Geistlicher Bilienkranz.( 2) G Geistlicher Lilienkranz, geflochten aus siebenzehn Betrachtungen zu Ehren der unbefleckten Empfängniß Mariä und zu Nuß und Frommen ihrer Verehrer geistlichen und weltlichen Standes von Franz Berg Pfarrer. Bibliothek des Kapuzinerklosters gichstätt. Die seligste Jungfrau ist die unbefleckte Lilie, aus welcher die unverweltliche Rose Jesus Christus entsprossen ist." Der h. Epiphanius in orat. de laudib. B. M. V. „ Der unbefleckte Dienst einer gottergebenen Seele ist ein tägliches Martyrium.... Die Krone dafür wird aus Lilien geflochten." Der h. Hieronymus in vita St. Paulae. Mit Genehmigung des hochwürd. Bischöfl. Ordinariats Limburg. Druck und Verlag von R. F. Hergt in Coblenz. 1876. Imprimi permittitur. Limburgi ad Lahnam, die 10. Augusti 1875. Ordinariatus Episcopalis Dr. Gerlach. In fidem: Loetschert. Vorwort. Gott der Herr hat in Maria am Tage ihrer unbefleckten Empfängniß die Fülle der Guaden niedergelegt, welche von ihr als der Mutter der göttlichen Gnade fort und fort auf uns überfließen sollen. Dieser Gedanke ist deutlich ausgesprochen durch die Erklärung unseres h. Vaters, des Papstes Pius IX. in seinem apostolischen Sendschreiben über die dogmatische Bestimmung der unbefleckten Empfängniß Mariä vom 8. December 1854, worin es unter Anderem ausdrücklich heißt: Gott hat Maria so wunderbar vor allen Engeln und Heiligen mit allen himmlischen Gnadengaben aus dem Schatze der Gottheit überhäuft.... Sie, welche ohne Zweifel mütterlich gegen uns gesinnt ist, unser Heils VI geschäft betreibt und für das ganze Menschengeschlecht besorgt ist, die zur Königin des Himmels und der Erde vom Herrn gesetzt... zur Rechten ihres Eingebornen Sohnes, unseres Herrn Jesu Christi steht und durch ihre mütterlichen Bitten mit Macht und Erfolg fleht." Wer sollte sich demnach nicht eifrig bestreben, die unbefleckte Empfängniß Mariä recht andächtig und vertrauensvoll zu verehren? Sie, die unbefleckt empfangene Jungfrau, hat der alten Schlange mit mächtigem Fuße den Kopf zertreten, das christliche Volk wider die Nachstellungen seiner Feinde beschützt und zu allen Zeiten aus den größten Drangsalen wunderbar errettet. Sie wird auch in unseren bedrängten Zeiten ihren mütterlichen Schutz und ihre mächtige Hilfe uns angedeihen lassen, als Königin des Friedens uns den Frieden schenken und unser Leid in Freude verwandeln in dem Maße, als wir uns bestreben, die Sünde zu meiden und nach ihrem H. Beispiele einen unbefleckten Wandel zu führen. Dazu sollen die folgenden Betrachtungen Anleitung geben, welche in ihrer VII 11 Gesammtheit Geistlicher Lilienkranz" betitelt sind, weil sie einerseits, eine jede in ihrer Weise, die Unbeflecktheit, deren Sinnbild die Lilie ist, ganz besonders aber die Unbeflecktheit Mariä, dieser vorzugsweise unbefleckten geistlichen Lilie, zum Gegenstande haben, andererseits die Verehrer Mariens anregen und ermuntern sollen zu einem wahrhaft unbefleckten Wandel, für welchen nach den Worten des H. Hieronymus ein Lilienkranz im Himmel geflochten wird. Die vorliegenden Betrachtungen sind zunächst für eine neuntägige Vorbereitungsandacht und für die Octav des Festes der unbefleckten Empfängniß Mariä bestimmt, können und mögen aber auch sonst im Laufe des Jahres, besonders in dem der seligsten Jungfrau geweihten Maimonat, benutzt werden. Begnügen wir uns nicht bloß damit, Maria, als die unbefleckte geiſtliche Lilie, mit natürlichen und künstlichen Blumenkränzen zu ehren, sondern suchen wir sie ganz besonders mit dem geistlichen Lilienkranze zu ehren und zu erfreuen. VIII Für die Marienverehrer geistlichen Standes sei schließlich noch die Bemerkung erlaubt, daß sämmtliche Stellen der h. Schrift, welche von der Unbeflecktheit handeln, im vorliegenden Büchlein an geeigneter Stelle ihre Verwendung gefunden haben mit beigefügtem lateinischen Text; letzteres gilt auch für die hauptſächlichſten Stellen aus den Schriften der h. Kirchenväter. Der Verfasser glaubte damit seinen verehrten Mitbrüdern einen kleinen Dienst zu erweisen. Möge die unbefleckt empfangene und allzeit unbefleckte Jungfrau und Gottesmutter Maria diesen geistlichen Lilienkranz segnen, den ihr als ein Tribut der Liebe und Dankbarkeit darbietet der Verfasser. Allerheiligenberg, in der Octav des Festes der unbefleckten Empfängniß Mariä 1874. Erster Theil. Betrachtungen für die nenntägige Vorbereitungsandacht auf das Fest der unbefleckten Empfängniß Mariä. 1. Betrachtung für den ersten Tag. ( 29. November.) Ein unbefleckter Wandel bereitet zeitliche und ewige Seligkeit. Beati immaculati in via: qui ambulant in lege Domini. " Selig die Unbefleckten im Wandel: die da wandeln im Gesetze des Herrn." Pfalm. 118, 1. 1. Selig die Unbefleckten. Unser göttlicher Heiland hat einst in seiner herrlichen Bergpredigt als die vorzüglichsten Mittel zur Erlangung der ewigen Seligkeit die sogenannten acht Seligkeiten vorgetragen, welche den Inbegriff des neuen Gesetzes und die Haupteigen1 - - 2schaften eines wahren Jüngers Jesu enthalten. Um nun zur Aneignung derselben recht zu ermuthigen, um die scheinbar harten und schweren Anforderungen gleichsam zu versüßen und so recht annehmbar zu machen, wies Christus hin auf die Seligkeit diesseits und jenseits, welche denjenigen zu Theil wird, die diese Eigenschaften sich aneignen. Deshalb beginnt und beschließt Er jede einzelne der acht Eigenschaften mit einer Seligkeit. So sagt Er z. B.: ,, Selig sind, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott anschauen... Selig sind, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen; denn ihrer ist das Himmelreich." Matth. 5, 8 und 10. Der Heiland will damit sagen, daß sie schon hier auf Erden den Himmel christlicher Gesinnung und damit einen gewissen Vorgeschmack der himmlischen Seligkeit in sich haben und den Himmel jenseits mit seiner vollkommenen Seligkeit erhalten. Wie nun der Heiland seine Bergpredigt, eine Reihe von schönen, erhabenen Lehren, mit den Seligkeiten begann und seine Anforderungen an uns mit dem Worte Selig" einführte, so wollen auch wir die Reihe der folgenden Betrachtungen mit dem Worte Selig" beginnen, um die der sinnlichen Natur streng und hart scheinende Anforderung an uns,- ein Jeder nach seinem Stande einen unbefleckten Wandel zu führen, ohne welchen wir nicht wahrhaft glücklich 11 — 3 - und selig sind auf Erden und einstens nicht zur himmlischen Seligkeit gelangen können, durch das Wort ,, Selig" zu versüßen und annehmbar zu machen." Selig die Unbefleckten!" ruft der Psalmist durch Eingebung des H. Geistes aus. Ja, fürwahr selig sind die Unbefleckten schon hienieden, weil in ihremnt reinen Herzen sich das reinste Angesicht Gottes gleichsam abspiegelt und so einen Vorgeschmack der seligen Anschauung im Himmel bereitet; selig sind sie jenseits, weil sie dort im Himmel das unbefleckte Lamm von Angesicht zu Angesicht schauen. Welch' eine mächtige Anziehungsfraft übt dieses Selig" auf das Herz des Menschen aus, dem es innerstes Bedürfniß ist, sowohl in dieser als in der andern Welt wahrhaft glückselig zu sein! Es ist ein kurzes Wort, dieses ,, Selig", aber ein Wort voll Süßigkeit, Kraft und Zuversicht. Es macht durch die Salbung des H. Geistes das Schwere leicht und das Bittere süß.- Die sinnliche Natur sucht dir, christliche Seele! es hart und schwer und bitter vorzustellen, ein unbeflecktes Leben zu führen, aber der h. Geist, der Geist der Wahrheit, ruft dir zu: Selig die Unbefleckten!" Ueberlege dieses Wort in deinem Geiste und bewahre es in deinem Herzen; es wird dich in der Versuchung wunderbar stärken und dir bewahrheiten, wie süß der Herr denen ist, die unbefleckt Ihm dienen. 1* - 4 - - 2. ,, Selig die Unbefleckten im Wandel." Unter Wandel versteht man im Allgemeinen die Lebensweise des Menschen, im Besonderen das Verhalten in sittlicher Beziehung. Als solcher hat der Wandel eine innere und eine äußere Seite. Die innere Seite ist Gott zugekehrt, der allein ein unfehlbares Urtheil darüber hat, weil Er es allein ist, der nach den Worten der H. Schrift Herzen und Nieren des Menschen erforscht. Die äußere Seite des Wandels ist der Welt zugekehrt, die nur das Aeußere in's Auge faßt und demgemäß nur nach dem äußeren Scheine urtheilt; und da die Welt nach dem Zeugnisse des h. Geistes im Argen liegt, also voller Makeln und zwar gar schlimmer Makeln ist, so ist es nicht zu verwundern, daß die Welt auch den Wandel des Menschen zu bemakeln sucht, ganz besonders aber den Wandel derjenigen, welche sich ihr nicht gleichförmig machen wollen. Es trifft hier ganz genau im Allgemeinen ein, was die H. Schrift vom Stolzen insbesondere sagt:„ Das Gute verkehrt er hinterlistig in Böses, und selbst den Auserwählten hängt er Mateln an." Jes. Sir. 11, 33. Es ist daher sehr schwer, ja man könnte fast sagen unmöglich, vor der Welt unbefleckt zu wandeln. In dieser Beziehung sagt der H. Hieronymus treffend: ,, Es ist schwer, in der Welt, wo es als Siegespreis der Lafter gilt, ehrbare Leute zu verleumden - - und das Reine und Lautere zu beflecken, sich da nicht irgend welches schiefes Gerede zuzu= ziehen. Deshalb drückt der Prophet auch diese sehr schwere und fast unmögliche Sache mehr als einen Wunsch, denn eine Forderung aus, wenn er sagt: Selig sind die Unbefleckten in ihrem Wandel. Unbefleckt auf ihrem Wege in dieser Welt nennt er die, welche nie ein Hauch übler Nachrede befleckt hat." Aber wie Viele gibt es denn, die nicht von diesem Hauche übler Nachrede befleckt werden? Läßt ja doch die göttliche Vorsehung zu, daß die heiligsten Personen von den Urtheilen der Welt angefeindet und bemakelt werden. Ist nicht der menschgewordene Sohn Gottes, der Allerreinste und Allerheiligste, und seine gebenedeite Mutter, die unbefleckte Jungfrau Maria, die von sich begeisternd ausrief: Es werden mich selig preisen alle Geschlechter!" angefeindet und bemakelt worden, und geschieht dies nicht bis auf den heutigen Tag durch die schändlichsten gotteslästerischen Ausdrücke in Wort und Schrift? Darum wundere dich nicht, christliche Seele! wenn du bei deinem aufrichtigsten Bestreben, einen unbefleckten, untadelhaften Wandel zu führen, dennoch von Seiten der Welt so viel bemakelt wirst; tröste dich als Kind Mariens mit dieser deiner Mutter, deren erhabene Unbeflecktheit von der makelvollen Welt nicht erkannt und gewürdigt und darum - 6- - - ſelbst in den Staub gezogen und bemakelt wird. Bedenke, daß, je weniger dein unbefleckter Wandel von der Welt anerkannt und gepriesen wird, er um so reiner und glänzender vor Gott erscheint und einen um so größeren Werth vor Ihm hat. Auf die Seligkeit, unbefleckt zu gelten vor der Welt, leiste um so lieber Verzicht, als dadurch die Seligkeit deines Herzens hienieden um so reiner und die Seligkeit im Himmel für dich dereinst um so größer und vollkommener sein wird., Selig die Ünbefleckten im Wandel." 3. Die da wandeln im Gesetze des Herrn." - Der Psalmist will mit dieſen Worten erklären, daß die Unbeflecktheit und Tadellosigkeit des Wandels sich darauf gründet, daß man im Gesetze des Herrn wandelt. Im Gesetze des Herrn wandeln" bedeutet aber weit mehr, als nach dem Gesetze wandeln"; es heißt nicht bloß sein Leben äußerlich nach den Geboten Gottes einrichten, sondern ganz besonders im Geiste des Gesetzes leben, von demselben durchdrungen sein; denn der Geist ist es, welcher den Worten des Apostels gemäß lebendig macht. Dieser Geist des Gesetzes bewirkt die Unbeflecktheit des Wandels, nicht aber das bloße äußere, mechanische Beobachten des Gesetzes. Dies gibt auch der Psalmist zu verstehen, wenn er Pf. 17, 22 ff. sagt: ,, Denn die Wege des Herrn hielt ich ein... und ich - 7- werde unbefleckt mit Ihm sein."* Der Psalmist findet also in der Einhaltung der Wege Gottes die Unbeflecktheit des Wandels. Und warum? Weil die Wege Gottes, auf denen der Mensch dem göttlichen Willen gemäß wandeln soll, selbst unbefleckt sind; mithin theilt sich denjenigen, welche darauf wandeln, die Unbeflecktheit mit. Dieses spricht der Psalmist deutlich aus, indem er Pf. 17, 31 ff. sagt: ,, Meines Gottes Weg ist unbefleckt... Gott ist es, der mich gürtete mit Kraft und unbefleckt machte meinen Weg."** Siehe, christliche Seele! Gott, der will, daß auch du auf seinen unbefleckten Wegen wandeln solist, rüstet dich mit Kraft, mit seiner Gnade aus und hilft dir, deinen Wandel unbefleckt zu machen. Was hindert dich nun noch, einen unbefleckten Wandel zu führen? Wohlan, wandle nicht bloß nach dem Gesetze des Herrn, sondern im Gesetze des Herrn, und mit jedem Schritte, den du vorwärts thust, wird dein Wandel, ohne daß du es merkst, unbefleckter und vollkommener werden. Erwecke heute öfters folgenden Gebetsact: Mache, o Herr, meinen Wandel unbefleckt! * Et ero immaculatus cum eo. ** Posuit immaculatam viam meam. - 8. — 2. Betrachtung für den zweiten Tag. ( 30. November.) Das Gesetz des Herrn ist unbefleckt, befiehlt und gibt die Unbeflecktheit. Lex Domini immaculata convertens animas. „ Das Gesetz des Herrn ist unbefleckt und bekehrt die Seelen." Psalm. 18, 8. - 1. Das Gesetz des Herrn ist unbe fleckt. Hat dir, christliche Seele! der Schluß der vorhergehenden Betrachtung es nahe gelegt, recht eifrig das Gesetz des Herrn zu erfüllen, um einen unbefleckten Wandel zu führen, so soll diese zweite Betrachtung dich noch mehr dazu ermuntern. Ein Gesetz ist unbefleckt, wenn es in jeder Beziehung rein die Ehre Gottes und das Wohl der Menschen bezweckt. In dem Grade also, als ein Gesetz von diesen beiden Zwecken abweicht, verliert es den Charakter der Unbeflecktheit. Da Gott der Herr bei seinem Gesetze nichts anderes im Auge haben kann, als seine Ehre und Verherrlichung und das Heil der Menschen, so kommt diesem Gesetze im höchsten Grade die Unbeflecktheit zu. Der Psalmist denkt hier zunächst nur an das Gesetz des alten Bundes, verbindet aber in seinem prophetischen Blicke zugleich damit die Vollendung - 9 - - dieses Gesetzes, nämlich das Gesetz des neuen Bundes, das heiligste und vollkommenste Gesetz, welches der menschgewordene Sohn Gottes der ganzen Welt durch sich und seine Apostel verkündigt hat und noch immer verkündigt durch seine h. Kirche. Unbefleckt hat der Herr seiner unbefleckten Braut, der h. Kirche, sein Gesetz übergeben, und die Kirche wird es wie bisher allzeit unbefleckt bewahren und unbefleckt verkünden in Kraft des Beistandes des h. Geistes. Die Macht der Hölle hat von Anfang des Bestehens der Kirche an Alles aufgeboten, um sie dahin zu bringen, das unbefleckte Gesetz des Herrn zur Befleckung, d. h. zur Verweltlichung ( Säcularisirung) preis zu geben, allein vergebens. Aller Aufwand von menschlichen Gesetzen, der von den ersten christlichen Zeiten bis auf unsere Zeit gegen die h. Kirche gemacht wurde, hat nicht vermocht, den Charakter der Unbeflecktheit des Gesetzes des Herrn im geringsten zu bemakeln, vielmehr dazu beigetragen, daß diese Unbeflecktheit sich mehr und mehr in herrlichem Glanze der befleckten Welt offenbarte und sie mächtig aufforderte zu einem wahrhaft christlichen, unbefleckten Wandel. Und wer möchte es in Abrede stellen, daß die unbefleckt empfangene Jungfrau und Gottesmutter Maria, deren Unbeflecktheit in der Empfängniß durch den Mund des Oberhauptes der H. das unbefleckte Gesetz des Herrn auch in dieser - 10 Beziehung verkündigenden Kirche zum Glaubenssatz erhoben und so in unseren Zeiten besonders verherrlicht worden ist, nun auch ihrerseits darauf bedacht ist, gerade in diesen Zeiten die Unbeflecktheit des Gesetzes des Herrn durch mächtige Unterstützung des Oberhauptes der Kirche und der katholischen Christenheit, und durch Niederwerfung ihrer Feinde zu verherrlichen? O danke, christliche Seele! dem Herrn und seiner unbefleckten Mutter Maria, daß du das wahre, unbefleckte Gesetz in der h. katholischen und apostolischen Kirche kennen lernteſt; halte dich aber auch fest an diesem unbefleckten Gesetze, denn es befiehlt die Unbeflecktheit des Wandels und besitzt die wunderbare Kraft, die Seelen zu einem unbefleckten Wandel zu führen und darin zu erhalten. 2. Das unbefleckte Gesetz befiehlt die Unbeflecktheit des Wandels.- Schon im alten Bunde hat das unbefleckte Gesetz des Herrn befohlen, unbefleckt zu wandeln. So lesen wir im 5. Buche Mos. 18, 13: Du sollst vollkommen und unbefleckt mit dem Herrn, deinem Gott, sein."* H Im neuen Bunde befiehlt das unbefleckte Gesetz des Herrn die Unbeflecktheit des Wandels öfter und nachdrücklicher. So befiehlt es * Perfectus et absque macula cum Domino Deo tuo. - 11- - durch den Mund des Apostels Paulus im Briefe an die Epheser 1, 4:„ daß wir heilig und unbefleckt seien vor seinem( des Herrn) Angesicht," und im Briefe an die Kolosser 1, 22:„ daß ihr euch heilig und unbefleckt darstellet vor Ihm,** wenn ihr anders festgegründet und beständig bleibet im Glauben und nicht wanket in der Hoffnung," und im ersten Briefe an Timoth. 6, 14:„ daß du das Gebot unbefleckt( d. i. rein und untadelhaft) halteſt.*** Dieſe Anforderung des unbefleckten Gesetzes des Herrn gilt auch für dich, christ= liche Seele! Erwäge, wie du ihr bisher nachgekommen bist, und findest du, daß du dich wenig an dieses Gesetz gehalten hast und dein Wandel vielleicht noch sehr befleckt ist, so ergib dich von nun an mit Vertrauen diesem Gesetze, denn es bekehrt die Seelen vom Bösen zum Guten, von der Makelhaftigkeit zur Unbeflecktheit; findest du aber, daß du dem Gesetze des Herrn gefolgt bist, so ergib dich ihm noch inniger und vollkommener, denn es bekehrt die Seelen vom Guten zum Besseren und vom Besseren zum Besten oder Vollkommenen. 3. Das unbefleckte Gesetz des Herrn bekehrt die Seelen.