——— E vnst Sommer ist durch seinen Roman „Bofschaft aus Granada“ hereits im Ausland bekannt geworden, der in un- vergeßlichen Szenen die Vertreibung der Juden aus Spanien hehandelte. Das Judenleid der jüngsten Vergangenheit ist der Stoff dieses Romanes. Der Schau plate ist ein„Arbeilslager in Polen, in dem Juden aus allen von der Naz? arnmee hbesetzten Jeilen Puropas, die ols Zanqsarheiter vnsaobaren körpe? chen und seelischen Foltern ausgesetzt sind, sich zulelet zum bewaffnelen Widerstand entschließen, dessen Aus- schislosihkeit ihnen klar hewußt ist. Wie der biblische Simson reißen sie in den eigenen Tod uie Schar ihrer Ver- derber. Einer Zukunt, welcher diese Greuel— taten unglaublich erscheinen werden, ird dieser Roman, der gleichzeitig ein uniderlegbares Dokument ist, berich- ten, welch Unmaß an Ungerechigkeit und Schrecken der Wahn von der Uber- legenheit einer Rasse erzeugl hal. „Revoll der Heiligen“ jst ein klassi— sches Muster moderner Frzählerkunst und zugleich ein Aufruf an alle Peut- schen zur Besinnung. 5 5 R E VOL T FE D E R H E I L I 6 E N —— 1—— S VE RL A6 HW DIET2 NA C H F. B E R L I N m Mai und Juni 1543 in London, cht im Sommer 1544 durch den Verlag Geschrieben 1 zuerst veröfſentli E! Libro Libre in Meiko Genehmigt unter Nr. G-22 112 94 6 by Verlag HW Dietz Nachf. GmbH, orbehalten. Gestaltun Satz und Drucz der Copyrioht 1 Berlin. Printed in German. Alle Rechte v Entw urf. und Typographie Dietz Spamer A6, Leipzio M 115 œ = 8 H en 0 H 5 S 8 6 6 6 S— S S S — 8 B ₰ S S— S e— 8 ————————————— „ 8 5 8 * — PRXLUDIUM ie Stadt L. liegt auf einer Anhöhe, die durch eine Schlucht in zwei gesonderte Kuppen ge- teilt ist. Die größere dieser Kuppen trägt die Christenstadt. Auf der kleineren, aber steileren steht das Schloß, von dem neben dem mittleren Trakt nur noch ein Teil des Westflügels erhalten ist. Zu den Füßen des Schlosses liegt die Judenstadt. Sie umfaßt nicht mehr als ein Dutzend Gassen. Ihre Häuser waren lange verfallen. Aber erst das Luftbombardement im September des Jahres 1939 hat sie aufgerissen und zerfetzt. Ihre Dächer lie- gen offen, die Stiegen brechen in der Mitte ab, vereinsamte Ka- mine stehen zwischen Dachstuhlgerippen. Die ehemalige Synagoge führt den Mamen des legendären jüdi- schen Eintagskönigs von Polen, Simon Wahl. Auch sie ist zer- klüftet und zerspalten. Man sieht von außen die zum Teil umgekippten Sãulen, auf denen die Kuppel ruht, die durchbroche- nen Gitter, von denen die Frauengalerie begrenzt wird, und die Reste der steinernen Bänke, die den Almemor umgeben. An einem Hang liegt der Judenfriedhof. Er ist teils von Spreng- geschossen, teils von Menschenhänden zerstört. Moch steht ein win- ziges Gebäude, die Leichenkammer. Einige Grabsteine, von Ge- strüpp verdeckt, ragen aus der Erde. Die Judenstadt war immer von Wällen umgeben. Aber diese waren zum Feil abgetragen. Jetzt sind ihre Lücken durch Stachel- draht ausgefüllt. Das gegen die Christenstadt führende Tor ist zu- 7 gemauert. Vor dem die Verbindung mit dem Schloß herstellenden Tor steht ein bewaffneter Wächter. Die Christenstadt trägt manches Zeichen vergangenen Glanzes. Ein hoher Glockenturm beherrscht den Ringplatz. Mehrere Adels- paläste stehen nebeneinander, mit breiten geschmückten Pforten und marmornen Fackelhaltern. Ihr vornehmstes ist eine Ruine. Aber selbst seine Trümmer strahlen Glanz aus. Die scheibenlosen Fenster gewähren Finblicke in holzvertäfelte Räume mit bemalten Decken. Die Hauptkirche ist reich geschmückt. Die neiita von Künstlern entworfen. Der Verfall hat nicht alle Teile der Stadt erfaßt. Manche Häuser wurden wie durch ein Wunder ver- schont, so das von den Standbildern der vier Evangelisten um- gebene Gericht auf dem Markt. Noch kann man über seinem Tor die Marmorplatte sehen, in die die nackte Justitia eingemeißelt ist, Waage und Schwert vor sich hinhaltend. Aber niemand spricht Recht im Gericht. Weder Richter noch Anwälte beleben den Korridor. Auch das wuchtige Gefängnis ist leer. Kein Laut dringt aus den Zellen. Ebenso leer sind die meisten Häuser der Stadt. Viele Einwohner wurden Opfer des Bombardements, andere wur- den weggeführt oder sind geflohen und endeten irgendwo auf der sinnlos gewordenen Flucht. Von den zwanzigtausend Ein- wohnern der Christenstadt sind kaum mehr dreitausend vorhan- den. Zum Teil sind sie auf benachbarten Gütern beschäftigt, zum Teil dienen sie der deutschen Rüstungsindustrie. Selten öffnet sich bei Tag ein Tor, selten bewegen sich die Vorhänge hinter den Scheiben. Wer das Glück genießt, in seinem Hause wohnen zu dürfen, lebt hinter dreifach verriegelten Türen. Niemals geht er bei Tageslicht aus. Er verbirgt sich zwischen seinen Dingen und erlaubt der Außenwelt nicht, zu ihm zu kommen. Hundertmal unfrei, von grausamen Gesetzen bedrängt, den Herren des Landes auf Gnade und Ungnade preisgegeben, besitzt er dennoch ein ge- wisses Maß von Freiheit. Anders ist es um die Judenstadt bestellt. In den Zeiten ihres Wohl- standes faßte sie niemals mehr als tausend Köpfe. Heute, da sie zerstört ist, wohnen in ihr an die fünfhundert Menschen. Keiner 8 gt ich den 1W er und mal ndes Be ohl ine von ihnen hat ein richtiges Heim. Die Mauern, innerhalb deren sie sich niedergelassen und ihre wenigen Habseligkeiten aus- gebreitet haben, gelten nach dem Baugesetz jedes Landes als un- bewohnbare Ruinen. Und dennoch preist sich jeder der fünf- hundert glücklich, mit seinesgleichen zusammenzuleben und einen Ort zu besitzen, wo er sein Haupt niederlegen kann. Die Insassen der Judenstadt zu L. sind keine jener Juden, die zu Beginn des Jahres 1943 in den zwölf Ghettos und in den fünfund- vierzig Judenwohnbezirken des Generalgouvernements ein unvor- stellbares Dasein führten. Wer in diesen Plätzen sein Leben fristete und zum Teil noch fristen mag, ist längst von allem Lebenden entfernt. Sein Dasein darzustellen, wäre unmöglich. Wer kann die Regungen von Wesen schildern, die schon lange jenseits von Angst und Entsetzen sind und für die alle Dinge und Worte des tãglichen Lebens Sinn und Bedeutung zur Gänze verloren haben. Nein, es wäre unmöglich, von diesen Menschen zu erzählen, so wenig wie man von den letzten Minuten Sterbender etwas Wirk- liches auszusagen vermag. Die Menschen, von denen hier die Rede ist, gehören zu jener spärlichen Zahl von Juden, die nicht von Fall zu Fall, wie jeder Jude des Generalgouvernements, sondern dauernd und mit bestimmten Aufgaben betraut für ihre Herren arbeiten. Auch hier gibt es verschiedene Abstufungen, nach Fähigkeiten der Arbeitskräfte und Beschaffenheit der Arbeit. Von den etwa hun- dertfünfzigtausend Juden, die im Frühjahr 1943 verstreut in vie- len Arbeitslagern lebten und zum Teil noch leben, haben mehr als drei Viertel keinen Lohn. Ihre Nahrung ist wenig mehr als Kartoffeln und Brot. Ihr Lager ist die mit Stroh bedeckte Erde. Aber die Bewohner der Judenstadt von L. zählen zu den wenigen Bevorzugten, die eine entfernte Ahnlichkeit mit wirklichen Arbeitern haben. Sie leben abgesondert von ihrer Arbeitsstätte. Sie erhalten einen, wenn auch lächerlichen, Lohn. Man teilt ihnen zuweilen Lebensmittel zu. Betrachtet man sie aber näher, dann erkennt man, daß auch sie weder wirklich noch dauernd aufgespart sind. Selbst sie, die man benõtigt, weil sie geschulte Arbeiter sind, haben nur eine Existenz auf Widerruf. Ihre Schonung ist begrenzt. Ihre Privilegien gegen- 9 über anderen jüdischen Arbeitskräften beruhen nicht auf Rege- lung, sondern auf Duldung. Ihr einziger Schutz pesteht in dem Fifer ihrer Herren, ihre Fähigkeiten gebührend auszunũtzen. Was sie erarbeiten, steht in keinem Verhältnis zu ihrem Lohn. Ihr Wert besteht hauptsächlich darin, daß sie im Laufe der Zeit immer schwerer ersetzbar werden. Wiewohl sie somit für ihre Meister ein unschätzbares Aktivum darstellen, müssen sie sich den- noch jeden Tag von neuem vom Untergang loskaufen. Trotz ihrer Nützlichkeit und Unersetzlichkeit lastet auf ihnen die un- aufhörliche Drohung des Unterganges. Aber nicht nur ihr eigener Tod liegt immer im Bereich der Möglichkeiten. Unaufhörlich dringt der Todesschrei der andern an ihre Ohren. Es ist der langsam verhallende Todesschrei von Millionen, die nicht in Arbeitslagern untergebracht sind. Dieser Todesschrei kommt wie aus andern Welten. So unwirklich wirkt der eisige Hauch von Mord, der ihm anhaftet. Und mit so viel Unvorstellbarkeit und Fremdheit ist er beladen. Um jede im Bereich des Generalgouvernements befindliche jü- dische Gemeinschaft sind neben den sichtbaren unsichtbare Mauern gelegt. Was durch Wälle und Stacheldrahtverhaue gelangt, ist wenig mehr als der Schatten eines Lauts. Selbsttäuschung unter- drückt und Angst verfälscht ihn. Dennoch macht sein Klang das Blut in den Adern gefrieren. Hört man ihn, so fühlt man Lähmung im Kreuz und Zittern in den Knien. Ein würgender Griff packt die Kehle. Der Atem ver- kürzt sich. Man fühlt die sonst unvorstellbare Nähe des eigenen Todes. E RSTE R TEIL —.— .—————— —*.*————————— — „ —— ————— 3 3 ERSTES KAPITEL Die Gasse, durch die Sebastian Wolf von Jonas, dem Judenrat, ge- kührt wurde, wies alle Merkmale des in der Judenstadt zu L. herr- schenden Verfalles auf. Die Fenster waren mit Holz verschalt, die Türen kaum verschließbar. Die vom Feinde abgenommenen Türgriffe waren durch Stricke ersetzt, die Treppen geländerlos. Aus den breiten Mauerlücken sickerte Wasser. Wolf᷑ betrachtete neugierig seinen Führer, dessen Haut von Sonne und Regen braungebeizt war. Ein dünner, weißer Bart umrahmte das kleine, eulenartige Gesicht. Dies also war der Judenrat, die über die Judenstadt gesetzte Obrigkeit. „Wohin führst du mich?“ fragte Wolf. „Hab' ich es dir nicht gesagtd Du wirst in meiner Stube schlafen. Fin anderer macht dir morgen Platz.“ Wolk neigte sein Haupt und schwieg. Während sie weitergingen, blickte der Meuankömmling um sich. Der hier zutage tretende Ver- fall schien künstlich übertrieben. Nie hatte Wolf eine so um- fassende Verwüstung gesehen. Selbst die Luft schien in den Be- reich der Zerstörung einbezogen. Sie schien mit Scharfem und Giftigem versetzt. Und jetzt fiel es Wolt᷑ auf, daß er nirgendwo Kindern begegnet war. Außer für seine eigene Tochter hatte er niemals für andere Kinder Sympathien empfunden. Hier aber hatte er das heftige Verlangen, einem Kinde zu begegnen. Er stellte sich unklar vor, daß das Elend weniger aufdringlich gewirkt hätte, wäre man Kindern 13 . begegnet. Ihr Fehlen machte die Stille so lastend und die Traurig- keit so schwer. Die vorher von ihren letzten Bewohnern verlassene Judenstadt hatte vor vier Monaten ihre gegenwärtigen Bewohner empfangen. Es waren nehst den Vertretern einiger nützlicher Berufe haupt- sächlich die Arbeiter und Arbeiterinnen der Autoreparaturwerk- stätte, die in dem großen, überdeckten Schloßhof eingerichtet worden war. Das Schloß überragte mit seinen Turmspitzen die ge- samte Landschaft. Wo immer man stand, erblickte man das die höhere Turmspitze zierende Kreuz. Man konnte seinem strengen Zeichen nirgends entgehen. Sogar hier in der Tiefe, zwischen Trümmern und Baumkronen, war ein Stück des Kreuzes erkenn- par. Es plitzte am Rande des Himmels wie ein verfrühter Abend- stern. Jonas richtete seine Augen langsam auf den Fremden.„Woher kommst duꝰ?“ Wolf gab in wenigen Sätzen Bescheid. Er war Chefkonstrukteur einer nordpöhmischen Maschinenfabrik gewesen. Von dort bis nach L. hatte er einen langen Weg zurückgelegt, einen oftmals gewundenen Weg mit vielen und absonderlichen Stationen. Jonas nickte unfreundlich.„Wir alle haben viele Stationen zu- rückgelegt. Und das schlimmste ist: Manche von uns haben sie zweimal durchlaufen, auf dem Hin- und auf dem Rückweg.“ Er selber war in einem uralten Hause in der Judengasse zu Lwow geboren und hatte dortselbst die erste und glücklichere Hälfte seines Lebens verbracht. Die schmalen, vergitterten Fenster lagen tief. Denn die Straße war wiederholt aufgeschüttet worden. Unter den Fußböden wölbten sich kühle und trockene Keller, in denen es sich im Winter wohlig schlief. Die Wände trugen ehrwürdige Inschriften in der heiligen Sprache. Sie hatten das vorbildliche Leben mancher Gerechter gesehen. Der Herbst des Jahres 1915 hatte viele jüdische Einwohner aus Lwow vertrieben. Auf der Flucht vor den Russen geriet Jonas bis nach Wien. Hier, in der Judengasse der Inneren Stadt, begann Jonas, neben der Thora Polnisch und Ukrainisch zu unterrichten. Umgeben von Schülern und Söhnen hoffte er, seine Tage in der Wiener Judengasse zu beschließen. 14 — Ab 64 liel ler Ju ow nes et. den es ige 3W5 bis ann der Aber nach Osterreichs Eingliederung ins Reich hatte man die aus Galizien eingewanderten Juden nach Polen zurückgeschickt. Plötz- lich fand sich Jonas wieder in seiner Heimat. Lwow war kaum mehr zu erkennen. Das uralte Haus mit seinen weitläufigen Kel- lern hatte einem Warenhause Platz gemacht. Eines Tages wurde Jonas von seiner Familie getrennt und einem im äußersten Osten gelegenen Ghetto zugeteilt. Dort wurde er seiner Sprachkenntnisse wegen zum Judenrat gemacht. Judenräte waren die Obrigkeit der Juden. In Wahrheit aber waren sie nichts als Werkzeuge des Judenkommissars. Sie hatten dessen Befehle mit größter Genauigkeit in Vollzug zu setzen. War ein Zugehöriger ihres Sprengels mit der Erfüllung säumig, so strafte man neben ihm auch den für ihn verantwortlichen Judenrat. Zu den übrigen Geschäften des Judenrats gehörte die Unterbringung der jüdischen Arbeitskräfte und die Auswahl der Uberzähligen, deren Schicksal dunkel und kläglich war. In dem Ghetto von L. war Jonas mehr mit der Versorgung der Ankömmlinge, als mit der Kontrolle der zu Entlassenden befaßt gewesen. Niemand hatte ihm die unerfüllbare Aufgabe zugeteilt, überzãhlige und entbehrliche Arbeitskräfte auszulesen und zur Ablösung vorzuschlagen. Aber mehr als einmal hatte er Menschen auf ihrem schmerzhaften Weg zum Bahnhof begleitet, der eine halbe Wegstunde von L. entfernt in der Stadt R. lag. Jetzt blieb er stehen. Seine Augen richteten sich neuerlich auf Wolf. Sie blickten verdrossen und trübe. „Eile nicht so!“ sagte er vorwurfsvoll.„Ich kann dir nicht fol- gen. Du kommst noch immer zur rechten Zeit. Ich aber bin noch nicht so weit, um es meinem Machbarn beizubringen.“ Wolf nickte. Ohne zu fragen, wußte er, warum Jonas noch nicht so weit war. Er wußte auch, was jenem bevorstand, dem Jonas es sagen mußte. Leichter Schweiß trat auf seinen Schläfen aus. Jonas kämpfte mit sich. Seine Lippen murmelten unverständliche Worte. Offenbar bereitete er sich auf seine Mitteilung vor. Indes waren sie an ihrem Bestimmungsort angelangt, der Ruine eines Turms, der weit älter sein mußte als die ersten Anfänge der Judenstadt. 15 — —— . Die Zinnen waren mit steinernem Maßwerk geschmückt. Hoch über dem Eingang, geräumig und tief, befand sich eine prunkvolle Nische, offenbar gemacht, um die Statue des Erbauers des Turms aufzunehmen. Jonas kehrte dem Meuankömmling den Rücken. Sein Kopf, leicht gesenkt, preßßte sich einen Augenblick lang gegen einen der rie- sigen, rohbehauenen Steine. Seine Finger berührten die von Alter und der Witterung ausgewaschene gotische Verzierung. Die Lippen des Judenrats bewegten sich. Aber man hörte keine Stimme. Wahrscheinlich probte Jonas, was er drinnen seinem Nachbarn sagen mußte. Wolf petrachtete unterdessen den Turm. In der Schwedenzeit hatte man eine eiserne Mörserkugel zwischen die Steine ein- gebettet. Weiter oben grinste ein rohbehauener Kopf᷑ aus Porphyr, mit langem, geteiltem tatarischem Bart und wild nach unten star- renden Augen. Dieser Kopf mußte zumindest ein halbes tausend Jahre alt sein. Aber sein Gesichtsausdruck erinnerte an die heu- tigen Henker. Die lukenartigen Turmfenster waren mit Breitern verschalt. Es gab ein Fenster zur ebenen Erde, ein zweites in der Höhe des ersten Stockes. Vor der höher gelegenen Luke war Wäsche zum Trocknen aufgehängt. Sie schaukelte heftig an ihrem Strick, viel- karbig, beinahe heiter. Ihre Lebendigkeit milderte ein wenig die barbarische Strenge des Turms. Jonas stand in sich verkrochen. Sein weiter Mantel stand ihm überall ab. Trotz der warmen J ahreszeit hatte er ein blaues Tuch um seinen Hals gebunden, ein glühendes Blau, das Wolf an süd- liche Himmel gemahnte. Die Schuhe des Judenrats waren kunst- los geflickt. Er stand in ihnen, als wären sie eine Art Folter- instrument. Jonas blickte Wolf bõse an. Er schien sich über das unbeteiligte Aussehen des Fremden zu wundern. Wie kam es, daß sein Gesicht nichts als kühle Neugier auszudrücken schiend? Plötzlich schien der Judenrat zu einem Entschlußß gekommen zu sein. Er stieſ Wolf an, zeigte auf die halbvermorschte Tür und stieß sie mit seinen schmalen, hageren Händen auf. „Komml!“ sagte er befehlend.„In Gottes Namen!“ 16 ———— — —— Im B verk unte eh Me ms cht ie ter ine eit in , ar- end Es des iel- die och zd- ler igre sicht 2. Im Keller wurde gearbeitet. Ein älterer Mann übte dort das Hand- werk eines Flickschneiders aus. Da das aus einer schmalen Ritze unter der Türschwelle kommende Tageslicht nicht zureichte, mußte tagsüber eine Ollampe brennen. Der Handwerker— wenn man ihn so nennen durfte— saß, von Dingen umgeben, die einmal Kleider gewesen waren. Er selber war ein Mittelding zwischen Mensch und Schatten. In der Tiefe seiner Erinnerung mußten noch die früheren Namen und Titel haften. Heute war es kaum vorstellbar, daß der Schnei- der mit dem Kleiderfabrikanten und Vorstandsmitglied der mäh- rischen Handelskammer Knüpfer identisch war. Er versah schweigend seinen Dienst. Die Menge der Arbeit, die er für andere Bewohner der Judenstadt zu bewältigen hatte, erdrückte ihn zuweilen. Manche seiner Kunden drängten überdies. Denn sie warteten auf die Rückkunft ihres letzten Garderobestückes. Jonas und der Neuankömmling traten in das Kellergewölbe. Knüpfer hob den Kopf. Ein Kunde— dachte er. Ein vorzeitiger Kunde. Wie kommt es, daß er schon Feierabend gemacht hat? Der Judenrat zog Wolf zu dem Schneider. „Dies“, sagte er und legte unnatürlich lange Pausen zwischen die einzelnen Worte,„ist ein Mann, der heute angekommen ist. Er wird im Schloß arbeiten. Er kommt aus Böhmen. Sein Name ist Wolf.“ Der Schneider zuckte die Achseln. Was kümmerten ihn Name und Herkunft des Menschen. Seine Kleider waren noch recht gut im Stande. Knüpfer liebte Leute nicht, die aus der Heimat kamen. Sie redeten zuweilen von der Vergangenheit und betonten un- ablässig, wer sie gewesen waren. „Was kann ich für ihn tun?“ erkundigte sich Knüpfer höflich und hielt eine Sekunde lang mit seiner Arbeit inne, um Wolf an- zusehen. Jonas senkte den Kopf.„Er soll hier schlafen“, erklärte er mit eigentümlicher Hast und wich dem erstaunten Blick des Schnei- ders aus. 2 BRevolte 17 „Wer hat ihn hergeschickt?“ Knüpfers Augen verrieten wachsende Unruhe.„Ist es deine Anordnung, Jonas?“ Dieser senkte den Kopf. Seine Stimme klang trocken und sprõde. „Befehl des Kommissars.“ Knüpfers Lider begannen vor Entsetzen zu flattern.„Des Kom- missars?“ wiederholte er.„Dann muß einer von uns beiden fort. Du, Jonas, bist es nicht. Knüpfer atmete rasch und schwer. Jonas drehte den Kopf weg, als wollte er sicher sein, den Blicken Knüpfers nicht begegnen zu müssen. Der Schneider schwieg eine Weile. Also ist es soweit“, sagte er leise.„Wann geht die Reise los?“ „Du hast dich morgen um sieben Uhr früh in der Station R. ein- zufinden“, sagte Jonas heiser. Und es kostete immer mehr An- strengung hinzuzufügen:„Mit höchstens fünf Kilogramm Ge- päãck. Knüpfer legte seine Hände in den Schoß. Ein Zittern durchlief seinen Körper. Eine unsichthare Hand würgte ihn. Niemand wußte, wohin die Verschickten gebracht wurden. Sicher war nur, daß sie meist in Lastwagen reisten. Man hatte solche Wagen gesehen. Einige behaupteten, daß man in der abgesperrten Luft dieser Wagen nicht mehrere Tage leben konnte. Die aber die Reise überstanden, wurden nach bestimmten Plätzen gebracht. Dort sollten sich unheimliche Anstalten befinden, Fabriken des Todes. Knüpfer stand allen diesen Gerüchten wie ein Kind gegenüber, das im Anblick der Finsternis die Augen schließt. Besser das Dunkel zusammengepreßter Lider als endloses und unabsehbares Grauen. Man halte erzählt, daß auf die einen Tod durch Gas warte; an- deren werde er durch elektrische Schläge beigebracht. Es gab auch den althergebrachten, im Vergleich zu den anderen Todes- arten freundlichen Tod durch Maschinengewehre. Knüpfer haltte seinem Bewußtsein verboten, an diese Erzählungen zu glauben. Wußte er doch, daß er lungenkrank war. Lungen- kranke starben einen vorgezeichneten Tod, der keinerlei Leiden verursachte. Jetzt aber fühlte Knüpfer Stechendes in der Luft. War es der Ge- 18 om- fort. uwer. icken ie er An- 6e- icher olche rrien er die Dort er, das onhel wel⸗ 6 lungen er 6e danke an Giftgasd Spitzes bohrte sich in seine Lunge, Entsetzen durchdrang und rüttelte ihn. Trockenheit füllte seinen Mund, Angst stach alle seine Hautpartikel wie mit kleinen Nadeln. Er stand auf und sah ins Unbestimmte. „Bin ich nicht doppelt unglücklich?“ sagte er tonlos.„Niemand durfte mit mehr Recht auf einen natürlichen Tod hoffen als ich. Wie wenige Lungenkranke überleben ihr Leiden. Bei niemandem hatte die Vorsehung es leichter, ihm wegzuhelfen. Sie hat es nicht getan.“ Jonas sagte einen Satz, der trösten sollte. Aber die Worte klangen wenig deutlich und endeten beinahe unhörbar. Knüpfer stand noch immer in dumpfer Verzweiflung, von der unerwarteten Nachricht überwältigt. Er verfluchte seine eigene Lebenskraft. Wozu hatte er vor Jahren Krzte aufgesucht? Da war er, als die Welt noch ihr altes Aussehen besessen hatte, nach Capri gegangen, nach Taormina, selbst nach Agypten. Welches teuflische Schicksal hatte ihm die Mittel gegeben, sich lebend zu erhalten? Wäre er ein Bettler gewesen, so hätte er in der Armenabteilung irgendeines Hospitals einen sanften Tod ge- habt, den ruhigen und friedlichen Tod aller Lungenkranken. Eines Nachts wäre er eingeschlafen, um niemals wieder zu erwachen. Aber was hatte er Unglücklicher getan? Er hatte sich gesünder gemacht. Er hatte neue Lebenskraft gesammelt: alles nur, um diese letzten fünf᷑ Jahre zu erleben. War es nicht ein unaussprech- liches Unglück, eine dämonische Verstrickungꝰ? Das Leben, an das er sich geklammert hatte, hatte ihn betrogen. Knüpfer stöhnte. Es war unerhört grausam, von kalter und fin- sterer Furchtbarkeit. Weshalb sah Gott alledem zud Da wurde Jonas Stimme hörbar. Sie war sanft und dennoch voll Vorwurf. „Spare deinen Aufschrei!“ sagte er.„Gestern habe ich mich wie- der an Hiob erinnert. Du kennst seine Anklagen ebenso wie ich. Ich will nicht behaupten, daß Hiob mehr gelitten hat als irgend- einer von uns. Aber er hat alles vorgebracht, was du oder ein anderer gegen Gott vorbringen könnte.“ Knüpfer senkte den Kopf.„Ich habe beinahe vergessen, was Hiob vorbringt. Möchtest du es mich hören lassen?“ 2* 19 Jonas schloß die Augen, lehnte den Kopf zurück und sagte eine ſen Anzahl Verse her, langsam und bedächtig. Man merkte, daß er S den Urtext erst in die deutsche Sprache übertrug. Seine Stimme iel klang beherrscht. Wenn Jonas innerlich erregt war, so zeigte er es nicht. Knüpfer horchte angestrengt. „Warum ist dem Mühseligen ein Licht gegebend Warum stirbt er nicht besser in seinem Mutterleib? Warum läßt Gott nicht ab Wa von seinem Opferd Er hat mich den Bösen ausgeliefert und in pt der Gottlosen Hand fallen lassen. Ich hatte Frieden. Er hat mich S Au zunichte gemacht. Er hat Finsternis über meine Straße gebreitet. Ra Er hat mir die Ehre geraubt und die Krone vom Kopf gestoßen... Warum leben die Gottlosen, werden alt und nehmen an Gütern zud Ihr Haus hat Frieden vor der Furcht, und Gottes Rute ist nicht über ihnen. Der Böse wird geschont am Tage des Gerichts. Am Tage des o 6 Grimms pleibt er aufgespart. Miemand sagt ihm seine Schuld ins u Gesicht. Er findet sein Grab, und man wacht über seinem Hügel. Süß sind ihm die Schollen des Tals.“ N Knüpfers Gesicht hatte sich entspannt. Er saß aufrecht und in ht guter Haltung da. 6 „Man verrückt die Grenzen“, zitierte Jonas weiter,„und raubt die e Herde. Man treibt die Esel der Waisen weg und die Ochsen der Ke Witwe... Die Beraubten werden verjagt, und die Bedürftigen ibe 3 müssen sich verkriechen. Nachts liegen sie nackt und haben keine Sm Decke gegen den Frost. Man reißt das Kind von den Brüsten und gů macht es zur Waise. Den Nackten lassen sie entblößt, und den be Hungrigen werden die letzten Garben genommen... Aber Gott erhält die Mächtigen durch seine Kraft, daß sie wieder aufstehen, selbst wenn sie am Leben verzweifeln. Er macht, daß sie sicher sind in und eine Stütze haben. Seine Augen wachen über ihren Wegen.“ W Knüpfer lehnte seinen Kopf zurück. Die uralten Worte übten eine 1 ne sonderbare Wirkung auf ihn aus. Sie besänftigten ihn wie ein do mildes Betäubungsmittel. Tiefatmend, aufmerksam und dankbar Un hörte er zu. all „Greuel üben sie an mir aus. Sie ducken mich und speien mir ins 1 un Gesicht. Schrecken hat sich gegen mich gekehrt und mein Dasein ma wie ein Sturm zerstört... Man hat mich in den Kot getreten und 4 20 dem Staube und der Asche gleich geachtet. Schreie ich zu dir, so antwortest du mir nicht. Mach' ich mich hörbar, so achtest du nicht auf mich. Du hast dich in meinen Peiniger verwandelt und zeigst mir mit grausamer Hand, wie du mich hassest. Ich wartete auf das Gute, und es kam das Böse. Ich wartete auf das Licht, und es kommt die Finsternis... Wollte Er mich auf rechter Waage wiegen, dann würde Er erfahren, daß ich unschuldig bin. Ist mein Gang je vom Wege abgewichend Ist mein Herz meinen Augen nachgefolgt? Klebt ein Flecken an meinen Händen? Habe ich den Dürftigen ihr Begehren versagt und die Witwe ver- schmachten lassen?“ „Genug“, sagte Knüpfer. Seine Stimme hatte einen tiefen Klang. Jonas richtete sich auf, warf einen flüchtigen Blick auf Knüpfer und fuhr mit den Händen wie erschöpft über seine beiden Augen. „Was antwortet Gott?“ fragte Wolf, der sich bisher bemüht hatte, stumm, unbemerkt und im Dunkel zu bleiben. „Gott“, sagte Jonas mit seltsamer Würde,„verweigert jede Rechenschaft.“ Keiner sprach ein Woört. Eine Weile war die Stille beinahe un- überwindlich. Im Nachbarhause weinte eine Frau. Ein sich lang- sam näherndes, über die Judenstadt hinweggleitendes Flugzeug gab ein durchdringendes, Klagendes Geräusch, wie wenn einer sich bemühte, immer denselben schrillen Ton auf einer Saite anzu- schlagen. „Er ist im Recht“, gestand Knüpfer.„Und wer ihn anklagt, ist im Unrecht.“ Wie erschöpft fügte er nach einer Pause hinzu:„Wir müssen ler- nen, es zu ertragen, ohne uns ein Urteil anzumaßen. Ihr wißt doch, wie Hiob es ausdrückt?“ Und leise, als verriete er ein Geheimnis, sagte er jenen Vers, der alles, was Hiob an Anklagen vorher gegen Gott vorgebracht hat und nachher an Beschwerden noch vorbringt, widerlegt, haltlos macht und alle seiner Stichhaltigkeit beraubt. „Und wenn er mich auch erwürgt, ich will mich ihm dennoch ausliefern.“ S—— Die Mie dem u Sch In c aus. Ahe ten, und Ver um Tie ma ma der Sel Seh ber Z2WEITES KAPITEL⸗ Die in der oberen Kammer des Turms wohnenden zwei Menschen, Michael und Ruth, arbeiteten beinahe schon sieben Wochen in dem zur Montagehalle umgewandelten Turnierhof des Schlosses zu L. Sie waren zum Abendappell angetreten. Der Betriebsleiter Schilling ging langsam mit wehendem Mantel durch den Raum. In dem grellen Licht sahen die Gesichtszüge fahl und übermüdet aus. Aber Wappen und Wappensprüche, die die Längswand schmück- ten, strahlten unberührt. Da gab es Turnierhelme mit offenem und mit geschlossenem Visier. Löwen und Finhörner hielten im Verein mit Giganten und nackten Nymphen von Spruchbändern umgebene Wappen hoch. Tiefer unten, zwischen Drehbänken, Schmiedefeuern, Schleif- maschinen, Schweißapparaten, Schraubstöcken, Hobeln, Fräß- maschinen und Montagegruben, die offenen Gräbern glichen, stan- den zwei Arbeiterzüge: links die Frauen, rechts die Männer. Schilling, der Werkleiter, liebte es, dem Appell militärisches Aus- schen zu geben. Besonders die Frauen hatte er in scharfe Zucht genommen. Wie um zu beweisen, daß die Frauen den Männern in keiner Weise nachstanden, hielten sie ihre Köpfe hoch, ihre Mienen ge- strafft, ihre Hände ausgestreckt. Die Gleichheit von Arbeitsklei- dung, Arbeit und Haltung hatte alle Unterschiede von Alter und Geschlecht ausgelöscht. Die überstandenen Leiden und Gefahren, 23 Ingste und Erfahrungen hatten die Gesichter durchgebildet. Jedes NM 1 dieser Gesichter verkündete, daß sein Träger leben wollte und und bereit war, für dieses Leben den höchsten Preis zu zahlen. exis Jetzt gab Schilling das Abgangszeichen. Die beiden Züge entfern- Ne ten sich nach verschiedenen Seiten. In der Vorhalle, nahe dem Wo 1 Haupttor, befand sich eine der Anschlagtafeln, die jeder Bewohner etw der Judenstadt täglich zu lesen verpflichtet war. der Michael ging hastig an ihr vorüber. Ruth blieb stehen. noc „Höre“, rief sie ihm leise nach,„es werden wieder Leute ver- ſ schickt. Diesmal ist es keiner aus der Werkstatt. Aber Knüpfers Dir Name ist angeführt.“ red Sie war plaß geworden. Das praune Haar lag knapp an den Schlä- 3 To ten. Die Augen waren weit offen. Sie hatte Lust zu schreien. Aber Ab die Lautlosigkeit der um die Anschlagtafel versammelten Personen ger war so groß, daß niemand die Stille zu unterbrechen wagte. 2u „Komm!“ pefahl Michael und zog sie fort. Er war groß und hal preitschultrig. Die letzten Jahre hatten seine Züge gleichsam aus- gewaschen. Was zurückgeblieben war, hatte scharfe Ränder. Es ſ glich der Physiognomie eines mit dem fortschreitenden Alter ric immer zäher und hartnäckiger werdenden Geizhalses. I Sie schritten eine Weile schweigend. Der Weg senkte sich sanft nach unten, aus dem Schloß der Judenstadt entgegen. Man kam W durch Bäume und dichtes Gesträuch. D Alle, die in diesem Augenblick den gleichen Weg gingen, nann- ten zumindest einen der vier Namen, die sie auf der Liste gelesen W hatten. F „Woran denkst du?“ fragte Michael und zwang Ruth aufzu- blicken.. Ihre Augen waren voll Abwehr. 4 „Glaub doch nichts von dem, was man erzählt!“ befahl Michael 1 5 streng. p Sie schüttelte den Kopf und sagte nichts. R Heftig und unnachgiebig begann er auf sie einzureden. War es nicht eine krankhafte Verirrung, unaufhörlich Vorgänge zu er- 1. örtern, die kein Bewohner der Judenstadt jemals mit eigenen 1 Augen gesehen hatted War es nicht eine Art Selbstzerfleischung, an die Hõlle zu glaubend b 3 — Jedes War e mw e eigenn „Wer glaubt denn an die Höllel“ sagte Ruth verächtlich.„Du wir wissen beide mit voller Bestimmtheit, daß die Hölle existiert.“ „Nein“, schrie Michael.„Ich bestreite, irgend etwas zu wissen. Woher sollte dieses Wissen kommen? Ich habe weder jemals etwas von der Hölle geschen, noch lebt ein Augenzeuge unter uns, der sie beschreiben kann. Daher weiß ich weder etwas von ihr, noch glaube ich an sie. „Leute deiner Art“, entgegnete Ruth mit Hohn,„glauben an viele Dinge, die ihnen angenehm sind. Ich wette, daß dir niemand aus- reden kann, du habest eine unsterbliche Seele. Und doch ist kein Toter jemals aufgestanden, um diesem Glauben Nahrung zu geben. Aber für die n dessen, was man vom Schicksal der Un- seren erzählt, gibt es Beweise. Ist jemals auch nur ein einziger zurückgekehrt? Hast du auch nur von einem Nachricht er- halten?“ „Alles dies ist kein Beweis“, sagte Michael kalt.„Du weißt, daß wir vollkommen isoliert sind. Die Wache hält jede zu- rück, gleichgültig, ob sie günstig oder ungünstig ist.“ „Höre“, flüsterte Ruth in Michaels Ohr,„es gibt cten die nicht zurückhalten lassen. Sie sind so schrecklich, daß keine Wache ihnen beikommt.“ „Du bist krank“, behauptete Michael mit finsterer Unnachgiebig- keit.„Wahrscheinlich leidest du mit anderen, die in gleicher Weise wie du empfinden, an einer akuten Welle von Verfolgungs- wahn. Du und alle anderen sind zu feige, diesen Wahn zu be- kämpfen, und zu schwach, ihn zu unterdrücken. Ihr seid ver- dammt, dieses Hirngespinst für Wahrheit zu halten. Es hat sich eurer bemächtigt und wie giftige Bazillen in euch ausgebreitet. Du wiederholst ununterbrochen, daß es Wahrheit ist. Und in Wirklichkeit ist es Furcht, Furcht und nichts weiter.“ Ruth schüttelte den Kopf.„Es ist nicht Furcht. Ich weiß, daß dies unser Schicksal ist. Es wartet auf mich. Es wartet auf uns alle. Höre auf, von Furcht zu reden. Ich habe längst aufgehört, mich zu fürchten.“ Michael brach in ein zorniges Gelãchter aus.„Willst du mich Furcht kennen lehren? Paran erkennt man ja die Furcht, daß sie 25 die Wirklichkeit hundertmal überbietet. Wirklichkeit wird nur einmal erlebt. Aber Furcht erlebt man immer wieder. Du darfst dich nicht selber zugrunde richten. Nur wer sich in der Gewalt hat, wird sich bewahren.“ „Wozu sich bewahren“, sagte Ruth tonlos. 2. Als Michael und Ruth das Kellergewölbe betraten, war der Raum von einem schwachen und unruhigen Licht erhellt. Man hatte die Ollampe auf einen Mauervorsprung gestellt. Knüpfer saß auf sei- nem gewohnten Platz. Wolf, der Zugereiste, fühlte sich fremd. Sooft es die Enge des Raumes zuließ, wechselte er den Ort. Jonas saß schweigend an der Seite Knüpfers. Die Hände des Schneiders lagen flach, die Handrücken nach oben gekehrt, auf der Tischfläche. Sein Gesicht hatte einen verzichten- den Zug. Die Kleiderreste und zerstückelten Kleider, mit denen er sich noch vor einer Stunde beschäftigt hatte, gehörten nicht mehr zu ihm. Er hatte kein Teil mehr an ihnen. „Ihr wißt bereits?“ fragte er. Michael und Ruth nickten. Eilig trachtete Michael, über den Gegenstand hinwegzukommen. „Schade“, sagte er mit vorsichtig abgewogenem Bedauern,„daß du morgen weiter mußt.“ Knüpfer schien dankbar, sein zukünftiges Schicksal nicht erörtern zu müssen. Mit halbgeschlossenen Augen, unbeweglichem Kopf und zurückgelehntem Körper machte er den Eindruck eines Ab- geschiedenen. Selbst das Geräusch seines Atmens ging so wenig von ihm aus wie die sonstigen Geräusche, die den Turm erfüllten, das Rieseln an der Wand, das Rauschen im Kamin oder die Zug- luft, die aus der Mauerõffnung strömte. Zu ebener Erde schritt ein Mann mehrmals durch den Raum. Sooft er den Fuß niedersetzte, flackerte das Licht. Knüpfer schien zu sich zu kommen. Er stellte seinen Blick auf Michael und Ruth ein und wollte etwas sagen. Um seinen Augen nicht begegnen zu müssen, nahm Michael übereilig 26 von und Ruth über lipp Knü Vors ein rahr „Au holt wWur gen Slü gel zeit Sie zeh mal keit ich Rut K du fin M ic Me Sp Au äu Da „N ren die 0b Pl rd nur darfst Gewalt eig e von der Anwesenheit Wolfs Notiz, machte sich mit ihm bekannt und begann mit ihm ein hastiges Gespräch. Ruth aber sah Knüpfer tapfer ins Gesicht und Prachte es sogar über sich, ein herzliches und einfältiges Lächeln um ihre bangen Lippen zu legen. Knüpfer machte eine tastende Bewegung seinen Hosentaschen zu. Vorsichtig holte er ein Ding hervor, das, wenn man näher zusah, ein kleiner Spiegel war, in geschweiftem und zierlichem Silber- rahmen. Er reichte den Spiegel Ruth. „Auf meiner Reise hierher“, sagte er,„wurde ich zu wieder- holten Malen gründlich untersucht. Bei diesen Taschenvisitationen wurde mir allmählich alles, was irgendeinen Wert pesaß, ab- genommen. Aber so eifrig sie mich ausplünderten, dieses kleine Stück haben sie dennoch übersehen. Ich hoffe, es gefällt dir, Spie- gel sind hier eine Seltenheit. Und dieser stammt aus der Mãdchen- zeit meiner toten Frau.“ Sie war, wie alle im Turm wußten, jung und gesund vor fünf- zehn Jahren verunglückt. Ein Automobil hatte sie überfahren. Da- mals hatte Knüpfer, der schon Lungenkranke, die Unberechenbar- keit des Schicksals verwünscht. Und dennoch hatte es seine Frau sichtlich begünstigt. Ruth hielt den Spiegel vor ihr Gesicht. Sie bewegte langsam den Kopf, um es ganz zu betrachten. Da wurden ihre Augen immer dunkler, und ihre Brauen rückten immer dichter zueinander. Ein finsterer Zug überhauchte ihr Gesicht. Michael hatte Recht. Sie hatte gelogen, wenn sie geleugnet hatte, sich zu fürchten. Furcht verwandelte in Wahrheit den ganzen Menschen. Aber nicht nur sich selber sah Ruth verwandelt. Der Spiegel gab auch ein Stück von Knüpfers Gesicht wieder. Sein Ausdruck hatte sich bereits jeder menschlichen Empfindung ent- äußert. Es glich der versteinerten Grimasse eines Toten. Da fiel ihr der Spiegel aus den Händen und zerbrach. „Wie ungeschickt ich bin!“ sagte Ruth mit weißen Lippen. Wäh- rend Knũpfer sie zu trõsten versuchte, bückte sie sich zitternd, um die Scherben aufzulesen. Oben setzten die Schritte wieder ein. Die Decke dröhnte, und die Flamme zuckte. „Sie sind heute unruhig“, bemerkte Knüpfer. Sein Zeigefinger wies nach oben.„Ob es mit meinem Fortgehen zusammenhängt? Es täte mir leid, wenn der Friede dieses Hauses durch mich ge stört würde!“ Er saß eine Weile mit gesenktem Kopf. Seine Menen drückten Erwar tung aus. Die Schritte zur ebenen Erde wechselten die Richtung. Oben fiel eine Tür zu. Die hölzerne Stiege krachte. „Sie kommen“, sagte Jonas. 3. Fritz und seine Frau Anna, die Bewohner des Raumes zur ebenen Erde, gehörten der Gruppe der Waldarbeiter an, die in den nörd- lich der Stadt gelegenen Baumbeständen tätig waren. Er war einer jener Menschen, die niemals vergessen können. Wach und im Traum war er sich unablässig dessen bewußt, daß er der Rechtsanwalt Dr. Bruschweiler aus Eger war, den man seiner Würde beraubt, aus seinen Häusern vertrieben, gedemütigt und zum Sklaven gemacht hatte. Niemals hatte er sich damit abgefun- den. Vom Morgen bis zum Abend nährte er seine Bitterkeit. Er atmete sie mit jedem Heben und Senken der Brust, schmeckte sie mit jedem Bissen, fühlte sie bei jedem Axthieb und jeder Füh- rung der Säge. Piese Bitterkeit hatte seine Seele krank gemacht. Sein ganzes Inneres war eine einzige blutige Wunde. Angst war dazu gekommen. Ihn verfolgte der Schatten des Ver- schicktwerdens. Er versuchte ihn mit Visionen der Vergeltung zu vertreiben. Wurde die Angst zu groß, so suchte er Zuflucht bei der Vorstellung des Gerichts. Manchmal glaubte er, die gewal- tige Stimme zu hören, die die Angeklagten aufrief, die Anklage kundmachte und das Urteil Sprach. Aber zuletzt behielt die Angst die Oberhand. Angst hat die Eigenschaft des Tropfens, der stetig und regelmäßig auf denselben Punkt fällt. Sie zerstört langsam, aber mit unauf- haltsamer Gleichmäßigkeit. Pas Herz will aus dem Körper aus- 28 —— — —— — 1 1 6 6 3 brech Schla dabei Es tr Sch gerü Es v ug Decl mit men Ins sie bei gert Eler stin unte Sch sion Prit bar nah tier ren Es zu nac gel Ins hä sch He ene du Sta den fiel prechen. Mit Riesenkraft hämmert es gegen seine Wände. Jeder Schlag ist tödlich. Man glaubt unablässig zu sterben und lebt dabei fort. Es trug nicht zu Fritzens Beruhigung bei, wenn er Anna neben sich atmen hörte und bei dem dünnen Licht einer hastig an- gezündeten Kerze ihr Gesicht sah, in der tiefen Ruhe des Schlafs. Es war klar und geordnet, wie das von Menschen, die den Schlaf zu genießen verstehen. Ihre Arme lagen gelöst auf der zerrissenen Decke. Ihre Brust hob und senkte sich, ganz hoch und ganz tief, mit meisterhafter Gebärde, in langsamen, genußreichen Rhyth- men. Ein solches Atemholen mußte Wollust sein. In solchen Augenblicken haßte Fritz seine Frau und hatte Lust, sie zu erwürgen. Er haßte ihre Ruhe und Uberlegenheit. Und auch bei Tag, wenn seine Empfindlichkeit sich nicht bis zum Haß stei- gerte, behandelte er sie unbeherrscht und heftig. Elend hebt alle Hemmungen auf. Die verborgensten bösen In- stinkte entfalten sich. Und weil Fritz sich seiner Gattin immer unterlegen gewußt hatte, rächte er sich. Das Bewußtsein seiner Schwäche führte zu Ausbrüchen, blinden und drohenden Explo- sionen eines angesammelten Gewitters. Fritz brachte es über sich, Anna zu beschimpfen. Ihre Replik war hart und kalt. Seine Vergehungen wurden aufgerollt. Fritz ver- nahm, daß es nur seine Schuld war, wenn man in Polen Arbeits- tier sein mußte, statt in Amerika das Leben eines Bürgers zu füh- ren. Dafür brandmarkte er Annas Grausamkeit und Selbstsucht. Es war wunderlich, diese beiden Zwangsarbeiter von Zeiten reden zu hören, die vergangen und unvorstellbar waren. Fritz liebte es, in verlorenen Schätzen zu wühlen, verschwundenen Besitztümern nachzuweinen und an Freuden zu denken, die nie mehr nach- geholt werden konnten. Insbesondere wurde er nicht müde, sich an seine beiden Stadt- häuser in Eger zu erinnern, uralte Fachwerksbauten in fränki- schem Stil. Sie hatten breite und wuchtige Tore, über denen die Helme ehemaliger Ratsgeschlechter prangten, dicke Mauern und enorme, vier Stock hohe Dachstühle. Hundertmal ging er in Ge- danken den Weg über den weiten Platz der alten und prächtigen Stadt, die einmal reichsfrei gewesen war, zum Kreisgericht, einem 29 weitläufigen Barockbau mit hellem, geräumigem Korridor und mächtigem, verziertem Marmorgeländer. Hundertmal schritt er das hohe, mit Bildern und Inschriften ausgeschmückte Treppen- haus empor, dessen oberster Absatz das Standbild eines keulen- schwingenden Riesen trug. War er aber bei vollem Bewußtsein, dann verwünschte er seine Fähigkeit, Vergangenes zu reproduzieren. Sonderbar: da war man Waldarbeiter in Polen, der niederste, verachtetste unter den Wald- arbeitern. Man hatte alles, sogar die letzten Menschenrechte ver- loren. Und dennoch funktionierte das Erinnerungsvermögen. In irgendeinem verborgenen Behälter stak die Vergangenheit. Sie glänzte wie ein Schmuckstück. Man konnte sie hervorholen und sich an ihrem Funkeln berauschen. Aber besaß man sie wirklich? Wenn man ihr nachhing, so be- deutete sie nichts als eine Steigerung der Qual. Beide hatten an diesem Abend den Anschlag gelesen. Der Name Knüpfer hatte Fritz einen jähen Schreck eingejagt. Den ganzen Heimweg hatte er geschwiegen. Aber seine Knie hatten gezittert. Anna war neben ihm hergegangen, mit starrem Gesicht. Als sie vor dem Tor standen, hatte Anna vorgeschlagen, in das Kellergewölbe zu gehen, um von Knüpfer Abschied zu nehmen. Fritz war erschrocken. Sich von Knüpfer verabschieden, hieß die eigene Angst verdoppeln und vorwegnehmen, was ihm noch nicht bestimmt war. Wie konnte einer, der selber verzweifelte, einen Todgeweihten trõsten? Anna hatte seine verlegene Erklärung achselzuckend angehört und den Wohnraum betreten, diese nackten vier Wände mit einer Feuerstelle. Fritz war schweigend nachgefolgt. Sie nahmen nach kurzen Vorbereitungen ihre Hauptmahlzeit zu sich, eine pittere Konserve, Kohl und Brot, das aus Mais zubereitet war. „Bist du endlich gefaßt“, fragte Anna, während sie die Eß- schalen wusch. Fritz, mehrmals durch den Raum schreitend, dachte nach. Dann blieb er stehen, stöhnte und schüttelte kinster den Kopf. „Sei nicht feige“, bat sie, sanfter als sonst.„Feigesein taugt nichts. Wärst du wenigstens selbstsüchtig und freutest dich, daß ein an- 30 derer gerst brech Er su leicht densl entbe biete Inil ab, 2 Auss Plöt Ann da s heit ware Ann nach lsd des deck Was Such Jul halt stell der lin Kni hin ben vir mäl Wie ob] ten. eß die nicht einen n un einer n ch pillere e TB Dann in al derer an der Reihe ist. Aber du bist nichts als wehleidig und wei- gerst dich, dir von fremdem Unglück das eigene, allzu weiche Herz brechen zu lassen!“ Er suchte sich zu rechtfertigen.„Du weißt, daß es mich ebenso leicht treffen kann wie ihn. Meine Leistungen sind nicht zufrie- denstellend. Und Waldarbeiter gelten selbst dann nicht als un- entbehrlich, wenn sie die Mindestleistung bei weitem über- bieten.“ In ihre Augen trat Zorn.„Es hängt gewiß nicht von dir allein ab, zu überleben. Aber du weißt, daß Schwächlinge die geringste Aussicht haben, davonzukommen.“ Plötzlich empfand er Scham. Wie immer wußte er sich von Anna geschlagen. Unten saß ein Freund, der morgen nicht mehr da sein würde. Er aber trachtete, sich hinter seiner eigenen Feig- heit zu verstecken. Hastig stand er auf. Furcht und Müdigkeit waren überwunden. Anna folgte. Sie gingen die steile, geländerlose Treppe vorsichtig nach unten. Es dauerte einige Sekunden, ehe sich Fritz in dem trüben Licht des Kellers zurechtgefunden hatte. Sowie er aber Knüpfer ent- deckte, ging er geradeswegs auf ihn zu. Er hatte nicht überlegt, was er ihm sagen wollte. Als er Abschiedsworte zu sprechen ver- suchte, vermochte er nicht das passende Wort zu finden. Alle Kußerungen des Mitgefühls, die er einmal gehört und gelesen halte, verwirrten sich in ihm. Sie lagen ihm auf der Zunge, ver- stellten ihm den Atem, raubten ihm seine Geistesgegenwart. Er, der geübte Redner, geriet in ein gräßliches Stottern. Erst Annas Pingreifen erlöste ihn. Ihre Worte klangen einfach und echt. Knüpfer legte seine trockene Handfläche um Annas und Fritzens Finger. Er hatte nicht das Aussehen eines Menschen, der Zuspruch benöligt. Fritz petrachtete ihn mit ungläubigen Augen. War er wirklich so ruhig, wie er sich gabꝰ Sein Atem ging tief und gleich- mäßig. Uber seiner Stirn lagerte eine feierliche Stille. Wie um die Verlegenheitspause zu überbrücken, fragte Knüpfer, ob Fritz und Anna noch immer unter den Holzschlägern arbeite- ten. Anna bejahte und beschrieb nüchtern ihre Tätigkeit. Alle 31 hörten zu. Es war Befreiung, einen kühlen und sachlichen Bericht zu hören. Knüpfer pries sie glücklich, im Freien arbeiten zu können. Er, so fügte er hinzu, hatte ein einziges Mal den Wald geschen. Das war auf dem Wege von der Station in R. nach der Judenstadt in L. gewesen. Knüpfer machte eine Pause. Alle warteten bedrückt, daß er von dem gleichen Wege sprechen würde, nur in umgekehrter Rich- tung; dem Weg, der dem von seinem Arbeitsplatz Abgelösten am nächsten Morgen bevorstand. Aber Knüpfer brach in Schweigen aus und blickte nach der schma- len Offnung, die den Keller mit der lichten Außenwelt verband, als suche er einen Weg ins Freie. Nach kurzem Nachdenken kehrte sein Blick in den Keller zurück. Mit einer beinahe heiteren Resignation zählte er auf, was er ver- säumt und was er genossen hatte, solange er ein Mitglied der Be- wohnerschaft dieser Judenstadt gewesen war. Nie hatte er den Weg in den Wald gemacht, noch weniger den Weg in die Christenstadt. Er hatte weder das Rathaus besucht, ob- wohl es von den Strafgeldern der Juden zu L. errichtet worden war, noch den Marktplatz mit den Standbildern der vier Evange- listen. Er kannte nicht das berühmte Gericht, von dem jedermann sagte, daß man es geschen haben müsse, noch den Judenfriedhof, auf dem ein wirklicher Heiliger, ein Wundertäter, lag. Sogar von dem Schloß war er nur vom Hörensagen unterrichtet. Wie- wohl viele seiner Freunde dort arbeiteten, hatte er nichts als den Schloßturm geschen, oder vielmehr das silberne Kreuz, das die Spitze des einen Turms bekrönte. Denn alle diese Gegenstände, Wald, Rathaus, Markt, Gericht und Schloß, ja selbst den Judenfriedhof zu sehen, war ihm verwehrt gewesen. Er hatte nichts gesehen als diese Ruine, die sein Wohnort und Arbeitsplatz war, den Platz, der sie umgab und einige um- liegende Gassen. Und doch hatte er keinen Grund, sich zu beklagen. Er hatte in der erwähnten Ruine ein Paar erfreuliche Monate verlebt. Er hatte Arbeit gehabt. Selten hatte er Hunger verspürt. Der Fleck, auf dem er sich des Abends hatte niederlegen dürfen, war trocken und warm. Er hatte gute Freunde gehabt. Wie viele wohltuende 32 und um Freunde wie hie Währen umher. fägte e Was in Freune Die Tr Anves den Ge Aber die at 6egen Leweck Sie hat haben. den Ba Weglen Und ewisch Dan kümn um si aufrec und Antrie lmme nicht lager Miche lom. 3 Re vo Bericht eiten zu n Wald ach der er on er Hich- ten am rschma- erband, mrück. s er ver- der Be- ger den h. ob- vorden Frange- ermann riedhof, Sogar l. Wie- des die icht und erehrt Wohnort ige um⸗ palle in „Fecl. nocken ilnenie und unvergeßliche Abende lang hatte er sich mit diesen guten Freunden unterhalten! NMiemals hatte er so gute Einfälle gehabt wie hier. Während er dies alles erwähnte, wanderte sein Blick im Kreise umher. Und mit einer Stimme, die einen neuen Unterton hatte, fügte er hinzu, daß er seine Freunde niemals verlassen würde. Was immer geschah, was immer bevorstand, er blieb mit seinen Freunden verbunden. Die Tröstung, die von Knüpfers Worten ausging, teilte sich allen Anwesenden mit und erfüllte sie mit einer beinahe seligmachen- den Gewißheit. Aber als es Zeit zum Abschiednehmen war, fühlte man nichts als die alte, doppelt starke und quãlende Furcht. . Gegen Morgen wurde Michael von einem heftigen Schrei Ruths geweckt. Sie war verstört und bebte. Sie hatte— so erzählte sie— geträumt, auf der Liste gestanden zu haben. Sie hatte sich aufgemacht, auf den Bahnhof zu gehen, die- sen Bahnhof in BR., den sie einmal gesehen hatte, als sie vom Westen her angekommen war. Und sie ging die Straße, an die sie sich noch deutlich erinnerte, zwischen Wiesen, Feldern und einem Stück Laubwald. Da sah sie andere die gleiche Straße gehen. Keiner von ihnen kümmerte sich um den anderen. Ruth beschleunigte ihren Schritt, um sich ihnen anzuschließßen. Aber alle diese Gestalten, wenngleich aufrecht und mit den Bewegungen Schreitender, hatten friedliche und verschlossene Gesichter. Sie gingen nicht wie aus eigenem Antrieb, sondern von einem inneren Mechanismus bewegt. Immer mehr solcher Personen gingen Ruths Straße. Sie kamen nicht nur aus der Judenstadt, sondern auch aus den benachbarten Lagern. Ihr Gang war gleichmäßig und stetig, ihre Mienen un- verändert. Michael duldete nicht, daß Ruth zu Ende erzählte. Er geriet in Zorn. 3 Revolte 33 „Habe ich dich nicht gebeten: vergiß! Glaube nicht, was die Ge- rũchte sagen. Daß die Verschickten sterben müssen, ist eine bös- willige Erfindung.“ „Du lügst!“ schrie Ruth.„Glaubst du wirklich, daß du unauf- hörlich wegsehen kannst? Täglich gehen diese Greuel weiter.“ „Du willst doch leben“, beschwor Michael.„Wie kannst du leben, wenn du dich zu Tode quälst? Als wir noch beide unser altes Leben führten, wußtest du wenig von der Grausamkeit der Men- schen. Und doch geschahen immer neue Greuel irgendwo in der Welt. Mur warst du nicht zehn oder hundert, wie du jetzt zu sein glaubst, sondern tausend oder zehntausend Meilen von ihnen ent- fernt.