir tief unsern ganzen Unwerth, die Leere unsers Herzens und die Bedeutungslosigkeit unsers Lebens. Dann genügt uns das Irdische nicht, dem wir uns unbedachtsamer Weise ganz ergeben haben; es gibt uns keinen Ersatz für das, was unserm Gemüthe abgeht, und wir werden leicht unser selbst, der Welt und des Lebens überdrüßig und satt. Diesem schmählichen Versinken in das bloß Irdische und Hinfällige, dieser gefährlichen Befreundung mit der niedern Welt, und all' den traurigen Folgen, die damit verbunden sind, können wir am besten und sichersten dadurch entgehen, daß wir den Sinn für stille, fromme Andacht in uns rege und lebendig zu erhalten suchen, und unser Herz oft zu Gott erheben. Wer gewohnt ist, sich bisweilen los 6 zureißen von den Beschäftigungen, Sorgen und 3erstreuungen des alltäglichen Lebens, sich zurückzuziehen in den Schooß der Einsamkeit, oder in die heiligen Hallen gottgeweihter Häuser, oder in deinen großen, hehren Tempel, schöne, herrliche Natur! und da seinen Blick empor zu richten zu dem, der Himmel und Erde geschaffen hat, und alles mit Kraft, Weisheit und Liebe trägt, erhält und regiert, seine Seele mit göttlichen Dingen zu beschäf tigen, und sein Herz mit ihm zu unterhalten, in dem wir leben, weben und sind: nein, der kann nicht so leicht zum Gemeinen und Alltäglichen herabsinken; der fühlt sich erhoben über den Staub der Erde, höheren Wesen verwandt, und zu edleren 3wecken geschaffen; er findet Nahrung für seine bessern Gefühle, Nahrung für seine Ahnungen einer vollkommenern Ordnung der Dinge, Nahrung für seinen frommen Glauben an Gott und an die Unvergänglichkeit jener übersinnlichen, wunderbaren Kraft, die in ihm denkt und will. - - Ja, eine Verklärerinn unsers innersten Wesens, eine Bewahrerinn unsrer edleren Anlagen, eine treue, sorgsame Pflegerinn unsrer höhern Natur, eine mäch)tige Beschüßerinn unsers Sinnes für das Ueberirdische und Unvergängliche bist du, stille, heilige Andacht des Herzens! Du sicherst uns vor Gedankenlosigkeit und entehrender Gemeinheit, und auf deinen Flügeln schwingen sich Geist und Gemüth über die kleinlichen Bestrebungen um Freuden der Erde zu 7 den hohen, seligen Genüssen des Himmels empor. Von dir geleitet, fühlen wir uns dem Höchsten nah, und tief in unserm Innersten ertönt der Zuruf an uns: Bedenke, o Mensch, daß du nicht bloß Staub von Staub geboren, sondern göttlichen Geschlechtes und zur Ewigkeit aus dem Nichts hervorgerufen bist! Stille, heilige Andacht, dir sey denn auch so manche beßre Stunde meines Lebens, dir sey mein ganzes Herz geweiht, und will das Gewühl sinnlicher Zerstreuungen und das Getöse der Welt mit ihren verführerischen Reißen und Ergeßlichkeiten den bes sern Menschen in mir betäuben: dann gewähre du mir Schuß gegen die Gefahren, die meiner Seele drohen; mein Geist und mein Gemüth erhebe sich dann im Stillen zu ihm empor, der mich nach seinem Bilde und für höhere Welten geschaffen hat, und ein vertrauter Umgang mit ihm rette mein besseres Gefühl und das köstliche Kleinod, das ich hier erringen und besitzen kann, meine Tugend! Ja, ein höchst kostbares Kleinod ist die Tugend! Wer in ihrem Besitze ist, besitzt das höchste Gut des Lebens, und ohne sie hat alles andere für uns keinen wahren Werth. Redliche Gesinnung, guter Wille, Wahrhaftigkeit im Reden und Handeln, durchgängige Rechtschaffenheit, unverbrüchliche Pflichttreue, Unbescholtenheit des Charakters und Reinheit des Gewissens wer dieß alles errungen hat, der hat auf Erden das Höchste und Herrlichste errungen; er stehet in der Reihe edlerer Wesen, und ist dem ähn- -- - - 8 - lich, der ihn geschaffen hat. Aber nur mit Mühe gelangt man in den Besitz einer reinen, gottgefälligen Tugend; nur durch harte, schwere Kämpfe ist sie zu erringen, nur durch Anwendung aller unsrer Kraft zu behaupten. Unendlich viele Feinde drohen ihr in der äußern und innern Welt. Die mannigfaltigen irdischen Zerstreuungen und Genüsse, Reichthum und Armuth, Ehre und Geringschätzung, und eine Menge anderer Zustände, Verhältnisse und Umstände ersticken nur zu leicht unsern Sinn für das Rechte und Gute, leiten uns auf Abwege, reißen uns zu Fehltritten und Lastern hin, oder erschweren uns doch das wichtige Geschäft der Selbstveredlung. Und mit wie vielen innern Feinden hat noch außer dem die Tugend zu kämpfen! Unsre Sinnlichkeit, unsre oft sehr ungeordneten Triebe, Affecte und Leidenschaften- wie gern vereinigen sie sich mit den gefährlichen Versuchungen in der Außenwelt; wie leicht betäuben sie unsre Vernunft und unser Gewissen; wie häufig verleiten sie uns, Unrecht zu thun, und selbst die heiligsten Pflichten zu vernachlässigen, besonders wenn ihre treue Erfüllung mit Anstrengung, Selbstüberwindung und Opfern verbunden ist! Ach, wer es mit dem Guten redlich meint, und auf richtig ist, wird bekennen müssen, daß die Tugend oft ein sehr harter Kampf sey, und daß ihn selbst das edlere Herz nicht immer glücklich bestehe. Aber was ist mehr dazu geeignet, uns in diesem Kampfe Muth und Kraft zu verleihen, als eine öftere Erhe- - . 9- - bung des Gemüthes in stiller Andacht zu Gott? Richtet man seinen Blick gern zu ihm empor, so fühlt man sich um so stärker für alles Gute und Edle gestimmt; der Gedanke an ihn, den Heiligsten, weckt zugleich in der Seele des Bethenden die Erinnerung an seine hohe Würde und Bestimmung; ein vertrauter Umgang mit dem, der den Sterblichen durch ihre Vernunft und ihr Gewissen immerfort zuruft: „ Ihr sollt heilig seyn, denn ich bin heilig, euer Gott!" flößt dem Frommen Scheu vor dem Bösen und Liebe zum Guten ein, hält ihn von so mancher Verirrung zurück, und erleichtert ihm seine sittliche Vervollkommnung. Gute Vorfäße wie schwer sind sie oft auszuführen, und wie leicht werden sie vergessen! Wer sie aber gleichsam in der Gegenwart Gottes faßt, und bey der Ausführung derselben sich durch die Erinnerung an ihn zu stärken gewohnt ist, der wird ihnen um so fester treu bleiben, und es wird ihm um so leichter werden, sie in That und Handlung zu verwandeln. Es fällt oft sehr schwer, zu thun, was die strenge Pflicht gebeut, und es treten bisweilen Umstände ein, wo wir im Dienste derselben viel wagen, entbehren, dulden und aufopfern müssen; alles dieß wird uns leichter, und wir sind für die Sache der Wahrheit und der Tugend der größten Anstrengungen, Aufopferungen und Kämpfe fähig, wenn wir Freunde der Andacht sind, und uns gern im Gebe 10 the dem nahen, der keine lobenswerthe Absicht und Bemühung unbeachtet und ohne höhere Unterstüßung läßt, und zu allem Guten seinen Segen und sein Gedeihen gibt. - - - Treten bisweilen Stunden der Versuchung und Anfechtung ein, Augenblicke, wo wir nahe daran sind, auf dem Pfade des Guten zu straucheln und zu fallen- und wo ist der Edle, dem es an solchen Augenblicken der Gefahr ganz fehlte? o was ist dann mehr im Stande, uns aufrecht zu erhalten auf der Tugendbahn, und uns dadurch unsern Seelenfrieden und das höchste Glück der Erde, ein unbeflecktes, ruhiges Gewissen, zu retten, als ein frommer Hinblick zu dem Wesen aller Wesen, und eine lebhafte Vergegenwärtigung des Allheiligen? Ist unser Herz bey ihm, dann fühlt es sich auch geneigt, ihm und der Tugend treu zu bleiben, den Einflüsterungen der Sinnlichkeit und des Lasters kein Gehör zu geben, auch die glänzendsten Vortheile, die uns die Sünde verspricht, zu verschmähen, und sich rein zu erhalten von aller Schuld, und frey von jedem gerechten Vorwurfe. Triumphirend gehen wir dann aus dem Kampfe mit den Versuchungen des Fleisches und einer verderbten Welt. Gefühlt und klar eingesehen haben es die Weifesten und Edelsten unsers Geschlechts, von welch' einem unendlich heilsamen Einflusse eine öftere Erhebung des Gemüthes und Geistes zu Gott für unser Herz und unsre Tugend sey. Daher nahten sie 11 sich gern dem Herrn, wenn sie preiswürdige Vorsätze faßten, Großes und Wichtiges für Wahrheit und Recht zu beginnen, im Begriffe waren, oder in den Fall kamen, mächtigen Versuchungen zu widerstehen. Aus dem betäubenden Geräusche der Welt zogen sie sich an abgelegene Orte, in Wüsten, auf einsame Plätze überhaupt zurück, dachten da ungestört über ihren Beruf und ihr Beginnen nach, flehten die unsichtbare höhere Macht um ihren Beystand und Segen an, und traten dann begeistert und wie vom Himmel herab gestärkt in das wogende Leben, sprachen und handelten für die gute Sache der Menschheit mit Kraft und Muth, bewirkten oft Großes und Heilsames für viele Geschlechter und Jahrhunderte, und traten dadurch in die Reihe jener Edlen, deren Nahmen die späteste Nachwelt mit Achtung, Dank und Liebe nennt. Verlangten Wahrheit, Recht und Pflicht große Opfer von ihnen, so brachten sie diese mit freudigem Sinn, und blieben, gehoben und gestärkt durch den Gedanken an Gott, dem Wahren und Guten unerschütterlich treu bis in den Tod, und voll männlichen Muthes selbst im dumpfen Kerker, unter den Foltern und auf dem Hochgericht. - - Nein, es läßt sich mit Worten nicht ausdrücken, welch' eine hohe, heilige Kraft in der Andacht liegt, und wie mächtig und heilsam eine öftere Erhebung des Herzens zu Gott auf unsre Gesinnungen und unfern sittlichen Charakter zu wirken vermag! Sie be - 12 fördert unsre Selbstveredlung, sie erleichtert unsre Besserung und unsern Kampf mit den Feinden unsrer Tugend, sie schützt uns vor gefährlichen Abwegen, führt uns auf den rechten Pfad zurück, wenn wir uns von demselben verirrt haben, stärkt uns bey jeder wichtigen Unternehmung, begeistert uns zu treuer Erfüllung der Pflicht, und macht uns der bewunderungswürdigsten Anstrengungen und Aufopferungen für die gute Sache unsers Geschlechtes fähig. Wohl dem, der oft an Gott denkt, und bey allem, was er sich vornimmt und thut, ihn zum Zeugen und Beystand anruft! Ihm gelingt es um so leichter, auf der Bahn der Tugend glückliche Fortschritte zu machen, und ein guter, edler, trefflicher und dabey wahrhaft glücklicher Mensch zu werden. - Ja, wahrhaft glücklich ist der zu preisen, der sich Gott zu seinem vertrautesten Freunde wählt, und mit Geist und Herz oft bey ihm ist! Sein Leben erhält für ihn dadurch eine höhere Bedeutung; die Welt erscheint ihm in einer helleren und freundlicheren Gestalt; jede erlaubte Freude kleidet sich für ihn in ein lieblicheres Gewand, und in seiner Brust wohnen stiller Friede, himmlische Ruhe und eine Heiterkeit der Seele, wie sie nur der Fromme kennt. Der Freund wahrer, geisterhebender und herzerquickender Andacht, weit entfernt, durch sie in ein düstres, der Freude abgestorbenes Wesen verwandelt zu werden, erhält durch sie vielmehr eine lebhaftere Empfänglichkeit für alles wahrhaft Schöne und Angenehme 13 dieser Welt. Aber sie leitet alle feine irdischen Genüsse, hält ihn von denjenigen zurück, die sich vor dem Richterstuhle der Vernunft und des Gewissens nicht rechtfertigen lassen, stimmt ihn bey dem Genusse unschuldiger Freuden zu jener weisen Mäßigung, die einem edleren Wesen ziemt, und veredelt und erhöht jede erlaubte Freude seines Lebens. Genießt er sie mit frommer Erinnerung an Gott, so erscheint sie ihm als eine Gabe des Himmels, erhält für ihn dadurch einen um so größern Werth, und wird von ihm auf eine würdige Weise genossen. Wenn der Sinnliche, der bey den irdischen Ergetlichkeiten an den nicht denkt, von dem alles Gute kommt, gewöhnlich in einen gefährlichen Taumel niederer Genüsse versinkt, und als Wüstling sich häufig noch unter die Thiere des Feldes herabwürdigt, gibt sich der, der aus des Schöpfers Hand alles mit erkenntlichem Gemüthe und frommer Danksagung zu empfangen gewohnt ist, nur den edleren Freuden der Erde hin, überschreitet bey dem Genusse derselben niemahls Maß und Ziel, und bewahrt daz durch den Adel seines Herzens und die hohe Würde, die ihm eigen ist. Und was sind alle Annehmlichkeiten und Genüsse, welche die Erde dem Menschen zu geben vermag, gegen die reinen, hohen Freuden, die uns eine stille Beschäftigung mit Gott und ein vertrauter Umgang mit ihm gewährt! Wie angenehm berührt und ergriffen fühlt sich unser Herz in der Gegenwart des Allheiligen! welche sanfte - - 14 Heiterkeit verbreitet sich in unserm Innersten, wenn unsre Gedanken und Empfindungen empor dringen zu seinem Thron! wie verklärt sich unser ganzes Wesen, wenn wir auf unsern Knieen, durchströmt von heiliger Andacht, seine Herrlichkeit preisen, ihm unsern Dank darbringen, oder ihm unsre Wünsche vortragen! Glauben wir uns da nicht dem Himmel nah, und gränzt die Freude, die wir in solchen Augenblicken empfinden, nicht an die Wonne seliger Geister? O der kennt die wahre Freude nicht, der es noch nie gefühlt hat, wie sehr eine fromme Erhebung des Gemüthes zu dem Allgütigen das Herz erquickt, erhebt, erheitert und stärkt! Wer dieß aber öfters fühlt- o der ist wahrhaft glücklich zu preisen, auch wenn er mit manchem Ungemache und Leiden der Erde zu kämpfen hat! mbong - Jedes Ungemach, jedes Leiden dieses Lebenses ist uns leichter zu ertragen, wenn wir gewohnt sind, unser Herz oft vor dem auszuschütten, der uns auch durch Beschwerden und Drangsale segnen und einem höhern Ziele näher führen will. Unzählige Gefahren drohen uns; aber wir gehen ihnen muthvoll entgegen, wenn wir uns durch eine lebendige Erinne rung an den, unter dessen allmächtigem Schutze wir stehen, gestärkt haben. Höchst beschwerlich ist nicht selten unsre Lebensbahn; aber blicken wir auf derselben fleißig zu dem empor, der sie uns angewiesen hat, so sehen wir getrosten und heitern Sinnes unsre Reife nach dem Grabe fort. Harte Prüfungen verhängt in 15 diesem Thale der Vorbereitung und Uebung sehr oft der über uns, der uns dadurch für eine höhere Welt zu erziehen sucht; aber wir unterwerfen uns ihnen willig, und ertragen selbst das Schwerste mit Geduld, wenn wir Geist und Gemüth durch den Gedanken an den Allwaltenden zu ermuthigen und zu stärken suchen. So manche schwere Sorgen und trübe Aussichten in die Zukunft, so manche traurige Erfahrungen, die wir machen, so manche tiefe Kränkungen, die uns zugefügt werden, so manche Unfälle und Leiden überhaupt, die uns treffen, scheinen von der Art zu seyn, daß wir ihnen unterliegen müssen. Aber öffnet sich unfer gepreßtes Herz in den Stunden des Schmerzens, des Grams, des Unglücks und der Verzweiflung dem Gott der Macht, der Weisheit und der Liebe, sucht es bey ihm Schuß, Beruhigung, Hülfe und Rettung: o wie fühlt es sich da erleichtert und gestärkt! wie löst sich da der tiefe Kummer in eine sanfte, stille Wehmuth, die Wehmuth endlich in Ruhe der Seele und in fromme Ergebung auf! wie weicht allmählich der Schmerz aus der erleichterten Brust, und welch' ein stiller, himmlischer Friede senkt sich von oben in sie danieder! Der 3wiespalt mit der Welt wird gehoben; man blickt wieder ruhiger und heiterer um sich; man trägt, was sich nicht ändern läßt, mit Gelassenheit und festem Sinn; alle Leiden erscheinen nun dem getrösteten Herzen als Schickungen einer höheren, liebevollen Macht, und als Mittel der Bildung, Veredlung und Besserung unsers Geschlechtes, - - 16 und man fühlt sich stark genug, auch das Härteste und Schmerzlichste mit edler Fassung zu erdulden.- Nehmen Ungerechtigkeit und Sittenlosigkeit überhand; treten blinde Gewalt und Willkühr an die Stelle der Gerechtigkeit und weiser Gefeße; werden ganze Reiche erschüttert, Thronen gestürzt, und ganze Völker ihrer Selbstständigkeit und ihres bisherigen Glückes beraubt; scheint nach allen Seiten hin alles zu wanken und seinem Untergange nah: o was kann uns in solch' einer Zeit, wo alles zittert und zagt, aufrecht erhalten, oder, sind wir danieder gebeugt worden, wieder aufrichten, als deine Macht, fromme, heilige Undacht? Trägst du unsern Geist und unser Herz zu dem empor, gegen den Millionen Welten ein Nichts sind, zu dem, in dessen Händen das Schicksal aller Reiche und aller Völker ruht, und der zu den empörten Wogen des Meeres spricht: bis hieher und nicht weiter!- o dann faffen wir uns auch bey der größten Unordnung und Verwirrung; dann verzagen wir nicht auch bey den schrecklichsten Stürmen einer unglücklichen Zeit; dann sehen wir mit from= mer Zuversicht einem Tage der Erlösung und der Errettung entgegen. Fühlen wir unsre sittlichen Schwächen und Mängel, ängstigen und quälen uns vielleicht gerechte Vorwürfe des Gewissens: o auch dann finden wir in dir, stille, heilige Andacht, eine Quelle der Tröstung und süßer Erquickung! Du bringst uns dem nahe, der auf unsre Schwäche mit Nachsicht herabsicht, auch unsre Verirrungen mit 1 - 17 Schonung beurtheilt, und selbst große Sünden ver gibt, wenn wahre Reue und der feste Vorsatz der Besserung den Gefallenen vor seinen Thron begleiten! 3u dir haben die edelsten Dulder in ihrem Leiden ihre Zuflucht genommen, und sind durch dich getröstet, beruhigt und aufgerichtet worden; deinem wohlthätigen, erquickenden Einflusse überließ sich der größte und edelste unter ihnen; hingesunken auf seine Kniee in einer gefahr und verhängnißvollen Stunde, erhob sich flehend sein banges Herz zu seinem und unser aller Vater, und, siehe! da kam wie sein Lebensschreiber sinnvoll bemerkt ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. Und so wie du der Leidenden Schußgeist bist, so bist du auch dem mit dem Tode Ringenden und Sterbenden Stärkung und Labsal. Ach)! wer in diesem letzten Kampf auf Erden sein brechendes Auge noch andachtsvoll zu dem erhebt, zu dem er nun bald zurückkehren soll, und in seine Hände den scheidenden Geist befiehlt: der tritt beruhigter und leichter von diesem Schauplaße ab, und sein Tod ist ein sanftes Hinüberschlummern in eine bessere Welt. Candning - - - - Groß, unendlich groß ist der Werth jener wahren Andacht, bey der man es nicht bloß bey leeren Worten und geistlosen Religionsübungen bewenden läßt, sondern bey der Geist und Herz lebendig beschäftigt sind, und in dem Gedanken an das Wesen aller Wesen leben und weben. Ceremoniöse Andächtelen bleibt nicht nur fruchtlos für Seele und Ge2 18 müth, sondern schwächt oft auch beyde und leitet sie irre; aber herzliche Andacht im Geist und in der Wahrheit sie sey öffentlich oder häuslich bleibt eines der wirksamsten Mittel der Veredlung, Beruhigung und innern Beglückung; sie ist des weisesten und edelsten Menschen würdig, und für sein Gemüth ein tiefes Bedürfniß. ,, Was das Athemhohlen den Lungenbemerkt mit Wahrheit ein edler Greisdie Wissenschaften dem Verstande, das ist das Gebeth dem Herzen. Wie gesunde Luft leibliches Wohlseyn schafft: so schafft das Gebeth geistiges. Hinter ihm her ziehet der Friede, ihm zuvor geht das Vertrauen, ihm zur Seite die Zuversicht, die Liebe und die Ergebung." Jene Länder und Staaten, in denen ein frommer Sinn und ein zur Andacht geneigtes Herz geachtet und heilig gehalten werden, gehören immer zu den besten, ehrwürdigsten, glücklichsten, und in jenen Familien, wo man noch der schönen, heilsamen Sitte treu geblieben ist, sich oft in stiller Andacht zu dem Schöpfer und Regierer der Welt zu erheben, bey jeder Freude an ihn zu denken, nach jedem Genusse ihm zu danken, und bey allen Vorfällen und Lagen des Lebens sich mit kindlichem Vertrauen dem Throne des Allgütigen zu nahen, in solchen Familien findet man unstreitig noch am meisten Zucht, Ordnung, wohlgeordnete Thätigkeit, Berufstreue, redlichen Sinn, Eintracht, Heiterkeit und häusliches Glück; sie gewähren dem edleren Gemüthe einen wahrhaft erbaulichen und - - - - -- 19 erquickenden Anblick. O blieben wir doch alle jener frommen Sitte treu, und kehrte sie doch in den Kreis aller jener Familien zurück, denen sie in den letzten Zeiten des Dünkels und niedern, irreligiösen Sinnes allmählich fremd geworden ist! Wahrlich, mit ihr würde des Guten viel zurückkehren, das von uns gewichen ist, als wir sie unbedachtsamer Weise aus unsern häuslichen Kreisen entfernten! Ihr huldige jedes Herz, das die Tugend liebt, und sich nach innerm Frieden und wahrer Freude sehnt! Bey dir, bey dir, o du, den der Seraph am Throne des Himmels preist, und der Wurm im Staube verkündigt, weile gern unsre Seele und unser Gemüth, und trinke Seligkeit aus der Quelle hoher Bonne, die uns in wahrer, inniger Andacht quillt! - O selig, selig, wer vor dir Des Herzens innigste Begier Hinströmt in findlichem Gebeth, 16 Oft festen Glaubens zu dir fleht! satu 35 D felig, wer mit dir allein, t Ganz voll von dir, und gänzlich dein, Von niederm Tand den Geist erhebt, Und halb schon in dem Himmel lebt. Wenn, ungestört von dem Gewühl Der Welt, voll Andacht, voll Gefühl, Er staunend deiner Huld sich freut, Und dir des Dankes Opfer weiht: 00 Dann weiß er, daß du Vater bist; con Dann fühlt er, daß dein Kind er ist, das 112 Und wird getrost und glaubt, du gibst, Was nützlich ist, dem, den du liebst. som 2 20 Lockt ihn der Sünde schnöde Lust, Fleht er zu dir, und fühlt die Brust Voll neuen Muths; die Sünde liegt Durch Kampf und durch Gebeth besiegt. - Du hörst das weinende Gebeth; Du gibst ihm Nuh', sobald er fleht; Strömst Linderung in seinen Schmerz, Und Trost des Himmels in sein Herz. O selig, selig, wer vor dir Des Herzens innigste Begier Hinströmt in findlichem Gebeth, Oft, festen Glaubens, zu dir sleht! blogs Belebung des Glaubens an Gottes Dafeyn. Wer zum Bewußtseyn seiner selbst erwacht, ahnet bald genug eine höhere Macht, die, erhaben über alles Irdische, allem, was da ist, sein Daseyn gegeben hat, und über alles, zwar unsichtbar, aber mächtig waltet, alles erhält und regieret. Blickt unser Geist dann tiefer in das Heiligthum der unermeßlichen Schöpfung, tiefer in das eigentliche Wesen der menschlichen Natur und in das Leben, so verwandelt sich diese Ahnung bald in innere Ueberzeugung, und der fromme Glaube an einen Gott ergreift mit sanfter Gewalt unser Herz. Ein Licht vom Himmel fällt in unser Auge, und in heitrer Gestalt erscheinen uns dann Welt und Leben und Tod; wir selbst sind uns kein Räthsel mehr; unser Schicksal erscheint 21 uns als höhere Fügung, unsre Freude als ein Geschenk von höherer Hand, jedes unverschuldete Leiden der Erde als eine nothwendige Erscheinung in Bezug auf unser wahres Wohl, und der Tod selbst als eine Wohlthat des Alliebenden, als ein Uebergang zu einem vollkommneren und glücklicheren Seyn. Wir wandeln dann getroster, entschlossener, hoffnungsvoller und freudiger unsre Bahn, und treten von ihr gefaßter und williger ab, um heimzukehren zu dem, von dem wir gekommen sind. Heiliger, herzerhebender Glaube an Gott, o wie sehr verschönerst du dem, in dessen Herzen du wohnst, die Welt und das Leben; wie hoch erhebst du ihn über den Staub der Erde und ihren Tand; wie sehr ebnest du ihm jeden rauhen Pfad; welche frohe Aussichten öffnest du dem Rechtschaffenen; welche Erquickung verleihst du dem schmachtenden Dulder, welch' ein Meer von Wonne und Seligkeit strömst du über die Welt und über die Menschheit aus! Glücklich der, dessen Eigenthum du bist, und in dessen Innerm oft der bedeutungsvolle Zuruf ertönt: Es ist ein Gott! elmo) - Ja, es ist ein Gott! Das bessere, edlere Herz ahnet und glaubt ihn; denn ohne diese Ahnung und ohne diesen Glauben würde ihm hienieden nichts genügen; alles bliebe ihm räthselhaft, alles ohne Sinn und Bedeutung. Aber unendlich vieles wirkt darauf hin, diesen frommen, beseligenden Glauben zu schwächen, und seinen heilsamen Einfluß auf un 22 sern Geist und unser Gemüth, so wie auf unsre innere Ruhe und unser ganzes Glück zu beschränken, und oft völlig zu vernichten. Um so nothwendiger ist es, ihn mit aller Sorgfalt in unserm Innersten als ein Heiligthum zu nähren, und auf alle Art zu beleben. Un Veranlassungen dazu fehlt es uns nicht; wohl dem, der sie redlich benützt! Onder Es gibt im Leben so manche stille Stunden, in denen bey uns der bessere Mensch erwacht, und sich nach dem sehnt, was die Erde nicht zu gewähren vermag, nach jenen reinen Genüssen des Geistes und Herzens, die uns nur die Religion der Glauben an eine höhere Ordnung der Dinge und an ein über Alles weit erhabenes, höchst vollkommenes Wesen verleihen kann. In solchen heiligen Stunden findet das Gemüth sich zu edleren Empfindungen, die Seele zu höheren Betrachtungen gestimmt, und für Belehrungen über göttliche Dinge und die wichtigsten Angelegenheiten des Herzens empfänglich. Solche Stunden sollten wir nie ungenügt dahin schwinden lassen, sondern uns in denselben den besseren Regungen und Gefühlen unsers Innern ganz hingeben, und über den nachdenken, der über den Sternen wohnt, und den alles verkündigt, was da ist. Wir sollten uns außer dem so oft als möglich losreißen von den Geist und Herz betäubenden Zerstreuungen der sinnlichen Welt, uns in den Schooß der Einsamkeit zurückziehen, und in ungestörter Ruhe uns empor zu schwingen suchen in das Reich des Unsichtba- -- - 23ren und Ewigen, die Spuren der Gottheit verfolgen, uns von ihrem Daseyn noch fester überzeugen, und unsern Glauben an sie beleben und stärken. Dann würde dieser Glaube auch mächtig auf unser Thun und Lassen, auf unsre Gesinnung und Tugend, auf unsre ganze Art zu denken und zu leben, so wie auf unser höheres Glück einwirken. Denn seinen ganzen wohlthätigen Einfluß äußert der Glaube an Gott nur dann, wenn er recht lebendig ist. So sey mir denn jede Gelegenheit willkommen, bey der ich meine Ueberzeugung von dem Daseyn eines höchsten Wesens befestigen, meinen Glauben an Gott beleben kann! Fleißig soll mein Auge hinblicken in die grenzenlose Schöpfung, die mich umgibt. Groß erscheint mir unsre Erde; aber was ist sie gegen die Myriaden von Welten, die ich am gestirnten Himmel über mir erblicke? Kaum ein unbedeutendes Sandkorn! Wer hat die Sterne gezählt, die im unermeßlichen Luftraume dahin rollen? Ungeheuer groß ist die Zahl derer, die das Auge erblickt; aber wer könnte die zahllose Menge derer bestimmen, die kein Sehrohr erreicht, und die vielleicht von unsrer Erde so weit entfernt sind, daß ihr Licht unsern Planeten noch immer nicht erreichen konnte? Unzählbare Millionen von lebenden Wesen regen sich auf unsrer Erde: aber sie kommen nicht in Betracht gegen die Menge von Geschöpfen, die unstreitig auf den zahllosen Welten leben, die in dem weiten Himmelsraume herumkreisen. Unser Geist erliegt bey dem - 24 Gedanken an die Größe des Weltgebäudes und an die Menge der geschaffenen Dinge. Und was verkündigt uns dieß alles? Was anders als ein allgewaltiges Wesen, dem alles, was da ist, sein Daseyn verdankt! durch sich selbst sollte dieß alles entstanden seyn? wie wäre dieß möglich und denkbar? Durch Kräfte und Gesetze, die tief verborgen in dem Stoffe der zahllosen Weltkörper liegen, sollte alles geworden seyn, so wie es ist? Aber woher der Stoff? hat er sich selbst geschaffen? und woher die Kräfte und Gesetze, die in dem Innersten desselben wirksam sind? wer hat sie hineingelegt? sind sie von sich selbst entstanden, und hat vielleicht ein blindes Ungefähr sie so geordnet, daß durch sie die große, herrliche Welt hervorgebracht werden konnte, die wir mit Recht anstaunen und bewundern? Denke sich dieß, wer kann; der menschliche Verstand ist dessen nicht fähig. Die Gesetze, nach denen er zu denken gezwungen ist, nöthigen ihn, einen höchsten, allmächtigen Urheber der unermeßlichen Schöpfung anzunehmen. Und gesetzt was doch nicht denkbar ist- der Stoff aller Weltkörper mit den Kräften und Gesetzen, die in denselben liegen, sey von sich selbst entstanden- es gibt ja auf Erden auch ein Wesen, das nicht bloß Körper ist. Uebersinnliche Kräfte regen sich in dem Menschen. Möge sein Leib ein Erzeugniß physischer Ursachen seyn woher das, was in ihm denkt und will? woher sein Geist und sein freyer Wille? woher seine sittliche Natur, die mit — - - - 25 der körperlichen nichts gemein hat, sondern das gerade Gegentheil von ihr ist? Es bleibt eine ewige Wahrheit: körperliche Kräfte können auch nur körperliche Erscheinungen hervorbringen; Geist kommt nur von Geist. Durchaus unerklärbar müssen wir uns bleiben ohne Annahme eines höheren, und zwar geistigen und sittlich vollkommenen Wesens. Sein Daseyn allein gibt uns genügende Aufschlüsse über die Entstehung der Welt überhaupt und des Menschen insbesondere. Dieß erwäge du, mein Geist, recht oft, und der Glaube an einen allgewaltigen Schöpfer Himmels und der Erde wird dir nie anders erscheinen, denn als eine umittelbare Folge eines tieferen Nachdenkens, und als eine wohlbegründete, über alle Zweifel erhabene Ueberzeugung. - - Und welche Zweckmäßigkeit und Ordnung, welche herrliche, an das Wunderbare grenzende Einrichtungen entdecken wir bey genauerer Untersuchung in der Welt! Auch der geringste Gegenstand auf ihr ist nothwendig und nützlich). Selbst der unscheinbarste Theil an demselben hat seine Bestimmung und ist unentbehrlich. So wie alles, was da ist, seinen bestimmten Zweck hat, so ist auch alles so eingerichtet, daß es seinen Zweck erreichen und seiner Bestimmung entsprechen kann. Ihm fehlt nichts, was zu seiner Erhaltung, Fortpflanzung und Wirksamkeit erforderlich ist, und wenn wir in dieser Hinsicht auch nur die zarteste Pflanze genauer untersuchen, so müssen wir den künstlichen und höchst zweckmäßi3 adidinti 26 gen Bau derselben bewundern. Alles Geschaffene ist übrigens da, wo es am nothwendigsten und nüßlichsten ist, und wo es die zu seiner Nahrung und Fortdauer unentbehrlichsten Mittel findet. Alles greift dabey in der großen Haushaltung der Natur auf das beste in einander, gleich wie die Räder eines gelungenen Uhrwerks. Blicken wir nach den zahllosen Himmelskörpern, die des Schöpfers Hand in den unermeßlichen Luftraum so reichlich hingesäet hat, so ergreift uns ein heiliges Staunen, wenn wir dabey denken, in welch' einer schönen, unverrückten Ordnung diese Myriaden Welten herumrollen, ohne einander zu berühren, zu verwirren und im ungehine derten Laufe zu hindern, und wir rufen dann wohl bewundrungsvoll aus: welch' eine Pracht, und daben welch' eine unverbrüchliche Ordnung und Zweckmäßigkeit! wie groß und weise ist der, der dieß alles so herrlich geordnet hat, erhält und lenkt! Denn an dem Daseyn einer allgewaltigen Gottheit auch nur im geringsten zu zweifeln, kann uns dann nicht mehr in den Sinn kommen. Wahnsinn scheint es uns dann, sich jene bewundrungswürdige Ordnung in der Welt und all' die höchst zweckmäßigen Einrichtungen in der großen Natur ohne Annahme eines Gottes er= klären zu wollen, und unser Glaube an ihn erhält neues Leben und neue Kraft. Um ihn auch bey mir noch immer mehr zu befestigen, will ich oft und gern bey den wundervollen Einrichtungen der Schöpfung verweilen; jede nüßliche Belehrung darüber soll mir 1 Univ.- Bibl. Giessen - - - 27 - willkommen seyn, und willig soll mein Herz sich den Eindrücken hingeben, die sie auf das Gemüth zu machen, geeignet ist. Die Spuren des Höchsten aufzusuchen und zu verfolgen, soll stets eine meiner angenehmsten Beschäftigungen seyn. Ich werde ihn dann finden, den, der alles mit grenzenloser Liebe trägt und lenkt, ich werde ihn finden in deinem heiligen Tempel, große, herrliche Natur! so wie ich ihn finde in meinem Herzen. Ja, auch in dem Herzen des Menschen thut er sich kund, der Allgewaltige, Allheilige und Allfelige! Eine innere Stimme ruft uns zu: Es ist ein Gott! Erwachen unsere beffern Gefühle, regt sich in uns etwas mächtiger die Kraft des Gewissens und die Ahnung jenes Heiligsten, das heut und ewig die Geister, » Tiefer und tiefer gefühlt, immer nur einiger macht,« und gelangen wir zu dem Bewußtseyn dessen, was man Menschen würde zu nennen pflegt: dann geht für uns gleichsam ein neues Leben, eine neue Hoffnung und die Pforte des Himmels auf, und wir finden uns mit unwiderstehlicher Gewalt hingezogen zu dem Glauben und zur Anbethung eines Wesens aller Wesen, das da war, und das da ist, und das da seyn wird in Ewigkeit. Welt und Leben genügen uns nicht mehr ohne den frommen Glauben an einen Gott. Dem besseren Herzen ist dieser Glaube hohes Bedürfniß, und ohne ihn kann es 3* 28 sich der Erde und des Daseyns nicht recht erfreuen. Was hätte auch dieses spannenlange und mit so vielen Beschwerden und Leiden durchflochtene Leben für den edlen Menschen Reißendes und Genügendes, wenn es nicht durch die Annahme eines höheren Wesens Bedeutung erhielte, und dem gläubigen Gemüthe als eine Zeit der Vorbereitung erschiene, von einer unsichtbaren Macht dazu bestimmt, uns zu einem wichtigeren Wirkungskreise zu bilden und zu erziehen? Tief in unserm Innersten vernehmen wir den Zuruf, daß wir mit höheren Wesen verwandt und zu großen Zwecken berufen sind. Und von wem kommt diese Stimme? wer pflanzte in unsere Nqtur so hohe geistige Anlagen und Kräfte, so heilige Ahnungen einer übersinnlichen Welt, eine so mächtige Sehnsucht nach dem, was ohne Tadel und unvergänglich ist, und das so wichtige, strenge Geboth der Pflicht? Eine höhere Hand, ein Gott ist es, der dieß alles that, der in unsere Brust legte so viele Keime des Wahren und Guten und das stille, innige Verlangen nach einem unsichtbaren Etwas, das mehr befriedigt und mehr genügt, als die vergänglichen Güter und Freuden der Welt. Man nehme dem Herzen den frommen Glauben an Gott, und eine peinliche Leere wird es danieder drücken; es wird sich selbst ein Räthsel werden; alles wird ihm in einer unfreundlichen Gestalt erscheinen; kein irdischer, Genuß wird es befriedigen, und es wird ihm nicht an Augenblicken - 29 fehlen, wo ihm der Wunsch entsteigt, lieber nicht zu seyn! Ja, ewiges Bedürfniß bleibt es dem Herzen, ein Wesen aller Wesen zu glauben; tief in seinem Innersten thut sich ihm dieses Wesen kund, und je besser, redlicher und edler es ist, um so unzweifelhafter und eigener ist ihm auch der heilige Glaube an Gott. Und so sey es denn ein freudiges Geschäft für mich, oft in mein Herz zurückzukehren, mich den Ahnungen und Gefühlen desselben zu überlassen, meiner hohen Würde und Bestimmung mir recht lebhaft bewußt zu werden, und sorgfältig in meinem Innersten den aufzusuchen, den keine Sprache edel genug zu nennen, kein Gedanke ganz zu erreichen, kein Geist vollständig zu schildern, kein Mund würdig genug zu preisen vermag, und ich werde ihn finden in meinem Herzen, so wie ich ihn finde im Leben. - - Ja, durch das ganze Leben waltet eine hohe, allgewaltige Macht; im Großen, wie im Kleinen stoßen wir auf Spuren ihres Daseyns und ihrer grenzenlosen Kraft. Durchlaufe, o Mensch, die Reihe deiner Schicksale, sie mögen wichtig oder unwichtig, erfreulich oder traurig gewesen seyn: den Einfluß einer höheren Macht hast du dein ganzes Leben hindurch erfahren; sie hat dich bewahrt, geschützt, getragen und gelenkt; sieh' um dich, nach allen Seiten hin wirst du ihre Wirksamkeit entdecken, wirst du finden, daß über das Loos der Sterb 30 lichen, über ihr äußeres und inneres Glück, über Recht, Gerechtigkeit und Zugend ein über alles erhabenes Wesen waltet; blick' in das Buch der Geschichte, jedes Blatt derselben wird dir laut einen Gott verkündigen, der für das Wohl der Menschheit wacht, und das Schicksal der Reiche und Völker weise regiert; in allem, was sich bisher Großes und Wichtiges auf Erden ereignet hat, wirst du den Finger des Weltgeistes und einer heiligen Gottheit gewahren! Also in das Leben und in die Geschichte unsers Geschlechtes will ich oft mit Unbefangenheit und Nachdenken blicken, um den zu finden, vor dem Millionen im Staube ihre Kniee beugen; aufmerken will ich auf die Begebenheiten meines eigenen Lebens und auf die Schicksale Underer, und in den Jahrbüchern der Völkergeschichte forschen, um das Walten einer göttlichen Macht zu entdecken, und mich in meinem Glauben an sie zu befestigen und zu stärken. Geleite mich durch die Labyrinthe dieses Lebens bis zum stillen Grab, hoher, heiliger Glaube an Gott! und alles, was dich schwächen und aus meiner Brust vertilgen könnte, bleibe fern von mir; alles sen mir dagegen willkommen, was dich zu beleben und deinen wohlthätigen Einfluß auf mein Herz zu sichern und zu erhöhen vermag. Oft ertöne in meinem Innersten, was der begeisterte Sänger ausruft: - 31 Es ist ein Gott! O Mensch, der heilige the Gedanke Durchstrahlt die Nacht, und drängt durch Zweifel sich hervor, - - Erhöht, vergöttlicht uns, durchbricht die enge Schranke Der Sinnlichkeit, und hebt uns über uns empor. Es ist ein Gott! Kometen rollen Mit Lebenskräften, ihm entquollen, In die Unendlichkeit hinaus; Auf sie, die seinem Blick nicht näher schweben, Als du ihm wandelst, gießt er Leben Und Licht in vollen Strömen aus; Gießt Trieb' und Kräfte, fort zu streben, Beseelend in die Wüsteney, In die Unendlichkeit der großen Weltenferne. Doch warum fragen wir die Sterne, Ob Gott ein Gott des Lebens sey? Der Boden, wo du wandelst, schüttert Von Lebenskraft; auf jedem Strahl, Mit jedem Hauch des Frühlings zittert Ein junges Leben in dem Thal. Welch' Leben schwärmt und säuselt durch die Aue! Welch' Leben nährt das Moos, den Halm, das junge 914 943 Laub! Welch' Leben schwimmt im Schooß der Wolk' und hier im Thane! Das Mückenheer im Teich'- es ist belebter Staub! Horch' hin! und nirgends ist so todt die tieffte Stille, Es wehet leis' ein Athemzug empor; Und horch! aus dieser Fluth der großen Lebensfülle Ragt, wie das Haupt, der Mensch hervor; Der Mensch, ein Sohn des Staubs, und über ihn erhaben! Schau! wie zum Engel sich das zarte Mädchen schmückt! Ein kräft'ger Held blüht auf im wilden Knaben; Es ist der Mensch, der auf zur Götterhoheit blickt! - 32 Belebung des Glaubens an eine göttliche Vorsehung. € 8 s ist ein Gott! Dieß rufen uns laut genug die Natur, das Herz, das Leben und die ganze Geschichte der Menschheit zu. Was wir um uns erblicken, ist das Werk seiner schaffenden Kraft; ihm verdankt alles, was da ist, Daseyn und Leben. Aber nicht nur geschaffen hat er alles; er erhält, versorgt und lenkt es auch. Nie hat er sein Auge von der Welt weggewendet; immerfort ist er derselben gegenwärtig; sein allmächtiger Armschirmt und schützet sie; unaufhörlich wacht er über seine Geschöpfe, sorgt für ihre Bedürfnisse, rettet sie aus Gefahren, und läßt sie seinen Einfluß und seine Liebe empfinden; die Zügel der Weltregierung sind fortwährend in seinen Händen; alles, was sich im Großen und Kleinen ereignet, ist ihm bekannt und von ihm selbst herbeygeführt oder doch zugelassen, und nichts kann geschehen, was er nicht zum Besten des Ganzen zu leiten wüßte.- Es gibt, mit Einem Worte, eine göttliche Vorsehung. Großer, tröstender, herzerhebender Gedanke, ganz dazu geeignet, unserm Geiste Schwung, unserm Willen Festigkeit, unsrer Tugend Haltung, unserm Gemüthe Ruhe und tiefen Frieden zu geben, und uns selbst unter den bittersten Leiden der Erde auf zurichten und zu stärken! 33 Wer tief in seinem Innern den Glauben an eine göttliche Vorsehung als ein Heiligthum nährt und bewahrt, der ist in jeder Hinsicht glücklich zu preisen. Er schreitet sicheren Trittes auf der Bahn seines Lebens vorwärts, und nichts ist im Stande, ihn irre zu machen; denn er weiß, ein höherer Schußgeist geleitet ihn. Mag die Pflicht von ihm die schwersten Anstrengungen und Opfer verlangen; er wird deßhalb bey der Erfüllung derselben nicht. ermatten; denn er ist überzeugt, der, der ihm seine Pflichten auferlegte, werde ihm auch Kraft verleihen, ihnen Genüge zu leisten. Sey die Zukunft noch so trübe, die Gegenwart noch so traurig und drückend für ihn; er hebt getrost sein Auge zu dem empor, der keines seiner Geschöpfe verderben läßt, ist redlich thätig, trägt seine Lebensbürde mit Muth und Geduld, empfiehlt sein Schicksal dem gütigen Vater im Himmel, und hofft von ihm allezeit das Beste. Sein Herz werde durch schmerzliche Verluste, durch den Undank der Welt, durch feindselige Angriffe, durch unverdiente Kränkungen, durch Vereitlung seiner sehnlichsten Wünsche und seiner süßesten Hoffnungen, und durch so manche andre äußere oder innere Leiden angegriffen und gebeugt: auf Augenblicke kann er wohl dem Kummer und Schmerz unterliegen; aber er erinnert sich bald daran, daß er unter der Leitung und dem Schutze eines Wesens stehe, das uns auch dann segnet und beglückt, wenn es Widerwärtigkeiten und Trüb- - 34 sale über uns verhängt, und sein Gram ist gemildert, sein Auge weint nicht mehr, seine Klage verstummt, ein himmlischer Friede hat sich wie vom Himmel in seine Brust gesenkt, und bald genug ist sie geschlossen und geheilt, die Wunde seines zerrissenen Herzens, und getrosten Muthes setzt der gestärkte Pilger seine Wallfahrt fort. Naht er sich seinem irdischen Ziele, und erblickt er vor sich den Scheideweg, der zroen Welten mit einander verbindet: kein geheimer Schauer und keine Angst ergreifen ihn; denn vor seine bald dahin scheidende Seele tritt der Gedanke, daß, so wie sein Leben, so auch sein Tod eine Schickung eines allliebenden Gottes sey, und er sagt sich mit stiller Ergebung in den Willen desselben von alle dem los, was ihm hier lieb und theuer war, und stirbt mit der befeligenden Hoffnung, da wieder aufzuwachen, wo unsre wahre Heimath ist. Wer es mit seinem Herzen, seiner Tugend, seiner Ruhe und seinem wahren Glücke wohl meint, o der bestrebe sich, dem Glauben an eine göttliche Vorsehung Eingang zu verschaffen in sein Innerstes, und ihn so sehr als möglich zu befestigen und zu beleben! Und dieß ist nicht schwer für uns, wenn wir aufmerksame Beobachter der Natur und des Lebens sind; wir stoßen dann auf unendlich vieles, was dazu geeignet ist, diesen trostreichen und erfreulichen Glauben in uns zu wecken, zu nähren, zu stärken und fester zu begründen. - - 35 Viele Jahrtausende hindurch bestehet bereits die Welt; aber noch nichts, dessen sie in ihrem großen Haushalte bedarf, ist in ihr ganz zu Grunde gegangen und von ihr verschwunden. Die Zahl der Weltkörper hat sich weder vermindert, noch sind sie gealtert; die Kräfte und Gesetze, die in ihnen liegen und wirksam sind, haben von ihrer Lebendigkeit nichts verloren, sie sind noch so frisch und ungeschwächt, als sie es in dem Augenblicke waren, da die Welt aus des Schöpfers Hand hervorging, und sie werden es bleiben, so lang es ihm gefällt, bestehen zu lassen, was er geschaffen hat. Seine Geschöpfe er hat es ihnen nie an dem fehlen lassen, was zu ihrer Ernährung, zu ihrem Vergnügen und zu ihrem Glücke nothwendig ist, und was sie bedurften, um ihren Zweck auf Erden zu erreichen. Ausgerüstet hat er sie mit Kräften, durch deren Unwendung sie für ihre Erhaltung und ihr Fortkommen zu sorgen im Stande sind, und dabey solche Einrichtungen in die Natur gelegt, daß sie, wenn sie jene Kräfte treulich anwenden, gegen Mangel und Verderben geschützt sind. Nie hat er sich an ihnen unbezeigt gelassen, immer hat er ihnen viel Gutes gethan. Und noch immer erhält und versorgt er sie; noch immerfort thut er seine milde Hand auf, und sättiget alles, was da lebt, mit Wohlgefallen. Dieß wird er auch- davon können wir überzeugt seyn ferner thun, in alle Ewigkeit hin. Seinen reichsten Segen hat er seit dem Anbeginne der Welt - - - 36 ganz vorzüglich über das edelste Geschöpf auf Erden, über den Menschen, ausgeschüttet! Er hat unser Geschlecht, das seinem Untergange oft nahe schien, erhalten; er hat ihm durch die Natur immer zu Theil werden lassen, was es zu seinem Unterhalte, so wie zu seiner Bequemlichkeit und zu seinem Vergnügen nöthig hatte; er hat daben nicht bloß für sein leibliches, sondern auch für sein geistiges Wohl gesorgt, und nicht nur dem Körper, sondern auch der Seele und dem Herzen hinlängliche Nahrung und Erquickung verschafft. - - Worauf leitet uns dieß alles hin? Unstreitig auf die erfreuliche Wahrheit: daß Gott der Welt seine Fürsorge nie entzogen, sondern daß er stets väterlich über das Leben und das Glück seiner Geschöpfe gewacht, seine Schöpfung vor dem Untergange geschützt, und für alles liebreich gesorgt hat, was durch ihn aus dem Nichts hervorgerufen worden ist. Aber nicht nur erhalten und versorgt, sondern auch geleitet und regiert hat Gott immerfort das große Weltall und das Geschlecht derer, die er nach seinem Bilde geschaffen hat. Tausende, vielleicht Millionen von ungeheuern Weltkörpern rollen in dem ungemessenen Himmelsraume umher; eine geringe Abweichung von ihrer Bahn brächte nicht bloß eine Veränderung und Verwirrung in der ganzen Natur, sondern einen völligen Zusammensturz des großen Weltgebäudes hervor, so wie es gegenwärtig ist, und aus der herrlichen Schöpfung, wie wir 37 sie jetzt mit Bewunderung und mit Entzücken schauen, würde vielleicht ein schauderhaftes, gräuliches Chaos. Aber Gottes allmächtiger Arm beugt allem diesen vor; mit Allgewalt lenkt er die Myriaden von Sonnen und Planeten auf der Bahn, die ihnen von ihm angewiesen ist; er hindert es, daß sie von derselben abweichen; er sichert dadurch das feste Bestehen und die schöne, unverrückte Ordnung der Natur; macht, daß in ihr alles regelmäßig fortgehe, Tages- und Jahreszeiten nach unverbrüchlichen Gesetzen abwechseln, und daß, so lange die Erde steht, nicht aufhöre Samen und Ernte, Frost und Hiße, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Wer, der hierüber reiflich nachdenkt, und in das Heiligthum der Natur tiefer eindringt, fühlt sich nicht ergriffen von dem frommen Glauben an eine höhere Weltregierung, und gestimmt, freudig auszurufen: ,, Der Herr trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort; dein, o Gott, ist Reichthum und Ehre vor dir; du herrschest über alles; in deiner Hand stehet Kraft und Macht!" - - Und welche sichtbare Spuren einer höhern Weltregierung finden wir auch in der Geschichte der Menschheit, so wie im täglichen Leben! Was wäre aus unserm Geschlechte geworden, wenn Gottes Auge über dasselbe nicht gewacht, sein allgewaltiger Arm es nicht geschützt und gerettet, seine Vaterhuld für sein äußeres und inneres Wohl nicht gesorgt hätte? Aber sichtbar ist es, daß die Angele - 38 - genheiten der Menschheit immerfort unter einem unsichtbaren, göttlichen Einflusse standen. Er half ihr auf der Stufenleiter der Bildung und Veredlung vorwärts; er verschaffte ihr unzählige Gelegenheiten, ihre Kenntnisse und Einsichten zu erweitern, und sich dadurch aus dem Zustande der Rohheit immer mehr herauszuarbeiten; er ließ in jedem Zeitalter ausgezeichnet weise und tugendhafte Männer auftreten, von denen sie durch Lehre oder Beyspiel auf einen höhern Grad geistiger oder sittlicher Bildung emporgehoben wurde; durch Glück und Unglück reißte er sie zum Nachdenken, zu nüßlichen Erfindungen, zur Besserung und Veredlung ihrer selbst, und wenn sie in ihre alte Barbarey zurücksinken wollte, hielt er sie aufrecht, ließ ihr oft ganz unerwartet in der Nacht geistiger Finsterniß das Licht der Wahrheit und höherer Aufklärung aufgehen, setzte der um sich greifenden Sittenlosigkeit und Fr religiosität Schranken, und machte die zu Schanden, die es wagten, sie in ihrem Fortschreiten auf der Bahn geistiger und moralischer Cultur hemmen und hindern zu wollen. Viel Großes und Denkwürdiges ist in dieser Hinsicht geschehen, und wer sich damit vertraut macht, und die Bildungsgeschichte unsers Geschlechtes mit Nachdenken verfolgt, der entdeckt nach allen Seiten hin unverkennbare Spuren eines allwaltenden Geistes und einer unsichtbaren, göttli chen Regierung der Welt. Und wie häufig hat diese sich auch in Rücksicht der äußerlichen Schicksale. 39 der Menschheit geoffenbaret! Große Leiden und Unfälle hatte nicht selten unser Geschlecht zu erdulden. Es traten für dasselbe bisweilen höchst drückende Zeiten ein, Zeiten der Geseßlosigkeit und Willkür, herrschender Tyrannen und Sclaverey, gewaltsamer Erschütterungen und Umwälzungen, blutiger Kriege, verheerender Seuchen, bittrer Armuth und Noth, und großer Bedrängnisse und Trübsale andrer Art. Oft hatte es dabey den Anschein, als sey keine Hülfe und keine Rettung mehr möglich. Aber der, der das Schicksal der Völker in seiner Hand hat, zog diese seine Hand von der gedrückten, unglücklichen Menschheit nicht ab; er leitete auch ihre Leiden zu ihrem Wohl, und ließ aus denselben für Geist und Herz die erfreulichsten Folgen hervorgehen; er erbarmte sich der bedrängten Nationen zu rechter Zeit, stürzte ihre Dränger zu Boden, ließ für sie, oft früher als sie hofften, einen Tag der Erlösung anbrechen, entzog sie, wenn sie nur dem Wahren und Guten und sich selbst treu blieben, der Geißel roher und herrschsüchtiger Tyrannen, rettete sie auch dann, wann sie bereits unrettbar verloren schienen, erhob sie wieder zu Ehren, und verwandelte ihr Unglück in Glück. Oft genug riefen in solchen Zeiten des Drucks und mannigfaltiger Drangsale verzagte Zweifler den Frommen zu: wo ist euer Gott? Aber dieser Gott that sich bald genug kund; wo das schwache Auge des Sterblichen nichts gewahrte als Unglück und Hoffnungslosigkeit, da bereitete er im Stillen schon - 40 die Rettung der gemißhandelten Menschheit vor, und half ihr, oft durch die einfachsten Mittel, ganz unverhofft und auf eine wunderbare Weise. - Und könnte ich jemahls eine göttliche Weltregierung bezweifeln, wenn ich auch nur einen flüchtigen Blick in das tägliche Leben werfe? Finde ich nicht rings um mich erfreuliche Spuren von dem Walten des Allgütigen? sehe ich nicht, daß er die Schicksale aller meiner Mitmenschen weise und liebreich lenkt? erhält nicht jeder Sterbliche unendlich viele Proben davon? müssen nicht, unter Gottes Leitung, auch seine größten, unverdientesten Leiden zu seinem wahren Wohle, zu seiner Bildung, Bes Nur in mein serung und Veredlung beytragen? eigenes Leben darf ich blicken, um mich recht lebendig von der wichtigen Wahrheit zu überzeugen: daß alles, was ich erfahre, empfange und dulde, nicht das Werk eines blinden Zufalls, sondern Schickung einer höhern, unerreichbaren Macht, eines eben so weisen, als liebevollen Gottes sey. Unzähligen Gefahren war bisher mein Leben, meine Gesundheit, mein Eigenthum und vielleicht auch meine Tugend ausgesetzt; an das Wunderbare grenzte oft meine Rettung; eine Hand von oben hielt und rettete mich. Dunkel und rauh war bisweilen der Pfad, den ich wandeln mußte, aber oft, wann ich es kaum erwartete, fiel darauf ein heller, milder Strahl; er kam vom Himmel und erfreute mein Herz; es ebnete ihn oft plößlich eine unsichtbare Hand; meine reda - 41 lichen Bemühungen wurden anerkannt, meine Thä tigkeit geſegnet, mein Fortkommen erleichtert, meine Aussichten in die Zukunft heitrer und erfreulicher. Der Lenker meiner Schicksale erwärmte für mich manches bessere Herz, und führte mir Freunde, Gönner, Wohlthäter und Retter zu, oft, wo ich sie am wenigsten erwartete; er ließ zwar manche harte Prüfung über mich kommen, und manches Leiden und Unglück mich treffen; aber er übte, bildete, bes serte und veredelte mich dadurch auf eine wirksame Weise; er läuterte, wie das Gold durch das Feuer geläutert wird, durch das Feuer der Trübsale mein Herz, meine Gesinnung und Tugend, damit ich um so bewährter befunden werden möge; nie legte er mir mehr auf, als ich zu ertragen im Stande war; in den Tagen der Widerwärtigkeit ließ er es mir nie ganz an Theilnahme, an Trost, an Erleichterung und Aufheiterung fehlen, und war die rechte Zeit da, so half er mir. Manchen meiner herzlichsten Wünsche, manche meiner schönsten Hoffnungen, manchen meiner Lieblings- Entwürfe vereitelte er; aber späterhin lernte ich einsehen, daß dieß aus Liebe zu meinem Besten geschah, und ich segnete dankbar die Hand, von der diese Vereitlung kam. Wunderbar waren auch in meinem Leben so viele Fügungen des Herrn. Nicht immer war ich mit denselben zufrieden; aber wenn ich die Geschichte meiner verflossenen Tage nachdenkend durchlaufe, so muß ich bekennen, daß Gottes Hand mich weise geleitet habe, und was 4 - - 42 - mir einst als Ungerechtigkeit des Schicksals erschien, erscheint mir jetzt als ein Ereigniß, das für mein späteres Glück nothwendig, und in seinen Folgen für mich höchst heilsam war, und ich stimme mit ganzer Seele in den Ausruf eines frommen Sehers mit ein: ,, Des Herrn Rath ist oft wunderbar; aber am Ende führet er alles herrlich hinaus!" Seine Gedanken sind freylich nicht immer unsre Gedanken, und seine Wege nicht unsre Wege; aber sie sind allezeit die besten und richtigsten, und führen sicher zum Ziel. Wenn ich sie ruhiger erwäge, die Erfahrungen, die ich bisher machte, wenn ich die Wege, die ich bisher wandeln mußte, noch Ein Mahl forschend durchlaufe, und über die Beschwerden und Leiden, die ich in meinen vergangenen Tagen zu ertragen hatte, dabey aber auch über die unendlich vielen Unnehmlichkeiten und Freuden nachdenke, die mir Gott in dem Schooße der Natur, der Freundschaft, der Liebe und des gesellschaftlichen Lebens, so wie durch meinen Geist und mein Herz zu Theil werden ließ: o dann ist meine Seele tief bewegt, und ich möchte hinsinken auf meine Kniee, und dem liebevollen Wesen aller Wesen mit Thränen der frömmsten Rührung dafür danken, daß es mich bisher so väterlich versorgt und geleitet hat; dann segne ich die allgewaltige Hand, die alles regiert, und der Glaube an eine göttliche Vorsehung gewinnt in mir neues Leben, Festigkeit und neue Kraft. Ich fühle mich dann um so mehr ermuntert und gestimmt, dem ganz zu ver 43 trauen, der alles lenkt, mich willig in alles zu fügen, was er über mich verhängt, auch in den furchtbarsten Stürmen meines Lebens und in Zeiten, wo alles wankt und zagt und fällt, getrosten Sinnes zu ihm empor zu blicken, und unter allen Umständen das Beste von ihm zu hoffen. Was mir in diesem Thale der Prüfung und Vorbereitung auch immer Unangenehmes und Schmerzliches begegne, du, 0 Allmächtiger und Allliebender, regierst die Welt, und ich kann und will getrost und ruhig seyn! - - - Wo ist ein Gott, wie du? Allmächtiger, wir fallen Vor deinem Throne hin! Von den Geschöpfen allen, Die du hervorgebracht, Steigt im vereinten Chor Der jubelvolle Dank Zu deinem Thron empor. Dein Zepter lenkt die Welt; Du bist ihr Herr und König; Nichts ist in ihr so groß, Es ist dir unterthänig. Dein Auge übersieht Der Zukunft dunkle Nacht; Nichts ist, und nichts geschieht, Du hast's zuvor bedacht. Durch dich lebt jeder Theil, Durch dich besteht das Ganze; Du bist im Engel groß, Und groß in jeder Pflanze. Nichts ist, nichts lebt, nichts denkt, Es denkt und lebt und ist Durch dich, der du sein Gott Und sein Erhalter biſt. 4* 44 Betrachte, Mensch, die Flur, Die Aue, wie sie blühet; Sprich: ob dein Blick nicht Gott In jeder Blume siehet? Er schmückt das Aehrenfeld, Das dir zur Ernte winkt, Erzeugt den Thau, den es, Sich zu erquicken, trinkt. - Durch Gott fließt jeder Bach, Der Dich erquickt, so helle; Er zeigt ihm seinen Weg; Er unterhält die Quelle, Und seine Vorsicht spricht Aus jeder Creatur, Aus jedem stummen Bild Der lächelnden Natur. Er lehret jedes Thier, Gehorsam seinen Willen Und seines Dasevns Zweck, Den es nicht denkt, erfüllen. Der Adler schwingt sich auf, Der Wurm durchkriecht den Staub, Die Biene nährt ihr Fleiß, Der Habicht lebt vom Raub. Du wunderbarer Gott! So weit die Himmel gehen, Kann ohne deinen Wink Nichts da sevn, nichts bestehen. Wo ist ein Gott, wie du, Herr, dessen Arm die Welt, Die er allmächtig schuf, Mit gleicher Macht erhält? - 45 - Erinnerung an Gottes Vollkommenheiten. Wohlthätig wirkt es auf unsern Geist und unser Herz, wenn wir uns oft den vergegenwärtigen, in dem wir leben, weben und sind. Aber soll die Erinnerung an ihn ganz den heilsamen Einfluß auf uns äußern, den sie zu äußern vermag, so muß sie auch recht lebendig seyn; wir müssen es nicht bey flüchtigen Gedanken an Gott bewenden lassen, sondern uns ihn in seiner ganzen Majestät, so lebhaft als möglich, vorzustellen suchen, und daher über seine Vollkommenheiten mit aller Sammlung des Geistes und Gemüthes nachdenken. Es ist wahr, kein endlicher Verstand erreicht und begreift ihn ganz, den Unendlichen und Allseligen, und all' unsre Vorstellungen und Begriffe von ihm, so geläutert und erhaben sie auch immer seyn mögen, bleiben immer menschlich, das ist, beschränkt und mangelhaft; nie kommt das Bild, das wir uns von ihm entwerfen, dem glanzvollen, herrlichen Urbilde gleich, und noch ist es hier dem schwachen Sterblichen nicht vergönnt, Gott zu schauen, wie er ist. Aber über sein Wesen tiefer nachzudenken, und uns zu so geläuterten Begriffen von ihm zu erheben, als es bey unsern Kräften möglich ist, dieß bleibt Pflicht für uns, und wohl uns, wenn wir sie gewissenhaft erfüllen, und unsre Freude 46 darin finden, den immer näher kennen zu lernen, von dem unser Leben, unsre Freude, unser Glück, von dem alles abhängt, was da ist und geschieht. Denn gibt es wohl einen edleren, wichtigeren Gegenstand des Nachdenkens als ihn? eine würdigere und lohnendere Beschäftigung, als die Beschäftigung mit ihm? eine segensreichere Erinnerung, als die Erinnerung an die Vollkommenheiten, die er besitzt? Wie sehr wird unser Geist dabey gehoben, unsre Brust geschwellt, unsre bessere Gesinnung belebt, unser Herz getröstet, gestärkt und erfreut! - dno Welch' ein Gott er sey- die Natur, das Leben, ein tieferes Zurückkehren in unser Innerstes, ein ruhiges, ernsteres Nachdenken über ihn, und die Winke und Aussprüche so mancher ausgezeichneten, gottvertrauten Seher verbreiten Licht über ihn, und lassen uns, wenn auch nicht vollkommen erkennen, so doch ahnen und fühlen, welch' ein erhabenes, anbethungswürdiges Wesen er sey. Und so sey denn Gott auch mir der höchste Gedanke; oft erinnere sich mein Geist und mein Herz an seine Majestät und Herrlichkeit, und überlasse sich wonnetrunken den Gefühlen, Gesinnungen, Hoffnungen und Entschließungen, die eine solche Erinnerung zu wecken vermag? Weit erhaben über alles Körperliche, das immer beschränkt und hinfällig ist, erscheint der Höchste der denkenden Seele. Ein Werk seines Willens ist - 47 die grenzenlose Natur mit den in ihr wirkenden, un sichtbaren und ewigen Gesetzen; aber mehr als sie ist Er, der sie geschaffen hat; nur ein schwacher Abglanz seiner Herrlichkeit, nur ein Abbild von seiner Majestät ist die sichtbare Welt, so unermeßlich und wunderreich sie auch immer ist. Körperliches ist nichts an ihm; als Geist waltet er über alles, und in allem; als Geist erfüllt er die ganze große Schöpfung; als Geist spendet er nach allen Seiten hin Leben und Kraft und Freude. Ihn anders zu denken, vermag kein gebildeter Verstand, und nur die ungeübte, noch schlummernde Seele, nur der noch unaufgeklärte, sinnliche Mensch entwirft sich von dem Wesen aller Wesen ein mehr oder weniger vollkommenes sinnliches Bild, er zieht ihn gleichsam zu sich herab, statt sich zu ihm emporzuschwingen, und verehrt ihn mehr äußerlich als innerlich. Aber ist die Kraft, die in uns denkt, mehr gebildet und veredelt, dann tritt der Herr des Himmels und der Erde in einer erhabeneren Gestalt vor unsre Seele als die Urquelle aller geistigen Kräfte, als der Geist aller Geister, als ein Wesen, das mit dem Körperlichen nichts gemein hat. Und wie könnt' ich es nun anders auf eine würdige Weise verehren, dieses Wesen, als im Geist und in der Wahrheit? wie könnt' ich anders zu demselben flehen, als mit Sammlung des Geistes, mit innigstem Gefühl, mit meiner ganzen Seele und meinem ganzen Gemüthe, mit tiefster, herzlichster Andacht? und dieß um so -- 48 mehr, da ich mir Gott als den höchsten und vollkommensten Geist denken muß, als einen Geist, der frey von aller Beschränkung, frey von allen Mängeln, frey von allen Irrthümern und Fehlern ist. Alles deutet darauf hin, und je tiefer meine Seele über sein innerstes Wesen nachdenkt, um so mehr gelangt sie zu der Ueberzeugung, daß an ihm nichts Unvollkommenes zu finden ist. Er irret nie; alles liegt klar vor ihm, denn alles geht ja von ihm aus; er kennt die Schranken nicht, die den menschlichen Geist beengen, und seine Willenskraft ist eben so heilig als grenzenlos. Ein Gedanke, der mein Innerstes mit tiefer Ehrfurcht, mit kindlicher Scheu und froher Zuversicht erfüllen muß. - - Blicke ich tiefer in das Heiligthum der Schöpfung; nehme ich wahr, daß allem, was da ist, die besten Absichten zum Grunde liegen; betrachte ich die bewunderungswürdige Zweckmäßigkeit der Einrichtungen in der Natur, und die hohe, ewige Ordnung, die in ihr herrscht, und nach der sich alles entwickelt, bewegt und fort erhält, was da ist; blicke ich tiefer in das menschliche Leben und in die Geschichte der Welt, und entdecke ich, wie zweckmäßig die Schicksale unsers Geschlechtes im Großen, wie im Kleinen geleitet werden: so werde ich an eine Vollkommenheit der Gottheit erinnert, die von größter Wichtigkeit ist, an ihre hohe, grenzenlose Weisheit, mit der sie alles eingerichtet hat, alles erhält und alles regiert. Sie durchschauet und 49 übersiehet alles; sie kennet nicht nur alle Bedürfnisse der Welt und der Menschheit, sondern auch die besten Mittel, denselben abzuhelfen; sie irrt in der Wahl dieser Mittel nie, und was auch immer geschehen mag, ihrer Weisheit ist es möglich, alles zum Besten zu lenken, und selbst aus den Verirrungen des menschlichen Geistes und Herzens für das Ganze, so wie für Einzelne etwas Gutes hervorgehen zu lassen. Welch' ein Trost und welch' eine Beruhigung liegt in dieser Wahrheit für mich! Mein Schicksal ruht in der Hand eines allweisen Gottes; er wird es so leiten, daß dadurch mein wahres Wohl befördert wird. Mag es mir auch bisweilen scheinen, als walte über meinem Leben ein reg elloses Geschick; mag mir dabey so vieles unbegreiflich bleiben; mag Dunkelheit und Verwirrung mich auf dem rauhen Pfade umgeben, den ich bisweilen gehen muß: über mir waltet ein weiser Gott, und ich kann ruhig seyn; was zu meinem wahren Glücke dient, und was dieses Glück am sichersten befördert, weiß er besser, als ich, und ich kann mich getrost seiner Leitung überlassen; thue ich nur meine Pflicht, so kann ich von ihm auch dann das Beste hoffen, wenn ich unrettbar verloren scheine. Treten Zeiten ein, wo die Angelegenheiten ganzer Völker und Reiche in Verwirrung gerathen, Wahrheit und Tugend von der Erde zu verschwinden, und die schönsten heiligsten Verhältnisse des Lebens sich ganz auf zulösen drohen: o auch in solchen Tagen des Un5 50 glücks kann ich getrost mein Auge gen Himmel erheben; denn ein allweiser Gott regiert die Welt, und weiß die Angelegenheiten der Nationen immer so zu leiten, daß dadurch das hohe Glück unsers Geschlechtes noch fester begründet wird. Und dieser allweise Gott ist auch heilig und höchst gerecht. Dieß ruft mir laut genug eine Stimme in meinem Innern und die ganze Geschichte der Menschheit zu. Er, die höchste Sittlichkeit und Tugend und frey von aller moralischen Schwäche, liebt nur das Wahre, Gute und Edle, und thut sich als ein heiliger Gott schon durch das Sittengeset kund, das er in jede menschliche Brust gelegt hat. Väterlich und mächtig hat er vom Anbeginne der Welt auch darüber gewacht, daß der Sinn für Wahrheit und Tugend auf Erden nie ersterbe, sondern fortlodre in dem Herzen von Tausenden und Millionen, gleich einer heiligen und ewigen Flamme. Mit gerechter Wage wiegt er dabey jedes sittliche Verdienst; der Tugend sichert er den ihr gebührenden Lohn; Laster dagegen ahndet er auf verschiedene Weise. Innrer Friede, Selbstachtung, Seelenheiterkeit und ein froher Hinblick gen Himmel und in die Zukunft sind des Edlen Eigenthum; oft genug findet er auch in der Außenwelt Auszeichnung, Ehre, Ueberfluß und Belohnungen andrer Art; seine verkannte Unschuld bringt Gott oft wunderbar und unverhofft an den Tag, und erhält er nicht immer auf Erden, was ihm gebührt, die Nachwelt - - 51 erkennt sein Gutes häufig dankbar an, und er scheidet mit der Ueberzeugung von dannen, daß ein anderes Leben ihm geben werde, was ihm das gegenwärtige versagte. Was dem Lafter gebührt, läßt der gerechte Richter der Welt demselben häufig genug auch in der äußern Welt zu Theil werden- Schande, Verachtung, Mangel und Noth und nicht selten harte Ahndung durch das Gesetz; geheime Verbrechen bringt er oft unerwartet und auf eine wunderbare Weise aus dem Dunkel, das vielleicht Jahrelang auf ihnen lag, ans Licht, und unterwirft sie der Strafe; mächtige Verbrecher wirft er häufig von ihrer Höhe in den Staub hinab, und übergibt sie der Verachtung der Mit- und Nachwelt; und wenn sie auch in der Außenwelt ein falsches, ungenügendes, bloß scheinbares und hinfälliges Glück genießen, tief in ihrem Innersten läßt sie der, der gerecht richtet, empfinden, was ihre Thaten werth sind, Bangigkeit, Furcht, Gewissensbisse und Selbstverachtung; sie tragen die Hölle in ihrer Brust mit sich herum, und wollen oft vergehen vor innerer Schmach und Angst, wenn ihr Gesicht Ruhe und Heiterkeit der Seele heuchelt; und wenn es ihnen auch gelingt, der verdienten Ahndung in diesem Leben zu entgehen, sie scheiden von dannen mit dem quälenden Bewußtseyn verletzter Pflicht, und mit der traurigen Aussicht, jenseits jene Ahndung zu erfahren, der sie sich hier zu entziehen wußten. Und wenn ich die großen Begebenheiten der ältern und neuern Zeit mit Nachden 52 ken durchlaufe: so entdecke ich in denselben immer und überall ein sichtbares Walten einer hohen, heiligen Gerechtigkeit; ihr mächtiger Arm zog oft einher in vernichtenden Elementen und über die Schlachtgefilde gedrückter Länder, und warf tief in den Staub die unbarmherzigen Dränger von Millionen, richtete die Gebeugten wieder auf, verschaffte Recht den ge= mißhandelten Völkern, und führte die zweifelnde Menschheit zu dem wichtigen, trostreichen Glauben zurück: daß über uns ein heiliger und gerechter Gott walte, daß nur das Wahre und Gute dauerhafte Kraft besize, und nur das von Bestand sey, was auf den Grundpfeilern der Weisheit, Gerechtigkeit und Tugend ruht. - - Huldige darum, o du, mein Herz, immer nur dem, was wahr, recht, edel und Gott gefällig ist; strebe immerfort nach Heiligkeit in Wort, Gesinnung und That, und scheint es dir, als wollten Wahrheit und Tugend von der Erde ganz ver= schwinden, so tröste dich der Gedanke, daß sie unter dem Schuße eines heiligen Gottes stehen, und daher nie ganz untergehen können. Herrschen um dich Trug und Ungerechtigkeit; siehst du den Redlichen verkannt und gedrückt, das Laster mit Macht, Ansehen und Einfluß bekleidet o werde nicht irre in dem Leben! Früher oder später wird die unsichtbare Gerechtigkeit dem gedrückten Guten gewiß zu Hülfe kommen, die Tugend zu Ehren erheben, das Laster dagegen in seine Schlupfwinkel zurück scheu- - 53 chen, und in den Staub daniederwerfen. Sen nicht kleinmüthig und trostlos, wenn auch dich ein ungerechtes Schicksal verfolgt, und unverdiente Kränkungen und Leiden deine Tage verbittern! Du stehest unter dem Schirm eines gerechten Gottes; gerecht wird er auch gegen dich seyn, und wenn du nur fortfährst, redlich deine Pflicht zu thun, so wird er deinem Leben einmahl eine bessere Wendung geben, deine Thränen trocknen, deine Sorgen in Ruhe, deinen Kummer und Schmerz in selige Hriterkeit und Freude verwandeln, und dich einst in einer bessern Welt entschädigen für das, was du hier im Staube getragen, entbehrt, geduldet hast. Er wird dieß thun; denn er ist die Gerechtigkeit, und dabey die Liebe selbst. Ja, als ein liebevolles, höchst gütiges Wesen offenbaret sich der, der alles geschaf fen hat, erhält und regiert. Sich hin, mein Auge, auf die herrliche Natur, die dich umgibt! Leben und Freude und Wonne überall- Segen und Ueberfluß nach allen Seiten hin auf jedem Schritte Spuren einer allwaltenden, grenzenlosen Liebe. Der Wurm im Staube verkündigt sie, der Mensch erfährt sie jeden Augenblick, und was sich auch immer auf Erden und unter der Erde regt, fühlt ihren erwärmenden, wohlthuenden Hauch. Gott ist die Liebe! ruft uns des Tages Königinn, die goldne Sonne, und der Nacht vertraulicher Gefährte, der Mond, in seinem milden Glanze zu. Gott ist die --- 54 Liebe! wiederhohlt ein jegliches Gestirn am Himmel. Gott ist die Liebe! ertönt's am Throne des Höchsten, so wie in der stillen Brust des gottverwandten Wesens, das auf der Erde die Bahn der Endlichkeit durchläuft, und glaubend nach dem Reiche der Unendlichkeit hinblickt. Die unzähligen Freuden, die wir genießen, selbst die Leiden, die uns treffen, und durch die uns Gott erziehen und veredeln will, überzeugen uns von seiner Güte und Barmherzigkeit. Liebevoll hat er bisher unser Geschlecht in jeder Hinsicht geleitet; liebevoll hat er sich auch gegen mich von dem ersten Augenblicke meines Daseyns an bewiesen. Auf seinen Vaterarmen hat er mich stets getragen; hat meinen Weg mit Blumen mannigfaltiger Freuden bestreut, mich unzähligen Gefahren entrissen, und mir in der Natur, so wie im Leben so viele reine Genüsse gewährt; hat mir Gelegenheit und Mittel gegeben, meinen Geist zu bilden und mein Herz zu veredeln; hat mich bey meinen Schwächen und Fehlern mit Langmuth und Geduld getragen, mir den oft rauhen Pfad des Lebens häufig geebnet, mir geholfen aus mancher Noth, und manches meiner Leiden in Freude verwandelt. O du, den wir im Staube anbethen, höchst gütig bist du gegen jedes deiner Geschöpfe; mit Wohlthaten aller Art segnest du besonders das menschliche Geschlecht; du bist die Güte, die Liebe selbst! - Du erquickest Aller Sinnen; Du erfreuest jedes Herz; 55 Trost hast du, wenn Thränen rinnen, Balsam du für jeden Schmerz. - Un dir hänge denn mein ganzes Herz! Meine höchste Freude jetzt und ewig sey der Gedanke, daß du mein Vater bist, und auch auf mich mit Huld und Milde herab blickst. Mit weiser Mäßigung und mit Dank will ich genießen, was du mir zu Theil werden läsfest, und alles, was ich aus deiner Hand empfange, nach deinen Absichten anwenden. Kindlich und fest sey meine Liebe und mein Vertrauen zu dir; meine Seele erwarte, unerschöpfliche Urquelle aller Freude, in jeder Lage des Lebens nur Gutes, ja das Beste von dir, und der Geist wahrer, herzlicher und thätiger Liebe wohne stets in meiner Brust, leite mich bey allem, was ich unternehme und thue, und äußre sich insbesondere gegen die, die du durch heilige Bande inniger mit mir verbunden hast! Und wohl mir, daß ich weiß, daß du, o Gott, an jedem Orte gegenwärtig bist, alles durchschaust, alles kennst! Was ist die Welt und alles, was auf ihr sich regt und lebt? was ist das Heer der Geister, die hier und in höheren Sphären deinen Ruhm verkündigen? Nichts, als ein Werk deiner Macht, nichts als ein Aushauch deiner Schöpferkraft, nichts als ein schwacher Ausfluß von dir! Alles lebt und webt und ist in dir durch dich, o Herr des Himmels und der Erde! Aber eben daher erkennt der denkende Geist in dir einen allgegenwärtigen und all 56 wissenden Gott. Wo sich irgend eine Kraft, irgend ein Leben regt, da waltest und wirkest du; gegenwärtig bist du allem in jedem Augenblick, und wo du deine Hand wegzögest, da erstürbe, da verginge alles. Nahe bist du jedem von uns, denn nur durch dich sind wir ja; deinem Blicke und deiner Gegenwart kann sich niemand entziehen. Ausrufen muß ich mit dem königlichen Sänger: ,, Wo soll ich hingehen vor deinem Geist? wo soll ich hinfliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da. Bettete ich mir in die tiefste Tiefe der Erde, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröthe und bliebe am äußersten Meer, so würde mich doch deine Hand daselbst finden, und deine Rechte mich halten." Und da alles von dir kommt und durch dich, so geschiehet auch nichts, das du, o Herr, nicht wüßtest. Was da war, was da ist, und was da seyn wird in Ewigkeit hin, liegt klar vor deinem allwissenden Auge da, denn es war und ist und wird seyn durch dich. Dir bleibt nichts verborgen; was tief in meinem Innersten vorgeht, ist dir bekannt. ,, Du erforschest mich und kennest mich. Ich size oder stehe auf, so weißt du es; du verstehest alle meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich; du siehest alle meine Wege: denn siehe! es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, Herr, nicht alles wissest!" - - - Welche Ermunterung und welch' ein Trost liegt auch in dieser Wahrheit für mich! Ueberall handle 57 ich in der Gegenwart des Allheiligen; welche Auf forderung für mich, immer mit Ernst, mit Würde, mit Aufrichtigkeit und Gewissenhaftigkeit zu handeln! Meine geheimsten Regungen des Geistes und Herzens sind ihm bekannt; wie könnte ich nun unreine Begierden und Lüste, böse Gedanken, Wünsche, Gesinnungen und Entwürfe in meinem Innersten aufkommen lassen und nähren? Was ich im Verborgenen thue, davon ist er immer Zeuge, und wenn ich meine Handlungen auch dem Auge der ganzen Welt entziehen kann, ihm bleiben sie kein Geheimniß; wie sollte ich daher, auch ungesehen von meinen Mitmenschen, irgend eine heimliche Sünde thun, und handeln wider sein Geboth? Und auch was ich hienieden zu tragen, zu entbehren, zu kämpfen und zu leiden habe alles, weiß mein Gott. Den geheimen Gram und Kummer, der mich drückt, die Thränen, die ich im Stillen und Verborgenen weine, kennt und siehet er. O duldendes Herz, und du könntest noch zagen und verzweifeln? Hat dich die ganze Welt verlassen- der Allliebende ist noch bey dir, und ist vertraut mit deiner Trübsal und deinem Harm und Schmerz. Sey getrost! Er wird dir tragen helfen, und dich retten zu rechter Zeit; denn er ist weise, gerecht und liebevoll, und er kann alles und überschwenglich thun über alles, was wir bitten und verstehen; grenzenlos ist seine Kraft. Ja, als ein allmächtiger Gott hat er sich nach allen Seiten hin geoffenbaret. O du, mein Geist, - - - 58 blick' hin in das Heiligthum der unermeßlichen Schöpfung, auf die Myriaden von Welten, die in ge meßnen Bahnen über dir kreisen, und auf die zahllosen Herrlichkeiten und Wunder der Natur, und ein heiliger Schauer wird dich ergreifen; ahnen wirst du die Macht des Höchsten, die keine menschliche Sprache vollkommen zu bezeichnen vermag, und voll tiefer Ehrfurcht mit dem Dichter ausrufen: - - Groß ist der Herr der Welt! der Sphären Chor Verkündigt seinen Ruhm; Am Fuße seines Throns kniet die Natur, Und bethet an vor ihm. Wer rief euch, o ihr Sterne, daß ihr flammt? Wer wies euch eure Bahn? Wer gab euch Bürger? wessen Hand umspannt Den Raum, worin ihr rollt? Und wer hat dich in diese schöne Welt, Erhabner Mensch, gesetzt? Wer schenkte dir den hohen Geist? Und wer Gab ihm Unsterblichkeit? Du siehst erstaunt die Wunder der Natur, Der Wesen Harmonie; Erhebe den, den du rund um dich her So sichtbar wandeln siehst! Der Schöpfung Kreis, den Tempel seines Ruhms, Erfüll' Ein Lobgesang! Ihr Himmel singt! ihr Erden stimmet ein! Groß ist der Herr der Welt! 59 Ja groß, allmächtig bist du, dem auch ich mein Leben und alles verdanke, was ich habe und bin! Keine Grenzen kennt deine Gewalt, und du kannst auch da helfen und retten, wo alles unrettbar verloren scheint. Und ich sollte dir nicht vertrauen in den Ungewittern des Lebens, in den Stürmen einer unglücklichen Zeit, unter den Drangsalen und Leiden, die ich hienieden erfahre? Wie oft hast du schon da geholfen, wo keine Hoffnung dazu mehr vorhanden war! wie oft hat dein gewaltiger Arm Dinge bewirkt, die unmöglich schienen! wie oft hast du unser Geschlecht durch deine Thaten mit Staunen und Bewunderung erfüllt und zu dem begeistrungsvollen Ausrufe hingerissen: ,, Unser Gott ist im Himmel; er kann schaffen, was er will!" O wenn alles um mich wankt und fällt, alles verzagt und alles verzweifelt, dann will ich mich daran erinnern, daß bey dir, o Herr! kein Ding unmöglich ist, will auf deine Allmacht bauen, und von dir mit Zuversicht das Beste erwarten! ---- Und welch' ein Glück für mich, daß du, mein Schöpfer und Erhalter, immer bleibest, wie du warst, und wie du bist, und daß deine Tage fortwähren ins Unendliche hin. Unveränderlich und ewig bist du, o Gott! ,, Du hast die Erde gegründet, und die Himmel sind deiner Hände Werk; sie werden vergehen; aber du bleibest; sie werden alle veralten, wie ein Gewand; sie werden verwandelt, wie ein Kleid, wenn du sie verwandeln wirst; du aber blei 60 best, wie du bist, und deine Jahre nehmen kein Ende. Bey dir ist keine Veränderung, noch Wechsel des Lichts in Finsterniß." Welch' ein Trost liegt in diesem Gedanken für mich! Deine Gesinnungen und deine göttliche Natur wirst du nie verändern; immer und ewig bleibst du der Allweise, der Wahrhaftige, Heilige und Gerechte, der Allliebende, Allgegenwär tige, Allwissende und Allmächtige, immer und ewig ein Vater der Menschen. Nie, nie hörst du auf, zu wirken und zu beglücken. Wenn mir denn entrissen wird, was mir hier lieb und theuer, was meines Herzens Trost und Freude war, oder wenn mich alles treulos verläßt, und die ganze Welt ihre Hand von mir abzieht, ich will mich dadurch nicht danieder beugen lassen; denn du, o Gott, bist mir ja geblieben, und liebst mich unverändert, wenn ich deiner Liebe würdig bin, wirst mich auch nie verlassen, wenn ich nur auf rechten Wegen wandle. Heil meinem ganzen Geschlechte; denn ewig, ewig liebst und schüßest du die Menschheit und auch mich! - - Wefen zur Unsterblichkeit bestimmt, Geist, der in mir lebt und denkt! schwinge dich oft in den stillen, heiligen Stunden des Lebens zu dem empor, von dem du ausgegangen bist, und zu dem du einst wieder zurückkehren sollst, und überlasse dich frommen Betrachtungen über seine Natur und all' die Vollkommenheiten, die er besigt! Diese Beschäftigung, so heilsam für das Herz, wird dich mit hoher Chrfurcht und Bewunderung gegen ihn und seine 61 Majestät erfüllen, und dich erheben zu jener stillen, heiligen Andacht, die von so großem Werthe und von so wohlthätigem Einflusse ist! Du wirst dann gern im Stillen den preisen, dessen Herrlichkeit du kennst, und mit Freude Theil nehmen an der Verehrung, die ihm das Herz gläubiger Gemeinden in öffentlichen Tempeln zollt, und wenn der Gedanke an seine Vollkommenheiten dich ergreift, und mit der tiefsten Verehrung gegen ihn erfüllt, wirst du voll heiliger Begeisterung ausrufen: - - O du, der Wahrheit Brunnen, des Rechts Eckstein, Des Guten Richtschnur, heiliges Urgesetz, Du unsre Hoffnung, unsre Weisheit, Leuchtende Fackel des irren Geistes, Glanz, Lichtstrahl, Anmuth, Würde, wie grüß' ich dich? Licht, Liebe, Labsal, Leben, wie seyr' ich dich? Der Summen Summe, All in Allen, Einziger, Ewiger, Größter, Bester! Herr! ich falle nieder vor dem Glanze deiner Herrlichkeit, und bethe an auf meinen Knieen deine Majestät! Dir, dem Inbegriffe aller Vollkommenheit und aller Seligkeit, sey Preis und Dank und Ehre jetzt und in Ewigkeit! - 62 Sorge der Gottheit für das geistige und sittliche Wohl des menschlichen Geschlechtes. Natur und Leben sind reich an Beweisen der göttlichen Fürsorge für unser leibliches Wohl. Was wir zu unsrer Ernährung und Erhaltung bedürfen, findet sich im großen Reiche der Schöpfung in vollem Maße vor, und an dem, was unsre Sinne erfreut und unsern Körper erquickt, läßt es uns der gütige Schöpfer auch nicht fehlen. Er thut immer und ewig und nach allen Seiten hin seine milde Hand auf, und sättiget alles, was da lebt, mit Wohlgefallen. Aber nicht bloß für unser leibliches, irdisches Glück, auch für unser höheres, geistiges und sittliches Wohl sorgt er fortwährend mit Vaterhuld. Wir dürfen nur die Geschichte der Menschheit durchlaufen, oder auf unser eigenes Leben zurückblicken, um uns von dieser Wahrheit auf das vollkommenste zu überzeugen. Und sie verdient es in der That in hohem Grade, daß wir uns an sie von Zeit zu Zeit erinnern, und auch in dieser Hinsicht die Spuren einer weisen, liebevollen göttlichen Weltregierung aufmerksam verfolgen. In einem Zustande thierischer Rohheit befand sich einst unser Geschlecht; unausgebildet schlummerten die geistigen Kräfte desselben; klein war der 63 Kreis seiner Begriffe und Einsichten, und auch diese waren fast durchgängig schief und unrichtig; es schwankte zwischen Unwissenheit und Aberglauben herum, nicht ahnend das Licht der Wahrheit, und seine hohen Anlagen nicht kennend. Aber aus diesem Zustande der Geistesunbeholfenheit und Geistessinsterniß hat die höhere Macht, die unsichtbar waltet, die Menschheit nach und nach herausgerissen, und sie auf verschiedene Weise zur Erkenntniß der Wahrheit und zu einer höheren Bildung des Geistes geführt. Die Wunder und Herrlichkeiten der Natur zogen zuerst ihre Sinne, und bald auch ihren Geist auf sich, reißten sie zu Beobachtungen, zum Nachdenken und Forschen, zu geistiger Thätigkeit überhaupt, und öffneten ihr dadurch eine unversiegbare Quelle hoher, reiner Genüsse. Oft waren es drückende Verlegenheiten, drohende Gefahren, Mangel und Noth, Drangfale und Leiden überhaupt, wodurch die Vorsehung das Geschlecht der Sterblichen auf eine höhere Stufe der Geistesbildung erhob, und es gleichsam zwang, seine Kräfte anzustrengen, nachzudenken, zu forschen, Erfindungen und Entdeckungen zu machen, und in seiner Cultur fortzuschreiten. Die großen Unfälle, die es erlitt, waren ihm in dieser Hinsicht fast immer höchst nüßlich und heilsam, und die Gottheit bewährte auch hieben stets ihre Weisheit, so wie ihre Huld und Liebe. Oft ließ sie ausgezeichnete Männer auftreten, die den Kreis menschlicher Kenntnisse und Einsichten merklich er 64 weiterten, die Begriffe ihrer Zeitgenossen berichtigten, sie über die wichtigsten Angelegenheiten des Herzens und Lebens aufklärten, den Irrthum und Aberglauben entschlossen und glücklich bekämpften, und dadurch große Wohlthäter selbst für die ſpäteste Nachwelt wurden. Sie leuchten als helle Gestirne am Himmel der Aufklärung, und ihre Nahmen nennt der Unterrichtete und Weise mit Ehrfurcht, Liebe und Dank. Traten Zeiten ein, wo der WahrA - heit und helleren Einsicht Gefahr drohte, und die Unwissenheit und der Aberglaube wieder ihr Haupt erhoben: o dann offenbarte sich gewöhnlich plötzlich die höhere Macht, die nur das Wahre liebt, und schützte unser Geschlecht vor dem Rückfall in seine vorige Unwissenheit und Rohheit! Und so schritt unser Geschlecht, durch Gottes Beystand, immer weiter auf der Bahn geistiger Bildung, veredelte seinen Geschmack, erweiterte den Kreis nützlicher Kenntnisse und hellerer Einsichten, und sieht nun Künste und Wissenschaften nach allen Seiten hin blühen, und das Licht der Aufklärung sich auch in den entferntesten Winkeln der Erde verbreiten. Wie reich ist es besonders in unsern Tagen an Anstalten und an den mannigfaltigsten Mitteln der Bildung! wie sehr erleichtert wird in der gegenwärtigen Zeit das Fortschreiten in seiner höhern Cultur! welche Quellen der Nahrung für den Geist fließen ihm in den vorhandenen Bildungs- Anstalten aller Art, in den zahl 65 reichen Werken der Kunst, und in dem Ueberfluß an nüßlichen, trefflichen Schriften! Mit Ehrfurcht wird meine Seele gegen dich, o Allgütiger, erfüllt, wenn ich erwäge, wie väterlich du bisher auch für die Bildung unsers Geschlechtes gesorgt, wie mächtig du die Wahrheit geschützt, wie sorgfältig du das Licht höherer Aufklärung nach allen Seiten hin verbreitet hast! Mögen nun auch Zeiten eintreten, wo Unwissenheit, Vorurtheil und Unvernunft wieder um sich greifen, und unser Geschlecht von neuem in entehrende Fesseln schmieden wollen: dieß soll mich keinen Augenblick irre und muthlos machen; der Irrthum wird nicht über die Wahrheit, über das Licht nicht die Finsterniß siegen; und wenn auch eine Zeitlang der Himmel höherer Aufklärung umwölkt ist, bald genug wird sie wieder hervortreten, die Sonne der Wahrheit, wird die Nebel zerstreuen, die sie umhüllen, und wieder Licht und milde Wärme über die Erde verbreiten. Denn du, o Gott, schühest die wichtigsten Angelegenheiten und Kleinode der Menschheit, und wirst nicht untergehen lassen, was göttlichen Ursprungs ist! - Wir können selbst dann, wenn Zeiten eintreten, wo dem Lichte der Wahrheit die größte Gefahr zu drohen und alle Macht sich darin zu vereinigen scheint, dasselbe völlig auszulöschen, getrost seyn, und mit dem Dichter ausrufen: Stirbt die Wahrheit in den Flammen? Stirbt die Tugend in der Fluth? 