- Beachten wir, * Ut essemus sancti et immaculati in conspectu ejus. ** Exhibere vos sanctos et immaculatos coram ipso. *** Ut serves mandatum sine macula. - 12 christliche Seele! vor Allem den innigen Zusammenhang zwischen den beiden Ausdrücken: „ das Gesetz des Herrn ist unbefleckt" und„ bekehrt die Seelen." Ein Gesetz, das rein die Ehre Gottes und das Wohl der Menschen bezweckt, also unbefleckt ist, besitzt zugleich die innere Kraft, die Ehre Gottes zu befördern und auf die Menschen umwandelnd, bekehrend zu wirken, wie im Gegentheil ein Gesetz, das nur selbstsüchtige Zwecke verfolgt, also bemafelt ist, nicht unbefleckt, auch nur geeignet ist, Seelen zu beflecken, zu verkehren, verkehrt zu machen. Das Gesetz des Herrn ist im höchsten Grade unbefleckt, daher auch am geeignetsten, die Seelen zu bekehren. Diese Kraft des Gesetzes hat im alten Bunde der König David an sich selbst erfahren, weshalb er sie preisend und dankend erhebt mit den Worten:„ Das Gesetz des Herrn ist unbefleckt und bekehrt die Seelen." Wenn aber schon das Gesetz im alten Bunde diese Kraft der Umwandlung hatte, so besitzt das Gesetz im neuen Bunde um so mehr diese Kraft, weil es ein Gesetz der Gnade und Liebe ist, während das alte Gesetz ein Gesetz der Strenge und Furcht war. Die Gnade und Liebe Gottes vermag aber aus Befleckten Unbefleckte, aus großen Sündern große Heilige zu machen. Dies sehen wir, um nur einige biblische Beiſpiele anzuführen, an Maria Magdalena. Das unbefleckte Gesetz der Gnade - 13 und Liebe des Herrn bekehrte ihre Seele dergestalt, daß sie, die vorher ein beflecktes, unlauteres Leben führte, nunmehr bekehrt bis an ihr Lebensende ein unbeflecktes, heiliges Leben führte. Der h. Augustinus schreibt von ihr: Sie trat zu dem Herrn als eine Unreine, um als Reine zurückzukehren." " 1 Den Apostel Petrus, der seinen Wandel befleckte durch die dreimalige Verleugnung des Herrn, bekehrte das unbefleckte Gesetz der Gnade und Liebe seines göttlichen Meisters, und zwar dergestalt, daß er für die Folge nicht bloß darauf bedacht war, selbst vor dem Herrn unbefleckt erfunden zu werden, sondern auch die Gläubigen aller Zeiten in seinem zweiten Sendschreiben( II. Petr. 3, 14) dringend ermahnte, daß sie sich befleißigen möchten, vor dem Herrn unbefleckt und tadellos erfunden zu werden". Und der Apostel Paulus, der als Saulus seinen Wandel befleckte durch die Verfolgung der unbefleckten Braut Christi, der h. Kirche, ward durch das unbefleckte Gesetz der Gnade und Liebe Christi so vollkommen bekehrt, daß er einer der eifrigsten Diener des unbefleckten Gesetzes des Herrn wurde und sich auf das Angelegentlichste bemühte, die Gläubigen zu einem unbefleckten Wandel anzuleiten und darin zu bestärken, wovon vier seiner Sendschreiben Zeugniß geben. Diese umwandelnde Kraft hat das unbefleckte Gesetz des Herrn zu allen Zeiten - - 14- - geübt, und zwar am mächtigsten und wunderbarsten in jenen Zeiten, wo es am heftigsten angefochten und bekämpft wurde, in den Zeiten der Christenverfolgungen. Diese Kraft ist unversiegbar, und daher wirkt sie auch jetzt noch, und sie wird sich auch in unseren Zeiten durch wunderbare Bekehrungen um so wirksamer erweisen, je mehr das unbefleckte Gesetz des Herrn in seiner H. Kirche angefochten wird und je mehr es dadurch vor den Augen der Welt den Glanz seiner Unbeflecktheit entfaltet. Das Gesetz des Herrn ist unbefleckt und bekehrt die Seelen." Was es ist und was es befiehlt, das gibt es auch, wenn die Seele sich ihm gibt, nämlich die Unbeflecktheit. Welch' ein Grund zur Ermuthigung für dich, christliche Seele, einen unbefleckten Wandel zu führen! Gib dich dem unbefleckten Gesetze, gib ihm deinen guten Willen, und es gibt dir seine Kraft, es macht und erhält dich unbefleckt. 11 Erwecke heute öfters folgenden Gebetsact: Durch dein unbeflecktes Gesetz, o Herr, bekehre meine Seele und die Seelen aller Sünder! - - 15- - " 1 3. Betrachtung für den dritten Tag. ( 1. December.) Gott kann den Menschen rein bon Sünden, unbefleckt bis in den Tod bewahren. Potens est vos conservare sine peccato, et constituere ante conspectum gloriae suae immaculatos in exultatione in adventu Domini nostri Jesu Christi. Gott kann euch ohne Sünde bewahren und vor das Angesicht seiner Herrlichkeit unbefleckt in Freude stellen bei der Ankunft unseres Herrn Jesu Christi." Brief Jud. V. 24. - 1. Gott kann euch ohne Sünde be= wahren und unbefleckt stellen vor das Angesicht seiner Herrlichkeit.- Nach den Worten des Apostels Paulus ist es der Wille Gottes, daß wir uns heiligen. Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung." I. Thessal. 4, 3. Die Heiligung ist das Streben nach sittlicher Vollendung, nach Vollkommenheit. Sie beginnt mit der Reinigung von allem Unreinen, Sündhaften, findet ihre Fortsetzung in der Reinhaltung von schweren Sünden, und ihre Vollendung in der kindlichen Furcht, Gott auch nur im geringsten zu beleidigen, Ihm zu mißfallen. Diese kindliche Furcht, welche das Streben ist, nach dem Willen Gottes zu leben, entsteht aus der Kennt - 16 - niß der göttlichen Vollkommenheiten, aus Hochschätzung und Liebe gegen Gott. Daher schließt diese Art Furcht die Liebe ein, die Liebe zu Gott und zu Allem, was sich auf Gott bezieht. Der Apostel drückt dieses mit folgenden Worten aus: Geliebteste, lasset uns von aller Be= fleckung des Fleisches und des Geistes( d. h. von jeder Verunreinigung in Gedanken, Worten und Werken) uns reinigen und vollenden die Heiligung in der Furcht Gottes." II. Corinth. 7, 1. Da nun diese unsere Heiligung der Wille Gottes ist, der Wille Gottes aber seiner unendlichen Macht entspricht, also allmächtig ist, so kann Er uns auch heiligen und rein und unbefleckt bewahren. Bei uns schwachen Menschen entspricht nicht dem Willen die Macht, weshalb der Apostel in dem Bewußtsein dieser Schwäche sagt:„ Das Wollen liegt mir nahe, aber das Vollbringen des Guten erreiche ich nicht." Röm. 7, 18. Was aber unserer Macht, unseren Kräften abgeht, das ersetzt Gott durch seinen mächtigen Gnadenbeistand, bezüglich des sen derselbe Apostel sagt: Ich vermag Alles in dem, der mich stärkt," und den er den Gläubigen wünscht mit den Worten:„ daß ihr mit aller Kraft gestärkt werdet gemäß der Macht seiner Herrlichkeit( d. h. seiner herrlichen, übergroßen Macht)". Koloss. 1, 11. Christliche Seele! hast du den aufrichtigen, ernstlichen, wirksamen Willen, ein sündenreines, unbeflecktes — 17- 1 Leben zu führen, so zage nicht ob deiner Schwachheit und Ohnmacht! Siehe, dein Herr und Gott fügt zu deinem schwachen, aber guten Willen seinen allmächtigen Willen, bei dem kein Ding unmöglich ist. Er will, daß du dich rein von Sünden bewahrest und unbefleckt vor Ihm wandelst, und was Er will, das kann Er auch. Er kann dich rein von Sünde bewahren und dich unbefleckt erhalten bis in den Tod, selbst wenn er deswegen ein Wunder wirken sollte, wie er dies z. B. bei der unbefleckten H. Jungfrau Agnes gethan hat, welche die h. Kirche in ihrem Offizium ihre Anerkennung und ihren Dank für diese Gnade mit folgenden Worten aussprechen läßt: Allmächtiger, ich preise dich, weil ich durch deinen Eingebornen Sohn unbefleckt durch die Unreinigkeiten des Teufels hindurchgegangen bin." 11 2. Unbefleckt in Freude. Dem unbefleckt" fügt der Apostel unmittelbar das Wort in Freude" hinzu, und zwar nicht ohne Grund. Die Unbeflecktheit des Wandels hat nämlich schon hienieden die wahre, innere Freude als Vorgeschmack der seligen Freuden des Himmels im Gefolge. Wie der Sünde jegliche Betrübniß entquillt, so entquillt der Reinheit von Sünden, der Unbeflecktheit jegliche wahre Freude, die der Apostel eine Frucht des H. Geistes nennt. Diese Frucht gedeiht 2 - 18 nicht in einem Herzen, daß dem sündhaften Genusse der Freuden dieser Welt ergeben ist, sondern sie gedeiht nur in einem Herzen, daß sich rein hält von Sünden und sich unbefleckt bewahrt von den sinnlichen, falschen, nichtigen Freuden der Welt, die das Herz des Menschen nicht befriedigen, sondern in demselben nur Bitterfeit und Beschwerniß zurücklassen. Daher endet alle Frende der Welt in Trauer; nur die Freude im h. Geiste, die der Unbefleckte genießt, ist von Dauer und bleibt sich in wunderbarer Weise gleich, selbst mitten in den Beschwernissen, Trübsalen und Verfolgungen, welche die heitere Freude seines Herzens so wenig trüben können, als die schwarzen Gewitterwolken den heiteren Himmel an sich zu trüben vermögen. Ja, diese Freude nimmt immer mehr zu, wird immer reiner und trägt dadurch auch wieder zur Erhaltung und Vermehrung der Unbeflecktheit bei; denn dasjenige, was eine solch vortreffliche Frucht, wie die Freude im h. Geiste, hervorbringt, liebt und pflegt man auch besonders. Wird aber die Unbeflecktheit des Wandels schon hienieden stets von der Freude begleitet, welche Freude wird sie erst im Gefolge haben bei der Ankunft unseres Herrn Jesu Christi zum Gerichte, um die Unbefleckten aus dieser befleckten Welt abzuholen und vor das Angesicht seiner Herrlichkeit zu stellen, in dessen seliger ewiger Anschauung - 19 11 sie gleichsam in ein unendliches Meer von Freude versenkt wird; denn der Herr sagt im Evangelium nicht: Die Freude gehe ein in dich", sondern: Gehe ein in die Freude deines Herrn"; diese Freude ist aber unendlich groß, weil ihre Quelle, der Herr, selbst unendlich groß ist. 11 Willst du also, christliche Seele! das Bedürfniß deines Herzens nach Freude wahrhaft befriedigen, so erhalte dein Herz rein und unbefleckt, und es wird für dich eine Quelle dauernder Freude für Zeit und Ewigkeit sein. Erwecke heute öfters folgenden Gebetsact: Laß mich, o Herr, unbefleckt in Freude vor das Angesicht deiner Herrlichkeit gelangen! 2# - 20- 1 - wow molt avbildas. 4. Betrachtung für den vierten Tag. ( 2. December.) Das unbefleckte Opfer Christi berlangt vom Christen das Opfer eines unbefleckten Lebens. Si sanguis hircorum et taurorum... inquinatos sanctificat ad emundationem carnis: quanto magis sanguis Christi, qui per Spiritum sanctum semetipsum obtulit immaculatum Deo, emundabit conscientiam nostram ab operibus mortuis, ad serviendum Deo viventi? „ Wenn das Blut der Böcke und Stiere... die Verunreinigten heiligt, so daß sie leiblich rein werden, wie viel mehr wird das Blut Christi, der im h. Geiste sich selbst als ein unbeflecktes Opfer Gott dargebracht, unser Gewissen von todten Werken reinigen, damit wir Gott, dem Lebendigen, dienen." Brief an die Hebr. 9, 13 und 14. 1. Wenn das Blut der Böcke und Stiere die Verunreinigten heiligt zur Reinigung des Leibes, um wie viel mehr das Blut Christi.- Moses besiegelte den alten Bund mit Blut von Opferthieren, indem er das Blut nahm, auf das Volk sprengte und sprach: ,, Dies ist das Blut des Bundes, den der Herr mit euch geschlossen hat." II. Mos. 24, 8. Christus aber besiegelte den neuen Bund durch sein eigenes Blut, indem Er am Abend vor seinem bitteren Leiden und blutigen Opfertode am Kreuze beim letzten 21- - Abendmahl den Kelch mit Wein nahm und sprach: Dies ist mein Blut des neuen Bundes, das für Viele vergossen werden wird zur Vergebung der Sünden." Matth. 26, 28. Das Blut der Opferthiere im alten Bunde hatte nach den Worten der h. Schrift( III. Mos. 16, 14) und nach der Bestätigung des Apostels ( Hebr. 9, 13) die Kraft, die Verunreinigten von ihren Sünden und Mafeln zu reinigen und zu heiligen. Diese reinigende und heiligende Kraft hatte das Blut der Opferthiere nur als Vorbild des Opferblutes Jesu Christi. An sich konnte es nur sinnbildlich, d. h. äußerlich reinigen und bürgerlich rechtfertigen, aber nicht innerlich Gott gefällig machen. Zur wahren, innerlichen Rechtfertigung war der blutige Opfertod Christi erforderlich, welchen die Angehörigen des alten Bundes bei ihren blutigen Opfern im Glauben an die göttlichen Verheißungen und in reuevoller Gesinnung sich aneignen mußten, wenn sie gereinigt und geheiligt werden wollten. Wenn also das Blut der Opferthiere als Vorbild des Opferblutes Christi die Kraft hatte, von Sünden zu reinigen und zu rechtfertigen, um wie viel mehr hat das Blut Christi selbst diese Kraft, da Er sich selbst als die Vollendung aller vorbildenden Opfer, als das vollkommenste Opfer, Gott seinem himmlischen Vater dargebracht hat. - 22 Nach den Worten des h. Apostels Petrus ( I. Petr. 1, 18 und 19) sind wir nicht mit vergänglichem Gold oder Silber vom eitlen Wandel erlöst, sondern mit dem kostbaren Blute Christi als des unbefleckten und tadellosen Lammes". Sind wir nun durch das Blut Christi vom eitlen Wandel erlöst, so folgt daraus, daß wir auch fernerhin nicht mehr einem eitlen, sinnlichen, befleckten Wandel ergeben seien, sondern als Erlöste des unbefleckten, tadellosen Lammes einen unbefleckten, tadellosen Wandel führen. Dazu gibt uns Kraft das Blut des unbefleckten Lammes im allerheiligsten Altarssacrament; dies ist der Wein, von dem die H. Schrift sagt, daß er Jungfrauen, d. h. jungfräuliche, unbefleckte Seelen erzeugt. Siehe, christliche Seele! welch' kräftiges Mittel du in der H. Communion im Genusse des Leibes und Blutes Christi hast, dich immer mehr zu reinigen und zu heiligen und so einen unbefleckten Wandel zu führen! - -2. Der sich selbst als ein unbeflecktes Opfer dargebracht. Der Apostel betont es, daß Christus sich als ein unbefleck= tes Opfer Gott dargebracht hat, um unser Gewissen von todten Werken, d. i. von Sünden, die den ewigen Tod verdient haben, zu reinigen, damit wir Gott, dem Lebendigen, dienen. Dieses unbefleckte Opfer, welches Christus in blutiger Weise am Kreuze dar- - 23. - gebracht hat, bringt Er fortwährend in der h. Messe in unblutiger geheimnißvoller Weise dar. Ja, sein ganzes eucharistisches Leben im allerh. Altarssakramente ist ein fortwährendes unbeflecktes Opfer für die Sünden und das Heil der Welt, gleichwie auch das ganze irdische Leben des Heilandes von seiner Menschwerdung an bis zu seinem Tode am Kreuze ein unansgesetztes Opferleben war. So muß auch das Leben eines wahren Christen ein fortwährendes Opferleben sein. Die Liebe und Dankbarkeit verlangt es, daß wir unser Leben in Unbeflecktheit opfern unserem Herrn Jesu Christo, der sich als ein unbeflecktes Opfer für uns dargebracht hat und noch immer darbringt. Wie viele Tausende von Christen haben zu den Zeiten der Verfolgungen durch blutige Hinopferung ihres unbefleckten Lebens Christo dem Herrn ein unbeflecktes Opfer dargebracht. Ein solches blutiges unbeflecktes Opfer, ein solches Martyrium verlangt der Herr nicht von jedem Christen. Aber ein unblutiges unbeflecktes Opfer, das in seiner Weise auch ein Martyrium ist, verlangt Er von jedem Christen jeglichen Alters und jeglichen Standes, und auch von dir, christliche Seele! Es besteht darin, daß du im Dienste des Herrn dein Leben rein und unbefleckt hinbringst und so gleichsam ein langjames, langdauerndes Martyrium erduldest; denn in der That ist es ein 24 - Martyrium, inmitten einer befleckten Welt, umringt von so vielen sichtbaren und unsichtbaren Feinden, ausgesetzt ihren mannichfachen Nachstellungen und Versuchungen, ausgesetzt so vielem Spott und Hohn, ein unbeflecktes Leben zu führen. In Erwägung desselben spricht sich der h. Kirchenlehrer Hieronymus in seiner Lebensbeschreibung der H. Paula, Cap. 31, mit folgenden schönen Worten hierüber aus:„ Nicht die Blutvergießung allein wird als Bekenntniß angerechnet, sondern auch der unbefleckte Dienst einer gottergebenen Seele iſt ein tägliches Martyrium. Jene Krone wird aus Rosen und Veilchen geflochten, diese aber aus Lilien." Ostrebe, christliche Seele! nach dieser Krone, die nicht wie die irdischen Blumenkränze verwelkt und vergeht, sondern die unverwelklich und unvergänglich ist! Aber nicht bloß das unbefleckte Opfer Christi ist für uns eine Mahnung, ein unbeflecktes Opferleben zu führen, sondern auch die unbefleckte Gottesmutter, die unter dem Kreuze ihres göttlichen Sohnes stehend an dessen unbeflecktem Opfer den innigsten Antheil nahm, ja es in und mit ihrem Sohne dem himmlischen Vater darbrachte, und deren ganzes Leben ein fortwährendes unbeflecktes Opferleben war. In diesem letzteren Sinne ruft der h. Bischof Tharasius in einer Rede über die seligste Jungfrau aus: ,, Du reinstes — 25 Opfer Abels, du unbeflecktes Opfer... o Unbefleckte!"* dan Willst du daher, christliche Seele! ein wahres Marienkind sein, so muß dein Leben ein unbeflecktes Opferleben sein im Dienste des Herrn und seiner unbefleckten Mutter Maria. Erwecke heute öfters folgenden Gebetsact: Gib, o Herr, daß ich mein Leben als ein stetes unbeflecktes Opfer dir darbringe! de hoog ehit 5. Betrachtung für den fünften Tag. ( 3. December.) Gott berlangt eine reine Verehrung und einen unbefleckten Dienst durch unbefleckte Bewahrung vor der Welt. Religio munda et immaculata apud Deum haec est... Immaculatum se custodire ab hoc saeculo. „ Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott ist dieser:... sich unbefleckt von dieser Welt bewahren." Brief des h. Jacob. 1, 27. - 1. Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst. Religion im weiteren Sinne ist der Inbegriff jener Wahrheiten, welche sich auf * Tu Abelis purissima oblatio... immaculatum sacrificium... o Immaculata! - 26 Gott und unser Verhältniß zu Ihm beziehen; sie ist das Band, welches den Menschen mit Gott verbindet, vom Himmel ausgehend und zum Himmel führend, daher seinem Wesen nach rein und unbefleckt. Auf diesen Charakter der Reinheit und Unbeflecktheit kann aber nur diejenige Religion Anspruch machen, welche von Gott geoffenbart und durch seine h. Kirche uns als solche vermittelt wird, nicht aber jene, welche durch Menschen gemodelt oder von Menschen erfunden ist. Wie es nur Einen wahren Gott gibt, so auch nur eine wahre Neligion, und nur diese ist rein und unbefleckt, weil dies der Wahrheit eigen ist. annidesign Danke, christliche Seele! dem lieben Gott, daß du in der von Christus geſtifteten katholischen Kirche die wahre, reine und unbefleckte Religion hast, und gib diesen Dank nicht bloß in Gefühlen und Worten, sondern vorzüglich in der That dadurch zu erkennen, daß du dieses geistige Band recht fest und innig erfassest und dich auch ebenso von ihm umfassen läsfest, denn es macht und erhält dich rein und unbefleckt, weil es selbst rein und unbefleckt ist. Im engeren Sinne heißt Religion so viel als Gottesdienst, d. i. die Verehrung, welche wir Gott zu erweisen schuldig sind. Da Gott das reinste Wesen ist, so kann Ihm auch nur ein Gottesdienst gefallen, welcher einen reinen Charakter hat, welcher nicht befleckt ist durch - - 27 - sinnliche, weltliche Gesinnung; nur ein solch reiner, unbefleckter Gottesdienst ist ein vernünftiger Gottesdienst, wie er von vernünftigen Wesen erwartet wird, und welchen der h. Apostel Paulus im Auge hat, wenn er schreibt:„ Da= rum bitte ich euch, Brüder, daß euer Gottesdienst vernünftig sei." Nöm. 12, 1. Diesen Worten fügt er aber gleich folgende bei: ,, und machet euch dieser Welt nicht gleichförmig, sondern lasset euch umwandeln in Erneuerung eures Sinnes." Mit diesen Worten gibt der Apostel deutlich zu verstehen, daß sich ein vernünstiger, ein reiner und unbefleckter Gottes= dienst nicht verträgt mit den Gesinnungen der Welt. Willst du also, christliche Seele! daß dein Gottesdienst ein reiner, unbefleckter sei, so darfst du deinen Lebenswandel nicht nach dem der sinnlichen Weltmenschen richten, der ein befleckter ist, sondern mußt die Gnade Gottes in dir wirken lassen, die Gesinnung des alten sinnlichen Menschen aufgeben und die Gesinnung des neuen Menschen, Jesu Christi, welche eine geistige, reine, unbefleckte ist, annehmen. Diese allein hat vor Gott Werth, weshalb auch der Apostel Jacobus den oben angeführten Tertesworten: Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst" nicht ohne Grund hinzufügt, vor Gott." Die Menschen urtheilen nur nach dem äußeren Schein und geben sich auch gewöhnlich mit demselben zu" 1 28 frieden. Demgemäß halten es auch selbst viele Christen nur mit einem rein äußeren, glänzenden Thun beim Gottesdienste; um die Hauptsache fümmern sie sich nicht. Gott aber sieht vorzüglich auf das Herz und verlangt vor Allem eine innere Reinheit; diese ist die Seele des wahren und vernünftigen Gottesdienstes und wird vom Apostel mit den folgenden Worten sich unbefleckt von dieser Welt bewahren" ausgedrückt. 2. Sich unbefleckt von dieser Welt bewahren.