Gb 1550 + Stahlstich v Carl Mayer's Kunst- Anstalt in Nürnberg Glaube, liebe, hoffe! Jesus Licht 雙 fer Carte Gebet- u. Erbauungsbuch Für aufgeklärte katholische Christen Yon M. BRUNNER, weiland Pfarrer zu Tiefenbach. WINTERBERG, Verlag von J. Steinbrener. ma RR Jelus das icht der Welt. Ein Bebet- und Erbauungsbuch für gebildete katholische Christen. Von J. Brunner, weiland Pfarrer zu Tiefenbach. Bweite Auflage. Winterberg. Berlag von J. Steinbrener. Go 1550 Univ.- Bibl. Giessen Vorerinnerung. an hat schon oft die Frage aufgeworfen, warum die christliche Religion nicht so viel Nutzen stifte, als sie gemäß ihres Zweckes und ihrer Vortrefflichkeit stiften sollte und könnte Das Evangelium Jesu Christi ist so reine, so heitere Wahrheit; und doch so viel Irrthum- so viel Aberglauben in den Religionsbegriffen der Verehrer desselben? Die christliche Sittenlehre ist dem in uns wohnenden Sittengesetze, den Bedürfnissen, den Wünschen des menschlichen Herzens so ganz angemessen; sie knüpft durch Bruderliebe das Band der bürgerlichen Gesellschaft so enge und so sanft zusammen; sie ist für jeden Menschen, in jedem Stande und in jeder Lage eine unerschöpfliche Quelle des Unterrichtes, des Trostes, der Freude, der Beseligung- und doch zählt man allenthalben unter den Bekennern des 1* 4 Christenthums so viele unerleuchtete, unzufriedene, traurige, freudenlose, unglückliche Menschen. Es lassen sich hievon mancherlei Ursachen angeben, die aber keineswegs in der christlichen Religion selbst aufgesucht werden dürfen. Ein recht großer Theil der Christen hat von den wichtigsten und wohlthätigsten Lehren des Christenthums sehr schiefe, ganz falsche Vorstellungen. Das Volk klebt an nichts bedeutenden Nebendingen, und vernachlässigt die Hauptsache; verwechselt die Mittel mit dem Zwecke; bürdet sich Lasten auf, von denen die freie Christusreligion nichts weiß( Joh. 8, 32; 2. Kor. 3, 17); schüttelt hingegen leichtsinnig das Joch des Evangeliums ab, welches( den Vernünftigen) nicht drückt, sondern den Lebensgenuß versüßt, zur Tugend und Glückseligkeit führt. Hierin liegt ein Hauptgrund, warum der gute Same christlicher Religionswahrheiten so oft erstickt wird, so oft keine oder doch nicht so reiche und schöne Früchte bringt, als man von ihrer inneren Güte erwarten sollte. Besonders irrig, schädlich und des Christenthums unwürdig sind die Begriffe vom Gebete, welche man bei vielen Christen bei Volkslehrern antrifft! Da uns fast nichts so geläufig ist als das Beten, wozu wir schon in unserer ersten Jugend angehalten wer— 5 den, und da man uns den halb wahren und halb falschen Grundsatz tief eingeprägt hat, daß beim Gebete alles auf eine gute Meinung ankomme- so hält es schwer, das Fehlerhafte in unseren Gebeten nur zu bemerken, noch schwerer, es zu verbessern. Indessen werden die seligen Wirkungen der Religion Jesu und ihr mächtiger Einfluß auf das ganze Verhalten des Menschen durch nichts so sehr gehemmt als durch die Mängel des Gebetes, ditrch die verkehrten, vernunftund bibelwidrigen Vorstellungen, welche wir uns von dem höchsten Weſsen und unsern Verhältnissen zu ihm machen. Darum wird eine kurze Abhandlung, worin gemeinverständlich erklärt ist, was beten heiße, wie und um was man beten und nicht beten müsse, was das Gebet für eine Kraft habe u. s. w. hier nicht am unrechten Orte stehen; ja es wird gewiß von großem Nußen und durchaus nöthig sein, diese Abhandlung, ehe man noch einen Blick in das Gebetbuch selbst wirft, mehr denn einmal mit Aufmerksamkeit zu lesen und zu beherzigen. Ist man schon zum Voraus mit den hier aufgestellten Grundsätzen vertraut und von ihrer Wahrheit durchdrungen, so müssen die nachfol genden Gebete und Betrachtungen einen stärkeren und dauerhafteren Eindruck machen, weil dieselben Grundsätze darin wiederholt, näher entwickelt und angewen= 6 det werden, weil überhaupt das ganze Gebetbuch nach denselben abgefaßt ist. Also was heißt beten? was ist das Gebet? Das Gebet besteht in wahren, würdigen und lebhaften Vorstellungen von Gott und seiner Vaterliebe gegen die Menschen, seine Kinder, wodurch vernünftige Gesinnungen, fromme Empfindungen und heilsame Entschließungen in dem Herzen erweckt und erhalten werden. Wenn ich ernstlich und wahrhaft bete, so reißet sich mein Geist gleichsam von der Erde und allem Irdischen los, und nimmt den höchsten Schwung, welchen nur immer seine Kräfte gestatten; ich erhebe mich auf den Flügeln der Andacht bis in den Himmel; ich mache mir die erhabensten Vollkommenheiten Gottes seine Allmacht, Weisheit, Vatergüte- durch die Betrachtung der Werke Gottes anschaulich, und erwärme, veredle dadurch mein betendes Herz. Ich überdenke, wie Millionen Menschen, meine Brüder, in jedem Augenblicke alles Gute, was sie besitzen und genießen, von Gott, von ihrem allgütigen Schöpfer und Vater erhalten; ich betrachte auch mich als ein Mitglied dieser unübersehbaren Gesellschaft, als ein Kind aus dieser einzigen Brüderfamilie. Ich werde voll Demuth gegen die liebreiche Gottheit; ich - erkenne meine gänzliche Abhängigkeit von ihr, fühle mich aber selbst in dieser Abhängigkeit groß, und noch größer durch meine Bestimmung, der Gottheit durch sittliche Güte ähnlich zu werden. Jetzt entweichen alle niedrigen und menschenfeindlichen Neigungen aus meinem Herzen; ich fasse die edelsten Vorfäße, und bin voll Kraft, sie auszuführen. Alle Sorgen, aller peinigende Kummer über trübe Aussichten in die Zukunft verschwindet; Ruhe und Heiterkeit ergießt sich in meine dankbare Seele; ich werde meines Lebens froh, und fange an, das mannigfaltige Gute, welches ich aus der freigebigen Hand des himmlischen Vaters erhalten habe, mir lebhaft vor Augen zu stellen. Da sehe ich mich denn ungleich reicher und glücklicher als ich bisher geglaubt habe; ich finde mich unendlich reich und glücklich in der Ueberzeugung, daß mein Vater der Herr der Welt es mir an keinem wahrhaft Guten je fehlen lassen könne. Mit Freuden genieße ich nun das mich umgebende Gute, und voll göttlichen Antriebes verbreite ich auch um mich her Wohlfahrt und Glückseligkeit nach allen meinen Kräften. - 7 - Diese Gedanken und Empfindungen sind die Seele des Gebetes; das heißt sein Gemüth zu Gott erheben, sich mit Gott unterhalten, mit Gott reden oder beten. 8 Da man sich aber die Vollkommenheiten Gottes und unsere Verhältnisse zu denselben auf verschiedene Weise vorstellen kann, so bekommt das Gebet auch verschiedene Benennungen. Wenn ich mir die Größe und Erhabenheit Gottes lebhaft denke, meine Niedrigkeit mit dem Unendlichen vergleiche, meine und aller Geschöpfe Abhängigkeit von dem allmächtigen Alleinherrscher empfinde; wenn ich dann Ehrfurcht gegen ihn fühle, und den ernstlichen Entschluß fasse, ihm den vollkommensten Gehorsam zu leisten so bete ich Gott an; mein Gebet heißt Anbetung, Lob Gottes. Beschäftige ich mich mit den Vorstellungen der unbegrenzten Güte Gottes, welche alle Augenblicke unnennbar viele Wohlthaten auf mich und auf die ganze Schöpfung ausgießet: werde ich durch diese Betrachtungen mit meiner Lage, mit meinen Schicksalen, mit allen Anordnungen der Vorsicht zufrieden; vermehrt sich mein Muth, auch alle künftigen Beschwernisse des Lebens standhaft zu ertragen- so danke ich Gott; mein Gebet heißt Dankgebet. Betrachte ich Gott als den gemeinschaftlichen Menschenvater, und setze das zuversichtlichste, kindlichste Vertrauen auf seine Güte; suche ich mir den wichtigen Gedanken: Alles, was geschieht, ist Verhängniß einer höhe- 9 ren väterlichen Weisheit, recht bekannt und werth zu machen; stimmt dieser Gedanke mein Gemüth zum vernünftigen Genusse der wirklich vorhandenen Freuden und zur geduldigen Ertragung unvermeidlicher Uebel; verlange ich vom Vater der Welt mancherlei Gutes und die Abwendung des Bösen( jedoch immer mit völliger Hingebung in seinen heiligen Willen), so heißt mein Gebet Anrufung Gottes, Bittgebet. Wenn ich nun den Allvater um seinen Segen, um Abwendung des Uebels nicht nur für mich, sondern auch für andere Menschen bitte, so heißt dieses Bittgebet- Fürbitte. Sie gründet sich auf Bruderliebe; denn es ist natürlich, daß man für diejenigen, welche man liebt, Gutes wünschet, ihre Besserung und ihre Zufriedenheit verlangt. - Nach dieser Erklärung der verschiedenen Gebetsarten ist es sehr leicht einzusehen, daß sie im Grunde und im Wesentlichen nicht von einander unterschieden sind, sondern daß eine auf die andere führt und eine in die andere fließt; daß folglich jedes Gebet Vorstellung von Gott und Sprache des Herzens mit Gott sei, und daß derjenige gar nicht beten könne, welcher nicht gewohnt ist, über Gott und über sich selbst nachzudenken, woraus denn die Nethwendigkeit eines frühzeitigen und gründlichen Religions- Unterrichtes 10 ( religiöser Aufklärung) von selbst in die Augen leuchtet. Es ist auch jetzt sehr leicht zu begreifen, worin der wahre Zweck, die Wirkung, die Kraft des Gebetes bestehe. Durch das Gebet wird Tugend und Rechtschaffenheit unter den Menschen ausgebreitet. Das Gebet macht den Menschen mit dem Gedanken an Gott, an seine Heiligkeit, Weisheit, Liebe, Wohlthaten und Vorsehung vertraut; dieser Gedanke, wenn er oft und lebhaft gedacht wird, bleibt uns stets gegenwärtig, und treibt uns bei jeder Gelegenheit an, gut, edel und gemeinnützig zu handeln. Dadurch erhält unser Glaube an Gott eine unerschütterliche Festigkeit, und eben dieser Glaube wird alsdann der stärkste Beweggrund zu jeder Tugend. Wenn ich recht, im Geiste und in der Wahrheit bete, so betrachte ich Gott als den Urheber der ganzen Schöpfung; ich betrachte mich als einen Theil derselben, dem gewisse Kräfte zugemessen sind, an seiner eigenen sittlichen Vervollkommnung zu arbeiten und das allgemeine Wohl, die gemeinschaftliche Glückseligkeit, mit welcher meine eigene innigst verbunden ist, befördern zu helfen. Wie dieſe Vorstellungen von der sanften Regierung Gottes und seinen väterlichen Absichten, sollten mein Herz nicht bessern, nicht zur Rechtschaffenheit bilden? 11 Das Gebet ist das kräftigste Mittel, die ersten sündhaften Neigungen zu unterdrücken. Wer dem ersten Gedanke der Sünde durch das Gebet entgegengeht, wird nicht leicht unterliegen; denn das Gebet verstärkt die Beweggründe zum Guten, und schwächt, entkräftet die Scheingründe, die Reizungen der Sünde. Mein Vorsatz, der Tugend treu zu bleiben, wird immer ernster, inniger, fester, wenn ich ihn vor Gott mache, den ich mir durch mein lebhaftes Andenken an ihn vergegenwärtige. Und wie muß mich nicht die Erinnerung: du hast den Vorsatz, gut zu sein, unter den Augen Gottes gemacht, abschrecken, ihn zu brechen? Das Gebet erzeugt und erhöht die Liebe Gottes und die Menschenliebe. ,, Gott ist die Liebe; er ist der Vater der Geschöpfe; er ist die Quelle alles Guten; er kann nichts wollen als das Gute, das Glück und die Zufriedenheit aller lebenden Wesen; die Menschen nähern sich der Gottheit, wenn sie Gutes, wie Gott, thun. Die Menschen sind Brüder, sie müssen einander lieb und theuer sein; ein gemeinschaftliches Band des Blutes knüpft sie an einander; weder Religion noch Vaterland soll zwischen ihnen eine Scheidewand machen! Der Jude ist ein Bruder des Heiden; der Heide ein Bruder des Christen. Alle stehen 12 unter Einem Vater im Himmel; Alle liebt dieser Vater; Alle sollen einander lieben, weil sie Brüder, weil sie geliebte Kinder Gottes sind. Gott ist die Liebe, und der Menschen Pflicht ist Liebe." Dieſe Wahrheiten beherzigt der betende Mensch, beherzigt sie vor Gott, im vertrauten Umgange mit Gott; wie ist es möglich, daß sein Herz dabei kalt, eigennützig, rachsüchtig liebeleer bleibe? Wir sollten die Liebe nicht wieder lieben? Nein! wir sind nicht fähig, Gott vorsätzlich zu belügen, wenn wir für unsere Brüder, für Kinder, Eltern, Gatten, Freunde und Feinde beten. Das Gebet gibt unserer Menschenliebe neue Kraft, neue Wärme. Die Fürbitte für die Obrigkeiten und für alle Menschen, die mit uns in einer gemeinschaftlichen Verbindung leben, stärkt und vermehrt unsere Gewissenhaftigkeit in Beobachtung der gesellschaftlichen Pflichten, und erhebt unsere Gesinnungen zur gemeinnüßigen Großmuth. Wenn wir auch noch zur Stunde des Gebetes an das Gute denken, das uns durch die bürgerliche Gesellschaft zugetheilt wird, so werden wir geneigter, die gemeinen Lasten mitzutragen, und uns den Landesgesetzen gewissenhaft zu unterwerfen. Wer recht betet, wird ein redlicher Bürger, ein nützliches Glied des Staates. Das Gebet stärkt den Menschen bei Schwierigkeiten - - und Gefahren, gibt ihm Muth und Entschlossenheit zum Guten. Der Betende denkt ja an seinen Gott, an seinen Schöpfer und Herrn, Vater und Wohlthäter, der jenseits des Grabes jedem nach seinen Verdiensten vergelten wird, von dem Jesus versichert, daß ohne seinen Willen unserm Haupte kein Haar entfällt.- Zu diesem Gott hebt der Betende seine Hände auf; zu diesem Gott spricht er voll Vertrauens: Du bist mit mir, wer kann nun wider mich sein? Vor deinen Augen will ich handeln du bist meine Stärke und meine Zuversicht! Wer kann muthlos sein, der unter einem solchen Schutze steht? ― 13 Das Gebet bringt auch zeitlichen Segen. Wer täglich Gott sein Herz öffnet, und mit Ernst an die Erfüllung seiner Pflichten denkt, das heißt, wer täglich aus dem Herzen betet, wird nothwendig ein ordentliches, vernünftiges, christliches Leben führen; er wird mit Lust und Freude arbeiten, mit Lust Gutes thun, und allen Menschen das erzeigen, was sie mit Billigkeit von ihm fordern und was er in ähnlichen Fällen von ihnen begehrt. Einem solchen Menschen kann es unmöglich an Heiterkeit bei seinen Lasten, an Liebe und Achtung seiner Mitmenschen, an gutem Fortgange bei seinen Unternehmungen furz, es kann ihm an allen dem nicht fehlen, was man ge- 14 meiniglich Segen Gottes nennet. Dieser Mann wird auch zugleich eine vernünftige Hauswirthschaft führen; er wird sich mit dem, was er besitzt, begnügen und sparsam leben, und so wird ihn niemals eine drüdkende Noth befallen; es wird ihm an den ersten und nothwendigsten Bedürfnissen des Lebens nie mangeln; denn das Gebet lehrt ihn seine Wünsche mäßigen und seine Bedürfnisse einschränken. Das Gebet gießt Ruhe und Zufriedenheit, Trost und Freude in unser Herz. Der Mensch, der sich niemals oder gar selten mit Gott beschäftiget, schwimmt wie auf einem Meere; er wird von allen Seiten bestürmt; er hat nirgends einen festen Ruhepunkt. Wer es sich aber einmal angewöhnt hat, seinen Gott immer gegenwärtig zu denken, der ist so zu sagen in dem Hafen der Sicherheit angelangt. Er legt auf die irdischen, ungewissen Güter keinen so hohen Werth, er sieht Alles in seinem wahren Lichte, und in Allem erblickt er seinen Gott, die Spuren der weisen Vorsicht, die Alles zum Ziele leitet. Muß das nicht die Sorge für das Zeitliche mäßigen? nicht den Genuß der Freude vernünftiger und unschuldiger machen? Wie ruhig, wie froh wird nicht unser Herz durch das unvertilgbare Bewußtsein unseres Wohlverhaltens werden? Fühlt der Mensch schon Trost und Linde 15 rung in seinen Bekümmernissen, wenn er sein Herz in den Schooß eines Freundes ausschütten kann, was muß er erst empfinden, wenn er wegen seines Anliegens mit Gott selbst, mit seinem ersten Freunde, mit seinem Vater sprechen kann? Wie muß ihn der Gedanke aufmuntern: Gott ist mein und aller Menschen Vater! Er lenket Alles zum Besten seiner Kinder! Mitten in der Schwermuth ein einziger Aufblick zu Gott, eine einzige findliche Ergießung des Herzens zu ihm- o, da verschwindet auf einmal der Kummer aus der beängstigten Seele; Alles wird leichter um uns her; Freudigkeit und Ruhe strömt durch diese zuversichtliche Hoffnung auf Gottes Hilfe in unser Herz; wir gehen mit neuem Muthe und mit neuer Thätigkeit an unsere Berufsgeschäfte.( Philippus 4, 4-8.) Das Gebet versüßt endlich die Bitterfeit des Todes. Wenn alle Gedanken schwinden, wenn dem Sterbenden alle Sinne vergehen, wenn er keinen Freund mehr erkennen, kein Zusprechen mehr hören, keinen Laut mehr von sich geben kann- dann, dann wird seine Seele( die sich in den Tagen der Gesundheit im Beten geübt hat) in sich selbst verschlossen, ihr vertrautestes Bild- ihren Gott noch fassen, ihren Vater noch denken, und von dem nie ermatten 16 den Gedanken an seine Liebe erquickt Vaterland hinüberwallen. So groß, so wohlthätig für den Menschen ist die Kraft des Gebetes! Es ist der Kanal, durch welchen die schönsten Gesinnungen dem Herzen zugeführt werden, und von da aus sich wieder über die ganze Menschheit ergießen. Möchten wir doch recht oft über die gesegneten Wirkungen des wahren Gebetes nachdenken, um sie an uns selbst hervorzubringen! Möchten wir uns aber auch ernstlich bemühen, alle Vorurtheile und irrigen Begriffe abzulegen, wodurch der Nutzen, welchen wir aus dem Gebete schöpfen sollten, vernichtet werden muß! Sehr Viele halten das Gebet für einen Frohndienst, den man Gott leisten müsse, und womit man ihm eine besondere Ehre erweise; Andere glauben, daß schon das Beten, und besonders das Vielbeten an sich selbst, ein Verdienst oder eine Tugend sei! Die Ursachen solcher Irrungen liegen augenscheinlich in den falschen Begriffen, die man sich von Gott und vom Gebete macht. Man stellt sich Gott gemeiniglich als einen unumschränkten Monarchen vor, der strenge auf die Leitung alles dessen hält, was er von seinen Unterthanen fordert, und der erst durch lange, wortreiche Gebete bewegt und gewonnen werden in das bessere 17 muß, wenn er Jemandem eine Wohlthat erzeigen soll. Dieß sind abgeschmackte Vorstellungen, welche so gemeinschädlich auf die Ausübung des Christenthums wirken, als sie noch ziemlich allgemein unter dem großen Haufen herrschend sind. Gott bedarf unserer Dienste nicht( Apostelg. 17, 25); er ist unabhängig von uns, das seligste Wesen; wir können ihm nichts geben, ihm auf keine Weise nüßlich werden. Er fordert nichts für sich, nichts für seine eigene Person, wenn ich mich so ausdrücken darf. Er sucht keine Ehre, wie sie die Menschen suchen; die Verbreitung der Wahrheit und Tugend ist seine Ehre; er fordert Gehorsam von uns, weil wir nur durch die Befolgung seiner Gebote fittlich gut und glücklich werden können. Der Zweck des Gebetes ist daher kein anderer, als unsere eigene sittliche Vervollkommnung; wir beten nicht, um Gott zu schmeicheln, oder ihn von unserm Zustande, von unsern Nöthen und Bedürfnissen zu unterrichten, denn der Vater im Himmel weiß Alles, was uns vonnöthen ist, noch ehe wir darum bitten; vor seinen Augen sind alle Dinge offenbar( Hebr. 4, 13). Wir beten, damit wir vernünftigere, beffere, glücklichere Menschen werden; im Gebete werden die wichtigsten und trostreichsten Wahrheiten der Religion unserm Verstande Brunner, Jesus. 2 18 eingepräget, und eben dadurch die heiligsten, die süßesten Empfindungen der Gottseligkeit in unser Herz gesenket; daher ist das Gebet bloß Mittel zur Frömmigkeit, nicht aber die Frömmigkeit selbst. Das Vielbeten an sich macht noch nicht fromm, weise und ruhig; noch viel weniger taugt das öftere, maschinenmäßige Hersagen gewisser Gebetsformeln. Sie werden uns so geläufig, daß man sie hinplaudert, ohne daran zu denken, was man spricht. Diese Unachtsamkeit, dieſe Nichttheilnehmung der Seele an den Bewegungen der Zunge und der Lippen ist uns ganz unwillkürlich; wir können uns keine stundenlange Aufmerksamkeit auf Gegenstände befehlen, die für uns, wenn sie so oft wiederholt werden, allen Reiz der Neuheit und folglich alle Kraft verloren haben, das Herz zu rühren. Dem Scheine nach lange beten, ist Nachahmung der Pharisäer, von denen uns Jesus selbst das häßlichste Bild geliefert hat.( Matth. 23. Mark. 12. Luk. 20, 46. 47.) Dieses Heuchlergeschlecht scheint noch nicht ausgestorben zu sein! Man sieht noch, daß Manche, die lange Betstunden halten und vielen Bruderschaften einverleibt sind, sich darum frömmer und besser dünken als Andere, die anstatt die Zeit mit diesen unnützen Andächteleien zu verderben, mit redlichem Herzen ihre Berufsgeschäfte besorgen. Das Gebet 19 darf nie die Thätigkeit, den Fleiß des Bürgers hindern, sondern muß ihn vielmehr befördern. Der Bauer kann hinter seinem Pfluge, und der Handwerker in seiner Werkstätte an Gott denken und sich zur Arbeit ermuntern, indem er sich erinnert, daß Fleiß und Arbeitsamkeit Gott gefallen. Das heißt auch beten. Was würde aus der menschlichen Gesellschaft werden, wenn man den Grundsatz aufstellen wollte, daß es verdienstlicher und Gott angenehmer sei, den Betrachtungen obzuliegen, als zu arbeiten; stundenlange unverständliche Psalmen und Rosenkränze abzuplappern, als sich nützlichen Beschäftigungen zut widmen; den Wallfahrten nachzuziehen, als Herz und Sitten zu heiligen? Die heilige Schrift empfiehlt keineswegs das lange Gebet. Wenn Paulus( I. Theff. 5, 17) ſagt: betet ohne Unterlaß; so ist gewiß seine Meinung nicht, daß wir den ganzen Tag in der Kirche zubringen, oder zu Hause beständig über den Erbauungsbüchern sitzen und inmittelst die Geschäfte des Hauswesens vernachlässigen sollen. Er wollte keine frommen Müßiggänger bilden. Er ermahnt nur zur öfteren, lebhaften Erinnerung an Gottes Gegenwart, wodurch unsere Tugend stets neuen Schwung erhält. Das ganze Leben eines Christen muß ein Gebet sein. Beständig beten 2* 20 heißt beständig recht thun, einen immerfort guten Willen haben, immer seinem Berufe und seinen Pflichten getreu sein. Beständig beten heißt zu allen Zeiten, an allen Orten, in allen Umständen und Verhältnissen unserer Bestimmung gemäß denken und handeln, immer an unserer Vervollkommnung arbeiten, immer flüger, ehrlicher, besser werden. Ohne Unterlaß beten heißt- ohne Unterlaß sich Gott unterwerfen, ihm für Glück und Unglück, für Freude und Leiden, für Erhöhung und Erniedrigung danken; heißt alle Fügungen der Vorsicht demüthig anbeten, im Kreuze nicht verzagen, im Wohlstande nicht schwelgen; heißt- nichts fürchten als die Sünde, Alles freudig dulden, standhaft bis ans Ende ausharren. Dieß ist ein ewiges Gebet, ein ewiger Gottesdienst. - — Ich denke, nun den wahren Begriff des Gebetes hinlänglich entwickelt und den Einfluß desselben auf die Veredlung des menschlichen Herzens deutlich genug gezeigt zu haben. Wer nur ein wenig nachdenken kann, wird jetzt leicht begreifen, was den Namen eines echtchristlichen Gebetes verdient und was ihn nicht verdient. Ebenso leicht wird er die Gründe einsehen, die den Menschen zum vernünftigen Gebete verpflichten. 21 Das Gebet macht unsere Erkenntniß von den Vollkommenheiten Gottes reicher, würdiger, lebendiger; es befördert demnach unsere Tugend, unsere Vollkommenheit, unsere Glückseligkeit. Und da es der Wille Gottes ist, daß wir heilig, vollkommen, glückselig sein sollen: so ist ihm gewiß auch unser Gebet angenehm, welches das wirksamste Mittel zu diesem heiligen Zwecke ist. Freilich gibt uns Gott vermöge seiner Güte Alles, was wahrhaft gut für uns ist, auch ohne daß und noch ehe wir darum bitten; allein wir wollen auch durch unser Gebet nicht sowohl auf Gott, als vielmehr nur auf uns selbst wirken. Wenn wir z. B. bei Gott um die Vergebung unserer Sünden bitten, so wollen wir ihn durch unser Gebet nicht ändern, erweichen, versöhnen, als wenn er wie ein Mensch über uns zürnte, sondern, weil wir durch das Gebet und die Rückkehr zu Gott zur Erkenntniß unserer Fehltritte gebracht, von unserer Bosheit genesen, so werden wir der sich immer gleichen Güte Gottes nur wieder fähig und würdig. Auf die Frage: um was man beten soll? ist jetzt die Antwort auch ganz leicht: Um das wahrhaft Gute sollen wir bitten. Aber wie mag dieß der kurzsichtige Mensch erkennen, der so oft das Böse für gut und das Gute für böse hält? Darum müssen wir in 22 unserm Gebete nicht schlechterdings und durchaus, gleichsam mit einem frommen Ungestüme und Eigensinne, dieses oder jenes von Gott verlangen; nicht von Gott begehren, was uns gut und erwünschlich scheinet, sondern was Er als gut und heilsam für uns erkennt. Wir müssen allen thörichten Wünschen entsagen, Gott nichts vorschreiben, und die Erfüllung dessen, was wir bitten, ihm völlig anheimstellen. Der Gedanke, daß Gott unser Vater ist, der Alles nach seiner Weisheit zu unserm Besten lenket, muß unser Bittgebet innig und zuversichtlich machen; muß unsere Bitte in eine völlige Hingebung in Gottes Willen auflösen. Auch dann, wenn wir nicht erhört werden, soll unser Vertrauen nicht wanken. Bleiben unsere Wünsche unerfüllt, so ist entweder das, um was wir bitten, nicht gut für uns, oder wir sind der Gewährung unserer Bitte noch nicht würdig; wir sollen noch vorher durch Reinigung und Heiligung unseres Herzens für das erbetene Gut mehr empfänglich werden. Eine verzögerte Erhörung ist also für uns eine neue, die größte Wohlthat, und wir sollen demnach immer mit der weisen Beschränkung beten, wie uns Jesus gelehrt hat: Bater! nicht mein, sondern dein Wille geschehe! ( Matth. 26, 39.) Die wahre, weise und tugendhafte, die höchste, in jedem Falle und Unfalle geltende Be 23 wird ruhigung liegt einzig darin: ,, Gott macht Alles gut, und denen, die ihn lieben, die den Kelch des Leidens wie den Becher der Freude mit gleichem Danke, mit gleich findlichem Sinne aus seiner Vaterhand empfangen, wird Alles zum Guten dienen."( Röm. 8, 28.) Es gibt aber ein Gebet, welches allemal erhört das Gebet um Tugend und Weisheit, die Bitte, daß uns Gott Erkenntniß des Guten, Neigung zum Guten, und Kraft, Gutes auszuüben, schenken möge. Darin besteht das Reich Gottes, welches wir nach der Anweisung Jesu vor allen Dingen suchen sollen; das heißt im Namen Jesu, im Geiste und in der Wahrheit beten, und dieses Gebet führt seine Erhörung schon selbst mit sich, weil es eben das wirklich macht, was mit ganzer Seele gewünscht wird, weil es unsere Gesinnungen reinigt und zu reinen Handlungen beseelt. Die Meisten schränken ihr Gebet auf das Bittgebet um zeitliche Güter oder um Abwendung des leiblichen Uebels ein! Dieß ist ein sehr großer Fehler, den man in diesem Gebetbuche sorgfältig zu vermeiden gesucht hat. Wer nur stets um Hilfe und Gnaden bittet, verfällt öfters auf die widersinnigsten Dinge, verliert den eigentlichen Zweck des Gebetes, die Veredlung der Seele, aus den Augen und hindert dessen 24 segensvolle Wirkungen auf Geist und Herz wo nicht ganz doch zum Theile. Das Gebet als Beförderungsmittel der Sittlichkeit muß jeder Menschenvernunft als eine heilige, ehrwürdige Handlung erscheinen, denn sie zielt dahin, uns selbst in den Augen Gottes heilig und werth zu machen, uns mit stets neuer Liebe und Stärke zum Gu ten zu beleben, uns Mäßigung und Genügsamkeit, Zufriedenheit, Fassung und Muth im Vertrauen auf denjenigen zu gewähren, der hier Alles so gut und weislich regiert und dort so gerecht und so getreu vergilt. Dieser Geist athmet in dem Gebete des Herrn ( Matth. 6, 10-13). Nur kurz und nur einmal kömmt darin vor, was die sittliche Natur in Nücksicht des täglichen Unterhaltes wünscht- und es ist noch nicht einmal ausgemacht, ob V. 11 nicht eben sowohl von der Nahrung der Seele als des Leibes die Rede sein könne, alles Uebrige handelt von dem, was wir vorzüglich wünschen und begehren sollen, daß nämlich Gott verehret, sein Reich, das Reich der Liebe und Wahrheit überall verbreitet, sein heiligster Wille überall erfüllet, das Böse abgelegt, jede Feindseligkeit aufgehoben und fernere Sünde vermieden werde. Dieß sind auch, wie sonst so oft, keine unnüßen Wünsche. Denn hier bringt der Wunsch, wenn es damit Ernst - 25 ist, die That selbst hervor. Der ernstliche Wunsch, gut zu sein, macht auch gut. Hier in diesem Gebete wehet ein guter, heiliger Geist, der uns zu guten und heiligen Thaten antreibt. O wie reich und fruchtbar an guten Folgen, an reinen Tugendwerken würde unser Gebet sein, wenn überall dieser Geist darin wehete, der zum Guten belebt, statt daß nun so oft lediglich der Buchstabe des Bittgebetes darin vorkömmt, der mehr tödtet als lebendig macht. Noch fragt es sich: Wann und wie oft soll man beten? Bete, wenn dein Herz dazu aufgelegt- wenn es bewegt ist; aber bete auch nur so lange." Der Mensch, welcher nicht ganz unaufmerksam auf die Natur ist, die ihm alle Tage neue Auftritte, neue Vergnügungen darbietet, und den eine zügellose Sinnlichkeit nicht ganz betäubet hat, muß wohl oft an Gott, an seine Alles regierende Vorsehung denken, und diese Gedanken werden sein Herz in fromme Bewegung setzen, das ist, er wird oft beten. Wie verschieden, wie mannigfaltig sind nicht die Gelegenheiten, welche zum Gebete einladen? Ich lese oder denke z. B. über Wahrheiten der Religion nach; ich fühle Freude, Beruhigung, Trost dabei. Wird sich da nicht auch bald mein Herz ergießen? Werde 26 ich da nicht aus dem Herzen beten? Ich sehe oder höre von einem Unglücklichen und werde zum Mitleiden bewegt. Ich begehe einen Fehler, eine Thorheit und empfinde Reue. Ich genieße ein erlaubtes Vergnütgen, und das Gefühl der Dankbarkeit wird in mir rege. Sind das nicht lauter mächtige Antriebe zum Beten? nicht lauter Anlässe, mich meines Gottes lebhaft zu erinnern? Ich danke dann bald für eine empfangene Wohlthat; äußere bald mein Vertrauen, meine Hoffnung, meine Liebe zu Gott; bereue bald einen Fehltritt, und fasse unter den Augen Gottes gute Vorfäße; bald bricht mein gerührtes Herz in heiße Wünsche für das Wohl meiner Mitmenschen, meiner Kinder, Eltern, Freunde, Obrigkeiten, Mit bürger ut. s. w. aus das heißt: ich bete( nach dem Sinne des Apostels) ohne Unterlaß. -- Will man auch gewisse Stunden für das Gebet bestimmen, so wähle man die Morgen- und Abendstunden. Am Morgen kann ich die Gelegenheiten, die sich den Tag hindurch mir anbieten werden, Gutes zu thun, und die Veranlassungen, in welche ich geführt werden könnte, Böses zu verüben, gleichsam mit einem Blicke überschauen, und dann Gott feierlich geloben, nie meine Pflichten zu vergessen, nie gegen seinen Willen zu handeln. Dadurch wird meine Seele Univ.- Bibl. Giessen 27 gestärkt, den sinnlichen Begierden zur Ausschweifung muthig zu widerstehen; das Gewissen wird zu einer Wachsamkeit erweckt, die es verhindern wird, daß mich keine Thorheit so leicht überrasche. Am Abend prüfe ich mich selbst im Angesichte Gottes, ob ich die guten Vorsätze auch erfüllt, und wie weit ich es in der Besserung meines Herzens gebracht habe? Gibt mir das Gewissen Zeugniß vom Wachsthume im Guten, so wird sich Freude über meine Seele verbreiten, und diese Freude wird ein neuer, wiewohl nicht der vornehmste Beweggrund zu ferneren edlen Handlungen sein. Nehme ich aber meine Verschlimmerung wahr, so werde ich meine Untreue vor Gott bekennen, bereuen, verabscheuen; ich werde aufmerksamer auf mich werden und so aus dem Bösen selbst Gutes ziehen. Sonn- und Festtage sind ebenfalls sehr schickliche Zeiten zum Gebete; desgleichen die Feierstunden nach verrichteten Berufsgeschäften. Diejenigen, welche sich dieses Gebetbuches redlich bedienen, werden finden, daß es vorzüglich dazu eingerichtet ist, das Wachsthum der Sittlichkeit zu befördern, und eben dadurch Ruhe und Freude in das Herz zu bringen. Sie werden darin stets an die große Bestimmung des Menschen, an die erhabene Würde seiner sittlichen 28 Natur, an seine heiligen Pflichten, und dabei auch an das viele Gute erinnert, welches wir in dieser Welt genießen; Gott wird ihnen als der höchste Gesetzgeber, als der heiligste, unparteiischste Richter, als ein liebreicher Vater vorgestellt, von dem alles Gute kommt, und der seine Freude nur daran hat, wenn wir sittlich gut, vergnügt und mit dem Ueberflusse seiner Gnaden zufrieden leben. Es wird darin allenthalben der Grundsatz eingeflößt, daß das Gute der Schöpfung auch für uns da sei, daß es uns erlaubt, und sogar unsere Pflicht sei, so viel davon zu genießen, als ohne Abbruch unserer sittlichen Pflichten und ohne Beeinträchtigung anderer Menschen ge schehen kann. Die Menschen sind oft nicht so unglücklich, als es ihre überspannte Empfindlichkeit wähnt; sie sind nur unzufrieden, und diese Unzufriedenheit rührt bloß daher, weil sich ihr wehleidiges Gefühl nur an die trüben Stunden des Lebens heftet, und weil sie die vielen zufriedenen Tage, den Strom des Vergnügens, der neben dem Wege ihrer irdischen Wanderschaft einherfließt und aus welchem sie, ohne es zu wissen, so oftmals schöpfen, ganz außer Acht lassen. Die Gebete dieses Erbauungsbuches sind nun geschickt, unser unzufriedenes Herz zu heilen, indem 29 sie uns den Gedanken vielfältig zu Gemüthe führen, daß wir nicht so unglücklich sind, als wir meinen. Wohl uns, wenn wir davon gerührt, in unsere Herzen eingehen, und alle die besonderen Wohlthaten, welche Gott jedem Menschen durch alle Alter des Lebens, in jedem Jahre, an der Seele und am Leibe, bei jeder besonderen Gelegenheit hat zufließen lassen, dankbar beherzigen! Das Gefühl unserer auf Tugend gegründeten Glückseligkeit wird auf diese Art immer zunehmen, und wir werden mit unserer Bestimmung, mit der Lage, mit dem Stande, in welchen uns die Vorsicht gesetzt hat, immer zufriedener werden. Der allgütige Gott gebe, daß dieses Gebetbuch in recht viele Hände komme, und daß diejenigen, die es gebrauchen werden, allen den Nußen daraus ziehen, welchen man bisher erklärt hat. Der Verfasſer. 30 Heiligung. Vater! heilig möcht' ich leben, Recht thun wäre meine Lust, Aber Lüste widerstreben Dem Gesetz in meiner Brust. Lockende Begierden treten Zwischen mich und meine Pflicht, Hör' mich Schwachen zu dir beten: Vater, gib mir Kraft und Licht! Reiß die Sünde, reiß die Schmerzen, Tief im Staube bitt' ich dich, Reiß die Lust aus meinem Herzen, Heilige du selber mich! I. Gebete für alle uge. 31 Morgengebet. ott! frühe erwach' ich zu dir. Das Licht eines neuen Tages, das Geschenk deiner Güte, erleuchtet meine Augen und ruft mich wieder zu den Geschäften meines Standes. Ich fühle meine Glieder durch einen sanften Schlaf erquickt; ich bin wie neu geboren- wie verjüngt; eine frische Fluth von Lebensgeistern wallt durch meine Adern und treibt mich zur Arbeit an. Mein erstes Geschäft sei dir, Schöpfer! gewidmet. Wem anders als dir gebühren die Erstlinge von den Kräften, die deine Gabe sind? O Gott und Vater! was für zärtliche Regungen der Liebe durchströmen mein dankvolles Herz, wenn ich an die Wohlthaten denke, die mir auch heute wieder aus deiner milden Hand zufließen werden. Ich hatte eben so wenig Recht, diesen Tag zu erwarten, 32 als so viele Tausende meiner Mitmenschen, welche in dieser Nacht von ihrem Schicksale ereilt wurden, denen der Schlaf zum Tode, die Zeit zur Ewigkeit geworden ist, die entschlafen sind, um nimmermehr hier zu erwachen und dieses schöne Sonnenlicht nie wieder zu erblicken. Ach ihr, die ihr gestern noch waret, was ich heute bin- Einwohner dieser Welt! und jetzt seid, was ich, wer weiß wie bald? auch sein werde Bürger jener Welt! ihr, die ihr gestern noch vielleicht mit großen Anschlägen zu Bette ginget, welche an der heutigen Sonne reifen sollten, nun aber durch den plötzlichen, unvermutheten Todesschlag erstickt sind! ihr, die ihr nun den Schauer jener ernsten Stunde gefühlt habt, welche von dem Schauplate dieses Lebens abruft- euere erstarrten Leichen sollen meine Lehrer sein; eure erblaßten Lippen sollen mir Weisheit predigen. Ihr seid dahin, wohin ich euch heute oder morgen unfehlbar folgen muß. Euer Schicksal ist nun entschieden und festgesetzt. Der Finger Gottes hat das Urtheil über euch mit unaus löschlicher Schrift in das Buch der Ewigkeit geschrieben! Mein Schicksal ist noch ungewiß; noch steht es in meinen Händen, oder vielmehr in den deinen, 0 mein Gott und mein Herr! Ich lebe noch, um mich durch die Befolgung deines heiligen Willens zu dem - 33 Glücke eines ewigen Lebens fähig zu machen. Ich höre noch die rufende Stimme deiner Langmuth und ich will sie nicht vergebens hören.( Röm. 2, 4.) Ich eile zu den Geschäften meines Berufes; ich will sie verrichten, ohne mich von dir, du Allgegenwärtiger! zu entfernen- mit möglichster Gewissenhaftigkeit, mit heiterer Freude will ich sie verrichten. Mein ernstlicher Vorsatz ist, nichts zu thun, ja mir keinen Gedanken zu verstatten, wodurch ich dir mißfallen könnte. Die Vergnügungen, die du mir heute schenken wirst, Gütigster! will ich als neue Proben deiner Huld ansehen, die mir Triebfedern zur Gottseligkeit sein sollen. Ich will einen Bund mit meinen Sinnen machen, daß sie sich vom Glanze der irdischen Scheingüter nicht blenden lassen. Alle Neigungen, alle Begierden, alle Wünsche meiner Seele sollen dir heilig sein sollen durch die mir verliehene Vernunft und nach den Vorschriften der Religion dem höchsten sittlichen Zwecke untergeordnet werden. Alwissender! du kennst mein Herz und prüfest mich. Ich bin schwach, aber nicht kleinmüthig; ich vertraue auf deinen Beistand. Behüte mich vor Versuchungen, die meine Kräfte übersteigen! Vergib Fehler, welche ein sonst redliches Gemüth aus Uebereilung begeht( Röm. 7, 14-25), und laß mich Brunner, Jesus. 3 — - 34 nicht in solche Sünden fallen, welche mich der seligen Hoffnung, die ich auf deine Barmherzigkeit setze, berauben könnten. O Gott! o Vater! du bist mein einziges, mein größtes Glück. Abendgebet. Abermal ist von meinen Tagen ein Tag dahin! So viele Augenblicke er hatte, um so viele Schritte bin ich der Ewigkeit näher gekommen. Vielleicht ist es gar der letzte Tag, den ich in dieſer Welt zu leben habe! Und wenn dieses sein sollte, was für ein Loos wartet dann in der Ewigkeit auf mich? Wenn du, o Gott! in dieser Nacht meine Seele von mir fordertest, würde ich wohl bereit sein, vor dir zu erscheinen? Umsonst zeigte mir eine schmeichelnde aber betrügerische Hoffnung die angenehme Aussicht in noch viele künftige Lebenstage. Ich fühle mich zwar gesund und bei Kräften; allein die tägliche Erfahrung lehret mich, wie wenig hierauf zu bauen ſei. Ob ich morgen noch leben werde- dieß beruht auf einem ungewissen Vielleicht! Und auf dieses ungewisse Vielleicht soll ich das Glück einer Ewigkeit ankommen lassen? Nein; so unangenehm auch immer die Vor 35 stellung des Todes meiner Sinnlichkeit sein mag- ich will mir Gewalt anthun, ich will ich muß mich überwinden. Was ist der Tod? Mein Herz mag bei dieser Frage immer unruhig werden- zittern; von einer genauen Untersuchung und Auflösung derselben hängt meine wahre Ruhe, meine innere Zufriedenheit zu sehr ab, als daß ich mich davon sollte abhalten lassen. Tod ist das Ende meines hiesigen und der Anfang eines fünftigen, besseren, überaus glücklichen Lebens. Hier ist die Morgenröthe meines Daseins- jenseits des Todes der volle Tag. Hier lebe ich im Zustande der Kindheit dort im Stande des reifen Alters. Hier lern' ich glücklich sein, indem ich mich bestrebe, tugendhaft zu sein dort bin ich wirklich glücklich unaussprechlich glücklich, indem ich den Lohn der Tugend ernte. Was hat nun dieser Begriff des Todes Schreckliches an sich? Ich will glücklich sein, und nur durch den Tod kann ich erst vollkommen glücklich werden, indem erst nach dem Tode Tugend und Glückseligkeit in ihr genauestes Verhältniß gebracht werden können. Warum fürchte ich ihn denn, als wenn er mein ärgster Feind wäre? Welche Widersprüche in mir selber! Hab' ich es vergessen, daß ich durch den Tod den Anfang eines weit voll3* - - - — 36 kommeneren Zustandes erwarte, als der gegenwärtige ist? Oder finde ich vielleicht meinen hiesigen Aufenthalt so angenehm, daß ich mir nichts Besseres wünsche? Was sind es denn für Bande, die mich so fest an diese Erde fesseln? Eingebildete Hoffnungen, welche sich auf nichts, als auf meine übertriebenen und thörichten Wünsche gründen. ,, Wenn ich doch nur in der Welt mein Glück noch weiter bringen könnte! Und warum sollte ich es nicht können, da es schon so Vielen möglich gewesen ist? Was hindert mich zu größeren Ehren emporzusteigen, mehr Schätze zu erwerben, mit mehr Ansehen und Bequemlichkeit in der Welt zu leben? Was fehlte meinem Glücke, wenn ich diese oder jene Freude noch erleben sollte? Dann wäre es noch immer Zeit, an das Künstige zu denken; dann wollte ich gerne sterben." So lautet die geheime Sprache meines irdisch gesinnten Herzens- und, o mein Gott! wie thöricht ist diese Sprache, wie unbesonnen sind diese Wünsche! Bin ich denn versichert, daß ich lange genug leben werde, um meinen Zweck zu erreichen?( 1. Thessal. 5, 2, 4. Luk. 12, 16-21.) Und wenn ich ihn erreiche wenn alle meine Anschläge gelingen, bin ich denn gewiß, daß diese gehoffte, erträumte Glück- 37 seligkeit mir in der Nähe das sein werde, wofür ich sie in der Ferne gehalten habe? Und wenn das ist, bin ich denn sicher, daß aus diesen erfüllten Hoffnungen nicht wieder neue erwachsen werden? Und wenn ich davon gewiß sein könnte, würde mir mein zufriedener Zustand, in welchem ich mich alsdann befände, den Tod nicht noch schrecklicher machen, als er mir jetzt ist, da ich weniger durch ihn verlieren kann? Ach! wann werde ich doch einmal flug werden? Schon hundertmal haben mich Hoffnungen dieser Art betrogen; schon hundertmal habe ich es bereuet, so kindische Entwürfe gemacht zu haben; doch falle ich immer in dieselben Thorund doch heiten zurück. Gott! wie habe ich den abgeschiedenen Tag zugebracht? Zwar nicht müßig, nicht ohne Beschäftigung. Aber womit habe ich mich beschäftiget? Was trug ich heute zu meiner eigenen sittlichen Vervollkommnung- was zur Glückseligkeit und Vollkommenheit meines Nächsten bei? Mein Beruf ist gut zu sein; in ruhiger und dankbarer Zufriedenheit die Güter zu genießen, welche mir deine väterliche Güte, o Gott! mitgetheilet hat; meinem Nächsten zu nützen, und voll freudiger Hoffnung an meinem und ſeinem zukünftigen Glücke durch einen vernünftigen Gebrauch - - 38 des Gegenwärtigen, durch eine gewissenhafte Erfüllung meiner Berufspflichten zu arbeiten. Es fehlte mir an nichts, was mich in Stand setzen konnte, diesem meinem Berufe Genüge zu leisten. Ein gesunder Leib, ein munteres Gemüth, Unterhalt und Bequemlichkeit sind Vorzüge, welche ich heute vor Tausenden und abermal Tausenden genossen habe. Allein, wie benützte ich alle diese Güter? Ach, jetzt fällt es mir zum ersten Male bei, daß ich heute der glückliche Besitzer so großer Schäße war. Unempfindlich für mein heutiges Glück habe ich voll geschäftiger Unruhe für ein morgendes gesorgt, von dem ich nicht weiß, ob ich es erleben werde, aber gewiß bin, daß ich es ( wenn ich morgen nicht besser als heute denke) eben so wenig wie das heutige verdienen werde! Deine Hand, o gütigster Gott! war heute gegen einen Undankbaren und Unempfindlichen freigebig. Ich habe mich deiner Wohlthaten ganz unwürdig gemacht, da ich sie nicht gebraucht- ja gar mißbraucht habe! Kränkender Gedanke, der mein Innerstes mit den schmerzlichsten Vorwürfen zerreißet! Darf es mich nun noch wundern, wenn mich die Erinnerung des Todes schreckt? Kann ich wohl ohne Verwirrung an eine . Zeit denken, wo du, o gerechter Gott! strenge Rechenschaft von meiner Haushaltung fordern wirst? Darf 39 ich in der Zukunft ein größeres Glück hoffen, da ich mich des gegenwärtigen so schlecht bediene? O wie viel Recht hättest du nicht, mein Gott, mir auf immer deine Gnade zu entziehen. Ich verdiene diesen unersetzlichen Berlust! Aber, ewiger Vater! du bist ja die Liebe selbst. Deine Güte hat keine Grenzen, und deine Erbarmungen sind unerschöpflich. Beschämt und voll Reue erkenne ich meine Thorheit; ich erkenne sie so lebhaft; ich sehe sie in einem so schrecklichen Lichte, daß es mir unmöglich scheint, je wieder in dieselbe fallen zu können. Wie- wenn Besserung erfolgte? Würde nicht auch bei dir Vergebung zu finden sein? Würde nicht eine ernstliche Bekehrung von dir als Lösegeld für meine heutigen Fehler angenommen werden? Ja, ich werde noch leben, um deine Güte zu preisen. Du wirst mir deine Gnade wieder schenken, weil ich den festen Vorsatz habe, sie wohl anzuwenden. Gott! deinem allsehenden Auge ist auch das Verborgenste meines Herzens offenbar; hält es deine unergründliche Weisheit für nothwendig, meine Bekehrung durch Strafen zu befördern, und mich durch Schaden klug zu machen: o, so seien mir deine Züchtigungen willkommen und gesegnet. Ich will in deinen gerechten Strafen den liebreichen Vater erkennen, welchen ich im Ueberflusse - 40 der Glückseligkeit verkannt habe. Nun kehren Ruhe und Frieden wieder in meine Seele zurück; die heiterste Freude verbreitet sich durch mein ganzes Wesen. Wenn der bloße Vorsatz, mich zu bessern, schon ein so entzückendes Vergnügen in mir wirket- wie göttlich groß muß erst die himmlische Lust sein, welche das Bewußtsein einer geprüften und beständigen Tugend in mir hervorbringen wird? Jetzt überlasse ich mich dem Schlafe unbesorgt, ob ich in dieser oder in jener Welt wieder erwachen werde. Ich ruhe unter deinem Schutze, Allmächtiger! und bin, es komme wie es will, allenthalben in deinen Händen. Deiner gnädigen Obhut, mein Gott und Vater, sei mein Leib und meine Seele befohlen. Deiner Gnade gewiß, fürchte ich kein Unglück. Der letzte Gedanke, dessen ich mir bewußt bin, hat dich zum Gegenstande, und der erste des morgenden Tages soll dir geheiligt sein. ,, Ich entschlafe, indem ich an dich denke, und wenn ich erwache, bin ich bei dir."( Off. 138. 18.) Amen. Rene und Leid. Allmächtiger, ewiger Gott! vor deinem heiligen Angesichte, in Staub erniedriget, von Neue und 41 Schmerz ganz durchdrungen, bekenne ich, daß ich öfters in Gedanken, Worten und Werken gegen dein heiliges Gesetz gesündiget habe! Ja, Vater im Himmel! vor dir habe ich gesündiget!( Pf. 50.) Mein eigenes Gewissen klagt mich als Uebertreter deiner väterlichen Gebote an; aber du bist mein Vater, und wie sich ein Vater seiner Kinder erbarmet, so erbarmst du dich unser, wenn wir unsere Sünden erkennen, und mit uns selbst unzufrieden, auf wahre Besserung bedacht sind.( Ps. 102, 13. Luf. 15, 11-24.) Verzeihe mir dann, Vater im Himmel! es ist mein völliger Ernst, besser zu werden. Heute, ja heute will ich den Anfang zur Erfüllung dieses gutgemeinten und redlichen Vorsatzes machen. O gib nur, mein Gott! daß ich in diesem guten Vorsatze durch öftere Betrachtung heilsamer Religionswahrheiten gestärkt werde! Laß mich die Schändlichkeit der Sünde, und die Schönheit der Tugend immer mehr erkennen! Laß mich in der Liebe und Neigung zum Guten immer wachsen! Ich will thun, was du willst, daß ich thun soll; ich will darnach ringen, daß ich vollkommen werde, gleichwie du, o Vater im Himmel! vollkommen bist. Amen.( Matth. 5, 48.) 42 Glaube, Hoffnung und Liebe. Für dieses Leben bleiben nur die drei wichtigsten Stücke( nach welchen der Geist trachten muß): Glaube, Hoffnung und Liebe; aber die Liebe ist das größte unter ihnen.( 1. Kor. 13, 13.) 1. Einiger, unendlicher, ewiger Gott, der du uns zuerst durch die Vernunft, und dann noch deutlicher durch Jesum, deinen Sohn, unsern Herrn, deine höchsten und anbetungswürdigsten Vollkommenheiten und deine heiligsten Gesetze zu unserer sittlichen Vervollkommnung geoffenbaret hast; ich glaube, daß du der einige höchste, allmächtige Urheber, Erhalter und Regierer der Welt- daß du unser Vater und Wohlthäter bist, der jeden Menschen kennt und liebt, für jeden sorgt, und jeden glücklich machen will; daß du der höchste und heiligste Gesetzgeber und Richter aller vernünftigen Wesen bist, der jeden dereinst nach seinen Handlungen und Verdiensten belohnen oder strafen wird.( Jerem. 17, 10. Röm. 2, 6. Gal. 6, 7.) Ich glaube und bekenne, daß uns Jesus Christus von der Sünde und ihren Folgen befreiet hat; daß er wahrer Gott, der Wiederhersteller unserer sittlichen Würde, unser Lehrer, Erlöser und Seligmacher ist; daß wir aber die Absicht seiner göttlichen Sendung vereiteln, 43 wenn wir nur glauben, was er gelehret hat, seine vortreffliche Gottes- und Sittenlehre aber nicht zu unserer eigenen Besserung und Vervollkommnung anwenden( Matth. 28, 20). Ich glaube, daß der heilige Geist uns auf mannigfaltige Weise belehret und heiliget und uns Gesinnungen und Kräfte einflößt, durch welche wir Kinder Gottes und sittlich gute Menschen werden( Luk. 11, 13); ich freue mich seiner heilsamen Wirkungen, und danke ihm für jede Erkenntniß der Wahrheit, für jeden Antrieb zum Guten und für die Kraft es zu vollbringen. Ich glaube um der göttlichen Allwissenheit und Wahrhaftigkeit willen Alles, was Gott durch Christum geredet und die allgemeine Kirche von jeher als Gottes untrügliches Wort angenommen und geglaubt hat. Dieser Glaube beruhiget mich und wird mich selig machen, wenn ich mich aus allen Kräften befleiße, nach den Sittenvorschriften desselben zu leben, und nichts zu thun, was meinen Pflichten und meinem Gewissen entgegen ist. 2. Auf deine Weisheit und Gerechtigkeit, o Gott! hoffe und vertraue ich in allen Angelegenheiten meines Lebens. Du hast mich erschaffen, damit ich tugendhaft leben und dadurch glücklich werden möchte; du haft mir auch die Mittel zu meiner Heiligung und 44 Beglückung nahe gelegt. Getrost sehe ich daher allen traurigen Zufällen entgegen, die mir widerfahren können; denn du, o Gott! weißt auch diese zu heiligen und zu guten Zwecken zu lenken, und ich bin überzeugt, daß du sie zuletzt in Segen und Seligkeit auflösen wirst. So will ich denn auf nichts, was veränderlich und vergänglich ist, meine letzte Hoffnung seßen; meine höchste Glückseligkeit kann mir nur ein ewiger, weiser und gerechter Gott geben, welcher dabei auf die Erweisung meiner Treue in Ausübung der sittlichen Pflichten Rücksicht nimmt; und diese Gerechtigkeit, Güte, Treue und Allmacht Gottes ist es auch allein, auf die sich meine Hoffnung stützet. 3. Dich, o Gott! liebe ich aus ganzem meinem Herzen, aus ganzer meiner Seele und aus allen meinen Kräften; ich liebe und verehre dich vorzüglich als das höchste, heiligste, vollkommenste Wesen, und werde jederzeit mit unbegrenzter Achtung die unendliche Würde deiner Vollkommenheit betrachten und anbeten. Ich liebe dich auch, nicht mit schwacher, sinnlicher, sondern mit vernünftiger Liebe, als meinen Vater, Wohlthäter und Erhalter, das ist, als die Urquelle alles Guten und aller Glückseligkeit.( Röm. 8, 15. Gal. 4, 6.) Zwar kann ich dich nicht begreifen, Unbegreiflicher! zwar kenne ich deine Vollkommen 45 heiten nicht, wie sie an sich selbst sind, sondern nur nach deinen Wirkungen auf die Welt, darum wird auch meine Liebe und Verehrung gegen dich immer begrenzt, immer unter deiner Größe und Würde sein. Aber dir genügt es, wenn ich nur meine Liebe gegen dich durch gewissenhafte Befolgung deiner heiligen Gebote an den Tag lege( 1. Joh. 1, 3-6); wenn ich dir als dem höchsten, heiligsten und liebenswürdigsten Gute mit allen Kräften anhange und durch unaufhörliches Streben nach sittlicher Vollkommenheit gleichförmig zu werden suche. Willig und mit unermüdetem Fleiße will ich daher die Arbeiten meines Berufes fortsetzen, mit völliger Zufriedenheit mich deinen Führungen überlassen, nach Weisheit streben, nach Gewissen handeln und Gutes thun, so viel meine Kräfte erlauben. Auch meinen Nächsten will ich lieben, o Gott! wie mich selbst; ihm als ein vernünftiges Geschöpf wie mich selbst achten, und an ihm wie an mir selbst die Würde der menschlichen Natur und seine gleiche Bestimmung zur Sittlichkeit und Glückseligkeit schätzen. Ich will diesem seinem hohen Endzwecke nicht nur niemals entgegen handeln, sondern denselben auf alle Art zu befördern suchen, ihm aufrichtig Gutes thun und wünschen, ihm meinen Rath und Beistand nie 46 versagen, seine Schwachheiten mit Geduld ertragen, sein Elend, so viel mir möglich ist, lindern. Dieß ist auch ein Hauptgebot des Christenthums und das echte Kennzeichen der wahren Jünger Jesu.( Jak. 2, 8. Joh. 13, 35.) Selbst meinen Feinden will ich verzeihen, wie auch Jesus den seinigen verziehen hat. Wir sind Alle zum Gebote der gegenseitigen Liebe verpflichtet; wir sind Alle Kinder eines Vaters, Alle Erben seiner Herrlichkeit, Alle Theilnehmer an ſeiner Erlösung. So wollen wir denn auch Alle Ein Herz und Eine Seele sein( Apostelg. 4, 32); so wollen wir denn Alle mit dir, o Gott! und untereinander innigst vereinigt durch dieses irdische Leben wallen. Amen. sief 31 II. lessgebete. 47 Unterricht. ie heilige Messe ist erstens eine Erneuerung jenes Liebesmahles, welches Jesus am Abende vor seinem Leiden mit seinen Jüngern hielt. In der Nacht, sagt der heilige Paulus, da der Herr Jesus verrathen wurde, nahm er das Brod, segnete es, brach es, und gab's seinen Freunden mit den Worten: ,, Nehmet hin und esset, dieß ist mein Leib." Dann nahm er auch den( mit Wein gefüllten) Kelch und sprach:„ Nehmet hin und trinket Alle, dieß ist mein Blut." Er machte es seinen Jüngern zur Pflicht, diese heilige Handlung auch mit ihren fünftigen Jüngern öfters zu feiern und sich dabei an ihren Meister und Herrn, an seine Lehre, an seine Thaten, an seine schöne Religionsstiftung, an seine Liebe zu dem Menschengeschlechte und an seinen großmüthigen Tod zu erinnern. Dieß thut zu meinem Andenken! 48 Die Apostel folgten dem Befehle ihres Meisters und hielten die Abendmahlsfeier in ihren Zusammenkünften( Apostelg. 2, 42. 46) auf eine rührende und erbauliche Art. Vorzüglich bemühte sich Paulus, alles dasjenige zu beseitigen, was den herrlichen Eindruck dieser heiligen Handlung schwächen und die Gemüthserhebung auf Nebendinge lenken könnte. Der Mensch, sagt er, prüfe sich selbst, wie sein Herz beschaffen sei; er prüfe sich, ob er bei der Feier des heiligen Abendmahles jene Gemüthsverfassung habe, die ihn fähig macht, diese gottselige Handlung auf eine vernünftige, dem Zwecke ihres Stifters entsprechende Art zu verrichten; er prüfe sich, ob ihm diese heilige Handlung wirklich wichtig genug erscheine, ob er mit dem Sinne und der Empfindung eines redlichen Verehrers Jesu Christi beseelt sei, ob er den Werth seiner Religion erkenne, ob er die Denkungsart und den Geist Jesu habe, dessen Andenken er hier feiert, ob er die Sünde, zu deren Schwächung und Aufhebung Christus so viel gethan, wirklich haffe, verabscheue und in all seinem Thun und Lassen nach Möglichkeit fliehe; ob er den Geist der allgemeinen Bruderliebe gegen alle Menschen habe, dessen Sinn bild diese heilige Handlung ist?„ Dann fährt Paulus fort dann esse er von diesem Brode und - — 49 trinke von diesem Kelche."( 1. Korinth. 11, 23 bis 29.) Was die Apostel nach dem Befehle Jesu unverbrüchlich hielten und thaten, das that auch nach ihrem Absterben die Kirche. Der Priester und seine Gemeinde feierten dasselbe an allen Orten der Welt, wo das Christenthum Eingang gefunden hatte, und sie aßen gemeinschaftlich, wie Paulus sagt, von dem Brode und tranken vom Kelche. Dieß geschah in der Messe, welche eigentlich die Feier des heiligen Abendmahls ist. In der Folge der Zeiten hat zwar der Gebrauch aufgehört, die Laien auch Antheil an dem Kelche nehmen zu lassen. In der Folge der Zeiten erkaltete zwar der Eifer der Gläubigen so sehr, daß sie nicht mehr gemeinschaftlich mit ihrem Prieſter bei jeder Messe oder Abendmahlsfeier, sondern nur zu gewissen Zeiten den Leib und das Blut des Herrn genossen: allein die alte, ehrwürdige Einsetzung des heiligen Abendmahles blieb, und wird noch jetzt bei jeder Messe von frommen Christen gefeiert. Die heilige Messe ist aber zweitens auch ein Opfer, welches, wie der Kirchenrath zu Trient( in der XXII. Sit.. I.) sagt, das Opfer Jesu am Kreuze, oder seinen großmüthigen Tod fürs ganze Menschengeschlecht vorstellen und das Andenken und die segensBrunner, Jesus. 4 50 vollen Wirkungen desselben bis ans Ende der Zeiten unter den Christen erneuern sollte; ein Opfer, welches, wie der gelehrte Bossuet schreibt, uns von dem Opfer des Kreuzes nicht nur nicht entfernt, sondern unsere Gedanken vielmehr auf dasselbe zurückführt, denn es bezieht sich ganz auf dasselbe, und hat auch keine andere Kraft, als die es von dorther enthält, ein Opfer, aus welchem auch wir, nach dem Maße unserer Verbreitung und Gemüthsfassung, mancherlei geistliche Vortheile ziehen, wodurch wir nämlich in guten Gesinnungen und in der Ausübung unserer Pflichten gestärkt werden, wenn wir demselben, nach dem Ausdrucke des tridentinischen Kirchenrathes*), mit einem für die Jugend gefühlvollen Herzen, mit wahrem, lebendigem Glauben an Jesu Lehre und Tod, mit Ehrfurcht und Rührung und mit einer kindlichen Reue wegen unserer täglichen Schwachheiten und Fehltritte beiwohnen. Aus allem diesen erhellet nun, daß die heilige Messe, als Abendmahlsfeier und als Opfer betrachtet, uns nur dann nüßlich werden könne, wenn wir mit einer Vorbereitung bei derselben erscheinen, die unsern Ernst, unsern Sinn für religiöse Gegenstände, unsere *) XXII. Sit. K. 2. 51 Willfährigkeit zu allent Guten und unsere Empfänglichkeit für heilige Eindrücke ankündigt. Die heilsamen Wirkungen, welche die heilige Messe in uns erzeugen kann, stehen mit unserer Vorbereitung in ge= nauer Verbindung, bestehen darin, daß wir neue Kraft zum Guten und neue Freude am Guten daraus schöpfen, daß wir immer mehr in der Bruderliebe gestärkt und zur Ausübung aller christlichen und ge seligen Tugenden dadurch ermuntert werden. „ Es wäre aber freilich zu wünschen, sagt der fromme und gelehrte Benediktiner Schwarz, daß Manches bei dem öffentlichen Gottesdienste eine solche Einrichtung erhielte, wodurch es den Beiwohnenden noch mehr erleichtert würde, Antheil an dieser heiligen Handlung zu nehmen und sich mehr zu erbauen." ( Handbuch der christlichen Religion 2. B., S. 301.) Vorbereitungsgebet. Allmächtiger, ewiger Gott, ich feiere jetzt jenes heilige Liebesmahl, welches dein geliebter Sohn am Ende seines Lebens mit seinen betrübten Jüngern hielt. Wie er sich da, ehe die Nacht seines Leidens und seiner letzten traurigen Schicksale einbrach, mit ihnen noch einmal brüderlich vereinigte, ihnen durch die zärtlichsten Reden Muth und Standhaftigkeit in allem 4* 52 Guten einzuflößen suchte( Joh. 14), ihnen unter dem Sinnbilde des Brodes und Weines seinen Leib und sein Blut zu genießen darbot, ihnen zur Pflicht machte, sich öfters seiner zu erinnern und ein Gleiches mit ihren Jüngern und Freunden zu thun- so vereinige ich mich jetzt mit dem Priester und allen anwesenden Christen, dieses christliche Liebesmahl nach dem Geiste Jesu und nach dem schönen Zwecke seiner Einsetzung zu begehen. Bin ich aber auch würdig, an diesem Liebesmahle Theil zu nehmen? O wenn ich mich prüfe, wenn ich die Falten meines Herzens durchspähe, wenn ich meine Gesinnungen, meine Worte und Handlun gen mit der Lehre Jesu vergleiche, die doch mein Gesetz und meine einzige Richtschnur ist, wie muß ich vor mir selbst erröthen, daß ich dem Geiste und der That nach so wenig ein Christ bin, was ich doch sein sollte, und was ich in den bessern Augenblicken meines Lebens auch zu sein wünsche! Doch weiß ich auch, daß die Jünger Jesu bei den Lebzeiten ihres Meisters noch schwach im Glauben und unvollkommen in Handlungen waren( Matth. 16, 8-10. Luk. 9), und daß Jesus Christus gerade deswegen das letzte zärtliche Abendmahl mit ihnen hielt, um ihren Glauben an seine Sendung und Lehre zu stärken, um 1 53 ihren Eifer zu großen menschenfreundlichen Werken zu beleben und zu entflammen. So will denn auch ich diese heilige Handlung mit dem Priester in gleicher Absicht feiern, daß mir die Religion Jesu immer liebenswürdiger und wichtiger werde, daß ich seinen Geist und seine Lehren immer tiefer in mein Herz präge, daß ich immer mehr in meinen guten Vorsätzen gestärkt werde, daß ich das Böse, die Sünde, das Unrecht, zu welchem mich meine Schwachheiten und Leidenschaften manchmal noch fortreißen, immer mehr verabscheue und alles Gute liebgewinne, daß ich ein wahrer und echter Jünger Jesu werde, in welchem sein Geist, sein Glaube und seine Liebe zu allen Menschen durch gute Gesinnungen und Handlungen sich immer mehr offenbare. Auch des herrlichen Todes Jesu will ich mich dabei erinnern, wie er als Menschenfreund die Wahrheit, die er lehrte, durch seinen schmerzvollen Tod besiegelte und sich selbst dir, himmlischer Bater, zum Opfer für das Heil seiner Brüder darbrachte.( Hebr. 10, 10. 12.) Dieses Opfer wird jetzt auf dem Altare von mir und allen Gläubigen erneuert und auf eine unblutige Weise vorgestellt. Eben derjenige, welcher am Kreuze sich so großmüthig für das Wohl der Menschheit opferte, ist auch jetzt durch den Dienst des 54 Priesters das Opfer und der Opfernde!*) Dieß erkenne ich durch den Glauben; dieß belebt mein ganzes Vertrauen zu dir, o Gott; dieß stärkt meine Liebe und alle meine guten Entschlüsse! Wenn Jesus, um Licht und Wahrheit unter die Menschen zu verbreiten ( Joh. 1, 9), einen so rühmlichen Tod starb, so großmüthig sich aufopferte, wie theuer soll mir nicht dieses Licht und diese Wahrheit sein! Und wie sollte nicht mein ganzes Leben ein Abdruck jener Lehre sein, die der Lehrer mit seinem Tode als die echte Gotteslehre bestätigte. Was kann ich dir Wohlgefälligeres opfern, o Gott, als den redlichen Vorsatz, den ich jetzt am Opfertische der Christen erneuere, immer nach Heiligkeit zu streben, immer zu thun, was meine Pflicht ist, immer Jesu Lehre und Beispiel zu folgen und mich solcher Gestalt selbst dir zum wohlgefälligen Opfer darzubringen, der du nicht an Brandopfern und an dem Blute der Thiere, sondern an einem guten Willen und redlichen Herzen Wohlgefallen hast.( Pſ. 50, 16.) Amen. Zum Gloria. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden.( Luk. 2, 14.) Dieß war der Zweck, *) Trid. Kirchenrath XXII. Sit. K. 2. - 55 warum Jesus Christus seine heilige Religion stiftete, die wahre Erkenntniß deines Wesens, o Gott, unter die Menschen zu bringen und die Menschen selbst durch sittliche Vorschriften zur Aehnlichkeit mit dir zu ihrer wahren Vollkommenheit und Glückseligkeit zu führen. Dieß ist also der Zweck, nach welchem ich streben muß, dieß ist der Geist des Evangeliums, mit welchem ich beseelt sein soll dich, o Gott, der du die höchste sittliche Güte bist, das Urbild aller Vollkommenheit, durch Tugend und Pflichtliebe zu ehren und, indem ich aus allen Kräften nach Heiligkeit ringe und dir, du heiligstes Wesen, ähnlich zu werden suche, auch jener Glückseligkeit mich würdig zu machen, die in Vereinigung mit Heiligkeit das höchste Gut des Menschen ist. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden! so will ich denken, so sprechen, und so auch handeln. Amen. - Beim Evangelium. Dank sei dir, o Gott, für alle jene schönen Lehren des Evangeliums, die ich in der Versammlung der Gläubigen und bei dieser Feier des Abendmahles vorlesen höre. O wie rührt mich die unnachahmliche Einfalt und Herzlichkeit der Erzählun 56 gen, in welche Jesus seine Lehren einkleidet, wie erquickt mich nicht der Trost, den mir seine Schilderung deiner Vatergüte, o Gott, und deiner Alles umfassenden, liebreichen Vorsehung einflößt; wie werde ich nicht durch seine darin aufgezeichneten schönen Handlungen und besonders durch seine überall hervorschimmernde Menschenliebe gerührt, welch eine Stärke und überzeugende Kraft ist nicht selbst in seinen Strafreden, die er gegen Gleißner und Werkheilige gebraucht, wenn sie anstatt Gott durch Tugend und Herzensgüte zu ehren, nur zum Scheine mit einigen Andachtsübungen und Bußwerken prahlen, und die Menschen und Gott zu täuschen glauben!