“ „Ich weiß nicht mehr, wie es damals war“, stöhnte Ruth.„Wahr- scheinlich war ich mir dessen nicht bewußt, daß ich dazu gehöre. Aber wie kann ich leben, wenn ich es weiß?“ „Kommst du nicht aus einer anderen Welt, in der es weder Furcht noch Greuel gab? Alles, was du hier erlebst, ist nur ein Angsttraum. Warum denkst du nicht an die wirkliche Welt?“ Ruth lag mit geschlossenen Augen da. Gehorsam dachte sie an eine Welt, die sie beinahe schon vergessen hatte. Es gab irgendwo Wiesen. Und sie enthielten keine Tafel: Für Juden verboten! Man konnte sich ins Gras legen und unbeküm- mert in die Wolken blicken. Da waren Parks und Plätze in den Städten. Man war nicht gezwungen, den Gehsteig zu verlassen und zwischen Fahrzeugen demütig seinen Weg zu gehen, weil der Bürgersteig Juden verschlossen war. Was für eine Seligkeit, Theater, Hotelhallen, Wirtsstuben zu betreten, ohne böses Ge- wissen, ohne Scham, ohne sich selber zu verleugnen. Man sah ein Lichtspielhaus. Man durfte hinein, ohne gefragt zu werden, ob man Jude war. Niemand machte in der Straßenbahn zwischen Juden und Nichtjuden einen Unterschied. Man betrat den Personenwagen einer Fisenbahn, ohne vorher ein Dutzend Xmter und ein weiteres Dutzend brutaler Türsteher passiert zu haben. Man suchte sich einen Platz neben einem ansprechenden Gesicht. Man führte sein argloses Gespräch. Die Menschen redeten gelassen, ohne Argwohn und Mißtrauen. NMiemand belauerte den 34 anderen keit eir Sie wa kühlten „Wirs Aber v inneru ren. A Diese unabl⸗ man d belan nem 8 ereug Selhst durfte selber lmmer haben] in die rich g gifke itter Konnt iel t stellen DasD l wa Der Ve ab, je u ſa man a Au. 80 auch q Unvieq uth 2 ndere 3* s die Ge- eine bõs lu unauf- iter. du leben, ner altes der Men- „o in der ut zu sein hnen ent- h.„Wahr- W gehöre. es veder 4 nur ein virkliche hte sie an unbekũm- ue in den erlasen veil der geligleit elrgt W benbahn Man beni Duhen wiert 1 achenden eleh anderen. Man atmete, schaute und freute sich mit der Natürlich- keit eines frohen und glücklichen Menschen. Sie war eine natürliche Sache, diese Freiheit. Die sie besaßen, köhlten sie nicht. Die sich ihrer freuten, sagten nicht unablãssig: „Wir sind frei.“ Sie war ihnen selbstverständlich wie das Atmen. Aber was nützten einem, der im lichtlosen Raum lebte, alle Er- innerungen an die Sonne. Die Welt der Freiheit mochte existie- ren. Aber Unfreie wußten weit mehr von der Unfreiheit. Diese mußten sie nicht erst rufen, um sie zu fühlen. Sie war unablässig da. Man konnte sie mit Händen greifen. Und wenn man die Hände ansah, so erkannte man, daß es die Hände von Gefangenen waren. Der eigene Körper roch nach ewig vergosse- nem Schweiß. Ohne Unterlaß verspürte man den von Uberarbeit erzeugten Schmerz in den Gelenken. Selbst ohne daß jemand Ruth antrieb, war sie angetrieben. Es be- durfte keines Aufsehers, der mit der Peitsche über ihr stand. Sie selber jagte hinter sich her, schlug sich, hetzte sich vorwärts. Immer zitterte sie davor, daß ihr Arbeitsquantum sich vermindert haben könnte. Sie legte ihre ganze Kraft in ihre zarten Arme. Bis in die tiefste Erschöpfung folgte ihr die unsichthare Peitsche. 8o rasch sie ihre Handgriffe tat, sie fürchtete dennoch, diese Hand- griffe zu langsam zu tun. Arbeitete sie aber rascher, so stellte sie zitternd die Frage: Konnte sie bei diesem Tempo durchhalten? Konnte sie alles tun, was ihr aufgetragen war, und doch nur so- viel tun, als sie zu vollbringen fähig ward Was mußte sie an- stellen, um bei Kräften zu bleiben? Das Dasein des Zwangsarbeiters war ein ewiges Rechenexempel. Es war die Anstrengung des Läufers, der um sein Leben läuft. Der Vorrat an Energien war begrenzt. Er nutzte sich um so rascher ab, je weniger dazu getan wurde, um ihn zu ergänzen. Von Tag zu Tag war man ein wenig matter. Um leisten zu können, was man am Vortag geleistet hatte, setzte man von seinén Reserven zu. So waren diese Reserven im Schwinden. Fines Tages war es auch die Substanz. Wann kam der Tag, an dem die letzte Kraft unwiederhringlich verloren war? Ruth sagte das Wort:„Unwiederbringlich!“, und sie flüsterte das andere Wort:„Verloren!“ 3 35 Michael, der sie beobachtet hatte, fühlte Zweifel und Zorn. Bisher hatte er die Begebenheiten, deren notwendiges Ergebnis ihn mit Ruth hierhergebracht hatte, für eine Art Elementarereignis ge- halten, gegen das es keine Abwehr gab und keine Maßnahme als Warten und Geduld. Aber in letzter Zeit hatte er sich oft gefragt, wie es mõglich gewesen war, daß ein Mann Seines Formats sich von den Tatsachen hatte überrumpeln lassen. Michaels Voraussicht war es geglückt, aus seinem mit Schätzen an- gefüllten Frankfurter Antiquitätenladen den größeren Teil nach Ubersee, den kleineren und sich selbst nach Prag zu retten. Aber slatt seinen Kostharkeiten rechtzeitig nach Amerika nach- zureisen, hatte Michael zu lange in Prag verweilt. Sein Quartier befand sich damals in einem burgartigen Hause hinter dem Pulverturm. Ruth, eine Medizinstudentin, war die Tochter von Michaels Hauswirtin. Eines Tages warf der Kenner Seinen Besitzeswillen auf sie. Wie er, um ein Aubusson-Gewebe oder einen gotischen Stollenschrank zu erstehen, seinen Hüter monatelang bestürmte, ihm glühende Versprechungen machte und nicht nur ihn, sondern alle seine Verwandten bestach, so war Michael hinter Ruth her. Ihre ablehnende Haltung schreckte ihn nicht. Um dieses seltene Stück zu erwerben, erkaufte er mit Ge- schenken die Bundesgenossenschaft ihrer Mutter. Aber Ruth war weit davon entfernt, der Mutter zu Willen zu sein. Bei aller Weichheit gehörte sie zu jenen Geschöpfen, deren Starr- sinn, wenn er sie überkommt, härter ist als Stahl. Sooft Michael den Entschluß faßte, dem sinnlosen Warten ein Ende zu machen und rechtzeitig seiner Wege zu gehen, zwang es ihn, nochmals vor ihr hinzusinken und seinen Heiratsantrag zu eTrneuern. Eines Tages war Prag besetzt. Die Deutschen nahmen dem der Kapitalsflucht Verdãchtigten den Paß und verweigerten ihm die Ausreise. Jetzt kam ein quälendes Schuldbewußtsein über Ruth. Sie hatte geduldet, daß der fremde reiche Mann um ihretwillen seine Freiheit aufs Spiel setzte. Aus Pflichtgefühl wurde sie Michaels Frau. Abwechselnd verfiel sie in demütige Fügsamkeit und in finsteren Trotz. In mehreren Etappen erfolgte der Abstieg. Zuerst wurde das 36 junge1 zu ꝛieh vurde Prag g mische Siena, geschl gültig Seine gung garag es ihr nach hatte gewie gereil Vorül tens. Sllaye gin1 au ge Niem bet nuhl enttr Erb die] auf Mich m. Bisher hähen aln- Teil nach etten. rika nach- gen Hause . war die er Kenner nbewebe nen Hüter achte und 50 war mit be — n 1u æin⸗ n Star⸗ Warlen ein wang 6 junge Paar gezwungen, mit seinen Habseligkeiten in die Vorstadt zu ziehen. Dann war auch diese kein Asyl mehr. Eine Dachstube wurde ihnen zugewiesen. Die Kostharkeiten, die Michael nach Prag gebracht hatte, geschnitzte Truhen aus der Normandie, flä- mische Schränke, Strozzischemel aus Florenz, Kredenzen aus Siena, wurden ihnen genommen. Alles, was Michael nach Prag geschleppt hatte, Teppiche, Bilder, Silber und Porzellan, war end- gültig verloren. Seine letzten Barmittel hatten Michael und Ruth die Vergünsti- gung verschafft, zu lernen, was der Monteur in einer Automobil- garage können muß. Aber nicht einmal diese Kenntnisse hatten es ihnen ermöglicht, zu pleiben. Mit vielen Gefährten wurden sie nach Polen abgeschoben. Doch weil sie geschulte Arbeiter waren, hatte man sie keinem Judenwohnbezirk und keinem Ghetto zu- gewiesen, sondern in die Belegschaft der Werkstatt von L. ein- gereiht. Vorũber waren die Jahre der Hoffnung und die Jahre des War- tens. Ihr Schicksal war entschieden. Sie waren beide Opfer und Sklaven des Werks. Von allen Schätzen eines weltumspannenden Antiquitätenhandels war Michael nichts übriggeblieben. Selbst sein letztes Besitztum, seine junge Frau, drohte ihm in Verlust zu geraten. Niemals war er sich so deutlich dessen hewußt gewesen, daß er betrogen war, ein Opfer tölpelhaften Leichtsinns. Aber es war nutzlos, sich Ruth, dieses letzte Besitztum, durch Vorwürfe zu entfremden. Er mußte sie halten. Er durfte sie nicht verlieren. Er beobachtete sie eine Weile. Sie schlief zwar nicht, nahm aber die Haltung einer Schlafenden an. Schweißperlen sammelten sich auf ihren Schläfen. Michael beugte sich über sie. In den ersten Monaten ihrer Ehe, als sie noch die Illusion des Besitzes empfanden, hatte er oft den Versuch gemacht, dadurch Wünsche und Erwartungen in Ruth zu erwecken, daß er ihr die Welt, die nach Herstellung normaler Verhälinisse die ihre werden sollte, beschrieb. Sein Beruf hatte es mit sich gebracht, daß er gerade in jenen Städ- 37 . f2 ten zu Hause war, deren Mamen in dem einfachen Bürger die Vor- stellungen des Wunderbaren und Fremdartigen erregten. Da war Venedig, wo Michael ein Warenlager unterhielt, voll von norditalienischen Möbeln, ein buntes Durcheinander von wert- vollen oder nur gefälligen Dingen. Das Haus lag am Großen Kanal, unweit vom Palazzo Cornaro. Der untere Teil war Magazin, die oberen zwei Stockwerke hatten Bogenfenster, Säulen und Pilaster. Vor den grün schimmernden Marmorstufen des Finganges war eine mit Tüchern verhangene Gondel angepflockt. Aus dem Mittel- kenster hing ein, wenn auch verblaßter, bunter Teppich. Wenn Michael sich mit der Beschreibung seines Hauses in Venedig genug getan hatte, begann er andere Städte zu erwähnen, zu deren Antiquitätenhandel er Geschäftsbeziehungen unterhielt. Hatte Ruth keine Lust, den Prado zu schen, die spanische Treppe in Rom, die Beguinage in Brügge, die Mormannenhäuser in Rouen? Auch in Paris hatte Michael eine Reihe guter, alter Geschäfts- kreunde gehabt. Ob man sie, wenn dieser Angsttraum ausgeträumt war, wiederfinden würde? Michael versuchte, Ruth mit den Namen dieser und anderer Städte zu beschwören. Die Welt wartete. Wenn aber Ruth vor allem nach Prag Verlangen trug, warum sollte sich dieser bescheidene Wunsch nicht bald erfüllen lassend Michael fuhr fort, auf Ruth einzureden. Sie hörte, ohne die Augen zu öffnen, unbeweglich zu. Sie versuchte, sich die Räume im Hause ihrer Mutter vorzustellen: die Halle zur ebenen Erde mit dem verwischten Fresko, das die Geißelung Christi darstellte; die Wendeltreppe, in der man eingeschlossen war wie in der engen Hülse eines Turms; den Dachbalkon, von dem man das Häuser- meer sah, steinerne, der Zeiten spottende Festungen. Sie rief das Bild des Pulverturms und der von Heiligen bewachten Karlsbrücke herauf. Und sie bildete in Gedanken die Altstädter Rathausuhr nach, diesen dank dem stündlichen Aufzug der zwölf Apostel un- vergeßlichen Eindruck ihres Lebens. Aber es schien, als wären alle diese ehrwürdigen Bauwerke ein- gestürzt und lägen in Trümmern, als ein Opfer von Bomben oder von Belagerungsgeschütz, ebensolche Ruinen wie die Häuser der Judenstadt. 38 Plõtalic ten zu hinaus. dem T dünner „Gute selber Der geschl bei sc eclig Fenst Aml den ten. Höhe „Wie vähre hielt. Pin bring „ch Wass Segne t die Vor- voll von von wert- en Kanal, guin, die d Pilaster. nges war n Venedig m deren li. Hatte Treppe in n Rouen? Geschůfts geträumi rer Stůdie llem nach „Wunsch lie Augen ume im ꝑrde mit ellie; die der engen Hirer brück huh vostel un rie ein nben oder 5 wer der plõtzlich läutete der Wecker. Beide erhoben sich rasch und stũrz- ten zu den Kleidern. Michael öffnete die Fensterluke und blickte hinaus. In dem gegenüberliegenden Raum stand ein Mann nahe dem Fenster. Sein dunkles und hageres Gesicht war von einem dũnnen Bart umwuchert. „Guten Morgen, Jakob!“ rief Michael hinüber, als wolle er sich selber aufmuntern. Der Angerufene antwortete nicht. Er sagte sein Morgengebet mit geschlossenen Augen. Murmelnd verbeugte er sich mehrmals. Hier- bei schien er seinem Oberkörper Gewalt anzutun. So schroff und eckig erfolgte Jakobs Verbeugung. Nach einer Minute trat er vom Fenster zurück. Am Rande des Himmels zuckte der erste rõtliche Schein auf. Uber den Hãusertrümmern züngelte es wie Flammen, die sich ausbreite- ten. Allmählich schien eine Feuersbrunst sich der umliegenden Hõhen zu bemächtigen. „Wieder ein Tag“, seufzte Ruth mit nur halbgeöffneten Augen, während sie eine plechèrne Schale über einen winzigen Brenner hielt. „Ein Tag“, herrschte Michael sie an,„der dich dem Ende näher- bringt.“ „Ich weiß es“, sagte Ruth pitter und wartete regungslos, bis das Wasser in der Schale kochte.„NMuß ich ihn wirklich dafũr segnend“ — DRITTES KAPITE L. Seitdem der Automechaniker Ludwig Schilling, ursprünglich Be- sitzer einer Autogarage in Marktredwitz, unweit der böhmischen Grenze, die Leitung der großen Motoren- und Wagenreparatur- werkstätte im Schloß zu L. übernommen hatte, lag Zufriedenheit auf seinen Lippen. Memand konnte leugnen, daß er Fachmann war. Er hatte sein Unternehmen selbst aufgebaut. Im ganzen Ge- piet der bayrischen Oberpfalz gab es keinen Monteur, der ihm an Fachkenntnissen gleichkam. Der widerspenstigste Motor wurde kügsam unter seiner geschickten Hand. Kein Arbeiter vermochte ihn zu täuschen. Er wußte genau, wieviel Zeit jede Verrichtung in Anspruch nehmen durfte. Untrüglich war sein Urteil über Mög- lichkeit und Unmöglichkeit der Erfüllung eines Auftrages. Es war nicht leicht gewesen, die sechs bis acht Menschen, denen Schilling Arbeit und Lohn gab, im Zaum zu halten und ihre Arbeitskraft auszunützen. Schillings Monteure waren in gleicher Weise entschlossen, für ein Mindestmaß an Arbeitsleistung den höchsten Lohnsatz zu fordern, wie er trachtete, gegen Zahlung des Mindesttarifs eine Höchstleistung zu erzielen. So gab es heftige Reibungen, zuweilen sogar Streik und langwie- rige Verhandlungen mit Gewerkschaftssekretären und Partei- beamten. Schilling gebrauchte kräftige Worte, um seiner Unzu- friedenheit Ausdruck zu geben. Auch unter der Herrschaft der neuen⸗Ordnung bildeten die Arbeiter der Garage eine wenig er- gebene, immer zur Auflehnung geneigte Gefolgschaft. Sie hielten A1 Instruktion war ein mit ihrer Meinung nicht zurück, daß in keiner Garage der Ober- pfalz ein solcher Geist kleinlicher Ausbeutung zu finden war. Welche Erholung bedeutete es indes, die Reparaturwerkstatt zu L mit ihrer stattlichen Belegschaft zu befehligen. Hier gab es eine Sorte von Arbeitskräften, die keinen anderen Wunsch hatten, als arbeiten zu dürfen. Männer und Frauen betrachteten das Werk nicht als Feind, sondern als Rettung. Sie zitterten vor Schillings Unzufriedenheit. In Marktredwitz hatte man seinen Befehlen immer neuen Wider- stand entgegengesetzt. In L. waren diese Befehle hindendes Ge- setz. Zu Hause hatte es ewige Beschwerden gegeben. In L. hatte noch niemand eine Klage erhoben. Das kam daher, daß Schilling nicht nur Betriebsleiter war. Er war auch Herr über Leben und Tod seiner Arbeiter. Wenn er an den in der Kreisstadt amtierenden Judenkommissar die Meldung ergehen ließ, daß einer seiner Arbeiter nichts tauge oder überzähe lig sei, erschien dessen Mame am nãächsten Tage auf der Liste. Es bedurfte sogar dieser Meldung nicht. Schilling war selber perech- tigt, Leute auf die Liste zu setzen. Wessen Name auf der Liste stand, hatte sich an dem der Kundmachung folgenden Morgen in der Eisenbahnstation der Stadt R. einzufinden. Schilling hatte sich davon ũberzeugt, daß Todesangst der beste Einpeitscher war. Er hatte allen Grund, zufrieden zu sein. Nie- mals hatte es eine ergebenere Gefolgschaft gegeben. Seine brüske Art, Wünsche zu äußern, war zu Hause mit höhnischem Lächeln beantwortet worden. Hier duckte sich und schwieg. Schilling aber schritt mit wehendem Arbeitsmantel durch die rie- sige Montagehalle. Wen sein Blick traf, der erschrak. Bedeutete dieser Blick Strafed? An wen immer er sein Wort richtete, der beugte sich tief. Schilling liebte Demut. Niemand durfte ihm ins Auge schen, wenn er es nicht geradezu befahl. jeder seiner Untergebenen Die vor Erõffnung der Reparaturwerkstatt an Schilhng ergangem⸗ fach gewesen: die Beschäftigung der Juden mit bestimmter, hochwertiger Arbeit bedeutete keine Inderung des 42 bestehe Variant Und de Pause dammt Es wa Bäume konnte Wenn sie be und n nicht mit d Mensc zuteil thode Warer schen berech man( Nar ihm g Schill wenig pu en Abei Mens nen.] Stuke kraft einge nicht Am 1 e der Ober- den War. erkstatt zu geh es eine hatten, al las Werk uen Wider- dendes Ge- In L. hatte er war. Er Venn er an ie Meldung der beste gein. Nie ine prũske m Lãcheln tergebeven ch die tie kedeulet⸗ chlele der te ihm ins „rangene en nit 2 de xnns bestehenden Ausmerzungsplanes. Sie stellte bloß eine weckmãßige Variante dar. Und doch war sie mehr als eine bloße Leidensstation oder eine pause zwischen zwei Leidensstationen. Man verlangte von den Ver- dammten wirkliche Leistung. Es war ein anderes, Juden mit Straßenarbeiten zu beschäftigen, Bäume fällen und Häuser demolieren zu lassen. Diese Arbeit konnte jeder Wilde bewältigen. Wenn man Juden aber Präzisionsapparate handhaben ließ und sie beauftragte, ihr Werk mit geschulten Händen, mit Verstand und mit Uberlegung zu verrichten, so gab man ihnen die Arbeit nicht von Sklaven, sondern von Freien. Man konnte sie nicht bloß mit der Peitsche treiben. Man mußte zuweilen mit ihnen wie mit Menschen reden. Man hatte das Werk zu erörtern, die Arbeit auf- zuteilen, technische Fragen zu pesprechen. Zweifel zu l5sen, Me thoden ausfindig zu machen. Waren die Juden auch weiterhin rechtlos, so bestand doch zwi- schen ihnen und den Auftraggebern eine wirkliche Beziehung. Ihr bedingter Todesaufschub verwandelte sich in eine Art Lebens- berechtigung. Ein geschulter Arbeiter, von dessen Arbeitskraft man Gebrauch machte, war wie ein nützliches Kapital. Nur ein Narr verschleuderte es. Ein verständiger Mensch trachtete, aus ihm den möglichsten Mutzen herauszuschlagen. Schilling war ein verständiger Mensch. Als Unternehmer dachte er wenig freundlich über die Arbeiterklasse. Als loyaler Bürger und Parteiangehöriger war er ein Feind der Juden. Wenn er aus die- sen beiden Gründen doppelter Widersacher seiner jüdischen Arbeiterschaft war, so fühlte er sich dennoch verpflichtet, sein Menschenmaterial wie jedes andere ihm anvertraute Gut zu scho- nen. Michts hielt ihn davon ab, seine Leute auf eine immer höhere Stufe der Leistung zu treiben. Aber er hütete sich, ihre Arbeits- kraft zu zerstören. Jede geschickte Hand, dem Produktionsprozeß eingegliedert, war ein Kapital, das man, um Früchte zu erhalten, nicht angreifen durfte. Am Morgen nach seinem EFintreffen machte Wolt᷑ die vorgeschrie- bene Meldung beim Betriebsleiter. 43 Schillings Arbeitszimmer war ein hoher Raum, der an die Arbeits- halle angrenzte. Der Marmorkamin trug zwei vielfach beschädigte Wappen, deren jedes einen Falken als Wappentier enthielt. Der Schreibtisch, ein altes Stück, offenbar aus der Rumpelkammer geholt, stand auf wuchtigen Löwentatzen. Wolt wart᷑ einen verstohlenen Blick auf den Betriebsleiter. Er war keist und blond. Sein Haar hing ihm in unordentlichen Büscheln über den Rockkragen. Der dicke Hals sprengte beinahe das Hemd. Der Mund war breit und plump. Schilling war damit beschäftigt, die Eintragungen in Wolfs Doku- menten zu studieren. Wolf war Maschinenkonstrukteur gewesen und hatte viele Titel und akademische Grade besessen. Schillint kannte die Maschinenfabrik, die Wolf geleitet hatte. Die Quali- fikationen des Fremden flößten ihm Mißtrauen ein. Wozu hatte man ihm einen Konstrukteur geschickt! Er hatte Arbeiter an- gefordert. Die kleinen, ein wenig vorstehenden Augen des Betriebsleiters richteten sich prüfend und mißbilligend auf Wolf. Sie betrachte- ten ihn vom Scheitel bis zur Sohle. Sie untersuchten sein Gesicht, seine Haltung, seine Hände. „Ehe ich dir Beschäftigung gebe“, sagte er mit knarrender und unfreundlicher Stimme,„will ich schen, was du kannst.“ Wolf᷑ verließ den Raum. Schillings Handbewegung hatte ihm an- gewiesen, vor der Tür zu warten. Er stellte sich gehorsam vor der Schwelle des Amtsraumes auf. Von hier konnte man einen Teil der Halle betrachten. Wiewohl es Tag war, mußte ein Teil des Raumes künstlich beleuchtet werden. Die wenigen Fenster und das spärliche Oberlicht reichten nicht aus, die nötige Helle zu geben. In dem gelben Licht sahen die Gesichter krankhaft aus. Die Kör- per warfen langgestreckte und eckige Schatten. Bei jeder Arm- bewegung huschten diese Schatten zackig über die Wände. Die Lötlampen stießen vor. Ihr Zischen war in dem Lärm kaum ver- nehmbar. Aber ihr grelles Licht und die von dem Lichtkegel sich abgrenzenden plendendweißen Funken standen in der Dämmerung wie ein Schwanz bösartiger Kometen. Die Kette der Arbeitenden bewegte sich in unregelmäßigen Rhyth- l4 men. Jed heller st Wenige! zahl war viderus Brauen: Blicken Maske d nicht da des Iage Fällen 8 Jeder H⸗ Jetot kar blickte s einer W „Hier“ eig, wa Ordun Wolt na ordnete Motoren auf den geiner] kandi Wolt t er wehr lezte d Liem ü Das j keie Leabei Schilli kuhr e Abeit hädigte kamer men. Jedes Gesicht kreiste wie ein mattglänzender Mond um eine heller strahlende Sonne. In den Augen stand tõdlicher Ernst. Wenige Mienen hatten einen gleichmütigen Ausdruck. Die Mehr- zahl war verzerrt und schien übermäßige Muskelanstrengung widerzuspiegeln. Die Menschen fletschten die Zähne, zogen die Brauen zusammen und gaben, ohne es selber zu ahnen, den Blicken einen wilden und drohenden Ausdruck. Ihre bõsartige Maske, das Gesicht eines feindseligen Dämons, verriet, daß es hier nicht darum ging, ploße Arbeit zu leisten, soundso viel Stunden des Tages. Hier galt es, zu arbeiten oder zu sterben. In manchen Fällen gab es keine Wahl, weil arbeiten und sterben eines war. Jeder Hammerschlag war ein Schlag gegen das eigene Herz. Jetzt kam Schilling aus seinem Amtsraum. Sein Mantel flog. Er plickte starr. Seine Hand winkte. Wolf ging hinter ihm her. Auf einer Werkbank lagen mehrere Motoren. „Hier“, sagte Schilling und stieß Wolf gegen die Werkbank.„Jud, zeig, was du kannst. Bring diese Dinger da schleunigst wieder in Ordnung.“ Wolf nahm ruhig Platz. Er z0g die Lade der Werkbank auf und ordnete das erforderliche Werkzeug. Dann beugte er sich über die Motoren. Neben ihm stand Schilling. Seine Augen waren scharf auf den Arbeitenden eingestellt und beobachteten jede Bewegung seiner Hände, das Tempo, in dem er die Werkzeuge ergriff, sie handhabte und wieder fortlegte. Wolf kühlte diese Augen. Sie hinderten ihn an der Arbeit. Aber er wehrte sich. Behutsam lockerte er mehrere Schrauben und zer- legte den schadhaften Teil der Maschine. Da hauchte Schillings Atem über seinen Nacken weg. „Das ist nichts, Jude“, sagte der Betriebsleiter.„So wird hier keine Arbeit angepackt. Hier wird nicht experimentiert. Hier wird gearbeitet.“ Wolk nickte zum Zeichen, daß er verstanden hatte. Da wechselte Schilling seinen Platz. Er beobachtete Wolf von vorn. Ab und zu tuhr er mit einem Wort in die ungleichmäßigen Bewegungen des Arbeitenden. Später begnügte er sich, wortlos zuzusehen. 45 Wolf merkte die Unfreundlichkeit des Betriebsleiters. So lärmend er sein Werkzeug handhabte, stärker war die Lautlosigkeit, mit der Schillings Unfreundlichkeit ihn überströmte. Wolf beugte sich vor und versuchte, seine Arbeitszeit zu verbessern. Schilling lachte nur. Und sein neuer Untergebener kam mit dem Werk immer langsamer vorwärts. Wolfs Händen war diese Arbeit ungewohnt. Was nützte es, daß sein Hirn rascher war als seine Hände. „Nimm dich zusammen!“ sagte Schilling laut, ehe er seinen Platz verließ. Die Worte entgingen nicht der Aufmerksamkeit Umstehender. Erschrockene Blicke trafen den Zurechtgewiesenen. Zögernd ver- folgten sie Schillings wehendem und sich entfernendem Arbeits- mantel. 2. Wolfs Vater hatte zur Zeit der Monarchie die Stelle eines Rats am Brünner Landesgericht mit einem Taufschein erkauft. Hierauf war er außerordentlich rasch befördert worden und hatte seine Laufbahn als Vizepräsident des Oberlandesgerichtes beendet. Der Sohn war bereits in der Wiege getauft. Er wußte, ehe er achtzehn Jahre alt war, kaum, daß er von Juden stammte. Aber an der Wiener Technischen Hochschule, wo er Maschinenbau stu- dierte, sagten es ihm seine deutschnationalen Sitznachbarn im Hõrsaal. Für sie hatte Wolf trotz seiner Taufe niemals aufgehört, Jude zu sein. Wolf lachte zu dieser ihrer Botschaft. Er war zu unbefangen, um sich von ihr beeinträchtigen zu lassen. Konnte ein freier Mann nicht Religion, Volk, Vaterland wählen? Wolfs Vater hatte gewählt. Der Sohn hatte diese Wahl angenommen. Unmög- lich konnte Mob diese Wahl ungültig machen und über seinen Kopf hinweg diktieren, welcher Rasse und Kultur er angehören sollte. Wolkf, durch besondere technische Be gabung ausgezeichnet, machte seinen W eg. Seine Schriften waren pald weitverbreitet. Seine Be- rechnungen waren pegehrt. Als Wolf sich den Vierzig näherte, 46 3 var sein die Spit berufen, Fünf wei ein Tund dung ein. Wolfs A örterunge licher Ma on einen muekte er im Priyat liche Sch Da beton Wakte en Schlossen der ganze gehen, i ihm gein Und atz Kchersu Wolk wa ligen v enseiie, inig le itehtio len und nern, ih Dies mann b ſch on Diee ich w neuen R hörden Nenicht lärmend keit, mit f beugte mit dem Arbeit als Selne war sein Ruf als Maschinenkonstrukteur begründet. Er wurde an die Spitze einer bedeutenden nordböhmischen Maschinenfabrik berufen, deren Miteigentümer ihm seine Tochter zur Frau gab. Fünf weitere Jahre war Wolf glücklich; ein geehrter Bürger, ein Fundament der Wirtschaft. Um das Jahr 1936 trat die Wen- dung ein. Wolfs Abstammung, bis dahin selten zum Gegenstande von Er- örterungen gemacht, haftete ihm plötzlich wie ein unauslösch- licher Makel an. Wolf empfing schmerzhafte Wunden. Sooft er von einem der neu auftauchenden Parteiblätter angegriffen wurde, zuckte er zusammen. Zog sich einer der alten Geschäftsfreunde im Privatleben von ihm zurück, so empfand er eine unũberwind- liche Scham. Da betonte er sein Judentum. Er hielt es seinen Feinden wie eine Waffe entgegen. Er zeigte es selbst dann, wenn die anderen ent- schlossen waren, es nicht zur Kenntnis zu nehmen. Er schrie es der ganzen Welt ins Gesicht. Er ließ keine Gelegenheit vorüber- gehen, sich als Jude zu bekennen. Miemand konnte so rasch sein, ihm seine Abstammung vorzuhalten, daß Wolf nicht rascher war. Und tatsãchlich machte er mit diesem Verhalten manchen Wider- sacher stumm. Wolf war entschlossen, sich nicht zu ergeben. Während in den Tagen vor München die Flucht aus den abzutretenden Gebieten einsetzte, weigerte sich Wolf, in die Verbannung zu gehen. Figen- einnig lehnte er es ab, seine Dienstwohnung zu räumen und das Direktionsgebãude der Fabrik zu verlassen. Er pestand auf Rech- len und Pflichten seines Vertrages und überließ es seinen Geg- nern, ihn zu vertreiben. Diese aber waren es vorläufig zufrieden, wenn ihr bester Fach- mann blieb. Sie nützten die folgenden zwölf Monate aus, um sich von ihm in Hinkunft unabhängig zu machen. Dieses Jahr war voll von immer heftigeren Qualen. Wolf hatte nicht vorausgesehen, wie weit die Bosheit seiner Feinde ging. Die neuen Herren, durch keine Rücksichtnahme auf Gesetze und Be- hörden gehemmt, ließen Wolf, ohne vorerst auf seine Dienste zu verzichten, die ganze Härte seines Schicksals auskosten. Sie behan- delten ihn mit jener spöttischen Mischung von Duldung und Ge- 47 ringschätzung, die brennender verletzt als tiefste Erniedrigung. Er erfreute sich, wie seine neuen Vorgesetzten es nannten, einer „Schonzeit“. Er empfand es als Erleichterung, als diese„Schonzeit“ endlich zu Ende war. Eines Tages wurde er gejagt und zur Strecke ge bracht. Bisher hatte er für unentbehrlich gegolten, als„Wirt- schaftsjude“, dessen Fähigkeiten man nicht entraten konnte. Plötzlich war er dem großen Strom verfallen. Mit anderem Unrat wurde er weitergespült, dem toten Meer von Millionen Gestrande- ter entgegen. Seine Verdienste wurden nicht mehr erwähnt. Nie- mand erinnerte sich seiner Taten und Leistungen. Er wurde, was andere Menschen gleicher Abstammung längst waren: rechtlos, wehrlos, von Demütigung zu Demütigung getrieben, immer arm- seliger und zu weiteren Erniedrigungen reizend. Von Frau und Tochter getrennt, durchwanderte Wolf den end- losen Weg nach Osten. Zuerst hatte man Verwendung für seine Kenntnisse gehabt. In einem ostpreußischen Werk hatte er ein- einhalb Jahre als Konstruktionszeichner gearbeitet und es seinem Vorgesetzten ermõglicht, durch Vorlage von Wolfs Arbeiten sich hervorzutun. In den folgenden Monaten sank er zu immer tiefer- stehenden Leistungen herab. Im Sommer des Jahres 1942 wurde er endlich einem Sammel- lager überwiesen, von wo er mit anderen Unglücklichen fallweise zu immer schwereren und tiefer zermürbenden Arbeiten in Sümp- fen und Schächten abkommandiert wurde. Fanatisch, wie in allen bisherigen Lebensäußerungen, begann Wolf᷑ seine Verfolger zu hassen. Aber dieser sein Haß begnügte sich nicht damit, Gefühl zu sein. Von Anbeginn dachte Wolf an Aufruhr und Empörung. Unauf- hörlich beobachtete er seine Gefährten, begierig, auf Gleichgesinnte zu stoßen. Machdem er sich entschlossen hatte, sich mit jedem aktiven Juden solidarisch zu erklären, wollte er nicht mehr allein bleiben, sondern Angehöriger einer sich empörenden Masse sein. Er war bereit, loszuschlagen, unbekümmert, wie es ausging. Er bildete sich ein, daß die pesten unter den Juden genau so emp- fanden wie er. 48 Aher er! kam und jüccher Auk der einen var lichkeit d treten, ge lapselten mit dem nicht meh Solche Fr sehen mäc Weit gröl ormals b delt hatte traum. Er or. Erze ds Trugh einer Viele jug ir Dasei on ihr. I meisten elbt or unterirdis Wung ge Mittraue Veil a kut va x Mchts a ielen, e wahr nalt 0 trenn als Stach Nehtün Sremenle dein mu 1 4 kewolte edrigung. en einer endlich recke ge s„Wirt- estrande- rechtlos, mer ar- 6 mmel- weise 8 ümp pegann penũgte W nauf 3 llein Aber er hatte vergessen, daß er aus einer fremden Umgebung kam und wohl seiner Abstammung nach Jude war, aber nichts von jüdischer Tradition wußte. Auf der Mehrzahl seiner Gefährten lastete diese Tradition. Die einen waren bewußt von ihr durchdrungen. Es war die Unerbitt- lichkeit des Glaubens, die von ihnen Besitz ergriffen hatte. Ge- treten, gequält, bis an die Grenze des Erträglichen mißhandelt, kapselten sie sich ab. Sie umkleideten die Gitter ihrer Gefängnisse mit dem dichten Gewebe des überlieferten Gesetzes. Sie sahen nicht mehr Gitter, sondern weite und wunderbare Hintergründe. Solche Fromme bildeten kleine, wenn auch an Finfluß und An- schen mächtige Gruppen. Weit größer aber war die Zahl der Unfrommen, in denen ein vormals hesessener Glaube sich in ebenso heftige Zweifel verwan- delt hatte. Sie haßten aus ganzem Herzen. Aber ihr Haß blieb Tag- traum. Er spiegelte ihnen Bilder von Rache und Wiedervergeltung vor. Er zeigte ihnen eine Fata Morgana von blutigen Strafen. Aber das Trugbild zerrann, sooft man es festhalten wollte. Der Traum einer Umwälzung war vom Glauben an eine solche weit entfernt. Viele Juden hatten von einer Untergrundbewegung gehört, die ihr Dasein in der Tiefe der Erde führen sollte. Sie merkten nichts von ihr. Denn schwerer als andere waren Juden zu erreichen. Die meisten zweifelten daher auch an ihrem Bestand. Aber wenn sich selbst vor ihren Augen die Erde geöffnet und das Netzwerk der unterirdischen Bewegung enthüllt hätte, sie hätten es für eine Täu- schung gehalten. Denn sie waren in Mißtrauen geboren und mit Mißtrauen genährt. Weil das Ubersinnliche jede Handlung ihrer Vorfahren beherrscht hatte, waren sie übereingekommen, ihren Sinnen nicht zu trauen. Nichts lag näher, als daß sie auch die Revolution für einen Mythos hielten, eine Legende, die man glauben durfte, ohne aber sie für wahr halten zu können. So trennte die gefangenen Juden mehr von der Wirklichkeit als Stacheldraht, elektrisch geladene Gitter, Maschinengewehre, Wachtürme, Scheinwerfer. Es trennte sie die Leidenstradition, ihr grenzenloses Mißtrauen und die uralte Erfahrung, stets Opfer sein zu müssen. 4 Revolte 49 . 1 Eines Tages wurden im Sammellager Wolfs besondere Fähig- keiten von neuem entdeckt. Nach seiner Zuteilung zur Werk- statt in L. sah er sich in einer neuen Welt. Pine weite Kluft trennte Sammellager von Arbeitslagern. Dort war Abfall, hier war Leben. Todgeweihte beschäftigten sich mit weit entfernten und abgewandten Dingen. Die leben durften, zogen das Sichtbare und Greifbare vor. Aber auch in der Werk- statt endete das Mißtrauen nicht. Man übte gegen sich und andere äußerste Vorsicht. Am meisten scheute man vor denen zurück, die sich, sei es absichtlich oder ohne es zu wollen, von den ande- ren unterschieden. 2 Da Wolf᷑ Schillings Mßfallen erregt hatte, stieß er auf᷑ ablehnende und zurückhaltende Gesichter. Wer die Laune des Betriebsleiters getrübt hatte, war nicht bloß sein eigener Feind, sondern auch der Feind der Gesamtheit. Wem Schilling übelwollte, der hatte das Wohlwollen der Belegschaft verscherzt. Zwar behandelte Schilling in Kürze Wolf nicht anders als die übrigen Arbeiter in der Werkstatt. Somit war seine Abneigung nur vorübergehende Laune gewesen, ohne böse Folgen. Aber die einmal vorhandene Kluft zwischen Wolf und der Belegschaft verringerte sich nicht. Es ergab sich, daß Jonas— durch eine Menge verdächtiger Um- siände dazu veranlaßt— nach Wolfs Glaubensbekenntnis fragte. Wolf zögerte nicht, zu erklären, daß er seit frühester Jugend Christ sei. Jonas nahm dieses Geständnis kopfschüttelnd zur Kenntnis. Wenn Wolf auch von keinem Vorwurf des Abfalls ge- troffen werden konnte, so verminderte seine Zugehörigkeit zur katholischen Kirche dennoch die einmal eingetretene Entfrem- dung nicht. Christentum verband nicht mit den Verfolgern. Aber es trennte von den Verfolgten. Eines Tages wurde Wolf auf dem Heimweg von Luria aufgehal- len, einem jüngeren Mann, der in einer ostslowakischen Gemeinde Vorbeter der Strenggläubigen gewesen war. Er war groß und statt- 50 lich. Sein aufaubäur luria gin daß Wolt Wolk nick „leh hin lrtun de s var“ Wolt lche Intgegnu hebe nehmen,“ Hilleb dez vltügt. Nolts zu helten in Der vore Hb ar wchte Wo Nerden, nit der H A richer, eihehend iien teil Nol ige er Ernat ol, Pedan Du mußt und reichn No te lent erd . — — lich. Seine Augen flackerten wild. Sein Nacken schien sich ewig aufzubäumen. Luria ging unvermittelt auf sein Ziel los. Man habe ihm erzählt, daß Wolf Christ sei. Wolft᷑ nickte, ohne zu antworten. „Ich bin überzeugt“, gestand Luria,„daß du daran denkst, den lrrtum deiner Eltern auszutilgen, zumal du einsiehst, daß er nutz- los war.“ Wolt᷑ lächelte höflich. Sein Blick gab zu erkennen, daß er zwar keine Entgegnung bereit hatte, aber Luria gerne weiter hören wollte. „Ich habe nicht die Absicht, einen Bekehrungsversuch zu unter- nehmen,“ sagte Luria mit glhenden Augen.„Seit den Tagen KHillels des Alten hat das Judentum sich nicht mit Seelenfang be- schäftigt. Aber vielleicht erlaubst du mir, dir zu helfen.“ Wolfs Augen drückten vorsichtige Zweifel aus, ob Luria ihm zu helfen in der Lage sei. Der Vorbeter fühlte diese Zweifel. Kränkung durchfuhr ihn. Sein Hals straffte sich. Der Nacken war heftiger gebäumt als je. Er suchte Wolf klarzumachen, daß neben der Bestimmung, gehaßt zu werden, Jude zu sein eine Vergnstigung des Himmels war. Und mit der Haltung eines Erzvaters fügte er hinzu:„Das Judentum ist reicher, als du denkst. Möchtest du an diesem Reichtum nicht teilhabend Bisher hattest du nur an der Verfolgung und an den Leiden teilgehabt.“ Wolf᷑ zögerte immer noch, Stellung zu nehmen. Der Erzvater verschwand. An seine Stelle trat ein Pharisäer, eifer- voll, pedantisch, genau. „Du mußt doch wissen, wofür du lebst!“ sagte der Pharisäer und zeichnete mit den Fingern geometrische Figuren in der Luft. „Was ist ein Jude wert, der nichts vom Judentum weiß? Wem dient er? Was ist seine Aufgabed Oder glaubst du, das Judentum hat keine Aufgabe zu erfüllen?“ Wolf hatte sich gefaßt. Er blickte in Lurias ausdrucksvolles Ge- sicht.„Ich sage nichts gegen das Judentum. Es ist eine große und machtvolle Religion. Niemand entrinnt ihm, der sein Ge- fangener ist. Warum aber befreit es uns nicht, statt uns gefangen zu halten?“ 4 57 S ⸗ Lurias Augen verfinsterten sich.„Das Judentum hält niemanden gefangen. Im Gegenteil. Es macht dem Gefangenen das Gefäng- nis leicht.“ „Wir mißverstehen einander“, lächelte Wolf.„Wenn das Juden tum seinen Anhängern Kraft gab, alles zu ertragen, was ihnen auferlegt ist, so dürfte es ihnen jenen winzigen Zusatz an Kraft nicht vorenthalten, der sie in den Stand setzt, sich dagegen zu empören.“ Luria glich einem strafenden Propheten. Zornige Gesichter schie nen ihn zu schütteln. Er öffnete den Mund, als weissage er einer Stadt Mißwachs und Plünderung.„Ich weiß nicht, ob du noch Christ bist. Du redest nicht wie einer. Aber für das Judentum scheinst du mir noch nicht reif.“ wolf blickte dem Strenggläubigen ernsthaft in die Augen.„Wenn dein Zuspruch darin besteht, mich zu lehren, daß ich dulden und schweigen muß, weil Gott mich prüfen oder strafen will, was nützt mir deine mir angebotene Hilfe?“ Der Vorbeter schüttelte den Kopf. Langsam verhärteten sich seine Züge. Sie wurden streng und unduldsam. Luria ging noch eine Weile schweigend neben Wolf her. Dann plieb er plötzlich stehen. Wolf war allein. Kaum hatte Luria ihn verlassen, als Wolf erschrak. Er hatte keinen Bruch gewollt. Im Gegenteil: er hatte eine Annäherung erwogen. Wie kam es, daß sie unmöglich warꝰ? Offenbar hatten sie beide ihre Bollen vertauscht. Luria war Christ, Wolf Jude. Und beide waren einander ferner als je. ——— Jonsv langam gebenen ladenbe chen. In der I mit den chenkre Peiende phinen 1 säule eir Gedanke var mü fühlos Der Lei dei)o b unq hun wnische ingebra ier lne ken Seh äe auf nf em anden Gefũng s Juden- àn ihnen Kraft gegen 2u zu noch 1 1 U0 n Lu entum Wenn seine h eine pr haite n herung ria va 4 VIERTES KAPITEL⸗ Jonas war auf᷑ das Judenkommissariat in der Kreisstadt befohlen. Langsam ging er über den von freundlichen Giebelhäusern um- gebenen Marktplatz. Hinter schattigen Lauben saßen verschlafene Ladenbesitzer. Die Wärme des Mittags lastete über dem Städt- chen. In der Mitte des Platzes stand ein mittelalterlicher Brunnen, rund, mit den Medaillons des Stifters und seiner Familie verziert. Men- schenfreundlich plickte der Ritter den Beschauer an. Aus wasser- speienden Fischköpfen strömten dünne Strahlen. Zwischen Del- phinen und Meeresungeheuern aber Stand licht und hoch die Bild- säule eines heiligen Stanislaus. Gedankenlos hielt Jonas die Hand in das lauwarme Wasser. Er war müde. Ein angstvolles Vorgefühl machte seine Fingerspitzen fühllos und seine Glieder schwer. Der Zeiger der Uhr über dem Rathaus zeigte fünf Mnuten vor drei. Jonas z0g seine Hand aus dem Becken, schüttelte die Nãsse ab und ging mit kleinen, trippelnden Schritten auf das Rat- haus zu, in dem das Judenkommissariat sich befand. Zierliche ionische Säulen stützten das Tor. Seitlich war eine Sonnenuhr angebracht, von einem verschnörkelten Steinband mit verwitter- ter Inschrift umgeben. Ihr Zeiger warf einen dünnen und schar- fen Schatten. Den Torbogen tragen, von wildem Wein umblüht, die aufgereckten Arme zweier lächelnder Göttinnen. Jonas fühlte, wie seine Knie pei der Annäherung jede Festigkeit 53 1 verloren. Mit jedem Schritt trat er unsicherer auf. Die erste Tür im Korridor führte zum Judenkommissariat. Pünktlich mit dem dritten Glockenschlag trat Jonas ein. Er ver- neigte sich vor dem Türsteher, hielt ihm den erhaltenen Befehl entgegen und wartete. Kurz darauf wurde er zum Kommissar gerufen. Dieser, ein gepflegter Mann, mit glattem, partlosem Ge- sicht, rauchte seine Pfeife: Zwischendurch blätterte er in seinen Papieren. Ohne eine Miene zu verziehen, teilte er dem Judenrat mit, daß zwanzig neue Monteure für die Werkstatt auf dem Wege waren. Da der Stand der Bewohnerschaft der Judenstadt nach oben be- grenzt war, hatten zwanzig andere Bewohner der Judenstadt zu gehen. Zitternd nahm Jonas das Verzeichnis der nicht in der Werkstatt beschäftigten Insassen des Ghettos von L. entgegen. Seine Hand hielt es fest. Er näherte es seinen Augen. Aber seine Augen tränten. Der Kommissar wartete ein paar Sekunden lang. Seine Züge wiesen kein Merkmal der Grausamkeit auf. Michts als unendliche Gleichgültigkeit füllte jeden Winkel seines Gesichtes. An allem, was hier geschah, war er unbeteiligt. Er versah ein Amt, ohne es besonders anziehend zu finden. Seine Gedanken hielten sich zu Hause auf, in der hellen, nicht allzu üppigen Vierzimmerwoh- nung einer Dresdener Vorstadt. Er träumte zuweilen von seinem Studierzimmer, in dem es Regale gab, voll von reinlichen, blitzen- den Bucheinbänden. Seine Blicke wanderten in Gedanken über die Einbände. Er zählte sie und freute sich an ihnen. Jonas starrte auf das Verzeichnis. Er kannte jeden Namensträger. Wenn es auch ältere Menschen waren, sie alle stellten bei der Arbeit noch ihren Mann. Jetzt sollten zwanzig von ihnen fort- gehend Zwanzig waren zuviel auf der Weltd Jonas wollte sprechen. Aber er brachte kein Wort heraus. „Ich warte auf Vorschläge!“ Die Stimme des Kommissars klang ungehalten. Jonas legte demütig das Verzeichnis hin.„Ich kann keine Vor- schläge machen, Herr Kommissar!“ sagte er gepreßt. Der Kommissar stand auf. An der Wand hing ein Plan der 54 Judenstad vand gere Lahl der Der Finge Hütten. Si den Objel Ristung Pine Hanc Leit, den die Tür. l au erbitte Draußen! ch kerti Jonas star unergrünc gülger a Schoren. men, den Gelächter. onas sah aufeinand und das( Jetat bega der Mann iener de reitleher Jeblile nde Ta chemem te Tür Pr ver- n Befehl mmissar n seinen ne Hand e Augen Züge dliche erw oh- n geinem blitꝛen- en über ntrãgel· bei der ven fort Judenstadt, zierlich mit schwarzer Tusche auf eine riesige Lein- wand gezeichnet. Jedes Haus trug eine Anzahl Ziffern. Es war die Zahl der verfügbaren Schlafplätze. Der Finger des Beamten zeigte auf zwei nebeneinander liegende Hütten. Sie lagen gerade in der Mitte der Judenstadt.„Diese bei- den Objekte werden frei gemacht. In keinem von beiden wohnen Rüstungsarbeiter. Die Bewohner gehen morgen Eine Handbewegung endete die Audienz. Jonas fand nicht einmal Zeit, den beabsichtigten Fußfall zu tun. Eine Ordonnanz öffnete die Tür. Und da Jonas immer noch Versuche machte, Aufschub zu erbitten, wurde er hinausgestoßen. Praußen hielt ihn ein Schreiber an.„Warten!“ sagte er barsch. „Ich fertige gleich die Konsignation an.“ Jonas stand vor dem Tisch des Schreibers. Wieder eines dieser unergründlichen Gesichter. Es war weit stumpfer und gleich- gültiger als das Gesicht des Kommissars. Das Haar war kurz ge- schoren. Die Augen hatten einen hinterhältigen Zug. Jeden Na- men, den er in seinem Verzeichnis ausstrich, begleitete ein kurzes Gelächter. Jonas sah wie gebannt zu, wie der Mann eine Anzahl Blätter aufeinanderlegte, blaues Kopierpapier zwischen die Blätter schob und das Ganze unter die Walze seiner Schreibmaschine preßte. Jetzt begann er auf die Tasten zu klopfen. Jonas war es, als hätte der Mann sich plötzlich verwandelt. War er nicht der grausige Diener des Todesengels? Diese Schreibmaschine war bloß ein neu- zeitlicher Behelf, mit dem das uralte Buch der Lebenden und Verblichenen geführt und vervollständigt wurde. Sooft ein Name in die Tasten gehämmert wurde, hart, scharf, mit schrillem, knö- chernem Klang, war dieser Name im Buch des Lebens ausgelöscht und ins Buch der aus dem Dasein Abzuberufenden übertragen. Der gesperstische Schreiber ätzte ihn aus. EFin langer, fester Strich beseitigte ihn. Die Finger, die Pasten und Griffel bedienten, waren spitz und fleischlos. „Da!“ kreischte der Diener des Todesengels und reichte eines der Blätter Jonas hinüber.„Die Kopien werden heute noch ange- schlagen.“ Eine Stunde spãter stand Jonas in dem den beiden Hütten gemein- samen Hof. Die auf die Liste Gestellten waren Rechtgläubige, die sich zusammengefunden hatten, um einander in der Erfüllung der Gebote Beistand zu leisten. Ein Teil der Inwohner arbeitete auswärts. Ein Drittel etwa war 3 4 zu Hause. Jonas brachte stockend seine Botschaft vor. Die Emp- fänger stürzten vor Schreck zu Boden. Einige zerrissen ihre Klei- der. So hatte nichts genützt, weder Dulden noch Schweigen noch 8 Unterwürfigkeit. War es noch nicht genugꝰ Wie weit gedachte das Schicksal noch zu gehen? Wo lag die Grenze der Leiden? Abends versammelten sich die Zwanzig im Hof. Geschrei und Sichaufbäumen wichen einer tiefen Stille. Schweigen begrüßte den Altesten der Hütten, einen Frommen, der von manchen als Wundertäter angesehen wurde. Auch er wußte keinen Rat. Er hatte das Sterbekleid über den Kopf geworfen. Offenbar bereitete er sich auf das Ende vor. Er und die übrigen bückten sich tief und sagten das Glaubens- bekenntnis. Sie legten ihre Rechte inbrünstig auf die Stelle, wo das Herz lag. Um ihrer Sünden willen wurden sie bestraft. Woraus diese Sünden bestanden? Wer wußte es? Pas ganze Leben war eine einzige Kette von Verfehlungen. Die neun Frauen standen stumm am Rande des Kreises. Sie wein- ten lautlos. Sie ergaben sich nicht, noch dankten sie dem Herrn. Sie ächzten Klage.* 1 Mochten die Männer hundertmal so tun, als ob sie an die Sünde glaubten; es gab keine. Der Himmel war ihr Schuldner. An- fänglich war diese Schuld meßbar gewesen. Aber die Vorsehung hatte Schuld auf Schuld gehäuft. Jetzt war nicht einmal mehr Gott imstande, sie einzulösen. Doch das Beten verjagte alle Anwandlungen von Auflehnung und Zweifel. Es war für die einen Trost, für die anderen Betäubung. Da niemand wußte, was morgen geschah, versöhnte man sich mit Seinem Schöpfer. Man wachte, sang Psalmen und petete die ganze Nacht. Es gab viele Gebete, die man sagen konnte. In jeder Verfolgung hatte man Bußgebete erdacht, die in Wahrheit Anklagen waren. Als die ukrainischen Aufrührer, die Haidamaken, die Gegend 56 ——— verheert nischen F ichtigt v gegeben. Uberdies man aucl jedes Be hatte ma dung da Augenbli ngst unt ar trau Schied. 4 Der Him die Ster As aber nahm di ger fühl ie warte blötalich gebet, in um Ver anderen lum Ze 6ebetrie Der neu Gebück brach di Sück g lui bi nahe Mnige den Rr Sie abe ie un nihmer etwa walr Die Emp- hre Klei- n noch verheert und die jüdischen Untertanen an der Seite ihrer pol- nischen Herren erschlagen hatten, war Gott von einem Rabbi be- zichtigt worden, er habe sein ganzes Volk dem Untergange preis- gegeben. Uberdies sprach man Gebete um Rettung vor dem Tode. Glaube man auch nicht mehr an die Rettung, so steckte doch im Inneren jedes Beters die verborgene Erwartung eines Wunders. Deshalb hatte man, während man die Gebete sagte, die mystische Empfin- dung, daß irgendwo verborgen ein Engel stand, um im letzten Augenblick schützend sein Schwert zu erheben. So blieb die Todes- angst unterdrückt, das Vorgefühl des Kommenden war fern. Man war traurig, aber nicht verzweifelt. Man nahm vom Leben Ab- Schied. Aber der Abschied hatte keinen Stachel. Der Himmel war die ganze Macht gestirnt. Und während man die Gebete sagte und sang, sah man die Sterne über sich. Auch die Sterne gaben ein Versprechen. Als aber der Himmel heller wurde und die Sterne verblaßten, nahm die Wirkung der Bußgebete ab. Das Jenseitige wurde weni- ger fühlbar als das Vorgefühl dessen, was auf der Erde noch auf sie wartete. Die Schreie der Frauen wurden lauter. plõtzlich änderte der Klteste seinen Ton. Er sprach das Toten- gebet, in dem er Gott noch einmal für sich und seine Gemeinde um Verzeihung aller Sünden bat. Hierbei schlugen er und die anderen Männer demütig die Brust. Zum Schluß legte die kleine Gemeinde der Männer hastig die Gebetriemen um und sprach das vorgeschriehene Morgengebet. Der neue Tag war da. Gebückt und ãchzend, mit nassen Augen und keuchenden Lungen prach die Zahl der Zwanzig auf. Nachbarn hatten ihnen ein Früh- stück gerüstet. Aber keiner hatte es angerührt. So schritten die Zwanzig die erwachende Landstraße entlang. Der Wald reichte pis nahezu an die Straße heran. Es war Laubwald, in den einige wenige Madelbäume verstreut waren. Die Kste bewegten sich. Aus den Rinden träufelte Harz. Hohe Farne entfalteten ihre Fächer. Sie aber, diese Zwanzig, wohin gingen sied Heute lebten sie noch. Sie atmeten und bewegten ihre Glieder. Ihre Augen schauten, sie nahmen das Grün in sich auf. Sie hoben die Füße und fanden 57 E. 3 6 3 ———— mühelos das Gleichgewicht. Was aber war hinter dem Wald? Etwas Unbekanntes, Unnatürliches, das dem Walde widerstritt, der Luft, dem Licht, der aufsteigenden Sonne. Und während sie weitergingen, mit immer schwerer werdenden Füßen, drängte die Angst aus der Tiefe ihrer Körper herauf, verzweigte sich, füllte die Adern. Sie würgte, machte das Atmen schwer, hing sich wie Blei an die Füße. Da fand die Begegnung statt, zwischen denen, die kamen, und denen, die gingen. Zwanzig Menschen, geführt von einem einhei- mischen Polizisten, kamen vom Bahnhof. Es waren meist junge Leute, zwischen achtzehn und achtundzwanzig Jahren, größten- teils Männer. Der Transportführer, ein braunhaariger Riese, hatte ein hageres, tiefgebräuntes Gesicht. Die aus Böhmen und Mähren kamen, hatten erst Monate in There- sienstadt gelebt. Leute aus Osterreich waren in Krakau aufge- sammelt worden. Erst die letzten zweihundert Kilometer hatten sie die Reise zusammen gemacht. Aber sie hatten rasch einander ver- stehen gelernt. Alle unterordneten sich willig dem Transport- führer. Jan war der Sohn eines Winzers, dessen bescheidene W eingärten im südlichen Mähren, an der Grenze Oberösterreichs, lagen. Er hatte das Gesicht eines jungen Apostels. Sein Vater hatte ihn ischechisch erzogen. Die Bauern in Laa, jenseits der Grenze, hat- ten ihn Deutsch gelehrt. Er redete beide Sprachen geläufig, als ob sie beide seine Muttersprache wären. Jans Vater, wiewohl von einer Dynastie von Rabbis stammend, hatte zur Religion des Gesetzes kein Verhältnis gehabt. Seine Göt- ter, nicht anders als die Götter seiner heidnischen Vorfahren, waren Sonne, Erde, Regen und Wind gewesen. Er hatte nicht weniger stark an seinem Weinberg gehangen als Naboth, der biblische Winzer. Die Porfpewohner hatten ihn als den Ihrigen betrachtet. Machdem sein Vater verschleppt, der Weinberg beschlagnahmt und Jan selber in ein Arbeitslager eingereiht worden war, hatte Jan zwar oftmals verzweifelte Pläne entworfen. Aber er hatte die Ausfũhrung dieser Pläne auf einen geeigneten Zeitpunkt vertagt. 