6 66 O ihr könnt nur den verdammen, Der die Wahrheit liebt und thut. Aber wird sein Blut euch nüßen? Vor der Wahrheit Macht euch schüßen, Die, je mehr ihr sie entehrt, Sich nur herrlicher verklärt? - Aus des Kampfes heißer Gährung Tritt sie rein und ungetrübt, Wie des reinen Goldes Währung In der Flamme sich ergibt. Ihre Freunde könnt ihr richten; Doch die Wahrheit nie vernichten. Was den Geistern angehört, Wird nicht mit dem Leib zerstört. Drohet ihr mit Sclavenketten: Selbst in Fesseln bleibt sie frey; Und es eilet, sie zu retten, Ihr Befreyer selbst herbey; Und er hat mit euren Waffen, Schwert und Feuer, nichts zu schaffen. Wahrheit siegt durch innre Kraft; Gott ist's, der ihr Sieg verschafft! Ja, du hilft ihr kämpfen, siegen! Mag des Frevlers Trug und List, Mag der Irrthum sie bekriegen: Der du selbst die Wahrheit bist, Du läßt sie nicht untergehen; Ewig wird ihr Reich bestehen. Immerfort hat deine Macht Sie im schwersten Kampf bewacht. Und so will ich ihr denn immer mit ganzer Seele huldigen, der Wahrheit, die von dir, dem höchsten und vollkommensten aller Geister, stammt, und von dir so mächtig geschützt wird. Auch mir, 67 Allgütiger, gibst du unendlich viel Gelegenheit, sie kennen zu lernen; der Mittel, meinen Geist zu bilden, über die wichtigsten Angelegenheiten des Herzens Aufschlüsse zu erhalten, meine Ansichten zu berichtigen, und den Kreis nützlicher Kenntnisse und Einsichten zu erweitern, stehen auch mir unendlich viele zu Gebothe. Möchte ich sie doch alle treu und redlich anwenden, und die großen Vortheile, die du mir auch in dieser Hinsicht darbiethest, mit Dank erkennen, und mit freudiger Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt benüßen! Möchte ich von ihnen Gebrauch machen auch bey denen, deren Leitung und Erziehung du mir anvertraut hast, und dafür Sorge tragen, daß sie zunehmen nicht nur an Alter, sondern auch an Kenntniß, an Einsicht und Weisheit. Möge mich nie der Vorwurf treffen, daß ich mein und der Meinigen geistiges Wohl aus dem Auge verloren, und die Pflichten, die mir in dieser Rücksicht obliegen, vernachlässigt habe. Im Lichte zu wandeln, und zum Lichte auch die zu führen, die mit mir näher verbunden sind, das sey mir immer Freude und Lust. Aber nicht bloß für die Geistesbildung, auch für die sittliche und religiöse Veredlung unsers Geschlechtes hat die unsichtbare höhere Macht stets liebreich und väterlich gesorgt, und sie befördert auf mannigfaltige Weise. Durch Lehre und Beyspiel, durch Freude und Schmerz, durch gute und durch böse Tage, durch Glück und Unglück hat sie das Herz der Sterblichen für das Bessere und Edlere, für das 6 - 68 Heilige und Ewige zu gewinnen und zu stimmen gesucht. Keinem Volke und keinem Zeitalter ließ sie es an Männern fehlen, die, durch Tugend und Frömmigkeit ausgezeichnet, für die sittliche Besserung und Veredlung durch Wort und That kraftvoll wirkten, den Blick ganzer Geschlechter von dem Staub der Erde hinweg nach oben hin, nach dem Reiche des Ueberirdischen, Göttlichen und Unvergänglichen, lenkten, die Gemüther für Recht und Gerechtigkeit erwärmten, den göttlichen Funken, der in jeder menschlichen Brust glimmt, zu einer heiligen Flamme anfachten, ihre Zeitgenossen aus dem moralischen Schlummer, in dem sie lagen, mächtig weckten, und für alles Gute und fittlich Große begeisterten, dabey die größten Opfer nicht scheuten, und willig selbst ihr Leben bey der treuen Erfüllung ihres hohen Berufes hingaben. Geahndet hat die Vorsehung das Laster, belohnt die Tugend oft genug auf eine ausgezeichnete, in die Augen fallende Weise, und dadurch die Menschen vor dem Bösen zu warnen, und mit Liebe zum Guten zu erfüllen gesucht. Und wie oft hat sie selbst durch große Leiden Cittlichkeit und Religiosität auf Erden zu befördern gewußt! Drückende Verlegenheiten, Noth und Elend, Schmach und Unterjochung, schmerzliche Erfahrungen aller Art- wie häufig haben sie ganze Völker und Geschlechter vor der Sünde gewarnt, auf begangene Fehler aufmerksam gemacht, der Tugend wieder zugeführt, zur - - 69 Eintracht, zur Vaterlandsliebe, zum Gemeinsinn hingeleitet, und sie wieder mit dem frommen Glauben an Gott, den sie leichtsinnig vergessen hatten, und mit festem Vertrauen zu seiner Weisheit und Güte erfüllt! Ihr göttlicher Erzieher führte sie in die Schule der Prüfung und bittrer Leiden, damit ihre Gesinnungen dort geläutert, und sie in mancherley Tugenden geübt, gebessert und veredelt werden möchten. - - Ja, gesorgt hat Gott vom Anbeginne der Welt bis zu diesem Augenblicke auf die mannigfaltigste Art für die sittliche und religiöse Vervollkommnung unsers Geschlechtes, und an Warnungen vor dem Bösen, an Ermahnungen zum Guten, an Aufforderungen zur Besserung und moralischen Selbstveredlung läßt er es uns auch in unsrer Zeit nicht fehlen. Nur aufmerksam dürfen wir auf den Gang der menschlichen Angelegenheiten im Großen und im Kleinen seyn, und wir werden keinen Augenblick daran zweifeln, daß ein heiliger Gott mit Macht und gleichsam- um menschlich zu reden mit entschiedener Vorliebe für das Höchste, das unser Geschlecht besitzen kann, für seine Tugend und Sittlichkeit, wacht und sorgt. Erfahren hat es die Menschheit zu jeder Zeit, daß ihre sittliche und religiöse Veredlung unter der besondern Leitung und unter dem besondern Schuhe der Gottheit stehe. Wenn auch bisweilen Zeiten eintraten, wo mächtige Tugendfeinde dem Recht und - 70 der Gerechtigkeit Hohn sprachen, Willkühr und Tiranney statt weiser Gesetze herrschten, so manche der Edelsten gedrückt, gehaßt, verfolgt, bisweilen selbst ihrer Freyheit und ihres Lebens beraubt wurden, und das Laster und die Sitten- und Gott losigkeit ihren Thron für die Ewigkeit fest gegründet zu haben schienen: das heilige Wesen, das über den Sternen wohnt, verlor die höchsten Angelegenheiten der Menschheit, Sittlichkeit und Religiosität, nie aus dem Auge; bald genug brach die Gottheit den Zepter der Ruchlosigkeit, und führte die geächtete Tugend im Triumphe wieder zurück; Recht, Gerechtigkeit, Treue, Wahrhaftigkeit und Redlichkeit wurden wieder geachtet, und es bewährte sich die ewige Wahrheit: daß das Laster, so mächtig es auch bisweilen scheine, im Grunde doch schwach, ohnmächtig und hinfällig, die Tugend dagegen allein wahrhaft stark und von Dauer sey, und unter dem Einflusse und Schuhe eines allmächtigen Gottes stehe. - - Urquell alles Guten, heiliger und gerechter Gott! auch für mein höheres, sittliches Wohl wachst und sorgst du väterlich! Ich blicke zurück auf mein bisheriges Leben, und entdecke da der Beweise hievon unendlich viele. Nie hast du es mir an Belehrungen über meine Bestimmung und meine Pflichten, nie an Warnungen vor der Sünde, nie an Ermunterungen zum Guten, nie an Mahnungen zur Besserung meines Herzens, nie an Hülfsmit 71 teln bey dem Geschäfte meiner Selbstveredlung fehlen lassen. Die Schändlichkeit des Lasters und den hohen Werth der Tugend ließest du mich an andern und an mir selbst so oft erkennen, und durch Glück und Unglück suchtest du mich zu erziehen zu einem weisen, rechtschaffenen, edlen, dir fest vertrauenden Wesen. Und noch immer hörst du nicht auf, auf mein Herz einzuwirken, und mir Gelegenheit darzubiethen, meinen sittlich- religiösen Charakter zu reinigen und zu veredeln, und auch bey andern den Sinn für das Gute zu wecken, zu nähren und zu befestigen. Mit dankerfällter Seele preise ich dich dafür. Möge dein guter Geist stets wirksam in mir seyn, möge ich meine Besserung und sittliche Vervollkommung stets als das wichtigste Geschäft meines Lebens betrachten, und jedes Mittel, wodurch dasselbe mir erleichtert wird, treu und redlich benußen; möge ich aufmerken auf jede deiner Lehren und Mahnungen, und alles, was mir Angenehmes und Widriges begegnet, ansehen als einen Wink von dir, Fehler zu meiden, und dem Guten anzuhängen ewiglich! Möge mir dabey auch das Seelenheil derer theuer seyn, auf deren Herz ich zu wirken, Beruf und Gelegenheit habe. Und wenn ich auch im Dienste der Tugend viel zu entbehren, zu kämpfen und zu leiden hätte, so will ich mich doch nie abwendig machen lassen von dem, was recht und gut und edel ist, sondern demselben unerschütterlich treu bleiben bis in den Tod. Ich bin überzeugt, du o Gott, - - 72 wirst diese Treue nicht unbemerkt und unbelohnt, und das Gute immer siegen lassen. Wenn auch das Laster noch so sehr wüthet und tobt, die Tugend wird nie ganz unterliegen, sondern früher oder später aus jedem ihrer Kämpfe als Siegerinn, mit Ehre und Ruhm gekrönt, hervorgehen; denn sie stehet unter deinem Schutz und Schirm, o du, der alles vermag! Ja, - Ewig weis und ewig milde Waltest du, Allmächtiger, Deckest, wie mit einem Schilde, Deine Kinder um dich her, Wenn sie mit entschloßnem Muthe Für das Wabre, für das Gute Fest und treu im Kampfe stehn, Und auf dich voll Hoffnung sehn. Siegen muß die gute Sache; Unter deinem Schutz ist sie! Mag des Frevlers wilde Rache Schnauben, er vertilgt sie nie! In den grauenvollsten Stürmen Kannst du Licht und Tugend schirmen Frevler, eure Macht ist Spott! Eine feste Burg ist Gott! Erinnerung an die Vorzüge und die Bestimmung des Menschen. In der sichtbaren Welt, die wir näher kennen, stehet unter allen lebendigen Geschöpfen der Mensch oben an. Bedeutend sind seine Vorzüge, - 73 groß seine Bestimmung. Aber wie selten denken wir hieran, wie häufig vergessen wir es ganz, daß uns der gütige Schöpfer so sehr ausgezeichnet, und zu so hohen, wichtigen 3wecken aus dem Nichts in das Daseyn hervorgerufen hat! Und doch kann eine öftere Erinnerung daran für uns von dem größten Nußen seyn. Daher will ich sie fleißig bey mir wecken und erneuern, und in stillen Stunden daran denken, was ich als Mensch bin und besize, und was ich, dem Willen meines Vaters im Himmel gemäß, seyn soll. Werfe ich einen Blick auf das, was sichtbar und hinfällig an mir ist, auf meinen Leib und meine sinnliche Natur, so entdecke ich schon da so manches, was mich über die übrige thierische Schöpfung erhebt. Schon mein aufrechter Gang, der es möglich macht, daß ich mein Auge stets nach oben hin, nach dem Himmel und gleichsam nach einer höhern, unsichtbaren Welt hinrichten kann, zeichnet mich aus vor den übrigen Geschöpfen der Erde, und deutet darauf hin, daß ich bestimmt sey, nicht an nichtigem Staube zu kleben, sondern mich zu erheben über das, was irdisch und vergänglich ist. Das menschliche Untlik, oft so edel und herrlich gebildet, oft mit Anmuth und Schönheit so sehr geschmückt, durch einen seelenvollen Blick oft so sehr belebt, und so oft durch ein reges Spiel der Geberden die Bewegungen und Empfindungen des Innersten offenbarend ist es nicht eine köstliche Gabe des Him7 1 74 hig? mels? ist es nicht gleichsam ein Adelsbrief für die menschliche Natur? Und wie wunderbar ist mein ganzer Körper gebaut! Bin ich hiedurch nicht der mannigfaltigsten, kunstvollsten Verrichtungen fäAuch besitze ich dadurch einen entschiedenen Vorzug vor allen Geschöpfen dieser Erde, daß ich unter jedem Himmelsstriche der Welt fortzukommen und zu leben vermag. Aber noch wichtiger ✓ als alles dieß ist jene Einrichtung meines körperlichen Wesens, vermöge der ich meine Gedanken, Wünsche, Gefühle und Gesinnungen durch Worte bezeichnen und an den Tag legen kann. Ein überaus theures, kostbares Geschenk der Gottheit ist für den Menschen das Vermögen der Sprache. In ihr besitzt er eine reiche Quelle der reinsten, frohsten Genüsse, und eines der trefflichsten Mittel der Bildung und Selbstveredlung. Sie ist ein Vorzug, der ihn weit über alle übrigen Geschöpfe dieser Welt erhebt. - - - Ja, Allgütiger! schon körperlich hast du mich ausgezeichnet, schon meiner sinnlichen Natur hast du Vorzüge verliehen, die von der größten Wichtigkeit und ganz dazu geeignet sind, in mir ein lebhaftes Gefühl meines hohen Werthes zu wecken, und mich lebhaft daran zu erinnern, ich sey auf Erden das Meisterstück deiner schaffenden Hand, und ein Gegenstand deiner besondern Liebe und Barmherzigkeit. Möchte ich oft daran denken, und mich 75 der Auszeichnung recht innig erfreuen, die du mir schon in Hinsicht auf meinen Leib verliehen hast! Aber in welch' einer hohen, herrlichen Gestalt muß mir der Mensch vollends erscheinen, wenn ich auf das hinsehe, was an ihm übersinnlich und gei stig ist! Tief in seinem innersten Wesen regen sich Kräfte, die mit denen der sinnlichen Natur nichts gemein haben, an das Wunderbare grenzen, und uns ewig unerklärbar bleiben werden. Ein denkender und wollender Geist ist in ihm wirksam. Er besitzt das Vermögen, von alle dem, was ihn umgibt, sich klare Vorstellungen und richtige Begriffe zu erwerben, sich auch das Abwesende und längst Vergangene zu vergegenwärtigen, die Eindrücke, die er vor Zeiten empfangen, wieder zu erneuern, das Gegenwärtige für die späteste Erinnerung aufzubewahren, selbst Nichtvorhandenes durch die Kraft seiner Phantasie in der Vorstellung zu erschaffen, seine Vorstellungen und Begriffe mit einander zu verbinden, zu schließen und zu urtheilen, sich selbst von unsichtbaren Gegenständen Ideen zu bilden, und sich in das Reich des Uebersinnlichen und Ewigen zu erheben. Der geistigen Kraft, die in ihm wirkt, ist es möglich, so manche verborgene Gesetze der Natur zu entdecken, und aufzufinden den Grund von so manchen Erscheinungen in ihr. Sie ist es, durch die er fähig wird, die sichtbare Welt von der unsichtbaren zu scheiden, das zu ahnen, was von keinem Sinne erreicht und ergriffen werden kann, und 7* - - 76 zu bestimmen, was schön und erhaben, recht und unrecht, edel und verwerflich ist. Verstand und Vernunft sie zeichnen ihn vor allen seinen Mitgeschöpfen aus, und machen ihn zum Herrn derselben, zum eigentlichen Herrscher auf dieser Welt. Durch sie beherrscht und lenkt er mit Anwendung geringer Kräfte und einfacher Mittel die Creaturen des Thierreichs; durch sie setzt er sich in Verbindung mit den entferntesten Ländern der Erde; durchy sie verbreitet er seine Gedanken, seine Wünsche und seinen Willen leicht und schnell von einem Ende der Welt zum andern; durch sie bringt er so vieles hervor, was zur Bewunderung und zum Staunen hinreißt; durch sie befährt er die Wellen des Oceans, sett er den Strömen Gränzen, beschränkt er die Wuth des tobenden Meeres, versetzt er Berge, zähmt er den Ungestüm der Elemente, bezeichnet er dem Blige selbst seinen Lauf; durch sie schließt er sich an eine höhere Ordnung der Dinge, an die Reihe vollkommener Geister, an den Himmel an; durch sie kommt er dem nah, der ihn geschaffen hat. Und noch Herrlicheres als alles dieß liegt in der menschlichen Natur. Die Anlage zur Sittlichkeit und das Vermögen, das Gute nicht nur zu erkennen, sondern sich auch frey für dasselbe zu ent schließen, und zu hoher reiner Tugend zu erheben dieß ist es ganz vorzüglich, was den Menschen adelt, und ihn in die Reihe gottverwandter Wesen setzt. Ein heiliges Sittengesetz ist von einer höheren Hand - - - 77 in unsre Brust geschrieben, und erinnert uns immerwährend an unsre Pflicht; es schlägt ein Herz in uns, empfänglich für das Hohe, Edle und Heilige, und der höchsten Ahnung, der Ahnung eines Gottes, einer unsichtbaren Welt und der Ewigkeit, fähig; es waltet in uns nicht das strenge Geboth blinder Naturtriebe, sondern ein von allem 3wange unabhängiger, selbstständiger, freyer Wille; es wirkt in uns ein wunderbares Vermögen, das wir Gewissen nennen, ein unpartenischer, strenger Richter in unsrer Brust und oft ein mächtiger Schuhgeist unsrer Tugend. All' diese sittlichen Anlagen und Kräfte, die der Schöpfer mit unserm ganzen Wesen auf das innigste verwebt hat, geben uns das Gepräge hoher Würde, und machen die Behauptung wahr: daß wir zweyen Welten verwandt und nach Gottes Bilde geschaffen sind. O daß ich mich oft an all' diese wichtigen Vorzüge des Menschen recht lebhaft erinnerte! Freude und Dank und das herzerhebende Gefühl meiner Würde und meiner Verwandtschaft mit ihm, den das Weltall verkündigt und preist, würden dann mein Innerstes erfüllen; in einem glänzenderen Lichte würde ich mir selbst erscheinen, und um so geneigter seyn, meiner Würde nie zu vergeben, den Adel meines Wesens treu zu bewahren, und mich durch keine üble Gesinnung und keine unedle That zu entehren. Vorschweben würde mir dann der große 18 - 78 Zweck, um dessentwillen ich da, und die hohe Bestimmung, zu der ich berufen bin. dom Groß, erhaben ist allerdings meine Bestimmung. Ein Wesen, das der Schöpfer so sehr ausgezeichnet hat, als den Menschen, kann nur für große, edle Zwecke geschaffen seyn. Worin diese bestehen? Diese Frage läßt sich mit den wenigen Worten bestimmt genug beantworten: Gott immer ähnlicher zu werden, ist die höchste Bestimmung des Menschen. Unser Beruf ist daher, all' die herrlichen Anlagen und Kräfte, die uns der Schöpfer verliehen hat, sorgfältig zu entwickeln, zu üben, zu bilden und zu veredeln; von unsern körperlichen Vorzügen den gehörigen Gebrauch zu machen, unsre vorzüglichste Aufmerksamkeit aber auf unsre geistige und sittliche Natur zu richten; unsern Verstand und unsre Vernunft auf alle mögliche Art auszubilden; unsern Geist besonders über Gott und göttliche Dinge aufzuklären; unser Herz aber immer mehr und mehr für das Bessere und Edlere zu stimmen; unser Gewissen bey unsern Handlungen immer zu Rathe zu ziehen; unsre Gefühle und Gesinnungen zu läutern; unsern Willen immer nur auf das Rechte und Gute hinzulenken; unser ganzes Wesen immer mehr zu veredeln; auf der Bahn der Sittlichkeit und Tugend ohne Stillstand muthig und freudig fortzuschreiten, und, so wie Gott, mit Liebe und Lust wohlthätig zu wirken, und Freude und Glück zu verbreiten rings um uns her. - 79 gi Dieß ist unsre Hauptbestimmung auf dieser, und wird es wohl auch in einer andern, höheren Welt seyn, in die einst unser unsterblicher Geist eingehen soll. Entsprechen wir derselben ganz, so wird es nicht fehlen, daß wir uns dabey auch wahrhaft glücklich fühlen. Sind wir des Glückes nur würdig, so wird es uns nie ganz entgehen. Reine Freudengenüsse gewähren dem reinen, edelgesinnten Herzen Natur und Leben in vollem Maße; die Schönheiten und Wunder der Schöpfung und der Kunst, die Lectüre geistreicher, das Herz ansprechender Schriften, die Annehmlichkeiten des geselligen Verkehrs, die süßen Freuden der Freundschaft und Liebe, und die noch süßern, heiligeren Freuden, die das fromme Gemüth im Schooße der Religion empfindet sie werden einen hohen Reik über unser Leben verbreiten, wenn es nur in unserm Innersten ruhig ist, und das Herz von keinem gerechten Vorwurfe des Gewissens gepeinigt wird. Und das Bewußtseynt, unsrer sittlichen Würde nie nahe getreten, unsrer Bestimmung immer eingedenk geblieben, und dem Wesen aller Wesen immer ähnlicher geworden zu seyn chen innern Frieden, welche Seelenheiterkeit, welche an Seligkeit grenzende Wonne wird es in unserm Innersten verbreiten! Tritt Gottes Ebenbild durch unser redliches Bemühen immer reiner und heller und glänzender an uns hervor: dann genießen wir auch göttliche Freude, und was unser veredelwel- 80 tes Gemüth schon hier im Staube still und innig empfindet- es ist ein Vorschmack himmlischer Wonne. - - Darum tritt du, Erinnerung an meine Vorzüge und meine Bestimmung, recht oft vor meine Seele, und du, großer, herrlicher Gedanke, daß ich nicht bloß Staub von Staub geboren, sondern göttlichen Geschlechtes, und zur Gottähnlichkeit, so wie zur Ewigkeit berufen bin, erhebe mich oft über den Tand der Erde und die kleinlichen Bestrebungen des Lebens, und ermuntre mich, das Geschäft meiner geistigen und sittlichen Vervollkommnung mit Ernst und Eifer zu betreiben, mit ganzer Seele an dem Edlen und Göttlichen zu hängen, und mich hier zu einer höheren Welt würdig und gewissenhaft vorzubereiten! Dir, o Heiligster, so sehr es hier im Staube möglich ist, ähnlich zu werden, das sey und bleibe meine höchste Freude! Dann wird mich reines Glück erfreun, Dann wird mein Geist voll Ruhe seyn Selbst in des Leidens Tagen; Was meinem wahren Wohl gebricht, Das, großer Schöpfer, wird mir nicht Dein Vaterherz versagen. Ich gehe dann getrost dahin, Und weiß, daß mich dein Vatersinn Zum höhern Leben führet, Wo mich vollkommnes Glück erfreut, Und wo mich dann in Ewigkeit Kein Unfall mehr berühret! vier - 81 - Swim vllo di Bive and o Tod und Unsterblichkeit. „ Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voller Unruhe; gehet auf wie eine Blume und fällt ab; fleucht wie ein Schatten und bleibet nicht." Wer könnte diese sinnvollen Worte eines alten Weisen lesen, ohne ihre Wahrheit tief zu fühlen? Ja, kurz ist der Weg von der Wiege zum Grab! Unter Zerstreuungen, flüchtigen Genüssen, Sorge, Mühe und Leiden aller Art fliehen unbemerkt unsre Tage dahin, und ehe wir es uns versehen, stehen wir am Ziele unsrer irdischen Pilgrimschaft. Der Tod reicht uns die Hand, und wir müssen ihm folgen in ein unbekanntes Reich. Es gibt Trauernde und tief Gebeugte, denen das Leben zur Last und unerträglich ist, und die sich oft mit heißem Verlangen nach der Ruhe des Grabes sehnen. Entschuldigen läßt sich wohl bisweilen diese Sehnsucht; aber der tugendhafte und gottvertrauende Mensch wird sich derselben nie ganz überlassen, sondern selbst ein beschwerdevolles, unglückliches Leben mit Muth und Ergebung tragen, so lang es dem gefällt, der unsre Tage gezählt hat, und am besten weiß, wann er uns von diesem Schauplaße abrufen soll. Wenn es daher auch in meinem Leben Augenblicke geben sollte, wo mich das Gefühl des Unmuthes und der Verzweiflung ergreift, und mir nichts wünschenwerther scheint als der Tod: 82 o dann will ich alle meine Kräfte sammeln, will in meiner Betrübniß zu dir hinblicken, o Gott, und mich daran erinnern, daß du es bist, der mich in's Leben gerufen, mich auf den Platz, auf dem ich stehe, hingestellt, und mein Schicksal bestimmt hat; daß die Leiden, die mich drücken, von dir aus weisen und gütigen Absichten herbeygeführt oder zugelassen worden sind, und daß du sie zu rechter Zeit endigen werdest; daß es daher meine Pflicht sey, die rauhe Bahn des Lebens geduldig fortzuwandeln, und ruhig den Augenblick zu erwarten, wo du meine Seele von mir forderst und mich erlösest von den Übeln dieser Erde. - - Doch nur selten ist es der Fall, daß eine übermäßige Sehnsucht nach dem Tode sich des menschlichen Herzens bemächtigt. Das Leben hat in der Regel Reiß genug für uns, und es fällt uns schwer, demselben zu entsagen. Auch wenn es mit noch so viel Mühe, Sorge und Ungemach durchflochten ist, man hängt doch gewöhnlich mit Liebe an demselben, und der Gedanke an Tod und Nichtseyn ist für Geist und Herz immer ein unangenehmer, widriger Gedanke. Haben wir uns vollends mit der Erde befreundet, genießen wir auf derselben Freude und Glück, sehen wir uns mit theuren, geliebten Seelen inniger verbunden; o dann wird es uns auch um so schwerer, eine Welt zu verlassen, wo wir uns so glücklich fühlen, und von denen zu scheiden, an denen unser Herz mit Liebe hängt, und deren 83 Wohl uns vielleicht an unser Daseyn gebunden zu seyn scheint; dann erblicken wir in dem Tode leicht einen Störer und Vernichter unsers Glücks, und rufen wohl, wenn unsre letzte Stunde schlägt, mit schmerzlicher Wehmuth aus: ,, Süßes Leben! schöne freundliche Gewohnheit des Daseyns und Wirkens! von dir soll ich scheiden?" Dem edlen Menschen ziemt auch hieben Fassung und Ergebung in den Willen einer höheren Macht und eine männliche Fügung in die ewigen Gesetze und Einrichtungen der Natur. Und warum sollte er auch bangen und mißmuthig werden, wenn die Stunde schlägt, die ihn von dannen ruft? Nur einer richtigen Ansicht von dem Tode bedarf es, um ihn nicht zu fürchten, und in ihm nichts anders zu erblicken als einen Bothen des Friedens, als unsern letzten, treusten Freund auf Erden, der uns hinüber geleitet in eine andere, bessere Welt. Ja, in eine andere, bessere Welt führt uns der Tod! Mit diesem Leben soll für uns nicht alles am Ende seyn; öffnen soll sich uns jenseits des Grabes ein höherer Wirkungskreis; nur die Hülle, die hier unsern Geist umgibt, unser Leib, soll wieder zur Erde werden, von der er genommen ist; aber die übersinnliche Kraft, die in uns denkt und will, unsre Seele, soll fortdauern und fortwirken in Ewigkeit hin! So rufen uns Vernunft und Religion zu, und leiten uns zu einem Glauben hin, der auf uns den wohlthätigsten Einfluß zu äußern - - - 84 vermag, zu einem Glauben, der unserm Leben Reitz und Bedeutung, unserm Geiste einen höheren Aufschwung, unserm Herzen hohe Lust zur Selbstveredlung, unsrer Tugend Haltung und Festigkeit, und unserm Gemüthe in den Tagen der Widerwärtigkeit Trost und Stärkung, in der Stunde des Todes aber Hoffnung, Heiterkeit und Muth verleiht. Hoher, heiliger, herzerhebender Glaube, Glaube an Unsterblichkeit! o sey auch bey mir recht lebendig; durchdringe mein ganzes Innerstes; begleite mich und meine Tugend als ein treuer Schutzengel durch das Leben, und kommt früher oder später die Stunde, wo ich scheiden muß, dann belebe mich mit deiner ganzen Kraft, erleichtre mir den letzten Kampf auf Erden, und stärke mich durch selige Hoffnungen, damit ich gern dem Rufe meines unsichtbaren Vaters folge, und mein Tod ein sanfter Uebergang sey in eine beßre Welt! Wohl uns, wenn wir von der Fortdauer unfers Geistes auf das innigste überzeugt sind, und unser Glaube an Unsterblichkeit auf festen Gründen beruht!- Es hält nicht schwer, diese Gründe aufzufinden, und es ist nothwendig und heilsam, sie uns oft zu vergegenwärtigen, und dadurch der Ueberzeugung von unsrer ewigen Fortdauer immer mehr Lebendigkeit und Festigkeit zu verschaffen. Fromme Betrachtungen hierüber mögen mich oft beschäftigen; der Gegenstand ist von der höchsten Wichtigkeit, und gern will ich daher in den stillen 85 Stunden meines Lebens mit gesammeltem Geiste und Gemüthe über denselben ernstlicher und tiefer nachdenken. Ihm seyen auch jetzt einige Augenblicke geweiht! —- Mannigfaltige Wünsche regen sich in des Menschen Innerstem, aber kein Verlangen in ihm ist le= bendiger und mächtiger, als das Verlangen, auch nach dem Tode fortzuleben, und fortzuwirken in Ewigkeit hin. Der Gedanke an völlige Vernichtung widerstehet ihm; unbezwinglich ist dagegen seine Sehnsucht nach einem andern, vollkommneren Seyn.. Wer pflanzte dieses mächtige Verlangen, diese unvertilgbare Sehnsucht in seine Brust?- Die hö here Macht, der er sein irdisches Daseyn verdankt. Ohne Absicht kann dieses nicht geschehen seyn; denn sie ist die Weisheit selbst, und ohne Zweck geschiehet nichts von ihr. Das Verlangen nach einer ewiz gen Fortdauer wäre aber ganz zwecklos, wenn die Gottheit dasselbe nicht auch befriedigen würde. Sie verwebte es auf das innigste mit unserm ganzen Wesen; es wäre Unbarmherzigkeit, wenn sie es unerfüllt ließe, wenn sie unsre Brust mit der inni gen Sehnsucht nach einem höheren, ewigen Leben erfüllte, ohne sie zu stillen; sie triebe dann ein grausames Spiel mit uns, und würde unser nur spotten. Aber wie können wir dieß von einem Wesen besorgen, das die Liebe selbst ist? Nein, der Gott, der das stille, heilige Sehnen nach einer bessern Welt tief in unsre Natur gelegt hat, wird es auch 86 befriedigen, und schon diese innige Sehnsucht ist eine wichtige Bürgschaft für die Wahrheit des frommen. Glaubens an Unsterblichkeit. - - Und wie noch fester begründet wird dieser heilige Glaube, wenn ich meinen Blick auf meine geistige und sittliche Natur hinrichte, und über sie ruhiger und tiefer nachdenke! Welche übersinnliche, herrliche Anlagen und Kräfte liegen in ihr! wie lebhaft erinnern sie an meine höhere Abkunft und Verwandtschaft mit Gott! und all' diese schönen, wunderbaren, herrlichen Kräfte sollten bloß für dieses kurze, spannenlange Leben geschaffen seyn, und mit diesem für immer aufhören, sich zu regen und zu wirken? Das Meisterstück der Schöpfung, der Mensch, der Gottes Ebenbild an sich trägt, sollte bloß dazu aus dem Nichts hervorgerufen seyn, um einige Jahre lang hier zu athmen, zu sorgen, zu arbeiten, zu leiden, einige flüchtige Freuden zu genießen, und dann wieder für immer in sein voriz ges Nichts zurückzusinken? Unsre Vernunft kann. dieses nicht begreifen, und weder mit Gottes Weisheit, noch mit seiner Liebe vereinigen, und das Herz, das den Schöpfer wahrhaft ehrt und liebt, ist überzeugt, daß er so wichtige höhere Anlagen und Kräfte, wie sie der Mensch besigt, nicht für ein so kurzes Daseyn, sondern für die Ewigkeit ge schaffen habe. In dieser herzerfreulichen Ueberzeugung werden wir noch mehr gestärkt und befestigt, wenn wir 87 auf die Stimme des Sittengesetzes in uns merken. Es ruft uns vernehmlich und mit Bestimmtheit zu: du sollst in geistiger und sittlicher Hinsicht höchst vollkommen werden, und dein Glück soll deinem Verdienste und deiner Tugend angemessen seyn! Wer ist es, der dieses nicht wegzuläugnende Sittengesetz in unsre Brust geschrieben hat? Unstreitig der, der unsern Geist erschaffen hat, und sich überall als der Heiligste kund thut. Ist aber dieß wie wir denn nichts anderes annehmen können- so dürfen und müssen wir mit Zuversicht auf eine ewige Fortdauer rechnen. Denn hienieden dem Sittengesetze ganz zu genügen, ist keine Möglichkeit. Mit welchem Eifer und mit welcher Anstrengung wir auch an der Ausbildung unsers Geistes, so wie an der Veredlung unsers Herzens arbeiten mögen: so weit werden wir es darin nicht bringen, daß wir ganz zufrieden und uns dessen bewußt seyn können, jenes Gesetz in unsrer Brust ganz erfüllt zu haben. Unser Wissen wird immer Stückwerk, unsre Geistesbildung beschränkt, unsre Tugend mangelhaft bleiben, und wenn wir auch ein noch so hohes Alter erreichen, und jeden unsrer Tage gewissenhaft zu unsrer Vervollkommnung benützt haben, wir stehen doch noch sehr weit von dem Ziele ab, das uns eine höhere Hand gesteckt hat, und das wir, wie uns Gott selbst durch das Sittengesetz zuruft, durchaus erreichen sollen. Sind wir dann nicht gezwungen, anzunehmen, daß der, welcher uns dieß zu- - - - 88 ruft, auch dafür sorgen werde, daß wir seiner Aufforderung an uns Genüge leisten, und die Bestimmung erreichen können, zu der er uns berufen hat? Und wie könnte er dafür anders sorgen, als dadurch, daß er uns nach dem Tode eine andere Bahn anweist, auf der wir fortwandelnd unser hohes Ziel verfolgen, und in unsrer Bildung und Veredlung fortschreiten können? Ja, wer ihn begriffen, den hohen Zweck des Lebens, wer es vernommen hat, das heilige Gesetz in seiner Brust, der fürchtet keine völlige Vernichtung durch den Tod, der ahnet eine höhere Welt, der glaubt mit freudiger Zuversicht ein anderes Leben! l Daß der Tugendhafte und Verdienstvolle nicht bloß im Innern, sondern auch in der Außenwelt den gebührenden Lohn finde, und das äußere Glück seinem Verdienste angemessen sey- das verlangt die Vernunft, das erwartet sie von Gottes Gerechtigkeit. Aber welch' ein Mißverhältniß zwischen Tugend und Glück, Verdienst und Lohn findet oft hienieden Statt! Haben nicht häufig die Einsichtsvollsten, die Weisesten, die Besten und Edelsten unsers Geschlechtes mit großem Ungemach, mit Mangel und Noth, mit Geringschäßung und Verkennung, mit Haß, Verleumdung und Verfolgung, mit den heillosen Ränken der Unwissenheit und Boßheit, mit äußerlichen und innerlichen Leiden überhaupt am meisten zu kämpfen? ist überhaupt dieses Leben nicht so reich an Kummer und Schmerz, 89 an Widerwärtigkeiten und Drangsalen aller Art, daß oft selbst der Beste Augenblicke hat, wo er im Stillen wünscht, daß er lieber nie geboren worden wäre? Nur ein Gedanke ist ganz dazu geeignet, uns über dieß alles zu trösten und zu erheben, der Gedanke: daß wir hier bloß in einem Thale der Uebung und Vorbereitung wallen, und daß jenseits des Grabes unser ein Leben wartet, wo, was hier ungleich und unbelohnt blieb, ausgeglichen und belohnt, wo das Mißverhältniß, das auf Erden so oft zwischen Tugend und Glück statt findet, gehoben, und der Gute für das entschädiget werden soll, was er hier entbehrt, getragen und gelitten hat. Soll unsre Vernunft nicht mit sich selbst in 3wiespalt gerathen, so muß sie dieß alles annehmen, und nur durch den Glauben an Unsterblichkeit wird sie vor Widersprüchen gerettet. Wer sie und die Gültigkeit ihrer Ansprüche nicht wegläugnet und an einen gerechten Gott glaubt, der glaubt auch an seine Fortdauer nach dem Tode. Denn wäre das Grab das Ziel unsers Seyns, dann lohnte es sich kaum, tugendhaft zu seyn, dann wäre dieses, oft so mühselige, kümmerliche Leben des Lebens nicht werth. - Alles, alles leitet uns hin zu dem frommen Glauben an Unsterblichkeit. Ihn verkündigt und belebt auch die Natur. Nichts gehet in ihr verloren; was sie erzeugt, kann wohl in seine Theile aufge= löst und der Zusammenhang derselben zerstört, aber nicht ganz vernichtet werden; es nimmt bloß eine 8 90 andere Gestalt an, und kommt früher oder später in einer neuen Zusammensetzung wieder zum Vorschein; was im Winter dahin starb, erwacht im Frühlinge zu neuem, fröhlichem Leben; die unsichtbaren, geheimen Kräfte der Natur bleiben und wirken ununterbrochen und ungeschwächt fort, auch wenn das, was durch sie in der Sinnenwelt hervorgebracht wird, unterzugehen scheint. Und sollte es mit den menschlichen Kräften anders seyn? Nein, auch sie werden nicht vergehen, die am wenigsten, die geistiger Natur sind! Mag einst der Körper, in dem sie wirken, sich in seine Theile auflösen; sie selbst, unsre geistigen Kräfte, sind, eben weil nichts Körperliches an ihnen ist, keiner Zerstörung und noch viel weniger einer gänzlichen Vernichtung unterworfen. - - Unser Tod ist daher nichts anderes als der Moment einer geheimnißvollen Verwandlung, als ein Uebergang zu einem andern Leben, wo der Geist fortreifen, das Herz sich immer mehr veredeln, jeder Gerechte für das hier erlittene Unrecht entschädigt, unsre Freude in Seligkeit verwandelt, und der verklärte Mensch seinem Schöpfer noch ähnlicher werden soll. Wir werden- je edler unsre Gesinnung ist, um so mehr sind wir davon überzeugt- jenseits des Grabes fortschreiten in Ewigkeit hin. Wie der Allmächtige unsern Geist, wenn er sich von seiner irdischen Hülle loswindet, in eine höhere Welt versehen, wie er ihn dort verklären, mit welcher 91 neuen Hülle er ihn umgeben werde? dieß bleibt für uns allerdings ein undurchdringliches Geheimniß. Aber sollten wir daran zweifeln, weil es uns uner= klärbar ist? Die Blume welkt dahin, und blühet wieder auf; aber wer vermag, zu erklären, wie dieß geschieht? Das Samenkorn verwest im Schooß der Erde, und scheint uns für immer dahin; allein aus Moder und Verwesung keimt es empor zum fruchtbeladenen Halm; doch wer ist im Stande, das Geheimniß seiner Verwandlung zu enthüllen? Die ganze Natur ist unaufhörlich thätig, alles zu verwandeln und Neues zu erzeugen; unser Auge siehet ihre Werke; aber wer vermag zu sagen, wie sie wirkt und schafft? wer hat den Schleyer gelüftet, der auf ihrem innersten, geheimen Wirken liegt? Und wir sollten an einen Uebergang unsers Geistes in eine andere Welt und an einer Verklärung unsrer höhern Natur in derselben zweifeln, weil unser beschränkter Verstand sich die Art und Weise, wie dieß geschehen dürfte, nicht deutlich oder gar nicht vorzustellen vermag? Eine Wahrheit, zu der uns alles so mächtig hinleitet, könnte hiedurch auch nur im gerinsten schwankend und ungewiß werden? - - Nein, auf vielfältige Weise werde ich von der Unsterblichkeit meines Geistes überzeugt! Ich will daher fest halten an dieser frohen, herzerhebenden Ueberzeugung, und den Glauben an meine ewige Fortdauer soll mir niemand rauben. Nicht furchtbar sollst du mir einst erscheinen, o Tod! Erblicken 8* 92- werde ich in dir einen Engel des Friedens, den eine höhere Macht mir zusendet, um mich von ihm hinüber geleiten zu lassen in eine Welt, wo jede Klage verstummt, jede Thräne vertrocknet, aller Gram und Kummer weicht, und die Unschuld ihre Rechtfertigung, die Tugend ihre Belohnung findet; wo Ruhe wohnt und tiefer Frieden und hohe, himmlische Wonne; wo der Beseligte Gott schauen soll, so wie er ist. Und muß ich auch Seelen auf der Welt zurück lassen, die mir lieb und theuer sind; ich werde mich auch darüber fassen und trösten; weiß ich doch, daß ich sie einst wieder sehen soll vor Gottes Thron, und mit ihnen in seligem Verein fortleben in Ewigkeit hin. Ja, - Wir werden seyn, wir werden noch des Schönen Und Guten inniger und seliger uns freun, Und himmlischer wird unser Leben tönen, Mit schönen Seelen im Verein. Dann wird dem edlen, frommen Späher Der heilige Verhüllte näher, Und lichter, stiller wird's um seine Tugend seyn. Erheben wird sie sich auf freyerm Flügel Hin durch das neue Reich der Zeit, Und heller Leuchten wird an ihrer Stirn daß Siegel Der heiligen Unsterblichkeit! Unsterblichkeit! Gedanke, der du Leben Und Licht und Daseyn strahlst, und über Zweifel fiegst, Wie hoch kannst du den Menschen heben, Wenn du den Menschen überfliegst! Wenn Grau'n der Nacht an meinem Pfade lauscht, Dann leuchte du herab aus deines Lichtes Fülle, 93 Erhebe mich, wenn laut das Leben mich umrauscht, Zur Ruhe deiner Geistesstille. 1 - Geheim entlaubt die dunkle Nacht den Wald, Und Schweigen ruht um längst versunkne Trümmer; Du trittst hervor in deinem leisen Schimmer, Wie eine rettende Gestalt. Du winkst, wenn mir die letzte Thrän' entfließet, Mich zur Verherrlichung hinauf; Ein Mensch, ein müder Pilger schließet, Ein Seliger beginnet seinen Lauf. Wohlthätige Wirksamkeit. Wohin ich in der Natur immer blicken mag, überall entdecke ich reges Leben und eine ununterbrochene Thätigkeit. Das Walten und Wirken der heiligen Urkraft offenbaret sich überall und immer. Wie mächtig werde ich dadurch an meinen Beruf erinnert, hienieden auch thätig und wirksam zu seyn, und zur Beförderung guter Zwecke das Meinige redlich beyzutragen! Es regen sich mannigfaltige Kräfte in mir; sie sind Geschenke des Himmels, die ich darum empfangen habe, um sie zum Besten der Welt anzuwenden. Ich stehe auf einem bestimmten Plate in der bürgerlichen Gesellschaft; Gott selbst hat mir denselben angewiesen, und ich soll auf demselben Gutes wirken, und die Pflichten meines Standes und Berufes gewissenhaft erfüllen. Ich befinde mich in man 94 nigfaltigen Verhältnissen; die Vorsehung selbst hat mich in dieselben gesetzt, und ich soll darin nicht nur mancherley Freuden genießen, sondern auch Freude und Glück verbreiten. Manche Gelegenheiten, andern nüßlich zu werden, biethen sich mir dar; Gott selbst ist es, der sie herbey führt, um mir Veranlassung zu geben, für Andere wohlthätig zu seyn. Diese Winke und Aufforderungen der Gottheit sollen von mir nicht unbeachtet bleiben. Der Ruhm, nach dem ich hienieden streben will, sey eine wohlthätige, gemeinnützige Wirksamkeit. Was ist das Leben des Menschen, wenn er es nicht durch Wohlthun bezeichnet? Erst dann, wenn es dazu benützt wird, die Summe des irdischen Glückes zu vermehren, hat es Werth und Bedeutung, und nur der, der rastlos thätig war für Menschenwohl, kann sagen, daß er wahrhaft gelebt habe. Seyn und nichts leisten, was des Nennens werth ist, heißt, sich des Lebens und der Wohlthaten Gottes unwürdig zeigen. Eine unnütze Last der Erde ist der Bequeme und Träge, der müßige Hände in den Schooß legt, und nur verzehrt, was durch die angestrengte Thätigkeit Underer erworben worden ist. Er ist keiner Achtung werth; er muß Verzicht leisten auf die Liebe und den Dank der Welt, und scheidet einst von dannen unbeweint und von niemanden betrauert. - - Wie könnte ich mich in die Reihe solcher Achtungslosen und Beklagenswerthen stellen!- Nein, 95 die Schande und Schmach treffe mich nicht, daß man von mir sage, ich habe mein Leben in schimpflicher Trägheit vergeudet, und meine Tage dahin schwinden lassen, ohne sie durch eine redliche, wohlthätige Wirksamkeit zu bezeichnen. Wie lange wird es währen, so ist mein irdisches Daseyn dahin! Um so gewissenhafter will ich es benützen. Schnell verfließen meine Tage; um so haushälterischer will ich mit der so flüchtigen Zeit seyn. Ausfüllen will ich sie durch nützliche Beschäftigungen, will Ordnung in meine Berufsarbeiten bringen, sie mit Lust und Eifer verrichten, dabey die Gesetze der Redlichkeit und Billigkeit nicht verletzen, das Vertrauen, das man mir dabey schenkt, nie mißbrauchen, sondern mich ernstlich bestreben, auf dem Plate, auf dem ich stehe, als ein rechtschaffener, treuer Haushalter der mancherley Gnaden Gottes erfunden zu werden. Besige ich Talente, Kenntnisse und Einsichten, so will ich damit der Welt durch Rath, durch Verbreitung wahrer Aufklärung und strenger Sittlichkeit, durch Vertheidigung der Unschuld und des Rechts, und durch Beförderung der Kunst und Wissenschaft so viel als möglich zu nüßen suchen. Stehe ich auf einem hohen Posten, und sehe ich mich von Macht und Ansehen bekleidet, so will ich um so sorgfältiger über mich wachen, daß ich meinen Einfluß nicht mißbrauche, sondern ihn zum Besten Anderer anwende, deren Glück Gott zum Theil in meine Hände gelegt hat. Hat mir die Vorsehung - 1 96 irdische Güter geschenkt, so will ich von denselben einen weisen, ihr wohlgefälligen Gebrauch machen, würdige Arme unterstüßen, und zur Gründung, Aufrechthaltung und Erweiterung gemeinnütiger Anstalten gern das Meinige mit beytragen. Ist es mein Beruf, zu lehren und zu ermahnen, so will ich dieß mit Liebe und Freude thun, und auf diejenigen, deren Bildung und Erziehung meinen Händen anvertraut ist, durch Lehre und Beyspiel eben so kräftig als wohlthätig einzuwirken suchen. Treibe ich irgend ein Gewerbe, so will ich dieß mit Redlichkeit und frey von entehrendem Eigennuße thun. Stehe ich in Familien- Verhältnissen, so soll mein ernstliches Bestreben darauf gerichtet seyn, in denselben Zucht, Ordnung und Sittsamkeit aufrecht zu erhalten, den Geist der Eintracht, der Liebe, der Sittlichkeit und Frömmigkeit zu wecken, zu nähren und zu beleben, und denjenigen, die durch die heiligen Bande der Natur mit mir so nahe verbunden sind, das Leben auf alle mögliche Art zu erleichtern, zu verschönern und angenehm zu machen. Ueberhaupt soll mir jede Gelegenheit willkommen seyn, bey der ich mein Scherflein zum allgemeinen Besten mit beytragen, und das äußere und innere Wohl meiner Mitmenschen befördern kann. - Mancherley Hindernisse werden meiner irdischen Wirksamkeit in den Weg treten. Aber ich werde sie, wenn ich nur ernstlich will, mit Gottes Hülfe glücklich besiegen. Wenn ein natürlicher Hang zur Be 97 quemlichkeit und Trägheit, oder ein schwächlicher, kränklicher Körper, oder die Zerstreuung der Welt, oder die Beschwerlichkeiten, die mit der Erfüllung meiner Berufspflichten oft verbunden sind, mich in der Betreibung meiner Geschäfte stören und ermatten, und meiner wohlthätigen Wirksamkeit Grenzen setzen wollen: so blicke mein Auge hin auf die Natur, wo alles, alles voll regen Lebens und Wirkens ist; so erinnere sich meine Seele daran, daß das Wesen aller Wesen von Ewigkeit her unaufhörlich für das Wohl seiner Geschöpfe thätig ist, und in jedem Augenblicke eine Fülle von Segen nach allen Seiten hin spendet, und daß der Mensch, nach Gottes Bilde geschaffen, seinem Schöpfer dadurch am meisten ähnlich wird, wenn er, so wie dieser, seine Freude in gemeinnützigem Wirken und in der Beförderung heilsamer Zwecke und menschlicher Glückseligkeit findet. Ich werde mich dann ermuntert fühlen, alles in und außer mir zu bekämpfen, was meine nützliche Thätigkeit hemmen will, und selbst unter den größten Beschwerden und den empfindlichsten körperlichen Leiden fortfahren, nach dem Maße meiner Kräfte Gutes zu wirken, und das Werk zu fördern, an welches mich der große Baumeister der Welt hingestellt hat. Ja auch dann, wenn ich dafür nichts als schnöden Undank ernten, und meine Verdienste nicht anerkannt oder übel vergolten werden sollten, will ich mich in meiner wohlthätigen Wirksamkeit nicht irre machen lassen, son9 - 98 dern fortfahren, zu nüßen auch einem kalten, unerkenntlichen Geschlecht. So viele Edle der Welt hatten kein besseres Loos. Verkannt wurden ihre Verdienste, und oft mit dem empörendsten Undanke gelohnt. Aber ein hoher, heiliger Geist wohnte in ihrer Brust, und nichts vermochte sie abtrünnig zu machen ihrem hohen Berufe, und sie in ihrem menschenfreundlichen, gemeinnützigen Wirken zu ermatten. Diesen Edlen will ich gleichen; bis an mein Grab will ich Gutes thun, und niemals müde werden darin.de Son - - Kommt einst die Stunde, wo ich scheiden muß, o was könnte dann stärkender und lohnender für mich seyn, als ein stiller Rückblick auf ein treu und wohl angewandtes Leben! Bin ich mir bewußt, daß ich meine Kräfte redlich dem Dienste der Welt gewidmet, und immer danach getrachtet habe, die Wohlfahrt meiner Mitmenschen zu befördern; weiß ich, daß ich hier Seelen zurück lasse, die mir so manche Freude, vielleicht ihr ganzes Glück zu danken haben, und daß ich daher nicht umsonst lebte: o dann werde ich auch getrost mein Haupt zur Ruhe niederlegen, und gefaßt dem Augenblicke entgegen sehen, wo ich am Throne des Allwissenden Rechenschaft darüber ablegen soll, wie ich hier mit dem Pfunde gewuchert habe, das seine Güte mir ver lieh. An meinem Sarge und Grabe fließen dann. nur Thränen der Achtung, der Liebe und des Danks, und wenn schon längst mein Leib zu Staub und 99 Asche geworden ist, segnet mich vielleicht noch manches gute, erkenntliche Gemüth. - Der du mit Weisheit, Stärk' und Pracht Im Unermeßlichen gebauet! Auch mich hat deine Hand gemacht; Du hast mein Schicksal überschauet; Und mich an dieses Werk gestellt, Um hier in zugezählten Tagen Zum Bau der großen Geisterwelt Das Meine wirksam beyzutragen. Laß, meiner Pflichten eingedenk, Mich treulich an der Arbeit bleiben, Die du mir zugetheilt, und schenk Mir Kraft, dein edles Werk zu treiben! Gib mir ein liebevolles Herz, Vernunft und Mäßigung in Freude, Im Unglück Trost, Geduld im Schmerz, Und Muth, wann ich vom Leben scheide. Nothwendigkeit einer öfteren Selbstprüfung. Gott ähnlich und an Geist und Herz immer vollkommener zu werden, und auf Erden da zu stehen als verständige, edle, Freude und Glück um sich verbreitende Wesen: das ist unsre hohe Bestimmung. Es ist nicht unmöglich, aber es ist schwer, sie zu erreichen. Unsrer Vervollkommnung stehen viele Hindernisse im Wege, und nicht immer gelingt es uns, sie glücklich zu besiegen, weil wir sie ent9* 100 weder ganz übersehen, oder zu gering achten, oder im Kampfe mit ihnen nicht alle Kraft anwenden, die uns zu Gebothe steht. ― 11 Soll das wichtige Geschäft unsrer Selbstveredlung gut von Statten gehen: so ist es nothwendig, daß wir ihm unsre ganze Aufmerksamkeit widmen, und mit ganzer Seele obliegen. Die Zerstreuungen, Genüsse, Sorgen, Arbeiten und Mühseligkeiten des täglichen Lebens hemmen dasfelbe oft sehr; denn sie reißen uns häufig los von unserm innern Menschen; tief in sie versunken, verlieren wir den bessern Theil unsers Selbst schnell genug aus dem Auge, und vergessen auf das Eine, was noth ist, auf den Zustand unsers Herzens und Charakters. Was Wunder, wenn wir unter diesen Umständen auf der Bahn der Selbstvervollkommnung nicht vorwärts, sondern rückwärts schreiten, und nicht selten allmählich von dem Wege des Rechten abweichen und uns auf Abwege verlieren. Um so nothwendiger ist es, daß wir von Zeit zu Zeit, dem Beyspiele aller Vortrefflichen und Edlen folgend, die uns die Geschichte kennen lehrt, uns in den Schooß stiller Einsamkeit zurückziehen, und dort mit uns selbst zu Rathe gehen, vor Gott, dem Allgegenwärtigen und Allwissenden, unser Herz erforschen, und uns mit Ernst und Strenge prüfen, ob uns auch unser Seelenheil über alles gehe, und ob wir an demselben mit Eifer und ge wissenhafter Treue arbeiten? 101 Wer in seiner Veredlung glückliche Fortschritte machen will, muß vor allem andern sich selbst kennen. In das Innerste seines Wesens muß er seine forschenden Blicke werfen: er darf sich nichts von dem verhehlen, was in seiner Seele vorgeht; klar müssen ihm werden seine edleren Anlagen, Kräfte, Regungen, Neigungen und Gesinnungen, klar aber auch das, was Verwerfliches an ihm ist, all' seine niedrigen Begierden, Gedanken, Affecte und Leidenschaften, all' seine Schwächen, Fehler und Sünden. Mit aller Unparteylichkeit muß er sich selbst richten, und die Prüfung, der er sein Innerstes unterwirft, muß nie durch Eigenliebe, sondern durch die strengste Wahrhaftigkeit geleitet werden. Das Geschäft der Selbstprüfung ist allerdings ein schweres, aber auch ein höchst nothwendiges und heilsames Geschäft. Ohne dasselbe kann und wird es uns nie gelingen, einen höheren Grad von sittlicher Güte und Würde zu erreichen, und ganz das zu werden, was wir, nach dem Willen des Schöpfers werden sollen. Lassen wir es uns aber angelegen seyn, kehren wir fleißig in uns selbst zurück, und unterziehen wir dabey unsre Denk- und Handlungsweise einer ernsten und strengen Prüfung: dann wird es uns auch um so leichter werden, unsre Gesinnungen zu läutern, unser Herz zu reinigen, uns von unsern sittlichen Mängeln loszusagen, und immer weiser, besser, tugendhafter und gottähnlicher zu werden. Wahrlich! an Ver— 102 anlassungen und Aufforderungen zu einer solchen Selbstprüfung läßt es uns die höhere Macht nicht fehlen, die über unser Seelenheil fortwährend väterlich wacht, und uns durch Freude und Schmerz, durch Glück und Unglück und die verschiedenartigsten Erfahrungen des Lebens, durch eigenes und fremdes Schicksal, durch das oft plötzliche Erwachen des bessern Menschen in uns, und durch die warnende und ermunternde Stimme der Freundschaft, der Liebe, der Weisheit und Religion von Verirrungen abzuhalten, auf den verlaßnen Pfad der Tugend zurückzuführen, und zu dem, was recht, gut und edel ist, hinzuleiten sucht. Nur aufmerken müssen wir auf ihre Winke, nur folgen ihrem väterlichen Ruf! - 4223243 ---Sie sollen mein Innerstes nie betäuben, die 3erstreuungen, Ergeglichkeiten, Sorgen und Mühen dieses Lebens. Genießen will ich zwar mit Freude und Dank, was Gott mir angenehmes zufließen läßt. Aber daß ich für etwas höheres, als für flüchtige Genüsse bestimmt sey, und daß der edlere Theil meiner selbst, meine sittliche Natur, die meiste und höchste Aufmerksamkeit verdiene, daran will ich mich stets recht lebhaft erinnern, und aufnehmen soll mich von Zeit zu Zeit die heilige Stille der Einsamkeit. Dort will ich einkehren in mein Innerstes; will mein Herz erforschen, wie es gesinnt ist; will mich fragen: ob ich auch würdig sey, hinzutreten vor den, der tief in das Ver 103 - borgne sieht, und unsre geheimsten Gedanken, Regungen und Wünsche kennt? will besonders meine Lieblingsneigungen und Lieblingswünsche prüfen, ob sie auch rein und edel und gottgefällig sind? will mir meine Schwächen nicht verhehlen, und über die Mittel, sie zu bezwingen, und meinem sittlichen Charakter Adel und Würde zu verschaffen, nachdenken, und im Angesichte der Gottheit den Vorsatz fassen, sie treu und redlich anzuwenden, und auf der Stufenleiter moralischer und religiöser Veredlung immer höher zu steigen. Und der zu allem Guten seinen Segen und sein Gedeihen gibt, und kein redliches Wollen unbeachtet und unbelohnt läßt, wird mir Kraft verleihen, meinem Vorsate treu zu bleiben, immer besser, und dadurch seiner Huld und Liebe immer würdiger zu werden. Darum will ich ihn anflehen in täglichem Gebethe, und ich bin überzeugt, er wird mich erhören; denn des redlich Wollenden Gebeth vermag viel, wenn es ernstlich ist. Liebe zur Natur. Es ist eine bemerkenswerthe Erscheinung, daß die edelsten, trefflichsten Menschen immer große Freunde der Natur waren, und gern in ihrem Heiligthume weilten. Und wo könnte der denkende Geist und das edlere Gemüth auch mehr Nahrung, mehr Schwung, mehr Trost und Erquickung fin 104 den, als in deinem Schooße, stillwaltende, wundervolle Natur! Ben jedem Tritte, den wir in dem Heiligthume der Schöpfung thun, stoßen wir auf Ge genstände, die unsrer Betrachtung, auf Schönheiten und Wunder, die unsrer Theilnahme und unsers Nachdenkens würdig sind. Ueberall offenbaret sich des Großen und Herrlichen so viel; überall regen sich so wunderbare Kräfte, daß unsre Seele, wenn sie nicht achtlos darüber hinwegsieht, nach allen Seiten hin angezogen, und auf eine eben so angenehme, als würdige Art beschäftigt wird. Wo unser Auge auch weilen mag, überall entdeckt es in dem Sichtbaren ein Abbild des Unsichtbaren, überall Mahnungen an eine höhere, übersinnliche Ordnung der Dinge, überall Spuren einer allgewaltigen, allweisen und allliebenden Gottheit. Nach allen Seiten hin reges Leben und ununterbrochene Thätigkeit; über uns und unter uns ein ewiges Bewegen, Schaffen und Walten; in jedem Winkel der Erde Wachsthum, Nahrung und Segen; überall frische Kraft, 3weckmäßigkeit, Unmuth, Pracht, Heiterkeit, Freude, und eine heilige, unwandelbare Ordnung in dem unermeßlichen Gebäude der Welt! Der denkende Geist wird bey dem Anblicke davon ergriffen, gehoben und zu den erhabensten Betrachtungen gestimmt. Und wie nahe fühlt sich dabey das bessere Herz dem, der diese Welt so schön geschaffen hat! Wie mächtig wird es - - 105 durch die Wunder und den reichen Segen der Natur an den erinnert, der das Herz erfreut, und Leben, Kraft und Gesundheit gibt ewiglich, an den, der die Liebe selbst, und dessen Wonne Wohlthun ist! Wenn besonders in den milden Jahreszeiten die ganze geschmückte Erde da liegt ,, wie ein lächelndes Angesicht voll Trost und Verheißung, Unschuld und Fülle des Herzens:" o wie sanft fühlen wir uns hingezogen an das Vaterherz dessen, der keines seiner Kinder vergißt, sondern es immerfort segnet mit Freude und Lust! - - Ja, dem Allgütigen fühlen wir uns nah, wenn du uns aufgenommen hast in deinen Schooß, große, herrliche Natur! Deine Werke und Wunder verkündigen ihn laut, und offenbaren ihn als einen Gott der Liebe und Barmherzigkeit. Ein hohes, heiliges Gefühl ergreift dann unser Innerstes; uns ist wohl, unaussprechlich wohl; süß und innig ist die stille Freude, die unsre Brust erfüllt, und wir empfinden tief, was ein geistreicher Dichter durch folgende Worte zu bezeichnen sucht: ,, Wenn das liebe Thal um mich dampft, und die hohe Sonne an der Oberfläche der undurchdringlichen Finsterniß meines Waldes ruht, und nur einzelne Strahlen sich in das innere Heiligthum stehlen, und ich dann im hohen Grase am fallenden Bache liege, und näher an der Erde tausend mannigfaltige Gräschen mir merkwürdig werden; wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen, die - 106 - unzähligen, unergründlichen Gestalten all' der Würmchen, der Mückchen näher an meinem Herzen fühle, und fühle die Gegenwart des Allmächtigen, der uns alle nach seinem Bilde schuf, das Wehen des Allliebenden, der uns in ewiger Wonne schwebend trägt und erhält; wenn es dann um meine Augen dämmert, und die Welt um mich her und der Himmel ganz in meiner Seele ruht: dann sehn' ich mich oft und denke: ach, könntest du das wieder ausdrücken, was so voll, so warm in dir lebt, daß es würde der Spiegel deiner Seele, wie deine Seele ist der Spiegel des unendlichen Gottes!" Ergriffen, angezogen und gestärkt fühlt sich der gute Mensch im Schooße der Natur; die Freuden und Genüsse, die sie gewährt, gehören zu den reinsten, süßesten und edelsten auf Erden. Und wie wohlthätig wirkt sie auf unsre bessern Gefühle, auf unsre Gesinnung und unsre Tugend! wie mächtig weckt sie edlere Empfindungen in uns, wie sehr stimmt sie uns zur Theilnahme, zur Milde, zum Wohlwollen, zur Versöhnlichkeit und Liebe! wie sehr ist sie dazu geeignet, die Heftigkeit unsrer Triebe und Affecte zu mäßigen, den Sturm auf geregter Leidenschaften zu besänftigen, und in unsrer Brust Ruhe und Gleichmuth wieder herzustellen! Fühlen wir uns durch sie berührt und erwärmt, so schweigen unsre feindseligen Neigungen und Begierden, und nur edlere Regungen beleben unser Innerstes. Umgeben von ihren Schönheiten und Seg 107 nungen, und gleichsam umschwebt von der Gegenwart des Allliebenden, erneuern wir gern unsre guten Vorsätze und das Gelübde, dem Wahren und Rechten ewig treu zu bleiben, und immer redlich unsre Pflicht zu thun, auch wenn damit noch so viele Beschwerden, Entbehrungen, Kämpfe und Leiden verbunden seyn sollten. Durch sie gestärkt, kehren wir freudig zu unsern Geschäften zurück, und wirken mit Eifer und Treue fort auf dem Plaße, auf den uns die Hand der Vorsehung hingestellt hat. So wie die Natur auf unsre sittliche Veredlung ungemein heilsam wirkt, eben so leitet uns Bildung des Herzens unmittelbar zur Liebe der Natur hin, und dem edlen Menschen ist es Bedürfniß, von Zeit zu Zeit in ihrem Schooße zu weilen, und sich ihren wohlthätigen Eindrücken zu überlassen. Natur führt unsern Geist zur Tugend, ,, Und Tugend führt ihn zur Natur!** 99 Und welch' eine Quelle des Trostes, der Erquickung und Stärkung ist die Natur für den Bedrängten und Leidenden! Wenn der, den schwere Lasten drücken, Undank, Geringschätzung und Verleumdung verfolgen, schmerzliche Verluste danieder beugen, Unglücksfälle trostlos machen, trübe Aussichten in die Zukunft ängstigen, Gram und Kummer begleiten, oder andere innere und äußere Leiden treffen; wenn er sich losreißt aus dem Ge 108 wühle der Welt, die ihm so wenig Freude gewährt, und in Gottes freye Natur hin eilt, sie zur Freundinn seines Harms und seiner Leiden macht, und sein kummervolles Herz vor ihr und ihrem Schöpfer ausschüttet: o wie erleichtert und erquickt fühlt er sich dann immer; wie erweitert sich da seine Brust, wie erhöht sich seine Kraft und sein Muth, wie entschlossen fühlt er sich, dem Unglücke Trot zu biethen, und männlich zu tragen, was sich nicht ändern läßt! Sorge und Angst weichen allmählich aus seiner Seele, und Ruhe, Friede und stille Heiterkeit kehren bey ihr ein. Welt und Leben erscheinen ihm wieder in einer freundlicheren Gestalt; er ist zufriedner mit den Schickungen einer höheren Hand, und ergibt sich williger in die Fügungen der Gottheit. - - Darum will ich auch mit Liebe an dir hängen, große, herrliche Natur! Gern will ich in deinem hehren Tempel verweilen, und mich deiner Schönheit und Pracht erfreuen, so oft ich kann. Mehr als aller Prunk der Welt ergetze mich deine Herrlichkeit, und die reinen Genüsse, die du gewährst, seyen mir theurer und lieber als alle gekünstelten Freuden und Belustigungen der Erde. Bedarf ich der Erhohlung und Aufheiterung bey den Sorgen und Mühen dieses Lebens: ich will sie bey dir suchen. Fleißig will ich in deinem Heiligthume die Spuren des großen Schöpfers verfolgen, mich erfreuen an den Werken seiner Macht, Weisheit und 109 Liebe, mich dabey erinnern, daß er mich zu groBen 3wecken geschaffen hat, und den heiligen Vorsatz erneuern, ihm immer ähnlicher zu werden, und dadurch meiner Bestimmung zu entsprechen. Du bleibst dir immer gleich; dieß tröste mich bey der Veränderlichkeit, die ich im Leben um mich erblicke;. du hörst nie auf, zu erfreuen und zu segnen, was Odem hat und lebt; dieß beruhige mich in Tagen. des Mangels und der Noth; du hast immer Trost und Erquickung für den bereit, der dich sucht; dieß. lasse mich nie verzagen, wenn mich auch die ganze Welt verläßt; du rufft mir fortwährend zu: Gott läßt seine Sonne aufgehen über Gute und Böse, und regnen über Gerechte und Ungerechte! dieß rege in mir die Gefühle des Wohlwollens, der Theilnahme, der Versöhnlichkeit und Liebe auf, und ermuntre mich, auch meinen Widersachern und Feinden Gutes zu thun. In den Tagen des Kummers. und Schmerzens sey du meine vertrauteste Freundinn, im Unglück meine Zuflucht, in Augenblicken, wo ich verzweifeln will, meine Erretterinn und meines Herzens Schuß und Schirm. - -- Nagt ein stiller Gram am wunden Herzen, Flieht der Freude heitres Bild von mir; Such', ich im Gefühle innrer Schmerzen Trost, o stille Wehmuth, nur bey dir; Engt der Blick in dieses bunte Leben, Engt der Unbestand der Welt die Brust, Und verbittert oft der Menschen Streben Mir des kurzen Lebens reinre Lust: 201 110 O dann rett' ich mich in deine Arme, Lindrung hoffend, gütige Natur! Weile, daß das Herz vor Freud' erwarme, Dich bewundernd, auf der heitern Flur; Und es weicht der Gram aus meiner Seele, Und die stille Freude kehrt zurück. Natur! Natur! zur Freundin wähle Dich der Mensch im Elend, wie im Glück. - - Die Sonne. taub, der, zu Gott emporgedrungen, ,, Am Fußtritt seines Thrones glimmt!" So bezeichnet ein geistvoller Sänger das herrliche Gestirn, dem unser Erdball Licht und Wärme, Wachsthum, Anmuth und Heiterkeit verdankt. Es ist, als hätte die allgewaltige Macht, die das unermeßliche Weltall erschaffen hat, das menschliche Geschlecht immerfort dadurch kräftig an sich und ihre Majestät erinnern wollen, daß sie jenes glanzvolle Feuermeer erschuf, das wir Sonne nennen, und ihm den Platz anwies, den es in der grenzenlosen Schöpfung einnimmt. Ein 3euge von dem Daseyn eines Gottes und seiner Macht und Liebe, schwebt es nun seit Jahrtausenden in dem ungemeßnen Himmelsraume, und gießt eine reiche Fülle von Freude und Kraft und Leben auf unsern Planeten herab. Mehr als zwanzig Millionen Meilen von uns entfernt, strömt doch diese Königinn des Tages in wenigen Minuten ihr belebendes Licht der 111 Erde zu, und ist auf dieser die eigentliche Schöpferinn, Ernährerinn und Pflegerinn alles dessen, was hervor keimt, geboren wird, athmet, blüht und reift. Sie ist gleichsam das herrliche Werkzeug, durch welches die Gottheit auf unsern Erdball und auf alles einwirkt, was auf demselben lebt. - Täglich erscheint sie uns von neuem, die herrliche Sonne, täglich strömt sie Wonne und Segen. auf uns herab; aber wie wenige merken auf ihren wohlthätigen Einfluß, wie wenige erkennen mit Dank ihre großen Wohlthaten, wie wenige fühlen sich durch sie zu jenen Gedanken, Empfindungen. und Gesinnungen gestimmt, die sie in der Brust des edlen, frommen Beobachters und Naturfreundes zu wecken pflegt! In ihrem Seyn und Wirken. liegt so viel Erfreuliches und Ermunterndes, und wem die Gabe verliehen ist, Sinnbildliches zu erkennen und zu fassen, und in dem Sichtbaren nur einen Abdruck und Abglanz eines Höheren, Unsichtbaren und Ewigen zu entdecken, der wird nachder Sonne nicht hinblicken, ohne sich an ihr inniglich zu ergehen, und in ihr Ermunterungen und Mahnungen edlerer Art zu finden. Nicht acht- und fühllos will ich daher in Rücksicht der wohlthätigen. Wirkungen dieses herrlichen Gestirnes seyn, und nicht unaufmerksam auf die Erinnerungen, die mit einer stillen und ernsten Betrachtung desselben verz bunden sind. Erblick ich dich in deinem hohen, reinen 112 Glanze, majestätisches Gestirn des Tags! o so trete vor meine Seele die Herrlichkeit dessen, der dich geschaffen hat, und an dessen Throne du seit Myriaden Jahren glimmst, und mein Herz fühle sich von Ehrfurcht gegen ihn ergriffen, und gestimmt, hinzufallen und anzubethen vor ihm. Aber auch an den Glanz hoher, reiner Tugend erinnere mich dein heller Schimmer. Ja, als eine Sonne stehet er da, der wahrhaft Edle und Tugendhafte, Licht und Wärme und kräftiges Leben um sich verbreitend, Gott und allen Gerechten ein Wohlgefallen! - 1 Herrliche Sonne! du erscheinst, und es weicht die Finsterniß, und ein erhellendes Licht strömt auf unsre Erde herab, und dieses Licht erheitert Millionen, kräftigt Millionen, belebt Millionen, fördert alles Arbeiten und Wirken, fördert Wachsthum und Gedeihen durch die ganze Natur. Ohne dieses Lichtes Einfluß bliebe alles düster und traurig, versänke alles in Unmuth und Kraftlosigkeit, erstürbe und verginge alles im Reiche der Gewächse und der lebendigen Welt. Ohne Licht keine Freude, kein Leben selbst. Nach dem Lichtstrahl sehnt und neigt sich der Baum, die Blume, das zarteste Gras; der neugeborne Säugling wendet sich nach dem Lichte, und die angenehme Empfindung, die dasselbe in seinem Innern weckt, ist wohl auch seine erste Freude auf der Welt; nach Licht schmachtet im finstern Kerker der Gefangene, und jedes Geschöpf, 113 das der Strahlen desselben entbehrt. Welch' ein Wink der Gottheit und der Natur in Hinsicht auf unsern Geist! Ja, auch auf seinem Gebiethe foll Licht seyn, soll die Sonne der Wahrheit scheinen! Wird es beschattet von Dunkelheit und Finsterniß, dann gedeihet auf demselben nichts Großes, dann versinkt die Seele in einen Zustand der Schlaffheit und Trägheit, dann erstirbt allmählich Alles, was an dem Menschen Besseres und Edleres zu finden ist, und es ist bey ihm an keine wahre Freude, an keinen höheren Aufschwung, an kein wahres Leben zu denken. Alle seine Gedanken schweifen dann erdwärts, und verdüstert, wenn nicht geschändet, ist an ihm der Gottheit Ebenbild. Darum ringe, o du mein Geist! nach dem Lichte der Wahrheit; entfeßle dich von Unwissenheit und Vorurtheil, und fürchte, eben so wenig wie das erheiternde Licht der Sonne, die Strahlen jener wahren Aufklärung, die von jeher die beglückt hat, die ihr huldigten! - Aber mit dem wohlthätigen Lichte, herrliche Sonne, verbindest du auch eine erquickende Wärme, und durch sie besonders verbreitest du Wachsthum, heitres Leben und reichen Segen durch die ganze Natur. Möchte ich dir gleichen auch in dieser Hinsicht! Nein, es ist noch nicht genug, daß sich mein Geist losgesagt hat von Vorurtheil und Aberglauben, und daß ihm Licht aufgegangen ist über die wichtigsten Angelegenheiten des Lebens; mit diesem Lichte muß sich auch eine wohlthuende 10 114 Wärme auf das innigste verbinden, Wärme des Gefühls und Herzens. Der Geist der Liebe muß in meinem Innersten wohnen, und alle meine Unternehmungen und Handlungen leiten. Ich muß aufrichtig Theil nehmen an den Schicksalen meiner Mitmenschen, ihnen ihre Drangsale und Leiden durch Mitgefühl, Trost und Beystand zu erleichtern suchen, und sie in schwülen Tagen erquicken, so viel ich kann. Menschenwohl muß mir am Herzen liegen, und eine wohlthätige Wirksamkeit mein Leben bezeichnen. Einsicht und Gesinnung, Verstand und Gemüth, Kenntniß und Charakter müssen bey mir immer in der vollkommensten Uebereinstimmung mit einander seyn: denn nur da, wo, wie bey der Sonne, Licht und Wärme vereinigt und gleichsam Eins sind, kann Großes gewirkt, und reicher Segen verbreitet werden. - 223344 - Düstre Gewölke entziehen dich bisweilen meinem Blicke, glanzvolles Gestirn des Tags! Aber sie umhüllen dich nicht lange; bald genug zertheilest du durch deine wirksame Kraft Nebel und Gewölk', und trittst dann gleichsam in verjüngter Gestalt und in erhöhter Majestät, neue Freude und neues Leben spendend, wieder hervor. Welche Erinnerung für mich an ähnliche Erscheinungen in der moralischen Welt! Auch hier tritt die Sonne der Wahrheit und der Tugend bisweilen hinter die düstern Gewölke der Geistesfinsterniß und Sittenlosigkeit; aber nicht ewig bleibt sie verdunkelt und dem Auge 115 des besseren Theiles der Menschheit entzogen. Wahrheit und Gerechtigkeit äußern bald genug die hohe Kraft, die Gott in sie gelegt hat; was sie zu verhüllen und zu beschränken wagt, fühlt bald ihre unbezwingliche Macht, und wird von ihnen besiegt, und die Sonne der Aufklärung und der Tugend tritt dann nur um so heller, heitrer und glänzender wieder hervor, das Gemüth der Weisen und Edlen herzinniglich erfreuend. Und welches trostreiche Sinnbild bist du, o erfreuliche Begleiterinn des Tags, in dieser Hinsicht auch für den redlichen Dulder! Wenn dunkle Nacht seinen Pfad beschattet, und der Himmel seines Glücks sich für immer verdüstert zu haben scheint: o dann blicke er zu dir empor, und erinnere sich, daß düstre Gewölke dich nicht ewig zu umhüllen vermögen, sondern daß du oft plößlich aus denselben in deinem reinen Glanze hervortrittst, und daß auch seine Leiden nicht immer währen, sondern sein Glückshimmel sich früher oder später wieder aufklären, und daß es auf seinem Pfade lichter und freundlicher werden wird! Er tröste sich dann, und harre mit Zuversicht des Tages, der seinem Leben eine beßre Wendung gibt. Hast du den Tag hindurch, milde Segenverbreiterinn, die Erde erleuchtet, erwärmt und erquickt: dann sinkst du sanft am Abende hin, um eine andere Welt zu erfreuen, und noch bey deinem Abschiede verbreitest du eine sanfte Anmuth um dich. 10* - 116 O möchte ich einst, wenn mein irdisches Tagewerk vollbracht ist, so sanft und milde dahin sinken, wie du! Möchte der Rückblick auf ein wohl angewandtes, segenreiches Leben mir mein Scheiden erleichtern, und, wenn ich bereits geschieden bin, der milde Glanz eines guten Andenkens mein stilles Grab umstrahlen! - - 453349 - Sie scheidet nicht für immer dahin, die erquickende Sonne; bald gehet sie von neuem auf, und setzt so den von der Gottheit ihr vorgezeichneten Lauf seit Jahrtausenden fort. Sink' auch ich einst am Abende meines Lebens dahin, dann trete . vor meine Seele der erhebende Gedanke: daß mein Lauf deßhalb noch nicht am Ende sey, daß ich nur dahin gehe, um in einer andern Welt zu wirken, und daß auch meiner ein froher Morgen harrt. Und so sey, holde, herrliche Sonne, mir Sinnbild großer, erfreulicher Wahrheiten, sey für Geist und Herz eine lebendige Erinnerung an Gott, eine kräftige Ermunterung zum Wahren und Guten, eine Quelle des Trostes, der Erquickung und Stärkung in den Tagen der Leiden und in dem Augenblicke, wo ich von dannen scheide! Der gestirnte Himmel. Gibt es irgend ein Schauſpiel in der Natur, das den denkenden Geist zu den erhabensten Be 117 trachtungen zu veranlassen, und das Herz mit Ehrfurcht und einem heiligen Schauer zu erfüllen vermag, so ist es der gestirnte Himmel. Bey seinem Anblicke fühlt sich jede gebildete Seele mächtig angezogen, innig erfreut, und in dem Glauben an eine höhere Macht, so wie im frommen Vertrauen zu derselben ungemein gestärkt. Oft sollte daher der Sterbliche nach dem gestirnten Himmel hin blicken, und mit den Wundern desselben sich immer vertrauter zu machen suchen. - Große, ungeheure Welten sind die freundlichen Funken und Lichter, die über uns am fernen Firmamente mild und anmuthig schimmern, und die Finsterniß der Nacht durch ihren sanften Schein mildern und aufhellen. Ihre Größe wird unserm Auge verhüllt durch die außerordentliche Entfernung, in der sie in dem unermeßlichen Weltraume herumrollen, und, so wie die Sonne, nach allen Seiten hin Licht und Wärme und Segen verbreiten. Wer könnte sie alle zählen! Ungeheuer groß ist die Menge derer, die das menschliche Auge und das Sehrohr zu erreichen vermag. Der blaßweiße Streif am Himmel, unter dem Nahmen der Milchstraße bekannt, ist nichts anderes als ein ungeheures, kaum zählbares Heer von Sonnen, und wie ungemein groß mag die Anzahl derjenigen Gestirne seyn, die kein Auge und kein Sehrohr zu erreichen im Stande ist! Streng genommen, müs sen wir sagen, daß kein endliches Wesen die Gren 116 O möchte ich einst, wenn mein irdisches Tagewerk vollbracht ist, so sanft und milde dahin sinken, wie du! Möchte der Rückblick auf ein wohl angewandtes, segenreiches Leben mir mein Scheiden erleichtern, und, wenn ich bereits geschieden bin, der milde Glanz eines guten Andenkens mein stilles Grab umstrahlen!— Sie scheidet nicht für immer dahin, die erquickende Sonne; bald gehet sie von neuem auf, und setzt so den von der Gottheit ihr vorgezeichneten Lauf seit Jahrtausenden fort. Sink' auch ich einst am Abende meines Lebens dahin, dann trete vor meine Seele der erhebende Gedanke: daß mein Lauf deßhalb noch nicht am Ende sey, daß ich nur dahin gehe, um in einer andern Welt zu wirken, und daß auch meiner ein froher Morgen harrt. Und so sey, holde, herrliche Sonne, mir Sinnbild großer, erfreulicher Wahrheiten, sey für Geist und Herz eine lebendige Erinnerung an Gott, eine kräftige Ermunterung zum Wahren und Guten, eine Quelle des Trostes, der Erquickung und Stärkung in den Tagen der Leiden und in dem Augenblicke, wo ich von dannen scheide! - - Der gestirnte Himmel. Gibt es irgend ein Schauſpiel in der Natur, das den denkenden Geist zu den erhabensten Be 117 trachtungen zu veranlassen, und das Herz mit Ehrfurcht und einem heiligen Schauer zu erfüllen vermag, so ist es der gestirnte Himmel. Bey seinem Anblicke fühlt sich jede gebildete Seele mächtig angezogen, innig erfreut, und in dem Glauben an eine höhere Macht, so wie im frommen Vertrauen zu derselben ungemein gestärkt. Oft sollte daher der Sterbliche nach dem gestirnten Himmel hin blicken, und mit den Wundern desselben sich immer vertrauter zu machen suchen. - Große, ungeheure Welten sind die freundlichen Funken und Lichter, die über uns am fernen Firmamente mild und anmuthig schimmern, und die Finsterniß der Nacht durch ihren sanften Schein mildern und aufhellen. Ihre Größe wird unserm Auge verhüllt durch die außerordentliche Entfernung, in der sie in dem unermeßlichen Weltraume herumrollen, und, so wie die Sonne, nach allen Seiten hin Licht und Wärme und Segen verbreiten. Wer könnte sie alle zählen! Ungeheuer groß ist die Menge derer, die das menschliche Auge und das Sehrohr zu erreichen vermag. Der blaßweiße Streif am Himmel, unter dem Nahmen der Milchstraße bekannt, ist nichts anderes als ein ungeheures, kaum zählbares Heer von Sonnen, und wie ungemein groß mag die Anzahl derjenigen Gestirne seyn, die kein Auge und kein Sehrohr zu erreichen im Stande ist! Streng genommen, müs sen wir sagen, daß kein endliches Wesen die Gren 118 zen der Schöpfung zu bestimmen vermag, und daß sie jedem, der sie immer näher kennen zu lernen, bemüht ist, als ein Unendliches erscheint. - -- Und welches Leben, welche Kräfte mögen sich auf den ungeheuren Weltkörpern regen, die wir Gestirne nennen! welche Schönheiten und Wunder mögen sie enthalten! und die unzähligen Millionen von Geschöpfen, von denen sie ohne Zweifel bewohnt werden, wie ganz verschieden mögen sie von den Creaturen der Erde seyn! Ob vernünftige, vielleicht weit vollkommenere, höhere und edlere Wesen als der Mensch auf ihnen herumwandeln? ob manche von ihnen vielleicht der Sammelplaß abgeschiedener Seelen sind, und uns einmahl auch auf nehmen werden, wenn wir diese Welt mit einer andern vertauschen? hierüber gibt uns die Vernunft keine Auffschlüsse, und die heiligen Urkunden schweigen auch davon. Aber daß es ihnen nicht an mannigfaltigen Geschöpfen fehle, dürfen wir mit 3uversicht annehmen; denn nicht recht gedenkbar ist das Gegentheil. Eines wissen wir gewiß, und dieses Eine erfüllt uns mit hoher, stiller Bewunderung und Ehrfurcht, daß nehmlich all' diese unzähligen, ungeheuren Weltkörper sich seit Jahrtausenden nach ewigen, festen Gesetzen, in einer unverrückten Ordnung in dem unermeßlichen Himmelsraume herum bewegen; daß sie in gehöriger Entfernung von einander bestimmte Bahnen durchlaufen; daß merkliche 119 Abweichungen von ihrer Bahn nicht nur Verwir rung durch die ganze Schöpfung, sondern höchst wahrscheinlich den Untergang des Weltgebäudes, so wie es gegenwärtig ist, hervorbringen würden, daß aber Abweichungen dieser Art nicht zu besorgen seyen, sondern daß wir überzeugt seyn dürfen, das zahllose Heer von Gestirnen werde, wie vom Anbeginne der Welt, so auch fernerhin in unverbrüchlicher Ordnung seine Bewegungen fortsetzen, und nie aus dem bisherigen, sichern Geleise treten. Ueberlassen wir uns solchen Betrachtungen über den gestirnten Himmel ganz: so ergreift uns unwillkürlich ein heiliger Schauer. Wir fühlen uns mitten in eine ungeheure Welt versetzt, die keine Grenzen zu haben scheint, und in der Myriaden von Sonnen, Planeten und andern Gestirnen auf einander wirken, sich einander tragen, bewegen und halten, sich durchkreuzen, anziehen und abstoßen, und ein schönes geschlossenes Ganze bilden, in welchem ein Theil des andern nicht entbehren kann. Unwillkührlich ergreift uns der Gedanke an den, der dieses unermeßliche Weltall aus dem Nichts hervorgerufen hat und durch einfache Kräfte und Gesetze dasselbe erhält, bewegt und lenkt; tiefe Ehrfurcht und Bewunderung regt sich in unsrer Brust, und wir fühlen uns hingerissen, die Wunder seiner Schöpfung zu preisen, hinzufallen in den Staub, und anzubethen seine Macht und Weisheit und Liebe. Der religiöse Zweifler blicke in sternhellen Nächten - - 120 - hin nach dem sternbesäten Himmel; er forsche nach den Wundern, die sich an demselben entfalten, und den Gesetzen, nach denen sich alles in dem großen Weltgebäude bewegt und wirkt, und sein Unglaube wird verschwinden und der Ueberzeugung Platz machen, daß eine unsichtbare allmächtige Hand dieß alles trägt, hält und regieret, und schon das Daseyn einer solchen Welt auch das Daseyn eines Gottes verkündigt. Oft will ich mein Auge zu euch emporrichten, ihr herrlichen Gestirne der Nacht! und was ihr seyd, und in welcher festen, unverrückten Ordnung ihr euern segenverbreitenden Lauf fortseßet, im Stillen erwägen. Fühlen werd' ich mich dann in der Nähe des Allliebenden, der euch erschuf, und euch hinstreute in den grenzenlosen Raum, in welchem ihr seit jenem Augenblicke gleichsam in brüderlicher Eintracht herum kreiset, und Licht und Leben und Freude ausgießet über die Welt. ,, Er ist mächtig und weise und die Güte selbst; er hält, was er schuf, in ewig fester Ordnung, und lenkt es zweckmäßig und sicher; mit voller Zuversicht kann ihm daher jedes Geschöpf vertrauen, das seine Vollkommenheit zu ahnen vermag!" so ruft ihr mir laut und eindringlich zu, ihr herrlichen Gestirne des Himmels, und in meine Seele senkt sich stiller Friede, frommes Vertrauen, und eine geheime, beseligende Hoffnung. Denn wer mag es meinem Herzen wehren, sich bey eurem Anblicke dem Gedanken zu überlassen, daß all' die 121 theuern, geliebten Seelen, die ihm bisher durch den Tod entrissen worden sind, vielleicht in euren Sphären wandeln, und als selige Geister mit Liebe auf die herab blicken, die noch hier im Staube wallen, und deren Thränen um sie fließen, so wie dem Gedanken, daß auch wir einst, wenn Gottes Hand uns in ein anderes Land verpflanzt, auf euch eine neue Wohnstätte und einen neuen Wirkungskreis, so wie die Lieben finden, die uns vorangegangen sind. Wenn ich andachtsvoll nach deinen zahllosen Wundern hinblicke, sternbesätes Firmament, dann möge Mund und Herz, der Rührung und des Dankes voll, mit einstimmen in des frommen Dichters Lob und Preis: - Hier steh' ich unter deinem Himmel, Und tausend Welten über mir. Entfernt vom rauschenden Getümmel, Weih' ich, Gott, diese Stille dir! Vor dir werf ich mich bethend nieder, Auf dessen allmachtsvollen Ruf Der Himmel ward, der meine Brüder Und mich, wie diesen Himmel schuf. Dich singt mein Lied, der jene Sterne Hinwarf aus seiner Hand wie Saat, Der in der ungemeßnen Ferne Für alle zeichnete den Pfad. Sie wandeln ihn in sichern Kreisen So friedlich hin, wie Freund an Freund Ein großer Chor, der, dich zu preifen, In seinem Fluge sich vereint. 11 122 Wer nennet sie, die Wesen alle, Aus deren Mund dein Loblied steigt, Das mit der Welten Jubelhalle - - Bis zu dem Psalm des Seraphs reicht, Der in des Himmels höherm Tone Von Sonne bis zur Sonn' erklingt, OON Und der geflügelt an dem Throne Hinauf auf goldnen Harfen dringt! Auch mich schufst du in niedrer Sphäre Aus Staube, doch mit einem Geist, Der, Engeln gleich, sich in die Heere Des Himmels mischet, und dich preist. Lobsing' ihm, Geist, der dich zum Leben, Zum höhern Flug aus Lieb' erfohr! Vom Staube los wirst du einst schweben Zu einer bessern Welt empor. Der Mond*). Zunächst für Jungfrauen. Die ie unerschöpfliche Liebe des Wesens aller Wesen hat nicht nur dafür gesorgt, daß am Tage das Feuermeer der Sonne unsre Erde erleuchte, erwärme und erfreue; auch der Nacht gesellte sie ei nen freundlichen Begleiter bey, der von Zeit zu *) Diese und die darauf folgende Frühlings- Betrach tung findet man auch in dem, von dem Verfasser des vorliegenden Undachtsbuches in Frankfurt bey Willmanns unter dem Titel: Aureliens Stunden der Un= dacht" herausgegebenen Erbauungsbuche für Töchter aus den gebildeten Ständen, und beyde Betrachtungen mö gen denen, welche dieses Erbauungsbuch nicht kennen, den Geist und Ton andeuten, in welchem dasselbe verfaßt ist. 123 Zeit das Dunkel derselben aufhelle, und durch ein mildes Licht das Herz der Menschen auch dann erheitre, wann tiefer Schlummer und tiefe Ruhe die Natur bedeckt; sie schuf die Königinn der Nacht, den schönen, lieblichen Mond. - Wie angenehm berührt fühlt sich mein Gemüth, wenn ich diesen treuen Gefährten unsrer Erde in seinem milden, wechselnden Lichte an einem heitern Abende, oder in so mancher stillen nächtlichen Stunde erblicke! Und was ist es wohl, wodurch er so erfreulich auf mein Inneres wirkt? Unstreitig ist es sein sanfter, milder Schein, was mein Gemüth so freundlich anspricht, und meine Brust mit süßen, frommen und heiligen Empfindungen erfüllt. Wo Sanftmuth sich und Milde offenbaren, da wird das Herz unwiderstehlich angezogen; sie wirken mächtig auf das unverdorbene Gefühl, und gießen Liebreit über das Wesen aller derer aus, deren schönes Eigenthum sie sind. O welche Lehre und welche Mahnung liegt für mich darin! Durch ein sanftes, mildes Wesen soll sich besonders das weibliche Geschlecht auszeichnen, es soll alles Rauhe und Harte in den Sitten, in seinem Umgange und in seinem ganzen Benehmen auf das sorgfältigste vermeiden; es soll liebenswürdig seyn durch Sanftmuth, Freundlichkeit, und eine milde, liebevolle Sinnesart. Und hienach will ich allzeit emsig streben. O möge niemand diese Tugenden an mir vermissen! möge nie der Leidenschaften Wuth und die 11* 124 Gewalt ungeordneter sinnlicher Triebe mein Innerstes in Aufruhr bringen, und die äußre Anmuth meines Wesens stören! möge jedesmahl, wenn ich mit süßer, stiller Wehmuth nach dem Monde blicke, und mich an seinem milden Glanz ergehe, in mir der Vorsatz neu und recht lebendig werden, mich allezeit durch Sanftmuth und durch Milde auszuzeichnen, und hiedurch Andre zu erfreuen! Still und bescheiden wandelt seine Bahn der Mond; gießt aber dabey der Freuden und Tröstungen unzählige in das Gemüth derjenigen, die harmlosen Sinnes, oder bekümmert und tiefgebeugt durch Sorge, traurige Erfahrungen und Unglücksfälle nach ihm blicken, und sich durch seinen Anblick und die fromme Erinnerung an den, der ihn geschaffen hat, gerührt, gehoben, aufgeheitert und gestärkt fühlen! O welch' ein schönes, sinnvolles Bild einer wohlthätigen, dabey aber stillen und bescheidenen Wirksamkeit! Sie sey auch die meinige! Es mache meinem Herzen allzeit Freude, das Glück Andrer zu erhöhen, ihren Kummer zu mildern, ihre Klagen zu stillen, ihre Noth zu mindern und ihre Thränen zu trocknen. Aber still und geräuschlos sey mein Wirken; denn im Verborgenen Gutes zu thun, mit Bescheidenheit einher zu wandeln, und ohne Aufsehn und Ruhmsucht für der Menschheit Glück zu walten, ist edler Geister Art, und ziemt besonders dem weiblichen Geschlechte. Voll stiller Ruhe und ungetrübter Heiterkeit - - 125 blickt der Mond herab auf unsre Erde, und thut auch hiedurch dem Herzen von Gefühl unendlich wohl. Er ist in dieser Hinsicht ein schönes Bild von jener Gemüthsstimmung, die, wo wir sie auch immer wahrnehmen, auf uns einen so mächtigen und angenehmen Eindruck macht. O möchte sie auch mein Eigenthum seyn! möchte es mir gelingen, still- heitern Sinnes durch dieß Leben zu wandeln, und mit gleichem Sinn von dannen zu scheiden, wann Gott mich früher oder später ruft. Aber eine stille Heiz terkeit wohnt nur in einem Herzen, das sich stets rein erhalten hat von niedern, tadelhaften Regungen und Gefühlen, rein von jeder feindseligen, unedeln Gesinnung, rein von aller Schuld, und das ununterbrochen nach dem Guten redlich strebt und ringt, und seinem Gott mit Zuversicht und Festigkeit verz traut. Nur ein Leben voll Unschuld, Frömmigkeit und Tugend schafft wahren, innern Frieden und wahre, ungetrübte Seelenheiterkeit. O darum sey mein ganzes Daseyn und alle meine Kraft dem Guten, Rechten, Edeln und Heiligen geweiht! mein Inneres immer mehr zu läutern, zu reinigen, zu adeln, sey allezeit mein fröhlichstes Geschäft! Nie störe das Bewußtseyn verlegter Pflicht die Ruhe meiner Seele. Der Unschuld heiliges Kleinod werde von mir mit ernster Sorgfalt stets bewacht und treu bewahrt, und fleckenlos und rein sey allezeit mein Herz, so wie mein Leben! Und sendet Gott aus weisen Absichten mir Tage, die mir nicht gefallen wol- - 126 len, in denen mich vielleicht der Erde Leiden tief danieder zu drücken suchen: so zage dennoch meine Seele nicht, sondern vertraue dem, der mich durch Prüfungen veredeln, und zu einem höhern, bessern Seyn erziehen will, und hoffe von ihm, und seiner Liebe stets das Beste. O dann, dann wird es mir gelingen, voll innern Friedens und voll stiller Heiterkeit die Bahn zu wandeln, die des Unsichtbaren, Ewigen Hand mir hier auf Erden angewiesen hat! Oft wechselt der Mond mit seinem Licht; sein voller Glanz währet nicht immer, sondern verringert sich von Zeit zu Zeit, und verschwindet am Ende ganz; doch nur auf kurze Zeit; bald genug rfreut sein milder Schein die Welt von neuem. Ach, ist dieß nicht ein treues Bild des menschlichen Lebens? Auch in diesem währt des Glückes Schimmer und Glanz gewöhnlich nicht ewig; es wechseln in demselben Helle und Dunkel, Tag und Nacht, Freude und Leid, Wohlseyn und Unglück nur zu häufig mit einander ab! Wohl werde auch ich diesen Wechsel des Schicksals erfahren; denn welchem Sterblichen bliebe er ganz fremd! Aber dieß soll mich nicht muthlos machen. So wie bey dem Monde auf das Dunkel wieder Helle folgt: so werden auch in meinem Leben dem Schmerz Freude, der ängstlichen Sorge Hoffnung und Beruhigung, der Gefahr Rettung, den bösen Tagen gute Tage folgen. In den trüben Stunden meines Daseyns sey ein stiller Hinblick nach dir, du trauter, schmerzbesänfti- - 127 gender Mond, beruhigend, aufheiternd und stärkend für mich! - Und blicke ich nach dir hin, du schönes, freundliches Gestirn der Nacht, wie könnte ich dieß thun, ohne mit Ehrfurcht, Liebe und Dank an den zu denken, dessen Liebe auch dich in's Daseyn rief! Ach, auch du vergegenwärtigest mir ihn und seine unerschöpfliche Huld und Güte; auch du erinnerst mich daran, daß eine höhere, allmächtige Hand alles leite, und daß diese Hand nur wohlthue und segne, selbst dann, wenn sie uns Tage sendet, die hart und drückend für uns sind; auch du rufft mir mit lauter Stimme in mein Herz: Wandle stets auf rechter Bahn, und traue fest und freudig dem, der dich und mich geschaffen hat! So sey mir denn jeder heitre Abend willkommen, an welchem der liebe Mond freundlichen Angesichts auf unsre Erde niederblickt, und jedes gefühlvolle Herz sanft bewegt, rührt, erheitert und zu Gott, dem ewig weise und liebevoll Waltenden, emporhebt. Im stillen, heitern Glanze Tritt er so mild einher, Wer ist im Sternenkranze So schön geschmückt, als er? Er lächelt still bescheiden, Verhüllt sein Angesicht, Und gibt doch so viel Freuden Mit seinem trauten Licht. 128 Er lohnt des Tags Beschwerde, Schließt sanft die Augen zu, Und winkt der müden Erde Zur stillen Abendruh; - - Schenkt mit der Abendkühle Den Seelen reine Lust, Die seligsten Gefühle Gießt er in unsre Brust; Lockt uns zu heil'gen Räumen Im schauerlichen Hain; Wiegt uns zu hohen Träumen Vom Glück des Himmels ein. Wenn dann ein leises Wehen Im schönen Blüthenbaum Den wir umschimmert sehen, Vollendet unsern Traum; Dann schimmert's in den Blicken, Dann klopft's in unsrer Brust, Was fehlt dann zum Entzücken Des Himmels unsrer Lust? Du, der ihn uns gegeben, Mit seinem trauten Licht, Haft Freud' am frohen Leben, Sonst gäbst du uns ihn nicht. Hab' Dank für unsre Freuden, Hab' Dank für deinen Mond, Der Tageslaft und Leiden So reich, so freundlich lohnt! Jun 129 - Frühlings- Betrachtung. Zunächst für Jünglinge und Jungfrauen*). wie hat sich um mich Alles in der Natur verjüngt! Wohin mein Auge blickt, überall regt sich neues Leben, neue Kraft und neue Freude! Heitrer strahlt der blaue Himmel über mir, milde Lüfte wehen, und der goldnen Sonne erwärmendes Licht thut wohl allem, was auf Erden lebt! Ein frisches Grün bedeckt Wiesen und Auen; einen herrlichen Anblick biethen die Bäume in ihrer Blüthenpracht dar; muntre Vögel stimmen ihre Lobgesänge an, und alle Wesen in der Natur sind neu belebt und hoch erfreut! Alles um mich her hat eine neue, freundlichere Gestalt angenommen; alles fühlt sich wie neu geboren; alles ist geschäftig, dem Schooß der Erde Samen anzuvertrauen, damit sie allmählig emporsprießen, wachsen, Früchte bringen und denen zur Nahrung und zum Labsale dienen, die der große Schöpfer der Welt zu Herren der Erde gemacht hat! Sey uns willkommen, herzlich willkommen, schönste und lieblichste aller Jahreszeiten! Sey uns mit Jubel gegrüßt, du holder, alles erfreuender Lenz! O welche Unmuth, welche Pracht, welch' *) S. Aureliens Stunden der Undacht. Von J. Glaß.( Frankfurt a. M. bey Friedrich Wilmanns.) 130 - ein zahlloses Heer von Annehmlichkeiten und süßen Genüssen sind in deinem Gefolge! Auch mein Herz ist bewegt und hocherfreut über dein Erscheinen! O wie gütig und liebevoll ist der, der dich gesendet hat! Du vergegenwärtigst mir ihn lebhaft mit all' seiner Huld und Gnade, und führst mich unmittelbar zu ihm, dem Unsichtbaren, und doch überall Wirksamen und Allgegenwärtigen! Ach, daß er doch nie aus meiner Seele käme, und daß diese doch stets bey ihm, dem Urquell alles Lebens, aller Schönheit, alles Guten und aller Freuden wäre! Wie herrlich geschmückt ist der große Tempel der Natur! Und ich sollte nicht oft hineilen, und mich an seinen Schönheiten und an seiner Pracht ergetzen und erquicken? Der Born der Freude, der in seiner Mitte quillt, fließt und strömt für jedermann. Und ich sollte nicht gierig aus demselben schöpfen, trinken, und mich dadurch laben und stärken? ich will, so oft es nur geschehen kann, in dem Heiligthume der verjüngten Natur unter ihren Reißen weilen, und durch den Anblick ihrer Herrlichkeit mein Herz erfreuen, meine besseren Gefühle aufregen und neu beleben, meinen Geist erheben und mein ganzes Wesen zum Lob und Preis des großen Schöpfers stimmen! Denn wo ich wandle, überall tritt mir der entgegen, in dem wir leben, weben und sind. Des Frühlings Schönheit und alles, was er bringt, ver 131 kündigt laut die Gegenwart des Unnennbaren und seine Allmacht, Weisheit, Huld und Liebe. Ach, wenn der milde Schein der Sonne mich erfreut, wenn mein Auge wonnetrunken auf dem frischen Grün der Wälder und der Auen und der Blüthenpracht der Gärten ruht, wenn das rege Leben, das in der großen Schöpfung nach allen Seiten hin von neuem erwacht ist, meine Seele mächtig ergreift und mein Gemüth durch Alles, was mein Auge nun erblickt, froh gerührt und bewegt wird: da fühle ich mich mächtig an den erinnert und zu dem hingezogen, der unsichtbar der Welten Schicksal lenkt: da ruft in tausendfachen Jubeltönen die ganze Natur mir zu: Von Gott kommt Alles, was du siehst, und dieser Gott ist huldvoll und die Liebe selbst! Da möcht' ich, überwältiget von Ehrfurcht, Lieb' und Dankbarkeit, auf meine Kniee niederfallen, und preisend den Herrn der Welt anbethen und in heiligen Lobgesängen den großen Nahmen des Allgütigen verherrlichen! Betrete ich den Tempel der Natur, so forsche denn auch immer mein Geist nach den Spuren der Gottheit und ihrer Macht und Liebe, und fühle sich gestimmt, dem Höchsten frommen Dank zu opfern. Ja, danken, froh und herzlich danken will ich dir, o Gott, für alles Schöne, Herrliche und Gute, das uns der Frühling bringt, so oft mein Blick mit stiller, hoher Freude auf den Geschenken und Segnungen des Lenzes ruht! - 132 Und so sen der Frühling mir auch ein Sinnbild meiner Jugend! Ein junges Leben und frische Kräfte regen sich auch in mir. O daß ich sie allezeit weise benußte, und was mir Gott an Anlagen und Fähigkeiten verliehen hat, mit gewissenhafter Sorgfalt ausbildete! Der Frühling ist die Zeit der Aussaat. Wird diese versäumt, so erwarte man auch im Sommer und im Herbste keine Früchte. Auch meines Lebens Lenz ist dazu bestimmt, daß ich in demselben guten Samen ausstreue. Unterlasse ich dieß, so werde ich auch in meinen ältern Jahren der Freude ermangeln, Früchte meines jugendlichen Fleißes zu genießen. Darum will ich die Tage meiner Jugend nicht ungenutzt vorüber gehen lassen, sondern sie zu Bildung meines Geistes und zur Veredlung meines Herzens treulich anwenden, mich in denselben durch Fleiß und nützliche Thätigkeit auszeichnen, den Kreis meiner Kenntnisse erweitern, und mich an alles frühzeitig gewöhnen und in allem üben, was löblich und gut ist; damit ich in dem Sommer und Herbste meines Lebens Früchte ernten könne, die mein Herz erfreuen, will ich im Lenze meines irdischen Daseyns guten Samen ausstreuen, mit aller Sorgfalt für die späteren Jahre pflanzen und das Gepflanzte sorgsam pflegen. Ach, so wie die Tage des Frühlings, so vergehen auch die Tage meiner Jugend schnell, und ehe ich mich versehe, sind sie dahin! Darum will ich sie um so gewissenhafter benußen, und mit der so schnell dahin strö- 133 menden Zeit weise haushalten. Sind sie einmahl dahin und für mich verloren, so bringt sie nichts wieder, und das in ihnen Versäumte vermag ich später kaum nachzuhohlen. - - Unmuth und Freude verbreitet der wiederkehrende Lenz über die ganze Natur. Omöchte ich ihm auch hierin gleichen! Möchten meine Sitten und mein ganzes Benehmen auf jedes wohlgeordnete Gemüth einen angenehmen, wohlthuenden Eindruck machen! möchte ich eine freundliche Erscheinung für alle edleren Wesen seyn und ihr Blick auf mir mit Wohlgefallen ruhen! Das wird geschehen, wenn Sittsamkeit, Bescheidenheit, sanfte Anmuth, Schamhaftigkeit, Verstand und Tugend mein Schmuck und meine Zierde sind. Allem dem will ich eifrig nachstreben. Es helfe mir dabey der Allheilige, der zu jedem Guten Kraft und Gedeihen gibt! Des Lenzes Pracht erfreut das Herz; aber wie lange wird es währen, so ist sie wieder dahin geschwunden! Was jetzt blüht und prangt, welkt bald genug dahin. Doch die Früchte bleiben. So ist es auch mit den äußerlichen Reißen unsrer Jugend. Wie bald sind sie verblüht und welk! Darum will ich auf sie kein zu großes Gewicht legen, und wenn sie mich zur Eitelkeit verleiten wollen, will ich recht lebhaft mich an ihre Vergänglichkeit und Flüchtigkeit erinnern, mich in das Gewand der Demuth und Bescheidenheit kleiden, und nur dafür sorgen, daß, wenn auch die Blüthen und Reite 134 meines Lebensalters verwelkt sind, doch die Früchte meines jugendlichen Fleißes und Strebens mein und Anderer Herz erfreuen, und ein gebildeter Verstand, so wie eine edle Denkungsart mir die Achtung und die Liebe derer gewinnen und sichern, welche höhere und bleibende Vorzüge zu würdigen und zu schätzen wissen. - - Ach, der Frühling schwindet mit all' seinen Herrlichkeiten bald dahin! Doch nicht für immer. Nur auf eine Zeitlang versinkt die Natur in den Winterschlummer; bald genug endiget dieser, und der holde Lenz mit seiner Anmuth, seinen verjüngten Kräften, seiner Pracht und seinen Segnungen ist wieder da. So ist es auch mit unserm Leben. Es blühet ab und welkt. Wir alle sinken früher oder später in des Todes Schlaf. Doch ein neuer Lebenslenz ist uns von Gott beschieden. Wenn unser Geist von dieser Erde sich loswindet, beginnt für ihn ein neues, freundlicheres Daseyn, ein himmlischer, unvergänglicher, ewiger Frühling. An diesen neuen Lebens- Frühling erinnere mich recht lebhaft jeder wiederkehrende Lenz in der Natur, und erfülle mein Innerstes mit beseligender Hoffnung und hoher, reiner Freude! Zu welchen heilsamen Betrachtungen veranlaßt mich der Frühling, den mich Gott abermahls erleben ließ! Ich will mich ihnen ganz hingeben, und dem Schöpfer gerührt und freudig dafür danken, daß er mir auch in dem Lenze eine Quelle reiner 135 Wonne, nützlicher Belehrung, kräftiger Ermunterung und einer trefflichen Nahrung für Geist und Herz geöffnet hat! - Weit um mich her ist alles Freude! Wie schön ist, Schöpfer, deine Welt! Wie prangt im schönen Feyerkleide Gebirg und Thal und Wald und Feld! Wie heilig wird mir jede Stätte! Wohin ich geh', wohin ich trete, Bist du so nahe, Gott, und ich Erblicke dich auf allen Fluren; In allen deinen Kreaturen Erblick' ich, Aller Vater, dich! Das Murmeln in beredten Bäumen Ruft: Fröhlich müßt ihr Gott erhöhn; Die Zeit in Schwermuth zu verträumen, Ist, Menschen, seine Welt zu schön! Mir sagt, beglänzt vom Morgenthaue, Die Flur, der Garten und die Aue: Wie segnet unser Gott so gern! Mir sagt das Rauschen seiner Fluthen: Gott ist der Urquell alles Guten! Der Bach sagt lispelnd: Lobt den Herrn! Wie beugen sich der Saaten Spitzen; Wie schwellen sie von Segen an, Daß kaum der Halm die Ähre stützen, Die reiche Last kaum tragen kann! Hier sammeln emsig schon die Bienen Viel Ernten, um auch uns zu dienen, Von Gottes schönen Blumen ab; Dort spinnt der Seidenwurm und webet, Ch' er verwandelt wieder lebet, Sich seine Hüll' und auch sein Grab. 136 Wie hast du, Gott der Güt' und Stärke, So väterlich an uns gedacht! Wie viel und groß sind deine Werke, Wie schön und wunderbar gemacht! Zum vollen, fröhlichen Genusse Empfängt von deinem Ueberflusse, Was lebet, seine Speis', o Gott! Gebirge geben, Thäler geben, Was Allen nöthig ist zum Leben; Den Thieren Gras, uns Wein und Brot! - Weit um mich her ist Alles Freude. O freu' auch, meine Seele, dich In Gottes schönem Weltgebäude! Wie reichlich segnet er auch mich! Laß dessen Lob umher erschallen, Der dir so wohl thut, Allen, Allen So wohl thut, der so freundlich ist! Stimm' ein in der Geschöpfe Chöre: Dir, Gott, sey Preis, dir Dank und Ehre, Der du so mild und gnädig bist! Freundschaft. Gott hat unser Herz empfänglich für fremdes Wohl und Weh, für Theilnahme und Liebe geschaffen, und uns das Verlangen eingepflanzt, uns an Andere inniger anzuschließen, und mit ihnen in geistigem Verein und in engerem Vertrauen unsre Tage dahin zu leben. Dadurch ist uns eine reiche Quelle süßer Freuden, stärkenden Trostes und heilsamer Ermunterungen geöffnet; denn jene innige Harmonie der Seelen, jene Uebereinstimmung der 137 Ansichten oder Gesinnungen, und die daraus hervorgehende innigere Herzensverbindung, die wir Freundschaft nennen, gewährt uns der Annehmlichkeiten, frohen Genüsse und Vortheile verschiedner Art unendlich viele, und wir haben alle Ursache, der Vorsehung zu danken, daß sie der Menschheit dieses kostbare Kleinod geschenkt, und ihr die Freundschaft als Freuden-, Trost- und Schutzengel auf der Reise durchs Leben beygesellt hat. ,, Die Welt ist so leer, wenn man nur Berge, Flüsse und Städte darin denkt; aber hie und da jemand zu wissen, der mit uns übereinstimmt, mit dem wir auch stillschweigend fortleben, das macht uns dieses Erdenrund erst zu einem bewohnten Garten." Wer stimmt dieser Bemerkung eines der geistreichsten Männer der neuern Zeit nicht von Herzen bey! Ja, unendlich viel würde diese Erde an Reitz und unser Leben an Bedeutung und Heiterkeit verlieren, wäre nicht der Genius der Freundschaft, die mit Recht des Lebens Leben genannt werden kann, unser treue Gefährte auf unsrer irdischen Pilgerschaft. Von ihm begleitet, wandelt es sich leichter und angenehmer durch dieses Thal der Prüfung. Jede Schönheit der Natur wird erhöht, wenn sie unser Auge an des Freundes Seite betrachtet; es verdoppelt sich jede Freude, die wir mit ihm genießen, und jedes Glück, an dem er Theil nimmt; schöner und süßer ist für uns jede Hoffnung, die er mit uns theilt, stärkender und inniger selbst unsre 12 -- - 138 Lust an Gott und an alle dem, was auf ihn hinweist, wenn wir sie dem Freunde offenbaren können. Wohlthätig ist der Einfluß edler Freundschaft. auch auf Geist und Herz. Vertrauter Umgang mit denen, an denen unsre Seele mit Achtung, Vertrauen und Zuneigung hängt, gibt unsrer Seele mehr Schwung und Kraft, und der freundliche Austausch von Kenntnissen, Ansichten und Ideen kann auf die Bildung des Geistes nicht anders als vortheilhaft wirken, und die gegenseitige Aneiferung, in derselben fortzuschreiten, nicht anders als von dem glücklichsten Erfolge seyn. Und wie sehr fühlt unser Herz durch den hohen Einfluß wahrer Freundschaft sich in jeder seiner bessern Bestrebungen gestärkt, vor Verirrungen gewarnt, zu immer größerer Veredlung ermuntert, im Kampfe mit den Versuchungen zur Sünde kräftig unterstützt, auf der steilen Bahn der Tugend aufrecht gehalten, und für sein redliches Wollen und Wirken durch des Freundes Achtung und Beyfall belohnt! 