- Die Welt ist keine Freundin Gottes; wer daher von ihrem Geiste durchdrungen ist und ihr dient, kann Gott nicht im Geiste und in der Wahrheit dienen. Darum ermahnt uns der H. Johannes in seinem ersten Briefe: ,, Habet nicht lieb die Welt, noch was in der Welt ist. Wenn Jemand die Welt lieb hat, so ist nicht die Liebe des Vaters in ihm. Denn Alles, was in der Welt ist, das ist die Begierlichkeit des Fleisches, die Begierlichkeit der Augen und die Hoffart des Lebens, was nicht vom Vater, sondern von der Welt ist." I. Joh. 2, 15 und 16. Wenn daher der H. Jacobus sagt: sich unbefleckt von dieser Welt bewahren," so meint er damit, daß man sich von den genannten drei Lüsten der Welt bewahre, nämlich von der Hoffart, der Habsucht und Genußsucht, welche den Christen hindern, Gott rein und unbefleckt zu dienen. Von dieser - 29 Welt sich unbefleckt bewahren, heißt also: demüthig, arm im Geiste und standesmäßig enthaltsam oder keusch sein. - - 11 Der Begriff Welt" findet aber außer der angeführten weiteren noch eine engere Anwendung und Erklärung. Der Mensch besitzt nämlich ein Glied, das man füglich eine Welt im Kleinen nennen kann, weil es auch, wie die Welt im Ganzen und Großen, viele Bosheit enthält und gar viel Böses verursacht. Es ist die Zunge, die deshalb derselbe h. Apostel Jacobus ganz richtig eine Welt von Ungerechtigkeit" nennt. Wie die Welt im Argen liegt, zu allen Sünden und Lastern verführt, so birgt auch die Zunge eine ganze Welt von Ungerechtigkeit oder Bosheit in sich, indem sie zu allem Bösen verführen kann. Sie ist nach den Worten des H. Jacobus von solcher Art unter unseren Gliedern, daß sie den ganzen Leib befleckt", d. h. durch ihre Neden den ganzen Menschen verderben kann. Durch sie( die Zunge) loben wir Gott," sagt er, und durch sie schmähen wir die Menschen, die nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen sind. Aus einem Munde geht Lob und Fluch hervor. Das, meine Brüder, sollte nicht so sein!" Jacob. 3, 9 und 10. In diesem Sinne mahnt deshalb der h. Augustinus, daß wir den Mund öffnen sollen zum Lobe Gottes, zum Bekenutnisse unserer Sünden und zur Nettung der 11 11 - 30 11 Seelen, dagegen fest verschließen für unnütze oder sündhafte Reden. Der H. Bernhard ver= gleicht den Mund mit einer Thüre und sagt: Eine Thüre steht weder unaufhörlich offen, noch ist sie unaufhörlich geschlossen. Ebenso ist es auch mit unserem Munde, der die Thüre unseres Herzens ist, durch welchen die Worte gleichsam als Verkünder dessen, was im Innern des Herzens geschieht, ausgehen. Klugen und nützlichen Worten sollen wir denselben zur rechten Zeit öffnen; dagegen sollen wir ihn den bösen Neden, welche aus verdorbenen Eit= ten des Herzens entstehen, stets verschließen." Soll daher unser Gottesdienst rein und unbefleckt sein, so müssen wir uns auch von der Zunge, die eine Welt von Ungerechtigkeit ist und den ganzen Menschen befleckt, unbefleckt bewahren. Dies ist eine Wahrheit, die nicht genug beherzigt werden kann.„ In vielen Dingen fehlen wir Alle," sagt der Apostel, ,, wer aber in keinem Worte fehlt, der ist vollkommen." Jac. 3, 2. Maria die sel. Jungfrau hat sich stets unbefleckt bewahrt von dieser Welt und so ihre Zunge bewahrt, daß sie in keinem Worte fehlte, weshalb ihr Gottesdienst ein wahrhaft reiner und unbefleckter war. - Willst du, christliche Seele! daß auch dein Gottesdienst rein und unbefleckt vor Gott sei, willst du, daß deine Verehrung der unbefleckten Gottesmutter eine wahre, dein Mariendienst 31- ein reiner und unbefleckter sei, so mußt du dich rein und unbefleckt von den Lüsten der Welt, und rein und unbefleckt von der Bosheit der Zunge bewahren. po inte Erwecke heute öfters folgenden Gebetsact: O Herr, bewahre mich unbefleckt von dieser Welt! - 6. Betrachtung für den sechsten Tag. ( 4. December.) Die göttliche Anerkennung des unbefleckten Wandels. Novit Dominus dies immaculatorum, et haereditas eorum in aeternum erit. Non confundetur in tempore malo. „ Der Herr kennt die Tage der Unbefleckten, und ihr Erbe bleibt in Ewigkeit. Sie werden nicht zu Schanden in der schlimmen Zeit." Psalm. 36, 18 und 19. HOSILO! 1. Die Tage der Unbefleckten.- In der befleckten Welt ein unbeflecktes Leben zu führen, ist mit vielen und mannichfachen Beschwerden und Kämpfen verbunden. Es ist dies ganz natürlich. Schon auf dem Gebiete der Natur ist ein der Beschaffenheit der Dinge entsprechender mehr oder weniger langer Länterungsprozeß nothwendig. Wie lange muß z. B. das Gold im Feuer erprobt werden, bis — 32 - es rein von Schlacken, makellos erscheint! Wie viele Läuterungen muß die Leinwand bestehen, bis sie rein und unbefleckt ist! Um wie viel mehr ist auf dem Gebiete des Geistes ein Läuterungsprozeß nothwendig, da die Seele weit kostbarer und werthvoller ist, als alles Gold der Welt, indem sie nicht mit vergänglichem Gold erlöst ist, sondern mit dem kostbaren Blute Christi als des unbefleckten Lammes. I. Petr. 1, 18 und 19. Deshalb nimmt auch der Apostel, indem er von dem geistigen Läuterungsprozeß spricht, den Vergleich her von der Läuterung des Goldes, indem er sagt: Die ihr jetzt eine kleine Zeit... durch mancherlei Anfechtungen betrübt werdet, damit die Prüfung eures Glaubens viel köstlicher als durch Feuer erprobtes Gold erfunden werde." I. Petr. 1, 6 und 7. Es kommt hierbei nicht auf eine große Zahl der Tage an, um zu einer großen Unbeflecktheit zu gelangen; denn nicht die Zahl der Tage bedingt die Unbeflecktheit des Wandels, sondern die Unbeflecktheit gibt die Fülle des Lebens. Dies ipricht der h. Geist deutlich im Buche der Weisheit 4, 7 ff. aus: ,, Ein ehrenvolles Alter hängt nicht von langer Dauer und von der Zahl der Jahre ab: ein unbeflecktes Leben ist das( wahre) Greisenalter Frühe * Aetas senectutis vita immaculata. ... - - 33 vollendet hat er( der Unbefleckte, der Gerechte) viele Jahre erreicht." Siehe, christliche Seele! welch' hohen Werth die Unbeflecktheit deinen Lebenstagen verleiht! 2. Der Herr kennt die Tage der Unbefleckten. Etwas erkennen heißt anerkennen, daß es das sei, was es sein soll. Dieſe Bedeutung hat in der h. Schrift das Kennen Gottes. Wenn bei Matth. 7, 23 der Herr sagt, Er werde vielen seiner Diener bekennen: Ich habe euch niemal gekannt," so will Er damit sagen:„ Ich habe euch nicht als meine Diener anerkannt." Und wenn der Herr bei Matth. 25, 12 zu den thörichten Jungfrauen sagt:„ Wahrlich, sag' ich euch, ich kenne euch nicht," so will dies heißen: ,, Ich erkenne euch nicht als wahre Jüngerinnen an." Gottes Kennen ist also ein Anerkennen und damit auch zugleich ein Belohnen. Wenn es daher an unserer Stelle heißt: Der Herr kennt die Tage der Unbefleckten," so heißt dieses so viel als: der Herr erkennt die Anfechtungen, Beschwerden, Kämpfe und Nöthen an, denen die Unbefleckten so manche Tage ausgesetzt sind, daher tröstet er sie, hilft ihnen, sorgt für ihre Lebensbedürfnisse und belohnt sie ewig. Welch' ein Trost für dich, christliche Seele! Alle Tage, die du in Unbeflecktheit verlebst, werden von Gott in das Buch des Lebens verzeichnet; Er erkennt dich an als unbefleckt, als gereinigt 3 34 und geheiligt durch das Blut des unbefleckten Lammes und als Miterben desselben. - 3. Und ihr Erbe bleibt in Ewigkeit. Erbe oder Erbschaft im natürlichen Sinne ist das Vermögen, welches Jemand durch das natürliche Erbrecht oder durch Vermächtniß erhält. Wie alle Güter dieser Welt ist das Erbe der Verminderung und dem Verluste ausgesetzt; es kann durch mancherlei Unglücksfälle unverhofft verloren werden, wird aber ganz gewiß verloren durch den Tod. Zugleich bringt es die menschliche Schwachheit mit sich, daß ein solches Erbe, wie es in den meisten Fällen nicht mit reiner Begierde und Neigung erhofft wird, so auch nicht mit reiner Begierde und Neigung besessen und genossen wird. Das grade Gegentheil ist aber der Fall bei dem Erbe im geistigen Sinne, welches die VerheiBungen des Christenthums, die ewige Seligkeit, bezeichnet. Dieses Erbe ist keiner Abnahme und keinem Verluste ausgesetzt, wenn man es einmal erlangt hat, sondern dauert ewig. Deshalb sagt der Psalmist:„ Und ihr Erbe bleibt in Ewigkeit." Der h. Apostel Petrus nennt es in seinem ersten Briefe ein unvergängliches Erbe. Nach dem Ausspruche des h. Augustinus wird dieses Erbe auch nicht mit unreiner Neigung, sondern in reiner, unbefleckter, englischer, ja göttlicher Gesinnung besessen und genossen. Deshalb 35 nennt es der H. Petrus in seinem ersten Briefe nicht bloß ein unvergängliches, sondern auch ein unbeflecktes Erbe, indem er ausruft: Gelobt sei Gott und der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung... zu einem unvergänglichen, unbefleckten und unverweltlichen Erbe, welches euch im Himmel aufbewahrt wird, euch, die ihr durch Gottes Kraft mittelft des Glaubens aufbewahrt werdet für eine Eeligkeit, welche bereit steht, daß sie geoffenbart werde in der letzten Zeit, wo ihr euch freuen werdet, die ihr jetzt eine kleine Zeit ... durch mancherlei Anfechtungen betrübt werdet." Auch dir, christliche Seele! ist dieses unbefleckte, unvergängliche Erbe aufbewahrt, wenn du die mannichfachen Prüfungen bestehest, welche mit einem unbefleckten Wandel verbunden sind. O gewiß ist dieses Erbe werth, daß du keine Anstrengung und keine Mühe scheuest, um in seinen Besitz zu gelangen! Gott kennt die Tage der Unbefleckten, und ihr( unbeflecktes) Erbe bleibt in Ewigkeit." 11 4. Sie werden nicht zu Schanden in der schlimmen Zeit. Es ist ein gewöhnliches Mittel, das der böse Feind zur Entmuthigung gebraucht, daß er nämlich dem Christen eine lange Reihe von Lebenstagen in Aussicht 3* - - - 36- 11 11 stellt und ihm einflüstert, wie es möglich sei, alle diese vielen Tage in Unbeflecktheit des Wandels verleben zu können. Mit dem bösen Feinde verbindet sich die Welt und stellt dem Christen vor, wie einstmals Eliphaz der Themaniter zu Job sprach: Was weißt du denn, was wir nicht wüßten?... Was ist der Mensch, daß er unbefleckt sei,* und daß gerecht erscheine, der vom Weibe geboren? Siehe, unter seinen Heiligen ist Niemand unwandelbar, und die Himmel sind nicht rein vor seinem Angesichte. Job 15, 9, 14 und 15. Und weiterhin: Was nützt es Gott, wenn du gerecht bist, oder was verschaffst du Ihm, wenn dein Leben unbefleckt ist?** Job 22, 3. Mit dem bösen Feinde und der Welt vereinigt sich noch die Begierlichkeit des Fleisches und sucht auch ihre Stimme geltend zu machen, indem sie dem Christen vorstellt, daß ihre Macht viel zu groß sei, als daß er ihr widerstehen und ein reines, unbeflecktes Leben führen könne. Diese sind die Feinde, welche nach den Worten des Psalmisten( 63, 4 ff.) den Bogen spannen,... um zu schießen im Verborgenen den Unbefleckten.*** Gählings schießen sie auf ihn und scheuen sich - * Quid est homo, ut immaculatus sit? ** Quid ei confers, si immaculata fuerit vita tua? *** Ut sagittent in occultis immaculatum. — 37 nicht, beschließen unter sich ein gottlos Wort, unterreden sich, Fallstricke zu legen Fallstricke zu legen... Sie sinnen auf Gräuel... aber Gott wird erhoben ( d. h. Gott vereitelt ihre Anschläge und wird deshalb gepriesen)." Dieses ist die schlimme Zeit, von welcher der Psalmist spricht, die Zeit, wo der unreine Geist, die Welt und das Fleisch diejenigen bekämpfen, die sich eines unbefleckten Wandels befleißen; allein sie werden nicht zu Schanden vor ihren Feinden, sie werden nicht getäuscht in ihrer Hoffnung, die sie auf Gott gesetzt, der sich derjenigen annimmt, die Ihm in Unbeflecktheit des Wandels dienen wollen; sie werden nicht getäuscht in ihrer Hoffnung, die sie auf Maria, die unbefleckte Gottesmutter, setzten, welche sich ganz besonders denjenigen als schüßzende und helfende Mutter erweist, die ihrem heiligen Beispiele folgend ein unbeflecktes Leben führen. Nein, sie wer= den nicht zu Schanden in der schlimmen Zeit des Lebens, und auch nicht in der noch schlimmeren Zeit des Todes, wo der böse Feind Alles aufbietet, um den Unbefleckten noch eine Makel beizubringen. Maria, die Unbefleckte, welche unter dem Kreuze ihres sterbenden Sohnes, des unbefleckten Lammes, stehend, in Johannes, dieser reinen, unbefleckten Seele, zunächst die Mutter der Reinen, der Unbefleckten geworden ist, wird in der schlimmen Zeit des Todeskampfes ihren unbefleckten Kin - 38- dern besonders beistehen und der höllischen Schlange vollends den Kopf zertreten, d. h. ihr die Macht benehmen, den Unbefleckten im Tode zu schaden. Welch' ein Trost, welche Ermuthigung für dich, christliche Seele! im Kampfe gegen die Feinde deines unbefleckten Wandels! Mit der Gnade Gottes und mit der Hülfe der unbefleckten Jungfrau Maria kannst du diese Feinde leicht beherrschen. Lasse dich nur nicht von ihnen beherrschen, und du kannst dann in Wahrheit mit dem Psalmisten ausrufen: Wenn sie über mich nicht herrschen, dann werde ich unbefleckt sein." Psalm. 18, 14. ff Erwecke heute öfters folgenden Gebetsact mit dem Psalmisten( 118, 80): Mein Herz werde unbefleckt durch deine Saßungen ( o Herr), auf daß ich nicht zu Schanden werde." * Si mei non fuerint dominati, tunc immaculatus ero. ** Fiat cor meum immaculatum in justificationibus tuis, ut non confundar. - 39 7. für den siebenten Tag. ( 5. December.) Betrachtung Die göttliche Verheissung einer neuen Ordnung der Dinge ist eine Mahnung zur Anbeflecktheit des Wandels. Novos vero coelos et novam terram secundum promissa ipsius exspectamus... propter quod, carissimi, haec exspectantes satagite immaculati et inviolati ei inveniri in pace. " 1 Wir erwarten nach seiner( des Herrn) Berheißung einen neuen Himmel und eine neue Erde, in welcher Gerechtigkeit wohnt. Da ihr nun, Geliebteste, dieses zu erwarten habt, so befleißet euch, daß ihr vor Ihm unbefleckt und tadellos im Frieden erfunden werdet." II. Petr. 3, 13 und 14. 1. Wir erwarten nach seiner Verheißung einen neuen Himmel und eine neue Erde. Die Verheißung im genannten Sinne hat der Herr zuerst gegeben durch seinen Propheten Isaias, da er spricht:„ Siehe, ich schaffe neue Himmel und eine neue Erde; und dessen, was vorher war, wird man nicht gedenken, noch wird es kommen in den Sinn. Aber freuen und frohlocken sollet ihr ewiglich über das, was ich schaffe." Isaias 65, 17, 18. Jm uneigentlichen und unvollkommenen Sinne beziehen sich nach den Schrifterklärern diese Worte auf die Wiederherstellung des Reiches der Juden nach der babylonischen Gefangenschaft; im eigentlichen und vollkommenen Sinne aber beziehen - 40 sie sich auf die Umgestaltung der Welt durch die erste Ankunft Christi bei seiner Menschwerdung und Geburt, und besonders durch die letzte Ankunft bei dem Weltgerichte, nach welcher alle Uebel aufhören und die neue Ordnung der Dinge für ewig eintritt. Dieſe Verheißung erneuerte der Herr durch denselben Propheten mit den Worten: Wie die neuen Himmel und die neue Erde, die ich vor mir bestehen mache, spricht der Herr, so wird auch euer Name bestehen( ewig)." Isaias 66, 22. Auf diese Verheißung des Herrn stützt der Apostel die Erwartung eines neuen Himmels und einer neuen Erde, worin nur Gerechte wohnen. Der h. Johannes sah in der ihm gewordenen Offenbarung diese Verheißung als erfüllt vor seinem Geiste stehen, weshalb er schreibt:„ Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde." Offenb. Joh. 21, 1. An dieser neuen Ordnung der Dinge Theil zu nehmen, sind auch wir berufen. Diese Theilnahme findet aber nur in dem Maße Statt, als auch mit uns eine gründliche Umwandlung durch Erneuerung unseres Sinnes vorgegangen ist, als wir ein neues Leben führen in Reinheit, Unbeflecktheit und Tadellosigkeit; denn zu dem neuen, ewigen Leben im Himmel kann nichts Unreines und Unbeflecktes zugelassen werden. Auf diese Lebenserneuerung deutet der h. Apostel Paulus hin, - - 41 wenn er im Briefe an die Epheser 4, 22 ff. schreibt: ,, Daß ihr in Ansehung des vorigen Wandels ableget den alten Menschen. 11 Erneuert euch aber im Geiste eures Gemüthes und ziehet den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen, in Gerechtigkeit und wahrhafter Heiligkeit." Darauf deutet er ferner hin im Briefe an die Kolosser 3, 9 und 10 mit den Worten: Ziehet aus den alten Menschen mit seinen Werken und ziehet den neuen an." Noch bestimmter aber spricht er sich hierüber aus im zweiten Briefe an die Korinther 5, 17: ,, Wenn deshalb Jemand ein neues Geschöpf in Christo geworden ist, so hat das Alte aufgehört: siehe, Alles ist neu geworden." Dieselbe Erneuerung unseres Sinnes und Lebens verlangt auch der h. Apostel Petrus, indem er ganz folgerichtig und bestimmt auf die Erwartung jener Verheißung eines neuen Himmels und einer neuen Erde die Erwartung gründet, daß wir auch ein neues Leben führen in Reinheit und Unbeflecktheit, indem er schreibt: Da ihr nun, Geliebteste, dieses zu erwarten habt, so befleißet euch, daß ihr vor Ihm unbefleckt und tadellos erfunden werdet." Befleiße dich daher, christliche Seele! bei Zeiten und recht eifrig eines unbefleckten Wandels, wodurch du wahrhaft ein neuer Mensch, ein Engel auf Erden im Fleische bist! 11 2. Unbefleckt und tadellos im Frieden. Der Apostel fügt den beiden Eigen - 42- 11 - 11 schaften unbefleckt und tadellos" die nähere Bezeichnung im Frieden" hinzu, und zwar nicht ohne Grund; denn die Reinheit von Sünden, die Unbeflecktheit und Tadellosigkeit hat den Frieden zur Folge, jene innere süße Ruhe des Gemüthes, welche ihren Grund hat in dem geordneten Verhältnisse zwischen Leib und Seele, zwischen der Seele und Gott, so daß der Leib mit seinen Gliedern und Sinnen der Seele, und die Seele mit ihren Kräften Gott unterworfen und vollkommen ergeben ist. Dieses geordnete Verhältniß findet aber seinen Ausdruck in der gehörigen Bezähmung der unordentlichen Neigungen und in der treuen, gewissenhaften Erfüllung der göttlichen Gebote, und seine Anerkennung von Seiten Gottes in einem unaussprechlichen, seligen, süßen Gefühl, welches nach den Worten des Apostels uns bewegen soll, unser Aeußeres und Inneres vor aller Befleckung zu bewahren und uns in der Gemeinschaft mit Christo, dem Gott des Friedens, zu erhalten, indem er schreibt:„ Und der Friede Gottes, der allen Begriff übersteigt, beschirme eure Herzen und eure Sinne in Christo Jesu... und der Gott des Friedens wird mit euch sein." Philipp. 4, 7 und 9. Willst du also, christliche Seele! diesen seligen Frieden genießen, den die Welt nicht geben kann, diesen Frieden, der ein Vorgeschmack jenes seligen ewigen Friedens im Himmel ist, 43 so halte dich sorgfältig rein und unbefleckt und wandle tadellos, und wenn der Tod kommt, um dich vor den göttlichen Richter zu stellen, dann magst du dein Angesicht erheben makellos, und fest sein und nicht fürchten"( Job 11, 15)*; denn du wirst vor Ihm unbefleckt und tadellos im Frieden erfunden. Erwecke heute öfters folgenden Gebetsact: Laß mich allzeit vor Dir, o Herr, unbefleckt im Frieden erfunden werden! - - 8. Betrachtung für den achten Tag. ( 6. December.) Die unbefleckte Kirche Christi berlangt Unbeflecktheit ihrer Glieder. Christus dilexit Ecclesiam et seipsum tradidit pro ea, ut illam sanctificaret, mundans... ut exhiberet ipse sibi gloriosam Ecclesiam non habentem maculam... sed ut sit sancta et immaculata. „ Christus hat die Kirche geliebt und sich selbst für sie hingegeben, um sie zu heiligen und zu reinigen... um selbst herrlich die Kirche sich darzustellen ohne Makel... sondern daß sie heilig und unbefleckt sei." Brief an die Ephes. 