58 F Jan sah glich. In gehender Jan blieb Kaype h Lom. Al gerisene Salut. M kommen Das also Väter wa Diese v wären. 4 Knochen Jungen Die Ale ihnen 6e Sättenar ien diese legen, v die schö Aber da Söhne i . 4 in den 1 um sch Fech fielen 1 Manche Jhren Wald? iderstritt, erdenden r herauf, as Atmen m einhei- iese, hatte in There 1 à ufge- nder ver- art- ansport . ngärten gel⸗ Er le ihp ———— — — 6 5 Jan sah einen Trupp herankommen, der an Zahl dem seinen glich. In wenigen Sekunden hatten sie begriffen, daß die Ab- gehenden jene waren, die ihnen hatten Platz machen müssen. Jan blieb stehen, mit ihm alle, die hinter ihm kamen. Er riß seine Kappe hoch. Eine Menge Gefühle kreisten in ihm: Schreck, Trauer, Zorn. Alle Begleiter Jans folgten seinem Beispiel. Mit weit auf- gerissenen Augen leisteten sie wie ihr Anführer den Abgehenden Salut. Mit entblößten Häuptern Hießen sie die Abgehenden heran- kommen. Das also waren ihre Väter! Und wenn es nicht ihre leiblichen Väter waren, so waren es die Väter von Brüdern und Gefährten. Diese waren es, die von ihnen unwissentlich verdrängt worden waren. Auf ihren Körpern hatten Sie zu stehen. Die Muskeln und Knochen dieser Menschen waren Trittbretter für ihre Füße. Die Jungen knirschten. Zorn und Bitterkeit füllten ihre Seelen. Die Alten hoben langsam die Köpfe. Finster blickten sie die ihnen Gegenüberstehenden an. Dies mußten die zugereisten Werk- stättenarbeiter sein. Ihnen hatten sie Raum geben müssen. Konn- ten diese Leute es über sich bringen, ihre Häupter dorthin zu legen, wo die Köpfe der heute Preisgegebenen gelegen hattenꝰ? Sie schöpften Atem, um Verwünschungen auszusprechen. Aber da fiel ihnen ein, daß es ihre Söhne waren. Einige hatten Söhne in solchem Alter. Sie wußten nicht, was ihnen zugestoßen war. Aber diese konnten sie nicht verwünschen. Wenn sie auch in den Tod geschickt wurden, damit ihre Nachfolger Raum hatten, um sich auszubreiten, diese Machfolger waren von ihrem eigenen Fleisch und Blut. Wenn sie die jungen Menschen betrachteten, fielen ihnen die Gesichtszüge der eigenen Kinder ein. Manchen wurden sie deutlicher, als sie jemals in den letzten Jahren waren. Sie sahen diese Söhne und Töchter mit qualvoller Findringlichkeit vor sich. Jeder Zug ihres Gesichtes wurde ihnen klar. Die Achtzehnjährigen blickten sie fragend an, mit noch un- fertigen Gesichtern und ratlosen Augen. Neben ihnen standen Zwanzigjährige: waren sie wirklich noch so kräftig? War es die Sonne, die ihnen so viel Leben gab? Hatten die Töchter immer noch Blut in den Wangen und Hoffnung in den Augen? Plötzlich streckten die Alten ihre Arme aus. Ihre Haltung wurde 59 6 zu einer symbolischen Gebärde. Hinter ihr verbarg sich die uralte Bewegung, die den Segen ausdrückt, den eine vergehende Gene- ration der kommenden spendet. Der einheimische Polizist befahl Jan, den Weg fortzusetzen. Aber Jan rührte sich nicht. Ebensowenig bewegten sich seine Gefähr- ten. Tiefe Rührung durchzuckte sie. Etwas trieb sie, hinzustürzen und die Hände der Alten zu küssen. Die Landschaft war verwandelt. Stärkeres und wärmeres Leben brach durch die Zweige. Mle hiel- ten den Atem an. Es war wie ein starker und unerschöpflicher Trost. Der an der Spitze der Abgehenden hielt die Arme ausgestreckt. Jan und die Mitglieder seines Trupps neigten, ohne ihren Stand- ort zu verlassen, die Köpfe. Die ganze Handlung nahm nicht länger als fünf Sekunden in Anspruch. Aber es waren ungewöhn- liche fünf Sekunden. Die Luft vibrierte. Das Licht liebkoste die Haut. Eine seltsame Weihe erfüllte die Atmosphäre. Da stieß der Polizist Jan sein Bajonett gegen die Rippen. Er trieb ihn vorwärts. Beide Trupps setzten sich in Bewegung. Die einen gingen mit gesenktem Haupt immer weiter von L. fort. Die anderen, auf L. zumarschierend, wandten die Köpfe, so- lange die Abgehenden in sichtbarer Mähe waren. Dann kam der Wald. Der Staub flimmerte im starken Sonnenlicht. Aus dem Wald kamen Geräusche, vermischt mit starken und erfrischenden Morgengerüchen. 2. Der Trupp bezog die beiden Hütten. Deren frühere Inwohner waren längst in der Station von RB. angelangt. Aber die Wände atmeten noch immer ihre gedrückte und schüchterne Gegen- wart. Man sah sie durch die leeren Räume gehen, diese Schatten, de- mütig, stumm, unscheinbar, damit der Peiniger sie nicht be- merke. „Was für ein merkwürdiges Leben!“ sagte Jan, während er den Nachlaß der Leute musterte. 60 In einen risenen var. Jan durch di Toter au as ling Wenm gewende hatte die weiter. Oslen 8 chen. Mädcher den. Sie Verves es nicht Man fa Stürm u tete. A glisern ken Au Nerblal ein ch hungen Simon erklärt der 2e Turm ausetre Jn h linie innert Alte denno Sebun In einem aus Brettern gezimmerten Verschlag hing zwischen zer- rissenen Gebetmänteln ein Ding, das offenbar ein Totenhemd war. Jan nahm es behutsam hervor und ließ das brüchige Linnen durch die Finger rieseln. Er hing es um. Sah man nicht wie ein Poter aus, der aus dem Grabe gestiegen war, ein Gewesener, einer aus längstvergangenen Tagenꝰ? Wenn man mit Totenhemd oder Gebetmantel bekleidet nach Osten gewendet stand und fromme Dichtungen der Väter murmelte, was hatte die Zeit zu bedeuten? Mochte sie weiterrücken, unablässig weiter. Vor tausend Jahren hatte einer in gleicher Pose nach Osten gewendet gestanden und die gleichen Verse ausgespro- chen. Mädchen des Trupps hatten Säckchen mit heiliger Erde gefun- den. Sie tropfte aus den Löchern, schwarz, großkörnig, und nach Verwesung duftend. Jan wollie qie Erde ausstreuen. Andere ließen es nicht zu. Man fand andere Kultgegenstände: Gebetsriemen, die man um Stirn und Handgelenke legte, wenn man gewisse Gebete verrich- tete. An den Türpfosten waren in Mannshöhe immer noch die gläsernen Phiolen befestigt, in denen auf winzigen Papierstrei- ten Auszüge aus Gottes Gesetz eingeschlossen waren. Auf dem Grunde einer hölzernen Kassette, in eine Wiege aus verblaßtem rosa Samt gebettet, lagen zwei silberne Gegenstände, ein schmaler, zierlicher Zeigefinger und eine mit Glõckchen be- hangene Büchse aus Silberdraht. Simon, ein kräftiger Mensch mit unruhigen, erklärte Jan den Gebrauch der beiden Gegenstände. Mit dem Fin- ger zeigte man Stellen der Schrift auf. In dem gedrechselten PTurm befanden sich Gewürze, die den Duft des heiligen Landes ausströmen sollten. Jan hörte nicht auf, an die früh liquien zu denken. Die Züge des Kltesten kielen ihm ein. Er er- innerte sich an die schmerzhafte Endgültigkeit des Gesichtes. Der Alte hatte gewußt, daß sein Weg ins Nichts führte, und hatte dennoch diesen Weg auf sich genommen- Was gab ihm diese Er- gebung in sein Schicksalꝰ? eifervollen Augen, eren Pigentümer dieser Re- Am späten Abend tauchten aus einer versteckten Lade zerrissens Blätter auf, die Psalmenbruchstücke enthielten. Ihr Inhalt schien vom Glauben wie von der Hoffnung gleichweit entfernt. Einer, der über Hiobs Anklagen weit hinausging, rechnete mit Gott ab. Zwischen den Zeilen stand Ungeduld und Aufruhr. Das erste Bruchstück hatte diesen Wortlaut: „Warum verstößt du uns und läßt uns zuschanden werden und ziehst nicht aus auf Seite unseres Heeres! Du machst uns fliehen vor dem Feind und lieferst uns unseren Hassern aus. Du verkaufst dein Volk für nichts, du verschenkst es. Du machst uns zur Schmach unserer Nachbarn, zu Spott und derer, mit denen wir Tür an Tür gelebt haben.[Hohn Du machst unsere Schande zum Beispiel unter den Hei und läßt alle Völker den Kopf über uns schütteln. Täglich steht mir meine Schmach vor Augen, und mein Antlitz ist voller Scham, weil ich die Schänder und Lästerer hören und die Feinde und Rachegierigen schen muß. Alles dies kam über uns. Und trotz alledem haben wir doch deiner nicht vergessen, noch den Untreue gegen den mit dir geschlossenen Bund bekundet... Deinetwillen werden wir alle Tage hingemordet und sind Schlachttieren gleichgeachtet. Erwache, warum schläfst du!“ Das andere Bruchstück enthielt die kolgenden Zeilen: „Deine Widersacher brüllen in deinen Häusern und setzen ihre Götzen ein. Man sicht ihre Kxte von obenher blinken. Sie wüten wie in einem Wald. Sie zerhauen alle Tafeln mit Beil und Feuer haben sie an dein Heiligt Die Stätte deines Namens hab Sie sprechen in ihrem Herzen: Alle Gotte Morgenstern. um gelegt. en sie zum Staub herabgewürdigt. Laßt uns plündern! shäuser im Lande sind eingeäschert. Unsere Zeichen schen wir nicht. 62 ——„ —— Is gibt k Cott, wie und der Die beide mit wei Der eine us jenen hart abei ser Juder Auch Sin var er in Schen Do unauslös Simon l Sprache, Jan Wure Shen doe Schmer ihnen, I. ein Kosn Wüßte Poalmen hlten“ Simon l Pblme las, eind Ukrute Unter de intrit Simon b ragen ten unse rennen ern au imon Seine( errissens lt schien nete mit ott und ſohu v ——— Es gibt keine Propheten mehr. Gott, wie lange soll der Widersacher uns erniedrigen und der Feind deinen Namen lästern!“ Die beiden Blätter wurden in der Kammer vorgelesen, die Jan mit zwei Gefährten bezogen hatte. Der eine von ihnen, Simon, fungierte als Ubersetzer. Er stammte aus jenem Viertel Wiens, das die Brigittenau hieß und von vielen hart arbeitenden Juden bewohnt gewesen war. Die Mehrzahl die- ser Juden hatte noch östliche Bräuche beobachtet. Auch Simon war diesem Osten nicht völlig entwachsen. Zuerst war er in einer jüdischen Gesetzesschule, später in der marxisti- Schen Doktrin unterrichtet worden. Beide Schulen hatten ihm unauslõschliche Spuren aufgeprägt. Simon las die Verse laut. Er übertrug sie ins Deutsche, jene Sprache, die alle in der Hütte beberrschten. Jan wurde von den Versen erschüttert. Was hatten diese Men- schen doch für eine mächtige Sprache gesprochen. Sie hatten den Schmerz von hundert Generationen eingeatmet. Leid lag hinter ihnen, Leid säumte ihren Weg, Leid öffnete sich vor ihnen wie ein Kosmos. „Wüßte ich nicht“, sagte Jans zweiter Gefährte Imre,„daß es Psalmen sind, ich würde sie für gestern geschriebene Propaganda halten.“ Simon lachte, und seine Augen strahlten ein dunkles Feuer. „Psalmen und Revolutionsgedichte veralten nie. Was ich hier vor- las, sind Auszüge aus der Untergrundliteratur unserer Vorfahren, Aufrufe, die man im Bereich des Generalgouvernements Judãa unter der syrischen Oberhoheit verbreitete. Sie werben für den Eintritt in die Armee der damaligen Patrioten. Wir aber“— Simon berührte mit hastiger Gebärde die Sohlen seiner Schuhe— „tragen die Psalmen von heute, die Unterweisungen der Prophe- ten unserer Tage unter den Fersen. Gott spricht nicht mehr aus prennenden Dornbüschen oder von der Spitze seines Berges, son- dern aus verborgenen Sendern und geheimen Druckerpressen.“ Simon hob den Kopf und blickte mit kunkelnden Augen um sich. Seine Gesichtszüge verrieten die unausgesprochene Lust, die 63 Schuhe auszuziehen, um sich endlich von einem drückenden Ge- heimnis zu befreien. Was in seinen Schuhschlen und in den Schuhschlen anderer Kameraden stak, waren Flugzettel in polnischer, ukrainischer und deutscher Sprache, in denen eine Aufforderung zur Sabotage ent- halten war. i5 Sie versengten ihren Trägern die Haut ihrer Sohlen. Man trat auf sie wie auf feurigen Grund. Man fühlte sich von ihnen hoch- gehoben und getragen. Es waren Flugzettel, in Moskau gedruckt, von Flugzeugen abgeworfen, unter Lebensgefahr gesammelt und geborgen. 4. Als am nächsten Morgen nach Abhaltung des Appells die übrigen Angehörigen der Belegschaft an die Arbeit gingen, stellten sich die neuangekommenen Zwanzig vor Schillings Arbeitsraum auf, um sich ihm vorzustellen und, wenn es nötig war, ins Verhör ge- nommen zu werden. Alle hatten den gleichen Gesichtsausdruck angenommen, die Haltung uniformiert und ihren Augen den- selben demütig einfältigen Ausdruck verlichen, wie er Unfreien zusteht. Man hatte sie in der Judenstadt belehrt, daß der Vorgesetzte An- betung liebe. Man hatte ihnen Wolfs Betragen als warnendes zi Beispiel vorgehalten. ſ. So betrugen sie sich zur allgemeinen Zufriedenheit. Sie bekun- deten die Klugheit der Unterdrückten. Schilling, zwischen dem Scharführer der Lagerwache und dem Registrator thronend, prüfte die Dokumente der Angelangten. Der Registrator fertigte ein Evidenzblatt aus, das alle wesentlichen Umstãnde enthielt. Der Scharführer fertigte den Passierschein, der den Inhaber berechtigte, das Ghetto durch das Judentor zu ver- lassen und die Werkstatt durch das Haupttor zu betreten und abends den gleichen Weg in umgekehrter Richtung zurückzu- legen. 8 Sodann nahm Schilling jeden Neuankömmling ins Verhör. Er wiederholte seinen Namen, prüfte Zeugnisse und sonstige Papiere, 64 — nahm von Kenninis Sein Blick der auf d ihnen sein ervorbene biß, läßt Auch Sch Ware unte Die Gesun lmiluun hatte das r dchien zu vollte er Jin wre Simon der Jan fand ein Gutsb rißtrauis Ofkiier 0 Kerkaft u Sinon hi Ubeiter Simon ügt. Dicht hin brigtem( mund. 4 er ne Khen H en Dach chatthil währigehe ns Ril um Schar ocklim unzer 5 knal nahm von den Fähigkeiten und Leistungen der neuen Arbeitskräfte Kenntnis und betrachtete Körper, Gliederbau und Haltung. Sein Blick war nicht weniger sachlich als der eines Landwirtes, der auf dem Markt eine Koppel Pferde erworben hat. Ehe er ihnen seine Marke einbrennt, prüft er Stück für Stück des neu- erworbenen Bestandes, läßt sie laufen, springen, prüft ihr Ge- biß, läßt ihre Muskeln pielen. Auch Schillings Mienen waren die des neuen Herrn, der seine Ware untersucht. Er billigte sie und nahm von ihr Besitz. Die Gesundheit der Leute gab zu keiner Beschwerde Anlaß. Der Ernährungszustand war besser, als zu erwarten stand. Der Blick hatte das richtige Maß von Gefügigkeit und Unterwerfung. Keiner schien zu vergessen, wer er war. Keiner machte den Eindruck, als wollte er sich vermessen, das Schicksal herauszufordern. Jan war der erste, der die Prüfung bestand, Imre der zweite, Simon der dritte. Jan fand seines Körperbaus wegen bei Schilling Anklang. Imre, ein Gutsbesitzersschn aus der Hohen Tatra, wurde länger und mißtrauischer gemustert. Sein Gesicht erinnerte zu sehr an einen Offizier oder Landedelmann. Aber er beugte seinen Schädel mei- sterhaft und duckte sich wie ein geborener Sklave. Simon hingegen erinnerte in jeder Regung an einen wirklichen Arbeiter. Unbeschadet seines Rassenvorurteils hätte Schilling Simon ohne Zögern in seiner Garage zu Marktredwitz beschäf- tigt. Dicht hinter Simon folgte ein hagerer Mensch mit scharfausge- prägtem Gesicht und klarblickenden Augen. Er nannte sich Ray- mund. Als er noch frei war, halte er in seiner auf den pbõhmisch-mähri- schen Höhen gelegenen Heimat alte Schlösser gezeichnet. Auf dem Dachboden seines väterlichen Hauses stand eine Anzahl Land- schaftsbilder. Raymund hatte versucht, die lebendige Kraft dieser mährischen Wälder zu malen. Seine Bilder zeigten große, strenge Lichtungen, weite, geräumige, im scharfen Licht des Morgens sich ausdehnende Hänge, alte hochstämmige Bäume, Forsthäuser, die zuweilen verborgenen Festungen glichen, und moosbewachsene, verlassene Mühlen. 5 Bevolte 65 Als Raymund nicht mehr malen durfte, hatte er das Handwerk des Automechanikers erlernt. Anfangs hatte er noch in seinen freien Stunden heimlich zu zeichnen versucht, auf kostharen, sorg- sam behüteten Blättern. Aber je weiter er nach Osten verschlagen wurde, desto spärlicher überkam ihn die Lust, nach seinem Skiz- zenbuch zu greifen. In den letzten Monaten hatte er keinen Strich mehr getan. Ja, er zweifelte überhaupt Adaran, daß er noch richtig schen konnte. Aus den nachfolgenden Männern stachen, keineswegs durch ihre Größe, zwei heraus, von völlig verschiedenem Aussehen. Fenyes war ein Karpathorusse, einer jener ukrainisch sprechenden Be- wohner der unter tschechoslowakischer Verwaltung gestandenen karpathischen Waldgebirge. Manche in versteckten Tälern wohnenden Juden Karpathoruß- lands waren naturnah, nicht nur dank ihrer Berufe als Hirten, Schmiede, Köhler, Bauern, sondern körperlich und in jeder Lebensregung. Sie glichen manchmal alten und am Boden krie- chenden Waldbäumen, zuweilen scheuem und behendem Wald- getier. Fenyes war ein kleiner, kräftiger Mann mit dem Gehaben und dem Körper eines jungen Wolfes. Seine kurzen und sehnigen Gliedmaßen verhießen große Ausdauer. Wie aus seinen Papieren hervorging, war er vor den einrückenden Ungarn geflohen, in die benachbarte Slowakei geraten und von den dortigen Behörden den Deutschen ausgeliefert worden. Von ganz anderer Beschaffenheit war Donner, ein ehemaliger Baumeister aus Linz. Er war nicht größer als Fenyes, aber von vollkommenem Gliederbau. Sein Gesicht war frauenhaft zart. Sein Mund, selbst wenn er schwieg, zuckte, von hundert Schmerzen und EFinfällen bewegt. Donner hatte an den blutigen Februarkämpfen des Jahres 1934 teilgenommen und die von ihm befehligte Arbeiterkolonne nach der allgemeinen Miederlage ungefährdet über die Alpen nach Ju- goslawien gebracht. Dort hatte er bald als Baumeister, bald als Maurer gearbeitet. Er hatte in Trau den von gotischen Löwen be- wachten tausendjährigen Dom stützen gebolfen, in Ragusa einige schadhafte Säulen im Hof des Franziskanerklosters ausgebessert 66 und in 8 Ketianpa die Hänè Wis sons triebsleite eine Selu Urst um und auft Abeiteri lieen nellger dinnen 8 lark gew den Aufi Netut an ter ihr Ge einander huiling blick der werkte„ tehrende dun erle leer h Handwerk in seinen aren, sorg- verschlagen einem Slir- inen Strich noch richtig durch ihre . Fenyes benden Be geslandenen npalboru- als Hirten, d in jeder 3oden krie haben und ehnigen n Pafieren eflohen, in a Rehörien ebemalier 8 aber won e i urt Schweren , ſahres 1 onne ni nach Jr E und in Split an der Freilegung neuausgegrabener Teile des Dio- kletianpalastes mitgearbeitet. In Zagreb war er den Deutschen in die Hände gefallen. Was sonst an Männern und Frauen in den Gesichtskreis des Be- triebsleiters trat, bot kaum Grund, den Kopf für länger als für eine Sekunde aufzuheben. Erst am Ende der Reihe standen zwei Mädchen von besonderem und auffallendem Aussehen. Sie waren zarter, als sonst junge Arbeiterinnen zu sein pflegten. Beide stammten aus Wien; sie hießen Martha und Gertrud. Obwohl sie einander erst im Sam- mellager kennen gelernt hatten, waren sie unzertrennliche Freun- dinnen geworden. Ihr Wunsch, beisammen zu bleiben, war so stark gewesen, daß er wirklich allen die Trennung herbeiführen- den Zufällen Trotz geboten hatte. Jetat standen sie vor Schillings Schreibtisch, Martha zuerst, hin- ter ihr Gertrud. Während ihre Papiere geprüft wurden, berührten einander ihre Hände. Schilling hob gleichgültig den Kopf, abgestumpft von dem An- blick der bisher betrachteten achtzehn Physiognomien. Er be- merkte weder die Schönheit von Gertruds Gesicht, noch das ver- zehrende Feuer in den Augen der anderen, das nicht einmal dann erlosch, als Martha den Blick vor ihrem neuen Herrn und Meister hastig niederschlug. 5. Nicht alle, die mit Jan gekommen waren, hatten Anteil an seinem und seiner Freunde Geheimnis gehabt. Nur wenige hatten von dem Vorhandensein der Flugzettel oder gar von deren Versteck gewußt. Aber abends war das Vorhandensein dieser Flugzettel kein Ge- heimnis mehr. Sie lagen auf der Kiste in Jans Zimmer. Es waren handflächengroßße Doppelblätter aus dũnnem und federleichtem Papier. Was für einen langen und abenteuerlichen Weg hatten doch diese Blätter zurückgelegi. Flugzeuge hatten sie abgeworfen. Angehörige geheimer Gesellschaften hatten sie unter Lebensgefahr geborgen und zur Verteilung gebracht. Einige Mitverschworene hatten sie in das Sammellager eingeschmuggelt. Finer von ihnen, der im Kleidermagazin beschäftigt war, hatte Sorge getragen, daß in den Sohlen gewisser an Spezialarbeiter zur Verteilung gelangender Schuhe Flugzettel verborgen waren. Man hatte diese Sohlen sorgfältig abgelöst. Plötzlich waren die Zettel frei gemacht. Sie lagen auf dem Deckel einer Holzkiste. Jede Einzelheit war von Bedeutung. Man bewunderte den wort- knappen, dreisprachigen Text und die durch dicke schwarze Striche gesonderten, haarscharfen und zierlichen Lettern. Jan und seine beiden Gefährten empfanden pei der Betrachtung der Flugblätter eine geheime Rührung. Sie glaubten sich von einer lange vermißten, heftig ersehnten Stimme angesprochen. Der sie ausgesandt hatte, war unsichtbar. Aber sie brachte seine Kraft und seinen Willen mit. Von draußen reichte eine unsichtbare Hand herein und berührte die Hände aller derer, die die Flug- blätter lasen. Keiner, der eine der drei Sprachen, in denen sie abgefaßt waren, verstand, konnte beim Lesen Furcht empfinden. Denn die Flug- blätter wirkten wie ein Licht in der Dunkelheit; wie ein kleines, sorgfältig abgeblendetes, heimliches Licht. Aber so klein es war, es durchdrang die Dunkelheit. So versteckt es war, es besiegte die Furcht. Jan las den Text zum dritten Male vor. Simon behauptete, daß Offenbarung von ihm ausging. Es war, als ob ein Gewitter anhob und unter Blitz und Donner einer aus den Wolken redete. „Ich hoffe“, sagte Jan,„sie werden es ähnlich hören. Sie werden erraten, wer zu ihnen spricht. Aber es kommt gar nicht auf die Gewalt der Stimme an. Zu meinen wenigen Erinnerungen aus der Bibel gehört die Geschichte, wie Gott sich dem Propheten offenbarte. Er war nicht im Sturmwind, nicht im Erd- beben, nicht im Feuer, sondern in der stillen und sanften Stimme eines Kindes. Warum sollte es nicht die Stimme eines Flugzettels sein?“ 68 Selbst Im das Flugl A sie: Uweikel.! müben. Empfing wungen Ohren ve Juden he der Stein auch erki Wahrheit aufgehör Juden öberlebie inmer k os Von In venig Atterte Nurde m wie ein ſahrkei Uuge L. iupräger niu gele ene hal ghen, v lulen i nung u un To Nie Ju oder nie den hit kiet m eine Ma 4 Mar ngehörige der im aß in den langender „uren die Holakiste. len wort- e Striche rachtung n einer n. Der sie ine Kraft Selbst Imre, der am wenigsten innere Religion besaß, berührte das Flugblatt mit andãchtigen Fingern. Als sie aber die Zettel verwahrlen, empfanden alle drei leise Zweifel. Es lag nicht an den Blättern. die erwartete Wirkung aus- zuüben. Sie hatten alles, was ihnen nötig war. Es lag an den Empfängern. Wer nicht lesen wollte, wie konnte er zum Lesen ge- zwungen werden! NMiemand konnte einen hören machen, der seine Ohren verschloß. Juden hatten allzu viele Botschaften empfangen, beginnend mit der steinernen vom Berge Sinai. Mochten sich diese Botschaften auch erfüllt haben, ja mochten sie als göttliche Botschaften ewige Wahrheit besitzen, was nützte den Juden diese Wahrheit, wenn sie aufgehört hatten, sie zu verstehen? Juden waren so alt geworden, daß sie auch ewige Wahrheiten überlebten. Was mit ihnen überlebte, war gegenüber allen, woher immer kommenden Botschaften Mißtrauen, Zweifel und grenzen- lose Vorsicht. In wenigen Tagen hatten die Flugzettel die Runde gemacht. Wer zitterte nicht, wenn er sie ansah oder berührte! Noch heftiger wurde man erschüttert, wenn man den Text las. Er war wirklich wie ein Ruf, der für alle gleich verheißend tönte. Aber seine Wahrheit konnte nicht für jeden die gleiche sein. Kluge Leute waren bemüht, ihren Freunden diesen Grundsatz ein- zuprägen: wenn man las, so mußte man richtig lesen. Eine unge- nau gelesene und nicht völlig erfaßte Botschaft war weniger als eine halbe Botschaft. Es war unwahrscheinlich, daß die Men- schen, von denen die Flugzettel ausgesendet worden waren, an die Juden in den Arbeitslagern gedacht hatten. Nein, diese Aufforde- rung zur Sabotage erging an andere, die nicht schon im voraus zum Tode verurteilt worden waren. Die Juden aber empfingen, ob es an sie direkt gerichtet war oder nicht, ein Lebenszeichen. Und sie hatten dieses Lebenszei- chen bitter nötig. Hielt man somit die Flugzettel in der Judenstadt auch nicht für eine Mahnung, etwas zu unternehmen, so petrachtete man sie doch als Manifestation von seiten jener Macht, von der Befreiung 69 kommen würde, wenn die Zeit für Befreiung reif war. Jeder Ruf war willkommen, auch wenn er nur das Nebengeräusch eines Rufs war, das kleinste Echo, der Widerhall eines Wider- halls. Jonas, der als einer der ersten Jans Geschenk empfangen hatte, brachte das Blatt unruhig in den Keller des Turms, wo er noch immer mit Wolf zusammenlebte. Wolf führte eine isolierte und stille Existenz, selten von Jonas ins Gespräch gezogen, noch seltener ein Gespräch beginnend. Dies- mal wurde er von Jonas gerufen. In seiner Gegenwart entfaltete der Judenrat den Zettel. Seine Hãnde zitterten. Lange hielt er das Blatt vor sich hin. Es lag flach und glänzend auf der grauen, einem Lehmklumpen glei- chenden Hand. Man konnte es für einen vorzeitlichen Zauber ansehen, die Niederschrift einer Geisterbeschwörung, einen Fe- tisch, der beschwichtigt und mit Opfer versöhnt werden wollte, um nicht gefährlich zu werden. Durch welche Opfer aber konnte dieser Fetisch versöhnt und be- schwichtigt werden? Gab es viele Opfer, die ihm wohlgefällig waren, oder nur einesd Auch Wolf wußte nichts zu sagen. Aber für ihn hatte der Zettel eine besondere Bedeutung. Wenn auch die Bewohner der Juden- stadt noch viel von ihm trennte, die Flugzettel waren die erste Ge- meinsamkeit. Zwar las jeder zwischen den Zeilen, was er am liebsten hörte. Aber es war Sache der Wahrheit, sich durchzu- setzen. Ihre Stimme mußte sich Gehör verschaffen. Sie mußte laut werden, über alle Nebengeräusche hinaus. Als Michael des Blattes ansichtig wurde, packte ihn Zorn, ver- mischt mit Befürchtungen. Wer war so gewissenlos, Juden in noch größere Gefahr zu bPringen, als täglich ohnedies um sie war. Un- ausgesprochener Groll gegen Jan überkam ihn. Wenn auch an seiner Aufrichtigkeit nicht gezweifelt werden konnte, so war sein Vorgehen doch zumindest unüberlegt. Fritz war der gleichen Meinung. Er war nicht einmal zum Lesen des Blattes zu bewegen. Wie geduldig war Papier! Und wie leicht 70 varen Wo len sollie Bruschwei halten, we drucktes I werden. T man bloß Feindes s ter vernic Frgyürd loigkeit igen. ichael u und betre whlagnah Unter de ich. In bedeutete Sie faltet whloß es lielte um ßefahr? Na se bei ih Remind Der Laul erneuerte der Lauh Die Meh eit der hichen ie mite belalten lu Uer au ar. Jeder geräusch sWider- en hatte, er noch on Jonas nd. Dies el. Seine Ps lag pen glei Tauber inen Fe- n„ollle, und be- er Tettel Juden- erste 6e- er am durchuu- * * 6 8 5 waren Worte gedruckt, die auf die Phantasie Leichtgläubiger wir- ken sollten! Bruschweiler hatte in seinem Beruf gelernt, nichts für wahr zu halten, was nicht bewiesen werden konnte. Hier lag ein Stück be- drucktes Papier vor. Von wem es herrührte, konnte nur vermutet werden. Daß es aus einem freundlichen Flugzeug kam, wußte man bloß vom Hörensagen. Es konnte ebensogut von seiten des Feindes stammen, um die Empfänger irrezuführen und sie leich- ter vernichten zu können. Es war gar nicht nötig, sich mit der Fragwürdigkeit seines Inhaltes und insbesondere mit der Sinn- losigkeit der in ihm ausgedrückten Aufforderung zu beschäf- tigen. Michael und Fritz beeinflußten Jonas so lange, bis er sich zögernd und betroffen von dem Blatt zu trennen entschloß. Michael be- schlagnahmte es. Und so geriet es in Ruths Bannkreis. Unter dem Vorwand, es verbrennen zu wollen, nahm sie es an sich. In Wirklichkeit dachte sie nicht daran, es zu vernichten. Es bedeutete für sie ein starkes und wunderbares Symbol. Sie faltete es zusammen, bis es die Größe einer Haselnuß hatte, schloß es in eine winzige Dose und trug diese au einer dũnnen Kette um den Hals. Gefahr? Wer suchte auf ihrer Brust nach verbotenen Schriften? War sie verdächtig, so war sie auch verloren, wenn man nichts bei ihr fand. Niemandem verriet sie, daß sie den Zettel auf dem Leibe trug. Der Zauber des Blattes hörte niemals auf, seine immer wieder erneuerte Kraft zu üben. Sooft Ruth ihn rief, entfaltete sich der Zauber. Die Mehrzahl beherzigte Michaels Warnung vor der Gefährlich- keit der Zettel, ohne ihren Glauben an die Wunderkraft zu unter- drücken, die ihnen anhaften sollte. So wußten sie nicht, was sie mit den Zetteln anfangen sollten. Sie wagten es weder, sie zu behalten, noch zu vernichten. Man erfand seltsame Methoden, sich der Zettel zu entledigen. Fin Alter aus dem Burgenland, der sein Leben damit zugebracht hatte, 71 Wein zu keltern und zu kosten, ging in den Hof seiner Hütte. Dort grub er mit Mühe ein Loch, wickelte das Blatt um einen Stein, versenkte diesen in der Höhlung und deckte die Höhlung feierlich zu, als hätte er den Leichnam eines kleinen Kindes be- graben. Andere versteckten die Papiere unter Dachziegeln, zwischen Bret- tern des Fußbodens, in den Kellern. Martha und Gertrud hatten kein Flugblatt empfangen. Aber sie hatten sich heimlich in den Besitz eines solchen gesetzt. Nach lan- ger Erwägung, wie es am besten zu verstecken wäre, hatten sie etwas getan, was jeden gläubigen Juden, falls er es entdeckte auf das tiefste verwunden mußte. Sie hatten eines jener Glasröhrchen ausgewählt, in denen Juden Stücke des Gesetzes, auf zusammen- gerollte Papierstreifen geschrieben, verwahrten. Sie hatten diesen gläsernen Behälter seines geheiligten Inhaltes beraubt und an Stelle der Gesetzesworte das zusammengefaltete Flugblatt gelegt. Dann hatten sie die Hülle aus Glas an ihren alten Platz getan, in Kopf- höhe, an der Innenseite des Türpfostens. Das gläserne Amulett beherrschte die Kammer. Kalt, mit dem matten Glanz, den es ausströmte und nüchtern, aber mit der Kraft der ihm als dem vermeintlichen Gotteswort beigemessenen Weihe, gebot der gläserne Behälter Anbetung. Er befahl den Frommen, ihn dadurch zu ehren, daß sie ihre Lippen mit ihm in Verbindung brachten. Gehorsam leisteten sie dem Befehl Folge, drückten Zeige- und Mittelfinger an das Glas und brachten die Finger, auf denen noch die geglaubte Ausstrahlung des Gesetzes ruhte, mit den Lippen in Verbindung. Das Röhrchen aber hing starr und schimmernd an der Wand, nie- mals verratend, daß es seine Anbeter betrogen und veranlaßt hatte, nicht dem Gesetz, sondern dem Aufruhr zu huldigen. So erfüllte keines der Blätter in der Judenstadt jenen Zweck, den Verfasser und Verbreiter ihm zugedacht hatten. Zwar steckte eine großße Gewalt in ihnen. Aber diese Gewalt ver- mochte nur zu wirken, wenn sie sich mit anderen Gewalten verband. Der doppelte Wall, der die Judenstadt umgab,— schärfste Be- 72 vachung andere Dennoch summ u Claube a Sie beein leicht, dz einen He wachung von außen und grenzenloses Mißtrauen von innen— hielt andere Gewalten fern. m einen Höhlung Dennoch blieben die Flugblätter nicht ohne Wirkung. Sie waren Uindes be. 3 stumm und allgegenwärtig wie der unsichtbare Gott. Wie der Glaube an ihn wirkten sie in die Ferne. en Bret. Sie beeinflußten alle, die beeinflußbar waren. Sie machten viel- leicht, daß man leichter einschlief, tiefer Atem schöpfte und 3 einen Herzschlag lang echte Hoffnung empfand. Pindung ige und n noch In ganze line unh des n hnden und dure eder, de ghrocker eine Anl elbrer Uuch d Vom de ier Dis Mdenar reisim ionmi Lbeilg Wüln ion Zie lentr 5 S FUNFTES KAPITETL⸗ Im ganzen Reich war die totale Mobilisierung angeordnet worden. Eine unheimliche Stimme hieß die Gesamtheit Atem holen und alles an Energien hergeben, was in den Körpern und Seelen vor- handen war. Ihr Befehl gellte durch alle Provinzen des Reiches und durch die unterworfenen und besetzten Gebiete. Jeder, der von dem Befehl ergriffen wurde, beschleunigte er- schrocken sein Tagewerk. Er arbeitete rascher und länger. Aber seine Arbeit war nicht immer vollkommen. Das Dröhnen des Be- fehls zerstörte seine Sicherheit. Auch das Generalgouvernement wurde von dem Befehl erfaßt. Vom Departement für das Arbeitswesen in Krakau erging an alle vier Distrikte die Weisung, neben den sonstigen Leistungen die Judenarbeit nicht zu vergessen. Die Distrikte schärften es den Kreisämtern ein. Die Kreisämter sandten ihre Befehle an die Kommiesare für die Judenwohnbezirke, Ghetti und geschlossene Arbeitslager. Schilling las langsam und nicht ohne Erbitterung seine Instruk- tion. Sie war ausführlich und präzise wie alle Instruktionen des Zentralarbeitsamtes in Krakau. Sie enthielt bestimmte Aufträge und Weisungen. Las man sie, so hörte man das Gellen des Befehls. Sein Mißton durchdrang alle Wände und Mauern des Schlosses zu L. und machte sie dröhnen, schwingen und erbeben. Schilling sollte aus seiner Belegschaft das Doppelte an Leistung herausholen. Welches Mittel er anwendete, stand bei ihm. Es 7⁵ mußte durchaus nicht Gewalt sein, wenn Gewalt auch erwünscht war. Die Machtvollkommenheit des Betriebsleiters wurde erwei- tert. Er bedurfte bei seinen Maßnahmen nicht mehr der Zu- stimmung des Judenkommissars. Er durfte tun und verfügen, was ihm geeignet erschien. Nur eines zählte: die von ihm erzielte Lei- stung. Und es war deutlich gemacht, daß das Doppelle wirklich das Doppelte war. Schilling schüttelte den Kopf. In seiner Garage zu Marktredwitz hatten die Arbeiter immer nur einen Teil ihrer Arbeitskraft ver- kauft, aber weit weniger als das Verkaufte geliefert. Den Rest waren sie schuldig geblieben. Falls man die Macht eines Betriebs- leiters zu L. besaßß, war es nicht schwer, sie zu größerer Leistung zu zwingen. Die Juden hingegen hatten gegeben, was sie besessen hatten. Dieses durchaus nicht vollwertige Menschenmaterial hatte geleistet, was Drohung und Gewalt ihm abzupressen vermocht hatte. Die Peitsche war gewiß ein taugliches Anfeuerungsmittel. Aber sie war un- geeignet, das Letzte herauszuholen. Der Betriebsleiter blieb zwei volle Tage untätig. Die Atmosphäre des Schreckens begann seine eigenen Lungen zu durchdringen. Er der bisher tief und traumlos geschlafen hatte, wachte nachts plõtz- lich auf. Mutete man ihm zu, Züchtigungen zu vollziehen? Man hatte ihn als Betriebsleiter und nicht als Büttel angestellt. Aber er wußte auch, was ein Dienstbefehl des Generalgouvernements zu bedeuten hatte. Nach langem Nachdenken beschloß er, die Wahl der anzuwen- denden Methode von dem Ausgang einer Reihe Experimente ab- hängig zu machen. Er war der Meinung, daß es unmöglich war, die Produktion durch Schrecken oder Strafe beträchtlich zu steigern. Aber neben den bisher geübten und vielfach abgebrauchten Mit- teln gab es einen bisher nahezu unbekannten Kunstgriff. Sein Name war ebenso selten wie seine Anwendung. Er hieß mit zwei Worten: Gute Behandlung. Schmeckten diese beiden Worte ver- dächtig genug, so hatten die beiden Silben Güte einen noch weit unangenehmeren Beigeschmack. Schilling haßte sie in dem Augen- blick, in dem er sie ausgesprochen hatte. Er fürchtete aber im 76 üllen, ja nicht wer lmmerhin in dem v Gewalt. Abeilers u verset⸗ mutete, c der bloße Schiling Am näch gritt. linschüc len gute beit, nicl böhmich Wiener Sohilin inervar igt, al olin ichthar Neh ei rungser Dustie noch ni hgeit Neißte Kälte: tichten. Jach b Wndete let in füner Schilln tinen h rwünscht stillen, ja er war dessen nahezu gewiß, daß er dieses Kunstgriffs de ervei- 6 nicht werde entraten können. der Au Immerhin: es durfte kein innerliches Mißverständnis geben. Güte igen. ws in dem von Schilling gewählten Sinn war bloß ein Surrogat für ielle Lei- Gewalt. Warum sollte man, wenn Gewalt versagte, nicht die virklich Arbeiterschaft an Güte glauben machen? Glaube vermochte Berge zu versetzen. Er würde gewiß nicht versagen, wenn man ihm zu- mutete, die Arbeitsergebnisse der Juden zu steigern. Daß selbst der bloße Glaube an Güte Gefahren enthielt, darüber war sich 3 Schilling nicht im Zweifel. Am nächsten Tag nahm Schilling das erste seiner Experimente in Angriff. Er wollte die Grenzen der Wirkung von Drohung und n. Dieses Einschüchterung an zwei geeigneten Objekten feststellen. Es mußs- 2 ten gute Durchschnittskräfte sein, von mittlerer Körperbeschaffen- e Peitsche heit, nicht zu stumpf, nicht zu erregbar. Seine Wahl fiel auf den bõhmischen Gutspächter Jakob und auf Kamilla, eine Frau aus Wiener Neustadt. nosphůre Schilling erschien, vom Rottenführer der Lagerwache begleitet, gen. Tr, unerwartet hinter Jakobs Arbeitsplatz. Jakob war damit beschäf- plõh⸗ tigt, alte, abgefahrene Wagen in ihre Bestandteile zu zerlegen. Nan Schilling stand in seinem Rücken. Seine Blicke hafteten für alle er sichtbar an der Stoppuhr. Nach einigen Minuten glaubte Schilling seinen ersten Einschüchte- war UM- nements rungsversuch anstellen zu sollen. men-„Du stiehlst“, sagte er mit einer Stimme, wie sie aus seinem Munde 8 zb- noch niemand gehört hatte. Sie war von schroffer Erbarmungs- n losigkeit.„Du stiehlst uns Zeit. Du bist absichtlich zu langsam. b m Weißt du, welche Strafe auf Diebstahl steht?“ Und mit trockener * Kslle:„Du wirst jetat die gleiche Arbeit in der halben Zeit ver- richten.“ gein Jakob blickte blöde um sich. Das Auftreten des Werkleiters ver- 5„7 kündete Furchtbares. Schweiß peinigte ihn. Der Schreck durch- — lief ihn wie feurige Wellen. Zu Seiner Rechten stand der Rolten- „it 13 führer. Seine Ilaltung war die Haltung eines Henkers. Schilling hatte wieder seine Stoppuhr geꝛogen- Er versetzte Jakob .. einen heftigen Stoß. Jakob taumelte. Er keuchte vor Anstrengung ber 77 und Furcht. Offenbar wollte man ihm ans Leben. Jakob hing am Leben. Und wenn er es mit der letzten Kraftanstrengung erkaufen konnte, so wollte er auch diesen letzten Aufwand an Kraft nicht scheuen. Man hörte, wie Jakob nach Luft rang. Seine Muskeln krachten. Er handhabte Schraubenzieher und Säge. Fünf Minuten verran- nen. Die Sekunden tropften mit ungeheuerer Langsamkeit. Je hastiger Jakob zu arbeiten versuchte, desto deutlicher merkte er die Tücke des Objekts. Seine Finger vergriffen sich. Seine Augen verloren das Maß. Seine Erfahrung ließ ihn im Stich. Seine Feile glitt ab, seine Zange fand keinen Halt, seine Säge schnitt nirgend- wo ein. „Du hast deine Zeit nicht einmal um zehn Prozent verbessert“, sagte Schilling, und seine Stimme klang wieder unbegreiflich grausam.„Ich mache noch einen Versuch. Versagst du, dann hast du hier nichts mehr zu suchen.“ Jakob holte tief Atem. Unter heftigem Herzklopfen begann er neuerdings seine Arbeit. Mit jedem Handgriff verloren seine Hände ein Stück der alten Sicherheit. Die alltäglichsten Griffe und Bewegungen versagten. Wiederholt entfiel Jakob sein Werk- zeug. Seine Knie zitterten. Seine Lungen faßten keine Luft. Die Finger gehorchten nicht mehr. Die Augen hatten das Sehen ver- lernt. „Weniger als zu Anfang!“ sagte Schilling. Seine Stimme klang endgültig, wie ein Todesurteil. Jakob wußte nicht mehr, was er tat. Er hatte jede Herrschaft über seinen Körper verloren. Der Schraubenzieher bohrte sich in sein eigenes Fleisch. Die Zange faßte und zerfleischte den eigenen Finger. Er schwang den IHHammer. Plötzlich brüllte er auf. Jakob hatte seinen eigenen Hlandrücken getroffen. Der große und kräf- tige Mann fiel in Ohnmacht. Der Versuch mit Kamilla fiel weniger ungünstig aus. Aber auch er befriedigte nicht. Kamilla war eine Frau mit geschmeidigen Armen, einem männ- lichen und rohgeformten Gesicht und großen, rasch auffassenden Augen. Sie hantierte in der Lackieranstalt mit der durch Preßluft 78 betrieben riemliche Nach den geine Un himpfu Man ha handelt. dient.“ Und vih Schüling Velter an „Rascher Kamilla seifte regung, beherrsel Nähe Sc um sie i Schilli ling Suler Dis st lwen!“ umpf ude ien. linter War es milla hach hr d hing am erkaufen krachten. en verran- mkeit. Je merkte er erbesert“ dann hast begann er en seine a 6rite in Weri- luft Die een er betriebenen Spritzpistole und hatte es in dieser Arbeit zu einer ziemlichen Fertigkeit gebracht. Nach den ersten drei Minuten äußerte Schilling in harten Worten Seine Unzufriedenheit. Er überschüttete Kamilla mit rohen Be- schimpfungen. „Man hat dich“, sagte er Schneidend,„viel zu rücksichtsvoll be- handelt. Jetzt weiß ich, welche Behandlung deinesgleichen ver- dient.“ Und während Kamilla sich zwang, nichts zu hören, damit sie von Schillings Stimme nicht behindert würde, tönte diese Stimme weiter an ihr Ohr. „Rascherl“ befahl Schilling.„Willst du nicht länger leben?“ Kamilla nahm sich zusammen. Ihr Haar hing ihr wirr ins Gesicht. Sie streifte es mit verzweifelter Gebärde zurück. Trotz ihrer Er- regung, die an Todesangst grenzte, verlor sie nicht ihre Selbst- beherrschung. Sie arbeitete unter Anspannung aller Kräfte. Die Nähe Schillings beeinflußte sie. Aber ihre Ubung war zu groß, um sie im Stich zu lassen. Schilling näberte sich ihr und legte ihr schwer seine Faust auf die Schulter. „Das ist nichts! Treibst du es so weiter, muß ich dich ent- lassen1“ Kamilla hörte die Stimme mit pebenden Lippen. Das Blut schlug dumpf gegen ihre Adern. In allen ihren Gliedern trommelte der Puls. Das Werkzeug vibrierte in ihren Händen. Die Finger brann- ten. Hinter ihr— Kamilla merkte es deutlich— tickte die Stoppuhr. War es die letzte Minute, die sie leben durfted Kamilla hatte noch Menschen, an denen sie bing. Ihr Gatte war nach England gelangt und lebte dort wahrscheinlich in Frieden und ungequält. Die einzige Tochter hatte den abenteuerlichen Weg nach Palästina zurückgelegt. Dort arbeitete sie auf einer Farm und liehte das Land. Kamilla hatte sich vorgenommen, beide wiederzusehen, ehe sie starb. Aber dieser Mensch schien sie daran hindern zu wollen. Warum jagte er sie, statt ihr Zeit zu lassenl Warum warf er ihr die Angst wie Fesseln über Arme und Beinel Warum setzte er ihrem Ar- — 79 beitswillen Widerstände entgegen, statt ihr bei Entfaltung ihrer Kräfte behilflich zu sein! Jetzt gelang es Kamilla, sich von allen Hindernissen frei zu machen. Sie arbeitete, wie sie noch niemals gearbeitet hatte. Schillings Stoppuhr schwebte lautlos über ihr. Man hörte nichts als das Werkzeug, ihr keuchendes Atmen und die unheimlich tickende Stoppuhr. Auf einmal erlosch das tickende Geräusch. Schilling schien zu schweigen und zu rechnen. Er verließ seinen Platz, trat ein Stück zurück, ging aber nicht fort, sondern rechnete noch immer. „Zweiundzwanzig Prozent“, sagte plötzlich seine ruhige und lei- denschaftslose Stimme. 2. Lange suchte Schilling nach dem geeigneten Objekt für den zwei- ten Teil des Experiments. Schließlich wählte er Jan aus, der, obgleich erst kurze Zeit in der Werkstatt beschäftigt, schon zu den besten Arbeitern gehörte. Jan, mit Montage beschäftigt, merkte Schillings Anwesenheit in seinem Rücken. Lange verhielt sich der Betriebsleiter völlig un- beweglich. Dann kam er nach vorn und stellte sich vor Jan auf. „Ich werde dich etwas fragen“, sagte er mit sachlich gedämpfter Stimme.„Antworte ohne Umschweife!“ Jan neigte mit Verwunderung den Kopf. Er fuhr fort, seine Arbeit zu tun, mit angestrengter Aufmerksamkeit. Schon im Schulungs- lager hatte er gelernt, sein Werk in rhythmisch gleichförmigen Takten zu verrichten. Auch jetzt hielt er sein Anfangstempo ein. „Bist du dankbar“, fragte Schilling,„daß man dir Gelegenheit zu anständiger Arbeit gibt?“ Jan riß die Augen auf. Niemals hatte Schilling eine derartige Frage gestellt. Was konnte man anderes antworten als:„Ja“. Schillings Pupillen waren voll auf Jan gerichtet.„Du hast sicher Lust, deine Dankharkeit zu beweisen.“ Jan blickte verblüfft. Aber Schilling ließ ihm nicht lange Zeit, nachzudenken. 80 Kaunst d Jan hob de ehlo“ sag Fang an! Sümme fo bisher Cib u Befeh Warum er mich zu er mich nicht er redet m heint ein Probt er m Die Erken nit gůthel Besürzuns Uber kurze enfalten Beger“ Unterton seung.“ n fühl Keigerte d enmu irme. Ninm beinhe euiger e at. in besch wlle e weiter e li ubeit nein⸗ Ka ln e inte U Krönen 6 Rolt len zwei- n zu den 1 „Kannst du“, fragte er,„deine Arbeitszeit besser ausnützen?“ Jan bob den Kopf. Er sah den Betriebsleiter an.„Ist das ein Be- fehl?“ sagte er kurz. „Fang an!“ fuhr Schilling mit unveränderter und unpersõnlicher Stimme fort.„Ich erwarte, daß du doppelt so rasch arbeitest wie bisher. Gib alles, was du hergeben kannst.“ „Zu Befehl.“ Jan schöpfte tief Atem. Warum, erwog er, während er weiter arbeitete, versucht er nicht, mich zu erschrecken wie Jakob und Kamilla? Warum herrscht er mich nicht an? Warum schüchtert er mich nicht ein? Sonderbar: er redet mir zu. Diese Art der Verständigung mit einem Juden scheint eine neue Methode zu sein. Schilling versucht sie an mir. Probt er mich wirklich ausꝰ Die Erkenntnis, daß Schilling nicht mehr mit Drohungen. sondern mit gütlichem Zureden operierte, bewirkte, daß Jan in freudiger Bestürzung ein paar Sekunden lang mit seiner Arbeit aussetzte. Aber kurze Zeit darauf vermochte er wieder seine Muskeln frei zu entfalten. Der Rhythmus seiner Bewegungen beschleunigte sich. „Besser“, Stellte Schilling fest. Wieder wurde ein menschlicher Unterton in seiner Stimme deutlich.„Aber noch lange nicht gut genug.“ Jan fühlte sich fähig, noch rascher zu arbeiten. Gute Behandlung steigerte die Hoffnung, Hoffnung verdoppelte die Energie Neuer Lebensmut prannte in Jan und gab ihm eine milde, flutende Wärme. „Nimm dich zusammen!“ sagte Schilling. Seine Stimme klang beinahe wie die eines Freundes. Es war kein Befehl, noch viel weniger eine Drohung. Es war ein ehrlicher und wohlgemeinter Rat. Jan beschloß, diesen Rat zu befolgen. An seinem guten Willen sollte es nicht fehlen. Er arbeitete unter Anspannung aller Kräfte weiter. Hoffnung steigerte unablässig seine Kräfte. Ich arbeite nicht allein für mich! dachte Jan. Ich arbeite für alle meine Kameraden. Ich arbeite für die ganze Belegschaft. Jan hatte ein jähes Glücksgefühl. Er empfand eine lange nicht ge- kannte Uberlegenheit. Von außen her schien ihm Energie zuzu- strömen. Seine Spannkraft reichte pis zu einem Punkt. der bisher 6 Revolte 81 . 3 unerreichbar gewesen war. Plötzlich besaß er größere Ausdauer. Unter anderen Umständen wäre er müde gewesen. Jetzt aber arbeitete er lachend und ohne Kräfteverlust weiter. Ob Schilling wußte, was er da angefangen hatte! Er hatte Hoff- nungen ermutigt und Todgeweihte ermuntert. Jan wußte, daß er gut gearbeitet hatte. Jede Bewegung erfolgte rasch und geschult. Alles dies war ein Werk der Hoffnung. Schilling t Jans veränderte Haltung. Wiederholt konsultierte er seine Stoppuhr. Er machte sich Notizen. Seine Erwartungen waren gerechtfertigt. 3. Es bedurfte keiner weiteren Versuche mehr, um Schilling zu be- weisen, daß er richtig vermutet hatte. Gute Behandlung war un- gleich produktiver als Gewalt. Furcht stand gegen Hoffnung als aufbauende Kraft weit zurück. Und wie leicht war Hoffnung in den Juden erregt! Der kleinste Anlaß genügte. Juden waren zufrieden, wenn man ihnen statt Tatsachen Symbole gab. Schilling beschenkte sie mit Symbolen. Der Appell wurde um Minuten verkürzt, die Pause um den glei- chen Zeitraum verlängert. Lohn und Verpflegung blieben unver- ändert. Aber S Stimme hatte sich gesänftigt. Das Arbeitsquantum war beträchtlich gestiegen. Doch Schilling hatte ein freundliches Wort gesagt. Diese Kußerung wurde vom Gerücht entstellt und erhielt im Laufe der Tage ungewöhnliche Bedeutung. In Wirklichkeit hatte Schilling bloß seiner Hoffnung Avsdruck gegeben, niemanden unnötig von seinem Arbeitsplat? entfernen zu müssen. Hier zeigte sich die schöpferische Kraft des Glaubens. Weil Schil- ling ein Wort gesprochen hatte, das mit menschlichem Gehalt beseelt war, hörte man aus allen folgenden Kußerungen des Be- triebsleiters Menschlichkeit heraus. Auch Schillings Blick hatte sich den neuen Verhältnissen angepaßt. Er war, ohne weicher zu sein, weniger verletzend. Der früher in ihm enthalten gewesene, Vernichtung ankündigende Zug war unter- 82 drickt. Er er durchhe Aher selbst , a h immer neu tnt. Dis wermutet w Obvohl s ert hatt vichen den nehr vor uerhalbe ich von ihr ſen auch Horden wal iußeren Dr ie wen n glück 3er gevorde enanden h Kht den en gekom etel wie gen un d gu Suu 10 V u Khauer zu iges aukn vie on eriz h m veg ſ 6* usdauer. eht aber erfolgte 19 w 2 * £ 6* drückt. Er war keineswegs gütiger geworden, nur leerer. An Stelle der durchhohrenden Verachtung war Gleichgültigkeit getreten. Aber selbst diese bescheidene Knderung zog Folgen nach sich. Es war, als hätte man aus einer Wunde, die durch Fremdkörper immer neue Reizungen empfangen hatte, diese Fremdkörper ent- fernt. Die Wundränder schlossen sich. Das Fieber ließ nach. Un- vermutet war Normaltemperatur zurückgekehrt. Obwohl sich die Gesichter der Arbeiterschaft nicht wesentlich ver- ändert hatten, so war doch ihr Schauen anders geworden. Sie wichen den Dingen nicht mehr aus. Sie fürchteten sich nicht mehr vor dem Anblick des Natürlichen. Sie hatten aufgehört, außerhalb des Geschehens zu stehen, selber vor ihm fliehend und sich von ihm ausschlieſßßend. Sie fühlten sich wieder zur Natur ge- hörig und betrugen sich wie andere vernunftbegabte Geschöpfe. Wenn auch von ihrer pisherigen Last nicht mehr weggenommen worden war als ein Staubkorn wog, so hörten sie doch auf, den äußeren Druck von innen heraus zu verschärfen. Sie waren nicht mehr ihr eigener Feind. Sie begannen wieder, an einen glücklichen Ausgang zu glauben. Daß der Feind nachgiebi- ger geworden war, mußte eine verborgene Bedeutung haben. Wel- chen anderen Schluß konnte man aus seinem Verhalten zichen, als daß es schlimm um seine Sache stand! Selbst den Jüngsten schienen die mitgebrachten Vorsätze abhan- den gekommen zu sein. Nur selten dachten sie noch an die Flug- zettel wie an sonstige Methoden der Verbindung mit der unruhi- gen und gärenden Außenwelt. Was nützten alle die revolutionären Gelöbnisse und tõdlichen Finfälle! Was nützte die höchste Ent- schlossenheit und der unbedingte Wille zur Selbstaufopferung! Vielleicht mußte man nicht handeln, vielleicht genügte es, Zu— schauer zu sein. Vielleicht mußte man nicht sterben, um eines Tages aufzuerstehen. Und sie träumten nicht so sehr von Aufruhr vie von glücklicher Vergangenheit und freundlicher Zukunft. Frauen waren mißtrauischer als Männer. Gerade die jüngeren unter ihnen, wie Ruth, überboten die älteren an Unglauben. Und doch ertappten sie sich zuweilen selber dabei, wie sie auf dem Heimweg stehenblieben und blühende Bäume betrachteten. 