1 Beschwerlich ist oft die Reise von der Wiege zum Grab. Wahre, innige Freundschaft erleichtert sie uns. Sie ebnet den bisweilen rauhen Weg, den wir wandeln müssen; sie hilft uns treulich tragen die Lasten und das Ungemach der Erde; sie unterstützt uns durch Rath und That in den Gefahren und Verlegenheiten, in die wir bisweilen gerathen; sie träufelt Honig in den bittern Kelch des Lebens, und gießt heilenden Balsam in die Wunden, die uns 139 ein hartes Schicksal schlägt. Wer an des Freundes Herz seinen Kummer und Gram ausweinen, und in seine Brust die geheimen Leiden seiner Seele niederlegen kann: o der fühlt sich ungemein erleichtert und erquickt, und durch die Theilnahme des Freundes so gestärkt, daß er auch das größte Unglück mit Fassung und Muth zu ertragen, und sich selbst über die bittersten Leiden der Erde zu trösten und zu beruhigen vermag. Unzertrennlich von dem irdischen Daseyn sind Beschwerden, Ungemach und Widerwärtigkeiten mancherley Art. Aber indem der Algütige, der unser Schicksal in seiner Hand hat, über das Geschlecht der Sterblichen, aus weisen und gütigen Absichten, Leiden und Trübsale verhängte, sandte er demselben zugleich vom Himmel einen Trostengel, die Freundschaft, herab, und wohl dem, dem dieser gottgefandte Schußgeist immer zur Seite steht! - Wohl auch mir! Denn die gütige Vorsehung läßt es auch mir an jener Freude und Erquickung nicht fehlen, die treue Freundschaft zu gewähren vermag. Auf meinem Lebenswege ließ sie mich so manche Seelen finden, an die ich mich mit Achtung, Vertrauen und Liebe anschließen, denen ich mein Innerstes öffnen, auf deren Theilnahme und Gegenliebe ich von diesem Augenblicke an mit Sicherheit rechnen konnte. So wie der Bund der Seelen ge= schlossen war, ging für mich gleichsam ein neues, schöneres, glücklicheres Leben auf. Welche reine, 12* - 140 - frohe Genüsse, welche heilsame Ermunterungen, welchen Trost und welche Stärkung hat diesem heiligen Bunde mein Herz zu danken! O nimm für alles dieses meinen wärmsten Dank, du, von dem alles Gute kommt, und walte über diesen Bund mit väterlicher Huld und Liebe! Es bleibe alles fern von mir, was ihn wieder auflösen oder auch nur schwächen könnte. Er sey mir heilig, und beglücke mich, so lang ich hier im Staube walle! Ihr theuern, geliebten Freunde, nah' und fern! Gott selbst hat euch mir zugeführt und unsre Seelen inniger verbunden! Heilig bleibe mir alle= zeit unser trauliches Verhältniß und jede Pflicht, die es mir auferlegt. Euer Leben, eure Ehre und euer ganzes Wohl sey der Gegenstand meiner auf richtigsten, innigsten Theilnahme und Sorge. Eure Tage zu verschönern, eure Lasten zu erleichtern, durch redliches Mitgefühl eure Freuden zu erhöhen und eure Leiden zu mildern, und euch, wenn ihr es bedürfet, benzustehen durch Rath und That, und dabey keine Anstrengung, keine Entbehrung und kein Opfer zu scheuen: das sey und bleibe mein eifrigstes Bestreben und meine größte Freude. Kein ungegründeter Argwohn, keine Lauheit des Gefühles gegen euch, kein treuloser Verrath von meiner Seite kränke jemahls euer Herz. Gleiche Ansichten und gleiche Gesinnungen haben mich inniger mit euch verbunden, und diesen schönen Bund löse nur des Todes Hand. Mein Herz, stets aufrichtig theil 141 nehmend an eurer Freude und eurem Schmerz, hänge an euch mit ungeschwächter Liebe und Treue, so lang es schlägt, und hört es einst auf, zu schlagen, so sey sein letzter Trost und seine letzte Freude immerfort der Gedanke, daß wir uns bald wieder finden vor Gottes Thron! - - Freunde, ja mein Herze soll Nie vor euch sich schließen; Wenn es ist von Freude voll Soll sich's euch ergießen; Auch sollt ihr an meiner Brust Guern Gram verweinen, Bis die Sonn' euch neue Lust Wird in's Herze scheinen! Häusliches Leben und häusliches Glück. Für ein wohlgesinntes Herz gibt es nicht leicht einen wohlthuenderen Anblick als den einer Familie, die in gutgeordneten häuslichen Verhältnissen lebt, und jenes schöne, beneidenswerthe Glück genießt, das wir das häusliche zu nennen pflegen. Ja, es gibt auf Erden nichts Schöneres, nichts Einflußreicheres, nichts Beglückenderes als das ehelich- häusliche Leben, wenn es ganz das ist, was es seiner Bestimmung und dem Willen Gottes nach seyn soll. Was das Herz erfreut und erquickt, die Annehmlichkeiten des Lebens erhöht und verdoppelt, 142 die bisweilen rauhen Wege des irdischen Pilgers ebnet, und die Beschwerden seiner Laufbahn um vieles erleichtert; was eine treue Berufswirksamkeit kräftig fördert und auf das schönste lohnt, den traurigen Erfahrungen des Lebens, denen selbst der Beste und Edelste nicht ganz zu entgehen vermag, viel von der Bitterkeit und dem Drückenden derselben benimmt, und das gebeugte, leidende Herz unter Schmerz und Thränen noch am sichersten tröstet, erheitert und stärkt, und selbst dem, der, mit der Welt entzweyt, sich von allen Seiten verlassen, gekränkt und verfolgt sieht, eine ruhige und sichere Zufluchtsstätte darbiethet; was die schönsten und edelsten Anlagen, Kräfte und Gefühle des Menschen am glücklichsten entwickelt und bildet, die heiligsten Bedürfnisse des Herzens am besten befriedigt, auf alle Verhältnisse und Angelegenheiten des Lebens, und auf die Wohlfahrt nicht bloß der Einzelnen, sondern des menschlichen Geschlechtes überhaupt den größten und wohlthätigsten Einfluß äußert, und in seinen Wirkungen selbst das Leben jenseits des Grabes und die Pforten der Ewigkeit berührt: das Alles biethet uns nichts auf Erden in solchem Umfange und in solcher Fülle dar, als jenes schöne, ehrwürdige Verhältniß, das wir das eheliche und häusliche zu nennen pflegen, vorausgesetzt, daß es wohlgeordnet ist und den Forderungen der Vernunft und Religion vollkommen entspricht. - - 143 Die große Welt gewähre uns noch so viele angenehme 3erstreuungen und Genüsse: stehen wir vereinzelt da, und kennen wir die süßen Freuden nicht, die für uns im Schooße des stillen FamilienLebens empor blühen, so sind wir im Grunde doch nie recht glücklich; wir entbehren gerade der höchsten Annehmlichkeiten der Erde. Die Vorsehung wollte uns wahrhaft froh und glücklich machen, und schuf daher die schönen, heiligen Verhältnisse des häuslichen Lebens. Wohl dem, den sie beglücken, und der mit Treue alle jene Pflichten erfüllt, die sie ihm auflegen! dont Wenn der Geist der Liebe und des Vertrauens in dem Kreise einer Familie waltet, die Mitglieder derselben durch heilige Bande auf das engste verbunden und Eines Sinnes sind, wenn unter ihnen Zucht, Ordnung, gute Sitten, Wahrhaftigkeit und Frömmigkeit herrschen, jedes derselben durch nüßliche und wohlgeordnete Thätigkeit seine Tage bezeichnet, alle an einander mit Zuneigung und unverleßlicher Treue hängen, alle einander mit Billigkeit beurtheilen, mit Schonung behandeln, und bey ihren Schwächen mit Geduld und Nachsicht tragen, und ihr Bestreben darauf richten, sich das Leben gegenseitig zu erleichtern und aufzuheitern, sich unter einander zu bilden und zu veredeln, sich treulich durch Rath und That beyzustehen und zu unterstüßen, und sich hier würdig vorzubereiten auf jene Welt, wo alle Bewohner derselben nur - - 144 Eine, große und glückliche, Gottes- Familie bilden sollen: o wessen Blick weilt nicht gern auf einer solchen Familie, und wer fühlt es bey ihrem Anblicke nicht ganz, daß Gottes Geist auf ihr ruhe, und daß seine Liebe bloß darum die schönen Familien Verhältnisse geschaffen habe, um unser Geschlecht durch Liebe zu erziehen, die bessern Gefühle der Sterblichen und ihr Herz um so schneller zu bilden und zu veredeln, und den heiligen Geist des Wohlwollens, der Anhänglichkeit und Treue um so sicherer zu bewahren und zu schirmen! de ab - - Welch' ein fröhlicheres, gedeihlicheres Leben und Walten in dem Schooße einer verständigen, thätigen, gutgesinnten und gottesfürchtigen Familie! Der Geist der Selbstsucht, des Neides und Hasses ist ihr fremd; nur der Geist der Liebe und Zärtlichkeit umschwebt und leitet sie. Mit Innigkeit hängen die Gatten, mit herzlicher Zuneigung Weltern und Kinder, Brüder und Schwestern, Unverwandte und Freunde des Hauses aneinander! Sie theilen aufrichtig Freude und Schmerz, gute und böse Tage mit einander, und hierdurch wird ihnen jede Annehmlichkeit noch Ein Mahl so süß, jedes Glück noch Ein Mahl so groß, aber auch jede schmerzliche Erfahrung, jeder Unfall, jede Noth noch Ein Mahl so leicht zu tragen. Finden sie in der großen Welt nur Mühe, Undank, Kränkung und Verdruß; sie flüchten sich aus ihr in die enge Begrenzung ihres Hauses, und finden hier Trost, Entschädigung, - - 145 - Erquickung und Stärkung. Ernster und wichtiger wird ihnen das Leben, denn an ihr Daseyn und ihr Glück sehen sie die Ruhe und das Wohl der Ihrigen gebunden; nicht leichtsinnig verschwenden sie nun die kostbare, so schnell dahin fliehende Zeit, sondern benutzen sie, rastlos thätig, mit Verstand, Klugheit und Umsicht, und so liegt selbst in der Sorge und Beschwerde, die ihnen die Rücksicht auf die Ihrigen auferlegt, für sie des Heilsamen und Sittlichguten ungemein viel. Drückt sie bisweilen des Tages Last und Hiße danieder, im Kreise ihrer Lieben finden sie die beste Erhohlung und das stärkendste Labsal. Die Zärtlichkeit der Gattinn, das trauliche, anschmiegende Wesen hoffnungsvoller, munterer Kinder, und der Freunde und Verwandten angenehm zerstreuendes Gespräch sind sie nicht eine süße Belohnung für drückende Arbeit und Mühe, eine kräftige Aufheiterung für das Herz und eine wirksame Stärkung zu neuer Thätigkeit? Verkennt uns die Welt, und ist sie ungerecht gegen uns: wir werden uns darüber leicht trösten, wenn wir Trost bey denen suchen, die uns Gott hier gegeben hat, und die wir die Unsrigen nennen. Sie kennen uns, unsern guten Willen und unsre Verdienste ganz; sie schätzen und lieben uns nach unserm ganzen Werthe, und machen durch ihre zärtliche Anhänglichkeit an uns das Unrecht wieder gut, das die Welt uns zugefügt. Sie gleichen die Furchen, die innerer Unmuth oder ein beschwerden13 - 146 volles Leben auf unsrer Stirne ziehen. Hemmt das Krankenbett unsere Thätigkeit, wie wohlthuend und erleichternd sind dann für uns ihre Theilnahme, ihr freundlicher Zuspruch, ihre zarte, sorgfältige Pflege, die Thränen selbst, die sie um uns weinen! Will unser Auge brechen, so kann der Anblick der Geliebten zwar auf Augenblicke erschütternd für uns seyn, aber ihre Rührung und Theilnehmung, und der erfreuliche Gedanke, daß wir ihnen immer das waren, was wir ihnen seyn sollten, und daß sie unser noch lange in Liebe gedenken werden, wenn wir auch nicht mehr unter ihnen sind, wird uns stärken, erheben und uns das Scheiden von ihnen und dieser Welt erleichtern. Wir sterben; aber in ihnen sollen wir auch nach unserm Tode noch fortwirken, und wenn auch keine Spur von uns mehr vorhanden ist, wir leben fort in einem gesegneten Andenken bey denen, die Gottes Hand uns auf unsrer Lebensreise zugeführt, und durch heilige Bande auf das innigste mit uns verbunden hat. O darum, wer sie nicht kennt, die süßen, rei nen Freuden des häuslichen Lebens, oder wer sie, aus Unkunde oder Leichtsinn, verschmäht, suche sich zu belehren über ihren hohen Werth, und entziehe sich dann ihrem wohlthätigen Einflusse nicht! Seine Tage werden dann leichter und sanfter dahinfließen, und sein Daseyn neuen Reitz und eine hö here Bedeutung erhalten. E Wer, in Familien- Verhältnissen stehend, durch - - - 147 ein verkehrtes Verhalten sich des Glückes selbst beraubt, das sie dem wohlgesinnten, edleren Herzen gewähren, der kehre auf den rechten Weg zurück, suche die wahre Freude nicht außer, sondern in seinem Hause, söhne sich aus mit denen, welche die Gottheit mit ihm auf das engste verbunden hat, erfülle treu und redlich alle seine Pflichten gegen sie, lasse sich stets von dem Geiste der Eintracht und der Liebe leiten, und finde seinen Himmel in dem Kreise der Seinigen. Aus der Brust aller derer aber, die in wohlgeordneten Familien- Verhältnissen stehen, und im Genusse häuslichen Glückes sind, steige oft der herzlichste Dank gegen den empor, der ihr Leben auf diese Weise in so hohem Grade erleichtert und erfreut. Es beseele sie stets der Geist der Eintracht, der Sanftmuth, der Schonung, der Billigkeit und einer unverleßbaren Treue. Und der, dessen Huld und Güte ohne Grenzen ist, schütze ihr häusliches Glück, und erhalte ihnen lange noch all' die Theuern und Lieben, die hier ihr Trost, ihr Stolz, ihre Hoffnung und ihre Freude sind. - Und reißt auch uns, früher oder später, des Todes kalte Hand aus dem Kreise derer, die uns hier unaussprechlich werth und theuer sind: o dann sen in der schweren Abschiedsstunde unser Trost der herzerhebende Gedanke, daß sie einst da wieder mit uns vereinigt werden sollen, wo unsre wahre Heimath ist, und wo wir, mit ihnen von neuem auf 13* 148 ewig verbunden, dich, o Allgütiger, loben und preisen werden, wie dich der Seraph, der am Fußtritt deines Thrones steht, lobt und preist! - - Ja, mag des Todes Arm uns trennen, Wir werden einst uns wieder sehn, Vor deinem Thron die Unsern kennen, Mit ihnen dankend vor dir stehn; Da, wo nicht Trennung, wo nicht Tod Den Neuvereinten ferner droht. Wir preisen ewig dann die Güte, Die unaussprechlich uns geliebt, Die jedem redlichen Gemüthe Schon hier des Himmels Vorschmack gibt. O führ' uns, Herr, an deiner Hand In unser wahres Vaterland! Glaube, Liebe und Hoffnung. Drey helle Gestirne glänzen am Firmamente des Lebens. Sanft und mild erhellen sie jeden dunklen Pfad; sicher leiten sie selbst durch die verschlungensten Labyrinthe, und wohl dem, der sich ihrer Leitung ganz überläßt! Sie heißen Glaube, Liebe und Hoffnung. Wer sich dieselben zu Gefährten auf seiner irdischen Reise erkor, wandelt ruhig und still dahin, und bleibt gefaßt, auch wenn Ungewitter sich über seinem Haupte empor thürmen, und finstre Nacht den Weg bedeckt, den er gehen muß. Seinem Leben fehlt es nicht an Bedeutung 149 und Reiß, und sein Tod ist ein sanftes Hinüberschlummern in eine bessere Welt. - - Glaube, Liebe und Hoffnung! o seyd auch meine Begleiter auf meiner irdischen Wallfahrt, und erhellet und ebnet mir den Pfad, den- ich hier im Staube zu wandeln habe; haltet mich aufrecht, wenn ich zu straucheln und zu fallen in Gefahr bin; pflanzet in den Garten meines Lebens Rosen, an denen sich das Herz meiner Mitmenschen erfreue, und wenn einst mein Auge sich schließt, öffnet meinem Geiste und Gemüthe die Aussicht auf ein anderes, vollkommeneres Seyn! Aus dem Staube hebe sich mein Blick zu einer höheren Ordnung der Dinge empor; das Herz ahne und glaube ein Wesen aller Wesen, und vertraue sich der höheren Leitung desselben mit freudiger Zuversicht an. Auch wenn seine Rathschlüsse mir unbegreiflich, seine Wege unerforschlich sind, und ich mit so vielen meines Geschlechtes wehmuthsvoll auszurufen, veranlaßt bin: ,, Der die Schickungen lenkt, läßt oft den frömmsten Wunsch, Mancher Seligkeit goldnes Bild Unvollendet, und webt da Labyrinthe hin, Wo ein Sterblicher gehen will;" auch wenn alles um mich Nacht, oder in Aufruhr und wilder Gährung ist, wanke bey mir der fromme Glaube nicht, daß die Allmacht alles hält, die höchste Weisheit alles lenkt, die grenzenloseste Liebe A 150 alles trägt und pflegt und schirmt, und das Gemüth werde ruhig auch in Augenblicken der größten Verwirrung und Gefahr; es gleiche dem Felsen im Meer, den der empörten Wogen Ungestüm und Wuth nicht zu erschüttern vermögen. Fest glaube mein Herz an der Wahrheit und der Tugend Allgewalt, und wenn auch alles gegen sie losstürmte, es sey überzeugt, daß nichts im Himmel und auf Erden sie ganz zu verdrängen oder zu vernichten vermag. Es glaube dabey an die Menschheit, an das Bessere und Edlere, das in ihr liegt. Geschwächt und geschändet kann dieses wohl werden auf mancherley Art, aber nicht völlig vertilgt aus der menschlichen Natur. Immer und ewig liegen in ihr die Keime des Wahren und Guten, und wie sehr sie auch ausarte, eine höhere Abkunft und Verwandtschaft verräth sie auch in dem Zustande großer Verderbtheit, und der Besserung, Vervollkommnung und Veredlung bleibt sie selbst dann noch fähig, wenn sie auch in den tiefsten Schlamm des Lasters und der Sünde versunken ist. Darum verzweifle mein Herz an der Würde und Kraft der Menschheit nie. Sie sinke und falle; aber früher oder später hebt sie sich gewiß wieder zum Bessern empor. Auch fehle mir es endlich nie an Glauben zu mir selbst. Hohe, wunderbare Kräfte hat Gott in mein innerstes Wesen gelegt, und mich ausgezeichnet vor allen Geschöpfen der sichtbaren Welt. Nur ernstlich wollen darf ich, und ich kann - - -- ➖➖➖➖ - 151 durch diese Kräfte so vieles bewirken, was mir Anfangs unmöglich schien; ich kann mich erheben zu hoher Bildung des Geistes, und zu einem edlen, vortrefflichen Menschen. Zu besiegen vermag ich die gefährlichsten Versuchungen in und außer mir, so wie die größten Hindernisse, die meiner sittlichen Veredlung im Wege stehen; edel erheben kann ich mich auch dann, wenn ich tief gefunken bin, und aus einem verächtlichen Geschöpfe mich wenn ich nur will- in ein weises, tugendhaftes, höchst verehrungswürdiges Wesen verwandeln. Welches Ungemach und welche Leiden mich auch treffen mögen, ich besitze Kraft genug, alles, alles, auch das Schwerste und Härteste, mit Fassung und Würde zu ertragen, und größer als das größte Unglück zu seyn. Glauben will ich stets an diese Kraft und sie gehörig anwenden, und es wird mir dann gelingen, selbst das Unmöglichscheinende möglich zu machen. hon - - - Freundlich biethe die Liebe dem Glauben die Hand; sie sey meine beständige, treue Begleiterinn durchs Leben. Ohne sie schlichen meine Tage traurig dahin, und die wahre, höhere Freude bliebe mir ewig unbekannt. Liebevoll hänge meine ganze Seele an dem, der die Liebe selbst ist, und dem ich alles zu danken habe, was ich habe und bin, an dem Algütigen, dem Wohlthun die höchste Wonne ist; er sey mein liebster Gedanke, und sein Wohlgefallen das Theuerste, wonach ich ringen kann. Mit 152 Liebe hänge mein Gemüth an der Wahrheit und Tugend; ihnen huldige das Herz mit aller Innigkeit, und was sie zu fördern, zu verbreiten, zu schützen und zu retten vermag, sey mir willkommen, und werde mit Freude ergriffen von mir. Mit aufrichtigem Wohlwollen umfasse mein Herz endlich alles, was Mensch heißt. Unter denen, die mit mir Eine Natur, Eine Bestimmung, Einen Vater haben, mit Gefühlen der Theilnahme und ungehäuchelter Liebe herumzuwandeln, meine Freude darin zu finden, ihnen das Leben zu erleichtern und angenehmer zu machen, sie zu berathen, zu trösten und zu unterstützen, ihr leibliches und geistiges Wohl nach Kräften zu befördern, selbst dann, wenn sie irren, sie sanft zu rechte zu weisen, oder, wenn sie feindselig an mir handeln, jede Regung von Rache zu unterdrücken, ihnen gern zu vergeben, und sie durch geheime Wohlthaten zu erfreuen, und so als ein Trost- und Freuden- Engel unter meinen Mitmenschen nur Gutes zu wirken: das sey das Ziel, wonach ich strebe, dieß meine höchste Lust auf Erden! Es leuchtet mir auch in dieser Hinsicht ein hohes Vorbild. Möchte ich demselben gleichen! Möchte ich so liebend wirken und einst so liebend von dannen scheiden, als der, dessen ganzes Daseyn nur Wohlthun war, und der sein segenreiches Leben aus Liebe für die gefallene Menschheit am Kreuze beschloß! Und an den Glauben und an die Liebe schließe - - 153 dich endlich auch du, erheiternde, stärkende Hoffnung, an! Wenn düstre Gewölke den Himmel meines Glückes trüben, und tiefes Dunkel auf dem Pfade liegt, den ich wandle: o nicht bangen, nicht verzagen will ich dann; hoffen soll und darf die Seele, es werde einmahl heitrer und heller um mich werden! Nengstigen mich so manche unangenehme Erscheinungen der Gegenwart und so manche Besorgnisse in Hinsicht der Zukunft: nicht überlgssen will ich mich der Furcht und Bangigkeit; darf ich doch hoffen, es werde sich das Gegenwärtige zum Bessern ändern, das Kommende nicht unerträglich seyn! Drohen mir Gefahren, oder verfolgen mich Leiden und Unglück; nicht muthlos will ich deßhalb werden; denn hoffen darf das schmerzlich berührte Herz Errettung aus der Gefahr, und Erlösung von den Uebeln, die mich drücken. Muß ich den tiefsten Schmerz empfinden, den es für ein gefühlvolles Herz auf dieser Erde gibt, den Schmerz über den Verlust theurer, geliebter Seelen: nicht unterliegen will ich diesem Schmerz, sondern ihn mildern und stillen durch die unaussprechlich süße, beſseligende Hoffnung, einst alle die wieder zu sehen, an denen ich hier mit so viel Liebe hing, und die der Tod mir viel zu früh entriß.- Sind Recht und Gerechtigkeit, Wahrheit und Tugend, Selbstständigkeit und Freyheit gefährdet oder in den Staub danieder getreten: o nicht verzweifeln will ich in solch' einer Zeit allgemeinen - - 154 Druckes und Jammers; vor die Seele trete die erheiternde Hoffnung einer bessern, glücklicheren Zukunft, und erhebe sie über die Drangsale der Gegenwart! Dem Sturm und Regen folgt Stille und Sonnenschein- den Leiden und Ungewittern des Lebens Beruhigung und stille, sanfte Freude, und wer daher in trüben Tagen sich gern der Hoffnung besfrer Zeiten überläßt, baut keinesweges in den Sand, und rettet seinen Muth und seine Kraft für eine glücklichere Zukunft, die der Kraft und des Muthes auch bedürfen wird.- Selig, selig endlich der, dem, wenn die Stunde naht, wo er die lange Reise antreten muß, von der niemand wiederkehrt, die schöne, herzerfreuende Hoffnung einer andern, besseren Welt zur Seite steht, ihm noch in den letzten Augenblicken des irdischen Seyns Erquickung reicht, und ihn hinüber begleitet über den Scheideweg, der zwey Welten mit einander verbindet!- - - 167 O des Trostes, der Freude und des Glücks, die du im Laufe unsers ganzen Lebens, besonders in den Tagen der Sorge und des Kummers, der Gefahr und Angst, schmerzlicher Verluste und drückender Leiden über unser Daseyn verbreitest, und uns noch im Tode gewährst, stille, innige, gottvertrauende Hoffnung des Herzens! Dir reiche jeder Pilger gern die Hand, und lasse sich von dir geleiten durch die Irrgänge des Lebens und durch des Todes Thal; dich preis er mit dem frommen - 155 - Sänger begeistrungsvoll, und rufe mit ihm, gerührt und freudig, aus: tally nothin Hoffnung, Hoffnung, immer grün Wenn dem Armen alles fehlet, Alles weicht, ihn alles quälet: Du, o Hoffnung, tröstest ihn! Was mag uns das Schicksal rauben? Freude, Freunde, Würd' und Gut! Süße Hoffnung! deine Lauben Sind beschirmt vor Unglücks Wuth. Schöne Lauben, immer grün! Will der Wanderer ermatten, O so winken eure Schatten Ihn erquickend zu sich hin! Wann des Meeres Wogen brüllen; Wann sich hebt der Winde Schaar: Wer will uns die Fluthen stillen, Wer uns führen durch Gefahr? Hoffnung, Hoffnung, schöner Stern! Du erscheinest, wann wir zittern, In des Lebens Ungewittern; Du erscheinst, und führst uns gern. In den Schooß der Erde säet Froh der Landmann seine Saat, Trauet ihr, und reichlich mähet, Was er ihr vertrauet hat. Hoffnung, Hoffnung, immer grün! Wann dich kalter Schnee umhüllet; Wann der Sturm die Luft erfüllet, Bist du frisch, und wirst uns blühn. 156 Im verzweifelten Gefechte, Wann schon alles flieht und fällt, Trittst du zu des Edlen Rechte, Zeigst ihm eine andre Welt." - - Hoffnung, du, des Edlen Muth! Wann ihm alle Kräfte wanken:. Tritt, o Trösterinn! zum Kranken; Sprich: Ich bin der Menschheit Gut! ma Pode II. Morgen: und Abendgebethe. Matricite Wee... please #O Allgemeines Morgengebeth. Der du im Lichte wandelst, und Licht und Segen auf deine unermeßliche Schöpfung aus der Höhe herab strömst, Allmächtiger, den kein Auge gesehen, kein menschlicher Verstand erfaßt, den aber Myriaden Welten verkündigen, und jedes bessere Herz ahnet und glaubt! das Licht eines neuen Tages hast du auch mich erblicken, und mich wieder aufwachen lassen zum Gefühl und zum Genusse meines Daseyns; hast mich väterlich geschützt in finstrer Nacht; hast sie auch für mich wieder aufgehen lassen, die freundliche, allerwärmende Sonne, und mir geöffnet so manche schöne Aussichten für diesen Tag! Natur und Leben fie sollen mir auch heute so manche reine Genüsse, so manche Annehmlichkeiten und Freuden gewähren. Auch heute, o Gott, wird deine Vaterhuld mir es nicht an Mitteln, mich zu bilden und zu veredeln, nicht an Aufforderungen, mein Herz zu bessern, nicht an Gelegenheit, einzugreifen in das große Triebrad des menschlichen Lebens und Nützliches zu wirken, nicht an reichen Quellen des Trostes, der Ermunterung, der Seelenruhe und innerer Heiterkeit fehlen lassen. O was bin ich, daß du so liebreich meiner gedenkest, und wie kann ich - 160 vergelten, was du, Allliebender, an mir thust! Ach, nur einen schwachen Dank kann ich dir stammeln für deine grenzenlose Güte, die an mir jeden Tag neu wird! Nur erheben kann ich im Stillen Geist und Gemüth zu dir, der du im Beglücken deiner Geschöpfe niemahls müde wirst; nur gerührt deinen Nahmen und die Wohlthaten preisen, die du mir in so reichlichem Maße erweisest! O laß dir wohlgefallen mein schwaches Lob und den schwachen Dank, den ich dir bringe! Du siehest ja bey allem, was wir thun, das Herz an und die Gesinnung; und da er vom Herzensgrunde kommt, mein kindlich frommer Dank, so wirst du ihn nicht verschmähen, Allgütiger! er wird empordringen vor deinen Thron, und Gnade finden vor dir! - - Auch dieser neue Tag meines irdischen Dascyns ist ein kostbares Geschenk von deiner Hand, o Gott! Er sey freundlich von mir begrüßt, und mein Leben und Wandel an demselben ein lauter Dank für dieses himmlische Geschenk. Was mir an demselben begegnet, es sey Gutes oder Böses, Freude oder Schmerz, Glück oder Unglück, erscheine mir als eine Schickung deiner Weisheit und Liebe, o du, der du uns nicht immer auf ebnen, sondern oft auch auf rauhen Wegen unserm Ziele und unsrer Bestimmung näher führst! Mit dankbarer, zufriedner, dir vertrauender Seele will ich alles annehmen, was du über mich verhängst, und in allen Ereignissen dieses Tages nichts anderes erblicken, - 161 als Winke, Ermunterungen oder Warnungen von dir, so wie treffliche Mittel, mich zu bilden, zu erziehen und wahrhaft zu beglücken. Sie sollen von mir nicht unbeachtet, nicht unverstanden, nicht unbeherzigt und unbefolgt bleiben! Mit diesem ernstlichen Vorsate beginne ich auch den heutigen Tag, und erflehe mir dabey deinen Beystand und Segen, o Herr! damit meine Entschließung glücklich übergehe in That! Segnest du mich heute, Allgütiger, mit Freude und Glück: so will ich es mit dankbarem Herzen annehmen als ein unverdientes Geschenk von dir, und mich desselben würdig zu machen trachten. Aber selbst die unschuldigste Freude will ich mit jener weisen Mäßigung genießen, die edleren Wesen geziemt. Theilen will ich sie gern mit denen, auf die ich zu wirken vermag, und Vergnügen darin finden, auch andere zu erfreuen. Herzlich will ich Theil nehmen an ihrem Wohl, und ihnen das Glück nicht mißgönnen, das sie genießen. Schenkst du mir Güter der Erde, so will ich es nicht vergessen, daß sie nichts anderes sind, als ein von dir mir geliehenes Pfund, mit welchem ich haushalten, Gutes wirken, die Summe menschlicher Freuden vermehren und menschliches Elend vermindern soll. Wandeln will ich dann auf Erden als ein Trost- und Schußgeist der leidenden Menschheit, und mich betrachten als ein Werkzeug, dessen du dich bedienen willst, die Noth der Erde und den Schmerz des Lebens zu mil14 162 dern, und denen wohl zu thun, die fremden Beistandes bedürftig und würdig sind. 1G Ist dieser Tag für mich mit Beschwerden, Unfällen und mancherley äußern oder innern Leiden verbunden: nicht hadern will ich dann mit dir, der du diese Prüfungen über mich verhängst. Sie müs sen mir erscheinen als nothwendige Erfahrungen des Lebens, durch die du mich zu üben, zu bilden und zu veredeln suchst, als Warnungen vor der Sünde, als väterliche, heilsame Züchtigungen für begangene Fehler, als nüßliche Uebungen in der Geduld, in der Standhaftigkeit, in stiller Demuth und Ergebenheit, in mancher andern Tugend und in jener geläuterten Frömmigkeit, ohne welche das Leben ohne Bedeutung und ohne wahre, innige, höhere Freude bleibt! Und so will ich denn alle Unannehmlichkeiten und Drangsale, die mich vielleicht heute treffen, mit ergebenem Herzen annehmen, mit Geduld und christlichem Muthe tragen, mit Gewissenhaftigkeit zu meiner sittlichen Vervollkommnung anwenden, und dabey überzeugt seyn, du werdest mir nicht mehr auflegen, als ich zu ectragen vermag, und meinen Leiden zu rechter Zeit ein Ende machen! schildhom - - Auch heute warten meiner Geschäfte verschiedener Art; auch heute werden mir Stand und Beruf und die übrigen Verhältnisse meines Lebens mancherley Arbeiten und Pflichten auferlegen. O daß es mir dabey nicht aus dem Sinne komme, daß - 163 - - ich von dir zu reger, nüßlicher Thätigkeit geschaffen, und daß Trägheit entehrend für ein Wesen sey, das du berufen hast, dir ähnlich zu werden! Daß ich, meiner Bestimmung eingedenk, alle meine Kräfte für das Wohl der Welt anstrengte, und keine Gelegenheit, bey der ich Gutes wirken kann, unbenutzt vorüber gehen ließe! Jedes Berufsgeschäft ist mir von dir selbst angewiesen, jede meiner Pflichten ein heiliges Geboth von dir. Daher will ich die Geschäfte dieses Tages mit freudigem Eifer beginnen, mit angestrengtem Fleiße fortsetzen, und mit Redlichkeit und Treue vollbringen. Laß auf meiner Thätigkeit deinen himmlischen Segen ruhen, und mein Arbeiten und Wirken von einem glücklichen Erz. folge begleitet seyn! Doch wenn ich auch nicht sogleich sichtbare Früchte davon erblicke; wenn es mir auch scheint, als arbeite ich fruchtlos und als erkenne niemand meinen Diensteifer und mein Verdienst; wenn ich dabey zugleich, nicht nur mit großen Anstrengungen, Unbequemlichkeiten und Lasten, sondern auch mit feindseligem Widerstande und dem Undanke der Welt zu kämpfen habe: auch dann will ich in meiner nüßlichen Wirksamkeit nicht müde werden, sondern sie entschlossen und mit ungeschwächtem Eifer fortsetzen; ich will mich weder durch das Mühselige und Drückende meiner Geschäfte, noch durch die gehässigen Umtriebe und Ränke der Unwissenheit und Boßheit in der freudigen Betreibung meines Berufes und in der treuen Erfüllung aller 14* - 164 - Pflichten, die meine Verhältnisse mir auflegen, irre machen lassen, sondern eifrig und muthig fortarbeiten, fortwirken, und selbst fortkämpfen, wenn es dein Wille ist, daß ich im Dienste der Pflicht zu kämpfen habe. Wohl mir, wenn ich mir an jedem Abende meines Lebens das Zeugniß geben kann, mein Tagewerk treu vollbracht zu haben! as Durch heilige Bande hast du mich, Allgütiger, mit so manchen Lieben näher und inniger verbunden. O daß ich ihnen auch heute ganz das sey, was du willst, das ich ihnen seyn soll! daß ich sie mit Liebe umfassen, ihnen das Leben erleichtern und verschönern, ihr Glück als das meinige ansehen und befördern, ihnen durch Lehre und Beyspiel nützlich werden, an ihrem Seelenheile eifrig arbeiten, und überhaupt, alle meine Pflichten gegen sie auf das gewissenhafteste erfüllen möchte! Schüße und segne auch heute die, o Herr, die du mir hier zum Trost und zur Freude gegeben hast! Sey ihr Vater, und laß mir in ihrem Kreise der reinen Freuden recht viele empor blühen! Alles, was Mensch heißt, erfreue sich auch heute deiner Barmherzigkeit und Liebe, o Gott, und alles, alles bestrebe sich, deine großen Zwecke auf Erden zu fördern, und das Reich des Wahren und Guten zu erweitern! Das Vaterland und alle die, welche, die Angelegenheiten desselben zu leiten, von dir berufen sind, mögen an diesem Tage den mächtigen Einfluß deiner Weisheit und Liebe erfah 165 ren. Gerechtigkeit, Tugend und Frömmigkeit mögen auch in dem Lande, dem ich angehöre, heute und immerdar walten und herrschen. Alle Nothleidenden mögen von dir Hülfe, alle Gedrückten und Verfolgten Beystand, alle Kranken Milderung ihrer Schmerzen, alle Witwen und Waisen Trost und Muth, alle redlichen Dulder Erleichterung und Stärkung, alle Sünder Antrieb zur Besserung und dann Gnade und Verzeihung erhalten! - O Herr, erhöre mein Flehen, und gib mir Kraft, auch den heutigen Tag so zu benußen und anzuwenden, daß er im Buche des Lebens zu stehen, würdig sey! Amen. Allgemeines Abendgebeth. Getragen hast du mich auf deinen Vaterarmen, Allgütiger, auch an dem verfloßenen Tage, und mich an demselben durch Beweise von Huld und Liebe erfreut. Mit gerührter Seele erscheine ich nun vor dir, und danke dir innig und herzlich für das viele Gute, das ich heute von dir empfangen habe. Kurz war dieser Abschnitt meines Lebens, und schnell ist er dahin gesunken in das Meer der Vergangenheit. Aber wie sehr hast du auch während desselben deine Macht und Weisheit und Güte an mir geoffenbaret, auf wie viele Spuren deines liebevollen Waltens stieß ich bey jedem meiner Schritte! 166 wie väterlich hast du auch heute durch Freude und Schmerz, durch frohe Erfahrungen, so wie durch Sorge, Mühe und Verdruß an meiner Bildung, Besserung und Veredlung, und dadurch an meinem höheren Glücke gearbeitet, gleich einem strengen, aber dabey weisen und gutgesinnten Erzieher! wie viel Gelegenheit hast du mir dargebothen, zu wachsen in der Erkenntniß des Wahren, in reiner Gesinnung, in freudiger Liebe zur Tugend und frommem Vertrauen zu dir, und kräftig hinzuwirken zum Wohle. der Welt! Du hast mich dabey geschützt vor mancher Gefahr, und mir des Lebens Last und Hitze erleichtert und vermindert auf mancherley Art. Dafür lobt und preist dich dankbar mein gerührtes Herz. Schon winkt mir die Ruhe der Nacht, und ich sinke nun bald in die Arme des erquickenden Schlafes. O welche Gefahren können mir drohen, die ich dann nicht bemerke, welche Unfälle mich treffen, denen ich, meiner unbewußt nicht vorzubeugen vermag! Aber dieser Gedanke soll mich nicht ängstigen und quälen. Ich stehe ja unter deinem allmächtigen Schuh; dein Auge wacht über mich, wenn das meinige geschlossen ist; deine Rechte schirmt mich, wenn ich von mir und dem nichts weiß, was mich umgibt; deine Macht und Liebe retten mich, wenn mir Gefahr und Untergang drohen! Darum will ich mich getrost und voll Ver trauen zu dir überlassen der stärkenden Ruhe der Nacht, und mir durch sie neue Kraft zu den Ge-- - 167 schäften, Sorgen und Mühen des kommenden Tages sammeln. O sey mit mir, wenn mich der Schleyer der Nacht umhüllt; sey du mit allen denen, die, so wie ich, die Segnungen des Schlafes genießen sollen. Er sey den Müden Erhohlung, den sorgenvollen Pilgern der Erde Beruhigung, den Gekränkten, Bekümmerten und Leidenden aller Art Erquickung und Stärkung, er sey allen ein tröstliches Sinnbild des Todes, der ja nichts anderes ist, als ein kurzer, sanfter Schlummer, aus dem wir verklärt zu einem herrlicheren Seyn und zu ewiger Freude erwachen. Und wo sich ein Leidender findet, der auf seinem Siechbette der Erquickungen des Schlafes entbehren muß, und vielleicht unter empfindlichen Schmerzen seinen kummervollen Blick im Stillen zu dir empor richtet: o dem verkürze du die lange Nacht; dem sey nahe mit dem Einflusse deiner Liebe; dem öffne in der Erinnerung an dich und in der Andacht, mit der er zu dir fleht, eine Quelle des Trostes, schmerzlindernder Hoffnung und heitern Vertrauens zu dir; dem wecke theilnehmende Herzen; dem schenke, dient es zu seinem Besten, so wie allen, die dich lieb haben- einen fröhlichen Tag; oder erfordert es sein wahres Wohl, daß sein Geist sich loswinde von der gebrechlichen Hülle, so nimm ihn sanft in Frieden zu dir, und laß seinen Tod leicht und selig seyn! Erhöre dieß mein Flehen, o Gott! schenke mir auch in dieser Nacht Erhohlung und erquickende - - - 168 Ruhe, und wenn ich erwache, Eifer und Lust zu nüßlicher Thätigkeit! Amen. - - Morgengebeth am Sonntage. r ist nun wieder erschienen, der Tag des Herrn, dessen sich meine Seele und mein Herz erfreuen soll. Zur Ruhe und zur Erhohlung von den Arbeiten und Mühen der Woche ladet er mich ein, und so will ich mich denn auch losreißen von meinen alltäglichen Geschäften, und die Sorge für das Irdische zu beseitigen suchen. Denn der Mensch bedarf nach Arbeit und Anstrengung der erquickenden Ruhe, und wer sich diese versagt, seht sich der Gefahr aus, seine Kräfte frühzeitig abzustumpfen, und sein besseres Selbst, so wie sein höheres Wohl aus dem Auge zu verlieren. 3war bin ich von dir, AUgütiger, zu reger Thätigkeit geschaffen; aber du selbst willst es, daß ich derselben von Zeit zu Zeit Grenzen sehe, und durch den Genuß bisweiliger Erhohlung mir neue Kraft und neue Lust zur Arbeit verschaffe. Dieß will ich denn auch heute thun. Ausruhen will ich von den Anstrengungen, die mir mein Stand und Beruf auferlegen, und mich- biethet sich mir Gelegenheit dazu dar durch angenehme Zerstreuungen und Genüsse aufzuheitern und zu stärken suchen. Aber unschuldiger Art müs sen diese Erheiterungen seyn, und von mir mit wei1 169 ser Mäßigung genossen werden. Fern sey es von mir, mich Vergnügungen zu überlassen, die niedrer und unedler Natur, oder Zerstreuungen, die dazu geeignet sind, Geist und Gemüth zu betäuben, und meine Kraft, statt sie zu stärken, zu schwächen und zu ermatten. Nur der reinen edleren Freude soll mein Herz geöffnet seyn. Deine Hand, o du, der du so gern segnest und beglückst, hat mir hier auf Erden so manche Seelen zugeführt, die mir lieb und theuer sind, und mich durch heilige Bande näher und inniger mit ihnen verbunden. In ihrem vertraulichen Kreise blühen mir der schönen, süßen Freuden so viele empor! Durch diese will ich mich heute vorzüglich zu erquicken suchen. Im Schooße der Liebe und der Freundschaft will ich weilen, und mich laben und stärken durch die reinen Genüsse, die sie gewähren. Durch den Austausch der Gefühle und herzlicher Unterhaltungen mit den Lieben, die mir näher angehören, will ich meinem Geiste und meinem Gemüthe Erhohlung, angenehme Zerstreuung und stärkende Nahrung verschaffen. Ist es möglich, so will ich hineilen in den heiligen Tempel der Natur, wo so vieles, wo alles mich so lebhaft an dich, o Gott, erinnert; da will ich mich den wohlthuenden Eindrücken überlassen, die der Anblick ihrer Schönheiten und Wunder auf jedes unverdorbene Gemüth zu machen pflegt, will da die Spuren deiner Allgegenwart, deiner Macht und Weisheit und Güte verfolgen, und, mich in dei15 - - 170 ner Nähe fühlend, mich ermuntern, dir immer ähnlicher zu werden, und stets auf rechten Wegen zu wandeln. Auch soll mein Geist und mein Herz im Lesen nüßlicher, besonders religiöser Schriften Unterhaltung und kräftige Nahrung finden, und hiedurch meine Bildung und Veredlung befördert werden. - ad Denn wie könnte ich vergessen, daß es die Hauptbestimmung dieses Ruhetages sey, mich an demselben mit dem Heile meiner Seele und meinem innern, höheren Wohle zu beschäftigen! Ach, unter den Sorgen, Arbeiten und Mühen des alltäglichen Lebens verliere ich nur zu leicht mich selbst aus dem Auge, übersehe das, was dem Menschen am meisten Noth thut, die Veredlung meines Innern, und versäume bey den Bestrebungen für mein irdisches Glück die nöthige Sorge für meine höhere, ewige Wohlfahrt; vergesse nur zu leicht auf dich, o Herr, und auf die heiligeren Bedürfnisse meines Herzens, das sich nur dann ganz glücklich fühlen kann, wenn es sich von dir geliebt und in deiner Nähe weiß. An diesem Tage der Ruhe nun soll ich von dem bloß Irdischen und Vergänglichen hinweg, und auf das Uebersinnliche, Geistige, Heilige und Ewige hinsehen. Stille soll es um mich und in meinem Innersten seyn; lebhaft soll ich mir meines bessern Selbst, meiner höheren Bedürfnisse und meiner großen Bestimmung bewußt werden; soll mich an das schöne Verhältniß, in welchem ich zu dir, Allliebender, stehe, und an die zahllosen 171 Wohlthaten erinnern, die du mir in jeder Stunde meines Lebens erzeigst; soll dich dafür dankbar preisen, mich herzinniglich darüber freuen, daß du mein gütiger Versorger, Beschützer und Vater bist, und mich durch fromme Betrachtungen zu dem Bestreben begeistern, deiner Liebe und Huld immer würdiger zu werden. In den Versammlungen der Gläubigen, die dich laut und öffentlich in dir geweihten Häusern verehren, will auch ich erscheinen, will in die frommen Gesänge und Gebethe mit einstimmen, die von hundert und tausend Lippen in hoher Andacht zu dir emporsteigen, und die Predigt deines Wortes mit Aufmerksamkeit, mit Theilnahme, und mit gewissenhafter Anwendung auf mich und meine Gesinnungen vernehmen. Hingeben will ich mich daben auch dem wohlthätigen Einflusse häuslicher Andacht, und wo ich den Saamen des Wahren und Guten durch Belehrung, Ermahnung und Beyspiel auszustreuen Gelegenheit finde, will ich es mit freudiger Seele thun. Und so sey denn dieser Tag der Ruhe vorzüglich dir, o Wesen aller Wesen, und der Sorge für mein Seelenheil und für die Veredlung meines Herzens geweiht! Entziehe mir dabey den Beystand deines guten Geistes nicht; laß mich erkennen, was zu meinem wahren Frieden dient, und kräftiger werden im Glauben, in der Liebe und Hoffnung, und in allem, was recht und dir gefällig ist! Amen. 15* - Ar - 172 - Abendgebeth am Sonntage. Auliebender, vor dessen Thron mein Geist in diesem Augenblicke tritt! von Ehrfurcht, Liebe und Dank ist mein Herz gegen dich durchdrungen! Denn auch an diesem Tage hast du dich an mir nicht unbezeigt gelassen; sondern mir an demselben viel Gutes gethan. Gesorgt hast du besonders dafür, daß es meinem Geiste und meinem Herzen nicht an Nahrung und nicht an Gelegenheit fehle, in seiner Bildung, Besserung und Veredlung fortzuschreiten, und zuzunehmen an Erkenntniß des Wahren und Rechten, so wie an Liebe zur Tugend und an Vertrauen zu dir. Einen Tag der Ruhe und der Erhohlung hast du mir geschenkt. Frey von drückender Arbeit und Mühe, konnte ich ungestörter einen Blick auf mein Inneres, auf mein Gemüth und meine Seele, thun; konnte in mich selbst einkehren, und ruhig über den Zustand meines Her zens, über den Zweck meines Daseyns, über die Hoffnungen jenseits des Grabes und über dich nachdenken, der du mich geliebt hast, noch eh' ich war, und mich mit Wohlthaten aller Art überschüttet, seitdem ich bin. Meine Blicke begegneten so manchem Redlichen und Frommen, dem es hohe Freude war, dich laut und öffentlich zu verehren und zu preisen, und sein Anblick forderte auch mich zu deinem Lobe auf. Das feyerliche Geläute, das die gläubige Gemeinde zu deiner Verehrung versam 173 melte, es erinnerte auch mich an den Tribut der Ehrfurcht, den ich dir schuldig bin, und lud mich zu stiller, heiliger Andacht ein. Die Huldigungen, die dir in deinen Tempeln dargebracht wurden, sie waren auch für mich eine Ermunterung, hinzufallen und anzubethen vor dir. Die Worte der Religion, die von heiliger Stätte gesprochen wurden, sie waren auch an mich gerichtet, auch ich sollte durch sie für Wahrheit, Recht und Pflicht begeistert, über das Irdische und Hinfällige zum Himmlischen und Ewigen erhoben, über die Leiden der Erde getröstet und beruhigt, zu thätiger Liebe und seliger Hoffnung gestimmt, in meinem frommen Glauben an dich, Allheiliger, und an eine höhere Ordnung der Dinge gestärkt, und hiedurch mein Herz noch mehr veredelt, und mein inneres Glück noch fester begründet werden. Nimm für alles dieß meinen wärmsten Dank, Gott der Güte und der Macht, der du nie aufhörst, an unsern Seelen zu arbeiten, und unserm Geiste und Gemüthe Quellen der Belehrung, der Ermunterung, des Trostes und hoher, göttlicher Freude zu öffnen. O daß ich heute aus diesen Quellen Nahrung für meinen bessern Menschen geschöpft, daß ich treulich die Gelegenheiten benutzt hätte, die du mir zu meiner sittlichen und religiösen Veredlung gabst! Ist dieß nicht in dem Grade geschehen, in welchem es hätte geschehen sollen: o so blicke mit Nachsicht auf meine Schwachheit herab, und laß mich künftighin - 174 gewissenhafter von den Mitteln Gebrauch machen, die du mir zu meiner Selbstvervollkommnung darbiethest! Deinem Schuße empfehle ich mich auch in dieser Nacht. Laß mich erquickt und gestärkt den neuen Morgen sehen, und mit erneuter Kraft und Lust die Arbeiten meines Standes und Berufes fortsetzen, und das Werk forttreiben, an welches du mich hingestellt hast. Mit dieser herzlichen Bitte beschließe ich den heutigen Tag, überzeugt, daß du sie erhören wirst! Amen. - Morgengebeth am Montage. Mit Lob und Dank erscheine ich vor dir, Allgütiger! Auch in der verfloßnen Nacht hat dein Auge über mich gewacht, dein Vaterarm mich geschützt, und die Ruhe, die du mir schenktest, meinen Leib und meinen Geist erquickt und gestärkt. Mancherley Gefahren und Unfälle konnten mir begegnen; aber du hast sie von mir abgewandt, und mich gesund und heiter einen neuen Tag erleben lassen. Nimm dafür meinen wärmsten, innigsten Dank! Wie ist nun bald alles wieder so regsam und lebendig um mich! in welcher Thätigkeit werde ich bald alles in der Natur und in der menschlichen Gesellschaft erblicken! wie lebhaft wird mich abermahls alles daran erinnern, daß der Mensch nicht zu träger Ruhe, sondern zu freudiger, nüßlicher 175 Wirksamkeit von dir geschaffen sey! O daß ich diese meine Bestimmung zu keiner Zeit, daß ich sie auch heute nicht aus dem Auge verlöre! Eine neue Woche geht mit diesem Tage an, ein Zeitraum, der mir Gelegenheit genug darbiethen wird, meine Kräfte zu üben, und sie zum Besten der Welt anzuwenden, so manches Nützliche für die menschliche Gesellschaft zu leisten, und mich verdient zu machen um sie. Du hast mir in derselben einen festen Platz angewiesen, von welchem aus ich in den Gang ihrer Angelegenheiten mit eingreifen, und zu ihrem äußern und innern Wohle mitwirken soll: du haft mir so manche geliebte Seelen geschenkt, ihr Glück zum Theil in meine Hände gelegt, und mir die Pflicht auferlegt, für ihr Bestes zu sorgen; in meinem Stande und Berufe hast du mir Geschäfte angewiesen, die von mir mit Sorgfalt und Ge wissenhaftigkeit verrichtet werden sollen, und von deren treuer Besorgung vielleicht das Wohl so mancher meiner Mitmenschen abhängt; du gibst mir immerfort Gelegenheit genug, andern zu nützen, und mir Verdienste zu erwerben um die Welt. Hieran will ich mich stets erinnern, und das Werk mit Ernst und Eifer treiben, an welches mich deine Hand hingestellt hat. Auch dieser Tag und diese Woche sen nützlicher Thätigkeit geweiht. Nicht verschwenden will ich die kostbare, so schnell dahin fließende Zeit durch Müssiggang, noch sie vertändeln durch eine unnütze, zwecklose und unordentliche - -. 176. command - Geschäftigkeit. Anstrengen will ich alle meine Kräfte zum Wohle der Welt; was du mir, Allgütiger, an Talent, an Kenntniß, an Einsicht und Geschicklichkeit verliehen hast, will ich gebrauchen und anwenden, um dadurch andern nützlich zu seyn; alle Pflichten meines Standes und Berufes sollen mir erscheinen als heilige Gebothe von dir, und von mir daher mit um so größerer Lust und Treue erfüllt werden; nur auf das Gute und Nüßliche sen meine Thätigkeit hingerichtet, und strenge Ordnung und Pünktlichkeit herrsche bey allen meinen Geschäften. Ich beginne sie, nach einem Tage erquickender Ruhe, heute von neuem: ich beginne sie mit dem Gedanken an dich, o Gott, und mit der frohen Ueberzeugung, du werdest mein redliches Wollen und Wirken segnen, und mir Kraft verleihen, den Obliegenheiten meines Standes vollkommen Genüge zu leisten. Nicht mit Unlust und Unmuth, sondern mit Heiterkeit und Freude der Seele geschehe dieses von mir. Süßes Vergnügen sey es mir, für das Beste meines Geschlechtes wirksam zu seyn. Wenn ich einst, wo ich von dannen scheiden muß, auf ein wohlangewandtes, thatenreiches Leben zurückblicken kann: wie herzerfreuend, wie lohnend wird dieses für mich seyn; wie sehr wird es mir erleichtern den Uebergang in eine andere Welt! Hieran will ich oft denken, und dadurch meine Lust zur Thätigkeit zu beleben suchen. Diesen Vorsatz fasse ich vor dir, Allwissender! Segne ihn, und dein 177 guter Geist führe mich auch in dieser Hinsicht stets auf ebner Bahn! Amen. -- Abendgebeth am Montage. Ein Tag meines Lebens ist nun abermahl dahingesunken in das Meer der Ewigkeit; schnell ist er dahin geflohen, und kehrt nimmer wieder. Aber wie unendlich viel Gutes hast du mir auch an diesem Tage erwiesen, o du, dessen Liebe und Barmherzigkeit keine Grenzen kennt! Meine Seele fühlt sich ergriffen, und mein Herz von Empfindungen der Dankbarkeit durchdrungen, wenn ich auf die Wohlthaten zurückblicke, die ich auch heute aus deiner segnenden Vaterhand empfangen habe. In jedem Augenblicke und bey jedem meiner Tritte umschwebte mein Eigenthum, meine Gesundheit und mein Leben unsichtbar so manche Gefahr; wie leicht konnte ich derselben unterliegen und zu Grunde ge= hen! Aber du, Alliebender, warst mir nah, hieltst mich aufrecht durch deinen allmächtigen Arm, und führtest so manches von mir unbemerkte Ungewitter über meinem Haupte vorüber, ohne daß ich Schaden nahm. Und wie viel Angenehmes und Erfreuliches ward mir auch an diesem Tage durch deine Güte zu Theil! Was ich zu meines Lebens Unterhalte bedurfte, und noch mehr, verliehest du mir. Es fehlte mir nicht an Nahrung, nicht an Obdach 178 und Kleidung; ich konnte meine nothwendigsten Bedürfnisse befriedigen, und genoß dabey noch manche Bequemlichkeit, noch manche Erleichterung und Verschönerung meines Lebens. Aber auch meinem Geiste und Herzen mangelt es nicht an manchen frohen Genüssen. Welche Quellen der Aufheiterung und Freude öffnete mir deine unsichtbare Hand, die alles lenkt, im Nachdenken, im stillen Betrachten ihrer Werke, in der Natur, in dem Kreise derer, die mir näher angehören, im Schooße der Freundschaft und der Liebe! Erquicken konnte ich mich an dem Anblicke meiner Lieben, an ihrem Wohlergehen, an ihrer zärtlichen Neigung zu mir, an den schönen Hoffnungen, die sie für die Zukunft wecken. Du gabst mir dabey Gelegenheit, thätig zu seyn, und durch Anwendung meiner Kräfte, Kenntnisse und Einsichten zum Besten der menschlichen Gesellschaft das Meinige mit beyzutragen, und besonders das Glück derer zu befördern und fester zu begründen, die du mit mir inniger verbunden hast.. Nicht fruchtlos sah ich meine Arbeit und Mühe, nicht ungesegnet mein Streben und Wirken. An Gelegenheit und an Aufforderungen zur Bildung meines Geistes und zur Veredlung meines Herzens ließest du es mir auch nicht fehlen; und wie viel Gutes andrer Art wurde mir noch außer dem zu Theil! Wo finde ich Worte, dich für deine Güte würdig genug zu preisen, Allliebender! was bin ich, daß du so huldvoll meiner gedenkest, so väterlich dich meiner - - 179 annimmst! Nimm ihn in Gnaden an, den schwachen Dank, den ich dir für all' die vielen Wohlthaten stammle, die du mir auch heute erwiesen hast. Ein gerührtes, durch dich erfreutes Herz bringt ihn dir dar! O laß ihn dir gefallen, und sey mir auch fernerhin mit deiner Liebe nah; umschwebe mich auch diese Nacht, und laß mich, wenn es mit dem Wohle der Welt und mit meinem eignen Besten vereinbar ist, gesund und neugestärkt erleben den kommenden Tag. Sey mit mir, Gott der Güte und der Barmherzigkeit! sey du auch heute mein letzter Gedanke! Amen. 1 - Morgengebeth am Dinstage. Auch an diesem neuen Morgen sey du mein erster Gedanke, Allgütiger, der du in der verfloßnen Nacht mit Vateraugen und Vaterliebe über mich gewacht, und mir abermahls die Freude geschenkt hast, das Licht eines neuen Tages zu erblicken. Möchte dieser von mir auf eine dir wohlgefällige Weise benützt werden! Er wird, so wie meine bisherigen Tage, reich an Beweisen deiner Huld und Güte seyn, und mich daran erinnern, daß du ein Gott der Liebe und der Barmherzigkeit bist. O daß diese Erinnerung in meiner Seele recht lebendig sey, und mich begeistre, dir auch in der Liebe und im Wohlthun ähnlich zu werden, und 180 Freude und Glück um mich zu verbreiten, so viel ich kann! Nicht ohne Zweck legtest du in mein innerstes Wesen die Gefühle des Mitleids, der Thätigkeit und Theilnahme; nicht ohne Absicht schufst du mein Herz empfänglich für Freude und Schmerz, empfänglich für fremdes Wohl und Weh. Veredeln soll ich jene Gefühle, und merken auf die menschenfreundlichen Regungen meines Herzens; sie sollen mich leiten im Umgange mit andern, und bey meinem ganzen Verhalten gegen sie; sie sollen mich ge= neigt machen, meinen Mitmenschen zu rathen und zu helfen, und ihr Glück aus allen Kräften zu befördern. - - O du, der du die Liebe selbst bist, und auch mich mit Vaterhuld umfängst, auch mich, ohne all' mein Verdienst, erfreuest, segnest und beglückst! nicht würdig wäre ich, dein Bild an mir zu tragen, dein Kind zu heißen und von dir des Guten so viel zu empfangen, wenn ich die Gefühle des Wohlwollens und der Theilnahme in mir unterdrücken, und mich der Fühllosigkeit und Kälte, oder den feindseligen Regungen der Mißgunst, der Schadenfreude, des Grolls, des Hasses und der Rachsucht überlassen könnte! Nein, ein beßrer Geist beseele und leite mich heute und mein ganzes Leben hindurch, der Geist jener reinen, uneigennüßigen, werkthätigen Liebe, die der Edelste aller Edeln lehrte, empfahl, übte und selbst am Kreuze noch, nicht 181 bloß gegen die Vertrauten seines Herzens, sondern selbst gegen seine Feinde und Peiniger bewies. Jesus schwebe mir auch in dieser Hinsicht als heiliges Vorbild und Muster vor. Ich werde auch heute der Glücklichen so manche um mich erblicken; fern sey es von mir, sie zu beneiden; freuen soll sich vielmehr meine Seele ihres Wohlergehens, und was ihnen Gutes und Erfreuliches widerfährt, erscheine mir so, als widerfahre es mir selbst. Komme ich mit denen in Berührung, die mir übel wollen, die mich vielleicht hassen und verfolgen, o so verleihe mir, Allgütiger, Kraft, jede feindselige Regung gegen sie im ersten Keime zu ersticken, und ihnen gibt sich Gelegenheit dazu - gern zu dienen! Werde ich von andern beleidigt und gekränkt, so sey mein Herz auf seiner Huth, daß es gehässigem Grolle und unedler Rachsucht kein Gehör gebe, sondern willig und mit Freuden die Hand zur Versöhnung biethe, und erlittene Beleidigungen vergebe und vergesse. Naht sich mir ein Bedrängter und Leidender, so finde er bey mir wohlwollende Theilnahme, und bin ich im Stande, zur Milderung seines Kummers und zur Erleichterung seines Zustandes durch Trost, Rath und That beyzutragen, oder ihn vielleicht ganz zu retten, dann geschehe dieß von mir mit freudiger Seele, mit Eifer und Muth, selbst mit Anstrengung aller meiner Kräfte, und mit Aufopferung meiner Bequemlichkeit und eigenen Vortheils. Menschliches - - - 182 Elend zu vermindern, und dagegen menschliches Glück kräftig zu befördern und durch Wohlthun mein Leben zu bezeichnen, dieß sen, wie immer, auch an diesem Tage meine höchste Freude und Lust. Wohlwollen, Theilnahme, Sanftmuth, Geduld, versöhnlicher Sinn und menschenfreundliche Gesinnung sollen insbesondere die bey mir gewahr werden, die du, Urquelle alles Guten, mit mir in eine nähere Verbindung gesetzt hast; ihr Leben werde von meiner Seite nie durch Gleichgültigkeit, Kälte und ein finsteres, liebloses, hartherziges Wesen getrübt und verkümmert; sie sollen vielmehr ben mir stets zärtliche Theilnahme, Trost und Hülfe finden, und ihr Glück soll mir immer so nah als das meinige am Herzen liegen. Ja, auch heute umschwebe und leite mich der hohe Geist der Liebe! Ist sie doch die schönste Begleiterinn, die trefflichste Freundinn, die treuste Trösterinn und Beglückerinn unsers so kurzen, und oft so mühseligen Lebens; ist es doch so wahr, was der begeisterte Sänger ausruft: - O Liebe, Licht des Lebens, Himmlischer Freuden Born, Kranz jedes höhern Strebens, Ros' an des Daseyns Dorn, Die du den Tod versüßest, Das Paradies erschließest, Und stillst den langen Hader, Und fühnst den alten Zorn! 183 Erleucht' uns, Glanz aus Eden, Der Erde Wüsteney'n Schlicht' ernst und mild die Fehden, $ 63 Die unser Ich entzwey'n; - Wenn auf dem Lebenswege Wir schleichen matt und träge, So stärke du die Matten Mit deinem Labewein! Abendgebeth am Dinstage. Geendigt ist abermahls ein Tag, und an wen sollte ich am Schlusse desselben lebhafter denken, als an dich, Allliebender, der du auch heute mich geschüßt, geleitet, und mein Herz auf mancherley Weise erfreut hast? Aus der Tiefe meines Innersten steigt mein Dank dafür zu dir empor, der du deine Geschöpfe am Tage segnest, und sie segnest in der Nacht. Ja, auch die Nacht ist von dir geschaffen zu unserm Glück, und erinnert uns lebendig an die Wahrheit, daß du ein Gott der Liebe und der Barmherzigkeit bist. Nicht von ihrer düstern Seite will ich sie daher betrachten, sondern als eine der wohlthätigsten Einrichtungen der Natur, als einen redenden Beweis von deinen väterlichen Gesinnungen gegen uns. Wie reichlich haft du auch sie ausgestattet mit Schönheiten und Wundern! Wenn ich in derselben über mir den sternbesäten Himmel in seiner stillen Pracht erblicke, wie sanft bewegt und gerührt wird mein Gemüth! 184 Und wenn dabey der Gedanke vor meine Seele tritt: all' diese Gestirne der Nacht sind eben so viele ungeheure Welten, noch reicher vielleicht als unsre Erde an Schönheit und Pracht, an Reichthum, Segen und Ueberfluß, an Leben und Freude und Kraft, und seit Myriaden von Jahren wandeln sie in unverrückter Ordnung die Bahn, die ihnen deine allwie erhoben mächtige Hand vorgezeichnet hat fühlen sich dann Geist und Herz, wie gestimmt, hinzufallen, und anzubethen deine Weisheit und Macht! Ahnet dabey das fromme Gemüth da droben den seligen Aufenthalt vollendeter Geister, die glückliche Heimath derer, die hier im Staube, dein Ebenbild an sich tragend, zu einem höheren Seyn heran reifen, in die schon so manche mir theure Seelen hinüber gegangen sind, und in die auch ich einst aufgenommen werden soll: o wie wird es meinem Herzen dann so wunderbar, so wehmüthig, und doch so wohl; wie tief empfindet es seine Bestimmung und die Nähe einer andern Welt! Tritt bisweilen im herrlichen Sternenkranze der trauliche Gefährte der Nacht, der Mond, in seinem milein Bild des stillwirkenden den Glanz hervor Weisen und der bescheidnen, demuthsvollen Tugend wird meine Seele da nicht fanft berührt, und das Gemüth von stiller, inniger Freude durchdrungen? Und wenn sie mich umschwebt, die tiefe Ruhe und Stille der Nacht, wie ungestört kann ich mich dem tieferen Nachdenken überlassen, und - - - - 1 185 wie gestimmt fühle ich mich zu ernsten und heiligen Betrachtungen über dich, o Gott, über den Zweck meines Daseyns, über den Zustand meines Herzens, über mein wahres, höheres Glück, über Gegenwart, Zukunft und Ewigkeit! Und welche Erhohlung und Erquickung gewährt der nächtliche Schlaf meinem Körper und Geist; wie sehr werden sie dadurch neugestärkt zu den Verrichtungen und Anstrengungen am kommenden Tage! Wie wird dem ermüdenden Einerley des Lebens durch den regelmäßigen Eintritt der Nacht gesteuert, und Abwechslung in die lästige Einförmigkeit unsers Seyns gebracht! Mühe, Sørge und Verdruß und oft bittre Kränkungen und Leiden begleiten nur zu häufig unsre Tage. Ach, nur zu bald würden wir unter dieser Last erliegen, trafst du, Allgütiger, nicht die wohlthätige Einrichtung in der Natur, daß Tag und Nacht mit einander wechseln! Der Be- drängte, Leidende und Unglückliche darf nun nicht ununterbrochen tragen und dulden; an jedem Tage werden seinen Beschwerden, seinen Sorgen, seinem Kummer und Schmerz Grenzen gesetzt; die stille Nacht tritt ein, und nimmt ihm die Last ab, die ihn drückt, erquickt seinê müden Glieder, macht der bangen Sorge ein Ende, bedeckt mit ihrem Dunkel seinen Kummer und Gram, trocknet seine Thränen, stillt seine Seufzer, und wiegt seinen Geist nicht selten in heitre Träume ein. Ja, eine sanfte, holde Trösterinn und wohlmeinende, treue 16 186 - Freundinn bist du den Gedrückten und Leidenden, stille, schmerzbesänftigende Nacht! Und du, der du sie geschaffen hast, o wie liebreich hast du auch dadurch für das Glück deiner Kinder gesorgt! Immer, immer will ich dir danken auch für diese weise, wohlthätige Einrichtung in der Natur. Ihrem wohlthuenden Einflusse will auch ich mich jetzt überlassen, um mit dem Neuen Morgen wieder kräftiger und freudiger fortzuarbeiten auf dem Plaße, den du mir hienieden angewiesen hast. Nimm mich in derselben unter deinen allmächtigen Schuß, und dir sey dann auch der neue Tag geweiht, zu dem ich bald mit neuer Kraft erwache! Amen. Morgengebeth an der Mittwoche. Auch dieser Tag, zu welchem ich neugestärkt erwacht bin, ist dazu bestimmt, daß ich an demselben nüßlich thätig sey, und treu und redlich die Pflichten erfülle, die du, Allliebender, mir in meinem Stande und Berufe auferlegst. Und so gehe ich denn mit dem Gedanken an dich und mit dem ernstlichen Vorsatze an meine heutigen Geschäfte, sie so zu verrichten, daß ich mit mir selbst zufrieden seyn, und auf die Zufriedenheit meiner Mitmenschen und deinen göttlichen Beyfall rechnen darf. Freudig will ich nach dem Maße der mir verliehenen Kräfte mit 187 wirken zum Wohle der Welt, und des Guten schaffen, so viel ich vermag. Heilig sey mir meine Pflicht; sorgfältig werde von mir jede Verletzung derselben vermieden, und fern bleibe von mir alles, was mich derselben abwendig zu machen und auf Abwege hinzuziehen sucht. Aber nicht bloß jenen Obliegenheiten, die mir besonders wichtig scheinen, will ich volle Genüge zu leisten suchen; auch jene, die man für geringfügig zu halten gewohnt ist, sollen von mir nicht unbeachtet und unerfüllt bleiben. Jede meiner Pflichten ist ein heiliges Geboth von dir, o Gott, und keine ist so klein und unbedeutend, daß ich sie vernachlässigen oder verletzen dürfte; auch die kleinste von ihnen werde von mir auf das gewissenhafteste gethan. Denn nur dann, wenn ich dein Geboth halte ohne allen Flecken, im Großen, wie im Kleinen thue, was ich soll, und in allen Stücken als ein treuer Haushalter befunden werde, nur dann kann ich mit vorwurfsfreyem Gewissen, ruhig und still- heiter meine Laufbahn fortwandeln, und unter allen Abwechselungen und Umständen meines Lebens zufrieden und innerlich glücklich seyn. Ordnung und Pünktlichkeit herr= sche in meinem Hauswesen, bey meinen Berufsgeschäften, ben allem überhaupt, was ich unternehme und thue. Jedes meiner Worte werde von mir erwogen, und kein unnützes, böses Geschwätz komme über meine 3unge; kein zweydeutiger, ungesitteter Scherz, keine Unwahrheit, auch die ge16** - - - 188 ringste nicht, kein liebloses, hartes Urtheil entweihe meine Lippen; keine freche Geberde entadle mein Untlig; keine unedle Handlung, sie scheine mir auch noch so unbedeutend, entehre mich vor mir selbst. Gemieden werde von mir auch die geringste Bevortheilung meines Nächsten, auch der kleinste Betrug, auch jene Verirrungen, über die der Leichtsinn hinwegzusehen und zu scherzen gewohnt ist. Als ein edleres Wesen, dem auch seine geringsten Pflichten heilig sind, möge ich auch heute, so wie immer, da stehen, den Meinigen ein Muster, und allen überhaupt, die auf mich blicken, ein leuchtendes Vorbild. Mit diesen Gedanken und Vorsäßen beginne ich den heutigen Tag. O laß diese gesegnet seyn, du, von dem das Wollen und Vollbringen, von dem alles Gute und aller Segen kommt! Und bin ich in Gefahr, zu straucheln, dann schütze mich der Gedanke an dich, und die Erinnerung an deine Heiligkeit halte mich aufrecht auf der Wahrheit und der Tugend Bahn! Amen. - Abendgebeth an der Mittwoche. Umschwebt von nächtlicher Stille, nahe ich mich deinem Throne, o du, der du auch heute mit mir warst, und mich auf deinen Vaterhänden getragen, mich genährt, erquickt und erfreut, und wieder um einen Schritt der Ewigkeit näher gebracht hast! 189 Schnell fliehen die Stunden meines Lebens dahin; o daß ich sie so benüßte, wie ich einst, wann ich von dannen scheide, wünschen werde, sie benützt zu haben! Zurückblicken will ich auch auf den Tag, den ich so eben geendet habe. Deine Güte war auch an demselben neu bey mir. Du gabst mir an demselben Gelegenheit genug, Gutes zu schaffen, meinen Geist zu bilden, mein Herz zu bessern, und dadurch mein wahres Glück noch fester zu gründen. Aber waren mir auch diese Gelegenheiten willkommen? habe ich sie auch freudig ergriffen, und alle meine Pflichten treu und redlich erfüllt? war ich in meinem Stande und Berufe, war ich meinem Vaterlande, meinen Mitmenschen und besonders denen, mit welchen ich durch Amt und Würde und durch heilige Bande näher verbunden bin, heute auch ganz das, was ich, deinem Willen gemäß, seyn sollte? O daß ich mir diese Fragen bejahen, und bey strenger Prüfung meiner selbst mir das Zeugniß geben könnte, daß ich auch an diesem Tage frey geblieben sey von jeder Verirrung und aller Schuld! Ach, diese Freude wird mir nicht zu Theil! Denn untersuche ich mein Verhalten an dem verfloßnen Tage genauer, so muß ich bekennen, daß an demselben noch manches mangelhaft war. Nicht alle meine Pflichten wurden von mir so vollkommen erfüllt, daß ich mir durchaus keinen Vorwurf machen dürfte. Gefehlt hab' ich wohl auch heute in Worten, Gedanken und Werken, und weit davon entfernt mit Jesu fragen - 190 zu können: ,, wer kann mich einer Sünde zeihen?" muß ich vielmehr, im Gefühle meiner sittlichen Unvollkommenheit und Schwachheit, demuthsvoll flehen: ,, Gott sey mir Sünder gnädig!" Ja, Allbarmherziger, blicke auf meine Mängel und Schwächen mit Nachsicht und Schonung herab, und vergib mir gnädig die Fehltritte, deren ich mich auch heute schuldig gemacht habe. Sie in Zukunft sorgfältig zu meiden, an meiner Besserung mit Ernst und Eifer zu arbeiten, und an sittlicher Vollkommenheit zu wachsen, darauf sey immerfort mein Hauptbestreben hingerichtet. Ich darf auf deine Huld und Gnade bauen, und darum überlasse ich mich mit erleichtertem Herzen der erquickenden Wirkung nächtlicher Ruhe. Erwache ich dann, durch deine Güte gestärkt, zu einem neuen Tag: dann sey dieser Tag und meine neubelebte und erhöhte Kraft dir, Allheiliger, und euch, ihr Schußgeister der Menschheit, dir, o Wahrheit, und dir, o Tugend, geweiht! Amen. - Morgengebeth am Donnerstage. Das Gefühl des innigsten, kindlichsten Dankes gegen dich, Allgütiger, sey auch an diesem Morgen mein erstes Gefühl. Deine Liebe hat mir abermahls einen neuen Tag geschenkt, an welchem ich mich des Lebens erfreuen, und durch treue Erfüllung meiner 191 Berufspflichten zum allgemeinen Besten das Meinige mit beytragen soll. Dafür sagt dir meine Seele den wärmsten Dank. Erfreulich ist für mich der Gedanke, daß ich auch heute Gelegenheit erhalten soll, auf das Wohl meiner Mitmenschen mit einzuwirken; denn Theil zu haben an dem Glücke Underer welch' ein lohnendes, beseligendes Gefühl für jedes gute Herz! 3war wird es mir auch heute kaum an manchen trüben Augenblicken fehlen; so manche meiner Geschäfte werden vielleicht schwer und drückend für mich seyn; ich werde vielleicht dabey meine Kräfte in hohem Grade anstrengen müssen, und wer weiß, welchen Widerstand, welchen Verdruß, welche Kränkungen ich dabey erfahre! Leichtsinnige und Uebelwollende können leicht meinen Willen und meine Absichten mißdeuten, und die, deren Beystandes ich bedarf, mich. durch Trägheit, Widersetzlichkeit, Undank und ein ärgerliches Betragen überhaupt zum Unwillen reißen und mit Mißmuth erfüllen; selbst in dem engern Kreise derer, die mir die nächsten sind, kann mir so manches begegnen, was dazu geeignet ist, mein Gemüth zu verstimmen, und mich in meiner freudigen Wirksamkeit zu beirren und zu hemmen. O möchtest du mir dann recht lebhaft vorschweben, Allbarmherziger, der du nie müde wirst, Segen und Glück um dich zu verbreiten, und du, großer Erlöser der Welt, der du ein höchst beschwerliches Leben mit heiterm Muthe ertrugst, auch die lästigsten Pflichten freudig erfülltest, - 192 und dich durch den größten Undank und die empörendsten Ungerechtigkeiten deiner Zeitgenossen nicht abhalten ließest, dein großes Ziel zu verfolgen, wohlthätig zu wirken für ein unerkenntliches Geschlecht, und selbst die zu segnen, die dir fluchten, selbst denen wohlzuthun, die dich haßten und verfolgten! Wenn ich hieran denke, o dann fühle sich mein Herz gestimmt, geduldig und ruhig zu bleiben, auch wenn mein Wirken mit noch so vielen Beschwerden und Unannehmlichkeiten verbunden ist; dann raube mir kein lästiges Geschäft, kein feindseliger Widerstand, keine traurige Erfahrung, die ich in meinem Stande und Berufe machen muß, den Frieden meiner Seele und jenen christlichen Gleichmuth, der ein Merkmahl tugendhafter Menschen und wahrer Bekenner Jesu ist! Nichts ermatte mich in der Erfüllung meiner Pflicht; jedes beschwerliche Geschäft erscheine mir als etwas, was du, o Gott, mir selbst auferlegt hast, und alles, was mir in meinem Wirkungskreise Unangenehmes begegnet, als eine Prüfung, von dir selbst aus weisen und gütigen Absichten über mich verhängt. Zufrieden mit meinem Stande, auch wenn er mir viele und mühsame Arbeiten auferlegt, will ich niemanden beneiden, dessen Beruf mir leichter und angenehmer dünkt; ein jeder Stand, so will ich denken, ,, Ein jeder Stand hat seinen Frieden; ,, Ein jeder Stand hat seine Laft;" will mit frohem Sinn und heiterm Muthe fortwirken auf dem Plake, den du mir in der menschlichen 193 Gesellschaft angewiesen hast, will dabey keine Anstrengung und Mühe scheuen, und Undern rathen und helfen und ihr Glück aus allen Kräften befördern, auch wenn ich dafür nur Undank ernten sollte. Mit solchen Vorsäßen gehe ich auch heute an mein Tagewerk. Segne sie, o du, dem jedes redliche Wollen angenehm ist, und lehre mich auch an diesem Tage thun nach deinem Wohlgefallen! Amen. - Abendgebeth am Donnerstage. Ehe ich mich der nächtlichen Ruhe überlasse, schwingt meine Seele sich zu dir empor, den kein Gedanke zu fassen, keine Sprache edel genug zu bezeichnen vermag! Eine Fülle von Segen hast du auch an dem verfloßnen Tage über die Welt ausgegossen, und auch ich, auch ich schwaches, unvollkommenes Geschöpf war ein Gegenstand deiner grenzenlosen Huld und Gnade. Wie väterlich hast du für meine Bedürfnisse gesorgt, wie gütig bist du manchem meiner Wünsche zuvorgekommen, wie treulich hast du mich geschirmt vor Unfall und Gefahr, wie liebreich mir beygestanden bey den Sorgen, Anstrengungen und Mühen dieses Lebens! Auch der heutige Tag war für mich reich an Beweisen deiner Liebe und Huld, und was er Lästiges und Unangenehmes für mich hatte, das hast du mir tragen helfen, und es mir erleichtert auf mancherley Art. Durch deinen 17 194 Beystand ist es mir gelungen, dasselbe glücklich zu bestehen, und ich muß daher gerührt und dankbar ausrufen: der Herr hat auch heute große Dinge an mir gethan! O daß ich sie nicht übersehen hätte, die vielen Spuren deiner göttlichen Fürsorge für mich auch an dem vergangenen Tage! daß ich nicht gleichgültig geblieben wäre bey den mannigfaltigen Erscheinungen deiner überschwenglichen Gnade, nicht fühllos bey den Wohlthaten, die ich auch heute von dir empfangen habe! Wenn ich dieß alles ruhig überlege, und sie mit Nachdenken verfolge, die verborgnen und oft wundervollen Wege, auf denen du mich, oft ohne daß ich es merke, zu meinem wahren Glücke führst: wie getröstet und beruhigt muß ich mich fühlen über alle Utebel der Welt und über alles Unangenehme und Schmerzliche, das auch mir begegnet! wie gefaßt und voll guter Hoffnung kann ich bleiben, wenn drohende Ungewitter sich über meinem Haupte zusammenziehen, das Glück von mir weicht, und mein Verderben unvermeidlich scheint! Es waltet über mich dein allmächtiger Arm; es wacht über mein Schicksal dein allsehendes Auge; deine Weisheit leitet, deine Liebe erquickt, deine Rechte schützt und rettet mich. Dir kann ich mit voller Zuversicht vertrauen auch in der größten Gefahr, auch dann, wenn meine Rettung unmöglich scheint. In diesem Vertrauen will ich mich stets zu erhalten und zu befestigen suchen, und von dir, Allgütiger, unter allen Umständen das Beste er- - - 195 - warten. Dieses fromme Vertrauen begleite mich bis zum Grabe, begleite mich auch heute zur erquickenden Ruhe der Nacht. Daß mir in derselben kein Unfall begegne, und daß ich gesund und gestärkt wieder erwachen möge, das wünsche ich, und um die Erfüllung dieses Wunsches bitte ich dich, o Herr! Und wohl mir, daß ich mit kindlicher Zuversicht von dir die Erhörung auch dieser Bitte hoffen darf! Dir sey Ehre, Preis, Dank und Anbethung auch von mir dargebracht jetzt und immerdar! Amen. Morgengebeth am Freytage. Vergangen ist abermahls eine Nacht, und zu neuem Leben ist deine Schöpfung erwacht, Allgütiger! Aber wie viele der Sterblichen haben in derselben ihre irdische Laufbahn beschlossen, und die Reise angetreten, von der niemand wiederkehrt. Ich lebe noch, und kann mich noch der schönen Welt und eines Daseyns erfreuen, das so reich an Beweisen deiner Huld und Liebe ist. Doch wer weiß, ob sie nicht schon sehr nahe ist, die Stunde, in der du mich von dannen rufft! Schnell fließen meine Tage dahin; ergriffen von dem Strome der fliehenden Zeit, fühle ich kaum, wie schnell sie dahin eilt; unverrückt komme ich mit jeder Stunde, mit jedem Augenblicke meines Lebens näher dem stillen Grab, 17* 196 und wie lange wird es währen, so stehe auch ich am Scheidewege, der zwey Welten mit einander verbindet, und gehe dahin, wohin mir bereits so manche theure, geliebte Seelen vorangegangen sind. O daß ich mich von den Geschäften, Zerstreuungen und Freuden der Erde nicht betäuben und hindern ließe, an die Flüchtigkeit meines Daseyns und an meine Hinfälligkeit recht oft und recht lebhaft zu denken, und mich daran zu erinnern, daß er vielleicht schon nahe ist, der entscheidende Augenblick, in welchem ich alles verlassen muß, was mich mit festen Banden an die Welt und an das Leben bindet. Es ist vielleicht der letzte Tag, den ich auf Erden lebe. Und fristest du auch noch länger meine Tage, o Gott! schenkst du mir auch ein hohes Alter; bald genug sind meine Jahre verronnen, und ich stehe, wenn es mir scheint, als sey ich noch fern vom Ziele der irdischen Wallfahrt, schon an den Stufen der Ewigkeit. - - Ernster, wichtiger Gedanke, Gedanke an meine Hinfälligkeit und an die Flüchtigkeit meiner Tage! o tritt recht oft vor meine Seele, und bewahre mich vor dem Leichtsinne, mit welchem so viele Sterbliche ihre so schnell dahin fliehende Lebenszeit in Trägheit verschwenden, oder durch kleinliche, unnüße Beschäftigungen und Bestrebungen thöricht vertändeln! Mein Leben erscheine mir als ein ernstes Geschäft, und werde von mir weise und gewissenhaft benützt. Ein kostbares Kleinod sey mir 197 die Zeit; wuchern will ich mit ihr als ein treuer, verständiger Haushalter, und mich treffe der Vorwurf nicht, daß ich auch nur Eine Stunde, in der ich Gutes wirken konnte, ungenügt verschwinden ließ. Mein ganzes Daseyn sey eine fortwährende, nüßliche Thätigkeit: bald genug kommt die Nacht, wo ich nicht mehr wirken kann; darum will ich mit rüstiger Kraft wirken, so lang' es Tag ist; vorbereiten will ich mich mit unermüdlichem Fleiße für den Himmel, will an meiner Bildung, Besserung und Veredlung mit einem Eifer arbeiten, und das Glück der Meinigen mit einer Emsigkeit und Sorgfalt zu gründen suchen, als wenn jeder Tag der letzte meines Lebens wäre. Auf morgen werde nichts verschoben, was heute geschehen kann. Und da alles, was ich hienieden zu erwerben und zu besigen vermag, so hinfällig ist, und von mir bald genug zurückgelassen werden muß: so sey es fern von mir, mich zu sehr an die nichtigen Güter der Erde zu hängen, und von ihnen meine innere Ruhe und Bufriedenheit, meine Seelenheiterkeit und mein höheres Glück abhängig zu machen; meine ganze Aufmerksamkeit sey vielmehr auf Schäße hingerichtet, die keine Motten und kein Rost verzehren, die unvergänglich sind, und mich einst in eine bessere Welt hinüber begleiten. Nach ihrem Besite will ich unaufhörlich ringen, will mit jedem Tage weiser, besser und edler zu werden trachten, will durch eine segensreiche Wirksamkeit mir ein dank- - 198 bares Andenken bey der Nachwelt sichern, und durch eine freudige und treue Erfüllung aller meiner Pflichten und durch das lohnende Bewußtseyn hievon mir den Abschied von der Erde zu erleichtern suchen. So leiten und ordnen will ich dabey frühzeitig alle meine irdischen Angelegenheiten, daß mein Tod, er komme, wann er will, die Meinigen in keine unangenehme Verlegenheit und nachtheilige Verwirrung setze, und mich immer daran erinnern, daß der noch ein Mahl so leicht zu sterben vermag, der frühzeitig sein Haus bestellt und darin alles wohl geordnet hat. Und so will ich denn auch an dem heutigen Tage an meinem und der Meinigen wahrem Wohle so arbeiten, und für das Glück aller derer, mit denen ich in irgend einem Verhältnisse stehe, so thätig seyn, als wenn dieser Tag der letzte meines Lebens seyn könnte. Stehe mir dabey mit der Kraft deines guten Geistes bey, Alllicbender, damit ich unsträflich vor dir wandle, und auch dieser Tag vor deinem Throne einst Zeuge sey von meinem redlichen Wollen und mancher guten, lobenswerthen That! Amen. - - Abendgebeth am Freytage. Geendigt habe ich abermahls ein Tagewerk; Ruhe und Stille umschweben mich, und genießen 199 soll ich nun die Erquickungen des Schlafs. O wie wohlthuend wird die Ruhe für meinen Geist und Körper seyn! Stärkende Erhohlung sollen beyde finden. Meine Sorgen, meine Leidenschaften, mein Kummer und Gram sollen schweigen, und was mich am Tage drückt und ängstigt, soll aus der Seele verwischt werden durch die Segnungen der Nacht. O du, der du uns segnest im Lichte des Tages, so wie in dem schauerlichen Dunkel der Nächte, Gott der Güte und der Barmherzigkeit! dankbar preist dich meine Seele auch für die stärkenden Erquickungen des Schlafs! Stets erscheine er mir als eine deiner wohlthätigsten Einrichtungen in der Natur, und dabey als ein tröstliches Sinnbild des Todes! Ja, ein treffendes Sinnbild des Todes sey mir der Schlaf! Er gewährt Erholung nach Arbeit, Ruhe nach drückender Mühe, süßen Lohn für die Anstrengungen des Tages. Er setzt Grenzen jeder ängstlichen Sorge, jeder Trübsal, jedem Harm und Schmerz! Und diese Segnungen alle gewähret auch des Todes sanfte Hand. Zur Ruhe leitet er den müden Pilger nach den Beschwerden und Lasten dieses Lebens, zu stillem, heiligem Frieden den sorgenvollen Wandrer der Erde, ans Ziel den rüstigen Kämpfer im Dienste der Pflicht; er trocknet die Thräne des hart Geprüften, macht verstummen die Klage des Nothleidenden und Gedrückten, heilet die Wunden des leidenden Herzens, und, Erde und Himmel mit einander verbindend, - - 200 weiht er den Vollendeten zum Genusse eines neuen, höheren Lebens ein. Denn so wie der Schlaf kein Aufhören unsers Daseyns, sondern vielmehr eine Vorbereitung und ein stiller Übergang zu einem neuen Tage ist, so ist auch der Tod nicht Vernichtung unsers Wesens, sondern eine wundervolle Erneuerung und Verklärung unsrer Kraft, eine Weihe unsers Geistes, ein Hinüberschlummern zu einer bes sern Welt und einem höhern, vollkommeneren Seyn. Un die Nacht des Grabes schließt sich unmittelbar ein neuer Morgen an, und nach dem kurzen Schlafe des Todes erwacht der verklärte Pilger dieser Erde zu einem hellen, heitern und seligen Tage. O daß dieses Bild nie aus meiner Seele wiche! daß ich mich recht oft, wenn ich mich der nächtlichen Ruhe überlassen will, an meinen Tod erinnerte, und daß dieser mir dann immer erschiene als ein sanfter, erquickender Schlaf, als ein Einschlummern zum Genusse des wahren Friedens, als ein Übergang zu jenem frohen Tage, mit dem für mich eine neue, glückliche und ewig selige Zeit beginnen soll! Auch mir winken abermahls die Ruhe der Nacht und die Erquickungen des Schlafs. Erinnern will ich mich daben an meine Hinfälligkeit und an den Todesschlaf, in den ich einst, vielleicht früher als ich glaube, versinken soll. Aber diese Erinnerung sen nicht schmerzlich für mich. Nicht in der furchtbaren Gestalt eines Zerstörers und Vernichters erscheine mir der Tod, sondern vielmehr als ein lie- FULL - 201 bender, treuer Freund, der mich aus dem Thale der Prüfung und der Mängel in das Reich der Vollkommenheit und ewiger Wonne, aus der Dämmerung zu dem Glanze des Lichtes, aus der Nacht des Erdenlebens zu dem hellen Tage des Himmels leitet. Wann er mir auch winke, er finde mich bereit und willig, ihm zu folgen. Er führt mich ja zu dir, o Gott, und zu denen, deren irdische Hülle schon lang im Grabe ruht, und nach deren Wiedersehn das Herz sich oft mit heiligem Verlangen sehnt. Schüße mich, Allgütiger, auch in dieser Nacht, und bricht er auch für mich an, der neue Tag, so laß mich an demselben mit verjüngter Kraft meine irdische Wirksamkeit fortsetzen, und treu und redlich vollbringen, was mir die Pflicht gebeut! Amen. - Morgengebeth am Sonnabende. Auch diesen letzten Tag der Woche, den deine Liebe mich hat erleben lassen, beginne ich mit frommen Gedanken an dich, großer Schöpfer und Regierer der Welt! Was könnte auch erfreulicher, aufmunternder und stärkender für mich seyn, als eine stille Erhebung des Herzens zu dir, der du mein Leben mit all' seinen Schicksalen in deiner Hand hast, und mir an jedem Tage, in jeder Stunde, ja in jedem Augenblicke meines irdischen Daseyns so viele Proben von Vaterliebe gibst, und mich auch 202 dann segnest und beglückst, wenn du herbe Prüfungen und Leiden über mich verhängst! Möchte ich mich doch auch an dem heutigen Tage immer in deiner Nähe fühlen, und ihn so treulich anwenden, daß ich mit ruhigem Gewissen hintreten kann vor dein Angesicht! Un deiner Zufriedenheit mit mir, an deinem Beyfalle und deiner Liebe sey mir alles gelegen. Kein irdischer Besit erfreue mein Herz so innig, als der Gedanke, daß ich deiner Huld und Gnade nicht unwürdig sey, sondern bey meiner Denk- und Handlungsweise mit Zuversicht auf deine Zustimmung und dein Wohlgefallen rechnen dürfe. Darum sey auch dieser Tag der Wahrheit und der Tugend, er sey dir geweiht, von dem alles Wahre und Gute kommt! Häucheley, Lüge und Trug bleibe fern von mir. Aufrichtig sey meine Gesinnung, wahr meine Rede, ohne Falsch mein ganzes Benehmen gegen die, mit denen ich in irgend einer Berührung stehe. Niemand werde von mir durch Worte oder Geberden, oder irgend eine That getäuscht. Dir, edle, himmlische Wahrhaftigkeit, huldige meine Seele auch heute, so wie immerdar! Offen und redlich finde mich jedermann; was mir anvertraut wird, werde von mir mit gewissenhafter Treue bewahrt oder verwaltet; das Ansehen, in welchem ich stehe, den Einfluß, den ich besitze, die Macht, die mir gegeben ist, Amt und Würden, die ich bekleide- dieß alles will ich betrachten als ein Pfund, das ich von dir, Allgütiger, empfangen habe, um - 203 damit treulich zu wuchern für das Wohl der Welt, nicht bloß für eigenen Vortheil, noch zur Bedrückung und Beschädigung derer, die von mir und meiner Redlichkeit und Billigkeit abhängen. Je mehr du mir anvertraut hast, um so sorgfältiger und ge wissenhafter will ich auf mich merken, daß ich nicht fehle, sondern in jedem Stücke als ein treuer Haushalter erfunden werde. Denn wem du viel gegeben hast, von dem wirst du einst auch viel fordern. Erwachen die mächtigen Triebe des Eigennußes und der Habsucht auch bey mir: dann trete sogleich der Gedanke vor meine Seele, daß dir nur eine reine, uneigennüßige Tugend gefalle, und es schweige die Eigenliebe und jede selbstsüchtige Neigung in mir! Sollte ich auch mit Leichtigkeit, unbemerkt, und ohne die Vorwürfe meiner Mitmenschen befürchten zu dürfen, meinen Eigennuß befriedigen, und mir Vortheile zueignen können, die mit den Gesetzen der Rechtschaffenheit, Ehrlichkeit und Billigkeit streiten- der Gedanke an dich, allheiliger und allwissender Gott, halte mich davon zurück. Denn was hälfe es mir, wenn ich auch die ganze Welt gewänne, und nähme dafür Schaden an meiner Seele! Was nüßen alle Schäße und Reichthümer der Erde, wenn sie nicht durch tadellose Mittel erwor ben sind, und mancher gerechte Vorwurf für uns an ihnen klebt! Sie sind vergänglich, und bald genug müssen wir uns von ihnen trennen. Aber wer gibt uns dann den Seelenfrieden und die Gewissens- - 204 ruhe wieder, die wir verloren haben, als wir bey ihrer Erwerbung die Pflicht verletzten? Nein, Armuth und Dürftigkeit und dabey ein vorwurfsfreyes Gewissen werde von mir vorgezogen allen unrechtmäßig erworbenen Schäßen der Welt! Ich bin dann der Achtung aller Redlichen, die mich näher kennen, und deines göttlichen Beyfalls gewiß. Und welch' ein Glück kann größer seyn als dieß! O laß mich nach diesem Glücke auch heute ringen, Allliebender, und fällt er mir schwer, der Kampf, den ich dabey zu bestehen habe: so versage mir deinen Beystand nicht; laß mich als Sieger aus demselben hervorgehen, und einst in einer bessern Welt aus deiner Hand die Krone der Gerechtigkeit empfangen, die du verheißen hast allen denen, die dich lieb haben, und mit Geduld im Kampfe der Tugend ausharren, bis ihr sterbliches Auge bricht! Amen. - - Abendgebeth am Sonnabende. Mit dank erfülltem Herzen erscheine ich am Ende dieses Tages vor dir, Urquelle aller Freude und alles Heils! Glücklich habe ich mit demselben abermahls eine Woche beschlossen, und blicke ich auf die zahllosen Wohlthaten zurück, die du mir auch in diesem Zeitraume erwiesen hast, so fühle ich mich tief gerührt und hingerissen zu deinem Lob und Preis. Kein Tag, ja keine Stunde schwand dahin, 205 ohne daß ich den wohlthätigen Einfluß deiner Liebe empfand, und selbst das, was ich an Beschwerde und Widerwärtigkeit erfuhr, war eine Schickung von dir, und dazu bestimmt, mich zu läutern, zu kräftigen, zu bilden, zu veredeln und hiedurch einem höheren Glücke näher zu bringen, das nicht in der Außenwelt, sondern tief im Innersten des Edlen wohnt. Kein Ausdruck ist lebhaft und edel genug, um deine Güte würdig zu preisen. Aber tief aus meinem Herzen steigt der schwache Dank empor, den ich dir für das unendlich viele Gute bringe, das du mir auch in der verfloßnen Woche erwiesen hast. Nimm ihn huldvoll und in Gnaden an. Ach, daß ich mich deiner Wohlthaten immer würdig gemacht hätte! An Gelegenheit, nüßlich thätig zu seyn, und zur Beförderung menschlichen Wohles mitzuwirken, hast du mir es an keinem Tage fehlen lassen. Aber habe ich auch diese Gelegenheiten mit Freuden ergriffen, und mit gewissenhafter Treue benützt? Habe ich auch auf dem Platze, den du mir in der menschlichen Gesellschaft angewiesen hast, so viel Gutes gewirkt, als ich zu wirken vermochte? Lag mir wohl daran, fortzuschreiten in der Erkenntniß, so wie in der Tugend? Verstand und befolgte ich die Winke, die du mir in Hinsicht auf meine Selbstvervollkommnung, Besserung und Veredlung gabst? War mir die Pflicht über alles heilig, theuer und werth, und erfüllte ich alle Obliegenheiten meines Standes und Berufes mit jener strengen Redlich- - 206 keit, wie es einem tugendhaften Menschen, besonders einem wahren Bekenner Jesu ziemt? War es der Geist der Sanftmuth, der Geduld und Liebe, der mein Benehmen gegen alle die leitete, die mir die nächsten sind? Kann ich mir das Zeugniß geben, daß ich auch in dieser Woche nach dem Maße meiner Kräfte den Samen des Wahren und Guten ausgestreut, Anderer Wohl befördert, und zum allgemeinen Besten redlich und eifrig mitgewirkt habe? O daß ich mir alles dessen bewußt wäre! Was mir in dieser Hinsicht gelang es ist dein Werk, Allmächtiger, und dir gebührt dafür Ruhm und Preis. Was aber an meiner Wirksamkeit mangelhaft blieb, ist wohl, wenn auch nicht ganz, doch größtentheils meine Schuld. Blicke mit Nachsicht darauf herab, und trage meine Schwäche mit Langmuth und Geduld. Aber immer weiser, besser, tugendhafter, vollkommener zu werden- dieß sey fernerhin mein eifrigstes Bestreben. Laß es mir gelingen, und auf meinem Wollen und Thun stets deinen Segen ruhen! Immer leite mich dein guter Geist auf ebner Bahn! Amen. - Spor ---- Morgengebeth eines Kranken. Dank, inniger Dank, dir, mein himmlischer Vater! daß du auch in der vergangenen Nacht gnädig über mich gewacht, mich in meiner Schwach 207 heit unterstüßt, und mir meine Leiden erleichtert hast! Ach, was wäre ich ohne dich! Wenn deine Hand mich nicht hielte, und dein allmächtiger Arm nicht schüßte, so hätte ich längst verzagen und verzweifeln müssen; so wäre ich längst eine Beute des Kummers und der Zerstörung geworden. Aber du warst mir immer nah, bewahrtest meinen Odem, stärktest mich in meiner Schwachheit, und läsfest mich auch jetzt das Licht eines neuen Tages erblicken. Alles, alles ist zu neuem Leben erwacht, und freuet sich seines Daseyns. O auch ich, auch ich wiewohl gedrückt von körperlichen Leiden- will mich dieses neuen Tages freuen, und ihn aus deiner Vaterhand dankbar annehmen als ein theures, unschätzbares Geschenk! Noch lebe ich! Herr, mein Gott und Vater! ich will nur dir leben! Noch schenkst du mir Zeit zu manchem frohen Genusse und zur Sorge für mein höheres, ewiges Glück. Allgütiger! ich will diese Zeit weise und christlich anwenden. Mein seligster Genuß bestehe darin, mit meinem Geiste und Herzen bey dir zu seyn, und mich mit dem zu beschäftigen, was heilig und himmlisch ist; denen, die mich umgeben, Liebe und Dank zu beweisen, und ihnen als Muster im Leiden, vorzuleuchten. An meiner Besserung und Veredlung will ich auch heute mit Ernst und frommem Eifer arbeiten, und dir für den mir geschenkten neuen Tag besonders dadurch dankbar seyn, daß ich ihn - - - 208 zur Weckung und Belebung guter, dir gefälliger Gesinnungen und Gefühle benuße. Dann wird auch alle Sorge und aller Kummer aus meiner Seele weichen; ich werde dir um so fester vertrauen, und von dir mit um so größerer Zuversicht das Beste erwarten. Allliebender! sey auch heute mit mir, deinem schwachen, von Leiden danieder gebeugten, schwer geprüften Kinde! Schenke mir Muth und Kraft, meine Leiden so zu ertragen, wie Jesus die seinigen ertrug, und jene Zufriedenheit und Heiterkeit der Seele, die dem christlichen Dulder auch bey den härtesten Schlägen des Schicksals und in den Stunden großer Schmerzen niemahls fehlen sollte. Mit getrostem Sinn laß mich der Zukunft entgegen sehen, und wenn Augenblicke kommen, wo ich im Gefühle meiner Schwäche oder ergriffen von Schmerz und Pein verzagen will, so sey du, Albarmherziger, in mir Schwachem mächtig, lindre meine Leiden, und sende mir in dem Glauben an deine Macht und Güte Stärkung und Labsal von oben herab. Laß mich auch an diesem Tage nicht vergessen: daß denen, die dich lieben, alle Dinge zum Besten dienen müssen. Dir sey Preis, Ehre und Anbethung in alle Ewigkeit! Amen. - - 209 Abendgebeth eines Kranken. Wie könnte ich diesen Tag beschließen, ohne noch mein Herz zu dir zu erheben, o du, von dem nur Gutes kommt, und der du uns auch dann segnest, wenn du Leiden und schwere Prüfungen über uns verhängst! Auch dieser Tag meines siechen Lebens war für mich reich an Beweisen deiner Va= terhuld und Liebe. Denn du warest es ja, der mir Kraft verlieh, mein Leiden geduldig zu ertragen, der mich vor den Gefahren schützte, die mich umgaben, und der mein Leben fristete und meine Seele durch fromme Gedanken, mein Herz durch tröstliche Hoffnungen erhob! Deiner Liebe verdanke ich es, daß ich in meiner Krankheit nicht verlassen und hülflos dahin schmachten muß, und daß es mir auch an diesem Tage nicht an menschenfreundlicher Theilnahme, nicht an Erleichterung und Beystand mancherley Art gefehlt hat. Ja, du hast auch heute mich mit Wohlthaten deiner Hand überschüttet, und dich an mir als ein liebevoller Vater bewiesen, der das Wohl seines Kindes nie aus dem Auge verliert. Dafür preist dich dankbar meine Seele und mein Gemüth! O nimm ihn gnädig an, diesen schwachen Dank, und sey auch ferner mit mir, so wie du es bisher gewesen bist! Verleihe mir eine ruhige Nacht, und wenn ich in derselben des erquickenden Schlafes entbehren muß, so erquicke und stärke mich der stille Hinblick nach dir und die Erinnerung an deine 18 - - 210 Macht, Weisheit und Liebe. Steigen im Gefühle meiner Leiden fromme Seufzer aus meiner beklommenen Brust zu dir empor, o so vernimm und erhöre sie! Fühlt sich mein Gemüth ergriffen von bangen Ahnungen und geängstigt durch düstre Bilder der Gegenwart und Zukunft: o dann stehe mir bey, Allgütiger! und senke Beruhigung und stillen Frieden in mein bekümmertes und zagendes Herz! Wollen Leib und Seele verschmachten: o so sey du meines Herzens Trost und mein Theil! Ja, Allbarmherziger! an dich will ich mich halten, wenn Welt und Leben mir in trauriger Gestalt erscheinen und allen Reiß für mich verlieren; dir will ich vertrauen, von dir mit kindlicher Zuversicht nur Gutes, ja das Beste erwarten! Sey du auch in dieser Nacht mein Trost, mein Schuß, meine Hoffnung und mein Erretter, und meine Seele soll dich dafür preisen für und für! Amen. - Abendgebeth nach einem frohen Tage. So ist denn wieder ein Tag meines irdischen Daseyns dahin geschwunden! Und welch' ein Tag! O er reihet sich an die schönsten, frohsten, glücklichsten Tage meines Lebens an! Meine Seele fühlte sich an demselben frey von drückenden Sorgen, peinlichen Gefühlen und beängstigenden 3weifeln, mein Herz frey von Unmuth, Kummer und Gram. In 211 heitrer, freundlicher Gestalt erschienen mir Welt und Leben, und mein Gemüth fühlte sich zufrieden und zur Freude gestimmt. O wie viele Veranlassungen zu frohen Empfindungen both dieser Tag mir dar! wie floß er mir, gleich einem klaren Bach durch blumenreiche Auen, so sanft und still und heiter dahin! Wie viel Gutes und Angenehmes ward an demselben mir zu Theil! Wenn ich am Schlusse desselben daran zurückdenke, o dann tritt deine unendliche Liebe, Allgütiger, von dem jede gute und jede vollkommene Gabe kommt, vor meine Seele, und mein gerührtes Herz ruft laut mir zu: Ihm, ihm allein gebühret Lob und Dank; denn von ihm, dem Geber alles Guten, kam alles, alles, was dir auch heute an Freude und Glück zu Theil geworden ist; ihm allein hast du alle frohen Genüsse dieses Tages zu danken; sie flossen dir aus der unversiegbaren Quelle seiner grenzenlosen Huld und Güte zu! Allbarmherziger, ich weiß und fühle dieß, und fühle auch daben, daß ich nicht werth bin der Barmherzigkeit und Treue, die du auch heute an mir gethan hast! Aber um so inniger und herzlicher ist auch der Dank, den ich dir dafür bringe. Nimm ihn in Gnaden an, und gib, daß ich dadurch in meiner Liebe und in meinem Vertrauen zu dir noch mehr befestigt und dazu gestimmt werden möge, alle meine Pflichten um so treuer zu erfüllen, so wie du, wohlthätig wirksam zu seyn, und Freude und Glück um mich zu verbreiten, so viel in meinen Kräften steht. 18* - 212 Dann wird es keinem meiner Tage ganz an Annehmlichkeit und Freude fehlen. Dazu verhilf mir, Allgütiger! durch die Kraft deines guten Geistes! Amen. - - Abendgebeth nach einem traurigen Tage. In stiller Undacht hebt sich auch heute mein wundes Herz zu dir empor, o Gott, und suchet in seiner Traurigkeit Trost, Labsal und Stärkung in dem Gedanken an dich und an deine Macht, Weisheit und Liebe! Ach, wie freudenleer und düster war dieser Tag für mich! Alles Glück schien sich von mir gewendet und den schmerzlichsten Empfindungen und trübsten Aussichten Plaß gemacht zu haben. Was ich sah, vernahm und erfuhr, war nur dazu geeignet, meine Seele mit Mißmuth zu erfüllen, und mein Gemüth zu beunruhigen und zu bangen Ahnungen und Besorgnissen zu stimmen. Welt und Leben erschienen mir in unfreundlicher Gestalt, und mein Herz war nicht stark genug, die traurigen Gefühle meines Innern zu beherrschen, und seine Ruhe und seinen Gleichmuth zu behaupten. So schwand freudenlos und peinlich dieser Tag für mich da hin. O vergib, Allgütiger! wenn ich mich an demselben meinen düstern Gefühlen zu sehr überlassen, und zu wenig Vertrauen zu deiner weisen und gütigen Vorsehung bewiesen habe! Und doch war diese - 213 auch heute wirksam für mich. Denn du zogst keinen Augenblick die treue Vaterhand von mir, die mich immer so gütig durch alle Labyrinthe dieses Lebens geleitet, immer geschüßt, erhalten, versorgt, gerettet hat. Du halfst mir auch diesen Tag überstehen, und willst mir nun durch die erquickende Ruhe der Nacht Vergessenheit alles Ungemachs und für den kommenden Tag neue Kraft und gleichsam neues Leben schenken. O daß ich in diesen stillen Augenblicken mich getrost und heiter deinem Throne nahen, und mir das Zeugniß geben könnte, die Leiden, die mich heute drückten, nicht selbst verschuldet, und auch an diesem Tage treu und redlich meine Pflicht gethan zu haben! Vergib, o vergib, Allbarmherzi ger, wenn ich gestrauchelt bin, wenn ich gefehlet habe! Sen in mir Schwachem mächtig, und laß mich nie vergessen, daß ich stets unter deiner Aufsicht und deinem Schuße stehe, daß mir ohne deine Zulassung auch nicht ein Haar auf dem Haupte gekrümmt werden könne, und daß du neben den guten Tagen auch manchen bösen eintreten läsfest, um uns zu prüfen, zu bilden, zu läutern und zu veredeln. Und so weiche denn aller Mißmuth und alle Traurigkeit aus meiner Seele; mein Herz fühle sich in deiner Nähe ruhig, zufrieden und wohl; vergessen sey alles, was mich an diesem Tage schmerzlich berührte, ängstigte und mit Mißmuth und Traurigkeit erfüllte, und kein düstrer Gedanke, keine bange Sorge hindre oder vermindere die mir so nöthigen Erquickungen der - - 214 nächtlichen Ruhe. Ich will immer redlich meine Pflicht erfüllen, und dir o Herr! vertrauen. Dann werde ich getrost der Zukunft entgegen gehen können, und selbst der trübste Tag soll dann nicht gänzlich ohne Freude für mich seyn! Amen. - - Prüfung am Abende. Durch deine Gnade, Allgütiger! habe ich auch diesen Tag meines Lebens glücklich beendigt, und schon winkt mir die Ruhe der Nacht. Doch ehe ich mich derselben überlasse, will ich noch einige Augenblicke einer ernstlichen Prüfung meiner selbst widmen, und mir einige Fragen zu gewissenhafter Beantwortung vorlegen. 4 Mein Stand und Beruf hat mir auch heute so manche Arbeiten und Pflichten auferlegt. Habe ich sie wohl als etwas betrachtet, was du, o Gott, mir selbst zu meiner Uebung und zu meinem Glücke auferlegt haft? War daher meine Sorgfalt darauf hingerichtet, meine Geschäfte mit Redlichkeit und Freudigkeit der Seele zu verrichten, sie nicht als eine Last, sondern als eine Wohlthat für mich anzusehen, und alle meine Pflichten, auch die beschwerlichsten und gering scheinenden, mit Lust und Liebe, Eifer und Treue zu erfüllen? Habe ich wohl auch heute vor allem andern getrachtet nach deinem Reiche, o Herr! und nach deiner Gerechtigkeit, und - 215 - hat mir das Heil meiner Seele mehr als alles andere am Herzen gelegen? Dachte ich wohl bisweilen an meinen Heiland Jesum Christum, und bemühte ich mich, sein Beyspiel nachzuahmen und nach zu folgen seinen Fußstapfen? Wandelte ich daher mit Wohlwollen und Liebe unter meinen Mitmenschen, und suchte ich, das Meinige zu ihrem Glücke beyzutragen? Habe ich mich besonders gegen diejenigen, die mir die nächsten und mit mir inniger verbunden sind, liebevoll, dienstfertig, friedlich, sanft und schonend benommen, alle meine Pflichten gegen sie treulich erfüllt, und ihnen weder durch Wort, noch That irgend ein Aergerniß gegeben? Wenn ich Andere glücklich sah, regte sich da nicht in meinem Herzen das böse, feindselige Gefühl des Neides und der Mißgunst? Sah ich Andere leiden: blieb ich dabey nicht gleichgültig und kalt? nahm ich da wohl herzlichen Antheil an ihrer traurigen Lage, und fühlte ich mich geneigt, ihnen dieselbe nach Kraft und Vermögen zu erleichtern? Wie war ich gegen meine Widersacher und Feinde ge= sinnt? Suchte ich nicht, sie zu verkleinern und ihnen Böses zuzufügen? war ich wohl geneigt, allen Groll und alle Rachsucht gegen sie in mir zu unterdrücken, ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, und mich mit ihnen wieder auszusöhnen? Vermied ich im Umgange und Verkehr mit Andern allen Stolz und Hochmuth, allen 3ank und Streit, alle Verstellung und allen Betrug, alle unüberlegten Scherze - 216 und Reden und alle Handlungen, die auf ihr Herz einen üblen Eindruck machen konnten? Suchte ich wohl jede unedle, sträfliche Begierde, jede heftige Leidenschaft, jede sündige Neigung und Lust, die in mir erwachte, schnell und in ihrem ersten Keime zu ersticken? Vermied ich wohl sorgfältig jede Gelegenheit zum Sündigen und war es mir ernstlich darum zu thun, verständiger, einsichtsvoller, geschickter, besser und meinem Erlöser ähnlicher zu werden? - Allgütiger! auch an dem heutigen Tage hast du mir des Guten sehr viel erwiesen. Aber bin ich darauf aufmerksam gewesen? habe ich auch das, was ich aus deiner Vaterhand empfangen, dankbar erkannt, und deine Wohlthaten nach deinem heiligen Willen, mit Vernunft und frommem Sinn, und zu meinem wahren Wohle, so wie zum Besten Undrer benutzt und angewendet?- Und ging nicht alles nach meinen Wünschen, begegnete mir vielleicht manches Unangenehme, und lastete manche Beschwerde und manche Sorge auf mir: verlor ich da nicht zu leicht meine Geduld? wurde ich nicht unzufrieden, kleinmüthig und verzagt? fühlte ich da nicht in meinem Innern eine heimliche Neigung, gegen deine Schickungen, o Gott, zu murren, und mir durch ungerechte Mittel zu helfen? Wandte sich wohl mein Herz in jeder Lage, in die ich heute kam, voll Liebe und voll Vertrauens zu dir, Unendlicher! und war ich bereit, aus deiner Hand auch das Schwerste - - 217 und Bitterste mit frommer Ergebung in deinen heiligen, mir oft unerforschlichen Willen anzunehmen und es standhaft zu ertragen? - Allwissender, dem nichts verborgen bleibt! ach, du kennst auch meine Schwächen! O trage sie mit Langmuth und Geduld! Ja, auch heute bin ich in manchem Stücke nicht ganz so gewesen, als ich hätte seyn sollen. Mit Beschämung muß ich dieß bekennen. Aber ich will mich bestreben, mit jedem Tage verständiger, besser, dir und Jesu ähnlicher zu werden. Sen auch in mir Schwachem mächtig, und gib stets zu meinem Wollen auch das Vollbringen! Amen. Am letzten Abende eines Jahres. So o stehe ich denn abermahls am Schlusse eines Jahres! Wenn ich zurückblicke auf die Begebenheiten meines Lebens in diesem Zeitraume- o o auf wie unendlich viele Spuren deiner Weisheit und Güte stoße ich dabey, Allliebender! Auch in diesem nun zu Ende laufenden Jahre hast du mich überhäuft mit Wohlthaten aller Art. Väterlich hast du mich geschützt vor so mancher Gefahr, hast über mein Leben, meine Gesundheit, mein Eigenthum, meine Ehre, über mein leibliches und geistiges Wohl gewacht, und es mir an nichts fehlen lassen, was zu meinem wahren Besten nothwendig war. Du 19 218 verliehst mir Mittel, meine Bedürfnisse zu befriedigen, du segnetest meine Unternehmungen und Geschäfte, du sorgtest auf mancherley Art für die Bildung meines Geistes, so wie für die Besserung und Veredlung meines Herzens, und gabst mir Gelegenheit genug, meine Kräfte für das Wohl der Welt anzuwenden, und das Meinige zum allgemeinen Besten beyzutragen. Und welche hohe, reine Freuden ließest du mir im Schooße der Natur, der Freundschaft und der Liebe emporblühn! Wenn ich sie er blickte, die Schönheiten und Wunder deiner unermeßlichen Schöpfung; wenn mir der reine, blaue Himmel, die Sonne in ihrer Majestät, das geſtirnte Firmament in seiner stillen Pracht, des Baumes Blüthe, der Fluren Schmuck und das rege, freudige Leben in der ganzen Natur laut und nachdrücklich zuriefen: ,, Ein liebevoller Gott waltet über alles, was da ist; waltet auch über dich mit Weisheit und Barmherzigkeit!"- o wie erwachte da mein Herz zu einem neuen Leben, welch' ein stiller Friede senkte sich in meine Brust, wie sehr fühlte ich mich gestärkt und erquickt! Und wie viele reine Genüsse, wie viele süße Freuden ließest du mir im Kreise meiner Freunde und aller derer zu Theil werden, die du mir hier gegeben, und durch heilige Bande mit mir näher verbunden haft! Der trauliche Umgang mit ihnen, ihre zärtliche Unhänglichkeit und Liebe zu mir, und so manche schöne, erfreuliche Hoffnungen, die sie in mir weckten— welch - 219 eine reiche Quelle des Trostes, der Stärkung und der Aufheiterung war dieß alles für mich! Ueberrascht wurde ich dabey durch manche Annehmlichkeiten des Lebens, durch manches unverhoffte Glück. Ja, mit dankbarer Seele muß ich bekennen: Gott, mein Gott, auch in diesem Jahre hast du viel an mir gethan! 