5, 27. 1. Christus hat die Kirche geliebt und sich selbst für sie hingegeben, um * Tunc levare poteris faciem tuam absque macula, et eris stabilis, et non timebis. — 44 - sie zu heiligen und zu reinigen.- Der H. Augustinus, da er über den Ürsprung der Kirche spricht, nimmt einen Vergleich aus dem Paradiese, in welches Gott den ersten Menschen gesetzt hatte. Er sagt: Aus der Seite des schlafenden Mannes( Adam) ist das erste Weib gebildet und Mutter der Lebenden( Eva) genannt worden... Und der zweite Adam( Jesus Christus), nachdem Er sein Haupt geneigt hatte, entschlief am Kreuze, damit Ihm eine Braut gebildet würde, welche aus seiner Seite hervorging." Aus dem Tode Christi ist also das Leben hervorgegangen, aus der geöffneten Seite des gestorbenen Heilandes der Welt die Kirche, die wahre Mutter der Lebendigen, d. h. aller derjenigen, welche das Leben der Gnade hier auf Erden und das Leben der Glorie im Himmel erlangen. In ähnlicher Weise wie der h. Augustinus, aber noch bestimmter, spricht sich Papst Jnno= cenz VI.( in einer Rede) über den Ursprung der Kirche mit folgenden Worten aus: Nachdem der Erlöser am Kreuze seinen Geist ausgehaucht hatte, ließ Er es zu, daß seine Seite durch eine Lanze geöffnet wurde, damit aus dem hervorströmenden Blut und Wasser die einzige und unbefleckte, jungfräuliche heilige Mutter, die Kirche, seine Braut,* gebildet * Unica et immaculata, ac virgo sancta mater Ecclesia, sponsa sua 45- würde." Aus dem reinsten Blut und Wasser Christi, aus der Seite des unbefleckten Leibes Christi, aus seinem heiligsten geöffneten Herzen konnte nur eine reine, unbefleckte, heilige Braut, die Kirche, hervorgehen. Der h. Cyrill, Bischof von Alexandrien, nennt Christus den unbefleckten Bräutigam der Kirche.* Als solcher konnte sich Christus auch nur eine unbefleckte Braut erwählen, wie Er sich in Maria eine unbefleckte Mutter erwählt hat. - Wie die Kirche rein, unbefleckt und heilig ist in ihrem Ursprung, so auch in ihrer Bestimmung, als wahre Mutter der Lebendigen die Menschen zu reinigen, heiligen und Gott unbefleckt darzustellen. Dieses thut die Kirche durch die Verkündigung der reinen, unbefleckten Lehre Christi und durch die Verwaltung der h. Sakramente, vornehmlich und zuerst durch das h. Sakrament der Taufe, in welchem sie ihre Kinder rein, unbefleckt und heilig empfängt. Hierauf beziehen sich die Worte des Apoſtels im Betrachtungsterte: ,, Christus hat die Kirche geliebt und sich selbst für sie hingegeben, um sie zu heiligen und zu reinigen in der Wassertaufe durch das Wort des Lebens." Ephes. 5, 25 und 26. Dieser großen Gnade bist auch du, christliche Seele! theilhaftig geworden. Du hast zwar nicht jene außerordentliche Gnade * Ecclesiae sponsum immaculatum. - = 46 erhalten, deren die seligste Jungfrau theilhaftig geworden ist, welche einzig und allein ohne Sünde empfangen worden ist, vielmehr mußt du mit dem Psalmisten ausrufen:„ Siehe, in Ungerechtigkeit bin ich empfangen!" Ps. 50, 7. Aber von der Kirche, deiner geistigen Mutter, bist du unbefleckt empfangen und ihrem heiligen und unbefleckten Leibe unbefleckt und heilig eingegliedert worden. Danke dem Herrn für die Liebe, mit der Er auch dich geliebt und sich selbst für dich hingegeben hat, um in seiner h. Kirche dich zu heiligen und zu reinigen in der Wassertaufe. Der h. Ambrosius, da er von der Taufgnade spricht, erwähnt ausdrücklich, daß der Getaufte, von den Makeln des Leibes und der Seele rein gewaschen, anfange, eine nnbefleckte Jungfrau zu sein.* Auch du, christliche Seele! bist durch die Taufe gemäß den eben angeführten Worten eine unbefleckte Jungfrau, d. h. eine reine, unbefleckte, jungfräuliche Seele geworden. Bist du es geblieben, so bist du überaus glücklich zu schätzen; bist du es aber nicht geblieben, wohl dir, wenn du es wieder wirst! Du kannst aber mit der Gnade Gottes und durch die Fürsprache und Hilfe der unbefleckten Gottesmutter Maria wieder unbefleckt werden und sollst es werden, wenn du ein wahres Glied der unbefleckten * Immaculata virgo coepit esse sine ruga. - 47 Kirche sein willst. Vernimm, was der bereits erwähnte h. Kirchenlehrer Ambrosius von den wahren Gliedern der Kirche sagt: Die Kirche besteht aus zweierlei Gliedern, aus solchen, die nicht zu sündigen wissen, und aus solchen, die zu fündigen aufhören." So lange du die Taufunschuld bewahrtest, wußtest du nicht zu sündigen; hast du zu sündigen gewußt und die Tanfunschuld verloren, so höre auf zu sündigen, um als unbeflecktes wahres Kind deiner unbefleckten Mutter, der Kirche, zu wandeln. - - 2. Um selbst herrlich die Kirche sich darzustellen ohne Makel... sondern daß sie heilig und unbefleckt sei.- Die Kirche ist zwar an sich, d. h. ihrem Ursprunge, ihrem Wesen und ihrer Bestimmung nach rein, ohne Makel, unbefleckt; allein so lange es eine streitende Kirche auf Erden gibt, so lange schwache, sündhafte Menschen zu ihren Gliedern zählen, so lange gibt es auch Makeln innerhalb der Kirche. Dieses ist etwas ganz Natürliches, über welches ein vernünftiger Mensch sich nicht wundern kann. Daraus aber schließen zu wollen, wie es die Feinde der Kirche thun, daß die Kirche wegen der Makelu vieler ihrer Glieder selbst makelhaft sei, ist unsinnig und unvernünftig. So wenig die Unbeflecktheit der Empfängniß Mariä und die Unbeflecktheit ihres Wandels in den Augen Gottes und aller guten Christen auch nur im 1 48 - geringsten durch gottlose Reden und Schriften etwas verlieren kann, ebenso wenig kann die Reinheit und Unbeflecktheit der Kirche in den Augen Gottes und aller wahren Gläubigen und selbst vernünftiger Menschen, die nicht zur Kirche gehören, durch deren Feinde sowie durch den befleckten und tadelhaften Wandel vieler Glieder der Kirche eine Einbuße erleiden. Wenn daher der Apostel an der vorerwähnten Stelle sagt, Christus wolle seine Kirche herrlich sich darstellen ohne Makel, auf daß sie heilig und unbefleckt sei, so kann und darf dies natürlich nicht so verstanden werden, als ob die Kirche selbst Makeln an sich habe, welche ihr göttlicher Stifter nach und nach entfernen wolle, sondern es muß dies so gedeutet werden, daß Christus durch seine Kirche seine Gläubigen immer mehr reinigen und heiligen wolle, damit sie als Kinder ihrer heiligen und unbefleckten Mutter, der Kirche, immer ähnlicher würden. Diese Läuterung, diese Reinigung und Heiligung innerhalb seiner Kirche vollzieht Christus in dreifacher Weiſe, nämlich durch die von Ihm verkündigte Lehre, durch die von Ihm verordneten Gnadenmittel und durch die von Ihm unmittelbar und mittelbar geschickten Prüfungen, durch die Stürme der Verfolgungen, welch' letztere ja auch in ihrer Weise vielfach zur Reinigung und Heiligung der Glieder der Kirche dienen, und 49- damit auch zur Verherrlichung der Kirche selbst. Der Apostel will also mit obigen Worten die Absicht Christi zu verstehen geben, seine Kirche in Herrlichkeit darzustellen, so daß sie von allen Makeln, von Allem, was sie entstellen könnte, in allen ihren Gliedern ganz und vollkommen rein, unbefleckt und heilig erscheine. Die Kirche ist zwar jetzt schon rein, unbefleckt und heilig in vielen ihrer Glieder, aber ihre vollkommene Unbeflecktheit und Heiligkeit tritt erst am Ende der Zeiten ein, wenn alles Unreine, alles Unheilige von ihren Gliedern durch das allgemeine Gericht ausgeschieden ist und sie in die triumphirende Kirche, in das himmlische Reich, eingeht, um in ihrem schönsten Brautschmucke ihrem göttlichen Bräutigam zugeführt und mit Ihm auf ewig vereint zu werden. Christliche Seele! auch du bist berufen, an diesem Brautzuge der h. unbefleckten Kirche und an dem himmlischen Hochzeitsmahle Theil zu nehmen. Allein nur dann wirst du dieser hohen Gnade theilhaftig, wenn du mit der brennenden Lampe des reinen, unbefleckten Glaubens, der nach dem Ausspruche des h. Augustinus ,, eine Leuchte der Wahrheit" ist, versehen und mit dem hochzeitlichen Kleide der Unbeflecktheit und Heiligkeit angethan bist. Sehe dich bei Zeiten vor, damit es dir nicht ergehe wie den thörichten Jungfrauen im Evangelium, die zum Brautzuge und zum 4 1 - 50 11 Eintritt in den Hochzeitssaal nicht zugelassen wurden, weil sie sich nicht bereit gehalten hatten. Erwecke heute öfters folgenden Gebetsact: Mache mich, o Herr! zu einem unbefleckten und heiligen Gliede deiner h. unbefleckten Kirche! 9. Betrachtung für den neunten Tag. ( 7. December.) Die Seligkeit der Unbefleckten in der triumphirenden Kirche. Hi sunt, qui... non sunt coinquinati: virgines enim sunt... Sine macula sunt ante thronum Dei. ,, Diese sind es, die sich nicht befleckt haben... denn sie sind Jungfrauen... Ohne Makel sind sie vor dem Throne Gottes." Offenb. Joh. 14, 4 und 5. 1. Diese sind es, die sich nicht be fleckt haben; denn sie sind Jungfrauen. - Der H. Johannes sah in der geheimen Offenbarung Gott den Herrn auf dem Throne sigen und bei Ihm eine große Schaar von Seligen stehen, die mit dem göttlichen Namen bezeichnet waren und vor dem Throne wie ein neues Lied sangen. Er bezeichnet sie näher als solche, die sich nicht befleckt haben, als reine, jungfräuliche Seelen. Unter diesen hat - 51 der H. Johannes nach den Schriftauslegern im eigentlichen Siune, in erster Linie wirkliche Jungfrauen, also solche, die der ehelichen Verbindung entsagt haben, verstanden, dann aber auch im weiteren Sinne alle diejenigen, die mit reiner, unbefleckter, jungfräulicher Gesinmung, sei es in der Ehe oder außer der Ehe, den Lüften des Fleisches und der Welt entsagt, oder, nachdem sie sich damit befleckt, vellkommen gereinigt haben und nunmehr unbefleckt geblieben sind durch die Kraft des Blutes des unbefleckten Lammes, dessen Gefolge sie im Himmel bilden, von welchem diejenigen, die sich niemals befleckt haben, die vorzüglichsten und ersten sind, und an deren Spitze die unbefleckt empfangene und allzeit unbefleckte Jungfrau Maria steht. Wie auf dem Kalvarienberge unter dem Kreuzaltar des unbefleckten Lammes die unbefleckte Jungfrau und Gottesmutter Maria, der unbefleckte jungfräuliche Jünger Johannes, und die aus einer befleckten großen Sünderin eine unbefleckte große Büßerin gewordene Maria Magdalena standen, so stehen auch auf dem heiligen Berge im himmlischen Jerusalem am Throne des unbefleckten Lammes diejenigen, die stets unbefleckt geblieben, und folche, die durch vollkommene Buße von ihrer Befleckung sich gereinigt haben. Der H. Johannes sagt von diesen unbefleckten Seelen, daß sie dem Lamme folgen, wohin es geht. Für - 52 — welch' eine hohe Ehre wird es in der Welt angesehen, zu dem Gefolge eines Machthabers, eines Kaisers oder Königs zu gehören, stets in seiner Nähe zu sein, ihm überall hin zu folgen! Was ist aber diese Ehre im Vergleiche mit jener, zu dem Gefolge des Königs aller Könige, des Königs der Ewigkeit" zu gehören, dem unbefleckten Lamme Jesu Christo zu folgen, wohin es geht? Zu dieser Ehre kannst auch du gelangen, christliche Seele! wenn du dir es auch zur Ehre rechnest, je nach deinem Stande ein unbeflecktes Leben zu führen; denn die den Lüften des Fleisches und der Welt folgen, können dereinst nicht dem unbefleckten Lamme folgen. 2. Sie sind ohne Makel vor dem Throne Gottes.- Der König David stellt im Eingange des 14. Psalms die Frage: ,, Herr, wer wird wohnen in deinem Zelte? oder wer wird ruhen auf deinem heiligen Berge?" Und er gibt die Antwort:„ Der ohne Makel einhergeht." Obwohl der Psalmist nach der Meinung der meisten Schriftausleger diesen Psalm bei Gelegenheit der Verlegung der Bundeslade und der Einweihung des neuen h. Zeltes gesungen und daher zunächst auf dieses Zelt und den Berg Sion bezogen hat, so kann doch auch ohne jegliche Beziehung auf diese Begebenheiten der Psalm als Antwort auf die Frage gelten: wer sich der Gemeinschaft - 53 - Gottes und der Seligkeit bei Ihm im Himmel zu erfreuen habe? Nur in dieser letzteren Beziehung bietet unsere h. Kirche diesen Pſalm dem betenden Priester und Gläubigen dar. Alſo nur derjenige hat Hoffnung, dereinst bei Gott im Himmel zu wohnen und auf dem H. Berge im himmlischen Jerusalem ewig in Gott zu ruhen, der ohne Makel, unbefleckt, tadellos wandelt. Zu einem unbefleckten, tadellosen Wandel gehört aber nicht bloß, daß man sich rein von Sünden hält, sondern auch, daß man Tugenden übt, gute Werke verrichtet, weil sonst der Glanz der Heiligkeit fehlen würde, weshalb auch der Psalmist sich nicht mit den Worten begnügt:„ der ohne Makel einhergeht," sondern gleich hinzufügt: ,, und Gerechtigkeit( d. i. Inbegriff aller Tugenden) übt." Nur ein solch' unbefleckter, tadelloser Wandel führt zu Gott, und deshalb sagt der H. Johannes: ,, Sie sind ohne Makel vor dem Throne Gottes." Diese wenigen Worte sagen unendlich viel, sie enthalten ein unendliches Meer von Seligkeit; denn vor dem Throne Gottes sein heißt: Gott schauen von Angesicht zu Angesicht, wie Er ist, das Angesicht Gottes sehen, das zu schauen den Worten des Apostels gemäß die Seligkeit der Engel ist, durch dieses Schauen des göttlichen Angesichtes von seiner unaussprechlichen Schönheit ganz entzückt und von Liebe zu Gott ganz erfüllt sein, durch 1 - 54 dieſe vollkommene Liebe mit Gott innigst und unzertrennlich vereinigt sein, durch diese unzertrennliche Vereinigung Gott ewig besitzen, in diesem ewigen Besitze Gottes sich unaussprechlich erfreuen und in dieser seligen Freude Gott unaufhörlich loben und preisen. Siehe, christliche Seele! das heißt es, ohne Matel vor dem Throne Gottes sein, das ist die Se= ligkeit, zu welcher ein unbefleckter, tadelloser Wandel führt, fürwahr würdig, daß du fréudig und standhaft alle Beschwerden erträgst, welche mit einem unbefleckten Leben hienieden verbunden sind! Erwecke heute öfters folgenden Gebetsact: Laß mich, o Herr! ohne Makel vor deinem Throue erscheinen! 416 - Zweiter Theil. Betrachtungen für die Octav des Festes der unbefleckten Empfängniß Mariä. 55- 1. Betrachtung für den ersten Tag. Fest der unbefleckten Empfängniß Mariä. ( 8. December.) In der unbefleckten Empfängniss Maria offenbart sich in ganz besonderer Weise die Macht und Herrlichkeit Gottes. Vapor est enim virtutis Dei, et emanatio quaedam est claritatis omnipotentis Dei sincera: et ideo nihil inquinatum in eam incurrit. Candor est enim lucis aeternae, et speculum sine macula Dei majestatis. Sie ist ein Hauch der Kraft Gottes und ein reiner Ausfluß der Klarheit des allmächtigen Gottes: und darum kommt nichts Unreines zu ihr; denn sie ist der Glanz des ewigen Lichtes, und der makellose Spiegel der Herrlichkeit Gottes." Buch der Weisheit 7, 25 und 26. tes. wir: 1. Sie ist ein Hauch der Kraft GotIm ersten Buche Mos. 2, 7 lesen Gott der Herr bildete den Menschen - - 56 - aus Erdenstaub und hauchte in sein Angesicht den Odem des Lebens," d. h. nach der Erklärung des h. Chrysostomus: Gott belebte ihn durch ein unsterbliches, Gott ähnliches Wesen. Hierauf Bezug nehmend schreibt der h. Apostel Paulus I. Korinth. 15, 45: ,, Der erste Mensch Adam ward eine lebendige Seele, der letzte ( zweite) Adam ward ein lebendig machender Geist." Nach der natürlichen Ordnung wurde der erste Adam als Mann zuerst erschaffen, und aus ihm wurde die erste Eva gebildet; nach der übernatürlichen Heilsordnung aber ging der zweite Adam, Jesus Christus, der menschgewordene Sohn Gottes, aus Maria, der zweiten Eva, hervor. Die Seele des ersten Menschen war ein Hauch der Kraft Gottes, Gott schuf sie in seiner Allmacht, rein ging sie aus Ihm dem Allerreinsten hervor, und es kam bei dem Schöpfungswerke nichts Unreines zu ihr; denn auch der Leib, mit dem sie ver= bunden ward, war rein aus der Hand Gottes hervorgegangen. Wenn nun in der natürlichen Ordnung der erste Adam rein und makellos erschaffen und aus ihm die erste Eva rein und makellos gebildet wurde, wie rein und makellos ist erst in der übernatürlichen Heilsordnung Maria, die zweite Eva, bei ihrer Erschaffung in der Empfängniß, sie, die nach dem ewigen Rathschlusse Gottes als diejenige bestimmt war, aus welcher der zweite Adam, Jesus Christus, - 57- 11 - 11 hervorgehen sollte, der als die persönliche Weisheit Gottes des Vaters( auf welche sich obige Textesstelle zunächst bezieht) ,, ein reiner Ausfluß der Klarheit des allmächtigen Gottes ist"; und kommt nichts Unreines zur persönlichen Weisheit Gottes, so kam auch nichts Unreines zu Maria, der Mutter der menschgewordenen Weisheit, weder in der Empfängniß, noch nach derselben während des ganzen Lebens.€ 3 kommt nichts Unreines zu ihr." Zur ersten Eva ist bald nach ihrer Erschaffung Unreines hinzugekommen, aber nur allein durch ihre Schuld, indem sich ihr die höllische Schlange in dem nicht verschlossenen Paradiesesgarten nahte und sie mit ihrer Einwilligung durch die böse Begier und durch Uebertretung des göttlichen Gebotes befleckte. Zu Maria, der zweiten Eva, konnte nichts Unreines kommen, weil sie jener verschlossene Garten" ist, zu welchem der höllischen Schlange der Zutritt verwehrt war, jene versiegelte Quelle" mit ihrem unbefleckten Wasser", welche die Schlange nicht listig umschleichen und beflecken fonnte; vielmehr blieb sie voll Schrecken ferne. Bei der Betrachtung dieses Gedankens ruft der h. Erzbischof Thomas von Valentia in einer * Der h. Bischof Tharasius ruft in einer Homilie de praesent. B. M. V. aus:» Te( Mariam) honoro aquam immaculatam.<< - 58 Rede über die Empfängniß Mariä aus:„ Erschraken nicht die Mächte der Finsterniß, als sie das außer der gewöhnlichen Ordnung unbefleckt empfangene Weib mit einer weit mächtigeren Waffenrüstung ausgerüstet gegen sich vorgehen sahen?" Hat Gott der Herr durch die Erschaffung der ersten Eva seinem Schöpfungswerke auf Erden die Vollendung gegeben, so hat Er durch die Erschaffung der zweiten Eva in der unbefleckten Empfängniß Mariä ein Meisterwerk seiner Allmacht hervorgebracht, dessen Unbeflecktheit, Reinheit und Vollkommenheit von keinem Geschöpfe des Himmels und der Erde erreicht wird. Christliche Seele! wünsche Maria von Herzen Glück zu dieser außerordentlichen. Gnade, die ihr bei der Erschaffung in der unbefleckten Empfängniß zu Theil geworden ist; freue dich mit ihr, daß niemals etwas Unreines zu ihr gekommen; erfreue sie aber auch damit, daß du niemals etwas Unreines zu deinem Herzen kommen lasseſt. 2. Sie ist der Glanz des ewigen Lichtes. Unsere h. Kirche vergleicht die selige Jungfrau Maria mit dem Monde, indem sie die Worte der H. Schrift auf sie anwendet: Schön wie der Mond bist du." ( Hohesl. 