( Matth. 15. Joh. 8, 44.) Dank sei dir, o Gott, für das heilige Evangelium. Ich werde dieses Buch aller Bücher, worin deine sittlichen Gebote und meine Pflichten so schön, so kraftvoll, so vollständig aufgezeichnet sind, immer mit neuem Geschmacke lesen und lesen hören. Aber nicht ein bloßer, eitler Hörer deines heiligen Willens und Gesetzes, sondern auch ein williger Befolger desselben will ich sein( 3ak. 1, 22); denn nicht, die da sprechen: Herr, Herr! sondern die den Willen meines Vaters thun, sagt Jesus( Matth. 7, 21), sind würdige Mitglieder und Genossen im Reiche Gottes. Amen. 57 Zum Credo. Ohne den Glauben, sagt der heilige Paulus, ist es nicht möglich, Gott zu gefallen.( Hebr. 11, 6.) Aber, o mein Gott, es wäre klein- und abergläubisch von mir gedacht, wenn ich denken wollte, der Mensch würde dir, dem heiligsten, dem vollkommensten Wesen schon gefallen, sobald er sich nur die Mühe nimmt, eine Glaubensformel öfters herzusagen, oder einigemale im Jahre aus seinem Gebetbuche eine Glaubenserweckung herunterzulesen. Es wäre thöricht und dem Geiste des Christenthums ganz zuwider, wenn ich denken wollte, es sei schon ein hinreichendes Verdienst vor dir, o Gott, ein Verdienst, welches mich ewiger Belohnungen würdig macht, alles das mit steifem Sinn zu glauben, was du geoffenbaret hast, und mich zwar mit ängstlicher Genauigkeit ganz an den Glauben der Kirche anzuschließen, aber ohne mich darum zu bekümmern, ob mein Leben mit meinem Glauben übereinstimmt. Nein, o Gott, so soll mein Glaube nicht be: schaffen sein; ein so rechtgläubiger und doch unrechthandelnder Christ will ich nicht heißen; mit einem so todten und unfruchtbaren und unnüßen Glauben will ich meine Religion nicht beschimpfen.( Jak. 2.) Jede 58 Wahrheit, die ich durch die Vernunft und das Evangelium erkenne, soll Einfluß auf mein Leben haben; was ich meine Pflicht zu sein glaube, will ich auch als Pflicht erfüllen. Der Glaube ist für mich ein Licht, aber was würde mir dieses Licht nüßen, wenn ich doch in der Finsterniß, das ist auf dem Wege der Sünde, wandeln will?( 1. Joh. 1, 6.) Was ist der Glaube ohne Liebe, ohne freudige Ausübung meiner Pflichten? Hätte ich auch, sagt der heilige Paulus, einen so festen, so unerschütterlichen Glauben, daß ich Berge versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, das ist die guten Werke, die Werke der Liebe nicht, die aus meinem Glauben, als einer lebendigen Quelle, hervorkommen sollen- o, so wäre ich doch nichts; ich könnte nicht die mindeste Hoffnung haben, durch einen so leeren und unthätigen Glauben dir, o Gott, zu gefallen; ja ich hätte vielleicht( wie Jesus Christus von den Städten Korazin und Bethsaida sagt, Matth. 11, 21) vor deinem Richterstuhle dereinst ein desto strengeres Gericht zu erwarten, je größer das Licht war, welches mir leuchtete, und je weniger ich zu meiner sittlichen Vervollkommnung Gebrauch davon machte. Amen. 59 Beim Offertorium. Jetzt, o mein Gott, da der Priester das Brod und den Wein in den Händen haltend, in seinem und aller Gläubigen Namen sich zu dir erhebt, dir unsere gemeinsamen Gebete und Wünsche darbringt, vereinige ich mich mit ihm und der ganzen Christengemeine, und opfere dir, was allein dir wohlgefällig ist, mein Herz mit allen seinen Neigungen und Begierden. Aus dem Herzen, sagt Jesus Christus, kommen böse Rathschläge, kommen Mord und Hurerei, falsche Zeugnisse und Diebstahl, und was die Menschen sonst Böses thun.( Matth. 15, 19.) 3ch opfere dir dieses Herz, indem ich jetzt den festen und unerschütterlichen Vorsatz hege, nie nach dem blinden Antriebe desselben, sondern immer nach der Vorschrift deines heiligen Gesetzes zu handeln. Wenn mich auf einer Seite die Sinnlichkeit oder der Zug unmäßiger Begierden zum Bösen anreizt, auf der andern Seite aber die Vernunft und das Evangelium auf meine Pflicht aufmerksam macht: so will ich nie meinem Herzen, diesem blinden Führer, sondern meiner durch die Religion erleuchteten und gestärkten Vernunft folgen. Nicht was meinen Sinnen angenehm ist, was meinen Neigungen schmeichelt, was meine thö 60 richten Wünsche und Triebe befriedigt, nicht was mein Herz will, werde ich thun, sondern was ich als sitte lich gut, als recht, als mit deinem Gesetze, o Gott, übereinstimmend erkenne, das will ich von nun an thun, das vor Allem suchen und lieben. Meine Glückseligkeit selbst werde ich nie mit Hintansetzung irgend einer Pflicht zu befördern trachten, eingedenk jenes göttlichen Ausspruches: Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, befleißet euch eines gerechten, nüchternen und Gott gefälligen Lebenswandels; das Uebrige, was ihr bedürfet, wird euch die Vorsehung zukommen lassen.( Matth. 6, 33.) Durch diese eines Christen würdige Gesinnungen, durch dieses redliche Opfer meines Herzens werde ich mich auch jenes viel höheren Opfers würdig bezeigen, welches Jesus Christus am Kreuze vollbracht hat, indem er den Tod des größten Menschenfreundes starb. Amen. Zum Sanktus. Heilig, heilig, heilig ist der Herr Gott Sabaoth, Himmel und Erde sind voll seiner Herrlichkeit!( Jesaj. 6, 3.) So singen alle frommen Christen. Heilig, heilig, ja, die höchste Heiligkeit selbst bist du, Herr Gott Sabaoth! Die höchste Vernunft, 61 der vollkommenste Wille, und eben darum der Heiligste, der Anbetungswürdigste, der Gesetzgeber aller vernünftigen Geschöpfe, welcher will, und nichts anders wollen kann, als daß wir mit Vernunft begabte Geschöpfe auch heilig und vollkommen zu werden uns bestreben, wie du selbst heilig und vollkommen bist! ( Matth. 5, 48. 1. Petr. 1, 16.) Heilig, heilig bist du, Herr Gott Sabaoth! Du, der Anfang und das Ende, der Mittelpunkt und die Fülle aller Heiligkeit. Durch dein ewiges Gesetz der fittlichen Güte knüpfest du das Reich der Geister an dich und lenkest alle Wesen zu dir, denen du Vernunft und Willen mitgetheilt und gleichsam dein Ebenbild eingedrückt haſt. Dein Wille ist unsere Heiligung!"( 1. Theffal. 4, 3.) Die Heiligung ist unsere Annäherung zu dir; je mehr wir uns durch sittliche Güte dir nähern, desto mehr nehmen wir auch an deiner Herrlichkeit Antheil; desto größer wird auch das Maß der Glückseligkeit sein, wozu wir Anlage und Trieb in uns fühlen und durch standhaftes Streben nach Heiligkeit auch Würdigkeit erhalten. ,, Heilig, heilig bist du, Herr Gott Sabaoth! Himmel und Erde sind deiner Herrlichkeit voll!" Heilig sollen auch wir sein, um deiner Herrlichkeit Mitgenossen zu werden. Amen. 62 Bei der Wandlung. Am Abende vor seinem Leiden nahm Jesus das Brod in seine heiligen und ehrwürdigen Hände, erhob dann seine Augen zu dir, o Gott, seinem allmächtigen Vater, dankte dir und segnete das Brod, brach es und gab's seinen Jüngern, sprechend:„ Nehmet hin und effet Alle davon, denn dieß ist mein Leib." Auf gleiche Weise, nachdem das Abendmahl vorbei war, nahm er auch diesen trefflichen Kelch in seine heiligen und ehrwürdigen Hände und dankte dir, o Gott, und segnete den Kelch und gab ihn seinen Jüngern, sprechend: ,, Nehmet hin und trinket Alle daraus, denn dieß ist der Kelch meines Blutes, des neuen und ewigen Bundes; ein Geheimniß des Glaubens, welches für euch und viele vergossen werden wird zur Nachlassung der Sünden. So oft ihr ein Gleiches untereinander thut, thut es zu meinem Andenken." - Indem jetzt der Priester diese merkwürdigen Worte ausspricht, so ist nach dem Glauben der katholischen Kirche, deren Mitglied ich bin, nicht mehr Brod und Wein- ist Jesus Christus selbst unter den Gestalten des Brodes und Weines wahrhaft und wirklich auf dem Altare gegenwärtig. Er ist da als ein 63 unbeflecktes und ewiges Opfer, und zugleich als ein reiner unbefleckter Opferpriester, welcher sich selbſt, wie ehemals am Kreuze, jetzt unter den Symbolen einer Speise und eines Trankes dir, o Gott, seinem himmlischen Vater, durch die Hände und den Dienst des Priesters darstellt. aber Wohl ein unbegreifliches Geheimniß welches mich täglich aufs Neue an jene wichtige Lehre erinnert, die schon Paulus seinen Schülern zu Korinth so sehr ans Herz legte:„ Ist nicht der gesegnete Kelch, den wir segnen, ein Bekenntniß unserer Theilnahme an dem Blute Christi, und das Brod, das wir brechen, ist es nicht eine öffentliche Erklärung unserer Gemeinschaft mit dem Leibe des Herrn?"( 1. Kor. 10, 16.) — Ja, o mein Gott, durch diese heilige Handlung, welche jetzt auf unseren Altären vorgeht, zeigen wir und bezeigen aufs kräftigste, daß wir Schüler Jesu Christi sind; daß wir uns zu seiner Lehre verpflichtet halten; daß wir Mitglieder jenes geistlichen Körpers sind, dessen Oberhaupt Jesus Christus selbst ist ( 1. Kor. 12. Ephes. 1, 22); daß, wie wir an ſeinem Leibe und Blute theilnehmen, wir auch seinen Geist und seine Gesinnungen annehmen müssen. Wir erneuern gleichsam dadurch unsern Taufbund und den 64 damals gefaßten Entschluß, mit nie ermüdetem Eifer nach jener Heiligkeit und Lebensreinigkeit zu streben, die uns Jesus Christus in seinen vortrefflichen Reden und Handlungen vorgezeichnet hat. Wie er selbst ohne Sünde war( 1. Joh. 3, 5), ein heiliger unbefleckter Opferpriester, so sollen auch wir, die wir seinem reinen und heiligen Opfer beiwohnen, alle Unreinigkeit verabscheuen und meiden; wir sollen von uns entfernen alle Werke der Finsterniß, nicht in Trunkenheit und Schwelgerei, nicht in unreinen Begierden und Werken der Unzucht, nicht in Zank und Feindschaft und Eifersucht soll unser Leben sich verzehren, sondern anziehen sollen wir von nun an Jesum Christum, seine Liebe, seine Weisheit, seinen Eifer für alles Gute!( Galat. 3, 27.) Wir leben ja in Gemeinschaft mit ihm, dem Reinsten und Hei ligsten unter den Menschen, wir sind gleichsam in einen geistlichen Leib mit ihm, als dem Haupte, verwachsen, mit welchem alle Glieder so verbunden und verkettet sind, daß der ganze Leib vermittelst der Verbindung dieser Glieder, deren jedes dem andern nach dem Maße seiner Kräfte Saft und Nahrung mittheilt, auch gegenseitig sein Wachsthum erhält und durch die Liebe immer mehr ausgebildet und vervollkommnet wird.( Koloff. 2, 19.) 65 Wer, o mein Gott, an Jesu Leib und Blut theilnimmt, darf nicht mehr wie die Menschen, die kein anderes Gesetz als ihre ausschweifenden Begierden und Leidenschaften erkennen, in Leichtsinn und Thorheit dahinleben. Jene sind fern von den großen. Gesinnungen, mit welchen Christus seine Jünger begeistert. Ihr Herz liegt in der tiefsten Unwissenheit und gänzlichen Gefühllosigkeit. Sie haben sich, unempfindlich gegen die Schläge des Gewissens, den niedrigsten Wollüsten ergeben und fröhnen täglich der feilen Unzucht. Aber wer einmal am Tische des Herrn das Brod der Starken genossen hat, ist auch dadurch verpflichtet, seiner ganzen vormaligen sündhaften Lebensart zu entsagen, und im Gegentheile solche hohe und heilige Gesinnungen und Grundsäße anzunehmen, wodurch er zu einem bessern Menschen umgewandelt, wahre echte Unschuld und Frömmigkeit an sich blicken läßt.( Ephef. 4, 22-24.) - Ich würde, o mein Gott, das Opfer schänden, welches jetzt auf dem Altare vollbracht wird; ich würde den Leib und das Blut Christi zu einer gemeinen Speise herabwürdigen, wenn ich mit andern Gedanken und Ueberzeugungen dabei zugegen wäre, als die mir meine hohe Verpflichtung zur Tugend und zu einem reinen gottgefälligen Lebenswandel in ErinneBrunner, Jesus. 5 66 rung bringen. Ich würde unter den echten Schülern und Jüngern Jesu bei dieser so schönen, begeiſterungsvollen Handlung, wie jener treulose Jünger, als der unwürdigste Heuchler erscheinen, wenn ich in meinem Herzen noch eine niedrige Leidenschaft des Hasses, der Unzucht, des Stolzes und dergleichen Platz geben, und da ich meine innige Gemeinschaft mit Jesu äußerlich durch Worte und Geberden bezeuge, innerlich von dieser seligen Gemeinschaft mich gleichsam lossagen und auch nur einem jener niedrigen Laster fröhnen wollte, die das Christenthum so feierlich verdammt und so unbeschränkt allen seinen wahren Bekennern verbietet. Amen.( Heb. 13, 4. 1. Petr. 5, 5. Nöm. 12. 1. Ror. 6, 9. 10.) Bei der Kommunion. Ich sehe, o mein Gott, wie jetzt der Priester unter heiligen Gedanken und Empfindungen Jesum Christum, das reine und unbefleckte Opfer des neuen Bundes, in sein Herz aufnimmt, wie er seine Seele mit der geistlichen Nahrung des wahren Leibes und Blutes unsers Herrn Jesus stärkt und belebt! Ich und alle anwesenden Gläubigen sollten, nach dem Geiste der ersten Einsetzung dieses Liebesmahles, auch zum Tische des Herrn hinzunahen und an der 67 geheiligten Speise theilnehmen. Aber nach strenger Prüfung meines Herzens wie fühle ich nicht meine Unwürdigkeit und den großen Abstand zwischen dem, was ich nach den Vorschriften meiner Religion sein sollte und was ich wirklich bin! Daher muß ich, wie jener reuige Sünder( Luk. 18, 13), nur gleichsam in der Ferne stehen bleiben und in dem Bewußtsein meiner täglichen Fehler und Schwachheiten zu dir, o Gott, rufen: Herr, sei gnädig mir armen Sünder! - Aber diese Empfindung meiner Unwürdigkeit, die mich jetzt vom Tische des Herrn zurückhält, soll nicht meinen Muth schwächen, nicht das Gefühl in mir ersticken, daß ich mich bessern kann, sobald es mein ernstlicher Wille ist. Ich fühle in mir jene hohe sittliche Freiheit, mit welcher ich die Fesseln aller meiner Schwachheiten und Lieblingsfehler, sobald ich Ernst und Willen habe, zertrümmern mich zur Tugend, dem Ziele meiner irdischen Bestim mung, emporschwingen kann! Wir straucheln zwar Alle und auf mannigfaltige Weise; aber der nur ist ein Sklave seiner Fehler, welcher es freiwillig sein will und diese niedrige Sklaverei jener herrlichen Freiheit der Kinder Gottes vorzieht, in welcher man das Böse scheut, weil es böse ist, und Gutes thut, weil es gut ist, durch seinen innerlichen Werth Ach 68 tung und Liebe verdient und von der Pflicht empfohlen wird. Selbst die Empfindung meiner Unwürdigkeit, die mich vom Tische des Herrn zurückhält, soll meine sittlichen Kräfte aufregen, soll den Muth in mir verdoppeln, gegen alle Antriebe der Sinnlichkeit, gegen alle Lüste und Reizungen, die dem Gesetze Jesu und meiner Vernunft zuwider sind, zu kämpfen und zu ringen, fest überzeugt, daß, wenn ich meinerseits thue, was in meinen Kräften liegt, deine höhere Hilfe und Unterstüßung, o Gott, mir nicht ermangeln werde. Wenn ich so denke und handle, so denke ich als würdiger Schüler Jesu, so handle ich ganz nach seinem Evangelium und nach seinem Beispiele, so werde ich immer enger mit ihm vereinigt, immer würdiger jenes Liebesmahles, an dem nur edle, für die Tugend begeisterte Seelen, ohne den Vorwurf ihres Gewissens befürchten zu müssen, Theil nehmen können. Amen. Am Ende der heiligen Messe. Die heilige Handlung, mit welcher sich der Priester, umringt von andächtigen Christen, bisher beschäftigte, ist vollendet, o möchte doch der wohlthätige Endzweck davon nie aus meiner Seele verschwinden, möchten doch die heiligen Gedanken und Betrachtun 69 gen, die sich meinem Geiste dabei darboten, wie jener evangelische Same, der in ein gutes Erdreich fiel, hundertfältige Früchte tragen und zu den schönsten Handlungen einer uneigennüßigen Tugend und einer großmüthigen Menschenliebe aufsprossen!( Luk. 8, 15.) Ich bin ein Christ, o Gott, und freue mich dieses Namens. Ich habe dem Opfer und Liebesmahle der Christen beigewohnt, und fühle mich durch diese herrliche Stiftung erhaben und begeistert, so will ich denn auch sein, was ich heiße: ein wahrer Christ, würdig seines Lebens und seiner Lehre, welche die Bewunderung der Welt und selbst seiner Feinde verdient haben. Ein wahrer Christ will ich sein, o mein Gott, nicht mit vielversprechenden Worten, die oftmals wie leere Feigenblätter nur den Mangel guter Handlungen bedecken( Mark. 11); nicht durch Glaubensformeln nur, welche daherzusagen und tausendmal zu wiederholen so gar keine Mühe kostet- nein, nicht ein solcher, mit Worten prahlender und mit Glaubensformeln verdammender Christ wie könnte ich als solcher vor meinem Meister und Herrn erscheinen? - ein wahrer Christ, o mein Gott, will ich sein, will ich aus ganzem Herzen, aus allen meinen Kräften mich bestreben zu sein. Wie Jesus Christus -- 70 gedacht, wie er gesprochen und gehandelt hat, so will auch ich denken, sprechen und handeln, wie er unter seine Zeitgenossen umherwandelte, und Allen Gutes that( Apostelg. 10, 38), aufs beste und aus den besten Absichten that; so will auch ich unter meinen Mitmenschen als Menschenfreund erscheinen und so viel Gutes um mich her verbreiten, als meine Kräfte vermögen; wie er immer den Willen seines Vaters im Himmel zu vollziehen beschäftiget war( Joh. 4, 34. K. 6, 38), so will auch ich diesen göttlichen Willen zur ersten, vornehmsten und einzigen Richtschnur meines Lebens machen. Wie er seine Feinde mit großmüthiger, und alle Irrenden und Schwachen mit schonender Liebe umfaßte( Luk. 23, 34), so will auch ich nicht nur Freunde und Wohlthäter- das thun auch die Heiden sondern alle meine Widerfacher lieben, gerne die Beleidigungen vergeben, die Schwachheiten der Menschen ertragen, die Irrenden dulden, die Dürftigen unterstüßen.( Matth. 5, 47.) Jesus Christus soll in meinen Gesinnungen, in meinen Worten, in meinen täglichen Handlungen herrschen.( Gal. 2, 20. 1. Joh. 2, 6.) Sein Geist lebe und webe in mir! Diesen seligen Entschluß, den mir das Bekenntniß des Christenthums zur Pflicht macht, den mir die heilige Abendmahlsfeier so oft in Erin - - 71 nerung bringt, nehme ich aus dieser frommen Versammlung mit mir, und er soll die Seele aller meiner Wirksamkeit in dem Kreise meines Berufes sein. Ein wahrer Christ, ein edler Jünger Jesu, ein ge= treuer Nachfolger meines Religionsstifters zu werden dieß sei meine Lust, mein Entschluß, mein theuerstes Bestreben! Amen. - Meßandacht. Vorbereitungsgebet. Allmächtiger Gott, mit tiefster Ehrfurcht nahe ich mich deinem heiligen Altare, um dir mit inniger Andacht ein Opfer meines Dankes zu bringen. In Demuth beuge ich mich vor deiner allerheiligsten Majestät. Entferne von mir, was mich zerstreuen könnte; auf dich allein sei mein Geist gerichtet. Laß mein Gebet kindlich und dir wohlgefällig sein; bereite du selbst mein Herz dazu vor, reinige meinen Sinn, heilige mich, und lösche meine Sünden aus. Verherrliche an mir deine Barmherzigkeit, die Alle beseliget, die auf dich hoffen. Das kostbare und ehrwürdige Opfer deines göttlichen Sohnes bringe mir und denen, die mir ange 72 hören, so wie Allen, die demselben hier beiwohnen, Segen, und erwecke und erstarke uns zur treuen Nachfolge seines erhabenen Beispieles. Zum Anfange. Mein Gott und Herr, erbarme dich meiner, denn ich habe vor dir, du Heiliger, gesündiget. Verblendet verließ ich deine Wege und eilte meinem Verderben entgegen. Darüber ist meine Seele betrübt, und ich flehe zu dir, ewiger Vater, um Schonung meiner Schwäche, um Vergebung meiner Schuld. Laß mich vor dir Gnade finden wegen des göttlichen Versöhnungsopfers deines geliebten Sohnes. Zum Kyrie eleiſon. Erbarme dich unser, o Herr, der du mächtig bist, und dessen Name heilig; erbarme dich unser, der du throneft über den Cherubinen und durchschauest den Abgrund; erbarme dich unser, der du uns geliebt und dich selber für uns geopfert hast; erbarme dich unser! Zum Gloria. Vom heiligen Gregorius. Gütigster Jesu, Wort des Vaters, Abglanz seiner Glorie, Freude der Engel: lehre mich deinen 73 Willen thun, damit ich von deinem milden Geiste geführet, zu jener seligen Heimat gelange, wo der ewige Tag ist, und der ewige Friede und die Seligkeit; wo du, mein Heiland, mit dem Vater und dem heiligen Geiste lebest und waltest in unvergänglicher Glorie. Zur Kollekte. Himmlischer Vater, erhöre das Gebet deines Dieners; erhöre das fromme Flehen deiner treuen Verehrer. Schüße und erhalte deine heilige Kirche auf Erden. Segne und beglücke dein Volk. Entferne von uns Alles, was unsere Wohlfahrt stören könnte. Tröste und stärke uns in unseren Leiden. Beweise dich an uns als der allmächtige, allgütige Gott, der überall helfen kann und helfen will. Durch Jesum Christum, unsern Herrn. Zur Epistel. Wie weise und gütig hast du, o Gott, zu allen Zeiten die Menschen deine Kinder geleitet und geführet, welchen Dank sind wir dir nicht schuldig, du mahnest uns durch unser Gewissen an unsere Pflichten; du warnest uns durch unsere Schicksale; aber am deutlichsten zeigest du uns deinen Willen in deinem heiligen Worte. - - 74 Wie strafbar wäre ich, wenn ich die Aufmunterungen, die ich aus deinen Händen empfangen habe, unbeachtet ließe; täglich will ich mich bemühen, in der Erkenntniß und Ausübung meiner Pflichten weiter zu kommen, und deine Gebote zu erfüllen, denn sie erzwecken meine eigene Glückseligkeit; feines derselben kann ich verlegen, ohne mir selbst zu schaden. Darum sei und bleibe dein Gesetz allein die Regel meines Thuns und Lassens. Zum Evangelium. Mein Jesu, in deiner Lehre bietest du allen Menschen Freude und Seligkeit. O daß doch Alle deine sanfte Stimme hörten, Alle dir, als dem Führer zum ewigen Leben folgten! Auch mir soll dein edles, erhabenes Beispiel stets gegenwärtig sein, jederzeit erfülltest du den Willen deines himmlischen Vaters: dazu stärke du auch mich! Du wurdest nie müde, Gutes zu thun, wenn man dich gleich mit Undank und Verfolgung lohnte; lehre denn auch mich, meine Pflicht höher zu schätzen, als meine Bequemlichkeit, als meine zeitlichen Vortheile und alle Gunst der Menschen. Du ertrugest unschuldig Schmähungen und Qualen; steh mir bei, mein Erlöser, wenn auch über mich Leiden und Schmerzen kommen, daß ich sie - 75 mit Geduld und Ergebung ertrage. Und nahet sich die Stunde, in welcher ich von dieser Erde scheiden soll, so flöße mir dein Tod Muth und frohe Hoffnung ein, und deine Auferstehung sei mir ein Unterpfand, daß auch ich fortleben werde. Laß mich auf der Bahn, auf welcher du zur Herrlichkeit vorangingest, dir standhaft nachfolgen, damit ich zur Freude und Wonne gelange. Zum Credo. Ueber mir ist ein Gott, der mich und Alles erschaffen hat, was im Himmel und auf Erden ist; der Alles mit Allmacht erhält, Alles mit Weisheit regieret, und dieser erhabene, majestätische Gott ist mein Vater. - Ich glaube an Jesum Christum, Gottes eingebornen Sohn; ich verehre ihn als meinen Herrn und Erretter. Menschgeword'ner Gott, wie ſollt' ich dich nicht anbeten? Unschuldig wurdest du empfangen und geboren, unschuldig war dein ganzes Leben; in deiner Macht stand es, Freude zu genießen- du aber wähltest unsertwillen Leiden und Tod. Dein ewiger Vater hat dich wieder zur Herrlichkeit erhoben, von wo du zu Gericht erscheinen wirst, und dann werden deine Frommen für Alles, was du an ihnen 76 gethan hast, dich würdiger preisen und von dir eingeführt werden zu den himmlischen Freuden! Heiliger Geist, weiche nie von mir. Erleuchte, heilige und tröste mich, erhalte mich stets als ein würdiges Mitglied der christlichen Kirche, als einen treuen Nachfolger Jesu Christi, damit ich hier Vergebung der Sünden erhalte, einst zum ewigen Leben auferweckt und in Gemeinschaft aller Heiligen einer ewigen Glückseligkeit theilhaftig werde. Amen. Offertorium. Himmlischer Vater, mit dem reinen, unbefleckten Opfer am Altare vereinige ich mein Dankgebet für Alles, womit du mich bis zu dieser Stunde gesegnet haft; dir weihe ich mein Herz, und will, aus Liebe und Dankbarkeit, nach deinen Vorschriften wandeln, ein gutes Gewissen bewahren, meinen Mitmenschen wohlthun, und dir in Allem treu und ergeben sein; denn du bist unser höchster, heiliger Gott, dir ähnlich und würdig zu werden; dich von Angesicht zu Angesicht zu schauen, sei unser Aller einziges Ziel. Zur Präfation. Es ist recht und billig, und für uns höchst heilsam, daß wir dich, du Allliebender, erheben und prei 77 sen, wie dich die heiligen Geister mit Frohlocken loben, preisen und verherrlichen. Laß auch unsere Stimmen zu dir gelangen und mit ihnen ehrfurchtsvoll rufen: Heilig, heilig, heilig bist du, Gott der Heerschaaren, Himmel und Erde sind deines Ruhmes voll! Ehre sei dir in der Höhe! Gepriesen sei dein großer Name immer und ewig! Gebenedeit sei, der da kommt im Namen des Herrn. Vor der Wandlung. Erhöre, allgütiger Gott, die demüthigen Bitten, die wir für alle Menschen vor deinem Throne niederlegen. Du weißt, was jeder bedarf; gib einem jeden das Maß von Glück und Freude, das nach deiner Weisheit ihm zuträglich ist. Erhalte deine heilige Kirche auf Erden; sende uns treue und wachsame Hirten für unsere Seelen; segne ihre Bemühungen, nimm ihr Gebet und Opfer gnädig an. Segne auch alle weltlichen Stände und Obrigkeiten, und insbesondere diejenigen, die du uns gegeben hast; erhalte in ihnen den Sinn für Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Wir beten zu dir für unsere Freunde und Wohlthäter, sowie auch für unsere Feinse Du kennst die Verirrten, die Unwissenden, die Schwachen unter unsern Brüdern; ziehe deine Hand nicht von 78 ihnen ab!- Du kennst die Traurigen und Verlassenen, die unschuldig Gedrückten und Verfolgten, die Kranken und Armen und auf tausenderlei Art Leidenden: tröste und erfreue sie mit deiner mächtigen Hilfe! Sei auch mein Vater und Versorger, mein Erretter in der Noth, mein Tröster in der Anfechtung, meine Stärke in der Schwachheit; erhöre mein kindliches Gebet, das durch die Fürbitte des Priesters, und im Himmel durch die Fürbitte der Heiligen unterstützt wird. Wandlung. Komm, liebreichster Heiland, komm und vollbringe das wunderbare Geheimniß deiner Allmacht und Liebe; deines heiligen, unschuldigen Lebens willen erbarme dich meiner, sei mir gnädig, hilf mir zum ewigen Leben! Nach der Wandlung. O ihr Heiligen Gottes, lasset uns niederfallen vor dem Herrn des Himmels und der Erde; lasset ihn uns anbeten, denn er hat an seinen Menschenfindern Großes gethan! Mein Jesu, nicht nur in deines Vaters Hause will ich dir Ehrfurcht bezeugen, sondern es soll sichtbar werden, daß ich meinen Sinn nach deinem Sinne bilde und dir mit ganzer Seele angehöre. 79 Auch für Alle, die in dir entschlafen sind, bitte ich, o Herr! Sei ihnen barmherzig und gib ihnen den ewigen Frieden. Besonders bitte ich für alle diejenigen, die mir in diesem Leben nahe gestanden sind; lohne ihnen dort mit ewigem Segen alles Gute, das sie mir erwiesen haben. Führe uns endlich alle, nach überstandener Prüfung, mit deinen Auserwählten, die im Glauben und in der Frömmigkeit treu ausgeharrt haben, in dein himmlisches Reich. Beim Vater unser. Gott, größtes, heiligstes, vollkommenstes Wesen! Zu welcher Würde hast du mich erhoben, daß ich sterbliches, sündiges Geschöpf dich meinen Vater nennen darf; dich, der du Alles in deiner Gewalt haſt. Heilig sei mir der Gedanke an dich, heilig sei er allen meinen Brüdern, denen du auch Vater bist! Vermehre dein Reich auf Erden! Vergrößere täglich die Zahl deiner wahren Verehrer, und bringe auch jene zur Erkenntniß deiner Wahrheit, die jetzt noch in Unwissenheit und Irrthum leben. Laß uns nicht bloß deinen Willen wissen, sondern auch erfüllen! Wir flehen um unser täglich Brod, du weißt, was wir bedürfen, und du liebst uns; sorge denn für 80 uns, wie du es bisher gethan, und wofür wir dir herzlichen Dank sagen. Vergib uns unsere Schulden; wir sind bereit, denen zu verzeihen, die uns beleidigen, und an andern zu thun, was wir, o Gott, von dir erbitten. Nahen uns Versuchungen, so hilf uns kämpfen, und gib uns Kraft zum Siegen! Erlöse uns von allen Uebeln; steh uns bei, daß wir alle Mühseligkeiten des jetzigen Lebens fröhlich überwinden, und führe uns einst, wenn unsere Zeit und Stunde kommt, in deine ewige Ruhe ein. Amen. Agnus Dei. O du Lamm Gottes, voll stiller sanfter Geduld ertrugst du bittere Leiden und einen schmerzhaften Tod. Ist es mir bestimmt, daß auch ich leide, o, so flöße mir Geduld und Sanftmuth ins Herz. Fern sei von mir jede Klage über Gott; fern jede Empfindung des Neides beim Anblick meiner glücklichern Nebenmenschen; fern jeder Gedanke der Nachsucht gegen die, die sich an mir verschulden. Und regt sich je ein solch unwilliger Gedanke in mir, so will ich zu deinem Bilde aufblicken, du heiligster Dulder, und von dir lernen, geduldig und versöhnlich sein; und du, mein Jesu, wirst mich nicht unerhört lassen. Kommunion. Göttlicher Heiland, so laß mich denn im Geiste hinzutreten und Theil nehmen an deinem himmlischen Mahle! Du nahmst dich stets der Schwachen und Gefallenen an, warst immer bereit, sie in deiner göttlichen Milde von ihrem Falle aufzurichten. Um Schonung flehe auch ich zu dir, das Opfer deines Leibes und Blutes diene auch mir zur Vergebung meiner Sünden und zu neuem Eifer in der Tugend;. mein Herz kehre sich immer mehr in wahrer Andacht und Rechtschaffenheit zu dir. O mein Jesu, deine Gnade bleibe bei mir heute und alle Tage meines Lebens. - 81 Nach der Kommunion. Nimm, o Gott, meinen Dank für das Gute, das du heute wieder an meiner Seele gewirkt haft; für jede fromme Empfindung, für jede Aufmunterung, jeden Trost und jede Hoffnung, die ich aus dem Gedanken an dich und deine Liebe geschöpft! Welche christliche Vollkommenheit würde ich nicht schon erreicht haben, wenn ich alle Gelegenheiten, die du mir im Laufe meines Lebens zugeführt haft, immer redlich und aufmerksam benützt hätte! Es vergeht keine Woche, tein Tag, feine Stunde, wo ich nicht Ursache hätte, Brunner, Jesus. 6 - 82 deine Güte zu rühmen, dir kindlich ergeben und gehorsam zu sein. Da ich nicht weiß, wie lange du mir noch Zeit zur Besserung gewähren werdest, ob nicht bald meine irdische Laufbahn sich schließen werde, so will ich wenigstens mit meinen noch übrigen Stunden weise und sparsam umgehen; was ich zu meinem Heile noch zu thun habe, nicht länger aufschieben, und deine Langmuth nicht mehr mißbrauchen. Mit diesen Gesinnungen verlasse ich das Gotteshaus; dein Andenken sei mir stets heilig und gegenwärtig. - Zum Segen. Segne uns alle zur Erkenntniß und Weisheit, zum Glauben und zur Standhaftigkeit, segne die rechtmäßigen Werke unseres Berufes, segne unsere Arbeit und unsere Ruhe, im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen. Beim letzten Evangelium. Im Anfange warst du, mein Erlöser, bei Gott. Du selbst bist Gott, durch dich ward Alles geschaffen; durch dich wird Alles erhalten. Du aber stiegst herab von dem Throne deiner Herrlichkeit und wohnteft unter uns, du brachtest das Licht vom Himmel, das uns leuchten sollte auf dem dunklen Lebenspfade. Wie 83 du im Anfange warst, so wirst du auch bleiben in Ewigkeit, ewig unser Gott, unser Freund und Retter, der uns beglückt und selig macht. Deinem Namen bringen wir Anbetung, Lob und Dank; dir diene die ganze Welt; deinem Willen lebe Alles, was im Himmel und auf Erden lebt! Gebet nach der heiligen Messe. Unter deinem Schuße, o Jesu, gehe ich hin in Frieden! Sei bei mir, wo ich wandle. Sei bei mir in der Freude, damit ich sie dankbar und mäßig genieße, und in der Traurigkeit, damit ich an deiner Erbarmung nie verzweifle! Sei bei mir, wenn alles Irdische mich verläßt; wenn meine besten Freunde von mir weichen; wenn meine sterbenden Lippen nicht mehr zu dir beten können; sei bei mir, wenn das Herz mir bricht;- dir lebe ich; dir sterbe ich; dein bin ich todt und lebendig. Amen. onds) spune 6* netist 33 84 III. Beichtgebete. Unterricht. s ist kein Zweifel, daß das Beichtgericht von vortrefflicher Wirkung für die Christen sein könnte, wenn sie in den wahren Geist desselben eindrängen, und durch zweckmäßiges Benehmen dabei die Absicht der Einsetzung desselben unterstüßten. Wer aus seinen Beichten allen geistlichen Vortheil ziehen will, den er daraus ziehen kann und soll, muß erstens einen Beichtvater wählen, gegen welchen er seiner Einsichten und Rechtschaffenheit wegen eine wahre Hochachtung hegen kann. Er muß ihn als seinen besten und liebreichsten Freund betrachten, dem er alle geheimen Falten und Irrgänge seines Herzens aufdecken, alle seine Schwachheiten offenbaren, den er mit dem ganzen Triebwerke seiner Leidenschaften und Lieblingsfehler bekannt machen darf. Er muß in ihm den Arzt und Rathgeber verehren, der die Krank 85 heiten seiner Seele untersuchen, seine Verirrungen vom Wege der Tugend beurtheilen und ihm die Mittel zeigen kann, wodurch seine Seele geneset, und er auf die rechte Bahn des Heils zurückgeführt wird. Er muß zweitens eine strenge Selbstprüfung mit sich vornehmen- nicht nach einer Musterkarte von ausgewählten Sünden, die den Gebetbüchern einverleibt ist, sondern nach jenen ernsthaften und besonderent Betrachtungen, die er täglich über sich selbst zu machen Gelegenheit hat. Selbstprüfung führt zur Selbsterkenntniß; und Selbsterkenntniß ist der einzig mögliche Weg zu einer gründlichen Besserung des Lebens, welche der Zweck des christlichen Beichtinſtitutes iſt. Wer sich selbst prüft wird bald wahrnehmen, welche Gegenstände von Außen mächtiger auf sein Gemüth wirken; welche Scheingüter ihm am meisten gefallen; welche Neigungen seines Herzens die meiste Gewalt über seinen Willen ausüben; welche Gelegenheiten ihn zu den meisten Fehltritten verleitet haben; an welche Menschengattung er sich am liebsten anschließt, und welchen Freunden er durch Nachahmung ihrer Grundsäße und Handlungen am ähnlichsten zu werden sucht; durch welche Schritte und Uebereilungen in ihm endlich eine eiserne Gewohnheit der Sünde, die seinen besten Entschlüssen und seinem oft wiederkehrenden 86 Sinne für Tugend trotzt, entstanden ist? Wer sich selbst prüft, wird bald die herrschende Maxime all seines Thuns und Strebens wahrnehmen; er wird unfehlbar den ganz eigenen Charakter seiner Ausschweifungen und die wahre Tendenz seines Herzens zu dem, was ihm besonders angenehm und wünschenswerth ist, ergründen. Endlich, wer sich selbst prüft, wird bald die Unlauterkeit dieses Herzens ausforschen, vermöge welcher er oftmals zwar thut, was die Pflicht gebeut, aber nicht aus alleiniger Achtung für die Pflicht, sondern vielmehr, um die geheimen Absichten des Herzeus selbst durch pflichtmäßige Handlungen zu erreichen. Allein wer sich selbst nicht auf solche Weise prüft, nicht alle Tiefen seines Herzens gleichsam durchwühlt, der mag wohl beichten, wie Tausende beichten, aber eben so zweck- und sinnlos, als Tausende! Wahre Selbsterkenntniß führt den Menschen zur Demuth vor Gott und den Menschen, oder zur richtigen Selbstschätzung; und diese muß bei dem Anblicke so vieler Fehler und Schwachheiten, denen wir unterworfen sind, wahre Reue und einen redlichen Ent schluß, uns zu bessern, in uns erzeugen, wenn anders nicht alle Achtung für das Gesetz und alles Gefühl für Sittlichkeit in uns erstorben ist. Dieß ist der 87 dritte Punkt, von welchem die Nutzbarkeit des Beichtwesens abhängt. Aeltere Moralisten haben die Beichte zu einer so mechanischen Handarbeit, wenn ich so sagen soll, herabgewürdiget; sie haben den Menschen, dem Gott ein hohes Antlitz und Fähigkeit, zum Himmel emporzuschauen, gab, so tief in den Koth der Erde versenkt, daß sie es für hinreichend erklärten, wenn er nur eine knechtische Reue über seine Sünde erweckte, und durch die Betrachtung der Strafruthe von seinen Fehlern zurückgeschreckt würde. Es war großer Kampf der bessern Theologen nöthig, um auch noch den mächtigen Grundsatz aufrecht zu erhalten, daß keine Neue über die Sünden hinreichend sei, welche nicht einigermaßen durch die Liebe zu Gott beseelt würde. Ja, wer die Beicht als ein Mittel seiner Besserung gebrauchen, und diese treffliche Anstalt des Christenthums nicht mit abgestumpftem Sklavensinne mitmachen will, muß seine Sünden verabscheuen aus Liebe zu Gott, aus Achtung für die höchste Heiligkeit dieses unendlichen Wesens, oder, was eben so viel sagt, aus Achtung für das Sittengesetz, welches er verletzt hat, aus Gefühl für seine Pflicht! Er muß sich emporschwingen zur Höhe und Würde seiner Natur, in den Kreis jener sittlichen Vernunft, die 88 allein, wenn er ihren Anforderungen Genüge leiſtet, seinem Leben Werth und Würdigkeit verschaffen und seinen Geist veredeln kann. Er muß Reue fühlen, die aus dem Abscheu vor der Knechtschaft entsteht, in die ihn die Sünde stürzt( Röm. 7, 14); dann wird die Ueberzeugung von der Nothwendigkeit sich zu bessern, der Entschluß, nach der allein guten Marime ( Anleitung) des Sittengesetzes zu handeln, ein wahrer würdiger Mensch zu werden, und dem höchsten Ideale der Heiligkeit, Gott durch Nachahmung sich immer mehr zu nähern, von selbst nachfolgen. Umsonst beichten wir, wenn nicht diese edle Reue uns zum Beichtstuhle begleitet, wenn nicht unsere Liebe zu Gott, und mit dieser die Liebe zu unseren Pflichten wächst; wenn nicht der Vorsatz, besser zu werden, auf den edelmüthigen Abscheu vor fittlicher Knechtschaft gepflanzt wird. Die vierte Pflicht des Beichtenden ist, sorgfältig mit sich selbst zu Rathe zu gehen, wie er die Fesseln seiner vielleicht langwierigen bösen Gewohnheiten zerbrechen, wie er der bisherigen Herrschaft seiner Neigungen Abbruch thun, und seine moralischen Kräfte immer mehr verstärken, furz, wie er seinen gefaßten Entschluß der Besserung auch in Erfüllung bringen könne! Er betrachte ja in dem Beichtvater nicht nur 89 den strengen Richter, dem er jede seiner Sünden ängstlich zergliedern, die Zahl, Umstände und Grade mit kleinfügiger Weitschweifigkeit berechnen müsse; er sehe ihn vielmehr als einen Engel des guten Rathes an, welcher den Gang und die Verkettung seiner Schwachheiten vielleicht noch heller und unparteiischer, als er selbst, beurtheilen und ihm mit freundschaftlicher Theilnahme jene Mittel vorzeichnen wird, die ihn bald und sicher zum Ziele seiner Besserung führen können. O, wer einen solchen Freund hat, kann nicht lange auf dem Irrwege bleiben; und wer im Ernste will und sucht, wird auch diesen Freund unfehlbar finden. Seine Besserung ist nicht das Werk eines Tages; er muß ihn daher öfters besuchen, er muß ihm seine neuen Erfahrungen auf dem Wege, den er wandelte, treulich mittheilen, und seine Rathschläge mit willigem Herzen aufnehmen und befolgen. Aber wie niederschlagend ist es für den vernünftigen Beichtvater, wenn er sieht, daß sein Beichtkind nichts als die unbedeutende Buße, die ihm nach einem allgemeinen Maßstabe auferlegt wird, mit sich aus dem Beichtstuhle davon trägt, und daß er sein ganzes mechanisches Beichtwerk vergißt, sobald dieſe ( ganz uneigentlich sogenannte) Buße durch das Dahersagen einiger Gebete abgethan ist! Wo die Beicht 90 aufhört, muß die Besserung anfangen. Dieß ist die fünfte und letzte Bedingniß einer zweckmäßigen Beicht. Die Beicht ist eine Religionshandlung, der man sich aus Ueberzeugung unterwirft, daß sie ein wirk fames Mittel zu unserer sittlichen Vervollkommnung sei. Sollte dieß nicht bei jedem Beichtenden den richtigen Begriff seines wichtigen Vorhabens voraussetzen, und daß es dabei auf etwas mehr angesehen ist, als auf langweiliges Sündenbekenntniß und auf einige allgemeine Formeln, mit welchen der Beichthörende und Beichtende sich wechselsweise quälen? Besser eine einzige Beicht im Jahre- aber nach dem bisher vorgezeichneten Plane verrichtet- als hundert im Jahre, nach dem gewöhnlichen Zuschnitte, ohne Frucht und ohne Wirkung, die weiter als über den Augenblick des Beichtens hinausreicht. Wer beichtet verrichtet ein langwieriges Geschäft, wovon die Beicht selbst nur der Anfang, die Folgen aber durch eine gänzliche Umwandlung des Lebens außer der Kirche im Kreise seiner Familie und seines Berufes allmälig sichtbar werden müssen. Daher sind im Durchschnitte alle jene Beichten von zweideutigem Erfolge, wo der Beichtende seinen Beichtvater nicht kennt, und also für ihn keine andere Achtung hegen kann, als die ihm sein geistlicher Stand 91 einflößt; wo auch der Beichtende nicht gekannt iſt, und selbst durch sein Hinüberschlüpfen über die schwierige Seite seines Herzens alle Erkenntniß seiner Fehler dem geistlichen Arzte erschwert. Daher sind jene Beichten so unzuverlässig, wo die Beichtlinge, angelockt durch einen Ablaß oder eine kirchliche Feier, zu Hunderten und Tausenden dem Beichtstuhle zuströmen, sich wechselsweise beinahe erdrücken*), und den Beichtvater durch ihre Menge und Abwechslung in die Unmöglichkeit versetzen, vernünftige, dem Seelenzustande jedes Beichtenden angemessene Rathschläge zu ertheilen, wo dann die Kirche vielmehr einem Jahrmarkte gleicht, als einemt stillen und feierlichen Aufenthalte, in welchem ein Freund über das Wichtigste, über das Einzige, was Noth ist( Luk. 10, 41), über seine sittliche Lage mit einem erleuchteten und rechtschaffenen Freunde sich bespricht, ihm Offenherzigkeit bezeigt und von ihm Redlichkeit hofft; ihm seine Schwachheiten aufdeckt und von ihm Muth und Stärke, dieselben zu besiegen, und reife Rathschläge erwartet, ihnen vorzubeugen. Doch wer wollte alle jene Ungereimtheiten, Mißbräuche, falschen Begriffe und Selbstbetrüge der Beichtlinge namhaft machen, *) Besonders an Wallfahrtsorten. 92 durch welche das Beichtgericht seine Würde, seinen Einfluß und seine ganze Zweckmäßigkeit verliert! Wer sich keiner großen Verbrechen, keiner verderblich und allgewaltig herrschenden Leidenschaft, feiner Gewissen und Vernunft höhnenden Gewohnheit bewußt ist auch er kann das Beichtsakrament mit vielem Vortheile gebrauchen, theils um die Gebrechlichkeit seines Herzens in täglichen kleinen Fehltritten immer genauer zu beobachten, theils um durch eine viel unparteiischere und genauere Beurtheilung seines sittlichen Zustandes von Seite seines Beichtvaters, aller selbst in die redlichsten Seelen einschleichenden Selbsttäuschung vorzubeugen, theils auch, um durch öftere Erneuerung seiner Entschlüsse und Gesinnungen seine sittliche Kraft zu erhöhen, und die Herrschaft des Gewissens über die Sinnlichkeit zu befesti gen, und es wird an ihm wahr werden, was dort geschrieben steht( Offenb. Joh. 22, 11):„ Wer gerecht ist, wird noch gerechter werden, und wer heilig ist, wird noch an Heiligkeit wachsen." - 93 Gebete vor der Beicht. Bitte um den göttlichen Beistand. Bei dem großen Geschäfte, welches ich jetzt vorhabe, meinen Seelenzustand zu prüfen, die Fehltritte und Ausschweifungen, in welche ich aus Mangel der Wachsamkeit über mich selbst so oft verfalle, in ihrer Quelle aufzusuchen und in ihren bösen Folgen zu beherzigen und eine gründliche Besserung meines Lebens, eine wahre Sinnesänderung vorzunehmen bei diesem großen und wichtigen Geschäfte wende ich mich vor Allem zu dir, o Gott, dem Vater der Lichter, von welchem jede gute Gabe herabkömmt!( Jak. 1, 17., 1. Pet. 5. 10.) In deiner heiligen Gegenwart, unter deinem göttlichen Beistande und geleitet durch die Wahrheit des Evangeliums, ermuntert und gestärkt durch den Aufruf Jesu und seines Vorläufers: Bringt würdige Früchte der Buße!"( Matth. 3, 8) will ich jetzt in mein Innerstes hineinsteigen, die Tiefen meines Herzens mit der Fackel deines Wortes beleuchten, einem ehrwürdigen Freunde und Rathgeber meines Gewissens die Gebrechen desselben aufdecken, seine warnende und belehrende Stimme mit Ernst und Wahrheitsliebe anhören und wenn jemals, - 94 gewiß jetzt eine des Christerthums würdige Beicht ablegen, eine Beicht, welche den Sinn und Geist des Evangeliums in mich verpflanzen, die Liebe zur Tugend in mir erneuern und den ernsten Entschluß, ihr mit ganzer Seele nachzustreben, zur Wirklichkeit zur Reife bringen soll! Ernst der Besserung. Aber wie oft habe ich schon diese heiligen Anregungen zum Guten gefühlt! Bei jeder Beicht, o mein Gott, erkannte ich die Wichtigkeit, die Nothwendigkeit einer gänzlichen Lebensbesserung. Tausend mal stiegen in meiner Seele gute Gedanken und Entschlüsse auf! Wie oft hörte ich nicht die Stimme des Gewissens, welches mich wegen meiner täglichen Uebertretungen, wegen des Leichtsinnes, mit dem ich über das ernste Geschäft meiner Sinnesänderung hinwegeilte, wegen meiner Rückfälle, die meinen unkräftigen Vorsätzen wie auf dem Fuße nachfolgten, vor mir selbst verklagte! Wird vielleicht meine gegenwärtige Beicht eben so kraft- und fruchtlos vorübergehen? Freilich fühle ich, wie schwer es ist, gegen die Neigungen des Herzens zu kämpfen, welches so lange im Besitze der Herrschaft über mein besseres Ich war! Oftmals habe ich schon das Gute erkannt, - 95 oftmals die Tugend liebgewonnen, aber dieses Aufstreben zum Guten wurde durch die Gewalt sinnlicher Begierden, durch den Druck einer langwierigen Gewohnheit wieder zernichtet! ,, Ich wollte das Gute, was ich nicht that; ich that wieder Böses, was ich nicht wollte!" Mein Leben wechselte zwischen edlent Entschlüssen und unedlen Werken und selbst zwischen guten und bösen Handlungen ab! Und der Grund von diesem immerwährenden Hin- und Herschwanken zwischen der Sünde, die ich that und verabscheute, und der Pflicht, die ich liebte und fürchtete, was war es anders, als die thörichte Vorstellung von einem traurigen Leben, welches mit der Ausübung der Pflicht, mit der Rückkehr zu einer standhaften Tugend verknüpft wäre? Ich glaubte - und wie tief war nicht dieser Glaube in alle Vorspiegelungen meines Herzens verwebt, daß die Pflicht mich in eine Welt voll Leiden führe, daß sie mich aller Freuden des Lebens beraube, daß sie mir Tage der Verleugnung bereite, vor welchen die Sinnlichkeit erbebt und spricht: sie gefallen mir nicht. Ich Thor, der ich nicht einsah, daß die reinsten Freuden mit einem ruhigen Gewissen, mit dem stillen Bewußtsein guter Handlungen verknüpft sind, daß mit jedem Siege über meine Lieblingsfehler Ruhe und Heiter- 96 keit und neues freudiges Vertrauen auf meine fitt liche Kraft in meine Seele sich ausgießt, und daß die öftere Ausübung der Pflicht selbst Liebe zur Pflicht und Freude am Guten erzeugt. Sinnesänderung. Ich will also eine gänzliche Sinnesänderung in mir vornehmen, und, o mein Gott, weit sei es von mir, mich selbst in diesem ebenso nothwendigen als weitläufigen Geschäfte zu täuschen. Sinnesänderung, o welch ein vielumfassendes Wort. Nicht nur einige gute Gedanken und Ueberlegungen, mit welchen ich diese Stunde meiner kirchlichen Andacht ausfülle, reichen hin, das Maß dieses Wortes zu erschöpfen. Nicht nur einige gute Handlungen drücken diese Herzensumwälzung aus, Handlungen, welche ich, wie Herodes( Mark. 6, 20), gleichsam als ein Lösegeld anbiete, um das, was meinem Herzen das Liebste ist, zu retten, und bei dem Scheine der Besserung die Gegenstände meiner Neigungen noch in Sicherheit zu sezen. Nicht nur eine Besserung wird von mir ges fordert, welche den allernächsten Tag nach meiner Beicht einigen Schimmer der Frömmigkeit gibt, aber sich bald in die alte Dunkelheit meines sittlichen Verderbens verliert! Alles, was dem Gesetze der 97 Sittlichkeit in mir zuwider ist, soll fortgeschafft werden; kein Lieblingsfehler darf Schonung oder heimliche Begünstigung erhalten und die Standhaftigkeit, mit welcher ich dem erkannten sittlichen Guten anhange, soll es beurkunden, daß meine Sinnesänderung dieses Namens würdig sei. Ich soll den Sinn und die Denkart Jesu, meines heiligen Religionsstifters, mir eigen machen. ( Röm. 13, 14.) Wie er über sinnliche Lüste, über die vergänglichen Güter dieser Welt gedacht hat, soll auch ich denken; wie heilig ihm der Wille seines himmlischen Baters war, welchem alle zeitlichen Rücksichten weichen mußten, so soll auch mir dieser göttliche Wille und das darauf gegründete Gefühl meiner Pflicht heilig sein und über alle Rathschläge, Begierden und Handlungen herrschen. Eine neue Triebfeder, Achtung für das Sittengesetz, soll in das Uhrwerk meines thätigen Lebens eingefügt werden und die Marime, überall nur meiner Pflicht zu folgen und ihr alle meine Neigungen, all mein Streben nach Glückseligkeit, alle übrigen Rücksichten, nach welchen wir sonst zu handeln pflegen, unterzuordnen, dieſe einzige, hochehrwürdige, durch meine Vernunft gerechtfertigte, durch das Evangelium geheiligte Maxime soll meinen ganzen Sinn ausfüllen, meinem Herzen Brunner, Jesus. 7 98 unumschränkt gebieten und aus allen meinen Handlungen wiederstrahlen. Sittliche Freiheit. Ich kann mich, o Gott! zu dieser Höhe emporschwingen! Ich kann es; denn ich bin ein Mensch, ein freies Geschöpf, mit Vernunft und Willen begabt, ein Ebenbild deines göttlichen Wesens, mit Kräften zum Guten ausgerüstet und von deinem heiligen Beistande, wenn ich von meinen Kräften den besten Gebrauch mache, durch das Evangelium deines Sohnes überzeugt. Keine Neigung, welche mich zum Bösen fortstößt, ist mir unüberwindlich; kein Blendwerk, mit welchem die Scheingüter dieses Lebens meine Vernunft umnebeln, ist undurchdringbar; keine Reizung, welche durch die Sinne in meine Seele eindringt und meine guten Vorsätze zu erschüttern sucht, hat unwiderstehliche Kraft; ich kann die stärksten Fesseln der Sünde und bösen Gewohnheiten zertrümmern; ich kann selbst meine Lieblingsfehler, welche sich in meinem Herzen wie in der stärksten Schußwehre verbergen und vertheidigen, besiegen und aus ihrer lang behaupteten Beste verdrängen. Ich kann es, wenn ich will. Ich kann es, o Gott! in dir und durch dich, der meine redlichen Vorsätze 99 stärket und meine guten Gefinnungen durch seine heiligen Einflüsse befestiget.( 2. Kor. 3, 5.) Tausende vor mir haben es gekonnt; haben mit ihrer moralischen Kraft Wunder der Verleugnung gewirkt; haben sich von ihrem sittlichen Verderben von einem weit tiefern Verderben als das meinige ist zu einer Höhe der Sittlichkeit emporgeschwungen, auf welcher sie unsere reinste Verehrung und Bewunderung verdienen und uns durch ihr edles, begeisterndes Beispiel die Möglichkeit eines Weges zeigen, den wir mit ihnen und allen vernünftigen Wesen gemeinschaftlich wandeln sollen, auf welchem sie mit heroischem Muthe vorausgingen und jetzt unsere Schritte durch Lobsprüche beflügeln, wenn wir ihnen folgen oder durch Vorwürfe anspornen, wenn wir ermüden. — " 1 - Selbstprüfung oder Erforschung des Gewissens. Das Erste, was ich nun zu thun habe, der Grundstein des neuen Gebäudes, welches ich jetzt aufzuführen gedenke, ist eine strenge Prüfung meiner selbst. Wenn wir uns selbst richteten, sagt uns ein heiliger Apostel( 1. Kor. 11, 31), so würden wir nicht in deine Richterhände fallen, o Gott!" Dieser Ausspruch zeigt mir die Nothwendigkeit an, mit mir selbst ins Gericht zu gehen, aber auch die strenge Un7* 100 parteilichkeit, die ich dabei handhaben soll. Oftmals schon habe ich mich geprüft, aber ich wendete meine Augen auf die Seite, um nicht zu sehen, was ich nicht bessern mochte. Ich war streng, wo es mich keine Mühe, keine Verleugnung kostete, aufzuräumen; ich war gelinde, wo es mir wehe that, mich schuldig zu finden. Wirst du, o Gott! auch so parteiisch für den Sünder sein am Tage deines Gerichtes, wie er selbst in den Tagen seiner noch möglichen Besserung ist? Wirst du wohl einen andern Maßstab seiner Beurtheilung annehmen als die Heiligkeit, die du ihm zum Ziele seines Ringens und Strebens vorstecktest, und den Umfang seiner Pflichten, die ihm seine Vernunft und das Evangelium mit so hellen, unzweideutigen Zügen vorzeichneten! So will denn auch ich bei dem Gerichte, welches ich über mich halte, und bei der Prüfung, welcher ich mein Herz unterwerfe, diesen Maßstab, diesen einzigen Maßstab meiner Gesinnungen und Handlungen, gelten lassen. Wie du dereinst richten wirst, o Gott! so will ich mich selbst richten. Wie du Herzen und Nieren der Menschen erforschest, wie du alle Heimlichkeiten des Gemüthes ans Licht hervorziehest, so will auch ich dem Verborgensten nachspüren, und es 101 aus der Finsterniß, welche die Eigenliebe darüber streuet, mit schonungsloser Strenge hervorziehen. ( Hier folgt Prüfung seiner selbst nach dem oben gegebenen Unterrichte.) Nach der Selbstprüfung oder Gewissenserforschung. Wenn ich, o Gott! was mir der strenge Blick in mein Herz kundgemacht hat, zusammenfasse, was finde ich anders, als daß ich noch immer unter der Uebermacht der Sinnlichkeit stehe, daß das Herz, anstatt das Gesetz der Vernunft überall zu ehren, der Vernunft Gesetze vorschreibe und die rechtmäßige Ge bieterin der Geister zur Dienerin der Neigungen herabwürdige! Ich finde überall die traurigen Spuren jener Gebrechlichkeiten an mir, die selbst bei der lebhaftesten Erkenntniß des Guten, selbst bei aller Liebe und Achtung für das Gute, in eben dem Augenblicke, wo ich theure Vorsätze der Tugend ausspreche, mich verleitet, daß ich schlimme Werke der Begierlichkeit vollbringe. Ich finde mich überall durch die arglistigsten Bewegungen des Herzens zu einer Unlauterkeit verführt, die zwar oftmals das Gute vollbringt, aber nicht aus Liebe des Guten! die den Dienst der Tugend und der Sünde in eine künstliche Verbindung 102 bringt( 1. Kor. 10, 21) und den Weg zur Befriedigung einer Leidenschaft durch das Gebiet guter Handlungen nimmt! ich lasse mich nur zu oft von meinem Herzen täuschen, welches sich in einen Engel des Lichtes verkleidet und mir den Irrwahn einzaubert, daß ich wirklich der Stimme der Vernunft und des Evangeliums gehorche, indem ich, dem Anscheine nach, eine Handlung der Pflicht beginne, ob ich gleich dadurch nur einer schändlichen Neigung fröhne und eine heimliche Absicht meines lüsternen Herzens selbst durch eine pflichtmäßige Handlung ausführe. Doch, o mein Gott! was sage ich von der Gebrechlichkeit meines Herzens? ich habe sie ja mit den heiligsten Menschen gemein; und einer der ersten Verbreiter des Christenthums fühlet sich schon gedrungen, in die demüthigende Klage auszubrechen:„ Das Gute, das ich will, thue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das thue ich." Was sage ich von der Unlauterkeit selbst meiner pflichtgemäßesten Handlungen? Sie, diese Unlauterkeit, obgleich selbst aus dem Verderbnisse des Herzens erzeugt, fündigt dennoch eine Achtung für Tugend an; sie bezeuget, daß nicht aller Sinn fürs Gute erstickt ist; daß man die Herrschaft der Vernunft anerkenne, und ihr, wenigstens zum Scheine, ein Opfer bringen 103 wolle mit einem Werke, welches von ihr gebilliget und geboten, aber von der Sinnlichkeit zum Werkzeuge ihrer geheimen Absichten mißbraucht wird. Ich finde sogar Bösartigkeit und eine gänzliche Verkehrtheit in dem Triebwerke meiner sittlich sein sollenden Handlungen. Die Neigungen stehen obenan und lassen der Vernunft kein anderes Geschäft übrig, als die Vertheidigung oder Beschönigung dessen, wornach sie mit blinder Heftigkeit streben. Das Herz, nicht das Gesetz herrscht in mir!- Ach, dieses Herz ist gleichsam der Mittelpunkt, von welchem alle meine Thätigkeit ausgeht; es gibt allein die Absichten an, die erreicht, und entwirft die Pläne, die ausgeführt werden sollen; es beseelt ganz allein alle meine Kräfte, die in rastlosem Streben sich verzehren, seinen Launen und abwechselnden Wünschen zu willfahren. Und was ist der endliche Gewinn, denn mir die Tyrannei meines Herzens gewähret, der Sold dieser schimpflichen Sklaverei, in welcher ich seufze? Die Sünde. Ach, welch ein Ungeheuer nenne ich, da ich dieses Wort ausspreche; sie ist das wahre, das alleinige Uebel in dem Reiche vernünftiger Geschöpfe, sie 104 hindert die moralische Ausbildung zur Heiligkeit erschaffener Wesen; sie hemmet ihre Annäherung zu Gott; sie mindert ihren reinen sittlichen Werth und eben dadurch auch ihre Befugniß zu einem höheren Maße der Seligkeit. Sie zerstört die Würde des Menschen, indem sie ihn aus einem Gesetzgeber seiner selbst zum Lastträger eines fremden Joches umschafft, sie fesselt den freien Willen, welchem die Vernunft zur Leuchte dient, und überläßt ihn den Stürmen der Leidenschaften, die in dem Dunkel des Selbstbetruges ihn in der Irre umhertreiben; sie füllt seinen Verstand mit Irrthümern an, die sich um so tiefer in alle seine Erkenntnisse einsenken, je mehr das Herz Interesse hat, nicht durch die Wahrheit erleuchtet, sondern durch die Irrthümer geschmeichelt und getäuscht zu werden. Sie zerstört alle bessern Anlagen des Menschen, zernichtet ihre edlen Wirkungen im ersten Reime. Wenn ich fündige, o mein Gott, wie verkehre ich da alle Dinge in und außer mir; wie gebrauche ich da Alles gegen die höchste Ordnung, die du, Urheber der Natur, in die Geschöpfe pflanztest; das Große ist mir dann klein, das Wichtige unwichtig, das Schädliche wohlthätig, die Wahrheit halte ich dann für Irrthum, Thorheiten und Widersprüche für 105 richtige Grundsätze, das Ungewisse für gewiß!- Ich ziehe das Vergängliche dem Unvergänglichen, das Nahe dem Entfernten, den Augenblick der Wollust der steten Zufriedenheit des Gewissens vor; ich ergreife im Taumel der Begierlichkeit einen Giftbecher, welcher mich tödtet, und halte ihn für einen Becher der Freude, welcher nie versiegt!- Kurz: wenn ich sündige, so handle ich gegen ein allgemeines Gesetz meiner sittlichen Natur, und alle die Uebel, welche ich eben geschildert habe, sind wirklich; denn ich handle so, als wenn ich ein bloßes Thier, ein ganz sinnliches Geschöpf und nicht der erhabene Mensch wäre, bestimmt, allein durch die Vernunft geleitet und von ihr allein beherrscht zu werden. Ich handle so, als ob ich nicht einen ewigen Gesetzgeber, einen Oberherrn und Richter erkennte, welcher mir seinen Willen so deutlich und so vollständig durch das Gewissen und durch die Offenbarung bekannt macht, welcher die Verbindlichkeit seiner Gebote durch die Kraft der Belohnungen und Strafen schärft, ohne welche kein Reich der Sitten möglich und selbst mein heißer Wunsch nach Glückseligkeit ein leerer, nie zu erfüllender Traum wäre; denn wie könnte das Gesetz, welches in meinem Innersten gebietet und seine Forderungen mit so nachsichtsloser Strenge betreibt, mit 106 meiner Sehnsucht nach Glückseligkeit, die ich eben so wenig unterdrücken als selbst befriedigen kann, in Harmonie gebracht werden, wenn nicht ein höchstes Wesen, wenn nicht du, o mein Gott! über uns waltetest, der unendlich Heilige, wie der unendlich Mächtige! und mit dem Ringen deiner vernünftigen Geschöpfe nach Heiligkeit ein Ebenmaß der Seligkeit verknüpfteſt. Wenn ich fündige, so arbeite ich mit blinder Wuth gegen den Plan und Endzweck des Schöpfers, welcher mich und alle vernünftigen Wesen durch sittliche Gesetze zur Heiligkeit führen und unser Streben nach Tugend durch alle Perioden unsers Daseins auf eine gerechte und väterliche Weise mit Wohlthun belohnen wird. Ich bin ungehorsam gegen den Gebieter und undankbar gegen den Wohlthäter; ich widerspreche zugleich seinen weisesten Gesetzen und seinen wohl= thätigsten Absichten. Was Wunder, wenn ich mir seine Mißbilligung zuziehe, wenn ich dadurch seine Vaterhuld verliere, wenn ich, anstatt dem belohnenden Vater am Ende des Lebens mit Freude mich zu nähern, den strengen Richter mit bebender Seele erwarten muß, welcher das Maß meiner Sünden mit einem gleichen Maße der Strafen erwidert! Wenn ich fündige, so opfere ich auch meistentheils die Rechte meiner Mitmenschen den ungerechten 107 Anmaßungen meiner Eigenliebe auf. Ich halte sie nicht mehr für meines Gleichen, für Mitbürger eines moralischen Reiches, in welchem sie mit mir gleiche Vorzüge und Rechte behaupten, gleiche Ansprüche an meine vernunftgemäße Behandlung, wie ich an die ihrige, haben; ich gebrauche sie zu meinen niedrigen, selbstsüchtigen Zwecken, ich erkenne in ihnen nicht mehr die Würde der Menschennatur, die sie mit mir gemein haben. Die Sünde ist ein menschenfeindliches, gemeinschädliches Beginnen. Ich kann sie nicht vollbringen, ohne Kräfte und Güter und Zeit zu verschwenden, auf welche auch meine Mitmenschen, als mir Verwandte, zu eben dem Reiche Gottes gehörige, unter eben der sittlichen Ordnung, wie ich, stehende Wesen Anforderungen machen können. Wer der Sünde fröhnt, dem ist Muth und Kraft zu großen und gemeinnützigen Thaten gelähmt; dem ist das eigene Wohl Alles und das Wohl der Menschheit nichts! So ist also die Sünde ein Uebel, welches seinen Gifthauch über die ganze Schöpfung ausbreitet, welches den Menschen mit sich selbst in Widerspruch setzt und gegen Wesen seiner Gattung und seines Ranges ungesellig und wohl gar feindlich macht. 108 Reue. Und doch, o mein Gott! nicht nur einmal habe ich gesündigt, nicht nur einmal die Stimme des Gewissens verachtet, gegen den bessern Ruf meiner Vernunft mich verhärtet, nicht nur einmal meiner Pflicht entsagt, um einer schnöden, vorübergehenden, sinnlichen Neigung zu folgen! Wie fühle ich, o mein Gott! die Erniedrigung, in welche ich mich selbst geſtürzt habe! welche Gründe der Unzufriedenheit mit mir selbst eröffnet mir nicht die Ansicht meiner Fehler, das Bewußtsein meiner Mängel, die Ueberzeugung, die ich habe, deine Gaben nicht gut verwendet, mit dem Pfunde, welches du mir anvertrautest, nicht gewuchert zu haben.( Matth. 25. Luk. 19.) Was ich Gutes habe, meine trefflichen Anlagen, die sittliche Einrichtung meiner Natur, Gewissen, Vernunft und Freiheit verdanke ich dir; was ich aber selbst hinzusetze, ach! wie zeugt es nicht von der Gebrechlichkeit meines Herzens, von der Unlauterkeit der Beweggründe, die mich bei meinen Handlungen leiten! welche Verkehrtheit in meiner ganzen moralischen Stimmung werde ich gewahr! Ich bin nicht, was ich sein sollte, was ich sein könnte; ich bin nicht der freie, moralische Mensch, welcher zu sein die Stimme des Gewissens, 109 mein Sinn für Tugend und Vollkommenheit, der mitten unter dem Tumulte meiner Leidenschaften noch seine Kraft bewährt, mich auffordern. Gott! wie jammert mich dieser eines Menschen unwürdige Zustand! wie sehe ich mit innigster Beschämung, mit einer Demuth, die dem Maße meiner Erniedrigung und dem ganzen Gefühle meines Unwerthes entspricht, zu dir empor, dem Reinsten und Heiligsten, welchem ähnlich zu werden Aufgebot meiner Vernunft und Hauptpflicht des Christenthums ist? ( 1. Petr. 1, 15. 16.) Gott! wie kann ich dir die Neue ausdrücken, die mir mein sittlicher Verfall und der Anblick so mannigfaltiger Verirrungen meines Herzens auspreßt! Ich habe dich, den Liebenswürdigsten, nicht geliebt ,. dem weisesten Gesetzgeber nicht gehorcht, die wohlthätigsten Absichten des höchsten Menschenbeglückers zu vereiteln gesucht; ich habe mich von dir, dem Urbilde der Heiligkeit, nach welcher ich als Mensch und Christ mit ganzer Seele und aus allen meinen Kräften trachten sollte( Luk. 10, 27), entfernt; ich habe mich zum Sklaven niedrieger Begierden gemacht, die ich beherrschen sollte; ich habe gegen die besseren Regungen meines Gewissens mich gesträubt; ich habe die heilsamen Wahrheiten meiner Religion und die Hilfs 110 mittel meiner Heiligung, die ich darin fand, mit schnödem Leichtsinne von mir abgewiesen! Dieß ist der Inhalt meiner traurigen Fehltritte, aber auch der Gegenstand meiner tiefsten Reue: Vater im Himmel! ich habe gesündiget! Vorsatz. Aber ich will aufstehen! unfähig, das Verderbniß meines Herzens länger anzublicken, die Erniedrigung meiner sittlichen Natur länger zu ertragen, will ich mich zu dir, o mein Gott! erheben und vor deinem heiligsten Angesichte mit neuen kräftigen Vorsätzen mich zum Kampfe der Tugend rüsten und die Freiheit echter Kinder Gottes zu erringen suchen, in wel cher ich dich wieder meinen Vater- alle redlichen, gut gesinnten Menschen meine Brüder- und mich selbst wieder einen Menschen, ein vernünftiges Geschöpf nennen darf. Ferne sei es von mir, mich von sündigen Lüften, von irgend einer unordentlichen Leidenschaft tyrannifiren zu lassen, meine Vernunft dadurch zu verleugnen und meiner Freiheit zu entsagen. Ferne sei es von mir, mehr meinem Glücke nachzujagen, als meine Vollkommenheit zu befördern oder meine Glückseligkeit durch Handlungen zu erkaufen, die das Gewissen 111 verdammt, die ich nur mit sträflicher Hintansetzung deines heiligen Gesetzes, o Herr! vollbringen kann. Mich selbst zu beherrschen, sei mein vornehmstes Bestreben; mich von äußern Gegenständen und selbst von meinen aufsteigenden Neigungen und Wünschen immer unabhängiger zu machen; meinen Geist, meinen unsterblichen Geist, mit Weisheit und Tugend zu schmücken; seine Vollkommenheit als das Einzige, was mir im Tode bleibt( Matth. 