3war auch manche trübe Stunde zählte das verfloßne Jahr für mich. Es fehlte mir in demselben nicht an drückender Arbeit und Mühe, nicht an. mancher traurigen Erfahrung, nicht an Verdruß und emfindlichen Kränkungen, nicht an Kummer und Schmerz. Aber du, o Herr, hast mir tragen helfen alles, was unangenehm und drückend für mich war; du hast mir jede Last des Lebens auf mannigfaltige Weise erleichtert, und wenn ich über die Leiden, die du über mich verhängtest, tiefer nachdenke, so werde ich überzeugt, daß du mich durch sie meinem Ziele näher brachtest, und daß ich sie als Beweise deiner Weisheit und Vaterhuld betrachten muß. - smll Darum sagt dir, o Gott, mein gerührtes Herz den innigsten, wärmsten Dank für alle Proben deiner Liebe und Barmherzigkeit, die du mir auch in diesem Jahre gegeben hast, für alle guten und bösen Tage, für Freude und Schmerz, für Glück und Unglück, für das, was du mir gewährtest, so wie für das, was deine unerforschliche Weisheit mir zu versagen für nothwendig und heil19* 220 sam fand. Möchte ich doch immer deine Wohlthaten erkannt und weise benützt, deinen gütigen Absichten mit mir stets willig entsprochen, auch das Unangenehme, das du mir zuschicktest, mit zufriedner Seele aus deiner Hand angenommen, mit Geduld ertragen, und zum Heile meiner Seele angewandt, von den Gelegenheiten, die du mir zu meiner Besserung und Veredlung darbothest, treulich Gebrauch gemacht, und zum Wohle der Welt immer eifrig und redlich mitgewirkt haben; möchte ich auch in diesem Jahre auf der Bahn der Weisheit und der Tugend fortgeschritten, und einsichtsvoller, besser, edler, dir und Jesu immer ähnlicher geworden seyn! Wie erheiternd und stärkend müßte dann mein Rückblick auf die verschwundenen Tage dieses Zeitraums seyn! Viele, die den Anfang dieses Jahres sahen, sind nicht mehr; so manche Seele, die mir lieb war, ist im Laufe desselben zurückgekehrt zu dir. Du hast sie aus dieser Schule der Vorbereitung und Prüfung in einen höhern Wirkungskreis versetzt; die Entschlafenen sind bey dir, und ihnen ist wohl. O trocknet daher eure Thränen, ihr alle, die ihr um vollendete Lieben weint! Sie sind wohl aufgehoben, und bald genug sehet ihr sie wieder vor Gottes Thron! Ach, schnell läuft unsers Lebens Uhrwerk ab; Tage und Jahre schwinden wie ein Schatten unbemerkt dahin, und kehren nimmer wieder, und wie lange wird es währen, so stehe auch ich am Ziele, wo es heißt, ,, Bis hieher und nicht weiter!" Aber um - - 221 so treuer will ich die so schnell dahin fliehende Zeit benüßen, um so eifriger will ich an meiner Bildung, Besserung und sittlichen Vervollkommnung arbeiten und so wirken und leben, daß ich in jedem Jahre, ja in jeder Stunde meines Daseyns bereit sey, ruhigen Sinnes überzugehen in eine andere Welt. - - Und so sinke denn, bald geendigtes Jahr meines Lebens, mit deinen Freuden und Leiden in das Meer der Ewigkeit hin. Mögest du einst am Tage der Rechenschaft nicht zeugen gegen mich, und der stille Rückblick auf dich für mein Herz immer stärkend und erfreulich seyn! Dir aber, Allgewaltiger, vor dem Jahrtausende sind wie ein Nichts, dir sey Ehre, Anbethung, Preis und Dank in Ewigkeit! Amen. Morgengebeth für die zartere Jugend*). Lieber Gott, auch diese Nacht Hast du liebreich mich bewacht, Hast geschützt mein zartes Leben, Und mir neue Kraft gegeben; Meine Seele danket dir, Lieber, guter Gott, dafür! Laß mich heute, dir ergeben, Redlich denken, redlich leben; Laß mich gut und fleißig seyn, Und der Aeltern Herz erfreun! Amen. *) 3unächst für die Jugend ist das Erbauungsbuch bestimmt, das bey Leo, in Leipzig, unter dem Titel erschienen ist: 2 ndachtsbuch für die Jugend beyderley Geschlechtes, oder Erhebung des Geistes und Herzens zu Gott. Von J. Glaß. Dritte Auflage. - 222 - Gebeth jüngerer Kinder vor Tische. Gott, aus deiner Vaterhand Seh'n wir über Meer und Land Glück und Segen sich ergießen; Was mir deine Güte beut, Will ich jetzt mit Mäßigkeit Und mit frommem Dank genießen! Amen. Saric Gebeth jüngerer Kinder nach Tische. Alles, alles, was ich habe, Lieber Gott, ist deine Gabe; Alles, alles kommt von dir! Guter Gott, wie dank' ich dir! Nimm auch jetzt für Speis und Trank Meines Herzens wärmsten Dank! Amen. hid Abendgebeth für jüngere Kinder. Sen für alles hoch gepriesen, Was du heute mir erwiesen, Vater, der im Himmel wohnt, Und das Gute liebt und lohnt! Treulich hast du mich geleitet, Mir der Freuden viel bereitet, Und von mir an diesem Tage Abgewendet alle Plage. Dwie herzlich dank' ich dir, Mein Beschützer, jetzt dafür! Finstre Nacht wird mich umschweben; Aber Du bewachst mein Leben; Läßt mich niemahls ganz allein; Darum kann ich ruhig seyn. Zu den morgenden Geschäften Laß mich mit verjüngten Kräften Gifervoll und willig gehn, Und gesund den Morgen sehn! Amen. III. Festtags: Andachten. maduk: ogatije Allgemeines Festtags- Gebeth.e Cin in Festtag für die Christenheit ist der heutige Tag. Es knüpfen sich an denselben so manche Erinnerungen, die belehrend für den Verstand, tröstend für das Gemüth, und für das Herz erfreulich und veredelnd sind. Was könnte ich daher an demselben Besseres thun, als meinen Geist mit Erinnerungen dieser Art beschäftigen, über den eigentlichen Zweck dieses Festes ruhig nachdenken, die Ermunterungen zum Guten an demselben vernehmen, und mich lobenswerthen, edlen Gesinnungen und Entschließungen ganz überlassen! O du, der nur das Wahre und Rechte liebt, und unser Geschlecht auf vielfache Weise zu erleuchten, zu bessern, und dadurch wahrhaft zu beglücken sucht! auch durch festliche Tage willst du unser höheres Wohl befördern. Erinnern willst du uns durch sie an so manchen Edlen, der, ausgezeichnet an Geist und Herz, als Wohlthäter auf Erden herum wandelte, und sich entschiedne Verdienste um die Welt erwarb; erinnern willst du uns an Begebenheiten, die wichtig für unser Geschlecht und die höchsten Angelegenheiten desselben sind. Das Beyspiel und die Thaten verdienstvoller Redlichen sollen uns lebhaft vorschweben, uns mit Ehrfurcht und Dank gegen sie erfüllen, und uns ermuntern, in ihre Fußstapfen zu treten, so wie sie nach Herzensreinheit 226 zu ringen, und im Dienste der Pflicht, so wie im Kampfe mit Trug und Ungerechtigkeit keine Anstrengung, keine Entbehrung und kein Opfer zu scheuen, und dir und allem, was gut und edel ist, unerschütterlich treu zu bleiben bis in den Tod. Die Erinnerung an Ereignisse, die auf das Wohl der Menschheit einen entschiednen, heilsamen Einfluß hatten, soll unser Gemüth erfreuen, soll uns Trost und Beruhigung gewähren bey den dunkeln Wegen, auf denen wir oft wandeln, uns mit Liebe und Dank gegen dich, Allgütiger, und mit festem Vertrauen zu deiner Weisheit, Huld, Gerechtigkeit und Macht erfüllen, und uns aneifern, nie von der Tugend Pfad zu weichen, und uns deiner Liebe immer würdiger zu machen. Das ist der Hauptzweck festlicher Tage. Er schwebe mir auch an dem heutigen Feste vor, und mein Bestreben sey darauf hingerichtet, ihn zu erreichen. Es schwinge sich an demselben mein Herz zu dir, o Heiligster, empor, und die Erinnerungen, die er in meiner Seele weckt, seyen nüßlich für meinen Geist und mein Gemüth. Nicht unter Genüssen niedrer Sinnlichkeit schwinde er mir dahin, sondern unter frommen Betrachtungen und Beschäftigungen des Geistes. Er gehöre zu jenen heitern, heiligen Tagen meines Lebens, an welchen ich merklich zunehmen soll an Weisheit und jeglicher Tugend. Dein guter Geist, o Gott, sey an demselben in mir wirksam; dann wird er für mich reich an Segen seyn! Amen. — - 227 - Am Weihnachtsfeſte.si Sey mir willkommen, Tag der Freude, Tag, den Millionen dankerfüllte Seelen mit Jubel begrüßen! Willkommen heißt dich der Greis, dem schon des Grabes Ruhe winkt, willkommen das Kind, das noch kaum lallen kann, willkommen der Reiche und Arme, der Hohe und Niedre, der Glückliche und der, den Kummer und Sorge drückt. Denn geweiht bist du der heiligen Erinnerung an die Erscheinung des Weisesten, der je gelehrt, des Verdienstvollsten, der je gewirkt, des Edelsten, der je gelebt, an die Geburt des Göttlichen, durch den das Wesen aller Wesen am kräftigsten zu den Völkern der Erde geredet, sich am herrlichsten geoffenbart, und für die höhere Wohlfahrt der Menschheit, für ihre Erleuchtung, Besserung, Veredlung und Beruhigung am meisten gewirkt hat. Schöner, erfreulicher, heiliger Tag, ewig wirst du unserm Geschlechte wichtig, feyerlich und heilig bleiben! O du, der mit Macht und Weisheit und grenzenloser Liebe durch die ganze unermeßliche Schöpfung waltet, und Kraft und Freude und Wohlseyn gibt allem, was Odem hat und lebt! wie kann dich der Sterbliche lebhaft und würdig genug preisen für das theure Geschenk, durch welches du unser Geschlecht erfreutest und beglücktest, als du deinen Sohn auf Erden erscheinen ließest! 3war hast du es seit dem Anbeginne der Welt der Menschheit 228 nie an weisen Lehrern und Erziehern, nie an Männern fehlen lassen, die, ausgezeichnet durch Geist und Herz, den Verstand ihrer Zeitgenossen erhellten, ihre Begriffe berichtigten, sie an ihre hohe Bestimmung erinnerten, und ihnen den Weg zeigten, den jeder gehen muß, der dir gefallen will. Aber mehr hat Niemand für sie geleistet, wichtigere und beseligendere Wahrheiten niemand verbreitet, höher kein Weiser den menschlichen Geist erhoben, kräftiger kein Edler durch Lehre und Beispiel das Herz zum Guten ermuntert, wirksamer kein frommer Seher das leidende Gemüth über die Uebel der Erde beruhigt und in der Trübsal, so wie im Tode gestärkt und erquickt, als der Göttliche, an dessen freudenreiche Geburt uns dieser festliche Tag erinnert, und vor dem so viele Millionen ehrfurchtsvoll und dankbar ihre Kniee beugen! ,, Die Nacht ist vergangen, der Tag herbey gekommen!" so müssen wir besonders an dem heutigen Tage mit dem Apostel ausrufen. Düstre Geistesfinsterniß lag auf einem großen Theile unsers Geschlechtes und auf so vielen der wichtigsten Angelegenheiten des menschlichen Herzens, ehe der erschienen war, dessen Namen die ganze Christenheit mit Dank und Liebe nennt. Da sprachst du Allgüűtiger, es werde Licht! Jesus trat auf, und es ward Licht! Ein schöner, heitrer Morgen brach an, und ihm folgte ein heller, milder, alles erfreuender Tag! Von der niedern Scholle, auf der der Sterb- - 229 liche, herumwandelt, rissen nun Geist und Herz sich los, wenn sie sich dem wohlthätigen Einflusse des Evangeliums überließen; es leuchtete ihnen eine höhere Welt; ihren überirdischen Ursprung, ihre Würde und ihre erhabne Bestimmung ahnend und fühlend, ging ihnen der Himmel auf! Was sie seyn sollten, und wie sie es werden könnten, war ihnen nun klar, und kräftig und eindringlich ertönte der Zuruf an sie: zu werden so heilig, wie ihr Gott heilig ist! Da erschienst du, der du Jesum zu unsrer Beglückung gesandt hast, dem glaubenden Herzen in einer neuen, edleren und freundlicheren Gestalt, als ein Vater, der seine Kinder liebt und immer nur zu beglücken sucht, als ein weiser Regierer der Welt, der die besten Zwecke durch die besten Mittel zu erreichen versteht, als die Liebe selbst, die auch da segnet, wo sie schmerzliche Wunden schlägt, auch da beglückt, wo sie das Herz durch schwere Trübsale läutert, als ein heiliger, ewiger, vollkommener Geist, der allem, was da ist und geschieht, stets gegenwärtig ist, das Wahre und Gute mächtig schützt, die Tugend früher oder später lohnt, das Laster früher oder später straft, und die ganze Schöpfung mit seiner Weisheit, Heiligkeit und Güte umfaßt; da lernten wir erkennen, was zu unserm wahren Frieden dient, erkennen, daß dich fürchten und lieben aller Weisheit Anfang sey, daß, wer dich wahrhaft verehren will, dich im Geiste und in der Wahrheit anbethen, und allezeit reines Herzens seyn müsse. - - 230 Einen Erlöser und Heiland der Welt nennen. wir mit Recht den Edelsten aller Edlen, an dessen Geburt wir uns heute erinnern. Denn befreit hat er sein Geschlecht von den entehrenden Fesseln des Irrthums, des Aberglaubens und des Vorurtheils, zu erlösen hat er es gesucht aus der Sclaverey der Sünde, zu beruhigen das menschliche Gemüth über so viele beängstigende Zweifel und über das Dunkel, das über der Zukunft jenseits des Grabes liegt; zu erfüllen das Herz mit stillem Frieden und mit jener Heiterkeit und Freude, die ein Vorschmack des Himmels ist. Was wir an trostreichen Wahrheiten, an Gütern des Geistes, an milden und andern gemeinnüßigen Anstalten, an weisen, wohlthätigen Einrichtungen, an höheren Annehmlichkeiten und Genüssen des Lebens besitzen, es ist tiefer erwogen- größtentheils das Werk des Göttlichen, den wir als Heiland preisen, die Wirkung seiner erhabnen, beseligenden Lehre. sul - - - O wie sehr hast du, Allgütiger, deine Liebe zu uns dadurch geoffenbaret, daß du Jesum auf Erden erscheinen, und seine heilige Religion triumphiren ließest! Ewig gepriesen sey dafür von allen Völkern und von allen Zungen deine Barmherzigkeit, ewig gesegnet der Tag, an welchem der das Licht der Welt erblickte, der dann ein so großes Licht wurde für die Welt! In Niedrigkeit und Armuth ließest du den geboren werden, der so viel Großes wirkte, und der nun sizzet zur Rechten deiner Ma 231 jestät. Beweisen wolltest du dadurch, daß bey dir kein Unsehen der Person gilt, daß auch der Wermste und Niedrigste dir lieb und theuer ist, daß nur Hoheit des Geistes und Güte des Herzens, nicht aber äußere Macht, Reichthum und Stand bey dir über den Werth des Menschen entscheiden, und daß die Lehre, die der arm Geborne verkündigte, und die nicht durch äußere Mittel, sondern durch die in ihr liegende Kraft triumphirte, nicht Menschensatzung, sondern himmlischen Ursprungs ist und von dir kommt, o Herr! O welch' ein Trost für alle die, denen es an äußerlichen Gütern der Erde, aber nicht an Weisheit und an Tugend fehlt! welche Aufforderung für uns, Menschenwerth nicht nach Macht, Unsehen, Reichthum, Geburt und Stand zu beurtheilen, und auch in dem Niedrigsten und Wermsten ein Wesen zu ehren, das nach deinem Bilde geschaffen, und zur Ewigkeit berufen ist! welche Ermunterung für die Bekenner des Evangeliums, an ei ner so heiligen und göttlichen Lehre mit unverleßlicher Treue zu hängen, sich ihrem wohlthätigen Einflusse ganz zu überlassen, und zu denken, zu empfinden und zu handeln, wie sie gebeut! Auch ich empfinde den erfreulichen Einfluß der großen Bemühungen Jesu für Menschenglück; auch ich genieße die Wohlthaten, die seine Erscheinung auf Erden und seine edle, großmüthige Wirksamkeit über die Welt verbreitet hat. O möchte alles, was ich ihm zu danken habe, meiner Seele an dem - 232 heutigen Feste recht lebhaft vorschweben, und mich mit Ehrfurcht, Dank und treuer Liebe gegen ihn erfüllen! möchte dieser Tag immer ein Tag hoher, heiliger Freude für mich seyn! - Anfänger und Vollender meines Glaubens! was du Großes gewollt, Heilsames bezweckt, Segenreiches für Mit- und Nachwelt geleistet hast es trete heute in seinem vollen Glanze vor meine Seele; still und ernst denke mein Geist darüber nach, was die Welt, was auch ich, was jeder dir schuldig ist, und mein Herz preise die Gottheit, die dich gesandt, und dich, der die Menschheit erlöst und vom Verderben gerettet hat! Dein Geist leite mich bey allem, was ich unternehme und thue, und deiner Lehre zu folgen, sen für mich Freude und Lust. Mit den Millionen, die ihre Kniee vor dir beugen, ehre auch ich dich als den Beglücker und Retter der Welt, und rufe, erfreut über deine Menschwerdung, besonders an dem heutigen Feste mit ihnen und den Heerschaaren der Engel frohlockend aus: Ehre sey Gott in der Höhe, Friede auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen! Umen. - Am grünen Donnerstage. mischidel Zu dir, größter und edelster Dulder der Welt, zu dir, o Jesu, hebe ich heute mit Wehmuth, Bewunderung und Dank meinen Geist und 233 mein Herz empor! Eine Reihe der edelsten Handlungen, ein ununterbrochenes Segnen und Wohlthun war dein ganzes Leben. Aber dessen ungeachtet verkannte dich deine Zeit, und Haß und Verfolgung, Undank und bittre Leiden andrer Art trafen auch dich, der du keine Sünde gethan hast, und in dessen Munde kein Betrug erfunden worden. Der heutige Tag ach, er erinnert alle die, die dich bekennen, an den Anfang deiner letzten und schwersten Kämpfe auf Erden, an die verhängnißvolle Nacht, in der deine Seele bangte, und ein schändlicher Verrath deine Freyheit und dein Leben in die Hände deiner Feinde und Verfolger gab! O wie traurig und schrecklich erscheint mir dein Loos; aber wie getröstet und erfreut fühlt sich dessen ungeachtet dabey mein Herz, wenn ich mich daran erinnere, mit welcher Fassung, mit welchem festen Vertrauen zu Gott du dein hartes Schicksal ertrugst, und wie du noch die letzten Augenblicke deiner Freyheit dazu anwandtest, die, die dir dein Vater gegeben hatte, zu erfreuen und zu beglücken! Gekommen waren die Tage, wo du leiden und vollenden solltest für die Erlösung und das Wohl der Welt. Was dir bevorstand, blieb deiner Seele nicht verborgen. Aber weit davon entfernt, dich nur mit dir und deinem nahen Schicksale zu beschäftigen, richtete sich dein Blick vielmehr mit Wohlwollen auf die Vertrauten deines Herzens hin, und ihr Ge müth zu erquicken und auch für ihr künftiges Glück 20 234 zu sorgen, dieß war der Gegenstand deiner letzten Wünsche und die Veranlassung zur Einsetzung jenes Mahls der Liebe, das wir mit Recht das heilige Abendmahl nennen. Welch' einen Geist inniger, zärtlicher Zuneigung offenbartest du bey deinem Erscheinen im Kreise der Auserwählten! mit welcher rührenden Liebe sprachst du zu ihnen: ,, mich hat Herzlich verlangt, das Osterlamm mit euch zu essen, ehe denn ich leide!" Und als du ihnen reichtest das gesegnete Brot und den gesegneten Kelch, und ihnen dabey den Wunsch ans Herz legtest: ,, thut dieß zu meinem Gedächtniß!" welch' eine Quelle des Trostes, der Stärkung und der Ermunterung wolltest du ihnen und allen denen, die durch ihr Wort an dich glauben würden, in dieser heiligen Stiftung öffnen, die eine der schönsten, heilsamsten Gnadenanstalten deiner Kirche ist! Erinnern wolltest du durch sie alle deine Bekenner an das, was du für sie gethan, entbehrt, gelitten und aufgeopfert hast; ermuntern wolltest du sie zu inniger Liebe gegen einander, zum Eifer im Guten, zu stiller Ergebung in Gottes unerforschlichen Willen, zur Fassung und zum Muthe in den Tagen der Gefahr und schwerer Leiden, und zu edler Aufopferung ihrer selbst, sobald es die Pflicht gebeut. Den Geist wahrer Demuth und Liebe wolltest du auch bey dieser Gelegenheit einhauchen den Deinen; er sollte sie leiten ihr ganzes Leben hindurch, und an ihm sollte man die erkennen, die sich nicht 235 bloß mit dem Munde, sondern mit ganzem Herzen zu dir bekennen würden. Darum gabst du den Deinen ein hohes Beyspiel liebevoller Herablassung, und wuschest, ihr Herr und Meister, ihnen die Füße. Wie mußte dieß ihre Seele ergreifen und ihr Gemüth rühren; wie tief mußten dabey deine ermunternden Worte in ihr Innerstes dringen: ,, Ein Beyspiel habe ich euch gegeben, daß ihr thut, wie ich euch gethan habe. Lieben Kindlein, ich bin noch eine kleine Weile bey euch, und ich sage euch nun: ein neu Geboth gebe ich euch, daß ihr euch unter einander liebet. Daran wird jedermann erkennen, daß ihr meine Jünger seyd, so ihr Liebe unter einander habt!" Großer Erlöser der Welt! nie, nie sollen diese deine bedeutungsvollen Worte meinem Gedächtnisse entschwinden, und ohne Wirkung auf mein Herz und auf mein Leben bleiben. In den ge= fahrvollsten Stunden deines Daseyns vergaßest du dich selbst, und lebtest, nur in dem Gedanken an der Deinigen Wohl. Gerührt flehtest du für deine Jünger und für alle deine künftigen Bekenner zu dem, der dich gesandt hat: ,, Ich bitte für die, die du mir gegeben hast, denn sie sind dein. Heiliger Vater, erhalte sie in deinem Nahmen, daß sie eins seyen, gleich wie wir. Ich bitte nicht, daß du sie von der Welt nehmest, sondern daß du sie bewahrest vor dem Uebel. Heilige sie in deiner Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit. Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, so durch ihr Wort an 20* - - 236 mich glauben werden. Auf daß sie alle Eins seyen, gleich) wie du, Vater, in mir, und ich in dir, und die Welt erkenne, du liebest sie, gleich wie du mich liebest. Vater, ich will, daß wo ich bin, auch die bey mir seyen, die du mir gegeben hast, daß sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast!" - FCLLL - Großer Heiland der Welt! von Ehrfurcht gegen dich fühlt sich mein Herz durchdrungen, wenn ich dabey an den Hochsinn zurückdenke, mit welchem du jedes unrechtmäßige, gewaltsame Mittel deiner Rettung verschmähtest, und die Anerbiethungen der Deinen zurückwiesest, die, entbrannt von treuer Liebe zu dir, Entschlossenheit zeigten, sich kühn den Angriffen deiner Feinde zu widersetzen, und die Entwürfe derselben auf deine Freyheit und dein Leben zu vereiteln. Ein hohes Vorbild wolltest du uns auch in dieser Hinsicht seyn, und uns durch dein Beyspiel lehren, daß der edle Dulder jedes pflichtwidrige Mittel, sich zu retten, männlich verschmähen, und lieber zu Grunde gehen soll, als sich auf eine tadelhafte Art dem Verderben entziehen, das ihm droht, und daß es besser sey, Unrecht leiden, als Unrecht thun! Dieß diene auch mir zur Richtschnur, wenn Gefahren und Leiden mich ängstigen und drängen, und ich mich versucht fühle, zu meiner Erleichterung und Rettung Wege einzuschlagen, die nicht zu billigen sind. Dann schwebe du mir vor, o Jesu, und die Erinnerung an dein Benehmen in der Nacht, da du verrathen wardst, halte mich auf 237 recht auf der Tugend Bahn, und verleihe mir Kraft, lieber alles, selbst Freyheit und Leben, aufzuopfern, als zu thun, was wider Gottes Geboth ist! Als die Stunde des Verrathes nahte, und deine Seele betrübt war, bis in den Tod, da flohst du aus dem Geräusche der Welt in den Schooß der Einsamkeit, und sankst im stillen Tempel der Natur auf deine Knie hin, Trost und Stärkung suchend bey dem, der dich bis dahin so väterlich geleitet, und dem dein Herz immer fest vertrauet hatte. ,, Mein Vater," so flehtest du in den Augenblicken banger Gefühle und Ahnungen, ,, mein Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch von mir!" Aber mit frommer Ergebung in die Schickungen dessen, der auch die schmerzlichsten Leiden nur aus weisen und gütigen Absichten über uns verhängt, fügtest du sogleich hinzu:„ doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!" O wenn auch mich Gefahren und Trübsale angstigen und danieder beugen, so will ich, gleich wie du, mein kummervolles Herz vor dem ausschütten, der in den Schwachen mächtig ist, ich will ihn anflehen um Beystand und Rettung; aber es auch ganz seinem heiligen Willen anheim stellen, mir diese Bitte zu gewähren oder zu versagen, und mich mit ergebnem, ihm fest vertrauendem Sinne in alles fügen, was er über mich beschließt! lipun - Und als du, edelster aller Dulder, dein betrübtes Herz vor Gott ausgeschüttet und Stärkung vom Himmel erlangt hattest: o mit welcher Fas 238 sung, mit welcher männlichen Entschlossenheit gingst du denen entgegen, die gekommen waren, dich deiner Freyheit zu berauben! Welche Ruhe der Seele, welche Geistesgegenwart, welchen Heldenmuth flößte dir das Gefühl deiner Unschuld, das Bewußtseyn treu erfüllter Pflicht und der Gedanke an deinen Vater ein! wie erhoben fühltest du dich nun über jede Gefahr, über jedes Unglück, selbst über den schmählichsten und schmerzlichsten Tod! Dein unerschrockener Sinn- eine sichtbare Wirkung deiner hohen Tugend und deines unerschütterlichen Vertrauens zu Gott! wie mächtig ergreift er die, denen der traurige Auftrag geworden war, dich zu greifen, und den Händen leidenschaftlicher und ungerechter Richter zu überliefern! wie beben sie, in großer Verwirrung zu Boden stürzend, bey deinen Worten zurück: ,, Ich bin's, den ihr suchet!" So mächtig wirkt das Gefühl der Unschuld und das lohnende Bewußtseyn, immer nur gute Zwecke verfolgt, und immer nur so gehandelt zu haben, als es die Pflicht geboth! O welche Ermunterung für mich, allezeit nur dem zu huldigen, was wahr und recht und edel ist, immer nur so zu leben, daß in gefahrvollen, entscheidenden Augenblicken meines Daseyns kein gerechter Vorwurf mich beirre und ängstige, sondern das Bewußtseyn redlich erfüllter Pflicht mir Trost und Kraft verleihe und hohen, freudigen Muth. -- — - 239 Umringt von denen, die dir die Freyheit raubten, war doch selbst in diesem Augenblicke dein groBes Herz mehr mit den Deinen, als mit deiner eigenen Sache beschäftigt. Du sahst sie in Gefahr und nicht dich, sondern sie zu retten, war dein angelegentlichster Wunsch. Besorgt um ihre Freyheit, riefst du den Häschern zu: ,, Suchet ihr mich, so lasset diese gehen!" Und wie warst du bemüht, durch mancherley Erklärungen die Aufmerksamkeit jener von deinen Vertrauten abzuziehen, das leidenschaftliche Benehmen des Einen von ihnen zu entschuldigen, und hiedurch ihre Entfernung und Rettung zu erleichtern und zu befördern! Welch' ein Vorbild hast du mir auch in dieser Hinsicht gelassen; wie kräftig mich hiedurch aufgefordert: ganz in dem Wohle der Meinigen zu leben, und bey Beförderung ihres Glücks mich gleichsam selbst zu vergessen! Wie die hohe Tugend im Bewußtseyn ihrer Würde vor dem Laster steht- fest und edelstolz diesen herrlichen Anblick gewährtest du, Mittler und Erlöser der Welt, als du vor deinen Richtern standest. Unerschrocken, ungebeugt, voll edlen Stolzes und doch voll Demuth vor Gott erscheinst du vor dem hohen Kirchenrath, und gebiethest, schweigend, so wie redend, Achtung und Ehrfürcht. O daß auch ich mich immer vorwurfsfrey erhielte, damit ich keinen Richterstuhl zu scheuen nöthig hätte, sondern vor jedem mit reinem Gewissen und mit jener Fassung und Ruhe der Seele erscheinen könnte, - - — 240 - die wir an dir bewundern, göttlicher Erlöser unsers Geschlechts! 300 452 Und so sey auch der heutige Tag, mit den traurigen Erinnerungen, die er in meiner Seele weckt, für meinen Geist belehrend, und ermunternd für mein Herz! Schwebe mir an demselben recht lebendig vor, unschuldigster und männlichster aller Dulder der Erde, und begeistre mich zu inniger, großmüthiger Liebe, zu frommer Bescheidenheit und Demuth, zu edler, uneigennütziger Dienstfertigkeit, zu treuer Anhänglichkeit an die Tugend, zu einem festen Vertrauen zu Gott in den Tagen drohender Gefahr und schmerzlicher Leiden, und zu dem herzlichsten Danke gegen dich, den Anfänger und Vollender meines Glaubens und meines zeitlichen und ewigen Glücks! Dich ehren, lieben und preisen soll mein Herz, so lang es schlägt; danken soll es dir jetzt und ewiglich! Amen. Am Charfreytage. Empfindungen der Trauer, der Bewunderung und des Danks weckt der heutige Tag in meiner Brust. Ach, er ist ja der Erinnerung an deine Leiden und an deinen Tod geweiht, großer Mittler und Erlöser der Welt! Segensreich und ohne Tadel war dein ganzes Leben, rein dein Herz, und all' dein Wirken immer nur auf hohe, edle Zwecke - 241 - gerichtet. Und ein solches heiliges, wohlthätiges Leben mußtest du auf eine eben so schmerzliche, als schmähliche Weise enden; für deine redlichen Bemühungen auf Erden, für deine unsterblichen Verdienste um die Welt mußtest du am Kreuze büßen. Was das menschliche Leben Unangenehmes und Bittres in sich zu schließen vermag, das erfuhrst du, o Jesu, in vollem Maße! Armuth und Geringschäßung, Spott und Hohn, feindseliger Widerstand und Lästerungen aller Art, Haß und Verfolgung, und endlich ein schmerzvoller Tod war hienieden dein Loos. Wer kann sie näher betrachten, deine großen, zahlreichen Leiden, ohne sich in seinem Innersten ergriffen und gerührt zu fühlen! wer kann an dein trauriges Ende denken, ohne daß sein Herz erschüttert, seine Wangen von Thränen der Wehmuth und des Schmerzes benetzt würden! Kein Sterblicher hat so viel gelitten; keiner den Undank und die Ungerechtigkeit der Welt in einem so hohen Grad erfahren als du. Dir sey auch meine innigste Theilnahme, dir seyen auch von mir Thränen des zärtlichsten Mitleids geweiht! Aber ich sammle dabey meinen Geist und mein Gemüth; ich forsche nach den Quellen deiner Leiden und deines Todes; ich erwäge näher dein Verhalten dabey, und hohe Bewunderung schwellt meine Brust, innige Liebe und frommer Dank gegen dich erfüllen mein Herz. Denn gelitten hast du für eine große, herrliche Sache, gestorben bist du für das 21 - - das 242 Glück des menschlichen Geschlechts. Die Menschheit aus den Fesseln der Geistessinsterniß und der Sünde zu erlösen, und sie zur Wahrheit, Tugend und Frömmigkeit, und hiedurch zu innerer Ruhe und wahrer Glückseligkeit hinzuleiten, die Welt dem fittlichen Verderben zu entreißen, auf ihr ein Reich des Lichts und der Gerechtigkeit zu gründen, Gott auf Erden zu verklären, und diese mit dem Himmel zu verbinden- dieß war dein großer Plan, dieß das Ziel deines preiswürdigen Lebens, o Jesu! Beglücken wolltest du deine Zeitgenossen, beglücken unser ganzes Geschlecht, beglücken alle die, die nach dir kommen würden. Deine erhabnen Entwürfe umfaßten alles, was Mensch heißt, umfaßten alle künftigen Generationen, umfaßten Gegenwart, 3ukunft, ja selbst die Ewigkeit. Sie auszuführen, sahest du an als deinen Beruf, als das große Werk, das dir dein Vater im Himmel aufgetragen habe. Und dafür hast du auf Erden so viel entbehrt, so ange strengt gearbeitet, so viel getragen, geduldet und aufgeopfert; dafür hast du ihn gelitten, den schmerzlichen Tod, den schmählichen Tod am Kreuz. Für eine so heilige, alles umfassende Sache hat noch kein Weiser und Gerechter der Erde gekämpft, geduldet und sein Leben hingegeben. Ich denke hieran mit hoher Ehrfurcht, und beuge dankbar meine Kniee vor dir, unsterblicher Gründer des Christenthums! Du sahest deine Freyheit und dein Leben in Gefahr; in deiner Macht stand es, dich zu retten, und deine - 243 müh- und kummervollen Tage in Tage größerer Ruhe und Bequemlichkeit, ja selbst in Tage äußerlichen Glücks zu verwandeln. Nur entsagen durftest du deinem erhabnen Plane, ein Erlöser der Welt zu seyn, nur abtrünnig werden deinem hohen Berufe, ein Reich der Wahrheit, der Tugend und rei nerer Frömmigkeit zu gründen, und du sahst dich gerettet und frey, du sahest dich nicht mehr gehaßt und verfolgt, sondern mit Gunstbezeigungen von denen überhäuft, die aus Eigennuß und Neid deinen Untergang beschlossen. Aber du bliebst deiner hohen Bestimmung, du bliebst Gott, dem Wahren und Guten und deiner Pflicht unerschütterlich treu; du wolltest lieber alles entbehren, alles dulden und aufopfern, als die gute Sache der Menschheit aus dem Auge verlieren, lieber untergehen, als leben durch einen Verrath an ihr. Du littst, damit die Welt desto glücklicher sey; du starbst, damit wir, die wir uns deine Bekenner nennen, um so zufriedner leben mögen! O welch' ein Dank gebühret dir dafür, größter unter all' den Großen und Edlen, die für das Glück ihres Geschlechtes gekämpft und gelitten haben! Auch für mich hast du gewirkt, gestritten und geduldet, auch für mich hast du es hingegeben, dein so heiliges, so gnadenreiches Leben! O daß ich dieses nie vergäße! daß ich es nie vergäße, wie viel ich deinen Leiden und deinem Tode schuldig bin, und wie theuer dir auch meine Erlösung geworden ist! Erkauft hast du auch mich durch dein Blut zum Ei21* - - - 244 genthume meines Gottes; du trugst auch meine Krankheit, und ludst auf dich meine Schmerzen; du wurdest auch um meiner Sünden willen zerschlagen; die Strafe lag auf dir, damit auch ich Frieden hätte, und durch deine Wunden bin auch ich geheilet. Darum sey dir von mir Dank gesagt, jetzt und in Ewigkeit. So wie du keine Beschwerden, keine Leiden und kein Opfer für die gute Sache scheutest, so will auch ich im Dienste der Pflicht keine Anstrengung, keine Entbehrung, keine Gefahr und kein Opfer scheuen. Daß man für Wahrheit und Recht auch sein Leben lassen müsse und könne, das hast du, Gekreuzigter, bewiesen durch deinen Tod. Hieran will ich denken, wenn Beruf und Pflicht auch von mir so manches schwere, schmerzliche Opfer verlangt. Dein heiliges Bild trete vor meine Seele, wenn ich zu kämpfen und zu dulden habe, und sey mir Trost, Beruhigung und Stärkung! Die Erinnerung, daß du, der Unschuldigste, Gerechteste und Verdienstvollste, so viel zu tragen und zu leiden hattest, mache meine Seele ruhig und still, wenn auch mein redlicher Wille verkannt, mein Verdienst mit Undank belohnt, meine Tugend gelästert, mein Herz durch schmerzliche Erfahrungen gekränkt und danieder gebeugt wird. Und welch' ein hohes Vorbild hast du mir, o Jesu, auch als Leidender gelassen! wie männlich und edel ertrugst du die Schläge eines ungünstigen Geschicks! mit welcher Gelassenheit und Würde be- 245 nahmst du dich bey dem Hasse und den Schmähungen deiner Feinde! wie gefaßt und ruhig gingst du deinem Tode entgegen! Auf dem schweren Wege nach Golgatha wie warst du auch da noch mehr mit dem Schicksale Andrer als mit deinem eignen beschäftigt! wie theilnehmend riefst du denen zu, die dir weinend folgten: ,, Ihr Töchter von Jerusalem, weinet nicht über mich, sondern weinet über euch selbst und über eure Kinder!" Mit welcher Liebe blicktest du noch vom Kreuze auf die, die dich gebar, und auf den Jünger herab, den du lieb hattest! wie zärtlich sorgtest du noch da für das künftige Wohl der tiefgebeugten Mutter, als du sie dem geliebten Johannes empfahlst! Ja, noch in den letzten, schmerzvollsten Augenblicken deines Lebens vergaßest du dich selbst, und wandtest deine Blicke, deine Sorgen und Wünsche auf Andere hin. Aber nicht bloß die, die dir mit Liebe zugethan waren, selbst deine Feinde und Peiniger umfaßtest du mit Wohlwollen und versöhnlichem Sinn, und flehtest für sie zu Gott: ,, Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie thun!" Und als dich am Kreuze der Schmerz überwältigte, und du ausriefst: ,, Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!" wie bald faßte sich deine Seele wieder; wie standhaft leertest du ihn aus, den bittern Kelch! Zu dem, der hienieden dein erster und höchster Gedanke, der Gegenstand all' deiner Liebe, ja dein ganzes Leben war, zu dem Allliebenden, der dich aus weisen Ab- - - 246 sichten so schwere Prüfungen bestehen ließ, hobst du noch, als dein Auge schon zu brechen begann, voll stiller Ergebung und frommen Vertrauens dein Herz empor, flehtest mit kindlichem Sinne: ,, Vater in deine Hände befehle ich meinen Geist!" neigtest dein heiliges Haupt, und starbst! Edelster aller Dulder, groß im Leiden und groß im Tod! Dir fließen meine Thränen, dich segnet mein gerührtes Herz! Denn unaussprechlich viel hast du gelitten, hast es gelitten auch für mich. Besiegelt hast du durch deinen Tod dein heiliges Evangelium und deine hohe Liebe für die Welt. Wer sich als Mitglied deines großen Reiches betrachten kann, er hänge immer mit unbegrenzter Liebe, Bewunderung und Ehrfurcht an dir; er preise dankbar deinen Heldenmuth und dein Verdienst, und lerne von dir, wie er dulden und einst vollenden soll! Was mich auch immer kränken, schmerzen und danieder ich beugen mag in diesem Thale der Prüfung will es mit Fassung und frommer Ergebung tragen, so wie du deine Leiden ertrugst. Bey dem Unrecht, das mir widerfährt, werde von mir das Gefühl der Rache unterdrückt, und Sanftmuth, Versöhnlichkeit und Wohlwollen vermisse keiner meiner Feinde und Beleidiger an mir. Und kommt sie einst, die ernste Stunde meines Lebens, wo ich scheiden muß, o dann stärke mich Sterbenden die stille Erinnerung an dich; dann flehe auch mein brechendes Herz zu Gott: Vater, in deine Hände befehle ich meinen - - - - 247 Geist! Und o mögen auch bey meinem Tode Thränen der Liebe und des Dankes fließen; möge es, wenn ich vollendet habe, auch von mir heißen: ,, Fürwahr, der in dem Herrn Entschlafene ist ein frommer Mensch gewesen!" Amen. - - Am Osterfeste. Frohe Empfindungen durchströmen an dem heutigen Tage mein Innerstes, und mein dankerfülltes Herz hebt sich freudig zu dir, Allgütiger, empor, der du die Deinen wohl bisweilen aus weisen Absichten harte Prüfungen bestehen, aber nie zu Schanden werden läsfest, sondern ihnen hilfft und sie rettest, wo bereits alle Hülfe und alle Rettung unmöglich scheint. Kämpfen und sterben ließest du den, den du zu unsrer Erlösung gesandt hast, und bitter war der Leidens- und Todeskelch, den er leeren mußte. Aber bald genug entrisfest du ihn dem Verderben, bald genug verwandeltest du die Nacht, die auf seinem Schicksal ruhte, in hellen Tag, und der Gehaßte, Verfolgte und Gekreuzigte gehet glorreich aus dem Grabe hervor, und erscheint wieder im Kreise der Lebendigen, erscheint in der Mitte derer, die ihn ehrten und liebten, und an denen auch seine Seele mit Liebe hing. Seine wundervolle Auferstehung, an welche die Christenheit sich an dem heutigen Feste mit Dank und Freude erinnert, ist als 248 der schönste Triumph der guten Sache zu betrachten, und für uns ein neuer, glänzender Beweis, daß der Redliche nie verzagen, sondern von dir immer das Beste erwarten dürfe, daß du die Tugend schüBest, auch wenn sich alles zu ihrem Verderben vereinigt, und daß du auch da zu retten vermagst, wo keine menschliche Hülfe mehr möglich ist. O welch' ein Trost, welch' eine Beruhigung für mich, wenn ich bey dem redlichsten Willen verkannt, bey den verdienstvollsten Bestrebungen gehemmt, bey der wohlthätigsten Wirksamkeit mit Undank belohnt, und unverdienter Weise ein Opfer feindseliger Ränke oder unabwendbarer ungünstiger Umstände werde! Nein, so traurig auch immer mein Loos auf Erden seyn mag, verzagen will ich dessen ungeachtet nicht! Und wenn sich auch alles gegen mich zu verschwören scheint, für unrettbar verloren will ich mich niemahls halten. Er, der Jesum zwar leiden und am Kreuze enden ließ, aber ihn wieder erweckte zu einem neuen Leben, und dadurch für ewige Zeiten verherrlichte; er, der den Heiland zwar tief erniedrigte, aber ihn hierauf auch um so mehr erhöhte, und ihm einen Nahmen gab, der über alle Nahmen ist, so, daß vor dem Nahmen Jesu sich beugen müssen die Kniee aller derer, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind: er wird auch mich, wenn ich nur stets auf rechten Wegen wandle, treu und redlich meine Pflicht erfülle, und ihm mit ganzer Seele vertraue, nicht einen Raub der Ungerechtigkeit und - Humm - 249 eines unverdienten Mißgeschickes werden, er wird mich nicht ganz untergehen lassen, sondern zu rechter Zeit meine Unschuld an den Tag bringen, meine Leiden mildern, und sie vielleicht in Freude und Glück verwandeln. Erniedrigt er mich auch hienieden noch so tief: hier oder dort kommt einst gewiß ein Tag, wo er auch mich erhöhen, und entschädigen wird für alles, was ich hier entbehrt, gelitten und aufgeopfert habe. Darum getrost, bangende Seele, wenn dich alles zu verlassen, alles auf deinen Untergang hinzuarbeiten scheint! Der Gekreuzigte und Wiedererstandene schwebe dir dann lebhaft vor, und flöße dir Vertrauen zu dem, dem kein Ding unmöglich ist, und Hoffnung auf eine bessere Zukunft ein! em Aus des Todes Nacht ging der Erlöser der Welt zu einem neuen Leben hervor. O welche Erinnerung für mich an eine der trostreichsten, erfreulichsten Wahrheiten der Vernunft und Religion, an die Wahrheit: daß auch ich kein Raub des Todes werden, sondern auch jenseits des Grabes leben soll, gleich wie Jesus lebt! Ja, ein Fest der Unsterblichkeit ist das heutige Fest! Es ruft mir zu:„ Nicht bloß Staub von Staub geboren, bist du, o Sterblicher! Was in dir denkt und will, kommt von Gott, und ist ewig, wie er; die morsche Hülle deines Geistes sinkt dahin, aber deine Seele kehrt in diesem Augenblicke zu ihrem Schöpfer zurück, und gestaltet sich, durch eine geheimnißvolle Verwandlung, in einen verklärten, vollkommeneren Geist um, so wie - - Attent 250 der Same aus dem Zustande der Verwesung zur goldnen, fruchtbeladenen Wehre emporblüht und heranreift, wunderbar und unbegreiflich selbst dem tiefsten Forscher der Natur!" -- dwie ergreift dieser große Gedanke, der Gedanke an Unsterblichkeit, meine ganze Seele und mein Herz! In einem schöneren, helleren Lichte erscheint mir nun das Leben! es hat nun hohe Bedeutung und hohen Reiß für mich; denn es ist der Anfang eines ewigen Seyns! Wie ermuntert fühle ich mich, auf meinen Geist alle Sorge zu wenden, und ihn auf alle mögliche Art zu üben und zu bilden; er ist ja unsterblich, und was er hier an Bildung empfängt, nimmt er mit hinüber in eine höhere Welt. Welche Aneiferung für mich, immer reines Herzens zu seyn, an der Veredlung meiner Gesinnung und meines Charakters mit Ernst und Eifer zu arbeiten, und der Tugend treu zu bleiben bis in den Tod! Ich bereite mich ja dadurch für ein anderes Leben und zu den seligen Genüssen desselben auf das zweckmäßigste vor, und all' das Gute, das ich hier vollbringe, ist nichts anderes als eine Aussaat für die Ewigkeit. Mag die Pflicht mir auch noch so harte Kämpfe auferlegen: ich will sie muthig und freudig fortkämpfen; denn ich kämpfe ja für jenes Leben, das Gott verheißen hat allen denen, die im Dienste der Pflicht treulich ausharren bis ans Ende. Sey mein irdisches Daseyn auch noch so sehr mit Beschwerden und Leiden durchflochten: ich will alles 251 geduldig und standhaft ertragen; denn ich weiß, jedes Trübsal wird einst enden, und sich für mich in Freude verwandeln, wenn meinen Geist der, der ihn geschaffen hat, aufnimmt in die Wohnungen des ewigen Friedens. Rufst du, o Herr, mich früher oder später von dannen: wie ruhig und getrost werde ich deinem Rufe folgen; denn ich weiß, mein Tod ist nichts anderes, als ein Uebergang zu einer höhern, bessern Welt! -- - „ Der Herr ist wahrhaftig auferstanden, und Simoni erschienen!" so riefen freudig die Jünger des Heilandes aus. Und so freudig werden auch wir einst in Hinsicht auf unsere Lieben ausrufen, die uns einmahl nachfolgen zu dir. Sie werden auferstehen aus des Todes Nacht, sie werden uns erscheinen, und welche Wonne für uns, wenn wir sie wieder finden und wiedersehen vor deinem Thron! Findest du es für gut, so manche geliebte, theure Seele durch den Tod von unsrer Seite zu reißen: groß wird unser Schmerz über den Verlust derselben seyn; aber es mildre ihn der herzerfreuende Gedanke, daß du, der du Jesum aus dem Todesschlummer auferwecket hast, auch unsre vollendeten Lieben auferwecken wirst zu einem glücklicheren Seyn. Hiedurch wollen wir uns über ihr Dahinscheiden trösten, und mit dem edlen Sänger ausrufen: - Dem dunkeln Schooß der heil'gen Erde Vertraut der Sämann seine Saat, Und hofft, daß sie entkeimen werde Zum Segen, nach des Himmels Rath. 252 Noch köstlicheren Samen bergen Wir trauernd in der Erde Schooß, Und hoffen, daß er aus den Särgen Erblühen soll zu schönerm Loos. Und so sey denn dieser Tag, der uns an erfreuliche Wahrheiten erinnert, und so schöne, heilige Hoffnungen in uns weckt, für unsern Geist und unser Herz ein Tag der Erhebung, des Trostes und hoher, reiner Freude. Dir aber, der du Jesum glorreich aus des Grabes Dunkel hervorgehen ließest, sey inniger Dank dafür, daß du uns in dieser wundervollen Begebenheit eine Quelle der Beruhigung, seliger Hoffnung und himmlischer Wonne geöffnet hast! Es preise dich unser Herz dafür jetzt und in Ewigkeit! Amen. Am Feste der Himmelfahrt Chriſti. Welch ein heitres, fröhliches Fest ist der heutige Tag für alle die, die sich Bekenner Jesu nennen! Es erinnert an deinen glorreichen Uebergang von der Erde zum Himmel, o du, den auch ich als meinen Erlöser und Retter verehre und anbethe! Der Welt ein allerleuchtendes Licht, und der Menschheit ein Heiland und Beglücker zu seyn, und sie zur Wahrheit und Tugend, und dadurch zum wahren, ewigen Leben hinzuleiten, darum kamst du' zu uns herab, darum nahmst du Knechtsgestalt an, darum 253 fügtest du dich willig in alle Entbehrungen und Leiden, die dir dein Vater auferlegte, und bliebst ihm gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuz! Wichtig und groß war das Werk, das dir der Ewige aufgetragen hatte; du hast es ruhmvoll vollendet, und Gott verklärt, wie ihn noch kein anderer Menschenlehrer verklärt hatte. Zahlreich waren deine Anstrengungen, deine Kämpfe, deine Leiden auf Erden. Aber du ertrugst alles willig aus Liebe und Gehorsam gegen den, der dich gesandt hatte, und aus Liebe zu der tiefgesunkenen Menschheit! Du brachtest dem Heile der Welt selbst deine Freyheit und dein theures Leben als Opfer dar, und starbst dafür, gleich einem Missethäter, am Kreuz. O wie unendlich viel hast du aus Liebe zu uns gelitten und ge= than! Dafür hat dich denn auch Gott auf eine würdige Weise gelohnt! Er hat dich dem dunkeln Grabe und der frühen Verwesung entrissen, und dich zu sich genommen in sein ewiges Reich, damit du dort zu seiner Rechten sizest; er hat dir einen Nahmen gegeben, der über alle Nahmen ist, und Millionen treuer Verehrer beugen nun fast zwen Jahrtausende hindurch mit Ehrfurcht, Liebe und Dank, o Jesu, ihre Kniee vor dir! - - O wie selig mußte sich dein Geist, mein Heiland und Erlöser, fühlen, als er sich von der Erde hinaufschwang gen Himmel! Großes hatte er vollendet; große Belohnungen warteten nun sein. 3war tief betrüben mußte dein Dahinscheiden von dieser 254 Welt und dein Uebergang in die Wohnungen ewigen Friedens und ewiger Freude das Herz deiner Treuen, die du so innig geliebt hattest bis an dein Ende! Aber welch ein Trost für sie, daß du, den Drangsalen dieser Erde entronnen, nun zu deinem Vater gingst, um von ihm den Lohn deiner Thaten und deiner Leiden zu empfangen, und daß sie die Hoffnung hatten, einst wieder zu dir zu kommen, und die Herrlichkeit zu sehen, die dir der gegeben, der dich gesandt hatte, um zu erlösen und zu retten, was verloren war. - Ach, wenn auch ich im Dienste der Pflicht und bey meinen Bemühungen für das Wahre, Rechte und Gute mit Arbeit und Mühe, mit Undank und Widerstand, mit Haß, Verleumdung und andern Widerwärtigkeiten zu kämpfen habe: so will ich, um meinen Muth nicht zu verlieren, an dich denken, o Jesu! und mich durch die Hoffnung stärken, daß auch ich einmahl überwinden und siegen werde, wie du überwunden und gesiegt hast, und daß, wenn man auch auf Erden meine Verdienste verkennt und mit Undank lohnt, doch einst ein Tag erscheinen soll, wo mich der Ewige den Utebeln dieser Erde entrückt, mich dahin versetzt, wohin du deinen Treuen vorangegangen bist, und mich da entschädigt für das, was ich hier im Staube entbehrt und geduldet habe. O daß dann mein Scheiden von der Erde sanft und selig sey; daß sich dann mein Geist mit dem lohnenden Bewußtseyn treu erfüllter Pflicht zu dir, o 255 Gott, und zu dir, mein großer Heiland, emporzuschwingen vermöge. - Reißt der Tod so manche theure, geliebte Seele von meiner Seite, und ruht mein Blick auf den Gräbern früh vollendeter Lieben: nicht trostlos zagen will ich dann; denn ich) weiß, sie sind zu Gott, und zu dir, o Jesu, übergegangen, und ihnen ist wohl! Es ist euch gut, daß ich hingehe! riefst du einst deinen Vertrauten zu. An diese Worte will ich mich erinnern, wenn der Hingang so mancher meiner Lieben mich zu sehr betrüben und zu stark danieder beugen will. Und so sey du, der du dich nach vollendetem Erlösungswerke hinaufgeschwungen hast zum Himmel und zu dem, der dich gesandt hatte, mein Trost und meine Stärkung bey dem schmerzlichen Verluste theurer Seelen, und bey jedem Kampfe, den ich für die Wahrheit und die gute Sache der Menschheit hienieden zu kämpfen habe. Einst wird die Wahrheit siegen; Du siegtest ja, du Wahrheitsfreund! Ob sich in blut'gen Kriegen Die Falschheit gegen sie vereint. Ist gleich ein Ziel des Spottes, Wer Recht und Tugend ehrt; Er steht im Schuße Gottes, Der sichern Sieg gewährt. Der Erde Fesseln drücken. Nur bis ans kühle Grab; Auch uns wird der erquicken, Der dir Erquickung gab! Wir streuen oft mit Thränen Des Guten edlen Samen aus; 256 Gestillt wird unser Sehnen, Zur Ernte winkt des Vaters Haus. Wenn wir im Frieden starben, Gehn wir zum Frieden ein; Dort werden volle Garben Der Lohn der Treue seyn. Scheint uns oft hier verborgen Und dunkel Gottes Plan; Einst strahlt ein schönrer Morgen Mit vollem Licht uns an. --- Voll heil'ger Rührung wallen Wir an der Frühentrißnen Grab, Und minder brennend fallen Der Wehmuth Thränen drauf herab. Du willst ja, daß die Deinen Dort ewig bey dir seyn; Mit dir uns zu vereinen, Gingst du zum Himmel ein! Die hier von uns geschieden, Sind dort im Vaterland; Einst winkt zum ew'gen Frieden Auch uns des Vaters Hand. Vereint mit dir zu werden, Ist unser Ziel; denn wir sind Dein, O möchte schon auf Erden Im Himmel unser Wandel seyn! Dir standhaft anzuhangen Und nur auf dich zu sehn, Wie du vorangegangen, Der Tugend Pfad zu gehn, Soll heiliges Bestreben Und süße Lust uns seyn: So gehn durchs Pilgerleben Auch wir zum Himmel ein! Amen. - 257 Am Pfingstfeste. Es ist ein wichtiges, heiliges Fest, das die christliche Kirche an dem heutigen Tage feyert, ganz dazu geeignet, aller Herzen mit hoher Freude und mit dem wärmsten Danke gegen Dich, Allliebender, mit festem Vertrauen zu deiner Weisheit, Gerechtigkeit und Macht, mit Geduld und Muth im Dienste der Pflicht, und mit hoher Achtung und treuer Liebe für Wahrheit und Tugend zu erfüllen. An den wichtigsten, entscheidendsten Sieg, den die gute Sache der Menschheit je davon getragen, an den Triumph einer heiligen, beseligenden Religion, an die Gründung des Christenthums werden wir heute lebhaft erinnert. O welche frohe, heilige Erinnerung! welch' ein freudenvolles, geist- und herzerhebendes Fest! Feyre es, meine Seele, mit Nachdenken, mit herzlicher Theilnahme, mit frommer Erkenntlichkeit gegen die gütige Gottheit, die einer Lehre den Sieg verschaffte, der auch du so viel Licht, so viel Ermunterung zum Guten, so viel Trost, Aufheiterung und Hoffnung zu danken hast! Für immer schien die Sache des großen Heilandes der Welt verloren, als der Edelste aller Edeln am Kreuze sein Auge schloß. Da weckte deine wundervolle Macht, o Herr, den Gekreuzigten aus seinem Todesschlummer zu neuem Leben auf, und neue Hoffnungen für seine Lehre blühten hiedurch empor. Aber bald genug kehrte er zu dir zurück; verlassen 22 - 258 - standen nun die Vertrauten seiner Seele, ohne Macht und Reichthum, ohne Ansehen und Einfluß, ohne große Geistesgaben und ausgezeichnete Bildung, den einen ein Spott, den andern ein Anstoß und Aergerniß. Wie wenig, ach, wie wenig ließ sich von ihnen für das Werk ihres Meisters hoffen; wie vieles von der Macht ihrer Feinde dafür besorgen! Alles vereinigte sich, die neue Lehre in ihrem Keime zu ersticken, und eine Religion, die kaum noch aufgelebt war, schnell wieder verschwinden zu machen. Aber sie war dein Werk, Allgewaltiger, und dein Arm waltete über sie, und was sich auch auflehnte gegen dieselbe, du ließest sie durchdringen, und verliehst ihr unter den ungünstigsten Umständen den herrlichsten Triumph. Es waren schwache Werkzeuge, durch welche du, Allgütiger, das große Werk des Heilandes begründen ließest. Dieß sey für mich ein Beweis, daß du auch durch kleine Mittel große Zwecke zu erreichen vermagst, und daß die heilige Religion, zu der auch ich mich zu bekennen, das Glück habe, nicht bloß Menschensatzung, sondern eine göttliche Lehre, eine Anstalt sen, die von dir kommt, und unter deinem besondern Schuße und deiner besondern Leitung steht. Und dieses sollte mich nicht kräftig ermuntern, sie immer näher kennen zu lernen, sie zu ehren und zu lieben, ihr treu anzuhängen, und mich ihrem wohlthätigen Einflusse ganz zu überlassen? Gesiegt hat sie unter den ungünstigsten Umständen über jedes, auch noch so große Hinderniß, nicht durch Anwen 259 dung äußerer Macht, nicht durch schlaue Ueberredungskünste, nicht durch verwerfliche Mittel überhaupt, sondern durch die hohe, göttliche Kraft der Wahrheit, die in ihr liegt. Diese und das Bewußtseyn, für eine gute Sache der Menschheit zu wirken, war es, was die Vertrauten Jesu am Tage der Pfingsten ergriff und erhob; dein heiliger Geist, ein Geist der Wahrheit und der Tugend, war es, der sie erfüllte und ihnen Muth und Kraft verlieh, an einem Orte, wo sie nach allen Seiten hin auf Gegner und Feinde gefaßt seyn mußten, den Gekreuzigten und Wiedererstandnen zu verkündigen, und durch das Feuer einer wunderbaren Beredsamkeit die Herzen ihrer Zuhörer für das Evangelium zu entflammen, und für die Sache des Erlösers für immer zu gewinnen. Die Macht der Wahrheit und des Guten offenbarte sich dabey auf eine glänzende Weise, und gegründet wurde durch sie schon am Feste der Pfingsten die erste christliche Gemeinde, gelegt hiedurch der Grundstein zu der großen, heiligen Kirche Jesu, die nun, fast über die ganze Erde sich ausdehnend, bereits seit beynahe zwey Jahrtausenden da steht, und da stehen wird bis an das Ende der Dinge; eine Kirche, die nach allen Seiten hin Licht, Trost, heilsame Ermunterung, Labsal und Erquickung und eine Fülle von Segen aller Art verbreitet, und die selbst die Pforten der Hölle nicht überwältigen sollen. O heiliges Fest, das mich an alles dieses so lebhaft erinnert! Darüber ernstlich nachzudenken, und 22 - - 260 mich den frommen Gefühlen hinzugeben, die es in meiner Brust erweckt, das sey meine Feyer dieses festlichen Tages! Es steige aus der tiefsten Tiefe meines Herzens mein Dank zu dir empor, Allheiliger, der du der Sache Jesu einen so glänzenden Sieg verliehen, und dadurch das Glück des menschlichen Geschlechtes für die Ewigkeit begründet hast. Der Wahrheit, der Tugend und der Religion des Gekreuzigten sey mein ganzes Leben geweiht. Und wenn ich auch für eine gute und gerechte Sache noch so viel leiden muß dieß soll mich nicht muthlos machen; ich weiß, sie stehet unter deinem besonderen Schuhe, und sie wird früher oder später siegen, wie die Sache Christi siegte. Für dieses alles zu thun, was in meinen Kräften steht, in den wahren Sinn und Geist des Evangeliums immer tiefer einzudringen, eine reinere Erkenntniß desselben, so viel an mir ist, zu verbreiten, und die wohlthätigen Anstalten der christlichen Kirche nach meinem Vermögen zu unterstützen und zu befördern- das sey mir immer Freude und Lust. Die Angelegenheiten dieser Kirche sind heiliger Natur, und sie sollen mir daher immer ehrwürdig und heilig seyn. Leite und schütze sie, so wie bis jetzt, auch fernerhin, Allliebender, und laß das Wort deines Sohnes seinem wahren, höheren Sinne nach immer tiefer und richtiger aufgefaßt, und durch dasselbe immer mehr Gutes gewirkt, und wahres Glück auf Erden verbreitet werden. Dein guter Geist sey mit allen denen, die es verkündigen und lehren, so wie - - - 261 allen, die es hören. Laß jeden an sich selbst die Erfahrung machen, daß das Evangelium die Kraft habe, selig zu machen alle, die daran glauben! Amen. -- - Am Neujahrsfeste. Mit Lob und Preis und Dank trete ich an dem heutigen Tage vor deinen Thron, o du, durch dessen Güte wir abermahls ein neues Jahr beginnen! Liebreich hast du in dem verfloßnen auch mich geschützt und geleitet, und es mir in demselben weder an Gütern des Leibes, noch an Gütern der Seele fehlen lassen. Dafür preist dich mein gerührtes Herz; es preist dich für deine Liebe, die mich diesen Tag, den Anfang eines neuen Zeitraums, hat erleben lassen. Ich trete in denselben zwar nicht ohne alle Besorgnisse, aber auch nicht ohne erfreuliche Hoffnungen, und an sie schließen sich die besten, frömmsten Vorsätze an. Nein, nicht verhehlen will ich es mir, auch in dem beginnenden neuen Jahre wird es mir nicht an Beschwerden und Unannehmlichkeiten fehlen; denn des Sterblichen Bestimmung ist es hienieden, unter Freude und Schmerz heranzureifen für eine höhere Welt. Die Erfüllung meiner Pflichten wird auch in diesem Jahre oft genug mit Anstrengung und Mühe verbunden seyn; ich werde vielleicht bisweilen von der Last meiner Arbeiten mich niedergedrückt fühlen, und mich nach Erlösung von derselben sehnen; allen traurigen Erfahrungen, allen Kränkungen, allen 262 schmerzlichen Verlusten werde ich kaum entgehen, und wer weiß, welche große Leiden meiner in diesem neuen Zeitraume warten! Ein undurchdringliches Dunkel bedeckt auch meine künftigen Tage, und viele derselben können für mich freudenlos, drückend und unglücklich seyn. Es wäre unweise von mir, wenn ich mir dieses alles verhehlte, und von der Zukunft nichts als Annehmlichkeiten und Glück erwartete. - Atmint - Aber nicht bangen soll deßhalb mein Herz, nicht zittern vor dem, was kommen wird. Du, o Herr, waltest ja mit Weisheit, Gerechtigkeit und Liebe über die Welt; unter deinem Schuße und deiner Leitung stehe auch ich; ich darf daher getrost und ruhig seyn, und der dunkeln Zukunft ohne Furcht und Angst entgegen sehen. Du hast mich bisher auf deinen Vaterarmen getragen; du wirst es auch ferner thun. Mögen die künftigen Tage immerhin mit manchen Beschwerden, unangenehmen Erfahrungen und Widerwärtigkeiten durchflochten seyn; mögen mich in denselben selbst die bittersten Leiden treffen: ich weiß, an wen ich glaube, und wem ich vertrauen darf. Mein Schicksal ruht in deiner Hand, o Gott! und ich sollte nicht getrost in die Nacht der Zukunft blicken? Dein allmächtiger Arm beschüßzet mich, und ich sollte nicht ruhig seyn, auch wenn alles um mich schwankt und zu fallen droht? Deine Weisheit regiert die Welt, und ich sollte mich deiner Führung nicht mit unbedingtem Vertrauen überlassen? Deine Liebe umfaßt alles, was da ist, und ich 263 sollte von ihr nicht immer das Beste hoffen? Nein, was mir auch immer begegnen mag in diesem neuen Jahre: es soll mich nichts erschrecken und danieder beugen; alles, was mir in demselben widerfährt, wird eine Schickung deiner Weisheit und Güte seyn, und zu meinem wahren Wohle gereichen. Du wirst mir tragen helfen die Lasten des Lebens; du wirst mir erleichtern den Druck aller Leiden, die du über mich zu verhängen, für gut findest; du wirst mich über meine Kräfte nicht versucht werden lassen, und jeder Widerwärtigkeit, die ich erfahre, zur rechten Zeit ihr Ziel setzen, und sie vielleicht in Freude und Glück verwandeln. Darum trete ich voll freudigen Vertrauens in dieses neue Jahr, und mit der festen Ueberzeugung, du werdest auch in demselben dich als Vater an mir beweisen, und es mir an nichts fehlen lassen, was zu meinem wahren Wohle dient. Ja, o Herr, auch in dem neuen Zeitraume, der heute beginnt, darf ich von dir das Beste erwarten, und mich frohen Hoffnungen überlassen! Natur und Leben werden mir manche reine Genüsse, manche herzliche Freuden darbiethen, und aus den unversiegbaren Quellen inniger Lebenslust, die du deinen Geschöpfen geöffnet hast, wird auch für mich Labsal und Erquickung fließen. Schöpfen will ich aus ihnen mit dankbarem Herzen, und mich deiner Wohlthaten, der Welt und des Lebens innig freuen. Thue ich nur treu und redlich meine Pflicht, so wird auch dieses Jahr für mich reich an Freude und an Segen seyn. - - 264 - Immer gewissenhaft meine Pflicht zu thun: dieß ist der fromme Vorsatz, mit welchem ich den neuen Zeitraum beginne. Du wirst es mir, Allgütiger, während desselben nicht an Gelegenheit fehlen lassen, meinen Geist zu bilden, mein Herz zu bessern und zu veredeln, Nützliches zu schaffen, und mir Verdienste um meine Mitmenschen zu erwerben. O daß ich keine dieser Gelegenheiten ungenüßt lassen; daß ich eifrig an meiner Vervollkommnung arbeiten, und des Guten so viel stiften möge, als nur immer in meinen Kräften steht! Ja, Allheiliger! auch in diesem Jahre sey mein Bestreben darauf hingerichtet, zuzunehmen an Erkenntniß, an Weisheit und sittlich- religiöser Vollkommenheit, und der menschlichen Gesellschaft mit Eifer und Liebe zu nützen. Die treue Erfüllung aller Pflichten, die mir Stand und Beruf und meine übrigen Verhältnisse auferlegen, sen die wichtigste Angelegenheit meines Herzens. Schenkst du mir Freude und Glück, so will ich mit dem Genusse dieser deiner Wohlthaten Dank und Mäßigung verbinden, und andere gern an meinem Glücke Theil nehmen lassen; verhängst du Prüfungen über mich, so will ich sie mit frommer Gesinnung ertragen, und sie zu meiner Besserung und Veredlung anzuwenden suchen; sehe ich Noth und Elend um mich, so will ich rathen und helfen, so gut ich's vermag; erblicke ich andere froh und glücklich, so will ich ihnen jede ihrer Freuden herzlich gönnen, und sie durch aufrichtige Theilnahme zu erhöhen bemüht seyn. 265 Schnell rollt das Rad auch meines Lebens dahin, und mit jedem Jahre komme ich um einen großen Schritt dem Grabe näher. Allgütiger! ich weiß es nicht, wie kurz oder wie lang ich noch auf dieser Erde zu wandeln habe. Vielleicht ist schon dieses Jahr das letzte meiner irdischen Pilgrimschaft. Wie es dir wohlgefällt! es geschehe dein heiliger Wille! Aber dafür will ich sorgen, daß der Tod, er komme in diesem Jahre, er komme selbst noch heute, mich nicht überrasche, sondern mich in jedem Augenblicke bereit finde, dahin überzutreten, wo meine wahre Heimath ist. Dir, Allheiliger, der Wahrheit und der Tugend sey mein Herz und mein ganzes Leben geweiht! Dann mag sie schlagen, die letzte Stunde meines Daseyns, wann sie will, sie wird mich nicht erschrecken; ich werde dann zu jeder Zeit ruhig und willig deinem Winke folgen, um zu dir zurückzukehren, von dem ich ausgegangen bin. Deiner Vaterhuld, deiner Aufsicht, deinem Schuhe und deiner Leitung, Allliebender, empfehle ich auch für dieses neu angefangene Jahr meine Tage mit allen ihren Ereignissen, mein äußeres und inneres, leibliches und geistiges, zeitliches und ewiges Wohl. Deiner gütigen Fürsorge empfehle ich alle meine Freunde, nah und fern, alle meine Wohlthäter und Gönner, und insbesondere die, die du mir hier gegeben und durch die heiligen Bande der Natur und Liebe auf das engste mit mir verbunden hast. Was zu ihrem wahren Glücke dient, das verleihe ih23 1 - 266 nen, o Herr! Segne sie mit der reichsten Fülle deines himmlischen Segens, erhalte sie mir zur Freude und zum Trost noch lange, und bewahre mir fortwährend ihre Achtung, ihr Vertrauen, ihre Liebe und Treue! Schüße auch in diesem Jahre die heiligsten Angelegenheiten der Menschheit, Wahrheit, Aufklärung, Gerechtigkeit und Tugend; schütze Künste und Wissenschaften und alle Anstalten, die auf Verbreitung nüßlicher Kenntnisse, wahrer Frömmigkeit und Sittlichkeit und menschlichen Glücks berechnet sind. Dein guter Geist, der Geist der Wahrheit und Gerechtigkeit, leite alle Oberhäupter der Völker und ihre Rathgeber; segne das Vaterland und jeden, der den hohen Beruf hat, die Angelegenheiten desselben zu leiten, und dabey mit Einsicht, Redlichkeit und Treue zu Werke geht; laß überall Handel und nützliche Gewerbe blühen, das Reich des Wahren und Guten sich erweitern, und alle die, welche in diesem Reiche treu und redlich arbeiten, einen glücklichen Erfolg ihrer Bemühungen erblicken. Den Armen und Gedrückten, den Witwen und Waisen, den Bekümmerten und Leidenden aller Art laß es auch in dem neuen Zeitraume nicht an Rath, Hülfe, Erleichterung und Aufheiterung fehlen, und denen, für welche dieses Jahr das letzte ihres Lebens seyn soll, erleichtere du selbst den Kampf mit Leben und Tod, und nimm sie sanft hinüber in eine beßre Welt. - Und so sey uns denn willkommen, du neues Jahr des Lebens, willkommen mit deinen Besorg 267 nissen und Hoffnungen, mit deinen Leiden und Freuden, mit dem, was du uns gewähren, so wie mit dem, was du uns versagen wirst! Dich sendet Gott, der Ewige, daß du seyst eine Quelle der Freude und höheren Wohles für uns. Darum sey uns willkommen als eine Sendung des Herrn; edle Thaten, von uns vollbracht, mögen dich als ein Jahr des Segens bezeichnen, und wenn wir einst vollendet haben, so zeuge auch du vor dem Throne des Höchsten von unserm redlichen Willen und unserm eifrigen Ringen nach dem, was gut und gottgefällig ist! Amen. - Am Tage der Geburt Mariä. Das as heutige Fest erinnert an den Tag, an welchem die Mutter unsers Heilandes das Licht der Welt erblickte. Mit ihrem Leben ging für Millionen ein neues Leben auf; denn ihr ward die große, wichtige Bestimmung, daß von ihr der größte Lehrer der Menschheit, ja der Erlöser und Retter derselben geboren und erzogen werden sollte. Obgleich arm und ohne Ansehen und Glanz in der bürgerlichen Gesellschaft, war sie doch von der Vorsehung dazu auserkoren, den unter ihrem Herzen zu tragen, der seinen himmlischen Vater auf Erden verklären, und einst zur Rechten der Majestät Gottes sizen sollte, den, bey dessen Nahmen sich die Kniee Unzähliger beugen, und den auch ich als meinen Herrn und Erlöser 23* 268 verehre und anbethe. Wie sehr hat der Allgütige be= sonders hiedurch bewiesen, daß bey ihm kein Ansehen der Person gilt, und daß er oft durch schwache, unbeachtete Werkzeuge die wichtigsten, segensreichsten Erscheinungen herbeyführt! Welch' ein Trost für alle die, denen das äußere Glück nicht günstig ist, und die vielleicht in Armuth und Niedrigkeit geboren sind! Auch sie sind der Liebe des Höchsten nicht fremd; auch auf sie siehet er mit Baterhuld herab, und richtet oft große Dinge durch sie aus! Zufrieden kann und soll daher jeder mit seinem Stande und seiner äußerlichen Lage seyn; denn Gott um faßt alle Sterbliche, sie mögen in der Welt hoch oder niedrig stehen, mit gleicher Barmherzigkeit und Güte, wenn sie nur seiner Huld und Liebe würdig sind. Daher will auch ich mit dem Standpuncte, auf den mich die Hand der Vorsehung hingestellt, und mit meinem ganzen äußerlichen Zustand, in den sie mich gesetzt hat, vollkommen zufrieden seyn, und niemanden beneiden, der mir in dieser Hinsicht glücklicher zu seyn scheint, als ich es bin. Der Theil nahme und Liebe meines Gottes bin ich gewiß, wenn ich nur allezeit auf seinen Wegen wandle, das Wahre und das Rechte liebe, und meine Ehre und meinen Ruhm darein setze, untadelig zu wandeln vor ihm und vor der Welt. 1 - usaid m Ueberaus wichtig und groß war Mariens Bestimmung. Ihrer mütterlichen Leitung und Erziehung war das merkwürdige Kind anvertraut, in welchem 269 der Menschheit ein Erlöser und Erretter empor wachsen sollte. Eine hohe Bedeutung erhielt hiedurch ihr Leben, an dessen Beginn der heutige Tag erinnert. Treu und redlich hat sie ihrer großen Bestimmung entsprochen. Mit zärtlicher Liebe umfing sie den zarten Säugling, mit Liebe besorgte sie seine Erziehung, mit Liebe begleitete sie ihn durch sein Leben, und als die verhängnißvolle Stunde da war, wo er für das Heil seines Geschlechtes am Kreuze enden mußte, ist ihm noch immer die zärtliche Mutter nah, nimmt innigen Antheil an seinen Leiden, und ist voll liebevollen Schmerzes über seinen Tod. Von dem Augenblicke an, wo er die Welt betrat, bis zu seinem letzten Athemzuge umschwebt, begleitet, tröstet und erquickt ihn der zärtlichen Mutter hohe, innige Liebe. O daß auch ich dem Zwecke meines Lebens ganz entspräche! Als der Herr des Lebens mich aus dem Nichts in's Daseyn rief, sette er auch mir ein Ziel, nach dem ich streben und ringen sollte; er schuf mich, damit ich ihm immer ähnlicher werde und die Summe des Glücks auf Erden vermehren helfe; er wies auch mir einen Beruf an, damit ich durch treue Erfüllung der Pflichten, welche dieser mir auferlegt, zum Besten der menschlichen Gesellschaft das Meinige mit beytrage, und mich durch eine gewissenhafte Uebung in der Tugend schon hier des höhern Wirkungskreises würdig mache, den er mir einst in bessern Welten öffnen wird. O daß ich) meiner Bestimmung immer eingedenk bliebe, und sie in ihrem ganzen - - 270 Umfange treu und redlich erfüllte! Was auch immer mein Beruf auf Erden sey, er erscheine mir stets als von dir, Allgütiger, angewiesen, und ihm ganz zu leben, und was er mir an Arbeit und Anstrengung, an Sorge und Verdruß, an Kämpfen und Leiden, an Entbehrungen und Opfern auferlegt, mit Geduld, Gelassenheit und Muth zu ertragen: das sey mein immerwährendes Bestreben, mein Ruhm und meine Freude! Mit Liebe will ich alles umfassen, was Mensch heißt, besonders aber die, mit denen mich deine Hand, Allliebender, durch heilige Bande inniger verbunden hat, und wo ich zu rathen, zu dienen, zu helfen vermag, will ich auch gern und mit uneigennüßigem Wohlwollen rathen, dienen und helfen! Dazu verleihe mir Kraft, o du, von dem das Wollen und Vollbringen kommt! Und ist einst mein irdischer Lebenslauf vollendet, so laß mich würdig erfunden werden, einzugehen in jenes Reich, wo nur Wahrheit, Tugend, Liebe, Friede und Seligkeit wohnen! Amen. - Am Tage Mariä Verkündigung. ( Luca I. 26- 38. Verkündigt ward an dem Tage, an den das heutige Fest erinnert, der Mutter des Welterlösers ihre hohe Bestimmung, verkündigt ihr erhabener Beruf, der Menschheit den zu schenken, der sie befreyen sollte von Unwissenheit und Aberglauben, von 271 der Sünde und Ungerechtigkeit, von Unruhe und Angst und der Furcht des Todes, den, von dem es schon vor seiner Geburt hieß: er werde groß und ein Sohn des Höchsten genannt werden; Gott, der Herr, werde ihm den Stuhl seines Vaters David geben, und er werde ein König seyn über das Haus Jakob ewiglich, und seines Königreichs werde kein Ende seyn. Demuthsvoll vernahm Maria das Wort ihrer Bestimmung, und sprach mit gottergebenem Sinn zu dem Verkündiger ihres hohen Berufes: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesaget hast! del mi - - O möchte auch ich jedes Wort des Herrn mit einem solchen gottergebenen Sinne vernehmen! möchte auch ich mich so willig fügen in alles, was er über mich beschließt! möchte ich) besonders auf seine Stimme hören, wenn er mich an meine Pflicht und an meine Bestimmung erinnert! Es vergehet kein Tag meines Lebens, an welchem ich nicht Gottes Stimme vernähme. Er redet zu mir durch die Natur, durch das Wort der Offenbarung, durch den Verstand, das Herz und das Gewissen, durch die Liebe meiner Freunde und Ungehörigen, so wie durch den Groll und Haß meiner Widersacher und Feinde, durch das Glück, das er mir gewährt, so wie durch Unfälle und Leiden, die er mir zuschickt, durch Beyspiele und durch das Loos, das Gute und Böse trifft, so wie durch alle Ereignisse des Lebens im Großen wie im Kleinen! Wenn ich nur darauf 272 merke, so vernehme ich von allen Seiten her die Stimme des Allgewaltigen, Allheiligen und Ewigen. Er ruft mir überall und immer zu: Ihr sollt heilig seyn, denn ich bin heilig, euer Gott! er fordert mich immerwährend zum Guten, zu treuer Pflichterfüllung, zur Buße und Besserung, zur Geduld im Leiden, zur Standhaftigkeit im Kampfe mit der Sünde und zum festen Glauben und Hoffen in allen Lagen meines Lebens auf; er mahnt mich unaufhörlich an meine Bestimmung, und läßt es mir nie an Winken fehlen, was ich zu thun und zu lassen habe. O daß ich doch nie seine Stimme überhörte, keine seiner Auf forderungen unbeachtet ließe, jedem seiner Winke folgte, und mit allem zufrieden wäre, was er über mich beschließt und verhängt! - - Ja, Allgütiger! immer werth und heilig sey mir der Beruf, den du mir auf Erden angewiesen hast! Der Plaß, auf dem ich stehe, ist mir von dir zu Theil geworden; darum will ich auf demselben auch gern stehen, und mit Freuden thun, was mir auf demselben zu thun obliegt. Was dein weiser Rath auch immer künftighin über mich verfügt: ich will mich demselben ohne Mißmuth und Murren unterwerfen, eingedenk der Worte Mariens: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesaget hast! und wenn deine Baterhand mich auf den Weg der Wahrheit und der Tugend hin zu leiten sucht, so will ich sie ergreifen mit Liebe und Dank, und mich ihrer Leitung ganz überlassen! oder wenn deine 273 unergründliche Weisheit es für gut findet, mich durch Leiden zu prüfen, zu läutern und zu veredeln, so will ich deine Zucht nicht verachten, und mich deiner heilsamen Absicht mit mir nicht widersetzen, sondern alles Widrige, was mir begegnet, geduldig ertragen und zu meiner Bildung, Besserung und Vervollkommnung treulich anwenden, und dir mit ganzer Seele vertrauen im Leben, im Leiden und im Tod! Denn ich weiß, was du, o Herr, thust, ist wohl gethan! Amen. - Am Tage Mariä Heimsuchung. ( Luca I. 39-56.) Um unser Leben zu erleichtern, zu verschönern und aufzuheitern, schenkte uns die gütige Vorsehung in der Freundschaft und Liebe wohlwollende, schützende Gefährtinnen auf der Laufbahn unsers irdischen Daseyns. Wohl dem, dem sie auf dem Wege zum Grabe immerfort freundlich zur Seite stehen, und ihm die oft steilen, dornenvollen Pfade durchs Leben ebnen und mit Blumen der Freude bestreuen! Wohl dem, der Sinn und Gefühl für diese Segnungen des Himmels hat, und das Glück zu schätzen und zu benußen weiß, das in der Freundschaft und in der Liebe liegt! Ach, sie waren auch die freundlichen Begleiterinnen der vielgepriesenen Mutter unsers großen, unsterblichen Erlösers; auch sie fand in 274 ihnen Trost, Labsal und Erquickung! In einem der wichtigsten Zeitpuncte ihres Lebens nimmt sie ihre Zuflucht zu ihnen, und wandelt mit liebendem Herzen zu der frommen Elisabeth, mit der sie durch Bande der Natur und der Liebe inniger verbunden, und durch Geist und Gemüth näher befreundet war. Welche herzliche, innige Freude offenbarte sich bey dieser freundschaftlichen Heimsuchung! wie war dabey das Herz beyder Freundinnen voll zärtlicher Theilnahme und gegenseitiger Liebe! wie ging ihre Wonne über in Lob und Preis des Höchsten und in die lauteste Danksagung für seine Huld und Güte! Ach, send uns gesegnet, Freundschaft und Liebe, ihr kostbaren Geschenke des Alliebenden! seyd uns gesegnet, ihr holden Schutzengel des Lebens, das ohne euch so düster und traurig und oft kaum zu ertragen wäre! 3u euch, zu euch wollen wir in Tagen der Freude und des Leids und bey jedem wichtigeren Ereignisse unsers Lebens hineilen, und in eurem Schooße Erhöhung unsers Glücks, Erleichterung und Milderung unsers Unglücks, Trost, Beruhigung, Stärkung und Erquickung suchen! nach euch und euren Segensquellen wollen wir hinblicken noch in der Stunde, wo wir von dannen scheiden müssen, und dem Allliebenden mit tiefer, froher Rührung danken, daß er uns in diesem Thale der Vorbereitung und Prüfung euch als Trost- und Schutzengel beygesellt, und durch euch der reinen Freuden so unendlich viele bereitet hat! -- - 275 ne Freundschaft und Liebe! euch gab uns Gott! O möchten wir dieß nie vergessen und übersehen, und bey den Freuden, so wie bey den Tröstungen, die ihr uns gewähret, nie unterlassen, an den mit liebevoller Dankbarkeit zu denken, der uns in euch so viel verlieh! möchten wir in eurem Schooße nicht bloß irdische Lust, sondern auch himmlische Wonne, nicht bloß vergängliche Genüsse, sondern auch eine Quelle reichlicher Nahrung für unsre sittlichen und religiösen Gefühle und Gesinnungen suchen! möchten wir in dieser Hinsicht dem Beyspiele Mariens und ihrer Freundinn folgen! Nicht sinnliche Vergnügungen und Unterhaltungen über alltägliche Gegenstände der Sinnenwelt waren es, was beyde beschäftigte, als sie sich wiedersahen! Ihr Herz war voll Freude über Dinge höherer, edlerer Natur! Fromme Gefühle, Ahnungen einer bessern Zukunft, frohe Aussichten auf die herannahende Erlösung und Errettung der entarteten Menschheit und ihre sittliche Wiedergeburt, das war es, was ihre Brust schwellte, und der Hauptgegenstand ihrer vertraulichen Unterredungen und gegenseitigen Mittheilungen war. Ihr Herz war voll des heiligen Geistes, und strömte über in lautes Lob und lauten Dank des Allgewaltigen und Allbarmherzigen, des Allweisen und Allheiligen, des Unveränderlichen und Ewigen. Meine Seele," so rief Maria begeistert aus, ,, meine Seele erhebet den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes. Denn er hat 99 - - 276 die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir gethan, der da mächtig ist und deß Nahme heilig ist. Und seine Barmherzigkeit wohnt immer für und für bey denen, die ihn fürchten. Er übet Gewalt mit seinem Arm, und zerstreuet die hoffärtig sind, in ihres Herzens Sinn. Er stößer die Gewaltigen vom Stuhl, und erhebet die Niedrigen. Die Hungrigen füllet er mit Gütern, und läsfet die Reichen leer." So war für die beyden Freundinnen die Liebe, mit der sie an einander hingen, eine heilige Quelle himmlischer Nahrung für ihren frommen, gottergebenen Sinn. - - Ach, daß auch für uns die Freundschaft und Liebe zu einer solchen Quelle würden, daß sie auch unser Herz veredelten, unsre Frömmigkeit erhöhten, unsern Glauben und unsre Hoffnung belebten, und, wenn wir uns ihren Genüssen überlassen, uns erheben über den Staub der Erde zu dem Unendlichen und Ewigen, und uns in dem Bestreben stärkten, ihm immer ähnlicher zu werden! D ihr alle, die uns Gott hier gegeben und inniger mit uns befreundet hat, send und bleibet uns ewig lieb und theuer, und euer Umgang sey veredelnd für unser Herz, tröstend und erquickend für unser Gemüth, erhebend für unfern Geist, und eine kräftige Nahrung für unsern Glauben und unsern göttlich- religiösen Sinn! Dann werden wir das Band, das uns mit euch verbindet, ein heiliges Band zu nennen, und uns noch ein 277 vor dem Throne des Höchsten der Freundschaft und der Liebe zu rühmen und zu erfreuen vermögen, die uns auf Erden so oft erheitert und beglückt haben! Dieß gebe der, der mächtig ist, und deß Nahme heilig ist, und dessen Barmherzigkeit für und für bey denen währt, die ihn fürchten! Amen. - - Am Tage Mariä Reinigung. ( Luca II. 22 - - 32.) ORTY Den en Erlöser der Welt hatte Maria geboren, und was er einst seyn und wirken werde, war ihrem Geiste nicht verborgen. Aber frey von Stolz und Uebermuth, unterwirft sie sich willig den Gesetzen der Kirche, der sie angehörte, erfüllt dieselben gewissenhaft, und begibt sich nach Jeruſalem, um da im Tempel das vielgeliebte, zu großen Dingen bestimmte Kind dem Herrn darzustellen, und das vorgeschriebene Opfer darzubringen. Auf den Herrn ist dabey ihr ganzer Sinn hingerichtet, seinem Schuße und seiner Liebe empfiehlt sie den zarten Säugling, ihm und seinem Dienste weiht sie ihn schon in den ersten Tagen seines Lebens. Möchte doch auch ich mich willig fügen in jede gesetzliche Ordnung, und die Einrichtungen des kirchlichen Vereins, dessen Mitglied ich bin, in Ehren halten und beachten! möchte ich mich immer frey von jenem Dunkel und Hochmuthe erhalten, der sich über 278 alle äußerlichen Einrichtungen kirchlicher Gesellschaften hinwegseßt, auch wenn sie vielen ehrwürdig und an sich nüßlich oder doch unschädlich sind, und fromme Gebräuche verachtet und vernachlässigt, auch wenn in ihnen so mancher schöne, herzansprechende Sinn und so manches Heilsame und Gute liegt! Und wenn Gott mich mit irgend einer Gabe segnet und erfreut: o möchte ich doch dabey immer an ihn, den liebevollen Geber, denken, ihm dafür den Dank meines Herzens zollen, und dadurch gleichsam allem Guten, das ich aus seiner Hand empfange, eine heilige Weihe verleihen! Erfreuen müsse sich besonders meine Seele und mein Gemüth án dem Anblicke wohlgerathener, hoffnungsvoller Kinder, und gern müsse ich das Meinige dazu beytragen, daß uns in ihnen ein verständiges, rechtliebendes, edles und Gott ergebnes Geschlecht empor wachse. Sie werden ja einst da stehen, wo wir jetzt stehen, und das Werk fortsetzen, an welchem wir gegenwärtig arbeiten. Wie sollte uns nicht alles daran liegen, daß sie gehörig gebildet und veredelt und fähig gemacht werden, einst für das Wohl der Welt mit Kraft, mit Einsicht, mit Redlichkeit und Muth, mit Eifer, Liebe und Erfolg zu wirken! Das Glück der Nachwelt, für welches zu arbeiten, ihre Bestimmung ist, lasse uns nie gleich gültig, sondern begeistre uns, so oft wir daran denken; und damit sie einst die Befördrer, Aufrechthalter und Beschützer des Wahren und Guten, des Rechtes und der Gerechtigkeit und alles dessen seyen, - - 279 was wahrhaft nüßt, frommt und beglückt: so sey ihre vernünftige Erziehung ein Hauptgegenstand unsrer Sorgen, unsrer Anstrengungen und unsrer Freygebigkeit, und so geschehe denn auch von meiner Seite alles gern, was diese bessere Erziehung der aufblühenden Jugend mittelbar oder unmittelbar zu erleichtern, zu unterstüßen und zu stärken vermag! Sner Welche hohe Wonne erfüllte das Herz des from men Simeon, als er das zarte Jesuskind bey dessen Darstellung im Tempel des Jehova zu Jerusalem er blickte, und im Geiste die großen Dinge voraus sah, die durch dasselbe einst verrichtet werden sollten! wie liebevoll faßte er den heil- und hoffnungsvollen Säugling in seine Arme! wie herzlich lobte er Gott! wie getrost und ruhig sah er nun seinem Lebensende entgegen, nachdem er des Unblicks des ersehnten Mes fias genossen hatte; wie begeisterungsvoll rief er aus: " Herr, nun läsfest du deinen Diener in Frieden fahren! Denn meine Augen haben deinen Heiland ge= sehen, welchen du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volks Israel!" - - Möchte das Heil der Nachwelt auch mir immer theuer seyn und am Herzen liegen! möchte ich mich inniglich freuen bey jeder günstigen Aussicht, die sich für das Wahre, Gute und Rechte öffnet! möchten die geistigen und sittlichen Angelegenheiten der Menschheit mich immer am meisten und lebhaftesten beschäf tigen, und jede beßre Wendung, welche die gute 280 - Sache unsers Geschlechtes nimmt, mich mit hoher Freude und mit der innigsten Dankbarkeit gegen den erfüllen, der im Lichte der Wahrheit wohnt, und das geistige und sittliche Wohl der Menschheit nie aus dem Auge verliert, sondern es immerfort schützt und auf mannigfaltige Weise befördert! Was Simeon bey dem Anblicke des Jesuskindleins ahnete und für die Zukunft hoffte, und was ihn schon in dieser Hoffnung begeisterte, erhob und entzückte, das ist in Erfüllung gegangen. Christus ward ein Heiland aller Völker, ein Licht, das die Heiden erleuchtete, ein Erlöser der ganzen Welt. Das weiß ich, und die Segnungen seiner heiligen Lehre habe ich an mir selbst erfahren. Und meine Freude an ihm sollte nicht noch größer seyn, als die des frommen Simeon? Nein, ich will es stets mit frohem Gemüthe und dem wärmsten Danke gegen Gott erkennen, was Jesus war, was er für die Welt geleistet, und was er auch an mir gethan hat! Mit gerührter Seele will ich meinen Heiland dafür loben und preisen, will im Geiste seiner Lehre handeln, und mich ganz nach ihm, dem großen Vorbilde in allem Guten, zu bilden suchen! Dazu verleihe mir Kraft von oben, o du, der du die Welt so sehr geliebet hast, daß du deinen eingebornen Sohn gabst, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben! Amen. das d 281 Am Tage Petri und Pauli. Die Erinnerung an ausgezeichnete Männer, die für die gute Sache der Menschheit, für Wahrheit, Recht, Gerechtigkeit, Sittlichkeit, Tugend und Religion mit Eifer und Anstrengung gearbeitet, mit Muth gekämpft und gelitten, mit freudiger Seele entbehrt und selbst die größten Opfer gebracht haben, ist für jedes gefühlvolle, edlere Herz erhebend, begeisternd und stärkend. Und einer solchen Erinnerung ist der heutige festliche Tag geweiht. Er soll uns die großen, unsterblichen Verdienste vergegenwärtigen, die sich die zwey rüstigsten und eifervollsten Apostel unsers Herrn und Heilan des um das Christenthum erwarben. Ihrer ange= strengten Thätigkeit, ihrer uneigennütigen Pflichttreue, ihrem hohen, durch nichts zu überwältigenden Muthe und ihrer heldenmüthigen Entschlossenheit, für die erkannte Wahrheit willig Freyheit, Gut und Blut dahin zu geben, verdankt die Kirche, die Jesus gegründet hat, unendlich viel. Sie waren die vorzüglichsten Werkzeuge, deren sich Gott bey der Verbreitung des Evangeliums bediente, und die unter seinem Beystande das Meiste dazu beytrugen, daß das Werk, welches Christus verkündigte, nicht schnell wieder verhallte, und daß die heilige Religion, die er vom Himmel auf die Erde brachte, festere Wurzel faßte, und die Zahl der Gläubigen sich in der neuen Kirche so schnell und in einem so 24 - 282 hohen Grade vermehrte. Sie lebten und webten ganz in ihrem hohen Berufe; die erkannte Wahrheit nach allen Seiten hin zu verbreiten und den Völkern den Gekreuzigten und Wiedererstandenen als den Heiland der Welt zu verkündigen- das war ihr rastloses Bemühen; sie thaten dabey willig Verzicht auf alle Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten des Lebens, und unterwarfen sich mit Freuden allen Mühen und Beschwerden, die mit dem Apostelamte verbunden waren; sie achteten der Veleumdungen, Verfolgungen und Mißhandlungen, die man sich gegen sie er laubte, und der Bande und der Kerker nicht, durch die man ihren Lehreifer ahnden zu müssen glaubte; sie brachten am Ende ihrer bessern Ueberzeugung und der evangelischen Lehre selbst ihr Leben mit männlichem Muthe als Opfer dar. Nein, wir können hieran nicht denken, ohne uns von Ehrfurcht gegen sie und von dankbarer Bewunderung ihres hohen, heiligen Eifers, ihrer edlen, unerschütterlichen Treue gegen Gott und Jesum, und ihrer großen, unsterblichen Verdienste um die christliche Kirche durchdrungen zu fühlen! Gesegnet sey uns ihr Andenken, und die Erinnerung an sie von wohlthätigem Einflusse auf uns! kr 3500 - Wohlthätig möge diese Erinnerung auch auf mich wirken! Sie lehre mich, den hohen Werth einer edlen Berufstreue, eines lebendigen Eifers im Dienste der Pflicht, und einer festen, keine Entbehrungen, Gefahren und Opfer scheuenden Entschlossenheit für 283 Verbreitung und Aufrechthaltung des Wahren und Guten lebendiger erkennen und tiefer empfinden; sie eifre mich an, dem Beyspiele der zwey Apostel, deren Andenken das heutige Fest gewidmet ist, zu folgen, und so, wie sie, meine beßre Ueberzeugung und die Wahrheit nie zu verläugnen, und für die gute Sache der Menschheit keine Mühe und Arbeit, keine Entbehrungen, keine Leiden und selbst die schmerzlichsten Opfer nicht zu scheuen. Wo es Licht und Gerechtigkeit, Sittlichkeit und Religion gilt: da sey nichts vermögend, uns wankend zu machen in unsrer Ueberzeugung und in dem Entschlusse, dem erkannten Guten selbst bis in den Tod unerschütterlich treu zu bleiben, und mit der größten Gewissenhaftigkeit der Stimme Gottes und der Vernunft auch dann zu folgen, wenn damit die größten Gefahren und Widerwärtigkeiten verbunden seyn sollten! Die Erinnerung an euch, ihr Edlen, an die wir heute mit Ehrfurcht, Dank und Liebe zu denken, veranlaßt werden, trete dann recht lebhaft vor unsre Seele, und unterstüße unsern Eifer und unsern Muth! Ihr habt glücklich überwunden, und erntet nun bey Gott und bey der Nachwelt den gebührenden Lohn. Auch die, die eurem Beyspiele fol gen, werden überwinden, und sich einst mit euch freuen in den Wohnungen des Herrn jener Seligkeit, die er seinen Treuen verheißen hat! 4 - 24* 284 Heil euch und Gottes hoher Lohn, Vollendete, vor Gottes Thron! Heil euch in jener bessern Welt, Wo Recht und Wahrheit nimmer fällt! - - Ihr ginget mit erhabnem Sinn Durch Blumen und durch Dornen hin; Ihr nahmt in stiller Heiterkeit Das harte Loos der Sterblichkeit. Längst triumphiert ihr; feyert dort Den Sieg an jenem Freudenort. Ihr habt vollendet; schön und groß Ist euer Glück, ist euer Loos. Der Himmel ist euch aufgethan; Ihr wandelt auf der Sternenbahn Hin zur Vollendung, hin zum Licht Vor eures Mittlers Angesicht. Heil euch! Mit frohem, festem Sinn Euch nach, euch nach zum Himmel hin! Ihr seyd voran, wir folgen euch Im Leben und im Himmelreich! Amen. IV. Gebethe in Bezug auf den öffentlichen Gottesdienst. 