6, 9.) Der Mond strömt nämlich das Licht der Sonne aus, daß er von ihr aufnimmt, und erhellt mit seinem lieblichen " 1 - 59 - 11 Glanze, welcher den Glanz aller Sterne übertrifft, das Dunkel der Nacht. In ähnlicher, aber weit vollkommenerer Weise ist dies bei Maria der Fall. Sie war von Ewigkeit her außerkoren, die Mutter desjenigen zu werden, der in der Fülle der Zeiten aus dem unzugänglichen ewigen Lichte" als die„ Sonne der Gerechtigkeit" hervortreten und die ganze Welt durch seine Lehre, das Licht der Wahrheit, erleuchten sollte, weshalb Er sich selbst das Licht der Welt nennt mit den Worten: Ich bin das Licht der Welt: wer mir nachfolgt, der wandelt nicht in der Finsterniß, sondern wird das Licht des Lebens haben"( Joh. 8, 12), und weshalb Er von Joh. 1, 4 und 9 „ das Licht der Menschen" genannt wird, das wahre Licht, welches alle Menschen, die in diese Welt kommen, erleuchtet". Daher strömte das Licht der göttlichen Sonne der Gerechtigkeit schon gleich im ersten Augenblicke des Daseins auf Maria; denn in ihrer unbefleckten Empfängniß, welche die glänzende Morgenröthe des Heiles war, wurde sie bereitet als Sitz der göttlichen Weisheit, welche„ der Glanz des ewigen Lichtes ist". O in welch' herrlichem Lichtglanze mag Maria gleich bei ihrer unbefleckten Empfängniß erschienen sein! Bei der Betrachtung dieses Geheimnisses ruft der, bereits erwähnte h. Erzbischof Thomas aus: O du überaus leuchtende Lampe, wie Viele 11 60 hast du erfreut, als du von göttlichem Glanze erleuchtet im mütterlichen Schoße unbefleckt erschienen bist!"* Derselbe Heilige ruft an einer anderen Stelle derselben Rede aus:" Wie eine sehr glänzende Morgenröthe bist du, o Maria, in die Welt gekommen, als du von dem Glanze der wahren Sonne in deiner unbefleckten Empfängniß beschattet worden bist." Dieser Glanz der unbefleckt empfangnen Jungfrau nahm in dem Grade zu, als sie an Alter und Gnade vor Gott zunahm, und erreichte auf Erden einen besonders hohen Grad, als die Sonne der Gerechtigkeit, Jesus Christus, sie mit ihrem Glanze erfüllte und strahlend aus ihr hervorging. Diesen Glanz der unbefleckten Gottesmutter mit geiſtigem Auge betrachtend ruft der h. Bischof Tharasius aus: Sei gegrüßt, du unbefleckter Glanz der Mütter!"***** 1 - So lange Maria auf Erden wandelte, war ihr Glanz vor den Augen der Menschen verborgen, nur Gott allein bekannt; seitdem aber * 0 lampas lucidissima, quantos laetificasti, quando divino splendore illustrata in utero matris immaculata apparuisti! ** Sicut aurora valde rutilans in mundum prodiisti, o Maria, quando veri solis fulgore adumbrata in conceptione immaculata fuisti. *** Ave, matrum splendor immaculatus. 1 61- 1 ihr göttlicher Sohn sie in den Himmel aufgenommen und als Himmelskönigin gekrönt hat, strahlt sie in himmlischem Glanze am Throne des ewigen Lichtes, schöner als der Mond und glänzender als die Sonne am Firmamente, zum Entzücken des ganzen himmlischen Hofes, und von diesem himmlischen Glanze läßt sie zuweilen auch einige Strahlen auf die Erde fallen zu Gottes und ihrer gröBeren Verherrlichung, und zur Freude und zum Troste ihrer Verehrer. So berichtet der h. Antoninus folgende Begebenheit, welche zur Bestätigung des Gesagten und zur Erbauung hier an dieser Stelle mitgetheilt zu werden verdient. Ein Priester, der ein frommer Diener und eifriger Verehrer Mariens war, flehte beständig zu ihr, sie wolle ihm doch dazu verhelfen, in der Erkenntniß ihrer vollkommenen Tugenden und in der Liebe zu ihr immer mehr zuzu= nehmen. Durch diese Andachtsübung wurde er von einem großen Verlangen, die seligste Jungfrau zu schauen, erfüllt. Da erschien ihm eines Tages ein Engel und kündigte ihm an, daß er das Glück haben solle, Maria zu schauen, jedoch nur unter der Bedingung, daß seine Augen, nachdem sie einmal Maria geschaut, nichts Irdisches mehr sehen sollten. Der Priester gab gerne seine Einwilligung dazu, das Augenlicht zu verlieren und alle übrigen Tage seines Lebens blind zu sein, -62 - wenn ihm das Glück gegönnt sei, die seligste Jungfrau nur einen Augenblick zu schauen. Der Engel gab ihm den Tag genau an, an welchem Maria ihm erscheinen würde. Unter eifriger Vorbereitung erwartete der Priester den bezeichneten Tag mit großer Sehnsucht; indessen nahm er sich vor, wenn Maria ihm erscheine, sie bloß mit dem einen Auge zu schauen, das andere aber zu schließen, um nicht gänzlich das Augenlicht zu verlieren. Maria erschien ihm wirklich am bezeichneten Tage, und zwar in solch blendendem Glanze, daß das Auge, mit welchem er sie schaute, sofort erblindete. Der Anblick aber erfüllte sein Herz mit solcher Süßigkeit und mit solchem Troste, daß er den Verlust seines einen Auges nicht beklagte, vielmehr es tief bedauerte, nicht auch mit dem anderen Auge Maria geschaut zu haben. Er machte sich deshalb bittere Vorwürfe und bat die seligste Jungfrau, sie möge sich ihm noch einmal in ihrem himm lischen Glanze zeigen, er wolle gerne das Licht beider Augen einbüßen und nichts Irdisches mehr sehen, nachdem er das Glück gehabt habe, sie in diesem sterblichen Leben zu schauen. Maria willfahrte seiner Bitte und zeigte sich ihm nochmals, aber sie nahm ihm nicht das zweite Auge, daß er gerne ihr zu Liebe opfern wollte, sondern stellte ihm das andere, was er bereits verloren hatte, wieder her. 63 Christliche Seele! ein seltenes Glück ist es, wie dieser Priester es hatte, Maria in ihrem himmlischen Glanze hienieden zu schauen; allein du kannst das Glück haben, sie dereinst im Himmel weit vollkommener zu schauen, als dies auf Erden möglich ist; nur mußt du dich bemühen, durch den Glanz eines reinen, unbefleckten Wandels ihr ähnlich zu werden. 3. Sie ist der makellose Spiegel der Herrlichkeit Gottes. Unter der Herrlichkeit Gottes wird die Größe, Majestät, Macht und Ehre Gottes verstanden. Der H. Apostel Paulus nennt( Hebr. 1, 3) Jesum den Abglanz der Herrlichkeit Gottes". Dieſe Herrlichkeit ist ihm eigen als dem wahren Sohne Gottes, weshalb der H. Johannes sagt ( 1, 14):„ Wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit als des Eingebornen vom Vater," und der H. Petrus( II. Petr. 1, 16 und 17):„ Wir waren Augenzeugen seiner Herrlichkeit; denn Er empfing von Gott, dep Bater, Ehre und Herrlichkeit, als aus hochherrlichem Glanze diese Stimme auf Ihn herabscholl: Dieser ist mein geliebter Sohn!" Diese Herrlichkeit kommt Jesu zu in seiner Eigenschaft als Messias, die keiner von den Fürsten dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie dieselbe erkannt hätten, so würden sie den Herrn der Herrlichkeit nie gekreuzigt haben." I. Korinth. 2, 8. Diese Herrlichkeit kommt Jesu endlich - — 64 zu als einstigem allgemeinen Richter, der am Ende der Welt auf dem Throne seiner Herrlichkeit sitzen wird"( Matth. 19, 28), den die Menschen zum Gerichte kommen sehen in den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit"( Matth. 24, 30). Ist nun der Sohn Gottes der Abglanz der Herrlichkeit seines Vaters, so kann füglich Maria, als Mutter des menschgewordenen Sohnes, des Messias und künftigen Richters, in gewissem Sinne ein Abglanz der Herrlichkeit ihres göttlichen Sohnes genannt werden, d. i. ein Spiegel, in welchem die Herrlichkeit Gottes zurückstrahlt. Denn in wem hat sich nach Jesus die Herrlichkeit Gottes größer und mächtiger geoffenbart als in Maria? Deshalb sagt der h. Basilius:„ Wie die Sonne alle Sterne an Glanz übertrifft, so übertrifft Maria alle Heiligen an Herrlichkeit." Gerade in ihrer unbefleckten Empfängniß ward sie jener makellose Spiegel, in welchem besonders Gottes Macht und Größe herrlich zurückstrahlte, und mit ihrer unbefleckten Empfängniß ward der Grund gelegt zu all' jener Herrlichkeit, die der H. Alphonsus Maria von Liguori so herrlich in seinem Buche: Die Herrlichkeiten Mariens" schildert. Nunmehr ist Maria im himmlischen Saale jener makellose Spiegel, in welchem die Herrlichkeit des dreieinigen Gottes zurückstrahlt zur Freude des ganzen Himmels. " 1 - - - 65 - Christliche Seele! wünsche der unbefleckten Jungfrau Glück zu ihrer großen Herrlichkeit, und willst du einstens im Himmel mit den Engeln und Heiligen in diesen makellosen Spiegel schauen und in und mit Maria dich der Herrlichkeit Gottes erfreuen, so schaue hienieden oft auf Maria, welche von der Kirche ,, Spiegel der Gerechtigkeit" genannt wird, betrachte dich aufmerksam darin, suche Maria ähnlich zu werden und sie und ihren göttlichen Sohn durch einen unbefleckten, reinen und heiligen Wandel zu verherrlichen. vecke heute öfters folgenden Gebetsact: Durch deine unbefleckte Empfängniß, o Maria, bewahre meine Seele und meinen Leib unbefleckt von aller Sünde! 2. Betrachtung für den zweiten Tag. ( 9. December.) Die makellose Schönheit Mariens in ihrer unbefleckten Empfängniss. Tota pulchra es, amica mea, et macula non est in te. „ Ganz schön bist du, meine Freundin, und keine Makel ist an dir." Hoheslied 4, 7. 1. Ganz schön bist du.- Als Gott der Herr die ersten Menschen erschaffen hatte, 5 -66 — sah Er, daß Alles, was Er gemacht hatte, sehr gut war( I. Mos. 1, 31). Er hatte sein Wohlgefallen an ihnen; denn sie waren unbefleckt und heilig erschaffen. Wenn nun schon das Wohlgefallen Gottes groß war bei dem Anblicke des rein und heilig erschaffenen Stammvaters und der rein und heilig erschaffenen Stammmutter der Menschen, wie überaus groß muß es erst gewesen sein, als Er auf die unbefleckt empfangene Jungfrau, das reinste und heiligste Geschöpf, das je die Erde sah, auf die Mutter des fünftigen Erlösers und die Stammmutter der zu erlösenden Menschheit schaute. Dieses Wohlgefallen drückt der H. Geist aus mit den Worten, welche die h. Kirche auf die unbefleckt empfangene Jungfrau Maria anwendet: ,, Ganz schön bist du, meine Freundin, und keine Makel ist an dir." Erwägen wir zunächst die Worte:„ Ganz schön bist du." Die wahre Schönheit des Menschen besteht nicht in der anmuthigen Gestalt des Leibes, sondern in der heiligmachenden Gnade Gottes, welche die Seele ziert und sie an der unendlichen Schönheit Gottes gewissermaßen Theil nehmen läßt. Ohne diese Gnade, ohne dieſe Schönheit der Seele verliert alle äußere Schönheit des Menschen ihre Anmuth und ihren Werth. Schön war die Seele der ersten Eva, unserer Stammmutter, weil sie von Gott in 1 67 Heiligkeit und Gerechtigkeit erschaffen war; weit schöner aber war die Seele der zweiten Eva, der seligsten Jungfrau Maria, sie war schöner als die Seele des größten unter den Heiligen Gottes, weil ihr schon im ersten Augenblicke ihrer unbefleckten Empfängniß eine solche Fülle der Gnade zu Theil wurde, wie dies bei keinem anderen Geschöpfe der Fall war. Der h. Athanasins sagt in einer Rede über die Gottesmutter: Der h. Geist stieg mit seinen Gnaden so tief in die Seele Mariä, daß er sie durchaus gnadenreich machte." Deshalb heißt es auch nicht einfach: Schön bist du," sondern es heißt: ,, Ganz schön bist du," d. h. du besitzest die Fülle der Schönheit, die vollkommenste Schönheit, wie sie nur ein Geschöpf erreichen kann. Freue dich, christliche Seele! über diese Schönheit Mariens und schätze sie überaus hoch; bestrebe dich aber auch, diese Hochschätzung dadurch zu bethätigen, daß du mehr hältst auf die Schönheit der Seele als auf die des Leibes, und nicht huldigest dem Geiste der Welt, der die geistige Schönheit nicht kennt, welche die heiligmachende Gnade verleiht, und darum auch dieselbe nicht zu würdigen weiß; er fennt und würdigt nur die äußere Echönheit, die Schönheit der leiblichen Gestalt und alles dessen, was zur Vergrößerung ihres Neizes dienen soll. Bewahre sorgfältig die 68heiligmachende Gnade, und du bist wahrhaft schön, und Gott hat sein Wohlgefallen an dir, gegen welches das Wohlgefallen der ganzen Welt nichts ist. Um aber die heiligmachende Gnade, diese Schönheit der Seele, sorgfältig zu bewahren, habe stets eine kindliche Andacht zur unbefleckt empfangenen Jungfrau Maria, welche von der Kirche die Mutter der schönen Liebe" genannt wird; sie beschützt die Schönheit deiner Seele vor aller Befleckung und vor dem gänzlichen Verluste. - 2. Meine Freundin.- Der h. Geiſt läßt unmittelbar auf die Worte: ,, Ganz schön bist du" die Worte meine Freundin" folgen. Er will damit andeuten, daß die heiligmachende Gnade, welche die Seele mit übernatürlicher Schönheit ausstattet, die Seele zugleich auch zur Freundschaft Gottes erhebt; denn durch die Gnade entsteht zwischen Gott und den Menschen eine vollkommene Freundschaft. Auf Erden gilt es als die höchste Ehre, von einem Fürsten Freund" genannt zu werden, mit demselben im vertrauten Umgang zu leben, an derselben Tafel zu speisen. Doch was ist das eigentlich Großes? Fürsten sind Menschen und lieben, da sie nicht in das Herz des Freundes hineinschauen können, selten ohne einiges Mißtrauen oder einige Besorgniß, getäuscht und hintergangen zu werden, und so hat schon mancher Günstling die Erfahrung Die - 69 gemacht, daß die Freundschaft der Fürsten ebenso wandelbar ist wie die anderer Menschen. Bei Gott, dem Herrn aller Fürsten, ist es ganz anders; Er liebt denjenigen, der in seiner Gnade steht, als Freund wahrhaft und vollkommen, und nicht durch Gottes, sondern durch des Menschen Schuld wird dieses durch die Gnade geknüpfte Freundschaftsband gelockert und gänzlich gelöst. O, welch' eine erhabene Würde, welch' eine überaus hohe Ehre ist es, daß ein armseliger Mensch von Gott„ Freund" genannt wird! Fürwahr muß man mit Job ( 7, 17) ausrufen: Was ist der Mensch, daß du ihn groß hältst, oder was setzest du( o Herr) dein Herz an ihn?" 11 - Die Freundschaft unter den Menschen ist von großem Werthe. Spricht ja doch der h. Geist selbst im Buche Jes. Eir.( 6, 14 ff.): ,, Ein treuer Freund ist ein starker Schirm, und wer ihn gefunden, hat einen Schatz gefunden. Mit einem treuen Freunde ist nichts zu vergleichen, und den Werth seiner Trene wiegt Gold und Silber nicht auf. Ein treuer Freund ist eine Arznei des Lebens." Wenn nun schon die Freundschaft der Menschen einen so hohen Werth hat, welch' unendlichen Werth besitzt die Freundschaft Gottes! Sie ist der kostbarste Schatz, der durch alle Schätze der Welt und selbst durch alle Freundschaften der Menschen nicht aufgewogen wird; sie ist der 70 mächtigste Schirm wider alle Feinde und das kräftigste Heilmittel in den Trübsalen und Widerwärtigkeiten dieses Lebens. Wie glücklich mußten sich daher die Apostel und Jünger, die von der Welt gering geschätzt und verachtet wurden, fühlen, als sie von ihrem göttlichen Meister Freunde" genannt wurden!( Joh. 15, 14 und 15.) Da dem Grade der Gnade, in welcher man bei Gott steht, der Grad der Freundschaft entspricht, so stand Maria bei ihrer unbefleckten Empfängniß in einem überaus hohen Grade der Freundschaft, weil sie voll der Gnaden, und der Herr in ganz besonderer Weise mit ihr war. - —— Wünsche, christliche Seele! Maria von Herzen Glück zu dieser hohen Gunst bei Gott, halte es aber auch selbst deinerseits für das größte Glück auf Erden, durch die Gnade eine Freundin Gottes und damit zugleich eine Freundin Mariens zu sein; denn wer Gott und Maria zu Freunden besitzt, hat keine Feinde zu fürchten. 3. Und keine Makel ist an dir.- Alle Schönheit der Geschöpfe auf Erden, sowohl die leibliche als auch die geistige Schönheit, kann keine Ansprüche auf wahre Vollkommenheit machen; denn zu dieser gehört das vollständige Freisein von jeder auch der geringsten Makel. Das aber ist gerade das Eigenthümliche bei den Geschöpfen auf Erden, daß - 71- - sie Makeln an sich haben und darum nicht wahrhaft und eigentlich vollkommen sind. Selbst bei den schönsten Körpergestalten findet sich immer noch etwas auszusetzen, und auch im Leben der größten Heiligen findet sich etwas, was vor den Augen des allerreinsten und unendlich vollkommenen Gottes makelhaft erscheint. Nur die seligste Jungfrau Maria bildet hierin eine Ausnahme, weshalb auch der h. Geist ganz entsprechend den Worten: Ganz schön bist du" das Zeugniß der gänzlichen Makellosigkeit folgen läßt mit den Worten: und keine Mafel ist an dir." Es ist nicht an ihr die Makel der Erbsünde, welche sonst das Erbstück aller von Adam und Eva Abstammenden ist; denn durch eine besondere Gnade ist Maria nach der Lehre unserer H. Kirche von der Mafel der Erbsünde gänzlich bewahrt worden. In Folge dessen ist an ihr nicht die Makel der Begierlichkeit des Fleisches, jenes Gesetzes, welches nach den Worten des Apostels( Nöm. 7, 23) ,, dem Gesetze des Geistes widerstreitet und unter dem Gesetze der Sünde, das in den Gliedern ist,( den Menschen) gefangen hält," jenes Gesetzes, dem alle übrigen Menschen unterworfen sind, und welches nach der Erklärung der Kirche vom Apostel zuweilen Sünde genannt wird, nicht als ob die * Concil. Trident. sess. V. decret. de pecc. orig. 5. - 72 - - Begierlichkeit an den durch die Taufe Wiedergeborenen wahrhaft und eigentlich Sünde sei, sondern weil sie aus der Sünde ist und zur Sünde hinneigt. In Bezug auf dieses Freisein Mariens von dem Gesetze der Begierlichkeit sagt der H. Cyprian:„ Das Gesetz des Fleisches hat ihr Gemüth nicht in Unruhe gebracht." In Folge des Freiseins von der Begierlichkeit oder Neigung zur Sünde ist an Maria auch nicht die geringste Makel der wirklichen oder persönlichen Sünde. Neiner als die reinste Lilie des Feldes hat Maria stets in makelloser Reinheit geblüht, beschützt vor dem geringsten unreinen Hauche der Sünde, umweht von reiner, himmlischer Luft. Wenn der fromme Job zur Rechtfertigung gegenüber seinen ihn beschuldigenden Freunden in gewissem Sinne von sich sagen konnte:„ Ich bin rein und ohne Sünde, unbefleckt, und es ist keine Ungerechtigkeit in mir,"* so kann Maria dies in wahrhaftem und eigentlichem Sinne von sich sagen. Freue dich, christliche Seele! über diese gänzliche Makellosigkeit Mariens, erfreue aber auch ihr unbeflecktes Herz durch dein ernstlichstes Bestreben, dein Herz rein zu halten von der Makel jeder vorsätzlichen Sünde. * Mundus sum ego et absque delicto: immaculatus, et non est iniquitas in me. - 73- - - Erwecke heute öfters folgenden Gebetsact: O allerreinste, makellose Jungfrau, bitte für mich, daß ich die unbefleckte Reinheit nach Kräften liebe und übe! M 3. Betrachtung für den dritten Tag. ( 10. December.) Maria gibt in ihrer Demuth Gott allein die Ehre für die Unbeflecktheit ihrer Empfängniss und ihres Wandels. Deus qui posuit immaculatam viam meam. Gott ist es, der meinen Weg( Wandel) unbeflect gemacht hat." Psalm. 17, 33. 1. Gott ist es, der meinen Weg gemacht hat.- Jedem Menschen ist im ersten Augenblicke seines Daseins von Gott nach den ewigen Rathschlüssen seiner Vorsehung im Anfange seiner Wege"( Sprüchw. 8, 22) ein Weg vorgezeichnet, den er durch das irdische Leben zu gehen hat, um zu seinem Ziele, für welches er erschaffen ist, nämlich zum ewigen Leben zu gelangen. So viele Menschen es gibt, so viele verschiedene Lebenswege gibt es, aber das Ziel bleibt für Alle Eines, das ewige Leben in Gott. Der Lebensweg des einen ist kurz, der Weg des anderen lang; der Weg 74 des einen ist eben und leicht gangbar, der Weg des anderen steil, schwierig und mühsam; der Weg des einen ist ein grader, der Weg des anderen ein Umweg; der Weg des einen ist mit vielen, der Weg eines anderen mit wenigen Gefahren verbunden; der Weg des einen ist ein Leidensweg, vom Anfang bis zum Ende mit Kreuzen besetzt, ein Kreuzweg im wahren Sinne des Wortes, der Weg eines anderen ist ein herrlicher Weg: kurz, Gott hat für das Eine Ziel verschiedene Lebenswege gemacht. 