6, 20), vorzüglich zu befördern das müsse das Ziel meiner Bestrebungen, meine Lust, und wäre es nöthig, auch mein ausdauernder Kampf sein. — Ferne sei es von mir, o mein Gott! jemals dein Gesetz einem irdischen Vergnügen aufzuopfern, mehr den Trieben meiner Sinnlichkeit als deinem Willen zu gehorchen, mehr als die Stimme der Ver-. führung als des Gewissens zu achten! Ferne sei von mir, deine Gebote als eine schwere Last( Matth. 11, 30), ein tugendhaftes Leben als eine traurige Abgeschiedenheit von aller Freude zu betrachten, die vielen Hindernisse der Tugend als unübersteiglich auszuschreien; die Reizungen zur Sünde von außen und von innen als eine schnöde Entschuldigung meiner Rückfälle vorzuschüßen und meine sittlichen Kräfte zu mißkennen, die durch deinen Beistand, o Gott! erhöhet, 112 allen Forderungen deines heiligen Gesetzes gewachsen sind. Ferne sei es von mir, auch nur einer Neigung meines Herzens zu schonen und dir, o Gott! durch eine so getheilte Besserung gleichsam nur ein halbes Opfer zu bringen. Ja, o Allwissender! der du mich besser kennst, als die strengste Selbstprüfung mich meinen Augen enthüllt, auch jener Lieblingssünde, welche ihre Wurzeln am tiefsten in mein Herz eingesenkt, deren lange und grausame Herrschaft über meinen besseren Sinn mir die gegenwärtige Erforschung meines Lebens erst recht deutlich aufgedeckt hat, auch diesem Schooßkinde meines Herzens( hier wird dieser Lieblingsfehler genannt) entsage ich hiemit ganz und auf immer, so sehr auch mein nicht ganz unterdrückbarer Hang und mächtige Beispiele von außen demselben das Wort reden; so schwer auch der Kampf sein mag, den ich, von bessern Entschlüssen begeistert, unter mancherlei Umständen zu kämpfen habe. Nie werde ich muthwillig der Gefahr zu sündigen mich bloßgeben; aber auch keine Gefahr scheuen, welche mein Beruf mir zur Pflicht macht. Aufrichtig und ernstlich sind die Vorsätze, die ich hier vor dir fasse, Allwissender! Dein Beistand, 0 Gott! sei die Seele, die Stüße derselben; durch diesen 113 gestärkt, darf auch der Schwächste nicht verzagen, und, wie ein großer Apostel uns versichert, seine Kraft offenbart sich am meisten an jenen, die ihrer Schwach heit sich bewußt, Muth und Bescheidenheit vereinigen; durch jenen die Freiheit des Geistes erringen, durch diesen die errungene befestigen und bewahren.( 2 Kor. 12, 9.) Beichtbater. So will ich denn jetzt, o mein Gott, jenem theuren Freunde mich nähern, dessen leitende Nathschläge meinen redlichen Vorsäßen zu Hilfe kommen, welcher das Werk meiner Besserung durch die weisen Lehren und Zusprüche fördert, die er selbst aus der Quelle alles Trostes und aller Stärke, aus dem Evangelium, schöpfet. Ich nenne ihn meinen Freund, um die Größe meines Vertrauens und die Aufrichtigkeit meiner Selbstanklage zu bezeichnen. Wie sollte ich vor ihm erschrecken, seinen Blick in meine Verirrungen scheuen, mich von seiner warnenden Stimme fürchten? Wie könnte ich ihm meine Fehltritte verhehlen und sogar mit verdächtiger Eilfertigkeit aus seiner Gegenwart zu entkommen suchen? Dieß sind Merkmale eines Sünders, welchen nur das Gebot und die Furcht der Strafe in den Beichtstuhl jagt, welcher seine NeigunBrunner, Jesus. 8 114 gen gegen die Anstalten seiner Besserung in Schutz nimmt, und indem er durch den Schein des Büßenden sich und Andere zu täuschen sucht, die schlimme Sache seines verdorbenen Herzens zu retten bemüht ist. Nein, er soll in das Innerste meiner Seele schauen; wie ich mich selbst erkenne, soll er mich erkennen; was mir die Selbstprüfung entdeckt hat, will ich aufs neue seiner Prüfung unterwerfen, damit seine Liebe mir das Beste rathe, seine Weisheit meinen Bedürfnissen gründlich abhelfe, der Ernst seiner Ermahnungen meinen Entschlüssen neue Stärke mittheile. Was Andere fliehen, seine Lehren, will ich aufsuchen; was Andere bemänteln, ihre Fehler, will ich auf allen Seiten ins Licht seßen; worüber sich Andere entrüsten, seine freundlichen Beweise will ich als Wohlthaten mit Dank annehmen, und wie Maria die Worte ihres Sohnes( Luk. 2, 51), so will ich die Worte dieses Engels des Friedens in meinem Herzen aufbewahren, sie in den Augenblicken der Versuchung mir selbst vergegenwärtigen, und durch Rückerinnerung an dieselbe meinen Muth und meine Liebe zum Guten stärken. Amen. rones 115 Gebete nach der Beicht. Vergebung der Sünden. Indem ich jetzt, o Gott, alle Heimlichkeiten meines Gewissens in den Busen meines Beichtvaters, meines geistlichen Freundes, ausgeschüttet, meine Selbstanklage vollendet und mich der unparteiischen Führung eines mit Einsicht und Liebe begabten Gewissensrathes übergeben habe: o wie finde ich mich im Herzen erleichtert, welch eine süße Ruhe und Heiterkeit breitet sich in meiner Seele aus! Mich quälen nicht mehr die traurigen Fragen: wird auch das Mißfallen Gottes über meine vorigen Fehltritte aufhören? wird mir Gott meine Sünden vergeben? wird er dem gebesserten oder nach Besserung strebenden Sünder seine Freundschaft wieder schenken? Jesus Christus hat uns belehret, daß deine ewige Vaterliebe, o Gott, nicht den Tod des Sünders wolle, sondern daß er sich bekehre und lebe( Joh. 3, 17). Darum kam dieser göttliche Lehrer in die Welt, um durch seine Lehren und sein Beispiel uns den Weg des Heils zu zeigen( Joh. 14, 6), und durch sein Leiden und seinen Tod unser Heil vollenden( 1. Thess. 5, 9, 10). Er lehrte uns, daß du, o Gott, ein Geist 8* 116 bist und nur durch Tugend, nur im Geiste und in der Wahrheit angebetet werden willst( Joh. 4. 24), daß du mit Liebe und Freude dem Sünder entgegenkömmst, wenn er sich, von bessern Gesinnungen belebt, mit Reue über seine Vergehungen und mit einem guten Willen, mit redlichen Vorsätzen der Besserung zu dir wendet, wenn er ein aufrichtiges Bestreben an den Tag legt, vom Bösen auszugehen und ins Gute einzutreten, den alten Menschen auszuziehen und einen neuen, nach deinem Sinne geformten, nach deinem Gesetze handelnden Menschen anzuziehen( Ephes. 4, 20-32), wenn er selbst vor der Verleugnung, die ihm seine besseren Entschlüsse zuziehen, und vor der langen Reihe von Beschwernissen und Kämpfen nicht zurückbebt, die ihm beim Eintritte dieser neuen Laufbahn vielleicht bevorstehen, wenn er damit vielmehr ein Opfer seiner Aufrichtigkeit darbringt und den alten Menschen selbst gleichsam zur Strafe überliefert ( Röm. 6, 6). Uns von diesen Wahrheiten recht lebhaft zu überzeugen, trat er sein beschwerliches Predigtamt an. Uns deiner Vaterliebe, o Gott, immer näher zu bringen, uns der Vergebung der Sünden würdiger und für wahre Glückseligkeit empfänglicher zu machen, war der Zweck seines Erdenlebens. Diesen auszu 117 führen, litt er so viel und beschloß seine Leiden sogar mit einem großmüthigen Tode, welchen uns die Schrift als ein Lösegeld( Matth. 20, 28, Koloff. 2, 14), als ein Versöhnungsopfer fürs Menschengeschlecht schildert, vermöge dessen wir Vergebung der Sünden und Rechtfertigung erhalten( 2. Kor. 5, 18-21, Ephef. 2, 14-18). Ja er starb und nahm durch seinen Tod die Strafen der Sünder auf sich( Röm. 5, 8, 9), er starb und versicherte uns durch seinen Tod von deiner Versöhnlichkeit, von deinem ewigen unveränderlichen Willen, bußfertige und sich bessernde Sünder nicht ewig dem Gefühle ihres marternden Gewissens zu überlassen, er benahm uns alle Furcht vor dir, als vor einem zornigen, Rache drohenden, willkürliche Genugthuung fordernden Wesen und flößte uns auf dem Wege unserer Besserung Muth und Zuversicht und Freudigkeit ein( Ephes. 2, 18). Ja, er starb und gab uns durch seinen Tod, als einem dir wohlgefälligen Opfer, die beste Beruhigung im Leben und Sterben, und machte auf einmal allen willkürlichen Opfern und Versöhnungen ein Ende( Hebr. 9, 13, 14. R. 13, 11, 12). Er stellte sich als Mittler zwischen dir und uns schwachen Geschöpfen( 1. Tim. 2, 5), damit uns der unermeßliche Abstand zwischen dir, dem Heiligen und Gerechten, und uns, den sün 118 digen aber reuigen Menschen, nicht erschrecke und von dir zurückscheuche. Nun können wir bei allem Gefühle unserer Schwachheit und Fehlerhaftigkeit getrost vor dir erscheinen und uns deiner als eines verschonenden, gütigen Vaters freuen, sobald wir den Weg der Sünde verlassen und uns mit jenem reuevollen Sohne aufmachen und gleichsam die Schwelle des väterlichen Hauses wieder betreten! Wirklicher Anfang der Besserung. Wenn mich aber, o Gott, jene Worte deines geliebtesten Sohnes: Welchen ihr die Sünden erlasset, denen sollen sie erlassen sein 2c.( Joh. 20, 22), auf> richten und mit dem süßesten Troste erfüllen, o so sei es doch ferne von mir, zu glauben, daß der Ausspruch des Priesters ohne meine redliche Vorbereitung und ohne mein stetes Mitwirken hinreichend sei, mich zu entsündigen; daß der Glaube an eine für mich geleistete Genugthuung, wobei ich in meinem fittlichen Verderben unthätig bleibe und Alles von fremder Gnade erwarte, von meiner Seite das Einzige sei, was mir zu thun und zu wissen obliege, daß ich die Hand gleichsam im Schooße mir das göttliche Wohlgefallen, als eine himmlische Gabe, schon alsdann eigen mache, wenn ich nur die äußerlichen Bedingnisse und die kirchL 119 liche Vorschrift der Beicht nicht verabfäume, fern sei es von mir, einen so unchristlichen Aberglauben zu hegen, welcher, was unmöglich ist, zu bewirken und einen sträflichen Lebenswandel mit der Religion zu vereinigen, die Absicht hat, fern sei es auch von mir, in den Irrwahn zu verfallen, als ob eine geringe, vom Priester mir vorgezeichnete Buße, ein kurzes Gebet, eine kleine körperliche Kasteiung, ein geringes Almosen- das Ende und gleichsam die Krone meiner Beichtandacht ausmache! Nein, dieser Verirrungen, welche die Bequemlichkeit so mancher Beichtlinge und ihr geheimer Wunsch, ohne eigenes Anstrengen, einer fremden Versöhnung und Heiligkeit theilhaftig zu werden, aussinnt, will ich mich nicht schuldig machen. - - Ich erkenne vielmehr, o mein Gott, daß jetzt, wo meine Beicht sich endigt, meine Besserung als die einzige Bewährung meiner aufrichtigen Vorsätze erst anfangen müsse. Ich bin innigst überzeugt, daß ich erst bei dem Anfange eines großen Werkes stehe und daß der bessere Geist, welchen ich in dieser feierlichen Stunde eingesogen habe, sich durch mein ganzes künftiges Leben als das thätige Prinzip meiner Handlungen offenbaren müſſe. Es liegt mir nunmehr ob, die Sinnesänderung, 120 deren ganzen Umfang ich in dieser erbaulichen Kirchenhandlung kennen gelernt habe, an mir selbst wirklich vorzunehmen und meine redlich gefaßten, theuer beschwornen Vorsätze auf mein Leben anzuwenden. Jetzt ist es Zeit, die Art an die Wurzel zu setzen, meine Leidenschaften zu bekämpfen, böse Gewohnheiten durch bessere zu verdrängen, die Gelegenheiten, welche mich zur Sünde verleiteten, ernstlich zu meiden, und die gute Gesinnung, welche ich öffentlich bekenne, durch die That beweisen. Ich weiß nunmehr, wo die Quelle meiner bisherigen Verirrungen liegt, welche Neigungen den Meister über meinen Willen spielen, welches meine Lieblingsfehler sind, welches die schwache Seite meines Herzens ist. Aber ich will es nicht bei einem un fruchtbaren Wissen bewenden lassen. Ich würde ja diese heilige Handlung schänden, wenn ich die Einsicht, die sie mir verschaffte, und die guten Eindrücke, die ich dabei fühlte, unbenüßt ließe; ich würde nur mein Gericht vor dir, o Gott, erschweren, wenn sich meine bessere Erkenntniß und selbst meine heutigen guten Vorsätze mir gegenüberstellten und dereinst gegen meinen Wankelmuth oder meine Scheinheiligkeit zeugten. Ich habe es gesagt: jetzt will ich anfangen, jetzt, 121 nicht morgen! Es soll zwischen meiner Beicht und meiner Besserung keine tiefe Kluft, nicht einmal ein Augenblick des Aufschubs oder der Zögerung stattfinden. O du ewiger, himmlischer Vater, der du mehr Freude bezeigst an einem zurückkehrenden, reuigen Sünder als an neunundneunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen( Luk. 15, 7), dein heiliger Beistand begleite mich auf allen meinen Wegen. Mit dir fange ich meine Besserung an; im steten Hinblick auf mein Urbild, deine Heiligkeit und Vollkommenheit will ich nunmehr beginnen, was ich versprochen habe, was ich als meine unerläßliche Pflicht erkenne. Dir ähnlich zu werden, durch standhafte Befolgung deines heiligen Gesetzes, dir als dem Ziele und Vorbilde meiner Heiligkeit näher zu kommen, das ſei mein erstes und letztes, mein unaufhörliches Geschäft, das sei der glückliche Erfolg meiner heutigen Beicht und die würdige Frucht meiner Buße. Amen. Anmerkung. Da es nicht möglich ist, Gebete zu entwerfen, welche auf den individuellen Zustand jedes Beichtenden ganz genau passen, so muß es dem andächtigen Leser dieses Buches selbst überlassen werden, die Ausdrücke der hier vorkommenden Gebete zu mildern oder zu schärfen, damit sie dem Gewissenszustande dessen, der Gebrauch davon macht, ganz entsprechen. Ueberhaupt 122 dürfen aufgeklärte Christen ihr Gebetbuch nie als eine Sammlung trockener Formulare der Andacht ansehen, sondern als einen Leitfaden ihrer eigenen frommen Herzensergießungen, welcher dem Gegenstande ihrer Andacht Ordnung und Vollständigkeit gibt. Diese Gebete werden auch denen dienlich sein, welche sich keiner großen Fehltritte bewußt sind, aber doch unaufhörlich mehr oder minder wichtige Lieblingsfehler zu bekämpfen haben; die mit sich selbst schon unzufrieden sind, wenn sie auf dem Wege zur Vollkommenheit nur manchmal einen Stillstand machen, oder noch die Höhe der Tugend nicht erreicht haben, zu welcher sie Muth und Aufforderung in ihrem Gewissen fühlen. 66883 IV. ommuniongebete. 123 Vor der Kommunion. ch habe, o mein Gott, meine Lebensart, meinen Sinn umwandelt; ich habe heilige Entschlüsse gefaßt, ich habe die Größe und Schädlichkeit meiner bisherigen Uebertretungen eingeſehen; ich habe die Bande meiner bösen Gewohnheiten zerbrochen; ich habe ein neues Leben angefangen, welches in dir, o Gott, nach deinem heiligen Gesetze gebildet sein soll. Welche Handlung der Religion könnte ich wohl schicklicher an diese Erneuerung meines inneren Menschen anknüpfen, als die Feier und den Genuß des heiligen Abendmahles? Wie kann ich meinen bessern Entwürfen mehr Nachdruck und Leben ertheilen, als indem ich mich jetzt an alle gute Christen anschließe, und meinen Geist durch jenes geheiligte Liebesmahl stärke, in welches auf eine würdige Weise 124 und nach einer strengen Prüfung genossen, der Stifter des Chriſtenthums gleichsam alle Triebfedern des Guten und alle Kraft seiner Religion hinterlegt hat. Ja, o mein Gott ich bin fest überzeugt, daß zur Unterstützung meiner guten Vorsätze, zur Befestigung meines Willens auf dem jetzt betretenen Wege des Heiles, teine kirchliche Handlung für mich rührender und wichtiger sein könne, als diese Feier, dieser Genuß des heiligen Abendmahles. Keine öffentliche Religionshandlung, nach dem Geiste Jesu verrichtet, fordert von mir so reine Gesinnungen, eine so aufrichtige Reue über meine Fehltritte und Schwachheiten, eine so willige und unzweis deutige Annahme besserer, vom Christenthum gebilligter Grundsätze, eine so unbedingte und über Alles sich erstreckende Lossagung von der Herrschaft der Sinnlichkeit, als die, zu welcher ich mich jetzt vorbereite, da da erinnere ich mich aufs neue ant die Wahrheiten der Religion, welche mir Verleugnung böser Neigungen und Lüste und einen ernsthaften Kampf für die Tugend zum Gesetze machen; da fühle ich aufs neue die schimpfliche Erniedrigung, in welche mich die Sünde stürzet, und hingegen die ganze Würde der Tugend und des Tugendhaften, in dem Andenken des großmüthigen, menschenfreundlichen - 125 Jesus, da verbinde ich mich ja aufs neue zur Sinnesähnlichkeit mit Christo, meinem Meister und Herrn, da bekräftige ich durch meine Theilnahme an dem Leibe und Blute Jesu aufs heiligste die guten Vorsätze, die ich in der Stunde meiner Selbstprüfung und meiner Lebensbesserung entworfen habe das wichtige Gelübde, das mich als Schüler Jesu zur Befolgung seiner sittlichen Vorschriften und zur Beförderung der Wahrheit und Tugend in mir und andern verpflichtet. Da werde ich durch die heilige Speise, die ich in Gesellschaft so vieler redlichen Jünger Jesu empfange, an die ehrwürdige Verbrüderung, an die geistliche Gemeinschaft erinnert, in welcher ich mit meinem Oberhaupte Jesu stehe( Ephef. 1, 22), und welche mir die heiligste Verpflichtung auferlegt, nicht nur allein grobe und selbst vor den Menschen entehrende Laster zu fliehen, die das Christenthum nicht einmal genannt wissen will ( Ephes. 5, 3, 4), sondern auch solche tägliche Fehler und Uebertretungen zu meiden, die den Sinn des Christenthums allmälig schwächen, den Eifer im Guten hemmen, der strengen Verbindlichkeit des Gesetzes Milderungen und Ausnahmen entgegensetzen und endlich wieder zu einer gänzlichen Annahme verderblicher Grundsätze und Maximen vorbereiten. - 126 Jesus war am Ende seiner Berufsbahn, hatte das Geschäft vollendet, das ihm von dir, o Vater im Himmel, auferlegt war, hatte deinen Namen den Menschen verkündet, alle Sünder zur Buße aufgefor dert, alle durch die Last ihrer vorigen Ausschweifungen, ihrer verderblichen Gewohnheiten niedergedrückten Seelen zu der viel leichteren Bürde des sittlichen Gesetzes zurückberufen( Matth. 12, 28-30) und die Lehre der Tugend, des wahren menschlichen Wohls, in den Herzen seiner Schüler gegründet! Schon saß er zum letzten Male mit seinen Jüngern zu Tische. Da nahm er Brod, verrichtete ein Dankgebet darüber, brach es in Stücke, und gab es seinen Freunden. Effet, sprach er, das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Thut künftig ein Gleiches zu meinem Angedenken. Alsdann nahm er auch den Kelch, segnete ihn, und gab ihn den Jüngern, welche insgesammt davon tranken. Dieser Kelch, sprach er, ist der neue Bund in meinem Blute, welches für euch und viele zur Vergebung der Sünden vergossen wird. So oft ihr ihn trinket, thut es zu meinem Angedenfen! So oft ihr euch gemeinschaftlich versammelt, euch als Christen, als Bekenner meiner Lehre versammelt, so thut ein Gleiches und erinnert euch dabei an mich, an euren Meister und Herrn, der seinen - 127 Leib für euch hingab, sein Blut für euch vergoß. Fühlet, wie groß und ehrwürdig die Verbindung sei, in welche ihr jetzt, als meine innigsten Freunde eintretet, die mit meinem vertraut, nie anders denken und handeln dürfen, als wie ich selbst gehandelt habe. Fühlet, wie wichtig euch diese Religion sein müsse, für deren Wahrheit und Gemeinnützigkeit ich mit meinem Leben und mit der Aufopferung alles dessen, was einem Menschen lieb und werth sein kann, stehe! schätze sie nach dem Maße ihres innerlichen Werthes, denn sie ist die Religion der sittlichen Güte, die Neligion der Liebe, fie lehrt, Gott nur allein durch Tugend zu ehren! O Gott, so sprach Jesus zu seinen Jüngern. So spricht er auch zu mir, wenn ich die Feier des Abendmahles, welches er in jener schauerlichen Nacht mit ihnen hielt, erneuere, auch an mich sind seine freundschaftlichen Beschwörungen, seine ernsten Ermahnungen, seine liebreichen Worte: Nehmet und effet 2c. gerichtet; auch ich soll an der Wohlthat seines Todes, an dem Bunde, den er mit seinem Blute verfiegelt hat, theilnehmen; auch ich soll durch den Genuß seines Leibes und Blutes in die Zahl seiner innigsten Freunde eintreten, und einmal in diese ehrwürdige Gesellschaft eingeweihet, nie durch irgend 128 ein Wort oder eine That den Geist entehren, von welchem sie belebt und beherrscht wird! So will ich denn hinzunahen zum Tische des Herrn, und in dieser schönen, rührenden Stiftung neue Kraft zur Ausführung meiner besseren Vorsätze, neuen Muth zur Bekämpfung meiner eingewurzelten Schwachheiten und neue Liebe zu allem Guten, zu Allem, was wahr, was wohlanständig, was gerecht, was heilig, was liebenswürdig ist( Philipp. 4, 8), schöpfen. Amen. Nach der Kommunion. ,, Das thut zu meinem Angedenken!" Ja, großer Gott, jetzt, da ich den Leib, der für mich dahingegeben ward, das Blut, das für mich vergossen wurde, empfangen habe, will ich mich meines Meisters und Herrn erinnern, erinnern will ich mich seines großmüthigen, seines menschenfreundlichen Todes, wie viel Jesus für die Wahrheit that, wie viel er für die Tugend litt, wie einzig ihm das Wohl der Menschheit am Herzen lag! Möchte diese andächtige Erinnerung einen gleichen Eifer für Wahrheit, für Tugend und Menschenliebe in meinem Busen erzeugen! 129 ,, Ist mir auch die Wahrheit, wenn sie meine Fehler verdammt, meine Neigungen und Begierden zu bezähmen gebietet, so ehrwürdig, wie sie es meinem Religionsstifter war? Fühle ich mich auch, wie er, aufgelegt, meine eigenen niedrigen Vortheile zu verachten, der Pflicht, die ich erkenne, alle Neigungen, die mich zur Uebertretung derselben anlocken, aufzuopfern und mit Hintansezung aller Selbstsucht edelmüthige, zum Wohle meiner Mitmenschen abzweckende Werke zu verrichten? Bin ich bei den Beschwernissen, die sich auf dem Wege der Tugend zeigen, ebenso standhaft und unerschütterlich wie er? Bin ich auch fähig, um der Rechtschaffenheit willen, zu welcher ich mich bei meiner heutigen Beicht aufs neue, aufs ernstlichste entschlossen habe, Alles zu dulden und lieber dem Leben als der Tugend zu entsagen, wie Jesus?" So, großer Gott, will ich mich jetzt ſelbst bei dieser schönen Todesfeier Jesu fragen. Ich bin ein Christ, ich fühle die Größe dieses Namens, der mich auffordert, die Tugend zu ehren, die Tugend zu üben, und in der Tugend den Zweck meines Daseins zu suchen. Ich bin ein Christ, der Schüler eines göttlichen Mannes, der mir so herrliche Lehren gab, die ich bisher nicht genug beherziget habe; der mir Brunner, Jesus. 9 130 so heilsame, so wohlthätige Grundsätze einflößte, von welchen ich leider durch meine Sinnlichkeit verführt, mehr als einmal abfiel und dafür der Stimme zügel, loser Neigungen folgte; der mir in seinem eigenen Leben so rührende Beispiele seiner Grundsätze hinterließ, ob ich mich gleich mehr durch die Beispiele verdorbener Menschen und die Sitten, welche die Ge wohnheit nicht die Vernunft rechtfertiget, beherrschen ließ. ich bin ein Christ, ich feiere so oft das Liebesmahl meines Lehrers, gehöre ich aber nicht unter die unwürdigen Gäste am Tische des Herrn, wenn die Erinnerung an Jesu nichts Heiliges in mir zurückläßt, wenn ich ohne seinen Geist und seine schönen Gesinnungen von seinem Abendmahle zurücktrete? wenn ich dabei nichts von dem Eifer für Tugend einathme, mit welchem er ganz beseelet war? wenn ich dadurch nicht im Guten wachse, dessen Ausbreitung und Wachsthum auf Erden das große Geschäft Jesu war? - So will ich denn die Erinnerung an Jesu Leben und Tod nicht unfruchtbar für mich sein lassen. Was ich bisher über meine vorigen Fehltritte gedacht, erforscht und beschlossen habe, soll in dieser Stunde eine neue Stärke durch die Erneuerung meines Taufbundes erhalten. Ich bin auf Jesu Lehren getauft; 131 alle gottesdienstlichen Handlungen des Christenthums bringen mir dieselben ins Gedächtniß, vorzüglich diese Feier des heiligen Abendmahles; den Bund, den ich mit dir, o Gott, schon durch meine reumüthige Beicht nach dem Geiste Jesu erneuert habe, will ich durch dieses heilige Gedächtnißmahl noch mehr befestigen! Welch ein Jünger Jesu wäre ich auch, wenn ich in der Folge meiner Tage wieder der alte gebrechliche und sündhafte Mensch würde? wo blieben meine Vorsätze? wie müßte ich meines Wankelmuthes und meiner Schwachheit wegen mich schämen, mit welcher Selbstverachtung würde ich mich anschauen, wenn ich, jetzt voll guter Gesinnungen, bald die alte Anhänglichkeit an meine Lieblingsfehler wieder an den Tag legte; wenn ich, jetzt ein Tischgenosse des Heilandes, ein Theilnehmer an seinen Grundsäßen, an seiner Liebe zur Tugend, bald alle diese Grundsätze der Vergessenheit übergeben, und mein künftiges Leben mit neuen Sünden besudeln wollte; wie würde ich mich selbst erniedrigen, wenn ich meine Freiheit als eines sittlich guten Menschen aufs neue für die Sklaverei dahingäbe, die ich mir durch sündhafte Handlungen aufbürde?- Ich, durch eine lange Reihe von Bemerkungen über mich selbst, durch ernsthafte Entschließungen, durch kräftige Maßregeln meiner Besserung über 9* 132 mich selbst erhoben; ich, durch diese Theilnahme an dem Leibe und Blute Jesu mit allen trefflichen Gesinnungen des Christenthums erfüllet und wie mit einer neuen Seele und einem neuen Herzen ausgerüstet!( Ephef. 4, 23. 24.) Sollte ich fernerhin etwas anderes thun können, als emporstreben zur Höhe meines Berufes, als Mensch und als Christ? Dieß ist mein ernstlicher Wille; dieß ist mein ewiger, unveränderlicher Bund mit dir, o Gott, dieß ist meine Beicht und Kommunion; dieß ist der Anfang und das Ende der heiligen Handlung, die ich jetzt nach Anleitung meiner Religion und unter der freundschaftlichen Führung eines erleuchteten Gewissensrathes vollbracht habe! Ehe ich aber, o mein Gott, dieses heilige Haus verlasse und in den Kreis meiner täglichen Geschäfte, in die mir von deiner ewigen Vorsehung bezeichnete Laufbahn zurückkehre, will ich noch jene Worte des heiligen Paulus( 1. Kor. 9, 24-27. R. 10, 1-6) beherzigen und gleichsam als den passendsten Denkspruch für meine in der Beicht angefangene, durch das heilige Abendmahl bestätigte Sinnesänderung in mein Gedächtniß und in mein Herz einschreiben: , Brüder, ist es euch unbekannt, daß diejenigen, 133 die auf der Laufbahn laufen, zwar Alle laufen, aber nur Einer trägt den Preis davon!" Ach, wie viele Christen( ihr Name ist Legion!) beginnen das Werk, welches ich jetzt unternommen habe; sie beichten; sie machen Vorsätze eines heiligen Lebens; sie durchlaufen eben die Bahn einer dem Scheine nach ernstlichen Sinnesänderung, die ich jetzt durchlaufen habe, zwar Alle laufen, aber wie Wenige tragen den Preis davon; bin ich vielleicht auch einer jener Unglücklichen, welche in Mitte des Laufes ermüden und durch die Beschwerlichkeit des Kampfes zurückscheuchen, den Muth und mit diesem den Preis der Beharrlichkeit verlieren! „ Laufet so, daß euch der Preis zu Theil werde!" Nicht die Beschwerlichkeit des Laufes, nicht das ferne Ziel des Weges soll mich in meinen Fortschritten zur Heiligkeit stören. Wenn es Mühe kostet, seine Lüste zu besiegen und aller äußerlichen und innerlichen Versuchungen ungeachtet dennoch den Pfad der Tugend nicht zu verlassen, so müsse mich eben die Tugend, nach welcher ich strebe, und die Siegeskrone, die mir zu Theil wird, aufrecht erhalten! ,, Die Wettläufer enthalten sich von Allem, was ihre Kräfte schwächt, und dieß um eines vergänglichen 134 Preises wegen; wir aber kämpfen um ein unvergängliches Gut!" Was unternehmen die Menschen nicht, welchen Gefahren des Lebens, welchen Mühseligkeiten geben sie sich nicht Preis, um einen Zweck zu erreichen, der oftmals des Menschen unwürdig ist; der ihn er niedrigt; den er selbst mit Verlust seiner sittlichen Ausbildung erkaufen muß! Ach, werden die Kinder der Finsterniß an Klugheit und Geschäftigkeit immer die Kinder des Lichtes übertreffen?( Luk. 16, 8.) Werde ich weniger thun, um ein rechtschaffener Christ zu werden, als jene um einen kleinen Lohn, eine vergängliche Ehre zu erhaschen? Ist in meinen Augen das Bewußtsein überall pflichtmäßig und aus Pflicht gehandelt zu haben, nicht unendlichmal mehr werth, als der Beifall der Menschen, die in ihren Urtheilen trüglich oft gerade dasjenige billigen, was die Vernunft verwirft, dasjenige rühmen, was die Verachtung und sogar den Abschen aller Redlichen verdient? Darum laufe ich, aber nicht unbedacht und ohne festen Plan; ich streite, aber nicht um geringer, nichtswürdiger Dinge wegen, als ein wahrer Kämpfer härte ich durch strenge Mäßigkeit meinen Leib ab, und meine Sinnlichkeit muß allezeit der Pflicht ge 135 horchen, damit ich nicht, der ich andere zum Laufen ansporne, selbst verworfen werde und den Preis des Kämpfers verliere.( Vergl. Philipp. 3, 12-14.) Ganz aus meinem Herzen herausgesprochen, o heiliger Mann Gottes! Ja ich will laufen nach jenem festen und heiligen Plane, den ich mir selbst in dieser feierlichen Stunde vorgezeichnet habe. Ich will streiten, nicht um eitler, nichtiger Zwecke wegen, nein, nein; mein Kampf soll gegen meine Sinnlichkeit sein, die nur zu oft sich gegen das höhere Gesetz der Vernunft empört( Gal. 5, 17); der Zweck aller meiner Bemühungen soll sein ein neuer Sinn, gabildet nach dem Sinne Jesu, ein neues Leben, geformt nach den Lehren Jesu( Koloss. 2, 6. Phil. 2,5) eine dauerhafte Besserung, gegründet auf eine gänzliche Umwandlung meiner Grundsätze und Maximen! - Traurig, wenn ich nach so vielen Beichten eben der ungebesserte Mensch wie zuvor bliebe, wenn alle meine heute gefaßten guten Vorfäße, gleich einer Wasserblase, wieder zu nichts würden, wenn ich mir gleichsam selbst mein Verdammungsurtheil sprechen müßte, indem ich zu schwach, der Wahrheit zu folgen, sie erkennte, um durch sie gerichtet zu werden! ,, 3hr sollt wissen, meine Brüder, daß unsere Voreltern zwar alle unter der Leitung jener wohlthä 136 tigen Wolkensäule standen und den Wunderzug durchs rothe Meer mitmachten, alle durch den Moses, in Kraft jenes Wunders mit der Wolke und dem Meere, die Einweihungstaufe in den Dienst Jehovas erhielten. Alle haben eben dieselbe Wunderspeise genossen und eben dasselbe Wunderwasser, das ihnen auf ihrem Zuge nachströmte, getrunken aus dem Felsen, der ihnen ein Vorbild Christi war, dennoch waren viele dieser unserer Väter Gott nicht angenehm, und er ließ sie in der Wüste umkommen." ,, Dieß soll uns zum Beispiel dienen, damit wir iç der Lust zum Bösen entsagen, durch welche sie irre geführt, eine so harte Strafe dulden mußten." Ja, mein Gott, der Vorzug meiner Religion soll mich nicht blenden; das Licht des Evangeliums, in welchem ich wandle, soll mich nicht stolz machent und mir den Wahn einflößen, daß es schon genug sei, zu glauben, um selig zu werden. Vergebens bin ich durch die Taufe in die Gesellschaft der Christen eingetreten, wenn ich nicht durch die Werke der Rechtschaffenheit mich dieser Gesellschaft würdig mache. Tausende unter den Christen nehmen an den heiligen Handlungen ihrer Religion Antheil; sie treten als Gläubige in das Haus des Herrn herein, sie ergießen sich mit andern andächtigen Glaubens 137 genossen in heilige Gesänge; sie nahen sich dem Tische des Herrn und genießen die geistliche Speise, den geistlichen Trank der Christen? Aber sind sie darum alle in den Augen Gottes würdige Christen? Blickest du, Allwissender, der auch das Herz und die Nieren durchforschet, mit Wohlgefallen auf sie alle herab? Doch was frage ich von Andern! Bin ich nicht vielleicht selbst von der Zahl dieser Unglücklichen, die sich durch den Genuß der heiligen Speise den Tod und das Gericht zuziehen? an denen alle trefflichen Anstalten des Christenthums verloren gehen? die von der Nothwendigkeit sich zu bessern überzeugt, sie doch auf späte, vielleicht ihnen nicht mehr vergönnte Jahre hinauszögern? die von der Schönheit der Tugend gerührt, nie den schweren Kampf für sie wagen? die durch das heilige Abendmahl in die Gemeinschaft der Heiligen eingeweihet, diese Gemeinschaft durch ein nur zu schnelles Ausweichen auf die Wege ihrer vorigen Vergehungen entheiligen! Diese strenge Betrachtung, auf welche mich jetzt die Worte des heiligen Paulus führen, sollen gleichsam der heilsame Stachel sein, den ich in mein Herz eindrücke, um mein Heil in Furcht und Zittern zu wirken( Phil. 2, 12). Sie sollen der Denkspruch sein, mit welchem ich mir die ganze Wichtigkeit 138 der heute beschlossenen Selbstbesserung versinnliche, sie sollen mich auf allen meinen Wegen gleichsam begleiten und meine Begierden im Zaume halten, wenn sie mich vom Pfade der Tugend abführen wollen; meinem Muthe Beharrlichkeit mittheilen, wenn er zu finken beginnt, und mir den Lauf zu jenem hohen Zwecke erleichtern helfen, welcher ist: ein heiliges, ein gerechtes Leben, in welchem ich nicht nur meine Würde und sittliche Vollendung finde, sondern auch die Würdigkeit zu jener unvergänglichen Seligkeit, die ich dann vor dir, o Gott, dem Gesetzgeber der vernünftigen Geschöpfe, dem Richter ihrer Gesinnungen und Thaten, und dem Vergelter ihrer guten und bösen Handlungen zu gewärtigen habe. Amen. 139 V. Betrachtungen von Gott und seinen Eigenschaften. Am Montage. Es ist ein Gott, der Schöpfer des Weltalls. S ott, Schöpfer aller Wesen! so unmöglich es ist, daß ein Mensch mit gesunden Augen das Sonnenlicht nicht empfinde: ebensowenig kann ein Mensch mit gesunder Vernunft sich enthalten, das Bekenntniß deines Daseins abzulegen, und in allen Dingen, die ihn umgeben, deine allmächtige Kraft zu fühlen. Dich, Urheber des Weltalls! verkündigen die Himmel; dich prediget die Erde; dich erblicken wir in jedem Lichtstrahle; mit göttlicher Schrift steht dein Name an der prächtigen Decke des Firmamentes geschrieben.( Ps. 8, 2-5. Pf. 18, 2-5.) Jeder 140 Stern ist eine Sonne, jeder Planet eine Welt, jede Welt ein Aufenthalt von unzähligen Millionen Geschöpfen. Wer kennt ihre Zahl? Wer mißt die Un endlichkeit des Raumes, welcher sie einschließt? Ich sehe unter mich und erblicke den Theil der Welt, welchen ich bewohne, die Erde, die mich trägt und ernähret. Wer höhlte die Tiefen des Weltmeeres aus? Wer undämmte seine wilden Fluthen und bestimmte sein Ufer? Wer entwarf und vollführte den kühnen Bau der Gebirge, deren Gipfel auch den Blitzen un ersteiglich sind? Wer legte auf den Bergen die unerschöpflichen Quellen an, aus welchen seit undenklichen Jahrhunderten Segen und Fruchtbarkeit die Länder durchströmen? Wer befruchtete den Schooß der Erde mit den unendlichen Gattungen von Samen, aus welchen durch eine Art von Vernichtung täglich neue Schöpfungen hervorkeimen? Wer versah leblose Körper mit der Fähigkeit, eine Bewegung anzunehmen und sie auf andere ihres Gleichen auf eine Art fortzupflanzen, die auch für den Weisesten ein Geheimniß ist? Wer setzte der Bewegung die Regeln fest, nach denen sie geschieht, welche wir aus Wirkungen wahrnehmen, deren Ursachen auch nicht einmal durch Muthmaßungen errathen werden können? Wer setzte die Kräfte so unendlich verschiedener Theile, aus welchen 141 die Körperwelt zusammengefügt ist, in ein so genaues Gleichgewicht gegen einander, daß eine Welt, deren Theile sich augenblicklich auf tausendfache Weise verändern, doch immer besteht und in Ordnung bleibt? - O Vater der Wesen, diese wundervolle Einrichtung ist nicht das Werk des blinden Zufalls( so was könnte nur ein Thor behaupten), sie ist ein unnachahmliches Meisterstück deiner Weisheit und Allmacht. ( Pf. 103. 134, 6. 7. 135, 5-9.) - Doch warum suche ich meinen Schöpfer außer mir, den ich so leicht in mir selbst finden kann? Ich empfinde; ich denke; ich bin mir meiner und anderer Dinge außer mir bewußt; ich besitze und gebrauche alle Augenblicke eine Kraft, von der ich nicht weiß, was sie ist, noch wie sie in mir wirkt, die Einbildungskraft, wodurch ich, so oft ich will und nicht will, Bilder von Dingen, die außer mir sind, in mir erschaffe; mit diesen Bildern als wie mit meinen Geschöpfen nach Belieben umgehe, sie ansehe, verbinde, trenne und aus ihnen Alles mache, was ich nur will. Woher kömmt dieser Stoff, welchen meine denkende Seele nach so verschiedenen Formen verarbeitet? Wer hat meinen Körper zu so vielen und mancherlei künstlichen Verrichtungen geschickt und bequem zu bauen gewußt? Wer hat ihm das Gesetz vorgeschrieben, daß 142 er meinem Willen ohne Ausnahme gehorsam sein und auf meinen Befehl Bewegungen machen muß, von denen ich selbst nicht begreife, wie sie geschehen? Ich brauche täglich und augenblicklich die Glieder meines Leibes nach meinem Wohlgefallen. Meine Seele regiert meinen Körper gleichsam mit der Macht eines Gottes. Sie will gehen und sie geht; sie will sprechen und sie spricht. Sollte man glauben, daß ein Wesen, dessen Macht so unumschränkt zu sein scheinet, dasjenige nicht einmal kenne, worüber es gebietet? Aber genug; meine Seele weiß, daß diese Herrschaft und die Kraft, wodurch sie dieselbe ausübt, nicht von ihr sei. Sie fühlt, daß du sie mit dieser Kraft ausgerüstet hast Schöpfer, Vater der Geister! Ja, wenn ich da bin, wenn die Welt da ist( und wer könnte daran zweifeln?), so ist auch ein Schöpfer aller dessen, was ist. Denn weder ich bin von mir selbst, noch ist es die Welt. Es baut sich keine Strohhüte von selbst.( Hebr. 3, 4.) Ein bloßes Ungefähr, ein blinder Zufall kann keine so schöne Welt zusammenwehen, wie dieſe ist. Gott, du bist allein die Urquelle der ganzen Schöpfung, du bist das höchste Wesen, der vollkommenste Geist, thätig durch eigene Kraft. Du besitzest Macht und Weisheit, denn du 143 haft beides in der Schöpfung bewiesen. Dein Wesen ist der Inbegriff alles Guten, alles Vortrefflichen, aller unermeßlich großen Eigenschaften weit über unsere Begriffe erhaben! — Wie unendlich groß muß der Herr der Natur sein! Ein Sandkorn, ein Würmchen ist eine Welt für uns, oder würde es doch sein, wenn unsere Augen fein genug wären, alle seine Theile unterscheiden zu können. Unzählbare Millionen derselben liegen zu unseren Füßen, ungesehen oder doch unbemerkt von uns, aber nicht von dem, welcher kein einziges derselben ohne Absicht erschaffen hat. Das Geringste in der Natur ist ein unerforschliches Geheimniß auch für den tiefsinnigsten menschlichen Geist; das Größere ist ebenso unergründlich, ebenso erstaunenswürdig. Wen macht die Vorstellung eines bodenlosen Meeres nicht schwindeln? Es bedeckt Berge und Länder, deren Höhe und Umfang, denen nichts nachgibt, welche wir bewohnen. Welten liegen unter seinen Fluthen begraben. In seinen Abgründen spielt der König der Fische- der Wallfisch. Er durchbraust die Gewässer; er drängt sich durch Gebirge von Wellen hin, er athmet Ströme, und jede seiner Bewegungen bringt die ganze Wasserwelt in Aufruhr. Und dieses Ungeheuer des Wasserreichs, das Weltmeer selbst, und die Erde, die es ein 144 fasset, mit all ihren Bergen, Ländern und Königreichen wie klein würde uns dieß alles vorkommen, wenn wir es von der Höhe eines unserer Sonnenplaneten herab betrachten könnten? Und dieß alles hat sein Dasein durch den bloßen Willen des Ewigen, des Allerhöchsten erhalten. Hier verliert sich mein Geist ganz in dir, un begreiflicher Schöpfer! Wer kann dich denken? So groß diese Welten meinem Verstande scheinen, so sind sie doch gegen dich wie ein Stäubchen auf der Wage, wie ein Tröpfchen, das im Eimer bleibt, und noch weniger. Wie groß, wie unendlich, wie unaussprechlich groß mußt du sein, da dich alle die Größen nichts als einen Gedanken kosteten! — Nichts geSind aber alle diese Größen ein gen dich, was bin ich denn, der ich klein genug bin, mich in diesem Nichts zu verlieren, aber auch groß genug, um zu erkennen, daß dieses ganze All gegen dich ein Nichts ist?- So wunderbar hast du mich gemacht, mein Schöpfer, Gott, meines Wesens einziger Ursprung! Welch ein Glück ist es für mich, daß ich dich kenne! Meine Seele lobe dich, den Unsichtbaren, den Unendlichen, den Unbegreiflichen! Sie erhebe sich mit geistigen Schwingen zu dir, ihrem Ursprunge, dem reinsten, dem göttlichen Geiste. Du - 145 allein verdienest Lob, obwohl du über alles Lob unendlich erhaben bist! ,, O du, der Anfang, das Mittel und das Ende aller Dinge!"( Jes. 42, 5. 8. R. 44, 6. Offenb. Joh. 1, 8) von dir bin ich. Du hießest mich wer den; dein gebietend Wort baute meinen Körper. Dein Hauch beseelte ihn. Daß ich bin, ist durch dich. Was ich bin, bin ich durch dich. Ich wäre nicht, ich dächte nicht, wenn du nicht gewollt hättest, daß ich sein und denken sollte. Und wer schrieb mir denn jenes heilige Gesetz der Sitten ins Herz, das ich nicht übertreten darf, ohne mit mir selbst in den schimpflichsten Widerspruch zu gerathen und mich in meinen eigenen Augen herabzuwürdigen? Woher ist das unbedingte und unerläßliche Gebot meiner Vernunft, fittlich gut zu sein und mich durch Tugend einer Glückseligkeit würdig zu machen, wornach mein Herz schmachtet?- Du, o Gott, bist der Urheber des Sittenreiches, wie du der Herr der Schöpfung bist. So gewiß ich das Böse fliehen und das Gute ausüben muß, und so gewiß ich nur im Verhältnisse meines fittlichen Werthes glücklich zu sein verdiene, so gewiß muß es auch eine Glückseligkeit, nach der ich strebe, und einen Gott geben, der sie nach Würde und Verdienſt ertheilet. Gelobt, ewig gelobt seist du, mein Schöpfer, Brunner, Jesus. 10 - 146 mein Herr, mein Gesetzgeber! Dankbarkeit und Liebe durchwallen mein gerührtes Herz, wenn ich denke, daß ich dein vernünftiges, zu einer erhabenen Bestimmung berufenes Geschöpf bin. Unendlicher, eine unaussprechliche Freude bemächtiget sich meiner bei dieſem großen Gedanken; meine Seele zerfließt in den zärtlichsten Empfindungen. O, möchten sie dir doch nicht mißfallen, die Regungen meines dankvollen Her zens, Gott und Vater, von dem ich Alles habe, was ich habe, und durch den ich Alles bin, was ich bin! Dein Eigenthum bin ich, Herr des Himmels und der Erde!( 1. Kor. 8, 6) und ich will es sein, so lange ich bin. Dir soll mein Leib und meine Seele heilig sein. Was soll ich thun? Wie soll ich dich verehren? du Allerhöchster, rede, ich will hören. Würdige mich deiner Befehle! Ich brenne vor Eifer, ihnen zu gehorchen. O, wer gibt mir die Schnelligkeit des Windes und die Stärke der Feuerflammen, um gleich denen, die vor deinem Throne stehen, auf deinen Wink zu fliegen und alle deine Gebote zu befolgen? O selige Augenblicke, in welchen man dir dienet! Wann- ach, wann, mein Gott und mein Schöpfer, wann werde ich diese Seligkeit vollkommen besitzen? Wann werde ich im Gehorsam gegen dich geübt genug sein, um in die Zahl deiner treuen Knechte 147 aufgenommen zu werden? Ich will alle meine Kräfte aufbieten. Ich will mein einziges und ganzes Glück darin suchen, deinen heiligen Vaterwillen so auf Erden zu vollbringen, wie er im Himmel vollbracht wird. ( Matth. 6, 11.) Amen. Am Dienstage. Bott ist ewig, unveränderlich. Ewig bist du, mein Gott und Schöpfer, du warst eher als alle Dinge, die du mit einem allmächtigen Worte aus ihrem Nichts hervorgerufen hast. Eh' die Sonne brannte, eh' sich Welten um ihre Achsen drehten, eh' Geister dachten warst du! ( Ps. 89, 2.) Du bist durch dich selbst; keine fremde Kraft hat dein Dasein gewirket. Du bist- weil du bist. Du bist Alles, was du bist; aus dir selbſt und mit einmal, und du bleibst so ohne einige Veränderung. Zufall und Wechsel sind deiner Natur zuwider. Du kannst an Größe nicht zu und nicht abnehmen; denn wie wärest du sonst unendlich groß? Du wirst in alle Ewigkeit sein, und in alle Ewigkeit so groß und so vollkommen sein, als du vor aller Ewigkeit gewesen bist. Du bist der Vater der Ewigkeit, du warst vor unendlichen Jahrhunderten und. wirst nach unendlichen Jahrhunderten noch sein. Ein 10* 148 Zusatz von Millionen Jahren verlängert dein Dasein nicht, und ebensoviel davon abgerechnet, verkürzet es nicht. ,, Du, Herr, bist der Erste und der Letzte." ( Jes. 14, 4.) Du hast im Anfange die Erde gegründet, und die Himmel sind deiner Hände Werk. Sie werden vergehen, du aber bleibest. Sie werden alle veralten, wie ein Gewand, sie werden verwandelt, wie ein Kleid, wenn du sie verwandeln wirst. Du aber bleibst, wie du bist, und deine Jahre werden kein Ende nehmen."( Hebr. 1, 10. 11. 12.) Wem vergehen hier nicht alle Gedanken? Kein erschaffener Geist kann den Unerschaffenen denken; und wie will ich, dessen Tage kaum einer Hand breit sind, die Unendlichkeit des Ewigen fassen? Ich nehme den größten Zeitraum, welchen ich auf einmal denken kann. Ich verdopple ihn mit Millionen und abermal Millionen. Ich bringe eine Summe heraus, die in Ansehung meiner unendlich ist. So viel Sandförner faßt das Firmament nicht, als ich Millionen Jahrhunderte denke. Und diese ungeheure Summe reicht doch bei weitem nicht zu, um nur ein Maßstab für die Dauer des Ewigen zu sein, wenn auch alle Geister, die je gedacht haben und je denken werden, sich in ähnlichen Bemühungen mit mir vereinigten, so würden wir doch nichts mehr, um den Ewigen zu - 149 begreifen, ausrichten können. Ein Tag ist bei dent Herrn wie tausend Jahre, und tausend Jahre sind bei ihm wie ein Tag!( 2. Petr. 3, 8.) Ich will also in stiller Bewunderung den anbeten, den ich nicht begreifen kann. Er, der Ewige, soll der Gegenstand meines Nachdenkens sein. Auf ihn will ich meine Blicke richten, nicht in der Absicht, seine Unendlichkeit zu ergründen( welche Thorheit, welche Vermessenheit wäre dieß!), nein, ich will nur empfinden, wie unendlich der Ewige ist, um desto lebhafter zu fühlen, wie niedrig ich selbst bin. Ich schaue mit Erstaunen gen Himmel. Mir schwindelt beim Anblicke eines Gewölbes von unendlichem Umfange, welches von den mächtigen Händen des Ewigen aufgeführt ist und für die Ewigkeit gebaut zu sein scheint. Mein Geist verliert sich in den unermeßlichen Felde dieser Schöpfung. Sonnen und Welten sind in einer Menge vor mir, wovon ich das Ende nicht absehe. Wer kann mir sagen, seit wie vielen Jahrhunderten und Tausenden die Sonnen schon brennen, und wie viele Millionen ihres Gleichen schon vor ihnen geleuchtet und ausgebrannt haben? Wer weiß es, wie viele Geschlechter von Welten schon gewesen und zerstört sind? Wer hat den Stamm 150 baum des Sonnengeschlechtes durchgeſehen, welcher an dem grenzenlosen Himmel aufgezeichnet ist? Aber alle diese Sonnen, mit allen ihren Welten, in allen ihren Geschlechtern, vom Anfange bis jetzt und bis zu ihrem Ende, mit aller ihrer bisherigen und zukünftigen Dauer, sind gegen die deinige, ewiger Schöpfer, noch nicht ein Punkt der Zeit. Du sprichst, und Sonnen entzünden sich und Welten werden. Du sprichst wieder, und Sonnen verlöschen und Welten vergehen. Unverändert und mit ruhigem Blicke siehst du ihrem ersten Aufgange und letzten Untergange zu. ( Malach. 3, 6.) Auch die jetzigen werden zu ihrer Zeit vergehen. Dieser Himmel mit seinen Sternen wird allmählig einem andern Himmel mit anderen Sternen Platz machen. Aber du, Ewiger, und nur du allein bleibst! Wenn Sonnen veralten und Weltgebäude sich verwandeln, so bleibst du, wie du biſt, und deine Jahre nehmen kein Ende.( Ps. 101, 26. 27. 28.) Du, ewiger Vater, schauest von deinem tief in die Ewigkeit gegründeten Throne, mit sicherer Majestät, das Entstehen und das Vergehen der Welten an. Du winktest mit allmächtigen Blicken, und schnell erhoben sich Welten aus Nichts und standen da. Du winkest abermal, und siehst sie in ihr Nichts wieder zurücksinken mit eben so weniger Ver änderung, als die Sonne von den kleinen Thierchen leidet, welche in heißen Sommertagen bei ihrem Aufgange geboren werden und noch vor ihrem Untergange sterben. 151 Und was müssen denn vor dir, Ewiger, meine Tage sein? Die Augenblicke, seit welchen ich bin und in welchen ich etwa noch sein werde wie nichts, wie so gar nichts müssen sie vor dir sein? Ich, dessen Leben kaum die Länge einer Spanne austrägt! ( Ps. 89.) Ich, dessen ganzes Dasein nicht dem zehnten Theile der Zeit gleichkömmt, welche eine Eiche zu ihrem Wachsthume braucht! Ich, gegen dessen Dauer die Dauer der Eiche eine Art von Ewigkeit ist; demungeachtet bin ich doch groß genug zu erkennen, daß die Dauer ganzer Weltgebäude gegen die deinige wie nichts ist. Ja, ich bin groß genug, mir eine Dauer, wie die deinige, in der Zukunft zu wünschen, sie zu hoffen und Ansprüche auf die Ewigkeit zu machen. Amen. Am Mittwoche. Bott ist allmächtig. - Gott! wie unbegreiflich groß ist deine Macht, die ich mit jedem Blicke in deiner Schöpfung entdecke. Alles, was ich sehe und höre, Alles, was ich durch 152 irgend einen meiner Sinne empfinde, ist eine Wirkung dieser unendlichen Macht. Durch sie leuchtet die Sonne, wälzen sich die Welten, leben die Thiere, denken die Geister. Sie ist die Seele der ganzen Schöpfung. Sie erhob die Welt aus dem Nichts, und sie erhält die Welt in ihrem Dasein. Ohne sie wäre die Welt nicht entstanden; und ohne sie würde die Welt augenblicklich wieder in ihr Nichts zurücksinken.( 1. B. Mof. 1. Röm. 4, 17.) Gott! deine Kraft verbreitet sich durch alle Wesen, sie belebt das Kleinste, wie das Größte, das Ganze und alle Theile. Sie leuchtet in den Lichtstrahlen; sie wärmet in dem Feuer; sie wächst in der Pflanze; sie empfindet in dem Thiere; sie denkt in dem Engel. Alles— Alles ist durch sie und Alles besteht durch sie. Aber was ist die Allmacht? Auf was für eine Art wirkt sie?- Dieß sind Fragen, zu deren Auflösung die Einwohner des Himmels und der Erde umsonst ihre Verstandeskräfte vereinigen. Für Geschöpfe ist hier Alles unergründlich. Was Allmacht sei, weiß nur der, der sie besigt nur der Allmächtige. Wie die Allmacht wirke, weiß nur der, der sie gebrauchet nur der Allwirksame. Das Wesen der Allmacht kennen und selbst allmächtig sein, ist einerlei - - 153 und kömmt nur allein dir zu- Allvater! Schöpfer aller Wesen! Ich ziehe mich also in die Grenzen zurück, welche mir als einem endlichen Geiste gesetzt sind. Ich will den Allmächtigen nicht erforschen, sondern anbeten. Wer kann den Unbegreiflichen begreifen? Eine demüthige Empfindung meiner Schwäche und seiner Stärke ist Alles, was mir erlaubt ist, und Alles, wozu mir die Erkenntniß des Allmächtigen nützlich sein kann. Zu dieser Erkenntniß gelange ich leicht, wenn ich nur einen aufmerksamen Blick auf mich selbst hefte. Liegt nicht ein Abdruck der Allmacht in mir? Gewiß, wenn etwas in der Natur ist, was mit dieser göttlichen Eigenschaft einige Aehnlichkeit zu haben scheint, so ist es die fast unumschränkte Macht, welche meine Seele über meinen Körper ausübt. Alle Sinne und Glieder desselben stehen ihr zu Befehl. Kaum will sie, daß sich ein Glied regen und bewegen soll, so wird in dem Augenblicke ihr Wille vollzogen. Zwischen ihren Befehlen und dem Vollzuge derselben geht gar keine Zeit verloren. Sie darf nur denken und es geschieht schon; gleich als wenn ihre Gedanken so viele unwiderstehlich wirkende Kräfte wären, die Alles mit einer undenkbaren Geschwindigkeit ausführen. Darf 154 man das Kleine mit dem Größten vergleichen, so ist Gott in Absicht auf das ganze All, was meine Seele in Absicht auf meinen Körper ist. Er will, daß etwas werden soll und es wird. Die Sonne soll brennen, und sie brennt. Welten sollen sich um sie bewegen, und augenblicklich treten sie ihre Reise an. Ein Thier soll leben und es lebt. Ein Geist foll denken und er denkt. Die Allmacht bedarf keiner Zeit zu ihren Wirkungen. Denken und Thun ist bei ihr eins. ,, Der Allmächtige spricht und es geschieht; er gebeut und es steht da." O! wie unaussprechlich klein und ohnmächtig bin ich gegen den, der die Völle aller Macht besitzt. Unendlich groß ist der Unterschied zwischen einem Tropfen Wasser und dem Weltmeere, zwischen einem Augenblicke und der Ewigkeit. Allein dieser Unterschied verschwindet fast gänzlich, in Vergleichung mit dem, welchen ich zwischen meiner Kraft und der Kraft Gottes antreffe. Meine Kräfte( des Leibes und der Seele) sind nur ein Darleihen, nichts Eigenthümliches, nur eine Wirkung und gleichsam ein Ausfluß von der Allmacht. Ich kenne nicht einmal die Natur und Beschaffenheit meiner Kräfte. Indem ich meine Glieder bewegen will und wirklich bewege, bin ich mir nicht im Geringsten einer Kraft bewußt, welche 155 ich zu diesem Endzwecke anstrenge. Es geschieht, was ich will, ohne daß ich selbst weiß, wie es zugeht. Wie soll ich mich denn nun wundern, wenn mir die unendlich höhere Macht des Schöpfers auf alle Weise unbegreiflich ist?( Ephes. 3, 20.) Brauche ich auch wohl mehr zu wissen, als daß die Kräfte, die mir Gott verliehen hat, selbst der stärkste, der augenfälligste Beweis seiner Allmacht sind, und daß ich gegen ihn wie nichts bin! Aber auch die Kräfte der ganzen Natur zusammengenommen, sind nur ein Schattenbild von der Macht des Unendlichen, von der sie herstammen und durch welche sie erhalten werden. Was man in der Natur groß oder klein, stark oder schwach nennt, ist nicht durch sich selbst groß oder klein, stark oder schwach; sondern Alles ist gerade das, was der Allmächtige will, daß es sein soll. - Gott, wer ist dir gleich? Der Himmel ist dein Thron und die Erde dein Fußschemel."( Jes. 66, 1.) ,, Du, Allmächtiger, wohnst in der Höhe und Alle, die auf Erden wohnen, sind vor dir wie Heuschrecken. Du allein bist mächtig; du allein bist groß; dir allein gebühret Lob, Ehre und Preis. Durch dich lebt die ganze Schöpfung. Dein Odem beseelt Alles;" du ziehst ihn zurück, und Alles vergeht, und wird zu 11 156 Staube. Glück und Unglück sind in deiner Hand, und du theilest selbe aus, wie du willst. Wer kann deinem Willen widerstehen? Wohl dem, den du schützest. Was können ihm Menschen schaden? Bei dir allein steht es, den Niedrigen hoch, und den Hohen niedrig, den König zum Bettler, den Bettler zum König und beide zu Staub zu machen. O Allmächtiger, wer sollte dich nicht fürchten? Und was sollte dem sonst noch fürchterlich sein, der dich recht fürchtet? Gott, du bist allein die wahre Quelle aller Heiligkeit, alles Glückes und alles Segens. Deine Reichthümer sind unerschöpflich. Aus dir fließt allen Wesen alles Gute, Leben und Seligkeit zu. Vergebens streitet die ganze Welt wider mich, wenn du für mich bist; aber vergebens begünstiget mich auch die ganze Welt, wenn du wider mich bist. Deine Hand lenkt alle Mittel, welche mein Glück befördern oder stürzen können. Durch dich, Herr des Himmels und der Erde, durch dich regieren die Könige, find die Mächtigen stark, die Weisen verständig. Du hast die Herzen aller Menschen in deinen Händen und leitest sie wie Wasserbäche, wohin du willst." Was sind doch die Menschen, daß ich sie fürchten, was sind Menschenkinder, daß ich auf sie vertrauen sollte? Die höchste Macht der Sterblichen erstreckt sich nur über - 11 157 das, was an mir sterblich ist; sie können nur meinen Leib tödten( Matth. 10, 28), mein unsterblicher Geist und das Glück der Ewigkeit, das auf ihn wartet, ist weit- weit über alle menschliche Gewalt hinausgesetzt. Sogar mein zeitliches Glück hängt nicht weiter von Menschen ab, als du es zuläsfest, Vater im Himmel! Mein Bestreben soll demnach hauptsächlich nur dahin gehen, mir deine Gnade, o Gott, zu erwerben und zu erhalten. Alle Empfindungen von Ehrfurcht und Vertrauen, welche in meiner Seele aufsteigen, sollen nur für dich sein. Ich will meine Größe und meine Seligkeit allein darin suchen, von ihr abzuhangen. Ein ohnmächtiges Wesen, wie ich bin und wie alle Menschen sind, ist freilich zu gering, dich, den Allmächtigen, nach Würde zu ehren; aber doch nicht zu gering, dich anzubeten, und mit demuthsvoller Zuversicht auf dich zu vertrauen. Mein zeitliches und mein ewiges Glück hängt nur allein von deiner Huld ab, und deine Huld ist der Lohn, welcher die Bemühungen deiner treuen Knechte krönet. Gott! ich will deinen Gesetzen ohne Ausnahme gehorchen, und deinen Willen mit Freude vollbringen. Alle Kräfte meines Geistes und meines Körpers sollen von nun an deinem Dienste, der Tugend und Rechtschaffenheit gewidmet sein. Und was habe 158 ich alsdann noch zu fürchten?( Jes. 41, 13.) Der Weltbau mag zertrümmern, und die Erde unter meinen Füßen weichen. Ich sehe dem Untergange der Schöpfung ganz unerschrocken zu. Der, durch den sie vergeht, ist der Allmächtige, und du, Allmächtiger, bist mein Freund! Am Donnerstage. Gott ist allweife, allgegenwärtig, allwiffend. Gott! wohin ich in der ganzen Natur meinen Blick wende, treffe ich Spuren von der schönsten Ordnung an, welche von deiner Weisheit zeugen. In der ganzen Schöpfung ist nichts umsonst. Das Allerkleinste hat seine Absicht wie das Größere. So unendlich die Anzahl der Theile ist, aus welchen die Welt besteht, und so sehr sie von einander unterschieden sind, so sind sie doch alle gleich nothwendig zum Ganzen, und zur Hauptabsicht ihres Urhebers gleich unentbehrlich. Die geringste Pflanze ist mit eben so viel Sorgfalt gebaut, als der künstlichste Körper des vortrefflichsten Thieres. Ihr innerer Unterschied wird nur durch die Verschiedenheit der Endzwecke bestimmt, zu welchen sie erschaffen sind; und alle diese verschiedenen Endzwecke laufen endlich in der Vollkommenheit des Ganzen, als in einem gemeinschaftlichen 159 Mittelpunkte zusammen. Das Auge des Allwissenden durchschaut denſelben in seinem völligen Umfange. Die Zahl der Sandkörner, der Wassertropfen, der Luft-, Wärme- und Lichttheilchen, ist ihm eben so deutlich und vollständig bekannt, als die Zahl der Sterne. ( Ps. 146, 4.) Er erkennt auf das Genaueste das Maß der Kräfte, welche jedes Stäubchen in der Natur für sich allein und in der Verknüpfung mit andern besitzt. Er hat sie selbst abgewogen und die verschiedene Zusammensetzung derselben angeordnet. Er kennt alle Veränderungen, welche daraus erfolgen können und wirklich erfolgen.( Job. 28, 24. 25. 26.) Mit welch einer unbegreiflichen Kunst ist nicht der Körper des geringsten, verächtlichsten und in meinen Augen ganz unnüßen Thieres gebaut! Er ist so klein, daß er unserm Gesichte entflieht, und doch haben alle seine Theile ihr gehöriges Maß und Stärke. Die Kanäle, in welchen sich seine flüssigen Säfte bewegen, sind nicht weniger künstlich eingerichtet als jene, die man in dem menschlichen Körper bewundert. Seine Fäserchen haben ihre genau abgemessene Schnellkraft. Mehr oder weniger angespannt als sie wirklich sind, würden sie dem Thiere unnütz sein. Es hat alle nöthigen Glieder, seine Nahrung zu suchen, sein Leben zu erhalten, seinen Raub zu verfolgen, vor seinem 160 Feinde sich zu hüten, sein Geschlecht fortzupflanzen. Der Theil der Schöpfung, welcher ihm zum Aufenthalte und zur Wohnung bestimmt ist, enthält Alles, was es zu seiner Nahrung und Erhaltung braucht, in reichlichem Maße. Und wie viele Millionen Arten von Thieren heget der Erdboden? Luft, Wasser, Erde sind so viele Reiche, in welchen kein Winkel ist, der nicht mit Einwohnern besetzt und mit unendlichen Gattungen von Thieren belebt wäre, deren jedes in seiner Art mit allen den Eigenschaften versehen ist, welche die Absicht seines Daseins erfordert.( Sirach. 16, 26. 27.) Und alle diese Gattungen leben und erhalten sich seit so vielen Jahrhunderten! Sie erhalten sich ungeachtet aller Veränderungen und Zer störungen, welche von Zeit zu Zeit in der Natur vorgehen. Tausenderlei Zufälle könnten auf mehr als eine Art verschiedene Gattungen derselben vertilgen. Umsonst! sie bleiben alle zum unwidersprechlichen Beweise, daß der Allwissende alle diese Zufälle vorausgesehen und daß die höchste Weisheit sie zurückzu halten gewußt hat.( Pf. 103, 25-28.) Wem fällt hier ein allgemeiner Endzweck und eine Menge zur Erreichung desselben angewandter Mittel nicht sogleich in die Augen? Doch ich selbst bin ja der unverwerflichste Zeuge 161 von der Weisheit meines Schöpfers. Der ganze Baut meines Körpers, alle Glieder desselben, alle Theile, woraus sie zusammengesetzt sind, jedes für sich und alle in ihrer Verbindung und nach ihren mannigfaltigen Verrichtungen betrachtet welche Wunderwerke? Der Mensch ist sich selbst das größte Geheimniß. Wie wenig ist es, was er von der Einrichtung seines Körpers und von den Fähigkeiten seiner Seele weiß! Der kleinste Theil von mir selbst erschöpft alle Kräfte meines Geistes, ohne selbst erschöpft zu werden. Den Gebrauch, welchen ich augenblicklich von meinen Gliedern mache die Empfindungen, welche ich unaufhörlich durch die Werkzeuge meiner Sinne empfange - die Begriffe, welche meine Seele aus diesen Empfindungen erschaffet- die Erkenntniß, welche ich dadurch erhalte- das edle Vergnügen, welches mir dadurch zuwächst- und der so hohe Rang, welchen ich durch diese Vorzüge in dem Reiche der Geschöpfe einnehme dieses alles sind Folgen von der mir unbekannten Einrichtung meines Ichs- Folgen, welche die allerhöchste Weisheit meines Schöpfers um desto mehr beweisen, je verborgener mir die Ursachen von allen diesen wundervollen Wirkungen sind. Zwei Wesen von ganz verschiedener Art, ein Geist und ein Körper, sind in mir vereint, so genau vereint, daß Brunner, Jesus. 11 - - 162 ihre beiderseitigen, obgleich in sich verschiedenen Verrichtungen, doch alle zu einem und demselben Endzwecke eilen. Die Speisen, welche ich zu meiner Nahrung genieße, werden durch eine Art von Zauberkraft stufenweise in Saft und Blut verwandelt. Sie ersetzen den Abgang, welchen alle flüssigen und festen Theile meines Körpers durch ihren beständigen Gebrauch unaufhörlich leiden. Das Gehirn ist die Werkstätte der Gedanken- das verborgenste Geheimniß der Natur. Hier langen von den entfernteſten Theilen des Körpers alle Eindrücke an, welche die äußern Dinge in alle äußern Werkzeuge meiner Sinne mas chen. Hier werden sie so zu sagen geläutert, nehmen ein geistiges Wesen an, werden Gedanken, verlieren sich in das Innerste der Seele, welcher sie zur Nahrung dienen, wie Speise und Trank dem Leibe. Welch eine über alle Vorstellung erhabene Kunst hat hier gearbeitet? Wie unendlich groß muß die Weisheit desjenigen sein, der mich so wunderbar gebaut hat? ,, O welch eine Tiefe des Reichthums, der Weisheit und der Erkenntniß Gottes! Was ist gegen den unendlichen Verstand des Allwissenden der größte Verstand eines Sterblichen? Ja, was sind gegen seine Erkenntniß die Wissenschaften aller denkenden Wesen? Er allein ist die ewige, unerschöpfliche Quelle des 163 Tichtes und der Wahrheit. Wir sehen nun in seinem Lichte das Licht. Unsere Erkenntniß erstreckt sich nicht weiter, als sich die Kräfte erstrecken, welche er uns. geliehen hat, und die Mittel, welche er uns verschaffet, diese Kräfte zu gebrauchen. Ach! was sind wir denn, daß wir uns erfrechen, die Absichten des Allwissenden zu ergründen und die Mittel zu beurtheilen, welche die höchste Weisheit zu Endzwecken anwendet, die nur sie allein völlig erkennt?( Sirach 16, 20-22. Röm. 11, 33.) Mit der tiefsten Bewunderung verehre ich anbetend die Spuren, welche die Weisheit meines Gottes in allen Theilen der Schöpfung zurückgelassen hat. Es ist kein Punkt des Weltgebäudes, in welchem der Allwissende nicht gegenwärtig wäre( Jerem. 