5019450 #sti wsim1 mean useri Ansi Häusliche Vorbereitung auf den öffentlichen Gottesdienst. Unschäßbar ist das Glück, Mitglied einer Gemeinde zu seyn. Es thut dem Herzen unaussprechlich wohl, zu wissen, daß Ein Glaube und Eine Hoffnung uns mit Hunderten und Tausenden, mit denen wir in mancherley Verhältnissen des Lebens stehen, auf das innigste und herzlichste befreundet und verbindet. . Aus der geistigen Verwandtschaft, die zwischen uns und ihnen Statt findet, entspringen für uns unzählige Vortheile und Genüsse der edelsten Urt. Die höchsten und heiligsten Angelegenheiten der Menschheit betrachten wir mit ihnen aus Einem Gesichtspuncte, und was der Glaube Beseligendes, die Liebe Erquickendes, die Hoffnung Tröstendes, Erfreuendes und Herzerhebendes darbiethet, ist für uns ein Gemeingut, dessen Besitz uns um so werther und theurer ist, da wir ihn mit denen theilen, die mit uns durch kirchliche Bande enger verbunden sind. Welch' ein Labsal und welch' eine Stärkung für unsern Geist und unser Gemüth, wenn wir in der Mitte einer gläubigen Gemeinde uns gleichsam an dem Throne des Ewigen und Alliebenden versammelt sehen! wenn wir, in heilige Andacht versunken, mit Hunderten und Tausenden gemeinschaftlich den loben und preisen, der unser aller Vater ist, und mit allmächtigem Arm Himmel und Erde, und was auf ihnen lebt und 288 webt, erhält und regiert! wenn wir, voll frommer Begeisterung, mit ihnen in Dank- und Preisgesänge mit einstimmen, mit ihnen unsre Gebethe zu ihm gen Himmel senden, mit ihnen, im Gefühle unsrer sittlichen Unvollkommenheit und Schwäche, demuthsvoll auf unsre Kniee niedersinken, seiner Majestät und Herrlichkeit unsre Huldigung darbringen, und seine Barmherzigkeit und Liebe um Nachsicht, Schonung und Vergebung unsrer Fehltritte, seinen guten Geist um Besserung und Heiligung unsers inwendigen Menschen inbrünstig anflehen! wenn wir in frommer Gemeinschaft mit ihnen das Wort des Herrn vernehmen, unser Innerstes prüfen, löbliche Vorsäße fassen und erneuern, unser gedrücktes Herz vor dem, der die Liebe selbst ist, ausschütten, uns durch lebhafte Erinnerungen an seine unendliche Weisheit und Güte über die Uebel, Widerwärtigkeiten und Leiden der Erde trösten und beruhigen, und uns zur standhaften Ertragung derselben und zur muthvollen Fortsetzung unsrer beschwerlichen Pilgerreise auf Er den ermuntern und stärken! wenn wir in brüderlicher Liebe uns dem Tische des Herrn und seinem heiligen Mahle nahen, um seinen Tod zu verkündigen, und durch die Erinnerung an alles das, was er für uns gethan, geduldet und aufgeopfert hat, uns an zueifern, ihm, dem großen Erlöser, mit um so größerer Treue und Dankbarkeit anzuhängen, und ihm im Leben, im Dulden und im Tode ähnlich zu werden! O wie fühlt sich daben unser Geist erhoben - - 289 - über das Irdische und Vergängliche, unser Herz ergriffen und entflammt für das Bessere, Edlere und Ewige, unser Gemüth besänftigt, getröstet und erfreut! Welche Ruhe und welch' eine stille Heiterkeit senkt sich dabey, wie vom Himmel, in unsere Brust; wie verschwinden da alle düstern Gewölke, die den Himmel unsers Lebensglückes umziehen und trüben; wie erscheint uns da alles in einer lichten und freundlichen Gestalt, und wie gestärkt fühlen wir uns, auf dem Wege des Wahren und Guten, auch wenn er steil und dornicht seyn sollte, mit frommer Geduld und christlichem Muthe fort zu wandeln, und von dem Allwaltenden das Beste zu erwarten. O wohl mir, daß auch ich das große Glück genieße, Mitglied einer Gemeinde zu seyn! Nimm auch dafür, Allgütiger! meinen innigsten, herzlichsten Dank; denn auch dieses Glück habe ich aus deiner Vaterhand empfangen. Wie gern will ich weilen in der Mitte der Gemeinde, der ich angehöre; wie gern Theil nehmen an allen ihren Schicksalen; wie gern mich einfinden in ihren Versammlungen, und mit ihr die Herrlichkeit des Höchsten verkündigen, sein Wort vernehmen, seiner Liebe danken, mich im Suten stärken, und den preisen, den er zu unsrer Erlösung auf die Welt gesandt hat! be ariston Auch heute soll ich erscheinen im Tempel des Herrn, um in die Feyergesänge der Gläubigen mit einzustimmen, dem Herrn in heiliger Gemeinschaft mit ihnen Dankopfer zu bringen, und mich durch 25 - 290 -- die Predigt des Evangeliums zu belehren, zu erquicken und zu allem, was recht und gut und edel ist, kräftiglich zu ermuntern. O möchte Gott seinen Segen dazu geben! möchte auch die heutige öffentliche Verehrung seines heiligen Nahmens eine Quelle des Lichtes für meinen Geist, der Veredlung für mein Herz und des Trostes und der Stärkung für mein Gemüth seyn! möchte ich aus dem Hause der Andacht erleuchteter, zufriedner und geneigter zu allem Guten zurückkehren! Und das wird geschehen, ja es wird geschehen, wenn ich nur auf eine würdige, gottgefällige Weise an der öffentlichen Andacht des heutigen Tages Theil nehme. Denn läugnen läßt es sich nicht, sollen die öffentlichen Gottesverehrungen ihre heilsame Wirkung auf meinen Geist und mein Herz nicht verfehlen: so muß ich ihnen mit aller Sammlung meiner Seele, mit inniger Andacht und mit meinem ganzen Gemüthe beywohnen. Alle heiligen Gebräuche, alles Singen. und Bethen, alles Anhören des göttlichen Wortes, alle Kniebeugungen und frommen, andächtigen Geberden helfen zu nichts und sind vielmehr ein tadelhafter Mißbrauch des göttlichen Nahmens, wenn wir es bey ihnen allein bewenden lassen, und dabey mit unserm Geiste und Gemüthe abwesend sind, oder vielleicht sogar sündhaften Gedanken, Begierden, Wünschen und Hoffnungen nachhängen. Dann ist unser sogenannte Gottesdienst entweder ein elendes Gaukelspiel oder ein Sündendienst, und es wäre: 291 besser, wir enthielten uns desselben ganz. Dieß will ich wohl bedenken, und damit ich nicht in meinen eignen Augen verächtlich und strafbar vor Gott werde auch an der heutigen öffentlichen Verehrung des Höchsten auf eine würdige, ihm gefällige Weise Theil nehmen. ― - - Ehe ich das Haus des Herrn betrete, will ich mich gehörig vorbereiten zu der Andacht, der ich in demselben obzuliegen wünsche. Ich will es wohl überlegen, wie viel ich seiner Huld und Liebe zu danken, und wie ich mich zu verhalten habe, um ihm dafür auf eine würdige Weise mein Dankopfer darzubringen. Erinnern will ich mich daran, daß es der große Schöpfer Himmels und der Erde, der Mächtigste, der Weiseste und Heiligste sey, dessen Tempel ich zu betreten und dem ich mich zu nahen im Begriffe bin. Ein frommer Schauer und eine heilige Ehrfurcht müsse mich ergreifen, wenn ich die Schwelle des gottgeweihten Hauses betrete; mein Geist müsse sich losreißen von allen irdischen Gedanken und Sorgen, von alle dem, was zerstreut und zum Staube herabzieht, von allen Beschäftigungen mit Gegenständen der Vergänglichkeit; er müsse sich emporschwingen zu einer höhern Ordnung der Dinge, in das Reich des Unsichtbaren, Heiligen und Ewigen, zu dem Schöpfer, Erhalter und Regierer des unermeßlichen Weltalls und zu dem, den wir als den Anfänger und Vollender unsers Glaubens verehren und anbethen; von heiliger Andacht durchdrungen, müsse 25* 292 mein Herz sich in der Nähe des Unendlichen und Allliebenden fühlen, und mein Gemüth sich ganz der Wonne und Seligkeit hingeben, die uns aus dem Quell wahrer, hoher Andacht im reichsten Maße zuströmt! - mis 130 Stimme ich in die heiligen Gesänge der versammelten Gemeinde mit ein: o dann sey mein Gesang nicht ein leerer, gedankenloser Wortschall! jedes Wort, das über meine Lippen kommt, werde erwogen, und mein Lob und Preis des Höchsten komme aus den tiefsten Tiefen meines Herzens, und sey der Wiederhall meiner ehrfurchtsvollsten Liebe zu ihm und meines innigsten Dankgefühls! Meine Seele erwäge dabey all' das Gute, das ich bisher aus der Hand meines himmlischen Vaters empfangen habe, all' die Beweise von Huld und Liebe, die er mir von den ersten Augenblicken meines Lebens an bis zu dieser Stunde gegeben, alles, alles, was er für mein geistiges und leibliches, zeitliches und ewiges Wohl bisher so treulich gethan hat, und mein Gemüth wird dann tief empfinden, was mein Mund zu seinem Preis und Danke stammelt; es wird voll Liebe, voll Danks, voll heiliger Undacht seyn! Voll heiliger Andacht sey auch mein Gebeth. Die tiefste Ehrfurcht, aber auch die kindlichste, vertrauenvollste Liebe durchdringe mein Innerstes, wenn ich mich in Gemeinschaft der Gläubigen bethend deinem Throne, o Gott, nahe, dir für alle bisher empfangene Wohlthaten herzlich danke, dich um dei 293 nen fernern Beystand kindlich anflehe, dir meine Leiden klage, und deiner Huld und Güte mein künftiges Schicksal und das Schicksal der ganzen Menschheit demuthsvoll und mit frommer Zuversicht empfehle. Geist und Herz nehme Theil an jedem Worte, das ich flehend an dich richte, an jedem meiner Seufzer, die aus der gerührten Brust zu dir gen Himmel steigen, an jeder Thräne, die zu deiner Ehre fließt, an jedem Gelübde, das ich dir, der Wahrheit und der Tugend und dem Retter unsrer Seelen, deinem groBen Sohne, Jesu Christo, bringe! Dann, aber auch nur dann werde ich den heiligen Ausspruch auch an mir bewährt finden: des Gerechten Gebeth vermag viel, wenn es ernstlich ist. and Eine vorzügliche Aufmerksamkeit will ich einem der wichtigsten Theile des öffentlichen Gottesdienstes, der Predigt des Evangeliums, schenken. O wie belehrend, wie ermunternd, wie tröstend, aufheiternd und stärkend kann sie für mich seyn, wenn ich sie mit gesammelter Seele und mit Nachdenken vernehme! Sie kann den Kreis meiner religiösen Kenntnisse erweitern, meine Begriffe von Gott und göttlichen Dingen läutern und berichtigen, mich mit meinen Pflichten noch näher bekannt machen, meinen Pflichteifer beleben und erhöhen, mich über den Tand, so wie über die Leiden der Erde erheben, mein vielleicht durch Sorgen, Kummer und Gram gebeugtes Herz aufrichten, und die Summe der reinen Freuden, die uns wahre Frömmigkeit gewährt, um - - attent 294 vieles vermehren. Aber dieß wird nur dann geschehen, wenn ich das Wort des Herrn, das verkündigt wird, aufmerksam anhöre, darüber nachdenke, und es treulich auf mich anwende. Dann wird es gewiß, unter dem Beystande des Allheiligen, für mich von großem Segen seyn. Und so will ich mich denn bey der Predigt dieses Wortes der Gedankenlosigkeit und 3erstreutheit meiner Seele entschlagen; ich will meinen Geist sammeln, und eben so nachdenkend als aufmerksam alle Belehrungen und Ermunterungen verfolgen, die von heiliger Stätte an die versammelte Gemeinde ergehen. Nicht schöne, wohlklingende Worte, nicht das Geberdenspiel und die Anmuth des Redners und seines äußerlichen Vortrages, noch andere unwesentliche Dinge dieser Art seyen dabey dasjenige, was mich am meisten feßle; das innerste Wesen, der Inhalt seiner Rede, die Gedanken und Wahrheiten, die in derselben liegen- das beschäftige vorzugsweise meinen Geist, mein Herz und mein Gemüth; nicht, was dabey schimmert und glänzt, sondern was da nüßt, belehrt, erhebt, veredelt und erbaut, nicht die Schale, so sehr sie auch blende, sondern der nährende Kern sey dasjenige, was mich am meisten anziehe und erfreue; nicht, was bloß dunkle Gefühle erregt, der Einbildungskraft schmeichelt und einer gedanken- und thatenlosen frommen Schwärmerey Nahrung darbiethet, sondern was den Verstand erleuchtet, den Willen kräftigt, das Herz erquickt und bessert, das Gemüth mit Trost - 295 und stiller Heiterkeit erfüllt, und uns geneigt macht, den erkannten Willen Gottes in allen Lagen unsers Lebens auch treu und redlich zu erfüllen das sen es, worauf ich sehe, und woran ich mich bey jeder Predigt des göttlichen Wortes, als an die Hauptsache, auf die am Ende alles ankommt, halte. O bewahre mich du selbst, Allheiliger, vor jeder Verirrung, in die ich hiebey leicht versinken könnte, und lenke meine Seele immer ab von eitlem äußerlichen Schimmer und nur auf das Wesentliche in der Sache, auf das Bahre, Erleuchtende, Aufmunternde, Bessernde und Beseligende hin! So empfanget denn auch mich, ihr heiligen Hallen, wo Gottes Ehre wohnt, und wo ich mit der Schaar erlöster Brüder und Schwestern ihm meine Huldigungen darzubringen, mein Herz vor ihm auszuschütten, und mir seinen Segen zu erflehen wünsche! Und du, o Ewiger, von dem alles Gute kommt, schenke mir dabey deinen guten Geist, der mich in alle Wahrheit leite und mich erkennen lasse, was zu meinem wahren Frieden dient! - - Groß ist überall dein Ruhm, Wo nur Wesen denken, Und des Tempels Heiligthum Kann dich nicht beschränken; Doch auch hier dan Strömt von dir Licht und Trost und Segen Deinem Volk entgegen. - 3d end 296 Von dem Weltgeräusch entfernt, Das uns oft zerstreuet, - - Fühlt hier unser Geist, und lernt, Was ihn stets erfreuet. Eitles Glück Weicht zurück Vor den höhern Gaben, Die hier Fromme laben. Unser Herz erweitert sich, Wenn wir Menschen sehen, Die hier still und feyerlich Mit uns vor dir stehen. Jeder nennt Und bekennt, Trotz dem Wahn der Spötter, Dich den Gott der Götter. Jeden zieht ein sanftes Band Hin zu seinen Brüdern; Alle fühlen sich verwandt, Hohe mit den Niedern; Freund und Feind Sind vereint, Dich, durch den sie leben, Friedlich zu erheben. Hier wird frommer Sinn geweckt, Licht und Trost verbreitet, Mancher Sünder aufgeschreckt Und zu dir geleitet, Und die Noth, Die uns droht, Lernt in bösen Tagen Unser Herz ertragen. Gott, wir wollen oft und gern Dich im Tempel preisen, Und hier Jesu, unserm Herrn, Dankbar uns beweisen! Cute - 297 Er allein Soll es seyn, Den sich unsre Seelen Stets zum Führer wählen. - Heil uns Allen, wenn wir hier Nie dein Wort verachten, Und, den Engeln gleich, vor dir, Zu erscheinen trachten! Schön und groß Ist das Loos Aller, die sich üben, Dich, o Herr, zu lieben! Amen. Gebeth in der Kirche vor dem öffentlichen Gottesdienste. Herr, den die ganze Schöpfung als einen Gott der Macht, Weisheit und Liebe verkündigt! auch dieser Tempel erinnert lebhaft an dich, vergegenwärtiget mir deine Majestät und Herrlichkeit, und erhebt meinen Geist und mein Herz zu dir, von dem alles kommt, was da ist und geschieht! O wie sollte ich nicht gern weilen in diesem dir geweihten Hause! wie sollte ich mich nicht gern einfinden in der Mitte der gläubigen Gemeinde! wie sollte ich nicht gern in Gemeinschaft mit ihr deinen Nahmen rühmen und preisen, und dir, Allheiliger und Ewiger, die Opfer meines Danks und meiner Liebe mit gerührter Seele darbringen! O segne, Allgütiger, auch meine heutige Andacht, und laß sie für mich eine reiche Quelle 298 der Belehrung, des Trostes und der Ermunterung seyn! Schenke mir deinen guten Geist, damit ich, von ihm geleitet, mit Aufmerksamkeit und Nachdenken dein heiliges Wort vernehme, dasselbe wohl beherzige, und den Entschluß erneure und befestige, auch darnach zu thun. Meine Seele und mein Herz sage sich los von allen irdischen Gedanken und Sorgen, und sey nur bey dir, o Gott! Es schwinge sich mein Geist in heiliger Andacht zu deinem Thron empor, und mein Gemüth überlasse sich ganz dem beseligenden Gefühle deiner Nähe und Gegenwart. Du, o Wesen aller Wesen, umschwebest mich, und ein heiliger Schauer tiefer Ehrfurcht durchbebt mein Innerstes! Aber wohl mir, daß ich dich in dem Lichte eines liebevollen Vaters erblicke, und mich daher mit kindlicher Zuversicht deinem Antlige nahen darf! Du warst bisher mit mir; o sey mit mir auch fernerhin, sey mit und bey mir auch in dieser Stunde frommer Andacht und Erbauung! Amen. daj - Gebeth in der Kirche nach dem öffentlichen Gottesdienste. Nimm meinen herzlichsten Dank, Allliebender, auch für den hohen, reinen Genuß, den mir dieſe Stunde der Undacht gewährt hat! Mein Geist und mein Herz verdanken ihr neue Nahrung, neues Licht, neuen Trost, neue Freude und Stärkung. Sie hat mei 299 nen Glauben befestigt, meine Liebe erhöht, meine Hoffnung neu belebt, meine guten Vorsäge befestigt, und mein Innerstes mit hoher Wonne und Seligkeit erfüllt! Ich war bey dir, mein himmlischer Vater! und bey dem, den du auch zu meiner Erlösung gesandt hast; und, ach! wie wohl war mir in deiner und deines eingebornen Sohnes Nähe! Erhoben über den Staub dieser Erde, schwebte mein Geist in himmlischen, seligen Gefilden; unter mir alles, was vergänglich ist, beschäftigte sich meine Seele mit dem Unvergänglichen und Ewigen, und ich fühlte innig und lebhaft die hohe Würde der menschlichen Natur und die Wichtigkeit und Erhabenheit meiner Bestimmung; losgerissen von den kleinlichen, alltäglichen Beschäftigungen und Bestrebungen des Lebens, ergriff mich das, was groß und edel und heilig ist; der reinen Tugend Glanz und Majestät umschwebte mich, und ich erkannte der Menschheit hohes Ziel: dir, nähmlich, o Allwaltender! mit jedem Tage ähnlicher zu werden. Ich kehre nun noch mehr erleuchtet, getröstet, erquickt und zu allem Guten ermuntert und gestärkt in meine stille Wohnung, in den Kreis der Meinigen zurück. O möchten sie mich hinbegleiten all' die frommen Gedanken, die in dieser Stunde der Andacht lebhaft in mir wurden, all' die heiligen Gefühle, die sich in mir regten, all' die guten Vorsätze, die ich gefaßt habe! Damit dieß geschehe, stehe mir, o du, mein himmlischer Vater! ben, und schenke mir deinen -- - attie 300 guten Geist, der mein Herz und meinen Willen allezeit regiere! Amen. - Fromme Betrachtungen in dem Hause des Herrn. Wie lieblich ist diese Stätte des Herrn! wie erfreuend ist es, zu weilen in dem Hause der Undacht! Alles, was ich um mich erblicke, erinnert mich an den, der da war, und der da ist, und der da seyn wird in alle Ewigkeit. Ich fühle mich gleichsam umschwebt von seiner Herrlichkeit, und dem Allmächtigen, Alliebenden und Allheiligen ganz nah'. O wie wohl thut es meinem Herzen, mich ganz ungestört dem Andenken an ihn und frommen Betrachtungen überlassen zu können! Send mir gesegnet, ihr heiligen Augenblicke stiller Undacht! Ihr führet mich hin an den Thron des Ewigen, in des sen Händen auch mein Schicksal ruht; ihr lasset mich die Sorgen und Mühen des alltäglichen Lebens vergessen, und erquicket meine Seele durch des Glaubens hohe Wonne und Seligkeit; ihr reißet mich los von der Erde und den vergänglichen Freuden, die sie zu gewähren vermag, und öffnet mir die Pforten des Himmels, wo eine höhere Ordnung der Dinge herrscht, und nur das Gute, Rechte, Edle und Unvergängliche thront. Der bessere Mensch in mir erwacht, und ich fühle es tief im Innersten mit 301 Freude und Dank, daß ich nicht bloß Staub von Staub geboren, sondern göttlichen Geschlechtes und mit dem Wesen aller Wesen verwandt bin. - - Ach, daß ich an meinem großen Schöpfer stets mit Liebe und Vertrauen hinge! Und wie sollte ich dieses nicht! Er ist ja die Huld und Güte selbst. Von dem Augenblicke an, wo ich diese Welt betrat, bis zu dieser Stunde hat er sich stets als ein liebevoller Vater gegen mich bewiesen; er hat mich treulich geschützt vor Gefahren und Unglück; er hat für mein leibliches Wohl fortwährend vortrefflich gesorgt; er hat mich in den Tagen der Sorge, des Kummers und Schmerzes getröstet, empor gerichtet und erquickt, mich mit Wohlthaten aller Art überhäuft, und es mir an nichts fehlen lassen, was dazu geeignet war, mein wahres, inneres Glück zu fördern, und mich dem Ziele näher zu bringen, das der Menschheit gesetzt ist. Und ich sollte mich nicht mächtig hingezogen fühlen zu ihm, dem Allgütigen? ich sollte ihn nicht lieben, wie er mich immer geliebt hat? ich sollte nicht an ihm die höchste Lust und Freude finden? O dann wäre ich nicht werth, sein Kind zu heißen und ein fühlendes Herz zu besitzen! Nein, nie treffe mich der Vorwurf, daß mein Gemüth gleichgültig geblieben sey bey der Vergegenwärtigung all' des Guten, das ich bisher aus der Hand meines himmlischen Vaters empfangen habe! Seine Liebe zu mir wecke in mir die innigste, dankbarste Gegenliebe, und mein Herz kenne 302 keine größere Freude, als bey ihm zu seyn, und mit Liebe an ihm zu hängen! - Wie groß ist des Allmächt'gen Güte! Ist der ein Mensch, den sie nicht rührt? Der mit verhärtetem Gemüthe Den Dank erstickt, der ihm gebührt? Nein, seine Liebe zu ermessen, Sey ewig meine größte Pflicht! Der Herr hat mein noch nie vergessen; Vergiß, mein Herz, auch seiner nicht! Ja, Allgütiger! mit dankbarer Liebe will ich stets an dir hängen; aber auch mit festem, kindlichen Vertrauen. Ich weiß ja, grenzenlos ist deine Macht, und bey dir ist kein Ding unmöglich; du kannst mir helfen und mich retten auch da, wo schon alle Hülfe und alle Rettung verloren scheint. Und was zu meinem wahren Wohle dient, das weißt du am besten; dir ist nichts verborgen; du kennest alle meine Bedürfnisse und die besten Mittel, mein Glück herbey zu führen und zu begründen. Du durchschauest und übersiehest alles im Zusammenhange, und was unser beschränkter Geist nur stückweise und dunkel sieht, das stehet in voller Klarheit und in allen seinen Beziehungen auf das Einzelne und Ganze vor deinem Blick! Deine Allwissenheit und Weisheit verkünden Himmel und Erde, die Geschichte der Menschheit und die tägliche Erfahrung. Aber du weißt nicht nur, was zu unserm wahren Besten dient, und wie dieses am sichersten befördert werden könne, auch bist du nicht bloß mächtig ge 303 nug, unser Wohl zu schützen und zu gründen; du willst dieses alles auch thun; du willst uns erfreuen, trösten und beglücken. Denn du bist die Liebe, und Wohlthun ist deine höchste Seligkeit. Das habe ich an mir selbst erfahren. Mit jedem Tage war deine Güte an mir neu; du hast mich immerfort vortrefflich geleitet, geschüßt, versorgt und erfreut, und alles, alles, was ich bin und habe, verdanke ich deiner Huld und Liebe. O wie sollte ich dir daher nicht mit ganzer Seele vertrauen! wie sollte ich nicht ruhig und getrost mein Schicksal deiner Leitung überlassen! Wie sollte ich nicht von dir Hülfe und Rettung auch dann erwarten und hoffen, wann schon alles verloren zu seyn scheint! Ach, was mir auch immer begegnen mag in diesem Thale der Vorbereitung und Prüfung; ich will dir, mein himmlischer Vater, mit fester Zuversicht vertrauen, und nie von der Hoffnung lassen, daß du es auch mit mir immer wohl machen werdest. Drücken mich die Arbeiten und Sorgen des Lebens danieder, flieht mich jede Freude und alles Glück, und nagt vielleicht an meinem Herzen ein stiller, tiefer Kummer und Gram: so will ich meine Zuflucht immer zu dir nehmen, mich oft aus dem Geräusche der Welt in die stille Einsamkeit oder in des Tempels heilige Hallen zurück ziehen, hier vor dir mein kummervolles Herz ausschütten, und in der Erinnerung, daß mein Schicksal in deinen Händen ruht, und daß du niemanden verläsfest der dir vertraut, Trost, - Beruhigung und Seele suchen. sdn - Auf deine Hand zu schauen, Dir kindlich zu vertrauen, Das, Herr, ist meine Pflicht. in Ich will sie treulich üben, 304 Stärkung für meine gebeugte 0 - Und dich, mein Vater, lieben; Denn du verwirfst die Deinen nicht. Gott, alle meine Sorgen, Die Noth, die oft verborgen An meinem Geiste nagt, Werf' ich auf dich, den Treuen, Du weißt den zu erfreuen, Der fromm nach deiner Hülfe fragt. Ja, wenn mein Auge thränet, Und sich nach Hülfe sehnet, So klag' ich's dir, dem Herrn, Dir, Vater, dir befehle ni abd Ich jeden Wunsch der Seele; Du hörst, du hilfst, du segnest gern. Du leitest, Herr, die Deinen Nicht immer, wie sie's meinen, Doch stets nach deinem Rath. Ob ich mich auch betrübe, Bleibt doch dein Nath voll Liebe; Das zeigt der Ausgang und die That. AUTO Wenn ich hier Tiefen sehe, Nicht deine Bahn verstehe, Die wundervolle Bahn, Kann ich doch deß mich trösten: Mein Gott nimmt mich Erlösten Gewiß dereinst zu Ehren an. and - 305 Um aber deiner Liebe und deines Beystandes immer würdig zu bleiben, Allgütiger! soll mein eifrigstes Bestreben darauf hingerichtet seyn, dir immer ähnlicher zu werden, und deinen heiligen Willen treu und redlich zu erfüllen. Wahrheit und Tugend will ich stets über alles lieben; ihnen sey mein ganzes Leben geweiht, und mein höchster Ruhm bestehe darin, vor dir so zu wandeln, daß ich mich deiner Zufriedenheit und deines Beyfalls erfreuen kann. Eine meiner vorzüglichsten Sorgen bestehe darin, meine Pflichten immer genauer kennen zu lernen, und sie mit immer mehr Liebe, Eifer, Uneigennüßigkeit und Treue zu erfüllen. Freude und Glück um mich zu verbreiten, und meine Lebenstage durch eine wohlthätige, gemeinnützige Birk samkeit zu bezeichnen, gewähre mir hohe Lust und Wonne. Die Besserung und Veredlung meines Herzens gehöre stets zu meinen angelegentlichsten Bestrebungen und Geschäften; oft will ich die in dieser Hinsicht gefaßten guten Vorsätze erneuern, und mich durch den Gedanken an dich, o Heiligster! zur Ausführung derselben zu stärken suchen. Im Kampfe mit meinen sinnlichen Trieben und Begierden und in den Stunden der Versuchung will ich mir dich und deinen heiligen Willen vergegenwärtigen, in deinen Tempel eilen, und durch Gebeth und Flehen um deinen Beystand mir Kraft verschaffen, den Lockungen der Welt und meines eigenen Fleisches standhaft zu widerstehen, mich rein 26 306 zu erhalten von aller Schuld und aufrecht auf der so schmalen Bahn der Pflicht und Tugend. samm - - Und damit mir dieß alles um so leichter und um so sicherer gelinge, trete jetzt und immer dein heiliges Bild vor meine Seele, o du, der du einst auch für mich lebtest, littest und starbst! Du, o Jesu, hast auch mir in jeder Hinsicht ein Vorbild gelassen, daß ich nachfolgen soll deinen Fußstapfen! Ohne Sünde, edel und heilig war dein Leben, musterhaft dein Benehmen in den Tagen der Leiden, herzerhebend und rührend dein Verhalten in der Stunde des Todes. O daß ich dir ähnlich würde, mein Erlöser! daß ich immer so lebte, so litte, und einst so stürbe, wie du! Sey du mein Freund, mein Berather, mein Führer auf dem oft so beschwerlichen und dunklen Wege durchs Leben, und wenn ich bisweilen in Gefahr bin, auf dem Pfade der Tugend zu straucheln und zu fallen, so tritt du, mein Heiland, zu mir hin, und reiche mir deine helfende und schützende Hand! Nächst Gott, deinem Vater, sey du immer mein erster und höchster Gedanke, und deiner Liebe werth zu seyn, einer der sehnlichsten Wünsche meines Herzens! i Preis und Ehre und Dank dir, dem Vater unser aller, der alles geschaffen hat, erhält und regiert, dir, seinem eingebornen Sohne, dem wir unsere Erlösung verdanken, und dir, o heiliger Geist, des Herrn, der in dem Herzen aller Guten und Edlen wirksam ist, und unsere Besserung und Heiligung 307 bewirkt; Preis, Ehre und Dank dir, dem hochheiligen Gott, jetzt und in alle Ewigkeit! Amen. - Häusliches Gebeth nach dem öffentlichen Gottesdienste. Du hast, Allliebender, auch heute für meinen Geist und mein Herz dadurch väterlich gesorgt, daß du mir in der öffentlichen Andacht, an der ich Theil genommen, eine reiche Quelle der Belehrung, des Trostes und der Ermunterung geöffnet hast. Ich fühlte mich in deinem Hause losgerissen von dem Irdischen und Vergänglichen und zu dir, dem Allgewaltigen und Ewigen, empor gehoben. Die Erde mit ihren hinfälligen Freuden und Gütern verschwand meinem Blick, und dem Auge meiner Seele that sich der Himmel mit seiner Herrlichkeit und Seligkeit auf. Gerührt stimmte ich in die Gesänge und Gebethe der versammelten Gemeinde ein, und mein Gemüth empfand dabey die hohe Wonne herzlicher Andacht. Schien es mir doch, als befände ich mich in dem Vorhofe des Himmels, dem Throne des Allgewaltigen und Allgütigen nah, als vernähme ich die Jubellieder verklärter, seliger Geister! Ach, wie wohl, wie unaussprechlich wohl thut es dem Herzen, sich in deiner Nähe, Allliebender, zu fühlen! Verkündigt wurde mir dabey dein heiliger Wille und das Wort deiner Gnade! Erinnert ward 26* 308 ich an den, der nie eine Sünde gethan hat, und in dessen Munde nie ein Betrug erfunden worden, an den Anfänger und Vollender meines Glaubens, der auch für mich in jeder Hinsicht ein heiliges Vorbild ist. O welche Ermunterungen lagen für mich in dem, was ich vernahm, dir, o Gott, und dem, den du zu unsrer Erlösung gesandt hast, immer ähnlicher zu werden! Möchten sie für mich nicht verloren seyn, und möchte auch die heutige öffentliche Andacht, an der ich Theil genommen, einen wohlthätigen Einfluß auf meinen Geist, so wie auf mein Herz geäußert haben! - e Sorgfältig will ich die guten Eindrücke zu bewahren suchen, die ich auch heute in dem Tempel des Herrn empfangen habe; ich will sie erneuern, und was ich dort hörte, was ich fühlte und mir vornahm, nicht so schnell wieder verschwinden lassen, sondern mir es lebhaft vergegenwärtigen, und es zum Heile meiner Seele treulich anzuwenden trachten. Denn was hälfen alle guten Eindrücke, die wir bey der öffentlichen Gottesverehrung empfangen, was die bes sern, edleren Gefühle, die dabey in unserm Innersten erwachen, was die löblichen Vorsätze, die wir fassen, wenn dieß alles sich nur auf die kurze Dauer der gemeinschaftlichen Andacht beschränkte, und mit dieser wieder dahin schwände! Nein, soll diese Andacht von größerem Werthe und Nußen für uns seyn, so muß sie nicht in schnell vorübergehenden Aufwallungen des Gemüthes bestehen, sondern ei 309 nen bleibenden Eindruck auf uns machen, und das Ihrige zur Besserung und Veredlung unsrer Gesinnungen beytragen! Fern bleibe daher von mir der unselige Wahn, als sey es schon genug, den Tempel des Herrn fleißig zu besuchen, und dort den eingeführten Andachtsübungen beyzuwohnen, ohne sich weiter um den heilsamen Einfluß zu bekümmern, den sie, wenn sie rechter Art sind, auf unsern inwendigen Menschen, unsre Denk- und Gesinnungsart und unsern Lebenswandel zu äußern vermögen! Ein solcher geist und herzloser mechanischer Gottesdienst, den auch der Niederträchtigste zu üben vermag, ist dem Wesen aller Wesen und dem ein Gräuel, der uns Gott im Geist und in der Wahrheit anzubethen lehrte, und der bedeutungsvoll sagte: Es werden nicht alle, die zu mir sagen Herr! Herr! in das Himmelreich kommen; sondern die den Willen thun meines Vaters im Himmel! - - O daß mich nie der Vorwurf treffen möge, als gesellte ich mich jenen heuchlerischen Frommen und Undächtigen bey, die unermüdlich im Singen und Bethen und im Besuche des öffentlichen Gottesdienstes sind, dabey aber ungebesserten Sinnes bleiben, und immer lebhaft an die Worte des Heilandes erinnern: Dieß Volk nahet sich zu mir mit seinem Munde und ehret mich mit seinen Lippen, aber ihr Herz ist ferne von mir! Nein, eine solche Scheinheiligkeit verunehre meinen Charakter nie! Mit wahrer herzlicher Andacht will ich jedesmahl der gemeinschaftli 310 chen Gottesverehrung beywohnen, sie auf meine Gesinnung wohlthätig einwirken lassen, und zu Hause die Verehrung meines Schöpfers dadurch fortsetzen, daß ich über alles in dem Tempel des Herrn Vernommene still und ernstlich nachdenke, es auf den fittlich- religiösen Zustand meines Innern treulich anwende, die guten Vorsätze, die ich im Hause der Andacht faßte, lebhaft erneuere, durch das Lesen moralisch- religiöser Schriften meinem frommen Sinne noch mehr Nahrung zu verschaffen. suche*), und mich mit allem Fleiße und Eifer bestrebe, mit jedem Tage weiser, besser, Gott und Jesu ähnlicher zu werden! Mein ganzes Leben und Wirken sey gleichsam ein fortlaufender Gottesdienst. Dann erst werde ich mich deiner Huld und Gnade, o Allgütiger, ganz würdig fühlen, und nicht bloß dem Nahmen, sondern der That nach ein Bekenner deines großen Sohnes, ein Christ in der edelsten Bedeutung des Wortes seyn! Amen.ne - *) Dem frommen Sinne christlicher Familien eine solche Nahrung zu verschaffen, ist die Bestimmung des bey Heubner in Wien erschienenen Werkes: Haus- Postille für religiös gesinnte Familien, oder Religions Betrachtungen für jeden Sonn- und Festtag im Jahre. Von 3. Glaß. 3 wey Bände. 10 T - V. Beicht und Communion: Andachten. atto b ஐ dாடி: dhi: Häusliche Vorbereitung zur Beichte*). Dir, Ullliebender, ähnlich zu werden, ist die hohe Bestimmung, die ich erreichen soll. Aber wie könnte ich es dir, Allwissender, verbergen!- nur zu oft vergesse ich meinen Beruf, und bleibe von dem Ziele fern, das du mir gesteckt hast. Die Sorgen und Zerstreuungen der Erde betäuben nur zu häufig meinen Geist und mein Herz, und machen, daß ich das Eine, was Noth ist, nur zu leicht aus dem Auge verliere, den irdischen Geschäften und Vergnügungen das Heil meiner Seele nachsehze, und zu sehr in sinnliches Treiben und sinnliche Lust versinke. Das böse Beyspiel der Welt, der Umgang mit andern, das scheinbare Glück so vieler Thoren und Sünder, meine äußere Lage und so manche andere Verhältnisse und Umstände meines Lebens wie nachtheilig wirkt dieß alles oft auf meinen sitte lichen Charakter; wie verderblich ist bisweilen der Einfluß davon auf meine Gesinnung und mein Herz! Und wie viele und starke Feinde hat meine Tugend tief in meinem Innersten zu bekämpfen! wie viele niedre Begierden, wie viele ungeordnete Triebe und Wünsche, wie viele heftige, ungezügelte Leidenschaf- *) Der wichtige Gegenstand, mit dem sich dieser Abschnitt bes faßt, ist ausführlich behandelt in der besonders erschienenen Schrift: Beicht- und Communionbuch von J. Gl ak. 3weyte verb. Auflage. 1843. Wien bey Heubner. 27 314 ten durchkreuzen und durchtoben in manchem Augenblicke meine Brust! wie oft bin ich zu schwach, sie zu bezähmen, zu mäßigen und den Kampf mit ihnen glücklich zu bestehen! Ach, sie bringen nur zu häufig meine Seele aus ihrem Gleichgewichte, mein Herz aus dem nöthigen Gleichmuthe und das Sittengesetz zum Schweigen, das du, o Gott, tief in mein Innerstes geschrieben hast! Ich strauchle und falle nur zu leicht auf der Tugend Bahn, oder gehe auf derselben rückwärts, statt mit freudigem Muthe vorwärts zu schreiten. Sündige ich auch nicht mit Absicht und Vorsaß, so irre ich doch oft aus Unwissenheit, oder Uebereilung, oder Schwäche und Ohnmacht. Meide ich auch sorgfältig große Laster und Verbrechen: so mache ich mich doch dabey mancher geringscheinenden und weniger in die Augen fallenden Fehltritte und Abweichungen von der strengen Pflicht schuldig. Strebe ich auch nach immer größerer sittlichen Selbstvervollkommnung, so ge= schiehet dieß doch nicht immer mit aller Anstrengung meiner Kräfte, nicht mit hinlänglichem und anhaltendem Eifer, nicht mit inniger Seelenfreudigkeit und fester, unerschütterlicher Treue! - Ja, Allheiliger, ich fühle meine Schwachheit und Mangelhaftigkeit in ihrem ganzen Umfange, wenn ich einen tiefern Blick in mein Innerstes werfe, und mich vor deinem Angesichte ernst und strenge prüfe. Auch dann, wenn mein Wille auf das Gute gerichtet ist, und meine Besserung und Veredlung 315 mir am Herzen liegt, muß ich bekennen, daß ich noch in vieler Hinsicht höchst unvollkommen und von dem Ziele noch weit entfernt bin, das deine Hand mir vorgezeichnet hat. Ueberlasse ich mich mit aller Ruhe des Gemüthes dieser Betrachtung, so kann ich einer drückenden Unzufriedenheit mit mir selbst nicht entfliehen. Nagen gerechte Vorwürfe des Gewissens an meinem Herzen: o wie unglücklich fühle ich mich dann! welche Betrübniß erfüllt meine Seele, welche Reue ergreift mein Gemüth! Auch wenn ich mir keiner groben Verletzungen der Pflicht bewußt bin: schon das Gefühl kleinerer Mängel und Verirrungen, und der Gedanke, daß ich nicht ganz das bin, was ich seyn soll, sind dazu geeignet, mein Innerstes mit Traurigkeit zu erfüllen, und meinen Muth zu schwächen, zu dir, o Heiligster, meinen Blick emporzurichten! Denn wie könnte ich mich auch mit Unbefangenheit und kindlich frommer Zuversicht dir nahen, der du nur das Gute liebst und uns immerfort zurufst: ,, Ihr sollt heilig seyn, denn ich bin heilig, euer Gott! Ach, ein sehr drückendes Gefühl bemächtigt sich unsers ganzen Wesens, wenn wir uns an unsre sittliche Schwäche und Unvollkommenheit lebhaft erinnern, und wie könnten wir dabey anders hintreten vor deinen Thron, als mit Empfindungen der Scham, herzlicher Betrübniß und aufrichtiger Reue! wie sollten wir nicht mit gerührter Seele in tiefer Demuth zu dir flehen: ,, Gott sey uns Sündern gnädig!" - - 27* 316 Wohl uns, daß wir auch bey der größten Mangelhaftigkeit an deiner Gnade und Barmherzigkeit nicht verzweifeln dürfen! Als einen gerechten, aber auch als einen gnädigen und langmüthigen Gott hat dich uns der geoffenbart, der für unsre Sünden am Kreuze starb; als einen Gott, der selbst auf tief gefallene Sünder mit Vaterhuld und Schonung herabsieht, und ihnen ihre Fehltritte vergibt, wenn sie ihre Sünden erkennen, eine aufrichtige Reue und Betrübniß darüber empfinden, und sich mit dem ernsten Vorsaße der Besserung seinem Richterstuhle nahen; als einen Gott, der nicht Gefallen hat an dem Tode und Verderben des Sünders, sondern daran, daß er sich bekehre und lebe. Ja, Allgütiger, unversiegbar ist die Quelle deiner Liebe und Barmherzigkeit; auch dem, der tief gefallen ist, biethet sie Labung und Erquickung dar, wenn er aus derselben mit verändertem Sinne schöpft! - - Schwachheit ist der Menschheit Loos; Deine Gnad' ist grenzenlos; Dein Erbarmen unermeßlich! Uns hieran zu erinnern, uns zu strenger Selbstprüfung zu ermuntern, zur Besserung anzueifern, zu edlen, gottgefälligen Vorsätzen zu begeistern, und uns mit dir, Allliebender, wieder auszusöhnen das ist der große 3weck jener Anstalt der christlichen Kirche, die wir die Beichte nennen. Mit Recht zählen wir sie zu den schönsten und wichtigsten Gnadenanstalten der Christenheit. Sie führt uns ja 317 tiefer in uns selbst zurück; sie erinnert uns lebhaft an unsre erhabene Bestimmung; sie sucht uns dem Ziele zu nähern, das uns vorgesteckt ist; sie ruft uns deine grenzenlose Liebe und Barmherzigkeit, o Gott, in das Gedächtniß zurück, und verkündigt uns Verzeihung aller unsrer Sünden, wenn wir in Zukunft der Thorheit und dem Laster entsagen, und nur dir, dem, den du gesandt hast, der Wahrheit und der Tugend leben. - - O welch' eine heilige, segensreiche Anstalt ist daher die Beichte! An ihr heute Theil zu nehmen, ist mein Wunsch. Segne mein Vorhaben, o du, von dem alles Gute und alles Gedeihen kommt! Mache mich durch die Kraft deines heiligen Geistes würdig, vor deinem Richterstuhle zu erscheinen, und aus dem Munde des Dieners deines Wortes den trostreichen Zuruf zu vernehmen: ,, Dir sind deine Sünden vergeben!" B- Ehe ich an dieser segensreichen Gnadenanstalt Theil nehme was könnte ich Besseres thun, als einen tieferen Blick in mein Innerstes werfen, und vor dir, der du tief in das Verborgene siehst, und die geheimsten Falten, Regungen, Gedanken, Wünsche und Gesinnungen meines Herzens kennst, dieses Herz unbefangen und mit aller Strenge prüfen, und untersuchen, ob ich auch würdig sey, mich dein Kind und einen Bekenner dessen zu nennen, der nie eine Sünde gethan hat, und in dessen Munde nie ein Betrug erfunden worden? 318 Hab' ich mich auch immer so will ich mich in diesen stillen, ernsten Augenblicken prüfen- lebhaft an meine Bestimmung erinnert, und war mein Bestreben allezeit darauf hingerichtet, sie zu erreichen, und dir, o Gott, und meinem Heilande immer ähnlicher, immer weiser, besser und edler zu werden? Lag mir die sittlich- religiöse Veredlung meines Wesens stets als die höchste Angelegenheit meines Lebens am Herzen? Habe ich auch die Gelegenheiten, die du mir gabst, meine Kenntnisse und Einsichten zu erweitern, im Guten zu wachsen, und deine großen 3wecke auf Erden zu befördern, treu und redlich benugt? Habe ich immer zuerst getrachtet nach deinem Reiche und nach deiner Gerechtigkeit, o Gott? Oder haben sinnliche Zerstreuung und Lust den bessern Menschen in mir betäubt, meinen Blick vom Himmlischen, Unsichtbaren, Heiligen und Ewigen abgelenkt, mich zu sehr an das Irdische und Vergängliche gefesselt, und mich das Eine vergessen lassen, was noth ist? Merkte ich auch auf die vielen Winke, die du mir in Rücksicht meiner Besserung gabst, und machte ich von den Mitteln, die du mir bey dem Geschäfte meiner sittlichen Vervollkommnung darbotheft, einen gewissenhaften Gebrauch? Oder sah ich leichtsinnig über dieß alles hinweg, und folgte mehr den Antrieben meiner Sinnlichkeit und der verführerischen Lockstimme einer verderbten Welt? Gab ich mich gern dem wohlthätigen Einflusse und den Ermunterungen der Religion hin? Nahm ich gern und oft Theil an - - 319 religiösen Anstalten und Uebungen der Frömmigkeit, suchte ich besonders den Geist des Evangeliums immer näher kennen zu lernen, und überließ ich mich willig der sanften Leitung des Christenthums? Oder blieb ich gleichgültig und kalt in Hinsicht auf die Angelegenheiten des Glaubens, gleichgültig und kalt in Hinsicht auf Jesum und seine beglückende Lehre? Suchte ich wohl mein Innerstes, besonders die schwachen Seiten meines Herzens, meine LieblingsNeigungen und Lieblings- Gewohnheiten immer ge= nauer kennen zu lernen! Und wenn ich etwas in mir entdeckte, was vor dem Richterstuhle des Gewissens und der Religion nicht bestehen konnte, suchte ich es wohl zu unterdrücken, und mich von demselben für immer zu befreyen? Hatte ich mit meinen Begierden und Leidenschaften und mit den verführerischen Lockungen der Thorheit und des Lasters zu kämpfen- sammelte ich da wohl alle meine Kräfte? flehte ich daben wohl deinen Beystand an, o Herr? kämpfte ich auch wohl mit Muth, mit freudiger Unstrengung und beharrlicher Treue? machte ich wohl von allen mir dargebothenen Mitteln Gebrauch, den Sieg davon zu tragen, und stärker zu seyn als der Leidenschaften und der Verführung Macht? oder widerstand ich zu wenig den Angriffen meiner innern Tugendfeinde und den nachtheiligen Einwirkungen der Welt auf mein Herz? - - Nahm ich mich auch sorgfältig nicht nur vor groben Vergehungen, sondern auch vor kleineren 320 Fehlern und Verirrungen in Acht? war ich gewissenhaft in der Erfüllung auch geringscheinender Pflichten? suchte ich, auch in keinem Worte zu fehlen, daben auch nicht in Gedanken zu fündigen, und in allen Stücken ein treuer Haushalter der mancherley Gnaden Gottes zu seyn? Und that ich auch meine Pflicht mit Liebe, mit uneigennüßigem Eifer, mit Freudigkeit der Seele und des Gemüths, und so vollkommen, als es mir nur immer möglich war? oder machte ich mir kein Gewissen daraus, so manche meiner Pflichten zu verletzen, weil sie mir geringfügig schienen, oder sie nur mit halber Seele, vielleicht mit Unmuth und Widerwillen, oder bloß aus eigennüßigen Absichten, um des äußerlichen Vortheils willen, zu erfüllen? 1 - Die Geschäfte, die du, Allgütiger, mir in meinem Stande und Berufe angewiesen hast, sind sie auch von mir mit Fleiß, mit Eifer und Treue betrieben worden? war es mir immer Freude, was du mir an Talenten, Kenntnissen, Einsichten, Ge schicklichkeiten, irdischen Gütern, Mácht, Ansehen und Einfluß geschenkt hast, zum Wohle der Menschheit redlich anzuwenden? Machte ich von keinem diefer Güter einen sträflichen Mißbrauch? suchte ich immerfort, mit Hülfe derselben das Reich des Wahren, Guten und Rechten zu erweitern, menschliches Elend zu vermindern, Unterdrückte zu schützen, und die Summe wahrer Freuden und wahren Glücks auf Erden zu vermehren? Leitete mich bei meinem Ver 321 halten gegen meine Gegner und Widersacher immer der Geist der Liebe und der Versöhnlichkeit? oder war ich gegen meine Feinde bisweilen rachsüchtig und ungerecht? Ermüdete ich nicht in meiner wohlthätigen Wirksamkeit, wenn sie mit Anstrengung, mit feindseligem Widerstand, mit schnödem Undank, mit Leiden und Aufopferungen verbunden war? War ich besonders denen, deren Wohl du in meine Hände gelegt, denen, die du durch heilige Bande näher mit mir verbunden hast, ganz das, was ich ihnen, deinem Willen gemäß, seyn sollte? Suchte ich ihnen das Leben zu erleichtern und angenehm zu machen, und durch Lehre und Beyspiel ihre Bildung und Veredlung zu befördern, und dadurch ihr inneres Glück fester zu gründen? Benahm ich mich überhaupt in allen meinen Verhältnissen als ein Wesen, das mit dir verwandt, und durch Jesum so theuer erlöst ist? Allwissender! wie könnte ich es deinem allsehenden Auge verbergen noch manche, noch viele Mängel kleben mir an; noch bin ich nicht das, was ich seyn, noch bin ich von dem Ziele fern, nach welchem ich ringen soll. Gefehlt habe ich auf mancherley Weise, und fühle es tief, daß ich deiner Liebe nicht ganz würdig bin. Unmuth über mich selbst erfüllt meine Brust. O laß auch mir die Gnade zu Theil werden, die du bußfertigen Sündern versprochen hast, und siehe mit Nachsicht und Schonung auf mich herab! Mit reuevollem Herzen und mit dem ernsten Vorsaße der Besserung nahe ich mich - - 322 deinem Thron, und gelobe dir und dem, der auch für mich gestorben ist, gelobe dem Wahren, Guten und Rechten neue, ewige Treue! Mit diesen Gesinnungen und Entschließungen will ich heute Theil nehmen an einer der heiligsten Gnadenanstalten der Kirche, und wenn ich dabey mein ganzes Herz vor dir, Allwissender, ausschütte, wenn ich auf meinen Knieen um Vergebung meiner Sünden flehe, und meine guten Vorsäße abermahls erneure: o dann laß mein Gebeth und meine Gelübde empor dringen vor deinen Thron; dann erhöre mein Flehen; dann segne meine dir gefälligen Entschlüsse, und laß mich, mit dir ausgesöhnt, getröstet und beruhigt von der heiligen Stätte zurückkehren, und ein neues, gerechtes und glücklicheres Leben beginnen. O Herr, hilf! o Herr, laß alles wohl gelingen! Amen. ---- Fromme Betrachtung nach der Beichte. So habe ich sie denn aus dem Munde des Dieners deines Wortes, Allgütiger, vernommen, die trostvolle Versicherung, daß mir meine bisherigen Fehltritte und Sünden von dir vergeben sind. Du hast Nachsicht bewiesen mit meiner Schwäche, du hast das Gelübde der Besserung dir huldreich gefallen lassen, und mich wieder angenommen zu deinem Kinde, o Gott! Welch' eine drückende Last ist dadurch von meinem Herzen gewichen; wie sehr fühle 323 ich mich erleichtert und erquickt; wie ist es auf Ein Mahl so heiter um meine Seele, so still und ruhig in meinem Gemüthe geworden! Welt und Leben- sie erscheinen mir nun in einem helleren, freundlicheren Lichte; denn Ruh' und Friede und sanfte Heiterkeit wohnen in meinem Innern, und wo sie walten, da waltet auch wahres, hohes Glück! Alliebender, gerührt ist meine Seele, voll frommen Dankes gegen dich mein Herz! Grenzenlos ist deine Barmherzigkeit; das habe auch ich besonders an dem heutigen Tage erfahren! Unwürdig deiner Liebe, nahte ich mich doch mit frommen Hoffnungen deinem Richterstühle, und du erfülltest sie; ich flehte um deine Huld und Nachsicht und Gnade, und du erhörtest mein Flehen, erließest mir meine Schuld, und nahmst mich in die Reihe deiner Kinder auf! Was bin ich, o Herr, daß du dich meiner so väterlich annimmst! Wo finde ich Ausdrücke, die würdig und edel genug wären, deine grenzenlose Güte zu preisen, und dir für den großen Beweis von Barmherzigkeit zu danken, den ich abermahls von dir erhalten habe? O nimm ihn in Gnaden an, den schwachen Dank, den ich dir stammle, und siehe, dabey nicht auf das Opfer, sondern auf das Herz, womit ich dir es bringe. Mit ewiger Liebe und Treue hänge dieses Herz an dir; dem Wahren und Guten sey es ganz geweiht, und nie werde es entheiligt durch niedre Lust und Sündendienst. Ja, der Tugend und Frömmigkeit sey mein gan- 324 zes Leben heilig, und treue Erfüllung aller meiner Pflichten hienieden der Gegenstand meines eifrigsten Strebens. Mit jedem Tage verständiger, weiser, besser, gewissenhafter, dir, Allheiliger, und deinem großen Sohne ähnlicher zu werden- das habe ich dir gelobt; du hast meinen Schwur vernommen, und ihn zu halten, sey mir allezeit die heiligste Pflicht. Oft will ich die gefaßten guten Vorsätze erneuern, und dahin arbeiten, daß sie in edle Handlungen und bleibende Gesinnungen übergehen. Ist auch ihre Ausführung mit Anstrengung und manchem harten Kampfe verbunden: du wirst mir Kraft verleihen, in diesem Kampfe zu siegen, wenn ich nur ernstlich siegen will. Wachen will ich über mich, damit ich von der Sünde nicht in unbewachten Augenblicken überrascht und überwältigt werde, und kommen Stunden der Versuchung und Anfechtung, so will ich mich flüchten in den Schooß der Einsamkeit, will hinfallen auf meine Kniee, deinen Beystand, Allgütiger, anflehen, und dann, gestärkt durch dich, jeder Versuchung mit edlem Stolze begegnen und mit unerschütterlichem Muthe widerstehen. O stehe mir in jedem Kampfe mit der Sünde bey; dein guter Geist geleite mich durch die Labyrinthe des Lebens, und dein allmächtiger Arm halte mich aufrecht auf der oft steilen und schlüpfrigen Tugendbahn. Bin ich in Gefahr, zu straucheln und zu fallen, so trete der heutige Tag und die heilige Stunde vor meine Seele, wo ich von dir Verzeihung meiner Sünden erhielt, - - 325 und dir gelobte, immer nur auf rechten Wegen zu wandeln, und der Tugend treu zu bleiben bis in den Tod. Die Erinnerung an diese wichtige, trostvolle Stunde sichre mich vor dem Falle. - - Wie heilig ist mir diese Stunde, Da ich dir treu zu seyn versprach! Gott, stärke mich in meinem Bunde! Erinnre mich an diesen Tag! Mein Herz vergesse seiner Pflicht, Der neu beschwornen Treue nicht! Erinnre du mich, wenn ich fehle; Hilf meiner Schwachheit liebreich auf! Erwecke, stärke meine Seele Im angewiesnen Tugendlauf; In trüben Stunden sende du, O Tröster, deinen Trost mir zu! Laß mich das Alles treulich halten, Was heute, Gott, mein Mund verspricht, Und laß mich nimmermehr erkalten In meiner dir beschwornen Pflicht. Ach, stärke du mich, Herr, mein Gott, Dir treu zu seyn bis in den Tod! Häusliche Vorbereitung auf das heilige Abendmahl. Ein Tag ernster Betrachtungen und frommen Dankes sey der heutige Tag für mich! Denn feyern soll ich an demselben das Gedächtniß meines göttlichen Erlösers; vergegenwärtigen soll ich mir den Heiland der Welt mit seinen unsterblichen Verdien 326 sten, mit seinen großen Leiden und seinem heiligen Versöhnungstode, und das Mahl der Liebe halten, das er aus Liebe zu seinen Bekennern eingesetzt hat. Ich soll mich dabey mit ihm auf das innigste vereini gen; er soll einkehren bey mir, und durch die Kraft seines Evangeliums in mir wirksam seyn; gestärkt durch ihn, soll ich mich des Lebens von neuem erfreuen, getrosten Sinnes zu meinem mit mir versöhnten Vater im Himmel hinblicken, mich über die Beschwerden und Leiden der Erde beruhigt, zu erfreulichen Hoffnungen erhoben, und zur Tugend und Frömmigkeit begeistert fühlen. O du, der du deinen Sohn auch zu meiner Erlösung gesandt hast, verleihe mir dabey deinen guten Geist, damit ich das Gedächtniß seiner Leiden und seines Todes auf eine würdige Weise feyern möge! Was ich Jesu und seiner heiligen Lehre an Erleuchtung, Ermunterung, Trost, Beruhigung und Stärkung zu verdanken habe, will ich heute mit aller Sammlung meines Geistes und Gemüthes überlegen. Er hat auch mich von Unwissenheit und schädlichen Irrthümern befreyt, und mich aufgeklärt über die wichtigsten und heiligsten Angelegenheiten des Herzens und Lebens; er hat mich den, von dem alles kommt, und das schöne Verhältniß kennen gelehrt, in welchem ich zu dem Geiste aller Geister stehe; er hat mir geoffenbart, wie ich Gott verehren und wie ich gesinnt seyn müsse, um ihm zu gefallen; er hat mir den Weg zum Himmel und zum - - 327 Leben gezeigt, und mich durch Lehre und Beyspiel zur Wahrheit und zur Tugend zu ermuntern, und mein inneres Glück dadurch zu gründen gesucht. In einem freundlicheren Lichte läßt er mich die unvermeidlichen Uebel und Leiden der Erde erblicken, als Schickungen der göttlichen Weisheit und Güte und als Beförderungsmittel unsrer Veredlung und Glückseligkeit; mit Vertrauen zu Gott und edlem Muthe erfüllt er mich in den Tagen, die mir nicht gefallen wollen, und läßt in den Stunden der Sorge und des Grams meine Seele im Schooße seiner Religion Ruhe finden und Erquickung und Trost. Auch als Leidender hat er mir ein Vorbild gelassen, daß ich nachfolgen soll seinen Fußstapfen. Und welche erfreuliche, beseligende Aussichten öffnet er mir jenseits des Grabes! wie benimmt er mir alle Furcht vor gänzlicher Auflösung! wie läßt er mich in dem Tode nur einen Friedens- Engel erblicken! Erwäge ich dieß alles mit dem gebührenden Ernste- o wie fühlt sich da mein Herz gehoben und zu dem innigsten, wärmsten Danke gegen ihn gestimmt! Wie könnte ich daher das heilige Mahl der Liebe, das mich so lebhaft an ihn erinnert, das mir ihn ganz vergegenwärtigen soll, anders feyern, als mit gerührter, dankerfüllter Seele! - - Bedenke ich dabey, wie viel es meinem Heilande gekostet hat, mir alle jene Wohlthaten und Segnungen zu verschaffen, überlege ich, wie viel er entbehren, kämpfen und leiden, wie schmählich er selbst 328 sein Leben endigen mußte, um auch für mich das große Werk der Erlösung zu vollenden: o wie mächtig fühle ich mich dann hingezogen zu ihm; wie muß ich die hohe, grenzenlose Liebe bewundern, mit der er auch mich umfaßte; wie ganz durchdrungen von Ehrfurcht, Liebe und Dank gegen ihn muß meine Seele seyn! Diesen Empfindungen will ich mich heute ganz überlassen; voll von diesen Gefühlen, will ich Theil nehmen an dem Tische des Herrn! Und da auch meine Erlösung den Heiland der Welt so viel gekostet hat, so will ich mich um so ernster und strenger prüfen, ob ich die Wichtigkeit und Größe seiner Wohlthaten auch zu schätzen weiß, und sie zu meinem Seelenheile zu benußen geneigt und gewohnt bin? Denke ich wohl oft über das Gute nach, das mir Gott durch Christum erwiesen hat, und wende ich auch dieses Gute zu meiner Erleuchtung, Besserung und sittlichen Vervollkommnung treu und redlich) an? suche ich auch den Geist des Christenthums immer näher kennen zu lernen, und gebe ich mich seinen Winken, seinen Aufforderungen und seinem heilsamen Einflusse überhaupt willig hin? ist es auch mein ernstliches Bestreben, in der Erkenntniß der heiligen Religion, die Christus gegründet hat, und in der christlichen Tugend immer weiter zu kommen? bin ich auch eifrig bemüht, nicht nur mit Worten, sondern in der That und in der Wahrheit ein Bekenner Jesu zu seyn, und dem Erlöser immer ähnlicher zu werden? Wohl mir, wenn - - 329 ich bey dieser Untersuchung und Prüfung nicht errőthen und mein Herz sich nicht schämen darf! Es fehlt mir dann an innrer Ruhe, Zufriedenheit und Heiterkeit der Seele nicht. - Meinem Heilande und seiner beglückenden Religion treu zu bleiben bis in den Tod, ihren Geist immer tiefer und reiner aufzufassen, und allezeit so zu empfinden, zu denken, zu wollen und zu handeln, wie sie gebeut, dieß sey der heilige Vorsatz, mit dem ich mich auch heute dem Tische nähern will, den seine Liebe mir bereitet hat. Empfindungen des Wohlwollens und der Versöhnlichkeit sollen mich dahin begleiten. Verziehen und vergessen sey alles, was mir Uebles von andern zugefügt worden ist; auch die leiseste Regung von Rachsucht, Haß, Groll und Feindschaft werde von mir unterdrückt; mit versöhntem Herzen will ich mich dem nahen, der die Liebe selbst ist, und dem, der aus Liebe zu uns sein theures Blut am Kreuze vergoß; vergeben will ich, damit auch mir vergeben werde, und damit mein Herz rein und edel sey, um den aufzunehmen, der vom Himmel kam und nun zur Rechten der Majestät Gottes sitzt, von woher er einst kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Todten. Gott der Liebe und der Barmherzigkeit! sey mit der Kraft deines guten Geistes bey mir, und gib, daß ich das heilige Abendmahl meines Herrn und Heilandes würdig genieße, und dadurch gestärkt werde zur Ertragung jeder irdischen Last, zu treuer 28 330 Erfüllung aller meiner Pflichten, und zu der Herzerfreuenden Hoffnung, einst zu dir zu kommen und zu dem, den du gesandt hast! Amen. - - Vor dem Genusse des heil. Abendmahls. du, der du einst auch für mich gelitten und den Tod am Kreuze geduldet hast, großer Heiland und Erlöser der Welt! ich nahe mich dem Tische, den deine Liebe mir bereitet hat. Empfangen soll ich dein heiliges Mahl, und dadurch mich auf das innigste vereinigen mit dir. O weichet aus meiner Seele, Gedanken des Leichtsinns, Sorgen der Erde, und ihr unreinen Wünsche und Neigungen alle, und werdet dafür rege, Gedanken des Ernstes, heilige Sehnsucht nach dem Himmlischen und Ewigen, Gefühle der Liebe und des Danks, Vorsäße der Besserung, Ahnungen und Hoffnungen einer unsichtbaren, höheren Welt! Reinige und heilige mein Herz, o Gott, damit dein Sohn gern einkehre bey mir, und laß mich, wenn ich sein heiliges Mahl genieße, Eins werden mit ihm, so wie er Eins ist mit dir! S neige dich, neige dich zu mir herab, mein Mittler und Erlöser! Meine Seele ist bereit, dich aufzunehmen, mein Herz verlangt nach dir, und o wie wohl ist mir in deiner Nähe! O Jesu, sey mit mir! sen mit mir, o Jesu! Amen. - 331 - Nach dem Genusse des heil. Abendmahls. So hab' ich es denn empfangen, dein heiliges Mahl, o Jesu Christ! Wie gestärkt fühlt sich mein Geist und mein Herz! Von dem Throne des Höchsten neigtest du dich zu mir herab, und verbandest dich unsichtbar mit mir. O wirke in mir des Guten viel; gib mir Kraft, allen bösen Trieben, Lüsten und Versuchungen glücklich zu widerstehen, den Kampf der Tugend männlich zu kämpfen, und dir treu zu bleiben bis in den Tod! Mein Herz, das sich durch dich neu gestärkt fühlt, bleibe immer rein und gut, bleibe ein Wohnplatz edler Regungen und Gesinnungen, ein Tempel der Wahrheit, der Tugend und Liebe. Dann wirst du gern bey mir weilen, und ich werde mich) deiner Nähe innig freuen, und mich durch dich und in dir stets glücklich fühlen! Amen. Fromme Betrachtung nach dem heiligen Abendmahle. Gott der Liebe und der Barmherzigkeit! nimm meinen innigsten Dank für die große Wohlthat, die du mir heute in dem Genusse des heiligen Abendmahles deines Sohnes hast zu Theil werden lassen. Du haft ihn auch zu meiner Erlösung und Beglückung auf die Welt gesandt, und durch ihn auch mich dei28* 332 ner Gnade und Barmherzigkeit theilhaftig gemacht. Er war mir bey dem Mahle der Liebe gegenwärtig, und ich fühle mich durch ihn neu gestärkt, im Glauben befestigt, zum Guten ermuntert, und voll froher, seliger Hoffnung. O segne du selbst die besseren Vorsäge, die ich heute gefaßt, und erhalte, o erhalte mir die heitre Stimmung der Seele, die ich der heiligen Gnadenanstalt verdanke, an der ich Theil genommen habe! - - Du aber, großer, göttlicher Erlöser der Welt, der du einst auch für mich entbehrtest, kämpfteſt, littest und starbst! wie kann ich dir vergelten, was du an mir gethan hast? wie kann ich dir würdig genug dafür danken, daß ich heute durch die Feyer deines Todes und den Genuß deines heiligen Mahles von neuem über die Beschwerden der Erde getröstet, zur Ertragung meiner Leiden gestärkt, im Vertrauen zu Gott befestigt, für Wahrheit, Recht und Tugend begeistert und zu der seligen Hoffnung der Unsterblichkeit erhoben worden bin? O laß dir wohlgefallen den schwachen Dank, den ich dir für deine Liebe stammle, und bleibe mir stets gegenwärtig mit deiner hohen Tugend, deiner reinen Herzensgüte und deinen Verdiensten um mich, mit deinen Leiden und deinem Tod! Sey mein Vorbild in allem, mein Leitstern auf der Bahn des Guten, mein Trost in den Tagen des Kummers, und einst meine Hoffnung und Stärkung in der Stunde, wo ich von dannen scheiden muß! Lockt mich die Sünde vom 333 rechten Wege ab: so rette ein stiller Hinblick nach dir meine Unschuld und Tugend. Bangt und zagt meine Seele, so denke sie an dich, und fühle sich beruhigt und gestärkt. Bin ich nahe daran, den Lasten und Drangsalen dieses Lebens zu unterliegen, so richte mich die Erinnerung an deine Leiden empor, und flöße mir Muth ein, die oft beschwerliche Reise zum Grab getrosten Sinnes fortzusehen. Fordert der meine Seele zurück, der sie mir gegeben hat: so tritt du vor die Scheidende hin, und reiche ihr Labsal und stärkende Hoffnung. -- Mit Liebe will ich allezeit an dir hängen, o Jesu! Dir sey mein ganzes Herz geweiht; dein guter Geist leite mich, und reich an hoher Freude sey für mich der Gedanke, daß einst ein Tag kommen soll, wo ich dich im Kreise deiner Treuen, in der Mitte der Millionen durch dich Geretteten, am Throne des Ewigen sehen werde. Preisen soll dich dann meine Seele würdiger und edler, als sie es hier vermag; preisen soll sie dich mit unzähligen Engeln und Erlösten in Ewigkeit! Amen. Vor der Confirmation*).. welch' ein wichtiger, heiliger Tag ist der heutige Tag für mich! Dank dir, Allliebender, daß *) Als eine Confirmations Gabe für Söhne und Töchter kann betrachtet und benußt werden das bey Leo in Leipzig erschienene 2nd a chtsbuch für die Ju 334 du mich denselben hast erleben lassen! Erneuern soll ich an demselben den Bund, den ich mit dir bey meiner Taufe geschlossen habe; was damahls andre für mich versprachen, soll ich heute selbst mit Ueberlegung und Freyheit des Willens geloben; ich soll dir, dem den du gesandt hast, seiner heiligen Religion, die ich nun näher kennen gelernt habe, der Wahrheit und der Tugend ewige Treue schwören, und dann zu einem Mitgliede der christlichen Kirche von neuem feyerlich aufgenommen, und aller Vorrechte erwachsener Bekenner Jesu theilhaftig werden. D daß ein heiliger Ernst mein ganzes Innerstes erfüllte, und mein Herz die ganze Wichtigkeit der kirchlichen Feyer empfände, an der ich Theil nehmen soll! daß ich wohl überlegen möchte, was ich zu geloben im Begriffe bin, und es mit dem festen Vorsabe gelobte, mein Gelübde nie zu vergessen, und ihm in jeder Lage meines Lebens unerschütterlich treu zu bleiben, so lange ich hier im Staube walle! - - Allgütiger, du hast mich bisher auf deinen Vaterarmen getragen, du hast mein Leben gefristet, mich unzähligen Gefahren entrissen, und über mein leibliches und geistiges Wohl mit aller Sorgfalt gewacht; du hast mir theure, geliebte Weltern geschenkt, gend beyderley Geschlechts. Bon J. Glaß. Dritte Auflage. Für die reifere weibliche Jugend insbesondere ist bestimmt das bey Wilmanns in Frankfurt verlegte Werk: Aureliens Stunden der Andacht. Ein Erbauungsbuch für Deutschlands Töchter. Von J. Glak. - 335 die mit Zärtlichkeit an mir hingen, für mich sorgten, mich schüßten und pflegten, und keine schlaflosen Nächte, keine Entbehrungen, keine Mühe und kein Opfer scheuten, wenn es darauf ankam, mein wahres Beste zu befördern; du verliehest mir treue Lehrer, die mit Eifer an der Bildung meines Geistes und der Veredlung meines Herzens arbeiteten, mich im Nachdenken übten, den Kreis meiner Kenntnisse erweiterten, und mich besonders dich, o Gott, und deinen großen Sohn, meinen Heiland und Erlöser, näher kennen lehrten, und mir den Weg zeigten, den ich wandeln muß, wenn ich dir und Jesu gefallen und wahrhaft glücklich werden will; du gabst mir außerdem noch Gelegenheit genug, mich zu bilden und zu vervollkommnen, und alles das kennen zu lernen, was zu meinem wahren Frieden dient; du lieBest mir daben in meinem bisherigen Leben zahllose Freuden zu Theil werden, und jeder meiner Tage war durch mannigfaltige Wohlthaten bezeichnet, die deine Baterhand mir zufließen ließ. Dieß alles tritt an dem heutigen, für mich so wichtigen und festlichen Tage vor meine Seele; mein Herz ist tief gerührt, und meine Thränen fließen. Es sind Thränen der Freude und des Dankes! der Freude, daß ich mich deines Schutzes und deiner Gnade rühmen darf, des Dankes gegen dich, daß du bisher so viel an mir gethan hast, und gegen all' die theuern, geliebten Seelen, die für mich gesorgt, mich gebildet, erzogen und auf vielfältige Weise zu erfreuen und zu be1 - 336 glücken gesucht haben. Was ich dir und was ich ihnen schuldig bin: o es entschwinde meinem Gedächtnisse nie; zu vergelten vermag ich es nicht; aber bestreben, eifrig bestreben will ich mich, durch ein edleres, dankbares Benehmen und durch einen vernünftigen, tadellosen Lebenswandel deiner und ihrer Liebe stets würdig zu seyn! Herr, sey mit mir, wenn ich dieß zu thun gelobe, und heute in deinem Hause feyerlich den Bund mit dir, mit Jesu und mit der Wahrheit und Tugend erneure! - - Blick auf mich von deinen Höhen! Hör', Allgütiger, mein Flehen! Höre deines Kindes Lallen! Laß mein Stammeln dir gefallen. Diesen frohen Tag zu feyern, Meinen Taufbund zu erneuern, Knie' ich heute bethend nieder, Heilige dir Geist und Glieder. Gib zu diesem guten Werke Eifer mir, und Muth und Stärke! Ach, belebe jetzt aufs neue Meinen Glauben, meine Treue! Laß, Erlöser, deine Lehren Mich mit Herz und Wandel ehren. Dich zu lieben, dir zu leben, Sey mein heiligstes Bestreben! Herr, laß deinen Geist mich leiten! Laß den schwachen Fuß nicht gleiten! Gib, daß ich vor jeder Sünde Haß und Abscheu stets empfinde, Nur auf deinen Willen achte, Und nach deinem Reiche trachte. 337 Dieß nur kann mich vorbereiten Zu des Himmels Seligkeiten. - - Keimt der Hang in meinem Herzen, Diesen Himmel zu verscherzen; Regen sich des Lasters Triebe: Dämpfe sie durch deine Liebe! Herr, bewahre mich im Glauben, Laß denselben nichts mir rauben, Und nimm einst am Lebensende Meinen Geist in deine Hände! Amen. Nach der Confirmation. So habe ich denn dir, o Gott, und dem, den du zu unsrer Erlösung gesandt hast, so wie dem Wahren und Guten neue, ewige Treue geschworen! Du hast mein feyerliches Gelübde vernommen, Allwissender und Allheiliger, und umschwebt hat mich dabey dein guter und heiliger Geist. O er umschwebe mich auch fernerhin; er begleite mich durch alle Labyrinthe dieses Lebens; er lehre mich thun nach deinem Wohlgefallen, und führe mich stets auf ebner Bahn! Auf den guten Vorsätzen, die ich heute gefaßt habe, laß deinen Segen ruhen, Allgütiger, und verleihe mir immer Lust und Kraft, sie auszuführen und ihnen treu zu bleiben bis in den Tod. Ach, deiner Stärkung und deines Beystandes werde ich von nun an in einem hohen Grade bedürfen! Mehr als bisher mir selbst überlassen, werde ich vielleicht oft in Gefahr gerathen, auf dem Wege der Tugend zu 29 338 straucheln und zu fallen; so manche sinnliche Triebe werden bey mir in ihrer ganzen Macht erwachen, und meine Vernunft zu betäuben, so manche Reizungen der Welt mich zur Thorheit und zur Sünde zu verleiten, so manche böse Beyspiele und Lockungen der Verführung mich von dem rechten Pfade abzulenken und in die Netze des Lasters zu verstricken suchen. O dann stehe mir mit der Kraft deines guten Geistes bey, Allliebender, und halte mich aufrecht auf schlüpfriger Bahn! Stehe mir bey im Kampfe mit der Welt und meinen innern Tugendfeinden, und laß mich jede niedre Begierde und Lust, jede unedle Regung in meiner Brust, jede tadelhafte Leidenschaft glücklich besiegen. Hilf mir treu bleiben alle dem, was wahr und recht und dir gefällig ist. Mit Ehrfurcht und Liebe hänge meine ganze Seele an der heiligen Religion, zu der ich mich bekenne; sie sey meine Leiterinn und meine Gefährtinn durch das Leben, meine Stüße und mein schützender Engel in den Stunden der Versuchung, meine Trösterinn in jedem Leiden, und wenn auch ich einmahl von dannen scheide, so reiche sie mir in der ernsten Todesstunde den Kelch wahrer Labung und Erquickung dar. Mein eifriges Bestreben sey immer darauf hingerichtet, deiner Vaterhuld, der Liebe derer, die mir die nächsten sind, und der Achtung und Zuneigung aller Weisen und Guten würdig zu seyn. Wie zufrieden und heiter werde ich mich dann fühlen! Denn glücklich, über- - 339 aus glücklich ist der, der schon in seiner Jugend auf deinen Wegen wandelt, und sie auch in seinem höhern Alter nicht verletzt! Wohl dem, der seines Lebens Morgen Nur seinem Gott und Schöpfer weiht, Beschäftigt mit den großen Sorgen Der Aussaat für die Ewigkeit; Wohl ihm, bey allem seinen Thun Wird Gottes Segen auf ihm ruhn! Er wird die wilde Lust der Jugend Und jeden Reiß des Lasters fliehn; Sein Herz wird nur für Gott und Tugend, Für Recht und Pflicht und Wahrheit glühn; Sich seiner Brüder Wohl zu weihn, Wird seine größte Sorge seyn. Er wallt gestärkt und immer heiter Auf seiner rosenvollen Bahn; Geht in Erkenntniß immer weiter, Und blickt getrost zu dir hinan; Bestegt durch Ernst und Wachsamkeit Die Reizungen der Sinnlichkeit. Wie freudenreich sind seine Tage; Wie sanft verfließt ihm seine Zeit! Ihn zwinget nichts zu später Klage; Ihn reut nicht die Vergangenheit. Die Blüthe seiner Jugend schon Verheißet ihm des Alters Lohn. Er ist der Aeltern Trost und Wonne; Er sammelt ihren Segen ein, Und heiter, wie die Morgensonne, Kann er sich seines Schöpfers freun, Und beugt ihn auch Verlust und Schmerz, Ein Blick zu ihm erhebt sein Herz. 29* 340 Er geht mit Muth und Kraft durchs Leben, Sieht mit Zufriedenheit zurück, Und wenn die Zeitverschwender beben, So fühlet er der Weisheit Glück; Er weiß, ein unvergänglich Heil Wird hier und dort ihm einst zu Theil. - Ja, unvergänglich ist die Krone, Und ewig rein die Seligkeit, Die deine Liebe, Gott, zum Lohne Der frühen Tugend einst verleiht. Auf, meine Seele, kämpf um ste, Und scheue nie des Kampfes Müh! VI. Gebethe für besondere Verhältnisse und Umstände des Lebens. Gebeth für das Vaterland und den Landesherrn insbesondere Dank dir, o Gott, daß du mich als Mitglied eines geordneten Staates hast geboren werden las sen, und daß ich nun unter dem Schuße der bestehenden Gesetze sicher, friedlich und ruhig leben, und so viele Annehmlichkeiten und Vortheile der bürgerlichen Gesellschaft genießen kann! Mein Leben, meine Ehre und mein Eigenthum sind durch so viele Anstalten des Staates gesichert, und ich kann ungestört den Geschäften nachgehen, die du, Allgütiger, mir angewiesen hast; ich kann mir mancherley Quellen des Erwerbes und der Wohlhabenheit öffnen, und die Früchte redlicher Thätigkeit in Ruhe genießen. O laß mich diese große, unschäßbare Wohlthat immer nach ihrem ganzen Werthe erkennen, und für dieselbe dadurch dankbar seyn, daß ich alle meine Bürgerpflichten gewissenhaft erfülle, das allgemeine Beste aus allen Kräften befördere, an den Schicksalen des Vaterlandes stets einen nahen Antheil nehme, die Gesetze desselben treu befolge, durch wohlgeordnete Thätigkeit zur Wohlfahrt desselben beytrage, für des Staates Sicherheit und Ehre kein Opfer scheue, seine wohlthätigen und gemeinnüßigen Anstalten möglichst unterstütze, mich gegen diejenigen, welche die Angelegenheiten desselben zu leiten und zu regieren haben, mit gebührender Achtung, Ehrerbiethung und Anhänglichkeit benehme, 344 und die zum Besten des Staates erforderlichen Abgaben treulich entrichte, eingedenk der apostolischen Ermahnung: ,, Jedermann sey unterthan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit, ohne von Gott, und wo Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet. Gebet jedermann, was ihr schuldig seyd: Schoß, dem der Schoß gebühret; Zoll, dem der Zoll gebühret; Furcht, dem die Furcht gebühret; Ehre, dem die Ehre gebühret!" Segne, o segne, Allliebender, mein Vaterland und alle die, die für die äußere und innere Ruhe und Sicherheit, für den Ruhm und die Wohlfahrt desselben mit Weisheit, Redlichkeit und Eifer thätig sind, und laß mich und alle seine Bürger durch echte Vaterlandsliebe und unerschütterliche Bürgertreue ausgezeichnet seyn! - - Erhalte, schüße und segne insbesondere den erhabenen Fürsten, in dessen Hände du die Zügel der Regierung des geliebten Vaterlandes gelegt, und dem du dadurch den wichtigsten und höchsten Beruf auf Erden angewiesen hast. O verleihe ihm Kraft, die beschwerlichen Pflichten, die damit verbunden sind, treulich zu erfüllen, und die Wohlfahrt des Landes mit glücklichem Erfolge zu fördern! Segne mit der reichsten Fülle deines himmlischen Segens alles, was er für das Beste seines Volkes einleitet, anordnet, unternimmt und thut. Erleuchte seinen Geist, erfülle mit Gerechtigkeitsliebe, Milde und echter Frömmigkeit sein Herz, schenke ihm weise und 345 gewissenhafte Räthe, und laß unter seiner Regierung Künste und Wissenschaften, wahre Bildung, Sittlichkeit und Religiosität, wohlthätige und gemeinnützige Anstalten, Handel und Gewerbe glücklich gedeihen, und das Land immer mehr zunehmen an Aufklärung, Wohlstand, Ordnung, Sicherheit und Ruhm. Er sey groß im Frieden und groß in jedem Kriege, zu dem er sich aus Rücksichten auf die Ehre und die Erhaltung seines Reiches gezwungen sieht. Erhaben ist der Standpunct, auf dem er steht, höchst ausgezeichnet die Würde, mit der du ihn bekleidet, und groß die Macht, die du in seine Hände gelegt hast. Dieß verliere keiner seiner Unterthanen jemahls aus dem Auge, und jeder derselben beweise immerfort seiner geheiligten Person die tiefste Ehrerbiethung, und seinen Anordnungen den willigsten Gehorsam. Sorgen- und beschwerdenvoll ist sein hoher Beruf! Erleichtere ihm, Allgütiger! die vielen Mühen und Lasten desselben, und laß ihn dafür Entschädigung und Belohnung finden in dem Anblicke seines, durch ihn glücklichen Volkes und in der dankbaren Liebe, Anhänglichkeit und Treue desselben gegen ihn. Ueberschütte mit deinem Segen auch seine durchlauchtigste Familie; laß in derselben stets den Geist der Gerechtigkeit, Milde und wahrer Gottesfurcht herrschen, und nach Jahrhunderten noch das erhabne Herrscherhaus ausgezeichnet, mächtig, geliebt, mit Ruhm bedeckt und von dem Volke dankbar gesegnet seyn! - - 346 Herr über Leben und Tod! deinem Schußze sey die Gesundheit unsers erhabnen und verehrten Landesvaters auf das herzlichste empfohlen! Schenke, o schenke ihm ein hohes und dabey heitres und glückliches Alter, und laß den Tag noch ferne seyn, wo du ihn zu dir rufst, und unsre Thränen um ihn fließen! Noch fern sey ihm das hohe Ziel, Nach dem er wallen soll; Gott, mache seiner Tage viel, Und jeden segensvoll! Amen. - - Gebeth eines regierenden Fürsten. Zu dir, dem Herrn aller Herren und Könige aller Könige, erhebe ich, im Gefühle meiner Abhängigkeit von dir, meinen Geist und mein Herz. Alles, was ich bin und habe, verdanke ich deiner Liebe und Barmherzigkeit, und ohne deinen allmächtigen Schuß stände ich verlassen und ohnmächtig da, und wäre unglücklich bey all' meinem scheinbaren Glücke. Darum will ich mich oft deinem Throne nahen, mich lebhaft an mein Verhältniß zu dir erinnern, mein Herz gern ausschütten vor dir, und meinen Ruhm und meine Freude darin finden, deiner Vaterhuld und Liebe würdig zu seyn. Du hast mich, Allgütiger, vor Tausenden und Millionen ausgezeichnet, du hast mich mit Ehre, Ansehen und Macht bekleidet, und mir auf Erden einen Platz angewiesen, von welchem aus ich auf das 347 Wohl und Weh Unzähliger einzuwirken vermag. Um hienieden einer deiner wichtigsten Stellvertreter zu seyn, ließest du mich das Licht der Welt erblicken, und bewahrtest mein Leben bis zu diesem Augenblicke. In meine Hände legtest du zahlreiche Mittel, die Wohlfahrt derer zu befördern, deren Ruhe, Sicherheit und Glück du mir anzuvertrauen für gut fandest, und biethest mir täglich Gelegenheit genug dar, Gutes zu thun, und Freude und Segen um mich zu verbreiten. - - Wichtig und groß ist mein Beruf. O daß ich darüber recht oft nachdächte, und mich täglich an meine erhabene Bestimmung recht lebhaft erinnerte! Wesen aller Wesen, vor dem auch meine Kniee sich in tiefer Ehrfurcht beugen! laß es mich nie vergessen, was ich bin und seyn soll, nie vergessen, daß du von dem, dem du viel gegeben hast, auch viel forderst, und daß ich nur dann deines Beyfalls und der Achtung, der Liebe und des Dankes der Mitund Nachwelt würdig bin, wenn ich die großen Pflichten, die du mir angewiesen hast, auch treu und redlich erfülle, und meiner wichtigen Bestimmung ganz entspreche. Tief fühle ich es, wie ungemein schwer dieß sey; aber um so mehr will ich alle meine Kräfte sammeln und anstrengen, um zu leisten, was der Staat von mir erwartet, an dessen Spitze deine Vaterhand mich hingestellt hat, und scheinen mir bisweilen die Geschäfte und Pflichten meines Berufes zu drückend und zu schwer, so will 348 ich daran denken, daß sie mir von dir selbst angewiesen sind, und daß du mir jede meiner Lasten tragen helfen, und die Ausübung auch der beschwerlichsten Pflichten erleichtern wirst, wenn ich dabey nur Vertrauen zu dir beweise und mit dem Gedanken an dich alles beginne und treibe, was ich unternehme und thue. Vor meine Seele trete dabey der Gedanke, daß ich durch treue Erfüllung meines hohen Berufes viel Böses zu verhindern und unendlich viel Gutes zu stiften vermag, und dieser Gedanke sey tröstend, ermunternd und stärkend für mich. Laß mich dabey strenge haushalten mit der schnell dahin fliehenden Zeit, und was ich heute zu verrichten im Stande bin, werde nicht auf morgen. aufgeschoben. Es ist ja nichts Geringes, dem Unschuldigen, Gedrückten und Nothleidenden auch nur um einen Tag, ja selbst nur um eine Stunde früher geholfen und das Leben erleichtert zu haben. Du hast mir viel Macht verliehen; aber um so größer ist auch für mich die Gefahr. Wie leicht kann ich die erhaltene Macht mißbrauchen, und dadurch Verderben über Tausende, vielleicht über Millionen bringen. O halte mich, Allgütiger, aufrecht, damit ich nicht strauchle und falle! Laß mich immer bedenken, daß ich nur deßhalb Gewalt besitze, um sie zum Besten des Staates anzuwenden, und in demselben Ordnung, Ruhe, Sicherheit und Gerechtigkeit zu erhalten, und daß ich über mir auch einen Herrn habe, dem ich einst Rechenschaft ablegen soll, - 349 wie ich hier mit dem Pfunde gewuchert habe, das er mir verlieh. Nie verleite mich Leidenschaft, übermuth und Herrschsucht zu blinder Willkür und zu Handlungen, die sich mit den bestehenden Gesetzen nicht vereinigen lassen. Diese seyen mir heilig, und nie möge ich mich einer Verlegung derselben schuldig machen; denn wie könnte ich von meinen Untergebenen Achtung derselben verlangen, handelte ich selbst ungescheut gegen sie! Die strengste Gerechtigkeit bezeichne jeden meiner Schritte, und wer sie anspricht, er sey reich oder arm, angesehen oder gering, gelange zu seinem Rechte, und finde Veranlassung, die Gewalt dankbar zu preisen, unter deren Schuhe er steht. - - Große und wichtige Folgen kann leicht jede meiner Handlungen, oft sogar nur ein Wink und ein Wort von mir, nach sich ziehen; ich kann damit Andere glücklich, aber auch höchst unglücklich machen. O darum schenke mir, Gott, deinen guten Geist, der mich in alle Wahrheit leite und vor jedem unbedachtsamen Schritte schüße! Ben allem, was ich unternehme, thue und rede, schweige die Leidenschaft; nur die Stimme der ruhigen Vernunft entscheide; nur Weisheit und Gerechtigkeit spreche sich in allen meinen Handlungen und Wor ten aus. Mit Überlegung, Umsicht und der größten Gewissenhaftigkeit laß mich bey allem meinen Thun und Reden zu Werke gehen, und dadurch jene Achtung und Würde behaupten, nach der der 350 Edle, nach der besonders jedes Volks- Oberhaupt streben soll. Mit der Strenge verbinde sich bey mir immer auch Milde, mit der Kraft Menschlichkeit, mit der Gewalt Achtung der natürlichen Menschenrechte. - - - Große Gefahren drohen auf dem Plate, auf dem ich stehe, meinem Herzen und meiner Tugend. Allheiliger, gib mir Muth und Kraft, sie alle glücklich zu besiegen! Bewahre mich besonders vor dem gefährlichen Gifte der Schmeicheley. Es sammle sich um mich ein Kreis weiser, gerechter und edler Männer, denen das Wohl des Vaterlandes und der Menschheit heilig ist und am Herzen liegt; ihr Urtheil und ihr Rath, ihre Winke und Warnungen, selbst ihre tadelnden Worte seyen mir von großem Werth; sie seyen meine Rathgeber, meine Freunde und Gehülfen, und den Ränken ihrer Neider und Verleumder gelinge es nicht, mir ihre erprobte Treue verdächtig zu machen, und ihnen meine Achtung und mein Vertrauen zu entzie hen. Die Reiße der sinnlichen Welt mögen mich nie bethören, und nie sinke ich zu einem Sclaven niedrer Lust herab. Mir winkt ein hohes Ziel; dieß will ich rastlos verfolgen; ich stehe höher als Unzählige, und so sey ich denn auch der Edelste unter ihnen, und bey allen meinen irdischen Freuden und Genüssen offenbare sich ein Adel der Seele, der Achtung und Ehrfurcht gebiethe. Es sey mir immer hohe Freude und Lust, nicht 351 nur in der Außenwelt, sondern auch im Reiche des Unsichtbaren und Geistigen zu herrschen. Mit Eifer und Liebe will ich daher wahre Aufklärung, Künste und Wissenschaften, Sittlichkeit und Religion und alle Anstalten, die auf die höhern und höchsten Angelegenheiten unsers Geschlechtes Bezug haben, schüßen, unterstüßen und befördern, und das Meinige redlich dazu beytragen, daß das Reich des Schönen, Wahren und Guten erweitert werde. Talente aufzumuntern, weise und geschickte Männer hervorzuziehen, Verdienstvolle zu belohnen, und die Rechtschaffenheit und Tugend auszuzeichnen- das gehöre zu den schönsten und süßesten Freuden meines Lebens. Fern bleibe von mir dabey der Geist einer unzeitigen Sparsamkeit und unedler Kargheit; freygebig öffne sich vielmehr meine Hand, wo es darauf ankommt, entschiedene Verdienste zu lohnen, und lobenswerthe Zwecke zu befördern. Großmüthig und edel muß ich handeln, wenn die Mit- und Nachwelt meinen Nahmen mit Dank und Achtung nennen soll. - Das Glück meines Volkes liege mir stets am Herzen, und was dasselbe fördert und erhöht, werde von mir mit Freude, Anstrengung und Aufopferung eigener Vortheile unternommen, geschützt und gethan. Der unselige Geist der Eroberungssucht bleibe mir immer fremd, und mein Bestreben sey stets darauf hingerichtet, nicht Länder, sondern Herzen zu gewinnen, nicht über viele, sondern über 352 glückliche Völker zu herrschen, nicht nach eitlem Ruhm und Glanz, sondern nach deinem Beyfall, o Gott, und nach dem Beyfall meines Gewissens und des vernünftigen Theils der Zeitgenossen und Nachkommen zu ringen. Bemüht will ich seyn, dem Staate, dessen Regierung du mir anvertraut, die Segnungen des Friedens zu erhalten; werde ich aber, wider meinen Willen, in Kriege für die Selbstständigkeit, Ehre und Freyheit desselben verwickelt: o dann will ich für die gerechte Sache mit Muth und Vertrauen kämpfen, mich durch Unfälle daben nicht sogleich niederbeugen lassen, sondern in der festen Überzeugung, daß du, Allmächtiger, am Ende doch immer das Rechte und Gute siegen las sest, mein großes Ziel verfolgen und nicht ermatten im gerechten Kampf. Es kommt einst ein Tag der Rechenschaft; dieß laß mich stets bedenken, o Gott! Auch ich werde an diesem Tage- entblößt von Würden, Glanz und Macht.- vor deinem Richterstuhle erscheinen, um zu empfangen, was meine Werke werth sind. O möchten an demselben Millionen für mich zeugen, und keiner wider mich! möchte ich vor dir gerecht erfunden werden, und würdig, einzugehen in dein ewiges Reich. Und mögen noch bey der spätesten Nachwelt wohlthätige, gemeinnützige Anstal ten, von mir gegründet oder erweitert und verbes sert, mein Gedächtniß in Ehren erhalten, und entfernte Nachkommen mich dankbar segnen, wenn von - 353 dem, was ich Hinfälliges an mir habe, keine Spur mehr vorhanden ist. Das sey das Ziel meines irdischen Strebens. Allgütiger! laß dieses schöne Ziel mich glücklich erreichen! Umen. Gebeth eines zur Regierung bestimmten Prinzen. Zu dir, großer Schöpfer und Regierer der Welt, schwingt sich mein Geist empor, und in dei ner Nähe sucht mein Herz Erquickung, Freude und Aufmunterung zum Guten. Du sahst mit Vaterhuld auf mich, noch eh' ich war, und riefst mich in das Daseyn, um durch mich größere Zwecke zu befördern; du schüßtest mich bisher gegen mancherley Gefahren, und wachtest über mein Leben, das einst dem Wohle Vieler geweiht seyn soll. Groß ist die Bestimmung, die du meinem Daseyn gegeben hast. Mächtiger als Millionen meiner Brüder, soll ich einst eingreifen in den Gang menschlicher Angelegenheiten, soll über die Ruhe, Sicherheit und Wohlfahrt sehr vieler wachen, und durch mein Ansehen und meine Macht zur Beförderung des Guten kräftig mitwirken. Du bist es, Allgewaltiger, durch den ich dieser wichtigen Bestimmung gewürdigt wor den bin. O nimm meinen innigsten Dank dafür, und laß es mich nie vergessen, daß alles, was mir einst an Ehre und Würden und Gewalt zu Theil wird, 30 354 ein unverdientes Geschenk von dir ist! Aber laß mich dabey immer ernstlich überlegen, daß es meine Pflicht sey, mich dieses Geschenkes ganz würdig zu machen, und dem hohen Berufe vollkommen zu entsprechen, den du mir angewiesen hast. Nicht bloß Glanz und Macht- auch große, schwere Pflichten warten meiner, und mit Mühe und Anstrengung wird ihre Erfüllung verbunden seyn. Hieran will ich schon frühzeitig denken, will mich gefaßt machen auf die Beschwerden und Unannehmlichkeiten meines künftigen Standes, und mich zu den Geschäften desselben zweckmäßig vorbereiten. Du willst mir einst viel anvertrauen, Allgütiger! Aber darum bedarf ich auch einer um so größeren Kraft, Einsicht, Bildung und Stärke des Charakters. Daher sey es mein angelegentliches Bestreben, an meiner Selbstvervollkommnung mit allem Ernste und Eifer zu arbeiten, mich unnützen, betäubenden Zerstreuungen zu entziehen, und meine Zeit dem wichtigen Geschäfte der Bildung und Veredlung zu widmen. Willkommen sey mir jede von dir, o Gott, mir dargebothene Gelegenheit, den Kreis meiner Kenntnisse und Erfahrungen zu erweitern, meine Einsichten zu berichtigen, meine Bestimmung näher kennen zu lernen, und meine Gesinnung und mein Herz zu bilden und zu veredeln. Der Umgang mit weisen und tugendhaften Männern gewähre mir immer das größte Vergnügen, und oft im Geiste bey dir, Allliebender, zu seyn, und mein Gemüth in - 355 frommer Andacht zu dir zu erheben, sey mir die fü Beste Freude des Lebens.- Bey allen meinen irdischen Genüssen leite mich der Geist der Weisheit und der Religion, und alles bleibe fern von mir, was meine Kräfte schwächen, meine Seele zu sehr betäuben, mein Herz verderben und vergiften könnte. Künste und Wissenschaften sollen von mir geliebt, geschätzt und alles Bessere und Edlere von mir mit Freude ergriffen werden. - - Und so laß mich, Allgütiger, geleitet von deinem guten Geiste, und durchdrungen von dem Gefühle der Größe und Wichtigkeit meines künftigen Berufes, in meiner Bildung und Veredlung glücklich fortschreiten, und mit jedem Tage einsichtsvoller, weiser, im Guten kräftiger und würdiger werden, früher oder später den wichtigen Platz einzunehmen, den deine Weisheit und Liebe mir anweisen wird. Sen stets mit mir, und laß mich immer mehr erkennen, was zu meinem wahren Wohle dient! Amen. Gebeth eines Staatsdieners und Beamten überhaupt. Du u selbst, Allliebender, hast mir den Platz angewiesen, auf dem ich stehe, und die Geschäfte anvertraut, die ich treibe. Du willst, daß ich ein Werkzeug sey in deiner Hand, das Glück meiner Mitmenschen nach Kräften zu befördern, und im 30* 356 - bürgerlichen Leben Ruhe, Ordnung, Sicherheit und Wohlbefinden zu verbreiten. Wichtig erscheine mir daher immer mein Beruf, und der Gedanke, daß du ihn mir angewiesen und mir dadurch Gelegenheit gegeben hast, viel Gutes zu wirken, ermuntre und begeistre mich, die Arbeiten, die mit demselben verbunden sind, mit Eifer und Pünctlichkeit zu verrichten, und all' die Pflichten, die er mir auferlegt, mit Freude und Gewissenhaftigkeit zu erfüllen. Beschwerlich und drückend und oft mit mancherley Unannehmlichkeiten verknüpft sind bisweilen die Geschäfte meines Standes und Berufes. Aber sie sollen mich nicht daniederbeugen, und mir meinen Muth und die Heiterkeit meines Herzens nicht ganz rauben. Fallen sie mir lästig: so will ich an dich, Allgütiger, denken, und mich daran erinnern, daß du sie mir auferlegt hast, und daß es dein Wille sey, daß ich sie unverdrossen und mit freudigem Eifer verrichte. Verleihe mir stets Kraft, diesen deinen heiligen Willen zu befolgen, und immerfort rüstig und mit Liebe an deinem Werke fortzuarbeiten, an welches mich deine Vaterhuld hingestellt hat. Segne mein redliches Bemühen, und schenke mir die Freude, zu sehen, daß ich nicht fruchtlos thätig bin. Was mir auf meinem Plate anvertraut ist, werde von mir stets als ein theures Pfand angesehen, und bleibe mir heilig. Mein Bestreben sey immer darauf hingerichtet, dem Vertrauen vollkommen zu entsprechen, das man in mich setzt, und ganz 357 das zu seyn, was ich seyn soll. Frey von niedrigem Eigennuße, frey von aller Falschheit und Unredlichkeit, und hassend jede Art von Trug und Niederträchtigkeit, will ich immerfort nur nach dem Ruhme eines treuen Dieners des Staates, eines gerechten, rechtschaffenen, edelmüthigen und tugendhaften Mannes, und eines weisen, wahren Christen ringen, und lieber auf jeden Vortheil Verzicht leisten, als durch ein unedles, pflichtwidriges Verhalten mich entehren. Denn was hälfe es mir, wenn ich auch die ganze Welt gewänne, und dabey Schaden nähme an meiner Seele! Immer sey mir meine Pflicht theuer und heilig; sie sey das höchste Ziel meines Strebens, und was mich ihr untreu machen könnte, werde von mir mit männlichem Muthe bekämpft. Gerechtigkeit, Einsicht, Unbestechlichkeit und Diensteifer bezeichne jeden meiner Schritte, und wo ich durch Rath, durch Ansehen und Einfluß das Gute zu ermuntern, zu schützen und zu befördern, die Unschuld zu retten, dem Verdienste die ihm gebührende Würdigung zu verschaffen, Nothleidenden und Bedrängten aufzuhelfen, für Künste und Wissenschaften zu wirken, und irgend einer guten und gerechten Sache einen Dienst zu leisten vermag, da werde von mir keine Anstrengung und Mühe, keine Unbequemlichkeit, selbst keine Gefahr und kein Opfer gescheut. Verlangt es mein Stand und Beruf, daß ich für das Wohl Andrer freymüthig rede und entschlossen handle, so will ich dieß mit Muth und ohne Rücksicht thun, - - 358 auch wenn ich dafür verkannt, getadelt, gekränkt und all' der Vortheile verlustig werden sollte, in deren Besitze ich bin. Schön und ruhmwürdig ist es, für eine gute Sache zu leiden, und lieber untergehen zu wollen, als sich eines Verrathes an ihr schuldig zu machen. Ich bin dann deines Beyfalles gewiß, o Herr! und siehst du nur mit Wohlgefallen auf mich herab, da mögen verblendete oder übelgesinnte Sterbliche noch so ungerecht gegen mich handeln: ich kann getrost und ruhig darüber seyn! Es kommt einst eine Zeit, wo du mich entschädigen wirst für alles Unrecht, das ich erlitt, und meiner Pflichttreue den Lohn ertheilen, den sie verdient. O du, von dem aller Segen und alles Gedeihen kommt, segne diese guten Vorsäße, und laß mich in den Verhältnissen, in die du mich gesetzt hast, stets als ein treuer Haushalter deiner Gnade erfunden werden! Amen. - Gebeth eines Religionslehrers. Einen sehr ehrwürdigen und wichtigen Beruf hast du mir angewiesen, Alliebender! Ich soll im Reiche der Wahrheit und Tugend arbeiten, und auf die höchsten Angelegenheiten der Menschheit, auf Sittlichkeit und Frömmigkeit, wohlthätig und kräftig mit einwirken. Erheben soll ich den Geist derer, deren religiöse Bildung mir anvertraut ist, von dem 359 Staub der Erde zu einer unsichtbaren, höheren Welt, von dem Sinnlichen zum Übersinnlichen, von dem Vergänglichen zum Ewigen; unablässig hinrichten soll ich ihre Blicke auf eine höhere Ordnung der Dinge, sie an ihre große Bestimmung erinnern, und sie nachdrücklich ermuntern, derselben vollkommen zu entsprechen; soll ihr Herz zu gewinnen suchen für alles Rechte, Gute und Edle, und es begeistern zu treuer Erfüllung der Pflicht. Durch meine Belehrungen, Ermunterungen, Warnungen und Bitten, so wie durch mein Beispiel sollen sie sich angeeifert finden, immer nur auf rechten Wegen zu wandeln, und nur dem zu huldigen, was dir, Allheiliger, gefällt. Ich soll ihre Kenntnisse von dir, von dem, den du gesandt hast, und von göttlichen Dingen überhaupt erweitern, und ihre religiösen Ansichten berichtigen; ich soll sie mit Liebe, Dank, Ehrfurcht und Gehorsam gegen dich erfüllen, und sie mit den Mitteln bekannt machen, deiner Vaterhuld und deines Wohlgefallens immer würdiger zu werden. Verkündigen soll ich ihnen deine Gnade, mit der du auch den tief gefallenen Sünder umfassest, sie zur Buße leiten, und sie deiner Barmherzigkeit und Nachsicht versichern, wenn sie reuevoll und mit dem ernstlichen Vorsatze der Besserung sich deinem Richterstuhle nahen. Aufklären soll ich sie über die wohlthätigen Zwecke irdischer Leiden, und sie trösten und beruhigen in Tagen der Gefahr, des Unglücks und Kummers; und wenn ihre Seele auf dem Siech- - 360 bette schmachtet, soll ich durch den trostvollen Zuspruch der Religion ihren Schmerz zu besänftigen, und sie zu geduldiger und standhafter Ertragung ihrer Leiden zu stärken suchen. Öffnen soll ich ihnen heitre Aussichten jenseits des Grabes, soll ihnen verkündigen die herzerhebende Wahrheit ihrer Unsterblichkeit, soll hiedurch die Schrecken des Todes von ihnen verscheuchen, und wenn sie von dannen scheiden, ihren letzten Kampf auf Erden und ihr Scheiden aus dem Kreise der Lebendigen erleichtern. Ich soll der Lehrer, der Erzieher, der Leiter, der Freund, der Tröster und Beystand der mir anvertrauten Gemeinde seyn. ― - Wie groß ist deine Güte gegen mich, o Gott, daß du mich eines so hohen, heiligen Berufes gewürdigt hast! O daß die Wichtigkeit desselben meiner Seele immer recht lebhaft vorschwebe, und mich mit Ernst, Eifer, Begeisterung und Pflichttreue erfülle! Viel hat deine Vaterhuld mir anvertraut; aber um so sorgfältiger will ich auch auf mich achten, und meiner großen Bestimmung zu entsprechen suchen. Nicht als Miethling, sondern mit reiner, inniger Liebe und uneigennüßigem Eifer will ich arbei ten in deinem Weinberge und das große Werk zu fördern bemüht seyn, an welches du mich hingestellt hast. Du wirst mir dabey deinen Beystand und deinen Segen nicht versagen, und auch mir deinen gu ten Geist verleihen, der mich in alle Wahrheit leite. Um ganz das zu seyn, was ich seyn soll, bedarf 361 ich vieler Kenntnisse und richtiger und gründlicher Einsichten. Daher soll es stets mein eifrigstes Geschäft seyn, an meiner Selbstbildung fort zu arbeiten, mich mit dem, was ich an Kenntnissen bereits besige- und wäre ihre Zahl auch noch so großnie zu begnügen, sondern nach immer größerer Einsicht und Weisheit zu ringen, und damit fortzufahren bis zu meines Daseyns lettem Augenblick. Und was ich mir an Kenntniß und Einsicht erworben habe, sey das Gemeingut derer, deren Lehrer Rathgeber und Hirte ich seyn soll. 3u lehren, zu ermahnen, zu warnen, zu ermuntern, zu rathen, zu trösten und empor zu richten.