1 - Auch der seligsten Jungfrau Maria hat Gott ihren Lebensweg vorgezeichnet. Er hätte sie bei ihrer unbefleckten Empfängniß, der großen Würde, wozu sie außersehen war, einigermaßen entsprechend, vor allen Menschen aus= zeichnen und für sie alle erdenklichen Güter und Freuden dieses Lebens bestimmen können; allein Gott that dieses nicht. Er versagte ihr Alles, was die Welt hochschätzt und liebt. Er beſtimmte für sie keinen großartigen, prachtvollen Palast, sondern eine kleine, niedrige Hütte; nicht Reichthum, sondern Armuth; nicht Ehre und Ansehen vor den Menschen, sondern Geringschätzung und Verachtung; nicht ein bequemes, sorgenfreies Leben, sondern ein Leben voll Kreuz und Leiden. Der Lebensweg der seligsten Jungfrau war also ein Weg der Armuth, der Niedrigkeit und des Leidens. Sie erkannte aber diesen Weg als von Gott ihr - 75 1 vorgezeichnet, als einen Weg, den Gott für sie gemacht, und das war ihr genug, um zu= frieden und glücklich zu sein. Würde dieser Gedanke: Gott ist es, der meinen Weg ge= macht hat," die menschliche Gesellschaft, das sociale Leben recht durchdringen, es würde viel besser in der Welt aussehen, die bestehende große Kluft zwischen Reichen und Armen, Hohen und Niedrigen, Arbeitgebern und Arbeitnehmern würde sich schließen; es würde kein Uebermuth und keine Bedrückung auf der einen, und kein Neid, kein Ueberdruß, keine Auflehnung und Gewaltthätigkeit auf der anderen Seite sein; es würde Alles Hand in Hand gehen und vielem socialen Elende abgeholfen werden. Gleichheit und Brüderlichkeit, diese von Vielen so liebgewonnenen Schlagwörter, haben nur da einen wahren Sinn, wo wahre Demuth und Liebe gepflegt werden; die Demuth, welche im Glücke wie im Unglücke den Lebensweg als den von der göttlichen Vorsehung vorgezeichneten betrachtet, und die Liebe, welche jedes Kreuz, jedes Leiden geistig vergoldet; die Demuth, welche bewirkt, daß der Reiche und Vornehme sich zum Armen und Niedrigen herabläßt, und die Liebe, welche auch im Aermsten und Niedrigsten einen Bruder in Christo dem Herrn erkennt. Nur wahre Demuth und Liebe wirken versöhnend und wohlthuend im socialen Leben; alles Andere sind Humanitätsphraſen, - 76 schönes Blätterwerk ohne Heilkraft, nur geeignet, um das sociale Elend zu verdecken, ähnlich den Feigenblättern, womit die ersten Menschen nach dem Sündenfälle ihre Blöße zu verdecken suchten. Die Demuth ist das Fundament für das geistige Eurgebäude der menschlichen Gesellschaft, und auf diesem Fundamente baut die Liebe auf. Caritas aedificat, sagt der Apoſtel ( I. Kor. 8, 1),„ die Liebe erbaut". - " 1 Christliche Seele! mache dir den Gedanken: Gott ist es, der meinen Weg gemacht hat," recht zu eigen; er hält dich aufrecht in allen Wechselfällen dieses Lebens. Mögen Krankheit, Vermögensverlust, Verfolgung, bittere Erfahrungen u. dergl. dir auf deinem Lebenswege begegnen, unterwirf dich in Demuth der göttlichen Vorsehung, die alles dieses sendet oder zuläßt, um dich zu läutern, um deinen Weg unbefleckt zu machen. 2. Gott ist es, der meinen Weg unbefleckt gemacht hat.- Den verschiedenen Lebenswegen der Menschen entsprechend theilt Gott auch seine Gnaden verschieden aus dem einen gibt Er mehr, dem anderen weniger nach seinen weisen, unerforschlichen Rathschlüssen; jedoch gibt Er jedem Menschen so viel Gnaden mit auf den Weg, daß er sein Ziel erreichen. kann. Keines Menschen Lebensweg ist aber von Gott mehr mit Gnaden bezeichnet, als derjenige Mariens. Während der Lebensweg - 77- aller übrigen Menschen in der Empfängniß mit Befleckung beginnt und mit mehr oder wenig großer Befleckung fortgesetzt und vollendet wird, steht Maria als die einzig Bevorzugte da, deren Lebensweg mit der Empfängniß unbefleckt begonnen, nach der Geburt unbefleckt fortgesetzt und unbefleckt vollendet wurde, und so ist der Weg Mariens dem Wege Gottes, von welchem der h. Geist spricht:„ Der Weg Gottes ist unbefleckt"( Psalm. 17, 31), am ähnlichsten. Was der König David im uneigentlichen und unvollkommenen Sinne von sich gesagt hat, das konnte Maria, aus dem Geschlechte Davids entsprossen, im eigentlichen und vollkommenen Sinne von sich sagen:„ Gott ist es, der meinen Weg unbefleckt gemacht hat." " 1 Damit aber, daß Maria erkannte, Gott habe ihren Weg unbefleckt gemacht, gab sie Gott allein die Ehre sowohl für die Unbeflecktheit ihrer Empfängniß, als für die Unbeflecktheit ihres ganzen Wandels. Sie erkannte in Gott den Führer ihres unbefleckten Weges- du bist mein Vater und der Führer meiner Jungfrauschaft"( Jerem. 3, 4)- und darum erkannte sie auch, daß der Größe der Gnaden die Tiefe der Demuth, welche für sich nichts in Anspruch nimmt, sondern Gott dem Geber alles Guten die Ehre gibt, entsprechen müsse gemäß den Worten der H. Schrift:" Je größer du bist, desto mehr demüthige dich in Allem" - - 78 - ( Jes. Sir. 3, 20). Diese tiefe Demuth war So es daher, welche sie ausrufen ließ:„ Großes hat an mir gethan der Allmächtige." begleitete die Demuth Mariens ihre Unbeflecktheit als Hüterin und Beschützerin auf ihrem ganzen Lebenswege. Willst du, christliche Seele! auf deinem Lebenswege in standesgemäßer Keuschheit unbefleckt wandeln, dann mußt du die Demuth als Begleiterin haben. Die Demuth ist es, welche die Reinheit und Unbeflecktheit zugleich erhält, bewahrt und vermehrt. Willst du wissen, von welch' hoher Bedeutung diese Demuth ist, so vernimm, was der h. Augustinus in seinem. 56. Briefe sagt: Fragst du mich, was in der Religion das Erste sei, so antwerte ich dir: die Demuth. Fragst du mich, was das Zweite sei, so antworte ich dir wiederum: die Demuth. Fragst du mich, was das Dritte sei, so antworte ich dir nochmals: die Demuth." Der Heilige will damit sagen, daß die Demuth allen unseren religiösen Uebungen und Tugendwerken zu Grunde liegen, sie begleiten und vollenden soll. Erwecke heute öfters folgenden Gebetsact: O allzeit unbefleckte, demüthige Jungfrau Maria! bitte für mich, daß ich stets unbefleckt, in Demuth vor Gott wandle! ( 850) - 79 - 4. Betrachtung für den vierten Tag. ( 11. December.) Grosses Verlangen der unbefleckten Jungfrau Maria nach der, Ankunft des Erlösers und ihre diesem Verlangen entsprechende grosse Achtsamkeit auf die Unbeflecktheit ihres Wandels. Domine, psallam et intelligam in via immaculata, quando venies ad me. „ O Herr, lobsingen will ich und Acht haben auf den unbefleckten Weg, wann du zu mir kommst." Psalm. 100, 1 und 2. 1. O Herr, lobsingen will ich... wann du zu mir kommst.- Die Demuth, welche die eigene Nichtigkeit und Gott als den Geber alles Guten erkennt und daher Ihm allein die Ehre gibt, erhält ganz folgerichtig in der Lobpreisung Gottes ihren Ausdruck. Da nun Maria die begnadigtste und zugleich demüthigste Seele war, so liegt es nahe, daß ihrer tiefen Demuth auch ihre tiefe Andacht zu Gott und ihr Eifer in der Lobpreisung Gottes entsprach. Gott zu loben und zu preisen war ihre Seligkeit. Daher ist es ganz natürlich, wenn( nach dem Berichte einer alten Schrift von Maria) das Lob Gottes beständig in ihrem Munde war. Diese Andachtsgluth, diese feurige Begeisterung Mariens im Lobe Gottes erhielt fortwährend Nahrung durch die - 80 1 Lesung und Forschung in der Schrift. Daß Maria mit den H. Schriften des alten Testamentes vertraut war, davon gibt ihr von dem Evangelisten Lucas aufbewahrter Lobgesang, Magnificat" genannt, beredtes Zeugniß. Unter allen Büchern der h. Schrift wird ihr aber ganz gewiß das Psalmenbuch das liebste gewesen sein, und zwar aus nahe liegenden Gründen: für's erste wegen des innigen Verhältnisses, in welchem Maria zu dem Psalmisten David stand; sür's zweite wegen des Juhaltes der Davidischen Psalmen, jener heiligen vom Geiste Gottes eingegebenen Gesänge. Was für's erste das Verhältniß der seligsten Jungfrau zu dem Psalmisten David betrifft, so stammte sie bekanntlich aus dem Geschlechte Davids ab. Sie hatte zwar den äußeren Glanz ihres königlichen Ahnherrn nicht geerbt, da sie an äußeren Glücksgütern arm war, wohl aber den inneren Glanz einer wahrhaft königlichen Seele; daher war sie durchdrungen vom Geiste Davids und hoch emporgehoben auf den Schwingen seiner gottbegeisterten Lieder. Was sodann für's zweite den Inhalt der Davidischen Psalmen betrifft, so fühlte sie mit David den Uebermuth der Feinde Gottes und ihres Volkes, sie fühlte ihre Verfolgungen und ihren Druck, sie seufzte und flehte mit David um Rettung und Erlösung aus der Gewalt dieser Feinde; sie vertraute siegesgewiß mit — 81- — David der Macht und erbarmenden Güte Gottes, der zur rechten Zeit helfen und den so sehnlichst erwarteten Erlöser senden werde, sie hatte die sichere Hoffnung, daß der Erlöser sehr bald aus dem Geschlechte Davids kommen werde; sie gedachte mit David der Großthaten, welche Gott bereits an ihrem Volke gewirkt hatte, und in der Betrachtung und Bewunderung derselben erhob sie sich mit David zur Lobpreisung Gottes. Ohne Zweifel wohl war es in jener Stunde, in welcher die feligste Jungfrau mit dem Psalmisten David den Nothstand und das Elend ihres Volkes am tiefsten fühlend auf das Inbrünstigste um die baldige Sendung des Erlösers zu Gott flehte, seine Macht, Güte und Erbarmung lobpreisend, als der Erzengel Gabriel von Gott gesandt zu ihr eintrat und die Botschaft brachte, daß der Erlöser kommen, und daß sie es sein werde, durch die er kommen werde. An Maria hat sich also im eigentlichsten Sinne das Wort ihres königlichen Ahnherrn und gottbegeisterten Sängers erfüllt: O Herr! lobsingen will ich, wann Du zu mir kommst."* Christliche Seele! lerne hieraus für's erste, grade zur Zeit großer Bedrängniß und Noth mit um so größerem Eifer und um so größerer Inbrunst zu Gott zu flehen; denn in dem * Domine, psallam, quando venies ad me. 6 82 Grade, als die Noth und die vertrauensvolle Andacht zu Gott emporsteigen, steigt seine Erbarmung und Gnade hernieder. Für's zweite lerne daraus, vor der H. Communion, in welcher der liebe Heiland zu dir kommt, um das Werk seiner Erlösung durch Heiligung in dir zu vollenden, dich einem recht großen Verlangen und einer recht innigen Andacht in der Lobpreisung Gottes hinzugeben: ,, Herr! lobsingen will ich, wann Du zu mir kommst." - 11 1 2. Ich will Acht haben auf den unbefleckten Weg, wann du zu mir kommst. Je unbefleckter und reiner eine Seele ist, um so reiner und klarer ist das geistige Auge, um so größer und heller die Erkenntniß. Diese Wahrheit ist vom göttlichen Heilande indirect ausgesprochen in den Worten: Selig sind, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen." Sie schauen zwar hienieden nicht Gott vollkommen von Angesicht zu Angesicht, wie im Himmel, allein sie haben doch einen gewissen Vorgenuß dieses Schauens, welcher in einer gewissen Theilnahme an dem Wissen Gottes besteht. Diese Wahrheit findet sich besonders bestätigt im Leben jener Heiligen, die bei geringer Vorbildung eine hohe Erleuchtung und tiefe Erkenntniß göttlicher und menschlicher Dinge besaßen. Da nun Maria durch ihre Unbeflecktheit und Reinheit alle Heiligen weit überragt, 83- so übertraf sie auch alle an Erleuchtung und Erkenntniß. Daher ist es unzweifelhaft, daß sie am meisten das Eündenelend der Welt, daß Bedürfniß eines Erlösers und die baldige Ankunft desselben erkannte. Dieser ihrer großen Erleuchtung und tiefen Erkenntniß entsprach denn auch ihre große Sehnsucht nach dem Erlöser und zugleich ihre große Sorgfalt und Bedachtsamkeit auf die Unbeflecktheit ihres Weges( Wandels), um dem Erlöser ihrerseits einen möglichst würdigen Empfang zu bereiten.* In Folge ihrer hohen Erkenntniß schätzte Maria die unbefleckte Reinheit über Alles, daher war sie auch auf das Sorgfältigste für die Bewahrung derselben bedacht. Obgleich sie fest begründet war in der Gnade Gottes und von den Versuchungen der höllischen Schlange nichts zu fürchten hatte, so wachte sie doch sorgfältig über ihre Sinne und übte die vollkommenste Eingezogenheit und Sittsamkeit in ihrem ganzen äußeren Verhalten. Der h. Anibrosius sagt in dieser Beziehung von ihr:„ In ihren Augen war nichts Lüsternes, in ihren Worten nichts Leichtfertiges, in ihren Handlungen nichts Ausgelassenes. Ihre Geberden hatten nichts Weichliches, ihr Gang nichts Unbesonnenes, ihre - * Die beiden Begriffe Erkenntniß" und„ Achtsamkeit" sind in dem lateinischen Worte des Tertes intelligam« vereinigt. 6* - 84- - Stimme nichts Freches, so daß selbst ihr äuBeres Verhalten ein getreues Bild ihrer Seele war, ein Bild der reinsten Unschuld." Obgleich sie nichts von der bösen Begierlichkeit zu fürchten hatte, so wachte sie doch sorgfältig über alle Gedanken und Neigungen ihres Herzens, und wiewohl sie nichts von der Welt zu fürchten hatte, so mied sie doch so viel als möglich den Verkehr mit den Menschen, verkehrte dagegen um so mehr und um so lieber mit Gott und den h. Engeln in der Zurückgezogenheit und Einsamkeit. Hier war es auch, wo der Engel des Herrn zu ihr kam und verkündigte, daß sie die Mutter des Sohnes Gottes werden sollte, grade in jenem Augenblicke, wo mit der größten Sehnsucht Mariens nach dem Erlöser auch die größte Sorgfalt und Achtsamkeit auf ihre Unbeflecktheit sich verband. Ich will Acht haben auf den unbefleckten Weg, wann du zu mir kommst." Siehe, christliche Seele! welch' erhabenes Vorbild hast du in Maria! Derselbe Heiland, der zu Maria kam, um in ihr Fleisch zu werden und zu wohnen, kommt auch zu dir in der H. Communion. Wie groß muß daher dein Verlangen nach Ihm sein, aber auch wie sehr mußt du bedacht sein auf die Reinheit deines Herzens und die Unbeflecktheit deines Wandels! Nach dem Vorbilde Mariens sei daher wachsam über dein Herz, sei besonders - 85 - wachsam über deine Sinne und meide den leichtfertigen Verkehr mit der Welt; halte dich, so viel du kannst, von Allem ferne, was die Lilie der unbefleckten Reinheit verletzen könnte. Mache dich daher recht vertraut mit den Worten: " Ich will Acht haben auf den unbefleckten Weg, wann du zu mir kommst." Erwecke heute öfters folgenden Gebetsact: O unbefleckt empfangene und allzeit unbefleckte Jungfrau Maria, bitte für mich, daß ich stets auf die Unbeflecktheit meines Wandels Acht habe! 5. Betrachtung für den fünften Tag. ( 12. December.) Die unbefleckte Reinheit Mariens in Verbindung mit ihrer tiefen Demuth und ihrem grossen Verlangen nach dem Erlöser sind die Ursache der innigsten Verbindung desselben mit ihr im Geheimnisse der Menschwerdung. Aperi mihi,... columba mea, immaculata mea! Thu' mir auf,... meine Taube, meine Unbeflecte!" Hoheslied 5, 2. 1. Thu' mir auf.- Da Gott der Herran Maria das größte Wohlgefallen hatte, besonders wegen ihrer unbefleckten Reinheit, ihrer — 86 1 Demuth und ihres Verlangens nach Ihm, so ging Er auch mit ihr die innigste und wundervollste Verbindung in dem Geheimnisse der Menschwerdung ein. Dieses Wohlgefallen des Herrn an Maria und sein Verlangen nach ihr gibt der h. Geist im Hohenliede in der Person des Bräutigams zu erkennen mit den Worten: Thu' mir auf, meine Taube, meine Unbefleckte!" Zugleich aber gibt der h. Geist mit diesen wenigen Worten auch die Demuth, Sehnsucht und die unbefleckte Reinheit Mariens in der vom Bräutigam angeredeten Braut zu erkennen. Betrachten wir zunächst die Worte: " Thu' mir auf." Sie setzen von Seiten der Braut ein Verschlossensein voraus, und wirklich redet der Bräutigam sie kurz vorher( Hohesl. 4, 12) mit den Worten an: ,, Ein verschlossener Garten bist du,... meine Braut, ein verschlossener Garten." Diese Worte wendet unsere h. Kirche auf Maria an in Bezug auf ihre unbefleckte Empfängniß, zu welcher der Satan, der unreine Geist, keinen Zutritt hatte; allein sie können ebenso auf Maria angewendet werden in Bezug auf ihre Demuth, zu welcher der Satan, der Geist der Hoffart, ebenso wenig Zutritt hatte. In ihrer Demuth verbarg sie nämlich alles, was sie Großes war und vermochte, vor der Welt; sie wollte nicht mit den Früchten des H. Geistes, welche in ihr so herrlich prangten, eitlen Prunk machen nach 87 Art der Welt, weil sie wohl wußte, daß sie dadurch leicht den Glanz der Schönheit verlieren würden, gleichwie auch eine wohlriechende Salbe dadurch allmälig den Wohlgeruch verliert, daß das Gefäß, in welchem sie aufbewahrt wird, mehr als nöthig geöffnet wird. Maria bewahrte Alles sorgfältig in ihrem demüthigen Herzen. Gerade deshalb aber verlangte der Herr, der sich in der Menschwerdung auf das Tiefste verdemüthigte, so sehr nach diesem verschlossenen Garten, um in demselben sich zu erfreuen und zu laben an dem Anblicke und Genusse der Früchte des h. Geistes. ,, Thu' mir auf." Christliche Seele! willst du ein wahres Marienkind sein, so hüte dich vor der Hoffart und allem eitlen Prunke; mache auch dein Herz durch die Demuth gleichsam zu einem verschlossenen Garten, damit dein Heiland, wenn Er unter der demüthigen Gestalt des Brodes in allerheiligsten Sacramente zu dir kommt und um Einkehr bittet: Thu' mir auf", sich an deinen Tugendfrüchten wahrhaft erfreuen kann. - 2. Meine Taube. Mit dieser Benennung will der Bräutigam nicht bloß die Neinheit, sondern ganz besonders das sehnsüchtige Verlangen seiner Braut nach Ihm bezeichnen. Die Taube wird nämlich in der h. Echrift nicht bloß als Sinnbild der Reinheit und Unschuld, sondern vorzugsweise als Sinnbild des - 88 " 1 sinnigen Verlangens und Sehnens gewählt. So heißt es beim Propheten Isaias( 38, 14): " Ich werde sinnen wie eine Taube", und bei demselben( 59, 11): ,, Wir seufzen sehnsüchtig wie die Tauben". Maria seufzte sehnsüchtig nach dem Erlöser, darum wird sie mit Recht mit einer Taube verglichen und vorzugsweise vom Herrn genannt: Meine Taube." AL' ihr Verlangen war nur auf Gott gerichtet, ging in Gott auf, und darum war sie wie eine Taube, welche am äußersten Rande der Felsenöffnung nistet"( Jerem. 48, 28), d. h. mit anderen Worten: sie hing mit ihrer Liebe und ihrem Verlangen nicht an dieser Welt, sie war jeden Augenblick zum geistigen Fluge des Verlangens nach Gott bereit, es genügte schon der Ruf des Verlangens ihres göttlichen Bräutigams: ,, Stehe auf, eile, meine Taube, und komme"( Hohest. 2, 10), um Jhm sogleich mit Sehnsucht entgegenzukommen; denn ganz verlangenswürdig: so ist mein Geliebter." ( Hohest. 5, 16.) Christliche Seele! bestrebe auch du dich, der Taube zu gleichen, nicht bloß durch Reinheit und Unschuld in heiliger Einfalt seid einfältig wie die Tauben, spricht der Herr( Matth. 10, 16), sondern besonders durch heiliges Verlangen, das nicht in den Geschöpfen, sondern nur in Gott allein seine Befriedigung findet; dann erhalten auch auf dich jene Worte ihre Anwendung, wenn - - - 89- dein himmlischer Bräutigam in der H. Communion zu dir kommt und spricht:„ Thu' mir auf, meine Taube." 