33, 23), kein Stäubchen, welches nicht in dem Verstande des Allwissenden seine eigene Stelle hätte, keine Verände rung im Ganzen und in dem kleinsten Theile, welche seinem allgegenwärtigen Blicke entfliehen könnte. Nichts ist geschehen, nichts geschieht, nichts wird geschehen, was sein alles durchdringendes Auge nicht sieht. Alle Gedanken, welche alle Geister gedacht haben, denken und denken werden, sind vor ihm offenbar.( Pf. 32, 10-15. 138, 1-13.) Kann der Weiseste ohne Absichten handeln, 11* 164 und müssen die Absichten, die er zu erreichen sich vorgesetzt hat, nicht die vollkommensten sein?" Ein gesunder Verstand beantwortet diese Fragen sehr leicht. Wenn ich nun aber in Allem, was ich von den Werken Gottes deutlich erkenne, weise Absichten bemerke, kann ich wohl zweifelu, daß auch in dem, was ich nicht deutlich genug erkenne, wovon ich den Nußen nicht ganz einſehe, dennoch ebenso weise und heilsame Zwecke verborgen liegen, die sich dereinst meinen verklärten Augen so hell wie das Licht des Tages und vollkommen gotteswürdig zeigen werden? Unser Wissen ist hier nur Stückwerk, dort wird das Mangelhafte ergänzt werden. Wir sehen hier nur wie durch einen Spiegel; aber dort wird unsere Erkennt niß so klar und deutlich sein, als wenn sich die Menschen von Angesicht zu Angesicht betrachten."( 1. Kor. 13, 9-12.) Diese Verheißung haben wir aus dem Munde der Wahrheit selbst; zu diesen und noch gröBeren Erwartungen berechtigt uns das untrügliche Wort des allwissenden Gottes. 11 Ja, du Allwissender, von dir allein kann ich in der wahren Weisheit unterrichtet werden und lernen, wie ich meine Kräfte gebrauchen muß, unt zur sittlichen Vollkommenheit, zur Glückſeligkeit zu gelangen, deren du mich fähig gemacht und die du - 165 mir zum Ziele gesetzt hast. Dein Licht erleuchtet die Finsterniß des Vergangenen und durchstrahlet die lange Nacht der Zukunft. In diesem Lichte sehe ich, woher ich bin, wozu ich bin und was ich einst sein werde. Es zeigt mir die Dinge in ihrer wahren Gestalt, da sie durch den schwachen Schimmer der so leicht betrogenen Vernunft mir oft in einem ganz falschen Lichte erscheinen. Es lehrt mich Schätze kennen, die meiner Wünsche würdig sind und entdeckt mir die Wege, welche gerade zu denselben führen. Gott, was für ein unaussprechlich großes Gut ist dein Wort für mich! Meine Vernunft kämpft mit Ungewißheit und Zweifeln. Ich frage dich und deine Aussprüche verschaffen mir Gewißheit. Mein bekümmertes Herz wankt zwischen verschiedenen Gütern unschlüssig, welche es wählen soll. Die Lehren deiner Weisheit entscheiden den Streit, und ich wähle das Beste.- Was soll ich thun, daß ich selig werde? Wen finde ich auf Erden, der mir diese Frage mit einer Gründlichkeit beantwortet, die mich zufriedenstellt? So viele Menschen ich um Rath frage, so viele verschiedene Antworten erhalte ich, die mich alle nicht beruhigen können, da sie alle nur auf menschliche Weisheit gegründet sind. O, was hätte ich, wenn ich dein heiliges Wort nicht hätte- mein Gott und 166 Herr! ich müßte, von allem Troste und aller Hilfe verlassen, in meiner peinigenden Ungewißheit vergehen! Gepriesen ewig gepriesen seist du, Vater des Lichts! Du wohnst zwar in einem unzugänglichen Lichte( 1. Tim. 6, 16, Joh. 1, 18), aber aus göttlichem Mitleiden hast du einen Strahl deines Lichtes zu mir gesandt, um mich auf den rechten Weg der Wahrheit zu leiten. Die ewige Weisheit selbst würdiget mich, meine Lehrerin zu werden, und ich fühle das große Glück, den erhabenen Vorzug, ihr Schüler zu sein. Ich kann nun aus der reinsten Quelle schöpfen und meinen Durst nach Wahrheit stillen. Was den Weisen und Klugen dieser Welt verborgen ist, das offenbart Gottes Wort den Unmündigen. ( Luk. 10, 21.) Nun so will ich denn ganz aufmerkſam, ganz gehorsam gegen die Lehren des Himmels sein. In der frühen Stunde des Tages und zu der stillen Zeit der Mitternacht will ich mit lehrbegierigem Herzen zu den Füßen der Weisheit sitzen und ihren Unterricht hören. Hier will ich mich mit Davids feurigen Schwingen zum Gipfel der reinsten Andacht erheben und schon zum Voraus Theil an dem Glücke der seligen Geister nehmen. Hier will ich den sanften - 167 Lehren des vollkommensten und heiligsten Lehrers in der Stille nachdenken und in seinem Umgange mein Herz zu allem Guten bilden. Hier will ich lernen, was ich in der Ewigkeit wissen muß, und mir den Reichthum von nüglichen Kenntnissen und von tugendhaften Gesinnungen zu erwerben suchen, den mir in Ewigkeit kein Zufall rauben kann. Allwissender, allgegenwärtiger Gott, dein Blick durchforscht das Innerste meines Herzens.( Jerem. 17, 10.) Meine verborgensten Gesinnungen sind vor dir offenbar und du siehst meine geheimsten Gedanken. Wo ich bin, bist du um mich. Du beobachtest mich, wo ich von keinem Menschen beobachtet werde. ( Sprichw. 15, 3. 11.) In allen meinen Handlungen habe ich dich, dereinst meinen Richter, zunr aufmerk= samen Zeugen. Ich wandle unter deiner beständigen Aufsicht( Sir. 23, 27-29), und ich will auch beständig wie vor deinen Augen wandeln. In allem meinen Thun und Lassen will ich auf dich sehen, dein allwissender Blick soll mich leiten, dein Wink soll mein Gesetz sein. Mit Furcht aber mit findlicher Furcht will ich voll heiliger Vorsichtigkeit auf alle meine Tritte merken. Fehltritte sollen mich behutsam und die Erkenntniß meiner Schwachheit soll mich bedachtsam machen. Gott, möchte nur mein Herz vor - - 168 dir rein sein! möchte ich nur immer meinen guten Entschlüssen getreu bleiben! Prüfe du mich, o Herr, und erhalte in mir die edlen Gesinnungen, die du mir eingeflößt hast. Lehre du mich, Allweiser, ob ich auf dem rechten Wege bin, und erhalte, verstärke in mir die Lust, nur den Weg deiner Gebote zu gehen. Amen. Am Freitage. Bott ift höchft gütig. Gott, ich begreife dein Wesen nicht und Niemand begreift es. Aber so viel begreife ich, daß du die höchste Güte bist! „ Gott ist die Liebe!"( 1. Joh. 4, 8.) Die Neigung, sich mitzutheilen, das heißt, Alles zu beglücken, gründet sich so sehr in seiner Natur, ist so unzertrennlich von ihm selbst und so tief in alle seine Eigenschaften mit eingeflochten, daß man sein Daſein leugnet, wenn man seine Güte leugnet.( saj. 49, 15.) Die Güte ist so zu sagen das Leben und die Seele der Gottheit. Sie ist die einzige und ewige Triebfeder aller göttlichen Handlungen. Ohne sie wäre der unendliche Verstand Gottes nur ein todter Spiegel, welcher die bloßen Bilder aller möglichen Dinge ohne die geringste weitere Wirkung vorstellen würde. Ohne sie wäre die Allmacht Gottes eine leb 169 lose Kraft, welche ohne Wirksamkeit durch alle Ewigkeit schlafen würde. Ohne sie wäre die Gottheit eine unendliche Maschine, welche ewig still stünde, weil der Trieb fehlte, der sie in Bewegung setzte. Gott, du bist die höchste Güte! Gott, du bist die Liebe! Himmel und Erde stehen zum Beweise deiner Wahrheit auf. Die ganze Schöpfung, unendlich ausgebreitet durch die Höhe, Tiefe, Breite und Länge des unbegrenzten Raumes, den die Hand der Allmacht abgemessen, ist der Schauplatz, auf welchem die ewige Güte ihre Wunder verrichtet und Welten zu Zuschauern hat. Sie ist die Quelle, aus welcher Leben und Seligkeit das ganze Gebiet der Natur durchströmen, Himmel und Erde erfüllen und die Fähigkeiten aller Wesen ersättigen. Durch sie theilt der Allmächtige, gleich sorgfältig gegen die Bedürfnisse des kleinsten Wurmes und des größten Erzengels, die Reichthümer seines unerschöpflichen Schatzes mit göttlicher Unparteilichkeit unter alle Geschöpfe aus. ( Ps. 146. 8. 9.) Durch sie ist Gott immer ganz thätig und seine Thätigkeit ist- Liebe! Vater der Menschen, ich selbst bin ein unwidersprechlicher Beweis deiner Güte, deiner unendlichen Liebe. Du gabst mir mein Dasein; du hast mich mit der Kraft zu empfinden und zu denken versehen 31 170 und mir sinnliche Werkzeuge dazu verliehen. Du adeltest mich durch Vernunft und Freiheit. Du botest gleichsam deine Weisheit und Macht auf, um in der Natur Alles, was einigen Einfluß auf meine sittliche Ausbildung und auf meine Glückseligkeit haben kann, so anzuordnen, daß ich mit mir selbst zufrieden und gerne hier sein möchte. Gott, du setztest mich in eine Welt, die mit tausend Annehmlichkeiten, mit tausend Reizen ges schmückt ist; und diese Welt schenktest du mir zum Eigenthume. Du machtest mich über diesen Theil deiner Schöpfung zum Herrn, indem du mich die Güter genießen heißest, welche deine freigebige Hand in so reichlichem Ueberflusse ausgestreuet hat. Du befahlst der Sonne, für mich zu leuchten und mir die Empfindungen der sichtbaren Schönheiten deiner Schöpfung mit den Strömen ihres Lichtes zuzuführen. Auf deinen Befehl, o Gott, wehet mir die sanft wallende Luft geistige Düfte zu, welche sie von balsamischen Pflanzen ablöset, um mich durch die entzückende Empfindung des Geruches zu ergößen, um meinen Lebensgeistern neuen Unterhalt zu verschaffen, um die Kräfte meines Geistes und meines Leibes zu erhöhen und zu vermehren. Du begabtest die Speisen und das Getränke, welche mir zur Nahrung bestimmt sind, 171 mit den angenehmsten Reizen des Geschmackes. Durch eine unaufhörliche Abwechslung des mannigfaltigsten Vergnügens muß die Natur meinem Eckel vorbeugen. Jede Jahreszeit muß durch neue Ergöglichkeiten den Ueberdrusse zuvorkommen und die Lust zum Leben neu erhalten. Auf das freudige Geräusch des Tages folgt die gefällige Stille der Nacht, die mich einladet, die Geschäftigkeit mit der Ruhe zu verwechseln und durch einen sanften Schlummer mich zu den morgenden Arbeiten zu stärken. Gott! wie groß ist das Glück des Menschen, für den die ganze Schöpfung ist! Gott! wie gütig bist du! Die Gabe der Erfindung ist ein königliches Vorrecht denkender Wesen. Auch diese schenkte die unendliche Güte den Menschen. Nicht zufrieden, ihm alles Gute, dessen er benöthigt war, von Außen zufließen zu lassen, versah sie ihn mit einem inneren Vermögen, seine Glückseligkeit, gleichsam nach seiner Willkür zu vergrößern, durch neue Erfindungen sich neue Arten des Vergnügens zu verschaffen und so von einem Theile seines Glückes selbst der Schöpfer zu sein. Der Allmächtige ließ so zu sagen einen Theil seiner Werke unausgearbeitet. In diesem Theile überließ er es dem Menschen, seinen Verstand und Wiß zu üben, der Natur durch die Kunst zu Hilfe 172 zu kommen, die zerstreuten Schönheiten der Schöpfung an einem Orte für sich zu sammeln, aus einzelnen Vergnügungen zusammengesetzte hervorzubringen und so die Freuden seines Daseins noch mehr zu vervielfältigen, den Genuß seines glücklichen Lebens noch mehr zu versüßen. Noch hatte die unendliche Güte nicht genug für den Menschen gethan, weil sie noch nicht Alles gethan hatte, der einzelne Mensch war auch nur einer ein zelnen Glückseligkeit fähig. Die Gesellschaft konnte dieselbe unendlich vergrößern. Die gegenseitige Bei hilfe verschiedener Menschen, welche ihre verschiedenen Gaben und Fähigkeiten zu einem gemeinschaftlichen Zwecke anwenden, macht erst ihr Glück vollkommen. Die Schäße der Natur reichten zum Unterhalte vieler Millionen zu, und der geschäftige Fleiß eines einzelnen Menschen war nicht hinlänglich, um sich alle diese Schätze zu Nutzen zu machen. Die allwissende Güte wählte daher die vereinigten Bemühungen vieler Menschen, deren jeder mit besonderen Gaben zu besondern Geschicklichkeiten ausgerüſtet und zu besondern Erfindungen aufgelegt war, zu einem Mittel, ihre ganze Schöpfung als einen Gemeinsatz unter das menschliche Geschlecht zu vertheilen und es in den Stand zu setzen, alle darin verschlossenen Güter zu 173 benüßen. Nun ward die Geschicklichkeit und die Thätigkeit eines jeden Mitgliedes ein allgemeines Gut der Gesellschaft. Jeder genoß die Früchte seiner Erfindung und seines Fleißes, und indem er auch Andere Theil daran nehmen ließ, wurde er durch eine gegenseitige Theilnehmung an den ihrigen überflüssig belohnt. Er gab und empfing wechselweise; dieſe wechselseitige Gefälligkeit machte einen Menschen zum Wohlthäter des andern und knüpfte die Bande der Gesellschaft durch den Reiz eines gemeinschaftlichen Glückes. Die ewige Liebe stiftete die zärtlichen Verhältnisse, welche die Menschen noch enger mit einander verbinden, die Empfindungen der Liebe, dieser fruchtbaren Quelle des edelsten Vergnügens, der Mutter der Tugend und der Glückseligkeit. Sie wächst mit den Kräften des Geistes; steigt stufenweise höher, bis sie, durch die Vernunft völlig geläutert, den höchsten Gipfel der Vollkommenheit erreichet Freundschaft wird. Sie, die Tochter der Vernunft und der Tugend, rein von Allent, was bloß thierisch ist, sie wurde vom Himmel herabgesandt, tugendhafte Menschen schon zum Voraus zu beseligen, noch ehe sie in das Land des Friedens hinüberwallen, wo die reinste und edelste Freundschaft alle seligen und zur - 174 Geister beglücket. So sehr ist der Mensch der Liebling des Schöpfers! Und was konnte der Unendliche wohl hiebei zur Absicht haben? Vielleicht sich selbst? Er der feines Zusatzes an Größe oder Seligkeit fähig ist? Er der Vollkommenste? Was konnte er doch von einem Geschöpfe, welches Alles, was er hat, von ihm hat ( 1. Kor. 4, 7), für sich erwarten? Was hatte ich, der ich seit gestern bin, dem Ewigen zuvor gegeben, das ihn nöthigte, auf Wiedervergeltung bedacht zu sein?( Röm. 11, 45.) Oder was kann ich in Zukunft für ihn thun, um dadurch einen gerechten Anspruch auf seine zuvorkommenden Wohlthaten zu erhalten? Nein; die Absicht eines unendlich weisen Schöpfers kann nur allein die sittliche Vollkommenheit seiner vernünftigen Geschöpfe und ihre durch Tugend zu erwerbende Glückseligkeit sein. Gott! du bist die Liebe! Aber ich weiß, was der Unverstand wider diese ſo einleuchtenden, so beglückenden Wahrheiten einzu wenden pflegt: ,, Wenn eine allmächtige Güte den Menschen zur höchsten Sittlichkeit und Glückseligkeit geschaffen hat( so lautet die freche Sprache des undankbaren Zweiflers), warum sind denn so wenige Menschen sittlich gut, warum so wenige glücklich? Die ganze Schöpfung soll für den Menschen sein; und LU T - 175 sie scheinet fast ganz wider ihn zu sein. Ihm leuchtet die Sonne, um ihm eine Menge von Uebeln sichtbar zu machen, die täglich unter ihr geschehen. Wider ihn sind alle Elemente im Streite. In der Natur iſt nichts so gering, das nicht mit genugsamen Waffen zu seinem Verderben versehen wäre. Die Speisen, welche ihn nähren, das Wasser, das ihn tränkt, die Luft, welche er athmet, sind die gewöhnlichsten Werkzeuge zur Zerstörung seines Wesens. Mit was für einer genauen Kargheit sind ihm die Güter des Glückes zugemessen? Für einen, der Ueberfluß hat, leiden Tausende Noth; und selbst diesen Einen Glücklichen setzt der Ueberfluß, der sein Vorzug ist, tausend Verirrungen, Unruhen und Plagen aus. Stoff zum Elende finden Alle allenthalben überflüssig. Der Mensch ist an inneren Vorzügen weit über die Thiere erhaben, aber an Glück desto tiefer unter dieselben erniedriget. Er prangt mit dem göttlichen Vorrechte der Vernunft. Allein dieses Kleinod, anstatt ihn glücklich zu machen, ist in den meisten Händen ein zweischneidendes Schwert, welches ihr Vergnügen und ihre Ruhe bis auf das Leben verwundet. Durch die Vernunft wird der Mensch sinnreich- zu seiner Noth, der Erfinder neuer Arten von Elend, der Schöpfer unzähligen Uebels in der Gesellschaft. Von Sorgen, - 176 Furcht, Neid, Haß und Kummer wechselsweise gequält, ist seine vornehmste Beschäftigung ein beständiger, ängstlicher Kampf wider das Elend, und besteht sein größtes Glück darin, diesen Kampf so viel wie möglich zu verlängern, oder wie man sagt, das Leben zu erhalten; das Leben, dessen glücklichster Zeitpunkt der jenige ist, mit welchem sich dasselbe im Tode endet. Wie? dieser armselige Mensch soll von einer unendlichen Güte zu der höchsten Glückseligkeit beſtimmt,-Güte soll die einzige, die ewige Triebfeder aller Unternehmungen des Schöpfers sein? Ja, sie ist es, und es bleibt ewig wahr, daß der Mensch mit hinlänglichen Fähigkeiten versehen ist, um sich alle die sittlichen Vorzüge und die Glückseligkeit zu verschaffen, zu deren Genuß seine Natur aufgelegt ist. Es bleibt ewig wahr, daß ihm der Schöpfer aus feinem andern Grunde, als allein aus Antrieb der Güte, diese Fähigkeiten verliehen hat. Von dem rechten Gebrauche derselben hängt nun sein Glück ab; es steht in seiner Freiheit, eine vernünftige Anwendung davon und eben dadurch sich glücklich zu machen. Mißbraucht er seine Kräfte, so geschieht nothwendiger Weise das Gegentheil; der Mißbrauch wird zur Quelle des zahlreichsten und empfindlichsten Elendes! ,, Aber, sah nicht die Weisheit des Schöpfers 177 dieses alles voraus? Warum verhinderte sie es nicht?" Unstreitig sah sie das alles voraus und noch vielmehr als das. Sie sah nämlich auch voraus, wie unentbehrlich es dem Menschen zu seinem Glücke sei, eine Fertigkeit in dem vernünftigen Gebrauche seiner Kräfte zu erhalten. Diese konnte ihm aber nicht anerschaffen werden; er konnte sie nur durch Uebung gehörig gebrauchen lernen. Hiezu hatte er eine Art von Erziehung nöthig, und die Besorgung derselben nahm die unendliche Güte über sich. Sie setzt den Menschen in den Stand der Prüfung; sie läßt ihm die Freiheit, seine Kräfte auf allerlei Art zu versuchen, und nach Willkür jenen Gebrauch von seinen Fähigkeiten zu machen, welchen er für gut findet. Sie läßt ihn alle Folgen empfinden, welche natürlicher Weise aus seinen Handlungen fließen. Vernunft und Erfahrung sollen ihn zur Weisheit führen. Er soll selbst durch die Em pfindung der traurigen Folgen des Lasters überzeugt werden, daß es kein Eigensinn, sondern uneigennützige Güte seines Schöpfers ist, die ihm das Laſter untersagt hat. Durch eigenen Schaden gewißiget, soll er zu der festen und dauerhaften Entschließung gebracht werden, das erhabene Glück zu suchen, zu welchem er bestimmt ist, und es auf dem Wege der Tugend zu suchen, durch Vernunft und Erfahrung überzeugt, Brunner, Jesus. 12. 178 daß es auf keinem andern zu finden ist. Um ihren Zweck nicht zu verfehlen, legte sie seinen Ausschweifungen einen Zügel an; und dieser Zügel sind selbst die vielfachen Uebel, wodurch ihm die Lust verbittert wird, welche er zu seinem Verderben in sündhaften, niedrigen Vergnügungen suchet, um deren willen er sein wahres Glück hintanseßt. Die ganze Reihe der natürlichen Uebel, die ungleich größere, welche sich der Mensch durch seine Thorheiten zuzieht; die Nothwendigkeit zu sterben, und die Ungewißheit der Todesstunde sind die nachdrücklichsten Beweise von der väterlichen Güte Desjenigen, der mit diesen Uebeln den Abgrund eines unendlichen Elendes um dämmert, in welchen sich ohne diese Hindernisse der Leichtsinn des Menschen stürzen würde.- Ach! je mühsamer der Weg ist, der mich zu meiner Bestimmung führt, und je stärker, je empfindlicher die Mittel sind, durch welche die höchste Güte den Abwegen vorbeugt, auf welchen ich mich verlieren könnte, desto höher steigt meine Vorstellung von der erhabenent sittlichen Würde und Seligkeit, die mein endliches Ziel ist; desto lebhafter empfinde ich die Unendlichkeit der Liebe, die mir dieses Ziel gesetzt hat und mich durch ihre unablässige Bemühung dahin zu führen sucht.( Röm. 2, 4. 2. Petr. 3, 9. Luk. 3.) - 179 O wie unaussprechlich reizend ist die Seite, von welcher die Eigenschaft der Güte mir einen Schöpfer zeigt! Er das einzige Wesen seiner Art( 5. Buch Mos. 6, 4) ist aus sich selbst ewig, gleich groß an Verstand und an Macht, an beiden unendlich. Er wohnt in einem unzugänglichen Lichte, für mich so= wohl, als für den ersten Seraph. Geblendet von dem flammenden Glanze seiner Gottheit verliere ich beinahe alle Hoffnung, jemals etwas von ihm erwarten zu dürfen. Die bloße Vorstellung seiner alles erfüllenden Größe drückt mich gänzlich nieder und ich fühle nur, wie nichtig ich gegen ihn bin. Jede seiner Eigenschaften erweckt in mir ein geheimes Schaudern; meine Empfindungen gegen ihn sind- Furcht! aber nicht Knechtesfurcht, sondern Kindesfurcht; denn er ist gütig unendlich gütig. Er ist die Liebe! er ist mein Vater!( Matth. 6, 9. Gal. 4, 6.) Ihm wohnt ein unendlicher Trieb bei, wohlzuthun und alle seine Geschöpfe zu beseligen. Er hält das Vermögen, Welten glücklich zu machen, für das herrlichste Vorrecht seiner Gottheit.( Ps. 144.) Gütig zu sein, steht so zu sagen, nicht in seiner Willkür; er ist es gemäß seiner Natur. Sein ganzes Wesen ist Liebe und Gnade und Huld. Einen andern Begriff kann sich der menschliche Geist von Gott gar nicht bilden; 12* - - - 180 und dieses ist auch die würdigste Vorstellung von ihm. Gott müßte sich selbst verleugnen können, um nicht höchst gütig zu sein. Seine Schäße sind unendlich, wie er. Er vertheilet sie alle unter seine Geschöpfe und sie bleiben ihm doch ganz. Ihm ist Wohlthun Seligkeit und er ist höchst selig.( P₁. 103.) Und dieser ist mein Schöpfer? Dieser unendlichen Güte verdanke ich mein Dasein? Dieser ist der Gott, durch den und in dem ich lebe und bin und ewig sein werde?( Apoft. 17, 28.) Wie unaussprechlich groß ist mein Glück! Der Unendliche liebet mich. ( Joh. 16, 27.) Seine ganze Seligkeit, so viel ich ihrer empfänglich bin, ist für mich. Er ist unveränderlich entschlossen, mir nichts mangeln zu lassen, was mich veredeln und beglücken kann. Die Ewigfeit die selige Ewigkeit ist mein. Gott selbst ist mein.( Matth. 6, 25-34. Lut. 21, 18.) Unnennbare Empfindungen bemeistern sich meiner ganzen Seele. Mein ganzes Herz wallet von entzückenden Regungen der reinsten Freude. Wo finde ich Worte, mein Glück zu beschreiben und dem Triebe der Dankbarkeit genugzuthun, welcher mich ganz erfüllet? Gott, mein Vater, zu dem ich mit kindlicher Liebe flehe, den meine ganze Seele anbetet- wie foll ich deine Liebe gegen mich erwidern? Eine un- 181 widerstehliche Gewalt reißt mich mit der Geschwindigkeit des Windes und doch noch langsamer, als ich es wünsche, zu deinem Throne hin. Gott, mein Vater, ich bin ganz dein, und Alles, was ich kann und habe und bin, ist von dir. Womit soll ich anfangen, die ewige Schuld abzutragen, womit ich dir verhaftet bin? Du bist der Unendliche! Nichts bleibt mir übrig, als die Unendlichkeit deiner Güte zu erkennen, mein irdisches Glück froh und dankbar zu genießen, mich zu der künftigen Seligkeit vorzubereiten, und mich beider durch Güte des Herzens und Heiligkeit des Lebens würdig zu machen. Und hierin bestehen alle Pflichten, die du von mir forderst? Mit welch göttlicher Uneigennüßigkeit muß der lieben, der zur Vergeltung seiner Wohlthaten keine andern, als solche Pflichten fordert! Ja, Allgütigster! ich erkenne die Größe deiner Liebe und die Menge deiner Erbarmungen.- Ich liebe mein Leben, weil es dein Geschenk ist. Ich liebe alle Umstände, alle Veränderungen meines Lebens, weil sie dich zum Urheber haben. Ich bin von ganzem Herzen mit dem Schicksale zufrieden, welches du mir zugedacht hast; denn ich bin ganz überzeugt, daß es das Seligste für mich ist, weil es von dir verhängt ist. Ich empfinde mit der wärm 182 sten, mit der zärtlichsten Dankbarkeit, wie gut es sei, daß du, gütigster Vater! mir die Wahl meines Zustandes nicht überlassen hast. Das Glück, die ganze Welt durch meinen Wink zu regieren, wäre mir un endlich gering gegen das, mein ewiges Glück in deinen allmächtigen Baterhänden zu wiſsen. Gott! mein Vater, ohne Sorgen, ohne Kummer überlasse ich mich mit dem zuverſichtlichſten Vertrauen deiner unermeßlichen Güte.( 1, Petr. 5, 7.) Führe mich nach deinem Rathe. Ich folge dir mit Freuden. Nie will ich, wie auch mein Schicksal sein mag, mit murrender Unzufriedenheit deine Verhäng nisse tadeln. Sie sind alle ich weiß es gewiß Treue und Liebe. Nie will ich meinen Einsichten wider die Vorschriften deiner Gebote folgen. Mit kindlicher Selbstverleugnung unterwerfe ich alle meine Neigungen deinem allein guten Willen.( Mark. 10, 18.) Dein Gesetz ist mein größtes Gut, und ich will es über Alles lieben. Deine Güte ist mir besser, denn das Leben. Gerne will ich es verlassen, wenn du es begehrst. Mein Tod ist mein Glück, wenn du ihn willst. Ich werfe mich ohne Unruhe in seine Arme; denn er führt mich zu dir- das Kind zu seinem Vater! o seliger Augenblick, in welchem mein erlöster Geist nach überstandenen Prüfungsjahren von - - 183 der Erde losgesprochen und zum Glücke des Himmels fähig erklärt wird!( Phil. 1, 23.) Dann werden sich die Absichten deiner Güte, o Gott! entwickeln, und der Ausgang meines Schicksals wird dich, den Unendlichen, rechtfertigen. Dann werde ich in deinem ewigen, nicht mehr schrecklichen Lichte, umschlossen von deiner Liebe, selig durch deine Gnade, erfahren, wie sehr ich dein bin; wie nahe ich dir angehöre; wie ich nichts als eine Kraft von deiner allmächtigen Kraft, nichts als ein Licht bin, welches von dir, dem ewigen Lichte, entzündet worden, von dir genähret und durch einen unsterblichen Hang zu dir, seinem Ursprunge, gezogen wird und mit dir vereiniget, Theil an deiner Seligkeit nimmt. Unbegreifliches Glück, selige Bestimmung! fast für meinen Glauben zu groß und weit über alle meine Wünsche erhaben! ich bin viel zu klein, dich zu fassen; aber doch groß genug, dich zu hoffen! Gott! mein Vater, du bist nichts als Güte! du bist die Liebe! ich bete dich an - und verstumme. - Am Samstage. Bottes Borfehung. Gott! du bist ein Wesen von unendlicher Macht, Weisheit und Güte! du bist der Urheber der Welt! 184 Alles, was in der Welt ist, lebt und webt, das Größte wie das Kleinste, hat sein Dasein und seine Kräfte von dir! der Wurm ist sowohl dein Geschöpf, als der Seraph; beide sind Kinder deiner Allmacht! beide gehören mit in den Plan deiner höchsten Weisheit; beide sind ein Gegenstand deiner gütigen Vorsehung! ( Apostelg. 17, 24-28.) Die Welt besteht in einer unzähligen Menge von Theilen, welche alle in einander verkettet sind, und in den engsten Zusammenhang verflochten, das große Ganze das All ausmachen. Ein Glied - umschlingt in dieser Kette das andere; keines kann für sich allein und ohne das andere bestehen; der Fehler an einem Mittelgliede zersprengt die Ordnung und die Festigkeit des Ganzen; der kleinste Theil, aus der Mitte genommen, hebt den Zusammenhang auf und verursacht Mißlaut in der allgemeinen Har monie. In der Natur ist kein Stäubchen überflüsſig; kein Sandkörnchen ohne Ursache. Nichts ist, in Absicht auf das Ganze, gleichgiltig. So gering Etwas an sich betrachtet sein mag, so hängt doch immer das Größere von dem Kleineren, von der Beschaffenheit des mindesten Theiles die Beschaffenheit des Ganzen ab. Der Schöpfer kann seine Absichten im Ganzen nicht erreichen, wenn er sie zuvor in den einzelnen, - 185 kleineren Theilen nicht erreicht hat, die alle mit dem Ganzen in der innigsten Verbindung stehen. Das Ganze kann das nicht sein, was es sein soll, wenn seine allerkleinsten Theile nicht alle Eigenschaften in dem gehörigen Maße haben, welche ihr Verhältniß zu dem Hauptzwecke des Ganzen erfordert. Dieß ist nun das eigene Geschäft der Vorsehung; sie knüpft nach festgesetzten Regeln Theile an Theile; sie ordnet; sie erschafft aus kleineren Theilen größere, aus den größeren ein Ganzes, und gibt dem Ganzen durch die Lenkung der kleinsten Theile die bezielte Richtung. Das Allergeringste in der Natur von ihrer weisen Regierung ausschließen wollen, heißt die Zügel der ganzen Schöpfung in die Hände des blinden Zufalls geben, oder ein müßiges, unthätiges, in sich selbst vertieftes Wesen auf den Thron der Gottheit setzen. Wer die Vorsehung im Großen wie im Kleinen leugnet, der leugnet, daß ein Gott ist! Getragen auf den Flügeln der Winde, schwimmen in der oberen Luftgegend jene hängenden Meere, die Wolken, von welchen Alles, was in der Luft und auf der Erde lebt, erhalten wird. Aus ihnen träufelt der Segen auf unsere Felder, die unsere Saaten nähren; oder sie fließen stromweise von den Bergen durch niedrige Gegenden und schlängeln sich durch 186 Gefilde, die sie fruchtbar machen. Ohne sie würde in kurzer Zeit der Erdboden zur Wüste und die Wohnung der Lebendigen zu einem allgemeinen Grabe werden. Aber wie viele Millionen kleiner Einrichtungen in den kleinsten Theilen der Materie müſsen nicht vorhergehen, ehe Wolken geboren werden, Thau und Regen fallen und Flüsse entstehen können?- Die innere Beschaffenheit der Luft, des Wassers und der Erde, die gehörigen, abgemessensten Grade der Wärme und der Kälte, durch welche die Dünste und ihre Bewegung verursacht wird wie viele Eigenschaften, Kräfte, Triebfedern setzt dieß alles in den Theilen der Körperwelt voraus? Ach! sie sind zu klein, zu verborgen, als daß wir sie mit unseren Augen entdecken- sie sind zu zahlreich, zu mannigfaltig, als daß unser Geist sie fassen könnte! Diese Einrichtungen im Kleinen mußten aber nothwendig vorher gemacht werden, ehe die größeren Absichten, welche die Folgen, die Wirkungen davon sind, erhalten werden konnten. Entweder ist das ganze All ohne Absicht da, oder seine kleinsten Theile haben auch ihre Bestimmung. Die Vorsehung erstreckt sich entweder über Alles ohne Ausnahme, oder über gar nichts. Hier gibt's feinen Mittelweg. Aber von wie großem Umfange ist nicht ihr - - 187 Gebiet! ich durchfliege in Gedanken die ganze Schö pfung. Millionen Sonnen und Welten lasse ich hinter mir zurück, und ich sehe ihrer noch eben so viele vor mir. Jener Nebel von lichten Punkten, welchen ich in einer ungeheuren Entfernung mit ungewissen Blicken kaum entdeckte, hat sich in eine Sammlung unzählbarer Weltgebäude verwandelt. Ich durchstreife sie; ich erblicke von Neuem hellschimmernde Welten, verschieden an Glanz und Größe. Gott weiß, wie viele ihres Gleichen sie noch hinter sich haben. Meine Blicke verlieren sich in dem endlosen Raume, den ich vor mir sehe; die Unermeßlichkeit verschlingt meine Gedanken, und ich gebe alle Hoffnung auf, die Grenzen des Weltalls zu finden. Ich ziehe mich zurück in den Theil der Schöpfung, welcher mir näher ist, und dessen Erforschung mehr in meiner Gewalt zu sein scheint. Ich kann das Ende der Schöpfung nicht finden, vielleicht entdecke ich ihren Anfang! Ich beschaue mit begierigen Augen den Staub, der zu meinen Füßen liegt, oder dessen leichte Theilchen ein Spiel der Lichtstrahlen sind. Ich nehme das Mikroskop zu Hilfe, und entdecke zu meinem Erstaunen ein Thierchen, gegen welches das Sandkorn eine Welt ist! Viele hundert seines Gleichen könnten es bewohnen und - - 188 diesen Aufenthalt, wie wir die Erde, für einen Weltkörper ansehen. Ich entdecke Leben und Empfindung, wo ich die Grenzen des Nichts zu finden glaubte! Und ist wohl dieses Thierchen das allerkleinste in der Schöpfung? Endet sich mit ihm das Reich der Wesen? Was habe ich für einen Scheingrund, um dieses auch nur zu vermuthen? Vielleicht hat dieser Bürger des Staubes gegen ein noch unendlich kleineres Thier, als er ist, eben das Verhält niß einer ungeheuren Größe, welches der Elephant gegen ihn hat! Wer kann die niedrigste Stufe der Schöpfung ausfindig machen? Hier verlieren sich meine Gedanken auf eben die Art im Kleinen, wie vorhin im Großen! Hier hört alles Denken auf, und ich kann nichts mehr erkennen, als daß hier alle meine Erkenntniß ein Ende hat, und daß hier das Ziel des menschlichen Verstandes ist! Allein so enge Schranken auch die Unermeßlichkeit meinem Auge und meinem forschenden Geiste setzt; so unfehlbar bin ich doch vor der großen, mein ganzes Herz erfüllenden Wahrheit überzeugt, daß in der ganzen Schöpfung kein Sonnenstäubchen ist, welches nicht deine Allmacht, o Gott! erschaffen, deine Allwissenheit bekannt, deine höchste Weisheit als nothwendig zu ihren liebreichen Absichten gefunden, und über — 3 189 welches nicht die Fürsorge deiner alles regierenden Vorsehung sich erstrecket! So unermeßlich ist der Umfang des Reiches des unendlichen Königes, welcher das Steuerruder des ganzen Weltalls mit allmächtigen Händen führt! Er durchschaut die ganze Natur; und der geringſte Theil der Schöpfung bewegt sich, wie der vornehmste nur auf seinen Wink. Kein Staubtheilchen verändert seine Stelle ohne sein Vorwissen; der Lichtstrahl wird von seiner Mutter, der Sonne, nicht anders geboren, als mit seiner Beiwirkung, und der Wurm kömmt nicht eher zur Welt, bis er ihn zum Leben ruft. Unbegreiflicher Gott! Wie unaussprechlich groß bist du in Allem. Betrachte! du bist auf alle Weise unermeßlich.( Weish. 1, 7. Jef. 40, 28.) Alles, was ich von dir denken kann, ist, daß du mit Gedanken nicht erreicht werden kannst. Die Unbegreiflichkeit deiner Eigenschaften, deines Wesens ist das Einzige, was ich am zuverlässigsten von dir weiß. So sehr aber auch immer der Begriff deiner über alles fich erstreckenden Vorsehung alle meine Erkenntniß übersteigt, so sehr bin ich eben dadurch von seiner Wahrheit durchdrungen. Wärest du denn der Allerhöchste an Macht und Weisheit, wenn du nicht unendlich 190 mehr thun könntest, als ich zu wissen und zu verstehen fähig bin? ,, Aber vielleicht eigne ich Gott etwas Unanständiges zu? Vielleicht erniedrigt mein Begriff die Hoheit des Allmächtigen? Scheint es nicht zu geringe zu sein für den, dessen ewige Majestät über dem Himmel thronet, und zu dessen Füßen sich die Welten wälzen, auf jeden Wurm zu achten, und die Bewegung des Staubes zu ordnen? Kann der Allerhöchste, ohne seine Größe zu verleugnen, sich bis zu Kleinigfeiten herablassen, die selbst in menschlichen Augen verächtlich und unbedeutend sind?"- Elende, nichtige Zweifel! Sprache kurzsichtiger Menschen! Woher sind denn diese sogenannten Kleinigkeiten? Haben fie nicht ihr Dasein von Gott? Und wozu hat er sie erschaffen? Unstreitig deswegen, weil sie mit zur Welt gehörten. Wenn sie nun zur Welt gehören, wenn ohne sie das Ganze nicht bestehen und die Vollkommenheit nicht haben kann, die es haben soll- sind sie denn noch Kleinigkeiten in den Augen desjenigen, der die nothwendige Verknüpfung einsieht, welche auch der kleinste Theil mit dem Ganzen und mit dem Hauptzwecke hat, um dessentwillen er das Ganze schuf! Mir scheinen sie freilich verächtlich und unbedeutend; allein dieses Urtheil ist in der That nichts anderes, - 191 als ein Geständniß meiner Unwissenheit. Wer sagt mir, daß der Allwissende das auch für mich unnütz und geringfügig hält, was ich dafür ansehe? Daß der Allweiseste das nicht zu gebrauchen wisse, was mir unbrauchbar scheint? Kann ich, ohne die unsinnigste Lästerung, etwas für überflüssig halten, was der Unendliche zu erschaffen für nöthig gefunden hat? In jenem Thale, in welchem noch nie ein Vieh geweidet, welches noch nie der Fuß eines Wanderers betreten hat, grünet unter tausend andern ein Kraut, das bisher den neugierigsten Blicken der fleißigsten Kräuterforscher verborgen blieb. Es hat seine Blätter, seine Blüthen, seinen Stamm, seine Wurzeln, seine Fäserchen. Es ist mit einer Kunst gebaut, die alle Geschicklichkeit der größten Künstler beschämt. Es wird von der Erde getragen und genährt, von der Sonne belebt und von dem Thaue des Himmels erquickt. Die Wolken träufeln für dasselbe eben so gut Leben und Nahrung, wie für die herrlichste Blume und die nützlichste Pflanze. Es nimmt an allem Segen der Schöpfung Theil. Keinem Sterblichen sind aber bisher seine Eigenschaften und sein Gebrauch bekannt; keinem Thiere, so viel wir wissen, kommt es zu nutzen. Unserem Urtheile nach könnte es also ohne den geringsten Vortheil oder Nachtheil für die 192 Welt da sein, oder nicht da sein. Aber es ist nun da. Es hat den allmächtigen Willen des Unendlichen zum Schöpfer. Kann es umsonst sein? Ein Spiel des Ungefährs des blinden Zufalls? Muß es nicht seine Absichten haben? Ich sehe sie nicht ein dieſe Absichten! Aber auch der nicht, der Alles weiß? Wenn nun Gott für das Kleinste in der Schö pfung sorgt, was hat sich der Mensch nicht von der Vorsehung zu versprechen?( 1 Petr. 5, 7.) Er, das Haupt der irdischen Schöpfung, er, welcher der Mittelpunkt ist, auf welchen Alles zusammenläuft, was der Allmächtige hier unten geschaffen hat? Je größer demnach seine Vorzüge sind, welche ihn über alle anderen Geschöpfe des Erdbodens erhöhen, desto größer ist auch das Recht, mit welchem er auf die zärtlichste Fürsorge der göttlichen Vorsehung Ansprüche macht. Soll der Unendliche einen Wurm seiner sorgfältigen Aufmerksamkeit würdig achten und des Menschen vergessen? Alles in der Natur ist zu einem Endzwecke bestimmt und wird dahin geführt. Diese Regel ist allgemein; sie gilt in der ganzen leblosen und lebendigen Schöpfung. Und eine Ausnahme von ihr sollte da stattfinden, wo ihre Beobachtung am meisten nöthig ist? Gott soll nur da keine ihm anständigen Absichten haben, wo er die - - - alleredelsten haben kann? Welche Ungereimtheit! Der Mensch ist vor allen Thieren der erhabensten sittlichsten Vollkommenheit, des größten Glückes fähig; und er soll vor andern Thieren allein seines Endzweckes verfehlen? Sein Vorzug soll sein Unglück sein? Gott schuf den Thieren keinen Trieb an, welcher nicht sicher zu seinem Zwecke geführt wird; und die Triebe sollen umsonst sein, die er in das Herz des Menschen gelegt hat? Sie sollen bloß darum unbefriedigt bleiben, weil sie von größerem Umfange und edler sind, weil sie Vernunft und Freiheit zu Führern haben? Ich kann das Glück meines Daseins und den hohen Werth desselben empfinden. Ich wünsche es zu behalten, und der Gedanke: Vernichtung ist mir schreckbar! Vor allen Geschöpfen, mit welchen ich die Nothwendigkeit zu sterben gemeint habe, habe ich das Gefühl des Verlustes, den ich im Tode leide, voraus. Und zwischen ihrem und meinem Schicksale soll gar kein Unterschied sein? Ich soll wie sie vergehen, nicht mehr sein und ein Daſein einbüßen, welches zu lieben mich meine Natur nöthigt? Ich kann allein vor allen Thieren meinen Schöpfer erkennen, den Werth seiner Güte empfinden und seine Wohlthaten mit freudigem Danke preisen. Und der, dem Wohlthun Seligkeit ist, der Brunner, Jesus. 13 - - 193 —- 194 Alles geben kann, ohne etwas zu verlieren, der soll mir seine Wohlthaten versagen und nur darum von den Wirkungen seiner Güte mich ausschließen, weil ich am meisten fähig bin, Theil daran zu nehmen? Wie? die ganze Größe des Menschen, alle seine Erkenntniß, alle edlen Wünsche seines Herzens, alle un sterblichen Hoffnungen, die in seiner Seele leben, sollen sich in dem Schicksale auflösen, eine Speise des Wurmes zu werden, der auf der Erde kriecht und den ein zufälliger Fußtritt des Wanderers zerquetschet? Wahrlich, dieß heißt Gott lästern und den Menschen, das Meisterstück der Schöpfung, weit unter das vernunftlose Thier herabwürdigen! Nein, der Mensch ist das edelste Geschöpf auf Erden, und er ist es auch in deinen Augen! Deine väterliche Sorgfalt, Allwissender, erstreckt sich um so mehr über ihn, je mehr er ihrer vor allen andern fähig und bedürftig ist. Ich bin zu einem höhern als thierischen Glücke, ich bin zur Unsterblichkeit bestimmt, weil ich sie so sehnlich wünsche! O wäre nicht Hoffnung jenseits des Grabes, wer ertrüge oft die Qualen des Lebens? Wer wagte, vernichtet zu bei der Gewißheit, einst vergessen werden, die Ruhe seines Daseins? Nur der Ge danke der ewigen Zukunft hebt unsere Seele über - - 13 - 195 jedes Schicksal hinaus, und die Zuversicht, daß unsere Thaten uns auch jenseits nachfolgen( Offenb. Joh. 14, 13), macht unsern Lauf muthvoll und bewahret uns vor Verzweiflung. Eine Sonne ist genug, die Erde zu erleuchten, und eine Hoffnung ist genug, die Seele zu erheitern die Hoffnung der Unsterblichkeit! - Freiheit ist die kostbarste Perle in der Krone der erhabenen menschlichen Natur. Zwang ist der Würde dieser Königin unanſtändig. Sie ist nur den fittlichen Gesetzen unterthan. Durch willenlosen blinden Naturtrieb, dem die Thiere nothwendig gehorchen müssen, kann der Mensch nicht zu seiner Bestimmung gebracht werden. Allein dafür sind tausend andere Wege gebahnet. Der väterliche Unterricht, den ihm Gott auf verschiedene Art mittheilt, kann ihn weise und gut machen. Ohne seine Freiheit einzuschränken, kann ihn die Vorsicht durch Wohlthaten oder durch Züchtigungen in einer kürzeren Zeit durch Erfahrung an sich oder an Andern auf der geraden Straße, oder durch entfernte Umwege bald, auf einmal oder stufenweise, in dieser oder in einer andern Welt zu dem Ziele der Vollkommenheit und Glückseligkeit führen, welches ihm die Güte des Schöpfers gesetzt hat. Hiezu kann es dem Allwissenden nicht an Einsicht, dem All13* 196 mächtigen nicht an Vermögen und dem Allgütigen nicht am Willen fehlen. Dieß sind die Begriffe, die ich mir von den Eigenschaften meines Gottes mache, und auf die sich mein unerschütterlicher Glaube an seine alles umfassende Vorsehung gründet. O, was für selige Hoffnungen steigen jetzt in meiner Seele empor! Mein Herz erhebt sich und meine Wünsche wallen der Unſterblichkeit entgegen. Ich finde Aussichten ohne Ende vor mir eröffnet, welche nur durch die schmale Kluft des Grabes vor mir getrennt sind. Mit leichter Mühe schwingen sich meine Gedanken über dieselben hinaus. Ich verseze mich in die ewige Dauer meines fünftigen Lebens und sehe von dort auf den kurzen Augenblick des gegenwärtigen zurück. Mein Gott! wie sehr verändert dieser neue Gesichtspunkt, aus welchem ich die jetzige Welt an sehe, meine Vorstellungen von ihr!- Jene wirklichen Uebel des Lebens, jene allgemeinen und besonderen Plagen, welche mir so manchen Kummer und Schwermuth verursacht, so manche bittere Klage ausgepreßt haben, was sind sie? Flüchtige Nebel, welche auf einen Augenblick die Sonne meiner Glückseligkeit überziehen, um sie bald wieder reizender emporblicken zu lassen. Die Vergnügung der Erde, ihre vermeinten 197 Schäße, die Güter, mit deren Besitz die menschliche Thorheit sich so gewaltig brüstet, sind die es wohl werth, daß ich, wenn sie mir mangeln, die Vorsehung klar anklage und mich in das wirkliche Elend eines ungläubigen Mißtrauens stürze? Sind die wohl wichtig genug, daß ich es als einen Fehler in der Weltregierung ansehe, wenn sie sich in den Händen eines Menschen befinden, der sie mißbraucht? Ich bin, weil der Unendliche mein Dasein gewollt hat Und sind nicht auch alle Umstände, in welchen ich lebe, eben sowohl von ihm? Kann etwas ein Uebel sein, das von dem Allergütigsten kommt? Kann der geringste Umstand meines Schicksals ohne Nutzen für mich sein, da er von dem Allerweisesten gewählt worden?- Mein Glück ist hier nicht vollkommen. Aber- hat es denn hier schon vollkommen. sein sollen und sein können? Und wird mich das hindern, künftig einmal ganz glücklich zu sein, weil ich es jetzt noch nicht bin noch nicht sein kann? Muß ich nicht erst gut werden, ehe ich glücklich zu sein oder zu werden verdiene? -- Glück und Unglück, Freude und Leid, vergnügte und widrige Begebenheiten, Tod und Leben, ja sogar meine eigenen Fehler werden von der Hand der Vorsehung regiert, deren göttliche Geschicklichkeit das 198 Uebel selbst zur Quelle des Guten macht. Die un behutsame Güte eines zärtlichen Jakobs gegen den Liebling unter seinen Söhnen, die kindische Unbedachtsamkeit Josefs, seinen Traum zu erzählen, wodurch der Neid seiner Brüder gereizt wird, versetzte beide in die erbärmlichste Lage. Josef wird von den ergrinimten Brüdern verkauft; er kömmt in die Hände fremder Kaufleute er wird ein Sklave. Er wird zum zweiten Male verkauft. Dem ersten Anscheine nach lächelt ihm ein neues Glück; er gewinnt das Zutrauen seines Herrn, der sein Schicksal erträglich macht. Aber plötzlich verschwindet der Glücksstern wieder.- Josef wird von Putiphar's wollüstigem Weibe versucht; er bleibt tugendhaft! Das verschmähte Weib schnaubt Rache und bereitet durch boshafte Kunstgriffe der Tugend Fesseln. Der trostlose Vater beweint den vermeinten Tod seines Sohnes, dessen Leben in der Gefangenschaft mehr seiner Thränen würdig gewesen wäre. Indessen entwickeln sich ganz unvermuthet die Wege der unergründlichen Vorsehung. Durch einen ganz unvorhergesehenen Fall kommt Josef aus der Gefangenschaft, und der noch erst in der Niedrigkeit der Sklaverei schmachtete, besteigt jetzt den Thron Egyptens. Ein Königreich wird durch ihn vor dem verheerenden Hunger geschützt und von seinem gänz- - 199 lichen Untergange gerettet; das Haus Jakobs wird erhalten, der jetzt mit Freudenthränen die Führung des Himmels preiset, welche seit vielen Jahren her die Ursache seines Kummers war.( Genes. 37, 39. 40. 41. 2c.) O, wie göttlich erhaben ist die Ruhe, in welche der Begriff einer alles zum Besten ihrer Geschöpfe lenkenden Vorsehung mein Gemüth sezzet! Die tägliche Erfahrung lehrt mich, wie wenig mein Glück von mir selbst abhängt. Tausend Zufälle, welche vorherzusehen alle Weisheit der Menschen zu wenig, und denen vorzubeugen alle Macht der Sterblichen zu schwach ist, drohen täglich meinem Glücke. Ich schwimme auf dem Meere. des Lebens, ungewiß, wohin ich getrieben werde. Mein Schicksal hängt von jeder Welle ab. Ein Ungefähr vernichtet oft in einem Augenblicke die Werke vieljähriger Bemühungen. Das Glück erklärt die klügsten Ertwürfe für Thorheit, und krönet noch öfter die unbesonnensten Unternehmungen. Von Allem, was ich vornehme, ist der Ausgang ungewiß; aber noch ungewisser ist es, ob das Gelingen oder Mißlingen meiner Anschläge besser für mich sei. Was könnte mich am Abgrunde der Verzweiflung, an welchen mich diese melancholischen Gedanken hin 200 führen, noch zurückhalten, wenn mich nicht die allmächtige Hand der allweisen Vorsehung unterstützte? Wie beruhigt, wie aufgeheitert bin ich jetzt! Ich weiß den Ausgang meines Schicksals nicht; aber der weiß ihn, dem eben sowohl als mir selbst daran gelegen ist, daß er glücklich für mich sei. Ich mache Entwürfe und gehe ihnen nach. Für mich ist der Erfolg ungewiß; aber er wird von dem Allerweisesten und Allergütigsten geleitet. Ein Zufall zerstäubt meine Hoffnungen; aber dieser Zufall wird von Demjenigen gesandt, welcher das, was mir nützlich ist, besser als ich einsieht. Der Unendliche hat mein Schicksal mit allen seinen Umständen vorausgesehen. Er hat es gut gefunden, weil er es gewählt hat. Er würde es anders eingerichtet haben, wenn eine andere Einrichtung besser für mich gewesen wäre. O, ich billige Alles mit dankbarer Zufriedenheit! Jeder Umstand meines Lebens legt mir neue Verbindlichkeiten gegen die gütige Vorsehung auf, weil jeder Umstand auf mein Bestes zielet. Lange zuvor, ehe ich war, lag das Urbild von mir schon in dem ewigen Verstande meines Schöpfers; er zeichnete den Grundriß meines ganzen Schicksals bis auf die geringsten Züge mit sorgfältiger Hand. Hier bestimmte er die Stunde meiner Geburt; hier wählte er einen 13 201 Stand für mich; er wählte ihn vor hundert andern, weil er der beste für mich war. Hier flocht er das Gewebe meines Geschices, und setzte alle besonderen Begebenheiten meines Lebens fest, und ordnete dieselben mit einer Sorgfalt, die nicht genauer hätte sein können, wenn auch dieses Geschäft sein einziges gewesen wäre. Keine Kleinigkeit wurde vergessen. Alle seine Theile passen auf das genaueste in das Ganze. Kein glücklicher Umstand blieb zurück, wenn nicht etwa einem größern Glücke dadurch ein Hinderniß entstand. Kein unangenehmer Umstand wurde zugelassen, wenn nicht seine glücklichern Folgen ihn nothwendig machten. Er verhängte über mich jenen längst vergangenen Zufall. Wie rauh, wie finster, wie schrecklich war er mir beim ersten Anblicke! aber wie selig für mich in seinen Folgen! Ich sehe diese glücklichen Folgen jetzt nur wie durch einen Nebel. Sie werden immer glänzender, je weiter sie sich in die entfernte Zukunft versenken. Ihr Ende ist in der Ewigkeit! In einem tief versteckten Theile derselben verlieren sie sich mit einem Glanze, dessen übermäßiger Schimmer meine Augen blendet. Die Größe meines Glückes drückt mich nieder.- Gott! meine ganze Seele betet dich an! O mein Schöpfer! wie sehr, wie sehr bin ich dein!- 202 Zu was für einer Höhe des allergewissesten Vertrauens erhebt sich mein befestigter Glaube! ich fühle mich weit über alle Anfechtungen des Zweifels erhoben. Ich sehe mit ruhiger Zuversicht und mit einem edlen Stolze auf mein Verhängniß auf die Unordnungen und Verwirrungen herab, welche in dieser Welt herrschen. Der Gottesverächter auf dem Throne, der Tugendfreund in Ketten, der Gerechte unterdrückt von der überwiegenden Macht der Ungerechtigkeit, die Dummheit auf Richterstühlen und der Weise verachtet, die Niederträchtigkeit im Ueberfluß und die Großmuth arm!- Diese Anblicke, welche so oft mein Gemüth mit unglaublichem Kummer erfüllten, sind jetzt die kräftigsten Stüßen meiner angenehmsten Hoffnung. Ich sehe über die Spanne des gegenwärtigen Lebens hinaus. Jenseits der Grenzen dieser Welt entdecke ich den Anfang einer neuen, in welcher Gerechtigkeit wohnt. Hier ist der Vorhof der Schöpfung. Hier ist die Pflanzschule, in welcher die väterliche Sorgfalt des Schöpfers aus den Menschen Bürger für die fünftige Welt erzieht. Hier sind sie noch nicht, was sie sein sollen. Hier werden sie erst zu dem gebildet, was sie in einer bessern Welt sein werden. O, was habe ich für ein glückliches Loos! die Pflicht des Gehorsams gegen die Gebote des gütigsten Vaters auszuüben und an seiner Hand geleitet durch die Verwirrungen des gegenwärtigen Lebens einer seligen Ewigkeit zuzueilen dieß ist meine Bestimmung. Die Wege, welche dazu führen, mögen sein, wie sie wollen; ihr Ende ist Seligkeit. Ich eile also an der Hand der Vorsehung unerschrocken diesem Ziele zu. Kein Widerstand ist mir zu mächtig und kein Hinderniß unüberwindlich. Je weniger Angenehmes meine gegenwärtigen Aussichten haben, desto weniger Schwierigkeit finde ich, gleichgiltig gegen sie und desto sehnsuchtsvoller gegen die künftigen zu sein. Mag auch mein zeitliches Glücksgebäude ganz zusammenfallen, wenn sich nur auf seinen Trümmern der Bau meines ewigen gründet. Ich gewinne ja unendlich durch diesen Verlust, und ich soll ja der Tugend um ihrer selbst, nicht um des Gewinnstes willen huldigen. Ja, ich will deswegen nicht weniger ein Freund der Tugend sein, weil Ehre und Schätze nicht immer in ihrem Gefolge sind. Die Vergnügungen der Erde machen nur ihren zufälligen Schmuck, nie ihre wesentliche Zierde aus. Sie ist durch ihren inneren Werth geadelt, sie ist reich an eigener Schönheit und auch ohne allen äußerlichen Glanz groß. Der Schatz der Tugend wird nicht vom Roste der Zeit verzehrt; ihr Reich ist das Reich der Ewigkeit!"( Matth. 6, - 203 - 204 19, 20.) 3hre Vorschriften sind meine Pflichten und die unverletzliche Hochachtung gegen dieselben ist mein höchstes Glück. Mit diesem Entschlusse gehe ich muthig fort auf dem Theile des Pfades zur Ewigkeit, welchen ich noch vor mir sehe. Die Kraft meiner Blicke erstreckt sich nur wenige Schritte vorwärts. Das Uebrige be deckt ein undurchdringlicher Nebel. Vielleicht finden sich manche rauhe Stellen, die ich noch zu übersteigen habe. Gefahren und Mühseligkeiten von mehr als einer Art warten vielleicht schon auf mich. Ich erwarte sie ruhig. Wenn diese Hindernisse unbesiegbar wären, so würde der, welcher besser als ich selbst weiß, wie weit meine Kräfte gehen, mich nicht zum Siegen auffordern. Sein Befehl macht mich fühn.( Was ich thun soll, muß ich auch thun können.) Ich will nicht durch Mißtrauen gegen mich das Vertrauen entehren, dessen mich die Vorsehung würdigte. Der mich berufen hat, ist getreu und läßt mich nicht über meine Kräfte versuchen."( 1. Kor. 10, 13.) Mein Muth kann nicht sinken, da ihn die Zuversicht auf den Allmächtigen unterstüzet. Keine Gefahr kann so schrecklich, kein Uebel so groß, keine Aussicht so finster und verworren sein, daß sie nicht zuletzt sich wieder aufhellen und in den Händen der Vorsehung " 1 205 zu meinem Besten dienen müßte. Mein Schicksal ist unvermeidlich, ich kann ihm nicht entrinnen. Aber es ist so ungezweifelt gut für mich, daß ich ihm auch um Alles nicht zu entrinnen wünsche. Es sei immer mühsam, sein Ende ist Friede und Freude. Es sei immer dunkel, aus seinen Finsternissen wird einmal das reinste Licht aufgehen. Dort erst, wenn ich mit verklärten Augen von den hohen Zinnen des Himmels in das durchwanderte Thal meines Lebens herabsehe; dort, wenn der Vorhang fällt, der mir die heiligen Wege Gottes verhüllte; dort erst werde ich erkennen, wie zärtlich der Allerhöchste für mich sorgte; dort werde ich erstaunungsvoll mit David ausrufen:, Herr! was ist doch der Mensch, daß du seiner gedenkest, und was ist das Menschenkird, daß du dich seiner so väterlich annimmst!"( Ps. 8, 5. Ps. 143, 3.) Dort erst werde ich mit namenloser Empfindung des freudigsten Dankes den Gott preisen, der mich hier leitet nach seinem weisen und gütigen Rathe. Amen. Sonntags- Gebete. Anbetung Bottes. O du, der immer war, immer ist und immer du höchster, du vollkommenster, du einsein wird - 206 ziger Gott! du, dessen Dasein, dessen allwirkende Kraft der Mensch unter jedem Himmelsstriche fühlt, den die Völker des Erdbodens in allen Sprachen: Jehovah oder Gott Allvater nennen, den der Fromme, der Weise und der Barbar mit stiller Ehrfurcht anbetet, du Ursprung aller Dinge! du Urheber und Erhalter aller Ordnung! auch ich bete dich an vereinigt mit allen Menschen, meinen Brüdern, bete ich dich an. - - Ich sehe dich nicht, ich höre dich nicht, aber ich sehe deine Werke, ich höre die Stimme deiner Geschöpfe, die dein Dasein und deine Macht verkündigen. Die Himmel verbreiten deine Herrlichkeit, die Sterne und Welten rufen mir zu, daß sie Werke deiner Allmacht sind. Die Blumen des Frühlings, das Getreide des Sommers, die Früchte des Herbstes und die segensvolle Ruhe des Winters zeugen von deiner Weisheit und Güte. Der Mensch, mitten unter den Geschöpfen über seine Kräfte und Vorzüge erstaunt, erkennt in dir seinen Urheber und Wohlthäter, seinen Gesetzgeber und Vater. Gott, ich bete dich an! Von dir stammt alle Ordnung und alle Schönheit. Du gibst dem Staube und dem Geiste Gesetze, und Alles ist gut und regelmäßig. Wer schrieb dem 207 Menschen Gebote, die er nicht übertreten darf, in's Herz? Wer machte diese ewigen Gebote zum gehei-. ligten Bande der menschlichen Gesellschaft, zur Grundlage aller Billigkeit, zum Zaume der Ruchlosen, zur Hoffnung der Gerechten, selbst zur Quelle des Glaubens an dein Dasein? O du, Herr der Geschöpfe! du Prüfer der Herzen! du Belohner des Guten! du Nächer der Unschuld! du Bestrafer des Lasters! wenn du nicht wärest- die Menschen müßten dich erfinden, so sehr ist dein Dasein mit dem in uns lebenden Sittengesetze und mit unserem Wohle verknüpft. Gott! ich bete dich an. - Ich weiß, daß du bist; aber ich weiß nicht, was du bist; und noch hat kein Sterblicher den Schleier weggezogen, der dich umhüllet. Ich bin ein Mensch, aber du bist kein Mensch.( 4. B. Mos. 23, 19.) Was ich Großes und Erhabenes von dir denke, ist nur menschlich gedacht, ist weit, unendlich weit unter deiner Größe und Erhabenheit. Wissen denn die Menschen, was ewig, was unendlich, was unermeßlich, was allgegenwärtig ist? O, wir müssen alle schweigen, wenn wir dich denken! Wir haben keine Worte, dein Wesen auszudrücken! Du bist nicht, wie die Menschen, der Veränderung und den Leidenschaften unterworfen.( Jakob. 1, 17.) Du theilest nicht Strafen 208 und Gnaden, wie oft die Morarchen, nach Eigendünkel aus! Deine Strafen, wie deine Belohnungen, sind Ausflüsse deiner weisen Güte, deiner heiligen> Gerechtigkeit; sie sind genau dem sittlichen Werthe unserer Handlungen angemessen. Du bist, der du bist! dieß ist dein Name! geheiliget sei mir dieser Name! Gott! ich bete dich an. Kein Mensch weiß, was du bist, aber Weisheit und Güte leuchtet aus deiner Schöpfung. Darum lehrt uns Jesus, dein Sohn, unser Bruder, ,, daß du der Vater aller Geschöpfe und vorzüglich aller Menschen bist." Dieß ist der Glaube, den uns Jesus gelehret hat, daß du aller Menschen Vater bist; daß alle Menschen deine Kinder sind, daß wir alle Brüder sind. Darin finden wir das Band der allgemeinen Bruderliebe; darum beten wir alle im Geiste des Vertrauens und der Liebe zu dir: Vater, der du in allen Himmeln thronest, wir beten dich an! Gott! ich bete dich an, nicht als ein furchtsamer Sklave die Liebe verjagt die Furcht-( 1. Joh. 4, 18) als dein Kind, als ein Freigesinnter, als ein von dir geliebtes, mit Vernunft und Freiheit begabtes, zur sittlichen Vollkommenheit bestimmtes, zum Glücke, zum frommen Genusse deiner Gaben berufenes Kind, bete ich dich an! Nicht deswegen bete ich dich an, als - 209 ob meine stammelnde Anbetung ein Zuwachs deiner Herrlichkeit, deiner Glückseligkeit wäre. Der Geist des Herrn wird nicht herrlicher durch mein Entzücken, wird nicht mächtiger durch mein Vertrauen!( Hiob 33, 6. 7.) Du bist selbst Alles in Allem, du bist die Urquelle als Guten, aller Seligkeit. Ich bete dich an, um mich an meine Abhängigkeit von dir und deinem heiligsten Gesetze zu erinnern, um mich an dem Andenken deiner Wohlthaten zu erfreuen, um mich in dem beseligenden Glauben an deinen allgütigen, allweisen Vater zu befestigen- darum, o Gott, darum bete ich dich an. Nur der ist kein wahrer Anbeter Gottes, nur der ist ein Feind des Vaters aller Geschöfe, welcher den Ausfluß seiner Güte hemmt, welcher die Seligkeit seiner Mitgeschöpfe zerstört, die Gott beglücken will. Nur der ist ein Anbeter Gottes im Geiste und in der Wahrheit, ein lieber Sohn des Vaters im Himmel, welcher sich mit den Absichten dieſes zärtlichsten Vaters vereinigt und an dem Glücke der Menschen, das Gott so allgemein befördert, nach seinen Kräften insbesondere mitarbeitet. Menschenliebe ist die vorzüglichste Art, Gott wahrhaft zu lieben und anzubeten. ( Joh. 4, 23. 24.) Vater im Himmel! Menschenliebe sei künftig Brunner, Jesus. 14 210 die Sprache meines Dankes gegen dich! Wohlthätigkeit in allen Auftritten meines Lebens sei die ewige Anbetung, die ich dir, der Urquelle des Guten, mit gerührtem, kindlichem Herzen darbringe. Gott, Schöpfer und Vater, ich bete dich an! Dankgebet. O wie viel Gutes ist in deiner schönen Schöpfung- Gott! O wie viele Freuden habe ich seit meiner Kindheit genossen Vater! O wie viele frohe Menschen sehe ich um mich her höchster Beglücker! Alles, was lebt, lebt von deinem Wohlthun; die Thiere wie die Menschen erhältst du; Allen hast du die Quelle des Vergnügens aufgeschlossen; Alles - Alles ist da, um entweder Vergnügen zu erwecken oder Vergnügen zu fühlen. Herr, Gott, ich lobpreise dich, ich danke dir, ewiger Vater und Wohlthäter aller Geschöpfe! Dir danke der ganze Erdkreis! Nein, die Welt ist kein Jammerthal. Wie schön, wie schön, o Gott, ist sie, wenn sie dein Licht umfließt! Ihr fehlt's an Engeln nur und nicht an Pracht, daß sie kein Himmel ist. Das Menschengeschlecht kann auf dieser freudenvollen Erde beglückt leben, wenn es nur will, und viele, viele sind glücklich und danken dem Schöpfer dafür. Viele, viele sind glücklich und - - 211 danken nicht, sondern flagen sogar. O wie ungerecht sind diese Klagen! denn sie sind gegen dich ge richtet, du weisester und gütigster Vater! O wie über trieben sind sie nicht diese Klagen! denn unsere gereizte Empfindlichkeit stellt uns das Uebel nur allzuoft größer vor, als es ist; unser trüglicher Wahn sieht das Gute für böse und das Böse für gut an. Bater! ich danke dir für Alles, was du schufst! denn Alles ist gut.( 1. B. Moſ. 1, 31.) Deine ganze Schöpfung ist ein Spiegel deines unermeßlichen Wohlwollens gegen den Menschen und eine nie versiegende Quelle der Seligkeiten für ihn. Er trinkt sie hinein, diese Seligkeiten, durch seine Sinne; er erkennt und verdauet sie gleichsam durch seinen denkenden Geist; er ist darüber entzückt und liebt dich den großen Wohlthäter, durch sein empfindsames Herz. Ich sehe mit meinen Augen die prachtvolle Sonne an, den schönen Himmel und die Erde mit allen ihren Herrlichkeiten- und freue mich. Ich höre mit meinen Ohren so viele angenehme Töne, die durch die Luft schallen; so viele liebliche Gesänge der Vögel, die ihre Fröhlichkeit verkündigen; ich vernehme die Stimme der Menschen, die mit mir in Gesellschaft und Freundschaft leben und Gott- Gott! ich freue mich. Ich sauge den süßen Geruch der Blu14* - 212 men ein; ich schmecke die Wollust der Speisen und Getränke, die meinem Körper Stärke und Nahrung verschaffen; ich fühle, was weich und sanft ist und mir angenehme Empfindungen gibt. Ueber diesen Reichthum des Vergnügens bin ich entzückt, und mein Entzücken ist der lebendigste Dank gegen dich, Schöpfer und Beglücker! Du gabst den Menschen, was die Thiere nicht haben, was ihn weit über die Thiere erhebt die Vernuuft. Sein Geist ist geschaffen, nützliche Wahrheiten zu finden- zu denken. Durch die Vernunft beherrscht er die Vögel der Luft, die Fische des Meeres und alle kriechenden Thiere( ebend. V. 30); durch sie benützt er die ganze Erde zu seinem Vortheile; durch sie macht er jede Fähigkeit seiner Seele vollkommener, und genießt das ihm beschiedene Glück des Lebens doppelt, indem er weiß, daß du ihn, o Gott! zum Glücke erschaffen hast. Das menschliche Herz schufft du weich und zärtlich und diese Zärtlichkeit machtest du Menschenbeglücker! zur Quelle der höchsten Menschenseligkeit auf Erden. Liebe, Freundschaft, Wohlwollen, Dankbarkeit fließen aus diesem Herzen als Ströme der darin wohnenden Zärtlichkeit, und machen die Erde zum Himmel und die Menschen zu seligen Geistern. - — — 213 Vater, ich danke dir auch für alle Gebote, die du mir auferlegt haft; denn sie sind gut, wie Alles, was du schufft. Sie machen mich gut und glücklich und führen mich zu dir, du Urheber aller Ordnung, aller Schönheit und aller Seligkeit! Wer sie erkennt, der besitzt die wahre Weisheit; wer sie ausübt, der besitzt die echte Tugend; wer sie liebt und standhaft bis ans Ende des Lebens ausübt, der macht sich würdig der höchsten, alle Begriffe übersteigenden Glückseligkeit. Die Länder blühen, wenn die Gesetze in Achtung stehen, und die Schöpfung erhält sich durch die ewigen Gesetze ihres Urhebers in ihrer Vollkommenheit. Noch einmal, ich danke dir für alle deine Gebote, und mein Gehorsam( Of. 6, 6) sei künftig der aufrichtigste, wärmste Dank gegen dich, Schöpfer und Beglücker! Daß du so viele Menschen um mich her glücklich machst, auch darum danke ich dir; daß du selbst über die Bösen, wie über die Frommen, deine Sonne scheinen und deinen Regen herunterträufeln läsfest, darum danke ich dir; darin erkenne ich deine unbegrenzte Güte, welche nicht aus veränderlicher Neigung ( nach Menschenart), sondern aus wesentlichem Wohlwollen die Geschöpfe liebt. Meine Nachahmung deiner über Feinde und Freunde, über Gottesverehrer und 214 Gottesleugner sich erstreckenden Güte sei der redlichste, der beste Dank gegen dich, Schöpfer und Beglücker! Vater im Himmel! nie soll das Andenken deiner Wohlthaten in mir erlöschen( 1. Thessal. 