- das sey meine höchste Freude, so wie es mein Amt und Beruf ist. Treu und redlich jede meiner Pflichten zu erfüllen, sey mein eifrigstes Bestreben; alle meine Kraft und mein ganzes Leben sey dem Dienste der Religion und der Kirche geweiht. de - - Nie möge ich es dabey vergessen, daß das Beyspiel mehr zu wirken vermöge, als die Lehre, und daß daher ein Diener der Religion nicht bloß der Lehrer, sondern auch das Vorbild seiner Gemeinde seyn müsse. Merken will ich denn auf jedes meiner Worte und jede meiner Handlungen, damit ich Andern durch nichts anstößig werde; was ich Andern empfehle, will ich selbst gewissenhaft üben; hüthen will ich mich, daß ich nicht, indem ich ihnen Tugend ans Herz lege, selbst verwerflich sey; rein und tadellos sey mein ganzer Lebenswandel, würdevoll, edel, 31 362 ruhm und nachahmungswürdig mein ganzes Verhalten, damit sich alle die, die ihre Blicke auf mich richten, nicht nur durch meine Lehre, sondern auch an meinem Beispiele erbauen.d dim cim Beschwerdevoll und nicht frey von manchen traurigen Erfahrungen ist der Beruf, den du mir anvertraut hast, Allgütiger! Anstrengungen, Entbehrungen, Gefahren, Mißdeutungen und Undank das ist sehr oft das Loos dessen, der für die höchsten Angelegenheiten der Menschheit, für Religion und Sittlichkeit, arbeitet. Aber dieß soll mich nicht danieder beugen und in der treuen und freudigen Erfüllung meiner schweren Pflichten irre machen. Der Gedanke, daß ich für die wichtigsten und heiligsten Güter des Lebens thätig bin, daß du mir mit deinem guten Geiste immer gegenwärtig bist, und daß nichts über die Wonne geht, Andere auf den rechten Weg zu leis ten, zu veredeln, zu trösten und der Retter auch nur Einer Seele zu seyn; dieser Gedanke erleichtre mir jede Beschwerde, und stärke mich zu treuer Erfül lung der Pflicht. Es schwebe mir dabey das Beyspiel meines großen Heilandes vor, der bey seinem hohen Berufe so vielen Widerstand, so schnöden Undank, so viele bittre Kränkungen und Leiden erfuhr, und doch immer freudig fortwirkte für das Wohl der Welt, und ein undankbares Geschlecht mit Segen überschüt tete, bis sein Auge für diese Erde sich schloß. Ihm will ich gleichen, und nichts sey im Stande, den Eifer zu schwächen, mit dem ich, deinem heiligen - - 363 Willen gemäß, auf dem wichtigen Plage, den ich einnehme, arbeiten und wirken soll. - - Auch dann, wenn es mir scheint, als blieben meine Bemühungen ganz fruchtlos, will ich in denselben nicht ermüden. Erinnern will ich mich dabey, daß ich im Reiche des Unsichtbaren arbeite, daß mein beschränkter Blick die Wirkungen hievon nicht immer zu entdecken vermag, und daß nicht das Gelingen, sondern das redliche Wollen mir am Herzen liegen müsse. Jenes steht nur in deiner Macht, o Gott! Aber eben deßhalb kann ich auch getrost und voll guter Hoffnung seyn. Strenge ich nur bey der Erfüllung meines Berufes redlich alle meine Kräfte an, so wirst du meine Thätigkeit nie ganz ohne den gewünschten Erfolg lassen; du wirst sie früher oder später segnen, auch wenn mein schwaches Auge nichts davon gewahrt. Ohne daß ich es bemerke, dankt mir vielleicht im Stillen mancher Gute und Fromme, der durch mich belehrt, ermuntert, getröstet und gestärkt worden ist, und manches Wort, das ohne Eindruck verhallt schien, wirkt im Reiche des Wahren und Guten, ohne daß ich es gewahr werde, so wie das Samenkorn in der Erde unsichtbar sich entfaltet, und jeder Tropfen, in den Ocean gegossen, nach ewigen Gesetzen der Natur auf das ganze Weltmeer einwirkt, ohne daß ein sterbliches Auge dieß zu bemerken vermag. Nein, du, o Herr! läsfest kein redliches Wollen, kein kräftiges Wort der Wahrheit ohne Erfolg, und sollte ich bey meinen Arbeiten die31* 364 sen Erfolg auch nicht erblicken: ich will deßhalb nicht trostlos, sondern überzeugt seyn, daß du mein pflichttreues Wirken segnen werdest. O welch' ein süßer Lohn für mich, wenn ich hoffen darf, Andere veredelt, der Tugend zugeführt, und dadurch ihre innere Ruhe und Glückseligkeit befördert, sie über die Trübfale der Erde getröstet, und ihr Dahinscheiden in eine andere Welt erleichtert zu haben! Und wenn ich einst vor deinem Throne die wieder finde, für deren Seelenheil ich hier gewissenhaft gearbeitet habe, und sie mir dort ihr Glück und ihre Seligkeit danken: 0 wie werde ich mich dann entschädigt fühlen für so manche harte Entbehrung und belohnt für manchen schweren Kampf im Dienste der Pflicht! Allgütiger, dieses herrlichen Lohnes laß mich am Tage der Vergeltung theilhaftig werden! Amen. - Gebeth eines Erziehers und Lehrers der Jugend. Augütiger, du hast mich eines sehr wichtigen Berufes gewürdigt, des Berufs, die Keime des Wahren und Guten, die du in jede menschliche Brust gelegt hast, in meinem Wirkungskreise bey denen, die ich leiten und erziehen soll, zu bewahren und zu entfalten, die schwachen Kräfte des zarten Alters zu wecken, zu üben und zu bilden, den Verstand derer, deren Veredlung mir anvertraut ist, mit nüßlichen 365 Kenntnissen zu bereichern, ihren Geist zum Nachdenken zu gewöhnen, ihren Willen auf das Gute hinzurichten, und ihr Herz vor jedem Giste zu bewahren, und für alles Schöne, Rechte und Heilige zu erwärmen. Erziehen soll ich verständige, einsichtsvolle, geschickte, redlich gesinnte, dir vertrauende und dabey innerlich glückliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft. Wahrlich, ein schöner, großer Beruf, so gering er auch immer dem Leichtsinne und der Thorheit scheinen mag! O daß ich die Wichtigkeit desselben recht oft in ihrem ganzen Umfange erwäge, und mich dadurch zu um so größerer Treue in demselben ermuntert fühlte! - Allliebender, der du mir diesen Beruf angewiesen hast, o stärke mich auch zu gewissenhafter Erfüllung aller der Pflichten, die er mir auferlegt! Laß mich an dem Wohle der mir anvertrauten Jugend mit Liebe und Eifer arbeiten, und sie betrachten als ein heiliges Pfand, das deine Hand mir anvertraut hat, und über welches ich dir, der Welt und meinem Gewissen strenge Rechenschaft schuldig bin. Um an ihrer Bildung mit um so mehr Glück arbeiz ten zu können, fehle es mir nie an Neigung und Lust, in meiner eignen Bildung immer weiter fortzuschreiten, und so lange ich lebe an der Erweiterung und Berichtigung meiner Kenntnisse und Einsichten redlich und angestrengt zu arbeiten. Meine größte Sorge sey dabey darauf hingerichtet, daß ich alle nachtheiligen Eindrücke und Einflüsse auf ihr - - 366 Herz von ihr entferne, ihr durch nichts ein Ärgerniß gebe, sondern ihr vielmehr als Muster und Vorbild in allem Guten vorleuchte. Bewachen will ich daher jedes meiner Worte, jeden meiner Scherze, jede meiner Handlungen und Thaten, damit ich nichts rede und thue, was die mir anvertrauten zarten Gemüther in ihrem Vertrauen zu mir und ihrer Neigung für das Gute irre machen könnte. Wohl mir, wenn ich mir das Zeugniß geben kann, nichts versäumt zu haben, was mir in Rücksicht auf sie die Pflicht geboth; wohl mir, wenn sie von mir so behandelt wor den sind, daß sie einst- schlägt ein dankbares Herz in ihrer Brust- meine Verdienste um sie erkennen, und mich dafür segnen, was ich für sie that! Schwere Pflichten legt mir der Stand auf, in welchem ich lebe und wirke, und drückend und un dankbar sind oft die Geschäfte, die mir in demselben angewiesen sind. Ich bedarf, um nicht bisweilen ganz muthloß zu werden, deines Beystandes und deiner Stärkung, o Gott! O sey stets mit mir, und er quicke meinen Geist, wenn er ermatten, kräftige mein Herz, wenn es verzagen, stärke meinen Willen und meinen Muth, wenn er unter der Last meiner Arbeiten sinken und erliegen will! Der Gedanke, daß ich auf meinem Plate, wenn ich nur treu und redlich meine Pflicht thue, des Guten ungemein viel zu wirken, und zur Beförderung der Wahrheit, Sittlichkeit, Frömmigkeit und menschlicher Glückseligkeit viel beyzutragen vermag, halte mich aufrecht, und -- 367 sey für mich eine Quelle des Trostes, der Stärkung, der Ermunterung und lohnender Freude! Und so will ich denn freudigen Sinnes eifrig fortarbeiten und fortwirken auf dem Plate, auf den deine Vaterhand, Allgütiger, mich hingestellt hat. Segne meine Bemühungen, und kröne meine gewissenhafte Thätigkeit mit glücklichem Erfolg. Rufft du mich einst von diesem Schauplaßte ab, so möge mich das Bewußtseyn treuerfüllter Pflicht hinüber begleiten in eine beßre Welt! Amen. - - Gebeth eines Arztes. Urquelle alles Lebens, aller Freude und Kraft! deine Hand hat mich auf einen Plaß hingestellt, auf welchem ich zur Erhaltung menschlichen Lebens und menschlichen Wohls ungemein viel beytragen, und, wenn ich die Pflichten meines Standes mit Einsicht und Redlichkeit erfülle, das Glück vieler Einzelnen und ganzer Familien schützen und vor drohender 3erstörung retten kann. O Dank dir, Alliebender, daß du mich gewürdigt haft, ein so wichtiges Werkzeug in deiner Hand zu seyn, das Beste meines Geschlechtes zu befördern! Die Größe meines Berufes schwebe mir immer recht lebhaft vor, und der Gedanke, daß ich, wenn ich demselben ganz entspreche, so manches Leben der Auflösung zu entziehen, der Welt so manchen nüßlichen Bürger zu erhalten, so manchen Fa 368 milien ihren Versorger zu retten, so vielen meiner Mitmenschen Seelen wieder zu schenken vermag, an denen ihr Herz mit unaussprechlicher Liebe hängt, und an deren Krankenlager sie vielleicht, voll ängstlicher Besorgniß um sie, jammernd die Hände gen Himmel ringen, dieser Gedanke ermuntre und begeistre mich, alle meine Kräfte anzustrengen, um ganz das zu seyn, was ich seyn soll, und keine Anstrengung, keine Gefahr und kein Opfer zu scheuen, um Leidenden zu helfen und ihr irdisches Daseyn, wenn möglich, zu verlängern. Fortzuschreiten in meiner Kunst, jedem, der meines Beystandes bedarf, auch dann zu dienen, wenn er meine Mühe nicht zu lohnen vermag, und auch in Zeiten, wo gefährliche Seuchen Tod und Verderben um sich verbreiten und mein eignes Leben bedrohen, doch eifrig und muthvoll meine Berufspflichten zu erfüllen, dazu sey ich immerfort geneigt und bereit. Mein Schicksal steht in deiner Hand, Allgütiger, und sollte es auch in deinem ewigen Rathschlusse bestimmt seyn, daß, indem ich Andern beystehe, ich selbst darüber zu Grunde gehe, dieß soll mich nicht irre und ängstlich machen. Höher als das Leben steht die Pflicht, und wer im Dienste derselben stirbt, endigt auf eine ehrenvolle Weise. Ein öfterer stiller Hinblick zu dir, o Wesen aller Wesen, erheitre und stärke mich bey den so oft unruhvollen, beschwerlichen und gefahrvollen Geschäften meines Berufes. Laß auf denselben deinen Segen ruhen! O wenn ich rings um mich Menschen - - 369 - erblicke, deren zerstörte Gesundheit ich wieder hergestellt, deren Leben ich gerettet, durch deren Erhaltung ich vielleicht ganzen Familien, dem Staate und der Menschheit einen wesentlichen Dienst geleistet habe, wie herzerhebend, wie höchst erfreulich, wie lohnend wird ihr Anblick für mich seyn! Diesen schönsten, süßesten Lohn für redliche Sorgfalt und angestrengte Mühe laß mir, Alliebender, auf meiner Berufsbahn recht oft zu Theil werden! Amen. Gebeth eines Studierenden. Zu dir, Allgütiger, erhebe ich meinen Geist und mein Herz; von dir erflehe ich mir himmlischen Segen zu alle dem, was ich vornehme und treibe, und deine Huld und Liebe sey immer das Höchste, das ich zu erringen wünsche. O blicke gnädig auf mich herab, und stärke mich durch die Kraft deines guten Geistes, damit ich das Ziel, nach welchem ich strebe, glücklich zu erreichen vermag. Es ist ein schönes, hohes Ziel! Nach Wahrheit und Aufklärung des Verstandes ringe ich. Mich von den entehrenden Fesseln der Unwissenheit und des Vorurtheils immer mehr zu befreyen, den Kreis meiner Kenntnisse und Einsichten zu erweitern, mich zu immer höherer Bildung zu erheben, immer tiefer in das Heiligthum der Künste und Wissenschaften einzudringen, und mich dadurch in den Stand zu 370 setzen, der Menschheit einst in meinem Berufe wesentliche Dienste zu leisten, und zur Beförderung ihrer Wohlfahrt kräftig und mit gutem Erfolge mitzuwirken, dahin sollen meine Bemühungen gerichtet, das soll das herrliche Strebeziel meiner Jugend und meines höheren Alters seyn. O du, der du im Lichte der Wahrheit wandelst, ja das Licht und die Wahrheit selbst bist, umschwebe mich mit deiner Huld und Liebe, und gib, daß ich dieses Ziel nie aus dem Auge verliere! Mein Geist scheue keine Mühe und Anstrengung bey dem Geschäfte seiner Selbstvervollkommnung; jede Gelegenheit, bey der ich an Kenntniß und Einsicht gewinnen kann, sey mir willkommen, und werde von mir treulich benußt; mit Dankbarkeit hänge mein Herz an denen, die an meiner Bildung und Veredlung arbeiten; ihre Winke, ihre Ermunterungen und Erinnerungen seyen mir werth und heilig, und wenn ich auch in den Jahren, die meiner Ausbildung gewidmet sind, viel entbehren und vielleicht Mangel und Noth leiden muß, ich will dieß nicht achten; denn entschädigt werde ich dafür durch hohen und edlen Gewinn. Und da sich der menschliche Geist in der Stille am glücklichsten entwickelt, so sey es fern von mir, mich dem Strome jugendlicher Vergnügungen zu überlassen; meiden will ich vielmehr mit der größten Sorgfalt alles, was meine Seele zu sehr zerstreuen könnte, auch wenn dieß für mich mit noch so schwerer Selbstüberwindung verbunden seyn sollte; nur - - 371 eine solche Erhohlung und solche Freuden will ich mir gönnen, die auf meine Bildung nicht nachtheilig einwirken, mein Fortschreiten in derselben nicht hemmen, und sich vor meinem Gewissen und vor dir rechtfertigen lassen. Aber nicht bloß auf meinen Geist, sondern auch auf mein Herz will ich meine ganze Aufmerksamkeit richten; nicht nur jenen will ich zu bilden, sondern auch dieses zu veredeln suchen, und es nie vergessen, daß selbst die ausgebreitetsten und seltensten Kenntnisse, die größte und tiefste Gelehrsamkeit und die höchste Bildung des Verstandes von untergeordnetem und beschränktem Werthe sind, wenn sich damit nicht ein guter Wille und ein redlicher, tugendhafter Charakter verbindet. Bestreben will ich mich, nicht nur immer einsichtsvoller, sondern auch besser und edler zu werden; aufmerken will ich auf meine sittlichen Schwächen und sie zu beseitigen suchen; fliehen will ich den Umgang mit Leichtsinnigen und Schlechtgesinnten, und mich nur an Jünglinge anschließen, die das Gute lieben und sich durch Reinheit der Sitten auszeichnen; durch Fleiß, strenge Ordnung in meinen Arbeiten, bescheidenen Sinn, männliche Selbstbeherrschung und einen rechtschaffenen, tadellosen Lebenswandel will ich mir die Achtung und Liebe meiner Vorgesetzten, meiner Mitschüler und aller derer zu erwerben trachten, mit denen ich in Berührung komme. Verstand und Herz sollen bey mir immer in dem schönsten Bunde mit einander stehen. Und damit mir dieß alles um so bes- - 372 ser gelinge, will ich oft zu dir, Allheiliger, empor blicken, mich oft in deine Nähe denken, und gern im Heiligthume der Religion verweilen. Du wirst es mir dann nie an Trost, an Ermunterung und Stärkung fehlen lassen; du wirst meine Arbeiten und Bemühungen segnen, und das Bewußtseyn, daß ich deiner Huld und Liebe nicht unwerth sey, wird mich erquicken und zu freudiger Fortsetzung meiner Laufbahn kräftig stärken. Sey mit mir, Allgütiger! und laß mich stets auf rechten Wegen wandeln! Amen. - Gebeth eines Kaufmannes. Du u hast mich, Allliebender, dazu bestimmt, von dem Plaße aus, auf welchem ich stehe, in das menschliche Leben mit einzugreifen, und zur Beförderung des Fleißes, der Betriebsamkeit und der äußerlichen Bequemlichkeit und Wohlfahrt in der bürgerlichen Gesellschaft das Meinige mit beyzutragen. Auch mein Stand ist in vielem Betrachte eben so nüßlich als nothwendig, und verhalte ich mich in demselben so, wie es edlen Menschen und weisen Christen ziemt, so kann ich mir um die Welt entschiedne Verdienste erwerben. O stehe mir, Allgütiger, mit deinem guten Geiste ben, und laß mich den Pflichten meines Berufes volle Genüge thun, die Geschäfte desselben immer mit Eifer und strenger Pünctlichkeit verrichten, und dabey mein Herz vor dem bösen 373 Geiste des Eigenmußes und der Habsucht bewahrt bleiben! Denn verhehlen kann und will ich mir es nie, daß mir in meinem Stande der Gefahren für meine Sittlichkeit und Tugend viele drohen. Nur zu leicht kann ich bey den Geschäften, die ich treibe, mich zu sehr in das Irdische und Vergängliche ver senken, meine Seele zu sehr an nichtiges Geld und Gut hängen, dabey den bessern Theil meiner selbst vernachlässigen, den Sinn für das Uebersinnliche, Heilige und Ewige allmählich ganz verlieren, und was dem Herzen stets das Erste und Wichtigste seyn sollte- Wahrheit, Bildung, Sittlichkeit und Frömmigkeit als Nebensache behandeln. Nur zu leicht kann der Himmel meinem Auge ganz entschwinden, während mein Blick einzig und allein an der niedern Erdscholle klebt, auf der ich eine handvoll von Jahren herumwandle. L 11 - O schüße mich, Allgütiger, daß ich diesen Gefahren meines Standes nicht unterliege! Laß mich stets bedenken, daß der Mensch nicht allein vom Brote lebt, und daß es auf Erden noch weit wichtigere Geschäfte gibt, als irdische Güter zu erwerben, noch weit höhere Schäße, als Silber und Gold, noch weit reinere Freuden als die, die uns Wohlhabenheit und Reichthum zu gewähren vermögen. Ach, fehlt es mir an Vorzügen des Geistes und Herzens, so sind alle Güter der Welt nicht im Stande, mir wahres Glück, wahre Achtung und Liebe, Frieden der Seele und Freudigkeit des 374 Gemüthes zu verschaffen. Und wie lange wird es währen, so muß ich verlassen, was ich besitze; wie thöricht wäre es daher von mir, mich dem Irdischen ganz hinzugeben, das nur so kurze Zeit hindurch behauptet, und oft genug vor dem Verluste nicht gesichert werden kann! Nein, Allliebender, mich betäube das Geld und Gut der Erde nicht! Staub bleibt Staub, auch wenn er golden ist. Nach den höheren Gütern des Lebens will ich stets mit Eifer ringen, nach Bildung des Geistes und Güte des Herzens. Das Wohl meiner Seele gehe mir über alles. Schäßen will ich Kunst und Wissenschaft; Theil nehmen will ich an den wichtigeren Angelegenheiten der Menschheit; immer mehr ausbilden meinen Geist, immer mehr veredeln mein sittliches Gefühl und meinen Charakter, und mich oft dir nahen, Allheiliger, und mich gern von dir und göttlichen Dingen unterhalten. Dafür will ich sorgen, daß der Mensch in mir nicht untergehe, und das Unvergängliche in mir nicht von dem Vergänglichen beherrscht und unterdrückt werde. Beurtheilen will ich Andere nicht nach dem, was sie an irdischen Gütern besitzen, sondern nach dem, was sie in Rücksicht des Geistes und des Herzens sind, und fern bleibe von mir der thörichte, lächerliche Stolz, der mit Geringschätzung auf Andere bloß darum herab sieht, weil ihnen das irdische äußerliche Glück weniger günstig ist. Der Geist gefährlicher Gewinnsucht beherrsche mich nie, und jedes unedle Mittel des Erwerbs - - 375 bleibe mir fremd. Eine edle Denkungsart offenbare sich bey allen meinen Unternehmungen und Geschäf ten, und die strengste Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit sey stets mein Eigenthum. - - Segnest du, Allgütiger, mein Arbeiten und Wirken, so laß mich bedenken, daß nicht der Besit, sondern eine treue, edle Verwendung irdischer Güter wahrhaft glücklich macht. Gleich weit entfernt von unnüßer Verschwendung, wie von Kargheit und Geiß, sey es meine Freude, mit dem, was du mir an Schäßen der Erde verleihst, zum Wohle der Welt hauszuhalten, würdigen Armen beyzustehen, gemeinnüßige Anstalten zu unterstüßen, und Wohlseyn und Glück um mich zu verbreiten, so viel ich vermag. Und so umschwebe und leite mich denn dein guter Geist, o Gott, auf der schlüpfrigen Bahn, die ich hienieden walle, und schüße mich vor den Verirrungen und Fehlern, zu denen so viele meines Stan des durch eine übermäßige Liebe zum Irdischen verleitet werden. Immer sey mir an deiner Zufriedenheit und an deinem Wohlgefallen mehr gelegen als an allen Schäßzen der Welt. Dann werde ich auch diese einst mit leichterem Herzen verlassen können, und gern hinübergehen zu einem andern Seyn, wo nicht Geld und Gut, sondern Weisheit und Tugend über meinen Berth entscheiden, und mich jener Seligkeit theilhaftig machen werden, die du verheißen hast allen denen, die hier in guten Werken trachten nach dem ewigen Leben! Amen. - 376 - Gebeth eines Gewerbs- und Handwerksmannes. Auch mich, Allgütiger, hast du dazu bestimmt, auf die äußere Wohlfahrt meiner Mitmenschen ein zuwirken, und das Meinige zum allgemeinen Besten beyzutragen. Der Stand, in welchem ich lebe, und die Geschäfte, die ich treibe, sind mir von dir angewiesen worden. Auch ich soll ein Werkzeug in deiner Hand seyn, das Nützliche und Gute auf Erden zu befördern. Dieß laß mich nie vergessen. Als wichtig will ich den Platz betrachten, auf dem ich stehe, und mein eifrigstes Bestreben soll darauf hingerichtet seyn, den Pflichten, die mir obliegen, vollkommen Genüge zu leisten, und ganz das zu seyn, was ich seyn soll. Darauf will ich eifrig hinarbeiten, daß ich in meinem Fache immer mehr Kenntniß, Einsicht und Geschicklichkeit erlange, und daß alles das, was von mir bereitet und geleistet wird, sich durch immer größere Güte und Vollkommenheit auszeichne. Mit Eifer, Ordnung, Pünctlichkeit und strenger Ehrlichkeit und Redlichkeit will ich meine Berufsgeschäfte betreiben, in meinem Fache ganz leben und weben, und in meinem Verkehre mit Undern niemanden aus schädlichem Eigennuße bevortheilen, sondern immer das Lob nicht nur eines geschickten, sondern auch rechtlich und ehrlich gesinnten Mannes zu erhalten und zu behaupten suchen. An der Achtung und dem 377 Vertrauen meiner Mitbürger sey mir stets mehr gelegen, als an Vortheil und Gewinn, und der Gedanke, daß ich deines Wohlgefallens, Allgütiger, mich nur dann erfreuen kann, wenn ich im Verkehre mit Andern rechtschaffen und christlich denke und handle, halte mich von jeder Unbilligkeit und Unredlichkeit zurück. Es kommt ein Tag, wo ich dir darüber Rechenschaft ablegen muß, und wo du mich richten wirst nach meinen Werken. Möchte ich an diesem Tage wohl bestehen vor dir, o Herr, und von dir gerecht befunden werden! Bey meinen irdischen Geschäften, es mögen deren auch noch so viele seyn, laß mich doch nie das Heil meiner Seele aus dem Auge verlieren, Allheiliger! Oft soll mein Herz an dich denken, und was zu meiner Bildung, Besserung und Veredlung beyträgt, und zu meinem wahren Frieden dient, soll von mir mit Freuden ergriffen, und zu meinem höheren Glücke treu und redlich angewendet werden. Mit jedem Tage will ich verständiger, tugendhafter, frömmer, dir ähnlicher zu werden, und dadurch meinem Leben eine Bedeutung und allen meinen irdischen Freuden einen größern Werth zu geben trachten. Hilf mir dabey durch die Kraft deines guten Geistes, und segne jede meiner bessern Bestrebungen! Du, o Gott, hast mir den Beruf angewiesen, den ich treibe. Möge er mir auch niedrig oder zu lästig scheinen; dieß soll mich nicht unzufrieden und muthlos machen. Erinnern will ich mich daran, daß 32 1 - 378 es bey dir nicht darauf ankomme, was wir treiben, sondern wie wir es treiben, und daß jedes, auch das geringste berufsmäßige Geschäft zur Erhaltung der gesellschaftlichen Ordnung beytrage, und daher nothwendig, nützlich und ehrenwerth sey, wenn es nur mit Verstand und Pünctlichkeit verrichtet wird. Legt mir auch mein Stand große Entbehrungen, Anstrengungen und Lasten auf: ich will ihm deßhalb nicht untreu, noch unzufrieden mit demselben werden. Der Gedanke, daß du, o Herr, mich in denselben gesetzt hast, und daß du mir daher Kraft verleihen werdest, die Lasten desselben zu ertragen, tröste, erheitre und stärke mich, und schenke mir Muth, rüstig an dem Werke fortzuarbeiten, an welches mich deine allgewaltige Hand hingestellt hat. Segne meine Betriebsamkeit, Allgütiger, wenn dieß anders zu meinem wahren Wohle gereicht. Erfüllst du diese meine Bitte: o dann bewahre mich auch vor Stolz und Uebermuth, vor Ueppigkeit und Verschwendung und vor einem Aufwande überhaupt, der meinem Stande nicht angemessen ist. Laß mich vielmehr einer einfachen Lebensweise treu bleiben, die Gaben, die deine Baterhuld mir schenkt, mit weiser Mäßigung und frommem Danke genießen, und sie zum Besten der Welt anwenden, mich niemahls meines Glückes überheben, sondern mit christlicher Bescheidenheit und Demuth meinen Weg durchs Leben fortwandeln. Bleibt Dürftigkeit mein Loos auf Erden: so will ich auch dieses Schicksal 379 ohne Murren und Mißmuth ertragen. Ist meine Armuth nicht verschuldet, so kann ich überzeugt seyn, daß du sie aus weisen und gütigen Absichten über mich verhängst, und darum will ich mich derselben weder schämen, noch mich durch sie zur Unzufriedenheit mit deiner Weltregierung verleiten lassen, sondern alles, was du mir versagst, als eine Schickung betrachten, die auf mein wahres Wohl berechnet ist. Und so will ich denn in meinem Stande eifrig und redlich fortarbeiten, bis du mich einst, o Gott, jenseits des Grabes in einen andern, höheren Wirkungskreis erhebst. Möge dann von deinem Throne an mich der lohnende Zuruf ergehen: ,, Du frommer und getreuer Knecht, du bist auf Erden über Wenigem getreu gewesen; ich will dich nun über viel sehen; gehe ein zu deines Herrn Freude!" Amen. - - Gebeth eines Landmannes. Ich erhebe mein Herz zu dir, Gott der Liebe und Barmherzigkeit, der du auch mich darum geschaffen hast, daß ich hienieden nüßlich thätig seyn, und zum allgemeinen Wohle das Meinige redlich mit beytragen soll. Wahrlich, keine geringen Geschäfte hat deine Vaterhuld mir in der menschlichen Gesellschaft angewiesen! Ich soll zur Herbeyschaffung der ersten und nothwendigsten Bedürfnisse des Lebens thätig 32* 380 seyn, und dafür sorgen helfen, daß jeder auf Erden seine Nahrung finde, und hierdurch im Stande sey, freudig fortzuwirken auf dem Plaße, den du ihm angewiesen hast. O laß mich den ganzen Werth meines Standes immer erkennen und fühlen, und mich dadurch ermuntert finden, die Pflichten, die er mir auferlegt, treu und redlich zu erfüllen, und die Geschäfte, die mit demselben verbunden sind, eifrig und pünctlich zu verrichten. Bestreben will ich mich, sie immer näher kennen zu lernen, und mit immer größerer Einsicht und Geschicklichkeit zu betreiben. Du willst, daß alle Stände fortschreiten sollen in der Bildung ihres Geistes und in der Vervollkommnung ihres Faches. Und darum soll auch der Landmann nicht zurückbleiben, sondern immer vorurtheilsfreyer, verständiger und aufgeklärter werden. Daran will ich recht oft denken, und mich bemühen, immer unabhängiger zu werden von der Tyranney der Unwissenheit, des Irrthums und schädlichen Aberglaubens; ich will die freyen Stunden, die du mir schenkst, nicht durch Müßiggang oder durch unnütze Tändeleyen, noch viel weniger durch Seele und Herz verderbende Zerstreuungen, Belustigungen und Schwärmereyen verschwenden, sondern in denselben über die Verrichtungen meines Standes und die mögliche Verbesserung derselben nachdenken, mich mit Sachverständigen darüber gern unterhalten, und nachlesen, was einsichtsvolle Männer über die Sache gedacht, erforscht und geschrieben haben. Auf eine - - 381 nüßliche Weise will ich meine Zeit ausfüllen, und in der Erkenntniß des Guten, besonders deines heiligen Willens, fortzuschreiten suchen. Im Schooße der Natur entdecke ich so viele Spuren deiner göttlichen Weisheit und Liebe, Allgütiger! Ich habe so viele Veranlassung, die Wunder deiner Schöpfung näher kennen zu lernen, und mich davon zu überzeugen, daß du mit Macht und Vaterhuld über alles waltest, und deine Welt mit Segen aller Art überschüttest. O laß mich diese Gelegenheit nicht unbeachtet und unbenützt lassen! Laß mich mit Aufmerksamkeit und Nachdenken bey den Spuren deiner Vorsehung verweilen, auf die ich bey den Beschäftigungen meines Standes so häufig stoße, und dadurch in meinem Glauben, in meiner Liebe und in meinem Vertrauen zu dir gestärkt und befestiget werden. Die üppigen Saaten der Felder, der Schmuck der Fluren, der Segen der Gärten und Gebirge- alles verkündigt mir laut dein Daseyn, deine Allmacht, Weisheit und Liebe, alles ruft mir zu: Vertraue mit ganzer Seele dem, der überschwenglich thun kann über alles, was wir wissen und verstehen! Ja, dir will ich mit ganzer Seele vertrauen, Allbarmherziger, und immer nur so leben, wie du willst, daß ich leben soll. Unverdrossen will ich meinen Arbeiten obliegen, bey denselben immer an dich denken und mir deinen Segen erflehen; von dir allezeit das Beste hoffen, still und voll christlicher Demuth meinen Weg fortwan- - - 382 deln, und alles, was du mir Angenehmes und Gutes zufließen läsfest, mit Dank empfangen und mit Bescheidenheit und Mäßigung genießen. Und vereitelst du bisweilen meine schönsten Hoffnungen, läsfest du mich manchen Verlust erleben, und manches Unglück erfahren: o auch dann will ich die Hand segnen, die mich durch Unfälle und Leiden prüfen, bilden und bessern will, und mit dem zufrieden seyn, was du über mich verhängst. Beweise ich mich nur ben allem, was ich beginne und thue, als ein verständiger, thätiger und redlicher Mensch, so wird, unter deiner Leitung, alles zu meinem Besten dienen. Dieß hoffe ich mit aller Zuversicht von dir; ich weiß, du, o Herr, wirst meine Hoffnung nicht zu Schande werden lassen! Amen. - - Gebeth eines Soldaten. Der du mit Wohlgefallen auf alle die herab blickst, die in ihrem Stande treu und redlich ihre Pflicht thun, allmächtiger und liebevoller Gott! o sieh' auch auf mich mit Vaterhuld herab, und schenke mir deinen Geist, der mein Herz immer nur zum Guten leite! Wichtig ist der Beruf, den du mir hienieden angewiesen hast. Mitwirken soll ich zur innern und äußern Sicherheit des Vaterlandes, und droht seiner Ehre, Selbstständigkeit und Freyheit Gefahr, zur Beschützung und Rettung desselben 383 alles thun, was in meinen Kräften steht, und dabey keine Entbehrung, keine Beschwerden, selbst den Tod nicht scheuen. Wahrlich, groß und wichtig ist die Bestimmung, die du meinem Leben gegeben, hoher Achtung werth der Stand, in den du mich gesetzt hast! Denn schön und edel ist's, für die Wohlfahrt und Ehre des Vaterlandes zu leben, zu kämpfen, und selbst zu sterben, wenn es die Pflicht verlangt. Darum will ich recht oft an die Wichtigkeit meines Berufes denken, und meine Ehre darein setzen, ganz das zu seyn, was ich seyn soll! Bestreben will ich mich, die Geschäfte und Pflichten meines Standes immer genauer kennen zu lernen, und mir in der Ausübung derselben eine immer größere Fertigkeit und Geschicklichkeit zu erwerben. Statt meine freyen Stunden in Trägheit und MüBiggang oder durch ein wüstes, unordentliches Leben zu verschwenden, will ich sie mit Eifer zu meiner Bildung benutzen, damit ich im Stande sey, auf dem Plaße, auf dem ich stehe, mit gutem Erfolge zu wirken, und den Forderungen zu entsprechen, die man an mich machen kann. Oft und gern will ich dabey mein Herz zu dir, Allgütiger, empor heben, und es vor Gleichgültigkeit gegen das Bessere und Edlere im Leben, vor Verwilderung und Ruchlofigkeit zu bewahren suchen. Was schön und recht und dir gefällig ist, spreche mein Gemüth immer mächtig an, und selbst im Getümmel des Feldes gehe bey mir der bessere Theil meiner selbst nicht verloren. Würde - - 384 des Charakters und hoher Seelenadel zeichne mich im Frieden und im Kriege aus. Gehorsam, Ordnungsliebe, Pünctlichkeit und Gewissenhaftigkeit in der Erfüllung meiner Pflichten, Willigkeit und Eifer im Dienst, und eine durch nichts zu schwächende, treue Anhänglichkeit an Fürst und Vaterland keine dieser Eigenschaften und Gesinnungen möge mir jemahls fehlen. Denn ohne sie wäre ich weder deiner Liebe, noch meines Berufes werth. Mit vielen Entbehrungen, Beschwerden und Gefahren ist der Stand verbunden, in welchem ich stehe. Aber dieß mache mich nicht verdrossen und muthlos; er ist mir ja von dir selbst angewiesen, Alliebender, und was er mir auferlegt- es sey auch noch so drückend und unangenehm werde von mir geleistet und ertragen mit zufriednem, heiz term Sinn. Muß ich mich-wenn die Pflicht ruft losreißen von denen, die durch heilige Bande mit mir näher verbunden sind, losreißen von allen Bequemlichkeiten und angenehmen Genüssen des friedlichen Lebens, und mich empfindlichen Entbehrungen, drückenden Lasten und Mühen, harten Kämpfen und großen Gefahren unterziehen: du, o Gott, und des Vaterlandes Stimme ruft mich, und ich folge willig und muthvoll diesem heiligen Rufe! Du bist mir ja, wo ich auch seyn mag, immer nah, dein Auge wacht über mein Wohl, dein allmächtiger Arm schüßt mich, und welche Gefahr mir auch drohen, welcher Unfall mich auch treffen mag, alles - - 385 ist Schickung von dir, und ich kann getrost und ru hig seyn. Selbst wenn du von mir im blutigen Kampfe das Leben forderst, will ich es gern dahin geben; du hast es mir geschenkt, du kannst es auch zurück nehmen, wenn du willst. Rühmlich ist es ohnehin, den Tod fürs Vaterland zu sterben. Kämpfe ich für die Rechte desselben: o dann verleihe mir Kraft und Muth, und eine unmännliche Furcht und Baghaftigkeit bleibe mir fremd! Als Sieger will ich die Gefühle der Menschlichkeit nie unterdrücken; bey dem Krieger gehe der Mensch nicht verloren, und Freude sey es für mich, auch dem Feinde wohl zu thun, und seine Noth und sein Elend zu vermindern, so viel in meinen Kräften steht, damit er mich segne, und meinen Nahmen lange mit Achtung, Dank und Liebe nenne. - - Herr, in dessen Händen mein Schicksal steht, regiere mich durch deinen heiligen Geist, und erz halte mein Herz immer muthvoll, zufrieden, menschenfreundlich und gut! Amen. Gebeth christlicher Seeleute. Allmächtiger, dem Wind und Meer gehorchen muß! zu dir blickt meine Seele voll frommer 3uversicht empor, und freuet sich des trostvollen Gedankens, daß du uns immer und überall umschwebst, und schüßest, uns überall auf deinem allgewaltigen 33 386 Vaterarme trägst, und oft da rettest, wo bereits alle Hülfe und Rettung unmöglich scheint. O wie muthlos müßte ich ohne diesen frommen Glauben werden, so oft ich das unsichere, gefahrvolle Meer befahre! Aber ich weiß, mein Leben steht in deiner Hand, und ohne deine Zulassung kann kein Haar auf meinem Haupte gekrümmt werden. Diese frohe Ueberzeugung gibt mir Trost und Muth und heitre Zuversicht. So will ich denn meinem Berufe, so beschwerlich und gefahrvoll er auch immer ist, mit zufriedner Seele leben, und die Pflichten, die er mir auferlegt, mit freudigem Herzen erfüllen. Sey du nur immer mein liebster Gedanke, und der wichtigste, theuerste Gegenstand meines Hoffens und Glaubens. Droht mir Gefahr und Unglück, und sehe ich im Kampfe der tobenden Elemente nur Tod und Verderben, in den sich himmelan thürmenden Wogen der See ein offnes Grab: so fasse sich mein Gemüth, und nehme seine Zuflucht zu dir, der du mir nahe bist und alles vermagst, und oft zu den empörten Wellen des Meeres sprichst: Bis hieher und nicht weiter! Ach, bey dir allein ist Ruhe und Trost und Hoffnung, und wer dir vertraut, wandelt, wie einst Jesus, unser Herr und Heiland, furchtlos und sicher auf und unter den bewegten Meeres Wellen einher, und verlieret den Muth nicht, wenn schwarze Wolken den Himmel bedecken und Stürme furchtbar heulen und toben! Du senkest in die Brust des Gläubigen stille Ruhe, heitre Hoff- - 387 nung und fröhliche Zuversicht. Dir und deiner Liebe empfehle ich mich denn auch ganz mit Leib und Seele. Sen mit mir, Allgütiger! schütze meine Gesundheit und mein Leben, und ziehe deinen allmächtigen Arm von mir nicht ab in Stunden der Gefahr und des Unglücks. Oft will ich dabey an die Worte der heiligen Schrift denken: ,, Unser keiner lebt ihm selber, unser keiner stirbt ihm selber! darum wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn!" Ja dein bin auch ich, o Gott! und dein will ich bleiben im Leben, wie im Tode! Amen. - - Gebeth für dienende Personen. Mit Weisheit und Güte ordnest du, o Gott, die Schicksale eines jeden Sterblichen, und wo du ihn auch immer hinstellst, er soll auf seinem Plate mit Freuden stehen, und die Pflichten, die du ihm auf demselben anweisest, willig und redlich erfüllen. Laß mich dieses nie vergessen, Alliebender! 3war stehe ich in einem untergeordneten und mit mancherlen Beschwerden verbundenen Verhältnisse, aber du willst es, daß ich in demselben leben soll, und so will ich denn darin ohne Unmuth und Murren ste= hen, und mit dem Loose, das du mir hienieden zugetheilt hast, zufrieden seyn. Mag mir mein Stand auch noch so gering erscheinen, so bleibt es doch wahr, daß ich in demselben andern viel nützen kann, 33* - 388 - FREE wenn ich nur die Pflichten desselben gewissenhaft er fülle. Es kommt ja nicht darauf an, wie hoch oder wie niedrig wir in der bürgerlichen Gesellschaft stehen, sondern wie wir auf dem Platze, den wir in derselben einnehmen, uns verhalten und zu handeln gewohnt sind. Bey dir, o Herr, gilt kein Ansehen der Person; in deinen Augen sind Hohe und Geringe, Reiche und Arme gleich, und wer nur immer recht thut, der ist dir angenehm, weß Standes und Berufes er auch sey. Daher will ich mit meiner Lage ganz zufrieden seyn, und immer nur nach deinem Beyfall trachten. Was mir an Beschwerden zufällt, das wirst du mir tragen helfen, und ich will daher nicht mißmuthig werden, wenn mich die Last meiner Arbeiten drückt. Eifrig will ich sie betreiben, will dabey immer sorgfältig auf den Vortheil derer sehen, die mir vorgesetzt sind, und mit der größten Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit das verwalten, was mir anvertraut wird. Ueber alles gehe mir ein ehrlicher Nahme und das Lob strenger Redlichkeit. Bescheiden, folgsam, nachgiebig und dankbar will ich mich gegen die beweisen, von denen ich abhänge, und wenn es mir auch scheinen sollte, daß sie mich nach Laune und vielleicht ungerecht behandeln, so sey es doch fern von mir, ihnen mit Unanständigkeit und Widersetzlichkeit zu begegnen! Leite, o Herr, alle meine Schritte, und laß mich in meinem Stande ganz das seyn, was ich seyn soll! Wohl mir, wenn ich mir das Zeug 389 niß treu erfüllter Pflichten geben, und einst mit reinem Gewissen vor deinem Richterstuhl erscheinen kann! Zurufen wirst du mir dann die lohnenden Worte: Du frommer und getreuer Knecht, du bist auf Erden über wenigem getreu gewesen, ich will dich nun über viel sehen; gehe ein zur ewigen Freude!" Amen. - - Gebeth in der Jugend. Mit Lob und Dank erscheine ich vor deinem Throne, Allliebender, der du mit so viel Vaterhuld und Güte auf mich, dein Kind, herab blickst, und mich an jedem Tage, ja in jedem Augenblicke meines Lebens mit Wohlthaten und Segen aller Art überschüttest! Du schenkst mir Gesundheit und rege Kraft, du erwärmst das Herz treuer Weltern und Versorger für mich, du verschaffst mir so viel Gelegenheit, meinen Geist zu bilden und meine Gesinnung zu veredeln, du läsfest mir es an nichts fehlen, was mein äußeres und inneres Glück zu befördern vermag. O nimm dafür meinen innigsten Dank, und sey auch fernerhin mit mir, so wie du bisher mit mir warst! Dir zu gefallen, sey mein eifrigstes Bestreben; deine Liebe gehe mir über alles, und meine höchste Freude sey es, zu wissen, daß ich dieser deiner Liebe immer würdig sey. Daher will ich die Keime des Guten, die du in meine Brust gelegt, und die Anlagen und Fähigkeiten des Geistes 390 und Herzens, die du mir verliehen hast, sorgfältig zu entfalten, zu üben und zu bilden suchen. Die Zeit meiner Jugend dieß will ich stets bedenken ist eine Zeit der Aussaat für die Zukunft hier und dort. Daher will ich sie gewissenhaft benutzen, und kein Tag meines Lebens soll dahin schwinden, ohne daß ich an demselben an Kenntnissen, Geschicklichkeit und guter Gesinnung zugenommen habe. Mich empor zu schwingen zu einem einsichtsvollen, kenntnißreichen, geschickten und edlen Menschen das sey mein höchster Wunsch und mein unermüdetes Bestreben. Stehe mir dabey durch die Kraft deines guten Geistes bey, und laß mich heran reifen zu einem Wesen, das deiner Liebe und der Achtung aller Vernünftigen und Redlichen ganz würdig ist. Es ist eine schlüpfrige Bahn, auf der ich wandle. Ach, es erwachen bisweilen in meinem Innersten Triebe, Begierden und Leidenschaften, die meinem Herzen große Gefahr drohen; die Reiße der sinnli chen Welt und die Stimme der Verführung suchen nicht selten mich von dem rechten Pfade auf Irrwege hinzulocken, und mich zu Handlungen zu verleiten, die vor dem Richterstuhle der Vernunft und des Gewissens nicht gebilligt werden können. O du, der auch in den Schwachen mächtig ist, leite mich auf der gefährlichen Bahn, damit ich nicht strauchle und falle! In den Stunden der Versuchung will ich still mein Herz zu dir erheben, und durch die Erinnerung an dich meine Unschuld und meine Tugend zu retten - - - 4 391 zeugt. suchen. Du wirst mir dann davon bin ich überbeystehen in dem Kampfe, den ich zu kämpfen habe, und mich als Sieger aus demselben hervortreten lassen. Dabey sey meine Sorge auch darauf hingerichtet, mich nur an verständige und edelgesinnte Freunde anzuschließen, damit sie eine Stüße für meine Tugend und meine Retter feyn mögen, wenn ich in Gefahr schwebe, mich von dem Pfade des Rechten zu verirren, und untreu zu werden dir und der Pflicht. - - - - Bestreben will ich mich, immer reines Herzens zu seyn und zu bleiben, und mich vor jedem sündlichen Gedanken und Wunsch, vor jeder niedrigen Begierde und Lust sorgfältig zu bewahren suchen, damit ich da stehe als ein edleres Wesen, und einst auf die längst verschwundene Jugendzeit ohne Vorwurf und mit freudiger Seele zurückblicken kann. Heilig sey mir der Rath und Wille derer, mit denen mich die schönen Bande der Natur aufs innigste verbinden, und was die, die mich bilden und erziehen, mir ans Herz legen, bleibe von mir nie unbeachtet, nie unbefolgt. Kindlicher Gehorsam und kindliche Dankbarkeit zeichne mich immerfort aus. Ich sey und bleibe die Freude, der Stolz, die Hoffnung und einst der Trost und die Stüße derer, die hienieden deine Stelle bey mir vertreten, und meine größten Wohlthäter auf Erden sind. Nie gelinge es dem Leichtsinn, mich gleichgültig zu machen gegen das, was heilig ist: schon frühzeitig wohne festes Vertrauen und innige Liebe zu dir in meinem Herzen, und wahre 392 Frömmigkeit leite mich schon in den Jahren der Jugend bey allem, was ich beginne und thue. Allliebender, sey allezeit mit mir, und dein guter Geist führe mich stets auf ebner Bahn! Amen. - - Gebeth im Alter. Augütiger! vor unzähligen meiner Mitmenschen zeichnest du mich dadurch aus, daß du mir ein höheres Alter schenkst. Wie viele von denen, die mir auf dem Wege durchs Leben begegneten, wie viele derjenigen, die mit mir durch die Bande der Freundschaft und der Liebe näher verbunden waren, sind nicht mehr; ich aber lebe noch. Nimm meinen herzlichen Dank dafür, Allliebender! Blicke ich zurück auf die längere Bahn, die ich auf Erden bisher durchlaufen bin: so entdecke ich auf derselben unzählbare Spuren deiner Vaterhuld und Barmherzigkeit. Du ließest mir des Angenehmen und Erfreulichen viel zu Theil werden; du schütztest mich vor unzähligen Gefahren; rettetest mich oft aus den drückendsten Verlegenheiten, und wenn du Leiden über mich verhängtest, halfst du sie mir auch tragen, lenkteſt du sie zu meinem wahren Besten, und nahmst sie zu rechter Zeit, wenn sie ihre wohlthätige Absicht an mir erreicht hatten, wieder von mir. Für alles dieses lobt und preist dich mein gerührtes, erkenntliches Gemüth. Sen auch ferner mit mir, großer Schö 393 pfer und Regierer der Welt! Manche Beschwerden sind mit meinem höheren Alter verbunden. Meine Kräfte schwinden merklich dahin; Welt und Leben verlieren allmählig ihren Reiß für mich; empfindlich ben jedem unangenehmen Eindrucke ist mein Körper und mein Herz, und nur zu leicht bemächtigen sich meiner Seele Trübsinn, Unzufriedenheit, Mißmuth und ein mürrisches, verdrüßliches Wesen. O hilf sie mir tragen, Allgütiger, diese Beschwerden alle, und verleihe mir Kraft, die unangenehmen Empfindungen zu beherrschen, die sich oft in meinem Innersten regen, damit ich nicht eine Last werde denen, die mich umgeben, und sich meines hülfsbedürftigen Zustandes annehmen! Gib, daß ich in meinem ganzen Verhalten ein Muster sey dem jüngeren Geschlecht. Frey von Leichtsinn und Leidenschaftlichkeit möge ich mich immer auszuzeichnen suchen durch Gleichmuth, Ruhe der Seele, edlen Ernst, Weisheit und Würde des Charakters. Mit Ehrfurcht und Zuneigung ruhe der Blick meiner Mitmenschen auf mir, und an meinem Anblicke erquicke und erbaue sich ihr Herz. Möge ich der Sonne an einem heitern Sommerabende gleichen, die bey ihrem Untergange noch freundlich und mild die Erde anlächelt, von der sie scheidet, und noch bey ihrem Abschiede durch ihre Heiterkeit und Anmuth das Gemüth des stillen Naturfreundes erhebt und erfreut. Es scheidet eine geliebte Seele nach der andern von dannen, und immer einsamer und immer öder - - 394 wird es auf meinem Lebenspfad. Aber du, o Gott, bleibst immer mein Trost und meine Stüße, und ich bin nicht ganz verlassen. Mein Herz sey oft und gern bey dir, und mein Geist beschäftige sich fleißig mit frommen Betrachtungen über die Macht, Weisheit und Liebe, mit der du die Welt regierst, und auch meine Schicksale geleitet hast und noch immer leitest. Wie lange wird es währen, so komme ich zu dir! Nicht ferne mehr ist das stille Grab, das mich zur Ruhe aufnimmt, und jeden Augenblick muß ich darauf gefaßt seyn, daß du mich von dannen rufft. O so will ich denn meine Seele und mein Herz losreißen von den vergänglichen Gütern dieser Erde, und nach jenen ewigen Schäßen hinblicken, die kein Rost und keine Motten verzehren, und die ich erlangen soll, wenn ich bey dir bin, und von dir gerecht erfunden werde. Getrost und ruhig sehe ich dem Augenblicke meiner Vollendung entgegen; denn ich weiß, erneuern und verherrlichen wird sich dann meines Geistes Kraft, verjüngen mein ganzes Wesen, und ich werde in einer bessern Welt die Lieben und Theuern wieder finden, die mir dahin vorangegangen sind. Ich werde sie, ich werde meinen Heiland sehen, und mich im Chor der Engel und zahlloser Gerechten deiner Herrlichkeit, Allgütiger, erfreuen in Ewigkeit! Amen. - - - 395 - Gebeth am Geburtstage. Mit stiller, frommer Rührung hebe ich an dem heutigen Tage mein Herz zu dir empor, Alliebender! Er erinnert mich an den Tag, an welchem du mich das Licht der Welt erblicken, und in die Reihe lebendiger, vernünftiger Wesen eintreten ließest. Mit dem Leben hast du mir zugleich so viele wichtige Ansprüche, so viele schöne Hoffnungen, so viele Freuden geschenkt. Gewacht hast du über mich, als ich noch im Mutterleibe war, und seitdem ich sie erblickte, diese herrliche Welt, seitdem ich auf ihr athme und mich des Daseyns erfreue, wie hast du mich immer auf deinen Vaterarmen getragen; wie hat deine Liebe durch Mutterliebe für mich gesorgt; wie hast du meine zarten Kräfte und mein schwaches Leben geschützt, und sie gerettet aus so mancher drohenden Gefahr; wie hast du alles so geleitet, daß es mir nicht an sorgfältiger, liebebevoller Pflege, nicht an dem nöthigen Unterhalte, nicht an Bildung und Erziehung, noch an alle dem fehlte, was mir meine Tage zu erleichtern, zu verschönern und angenehm zu machen, geeignet war! Du hast seit meiner Geburt unendlich viel an mir gethan, und nicht zu zählen sind die Wohlthaten, die ich aus deiner segnenden Hand empfangen habe. Und wenn sich auch der Himmel meines Glückes bisweilen verfinsterte; er wurde doch bald wieder heiter; wenn ich auch mit mancher Sorge und Noth, mit manchem Kummer und Leiden zu kämpfen 396 hatte, du, o Herr, halfst mir alles tragen, ließest auch aus den Uebeln, die mich trafen, etwas Gutes hervorgehen, und gabst meinem Schicksale nicht selten ganz unverhofft eine bessere Wendung und Gestalt. O für alles dieses dankt dir, besonders an dem heutigen Tage, mein gerührtes Herz; es dankt dir für das Leben, das du mir geschenkt, für jede Freude und jedes Glück, das du mir bisher verliehen, für jeden Beweis von Huld und Gnade, den du mir gegeben; es dankt dir selbst für jeden Schmerz, für jedes Leiden, für jede traurige Erfahrung, die du über mich verhängt, und durch die du mein höheres Glück zu befördern und fester zu gründen gesucht hast! Möchte ich doch alle deine Wohlthaten mit Dank empfangen und auf eine würdige Weise genossen, jedes Leiden zu meiner Bildung, Besserung und Veredlung benußt, und mich des Lebens, das du mir schenktest, immer ganz würdig gezeigt haben! Alle meine Kräfte und alle Tage meines irdischen Daseyns seyen dir geweiht! Ich gelobe dir dieß mit dankerfüllter, freudiger Seele. O laß auf meinem Gelübde deinen Segen ruhen! Sen auch fernerhin mit mir; geleite mich auf meinem Wege zum Grab; schütze und segne alle, die du mir hienieden gegeben, und mit mir durch heilige Bande inniger verbunden hast; laß mich jede Gelegenheit, die du mir gibst, mein wahres Wohl zu begründen und andern zu dienen, treulich benutzen, und schenke mir immerfort nicht Ueberfluß und Glanz aber innere Ruhe, Zufriedenheit und Heiterkeit - - - 397 der Seele. Laß es mich nie vergessen, daß nur Tugend den Menschen adelt, und das wahre Leben nur in redlicher, wohlthätiger Wirksamkeit und in dem Bewußtseyn treuerfüllter Pflicht besteht. Nach diesem wahren Leben laß mich ringen, und wenn einst mein irdisches Daseyn, das nichts anderes als eine Zeit der Vorbereitung und der Prüfung ist, zu Ende läuft, o dann nimm mich auf in die Wohnungen des un gestörten Friedens und ewiger Seligkeit! Amen. - - Gebeth verlobter Personen. Mit einem Herzen voll Liebe und Dank nahe ich mich dir, o du, der du die Liebe bist, und immerfort Freude und Segen über deine Welten verbreitest! Mit Huld und Güte blickst du auch auf mich herab, und wirst nicht müde, mich zu erfreuen und zu beglücken. Einen wichtigen und rührenden Beweis von deiner grenzenlosen Güte gegen mich hast du mir abermahls dadurch gegeben, daß du mir eine Seele zugeführt hast, die ich mit Vertrauen und inniger Liebe umfassen kann, die an mir mit gegenseitigem Vertrauen und inniger Gegenliebe hängt, und mit der ich bald im engsten, traulichsten Verein die Bahn meines Lebens fortwandeln, mit der ich gute und böse Tage, Freude und Leid, Glück und Unglück treulich theilen und nur Eines seyn soll, bis der Tod das schöne, heilige Band löst, das uns nun bald aufs 398 innigste verbinden soll. Welche heitre Aussichten öffnen sich meiner Seele, welche erfreuliche Hoffnungen schwellen meine Brust, welche nie gefühlte Wonne erfüllt mein Herz! O nimm dafür meinen wärmsten Dank, Allgütiger, dessen Werk auch die glückliche Verbindung ist, in die ich getreten bin, und der das Siegel der Unauflösbarkeit nun bald vor deinem Altare aufgedrückt werden soll! Laß auf ihr deinen himmlischen Segen ruhen; laß sie für mich immer eine Quelle reiner Freuden und ein Mittel seyn, meine Veredlung zu befördern, und mich um das Wohl der menschlichen Gesellschaft verdient zu machen. Es ist das schönste, ehrwürdigste und edelste Verhältniß, in welches ich treten soll; o daß ich in dasselbe daher mit allem Ernste, mit Ueberlegung, mit frommen Gesinnungen und mit dem festen Vorfage treten möge, die großen und wichtigen Pflichten, die es mir auferlegen wird, immer treu und redlich zu erfüllen! Die theure, geliebte Seele, die du mir zugeführt hast, damit sie mich begleite, unterstüße und aufheitre auf der oft rauhen Bahn des Lebens, sie finde in mir ganz das, was sie sucht und wünscht; ihrem Wohle sey mein ganzes Daseyn geweiht; mit unverleßbarer Treue und der zärtlichsten Liebe hänge mein Herz an ihr, und nichts sey im Stande, die Achtung und Zuneigung zu vertilgen, die ich für sie fühle. Ihre Tage zu erleichtern, zu verschönern und zu beglücken, darauf sey immer mein Bestreben hingerichtet. Wahre Frömmigkeit, ein tu - - 399 gendhafter Sinn, heitre Thätigkeit, Nachsicht, Schonung, Milde, Versöhnlichkeit und Herzlichkeit seyen in dem schönen Verhältnisse, in welchem ich nun leben soll, meine treuen Begleiterinnen. Dann wird unter den glücklich Verbundnen gegenseitige Achtung und Zuneigung herrschen, und wenn auch das erste Feuer leidenschaftlicher Liebe verraucht ist, werden doch ihre Herzen immerfort mit inniger Freundschaft an einander hängen, und sich glücklich fühlen in ihrem Verein. Alles, was das Vertrauen und die Liebe schwächen könnte, wodurch ich mich jetzt so beglückt finde, werde von mir auf das sorgfältigste vermieden, und dafür alles gethan, was das Band ehelichen Vertrauens und ehelicher Zuneigung noch fester knüpfen kann. - - Kommen in meinen künftigen Verhältnissen auch Tage, die mir nicht gefallen wollen; liebevolle Theilnahme und liebreicher Beystand werden sie mir erleichtern, und du, o Herr, wirst sie zu rechter Zeit wieder in Tage der Freude verwandeln, wenn ich nur immer treu und redlich thue, was die Pflicht gebeut. Die schönsten, süßesten Freuden der Erde, die Freuden des häuslichen Lebens, warten mein. O laß mich ihren hohen Werth immer anerkennen und schäßen, Allgütiger, und sie allen betäubenden, rauschenden und prunkvollen Zerstreuungen und Vergnügungen der Erde vorziehen! In meinem Hause laß mich meinen Himmel finden; einer stillen, einfachen - -` 400 - Lebensweise laß mich treu bleiben, durch eine wohlgeordnete, nüßliche Thätigkeit meine Tage bezeichnen, und denen, die du mir gegeben hast, alles das seyn, was ich ihnen seyn soll! Dann o davon bin ich ganz überzeugt!- wird dein Segen auf mir und den Meinen ruhen, und ich werde getrost dem Augenblicke entgegen sehen, in welchem du mich aus ihrer Mitte rufft. Sey mit mir, o Herr, sey mit dem Gegenstande meiner Liebe, und ziehe deine Hand nie von uns! Amen. - Vor der Trauung. Sie ist da, eine der wichtigsten Stunden meines Daseyns, die mein Leben und mein Glück an das Leben und das Glück eines geliebten Wesens für immer knüpfen soll. Für immer! Welch' ein ernster, herzergreifender Gedanke! O du, der unsichtbar, aber mächtig waltet und von dem alles Gute kommt! laß deinen Segen auf der Verbindung ruhen, in die ich treten soll; laß diese Stunde für mich den Anfang ei nes zufriednen, glücklichen Lebens seyn, und gib, daß ich die Wahl, die ich getroffen habe, nie zu bereuen Ursache finde. Mit ernstem, aber dabey vertrauungsvollem Sinn will ich hintreten vor deinen Altar, um da abzulegen das heilige Gelübde ewiger Liebe und unverletzlicher Treue. O möchte ich dieß mit überlegung, mit Gefühl und mit lebendigen Gedanken an 401 dich, Allgütiger, thun! Gerührt ist meine Seele, und meine Thränen fließen! Ein neues Leben soll für mich beginnen; aber über meiner Zukunft ruht ein undurchdringliches Dunkel. Doch ich will nicht za= gen, sondern den kommenden Tagen mit frommer Zuversicht und guten Hoffnungen entgegen sehen. Du hast ja auch mein Schicksal in deiner Hand, und du wirst es, wenn ich nur immer treu und redlich meine Pflicht erfülle, so leiten, daß ich zufrieden seyn kann. Darum getrost, meine Seele, ruhig und heiter mein Herz! Gott wird es auch mit mir wohl machen! Amen. - - Nach der Trauung. Ich habe es nun abgelegt, das heilige Gelübde der ewigen Treue, und du, Allwissender und Allgegenwärtiger, hast ihn vernommen, meinen Schwur. O daß diese wichtige Stunde meinem Gedächtnisse nie entschwinde! daß das feyerliche Versprechen, das ich in derselben gethan habe, meiner Seele immer gegenwärtig sey, und mich zu treuer Erfüllung aller der Pflichten ermuntere, die meiner in dem neuen Verhältnisse warten, in welches ich heute getreten bin. Laß, Allgütiger, in demselben immer Eintracht, Frieden und Freude herrschen! Bewahre mich vor jeder, auch der leisesten Verlegung meines Ehegelübdes, und laß den Geist inniger und treuer Liebe mich durch das ganze Leben hin34 402 durch begleiten. Schütze in dem schönen Verhältnisse, das heute für mich beginnt, die Reinheit meiner Gefühle, die Würde meiner Natur, die Achtung vor mir selbst und jede bessere, edlere Regung in mir; heilige jede meiner künftigen Freuden, und hilf mir tragen jedes Leiden, das du über mich und die Meinigen verhängst. Still, häuslich und im Kreise der Meinen glücklich, laß mich die Bahn fortwandeln, die du mir hienieden vorgezeichnet hast. Mein Herz fürchte und liebe dich; meine Seele vertraue dir, und mein ganzer Wandel sey rein, unbescholten, segenreich und edel. Dann wird es mir nicht an innrer Ruhe und Zufriedenheit, nicht an wahrem Glücke fehlen. Zu diesem Glücke verhilf mir und allen denen, die du mir auf Erden gabst! Amen. - - Gebeth glücklicher Ehegatten. Unendlicher, dessen Güte keine Grenzen kennt, du Urquell alles Lebens, aller Freude und alles Glücks! mit einem froh gerührten Herzen nahe ich mich deinem Throne, um dir die Opfer des Lobes und Dankes für die vielen Beweise von Huld und Gnade darzubringen, die ich auch in meinen ehelichen und häuslichen Verhältnissen von dir erhalte. Ich fühle mich in denselben zufrieden und glücklich; sanft und heiter fließen meine Tage an der Seite des geliebten Wesens dahin, das du mir, Allgütiger, zu - 403 geführt und mit mir auf das innigste verbunden haft; treue Liebe, Eintracht, Achtung und Vertrauen walten segnend und beglückend in unserem häuslichen Kreise, und treten auch bisweilen trübe Augenblicke ein, die Liebe hilft uns alles tragen, verscheucht bald genug die Schatten des Trübsinns, und führet in unsre Seelen Ruhe, Zufriedenheit und stille Heiterkeit zurück. Ja, ich fühle es oft, und fühle es tief im Innersten meines Wesens, daß die Erde mit all' ihren Herrlichkeiten dem wohlgesinnten, frommen Herzen keine reineren, edleren und seligeren Genüsse darzubiethen vermag, als die, welche uns das eheliche, häusliche Leben gewährt, wenn es von dem Geiste der Liebe, des Vertrauens, der Frömmigkeit und des Friedens durchdrungen und geleitet wird! O habe Dank, habe Dank, Allliebender! daß auch ich mich eines solchen frohen, glücklichen Lebens rühmen und all' der schönen, seligen Genüsse erfreuen kann, die damit verbunden sind! Dir, ja dir allein habe ich mein Glück zu danken! Denn alles, alles kommt von dir, und wo irgend eine Freude blüht, da blüht sie nur durch dich, wo irgend eine treue Liebe ihr Glück findet, da bist du es, der es ihr verleiht, wo irgend ein Herz an einem liebevollen Herzen schlägt und seine Wonne zur Seligkeit gesteigert fühlt, da ist es deine Baterhand, die die Glücklichen durch innige Liebe vereint und durch einen Vorgeschmack des Himmels für die fromme Treue lohnt, mit der sie an einander hängen! D walte mit deiner unendlichen - 34* 404 Güte auch fernerhin über dem schönen ehelichen Bunde, in welchem ich stehe, und laß auf demselben allezeit deines Himmels besten Segen ruhen! Ueber alles gehe mir immerfort häusliche Freude und häusliches Glück, und alles, was dasselbe stören oder vernichten könnte, werde von mir mit aller Sorgfalt vermieden, und dagegen alles gethan, was dasselbe ungetrübt zu erhalten und, wo möglich, noch zu erhöhen vermag. Sey o Gott, mit dem geliebten Wesen, daß mich liebend auf dem Wege durchs Leben begleitet, und das ich als meinen kostbarsten Schatz und als das höchste Glück meiner Tage zu betrachten gewohnt bin; erhalte mir seine Liebe, seine Achtung und sein Vertrauen, und laß uns immerfort in Eintracht und Frieden, ruhig und heiter unsre Tage dahin leben, Freude und Leid treulich mit einander theilen, einander stets mit Achtung, Schonung und Sanftmuth begegnen, und jedes sein Glück in dem Glücke des andern suchen und finden. Segne alle die, die zu unserm häuslichen Kreise gehören, und gib, daß unsre Freude durch ihr Glück noch mehr erhöhet werde. Zucht und Ordnung, Sittenreinheit und wahre Frömmigkeit, Einfachheit und Genügsamkeit, und alles, was schön, recht, edel und löblich ist, walte fortwährend, wohlthuend und segnend, in diesem unserm Kreise, und erfreue unser und jedes wohlgesinnte Herz! Erhöre, Allgütiger! dieses mein Flehen um deiner unendlichen Liebe willen! Amen. - - 405 - Gebeth unglücklicher Ehegatten. Ein schweres Leiden liegt auf mir, Allgütiger! und ich nahe mich deinem Throne, um mein kummervolles Herz auszuschütten vor dir. Denn nur bey dir ist Trost, Erquickung und Stärkung. Ach, das schönste, ehrwürdigste Verhältniß, in welchem Sterbliche mit Sterblichen zu stehen vermögen, ist für mich eine Quelle mannigfaltiger Leiden, und was mich hienieden am meisten erfreuen und beglücken sollte, beugt mich am tiefsten danieder, und erfüllt mein Innerstes mit Gram und Schmerz! O vergib, Allbarmherziger, wenn ich in mancher Stunde des Unmuthes und Harms trostlos die Hände gen Himmel ringe und meinen Klagen und Thränen kaum Grenzen zu sehen vermag. Doch ich will mich zu fassen, ich will mich durch fromme Erinnerungen an dich zu stärken, und durch die heiligen Tröstungen der Religion aufzurichten suchen in dem großen Unglück, das auf meinem Leben ruht. Denen, die dich lieben und dir vertrauen, müssen ja alle Dinge zum Besten dienen. Unbefangen und strenge will ich mich prüfen, ob der Grund meines Unglücks nicht in mir selbst liege? Habe ich es mir nicht durch ein unbedachtsames, leichtsinniges und tadelhaftes Betragen zugezogen? unterhalte ich es nicht durch übertriebne Reißbarkeit, durch Groll, durch empfindlichen Tadel, durch Argwohn und Ungeduld, durch allzu 406 große Ansprüche, durch ein mürrisches, trübsinniges, kaltes, vielleicht liebloses, zweydeutiges und anstößiges Verhalten in der Ehe? thue ich auch alles, um Mißverständnisse zu heben, die Eintracht wieder herbeyzuführen, und das Herz des Gatten mit mir auszusöhnen? bin ich auch bemüht, durch unerschütterliche Treue und Liebe, durch Gleichmuth der Seele, Geduld, Sanftmuth, Nachgiebigkeit, Herzensgüte und Großmuth die Abneigung gegen mich zu bezwingen, und ein gutes, glückliches Verhältniß wieder herzustellen? O alles, alles werde von mir gethan, um der bestehenden ehelichen Spannung und Uneinigkeit ein Ende zu machen, und nichts bleibe von mir unversucht, den entflohenen Geist der Liebe wieder zurück zu rufen in den Kreis meines ehelichen Lebens und Wirkens. Und gelingt mir dieses bey allen meinen redlichen Bemühungen nicht, so will ich deßhalb nicht verzagen. Vorwurfsfrey blicke ich dann zu dir, o Herr, und der Gedanke, daß du meine Unschuld kennst, wird für mich tröstend und stärkend seyn! Bestreben will ich mich, auch bey dem größten Unrechte, das mir widerfährt, stets eine milde, liebreiche Gesinnung und ein edleres Wesen an den Tag zu legen, und mich frey zu erhalten von jeder Regung des Grolles, des Hasses und feindseliger Rachsucht. Denn nur dann kann ich mit kindlicher Zuversicht mich dir nahen, Alliebender! und mit getrostem Muthe fortsetzen meine rauhe Lebensbahn. Du wirst mich dann nicht ohne Beruhigung und Er- 407 quickung lassen, und ich werde still werden in meinem Unglücke, und mit stärkender Hoffnung der Zeit entgegen sehen, in der sich meine Erlösung naht. Bis dahin will ich mich fassen, will treu und redlich jede meiner Pflichten erfüllen, will unermüdet thätig seyn, mich vor jedem zweydeutigen Schritte und einem leichtfertigen Wesen sorgfältig hüthen, und mich durch mein ganzes Verhalten deines Wohlgefallens und der Achtung aller derer würdig machen, die mich näher zu beobachten und kennen zu lernen, Gelegenheit haben. Sey mit mir, Allgütiger, und laß mich dir immerfort mit ganzer Seele vertrauen! Amen. - - Gebeth in kinderloser Ehe. Allgütiger, der du auch meine Schicksale in deiner Hand hast, und sie mit unerforschlicher Weisheit lenkst, ich hebe meine Seele zu dir empor bey jedem Unmuthe, der sich meines Herzens bemächtigt, bey jedem Unfall, der mich trifft, ben jedem Kummer, der mein Gemüth danieder beugt. Denn du bist ja die reichste Quelle des Trostes, der Beruhigung und Erquickung. Und so schütte ich denn mein Herz auch jetzt vor dir aus, wo meine Seele unzufrieden ist darüber, daß du mir in meinem ehelichen Verhältnisse eine der schönsten und süßesten Freuden, die Weltern- Freude, versagst. Mir blüht keine erfreuliche Hoffnung in geliebten Sprößlingen auf, --408 - und der Anblick guter, wohlgerathener Kinder erquickt und beseligt nicht mein Herz. O vergib, wenn ein stiller Gram und Schmerz darüber in machem Augenblicke mich ergreift und durchbebt! Aber sammeln will ich) Seele und Gemüth, fassen will ich mich in solchen Augenblicken, und mich dem Unmuthe und dem Schmerze nicht überlassen. Vor meine trauernde Seele trete der Gedanke, daß du uns auch dann segnest, wenn du unsre sehnlichsten Wünsche nicht erfüllst, und unsre schönsten, süßesten Hoffnungen vereitelst; daß du, wenn du uns versagst, wonach wir verlangen, dieses immer aus weisen und gütigen Absichten thust, und daß wir uns daher mit frommem Vertrauen deiner Leitung ganz überlassen können. Wäre mein schwaches Auge im Stande, alles im Zusammenhange zu überblicken, und die Gründe zu durchschauen, aus welchen du mein eheliches Verhält niß kinderlos zu lassen für gut findest; ich würde deine Liebe segnen, und worüber ich mich bisweilen betrübe und gräme, dafür würde ich dir von ganzer Seele danken, und mit freudigem Herzen ausrufen: ,, Was Gott thut, das ist wohl gethan!" O so laß mich denn meinen Unmuth und meine Unzufriedenheit unterdrücken, wenn ich daran denke, daß ich der süBen Weltern- Freuden entbehren muß, und mich fassen und trösten, wenn du mir versagst, wonach ich mich so innig sehne. Weiß ich doch nicht, ob die Befrie digung meines Verlangens nicht eine Quelle bittrer Leiden für mich wäre; ob nicht dann, wenn du mir SHISSOR 409 Kinder schenktest, diese von manchen Uebeln der Erde ergriffen, oder mir durch den Tod entrissen, oder durch ihre Verirrungen und mögliche Ausartung Quälgeister für mich würden, statt mein Trost, mein Stolz und meine Hoffnung zu seyn. Nein! Allgütiger, ich will nicht hadern mit meinem Schicksale, sondern zufrieden seyn auch mit dem, was deine Weisheit und Liebe mir versagt. Kann ich nicht eigner Kinder mich erfreuen, so will ich fremden das seyn, was ich den meinigen wäre. Der hülfsbedürftigen, verlassenen Unmündigen gibt es so viele; o mögen sie in mir einen Retter und Schutzengel finden; möge ich meine Freude darin suchen, ihnen wohlzuthun, und sie mit Liebe und Dank an mich zu fesseln! Dann werde ich, auch kinderlos, doch reine ÜlternFreude empfinden, und wenn ich einst die Welt verlasse, nicht unbetrauert und unbeweint von dannen scheiden! Amen. - - Gebeth einer Schwangern. Allliebender! durch angenehme Hoffnungen ver= schönerst du die Tage meines Lebens, und süße Freuden bereitest du meinem Herzen. Genießen soll ich sie, die Wonne einer liebenden Mutter, erblicken soll ich bald in dem neugebornen Säugling einen Gegenstand der zärtlichsten Liebe und so mancher erfreulichen Hoffnung. Er wird meinem Leben neuen Reiß, 35 410 und meinen Aussichten in die Zukunft eine erhöhte Heiterkeit verleihen. O laß dir wohlgefallen den Dank, den ich dir, Allgütiger, dafür bringe! Schüße das junge Leben, das sich unter meinem Herzen regt, und bewahre die zarte Frucht der Liebe, die ich unter demselben trage, vor Unfällen jeder Art. Mit gewissenhafter Sorgfalt will ich alles meiden, was auf diefelbe nachtheilig einzuwirken vermöchte; für zwey Leben habe ich zu wachen, und jedes unbedachtsame, leichtsinnige Verhalten, wodurch ich das eine oder das andere in Gefahr bringen könnte, bleibe mir fremd; denn unverantwortlich vor dir und meinem Gewissen wäre ein solches Benehmen von mir. Mit getrostem, heiterm Sinn will ich der Stunde entge gen sehen, wo der Anblick des Neugebornen mich entschädigt für den Schmerz, womit er geboren ist, und bangt mein innerstes Wesen bisweilen vor dieser Stunde, so will ich mich daran erinnern, daß du, o Herr, über mich waltest, mich schüßzest, und mir jede Bürde erleichtern, jeden Schmerz mildern, und die Augenblicke des Leidens durch Jahre voll süßer Mutterfreuden belohnen wirst. Mich dieser Freuden würdig zu machen, und zu treuer Erfüllung der damit verbundenen Pflichten zweckmäßig vorzubereiten, das, Allgütiger, liege mir vorzüglich am Herzen, und was ich in dieser Hinsicht beginne und thue, darauf laß deinen himmlischen Segen ruhen. Und kommt sie einst die Stunde meiner Entbindung, o dann erleichtre mir die Beschwerden derselben, dann - 411 schenke mir Muth und Kraft in den Augenblicken des Schmerzes, und nach einem kurzen Kampf erfreue der Anblick eines gefunden, hoffnungsvollen Säuglings meine Seele und mein Herz. Herr, erhöre mein Flehen, und laß mich dir immer fest vertrauen! Amen. - Gebeth einer Mutter nach der Entbindung. * 1000d hir Dankend erscheine ich vor dir, o du, der du die Liebe bist, und alles erfreust und beglückst, was Odem hat und lebt! Du hast mir geholfen in der Stunde banger Gefühle, des Schmerzens und Leidens; entzogen hast du mein Leben drohender Gefahr, und mir die süßeste aller Freuden, Mutterfreude, geschenkt. O nimm dafür meinen innigsten herzlichsten Dank! Mein Blick ruht nun mit zärtlicher Liebe und hoher Wonne auf dem neugebornen Kinde, des sen Leben, Gesundheit und Pflege du mir anvertraut haft, und an seinen Anblick knüpfen sich, bey so manchen Besorgnissen, auch schöne Hoffnungen mancherley Art. Dient es zu seinem Besten und zum Wohle der Welt, so erhalte ihm das geschenkte Leben; laß die Keime des Guten, die du in sein Innerstes gelegt hast, sich glücklich entwickeln, und das geliebte Kind, so wie einst Jesum, zunehmen nicht nur an Alter, sondern auch an Weisheit und jegli35* 412 cher Tugend. Dein guter Geist führe es stets auf ebner Bahn, damit es empor wachse zu einem einsichtsvollen, tugendhaften und dir vertrauenden Menschen, seinen Weltern zum Trost und zur Freude, und allen Redlichen zum Wohlgefallen. Laß es mich dabey nie vergessen, wie mächtig ich auf sein zartes Gemüth zu wirken, und wie unendlich viel ich zu seiz ner Bildung und Veredlung beyzutragen vermag. Treu werde von mir bey ihm jede Mutterpflicht erfüllt. Sein wahres Wohl zu befördern, darauf sey mein vorzügliches Bestreben hingerichtet, und keine 3erstreuungen und keine Freude der Welt halte mich ab, ihm ganz Mutter zu seyn. Verzicht leisten will ich gern auf jedes Vergnügen, wenn die Mutterpflicht dieß von mir verlangt; keine Sorge und Mühe, keine Entbehrung und kein Opfer falle mir zu schwer, wenn es das Glück meines Kindes gilt. Mit inniger Liebe will ich an demselben hängen, aber meine Liebe arte nie in zu nachsichtsvolle und verzärtelnde Zuneigung aus, sondern verbinde sich immer mit Weisheit und mildem Ernst, selbst mit unerbittlicher Strenge, wenn es der Strenge bedarf. Durch Lehre und Beispiel will ich auf sein Herz wohlthätig einzuwirken suchen, und seinen Blick schon frühzeitig auf dich hinzuleiten, und sein Gemüth mit stiller Ehrfurcht, Liebe und Gehorsam gegen dich zu erfüllen, bemüht seyn. Segne, Allliebender, segne jedes älterliche Bemühen für die Erziehung des geliebten Kindes, das du uns geschenkt, und unsrer Fürsorge - - 413 und Leitung anvertraut hast. Laß es dir und Jesu immer ähnlicher werden, und in den Verhältnissen, in die du es einst zu sehen für gut findest, der Freude und des Guten nicht nur viel genießen, sondern auch viel um sich verbreiten. - Nimm seines Lebens gnädig wahr; Regiere seine Seele; Sey du sein Retter in Gefahr, Daß es des Wegs nicht fehle. Gib ihm ein Herz voll Zuversicht- Erfüllt mit Lieb' und Ruhe Ein weises Herz, das seine Pflicht Erkenn' und willig thue. Daß es, dem Nächsten beyzustehen, Nie Fleiß und Arbeit scheue; Sich gern an Andrer Wohlergehn Und ihrer Tugend freue. Daß es das Glück der Lebenszeit In deiner Furcht genieße, Und seinen Lauf mit Freudigkeit, Wann du gebeutst, beschließe! Amen. Allgemeines Gebeth einer Familie. In stiller Andacht vereinigen sich unsre Herzen, und unsre Seele hebt sich zu dir empor, unsichtbarer Schöpfer und Regierer der Welt! Durch schöne, heilige Bande hast du uns, die wir zu dir flehen, mit einander auf das innigste verbunden, und Freuden ohne Zahl blühen uns in dieser Ver 414 bindung auf. Daß unsre Tage leichter und angenehmer dahin fließen, daß es uns nicht an Theilnahme, Trost und Rath und Beystand fehlt, daß sich uns so viele Gelegenheiten und Mittel darbiethen, nicht bloß für unser äußerliches, sondern auch für unser inneres, geistiges Wohl, nicht nur für unsern Unterhalt und unser Auskommen, sondern auch für unsre Bildung, Besserung und Veredlung zu sorgen, und daß fast kein Tag vergeht, ohne daß wir uns durch so manches Gute erfreut fühlen: alles dieß und noch weit mehr haben wir dir zu danken, Allgütiger, der du mehr an uns thust, als wir wissen und verdienen. Darum erscheinen wir auch mit Lob und Dank vor dir, und preisen mit erkenntlichem Gemüthe deinen heiligen Nahmen und deine grenzenlose Liebe, die an uns mit jedem Tage, ja mit jedem Augenblicke unsers Lebens neu wird. O deine Gnade reicht noch weiter als die Himmel gehen, und nicht zu erfassen ist die Barmherzigkeit, mit der du allen Geschöpfen, mit der du auch uns nahe bist! Dieß wollen wir nie unbeachtet und unbeherzigt lassen; unser Gemüth fühle es vielmehr stets tief und innig, was wir dir schuldig sind. - - - Allgütiger! was du uns an Wohlthaten erweisest, werde von uns immer mit lebhaftem Danke empfangen, mit weiser Mäßigung genossen, und so benußt, wie es deinem heiligen Willen gemäß ist. Ben allem, was uns Angenehmes und Gutes zu Theil wird, preise unser Gemüth dich, o Herr, als 415 den Urheber davon, und als die Quelle, aus der jede Freude unsers Lebens fließt. Nicht an niedrer Erdenlust hänge unsre Seele, sondern an jenen Gütern, die himmlisch und unvergänglich sind. 3war verschmähen wollen wir keine unschuldige, erlaubte Freude, die du uns darbiethest auf dieser Welt; aber alles, auch das unschuldigste, werde von uns mit Verstand, Ueberlegung und edler Mäßigung genossen, und bey keinem irdischen Vergnügen überschreite eines von uns jemahls Maß und Ziel. Vor Ueppigkeit, unnüßer Verschwendung und einer unordentlichen, wüsten Lebensweise bewahre, o Herr, in Gnaden jeden von uns! - - Kommen Tage, die beschwerlich und traurig für uns sind: o dann schenke uns Muth und Kraft, Allliebender, daß wir nicht trostlos werden und zagen! Noch herzlicher und inniger wollen wir uns dann an einander anschließen, einander rathen und beystehen, uns einander trösten und aufheitern, und gemeinschaftlich tragen und dulden, was nicht zu ändern ist. Hinblicken wollen wir dann zu dir, Allmächtiger, vor dir unser sorgen und kummervolles Herz ausschütten, und von deiner Weisheit und Liebe mit frommer, fester Zuversicht das Beste hoffen. Jedem von uns liegen mannigfaltige Pflichten ob. Mache uns geneigt, Allheiliger, sie treu und redlich zu erfüllen! Jedes Geschäft, das uns angewiesen ist, werde von uns mit Fleiß, Eifer, Pünctlichkeit und Redlichkeit verrichtet. In nüßlicher Thä 416 tigkeit fließe unser Leben dahin, und jeder Tag desselben werde von uns durch eine wohlgeordnete und wohlthätige Wirksamkeit bezeichnet. Es lehre und ermahne, wer von uns zu lehren und zu ermahnen, es arbeite, wer zu arbeiten, es ordne und befehle mit Einsicht, wer zu ordnen und zu befehlen, es gehorche willig, wer zu gehorchen, es diene treu, wer zu dienen hat. Jeder von uns thue seine Pflicht, auf dem Platze, auf dem er steht. Dann wird es um uns wohl stehen, und uns an deinem Beifalle und deinem Segen nicht fehlen, o Gott! Laß den Geist der Weisheit und Tugend, der Betriebsamkeit und redlichen Eifers, der Zucht und Ordnung, der Eintracht und Liebe, der Milde und Schonung, der stillen Eingezogenheit und Genügsamleit, des Vertrauens und der Frömmigkeit nie aus unsrer Mitte weichen, sondern immer kräftig walten unter und über uns. Laß uns stets einen Familienkreis bilden, in welchem sich ein lebendiger Sinn für alles Rechte, Gute und Edle sichtbar rege, und häusliches Glück einheimisch sey. So laß uns immer gegen einander gesinnt seyn und handeln, daß, wenn der Tod die Bande löst, die uns mit einander verbinden, eines das andere nur mit Schmerzen vermissen kann, und die Zurückgebliebenen an dem Sarge und Grabe des Vollendeten nur Thränen der Achtung, der Liebe und des Dankes weinen. Wohl uns, wenn wir einst mit der frohen Ueberzeugung von dannen scheiden können, daß alle die, an welche - - 417 uns Familien- Bande knüpfen, uns auch dann noch dankbar segnen werden, wenn wir schon längst aus ihrem traulichen Kreise getreten und dahin gegangen sind, wo unsre wahre Heimath ist, und wo wir einst in deiner großen Himmels Familie alle die wieder sehen sollen, die du uns hier gegeben haft! Herr, sey mit uns, und auf unsern Unternehmungen, Bemühungen und Genüssen ruhe dein himmlischer Segen! Amen. = 1 - Gebeth für unsre abwesenden Lieben. So manche von denen, die meinem Herzen lieb und theuer sind, wandeln in der Ferne ihren Weg, und ich muß der hohen Freude ihrer Gegenwart und ihres Umganges entbehren. Ach, wie gern würde mein Auge auf ihnen ruhen, wie gern mein Herz an dem ihrigen schlagen und sich durch ihre liebevolle Theilnahme in den Tagen des Glückes noch mehr erfreut und in den Tagen der Leiden und des Kummers getröstet, erheitert und gestärkt fühlen! Aber du, o Herr! haft ihr und mein Schicksal so geordnet, daß wir, fern von einander, unsre Lebenspfade gehen, und nur im Geiste einander nahe seyn können; du hast es für gut gefunden, auch uns den herben Schmerz der Trennung fühlen zu lassen, und ich ergebe mich auch hieben mit frommem Sinn in deine Schickung; denn ich bin überzeugt, du hast es auch 418 dadurch mit mir und mit meinen von mir geschiedenen Lieben wohl gemeint. Allgütiger! erhalte mir auch in der Ferne ihre Achtung, ihre Liebe und Freundschaft, und laß ihr Herz nie erkalten gegen mich. Ihr theures Bild soll oft vor meine Seele treten, und wann ich an sie denke, geschehe dieses stets mit Wohlgefallen, mit Liebe und den besten, frömmsten Wünschen. O sey mit ihnen, Allerbarmer! sey mit ihnen allezeit, und segne sie mit deines Himmels bestem Segen! Schüße ihre Tugend und ihr inneres und äußeres Wohl. Behüthe sie vor zu starker Versuchung, und tritt diese dennoch ein, so verleihe ihnen Kraft, sie glücklich zu besiegen. Laß ihr Leben sanft, ruhig und heiter dahin fließen, und macht ihr höheres Glück auch Leiden nöthig, so hilf ihnen alles Ungemach und alle Drangsale, die du über sie zu verhängen für gut findest, mit frommer Geduld und Standhaftigkeit tragen. Verfinstert sich der Himmel ihres Glücks, o so zerstreue bald die düstern Gewölke wieder, die ihres Lebens Tage trüben, und laß von neuem die Sonne der Heiterkeit und Freude aufgehen über sie. Führt deine Vaterhand sie früher oder später meinem Herzen wieder zu: o wie groß soll dann die Freude des Wiedersehens für mich seyn, wie groß und herzlich auch mein Dank für diese Freude! Doch ist es, Herr, in deinem Rath beschlossen, daß diese süße Freude mir hienieden nicht zu Theil werden und die Trennung von den Lieben immer währen soll: so - - 419 soll auch dann mein Herz sich willig in das Unabänderliche fügen, und in Demuth deine Wege verehren und anbethen. Einst kommt denn doch ein Tag des frohen Wiedersehns! Seiner will ich glaubend harren! In einer höhern, bessern Welt er= blickt sich alles wieder, was sich treulich hier geliebt. Dort, dort seh ich euch wieder, ihr von mir getrennten Lieben, Theuren alle, und Berg und Thal und Meer treten dann nicht mehr trennend zwischen uns. Wir sind auf ewig, ewig dann vereint! Amen. - - Gebeth eines Glücklichen. Allgütiger, von dem jede gute Gabe kommt, und der seine höchste Lust im Wohlthun findet, auch mich umfassfest du mit großer Vaterhuld und Gnade, und deine Güte ist alle Tage an mir neu. Du segnest mein Arbeiten und Wirken, mein Beginnen und Thun; du schenkest mir Gesundheit und muntre Kraft, und läsfest mir auf meinem Lebenswege der Freuden viele blühen. Frey von drückender Sorge und Noth, erhalte ich aus deiner Vaterhand nicht nur so viel, als ich zu meinem Unterhalte bedarf, sondern weit mehr, als zur Befriedigung meiner Bedürfnisse hinreichend ist. Der Segen, den du mir sendest, setzt mich in den Stand, mir der Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten des Lebens viele zu verschaffen, und auch andere wenn ich nur will-- 420 zu unterstüßen und zu erfreuen. In den verschiedenen Verhältnissen, in die du mich gesetzt hast, fehlt es mir auch an Veranlassungen zur Zufriedenheit und Freude nicht, und ich müßte ganz fühllos seyn, wenn ich nicht dankbar eingestehen wollte, daß ich in die Zahl der Glücklichen gehöre, und alle Ursache habe, mit meinem Loose auf Erden ganz zufrieden zu seyn. - -- Was bin ich, o Herr! daß du meiner mit so vieler Liebe gedenkest? Ach, ich fühle es tief, daß ich nicht werth bin der Barmherzigkeit und Treue, die du bisher an mir gethan hast! Aber um so größer und aufrichtiger sey auch meine Demuth, und um so lebhafter und herzlicher der Dank, den ich dir für alle Beweise deiner Huld und Gnade darbringe, die ich bisher von dir erhalten habe. Meine Seele vergesse es nie, daß alles Gute, das mir hienieden zu Theil wird, von dir, Allgütiger, komme, und daß du es bist, der mich, ohne Verdienste und ohne meine Würdigkeit, erfreuet, segnet und beglückt. Fern bleibe daher von mir aller thörichte Hochmuth und Stolz, zu dem das Glück das schwache Herz des Menschen so leicht und so oft verleitet! Edle Bescheidenheit und Demuth, Menschenfreundlichkeit und Anspruchlosigkeit sollen mich vielmehr auf meinem Wege durchs Leben begleiten. Ach, alles äußere Glück der Erde ist doch immerfort der Gefahr des Verlustes ausgesetzt und folgt uns nicht in das Grab; darum will ich mich auch nie desselben überheben, sondern mich an die Unbeständigkeit und Hinfällig - 421 - keit aller irdischen Güter erinnern, wenn ihr Besit mich stolz und übermüthig machen will. Alliebender! was du mir an Gaben dieser Erde schenkst- o laß es mich immer auf eine edle Art und mit weiser Mäßigung genießen und nach deinem Willen anwenden und gebrauchen! Denn nur das edlere Vergnügen und mäßiger Genuß erfreut und stärkt, und nur ein guter, vernünftiger Gebrauch gibt den Gütern dieser Erde ihren eigentlichen Werth. Daher will ich die, mit denen deine unendliche Liebe mich gesegnet hat, vorzüglich zur Beförderung meiner höheren, geistigen und sittlichen Wohlfahrt, zu meiner Bildung und Veredlung, so wie zum Wohle meiner Mitmenschen und zum Besten der Welt anwenden. Ach, Tausende, ja Millionen sind nicht so glücklich als ich, sondern schmachten in Armuth und Noth! Freude sey es mir, diese Noth, so viel in meinen Kräften steht, zu vermindern, und denen beyzustehen, die der Hülfe bedürftig und würdig sind! Dann werde ich deiner Liebe, o Gott, und des Glükes werth seyn, das du mir aus der unversiegbaren Quelle deiner Güte und Barmherzigkeit zufließen läsfest. Dient es zu meinem Besten, so erhalte mir dasselbe ungetrübt und ungeschmälert, und entziehe mir es nur dann, wenn der Besitz desselben meinem Herzen und meiner Tugend gefährlich werden will. Denn was hälfe es mir, wenn ich auch die ganze Welt gewänne und alles besäße, was sie Kostbares und Herrliches umfaßt, und dabey Schaden nähme 422 an meiner Seele! Verläßt mich einst das Glück, das ich in diesem Augenblick genieße: o auch dann will ich zufrieden bleiben, wenn ich mir nur das Zeugniß geben kann, daß ich es nicht leichtsinnig verscherzt habe, sondern desselben immer würdig geblieben sey. Ich werde mich dann nicht unglücklich fühlen, und im Vertrauen auf dich, o Gott, meine irdische Laufbahn zufrieden, getroft und heiter fortsehen. Sen mit mir jetzt und immerdar! Amen. - - Gebeth in Armuth und Noth. Nicht wie wir wünschen, sondern wie deine Weisheit und Liebe es für gut findet, vertheilest du die Güter der Erde, großer Schöpfer und Regierer der Welt! Mir ist ein kleines Loos zugefallen; in Dürftigkeit und Armuth muß ich meine Tage dahin leben, und die Bitterkeiten des Mangels und der Noth sind mir nicht fremd. Traurig ist nicht selten meine Seele darüber, und mein Herz bisweilen zur Unzufriedenheit und zu Klagen nur zu sehr gestimmt. O vergib mir, Allgütiger, wenn in meiner bedrängten Lage in manchem Augenblicke Unmuth und Gram sich meines Gemüthes bemächtigen, und aus meiner Brust Seufzer des Mißmuthes und Schmerzes empor steigen! Uber nicht hingeben will ich mich mei nen düstern Gefühlen; ich will mich zu sammeln und zu fassen suchen, und mich zu immer größerer Zu - 423 friedenheit mit meinem irdischen Loose zu stimmen, bemüht seyn. Prüfen will ich mich dabey mit allem Ernst und aller Strenge, ob dieses Loos nicht eine natürliche Folge meines Verhaltens ist? ob nicht Bequemlichkeit und Trägheit, oder ein unseliger Hang zur Verschwendung, oder Spielsucht, oder eine unordentliche Lebensweise mich in Dürftigkeit und Armuth gestürzt haben? ob nicht ein unkluges, unbeſonnenes, anstößiges, tadelhaftes Benehmen mir die Achtung und das Vertrauen meiner Mitmenschen geraubt, und mich dadurch in eine hülfsbedürftige, drückende Lage versetzt hat? oder ob ich in meinen Wünschen nicht zu weit gehe und an irdischen Gütern zu viel verlange, uneingedenk der Wahrheit: daß man auch mit Wenigem auszukommen vermag, wenn man genügsam und haushälterisch ist? Finde ich bey dieser Selbstprüfung, daß ein fehlerhaftes Verhalten von meiner Seite an dem Schicksale Schuld ist, das mich drückt, so seyn es mein eifrigstes Bestreben, dasselbe zu ändern, und alles zu vermeiden, was auf meine äußere Lage nachtheilig einwirken könnte. Ist aber meine Dürftigkeit nicht die natürliche Folge meines Benehmens: o so will ich mich über sie zu trösten und zu beruhigen suchen, und mich lebhaft daran erinnern, daß unverschuldete Armuth nicht entehrt, und daß sie eine Schickung deiner Weisheit und deiner Liebe ist, o Gott! Bewahren willst du mich wohl durch sie vor Unbescheidenheit, Stolz und Uebermuth, vor Ueppigkeit und -- -. 424 - - einer wüsten Lebensweise, vor schimpflichem Geiße, thierischer Sinnlichkeit und all' den Fehlern, zu denen Wohlhabenheit und Reichthum nur zu oft verleiten, oder vor jenen ängstlichen Sorgen und jener quälenden Unruhe, die häufig im Gefolge derselben sind. Ich wäre vielleicht noch weit unglücklicher, als ich mir gegenwärtig erscheine, hättest du mir ein günstigeres äußeres Loos beschieden, und mir Reichthum und Ueberfluß geschenkt. Darum will ich nicht unzufrieden seyn mit der Lage, in der ich mich befinde, so traurig und drückend sie mir auch in manchem Augenblicke vorkommen mag. Sie erscheine mir als eine Schickung von dir, aus weisen und gütigen Absichten über mich verhängt, und mein Herz werde ruhig und getrost. Rastlos will ich fortarbeiten, und treu und redlich die Pflichten meines Standes und Berufes erfüllen; will dabey meine irdischen Wünsche und Ansprüche mäßigen, mich üben in der Tugend der Genügsamkeit und in der wichtigen Kunst, zu entbehren, und von dir das Beste hoffen. Du wirst, davon bin ich überzeugt, früher oder später meinem Schicksale eine andere Wendung geben, wenn dieß zu meinem wahren Wohle dient. Diese Zeit will ich ruhig erwarten, und weder die Wohlhabenden und Reichen, die oft genug unglücklicher sind als der Dürftigste und Nermste, beneiden, noch zu unrechtmäßigen, verwerflichen Mitteln meine Zuflucht nehmen, um mir mein Schicksal zu erleichtern; ich will vielmehr an 425 dern ihr Glück von Herzen gönnen, und lieber untergehen und umkommen, als mir auf eine unedle, sündhafte Weise aus meinen Verlegenheiten zu helfen, und mich aus drückender Noth zu retten suchen. Auch bey der bittersten Armuth gehe der Adel meiner Seele und die Würde meines sittlichen Charakters nicht verloren. Dann werde ich auch den größten Mangel um so leichter ertragen, und du, o Herr, wirst mit Wohlgefallen auf mich herabblicken, wirst mich trösten und stärken in meiner Noth, und wenn auch nicht in dieser, doch in einer andern Welt entschädigen für das, was ich hier, ohne mein Verschulden, entbehrt und gelitten habe. Dir vertraue denn meine ganze Seele; an dir hänge mein Herz, bis es zu schlagen aufhört; von dir erwarte mein Gemüth das Beste, und segne dich für alles, was du mir zufließen läsfest, so wie für alles, was du mir aus Liebe versagst! Amen. - - Gebeth in Stunden der Versuchung. Dir, o Heiligster, immer ähnlicher zu werden, und nur so zu denken, zu empfinden und zu handeln, wie Vernunft und Religion gebiethen: dieß ist meine Bestimmung, dieß mein höchster Beruf auf Erden! Aber wie leicht vergißt der schwache Sterbliche diese seine erhabene Bestimmung! wie leicht verliert er den rechten Pfad, und wandelt auf 36 - 426 - Abwegen seinem Verderben entgegen! Auch mein Herz, o Gott, ist oft genug wandelbar und schwach, und auch in diesen Augenblicken droht ihm große Gefahr. Die Außenwelt mit ihren verführerischen Reißen und die Macht sinnlicher Begierden und Wünsche- sie suchen meinen Geist und mein Gemüth zu betäuben, mich auf Irrwege hin zu leiten, und dem untreu zu machen, was gut und dir gefällig ist. Schwer ist der Kampf, den ich zu kämpfen habe, groß die Gefahr, in welcher meine Tugend schwebt! Im Zwiespalte mit mir selbst, nehme ich meine Zuflucht zu dir, der du mich nach deinem Bilde geschaffen, und zu hohen Zwecken aus dem Nichts hervorgerufen hast. Du bist ja auch in den Schwachen mächtig, und stehest väterlich allen denen bey, die nach dir verlangen, und im Streite mit der Welt und ihrer eignen Sinnlichkeit vertrauungsvoll ihren Blick zu dir emporrichten, und von dir Hülfe erflehen in der Stunde ge fährlicher Versuchung. O sey auch mit mir in diesen Augenblicken, wo das Laster seine Netze nach mir auswirft, und ich in Gefahr bin, zu sündigen und zu thun, was wider dein Geboth ist! Sende mir deinen guten Geist, damit er mich in alle Wahrheit leite, mich erkennen lasse, was zu meinem wahren Frieden dient, und mich aufrecht erhalte auf der Tugend Bahn. Was bin ich, wenn ich mein Gewissen durch Gesinnungen und Handlungen beflecke, die vor dem Richterstuhle der Vernunft und Religion, und vor dir, o Gott, nicht bestehen können? Ach, ein 427 gemeines, verächtliches Geschöpf, verächtlich allen Edlen meines Geschlechtes, und mir selbst! Durch Wohlthaten aller Art erfreust du mich, und suchst mich dadurch zu gewinnen und zu erwärmen für den hohen Beruf, dir ähnlich zu werden, und durch einen edlen Sinn und eine lobenswerthe Handlungsweise den Adel meiner sittlichen Natur zu behaupten und zu erhöhen. Wie könnte ich nun von dem Guten lassen, und mich durch Verirrungen und Fehltritte deiner Wohlthaten und deiner Liebe unwürdig machen! Das Bewußtseyn, deine Huld leichtsinnig verscherzt, und mich aller Ansprüche auf deine unendliche Güte selbst beraubt zu haben- wie schwer würde es auf meiner Seele lasten, und mir jeden Genuß des Lebens verbittern! Bey dem Gedanken an dich müßte ich erbeben, und wie könnte ich dann unbefangen und heiter meinen Blick zu dir erheben! 3war biethet mir das Laster so mancherley Annehmlichkeiten und Vortheile dar; aber darf ich es vergessen, daß es reine, wahre Freuden nie zu gewähren vermag? Bald genug ist der Rausch verschwunden, in den es seine Sclaven versetzt, und Scham und Reue, Gewissensbisse und Verderben treten an seine Stelle. Dahin ist aller Seelenfrieden, und ohne ihn, was ist das Leben und alles scheinbare Glück? Dieß schwebe mir recht lebhaft vor, und halte mich von jeder Sünde, ja selbst von dem geringsten Fehltritte zurück. Ueber alles - - 36* 428 gehe mir dein Beyfall, o Gott, und die Ruhe meines Gewissens, und daher sey es mein eifrigstes Bestreben, mich frey zu erhalten von aller Schuld, und jeder Versuchung zur Sünde männlich zu widerstehen. Mag der Kampf, den ich dabey zu bestehen habe, auch noch so groß seyn; mögen Welt und Leidenschaft, böses Beyspiel und Umstände anderer Art auch noch so heftig auf mich losstürmen, und mich von dem rechten Wege abzuziehen suchen; ich will mich fassen, ich will an dich, Allerheiligster, an esum, meinen Heiland, der einst großen Versuchungen männlich und glücklich widerstand, an meine große Bestimmung, an die Würde meiner sittlichen Natur, an den hohen Werth der Tugend und an ihre Verheißungen für diese und jene Belt denken, will alle meine Kräfte sammeln, und die Anfälle des Lasters von mir weisen, mein Herz und meine innere Ruhe retten, und dir und dem Guten treu bleiben bis in den Tod. Welche Heiterkeit wird dann meine Seele erfüllen, und wie getrost und ruhig werde ich dem Augenblicke entgegen sehen, in welchem ich verlassen muß, was irdisch ist! Habe ich der Sünde immerfort kräftig widerstanden, und im Kampfe mit ihr muthig fortgekämpft, so darf ich mit Zuversicht hoffen, du werdest mich in einer andern Welt krönen mit der Krone des ewigen Lebens. Ach, darum stehe mir bey auch in diesen Augenblicken gefährlicher Versuchung; laß mich dieselbe glücklich - - 429 überstehen, und dem treu bleiben, was recht und dir gefällig ist! O Herr, hilf! o Herr, laß alles wohlgelingen! Amen. - Gebeth bey der Wiederkehr gewohnter Fehler. Mein Herz ist durchdrungen von Mißmuth und Scham, wenn das Gefühl meiner sittlichen Schwäche mich ergreift, und ich mich von Fehlern überrascht sehe, die mir durch eine lange Gewohnheit fast zur andern Natur geworden sind. O wie unglücklich fühle ich mich bey dem Gedanken, daß ich der ersten Verirrung nicht kräftig und muthvoll widerstanden, daß ich tadelhaften Regungen und Leidenschaften Raum in meinem Herzen gegeben, und dadurch meine sittliche Natur befleckt und verderbt habe! Urquelle alles Guten, Allheiliger! zu dir erhebe ich beschämt meinen Blick und meinen Geist. Geduldig hast du bisher meine Schwachheit getragen, und mich auf verschiedene Weise zu dir zu ziehen geſucht. Aber, ach! die guten Vorsätze, die ich bisweilen faßte, blieben unausgeführt, die Gelübde, die ich dir und der strengen Tugend that, unerfüllt. Hingeriffen hat mich von neuem auch jetzt die Macht der Gewohnheit, und was ich schon so oft begangen, und nie wieder zu begehen gelobt habe, ist von mir abermahls gerhan worden. Gefehlt habe ich von 430 une neuem, und mich deiner Huld und Liebe dadurch unwürdig gemacht. O siehe mit Nachsicht und Schonung auch dießmahl auf meine Schwachheit herab, und verleihe mir Kraft, in Zukunft Fehler zu meiden, die von mir schon so oft begangen worden sind, damit sie nicht noch festere Wurzeln in meinem Innersten fassen, meinen sittlichen Charakter völlig zerrütten, und mich in den Abgrund des Verderbens stürzen. Daß ich auch sie zu besiegen und mich auch von veralteten, tief eingewurzelten Gewohnheiten ganz zu befreyen im Stande sey- diese Wahrheit soll mir lebhaft vorschweben, und mich im Streite mit meinen Neigungen und Begierden kräftigen und stärken. Ihre Besiegung sey noch so schwer möglich ist sie nicht, und wenn ich dabey nur ernstlich zu Werke gehe, dann darf ich mit Zuversicht auf deinen Beystand hoffen. Und so will ich denn an mir bilden und arbeiten, um mich immer mehr und mehr loszuwinden von der Macht übler Gewohnheiten und tadelhafter Lieblingsneigungen; ich will dir, o Gott, und dem, den du gesandt hast, immer ähnlicher zu werden trachten, und wenn Augenblicke kommen, in welchen ich der Gefahr ausgesetzt bin, zu straucheln und zu fallen, will ich meine Zuflucht zu dir nehmen, deine Hülfe anrufen, und daran denken, daß es auf Erden nichts Höheres gibt, als treue Erfüllung der Pflicht, nichts Köstlicheres, als ein reines, vorwurfsfreyes Gewissen, nichts Lohnenderes, als das frohe Bewußtseyn, sich - 1 acanest - 431 deines Beyfalls und deiner Liebe nie unwürdig gemacht zu haben. Und so gelobe ich denn dir, o Allgütiger, und der Tugend neue, ewige Treue. Laß auf meinem Gelübde deinen Segen ruhen; stärke mich bey der Ausführung meiner guten Vorsätze; halte mich aufrecht, wenn ich zu fallen, im Begriffe bin, und laß auch an mir dein Ebenbild immer reiner und glänzender hervortreten, und mich dadurch immer würdiger werden, einst einzugehen in jenes Reich, wo du alle die versammeln willst, die hier auf rechten Wegen einhergingen, und der Pflicht treu blieben, bis ihr Auge sich schloß. Wohl mir, wenn auch ich am Tage der Rechenschaft und der Vergeltung treu erfunden werde, und dich in einer andern Welt schauen darf, so wie du bist! Amen. m - In der Einsamkeit. Wie ist alles um mich so stille, und wie einsam und verlassen fühle ich mich! Doch bange und verzage nicht, mein Herz! Nein, ganz verlassen bin ich nicht! Du, o Gott, bist überall, und verläsfest niemanden, der dich liebt und dir vertraut. Immer, immer bin ich in deiner heiligen Nähe; wo ich auch weilen mag, überall umschwebst du mich mit deiner Allmacht, Weisheit und Güte, und wenn auch alles, alles von mir weicht, und ich auf dieser Welt allein stehe, so kann ich doch getrost und ruhig seyn; denn 432 du bist mir ja immer nah; du ziehest deine Hand von mir nie ganz ab, und deine Rechte schüßet mich. Ach, wie trostvoll und stärkend ist dieser Gedanke für mein Herz! Er schwebe mir immer recht lebhaft vor, und schütze mich vor Unruhe, Trübsinn und Angst. Wenn ich hinblicke auf die Natur, die mich umgibt, und auf die Werke deiner Macht und Weisheit, so will ich freudig daran denken, daß du allen deinen Werken, und also auch mir, immer nahe und gegenwärtig bist! Der gestirnte Himmel soll mich zu dir erheben, und mir zurufen: Der Herr ist nicht fern von dir! Steigt die Sonne empor, so sen sie mir eine Verkündigerinn deiner Nähe! Jedes Ereigniß und jede Erscheinung in deiner unermeßlichen Schöpfung predige mir deine Gegenwart und deine Huld und Liebe. Die Stille, die mich umgibt, stimme mein Gemüth zu frommen Gefühlen und Vorsägen, und mein Herz labe sich ungestört an der Betrachtung deiner Majestät und Herrlichkeit, deiner Weisheit und deiner grenzenlosen Güte. Mein Geist finde Nahrung in stillem Nachdenken über deine göttliche Weltregierung und über alles das, was ich zu thun habe, um dir und Jesu zu gefallen, in der Betrachtung deiner Werke, und im aufmerksamen Lesen und Ueberdenken deines göttlichen Wortes! Und, wahrlich! ich werde mich dann nie ganz einsam und verlassen fühlen. O gib, Allliebender, daß ich meine Einsamkeit treu und redlich zu meiner Vervollkommnung und Besserung benuße, einen tiefen Blick in - — 433 mein Herz werfe, und an der Veredlung desselben mit Ernst und Eifer arbeite! Ist es nur immer ein Wohnplah tugendhafter und frommer Gefühle und Gesinnungen, inniger Liebe zum Guten, lebendigen Glaubens und festen Vertrauens zu dir, dann wird es auch immer ein Wohnplatz stillen Friedens und sanfter Heiterkeit seyn. Um diesen Frieden und um diese Heiterkeit bitte ich dich, Allgütiger! in meiner Einsamkeit, überzeugt, daß du sie mir schenken werdest, wenn ich nur auch das Meinige thue, um sie zu erlangen. Darum will ich stets auf deinen Wegen wandeln, die Sünde meiden, und Gutes thun. Laß auf diesem meinen Bestreben deinen himmlischen Segen ruhen, und sey und bleibe allezeit und überall mit mir, Allliebender! Amen. 1 Gebeth ben drückenden Sorgen. Schwere Sorgen liegen, gleich einer GentnerLast, auf meinem Herzen, und beugen meine Seele danieder. Düstre Nacht umhüllt die kommenden Tage meines Lebens, und meinem Gemüthe graut vor der trüben, unsichern Zukunft! Ach, wie ist aus meiner Brust alle Freude, alles Vertrauen zu mir selbst, alle Hoffnung gewichen! Nur unfreundliche, düstre Bilder umgaukeln meine Seele, nur bange, schmerzliche Gefühle durchkreuzen mein Inneres, und hemmen den Aufschwung meines Geistes und die 37 434 Kraft zu denken und zu handeln. In diesem traurigen Zustande meines Gemüthes, in diesem 3wiespalte mit mir selbst, wo fände ich mehr Trost, mehr Beruhigung und Stärkung als ben dir, o du, der alles lenkt, und der auch mein Schicksal in seiner Hand hat! Zu dir nehme ich denn auch betrübten Herzens meine Zuflucht. Vor dir will ich mein gedrücktes, kummervolles Herz ausschütten. O siehe gnädig und barmherzig auf mich herab! Wo sollte ich sonst Erquickung, Labsal und Hülfe finden, wenn du deine Hand von mir abzögest! Aber, nein! Dieß wirst du nicht. Du bist mein Vater, ich dein Kind. Ein liebevoller Vater vergißt seines Kindes nicht, und läßt es nicht verderben. Und als einen solchen Vater kenne ich dich durch den, den du auch zu meiner Beglückung auf die Erde gesandt hast. Der du die Lilien auf dem Felde kleidest, und die Vögel unter dem Himmel nährest, du wirst mich nicht verlassen; nein! du wirst mich nicht verlassen! Du hast ja bisher deine Hand nicht von mir gezogen; du hast mich vielmehr immer auf deinen Vaterarmen getragen, mich geschüßt, versorgt, gerettet, und wenn du auch, aus weisen und gütigen Absichten, so manche Leiden über mich verhängtest, deine Liebe wich doch nie von mir, deine Huld und Gnade begleitete mich durch alle Labyrinthe meines Lebens, und dein allmächtiger Arm riß mich oft unerwartet aus Verlegenheiten, aus Gefahren und aus der Noth, und gab meinem traurigen Schicksale, wenn 1 435 ich schon verzagen wollte, eine bessere, glücklichere Wendung. Und ich sollte nicht auch in meiner gegenwärtigen bedrängten Lage auf deine Liebe, auf deinen Schutz und deinen Beystand mit frommer Zuversicht rechnen? Nein, du wirst auch jetzt dein liebevolles Antliß nicht von mir wenden; du wirst mich nicht einen Raub des Schicksals werden lassen; du wirst dich wiederum, zu rechter Zeit, an mir beweisen als ein Vater voll Huld und Treue! Darum will ich auch nicht kleinmüthig werden, sondern meinen Sorgen die nöthigen Grenzen setzen, und mich emporzurichten, zu trösten, zu stärken und aufzuheitern suchen. Hinblicken will ich auf den unermeßlichen Segen der Natur, durch den du Millionen und Myriaden von Geschöpfen nährest, erhältst und beglückest. In ihr ist deine schaffende, erhaltende und segnende Hand unaufhörlich thätig, und auch mir wirst du durch sie so viel zu Theil werden lassen, als ich zu meines Lebens Unterhalte bedarf. Nach allen Seiten hin regen sich menschliche Kräfte, und wohlthätig wirken so viele von ihnen durch deinen göttlichen Einfluß auf Verminderung der Noth und des Elendes unter den Sterblichen hin. O wie leicht ist es dir, Allgütiger, ihre wohlthuende Wirksamkeit auch auf mich hinzuleiten, und mir durch sie die nöthige Hülfe und Rettung zufließen zu lassen! Unerschöpflich reich an Gelegenheiten, seine äußere Lage zu verbessern und sich dem Mangel und der Noth glücklich zu entwinden, ist die Zeit. Sie verbirgt in 37* - 436 ihrem dunkeln Schooße wohl auch für mich solcher Gelegenheiten und Mittel genug. Nein, ich will nicht verzagen; die ungewisse Zukunft soll mich nicht ängstigen und quälen; ich weiß, an wen ich glaube; der Herr, mein Gott, verläßt mich nicht! Ach, auch die drückendste Sorge hat ihr Gutes und Heilsames, und du, Allliebender, belastest mein Gemüth durch sie gewiß nur darum, um meinen Geist zu wecken, meine Geduld und mein Vertrauen zu erproben, meine Kräfte zu beleben, meinen Blick tiefer in mein Innerstes und aus diesem hinauf zu dir gen Himmel hin zu lenken, meine Gesinnung zu reinigen, und mein Herz zu bessern und zu veredeln! Diese deine gütige Absicht gehe denn auch bey mir nicht verloren. Es gewinne mein Geist im Gedränge von Sorgen an Selbstständigkeit und Kraft, mein fittlicher Charakter an Festigkeit, mein frommer Glaube an Lebendigkeit, mein Vertrauen und meine Liebe zu dir, o Gott, an Innigkeit und Herzlichkeit! de so weichet denn aus meiner Seele, ihr übertriebenen, quälenden Sorgen alle, und kehre in dieselbe ein, du, o schöne, süße Hoffnung einer bes sern Zukunft, und du, frommer Glaube an die grenzenlose Huld und Weisheit des Unerforschlichen, des sen Rathschläge oft wunderbar sind, der aber am Ende alles herrlich hinaus führt! Treu und redlich will ich allezeit die Pflichten meines Standes und Berufes erfüllen, und jedes rechtmäßige Mittel anwenden, meinem Schicksale eine bessere Wendung - - 437 zu geben. Gelingt mir dieses nicht: so will ich mich durch das Bewußtseyn trösten, daß ich alles gethan habe, was Pflicht und Gewissen verlangten, und den weitern Gang meines Lebens getrost dem anheim stellen, dessen Liebe sich selbst bis auf den geringsten Wurm im Staube erstreckt, und der mich gewiß nicht untergehen lassen wird. Ich werfe dann voll Beruhigung und Hoffnung alle meine Sorgen auf ihn, überzeugt, er werde- so wie für jedes seiner Geschöpfe auch für mich väterlich und treulich sorgen, und zur rechten Zeit mein Leid in Freude verkehren. In diesem Glauben und Vertrauen will ich leben, entbehren, leiden und sterben. Der Herr hat ja noch niemanden, der ihm fest vertraute und redlich seine Wege ging, zu Schanden werden lassen. Darum getrost, mein sorgenvolles, bisweilen zu ängstliches Herz! Gott will allezeit nur dein Bestes und dein Glück! Auch wenn er dich ganz vergessen zu haben scheint; er schützt dich doch! - - Vertrau ihm, meine Seele! Er will dein Unglück nicht; Daß er dein Bestes wähle, Das glaub', und zweifle nicht. Er führt zu einer Wonne, Die, wenn dein Gram entfleucht, Dem Glanze seiner Sonne Nach trüben Tagen gleicht. Entreiß' dich allen Sorgen, das Geh' treu der Tugend Bahn! 08 438 Es bricht vielleicht schon morgen Ein schönrer Tag dir an! - Dann siehst du mit Entzücken Die dunkle Nacht entfliehn, Die deinen schwachen Blicken So undurchdringlich schien! Amen. Gebeth in Tagen der Gefahr und des Unglücks. Allmächtiger, der du das Große, wie das Kleine weise leitest, und die Welt mit deinem allgewaltigen Arm immer so regierst, daß das Beste des unermeßlichen All dabey gewinnen muß, zu dir erhebe ich in stiller Andacht meinen Geist und mein Herz! Traurig und beunruhigend ist meine Lage; es drohen meinem Glücke Gefahren mancherley Art, und über meinem Haupte ziehen sich drohende Ungewitter zusammen; mancher harte Schlag des Schicksals, mancher Unfall, manches schwere Unglück hat mich bereits getroffen, und wie vieles Mißgeschick stehet mir noch bevor! Schwer liegt die Gegenwart mit ihren Unfällen und Lasten auf mir, und manche ängstliche Besorgnisse erregt die dunkle Zukunft in meinem Innersten. Mein kummervolles, gebeugtes Herz bangt und zagt, und sieht den kommenden Tagen mit Furcht und Zittern entgegen. Bey dir allein ist Trost und Hülfe, o Herr! und 439 darum naht sich auch meine Seele voll frommer Zuversicht deinem heiligen Angesicht. O sende ihr von deinen Himmeln Trost und Stärkung herab, und erquicke sie durch die liebevollen Zusprüche der Religion! Warum sollte ich zagen und verzweifeln! Weiß ich doch, daß du die Schicksale der Welt in deiner Hand hast, und auch die meinigen väterlich leitest! Hast du dich doch immer bewiesen als einen eben so allmächtigen, als weisen und gütigen Regierer der Welt, als einen liebevollen Vater, der das Glück seiner Kinder nie aus dem Auge verliert, und sie selbst dann segnet, wenn er schwere Prüfungen, Entbehrungen, Kämpfe und Leiden über sie verhängt. Wie unendlich viele Proben deiner Huld und Gnade habe auch ich bisher erhalten! wie liebreich hast du mir beygestanden in mancher Verlegenheit und Noth! wie wunderbar hast du mir geholfen und mich gerettet, wenn keine Hülfe und Rettung mehr möglich schien! wie oft hatte auch ich Veranlassung, dir dafür zu danken, daß du mir Manches versagtest, manche meiner Wünsche und Hoffnungen vereiteltest, mich durch manche Widerwärtigkeiten und Drangsale zu prüfen, zu üben, zu bilden und zu veredeln suchtest! Ja, Herr, geof= fenbaret hast du dich allezeit auch an mir als ein liebevoller, gnädiger und barmherziger Gott! Darum will ich dir auch jetzt vertrauen, wo mich so vieles ängstigt und danieder beugt! Habe ich nur die Leiden, die mich treffen, nicht selbst verschuldet, dann - 1 440 kann ich getrost und ruhig seyn. Du wirst mich in den Gefahren, die mir drohen, und bey den Unfällen, die mich betroffen haben, nicht untergehen und verderben lassen, wenn ich nur alle meine Kräfte an wende, sie abzuwenden und zu erleichtern, wenn ich nur fortwährend treu und redlich meine Pflicht erfülle, und dir mit ganzer Seele vertraue. Besitze ich nur ein reines, unbeflecktes Gewissen und die frohe Ueberzeugung von deinem Wohlgefallen und deiner Liebe, o Gott! dann ist nichts im Stande, mich ganz danieder zu beugen; und sollte ich auch noch so große Verluste erleiden, und noch so hartes Unglück erfahren, ich besitze immer noch viel, und kann nie ganz unglücklich seyn. Mit ihrem sanf ten Troste und ihrer heilenden Kraft tritt dann die Hoffnung vor meine leidende Seele, weiset mich nach den Himmeln, den Verkündigern deiner Macht und Weisheit und Güte, hin, und erhellet mir die düstern Aussichten in die ungewisse Zukunft, und schmerzlindernd, erquickend und stärkend ertönt meinem verwundeten Herzen des Sängers Zuruf: - - Die Hand, die uns durch dieses Dunkel führt, Läßt uns dem Elend nicht zum Raube Und wenn die Hoffnung auch den letzten Ankergrund verliert, di So laß uns fest an diesem Glauben halten; Ein einz'ger Augenblick kann Alles umgestalten! 