83 Die Sonne vergoldete sogar zerrissene Dächer. Das vor Bau- trümmern wild wachsende Gebüsch hatte sich unvermutet in Lau- pen verwandelt und deckte den Verfall mit lebhaften Farben zu. Die Nächte waren taghell. Man sah eine neue, zarte, silberne Welt, in der selbst Ruinen wie Kostbarkeiten glänzten. Die im Freien arbeiteten, hatten eine Anzahl guter Tage. Ohne daß die Arbeitsvorschrift für Straßen- und Waldarbeiter erleich- tert worden war, reichte die allgemeine Sümmung hin, auch ihr Leben erträglicher zu machen. Das Klima schien sich verändert zu haben. Des Morgens wehte ein milderer Wind, die Sonne brannte am Mittag nicht so scharf. Die Bäume hatten weniger harte und widerspenstige Stämme. Oder hatten Fritzens Hände sich verändert? Sollte ihm, dem Fünfundvierzigjährigen, neue Kraft zugewachsen sein? Waren die Kxte schärfer und die Sägen aus besserem Material? Man merkte, daß es Frühling war. Die Sonnenstrahlen fielen schräg durch die Bäume. Man betrachtete die Bäume nicht wie Arbeitsmaterial, sondern wie Erscheinungen eines längst vergange- nen Lebens, in dem sie Schmuck darstellten, sonntägliche Umrah- mung und Erfrischung. Man riß einen Streifen Moos von der Rinde oder legte den Finger an das quellende, geheimnisvoll pul- sierende Harz. Pva stammte aus Bratislava, der bunten und vielsprachigen Haupt- stadt der Slowakei. Mit achtzehn Jahren war sie einem Arbeits- lager zugeteilt, mit neunzehn Arbeiterin der Reparaturwerkstalt in R. geworden. Ihr Gesicht und ihre Haltung erinnerten in ihrer leuchtenden Männlichkeit an einen Cherub. Als Raymund sie erblickte, wurde er wieder von dem unwider- stchlichen Verlangen, zu zeichnen, ergriffen. Evas Schlafstelle war luftig, hell, von Stürmen umbraust, von Regengüssen benetzt, aber voll reichlicher und strahlender Abendsonne. gründlich studiert hatte, zeichnete er sie als Erzengel. Sie stand auf geschienten Beinen. Ihre beiden nack- ten Arme schwangen ein Schwert. Die Brust war von einem Pan- zer bedeckt, von dem Glanz ausging. Nachdem Raymund Eva Als der Maler auf sie zutrat und ihr sein Werk vor Augen hielt, „ 84 var Hya: Befremder Weiblichke hlieb, entk fallen. Rymund götuen war väre denn erwarteten gerte hiere ſes des 4 Mr, wurd loigieit ligeninn. h hlöt Un bran viung b ſedem 2 ich zu e lgem wu Ugendein er als§e ubeitunt lgem ge 6 Währen 4 bis umn] ierden 3 ub die h en m lmun in Ue isher ha bene vor Bau- tel in Lau- Farben zu. e, silberne lage. Ohne ler erleich n. zuch ihr vehle ein 6 Befremden darüber, daß das Männliche in ihr den Maler an ihre Weiblichkeit hatte vergessen machen. Und als Raymund kühl blieb, entfaltete sie alle Künste der Verführung, fallen. Raymund lächelte. Das Spiel des Mädchens gefiel ihm. Sein Er- götzen war um so ungetrübter, als er nichts für Eva empfand, es wäre denn das Vergnügen des Malers an einem seltenen und un- erwarteten Modell. Er übertrieb seine Zurückhaltung und stei- gerte hierdurch Evas Begehren. um ihm zu ge- Was des Anfangs kaum mehr als instinktive Koketterie gewesen war, wurde unbezähmbares Verlangen. Die scheinbare Aussichts- losigkeit von Evas Bestreben steigerte immer aufs neue ihren Eigensinn. Vergebens tat Raymund, was in seinen Kräften stand, Evas plötzliche Zuneigung abzukühlen. Eva brannte in Kürze lichterloh. Ungeachtet fortgesetzter Ab- weisung bedrängte sie ihn weiter. Zuletzt erloschen sogar die jedem Zwangsarbeiter innewohnenden Hemmungen. Eva zwang sich, zu vergessen, was alle jungen Mädchen in den Zwangsarbeits- lagern wußten: daß Liehe ganz nahe dem Tode wohnte, näher als irgendein anderes Gefühl. Denn Empfängnis war nicht viel weni- ger als Selbstmord, weil schwangere Frauen als lästige Esser und arbeitsunfähige Drohnen angesehen und nicht in den Arbeits- lagern geduldet wurden. Während alle anderen jungen Mädchen wußten, daß Liebe nicht bis zum körperlichen Besitz gehen durfte, und daher ihren Be⸗ gierden strenge Grenzen setzten, schaltete Eva jeden Widerstand aus. Sie hatte sich in den Gedanken verrannt, von dem Maler be- sessen zu werden. Deshalb rückte sie ihm so heftig zu Leibe, daß Raymund eines Tages schwach wurde, der Versuchung erlag und das Mädchen verführte. Bisher hatte er an dem ganzen Abenteuer keinen Anteil gehabt. Beinahe mit Gewalt in Evas Wohnung gezogen, widerstrebte er nicht länger. Auf die Rolle des spröden Angebeteten verzichtend, entdeckte er, daß er Eva die ganze Zeit begehrt hatte und bloß dem Gesetz des Lagers getreu gewesen war. Aber Raymunds Verwandlung in einen demütigen und glũhenden 85 war Eva zuerst begeistert. Im nächsten Augenblick fühlte sie Liebhaber stillte mit einem Mal Evas heftige Lust. In einer kur- zen und einzigen Liebesnacht verbrauchte sich ihre ganze an- gesammelte Begierde. So geschah, wessen sich in der Judenstadt sonst Männer und Frauen aus unbezwinglicher Angst enthielten. Es war der aller- schlimmste Exzeß des Leichtsinns. Als Raymund in später Nacht Eva verließ, war er erschrocken, heschämt und seltsam ernüchtert. Sein Gewissen entschuldigte ihn. Aber sein Bewußtsein von Ehre klagte ihn an. Er haßte Eva, weil sie ihn überrumpelt hatte. Sie aber schlief schon den selbstvergessenen Schlat der Jugend. Noch am nächsten Morgen war keine Besinnung in ihr. Sie fühlte sich frei und leicht. 3. Die gesamte Judenschaft kannte Jan. Seitdem mit seiner Hilfe Schilling den Weg des guten Willens gegangen war, hatte Jan jeden Angehörigen der Belegschaft zum Freund. Alle waren ihm aus ganzem Herzen dankbar, daß sie Atem schöpfen und eine Art Sicherheit empfinden durften. Jan trachtete, die gute Stimmung auszunützen, um die Ghetto- bewohner einander näher zu bringen. Von Vorurteilen Glãubiger wie Ungläubiger frei, war er mit den Frommen fromm und mit den Weltlichen weltlich. Er enttäuschte diejenigen nicht, die ihr Heil in radikalen Lösungen suchten. Aber als Vorstufe zu jeder Lösung betrachtete er die Beseitigung aller Gegensätze. Gemein- schaft war der einzige Schutz, den man besaß. m dieser Gemeinschaft willen ging Jan oft in fremde Wohnun- gen. Man konnte ihn abends mit den Bewohnern sitzen und sein mitgebrachtes Mahl verzehren sehen. An einem nebelverhangenen Abend lauerte er, mit Simon und Imre, Wolf auf, um seiner Habhaft zu werden. Auch er sollte zur Gemeinschaft gehören. Sie verfehlten ihn nicht. Und während die drei auf dem Wege von der Werkstatt in die Judenstadt Wolf in die Mitte nahmen, entdeckten sie, daß es nicht leicht sei, ein Gespräch mit ihm zu beginnen. 86 Aber Jar „Du hatt gewesen bens in greife n die Sen Wolfs A Für dich dummte Beschnei rend.„ ubringe Wolf M und bef Ahuftli NDu irrs du glaul sen. We kger m Unterri viten, anderen hlagen volf e lugen Mar. ht Shatt, lhndeln in gucl te er deg A vohn erugen und n. Noch änner und der aller- rschrocken, uldigte ihn. e Pya, weil er Jugend. Sie fühlie hatte Jn varen ihm ad eine Art je Gbetlo Clbiger und mit chu die ihr . 6emeu „Wohnul and sein on nl lle ur „ihren 1 Wol 6130* ein el, ell * Aber Jan ging tapfer auf sein Ziel los. „Du hattest einmal mit Luria Streit. Es muß vor unserer Ankunft gewesen sein. Ihr seid, wie man erzählte, über Probleme des Glau- bens in Uneinigkeit geraten.“ Jan packte Wolfs Arm.„Ich be- greife nicht, daß Leute, auf die Gaskammern warten, sich über die Sendung des Judentums Gedanken machen. Jan rüttelte Wolfs Arm.„Ich bilde mir ein, daß Luria der Schuldtragende ist. Für dich wie für mich sind Gaskammern das Nächstliegende. Ver- dammte gehören zusammen, gleichviel ob ihre Väter für ihre Beschneidung sorgten oder nicht.“ Jans Stimme wurde beschwö- rend.„Erlaube mir daher, dich mit der Belegschaft zusammen- zubringen. Gehörst du nicht zu ihr?“ Wolf machte sich sanft los. Er nahm Jans Hand, hielt sie eine Weile zwischen seinen trockenen und lauwarmen Handflächen und befreite sich dann von ihr mit einer ruhigen und freund- schaftlichen Gebärde. „Du irrst“, sagte er mit einer strengen Art von Heiterkeit,„wenn du glaubst, mich zur jüdischen Gemeinschaft überreden zu müs- sen. Wenn ich es nicht schon vorher war, so machte das Sammel- lager mich zum hundertprozentigen Juden. Ich brauche keinen Unterricht im geschriebenen und ungeschriebenen Gesetz, um zu wissen, daß es bloß eine Wahrheit gibt, die an Wichtigkeit alle anderen Lehren übertrifft: nicht zu dulden, sondern zurückzu- schlagen.“ Wolf verlangsamte seinen Gang. Er blickte Jan gelassen in die Augen. Und doch war sein Blick durchdringend, unbeirrbar und klar. Auf diese Wahrheit bin ich eingeschworen. Die einzige Gemein- schaft, die ich anzunehmen bereit bin, ist eine Gemeinschaft des IIandelns. Seid ihr und die anderen entschlossen, etwas zu tun?“ Jan suchte unruhig nach Worten. Er fand keine. Von Anbeginn hatte er auf Wolfs Seite gestanden. Aber er begriff auch, was diese Atempause für die Judenstadt pedeutete. Wer konnte ihren Bewohnern verübeln, wenn sie die Atempause genossen, ihr Joch ertrugen, ohne sich dagegen aufzubäumen, warteten⸗ schwiegen und an das Leben glaubten! „Noch nicht“, sagte Jan.„Es ist noch zu früh. Glaubst du nicht, - daß jede Unternehmung vorbereitet werden muß? Glaubst du nicht, daß alles seine Zeit hat?“ Wolf lächelte unerschüttert.„Dann ist es noch zu früh, mich mit der Belegschaft zusammenzubringen.“ Er wandte sich zum Gehen. „Wenn du und die anderen die Zeit für gekommen erachten, wer- den wir uns ohne Mähe verständigen.“ Er neigte grüßend den Kopf und entfernte sich Schritt für Schritt. Jan und seine Freunde sahen Wolf langsam in den Abend gehen. Die Straße war schon leer. Die meisten Arbeiter der Werkstatt hatten schon längst das Judentor passiert. Uber den Wipfeln hingen dünne Nebelfetzen. Aus der Christen- stadt kamen mild gedämpft und rein die alle Dämonen der Dämmerung besiegenden Klänge des Angelusläutens. Wolk schritt ohne Eile in das tiefer hereinbrechende Dunkel. Er blickte nicht rechts, nicht links. Kein einziges Mal wandte er sich um. Der immer dichter sich zusammenballende Nebel schluckte ihn auf. „Glaubst du, daß er es ernst meint?“ wandte sich Imre mit halb spöttischem, halb ungläubigem Gesicht an Simon. „Ohne Zweifel“, versicherte dieser.„Er wird niemals zugeben, daß sein Programm auf dem Vorhandensein bestimmter Voraus- setzungen beruht. Er wird auch nicht zugeben, daß die Erfüllung seiner Forderung ohne einen gewissen Gemütszustand der Be- teiligten unmöglich ist. Zu verzweifelten Aktionen lassen sich nur Menschen überreden, die sich selber nichts mehr vom Leben ver- sprechen. All dies übersicht er. Im Grunde ist er derselbe Fana- tiker wie Luria. Er ist rechthaberisch, hochmütig und unbelehr- bar, als wäre er einer von den Orthodoxen.“ „Mag sein“, sagte Jan verloren.„Daran erkennt man die Ortho- doxen, daß sie unbelehrbar sind. Zuweilen aber belehren sie die Welt.“ Ollenb Mdehe Satt wa har. Ab bertru lgern Stat d grund 8 sal her nackten und A Sie lg üinen ſt bertru nen M⸗ H war die Fre en Uk Oh berm lunn in he einan 6 laubst du 4 m Gehen. en, wer- ugeben „ Voraus 3 sich nur pe Fans ubelehu 8 . Ortho- sie die SECHSTES KAPITEL Offenbar war der Unfall auf die mangelnde Ortskenntnis des Mädchens Gertrud zurückzuführen. Der obere Trakt der Werk- stalt war immer noch nicht ausgebaut. Die eine Treppe war gang- bar. Aber der Bau der zweiten war unterbrochen worden. Gertrud, um Werkzeug geschickt, das im oberen Vorratsraum lagern sollte, hatte auf dem hastigen Rückweg die Tür verfehlt. Statt die gangbare Treppe zu erreichen, war sie in einen Ab- grund gestürzt. Ihr Geschrei hatte viele Menschen aus dem Arbeits- saal herausgelockt. Man hatte Gertrud zwischen Ziegelhaufen und nackten Fisenbetonpfeilern liegen gesehen und sie auf Kleider und Arbeitsmäntel gebettet. Sie lag bereits nahezu eine Stunde leise stöhnend auf der primi- tiven Lagerstatt. Man hatte in die Stadt um den Arzt geschickt. Gertrud lag unbeweglich. Ihr weißes Gesicht glich einer steiner- nen Maske. Nur auf den Lippen zuckte Schaum. Es war fünf Uhr, als der Arzt kam. Martha durfte ihm helfen, gie Freundin zu entkleiden. Die Untersuchung war kura. Der Arzt, ein Ukrainer, schüttelte bedauernd den Kopf. „Beckenbruch“, flüsterte er der Helferin in gebrochenem Deutsch ins Ohr.„Nur eine Operation kann möglicherweise helfen.“ Gertrud ächzte leise bei jedem Atemzug. Ihre Hände lagen ver- krampft auf der Brust. Man sah, wie der Schmerz sie ohne Pause in Bewegung hielt. Sié kamen aufeinander zu und strebten von- einander fort, als triebe sie ein unsichtbarer Motor. 89 Martha kniete an Gertruds rechter Seite und wartete, bis der Arzt aus dem Amtsraum des Betriebsleiters zurückgekehrt war. Einige von der Belegschaft hatten sich, der Gefahr trotzend, an der Tür versammelt und lugten heimlich nach den menschlichen Trümmern, die, auf Lumpen gebettet, im Vorraum lagen. Martha tastete vorsichtig nach Gertruds Händen. Durch das Glasdach fiel die Nachmittagssonne ein und verklärte das bleiche Gesicht der Verunglückten. i Gertrud sprach auf einmal. Sie redete zu Abwesenden, vielleicht zu lange Verstorbenen. Sie nannte Namen, die niemand unter den Anwesenden kannte. Dann brach sie in ein lautes Klagen aus. Ihr Geschrei wurde immer lauter. Es durchdrang den gesamten Werk- stättentrakt. Menschen, die arbeiteten, mußten in ihrem Werk innehalten. Den strengen Vorschriften trotzend, verließen sie ihren Platz an den Maschinen. Sie drängten anderen nach, die auf der Schwelle zum Vorraum standen. Sie murmelten, um nicht schweigen zu müssen, zusammenhanglose Worte. Ihre Wangen waren weiß vor Mit- leid und Entsetzen. Gertrud versank in Fieberphantasien. In ihrer Finbildung war jemand eingetreten, auf den sie lange gewartet hatte. Seine bloße Gegenwart tat wohl. Gertruds Stöhnen verstummte. Die verkrampften Hände lösten sich und berührten kraftlos und mit nach oben gekehrten Hand- flächen den Fußboden. Der Arzt verließ das Zimmer des Amtsleiters. Eilig suchte er den Ausgang zu gewinnen. Da verstellten ihm Martha und Jan den Weg. Der Doktor wartete die Frage gar nicht ab, sondern erklärte kurz, daß eine Operation nicht in Frage käme. Der Betriebsleiter habe jede Diskussion abgelehnt. „Was ist sonst zu tun?“ fragte Jan.„Will der Betriebsleiter sie in diesem Zustand liegen lassen?“ Der Arzt sah Jan in die Augen. Sein Gesichtsausdruck besagte, was sein Mund niemals ausgesprochen hätte. Die Person war er- ledigt. Ihr Nutzeffekt für die Wehrindustrie hatte zu bestehen 9⁰ autgehört. Unslinde Ju dem Möglichke Der Ant mußte vo ſon ihnen hn gah e beim Beir Klber g elul vollt Bein Abe und verbl whherder ntrolle ſerauha n bere icht. 40 Lhenden lbereiler in uri obyohl 2 u ergri izer Sür Kuling ur Abe eine At men hie Rel bu8 Wülin Die aufgehört. Sie konnte nichts Besseres tun, als rasch und ohne viel Umstãnde sterben. Jan, dem Arzt bis an die Tür folgend, fragte keuchend nach den Möglichkeiten einer Morphiuminjektion. Der Arzt lachte. Besaßen einheimische Irzte Morphium? Fs mußte von den Deutschen angefordert werden. Niemals würde von ihnen für eine Jüdin Morphium pewilligt werden. Jan gab es nicht auf. Man hatte ihm so lange vorgesagt, daß er peim Betriebsleiter mehr erreichen könne als andere, bis er es selber glaubte. Jetzt sollté es sich zeigen, was an dieser Annahme Wahres war. Beim Abendappell trat er plötzlich vor. Schilling blickte zornig und verblüfft. Alle wußten, daß kein Jude Wünsche und Be- schwerden vorbringen durfte. Der Appell diente lediglich zur Kontrolle der pünktlichen. Einhaltung der Arbeitszeit und der Verlautharung von Befehlen. Jan peachtete den unheilverkündenden Blick des Vorgesetaten nicht. Aber alle anderen peachteten ihn. Die in Reih und Glied stehenden dreihundertachtzig erschraken. Sie verwünschten Jans Ubereifer. Ihr vereinigter Wille zerrte an Jan. Beinahe hätte er ihn zurückgerissen. So heftig wollten sie alle, daß Jan schwieg, obwohl alle wußten, was er sagen wollte. Jan ergriff dennoch das Wort. Mit gesenktem Kopf und demũ- tiger Stimme bat er, die Verletzte ins Krankenhaus zu schicken. Die Belegschaft würde den Dank für diese Gnade durch Mehr- arbeit abzustatten versuchen. 5 Schillings Befremden stieg. Hatte eine Methode der Aneiferung zur Arbeit durch gute Behandlung dahin geführt⸗ daß Juden eine Art Rebellion versuchen durften? Er preßte die Lippen zu- sammen und warf Jan einen wütenden Blick zu. Die Belegschaft, wiewohl äußerlich unbeweglich, wand sich in Angst. Sie hatte einen einzigen Wunsch: daß Jan zurücktrat und Schillings Zorn verrauchte. Dieser war entschlossen zu handeln. „Wo ist die Verunglückted“ fragte er beherrscht. — Jan sprang zur Tür, die in den Vorraum führte, und stieß sie auf. Schilling ging langsam hinein. Dort hatten Frauen indes Gertrud auf eine Bahre gelegt und warteten weitere Weisungen ab. Der Verletzten hatten diese Be- wegungen arge Schmerzen verursacht. Zuletzt hatte sie mit schril- len Schreien reagiert. Nunmehr glich ihre Stimme dem Klagen eines kleinen und hilflosen Kindes. In diesem Augenblick trat Schilling ein. Der erste Zorn hatte ihm einen unfreundlichen Einfall gegeben. Er hatte die Kranke mit dem ersten Gütertransport in die nächste Eisenbahnstation R. zu schicken beabsichtigt. Mochten sie dort mit ihr tun, was ihnen be- liebte. Als er aber Gertrud auf der Bahre liegen sah, mit kleinen starren Pupillen und offenen, schmerzverzerrten Lippen, überkam ihn eine undefinierbare Regung. Fünf Sekunden lang stand er zu Häupten der Bahre still. Gertrud erkannte ihn nicht. Die Frauen an der Bahre starrten atemlos den Gewaltigen an. Jan, an der Tür, hatte seine Augen auf Schilling geheftet und verfolgte jede seiner Regungen. Weiter hinten stand ein Teil der Beleg- schaft. Schilling sah die Person auf der Bahre an. Er fühlte sich fehl am Ort. Was konnte man mit dieser Hilflosigkeit anfangen, die ge- brochen zwischen weißen Leinwandlappen lagꝰ? Er hatte zu der Liegenden unbegreiflicherweise ein Stück menschlicher Bezichung. Er ertappte sich sogar bei der unglaublichen Konstatierung, daß er mit der Verletzten Mitleid empfand. Beinahe hätte er sich entfernt, ohne einen Entschluß gefaßt zu haben. Sein Zorn gegen Jan Lockerte wieder auf. Er war sich noch nicht klar, wie er diese unverschämte Provokation bestrafen würde. Aber wenn er jetzt ging, so war über die Verunglückte immer noch keine Entscheidung getroffen. Etwas mußte geschehen. Auf der Stelle mußte etwas geschehen. Schilling warf einen Blick durch die Fenster des Vorraums. Der Juniabend glänzte über Hügel und Dächer der Stadt. Der Turm der Pfarrkirche stand in den blauen Himmel. Der Betriebsleiter machte eine Bewegung, als wollte er sich selber zur Ordnung rufen. Ringsum stand ein Teil der jüdischen Beleg- 9² Schaft i enkschle Das We in seine ballte! eine Se bewegt line D austelle er sie Gertru lhr of den le Tropfe Sehilli die zu den N Jun ke mand Jn h Seins Plöul Schröt Was unser Kann Schil Und Niem beugt Dann Ger baer Kon Betr Jan schaft und wartete offenbar, ob er weich würde. Schilling war entschlossen, nicht weich zu werden. Das Weitere geschah mit großer Geschwindigkeit. Schilling griff in seine Tasche. Nahe an die Bahre herantretend, hielt er seine ge- pallte Faust dicht über Gertruds Schläfe. Er sah sie und zögerte eine Sekunde lang. Dann sah man, wie er seinen Zeigefinger bewegte. Eine Detonation ertönte, leiser, als man sich sonst Schüsse vor- zustellen pflegte. Schilling zog die Hand zurück. Wieder steckte er sie in seine Tasche. Gertrud war in die Schläfe getroffen. Man sah, wie sie ausatmete. Ihr offener Mund schloß sich nicht mehr. Die Augen verloren den lebenden Ausdruck. Aus der neuen Wunde sickerten wenige Tropfen Blut. Schilling, keinen Blick mehr auf die regungslose Gruppe werfend, die zu beiden Seiten der Bahre stand, ging mit raschen Schritten den Weg zurück. Jan folgte ihm mit den Augen. Dann senkte er den Kopf. Nie- mand von den Anwesenden sprach. Jan hatte die Empfindung, als hätte jemand ihn niedergeschlagen. Sein Schädel dröhnte. plötzlich wurde eine Stimme laut. Sie gehörte dem kleinen vier- schrötigen Simon. „Was wollt ihr?“ sagte er halblaut.„War er nicht gnädig zu unseresgleichen? Hat er Gertrud nicht den Gnadenschuß gegebenꝰ Kann man von seiner Allmacht mehr verlangen? Gepriesen sei Schilling, der gerechte Betriebsleiter!“ Und Simon lachte. Sein Lachen klang dünn und gespenslisch. Niemand lachte mit ihm. Alle Anwesenden blieben stumm. Martha beugte sich über die Tote und schloß ihr Mund und Augen- Dann warf“ sie sich jammernd über die Bahre. Gertruds Gesicht blickte erleichtert. Es haltte einen peinahe dank- paren Ausdruck angenommen. Sie hatte einen milden Tod gehabt. Konnte man Besseres verlangen? Wer durfte aufstehen und den Betriebsleiter anklagen? Jan war der erste, der sich aufraffte und die„orderen beiden Griffe der Bahre hochhob. Zwei Frauen packten die beiden ande- 93 ren. Und so wandelte der Zug langsam durch den Vorraum, den Hof und das Tor der Werkstatt hinaus. Er hatte den Charakter irgendeines anderen Leichenzuges. Hinter der Bahre schritten schweigende Menschen. Man ließ die Bahre im Hof der beiden Hütten stehen. Viele Men- schen drängten herein, um einen Blick auf die Tote zu werfen. Man bedauerte sie, weil sie so jung hatte sterben müssen. Jetzt erst sah man, wie schön und wohlgebildet ihr Gesicht war. Ihre Haut war von unendlicher Zartheit, ihre Mase hatte vollendele Form. Der Mund schien wollüstig zu lächeln. Selbst die Schläfenwunde glich mehr einem rosigen Mal, das sich unter- halb des Haaransatzes befand, von den gelösten Haaren halb verdeckt. Aber man sah auch die kleinen abgearbeiteten Hände. Sie wiesen halbvernarbte Wunden und zerspaltene, blau angelaufene Finger- nägel auf. Die Menschen gingen vorüber, sahen sie an und dachten an ihre eigene Lage. Die Erleichterung war gewichen. Man empfand wie- der die alte und dumpfe Unsicherheit. Dies also war das Glück: mit aller Kraft arbeiten zu dürfen. Man war wie ein Werkzeug, so billig im Herstellungspreis, daß es einer Reparatur nicht verlohnte. War es beschädigt, so schaffte man ein neues an. Das alte wurde weggeworfen. Was nützte es, chön zu sein. Diese Barbaren sahen keine Schönheit. Für sie war ein Jude nichts anderes als ein gehaßtes, fremdartiges Geschöpf. Je schöner es gebildet war, desto grausamere und wildere Regun- gen flößte es ein. Je wehrloser es war, desto größer war die Lust, es zu vernichten. Indem die Jungen Gertrud petrachteten, beweinten sie ihr eigenes Los. Wenn die Mädchen vor der Toten standen, erblickten sie sich selbst. Hatten sie nicht immer gewußt, daß ihr Leben fremder Besitz war, nicht mehr wert, als der Lust des Zerstörers zu dienen? Jonas, der Judenrat, stand vor dem Leichnam und betrachtete Gertruds Gesicht. Hätte sie bloß geschlafen, wäre Jonas jener Vers aus dem Hohelied eingefallen, der lautet:„Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, bei den Rehen oder Hinden auf dem 94⁴ Felde, weck getällt“ Der Anblick pen hätte d gleicht eine gelagert sin eben aus de ſs aber h nicht einma ichgerufer nit vir dic Jonas wußlt blick des der Toten lobt seist d Des Lichel u trauer ud Bex ür vie eir auch wenn Du hast r llel Aber i hülte ic ie ud eld n ih vu bist ollen“ ue Bi e emn Leiche 3 4 1 Felde, weckt meine Freundin nicht auf, ehe ihr es nicht selber gefällt.“ Der Anblick des zarten aschblonden Haares und der offenen Lip- pen hätte die Erinnerung an weitere Verse angeregt:„Dein Haar gleicht einer Herde Ziegen, die am Abhang des Berges Gilead gelagert sind. Deine Zähne sind wie Schafe, frisch geschoren, die eben aus dem Bade kamen. Zwillinge sind sie, und keiner fehlt.“ Was aber hatte das Hohelied mit Toten zu schaffen! Tote regten nicht einmal an, ihnen nachzurufen, was im Lied der Fliehenden nachgerufen wird:„Kehre wieder, kehre wieder, Sulamith, da- mit wir dich sehen können!“ Jonas wußte, was er der Majestät des Todes schuldig war. In den Anblick des schwachen Lächelns versunken, das über dem Munde der Toten lagerte, sagte Jonas das„Baruch Dajan Enet“:„Ge- lobt seist du, Bichter der Wahrheit!“ Das Lächeln verschwand nicht von Gertruds friedlichem Gesicht. 2. „Du trauerst zuviel“, sagte Jan zu Martha eine Woche nach Ger- truds Bestattung.„Ich weiß, daß es dich schwer traf. Sie war dir wie eine Schwester. Was bedeutet aber eine einzige Person, auch wenn sie die Schwester ist?“ „Du hast recht“, entgegnete Martha finsler.„Was ist eine gegen allel Aber ich trauere nicht bloßß um Gertrud. Mir ist zumute, als hätte ich alle verloren. Sie sind nicht mehr auf unserer Seite. Sie sind zu Schilling übergelaufen. Sie haben sich für ein Trink- geld an ihn verkauft.“ „Du bist zu hart“, versetzle Jan.„Niemand darf sie verurteilen, weil sie das gute Einvernehmen mit Schilling nicht zerstören wollen.“ „Gutes Finvernchmen!“ schrie Martha.„Ist Gertruds Ermordung ein Zeichen guten Einvernehmens mit Schilling?“ Jan schüttelte den Kopf.„Schilling läßt sich nicht so einfach ab- lun. Du findest ihn nicht besser als andere Mörder. Sie aber fin- den, daß er sie vor dem Schlimmsten beschütat. Du willst Schil- — 9⁵ ling als Feind behandelt wissen. Sie weigern sich. Warum sollten sie einen Zustand enden, der ihnen über vieles Schwere hinweg hilft?“ „Vor zwei Monaten“, sagte Martha anklagend,„dachtest du anders.“ „Vor zwei Monaten“, gestand Jan,„wußte ich nicht, wie zäh, ausdauernd und unverwüstlich die menschliche Seele ist. Wird sie noch so sehr getreten, der kleinste Lichtstrahl richtet sie wie- der auf. Es ist wahr: Gertrud ist tot. Sie aber leben und arbeiten. Kannst du es ihnen verdenken wenn sie ihr Unglück vergessen?“ „Und du“, erkundigte sich Martha schroff,„willst du ihnen be- hilflich sein, zu vergessen?“ „Gewiſßs. Wenn Arbeit sie solange aufrechthält, bis Rettung kommt.“ „Ich glaube nicht an Rettung' 6 „sagte Martha. Es war begreiflich, daßß Martha nicht an Rettung glaubte. Sie war die einzige Uberlebende einer ganzen Familie. Die Kette von Unglücksfällen, denen Martha preisgegeben worden war, hatte sie hart und beinahe unbarmherzig gemacht. Die Freundschaft mit Gertrud hatte ihr verfinstertes Leben plöla- lich erhellt. Es hatte wieder etwas gegeben, wofür sie leben durfie. Eine Altersgenossin, nicht abgehärtet, aber ebenso einsam wie sie, hatte ihrer Hilfe bedurft. Martha hatte die Gefühle einer Mutter gehabt. Eine freudige Leichtigkeit hatte ihre erstarrte Haltung gelockert. Manchmal hatte sie geglaubt, niemals so heftig geliebt zu haben, wie sie Gertrud geliebt hatte. Sie hatte die Freundin zu Bett gebracht, neben ihr gesessen und ihre Gedanken abgehört, bis sie einschlief. Es hatte Stunden gegeben, in denen sie beinahe wunschlos gewesen war. Daß Schilling Gertrud geopfert hatte, erfüllte Martha mit weniger Erbitterung gegen ihn, als mit Trauer darüber, daß die Beleg- schaft über dieses Ereignis so rasch zur Tagesordnung übergegan- gen war. Hatte Schilling, als er seinen Revolverschuß gegen Gertrud ab- gab, nicht die ganze Belegschaft getroffen? War Gertrud nicht für alle anderen gestorben? 96 Aber nach Menschen b Schehen wän ſiler in die Sicherheit e daß jeder 6 Und in den urück und var man sc glig und f Und es wur ich der ges mehr daß mehr zur C Martha fan geltten! v iclinz Mariha ſe ſule nißg jtten li e nie vard Din ln Schuec telen, dan üe Belege wesen var Aber nach dem kläglichen Begräbnis, dem kaum zwei Dutzend Menschen beigewohnt hatten, ging alles weiter, als ob nichts ge- schehen wäre. Die Belegschaft arbeitete einander mit Lust und Fifer in die Hände. Jeder suchte den anderen an Raschheit und Sicherheit der Bewegungen zu überbieten. Man mußte glauben, daß jeder Gedanke auf diese Tätigkeit eingestellt war. Und in den klaren Mächten saß man vor den Häusern, lehnle sich zurück und betrachtete die Sterne. Wenn die Nachtluft kühlte, war man schon beinahe wunschlos. Man streckte sich aus, lächelte selig und freute sich auf den Schlaf. Und es wurde Abend, und es wurde Morgen, immer wiederholte sich der gestrige Tag. Die Menschen arbeiteten und wußten kaum mehr, daß sie Gefangene waren. Mit jedem Tag wurde ihr Dasein mehr zur Gewohnheit. Martha fand diese Haltung unerträglich. Wozu hatten Millionen gelitten! Wozu war Gertrud gestorben! Durch die eigene Er- niedrigung schändete man die Toten. Martha begann ihre Mitarbeiter zu hassen. Wie sie ihnen die Buhe mißgönnte! Man merkte deutlich, daß ihre Seelen vom täg- lichen Gleichmaß vergiftet waren. Gab es nichts, was dieses Gleichmaß zu zertrümmern geeignet ward Fin Entsetzen mußte über sie kommen, das sie aufrüttelte. Ein Schreck mußte sie aus ihrer Lethargie lösen. Man mußte sie treten, damit sie lebendig wurden. Man mußzte sie quälen, damit die Belegschaft sich in das zurückverwandelte, was sie früher ge- wesen war: eine Gemeinschaft von Unterdrückten. Re volte —— lin Iage Wwererlet uf drei Wo Nühnend Se weldete sich id bgerline Wüling 4 Matt verbun S mochte 6 Soülinz u „ ie zur ier Woche STIEBENTES KAPITEL. Eines Tages erhielt Schilling Urlaub. Sein einziger Sohn war schwerverletzt aus Tunis zurückgebracht worden. Daher durfte er auf drei Wochen— die Reisetage ungerechnet— heim. Während Schilling packte, an nichts denkend als an seinen Sohn, meldete sich sein provisorischer Vertreter, Fhrenfried Brigola, ein Egerländer. Schillings Anweisungen waren kurz. So fest er mit der Werk- statt verbunden war, die Vorstellung, daß sein Sohn verstümmelt sein mochte, verdrängte alle anderen Gedanken. Noch geringer als Schillings Fifer, Fingerzeige zu geben, war Brigolas Bestre- ben, sie zur Kenntnis zu nehmen. Sein Aufenthalt mochte etwa vier Wochen dauern. Was konnte man schon in vier Wochen leisten! Brigola hatte nicht die Absicht, mehr zu tun, als not- wendig war. Als der neue Mann zum erstenmal peim Appell erschien, waren die in Reih und Glied Stehenden durch die Gewalt von Brigolas Ubelwollen förmlich gebannt. Sein Mund, ohne häßlich zu sein, schien ein Behälter von Erbarmungslosigkeit. Aus seinen Augen, wie aus dunklen Löchern, schien flüssiges Feuer zu tropfen. Brigola stand lange betrachtend vor den beiden Kolonnen. Nie- mals noch waren ihm so zahlreiche Menschen untergeordnet ge- wesen. Er freute sich über seine, wenn auch vorübergehende, Macht. Lange konnte er sich nicht entschließen, den Appell aufzuheben. „ 99 Als er aber das Zeichen gab, gingen alle mit nur halber Kraft an ihr Tagewerk. Die andere Hälfte war ihnen abhanden gekom- men. Brigola hatte diese Hälfte mit Beschlag belegt. Zehn Minu- ten hatten genügt, ihre Gliedmassen zu lähmen und ihre Augen zu blenden. Man tröstete sich mit der Zuversicht, daß Brigola bald nichts als eine schmerzende Erinnerung sein würde. Aber dieser Trost hielt nicht vor. Vorläufig benötigte man doppelte Kraft, um unter seinen Augen überhaupt tätig zu sein. Aber wenn man auch alle verfügbare Selbstbeherrschung aufprachte, so war die frühere Lei- stung dennoch unerreichhar. Memand vermochte sich zu Anfang diese Erscheinung zu erklären. Brigola hatte in jungen Jahren ein überschuldetes Gut nahe der Stadt Karlsbad im Sudetenland geerbt. Das folgende Jahrzehnt war durch unablässige Kämpfe mit Gläubigern gekennzeichnet. Der unglückliche Gutsbesitzer verlor seine Prozesse. Er versuchte, die Zwangsvollstreckung der gegen ihn ergangenen Urteile zu durchkreuzen. Dennoch erschien regelmäßig der Exekutor im Haus. Bald wurden Brigolas Familienbilder versteigert; seine Waf- kensammlung und schließlich das Landgut kamen unter den Hlammer. Brigola gab den Kampf nicht auf. Er nahm zu Winkeladvokaten seine Zuklucht. Allmählich wurde er Gegenstand des Spottes und des Mitleids. Man sah lächelnd zu, wie er mit unvorstellbarer Geduld immer wieder seine zerstoßene Aktentasche öffnete, zer- lesene Papiere ausbreitete und die seltsamsten Bezichtigungen er- hob. Dieser sein Gegner hatte ihm Darlehnszusagen gemacht und ihn im kritischen Augenblick im Stich gelassen. Jener hatte seine Ehre verletzt, indem er Verleumdungen über ihn ausgestreut hatte. Eines Tages hatte die Sudetendeutsche Partei sich des Falles pe mächtigt. Brigola klagte nicht mehr wahllos seine Gegner an. Sein Feldzug galt nur noch jüdischen Aßwälten und Richtern. Er war keine Figur des Lustspiels mehr, sondern der Held einer Legende. Er war beredter Ankläger und lebendiger Zeuge. Sein 100 laß war bey bropaganda. m lassen. Ers uf ihn wie a und ehrfurcht ſerkolgte wul lusser. ndere mußt eineligkeit Scham und eine hankha fölle jenen nerkeld geine ſhmmen aus ſütle und hr Nh der Eir on Keiner geine lutg nehr nünlic berdies d0 mußte er Ment in Pol un u i ſe⸗ admir 3 gugema eie in Minn re Augen auch alle ihere Lei- u Anfang nahe der jahrꝛehn eichnet. eruchte, Urieile 1 kutor im unler den adokalen volles un HHaß war bewegende Kraft, seine Leidensgeschichte machtvolle propaganda. Es war ihm nicht mehr auferlegt, sich verhöhnen zu lassen. Er saß zur Rechten des Versammlungsleiters. Man zeigte auf ihn wie auf eine emporragende Gestalt. Er nahm das Wort, und ehrfurchtsvolles Schweigen begleitete seine Enthüllungen. Der verfolgte wurde zum Verfolger, der Gehetzte zum vorbildlichen Hasser. Andere mußten sich erst künstlich in einen Paroxysmus von Feindseligkeit hineinversetzen. Brigola pedurfte dessen nicht. Scham und Empfindlichkeit des oktmals Gekränkten hatten sich in eine krankhafte Lust an fremder Qual verwandelt. Grausamkeit füllte jenen Teil seines Lebens aus, der zerstört war. Das Trüm- merfeld seines Lebens war zu einem Vulkan geworden, unaufhörlich Flammen ausstoßend, übérquellend von der Lava kochender Ge- fühle und brennender Erinnerungen. Nach der Finverleibung des Sudetenlandes verlor Brigola einiges von seiner Anziehungskraft. Er hatte seine Pflicht getan und seine Aufgabe erfüllt. Künftighin war er für die Propaganda nicht mehr nützlich. Eine Unregelmäßigkeit seines Körperbaus hatte ihn überdies zum Militärdienst untauglich gemacht. So mußte er sich glücklich schätzen, wenn das Generalgouverne- ment in Polen ihn als ehemaligen Rennfahrer in seine Dienste nahm und in Heeresbetrichen beschäftigte. Aber Brigolas man- gelnde administrative Begabung wurde qurch Ubereifer nicht võl- lig gutgemacht. Wiederholt mußte er seinen Posten an Mehr- befähigte abtreten. Bald stand er nur noch als Lückenbüßer in Verwendung. Und weil zur Zeit von Schillings Urlaubsantritt ge- rade Brigola verfügbar war, hatte das Bezirksarbeitsamt ihn zu Schillings provisorischem Vertreter bestellt. Brigolas Gesicht war wohlgeformt. Leicht angegrautes Haar lag schlicht um Stirn und Schläfen. Die Nase war trotzig gekrümmt. Die schmalen, partlosen Lippen kräuselten sich bald widerwillig, bald überlegen. sordnung oder Brigola verfügte keine Knderungen in der Arbeit in der Zusammensetzung der Arbeitsgruppen. Reformen standen 101 ihm weder zu, noch versuchte er, sich solche anzumaßen. Er spielte von Anbeginn nichts als den stummen Zuschauer, der seine vor- übergehende Anwesenheit in der Werkstatt ausnützle, um Studien zu machen. Aber Brigolas Studien waren an sich schon winzige Foltern. Sein Dienst erforderte, daß er bestimmte technische Anordnungen gab. Hierbei mischte er seinen Befehlen verschiedene ungleichartige Zutaten bei. Er verabreichte kalten Hohn, stechenden Tadel, ver- steckte Drohung. Er erzeugte in seinen Untergebenen alle mög- lichen peinlichen Empfindungen. Er störte sie in ihrer Arbeit, tadelte sie aber gleichzeitig um ihrer Saumseligkeit willen. Er lähmte sie und peitschte sie vorwärts, zwang sie zu laufen und warf ihnen Knüppel zwischen die Füße, ließ sie zerstören, was sie gearbeitet, und arbeiten, was sie zerstört hatten, steigerte in ihnen alles, was sie beschwerte, erzeugte Widerwillen und rügte ihn, legte Fallen und verspottete die von ihm ertappten Ge- fangenen. Er war Jäger und Fallensteller aus Leidenschaft gewesen. Auch als Lagerleiter betrieb er diesen Sport. Niemals bereitete er seinen Opfern kurze und einmalige Schmerzen. Er zog die Qualen in die Länge, soweit er es mit der Kunst des erfahrenen Quälers im- stande war. Wenn er zuschlug, dämpfte er die Gewalt seines Schlages, um ihn so oft als möglich wiederholen zu können. Zappelnde Opfer erregten sein Wohlgefallen. Darum liebte er es, etappenweise zu verwunden. Gnadenstõße waren unnötig. Solange die Opfer sich bewegten, kamen Gnadenstöße zu früh. Zuckten sie nicht mehr, waren sie verlorene Mühe. Brigola sah den arbeitenden Gruppen so dicht und in solcher Stel- lung zu, daß keiner der Arbeitenden ihn übersehen konnte. Seine bloße Nähe wirkte so, als hätte man ein Netz über die Arbeitenden geworfen. Aber je mehr man sich bemühte, dieses Netz abzustrei- ken, desto tiefer wurde man in seine Maschen verstrickt. Jeder Angehörige einer Arbeitspartie glaubte sich von seinem Neben- mann behindert. Die Angst vor Brigolas Blick hielt ihn ab, Beschwerde zu führen. So wüteten die Mitglieder der Arbeitspartie gegeneinander. Sinn- 102 loe Angt zuch, die Nach Able lriebsleitu ahöpfung Fiel Brig achteten wären sie gerochen Kens ihre Kande, ih Brigola k leisung Die Sehn maß. Ha halten, Reue. Der we lonnen ein solch eines 6e nen kanr Shakt. Wo für regiert n nin gen er gleic tgbare Un bel bot b. An wa l 6eri nle. Er ʒielte seine vor- n Studien lern. Sein ngen gob. eicharlige adel, ver- alle mög- illen. Pr ufen und ören, was eigerle in und rügte plen 6e- en Auch er geinen len in die r im- ãlers hnstre 1 Jeder ek jer⸗ n Neben⸗ u fůbren Sinn- lose Angst und krankhaft ausbrechende Wut zerrissen jeden Ver- such, die bisherige friedliche Zusammenarbeit fortzusetzen. Nach Ablauf der zweiten Woche von Brigolas provisorischer Be- triebsleitung waren die Arbeiter in der Werkstatt bereits der Er- schöpfung nahe. Fiel Brigolas Schatten über ihre Werkbank oder Maschine, so trachteten sie, sich völlig in ihre Arbeit zu versenken. Am liebsten wären sie in das Innere der Drehbank oder der Bohrmaschine gekrochen. Aber so sehr sie sich bemühten, unsichthar oder wenig- stens ihrem Werkzeug ähnlich zu werden, sie waren nicht im- stande, ihrem Schicksal zu entgehen. Brigola kam langsam näher, besichtigte ihr Werk, musterte ihre Leistung und tadelte kalt und scharf. Die Sehnsucht nach Schilling wuchs in unvorstellbarem Aus- maß. Hatte es solche gegeben, die ihn heimlich verwünscht hatten, so vergaben ihm auch diese seine Fehler unter tiefer Reue. Der abwesende Betriehsleiter wurde fehlerlos, wenn nicht voll- kommen befunden. Soweit ein Feind gut sein kann, war Schilling ein solcher guter und erträglicher Feind. Soweit der Aufseher eines Gefängnisses sich die Zuneigung Seiner Gefangenen verdie- nen kann, soweit gehörte Schilling die Sympathie der Beleg- schaft. Was für ein Glück war es doch gewesen, von einem Menschen regiert zu werden, der keine Leidenschaften besaß. Immer hatte man gewußt, was man von ihm zu halten hatte. Immer war er der gleiche gewesen, scharf. aber nicht kanti tragbare Last. Man betete, daß Gott Schilling der Belegschaft erhalten möge. g, eine schwere, aber 2. Gott aber war taub gegen die Bitten der Belegschaft. lings Abwesenheit verbreitete sich das Gerücht in L., daß er nicht mehr wiederkehren würde. Tat- Am zwanzigsten Tag von Schil 103 sächlich hatte Schilling in seinem Hause zu Marktredwitz einen Schlaganfall erlitten. Jonas hatte auf dem Kreisamt eine Bestäti- gung des Gerüchts empfangen. Als die Nachricht die Judenstadt erreichte, erregte sie heftige Be- stürzung. Die Jonas' Nachricht empfingen, ließen sich kraftlos auf Steine und Stufen sinken. Nach kurzer Atempause war das Unglück doppelt schwer über sie hereingebrochen. Es peinigte sie mit ungeheurer Härte. Ein be- äubender Schmerz erfüllte sie von den Schläfen bis zu den Finger- spitzen. „Wir haben gesündigt“, sagten ihre Lippen tonlos,„höre uns, unser Vater, unser König! Wir haben wie immer deine Gebote übertreten. Hab Erbarmen, unser Vater, unser König! Geh mit uns nicht zu streng ins Gericht!“ Was aber hatten sie wirklich verbrochen? Warum hatte das Schick- sal sie neuerlich gezüchtigt? Luria fuhr fort, Selbstanklagen und Bezichtigungen auszusprechen- Wie schwer immer die Strafe ausgefallen war, man hatte sie verdient. Sie senkten die Köpfe. Gott war streng. Er hatte kein Mitleid. Jetzt nahm er ihnen einen erträglichen Aufseher, der sie nur mit Ruten geschlagen hatte, und setzte einen Vogt über sie, der sie mit Skorpionen züchtigen würde. Die Jungen aber, so tief in Betäubung und Schlaf versetzt, daß nicht einmal Gertruds Ende sie aufzurütteln vermocht hatte, er- wachten plötzlich zu vollem Bewußtsein. Sie erinnerten sich an vergessene Pläne, verborgene Flugblätter, insgeheim verbréitete Berichte, an die Namen der ausgetilgten Gemeinden und der Plätze, wo sich die Fabriken des Todes befanden. Plötzlich flüsterten sie wieder von Aktionen. Unsicher begannen sie sich an Vorsätze, mit denen sie nach L. gekommen waren, zu erinnern. Aber wie weit war es vom Gedanken zur Tat! Martha— Alte wie Junge, Fromme wie Unfromme betrachtend— empfand eine brennende Befriedigung über das Ende aller Illn- sionen. Die stillen Freuden inniger Arbeitsbeflissenheit waren tot. Sie würden schwerlich nochmals aufleben. Die Anbetung Schil- lings war zu Ende. 104 Tin neuer nicht mit Wenngleic mit dem 1 den im Be der Glaub ie vürde den nur: Während ren ihre haltmache räume sc bescheide ütigung weisen. Die in ih u, mael nahmen Kenninis durch 6 Nez Nor betracht Nch ei und glei Brigolas und Sich iebere Stn beiden Uugo n 6e Wnder esicht Mung belg emer einen raftlos der sie in be inger- e ulls, 6ebote h mit echen. te 516 liteid. ije nur ie, der , daß tte, er ich 2n Ein neuer Götze hatte seine Herrschaft angetreten, einer, der sich nicht mit Anbetung begnügte, sondern Menschenopfer forderte. Wenngleich sie noch nicht an Kampf dachten, die Aussöhnung mit dem Feind stand nicht mehr auf der Tagesordnung. Sie stan- den im Begriffe, wieder zu hassen. Sie haßten schon. Bald würde der Glaube an den kommenden Tag seinen Sinn verloren haben. Sie würden nicht mehr wissen, was Hoffnung bedeutete. Sie wür- den nur noch Haß empfinden, Haß und Furcht. Wãhrend die Belegschaft am nächsten Morgen mit schwerem Her- zen ihre Arbeit verrichtete, sah sie fremde Uniformen auftauchen, haltmachen und nach kurzer Begrüßung durch Halle und Neben- räume schreiten. Brigola machte den Führer. Er gab leise und bescheidene Erläuterungen. Offenbar war er bemüht, seine Be- kähigung zur künftigen selbständigen Leitung der Werkstatt zu erweisen. Die in ihrem strengen Schwarz vorbeihuschenden Beamten hörten zu, machten Notizen und tauschten Wahrnehmungen aus. Sie nahmen das Vorhandensein der arbeitenden Juden nicht zur Kenntnis. Ihre Augen blickten durch diese Juden hindurch wie durch Glas. Flüsternd unterhielten sie sich, unterbrachen ihren Weg vor der wappengeschmückten Wand, lasen die Inschriften, petrachteten das heraldische Getier. Nach einer halben Stunde verließen sie die Arbeitsräume. Steif und gleichgültig ins Unbestimmte blickend, verschwanden sie in Brigolas Kanzlei. Gegen Mittag hörte man ihren Wagen vorfahren und sich wieder entfernen. Fiebernd sah die Belegschaft dem Abendappell entgegen. Das Signal für ihn wurde pünktlich gegeben. Hastig stellten sich die peiden Kolonnen, links die Frauen, rechts die Männer, auf. Brigola trat in die Mitte der Halle. Die volle Beleuchtung fiel auf Sein Gesicht. Er sah die Reihen der Wartenden an. Es schien, als wandere sein Blick langsam die Reihe der ihm entgegenstarrenden Gesichter entlang. Nun stand er zum erstenmal als wirklicher Vorgesetzter vor einer Belegschaft von nicht viel weniger als„ierhundert Köpfen in einer Arbeitshalle von achtunggebietenden Dimensionen. Alle 105 merkten seine Besitzerfreude. Er verbarg sie gar nicht; um seine vollen Lippen huschte ein wohlgefälliges Lächeln. Wãhrend er sich an dem Anblick seiner Untergebenen weidete blie- ben seine Lippen stumm. Er hielt es für unnötig, etwas zu sagen. Alle wußten, was geschehen war. Ihre Mienen gaben eine deut- liche Bestätigung dieses Wissens. Eine Verlautbarung von Brigolas Amtsübernahme war daher unnötig. Aber während sie die beiden Kolonnen musterten, redeten seine Augen eine deutliche Sprache. Ihr dort— sagten sie,— ihr sogenannte Belegschaft, ihr wißt doch recht gut, daß ich von heute ab euren bisherigen Vorgeseta- ten Schilling ersetze. Es war höchste Zeit. Ihr habt bei Schilling viel zu gute Tage gehabt. Während eure Verwandten eine ganz andere Behandlung genos- sen— ich brauche euch nicht zu sagen, was für eine— wurdet ihr von Schilling verwöhnt. Dieser Zustand nimmt von heute ab ein Ende. Brigola stand unbeweglich. Seine Augen glitzerten. Sie fühlten sich verstanden. Ihr habt wohl gedacht— fuhr sein Blick zu verkünden fort—, daß dieses Leben immer so weitergehen wird. Glaubt mir, es ist nicht immer wünschenswert, zu leben. Ich habe jene Juden für besonders klug gehalten, die sich rechtzeitig, solange sie noch etwas Geld besaßen, den Gnadenschuß kauften. Aber macht euch hier keine Hoffnungen! Hier werden keine Gnadenschüsse verab— reicht! Brigola, mit Besitzermiene, blickte im Kreise umher. Die Ge- sichtszüge der Arbeiterschaft waren zu Eisklumpen erstarrt. Der neue Betriebsleiter weidete sich an der Wirkung seines Schwei- gens. Laut sagte er ein einziges Wort. Er sprach es kurz und mit mili- tärischer Betonung aus. Abtreten!“ sagte er. eine ACHTES KAPITETL⸗ Brigolas erste Tat war die Herausgabe einer neuen Arbeitsord- nung. Sie hatte den doppelten Umfang der alten. Nicht nur die Strafen wurden verschärft, auch die strafbaren Tathestände wur- den erweitert. Es galt künftighin als strafbar, wenn das Arbeits ergebnis der letzten Woche das der vorigen nicht übertraf. Neben dem einzelnen haftete die Gesamtheit. Alle hafteten für einen, mit jeder Stunde und mit jeder Regung ihres Lebens. Geldstrafen wurden nicht durch Lohnabzug geleistet, sondern durch Mehrarbeit. Statt Feierabend zu machen, in der Werkstatt zurückzubleiben; statt die letzte Stunde Schlaf zu genießen, auf- zuspringen und lange vor Tag in die Arbeit zu gehen: das waren Strafen, die sich verlohnten. Mußte man ja nicht bloß an Ort und Stelle sein, sondern auch noch die volle Leistung nach- weisen. Schlimmer noch war, daß die Leistung Woche kür Woche höher sein mußte. Die Stoppuhr, von Schilling oft mißbraucht, ent- wickelte sich in Brigolas Händen zu einem vollkommenen Folter- instrument. Sie war eine Auslese aller Folterinstrumente: Rad, neunschwänzige Katze, Streckfolter, spanischer Stiefel in einem. Ihre Zeiger züchtigten, an ihr Zikferblatt wurde man geflochten, ihr Ticken vollzog unbarmherzige Geißelung, ihr Knacken stach wie spitze Klammern in das Fleisch. Jeder Handgriff hatte seinen Zeittarif. Er prangte an der Wand, in Bruchteilen von Sekunden. Täglich schwebte die Stoppuhr 107 über einer anderen Gruppe. Man hörte keine Anweisungen; man sah kein Beispiel; man fühlte nur unaufhörlich das Titken, Knacken und Springen der Stoppuhr. Ebenso leise und kaum hörbar war Brigolas Stimme. Aber wehe dem, der sie überhörte! Sie verkündete nur Mißerfolge, Fehl- leistungen, Strafen. Alles andere hatten die zehn Vormänner zu erledigen. Ihnen wur- den am Morgen die Instruktionen schriftlich zugestellt. Sie hatten die Untergebenen mit ihren jeweiligen Aufgaben vertraut zu machen. Sie trugen für Willigkeit, Geschicklichkeit, Gelehrigkeit ihrer Leute die volle Verantwortung. Sie hatten keine Zeit, menschlich zu ihrer Arbeitspartie zu reden. Sie hatten jenen Zwang auszuüben, der vom Betriebsleiter ausging. Sie schwangen die Peitsche und wurden dafür gehaßt. Wolfs Kchtung war in Vergessenheit geraten. Jetzt gab es zehn andere Geächtete. Sobald der Vormann die Judenstadt betrat, war er nicht mehr der Vorgesetzte. Alle, die sich von ihm ungerecht behandelt wußten, wandten sich gegen ihn. Die Abende in der Judenstadt waren nicht mehr friedlich. Männer und Frauen fie- len übereinander her, mit Krallen und Zähnen. Gellende Schreie tönten aus den engen Gassen. Die unterdrückten Leidenschaften brachen mit Urgewalt hervor. Die Inwohner haßten einander, mißtrauten einander, überhäuften einander mit Vorwürfen. Langsam legte sich ihnen ein Strick um den Hals und wurde immer enger zugezogen. Jeder, wenn auch unbewußt, hatte eine Kraftreserve zurückgehalten. Uberarbeitet verbrauchte sie sich rasch. Fleisch und Blut leisteten tägliche Zubußen. Wenn alle unter Brigola litten, so litt Eva überdies unter ihrer beginnenden Schwangerschaft. In den ersten Tagen war sie über- zeugt gewesen, daß bei der schweren Arbeit, die sie verrichtete, die Frucht, die sie trug, niemals ausreifen würde. Aber es ver- gingen Wochen, ohne daß ihr Körper diese Frucht herausgab. lhre Verzweiflung stieg von Tag zu Tag. Was in ihr reifte, hatte nicht nur keine Aussicht zu leben, sondern brachte ihr, wenn es weiter wuchs, selbst den Tod. Eines Tages mußte der Betriebsleiter ihren Zustand merken. Brigolas unbarmherzige Augen, aus denen Feuer tropfte, würden 108 Sie spött Lastenbi anzutret hatten. Eva dri Himme schwanc den Va als Sie. Der Dr ren Je auf der eintrele Je tief den To Sie wo für M und lel schon Stunde bloß q lmme Konnte „ sie spöttisch mustern. Und am nãchsten Morgen würde sie auf dem Lastenbahnhof zu R. stehen, im Begriff, jene rãtselhafte Reise anzutreten, deren Teilnehmer noch niemals Nachricht gegeben hatten. Fva drängte zur Arbeit in der Schmiede und schwang schwere Hammer. Dennoch nahm das Kind Gestalt an. Ihre Hoffnung Schwand. Sie konnte mit niemandem reden. Es schien ihr sinnlos, den Vater des Kindes einzuweihen. Er trug weit weniger Schuld als sie. Sie fühlte sich in keiner Weise mit ihm verbunden. Der Druck, der auf ihr lastete, war schwerer als die Last der ande- ren. Jene zitterten vor vielleicht Abwendbarem. Eva brauchte nur auf den Kalender zu blicken, um zu berechnen, wann das Unglück eintreten mußte. Jeder Abend brachte es um einen Tag näher. Je tiefer sie sich dessen bewußt war, daß ihre Schwangerschaft den Tod prachte, desto gieriger Klammerte sie sich an das Leben. Sie wollte sich glauben machen, daß bei einer so harten und selbst für Männer aufreibenden Arbeit eine Frucht unmöglich wachsen und lehen konnte. Aber wenn sie nachts den Finger an den Unter- leib legte, glaubte sie das Kind wachsen zu hören. Vielleicht war schon ein Körper da, mit einem Herzen, das schlug. Sie lauschte stundenlang, um es schlagen zu hören. Ab bloß der dumpfe Laut des eigenen aufgeregten Herzens. Immer noch dachte Eva, daß Hilfe kommen müßte. Aber woher konnte sie kommen? Wer konnte sie pringenꝰ er was sie hörte, war 2. Fs konnte nur ein bõsartiger Zufall Sein, daß Brigolas erstes Opfer nicht zu den unmittelbaren Untergebenen des Betriebsleiters ge- pörte. Es war Fritz Bruschweiler, der Waldarbeiter. Seltsamer noch war, daß Brigola tötete, ohne es zu wollen; ja, ohne es zu wissen. In regelmäßigen kurzen Abständen wurde aus dem Wald Hol⸗ in die Holzbearbeitungsanlage der Werkstatt geschafft. Vier der Waldarbeiter zogen und schoben den nolzbeladenen Wagen ins Schloß. 