5, 18); die freudenreiche Ueberzeugung, daß du mich und alle Menschen gut und glücklich machen willst, daß ich und alle Menschen mehr als wir glauben glücklich find diese beseligende Ueberzeugung soll mich bei allen meinen Geschäften stets begleiten. Auf dich, Vater im Himmel! vertraue ich; denn du bist ganz Güte und Weisheit. Von dir hoffe ich noch ferner Glück und Segen; denn du gibst, was nur immer eine unendliche Güte, durch unendliche Weis heit geleitet, geben kann. Deine Vorsicht, o Gott! bete ich mit gänzlicher Ergebung an; denn sie ordnet Alles liebreich und bringt Alles von einem Ende der Erde zum andern mit Macht und Nachdruck zu Stande. Ich entsage feierlich und gerne allen meinen Privatwünschen, die so oft deiner Weisheit, der Tugend und meinem wahren Wohle entgegen sind. Ich will nicht mehr eigennüßig beten; denn ach! wie oft waren meine Gebete thöricht, blind und dir zuwider! Mache mit mir, was du willst: denn du willst immer das Beste, und wenn ich dich thörichter Weise um etwas bitte, so erhöre meine Thorheiten nicht, sondern gib 11 215 mir, was deine Weisheit als das Nüßlichste erkennt! Dieß sei nun und immer mein gefühlvollster Dank gegen dich- Schöpfer und Vater! daß ich deine heiligen Gesetze mit willigem Gehorsam befolge; daß ich die Kräfte des Leibes und der Seele zur Beförderung meines Glückes und zur allgemeinen Wohlfahrt mit Muth und Vertranen anwende, und dann ganz gelassen den Erfolg meiner Bemühungen von deiner Güte erwarte und mit Herz und Mund spreche: Dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Erden!( Matth. 6, 10.) Allgemeine Fürbitten. Gott, du bist überall! In dir sind wir, in dir leben wir, in dir bewegen wir uns. Gott, du hörst die flehende Stimme deiner Geschöpfe überall! Du durchschaust alle ihre Gedanken; ihre geheimsten Seufzer und Wünsche sind dir bekannt.( 1. B. d. Chron. 28, 9.) Aber du siehst auch mit Wohlgefallen auf deine Menschen, wenn sie im Geiste der Liebe mit brüderlicher Eintracht zu dir, ihrem gemeinschaftlichen Vater und Wohlthäter, für einander beten; wenn sie ihr wohlwollendes Herz durch gemeinschaftliche Fürbitte für alle Menschen vor dir ausschütten. Alsdann bist du mitten unter ihnen.( Matth. 216 18, 20.) Alsdann zeigen sie, daß sie deine guten Kinder sind, daß sie von dem Gebote der Menschenliebe beseelt sind; alsdann stärkt sich ihre thätige Bruderliebe durch das Gebet der Liebe.( Eph. 6, 18. 1. Tim. 2, 1. 1. Jaf. 5. 16.) Gott Vater der Menschen, du kennst zwar unsere Bedürfnisse, noch ehe wir sie dir vortragen! Du erhörst, du theilst deine Gaben aus, noch ehe wir darum bitten! Deine Weisheit kennt das Beste; der Undank selbst hemmt deine Wohlthaten nicht. Ich bete jetzt für meine Brüder zu dir, nicht als wenn ich dein Herz gegen sie erweichen wollte! Nein; denn du bist ja nicht wie die Menschen, unwissend oder hartherzig, daß du erst durch viele Worte belehrt und gerührt werden müßtest! du bist ewig und unveränderlich gut; du bist ewig und unveränderlich weise! Ich bete für meine Brüder, weil ich sie liebe, weil ich an ihrem Wohl und Wehe herzlichen Antheil nehme, weil in dem Plane deiner Weisheit die Gebete und Handlungen der Menschen selbst als Triebfedern des Guten verwebt sind. Wohnen denn nicht Alle in einem gemeinschaftlichen Hause, der Erde, mit mir? Haben nicht Alle eben die Bestimmung wie ich, durch Tugend, Fleiß und Klugheit ihr Leben zu veredeln und in dem Genusse des Lebens froh zu sein? Sind — - 217 nicht der irdischen Güter genug, um uns alle zu sättigen und glücklich zu machen? Sind nicht Alle gleichsam Bein von meinem Beine und Fleisch von meinem Fleische? Sind nicht alle Menschen meine Brüder, nicht Alle deine Kinder, o Bater, wie ich? Darum bete ich jetzt für sie alle zu dir dem Allvater! - Gott Vater aller Geschöpfe, gib Allen, was Allen nützlich ist, und entferne Alles, was der gemeinschaftlichen Glückseligkeit wahrhaft schadet. Behüte das Menschengeschlecht vor ansteckenden Seuchen, vor Hungersnoth und vor allen Verwüstungen des Krieges! Sollte aber dein heiliger Wille so schreckliche Gerichte über uns kommen lassen, so mache uns zu Nachahmern deiner Weisheit, daß wir aus dem Bösen alles mögliche Gute herausziehen. Schenke dem Frommen Kraft zur Geduld, dem Sünder aber Erkenntniß seiner Fehler und Zurückkehr von seinen bösen Wegen! Segne, o Vater des Segens, mein liebes Vaterland. Erhalte es im Wohlstande, mehre seine Einwohner, fördere seinen Handel, sein Gewerbe, seinen Acker- und Weinbau, schenke dienliches Wetter und gib zu Allem dein Gedeihen! Laß alle Menschen, o Gott, in der Erkenntniß dessen wachsen, was gut ist, und was wahr ist. Die - 218 Wahrheit führt zum Guten und der Besitz des Guten macht glücklich. Befördere die Hilfsmittel, durch welche schädliche Irrthümer aus der menschlichen Gesellschaft vertilgt werden. Wie oft halten wir das für böse, was gut ist; wie oft stellen wir uns das Elend größer vor, als es ist; wie oft kennen wir das wahre Gute nicht, das vor unsern Augen liegt! Ach, wie viel Betrübniß des Geistes drückt die Menschenfinder, wenn ihr Verstand von diesen drei Irrthümern umnebelt ist! Darum, o Gott, laß die Wahrheit immer mehr ausgebreitet werden, damit auch die Sittlichkeit und Glückseligkeit deiner Men schen wachse und sie das Uebergewicht des Guten in der Welt immer mehr fühlen und richtig schätzen lernen. Besonders erwecke, o Gott und Vater, alle Menschen immer mehr zur Erkenntniß heilsamer Religionswahrheiten, die Jesus gelehrt hat. Laß sie durch die Betrachtung der Natur, durch das Lesen der heiligen Schrift und durch den Unterricht aufgeklärter und wohlmeinender Lehrer immer tiefer in den Geist des Christenthums eindringen. Stärke alle Menschen in der Ueberzeugung, daß die christliche Religion eine Religion der Liebe sei, und daß man sich nur durch thätige Erweisung der Liebe und des Wohlwollens 219 gegen Andere als einen wahren Christen bezeigen könne. — Laß uns, Vater aller Menschen! nicht stolz auf unsern Glauben, auf bessere Religionseinsichten sein, damit dieser unchristliche Stolz nicht Zank und Hader unter uns stifte und wir einander verfolgen, einander im Genusse des Lebens stören und in Ausübung der gesellschaftlichen Pflichten gegen Andersdenkende erfalten. Laß die wahre Religion, welche Tugend, Nechtschaffenheit und Menschenliebe lehret, immer mehrere Bekenner und Freunde finden. Erhalte die Ruhe, den Frieden, die gesellige Eintracht unter den Christen! Bereite und lenke auch unser Bruderherz zur Liebe aller Derjenigen, welche die Religion Jesu gar nicht kennen, oder welche dein heiliges Wort anders als wir verstehen, damit wir das Christenthum nicht durch Haß und Unduldsamkeit entehren, sondern bei allem Unterschiede der Glaubensmeinungen wohlthätig, freundlich, mitleidig gegen alle Menschen, ohne Rücksicht auf ihre Religion, uns bezeigen und in aufrichtiger Bruderliebe mit ihnen vereinigt leben. ( Röm. 14.) Gott und Vater! behüte die Menschen vor Aberglauben und mache, daß sie alle auf eine würdige 220 Weise von dir denken. Laß sie nicht auf Nebendinge in der Religion verfallen, sondern nur immer die Hauptsache festhalten( Matth. 23): ,, daß sie vor Allem dein Reich, das Reich der Wahrheit und der Tugend, suchen; daß sie in guten und tugendhaften Gesinnungen immer wachsen; das sie mit Muth und Klugheit ihre Lüste, Begierden und Vergnügungen und alle Antriebe der Sinnlichkeit durch das in ihnen wohnende Gesetz der Sitten beherrschen, und der Tugend, wenn es nöthig ist, alle andern Güter des Lebens und das Leben selbst aufopfern; daß Jeder zu des Andern Glück, so viel in seinen Kräften steht, beitrage!" Gott, diese Religion breite in dem Menschengeschlechte aus, und laß die Früchte derselben von einem Ende der Welt bis zum andern sich in's Tausendfache vervielfältigen. Segne, o Vater des Segens, und belebe den allgemeinen Fleiß der Menschen, daß sie vor Allem sich selbst zu bilden und vollkommener zu machen bestreben. Leite ihren Verstand auf nützliche Untersuchungen; lenke ihr Herz auf wohlthätige nnd gemeinnüßige Handlungen, und gib, daß alle öffentlichen Anstalten zur Verminderung des menschlichen Elendes und Vermehrung der menschlichen Wohlfahrt gedeihen mögen. 221 Segne, Vater des Segens! den Hausstand; verleihe den Eltern alle Tugenden und Freuden des Ehestandes; segne die Erziehung der Kinder, daß Eltern, Obrigkeiten und Lehrer sich ein gemeinschaftliches Geschäft daraus machen, gute Menschen, Bürger und Christen zu bilden, und das Wachsthum des bürgerlichen Wohles auch für die Nachwelt zu befördern. Gib den Dienstboten Treue und Eifer in ihrem Dienste, und dann gute menschenfreundliche Herrschaften, welche daran gedenken, daß auch Diener und Knechte ihre Mitmenschen und Brüder sind. ( Kol. 3, 18-25. Ephes. 6, 1-9.) Laß dir, o Vater aller Menschen! alle Menschen empfohlen sein. Gib, daß sie in dieser Welt deine unzähligen Wohlthaten mit Dank und Freude genießen; daß sie durch wechselseitige Hilfe und Trost sich einander das Leben versüßen, und miteinander vergnügt und fröhlich einherwandeln; daß sie mit vereinigtem Fleiße die Erde anbauen; Alles, was sie liefert, zum allgemeinen Bedürfnisse, zur Bequemlichkeit und selbst zur Verschönerung des Lebens anwenden. Nichte meine und aller Menschen Geschäftigkeit auf gute und nützliche Dinge, und laß uns dann am geschäftigsten sein, wenn wir einander helfen, einander trösten und vergnügen können.( 1. Tim. 2, 1-3.) 222 O Herr! ich bete für das Wohl aller lebendigen Geschöpfe, für alle Menschen. Insbesondere aber empfehle ich deinem Schußze und Segen meine Obrigfeiten, meine Eltern, Ehegatten und Kinder, meine Hausgenossen und Untergebenen; alle meine Anverwandten, und vornehmlich meine liebsten Freunde und Wohlthäter- aber auch meine Feinde. Segne, o Vater des Segens! alle meine Beleidiger mit allem Segen, den ich mir selbst wünsche. Gib mir Kraft, ihnen von Herzen zu verzeihen und sie durch Liebe zu gewinnen! Gib Allen Liebe, welche nicht lieben; gib Allen Verstand, welche sich in schädlichen Irrthümern befin den; gib Allen Trost, welche Trostes bedürfen; gib uns Allen unser tägliches Brod( Luk. 11, 3); gib Allen, welche Böses gethan haben, ein reuevolles Herz; gib dem Menschengeschlechte Alles, wodurch es besser und vollkommener und seiner Bestimmung näher gebracht wird, gib uns Tugend, Weisheit und Freude, und mache, daß wir Alle erkennen, wie wenig die Welt ohne Tugend, Weisheit und Freude wünschenswerth sei! Mache endlich, o Gott! daß ein Jeder, nachdem er hier seinen Beruf durch einen tugendhaften Genuß der Lebensgüter, durch Wachsthum in der Tugend und in allem Guten erfüllt hat, in jener Welt die 223 Früchte eines rechtschaffenen Lebenswandels von deiner Güte einernten möge! Dieß dieß, o Gott und Vater, bitte ich dich. Nimm das Rufen, das demüthige und wohlgemeinte Gebet deines Kindes als einen Beweis seines redlichen und wohlwollenden Herzens an!- Aber nicht genug; ich will auch thun, um was ich dich bitte; mein Gebet sei das Losungswort meiner Handlungen. Mit erneuertem Eifer vill ich zu meinem und Anderer Wohl arbeiten; mit unverletzlicher Gewissenhaftigkeit will ich alle gesellschaftlichen Pflichten ausüben. Ich habe für mich und für Andere gebetet; nun will ich auch nach dem Geiste meines Gebetes für mich und für Andere thätig sein, damit ich nicht durch Nachlässigkeit, Ausschweifung oder Menschenfeindlichkeit selbst das Gute hindere und störe, welches ich von deiner Güte Menschenvater, für mich und Andere erbeten haben. Amen. - — Chriftliche Menschenliebe. Gott, Schöpfer! Menschenliebe ist dein größtes Gebot. Du hast den Menschen zur Geselligkeit, zum Wohlthun, zur Liebe und durch die Liebe zur Glückseligkeit erschaffen, darum gabst du ihm feinere Empfindungen als den Thieren, darum schufst du sein 224 Herz so weich, so der Liebe, des Mitleidens empfänglich. Gott der Liebe, so ist demnach Menschenliebe der Mittelpunkt, in welchen Alles zusammenfließt, was von jeher Moses und die Profeten verkündigt haben, so hat dann derjenige, welcher seinen Bruder liebt, das ganze Gesetz erfüllt, so hast du mir keine höhere Schuld auferlegt, als daß ich meine Brüder lieben soll, so ist also Menschenliebe die Fülle des Gesetzes!( Röm. 13, 8-10.) Gesetzgeber der Liebe Jesu! Menschenliebe ist also dein eigenthümliches Gebot! ,, Das ist mein Gebot, sprachst du nach dem letzten Gastmahle der Liebe, daß ihr einander liebet, wie ich euch geliebet habe."( Joh. 15, 12.) So ist also Menschenliebe das königliche Gebot das Reichsgesetz des Christenthums!( Jak. 2, 8.) So sprachst du vom Anfange bis zum Ende: Liebet einander, so ist die Liebe das einzige, große Zeichen, an welchem wir unsere Rückkehr vom Laster zur Tugend und vom Tode zum Leben erkennen!( 1. Joh. 3, 11. 14. 15.) ,, Ich gebe euch ein neues Gebot so sprachst du, erhabenster Gottmensch, und dein Ausspruch ist Befehl für uns, so wie dein Leben Beispiel für uns ist. Ich gebe euch ein neues Gebot, daß ihr - - - - 225 einander liebet. So, meine Freunde! sollt ihr einander lieben, wie ich euch selbst geliebt habe."( Joh. 13, 34.) Das erste, das größte Gebot ist dieß:„ Du sollst Gott deinen Herrn lieben aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, aus allen deinen Kräften. Das zweite ist jenem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Alles, was ihr wollt, daß euch eure Mitmenschen thun sollen, das thut ihnen auch." ( Matth. 22, 37-40.) O diese Worte will ich tief in mein Herz schreiben! sie sind das Wesen, die Grundlage meines Glaubens. Ich bin nur ein Christ, wenn ich liebe; ich bin nur ein Christ, insofern ich liebe; ich bin nur ein Christ, so lang ich liebe. „ Wenn ich alle Sprachen der Menschen und der Engel redete, aber keine Menschenliebe hätte, ſo wäre ich vor dir, o Gott! nur ein tönendes Erz und eine klingende Schelle! und besäße ich die Gabe des Vortrages, die Gabe zu lehren, in einem so hohen Grade, daß ich alle Geheimnisse verstünde, und hätte ich den Wunderglauben so, daß ich Berge versetzen könnte, hätte aber keine Menschenliebe, so wäre ich nichts. Und wenn ich all mein Vermögen den Armen gäbe und sogar meinen Leib für die Religion verbrennen ließ, hätte aber keine Menschenliebe, so Brunner, Jesus. 15 226 wäre mir dieß alles nichts nüße."( 1. Kor. 13, 1-3.) Welch eine wichtige Lehre! ohne Menschenliebe erfülle ich meinen Beruf nicht! nicht den ersten Beruf, den ich als Mensch- nicht den zweiten, den ich als Christ habe! ,, Gott du bist die Liebe, wer in der Liebe bleibt, der ist in Gott und Gott in ihm."( 1. Joh. 4, 16.) - ,, Liebe Brüder! so lasset uns einander lieben; denn die Bruderliebe ist der echte Sinn Gottes. Wer Liebe hat, ist Gottes Kind und hat die wahre Erkennt niß Gottes; wer keine Liebe hat, der hat auch die wahre Erkenntniß Gottes nicht; denn Gott ist die Liebe."( 1. Joh. 4, 7-9.) Wenn ich mich noch so sehr rühme, daß ich deine Liebe habe, o Gott! und ich habe keine Liebe zu meinen Mitmenschen, so bin ich ein Lügner; denn, wenn ich die Menschen nicht liebe, die ich alle Tage mit Augen sehe, wie werde ich dich, du höchstes Wesen! lieben, den kein sterbliches Auge sah, noch sehen kann! Darum ist es dein Wille, daß ich meine Liebe zu dir durch die Liebe gegen meine Mitmenschen an Tag legen soll.( Ebend. V. 20. 21.) So will ich denn alle Menschen mit der auf 227 richtigsten Liebe umfassen nicht mit Worten oder mit der Zunge allein, sondern in der That und in Wahrheit will ich meine Brüder lieben.( 1. Joh. 3, 18.) So will ich denn gütig, barmherzig und wohlthätig gegen meinen Nächsten sein, wie auch du, Vater im Himmel, mir und allen Menschen Barmherzigkeit in Jesu Christo erzeiget hast.( Ephes. 4, 32.) Dich-dich, o Allbarmherziger, will ich nachahmen. Ich bin ja dein geliebtes Kind, ewig will ich in der Bruderliebe wandeln. Auch Jesus liebte mich- liebte die ganze Menschheit. Er starb für seine Brüder! Kein Opfer ist süßer, ist angenehmer vor deinem Throne, o Gott, als wenn man selbst den Tod nicht scheut, um andere glücklich zu machen.( Ebend. V. 3, 1. 2.) Es ist die erhabenste Stufe der Liebe, wenn man sein Leben für seine Freunde hingibt.( Joh. 15, 13.) Gott! ist dein Segen, ist Ueberfluß der Güter in meinem Hause und ich verschließe dennoch mein Herz beim Anblicke des menschlichen Elendes wie kann da deine Liebe in mir sein?( 1. Joh. 3, 17.) Nein, wer liebt, muß nicht nur gegen den Geliebten wohlwollend sein, er muß ihm auch nach Vermögen Gutes thun. Dann erst kann ich mir das Zeugniß einer wahren Liebe geben, dann erst bin ich als 15* - - 228 Menschenfreund vor deinem Angesichte gerechtfertigt, o Herr!( Ebend. Vers 19.) Verdammt mich aber mein eigenes Herz, was für ein Urtheil, Allwissender, wirst du nicht von mir fällen?( Ebend. V. 20.) Selig sind die guten, die edelmüthigen Menschenfreunde, denn ihr Herr wird großmüthig gegen sie sein, wie sie gegen ihre Brüder waren.( Matth. 5, 7.) Wehe aber dem Menschenfeinde, dem hartherzigen Bruder; denn mit eben dem Maße, mit welchem er ausmaß, wird ihm auch eingemessen werden. ( Luk. 6, 38.) Die Menschenliebe ist sanftmüthig, ist wohlthätig, sie ist nicht neidisch, prahlerisch und aufgeblasen, sie beträgt sich nicht unanständig, sie ist nicht eigennüßig, sie läßt sich nicht erbittern, sie trägt die Beleidigung nicht im rachsüchtigen Andenken, sie hat kein Wohlgefallen an der Falschheit, ihre Luft ist Aufrichtigkeit, sie sucht alle Fehler zu bedecken, sie hegt das beste Zutrauen zu Jedermann und die beste Hoffnung von jedem, sie scheut feine Arbeit und Unbequemlichkeit. ( 1. Kor. 13, 4-7.) Die Menschenliebe hört nie auf. Nur drei Religionsstücke haben in diesem Leben einen dauerhaften Werth, einen wichtigen Einfluß auf die sitt liche Vollkommenheit und Glückseligkeit des Men 229 schen: Glauben an die gemeinnützigen Lehren Jesu, Hoffnung der Unsterblichkeit, Liebe Gottes und des Menschen. Das größte aber, das vorzüglichste unter diesen dreien ist die Liebe.( Ebend. V. 8-13.) - O Gott, wie liebenswürdig ist der Mensch, welcher die christliche Menschenliebe im Buſen trägt und durch Werke der Mildthätigkeit offenbart! Welche erhabene Vorzüge verschafft ihm diese himmlische Tugend! Ehemals sagte man: ,, Liebet eueren Nächsten, aber euern Feind dürf't ihr hassen!" Du aber, Lehrer der Liebe, sagst: ,, Liebet auch eure Feinde! thut Gutes denen, die euch Böses zufügen. Erweiset Wohlthaten denen, die euch hassen, und betet für diejenigen, welche euch ohne Ursachen beleidigen und verfolgen." Nur, wenn ich dieses große Gebot mit ganzer Kraft der Seele in Ausübung bringe, nur alsdann bin ich dein wahres Kind, o Vater im Himmel, denn auch du läsfest die Bösen wie die Guten an dem Ausflusse deiner unbegrenzten Liebe Theil nehmen; auch ihnen scheint deine Sonne, auch ihnen träufelt dein wohlthätiger Regen. Was wäre es auch für ein Verdienst, nur jene zu lieben, die mich lieben? Was hätte meine Tugend Vorzügliches, wenn ich nur gegen jene, die mit mir in der engsten Verbindung stehen, freundlich und wohlthätig sein wollte! - 230 Thun das nicht selbst die unerleuchteten Menschen, nicht selbst die Gottlosen?( Matth. 5, 43-47.) Ja, besiegen will ich das Unrecht, welches man mir zufügt durch die göttliche Stärke der Tugend. Das ist keine Ehre, wenn ich verdiente Strafen mit Geduld ertrage; aber um guter Handlungen, um der Gerechtigkeit willen mit Ruhe leiden, o das erwirbt mir Gottes Beifall; das fordert die Würde des Christenthums von mir; dazu ermuntert mich, Jesu dein eigenes bewunderungswürdigstes Beiſpiel.( 1. Petr. 2, 20. 21.) Ach, du Unschuldigster, hattest nie einen Fehler begangen; aus deinem Munde war nie ein unwahres Wort gehört worden; du vergaltest nicht Scheltworte mit Scheltworten; rächtest nicht mißhandlungen mit Mißhandlungen: sondern überließest deine Sache demjenigen, der ohne Ansehen der Personen Gericht hält und Allen Gerechtigkeit widerfahren läßt.( Ebend. V. 22, 23.) - Aber wie oft muß ich meinen Feinden verzeihen? Ist es genug, wenn ich ihnen siebenmal die Hand zur Versöhnung biete? Nicht siebenmal, ruft mir mein Gesetzgeber zu, sondern sieben und siebenzigmal; nicht siebenmal, sondern so oft sie ihr Unrecht einsehen und um Nachsicht flehen.( Matth. 18, 21. 22.) Wenn ich den Zorn über erlittenen Schimpf 231 mäßige; wenn ich der Begierde, mich zu rächen, widerstrebe; wenn ich meine Feinde durch Sanftmuth und Wohlthun zu gewinnen suche- o dann darf ich mit Zuversicht meine Augen zum Himmel erheben und zu meinem Vater im Himmel rufen: Vergib mir meine Sünden, so wie ich denen vergebe, die mich beleidiget haben!( Luk. 11, 4.) Ja, Gott der Liebe! ja- ich will vollkommen, ich will allgemein lieben, wie du.( Matth. 5, 48.) Selbst für meine Verfolger will ich beten; auch ihnen will ich Gutes wünschen und Gutes thun, statt sie zu beschimpfen, oder gegen sie loszuziehen.( Röm. 12, 14.) Gerne will ich meinen dürftigen Glaubensbrüdern geben und mich beeifern, gegen alle gastfrei zu sein.( Ebend. V. 13.) Aber auch andere Glaubensgenossen, auch Samariter, auch Juden, Türken und Heiden sind meine Brüder; auch auf sie wird sich meine Liebe erstrecken.( Luk. 10, 30-37.) Dir allein, o Vater der Menschen! kömmt es zu, die Menschen über ihre Aufrichtigkeit, über ihr Gewissen, über ihre Meinungen zu richten.( Matth. 13, 24-30. Röm. 14, 10-13.) Alle Menschen sind meine Brüder, meine Anverwandten.( Apg. 17, 26.) Alle Menschen, o Gott! sind deine Kinder und deine Geschöpfe. Alle Men 232 schen, o Jesu! sind deine Erlösten.( Joh. 3, 16. 17.) Alle Menschen sind bestimmt, deine Freunde in Ewigkeit zu sein; sind bestimmt, mit mir, zu einem ewigen Glücke verbunden, meine Mitgenossen im Himmel zu sein.( 1. Tim. 2, 1-6. Ephef. 3, 6.) Gott! wie viele Zeichen der Liebenswürdigkeit hast du dem Menschen nicht eingeprägt! Ich will das Laster verabscheuen; aber selbst im Lasterhaftesten will ich noch die Menschennatur verehren und lieben; ist das Empfehlungsschreiben, welches du, Vater der Menschen! jedem an alle seine Mitmenschen gegeben hast. — Auch da, wo mich kein zeitlicher Vortheil reizet; auch da, wo ich meine eigenen niedrigen Vortheile aufopfern muß, soll meine Liebe gegen Hilfsbedürftige thätig und großmüthig sein; keine Mühe, keine Beng, kein Undank soll sie schwächen.( Luk. 6, 32. 36. 1. Joh. 3. 16.) An diesem ehrwürdigen Zeichen der Bruderliebe soll die Welt erkennen, daß ich dein Schüler( deine Schülerin), o Jesu! und Be kenner( Bekennerin) deiner wohlthätigen Religion bin. ( Joh. 13, 35.) Der Geist dieser christlichen Liebe soll künftig mein ganzes Herz und alle meine Handlungen beseelen! Ein Herz, das vom Neide, von der Eifer- 233 sucht beherrscht wird, ist kein christliches Herz.( Gal. 5, 25. 26.) Darum, wenn einer meiner Mitbürger von Fehlern übereilt wird, will ich ihn, als sein besser denkender Freund, im Geiste der Sanftmuth zurechtweisen; denn auch ich bin von Fehlern nicht frei! Hat nicht jeder Mensch seine Bürde? Müssen wir nicht mit gemeinschaftlichem Eifer uns bestreben, dieſelbe einander zu erleichtern? Und gibt es in der Brüderschaft Jesu eine höhere Forderung als diese? ( Gal. 6, 1-3.) Ja, großer Gott! wenn ich einen schwachen Bruder, welcher von der rechten Lebensbahn abgewichen, wieder mit Liebe zu deinem Gesetze zurückführe, so habe ich schon eine Seele gerettet und eine ganze Folge von Ausschweifungen in ihrem Keime erstickt!( Jak. 5, 19. 20.) So will ich denn für das Menschengeschlecht sein, was die Himmelslichter für diese Erde sind ein Mensch, der Andern den Weg der Tugend und Glückseligkeit zeiget.( Phil. 2, 15.) So will ich denn in den Augen aller Menschen leuchten, daß sie, durch mein Beispiel ermuntert, dich verherrlichen - den himmlischen Vater und getreu in Befolgung deiner Gebote wandeln. ( Matth. 5, 16.) Wehe der Welt des Aergernisses wegen!( Matth. - - 234 18, 7.) Wehe dem, welcher Aergerniß gibt, welcher die Bande des Gewissens in zarten Seelen zerreißt, die Schwachen in der Tugend stark im Laster macht und die Werke der Gottlosigkeit ausbreitet, da er Tugend verbreitet und ein guter Geruch Jesu sein sollte. Gott! laß mich doch nie- nie so sehr deiner vergessen! Belebe mich immer mit dem Gedanken, daß die wahre Christengröße auf Erden allein darin besteht, wenn man Gutes stiftet, Wahrheit und Tugend ausbreitet, und mit Aufopferung seiner selbst dein Werk betreibt. Dieß sei also künftig, o höchstes Wesen! meine angenehmste Beschäftigung dem weinenden Mitbruder eine Thräne des Mitleids zu schenken und mich mit dem Frohen zu erfreuen( Röm. 12, 15); dem Bruder, welcher mich besucht, mit Achtung und Ehre zu begegnen( ebend. V. 10), und wenn er fehlt, zu denken: er ist ein Mensch! und dann voll Bruderliebe den Schleier der Nachsicht über seine Fehler zu werfen.( 1. Petr. 4, 8.) Hat er aber meine Hilfe nöthig, so will ich nicht müde werden, Gutes an ihm zu thun.( 1. Thess. 3, 12.) Wer sparsam säet, wird auch sparsam ernten, so wie im Gegentheile derjenige, welcher reichlich säet, eine reichliche Ernte zu erwarten hat. Ich will also geben mit völligem Hezen, nicht - 235 ungern, nicht aus Zwang oder Heuchelei! Der redliche, der willige Geber allein ist Gott angenehm. ( 2. Kor. 9, 6-9.) Dieß sei künftig, o Gott! mein theuerster unverleglicher Vorsatz, redlich und aufrichtig gegen alle Menschen zu handeln wie ein Sohn des Lichtes, dessen Werke die Prüfung des Tages aushalten. O, wer im Lichte wandelt, bringt keine andern Früchte als die der Güte, der Billigkeit, der Rechtschaffenheit hervor.( Ephef. 5, 8. 9.) Fliehen will ich jede Lüge und Verstellung, und in meinen Reden herrsche immer Wahrheit und Redlichkeit, immer belebe mich der Gedanke: daß alle Menschen Brüder, daß alle Glieder eines Leibes sind.( Ephef. 4, 25.) - - Gott, ferne sei es von mir, mit habsüchtigem Herzen zu weit umher zu greifen und einen redlichen, nichts Arges denkenden Bruder im Handel und Wandel zu übervortheilen!( 1. Thess. 4, 5.) Es ist besser, ich leide selbst Unrecht, als daß ich Ungerechtigkeit begehe( 1. Kor. 6, 7); denn du, o gerechter Bestrafer alles Bösen, wirst das Unrecht zu seiner Zeit ahnden. Wenn also der Mann, welcher mich beeinträch tigte, hungert, so will ich ihn speisen; wenn er dürstet, will ich ihn tränken. Diese Großmuth wird ihn 236 heilsam beschämen, wird den unseligen Vorsatz, ferner zu schaden, mit Gewalt aus seiner Seele reißen. So von deinem Lichte bestrahlt und von deiner Kraft unterstützt, so will ich, o Gott der Liebe, das Böſe durch das Gute überwinden.( Sprichw. 25, 21. 22. Röm. 12, 19-21.) Amen. Berufstreue. Gott, du hast alle Menschen zu Gliedern eines Leibes, zu Theilen eines Ganzen, zu Bürgern eines gemeinschaftlichen Staates gemacht. Jedes Glied am Körper, jeder Theil des Ganzen, jeder Bürger im Staate hat seine eigene Verrichtung, sein ihm angewiesenes, ihm angemessenes Geschäft. Wenn jedes Glied bei seiner Verrichtung bleibt, dann steht es mit dem ganzen Körper wohl; wenn alle Theile in ihrer Lage sind und zusammenpassen, dann ist das Ganze vollkommen; wenn jeder Bürger nach seinem Berufe lebt und arbeitet, dann ist der Staat glücklich und in seiner besten Blüthe. Dieß ist die unveränderliche Ordnung, welche du, o weiser Schöpfer, in deiner Schöpfung, in dem großen Hause des Weltalls, festgesetzet hast. Ein Jeder wandle also, wie du ihm mitgetheilt, wie du ihn berufen hast. Jeder Stand verdient Ehre und Achtung. Der 237 Landmann, den du zur Anbauung der Erde bestimmtest; der Taglöhner, welcher für seinen Tagesschweiß nur wenige Kreuzer einerntet; der Handmerker, welcher unsere Kleider und Hausgeräthe verfertigt; der Bürger, welcher für unsere Bedürfnisse, für unsere Bequemlichkeit sorgt; der Kaufmaun, welcher unsern Ueberfluß andern Nationen zuführt und unsern Mangel durch fremde Waaren ersetzt; der Gelehrte, welcher in seiner Studierstube für uns denkt, nützliche Wahrheiten erfindet, oder nützliche Kenntnisse ausbreitet; die Mutter, welche für ihre Kinder, für ihr Haus Sorge trägt und die Freude ihres Mannes ist; die Magd, welche die geringsten eckelhaftesten Arbeiten verrichtet Alle verdienen Ehre, Achtung und Dank. Ihr Beruf ist dein Werk, o Gott! Der Standort, auf welchem sie sich befinden, ist ihnen von dir, o ewige Weisheit, angewiesen. Ihre Geschäfte sind freilich so glänzend nicht, wie die Geschäfte eines Fürsten, eines Staatsmannes; aber sie sind doch nützlich, sie sind nothwendig: sie tragen zum Wohle des Ganzen bei. Ihr Stand ist niedriger, aber auch im niedrigsten Stande gibt es edle, liebenswürdige Seelen- Seelen, welche ihren niedrigen Stand durch Berufstreue, durch Redlichkeit, durch Arbeitsliebe, durch gesellige Sitten adeln. - 238 Jeder Stand hat seine Mühseligkeit, seinen Eckel, seine Arbeit; auch das, o Gott, ist bewundernswürdige Einrichtung deiner alles umfassenden Weisheit. Du schufft den Menschen zur Arbeit. Ohne Arbeit trägt ihm die Erde keine Früchte; ohne Arbeit zieht er keinen Vortheil von den Geschöpfen, deine ganze schöne Schöpfung ist todt für ihn; der ganze Vorrath von Lebensgütern, den du ihm bestimmtest, ist verloren für ihn. Ohne Arbeit drückt uns immer Mangel und Bedürfniß; ohne Arbeit find wir nicht gesund, nicht start, nicht wohlhabend; ohne Arbeit bleibt unser Verstand in Irrthümern, und unser Herz ungebildet, ungebessert; ohne Arbeit ist das Vergnügen selbst nur halb angenehm. So wußtest du, o Gott, unsere Mühe, die Anstrengung unserer Kräfte, selbst zur Quelle unsers Glücks zu machen nud Arbeit und Menschenwohl, wie Zwillinge, miteinander zu vereinigen. Jeder Stand hat sein eigenes Geschäft. O ich will mir nicht wünschen, was ich nicht haben kann, was mir vielleicht nur in der Ferne besser scheint! Ich will bleiben, wo ich hinberufen bin( Ephef. 4, 1); mein Beruf ist meine Goldgrube. Viel Reichthum ist mit viel Sorgen gepaart( 1. Tim. 6, 7. Sir. 14, 3); nicht jeder Reiche genießt auch, was er hat. Wer 239 den Geruch der Rose einsaugen will, blutet oft von ihren Dornen. Nicht alles, was glänzt, ist Gold. Ueberall ist Mühe. Auch der Fürst auf dem Throne hat seine Mühe; hoher Rang ist Beruf zu großen Arbeiten. Wer arbeitet, hat freilich Mühe, aber auch Freude! wer nicht arbeitet, hat Mühe und Eckel zugleich. Diese Strafe, o Gott! legtest du dem Faulen auf, der seinen Beruf durch Nichtsthun entehret. Müßiggang macht unglücklich; denn du schufft den Menschen zur Arbeit.( Sprichw. 6, 6-11. 10. 4.) Jeder Stand hat auch sein Vergnügen. Es ist kein Hügel so verbrannt, wo deine wohlthätigste Vorsicht, o Gott! nicht eine Blume aufkeimen ließ, und kein Stand so mühsam, welcher nicht sein Vergnügen hätte, wenn es auch noch so gering sein sollte. Oft ist der Landmann zufriedener, als sein Beherrscher; der Mann von kleinem Vermögen ruhiger, als der, der Millionen hat.( Pf. 38, 7. Sprichw. 15, 16.) Für jeden Menschen hast du, o Gott! Sonne und Mond und den sternevollen Nachthimmel erschaffen; jeder darf sich an ihren prachtvollen Auftritten weiden; er braucht nur Augen zum Sehen und ein Herz zum Fühlen. Für jeden Menschen hast du, ewiger Wohlthäter! die schöne Natur aufgeschlossen; wir können sie am Morgen oder Abend, 240 am Mittage oder bei Spaziergängen, wir können sie überall in ihrer Herrlichkeit, in ihrem Reichthum finden, sie in allen Jahres- und Tageszeiten genießen; denn sie ist für alle Menschen und alle Menschen sind für sie. — Wie herrlich, o Schöpfer des Menschen! hast du den Menschen begnadigt! Mit wie vielen Werkzeugen des Vergnügens hast du ihn ausgerüstet! Auch der gemeinste Bürger und Bauersmann hat Sinne und Gefühl für Freude; auch er kann die Wonne einer friedlichen, einträchtigen Ehe in der Gesellschaft seines Weibes genießen; auch er kann die Vaterfreuden empfinden, wenn er gutgezogene Kinder wie Delzweige um seinen Tisch und durch seinen Schweiß genährt anblicket( Ps. 127, 3); auch er kann fühlen, wie süß die Früchte der Arbeit sind. Der Baum, den er gepflanzt; das Feld, welches durch seinen Fleiß in voller Blüthe dasteht; die Straße, die er herstellt; das Haus, in welchem nicht Ueberfluß, aber Reinlichkeit, Ordnung und genüglicher Vorrath herrscht alles wird ihm zur Quelle des Vergnügens, weil er es durch seinen Schweiß errungen, weil deine Güte, o Gott! den Schweiß des treuen Mannes gesegnet hat; auch er kann die Freuden der Freundschaft, die Freuden der Tugend und Rechtschaffenheit, die - 241 Freuden eines guten Gewissens genießen; auch ihm strahlt die Hoffnung einer besseren Ewigkeit entgegen, wenn er an den Rand seines Lebens kömmt; er kann in Ruhe seine Augen schließen, er hat alles wohl= gethan, er geht zu dir dem Vater im Himmel als Sohn, zum Herrn als ein treuer Knecht zur Beloh nung, die du deinen Freunden ohne Ansehen der Person versprachst. Gott wie weise bist du! Du hast den Kleinen und den Großen, du hast den Niedrigen und den Hohen, den Bettler und den König, den Blödsinnigen und den Verständigen in einen gesellschaftlichen Körper zusammengefügt; du weisest Jedem einen eigenen Standort, nach dem Maße seiner Talente, Jedem eigene Pflichten zum Wohle des Ganzen; Jedem eigene Freuden zum Genusse seines Daseins an; und es ward Ordnung und Schönheit in dem Menschengeschlechte. - - Gott wie gütig bist du! Du haft für den Kleinen und Großen, für den Niedrigen und Hohen, für den Blödsinnigen und Verständigen, für den Bettler und König gesorgt, für Alle Ueberfluß erschaffen, für Jeden etwas. Jeder findet sein eigenes Maß der Freude an dem Standorte seines Berufes; Jeder erwirbt es durch Eifer, durch Treue in Befolgung seines Brunner, Jesus. 16 - 242 Berufes; und Glückseligkeit wird das Erbtheil des Menschengeschlechtes. Unendlicher Dank sei dir dafür gesagt- weiser, gütiger Allvater! Ich will nun handeln, wie du es von mir forderst. In meinem Stande will ich meine Pflichten erfüllen; in meinem Stande will ich Glückseligkeit suchen; durch meinen Pflichteifer will ich in meinem Stande Glückseligkeit erwerben. Berufstreue, Arbeitsliebe seien die Flügel, die mich zum Ziele meiner Bestimmung, zum möglichst besten Genusse des Lebens tragen. Dieß ist dein Wille, o Gott! Dieß ist mein Glück, dieß ist dein Segen! Ermunterung zur Tugend. O du, von welchem alle gute Gabe herunterströmt( Jak. 1, 17), ewiges, heiligstes Wesen! sieh, wie dich jetzt meine so ganz aufrichtige Seele um Kraft zur Tugend bittet! Erkennen möcht' ich, was recht ist! ,, Lieben, was recht ist! ,, Thun, was recht ist! " 1 Tugend- ist heute mein sehnlichstes Verlangen, meine dringendste Bitte. Wie könnte ich auch um etwas Besseres bitten, als um Tugend? Sie mindert die Leiden des Unglücklichen und erhöht die 243 Freuden des Glücklichen. Wenn ich um andere Güter, z. B. um Reichthum bitte, so steht mein Gebet oftmals mit der Anordnung deiner heiligen Vorsicht im Widerspruche; aber wenn ich um Tugend bitte, so kömmt meine Bitte mit deinem Gebote, o Herr, überein, und ich werde dich dann immer bereitwillig finden. Welch ein Glück für mich, daß ich um das höchste Gut des Lebens nie vergeblich bitte! Jede Bitte um Tugend ist sogar schon Wachsthum in der Tugend! Denn um was man ernstlich bittet, dieß verlangt man auch im Ernste. Nun ist aber jedes ernstliche Verlangen ein neuer Zusatz des Muthes und eine neue Auffrischung unserer Thätigkeit, und kann man wohl zweifeln, daß die Tugend wachse, wie der Muth wächst, der uns dazu entflammt? Dir, Allerhöchster, kann auch keine Verehrung. angenehmer sein, als wenn man um Tugend und Rechtschaffenheit bittet. Du wärest nicht das höchste, vollkommenste Wesen, wenn dir eine andere Verehrung angenehmer wäre. Nur Gößzen, oder die hinter den Gößzen stecken, können an einem andern Gottesdienste Wohlgefallen äußern. Der wahre Gott verlangt nichts, als daß sein vernünftiges Geschöpf mit dem Plane der Schöpfung durch Tugend übereinstimme, 16* 244 und in dieser Uebereinstimmung als Theil des Ganzen glücklich sei. " Tugend ist ein ewiger, unaufhörlicher Gottesdienst, und Gebet um Tugend- die dem Höchsten angenehmste Andacht." So laß denn, o Gott der Tugend! in meinen Neigungen die Liebe zur Ordnung und Mäßigkeit immer mehr herrschend werden, damit sie nicht verderblich ausschweifen und Menschenelend stiften. Laß meine Handlungen jederzeit durch den Geist der Rechts schaffenheit beseelt werden, damit sie, Heiligster! vor dir gerecht und vor der Welt selbst untadelhaft erscheinen. Tugend veredle meine Freuden vor deinem Angesichte, o Gott! der du mir so viele Freuden gibst. Tugend verdopple den Genuß der Freuden- durch das Zeugniß, daß sie rein und unschuldig sind. Liebe zur Tugend entflamme meinen Muth, wenn mich die Trägheit vom Aufschwunge zum Guten zurückhält, wenn mich die Lockende Versuchung zum Laster hinreißt, wenn mich ein niederträchtiger Vortheil zur Lüge, zur Ungerechtigkeit reizet. Liebe zur Tugend entflamme meinen Muth, wenn mir Prüfungen der Redlichkeit aufstoßen; wenn ich zwischen flüchtigen Glücke und standhafter Rechtschaffenheit wählen muß; - 245 wenn mir der Weg der Gerechten Mühe kostet und Haß verursachet; wenn meine Treue in Ausübung der Pflichten durch Eckel, durch böse Beispiele, durch Liebe zur Bequemlichkeit bestürmt wird; wenn ich, um gemeinnüßig und wohlthätig zu sein, ein Opfer des Eigennußes und der Eigenliebe machen muß. Odu, von welchem jede gute Gabe herunterströmt, ewiges, heiligstes Wesen! um diese himmlische, menschenbeglückende, menschenerhebende Tugend flehe ich heute zu dir! Nicht nur zum Genusse, auch zur Arbeit schufst du mich. Nicht nur empfangen soll ich von anderen, auch geben muß ich anderen, und so meine Begierde und Liebe zu irdischen Gütern mäßigen. Nicht immer darf ich thun, was mich gelüstet; ich muß auch die Lüste besiegen, um immer meine Pflicht zu thun. Nicht nur in gewöhnlichen Dingen muß ich getreu sein; auch großmüthig muß ich vor dir, o Herr! erscheinen, wenn mir die Pflicht schwere, aber gemeinnützige Werke, langwierige, aber edelmüthige Geschäfte auferleget. Nicht nur in Werken muß ich den Geist des Christenthumes, der uns beseelt, scheinen lassen, auch meine Gedanken muß ich ordnen, von unlautern Absichten reinigen( Matth. 5, 27, 28), und stets auf meine Pflichten aufmerksam erhalten. O! wer - 246 sich in seinem Herzen Böses erlaubt, weil es vor dem Anblicke der Menschen verschlossen bleibt, betrügt sich sehr. Gott! du durchschaust ja alle Winkel der Seele; du prüfest das Herz und die Nieren; du siehst, kennst und zählst alle meine Gedanken, so tief sie auch in der Dunkelheit des Herzens versteckt sind."( Jerem. 17, 10. Pf. 7, 10.) " 1 O du, von welchem jede gute Gabe herunterströmt, ewiges, heiligstes Wesen! um diese heldenmüthige, allumfassende Tugend flehe ich heute zu dir! Deine Gnade pflanze sie in mein Herz! Der Glaube, die Kraft und der Trost des Evangeliums unterstütze sie in mir! Das Beispiel Jesu erleichtere mir ihre Ausübung! Gott! wie groß ist nicht das Glück, welches deine Weisheit mit der redlichen Ausübung der Tugend auch in dieser Welt verknüpft hat! Sie lindert die Leiden der Menschen; gießt Trost und Zufriedenheit in die Wunden, welche das Schicksal schlägt; ermuntert den sinkenden Geist durch das stille Vertrauen und die heitere Hoffnung auf deinen Beistand, o Vater der Menschen! Sie erfreuet selbst durch das Gefühl der Stärke, mit welcher sie den Menschen über alle irdischen Unglücksfälle erhebt. Ach! wenn die Tugend niemals liebenswürdig wäre, so 247 müßte sie es beim Anblicke eines leidenden Tugendhaften werden!( 1. Petr. 2, 19-23.) Sie adelt die Freuden der Menschen; alles ist süßer und reiner, was uns die Tugend zu genießen erlaubt. Wie schön ist nicht das Vergnügen der Ehre, wenn man sie durch würdige Handlungen erworben hat! Sie, diese himmlische Tugend erweitert den Genuß des Ansehens und der Macht, weil diese zu großen Handlungen immer fähiger macht. Selbst der Reichthum gibt dem Tugendhaften eine höhere Zufriedenheit, weil er sich weder über die Art, wie er ihn erworben, noch über die Pflichten, ihn gut benützt zu haben, Vorwürfe machen darf. Die ganze Natur liefert dem Rechtschaffenen ein doppeltes Maß des Vergnügens, weil er es ohne Uebermaß zu genießen und ohne Beeinträchtigung Anderer zu finden weiß. So segnest du, o Gott, die Freuden des Menschen, welcher die Tugend über alles schätzt und die Weisheit deiner Religion allen Vortheilen des Lasters vorzieht! - Und wie viele eigenthümliche Freuden hast du nicht, weisester Urheber des Menschengeschlechtes, in die Uebung der Tugend gelegt? Gibt es eine höhere Wollust, als wenn man sich an seine Siege über niedrige Leidenschaften erinnern kann? Der Baum, 248 den ich pflanze, vergnügt mich, wenn er aufsproßt und Früchte bringt, und mein Wachsthum im Guten sollte für mich keine Quelle des Vergnügens sein? O was ist entzückender als der Gedanke, dich, o Gott, zum Freunde zu haben- als das Gefühl nicht unwürdig unter den Menschen gewandelt zu haben als die Stimme des Gewissens, welche dem Wandel Beifall gibt als die Erinnerung des Guten, das man gestiftet, der Thränen, die man abgetrocknet, der Wohlthaten, durch welche man sich den Dank der Menschen erworben hat! Wer kann so ruhig über sich nachdenken, so fröhlich unter seinen Mitmenschen umhersehen, so getrost dem Ende seiner irdischen Tage sich nähern, so hoffnungsvoll in die Ewigkeit hinüberblicken, als der Tugendhafte? Odu, von welchem jede gute Gabe kömmt, ewiges, heiligstes Wesen, um diese so liebenswürdige, so segensvolle, so menschenbeglückende Tugend flehe ich heute zu dir! Selbst meine irdische Wohlfahrt ist am sichersten gegründet, wenn ich sie auf Tugend baue. Mit ihr und durch sie fließen mir meistens alle Güter des Lebens zu. Berschafft sie mir nicht immer Ueberfluß, so gibt sie mir doch das Nöthige, und dieses Nöthige schmeckt mir um so köstlicher, weil es die Tugend - - 249 herbeigeführt hat. Wer ist thätiger mit Vorsicht, mit anhaltendem Fleiße thätiger als der Tugendhafte? Wer macht sich fremder Hilfe würdiger als er, da er selbst so viele Nachsicht, so viele Bescheidenheit, so viele Liebe gegen alle Menschen blicken läßt? Wer ist sparsamer und mäßiger als der Tugendhafte? Wer schränkt seine Wünsche mehr ein, begnügt sich mit Wenigem, findet in jeder Lage eine reichlichere Quelle der Zufriedenheit als der Tugendhafte? Und durch was wird die zeitliche Wohlfahrt des Menschen mehr befördert, als gerade durch diese vortrefflichen Eigenschaften der Tugend? So lehret mich, o Gott! dein heiliges Evangelium selbst: ,, Suchet zuerst das Reich Gottes, strebt vor allem nach Rechtschaffenheit und Tugend, und das Uebrige wird euch noch hinzugelegt werden; unvermerkt wird euer Wohlstand zunehmen und reichlicher Segen in eurem Hause blühen."( Luk. 12, 13.) Aber ich will kein Taglöhner der Tugend sein, nicht um Sold, um eigennügige Erwartungen deinem Gesetze, o Gott! fröhnen! Unglücksfälle und Leiden, welche so unzertrennlich vom Loose der Sterblichen sind, können den Rechtschaffenen wie den Lasterhaften drücken und werden nach ewigen, geheimen, unbegreiflichen Gesetzen der Vorsehung unter die Menschen 250 vertheilt. Nicht immer leidet das Laster, nicht immer triumphirt die Tugend. Auch verkannt, auch verfolgt wird die Tugend! aber auch in diesem Zustande der Verkennung, der Verfolgung soll sie das höchste Gut und der erste Gegenstand meiner Wünsche, meines Gebetes und meiner Bemühungen sein. Genug, daß ich meine Pflichten erkenne, um sie zu erfüllen; genug, daß ich meine Bestimmung zur fittlichen Vollkommenheit weiß, um aus allen Kräften darnach zu ringen; genug, daß mich Vernunft und Religion zur Tugend auffordert, um ihr alles Irdische, alle Vergnügungen der Sinnlichkeit aufzuopfern. Sie, die Tugend, ist selbst ein Himmel und bei dem größten Mangel zeitlicher Güter ein Kleinod, das seinen Werth durch die ganze Ewigkeit nicht verliert. Weniger fühlt seine Leiden der Tugendhafte als der Böse! größern Trost fühlt im Leiden der Tugendhafte als der Böse! mehrere Freuden sind in die Leiden der Tugendhaften gemischt; erträglicher, hoffnungsvoller ist das widrige Schicksal des Tugendhaften als des Bösen! Odu, von welchem jede gute Gabe kömmt, ewiges, heiligstes Wesen! um diese, allen Werth übersteigende, um diese dem Menschengeschlechte im Glück und Unglück so unentbehrliche Gabe- um Tugend flehe ich zu dir! - 251 Das Gewissen. O Gott! wie wichtig ist die Bitte, die ich jetzt vor deinen Thron bringe, wie groß ist das Gut, welches heute meine Wünsche so vorzüglich ent= flammt! Möchte doch meine erste und größte Sorge immer auf die Erhaltung eines guten Gewissens gerichtet sein! Das ist heute mein Wunsch, mein herzinnigstes Gebet zu dir! Möchte ich doch jederzeit nach der Stimme meines Gewissens handeln! alles thun, was es fordert; in Allem folgsam sein, weil es fordert! Gott! du hast diesen geheimen Richter in meinem Busen aufgestellt, um mich vor deinem künftigen Gerichte zu warnen.( 1. Kor. 11, 31, 32.) Du hast diesem stillen Lehrer einen Sitz in meinem Herzen angewiesen, um durch seine Aussprüche die Neigungen und Triebe desselben in Ordnung zu erhalten. Du hast diesen strengen Freund unzertrennlich mit meiner Vernunft verbunden, damit sie nicht auf Irrwege gerathe und nicht selbst die Thorheiten und Ausschweifungen des Herzens vertheidige.( Röm. 2, 14, 15.) Möchte doch, wohlthätigster Schöpfer! mein ganzes Betragen mit diesen liebreichen Absichten und Einrichtungen deiner Weisheit jederzeit übereinstimmen! 252 Aber sieh, o Bater der Menschen, um was ich dich bitte, das verspreche ich dir auch. Nie soll mir das Ansehen irgend eines Menschen ehrwürdiger, dringender sein als die Stimme des Gewissens; nie zu Handlungen oder Rathschlägen mich verführen, welche durch die Stimme meines Gewissens verdammt werden; nie soll mich ein Vergnügen, so reizend, so wollüstig es auch meinen Augen wäre, bethören und anlocken, wenn es nicht anders als durch den Verlust des inneren Friedens und der Gewissensruhe erobert werden kann; nie soll ein irdisches Gut, die Hoffnung eines Gewinnstes, die Begierde nach Reichthum, die Gelegenheit ein Glück zu machen, so über mein Herz herrschend werden, daß ich ihm Redlichkeit, Pflicht und Ehre und mit ihnen das Glück eines guten Gewissens aufopfere. So verborgen der Winkel auch wäre, in welchem ich ungesehen, ungestraft sündigen könnte, so soll dennoch deine Gegenwart, o Gott! und der Ruf des Gewissens, das mich bis in die tiefste Finsterniß begleitet, mich selbst vor dem Gedanken der Sünde, vor jedem Scheine des Lasters zurückscheuchen! ich will das heimliche Laster mehr fliehen, als wenn mich die ganze Welt beobachtete. Denn, wer entgeht im Dunkeln deinem Blicke? Und wer kann sich vor seinem eigenen Gewissen verbergen?( Hebr. 4, 13.) 253 Gott, laß mich den Werth und die Glückseligkeit eines guten Gewissens nie vergessen, nie hintansetzen. O wie ruhig schläft man, wenn man sich am Ende des Tages nicht an böse Werke erinnern, nicht das öffentliche Bekanntwerden derselben befürchten muß! Wie munter steht man auf, wenn die Seele so heiter als der Morgen selbst nur an würdige Gegenstände denkt, mit welchen sie den Tag anfangen will! Wie wenig scheut man sich vor den Menschen, wenn uns das Gewissen Zeugniß gibt, durch Leutseligkeit und Liebe zu ihrem Glücke beigetragen und durch keine Frevelthat ihren Haß verdient zu haben! Wie ruhig ist man im Unglücke, wenn uns das heitere Bewußtsein unserer guten Thaten in der Mitte des stürmenden Ungewitters nicht verläßt! Wie füß ist der Genuß alles irdischen Guten wenn er von der Qual der Gewissensbisse nicht vergiftet, nicht unterbrochen wird! Wie freudig sieht man auf sein vergangenes Leben zurück, wenn man darin keine Quelle der Vorwürfe entdeckt, nicht über sich selbst erzittern, nicht seine eigene Schande darin verabscheuen muß! Wie gelassen stirbt man, wenn bei der Trennung von allem Irdischen, bei dem Abschiede von allen Menschen der innere Friede nicht von uns flieht und das unbescholtene Gewissen bis 254 zum Throne des Richters uns begleitet! Wie unerschüttert verläßt der Geist seine irdische Hülle, wenn ihm die Hoffnung der Unsterblichkeit neues Leben und noch seligere Tage jenseits des Grabes wie von ferne zeigt? O Gott, laß mich doch nie den Werth den alles irdische Glück übersteigenden Werth eines guten Gewissens aus der Acht lassen. In jeder Handlung, in jedem zweifelhaften Vorfalle, bei jedem wichtigen Geschäfte sei dieses mein erstes Augenmerk, die Vorschriften der Redlichkeit nie zu verletzen, solche Maßregeln zu entwerfen, solche Entschlüsse zu fassen, solche Pläne auszuführen, bei welchen ich nicht nur vor den Augen der Welt, sondern auch vor meinem geheimen Sittenrichter, vor meinem unbestechlichen Gewissen als ein ehrlicher Mensch und rechtschaffener Christ erscheine. - Wer die Stimme des Gewissens auch nur einmal muthwillig unterdrückt oder verachtet, wie bald kann er gegen ihre Vorwürfe ganz taub werden? Wer seiner innern bessern Ueberzeugung auch nur im Kleineren entgegengehandelt, wie leicht kann er auch im Großen seine Augen vor der Wahrheit schließen, sich selbst täuschen, freiwillig dem reizenden Irrthume nachhängen, und ohne Scheu, ohne Zurückhaltung 255 Böses thun? Wer auch nur einmal von einer schändlichen Handlung nicht zu erröthen gelernt hat, wie bald wird er sich seines Lasters rühmen und mit fre cher Stirne der Zucht, der Ehrbarkeit, der schamhaften Unschuld spotten? Barmherziger Gott! laß mich doch nie in diese fürchterliche Lage kommen, wo sich Herz und Gewissen in immerwährendem Kampfe befinden, wo das verachtete Gewissen nur droht und das verdorbene Herz nur lacht dort kein Friede und hier keine Befferung ist! Aber, o Gott! möchte doch auch meine Vernunft immer mit Demuth, immer ohne Vorurtheile, nach der Erkenntniß der Pflichten forschen! Möchte ich doch immer schädliche Irrthümer vermeiden! Möchte ich mich doch nie aus Mangel der Aufmerksamkeit selbst betrügen und nie aus Gefälligkeit für meine verdorbenen Neigungen selbst täuschen, damit nicht das Gewissen selbst in Irrthum gerathe, und seine Stimme für mich eine falsche, eine unzuverlässige Lehrmeisterin werde! Ein falsches Gewissen Gott! welch ein Unglück für den Menschen! Mit blindem Eifer glauben, daß etwas gut sei, was böse ist- daß etwas Hauptsache sei, was nur Nebenwerk ist- daß etwas zur Religion gehöre, was sie 256 nicht billigt, was sie ausdrücklich mißbilligt! Mit heiligem Stolze glauben, daß man wahre Andacht habe, Gott wahrhaft verehre, da man vielleicht nur Mißbräuchen, nur dem Aberglauben anhängt.- Ach! welch eine schreckliche Lage des verblendeten Gewissens ist dieß! Gott! laß meine Leidenschaften ja niemals Meister über meine Vernunft werden! Gib mir Lehrer, die mir den Weg der Wahrheit richtig zeigen! Bilde mein Herz zur Tugend, daß es den Weg der Wahrheit wünsche und liebe! Erleuchte meinen Verstand, daß er dein heiliges Wort recht verstehe und ich dich im Geiste und in der Wahrheit anbeten lerne! An jedem Abende will ich dann in der Stille meines Herzens und mit dem Ernste der Wahrheit vor deinem Angesichte, du Allgegenwärtiger! mich selbst prüfen und meine Gedanken, meine Worte, meine Werke nach deinem heiligen Gesetze beurtheilen. ,, Habe ich die Stimme des Gewissens jedesmal mit Ruhe angehört, mit Freude gebilligt, mit Treue befolgt?" Dieß soll meine erste Frage an mich sein, und wenn mich dann das Gewissen keiner Untreue gegen seine geheimen Ermahnungen beschuldigt und verdammt- wie sanft wird mein nächtlicher Schlummer sein, wie furchtlos werde ich in der Finsterniß 257 da liegen, wie getrost werde ich mich an den zurückgelegten Tag erinnern, wie ruhig dein Gericht, o Gott! abwarten, wenn diese Nacht die letzte meines Lebens sein sollte.( 2. Kor. 1, 12.) Das Leben Jesu. Gott! ich danke dir, daß du mich in der Religion der Liebe geboren werden ließest. Gott! ich freue mich, daß die Religion Jesu die meinige ist. Wie erhebt sich mein Herz, wie fühle ich den Werth der Menschheit! wie bildet, wie veredelt sich meine Menschennatur, wenn ich die Religion Jesu mit Thaten bekenne,- Gott! der wahre Christ ist dein Anbeter im Geiste und in der Wahrheit; der wahre Christ ist der edelmüthigste Menschenfreund; der wahre Christ ist ein so vollkommener Mensch, als er hier schon sein kann. O, möchte ich diese liebenswürdige Religion doch immer nach diesem Gesichtspunkte betrachten; nie auf Nebendinge zu viel bauen; sie nur durch unnüße Grübeleien und Zusäße verunstalten! Möchte ich sie doch vorzüglich als Triebfeder der Tugend gebrauchen und ihr wahres, gottgefälliges Wachsthum auf Erden nur nach den Früchten der Liebe, der Geselligkeit, der Gerechtigkeit, des öffentlichen Wohlstandes, den sie unter den Menschen erzeugt, beurtheilen und schätzen! Brunner, Jesus. 17 258 „ Der Buchstabe tödtet, der Geist aber macht lebendig." So dachte, so handelte Jesus, der verehrungswürdige Stifter der Liebesreligion. Diese Gesinnung brachte er aus deinem Schooße, o Bater! herab in die Gesellschaft der Menschen. Er war dir gleich, er war eins mit dir( Joh. 10, 30), und wollte uns mit dir vereinigen. Er war von Ewigkeit dein Sohn( Apost. 8, 37. Hebr. 1, 2-14) und wollte uns Menschen zu seinen Brüdern machen, daß auch wir den Geist angenommener Kinder Gottes empfingen und dich im Vertrauen unsern Vater nennen möchten. Seine Lehre ist die Stimme der Natur, der Weisheit und der wohlthätige Plan, welchen du, o Vater im Himmel! insbesondere mit dem Menschengeschlechte vorhattest. Sein Leben aber ist das vollkommenste Ideal der Menschheit, das herrlichste Schauspiel der Tugend und das ausgebildetste Muster der Menschengröße für alle seine Schüler. Er war der beste aller Menschen; in ihm war nichts Arges, keine Falte der Unredlichkeit zu finden; sein Charakter war in allen Auftritten des Lebens ganz aus Güte und Wohlwollen zusammengesetzt. Ewig soll dieß Leben Jesu der Gegenstand meiner Bewunderung, meiner Betrachtung und meiner Nachahmung sein! - 259 Mit ganzer Entschlossenheit der Seele widmete er sich dem mühsamen Berufe, in welchen du ihn, o Gott! versetzt hattest; mit unverwandten Augen ging er die Bahn, die du ihm vorgezeichnet hattest; mit Freude vollendete er das Werk, der deine heiligste Vorsicht ihm übertrug. Keine Mühe ermüdete ihn; keine Demüthigung schwächte seinen Muth; kein Undank erbitterte sein Herz; Liebe beflügelte den Eifer seines Berufes; Liebe war der Balsam seiner Schmerzen; Liebe war die Ursache seines, in seiner Art einzigen Todes. Gott! welch ein Reichthum der Güte, welch ein Beispiel der Berufstreue für mich! O, wie ganz anders betrachtete er die Freuden und Leiden des Lebens, als wir Menschen! Wie genau kannte er die Blumen und Dornen des Reichthums, den Reiz und die Mühe der irdischen Grö! Wie richtig wußte er den Werth und Unwerth alles dessen, was man Güter des Lebens nennt, zu schäßzen! Im niedrigsten Stande lebte er vergnügt. Ueberall trug er in seinem Busen Ruhe und Zufriedenheit mit sich. Von seinem Antlige strahlte göttlicher Friede. Alles genoß er mit Dank, was deine Vorsicht, o Gott! in seine Wege gelegt. Nichts war ihm unheilig, was vom Schöpfer kömmt; nichts eckelhaft, 17* 260 weil es gemein ist; nichts reizte aber auch zu sehr seine Wünsche, beunruhigte seine Seele, empörte seine Leidenschaften, was über dem Bezirke seines Berufes schwebte. O, er wußte selbst einen Himmel um sich her zu schaffen, da wir oftmals in dem Schooße des Vergnügens uns selbst mit Kummer, Ueberdruß und Eckel quälen! Aus Allem zog er Freude, was ihn umgab; nirgends fand er aber so viel Vergnügen, als im Umgange unschuldsvoller Kinder, in der Gesellschaft schöner, redlicher Seelen aus allen Ständen, Geschlechtern und Völkern. O, mit welcher Wärme nahm er die Kleinen in seine Arme und in seinen Schooß! Ihre Unschuld wecket ihre gleichlautenden Gefühle seines Herzens; er sah sich selbst in ihnen, wie in einem reinen und glänzenden Spiegel. Mit welcher Inbrunst sprach er von der Natur! Wie rein liebte er ihre ungeschwinkten Auftritte! Wie innigst fühlte er ihre Schönheiten und webte sie bei jedem Anlasse in seine Gespräche und Unterweijungen! Gott! wie gut muß man sein, wenn man die Reize und Vollkommenheit deiner schönen Er hatte so Schöpfung so innigst fühlen kann! genug am Wenigen, er empfand so viel, wo der Wollüstling nichts mehr empfindet, und zeigte uns so — 261 lebhaft durch sein liebenswürdiges Beispiel, daß Zufriedenheit des Lebens nicht an Reichthum, nicht ant erhabenem Stande, nicht an Befriedigung übermäßiger und thörichter Wünsche klebe, sondern in einer weisen, bescheidenen Seele wohne, in einer Seele, welche den verborgenen Freudenschatz ihres Berufes und die allenthalben ausgebreiteten Schäße der freudenvollen Natur zu genießen fähig ist. Aber auch in den trübsten Schicksalen, mit welchen je ein Sterblicher kämpfte, blieb seine Seele unerschüttert, sein Herz zufrieden, sein Geist an die Leitungen deiner Vorsicht, o Gott! geheftet. Welche überirdische Stärke begleitete ihn in den Fesseln vor dem Rathe der Gottlosen, bei den Mißhandlungen niedriger Knechte, bei dem öffentlichen Mordgeschrei der Priester und des Volkes? Welche Größe der Seele schimmerte selbst in seinem Todeskampfe hervor, und zwang sogar die Feinde zu bekennen, daß er weniger nicht sein könne als Gottes Sohn.( Matth. 27, 54.) O, er trank den Kelch des Leidens bis an die Hefe aus. Aus Liebe seiner Brüder that er's und ich thue so wenig für meine Brüder. Unschuldig litt er; ich aber leide oftmals nach Verdienst und fülle doch die Welt mit Klagen an. Mit herzlicher Ergebung in die Rathschlüsse des Vaters im Himmel 262 litt er und that den Mund nicht auf, wie das Lamm auf der Schlachtbank.( Jes. 53, 7. Apostelg. 8, 32.) Ich aber klage die Vorsicht an, daß sie mich zu einem Menschen und nicht zu einem Gott schuf!- O wie groß ist Jesus im Leiden! Die Weisheit erstaunt über diesen Helden der Wahrheit und Menschenliebe! Wie liebensmürdig ist Jesus im Leiden! Die Menschheit hat kein größeres Bild von Menschengröße als ihn. Unter einem so rohen Volke eine so himmlische Weisheit; unter so verdorbenen tiefgesunkenen Menschen eine so göttliche, unter einer Rotte von Betrügern und Gleißnern eine so unerschütterliche Rechtschaffenheit und Wahrheitsliebe- das alles war in Jesu vereinigt. Er ging umher und that Allen Gutes. Dieser Zug allein verewigt schon den göttlichen Menschenfreund und verkündigt uns mit lauter Stimme, daß er dein wahrer Sohn, o Gott! war, der du ebenfalls deinen lebendigen Geschöpfen alles Gute mittheilst, die Bösen wie die Frommen mit Gütern des Lebens überhäufest. O, er duldete so zärtlich die Schwachen, heilte so liebreich die Kranken, lehrte so unermüdet die Unwissenheit, streute so langmüthig und ausharrend den Samen gemeinnütziger Wahrheiten aus, scheute keine Mühe, ward durch kein Hinderniß geschreckt, hatte 263 keine Feinde als die geschwornen Feinde der Tugend und Wahrheit selbst und liebte selbst diese Feinde so redlich, duldete so sanftmüthig ihre Verfolgung und ihren Haß, war gegen Niemand strenge als gegen das Laster und die Verstockung, und zeigte durch die un nachahmliche Klugheit und Aufrichtigkeit seines Betragens, daß man wohl gegen Irrthum und Laster kämpfen müsse, nie aber den Lasterhaften haffen dürfe. Ach! was der Stolz der übrigen Menschen verwarf, das nahm Jesns auf. An dem Landmanne ge= fiel ihm die redliche Einfalt, die Elenden machten ihm ihr Elend selbst schätzbar und ehrwürdig; wen der Priester verachtete, weil er ihn für einen Sünder oder Irrgläubigen hielt, den würdigte er seiner Freundschaft, weil er ihn mehr unwissend als unredlich oder mehr schwach als boshaft fand. War es nicht ein Vorwurf gegen ihn, daß er mit Zöllnern und Sündern Umgang pflegte?( Luk. 15, 2.) O, der Gute kannte diese Unterschiede der Stände nicht, die den Bürger vom Adel trennen und zwischen Pharisäern und Heiden Feindschaft erweckten. Er liebte überall die schöne Menschennatur. Wie ein Tropfen Wasser zum andern fließt, so floß sein Herz an jedes Menschenherz, das Kennzeichen irgend einer guten Eigenschaft verrieth. Ob der Mann ein paar 264 Lehrsätze der Synagoge mehr oder weniger glaubte, ob er in Jerusalem oder Garizim opferte( 5. B. Mos. 12, 5. Joh. 4, 20); ob ihn der Schriftgelehrte verdammte oder nicht ach! das machte ihn nicht irre. Die Redlichen liebte er um ihre Redlichkeit willen und die Bösen- weil er sie zu bessern hoffte. Den Unvollkommenen verzieh er um der Vollkommenheit wegen, und bei Menschen schien es ihm überhaupt genug, daß sie Menschen waren, um sie mit Bruderzärtlichkeit zu umarmen. - Jesus war die Wohlthätigkeit selbst! Die Menschen, seine Brüder, besser, tugendhafter, glücklicher zu machen- das war sein erhabener Beruf! Nicht nur zum Glücke einzelner Menschen beizutragen, sondern die verdorbene Denkart des ganzen Menschengeschlechtes umzustimmen und zu veredeln, bei allen Völkern des Erdbodens einen gesegneten Eindruck der Wahrheit und Tugend zurückzulassen, darum sandtest du ihn, o Gott! in die Welt( Apostelg. 13, 47); das war sein erhabener Beruf! Wie rühmt man nicht die Güte eines Mannes, welcher zur Minderung des menschlichen Leidens in dem Bezirke seiner Stadt oder seines Dorfes- seines engen Wirkungskreises- eine wohlthätige Anstalt zu Stande bringt! Wie liebenswürdig scheint er 265 nicht jedem, der Gefühl des Menschenwohles hat! Aber Jesus hat die größte Anstalt zur Beseligung aller Menschen entworfen, hat sie ausgeführt, und sie steht bereits als ein Gegenstand des Erstaunens und der Bewunderung seit achtzehn Jahrhunderten in dem Mittelpunkte des Menschengeschlechtes da. Nein; nie hatte vor ihm ein Mensch den wohlthätigen, den großen Gedanken gedacht, für alle Menschen insgesammt für ihre Aufklärung, für ihre Bildung und für ihre Vereinigung zu sorgen, wie er. Sein Plan war die höchste Stufe der Menschenliebe, die nie ein Herz fühlte und nie ein Geist dachte. Nein; nicht rur seinen Zeitgenossen zu nüßen, sondern auch allen folgenden Zeitaltern, der späteſten Nachwelt, durch Ausbreitung gemeinnütziger Wahrheiten ein Vermächtniß seiner Liebe zu stiften; ein Wohlthäter aller Erdtheile und aller Zeiten zu werden; überall, wo die Sonne scheint, auch Aufklärung hinzuleiten; Gefühl, Verehrung und Liebe der Tugend hinzupflanzen- darum sandetst du ihn, o Gott! in die Welt; dahin zielten alle seine Entwürfe, Handlungen und Worte, das war sein erhabener Beruf. Den Bürgerhaß unter den Völkern in seinem Keime zu zerstören; durch die Gesetze der Mensch 266 lichkeit, der Geselligkeit, der Bruderliebe, der Freundschaft, deren Gepräge er im menschlichen Herzen wieder auffrischte, den wechselseitigen Frieden des Menschengeschlechtes tiefer zu gründen, den Religionshaß unter den Nationen zu tilgen, aus Samariten, Juden, Zöllnern und Heiden gemeinschaftliche Verehrer Gottes im Geiste und in der Wahrheit zu bilden; den Priestern Verträglichkeit und Sanftmuth, allen Religionsgliedern Liebe und Wohlwollen bei den Schwachheiten und Irrthümern der Menschen einzuflößen; den beseligenden Geist der Duldung als eine Grundfeste der Vertraulichkeit, Ruhe und Eintracht in der Welt aufzustellen, und alle Völfer der Welt durch innigste Verbindung zu einer großen Gesellschaft liebender Brüder zu vereinigen-- darum fandtest du ihn, o Gott, in die Welt; das war sein erhabenes Werk; dahin zielten alle seine Entmürfe, Handlungen und Worte! mit diesen Liebesgeiste beseelte er auch eine Anzahl Schüler; dieser würdige erste Gedanke menschlicher Größe und Güte athmete in allen seinen öffentlichen Reden; mit diesen vom Himmel stammenden und in seinem Herzen zur Reife gebrachten Grundsäßen entflammte er alle redlichen Seelen, die ihn hörten, und die Erinnerung an seinen Tod, die er uns zum Gesetze, zur gemeinschaftlichen Feier be 267 stimmte, war eigentlich eine Erinnerung, Aufmunterung, Begeisterung, ein feierliches Gelübde, dein Werk, o Gott! in der Welt fortzusetzen, seinen angefangenen Plan ferner auszuführen, immer nach seinem Geiste zu arbeiten, und mit seinem Eifer, mit seiner Liebe ewig in dem schönen Geschäfte der Menschen- Vervollkommnung und Menschen- Beglückung Auch wenn wir uns jetzt noch an zu verharren. den Predigten seines Evangeliums erbauen, und in den Vorträgen der Lehrer seiner Religion Trost und Beruhigung der Seele fühlen, so ist dieß alles nur Fortsetzung jener Anstalt, welche er der liebenswürdigste Mann der Welt bereits vor mehr als anderthalbtausend Jahren ausgedacht, ausgeführt und unter allem Wechsel der Zeiten und der menschlichen Staaten auf dem Erdboden verewigt hat. - Gott! welch ein Muster der Größe der Tugend, der Menschenliebe hast du in Jesu aufgeſtellt! sieh, Herzenprüfer! sie meinen redlichen Vorsatz mit Wohlgefallen an: den Vorsatz, meinen Herrn und Meister nach meiner Lage und den mir verliehenen Kräften in allem Guten nachzuahmen. Wo ich Gutes thun, wo ich einen Betrübten trösten, einem Kranken sein Leiden mildern, einem Armen aus meinem Ueberflusse helfen, einen Schwachen durch Rath und That 268 unterstützen, wo ich der Unschuld ein gutes Zeugniß geben, Friede unter den Entzweiten herstellen, den Witwen und Waisen in der Noth beistehen kann, da will ich es recht nach dem Geiste und Beispiele Jesu thun, nach allen Kräften thun, mit innigem Vergnügen und aus ganzer Seele thun. In Leiden und Freuden sein Jesus mein Muster! nie will ich der Tugend und Redlichkeit treulos werden; nichts soll mich von der Liebe trennen!