441 Gebeth ben innern Leiden und in Stunden der Schwermuth und Traurigkeit*). S du, der Traurigen Trost, der Schwachen Stärke, der Verzweifelnden Hoffnung, allmächtiger und liebevoller Gott! mit kummervollem Herzen erscheine ich vor dir, und flehe von dir Labsal und Erquickung für meine bangende Seele! Tief in meinem Innersten fühle ich mich schmerzlich ergriffen, fühle mich durchdrungen von Traurigkeit und beängstigender Unruhe des Gemüthes, und will oft vergehen vor Furcht und banger Besorgniß. Welt und Leben haben fast allen Reiß für mich verloren; so manche schmerzliche Erfahrungen und Kränkungen haben meinen Muth geschwächt, und meinem Herzen seinen Frieden und seine Heiterkeit geraubt; unzufrieden mit mir selbst und mit allem, was mich umgibt, erblicke ich in der Gegenwart nur ein freudenloses Seyn, in der Erde nur einen düstern Aufenthaltsort, in der Zukunft nur Mühe, Verdruß und bittre Leiden. O du, der du mit Huld und Liebe auch über mich waltest, und mein wahres - *) In dem bey Heubner, in Wien, erschienenen Werke: Trostbuch für Leidende, von J. Glag( dritte Auflage), und den an dasselbe sich anschließenden Beyspielen von Leidenden und unglücklichen ( zweyte Auflage), findet man für jede Art menschlichen Leidens Gründe des Trostes und der Beruhigung. 442 Wohl nie aus dem Auge verlierst, vergib meiner Schwäche und Ohnmacht, und rechne mir den Mangel an Zuversicht und Vertrauen nicht an, der sich in meinem Verhalten nur zu oft offenbaret! Sende mir vom Himmel deinen guten Geist, und laß mich erkennen, was zu meinem wahren Frieden dient. Einen tiefern Blick will ich in mein Innerstes werfen, und ernstlich untersuchen, ob der Grund meines Kummers und meiner Gemüthsunruhe nicht in mir selbst liege. Habe ich sie verschuldet, die innern Leiden, die mich drücken: o so will ich daran denken, daß du dem reumüthigen, bußfertigen Sünder gern vergibst, wenn er sich deinem Richterstuhle mit dem ernsten Vorsaße der Besserung naht; ich will das Unrecht bereuen, das ich beging; ich will mit Strenge an meiner Sinnesänderung arbeiten, und mich bestreben, ein neuer, tugendhafter, dir wohlgefälliger Mensch und dadurch deiner Gnade und Liebe würdig zu werden. Und Trost wird sich dann in meine Seele senken, und mein geängstigtes Herz wird sich beruhigt, erheitert und neu belebt fühlen. - - Wohl mir, wenn ich mir keine Vergehungen und Fehltritte vorzuwerfen habe! Wie zuversichtsvoll kann ich dann zu dir empor blicken, Allwissender, der du tief in das Verborgene siehst! Begegnet mir auch noch so viel Unangenehmes; mein Gewissen ist unbefleckt; und ich kann ruhig seyn. Mögen Unwissenheit, Leichtsinn und Boßheit mich verfolgen und kränken: ich verdiene dieses harte Schicksal ♥ - 443 - nicht; dieß tröste mich! Schmerzliche Verluste sind Schickungen deiner Weisheit und Liebe, und sie sollen mich nicht ganz danieder beugen. Meine Zukunft sen noch so dunkel und unsicher; wenn ich nur treu und redlich meine Pflicht erfülle, so wirst du, der du die Lilien und das Gras auf dem Felde kleidest, und ohne dessen Zulassung kein Haar auf unserm Haupte gekrümmt werden kann, mich nicht verderben lassen, und ich kann den kommenden Tagen getrost entgegen gehen. Traurige Ahnungen und bange Gefühle sollen mich nicht überwältigen; sie sind oft ohne allen Grund, und ich will mich ihnen nicht ohnmächtig überlassen, sondern ihnen widerstehen, und durch Gründe der Vernunft und der Religion mich zu beruhigen und aufzuheitern bemüht seyn. Durch meinen Trübsinn, meine Laune und Unzufriedenheit sollen die, die mich umgeben, niemahls leiden, und wenn ich mich auch nicht alles Unmuthes und Grams entschlagen kann, so will ich doch dafür sorgen, daß ich ihn allein trage, und Andre in ihrem Lebensgenusse nicht störe. Sind nur alle meine Gedanken, Wünsche, Gefühle, Gesinnungen und Handlungen rein und edel: o was könnte mich dann beunruhigen! wie sollte ich dann nicht voll froher Zuversicht zu dir, Allgütiger, und in die Nacht der ungewissen 3ukunft blicken! Kommen Augenblicke, wo meine Seele bangt und zagt: der Gedanke an dich, der du mich immerfort umschwebst und auf deinen Vaterarmen trägst, trete dann vor sie hin, und verscheuche 444 aus ihr alle Furcht und Angst. Wenn ich mir bisweilen ganz verlassen scheine, und meine Gemüthsstimmung an Verzweiflung grenzt: o dann hebe sich im Stillen mein Herz zu dir empor, und die Erin nerung an deine Allgegenwart und Liebe besänftige meinen Schmerz, mildre meinen Kummer, und be lebe von neuem meine Hoffnung und meinen Muth. Was könnte mir schaden, wenn du mich beschützest! O Herr, wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde, und wenn mir gleich Seele und Leib verschmachtet, so bleibst du doch meines Herzens Trost und mein Theil! Meine düstre Seele blicke oft nach dem gestirnten Himmel, der so laut die Weisheit verkündigt, mit der du deine Welten lenkst, und wenn sie bangt und zagt, will ich sie über den Staub der Erde zu erheben suchen, und ihr mit dem frommen Sänger zurufen: - - Wenn dich die Wolken des Trübfinns umgrauen, Heb zu den Sternen den sinkenden Muth; Habe nur hohes, festes Vertrauen; Guten ergeht es am Ende doch gut! Ben einem beschwerde- und unruhvollen Leben. * Ihr stillen, ruhigen Augenblicke, deren mein Leben, ach, so wenige zählt! send meinem Herzen willkommen, und der heiligen Andacht geweiht, auf 445 deren Flügeln ich mich zu dem emporschwinge, dem auch der geringste Wurm im Staube nicht fremd bleibt, und der auch mich ins Daseyn gerufen hat, und mit seiner Huld und Liebe umfaßt. Ja, Herr! mit frommer Demuth und Rührung erscheine ich vor deinem Throne, und fühle mich in deiner Nähe aufgerichtet, getröstet, und durch selige Hoffnungen gestärkt! Ach, wie sehr bedarf meine Seele und mein Gemüth dieser Erhebung, dieses Trostes und dieser Stärkung! Unruhe, Mühe und Anstrengung begleiz ten mich auf meinem Wege durch's Leben, beugen mich nur zu oft danieder, und rauben bisweilen meiner Seele alle Kraft, alle Heiterkeit und allen Muth. Gedrängt und gedrückt durch einen immerwährenden Wechsel von Sorgen, Arbeiten und Beschwerden, will mein Herz oft ganz ermatten und verzagen, und sehnet sich selbst aus dem Genusse dieser Welt hinweg nach des stillen Grabes Ruh'. Herr, mein Schöpfer, mein Erhalter, mein Vater! vergib, o vergib mir diese Schwäche des Herzens! Ich erscheine flehend vor dir, Allgütiger! Erhöre mein Gebeth! Laß mich nie ermüden im Dienste der Pflicht, nie ermatten in meinem Berufe, nie verdrossen seyn und trostlos verzagen, wenn sich bey mir Unruhe an Unruhe, Mühe an Mühe, Beschwerde an Beschwerde, Entbehrung an Entbehrung reiht! Du bist es, Allweiser und Allgütiger! du bist es, der mich auf den Plaß, auf dem ich stehe, hingestellt, und in die Lage gesegt hat, in der ich mich befinde, und du willst, daß - - 446 ich in derselben treu und redlich thätig und mit mei nem Schicksale zufrieden sey. Das will ich nie vergeffen, und wenn ich die Last des Lebens, die auf mir ruht, zu drückend finden und ihr unterliegen, wenn ich in der Hitze des Tages verschmachten will, soll meine Seele sich emporschwingen zu dir, und der Gedanke, daß du es bist, der diese Hiße sendet und jene Last mir auferlegt, soll mich dann stärken, aufrichten und zu dem Entschlusse begeistern, auch die sorgen und beschwerdevollsten Tage meines Lebens mit frommer Dankbarkeit aus deiner Hand zu empfangen, mit stiller Ergebung in deinen heiligen Willen die Lasten und Entbehrungen derselben zu ertragen, in der Ausübung meiner Pflichten nie zu ermüden, und auch hierdurch dem großen Erlöser der Welt ähnlich zu werden, der den Bedrängten liebreich zuruft: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen send; ich will euch erquicken; bey mir sollt ihr Ruhe finden für eure Seele! Ja, auch ich will zu ihm kommen, und bey ihm die Ruhe suchen, nach der mein gedrücktes Herz sich oft genug so mächtig sehnt! Das Vorbild, das er mir gelassen hat, soll stärkend und aneifernd für mich seyn, und seine Versicherung, daß du, o Gott, uns nie verläsfest, so wie der Zuruf seines Apostels: Lasset uns Gutes thun, und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten ohne Aufhören! sollen ihre Wirkung an mir nie verfehlen, und mich zur Geduld und Standhaftigkeit und zu ununterbro- - 447 chener Pflichttreue stimmen, ermuntern und stärken! Und so will ich denn mit meinem Loose auf Erden nicht unzufrieden seyn und jede Klage unterdrücken, die der gepreßten Brust entsteigen will; ich will mich oft beruhigen durch den trostreichen Gedanken, daß du, Allgütiger! niemanden mehr auferlegst, als er zu ertragen vermag, und daß du ihm zu rechter Zeit jede Bürde und jedes Leiden abnimmst; will mich erfreuen durch die Ueberzeugung, daß ich nicht fruchtlos thätig bin, und zum allgemeinen Besten das Meinige mit beytrage; will das Herz erquicken und erheben durch die schöne, erfreuliche Hoffnung, daß meiner ein Tag der Ruhe und der Vergeltung und ein Leben voll Wonne und Seligkeit harrt! Darum scheue, o du, mein Herz, keine Sorge, keine Unruhe, keine Entbehrung und keine Erdenlast! Auch für dich, auch für dich ist eine Ruh' vorhanden und ein Himmel, in den du einst eintreten und Gott schauen sollst, so wie er ist! Trage, dulde willig und getrost, was dir hienieden auferlegt und beschieden ist, und setze still heitern Sinnes und voll frommen Muthes deine Pilgerreise fort. Es winkt dir ein schönes Ziel und an diesem Ziel die Krone des ewigen Lebens. Arbeite und bethe; säe und pflanze im Reiche Gottes ohne Unterlaß und flehe ihn um seinen Segen an, und du wirst dich schon hier so mancher Früchte deines Fleißes erfreuen können, einst aber ernten ohne Aufhören. Alliebender, von dem alles Gedeihen kommt, segne diese meine - - pa 448 guten Entschließungen! O Herr, hilf, o Herr, laß alles wohl gelingen! - Maecet BRY - Im Kampfe mit ungerechter feindſeliger Begegnung. Zu dir, der du tief in's Verborgene siehst und die geheimsten Falten unsers Herzens kennst, nehme ich meine Zuflucht in dem Gedränge schmerzlicher Erfahrungen, an denen mein Leben so reich, und herber Empfindungen, von denen meine Seele erfüllt ist! Bey dir, o Herr! suche ich Trost, Stärkung und Muth! Offen liegt vor deinem allsehenden Auge mein Innerstes; du kennest alle meine Gedanken, alle, auch die leisesten, Regungen und Wünsche meines Herzens, alle meine Absichten und Gesinnungen, all' mein Wollen und Thun. Allwissender und Allheiliger! vor dir ist selbst der Beste nicht ganz frey von Mängeln und Fehlern, und auch ich, auch ich bin immerfort ein schwaches, unvollkommenes Geschöpf. Doch daß ich es redlich meine, daß mein Wille auf das Gute hingerichtet, meine Absichten und Bestrebungen rein, untadelhaft und so beschaffen sind, daß ich vor dir und meinem Gewis sen bestehen kann; daß ich in meinem Berufe gewis senhaft und eifrig meine Pflichten zu erfüllen suche, und daß es mir am Herzen liege, das Bahre, Rechte und Bessere, so viel an mir ist, zu fördern, 449 gute Zwecke muthig zu verfolgen, für das Wohl meiner Mitmenschen immer nüßlich thätig und in allen meinen Verhältnissen ganz das zu seyn, was ich in denselben nach deinem Willen seyn soll: das Allwissender! ist dir nicht verborgen und unbekannt. O welch' ein trostvoller, erheiternder Gedanke für mich, wenn ich mit den Ränken der Unwissenheit, des Leichtsinnes und der Boßheit, mit Haß und Verläumdung, mit ungerechter, liebloser Begegnung und feindseligem Widerstande zu kämpfen habe! Wenn mich auch die ganze Welt verkennen, meine Absichten und mein Thun und Lassen mißdeuten, mich tief an meiner Ehre kränken, und meine wohlgemeinten Bestrebungen auf eine ungerechte Weise hemmen und vereiteln sollte: selbst dann will ich nicht kleinmüthig und trostlos seyn; denn ich weiß, du, o Herr, kennest mich, und versagst mir deine Liebe und deinen Beyfall nicht! So laß denn diesen Gedanken recht oft und recht lebendig meiner Seele vorschweben, und verleihe mir durch ihn Muth und Kraft, standhaft auf der Bahn des Rechten fortzuwandeln, und unter allen Umständen und selbst bey dem feindseligsten Widerstande allem dem, was recht und gut und edel ist, immer treu zu bleiben, treu bis in den Tod! Erfülle mich dabey mit jener christlichen Liebe, die dem Feinde nicht Böses mit Bösem vergilt, sondern ihm vielmehr, gibt sich die Gelegenheit dazu, wohlwollend und im Stillen 38 - - 450 Gutes erweiset. Laß mich immer eingedenk der schönen Worte bleiben: - - Sich nicht rächen; auch dann nicht, wenn Rache Gerechtigkeit wäre, Das ist edel; erhaben ist's, den Beleidiger lieben; Ihn mit geheimem Wohlthun im Elend erquicken, ist himmlisch. Herr, von dem kein redliches Wollen und Thun unbemerkt und unbelohnt bleibt! du wirst auch das, was Gutes an mir ist, nicht ungesegnet las sen, und zu rechter Zeit dasselbe an den Tag bringen, das Unrecht, das mir widerfährt, in gerechte Würdigung meiner Verdienste, und meine gegenwärtigen Trübsale in Freude verwandeln! Trage daher still und geduldig die Schmerzen und Leiden, die dir so oft von der Lieblosigkeit und Ungerechtigkeit verursacht werden, o du, mein Herz! und vertraue Gott! Er wird auch dich zu Ehren bringen und dich segnen in Ewigkeit! Gebeth um ein zufriednes Herz. im Gütiger Vater im Himmel, der du überall und immer deine milde Hand aufthust, und alles sättigest mit Wohlgefallen! o schenke mir vor allem andern ein ruhiges, zufriednes Herz! Denn besitze ich dieß, so habe ich schon auf Erden den Himmel; fehlt es 451 mir aber an Zufriedenheit der Seele, so bin ich unglücklich, auch wenn ich alle Reichthümer der Welt besäße. O so sey mir denn gnädig, Allliebender! und senke Frieden und stille Heiterkeit vom Himmel in mein Gemüth, und laß mich mit der größten Sorgfalt darnach streben und ringen, daß mein Herz immer ruhig, gelassen und mit sich und der Welt zufrieden bleibe. Sollte es auch nur wenig seyn, was ich an irdischen Gütern besitze, ja sollte ich selbst bisweilen mit Mangel und Noth zu kämpfen haben; meinen innern Frieden und Gleichmuth will ich deßhalb nicht verlieren, sondern mich mit dem begnügen, was mir durch deine Güte zu Theil wird, und dabey stets der Worte des Apostels gedenken: ,, Es ist ein großer Gewinn, wer gottselig ist, und lässet ihm genügen. Denn wir haben nichts in die Welt gebracht, darum offenbar ist, wir werden auch nichts hinausbringen. Wenn wir aber Nahrung und Kleider haben, so lasset uns begnügen." Allbarmherziger! o laß mich stets bedenken, daß ein zufriednes, still- heitres Herz der größte Reichthum sey, den ich zu besitzen vermag, und daß dieser Reichthum durch nichts am sichersten erworben werden könne, als durch eine rechtschaffene, fromme und wahrhaft christliche Denk- und Lebensweise. Daher will ich mich allezeit ernstlich bestreben, mein Gewissen frey zu erhalten von aller Schuld, jeden ungeregelten Trieb, jede verwerfliche Begierde und jede übertriebene oder tadelhafte Lei38* - - 452 denschaft in meinem Innern zu mäßigen oder ganz zu unterdrücken, alle meine Pflichten treu und redlich zu erfüllen, und in allen Umständen und Lagen. meines Lebens dich, o Gott, vor Augen zu haben, deine Gebothe zu halten, und deiner Weisheit und Güte fest zu vertrauen. Kommen dann auch Tage, die schwer und drückend für mich sind, so werde ich doch den Frieden meiner Seele darüber nicht sogleich verlieren, sondern mich mit dem Bewußtseyn treu erfüllter Pflicht und mit der Ueberzeugung zu trösten wissen, daß ich deines Wohlgefallens und deiner Huld und Liebe nicht unwürdig bin. Oft, recht oft sollen in meiner Seele die wahren Worte des Dichters wiederhallen: -- - Wer des Lebens Harm und Schmerz Leichter will ertragen, Habe nur ein reines Herz, Und er darf nicht zagen, Und die Tage schweren Zugs, Die ihm nicht gefallen, Werden endlich leichten Flugs Ihm vorüber wallen. Und so will ich denn immer auf dem Wege des Rechten und Guten unverrückt fortwandeln, dir, o Herr! mit ganzer Seele vertrauen, von dir immer das Beste hoffen, und zufrieden und still- heitern Sinnes durch die Labyrinthe dieses Lebens gehen. Wenn du es auch für gut finden solltest, mich durch schmerzliche Verluste, Unfälle und Leiden zu prüfen; ich werde immer dabey sagen: Herr, es geschehe 88 - 453 dein heiliger Wille! Aber immer werde ich dabey flehen: Schenke und erhalte mir nur, o Gott, ein ruhiges, zufriednes Herz! Und diese meine inbrünstige Bitte wirst du, Allgütiger! nicht unerfüllt lassen, wenn ich dabey nur auch das Meinige treu und redlich thue. Deine Huld und Gnade wird sie erhören, und ich werde dich dafür preisen in alle Ewigkeit! Amen. Hinblick auf die Vergangenheit und Zukunft. Schnell sind die Lage meines bisherigen Lebens dahin geschwunden, und schnell genug war auch von mir vergessen, was mir in denselben an Freude und Leid zu Theil geworden ist! Aber heilsam für meinen Geist und mein Herz kann die Erinnerung daran seyn. Darum will ich sie bisweilen erneuern, und auch diese stillen Augenblicke seyen ihr geweiht! Umringt von Gefahren aller Art sah ich mich im ganzen Laufe meines Lebens, besonders in den Tagen meiner Kindheit und Jugend. Aber sie gingen an mir vorüber, und gerettet ward ich oft, wann ich schon am Abgrunde des Verderbens stand. Eine höhere Hand hielt, ein starker Arm schützte, eine unsichtbare Macht rettete mich. Ja, du warst es, Allgütiger! der sein Vaterauge niemahls von mir wandte, stets über mich wachte, und mich tau 454 send und abermahl tausend Gefahren entriß. Daß ich nicht schon längst ein Opfer solcher Gefahren, eine Beute des Todes geworden bin, verdanke ich deiner Barmherzigkeit und Liebe. - - Schwach und unbeholfen lag ich da, als ich den Schauplah meines irdischen Daseyns betrat; unentwickelt waren alle Kräfte, Gaben und Anlagen meiner Natur, und ohne fremden Beystand war mein Untergang gewiß, blieb mein ganzes Wesen ungebildet und roh. Aber du, o Herr, ließest mich nicht ohne Hülfe! Der Mutter Liebe wecktest du für mich, und richtetest des Vaters Sorgen auf mich und auf mein Bestes hin. Es wachte nun der Weltern treue Zärtlichkeit für mein leibliches und geistiges Wohl; wohl bewahrt und beschützt lag ich als Säugling in der Mutter Urm, und wuchs an guter Weltern Hand, treu geleitet durch die Hand erfahrner Lehrer, und genährt durch mancherley Kenntniß und Wissenschaft, kräftig und fröhlich empor. Meinen Körper zu stärken, meine geistigen Anlagen und Kräfte zu entwickeln und zu üben, meinem Willen eine feste Richtung auf das Rechte und Gute und nach oben hin zu geben, und mir hierdurch eine unversiegbare Quelle der Freude, des Trostes und der Aufheiterung und Stärkung zu öffnen, dazu gabst du, Allheiliger, mir tausendfache Gelegenheit, und wenn ich mich grober Unwissenheit und schädlichen Vorurtheilen entrissen, durch manche nüßliche Kenntnisse und Einsichten erfreut, durch das Licht 455 der Religion erleuchtet und erwärmet, und durch des frommen Glaubens Macht und Seligkeit gehoben und beglückt fühle: so ist dieß alles dein Werk, Alliebender! Denn von dir allein kommt alles, und alles, alles gedeihet nur durch dich und deinen Segen. - Wer könnte sie zählen, all' die Annehmlichkeiten und Freuden, die du mir auf meinem Lebenswege, heitern Blumen gleich, erblühen ließest! Gesundheit und Frohsinn begleiteten mich auf einem großen Theile dieses Lebensweges, und im Tempel der Natur, im traulichen Verkehr mit Andern, in der Freundschaft und der Liebe Schooß, im Betrachten so mancher Werke der Kunst und Wissenschaft, in dem glücklichen Fortgange meiner Geschäfte, in dem Bewußtseyn treu erfüllter Pflicht, im stillen Nachdenken über die wichtigeren Angelegenheiten des Herzens und Lebens, und in dem hehren Heiligthume der Religion- o wie unendlich vielė Freuden genoß ich da, und wie oft grenzte meine Freude an Himmelswonne und an Seligkeit! Doch auch an manchem Kummer und Leiden ließest du es mir nicht fehlen, Unerforschlicher, und auch ich empfand den Unbestand und Wechsel alles Irdischen, so mancher schweren Sorge Last, so manche Vereitlung meiner schönsten Hoffnungen und Wünsche, so mancher Täuschung, so manchen Unfalls, so mancher Trennung herben Schmerz, und wollte oft vergehen vor Gram, vor Bangigkeit und Angst. 456 Doch auch hierdurch hat deine Weisheit und Güte, o Gott, nur allein mein innres, höheres Wohl bezweckt. Auch durch die äußern und innern Leiden, die du über mich verhängtest, offenbarte sich deine Liebe zu mir. Du hast mich durch sie geübt und gebildet, der Trägheit und dem Leichtsinne entrissen, meine Kraft gestärkt, mich in mein Innerstes zurückgetrieben, den Blick vom Staube dieser Erde zu einer höheren Ordnung der Dinge hingeleitet, mein Herz veredelt, meinen Glauben an dich befestigt, und durch dieß alles mein wahres Glück gegründet und erhöht. Ach, wenn ich sie mit Aufmerksamkeit und Nachdenken und im Zusammenhange überblicke, all' die Ereignisse und Erfahrungen meines bisherigen Lebens: so finde ich überall Spuren der höchsten Weisheit und Güte, und sehe es nun in aller Klarheit, wie gut du es, Allliebender, mit deinem kurzsichtigen, schwachen Kinde meintest, wenn du meine, oft so thörichten Wünsche und Hoffnungen nicht in Erfüllung gehen ließest, mir versagtest, worum ich bath, und meinem Schicksale nicht selten eine ganz andere Richtung gabst, als ich erwartete, auch dann, auch dann hast du mich gesegnet, All gütiger! und auch aus den Leiden, die du über mich kommen ließest, hast du Vortheile für mein Heil entspringen lassen. Und dabey hast du mir alles Unangenehme und Schmerzliche auf mancherley Art gemildert, jedes Ungemach und jede Last erleichtert, - - 457 meinen Leiden zur rechten Zeit ein Biel gesetzt, und sie oft genug in Freude verwandelt. 20 O für dieß alles nimm meinen herzlichsten Dank, Allliebender! Laut ruft mir die Vergangenheit zu: ,, Es waltet über dir ein allmächtiger, allweiser und allgütiger Gott! Er bewacht, er schüßt, er rettet und beglücket dich! Ihm vertraue ganz, und hoffe in allen Lagen deines Lebens von ihm allezeit das Beste!" Ja, dir, o Gott, will ich mit ganzer Seele vertrauen. Du hast bisher große Dinge an mir gethan, und wirst auch fernerhin mit mir seyn.. Getroft blicke meine Seele in das Dunkel der Zukunft hin. Die Vergangenheit bürgt mir dafür, daß auch meine kommenden Tage reich an Beweisen von deiner göttlichen Gnade und Barmherzigkeit seyn werden, o du, der du niemanden verlässest, der dir vertraut! Ich will daher ruhig und getrost meinen Lebensweg fortwandeln, treu und redlich jede meiner Pflichten erfüllen, das Angenehme, das du mir zu Theil werden läsfest, mit Dank und Mäßigung genießen, jedes Leiden, das du mir schickst, mit Geduld und frommer Ergebung in deinen heiligen Willen tragen, dir fest vertrauen, und mit heiterem Sinn auf meine wahre Heimath hinüber blicken, eingedenk der Worte eines verklärten Sängers: - Der Fromme sieht am Ziel der Zeiten Voll Trost auf das Vergangne hin, Und schwingt sich zu den Ewigkeiten, 39 bit 458 Wo nicht, wie hier, die Freuden fliehn, dis! Und wo der Gott, den er hier liebt, Ihn mit des Himmels Glanz umgibt. 1 1 mis tid s Bey furchtbaren Natur- Erscheinungen. Großer Schöpfer und Regierer alles dessen, was da ist und geschieht! unter deiner Aufsicht und Leitung stehet auch die Natur mit all' ihren Erscheinungen, und alles, was du in derselben zuläsfest, ist für das große Ganze des Weltalls nothwendig, nüßlich und heilsam! Ach, nicht immer herrschen in ihr Stille, Ruhe und Anmuth; der Elemente furchtbare Gewalt äußert sich bisweilen auf eine alles erschütternde Art, und die Verheerungen, die sie zuweilen anrichten, sind dazu geeignet, das menschliche Herz mit Bangigkeit, Angst und Trauer zu erfüllen. Auch jetzt scheint alles um mich herum in deiner großen Schöpfung in Aufruhr; die Elemente der Natur toben gewaltig, und drohen nach allen Seiten hin Gefahr, Unglück, Verwüstung und Untergang. Doch warum wollte ich daben zittern und zagen! Weiß ich doch, daß dein allmächtiger Arm alles trägt, alles lenkt, alles schützt und beherrscht, und nichts ohne weise und gütige Absichten geschehen läßt. Was mir als so furchtbar erscheint, ist unstreitig für die große Haushaltung der 459 Natur nothwendig und von wohlthätigem Einflusse auf das Ganze der Schöpfung. Es wird vielleicht dadurch die Fruchtbarkeit der Erde, das Gedeihen dessen, was sie hervorbringt, und alles das befördert, was zur Abwendung großer Uebel, gefährlicher Krankheiten und zu früher und häufiger Todesfälle erforderlich und dazu geeignet ist, auf die Gesundheit und die Verlängerung des Lebens der Geschöpfe mächtig und heilsam einzuwirken. Du allein, o Gott, übersiehest das Ganze; du allein weißt es, was demselben zuträglich ist, und manches, was dem schwachen, kurzsichtigen Sterblichen als ein furchtbares Uebel erscheint, dient nur dazu, die Ordnung in der Natur aufrecht zu erhalten, und den Myriaden deiner Geschöpfe Vortheil zu gewähren! Hieran will ich mich auch bey dem gegenwärtigen Aufruhr und Toben der Natur> Elemente recht lebhaft erinnern, und dankbar segnen deine Vaterhand, die uns auch dann wohl thut, wenn sie Erscheinungen herben führt, die gefahrdrohend, furchtbar und zerstörend sind. mond bint - 19 Du hast mir, Allgütiger, Verstand verliehen, und biethest mir manche Mittel an, mich vor Ge fahr, Unglück und Untergang zu schüßen. Das Verliehene und Dargebothene will ich denn auch jetzt treulich benüßen! ich will mich fassen und ruhig überlegen, was ich zu meiner Sicherung und Rettung zu thun vermag, und sorgfältig in Ausführung bringen, was Verstand und Umstände mir anrathen; 39* 460 ich will mich nicht leichtsinnig in Gefahr begeben, sondern mich verständig verhalten und mit Ueberlegung, Ruhe und Besonnenheit handeln, eingedenk der Wahrheit, daß die Gefahr für den Menschen in dem Grade größer wird, in welchem er seine Fas sung und Geistesgegenwart verliert. Habe ich alles gethan, was mich zu sichern, zu schüßen und zu retten vermag, dann will ich auch gefaßt und ruhig seyn. Ich habe dann geleistet, was mir die Pflicht zu meiner Selbsterhaltung vorschreibt, und kann getrost dem Ausgange der Natur- Erschütterung entgegen sehen. Mein Leben und mein Glück, so wie das Leben und das Glück der Meinigen stehen in deiner Hand, o Herr! Was du hierüber beschlieBest, wird gut seyn. Dein allgewaltiger Arm schwebt auch über mir, und deine Rechte schüßzet mich; du hast mich ja bisher so väterlich geleitet und be= schirmt, und wirst deine Hand auch jetzt nicht abziehen von mir. Deine Liebe waltet über mir, und ich sollte nicht ruhig seyn? Du hast dich stets als Vater gegen mich bewiesen, und ich sollte dir nicht vertrauen in der Stunde des Schreckens und der Gefahr? bir ne e bom vi ndivid din So besänftige und beruhige dich, mein bangendes Herz! Gott ist mit mir, und wird alles so leiz ten, wie es meinem wahren Wohle nothwendig ist! Fasse Muth, zagende Seele! Ohne des Alliebenden Zulassung darf kein Haar auf meinem Haupte gekrümmt werden! Furchtbar toben die Elemente der 08 - - 461 Natur; aber der, der mein Schuß und Schirm ist, ist stärker als all' ihre Gewalt; ein Wink von ihm, und ihr Aufruhr muß sich legen, und an seine Stelle wieder Ruhe und Anmuth treten. - - Allgütiger! dir nah' ich mich in diesen düstern, gefahrdrohenden Augenblicken; ich nahe mich dir mit kindlicher Zuversicht! Laß mich den Gefühlen der Angst und Furcht nicht unterliegen, sondern richte meine Seele auf, und erfülle sie mit Kraft, Besonnenheit und Muth. Dient es zu meinem Besten, so schütze meine Gesundheit, mein Leben und was du mir an Hab und Gut hienieden verliehen hast! Setze zu rechter Zeit dem Aufruhre der Elemente Grenzen, und laß uns die Natur bald wieder in ihrer freundlichen und anmuthvollen Gestalt erscheinen, und aus ihrem Füllhorne nur Segen, Heiterkeit und Freude strömen. Du bist ja unser aller Vater, und wohl zu thun und deine Geschöpfe zu erfreuen und zu beglücken, ist deine höchste Seligkeit. Sen mit uns! sey mit uns, o Vater unser aller! Amen. 18 Gebeth in Kriegszeiten. Zu dir, Allmächtiger, der du die Schicksale der Völker mit Weisheit leitest, und ihre Wohlfahrt oft durch harte Mittel, durch Drangsale und schwere Leiden beförderst, blicken wir jetzt, ge 462 ängstigt, aber doch voll Vertrauens, empor. Der Friede mit seinen vielfachen Segnungen ist davon geflohen, und Haß, 3wietracht, feindselige Spannung und des Krieges Gräuel sind an seine Stelle getreten, und erfüllen ganze Länder und Nationen mit Bangigkeit und Furcht. Friedliche Fluren und Felder werden verwüstet, die Künste und Beschäftigungen des Friedens, Handel und Gewerbe sind gehemmt, Tausende haben bereits Habe und Gut verloren, und Tausende müssen auf diesen Verlust gefaßt seyn; Unzählige sind im blutigen Kampfe gefallen, Unzählige werden noch ein Opfer des Todes und traurige Gegenstände der Verstümmlung werden. O vergib es uns, allgewaltiger Herr und Regierer der Welt, wenn wir unter solchen Gefahren und Drangsalen trauernd gen Himmel blicken, und oft verschmachten wollen vor Furcht und vor Erwarten der Dinge, die noch kommen sollen auf Erden! Aber wir wollen uns zu fassen suchen, wir wollen uns recht lebhaft die Wahrheit vergegen= wärtigen, daß dein allmächtiger Arm über deine unermeßliche Schöpfung waltet, deine Liebe uns schüßt, und deine Weisheit und Güte zu rechter Zeit die Wuth feindseliger Leidenschaften besänftigen, dem Blutvergießen ein Ende machen, und den Völkern der Erde das Glück des Friedens wieder schenken werde. Du leitest ja die Herzen der Könige wie Wasserbäche, und rufft ihnen, wenn sie bey der Anwendung ihrer Herrschergewalt Maß und Ziel -- 463 = überschreiten wollen, mächtig zu: bis hieher und nicht weiter! Darum wollen wir dir auch in dieser gefahr und unruhvollen Zeit von ganzem Herzen vertrauen, und von dir das Beste hoffen. Wir wollen uns überzeugt halten daß du auch durch blutige Kriege große und heilsame Zwecke zu erreichen, und durch sie die Nationen der Welt zu bilden, zu erziehen und zu manchen vergeßnen Tugenden zurückzuführen weißt. Daher wollen wir auch in den Verwirrungen und Gräueln der blutigsten Kämpfe dein segnendes Walten nicht unbemerkt lassen, und sie uns dienen lassen zur Lehre, zur Warnung und zur Besserung unsers Herzens. Sie sollen uns nachdrücklich an die Unsicherheit und Hinfälligkeit aller irdischen Güter erinnern, und uns ermuntern, von denselben unsre Ruhe und unser inneres Glück nie abhängig zu machen; sie sollen unsre Vaterlandsliebe von neuem beleben und unsre Bürgertreue befestigen; sie sollen uns üben in der Geduld, in der Genügsamkeit und in männlicher, muthvoller Standhaftigkeit; sie sollen uns Veranlassung geben, den Werth treuer Freundschaft und wahrer Frömmigkeit ganz kennen zu lernen, Unglücklichen wohl zu thun, und uns fester und inniger an einander anzuschließen; sie sollen uns auf unsere begangenen Fehler aufmerksam machen, und uns auffordern, unsern Sinn zu ändern, und in Zukunft verständiger, redlicher und tugendhafter zu seyn; sie sollen uns zurückführen - 464 zu dir, o Herr, den wir in guten Tagen nur zu leicht vergessen, und uns in unserm Vertrauen zu dir und in dem Gehorsam gegen deinen heiligen Willen befestigen und stärken. Was uns bevorstehe, weißt nur du; aber wir wollen nicht verzagen, sondern der dunkeln Zukunft getrost entgegen sehen. Du wirst dein Vaterauge nicht von uns wenden, und was du auch immer über uns verhängst, es wird zu unserm wahren Wohle gereichen. O sey du mit unsern Heeren, gib ihnen Muth und Tapferkeit, ihren Anführern Weisheit und entschloßnen Sinn, und feßle an ihre Fahnen wenn nicht das höhere Glück der Welt es anders will den Sieg! Laß auch aus diesem Kampfe unser geliebtes Vaterland mit Ehren, selbstständig und frey hervortreten, und wo die Leidenschaften des Krieges wüthen und zerstören, sey du der Geängstigten und Leidenden Trost, Beystand und Rettung; erleichtre ihnen die Lasten, unter denen sie seufzen, und führe ihn bald wieder mit all' seinen Segnungen zu uns zurück, den goldnen Frieden, damit wir unter seinem Schuße unsre Tage wieder ruhig dahin leben, die Geschäfte unsers Berufes wieder ungehindert fortsetzen, und dich, o Herr, nicht unter Furcht und Zittern, sondern mit freudiger Seele loben und preisen können! Amen. 18 mi ist dibin — - - - dursgat 465 - Gebeth nach hergestelltem Frieden. Mit gerührtem, freudigen Herzen erscheinen wir vor deinem Angesichte, Allliebender! um dir das Opfer unsers Dankes dafür darzubringen, daß du unser inbrünstiges Flehen erhört, den Gräueln des Krieges ein Ende gemacht, und uns den heiß ersehnten Frieden wieder geschenkt hast. Wir athmen nun wieder freyer, unsre Fluren und unser Eigenthum sind vor Zerstörung gesichert und die Gefahren verschwunden, die selbst unserm Leben drohten, und die, die sich befehdeten und bekämpften, umschlingt nun das heilige Band der Eintracht und Freundschaft. Ungehindert können wir nun unsre Geschäfte forttreiben, ruhiger unsre Tage dahin leben, inniger uns unsers Daseyns freuen, und mit bessern Hoffnungen in die Zukunft blicken. O du, der du den Leiden der Völker ein Ziel gesetzt, ihre Thränen des Kummers und Schmerzens in Thränen der Freude, ihre Furcht in heitre Hoffnung, ihr Bangen und 3agen in frohe Zuversicht, ihre Verwirrung in Ruhe und Ordnung, ihre Drangsale in Glück verwandelt, und ihnen geschenkt hast, wonach sie sich so innig und so schmerzlich sehnten: wie sollen wir dich für diese deine Gnade und Barmherzigkeit würdig und edel genug loben und preisen? wo sollen wir Worte finden, um die Gefühle des gerührtesten, innigsten Dankes gegen dich auszudrücken, die unsre Seele und unser Gemüth durch 466 dringen? Ja, Herr, du haft vivergeffe dieß nie, unaussprechlich viel an uns gethan! Unser Herz und so lange es schlägt, preise es dich dafür mit Rührung und lebendiger Innigkeit; es preise dich für den heiß ersehnten Frieden, der nun wieder alles erfreut, was Odem hat und lebt. O laß uns die Wohlthaten desselben mit Dank genießen, und die Gelegenheiten, die er uns darbiethet, uns zu bilden, zu bessern, zu veredeln und Gutes zu thun, treulich benußen! Laß die Völker der Erde und ihre Oberhäupter mit Sorgfalt alles meiden, was die Flamme der Leidenschaften von neuem anfachen, ihre Ruhe stören, und die Gräuel blutiger Kriege wieder über sie bringen könnte. Das Herz der Fürsten leite dahin, daß sie, unter dem Schuße des Friedens, ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Verbesserung der innern Einrichtungen ihrer Länder und auf die wahre Wohlfahrt ihrer Völker richten; ihren Räthen verleihe Weisheit, damit sie ihnen nichts anderes rathen, als was zum Glücke des Landes dient; die Nationen erfülle mit inniger Liebe zum Vaterlande und mit unerschütterlicher Bürgertreue; Künste und Wissenschaften, Denk- und Gewissensfreyheit, gemeinnützige, wohlthätige Anstalten, Handel und Gewerbe, Kunstfleiß und nüßliche Erfindungen mö gen nach allen Seiten hin Schutz und Ermunterung, Freunde und Beförderer finden. In allen Ständen erwache und herrsche von neuem der Geist wahrer Aufklärung, wohlgeordneter Thätigkeit und Betrieb- - 467 samkeit, der Zucht und Ordnung, der Treue und des Vertrauens, des Wohlwollens und werkthätiger Liebe, der Einfachheit, Bescheidenheit und Genügsamkeit, der Sittenreinheit und ungeheuchelter Frömmigkeit, häuslicher Friede und häusliches Glück. Jeder finde in der treuen Erfüllung seiner Pflichten seine höchste Freude- seinen Himmel auf Erden. So werde von uns der irdische Friede, den du uns geschenkt hast, benußt, bis du uns einst aufnimmst zu dem ewigen Frieden des Himmels! Amen. - - - Gebeth in Zeiten ansteckender Seuchen und grosser Sterblichkeit. Herr, in dessen Händen unser Leben steht, der du unsre Tage gezählt und in deinem unerforschlichen Rathschlusse die Stunde bestimmt hast, wo wir von dannen scheiden sollen! dir naht sich mein beunruhigtes Herz in diesen Tagen der Gefahr und unsäglichen Jammers. Nach allen Seiten hin wüthet des Todes Urm, und seine Beute werden so viele, die noch alle Ansprüche auf eine längere Lebensdauer zu besitzen schienen. Er schonet des Greises und der kraftvollen Jugend nicht, und so manches junge Leben, das sich kaum entfaltet hatte, hat er bereits verschlungen, und drohet auch meinem Daseyn Verderben und Untergang. Allgütiger! um 468 ringt von Opfern des Todes, umgeben von Gefahren des Lebens, nehme ich meine Zuflucht zu dir, und der Gedanke, daß mein Schicksal in deinen Händen ruht, ist für mich Labsal, Stärkung und Trost. O daß dieser Gedanke nie aus meiner Seele weiche; daß er mich durchdringe und stärke, wenn mein Herz verzagen und verzweifeln will! Herr, du weißt es am besten, was zu meinem wahren Wohle dient. Mache mit mir, wie es dir wohl gefällt. Mein Leben ist ein Geschenk von dir! es ist dein Eigenthum, und willig sey es von mir hingegeben, wenn du es zurück zu fordern für gut findest. 3war will ich es nicht leichtsinnig und ohne Noth Gefahren aussehen, und es zu schützen suchen durch Vorsicht, durch Anwendung ärztlicher Mittel, und besonders durch eine heitre Stimmung des Gemüthes, durch Reinlichkeit, Mäßigkeit und eine einfache, streng ordentliche Lebensweise. Aber ich will auch auf den Verlust desselben gefaßt seyn, und darum meine äußern und innern Angelegenheiten so ordnen, daß, solltest du auch über mein Leben gebiethen, der Tod mich nicht unvorbereitet finde. Allgütiger! ich übergebe mich und die, die mir hier lieb und theuer sind, deinem Schuße und deiner Leitung ganz. Dir empfehle ich mein zeitliches und ewiges Glück, dir empfehle ich das Wohl derer, die du mir hier gegeben hast. Mein Herz ist ruhig und getrost; denn deine Vaterliebe wacht über mich; mich soll der Tod mit seinen Verwüstungen nicht schrecken; denn ich - - 469 weiß, mein Leben und mein Heil schützt eine Hand, die mächtiger ist als der Tod. O darum bange und verzage, auch umringt von Leichen und offnen Gräbern, du, meine Seele, nicht; befiehl dem Herrn deine Wege, und hoffe auf ihn; er wird es auch mit dir wohl machen! Amen. - - omd bim ud and and fo@ mfigini nis Gebeth nach verschwundener Seuche. ando and da napis Augütiger, mit Tausenden, die aus großen Lebensgefahren durch dich gerettet worden sind, preise auch ich dankbar deine Liebe, die über mich gewacht, mein Leben beschützt, und mich dem Untergange entrissen hat, an dessen Rande ich stand. Du hast uns hart geprüft, und uns auf eine ergreifende Weise an unsre Ohnmacht, Hinfälligkeit und Sterblichkeit erinnert, um unsre Seele nachdenkender und verständiger, unser Herz ernster, weiser und besser zu machen, und uns vor zu großer Sicherheit und Unhänglichkeit an das Irdische zu warnen. Aber du hast uns nicht ganz verlassen; du hast uns dein segnendes Angesicht wieder zugewandt, den Verwüstungen des Todes Grenzen gesetzt, und die Gefahren gehoben, die unserm Leben noch vor kurzem drohten. Alles ist nun getroster, ruhiger, heiterer geworden. Freundlicher lächelt uns deine Sonne an, in einer lieblicheren Gestalt erscheint uns die ganze Natur, liebevoll und fröhlich biethen Weltern ihren 470 Kindern, der Gatte der Gattinn, der Freund dem Freunde, der Nachbar dem Nachbar die Hand, und selbst die, die sonst, unbekümmert um einander, gleichgültig an einander vorüber gingen, wünschen sich gegenseitig theilnehmend und herzlich Glück zu ihrer Errettung. I du, der auch durch große Uebel und Leiden nur unser Wohl befördern will, nimm meinen innigsten Dank dafür, daß du mich den Gefahren, die mich umschwebten, entrissen, und den Verheerungen und Schrecknissen des Todes ein Ende gemacht hast! 3war erblickt mein Auge so manche theure Seele nicht mehr, die als ein Opfer seines Armes fiel, und meine Thränen fließen um so manche Vollendete, die ich ehrte und liebte; aber ich will mich trösten über ihren Verlust durch den herzerhebenden Gedanken, daß auch die, die du in diesen jammervollen Tagen von diesem Schauplaße abgerufen hast, bey dir und daher wohl aufgehoben sind. - Mein Leben erscheine mir als ein neugeschenktes Eigenthum, und werde von mir mit verdoppelter Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit weise und christlich benutzt. Nie hänge meine Seele mit zu großer Liebe an dem Irdischen und Hinfälligen, sondern ringe nach dem Besitze solcher Güter, die unvergänglich sind, mir noch in der Stunde des Todes Trost und Stärkung gewähren, und mich hinüber begleiten in eine andere Welt. Redlich will ich jede Stunde meines Daseyns zu meiner Selbstvervollkommnung und zum Glücke der Welt anwenden, und an denen, die du - - EITSOP 471 mir hier gegeben und die du mir gleichsam von neuem geschenkt hast, mit zärtlicher Liebe und Treue hängen. Am liebsten weile von nun an mein Geist und mein Herz bey dir, der du dich auch in dieser gefahrvollen Zeit als Vater und Retter an mir bewiesen hast, und meine Seele preise immerfort dankbar deinen heiligen Nahmen! Amen. - - Gebeth eines Kranken. Allgütiger, der du keinen Gefallen haft an den Leiden deiner Geschöpfe, sondern alle Trübsale, die du über sie aus weisen und gütigen Absichten verhängst, so leitest, daß sie zu ihrem wahren Wohle gereichen müssen! voll Vertrauen zu deiner gren-= zenlosen Liebe und Barmherzigkeit erhebe ich mein Herz zu dir bey den körperlichen Leiden, die mich drücken, und mir die Tage meines Lebens erschweren und verbittern. Ach, sie verstimmen nur zu oft meinen Geist, und erfüllen mein Gemüth mit Ungeduld, Bangigkeit und Schmerz! Nach Trost, nach Erleichterung und Stärkung schmachtet meine Seele, und wo könnte ich dieß alles in einem reichlicheren Maße finden, als bey dir, Allliebender, und bey dem, den du auch zu meiner Erlösung gesandt hast! Zu dir und deinem großen Sohne will ich denn auch immer empor blicken, wenn ich den Verlust meiner Gesundheit schmerzlich fühle, und no! 472 meine Schwäche und die Schmerzen, die mir oft das Leben verleiden, mich ängstigen und quälen. Du hast mir ja immer so viele Beweise von Vaterhuld und Güte gegeben, und wirst auch fernerhin deine Hand nicht abziehen von mir; du hast mir bisher geholfen, und du wirst mir auch noch weiter helfen. Darum will ich dir von ganzer Seele vertrauen und mich willig in alles fügen, was du über mich verhängst. In den Tagen, die mir nicht gefallen wollen, in den Stunden schmerzvoller Leiden will ich im Stillen an dich, Allbarmherziger, denken, mit frommer Andacht zu dir flehen, und mich daran erinnern, daß du niemanden mehr auflegst, als er zu ertragen vermag, und daß du zu rechter Zeit den Trübsalen der Sterblichen ein Ende machst. Ja, auch mich wirst du nicht über mein Vermögen versuchen; du wirst mir meine Leiden erleichtern, und ihnen früher oder später ein Ziel segen. Hieran will ich denken, und mich dadurch zu geduldiger und standhafter Ertragung jedes Uebels ermuntern. Es schwebe mir dabey mein Heiland und Erlöser mit alle dem vor, was er getragen und gelitten hat, und die Geduld, die Gelassenheit, der edle Muth, das feste Vertrauen zu dir, und die fromme, stille Ergebung in deinen heiligen Willen, womit er seine schmerzvollen Leiden ertrug, begeistre mich, ihm auch als Dulder ähnlich zu werden. Er hat uns ja auch als Leidender ein Vorbild gelassen, daß wir nachfol gen sollen seinen Fußstapfen. ,, Kommet her zu mir - - 473 alle, die ihr mühselig und beladen seyd, ich will euch erquicken; bey mir sollt ihr Ruhe finden für eure Seele!" so riefst du, edelster aller Dulder, liebevoll allen denen zu, die mit den Trübsalen der Erde zu kämpfen haben. Ja, zu dir komme auch ich, und wie wohl und leicht fühlt sich mein Herz in deiner Nähe! Die Erinnerung an dich ist Trost und Erquickung für mein bangendes Gemüth. Wenn daher Augenblicke kommen, wo ich muthlos werden und verzagen will, dann tritt du, großer Mittler und Erlöser, vor meine Seele, und erhebe und stärke sie! - - Wie ist doch alles hienieden so vergänglich und nichtig! wie bald gehet es mit dem schwachen Sterblichen zu Ende! wie wenig wahren Werth besitzen alle Güter und Schätze der Erde, und wie ist nur ein gebildeter Geist und ein tugendhaftes, frommes Herz im Stande, dem Menschen in seinem Leiden Trost, Beruhigung und Erquickung zu verschaffen! An diese Wahrheiten werde ich jetzt lebhafter als je erinnert, und fühle ihre hohe Bedeutung ganz. Mein Herz reiße sich daher immer mehr und mehr los von alle dem, was bloß irdisch und hinfällig ist, und erhebe sich oft in eine andere, unsichtbare Welt, neige sich immer mehr nach dem Ueberirdischen, Unendlichen und Ewigen hin, versenke sich ganz in hei= lige Gedanken an dich, Urquelle alles Lebens, aller Freude und Kraft! bereue aufrichtig jede Verirrung und jeden begangenen Fehltritt, sage sich los von 40 474 allem unheiligen und ungöttlichen Wesen, und weihe sich ganz der Tugend und dir, Alheiliger! Und so sey meine Krankheit für mich eine Veranlassung zum Nachdenken über die Nichtigkeit alles Irdischen, über den hohen Werth der Tugend und Frömmigkeit, und über den sittlichen Zustand meines Innersten; ſie sen eine Aufforderung für mich, weiser, besser, dir und Jesu ähnlicher zu werden. pabbiser des - - Dient es zu meinem Besten und zum Wohle des Ganzen, o so schenke mir, Alliebender, meine verlorne Gesundheit wieder, damit ich dann von neuem mit verdoppeltem Eifer die Pflichten meines Standes und Berufes erfülle, und für das Glück meiner Mitmenschen thätig sey! Doch ich sage auch hier mit Jesu: Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe! Selbst wenn du es beschlossen haben solltest, daß diese Krankheit meine letzte auf Erden sey, will ich nicht muthlos werden und verzagt. Ich weiß, an wen ich glaube; ich weiß, in wessen Händen mein Schicksal ruht, und kann getrost der Zukunft entgegen sehen. Nur dafür will ich sorgen, daß, was du auch immer über mich verhängst, alles von mir mit zufriedner, dir vertrauender Seele angenommen werde, und daß, wenn du mich in meine wahre Heimath rufft, der Tod mich nicht unvorbereitet finde. Und so will ich denn mit christlicher Geduld und Ergebung meine Leiden ertragen, will dankbar die Theilnahme und den liebevollen Beystand derer erkennen, die sie mir auf die eine oder die andere Art 475 zu erleichtern suchen, will niemanden durch ein unzufriedenes, ungeduldiges Wesen lästig fallen, und getrost erwarten, was deine Weisheit und Liebe, o Gott! über mich zu verhängen für gut finden. Sey mit mir und allen denen, die du mir hier gegeben hast, und mache mit mir, wie es dir wohlgefällt! Amen. - - G * Gebeth an einem Krankenbette. Zu dir, allbarmherziger Gott und Vater, erheben wir an diesem Krankenbette in stiller Undacht unsern Geist und unser Herz, und empfehlen deiner Huld und Gnade den geliebten Leidenden, der uns so werth und theuer ist! O Herr, du hast keinen Gefallen an den Leiden deiner Kinder, und wenn du auch Trübsal über sie verhängst, so thust du dieß immer aus weisen und gütigen Absichten, und willst sie dadurch in der Geduld und Standhaftigkeit, im Vertrauen zu dir und in der christlichen Frömmigkeit prüfen und üben. Ach, gib, daß der geliebte Leidende, an dessen Krankenlager wir zu dir flehen, in diesem Gedanken Trost und Beruhigung finde, und alles, was du ihm schickst, mit frommer Ergebung in deinen heiligen Willen annehme, und mit christlichem Sinn zu seiner Veredlung anwende! Sey mit ihn in seiner Schwachheit, lindre seine Schmerzen, hilf ihm die Beschwerden seines traurigen Zustandes 40* 476 standhaft tragen, und verleihe ihm Kraft, so zu dulden, wie Jesus Christus, unser Erlöser, geduldet hat. Herr! wir flehen voll liebender Theilnahme und mit tief gerührtem Herzen: Erhalte, o erhalte ihm sein uns so theures Leben und schenke ihm bald die verlorne Gesundheit wieder, damit wir uns dann seiner Thätigkeit, seiner Liebe und seiner Freundschaft wieder ganz und ungestört erfreuen können! Doch was du auch in deinem unerforschlichen Rathe über ihn beschlossen hast und über ihn zu verhängen für gut findest: laß ihn und uns nur davon recht innig überzeugt seyn, daß alles, was du thust, wohlgethan sey; laß uns und ihn dir immer fest vertrauen, und der Zukunft getrost entgegen sehen. Ja, Allliebender, du wirst es auch mit ihm und uns wohl machen! Du bist ja unser aller Vater. Dein Nahme werde geheiliget. Zu uns komme dein Reich u. s. w. - - Gebeth eines schwer Kranken. das sida Zu dir, mein lieber himmlischer Vater, erhebe ich in meiner Schwachheit meinen Geist und mein Herz! Deiner Weisheit und Güte hat es gefallen, mich durch eine schwere Krankheit zu prüfen. Ich will nicht murren und unzufrieden darüber seyn, sondern voll frommen Vertrauens deinen heiligen Willen, und deine väterlichen Absichten anbethen 477 und mit Geduld alles ertragen, was du mir schickst. Du läsfest ja niemanden über seine Kräfte versucht werden, und machst, daß jede Versuchung so ein Ende gewinne, daß wir es können ertragen. Du wirst auch mich nicht verlassen, und mir in meinem Leiden deinen göttlichen Beystand nicht versagen. Das ist mein Trost und mein Labsal in mancher bangen Stunde, das die Hoffnung meiner kranken Tage. Ac), wie nichtig ist doch alles in der Welt, und wie flüchtig unsre Lebenszeit! Das fühle ich jetzt lebhafter als je. Und so soll denn auch mein Herz nicht zu stark an den vergänglichen Gütern dieses Lebens hängen, ich will vielmehr meinen Frieden und mein Glück nur bey dir, o Gott, und in der Liebe zu dir suchen und finden. Will meine Seele in manchem Augenblicke trostlos verzagen, so will ich nur an dich und an meinen Heiland und Erlöser denken. Ach, ja auch an dich, du großer Dulder, der du mehr gelitten hast, als ich, und mir auch als Leidender ein Vorbild geworden bist! O möchte ich doch dein Beispiel stets vor Augen haben, und meine Leiden immer so tragen, wie du die deinigen getragen hast! 1 - 200 Lieber himmlischer Vater! siehe mit Nachsicht und Schonung auf mich schwachen und fehlerhaften Menschen herab, und vergib mir, wo ich gefehlet habe. Ich empfehle deiner Huld und Gnade meinen Leib und meine Seele, und alle die, die du mir hier auf Erden gegeben hast. Dient es zu meinem 478 Besten, so schenke mir die verlorne Gesundheit wieder, und laß mich dann von neuem nüßlich thätig seyn. Doch ich sage auch hiebey mit Jesu: Nicht mein, sondern dein Wille geschehe! Stets will ich meiner Seele, wenn sie bangt und zagt, voll Vertrauens zu dir, mein himmlischer Vater, zurufen: Befiehl dem Herrn deine Wege, und hoffe auf ihn; er wird es wohl machen! Amen. - - Gebeth nach der Wiedergenesung. esid just Mit gerührter, dankerfüllter Seele erscheine ich vor dir, Allgütiger, der du alle meine Schicksale in deiner Hand hast. Bedroht war mein Leben, und daß ich noch bin, verdanke ich nur deiner Huld und Gnade. Du hast meine Kräfte wieder gestärkt, mir die verlorne Gesundheit wieder geschenkt, und mich der Welt und denen erhalten, die mir hier lieb und theuer sind. Dafür preist dich meine Seele, und nie soll es mein Herz vergessen, wie gütig du dich auch jetzt gegen mich bewiesen hast. Als ein neues, theures Geschenk von dir will ich nun mein Leben betrachten, und es so anwenden, daß ich mir vor meinem Gewissen das Zeugniß geben kann, ich sey dieses Geschenkes ganz werth. Es sey dir, der Wahrheit, der Tugend und dem Wohle derer geweiht, mit denen mich deine Hand in Berührung bringt. Ich trete es an mit dem festen Entschlusse, alle meine 479 künftigen Tage zu meiner Bildung und Veredlung treu und redlich zu benutzen, und in denselben Freude und Glück zu verbreiten, so viel in meinen Kräften steht. Von welch' einem großen Werthe die Gesundheit sey, habe ich in meiner durch deinen Beystand glücklich überstandenen Krankheit tief gefühlt, und alles werde daher von mir vermieden, was sie schwächen und zerrütten könnte, alles dagegen gethan, sie zu befestigen und zu erhalten. Und wie sehr habe ich auf meinem Krankenlager die Nichtigkeit und Hinfälligkeit irdischer Güter kennen gelernt! Nie hänge daher mein Herz mit zu großer Vorliebe an ihnen; nie verleite mich ein übertriebenes Verlangen nach ihrem Besitze zu einer Handlungsweise, die dir mißfällig wäre, und mir einst, wenn ich von dannen scheide, meinen Tod erschweren und verbittern würde. Nur nach solchen Schäßen will ich mit rastlosem Eifer streben, die mir im Leiden Trost und Labsal, und noch in der ernsten Sterbestunde Erquickung und Stärkung zu verleihen vermögen, und mich hinüber begleiten in eine andere Welt. Dir, o Herr, will ich leben und sterben; dein will ich seyn hier und dort, jetzt und in Ewigkeit! Amen. vier GnA sound- - 39 890 ( 750 70012 - - 480 - - Gebeth bey dem Verluste geliebter Personen. da Ach, schon so manche, die du, Allgütiger, meinem Herzen auf meiner irdischen Laufbahn zugeführt, und mit mir durch heilige Bande inniger verbunden hast, sind dahin gegangen, woher niemand wiederkehrt, und ich kann mich nicht mehr ihres Anblicks, ihres Umganges und ihrer Liebe freuen! Ein neuer Verlust beugt mich tief danieder. Aus dem Kreise derer, die mir theuer sind, hast du wieder eine geliebte Seele zu dir gerufen, Allmächtiger! Ach, sie war mir viel! Mit ihr sind so viele schöne Lebensfreuden, so viele süße Hoffnungen für mich zu Grabe getragen, und die Erinnerung an ihren Verlust wird noch lange schmerzlich für mich seyn. Doch- so traurig und niederschlagend er auch für mich ist ich will mich bey demselben zu fassen suchen, und bey dem Schmerze, der sich darüber in meinem Innersten regt, still zu dir empor blicken, und mich daran erinnern, daß du es bist, der die heiligsten Verhältnisse und Verbindungen des Lebens knüpft und wieder auflöst, und der uns auch dann segnet, wenn er schmerzliche Verluste über uns verhängt. Zwar vermögen wir es nicht immer, deine Rathschlüsse und die Absichten deiner Schickungen zu durchschauen; aber daß du die Weisheit und die Liebe selbst bist- davon sind 481 wir überzeugt, und können dir auch dann vertrauen, wenn uns manche Trennung zu schwer und zu frühzeitig dünkt. Die geliebte Seele, die du mir von neuem entrissen hast, ist nun bey dir; sie hat ausgerungen und ausgelitten; sie ist in Frieden, und keine Qual rührt sie mehr an; was ich noch zu bestehen habe- den letzten Kampf auf Erden- hat sie glücklich überstanden; entrissen den Gefahren, Mühen, Sorgen und Leiden dieses Lebens, wandelt sie nun in einem höheren Lichte, und genießt jener Seligkeit, die den Guten verheißen ist; was ihr hier dunkel blieb, ist ihr nun klar und hell; sie findet bey dir Entschädigung für alles, was sie hier entbehrt, getragen und gelitten hat; sie fühlt sich unaussprechlich glücklich in dem Kreise derer, die ihr in die andere Welt vorangegangen sind, und in dem Chor unzähliger Gerechten und höherer Wesen, und nicht zu betrauern, sondern zu beneiden ist ihr Loos! Dieß alles schwebe meiner Seele recht lebhaft vor, wenn mich ihr Verlust zu sehr betrübt und zu tief danieder beugt. Ach, ich weiß es nicht, ob ein längeres Leben für sie, für die Ihrigen und für mich nicht mit den schmerzlichsten Ereignissen und Leiden verbunden gewesen wäre! Daher will ich mich über ihr Dahinscheiden trösten, und mich überzeugt halten, daß du, Allmächtiger, sie nur aus Liebe zu ihr und zu allen denjenigen, denen sie theuer war, aus diesem Thale der Prüfung hinweggenommen hast in die Wohnungen des Friedens und ewiger 41 - - 482 Freude. Friede sey daher mit der Asche der Vollendeten, und ihr Andenken bleibe mit dem Andenken all' der Theuern in Segen, die ihren Freunden viel gewesen und nicht mehr sind! Was sie uns waren, und wie viel wir ihnen zu danken haben, werde von uns nie, nie vergessen! 161Hi - - Der Entschlafenen gedenken, Ihrer Liebe, sey uns Pflicht, Freude sey's, den Blick zu lenken Aufwärts hin zu jenem Licht, Wo sich alle wiedersehn, Die hier deine Wege gehn. - Ja, wiederfinden und wiedersehen werden wir all' die Lieben, die durch des Todes Hand aus unfrer Mitte hinweggeführt worden sind in ein andres, besseres Land, dahin, wo jede Klage verstummt, jede Thräne vertrocknet, jeder Schmerz verschwindet, jeder Kummer in Freude übergeht, und keine Trennung mehr das Herz danieder beugt. Dieser Gedanke sey Trost und Stärkung für meine Seele, und oft schwinge sich diese von der Erde zum Himmel empor, wo wir- vielleicht früher, als wir glauben mit unsern vollendeten Lieben für immer wieder vereinigt werden, und in unauflöslicher, inniger Verbindung mit ihnen uns fort freuen sollen in Ewigkeit hin! 15 Auf! von Moder und Verwesung d omon Blicke dort hinauf, mein Geist, Spion Wo in Friedensthal Genesung Alles Erdenjammers fleußt; ord to Rod - 483 - Wo nicht Krieg, Erdbeben, Fluthen, Hunger, Pest und wilde Gluthen, Wo nicht Trennung mehr, noch Tod Liebenden Geliebten droht. Ach, des Wonnetags, der wieder, Was am Grabe hier geweint, Aeltern, Kinder, Schwestern, Brüder, Freund und Gatten fest vereint; Wann, gelehrt von Himmelsweisen, Wir des Vaters Liebe preisen, Der aus Irrthum, Schmach und Gram Uns in seine Ruhe nahm! mers Bald, vielleicht, ach! bald verschwunden. Ist auch meine Lebenszeit, Und, wer weiß! von meinen Stunden Kommt die letzte wohl schon heut. Heilig will ich darum wandeln, Immer gut und redlich handeln, Daß ich, wann der Vater ruft, Freudig sinke in die Grust! Gebeth bey dem Verluste eines Kindes. Be Auliebender, vor dir schütte ich mein kummervolles Herz aus bey dem schmerzlichen Verluste, der mich getroffen hat; denn wo könnte ich in meiner Traurigkeit und Betrübniß mehr Trost und Erquickung finden als bey dir! Ein geliebtes Kind, an welches mich die heiligen Bande der Natur so mächtig fesselten, dessen Anblick mich immer so innig erfreute, das der Trost, der Stolz und die Hoffnung 41* 484 meines Lebens war ach, es ist meinem Auge und meinem Herzen für diese Erde auf immer ents rissen, und tief gebeugt beweine ich seinen frühen Verlust! Welche Wonne, welche Aussichten, welche frohe Erwartungen sind mir mit dem theuern Wesen verschwunden, das du, Allgütiger, mir zu meiner Freude geschenkt, und nun wieder von dannen genommen hast! Meine Thränen fließen, und mein Gemüth vermag sich nicht zu fassen. O blicke mit Vaterhuld auf mich herab, der du einen so schmerzlichen Verlust über mich verhängt hast, und sende meinem zerrissenen Herzen vom Himmel Erquickung und Trost und Stärke herab; heile die Wunde, die deine Hand mir geschlagen, und mache mich fähig, geduldig zu ertragen, was deine Weisheit und Liebe über mich verhängt hat. Ja, deine Weisheit und deine Liebe war es, die meinen vollendeten Liebling von meinem Herzen nahm! Daran will ich immer recht lebhaft denken. Durch seinen frühen Tod hast du mein theures Kind vielleicht großen Gefahren, dem sittlichen Verderben und unzähligen Beschwerden und Drangsalen, und mich so manchen trauri gen Erfahrungen und Leiden entrissen. Dieß schwebe mir oft vor, und sey für meine Seele Beruhigung und Trost. Schmerzlich vermisse ich das geliebte Kind; aber es ist ja nicht verloren; es ist wohl aufgehoben, denn es ist bey dir; du hast an ihm gehandelt als ein sorgsamer Gärtner, und es frühzeitig aus einem verwilderten Boden in ein besseres - - 485 Land verpflanzt; du hast es den Bitterkeiten des Lebens bald entzogen, und es gewürdigt, schon frühe einzutreten in die Reihe seliger Geister. O darum will ich meinen Klagen und meinen Schmerzen Grenzen sehen, und wenn auch meine Thränen flieBen, und ich den Empfindungen meines Herzens nicht ganz zu gebiethen vermag, will ich doch still empor blicken zu dir, und mit dem edlen Dulder, voll frommer Ergebung, ausrufen: ,, Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's wieder genommen; der Nahme des Herrn sey gelobet!" Theures, geliebtes Kind!- - du weilst nicht mehr ben mir, aber noch immer nenne ich dich mein, und werde dich mein nennen in Ewigkeit hin. Du bist mir dahin, wo unsre wahre Heimath ist, voran gegangen, um mir eine Stätte zu bereiten. Wie lange wird es währen, so bin ich bey dir, und du bist wieder mein, mein auf ewig! Verklärt erblicke ich dich dann am Throne des Allliebenden, im Chor der Engel und Auserwählten, und nichts trennt dich dann mehr von meinem Herzen, das dich unaussprechlich und ewig liebt!- O Gott, welcher Trost und welche Wonne liegt für mich in der herzerhebenden Hoffnung, daß ich einst den Liebling meiner Seele wieder finden, wieder sehen soll! - Bad C. Ensling deur Ja, ja, ich soll es wiedersehn, Kind, das ich bewein', Das to ou Vor Gottes Throne mit ihm stehn In seligem Verein! narbl 486 Ich blick zu Gott von jener Gruft, Die meinen Liebling deckt, Und denk', daß Gott auch mich einst ruft, Auch mich einst auferweckt. -- - Ich blick zur bessern Welt empor! Dort sollen wir uns freun. Was hier in Dunkel sich verlor, Wird dort uns lichtvoll seyn! Gebeth eines verwaisten Kindes. radost and Der du mit Macht und Weisheit und Liebe die Schicksale der Sterblichen leitest, uns oft auf dunklen Pfaden wandeln läsfest, aber alles, was du thust, es sey uns noch so räthselhaft, am Ende herrlich hinaus führst, Vater unser aller, Trost und Schuß aller derer, die dich lieben und dir vertrauen! zu dir nehme auch ich meine Zuflucht, und auch meine Seele hofft von dir das Beste. Entrissen hast du mir die, denen ich mein Leben, und mit demselben so unendlich viel Gutes verdanke. Mit Liebe hingen sie an mir, mit Sorgfalt leiteten sie meine Schritte, mit Eifer und Treue suchten sie mein äußeres und inneres Glück zu befördern, und was sie an mir gethan haben, nein, ich kann es nicht dankbar genug rühmen und preisen! O daß ich ihnen nach Kraft und Vermögen vergelten könnte all' das Gute, das ich von ihrer Liebe empfangen habe! Aber, ach! die Theuern, Geliebten sind nicht mehr; HESAP 487 des Todes Hand hat sie aus dem Kreise der Lebendigen hinweg geführt, und ich stehe nun ohne älterlichen Schuß und ohne ihre liebevolle und weise Leitung auf Erden da! O wie viel, wie unendlich viel habe ich in ihnen verloren! Doch ich will deß= halb nicht verzagen. Du, o Gott, bist ja der Waisen Vater, und wenn wir auch alles verlieren, was uns hier im Staube lieb und theuer ist, du bleibst uns immer, und sorgst für uns, wenn wir nur immer deine Wege gehen. Ewig unvergeßlich bleibe mir das Gute, das meine geliebten, mir entrissenen Weltern mir erwiesen haben; unvergeßlich die Tugenden, die sie zierten; unvergeßlich der Wunsch ihres Herzens, daß ich empor wachsen möge zu einem verständigen, tugendhaften und frommen Menschen, und um mich des Guten verbreiten, so viel ich vermag. Heilig sey mir dieser Wunsch, und ihm ganz zu entsprechen, mein eifrigstes Bestreben auf Erden. Anstrengen will ich alle meine Kräfte, um in meiner Bildung, Besserung und Veredlung immer weiter fortzuschreiten, und einst ganz das zu seyn, was ich seyn soll. Mit dankbarem Herzen will ich an denen hängen, die Welternstelle an mir vertreten; will ihren Winken, Ermahnungen und Rathschlägen willig folgen, und ihnen auf alle Art die Liebe zu vergelten suchen, mit der sie mich umfaffen. Kommen für mich Augenblicke der Versuchung, wo meine Tugend wankt: o dann will ich hineilen an die stille Ruhestätte der geliebten Voll- - 488 endeten, oder will mit gen Himmel gerichtetem Blicke mir ihr theures Bild vergegenwärtigen, und mich dadurch aufrecht zu erhalten suchen auf der schlüpfrigen Bahn des Lebens, will meine bessern Vorsätze wiederhohlen, und dem Guten und Edlen neue Treue geloben. Du wirst dann mit mir seyn, Allheiliger, und meine Bemühungen unterstüßen und segnen. Einst soll ich die geliebten Weltern vor deinem Throne wiedersehen. O daß ich dann ihren Blick nicht scheuen dürfte! daß sie mich heiter empfangen, und mich mit der Neußerung der Freude vor dein heiliges Angesicht geleiten mögen: ,, Herr, hier ist das geliebte Kind, das du mir auf Erden gegeben hast; es ist nicht verloren gegangen; laß es nun eingehen zu himmlischer Freude!" Amen. - - Gebeth Gebeth einer Witwe. Durch einen ſehr schmerzlichen Verlust hast du mich danieder gebeugt, o du, der über den Sternen und in einem Lichte wohnt, wohin kein sterbliches Auge reicht! Entrissen hast du mir einen theuern, geliebten Gatten, der mit mir so redlich gute und böse Tage, Freude und Leid, Glück und Unglück theilte, mich durch seine Liebe unendlich beglückte, und immerfort mein bester Rathgeber, mein treuster Freund, meine festeste Stüße war. Groß ist mein Verlust, und in manchem Betrachte sehr traurig 489 die Lage, in die ich durch denselben versetzt worden bin. Aber ich will mich darüber in christlicher Geduld zu fassen suchen, und wie hart auch mein Schicksal seyn mag, verzagen und verzweifeln will ich nie. Weiß ich doch, daß du, o Gott, der Witwen Schuß und Versorger bist, daß auch ich auf deine Huld und Gnade rechnen darf, und daß ich daher nicht ganz verlassen und nicht ganz unglücklich bin. Dir will ich denn von ganzem Herzen vertrauen. Hüthen will ich mich vor Unzufriedenheit mit meinem Loose, vor schwermüthigen Gefühlen, so wie vor Gedankenlosigkeit und Leichtsinn. Mir durch Nachdenken, Engezogenheit, Genügsamkeit und wohlgeordnete Thätigkeit meine Lage, so viel als möglich, zu erleichtern, das sey mein eifrigstes Bestreben. Du wirst es nicht unbeachtet und ungesegnet lassen, Allgütiger, wenn ich nur immer auf rechten Wegen wandle. Bewahre mich vor jeder Thorheit, vor jedem Gedanken des Leichtsinns, vor jeder zweydeutigen Neußerung, vor jedem ungeziemenden Scherze, vor jeder Handlung, die nicht ganz zu billigen wäre, und laß mich mit edlem Anstande, in aller Ehrbarkeit, voll frommen Vertrauens zu dir, still und sittsam meine Tage dahin leben. Niemand finde Veranlassung, Anstoß zu nehmen an meinem Betragen, und jeder Verständige und Gute fühle sich gestimmt, mich zu achten und zu ehren. In den Tagen, die drückend für mich sind, und mir nicht gefallen wollen, nehme meine - - 490 Seele ihre Zuflucht zu dir und zu der reichsten Quelle des Trostes und der Erquickung, zu dir, herzerfreuende, heilige Religion! In fromme Betrachtungen versenkt, werden Geist und Gemüth sich erleichtert und erquickt finden, werden die Bitterkeiten des Lebens bey mir unbemerkt vorüber gehen, und ich werde mich gestärkt fühlen, getrosten Sinnes meinen Pfad fortzuwandeln, und sollte er auch noch so steil und uneben seyn. Auch mir wird sich früher oder später ein Tag der Erleichterung und der Erlösung nahen, und ich werde dann wieder des Lebens ganz froh werden, und zufrieden seyn mit dem Loose, das du mir beschieden hast. Und so will ich denn der dunkeln Zukunft mit ruhiger Seele entgegen gehen, Bist nur du, o Herr, mit mir, wet kann dann wider mich seyn! Dir empfehle ich mein äußeres und inneres Wohl, dir empfehle ich all' die Meinen, und hoffe von dir unter allen Umständen das Beste. Du, Allgütiger! wirst meine Hoffnung nicht zu Schanden werden lassen! Amen. - Gebeth bey Annäherung des Todes. Herr über Leben und Tod! ich fühle es, daß sich die Stunde meiner Auflösung naht. Meine Kräfte schwinden dahin, und ich ahne die Nähe der Ewigkeit. Herr, du rufst, und ich komme gern! Nur was irdisch und vergänglich an mir ist, em 491 pfängt das stille Grab. Mein Geist löst sich von den Banden der Sinnlichkeit los, und schwingt sich empor zu dir, Allliebender, vor dem ich bald erscheinen soll. O sieh' mit Huld und Nachsicht auf die Schwächen und Fehler herab, von denen auch ich in diesem Pilgerleben nicht frey geblieben bin, und laß mich ausgeföhnt mit dir von dannen scheiden. Herr, alle die, die du mir hier gegeben hast, und die meinem Herzen lieb und theuer sind, empfehle ich deinem allmächtigen Schuhe und deiner unendlichen Gnade. Segne sie mit der ganzen Fülle deines himmlischen Segens; laß mich unter ihnen fortleben in einem liebevollen Andenken, und einst vereinige sie auf ewig wieder mit mir! Erleichtre mir meinen letzten Kampf auf Erden. Schenke mir einen sanften und seligen Tod. Dunkel und öde ist das Grab. Aber es wohnen Ruhe und Friede darin. Der Gedanke daran sey nicht schauerlich für mich, und es empfange in mir einen Pilger, der gern seinen Wanderstab niederlegte, und mit heitrer Seele, als Gott ihn rief, von dannen schied, um aus diesem Thale der Prüfung in ein höheres, seligeres Leben einzugehen, wo er seinem Schöpfer und seinem Erlöser näher seyn und all' die Lieben und Theuern wieder finden soll, die ihm in die Wohnungen des Friedens und ewiger Seligkeit vorangegangen sind. - Freue dich, o meine Seele! gil Selig, selig sollst du seyn; - 492 Gottes, dem ich dich befehle, Sollst du ewig dich erfreun. Aus der Trübsal dieser Zeit Führt er dich zur Seligkeit, Hin zum Throne seines Sohnes, Zum Genusse seines Lohnes! - - Erinnerung an unsre vollendeten Lieben. Eine stille Wehmuth ergreift und erfüllt mein Herz. Euer Bild tritt lebhaft vor meine Seele, ihr Theuern alle, die ich liebte und in deren Gegenliebe, Theilnahme und Freundschaft ich mich einst so glücklich fühlte! Ach, ihr seyd nicht mehr! ihr seyd dahin gegangen, woher niemand wiederkehrt, und vergebens sucht euch mein Auge, vergebens sehnt sich mein Ohr nach eurer lieblichen Rede und mein Herz nach eurer Gegenwart, nach eurer Liebe und eurem Trost! Euer Mund ist verstummt; es schlägt nicht mehr das aufrichtige, theilnehmende, liebevolle Herz, das mich verstand, dem ich meine Sorgen und meinen stillen Kummer und Gram vertrauen konnte, und an dem mir so wohl, so unaussprechlich wohl war; das kühle Grab deckt eures Geistes Hülle, und mir bleibt nur die fromme schmerzliche Erinnerung an euer schönes Walten auf Erden und an das Glück, das ich einst durch euch genoß. Aber diese Erinnerung sey mir heilig; heilig 493 jeder stille Augenblick, in welchem euer theures Bild vor meine Seele tritt, und mir all' die schönen frohen Stunden vergegenwärtigt, die mir in eurer Nähe und im traulichen Verkehr mit euch zu Theil geworden sind! dimeri O ihr Geliebten alle, die ihr schon eingegangen send zu des stillen Grabes Ruh'; wie könnt' ich an euch denken, ohne mich von Gefühlen des innigsten, frömmsten Dankes gegen euch ergriffen und durchdrungen zu fühlen! Ihr waret mir ja, so lange ihr noch mit mir des Lebens Bahn gewandelt, viel, unendlich viel. Ihr sorgtet treulich für mein Bestes, theiltet redlich Leid und Freude mit mir, erhöhtet dadurch mein Glück, und lindertet den Schmerz und Gram, der meines Lebens Tage trübte. Ohne euch- wie viele reine Freuden wären mir ganz fremd geblieben, wie viele Ermunterungen zum Guten hätten mir gefehlt, wie drückend und daniederbeugend wäre manches Leiden für mich gewesen! Ihr ebnetet durch eure Theilnahme, Liebe und Freundschaft meinen Lebenspfad, erquicktet mich, wenn mich die Schwüle des Tages ermattete, und stärktet meinen Muth, wenn er zu sinken begann. O für dieß alles dankt euch mein gerührtes Herz, und wird euch liebend danken, so lang es schlägt! Was ihr mir gewesen send und was ihr an mir gethan habt, nie, nie soll es meinem Gedächtnisse entschwinden. Oft will ich mich mit Freude und Dank daran erinnern, und mich dabey immer durch die - - 494 Vergegenwärtigung eurer Vorzüge und Tugenden zum Guten ermuntert, in meinen löblichen Vorfäßen und Bestrebungen gestärkt, und dazu angeeifert fühlen, durch einen unbescholtenen, rechtschaf fenen Lebenswandel und eine treue Erfüllung aller meiner Pflichten gegen meine Mitmenschen, besonders gegen die, die mir durch Liebe und Freundschaft näher verbunden sind, mir ein liebevolles und ge= segnetes Andenken nach meinem Tode zu bereiten und zu sichern! 2 Inst and - - Ach, ihr Theuern alle, die der Engel des Todes aus meiner Nähe geführt hat, welche tiefe Wehmuth ergreift mich bey dem Gedanken, daß ich nun für immer eurer Theilnahme, eurer Liebe, eures Trostes entbehren muß! Aber so hat es der gewollt, dessen Wege nicht unsre Wege und dessen Rathschläge zwar unerforschlich und oft wunderbar, aber immer voll Weisheit, Huld und Liebe sind. Und so wandle sich denn meine Wehmuth über euren Verlust in fromme Ergebung und in demuthsvolle Anbethung der göttlichen Vorsehung um! Ach, euch, ihr Glücklichen, ist nun wohl in einer bessern Welt! Gott hat euch zu sich genommen. Ihr habt ausgekämpft, ausgerungen und ausgelitten, und freuet euch nun, erlöst von jeder Bürde und allem Leiden der Erde, eines höheren, vollkommneren und seligeren Seyns. O genießet, genießet nun den Lohn, der euren Verdiensten und Tugenden gebührt! Unser sterbliches Auge ruht zwar nicht mehr mit Wohl - 495 - gefallen auf euch, und unser- ach, oft genug bekümmertes und gedrücktes- Herz schlägt hienieden an dem eurigen nicht mehr; aber im Geiste sind wir, die wir euch achteten und liebten, recht oft ben euch; fleißig wollen wir eurer in Liebe gedenken; o blicket auch aus höheren Welten auf uns, die wir noch hier im Staube wallen, mit Liebe herab! Ach, lange wird es nicht währen, so haben auch wir vollendet! Wir kommen dann zu euch, um nie wieder von euch und eurer Liebe geschieden zu werden! Wie glücklich, wie selig werde auch ich mich fühlen, wenn du, Allgütiger! mich einst auf ewig mit all' den Lieben, Theuern vereinigst, die du mir hier zur Freude und zum Trost gegeben hast! O laß sie in Frieden ruhen, zu dem sie durch den Tod eingegangen sind! Ja, Ruhet sanft, ihr theuern Seelen, Die ihr meiner Tage Glück, Bey des Lebens Drang und Quälen, Trugt in eurer Liebe Blick! Dort noch, in des Vaters Reich, Mit euch glücklich, dank' ich's euch. Ach, daß ihr dahin geschieden! Ruht, ihr Lieben, ruht im Frieden! nd Das Vater unser. du, der du über den Sternen thronst, unendlich groß ist deine Majestät! Alle Himmel ver - 496 - kündigen deine grenzenlose Macht und Herrlichkeit. Sie erfüllet unser Herz mit tiefer Ehrfurcht und heiliger Scheu, und demüthig beugen sich unsre Kniee im Staube vor dir. Aber ohne Furcht dürfen wir uns deinem Throne nahen. Du bist die Liebe selbst, und wie ein gütiger Vater blickst du auf uns schwache Sterbliche, als auf deine Kinder, huldreich und gnädig herab. Mit kindlicher Zuversicht flehen wir daher auch: Vater unser, der du bist im Himmel. Alles, alles, was uns umgibt, erinnert uns an dich. Du hast es erschaffen, und du erhältst und regierest es auch. O darum sey uns jedes deiner Werke heilig, und werde von uns nie zu unheiligen 3wecken gemißbraucht! Du liebst das Gute und haffest das Böse. Alles, alles verkündet deine grenzenlose Heiligkeit. O darum werde dein Nahme von uns nie leichtsinnig, sondern immer mit der tiefsten Ehrfurcht genannt, und mit demselben nie irgend ein Mißbrauch getrieben. Fern von uns bleibe besonders die Entweihung desselben durch gottlose Religionsspöttereyen, Fluchen, abergläubische Handlungen und leichtsinniges oder wohl gar falsches Schwören. Was wir bey demselben betheuern und versprechen, das sey immer wahr, und werde von uns treulich gehalten und erfüllt. Ja, Herr! Geheiliget werde dein Nahme! Die ganze Schöpfung ist dein Werk, und groß, ja unermeßlich dein sichtbares Reich. O laß in dem 497 selben auch dein unsichtbares Reich, das Reich der Wahrheit, des Rechts und der Tugend, jenes Himmelreich, das Jesus zu gründen bemüht war, sich immer mehr erweitern und immer mehr befestigen. Steure du selbst aller Geistesfinsterniß und allem unrechten und sündhaften Wesen, aller geseglosen Willkür und Ungerechtigkeit, und laß dafür überall das milde, erwärmende Licht der Wahrheit leuchten, die Sonne der Tugend scheinen, die Majestät des Rechts und der Gerechtigkeit strahlen, und Liebe, Frieden und wahre Freude wohnen. Zu uns komme dein Reich! - Unendlicher! zahllose Heere höherer, seligerer Geister, als wir sind, und Millionen von verklärten Seelen erkennen deine oft unerforschlichen Rathschlüsse besser, als wir schwache Sterbliche, und erfüllen um so freudiger deine Gebothe, verehren in Demuth deinen göttlichen Willen, und vollführen ihn mit Lust und Liebe und dem glücklichsten Erfolg. O möchten wir ihnen auch hierin ähnlich zu werden suchen, und aufmerksam auf das seyn, was du willst, und es auch immer freudig und gewissenhaft vollziehen! Herr, nicht das, was unser kurzsichtiger Verstand wünscht, sondern was deine Weisheit gut findet, auch nicht das, was unser sinnliche Mensch begehrt, sondern was deine Heiligkeit verlangt, müsse immer und überall geschehen und vollbracht werden. Wir bethen daher mit Inbrunst: 42 498 Dein Wille geschehe, wie im Himmel, alſo auch auf Erden! adol Allgütiger! nicht um Reichthum und Ueberfluß flehen wir dich an. Aber so viel wollest du uns je den Tag verleihen, als wir zur Erhaltung unsers Lebens und zu des Leibes Nahrung und Nothdurft bedürfen. Behüthe uns vor drückenden Nahrungssorgen, vor Mangel und Noth; gib uns Kraft und Lust zur Arbeit; segne unsre Geschäfte, und laß uns mit dem zufrieden seyn, was wir durch redliche Thätigkeit erwerben. Ach, Herr! erhöre unser Flehen: Unser täglich Brot gib uns heute! id smmol Alle, alle sind wir schwache, fehlerhafte Geschöpfe. Wir fehlen alle mannigfaltig, und vor dir, Alheiliger, ist selbst der Frömmste nicht ganz gerecht. O gehe mit uns nicht ins Gericht, sondern siehe gnädig auf uns und unsre Verirrungen herab, laß dich rühren durch die innerliche Reue, die wir über unsre Sünden empfinden, und durch die guten Vorsätze der Sinnesänderung und Besserung, die wir fassen, und verzeihe uns unsre begangenen Fehler. Mache dabey aber auch unser Herz geneigt, allen unsern Feinden, Widersachern und Beleidigern willig zu vergeben, ihnen nie Böses mit Bösem zu vergelten, sondern sich mit ihnen auszusöhnen, und sie durch Wohlthaten zu erfreuen. Vergib uns unsre Schulden, wie wir vergeben unsern Schuldigern! Ach, so vieles, was uns umgibt, sucht unser w 499 Herz der Tugend abtrünnig zu machen! Glück und Unglück, Freude und Leid sind unsrer Sittlichkeit oft nur zu gefährlich, und bringen uns in die Versuchung, uns Neigungen, Wünschen, Gedanken, Gesinnungen, Entschließungen und Handlungen hinzugeben, die dir, Allheiliger! mißfällig sind. Und wie oft droht unser eigenes Fleisch und Blut unserm Herzen und unsrer Eugend die größte Gefahr! Herr! stehe uns dann durch die Kraft deines göttlichen Geistes bey; laß uns nie über unser Vermögen versucht werden, und mache, daß jede Versuchung so ein Ende gewinne, daß wir es können ertragen! Mit Inbrunst flehen wir zu dir: Führe uns nicht in Versuchung! - 1 Ganz ungestört glücklich ist das Leben keines einzigen Sterblichen. Es wechseln hienieden immerfort gute und böse Tage, Freude und Leid mit einander ab. Denn auch durch Leiden willst du, Allgütiger, deine Kinder auf Erden ihrem Ziele näher führen, ihre Kräfte üben, ihren Muth stärken, und ihr Herz läutern, bessern, heiligen. Daher wollen wir auch böse Tage aus deiner Vaterhand mit zufriedner Seele und frommer Ergebung in deinen heiligen Willen annehmen. Nur darum bitten wir dich, Allbarmherziger! du wollest in Gefahr und Unglück deine Hand nie von uns abziehen, und uns Kraft verleihen, die Drangsale der Erde mit christlicher Geduld und Standhaftigkeit zu ertragen, und uns zu rechter Zeit von alle dem befreyen, was uns da42* 500 nieder drückt. In diesem Sinne flehen wir zu deiner Huld und Liebe: Erlöse uns vom Uebel! igall Herr! Herr! sey uns gnädig und barmherzig, und erhöre, o erhöre die demüthigen Bitten, die wir mit kindlicher Ehrfurcht und Zuversicht vor deinen Thron gebracht haben! Du kannst, ja du kannst sie erhören! Denn deiner Herrschaft unterstehet alles, und was du willst und gebiethest, muß geschehen, immer und ewiglich. Dein ist das Reich, und die Kraft und die Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. made Bod tomm nedsmid misbr 1 Und es máis! zadën shiƐ modi modri wied jesz mn Ad od 800 rpd - 6lisonu olismu bin 600 m mala nis SESE5332 VII. Religiöse Gesänge. JIV mais läigils mar Host 102 foisuvi sl bilgis 6h@ 113 od 2 n b e t b ung. di at sidansa Schweigt, ihr Sinne! diese heil'ge Stille, Wo mein Geist, entbunden seiner Hülle, Sich der reinsten Seligkeit erfreut; Wo er auf der Andacht leisen Schwingen Strebt zum Vater der Natur zu dringen, Sey durch keinen Erdentand entweiht! Frey und los von allen Erdenmängeln, Schwebt er jetzt, ein Engel unter Engeln, Selig mit den Seligen vereint; Zittert nicht vor seines Geistes Größe, Den er im Gefühle eigner Blöße Dennoch liebend zu empfangen meint. intlad Schamvoll fliehen alle niedern Triebe; Nur die reinste, tadellose Liebe Folgt ihm vor des ewigen Altar; Und voll Demuth bringt er diese Gabe, Als das Edelste von seiner Habe, Gern dem Ewigen zum Opfer dar, de The and moll mind@ Sorgenlos sich selbst zurückgegeben, 19 Nimmt er aus dem engen, dumpfen Leben Unverdorben seinen stillen Sinn; Voll Vertraun, vergessend seiner Schranken, Schwingt er sich im Reiche der Gedanken Bis zum höchsten aller Geister hin. fig ult dal 504 Welch' ein Glück, im freudigen Vertrauen Frommer Unschuld zu dir aufzuschauen, Der des Weltalls hohe Ordnung lenkt! Im Gebeth zu dir sich zu erheben; Nicht vor deinem Richterernst zu beben, Wenn die Seele süß erstaunt dich denkt! - - nisurch Vater! wenn des Herzens stille Leiden Von den Freuden dieser Welt mich scheiden, Und mein letztes Glück in Staub zerfällt: O dann tröst' in bangen Augenblicken Mich der Andacht heiliges Entzücken Mit den Freuden, einer bessern Welt! by minu and this 100 79 682 19 Carl Heinrich Heidenreich. Gott. Sott ist mein Lied! #onstil domme Er ist der Gott der Stärke; bolagros Groß ist sein Nahm', und groß sind seine Werke, Und alle Himmel sein Gebieth! Er will und spricht's: So sind und leben Welten; Und er gebeut, so fallen durch sein Schelten, Die Himmel wieder in ihr Nichts. sasid soll? Licht ist sein Kleid, Und seine Wahl das Beste; Er herrscht als Gott, und seines Thrones Feste Sind Wahrheit und Gerechtigkeit. 69 #R 108 - 505 - Unendlich reich, Ein Meer von Seligkeiten, Ohn' Anfang Gott, und Gott zu ew'gen Zeiten, Herr aller Welt, was ist dir gleich? Was ist und war Im Himmel, Erd' und Meere, Das kennet Gott, und seiner Werke Heere Sind ewig vor ihm offenbar. Er ist um mich, Schafft, daß ich sicher ruhe; Er schafft, was ich vor oder nachmahls thue, Und er erforschet mich und dich! Er ist dir nah, Du sigest oder gehest, Ob du an's Meer, ob du gen Himmel flöhest; So ist er allenthalben da. Er kennt mein Flehn Und allen Rath der Seele; Er weiß, wie oft ich Gutes thu' und fehle, Und eilt, mir gnädig beizustehn. Er wog mir dar, Was er mir geben wollte; Schrieb auf sein Buch, wie lang ich leben sollte, Da ich noch unbereitet war. Nichts, nichts ist mein, Das Gott nicht angehöre; Herr! immerdar soll deines Nahmens Ehre, Dein Lob in meinem Munde seyn. 43 An BIC NO -- 506 - Wer kann die Pracht Von deinen Wundern fassen? ocks Ein jeder Staub, den du hast werden lassen, Verkündigt seines Schöpfers Macht. Der kleinste Halm Ist deiner Weisheit Spiegel! Und Luft und Meer, und Auen, Thal und Hügel Sind Herr! dein Loblied und dein Psalm. Du tränfst das Land, Führst uns auf grüne Weiden, Und Nacht und Tag, und Korn und Wein und Freuden Empfangen wir aus deiner Hand. Kein Sperling fällt, Herr! ohne deinen Willen; Sollt' ich mein Herz nicht mit dem Troste stillen, Daß deine Hand mein Leben hält? Ist Gott mein Schutz, Will Gott mein Retter werden: So frag' ich nichts nach Himmel und nach Erden, Und biethe jedem Feinde Truß. TISO Hymne an Gott. 3u Du deinen Füßen lieg ich hier, o Herr, Und beth' in Demuth deine Größe an! Zwar Millionen deiner Engelschaar Erhöh'n frohlockend deine Herrlichkeit; Ach! du bedarfst mein schwaches Loblied nicht! Doch gnädig siehst du auf den Staub herab; Gellert. LEETICA 507 Verschmähst es nicht, wenn auf der Bäume Höh' Der Vögel Chor zu deinem Ruhme singt, Wenn auf den Triften frohes, sattes Vieh Zu deinem Preise seine Freude brüllt, Und wenn die Blume ihren Opferduft Aus ihrem glüh'nden Herzen aufwärts schickt. Allgegenwärtiger! gewiß, du hörst Des dankerfüllten Herzens Stammeln gern, Und du verstehst sein heil'ges Schweigen auch, Worein es ehrfurchtsvoll versinken muß. Ach! überall, wohin mein Auge blickt, Da sind' ich, ew'ge Lebensquelle, dich; Im Morgenthau, und in des Abends Hauch Der stille Schauer deiner Gegenwart In meine tiefgerührte Seele geußt. - Der Pappel sanftes Lispeln spricht von dir; Laut donnernd prediget der Sturmwind dich; Dich lobt das Veilchen, welches demuthsvoll Sich sanft am mütterlichen Busen schmiegt; Der dumpfe Donner der Lavinen hallt Dein erstes Wort: Es werde! ewig nach. Vom nie betretnen Schneegebirge glänzt Mit Feuergluth dein Angesicht herab. Auch hier ist Gott! ruft laut der Wasserfall Mit Donnerstimme jedem Wandrer zu; Vernimm durch mich Jehova's Ruhm, beth' an, Und kündige der Welt, was du vernahmst! Wie viel sind deiner Wunder, Zebaoth! Mein Geist, sehr eng umschränkt, ermißt sie nicht; Doch find' ich Ordnung, Kette, Harmonie, 43* - 508 - Und milden Abglanz deiner Herrlichkeit, So oft mein fühner Blick zu forschen wagt, Und in das Inn're deiner Werke dringt. Des Lebens Quelle strömt aus deiner Hand, Sie spendet Segen aus mit milder Huld. Es wartet jedes Aug' auf dich, und nie Harrt es umsonst. Du sättigest, was lebt. Du theilst den Schatz der goldnen Früchte aus; Mit Blumenkränzen schmückest du die Welt. Dein Feuer kocht für Schmachtende den Saft, Der aus den Felsen quillt, und sie erquickt. In öder, unfruchtbarer Wüste, die Kein Fuß betrat, da wandelst du und wirkst, Bereitest dort den Segen, der so mild Sich über Wies' und Hain und Saat ergeußt. Aus Wassertropfen bildest du den Schlauch, Der träufelnd kühle Labung auf uns wirft. Auch in dem tiefen, grenzenlosen Raum, Zu dem sich kein Gedanke schwingen kann, Weit hinter jedem fernsten Stern hinaus Strahlt deine Herrlichkeit, viel heller noch Vielleicht, als mein Verstand jetzt fassen kann. Auch in der Tiefe meines Herzens, die Kein Mensch erforscht, da find' ich, Höchster! dich. Da donnert deine Stimm' dem Fehlenden, Und wiegt in Seelenruh die Unschuld ein, O Unbegreiflicher! aus dessen Blick Ein ewig Feuer flammt, das Leben gibt, Und Leben nimmt, nach deiner Weisheit Plan; Auf dessen Wink hier Welten untergehn, EEEESS 509 Dort Welten werden! Gott! was ist der Mensch, Der Staub, der Sünder, daß du sein gedenkst? Was fänd ich unter allen Schätzen wohl, Das würdig wär', ein Opfer dir zu seyn! Ach! ist nicht alles schon Geschenk von dir? Und ehrt ein Opfer jemahls, Höchster! dich? Dich, dessen Wesen keinen Wechsel kennt? Allgütiger! nimm als ein Pfand nur an Dieß thränenvolle Opfer des Gebeths, Das auf dem Altar meines Herzens glimmt, Das Liebe, Demuth, Dankbarkeit dir gibt; Nimm's als ein treu Geständniß gnädig auf, Daß ich, der Staub, nichts, nichts dir geben kann. Anbethung, Preis, und fevernder Gesang Steig aus der Seele froh zu dir empor. Empor auf Andachtsflügeln, wenn mein Fuß Den Tempel deiner herrlichen Natur Betritt, und sanft vereint' es sich Mit dieser Wiesenblumen Opferduft, Und mit der Nachtigallen Abendlied. - - Ach, alles, was des Schöpfers Hand umspannt, Und was der Vaterliebe Lächeln merkt, Verein'ge sich mit mir zum Preisgesang, Und stimme laut in meine Psalter ein. Ihr kühlen Lüfte, die ihr, sanft durchweht Von Rosenduft, den müden Wandrer labt, O tragt mein Lied hinauf zu Gottes Thron, Und rauschet säuselnd über Fels und Wald Des Höchsten Lob. Verstärkt euch dann zum Sturm, Damit der stolze Hain sich vor ihm beug'. 510 Ihr Blumen, duftet euern Dank hinauf Zu dem, der euch mit Sorgfalt auferzieht, Und euern Kelch mit Lebenswonne füllt. - 1 Ihr Bäche, die ihr rieselnd durch das Thal Euch windet, stimmt sein Loblied an; Verkündigt es den Strömen und dem Meer, Und ruft sie auf, zu brausen Gott ein Lied. Der Donner rufe hoch mit ernster Stimm' Dem ganzen Erdkreis zu: Groß ist der Herr! Und Erd' und Himmel wiederhohl' es laut Im langen Nachhall: Groß, groß ist der Herr! Vor allem, meine Seele, Gottes Bild, Vergiß die Gottheit, deinen Ursprung nicht; Vergiß es nie, was Gott an dir gethan, Und was er thun will, o vergiß es nie! Am frühen Morgen, wenn der erste Strahl Des Lichts im Thaue flimmert, dank' dem Herrn! Und wenn die Purpurgluth des Abendroths Der Berge Haupt vergoldet, dank' dem Herrn! Dein Harfenspiel slimm' in den Jubelflang Der Engelschaar bescheiden ein!- O Herr! Vergeß ich deines Lobes, wo ich sey, Am Bach, in dessen Silberwelle sich Des Mondes milder Schimmer spiegelt, sey's Im kühlen Schatten blühenden Gesträuchs, Auf Gisgebirgen, die der Sonne Gluth Nie wärmt, sey's auf des Meeres wilder Fluth, Sey's in der keuschen Liebe sanftem Arm: O dann vergiß dieß undankbare Herz, Und nie genieß es deinen Gnadenblick. Frog 30 511 Wenn über mich der Tod die Sichel schwingt, Mein Geist in jene Welt hinüber fliegt, Was werd' ich dann für neue Wunder schaun! Erstaunt hört dann mein Geist der Engel Lied, Und lallt es nach; schwingt immer höher sich; Erreicht zuletzt des Seraphs Lobgesang. - Der heilige Gesang. ( Mel. Erschienen ist der herrlich Tag 2c.) Weih' unsre Lippen, Geift des Herrn! Vernehmen laß das Ohr von fern Der Ueberwinder hohes Lied! Von Lieb' und Dank und Sehnsucht glüht Das volle Herz. Wir blicken auf zu jener Schaar, Die nun verklärt, einst sterblich war; In ihres Kampfes heißem Drang Erhob Gebeth sie und Gesang Zu fühnem Muth. Auch unsre Seelen hebt der Chor Des Heiligthunis vom Staub' empor, Wenn heil'ger Liebe Allgewalt In Gottes Tempel wiederhallt, Empor zum Thron. Erwacht, Gesänge! singt dem Herrn! Es tönt sein Lob von Stern zu Stern. Bey aller Wesen Harmonie Verstumm' auch unsre Lippe nie Herbst. Von seinem Ruhm. 512 Preist unsern Vater, preist den Sohn! Ertönt von des Vollenders Lohn! Sein ist die Herrlichkeit, die Macht, Sein ist das Reich; er hats vollbracht, Hat uns erlöst. - - Singt, Chöre, von dem ew'gen Heil; Den Treuen wird es dort zu Theil. Ein selig Vorgefühl durchdringt Ihr Herz, wenn der Gesang erklingt Vom ew'gen Heil. O süße Wehmuth, heil'ge Lust, Wie stärkst, wie reinigst du die Brust! Mit Kraft von oben angethan, Schickt sie zu jedem Kampf sich an, Des Siegs gewiß. Des Lebens Schmerz, sein treulos Glück Flieht vor dem Ewigen zurück; Ein unaussprechliches Gefühl Verkündet uns die Ruh am Ziel, Des Himmels Nuh. So töne, heiliger Gesang, Wie er in Zions Harfen klang, buk Bis, wenn der Mund sich sterbend schließt, Sein letzter Ton hinüber fließt 30 Zum höhern Chor! Niemeyer. Das Daseyn Gottes. ( Mel. Wach auf mein Herz und singe 2c.) Gott! aus deinen Werken Kann ich dein Daseyn merken; 513- In allen Kreaturen Find ich der Gottheit Spuren. Das große Weltgebäude, Dein Ruhm und meine Freude, Ruft in viel tausend Chören: Gott ist! Gott mußt du ehren! Wer sprach es, daß die Erde Und daß der Himmel werde? Wer sprach es, daß im Meere Des Wassers Sammlung wäre? Wer ließ an jenen Höhen Das Sternenheer entstehen? Wer läßt des Donners Brüllen Die Welt mit Furcht erfüllen? Du bist's, Gott! deine Werke Erzählen deine Stärke Und deine weise Güte Dem achtsamen Gemüthe. Das Würmchen in dem Staube, Die bunte Raup' am Laube, Das Gras, die schlanken Halmen Sind deiner Größe Psalmen. Herr! du bist hoch erhoben, Und ewig hoch zu loben, Wenn auch der Thoren Rotten Dich läugnen und verspotten. Laß alle, die dich kennen, Und dich mit Ehrfurcht nennen, 514 Und die dir fest vertrauen, Dein gnäd'ges Antlitz schauen! - - Preis der Gottheit. ( Mel. Es ist das Heil uns kommen 2c.) Wenn ich, o Schöpfer, deine Macht, Die Weisheit deiner Wege, Die Liebe, die für alle wacht, Anbethend überlege: So weiß ich, von Bewundrung voll, Nicht, wie ich dich erheben soll, Mein Gott, mein Herr, mein Vater! Mein Auge sieht, wohin es blickt, Die Wunder deiner Werke. Der Himmel, prächtig ausgeschmückt, Preist dich, du Gott der Stärke. Wer hat die Sonn' an ihm erhöht? Wer kleidet sie mit Majestät? Wer ruft dem Heer der Sterne? Gellert. Wer mißt dem Winde seinen Lauf? Wer heißt die Wolken regnen? Wer schließt den Schooß der Erde auf, Mit Vorrath uns zu segnen? Gott der Macht und Herrlichkeit, Gott, deine Güte reicht so weit, So weit der Himmel reichet! Dich predigt Sonnenschein und Sturm, Dich preist der Sand am Meere; i 515 Bringt, ruft auch der geringste Wurm, Bringt meinem Schöpfer Ehre! Mich, ruft der Baum in seiner Pracht, Mich, ruft die Saat, hat Gott gemacht; Bringt unserm Schöpfer Ehre! Der Mensch, ein Leib, den deine Hand So wunderbar bereitet; Der Mensch, ein Geist, den sein Verstand, Dich zu erkennen, leitet; Der Mensch, der Schöpfung Ruhm und Preis, Ist sich ein täglicher Beweis Von deiner Güt' und Größe. Erheb' ihn ewig, o mein Geist! Erhebe seinen Nahmen! Gott, unser Vater, sey gepreist, Und alle Welt fag': Amen! Und alle Welt fürcht' ihren Herrn, Und hoff' auf ihn, und dien' ihm gern! Wer wollte Gott nicht dienen? Lob der göttlichen Güte. Wie groß ist des Allmächt'gen Güte! Ist der ein Mensch, den sie nicht rührt? Der, mit verhärtetem Gemüthe, Den Dank erstickt, der ihm gebührt! Nein, seine Liebe zu ermessen, Sey ewig meine größte Pflicht! Der Herr hat mein noch nie vergessen; Vergiß mein Herz auch seiner nicht! Gellert. 