3. Meine Unbefleckte. Die Braut im Hohenliede( 6, 1) sagt von ihrem Bräutigam: ,, Mein Geliebter ist hinab in seinen Garten gegangen, .. um in dem Garten zu weiden und Lilien zu pflücken." Da unter diesem geliebten Bräutigam im vollkommensten Sinne Jesus Christus, als Bräutigam der Seelen zu verstehen ist, so bekennt die Braut mit obigen Worten, daß der Herr ein Liebhaber reiner, unbefleckter Seelen sei und gerne bei ihnen wohne. Die Lilie ist nämlich das Sinnbild unbefleckter Reinheit. Daher ver= dient die seligste Jungfrau als Königin der Jungfrauen, d. i. aller reinen, unbefleckten Seelen, weil sie in ihrer unbefleckten Empfängniß und in ihrem unbefleckten Wandel den höchsten Grad unbefleckter Reinheit, wie ihn ein Geschöpf erreichen kann, besaß, vorzugsweise eine Lilie genannt zu werden. In diesem Sinne sagt der h. Anselmus:„ Es geziemt sich für Maria, die seligste Jungfrau, in solcher Reinheit zu glänzen, daß nach Gott eine größere sich nicht denken läßt." Wegen dieses Vorzugs wendet daher unsere h. Kirche die Worte des Bräutigams im Hohenliede( 2, 2) auf Maria an:„ Wie eine Lilie unter den Dörnern, so ist meine Freundin unter den - - 90 - - Töchtern." Mit Maria verglichen sind gleichsam alle übrigen Töchter der Menschen wie Dörner. Die unbefleckte Reinheit Mariens hatte nämlich nach dem Zeugnisse mehrerer erleuchteter Kirchenlehrer den ihr allein eigenen Vorzug, daß bei ihrem Anblicke in keines Menschen Herzen eine unreine Lust rege wurde, vielmehr im Gegentheil durch ihren Anblick jede unreine Liebe in unlauteren Seelen erstickt wurde. Deshalb sagt der h. Ambrosius: In Maria der Jungfrau war eine so hohe Gnade, daß sie nicht nur für sich die jungfräuliche Neinheit bewahrte, sondern sie auch denen mittheilte, mit welchen sie umging." Dasselbe bezeugt der h. Thomas von Villanova, wenn er sagt: Diese heilige, reine und unbefleckte Jungfrau( Maria) hatte das sie vor Anderen auszeichnende Merkmal jungfräulicher Reinheit, daß sie Alle, welche sie anschauten, so zu sagen zu Jungfrauen machte." Dieser Vorzug war und ist anderen Jungfrauen nicht vergönnt. Denn selbst heilige Jungfrauen, welche jeden unreinen Gedanken und jede unreine Begierde aus ihrem eigenen Herzen ferne hielten, waren nicht im Stande, die unreine Lust von den Herzen Anderer bei deren Anblick ferne zu halten, wie wir dies z. B. im Leben der H. Jungfrauen Agnes, Agatha und Lucia sehen. Wenn nun diese reinen, jungfräulichen Seelen die Herzen so mancher Menschen durch ihren - 91 Liebreiz gleich Dörnern verwundeten, ohne daß sie es wollten und hindern konnten, so war Maria fürwahr eine Lilie unter den Dörnern, welche unversehrt blieb und Niemand versehrte, weshalb mit Recht das Wort des h. Geistes auf sie angewendet wird:„ Wie eine Lilie unter den Dörnern, so ist meine Freundin unter den Töchtern." Daher das große Verlangen des Allerreinsten nach ihr: Thu' mir auf, meine Unbefleckte", daher die Auserwählung Mariens als unbefleckte Mutter Gottes. Mit Bezug hierauf nennt sie der h. Bischof Epiphanius in einer Rede eine unbefleckte Lilie, aus der die unverwelkliche Nose Christus entsprossen ist." Christliche Seele! auch du sollst rein und unbefleckt in dem Garten Gottes auf Erden, in seiner h. Kirche, wie eine Lilie blühen. ,, Blüthet wie die Lilie, gebet einen Geruch," spricht der h. Geist im Buche Jes. Sir. 39, 19. Der himmlische Bräutigam Jesus Christus weilt gerne unter den Lilien, wie dieß die Braut im Hohenliede( 2, 15) bezeugt: ,, Mein Geliebter ist mein, und ich bin sein: er weidet unter den Lilien." Er ist ein Liebhaber reiner Seelen, in ihnen wohnt er gerne und ergötzt sich an dem Wohlgeruche unbefleckter Reinheit. * Lilium immaculatum, quae rosam immarcescibilem genuit Christum. - 92 - Siehe daher zu, daß, wenn Er zu dir kommt in der H. Communion, um in dein Herz einzukehren, Er in Wahrheit zu dir sagen kann: Thu' mir auf, meine Unbefleckte!" Erwecke heute öfters folgenden Gebetsact: O Maria, du unbefleckte Lilie, bitte für mich, daß ich stets wie eine Lilie in unbefleckter Reinheit blühe! 6. Betrachtung für den sechsten Tag. ( 13. December.) Einziger und unbergänglicher Ruhm der seligsten Jungfrau wegen ihrer unbefleckten Empfängniss und unbefleckten Mutterschaft. Aedificatio civitatis confirmabit nomen, et super haec mulier immaculata computabitur. „ Das Erbauen einer Stadt erhält den Namen, aber ein unbeflecktes Weib wird noch darüber geschätzt." Buch Jef. Sir. 40, 19. 1. Das Erbauen einer Stadt erhält den Namen.- Diese Wahrheit findet vielfach in der Weltgeschichte ihre Bestätigung. Führen wir uns nur ein Beispiel aus dem hohen Alterthum vor. Die Stadt Alexandria in Aegypten wurde im Jahre 332 vor Christi Geburt von Alexander - 93- 1 dem Großen, König von Macedonien, gegründet und nach ihm benannt. Jahrhunderte lang war sie eine der berühmtesten und glänzendsten Großstädte des Alterthums und stand besonders als Pflegerin der Wissenschaften in hohem Ansehen. Noch jetzt ist Alexandrien von Bedeutung als die erste Handelsstadt Aegyptens und als die zweitgrößte und blühendste Stadt dieses Landes. So lebt also in dieser Stadt Alexandria ihr Erbauer oder Gründer Alerander der Große gleichsam fort, indem sein Name in ihr erhalten bleibt zugleich mit dem Andenken an manche Thaten der Ungerechtigkeit und Grausamkeit, die seinen großen Namen beflecken und den Glanz seines Ruhmes verdunkeln. Doch wie alt der Ruhm der Erbauung einer Stadt auch sein mag, es kommt die Zeit, wo er einmal vergeht; denn wie nach den Worten des Apostels die Welt vergeht", so vergeht auch Alles, was natürlich Großes auf dieser Welt geschaffen worden ist, und mit ihm aller weltlicher Ruhm. Mag der Name eines Städteerbauers oder auch eines Städteeroberers in noch so vielen Schriften, Liedern und Denkmalen gefeiert werden, er bleibt nicht ewig; denn das, was in der Welt und für die Welt Großes gethan worden, ist nicht von ewiger Dauer. Was aber für Gott und mit Gott in der Welt gethan worden ist, mag es auch noch so unbedeutend sein und 94 11 von der Welt nicht beachtet werden, das bleibt ewig; denn nachdem der Apostel geſagt hat, daß die Welt vergeht", fügt er hinzu:„ wer aber den Willen Gottes thut, der bleibt in Ewigkeit"( I. Joh. 2, 17); sein Name ist mit unauslöschlichen Zügen in das Buch des ewigen Lebens eingeschrieben und dauert auch dann noch fort, wenn der sichtbare Himmel und die Erde vergangen, und die Namen berühmter Städteerbauer und Städteeroberer längst verklungen sind. - - Darum, christliche Seele! bestrebe dich, wenn du willst, daß dein Name mit wahrem, unbeflecktem Ruhme auch nach der Zeit in Ewigkeit fortlebe, einen unbefleckten Wandel zu führen, Tugendwerke zu üben, die unbefleckt sind von allem eitlen weltlichen Ruhme; denn die Unbeflecktheit des Wandels gründet einen Namen voll des Ruhmes, gegen welchen der Ruhm eines großen weltlichen Namens nichts ist. 2. Aber ein unbeflecktes Weib wird noch darüber geschätzt.- Diese vom h. Geiste ausgesprochene Wahrheit findet sich in der H. Geschichte des alten Bundes, sowie in der Kirchengeschichte auf das Glänzendste bestätigt. Ein solch unbeflecktes Weib ist Susanna, die nach dem Zeugnisse der H. Schrift ( Dan. 13, 2) ebenso schön als gottesfürchtig war. Nicht nur widerstand sie dem unlauteren - 95 - Verlangen zweier böser Menschen, sondern sie wollte auch lieber den Tod erleiden, der ihr angedroht wurde, als in eine Sünde einwilligen und befleckt werden. Darum steht ihr Name unbefleckt in der H. Schrift verzeichnet, berühmter und gepriesener als der Name des größten Städteerbauers oder des berühmtesten Städteeroberers. Wer seine Seele beherrscht( was Susanna gethan hat, indem sie den Versuchungen Widerstand leistete), ist beſser als ein Städteeroberer."( Sprüchw. 16, 32.) Ein solch unbeflecktes Weib ist ferner Judith, welche schön und reich war, aber noch schöner und reicher durch die Tugenden eines gottesfürchtigen und unbefleckten Wandels. Durch die Rettung der bedrängten Stadt Bethulia wurde sie berühmter als so mancher große Mann, der eine Stadt erbaute oder eine Stadt eroberte. Ein solch' unbeflecktes Weib( nach dem Sprachgebrauch der H. Schrift wird„ Weib" überhaupt für eine weibliche Person, also auch für eine Jungfrau gebraucht) ist in der Geschichte unserer h. Kirche die H. Jungfrau und Martyrin Agnes, welche die Unbeflecktheit selbst schon im Namen trägt; denn Agnes heißt so viel als unbefleckt, rein, unschuldig, von dem lateinischen Wert agnus( Lamm) herstammend, weshalb sie auch mit einem Lamme als Sinnbild ihrer unbefleckten Unschuld bildlich - 96 1 dargestellt wird. Was ihr Name besagt, das zeigt sich auch in der That in ihrem Leben und Tode. Trotz aller Schmeicheleien und Drohungen, trotz aller Schmach und Pein, die man ihr anthat, bewahrte sie ihren Glauben und ihre Unschuld unbefleckt und gelangte durch den Martyrtod unbefleckt zu dem Throne des unbefleckten Lammes Jesu Christi. Ihr unsterblicher Name ist gepriesen im Himmel und auf dem weiten Erdkreise. Der H. Ambrosius ( lib. I. de virginib.) ruft begeistert aus: ,, Die Männer sollen diese h. Jungfrau Agnes bewundern, die Verehelichten über sie staunen, die Unverehelichten sie nachahmen,... deren Name nicht einmal ohne Lob ist. Ihre Frömmigkeit war über ihr Alter, ihre Tugend über die Natur, so daß es mir scheint, sie habe nicht den Namen eines Menschen gehabt." Ein solch' unbeflecktes Weib ist ferner die H. Jungfrau und Martyrin Katharina, welche in der vorerwähnten Stadt Alexandria lebte. Der Name Katharina kommt aus dem Griechischen und bedeutet ,, rein, keusch, unbefleckt". Diesem Namen ist diese Jungfrau treu nachgekommen; was ihr Name besagte, war sie auch wirklich, sie war eine reine, keusche, unbefleckte Seele. Wie Christus der Herr einstmals von Nathanael sagte: ,, Siehe, dieser ist ein wahrer Israelit!" so kann man von dieser H. Jungfrau sagen:„ Siehe, diese ist eine wahre - 97- Katharina!" An ihr haben wir den Namen und die Sache bei einander. Rein und unbefleckt bewahrte sie ihre Jungfrauschaft, rein und unbefleckt bewahrte sie auch ihren h. Glauben, den sie durch ihre große Beredtsamkeit in erstaunlicher Weise vertheidigte und durch ihren heldenmüthigen Martyriod in noch erstaunlicherer Weise bekräftigte; und so ist ihr unbefleckter Name in weit größerem und schönerem Andenken, als der Name Alexanders des Großen, der, wie wir im Eingange dieser Betrachtung gesehen haben, ihre Baterstadt Alexandria gegründet hat. Wenn nun der Ruhm eines unbefleckten Weibes nach dem Zeugnisse der H. Schrift höher geschätzt wird als der Ruhm eines Erbauers oder Gründers einer Stadt, wie überaus groß ist dann der Ruhm Mariens, jenes unbefleckten Weibes, welches von dem Erzengel Gabriel die ,, Gebenedeite unter den Weibern", d. h. die Gesegnetste und Glückseligste unter den Weibern genannt wird, und zwar im Auftrage Gottes selbst, der diesen Engel gesandt und ihm jene Worte in den Mund gelegt hat. Ja fürwahr, der Ruhm Mariens ist unter allen Menschenkindern der größte, weil sie allein unbefleckt empfangen worden und durch ihre unbefleckte Empfängniß jenes unbefleckte starke Weib geworden ist, welches der höllischen Schlange den Kopf zertreten hat. Der 7 - 98 - Ruhm Mariens ist aber auch unter allen ihres Geschlechtes der größte, weil sie die einzige ist, die mit der unbefleckten Jungfrauschaft zugleich die unbefleckte Mutterschaft vereinigt. Der H. Gregor von Nyssa ruft bei der Betrachtung dieses Geheimnisses aus: Eine Jungfrau wird Mutter und bleibt Jungfrau. Siehe! da ist eine ganz neue Ordnung der Dinge! ... So mußte es aber sein. Derjenige, welcher in die Welt kam, um die Menschen wieder in den unversehrten jungfräulichen Stand zurückzuführen, müßte selbst einen jungfräulichen Ursprung haben." In ähnlicher Weise spricht der H. Bernhard:„ Der Sohn Gottes wollte, daß Diejenige Jungfrau ſei, aus deren unbeflecktem Schoße Er unbefleckt hervorgehen sollte, um die Flecken Aller zu reinigen." 11 Mit Recht wendet daher unsere H. Kirche jene Worte des Psalmisten 86, 3 auf Maria an: Ruhmvolles wird von dir gesagt, o Stadt Gottes!" Denn in Maria hat Gott bei ihrer unbefleckten Empfängniß eine Stadt gegründet, schöner und herrlicher als die Stadt Jerusalem, welche in den Klageliedern Jerem. 2, 15, der Schönheit Ausbund, die Freude * Voluit itaque esse virginem, de qua immaculata immaculatus procederet, omnium maculas purgaturus. - 99 der ganzen Erde" genannt wird, weshalb der Bräutigam im Hohenliede 6, 3 seine Braut ( Maria) mit Jerusalem vergleicht, indem er sagt: ,, Schön bist du, meine Freundin, lieblich und reizend wie Jerusalem." Wenn Jerusalem die heilige Stadt, die Stadt Gottes genannt wurde, weil sich in ihr der Tempel befand, den Gott nicht mit seiner Wesenheit, sondern nur mit seiner Herrlichkeit erfüllte, um wie viel mehr verdient Maria eine heilige Stadt und Stadt Gottes genannt zu werden, da in ihr der Sohn Gottes selbst, der Allerheiligste, mit seiner Wesenheit wohnte. In Maria aber hat der Herr nicht eine vergängliche Stadt, sondern eine ewige Stadt mit einzigem, unvergänglichem Nuhme gegründet und dadurch seinen allerheiligsten Namen und den H. Namen Mariä für alle Zeiten und für die ganze Ewigkeit verherrlicht. Wie wir es vernommen, also haben wir es gesehen in der Stadt des Herrn der Heerschaaren, in der Stadt unseres Gottes: Gott hat sie gegründet in Ewigkeit." Psalm. 47, 9. 11 Christliche Seele! wünsche Maria von ganzem Herzen Glück zu diesem einzigen und unvergänglichen Ruhme ihrer unbefleckten Empfängniß und unbefleckten Mutterschaft! Sezze aber auch deinen einzigen Ruhm darein, einen reinen, unbefleckten Wandel zu führen, der dir einen unvergänglichen, ewigen Ruhm verleiht. 7* — 1 100 - Erwecke heute öfters folgenden Gebetsact: O Maria, durch deine unbefleckte Empfängniß und unbefleckte Mutterschaft bewahre meinen Wandel und meinen Namen unbefleckt! 7. Betrachtung für den fiebenten Tag. ( 14. December.) " 1 Die unbefleckt empfangene Jungfrau und unbefleckte Gottesmutter und Himmelskönigin Maria berlangt bon ihren Dienern einen unbefleckten Wandel. Oculi mei ad fideles terrae, ut sedeant mecum: ambulans in via immaculata, hic mihi ministrabat. all Meine Augen seien gerichtet auf die Treuen im Lande, daß sie bei mir sitzen: wer auf unbeflecktem Wege wandelt, der soll mir dienen." Psalm. 100, 6. 1. Meine Augen seien die Treuen im Lande. guter König, Gott und den Menschen angenehm; als solcher machte er auch gute Vorsäge, um sein Volk gut und glücklich zu regieren. Diese Vorsätze hat er uns selbst in seinem 100. Psalme kund gegeben, unter welchen der im vorstehenden Texte enthaltene eine Hauptstelle einnimmt. Alle seine Unterthanen - gerichtet auf David war ein - - 101 - umfaßte er in seinem wahrhaft königlichen Herzen mit väterlicher Liebe, seine Augen waren auf Alle gerichtet, Allen schenkte er seine Aufmerksamkeit, in ganz besonderer Weise aber den Treuen seines Landes, d. h. denjenigen, welche ihre Gesinnung durch Wort und That an den Tag legten und sich so als wahrhaft aufrichtig und zuverlässig gegen ihn als ihren Landesvater erwiesen. Wenn nun der König David seine Augen besonders auf die Treuen im Lande richtete, um wie viel mehr wird Maria- die Würdigste aus dem Geschlechte Davids, die Mutter Gottes und Himmelskönigin, welche alle Menschen als ihre Kinder mit mütterlicher Liebe umfaßt auf diejenigen ihre Augen voll Liebe und Barmherzigkeit richten, welche sich gegen sie und ihren göttlichen Sohn in Gesinnung, Wort und That treu erweisen. Oculi mei ad fideles terrae ,,, meine Augen sind gerichtet auf die Treuen der Erde." Das lateinische Wort » fidelis wird je nach seiner Stellung und Bedeutung bald mit„ treu", bald mit„ gläubig" übersetzt. Hier an unserer Stelle, auf Maria angewendet, treffen beide Bedeutungen zusammen. Daher sind hier unter den Treuen der Erde fideles terrae- die Gläubigen verstanden, welche der von Christus geſtisteten h. katholischen und apostolischen Kirche treu anhangen, sowohl in guten als auch in schlim- -. 102 11 - 1 men Zeiten, sowohl in Zeiten der Ruhe und des Friedens, als auch in Zeiten des Kampfes und der Bedrängniß, nicht bloß in Zeiten herrlicher Erhöhung und Freude, sondern auch und zwar ganz besonders in Zeiten der Erniedrigung, der Schmach und des Leidens. Auf diesen ruhen die Augen Mariens mit mütterlicher Freude; ihnen kommt sie zu Hilfe und erweist ihre Hilfe um so mächtiger und wunderbarer, je größer die Bedrängniß und Noth ist; denn nicht umsonst wird sie von der Kirche als»> virgo fidelis«, du getreue Jungfrau" begrüßt, weil sie allzeit gegen Gott getreu war und auch allzeit gegen die Gläubigen getren ist, indem sie ihnen Schutz und Hilfe in allen Lagen dieses Lebens angedeihen läßt. Meine Augen sind gerichtet auf die Treuen( Gläubigen) der Erde." Folgendes zeitgemäße Beispiel aus den Zeiten der Reformation vor 300 Jahren( siehe Histor.