( Röm. 8, 34-39.) Der Geist Jesu sei in mir; die Religion Jesu belebe mich, und der Gedanke: daß du, o Gott! unser gemeinschaftlicher Vater bist, stärke selbst in den härtesten Prüfungen meine Tugend, wie er Jesum gestärkt hat. Wo ich Wahrheit mit bescheidenem Eifer ausbreiten, Irrthümer zerstreuen, Vorurtheile bestreiten kann, da will ich es unter dem Einflusse der Sanftmuth und Vernunft bewerkstelligen! wo ich zur Aus bildung und Veredlung junger Seelen durch Erzie hung und Lehre beitragen kann, da will ich mich, wie Jesus, als ein wahrer Kinderfreund zeigen und das Glück der Nachwelt dadurch zu befördern suchen. Vorzüglich will ich mich aber selbst nach dem Vorbilde Jesu bessern, und deinen heiligsten Augen, o Gott! mich gefällig machen. Jesus sei mein Muster; 269 Tugend die Größe, nach der ich strebe; und jede Ausübung der Tugend ein festliches Ereigniß für mich, in welchem ich dich, o Gott! und deinen Sohn verehre, wie du von Menschen verehret werden willst. Amen. Die christliche Religion. Gott! wie verehrungswürdig ist die Religion Jesu! sie erzeugt in allen ihren echten Bekennern die herrlichsten Früchte der Weisheit und Rechtschaffenheit; sie bringt die besten Wirkungen in dem Geiste und Herzen aller derjenigen hervor, welche Wahrheit und Tugend redlich suchen und sie nicht durch geflissentliche Hindernisse ihrer Kraft berauben; sie führt den Verstand zur Selbstkenntniß; sie gießt Trost und Freudigkeit in unser Herz; sie gibt der Seele Muth und Stärke zur Tugend, zur Ausübung aller Pflichten. Gott! wie liebendwürdig ist die Religion deines Sohnes! Dank ewiger Dank sei dir dafür gesagt, daß auch mir das Licht des Evangelinms zu Theil ward, daß ich ein Schüler Jesu bin, daß ich die Worte des Lebens lesen und verstehen kann. - Die Religion Jesu, geläutert von menschlichen Zusäßen, gereinigt von den Flecken roher Jahrhunderte, gelehrt in ihrer evangelischen Einfalt und Lauterkeit, ist eine Schule der Tugend, eine Stütze der 270 Staaten, eine Quelle der Beruhigung, ein Lehrgebäude wahrer Glückseligkeit, und selbst in den Augen der prüfenden Vernunft ein herrliches Denkmal des erhabenen Geistes und der Größe ihres Stifters. Jeder Mensch, er mag reich oder arm, hoch oder niedrig, mit vielen oder wenigen Geisteskräften ausge rüstet sein, jeder kann die Weisheit Jesu fassen, sich durch seine Lehre zur Tugend bilden, und in der Ausübung derselben seine Zufriedenheit, seine Ruhe und sein Glück finden. Dank, ewiger Dank sei dir, o Gott! für diese unaussprechliche Wohlthat geſagt. Höchstes Wesen! du ließest zwar dein Dasein und deine Gebote nie unbezeugt; was an dir unsichtbar ist, deine Weisheit, deine Güte, deine Allmacht ist von jeher durch die Geschöpfe sichtbar geworden. ( Röm. 1, 20.) Die ganze Natur ist ein ewiges Evangelium, welches den Menschen zur Erkenntniß des Schöpfers und zur Liebe der Tugend führt; auch das menschliche Herz ist ein Buch sittlicher Gesetze, die deine Hand mit unauslöschlicher Schrist, als ein lebendiges Denkmal deiner Gesetzgebung, hineingrub. ( Röm. 2, 15.) In der Folge der Zeiten machtest du den Völkern deinen Willen auf mancherlei Art bekannt; ließest unter ihnen Männer aufstehen, welche, mit deinem Geiste berathen, die Züge deiner ewigen 271 Gesetze in den Herzen der Menschen wieder erneuerten und belebten, Licht und Wahrheit nach der Empfänglichkeit und dem Bedürfnisse des Zeitalters ausbreiteten, die Völker uit weisen Gesetzen versahen, Zucht und Ordnung unter ihnen befestigten, und sie auf dich, als den Schöpfer und Erhalter aller Geschöpfe, als die ewige, anbetungswürdige Urquelle aller sittlichen Gesetze und erschaffenen Güter, auf merksam machen.( Hebr. 1, 1-3.) Aber nie war ein Lehrer göttlicher Dinge dem Lehrer Jesus gleich; nie eine Religion so allgemein und einfach, so in allen ihren erhabenen Lehren der Gottheit, welche sie verkündigte, würdig, so den Bedürfnissen der immer an Bildung wachsenden Menschheit angemessen, als die Religion Jesu; sie enthält lauter große, fruchtbare Wahrheiten; sie führt zu lauter großen, heldenmüthigen Handlungen; sie trägt in ihrem ganzen wohlthätigen Umfange die glänzendsten Merkmale eines göttlichen Ursprunges. Dank, ewiger Dank sei dir, o Gott! für diese himmlische, alles beglückende Religion gesagt. Gott! durch Jesum kennen wir dich als Vater der Menschen, als die ewige und unveränderliche Güte, welche unaufhörlich über ihre ganze Schöpfung Strahlen des Wohlwollens und der Glückselig- 272 keit ausgießt! Allen Menschen und allen Völkern bist du auf gleiche Art- Vater; in allen Himmeln, wie auf der Erde, wo nur immer Leben ist, wo nur immer empfindende Geschöpfe sind, bist du der gemeinschaftliche Vater, Wohlthäter und Beglücker. ,, Bei dir ist kein Ansehen der Person( Kolos. 3, 25), keine Parteilichkeit; aus allerlei Volk gefallen dir alle, welche rechtschaffen handeln; selbst über die Bösen, wie über die Guten läßt du deine Sonne scheinen und deinen fruchtbaren Regen herabträufeln."( Matth. 5, 45.) ,, Keine Rache ist in dir; du willst nicht zerstören, was du schufst, nicht den Frevel tödten, sondern auf die Wege der Tugend und des Lebens zurückführen."( Luk. 19, 10.) Durch Jesum erkenne ich deinen Willen, deine Gebote und deine Verheißungen, o Gott! Dein Wille ist, daß ich nach dem Maße meiner Kräfte Gutes thue, daß ich meine Brüder wie mich selbst liebe, daß ich, nach dem Zwecke der menschlichen Natur auch hier Vergnügen und Zufriedenheit suche. Deine Gebote sind leicht; sie sind auf meine wahre Wohlfahrt, auf meine Bedürfnisse selbst gegründet und ich fühle in mir jene Freiheit des Geistes, welche alle Reizungen in Sinnlichkeit besiegen und allen Forderungen deines Gesetzes Genüge leisten kann. Deine 273 Gebote sind süß; durch sie werde ich gut und mit meinem Schicksale zufrieden.( Matth. 11, 28-30.) Deine Verheißungen sind Friede und Hoffnung einer seligen Unsterblichkeit. Wer sollte nicht gehorchen, wenn es der liebreichste Vater will? Wenn seine segensvollen Gebote mit meiner Vernunft und Freiheit übereinstimmen, wenn sie mich zur sittlichen Güte, zum wahren Genusse des Lebens, zum wahren Glücke führen; wenn seine untrüglichen Verheißungen mit meinen Wünschen, mit meinen edelsten Trieben übereinkommen- das ist Religion Jesu! das ist die Fülle seines heiligsten Unterrichtes! Durch Jesum lerne ich dich, o Gott! im Geiste und in der Wahrheit anbeten. Nicht Opfer, sondern ein reines aufrichtiges Herz gefällt dir( Matth. 9, 13); nicht Worte, sondern Handlungen verlangst du von mir( Matth. 7, 21-27. 1. Ror. 4, 20); nicht das Blut der Thiere soll ich zu deiner Ehre vergießen, sondern meine Leidenschaften mäßigen, meine Standespflichten freudig ausüben, das Gute mit Dank genießen, und in trüben Tagen Muth zum Wirken, Vertrauen auf deinen Schutz und Liebe zur Tugend nicht verlieren. Ueberall bist du gegenwärtig, die ganze Schöpfung ist dein Tempel und dein Altar ( Jer. 23, 23. 24. Apostelg. 7, 48. 49); vom AufBrunner, Jesus. 18 274 gange bis zum Niedergange ist dein Name unter den Völkern geehret! Ueberall wird dir ein reines Opfer gebracht, wo Tugend geschätzt und Wahrheit geliebt wird. Tugend ist eine ewige, unaufhörliche Gottesverehrung, und Gebet um Tugend die angenehmste Andacht vor deinen Augen, o Gott! das ist Religion Jesu! das ist die Fülle seines heiligsten Unterrichtes! Durch Jesum lerne ich auf dich, o Gott! als Vater hoffen, wenn ich gehorsam bin! dich als Vater fürchten, wenn ich Böses thue; zu dir, als meinen Vater zurückkehren, wenn ich das Böse erkenne und bereue.( Matth. 18, 12-14. Luf. 16.) Dein Gesetz fordert zwar strenge Heiligkeit und immer fortgesetzte Annäherung zu derselben; allein du wirst auch eine unvollkommene Tugend belohnen; die menschliche Schwachheit ist dir bekannt; die natürlichen Mängel und Schranken unsers Wesens, die Fehlbarkeit unseres Verstandes, die Veränderlichkeit unseres Herzens, die Täuschungen der Sinne, die Reize der sinnlichen Gegenstände, alles, was uns in Irrthum führen und von der Bahn der Tugend so leicht entfernen kann, alles liegt vor deiner Allwissenheit, vor deiner Allgerechtigkeit und Güte. Nur ein redliches, wohlweinendes Herz, nur ein aufrichtiges Verlangen, dir zu gefallen und deine Gebote zu halten, nur ein 275 ernstliches, anhaltendes Bestreben, immer besser und weiser und durch Güte und Weisheit immer vollkommener zu werden( Matth. 5.); nur Zurückkehr vont unsern bösen Wegen, wenn wir uns verirrt haben, nur Reue, wenn wir gefehlt, nur einen rechtschaffenen, thätigen Willen, das Böse zu vergüten, das wir geſtiftet haben- nur dieß, o Gott, forderst du von uns, und hierin besteht der Trost und die Strenge der Religion Jesu. Du liebst uns selbst, wenn wir schwach sind und in Fehler stürzen; du freuest dich über uns, wenn wir unsere Schwachheiten erkennen' unsere Fehler verabscheuen und uns durch angemessene Thätigkeit zum Guten erschwingen; unsere Schwachheiten heben deine Liebe nicht auf, aber nur in den Maße, in welchem wir selbst Gutes thaten, wird uns deine weiseste Güte einst Gutes thun; hingegen die Folgen des Lasters, die Zucht deiner weisen Gerechtigkeit ziehen wir uns selbst in dem Maße zu, als wir Böses thun.( Matth. 16, 27. Mart. 4, 24. Röm. 2, 6.) Durch Jesum lerne ich die Unsterblichkeit hoffen, mit welcher mich die Vernunft selbst bekannt macht. und tröstet; Unsterblichkeit und ewiges Leben- das ist die frohe Botschaft, die uns Jesus gebracht hat, die der Tugendhafte wünscht und der Weiſe beſtätigt, 18* 276 die mit unserer Natur, mit unsern Anlagen und bessern Trieben so genau übereinstimmt, ohne welche dieß irdische Leben eine Wanderschaft in Wind und Wetter, ohne den Trost, Abends in einer Herberge Ruhe und Sicherheit zu finden, sein würde. ,, Nicht alles stirbt an uns; der Geist kehrt zum Schöpfer zurück, indeß die rohe Hülle, der Körper, zu Staub wird. Wir verändern nur den Ort unsers Daseins, aber das Dasein selbst verlieren wir nicht; wir gehen in eine andere Welt über und nehmen die Thaten mit uns, die wir hier jeder an seinem Standorte ausgesäet haben." Dieß ist die Religion Jesu! Für die Gewißheit dieser trostvollen Lehren ist Jesus Bürge geworden. Freilich sind hier unsere Schicksale manchmal verworren, unsere Ruhe wird gestört, unsere edelsten Absichten werden verkannt, unsere Lebenstage sind kurz( Job. 7, 6, 7. Jak. 4, 15), die Tugend leidet, der Rechtschaffene muß oft mit Elend kämpfen, das Verhältniß der Glückseligkeit und der Sittlichkeit wird nicht immer beobachtet, aber die Unsterblichkeit löset diese Räthsel auf, belebt unsere Hoffnung, stärkt uns in den Prüfungen der Tugend und rechtfertigt die Wege des Schöpfers vor seinen Geschöpfen. Wir 277 gehen durch die wechselnden Auftritte des Lebens mit der Fackel der Hoffnung, und erwarten nach vollendeter Reise an der Pforte der Ewigkeit dich, den liebreichsten Vater, der du uns auch jenseits des Grabes deiner Vorsicht und Liebe würdigen und die Gütter dieses Lebens, die du zu unserm zeitlichen Genusse schufft, mit neuen und höhern Gütern in der Ewigkeit verwechseln wirst. Das lehrt uns die Neligion Jesu! Mit diesen Tröstungen nährt sie den Eifer des Tugendhaften. Und doch, o Gott, sind nicht alle Menschen Bekenner dieser so wohlthätigen Religion, wissen zum Theile nichts davon, oder wollen zum Theile nichts davon wissen trennen sich sogar von den Bekennern derselben! Aber du, Vater im Himmel! duldest sie doch, überhäufst sie wie uns mit dem Segen des Lebens, und ich sollte sie als meine Brüder, als meine Mitgenossen und Erdenfreunde nicht ebenfalls dulden, ihnen nicht den Segen gönnen, den sie genießen? Bei vielen ist es Mangel des Unterrichtes, bei vielen sind es vielleicht Vorurtheile, bei einigen sogar die Aergernisse der Christen, welche verhindern, daß sie den Werth dieser wohlthätigen Religion nicht erkennen! O Vater, ich will sie nicht hassen, nicht mißhandeln oder verdammen. Das ver- 278 bietet die Religion der Liebe; sie gehören dir an, sind meine Brüder, vielleicht auch redlichere Tugendfreunde als ihre christlichen Brüder selbst. Durch Liebe will ich ihnen zeigen, daß ich ein- Christ bin. Gott, durch Treue gegen die Vorschriften meiner Religion will ich meine Ueberzeugung von der Güte meines Glaubens an den Tag legen; durch das Licht der Rechtschaffenheit, durch die gesegneten Früchte der Tugend, durch edelmüthige, gotteswürdige Sitten will ich der Welt das Zeugniß geben, daß deine Religion, o Jesu, zu immer höherer Vollkommenheit, zur wahren Bestimmung des Menschen, zur Ruhe und Zufriedenheit der Seele, zum besten Genusse des Lebens und endlich zum Vater im Himmel, als der Urquelle aller Heiligkeit und Glückſeligkeit, führet. Amen. IV. Gebete an den Festtagen des Herrn. 279 Am Weihnachtsfeſte. as Wort( der Sohn Gottes) ist Mensch geworden und wohnte unter uns; wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit, wie sie dem Eingebornen des Vaters zukömmt; wir sahen ihn voll Gnade und Wahrheit.( Joh. 1, 14.) Gott! wie freudenreich, wie gesegnet für das ganze Menschengeschlecht ist nicht die Geburt deines Sohnes, unsers Herrn und Lehrers Jesus Christus, des Welterlösers! So lange die Menschheit den Werth der Weisheit und Tugend, so lange sie den Adel der Menschenliebe fühlt, wird ihr seine Geburt und sein Andenken heilig ſein. Gott! welche große und heilsame Fortschritte in den Sitten und Religionskenntnissen hat nicht deine heilige Vorsehung durch diesen bewunderungswürdigen 280 Mann bewirkt, der heute in der tiefsten Erniedrigung geboren( Phil. 2, 7. 8), durch das Ansehen und den allbesiegenden Eindruck der Wahrheit und Tugend das Angesicht der Erde verändert hat. Die Welt lag in Finsternissen! Jesus kam und es ward Licht. Er konnte mit der innigsten Ueberzeugung selbst seinen Feinden sagen: Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt, der wandelt nicht im Finstern, der wandelt im Lichte des Lebens( Joh. 8, 12), seine Lehre war das Licht des Lebens. Die Menschen seufzten unter der Bürde ausgearteter Leidenschaften und unter den Fesseln schändlicher Laster. Die Verderbniß der Sitten hatte sich über alle Stände wie ein schleichendes Gift verbreitet. Jesus zeigte den Weg des Heils, die Quellen der Verirrungen und die Hilfsmittel zur Besserung.- Ein unnatürlicher, der Vernunft widersprechender Götterdienst herrschte über den größten Theil des Erdbodens. Die Menschen warfen sich nieder vor Stein und Holz oder vor unvernünftigen Thieren. Sie hoben die gefaltenen Hände zur Sonne und zu den Sternen des Himmels empor. Unfähig bis zur Urquelle aller Wesen- bis zum Schöpfer hinaufzusteigen, blieben sie bei den Geschöpfen stehen und erzeigten leblosen Dingen jene Verehrung, welche nur dem lebendigen Gott gebührt. Jesus führte — 281 sie auf die Erkenntniß dieses einzigen, wahren Gottes zurück und zeigte den Vater im Himmel, welcher in seinen Geschöpfen alles, was lebt, mit Wohlthaten überhäuft. - Die Engel verkündigten ehemals den einsamen Hirten: Freude über die Ankunft Jesu in die Welt! ( Luk. 2, 13. 14.) Aber nun ist keine Engelsstimme mehr nöthig. O, jede seiner menschenfreundlichen Thaten ist ein schöner Engel, welcher noch jetzt, nach mehr als tausend Jahren, zur Freude ermuntert. Man kann nicht umhin, selbst die Mutter selig zu preisen, die ihn in ihrem Schooße trug und von deren Brust er die erste Nahrung des Lebens sog. Gott! durch Jesum hast du nunmehr Verehrer im Geiste und in der Wahrheit. Durch Jesum belehrt, bete ich dich als die Liebe an! Durch die Liebe regierst du die Welt; durch das Gebot der Liebe vereinigst du die Menschen, und durch Werke einer. wohlthätigen Liebe führst du sie zu ihrer wahren Glückseligkeit. Von Jesu ermuntert, bete ich dich, o Gott! durch Tugend an. Sie ist mein Gesetz, mein Trost, meine einzige Würde. Gott! dieß ist die Wahrheit, mit welcher dein Sohn die Finsterniß des Aberglaubens und der Unwissenheit vertrieb. Diese Wahrheit, dieser Glaube 282 blühet noch immer unter dem Menschengeschlechte, hat sich schon über alle Theile der Welt ausgebreitet; gewinnt immer neue Verehrer und Schüler; hat die Menschheit nicht nur im Einzelnen, sondern sogar im Ganzen veredelt; hat ihr die würdigsten Gesinnungen eingeflößt, die erhabensten Tugenden erzeugt, Millionen Leidende getröstet, Millionen Zufriedene gemacht, und hört nicht auf, diese schönen Früchte auch jetzt noch hervorzubringen, wenn man ihm nicht geflissentlich Hindernisse im Herzen entgegensetzt. So viel Gutes, o Gott, kann der Mensch unter seinen Mitbrüdern stiften, wenn er ernstlich will; zwar nicht immer in so großem Umfange kann er's, wie Jesus; aber doch Gutes nach dem Maße seines Berufes und der ihm verliehenen Kräfte. Auch ich erneuere heute vor dir, o Gott, den edelmüthigen Vorsatz, Gutes zu thun, so viel ich kann und so lange mir das Licht des Lebens leuchtet. Nach dem Beispiele Jesu will ich durch Wohlthun mein Andenken unter den Menschen verewigen. So klein auch mein Beitrag zum Glücke der Welt ist, so wird er, da in der Schöpfung nichts verloren geht, nichts vor deinem allbetrachtenden Auge, o Gott, unbemerkt bleibt, doch ewige Spuren meiner Seelengüte zurücklassen. Nicht die Größe des Werkes allein, 283 sondern auch die Größe des Eifers und Wohlwollens bestimmen den Werth meiner Handlungen. Gott, segne diesen Vorsatz meines Herzens; er ist die Frucht des feierlichen Andenkens an die Geburt Jesu, des größten Menschenfreundes; ihm nachstreben, ihm ähnlich werden, ist die Ehre des Christen und des Christenthums. Amen. Am Neujahrstage. So hat mich also deine ewige Güte, o Gott! wieder ein Jahr vollenden- den Segen eines Jahres genießen lassen! So steh' ich nun, durch deine liebreiche Vorsehung geleitet, an dem Eingange eines neuen Jahres, in welchem neue Schätze des Genusses, neue Güter des Lebens auf mich warten! O möchte ich doch auch die Kunst verstehen, diesen neuen Zuwachs des Lebens recht zu gebrauchen! Sieh, höchstes, gütigstes, heiligstes Wesen! Ich lege dir heute den Plan meines künftigen Lebens vor. Du gibst mir so viel und so vielerlei Gutes; sollte ich nicht mit Vernunft darüber nachdenken und den Genuß des Guten so sehr zu veredeln und zu vervielfältigen suchen, als es nur immer möglich ist?- Was mir deine Güte bisher gegeben hat und noch geben wird, will ich mit Dank genießen, und so jeden 284 Tropfen der Süßigkeit, die du über mein Leben gießest, einsaugen. Es sind deine Gaben; ihr Gebrauch ist meine Pflicht und zugleich mein bester Dank. Aber ferne, ferne sei von mir alle Unmäßigkeit! Sie zerstört meinen Leib, sie erfüllt mich mit Eckel, sie verschwendet den Vorrath und stürzt in Dürftigkeit. Der Unmäßige ist sein eigener Feind; er raubt sich selbst, was du ihm schenktest. Ferne, ferne sei von mir aller Neid! Das Maß der Güter, die du, o Gott, den Menschen mittheiltest, konnte nicht gleich sein; die Berufsarten, in welche du sie versetztest, konnten nicht gleich sein; die Gaben und Vorzüge der menschlichen Natur konnten es ebensowenig sein. Ich will also mit demjenigen, was mir deine Güte gab, zufrieden leben; nicht mürrisch beim Anblicke der Höheren, nicht ungesellig im Umgange der Niedrigen sein; nicht durch übertriebene Wünsche meine Ruhe stören, meinen Genuß verbittern, meine Tage abkürzen. Was du mir schenkteſt, nicht als ein menschenscheuer Sonderling genießen, sondern in Gesellschaft mit meinen Brüdern verzehren, sie an meinem Segen Antheil nehmen lassen, sie in ihren Bedürfnissen nach dem Maße meines Vorrathes unterstützen, und mit ihnen auf deine Vorsicht und Güte, ohne Geiz und Klein 285 müthigkeit, aber auch ohne Verschwendung und Vermessenheit trauen. Dabei will ich nach deiner weisesten Anordnung, o Gott, meine Kräfte und Talente zur Erhaltung meines Wohlstandes täglich auf's neue gebrauchen, und durch verhältnißmäßige Arbeit den Vorrath meiner Lebensgüter vermehren. Nicht eine thörichte, zwecklose Liebe zum Reichthume, sondern die Pflicht, für meine Angehörigen zu sorgen, die Pflicht, meine Zeit zur Beförderung des eigenen und gemeinschaftlichen Wohles zu benützen, die Pflicht, das Leben nicht ungenossen verstreichen zu lassen, soll die Triebfeder meiner Arbeiten und Berufsgeschäfte sein. In Allem aber will ich, o Gott, mein vornehmstes Augenmerk dahin richten, daß ich in Allem, was die Pflicht befiehlt, mit unausgesetzter, immer neuer Treue vor deinem heiligen Angesichte wandle, daß ich auch immer als ein redlicher, rechtschaffener Mensch unter meinen Mitbrüdern einhergehe. Gerechtigkeit, Wohlwollen, Treue im Handel und Wandel sollen die Tugenden sein, die mich in der Gesellschaft der Menschen jederzeit auszeichnen; Niemand soll durch mich betrübt, übervortheilt, in's Unglück gestürzt werden; Allen will ich Gutes wünschen, Gutes gönnen und nach Vermögen Gutes thun. 286 O Gott, segne diesen christlichen Vorsatz, mit welchen ich den ersten Tag dieses neuen Jahres anfange und gib, daß er als ein glänzender Leitstern vor allen meinen Handlungen hergehe und mich allmälig zum Zwecke meines Daseins, zum besten Gebrauche meines Lebens führe. Amen. Am heiligen Dreikönigsfeste. Unter allen Völkern, o Gott, gibt es redliche Menschen, welche die Wahrheit suchen; überall finden sich Weise, welche nach Tugend streben. Vom Aufgange bis zum Niedergange werden die edlen, die tugendhaften Seelen, die äußerlich nicht zu deinem Reiche, o Gott, zu gehören scheinen, in der Gesellschaft aller Rechtschaffenen an den Gütern deines Reiches Theil nehmen. Du bist aller Menschen Gott - aller Menschen Vater!( Apostelg. 10, 34. 35.) Davon überzeugt mich der heutige Festtag. Nicht der Name gibt Empfehlung vor dir; auch bessere Religionskenntnisse erheben mich noch nicht über weniger erleuchtete Menschen; umsonst ruft man zu dir: Herr, Herr! wenn die Thaten nicht mit dem Glauben übereinstimmen.( Matth. 7, 21.) O, daß ich diese, dem Christen so wichtige Wahrheit doch nie vergesse, daß mich doch dieser entscheidende 287 Ausspruch Jesu auf mein Verhalten, auf meine wahren christlichen Pflichten immer aufmerksam erhalten möchte! Durch Jesum erkenne ich dich, o Gott! als meinen Schöpfer, als meinen Gesetzgeber, als meinen Wohlthäter, aber ist auch diese Erkenntniß fruchtbar und wirksam in mir? Welchen Eindruck macht der Glaube an deine Allherrschaft und Allgegenwart auf meine Seele! scheue ich mich, die Gebote zu übertreten, die deine Weisheit in mein Herz grub? Wandle ich stets in deiner Gegenwart? Habe ich auch den Geist eines gut gearteten Kindes, da ich dich so oft Vater und Wohlthäter nenne? Durch Jesum erkenne ich, was gut und böse ist erkenne ich deine Gebote, meine Pflichten, die wahren Quellen und Hilfsmittel, vollkommener zu werden, den wahren Weg, zu dir, o Gott! zu gelangen; durch Jesum erkenne ich dieß alles viel deutlicher und vollständiger, als es jemals die Welt im Ganzen erkannte. Aber thue ich auch mehr Gutes als jene Menschen, die von der heilsamen Religion Jesu gar nichts wissen? Darf ich demnach auf meine größere Erleuchtung stolz sein? sind meine Handlungen nicht vielleicht ein Aergerniß des Christenthums und wird dadurch nicht vielleicht jene Weisfagung Jesu aufs neue erfüllt: 288 " 1 Es werden vom Morgen und Abend Viele kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob als Freunde der Wahrheit, als treue Anhänger der Tugend in Gottes Herrlichkeit eingehen, da im Gegentheile unzählbar Viele von denen, welche sich äußerlich und dem Namen nach als Glieder der wahren Religion bekennen, davon ausgeschlossen und den Folgen ihres Ungehorsams überlassen werden sollen."( Matth. 8, 11. 12.) Nie, nie, o Gott! will ich die Feier des heutigen Tages wiederholen, ohne den Eifer des thätigen Christenthumes durch diese Betrachtungen in mir zu erneuern! Amen. Am grünen Donnerstage und Frohnleichnamstage. ,, In eben der Nacht, in welcher der Herr Jesus verrathen ward, nahm er das Brod, segnete es und sagte, da er's brach: Nehmet hin und esset, das ist mein Leib, der für euch wird dargegeben werden; dieß thut zu meinem Andenken! Ebenso gab er nach dem Abendmahl den Kelch mit den Worten: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blute; so oft ihr ihn trinket, thut dieß zu meinem Andenken. Denn so 289 oft ihr dieses Brod esset und diesen Kelch trinket, sollt ihr den Tod des Herrn verkünden, bis er( zum Gerichte) kömmt. Wer also dieses Brod ißt und diesen Kelch trinkt aber unwürdig, der verfündigt sich an dem Leibe und Blute des Herrn. Jeder prüfe sich daher, ehe er von dem Brode ißt und aus dem Kelche trinkt. Denn, wer unwürdig davon ist und trinkt, der ist und trinkt sich sein Gericht( er macht sich strafwürdig), weil er den Leib des Herrn( von einer gemeinen Speise) nicht unterscheidet."( 1. Kor. 11, 23-29.) Jesus war am Ende seiner Berufsbahn! Menschenliebe war die Triebfeder seines wohlthätigen Erlösungswerkes, seines mühsamen Lehramtes; aber Menschenliebe war auch die Triebfeder seines Todes. Er starb, wie er lebte, als ein Opfer der Wahrheit, als ein Opfer des reinsten Wohlwollens für seine Brüder! er wollte unser Heil und das Wachsthum seiner Lehre durch seinen freiwilligen Tod( Joh. 3, 16. 17. Gal. 1, 4), durch den Tod eines Helden für Wahrheit und Tugend sicherstellen. Schon saß er zum letzten Male mit seinen Jüngern zu Tische. Da nahm er Brod, segnete es, brach's in Stücke und gab's seinen Freunden. Esset, sprach er liebevoll, das ist mein Leib, der für euch hingegeben Brunner, Jesus. 19 290 wird. Thut künftig ein Gleiches zu meinem Angedenken. Ebenso nahm er auch den Kelch, segnete ihn und gab ihn den Jüngern, welche insgesammt davon tranken. ,, Dieser Kelch, sprach er, ist der neue Bnnd in meinem Blute, welches für euch und viele zur Vergebung der Sünden vergossen wird. So oft ihr ihn trinket, thut dieß zu meinem Angedenken." ( Matth. 20, 26-28. Mart. 14, 22-24. Luf. 22, 17-20. 1. Kor. 11, 23-26.) So oft ihr euch wollte er sagen gemeinschaftlich versammelt euch als Christen, als Bekenner meiner Lehre versammelt, so thut ein Gleiches und erinnert euch dabei an mich, an euren Meister und Herrn, der seinen Leib für euch hingab, sein Blut für euch vergoß. Denket, wie viel mich die Gründung einer bessern Religion kostete, schäßzet sie nach dem Maße ihres innerlichen Werthes und nach der Größe des Opfers, welches ich dabei machte. Fühlt, wie wichtig euch diese Religion sein müsse, wie groß und ehrwürdig die Verbindung sei, die ihr als Christen eingehet! Mein Leib mein Blut begeistere eure Treue, euern Eifer, eure Thätigkeit! Kann ein Freund mehr thun, als sein Leben für seine Freunde hingeben? ( Röm. 5, 7.) Konnte ich für die ganze Menschheit mehr thun als sterben, um ihre Ueberzeugung von - - - - 291 der Wahrheit meiner Lehre und eben dadurch das Werk ihrer Beseligung zu vollenden? O Gott! auch mich geht die Wohlthat des Todes Jesu an; auch ich bin in dem Bunde begriffen, welchen er mit seinem Blute versiegelt hat; auch ich soll in dem Mahle der Liebe an seine Liebe für mich für die ganze Menschheit, an meinen Bund mit ihm, an die Pflicht und den hohen Beruf eines Chriſten denken. - Ja, großer Gott! so oft ich das heilige Abendmahl genieße, will ich mich auch daran erinnern, wie erhaben, wie menschenfreundlich der Tod Jesu war, wie viel er für die Wahrheit that, wie viel er für die Tugend litt, wie einzig ihm das Wohl der Menschheit am Herzen lag!- Möchte dann das Andenken an den liebenswürdigen Stifter der christlichen Religion in meinem Busen ähnliche Gesinnungen der Wahrheitsliebe, der Tugendliebe, der Menschenliebe erzeugen! „ Ein Jeder prüfe sich selbst, spricht der heilige Paulus( 1. Kor. 11, 27-29), und so esse er von dieser geheiligten Speise; denn wer den Leib des Herrn unwürdig ist, und von dem Kelche unwürdig trinkt, der ißt und trinkt sein eigenes Gericht; er wird desto sträflicher, je weniger er mit den Gesin19* 292 nungen des Christenthums erfüllt ist, an dessen äußerlichen Anstalten er Antheil nimmt." 3st denn mein Herz von allen bösen Gesinnungen rein? 3st mir die Wahrheit so ehrwürdig, wie Jesu? Fühle ich mich, wie er, aufgelegt, meine eigenen niedrigen Vortheile zu verachten, und edelmüthige, zum Wohle meiner Mitmenschen abzielende Werke zu unternehmen? Habe ich jetzt wehr als jemals den schönen Vorsatz in meiner Seele, nach dem Umfange meines Standes so viel Gutes zu thun, als ich unr immer kann? Bin ich in Gefahren so unerschrocken, wie Jesus? Bin ich auch fähig, um der Rechtschaffenheit willen zu leiden, wie er? Bin ich entschlossen, der Tugend selbst unter den größten Prüfungen getreu zu bleiben, und lieber dem Leben als ihr zu entsagen, wie Jesus? So, großer Gott! will ich mich selbst bei der Todesfeier Jesu beim Genusſe des heiligen Abendmahles prüfen. So oft ich das heilige Abendmahl empfange, will ich auch nach dem Geiste Jesu den Bund des Christenthums erneuern, welchen er selbst mit uns Menschen und dann mit dir, o Vater im Himmel! und uns Menschen gleichsam geschlossen hat. Heilig müsse mir in dem Genusse seines Leibes und Blutes das Evangelium sein, das er verkündigte! Dank, innig 293 ster Dank müsse dann in meinem Herzen über dieses Geschenk deiner Vorsicht rege werden; unverletzlich müsse mir dann jede Menschenpflicht sein, die für mich durch die Annahme des Christenthums eine doppelte Wichtigkeit erhalten hat. Nur dann genieße ich die Speise des Herrn mit Würde, wenn ich mit einem redlichen Herzen, mit dem lebendigen Bewußtsein meines Strebens nach Tugend hinzunahe; nur dann genieße ich sie, wie ich sie genießen soll, wenn durch sie die Neigungen zur Tugend in mir lebendiger werden, wenn jedes Laster in einer neuen Häßlichkeit vor mir erscheint, wenn ich dabei vom Gefühle des Werthes, ein Christ zu sein, und vom Gefühle der Pflicht, als ein Christ zu handeln, durchdrungen bin. Das heißt, das heilige Abendmahl nach dem Sinne des großen Stifters Jesu genießen. Diese heilige Handlung muß mich zu einem besseren Menschen, Bürger und Christen machen. Das ist der Zweck derselben; an diesen Früchten kann ich erkennen, ob ich ein würdiger oder unwürdiger Tischgenosse bei dem Liebesmahle Jefu bin. So will ich mich denn, großer Gott, so oft ich das Abendmahl Jesu feiere, auch in dem Geiste der Bruderliebe erneuern, und das Gebot dieser Liebe meiner Seele immer tiefer einprägen. Wir sind 294 alle insgesammt Glieder eines geheimnißvollen Leibes, der christlichen Gesellschaft, dessen Haupt Jesus, dein Sohn ist( Ephes. 5, 23. Röm. 12, 5); wir essen alle von eben derselben geheimnißvollen Speise, wie die Kinder einer Familie! Liebe soll demnach die Seele meiner Handlungen, der Geist meines Lebens in Jesu sein! Liebe soll das Zeichen sein, daß ich zur christlichen Verbrüderung gehöre! Liebe soll mein unaufhörlicher Gottesdienst, soll meine ewige Anbetung Gottes im Geiste und in der Wahrheit sein! Nie will ich zum Tische des Herrn treten, ohne mich durch Werke der christlichen Liebe dazu vorbereitet zu haben; nie will ich vom Tische des Herrn weggehen, ohne mich daran zu erinnern, daß Jesus alle Menschen liebte- thätig liebte, bis in den Tod liebte; und daß ich seiner unwürdig bin, seine heilige Speise zum Strafgerichte für mich genieße, wenn ich nicht allem Hasse feierlich entsage( Matth. 5, 25), wenn ich nicht allen Menschen von ganzem Herzen wohl will; nicht allen Menschen nach allen meinen Kräften Gutes thue; nicht mit allen Menschen nach dem Umfange meines Berufes und Standortes, in welchen mich deine Vorsehung, o Gott! gesetzt hat, in Einigkeit und Frieden lebe( Hebr. 12, 14). Wohl mir, wenn ich auf solche Art die Speise 295 des Herrn von einer gemeinen Speise unterscheide! Wohl mir, wenn ich mich mit geprüftem, gereinigtem Herzen dem Altare des Herrn nahe! Wohl mir, wenn diese äußerliche Kirchenhandlung immer von würdigen Gesinnungen des innerlichen Christenthums begleitet ist! Dann erfülle ich die segensvolle Absicht Jesu bei der Stiftung seines geistlichen Liebesmahles; dann wird die Feier seines Todes eine immerwährende Begeisterung meiner Tugend sein; dann wird der Leib, den er für mich hingab, das Blut, das er für mich vergoß, ein ewiger Same des christlichen Heldenmuthes sein, und bis an's Ende der Zeiten das Wachsthum der Wahrheit, die er predigte, und der Rechtschaffenheit, die er ausübte, unter seinen Glaubensfreunden in der Welt befördern. Am Charfreitage. „ Dieß spricht der Herr: in ihrer Noth werden sie mich suchen und zu einander sagen: Kommt, laßt uns zurückkehren zu dem Herrn! er hat uns verwundet, er wird uns wieder heilen; er hat uns geschlagen, er wird uns wieder trösten. Er wird uns plößlich wieder aufrichten und wie vom Tode erwecken, und wir werden durch ihn froh einherwandeln. Laßt uns wieder zum Dienste Jehovah's, zu seiner Erkenntniß 296 zurückkehren, und seine Hilfe wird uns so lieblich aufgehen wie die Morgenröthe; kommen wird sie wie ein fruchtbarer Regen gleich nach der Saat, oder kurz vor der Ernte." „ Was soll ich mit dir anfangen, o Ephraim, mit dir, o Juda! Eure Rückkehr ist so flüchtig, als eine Wolfe am Morgen, als der schnell zerfließende Thau! Ich habe sie durch meine Propheten erschüttert, durch die Worte meines Mundes niedergedrückt, und bald werden meine Drohungen wie Feuerflammen ausbrechen. Was mir gefällt, sind nicht Opfer, sondern Barmherzigkeit( Gehorsam, wahre Besserung); nicht Brandopfer, sondern Erkenntniß( wahre Verehrung im Herzen)."( Hoseas 6.) O Gott! du forderst also von deinen vernünftigen Geschöpfen nicht Opfer, sondern Tugend, nicht Brandstücke, sondern Berehrung und Anbetung im Geiste und in der Wahrheit. Dieß ist die Religion, welche die Propheten vorher verkündigten, welche Jesus lehrte und durch seinen großmüthigen Tod gleichsam versiegelte. Möchte mein Herz immer von den edlen Empfindungen dieser heiligen Religion beseelt sein; möchte ich immer an Erkenntniß der Wahrheit und an sittlicher Güte wachsen! Dieß ist meine erste und vorzüglichste Bitte bei der heutigen Feier des 297 Todes Jesu. Er bahnte uns den Weg zur Glückfeligkeit.( Joh. 8, 12. R. 10, 9.) O Gott! wie edel starb er, dein geliebter Sohn, und wie erhaben war der Zweck seines blutigen Opfertodes! Heilig und feierlich sei mir immer die Erinnerung an seine bis in den Tod unbesiegbare Menschenliebe. Tiefer Ernst und andächtige Aufmerksamkeit bemächtigt sich jetzt meines Herzens, indem ich nun die schmerzlichste und zugleich bewunderungswürdigste Geschichte des Leidens und des Todes Jesu lesen will. Nun lese man die Leidens- und Todesgeschichte Christi in den Evangelien Matth. 26. 27; Mart. 14. 15; Luf. 22. 28; Joh. 18. Am Osterfeste. Der Held aus Juda hat gesiegt! Christus ist erstanden! er lebt! er lebt! und der Tod wird künftig nicht mehr über ihn herrschen. Dieß ist, o Gott! auch mein, dieß ist aller Sterblichen Trost! Die Tugend hat hier mit mancherlei Schwierigkeiten zu kämpfen; die Ausübung der Pflichten tst oftmals mit Mühe und Eckel verbunden; das Glück der Lasterhaften macht uns öfters so mißvergnügt, daß wir versucht werden, sie in ihrem Wohlstande zu beneiden. Aber mußte nicht Jesus leiden, so in seine Herrlichkeit eingehen? 298 O! er meinte es so gut mit allen, duldete so liebreich die Schwachheit der Menschen, hatte keine andere Absicht, als allen alles zu werden, und ließ sich weder durch Undank, noch durch äußerliche Hindernisse, weder durch die Größe seiner Arbeit, noch durch den Tod selbst abschrecken, ein Menschenfreund zu sein, und deinen Willen, Vater im Himmel! zu vollbringen. O! die Güte seines Heezens erschien nie im schöneren Glanze, als unter den Verfolgungen, die ihm die Zukunft der Bösen bereitete. Man wird unwillig, wenn man die Vorwürfe liest, welche Neid und Heuchelei dem Vesten aller Menschen machten. Abgerissene Stücke seiner Reden wurden als Ketzereien gebrandmarkt; Liebeswerke als Verletzung des mosaischen Gesetzes verdreht; jetzt schalt man ihn einen Aufwiegler des Volkes, einen Störer der öffentlichen Ruhe; jetzt einen Feind Gottes. Und wie betrug sich der Gute bei allen Stürmen? Ruhig und heiter sprach die Liebe aus ihm; und wenn er allzeit siegte, so war es nicht Ungestüm, nicht Leidenschaft, was ihm den Sieg erwarb. Die Wahrheit- und sie allein war seine Gehilfin. Er bestrafte einen König durch ruhiges Stillschweigen; er belehrte einen Jünger durch einen sanften Blick. Der Rich- 299 ter, der ihn verdammte, wird ihm geneigt durch die Milde seiner Verantwortung; die Priester knirschen ihre Zähne gegen ihn, und er steht vor ihnen, wie ein gutes Lamm, das zur Schlachtbank bestimmt war; das Volk, welches ihn verurtheilt und zugleich bedauert, hört von ihm nur Worte der Sanftmuth; weinet nicht über mich, spricht er, weinet über euch ſelbst. O, der Beste geht mit eben der ruhigen Würde zum Tode hinaus, als er je in das Haus einer seiner Freunde oder Freundinnen eintrat! weil er gut war; weil er aus seinem Tode selbst ein Gut für die Menschheit keimen sah, das in seinen Angen das Opfer des Lebens gering machte. Ach, wie verschönerte seine Sanftmuth noch die letzten Augenblicke seines Lebens. ,, Herr, verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun!" Dieß war der letzte Strahl der Güte, den er über die Menschheit ausbreitete, die ihn verachtet, verdammt und zum Tode gemartert hat. - Jetzt sind aber die Tage seines Leidens vorüber; seine Seele war größer, als alle Prüfungen, die er auf seinem Wege fand. Er besiegte alle Beschwernisse und Verfolgungen, wie die Sonne über die dichteſten Nebel triumphirt. Christus ist erstanden; er lebt, und der Tod wird künftig nicht mehr über ihn herrschen. 300 ***** O, wie soll mich künftig mein Beiſpiel stärken, wenn ich unter dem Drucke des Schicksals fast zu erliegen scheine. Wie soll der Sieg, den er durch seinen großmüthigen Tod erwarb, meinen Muth zu ähnlichen Siegen der Tugend entflammen! Du hast, o Gott, mit weiser und wohlthätiger Hand die Schicksale der Menschen gemischt, nicht immer schlägt die Stunde des Leidens; viel Angenehmes fließt in den Strom des Lebens; in allen Auftritten des Lebens herrscht ein wohlthätiger Wechsel des Guten, und allgemein empfindet man, wenn man nur mit dankbarer Aufmerksamkeit seine Tage durchforscht, ein großes Uebergewicht des Guten und Angenehmen über die traurigen und unangenehmen Ereignisse des Lebens. Oft erquickst du den Menschen mit heimlichem Trost und innerem Vergnügen; oft sind seine Arbeiten auch äußerlich gesegnet; und ob er gleich mit Mühe aussäet, so erntet er doch mit Jauchzen und Frohlocken ein, und trägt die Früchte seiner Bemühungen voll Entzückens einher."( Ps. 125, 5. 6.) Wenn dann aber auch eine Stunde des Leidens kömmt; wenn ein Berufsgeschäft meinen Ernst verlangt; wenn ich auf einige Zeit dem Vergnügen entsagen muß, um mich der Pflicht zu widmen; wenn 301 den die Redlichkeit, die Berufstreue von mir Opfer und Verleugnung fordert; wenn die Tugend mir Verfolgung zuzieht; wenn meine redlichsten Absichten verkannt, meine bestgemeinten Handlungen getadelt werso will ich, o Gott! an deinen Sohn, meinen Lehrer und mein Muster, denken; mit ihm will ich leiden und mich durch die Hoffnung der Ewigkeit, der Unsterblichkeit, auf der Tugendbahn erhalten; mit ihm will ich siegen! dann werde ich auch einst mit ihm zum neuen herrlichen Leben auferstehen, und der Tod wird über mich nicht mehr herrschen.( Röm. 8, 17. 2. Tim. 2, 11.) Amen. Am Himmelfahrtstage. „ Ich gehe zu meinem und eurem Vater, zu meinem und eurem Gott." So sprach Jesus zu seinen Jüngern, ehe er heute die Welt verließ und triumphirend gen Himmel hinauffuhr! so bist du also, o Gott! mein Vater- aller Menschen Vater! so ist denn mein Hinscheiden aus dieser Welt eine Heimkehr zu dir, o Bater! der Tugendhafte, wenn ihn auch der Tod überrascht, kömmt nur früher zum Bater; er wird wie ein müder Wanderer bei der Mittagshiße in dem Hause des Vaters erquickendes Labsal finden. 302 **** Frühe hat Jesus ausgerungen, frühe den Lauf vollendet, den er zu laufen hatte. Nun sitzt er zur Rechten der Allmacht; nun, o Gott, o Vater! nun ist er bei dir! Mit welchem Wonnegefühl konnte er nochmals die Erde überschauen, die er verließ! O, er hat allen wohlgethan! überall traf sein forschendes Auge Spuren seiner edelmüthigen Handlungen an. Nichts, nichts trübte seinen Blick; kein Elend, das durch ihn entstand; keine Thränen, die er auspreßte; keine Unglücklichen, die er machte. Er hat allen wohlgethan! er hat alles wohlgemacht! mit diesem herrlichen, lautern Bewußtsein konnte er um herblicken und ruhig, vergnügt und heiter von der Welt Abschied nehmen, die ihn verkannte, die ihm Gutes mit Bösem lohnte. O! das war der seligste Abschied, den je ein Mensch von der Welt nahm, weil das Gefühl seiner großmüthigsten Menschenliebe einen Vorgeschmack des Himmels darein legte. O Gott! laß meinen Tod wie den Tod dieses Gerechten, meinen Abschied aus der Welt wie den Abschied dieses Menschenfreundes sein! so werde ich die Schrecken und Schmerzen meiner letzten Auflösung weniger fühlen, so werde ich wie Jesus heute zu meinen umstehenden Freunden im Tone des Sieges sprechen können; ich gehe zu meinem und eurem Vater! 303 Aber, ich bin noch nicht am Ende der Laufbahn. Gott! deine Vorsicht mag mir nun noch viele oder nur wenige Stunden des Lebens zugemessen haben, sie sollen mir alle heilig sein, sie sollen durch meinen wohlthätigen Gebrauch heilig werden. Was ich Gutes thun kann, will ich eifrig thun; jeden Augenblick will ich mit dem Stempel der Tugend zeichnen; nichts, was in dem Kreise meines Berufes liegt, sei mir verächtlich gering; nichts; was die Menschen betrifft, ſei mir fremde. - O, ich will mir am Rande des Grabes noch einen solchen Freudenblick auf die Welt, die ich verlasse, erkaufen, wie ihn mein Erlöser bei seinem Abschiede genoß, den wonnevollen Blick des Tugendhaften, des Menschenfreundes- und dann will ich gern die Augen für diese Welt schließen, um zu dir, o Vater! zu gehen und in deinem Lichte neue und höhere Auftritte des ewigen Lebens zu sehen und zu genießen. Amen. Am Pfingstfeste. Gott! ich flehe heute zu dir um jenen heiligen Geist, welcher ehemals nach der Verheißung Jesu von dir über die schüchternen Jünger herabgesendet, sie zu Helden der Wahrheit umschuf( Apost. 2.), um jenen 304 göttlichen Geist, welcher am Pfingsttage über sie ausgegossen, ihre Herzen mitten unter den Stürmen der Verfolgungen mit deinem Frieden, mit der Heiterkeit der Tugend, mit dem Bewußtsein der guten Sache beſeligte. ***** Sende ihn auf mich herab diesen Geist der Wahrheit, daß er die Seele aller meiner Gedanken sei, daß er meine Worte von aller Falschheit, von allem Bösen reinige, daß er in der Redlichkeit aller meiner Handlungen an mir sichtbar werde. Kein irdischer Vortheil soll jemals die Aufrichtigkeit meiner Absichten verrücken; keine Leidenschaft soll mich jemals in dem Bekenntniß der Wahrheit irre machen; nie will ich anders reden, als ich denke; nie will ich meine Zunge durch Verleumdung, durch Verletzung fremder Ehre beflecken; nie soll unter der äußerlichen Hülle scheinbar guter Werke die Schlange des Hasses, der Schadenfreude und anderer niedriger Rathschläge wie im Hinterhalte verborgen liegen. —— - Sende ihn herab diesen Geist des Friedens auf mich, auf alle deine Anbeter, daß alle Menschen durch die Liebe Eins werden, daß alle durch die Gesinnungen der Eintracht, der christlichen Duldsamkeit, des gegenseitigen Wohlwollens immer enger vereinigt - nur eine einige Brüderfamilie ausmachen, in 305 welcher du, o Vater! gemeinschaftlich verehret wirst, in welcher dein Sohn Jesus als Verkündiger der Wahrheit und als Muster der Tugend herrschet, in welcher dein Geist unaufhörlich Früchte des Friedens und der Liebe wirket. " 1 Wir Menschen haben deinen Geist, o Gott! wenn wir als gutgesinnte Kinder deine väterlichen Gebote mit Freude erfüllen." „ Wir haben deinen Geist, o Gott! wenn wir einander als Brüder lieben, mehr durch Thaten als durch Worte lieben." „ Wir haben deinen Geist, o Gott! wenn wir bei den widrigen Schicksalen des Lebens nie untreu werden und keinen andern Tröster wünschen, als das Bewußtsein unserer Unschuld, die Wonne eines gutvollbrachten Lebens und die Ruhe eines Herzens, das sich unter dem Schußze deiner Vorsicht über alle Schwierigkeiten erhebt, und durch die Hoffnung, dem Schöpfer ewig zu gefallen, mit allen Geschöpfen in allen Standorten der Schöpfung zufrieden lebt." Amen. Am Feste der heiligen Dreieinigkeit. Gott! welch ein Glück ist es, daß dein eingeborner, ewiger Sohn Jesus Christus die Welt mit dem wohlthätigen Lichte des Evangeliums erleuchtet hat! Brunner, Jesus. 20 **** 306 Ehemals lag sie in der Finsterniß der Abgötterei vergraben; Götter wurden angebetet, deren Laster und Ausschweifungen, deren Zwistigkeiten und Thorheiten. ein Scheusal der menschlichen Vernunft und ein Aergerniß aller redlichen und für die Tugend gefühlvoller Seelen war. „ Es ist kein Gott, als du, der einige, wahre, allmächtige Gott( 1. Kor. 8, 4-6), welchem Himmel und Erde sein Dasein, seine Ordnung und Schönheit, welchem wir alles Gute, das Leben und alle Wohlthaten des Lebens zu verdanken haben, wel chen alle vernünftigen Geschöpfe als ihren heiligsten Gesetzgeber und unparteiischen, allwissenden Richter verehren." Das glaubt jetzt der durch die Lehre Jesu erleuchtete Mensch, und dieser Glaube belebt seine besten Hoffnungen, entflammt seine Gottes- und Bruderliebe. Welch ein Glück ist es für die Menschen, o Gott! daß sie dich jetzt in dem milden und herzerhebenden Lichte des Evangeliums erkennen! Du gibst ihnen deine Gebote nicht mehr unter Donner und Bliz, du ziehst nicht mehr im Sturme vorüber, um Schrecken zu verbreiten, Feuer und Schwefel, Würgengel, Pest und Seuchen sind nicht mehr die 307 Diener deines Zornes und deiner Rache.( 2. Kor. 3, 17.) Es ist keine Furchtreligion, welche deine Anbeter vor deinem heiligen Altare versammelt. Wir erkennen als freie, mit Vernunft begabte Wesen die hohe Verbindlichkeit vollkommen zu werden, wie du vollkommen bist.( Matth. 5, 48.) Wir heben jetzt unsere Hände zu dir als deine Kinder auf, die für deinen väterlichen Segen danken; wir rufen zu dir als zu unserm gemeinschaftlichen Vater, welcher seine lebendigen Geschöpfe liebt und ihr Dasein nach dem Maße ihrer Empfänglichkeit durch Güte und Weisheit beglücket. Dieß ist die gute Botschaft Evangelium, die Wahrheit, die dein eingeborner Sohn unter die Sterblichen brachte und wodurch sich das Christenthum unter allen Religionen des Erdbodens auszeichnet. das - - Bater, ich bete dich an! Wie herrlich haft du deine Liebe gegen die Menschen geoffenbaret, indem du deinen göttlichen Sohn auf die Erde fandtest, damit wir alle durch ihn belehrt, tugendhaft, und durch Tugend selig würden.( 1. Joh. 2, 9.) Er war bei dir, ehe der Weltgrund gelegt ward. Er ging von dir aus, o Bater! und wohnte unter uns voll Gnade und Wahrheit. Er war dazu geboren, daß er die Wahrheit bezeugen sollte.( Joh. 18, 37.) Er war 20* **** 308 von dir uns zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und Erlösung bestimmt.( 1. Kor. 1, 30.) Darum hast du ihn erhöhet und ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist.( Phil. 2, 9.) Darum sitzt er jetzt an deiner Rechten und ist Allen, die ihm gehorsam sind, eine Ursache der ewigen Seligkeit.( Hebr. 5, 9.) Bater! ich bete dich an. Wie wohlthätig bezeigtest du dich gegen die ersten Verkündiger des Christenthums, indem du ihre niedergeschlagenen Seelen durch den verheißenen Tröster- deinen heiligen Geist( Joh. 14, 16, 17) wieder aufgerichtet und ihre noch mangelhaften Kenntnisse vom Reiche und der Lehre Jesu durch diesen Geist der Wahrheit gereinigt und vervollkommnet hast.( Phil. 2, 13.) Noch jetzt wirkt dieser Geist das Wollen und Vollbringen alles Guten in uns, wenn unser Herz redlich und der Tugend geweihet ist, wenn unser Verstand das Licht der Wahrheit vertragen kann. Noch jetzt theilst du die Gaben dieses heiligen Geistes allen deinen gutgesinnten Kindern mit, denn, wenn die Menschen, welche doch des Bösen fähig sind, ihren Kindern gute Gaben mittheilen, wie vielmehr wirst du, o Bater im Himmel, deinen heiligen Geist denjenigen, die ich darum bitten, mittheilen?( Luk. 11, 13.) - 309 Dieß ist nun die Fülle meines Glaubens! Ein Vater im Himmel, der Schöpfer, der Erhalter des Weltalls, der Gesetzgeber und Richter aller vernünftigen Geschöpfe, der Beglücker alles dessen, was Leben hat, besonders aber der Menschen, insoferne sie sich durch Tugend seiner Wohlthaten würdig und empfänglich machen." ,, Ein ewiger Sohn, der Mittler zwischen uns und dem Vater, der Erlöser des sündigen Menschengeschlechtes, welcher uns jenes Sittengesetz, das tief in unser Herz eingegraben ist, aufs neue mit helleren Zügen vorzeichnete und uns durch seine erleuchteten Lehren den Weg zeigte, aus der Sklaverei der Sünde und des Aberglaubens zu entkommen und als freie, vernünftige, dem heiligen Sittengesetze durchaus gehorsame Menschen vor Gott zu wandeln." 11 Ein heiliger Geist, welcher mit dem Vater und Sohne eins ist, von beiden auf gleiche Art ausgeht Wahrheit, Liebe, Verträglichkeit und Frieden ausbreitet; die Menschen zur Tugend heiliget und zum Ziele ihrer seligen Bestimmung führt. Dieß ist der Inhalt des Christenthums; denn ich bin getauft im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes." 310 Auf diesem Bekenntnisse bleibe ich- Christ; nach diesem Bekenntnisse lebe ich als—- Christ. O Gott! stärke mich in diesem Glauben, daß er Früchte der Tugend trage! Laß mich diesen Glauben immer durch die guten Gesinnungen und Handlungen, die er in mir erzeugt, verherrlichen. Amen. 311 VII. Gebete auf die feierlichen Gedächtnisstage der Heiligen. Unterricht. ie Glaubenslehre der katholischen Kirche von der Verehrung und Anrufung der Heiligen ist sehr einfach. Was in der Ausübung noch jetzt häufig gefehlt wird, läuft gerade gegen die ausdrückliche Vorschrift des Kirchenrathes von Trient. Dieser hat die ganze Lehre unserer Religion, diesen Gegenstand betreffend, in folgende zwei Sätze zusammengefaßt: a) Christum beten wir an, die Heiligen verehren wir; b) es ist gut und nüßlich, die Heiligen anzurufen. ( 25. Sitz.) Wir Katholiken beten also 312 1. Gott allein an, und diese Anbetung Gottes im Geiste und in der Wahrheit besteht, wie Bossuet ſagt, vorzüglich darin, daß wir ihn als den Schöpfer aller Dinge, als unsern Herrn erkennen, ihm durch Glauben, Hoffnung und Liebe aus ganzem Herzen anhängen, und von ihm allein alles Gute erwarten, weil er selbst das höchste und unendliche Gut ist. Nicht so denken wir von Maria und den übrigen Heiligen. Wir beten sie nicht an; wir setzen nicht unser Vertrauen auf sie; wir hängen ihnen nicht durch Glauben, Hoffnung und Liebe an; wir halten sie nicht für die Quelle alles Guten, aus welcher auch unsere zeitliche und ewige Wohlfahrt herkömmt. Wir verehren sie nur und bezeigen ihnen unsere brüderliche Achtung wegen den vorzüglichen Tugenden, die sie in ihrem Leben ausgeübt haben. Diese Verehrung, sagt der Papst Hadrian( epist. ad Constant. Imper.), ist von eben der Art, wie die Verehrung, mit welcher wir fündige Menschen auf Erden einan der begrüßen und unsere Liebe und Achtung gegen einander ausdrücken.“ - 2. Die Anbetung Gottes ist ein nothwendiger und wesentlicher Gegenstand der Religion. Die Verehrung und Anrufung der Heiligen aber ist nicht geboten, sondern nur erlaubt. Merkwürdig ist, was 313 Holden*) hierüber schreibt: ,, Es ist eine falsche Auf bürdung, wenn man sagt, wir müßten die Heiligen verehren und anrufen, und zwar unter der Strafe der ewigen Verdammniß! Wir glauben wohl, diese Verehrung und Anrufung sei nützlich; aber daß alle Katholiken dazn verbunden wären, davon sagt der katholische Glaube kein Wort. Man kann selig werden, und vielleicht werden wirklich manche Katholiken selig, ohne jemals einen Heiligen im Himmel angerufen zu haben." 3. Die Verehrung der Heiligen gründet sich auf die Achtung, welche wir ihren ausgezeichneten Tugenden bezeigen. Wir verehren die heiligen Apostel wegen ihres unermüdeten Eifers in Ausbreitung der Wahrheiten, die sie von Jesu Christo erlernt haben; die heiligen Märtyrer wegen ihrer heldenmüthigen Standhaftigkeit in dem Bekenntnisse dieser Wahrheiten u. s. w. Wer die Heiligen vernünftig verehrt, muß schon vorläufig Achtung für alles sittlich Gute haben; er muß Gefühl für Tugend und für die Würde des Tugendhaften besitzen( welches auch selbst wieder durch diese Verehrung geweckt und erhöhet wird); sonst ist *) Analys. fid. I. II. c. 7. edit. 1793. 314 sie entweder Heuchelei oder eine bloße Gewohnheit oder gar Eigennuß, indem man dadurch weiter nichts bezweckt, als sich bei den Heiligen, wie bei Menschen einzuschmeicheln und ihre Gunst zu erhalten. Wir können nur dann versichert sein, daß wir die Heiligen vernünftig und nach dem Geiste unserer Kirche verehren, wenn wir merken, daß diese Verehrung auf unser Leben wirkt, daß wir immer besser und tugendhafter, und den Heiligen, die wir verehren, ähnlicher werden. -- Daher sind unstreitig jene Gebete an die Heiligen die besten, in welchen ihre Tngenden uns dargestellt und in Erinnerung gebracht werden. Diese Erinnerung wird alsdann für uns ein Antrieb, ihnen nachzuahmen, welches auch der vornehmste Zweck ist, warum man in der katholischen Kirche die Heiligen zur Verehrung aufstellt. Der heilige Augustin sagt sehr schön: Nur jener Christ feiert auf eine vollständige und würdige Weise die Festtage der Märtyrer, der dem Beiſpiele derselben nachfolgt; denn diese Festtage sind eigentlich dazu bestimmt, uns zur Standhaftigkeit der Märtyrer anzuspornen." 4. Die Verehrung der Heiligen darf der Anbetung Gottes nicht im Wege stehen. Gott ist der erste und einzige Gegenstand unserer Religion. Auch die 315 Verehrung der Heiligen muß sich in Gott endigen; denn auch sie haben alles von Gott, und sind, was sie sind, nur durch Gott; denn sie können uns nichts geben, sondern nur für uns bitten, sie sind auch als Heilige bloße Menschen. Daher sollten auch in unsern Gebetbüchern immer die Gebete zu Gott voranstehen. Der Gebete zu den Heiligen dürfen nicht so viele, wie zu Gott sein, damit auch in unsern Andachten der Geist unserer Religion sichtbar sei. Die Gebete zu den Heiligen dürfen unser Vertrauen auf Gott nicht schwächen. Er bleibt immer der Geber alles Guten sie nur unsere Fürbitter. Ich bemerke hier noch: 1. daß nicht alle Handlungen der Heiligen sittlich gut waren und unsere Verehrung verdienen. Die Heiligen waren Menschen wie wir, gebrechlich, den Versuchungen unterworfen, viele von ihnen waren von Irrthümern nicht frei, und viele sogar große Sünder, die sich erst durch eine wahre Herzensänderung zu Gott und zur Tugend erschwingen mußten. Wir müssen also ihre Handlungen nach dem Sittengesetze, wie uns solches durch die Religion und Vernunft in seiner Reinigkeit gelehrt wird, prüfen; und wir dürfen ihnen also nur insoweit nachahmen, als ihre Handlungen sitt lich gut und der Nachahmung würdig sind. - 316 2. Es ist kein Glaubenssatz, daß dieser oder jener Heilige( wenn seine Heiligkeit nicht durch die Schrift selbst bezeugt wird), wirklich heilig sei; denn weder der Papst noch die Kirche, sagt der berühmte Veron, sind unfehlbar in ihrem Urtheile über die Heiligkeit eines Menschen. Ja, es ist nicht einmal ein Glaubenssatz, daß alle diese Menschen, die man für heilig hält, wirklich gelebt haben. Noch viel weniger gehört es 3. zu unserem Glauben, daß alle die Historien von den Heiligen, welche in den Legenden vorkommen, alle die Wunder, welche an den sogenannten Gnadenorten geschehen sein sollen, wahr und zuverlässig sind. Ja, die aufgeklärtesten und frömmsten Schriftsteller unter uns haben sich sehr stark gegen die Fabeln und Erdichtungen ausgelassen, mit welchen die Lebensbeschreibungen der Heiligen angefüllt sind. Der achtungswürdige Bischof Melchior Kanus ( loc. theol. 1. 11. c. 6) schreibt hierüber:„ Mit Bedauern muß ich gestehen, daß das Leben der alten Weltweisen von Diogenes Laertius, und das Leben der Kaiser von Suetonius mit mehr Gewissenhaftigkeit und Treue als die Leben der Heiligen von christlichen Schriftstellern verfaßt sind. Diese zogen meistens nur ihre Neigungen und Leidenschaften zu 317 Rathe und erdichteten so viele sonderbare, lächerliche und unglaubliche Dinge, daß man sie ohne Eckel und Widerwillen nicht lesen kann. Es ist so weit gekommen, daß man Offenbarungen und Wunder für wesentliche Ingredienzien des Lebens eines Heiligen hält, und deren eine Menge ohne gründliche Beweise und ohne hinlängliche Gewährleistung auf die Bahn bringt. Man vergißt, daß die Heiligen auch Menschen waren, und erhebt sie weit über die Grenzen der Menschheit. Selbst in Absicht auf das Leben Christi und Mariä hat man tausend Ungereimtheiten ersonnen, und sie wohl gar für besondere Offenbarungen ausgegeben. Der Erfolg davon ist, daß leichtsinnige und irreligiöse Menschen über unsere Religion spotten, gute und vernünftige Christen aber erröthen und blutige Thränen weinen möchten." 4. Die Anrufung der Heiligen ist, wie die Verehrung derselben, nicht nothwendig, nicht geboten, sondern nur erlaubt. Wie wir unsere lebenden Mitbrüder um ihr Gebet für uns bei Gott ansprechen dürfen, so ist es uns erlaubt, auch die Heiligen im Himmel anzusprechen. Die Heiligen und selbst Maria werden also von uns nur um ihre Fürbitte angerufen; sie können nicht mehr als unsere lebenden Mitchristen thun zu Gott für uns bitten. Der Kirchen- 318 rath von Trient sagt: es sei nützlich, sie auf diese Art anzurufen; allein er setzt sogleich hinzu, daß wir die Heiligen nicht so betrachten dürfen, als wären sie selbst Ausspender der Wohlthaten, um welche wir bitten( diese können wir nur von Gott erhalten), auch nicht als unsere Mittler bei Gott. Christus allein ist unser wahrer Mittler( 1. Tim. 2, 5); die Heiligen bitten Gott für uns, wie auch wir bitten durch Jesum Christum, unsern Herrn. Diese Bestimmungen müssen wir immer genau vor Augen haben, damit wir in unseren Gebetbüchern nicht ausschweifen und die Heiligen höher erheben, ihnen größere Vorzüge und Ehrennamen beilegen, auf sie mehr Vertrauen setzen und mehr von ihnen erwarten, als es unsere heilige Glaubenslehre erlaubt; denn man kann diese eben so sehr durch zu viel als durch zu wenig verletzen. 6. Es ist keine Glaubenslehre, daß die Heiligen die Gebete alle erkennen und wissen, die wir zu ihnen verrichten; es hängt von Gott ab, wie weit er ihnen davon Kenntniß mittheilen will. Es ist keine Glaubenslehre, daß Gott die Fürbitte der Heiligen allemal erhört; denn Gott regiert die Welt nach den weisesten Gesetzen und nach einem vollkommenen Plane, dem felbst die Gebete und Fürbitten der Heiligen unter 319 geordnet sein müssen. Es ist keine Glaubenslehre, daß die Heiligen immer einsehen, was zu unserm wahren Wohle gereicht. Wenn sie also für uns bitten, so müssen sie es Gott anheimstellen, ob die Erhörung ihrer Fürbitte mit den heiligsten und weisesten Rathschlüssen Gottes zusammenstimmt, und also statthaben kann oder nicht. 7. Es wäre ein unerträglicher Aberglaube, wenn wir in dem Wahne stünden, Gott werde uns nicht erhören, wenn wir ihn unmittelbar um etwas bitten; wenn wir zu ihm kommen ohne einen Patron, der unser Gesuch durch seine Fürbitte unterstützte. Er ist ja unser Vater! wir sind ja seine Kinder! darf denn ein Kind nicht frei, ohne Mittelperson, ohne einen Fürsprecher zu seinem Vater kommen und ihn um eine gute Gabe bitten? wie sollte es also nöthig sein, daß immer ein Fürbitter vorangehe, wenn wir von Gott etwas erhalten wollen? Warum sollten wir nicht allein, ohne einen Patron, zu Gott, unserm himmlischen Vater, kommen und ihm um eine gute Gabe bitten dürfen?