109 Als Fritz den Namen des neuen Betriebsleiters vernahm, erinnerte er sich kaum noch, einen Mann dieses Namens mit Prozessen be- drängt und mit Zwangsmaßnahmen verfolgt zu haben. Fines Tages aber lud Fritz im Vorhof des Schlosses Holz ab. Der cleine Wagen des Betriebsleiters fuhr vor. Brigola öffnete ge- mächlich den Schlag, stieg aus und zündete sich eine Zigarette an. Seine Augen streiften Fritz. Dieser, vom Schreck des Erkennens zu Boden geschmettert, warf sich mit dem Gesicht nach unten über einen Baumstamm und blieb so liegen, bis Brigola sich ent- fernt hatte. Fritz war keineswegs sicher, ob der Betriebsleiter ihn bemerkt und in dem Waldarbeiter einen seiner ehemaligen Widersacher er- kannt hatte. War dies der Fall, dann hatte er das Argste zu er- warten. Wenn aber Brigola ihn auch diesmal gar nicht wahr- genommen hatte, war das Unheil nicht abgewendet, sondern nur aufgeschoben. Während seine Gefährten ihn mit Schimpfworten überhäuften, weil er durch sein Verhalten sie alle in Gefahr gebracht hatte, be- endete Bruschweiler stumm sein Werk. Er ertrug die Vorwürfe seiner Begleiter, bewies ihnen hastig seinen Arbeitseifer, indem er mehr leistete als irgendeiner von ihnen, und verließ eine Stunde später zusammen mit ihnen das Schloß. Die Angst wühlte in ihm. Er fühlte sich müde und kraftlos. Er beschloß, Anna zu ver- schweigen, was ihm zugestoßen war. Den ganzen Tag zuckte der Schreck durch Fritzens Körper und trieb zuweilen sein Herz zu rücksichtsloser Eile. Abends machte er einen sonderbaren Eindruck. Anna fühlte be- unruhigt seinen Puls, legte die Hand auf seine Stirn, fragte ihn aus. Fritz wußte keine Antwort. Er war schweigsamer als sonst, aß wenig, war nicht zu bewegen, auf die Straße zu gehen und Luft zu schöpfen, und legte sich vorzeitig nieder. Nachts saß er auf seiner Lagerstatt, die an die kalte Steinmauer grenzte, Schweiß stürzte schwer aus seinen Poren. Vor den Augen wirbelten ihm bunte Kreisel, drehten sich, veränderten ihre Ge- stalt. An die kalte Wand lehnend, hatte er die Empfindung, je- mand risse ihm das Herz aus dem Leibe, mit unbarmherigem und unwiderstehlichem Griff. 110 Al er am: sehen. Abe im Kranks Sück. „Trink“, 6 die gefüllt betränl g Noch meh Hine Teill. wunden. T zingen 1w. on dem a zebengt, g blölich] wchte sei der eigene lngamte er ſich au Der lau! Keiken S orbei. In üies alles eler, der bwb, mit ind viez keit zu. P kutte ein emomm eht mu luen umerti u heft lalten lin nneris en be- b. Der ie ge te au. ennens unien ch ent- kt und er er m er- vahr- rn nur mauer Augen 6e- „ und N 1 Als er am anderen Morgen aufstand, erschrak Anna über sein Aus- geben. Aber sie beschloß, zu schweigen. Es war besser, ihn nicht im Kranksein zu bestärken. Hastig bereitete sie ihm das Früh- stück. „Trink“, sagte sie ihm mit ungewohnter Weichheit und hielt ihm die gefüllte Schale entgegen. Fritz trank gehorsam. Das heiße Getränk gab ihm neue Lebenskraft. Noch mehr erfrischte ihn der Weg durch die kalte Morgenluft. Fine Zeitlang schien es, als wären die Folgen der Nacht über- wunden. Die Straße war menschenleer. Einige Schritte vor ihnen gingen zwei andere Waldarbeiter den gleichen Weg. Keiner nahm „on dem anderen Motiz. Jeder ging starr und für sich allein, vor- gebeugt, gleichmäßig, in sich verschlossen. Plötzlich prach neuerlich Müdigkeit über Fritz herein. Er ver- suchte seine Schritte energischer zu setzen. Aber das Geräusch der eigenen Füße hallte ihm quãlend ins Ohr. Der Schritt ver- langsamte sich. Sein Körper begann zu schwanken. Wieder raffte er sich auf. Jetzt befanden sie sich im Wald. Der Tau hing an den Ksten. Durch die Zweige brach ein dünner Streifen Sonne. Der Weg führte an bereits gefällten Stämmen vorbei. In den Gräben stand klares, blitzendes Wasser. Fritz sah dies alles und nahm es in sein Bewußtsein auf. Peter, der Vorarbeiter, halte die zu fällenden Stämme bezeichnet. Groß, mit friedlichem Ausdruck, stand er am Rande der Lichtung und wies mit einfachen Gebärden jeder Arbeitsgruppe ihre Tälig- keit zu. Peter stammte aus dem mẽhrischen Teil der Karpalen, Er hatte sein Leben in Wäldern zugebracht. Seitdem er in der Juden- stadt zu L. lebte, hatte man selten ein Wort aus seinem Munde vernommen. Fritz und Anna schwangen ihre KRte. Der Mann peobachtete sich. Jetzt mußte sich zeigen, ob er krank war. Anfangs verrichteten Muskeln und Sehnen die gewohnte Arbeit. Die Kxte schnitten immer tiefere Kerben in die Stämme. Ein heftiger Durst überkam Fritz. Die Vorste kalten Wassers machte seine Nerven erzittern. 3 Hinter der Lichtung lag ein Teich. Ihn verlangte, zu diesem Teich zu laufen und trinken zu dürfen. Die Vorstellung des Wassers llung eines Glases 11I vurde zur höllischen Qual. Jetzt hatten die Kxie ihre Aufgabe erfüllt. Anna nahm die Säge zur Hand. Aber Fritz konnte seine Gier nicht mehr länger zügeln. Ohne wei- teren Verzug stürzte er zum Weiher. Dort ließ er sich niederfallen, so beftig, daß die Wurzeln das Gesicht zerrissen, und neigte sein Gesicht zum Wasserspiegel. Er trank mit wilder Beharrlichkeit. Das Wasser rann ihm über Gesicht, Brust und Schultern. Er endete nicht eher, als er nicht das Gefühl hatte, zum Bersten voll mit Wasser angefüllt zu sein. Jetzt entschloß sich Fritz, zu seinem Platz zurückzulaufen. 80 schwer seine Beine waren, er zwang sich, rasch zu sein. Die Zweige abwehrend gegen sein Gesicht und gegen die vergebens nach einem Ausweg suchenden Arme. Mehrmals stolperte er über Boumwurzeln. Wie war es möglich, daß er noch immer nicht am Ziele ward Axtschläge tönten. Aber es konnte nicht die Axt Annas sein. Offenbar hatte er sich in der Richtung geirrt. Schweißgebadet bliep er stehen. Der dumpfe Widerhall täuschte. Er kam aus verschicdenen und wechselnden Richtungen, mit un- gleichartiger Stärke, in verschieden langen Pausen. Verzweifelt lehnte Fritz gegen einen Stamm. Fin langer Zug Ameisen kroch über die Rinde, langsam, gleichmäßig, in monoto- ner Endlosigkeit. Seine schlaftrunkenen Augen sahen eine Weile zu, wie die Ameisen einander folgten, unbeirrbar, mit der gleichen Last beladen. Fritz riß sich aus seinem Hindämmern hoch und nahm einen neuerlichen Anlauf. Jetzt waren die Stämme weniger dicht. Zwi- schen ihnen drang voll die Sonne durch. Unvermutet stand er vor neuerlichem Gestrüpp. Er sank ratlos in die Knie. Wieder hörte er das Kreischen der Säge. War es echt oder nur eine Halluzination? Aber ein Geräusch, das an das Rieseln von Sand erinnerte, be- lehrte ihn, daß in nächster Mähe ein Stamm zu stürzen im Be griffe stand. Er sprang auf. Der Widerhall des Waldes gab dem Krachen der niederhängenden Krone hundertfache Gewalt. Fritz blickte auf. Da bewegten sich Schatten über ihm. Wie ein mäch- tiger Finger zeigte es von oben auf ihn. Er suchte sich diesem Zeiger zu entziehen. Aber der Zeigefinger duldete keine Flucht. 1L2 Eine unfi fing sich und Astw Drei Stur den. Ann blasend ausbreitet „Schwäch geflohen Fie sh geruhte( und Trau So hatte Er hatte heimtick hatte er ie sch k rück, ale der de] Schwäcl oclene War 8 lmner mentbe lu den Seschlos nund. q Kn Unn der Sch neht ver Tge wi nn 8 kewe einen natlos 1 m Be⸗ wdem Fr an ch BRevolte 113 Eine unförmige Last erreichte seine Schultern. Er glitt aus, ver- fing sich im Gezweig und war im nächsten Augenblick im Laub und Astwerk begraben. Drei Stunden nach seinem Tod wurde Fritzens Leichnam gefun- den. Anna bettete seinen Kopf in ihren Schoß. Sie sah ihn er- 2 blassend an, während sich das Bewußtsein des Verlustes in ihr ausbreitete. „Schwächling“, sagte sie mit blutleeren Lippen,„warum bist du geflohen und hast unterlassen, mich mit dir zu nehmenꝰ“ Sie sah sein Gesicht an, dieses unerwartet zufriedene und aus- geruhte Gesicht. Ihre Empfindungen schwankten zwischen Neid und Trauer. So hatte er die Flucht ergriffen, wie er zuweilen angedroht hatte. Er hatte sich heimlich davongemacht. Wer hatte Fritz für so heimtückisch gehalten! Er hatte das bessere Teil gewähli. Sie aber hatte er allein gelassen. Nun hatte sie niemanden mehr, um den sie sich kümmern und den sie bevormunden konnte. Sie blieb zu- rück, allein und unfrei. Was sollte sie in diesem riesigen Kerker, der die Welt war! „Schwächling!“ sagte sie verzweifelt und starrte mit heißen und trockenen Augen auf den Toten.„Hast du mich wirklich gehaßt? War es dir unerträglich, mit mir zu leben? Ich wußte es nicht. Immer dachte ich, daß du mich brauchst. Ich bildete mir ein, dir unentbehrlich zu sein—.“ 3. Zu den selisamsten Verbindungen, die jemals in der Judenstadt geschlossen worden waren, zählte die Freundschaft zwischen Ray- mund, dem Maler, und Fenyes, dem Mann aus den Karpaten. Des- sen Unwille zu lernen hatte bereits den Lehrer veranlaßt, ihn aus der Schule auszuschließen. Daher kam es, daß Fenyes nicht viel mehr verstand, als die Schafe seines Porfes an den Abhängen eines Berges, genannt Makovica, zu weiden. Auch dort hatte er kein überirdisches Gesicht. In der warmen Jahreszeit lag er vom Tagesgrauen bis zum Einbruch der Dunkel- heit in schatligen Mulden und starrte, ohne die Schafe zu ver- nachlässigen, in die Wolken. Sobald der Winter kam, flüchtete Fenyes in die Stadt. Port lebie er vom Betteln und Stehlen. Erst in der Gefangenschaft der Deutschen war Fenyes' technisches Geschick entdeckt worden. Seine Finger hatten eine besondere Be- gabung für Griffe und Fertigkeiten. Sie waren ungemein behende im Wickeln von Drähten und im Flechten von Metzen. Sie wußten mit der winzigsten Schraube Bescheid und vermochten sogar das Räderwerk von Uhren zu beherrschen. Fenyes' Geist blieh schwach. Der Karpatorusse war ein gläubiger Jude. Doch sein Glaube war nichts als von wirren Vorstellungen pelebte Finfalt. Er konnte sich nicht einmal das einfachste Gebet einprägen. Sogar das„Höre Israel!“ vermochte er nur unter Nachhilfe her- zusagen. Aber er arbeitete so rasch, daß er in der Lage war, einen Teil seiner Leistung anderen abzutreten. zaymund war außerordentlich langsam. Seine Hände wurden immer müder. Oftmals überwältigte ihn heftiger Uberdruß. Wozu dieses sinnlose Werk? Er setzte nur auf wenige Sekunden aus, um dann erschrocken nachholen zu wollen. Aber je mehr Pausen Raymund machte, desto schwerer wurde es ihm, nachzuholen. Es war das Herz, das ihm zu schaffen machte, ein eigenwilliges, träges und unregelmãßiges Herz. Raymund, in die mühselige Arbeit des Ausschleifens von Zylindern vertieft, merkte es kaum, wenn eine andere Hand die seine wegschob und sich gewandt sein Werkzeug aneignete, um sein Werk zu tun. Fenyes war stolz, einen Menschen beschützen zu dürfen. Er be- lästigte seinen neuen Freund nicht mit Redensarten. Seine Liebe war praktischer Art. Er handhabte für den Maler Schleifmaschine und Schraubstock. Er verrichtete sein Werk mit dem lautlosen, durch nichts abgelenkten Fifer des Insekts. Sooft er dem Blick Raymunds begegnete trachtete er, ihm zuzulächeln. Dieses Lächeln glich nicht dem Lächeln anderer Menschen. Es war ein wilde Grimasse, die über sein Gesicht huschte. Aber die ihn kannten, wußten die Bedeutung von Fenyes' drohend gerunzelten Brauen richtig auszulegen. 114 Eines I brach, zuk un Wort. F ubeit Raymu augeher teilten war zu Der W er die Jeder V ubeit verrich Schlaf. Die La licht. der De Rym Schon nach c nicht den 4 Der 4 Stalt a iner einges devilt undg am tete. Ds einem 6eme Seine gelan. hm 8* Eines Tages wollte es Raymunds Verhängnis, daß er zusammen- brach, während Brigola vorbeiging. Er raffte sich unverzüglich auf und setzte seine Tätigkeit fort. Der Betriebsleiter sagte kein Wort. Beim Abendappell aber wurde Raymund eine Woche Nacht- arbeit auferlegt. Raymund erschrak nicht. Er hatte Khnliches erwartet. Statt heim- zugehen, mußte er in der Werkstatt verbleiben. Sein Schicksal teilten etwa achtzig Leute. Die Hälfte hatte Nachtdienst, die andere war zur strafweisen Nachtarbeit kommandiert. Der Wächter verglich ihre Namen mit seiner Liste. Dann schloß er die Tür und ließ die Zurückbleibenden mit ihrer Arbeit allein. Jeder von ihnen trat an seinen Platz. Dort hatten die mit Nacht- arbeit Bestraften ihr Werk bis eine Stunde nach Mitternacht zu verrichten. Von da bis zum Morgengrauen gehörte auch ihnen der Schlaf. Die Lampen über den Werkhänken gaben ein schwaches gelbliches Licht. Um die Wappen und Spruchbänder spielten Schatten. Unter der Decke huschte ein stoßweiser Wind. Raymund pückte sich und stützte seine Hände auf die Drehbank. Schon jetzt begann sein Herz eine stumme Rebellion. Er suchte nach dem Zylinder, den er zurechtschleifen sollte. Er fand ihn nicht gleich. Aber als er sich aufrichtete, wurde ihm schwarz vor den Augen. Der Anfall ging vorüber. Das Stück nahm die erforderliche Ge- stalt an. Suchend gingen Raymunds Augen durch die Halle. Jeder seiner Gefährten arbeitete stumm, wie in eine durchsichtige Zelle eingeschlossen. Dumpf atmend bemühte er sich, sein Pensum zu bewältigen. Wurde doch am Morgen das Werk geprüft, gezählt und gebucht. Raymund fühlte eine Art matter Gleichgültigkeit. Auch er arbei- tete. Aber er machte immer neue und zuweilen lange Pausen. Das Atmen wurde ihm schwer. Die Stirnhaut brannte, wie von einem gleichmäßigen Feuer bestrahlt. Ihm war bange nach Fenyes. Gerne hätte er dessen geschickte Hand neben der seinen erblickt. Seine Nähe hätte Beruhigung bedeutet, sein Schweigen hätte wohl- getan. Raymund wurde immer müder. Und doch konnte er kaum länger 85 175 als eine Stunde gearbeitet haben. Jetzt hörte er von ferne die Turmuhr von L. Sie schlug zehn. In der Judenstadt ging der beste Teil des Tages vorüber. Raymund fühlte, wie ein neuer Anfall ihn überkam. Er ließ das Werkzeug sinken. Das Licht zu seinen Häupten veränderte die Gestalt. Es glich einem jäh aufsteigenden Stern. iaymund suchte nach einem Halt. Aber der Boden wankte unter seinen Füßen. Die Geräusche nahmen drohende Stärke an. Der Wind zu seinen Häupten donnerte wie ein Gewitter. In der Tiefe schlugen unterirdische Wasser mit der Gewalt eines Erdbebens gegen die Fundamente des Hauses. Plötzlich fingen zwei Arme den Stürzenden auf. Fenyes war da. Sein Atem hauchte an dem Gesichte des Malers vorbei. Der kleine Karpatorusse bettete das müde Haupt des Freundes auf einen Sack mit Sägespänen. Er beugte sich über ihn und flüsterte seinen Namen. Raymund war bei vollem Bewußtsein. Er wollte wissen, wie Fen)yes hereingekommen war. Der Troglodyt verzerrte sein Ge- sicht zu seinem grellsten und abgeschiedensten Lächeln. Als man ihn mit den anderen fortzugehen geheißen hatte, hatte er gewartet, bis es völlig dunkel war. Dann hatte er beimlich den Weg zurückgefunden. Er war entschlossen, Raymunds Arbeit zu verrichten. Er versicherte dem Maler, völlig ausgeruht zu sein. Dieser aber schüttelte den Kopf. Es war nicht mehr nötig, für ihn eine Arbeit zu tun. Er war schon über jede Notwendigkeit, zu arbeiten, hinaus. Während Fenyes zu seinen Füßen kniete, sah Raymund den miß- gestalteten Freund an. Die Augen des Hirten hatten einen hung- rigen und flehenden Ausdruck. Es war kfür seine primitive Seele unvorstellbar, daß der Maler ihn verlassen konnte. Für wen sollte er künftighin arbeiten und sich mühen? Er legte Raymunds Körper zurecht, bettete seinen Kopf auf zer- rissene Tücher, wischte ihm den Schweiß von der Stirn und ver- hüllte, damit der Maler nicht geblendet werde, die über ihm hängende Lampe. Raymund streckte seine Arme aus und legte Fenyes' heiße Hand auf seine kühle Brust. Da begann sein schon stille stehendes 116 6 Herz vo Schah. I seiner 6egen] Heine! Ncht! einer 1 an und sie, um Ruth b eine 2e augetei Herz von neuem zu schlagen. Fenyes wußte nicht, wie ihm ge- schah. Der Sterbende zog ihn zu sich nieder. Er lag plötzlich an seiner Seite und wärmte Raymunds fröstelnden Körper. Gegen Morgen erst, als Raymund längst erkaltet war, verließ der * ie kleine Karpatorusse hebend den Toten. unler Der ſiel⸗ 1 ebens Nicht lange nach Raymunds Hinscheiden entschloß sich Eva zu einer Tat. Auf dem Heimweg von der Werkstatt redete sie Ruth dn an und erbat eine Unterredung unter vier Augen. Es ging, sagte Veine sie, um Leben und Tod. einen Ruth petrachtete erschrocken das Gesicht der jungen Person, die æinen eine Zeitlang ihrer Kraft und Geschicklichkeit wegen der Schmiede zugeteilt worden war und vorher an der Ruth benachbarten Dreh- , vie bank gearbeitet hatte. in be⸗ Evas Gesicht hatte sich verändert. Es war nicht älter, sondern kindlicher geworden: das Gesicht eines Menschen, der sich auf hatte unheimliche Weise rückentwickelt. imlich Ruth versprach zu kommen. Gegen neun Uhr abends fand sie zrbeit sich in Evas luftiger Wohnung ein. Eva wartete nicht einmal, bis m. ihre Besucherin es sich in dem einzigen Stuhl bequem gemacht ig, für hatte. ickeit,„Ich bekomme ein Kind!“ stieß sie hervor. Ruth erschrak. Sie wußste, was dieses Geständnis bedeutete. In der Judenstadt war ein Kind unter der Herrschaft des Judenkom- misars weder geboren, noch auch nur ausgetragen worden. „Bist du dessen gewißd“ fragte sie tonlos. Eva plickte ihre Besucherin an. Sie glich immer mehr einer rat- losen und verzweifelten Schülerin, die sich einer schlechten Sitten- ak rer note wegen aus dem Fenster zu stürzen droht.„Ich bin im dritten er- Monat“, sagte sie. 6 ihw Ruth fühlte Hitze in ihrem Körper aufsteigen. Am liebsten wůre sie fortgelaufen. Was konnte sie für Eva tun?„Ich frage nicht, land 6 wer der Vater ist“, murmelte sie. „LEr ist tot.“ „Es ist ja auch gleichgültig. Wenn du dir nicht zu helfen ver- standen hast, so kann dir niemand helfen.“ Eva nickte.„Ich war nicht imstande, mir zu helfen. Ich tat, was in meinen Kräften stand.“ Ruth senkte die Augen. Die Hitze drohte sie zu versengen. „Bis auf eines—“, fügte Eva hinzu. Und sie erzählte die Ge- schichte ihrer bisherigen Leiden: wie sie ihrem armen Körper, diesem Behälter des Unglücks, die Frucht abzuringen bestrebt war, und wie alle Bemühungen versagt hatten. Diese Frucht saß in ihr fest, unnachgiebig und zäh. Eher konnte sich Eva die eigenen Knochen brechen als diesen Keim entwurzeln, der in ihr festgewachsen war. Und Eva brach in Wehklagen aus. Was sie seit Wochen in sich verschlossen hatte, machte sich plötzlich Luft. Ihr Geschrei hatte die Urgewalt einer alttestamentarischen Verwünschung. Sie fluchte ihrem Schicksal. Sie beweinte den Tag, an dem sie gezeugt worden war. Sie warf sich vor Ruth auf die Knie und raufte sich das Haar. Sie preßte ihr Gesicht an Ruths Schoß. Dann brach sie, mit ihren Armen Ruths Beine umklammernd, in ein stilles, ver- zweifeltes Weinen aus. „Warum müssen wir so unglücklich sein!“ sagte sie kaum hör- par und trocknete ihr Gesicht an Ruths Rock. Und leiser weinend fügte sie hinzu:„Du weißt nicht, was es heißt, auf sein sicheres Ende zu warten und sich vorzustellen, daß das eigene Kind dieses nde herbeiführt. Ich schlafe nicht. Denn mir graut vor der Nacht. Ich kann ihr Ende kaum erwarten. Ebenso aber fürchte ich mich vor dem Morgen. In wenigen Monaten ist das Verhängnis über mir. Dieser Körper wird zusammen mit dem ungeborenen Kind in einer Grube liegen. Ich werde keine friedliche Stunde mehr sehen, wie vielleicht du und hundert andere. Kein einziger glücklicher Tag geht für mich auf. Ich werde nie mehr auf- atmen—“ Sie hob ihr von Tränen überströmtes Gesicht. Die salzige Feuch- tigkeit hatte alle Entstellung hinweggespült. Evas Züge strahl- ten Unschuld und das Geheimnis der Jugend. Ihnen war so wenig von Todesnähe aufgeprägt, daß man ihre Angst unbegreiflich finden mußte. 118 Plötulich ihr m, e weikelte wenigste Nemanc gründe Ruth ve wurde, gehört. inte 4 sie tun iratliche man un gewöhn chickt eine In Was 601 unfilig Aber E einen laien uk de 6lück, Ruh v uigtei rtich Aber der Fr is gr kulls hreunq beul. Rulh W ral reltete lü Uegen Piõtzlich sprang Eva auf. Sie fiel Ruth um den Hals und flüsterte ihr zu, daß es noch eine Hilfe gab, wenn sie auch in einer ver- zweifelten und gefährlichen Handlung bestand. Aber sie endete wenigstens das Warten. Sie brachte sofortige Entscheidung. Niemand als Ruth konnte helfen. Hatte sie nicht die Anfangs- . ße- gründe der Medizin gelerntꝰ Ruth verlor die Farbe aus dem Gesicht. Was von ihr verlangt , Was örper, wurde, war unausführbar. Wohl hatte sie von solchen Eingriffen 3 85 gehört. Frauen, die nicht gebären wollten, unterzogen sich ihnen. wa die Krzte aber nahmen sie nur in dringenden Fällen vor. Was konnte 5* e sie tun? Sie hatte nicht einmal ein Messer, wieviel weniger . zrztliche Instrumente. Sie wußte nicht, was man tat und was man unterließ. Ihre Hände, die sich kaum an den Seziertisch — gewöhnt hatten, waren durch schwere Arbeit steik und unge- — schickt geworden. Wie konnte sie die Gefahr auf sich nehmen, 3 Aun eine Infektion herbeizuführen, die wahrscheinlich tõdlich war. Was sollte überhaupt ein Eingriff nützen, wenn er Eva arbeits- ich 45 unfähig machte! Aber Eva war nicht so leicht zu schlagen. Jeder Fingriff erfüllte Ner seinen Zweck, ob er von den Händen eines Arztes oder eines Laien herrührte. Sie war bereit, jede Verletzung zu ertragen⸗ „— auf die Gefahr hin, daß sie tödlich war. Hatte sie ein wenig eineni Glück, so war sie in drei Tagen wieder gesund. ichere⸗ Ruth weigerte sich. Erbleichend lehnte sie an der Wand und 1ies zeigte ihre zersprungenen Hände. Diese Hände waren unfähig, zu or der verrichten, was Eva vorschlug, Ruth versuchte, zu entrinnen. õrchle Aber Eva warf sich vor der Schwelle nieder. Sie kniete vor hãngus der Freundin. Schweigend überreichte sie ihr ein Instrument, borenen das grausam aussah, eine Feile, die sich kalt und spitz in Sunle Ruths Handfläche schmiegte. Sie schluchzte und beschwor die imiger Freundin, Mitleid zu haben. Sie schrie wie eine, die um ihr Leben au. bettelt. Ruth verlor die Kraft zum Widerstande. Evas Weinen machte Feuch sie ratlos. Schon war ihr Sträuben halb überwunden. Vielleicht hl rettete sie noch die Flucht. Sie rang mit Eva. Diese aber 0 enis Riesenkräfte zu besitzen. Sie drängte Ruth immer tiefer in das eillch Innere der Kammer zurück. 119 Nach einer grauenvollen Viertelstunde war es geschehen. Eva war besinnungslos. Ruth war es zumute, als hätte sie einen Mord be- gangen. Hastig eilte sie zum Wasserbottich, um ihre Hände ab- zuspũlen. Dann übergoß sie Evas Gesicht mit kaltem Wasser. Eva öffnete stöhnend die Augen. Eine Zeitlang kämpfte sie mit dem Schmerz. Aber nach einer Sekunde der Wachheit wurde sie sich des Vorganges bewußt. Sie warf Ruth einen dankbaren Blick zu. „Es ist überstanden“, flüsterten ihre Lippen.„Ich weiß, daß du mehr gelitten hast als ich.“ „Was jetzt“, sagte Ruth bitter.„Du bist verletzt. Ich habe eine Tat begangen, die ich mir niemals werde vergeben können. Was wird man den anderen sagen?“ „Nichts“, erklärte Eva,„als daß du mich in diesem Zustand auf- gefunden hast.“ „Du brauchst den Arzt.“ Ich glaube nicht“, stöhnte Eva,„daß mir das Recht auf einen Arzt zusteht. Wer sollte ihn aus der Stadt rufen dürfend Bri- gola würde niemals zugeben—“ „Sei froh, daß Brigola nicht vorher befragt werden muß. Außer- halb der Werkstatt ist Jonas berechtigt, in Fällen dringender Ge- fahr einen Arzt anzusprechen. Er ist auch der einzige, der das Ghetto zur Macht verlassen und die Christenstadt betreten darf. Ich gehe sogleich zu ihm.“ „Sag ihm nur das Nötigste!“ bat Eva.„Er wird verstehen und erraten, was du ihm verschweigst.“ Jonas nickte, als Ruth ihm den Zustand der Freundin schilderte. Wer konnte wider die menschliche Natur! Man durfte niemanden anklagen, nicht einmal die Natur selbst. Jene aber anzuklagen, die Schuld trugen, was konnte es nützen? Man mußte retten, was zu retten war. Auf᷑ dem Wege zum Arzt dachte der Judenrat unablässig über die Absichten der Vorschung nach. Auch Hiobs Leiden hatten geendet. Der Herr hatte Hiob zweimal soviel gegeben, als er ver- loren hatte. Niemals konnte der Herr eine Gemeinschaft neu he- leben, die ausgetilgt war. Konnte er die Asche von Millionen 120 nusammen icht lag, dem Leib Und dies der Frau klucht zu terstören Der Doht Mitleid † Konnte, o er für H ander he eines leic Jonas ahe leute no Juden ve wang i töten. B erreg Judenrit ihre Wo enstadt inmal enogen merte 4 ändes, Mr. Sie gekührt worden gückic päter chuh An Un on tu a war ord be- de ab- Wasser sie mit wurde kbaren daß du be eine n. Was nd auf- einen zußer- der das en und manden aklageß⸗ ten, vs über zusammenfügenꝰ Und wenn alles, was geschah, in seiner Ab- sicht lag, wollte er auch, daß Mütter sich die eigene Frucht aus dem Leibe schnitten? Und dies schien Jonas das Schlimmste zu sein: was im Schoß der Frau aufwuchs, das Heilige und Künftige, auszumerzen; ver- flucht zu sein, zur Kindesmörderin zu werden; den Samen zu zerstören und die Stätte der Fruchtbarkeit wüst zu machen. Der Doktor liebte keine Gespräche. Ohne hart zu sein, hielt er Mitleid für Energieverschwendung. Er half, soweit er helfen konnte, ohne sich selber zu schaden. Uber dieses Maß hinaus war er für Hilferufe taub. Und so gingen sie schweigend nebenein- ander her, der Doktor und Jonas. Jener fühlte sich mißbraucht, eines leichtsinnigen Mädchens willen Seine Nacht einzubüßen. Jonas aber beneidete den Arzt. War er und waren seine Lands- leute noch so geschlagen, was war ihr Schicksal mit dem der, Juden verglichen! Niemand sann Massentod für sie aus. Memand zwang ihre Töchter, das ungeborene Kind im Mutterleib zu töten. Es erregte genug Aufsehen im Lager, als über Anordnung des Judenrats in tiefster Macht vier der vorbestimmten Bahrenträger ihre Wohnungen verließen und Eva ins Krankenhaus der Chri- stenstadt brachten. Finmal dort angelangt, war Eva dem Zugriff des Betriebsleiters entzogen. Sie fiel ihm nicht mehr anheim. Ihr Zustand verschlim- merte sich rasch. Unablässig dachte Eva an das Schicksal ihres Kindes, dessen Dasein so jäh und vorzeitig unterbunden worden war. Sie malte sich das Leben aus, das dieses Kind in Freiheit geführt haben mochte. Sie war überzeugt, daß es ein Sohn ge- worden wäre. Sie ahnte das Lehen dieses Sohnes in einer neuen, glöcklichen und friedevollen Welt. Später verblaßte das Bild des Sohnes. Er ließ sie mit ihrem Schuldbewußtsein und ihren Schmerzen allein. Am Ende verlor sie das Bewußtsein. Das hohe Fieber war ihr gnädig, gab ihr freundliche Bilder und Einfälle und ließ sie, von tröstenden Visionen umgeben, ein schmerzloses und sanftes Ende finden. 2 W EIT E R TEIL. S* — —— — ——— —— Bngols jedermann groz d gesen— ih de M nehr, keit büt mar Sund ma genen 4 Aechende iörper be nguen berchet gin. Ugt li Kd im ungb D er Mor iges. D mer ak NEUNTES KAPITEL Brigolas Regiment war unerträglich geworden. Es lastete aut jedermann. Müdigkeit, Abscheu und Hoffmungslosigkeit waren 80 groß, daß auch der kleinste Trost— das vorübergehende Ver- gessen— versagte. Wollte selbst der Kopf vergessen, so entsannen sich die Muskein und Sehnen. Das Leben hatte keinen Feierabend mehr, keine Atempause, keine Minute der Erholung. Ging man zu Bett, so glaubte man vor Mädigkeit zu sterben. Stand man auf, so war man nicht weniger müde als am vergan- genen Abend. In den Knochen stak eine brennende Qual, ein stechender Schmerz, das Gift wachsender Ubermüdung. Die den Körper beherrschende Unlust war unausrottbar. Wenn selbst die Jüngsten einander in dem strahlenden Licht eines Junimorgens betrachteten, erkannten sie, daß sie aufgehört hatten, jung zu sein. Angst hing wie eine Wolke über der Judenstadt, langsam wach- 8 send, immer dichter und drohender. Sie pedeckte den Himmel, umgab Dächer, Fenster und Türen. Der Morgenappell war das getreue Abbild des pevorsteherden Tages. Da standen sie, ein Strafbataillon von Gefangenen; schlim- mer als Gefangene, weil es kein Reglement gab, das ihre Leiden ihrem Ausmaß nach abgrenzte. Brigola nannte die Namen derer, die nicht volle Arbeit geleistet hatten, und fügte die Strafen hin- zu, die ihnen auferlegt worden waren. Er lächelte, wenn er sprach, und seine Worte troffen ihm wie 125 Honig von den Lippen. Aber sie peitschten die Arbeitenden vor- wärts, brachten Tollwut in ihre Bewegungen, schüttelten ihre Kör- per wie ein Sturm und brachten sie durcheinander mit der ele- mentaren Gewalt eines Erdbebens. Das Ende des Tages ließ sie Epileptikern gleichen. Sie torkelten von ihrem Platz, mit irrem Ausdruck in den Mienen, schlenkern- den Armen, leeren Augen und schaumbedeckten Lippen. Es war Ruth, die es eines Machts aussprach. Draußen bereitete sich ein Gewitter vor. Die Schwüle reichte bis in die Kammer herein. Sie machte das Atmen schwer. Schweiſibedeckt lag man in der heißen Luft, todmüde und von einer unnatürlichen Dumpf- heit gepeinigt. Michael hielt die Zähne aufeinander gepreßt. Sein tiefes Atmen erlöste ihn nicht. Sein Körper war zu erschöpft, um der Schwüle Widerstand entgegenzusetzen. Er keuchte leise. Da er nicht wußte, ob Ruth schlief, wagte er nicht, zu reden. Meben ihm, in Reichweite, stand eine Kanne Wasser. Er trank, aber er fühlte sich nicht er- frischt. Das Wasser war warm, und es schmeckte beinahe bitter. Der Schweißß rann ihm unablässig die Schläfen entlang und quälte die Haut. Aber wenn Michael den Arm aufhob, um sich abzutrocknen, schmerzten seine Muskeln und zwangen ihn, den Arm in die alte Lage zu versetzen. Sogar das Atmen schmerzte. Der Brustkorb trug eine unsichtbare Last. Manchmal tastete Mi- chaels Hand unwillkürlich nach der Brust, um diese Last wegzu- schieben. Aber sie stieß nur gegen die nackten Rippen. Von weitem börte man das Rollen des Donners. Aber der Regen ließ auf sich warten. Die Schwüle nahm zu. Mit geschlossenen Augen wartete Michael auf den Regen. Plötzlich regte sich Ruth:„Erträgst du es?“ fragte sie.„Ich nicht.“ „Hab Geduld“, bat Michael.„Regen liegt in der Luft. Die Ab- kühlung ist nahe. Bald wirst du aufatmen können.“ Aufatmen“, stöhnte Ruth.„Wanm sollten wir aufatmen dür- fen?“ Michael wandte unmutig den Kopf und betrachtete Ruths fin- Steres Gesicht. Der Schweiß troff aus seinen Poren. Das Blut häm- merte gegen die Aderwände. 126 Da wurde ne Gevitter.§ Hinde„Irge Nicht hier!“ zu Tollheiter sonen.“ Am Machmit Turm nkam wesen. Niem Name var b virklich so, duckten Hal tehenden N uyorkomme anstandung in Streit Angehörigen Anna fand der Kopf erung halb geprägt We Sorge vad löst und ge lnne viec mmer vied Khüchtene esicht aus. Nerse liuti ges und an A fech und ei egegnun etat vies den Tri 4th er deines dus tmen wüle ußte, eile, 1 er⸗ er. und ich den erie. iegen senen bãm Da wurde neuerlich ihre Stimme laut.„Vielleicht erlöst uns ein Gewitter.“ Sie legte das Gesicht auf die heißen und feuchten Hände.„Irgend einmal muß es doch eine Explosion geben!“ „Nicht hier!“ schrie Michael.„Unser Volk ist zu klug, um sich zu Tollheiten hinreißen zu lassen. Gott behüte uns vor Explo- sionen.“ Am Machmittag des folgenden Tages brach ein Mann nahe dem Turm zusammen. Es war ein stiller und wortkarger Mensch ge- 3 wesen. Niemand wußte, woher er kam. Nicht viel mehr als sein 3 Name war bekannt. Man nannte ihn Bieber. Vielleicht hieß er wirklich so, vielleicht verdankte er seinen Namen der ewig ge- duckten Haltung, den kleinen, ängstlichen Augen und den vor- stehenden Nagezähnen. Er war wohlgelitten, weil er fleißig und zuvorkommend war. Niemals hatte er bei der Arbeit eine Be- anstandung gehabt. Miemals war er mit einem Arbeitskollegen in Streit geraten. Seine Geduld war größer als die eines anderen Angehörigen der Belegschaft. Anna fand ihn vor der Tür. Er lag auf der Erde, ausgestreckt, der Kopf lehnte an die Mauer. Der Mund war wie vor Verwun- derung halb geöffnet. Staunen und Unglauben waren ihm auf- geprägt. War es möglich, daß er schon jenseits von Angst und Sorge war? Hatte der Tod ihn nicht geprellt? War er wirklich er- löst und gerettet? 5 lmnmer wieder schienen die dünnen Lippen die Frage zu Stellen, 3 immer wieder baten die gebrochenen Augen um Bestätigung. Ein Schüchternes Lachen breitete sich auf dem ein wenig einfältigen * Gesicht aus. Anna versenkte sich in Biebers Züge. Sie hatte ihn vorher nur flächtig gesehen, weil Bieber in der Vullkanisieranstalt arbeitete 3 5 und am Abend niemals ausging. Aber sein Gesicht war so ein- fach und einprägbar gewesen, daß man seine Züge nach der ersten Begegnung behalten konnte. 1 Jetzt wies dieses Gesicht einen neuen Zug auf, eine Art pfiffi- gen Triumphs. Bieber schien sich mit dem Gedanken zu befreur- den, daß er— er wußte selber nicht, wie— den schlimmsten Teil seines Daseins überstanden hatte. 127 „Seht doch Bieber!“ sagte Anna.„Wie er sich freut, daß er tot ist! Er scheint es kaum für wahr halten zu können!“ Sie schloß ihm die Augen und brachte seine Kiefer näher zuein- ander. Einige Menschen sammelten sich um den Leichnam und betrach- teten dessen mißtrauisch lachendes Gesicht. Anna legte den Kopf sanft auf den Boden.„Daß manche Männer so rasch und sicher zu sterben imstande sind! Kaum läßt man sie allein, sind sie schon auf der Flucht.“ Sie dachte an Fritz, ihren Mann, der sie vor nicht allzulanger Zeit auf gleiche Weise plötzlich verlassen hatte. Bitterkeit füllte sie. „Wer von uns beneidet Bieber nicht!“ sagte Anna. Der Klang ihrer Stimme war unvergeßlich tief, heiß und entschlossen.„Wer ist nicht bereit, mit ihm zu tauschen? Wer möchte nicht, wie er, alle Mühsal hinter sich gelassen haben?“ Annas Stimme hatte eine immer größere Wucht angenommen. Sie straffte sich, wurde stark und gellend. Und die Leute, zu denen sie sprach, duckten sich unter der Lockung dieser Stimme. „Wer ist nicht willens“, fragte Anna noch einmal,„Bieber zu sein?“ Viele sagten es an diesem Abend nach. Hunderte beneideten den Toten. Alle wären bereit gewesen, Bieber zu sein. Es gab nichts Erstrebenswerteres für Gefangene als solchen Tod! 2. Jan bewies in diesen Tagen eine ungewöhnliche Widerstandskraft. Er vermochte nicht nur sich selbst aufrechtzuerhalten. Er half auch anderen, so gut er es vermochte. Junge veranlaßßte er, zu reden. Er wußte die Worte und Redens- arten, um die Verhärtung ihrer Seelen zu durchdringen. Von ihm ging auch dann noch Tröstung aus, wenn die meisten schon unerreichbar fremd und gegen die Stimmen der Nächsten taub geworden waren. Jan bemühte sich, in keiner Weise aufzufallen. Wiewohl er still- 128 vlweigend a nie as volche Dennoch war zeit eregte. ut᷑ sich. Eine geschrieben. e ökter Brig Kudieren un hagen in ihm. Ubeiter berei kdgt. Aber v lufig duldet hald der Wer Jan ethielt c beben und Ke lrnsportleut en Weg vor hahnhof vie brachte Güter mmer war weichen sollte bencllesien ſem Jan a ene halbe St er ach w Serhäusern nütig sahen ie B in eu eimern uh ie Abeit 2 er Weran ehle ihn daß e r wein· betrach- Mãnner man tie mlanger it fölle r Klang n.„N er vie er. ommel. eule, 1 mme. ebet n b nicb schweigend als Vertrauensmann der Belegschaft galt, war er noch nie als solcher aufgetreten. Dennoch war es unvermeidlich, daß Jan Brigolas Aufmerksam- keit erregte. Sein Apostelkopf zog den Blick des Betriebsleiters auf sich. Eine Spur von Aufsässigkeit schien ihm in die Brauen geschrieben. Je öfter Brigolas Augen nach Jan ausspähten, ihn betrachteten, studierten und abschätzten, desto deutlicher wurde das Mißbe- hagen in ihm. Wäre Jan von Schilling nicht als einer der besten Arbeiter bezeichnet worden, Brigola hätte sich seiner längst ent- ledigt. Aber wenn er ihn seiner Verwendbarkeit wegen auch vor- läufig duldete, so beschloß er dennoch, Jan eine Zeitlang außer- halb der Werkstatt Dienste tun zu lassen. Jan erhielt den Befehl, seinen Platz an der Werkbank abzu- geben und sich unter die größtenteils einheimischen Lenker und Transportleute einzureihen. In seiner neuen Figenschaft legte er den Weg vom Schloß zum Frachtenbahnhof in R. und vom Bahnhof wiederum ins Schloß täglich mehrmals zurück. Er brachte Güter in die Werkstatt und Alteisen zur Verladung. Immer war ihm ein Mann zugeteilt, der nicht von seiner Seite weichen sollte. Aber der Wächter, ein grauhaariger Landwirt aus Oberschlesien, nahm es mit der Pflichterfüllung nicht allzu genau. Wenn Jan auf dem Bahnhof arbeitete, verstand er es, sich auf eine halbe Stunde unsichtbar zu machen. Aber auch wenn er fehlte, stand Jan unter Bewachung. Zwischen Lagerhäusern und Verschubgeleisen standen Uniformierte. Hoch- mülig sahen sie dem Treiben von Juden und Eingeborenen zu. Die Bauern unter ihnen dachten schläfrig an ihr Dorf, sahen in Gedanken die Felder reifen und hörten das Vieh aus den Tränk- eimern schlürfen. Die Arbeit auf dem Bahnhof war, verglichen mit der Arbeit in der Werkstatt, eine Erholung. Niemand war hinter Jan her und hetzle ihn zu größerer Leistung. Keine Stoppuhr wurde ihm ent- gegengebalten. Kein Vormann machte ihm grundlose Vorhaltun- gen. Die an Jans Seite tätigen Ukrainer waren meist verschlossen und mißtrauisch. So konnte Jan seinen Gedanken ungestört nach- hängen. 0 Revolte 129 Aber beim Abendappell sah Jan seine Arbeitsgefährten. Auf dem Heimweg hörte er ihre Gedanken. Jeden Tag redeten sie sehn- licher vom Tod. Waren sie wirklich schon so weit, um die Toten zu beneiden? Einmal auf dem Heimweg sah sich Jan plõtzlich neben Wolf. Die- ser Zufall schien ihm bedeutsam. Wolf nickte dem Jüngeren freundlich zu und ging ein Stück an seiner Seite, mit seinem unbeirrbaren, ruhigen und gleichmãßi- gen Gang. „Du siehst frisch aus“, Sagte er anerkennend.„Und du mußt es auch sein. Du hast dir in den letzten Tagen viele Freunde gemacht.“ Jan senkte den Kopf.„Und doch kann ich helfen.“ Er sah seinen Begleiter von der Seite an.„Gibt es überhaupt noch eine Hilfe?“ Si6 gingen weiter. Gebüsch und niederhängende Zweige nahmen sie„Außer einer einzigen Maßnahme— Jan bildete sich ein, daß der plötzlich ausgesprochene Gedanke seit langem in ihm gearbeitet hatte.„Glaubst du, daß es an der Zeit ist, die von dir Lösung zu versuchen?“ „Nein.“ Wolf beseitigte vorsichtig Spinnweben, die ihm zwischen seinen Brauen hängengeblieben waren. „Aber du vergißt“, sagte Jan in Wolfs Ohr,„daß sich seit unserem letzten Gespräch vieles geändert hat. Damals erwarteten sie alles vom Leben. Heute denken sie an den Tod.“ „Glaub es nicht!“ riet Wolfs zurückhaltende Stimme.„Sie möch- ten sich überreden, daß sie sterben wollten. In Wirklichkeit hän- gen sie stärker am Leben als je.“ „Und was—“, hörte Jan sich sagen,„wäre doch imstande, sie zu einer Aktion zu veranlassen?“ „Was vermagst du gegen den EFigensinn des Selbsterhaltungstrie- bes?“ lächelte Wolf.„Da müßte schon ein Wunder geschehen, um sie zu ändern. Ein Prophet müßte erscheinen, mit allen Attri- buten seiner Echtheit. Oder sie müßten auf andere Weise eine Botschaft erhalten.“ Sie schritten unter einer Wölbung von belaubten Wipfeln durch. Jetzt sahen sie das Judentor, oder vielmehr seine Reste. Verfallene Giebel, Erker und Kamine schimmerten durch das Laub. „Keine Botschaften aus Flugzeugen und Untergrundaeitungen“, 130 betonte Wo algemein g Shaft. Pin wer sendets Bekehlel We Da hatte de äch von gl Seit einiger als Jun, an Mann gepr lmmer war fang vat Dngmno berzinz d Dragomano Sello hör aut᷑ die Un hielt und 3 8 ier Aheit vr; vie l ln 8b lung. ines n r ubri betonte Wolf mit leisem Spott.„Alle diese Botschaften sind zu allgemein gehalten. Eine nur für sie bestimmte persönliche Bot- schaft. Ein Befehl, dem sie sich nicht entziehen können. Aber wer sendet schon an die Bewohner der Judenstadt Botschaften und Befehle! Wer überbringt sie! Und wer schenkt ihnen Glauben!“ 3. Da hatte der Zufall eine Botschaft für die Judenstadt. Es ergab sich von selbst, daß Jan ihr Uberbringer war. Seit einiger Zeit arbeitete Dragomanov, ein Ukrainer, wenig älter als Jan, an dessen Seite. Anders als seine Landsleute war der Mann gesprächig. Er war es auf eine eigentũmlich stürmische Art. lmmer war er der Frager, und Jan mußte Rede stehen. An- kangs war die Verständigung nicht leicht. Jans Tschechisch und Dragomanovs Ukrainisch näherten einander nur in Etappen. Bald aber ging die Unterhaltung ohne Mühe vor sich. Dragomanov wollte von den Leiden der jüdischen Belegschaft im Schloß hören. Jan mußte die Arbeitsordnung und ihre Wirkung auf die Untergebenen peschreiben: wie der Betriebsleiter Appell hielt und strafte; welche Veränderungen die Zeit in den Körpern der Arbeitenden erzeugte; welches das Schicksal der Verschickten war; wie lange es dauern mochte, bis es zu Ende ging; wie weit die Geduld der Leute reichte. Jan gab ruhig Bescheid. Er übertrieb nicht. Die Nüchternheit und die Wahrhaftigkeit seiner Erklärungen verfehlte nicht ihre Wir- kung auf den Zuhörer. Eines Tages drängte sich der Ukrainer dichter an Jan heran. „Habt ihr“, fragte er,„nie den Finfall gehabt, zur Selbsthilfe u greifen?“ Jan erschrak. Wie konnte dieser Mensch erraten, woran er un- ablässig dachte? Oder lag dieser Gedanke in der Luft? Brauchte man nur zu atmen, um ihn einzusaugen? „Ich weiß nicht, ob es für uns Selbsthilfe gibtl“ erwiderte er langsam. Die halh tatarischen Backenknochen des Ukrainers stachen spitz 9 131 hervor. Er zögerte. Offenbar kämpfte er mit einem letzten MiB- trauen. Jan verriet keine Neugier. Fieberhaft arbeitete er an seiner Ladung. Auch Dragomanov hatte seine Arbeit wiederaufgenommen. Ab und zu tasteten seine Augen Jan ab. Und wãhrend sie beide mit- einander eine Anzahl schwerer Werkzeugkisten aus dem Eisen- bahnwagen hoben und neben den Schienen niederstellten, fragte der Ukrainer, ob Jan die Kasematten des Schlosses kannte. Jan nickte. Er hatte unten gearbeitet. Neben dem Gefängnis gab es weitläufige Vorratsräume. Der Ukrainer lächelte geheimnisvoll. Ob er jenen Teil der Kase matten kannte, deren Schießscharten sich gegen den Marktplatz der Stadt I. richteten? Ob er dort eine neu angefertigte Wand wahrgenommen hatte, mit einer Eisentür, an der Hängeschlösser angebracht warenꝰ? Jan erinnerte sich. Die groteske Romantik des Raumes hatte ihn damals gefangen. Die Decke war hoch und gewölbt. Eine Wendel- treppe schraubte sich jäh nach oben, durch einen breiten Absatz unterbrochen. Jan hatte sich einen polnischen Pän vorgestellt, der, auf dem Trep- penabsatz stehend, sich hinunterbeugte, um zuzusehen, wie man in diesem unterirdischen Raum Gefangene verhörte, aus magi- schen Büchern Geister beschwor oder in riesigen altertümlichen Retorten Gold machte. Der Ukrainer hatte jede Zurückhaltung fallenlassen. Er verriet Jan, daß hinter der erwähnten Eisentür sich ein großer Teil jener Waffen befand, die man zwei Jahre vorher im ganzen Kreise beschlagnahmt hatte. Er selber, Maurer von Beruf, hatte mit anderen die Wand errichtet. Jan hörte zu, während er die Kisten ordnete. Dann schloß er den geleerten Eisenbahnwagen zu. Fieberhitze durchdrang ihn. Aber er wollte seine Erregung nicht verraten. „Ich danke dir“, sagte er leise.„Es ist immer von Vorteil, zu wis- sen, wo man Waffen findet.“ Er begann seinen Lastwagen zu beladen. Jede Reihe der Werk- zeugkisten wurde mit Stricken festgeschnürt. Dragomanov sah schweigend zu, ohne selber einen Handgriff zu verrichten. 132 Du virst ihr mit der Jan lächelt dunklen un „Was ich d ich dir mu Jan regte Stricke zus Lokomotn auf den Se luft ꝛerfl ie sich zu Portal des or veni lier auf q Ungedud cie&chien mischte zic Heute“ 8 Bogln w T iigkeits bis u den Der ieig det. Polen Schen Spr Wuden Wod“ keuchte Jan. „Du wirst mich fragen“, bemerkte er plõtzlich versessen,„was ihr mit den Waffen anfangen sollt.“ Jan lächelte, aber sagte nichts. Dragomanovs Gesicht nahm einen dunklen und drohenden Zug an. „Was ich dir bis jetzt gesagt habe, wissen einige hier herum. Was ich dir nunmehr sagen werde, keiner.“ Jan regte sich nicht. Er hielt die Arme hoch und knotete die Stricke zusammen. Drüben wurde ein Lastzug verschoben. Eine Lokomotive von altertümlicher Bauart näherte sich. Jan starrte auf den Schlot, aus dem dichte Rauchwolken aufstiegen. In der Luft zerkließend, nahmen sie allerlei Gestalt an. Bald formten sie sich zu einem langen Korridor, pald weiteten sie sich zu dem Portal des Schlosses. „Vor wenigen Tagen“, flüsterte Dragomanov,„sind zwei unserer hier auf dem Bahnhof arbeitenden Leute entwichen.“ Ungeduld berkam Jan. Sein Aufsichtsorgan kam gemächlich über die Schienen. Der Lastzug nahm den Weg zurück. Der Rauch ver- mischte sich mit weißem Dampf. „Heute“, sagte Dragomanov,„Sind sie bei Bogdans Leuten.“ Bogdan war einer der kühnsten ukrainischen Freischärler. Sein Tätigkeitsbereich lag weiter im Osten. Niemals noch hatte er sich bis zu den Städten L. und R. vorgewagt. Der hiesige Kreis hatte für Banden eine Art Niemandsland gebil- det. Polen fühlten sich hier infolge des Uberwiegens der ukraini- schen Sprache fremd. Ukrainer aber wußten sich von den großen Wäldern und Strömen des Ostens besser beschützt. Deshalb hatte auch niemand ernsthaft die Möglichkeit erörtert⸗ in dieser Gegend Anschluß an die Aufstandsbewegung zu suchen. Bogdan, dessen Name nur einigen jüngeren Ange Judenstadt bekannt war, Stellte für sie eine Art Legendengest dar. Jan hatte bisher nicht an ihn geglaubt. Jelzt aber glaubte er an ihn. „Sind“, stammelte Jan mit trockenen Lippen,„ der Nähe?“ „Sie sind da und warten drei volle Tage auf euch.“ hörigen der alt Bogdans Leute in Der Oberschlesier war bereits in Hörweite. Dragomanov packle 133 Sttrhe heftig Jans Arm. Seine Lippen bildeten zwei Silben, mehrmals, mit aller Eindringlichkeit, bis Jan sie ablesen konnte. Diese bei- den Silben stellten den Namen eines etwa zwanzig Meilen von hier entfernten bewaldeten Berges dar. Jan half seinem Begleitmann in den Sitz. Dann schwang er sich selber hinauf. Von oben blickte er Dragomanov an, auf dessen Lippen noch immer die zweite der beiden Silben schwebte. Dann fuhr er los. In rasendem Tempo legte er die gewohnte Strecke zurück. Sein Herz hörte nicht auf, erregt zu klopfen. Unruhe jagte in hef- tigen Stößen durch seinen Körper. Die Kleider brannten ihm auf der Haut. Das Lenkrad bäumte sich unter seinen Händen. Er hatte seine Botschaft empfangen. Zwischen Bäumen und Hügeln näherte sich die Anhöhe, auf der das Schloß lag. Sein, wenngleich Ruine, immer noch machtvoller und imponierender Bau stand mit seinen Zinnen dunkel gegen den hellen Himmel. Man konnte das Haupttor des Schlosses sehen. Er war von greller Abendsonne peleuchtet. Die beiden beschädig- ten Türme warfen langgestreckte Schatten. Der Portalschmuck, Könige und deren Frauen, schien in Flammen zu stehen. Die Mittelwand trat hervor. Deutlich war die Verwüstung zu er- kennen, die ein Sprenggeschoß angerichtet hatte. Die Hälfte der Mauer war nackt und zeigte die Bruckstücke riesiger Quadern. Die andere trug noch die Reste ehrwürdiger Zieraten. Verwitterte Köpfe, im Schattenspiel pelebt, neigten sich aus halb- runden Offnungen. Mönche ritten feixend auf Greifen und Fleder- mäusen. Verdammte hingen über zuckenden Höllenfeuern. Hei- lige versammelten sich zu wunderlichen Chören. Während Jan am Hauptportal vorbeifuhr, vergaß er keinen Augenblick, daß er mit einer Botschaft kam. In den nich Die Menshe len die best Maßnahmen Die invoh et. Sie füh Aber daß m denklich. v ſer vaen Onnte die Lu dieem die Wahl Mitte. gen. Es gab en. Sie n vollten. be un ler zuf kr § ahgelegen Wichre genonn Z2EHNTES KAPITEL. In den nächsten Tagen gingen Jans Boten durch die Judenstadt. Die Menschen wurden aufgefordert, zehn Vertrauensleute zu wäh- len, die bestimmte Machrichten empfangen und über zu treffende Maßnahmen beraten sollten. Die Einwohner der Judenstadt hatten Ahnliches insgeheim erwar- let. Sie fühlten selber, daß sie vor einer Entscheidung standen. Aber daß man sie zu dieser Entscheidung zuzog⸗ machte sie be- denklich. Wie konnte man ihnen eine Entscheidung zumuten! Wer waren sie, daß sie entscheiden sollten! Und welchen Inhalt konnte diese Entscheidung haben! Aus diesem Grunde verwendeten sie nicht allzu große Mühe auf᷑ die Wahl der Delegierten. Jede Gasse einigte sich auf einen bis zwei Vertreter aus ihrer Mitte. Niemand war ehrgeizig genug, sich zu diesem Amt zu drän- gen. Es gab weder Begeisterung noch Widerspruch der Gewähl- len. Sie nahmen den Auftrag an, ohne recht zu wissen, was sie wollten. Die zehn Delegierten versammelten sich in Jans Kammer. Die hier auf frisch gezimmerten Bänken und anderen improvisierlen Sitagelegenheiten Platz genommen hatten, waren nicht die ver schüchterten Opfer ihrer Peiniger, sondern Menschen, die sich vorgenommen hatten, sachlich zu sein. Die Anstrengung des Ent- 135 . schlusses hatte ihre Gesichtsfalten vertieft. Im Halbdunkel bildeten sie eine geschlossene Masse. Nachdem Jan sie begrüßt hatte, wartete er eine Weile, ehe er das Wort ergriff. Sein Gesicht war klar. Er wußte, was er wollte. Hatte er doch eine Botschaft zu verkünden. Warum— so fragte er— durften sie in der Werkstatt zu L. arbei- ten? Warum zwang man sie nicht, das Schicksal ihrer Brüder in den Judenwohnbezirken zu teilen? Warum wurde ihnen schein- bar Schonung zuteilꝰ? Der Feind hatte erkannt, daß bloßer Mord ein unproduktives Geschäft war. Wenn man Todgeweihte zwang, ihr Grab zu schau- feln, war für die Mörder noch nichts erreicht; wohl aber, wenn man sie vor dem Tode noch Werte schaffen ließ. Jans blaue Augen sprühten Feuer. Jede Maschine wurde geschont. Man gab ihr O1, Reinigung, Ruhe. Wie aber begegnete man jüdischen Zwangsarbeitern? Unablässig steigerte man ihre Last, erhöhte die in ihnen hervorgerufene Reibung. Man kürzte ihre Lebensdauer absichtlich ab. Da stan- den sie nun gleich überhitzten Kolben, durchgebrannten Siche- rungen, heißgelaufenen Rädern, undichten Ventilen. Sie konnten selber berechnen, wann sie altes Eisen waren. Jan wartete eine Weile. Er betrachtete die Delegierten, wie sie mit niederhängenden Köpfen und gesenkten Gesichtern zuhörten. Was Jan da sagte, wußten sie selbst. Um das zu hören, hätte man sie nicht zusammenrufen müssen. Jan sprach leise und behutsam weiter. Tote, sagte er, waren zu beneiden. Tote waren frei. Niemand röstete sie am glühenden Rost zermürbender Arbeit, weidete sich an ihrer Qual, zerschmetterte sie mit Drohungen, füllte sie mit Angst, jagte sie vorwärts, ohne sich um geblendete Augen, ver- letzte Glieder, entzündete Muskeln zu bekümmern. Tote waren ihren Peinigern entwachsen. Sie waren über Angst, Qual und Grauen hinaus. Jan redete mit gleichmäßiger Stimme und halbgeschlossenen Augen. Seine Worte klangen behutsam und zurückhaltend. „Mißversteht mich nicht! Das ist die unveränderbare Natur des Lebens, daß es dauern will. Solange der Mensch die Möglichkeit 136 besitzt, sei keit Gebra Daß er nic nicht sein nichts and Untergang men und Er blickte derten vor Blicken a wurde. Fragt m: Leiträume ten, bis ie bevegng Jn röger Shakt u reckte der „Ich“, ch im Halbq euch Prei auberorde gläbig Stande, 4 dann hah lerben o Manig Auts bliten mige Gesten. vhöpkte Mmahli eltung, nit in enes v vleh wu pesitzt, sein Leben fortzufristen, macht er von dieser Möglich- Leit Gebrauch. Aber wenn er erkannt hat, daß er verloren ist? Daß er nichts mehr zu erwarten hat als Unerträgliches? Muß er da nicht sein Vorhaben ändern? Wenn das, was ihm auferlegt wurde, nichts anderes ist als die ihm vom Feinde auferlegte Art des Unterganges, muß er da sein Ende nicht in die eigene Hand neh- men und untergehen, wie es ihm beliebt?