- polit. Blätter, Jahrgang 1868, Artikel die Reformation in Lindau") möge hier an dieser Stelle zur Bestätigung des Gesagten und zur Erbauung seine Verwendung finden. Es war um das Jahr 1522( also 5 Jahre nach dem Beginne der Reformation), eben um dieselbe Zeit, da ein abgefallener Ordensmann, Namens Michael Haug, in der ehemaligen Reichsstadt Lindau am Bodensee die neue Lehre zu predigen anfing, als eines Abends ein 103 Drei Schifflein auf dem spiegelglatten See der genannten Stadt ruhig entgegen glitt. Schiffer befanden sich in dem Fahrzeug und ruhten von ihrer harten Tagesarbeit aus, indem sie es dem günstigen Abendwinde überließen, der seine Segel schwellte und sie des Ruderns überhob. Allmälig jedoch umwölkte sich der Himmel, und es erhob sich vom Rheinthal her ein ungünstiger Wind. In der Ferne zeigten sich bereits schwere Gewitterwolken, der Donner ließ sich in dumpfem Rollen vernehmen, der See wurde unruhig und warf daß Schifflein hin und her. Die drei Schiffer, welche schon oft in Sturm und Wetter ge= standen und so manchen Gefahren beherzt in's Angesicht geschaut hatten, wurden diesmal etwas furchtsam, da sie ihre Lage für äußerst bedenklich hielten. Still und düster schauten sie in den stürmischen See hinaus, von dem sie jeden Augenblick verschlungen werden konnten. Endlich brach der eine das Schweigen und sagte laut: Kameraden! sonst war es Gebrauch, daß man in solchen Gefahren auf dem Wasser gebetet hat, wie es auch die Schiffsleute thaten auf dem Schiffe, in welchem der Prophet Jonas sich befand. Wohlan! wir wollen Maria um ihre Hilfe anrufen; sie hat schon so oft bedrängten Schiffern auf diesem See glücklich an's Ufer geholfen, wie mir mein seliger Vater öfters erzählt hat, sie wird 104 11 uns gewiß auch diesmal helfen." Der andere Schiffer entgegnete: Hat denn nicht der abgefallene Prediger erst am vorigen Sonntag gepredigt, daß das Gebet zu Maria und zu den anderen Heiligen unnüß sei und nur noch den Zorn Gottes herausfordere?" Der Erstere sagte: ,, Auch ich habe seine Predigt gehört, aber ich habe mein Bestes gedacht, und ich glaube, wenn dieser abgefallene Prediger jetzt bei uns wäre in dieser Gefahr, dann würde es ihm ganz anders zu Muthe werden, sein Lästermund würde verstummen, die Noth würde ihn wieder ordentlich beten lehren, er würde die Hände falten und Maria um ihren Schutz und Beistand anrufen." Auf einmal wurde dieses Zwiegespräch unterbrochen, indem ein plötzlicher Windstoß daher fuhr und die Segelstange krachend zerbrach. Die drei Schiffer aber, welche unter ihrem rauhen Neußern ein gutes, treues Herz hatten, in dem noch katholisches Leben war, riefen wie mit einer Stimme: O Maria, die du von der Kirche als Himmelskönigin und Stern des Meeres begrüßt wirst, bitte für uns und hilf uns in dieser Gefahr!" Sie kamen wie durch ein Wunder glücklich an's Ufer, und am anderen Morgen sah man in der Liebfrauenkirche zu Lindau diese drei Schiffer vor dem Altare der Mutter Gottes knieen voll freudigen Dankes; denn nur der Fürbitte und Hilfe Mariens glaubten sie - 105 1 in der vorausgegangenen ihre Rettung zu verdanken. Schiffer den Muttergottesaltar verließen, reichten sie einander die Hände und schlossen einen Bund für Lebenszeit, dem katholischen Glauben treu zu bleiben, Maria treu zu verehren und in allen Nöthen und Gefahren anzurufen. Sie gaben damit deutlich zu erkennen, daß die Treue gegen die h. Kirche, unsere Mutter auf Erden, und die Treue gegen Maria, die H. Mutter Gottes und unsere Mutter im Himmel, unzertrennlich mit einander verbunden sind. Waren die Augen der Himmelskönigin auf diese drei getreuen Männer in der Gefahr voll Erbarmen gerichtet, so waren sie nun, wo jene den Bund der Treue vor dem Altare schlossen, mit um so größerer Freude, Liebe und Erbarmung auf sie gerichtet. Meine Augen sind gerichtet auf die Treuen( Gläubigen) der Erde." Siehe, christliche Seele! welch' mächtiger Beweggrund liegt in dieser Begebenheit, stets treu zu deiner H. Kirche, deiner Mutter auf Erden, und zu Maria, deiner Mutter im Himmel, zu halten! Schließ dich im Geiste dem Bunde dieser drei Männer, dem Bunde der Treuen, an, indem du das Versprechen machst vor dem Bilde der unbefleckten Empfängniß Maria, deinen h. katholischen Glauben rein und unbefleckt zu bewahren und durch einen unbefleckten Wandel sowie durch eine schrecklichen Nacht Bevor die drei - 106 - - findlich reine Andacht zur unbefleckten Jungfrau und Gottesmutter Maria alle Tage deines Lebens zu bethätigen, und Maria wird auch auf dich im Leben und im Tode ihre Augen gerichtet halten. Meine Augen sind gerichtet auf die Treuen( Gläubigen) der Erde." 11 2. Daß sie bei mir sitzen. Der König David gibt mit diesen Worten zu erkennen, daß er nur Solche, welche Gott und ihrem Fürsten tren sind, zu seinen beisitzenden Räthen haben wolle. Er wußte es wohl, daß die Treue gegen Gott stets verbunden ist mit der Treue gegen den Fürsten als Stellvertreter Gottes, und daß demnach diejenigen Rathgeber und Diener, welche den Bund mit Gott, nämlich die h. Religion, nicht treu halten und keine Gottesfurcht besitzen, auch nie und nimmer treue, redliche Rathgeber und Diener sein können, sondern nur Heuchler und Schmeichler. Daher waren seine Augen auf diejenigen als seine Näthe gerichtet, welche Gott und dem Gesetze tren waren. - Maria, die Königin des Himmels, bedarf nicht der Beihilfe menschlicher Weisheit, denn sie ist ja der Sitz der Weisheit", wie sie von der Kirche begrüßt wird, sie bedarf daher auch keines menschlichen Rathes, vielmehr ist sie die Mutter vom guten Rathe, als welche sie von ihren Kindern verehrt wird, weil sie die Gnadengaben des H. Geistes, also auch die Gabe des Rathes, in Fülle empfangen hat, 107 weshalb auch auf sie die Worte der H. Schrift ( Sprüchw. 8, 14) angewendet und ihr gleichsam in den Mund gelegt werden: Bei mir ist Rath."- Wenn also Maria will, daß die Treuen( Gläubigen) bei ihr sizzen, so will sie damit für's erste, daß dieselben hienieden mit ihr geistigen vertrauten Umgang pflegen, sich oft und gerne bei ihr vor ihren Bildnissen und Altären einfinden und aufhalten, und in allen Anliegen und Nöthen ihren Nath und ihre Hilfe in Anspruch nehmen. Glückselig diejenigen, die in dieser Weise bei Maria, der Gnadenpforte durch welche Jesus der Urheber der Gnaden zu uns gekommen ist, und durch welche Er auch seine Gnaden zu uns gelangen lassen will- sitzen, sie gehen nicht ohne Gnaden von ihr hinweg. Daher legt ihr die Kirche die Worte der h. Schrift ( Sprüchw. 8, 34 und 35) in den Mund: 1 Glückselig der Mensch, der an meiner Pforte wachet Tag für Tag, und meiner wartet an der Schwelle meiner Thüre. Wer mich findet, findet das Leben." Wenn Maria, die Himmelskönigin, will, daß die Treuen( Gläubigen) bei ihr sitzen, so will sie damit für's zweite, daß dieselben einstens im Himmel bei ihr seien und an ihrer Herrschaft in dem Maße Antheil nehmen, als sie hier auf Erden ihr treu gedient haben. Diese mehrfache Bedeutung: ,, sich irgendwo befinden, aufhalten, Umgang pflegen, Antheil 108 nehmen, herrschen" hat das Wort„ siken" in der H. Schrift, und diese Bedeutungen treffen sämmtlich an unserer Stelle hier in Anwendung auf Maria zu. Mögen sie, christliche Seele! auch bei dir sämmtlich zutreffen, hier auf Erden in deiner treuen Andacht und Liebe zu Maria, und im Himmel in der ewigen Belohnung deines treuen Dienstes zur Wahrheit werden! Daß dieses geschehe, darauf seien stets deine Augen gerichtet, und die Augen Mariens werden auch auf dich stets gerichtet sein! Meine Augen sind auf die Treuen ( Gläubigen) gerichtet, daß sie bei mir sitzen." 3. Wer auf unbeflecktem Wege wandelt, der soll mir dienen.- Die Könige und Königinnen der Erde sind darauf bedacht, daß ihre Beamten und Diener sich eines guten, unbefleckten Rufes erfreuen und ihren Dienst tadellos versehen; diese Bedachtsamkeit ist um so größer, je gottesfürchtiger ein König oder eine Königin ist. Daher war es auch der Grundsatz des Königs David, daß nur solche ihm dienten, welch eines unbefleckten Wandels waren. Um wie viel mehr sieht Maria, die unbefleckt empfangene und allzeit unbefleckte Himmelskönigin, darauf, daß alle diejenigen, die in wahrer Andacht, Liebe und Verehrung ihr dienen wollen, ein standesmäßig keusches, reines, unbeflecktes Leben führen. Wie sie, die niemals mit der geringsten Sünde behaftet - - - 109 1 war, nichts mehr verabscheut als gerade jene Sünde, welche den ganzen Menschen am meisten befleckt, die Sünde der Unlauterfeit, so liebt sie auch, sie, die reich ist an allen Tugenden, als unbefleckte geistliche Lilie, unter den Tugenden diejenige am meiſten, welche durch die Lilie versinnbildet wird, nämlich die Keuschheit, die unbefleckte Reinheit. Wie ihr himmlischer Bräutigam weidet auch sie gerne unter den Lilien, unter reinen, unbefleckten Seelen. Wer auf unbeflecktem Wege wandelt, der soll mir dienen." Willst du daher, christliche Seele! ein wahres Marienkind sein, willst du ihr mit Wohlgefallen dienen, so liebe und pflege sorgsam die standesmäßige Keuschheit, bewahre rein und unbefleckt dein Herz mit seinen Gedanken und Neigungen, bewahre rein und unbefleckt deinen Leib mit seinen Gliedern und Sinnen; und hinwiederum, willst du die Keuschheit bewahren und unbefleckten Weges wandeln bis zum Tode, diene der unbefleckten Himmelskönigin treu; denn ihr Dienst macht den Wandel unbefleckt, erhält und bewahrt die Unbeflecktheit und führt zu einem herrlichen Lohne unbefleckten Wandels: O wie schön ist ein feusches Geschlecht in seinem Glanze! denn unsterblich ist sein Andenken, und bei Gott und bei Menschen ist es anerkannt. Ist es gegenwärtig, so ahmet man ihm nach; entzieht es sich den Augen, - 110 so sehnet man sich darnach; und ewig triumphirt es mit der Siegeskrone, und trägt den Lohn für die Kämpfe unbefleckter Reinigkeit davon."( Weish. 4, 1 und 2.) Erwecke heute öfters folgenden Gebetsact: Dunbefleckt empfangene und allzeit unbefleckte Himmelskönigin, bitte für mich, auf daß ich dir stets mit unbe flecktem Wandel diene! bilmid 8. Betrachtung für den achten Tag. Schluß des Festes der unbefleckten Empfängniß Mariä. ( 15. December.) i tholisch Darbringung eines unbefleckten Opfers zum Danke für die der seligsten Jungfrau in ihrer unbefleckten Empfängniss berliehenen Gnaden. Die octavo assumet duos agnos immaculatos. Am achten Tage soll er zwei unbefleckte Lämmer ( zum Opfer) nehmen." " 1 III. Mos. 14, 10. dal bygdearur'ndag 1. Am achten Tage.- Sowohl in der H. Schrift als auch im Leben der Kirche wird die Zahl acht" als eine vollkommene Zahl betrachtet. Demgemäß wurden schon im alten Bunde gewisse Feste, um sie möglichst feierlich und vollkommen zu begehen, dem von Gett - 111 11 gegebenen Gesetze gemäß acht Tage hindurch gefeiert. So verordnete der Herr z. B. bezüglich des Laubhüttenfestes: Der erste Tag soll hochfestlich und hochheilig genannt werden: kein knechtlich Werk sollt ihr da thun. Und sieben Tage sollt ihr Opfer dem Herrn bringen, und der achte Tag soll hochfestlich und hochheilig sein und sollet ein Opfer dem Herrn bringen; denn es ist ein Tag der Zusammenkunft und Versammlung."( III. Moj. 23, 35 und 36.) So wurde ferner dem Gesetze gemäß am achten Tage die Ceremonie der Beschneidung vorgenommen, durch welche der Israelite ein wahrer Nachkomme des Patriarchen Abraham wurde, zu dem der Herr sprach, bevor Er den Bund mit ihm einging und die Beschneidung mit in den Bund als Bundeszeichen aufnahm: Wandle vor mir und sei vollkommen."( I. Mos. 17, 1.) Ebenso war es dem Gesetze gemäß vorgeschrieben, daß der mit dem Aussatze Behaftete am achten Tage ein makelloses Opfer zur vollkommenen Reinigung darbrachte. Christus der Herr selbst heiligte die Zahl acht" durch den Vortrag der acht Seligkeiten, welche die Vollkommenheit eines wahren Jüngers Jesu bedingen, weshalb der h. Augustinus in einer Nede über die Bergpredigt von der achten Seligkeit sagt: ,, Dieſe achte Sentenz kehrt zur ersten zurück( ihrer ist das Himmelreich) und erklärt den Menschen " 1 - 112 als vollkommen." Diese Zahl, acht" gebraucht auch die Kirche bei der Feier der Hauptfeste theils im stillen privaten, theils im öffentlichen Gottesdienste( z. B. Frohnleichnamsoctav), um sowohl die Priester als die Gläubigen an die möglichst vollkommene Begehung des Festes zu erinnern, deren eigentliche Wirkung die eigene persönliche Vervollkommnung sein soll. So hat auch das Fest der unbefleckten Empfängniß Mariä eine Octav, d. i. eine Feier von acht Tagen, an deren Schlusse wir heute angekommen sind, und dieser achte oder Schlußtag des Festes ist für dich, christliche Seele! eine Mahnung, diese vollkommene Feier des Festes der vollkommensten aller Jungfrauen und Mütter mit dem Entschlusse einer möglichst vollkommenen Nachahmung des unbefleckten Lebens Mariä zu beschließen. 2. Soll er zwei unbefleckte Lämmer ( zum Opfer) nehmen. Im alten Bunde mußten die Opferthiere, deren Darbringung einen Haupttheil des äußeren Gottesdienstes nach dem Levitischen Gesetze bildete, unbefleckt, d. h. ohne Fehler, tadellos sein, auf daß das Opfer( dem Herrn) angenehm sei", wie es im dritten Buche Mof. 22, 21 heißt. Diese Forderung wird an vielen Stellen der H. Schrift des A. T. in. Erinnerung gebracht. Wozu wohl wird so oft darauf aufmerksam gemacht? Wohl aus keinem anderen Grunde, - 113 als um damit für's erste zu erkennen zu geben, daß es sich durchaus nicht gezieme, Gott dem Allerreinsten etwas Unreines, Makelhaftes als Opfergabe darzubringen, und für's zweite die hohe Bedeutung zu erklären, welche die Opferthiere als Vorbilder des unbefleckten Opfers Jesu Christi hatten; denn als Vorbilder mußten sie ebenfalls in gewissem Grade unbefleckt sein. Unter den Opferthieren waren aber die Lämmer die bevorzugtesten wegen ihrer natürlichen guten Eigenschaften, besonders wegen ihrer Unschuld, Geduld und Sanftmuth, weshalb sie auch vorzugsweise das Vorbild Jesu waren, der sich als das erhabenste Muster der Geduld und Sanftmuth in seiner reinsten und heiligsten Unschuld, gleich einem Opferlamme, als das Lamm Gottes zum Versöhnungsopfer für die Sünden der Welt schlachten ließ. Lämmer wurden daher im alten Bunde häufig als Opfer dargebracht und zwar täglich am Morgen und am Abend, wie es im Gesetze befohlen war( II. Mos. 29, 38 ff.). Außerdem wurden auch Lämmer als Opfer dar= gebracht am Passahfeste und mehreren anderen Festen und Gelegenheiten. Wenn nun der Herr schon im alten Bunde unbefleckte Opfergaben verlangte, um wie viel mehr verlangt Er sie im neuen Bunde, der durch das Opferblut des unbefleckten Lammes Jesu Christi eingeweiht wurde. - 8 - 114 - Christliche Seele! auch du sollst heute am achten Tage der Festfeier Gott dem Herrn zum Danke für die ausgezeichneten Gnaden, welche Er der seligsten Jungfrau in ihrer unbefleckten Empfängniß verliehen hat, ein zweifaches unbeflecktes Opfer bringen. Was meinst du wohl, was dieses für ein Opfer sei? Es ist das Opfer eines reinen, unbefleckten Herzens; denn der Herr verlangt vor Allem das Herz.„ Gib mir, mein Sohn, dein Herz." Sprüchw. 23, 26. Mit diesem Opfer eines unbefleckten Herzens verbinde das Opfer eines reinen, keuschen, unbefleckten Leibes; denn wie das Herz und der Leib im natürlichen Leben mit einander verbunden sind, so sollen sie auch im übernatürlichen Gnadenleben als unbefleckte Opfergaben mit einander verbunden sein. Da aber diese Opfergaben, mögen sie für sich betrachtet noch so vollkommen sein, vor dem unendlich vollkommenen Herrn doch unvollkommen erscheinen, so ersetze das Mangelnde dadurch, daß du das Opfer deines Herzens und deines Leibes dem Herrn darbringst in Vereinigung mit dem Opfer des unbefleckten Lammes Gottes Jesu Christi, der sich am Kreuze blutig geopfert hat und sich in der H. Messe fortwährend unblutig opfert, sowie in Vereinigung mit dem Opfer und den Verdiensten der unbefleckt empfangenen und allzeit unbefleckten Jungfrau Maria, welche von dem h. Bischof 115 Epiphanius( orat. de laudib. B. M. V.) ebenfalls ein unbeflecktes Lamm genannt wird, indem derselbe ausruft: O heilige Gottesgebärerin, unbeflecktes Lamm, das du das aus dir Fleisch gewordene Wort Christus das Lamm geboren hast!"* Maria hat sich in ihrer zartesten Jugend im Tempel dem Herrn als unbeflecktes Lamm dargestellt und ge= opfert, und auf dem Calvarienberge unter dem Kreuze des unbefleckten Lammes Gottes hat sie als unbeflecktes Lamm in Geduld und Gottergebenheit ihr Opfer mit dem ihres göttlichen Sohnes vereinigt und vollendet. Mit diesem Opfer Christi, des unbeflecktesten Lammes, und mit dem Opfer Mariä, des unbefleckten Lammes, vereinige, christliche Seele! ganz besonders heute das Opfer eines unbefleckten Herzens und eines unbefleckten Leibes als Dankopfer; denn so beschließest du auf die beste und Gott wohlgefälligste Weise das Feſt der unbefleckten Empfängniß Mariä. Am achten Tage nimm zwei unbefleckte Lämmer( zum Opfer)." Erwecke heute öfters folgenden Gebetsact: O unbefleckt empfangene Jungfrau, du wahrhaft unbeflecktes Lamm, gib, daß * O sancta Deipara, ovis immaculata, quae Verbum ex te incarnatum Agnum Christum peperisti. 8 - 116 - von heute an mein Herz und mein Leib als unbefleckte Opfergaben deinem göttlichen Sohne und Dir stets angehören! ( 1 Mit Gottes Beistand haben wir die Betrachtungen zum Schlusse geführt und damit den geistlichen Lilienkranz vollendet. Wir wollen daher nun auch Gott die Ehre geben, indem wir die beiden Schlußverse 24 und 25 des Briefes des h. Apostels Thaddäus als Schluß unserer Betrachtungen hierher seßen: " Ihm," der euch ohne Sünde „ bewahren und vor das Angesicht seiner Herrlichkeit unbefleckt und mit Freuden stellen kann bei der ,, Ankunft unseres Herrn Jesu Christi, " Ihm," spos 11 dem alleinigen Gott, unserem Erlöser durch Jesum Christum unseren ,, Herrn, sei Ehre und Preis, Macht und Gewalt vor „ aller Zeit, jetzt und in alle ,, Ewigkeit." Amen!" - 117 Den mit obigem Spruche gezierten geistlichen Lilienkranz wollen wir nun, christliche Seele! der unbefleckt empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria mit folgendem Lobgesang überreichen: 1. Jungfrau, unbefleckt empfangen, Von der Gnaden Glanz umfangen, Himmels Freud', der Hölle Bangen! 2. Engel sich herniederschwingen, Dir des Himmels Grüße bringen, Deinen hehren Ruhm befingen: 3. Sei gegrüßt, du Makellose! Deinem reinen Lilienschoße Soll entblüh'n die Christusrose. 4. Mutter, unbefleckt empfangen, Nun vom Glorienglanz umfangen, Deiner Kinder heiß' Verlangen! 5. Mächt'ge Mutter, makellose, Satans Haupt dein Fuß zerstoße, Still' der Hölle Machtgetose! 6. Gib der Kirche Ruh' und Frieden, - Kostbar Gut für uns hienieden- Wie es Gottes Will' beschieden! 118 7. Reinste Mutter, woll' behüten Uns vor Sünd' und falschem Frieden! Uns, die diesen Kranz dir bieten. 8. Schönster Schmuck an Gottes Throne, Reinste Lilie, gib zum Lohne Einstens uns die Lilienkrone! Jonida grato Franz Berg. nijed omandad soft Vorwort. 119 Inhalt. Seite. V Erster Theil. Betrachtungen für die neuntägige Vorbereitungsandacht auf das Fest der unbefleckten Empfängniß Mariä 1 1. Ein unbefleckter Wandel bereitet zeitliche und ewige Seligkeit 1 2. Das Gesetz des Herrn ist unbefleckt, befiehlt und gibt die Unbeflecktheit. 8 3. Gott kann den Menschen rein von Sünden, unbefleckt bis in den Tod bewahren. 4. Das unbefleckte Opfer Christi verlangt vom 15 Christen das Opfer eines unbefleckten Lebens 20 5. Gott verlangt eine reine Verehrung und einen unbefleckten Dienst durch unbefleckte Bewahrung vor der Welt 6. Die göttliche Anerkennung des unbefleckten Wandels. 7. Die göttliche Verheißung einer neuen Ordnung der Dinge ist eine Mahnung zur Unbeflecktheit des Wandels 8. Die unbefleckte Kirche Christi verlangt Unbeflecktheit ihrer Glieder 9. Die Seligkeit der Unbefleckten in der triumphirenden Kirche.. Zweiter Theil. Betrachtungen für die Octav des Festes der unbefleckten Empfängniß Mariä. 25 31 39 43 50 55 — 120 Seite. 1. In der unbefleckten Empfängniß Maria offenbart sich in ganz besonderer Weise die Macht und Herrlichkeit Gottes. 2. Die makellose Schönheit Mariens in ihrer unbefleckten Empfängniß. 3. Maria gibt in ihrer Demuth Gott allein die Ehre für die Unbeflecktheit ihrer Empfängniß und ihres Wandels.. 55 65 73 4. Großes Verlangen der unbefleckten Jungfrau Maria nach der Ankunst des Erlösers, und ihre diesem Verlangen entsprechende große Achtsamkeit auf die Unbeflecktheit ihres Wandels 79 5. Die unbefleckte Reinheit Mariens in Verbindung mit ihrer tiefen Demuth und ihrem großen Verlangen nach dem Erlöser sind die Ursache der innigsten Verbindung desselben mit ihr im Geheimnisse der Menschwerdung. 6. Einziger und unvergänglicher Ruhm der seligsten Jungfrau wegen ihrer unbefleckten Empfängniß und unbefleckten Mutterschaft 7. Die unbefleckt empfangene Jungfrau und unbefleckte Gottesmutter und Himmelskönigin Maria verlangt von ihren Dienern einen unbefleckten Wandel. 8. Darbringung eines unbefleckten Opfers zum Danke für die der seligsten Jungfrau in ihrer unbefleckten Empfängniß verliehenen Gnaden 110 Schlußhymnus 117 85 92 100 Inches 1 Centimetres Blue 2 3 4 Cyan 2 5 41+ 4, 6 3 Farbkarte# 13 Green 8 Yellow 9 4 10 Red 11 12 LO 5 13 Magenta 14 6 () 15 White 16 17 7 3/ Color 18 19 B.I.G. Black