( Luk. 11.) Es wäre ein ebenso verwerflicher Aberglaube, wenn wir uns Gott wie einen irdischen Monarchen vorstellten und die Heiligen wie seine Hofherren, zu denen wir zuerst kommen müssen, wenn wir von 320 jenem etwas erhalten wollen, oder wie seine Günstlinge, die uns unfehlbar helfen können, wenn sie wollen. Es ist leider! nnr allzugewiß, daß manche Christen sich diese Vorstellung machen, wenn sie die Heiligen anrufen. Selbst in einigen Gebetbüchern und von manchen Predigern wird diese falsche Vorstellung unterhalten. Allein unser Glaube sagt uns das Gegentheil. Die Heiligen können uns nicht helfen. ,, Unsere Hilfe, sagt der heilige Sänger, ist allein vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat." — Die Heiligen können wohl für uns bitten, allein sie beten nicht zu einem schwachen, leidenschaftlichen Menschen, nicht zu einem Monarchen, bei welchem alle Gnaden nach Gunst und Willkür vertheilt werden, sondern zu Gott, zu der ewigen, unendlichen Weisheit, welche das Weltall nach den vollkommensten Gesetzen ordnet und erhält. Ihr Gebet kann nicht kräftiger und nachdrücklicher sein, als das Gebet Jesu, und doch betete er in seinem höchsten Leiden: Nicht mein Wille, o Bater! sondern der deinige geschehe. ( Luk. 22, 42.) So müssen dann die Heiligen auch immer mit Ergebung in den Willen Gottes beten und nicht jede ihrer Fürbitten kann erhört werden. Im 321 Himmel gilt kein Recht der Günstlinge, da regiert die ewige, unveränderliche, höchste Weisheit ſelbst. Aus allem bisher Gesagten folgt nun, daß, wenn wir die Heiligen anrufen wollen, diese Anrufung Gottes, der Heiligen und unserer selbst würdig sein müsse. - Sie muß Gottes würdig sein. Wir müssen dabei nicht außer Acht lassen, daß Gott allein helfen könne, daß wir unser Vertrauen einzig und allein auf Gott setzen müssen, daß, wie der heilige Jakobus sagt, alle gute Gabe, sie mag unser zeitliches oder ewiges Wohl betreffen, nur von oben herab, von dem Vater der Lichter kömmt, daß also Gott der erste und vornehmste Gegenstand unseres Gebetes und unserer Anrufung ist, daß er gleichsam die Seele aller unserer Gebete sein muß. Daher richtet auch die Kirche selbst an den Festtagen der Heiligen ihre Gebete nur allein an Gott, von ihm allein erwartet und hofft sie, was sie durch die Fürbitte der Heiligen zu erhalten wünscht. - Sie muß der Heiligen würdig sein. Wir sollen sie nur in wichtigen Dingen anrufen. Den Heiligen war in ihrem Leben nichts wichtiger, als nach Heiligfeit streben. Auch uns darf nichts wichtiger sein. Wenn wir sie also anrufen, so muß es vorzüglich in Brunner, Jesus. 21 322 der Absicht geschehen, um durch ihre Fürbitte von Gott Kraft, Muth und Liebe zum sittlichen Guten zu erhalten. Um zeitliche Dinge dürfen wir nur insoweit bitten, daß uns Gott geben möchte unser tägliches Brod, d. i. so viel, als wir bedürfen zum Unterhalte des Lebens, um alsdann unsern sittlichen Pflichten desto freudiger und ungestörter obliegen zu können. Verwerflich ist also unsere Anrufung der Heiligen und ihrer ganz unwürdig, wenn wir sie bei ihren Altären nur immer mit Bitten bestürmen um Abwendung uns nüßlicher Leiden, um Erhaltung, überflüssiger Glücksgüter, um lauter irdische Dinge, an welchen unser Herz mit übermäßiger Neigung hängt, da wir indessen der Tugend gar nicht achten und ungebesserte, unsittliche Menschen bleiben, die die Heiligen nicht ihrer Heiligkeit wegen achten, sondern nur aus eigennüßigen Absichten zu ihnen rufen und flehen. Sie muß auch unserer selbst würdig sein. Wir und Christen, unterrichtet in der reinen Lehre des Evangeliums, geleitet durch die aufgeklärten Vorstellungen unseres Zeitaltars und unserer Kirche. Wir sollen also die Heiligen so anrufen, daß wir selbst durch diese Anrufung zeigen: wir schweben nicht mehr in den Finsternissen der dunkeln Jahrhunderte, sondern 323 in dem Lichte der Aufklärung und der bessern Neligionseinsichten. Wir sollen mehr zu Gott als zu den Heiligen beten; wir sollen öfters zu Gott beten, ohne die Heiligen anzurufen, um zu zeigen, daß wir unsere einzige Hoffnung auf ihn setzen, daß wir in ihm den liebreichsten Vater erkennen und alles Gute ganz allein von ihm erwarten. Wir sollen kein blindes und unbeschränktes Vertrauen auf die Fürbitte der Heiligen setzen; dieß würde den Mangel eines echten Religionsunterrichtes bei uns nur zu sehr verrathen. Wir sollen nicht bei jedem kleinen Unfalle, bei jeder von Gott uns zugeschickten Prüfung zu den Altären der Heiligen laufen, und sie in Bewegung setzen, daß sie ja augenblicklich bei Gott um Abwendung derselben für uns anhalten. Der Mensch wird nur durch Leiden von seinen Fehlern geläutert, zur Tugend zurückgeführt, in der Tugend gestärkt und bewährt.( Röm. 5, 3-5.) Die meisten Uebel, um deren Abwendung wir die Fürbitte der Heiligen anrufen, sind uns von Gott zu unserm Frommen zugeschickt; die Heiligen würden etwas von Gott verlangen, was uns schädlich und gegen seine weiseste Güte wäre, wenn sie jedesmal um Abwendung derselben für uns bei Gott bittend einkommen wollten. Trifft uns ein Unglück, so sollen wir un21* 324 sere Kräfte anwenden, um durch eigene Thätigkeit es zu mildern oder wegzuräumen, es zeigt von einem sklavischen Gemüthe, wenn man den Muth sinken läßt, nicht alle seine Kräfte, nicht auch die in unserer Gewalt liegenden natürlichen Mittel zur Abwendung desselben gebraucht, sondern alles nur durch die Heiligen, durch fremde Fürbitte, durch Wunder auszurichten glaubt. Die Verehrung und Anrufung der Heiligen muß aufgeklärt sein, wenn sie unserer würdig sein soll, und sie ist aufgeklärt, wenn sie genau mit dem jetzt gegebenen Unterrichte übereinſtimmt. Auf die Festtage Mariä. Selig ist der Leib, der dich getragen hat; selig sind die Brüste, die du gesogen hast!( Luk. 11, 27.) So sprach einst ein Weib zu Jesu in der vollen Bewunderung seiner schönen Lehren und seiner edlen Handlungen; so pries sie, vermuthlich selbst eine Mutter, die Mutter des Herrn, die das Glück hatte, einen so weisen, so tugendhaften, so in Wort und Thatent großen und erhabenen Sohn zu besitzen. Aber auch ich will und muß sie selig preisen wegen ihrer eigenen Tugenden, mit welchen sie ihre irdische Wanderschaft ausgezeichnet und mir ein rühmliches Beispiel der Gottseligkeit und Gottergebenheit zurückgelassen hat. 325 Mütter und Jungfrauen und jeder Menschensohn kann von ihr lernen, wie man die Pflichten gewissenhaft üben müsse, die Beruf und Stand uns auferlegen. Ihr Beispiel kann uns überzeugen, daß es uns nicht an Kräften fehlt, Gutes zu thun, wenn wir nur immer guten Willen und Entschlossenheit dazu hätten. Durch ihre Rechtschaffenheit, die sie nach den beschränkten Religions- Kenntnissen ihres Volkes in sich ausbildete, beschämt sie manche Schüler ihres Sohnes, obgleich diese in der Religion Jesu viel wirksamere Antriebe zum Guten und vollkommenere Belehrungen tiber Gott und ihre Pflichten finden. Die Geschichte ihres Sohnes enthält so manche vortreffliche Züge ihrer edlen Herzensgüte und ihres reinen sittlichen Charakters, wodurch sie dein Wohl= gefallen, o du heiligstes und vollkommenstes Wesen! auf sich zog. Als Jungfrau war sie ein Muster von Enthaltsamkeit und Reinheit in Wandel und Gesinnungen. Die niedere Wollust, die heutzutage so viele Herzen vergiftet, war ihr ein Gräuel, den jedes Auge mit Eckel und Abscheu betrachtet. Häusliche Eingezogenheit, stille Besorgung häuslicher Geschäfte ohne Sucht, Aufsehen zu erregen, waren ihre Lieblingstugenden. Wie viele Töchter sind ihr hierin ganz und gar nicht 326 oder anähnlich, indem sie nichts weniger ertragen können, als in stiller Eingezogenheit sich selbst und ihrem häuslichen Berufe getreu zu leben; indem sie nichts sehnlicher wünschen, als überall gesehen, bewundert wie der abgöttische Ausdruck lautet gebetet und mit elenden Schmeicheleien überhäuft zu werden; indem sie der Eitelkeit und der Zerstreuung alle die schönen und stillen Freuden an der Seite ihrer besser gesinnten Schwester und ihrer zärtlichen Eltern so gerne aufopfern. Für diese ist Maria, die Mutter Jesu, ein treffliches Muster, nach welchem sie sich bilden müssen, wenn sie ihres Namens würdig sein wollen. - - Als Gehilfin ihres redlichen und theilnehmenden Gatten Josef war sie, o Gott! für jedes Ehepaar, und besonders für jede Ehegenossin, ein Muster des guten Einverständnisses der Treue und Liebe, der häuslichen Sorgfalt und des immerwährenden Bestrebens, alle Freuden und Leiden des Lebens mit ihrem geliebten Gemal zu theilen. Als Mutter und o, welch eine zärtliche und liebevolle, welch eine gewissenhafte und fromme Mutter war sie nicht als Mutter zeigte sie in der That, was Mutterpflicht in ihrem ganzen Umfange sei. Aber wie groß mußte auch die Mutterfreude - 327 sein, als sie bemerkte, daß der Liebling ihres Herzens an Alter, Weisheit und Wohlgefallen bei dir, o Gott, und bei den Menschen zunahm.( Luk. 2, 52.) Wie sehr mußte sich nicht ihre Liebe, ihre Freude und ihre Achtung für ihn erweitern, als sie ihn als Lehrer seines Zeitalters auftreten sah; als sie aus seinem Munde so erhabene Begriffe von dir, o Gott, und deinem heiligsten Willen, eine so reine und vollkommene Sittenlehre vernahm; als er von seinen Landsleuten seiner Weisheit und Tugend wegen so allgemein bewundert, seiner wohlthätigen Handlungen wegen so allgemein gepriesen und geliebt ward! Aber welche Standhaftigkeit, welche Stärke der Seele, welche Gottergebenheit zeigte sie nicht damals, als sie unter dem Kreuze stand und diesen zärtlich geliebten Sohn, von undankbaren und wankelmüthigen Menschen daran geheftet, seinen Geist aufgeben sah; als sie und ein liebender Jünger beinahe die Einzigen waren, die die Unschuld und Größe dieses gekreuzigten Menschenfreundes zu fühlen vermochten, und durch ihre Gegenwart seine letzten Augenblicke versüßten, und seine letzten Segnungen empfingen! O Gott, laß diese schönen Tugenden der Mutter Jesu, laß ihre Demuth und ihr Vertrauen auf dich, ihre Sanftmuth und Menschenliebe, ihre Erge 328 benheit in deine weisesten Anordnungen und die Reinigkeit ihrer Sitten mir zum Vorbilde und zur täglichen Aufmunterung dienen. Rein sei künftig mein Herz und mein Gewissen; unsträflich mein Wandel; eingezogen, sittsam und bescheiden mein ganzes Betragen. Deinen Willen treu befolgen, im Stillen Gutes thun, die Obliegenheit meines Standes genau erfüllen, auch unbemerkt, und von Menschen unbelohnt oder unbelobt meine Pflichten beobachten- dieß sei in Zukunft meine Ehre und mein Bestreben, dieß sei auch die Frucht meiner Verehrung Mariä; so wird das Andenken an ihren frommen Lebenswandel für mich gesegnet sein; so werde ich mich deines heiligen Wollgefallens, o Gott, und ihrer Fürbitte bei dir würdig machen, und dereinst an jener Glückseligkeit Theil nehmen, die du den Tugendhaften nach dem Maße ihrer Tugend austheilest. Amen. Lauretanische Litanci. Herr, erbarme dich unser! Christe, erbarme dich unser! Herr, erbarme dich unser! Christe, höre uns! Christe, erhöre uns! Gott Vater vom Himmel, erbarme dich unser Gott Sohn, Erlöser der Welt, erbarme dich unser! Gott heiliger Geist, erbarme dich unser! Heilige Dreifaltigkeit, ein einiger Gott, erbarme dich unser! Heilige Maria, bitt für uns! Heilige Gottesgebärerin, bitt für uns! Heilige Jungfrau aller Jungfrauen, bitt für uns! Mutter Christi,*) Mutter der göttlichen Gnaden, Du allerreinste Mutter, Du allerkeuscheste Mutter, Du unbefleckte Mutter, Du liebliche Mutter, Du wunderbare Mutter, Du Mutter des Schöpfers, Du Mutter des Erlösers, Du allerweiseste Jungfrau, Du ehrwürdige Jungfrau, Du lobwürdige Jungfrau, Du mächtige Jungfrau, Du sanftmüthige Jungfrau, Du getreue Jungfrau, Du Spiegel der Gerechtigkeit, Du Sitz der Weisheit, Du Ursache unserer Fröhlichkeit, Du geistliches Gefäß, Du ehrwürdiges Gefäß, Du vortreffliches Gefäß der Andacht, 329 *) Bitt für uns! 330 Du geistliche Rose,*) Du Thurm Davids, Du elfenbeinener Thurm, Du goldenes Haus, Du Arche des Bundes, Du Himmelspforte, Du Morgenstern, Du Heil der Kranken, Du Zuflucht der Sünder, Du Trösterin der Betrübten, Du Helferin der Christen, Du Königin der Engel, Du Königin der Patriarchen, Du Königin der Profeten, Du Königin der Apostel, Du Königin der Märtyrer, Du Königin der Beichtiger, Du Königin der Jungfrauen, Du Königin aller Heiligen, O du Lamm Gottes, das du hinwegnimmst die Sünden der Welt, verschone uns, o Herr! O du Lamm Gottes, das du hinwegnimmst die Sünden der Welt, erhöre uns, o Herr! O du Lamm Gottes, das du hinwegnimmst die Sünden der Welt, erbarme dich unser, o Herr! Christe, höre uns! Christe, erhöre uns! Vater unser. Ave Maria. *) Bitt für uns! 331 Auf die Apostel- Feste. Der Gedächtnißtag eines Apostels oder Jüngers des Herrn ist eine frohe Erinnerung an jenen glücklichen Zeitpunkt des auffeimenden Christenthuins, in welchem du, o Gott! dem Menschengeschlechte neue Quellen des Lichtes eröffnet, neue, bis dahin unbekannte oder nicht genug beherzigte Wahrheiten mitgetheilt und uns den Weg zur sittlichen Vollkommenheit auf eine viel hellere Weise gezeigt und weit dringender empfohlen hast. In diesem, von deiner Vorsehung, o Gott! längst vorbereiteten und allmälig entwickelten Zeitpunkte sahen wir würdige Männer erscheinen, welche unter der Leitung und durch das Beispiel ihres Meisters und Lehrers Jesus Christus gebildet, Muth und Eifer genug an den Tag legten, dem allgemeinen Weltverderbnisse entgegen zu arbeiten und die Finsternisse der Abgötterei und des drückendsten Aberglaubens durch Verbreitung einer bessern ReligionsSittenlehre zu zerstreuen. Welche Achtung und Liebe, welchen unbesiegbaren Eifer bezeigten sie nicht für das von Jesu ihnen anvertraute Kleinod einer göttlichen Religion! Voll deines Geistes, o Gott! achteten sie es für nichts, 332. Länder zu durchwandern, Verfolgung zu leiden, vor Gericht gezogen zu werden, den Stürmen des Meeres ausgesetzt zu sein, Hab und Gut zu verlassen, ihren Anverwandten auf ewig Lebewohl zu sagen, mit Hun ger und Durst zu kämpfen, alle Augenblicke mit dem grausamsten Tode bedroht zu sein, wenn sie nur dein Reich, o Gott! dadurch ausbreiten, wenn sie nur den unwissenden oder irrenden oder abergläubischen Menschen reinere Begriffe von dir und ihrer sittlichen Bestimmung beibringen, wenn sie nur die Sünder von ihren bösen Wegen zurückführen und alle ihre Zeitgenossen auf ihre sittliche Würde aufmerksam und mit der höheren und reineren Sittenlehre Jesu als dem einzigen Mittel ihrer Vervollkommnung bekannt machen konnten. Was so viele Menschen mit rastloser Thätigkeit unternehmen, um Reichthum, Macht und Ehre zu erwerben: das thaten sie mit weit edlerem Muthe für Wahrheit und Tugend; das thaten sie mit bewunderungswürdiger Aufopferung aller Bequemlichkeiten des Lebens, zur Aufklärung und sittlichen Bildung des Menschengeschlechtes. Oheiligstes Wesen, welches ich, durch dieſe Männer belehrt, jetzt nach den reinen Begriffen des Christenthums, das ist, im Geiste und in der Wahrheit, anbete! hätte ich auch nur einen Theil ihrer 333 Unerschrockenheit, wenn Menschenansehen mich abhalten will, irgend eine Pflicht zu erfüllen; nur einen Theil ihrer Selbstverleugnung, wenn die Stimme der Eigenliebe mit der Stimme der Vernunft und des Gewissens im Widerspruche steht; nur einen Theil ihrer Uneigennüßigkeit, wenn ich aus Achtung für das Sittengeset, aus Treue gegen meine Pflicht zeitliche Vortheile verachten und von mir abweisen soll; nur einen Theil ihres reinsten Eifers, wenn es darauf ankömmt, die Wahrheit der Religion zu bezeugen und durch Handlungen zu empfehlen; nur einen Theil ihrer Standhaftigkeit, wenn Beschwernisse und gefährliche Versuchungen mich umringen und die wirksamen Antriebe der Religion in mir schwächen oder gar vernichten wollen. Es ist zwar wahr, und die Lebensgeschichte Jeſu bezeugt es öfters, daß sie, besonders in den ersten Jahren ihres vertrauten Umganges mit ihrem göttlichen Lehrmeister, noch sehr unvollkommene Schüler waren. Wie oft mußte nicht Jesus ihre im Judenthume eingesogenen Vorurtheile und Irrthümer bekämpfen! wie oft ihre Begriffe berichtigen, die sie zwar von ihm gehört, aber unrichtig aufgefaßt hatten ( Matth. 16, 5-12)! wie oft erklärte er sie zur Zeit noch für unfähig, gewisse Wahrheiten vollkom 334 men zu begreifen und in ihrem ganzen wohlthätigen Umfange zu durchschauen( Joh. 16, 12. 13); wie oft mußte er ihrer Kleingläubigkeit und ihren durch das Judenthum verengten Herzen Verweise geben ( Matth. 8, 24-26. R. 14, 25-31)! wie oft ihren mehr leidenschaftlichen als aufgeklärten Eifer in die Schranken der Vernunft und der Menschenliebe zurückdrängen( Luk. 9, 54-56)! wie sorgfältig suchte er bei der Annäherung seines traurigen und martervollen Todes ihre schwachen Herzen aufzurichten, ihre Kleinmüthigkeit anzufeuern und dem Aergernisse, welches sie an ihm nehmen würden, zuvorzukommen ( Joh. 16)! wie wehmuthsvoll verkündigte er ihnen, was er in ihren wankenden Gemüthern voraussah, ihre Flucht bei seiner Gefangennehmung und die Verleugnung, die er selbst von demjenigen Jünger ertragen mußte, der mit ihm bis in den Tod zu gehen versprach!( Matth. 26.) Aber, o mein Gott! wenn sie auch Ursache genug hatten, vor dir, dem Herzensprüfer, täglich ihre Schwachheiten und Unvollkommenheiten zu bekennen, so zeigten sie doch in der Folge Eifer und Thätigkeit genug, um in der Erkenntniß der Wahrheiten und in Ausübung der Tugend unter der Anführung ihres großen Meisters immer weitere Fortschritte zu machen, 335 und durch sein Beispiel gestärkt, würdige Schüler dieses Weisen und würdige Werkzeuge zur Ausbreitung ſeiner götttlichen Religion zu werden. Sie lehren mich dadurch auf eine unwidersprechliche Art, daß auch ich bei allen Unvollkommenheiten meines Geistes und Herzens dennoch in allem Guten wachsen, an fruchtbaren Kenntnissen und wahren Tugenden zunehmen werde, wenn ich nur, wie sie, einen guten Willen, ein lernbegieriges Herz besitze; wenn ich nur, wie sie, die Stimme der Religion, die sie uns verkündigt haben, immer gewissenhaft verehre und anhöre; wenn ich mich nur bestrebe, durch ernstliche Beherzigung ihrer Lehren, in den Geist Jesu immer tiefer einzudringen; wenn ich nur, wie sie, auf mich selbst aufmerksam bin; wie sie gegen die Reizungen der Sinnlichkeit kämpfe; Gott und meine Pflicht über alles schäße, und wie sie mit unverrücktem Auge auf Heiligkeit, als das Ziel meines Lebens, hinsehe und mich täglich in dem Muthe und Entschlusse befestige nach nichts Geringerem, als nach diesem erhabenen Ziele mit allen Kräften zu streben. In dieser Absicht, o Gott, will ich öfters den herrlichen Unterricht benügen, den Jesus Christus seinen Jüngern gab, den sie wieder ihren Schülern gaben und der auch zu meiner Erbauung in ihren 336 hinterlassenen Schriften aufbewahret ist. Mit wißbegierigen Herzen will ich die Evangelien und Briefe der Apostel lesen und mit strenger Unparteilichkeit will ich mich dann selbst prüfen, ob ich den christ lichen Glauben, den sie geprediget haben, durch meine Handlungen ehre oder schände? O Gott, gib mir ein gelehriges, wahrheitliebendes Herz, daß ich erkenne, was gut ist; daß ich liebe, was gut ist; daß ich überall und immer thue, was recht ist, was ich als sittlich gut erkenne und liebe. Vorzüglich aber will ich mich beeifern, nach dem Beispiele der heiligen Apostel und Jünger, Wahrheit und Tugend unter den Menschen zu verbreiten, Irrthümer und Aberglauben, so viel in meinen Kräften steht, zu untergraben, dein Reich, o Gott, das ist eine allmälige Vereinigung des Menschengeschlechtes unter sittlichen Gesetzen zu befördern, und die Menschen zu einem Volke Gottes zu bilden, dessen großes, erhabenes Geschäft darin besteht, Früchte der Tugend zu tragen und sich mit unermüdetem Fleiße in guten -Werken, in gottgefälligen Handlungen zu üben. So werde ich in meinem Stande und Berufe, für mich selbst und für meine Mitbrüder- ein Apostel werden und mich jener Glückseligkeit würdig und empfänglich machen, die du, o Gott! für alle Menschen 337 bestimmt haft, die das wahre, das sittlich Gutedie Tugend mit rechtlichem Herzen umfassen und in der Liebe und Ausübung derselben bis ans Ende verharren. Auf Aller Heiligen auch auf die Festtage einzelner Seiligen. O Gott! du hast dem Menschen seine sittlichen Pflichten nahe ans Herz gelegt, seine Vernunft zeigt ihm den hohen Beruf, nach Heiligkeit und Vollkommenheit zu trachten. In dem Bewußtsein seiner Freiheit und seiner Unabhängigkeit von allen äußerlichen Reizungen erkennt er die strenge Nothwendigkeit, seine Neigungen zu beherrschen, seiner Pflicht alle Antriebe der Sinnlichkeit aufzuopfern, sich nach allen seinen Kräften in der Tugend zu üben und sein ganzes Leben hindurch dem Urbilde der Heiligkeit nachzujagen, welches ihm in seiner Vernunft gegenwärtig und durch die Religion als wirklich dargestellt wird. So weit die Nachrichten des Menschengeschlechtes reichen, finden wir auch unter allen Nationen des Erdbodens vortreffliche Menschen, die die Bewunderung selbst der spätesten Nachwelt auf sich zogen, die dem in ihnen wohnenden Gesetze der Heiligkeit durch beifallswürdige Handlungen Zeugniß gaben, die ihrem Brunner, Jesus. 22 338 Zeitalter und ihren Landesgenossen schöne Muster der Sittlichkeit aufstellten, deren schöne, im Lichte der Menschenliebe glänzende, durch das Gefühl der Pflicht beseelte Thaten auch unsere ganze Verehrung verdienen. Wenn wir unter was immer für einem Himmelsstriche, in welchem gebildeten oder ungebildetent Volke sittlich gute und durch ihren großen Tugendsinn ausgezeichnete Menschen wahrnehmen, so dürfen so müssen wir sie achten, so müssen wir uns an ihrem Dasein freuen und an ihrem Beispiele erwärmen. Auch dir, o Gott! gefallen aus allerlei Volke, die da tugendhaft leben; bei dir ist kein Ansehen der Personen; wahre Tugend ist, was dir wohlgefällt, was dir allein gefallen kann, und was dir aus allen ohne Rücksicht auf äußerliche Verhältnisse gefällt. ( Apostelg. 10, 34. 35.) Diese tugendhaften, diese edeln, nachahmungswürdigen Seelen- wir nennen fie Heilige sind dieses erhabenen Namens auch würdig, denn sie strebten jeder nach dem Maße des empfangenen Lichtes, jeder nach dem mehr oder weni ger entwickelten Gefühle der Pflicht, sie strebten alle, heilig zu sein, wie du, o Vater im Himmel! heilig bist.( 1. Petr. 1, 16.) Als du, o Gott, durch deinen Sohn, unsern - 339 Herrn und Heiland ein neues Maß des Lichtes und der Kenntnisse über die Welt verbreitetest, als sich so viele für die Tugend gefühlvolle, nach höherem Lichte schmachtende Menschen zurückgescheucht von den Lastern, Irrthümern und Verderbnissen ihres Zeitalters an die Religion Jesu anschmiegten, welche allein mit ihren bessern Empfindungen und mit ihrem Durste nach Wahrheit übereinstimmte, so nannte man alle Anhänger dieser himmlischen Lehre Heilige.( Nöm. 1, 7.) Aber ach! wie bald bemerkte man auch, daß nicht der Besitz besserer Religionseinsichten, sondern die Treue und der Eifer in Ausübung der erkannten sittlichen Pflichten zu dem vielbefassenden Namen eines Heiligen berechtige.( Matth. 7, 21. Jak. 1, 22.) Die Religion kann heilig sein und die herrlichsten Vorschriften der Heiligkeit enthalten, aber die Bekenner derselben können ausgeartete, verderbte, unsittliche, in deinen Augen, o Gott! verwerfliche Geschöpfe sein. Man ward gezwungen, unter Christen und Christen nach den Stufen ihrer Sittlichkeit einen beinahe gröBern Unterschied, als unter Christen und Heiden zu machen, und nur denen diese ehrwürdige Benennung zu lassen, die sich durch eine vorzügliche Tugend, durch einen höhern Grad sittlicher Güte ausgezeichnet haben. 22* 340 Aber, o mein Gott! du hast so viele Keime des Guten in den Menschen gelegt, eine so tiefe, unvertilgbare Achtung für das Sittengesetz in sein Herz gepflanzt, daß es in dem Menschengeschlechte nie ganz an Früchten der Heiligkeit fehlen kann. Die Geschichte liefert uns die herrlichsten Thaten, von schwachen Menschen vollbracht, als Beweise von dem würdigen Gebrauche ihrer Freiheit, als Ausflüsse ihres guten und unverdorbenen Willens, als Beispiele, die uns die Kraft und die mächtigen Anregungen der Pflicht fundmachen. Sieh, diese Geschichte zeigt uns große Menschen, welche über alle unsittlichen Begierden erhaben, durch heldenmüthige Verleugnung sinnlicher Lüste, niedriger Vortheile, einer eiteln Ehre, ansteckender böser Sitten nach dem einzigen großen Ziele ihrer sittlichen Vervollkommnung strebten; in allen Verhältnissen des Lebens, in den verwickeltsten Lagen, bei den gefährlichsten Verführungen, denen sie ausgesetzt waren, muthvoll an dem Sittengesetze hingen, durch die Liebe desselben begeistert, die größten und mannigfaltigsten Beispiele der Tugend für uns zurückließen. Wir dürfen sie verehren, diese Helden der Tugend, diese erhabenen Freunde alles Guten. Was ist unter Menschen wohl verehrungswürdiger als die Tu 341 gend? Es liegt in der menschlichen Natur, alles was edel und tugendhaft ist, zu bewundern, hochzuschätzen und nachzuahmen. Wer kennt nicht die Kraft der Beispiele? Wenn uns die Lehren der Weisheit rühren, so werden wir durch die Beispiele der Tugend hingerissen. O! man muß selbst kein gutes Herz haben, man muß den hohen Werth und die reizende Schönheit der Tugend gar nicht kennen, wenn man sich weigern kann, ihr den Zoll der Hochachtung zu entrichten. Die Verehrung der Heiligen ist dem Christenthume ebenso angemessen als der Vernunft, denn sie ist im Grunde nichts anders, als Verehrung Gottes in seinen Heiligen Verehrung Gottes in seinen frommen Jüngern. Wir betrachten die Heiligent, deren Andenken uns ehrwürdig ist, als Neben amt großen Weinstocke Jesus( Joh. 15), ihre Tugenden als Ausflüsse aus der Quelle alles Guten, das vont oben herabströmt, von dir, du Vater des Lichtes, der Wahrheit und Heiligkeit.( Jak. 1, 17.) Wir ehren an den Heiligen nur das, was Ehre verdient- ihre Heiligkeit, und verehren die Heiligen besonders dadurch und darum, daß wir begeistert von ihren liebenswürdigen Beispielen den schönen Entschluß fassen, in ihre Fußstapfen einzutreten, ihre edelmüthigen Gesinnun— 342 gen und tugendhaften Handlungen nachzuahmen, und so dich, o Gott! dem allein die höchste Ehre gebührt, in deinen Werken und durch die Ausübung des gemeinnüßigen Guten zu verherrlichen. Ja, wir dürfen sie, diese Heiligen, in frommem Andenken erhalten, aber wir sollen dabei nicht vergessen, daß sie dennoch, was alle Menschen sind, unvollkommene Menschen waren; daß ihre Gesinnungen und Handlungen nicht alle von gleichem, fittlichem Werthe waren; daß sie, als mit den Schwachheiten unserer Natur behaftete Menschen, auch ein Gesetz in den Gliedern ihres Leibes fühlten, welches dem Gesetze des Geistes widersprach( Röm. 7, 23.); daß, indem sie nach reiner Heiligkeit rangen, sie nur eine menschliche, obgleich eine hohe, bewunderungswürdige Tugend errangen, eine Tugend, welche den Kampf bezeichnet, den die Vernunft mit der Sinnlichkeit unaufhörlich zu kämpfen hatte.( Röm. 7, 15-22.) Wir sollen nicht vergessen, daß du, o Gott! allein ganz gut, ganz vollkommen, ganz heilig- allein die höchste, unendliche Heiligkeit bist( 1. Kön. 2, 2. Mark. 10, 18.); daß dir allein von allen vernünftigen Geschöpfen Anbetung, Preis und ewiger Ruhm gebührt; daß wir gegen die Vorschriften unserer Religion handeln, wenn wir selbst die edelsten, die vortrefflichsten Menschen .343 an deine Seite setzen, und die Ehre, die dir als dem Schöpfer, als dem Erhalter des Weltalls, als dem Inbegriff aller sittlichen Vollkommenheit zukömmt ( 1. Tim. 1, 17), an unvollkommene Geschöpfe verschwenden. Wir dürfen auch zu ihnen rufen, wenn uns der Drang des Leibes überwältigt, und wir dann uns näher an gefühlvolle Seelen anzuschließen genöthiget sind. Wir dürfen alle unsere lebenden Brüder zur Vereinigung ihres Gebetes mit dem uns'rigen auffordern. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß sie nicht Gott, nicht Helfer, nicht Retter aus unsern Nöthen find; daß sie, wie wir, von deiner Allmacht und Weisheit, o Gott! abhängig, deinem heiligsten Willen unterthan, alle unsere Schicksale deiner ewigen Vorsehung anheimstellen müssen. Bist du denn nicht der liebreichste Vater aller deiner Geschöpfe? und hat uns nicht Jesus Christus deine ewige Vorsorge für uns unter diesem schönen und einladenden Namen eines Vaters verkündiget?( Matth. 6, 25-34. Joh. 16, 26. 27.) Können wir uns irgendwo hinwenden, wo eine größere Weisheit und Güte zu finden wäre, als bei dir? Und die Heiligen selbst bei ihrer nunmehrigen höheren Erleuchtung, bei ihrer vollkommeneren Erkenntniß, müssen sie nicht mit noch mehr Ueber 344 zeugung, als wir selbst, ausrufen und singen: Wer ist, wie unser Gott? Er, der hoch droben wohnt, und doch hinabschaut auf die Himmel und den Erdboden! Er, der aufrichtet aus dem Staube den Elenden, aus dem Kothe erhöhet den Armen!"( Ps. 112.) Unermeßlich ist seine Kenntniß; er gibt dem Müden Stärke, und den Kraftlosen führt er mit Macht."( Jes. 40.) „ Jede heilsame Gabe und jedes echte Geschenk kommt von ihm herab, dem Vater des Lichtes, bei welchem kein Wechsel ist, auch kein Schatten von Veränderung." ( Jak. 1, 17.) Das Andenken an heilige und tugendhafte Menschen sei uns also vorzüglich darum wichtig, weil wir aus der Betrachtung ihrer Tugenden lernen, was der Mensch Gutes thun kann, wenn er mit Ernst und Nachdruck will, und deiner Gnade, o Gott! durch männliche Mitwirkung entspricht. Sie zeigen uns die Kraft und den Sieg unserer Freiheit über alle Anreizungen der Sinnlichkeit. Wir sind frei( welch ein erhabener Gedanke! und können die Fesseln böser Gewohnheiten zerreißen, wenn wir wollen. Wir sind frei( welch ein ermunternder Gedanke!) und können den beschwerlichen Weg der Pflicht wandern, sobald es unser ernsthafter Wille ist. Keine Versuchungen, keine sinnliche Lust, nichts kann uns Gewalt anthun, nichts " 1 345 kann uns zwingen böse zu sein! Es wohnt eine Gabe Gottes in uns, unsere Freiheit, welche jedem Reize zur Sünde trotzen kann; und wenn sie sich hinreißen läßt zum Bösen, durch eigenen Entschluß, und nicht durch äußere Mächte, dazu verleitet wird.( Jak. 1, 14.) Das, o Gott! lernen wir aus dem Beispiele der Heiligen, die durch deine Gnade und die Wahrheiten der Religion unterstützt, Meister ihrer Sinnlichkeit wurden und mit unerschütterlicher Treue den Weg ihrer Pflichten und deiner Gebote gingen, ohne durch so mancherlei Versuchungen des Geizes, der Hoffart, der Wollust und böser Gelegenheiten überwältigt, vom Pfade der Tugend und des sittlichen Guten abzuweichen. Sie zeigen uns auch, daß man in jedem Stande, in jeder Lage des Lebens tugendhaft sein und tugendhaft bleiben könne. Finden wir nicht überall, unter rohen wie unter gebildeten Nationen, auf dem Throne wie in der ländlichen Hütte, im weltlichen wie im geistlichen Stande, vortreffliche Menschen, die der erkannten Pflicht in ihrer Lage mit bewunderungswürdiger Treue nachleben, unsere Schwachheit durch ihre Stärke, unsere Wankelmüthigkeit durch ihre ausdauernde Kraft, unsere sklavische Neigung zur Sünde durch ihre edle Freiheit in der Wahl des Guten beschämen? 346 3war nicht alles, was wir in den Lebensbeschreibungen der Heiligen lesen, ist für uns anwendbar. Wir wollen uns nicht an die Wunder halten, welche oft mehr zum Schmucke als zur Wahrheit der Geschichte gehören. Wir wären auch keine wahrhaften Schüler deines Sohnes Jesus Christus, wenn wir noch zu sehr nach Wundern und Zeichen begierig wären. Diese Wundersucht hat er ja an den Juden getadelt ( Matth. 12, 39.- 16, 4); um wie viel mehr würde er sie als Schwachheit an seinen Schülern verwerfen. Wir wollen uns nicht an die außerordentlichen Werke halten, die von den Heiligen erzählt werden. Nicht alles, was auch gute Menschen thun, ist gut, und mit deinem heiligen Gesetze, o Gott! übereinstimmend; nicht alles, was Menschen erzählen, ist wahr; nicht alles, was die Lobredner der Heiligen von ihren Thaten rühmen, verdient Ruhm und Beifall. Das Evangelium, die Sittenlehre Jesu, und unsere Vernunft sollen uns in Beurtheilung ihrer Handlungen leiten. Wo sie eine Pflicht erfüllten, wo sie deine uns bekannten fittlichen Gesetze beobachteten, wo sie thaten, was recht und gut ist und allgemeine Achtung verdient: da wollen wir ihnen nachahmen- nicht ihrer wegen, sondern um der Pflicht willen, die wir mit ihnen gemein haben; da wollen wir mit ihnen gleich 347 sam wetteifern und zeigen, daß wir auch die Freiheit deiner Kinder, o Gott, haben( 2. Kor. 3, 17); und daß wir durch deine Gnade und die Empfindungen der Religion gestärkt, alles Gute, wie sie, können und alles Gute wollen. So gib mir denn, o Gott, deinen reichlichen Segen, daß ich diese jetzt beherzigten Wahrheiten nie mehr vergesse, daß ich den jetzt gefaßten guten Entschließungen immer getreu nachkomme; laß mich in den Tugenden der Heiligen immer neue Antriebe zur Ausübung meiner eigenen Pflichten finden, damit ich von ebenso warmer Liebe zu allem Guten, wie sie, getrieben, unaufhörlich zum Ziele meines Lebens, zu immer größerem Wachsthume in Tugend und Heiligkeit( Offenb. Joh. 22, 11) strebe, und mit ihnen dereinst auch an den Belohnungen Theil nehme, welche Denen versprochen sind, die in der Ausübung ihrer sittlichen Pflichten bis an's Ende verharren.( Matth. 10, 22. Kap. 24, 13. Jak. 1, 12.) Amen. Litanei von allen Heiligen. Herr, erbarme dich unser! Christe, erbarme dich unser! Herr, erbarme dich unser! Christe, höre uns! Christe, erhöre uns! 348 Gott Vater vom Himmel, erbarme dich unser! Gott Sohn, Erlöser der Welt, erbarme dich unser! Gott heiliger Geist, erbarme dich unser! Heilige Dreifaltigkeit, ein einiger Gott, erbarme dich unser! Heilige Maria, bitt für uns! Heilige Gottesgebärerin, bitt für uns! Heilige Jungfrau aller Jungfrauen, bitt für uns! Heiliger Michael,*) Heiliger Gabriel, Heiliger Rafael, Alle heiligen Engel und Erzengel, Alle Chöre der seligen Geister, Heiliger Johannes der Täufer, Heiliger Josef, Alle heiligen Patriarchen und Profeten, Heiliger Petrus, Heiliger Paulus, Heiliger Andreas, Heiliger Jakobus, Heiliger Johannes, Heiliger Thomas, Heiliger Jakobus, Heiliger Philippus, Heiliger Bartholomäus, Heiliger Matthäus, Heiliger Simon, Heiliger Thaddäus, Heiliger Mathias, *) Bitt( bittet) für uns! Heiliger Barnabas,*) Heiliger Lukas, Heiliger Markus, Alle heiligen Apostel und Evangelisten, Alle heiligen Jünger des Herrn, Alle heiligen unschuldigen Kinder, Heiliger Stephanus, Heiliger Laurentius, Heiliger Vinzentius, Heiliger Fabian und Sebastian, Heiliger Johannes und Paulus, Heiliger Kosmas und Damianus, Heiliger Gervasius und Protasius, Alle heiligen Märtyrer, Heiliger Sylvester, Heiliger Gregorius, Heiliger Ambrosius, Heiliger Augustinus, Heiliger Hieronymus, Heiliger Martinus, Heiliger Nikolaus, Alle heiligen Bischöfe und Bekenner, Alle heiligen Kirchenlehrer, Heiliger Antonius, Heiliger Benediktus, Heiliger Bernardus, Heiliger Dominikus, Heiliger Franziskus, *) Bitt( bittet) für uns! 349 350 Alle heiligen Priester und Leviten,*) Alle heiligen Mönche und Einsiedler, Heilige Maria Magdalena, Heilige Agatha, Heilige Lucia, Heilige Agnes, Heilige Cäcilia, Heilige Katharina, Heilige Anastasia, Alle heiligen Jungfrauen und Witwen, Alle Heiligen Gottes, Sei uns gnädig, verschone uns, o Herr! Sei uns gnädig, erhöre uns, o Herr! Von allem Uebel, erlöse uns, o Herr! Von aller Sünde,**) Von deinen Strafgerichten, Von einem jähen und unversehenen Tode, Von den Nachstellungen des bösen Feindes, Von Zorn, Haß und allem bösen Willen, Vom Geiste der Unlauterkeit, Von Blitz und Ungewitter, Von dem ewigen Tode, Durch das Geheimniß deiner heiligen Menschwerdung, Durch deine gnadenreiche Geburt, Durch deine Taufe und heiliges Fasten, Durch dein Kreuz und Leiden, Durch deinen Tod und dein Begräbniß, Durch deine glorreiche Auferstehung, *) Bitt( bittet) für uns! **) Erlöse uns, o Herr! Durch deine wunderbare Himmelfahrt,*) Durch die Ankunft des heiligen Geistes, Am Tage des Gerichtes, Wir arme Sünder, wir bitten dich, erhöre uns! Daß du uns verschonest,**) 351 Daß du uns verzeihest, Daß du uns zur wahren Buße führen wollest, Daß du deine heilige Kirche regieren und erhalten wollest, Daß du den obersten Hirten und alle Stände der Kirche in der heiligen Religion erhalten wollest, Daß du die Feinde deiner heil. Kirche demüthigen wolleft, Daß du unsern Kaiser und König N. N. beschützen wollest, Daß du den Königen und christlichen Fürsten Frieden und wahre Eintracht geben wollest, Daß du allen christlichen Völkern Frieden und Einigkeit verleihen wollest, Daß du uns selbst in deinem heiligen Dienste stärken und erhalten wollest, Daß du unsere Gemüther zu himmlischen Begierden erheben wollest, Daß du alle unsere Wohlthäter mit ewigen Gütern belohnen wollest, Daß du unsere Seelen und die Seelen unserer Brüder, Verwandten und Wohlthäter vor der ewigen Verdammniß bewahren wollest, Daß du uns die Früchte der Erde geben und erhalten wollest, *) Erlöse uns, o Herr! **) Wir bitten dich, erhöre uns! 352 Daß du allen verstorbenen Gläubigen die ewige Ruhe verleihen wolleft, wir bitten dich, erhöre uns! Daß du uns erhören wolleft, wir bitten dich, erhöre uns! Du Sohn Gottes, wir bitten dich, erhöre uns! O du Lamm Gottes, welches du hinnimmst die Sünden der Welt, verschone uns, o Herr! O du Lamm Gottes, welches du hinnimmst die Sünden der Welt, erhöre uns, o Herr! O du Lamm Gottes, welches du hinnimmst die Sünden der Welt, erbarme dich unser, o Herr! Christe, höre uns! Christe, erhöre uns! Herr, erbarme dich unser! Christe, erbarme dich unser! Herr, erbarme dich unser! Vater unser 2c. 253 VIII. Sebete für alle Stände und Gattungen der Menschen. Für die heilige Kirche Gottes. aß sie nicht nach dem Buchstaben, welcher tödtet, sondern nach dem belebenden Geiste Jesu trachte; daß aus allen ihren Anstalten mehr die Belehrung als Beherrschung( 2. Kor. 1, 24) der Gläubigen hervorleuchte, und daß sie stets die Verbreitung fittlicher und echter Religionswahrheiten zur Beförderung menschlicher Tugend als den vornehmsten Zweck ihrer Stiftung betrachte. Allmächtiger, ewiger Gott! behüte die Christengemeine, die sich im Namen und unter der heilsamen Lehre Jesu vereinigt hat, vor dem zerstörenden Geiste der Herrschsucht, wie auch vor aller Zwietracht und Haß. Laß alle Menschen an fruchtbaren Religionskenntnissen wachsen; laß uns alle mit redlichem und Brunner, Jesus. 23 354 demüthigen Herzen nach Wahrheit trachten; laß uns alle mit standhaftem Eifer, was recht und gut ist, ausüben, und gib, daß wir die Einigkeit des Christenthums vorzüglich durch diesen brüderlichen Wetteifer und durch die Befolgung der allgemeinen Sittenlehre, die es empfiehlt, zu erreichen suchen.( Philipp. 2, 2.) Amen! Für den Papst, den ersten Hirten, für die Bischöfe und für alle Vorsteher und Lehrer der Kirche. Daß sie mit Demuth nach Wahrheit forschen; daß sie Wahrheiten mit Sanftmuth lehren und dem bescheidenen Wahrheitsforscher mit Duldung, Liebe und Dank begegnen; daß sie der Gemeine Gottes mit erleuchtetem Eifer und noch mehr durch ihr Beispiel, als durch den Eindruck ihrer erhabenen Würde vorstehen. Allmächtiger, ewiger Gott! dessen geliebter Sohn, der edelste Menschenfreund, der treueste Lehrer der Wahrheit, von jüdischen Priestern mißfannt, miß verstanden und bis in den Tod mißhandelt und verfolgt, als ein Opfer der Unduldsamkeit, der Bosheit und des Religionshaffes starb! o gib, daß die heutige Feier des Todes Jesu, des Gerechten, des Unschuldigen einen unauslöschlichen Abscheu vor aller Unduldsamkeit und Verfolgungssucht in meinem und aller Menschen Herzen zurücklasse. Flöße allen Men 355 schen, besonders aber allen Priestern, den Geist der Liebe und Sanftmuth ein und gib, daß sie, frei von Vorurtheilen und Stolz, überall der Wahrheit huldigen, mit dem Wachsthume einer redlichen Aufklärung in unsern Tagen fortschreiten, sich nur durch gründliche Gelehrsamkeit und einen auferbaulichen Lebenswandel auszeichnen und dadurch ihren Stand so= wohl als die Religion selbst ehrmürdig machen. Amen. Für den Landesregenten. Daß er es fühle, wie gut es sei, ein guter Regent zu sein; daß er in seinen Unterthanen immer seine Brüder und Mitmenschen erkenne und schätze; daß er nicht nach Laune und Willkür, sondern nach gerechten und menschlichen Gesetzen Land und Leute regiere; daß er niemals jene gesegnete Wahrheit vergesse, die das Wohl der Staaten gründet und befestiget; die Fürsten sind ihrer Unterthanen, nicht die Unterthanen ihrer Fürsten wegen da! Allmächtiger, ewiger Gott! leite und lenke das Herz unsers Regenten, daß er sein Glück, seinen Ruhm und selbst seine Frömmigkeit darein sebze, und suche, ein gerechter, weiser und wohlthätiger Fürst zu sein. Laß sein öffentliches und sein häusliches Leben durch fürstliche Tugenden, durch Milde, Sanftmuth 23* 356 und Wohlthätigkeit glänzen. Nie werde unter ihm eine Seele durch fürstliche Leidenschaft betrübt; nie weine durch seine Schuld ein Unterthan. O Gott! mehre durch ihn die Zahl guter Fürsten, und laß ihn und sein Land lange den Segen einer weisen und wohlthätigen Regierung genießen. Amen. Für alle Obrigkeiten. Daß sie die Pflichten ihres großen Berufes recht erkennen und getreu erfüllen; daß sie ohne Ansehen der Person, ohne Menschenfurcht und Eigennuß, dem Armen wie dem Reichen, dem Hohen wie dem Niedrigen Recht sprechen; daß sie die öffentliche Ruhe und Sicherheit handhaben, sich der Witwen und Waisen und der gedrückten Unschuld vorzüglich annehmen und überhaupt das Wohl aller ihrer Untergebenen mit unermüdetem Eifer befördern. Allmächtiger, ewiger Gott! alle Gewalt kömmt von dir und es ist dein heiliger Wille, daß jeder Mensch seiner vorgesetzten Obrigkeit einen gewissen Gehorsan leiste.( Röm. 13.) O präge diese wohlthätige, dem Völker- und Staatenglücke unentbehrliche Wahrheit tief in jedes Menschenherz ein. Laß nicht zu, daß der Geist der Unruhe und der Widerspenstigkeit Zerrüttung und Elend über den Erdboden ver 357 breite. Je aufgeklärter die Menschen werden, desto tiefer sei auch ihre Achtung gegen das Gesetz, desto williger ihr Gehorsam. Gott! regiere das Herz aller Obern, daß sie nicht selbst durch den Mißbrauch der ihnen anvertrauten Gewalt den Samen des Mißverguügens und der Empörnng ausstreuen, sondern durch Gerechtigkeit, Wohlwollen und Menschlichkeit sich die Liebe und das Vertrauen ihrer Untergebenen erobern. Amen. Für alle Stände der bürgerlichen Gesellschaft. Daß sie alle Glieder eines Leibes einander durch wechselseitige Hilfe unterstützen; daß sie von Vaterlandsliebe und Menschenliebe gleich beseelet, in der großmüthigen Beförderung des gemeinschaftlichen Wohles ihre eigene Wohlfahrt suchen und durch Thätigkeit, Klugheit und Liebe, die von der Menschheit unzertrennlichen Uebel zu mindern, oder wenn es zum Theil sein kann, auch zu tilgen sich bestreben mögen. Allmächtiger, ewiger Gott! du hast uns alle in einen gesellschaftlichen Körper, wie die Glieder eines Leibes, zusammengefügt, damit wir unsere wechselseitigen Bedürfnisse und durch wechselseitige Hilfe erleichterten; laß alle Menschen mit gemeinschaftlichem Eifer an Beförderung des gemeinschaftlichen Wohles 358 arbeiten. Ein Herz und Eine Seele belebe uns alle. Keiner trachte aus Eigennuß nach Vortheilen, welche dem Ganzen schädlich sind. Keiner scheue die Mühe, die vielen, obschon ihm selbst nicht unmittelbar, nüßzlich ist. Gewinne ich denn nicht- gewinnen denn nicht alle und jede bei dem Wohle des Ganzen? Von diesem Grundsatze, aber noch viel mehr und zuerst von der erhabenen Pflicht, welche uns bei dem Rufe des Gesetzes zu allen, auch den schwersten Verleugnungen der Eigenliebe auffordert, will ich mich immer mehr überzeugen. Die Vorstellung dieser heiligen Pflicht soll die einzige Triebfeder aller meiner Handlungen, die Seele aller meiner Berufsgeschäfte sein. Ein guter, redlicher, uneigennüßiger Bürger des Staates zu werden, soll eine meiner vorzüglichsten Bestrebungen und in meinem Berufe eine der schönsteu Tugenden sein. Amen. Für alle Christen, die in der Religion anders denken und glauben. Daß sie die Wahrheit redlich suchen und in der Erkenntniß derselben mit uns gemeinschaftlich wachsen ( Ephes. 5, 10); daß, wenn wir gleich ihren Glaubensmeinungen nicht beistimmen können, wir doch in auf richtiger Bruderliebe mit ihnen vereinigt leben mögen. 359 Allmächtiger, ewiger Gott! von dir stammt die Verschiedenheit unserer Geisteskräfte, das ungleiche Maß unserer Fähigkeiten her. Möchten wir doch einsehen, daß der Vorzug des Glaubens allein ohne treue Befolgung deiner Gebote uns keinen ausschließenden Anspruch auf deine Liebe und die Seligkeit gebe.( Jal. 2, 14.) Wenn daher viele Christen der Erkenntniß nach in mehreren Punkten von unsern Ueberzeugungen in der Religion abweichen, so wollen wir desto mehr bemüht sein, daß wir wenigstens in einem guten Lebenswandel und in einer allgemeinen Liebe für einander zusammentreffen. Deine heilige Vorsehung wird uns zu seiner Zeit auch in der Erkenntniß einander näher bringen. Auch diese Verschiedenheit des Menschengeschlechtes in Religionsmeinungen muß am Ende zu dem wundervollen Plane deiner göttlichen Weltregierung übereinstimmen. Sie erzeugt in uns ein eifriges Forschen nach Wahrheit; sie bringt durch Widersprüche selbst Aufklärung und Wachsthum der Wahrheit unter uns hervor; sie läßt unsere geistigen Kräfte nie in jene gefährliche Stocung und Unthätigkeit versinken, in welcher die Unwissenheit, der Aberglaube und der Irrthum unter dem Menschengeschlechte überhandnehmen und selbst die reinen Grundsätze der Sittenlehre untergraben. 360 Ich danke dir, o Gott! für das Maß des Lichtes, welches du mir hast zukommen lassen; ich will auch andere mit Liebe und Bescheidenheit daran Theil nehmen lassen, aber Niemand dazu zwingen: Glaubt! ich will die Wahrheit selbst nicht oder deswegen haffen, weil er nicht, wie ich, durch Drohungen, durch Flüche und Verwünschungen, durch heimliche Nänke und Anschläge oder andere unsittliche, dem Geiste der christlichen Duldsamkeit zuwiderlaufende Mittel verbreitet? Gott! ich empfehle deinem heiligen Schußze alle meine Mitchristen, von welchem Glaubensbekenntnisse sie auch sein mögen. Bei allem Unterschiede in Glaubenslehren können sie doch redlich und tugendhaft sein, und wie könntest du, o heiligster Gott! Tugend und Redlichseit bestrafen, wenn sie auch mit Irrthum verknüpft wäre? und wie sollte ich meine Brüder verdammen, welche mir dein Apostel zu verdammen verbietet( Röm. 14, 4), über deren Redlichkeit und Wahrheitsliebe dir allein das Urtheil zustehet? Nein, lieben will ich sie und durch diese Liebe bezeugen, daß ich ein echter Schüler deines Sohnes, daß ich ein redlicher und aufgeklärter Bekenner seines Evangeliums sei. Amen. 361 Für die Inden. Daß sie sich im Geiste der Menschenliebe an die übrigen Nationen des Erdbodens anschließen, an ihrer Bildung und Aufklärung Theil nehmen und mit ihnen ohne allzugroße Vorliebe für ihre väterlichen Erblehren und Gebräuche durch die Bande des Blutes, der Gesetze und der Kenntnisse vereinigt, gute sittliche Menschen und würdige Bürger des Staates werden mögen. Allmächtiger, ewiger Gott! ich flehe zu dir für das Wohl einer zerstreuten Nation, die so manchen Druck, so manche Verachtung besonders in der Vorzeit dulden mußte! Ach! das Elend dieser Unglücklichen schien vielen ein Triumph der Lehre Jesu zu sein, und um diesen Triumph desto glänzender zu machen, vergrößerte man ihr Elend und zerstörte in diesem geschäftigen Volke jeden Keim des bürgerlichen und häuslichen Glückes. Die Religion Jesu wurde ihnen verhaßt, weil so manche Bekenner derselben ihre ewigen und gleichsam geschwornen Feinde waren. Nie soll ein so unwürdiger und feindseliger Glaubensstolz mein Herz verblenden und verderben. Da ich, o mein Gott! von Jesu gelernt habe, daß alle Menschen Brüder sind, so will ich an ihnen die Men 362 schennatur und die Menschenrechte verehren, die sie mit mir gemein haben; ihr Elend selbst und ihre bürgerliche Erniedrigung soll mir fernerhin die thätigste Begierde einflößen, sie zu trösten, ihr Leiden zu mildern und sie durch den Antheil, den ich an ihrem Schicksal nehme, von dem betäubenden Schlage ihrer ehemaligen Zerstörung wieder aufzurichten. A. Für die leidende Menschheit. Für alle, die im Gefängnisse schmachten, die in Gefahren, in Angst und Nöthen sich befinden; für Witwen und Waisen; für alle Kranken und siechen Menschen; für diejenigen, welche sich in gefährlichen Unternehmungen, im Kriege, auf Reisen, außer ihrem geliebten Vaterlande, unter bösen und grausamen Herren als Sklaven befinden; für alle, deren Gemüth durch traurige Vorstellungen oder allgemeine Unglücksfälle niedergedrückt ist; endlich für alle, die unter dem Drucke der Armuth, der Nahrungssorgen und der Verachtung seufzen, die von ihrem eigenen bösen Gewissen oder von bösen Menschen wie immer verfolgt werden. Allmächtiger, ewiger Gott! liebreicher Vater im Himmel, gerechter und gütiger Weltregierer! Laß dir alle meine Mitmenschen empfohlen sein, die von was immer für einem Unglücke gebeugt, von Menschen 363 verlassen, verkannt oder vielleicht gar mißhandelt, nur noch durch den Glauben an deine heilige Vorsehung unterstützt werden. Befreie alle müden und kummervollen Seelen( wenn es dein heiliger Wille ist, dem alle Geschöpfe unterthan bleiben müssen) von ihrer drückenden Last. Laß sie bei der Fortdauer ihrer Leiden, in der stillen ergebenheitsvollen Anbetung und Verehrung deines heiligen Willens, Trost und Beruhigung, und in dem Beispiele deines bis in den Tod duldenden Sohnes Kraft und Ermunterung finden. Gib, daß sie durch diese zeitlichen Leiden, wenn sie sich von dem Wege der Tugend entfernt haben, darauf zurückgeführt, oder wenn sie unschuldig leiden, wie das Gold im Feuer, nur mehr noch bewährt und geläutert, zu höhern Stufen ihrer sittlichen Vervollkommmung geführt werden. Laß in dem Menschengeschlechte bei der sich immer mehr ausbreitenden Aufklärung und Menschlichkeit alle heilsamen Anstalten zur Minderung des menschlichen Elendes gedeihen. Segne die pflichtmäßigen Bemühungen der Unglücklichen, wodurch sie sich selbst helfen, oder wenigstens einen Theil ihrer Last von sich abwälzen wollen. Segne auch meinen Entschluß, den ich durch die heutige Feier des Todes Jesu begeistert auf's nene faffe, zur Minderung des menschlichen Elendes, in meinem 364 Wirkungskreise und Berufe, so viel beizutragen, als ich vermag und als Vernunft und Religion und selbst mein innigst gerührtes Herz mir auferlegt. Amen. Für alle Menschen. Daß Wahrheit und Aufklärung, Religion und Tugend unter allen Völkern des Erdbodens immer mehr verbreitet werde; daß alle Menschen mit edlem Wetteifer und durch gegenseitige Beiſpiele ermuntert an ihrer sittlichen Vervollkommnung unaufhörlich arbeiten und nach dem höchsten Gute- der Heiligkeit - aus allen Kräften streben; daß ferner die Güter des Lebens, welche uns die göttliche Vorsehung auf dem ganzen Erdenrunde so reichlich zugetheilt hat, durch geschäftiges Nachdenken immer mehr entdeckt, durch gemeinschaftlichen Fleiß immer mehr bearbeitet, durch guten Geschmack immer mehr veredelt, und von allen Menschen ohne schädliches Uebermaß, ohne Nachtheil ihrer Brüder und ohne Verlegung höherer Pflichten genossen werden mögen. Allmächtiger, ewiger Gott! unter deiner heiligen Vorsehung steht das Menschengeschlecht als eine zur Tugend und Glückseligkeit bestimmte große Familie. Laß alle Menschen an den liebreichen Anstalten deiner heiligen und weisen Weltregierung ge= 365 segneten Antheil nehmen; gib, daß alle Nationen immer mehr von ihrer rohen Denkart, von Irrthümern und Aberglauben sich reinigen und fähig und würdig werden, ein Volk Gottes unter sittlichen Geseßen zu sein. Gib, daß die Anhänger aller Kirchen immer mehr ihre Abweichungen von der reinen Sittenund Religionslehre, ihre Mißbräuche, ihren schwärmerischen Sektengeist, wo er noch herrscht, verlassen, und sich zu jener vollkommenen Religion erheben, welche das Menschengeschlecht fruchtbar an guten Werken macht und wo das Band der Einigkeit die wahre Erkenntniß Gottes und des sittlichen Guten ist.( Joh. 1, 17.) Gib, daß alle Völker der Erde in friedlicher Vereinigung mit ihren Fürsten und Regenten ihre bürgerlichen Gesetze mit aufgeklärtem und ruhigem Eifer zu verbessern trachten und dabei unter der Leitung einer reinen Gotteserkenntniß und in Verbindung mit den Forderungen des Sittengesetzes nur das allgemeine Wohl zum Endzwecke machen. Gib, daß die Menschen überall an Wissenschaften und Künſten zunehmen, wodurch die Barberei des Geistes verschwindet, die Sittlichkeit gewinnt, edle Gesinnungen entstehen, die Güter des Lebens erkannt, gemeinnütziger gemacht, vervielfältiget, veredelt und zum vergnügten Aufenthalte auf dieser Erde verwendet wer 366 den. Gib, daß die Barberei des Krieges immer mehr entfernt, der Krieg selbst menschlicher und schonender geführt werde, daß die Nationen der Erde durch Anerkennung und Ausübung sittlicher Pflichten gegen einander, durch Genügsamkeit und Redlichkeit im Handel und Wandel, in Verträgen, in Bündnissen eines fortwährenden Zustandes des Friedens immer empfänglicher werden. Gib, daß alle Menschen an geselligen Tugenden und an jener allgemeinen Menschenliebe wachsen, welche macht, daß wir nichts für gering oder fremd achten, was immer Menschen betrifft, daß wir in unserer Liebe und Achtung alle Menschen aufnehmen, sie mögen von was immer für einer gebildeten oder ungebildeten Nation, von was immer für einer Religion sein. Gib endlich, o Gott! daß dich alle Menschen als das höchste Gut, als das Urbild der höchsten Heiligkeit verehren und lieben, daß alle Menschen durch eine getreue und unausgesetzte Beobachtung deiner sittlichen Gesetze auch würdig werden, jenseits des Grabes die Verheißungen der Glückseligkeit einzuernten, welche denen gemacht sind, die Gott lieben und seine Gebote halten.( Gal. 6. 9.) Amen. 367 IX. Gebete am Gedächtnisstage aller verstorbenen Gläubigen. Unterricht. 8 ist Glaube der katholischen Kirche, daß diejenigen Menschen, welche zwar im Herrn entschlafen sind, aber bei ihrem Absterben sich noch nicht von allen( sittlichen) Flecken und Unvollkommenheiten losgemacht hatten, an der Vollendung ihrer Seligkeit dadurch gehindert und von Gott in einen Zustand, in eine Lage versetzt werden, in welcher sie sich zuvor von den ihnen noch anklebenden Mängeln reinigen, und so der ewigen Glückseligkeit empfänglich machen müssen. Diese Lage nennt man das Fegefeuer( richtiger aber den Reinigungsstand und die Art ihrer Reinigung wird als eine väterliche Strafe Gottes betrachtet. 368 Der Kirchenrath von Trient hat hierüber( in der 26. Sig.) folgende Glaubenssätze vorgetragen: 1. daß es ein Fegefeuer gebe, d. i. einen solchen Zustand der Abgeschiedenen, wie wir ihn so eben beschrieben haben; 2. daß es für die in diesem Zustande Befindlichen ersprießlich sei, wenn die lebenden Gläubigen sie in ihrem Gebete, und besonders durch das heilige Meßopfer Gott empfehlen. Der besagte Kirchenrath legt es allen Bischöfen ans Herz, daß sie ja von diesem Gegenstande eine reine, und von allen Privatmeinungen gesäuberte Lehre, sowohl in Predigten als in christlichen Unterweisungen vortragen lassen sollen; daß man dem gemeinem Volke nichts Spitfindiges und schwer Verständliches, welches zur Erbauung nichts taugt, hierüber beibringen müsse, und daß man besonders sich hüten soll, ungewisse, unerweisliche oder wohl gar falsche Meinungen über das Fegefeuer auszustreuen, oder Geschichten und Fragen in Umlauf zu bringen, die nur den Vorwitz reizen, den Aberglauben nähren, das Volk unnöthiger Weise ums Geld bringen, und solcher Gestalt den Ungläubigen Gelegenheit zum Spott, dem Gläubigen aber den traurigsten Anlaß zum Aergerniß geben. In dieser Absicht wollen wir denn auch das 369 Gewissen vom Ungewissen absondern, und nachdem wir bemerkt haben, was der Glaube von uns fordere, nunmehr anzeigen, was nicht zum katholischen Glauben gehören, was man leugnen und verwerfen könne, ohne der Lehre des Kirchenrathes zu nahe zu treten. Es ist also I. gar nichts Bestimmtes entschieden über den Aufenthaltsort, über die Art und Dauer der Reinigung, durch welche die abgeschiedenen Seelen hindurch geführt, dem Ziele ihrer Bestimmung, der Heiligkeit in Harmonie mit Glückseligkeit sich nähern. Vielweniger ist es Glaubenssache, daß sie in einem traurigen, unterirdischen Kerker durch materielles Feuer oder körperliche Peinen gereiniget werden, und alle die sinnlichen Schilderungen, alle die unglaublichen Geschichten und Erscheinungen, welche in manchen Erbauungsbüchern mit so vieler Zuverlässigkeit vorgetragen werden, sind wenig mehr, als bloße Erdichtungen, die nach dem Ausdrucke des Kirchenrathes von Trient nur den Vorwig unterhalten, abergläubische Vorstellungen erzeugen, und am Ende unsern geheiligten Glauben dem Gespötte und der Verachtung preisgeben. Es ist II. gar nicht entschieden, daß die Gebete der Lebenden den Verstorbenen unfehlbar helfen, oder daß sie dieser oder jener besondern Seele besonders Brunner, Jesus. 24 370 zu gute kommen. Alles hängt von der weisesten Güte Gottes ab, welcher, ob er gleich unsere zärtlich bit tende Bruderliebe selbst gegen hingeschiedene Freunde und Christen genehmigt, dennoch in den Wegen, durch welche er unsere frommen aber unvollkommenen Brüder nach dem Tode zu ihrer Vollendung führt, nicht immer auf unsere Bitten, sondern auf die viel vollkommeneren Gesetze seiner Weisheit Nücksicht nimmt. Noch viel weniger ist es entschiedene Glaubenslehre, daß wir durch unsere Gebete, guten Werke oder sogenannten Bußübungen für die abgeschiedenen Seelen eine vor Gott giltige Genugthuung leistent können. Hievon lehrt die Kirche nichts; und was in den Schulen aus muthmaßlichen Gründen disputirt wird, kann nicht zur Nichischnur unseres Glaubens oder unserer Gebete im Geiste und in der Wahrheit dienen. Es ist III. nicht entschieden, daß selbst die für die Verstorbenen( es sei auf einem privilegirten oder nicht privilegirten Altare) gelesene heilige Messe ihnen unfehlbar, oder einzelnen Seelen insbesondere und unfehlbar zugewendet werde, oder daß sie eine andere Wirkung habe, als die Wirkung eines Gebetes, wobei alles der Weisheit und Güte Gottes anheimgestellt bleibt. 371 Endlich ist es auch keine Glaubenslehre, daß die in der Kirche üblichen Ablässe im eigentlichen Sinne auf die Verstorbenen ausgedehnt werden können. Es bleiben demnach nur folgende selbst der Vernunft einleuchtende Lehren übrig: 1. Daß die Seelen unserer hingeschiedenen Brüder und Schwestern, welche zwar unter uns einen rechtschaffenen Lebenswandel führten, aber noch mit manchen Unvollkommenheiten und Mängeln behaftet dieß Leben verließen, in einen Zustand der Reinigung und sittlichen Läuterung versetzt werden, wo sie, wie wir in diesem irdischen Leben durch mancherlei ihnen beschwerliche Schicksale von den Schlacken menschlicher Schwachheiten gereinigt, ihrer Vollendung entgegengeführt werden. 2. Daß, wie wir für unsere lebenden Mitmenschen zu Gott bitten, und an ihren angenehmen und unangenehmen Schicksalen herzlichen Antheil nehmen ( Jakob 5, 16), wir unsere Liebe auch auf jene Seelen ausdehnen*), auch sie durch Gebete und Religionsübungen der Vaterliebe Gottes empfehlen dürfen, da *) ,, Ich überlasse," schrieb Pope an den Bischof Arbutnoth, meine verstorbene Mutter der Sorge einer Religion, die ihre Liebe noch jenseits des Grabes ausdehnt." 24* 372 sie mit uns durch die Bande der Menschheit und des Glaubens ehemals vereinigt waren. 3. Daß diese unsere Gebete, als Ausgüsse unserer Bruderliebe, als Beweise unseres zärtlichen Andenkens an die Bürger jener Welt, in die auch wir nach dem Tode eingehen, Gott nicht mißfallen werden; daß wir es aber getrost dem allweisesten und allgütigsten Vater des Weltalls überlassen sollen, ob und inwieferne er bei der ferneren Leitung unserer verstorbenen Freunde und Brüder Rücksicht auf unsere gutgemeinten Gebete und Religionsübungen nehmen wolle; daß wir unseren geistlichen Werken und Andachten für die Verstorbenen keine unfehlbare und den Weltrichter gleichsam nöthigende Kraft beilegen dürfen; und daß wir uns über den Zustand dieser Abgeschiedenen in keine nähere Untersuchung einlassen sollen, da uns dabei die Fackel des Glaubens nicht vorleuchtet, wir also Gefahr laufen, irrige und abergläubische Meinungen hierüber auszuſpinnen und in falsche Andachten zu verfallen, die uns zu unnöthigem Geldaufwande verleiten, und unsere sonst so reine, heilige und ehrwürdige Religion lächerlich und verächtlich machen. ebete. 373 Sterblichkeit. mein Gott! welch eine feierliche und rührende Traurigkeit ist über das Haus verbreitet, in welches ich jetzt eingetreten bin, dich anzubeten und mich zu erbauen. Diese schwarze Hülle, mit welcher die Altäre des Tempels unwunden sind, diese düster brennenden Lampen und Kerzen, dieser tiefe und gebrochene Gesang der Priester, die Bilder der Verwesung, welche heute den Schmuck des Bethauses ausmachen, beweisen mir alle, daß wir den Gedächtnißtag der menschlichen Sterblichkeit feiern. Ach! es ist eine wehmuthsvolle, aber doch auch süße Erinnerung- sie sind vor uns hinüber gegangen in das Land des Friedens, unsere Freunde, Weiber, Kinder, Mitbürger, mit welchen wir so manches Leid, so manche Freude getheilt haben. Wir werden, wir müssen ihnen folgen, früh oder spät! es ist ein Gesetz für alle Menschen, daß sie sterben.( Sir. 14, 12.) 374 Der Mensch muß hinüberwallen in das Haus der Ewigkeit, von welchem Niemand zurückkömmt! die Gebeine und Schädel, die auf dem Gottesacker aufgethürmt sind, rufen den Vorübergehenden zu: ,, Denke, o Mensch! daß du von Staub bist, und wieder zu Staub werden sollst."( Pred. 12, 6.) Ja, o mein Gott! ich soll es nie vergessen, öfters beherzigen, und besonders am heutigen Tage tief in mein Gedächtniß einprägen, daß ich ein schwaches Geschöpf und dem Gesetze der Verwesung unterworfen bin. All mein Streben und Weben, alle meine Entwürfe und Anstalten, alle meine gehäuften Schätze, meine Klagen und Lustgesänge, meine Sorgen und Errungenschaften sind mit dem Stempel der Hinfälligkeit bezeichnet, und werden sich vielleicht früher, als ich glaube, in dem Abgrunde des Todes verlieren mit mir vergehen und verschwinden, wie das Rauschen des Pfeiles in der Luft, wie der schnelle Flug des Schiffes auf dem Meere, von welchem bald keine Spur in den Fluthen mehr übrig ist.( Buch der Weisheit 5.) — Die vor uns gewesen sind, haben ihren Nacken vor dem schweren Joche des zerstörenden Todes beugen müssen; nichts ist von ihnen übrig, als ein kleiner Rest von Staub und Moder, in welchem jetzt 375 Würmer und Motten umherwühlen! die mit uns waren, in einem Hause mit uns wohnten, an einem Tische mit uns aßen- ach! wie viele von diesen hat der unerbitterliche Tod von unserer Seite gerissen! die brünstigen Gebete, die wir jetzt für sie zu dir, o Gott! schicken, ach! diese selbst führen den schauervollen Gedanken mit sich: sie sind nicht mehr- und auch wir werden bald nicht mehr sein; nicht mehr an der schönen Sonne uns freuen, nicht mehr die ſtroßzenden Früchte der Erde genießen, nicht mehr an den geselligen Freuden unserer Mitbürger Tbeil nehmen. Sie verschwanden vor unsern Augen; wir fassen sie nur noch mit unserm zärtlichen Andenken, die wir nicht mehr haben; auch wir werden vor den Augen der Lebenden verschwinden, und die Seufzer, die sie uns nachschicken, werden auch ihnen ohne Unterlaß widerholen, daß wir nicht mehr sind; daß sie selbst bald nicht mehr sein werden!! So fürchterlich aber diese Todesgedanken scheinen mögen, so schwer auch auf uns das Andenken an unsere Verweslichkeit liegt, so ist es doch vortheilhafter, eine traurige Wahrheit öfters zu beherzigen, als uns durch falsche Hoffnungen zu täuschen, und das kurze Ziel unsers Lebens durch erkünstelte Träume der Sorglosigkeit vor unsern Augen zu verhüllen. 