“ Er blickte in das Schweigen der Zuhörerschaft. Seine Augen wan- derten von einem zum anderen. Die Zuhörer aber wichen seinen Blicken aus. Sie begannen zu ahnen, was ihnen zugemutet wurde. „Fragt man mich, wie ich sterben wollte“, erklärte Jan und legte Zeiträume zwischen die einzelnen Worte,„ich würde nicht war- ten, bis ich verbraucht bin und unfähig, auch nur eine Abwehr- bewegung zu tun.“ Jan zögerte neuerlich. Er sammelte alle Kraft, um seine Bot- Schaft zu verkünden, ballte die Fäuste, straffte den Hals und reckte den Körper hoch. „Ich“, schrie Jan mit unerbittlich aufgehobenen Händen nach dem im Halbdunkel kauernden Vierétk seiner Zuhörer hin,„ich kann euch Freiheit verschaffen. Nennt es ein Wunder; nennt es einen außerordentlichen Zufall. Ich habe eine Stimme gehört. Wer gläubig ist, wird es als Offenbarung bezeichnen. Ihr seid im- stande, das Schloß in Besitz zu nehmen. Habt ihr das Schloß, dann habt ihr die Wahl, ob ihr entweder unter seinen Trümmern sterben oder euch zu Bogdans Bande durchschlagen wollt, die elwa zwanzig Meilen von hier operiert.“ Ein Aufschrei antwortete ihm. Die Delegierten fuhren von ihren Plätzen auf und begannen, wie toll aufeinander einzureden. Der vinzige Raum war plötzlich voll von Geschrei und aufgeregten Gesten. Die Iälfte der Anwesenden beschwor Jan. Die andere er- schöpfte sich in zornigen und ablehnenden Zurufen. Allmählich verschaffte sich die Stimme eines einzelnen Menschen Geltung. Es war die des Vorbeters Luria. Er trat vor Jan hin, mit seinem feisten Nacken, seiner breiten Stirn und den Augen eines wütenden Stiers. „Ich wußte immer, daß du ein Unwissender bist. Und du beweist 137 mir jetzt, daß ich recht hatte. Wer anders als ein Unwissender könnte derartige Anträge stellen?“ Jan begegnete Lurias verachtendem Blick versõhnlichem . „Sag nicht“, bat er,„daß ich unwissend bin. Ich höre die Bot- schaft. Ich glaube an sie. Sie Kommt ohne Zweifel von dort, woher alle Botschaften kommen. Nicht ich bin unwissend. Du bist es. Du bildest dir ein, daß es nur eine Botschaft gibt, einmal und für alle Zeiten erlassen. Du irrst. Jede Zeit hat die ihr eigene Bot- schaft. Und du hast die Verpflichtung, nicht nur zu hören, son- dern auch zu gehorchen. Wie kannst du behaupten, die jüngere Botschaft sei schlechter als die ältere! Keine Botschaft ist weniger glaubwürdig als die andere. Aufs Glauben und nicht aufs Recht- haben kommt es an.“ Und Jan gab den Inhalt seiner Unterredung mit Dragomanov wieder. Er bewies, daß dieser glaubwürdig war. Seine Mitteilung kam im rechten Augenblick. Es gab keine Wahl dieser Nachricht gegenüber. Man mußte sie hören, oder man war gegen Stimmen taub. Und selbst wenn die Botschaft nieht zur Rettung führte, sie kam dennoch von Gott. Hatten denn wirklich alle göttlichen Botschaf ten Rettung bedeutet? Was war Erfolg unter solchen Umstän- den? Was Rettung? Es genügte, den bloßen Versuch zu unter- nehmen. Der Versuch allein war schon Erfolg. Mißlang er, was konnte man Schlimmeres, als sterben? Jans Stimme hatte am Ende jubelnd geklungen. Eine unheimliche Lockung hatte sie erfüllt. Er setzte sich nieder und wartete. Das Schweigen dauerte geraume Zeit. Endlich wurde es von einem älteren Mann gebrochen. Er hieß Engel und war am Stahlwerk zu Witkowitz beschäftigt gewesen. Er hatte rötliche Wangen und kindliche Augen. Pu sagst, du habest eine Botschaft an uns. Mag sein, es ist eine Botschaft. Mag sein, es ist keine. Wenn du ein Prophet wärest, den man als solchen erkennt, so müßte ich dir glauben. Aber selbst Propheten und Gesetzeslehrer, die Gewalt predigen, haben geirrt und uns Juden in furchtbare Gefahr gebracht. 138 2 1 lch bin gege Geschichte, d hat. Denn im ten vir Gew durch unger unserer Weh erhalten. Sol nigend Anty unrecht habe ch bin kei Propheien v nit dem vo Unserer Gesc behren ich lun lächelte bring 6 Uutzug Mühlen treil hch, der die blumgh lch kümm mitten des er lage dunch, ob gelinge ene Pinn mon, au en Uberle 6 Viellei en 8 M les in var ni Ich bin gegen Gewalt. Wärest du ein besserér Kenner unserer Geschichte, du würdest wissen, daß Gewalt uns selten geholfen hat. Denn immer waren die anderen stärker als wir. Immer muß- ten wir Gewalt teuer bezahlen. Wir sind durch die Natur und durch unser eigenes Verhängnis wehrlos gemacht. Ungeachtet unserer Wehrlosigkeit, vielleicht gerade durch sie, haben wir uns erhalten. Sollen wir durch Abwehr unseren Untergang beschleu- nigen? Antworte doch! Widerlege mich! Schlage mich, falls ich unrecht habe!“ „Ich bin kein Prophet“, gab Jan ruhig zu,„noch stamme ich von Propheten, wie vielleicht einige von euch. Straft mich nicht immer mit dem Vorwurf der Unwissenheit. Ich habe selten die Bücher unserer Geschichte gelesen. Aber manche Worte, die ich kenne, kehren sich gegen euch.“ Jan lächelte, während er leise, mit Nachdruck und beinahe in- brünstig sagte:„Es geht nicht um die Frage von Rettung oder Untergang, sondern ob wir weiter wie Simson im Gefängnis die Mühlen treiben sollen.“ Jakob, der Gutspächter, stand auf. Die Dämmerung verdeckte die Plumpheit seiner Züge. „Ich kümmere mich nicht darum, ob die Waffen in den Kase- matten des Schlosses wirklich erreichhar sind, noch ob wir in der Lage sind, zu ihnen zu gelangen. Ich frage nicht einmal danach, ob dieser Bogdan wirklich existiert, viel weniger, ob es uns gelingen könnte, uns bis zu ihm durchzuschlagen. Ich habe keine Finwendung dagegen, mit den Philistern zu sterben wie Simson, auf den du dich berufst. Welches Schicksal aber steht den Uberlebenden bevor? Ein rascher Tod hilft niemandem als uns. Vielleicht sterben die anderen deshalb einen um so langsame- ren und härteren Tod.“ Und dies war der Einwand, den Jakob mehrmals wiederholte. Man war nicht allein. Man konnte nicht nur mit sich selber rech- nen. Anderswo lebten andere Menschen unter zhnlichen Verhält- nissen. Jedes Handeln ging auch andere an. Solange man nicht wußte, welche Folgen es für diesé anderen hatte, durfte man kein Wagnis auf sich nehmen. Auch diesem Einwand begegnete Jan. Dulden hatte bisher noch 139 niemandem genützt. Die Macht der Wehrlosigkeit, die wilde Tiere bezwang, hatte diesen Wilden gegenüber versagt. Warum sollte man deshalb bezweifeln, daß das Gegenteil wirksamer ward Bru- tale Gewalt war nur durch brutale Gewalt zu widerlegen. Un- menschen anerkannten kein anderes Argument als das Argument des Handelns. Da nahm Luria das Wort. Der Rechtgläubige musterte Jan bei- nahe voll Mitleid. Seine buschigen Brauen zogen sich zusammen. Jan hatte die Frechheit gehabt, das Gesetz als überholt zu be- zeichnen. Mur krasse Ignoranten vermochten derart vom Gesetz zu reden. Das Gesetz war einmal und für alle Zeiten erlassen. Die Juden hatten außer der Schrift keinen Helfer in der Mot. Das Gesetz lehrte Gehorsam und Geduld. Geduld war den Juden be- sonders auferlegt. Ungeduld hatte sich noch niemals bezahlt ge- macht. Junge und unerfahrene Völker durften ihrem Drängen unterliegen, niemals aber ein so altes und vielgeprüftes Volk. Kna- ben mochten sich an raschen und vorschnell angezündeten Feuern die Finger verbrennen. Aber die Juden, die nur in Jahrtausen- den dachtend Hatten nicht schon frühere Generationen Khnliches erlebt wie die heutige? Vor zweitausend Jahren hatten die Lehrer des Gesetzes mit ihren Schülern vor ihren Schriftenrollen gesessen, in das Wort versenkt, ohne vom Feind Motiz zu nehmen. Sie hatten auf nichts als das Wort gehört, in das Wort versponnen, bis man sie erschlug. Luria wuchs, während er sprach. Sein Bart sträubte sich. Seine Augen brannten. Das Gesetz verbot sinnlosen Kampf. Aufruhr war der jüdischen Gemeinschaft fremd. Wehe den Juden, die die Geduld verloren. Geduld verlieren, hieß den Glauben verlieren. Gott selber zog die Hand von dem Ungeduldigen. Er stieß ihn aus und über- lieferte ihn seinem Schicksal. Donner war der nächste Redner, der kleine österreichische Jude, der Baumeister gewesen war und jetzt die Arbeit des Schweißers verrichtete. Er schlug sich auf Jans Seite. 140 „Laßl doch geschüttelt. Gebote zu s falls nicht. ihn nicht an mich ihm a de eigenen weiterbin p völlg verge nichtsd Hat nennt es 6 euch dochl lufft euch verdient ve Donner Sta chwang 8e elch sage die viele h ot cbgeic haßt, begn vinich, niedtigun nen ein. lunger eue onner ril dachte Rec tatlliche ünlich de Unerte er des lehen er Abveh npte a mn über die k Kräuben g Le 5 amelen „Laßl doch Gott aus dem Spiel!“ sagte er, von heftiger Erregung geschüttelt.„Wir sind nicht hier, um über die Erfüllung der Gebote zu streiten. Wo immer sie gelten, hier gelten sie jeden- kalls nicht. Gott hat uns unseren Feinden überlassen. Ich klage ihn nicht an. Ich mach' ihm keine Vorhaltungen. Aber ich fühle mich ihm auch nicht verpflichtet. Wir müssen unser Dasein in die eigenen Hände nehmen. Wir haben zu enitscheiden, ob wir weiterhin passiv pleiben oder ob wir handeln wollen. Habt ihr völlig vergessen, was handeln heißt? Sagt euch das Wort gar nichts? Hat das viele Dulden euch ganz verdorben? Unser Bruder nennt es Geduld. Ich nenne es ganz einfach Feigheit. Besinnt euch doch! Steckt keine Spur des alten Empõrergeistes in euch? Rafft euch aufl Handeltl Auch der Ausgang des Daseins muß verdient werden. Nur der Mutige hat das Recht auf einen ehr- lichen Tod.“ Donner stand mit flackernden Augen in der Mitte des Raums. Er schwang seine Arme. Tränen entstürzten seinen Augen. „Ich sage nicht, daß ihr noch lebt. Denn ihr und ich, wir alle, die viele hundert Meilen hierhergebracht wurden, sind schon lange lot, obgleich wir noch atmen. Aber wer atmet, der haßt. Und wer haßt, begnügt sich nicht mit der Rolle, die ihr spielt. Wollt ihr wirklich, obgleich ihr noch atmet, Zuscher euerer eigenen Er- niedrigung sein? Wollt ihr untätig euerer Hinrichtung beiwoh- nen, ein faules und unbeteiligtes publikum? Wollt ihr die Hand- langer eueres eigenen Begräbnisses abgeben?“ Donner riß die Mehrheit der Delegierten hin. Nicht Jans durch- dachte Rede war es, die sich durchsetzte, sondern Donners leiden- schaftliches Gestammel. Er schüttelte seinen Körper⸗ nicht un- ähnlich dem von ihm bekämpften Talmudisten. Rõchelnd er- innerte er die Anwesenden an ihre Pflicht. Es gab keine Frage des Lebens und Sterbens. Es gab nur die Frage des Duldens oder der Abwehr. Man starb leichter, wenn man sich rächte. Wer selber kämpfte, fühlte keine Wunden. Eine unsichtbare Welle von Erregung füllte die Luft. Sie strömte über die Köpfe weg, machte die Augen funkeln und das Haar sich sträuben. Die Lippen schnaubten unter der hastig ein- und aus- geatmeten Luft. Irgendwer reckte die Arme hoch. Gemurmelte 141 Bestätigungen gaben Donner recht. Es war nicht möglich, es noch länger zu ertragen. Der Stimmungsumschwung wurde heftiger, als Novak, ein Berg- ingenieur aus der Kohlengrubenstadt Kladno, aufstand und mit breiten Schritten, als wandelte er über das Deck eines Schiffes, an Jan herantrat. Er umarmte und küßte ihn auf beide Wangen. Das war seine Antwort auf Jans Vorschläge. Seit Jahren, führte er aus, hatte er sich nicht mehr als Mensch gefühlt. Das Bewußtsein der Erniedrigung war unbeschreiblich gewesen. Es hatte ihm täglich von neuem das Innere zerfressen, wie schweflige Säure, und die Lunge gefüllt wie giftiges Kohlen- gas. Schon bei Tagesanbruch hatte die Selbstverachtung ihm den Atem genommen. Ichzend und schreiend war er aus dem Bett gesprungen und hatte den Tag begonnen, erfüllt von Grauen und Ekel. Jetzt durfte er wieder den Kopf hochtragen. Es war ein Geschenk, das Jan der Gesamtheit gemacht hatte. Novak streichelte dankhar und zärtlich Jans Hände. Die unbeholfenen und in gebrochenem Deutsch vorgebrachten treuherzigen Sätze des Sprechers machten starken Eindruck. Als er seinen Sitz eimahm, wurde ihm von allen Seiten Beifall zu- genickt. Die Luft in der Kammer war elektrisch geladen. Von den Wãänden schienen Funken zu sprühen. 2. Es war noch nicht völlig dunkel, als Michael das Wort ergriff. Niemand hatte vermutet, daß er reden würde. Hatte er doch in keiner Weise verraten, daß Jans Vorschlag und die an ihn ge- knüpfte Debatte Eindruck auf ihn gemacht hatten. Ein rötlicher Lichtschein fiel auf sein Gesicht, das heftige Willens- anstrengung verriet. „Was du vorschlägst“, begann Michael mit zu harten Knoten ge- ballten Brauen,„ist nichts als ein Akt der Verzweiflung. Was du uns bietest, ist im besten Fall der Untergang. Du schilderst uns das Sterben wie eine Verlockung. Aber wen kannst du dazu ver- 142 führenꝰ Er vürd Leben 2 ledigen. Ptva für Seelen, ind. Gil Besümm den. Abe der hat Eltem u richtz ni ausgelös Die Stir külle ih bolihri geben b wechsel punkt e dieer Michael redete e „lch e nütut e eweckd lut sich Jun wu eute] hatten! Mche Du le bt eine als Drf erkahre d Sber whulq kührer? Sterben ist kein Ziel. Keiner von uns haßt das Leben. Er würde doch nur sich selber hassen. Keiner von uns hat ein Leben zuviel, um sich seiner als unerwünschte Last zu ent- ledigen. Etwa fünfhundert Menschen leben in der Judenstadt. Fünfhundert Seelen, in denen Hoffnung, Güte und Aufopferung vorhanden Sind. Gibt es für diese fünfhundert Leben wirklich keine bessere Bestimmung? Ich leugne nicht, daß wir ohne Unterbrechung lei- den. Aber wer leidet, der lebt. Und wer zu leiden aufgehört hat, der hat auch nichts mehr zu hoffen. Er wird Frau und Kinder, Eltern und Geschwister nie mehr sehen. Er wird den Tag des Ge- richts nicht mehr erleben. Er hat allem entsagt. Er hat sich selber ausgelõscht. Er hat das Geschäft unserer Feinde verrichtet.“ Die Stimmung begann umzuschlagen. Michael merkte es. Es er- küllte ihn gleichzeitig mit Genugtuung und mit Verachtung jener Gefährten, die ihre Grundsätze so rasch und so mühelos aufzu- geben pereit waren. Er selber hatte seine Grundsätze niemals ge- wechselt. Von Anbeginn hatte er einen unerschütterlichen Stand- punkt eingenommen. Er mußte überleben, um jeden Preis; sei dieser Preis noch so hoch und nahezu unerschwinglich. Michael merkte, daß er Jan überlegen war. Höflich lächelnd redete er ihn an. „Ich verstehe dich; du bist jung. Du willst etwas tun. Aber was nützt eine Tat, die zum Untergang führt! Ist Untergang Selbst- zweck? Dann empfiehl doch gleich den Selbstmord. Wer von uns hat sich bis jetzt aufgespart, um qurch Selbstmord zu enden?“ Jan wurde unruhig. Er betrachete die Gesichtszüge der Vertrauens- leute. Wie rasch sie ihn verlassen und Michaels Partei ergriffen hatten! Michael, zu Jan gewendet, setzte seine Rede fort. „Du leidest offensichtlich an Ungeduld. Glaube mir, Ungeduld ist eine kindische Eigenschaft. Ich pin nicht fromm genug, Geduld als Erfüllung eines religiösen Gebots zu empfehlen. Aber ich bin erfahren genug, sie von jedem Vernünftigen zu fordern. Wir alle sind anderen verantwortlich. Keiner von uns ist nur für sich selber da. Wir müssen uns für die Gesamtheit erhalten. Wir Schulden unser Leben nicht bloß den Lebenden, sondern auch den 143 Toten. Darum erachte ich deinen Vorschlag nicht bloß als Leicht- fertigkeit, sondern auch als gröbliche Pflichtverletzung. Wer dir Lolgt, ist in meinen Augen ein Deserteur.“ Die Delegierten, mit Ausnahme Donners und Novaks, versländig- ten sich mit Blicken. Der letzte Schimmer des Abends huschte über die Mienen, auf denen deutlich die Absage an Jan geschrie- ben stand. Sie brachten zum Ausdruck, daß Michael immer ihr Mann gewesen war. Sie riefen es ihm zu. Dabei bemühten sich ihre Augen, Jan auszuweichen. Dieser stand gegen die Wand gelehnt und wartete, bis Stille ein- getreten war. „Du hast die fünfhundert gepriesen“, sagte Jan mit einem Rest von Stimme, die vor Selbstbeherrschung unnatürlich und metal- lisch klang.„Diese fünfhundert, in denen so viel Hoffnung, Güte und Selbstbeherrschung stecken. Mimm an, es würden mor- gen fünfzig von ihnen verschickt. Was würdest du unternehmen, mein Freund?“ Michael wurde unruhig. Was konnte er Jan antworten? Er war sich dessen bewußt, daß von den fünfhundert ihm zwei Men- schen ganz besonders am Herzen lagen: neben Ruth er selbst. Aber er schämte sich dieses Bewußtseins nicht. „Du wirst mich nicht mit dieser Frage fangen!“ sagte er scharf. „Gesetzt den Fall, man würde, was Gott verhüten möge, wirklich fünfzig Menschen aus unserer Mitte verschicken, unter denen ich nicht selber bin. Ich könnte nichts anderes als zusehen und lei- den. Du vergißt aber, daß noch immer an die vierhundertund- fünfzig Leute übrigbleiben, die an mich berechtigte Anforde- rungen stellen. Wer hat mehr Recht an mich: die fünfzig Tod- geweihten oder die vierhundertundfünfzig zum Leben Bestimm- ten? Ist es nicht besser, vierhundertundfünfzig Menschen zu retten als keinen?“ Jans Antwort war mit Hohn durchtränkt. „Ich weiß nicht, ob es die Kraft der Uberlebenden steigern wird, wenn sie sehen, wie ein Teil von ihnen seinem Schicksal überlassen wird. Glaubst du nicht, daß dein Zusehen dich erniedrigt? Zu- sehen ist weit schlimmer als unter den Verschickten sein.“ 144 Michael neigung Denke and. De o reich, die Alte lietern, aller Ve Michael Pu sel auf, be Jungen schter. erdrück Halte Nie ha gen hat nicht i hast. V Du mn einnen lhr Re Serben ein, d. ungesicl Michael unterdrückte die immer stärker in ihm aufsteigende Ab- neigung gegen Jan. „Denke doch“, sagte er kalt,„nicht immer an die, die verloren sind. Denke an die, die gerettet werden können. Wir sind nicht so reich, um Leben zu vergeuden. Warum sollten wir, wenn schon die Alteren dem Tode geweiht sind, auch die Jüngeren ans Messer liefern, die, wenn sie mit Bedacht und mit Uberlegung handeln, aller Voraussicht nach die Katastrophe überleben werden?“ Michael sah Jan herausfordernd an. Du selbst bist einer von ihnen. Deine Jugend hat Anspruch dar- auf, berücksichtigt zu werden. Wenn du dich selbst nicht der Jungen annimmst, so ist es meine Verpflichtung, es zu tun!“ Die Dunkelheit brach tiefer herein. Schatten bedeckten die Ge- sichter. Die Köpfe sanken nach vorn, wie von Verantwortung erdrückt. „Halte mir nicht immer meine Jugend vor“, rief Jan erstickt. „Nie habe ich für die Jugend ein Sonderrecht verlangt. Wir Jun- gen haben sogar auf eigene Vertrauensleute verzichtet. Ich kann nicht in Abrede stellen, daßß du die Mehrheit auf deiner Seite hast. Von heute an bist du für sie verantwortlich. Hörst du: Du und niemand anderer. Ich weiß nicht, was du mit ihnen pe- ginnen wirst. Ich weiß nicht, zu welchem Zweck du sie aufsparst. Ihr Recht zu leben haben sie lange nicht⸗mehr. Das Recht zu sterben gibst du ihnen nicht frei. So zwingst du sie zu einem Da- sein, das weder Leben noch Sterben ist.“ Michael wußte sich auf unsicherem Boden. Er war seines Erfolges angesichts der Wankelmütigkeit der Delegierten keineswegs ge- wiß. Ich gebe zu“, sagte er einlenkend,„daß kein einziger Bewohner der Judenstadt vor der Verschickung gesichert ist. Ich habe mir auch niemals eingebildet, sie alle retten zu können. Ich bin bereit, dir zuzugestehen, daß ich nur mit dem Uberleben der Hälfte der Belegschaft rechne. Die andere Hälfte kann, auch wenn sie nicht verschickt wird, der Entkräftung und anderen Ursachen des Unter- ganges zum Opfer fallen. Aber es ist möglich, daß ich mich sogar bei dieser ungünstigen Berechnung verrechnet habe. Nimm einen noch schlimmeren Fall: daß nur ein Prittel, ein Viertel, ein 10 Revolte 145 Fünftel übrigbleibt. Du wirst zugeben, daß selbst im unausdenk- par ärgsten Fall nicht alle verloren sein können. Wenn aber nicht alle verloren sind, dann müssen einige überleben. Ich sagte: Finige. Ich könnte ebensogut sagen: Einer!“ Michael trat hastig auf Jan zu und packte dessen sich ihm ent- zichende Rechte. „Nimm an, daß es um nichts als um das Leben dieses einen geht. Wird dein Vorhaben ausgeführt, dann bleibt nicht einmal dieser eine Uberlebende zurück. Willst du auch ihm die Möglichkeit der Rettung nehmen? Willst du diesen einzigen nicht über- stehen lassen? Gib ihm seine Chance! Laß ihm die Aussicht, Sich zu retten. Wenn dieser eine glücklich übersteht, so wollen wir anderen gerne auf uns nehmen, was uns auferlegt ist.“ Michaels Stimme klang heiß und voll Eindringlichkeit. Aber Jans Enttäuschung darüber, daß seine Botschaft auf taube Ohren stieß, verlieh ihm das feine Gehör, das erforderlich war, um die Unecht- heit aus Michaels Beschwörung herauszuhören. Jan fühlte deut- lich, daß Michael nicht um den einen kämpfte, sondern um sich selber. Diese Erkenntnis und das Bewußtsein seines Elends lähm- ten ihn. Am liebsten hätte er sich vor Scham im dunkelsten Win- kel seiner Kammer versteckt. Auf einmal überwältigte ihn das Bewußtsein, wie grotesk alles dies war: Michael als Anwalt der nächsten Generation! Michael, der die Verantwortung darstellte! Michaels Pflichtbewußtsein gegen seinen eigenen Leichtsinn! Er prach in ein Gelächter aus, das gespenstisch die Dunkelheit störte und zerriß. Keiner der An- wesenden lachte mit. Feindselig drehten sie ihre Köpfe in die Richtung, wo Jan stand. Sie lauschten mit angehaltenem Atem. Durch die Pausen in Jans Gelächter hörten sie die Zeit vorüber- rinnen. Sie rieselte durch den Raum, Sekunde um Sekunde. Laut- los bewegten sich die Uhrenzeiger. Das Leben verströmte. Nie- mand wußte, wann es abbrach. Der Bruchteil jeder Sekunde war unendlich kostbar. Waren die zwei nicht endlich fertig? Wozu stritten sie noch? Die Nacht war da, der beste Teil des Tages. Man wollte schlafen. Jans Gelächter endete abrupt. „Verzeiht, wenn ich, so wenig mich nach Heiterkeit gelüstet, 146 lachen n ich nicht Jan sh Mimm mit schr gehört d Sein Ko immer 1 Alle“, Echo vO Plötalich der in I Jan gein Schon d eurer ko Stumm völiger erkenne „lch we! Woaud Lugnz Aber Ja hinausn vir alle nachuut in var Und er htt erucht lieu de Die Ve ſelz N en Lein les ur lachen mußte. Aber Michaels Appell war so herzbezwingend, ich nicht wußte, ob ich lachen oder weinen sollte.“ Jan sah Michael mit ruhigen und abwehrenden Augen an. „Nimm ihn, deinen einen Uberlebenden!“ Seine Stimme war mit schneidendem Hohn und tödlicher Bitterkeit getränkt.„Er gehört dir. Ich habe ihn dir geschenkt. Ich schenke sie dir alle!“ Sein Kopf war tief und hoffnungslos gesenkt. Seine Stimme war immer matter geworden. „Alle“, wiederholte er, und der schattenhafte Widerhall gab das Echo von Jans Wort zurück.„Alle fünfhundert Seelen.“ Plötzlich streckte er ihnen seinen Arm entgegen. Der Zeigefinger, der im Dunkel glänzte, wies zur Tür. Mit gellender Stimme schrie Jan seinen Besuchern zu:„Geht schlafen, Brüder. Euch fallen schon die Augen zu. Geht rasch! Ihr könntet sonst noch mehr eurer kostbaren Zeit verlieren. Ich habe nichts mehr zu sagen.“ Stumm erhoben sich die Vertrauensmänner. Der Raum lag in völliger Finsternis. Keiner vermochte die Züge der anderen zu erkennen. „Ich werde Licht machen“, sagte Jan. „Wozu?“ warf Michael ein.„Wir finden auch ohne Licht den Ausgang.“ Aber Jan zůndete dennoch eine Kerze an, um seinen Besuchern hinauszuleuchten. Michael faßte neuerlich Jans widerstrebende Hand.„Ich glaube, wir alle haben unsere Pflicht getan und brauchen einander nichts nachzutragen.“ Jan wandte das Gesicht weg. Der Atem, der ihm aus Michaels Mund entgegenwehte, beleidigte ihn. Er wich Michaels Augen aus, als hätte dieser den bösen Blick. Und als Michael ihn anzusehen versuchte, hielt Jan die Hand vor die Augen, als blende ihn das Licht der Kerze. Die Vertrauensleute murmelten Entschuldigungen und faßten heftig Jans Hände. Jan schüttelte die harten und knochigen Pran- ken seiner Besucher. Leise und vorsichtig tappten die Menschen durch das verfallene Treppenhaus. In der engen Gasse stehend, plickten sie geblendet nach oben. Uber der Judenstadt strahlte der Nachthimmel. 10* 147 Jan sland mit seinor Kerze minutenlang im Treppenhaus. Er plickte verloron in die kleine, rußende llamme. Leben—“, sagte er dumpf.„Sie wollen loben. Diese gottver- dammten Narren wissen immer noch nicht, daß sic Leichname gind.“ Fitternd schritt er die Treppe nach oben. 2 . Die Vernunft hat gesiegt“, sagte Michael heimkommend, und soine Augen glänzten. Ruth saß auf ihrem Lager und hatle die Knie, von den Armen umschlungen, an den Leib gezogen. Das Licht des kleinen Lämpchons ſiel seitlich auf ihr Gesichl. Das bedeutet“, fügle Michaol hinzu,„daß wir weit davon enk- fornt sind, Tollhoiten zu dulden.“ Buth antworlete nicht. Michnel war beslürzt. Ur versuchlo einiges von dem zu wieder- holen, womit er eine Stunde vorher so slarken Eindruck erzielt hatle. Gib dir keine Mühe, mich zu überzeugen“, bal Ruth.„Wir können nicht mehr. Wir dürfen nicht mehr. Wir wollen nicht mehr. Wozu uns zum Weiterleben zwingen?“ Sie sah ihn mil müden Augen an. Das malte Licht tropfle über die abgemagerten Wangen, die Schmalen Schultern, die straffen und kindlichen Arme. llast du dir ausgedacht, was auf uns wartet, selbst wenn wir überlebend Glaubst du, daß man uns noch retten kannp Daß wir lur ein bürgerliches Loben überhaupt noch zu gebrauchen sindꝰ Dals wir Kinder gebären und bamilien begründen könnend“ Was sagst du da?“ murmelte Michael.„Du willst für das Leben vorloren sein?“ Während er sprach, ließ er Ruth nicht aus den Augen. lhr Aus- schen beängsligte ihn. Ruth war von ihrer Uberzeugung nicht abzubringen. Sie wieder- holte sio mit mehr Nachdruck. Sie und ihre ganze Generation war vorloren. Je jünger sie waron, desto weniger Aussicht bestand, sie 148 mrett Mütter Ruth! Aus d en m lMisle geit, den. s nichts gen u und) gevor vohin Ruth gesun Flug Wind Jeder Mich lalen Mein kreie bekel Nn, auf Rchl nich Jan nähe zu retten. Und wenn die jungen Frauen verloren waren, die erst Mütter werden sollten, wie konnten Kinder geboren werdenꝰ? Ruth hatte ihren Kopf gesenkt und redete ins Dunkel hinein. Aus diesen zermalmten, geräderten, zertretenen Geschöpfen, die- sen menschlichen Ruinen, vermochte niemand mehr wirkliche Fristenzen zu machen. Was bei anderen Generationen Stolz, Ehr- geiz, Tapferkeit war, pei dieser war es eine eitrige Wunde gewor- den. Sie sagten Gott und vermochten sich unter seiner Allmacht nichts als einen Henker in Uniform vorzustellen. Sie sagten mor- gen und meinten unvorstellbares Grauen. Sie sagten Hoffnung und waren ratlos. Denn unfaßbar war der Sinn dieses Wortes geworden. Wenn man darüber nachgrübelte, wußte man nicht, wohin man geriet. Ruths Stimme klang immer leiser. Ihr Gesicht war nach vorn gesunken. In den Winkeln des Turms huschten Ratten. Ferne Flugzeugmotore füllten die Luft mit klagenden Geräuschen. Der Wind bog die Wipfel der nahen Bäume. Das Treppenhaus krachte. Jeder Laut vervielfältigte sich in den verlassenen Räumen. Michael starrte vor sich hin. Er fühlte sich immer tückischer ver- raten und betrogen. Aber unnachgiebig, wie er war, ließ er keine Meinung gelten als die seine. Menschen seiner Art gaben aus treien Stücken niemals nach. Er war weder eingeschüchtert noch pekehrt. Er war nur im Innersten verwundet. Jan, Simon und Imre kauerten in der gemeinsamen Kammer auf ihren Lagerstätten, ohne Schlaf zu finden. Keiner sprach. Alle hatten denselben Gedanken. Sollte man das Ergebnis der Abstimmung mißachten und heimlich zu Bogdan gehen? Ohne Zweifel würde eine Anzahl erprobter Männer bereit sein, das Abenteuer zu wagen. Je geringer ihre Zahl, desto größer die Aus- sichten des Gelingens. Welche Verführung lag in der Vorstellung, nicht mehr Zwangsarbeiter, sondern Revolutionär zu sein! Jans Freunde verließen plötzlich ihre Lagerstätten und drängten näher an Jan. Ihr heißer Atem umwogte ihn wie Feuer. Wir glauben an Bogdan nicht weniger fest als du!“ flüsterte Imre. Und weil wir an ihn glauben“, setzte Simon fort,„Schlagen wir dir vor, gemeinsam zu ihm zu gehen.“ „Noch diese Nacht“, keuchte Imre.„Wenn wir in einer Stunde aufbrechen, können wir bei Tagesanbruch in Sicherheit sein.“ Der Weg in einer Nacht wie dieser ist kaum zu verfehlen“, er- klärte Simon. Jan starrte lange vor sich hin. In der Dunkelheit gestaltete sich die Tiefe des Urwaldes, die Lockung von Schluchten, die hohe Wand dichter Baumkronen, das sichere Asyl von Sümpfen, das helle Band breiter Steppenflüsse, die undurchdringliche Schutz- mauer von Schilf und Rohr, das fiebernde Schweigen von Hinter- halten. „Und die anderen?“ sagte Jan plötzlich.„Können wir die ande- ren im Stich lassen?“ „Warum sollten wir sie im Stich lassen?“ wandte Imre ein.„So- weit sie bereit sind, zu gehen, nehmen wir sie mit. Ich bin sicher, daß Donner und Novak uns begleiten. Nur möchte ich nicht Zeit verstreichen lassen. Ich fürchte Widerstand von seiten Michaels.“ Mich kümmert nicht Michael“, versicherte Jan.„Aber wir sind der Gesamtheit schuldig, zu bleiben. Wir haben die Sache der Flucht zu einer allgemeinen gemacht. Wie können wir dem Wil- len der Gesamtheit entgegenhandeln?“ Imre schüttelte finster den Kopf.„Soll ihre Unvernunft unsere einzige Rettungsmöglichkeit vereiteln?“ „Wenn es uns auch wirklich gelingt, uns zu retten“, sagte Jan schwer und mit verzweifelter Stimme,„o sind wir vielleicht die Mörder der anderen. Du weißt, daß immer den Zurückbleiben- den die Verantwortung aufgelastet wird. Jeder muß für jeden haften. Und so scheint mir der Versuch, uns zu retten, nicht viel anderes zu sein als ein Verrat an den anderen.“ Imre wollte Einwendungen erheben. Aber er senkte den Kopf. Jans Stimme hatte etwas Dumpfes, Endgültiges enthalten, etwas, wogegen anzukämpfen fruchtlos war. PDu verlangst ein großes Opfer von uns!“ sagte Simon. Nicht nur von dir. Von mir. Von uns allen!“ 2 150 Jan le Puls s heit h auszus deren körpe gekeil einer er aut Jan lehnte gegen die kalte und feuchte Wand der Hütte. Sein Puls schlug heftig und in ungleichmäßigen Stößen. Die Dunkel- heit hatte aufgehört, Bilder des Kampfes und der Geborgenheit auszustrahlen. Jan war zumute, als schritte er durch eine HIöhle, deren Wände sich immer dichter, niedriger und enger um seinen Körper wölbten. Zum Schluß glaubte er sich zwischen Felsen ein- gekeilt. Felsen legten sich vor seinen Mund, Felsen lasteten auf seiner Brust. Er vermochte nicht mehr zu atmen. Röchelnd sank er auf sein Lager. In ha cher de iolgte kährten Br Scho Hecken cheinb Und g üren, ELFTES KAPITEL Jan hatte seine stillschweigend anerkannte Autorität als Spre- cher der Belegschaft an Michael abgegeben. Sein Heimweg er- kolgte nicht mehr inmitten einer Gruppe junger und älterer Ge- fährten. Er schob sich still an Gebüschen vorbei dem Judentor zu, wenn die Arbeit beendet war. Sein Gesicht war dem Laub zugewendet. Hecken und Baumstämme streifend, machte er sich möglichst un- Scheinbar, so daß er rasch vielen aus dem Gesichtsfeld geriet. Und selbst, wenn es dem einen oder anderen gelang, ihn aufzu- spüren, so blieb Jans Stimme dennoch stumm. Dem, der ihn an- redete, lãchelte er bloß zu, mit einem matten, resignierten, bei- nahe gleichgültigen Lächeln. Sein dunkles Haar hing ihm wirr ins Gesicht. Man merkte ihm nicht an, woran er dachte. Jedenfalls zeigte er keine Lust zu einem Gespräch. Wenn jemand Rat oder Finschreiten erbat, verwies ihn Jan mit pitterem Lachen an Michael. Dieser hatte sich zum Repräsentanten der jüdischen Arbeiterschaft aufgeschwungen. Sollte im Namen der Belegschaft eine Erklärung abgegeben oder ein Befehl ent- gegengenommen werden, so trat Michael in Erscheinung. Unleugbar befriedigte es ihn, dieses Amt übernommen zu haben. Er versprach sich davon zumindest eine Art Sicherheit. Und des- halb scheute er kein Opfer, wirklich als Vertrauensmann der Gesamtheit zu gelten. Er zeigte sich willig⸗ mit Ratsuchenden zu reden, und versagte niemandem Gehör. Er verstand sich weni- 153 ger gut mit der Menge, als Jan sich mit ihr verstanden hatte. Aber niemand machte ihm sein Amt streitig. Von Tag zu Tag wurde es schwieriger, Wortführer der Beleg- schaft zu sein. Denn das Betriebsergebnis begann sich zu ver- schlechtern. Unaufhaltsam glitt es nach unten, wenn auch um winzige, gerade noch meßbare Mengen und Zeiten. Die Arbeiter, wenn sie es feststellten, erschraken. Die Arbeiter an den Drehbänken, Bohrern, Schweißapparaten, Schleifmaschi- nen, Winden, Ambossen, Fräsmaschinen, Hobeln; die Monteure in den grabartigen Vertiefungen; die Kräfte in der Lackierer- werkstatt, in der Vulkanisieranstalt, der Holzbearbeitung; die Maurer, Zimmerleute, Frächter: sie alle stellten jede Woche die Summe ihrer Arbeitsergebnisse zusammen. In der Regel fanden sie, daß die Kurve der Arbeitsergebnisse weiter nach unten ge- glitten war. Ratlos zuckten sie die Achseln. Sie hatten hergegeben, was sie hatten. Sie hatten mit keiner Energie zurückgehalten. War es wirklich schon so weit, daß sie immer ärmer wurden? Aber die Stetigkeit des Arbeitsverlustes ließ sich nicht in Abrede stellen. Sie war sichtbar. Und je länger und gründlicher man ihre Ur- sachen und Folgen überwog, desto größer wurde die allgemeine Ratlosigkeit. Michael stand wiederholt vor dem Betriebsleiter, um dessen Be- fehle entgegenzunchmen. Er ertrug Brigolas Drohung, Härte, Hohn. Seine Zähigkeit war unerwartet groß. Und Brigola billigte, soweit Billigung überhaupt auf seiner Linie lag, Michaels Be- tragen. Denn er durchschaute ihn. Er wußte, daß Michael kein Held war und seine Standhaftigkeit bloß seiner gigantischen Gier, zu leben, entsprang. Und er war Brigola nützlich. Dieser hatte nur noch die halbe Lust an der Qual. Es ging um seine Stellung als Betriebsleiter. So meisterhaft er Schmerzen zuzufügen verstand, so wenig vermochte er die Arbeitsfähigkeit zu steigern. Er hatte alle diese Körper angezapft und ihnen Blut und Lebenskraft geraubt. Jetzt hatte er es mit halben Leichnamen zu tun. Sie neu zu beleben, fehlten ihm die Mittel. Er kannte nur die alten Methoden: Drohung und Strafe. 154 Jan fuh stand e achtete jede ve wurfso hört, F Pines I Shloß, an. Mi heraus. Pu h „eh he aufslell „Schad mit de diese G Miem⸗ Sie Sch für ke Waru ie han Heid ige m Jan p nicht Lervur Cut“ icher bralen himm Wenn andere Soll i hn mend. er- 1 um nden n ge⸗ 28 sie g un erien Bhut amen nur Jan fuhr nach wie vor Lasten vom und zum Bahnhof. Abends stand er beim Appell, stumm, scheinbar unbeteiligt. Er beob- achtete seine Gefährten und sah ihren Verfall. Er registrierte jede Veränderung. Immer noch trafen ihn bittende und vor-— wurfsvolle Blicke. Er erwiderte sie nicht. Er hatte längst aufge- hört, Fragen zu peantworten. Eines Tages, als er einen Lastwagen auf dem Güterbahnhof auf- schloß, trat Dragomanov seine Tätigkeit an seiner Seite wieder an. Mit vereinten Kräften wälzten sie eine unförmige Kiste heraus. „Du hast mich letzthin wohl nicht ganz verstanden?“ fragle der Ukrainer und sah Jan scharf in die Augen. „Ich habe dich verstanden“, entgegnete Jan, wäãhrend sie die Kiste aufstellten,„und deine Botschaft weitergegeben.“ „Schade, daß ihr untätig bliebt.“ Dragomanov stieß die Kiste mit den Füßen zurecht.„Bogdan kommt nicht so bald wieder in diese Gegend.“ Niemand kann es heftiger bedauern als ich“, murmelle Jan. Sie schleppten die Kiste zum Lastenauto.„Aber die Unseren waren für keine Aktion.“ „Warum?“ „Wie soll ich es dir erklären? Sie hängen am Augenblick. Ehe sie handeln, zichen sie vor, zu leiden.“ Seid ihr der Rolle von Heiligen immer noch nicht müde? Hei- lige machen es dem Teufel leicht.“ Jan sprang auf den Wagen, um die Kiste aufzustellen. Es nicht ihre Schuld“, sagte er verschlossen.„Warum hat Golt sie gezwungen, Heilige zu sein?“ „Gut“, entgegnete Dragomanov. Mögen sie Heilige bleiben. Aber sicher sind nicht alle unter euch bereit, sich am glühenden Rost praten oder mit Dutzenden Pfeilen durchbohren zu lassen, um der himmlischen Seligkeit willen. Warum lauft ihr nicht davon? Wenn Bogdan auch nicht mehr erreichbar ist, so gibt es vielleicht andere Banden, die in nicht allzu großer Entfernung operieren. . 6 Soll ich versuchen, die Verbindung herzustellen? immer neue Kisten auftür- ist Jan stand auf seinem Lastwagen, mend. 5 15 „NMichts könnte mich abhalten, heute noch wegzulaufen. Ich wüßte kein größeres Glück, als mit auserlesenen Leuten in die Wälder vorzustoßen. Aber es gibt ein unũberwindliches Hindernis.“ Dragomanov lachte ungeduldig.„Was für eine Art Hindernis sollte das sein?“ „Nimm an, ich und vier Dutzend andere, die gehen wollen, sind mit dreihundert anderen zusammengeschmiedet, die sich an ihre Arbeitsplätae klammern.“ „Keine Kette“, sagte der Ukrainer,„ist so fest, daß man sie nicht zerschlagen könnte.“ „Würdest du“, fragte Jan scharf,„andere für dich bezahlen lassenꝰ „Immer zahlen die Zurückbleibenden“, versetzte Dragomanov wütend.„Es ist auch ihre Pflicht und Schuldigkeit, zu zahlen. Wer hat sie zurückzubleiben geheißen?“ „Nein“, erklärte Jan entschieden.„Ich gehöre zu ihnen. Gelingt es nicht der Zeit und den Ereignissen, sie umzustimmen, dann teile ich ihr Schicksal. Niemals könnte ich fortgehen und sie die- sem Schicksal überlassen.“ „Du hast gewiß alles getan, was möglich war, um sie zu über- zeugen.“ „Hab' ich getan, was möglich war? Ich weiß es nicht. Wahr- scheinlich habe ich meine Sache schlecht gemacht. Ich habe meine Pflicht nicht hingebend genug erfüllt. Ich war ein matter Redner, ein schlechter Uberzeuger, ein ungeschickter Agitator. Warum soll ich nicht auch meine Unfähigkeit büßen? Warum soll es mir nicht auferlegt sein, meinen Fehler gutzumachen oder mit den anderen unterzugehenꝰ?“ 2. Selbst im Bereich des Generalgouvernements hat der Dienstweg mehrere Stationen. Aber wiewohl die Brigola zugedachte Zurecht- weisung langsam reiste, hatte sie ihren Adressaten endlich erreicht. Ein ausführliches Elaborat bildete die Grundlage des vom Distrikt- arbeitsamt ausgehenden Diensthefehls. Ein Statistiker in der 156 Arbeitsl der We Wer so die Dro unter 8 domme wegie Ueichm er gefr Schlech vor, di zustehe Brigol Sessen, alle m einem langn gerade Achli verlas er das Brieft Sein! elner einen einige denn PDer für besr eehnt jede vird. hin Süm die üßte der ernis sind ihre über- ahr- neine dner, ru s mir . den stweß recbt dlich trilt Arbeitskontrolle hatte die Mühe nicht gescheut, die Ergebnisse der Werkstättenproduktion zu L. graphisch darzustellen. Wer solche Zeichnungen zu lesen verstand, der begriff sogleich die Drohung der so harmlos sich gebarenden Arabeske. Nachdem unter Schillings Leitung die Produktionskurve sanft emporge- klommen war, brach unter Brigola der Aufstieg ab. Die Kurve be- wegte sich nach unten. Brigola wurde aufgefordert, zu dieser. Zeichnung ausführlich Stellung zu nehmen. Wie kam es, wurde er gefragt, daß die gleiche Belegschaft seit Schillings Abgang schlechter und langsamer arbeitete? Welche Maßnahme schlug er vor, diesen untragbaren Zustand zu beseitigen? Hatte er die ihm zustehende weitgehende Disziplinargewalt richtig gehandhabtꝰ Brigola hatte den ganzen Nachmittag in seinem Amtszimmer ge- Sessen, die Ziffern der Betriebsergebnisse vor Augen. Er hatte an alle möglichen Strafsanktionen gedacht. Endlich aber war er zu einem Entschluß gekommen. Es war die Zeit des Abendappells. Langsam trat er in die große Halle. Die Wut zwang ihn, kerzen- gerade zu gehen. Sein Gesicht war verzerrt und fahl. Achtung!“ sagte er und enifaltete langsam ein Papier. Hũstelnd verlas er die in der Statistik verzeichneten Ziffern. Dann faltete er das Papier langsam wieder zusammen und steckte es in seine Brieftasche. Sein Blick wanderte mit gewollter Schwerfälligkeit über die ein- zelnen Köpfe weg. Seine TLippen krümmten sich. Unheil stand in seinen Augen. „Achtung!“ befahl er abermals. Mit heiserer Stimme sagte er einige Sätze. Er sprach die Worte hastig aus. Aber sie waren dennoch deutlich. „Der Mangel an Arbeitskräften verbietet mir, die Belegschaft für ihre gröbliche Pflichtverletzung in angemessener Weise zu pestrafen. Aus besonderer Gnade verfüge ich, daß nicht jeder zehnte der Belegschaft, sondern nur jeder zwanzigste Mann und jede zwanzigste Frau mit sofortiger Wirksamkeit entlassen wird.“ Ein Blick Brigolas traf Michael. Stimme.„Du zählst die Leute v die Männer, dann die Frauen. Jeder zwanzi „Vortreten!“ pefahl die heisere on links nach rechts ab. Zuerst gste nennt dir den 157 Namen. Du notierst ihn. Die Betriebskanzlei trifft alle weiteren Verfügungen.“ Ein Beben durchfuhr wie ein Windstoß die Starrheit der mensch- lichen Reihen. Aber diese bliehen wie festgewachsen in ihrer alten Ordnung stehen. Hie und da nur schwankte eine Figur. Michael zuckte zuerst zurück. Jäher Schreck berührte ihn wie eine Reihe elektrischer Schläge. Er hatte die Empfindung, als würden seine Glieder empfindungslos. Aber der Zwang des Ge- horchens setzte ihn beinahe mechanisch in Schwung. Stolpernd lief er zum linken Flügel der Männer. Mit sprödem Mund, aus dem die Angst die Feuchtigkeit wegätzte, begann er zu zählen. Jede Ziffer steigerte seine Erregung. Während er zählte, ver- mied Michael die Blicke der vor ihm Stehenden. Als er bei der Zahl Zwanzig angelangt war, hörte er dumpf einen Namen nennen. Unwillkürlich hob er seinen bisher gesenkt gehal- tenen Kopf. Der Mann sah ihn mit weit aufgerissenen, kreisrunden Augen an. Dann sank sein Haupt schwer nach unten. Michael, zurücktretend, zeichnete langsam den Namen auf. Es war ein Mann in seinem Alter. Auch er hatte eine junge Frau. Nur war sie im Protektorat zurückgeblieben. Michael wagte nicht mehr, einen Blick auf ihn zu werfen. Der nächste Betroffene vermochte seinen Namen nicht auszu- sprechen. Michael kannte ihn nicht. Offenbar war er einer der jüngstgekommenen, die nicht im Betriebe, sondern als Maurer oder Fahrer tätig waren. Lange wartete Michael auf den Namen. lmmer wieder versuchte der Mann, seinen Mund zu öffnen. Aber die krankhaft zuckenden Kiefer zermalmten den Mamen. Endlich erbarmten sich die Nebenstehenden und nannten ihn. Dicht neben dem Dritten befand sich Jan. Sein Körper hatte die vorgeschriebene Haltung. Sie ähnelte der Haltung der Steinfiguren in den Nischen, ebenso unnatürlich schlank, mit demselben toten und unnatürlichen Gesichtsausdruck. In derselben Reihe stand Wolf. Er fühlte sich gar nicht zu der Reihe gehörig. Daß der Tod oder eine Abart des Todes an ihm vorbeiging, kam ihm nicht zum Bewußtsein. Sein Blick verfolgte das Schauspiel, das sich abspielte, diese vernichtende und über jedes menschliche Maß hinausgehende Tragõdie. 158 hr hatte glühte u war es ir Sonderb zu ertrag Jan vure Leiden e los zu. N lich kein lndes h Es var Dieser re Er Zwah den ug Michael und unt Manche Grlobt lebende Lvei de gen nac Schritle nicht weite Gerählt keinem Nohy eren U- alten W ie 6e- ernd „als wa Nur nehr, 670 der wrer mel⸗ Aber dlieh e die uren tolen Er hatte dasselbe Empfinden wie Jan. Während es in diesem aber glühte und in Bewegung war wie die feurige Lava eines Vulkans, war es in Wolf gleichsam festgefroren. Sonderbar!“ dachten beide.„Wer zwang die Menschen, das alles zu ertragen? Jan wurde von dieser Frage förmlich geschüttelt. Wolf᷑ aber, im Leiden erfahren, gefaßt auf jede Art von Schicksal, sah regungs- los zu. Wie weit reichte die menschliche Geduld? Hatte sie wirk- lich keine Grenzen? Indes hatte Michaels Zählung den vierten Betroffenen erreicht- Es war Luria. Dieser reckte sich auf und schrie Michael seinen Namen entgegen. Er zwang ihn, aufzublicken und ihm in die Augen zu sehen. In den Augen des Vorbeters brannte eine besessene Glut. Während Michael schrieb, öffnete Luria neuerdings seinen Mund. Deutlich und unter Betonung jeder Silbe erklang eine hebräische Formel. Manche der Anwesenden kannten sie. „Gelobt sei der Ewige, unser Gott, der den Tod verhängt und die Lebenden abberuft.“ Zwei Sekunden hing dieser Formel ein unbeschreibliches Schwei- gen nach. Pann zählte Michael weiter. Er machte kleine, rasche Schritte. Während er weiterging, bemühte er sich, seine Blicke nicht von den Dielen des Fußbodens aufzuheben. Aber die Reich- weite seiner Pupillen war unheimlich groß. Die Gesichter der Gezählten schienen überall zu sein. Michael sah sie. Er entging keinem von ihnen. Noch viermal hatte Michael zu zählen, ehe er mit den Männern fertig war. Vier Namen hatte er aufzuzählen, alle ihm hekannt. Und wie wohl die letzten vier Betroffenen geradezu überirdische Ruhe verrieten, wurde Michael von verworrenen Gefühlen über- kommen. Es war teils Genugtuung, teils Scham. Michael schämte sich nicht nur deshalb, weil er das ungerechte Urteil vollstrecken half, sondern weil er durch die Tatsache, daß er zählte, vor dem Verhängnis beschützt war, unter den Mitgezähl- ten zu sein. Im letzten Winkel seines Bewußtseins aber entdeckte Michael, daß 159 † die Genugtuung weit stärker war als die Scham. Diese war etwas, das er kontrollieren konnte. Er halte sie über sich verhängt, um nicht zu fühlen, wie sehr in ihm das Bewußtsein brannte, von der Vorschung wunderbar beschützt zu sein. Aber das Bewußtsein, aufgespart zu sein, war unkontrollierbar stark. * Sobald Michael zu den Frauen kam, dachte er an Ruth. Während er zählte, hörte er sich innerlich beten:„Gib, daß sie nicht die zwanzigste ist! Laß es an ihr vorübergehen, o Gott! Erlaube nicht, daß sie ihren Namen nennen muß. Sie ist noch so jung. Ich kann nicht ohne sie leben. Laß sie mir und lege es anderen auf!“ Und nicht eher hob er beim Aussprechen der Zwanzig den Kopf, ehe er nicht eine Stimme hörte, die sich als die Stimme einer Fremden herausstellte. Es war eine zarte Blondine mit bebenden Lippen, die in Todesangst aufprannten. Hilflosigkeit gab dem Ge- sicht etwas Erschütterndes. Einen Augenblick empfand Michael Reue, weil er für Buth gebetet hatte. Aber ungeachtet dieser Reue dachte er eindringlich an seine Frau. Obwohl er vorgab, sich zu verdammen, hörte er nicht auf, mit aller Kraft zu wünschen, daß Ruth verschont blieb. Aus allen Winkeln seines Bewußtseins holte er Kraft, um sie in diesen Wunsch zu legen. Und mit wachsendem Ingrimm und wütender Beharrlichkeit wiederholte er ununterbrochen dieses Gebet: PDu mußt bewirken, daß sie nicht die zwanzigste ist! Jede andere, nur nicht sie! Laß sie die zwanzigste nicht sein.“ Wieder hörte Michael einen fremden Namen. Das Mädchen Martha nannte ihn deutlich und ohne Zögern. Ihr Gefaßtsein war so ein- drucksvoll, daß Michael befremdet aufsah. Aber Martha kümmerie sich nicht um andere. Sie war viel zu sehr mit sich beschäftigt, um Michaels Erstaunen überhaupt wahrzunehmen. Automatisch zählte Michael weiter. Plötzlich setzte seine Stimme eine Sekunde aus. Er hatte entdeckt, daß Ruth zurückgeblieben war. Er hatte sie im Zählen weit hinter sich gelassen. Heftige Freude durchzuckte ihn. Ohne daß er aufhörte, sich der Verwerflichkeit seiner Gefühle bewußt zu sein, konnte er mit seinem Jubel doch nicht zurückhalten. Fleckige Röte bedeckte seine Wangen. Sein 160 Atem lebte n Unvill er laut au den eine 25 Rr ben niel zu immer strakfe Ruth beigeg Die ni Gesich Qualz Jett Jan k Won! nicht( nicht auk, U Aber Verle let übem. Mch Stand denen hinter trakf daß] fallen Ue reiche keit. Schhe U Re 4 . brzs, Atem ging rascher. Die Augen glänzten. Ruth durfte leben. Er um lebte mit ihr. Die Vorsehung hatte wieder geholfen. on Unwillkürlich hatte Michael seine Stimme gehoben. Jetzt zählte bein. er laut und mit kräftiger Betonung. Er zählte, als gehörte er nicht 3 zu den Abgezählten, sondern zu denen, die sich erlauben durften, eine Zählung solcher Art anzuordnen. 3 wend Er bemerkte gar nicht, daß Ruth seinem Blick auswich. Er war ⸗ die viel zu sehr von dem Hochgefühl durchdrungen, vom Schicksal 4 aube immer von neuem begünstigt zu sein. Er schritt elastisch und mit 3 Ich straffen Gliedern die Reihe der Frauen entlang. jeren Ruth hingegen stand da, als wäre das Schicksal nicht an ihr vor- beigegangen, sondern als hätte es sie ereilt. Kopl, Die nächste, die ihren Namen nennen mußte, war Kamilla. Ihr eirer Gesicht glich einer gotischen Heiligen. Man hatte sie bisher von Qual zu Qual geschleppt. Keine dieser Qualen hatte sie gebrochen. 