516 Wer hat mich wunderbar bereitet? Der Gott, der meiner nicht bedarf. Wer hat mit Langmuth mich geleitet? Er, dessen Rath ich oft verwarf. Wer stärkt den Frieden im Gewissen? Wer gibt dem Geiste neue Kraft? Läßt so viel Gutes mich genießen? Ist's nicht sein Arm, der alles schafft? —- - Blick', o mein Geist! in jenes Leben, Für welches du erschaffen bist; Wo du, mit Herrlichkeit umgeben, Gott ewig sehn wirst, wie er ist. Du hast ein Recht zu diesen Freuden; Durch Gottes Güte sind sie dein; Sieh, darum mußte Christus Leiden; Damit du könntest selig seyn. Und diesen Gott sollt' ich nicht ehren, Und seine Güte nicht verstehn? Er sollte rufen, ich nicht hören? Den Weg, den er mir zeigt, nicht gehn? Sein Will' ist mir ins Herz geschrieben; Sein Wort bestärkt ihn kräftiglich; Gott soll ich über alles lieben, Und meinen Nächsten so, wie mich. Dieß ist mein Dank, dieß ist sein Wille: Ich soll ganz Liebe seyn, wie er. So lang ich dieß Geboth erfülle, Stell ich sein Bildniß in mir her. Lebt seine Lieb' in meiner Seele: 517 So treibt sie mich zu jeder Pflicht; be Und ob ich schon aus Schwachheit fehle: Herrscht doch in mir die Sünde nicht. - - Gott! laß deine Güt' und Liebe Mir immerdar vor Augen seyn! Sie stärk' in mir die guten Triebe, Mein ganzes Leben dir zu weihn. Sie tröste mich in Noth und Schmerzen, Regier' mich auf dem Pfad' des Glücks, Und sie besieg' im bangen Herzen Die Furcht des letzten Augenblicks! Preis der göttlichen Vorsehung. ( Mel. Alle Menschen müssen 2c.) Bester, weisester Regierer! Aller Welten Preis sey dir! Dir, du meines Lebens Führer, Sey auch ewig Preis von mir! Unter allen Millionen, Die dein weites Reich bewohnen, Siehst du huldreich auch auf mich, Sorgest für mich väterlich. Gellert. Nie kann ich dich gnug erheben; Du, der alles werden heißt, Gabst mir mit des Leibes Leben Auch die Seele, die dich preist; Ich, ein Wunder deiner Güte, Seh' mit staunendem Gemüthe, sist 518 Das sich selbst nicht fassen kann, Als ein Bild von dir mich an. - - Auf der Menschheit hohe Stufe Stellte, Herr, mich deine Hand, Wo den Schall von deinem Rufe Früh ich hörte, früh verstand. Aus unendlichem Erbarmen Zogst du mich mit Vaterarmen In der Kindheit schon zu dir. Owie preis' ich dich dafür? Täglich warest du mir nahe; Deine Weisheit lehrte mich; Was ich hörte, was ich sahe, Zeigte mir, mein Vater, dich. Du, du kamst mit neuem Segen Jeden Morgen mir entgegen; Was nur je mir heilsam war, Reichte deine Hand mir dar. Wie so viele frohe Tage Schenkte deine Güte mir! Schickte sie auch eine Plage, O so kam auch Trost von ihr; Und wer zählt die Freuden alle, Die mir, seit ich hier schon walle, Deine Vaterhand verlich? Herr, zu zählen sind sie nie! Sollt' ich dir denn nicht mit Freuden Dankbar und ergeben seyn? Sollt' ich zagen, wenn mir Leiden 519 Widerfahren, oder dräun? Nein, ich lasse, Gott! dich walten; Du, du wirst mich aufrecht halten. Sende Freude, sende Schmerz; Dankvoll nimmt's von dir mein Herz; - Flöhn mich auch die besten Freunde; Fehlt auch andre Freude mir; Wären viel auch meiner Feinde; Dennoch bleib ich stets an dir; Dennoch will ich nicht verzagen; Will am Ziel von meinen Tagen In die höhre Zukunft schaun, Und mit Freuden dir vertraun. Besser noch, als selbst das Leben, Ist, o Vater, deine Huld; Was mir nüßt, wird sie mir geben, Und mich tragen mit Geduld. Laß mich, Ewiger und Bester, Immer inniger und fester Hier mit dir vereinigt seyn, Deiner Gnade mich zu freun. Oder seligen Verbindung, Allergütigster, mit dir! Deiner Vaterhuld Empfindung Gib, v Vater, täglich mir! Mache du mich immer reiner, Daß mein Herz dereinst auch deiner Sich in deinem Reich erfreu'; Und in dir ganz selig sey. Lavater. - 520 Erhebung zu Gott. ( Mel. Mir nach! spricht Christus, unser Held 2c.) Hinauf zu dir, durch den ich bin, Dem Urquell meines Lebens! - Zwar fast dich nicht der blöde Sinn; Doch streb' ich nicht vergebens, Und heil'ger wird mir die Natur, Führt mich zu dir die stille Spur. Der Welten Bau, er ward von dir Begonnen und vollendet; Ich fühle dich, nah bist du mir, Wohin der Blick sich wendet. Auch in des Herzens Tiefen spricht Dein Zeuge laut, und täuscht mich nicht. Owohl mir, daß, mein Gott und Herr, Ich dich schon hier erkenne, Dich lieben darf, Allliebender, Dich freudig Vater nenne! Das hebt mich über Erd' und Zeit, Das bürgt mir die Unsterblichkeit. Ich kann so fest bey Freud' und Schmerz Auf deine Güte bauen. Es darf das umgetriebne Herz Nur glaubend auf dich schauen, So strömt ihm hoher Friede zu; In dir allein liegt seine Ruh. Des Lebens seligstes Gefühl Gibt Hoffnung, Lieb' und Glaube; 521 Sie führen sicher an das Ziel, Geht gleich der Weg im Staube.. Am Ziel fließt ewig klar und hell Der höheren Erkenntniß Quell. - Dort öffnet eine neue Welt Sich den erstaunten Blicken; Der Sinne Nebelhülle fällt, Die Ahnung wird Entzücken. Dir, den er hier nur stammelnd preist Kommt näher dann mein sel'ger Geist. Niemeyer. Frommes Vertrauen zu Gott. ( Mel. Uch, was soll ich Sünder 2c.) elig, wer mit stillem Herzen, Ihm, dem Vater, der uns liebt, Ganz sein Schicksal übergibt, Und auch in den tiefsten Schmerzen Seinem Kummer muthig wehrt, Und auch da den Herrn verehrt. Mensch, kein Schicksal deines Lebens, Sorgst du auch von Jugend auf, Nimmt drum einen andern Lauf. Sorge quält, und quält vergebens; Deine Kräfte zehrt sie ab, Stürzt dich vor der Zeit ins Grab. Eh du noch die Welt betratest, Wog er, der dir Leben gab, Dir schon längst dein Sicksal ab. Eh du noch um Segen bathest, 44 522 Eh noch deine Thräne rann, Sah er dich schon gnädig an. - Dankbar nimm des Lebens Freuden Aus des Höchsten milder Hand, Und ist Kreuz dir zuerkannt, O so fasse Muth, zu leiden! Gut ist alles, was Gott will; Dulde willig und sey still! Will dein Anschlag nicht gedeihen, Und mißlingt dir dein Bemühn, Denke, was erst Glück uns schien, Muß man oft hernach bereuen. Wohlthat ist gewiß auch dieß, Was dir Gott mißlingen ließ. Wenn er nicht so reichen Segen Als dem Nächsten dir verlieh, Müsse doch sein Wohlstand nie Neid in deiner Brust erregen; Lerne, fremden Glücks dich freun; Fremdes Glück wird dadurch dein! Wenn dir Frevler Angst erwecken, Wenn ihr Haß dich drückt und kränkt, Hält sie Gottes Macht umschränkt. Droht der Tod mit seinen Schrecken: Der vom Tode retten kann, Nimmt sich deiner mächtig an. Rüstete sogar zum Streite Sich die Hölle wider dich; Sie ist dir nicht fürchterlich. de 27 523 Fielen auch zu deiner Seite Tausend dort, zehntausend hier: Zage nicht, Gott ist bey dir! - - Christ, sey unbesorgt und heiter, Im Vertraun auf Gottes Wort Sebze deine Wallfahrt fort; Wer bisher half, hilft auch weiter; Er hält fest, was er verspricht; Gott, dein Gott verläßt dich nicht! Ergebung und Vertrauen. ( Mel. Jesu, meine Freude zc.) Nein, ich will nicht sorgen; Weiß ich denn, ob morgen Noch das Licht mir scheint? Der so treu mich führte, Immer recht regierte, Bleibt mit mir vereint. Geht die Bahn Er nur voran, Sey sein Weg mir auch verborgen, Warum sollt' ich sorgen? Nein, ich will nicht klagen! Sollt' ich denn verzagen, Weil der Trost verzieht? Wenn des Herzens Sehnen, Wenn die stillen Thränen Nur der Vater sieht? Ungeduld Wird oft zur Schuld; 3. U. Schlegel. 44* the # sest - 524 Was er auflegt, hilft er tragen; Sollt' ich denn verzagen? Nein, ich will nicht wählen! Ach! ich möchte fehlen, Leicht getäuscht vom Schein. Schwach sind meine Sinnen, Sehn wohl das Beginnen, Nicht den Ausgang ein. Meine Wahlin Ward oft zur Qual; Mag sein Plan sich mir verhehlen; Gott kann niemals fehlen. Wie viel tausend Sonnen, Seinem Licht entronnen, Zeigt er Bahn und Lauf! Aller Wesen Meister, Wie viel tausend Geister Vlicken zu ihm auf! Allen hat Sein weiser Rath - Schmerz und Freuden zugemessen; Sollt' er mein vergessen? Ihm will ich vertrauen: Glaube führt zum Schauen, Hoffnung stärkt das Herz. Ist der Himmel trübe, Gott bleibt doch die Liebe, Liebe heilt den Schmerz. Was mich drückt, Hat sie geschickt. 409 10 525 Werd' ich nur in Prüfungsstunden Treubewährt erfunden! Bin ich ganz verlassen, Kann der Geist nicht fassen, Was der Vater will: Halt ich, auch in Schmerzen, Mit ergebnem Herzen Ihm gehorsam still. Was er thut, Ist recht und gut; Jedes Trübsal dieser Erden Soll zum Heil mir werden. Sey mir Kampf beschieden, Führet doch zum Frieden Mich des Sieges Bahn. Der den Tod bezwungen, Der den Sieg errungen, Kämpfte mir voran. Du, o Held, - Bezwangst die Welt! Wer dir folgt, kann nicht erliegen; Mir auch hilfst du siegen. 3 Niemeyer. Das Heiligthum Gottes. ( Mel. Werde munter mein Gemüthe 2c.) Hehr und heilig ist die Stätte, Wo die Frommen zu dir flehn; Wenn ich fevernd sie betrete, Laß mich, Herr, dein Antlitz sehn; 526 Wohl, wohin mein Auge sah, War dein Geist mir immer nah; Doch es trübt das Weltgetümmel Oft vor meinem Blick den Himmel. - - Von dem Irdischen geschieden, Von dem Ewigen erfüllt, Find' ich dort den hohen Frieden, Der des Geistes Sehnsucht stillt. An dem Strom der Erdenlust Schmachtet doch zuletzt die Brust; In des Lebens wildem Drängen Kann das Herz sich nur verengen. Hör' ich dort der Andacht Lieder, Dünkt es mich ein Engelchor; Sink' ich bang und zweifelnd nieder, Hebt der Glaube mich empor. Milder wird der Kränkung Schmerz, Bruderlieb' erfüllt das Herz, Seh' zu den geweihten Hallen Ich die Mitanbether wallen. Heil'ges Wort der ew'gen Wahrheit, Die dem Irrthum uns entreißt, Du erhellst die Nacht zur Klarheit, Du durchstrahlst mit Licht den Geist; Nichts verhehlet sich vor dir, Fehl und Schuld enthüllst du mir; Wo dieß Machtwort je erklungen, Hat es Mark und Bein durchdrungen. Weinend oft mit bangem Zagen Trat ich in das Heiligthum; 12 Eluae 527 Da verstummten meine Klagen, www Und mein Leiden ward mein Ruhm. Willig, wie aus Vaterhand, Nahm, zum Mittler hingewandt, Ich, in Demuth hingesunken, Auch den Kelch, den er getrunken. - - Knie ich an des Altars Stufen, Ein gebeugter Sünder, hin, Hör' ich heil'ge Stimmen rufen: » Sey getrost! dir ist verziehn!« Hochbegnadigt steh' ich auf Fröhlich fördr' ich meinen Lauf, Und das Herz wird voll Vertrauen, Was ich glaube, dort zu schauen. Sieht mein Auge, naß von Thränen, Der Geliebten Stelle leer, Hier stillt sich das bange Sehnen; Leben sie doch hoch und hehr! Aus der Welt voll Kampf und Streit Zu des Himmels Herrlichkeit, Zur Gemeine sel'ger Frommen Sind die Glücklichen gekommen. Theuer bleibst du meiner Seele, Haus des Herrn, so lang ich bin. Nimmt des Grabes dunkle Höhle Einst den Staub des Pilgers hin, Schwebt der Geist mit Preis und Ruhm In das höh're Heiligthum, Daß er ewig sich vereine Mit der himmlischen Gemeine. Niemeyer. 528 Danklied für Glückliche. ( Mel. Wie schön leuchtet der Morgenstern 2c.) Viel zu gering bin ich, o Herr, Der Vaterhuld, womit du mehr Als Tausende mich segnest. Du wähltest selbst dieß Loos für mich; Was ist's, daß du so väterlich Vor Andern mir begegnest? - Alles, was ich von dir habe, Jede Gabe, Jeder Segen Strömt mir unverdient entgegen. Wie ruhig fließt mein Leben hin! Nichts trübet mir den frohen Sinn; Kaum kennt der Mund die Klage. Du strömst zum fröhlichen Genuß Der Gaben reichsten Überfluß Auf meine Lebenstage. Monden, Jahre sind wie Stunden Mir verschwunden; Sie verflossen Selig mir und rein genossen. Wie mancher hat, von Noth gedrückt, Durchseufzt die lange Nacht, und blickt Nach Trost zu deiner Höhe! Die heiße Thräne fleht um Ruh!- Was ihm versagt ward, fällt mir zu, Und wird mir, eh ich flehe. 18 - 529 Süßes Labsal, sanfter Schlummer, Frey von Kummer, Stärkt den Müden; Ungestört ruh ich in Frieden. Wenn Andre Durst und Hunger quält, Wenn ihnen Wärm und Obdach fehlt, Wenn sie in Elend schmachten; Wenn ungesehn ihr Auge weint, Kein Helfer in der Noth erscheint, Nicht Menschen ihrer achten: Liebe, Freude, krönt mein Leben; Es entschweben Selbst die Sorgen, Wie ein leichter Traum am Morgen. Das alles ward mir, Herr, durch dich! Voll Demuth, Vater, beuget sich Vor dir die Seele nieder. Der Gaben, die du mir beschert, Wie werd' ich, Geber, ihrer werth? Ach! was geb' ich dir wieder? Seyd mein Opfer, stille Thränen, Frommes Sehnen, Zu beglücken, Die des Lebens Lasten drücken! O kommt, Verlaßne, kommt heran! Mir gab, was euch erfreuen kann, Ein Vater voll Erbarmen. Wie ist mein Herz so warm, so voll! Ich weiß nicht, wie ich danken soll. Kommt, ruht in meinen Armen! 45 530 Eilet! theilet, was ich habe; Jede Gabe! Mich beglücket Gott, so oft er euch erquicket. -- - Die Seligkeit des Christen. ( Mel. Wer nur den lieben Gott läßt walten 2c.) Ein herrlich Loos ist mir beschieden; Dir, mein Erlöser, früh geweiht, Eröffnet sich mir schon hienieden Ein Himmel voll von Seligkeit. Kaum trat ich in das Leben ein, So ward dieß höh're Leben mein. Mir unbewußt, auf frommen Armen Lag ich, und brünstiges Gebeth Erflehte Segen und Erbarmen Für mich von ihm, dem Alles fleht. Da ward dir, holder Kinderfreund, Am heil'gen Quell auch ich vereint. Niemeyer. Wo deine Treuen sich versammeln, Wo deine Himmelsehre tönt, Da lernt' ich deinen Nahmen stammeln, Der mit dem Vater uns versöhnt. In dir, der Gottheit Ebenbild, Ward mir die Gottheit selbst enthüllt. Vor deinem Wort voll ew'ger Wahrheit Verschwand des Irrthums dunkle Nacht; Du hast in ungetrübter Klarheit Unsterblichkeit ans Licht gebracht, 531 Und Glaub' und Lieb' und Hoffnung beut Durchs Leben mir ein treu Geleit. - - Ich lerne meinen Ursprung kennen Und meines Geistes Vaterland. Es wird, den keine Nahmen nennen, Mein Gott stets besser mir bekannt; Und bleibt sein Wesen mir zu hoch, So fühl' ich seine Liebe doch. Er hat ja dich dahin gegeben, Den Einzigen, in Noth und Schmerz! Verbürgt dein Sterben, wie dein Leben, Mir doch sein väterliches Herz! So wird Vergebung, Trost und Heil Des Glaubenden gewisses Theil. Wenn ich in meinem Lauf' ermüde, Fleht mein Gebeth zu dir um Kraft; Mir wird ein hoher Gottesfriede, Der neues Leben in mir schafft. Auch stärkt am heiligen Altar Mich dein Gedächtniß wunderbar. Je mehr ich mich in dich gestalte, Mein Vorbild, wächst mir Muth und Sinn. Je fester ich an dich mich halte, Fließt leichter mir das Leben hin; Und wie du sie getragen hast, Trag' ich auch gern des Tages Last. Kommt einst der Abend, ohne Beben Werd' ich zum Thal des Todes gehn. 45* 532 Der dunkle Pfad, er führt zum Leben, Zur Herrlichkeit, zum Wiedersehn. Der Brüder Lied im frommen Chor Geleitet mich zu Gott empor. - Trauer um die Abtrünnigen. ( Mel. Freu dich sehr, o meine Seele! 2c.) Warum Darum tönt das Lied der Frommen Schwächer stets von Gottes Ruhm? Traurig ist mein Herz, beklommen; Dede wird das Heiligthum! Die einst treu dem Bunde war, Wo verlor sich hin die Schaar? Warum muß ich einsam wallen Zu den Gott geweihten Hallen? Oder alten, sel'gen Tage, Wo, der ersten Liebe voll, Hier die Freude, wie die Klage Aus der frommen Seele quoll; Wo der frohe Festgesang Noch von tausend Lippen klang, Harf und Psalter laut ertönten Dem Versöhner, dem Versöhnten! Niemeyer. An der Andacht reinem Feuer Wurden alle Herzen warm, Fühlten stärker sich und freyer, Brust an Brust und Arm an Arm. Was des Vaters Lippe sprach, Stammelte das Kind ihm nach, 533 Hing in Gott geweihter Stunde An der Mutter frommen Munde. - - Für des heil'gen Glaubens Ehre Gab der Jüngling Gut und Blut. Aus des Mittlers hoher Lehre Quoll dem Kämpfer Kraft und Muth. Stiller Geist und sanfter Sinn War der köstlichste Gewinn, Nur in diesem Schmuck zu prangen, War der Jungfrau heiß Verlangen. Wen des Lebens Müh und Sorgen, Wen sein Treiben matt gemacht, O wie segnet er den Morgen, Der den Ruhetag gebracht! Heiter ward sein Aug' und hell, Schöpft' er aus der Wahrheit Quell; Neue Kraft ward ihm gegeben, Muthig kehrt' er um ins Leben. Sagt, wo seyd ihr hingeschwunden, Ihr, so treu einst, nun so fern? Habt ihr höhres Glück gefunden? Dient ihr einem bessern Herrn? Gab, was nur dem Sinn gefällt, Gab die Herrlichkeit der Welt Eurem Geist den wahren Frieden? Ach! warum seyd ihr geschieden? Kehret um, verirrte Brüder! Euer Durst ward nicht gestillt. Sucht die frischen Auen wieder, Wo der Strom des Lebens quillt! 534 Zu dem Retter kommt zurück! Die Verlornen sucht sein Blick. Freude tönt in Engelchören, Wenn Verirrte wiederkehren. - - Familienlied. ( Mel. Wer nur den lieben Gott zc.) Im Stillen wollen wir dich ehren, Dich, Gott, der frommen Wandel liebt, Und Bittenden, was sie begehren, Wenn's ihnen nützet, willig gibt. Schon oft hast du uns, Gott, erhört, Und unsrer Herzen Wunsch gewährt. Uns Alle, die wir flehn, verbindet Des Blutes und der Freundschaft Band; Und unser Herz, o Gott, empfindet Die milde Leitung deiner Hand, Und preist dich, großer Menschenfreund, Der uns durch dieses Band vereint. Wohl dem, der in der Ehe Bunde, In fester Lieb' nnd Eintracht lebt! Ihm wird so manche Lebensstunde Mit Lust und Seligkeit durchwebt; Er blickt mit ruhig heiterm Sinn Auf seinem Weg zum Ziele hin. Niemeyer. Wohl dem, dem frommer Kinder Segen Der Ehe Bund noch schöner macht; Wenn sie im Herzen Tugend hegen, Und Unschuld aus den Augen lacht; 535 Wenn sie der Aeltern Beyspiel rührt, Und auf den Pfad zum Himmel führt. - - Wohl denen, deren Hausgenossen Die Furcht des Herrn vor Augen schwebt; Wenn jeder treu und unverdrossen Nach seiner Pflichterfüllung strebt; Wenn Eintracht und Zufriedenheit Das Haus zum Siz des Segens weiht! Wohl uns, wenn auch bey unsern Freuden Sich freut der Nachbar und der Freund; Wenn er beym Anblick unsrer Leiden Des Mitleids stille Zähre weint, Die Bruderhand uns willig reicht, Und Hülf und Beystand gern erzeigt! Den Frommen, die dich kindlich ehren, O Vater, strömt dein Segen zu; Sie wandeln stets nach deinen Lehren, Und traun auf dich, und finden Ruh'; Sie finden Freude, deren Werth Und Dauer keine Zeit zerstört. Auch Bittres trinken sie gelassen, Daß du, ihr Vater, eingeschenkt. Du zürnest nicht, kannst sie nicht hassen, Du, Gott, der seiner Kinder denkt, Und wenn ihr Glaube standhaft ringt, Durch Leiden sie zur Wonne bringt. Drum mag des Todes Arm uns trennen, Wir werden einst uns wiedersehn, - 536 Vor Gottes Thron die Unsern kennen, Mit ihnen dankend vor ihm stehn, Da, wo nicht Trennung, wo nicht Tod Den Neuvereinten ferner droht. - Wir preisen ewig dann die Güte, Die unaussprechlich uns geliebt, Die jedem redlichen Gemüthe Schon hier des Himmels Vorschmack gibt. O führ' uns, Herr, an deiner Hand In unser wahres Vaterland! Lied für Schwangere. ( Mel. Jesus, meine Zuversicht zc.) Unter meinem Herzen ruht Ein mir theures junges Leben. Guter Gott, du hast dieß Gut Mir aus weiser Huld gegeben; Dein ist dieser Segen, dein, Der ihn gab, mich zu erfreun. O wie froh schlägt meine Brust! Voll von süßen Muttertrieben, Denk' ich jener edeln Lust, Bald die schönste Pflicht zu üben, Und das Pfand dir zu erziehn, Das mir deine Huld verliehn! Eschenburg. Ach! noch lächelt er mir nicht, Und doch ketten mächt'ge Triebe An den Liebling mich, und Pflicht Billigt diese heiße Liebe. EEEEE3P 537 Gott! voll Seligkeit dein Ruf, Der die erste Mutter schuf! - Und welch' Glück, daß Reue nicht Meine Mutterfreuden störet, Reue nach verletzter Pflicht, Wenn man Unschuld je entehret! Welches Glück, im Herzen rein, Ohne Thränen Mutter seyn! Preis und Dank, o Vater, dir, Der voll Liebe diese Freuden Unter Tausenden auch mir Gütig wußte zu bereiten! Dank, o heißen Herzensdank, Sage dir mein Lobgesang! Gib mir Stärke, Muth und Kraft, Mich dem schwersten Schritt zu nahen! Laß mich, was mir Hülfe schafft, Recht bedenken und empfahen; Mich voll weiser Vorsicht seyn; Wahn und Aberglauben scheu'n! Und gewährt dann deine Hand Mir die längst ersehnte Freude; Schenkst du glücklich mir das Pfand Deiner Liebe: o so leite, Guter Gott, dann mein Bemüh'n, Dir es christlich zu erzieh'n! Doch beschloß dein weiser Rath Mir statt Mutterfreuden Schmerzen: O so gib auf diesem Pfad 538 Dann Ergebung meinem Herzen, Daß ich, meiner Pflicht getreu, Auch im Leiden dankbar sey! - - Bey der Geburt eines Kindes. ( Mel. Allein Gott in der Höh' 2c.) Willkommen in der Menschheit Arm, Geliebtes Kind, willkommen! O sey mit Freuden, mild und warm, Von uns jetzt aufgenommen! Noch schwächer, als das junge Thier, Doch Mensch geboren, so, wie wir, Bist du, wie wir, unsterblich. Empfang' im Reich der Sittlichkeit, Empfang' auf Jesu Wegen, Du Zögling der Unsterblichkeit, Der Menschheit frommen Segen! O, find' in ihr auf deinem Pfad Getreue Liebe, Trost und Rath Und Lehre bis ans Ende! Es gehe, wie dein Gott es fügt! Ist wenig dir beschieden, So sey bey Wenigem vergnügt, Bei kleinem Gut zufrieden! Und trifft dich Leiden: Gott ist gut! Du bist unsterblich, habe Muth, Und reiner Unschuld Frieden! Du mögest dich des Lebens freun; Es ist ein Menschenleben; 539 Und soll dein Geist zu höherm Seyn, Gebildet, einst sich heben: - - So sinke, wann dein Gott dich ruft, So furchtlos fröhlich in die Gruft, Wie in den Schooß der Mutter. Bestimmung der Menschen. ( Mel. Nun lob mein Seel' den 2c.) Gedenk', o meine Seele, Daß du des Himmels Erbe bist; Empfind's voll Dank und wähle, Was deiner Wünsche würdig ist! Dir müssen Gottes Sonnen, Dir seine Sterne glühn; Für deine Lust begonnen Gebirg' und Thal zu blühn; Und sie und alle Gaben, Die sie, doch nicht für sich, Die sie für dich nur haben, Sind noch zu arm für dich. Starke. Der Mensch darf mehr begehren, Als Erd' und Himmel geben kann, Gott will ihm mehr gewähren, Beut ihm ein größers Erbtheil an. Er führt ihn auf die Erde, Daß er in dieser Zeit Von ihm erzogen werde Zu seiner Seligkeit; Bis er mit allen Kräften, 540 Gebildet und gewöhnt Zu göttlichen Geschäften, Nach ihr allein sich sehnt. Dann endet er voll Wonne Der hohen Tugend schweren Lauf, Und eine schönre Sonne Geht dann in vollem Glanz ihm auf; Entflohn sind alle Leiden, Die Thränen abgewischt, Vollkommen seine Freuden, In die kein Schmerz sich mischt, Er jauchzt, er triumphiret; Ihm reicht von seinem Thron Er, der die Welt regieret, Der Tugend hohen Lohn! Auch ich, auch ich darf hoffen! Selbst nach dem Falle steht auch mir Noch eine Laufbahn offen Zu deinen Freuden, Gott, zu dir! Wenn ich mich dir ergebe, Und, selbst von dir erneut, Nicht Sünden, dir nur lebe, Geschmückt mit Heiligkeit; Wenn ich auf dich nur sehe, Gestärkt durch deine Kraft, Was eitel ist, verschmähe, Stets fromm und tugendhaft. Schon hier, dich Gott, erkennen, Der du mein Herr und Vater bist, Von deiner Lieb' entbrennen, 541 Und thun, was ihrer würdig ist, Von Herzen Jesum lieben, Nach seinem Beyspiel mich In guten Werken üben, Aus Ehrfurcht gegen dich, Unschuldig, liebreich, Allen Zum Dienste gern bereit, Dem Ziel entgegen wallen: Gott, welche Seligkeit! - Mir, der ich auch im Leiden Dir, o mein Vater, theuer bin, Fließt so in stillen Freuden Die Stunde meiner Wallfahrt hin. Komm, früher oder später, O Tod, ich zittre nicht; Denn nur den Uebelthäter Erschrecket dein Gericht. Ich, Gottes Wink ergeben, Kann frohen Muthes seyn, Und seiner mich im Leben, Mich seiner sterbend freun! Dieß ist dein Ziel, dieß wähle, Die du so hoch begnadigt bist Von Gott, erlöste Seele; Dieß ist, was deiner würdig ist! Dieß sey dir gegenwärtig, Nach diesem ring' und sey Zu allem Guten fertig, Bis in den Tod getreu. Dir können keine Welten - 542 Mit aller ihrer Luft Der Sünde Dienst vergelten, Und dieses Heils Verlust. - Werth der Lebenszeit. ( Mel. Wer nur den lieben Gott läßt walten zc.) daß von meinen Lebenstagen Nicht einer mehr verloren sey! Verlorne Stunden, ach! sie nagen Zu spät das Herz mit Scham und Reu. Selbst den entflohnen Augenblick Bringt kein Gebeth, kein Flehn zurück. Was ist die Neih durchlebter Jahre? Sie sind mir wie ein Traum entflohn; Die ich für gute Thaten spare, Die Zeit allein trägt Ernt' und Lohn. Drum richte sich mein Herz und Sinn Hinfort nur auf das Ew'ge hin. Cramer. Stets weiter fort zu jenem Ziele! Stets näher zur Vollkommenheit, Voll von dem seligen Gefühle: Mein Geist reift zur Unsterblichkeit. Was irdisch ist, ist ihm zu klein; Im Himmel soll mein Wandel seyn. Und ob die Welt voll Eitelkeiten Den Sinn verlockt zu ihrer Lust, Im Herzen Erd' und Himmel streiten, So stärke sich mit Muth die Brust. 543 Mein Mittler kämpfte mir voran; Ich stege, folg' ich seiner Bahn. - Wenn mich des Tages Hiße drücket, Von Arbeitsschweiß die Stirne trieft, Das Auge matt nach Ruhe blicket, Der Undank meine Tugend prüft, Zu sparsam meine Aussaat keimt, 3u lange mir die Ernte säumt: Dann, Hoffnung! sollst du mich erquicken: » Einst kommt mein Abend, still und kühl; Die Laft der Arbeit wird Entzücken, Geduld wird Wonn' und Dankgefühl; Ernt' ohne Ende gibt die Saat, Die Demuth ausgestreuet hat." Noch ist mein Herz so schwach. Wie wanket Es noch so oft auf seiner Bahn! Und mein Erkenntniß- ach: wie schwanket Es zwischen Wahrheit oft und Wahn! Wie werd' im Eifer selbst so bald Ich wieder träge, wieder kalt! Wie wenig dringt für meine Brüder Mich Christi Sinn! Wie schnell entflieht Die innigste Empfindung wieder, Wie heiß sie auch im Herzen glüht! Mein Streben ach! wie ist's so weit Vom Ziele der Vollkommenheit! - Wohlan, mein Geist! Es eilt die Stunde, Stets vorwärts, blicke nie zurück! Fest hang' an der Getreuen Bunde, - 544 - Es gilt ein unvergänglich Glück. Groß ist der Lohn am Ziel, doch fern; Dein ist er, folgst du treu dem Herrn! Einst seh' ich an der Laufbahn Ende Auf meine Tage freudig hin, Und sage: Herr, durch deine Hände Empfing' ich, was ich hab' und bin. Hier ist mein Tagewerk! Nicht mein, Dein ist der Ruhm, die Ehre dein.« Niemeyer. Die Freundschaft. ( Mel. Lasset uns den Herren preisen 2c.) Auf! erwachet meine Lieder, Singt dem Herrn, bringt Preis und Dank! Gnädig schaut' er stets hernieder, Wo ein frommes Lied erklang. Sollt' ich ihn nicht, ihn erheben? Floß aus seiner Vaterhand, Eh mein Stammeln ihn genannt, Mir nicht Freude schon und Leben? Alles, was ich hab' und bin, Hab und ward ich nur durch ihn. Doch was wären Freudentage, Theilte sie kein Freund mit mir? Ach, ihr Ende wäre Klage, Irrt' ich öd' und einsam hier, Wär' ich, wie in Wüsteneyen, Wär' ich wie in fremdes Land Auf die Erde hingebannt. 545 Was mag ohne Lieb' erfreuen? Werde froher, mein Gesang! Brüder, theilet meinen Dank! - Dank für jene sel'gen Stunden, Wo in treuer Freundschaft Schooß, Ach! nur allzuschnell verschwunden, Sanft dahin das Leben floß; Für die reinen, süßen Freuden, Die mir fromme Liebe gab, Gern bereit, bis in das Grab Mit zu danken, mit zu leiden, Mich zu heben, wenn ich sank, Preis dir, Geber, Preis und Dank! Du hast auf dem Pilgerwege Mir die Theuern zugeführt, Die, wenn ich oft matt und träge, Oder gar mein Fuß verirrt Von dem ebnen Pfade wanket, Mir voran zum Ziele gehn, Meines Kummers Blick verstehn, Meinem Glauben, wenn er schwanket, Meinem Herzen Kraft verleihn, Wenn Gefahr und Noth mir dräun. Heilig dir sey jede Freude, Die mir aus der Liebe quillt, Sey mir Tröstung, wenn ich leide, Immer schuldlos, sanft und mild. An des Frommen reiner Seele Läutre sich mein schwaches Herz, Daß ich unter Lust und Schmerz 46 546 Nur, wie er, das Rechte wähle; Sucht mein Sinn ein falsches Glück, Rufe mich sein Wink zurück. - www Wo auch die Geliebten wallen, Die dein Auge mir ersah, Laß mein Flehn dir wohlgefallen, Segne sie, sey ihnen nah! Ihrer Seele stilles Sehnen, Ihres Herzens fromm Gebeth, Das vielleicht für mich jetzt fleht, Ihre Sorgen, ihre Thränen, Ihre leiseste Begier, Alles, Herr, empfehl' ich dir! Hebe, wenn der Tod die Bande Unsrer Liebe hier zerreißt, Zu der Freundschaft Vaterlandé, Zu dem Himmel unsern Geift! Reiner, himmlischer verbinden, Ewig dann, vereint durch dich, Die verklärten Geister sich Dort, wo wir uns wiederfinden, Keine Abschiedsthräne fließt, Und die Freundschaft ewig ist. Niemeyer. Unsterblichkeit. ( Mel. Schak über alle Schäße zc.) Unsterblichkeit! Gedanke, Der meinen Geist belebt, Und in der Trübsal Stunden 547 Ihn zu den Sternen hebt! Du strahlst, mehr als die Sonne, Mir Licht und Wärme zu; Mein Glück und meine Wonne, Mein höchster Stolz bist du! Ich sterbe nicht auf ewig; Sonst wäre Leben Qual. - Ich komme nach dem Tode Zu Freuden ohne Zahl! Es stammt vom Herrn des Lebens Dieß süße Vorgefühl. Er gab mir's nicht vergebens; Ich seh' mein höhres Ziel. Vernichtet wird auf Erden Auch nicht der kleinste Staub. Thor! und des Menschen Seele Wär' der Vernichtung Naub? Der uns das Seyn gegeben, Erhält, was er uns gab; Schafft aus Verwesung Leben, Lockt Keime aus dem Grab. Nach einem höhern Ziele Strebt hier mein Geist schon früh; Doch, ach, so sehr ich ringe, Erreich' ich es doch nie. Wozu der Muth, dieß Streben, Der Keim voll hoher Kraft? Für diese Spanne Leben? Wie klein, wie räthjelhaft! 46* 548 Der Geist des Menschen strebet Nach Wahrheit und nach Licht; Doch, ach, er strebt vergebens, Hier findet er sie nicht. O dieser Durst nach Wahrheit Wird dort, nur dort gestillt, Wo einst in größrer Klarheit Der Born der Wahrheit quillt! Hier weinet oft die Tugend Verkannt, verfolgt, verschmäht, Indeß des Lasters Sclave Sich stolz im Glücke bläht. Dort über Sternen thronet Er, der Gericht einst hält. Die Tugend wird belohnet In einer bessern Welt. Deß freut sich meine Seele, Die vor Erwartung glüht. Hier tönet noch am Grabe Der Sieger Jubellied. Ich weiß, an wen ich glaube, Weiß, was mir Gott verheißt; Der Leib wird nur zu Staube, Unsterblich ist mein Geist. So sterben Wald und Fluren Im Winterschlaf dahin; Die Frühlingssonne lächelt, Und Wald und Fluren blühn. O Bild vom bessern Leben! ELEESEPA 549 Du Flur im Frühlingskleid! Mein Haupt werd' ich erheben Im Lenz der Ewigkeit! - - Aussichten in die Ewigkeit. ( Mel. Jesu, der du meine Seele zc.) Was as in feines Herz gekommen, Was fein Auge hier erblickt, Ruh des Himmels, die den Frommen Nach dem langen Kampf erquickt, Nahmenlose Herrlichkeiten Will den Siegern Gott bereiten. Kämpft nur treu und weichet nicht, Bis das Herz im Tode bricht! Dunkel ist der Weg im Staube, Rauh und steil des Streiters Bahn; Sonnenhell macht ihn der Glaube, Und sie führt doch himmelan. Doch welch Heil uns dort beschieden, Faffet kein Verstand hienieden; Bis die morsche Hülle fällt, Decket Nacht die höhre Welt. Schmidt. Aber in der Seelen Grunde Wird das Ew'ge angeschaut; Da gibt sel'ger Zukunft Kunde Mir der Hoffnung Stimme laut: » An dem Irdischen verschmachtend, » Wird, nach höherm Leben trachtend, 550 Einst der Geist, der Hülle los, » Der Unsterblichkeit Genoß." " - - Welche Bahn er dann wird finden Durch des Todes Thal zum Licht, Wenn der Erde Schranken schwinden, Ahnet meine Seele nicht. Ob mit sehnendem Verlangen Die Geliebten mich empfangen, Blieb' es mir auch unbekannt, Bleib' ich doch in Gottes Hand. Diese Hand führt mich zur Quelle Ew'ger Wahrheit sicher hin; Zweifelnacht zerfließt in Helle, Nicht mehr täuscht der blöde Sinn. Was mein Herz hier treu erfunden, Lebt mir ewig dort verbunden, Und in Lieb und Heiligkeit Reif' ich zur Vollkommenheit. O, mein Mittler! o der Wonne, Wenn auch dich mein Aug' erblickt, Meines dunklen Lebens Sonne, Deren Strahl mich oft erquickt! Sey der Sel'gen Huldigungen, Die du kämpfend dir errungen, Singt dann auch mein Jubelton Dich, des Vaters hohen Sohn! Denn in deinem Angesichte Spiegelt sich der Gottheit Bild, Und es wird in deinem Lichte 551 Der Erkenntniß Durst gestillt. Reisset denn, ihr Erdenbande, Daß ich bald in jenem Lande Gottes Wunder schauen mag! Komm, o komm, Vollendungstag! Niemeyer. Die Hoffnung. ( Mel. Wer nur den lieben Gott läßt walten 2c.) du, zur Trösterinn des Lebens Von Gott gesendet, komm herab! Wen du umschwebst, den schreckt vergebens Der Zukunst Dunkel, Tod und Grab. Du stärkst den Blick; mit heiterm Sinn. Schaut er durch trübe Nächte hin. Ihm strahlt dein Stern, wenn auf den Fluthen Des Lebens wild sein Nachen treibt. Wenn seiner Seele Wunden bluten: Sie heilen, wenn dein Trost ihm bleibt. Er blickt voll Dank mit stillem Sinn Auch auf entflohne Freuden hin. Wenn durch des Zweifels Nacht zu bringen, Der Geist gehemmt nur mühsam lernt, Wenn rastlos seine Kräfte ringen, Und doch das Ziel sich weiter fernt, Lenkst du des Forschers trüben Sinn Zum Lichtquell aller Wahrheit hin. Reich war die Saat, doch sparsam sprossen Der Ernte Keim' oft ringsumher. 552 Bald liegt zerstört von Sturm und Schlossen Das volle Saatfeld öd und leer; Doch hoffend blickt der stille Sinn Gestärkt nach künft'gen Ernten hin. - - Ja, Gott der Huld, du hast dem Leben, Das müd' uns oft und heiß gemacht, Die holde Trösterinn gegeben; Ihr Anker schüßt in Sturm und Nacht. Erhalt' uns nur den stillen Sinn, So wird das Leiden selbst Gewinn. Um Standhaftigkeit im Guten. ( Mel. O Gott, du frommer( Gott 2c.) Vernimmi, o Gott, mein Flehn! Ich Pilger noch auf Erden, Ich möchte jeden Tag Gern weiser, besser werden; Den Weg zum ew'gen Heil, Den oft mein Fuß verliert, Ihn möcht' ich standhaft gehn, Von deiner Hand geführt. Du nur bringst mich ans Ziel. In dir geweihten Stunden Wie oft hat nicht mein Herz Niemeyer. Es inniger empfunden, Daß dein Geseß, mein Gott, Dein größter Segen ist, 553 Daß der sein Heil verkennt, Der dein Geboth vergißt! - - Doch, ach, ich wanke noch, Die Macht betrogner Sinnen Zerstört nur allzuoft Mein eifrigstes Beginnen. Gewohnheit böser Luft Kämpft mit der Beßrung noch; Das Rechte kenn' ich wohl, Das Schlimmre wähl' ich doch. Gib, daß, von dir gestärkt, Der Sinn nicht länger wanke! Rein sev das Herz vor dir, Und heilig der Gedanke; Gelehrig sey mein Ohr Der Weisheit treuem Rath, Rechtschaffen, ohne Falsch Mein Wort, wie meine That. Fest stehe mein Entschluß, Wie Gottes Felsen stehen, Nicht einen Schritt von dir, Selbst unbemerkt, zu gehen. Auch wo kein Mensch mich sieht, Auch wo kein Ohr mich hört, Sey Tugend heilig mir, Sey meine Pflicht mir werth. Laß mich, irrt ja mein Fuß, Die Bahn bald wiederfinden. Naht sich Versuchung mir, 47 - 554 - Hilf du sie überwinden. Wer standhaft kämpft und ringt, Dem wird vor Gottes Thron Im heiligsten Gericht Der Treue Preis zum Lohn. Bußlied. ( Mel. Alle Menschen müssen 2c.) Ich erhebe mein Gemüthe Sehnsuchtsvoll, mein Gott, zu dir, Denn ich kenne deine Güte, O, wie theuer ist sie mir! Gott der Liebe, Gott des Lebens, Keiner harrt auf dich vergebens; Nur Verächter deiner Huld Stürzet ihrer Laster Schuld. Lehre mich, Herr, deine Wege; Zeige deinen Willen mir; Daß dein Kind nicht irren möge, Führe du es selbst zu dir! Gott! du kennest mein Vertrauen, Sicher kann ich auf dich bauen. Deine Treu', o Vater, ist Ewig, wie du selber bist. Ach, gedenke meiner Sünden, Meiner Jugendsünden nicht! Laß mich wieder Gnade finden, Gott, vor deinem Angesicht! Niemeyer. 555 Alle Sünden, die uns reuen, Willst du väterlich verzeihen. O, so höre denn auch mich, Meine Seele harrt auf dich! - - Gott, du willst des Sünders Leben; Dir ist seine Seele werth; Gnädig willst du ihm vergeben, Wenn er sich zu dir bekehrt. Mitten auf dem Sündenwege Machst du sein Gewissen rege. Den, der sich voll Zuversicht Zu dir naht, verwirfst du nicht! Du ergreifft mit Vaterhänden Die, so deinem Dienst sich weihn, Voll Vertraun zu dir sich wenden, Und was sie gethan, bereun! Freude schenket deine Güte Dem geängstigten Gemüthe, Welches du der Sündenlast Liebevoll entledigt hast. Herr, zu was für Seligkeiten Willst du, in der bessern Welt, Jeden deiner Frommen leiten, Der dir Treu und Glauben hält! Heil und Segen allen Seelen, Die hier deine Wege wählen! Ew'ger Lohn erwartet sie Nach des kurzen Kampfes Müh! Dir will ich mich ganz ergeben; Gott, mein Gott, verlaß mich nicht! 47* 556 Laß mich heilig vor dir leben, d Treu befolgen meine Pflicht! Keine schnöde Lust der Sünden Soll mich ferner überwinden, Daß ich standhaft und getreu Dir bis an mein Ende sey! - Das heilige Mahl der Liebe. ( Mel. Werde munter, mein 2c.) Laß o Jesu, nicht vergebens Mich zu' deinem Mahle nahn; Laß mich dieses Brot des Lebens Mir nicht zum Gericht empfahn! Ach, es nähr' und stärke mich, Heiland, im Vertraun auf dich; Mächtig lenk' es meinen Willen, Deinen Willen zu erfüllen. Laß den Vorsatz, den ich habe, Nie der Sünde mich zu freun, Unbeweglich bis zum Grabe, Stark und fest und thätig seyn! Wohl mir, wenn mein Herz nicht weicht Doch der Rückfall ist so leicht! Ihn nur fürcht' ich, und empfinde Schon von fern die Macht der Sünde. Wenn sie mich von deinen Wegen Abzuführen reißt und droht, Laß mich ernstlich überlegen: Welch ein Tod war Jesu Tod! 13 200 557 Herr, du blutetest für mich, Starbst zu meinem Heil, und ich Sollte nicht die Sünde hassen, Und des Lasters Bahn verlassen? - - Sieh, ich schwör' und will es halten, Ewig dir getreu zu seyn! Laß den Eifer nicht erkalten, Mehr und mehr mich dir zu weihn! Dir zu folgen, sey mein Glück! Wich' ich je von dir zurück, Müßt' ich doch nach kurzen Freuden Meiner Thorheit Strafe leiden! Das Gedächtniß deiner Liebe Heilige mein ganzes Herz, Stärk' in mir des Guten Triebe, Tröste mich in Leid und Schmerz; Lasse mich noch einst im Tod, Dort am Ziele jeder Noth Volle Seelenruhe finden, Und voll Hoffnung überwinden. Cramer. Trost im Leiden. ( Mel. O Haupt voll Blut zc.) Wenn dich in dunklen Tagen Geheimer Kummer drückt, Und unter stillen Klagen Dein Auge aufwärts blickt, 558 Wenn dann kein Licht hernieder In deine Seele fällt: e So zage nicht, du Müder! Dein Gott regiert die Welt. - - Er hat auch deinen Leiden Ein weises Ziel bestimmt; Sie wandeln sich in Freuden, Wann er dich zu sich nimmt. Dann lernst du heller sehen, Was hier dem Blick entschwand, Schaust von entwölkten Höhen Auf dieses Prüfungsland. Dann sind die Finsternisse Durch Gottes Licht zerstreut; Die Weisheit seiner Schlüsse Entdeckt die Ewigkeit; Dann fließt die Freudenzähre; Dann tönt dein froher Dank; Der Erde Schmach wird Ehre, Die Klage Lobgesang. Vollbracht ist, Gott zum Preise, Dein kurzer Lebenslauf; Du wurdest gut und weise, Drum nahm der Herr dich auf. Nun schwinden dir die Freuden Bewährter Tugend nie; Gott prüfte sie durch Leiden, Und nun belohnt er sie. 105 559 Dieß hemme deine Sorgen, Erleuchte deine Nacht, - Und zeige dir den Morgen, Der einst dich fröhlich macht! Dieß lehre, mit Vertrauen Auf Gott, den Herrn der Welt, Dich dann noch aufwärts schauen, Wenn ganz dein Glück zerfällt. So sammle denn im Stillen Den Trost der Vorsicht ein! Ihr Rath wird sich enthüllen; Ihr Licht wird dich erfreun. Du segnest einst die Pfade, Auf denen Gott dich führt, Und dankest seiner Gnade, Die deinen Lauf regiert. Meister. Um Trost bey dem Bewußtseyn eigner Schuld. ( Mel. Christus, der ist mein Leben zc.) Der ins Verborgne schauet, Du, Herr, siehst meinen Schmerz, Wie meiner Seele grauet, Und wie mir bricht das Herz. Ich blick' umher, und finde Nicht Rath, nicht Trost, nicht Ruh; Licht such' ich, und erblinde, Und meine Angst nimmt zu. Die um mich stehn, und weinen, Vermehren meinen Gram; 560 Sie fassen nicht, die Reinen, Woher mein Kummer kam. - Ach! würd' ich rein erfunden Vor dir, du Gott der Huld, Bald heilten meine Wunden! Herr, tilge meine Schuld! Du fühlst den Druck der Leiden Und siehst die Hülfe nicht; Doch übt bey fteten Freuden Man auch die schwere Pflicht? Wird in den trüben Tagen Nicht fest und stark der Geist, Und lernt gelassen tragen, Was Gott ihn tragen heißt? - Das Lied des Trostes. ( Mel. O Haupt voll Blut und Wunden 2c.) Wa Darum dein Blick so trübe? Warum dein Herz so schwer? Ist nicht dein Gott die Liebe? Dein Helfer nicht der Herr? Den Kummer, der dich quälet, Hat er ihn nicht gesandt? Hat nicht dein Loos gewählet Des weisen Vaters Hand? Ne Es sev, daß deine Schmerzen Kein Andrer mit dir theilt, Die Wunde, tief im Herzen, Kein Trost der Liebe heilt; Niemeyer. NO 561 Es sey, daß, die dich liebten, Kalt und von ferne stehn, Den Weinenden, Betrübten In seinem Gram verschmähn; - Es sey, daß deinen Klagen Der Gott der Hülfe schweigt, Die Last, schon schwer zu tragen, Dich täglich tiefer beugt; Es säumet doch die Rechte Des Helfers ewig nicht; Im Thal der dunklen Nächte Erhebt sich schon dein Licht. Von Todesqual umgeben, Denk, wie der Heil'ge rang Dem mattgequälten Leben Die letzte Kraft entsank; Und dennoch ließ sein Glaube Den großen Vater nicht, Und übte tief im Staube Der Unterwerfung Pflicht. - - Und du du willst verzagen? Willst ihm nicht ähnlich seyn? Willst feinen Nahmen tragen, Und klagend ihn entweihn? Der Gott, der ihn vollendet, Lebt noch, und ist dein Gott. Wer sich von ihm nicht wendet, Den reißt er aus der Noth. pe Wirf alle deine Sorgen Auf ihn! Er sorgt und wacht ante L 19 562 Ein schöner, lichter Morgen Folgt bald der dunkeln Nacht. Auf kurze Leidenstage Folgt Wonne, Preis und Dank; Dann wandelt sich die Klage, Und wird Triumphgesang. - Trost in trüben Stunden. Was Das grämst du dich? Noch wenig trübe Stunden, Dann heilen deine Wunden, Dann blickt dein Auge hell und klar; Dein Geist, so fest gekettet, Fliegt dann empor, und rettet Zum Lande seiner Heimath sich; Was grämst du dich? Der große Geist, Um den die Welten schweben, Sieht unser kleines Leben Und unsern Kummer gnädig an; Er zählt die Thränen- Tropfen, Er stillt des Herzens Klopfen, Er ist es, der uns Trost verheißt, Der große Geist. Niemeyer. Verzage nicht! Blick auf in jene Ferne, Da glänzen tausend Sterne; Wie groß ist deines Vaters Haus! -.563 Ach, dort, ach, dort erwarmen. An seiner Brust wir Armen; Drum, wenn dein Herz in Thränen bricht, Verzage nicht! - - Erinnerung an den Tod. ( Mel. Schaß über alle Schäße zc.) Die Die auf der Erde wallen, Die Sterblichen sind Staub. Sie blühen auf und fallen, Des Todes sichrer Raub. Verborgen ist die Stunde Da Gottes Stimme ruft; Doch jede, jede Stunde Bringt näher uns zur Gruft. Getrost gehn Gottes Kinder Die finstre Todesbahn, Zu der die frechen Sünder Verzweiflungsvoll sich nahn; Wo selbst der freche Spötter Nicht mehr zu spotten wagt, Und vor dem Gott der Götter Erzittert und verzagt. Mahlmann. Wenn, diese Bahn zu gehen, Dein Will einst mir gebeut; Wenn vor mir offen stehen Gericht und Ewigkeit; Wenn meine Kräfte beben, Und nun mein Herz schon bricht: 564 Herr über Tod und Leben, O dann verlaß mich nicht! - - Hilf, Todesüberwinder, Hilf mir in solcher Angst, Für den du, Heil der Sünder, Selbst mit dem Tode rangst.. Und wenn des Kampfes Ende Gewaltiger mich faßt, Nimm mich in deine Hände, Den du erlöset haft. Heil denen, die auf Erden Sich schon dem Himmel weihn: Die aufgelöst zu werden, In Heiligkeit sich freun. Bereit, es ihm zu geben, Wenn Gott, ihr Gott gebeut, Fließt dieß ihr irdisch Leben Hin zur Unsterblichkeit. Des Himmels Wonn' und Freuden Ermist kein sterblich Herz. O Trost für kurze Leiden, Für kurzen Todesschmerz! Dem Todesüberwinder Sey ewig Preis und Dank, Daß er für uns, die Sünder, Den Kelch des Todes trank! G. B. Funk. - 565 - Um Muth zum Sterben. ( Mel. Jesus, meine Zuversicht 2c.) Immer Smmer näher kommt das Grab, Flügelschnell entfliehn die Stunden; Meines Lebens Kraft nimmt ab, Ist, wie bald vielleicht! geschwunden, Und sie senken meinen Staub In die Gruft, des Moders Raub. Was der Erde angehört, Hofft Unsterblichkeit vergebens. Jeder Augenblick zerstört An der Wurzel dieses Lebens. Ach, wie schnell verlischt das Licht, Wenn die Nahrung ihm gebricht! Ob, eh ich den Morgen seh, Schon des Lebens Docht verglimmet, Ob des Alters steilste Höh Doch vielleicht mein Fuß erklimmet, Keine Stimme sagt es mir; Herr, es steht allein bey dir. C Oft verzagt der schwache Sinn, Furcht ergreift mich, banges Grauen, Seh ich auf die Gräber hin, Muß ich die Verwesung schauen. Dunkel wird des Auges Blick, Schaudernd bebt der Geist zurück. OP 566 Mächt'ger noch faßt mich der Schmerz, Denk ich an der Trennung Jammer, An der Freunde blutend Herz, Wenn nun in der stillen Kammer Ihrem Harm die Lippe schweigt, Von des Todes Hauch gebleicht. - Zürne nicht, der mich erschuf; Höre meiner Schwachheit Flehen! Du vernahmst des Mittlers Ruf: Laß den Kelch vorüber gehen!" Meinen Meister stärktest du, Send' auch Muth dem Jünger zu. Sende deines Trostes Strahl Mir herab aus lichten Höhen; In der Gräber finsterm Thal Laß der Hoffnung Stern mich sehen; Wenn des Zweifels Sturm erwacht, Sey mein Führer in der Nacht.. Stärk in mir die Zuversicht, Daß ich mich zu dir erhebe, Wenn die morsche Hütte bricht, Daß ich ewig vor dir lebe, Sicher ruh in deiner Hand In dem unbekannten Land. Gib der Hoffnung Freudigkeit, Die ich liebte, dort zu finden. Vorgefühl der Ewigkeit Ist's, wenn Seelen sich verbinden. 567 Nicht für einen Augenblick Gabst du mir das höchste Glück. - Sey denn nah, sey fern mein Ziel: Was ich glaubte, werd' ich schauen; Ein beseligend Gefühl Stärkt das Herz mir mit Vertrauen. Freudig folg' ich, stets bereit, Wenn des Vaters Ruf gebeut. Weihnachtslied. ( Mel. Nun freut euch, liebe zc.) Cun laßt uns alle fröhlich seyn, Daß Gott uns Jesum sandte, Laßt uns des Gottes hoch uns freun, Den Jesus Vater nannte, Der alles schuf und liebt und nährt, Der alle seine Kinder lehrt, Und alle gut erziehet. Zur Reife der Vollkommenheit, Die schon hienieden keimet, Erzieht er alle weit und breit; Nicht einer ist versäumet. Owohl mir, ich bin Gottes Kind! Owohl mir, alle Menschen sind Des höchsten Vaters Kinder! Niemeyer. Er schaut auf Alle mild herab, Führt uns auf manchen Wegen, Als Kinder über Tod und Grab Zu höherm Licht und Segen. 568 Der Gott, den jede Sprache nennt, Der Gott, den niemand ganz verkennt, Hat Jesum uns gegeben. p - Vernünftig auf zu Gott zu sehn, Der mit Vernunft uns zieret, Und findlich fromm den Weg zu gehn, Auf den der Vater führet, Der Menschheit hohen Zweck und Werth Hat Jesus Christus uns gelehrt. Gott sey dafür gepriesen! Wie Wahrheit nie dem Trug erliegt, Wie Pflicht und Weisheit handelt, Wie Tugend über alles siegt, Und fest zum Ziele wandelt, Auch wenn ihr Hohn und Marter droht, Verkündigt Jesu Lehr' und Tod. Gott sey dafür gepriesen! Wir zagen nicht; was kann uns je Des Vaters Liebe nehmen? Für Armuth, Sorgen, Schmach und Weh, Für Krankheit, Schmerz und Grämen, Und für den schweren Schritt ans Grab Beut Jesus einen festen Stab. Gott sey dafür gepriesen! O guter Gott, wir zagen nicht! Du wirst zu höherm Leben, Wirst zu des Himmels reinstem Licht Einst unsern Geist erheben! O Glück! die Lehre Jesu beut 0 569 Uns Hoffnung der Unsterblichkeit. Sey hoch dafür gepriesen! G. W. C. Starke. Passionslied. ( Mel. Wie wohl ist mir, o 2c.) Bereite Dereite dich, o Christ, wir gehen Zum schmerzenvollen Golgatha, Auf dessen fürchterlichen Höhen, Was nie ein Engel faßt, geschah! Erwäg' an diesem heil'gen Orte Des sterbenden Erlösers Worte, Und rufe Gott um Glauben an! Sie können dir viel Trost im Leben, Und einst noch Trost im Tode geben, Wenn hier dich nichts mehr trösten kann. Schon zeigt der Blutberg sich von weiten; Erschrick und zittre, frommes Herz! Sieh deinen Retter, sieh ihn streiten, Und werde ganz Gefühl, ganz Schmerz! Hier hing, den Mördern hingegeben, Am Holze Gottes Sohn, dein Leben, Und litt mit göttlicher Geduld. Was fühlt' sein Herz in diesen Stunden! Nie hats ein Sterblicher empfunden, Und, ach, allein für unsre Schuld! Gelassen bey den größten Schmerzen, Fleht er für seine Feinde nun, Und ruft mit sanftmu: hvollem Herzen: Sie wissen, Gott, nicht, was sie thun! 48 570 Der Göttliche, der größte Bether, l Fleht liebreich noch für Missethäter, Werkzeuge seiner Pein und Schmach. O Mensch, den Rach' und Zorn verführen, Laß dich durch dieses Beyspiel rühren, Und bethe deinem Heiland nach! - - Welch Beyspiel kindlich frommer Triebe, Als unter Leiden ohne Zahl serbis Der Herr dem Jünger seiner Liebe Die Mutter sterbend anempfahl! Ach, wird mein Aug' einst um die Meinen In meiner letzten Stunde weinen, m So soll dieß Wort mir Trost verleihn! Der, als der Tod schon um ihn schwebte, Die Seinen noch zu schüßen strebte, Wird auch der Meinen Pfleger seyn. Frohlockt, bußfertige Verbrecher! Wer glaubet, kommt nicht ins Gericht. Hört, was zu dem gebeugten Schächer Der Liebe Mund im Tode spricht! Du wirst, so ruft er ihm entgegen, Noch heute, deines Glaubens wegen, Mit mir im Paradiese seyn! O Herr, laß an des Todes Pforte Einst diese troftesvollen Worte Auch meiner Seele Trost verleihn! Wer kann die hohen Leiden fassen, Als Christus an dem Kreuze rief: Mein Gott, wie hast du mich verlassen! Wie beugt ihn unsre Last so tief! andi 571 Was hat in diesen Schreckensstunden Der große Sterbende empfunden! Und doch ist er voll Zuversicht. O du, sein Retter, laß im Sterben Auch mich, den Deinen, nicht verderben! Mein Herr und Gott, verlaß mich nicht! - - Der Herr des Himmels und der Erde, Von Allem, was erquickt, entblößt, Wünscht, daß sein Durst gestillet werde: Wie theuer, Gott, bin ich erlöst! Der Heiland ruft noch um Erbarmen Aus tausend hülfsbedürft'gen Armen, Die Hunger, Durst und Mangel drückt. O selig, wer den Ruf erfüllet! Denn wer des Armen Mangel stillet, Der hat den Heiland selbst erquickt. Nun enden sich die schweren Leiden; Der Heiland spricht: Es ist vollbracht! O Wort des Sieges, Wort der Freuden, Wort des Du nimmst dem Tode seine Macht! Heil uns! Heil uns! denn wer darfs wagen, Uns, die Erlösten, zu verklagen? Er starb für uns, sind wir nicht sein? Gib, daß am Ende meiner Tage Auch ich, o Herr, mit Freuden sage: Es ist vollbracht, ich bin nun dein! Das letzte Wort aus deinem Munde, O mein Erlöser, sey auch mein; Laß es in meiner Todesstunde a Mir Muth und Zuversicht verleihn! # 8 48* 572 Du rufest: Vater, ich befehle In deine Hände meine Seele, - - Die allen Menschen Heil erwarb! Nun war das große Werk vollendet, Wozu der Vater ihn gesendet, Da neigt' er sanft sein Haupt und starb. Komm, deinen Netter zu verehren, Nie kannst du ihn genug erhöhn! Wein' ihm des Dankes stille Zähren, O Christ, du hast ihn sterben sehn! Geendigt sind nun seine Plagen, Und siegreich wird er nach drey Tagen Aus seinem Grabe auferstehn! Den freche Rotten hier entehrten, Den wirst du einst bey den Verklärten, Zur Rechten seines Vaters sehn! Bachhoff v. Echt. Osterli e d. ( Mel. Wer nur den lieben Gott läßt walten zc.) Heil ihm, dem Todesüberwinder! Aus seiner Gruft geht er hervor. Als Retter der verlornen Sünder Empfängt ihn nun der Engel Chor, Und aller Himmel Jubelton Preist ihn, des großen Gottes Sohn. Er hat des Grabes Ruh empfunden; Doch kurzer Schlummer war sein Tod. Er hat gekämpft und überwunden; Dahin ist alle seine Noth. 573 Ihm, der das Felsengrab durchdrang, Erschallt nun ein Triumphgesang. Das segensreichste seiner Werke, Die Rettung einer Menschenwelt, Vollendet ist's mit Gottes Stärke; Die Nacht des Irrthums ist erhellt. Sein göttlich Evangelium Steht fest zu seines Nahmens Ruhm. Auf Felsen ruht des Christen Glaube, Da sein Erlöser ewig lebt, Und einst mit Macht aus seinem Staube Ihn zur Unsterblichkeit erhebt. Nun wird der Tod an Jesu Hand Ihm Hingang in sein Vaterland. Ja, Christen singt: Er ist erstanden! Singt ihm Triumph und Preisgesang! Entfesselt von der Sünde Banden, Sey nun Gehorsam euer Dank! Nicht mehr der Welt und Eitelkeit, Nein, ihm weiht eure Lebenszeit! Ein Tag erscheint, erlöste Brüder! Freut euch; es ist ein Wonnetag! Dann kommt der Herr von neuem wieder, Und Engelheere folgen nach. Dann dringet auch in euer Grab Des Todtenweckers Ruf hinab. Dann werdet ihr zum höhern Leben, Zum Lohn der Frommen auferstehn, 574 Und, mit des Himmels Glanz umgeben, Getrost zum Richterstuhle gehn. Dann wird euch der erstandne Held Ein Führer durch die beßre Welt. - C. G. 2. Meister. Himmelfahrts- Lied. Mit Lit Preis und Ruhm gekrönt, haft du Dein großes Werk geendet, Blickst auf dein Tagewerk mit Ruh, Denn alles ist vollendet, Vollbracht der Kampf der Sterblichkeit, Und wieder dein die Herrlichkeit. Du lebst und erntest nun den Lohn Für deiner Leiden Menge; Versammelt stehn um deinen Thron, In fröhlichem Gedränge, Schon Tausende durch dich beglückt, Belehrt, geheiligt und erquickt. Aus allen Völkern kamen sie, Mühselig und beladen, . Und suchten Ruh' und fanden sie, Und sind des Jochs entladen, Weihn freudig sich dem hohen Sohn, Und werden seiner Arbeit Lohn. Gerettet sind, die sich verirrt, In Finsterniß verloren. Welch eine Schaar von Kindern wird. Dir durch dein Wort geboren, shil 575 Wie auf der frischen Morgenau Auf Blumen ungezählt der Thau! - Sie alle selig und durch dich, Zur Wonne deinem Herzen, Das nur für andre schlug, und sich Vergaß bey Qual und Schmerzen; Gerettet alle, Herr, von dir, Und unter ihnen bald auch wir. - - Auch wir! O schau von deinem Thron Herab auf deine Kinder! and sel - Auch wir sind deines Schweißes Lohn, Zwar sterblich noch und Sünder; Doch, das ist unsre Zuversicht, Einst sündenfrey und sterblich nicht. O daß, Beseliger, wir nie Undankbar dich verkennen; Mit schwächerm Danke, Jesu, nie Dich preisen, kälter nennen. Ach, keiner von uns Allen sey Dir, seinem Retter ungetreu! - O Aussicht! wenn in jene Schaar, Von dir zum Schaun erhoben, Auch wir uns drängen; mit der Schaar Dich unsre Lieder loben; Das Herz von reinerm Danke glüht, Und dich entzückt das Auge sieht! Vollenden laß auch uns den Lauf, Das Tagewerk vollbringen, 576 Und, ist's vollbracht, zu dir hinauf Die Seele freudig dringen; Wie du dann vor des Richters Thron Auch finden guter Thaten Lohn. 2. H. Niemeyer. Pfingstlied. ( Mel. Sey Lob und Ehr dem 2c.) Dem Dem Gott der Wahrheit Preis und Dank! Er läßt die Wahrheit siegen; Vergebens schreckt Gewalt und Zwang, Sie kann nicht unterliegen. Den Menschen, Gottes Ebenbild, Erhebt und heiligt stark und mild. Der Geist des guten Gottes. Die Lehre Jesu, fest und klar, Gewähret Licht und Frieden; Doch als sie neue Lehre war, Ward sie bekämpft hienieden. Sie drohte Dürftigkeit und Noth, Verfolgung, Schmach und Schmerz und Tod Den Jüngern des Erlösers. Sie harrten aus mit frohem Muth, Von Gottes Geist durchdrungen; Vergossen ward der Lehrer Blut, Die Lehre nicht bezwungen; Es wandten Völker sich vom Wahn Und betheten den Höchsten an In Geist und in der Wahrheit. 577 Das Heil, in Wahrheit und im Geist Den Höchsten anzuflehen, Den alles, was da lebet, preist, Den reine Seelen sehen, Dem wir uns auf der ebnen Bahn Der Pflicht und Tugend selig nahn, Bleibt fest auch uns bewahret. www - Umsonst erhob sich Drohn und Zwang: Die Wahrheit wird erhalten; Dir, Gott der Wahrheit, Preis und Dank! Du wirst auch ferner walten. Wir wollen deine Wege gehn, Und mit Vertraun gen Himmel sehn: Das Gute bleibet ewig. G. W. C. Starke. Neujahrslied. ( Mel. Alle Menschen müssen sterben 2c.) alf Wiederum ein Jahr verschwunden, Wie der Schaum im wilden Bach! Denket seinen heitern Stunden, Denket seinen trüben nach! Hin zu jenen grauen Jahren Floh es, die vor ihm schon waren; Brachte Freud und Kummer viel Und uns näher an das Ziel. Unaufhörlich wechselnd kreiset Hier des Menschen kurze Zeit. Sieh, er blühet, altert, greiſet, Und geht hin zur Ewigkeit! art TheB 49 578 Bald verschwinden selbst die Schriften Von den morschen Todesgrüften; Schönheit, Reichthum, Ehr' und Macht Sinkt mit in die Todesnacht! - - Sind wir denn auch alle lebend, Wer noch heute vor dem Jahr, In des Lebens Fülle strebend, Froh mit uns und fröhlich war? Ach, wie mancher ist geschieden, Liegt und schlummert schon im Frieden! Ruhe wünschen wir hinab In der Freunde stilles Grab! Und wer weiß, wie mancher modert Ueber's Jahr von uns im Grab! Denn unangemeldet fordert Uns der Tod vom Schauplatz ab. Ach, bey lauem Frühlingswetter Wehn oft schon verwelfte Blätter! Wer zurück bleibt, wünscht dem Freund Ruh' im stillen Grab und weint. Nur der Tugendhafte schließet Ruhig seine Augen zu, Und mit frohem Traum versüßet Ihm sein Gott des Grabes Ruh'. Nach des Erdenlebens Kummer Schläft er sanft des Todes Schlummer, Und bald weckt, vom Glanz erhellt, Gott ihn zu der bessern Welt. 579 Nun, wohlauf denn! frohes Muthes, Auch wenn Grab und Trennung droht! Denn, wer gut ist, findet Gutes So im Leben, wie im Tod. Dort, dort sammeln wir uns wieder, Singen hohe Siegeslieder! Ew'ge Wonne fühlt das Herz Für der Trennung kurzen Schmerz! - - Erwacht rwacht zu neuem Leben, Prangt um mich die Natur, Und sanfte Lüfte weben Durch die verjüngte Flur. Empor aus seiner Hülle Drängt sich der junge Halm; Der Wälder öde Stille Belebt der Vögel Psalm. Frühlingslied. ( Mel. Schaß über alle Schäße 2c.) O Vater, deine Milde Fühlt Berg und Thal und Au! Es grünen die Gefilde, Beseelt mit deinem Thau. Der Blumenweid' entgegen Eilt froh die Heerd' ins Thal, Und in dem Staube regen Sich Wesen ohne Zahl. 3. H. Voß. Schon glänzt von blauer Feste Die Sonn' auf unsre Flur; 49* 580 Schon weiht zum Schöpfungsfeste Sich jede Creatur, Und alle Blüthen dringen Aus ihrem Keim hervor, Und tausend Wesen schwingen Sich aus dem Schlaf empor. - - Die Flur im Blumenkleide Ist, Schöpfer, dein Altar; Und Opfer reiner Freude Weiht dir das junge Jahr. Es bringt die ersten Düfte Der Frühlingsblumen dir, Und, schwebend durch die Lüfte, Lobsingt die Lerche dir. Ich schau' ihr nach, und schwinge Voll Dank mich auf zu dir! O Schöpfer aller Dinge, Verehrt seyst du von mir! Weit über sie erhoben, Fühl ich der Fluren Pracht, Kann denken und dich loben, Dich, der den Frühling macht. Lobsing' ihm, meine Seele, Dem Gott, der Freuden schafft; Lobsing' ihm, und erzähle Die Werke seiner Kraft! Hier, von dem Blüthenhügel Bis zu der Sterne Bahn, Steig auf der Andacht Flügel Dein Loblied himmelan! C. 2. Sturm. 581 Sommerlied. ( Mel. Schak über alle Schäße 2c.) Dir, Gott der Huld und Stärke, Erschalle Preis und Dank! Dich loben deine Werke, Dir tönt auch mein Gesang! Es zeigt an allen Enden Sich deiner Güte Spur; Aus deinen Vaterhänden Strömt Segen auf die Flur. - Wie prangt das Gold der Früchte, Des Sommers Feyerkleid! Wir sehn im schönsten Lichte, Herr, deine Herrlichkeit. Dich bathen wir um Leben; Wer gibt so gern, als du? Du hast es uns gegeben, Und Ueberfluß dazu. Die glänzenden Gefilde, So weit das Auge blickt, Sind Zeugen deiner Milde, Die jedes Herz entzückt. Schon lacht und winkt den Schnittern Der segensvolle Halm; Von Kindern, Vätern, Müttern Tönt dir ein Freudenpsalm. Die Pracht der reichen Auen Strömt Wonn' in unsre Brust, 582 Doch mischt auch Furcht und Grauen Sich oft zur Sommerlust. Du rufft vom Wolkensize Den Bothen deiner Macht, Dem Wettersturm, dem Blige; Der Mittag wird zur Nacht. - - Der Donner rollt, es bebet Die schwache Creatur! Indeß, o Gott, belebet Dein Odem die Natur. Es wälzt sich milder Regen Vom Sturmgewölke los, The mass movi Und Fruchtbarkeit und Segen Trieft auf der Erde Schooß. Die Blume stand in Trauer; Nun haucht sie stärkern Duft; Der Himmel färbt sich blauer, ist Und reiner wird die Luft. Thal, Hügel, Feld und Wiese Berklären deinen Ruhm; Du schufft zum Paradiese Verwelkte Fluren um. Der du das Land erquickest, Daß Trift und Anger grünt, Den Sterblichen beglückest, Auch wenn er's nicht verdient, Dich müsse jeder loben; Dir schalle froher Dank!" Dich preist der Engel droben, Dich preis auch mein Gesang! hit 180 3. F. Schmidt. - 583 - Herbstlied. ( Mel. O Jesu Christ, meines 2c.) Stilllächelnd, wie ein frommer Greis, Der sterben will, voll Dank und Preis, Daß er dem Herrn gehorchte, naht Der Herbst, den er gerufen hat. Der segenreiche Garten prangt Mit vollen Zweigen, und verlangt Von seiner Frucht befreyt zu seyn, Um Gottes Menschen zu erfreun. Der Sänger in den Lüften schweigt, Der hin in ferne Lande fleugt, Wo Gott schon eine neue Saat Und Frucht für ihn bereitet hat. Denn er ernährt, was fleugt und webt, Daß alles fröhlich sey, was lebt; Daß seine ganze Schöpfung Dank Und Jubel sey und Lobgesang. Auf traubenvollen Hügeln schallt Des Winzers Lob, und widerhallt Von Berg zu Berg; denn Most und Wein Gibt uns der Herr, uns zu erfreun. Wie liebevoll, wie mild und gut Ist Gott, der so viel Wunder thut; Der Jüngling, wie der Mann und Greis, i Sey fröhlich, Gott, zu deinem Preis! 584 Auch wann du alterst, sorgt für dich Dein Herr und Gott noch väterlich; Er, der, wenn sich dein Abend naht, Doch noch für dich viel Freuden hat. - - Froh kannst du sterben, wenn du nur, Wie seine segnende Natur, Gesegnet hast, wenn er die Frucht, Die er verlangt, umsonst nicht sucht. Auch die Natur verblüht und stirbt; Nur, daß ihr Same nicht verdirbt, Und schöner auflebt, wenn ihr Freund, Der lebenvolle Lenz, erscheint. So blühst und reifst du in der Zeit Zu größerer Vollkommenheit. Nur sey ein guter Same, sey Gott auch bis in den Tod getreu. 3. U. Cramer. Winterlied. ( Mel. O Jesu Christ, meines zc.) Auch für den Winter danken wir, Herr, unser Gott und Vater, dir; Nicht für der Felder Segen nur, Auch für den Schlummer der Natur. 3war liegt ihr grüner Schmuck zerstört, Von Frost und Eis und Sturm verheert; t Ein silberfarbenes Gewand Deckt Berge, Hügel, Thal und Land. 585 Doch pflegt die Erde mütterlich Die ihr vertraute Saat, die sich Im nahen Lenze segenvoll Enthüllen und uns nähren soll. - hidunt ant Doch nicht geräuschvoll, still, geheim!!! So nährt der Tugend ersten Keim Ein Vater mit verborgner Lust In seiner schwachen Kinder Brust. So thut, was Andre segnen kann, Ein guter und bescheidner Mann; Sucht, wenn sein Thun nur Gott gefällt, Nicht das Geräusch des Ruhms der Welt. Doch wachsen soll der Tugend Saat, Und blühn, was er im Stillen that, Zu reichen Ernten in der Zeit, Zu reichern in der Ewigkeit; Wie unsrer Fluren Saat durch dich Im Stillen keimet; väterlich, Obgleich von Menschen nicht bemerkt, Durch deine Mild', o Gott, gestärkt. Es brause fürchterlich umher Des Winters Sturm: auch er, auch er Ist deines Segens Diener, Gott, Der du uns wohlthust auch durch Noth! 10 Wie viele Freuden haben wir Auch jetzt, o milder Gott, von dir; Der du so väterlich uns trägst, sid Uns sättigeft, erwärmst und pflegst! all 586 Durch alle Zeiten, Vater, sey so Dir, wer dich findlich ehrt, getreu! Laß jeden deinen Ruhm erhöhn, Und freudig deine Wege gehn! - - Und jeder Wechsel deiner Zeit Entflamm' uns zu der Dankbarkeit, Die deinen Willen gern erfüllt; Denn du bist immer gut und mild. Du bleibst stets mächtig, Gott, und groß. Wir werden, wenn der Erde Schooß Auch uns bedeckt hat, dich zu sehn, Aus unsern stillen Gräbern gehn; Und, auferweckt, das Feyerkleid Der himmlischen Unsterblichkeit Anlegen, und vor deinem Thron Dich preisen, Gott, und deinen Sohn Daß nun hinfort kein Wechsel ist, Daß du in Allem Alles bist, Ein Gott, der nach des Grabes Nacht Den Frommen ewig selig macht. 09 2 m Morgen. Wach' auf, mein Herz, und singe Dem Schöpfer aller Dinge, Dem Geber aller Güter, Dem treuen Menschen- Hüther! Ob mich die dunkeln Schatten. Der. Nacht umgeben hatten, I. U. Cramer. # 06 587 Blieb ich doch unversehret; Gott hat mir Schuß gewähret! - - Ja, Vater, mit Erbarmen Bedecktest du mich Armen! Schlaf, sprachst du, ohne Grauen, Die Sonne sollst du schauen! Dein Wort, Herr, ist geschehen; Ich kann das Licht noch sehen; Du machst, daß ich aufs neue Mich meines Lebens freue. Du willst ein Opfer haben? Hier bring' ich meine Gaben: Ich selbst, Leib, Seel' und Leben Sev dir ganz übergeben. Hör' meinen Dank, mein Flehen! Du kannst ins Herze sehen, Und weißt wohl, daß zur Gabe Ich ja nichts Bessers habe. Dein Werk wollst du vollenden, Dich nimmer von mir wenden, Und mich in meinen Tagen Stets mit Verschonen tragen. Sprich Ja zu meinen Thaten; Hilf selbst das Beste rathen; Vom Anfang' bis zum Ende Sie stets zum Besten wende. is am 1912 Mit Segen mich beschütte; Mein Herz sey deine Hütte; e ish and ot 588 Dein Wort sey meine Speiſe Auf meiner Pilger- Neise. - - Morgenlied. ( Mel. Aus meines Herzens zc.) Allmächtiger, ich hebe Mein Aug' empor zu dir. Preis dir, durch den ich lebe, Und neuer Dank dafür! Herr! deine Huld ist groß, Und niemahls hat das Lallen Des Dankes dir mißfallen, Das aus dem Herzen sloß. Daß nicht im tiefen Schlummer Des Lebens Licht verlischt, Und daß mich, frey von Kummer, Ein sanfter Schlaf erfrischt: Dieß dank ich deiner Macht Und deiner Vatertreue; Durch sie bin ich aufs neue Mit heiterm Muth erwacht. Paul Gerhard. Beschüßer unsrer Seelen, Ich traue stets auf dich. Was soll ich für mich wählen? O wähle du für mich! Gib, was mir nüßlich ist. Gott, dem ich alles danke, Mich stärke der Gedanke, Daß du stets um mich bist! i p10 400 589 Er stärke mich, mit Freuden Zu thun, was dir gefällt; Er tröste mich im Leiden, Und will die Lust der Welt Mich jemahls nach sich ziehn, Helf' er mein Herz bewahren, Helf' er mir die Gefahren Der Sünde sehn, und fliehn. Beglücke du die Meinen Nach deiner Gütigkeit; Verlaß der Armen keinen; Wend' alles Herzeleid. Du willst zwar gern erfreun; Gilst allen beyzustehn; Doch soll der Liebe Flehen Dir auch gefällig seyn. Gott, dem ich angehöre, Dein Friede ruh auf mir! Mein Seufzen, meine Zähre, Erbarmer, ist vor dir. Deß soll mein Herz sich freun! Wer dir nicht traut, der bebe! Ich sterbe oder lebe, So bin ich ewig dein. Tischlie d. Bringt dem milden Vater Dank! Unser frommer Lobgesang Rühme den, den alles preist; Der uns segnet, tränkt und speist! Neander. 590 Gott zu loben, säumet nicht! Es ist Seligkeit und Pflicht, Zu empfinden, wie er liebt, Wie viel Gutes er uns gibt. - ➖➖➖➖ Schauet dankvoll um euch her! Gott erfüllet Land und Meer; Willig wächst auf sein Geboth Aus der Erde Wein und Brot. Unser Vater, der uns liebt, Der uns, was uns gut ist, gibt, Gab auch jetzt uns Speis' und Trank; Lobet ihn, und singt ihm Dank! Innig danken wollen wir, Guter, milder Vater, dir; Dir zu dienen, stets uns freun, Und zur Arbeit willig seyn. Aller Segen kommt vom Herrn. Liebt ihn, und gehorcht ihm gern! Bis einst in der Ewigkeit Größrer Segen uns erfreut. J. U. Cramer. Abendlied. ( Mel. Nun ruhen alle Wälder zc.) Die Sonne senkt sich nieder, Die stille Nacht kommt wieder, Und mit ihr Schlaf und Ruh. Sie bringt uns neue Kräfte, 591 Beschließt des Tags Geschäfte, Und drückt uns sanft die Augen zu. - - Noch wach' ich, und erzähle Mit tiefgerührter Seele, Was Gott an mir gethan. Mit dankbarem Gemüthe Lobsing' ich seiner Güte; Er hört mein frommes Loblied an. Von ihm kommt jede Gabe, Das Leben, das ich habe, Die Ruhe dieser Nacht. Er ist der Quell der Güter, Er ist mein treuer Hüther, Der, wenn ich schlummre, für mich wacht. Damit es finster werde, Hüllt er den Kreis der Erde In sanfte Dunkelheit; Doch auch in dunkler Stille Wohnt Gott mit seiner Fülle, Und zeigt uns seine Herrlichkeit. Aus unermeßner Ferne Führt er jetzt Mond und Sterne Am Firmament herauf. Sie leuchten ihm zur Ehre Hoch über Erd' und Meere, Und seine Hand lenkt ihren Lauf. Groß, wenn der Morgen grauet, Groß, wenn der Abend thauet, 592 Groß in der stillen Nacht, un Im Sonnenschein und Sturme, the dail Am Menschen und am Wurme, Groß, zeigst du, Vater, deine Macht. - - Voll Majestät und Stärke, Stehn lauter Wunderwerke In deiner Schöpfung da. Sobald du riefft: Es werde! So stand auch Meer und Erde Mit allen Himmeln herrlich da. Dir, dir will ich vertrauen! Wofür soll mir denn grauen? Du sorgst ja auch für mich! Ja, Vater, ich befehle Dir freudig Leib und Seele; Du bist mein Gott, ich hoff' auf dich. Soll jetzt der Schlaf zum Leben Mir neue Kräfte geben; So will ich deß mich freun. Soll er mein Leben enden: So wirst du mich vollenden, Und auch mein Gott im Tode seyn. 3. 3. 2. Junkheim. In nächtlicher Stunde. ( Mel. Jesu, meines Lebens zc.) Gott der Lage, Gott der Nächte! Unsre Seele harret dein, Lehnet sich an deine Rechte; Nie kannst du uns serne seyn; 593 Auch in stiller Nächte Stunden Hat dich manches Herz gefunden, Und sich aus dem Lärm der Welt Einsam bey dir eingestellt. - Vater, viele Menschen weinen, Viele Kranke schmachten nun; Aber du verläsfest feinen, Heißest wachen, heißest ruhn; Trocknest viele tausend Thränen, Und erfüllst das heiße Sehnen, Ach! so vieler Leidenden, Die um Hülf und Lindrung flehn. HASR Allen, die bekümmert wachen, Lindre du den heißen Schmerz. Laß die Witwen, laß die Waisen Deine Lieb und Treue preisen! Schenke Kranken sanfte Ruh'; Sterbenden sprich Tröstung zu. an@ apm And and tak Vater, sende Muth den Schwachen, Licht in jedes dunkle Herz! but and this ( 0) mes C 50 O du treuer Menschenhüther! Nacht ist vor dir, wie der Tag. Allgewaltiger Gebiether, Du verwandelst Schmerz und Plag' ne Unverhofft in Dank und Freuden! Ach, laß alle, die jetzt leiden, Bald, erlöst aus ihrer Pein, Deiner Vaterhuld sich freun! hiseid m 594 Vater! dieser Nahm' erweitert Jede Brust voll Angst und Schmerz. Wie der Mond die Nacht erheitert, Kommt die Ruh' in jedes Herz, Das nach deinem Troste weinet, Eh' die Sonne wieder scheinet. O wie oft verwandelst du Bangen Schmerz in süße Ruh'! - Jesus Christus, manche Nächte Hast du für uns durchgewacht, Und dem sterblichen Geschlechte Durch dein Wachen Ruh' gebracht. Tröster! du willst deinen Kindern Auch durch Schlaf den Kummer lindern; Wachen oder schlummern sie, Weichst du doch von ihnen nie. Der Mond ist aufgegangen, Die goldnen Sternlein prangen Am Himmel hell und klar; 19 In einer mondhellen Nacht. ( Mel. Nun ruhen alle Wälder zc.) Der Wald steht schwarz und schweiget, Und aus den Wiesen steiget Der weiße Nebel wunderbar. Wie ist die Welt so stille, Und in der Dämmrung Hülle So traulich und so hold, dull J. C. Lavater. I - 595 - Als eine stille Kammer, Wo ihr des Tages Jammer Verschlafen und vergessen sollt. Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen, Und ist doch rund und schön. So sind wohl manche Sachen, Die wir getroft verlachen, Weil unsre Augen sie nicht sehn. Wir stolze Menschenkinder Sind doch recht arme Sünder, Und wissen gar nicht viel. Wir spinnen Luftgeſpinnste, Und suchen viele Künste, Und kommen weiter von dem Ziel. Gott, laß dein Heil uns schauen, Auf nichts Vergänglich's trauen, Nicht Eitelkeit uns freun! Laß uns einfältig werden, Und vor dir hier auf Erden, Wie Kinder, fromm und fröhlich seyn. Wollst endlich, sonder Grämen, Aus dieser Welt uns nehmen Durch einen sanften Tod; Und wenn du uns genommen, Laß uns in Himmel kommen, Du lieber, treuer, frommer Gott! So legt euch denn, ihr Brüder, In Gottes Nahmen nieder! 50* - 596 - Kühl ist der Abendhauch. Verschon uns, Gott, mit Strafen, Und laß uns ruhig schlafen, Und jeden kranken Dulder auch. Ernte lied. ( Mel. Lobt Gott, ihr Christen 2c.) Den Schnitter in das Feld. Die Die Ernt' ist da; schon winkt der Halm Nun schall' ein hoher Freudenpsalm Dem großen Herrn der Welt. Er ists, der uns die Ernte gibt; Er öffnet seine Hand. O Heil uns, daß er stets uns liebt, Und segnet unser Land! Der Acker wär' ein Distelfeld, Verlassen von dem Pflug, Wär' nicht durch Gott die Menschenwelt Zum Bau der Erde klug. Er legte in ein Korn, so klein, Die segensreiche Kraft; Gab ihm vom Himmel Sonnenschein Und milden Nahrungssaft. Al Oft zogen schwarze Wolken her, Und drohten Hagelschlag. Er sprach; wir sahen sie nicht mehr, Und heller ward der Tag. Claudius. a ni on 50% all ne 597 O preiset ihn, den Herrlichen, Der in Gewittern wohnt! Lobt ihn mit Dank, den Gütigen, s Der donnernd uns verschont! - - Wie groß ist deine Wundermacht, Gott, wie gut, wie groß! Sie winkt bey Tag und in der Nacht, Und winket grenzenlos. Du willst, und Segen strömt daher, Und nähret Mensch und Thier; Das Kornfeld wallet, wie ein Meer; Der Landmann danket dir. Nun führest du die Erntezeit Von neuem uns heran, Und jeder rühmt es hoch erfreut: Du hast uns wohlgethan! Des Schnitters Tag ist lang und schwül, Doch freudig ist sein Muth; Sein Auge steht der Garben viel, Und dich, Herr, treu und gut. Du hebst Bekümmerniß und Schmerz, Durch dich fließt Brot uns zu. Gott, wir weihen dir das Herz! Denn dieß verlangest du. Ach, wenn wir stets mit Freudigkeit Und ganz das Herz dir weihn, Wie schön wird dann die Erntezeit Nach unserm Tode seyn! d 10 598 - In Kriegszeiten. ( Mel. Singen wir aus Herzensgrund 2c.) Um Erbarmen flehen wir, Um Erbarmen, Gott, zu dir; Um Erbarmen flehn wir, Herr! Gnädiger, Allmächtiger! Hör' uns, rett' uns, hilf, o Gott! Hilf! denn allenthalben droht Uns Verwüstung, Schwert und Tod! Ach, des Krieges Flammen glühn; Friede, Lust und Segen fliehn. Der Zerstörer zieht daher, Stürmet, brauſset, wie das Meer; Wie ein Hagelsturm verheert Er die Länder; Blut begehrt, Blut und Tod sein durstig Schwert. Ach, o Gott, wer zittert nicht, Wenn auch Unschuld, Recht und Pflicht Uns mit Unerschrockenheit Streiten heißt, und Muth gebeut? Wird doch auch gerechter Muth Leicht zur Rache, leicht zur Wuth! Was vergießt er? Brüderblut! Zagend möchten wir vergehn, Wenn des Krieges Gräul wir sehn! Um Erbarmen flehen wir, Um Erbarmen, Gott, zu dir! Denk' an uns in Gnad und Huld, 599 Nicht an unsrer Laster Schuld! Rett' uns bald und gib Geduld! - - Alle, Fürst und Unterthan, Knien vor dir und bethen an! Was ist unsrer Waffen Macht, Wenn dein Eifer, Herr, erwacht? Willst du ins Gericht nur gehn, Ach, wie könnten wir bestehn? Wir verzagen, wir vergehn! Send' herab von deinem Thron Deines Segens ersten Sohn, Der zu Brüdern Freund und Feind Durch der Liebe Band vereint! Deinen Frieden und sein Glück Sende, Herr, zu uns zurück; Deinen Frieden und sein Glück! Der du, Allgewaltiger, Sprichst zum Meere: bis hierher! Sprich, was unser Flehn begehrt: Fahr' in deine Scheid', o Schwert! Zu der Zwietracht sprich: Entweich! Zur Verwüstung sprich: Entfleuch! Denn die Welt ist, Gott, dein Reich. Ach, die Völker bethen dann Deine Macht frohlockend an, Und das neu beglückte Land Segnet deine Vaterhand! Hör' uns, hör' uns, flehen wir, Um Erbarmen, Gott, zu dir; Um den Frieden slehen wir! J. U. Cramer. 600 - vilo, dan on this Friedensli e d. int ( Mel. Wer nur den lieben Gott läßt walten 2c.) Willkommen, holdes Kind des Himmels, O Friede, der du uns beglückst, Und alle Schrecken des Getümmels Und aller Feinde Muth erstickst! Dich sandte Gott, der uns erhört, Und Wonne nach dem Leid gewährt. Er ist ein Herr der Kriegesschaaren beugt und bricht der Stolzen Truß; Er ist ein Retter aus Gefahren, Wie in Gefahren unser Schutz. O Christen, preiset seine Macht; Die hat uns Ruh' zurück gebracht! Wer ist, wie Gott? Was er behüthet, Dem darf sich kein Zerstörer nahn. Wenn er den Streitenden gebiethet, So wandeln sie des Friedens Bahn. Verwüstung, Angst und Raubsucht fliehn, Und Sicherheit und Segen blühn. Nun weiht ihm Dank und Preisgeschenke; Erkenner seine Freundlichkeit! Nun ruft in festlichem Gedränge: Der Herr, der Herr hat uns erfreut! Er sandte Frieden uns zurück, Und Friede, Friede, welch ein Glück! Erhebet ihn, der mit Erbarmen, Obgleich oft hart, die Sünder schlägt, d init 601 Und immer, wie auf Vaterarmen, Sein Volk durch Schreckensnächte trägt! Erhebet ihn mit frohem Sinn! Die Schreckensnächte sind dahin! - - Aus Liebe lernt ihm ferner trauen, Wenn Unglück auf euch niederstürzt; Ihr werdet seine Hülfe schauen; Denn seine Hand ist nie verkürzt. Wenn wir auch keine Rettung sehn; Er heißt die Noth vorüber gehn. Lobsingt ihm durch ein frommes Leben, Dies ist der beste Lobgesang. Erwägt mit heiligem Erbeben: Wer Sünde thut, versagt ihm Dank. the Oheiligt, heiligt ihm das Herz, Und dann vergeßt Gefahr und Schmerz! Doch preiset ihn auch durch Erbarmen, Wo ihr der Brüder Noth erblickt! Bedenkt's, wie viele sind der Armen; Gott will, daß ihr sie gern erquickt. Damit sich Alles, Alles freu', Und durch den Frieden glücklich sey! Vernimm, o Gott, die Friedenslieder, Die unser frohes Herz dir weiht! Wie schallen unsre Tempel wieder Von deiner Macht und Freundlichkeit! Herr, unser Gott, dich loben wir! Herr, unser Gott, wir danken dir! 110² #t SIG a @ Cont E. F. Strefow. 51 - 602 - Nach einer Feuersbrun st. ( Mel. Wenn wir in höchsten zc.) Gott, dessen Macht des Feuers Kraft Zum Segen und Verderben schafft! Mit welcher schrecklichen Gewalt Verwüstet es, wie leicht, wie bald! Ach, manche Häuser hat's verzehrt, Und mancher Armen Glück zerstört! Auch dieß hat deine Hand gethan; Wir weinen, Herr, und bethen an! Wir weinen; doch verehren wir Auch deine Huld; sie half auch hier, Und hielt der Flammen schnellen Lauf, Der Uebrigen zu schonen, auf. Mit unsern Brüdern seufzen wir In ihrem Jammer, Gott, zu dir; Laß sie nicht hülflos, tröste die, Die du gebeugt haft; segne sie! O gib, daß, wer verschont ward, nicht Vergesse seiner schönsten Pflicht, Der Pflicht: Betrübte zu erfreun, Barmherzig, Gott, wie du zu seyn! Was du uns nimmst, das kannst du, Gott, Auch wieder geben; jede Noth In Heil verwandeln; weis' und gut Ist Alles, was dein Wille thut. 603 Gib Unterwerfung und Geduld, and nat Und laß uns deiner Vaterhuld Mit frommer Zuversicht vertraun, Und stets auf deine Hülfe baun! - - Schütz unser ganzes Vaterland Vor Mangel, Seuche, Krieg und Brand! E Gib, weil du unser Vater bist, Uns Allen, was uns heilsam ist. J. 2. Cramer. In Wassersgefahren. ( Mel. Herzliebster Jesu, was hast zc.) Ich will dem Herrn zu jeder Zeit vertrauen, Und stets mein Heil auf diesen Felsen bauen! Auch in den höchsten, schrecklichsten Gefahren Kann er bewahren. Ich will ihm trauen auch in Ungewittern, Vor denen selbst die Erdensäulen zittern, Und da, wo, Bergen gleich, empörte Wellen Zum Himmel, schwellen. Sey alles Sturm und Aufruhr und Getümmel; Er schuf das Meer, den Erdkreis und den Himmel. Was er gebeut im Himmel und auf Erden, Das, das muß werden. Zum wilden Strome spricht er: Fleuß mit Stille Und allgewaltig ist sein Herrscherwille, mo Der Strom gehorcht, die Wogen sinken nieder, Und ruhen wieder. 51* 604 Wer händeringend sein Geschick beklagte, Den Abgrund offen sah und schon verzagte, l Frohlocket dann, und rufet: Gott ist Retter Im Sturm, im Wetter! - - So mögen denn Gefahren mich umschweben, Und Eisgebirge sich im Strome heben, Und furchtbar drohend jeden Damm erschüttern; Ich will nicht zittern. Zu dir empor will ich am Strome schauen, Und ruhig deiner Macht und Liebe trauen. Du, Herr, kannst leicht uns, wenn du willst, be= wahren Auch in Gefahren! I. U. Cramer. Bey einem Gewitter. Gott ott donnert, nein! ich fürchte nichts; Denn ich bin ja sein Kind! Im Auge seines Angesichts Bin ich, was Engel sind. Er sieht mein Herz, das ihm vertraut, Wenn Erd' und Himmel bricht; Es bliße und es donnre laut! Gott ist's, ich zittre nicht. Er ist mein Gott, wenn Schlag und Blizz Vom Himmel nieder fällt; Denn alle Himmel sind sein Sik, Sein Fußtritt alle Welt. 605 Sein Donner segnet und erquickt, Erschüttert sanft das Land, Und macht den Schnitter einst entzückt, Der sonst nicht Garben band. - Der Frevler nur, der Gott nicht liebt, Wird beym Gewitter blaß; sadyart Mich macht kein Blizz, kein Schlag betrübt; Denn Lieb' und Huld thut das. Mit zuversichtlichem Vertraun, Daß Gott die Liebe sey, Kann ich in seine Wolken schaun, Von aller Knechtsfurcht frey. Mein Herz ist still, wenn rund umher Gewitterwolfen sind; Gott führt sie, und mein Schuß ist er; Denn ich, ich bin sein Kind! Fürbitte für einen todtkranken Freund. ( Mel. O Haupt voll Blut und Wunden zc.) Barmherziger, erhöre Die Thränen, das Gebeth! Bey dir allein ist Hülfe, Wenn Hoffnung untergeht. Noch ein Mahl laß die Stunden Der Angst vorüber gehn! Doch, Herr, nicht unser Wille, Dein Wille soll geschehn. 606 Er liegt und ringt und duldet, s Gequält von bitterm Schmerz, Ohnmächtig, ihn zu retten, Bricht Jammer unser Herz. Ach! soll er von uns scheiden, Verkürz' ihm Angst und Qual Zu himmlischen Genossen Führ' ihn durchs dunkle Thal! - Wenn seine Sinne schwinden, Er keinen Freund mehr hört, Kein Laut uns mehr verkündet, Was seine Brust begehrt: Sein unaussprechlich Sehnen, Du hörst es, Geist des Herrn! O zeig' im letzten Kampfe Den Himmel ihm von fern! Uns lehr', am Sterbelager Mit heil'gem Ernste stehn, Von ihm geschützt durchs Leben Mit sicherm Schritte gehn. Wer folgt aus unsern Reihen, Wer folgt zuerst ihm nach? 3.8 Find' uns, den Lauf zu enden, Bereit nur jeder Tag! Niemeyer. Am Grabe theurer Todten. ( Mel. Nun ruhen alle Wälder zc.) Donik Mein banges Herz, ſey stille! Es war des Vaters Wille, 607 Des Vaters Will ist gut. Was seine Hand geliehen, Darf sie das nicht entziehen? Und darfst du tadeln, was sie thut? Es blute nur die Wunde; Schon naht der Heilung Stunde; Vertrau'! sie ist nicht weit. Was dir der Tod entrissen, Sollst du nicht ewig missen; Auf! freu' dich der Unsterblichkeit! Wer wohl den Lauf vollbrachte, Dem kommt, oft eh' ers dachte, Des Kampfes Ruh am Ziel. Er ruht in Vaterhänden; Ihn herrlich zu vollenden, Entrückt ihn Gott dem Weltgewühl. Des Lebens Freud' und Kummer Löst sich im sanften Schlummer Des Todes endlich auf. Der Tod kommt uns zu retten Von allen unsern Ketten, Frey steigt der Geist zu Gott hinauf. Schwer ist der Trennung Stunde, Tief ist der Seelen Wunde; Ach! es erliegt der Geist, Wenn alles nun verschwindet, Was Herz an Herzen bindet, Das letzte Band der Tod zerreißt. @ 19 ent! 608 Doch konnt es ewig dauern? Es mußte eines trauern; Denk', daß Gott dich erfohr. Gehorsam seinem Willen, nd Fühl deinen Schmerz im Stillen, Und schaue gläubig dann empor. - ---- Sprich: Was du mir gegeben, Herr über Tod und Leben, Es war mein höchstes Glück. Doch blieb es ja das deine; Ob ich auch klag' und weine, Geb' ichs doch willig dir zurück. Zum Himmel früh erkohren, Seyd ihr uns nicht verloren, Um die die Thräne fließt. Hier trübten unsre Freuden Doch Sorgen oft und Leiden; Wir suchen nur, was ihr genießt. In jenen sel'gen Chören Wird uns kein Mißlaut stören, Uns keine Täuschung nahn. Des Erdenlebens Schwächen, Die Mängel, die Gebrechen Sind dort auf ewig abgethan. Wer weiß, wie bald zum Scheiden Von allen Erdenfreuden Für uns die Stunde schlägt! Drum trocknet, Wehmuthszähren! Es wird nicht lange währen, Daß man auch uns zur Ruhe trägt. imito 51 125 Niemeyer. - 609 Beruhigung bey dem Tode geliebter Personen. ( Mel. Alle Menschen müssen 2c.) 2 Trocknet eures Jammers Thränen, Heitert euern trüben Blick; Denn es bringt kein banges Sehnen Die Entschlafenen zurück! Ach, die holde Stimm' und Rede, Und der Lieblichkeiten jede, d Und das freundliche Gesicht Ruht im Grab und kehret nicht! Gleich des Feldes Blumen schwindet, Was da lebet rings umher; Traurend sucht der Freund und findet Den geliebten Freund nicht mehr. Wie der welke Greis am Stabe, Sinkt der Jüngling und der Knabe, Und das schauervolle Grab Zieht zuletzt auch uns herab. Gleich des Feldes Blumen werde, Was geboren wird, zerstäubt! Nur der Erdenleib wird Erde; Aber sein Bewohner bleibt. Ja, ihr lebt, Geliebte, lebet Ueber Sternen, oder schwebet Mitleidsvoll um jeden Freund, Der an eurem Grabe weint. 02-0 Dieses Streben, dieses Trachten Aufwärts zur Vollkommenheit, AS 610 Dieses Vorgefühl, dieß Schmachten, Brüder, nach Unsterblichkeit, Dieser Geist, der Welten denket, Würde mit ins Grab gesenket? Und geschaffen hätte Gott Dieses alles nur zum Spott? - Nein, nicht spottend, nicht vergebens Schufst du, Ewiger, dein Bild; Weisheitsvoll hast du des Lebens Edlen Geist in Staub gehüllt; Diese Hülle wird vernichtet, Und die freye Seele richtet Zu der höhern Geister Chor Freudig ihren Flug empor. Auf! von Moder und Verwesung he Blicke dort hinauf, mein Geist, Wo im Friedensthal Genesung Alles Erdenjammers fleußt; or Wo nicht Krieg, Erdbeben, Fluthen, Hunger, Pest und wilde Gluthen, Wo nicht Trennung mehr, noch Tud Liebenden Geliebten droht. Ach, des Wonnetags, der wieder, Was am Grabe hier geweint, Aeltern, Kinder, Schwestern, Brüder, Freund und Gatten fest vereint; Wann, gelehrt von Himmelweisen, Wir des Vaters Liebe preisen, Der aus Irrthum, Schmach und Gram Uns in seine Ruhe nahm! Golf 8 611 Bald, vielleicht, ach! bald verschwunden Ist auch unsere Lebenszeit, Und wer weiß Kommt die letzte wohl schon heut. O laßt Gottes Weg uns wandeln, Immer gut und redlich handeln, Daß wir, wann der Vater rust, Freudig sinken in die Gruft! - -- von meinen Stunden Was as steh' ich hier und weine, Und sinne still, und meine, Du seyft zu früh verblüht? Und drücke sanft das Siegel Der Liebe auf den Hügel, An dem Grabe eines geliebten Kindes. ( Mel. Nun ruhen alle Wälder zc.) Dem Sturm und Zeit vorüber zieht? 30077 29/01 Ach, ist dir nicht vor Allen Ein schönes Loos gefallen? Mit frohem Unschuldssinn Im Morgenthau zu blühen, Und vor des Tages Glühen Schon wieder in der Erde drin; 1000re die Indeß wir gehn und wandern Von einem Pol zum andern, Und nie den Frieden sehn; Erst alles heiß umfassen, HI 2 Voß. 1 612 Und endlich doch verlassenbiedin Am Abend unsers Lebens stehn? Und theure Gräber bauen, Und bang nach oben schauen, Indeß die Thräne fließt; Und lange harren müssen, Bis sich zum Ruhekiſsen Auch uns der Mutter Schooß erschließt? Ja, dir ist wohl vor Allen Ein schönes Loos gefallen, Mit frohem Unschuldssinn Im Morgenthau zu blühen, Und vor des Tages Glühen Schon wieder in der Erde drin. Doch wie nach Sturmes Wüthen Vor den gebrochnen Blüthen Der arme Gärtner steht, Wenn seiner Hoffnung Streben Im zarten Blumen= Leben Mit einem Mahl zu Grunde geht: So steh' ich hier und weine, Und sinne still, und meine, Du seyft zu früh verblüht; Und drücke sanft das Siegel Der Liebe auf den Hügel, Dem Sturm und Zeit vorüber zieht. # 2 +1508 Ernst v. Houwald. - 613 Cusì, asfiscas& Andenken an geliebte Vollendete. - ( Mel. O Haupt voll Blut und Wunden 2c.) Wir Sir denken, Gott, der Lieben, Die nun im Grabe ruhn; Wir sind zurück geblieben, Sie sind befriedigt nun! Wie wir in frühern Jahren, Vereint durch Herz und Haus, So froh beysammen waren, Das preßt uns Thränen aus. Was einer fühlt, und dachte In manchem lieben Jahr, Das sprach sein Mund, das brachte Sein Herz dem Andern dar. Sie sahen unsre Wunden, Sie kannten unser Leid; Sie haben froher Stunden Mit uns sich oft gefreut. O Gott, das ist vergangen; Was irdisch ist, vergeht; Doch inniges Verlangen Nach ihrem Glück besteht. Gib ihnen Wohlergehen In deiner bessern Welt; Laß uns sie wiedersehen, Wenn unser Leib zerfällt; Sie fehlten oft, doch dessen Gedenken wir nicht mehr; a 614 Vergessen sey's, vergessen; Nicht fehlen, ist so schwer! Ihr Gutes aber treibe Zum Guten uns, zum Dank; Ihr Gutes alles bleibe Uns theuer lebenslang. - - Die Hüllen sind gefallen, Die Fehler blieben nicht. Wo nun die Lieben wallen, Ist Friede, Recht und Licht. Wir wollen würdig handeln, Nicht lang ist unsre Bahn; Zu dir, o Vater, wandeln Wir ihnen gleich hinan. des Grand Noch manche sind geblieben; Wir wollen fromm und rein Und lebenslang sie lieben, Und ihrer Lieb' uns freun. Die Lebenden und Todten Bewachst du, Herr der Herrn; Was dein Gesetz gebothen, Vollbringe jeder gern. #*# 9350# X Es ist des Geistes Hülle, Was sich zum Grabe neigt, Wenn zu der Wonne Fülle Der Geist befriedigt fleigt! Getrost, wir sehn uns wieder; Wir sehn im reinen Licht All' unsre Lieben wieder, Und trennen uns dann nicht! skve 129 sler 300 mai thail mari die 12 EEEE 615 Laß trocknen unsre Thränen, Sich lindern unser Leid, Und stille, Herr, das Sehnen Nach lautrer Seligkeit. Wir wollen dir auf Erden Mit fester Hoffnung traun, Und reines Herzens werden, Damit wir einst dich schaun. - - G. W. C. Starke. Allgemeines Gebeth. ( Nach Pope, von Hagedorn) Herr und Vater aller Wesen, aller Himmel, aller Welten, Aller Zeiten, aller Völker! Ewiger! Herr Zebaoth! Die Verehrung schwacher Menschen kann dein Wohl= thun nicht vergelien, Gott, dem alle Götter weichen! Unaussprechlich großer Gott! Weise, Heilige, Barbaren fühlen, denken und bekennen Dich, du Ursprung aller Dinge! Unerforschter Geist der Kraft! Mein Verständniß ist begränzet; nur dich groß und gut zu nennen, Und mich selber blind zu wissen, das ist meine Wissenschaft. Doch in diesem dunklen Stande meiner Sinnen und Gedanken 616 Gabst du mir zu unterscheiden, was hier gut und übel sey. Stellte gleich der Arm der Allmacht der Natur gemeßne Schranken; Ließ dennoch das freyste Wesen Willen und Gewissen frey. - Lehre mich das Gute lieben, lehre mich das Böse haffen, Aus dem allerreinsten Triebe dem Gewissen dem gewig Gewissen folgsam folgsam ſeyn; Wenn es dieß zu thun befiehlet, oder das zu unterlaffen, Dieß mehr als den Himmel suchen, das mehr als die Hölle scheun. Laß mich auf den Segen achten, den wir nur von dir erlangen, Auf die Milde deines Reichthums, auf der Gaben Ueberfluß; Ihm, dem Geber, wird vergolten, wenn wir Menschen recht empfangen; Der Gehorsam, den er heischet, ist ein fröhlicher Genuß. Laß mich aber deine Güte nicht an unsern Erdkreis binden: Herr, sey mir ein Gott der Menschen; doch der Menschen nicht allein! Andre Körper und Geschöpfe müssen deine Huld em= pfinden, 617 Und in mehr als tausend Welten Spiegel deiner Größe seyn. Nimmer seyen meine - Hände bey der Schwäche so verwegen, Mit den Waffen deines Eifers, deinen Keilen, umzugehn, Und mit donnerndem Verdammen Land und Volk zu widerlegen, Die, nach meiner blöden Einsicht, deiner Wahrheit widerstehn! Bin ich auf dem rechten Wege: so verleihe deine Gnade, Deinen Weg nicht zu verlassen, da mein Fortgang dir gefällt. Irr ich, als ein Kind des Irrthums, ach! so bringe mich zum Pfade, Wo die Füße seltner straucheln, und dein Licht die Bahn erhellt. Schüße mich vor eitlem Stolze, der sich bey dem Gut erhebet, Daß dem sterblichen Besitzer deine Milde nur geliehn; Auch vor rohem Mißvergnügen, das umsonst nach Dingen strebet, Die ihm deine Macht und Weisheit theils versagen, theils entzieh Bilde selbst mein Herz, o Vater! daß es sich zum Mitleid neige, 52 618 Und um Andrer Wunden blute, Fehler decke, die es schaut; Würdige mich des Erbarmens, das ich fremder Noth erzeige, Froh im Ausfluß des Vermögens, das mein Gott mir anvertraut. -- --Zwar bin ich gering und nichtig; doch wird der gering erfunden, Den dein Odem selbst beseelet, Herr der Jahre, Tag und Zeit? Ordne du an diesem Tage meine Wege, meine Stunden, Wie du willst, zu weiterm Leben, oder auch zur Ewigfeit. Ich erbitte mir für heute sonst kein Theil, als Brot und Frieden, Aus der andern Güter Menge wähle nie mein eigner Wahn! Ob sie recht vertheilet worden, sey von dir allein entschieden. Nur dein Will, o Herr, geschehe! Was du thust, ist wohlgethan. Dich, dem aller Welten Kreise, aller Raum zum Tempel dienen, Dich besingen alle Wesen, ewig, mit vereintem Chor! Und von Erde, Meer und Lüften, als von deines Altars Bühnen, Schwinge sich zu dir der Weihrauch opfernder Natur empor! - 619 - Gebeth der Kinder zu ihrem ewigen Vater. Du haft deine Säulen dir aufgebaut, Und deine Tempel gegründet! Wohin mein gläubiges Auge schaut, Dich Herr und Vater es findet! Deine ewig herrliche Gottesmacht Verkündet der Morgenröthe Pracht, Erzählen die tausend Gestirne der Nacht; Und alles Leben liegt vor dir, Und alles Leben ruft zu dir: Vater unser, der du bist im Himmel! Und liebevoll dein Auge schaut, Was deiner Allmacht Wink begonnen Und milder Segen niederthaut; Und fröhlich wandeln alle Sonnen! Herr! Herr! das Herz, daß dich erkennt, Erwacht vom Kummer und vom Grame; Es jauchzt die Lippe, die Vater dich nennt: Geheiliget werde dein Nahme! Der du die ew'ge Liebe bist, Und dessen Gnade kein Mensch ermißt, Wie selig ist dein Thron! Der Frieden schwingt die Palmen, Es singt die Freude Psalmen, Die Freyheit tönt im Jubelton: Herr! Herr! in deinem ew'gen Reich Ist alles recht, ist alles gleich- Zu uns komme dein Reich! 52* 620 Kommt Engel aus den heil'gen Höhn, Steigt nieder zu der armen Erde! Kommt, Himmelsblumen auszufä'n, Daß diese e Welt ein Garten Gottes werde! Dewiger Weisheit unendliche Kraft! Du bists, die alles wirkt und schafft; Dein Weg ist Nacht; geheimnisvoll Der Pfad, den jeder wandeln soll. Doch in deine Nähe Führst du alle, daß sie heilig werden! Dein Wille geschehe, Wie im Himmel, also auch auf Erden! Laß Aehren reifen im Sonnenstrahl, Die Frucht erglänz' im grünen Laube, Es weide die Heerd' im grünen Thal, Und auf den Bergen röthe sich die Traube, Und alles genieße mit Dank und Freude Unser tägliches Brot gib uns heute! Der du, von reinen Geistern umgeben, Nieder blickst auf das sündige Leben Erbarme dich unser! Schwachheit ist der Menschen Loos; Deine Gnad' ist grenzenlos, Dein Erbarmen unermeßlich! - Zeig uns, Vater, deine Huld In dem armen Leben, Und vergib uns unsre Schuld, So wie wir vergeben. Herr! Herr! unsre Zuversicht, Starker Held, verlaß uns nicht, M 621 Hebe die Blicke, die freyen Gedanken Ueber der Endlichkeit enge. Schranken Hoch empor über Grab und Tod! Wir hoffen, wir warten auf Morgenroth, Wir sehnen uns alle nach deinem Licht, Nach deinem hochheiligen Angesicht! Führ' uns nicht in Versuchung, Sondern erlös uns von dem Uebel! Denn du bist Herr, Und du bist Gott, Unser Vater! Und dein ist das Reich, Und die Kraft und die Herrlichkeit In Ewigkeit! Amen. Mahlmann. Inha I t. I. Allgemeine religiöse Betrachtungen. Menschen Tod und Unsterblichkeit Wohlthätige Wirksamkeit Nothwendigkeit einer öfteren Selbstvrüfung Liebe zur Natur Die Sonne. Der gestirnte Himmel. Der Mond Ueber den Werth der Andacht Belebung des Glaubens an Gottes Daseyn Belebung des Glaubens an eine göttliche Vorsehung Erinnerung an Gottes Vollkommenheiten Sorge der Gottheit für das geistige und fittliche Wohl des menschlichen Geschlechtes Erinnerung an die Vorzüge und die Bestimmung des Frühlings Betrachtung Freundschaft Häusliches Leben und häusliches Glück Glaube, Liebe und Hoffnung = e 08 II. Morgen und Abendgebethe. Allgemeines Morgengebeth. Allgemeines Abendgebeth Morgengebeth am Sonntage Abendgebeth am Sonntage ● Seite 3 20 32 45 62 72 81 93 99 103 110 116 122 129 136 141 148 159 165 168 172 1 623 Morgengebeth am Montage Abendgebeth am Montage Morgengebeth am Dinstage Abendgebeth am Dinstage. Morgengebeth an der Mittwoche Abendgebeth an der Mittwoche Morgengebeth am Donnerstage Abendgebeth am Donnerstage Morgengebeth am Freytage. Abendgebeth am Freytage Morgengebeth am Sonnabend Abendgebeth am Sonnabend Morgengebeth eines Kranken Abendgebeth eines Kranken Abendgebeth nach einem frohen Tage Abendgebeth nach einem traurigen Tage Prüfung am Abende. Am letzten Abende eines Jahres Morgengebeth für die zartere Jugend Gebeth jüngerer Kinder vor Tische Gebeth jüngerer Kinder nach Tische Abendgebeth für jüngere Kinder. III. Festtags- Undachten. Allgemeines Festtags= Gebeth Am Weihnachtsfeste Am grünen Donnerstage Am Charfreytage Am Osterfeste - Am Feste der Himmelfahrt Chrifti Am Pfingstfeste Am Neujahrsfeste Am Tage der Geburt Mariä Am Tage Mariä Verkündigung Seite 174 177 179 183 186 188 190 193 195 198 201 204 206 209 210 212 214 217 221 222 222 222 225 227 232 240 247 252 257 261 267 270 1 624 - Am Tage Mariä Heimsuchung Am Tage Mariä Reinigung Am Tage Petri und Pauli IV. Gebethe in Bezug auf den öffentlichen Gottesdienst. Häusliche Vorbereitung auf den öffentlichen Gottes- india dienst. Gebetb in der Kirche vor dem öffentlichen Gottesd dienste Gebeth in der Kirche nach dem öffentlichen Gottes: dienste Fromme Betrachtungen in dem Hause des Herrn Häusliches Gebeth nach dem öffentlichen Gottesdienste V. Beicht und Communion Undachten. = Seite 273 277 281 . Gebeth für das Vaterland und den Landesherrn insbesondere Gebeth eines regierenden Fürsten Gebeth eines zur Regierung bestimmten Prinzen. Gebeth eines Staatsdieners and Beamten überhaupt Gebeth eines Religionslehrers Gebeth eines Erziehers und Lehrers der Jugend. 287 297 298 300 Häusliche Vorbereitung zur Beichte 313 Fromme Betrachtung nach der Beichte 322 325 Häusliche Vorbereitung auf das heilige Abendmahl Vor dem Genusse des heiligen Abendmahls. 330 Nach dem Genusse des heiligen Abendmahls 331 Fromme Betrachtung nach dem heiligen Abendmahle 331 Vor der Confirmation 333 Nach der Confirmation :: 337 VI. Gebethe für besondere Verhältnisse und Umstände des Lebens. 307 343 346 353 355 358 364 - 625 - Gebeth eines Arztes Gebeth eines Studirenden Gebeth eines Kaufmannes Gebeth eines Gewerbs- und Handwerksmannes. Gebeth eines Landmannes Gebeth eines Soldaten Gebeth christlicher Seeleute Gebeth für dienende Personen Gebeth in der Jugend. Gebeth im Alter. Gebeth am Geburtstage Gebeth verlobter Personen Vor der Trauung Nach der Trauung Gebeth glücklicher Ehegatten Gebetb unglücklicher Ehegatten Gebeth in kinderloser Ehe Gebeth einer Schwangern Gebeth einer Mutter nach der Entbindung Allgemeines Gebeth einer Familie Gebeth für unsre abwesenden Lieben Gebeth eines Glücklichen Gebeth in Armuth und Noth Gebeth in Stunden der Versuchung Gebeth bey der Wiederkehr gewohnter Fehler In der Einsamkeit. ● • ● ● 5011 Gebeth bey drückenden Sorgen Gebeth in Tagen der Gefahr und des Unglücks Gebeth bey innern Leiden und in Stunden der Schwermuth und Traurigkeit Gebeth um ein zufriednes Herz. Hinblick auf die Vergangenheit und Zukunft Seite 367 369 372 376 379 382 385 387 389 392 395 397 400 11401 402 405 407 409 411 413 417 419 422 425 429 431 433 438 441 Bey einem beschwerde und unruhvollen Leben 444 Im Kampfe mit ungerechter feindseliger Begegnung 448 450 453 - 626 Bey furchtbaren Natur- Erscheinungen Gebeth in Kriegszeiten Gebeth nach hergestelltem Frieden Gebeth in Zeiten ansteckender Seuchen und großer Sterblichkeit Gebeth nach verschwundener Seuche Gebeth eines Kranken. Gebeth an einem Krankenbette Gebeth eines schwer Kranken Gebeth nach der Wiedergenesung. ● - Gebeth bey dem Verluste geliebter Personen Gebeth bey dem Verluste eines Kindes Gebeth eines verwaisten Kindes Gebeth einer Witwe Gebeth bey Annäherung des Todes Erinnerung an unsre vollendeten Lieben Das Vater unser. VII. Religiöse Gesänge. S[ nbetDung Gott Hymne an Gott Der beilige Gefang Das Daseyn Gottes Preis der Gottheit Lob der göttlichen Güte Preis der göttlichen Vorsehung Erhebung zu Gott Frommes Vertrauen zu Gott Ergebung und Vertrauen Das Heiligthum Gottes Danklied für Glückliche Die Seligkeit des Christen ● Seite 458 461 0465 467 469 471 475 476 478 480 483 486 488 490 492 1.013495 503 504 506 511 512 514 515517 520 521 523 525 528 530 Trauer um die Abtrünnigen Familienlied Lied für Schwangre Bey der Geburt eines Kindes Bestimmung der Menschen Werth der Lebenszeit Die Freundschaft Unsterblichkeit Aussichten in die Ewigkeit Die Hoffnung Um Standhaftigkeit im Guten Bußlied Trost in trüben Stunden Erinnerung an den Tod Um Muth zum Sterben Weihnachtslied Passionslied. Ofterlied Himmelfabrts Lied Pfingstlied Neujahrslied Frühlingslied Sommerlied Herbstlied Winterlied Das heilige Mahl der Liebe Troft im Leiden Um Trost bey dem Bewußtseyn eigener Schuld Das Lied des Trostes ● - ● • Am Morgen Morgenlied Tischlied Abendlied In nächtlicher Stunde ● 627 - . ● Seite 532 534 536 538 539 542 544 546 549 551 552 554 556 557 559 560 562 563 565 567 569 572 574 576 577 579 581 583 584 586 588 589 590 592 --623 In einer mondbellen Nacht.. Erntelied In Kriegszeiten .. - Friedenslied Nach einer Fenersbrunst In Wassersgefahren Bey einem Gewitter Fürbitte für einen todtkranken Freund Am Grabe theurer Todten Beruhigung bey dem Tode geliebter Personen An dem Grabe eines geliebten Kindes.. Andenken an geliebte Vollendete Allgemeines Gebeth Gebeth der Kinder zu ihrem ewigen Bater Seite 594 596 598 600 602 603 604 605 606 609 611 613 615 619 4:04 102 dilemonito Gedruckt bey 2. Pichlers sel. Witwe.in 20 Inches Centimetres Blue 12 3 4 Cyan 2 5 3 ++++ ¹6 Farbkarte# 13 Green 8 Yellow 19 4 10 Red 11 12 5 13 Magenta 14 6 15 White 16 17 7 3/ Color 18 19 B.I.G. Black 8