376 In dieser Absicht, o mein Gott! komme ich auch heute in dieses Haus der Trauer; Ernst und Stille begleiten mich, und indem ich meine Augen an die feierlichen Darstellungen der menschlichen Hinfälligkeit hefte, indem ich mich an den rührenden Todesgesängen der Diener des Altars weide, indem ich mit Bruderliebe und Brudertreue für alle Hingeschiedenen aus meinem Hause, aus meiner Gemeinde, aus dem Kreise meiner Freunde und Verwandten- ja aus der ganzen, großen Menschenfamilie, zu dir, o Gott! flehe, so werde ich an das Ende aller Menschen erinnert, und ich, der Lebende, von dessen Seite bereits mancher Bekannte, mancher Freund und Tischgenosse durch den Schlag des Todes getroffen, hinweggefallen ist, ich sehe in dem Andenken an sie, was auch mir bevorsteht, und wie auch ich nur später, aber nicht weniger gewiß, von der Seite meiner Lieben hinwegsinken werde! Ich lerne dann, daß ich mich immer zur Rechenschaft bereit halten, daß ich täglich, auf den Abschied gefaßt, mein Haus bestellen, daß ich von der Gewißheit meines Todes überzeugt, die Kunst des Lebens desto vollkommener ausüben müsse.( Luk. 12, 39. 1. Thess. 5.) Ich schränke meine Hoffnungen und Entwürfe ein; ich feßle den unbändigen Flug meiner Leidenschaft; ich widme meine Tage der mir 377 vorgezeichneten Pflicht, welcher folgend ich nie vom Tode überrascht werden kann. Ich lebe dann als ein würdiger Mensch- als ein echter Ehrist, der die Liebe seiner Freunde, den Segen seiner Zeitgenossen, die Ruhe seines Gewissens, das Bewußtsein seines Ringens und Strebens nach allem sittlichen Gutent und die Hoffnung eines erfreulichen Spruches aus dem Munde des Weltrichters mit sich ins Grab nehmen möge.( Matth. 25.) Unsterblichkeit. Zwar auch die Lasterhaftesten erinnern sich manchmal des Todes; aber sie schließen sogleich wieder ihre Augen vor ihm, und dieß flüchtige Andenken selbst muß ihnen neue Gründe zur Befriedigung ihrer thörichten Lüste darbieten und die Verdorbenheit ihres Herzens gleichsam rechtfertigen, indem sie, o mein Gott! dein Dasein und den Adel ihrer unsterblichen Seele leugnen.( Ps. 13, 1.) ,, Kurz, sprechen sie, ist unsere Lebenszeit! ein Augenblick- so sind wir nicht mehr! bald ist unser Körper Staub, und was man Seele nennt, zerfließt in weiche Luft. Kommet, laſset uns das Gute genießen, so lange wir's haschen können! lasset uns überall die Blüthe pflücken; köstlicher Wein erfreue unser Herz; wohlduftende Salben stär 378 ken unsere Glieder; jeder Augenblick sei uns wichtig, sei wie eine Blume, die wir mit gierigen Händen ergreifen und brechen. Lasset uns unsere Scheitel mit Rosen bekränzen, ehe sie welfen! Auf allen Triften wollen wir umherschwelgen und genießen, was uns begegnet. Jeder soll seinen Gelüsten freien Lauf lassen; überall wollen wir Spuren unseres Wohlwollens zurücklassen. Das ist unser Theil, weiter haben wir keine Hoffnung. Steht uns ein Armer, der sich mit Redlichkeit ernährt, eine Witwe entgegen, so wollen wir sie unterdrücken, um des 3hrigen habhaft zu werden; die grauen Haare des Greises sollen uns nicht Ehrfurcht und Mitleiden einflößen. Stärke sei unser Recht! Der Schwache ist dazu verdammt ein Sklave zu sein. Der Fromme ist ein einfältiger Thor; wir wollen ihn in der Schlinge seiner Einfalt und Tugend fangen, und er soll es mit seinem Gute bezahlen, daß er unsere Wege tadelt und unsere Lebensweise durch das Gegenspiel der seinigen bestraft. Wohlan - wir wollen Gutes genießen; alles gehört uns, was wir auf unsern Wegen finden; ein Thor, welcher sich durch Sittenlehren um Vergnügen und Wollust bringt; denn morgen ist's aus mit uns! wir müssen sterben und wie die Thiere vergehen."( B. d. W. 2.) Nicht so hält uns die Religion das heilsame 379 Bild des Todes vor! nicht so erinnert uns der heuttige Tag an das ewige Gesetz unserer Sterblichkeit! nicht so will ich in der Verweslichkeit meines Körpers die hohe Bestimmung des Menschen zu einem ewigen Leben, in welchem meine verstorbenen Mitbrüder sich bereits befinden, mißkennen. Ach! sie sind freilich nicht mehr! Wir weinen um sie, wir bitten für sie; aber es ist doch um sie, die Hinübergegangenen und um uns, die noch Zurückgelassenen, ein ewiges Band geschlungen; wenn die Scheidewand der Zeit durchbrochen ist, werden wir ihnen nachrücken, um, wie sie und mit ihnen, unserer Vollendung entgegen zu eilen; denn wir alle sind Geister, zur Ewigkeit bestimmt! Das Andenken an sie, niederschlagend durch den Gedanken einer gleichen Sterblichkeit, ist auch herzerhebend durch die Hoffnungen eines ewigen Fortschreitens auf der Bahn unserer Bestimmung. Die Gebete, die heute zu dir, o Gott! unsern Herzen für dieſe Abgeschiedenen entströmen, erinnern uns, daß wir zwar für Verstorbene, aber auch für Unsterbliche beten, und daß wir selbst unsterblich sind. Aus dem Dunkel der Leichentücher, die wir hier erblicken, strahlt uns dieser Gedanke entgegen; der ernste Ruf des Priesters: Herr! gib ihnen die ewige Ruhe! ist mit diesem hohen begeisternden Sinne durchwebt! 380 Gott! du bist ein Geist, der vollkommenste, der ewige Geist!( 1. Tim. 1, 17.) Auch wir sind Geiſter, um deinen großen Thron die Schöpfung umher vertheilt; unsere Seele ist nicht von Staub gemacht, nicht gemacht, um in Staub und Verwesung überzugehen. Dieser sterbliche Körper wird allein die Beute des Todes! Aber er ist nicht der Mensch! Er ist nur die Wohnung des Menschen, nur das Gezelt des unsterblichen Geistes( 2 Kor. 1-10), welcher nach einigen hier überlebten Tagen der ersten Bildung zur höheren Bestimmung forteilt! so schildert uns Vernunft und Religion das Wesen des Menschen. Die Stunde des Todes, schauerlich durch die schmerzhafte Auflösung der irdischen Hülle, ist für uns zu gleich die Stunde des Ueberganges in neue, hellere Wohnungen des ewigen Lebens Hier in diesem geweihten Gottesacker liegt nur der sterbliche Theil des Menschen; hier ruht nur Staub im Staube, nicht der Mensch, nicht der edlere, der unsterbliche Geist! Wie überströmt mich, o mein Gott! dieser große Gedanke mit Muth und Eifer zu allem Guten! mein besserer Theil wird dereinst die Früchte der Tugend und des Kampfes gegen die Reizungen des Lasters in einem besseren Leben einernten! Möge immer das Laster auf dieser Erde stolz einhergehen; möge immer — - 381 der Tugendhafte hier verbannt und verachtet, von Gütern des Lebens entblößt, keine andere Stüße seiner Redlichkeit, als das dem Sünder so unbegreifliche, ihm so wenig bedeutende Gefühl der Pflicht haben! der Tod umwandelt die Gestalt der Dinge. Nur schrecklich für den, welcher seine Wünsche und Hoffnungen alle dießseits des Grabes lassen muß, führt er, als ein ernster aber freundschaftlicher Jüngling, den Frommen ins bessere Vaterland, zeigt ihm neue Aussichten der Beseligung, die sich an sein ehemaliges Streben nach Tugend und Sittlichkeit anschließen und weiset ihm den höheren Standpunkt an, auf welchem er weitere und schnellere Schritte zu seiner Vollendung machen soll. „ Wenn ich einst todt bin, wenn mein Gebein wie Staub Lange zerstreut ist, wenn du, mein Auge, nun Ueber das Schicksal meines Lebens Ausgeweint haft und gebrochen zufällstDann wird ein Tag sein, dann werde ich auferstehen- Dann trennt kein Schicksal mehr die Seelen, Die du einander, Natur! bestimmteſt. Dann wiegt, die Wage des Gerichts in der Hand, Gott, Glück und Tugend einander gleich! Was in der Dinge Lauf mißlingt, Tönt dann in ewigen Harmonien." Wie mildert dieser erhabene und erquickende Gedanke nicht die Wehmuth und den schmerzvollen 382 Erust, mit welchem wir heute das Andenken so vieler Lieben, die der Tod von uns getrennt hat, feiern! Ueberzeugt, daß in diesen Gräbern nur der zufällige und verwesliche Theil unserer Freunde und Mitbrüder ruht, erheben wir unsere Augen zum Himmel und suchen ihren Geist in jenen ewigen Gefilden, wo die Gerechten wie die Sterne glänzen. Geheilt von dem Schmerze der ersten Trennung von ihnen, sehen wir jetzt ihre Todesstunde als die Stunde ihrer Geburt zu einem neuen herrlicheren Leben an; wir sehen, daß bei ihrem Hintritte nur wir Lebenden verlieren, sie hingegen gewinnen; daß nur wir durch den Anblick ihres zerstörten Körpers erschreckt werden, sie hingegen von den Banden der Sinnlichkeit erlöst, in einen viel freiern und größern Kreis des Lebens hinübertreten. Vergeltung. ,, Hier säeten sie, dort werden sie ernten."( Gal. 6, 8.) Hier streuten sie unter mancherlei Kummer, unter tausend Thränen den Samen aus; dort werden sie mit Jauchzen einhergehen, und die segensvollen Garben, die Früchte ihres Fleißes vorzeigen.( Ps. 115, 5.) Was wir Gutes und Böses gethan haben, wird uns in die Ewigkeit begleiten- unsere Werke 383 folgen uns!( Offenb. 14, 13.) Wohl uns und ihnen, wenn du, o mein Gott! mit Wohlgefallen auf diese Werke blickest, wenn du an denselben das Merkmal unserer Empfänglichkeit für deine weiteren Wohlthaten und Belohnungen wahrnimmst! Du bist der Vater aller Geschöpfe, du reichest denen, welche dein Wink von dieser Welt abruft und in höhere Gegenden verpflanzt, deine väterlichen Hände; aber du, der Allerheiligste, du bist auch der Richter derer, die zu dir kommen; ihre Werke müssen deinem prüfenden Auge sich darstellen, und du, vor welchem der ewige Glanz der Gestirne nicht rein ist, wirst auch an Allem, was von Menschen herkömmt, die Spuren ihrer Gebrechlichkeit und Unvollkommenheit wahrnehmen. Dieser Anblick wird die Wege bestimmen, auf welchen du sie in der Folge von ihren irdischen Flecken reinigest und ihre Tugend vollendest. Denn, wo ist selbst der Frömmste, der Rechtschaffenste, welcher vor dir, der Quelle, dem Inbegriffe aller Heiligkeit, vollkommen rein und tadellos erfunden würde? wo der Heiligste, welcher von dem vollem Genusse der Glückseligkeit, die du, o Gott! in so strengem Ebenmaße mit dem fittlichen Werthe der Geschöpfe austheilest, nicht einigermaßen zurückgehalten würde? 384 Fürbitte. O so empfehlen wir dann deiner ewigen Vatergüte diese Verstorbenen, deren Andenken uns so heilig ist, mit welchen wir ehemals in süßer Gesellschaft lebten, und mit welchen wir noch jetzt durch die Bande der Liebe und Achtung und durch die Hoffnung einer gleichen Seligkeit nach unserem Hintritte vereinigt sind. Wir empfehlen die Geschöpfe dem Schöpfer, die Kinder ihrem Vater, die Schwachen und Unvollkommenen dem heiligsten Richter, die Frommen dem weisesten Belohner! Führe sie dahin, wo das Ziel ihrer Wünsche und die Quelle der Seligkeit ist, wel cher würdig zu werden sie sich rühmlichst, obgleich als schwache und gebrechliche Menschen beflissen! Führe sie in dem Geschäfte ihrer Läuterung auf den Wegen deiner ewigen Weisheit und Güte, daß sie von Stufe zu Stufe ihrer sittlichen Vollendung sich nähern und in eben dem Maße an ewigen Belohnungen Theil nehmen. Laß diese zur Heiligkeit und zum Glücke erschaffenen Geister immer weiter fortstreben zu ihrer hohen Bestimmung, immer des ewigen Reiches empfänglicher werden. Nichts als ob wir an deiner väterlichen Güte zweifelten, bitten wir für sie, nicht als ob wir den 385 Lauf deiner Gerechtigkeit hemmen oder deiner Allwissenheit und Weisheit Maßregeln des Verhaltens vorzeichnen wollten, bitten wir für sie; aber eben die Liebe, welche du uns für lebende Mitmenschen zum ersten und vornehmsten Gesetze machtest, dringt uns auch, diejenigen deiner Vatergüte zu empfehlen, die unsere Dankbarkeit und Freundschaft noch jenseits des Grabes nicht vergessen kann. Eben jene Liebe, mit welcher du selbst alle deine Geschöpfe umfasſeſt, und die du besonders den mit deinem Ebenbilde gezierten Geistern bezeigest, läßt uns hoffen, daß du dieſe unsere Gebete als Ausdrücke unserer Zärtlichkeit und Liebe, als Beweise unserer Theilnahme am Wohl und Wehe Anderer, mit Wohlgefallen aufnehmen werdest. Wie könnte dir auch, o mein Gott! eine gute Tochter mißfallen, welche hingelehnt aufs Grab ihrer Mutter, im wehmuthsvollen Andenken an ihren Verlust, ihre Seufzer und ihre Gebete aus der Tiefe ihres Herzens hervorstößt, um diese ihr so theure, so unvergeßliche Seele deiner ewigen Liebe zu empfehlen, und so dem Gefühle ihrer kindlichen Sehnsucht Genüge zu leisten! wie könnte dir jener Vater mißfallen, welcher durch die heutige Feier an das zu schnelle Hinscheiden seines Sohnes erinnert, alle Wünsche seines Vaterherzens für den Liebling, den Brunner, Jesus. 25 - 386 er verlor, vor dir ausschütten, und nun nichts mehr für ihn thun kann, als dich, den ewigen Vater, zu bitten, daß du über die Irrthümer und Schwachheiten seiner Jugend ein väterliches Gericht haltend, ihn in deinem ewigen Reiche durch die Wege deiner Weisheit und Güte ferner erziehen, reinigen und vollenden mögest. So wollen wir denn jetzt unser Gebet mit dem Gebete der Kirche vereinigen, und indem wir, o Gott! alle die werthen Seelen unserer Bekannten und Freunde und aller ehemaligen Mitbürger deiner unendlichen Güte gleichsam vorstellen, zu dir im Gefühle der Liebe und Freundschaft rufen: Herr! gib ihnen allen die ewige Ruhe, laß ihnen allen das ewige Licht leuchten! Amen. Wir verlassen jest, o Gott! dieses ehrwürdige Bethaus; aber die Gräber, durch welche wir schreiten, sollen uns erinnern, daß wir sterblich sind, und der Himmel über uns, daß wir unsterblich sind. Das Gebet, welches wir für die Vollendung und Beseligung unserer verstorbenen Brüder und Schwestern darbrachten, bestärke uns im Glauben, daß auch uns jenseits des Grabes ein strenges Gericht erwartet; daß unsere Werke uns in die Ewigkeit begleiten; 387 daß dort ein Zustand der Vergeltung bevorstehe ( Mark. 16), und daß du, o Gott! als ein weiser und gerechter Richter, ohne Ansehen der Personen, ohne Haß und Gunst, Jedem geben wirst nach seinen Werken.( Röm. 2.) Amen. 25* 388 Her heilige Freuzweg unseres göttlichen Erlösers. Vorbereitung. Vesus, göttlicher Erlöser und Seligmacher! im Geiste der Zerknirschung und der innigsten Reue über meine Sünden und Vergehungen nahe ich mich deinem heil. Preuze, und will die bitteren Leiden und Schmerzen beherzigen, die du meinetwegen erduldet hast, um mich vom Joche der Sünde zu befreien; ich will in eifriger Betrachtung und stummer Andacht auf deinem Todeswege dich begleiten. Verleihe mir also die Gnade, daß mein Herz durch sinnliche Zerstreuungen nicht von dir abgelenkt und geschwächt werde, damit die Früchte deiner Erlösung an mir einst nicht verloren gehen mögen. Amen. Erste Station. Wir loben und preisen dich, o Jesu! Denn durch deinen Tod hast du die Welt erlöſet. 389 Als Pilatus sah, daß er nichts ausrichtete, sondern daß der Lärm noch größer werde, da nahm er Wasser, wusch seine Hände vor dem Volke, und sprach: Ich bin unschuldig an dem Blute dieses Gerechten! sehet ihr zu! ( Matth. 27, 24.) Laß, o Herr! mein Herz nie von der Macht der Leidenschaft einnehmen und beherrschen, halte meine Begierden im Zaunie, damit die Vernunft niemals zum Spielball meiner Wünsche und Launen herabsinke; laß mich rein und tadellos vor deinem Angesichte wandeln, und nie beflecke mein Gewissen eine entehrende That. Leite und regiere meine Handlungen, damit ich in Allem nur deinen heiligen Willen vollbringe. Behüte mich durch deine Gnade, daß ich, um der Schwäche eines Menschen zu huldigen, oder um zeitlichen Vortheil zu erlangen, dein heiliges Gesetz nie übertrete oder gar verächtlich mache; bewahre mich vor jeder Rachsucht gegen Feinde und terleihe mir vielmehr den Geist der Liebe und Eintracht; werde ich aber dennoch verfolgt, leide ich unschuldig, dann will ich dir nachfolgen. Jesu, mein Vorbild! stärke mich in meinem Vorsatze. Amen. 3weite Station. Wir loben und preisen dich, o Jesu! Denn durch deinen Tod hast du die Welt erlöset. 390 Indem nun Pilatus dem Volke willfahren wollte, gab er ihnen den Barabbas los, Jesum aber übergab er nach geschehener Geißelung zur Kreuzigung.( Mark. 15, 15.) Großer Gott! wie verabscheuungswürdig, wie bedauernswerth ist der Mensch, der deine heil. Gebote mit Füßen tritt. Unanständige Reden entschlüpfen seiner Zunge, Falschheit und Rache, Geringschätzung und Entheiligung alles Göttlichen beflecken sein sündhaftes Herz. Nichts ist ihm heilig, schonungslos begeifert er die Ehre und den guten Namen, dieß unschäßbare Gut des Nebenmenschen; Verleumdung und Laster bezeichnen seine Lebenstage. Gerechter Gott! laß mich nie so tief herabsinken, sondern unterstüße mich mit deiner Gnade; laß mich erkennen, daß Gerechtigkeit und Menschenliebe von dem Leben eines wahren Christen unzertrennlich sind, und mich dir immer näher bringen. Haben böse Neigungen, unerlaubte Wünsche mein Herz vom Wege der Tugend abgelenkt, o so reinige mich in dem Blute, das du am Stamme des heiligen Kreuzes für mich vergoffen hast, damit ich nur in dir lebe, und einst in dir sterben möge. Amen. Dritte Station. Wir loben und preisen dich, o Jesu! Denn durch deinen Tod hast du die Welt erlöset. 391 Sie flochten eine Krone von Dornen, setzten sie auf sein Haupt, und gaben ihm ein Rohr in die rechte Hand beugten die Kniee vor ihm, spotteten ihn und sprachen: „ Sei gegrüßt, du König der Juden!"( Matth. 27, 29.) Herr des Himmels und der Erde! nimm uns alle auf in das Reich ewiger Herrlichkeit, das du vom Anbeginne der Welt allen denjenigen versprochen hast, welche dich lieben. Reinige unsere Herzen, und verbanne aus denselben jeden Groll, jede böse Begierde. Lehre uns, die zeitlichen Güter, die vergänglich und irdisch sind, so anzuwenden, daß sie unserm ewigen Seelenheile zum Nußen gereichen; lenke unsere Gedanken mehr zu den himmlischen Gütern, die uns allein Trost und Beruhigung in diesem irdischen Jammerthale gewähren können. Lehre uns durch einen weisen Gebrauch der uns anvertrauten Schätze dein Reich suchen, und uns desselben würdig machen; nie verschließe sich unser Ohr dem Flehen eines Hilfsbedürftigen, sondern nach Christi Beispiel wollen wir den Armen und Nothleidenden Gutes thun, eingedenk des göttlichen Ausspruches unseres Erlösers: ,, Was ihr dem Geringsten meiner Brüder erweiset, das sehe ich so an, als hättet ihr es mir selbst gethan." Deine unendliche Liebe, die du selbst deinen größten Feinden in jener 392 letzten Stunde spendetest: ,, Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun!"- ermuthige mich in meinem Vorhaben. Schenke mir aber hiezu, allmächtiger Gott! deine heilige Gnade und deinen allmächtigen Beistand; darum flehe ich durch Jesum Christum, unsern Herrn. Amen. Vierte Station. Wir loben und preisen dich, o Jesu! Denn durch deinen Tod hast du die Welt erlöset. Sie nahmen Jesum führten ihn hinaus, und er trug sein Kreuz und ging zu dem Orte, den man Schädelstätte, auf hebräisch aber Golgatha, nannte.( Joh. 19, 16, 17.) Unschuldiges Gotteslamm! wie unwillig werden wir, wenn uns nur das geringste Leiden heimsucht, da wir es doch verdienen; wie verzagen und murren wir, wenn unsere Wünsche unseren Verhältnissen nicht immer entsprechen; du aber haft so viel geduldet, ohne den Mund zu öffnen, littest Verachtung, Spott, die schmerzlichsten Leiden, ja selbst den bittersten Tod! Und für wen?- für uns fündige Menschen? - Und wir vermögen nicht einmal das Geringste zu leiden? Jedes Krenz, das uns die Vorsehung zuschickt, jede Sorge, jeder Kummer, der unser Herz beschwert, - 393 entmuthigt uns, und unwillig darüber, vergessen wir deiner unendlichen Vatergüte, die uns bloß deshalb mit Leiden und Drangsalen heimsucht, um unsern Glauben zu prüfen und unsere Hoffnung zu stärken. Verleihe uns, wir bitten dich demüthigst und in dem Bewußtsein unserer Schwachheit, um Geduld und Standhaftigkeit in allen kommenden Leiden und Drangsalen, damit wir geläutert und gereiniget durch das Feuer der Buße in dein Reich aufgenommen werden mögen. Amen. Fünfte Station. Wir loben und preisen dich, o Jesu! Denn durch deinen Tod hast du die Welt erlöset. Da sie nun Jesum hinwegführten, ergriffen sie einen gewissen Simon von Cyrene, der vom Felde kam, und legten ihm das Kreuz auf, daß er es Jesu nachtrüge.( Luk. 23, 26.) Allmächtiger, ewiger Gott! Liebe ist das Grundgesetz der christlichen Religion, nur in derselben können wir deinem göttlichen Willen nachkommen; laß mich dieses große Gebet ganz in deinem Sinne auffaffen, damit ich alle Mitmenschen als deine Brüder ansehe, ihnen mit Rath und That beistehe, ihnen alles Gute gönne und nach Möglichkeit erweise. Nie ver 394 sage mein Herz den Nothleidenden die christliche Beihilfe, gerne will ich mich Allen gefällig und dienstfertig bezeugen, und vorzüglich meinen Eltern und Wohlthätern dankbar sein. Das hohe Gebot: ,, Liebe Gott über Alles und den Nächsten wie dich selbſt," walte in meinem ganzen Thun und Lassen. Amen. Sechste Station. Wir loben und preisen dich, o Jeſu! Denn durch deinen Tod hast du die Welt erlöset. Es folgte ihm aber eine Menge Volkes und Frauen, die ihn beklagten und beweinten; zu diesen wandte sich Jesus und sprach: ,, Ihr Töchter Jerusalems, weinet nicht über mich, weinet über euch selbst und eure Kinder!" ( Luk. 23, 27, 28.) Verleihe mir, o Gott! den Geist der Buße und der Zerknirschung, laß mich den Undank, die Treulosigkeit beweinen, mit denen ich deine Wohlthaten geschändet und deine unendliche Güte und Barmherzigkeit mißbraucht habe. Wie vieles Gute habe ich von der Stunde meiner Geburt an bis auf diesen Augenblick genossen, und wie nndankbar habe ich immer gehandelt! Mit Angst und Zittern werfe ich mich in deine heiligen Vaterarme, und bitte um Vergebung meiner Sünden; mein ganzes Leben soll stets deinem göttlichen Dienste geweiht sein. Amen. 395 Siebente Station. Wir loben und preisen dich, o Jesu! Denn durch deinen Tod hast du die Welt erlöset. Und sie kamen an den Ort, welcher Golgatha, d. i. Schädelstätte, genannt wird, da gaben sie ihm Wein und Myrrhen gemischt zu trinken; er aber nahm ihn nicht. Nachdem sie ihn ausgezogen hatten, theilten sie seine Kleider unter sich, und warfen das Loos darüber.( Mark. 15, 22, und Matth. 27, 35.) Allmächtiger, ewiger Gott! der du jeden bösen Gedanken hassest, zu dir nehme ich meine Zuflucht. Laß nicht zu, daß ich durch unlautere Begierden und Wünsche mein Herz beflecke, oder durch entehrende Thaten den Tempel des heiligen Geistes schände. Deine Gnade hält mich fern von allen sündlichen Anfechtungen, und gewähre mir die Kraft, zur Zeit der Gefahr alle bösen Leidenschaften und Begierden zu unterdrücken, und vor jedem unreinen Gedanken zu bewahren, damit ich rein und schuldlos wandle und einst gewürdigt werde, in das ewige Reich der Freude aufgenommen zu werden. Amen. Achte Station. Wir loben und preisen dich, o Jesu! Denn durch deinen Tod hast du die Welt erlöset. 396 Da kreuzigten sie ihn, und mit ihm zwei Andere zu beiden Seiten, Jesum aber in der Mitte.( Joh. 19, 18.) Göttlicher Erlöser, heiliges Opferlamm! steh uns bei mit deiner Alles vermögenden Hilfe, wenn uns Leiden darnieder drücken, wenn bange Sorgen auf unserem Herzen lasten, uns kein Freund sich liebevoll naht, und wir hilflos schmachten; belebe unsern Geist mit hehrem Muthe, wenn Leidenschaften unser Herz bestürmen, damit wir nicht kleinmüthig werden und verzagen, sondern daß wir alle Leiden, mit welchen deine Hand uns züchtiget, geduldig ertragen, deine weisen Fügungen mit heiliger Ehrfurcht anbeten, und mit stiller Ergebung in deinen göttlichen Willen ohne Murren leiden und dulden, um einst in einem besseren Leben dafür belohnt zu werden. Amen. Neunte Station. Wir loben und preisen dich, o Jesu! Denn durch deinen Tod hast du die Welt erlöset. Es war aber die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten. Als Angabe seiner Schuld war über ihm geschrieben: Der König der Juden."( Mark. 15, 25.) Jesus aber sprach; ,, Bater! vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun." Und das Volk stand, und sah zu, und die Vorsteher sammt ihm verlachten ihn.( Luk. 23, 34, 35.) — 397 Göttlicher Meister und Lehrer! sterbend noch betest du für deine Feinde und empfiehlst sie dem Schuße und der Barmherzigkeit deines Vaters. O reinste Liebe! ist je ein Bild des Göttlichen unter den Menschen erschienen? Liebe ist die himmlische Flamme, die unsere Seele erhellt und uns dir ähnlich macht. Jesu, heiliges Vorbild! leite und lenke mein Herz, daß es sich nie verirre; laß nie Haß und Feindschaft gegen meinen Nächsten emporkeimen, nie Vorurtheil oder bösen Argwohn meine Seele beschleichen; gern will ich die Hand zur Versöhnung bieten und jeden Groll vergessen; denn nur dadurch werde ich deiner Liebe würdig sein. Amen. Zehnte Station. Wir loben und preisen dich, o Jesu! Denn durch deinen Tod hast du die Welt erlöset. Wir leiden mit Recht, denn wir empfangen, was unsere Thaten verdient haben. Dieser aber hat nichts Böses gethan; und er sprach zu Jesu:, Herr, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst."( Luk. 23, 41.) Göttlicher Erlöser! der du nicht willst den Tod des Sünders, sondern daß er sich bekehre und lebe, laß mich nicht verloren gehen. Nie will ich an deiner Gnade zweifeln, aber auch nie mich vermessen, bloß 398 durch gläubige Worte dir zu gefallen, sondern durch den Geist der Selbsterkenntniß, durch Neue und Buße über seine Sünden, durch aufrichtige Prüfung der kleinsten Regungen und Falten meines Herzens will ich meine Schuld büßen und mein Leben ändern. Ein reuevolles und zerknirschtes Herz wirst du, o Gott! nicht verachten. Um Gnade flehe ich zu dir, damit auch ich einst, wenn mein Leib zur Erde sinkt, die Trostworte vernehme: ,, Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein." Amen. Eilfte Station. Wir loben und preisen dich, o Jeſu! Denn durch deinen Tod hast du die Welt erlöset. Da nun Jesus seine Mutter und den Jünger, den er liebte, stehen sah, sprach er zu seiner Mutter:„ Sieh deinen Sohn!" und zu dem Jünger: ,, Sieh deine Mutter!" Und von derselben Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.( Joh. 19, 26, 27.) Göttlicher Heiland! welch erhabenes und nachahmungswürdiges Beispiel gibst du durch dein gottseliges Leben uns Menschen, von der Krippe bis zum Kreuze ehrtest und liebtest du mit himmlischer Sanftmuth deine geliebte Mutter. Ja selbst am Kreuze, mitten in den größten Schmerzen, in der 399 Todesangst, wo das menschliche Herz vor Schrecken erbeben muß, dachtest du noch an deine Mutter, an deinen Freund. O wie herrlich, wie göttlich! hier am Kreuzesholze ist Freundschaft und Liebe vereiniget. Welch ein mächtiger Sporn für mich! Kindlich will ich meine Eltern lieben, ihre heilsamen Lehren und Ermahnungen tief in mein Herz eingraben, und durch ein frommes, tugeudhaftes Leben ihnen ihre müheund kummervollen Tage vergelten und erleichtern. Dieß gelobe ich dir, o Gott! heute und allezeit. Amen Bwölfte Station. Wir loben und preisen dich, o Jesu! Denn durch deinen Tod hast du die Welt erlöset. Da Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: „ Es ist vollbracht!" neigte sein Haupt und gab seinen Geist auf. Als sie sahen, daß er schon todt war, zerschlugen sie ihm die Beine nicht, sondern einer der Soldaten öffnete seine Seite mit einer Lanze, und sogleich floß Blut und Wasser heraus.( Joh. 19, 30, 34.) So hast du nun erfüllt das große Werk der Erlösung, hast das Reich der Hölle zerstört, dem Tode den Stachel benommen. Du hast uns wieder mit dem Vater ausgeföhnt, hast uns wieder auf die verlornen Pfade der Tugend und Gottseligkeit zurückgeführt, und unsere Herzen mit himmlischer Hoffnung erfüllt, 400 Welch heilige Empfindungen erfüllen das Herz bei der Betrachtung deines Leidens und Todes! In Freuden und Leiden, im Glücke und in der Betrübniß will ich zu deinem Kreuze fliehen und dort den Trost und den Frieden suchen, den die Welt nicht geben kann. O wie trostreich ist der Gedanke, einen Port gefunden zu haben, wo das gramerfüllte Herz ausruhen darf von den Stürmen dieses Lebens! Innig will ich dein Kreuz umfangen, nie in der Liebe zu dir erkalten, und recht oft deine Leiden und deinen martervollen Tod erwägen. Amen. Dreizehnte Station. Wir loben und preisen dich, o Jesu! Denn durch deinen Tod hast du die Welt erlöset. Josef von Arimathäa, der aus Furcht vor den Juden heimlich ein Jünger Jesu war, bat den Pilatus, daß er den Leichnam Jesu abnehmen dürfe, und Pilatus erlaubte es ihm. Er kam also, und nahm den Leichnam Jesu ab.( Joh. 19, 38.) Nie, o Herr! will ich eitler Mensch mich wegen meines Glaubens schämen. Freudig will ich ihn bekennen und laut verkünden, daß du mich durch deinen Tod vom Sklavenjoche der Sünde befreit hast. Dein Andenken will ich rein bewahren, durch gute 401 Werke und einen frommen Lebenswandel dich zu ehren suchen, mit heiligster Ehrfurcht dein Fleisch und Blut genießen, und durch keinen Rückfall in die Sünde deine Gnade verlieren. Jesu, dein bin ich im Leben und im Tode. Amen. Vierzehnte Station. Wir loben und preisen dich, o Jesu! Denn durch deinen Tod hast du die Welt erlöſet. Josef aber legte ihn in ein Grab, welches in einen Felfen gehauen war, und wälzte einen Stein vor die Thüre des Grabes.( Mark. 15, 46.) So wie man einst deinen heiligen Leib zur Ruhe legte, so wird man auch meine sterbliche Hülle mit Erde bedecken, aber mein Geist wird in selige Gefilde hinüber wandeln, um seinen Lohn zu empfangen. Verleihe mir die Gnade, daß ich die Wichtigfeit meiner Bestimmung erkenne, und durch getreu e Pflichterfüllung ruhig der Todesstunde entgegengehe. Handle ich nach Recht und Gewissen, lebe ich fromm und tugendhaft, dann hat der Tod für mich nichts Schreckliches, sondern er wird für mich vielmehr ein sanfter Friedensbote sein, der meinen Geist auf Seraphschwingen in das Land des ewigen Friedens hinübergeleiten wird. Amen. Brunner, Jesus. 26 402 Schlußgebet. Jesu Christe, Sohn des Allerhöchsten! der du durch deinen glorreichen Hingang zum Vater die ganze Welt erlöset und uns belehret hast, wie wir dir nachahmen sollen, verleihe uns deine Gnade, und laß es zum Troste gereichen, daß wir deine Leiden tief erwägen, damit wir nicht in Sünden fallen und das kostbare Werk deiner Erlösung mit schnödem Undanke vergelten, sondern dir getreu nachfolgen, allezeit deine heiligen Gebote beobachten, damit die glorreichen Früchte deiner Erlösung an uns nicht verloren gehen. Amen. Messgesänge und Festlieder. Gesänge zur heiligen Messe. Zum Eingange. 1. ir werfen uns darnieder Vor dir, Gott Sabaoth! Erhöre uns're Lieder: Da wir nach dem Gebot-- Dir dieses Opfer bringen;- Verleihe nun, daß wir, Es andachtsvoll besingen, Und wohlgefallen dir. 2. Den Tag vor Jesu Leiden,- Beim letzten Abendmahl, Indem er wollte scheiden- Aus diesem Jammerthal, Hat er das Brod gebrochen, Und ausgetheilt den Wein, Gesegnet und gesprochen:- Dieß thut und denket mein. - - - - - - - - - 3. Er sprach: Nehmt hin und effet:- Dieß ist mein Fleisch und Blut! meine Liebe thut. 403 - Damit ihr nicht vergesset,- Was Mich opfernd will ich sterben Am Kreuz, zum Heil für euch; soll erben Wer an mich glaubt, Mit mir das Himmelreich. 4. Herr, dieß Opfer steige Zu dir mit Wohlgeruch, Damit dein Herz sich neige Zu deines Volk's Gesuch! Wir opfern nicht mehr Kälber,- Wie 26* - 404 Aaron hat gethan, Nein, Jesum Christum selber, Der uns versöhnen kann. Zum Gloria. 1. Gott Vater, dir gehöret- Lob, Ruhm und Dank und Ehr', Was uns're Ruhe störet, Verstatte nimmermehr. Auf Erden laß uns grünen Den FrieVon - ein, dig sei'n. - - den jederzeit, Daß wir dir fröhlich dienen, Furcht und Angst befreit. 2. Der du der Menschen Sünden Gebüßt am Kreuzesstamm, Laß uns Erbarmung finden,- O Jesu, Gotteslamm!- Gelobt mit Mund und Herzen- Sei'st du, Gott heil'ger Geist,- Der du in Angst und Schmerzen Den Frommen Troft verleih'st. - - - - - Zum Evangelium. 1. Aus Gottes Munde gehet,- Das Evangelium,- Auf diesem Grunde stehet- Das wahre Christenthum. Gott selber hat's gelehret, Der nicht betrügen kann: Wohl dem, der's gerne höret. Und es nimmt willig an. 2. Sein Wort zeigt uns die Wege- Zum Himmelreiche an, Es weiset uns die Stege,- Zu gehen diese Bahn;- Herr, drücke deine Worte Tief in die Herzen Daß wir zur Himmelspforte Zu kommen würL - - - - - - - Zum Credo. . Die - 1. Wir glauben und bekennen, Daß aus höchst weisem Rath,- Gott, den wir Vater nennen, Sein Welt erschaffen hat.- Von ihm ist ausgegangen Sohn, der Jesus heißt, Der ward als Mensch empfangen Durch Gott, den heil'gen Geist. — - 405 2. Maria hat geboren Als Jungfrau dieses Kind; Sonst wären wir verloren, Wir, die wir Sünder find. Er litt an Leib und Seele, Schloß sterbend seinen Lauf, Stand aus des Grabes Höhle Am dritten Tage auf. — - - - - 3. Er ward hinaufgenommen Hand, Wann er wird wieder kommen, zwar nicht bekannt; Zu Gottes rechter Ist uns Doch kommt er einst zu rächen, Und wird von seinem Thron Ein billig's Urtheil sprechen Zur Strafe und zum Lohn. 4. Wir glauben nicht alleine, ſei; Wir stimmen der Gemeine bei;- Die Sünde wird vergeben- hier; Himmelsthür. - - - - - - - - 1 3um Offertorium. sein, 1. Herr, laß doch diese Gaben- Dir wohlgefällig Die wir geopfert haben, Es ist zwar Brod und Wein: Doch wird's verwandelt werden- In Christi Fleisch und Blut;- Das ist uns hier auf Erden Und den Verstorb'nen gut. 2. Wir opfern dir den Willen, Herz und Ge= Hilf uns, daß wir erfüllen danken auf. In unserm Lebenslauf, Was du uns, deinen Kindern, thun befohlen haſt; dern, Zu Nimm weg, was uns kann hinNimm weg die Sündenlast. 3. Wir legen dir zu Füßen All unser Hab' und Gut, Und was wir hier genießen: Das Leben, Leib und Blut.- Gib uns bald kühlen Regen, - Daß eine Kirche Der Heiligen auch Durch Christi Diener Der Leib steht auf zum Leben,- Geht ein zur - - - - - - - - - - - 406 Bald warmen Sonnenschein, Und laß durch deinen Segen Die Felder fruchtbar sein. Zum Sanktus. 1. Laßt uns gen Himmel schwingen,- 3um Helfer in der Noth,- Und dreimal heilig singen Dem Herrn Gott Sabaoth;- Herr! Himmel und auch Erde Sind voll von deinem Ruhm; Hilf, daß bekehret werde Das blinde Heidenthum. - 2. Daß wir hernach zusammen Dir uns're Herzen weih'n, Und voll von Liebesflammen- Dir ein Hosanna schrei'n;- Herr, der in deinem Namen sei gebenedeit, in Ewigkeit. Kommt, Die Engel sagen Amen,- Jetzt und - - - - Nach der Wandlung. 1. Hier bet' ich auf den Knieen, Verborg'ner Gott, dich an, Ich will mich nicht bemühen, Dus, was du hier gethan,- Durch Sinne zu begreifen:- Dein Wort muß mir allein, Um hier nicht auszuschweifen, Der Grund des Glaubens sein. 2. Die Gottheit war bedecket Allein am Kreuzaltar, Hier aber ist verstecket- Die Menschheit auch fogar. Dieß Denkmal deiner Güte, Dieß wahre Himmelsbrod, Erinnert mein Gemüthe, an deinen Tod. Herr, Jesu, 3. Wasch' mich von meinen Sünden, durch dein Blut, Und laß mich Gnade finden, Du allerhöchstes Gut; Laß bald den Vorhang fallen, - Erschein' im vollen Licht, Und eige mir und Allen - Dein glänzend Angesicht - - - - - - - - - - - - - 3um Agnus Dei. Kein 1. Erfreut euch, fromme Seelen, Ein Wunder ist gescheh'n; Der Herr will sich verhehlen, Auge kann ihn seh'n. In Brods- und Weinsgestalten Auf dem Altar enthalIst Jesu Fleisch und Blut - ten, - - 1 - Dieß größte Seelengut. 2. Verdeckt ist hier zu finden- Das wahre GottesSo aller Menschen Sünden lamm, - - - Kreuzesstamm! der Glaube lehrt, - Und wird doch nicht verzehrt. 3. Wenn wir das Leben schließen, Und dieses So Himmelsbrod Recht wohl bereit genießen, kann der bitt're Tod Uns Christen nicht erschrecken; Es ist ein Unterpfand, Daß Gott uns wird bedecken Mit seiner starken Hand. 4. Herr Jesu! deiner Liebe Sei Ehre, Lob und Dank, Weil du nach ihrem Triebe, Zur Speise und zum Trank Dein Fleisch und Blut gegeben, In Brodsgestalt verhüllt,- Daraus für uns das Leben Und reine Freude quillt. 5. Entzünd' in uns Verlangen Nach diesem Sakrament; Herr, laß es uns empfangen Wenn sich die Seele trennt. Laß uns in Frieden fahren, - Von Und Zu deinen Engelschaaren - allen Sünden rein, ewig bei dir sein. Getilgt am Es ist der Seelen Speise,- Wie uns Sie nährt uns auf der Reise, - - - - - - - 1 - 407 - - - - Zum Segen des Priesters. 1. Da wir nunmehr gehöret- Die Messe, wie man soll, So sei auch Gott geehret, Er mach' uns. 408 segensvoll- Und laß es sich gefallen, hier gethan, wir wohl daran. 2. Gott wolle uns behüten Daß uns an diesem Des bösen Feindes Wüthen Einst Tag Nicht schädlich werden mag. Er laß uns ohne Sünden stehen vor Gericht, Damit wir Gnade finden seinem Angesicht. Vor - - 1 - Was wir allEr bleibe bei uns Allen, So find 1 Das deutsche Amtlied. Zum Kyrie. 1. Hier liegt vor deiner Majestät Im Staub die Christenschaar, Das Herz zu dir, o Gott, erhöht, Die Augen zum Altar. Schenk' uns, o Vater, deine Huld, Vergib uns uns're Sündenschuld. O Gott, vor deinem Angesicht,- Verstoß uns arme Sünder nicht! Verstoß uns nicht! Verstoß uns Sünder nicht! 2. Wir haben, Herr, dein Gut verschwend't,- Wie der verlorne Sohn; Die Sünde hat uns so verblend't; Doch schau von deinem Thron Mitleidig her auf unsern Schmerz, Verwirf nicht ein zerknirschtes Herz; Entzieh die Vaterhuld uns nicht,- Und sende uns dein Gnadenlicht! Dein Gnadenlicht! Dein göttlich's Gnadenlicht! — 3. Wir sind ja deiner Hände Werk, Der Schöpfung unterthan; O gib uns Schwachen Kraft und Stärk', Sieh uns in Gnaden an. Hier bringen wir auf dem Altar Dir ein Versöhnungsopfer dar. - O Gott, der Werth des Bluts ist groß,- Das einst - - 1 - - - - - - - - - - - 1 409 dein Sohn für uns vergoß,- Für uns vergoß,- Am Kreuz für uns vergoß. Zum Gloria. Gott soll gepriesen werden,- Sein Nam' gebenedeit: Im Himmel und auf Erden, Jetzt und in EwigSei der feit! Lob, Ruhm und Dank und Ehre Dreieinigkeit;- Die ganze Welt vermehre, Gott, deine Herrlichkeit. - — - Zum Evangelium. Aus Gottes Munde gehet Das Evangelium! Auf diesem Grunde stehet Das wahre Chriſtenthum. Der Weis- und Gott selbst ist's, der uns lehret, - Wie glücklich Der seine Lehren höret, - Wahrheit ist, ist der Christ! — - - - - - Zum Credo. 1 1. Allmächtiger, vor dir im Staube- - Bekennt dich - deine Kreatur! O Gott und Vater, ja, ich glaube- An dich, du Schöpfer der Natur!- Und an den Sohn, Von dir gezeuget, ewig war, der ausgegangen Die reinste Und den vom heil'gen Geist empfangen, Jungfrau uns gebar. Daß er 2. Und Jesus Christus ist gekommen, versöhne uns mit Gott; Er hat die Schuld auf sich Und litt für uns den Kreuzestod; genommen, Fuhr zu des Vaters Erstand, besiegte Tod und Hölle, Rechten auf, Und wird als Richter jeder Seele Einst prüfen unsern Lebenslauf. Die wahre 3. Ich glaube, Gottes Geist regieret Kirch' und Christenheit; Ein büßend Schaf, das sich - - - - - 1 - - 410 verirret, Flieht hin zu der Barmherzigkeit.— Am jüngsten Tag wird's Fleisch erstehen; Jetzt, Heilige, helft insgemein, Daß wir mit euch zum Leben gehen, Miterben Christi ewig ſei'n! - - 3um Offertorium. 1. Nimm an, o Herr, die Gaben Aus deines Priesters Hand;- Wir, die gesündigt haben,- Weih'n dir dieß Liebespfand. Für Sünder hier auf Erden, In Aengsten, Kreuz und Noth Soll dieß ein Opfer werden Von Wein und reinem Brod. 2. Nimm gnädig dieß Geschenke,- Dreieinig großer Gott! Erbarm' dich unser, denke An Christi Blut und Tod. Sein Wohlgeruch erschwinge- Sich hin zu deinem Thron, Und dieses Opfer bringe Uns den verdienten Lohn! - - - erfreut: gebenedeit! der Herr! von Meer zu Meer! - - - - 3um Sanktus. - 1. Singt: Heilig, heilig, heilig- 3st unser Herr und Gott!- Singt mit den Engeln: Heilig du, Gott Sabaoth! Soll deine Herrlichkeit Jetzt und in Ewigkeit! - Bist Im Himmel und auf Erden Gelobt, gepriesen werden 2. Wir singen froh zusammen, — - - Von ganzer Seel' Der kommt in Gottes Namen, Hosanna in der Höhe, Dem großen Gott geschehe - - - - - Der sei Gepriesen sei Sein Lob - Nach der Wandlung. Sieh 1. Sieh, Vater, von dem höchsten Throne, gnädig her auf den Altar,- Wir bringen dir in deinem TA 411 Sohne Ein wohlgefällig's Opfer dar. Wir fleh'n durch ihn, wir, deine Kinder, Und stellen dir sein Leiden vor; Er starb aus Liebe für uns Sünder, Noch hebt er's Kreuz für uns empor. Rep. 2. Er hat für uns sich dargegeben,- Für alle Menschen insgesammt;- Beim Vater, daß wir ewig leben, O Jesu, höre Vertritt er jetzt das Mittleramt. uns're Bitte, Steh uns'rer Schwachheit immer bei, An uns niemals Auf daß dein Leiden, deine Güte verloren sei. Rep. - - - - 1 1 - - Zum Agnus Dei. Betrachtet ihn in Schmerzen, Wie er sein Blut vergießt; Seht, wie aus Jesu Herzen- Der letzte Tropfen fließt; Er nahm hinweg die Sünden, Bei Gott läßt er uns Er trug all uns're Schuld; finden Den Frieden, seine Huld. - - - - - - Bur Kommunion. O Herr, ich bin nicht würdig,- Zu deinem Tisch zu geh'n; Du aber mach' mich würdig,- Erhör' mein kindlich Fleh'n. Ostille mein Verlangen, Du Seelenbräutigam! Im Geist dich zu empfangen, Dich, wahres Gotteslamm! - - - - - - Das Opfer ist Bum Beschlusse. Nun ist das Lamm geschlachtet, Gott, deine vollbracht: Wir haben jetzt betrachtet, Aus Lieb' und Macht. Du bist bei uns zugegen, deinem Gnadenmeer Ström' uns dein Vatersegen Durch dieses Opfer her! - - - - - 412 - Drittes Meßlied. Beim Eingange. Hier wirft vor dir im Staub sich hin, O Gott, die Christenschaar: Zu dir erhebt sich Herz und Sinn, Das Auge zum Altar,- blick auf uns mit Vaterhuld, Vergib uns die bereute Schuld, Verstoß von deinem Angesicht, O Gott, uns arme Sünder nicht; - - Verstoß uns nicht, Verstoß uns Sünder nicht. - - - - - - Beim Gloria. Gott soll gepriesen werden Auf seinem höchsten Thron; Ruh', Friede sei auf Erden Der guten Menschen Lohn.- Wir loben, ehren Alle- Dich, o Dreieinigkeit! Und unser Dank erschalle- Bis an das End' der Zeit. - Beim Evangelium. Es kommt aus Gottes Munde- Das Evangelium; Und nur auf diesem Grunde- Steht wahres Christenthum.- Herr, laß uns niemals kehren- Durch deiner Feinde Lift- Das Ohr zu falschen Lehren,- Dieß fleht der wahre Christ. - - - Beim Credo. Bekennt dich - Allmächtiger, vor dir im Staube deine Kreatur,- O Gott und Vater, ja, ich glaube An dich, du Schöpfer der Natur; An deinen Sohn, den, rein empfangen, — - Die heil'ge Jungfrau uns gebar; Und an den Geist, der ausgegangen. Von Beiden, stets mit Beiden war. - - Beim Offertorium. Von deines 1. Nimm an, o Herr, die Gaben Priesters Hand;- Die dich beleidigt haben,- Versöhne dieses Pfand. Bald bleiben nur Gestalten diesem Brod und Wein; Von Und das, was sie enthalten, Wird Seelenspeise sein. - Gott, 2. Bewegt von dem Geschenke,- Dreieinig großer Erbarme dich und denke, Wer sich für uns erbot;- Der sich zum Opfer bringet- Vor deinem Gnadenthron, Zum Vaterherzen dringet, Ist dein geliebter Sohn. - erfreut: gebenedeit. Beim Sanktus. 1. O finget: dreimal heilig Ist er, Gott SaDreieinig, unzertheilig- Ist unser Herr und Es glänzet seiner Ehren- Die ganze Schöpfung Wie man ihn daß uns Engel lehren, wir, vor dir. - - - baoth! Gott; voll; preisen soll. 2. Um Engel nachzuahmen, Singt unser Geist Der sei Der kam in Gottes Namen, Hosanna schallt es oben,- Hosanna fingen Und beten an und loben,- Und staunen, Herr, - - - - L - - - - 413 - Nach der Wandlung. Sieh 1. Sieh, Vater, von dem höchsten Throne, gnädig her auf den Altar;-Wir bringen dir in deinem Wir fleh'n Sohne Ein wohlgefällig Opfer dar. durch ihn, wir, deine Kinder, Und stellen dir sein —— - Leiden vor; Er starb, des Todes Ueberwinder, Stand auf und fuhr zu dir empor. 414 2. Er hat für uns sich dargegeben Für alle Menschen insgesammt;- Vertritt, damit wir ewig leben, Beim Vater jetzt das Mittleramt. Jesu, laß uns Huld erwerben,- Steh uns'rer Schwachheit immer bei, Damit dein Leiden und dein Sterben Ja nicht an uns verloren sei. - 1 - Wie er sein Blut Der letzte Beim Agnus Dei. Betrachtet ihn in Schmerzen, vergießt, Seht, wie aus Jesu Herzen Tropfen fließt!- Er fließt, uns anzukünden Das wahre Gotteslamm, Das liebreich alle Sünden Von unsern Seelen nahm. - - - - Bei der Kommunion. - Wie soll, o Herr, ich's wagen, An deinen Tisch zu geh'n,- Du darfst ein Wort nur sagen,- Um mich gesund zu seh'n.- O stille mein Verlangen,- Du einzig Seelengut,- 3m Geiste zu empfangen- Dein wahres Fleisch und Blut! • 1 - Zum Yefchluffe. Nun ist das Lamm geschlachtet, Das Opfer ist vollbracht! Nun haben wir betrachtet, Gott, deine Lieb' und Macht,- Die bleib' uns stets zugegen; Aus deinem Gnadenmeer- Ström' uns dein Vatersegen Durch dieses Opfer her. - - Predigtlied. 1. In Gott des Vaters und des Sohn's Und seines Geistes Namen, Sprecht hier am Fuße seines 1 415 Thron's, Christen, freudig Amen.- Sprecht Amen und bereitet euch,- Nach eures Meisters Lehren,- Den Vater in dem Himmelreich Mit Bitten zu verehren. 2. O Vater unser, der du bist Im Himmel und Soll auf Erden, Dein Name, der so liebvoll ist, stets geheiligt werden. Dein Reich vom Anbeginn der Welt Bereitet allen Frommen, Das laß, wenn dieser Staub zerfällt, Für uns auch einstens kommen. Die Himmels3. So wie auf jeden Wink von dir geister sehen, So soll auch unter Menschen hier Dein Wille stets geschehen. Das Brod, das uns're Seele nährt, Um dir, o Gott, zu leben, Auch jenes, das der Leib begehrt, Sei täglich uns gegeben. - - - - - Befehl; Gabriel. Weibern! 1 - - - - - - Die wir vor 4. Vergib uns, Vater, jede Schuld, Den dir bereuen, So wie wir alle mit Geduld Schuldigern verzeihen. Ersticke, wenn Versuchung droht, In uns den bösen Samen; Erlös' uns jetzt und einst, o Gott, Von allem Uebel. Amen. - - - - Adventlied zur Rorate. 1. Maria, sei gegrüßet,- Du lichter Morgenstern, Der Glanz, der dich umfließet, Verkündet uns den Herrn. Von jeder Makel rein, Sollst du zum Menschenheile Des Höchsten Mutter sein. 2. Dein Gott, zu dir gewendet, Es eilt, von ihm gesendet, Er spricht: O gnadenvoll, Der Herr bedenkt dein Wohl. - - - — - - - - Ertheilet den Der Engel Gesegnet unter 416 dabei, Botschaft sei. 3. Dieß konntest du nicht fassen, Und batest ihn Dich recht versteh'n zu lassen, Was diese Maria, zitt're nicht; Denn du haft Huld gefunden Vor Gottes Angeſicht. Auf David's - Und Jesus. 4. Er will, du sollst empfangen, Gebären einen Sohn, Der wird durch ihn gelangen Vaterthron.- Des Höchsten Sohn zugleich- soll er heißen, Unendlich ist sein Reich. 5. Wie soll denn dieß geschehen, Ich kenne keinen Mann! O Jungfrau, du wirst sehen, Was Gottes Allmacht kann. Er sendet seinen Geist, Der wird dich überschatten, Damit du Mutter seist. 6. In ihren alten Tagen Von seinen Wundern sagen, Sie hieß zwar unfruchtbar: unmöglich, Der sein wird, ist und war. 7. Da sprachst du tief geneiget:- Ich bin des Höchsten Magd, Was du mir angezeiget, Das sei, wie - du gesagt.- O freudenvolles Wort! tes eilte Mit seinem Auftrag fort. 8. Von seines Vaters, Freuden Kam jetzt das Wort herab,- Für Sünder hier zu leiden, zu suchen Tod und Grab. Er wählte deinen Leib,- Mit Fleische sich zu kleiden, Gebenedeites Weib. - 9. Den Schatz, den du empfangen, O bring' ihn bald zur Welt, Wir warten mit Verlangen;- Denn er ist jener Held, Der uns're Bande bricht, Und aus des Todes Schatten Uns rufet an das Licht. 10. Dieß Lied sei dir gesungen,- Des Heil's Gebärerin; Mit dir ergeb'nen Zungen, Mit dir - - - - — - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Kann auch Elisabeth Die nun gesegnet geht; Doch dem ist nichts - - - - Der Bote Got- ( 144 -- - 417 ergeb'nem Sinn. Dein hochgelobtes Pfand- Führ' uns auf deinen Fürspruch- Hinauf ins Vaterland. Weihnachtslied. - 1. Dieß ist der Tag von. Gott gemacht,- Ich will mich herzlich freuen;- Auch mich hat heut' der Herr bedacht, Ich will ihm Lieder weihen.- Das Heil, das aus der Jungfrau Schooß Heut' allen Adamskindern sproß, Vor Ist auch für mich geboren. seine Krippe sink' ich dann, Und bete meinen Heiland an, In Wonne ganz verloren. 2. In meiner Bildung liegt er hier, Den keine Namen nennen; O Gott, o kind, geläng' es mir, Die Gutthat ganz zu kennen: Du stiegest von dem Thron herab, Den dir mit sich der Vater gab, Um hier für mich zu leiden; Du wähltest, mir zu nützen heut' Den Für Ueberfluß die Dürftigkeit, Stall für Himmelsfreuden. - - - - - - - 3. Du weinst, mein Jesu, sei gegrüßt, Ognadenreiche Zähre; Sei mir mit Ehrfurcht aufgeküßt,- O Tropfen aus dem Meere, Das einstens blutig strömen soll Für mein und aller Sünder Wohl, Sei auch für mich geweinet; Erwärme falter Christen Herz, Das ihres Heilands ersten Schmerz Nicht zu emfinden scheinet. 4. Das meine soll dein Wohnplatz sein, Geliebtester aus Allen, Es soll wie neugeschaffen, rein Von Engelstrieben wallen; Komm aus der Krippe, Bring' echte Frömmigkeit mit dir, komm zu mir, Brunner, Jesus. 27 - - - - - - - - 418 Und wahre Chriſtenſitten. O noch nicht Richter, noch ein Kind, Dieß macht mich hoffen: Kinder sind Ja leichter zu erbitten. - 5. Du kehrest einst mit Majestät, Vom Engelheer umringet, Wenn diese Welt zu Trümmern geht, Der Staub aus Gräbern dringet; Dann muß auch ich hin in's Gericht, Allweiser, vor dein Angesicht, Von Furcht und Angst durchdrungen; Osprich dann: ich erkenne dich; Du hast vor meiner Krippe mich Mit Inbrunst einst besungen. - - - - - - - Fastenlied. 1. Laß mich deine Leiden singen, Dir des Mitleids Opfer bringen, Unverschuld'tes Gotteslamm, Das von mir die Sünden nahm! Jesu, drücke deine SchmerTief in aller Christen Herzen; Laß mir deizen nes Todes Pein Trost in meinem Tode sein! 2. Ins Gericht für Menschen treten, Zum erzürnten Vater beten,- Seh' ich dich mit Blut bedeckt Auf den Delberg hingestreckt. Jesu, drücke 2c. - 3. Dich zu binden und zu schlagen, Zu beschimpfen und zu plagen, Nahet sich der Feinde Schaar, Und du gibst dich willig dar. Jesu, drücke zc. 4. Von den Richtern, die dich hassen, Wilden Kriegern überlassen,- Strömet dein unschuldig's Blut, Unter frecher Geißeln Wuth. Jesu, drücke 2c. 5. Unter lautem Spott und Hohne- Seh' ich eine Dornenkrone, Die, mein Heiland, scharf geſpitzt,- Deine Stirne schmerzlich ritzt. Jesu, drücke 2c. - - - 1 - - - - - - - - - 419 6. Wundenvoll, erblaßt, entkräftet,- An das Opferholz geheftet,- Seh ich, wie ein Gottmensch stirbt, Und den Sündern Heil erwirbt. Jesu, drücke deine Schmerzen 2c. 7. Heiland, meine Missethaten kauft, verrathen, Haben dich verDich gegeißelt und gekrönt, An dem Kreuze dich verhöhnt! Ach, es reuet mich von Herzen, Laß, mein Heiland, deine Schmerzen, Deines Mittlertodes Pein- Nicht an mir verloren sein. - 11 - Ofterlied. 1. Der Heiland ist erstanden,- Befreit von Todesbanden, Der als ein wahres Osterlamm- Für mich den Tod zu leiden kam. Alleluja! 2. Nun ist der Mensch gerettet, Und Satan angefettet; Der Tod hat keinen Stachel mehr,- Der Stein ist weg, das Grab ist leer. Alleluja! Die lang' ge3. Der Sieger führt die Schaaren, fangen waren, In seines Vaters Reich empor, Das Adam sich und mir verlor. Alleluja! 4. O wie die Wunden prangen, Die er für uns empfangen! Wie schallt der Engel Siegesfang Dem Starken, der den Tod bezwang. Alleluja! 5. Mein Glaube darf nicht wanken,- O tröstlicher Gedanken! Ich werde durch sein Aufersteh'n- Gleich ihm aus meinem Grabe geh'n. Alleluja! 6. Die Nacht, die mich dort decket,- Bis mich der Engel wecket, Ist kurz, dann ruft mein Heiland mich Ins Reich, wo Niemand stirbt, zu sich. Alleluja! 27* - - - - - - - 420 7. O Meer der Seligkeiten!- Ein' Ort mir zu bereiten Ging mein Erlöser hin vor mir, standener, ich folge dir. Alleluja! Er8. Ja, durch ein neues Leben Will ich zur Höhe streben, Wo du mit deinem Vater thronſt, Und jede gute That belohnst. Alleluja! 9. Dann werd' ich im Gerichte- Vor deinem Angesichte Vor deinem Blute glänzend steh'n, Und zu des Lammes Hochzeit geh'n. Alleluja! 10. Alleluja, Alleluja, Alleluja!- Wie du vom Tod erstanden bist, Laß uns ersteh'n, Herr Jesu Christ. Alleluja! - - - Gesang in der Bittwoche. 1. Strenger Richter aller Sünder, Treuer Vater deiner Kinder,- Der du in dem Himmel wohnst, Drohest, strafest und belohust:- Höre gnädig uns're Bitte, Wende ab von uns'rer Hütte Krankheit, Krieg und Hungersnoth, Gib uns unser täglich's Brod. 2. Jeden Tag, ja jeden Morgen Kannst du Alle wohl versorgen,-- Du bist unermeßlich reich,- Nichts ist deiner Güte gleich. Höre gnädig uns're Bitte 2c. 3. Alles kommt von deinem Segen, Du gibst Sonnenschein und Regen, Daß die Feldfrucht wächst und blüht, Daß man reiche Ernte sieht. Höre gnädig uns're Bitte 2c. 4. Wenn sich Ungeziefer mehren,- Und die Früchte uns verzehren, So geschieht's nach deinem Rath, Wegen uns'rer Missethat.- Höre gnädig uns're Bitte 2c. 5. Wenn bei vielen Regengüssen- Saat und Frucht verderben müssen, So hat's deine Hand gethan, - - - - - - - - - - - 421 Uns're Sünd' ist Schuld daran.- Höre gnädig uns're Bitte 2c. 6. Wenn an heißen Sommertagen Schloßen Alles niederschlagen,- Was in Feld und Gärten grünt, Oso haben wir's verdient. Höre gnädig uns're Bitte 2c. - 7. Wenn bei Blizz und Ungewittern Wir an allen Gliedern zittern, So wird deine starke Hand- Erst den Sündern recht bekannt. Höre gnädig uns're Bitte 2c. 8. Deine Allmacht zu verbreiten, Schicktest du zu Josef's Zeiten- Sieben Jahre Fruchtbarkeit,- Und so lange theure Zeit. Höre gnädig uns're Bitte 2c. 9. In des Königs Achab's Tagen Schlugst du Ifrael mit Plagen, Daß die Erde dürre war, Durch drei und ein halbes Jahr.- Höre gnädig uns're Bitte 2c. - - - - - - - 10. Selbst der Himmel schien verschlossen, Da kein Regen sich ergossen- Wegen der Abgötterei, Die das Volk trieb ohne Scheu.- Höre gnädig uns're Bitte 2c. - - 11. Du gabst wunderbarer Weise Dem Elias seine Speiſe, Da man durch das ganze Land Große Hungersnoth empfand.- Höre gnädig uns're Bitte 2c. Als 12. Endlich wirkte Buße Regen- Und du schicktest deinen Segen, Du vergabst die Missethat, Elias darum bat. Höre gnädig uns're Bitte 2c. 13. Laß auch uns Erbarmung finden, wegen uns'rer Sünden Wenn du - - Ungnädig geworden bist,- 422 Und das Wetter schädlich ist.- Höre gnädig uns're Bitte 2c. 14. Mit recht findlichem Vertrauen Wollen wir die Felder bauen, Deffne deine Gnadenhand, Segne unser Vaterland. Höre gnädig uns're Bitte 2c. - Pfingstlied. 1. Komm, heiliger Geist, o dritte Person, Von einer Natur mit Vater und Sohn, Der du von seiner Sündenlast- So manches Herz befreiet hast.- Komm, heiliger Geist, erwünschtester Gast! - 2. Komm, heiliger Geist, auf uns jetzt herab,— So wie dich einst Gott den Gläubigen gab, Alsihre noch geringe Zahl, Versammelt im verschloff'nen Saal, Sich sehnte nach dir, du göttlicher Strahl. 3. Komm, heiliger Geist, ein Tröster genannt, Es werde durch dich der Kummer verbannt, uns verstört in unserer Pflicht, Die Trägheit überwinde uns nicht, Wenn du uns entflammst, o Der - mächtiges Licht! 4. Komm, heiliger Geist, du Lehrer der Welt, Die Straße des Heiles wird niemals verfehlt,- Wenn man sich nicht an Sekten kehrt, Die Kirche, die dein Einspruch lehrt, Mit kindlicher Treu' als Mutter verehrt! - - 11 1 5. Komm, heiliger Geist, vom himmlischen Thron, Dir werde zugleich mit Vater und Sohn, In unzertheilter Wesenheit, Von nun an bis in Ewigkeit- Anbetung, Dank und Jubel geweiht! — Frohnleichnamslied. 1. Deinem Heiland, deinem Lehrer, Deinem Hirten und Ernährer, Sion, stimm ein Loblied an!- Preis' nach Kräften seine Würde, Da kein Lobspruch, keine Zierde- Seiner Größe gleichen kann. 2. Dieses Brod sollst du erheben, und gibt das Leben, in Freuden wallen, Welches lebt Das man heut' den Christen weis't. Dieses Brod, mit dem im Saale Christus bei dem Abendmahle- Die zwölf Jünger selbst gespeis't. 3. Unser Lob soll laut erschallen, Und das Herz Denn der Tag hat sich genaht: Tisch der Gnaden Und dieß Brod geopfert hat. 4. Durch das Lamm, das wir erhalten, hier der Genuß des alten Osterlammes abgethan; Und der Wahrheit muß das Zeichen, Und die Nacht dem Lichte weichen, Und das Neue fängt nun an. Uns zum Da der Herr zum ersten Mal geladen Wird 5. Was von Jesus dort geschehen,- Und wir so wie er begehen, Mahnet uns an seinen Tod. Als ein Opfer ihn zu ehren, Nach der Vorschrift seiner Lehren, Opfern wir ihm Wein und Brod. 6. Doch, wie uns der Glaube lehret, Wird das Brod in Fleisch verkehret, Und in Christi Blut der Wein! Was dabei das Aug' nicht siehet, Dem Verstande selbst entfliehet, Sieht der feste Glaube ein 7. Unter zweierlei Gestalten- Sind sehr große Ding' Blut und enthalten, Deren sie nur Zeichen sind; Fleisch und Trank und Speise, Da sich doch in beider Weise Christus unzertheilt befind't. - - - - - 1 - - - - - - - - - - - - - 423 - 424 8. Wer zu dieſem Gastmahl eilet, Nimmt ihn ganz und unzertheilet, Unzerbrochen, unversehrt!- Einer kommt, und Tausend kommen, Keiner hat doch mehr genommen, Und er bleibt doch unverzehrt. 9. Fromme kommen, Böse kommen, Und sie haben ihn genommen, Die zum Leben, die zum Tod! Bösen wird er Straf' und Hölle, Frommen ihres Heiles Quelle! Wie verschieden wirkt dieß Brod! 10. Endlich wisse, daß vom Leibe So viel in den Theilen bleibe, Als das Ganze selbst enthält; Nicht das Wesen, nur das Zeichen- Muß da der Zertheilung weichen; Jenes bleibet unverstellt. 11. Sieh, dieß ist das Brod der Kinder, Der Gerechten, nicht der Sünder,- Welches auch die Engel nährt! Schon in Isaak's Himmelsbrode, Und des Osterlammes Tode- War es einstens vorerklärt. 12. Guter Hirt und wahre Speiſe, Jesus, nähr' uns auf der Reise Bis in deines Vaters Reich! Nähr' uns hier im Jammerthale, Ruf' uns dort zum Hochzeitsmahle, Mach' uns deinen Heil'gen gleich. - - - - - - - - - - - - - - Lied an allen Frauenfesten. 1. O Mutter Gottes, hochbelohnt, Von Jesu, deinem Sohne;- O glänzender, als Sonn' und Mond, In deiner Himmelskrone, Von deinem Glücke - - - fing' ich hier Mit Herzenslust auf Erde; D, daß mein guter Wille dir Ein süßes Opfer werde. 2. Was kann ich sonst, als oft an dich deine Größe denken,- Dich findlich lieben, täglich mich Dir, o Maria, schenken? Was kann dir sonst ein Und - - 425 Adamskind, Im Jammerthale geben,- Wenn Engel selbst dir dienstbar sind, Und deinen Thron umschweben. 3. Die Demuth und die Reinigkeit, Die deine Seele schmückten, Die waren es insonderheit,- Die dich so sehr beglückten. Durch diese wählte Gott, dein Freund, Zur Mutter dich vor Allen; Wer diese Tugenden vereint, Wird ihm und dir gefallen. 4. Du hörest jetzt an seiner Hand Der Seraphinen Lieder, Und blickest freundlich auf das Land Der Sterblichen hernieder. milde Jungfrau, darf ich dir Mit Inbrunst wiederholen, Was dir dein Jesus auch von mir Am Kreuze noch empfohlen. - - - - - -- - - - — - 5. 3war weiß ich, ich verdiente nicht- Bisher dein Kind zu heißen; Doch will ich mich nach Kindespflicht- Es werth zu sein befleißen. Du gib auf So meiner Pilgerfahrt- Mir deinen Muttersegen, geh ich Feinden aller Art- Mit Christenmuth entgegen. - - - - 6. Besonders in der letzten Noth, Wenn Menschen mich verlassen, Wenn Tod erschreckt und Hölle droht, Das Kreuz, Laß mich das Kreuz umfassen! an dem du leidend stund'st- Bei deines Jesu Sterben; Zu seines Und führe mich durch seine Gunst Reiches Erben. - — - - - Das Te Deum laudamus. 1. Großer Gott, wir loben dich,- Herr, wir preisen deine Stärke; - - Vor dir neigt die Erde sich- 226 Und bewundert deine Werke.- Wie du warst vor aller Zeit, So bleibst du in Ewigkeit. 2. Alles, was dich preisen kann, Cherubim und Seraphinen, Stimmen dir ein Loblied an; Alle Rufen dir stets ohne Ruh': - Engel, die dir dienen, Heilig, heilig, heilig zu. 3. Heilig, Herr Gott Sabaoth! Heilig, Herr der Kriegesheere!- Starker Helfer in der Noth!- Himmel, Erde, Luft und Meere Sind erfüllt von deinem Ruhm, Alles ist dein Eigenthum. - - - - 4. Der Apostel Christi Chor Der Profeten große Menge, Schickt zu deinem Thron empor Neue Lob- und Dankgesänge;- Der Blutzeugen große Schaar Lobt und preis't dich immerdar. 5. Auf dem ganzen Erdenkreis Loben Große und auch Kleine Dich, Gott Vater, dir zum Preis Singt die heilige Gemeine, Sie ehrt auch auf seinem Thron Deinen eingebornen Sohn. 6. Sie verehrt den heil'gen Geist, Welcher uns mit seinen Lehren Und mit Troste kräftig speist; Der, o König, voller Ehren, Der mit dir Herr Jesu Christ, Und dem Vater ewig ist. 7. Gottes Sohn, unendlich groß, herabgekommen, Du zu uns In der reinsten Jungfrau Schooß - - Hast die Menschheit angenommen, Um von Sünd' und Höllenpein Uns Verlor'ne zu befrei'n. - - - - - - - - - - - - - 8. Nunmehr steht das Himmelsthor Allen, welche glauben, offen; Du stellst uns dem Vater vor, Wenn wir kindlich auf dich hoffen! Endlich kommst du zu Gericht, Zeit und Stunde weiß man nicht. - - - 427 9. Steh, Herr, deinen Dienern bei, Welche dich mit Demuth bitten, Die dein Blut einst machte frei, Als du für uns hast gelitten; Nimm uns nach vollbrachtem Lauf Zu dir in den Himmel auf. 10. Sieh dein Volk in Gnaden an: Hilf uns, segne, Herr, dein Erbe: Leit' es auf der rechten Bahn, Hilf, Daß der Feind es nicht daß es durch Buß' und Fleh'n möge seh'n. verderbe; Dich im Himmel - 1 - - - - - - - 11. Alle Tage wollen wir Dich und deinen Namen preisen, Und zu allen Zeiten dir Ehre, Lob und Dank erweisen; Gib, daß wir von Sünden heut' - - Und von Lastern sei'n befreit. 12. Herr, erbarm', erbarme dich! - - - - - Herr, sei dein Segen! Deine Güte zeige sich, wie wir zu hoffen pflegen!- Auf dich hoffen wir allein, Laß uns nicht verloren sein! Ueber uns, So Lied zum Segen mit dem allerheiligsten Sakramente. Vor dem ersten Segen. Wir beten an, dich, wahres Himmelsbrod!- Dich, Heiland, Herr, barmherzig großer Gott!- Heilig, heilig, heilig! Du bist allzeit heilig;- Sei gepriesen ohne End'- In dem heiligsten Sakrament.( Der Segen.) - Nach demselben. Wir knieen hier vor deinem Gnadenthron! guter Hirt, o Jesu, Gottes Sohn! Heilig 2c.( wie vor dem ersten Segen.) - Dut 428 Bor dem letzten Segen. Wir bitten dich, erbarm' dich, großer Gott!- Und segne uns durch dieses Gnadenbrod. Heilig 2c.( wie vor dem ersten Segen.) Nach demselben. Ach, höre uns, wir ringen uns're Händ',- - speise uns an unserm letzten End'. Heilig 2c.( wie vor dem ersten Segen.) Und Borerinnerung. Gebete für alle Tage Morgengebet Abendgebet Reue und Leid Glaube, Hoffnung und Liebe Meßgebete Unterricht. Vorbereitungsgebet Zum Gloria Beim Evangelium Zum Credo Beim Offertorium Zum Sanktus Bei der Wandlung. Bei der Kommunion Am Ende der heiligen Messe Meßandacht Vorbereitungsgebet Zum Anfange Zum Kyrie eleison Zum Gloria Zur Kollekte. Inhalt. Zur Epistel Zum Evangelium Zum Credo Offertorium Zur Präfation Vor der Wandlung Wandlung Nach der Wandlung 429 Sette 3 31 ಪದ 31 34 40 42 47 47 51 54 55 57 59 60 62 66 68 71 71 72 72 72 73 73 74 75 76 76 77 78 78 430 Beim Vater unser Agnus Dei Kommunion. Nach der Kommunion Zum Segen. Beim letzten Evangelium Gebet nach der heiligen Messe Beichtgebetc Unterricht. Gebete vor der Beicht Bitte um den göttlichen Beistand Ernst der Besserung Sinnesänderung Sittliche Freiheit Selbstprüfnng oder Erforschung des Gewissens Nach der Selbstprüfung oder Gewissenserforschung Die Sünde Reue.. Vorsatz Beichtvater 99 101 103 108 110 113 115 115 118 Kommuniongebete 123 Vor der Kommunion 123 Nach der Kommunion 128 Betrachtungen von Gott und seinen Eigenschaften. 139 Am Montage; Es ist ein Gott, der Schöpfer des Weltalls Gebet nach der Beicht Vergebung der Sünden. Wirklicher Anfang der Besserung Seite 79 Am Dinstage: Gott ist ewig, unveränderlich Am Mittwoche: Gott ist allmächtig Am Donnerstage: Gott ist allweise, allgegenwärtig, allwissend. Am Freitage: Gott ist höchst gütig Am Samstage: Gottes Vorsehung Sonntagsgebete: Anbetung Gottes Dankgebet 80 81 81 82 82 83 84 84 93 93 94 96 98 139 147 . 151 158 168 183 205 210 Recete Inches Centimetres Blue 2 3 14 Cyan 2 5 ¹6 17 3 Farbkarte# 13 Green 8 Yellow 9 10 Red 11 5 12 13 Magenta 14 6 15 White 16 17 7 3/ Color 18 19 B.I.G. Black