3 be Jetzt wartete sie auf das unbekannte Ende. Jan kämpfte mit einem Schwächeanfall. ſun Wozu! schrie er innerlich, wozu dies alles! Warum öffnete sich S5 nicht die Erde und verschlang diese Greuel! Warum regnete es . 2 nicht Feuer vom Himmel! Warum stieg nicht eine neue Sintflut ſeen auf, um die Erde zu ersäufen! Aber nichts geschah. Michael notierte langsam die letzten Namen. E. Verlegen schwang er sein Blatt. Ein Windstoß entriß es ihm. Er lief ihm nach und fing es auf. Ein Schreiber der Betriebskanzlei ũbernahm es grinsend. Michael ging mit niederhängenden Armen auf seinen Platz. Dort urih⸗ stand er, sich klein machend, mit gesenktem Kopf und beschei- denem Gesichtsausdruck. Seine Augen verkrochen sich förmlich were hinter halbgeschlossenen Lidern. Seine Hände lagen flach und . straff an die Oberschenkel gepreßt. Man hätte denken müssen⸗ daß Michael einer von denen war, auf die eine Zwanzig ge- imme fallen war. ieben Alle warteten voll brennender Spannung auf das Entlassungs- wue zeichen. Es kam nicht. Jan erlag einer immer dumpferen Müdig- eil keit. Er hatte Lust, sich auf den Boden zu werfen, vor die ih Schwelle des Eingangs. Alle sollten über ihn hinwegschreiten. Sein Revonte 161 Vielleicht zertraten sie ihn, und er brauchte niemals mehr auf- zustehen. Aus dem offenen Amtszimmer des Betriebsleiters klapperten die Schreibmaschinen. Vierzehn Verdammte wurden auf eine neue Liste gesetzt. Ihre Namen wurden im Verzeichnis der Belegschaft gelöscht, ihre Evidenzblätter wurden vernichtet, ihre Papiere wur- den ausgesondert. Einer der Schreiber ging mit gemächlichen Schritten auf die am Ende der Halle angeprachte Anschlagtafel zu. Dort heftete er die Kopie der Abgangsliste mit einem Reißnagel an. Viele hundert Augen verfolgten diesen Vorgang. Sie beobachteten jede Bewegung des Mannes. Jetzt entfaltete er das Blatt. Jetzt hielt er es gegen die Anschlagtafel. Jetzt Preßte er den Daumen mit dem Reißnagel gegen das weiche Holz der Tafel. Und alle die Menschen empfanden einen stechenden Schmerz, als würde ihnen in diesem Augenblick etwas Spitzes ins Herz gestoßen, mit- ten ins Herz, mit plumpem, hartem, unbarmherzigem Finger. Da ertönte Brigolas Abgangsbefehl. Langsamer als sonst lõsten sich die Reihen. Die Menschen, kaum fähig, ihre Beine zu gebrauchen, stolperten schwankend wie Schwerbetrunkene dem Ausgang zu. Der Betriehsleiter aber begab sich auf sein Zimmer, um den Be- richt an die vorgesetzte Behörde zu diktieren. Wieder begegneten einander Wolf und Jan. Es war nahe dem Dickicht, das hundert Meter vor dem Judentor den Weg zu einer Art Engpaß machte. Der Weg war schon vereinsamt. Die Zweige der Hecke waren mit winzigen strahlenförmigen Blättern dicht be- wachsen, deren tiefes Grün sich mit dem hellen Grau des Abends vermischte. „Es ist aus“, sagte Jan leise.„Alles ist vorbei.“ „Sie sind Meister im Leiden“, murmelte Wolf, als redete er zu sich selbst.„Wären sie im Handeln so groß, wie im Dulden, was wären sie für ein Volk!“ „Du brauchst mir das nicht erst zu Sagen“, knirschte Jan. „Aber sie lassen sich eher in Stücke hauen, ehe sie zurück- schlagen.“ „Ich sehe, du hast dich zu meiner Meinung bebkehrt“, 162 sagte 6renz „Wo heute Sterbl e nicht rasend lerner Viell gern, schäm Wolk Sonst Rede sie ni Pinze lung Jan woni ihm: Niel Was loses Wolt hr kü ihn.8 sagte Wolf beschwichtigend.„Aber auch Dulden hat eine Grenze.“ „Wo ist diese Grenzed“ schrie Jan.„Ich sehe sie nicht. Ist sie heute noch nicht erreicht, dann liegt sie an einem Punkt, der für Sterbliche unerreichbar ist.“ „Laßßs dir von mir Zurückhaltung raten“, bat Wolf.„Verlier nicht die Gewalt über dich. Wenn auch ihre Geduld andere rasend macht, was pleibt uns übrig, als die gleiche Geduld zu lernen?“ Vielleicht gibt es doch etwas, das sie aufrütteln kann. Ich sterbe gern, wenn mein Ende sie beeinflußt.“ Jan lächelte hilflos, als schämte er sich seines Geständnisses. Wolf betrachtete ihn eine Weile, und sein Gesicht schien älter als sonst zu sein. „Rede nicht so“, sagte er.„Wenn das Ende von vierzehn Leuten sie nicht aufzurütteln vermag, wie sollten sie sich vom Ende eines Einzelnen beeinflussen lassen!“ Er griff mit den Händen in das dichte Grün der Hecke und z0g langsam ein Bündel pelaubter Zweige zu sich heran. Jan schüttelte den Kopf. Der Gedanke, der unvermittelt Besitz von ihm ergriffen hatte, ließ ihn nicht mehr los. Etwas stieg in ihm auf, das ihn erschauern machte. „Vielleicht wäre es doch des Versuches wert“, sagte er halblaut. „Was kann verloren sein, wenn es mißlingt? Ein einziges, wert- loses und schon verlorenes Leben.“ Wolkf ließ das Büschel los, das an seine alte Stelle zurückschnellte. Er fühlte, daß er nicht mehr reden konnte. Rührung übermannte ihn. Stumm nahm er Abschied und ging seiner Wege. 3. Als Michael das Schloß verließ, war viel Raum um ihn. Niemand folgte ihm und versuchte, sich mit ihm auszusprechen. Niemand erbat seinen Rat. Er ging wie gerichtet neben Ruth. Endlich waren sie in ihrer Kammer. Michael setzte sich an den Tisch und wartete auf das Abendessen. 163 Je länger er nachdachte, desto weniger schuldbeladen wußte er sich. Man konnte ihm nichts vorwerfen, es wäre denn, daß er einen Befehl befolgt hatte. Verlangte etwa jemand von ihm, daß er den Gehorsam verweigerte, um nicht nur sich, sondern auch die Gesamtheit zu verderben? Niemand konnte ihm befehlen, den Tod zu suchen, statt sich aufzusparen. Und war es nicht seine Pflicht, sich aufzusparen: nicht nur für Ruth, sondern auch für die anderenꝰ Und wenn er Ruth behielt, sollte er sich nicht freuen dürfend Beim Untergang eines Schiffes trachtete jeder Passagier, sich zu retten. Die, denen die Rettung gelang“ waren gewiß nicht weniger wert als jene, die zum Untergang bestimmt waren. hnmer war die Natur gerechter als die Menschen. Sie sparte jene auf, die das Uberleben verdienten. Deshalb wurden die Schwachen von den Starken überlebt. Sollte etwa die Natur die Untüchtigen aufsparen und die Tüchtigen untergehen lassen? Ruth setzte Michael einen Teller mit Hafergrütze vor. Sie selber verzehrte ihre Mahlzeit in der Zimmerecke. Michael nahm Ruth nichts übel. Micht einmal, daß sie es hart- näckig ablehnte, sich ein Wort entlocken zu lassen. Aber da sie fortgesetzt schwieg, begab er sich zur Fensterõffnung und starrie hinaus. Draußen fiel die Dãmmerung. Es war beruhigend, zu be obachten, wie sie alle Schäden zudeckte, den Verfall ungeschehen machte, die Wunden heilen ließ, das Ungewohnte alltäglich machte. Michaels Zuversicht, daß die Dinge eines Tages die erwünschte Wendung nehmen mußten, war unerschütterlich. Mur um diese Wendung zu erleben und sein altes Dasein wieder aufzunehmen, wurde er wieder aufgespart. Ruths Trotz und Gekränktsein berührten ihn nicht. Miemals sollle man die Empfindlichkeit von Frauen peachten. Frauen waren von Widersprüchen durchsetzt. Die kleinste Schwierigkeit raubte ihnen Mut und Hoffnung. Ihre Augen sahen immer nur, was nachteilig war. Eines Tages würde auch Ruth ihren Irrtum erkennen. Ruth, der Gegenstand dieser Erwägungen, saß immer noch in 164 M.Rkxua.—— uc iii ihrer Finste Ein d nicht daß ir einem nach Leber dächt Ruth Erkl an di bloße Erst enthkl Jn! kerüg lag 6 order Bünd er er ihrer dunklen Ecke. Sie lehnte an der Wand und wartete, bis die daß Finsternis hereingebrochen war. uch Ein dumpfer Haß gegen Michael erfüllte sie. Zwar war sie sich nicht völlig klar, wessen sie ihn bezichtigen sollte. Aber sie fühlte, sich daß in ihm mehr zu verdammen war als gedankenlose Freude an ren: einem sinnlosen Dasein. Andere wären vielleicht von dieser Gier nach Leben nicht geschändet worden. Aber Michaels Wille zum Leben war böse. Schmutz haftete an ihm, eine Menge von Ver- sich dãchtigendem und Erniedrigendem. icht Ruth stöhnte laut. Michael wandte sich hastig um. Aber keine ren. Erklärung erfolgte aus dem Zwielicht. Ruth hatte sich dichter arte an die Wand gedrängt und fühlte deren kühle Härte an den die bloßen Armen. atur Erst als der Raum in völliger Dunkelheit lag, begann sie sich zu eben entkleiden. elber, Jan hatte seinem alten Schützling Martha geholfen, das Bündel „ — kertig zu packen, womit sie ihre Reise anzutreten hatte. Nun xre lag es fertig auf den Brettern des Fußbodens. Es war ein be ordentlich gepacktes und mit starken Stricken verschnürtes ehen Bündel. clich— Jan wollte gehen. Aber die Furcht vor dem Abschied lähmie ihn. hi Martha hatte wahrgenommen, wie Jan immer stiller und nach- . 6 denklicher geworden war. Sie pemühte sich, ihn zu sich selber zu „ Pringen. —„Meinst du, daß ich leichtsinnig ward“ fragte sie. Ue„Leichtsinnig!“ wiederholte er. plõtzlich erriet er, was sie meinte. 2 Dennoch aber nicht geneigt, es auszusprechen, murmelte er:„Aus r welchem Grunde?“ uhl.„Weil ich Gepäck mit mir nehme, als ginge ich auf eine wirk- liche Reise.“ m„Warum solltest du nicht—“ Er vermochte die Redensart kaum über die Lippen zu bringen. ch n„Warum sollte ich nicht!“ Martha sah ihn von der Seite an, wäh- 165 rend sie seinen Tonfall nachahmte.„Zuerst dachte ich, daß es Unsinn sei, Gepãck auf eine Reise zu nehmen, die in längstens drei Tagen beendet ist. Nach diesen drei Tagen, vielleicht sogar nur nach zweien, würde ich, so nahm ich an, kaum Gepäck mehr brau- chen.“ Ihre Stimme verriet keinerlei Bewegung. Aber dann anderte ich meine Meinung. Jeden Tag werden neue und einander widersprechende Bestimmungen erlassen. Vielleicht sind die alten Methoden überholt. Und ich brauche jedes der fünf Kilogramm Gepäck, die in dem Bündel sind.“ Jan wunderte sich über Marthas Selbstbeherrschung. Was war es, das ihr diese Kraft gab? Halte sie insgeheim einen Glauben, der ihr über die Todesfurcht hinweghalfꝰ „Mach kein so finsteres Gesicht“, bat Martha, als hätte sie seine Gedanken erraten.„Und bedauere mich nicht. Du verschwendest dein Mitleid. Ich bin viel weniger mitleidswürdig als du.“ Jan blickte sie fragend an. Sie wandte den Blick weg, als störten sie Jans Augen. Ihre Pupil- en richteten sich ins Unbestimmte. Langsam hob sie ihr Bündel auf und wog es in den Händen. Es wurde zusehends schwerer und schwerer. „Weißt du, was das Schlimmste istd“ sagte sie.„Das Schlimmste ist, zurückzubleiben.“ Jan nickte. Er hatte es immer gewußt. Aber er wunderte sich, daß auch Martha es wußte. Da erinnerte sie Jan an den Tod ihrer Freundin. Damals hatte sie das Schicksal der Zurückbleibenden empfunden. Und sie hatte sich danach gesehnt, fortgehen zu dürfen, gleichviel wohin; nur Fortl! „Du hast recht“, versetzte Jan.„Niemand muß zurückbleiben. Jedem, der keine Aufgabe mehr zu verrichten hat, steht es frei, seiner Wege zu gehen.“ „Warum gehst du dann nicht?“ Ihre Stimme hatte einen leiden- schaftlichen Klang.„Was hält dich hier? Warum quälst du dich mit einer Pflichterfüllung, die dir nicht zukommt! Du bist deinen Obliegenheiten nachgekommen. Niemand kann sagen, daß du selbstsüchtig warst.“ „Was mich hier hält?“ Jan ließ sich schwer auf Marthas Lager- 166 statt fallen und saß vorgebeugt, den Kopf in den Händen haltend. Neben ihm ging Marthas Atem gleichmäßig und tief, als ob die große und furchtbare Wendung in ihrem Leben sie gar nicht be- rühren könnte. Plötzlich stand er auf. „Mich hält nichts mehr“, fügte er mit gebändigter und kühler Stimme hinzu,„als die Erfüllung einer letzten Aufgabe.“ S Am nächsten Morgen arbeitete Jan wieder auf dem Güter- pahnhof. Durch dünne Regenschauer brach ein Streifen Sonne. Mehrmals unterbrach Jan seine Tätigkeit, um nach dem Fisen- bahnwagen auszuspähen, der zur Aufnahme der Verschickten bestimmt war. Immer wieder verließ er seine Beschäftigung und lief suchend zwischen den Bahngeleisen hin und her. Keiner der vielen ge- schlossenen Frachtwagen unterschied sich sonderlich von den übri- gen. Da standen sie, lange Reihen defekter Fahrzeuge. Viele waren zertrümmert und unbrauchbar. Entweder fehlte die Decke oder ein Stück der Wand. Einige saßen nur lose auf dem Unterge- stell. Andere standen noch immer in Gebrauch. Aber auch ihnen blät- terte die Farbe langsam von den Wänden. Jede Farbschicht trug andere Wappen und andere Zeichen. Ein geschlossener Wagen erregte Jans Aufmerksamkeit. Er stand, abseits von den übrigen, auf einem Seitengeleise. Seine Farbe, ein schmutziges Grün, das an welkes Gras erinnerte, war zum Teil aufgefrischt. Die neuen Farbflecke von intensivem Giftgrün pildeten, weil offenbar zu früh der Wärme preisgegeben, am unteren Rand dicke, zum Teil geplatzte Blasen. Ein SS-Mann patrouillierte lãngs des Wagens. Immer pestrebt, von dem Mann nicht wahrgenommen zu werden, näherte sich Jan Pehutsam dem Wagen, so rasch und so dicht er es vermochte. Tiefes Schweigen, von einer merkwürdigen, gefrorenen Art, um- 167 gab das hölzerne Gehäuse. Aber wenn man näher hinhorchte, ent- deckte man, daß es im Inneren des Wagens gewisse monotone, wenn auch id unregelmäßigen Abständen aussetzende Geräusche gab. Es waren nicht solche Geräusche, wie sie Tiere hervorbringen, die man ohne Nahrung und Wasser zurückgelassen hat. Ein ande- rer, viel leiserer, beherrschter und zurückhaltender Laut strömte durch die schmalen Ritzen, als würde Menschen in engem Raum die Luft zu knapp. Zuweilen knackten Bretter. Zuweilen schien eine verzweifelte, aber noch nicht völlig hoffnungslose Hand su- chend und vorsichtig über die Balken der Wände zu gleiten. Da wechselte der Wächter seinen Standort und trieb Jan in die Flucht. Auf dem Wege zurück begegnete Jan mehreren Einge- borenen. Keiner konnte ihm sagen, ob der Wagen, vor dem er gestanden hatte, ein Transportwagen für menschliche Ladung war. Aber Jan empfand keinen Zweifel. Fieberhaft arbeitend dachte er ohne Unterlaß an den grünen Wagen. Wie lange hatte er wohl zu warten, bis er abging? Wie viele Menschen mochten sich in ihm befinden? Wie viele würden noch hinzukommen? Jan versuchte, sich das Innere des Wagens vorzustellen. Aber die Wirklichkeit lenkte ihn immer wieder von neuem ab. Erst in der Stille der Nacht erreichte er sein Ziel. Mit geschlossenen Augen sah er sich im Inneren des Wagens. Er befand sich im Dunkel, einer der Verschickten. Wer hatte be- hauptet, daß man in Grüften nicht wohnen kann? Die mit die- sem Wagen reisten, wohnten in einem hölzernen Grab. Wohin die Reise gingꝰ? Es war ganz und gar ohne Belang. Das Ziel lag ja nicht außerhalb des Wagens, sondern mitten in ihm. Man fuhr und kam doch nicht von der Stelle. Man reiste und war doch schon angelangt. Der Wagen bewegte sich. Aber sein Inneres stand still. Manche Mitpassagiere verschieden in den Armen ihrer Nachbarn. Andere lebten weiter, um den Toten die Augen zuzudrücken. Während die einen noch wilde und verzweifelte Todesfurcht in sich verspürten, befanden sich die anderen schon jenseits von Unruhe und Angst. 168 Unmi zu, be hatte Fahr Sturz geriet Unte Durel züge ihre Halle Leber hatte wn treier Mits Iigl der! line Bahr Sond Schat Glut Dem lhm chat Ueb Beh⸗ tung vie Ofin lehe lege gebe tunz ent- one, che gen, nde mte hien su⸗ die nge m er dung achie vohl rdie der 6. Unmittelbar vor dem Schloß, in der Richtung auf den Bahnhof zu, begann das Terrain plõtzlich abschüssig zu werden. Niemals hatte Jan diese Stelle beachtet. Sooft er sie nunmehr mit seinem Fahrzeug passierte, fiel ihm auf, wie sehr dieser Platz zum Ab- sturz gegeignet war. Ein Wagen, der zu weit in die Krümmung geriet, fiel, von der Fliehkraft erfaßt, dreißig Meter in die Tiefe. Unten war felsiger Boden. Durch Jans Bewußtsein rollten in dumpfer Eintönigkeit Last- züge mit Menschentransporten. Ihre lebende Fracht wartete auf ihre letzte Stunde. Brigola wandelte durch wappengeschmückte Hallen und prachte das Blut wehrloser Opfer zum Gerinnen. Lebenden war nicht ploß das eigene Schicksal auferlegt. Sie hatten auch noch das der Toten zu tragen. Wer starb, befreite sich von der Last des Erlebens. Andere hatten die Erbschaft anzu- treten. Sie erbten, ob sie wollten oder nicht, den Nachlaß. Mit solchen Gedanken passierte Jan täglich viermal den Abgrund. Täglich übte die Stelle stärkere Anziehungskraft aus. Die Magik der Tiefe wirkte mit tödlicher Gewißheit. Eines Tages fuhr Jan eine Ladung Präzisionsmaschinen vom Bahnhof ab. Ihres hohen Wertes halber Saß neben Jan ein be- sonderer Begleiter. Es war ein glũhender Sommertag. Die Land- schaft lag in tiefem Frieden. Felder und Wiesen dampften vor Glut. Uher die Straße fiel der Schatten hoher Bäume. Dem Abgrund sich nähernd, faßte Jan seinen Willen zusammen. Ihm oblag noch die Erfüllung einer Aufgabe. Er hatte die Beleg- schaft von der Sinnlosigkeit ihrer passivität zu überzeugen. Sie klebten an dem Vorsatz, keinen Widerstand zu leisten, mit der Beharrlichkeit eines dumpfen und unzerstörbaren Selbsterhal- tungstriebes. Wie anders konnt Oftmals hatte er an Selbstmord gedacht, nich Leben, sondern als Sabotageakt: ein Mittel, den Feind in Ver- legenheit zu versetzen, ohne ihm Anlaß zur Wiedervergeltung zu geben. Munmehr wollte er diesem Selbstmord eine neue Bedeu- tung verleihen: die einer dauernden Warnung. e er sie befreien als durch Selbstaufopferungꝰ tals Flucht aus dem 169 SP.eeeeee 4. Niemals war die Gelegenheit zu einem Sabotageakt günstiger ge- wesen. Der Wagen war bis zum Höchstmaß seiner Tragkraft mit beinahe unersetzlichem Gut beladen. Der Abgrund näherte sich. Vorläufig ahnte man ihn bloß. Aber seine Drohung wirkte auch in die Weite. Unablãssig übte er seine Anzichungskraft. Jetzt konnte Jan ihn von weitem erblicken. pie Krümmung, die an ihn heranführte, diese jähe und hoffnungsvolle Biegung, war geladen mit Notwendigkeit. Gebückt heftete Jan seine Augen auf die Straße und maß die sich langsam verringernde Lrn bis zum fernen Dunkel des Abgrundes. Dort, wo er jäh an die Straße griff und ganz tief war, mußte der Wagen mit seinem ganzen Inhalt hinab. Noch besaß der Abgrund Beziehung zu denen, die ihn pasierten · Nichts ihn mit den Menschen. Er stellte ein- fach eine jähe, steinige Senkung dar, ausgezeichnet durch Klip- pen⸗ Zacken und Kaum einer hatte sich jemals an seinem Rande Gedanken gemacht, ob er jemals für Vorüber- gehende Schicksal bedeuten könnte. Künftighin würde er Signal sein. Keiner der Belegschaft würde in seine Nähe kommen, ohne an Jan zu denken. Jan wollte nicht auf- hören, die Gefährten aus dem Abgrund zu beeinflussen. Die Trümmer des Wagens sollten sich in einen Mahnruf verwandeln, Jans Tod in das Kquivalent einer unaufhörlichen Beschwörung. In unmittelbarer Nähe des Abgrundes formte Jan das, was Gläu- bige ein Gebet nennen. Er sammelte alle seine Energien und legte sie in das Gebet. Dieses Gebet sollte sein letzter Wille sein. Soweit es Raum hatte, füllte er es mit Vorsatz. Er hinterließ den Zurück- bleibenden einen Auftrag. Sie sollten ihre Entscheidung, das Tun oder Nichttun betreffend, revidieren. Sie sollten endlich erkennen, daß Widerstreben notwendig, Nicht-Widerstreben fFruchtlos war. Als Jan den Wagen dichter an den Abgrund heransteuerte, wurde sein Begleiter unruhig und versuchte mit jäher Bewegung, dem Fahrer das Lenkrad zu entreißen. Jan stieß ihn mit Macht zurück. Mit triumphierender Gebärde trat er den Gashebel und warf das Lenkrad mit aller Kraft herum. Der Wagen machte einen Satz auf die Tiefe zu. Zuversicht machte Jan beinahe schreien. 170 1 * 8 3 In dem nächsten Augenblick schwebte der Wagen über dem Ab- grund. Jan duckte sich und schloß die Augen. Er sah nicht, wie man dies von Stürzenden peschreibt, sein vergangenes Lehen an sich vorübergleiten. Er durchlief nicht in gespenstischer File die Stationen seiner Jugend. Er schaute nicht, was sich hinter ihm befand. Vor Jans geschlossenen Augen lag machtvolles Dunkel. Er fühlte die Gewißheit, daß sein Handeln notwendig war. Er wußte sich in Ubereinstimmung mit seinem Gewissen. Er hatte nichts zu bereuen, nichts zu vergessen. Wie leicht es sich stürzte! Wie sanft und heiter dieser Abschied war! Künftighin brauchte man nicht mehr zu hassen und nicht mehr zu fürchten. Man prauchte weder anzuklagen noch zu ver- geben. Andere würden im gegebenen Zeitpunkt Gericht abhalten. Er vürde nur noch unter den Opfern genannt sein. Andere würden Urteil sprechen. Er war nur noch stummer Zeuge. Dies also war der letzte Augenblick: Man fuhr, wenn auch nicht aufwärts, so doch geradeswegs in den Himmel, oder wie sonst das Nichts hieß. Es war eine atemperaubende und peseligende Himmeffahrt. ——— ———— — Des trakt Der Brker Von c und T holabe Türm Der) Die trage nackt 2WöLFTES KAPITEL Das Arbeitsamt des Generalgouvernemenis befand sich im Mittel- trakt der alten, auf dem Wawel in Krakau gelegenen Königsburg. Der Vizepräsident und SS-Brigadeführer von der Planitz hatte ein Erkerzimmer inne. Von dem einen Fenster konnte man die Weichsel sonnenbeglänzt und ruhevoll vorüberfließen schen. Auf den Wellen schaukelten holzbeladene Kähne. In das andere Fenster ragten die beiden Türme des Doms. Der Vizepräsident war ein Sammler und Kenner schöner Dinge. Die Platte seines Rokokoschreibtisches wurde von Karyatiden ge- tragen. In die Seitenflächen waren Bildwerke eingeschnitten: nackte Nymphen spielten mit neckischen Satyren. Auf der blitzen- den Lackkommode lag ein alter gestickter Chorrock, in dessen Brokat die Wunder des heiligen Stanislaus eingewirkt waren. Das überlebensgroße Bild des polnischen Königs Stephan aus dem Haus Bathor) schmückte die Mittelwand. Von der Planitz, ein schlanker, gutaussehender Mann mit sorg- kaltig gescheiteltem weißem Haar, lehnte in seiner gepolsterten Bergère. Gegenüber dem Schreibtisch stand ein jüngerer Mann, in der Uniform des Sturmbannführers. „Die nächste Sache“, sagte er und nahm von einem mit eingeleg- ten Blumenranken verzierten Wandschrank einen Akt,„betrifft die Reparaturwerkstatt in L.“ E 173 Der Vizeprzsident nickte und lud den jüngeren Mann mit einer Handbewegung ein, seinen Vortrag zu heginnen. „Die Werkstatt“, lautete dessen Bericht,„beschäftigt ausschließ- lich jüdische Spezialarbeiter. Der frühere Leiter, Schilling, arbei- tete zufriedenstellend. Er erkrankte auf Urlaub und wurde dienst- unfähig. Der neue Betriebsleiter Brigola erzielt weit schlechtere Ergebnisse. An dem Tag, an dem ihm ein mit Ziffern unterlegter Vorhalt des Distriktsarbeitsamtes zugestellt worden war, entließ er im Disziplinarweg acht Männer und sechs Frauen. Zur Bericht- erstattung aufgefordert, behauptet er, Sabotage festgestellt zu haben.“ Der Referent wartete auf eine Kußerung des Vorgesetaten. Dieser gab zu verstehen, daß er aufmérksam zuhöre und vorläufig nichts zu bemerken habe. „Brigola will im letzten Monat dreißig Fälle von simulierten Krankheits- oder Schwächezuständen und vierunddreißig Betriebs- unfälle verzeichnet haben, von denen er vier Fälle als Selbstver- stümmelung bezeichnet. Richtig ist, daß die Minderleistung alle Wochen um eineinhalb bis zwei Prozent ansteigt. Kürzlich ist ein jüdischer Lenker mit einer ungewöhnlich kostbaren Ladung ver- unglückt, wobei neben dem Wagen ein großer Teil der Ladung und der den Wagen begleitende Rottenführer auf der Verlustliste steht.“ Der Vizepräsident saß eine Weile stumimn und dachte nach.„Und aus welchem Grunde wurde der Akt uns vorgelegt?“ Der Berichterstatter plätterte um.„Das Distriktsamt erbittet In- struktionen, da in jüdischen Arbeitslagern Sabotage bisher nicht gemeldet war.“ Es wundert mich nicht“, sagte von der Planitz nachdenklich. „Ich habe es erwartet.“ „Darf ich gestehen“, bemerkte der Referent,„daß ich nicht an Sabotage glaubed“ „Warum nicht?“ Der jüngere Mann legte den Akt vor sich hin. Seine Stimme klang unruhig. „Juden sind teils zu feige, teils zu gewitat, Sabotage zu verüben. Das Risiko auf ihrer Seite ist unleugbar zu groß. Erfahrung und 174 i triebs Von Haber Der S mutu dennc „Ohn leisen befol es abl Der Steif. mung plin „Cut täten Mach Der „ch Jude dihe Schei Von „st war, Der Lent Logik sprechen in gleicher Weise gegen die Annahme der Be- triebsleitung. Von der Planitz lachte scharf.„Sie sind ein schlechter Psychologe. Haben Sie sich einmal in die Lage eines Juden versetzt?“ Der Sturmbannführer runzelte die Brauen. Wenn auch die Zu- mutung von seiten seines direkten Vorgesetzten kam, so war sie dennoch absurd und beleidigend. Ohne Ihnen nahetreten zu wollen“, fügte der Vizepräsident mit leisem Spott hinzu,„würde ich empfehlen, meine Anregung zu befolgen. Wie wollen Sie einen Gegner richtig beurteilen, wenn Sie es ablehnen, mit ihm zu denken?“ Der Untergebene senkte den Kopf und stand sodann aufrecht und Steik. Seine Mienen drückten aus, daß er seine natürliche Hem- mung überwinden und das Unvorstellbare aus Gründen der Diszi- plin versuchen würde. „Gut“, sagte der Vizepräsident.„Jetzt sagen Sie mir, was Sie täten,— oder besser, was Sie nicht täten, obwohl es in Ihrer Macht steht, es zu tun— um Ihrem Todfeind zu schaden.“ Der Sturmbannführer zuckte hilflos die Achseln. „Ich sche, Sie beginnen zu erkennen, daß wir uns von seiten der Juden einiger Unfreundlichkeiten zu versehen haben. Sie können daher auch nicht pestreiten, daß Sabotage im Bereich der Wahr- scheinlichkeit liegt.“ Von der Planitz sah sein Gegenüber herausfordernd an. „Ist Ihnen niemals der Einfall gekommen, daß es ein Mißgriff war, Juden als geschulte Arbeiter zu beschãftigen?“ Der Berichterstatter plickte betroffen. Keiner der Referenten des Zentralarbeitsamtes in Krakau hatte die Grundzüge der Juden- politik entworfen. 5 Der Vizepräsident schien die Gedanken seines Untergebenen nicht wahrzunehmen. „Betrachten Sie diesen!“ sagte er und wies auf das Bildnis des Königs Stephan Bathory von Polen. Die Gesichtszüge blickten pei aller Wildheit offen und gerade. Der König musterte Seine Betrachter mit barbarischer Majestät.„Sehen Sie ihn?“ Der Referent erklärte, den König zu sehen. Er starrte unbeteiligt auf das Bild. 175 „Dieser“, setzte von der Planitz auseinander,„ist in gewissen Fragen mein untrügliches Orakel. Er hatte auch im Falle der Juden seine bekannte und kompromißlose Taktik befolgt. Sein Prinzip war bekanntlich, alle die ihm schaden konnten, rechtzeitig unschädlich zu machen und sich mit niemandem einzulassen, der nicht sein wirklicher Freund war. Ich wollte, wir hätten das gleiche Rezept angewendet.“ Der Sturmbannführer plickte zweifelnd auf den gemalten König. „Und welche Folgerung darf ich ableiten?“ „Man hätte Juden nie ein Werkzeug anvertrauen sollen. Sabotage in jüdischen Arbeitslagern wurde durch unseren Leichtsinn be- günstigt. Wir haben unsere schlimmsten Feinde zu unseren Mit- arbeitern gemacht. Wir haben ihnen hochwertiges Werkzeug und zum Teil unersetzliches Material ausgeliefert. Wir sind, auch wenn wir es nicht zugestehen wollen, in ihrer Hand.“ „Bisher“, sagte der Berichterstatter eigensinnig,„hat sich jüdische Arbeitskraft bezahlt gemacht.“ „Mag sein“, erwiderte der Vizeprãsident mit Hohn.„Die Juden hielten eben ihre Zeit noch nicht für gekommen.“ Der andere schwieg verstockt. Wieder blickte von der Planitz das Königsbildnis an. Er hul- digte dem strengen, offenen und kriegerischen Blick des Sieben- bürgers. „Fragen Sie nur ihn“, riet er freundlich.„Was würde er in einer solchen Lage für angemessen befinden? Der Berichterstatter ließ seine Augen unlustig über das Porträt wandern. „Er würde“, beantwortete von der Planitz die eigene Frage, „Selbstverständlich diesen Betrieb und ähnliche Betriebe auflösen, ohne sich auch nur zu bedenken.“ Der Berichterstatter stießß erschrocken den gesenkten Kopf nach vorn in die Luft. „Fürchten Sie nichts“, beschwichtigte der Vorgesetzte.„Uns sind die Hände gebunden- Wir gürfen nur halbe Maßnahmen tref- ken.“ Von der Planitz dachte nach.„Wie groß ist die Zahl der Arbeiterschaft in L. 2“ „Zweihundertvierzehn Männer, hunderteinundsechzig Frauen“, 176 laute sche Dre dent vera wie gear dem bese Der „W. von W mar wol De der leis hoh die Al mu Di tise aus De An M pri Silb hei Nor da „l Be sen der Sein eitig der das nig. uge be Mit- und venn ische uden hul- eben- einer orträt Frage⸗ öeen, nch 6 ini — bl der . auen lautete die Antwort.„Zusammen dreihundertfünfundsiebzig Men- schen.“ „Dreihundertfünfundsiebzig Menschen—“, höhnte der Vizepräsi- dent,„stark und gesund. Andere wurden zu dieser schweren und verantwortungsvollen Arbeit gar nicht zugeteilt. Alle diese sind, wie ich annehmen muß, technisch geschult, aufeinander ein- gearbeitet und von gleicher Gemütsbeschaffenheit, nämlich von dem gleichen, unversöhnlichen und verbissenen Haß gegen uns besessen— sind Sie etwa anderer Meinungꝰ?“ Der Berichterstatter seufzte und schwieg. „Was bedeutet dagegen die zu ihrer Bewachung verwendete Zahl von zwei bis drei Rotten?“ „Wie wäre es“, sagte der Berichterstatter unnachgiebig,„wenn man die Wachmannschaft um eine weitere Rotte verstärken wollte?“ „Danm kämen zwei Wächter auf rund ein Dutzend Juden.“ Von der Planitz lachte.„Solche Verschwendung können wir uns nicht leisten. Daß wir überhaupt in Erwägung ziehen, ob wir einen so hohen Stand an Wache aufzubieten haben, beweist am besten, daß die Lage unhaltbar geworden ist.“ „Aber die Not an Arbeitskräften—“, warf der Sturmbannführer mutlos ein. „Die Not an Arbeitskräften darf uns nicht veranlassen, leicht- sinnig oder inkonsequent zu sein.“ Von der Planit? musterte 3pöt- tisch seinen Untergebenen.„Irgert dich ein Auge, reiß es aus— Der Untergebene stand mit gesenktem Gesicht. Er fand keinen Anlaß mehr, den Monolog seines Vorgesetzten zu unterbrechen. „Wenn wir daher nicht alle entlassen können“, setzte der Vize- prãsident fort und spielte mit dem Briefbeschwerer, einer alten silbernen Petschaft des Rates von Krakau,„müssen wir aus Sicher- heitsgründen zumindest eine angemessene Betriebseinschränkung vornehmen.“ Der Berichterstatter verneigte sich zum Zeichen, daß er sich in das Unvermeidliche ergab. „Sie werden mir sagen oder wenigstens pei sich denken, daß eine Betriebseinschränkung unmöglich ist. Hier aber liegt ein Irrtum 12 Revolte 177 aut Ihrer Seite vor!“ Von der Planitz blickte den Sturmbann- führer durchdringend an.„Die Werkstatt im Schlosse L. arbeitet ausschließlich für den Heerespedarf. Die Zivilverwaltung des Generalgouvernements aber soll für diesen Unruheherd die Ver- antwortung tragen.“ Der Viaepräsident stand auf.„Daraus wird nichts“, sagte er in pefehlendem Ton. Unduldsam sah er den Refe- renten an.„Ich sehe, Sie beginnen zu verstehen. Mag die Heeres- verwaltung, wenn ihr unsere Maßnahme nicht paßt, die Werkstatt in die eigene Verwaltung nehmen.“ Der Sturmbannführer, mit den Augen an den Lippen des Vor- gesetzten hängend, schlug die letzte Seite des Aktes auf. „Notieren Sie—“ Der Vizepräsident wartete eine Minute lang. Dann sprach er langsam seine Verfügung aus. „Das Kreisamt hat Sorge dafür zu tragen, daß der Betrich auf zweihundert Köpfe reduziert wird, wobei neben der Zuverlässig- keit der Grad der technischen Schulung der Zurückzubehaltenden entscheidend ist.“ Der Untergebene machte im Akt eine Bleistiftnotiz.„Wir ver- lieren“, sagte er demütig,„hundertfünfundsiebzig Todfeinde, zur gleichen Zeit aber dieselbe Zahl von heute kaum mehr ersetzbaren Spezialarbeitern.“ Von der Planitz zuckte die Achseln.„Ich habe es nicht gewollt, daß wir uns vom Feinde abhängig machen. Kein vernünftiger Mensch hätte diesen Finfall haben dürfen. Im übrigen wird man für die Abgehenden wohl ein neues Betätigungsfeld ausfindig machen.“ „Wenn ich ergebenst widersprechen darf“, flüsterte der Referent, „80 möchte ich darauf aufmerksam machen, daß dies ausgeschlos- sen ist, zumal es sich um Sabotage handelt.“ Er legte den Aktenvermerk dem Vorgesetzten vor, der unter ihn sein Handzeichen setzte. Der Vizepräsident wie sein Untergebener sahen einen langen Zug von Juden das Tor der Werkstatt verlassen. Finsternis verschlang sie. Aber Finsternis gehörte nicht in den Wirkungskreis des Arbeits- amtes beim Generalgouvernement. „Die nächste Sache“, befahl von der Planitz mit mildem Lächeln. 178 DREIZEHNTES KAPTTEL Zwei Stunden vor Arbeitsschluß wurde Michael von seiner Dreh- bank abberufen. Er war in der letzten Zeit völlig weiß geworden. Ein nervöses Zucken durchlief zuweilen seinen Körper. Erschrok- ken verließ er seinen Platz und lief, so rasch ihn seine Beine trugen, in Brigolas Amtsraum. Der Betriebsleiter saß in seinem Lehnsessel, die Arme aufgestützt, das Gesicht nach oben gekehrt. Brigola hatte den Akt am frühen Nachmittag durch einen Kurier des Kreisamtes empfangen. Von drei bis sechs Uhr hatte er über die Sinnlosigkeit allen Tuns grimmig nachgedacht. Was frommte es, klug zu sein! Wer ein Pechvogel war, wurde das Opfer seiner Klugheit. Er hatte besonders geschickt zu sein geglaubt, wenn er sich auf Sabotage berief. In ihrem Zeichen hatte er unumschränkte Freiheit zu genießen gehofft. Produktionsrückgang war durch sie ebenso begründet wie die Anwendung der strengsten Strafen. Da hatte ein Höherer sein Spiel zerstört. Aus der führenden Werk- statt des Distrikts machte er einen mittleren Betrieb. Brigolas Vollmachten wurden eingeschränkt. Was folgen mußte, war die selbstverständliche Kürzung seiner Bezüge. Wiederum hatte er sich um eine Aussicht gebracht. Brigola war sicher, daß man ihn in absehbarer Zeit neuerlich versetzen würde. Nirgendwo im Leben hatte er Glückl! Er biß die Zähne zusammen. Seine ohnmächtige Wut war so groß, daß sie sich nicht einma! gegen den eintretenden Juden kehrte. * 22 12* 179 Was nützte es, diesen einen zu zertreten! Da kam einer mit mächtigem Stiefel und trat gleich weit über hundert tot. Dumm, plump und voreilig: das war Brigolas Urteil über seine vorgesetzte Behörde. Der Betrieb machte ihm keine Freude mehr. Plõtzlich war Bri- gola wehleidig und überempfindlich geworden. Brigola ließ Michael eine Weile stehen. Er schien mit verkrampf- tem Gesicht immer noch nachzudenken. „Ubereifer!“ sagte er.„Kein Ubel ist größer als Ubereifer.“ „Jud“, sagte er endlich in die Luft, ohne seine Haltung zu ver- ändern.„Ich benötige sofort ein Verzeichnis der zweihundert besten Leute.“ Michael suchte zu verstehen. Mit geducktem Kopf᷑ wiederholte er: „Ein Verzeichnis der zweihundert besten Leute.“ „Weißt du, was man unter den Besten versteht?“ schrie Brigola. „Die Geschicktesten und Zuverlãssigsten!“ Michael duckte sich tiefer. Die Geschicktesten mochte er zur Not auszusondern imstande sein. Aber was stellte sich der Betriebs- leiter unter zuverlässigen Leuten vor? Gab es solche, die als unzu- verlässig galten? „Du hast mich immer noch nicht verstanden?“ Brigola neigte sich vor und sah Michael an. Seine Stimme war von erstaunlicher Sanftmut. Michael hatte ihn noch niemals so geduldig gesehen. „Der Betrieb wird auf zweihundert Leute reduziert. Die anderen gehen ab. Schlage mir die einwandfreien Leute vor: zuverlässig, fleißig und technisch geschult. Wehe dir, wenn du mich zu be- trügen versuchst!“ Michael empfing schweigend ein V erzeichnis der Belegschaft. Da kürzlich zwei Männer eingetreten waren und einer eine tõdliche Verletzung empfangen hatte, waren es heute dreihundertsechs- undsiebzig. Zweihundert waren auszusondern. Der Rest wurde entlassen. Michael hielt das Verzeichnis in zitternden Händen. Zorn durch- pebte ihn. Warum sollte er neuerlich den Helfershelfer spielenꝰ Im nächsten Augenblick war der Zorn verflogen. Kalt und be herrscht ordnete Michael seine Gedanken. Er wußte, daß er seit 180 2n RnR aR nn te dem 6eg Hätt Mick die kom wün Daß Gun der grer ieb Keu tete el ei Unc Nan der ein Bri ſete ver— jed bey öll ud leh alle die ein Ur ihn mit nM, e mpf⸗ ver- dem Abgang der vierzehn ausgespielt hatte und nach Jans Tod Gegenstand des allgemeinen Hasses geworden war. Hätte Brigola die Auswahl einem anderen anvertraut, so wäre Michaels Schicksal unzweifelhaft gewesen. Niemand hätte ihn auf die Liste der zweihundert gesetzt. Der einzige, der ihn retten konnte, war er selber. So hatte der Zufall, den er soeben hatte ver- wünschen wollen, wiederum zu seinen Gunsten eingegriffen. Daß ihn die Belegschaft haßte, war schlimm. Aber dafür vertraute ihm der Betriebsleiter. Man konnte nicht bei beiden Parteien in Gunst stehen. Und weil Brigola ihm wohlwollte, war Michael der Mächtigste von allen. Seine Macht über seinesgleichen war grenzenlos. Soeben war Leben und Tod von einhundertsechsund- siebzig Gefährten in seine Hände gelegt worden. Keuchend preßte er das Verzeichnis an den Leib. Brigola betrach- tete ihn von der Höhe seines Sitzes und plinzelte mit den Augen, in denen Hohn und Verständnis zu lesen waren. „Ich sche, du hast begriffen“, sagte er trocken und brach in ein eisiges und bitteres Gelãchter aus.„Du pist pfiffiger, als ich dachte. Und weil du ein so kluger Bursche bist, vergiß nicht, deinen Namen an der richtigen Stelle einzusetzen. Du weißt, wenn du auf der Liste der Abgehenden stehst, ist dein Leben noch weniger als ein Pfennig wert. Kräfte wie du müssen mir erhalten bleiben.“ Brigolas Finger wies in der Richtung auf den Nebenraum.„Geh jetzt! Mimm dich zusammen, Jud! Du pist mir für jeden NMamen verantwortlich. Wenn es notwendig ist, mußt du nachträglich jeden deiner Vorschläge begründen. Hüte dich, deine Freunde zu bevorzugen! Kümmere dich nicht um die Weiber! Ich kann nur völlig zuverlässige Leute behalten. Deshalb nimm dich in acht, Jud!“ Ich werde mich in acht nehmen! sagte Michael zu sich, als er allein war. Ich werde nicht so töricht sein, meine Freunde auf die Liste der Zurückhleibenden zu setzen. Ich könnte es auch nicht einmal. Hab' ich doch keine Freunde. Die einzige Person, die zu mir gehört, ist mein Widersacher. Er setzte sich an den kleinen Tisch und legte das Verzeichnis auf ihn. 181 4Seee Se Donner war der erste, den er strich. NMovak der zweite. Michael vergaß niemals seine Feinde. Wolf, wiewohl er sein Nachbar war, hatte immer seinen Verdacht erregt. Er befand sich besser außerhalb der Judenstadt. Aber die anderen— wie unterschied man Zuverlässigkeit vom Gegenteil? Zuverlässig, fleißig, technisch geschult: sollte er jün- gere, sollte er ältere wählen? Wie würden die, die zurückbliehen, über ihn denken? Würden sie ihm dankbar sein? Würden sie ihn verfluchen? Ruth durfte nie erfahren, daß er dem Betriebsleiter die Namen geliefert hatte. Miemand durfte es wissen. Er durchlief das Gesamtverzeichnis der Belegschaft und strich vor allem jene aus, deren Anwesenheit ihm Unbehagen bereitete. Gab es nicht wirklich Unzuverlässigeꝰ? Jans Gefährten hatten vor Monaten Flugzettel verbreitet. Diese waren in Wahrheit gefährlich. Und schon begann Michael mit den Augen des Betriebsleiters zu schen. Er entdeckte, daß ihrer beider Interessen nahezu identisch „aren. Wenn er auch aus Gründen der Selbsterhaltung niemals von diesen Flugzetteln Erwähnung tun durfte, so war es doch unzweifelhaft, daß sie für die Belegschaft verderblich gewesen waren. Alle, die in Jans Nähe gekommen waren, hatte er vergiftet. Pieses Gift mußte im Interesse der zum Leben und zur Arbeit Entschlossenen ausgemerzt werden. Michael wußte sich mit Brigola immer inniger verbunden. Jeder, der überdauern wollte, mußte ihn unterstützen. Wer Brigola förderte, förderte sich selbst. Wer ihm gefügig war, sicherte sein Lehen. So liefen die Interessen Brigolas und der Belegschaft võllig parallel. Die Impulsiven und die Ungeduldigen waren die Feinde der Schwachen. Ausdauer und Fügsamkeit waren der einzige Wes zur Rettung. Immer klarer wurde es Michael, wie das Verzeichnis der Zurück- pleibenden auszusehen hatte. Micht sein eigener Wille zur Selbst- erhaltung allein, sondern der Wille jedes, der dauern wollte, diktierte die Auswahl. Man durfte nur Leute im Betriebe be- lassen, die sich ganz und gar auf Brigola einstellen konnten;— solche, die, um den glücklichen Ausgang zu erleben, alles auf sich zu nehmen entschlossen waren. 182 ————— Und so strich Michael nicht nur alle, die mit Jan befreundet ge- wesen waren, in seiner Nähe gewohnt oder selbst nur seinen Rat gesucht hatten. Er strich die meisten jungen und zu Exzessen nei- genden Menschen. Er strich Leute, die im Lager über Brigola herzogen. Er strich selbst Menschen, die noch rote Wangen hatten. Rote Wangen waren ein Zeichen von Blutüberschuß. Heißes Blut verführte leicht zu Abenteuern. Und da die Zahl der Auszutilgenden nicht erschöpft war, strich er auch Personen, deren er nicht völlig sicher war. Engel hatte awar gegen Jan gesprochen. Aber sein Widerspruch war nicht entschieden genug gewesen. Jakob, der Pächter, hatte mit mehr Beharrlichkeit Opposition gemacht. Aber Jakob kam vom Lande. Leute vom Lande waren leicht beinflußbar. Miemals konnte man Jakobs völlig sicher sein. Seine Zuverlässigkeit war unerprobt. Es war besser, sie nicht der Feuerprobe zu unterwerfen. Je weiter seine Arbeit fortschritt, desto sicherer fühlte sich Michael. Jetzt erst hatte er über Jan die Oberhand behalten. Nach dessen Tode hatte es einige Tage gegeben, in denen Jans Einfluß größer war als je. Wie leicht hätte der Tote triumphieren kön- nen. Und diese Gefahr war bis zum heutigen Tage noch nicht überwunden. Aber jeder Bleistiftstrich beseitigte ein Stück von ihr. Seit Monaten hatte Michael nicht eine solche Genugtuung empfunden. Er war für alle, die in der Werkstatt arbeiteten, Schicksal und Vorsehung geworden. Wen er verdammte, der war verdammt. Wen er freisprach, der durfte leben. Alle Seelen waren sein Figentum. Die er opferte, waren den Zu- rückbleibenden dargebracht. Die er rettete, gehörten ihm. Leb- ten sie nicht bloß durch seinen guten Willen? In der letzten halben Stunde begann Michael darüber nachzu- denken, was er Ruth sagen könnte. Was die anderen dachten, kümmerte ihn wenn morgen die neue und riesige Liste aushing, nicht. Die, vor denen er Furcht empfand, sah er morgen zum letztenmal. Die aber bleiben durften, mußten ihm gegenüber Dank empfinden. Sie wurden seine Kreaturen. Was aber sollte er Ruth sagen? Sie würde wissen wollen, was 183 geschehen war. Sie würde auf Rechenschaft bestehen. Michael mußte eine Art Bescheid geben, wollte er den letzten und äußer- sten Bruch vermeiden. Er mußte lügen. Was aber konnte er erfinden, um vor Ruths klaren und mitleidslosen Augen zu bestehen? Konnte er Glauben erwarten, wenn er behauptete, um das Leben jedes der Entlasse- nen gerungen zu haben? Da erschien Brigola, nahm die beiden neu angelegten Verzeich- nisse entgegen, sagte nichts, stellte keine Frage. Ohne eine Miene zu verziehen, ging er die Listen durch, legte sie nieder und gab Michael das Entlassungszeichen. Die Uhr im Amtszimmer zeigie die neunte Abendstunde. Michael hatte immer noch keinen Entochluß gefaßt. In dumpfer Ratlosigkeit schlich er den Weg nach Hause. Die anderen waren schon lange daheim. Die Straße war leer. Niemand zeigte sich in den Gassen der Judenstadt. vor dem Turm zögerte Michael. Seine Füße wurden immer schwerer. Er empfand heftige Angst. NMemandem war er Be- Scheid schuldig. Aber Ruth war ein strenger Richter. Sie hielt auch dann Gericht, wenn Michael sich nicht unterwarf. Sie 20g Michael zur Verantwortung, zwang ihn, Rede zu stehen, hörte ihn ab, urteilte und vollstreckte ihren Spruch. Vor der Schwelle des Hauses stand Michael eine Weile still. Im Keller des Turmes tönte Jonas' schon ein wenig kindlich gewor- dene Stimme. Er redete zu Anna. Oben wartete gewiß Ruth. Sie hatte ihn ohne Zweifel durch das Fenster kommen sehen. Michael zögerte, die Treppe zu betreten. Ihm war noch keine taugliche Lüge eingefallen. Vielleicht glaubte ihm Ruth, daß er einfach Handlangerdienste verrichtet habe, ohne mit der Aus- wahl befaßt gewesen zu sein. Aber Michael ahnte, daß es vor Ruth keine Lüge gab. Er hatte die dunkle Empfindung, daß die besten Einfälle fruchtlos waren. Ruth wußte, wie er argwohnte, mehr von seinen Plänen, als er sich selber eingestanden hatte. Und als er vor Ruth stand, war es wirklich um ihn geschehen. Eine Viertelstunde später wußte Ruth alles, sogar die Tatsache, daß Michael selber die Liste verfaßt hatte. 184 4 — SMRk RMneeMxxxcau4 Butl die Vor mors reigt Wen Ruth wuß Mich Ruil Statt Die Bru War War 80 das Nan eine trac ven Uh Ha hael Ber- mer B zuch chael h, . Im w0 . Sie keine ab er Aus e die arel⸗ ich ebel ʒache⸗ VIERZEHNTES KAPITEL. BRuth lief schreiend durch die Gassen der Judenstadt. Sie rief die Bewohner aus allen Häusern. Gellend ertönte ihre Stimme. Vor jedem Tor blieb sie stehen und rüttelte so lange an dem morschen Holz, bis sich einer der Inwohner an der Schwelle zeigte. Wenn das erschrockene Gesicht an der Türschwelle erschien, rief Ruth ihm die Nachricht zu. Sie bedeutete das Ende. Niemand wußte, ob er unter den zweihundert war, die bleiben durften. Michael hatte gar keine Gelegenheit gehabt, Namen zu nennen. Ruth hatte ihn weder nach ihnen gefragt, noch ihm auch nur ge- stattet, sie zu sagen. Die Aussicht des einzelnen, aufgespart zu sein, war um einen Bruchteil größer als die Aussicht, verloren zu sein. Von zweien war es immer einer, der zu gehen hatte. Der eine ging morgen. Wann hatte der andere zu gehen? So traf es jeden. Und wenn es auch nicht sein Ende war, es war das allgemeine Ende. Jedem war zumute, als hätte er seinen Namen bereits auf der Anschlagtafel gesehen. Alle waren wie einer. Miemals hatten sie sich so verbunden gefühlt. Hatte es Zwie- tracht zwischen ihnen gegeben? Auf einmal war jeder dem ande- ren wie ein Bruder. Allmöhlich füllten sich die engen Gassen mit bl Halbbekleidet rannten die Leute aus den Türen, an Nachbarn und ließen sich von der Menge fortschleppen. An eichen Gesichtern. klammerten sich 185 S e den Fensterhöhlen zeigten sich verzerrte Menen. Weinende Frauen wälzten sich über die Schwellen. Der Himmel war mit schwarzen Wolken bedeckt. Es dunkelte vorzeitig. Was sollte man tunꝰ Pald befand sich die gesamte Judenstadt im Freien. Ihr Flüstern hatte die Gewalt eines Sturms. Ohne daß eine Vermutung über die zu treffenden Entschließungen ausgesprochen worden war, tauch- ten schon Leute mit Bündeln auf. Sie bildeten eine Art Pro- zession. Aber nur wenige hatten soweit gedacht. Die meisten liefen ratlos hin und her. Sie schrien nur immer, daß das Ende da sei. In der einbrechenden Dunkelheit sahen die Ruinen beinahe wie Heimat aus. Man sah weder zerrissene Dächer noch geborstene Wände. Und wãhrend man noch angstvoll vor den Häusern stand, sehnte man sich schon nach ihnen zurück. Was würde jetzt ge- schehen? Würde man kämpfend Was blieb denn anderes übrig als Kampfd Sowie man vom Kampf zu reden begann, schien Jan in der Mitte der Judenstadt zu stehen. Lautlos brachte er seine Ermahnung vor. Alle sahen ihn. Er stand groß und schweigend da. Seine Rechte zeigte den Weg ins Schloß. Dort begann er. Hinter dem Judentor. Man mußte ihn rasch und unerschrocken gehen. Jetzt war die Stunde da. Kein Ort war besser geeignet für die Besprechung der Vertrauens- leute als Jans Kammer. Michael fehlte. Die Ereignisse hatten ihn weit zurückgelassen. Und Luria war nicht mehr da. Aber Wolf ersetzte beide.. 3 Niemand konnte sagen, wer Wolf gerufen hatte. Aber es bestand kein Zweifel, daß er der geeignete Mann war, den Befehl zu über- nehmen. Plötzlich gehörte er völlig zu der Judenstadt. Er hatte das strenge Gesicht des Fiferers, aber auch die entschlossene Miene des Kriegsmannes. Seine harten und gestãhlten Züge hatten etwas von der S Lurias. Aber sie waren finsterer und rũck- sichtsloser. Von ihm ging Ruhe und Sicherheit aus. Wer ihn sah, zögerte nicht, sich ihm unterzuordnen. Im Bewußtsein, daß jede ungenützte Minute ein niemals wieder gutzumachendes Versäumnis darstellte, zeichnete Wolf die Skizze des Schlosses an die Wand. Er fügte die beiden Wege hinzu, die 186 aus de straße mit de Die) ꝛierlic ꝛünde Streck Wolt Zwei der x Der! einig mach mu be Inbes wung Verte es hi Wolt bese währ sich Wei eine hatte Die tiete Don wäh gen Aks And er die auch- Pro- liefen ei. e vie rstene sland, t ge- rig as Mitte nung Seine r dem Jelnt Wens en ihn Wolf Shnd öber⸗ hatte Miene elvis röc aus der Judenstadt zum Schlosse führten, ebenso die Zufahrts- straßen, die die Christenstadt von L. und den Bahnhof von B. mit dem Schloß verbanden. Die Männer studierten angestrengt die Skizze. Der kleine und zierliche Engel stand auf den Zehenspitzen und hielt eine ange- zündete Kerze hoch. Seine Armbewegungen folgten den ausge- streckten Zeigefingern der Gefährten. Wolf entwarf den Plan für die bevorstehende Kampfhandlung. Zwei Trupps mußten gebildet werden, der eine aus Kampffähigen, der andere aus Alten, Kranken und Invaliden. Der Stoßtrupp sollte als erster aufbrechen. Es sollte ihm bei einiger Geschicklichkeit gelingen, die Wachen unschädlich zu machen, sich des im Hause befindlichen Bewachungsdetachemenis zu pemächtigen und den Betriebsleiter gefangenzunehmen. Nach Inbesitznahme des Schlosses und Verteilung der vorhandenen Nah- rungsmittel, Waffen und Munitionsvorräte mußte das Schloß in Verteidigungszustand versetzt und so lange verteidigt werden, als es hinter den Mauern Verteidiger gab. Wolf beschrieb die einzelnen Teilhandlungen. Niemand vermochte besser und überzeugender Anordnungen zu treffen als er. Und während der Angriffsplan durchgesprochen wurde, bemächtigte sich eine seltsame Veränderung der Beratungsteilnehmer. Mit jeder neuen Entschließung, die man faßte, und mit jeder Weisung, die der einzelne empfing, letten die Körper ein Stück eines allgemeinen Rückverwandlungsprozesses zurück. Die Augen hatten einen Glanz wie vor fünf oder zchn oder zwanzig Jahren. Die Glieder strafften sich. Die Stimmen hatten einen neuen und tiefen Ton. Donner war Teilnehmer eines aktiven Aufstandes gewesen. Ihn wählte Wolf zu seinem Adjutanten. Der Trupp der Kampfunfãhi- gen wurde Novak anvertraut. Als die Beschlüsse des Rates draußen verkündet wurden, traten die Menschen an Wolf heran und drückten wortlos seine Hände. Andere trugen ihn in stummem Jubel zum Turm. Man sprach wenig. Aber jeder las dem anderen das Einverstãndnis von den Lippen. Jeder sah im anderen einen Bruder. Fine tiefe Trõstung verbreitete sich. Man konnte einen Aufschrei der Freude 187 kaum unterdrücken. Niemand fragte, ob man sich den Beschlüssen der Vertrauensmänner unterwarf. Jeder hielt es für selbstverständ- lich. Aus dem Haufen Verzweifelter war ein Heer geworden, das nichts sehnlicher wünschte, als loszuschlagen. 2. Die erste Aktion erfolgte gegen den Posten am Judentor. Wolfs Wahl war auf Fenyes gefallen. Dieser sollte den Mann unverzüg- lich und lautlos beseitigen. Fenyes machte sich unscheinbar. Durch das Dunkel und viele Hauservorsprünge begünstigt, kroch er an den jungen Menschen heran, der gelangweilt dastand, immer in dieselbe Richtung star- rend. Der Karpatorusse, ihm schräg gegenüber, wartete, bis er seine Haltung verändern würde. Lange rührte sich der Posten nicht. Sein Gesichtsausdruck war verträumt. Er mußte sehr jung sein. Stirn und Augen blickten völlig schicksalslos. Der Mund war kindlich, ohne jedes Erleb- nis. Woran er dachte? Vielleicht an zu Hause. Fenyes, mit dem Blick des Raubtiers, war weit davon entfernt, sich mit den Vorstellungen des Postens zu beschäftigen. Er probte in Gedanken den Sprung, den er zu unternehmen hatte. Er maß die Entfernung, tastete mit seinen scharfen Augen den Hals des Mannes ab, bewegte seine Finger, um sie geschmeidig zu machen, und genoß im voraus das unvergleichliche Vergnügen, zu töten. Mehrere Minuten vergingen, ohne daß der Wächter sich bewegte. Einen Augenblick lang war noch alles sichtbar, was an Trümmern des Judentors vorhanden war: die beiden Pfeiler, durch primi- tive Schranken verbunden, ein Stück des Torbogens und ein allein- stehendes Wappen. Pann begann die Dunkelheit die Pfeiler auf- zusaugen, bemächtigte sich des Wappens und drohte, das Gesicht des Postens unkenntlich zu machen. Aber Fenyes sah immer noch genug. Er bemerkte, wie der Posten sein Gewehr aufnahm, um sein Schlafbedürfnis durch Marschie- ren zu unterdrücken. Zu diesem Zweck bückte sich der Deutsche, streckte die Hand aus, ergriff das Gewehr und ließ es hoch- schnellen. 188 Mere ne Fenye digen ten sic Sie d DerU hatte den ir hieg nicht Deuts Leber Der! gane und Pfeil Ceye Betel 80 8 Rgt mul sch aun pe len 15 he, Fenyes sah seine Zeit gekommen. Er hatte etwas von der geschmei- digen Bewegung einer Wildkatze, als er sprang. Seine Hände leg- ten sich mit Inbrunst um den kühlen, glatten Hals des Deutschen. Sie drückten zu. Kein Laut kam aus der erschrockenen Kehle. Der Uberfallene zuckte kaum. Da lag er, ausgestreckt. Von weitem hatte man den Eindruck gehabt, daß Fenyes den Kopf des Liegen- den in seinen Schoß gebettet hatte, um ihn zu streicheln. Seine biegsamen und starken Finger taten ihre Schuldigkeit. Sie gaben nicht um den kleinsten Bruchteil eines Pulsschlags nach. Der Deutsche verharrte regungslos. Sein Kopf᷑ lag schwer und ohne Leben auf Fenyes' Schenkeln. Der Karpatorusse lockerte seinen Griff, überzeugte sich, daß er ganze Arbeit geleistet hatte, legte Sodann den Deutschen vorsichtig und so, daß niemand durch ihn pehindert wurde, neben die Pfeiler des Tors und lief zurück, um sich mit dem erbeuteten Gewehr und den anderen Habseligkeiten des Toten bei Wolf, dem Befehlshaber, zu melden. 2 5. Ehe, nicht lang vor zwölf, der erste Zug unter Donners Füh- rung aufbrach, versuchte sich ihm Michael entgegenzustellen. Er hatte lange in seiner Kammer gebrütet und über ein Mittel nachgedacht, um das Unheil abzuwenden. Leute von Michaels Art fanden sich niemals ab. Er plieb verständnislos für die Vor- gänge, die sich in qen letzten beiden Stunden auf den Gassen abgespielt hatten. Waren die Menschen wirklich so irrsinnig, sich zu opfern, statt sich zu rettenꝰ Wollten selbst solche untergehen, die leben durften? Zweihundert Menschen standen im Begriff. Selbstmord zu begehen. Was war der Sinn dieser Tollheitꝰ Michael erkannte, daß er einen großen Fehler begangen hatte. Wozu hatte er sich das Geheimnis entreißen lassen? Wer hatte ihn 80 schwach erschaffen, daß er dem bõsen jungen Weibe alles ge- sagt hatte? Was für ein Teufel hatte ihn geritben, so daß er reden mußte, statt zu schweigen? Er hätte niemals aus der Schule schwatzen dürfen! Er hätte das Geheimnis wahren müssen, his zum letzten Augenblick! Wenn die Namen der Entlassenen auf 139 der Liste standen, wußten sich die übrigen gerettet. Niemals hätten Menschen, die leben durften, dieses Leben um Todgeweihter wil- len hingeworfen. Nemals hätten sie mit Verlorenen gemeinsame Sache gemacht. Michael begriff nicht, daß es eine Gemeinsamkeit gab, die an der Schwelle des Todes nicht endet. Er hatte nur einen Gedanken: hinauszugehen und die Namen der Geretteten zu rufen. Diejeni- gen, denen zu leben vergönnt war, wußten nicht, was sie zum Opfer brachten. Michael stürzte auf die Straße. Finsternis war ausgebrochen. Die Wolken hingen tief über die Dächer. Man tappte durch die mas- sive Dunkelheit wie durch schwarze Felsenhöhlen. Die Spitze des Zuges sah sich aufgehalten. Michaels gellende Stimme hallte ihr entgegen. Nicht nur Donner erkannte die Stimme. Allen war, die herrische und eifervolle Art bekannt, die Michael auszeichnete. Was wollte dieser Menschd Hatte er den Mut, sich neuerdings hören zu lassen? Begnügte er sich nicht mit seinem letzten Sieg? Michael verwehrte den Leuten das Fe Er stellte sich ihnen entgegen. Er bat sie, zu bleiben ihn anzuhören. Er habe Wichtiges zu sagen. Das verstummte. Jetzt S man Michael deutlich verstehen. Er nannte eine Anzahl Namen. Immer mehr Namen. Was bedeuteten sieꝰ Donner klärte die Leute auf. Es waren die Namen solcher, die nicht entlassen werden sollten. Michael beschwor sie, ihr Leben nicht wegzuwerfen. Michael fuhr fort, zu reden. Er merkte gar nicht, daß ihm nie- mand zuhörte. Er redete wie ein Toller. Unaufhörlich wieder- holte er dasselbe. „Weg da!“ schrie Donner.„Wenn du pleiben willst, so bleib. Aber halte uns nicht auf!“ Michael wurde immer dringlicher. Unaufhörlich steigerte sich seine Beharrlichkeit. Er drängte näher an den Zug heran. Er apostrophierte die Menge. Wer sagte, daß die Entlassenen ihr Leben einbüßen mußten? Konnte sich jemand vorstellen, daß man heute hundertsechsundsiebzig Arbeitskräfte mutwillig zum 190 Unterg einbüß lich er Michae mehr Denn! geben. und B gesühr Micha Hs va heit k Ause Dünne der W Micha ausger wünsc liche einma gebrei v0m Gesta 6i hr weite Gut' Untergang pestimmteꝰ In Wirklichkeit würde niemand sein Leben einbũßen. Aber die Maßnahmen der Betriebsleitung mußten wört- lich erfüllt werden. Michael redete weiter, ohne zu wissen, daß es kein Zurückweichen mehr gab, selbst wenn man es in diesem Augenblick gewollt hãtte. Denn niemand konnte dem Posten am Judentor das Leben zurück- geben. Dieses Leben aber konnte nach deutschen Vorstellungen Begriffen nur mit der Vernichtung der gesamten Judenstadt gesühnt werden. fuhr fort, der Menge seinen Willen entgegenzuhalten. Es war der eigensinnige Wille eines Menschen, dessen Verbissen- heit keine Grenzen kannte. „Aus dem Wege!“ wurde halblaut gerufen.„Fort mit dir!“ — Regen begann niederzugehen. Man sah ihn nicht. Aber der Wind trieb seine Schauer den Wartenden ins Gesicht. Michael wich nicht. Die Zähigkeit, die sein ganzes bisheriges Leben ausgezeichnet hatte, schien in ihm Allen Flüchen, Ver- wünschungen und Zurufen hielt er seine hartnäckige und beharr- liche Geste entgegen, die Unnachgiebigkeit und Festhalten an der einmal gefaßten Uherzeugung ausdrückte. Seine Arme waren aus- — Einer hielt eine kleine Blendlaterne hoch. Der Schein, vom Regen verzerrt, fiel auf sein Gesicht. Seine mächtige Gestalt,—„om Dunkel zu sondern, stand mitten in der engen Gasse. „Ihr werdet“, sagte Michael starrkõpfig,„nur über meine Leiche veitergehen!⸗ „Gut“, schrie einer.„Wenn du es so haben willst.“ Ehe d. Blendlaterne verlosch, flog ein schwerer Stein gegen Michaels Schläfe. Lautlos sackte er zusammen. Und ohne Laut Schritt die Menge über ihn hinweg. Auch Ruth setzte die Füße über ihn. Sie hatte stumm den Vorgang verfolgt, ohne durch eine Regung zu erraten, daß Michaels Hal- tung sie heftiger anging als die anderen. Als sie ihn kallen sah, trachtete sie, zur Seite zu springen, um ihm auszuweichen. Aber die Menge drängte. Die Straße war eng. Sie mußte über den Gatten hinweg. Sie var in diesem Augenblick scho n weit von ihm entfernt. Sie 191 begriff nicht mehr, daß sie mit ihm gelebt hatte. Wesen und Art dieses Mannes waren ihr unverständlich geworden. Noch nach seinem Tode suchte Michael den Weg zu versperren. Sein Körper nahm die ganze Breite der Gasse ein. Keiner sah ihn. Die Füße stolperten über ihn. Der Regen tauchte ihn in immer tiefere Nässe. Bald versank er in feuchtem Erdreich, von den Füßen zerstampft, von der Erde aufgeschluckt. Ilatte man einmal die Stelle passiert, auf der Michael lag, dann ging es regelmäßig und ohne Aufenthalt weiter. Der Regen strömte stärker. Bald deckte sein gleichmäßig tõnendes Gerãusch alle anderen Laute zu. e FUNFZEHNTES KAPITETL⸗ Das Judentor lag weit zurück. Man erklomm den Weg zum Schloß, nicht den gewohnten, sondern den steilen, den sogenann- ten„Kreuzfahrerweg“, der zu einer für Juden verbotenen Pforte, der„Kreuzfahrerpforte“, führte. Der Regen begann immer stärker zu fallen. Die Tropfen schlugen schrill auf den bereits mit Nässe getränkten Fußboden auf. Im Dunkel stieß man gegen Baumstämme und Wurzeln. Aus dem Schlaf aufgestörte Vögel taumelten erschrocken gegen die Regen- massen. Getier, das am Fuße der Stämme Zuflucht gesucht hatte, huschte schleunigst tiefer ins Dunkel. Aus ihrer Lage gelöste Steine rollten gemächlich den Abhang hinunter. Aber niemand, wenn er auch noch so angestrengt horchte, konnte in dieser Sturm- nacht die einzelnen Geräusche voneinander unterscheiden. Als man sich der Kreuzfahrerpforte näherte, wurden selbst die vorsichtigsten Füße noch vorsichtiger auf den Boden gesetzt. Man ging mit ausgestreckten, tastenden Armen. Die Nässe hatte längst die Gesichtszüge überströmt. Jetzt drang sie tiefer durch Schuhe und Kleider. Der Regen hatte große Lachen um das Wächterhaus vor der Kreuzfahrerpforte gebildet. Im Inneren dieses Wächter- hauses saßß der Posten, von Halbschlaf umfangen. Es kostete keine Mühe, ihn lebendig zu überwältigen. Der Mann war anfangs wie betäubt. Die Vorstellung, von der jüdischen Belegschaft überrumpelt und gefangen worden zu sein, war zu 13 Revolte 93 grotesk, um in seinem Hirn Platz zu finden. Wolf nahm ihn im strõmenden Regen ins Verhör. Zuerst weigerte sich der Mann, zu reden. Aber einige Stöße mit dem Gewehrkolben genügten, um den Gefangenen gefügig zu machen. Alle, die das Wächterhaus umstanden, empfanden mit voller Deut- ſichkeit die Freude des bisher Vergewaltigten an der Gewalt. Es war seliger, den Fuß auf fremde Nacken zu setzen⸗ als den Nacken unter fremde Füße zu beugen. Heftiger und schärfer kamen die Fragen aus Wolfs Mund. Sanft und ergeben klangen die Antworten des Gefangenen. Er half dem Vortrupp, in die Pforte zu gelangen, und machte selbst den Füh- rer zu den Mannschaftszimmern. Eine Waffe nahe dem Herzen und die auf dem BRücken festgeknüpften Hände verwehrten es ihm, an Hinterlist zu denken. Die Leute des Vortrupps hatten ihre Schuhe ausgezogen und tappten mit nackten Schlen über altersglatte Steine. Der Lichtschein des winzigen Lämpchens be- leuchtete niedere Wölbungen, gotische Zierate, verwitterte, in die Mauer eingelassene Standbilder. Die Mannschaft des Vortrupps wurde verteilt. Auch der zweite Posten fiel ohne Gegenwehr in ihre Hände. Ausgewählte Leute bemächtigten sich der vorhandenen Waffen und drangen in die Schlafkammern. Erschrocken fuhren die Schläfer von ihren Lager- Slätten auf. Sie erlebten den großen Schreck und das grenzen- lose Erstaunen ihres bisherigen Daseins. Die Untermenschen hat- ten Revolution gemacht. Was man die Deutschen als Geschöpfe einer niederen und verworfenen Welt sehen gelehrt hatte, war aus den Kerkern ausgebrochen und hatte den höheren Menschen anzufallen gewagt. Panik bemächtigte sich der Wachmannschaft. Scham und Ver- plüffung verhinderten ihre volle Gegenwehr. Wenige büßten ihren Widerstand mit dem Tode. Die anderen hielten, ohne ihre Nieder- lage zu pegreifen, ihre Handgelenke hin, um gefesselt zu werden. Per Scharführer und die beiden Rottenführer waren unter den Gefangenen. Wolf riß den unter den Griffen seiner Uberwältiger schwanken- den Scharführer näher zu sich heran. Es war ein schlanker, wei- pisch aussehender Mensch, dessen verwirrte Augen im Kreise wan- 194 b—— derten, als wollten sie ergründen, welcher Dämon diese bisher willenlosen Geschöpfe zum Aufruhr überredet hatte. Wolfs Fragen schnellten ihm wie Peitschenschläge ins Gesicht. Er schob die Schulter hoch, blickte erschreckt um sich und schwieg. Als ihm aber eine Revolvermündung entgegengehalten wurde, duckte er sich tiefer, gab sich besiegt und stammelte Beteuerungen. Niemals habe er Grausamkeiten verübt. Er sei Soldat und hoffe, als solcher behandelt zu werden. Er erklärte seinen Willen zur Unterwerfung. Sonderbares Volk— dachte Wolf, während er Notizen machte und flũsternd Befehle gab. Warum hat man vor diesen Menschen gezittert? Wer hat der Welt weisgemacht, daß es tobsüchtig ge- wordene Berserker sind? Das mir gegenüberstehende Exemplar jedenfalls ist bald gezähmt. Legt man Handschellen an sein Ge- lenk und gibt ihm die Peitsche zu kosten, dann ist der Scharführer nichts als ein sogar im Gehorsam widerwärtiger Sklave. Lächelnd folgte Wolf dem Scharführer, der ihm, als hätte er sein Leben lang Juden gedient, zwischen zwei Gewehrläufen vor- wärtsschreitend den Weg zu Brigolas Schlafzimmer zeigte. Brigola hatte sich mit der vor knapp zehn Stunden eingelangten Verfügung des Arbeitsdepartements noch nicht ausgesöhnt. Er lag in seinem breiten Bett in unruhigem Schlaf. Auf dem Nacht- tisch befanden sich Stoppuhr und Revolver. Neben dem altertüm- lichen Prunkbett stand das Telefon. Befehlsgemäßß war die Be- triebsleitung Tag und Nacht mit dem Kreisamt verbunden. Brigola träumte. Wie immer, wenn eine heftige Gemütsbewegung einem Traum nicht weicht, sondern mit ihrem ganzen Gewicht auf ihm lastet, verzerrte das Erlebnis den Traum. Brigola hatte den Besuch des Herrn von der Planitz erhalten. Der Viꝛepräsident, mit der Wirkung seines Erlasses noch nicht zu- frieden, suchte dem Betriebsleiter den letzten Rest der Belegschaft zu entziehen. Brigola setzte sich zur Wehr. Es ging nicht mehr um das Schicksal der Juden. Seine eigene Existenz stand auf dem Spiel. Um sie zu retten, mußte er sich die Juden erhalten. Von der Planitz war unnachgiebig. Herrisch und kalt schritt er an der Seite Brigolas durch die von sausenden Geräuschen erfüllte 13* 195 Halle. Beide hatten ihre Rollen vertauscht. Der Vorgesetzte hatte den erbarmungslosen Blick, den Freund und Feind bisher als charakteristisches Merkmal Brigolas bezeichnet hatten. Der Be- triebsleiter aber war sanft. Memals war er so sanft gewesen. Er pettelte um jede einzelne Seele. Aber bõse und rechthaberisch peharrte von der Planitz auf seinem Befehl. Dem Schläfer stach ein Lichtschein in die Augen. Er öffnete sie halb. Im Schlafzimmer stand eine Gruppe fremder Männer. Einer hielt eine Taschenlampe auf Brigola gerichtet. Zwei andere beug- ten sich über ihn, streiften ihm die Decke vom Leib, packten seine Handgelenke und schmürten sie zusammen. Brigola rührte sich nicht. Pie Gesichter glichen denen seiner jüdischen Arbeitskräfte. Hatte der Irrsinn sich seiner bemächtigtꝰ? War dies die Folge der ihm zugefügten Kränkungꝰ? Niemals im Leben hatte er so lebhafte Halluzinationen gehabt. Es dauerte zehn Sekunden, bis Brigola argwöhnte, er könnte wach sein. Er versuchte, die Augen zu reiben. Da entdeckte er die Fesse- lung seiner Hände. Er versuchte den Kopf zu drehen. Da sah er seine Waffe in fremdem Besitz. Hatte sein Bericht doch nicht übertrieben? Wenn dies aber kein Traum war, dann lag nicht Sabotage vor, wie er gemeldet hatte, sondern Aufruhr und Meuterei. Meuternde Juden hatten sich des Schlosses bemächtigt. Offenbar war die gesamte Wachmannschaft in ihre Hände gefallen. Und nun pefand auch er sich in ihrer Gewalt. Da hatte die Erkenntnis, daß er nicht träumte, den letzten Win- kel seines Bewußtseins erobert. „Hilfe!“ prüllte Brigola. Lähmung bprach über ihn herein. Er päumte sich auf, röchelte und fiel in Ohnmacht. 2. Vom Turm der Hauptkirche schlug es zwei. Während Donner die in den Kasematten des Schlosses vorgefundenen Mengen an Waf- fen und Munition nach oben schaffen ließ und zur Verteilung prachte; während er den einzelnen Abteilungen ihre Quartiere zuwies und für Bewachung der Gefangenen sorgte, versammelte 196 sich in Brigolas Zimmer das zu seiner Aburteilung einberufene Gericht. Wolf selber hatte den Vorsitz übernommen und zu Beisitzern Engel, Jakob, Novak und Jans Freund Simon bestellt. „Wir wollen“, sagte er, auf den Gefangenen weisend,„mit der Feststellung des Ausmaßes seiner Schuld keine Zeit versäumen. Ich möchte nicht behaupten, daß er der Schlimmste seiner Art ist. Und doch besteht seine Schuld in vielfachem, qualvollem und langsamem Mord, Folterung, Freiheitsberaubung, Entwürdigung der menschlichen Rasse, kurz in der bewußten und eifrigen Mit- wirkung an dem größten Massenverbrechen, das jemals im Laufe der Menschheitsgeschichte begangen wurde. Wer stimmt für Bri- golas Schuld?“ Die vier übrigen Mitglieder des Gerichts warfen finstere Blicke auf Brigola, der durch Röcheln verriet, daß er wach war. Pann hoben sie langsam, als ob sie viel zu schwer wären, ihre Hände. Diese standen unnatürlich eckig in die Luft. „Nunmehr—“, Wolf trat näher an das Bett heran, auf dem der Angeklagte lag,„obliegt es uns, die Strafe festzusetzen. Stellt euere Anträge. Jeder Antragsteller erklärt sein Einverständnis, die beantragte Strafe selbst zu vollstrecken.“ Ein Schrei entrang sich dem Munde des Gefangenen. Er versuchte sich aufzurichten. Seine Augen wurden groß vor Angst. „Redet!“ bat Wolf.„Ich erwarte euere Vorschläge.“ Die Angesprochenen schwiegen. Ihr dumpfer Atem vermischte sich mit Brigolas Röcheln. „Ihr alle habt irgend einmal darüber nachgedacht, wie ihr mit ihm verfahren würdet, falls er in eure Hände fiele. Ihr seid in Gedan- ken das Gericht gewesen, vor dem Brigola stand. Ihr habt die An- klage gehört und das Urteil gefällt. Laßt mich wissen, welche Vollstreckungsart ihr gewählt habt. Einfacher Tod ist eine Gnade. Ihr könnt ihn doch nicht zum einfachen Tode begnadigt haben!“ Wieder brach das Schweigen aus. Jeder der vier blickte wie er- tappt zu Boden. Sie machten eine neue Erfahrung. Alle hatten in Gedanken Abrechnung gehalten und Vergeltung geübt. Aber eine unüberwindliche Scheu verbot ihnen, von der Art ihrer Ab- rechnung und Vergeltung zu sprechen. 197 Wolf wartete eine Weile. Miemand ergriff das Wort. „Du, Jakob“, sagte er zu dem Mann zu seiner Rechten,„hast am meisten unter ihm gelitten. Er hat dir alle Strafen auferlegt, die in seinem Register standen. Nur deine Zähigkeit hat dich sie über- leben lassen. Deine Familie lebt nicht mehr. Einer für alle, Jakob. Dieser eine ist heute Brigola. Wie willst du ihn sterben lassen?“ „Mir ist gleichgültig, auf welche Weise er stirbt“, sagte Jakob und gab zu erkennen, daß er über diesen Gegenstand nicht mehr reden wollte.„Jede Todesart hat meinen Beifall, wenn sie nur ein anderer als ich vollzicht.“ Jakob senkte sein Haupt. Diese Bewegung verriet seinen uner- schütterlichen Willen, an Brigolas Hinrichtung nicht mitzuwir- ken. „Wie begründest du deine Weigerungꝰ?“ fragte Wolf eindringlich. „Ich'bin wehleidig“, gestand Jakob. „Und doch hast du den dritten Grad ausgehalten.“ „Ja“, gab der Gutspächter zu.„Aber das waren meine eigenen Glieder. Andere kann ich nicht leiden machen. Martere ich sie, so martere ich mich selbst.“ wolfs Blicke wanderten langsam von Jakobs hagerem Gesicht zu Simon, dem jungen Mann zu seiner Linken. „Du hast gewiß einen Vorschlag zu machen.“ Simons Augen durchmaßen verlegen den Raum. Sie überflogen die gewölbte Decke, auf der sich übér Spuren von Goldgrund immer wieder das nachgedunkelte Bild eines Falken zeigte, das Wappentier der Grafen von L. Sie betrachteten den altertüm- lichen Kachelofen, dessen weiße Flächen mit Bildern aus den Kämpfen der Polen gegen die Deutschherren bemalt waren. End- lich blieben sie auf dem riesigen, wappengeschmückten Bett haf- ten, unter dessen breitem, von Hermen getragenem Baldachin Bri- gola an Händen und Füßen gefesselt lag. „In meiner Kindheit“, sagte Simon halblaut,„hat man mich das geschriebene und das ungeschriebene Gesetz gelehrt. Unsere Ge- selzeslehrer waren die ängstlichsten aller Juristen. Kein Richter durfte ein Todesurteil fällen, ohne eine volle Nacht mit sich zu Rate gegangen zu sein.“— 198 ——.——— „Ich denke“, warf Wolf ein,„dir stand mehr als eine Nacht an Uberlegungsfrist zu Gebote.“ Simon blickte zu Boden.„Nicht nur mein Kopf ist ungeeignet, um ein angemessenes Todesurteil auszudenken: meine Hand ist noch viel ungeschickter, um es zu vollziehen. Was nützt euch ein Henker, der sich vor dem Galgen fürchtet?“ „Ich nehme deine Weigerung zur Kenntnis“, sagte Wolf mit un- erschütterlicher Sanftmut und wandte sich an die übrigen zwei zu Richtern bestellten Männer.„Wollt ihr das Gericht ebenfalls im Stich lassen?“ „Ich muß dir gestehen“, sagte Novak verlegen,„daß ich die letzten zwei Jahre in Gedanken unablässig Justiz übte. Aber die des Nachis gefällten Urteile hob ich des Morgens wieder auf. Sie waren ent- weder zu hart oder zu milde.“ „Diesmal“, unterbrach ihn Wolf,„bist du nicht allein. Du darfst auf unsere Gerechtigkeit vertrauen.“ Novak fuhr mit der Hand über seine beiden Augen.„Aber ich habe keine Einfälle mehr. Jetzt erst weiß ich, wie schwer Vergel- tung ist. Ich lege mein Amt zurück. Denn ich tauge nicht zum Richter.“ Wolf wandte sich langsam von Novak ab. Sein Blick traf Engel. Dieser, schüchtern und bescheiden, schüttelte den Kopf. „Niemand bestreitet, daßß Brigola den Tod verdient. Aber nicht jeder, der Gerechtigkeit will, ist zum Henker geeignet. Ich bin der Alteste unter euch. Meine Kraft ist begrenzt. Euer Zwang, Hand an ihn zu legen, würde mich morgen wehrlos machen. Laßt mich daher gehen und tut mit ihm, was ihr wollt.“ Wolf blickte über die vier hinweg in den halbhellen Raum. Bri- gola warf sich auf seinem Lager unruhig herum. Seine halb- irrsinnigen Augen trachteten, Wolfs Absichten von seiner Stirne abzulesen. „Warum lügt ihr?“ hielt ihnen Wolf lächelnd vor.„Warum sagt ihr nicht euer wahres Motivꝰ“ Eine eigentümliche Weich- heit war in Wolfs Stimme.„Ihr habt alle gelitten. Keiner ist unter euch, der nicht Opfer war. Jeder hat gewaltige Nöte ausgestan- den und ist über seine Qual hinausgewachsen. Schmerzen kann nur verhängen, wer sie niemals ausgestanden hat.“ 199 Er trat näher an den Gefangenen heran, in dessen Augen plötz- lich Hoffnung brannte. „Du hast gehört, daß keiner von diesen dir dein Recht geben will. So werde ich selbst den Vollzug übernehmen.“ Brigola versuchte im Anblick des Revolvers zu schreien. Aber Angst legte sich ihm wie ein Knebel vor die Kehle. „Mein Ausspruch wird milde sein“, erklärte Wolf mit sparsamem Lächeln,„weit milder als einer, den du erwarten durftest.“ Seine Augen verdunkelten sich, während er Brigola ansah. „Bedenke, daß viele von uns hohe Summen für das Glück be- zahlten, durch eine gutgezielte Kugel zu sterben. Du aber erhältst sie ganz ohne Gegenleistung.“ Brigola fand plötzlich seine Stimme. Flehentliche Bitten spru- delten aus seinem Mund. Die Erregung erlaubte ihm nicht, Sätze zu bilden. Man hörte zwischen unartikulierten und schrillen Sil- ben immer nur ein einziges Wort: die erstaunliche, merkwürdige und im Mund des Betriebsleiters geradezu unvorstellbare Bitte um Barmherzigkeit. „Hättet ihr jemals gedacht, daß Brigola euch um Barmherzigkeit bitten würde?“ Wolf hielt die Augen mit neugierigem Ausdruck auf Brigola gerichtet. Er studierte dessen Gesichtszüge. Wolfs Stimme war völlig frei von Hohn. Uberraschung und Unglauben schienen in ihr mitzuschwingen.„Er“, fügte er in halblautem, versonnenem Ton hinzu,„der jeden schwer bestrafte, der eine Bitte auch nur auszusprechen wagte!“ Brigola, ohne die Kälte in Wolfs Worten zu verspüren, witierte Mitleid. Hastig wiederholte er die vier Silben, aus denen das Wort Barmherzigkeit bestand. Er prüllte sie mit tierischer Inbrunst, immer lauter, immer gellender, bis die Wände des Schlafzimmers von Brigolas Schreien widerha)lten. Er bäumte sich auf, schüttelte sich und warf seinen Körper zappelnd herum. „Genug“, sagte Wolf und nahm die tickende Stoppuhr des Be- triebsleiters vom Nachttisch. Nachdenklich wog er sie, börte ihr klirrendes Ticken und betrachtete den Sekundenzeiger, der so viele Menschen zu Tode gequält hatte. „In einer Minute vollstrecke ich das Urteil.“ Wolts Augen hafteten noch immer an dem Sekundenzeiger. Wie 200 5 b- ber nel —— lange es doch dauerte, bis das schmale, bläulich-schimmernde Stahlstück, aus dem der Sekundenzeiger bestand, jene Entfernung zurücklegte, die von einem Strich zum anderen reichte. Das also war eine Sekunde. So lange währte sie. Sie war peladen mit Gedanken, Einfällen, Erlebnissen und Versuchungen. Sie dauerte lange genug, auch wenn nichts in ihr geschah. Wie endlos aber mußte sie scheinen, wenn sie nicht nur in ihr vollzogene Foltern enthielt, sondern wenn die Zeit selbst als Folter diente; wenn man sie den blutenden Fingern abzwang; wenn der Sekun- denzeiger sich in jeden Merv bohrte, die Blutgefäße zerschnitt, die Muskeln verwundete und zuletzt mit seinen Widerhaken bis ins Herz vorstieß, um es tödlich und unheilbar zu verletzen. Auch Brigolas Augen hafteten an dem Sekundenzeiger. Der Ge- fangene war verstummt. Er hatte erkannt, daß sein Schicksal ent- Schieden war. Schweratmend lag er auf dem Rücken. Seine Augen entfernten sich langsam aus dem Zimmer. Ob er sich dessen be- wußt war, welche Gedanken seine Stoppuhr auslöste? Ob er überhaupt wußte, was vorgingꝰ Niemand vermochte es zu sagen. Die Todesangst verstärkte sich. Von Sekunde zu Sekunde lagerte sie sich schwerer über Brigolas Körper und drückte härter auf sein Herz. Die Minute war um. Brigola starb durch einen Schuß aus seiner eigenen Waffe. „Ich bin glücklich“, sagte Wolf, während sie den Raum durch- schritten,„daß mir weitere Gerechtigkeit zu üben erspart bleibt.“ „Unser Versagen hat dich gegen uns mißtrauisch gemacht?“ fragte Simon. „Nicht gegen dich allein, mein Freund. Gegen mich, gegen alle, die litten.“ Wolf sland in der Türöffnung und plickte in den halberhellten und düsteren Korridor, der langgestreckt an der Längsseite des Gebäudes hinlief, ins Unbestimmte verdäãmmernd. „Selig sind die Unbefangenen“, sagte er feierlich und trat in die Endlosigkeit des Korridors hinaus.„Sie allein werden den Mut zur Unbarmherzigkeit haben.“ — SECHZEHNTES KAPITEL. Wolt᷑ verbrachte den Rest der Nacht unter der Kuppel des Haupt- tores. Es hatte zu regnen aufgehört. Die Wolken erhellten sich. Irgendwo plitzte verloren zwischen dünnem Gewölk ein Stern. Von dem Hügel des Ostens kam ein frischer Wind und brachte Schlaf. Ehe Wolf einschlummerte, huschten die letzten Ereignisse der Nacht durch sein Bewußtsein. Wie war es gekommen, daß das Schloß ihm und den Seinen zugefallen war, ohne Opfer und merklichen Blutverlust, mühelos und wie durch ein Wunderꝰ Wodurch konnte dieses Wunder bewirkt worden sein, wenn nicht durch den einmütigen und großartigen, nicht zu brechenden Wil- len der Gesamtheit? Wolk sah mit geschlossenen Augen die unterirdischen Vorrats- kammern sich öffnen und die in ihnen aufgehäuften Waffen herausgeben. Die einzelnen nahmen diese Waffen entgegen, als ob es auf der Welt nichts als diese Waffen gäbe. Männer und Frauen bezogen dankbar ihre Schlafquartiere. Es war ein Quartier für den Bruchteil einer Nacht. Gab es aber eine Nacht voll tieferer Bedeutung? Es war die erste Nacht der Freiheit. Mit diesem Empfinden fiel Wolf in tiefen Schlaf. Als er Seinem Auftrag gemäß zwei Stunden späler geweckt worden war, erstieg er die Stufen des Haupttors. 203 — Zu seinen Füßen lag die Judenstadt, heute leerer und verfallener als jemals. Die letzten Reste des Lebens waren aus ihr entwichen. Man hatte niemanden zurückgelassen als ein halbes Dutzend eigen- sinniger, alter Leute. In der Christenstadt hingegen, die langsam aus den Morgennebeln heraustrat, begann sich das erste Leben zu regen. Aus einzelnen Schornsteinen kroch dünner, gelber Rauch. Auf dem Marktplatz, der vom Schloßtor gesehen, einer zierlichen, auf eine Tabaksdose gemalten Miniatur glich, bewegten sich einige Figuren. Jetzt hörte man zart und dünn das erste Läuten der Morgenglocken. Ein ver- schlafener Priester hatte die Frühmesse zu lesen begonnen. Die Sonne trat aus den Hügeln. Wolf neigte ihr sein Ge- sicht entgegen. Wie lange hatte er schon nicht die Morgen- sonne auf seinem Gesicht spielen lassen, deren scharfes und belebendes Licht mehr Kraft verleiht als der ganze lange und glühende Tag. Langsam füllte die Sonne die Welt mit ihrem Licht. Die Kir- chentürme der Christenstadt funkelten. Die Dächer waren in Flammen eingehüllt. Die vier Evangelisten standen in großen und strahlenden Feuern. Wolf verneigte sich vor dem aufsteigenden Tag. Mit dem Morgengrauen verwandelte sich das Schloß in die den Belagerer erwartende Festung, die es in früheren Zeiten so oft gewesen war. Me war noch die Besatzung so arm an Abwehrmit- teln gewesen— verglichen mit der Macht des erwarteten Be- lagerers. Nie aber war sie so sicher gewesen, sich unter keinen Umständen zu ergeben. Nichts auf der Welt hatte noch einen Sinn als die Handhabung von Waffen. Von allen Offenbarungen zählte nur noch eine, die Offenbarung abgefeuerter Geschosse. Man mochte wie immer vom Kriege denken. Aber nichts kam dem Glück, sich wehren zu dür- fen, gleich. Und so war die Kunst, Waffen zu gebrauchen, die 204 lehate noch Unter gebra t kenye struk nenge Auch eines mus Emst Ständ Die Scher kener Sch Küns Nun Kom llener ichen. eigen- ebeln elnen tplah, kdose hörie n ver n 6e⸗ orgen⸗ 8 und e und en in n und le den 9 oft hmit n Be⸗ keinen huns ne die er vo u dur⸗ 6 , di letzte und größte aller Erkenntnisse, die auf der zeitlichen Welt noch gewonnen werden konnten. Unter den ehemaligen Soldaten, die ihre Gefährten im Waffen- gebrauch unterrichteten, waren Jakob und Imre die besten In- struktoren, dieser als Schütze, jener im Handgranatenwerfen. Fenyes beherrschte früher als andere den Mechanismus des Maschi- nengewehrs. Auch die Frauen lernten mit Schußwaffen umzugehen. Inmitten eines Dutzends junger Weiber machte sich Ruth mit dem Organis- mus eines õsterreichischen Armeegewehrs vertraut. Mit tõdlichem Ernst handhabte sie den Drücker. Ihre Augen sahen die Gegen- stände nur noch als Ziel. Die Wände dröhnten unter den Schießübungen. Wappen polni- scher Großer dienten als Scheibe. Krachend gingen die getrof- fenen Spruchbänder zur Erde. Die Wappentiere verwandelten sich in formlose Massen. Besonders begabte Schützen übten ihre Künste an den zierlichen Ziffern römischer Zahlen. Nun war die telefonische Verbindung mit dem Kreisamt und der Kommandantur in R. nahezu sechs Stunden unterbrochen. Beide Amter hatten wohl längst die notwendigen Feststellungen gemacht. In nicht allzulanger Zeit durfte man den Feind erwarten. Donner hielt nach ihm Auslug. Um Uberblick zu gewinnen, hatte er das Dach erklommen. Von oben hatte er eine weile Fernsicht. Er sah nicht nur die Städte L. und R., er sah auch andere Städte und Dörfer, eingebettet zwischen immer sanfter gewellte Hügel. An den Grenzen des Waldes von L.. gab es Weiler, die nicht rauch- ten, verbrannte Landhäuser, verlassene Mühlen. Auf der anderen Seite, gegen Osten zu, lag der Güterbahnhof von R. Man sah das schimmernde Netz der Schienen, die langen Reihen von Wagen, Güterschuppen, Schranken, Lampenmasten, Semaphoren. Ganz im Osten lag Nebel über der Tiefebene. Dort varen die großen Ströme, einer hinter dem anderen. Dort war die Welt, von der man heute noch durch ein halbes tausend Kilometer ge- trennt war. Aber hinter dieser Weite, die sich ab und zu auf- schlug wie ein Vorhang lag die Hoffnung auf Frlõsung. 205 Donner blickte bald nach Westen, bald nach Osten. Wie nah war der Feind, und wie fern war die Hoffnung. Wie lange konnte es dauern, bis der Feind hier sein würde! Jetzt schlug es acht in der Stadt. Die Luft begann zu vibrieren. Die Dinge warfen scharfe und deutliche Schatten. Von den Wäl- dern stieg ein zarter und bläulicher Rauch auf. Wie viele Stunden man wohl noch zu leben hatte? Donner hatte die Welt noch niemals so reizvoll gefunden. Er liebte jeden Gegen- stand, auf den sein Blick fiel. Der Wald lockte ihn. Eine Viertel- stunde hätte er sich gerne in ihm aufgehalten. Dieser Feldweg, der zwischen den Wiesen zum Bach führte: welche Lust war es, auf ihm zu gehen. Der Bach war schmal und unbedeutend, aber über seine Wellen zuckten goldene Blitze. Sonderbar, daß diese friedliche Erde manche ihrer menschlichen Bewohner nicht mehr tragen wollte. Welche Wandlung seit den Zeiten, da man zwischen Wiesen und Wäldern frei war und die Natur als Eigentum betrachten durfte! Waf man selber ein ande- rer geworden oder hatte die Natur sich verändertꝰ? Donner glaubte an keine Veränderung in ihm oder außerhalb seiner Person. Immer noch bestand diese tiefe Beziehung zwischen ihm und den Dingen. An diesem Morgen empfand er sich beson- ders stark. Das Licht blendete seine Augen und berauschte ihn. Aus allen Bezirken der NMatur strömte glühendes Leben. Ihm war, als streckte sich ihm eine Hand aus der Tiefe entgegen. Aber da hörte sein erfahrenes Ohr einen neuen Ton. Vom Westen her stieg Staub auf. Die Panzerkolonne des Feindes war auf dem Weg. 3. Der Feind kam mit allen Attributen seiner Macht. Keines der modernen Nahkampfmittel fehlte. Mörser waren da, Tanks, Pan- zerwagen, Flammenwerfer. In rasendem Tempo entfaltete sich die motorisierte Abteilung und rückte von beiden, durch gebahnte Wege zugänglichen Seiten an das Schloß heran. Pünktlich eröffneten sie das Feuer. Eine Flammenwand grenzte 206 an di ein. Die e halbe stürz starb Jona seine auke Setzu nich auch billi erfül den Ann gene sterb Dies War halt glau 80 6 vie eine des] ob e die Sin tak ders an die Schloßmauer an und hüllte die Mönche, Heiligen und Engel ein. Von beiden Seiten schlugen die Geschosse in die Werkstatt. Die erste Verwüstung, die sie anrichteten, ereignete sich in dem halbausgebauten neuen Trakt. Eine noch unfertige Zwischenmauer stürzte ein und begrub eine Anzahl Nichtkombattanten. Jonas starb hierbei, Anna und andere Waffenlose. Jonas legte sich hin, dankbar, aber nicht völlig befriedigt. In seinem tiefsten Inneren hatte er nach der Besetzung des Schlosses auf ein neues und grõßeres Wunder gewartet. Wenn die Voraus- setzung der Erlösung geschaffen werden konnte, warum sollte nicht deren Vollendung gelingen? Aber wenn diese Hoffnung auch fehlschlug, so hörte Jonas doch nicht auf, die Empörung zu billigen. Am Ende war Sicherheit in ihm. Ehe sein KHerz stillstand, erfüllte ihn eine sonderbare Seligkeit. Er versöhnte sich mit Gott, den er hatte anklagen wollen. Anna war enttäuscht. Sie hatte sich, vielleicht aus einem verbor- genen Schuldbewußtsein, eingebildet, sie müsse unter Schmerzen Sterben. Sie hatte Schmerzen erwartet und war auf sie gefaßt. Dieser Tod aber war zu leicht. Er konnte keine Strafe bedeuten. War dies wirklich das Schlimmste, das ihr bevorstand? Warum hatte man es sich so lange vorenthalten? Weshalb hatte man ge- glaubt, sich quälen zu müssen, statt zu kämpfenꝰ? So endeten die Wehrlosen. Die Wehrhaften aber fühlten sich wieder in die Vorzeit versetzt. Man stand, primitiv bewaffnet, einer Ubermacht gegenüber. Was aber konnte die Uberlegenheit des Feindes den Angegriffenen bekümmern! Ob stark oder schwach, ob erfahren oder ungewohnt im Kämpfen: allen gemeinsam war die restlose Todesbereitschaft. Simon, an der Seite Imres, fühlte, daß noch der alte Zelot in ihm stak, der in den letzten Stadien seines Kampfes gegen Rom mit derselben aussichtslosen Unnachgiebigkeit gefochten hatte wie die Verteidiger des Schlosses zu L. Gewiß war den Zeloten nach ihrer Niederlage die Flucht geblie- ben. Aber Zeloten wollten nicht leben, wenn man sie nicht ihr Leben in Ungebundenheit verbringen ließ. Als ihnen die Frei- heit abgeschnitten war, konnte das Leben nur noch Stückwerk 207 sein. Deshalb wählten sie den Tod. Er allein war das Unbedingte, er war die letzte Form des vorbehaltlosen Daseins, die Weltein- heit, die für den Juden im Diesseits nicht mehr zu finden war. So gingen die Zeloten wie Verliebte in den Tod. Es gab keine andere Form der angewandten Treue, der Bekundung der Unzer- trennlichkeit von ihren Grundsätzen. Wahrscheinlich enthielt jede jüdische Seele ein Stück des alten Zelotentums. Wissen, Furcht, Erzichung und Erfahrung hatten es überwuchert. Wurde dieses Gestrüpp aber von einem unge- heuren Zwang beseitigt, dann trat die alte Todessehnsucht zu- tage. Hier war sie. Memand dachte mehr an Rettung. Das letzte Glück, das das Leben noch mit sich bringen konnte, war die Vernichtung möglichst vfeler Feinde. Jakob, der Gutspächter, gebrauchte seine Handgranaten. Gedeckt von geborstenen Mauern und stehengebliebenen Pfeilern wagte er sich gegen Panzerwagen vor. Die Gefahr reizte ihn, die Nähe des Todes hatte ihre seltsame und unwiderstehliche Lockung. Bis zu seiner Verschleppung hatte er sein Leben in Ruhe verbracht. Er hatte seine Felder bebaut und aus den großen Augen seiner Kühe und dem Frieden der Felder unerschöpfliche Tröstung emp- fangen. Jetzt war der Bauer in ihm dem Zeloten gewichen. Nicht der Kampf unter günstigen Umständen reizte ihn, sondern die Häu- kung, Steigerung, Vervielfachung der Gefahr. Mitten zwischen feindlichen Fahrzeugen stehend, warf er seine Handgranaten. Es war der offene, unvermeidliche, zwingende Tod, den er herausforderte. Er zerstörte zwei Fahrzeuge, ehe er den Panzern zum Opfer fiel. Sein Beispiel wurde von vielen befolgt. Nicht nur in Naturmen- schen, wie in dem Karpatorussen Fenyes, in dem noch die Dä- monen lebten, wurden die Urinstinkte wach. Leute, denen Scheu und Sanftmut in die Stirnen geschrieben stand, hatten auf einmal den unbeugsamen Blick des um sein Leben kämpfenden wilden Tieres. Sie brachen aus den Trümmern des Gebäudes wie aus Schluchten 208 herv lung liche Fure ch Stah Die masc ihr S As erhö stoß bänl Men lern misc Don Wei weis Don das Lese geis flan rere deckt wagte Nhe racht. einer emp t der Hãu- geine Jod, rden men Sche inmil ilden chlen hervor. Ihre bisher unentschlossenen und zur kleinsten Mßhand- lung unfähigen Hände verbreiteten massiven, wilden, unmensch- lichen Tod, den Tod der Urzeit. Furchtsame, Wankelmütige, Zaghafte und Träumer verwandelten sich in Amokläufer. Ihre Gewalt war unwiderstehlich. Was konnte Stahl gegen Tollheit ausrichten! Die Angreifer versteckten sich knirschend hinter ihren Todes- maschinen und mähten gereizt ihre Gegner nieder, nicht ohne in ihr Sterben mitgerissen zu werden. Als der Kampfplatz in das Innere der Halle verlegt worden war, erhöhten sich Ausdauer und Hartnäckigkeit von Stoß und Gegen- stoß. Man kämpfte mit jeder Art von Waffe. Kräne und Dreh- bänke pildeten die Deckung. Im Halbdunkel der Halle stand Mensch gegen Mensch. Müde Köpfe ruhten auf umgekippten Küh- lern. Dunkler, aus zerbrochenen Kannen quellender Lack ver- mischte sich mit dem helleren Rot von Blutlachen. Donner, der die Verteidigung der Halle befehligte, hatte keine Weisungen mehr zu geben. Man war zur homerischen Kampfes- weise übergegangen. Jeder verrichtete Taten eigener Art. Donner selbst stand zwischen Wagentrümmern eingekeilt. Durch das Halbdunkel sausten Maschinenteile, blitzende Feilen wurden geschwungen, eine brennende Lötlampe zog in der Luft einen geisterhaften Bogen, ohne mit ihrer nach oben gekehrten Stich- flamme einen Brand zu entfachen. Donner war müde. Vor seinen Augen zuckten feurige Kreise. Meh- rere Wunden, die er empfangen hatte, pluteten. Schwäche über- kam ihn. Der Lärm des Kampfes hüllte ihn ein. Sein Oberkörper wurde von Wagentrümmern gestützt. Kleine und hastige Atem- züge erschütterten ihn. Ihm war zumute, als sauge ihm der Kampf die letzte Kraft aus seinen Gliedern. Halb schwebend, halb liegend sandte er die Reste seines Lebens in den Kampf. Aber auch nach seinem Ausatmen ließ der Widerstand nur all- mählich nach. Peter, der Waldarbeiter, deckte eine Anzahl Frauen. Die Beleuch- tung unterstützte ihn. Denn die Lichtanlage hatte längst versagt. Auf das Glasdach aber war Schutt niedergegangen und hatte es 209 14 BRevolte —— undurchsichtig gemacht. Nur durch die zertrümmerten Seiten- fenster rieselten dünne Strahlen Tageslicht. Peter kämpfte im Halbdunkel. Treibriemen und Schwungräder legten sich vor seine Brust, eine aufgestellte Werkbank deckte sei- nen Rücken. Er aber zerteilte den Strom der Andringenden. Um ihn kreisten tosende Wirbel. Sie rissen Ruth und andere Frauen hinweg. zuth lag eine Zeitlang in einer Art Zwischenbewußtsein. Eine stille Freude erfüllte sie, heimgekehrt zu sein. Gestillt und wunsch- los lief sie in eine der stillen Gassen hinter dem Pulverturm hin- ein. Wie wunderlich kühl es in dieser Gasse war! Ruth erkannte die Häuser und schloß die Augen. Peter stand indes noch immer aufrecht gleich einem Schwertträger der oberen Welt. Und während Sterbenden um ihn herum die Augen brachen, schien es, als rauschten große Flügel über ihm durch die Halle. l. Damit das Schloß nicht mit seinen zahlreichen, noch unbeschädig- ten Vorräten und Maschinen in die Hände des Feindes falle, hatte man schon vor Beginn des Kampfes Vorbereitungen getroffen, um es rechtzeitig in Brand zu setzen. Wolf und Novak hatten diese Aufgabe übernommen. Sie warteten in den Vorratskammern, wo Brennstoff, Holzwolle, Benzin, Baumwolle und Verpackungsmittel lagerten. Das dumpfe Geräusch des Kampfes, eben noch dem BRollen einer Brandung ähnlich, war im Abklingen. Man hörte die Besatzung immer schwächer. Was sich jetzt ausbreitete, war, mit dem vorigen Getümmel verglichen, tiefe Stille. Der Feind nahm das Schloß Stück für Stück wieder in Besitz. Der festgesetzte Zeitpunkt war gekommen. Draußen schlugen die Glocken die elfte Stunde. Wolk blickte den Gefährten an. Dieser nickte. Die beiden Männer verstanden einander. Sie hatten Freiheit besessen, eine Nacht und einen Morgen. Sie hatten Macht verkostet, vierzehn Stunden lang. 210 Dit We + 8——— Diese Epoche ihres Lebens war abgelaufen. Nach ihr kam nichts mehr. Was sie noch lebten, war eine Pause. Wolf verschmähte diese Pause nicht. Der Mittag war nahe. Die Schwüle des Sommertages drang herein. Der Himmel stand in Glut. Aber wenn ihr Leben auch in Wirklichkeit schon abgelaufen war, 8so hatten sie dennoch eine Pflicht zu erfüllen. Sie bildeten die Nachhut einer Armee, deren Hauptteil sich schon in Sicherheit pefand. Man hatte sie zur Ausführung einer bestimmten Aufgabe zurũckgelassen. Die Ausführung drängte. Wenn sie zögerten, ge- fährdeten sie nicht nur diese Aufgabe, sondern sie liefen auch Gefahr, den Zusammenhang mit den Ihren zu verlieren. Wolf empfand jähe Angst davor, zurückzubleiben. Er wandte sich hastig nach Novak um und gab ihm das verabredete Zeichen. Novak holte das Feuerzeng aus der Tasche, drückte die Feder und sah gelassen zu, wie die kleine Flamme hochsprang. Sie brannte ruhig, mit einem blassen gelblichen Schein, in dessen Kegel tiefe Bläue eingebettet war. Novak bückte sich, um die Holzwolle in Brand zu setzen. Aber er fand keine Gelegenheit mehr dazu. Der Himmel schien sich zu spalten. Eine keurige Hand stieß aus seinen Tiefen hervor. Flammen stürzten herab. Feuer und Ver- derben waren überall. Das Schloß erzitterte in seinen Grund- festen. In mehreren Wellen sanken die Mauern ein. Zuletzt deck- ten die Trümmer des berstenden Daches und der zwei Türme die Brandstätte. Sterbend vernahm Wolf das sich entfernende, tiefe, singende Ge- räusch einer Anzahl Flugzeugmotoren. Im letzten Augenblick seines Lebens huschten Erleuchtungen durch sein Bewußtsein. Sie folgten einander mit beinahe kosmischer Geschwindigkeit. Wie es kam, daß die Staffel Sowjetflieger gerade in diesem Augenblick eingegriffen hatted Wenn es kein Zufall war— und konnte es Zufall sein?— welche Zusammenhänge hatten sie ge- rufen? Welche Ursache hatte den Befehl, in der gegebenen Stunde und am gegebenen Ort einzugreifen, ausgelöstꝰ? Oftenbar hatte der Nachrichtendienst einer in der NMähe operleren- 2ILI 14* den Partisanenabteilung nicht versagt. Wenige Stunden nach dem Uberfall der Belegschaft auf das Schloß mußte die Meldung ein- gelangt sein, daß die Juden— lange beobachtet, vergeblich be- arbeitet, in ihrer Heiligengebärde gleichsam versteinert— endlich zum Leben erwacht seien. Wahrscheinlich hatte noch vor Tagesanbruch der nächste Geheim- sender seiner Beschwörung Ausdruck gegeben. Ein reguläres Kom- mando, hunderte von Meilen östlich von L. hatte die Nachricht empfangen und verfügt, es sei den Belagerten Entsatz zu bringen und ihre Vereinigung mit den Partisanen möglich zu machen. Vor Wolfs brechenden Augen malte sich ein Bild des Geschehens ab. Er sah es überdeutlich. Nur eine Möglichkeit bestand, Hilfe zu pringen. Der Befehl erging. In der Stille der Nacht prüften Piloten ihre Maschinen. Die Besatzung der Flugzeuge nahm ihre Plätze ein. Signale ertönten, Schalter bewegten sich, Motoren be- gannen ihren breiten, flutenden, sich steigernden Gesang. Die Fliegerstaffel stieß nach oben, durchdrang den Morgennebel und näherte sich der Stätte des ungleichen Kampfs. Im Sturzflug aus großer Höhe niedergehend, sahen die Beobachter plötzlich ein Kampfgetümmel, Panzerwagen, Tanks: das letzte Stadium eines erfolgreichen Angriffs. In der nächsten Sekunde wußten sie um die Aussichtslosigkeit eines Rettungsversuches. Wenn es überhaupt jemals möglich ge- wesen war, den Juden im Schloß Hilfe zu bringen, war es in die- sem Zeitpunkt zu spät. Rettung war bereits versagt. Befreiung stand nicht mehr zu Gebote. Aber wenn man auch die Befreiung der Juden nicht mehr zu be- fördern vermochte, so konnte man doch wenigstens den Triumph des Feindes verhindern. Waren auch die Unschuldigen verloren, 8s0 war es doch zumindest möglich, die Schuldigen mit den Un- schuldigen untergehen zu lassen. Und so vollbrachten die Flieger unparteiisch ihr Zerstörungswerk. Sie stellten die ursprüngliche Gleichheit der Geschöpfe wieder her. Sie tilgten Unterschiede aus, die eine bestimmte Gruppe dieser Geschöpfe sich angemaßt hatte. Nach Ausführung ihres Auftrages warf die Besatzung der sich jäh emporschraubenden Flugzeuge einen letzten Blick auf die 212 zur me den Ve va We o me Vo ker Hi bre va 4b We 6e Mi ines ge die- iung be⸗ myph re Un- verk. ber. zurückgelassene Verwüstung. Juden und ihre Mörder waren nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Die Dinge waren wieder in den Urbeginn versetzt. Missetäter und deren Opfer, Verfolger und Verfolgte waren eins. Das Blut, das anklagend zum Himmel schrie, war von dem Blut der Angeklagten nicht zu sondern. Wolf fühlte mit untrüglicher Gewißheit, daßß das soeben voll- zogene Geschehen der Anfang einer Wendung, aber auch nicht mehr als ein Anfang war. Was sich hier abgespielt hatte, war der Vorbote des Endes der Gewalt. Aber es war noch weit davon ent- fernt, Gerechtigkeit zu sein. Hier war kein Urteil gefällt, keine Strafe verhängt, kein Ver- brechen gesühnt, keine Exekution vollstreckt worden. Für all dies war es noch zu früh. Aber die Zeit war nicht mehr fern, in der das Urteil folgen mußte. Wolt hatte nie an Gott geglaubt. Aber der Gedanke an die ewige Gerechtigkeit erfüllte ihn mit der Gewalt einer religiösen Emp- kindung. Zukunft war unausdenkbar ohne solche Gerechtigkeit, Mütter konnten keine Kinder gebären, Bauleute keine Häuser errichten, Bauern konnten nicht säen, noch ernten. Wer ver- mochte ohne Gerechtigkeit zu atmen, zu hoffen, auszuruhen oder zu träumen?ꝰ Es gab nur noch Feuersbrunst, Gewitter, Erdbeben, Chaos. Wolfs endgültig sich gestaltender Gesichtsausdruck war voll Zu- versicht. Während andere mit ersterbenden Pupillen das Himmel- reich zu sehen glaubten, erblickte Wolf, ehe das Leben aus ihm entwich, eine sich immer höher auftürmende, große und strah- lende Flamme. Sie glühte Greuel und Missetat von der Erde aus. Hinter dem Brande aber öffnete ein neuer Tag seine klaren und von Wirrnissen wie Zweifeln unbeschwerten Augen. Die Flieger hatten indes unbelästigt große Höhen erreicht und verschwanden, die Richtung nach Osten nehmend, in dem satten Blau des wolkenlosen Himmels. Uber der Trümmerstätte des Schlosses zu L. aber zog eine dünne Wolke silbergrauen Rauchs einen preiten, sanft verfließenden Kreis und verlor sich in dem hohen Glanz des Mittags. ——— S ——— ERNST SOMMER REVOLTE DER HEILIGEN o urteilen England und Ameriha „Central Furopean Observer“, London: Wir können annehmen, daß„Revolle der lIeiligen“ das tiefste und machtvollste Buch jel, das bisher über diese apokalyptische Ppoche geschrieben wurde. „Zeitspiegel“, London: So hat uns rnsl Sommer ein Meislerwerk gegeben. „New-Vorker Staatszeitung und Herold“: Der Verfasser hat uns eimn Testament gegeben für die Größe der Menschheit. Wir können ihm dafür unendlich dankbar sein. 60 urieilen die belannten deutschen Antiſaschisten osRKAR MARIA 6RA in„Aufbau“, New Vork:..„Revolte der Heiligen“ ist düster und schmerzlich. Aber es sollte statt der oftmals überladenen Berichte über ähnliche Themen dennoch gelesen werden. Es macht mit sehr starken dichterischen Mitteln etwas [ast Unvorstellbares lebendig. LUpwic RENM in„Demokratische Post“, Mexiko:. Die„Révolte der Heiligen“ ist eine Erzählung von großer Stärke und über ein Leiden ohnegleichen. Bobo URS in„Freies Deutschland“, Mexiko Daß hier nicht nur vom Leid, sondern auch vom Heldentum Zeugnis ge- geben werden kann, läßt uns in Sommers erschütternder Darstellung fühlen, welche liere Veränderung die welt im Kampk um die Freiheit erfahren hat. Auf die Ernied- rigung der 6erechten ist ihre Erhebung ge- lolgt— nun kann der Sieg nicht mehr lange ausbleiben.